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Frauenbewegung in Japan

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Michiko Mae

Ilse Lenz

Frauenbewegung
in Japan
Quellen und Analysen
Frauenbewegung in Japan
Michiko Mae · Ilse Lenz

Frauenbewegung
in Japan
Quellen und Analysen
Unter Mitarbeit von Karin Klose und Toshiko Himeoka
Michiko Mae Ilse Lenz
Heinrich Heine Universität Düsseldorf Berlin, Deutschland
Düsseldorf, Deutschland

ISBN 978-3-531-14730-7 ISBN 978-3-531-94095-3 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-531-94095-3

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio-


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2023

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sche Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen
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Für das Cover wurde eine Grafik mit dem Schriftzeichen für Frau (onna) verwendet, die aus dem
Titelbild der ersten Nummer der Zeitschrift Onna Erosu (Frau Eros) 1973 entnommen wurde. Wir
danken dem Verlag Shakai Hyôronsha für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.

Planung/Lektorat: Cori Antonia Mackrodt


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Inhalt

Frauenbewegung in Japan. Gleichheit, Differenz, Partizipation . . . . . . 1


Ilse Lenz, Michiko Mae

Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan . . . . . . . . . . . 11


Ilse Lenz

Subjektbildung und geschlechtergleiche Partizipation:


Die japanische Frauenbewegung und die Modernisierung
der Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Michiko Mae

Quellentexte

1 Schlüsseltexte aus der ersten Frauenbewegung


1.01 An die Schwestern (1884) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
1.02 Du darfst nicht sterben ! (1904) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
1.03 Nur so dahingesagt (1911) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
1.04 Im Anfang war die Frau die Sonne (1911) . . . . . . . . . . . . . . 254
1.05 An die Eltern über das Selbständigwerden (1914) . . . . . . . . . . 261
1.06 Der wahre Wert der Jungfrau (1915) . . . . . . . . . . . . . . . . 271
1.07 Von einer Frau aus dem Gefängnis an ihren Mann (1915) . . . . . . 279
1.08 Die grundlegende Unabhängigkeit der Frau (1918) . . . . . . . . . 285
1.09 Ist die Forderung nach Mutterschutz Abhängigkeitsdenken ?
(1918) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
1.10 Was ist ‚Weiblichkeit‘ ? (1921) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
1.11 Zu den „besonderen Forderungen der Frauen“ (1925) . . . . . . . 307

V
VI Inhalt

2 Lib heißt Befreiung und Leben


2.12 Befreiung von der Kloake (1970) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
2.13 Ist die Frau nur eine Ware Arbeitskraft mit einem Geschlechtsorgan ?
Gegen das Gesetz zum Abtreibungsverbot und die Verschlechterung
des Arbeitsstandardgesetzes ! (1970) . . . . . . . . . . . . . . . . 335
2.14 Manifest (1973) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
2.15 Zweites Manifest zur Befreiung des Eros (1972) . . . . . . . . . . . 347
2.16 Ein Kollektiv (eine Gemeinschaft nur von Frauen) schaffen !
Eine Reihe von Kollektiven ! Frauen gesucht (1972) . . . . . . . . . 354

3 Frauen entscheiden selbst über Sexualität und Gebären


3.17 Erotisch, künstlerisch – Eros gegen die Ehe (1973) . . . . . . . . . 357
3.18 Ist die Pille wirklich eine gute Sache ? (1972) . . . . . . . . . . . . 372
3.19 Eine Gesellschaft, in der wir gebären können ! Eine Gesellschaft,
in der wir gebären wollen ! (1973) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
3.20 „Hexenecke“: Ich meine, Frauen haben ein Recht
auf Abtreibung (1973) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
3.21 Der Körper der Frau gehört ihr ! Deswegen weg mit
dem Eugenikschutzgesetz und weg mit der Kriminalisierung
von Abtreibungen ! (1982) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392
3.22 Ein heilender sexy Trip (1993) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
3.23 Unverheiratete Frauen erzählen von ihrer Sexualität (1974) . . . . . 404
3.24 Mösen überall (1988) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407

4 Neue Hausfrauen, neue Mütter, neue Väter – Kritik an der Familie


und neue Beziehungsformen
4.25 Die Geschichte und die Rolle der Mütterbewegung
in Japan (1961) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
4.26 Erklärung der Konsumenten (1957) . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
4.27 Die Hausfrau als Bild eines freien Menschen (1972) . . . . . . . . . 438
4.28 Das Wesentliche an diesem Fall. Was wir erkannt haben (1975) . . . 448
4.29 Unterricht in Hauswirtschaft gerade für Jungen ! (1974) . . . . . . . 455
4.30 Die sieben Gebote der Frauennetzwerke (1988) . . . . . . . . . . 458

5 Lesben sind wer, sind wir ?


5.31 Was ich mir so denke (1982) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 465
5.32 Wer ist eine ‚Lesbe‘ ? (1992) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469
Inhalt VII

6 Männer und Frauenbewegung


6.33 Lasst uns gemeinsam über die Kinderversorgung von Männern
nachdenken (1977) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481
6.34 Männer fangen an sich zu bewegen (1996) . . . . . . . . . . . . . 484
6.35 An einem Donnerstagnachmittag im Park (1997) . . . . . . . . . . 489

7 Neue Wege in der Bildung


7.36 Frauenkonferenz 2000, NRO-Bericht Japan (1999)
B. Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 495
7.37 Worum geht es in der Frauenforschung ? (1981) . . . . . . . . . . 505

8 Frauenarbeit ist gute Arbeit ! Gleichheit und Solidarität


8.38 Ein gemachter Mythos: „Monotone Arbeit ist für Frauen“
(1977) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
8.39 Versammlung gegen die Verschlechterung
des Arbeitsstandardgesetzes: Resolution (1978) . . . . . . . . . . 522
8.40 Manifest (1978) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 526
8.41 Frauenbewegung und Gewerkschaften (1972) . . . . . . . . . . . 529
8.42 Erklärung der Klägerinnen zum Vergleich (2004) . . . . . . . . . . 531
8.43 Was arbeitende Mütter verloren haben (1988) . . . . . . . . . . . 536
8.44 Die „Working Mother“-Strategie. Warum ich beim Seikatsu
Club Coop arbeite (1991) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539

9 Kritik an der Ausgrenzung von und Gewalt gegenüber Frauen


9.45 Für welche Ziele kämpfen wir ? Unsere Orientierung
in den kommenden Kämpfen (1978) . . . . . . . . . . . . . . . . 545
9.46 Wissenschaftler und das Empfinden für Menschenrechte –
Zur Frage des ehemaligen Professors Yano (1994) . . . . . . . . . . 551

10 Gleichheit oder Differenz: Ökologie und Zukunftsentwürfe


10.47 Das weibliche Prinzip und die Ökologie (1986) . . . . . . . . . . . 555
10.48 Können Frauen die Welt retten ? Eine Grundsatzkritik
an Illichs Gender-Theorie (1986) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 567
10.49 Für einen gemeinsamen Ausstieg aus der Gesellschaft
der betrieblichen Beziehungen ! (1985) . . . . . . . . . . . . . . . 576
10.50 Die Anti-Atomkraftbewegung: Wenn die Frauen nicht aktiv werden,
wer dann ? (1979) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591
VIII Inhalt

11 Von Gleichheit zu ‚Gender free‘ in der Politik


11.51 Frauenkonferenz 2000, NRO-Bericht Japan (1999) . . . . . . . . . 597
11.52 Ansätze der japanischen Regierung zur Geschlechtergleichheit
seit Mitte der 1990er Jahre (2003) . . . . . . . . . . . . . . . . . 605

12 Grenzen überschreiten – zur Vernetzung mit Ostasien


12.53 Aufbruch und Aktivitäten der Gruppe (1974) . . . . . . . . . . . . 615
12.54 Unser Manifest (1977) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620

13 Nation, Krieg und sexuelle Gewalt


13.55 Der ‚kaiserliche Geist‘ und der ‚mütterliche Geist‘:
Was hat die ‚Mütter vom Yasukuni-Schrein‘ hervorgebracht ?
(1979) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 623
13.56 Die Kontaktgruppe „Frauen wenden sich gegen den Weg
in den Krieg“ (1999) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639
13.57 Bedeutet Vergessen Gnade ? (1991) . . . . . . . . . . . . . . . . . 650
13.58 Der gegenwärtige Stand in der Trostfrauen-Frage (1992) . . . . . . 661

Zitierte Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 669


Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 695
Personen- und Namensregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701
Frauenbewegung in Japan.
Gleichheit, Differenz, Partizipation
Ilse Lenz, Michiko Mae

Einleitung

Frauenbewegungen überschreiten Grenzen und schaffen so neue Möglichkeits­


räume: Sie verändern die Grenzen des Geschlechts und sie begegnen sich über
nationale Grenzen hinweg, indem sie sich miteinander vernetzen. Dieses Buch
lädt dazu ein, ihnen dabei zu folgen und zugleich über die eigenen Sichtweisen
nachzudenken. Es vermittelt die Stimmen der Frauenbewegung in Japan in ih­
rer historischen Entwicklung und ihre vielfältigen Auseinandersetzungen mit der
männlich zentrierten Modernisierung. Zugleich werden andere und unterschied­
liche Sichtweisen auf das moderne Japan jenseits der hegemonialen patriarchalen
Erzählungen vorgestellt. Damit werden auch vergleichende Perspektiven auf Ge­
schlechterverhältnisse und Frauenbewegungen in der postkolonialen weltweiten
Moderne eröffnet.
Das moderne Japan schlug rasch den Weg zu Kapitalismus und Kolonialis­
mus nach ‚westlichem‘ Vorbild ein und etablierte zugleich als deren Fundament
einen neopatriarchalen Familienstaat. Diese modernen Grundlagen der neopa­
triarchalen Geschlechterordnung haben sich als tragend erwiesen und sind bis
heute wirksam; auch in Japan werden sie gegenwärtig durch queere und intersek­
tionale Ansätze neu hinterfragt.
Die Frauenbewegung in Japan kritisierte diese männlich zentrierte Moderni­
sierung von Anfang an und entwickelte Alternativen dazu. In ihrer über hundert­
jährigen Geschichte hat sie sich in mehreren Aufbrüchen kontinuierlich fortent­
wickelt, während in Deutschland oder den USA eine lange Latenzphase zwischen
den Wellen der ersten Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert und
der neuen Frauenbewegung ab Mitte der 1960er Jahre lag. Auch in Japan zeig­
ten sich unterschiedliche Strömungen: In einer Entwicklungslinie vom Beginn
des 20. Jahrhunderts bis heute forderten FeministInnen individuelle Autonomie

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien 1


Wiesbaden GmbH, Wiesbaden 2023
M. Mae und I. Lenz, Frauenbewegung in Japan,
https://doi.org/10.1007/978-3-531-94095-3_1
2 Ilse Lenz, Michiko Mae

und Subjektivität für sich ein und kritisierten den männlich zentrierten Familien­
staat radikal. Demgegenüber ließen sich andere Flügel der Frauenbewegung ge­
gen das Versprechen von Teilhabe und Anerkennung durch den Staat kooptie­
ren und unterstützten so auch den Ultranationalismus und den Pazifischen Krieg
(1941 – ​1945).
Im internationalen Vergleich ist beeindruckend, wie stark die Frauenbewe­
gung in Japan die Partizipation von Frauen betonte. Dabei forderte sie eher aus
einer Differenzsicht heraus geschlechtliche Gleichheit. Ihr Differenzdenken ver­
band sich mit dem Anspruch auf Autonomie, eigene Definitionsmacht und Teil­
habe. Sie hatte von Anfang an eine kritische internationale Perspektive auf die
Entwicklung der Machtverhältnisse in Ostasien wie auch in den ‚westlichen‘ Me­
tropolen. Während sie sich mit neuen internationalen Ideen auseinandersetz­
te, veränderte sie diese Ansätze für ihren eigenen Kontext und führte sie wei­
ter. Nach 1970 entwickelte ein Flügel transnationale feministische Solidarität in
Ostasien, indem er die Einbindung der JapanerInnen in den Kolonialismus und
die Kriege Japans in Ostasien radikal kritisierte und sich zusammen mit den
Frauen- und Bürgerbewegungen in China, Korea und Südostasien für eine Auf­
arbeitung der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart en­
gagierte.
Deswegen geht die Bedeutung der Frauenbewegungen in Japan und ihres Ein­
satzes für andere Wege in die Moderne weit über eine regionale Fallstudie hinaus.
Wie Michiko Mae festhält, stellt Japan eine nichtwestliche Gesellschaft dar, die ab
Mitte des 19. Jahrhunderts eine selbstgesteuerte Modernisierung unter dem Ein­
fluss des ‚Westens‘ und dem Druck der drohenden Kolonialisierung vornahm und
selbst zum Kolonisator wurde. Im Rahmen der multiplen Moderne kann man Ja­
pan als eine Art Experiment der Modernisierung sehen, mit dem die eurozentri­
sche Fortschrittserzählung konfrontiert werden kann. Zum einen werden so die
Ambivalenzen, Brüche und Widersprüche der japanischen Modernisierung sicht­
bar. Zum anderen eröffnen sich aufgrund der Doppelstellung Japans als zunächst
selbst vom Kolonialismus bedrohtes Land und dann spätere Kolonialmacht neue
vergleichende Zugänge zu den unterschiedlichen Modernisierungswegen in der
postkolonialen Weltgesellschaft (vgl. Mae in diesem Bd.).
Die Auseinandersetzung der Frauenbewegung mit der japanischen Entwick­
lung seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigt die Tiefe dieser Ambivalenzen, Brüche
und Widersprüche auf. Die AktivistInnen sprechen mit vielen Stimmen aus ver­
schiedenen sozialen Positionen und Milieus, so dass man von Frauenbewegungen
im Plural sprechen kann. In diesem Buch kommen sie zu Wort: die Sprecherin für
Freiheit, Volks- und Frauenrechte im 19. Jahrhundert, die unabhängigen Schrift­
stellerinnen, die die erste feministische Zeitschrift Seitō begründeten, die linke
Gleichheitstheoretikerin und Antikolonialistin, die pazifistischen Mütter nach
Frauenbewegung in Japan 3

1945, die radikalen Kritikerinnen der Lib-


Bewegung1 mit ihrem Anspruch auf Freiheit,
Autonomie, Eros und „eine Gesellschaft, in
der wir gebären können ! Eine Gesellschaft,
in der wir gebären wollen !“, die Männer mit
ihrer Patriarchatskritik, die Vordenkerin­
nen lesbischer und queerer Subjektentwür­
fe und Lebensweisen in Japan, die interna­
tionalen Brückenbauerinnen nach Ostasien
und in die Weltgesellschaft und die dekolo­
nialen AktivistInnen, die sich mit dem japa­
nischen Kolonialismus und Imperialismus
auseinandersetzen und mit den Frauen­
bewegungen in Ostasien und international
zusammenarbeiten. Ihre Stimmen werden Die erste Ausgabe der Zeitschrift Seitō
in diesem Band im Teil mit den Quellentex­ 1911

ten zur Frauenbewegung in Japan vermittelt.


So erscheint erstmals außerhalb Japans eine umfassende Quellensammlung zur
japanischen Frauenbewegung, die in ihre Geschichte bis zur Gegenwart einführt.2
Doch warum sind diese Stimmen eigentlich hierzulande weitgehend unbe­
kannt ? Immer wieder wurden wir gefragt, ob es in Japan überhaupt eine Frauen­
bewegung gibt. In dieser Wahrnehmungssperre gegenüber der Handlungsmacht
und den Teilhabeforderungen der Frauen in Japan drücken sich die internationa­
len Machtverhältnisse in der postkolonialen Welt aus, die auch auf die Aufmerk­
samkeit für den internationalen Feminismus durchschlagen. Bewegungen in der
Weltmacht USA wie Metoo oder auch der Schwarze Feminismus, die wichtig und
inspirierend sind, füllen die Medien und rufen feministische Debatten und For­
schungen hervor, während Frauenbewegungen für Gerechtigkeit für die Arbei­
terinnen am globalen Fließband oder für die Opfer sexueller Gewalt im Zweiten
Weltkrieg in Ostasien weiterhin ausgeblendet bleiben. Es ist zu fragen, wer und
was wahrgenommen und sichtbar wird und wessen Existenz aus der Wahrneh­
mung ausgeschlossen wird.
In diesen zähen Denkmustern zeigt sich zudem ein Verharren in einer neo­
kolonialen Sicht auf eine untergehende Vergangenheit, die immer noch als ste­

1 Die Women’s Liberation Bewegung in Japan der 1970er Jahre nannte sich Lib-, bzw. Ūman-
Lib-Bewegung.
2 Es sind bereits wichtige Quellensammlungen zu Frauen und Feminismus in China (1916 – ​
1921; vgl. Lan, Fong 1999), im kolonialen Korea (vgl. Choi 2013) und im modernen Korea bis
zur Gegenwart (1886 – ​2005; vgl. Kim u. a. 2017) erschienen.
4 Ilse Lenz, Michiko Mae

tige eurozentrische Fortschrittsgeschichte imaginiert wird. Denn während Ost­


asien zu einer zentralen Zukunftsregion wird und die Menschen in Japan sich
neu darin verorten, sind in Deutschland die orientalistischen Denk- und Wahr­
nehmungsmuster immer noch wirkmächtig. Dieser Band soll auch dazu beitra­
gen, diese verzerrenden und abwertenden Denkmuster grundlegend zu hinterfra­
gen und zugleich den Blick für die gesellschaftlichen Veränderungen in Japan und
Ostasien und für die Menschen zu öffnen, die sie vorantreiben. Die Auseinander­
setzung mit den vielfältigen Denk- und Veränderungsbewegungen in der unglei­
chen Moderne, wie sie in diesem Band am Beispiel der Frauenbewegung in Japan
vorgestellt werden, kann ermöglichen, den engen eurozentrischen Universalismus
zu überwinden. Dadurch, dass man sich mit Frauenbewegungen in anderen Re­
gionen beschäftigt, können die eigenen Kontexte reflektiert und machtkritisch
hinterfragt werden. Aus solchen inneren oder äußeren transnationalen und trans­
kulturellen Dialogen, in denen die ‚Anderen‘ mit ihren Aussagen auf Augenhöhe
wahrgenommen werden, kann sich ein reflexiver Universalismus ergeben, der die
Vielfalt der menschlichen Erfahrungen ebenso wahrnehmen kann wie die fort­
bestehenden Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zwischen ihnen.
In zwei analytischen Texten, die den ersten Teil des Bandes bilden, stellen die
beiden Herausgeberinnen die Frauenbewegung in Japan vor, beschreiben den je­
weiligen Kontext und setzen sich mit ihrer Entwicklung auseinander. Ilse Lenz
führt in die Frauenbewegungen und zugleich in die Geschlechtergeschichte des
modernen Japan ein. Sie zeichnet nach, wie sie sich vom späten 19. Jahrhundert
bis heute entfaltet haben und legt ihre Vielfalt und ihre internationalen Verbin­
dungen dar. Michiko Mae thematisiert grundlegende gesellschaftliche und kul­
turelle Impulse und Schübe, die von der japanischen Frauenbewegung ausgingen.
Sie führten zu grundlegenden Veränderungen und Weiterentwicklungen der japa­
nischen Gesellschaft. Beide Beiträge werden im Folgenden kurz vorgestellt.
Ilse Lenz zeichnet die Entwicklung der Frauenbewegungen in Japan bis heute
aus einer transnationalen und intersektionalen Sicht nach. Das zugrunde liegen­
de theoretische Verständnis von Frauenbewegungen will eine eurozentrische Eng­
führung überwinden. Zugleich eignet es sich für den internationalen Vergleich.
Im Unterschied zu Europa und den USA haben sich die Frauenbewegungen in Ja­
pan kontinuierlich und in aufeinander aufbauenden Phasen entwickelt. Doch in­
mitten dieser Kontinuität zeigen sich wiederholt radikale Aufbrüche vonseiten
der FeministInnen, die für Autonomie und Subjektivität eintraten (vgl. Mae in
diesem Bd.). Neben ihrer Kontinuität ist die Frauenbewegung von innerer Vielfalt
wie auch von heftigen und produktiven Kontroversen gekennzeichnet. Sie hat ein
vielfältiges Spektrum von Denkweisen, Aktionen und Lebensexperimenten ent­
faltet, die Impulse zum Weiterdenken auch in Deutschland geben könnten. Lenz
entschlüsselt diese Vielfalt der verschiedenen Diskurse und Richtungen und zeigt
Frauenbewegung in Japan 5

ihre langfristigen Entwicklungslinien wie auch die Brüche bis zu den queeren und
intersektionalen Ansätzen heute auf. Als ihre zentralen Anliegen werden Partizi­
pation, Differenz, Eros und internationale Orientierung herausgearbeitet, wobei
sie sich mit dem wandelnden historischen Kontext selbst veränderten.
So betonte die Frauenbewegung zu Beginn Gleichheit und Partizipation. In
der Folge wurden dann ihre Diskurse und Forderungen nach eigenständigem
Eros und selbstbestimmter Kreativität und Mutterschaft eher aus einer Sicht der
Geschlechterdifferenz begründet. In der japanischen Frauenbewegung wurden
hegemoniale Geschlechterbilder und Weiblichkeit bereits zu Beginn des 20. Jahr­
hunderts radikal hinterfragt und die eigene Definitionsmacht eingefordert. Auf
dieser Grundlage entbrannte dann die Debatte um geschlechtliche und sexuelle
Vielfalt seit den 1980er Jahren. Zunächst bildete sich eine autonome Lesbenbewe­
gung heraus und ab den 1990er Jahren artikulierten sich queere Ansätze, die so­
wohl den japanischen wie auch den globalen kulturellen Kontext kreativ weiter­
führten.
Weiterhin trugen die Frauenbewegungen dazu bei, dass die moderne Ge­
schlechterordnung sich verändert hat. Indem sie den Wandel der Geschlechter­
ordnung fokussiert, entfaltet Lenz einen vergleichenden Zugang zu Frauenbewe­
gungen im globalen Norden unter Einschluss von Japan. Deren Veränderungen
brachten dann jeweils neue Herausforderungen für den Feminismus – auch in Ja­
pan – mit sich. Zu Beginn standen sie dem neopatriarchalen nationalen Familien­
staat und sich herausbildenden Kolonialstaat gegenüber. Heute nun setzen sie sich
angesichts der neoliberalen Globalisierung und geschlechtskonservativer Struktu­
ren für Gleichheit, Anerkennung von Differenz und geschlechtlicher Vielfalt und
transnationale Solidarität weltweit und insbesondere in Ostasien ein.
Michiko Mae sieht die Frauenbewegung als eine treibende Kraft für die Er­
neuerung der japanischen Gesellschaft und als eine scharfe Kritikerin der männ­
lich zentrierten Moderne. Sie untersucht die Frauenbewegung im Sinne der Mo­
dernisierung der japanischen Moderne3 anhand von sechs Schüben. Zu diesen
von der Frauenbewegung bewirkten gesellschaftlichen Impulsen gehören: neue
Subjektfindung, Kritik an Nationalismus, Kolonialismus, Rassismus und Kapita­
lismus sowie das Gesetz für gleiche Partizipation und das Gender-free-Konzept.
Durch die mit dem westlichen Modernisierungskonzept eingeführte Gender­
ordnung, die die Grundlage für die strikte Trennung zwischen privater und öffent­
licher Sphäre war, wurden japanische Frauen auf die Aufgaben der Mutter und
Hausfrau festgelegt.4 Eine Besonderheit der japanischen Frauenbewegung sieht

3 Zur Modernisierung der Moderne siehe auch Beck, Bonß 2001.


4 Zum Verständnis von privater und öffentlicher Sphäre in Japan siehe Mae 2002; Mae,
Schmitz 2007.
6 Ilse Lenz, Michiko Mae

Mae darin, dass, ausgehend von dieser Situation, Frauen eine eigene Definition
und Daseinsform als Frau entwickelt haben, in der sie ihr Subjektsein und ihre In­
dividualität zusammen mit anderen verwirklichen konnten. So entwarfen sie eine
neue Gesellschaftsform, in der sie Mütterlichkeit und gesellschaftliches Engage­
ment leben konnten. Darin erkennt Mae eine Form der Kritik an der modernen
Gesellschaft und am japanischen Modernisierungsprozess, von der ein wichtiger
Impuls für die Modernisierung der Moderne in Japan ausging.
In den 1970er Jahren kritisierte die Frauenbewegung die moderne Genderord­
nung auch deshalb, weil sie dazu geführt hatte, dass während der Kriegszeit ja­
panische Frauen als „japanische Mütter“ koreanischen und anderen asiatischen
Frauen als „Zwangsprostituierten“ gegenübergestellt wurden. Von der Erkennt­
nis dieses intersektionalen Zusammenhangs von Nationalismus, Kolonialismus,
Rassismus und Genderstruktur und auch von dem Verantwortungsbewusstsein
japanischer Frauen für die Kriegsvergangenheit ging ein weiterer Impuls zur Mo­
dernisierung der Moderne in Japan aus. Er führte zu einer Solidaritätsbewegung
und internationalen Brückenbildung zwischen Japan, Ostasien, den USA und
Europa – besonders durch das Internationale Tribunal gegen Kriegsverbrechen
(im Jahr 2000 in Tōkyō). Von dieser kritischen Auseinandersetzung japanischer
Frauen mit der nationalen, kolonialen und militärischen Vergangenheit ließe sich,
so Mae, auch für Deutschland vieles lernen.
Am Ende des letzten Jahrtausends wurde im Jahr 1999 das „Rahmengesetz für
eine Gesellschaft mit gleicher Partizipation von Männern und Frauen“ (Partizi­
pationsgesetz) eingeführt. Ihm liegt die Idee des Gender-free-Konzepts zugrun­
de, nach dem Männer und Frauen ihre Individualität frei von Gender-Festlegun­
gen entfalten können sollen. Solche starken Impulse, die von der Frauenbewegung
ausgingen, haben auch – sie inspirierend und unterstützend – auf die Entstehung
einer Männerbewegung eingewirkt, die die herkömmliche Männlichkeit kritisch
reflektiert und neue Formen des Lebens als Mann entwickelt – frei von den Zwän­
gen der Arbeitswelt und eines überholten Männlichkeitsbildes.
Die Partizipationsgesellschaft, das Gender-free-Konzept und die Männerbewe­
gung könnte man nach Mae als eine Stufe in der langen Entwicklungsgeschichte
der Frauenbewegung verstehen, in der die Trennung zwischen öffentlicher und
privater Sphäre und die damit verbundene geschlechtliche Arbeitsteilung, die
grundlegend für den japanischen Modernisierungsprozess seit Mitte des 19. Jahr­
hunderts waren und bis heute sind, überwunden werden können.
Trotz solcher Entwicklungen und Fortschritte in der Gleichstellungspolitik,
die die japanische Frauenbewegung vor allem seit den 1980er Jahren und den
UNO-Dekaden der Frau erreicht hat, hat sich an der gesellschaftlichen, politi­
schen, rechtlichen und ökonomischen Situation der Frauen in Japan immer noch
zu wenig verändert. Das zeigt sich auch im internationalen Ranking Japans auf der
Frauenbewegung in Japan 7

Gender-Gap-Skala des Weltwirtschaftsforums. Zudem stellen sich neue gewalti­


ge Herausforderungen durch die globalen und innerjapanischen Veränderungen
der letzten Jahrzehnte wie die Globalisierung und Flexibilisierung von Kapitalis­
mus und Beschäftigung, den demographischen Wandel und die allmähliche Öff­
nung zur Migration. Die Armut in der und die Alterung der Gesellschaft neh­
men dramatisch zu und die Frauenerwerbstätigkeit wächst um den Preis einer
entfesselten Flexibilisierung, die von der Einfacharbeit bis ins Management reicht.
Ultranationalis­tische Kreise reagieren mit antifeministischen und rassistischen
Politiken und Polemiken gegen die Forderungen nach Gleichheit und Selbst­
bestimmung. Vor der japanischen Frauenbewegung liegen also große Herausfor­
derungen. Aber wie sie in ihrer bisherigen Geschichte gezeigt hat, verfügt sie über
Potenziale wie Reflexionsfähigkeit, Mut, neue Netzwerkbildungen und Solidarität,
um darauf zu antworten. Die Quellentexte in diesem Band ermutigen die Heraus­
geberinnen zu dieser optimistischen Einschätzung.

Zum Vorgehen bei der Edition der Quellen sowie Danksagungen

Diese Quellensammlung umfasst 58 Texte, die hier fast durchgehend in Erst­


übersetzung5 vorliegen. Zu Beginn stehen Schlüsseltexte aus der ersten Frauen­
bewegung und danach aus der Lib-Bewegung. Dann folgen Quellen zu zentralen
Themen wie sexuelle und reproduktive Autonomie, Hausfrauen jenseits der Fami­
liennorm und neue Lebensformen, Lesben, Männer in der Frauenbewegung, Bil­
dung, Gleichheit in der Arbeit, ökologische und soziale Zukunftsdebatten, Ver­
netzung mit Ostasien sowie Nation im Krieg und sexuelle Gewalt.
Die meisten Texte wurden aus den hervorragenden Quelleneditionen ausge­
wählt, die die Geschlechterforschung, aber auch engagierte Frauennetzwerke in
Japan herausgegeben haben.6 Der Auswahl lagen folgende Kriterien zugrunde:
die Bedeutung der Texte für die Frauenbewegung insgesamt, die Einführung in
wichtige Teilbewegungen und die Sprachmacht der Texte, also wie sie neue Ideen
sprachlich fassten und neue Begriffe und Ausdrucksformen für ihre Geschlechter-
und Gesellschaftskritik, ihre Forderungen und Utopien schufen.
Bei unklaren Fällen wurde jeweils das Original im Archiv überprüft. Die
ÜbersetzerInnen oder die HerausgeberInnen verfassten die Anmerkungen zu den

5 Übernommen wurden die Übersetzung der Gedichte von Yosano Akiko: Du darfst nicht
sterben und Nur so dahingesagt (Q 1.02, 1.03), sowie des Textes von Hiratsuka Raichō: Im
Anfang war die Frau die Sonne (Q 1.04).
6 Vgl. u. a. Amano 2009; Ehara 1992 – ​2001; Mizoguchi u. a. 1992 – ​1995; Nihon fujin mondai shi-
ryō shūsei 1976 – ​1979; Shisō no umi e. Kaihō to henkaku 1989 – ​1990; Suzuki 1993 – ​1998.
8 Ilse Lenz, Michiko Mae

Quellen. In den Belegen werden die einzelnen Quellen mit dem Kürzel Q und der
Quellennummer aufgeführt, also z. B. Q 1.01 für die erste Quelle. Insgesamt orien­
tierten wir uns daran, dass sich diese Quellensammlung nicht allein an ein japa­
nologisches Fachpublikum, sondern auch an eine vielfältige interessierte Leser­
schaft richtet. Sie sollte also gut lesbar, eingängig und verständlich sein, während
sie sich genau am Original orientiert. Deswegen dienen die Anmerkungen zur
Orientierung auch für LeserInnen, die mit Japan nicht vertraut sind. Um die Les­
barkeit des Textes zu befördern, wurden sie möglichst kurz und informativ gehal­
ten. Japanische Namen werden in der japanischen Reihenfolge geschrieben: erst
der Nachname, dann der Vorname. Die verwendeten Fotos stammen aus Wiki­
media Commons.
Unser großer Dank gilt zunächst den AutorInnen, die uns ihre Texte groß­
zügig zur Verfügung stellten. Zahlreiche KooperationspartnerInnen in Japan und
anderswo unterstützten uns mit Rat, Anregungen und Diskussionen, wofür wir
uns sehr bedanken. Wir können nur einige von ihnen nennen und der Dank an
die vielen anderen kann hier nur allgemein erfolgen.
Die meisten Texte waren nicht leicht zu übersetzen, da die AutorInnen selbst
mit der Sprache experimentierten oder gerungen haben, um ihre neuartigen Ge­
danken zum Ausdruck zu bringen. Umso größer sind die Leistungen und das
Engagement unserer japanologischen KollegInnen einzuschätzen, die die Texte
übersetzten. Wir wollen ihnen herzlich für ihren großen Einsatz, für die gute Zu­
sammenarbeit und für ihre freundliche, geduldige Kommunikation mit uns wäh­
rend der Realisierung dieses langjährigen Projekts danken.
Wir danken unseren japanischen und deutschen KollegInnen Andrea Germer,
Himeoka Toshiko, Matsui Yayori, Ōsawa Mari, Ueno Chizuko und Tanaka Hiromi
für intensive Diskussionen und Anregungen und Julia Siep, Martina Kaiser, Nora
Kottmann, Katharina Hülsmann und Matthias Koch für ihre inhaltliche, redak­
tionelle und organisatorische Unterstützung. Besonders bedanken wir uns bei Dr.
Cori Mackrodt und Daniel Hawig, sowie den MitarbeiterInnen des Springer VS
Verlags, die uns in dem langen und schwierigen Entstehungsprozess dieses Buchs
immer konstruktiv und mit ihrem klugen Rat zur Seite gestanden haben.Unser
tiefer Dank gilt Karin Klose, die mit ihrer konstruktiven, präzisen und engagier­
ten Mitarbeit zur Verwirklichung dieses langwierigen und komplexen Vorhabens
entscheidend beigetragen hat.
Wir danken auch dem Institut für Gender Studies der Ochanomizu Universität
(Tōkyō) für ertragreiche und anregende Forschungsaufenthalte. Besonders dan­
ken wir dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung (dem heutigen Minis­
terium für Kultur und Wissenschaft) NRW für die Förderung und Unterstützung
unserer vergleichenden Forschung zu Frauenbewegungen in der Moderne, aus der
dieses Buch entstand. Den Teilnehmenden des jährlichen Workshops zur Gender­
Frauenbewegung in Japan 9

forschung in Japan in der Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Japanforschung


danken wir für viele weiterführende Diskussionen. Gedankt sei auch den Mit­
arbeiterInnen der Bibliotheken der Universitäten Bochum und Düsseldorf, sowie
der Staatsbibliothek Berlin, der Bibliothek der Ochanomizu-Universität und der
Tōkyō-Universität für ihre hilfreiche und verlässliche Unterstützung.
Michiko Mae dankt Ilse Lenz für die langjährige produktive Zusammenarbeit,
Renate Berger, Tachi Kaoru, Funabashi Kuniko, Meguro Yoriko, Kanai Yoshiko,
Ōgai Tokuko für intensive Gespräche und Anregungen, aber auch allen Mitarbei­
terInnen und Studierenden des Instituts für Modernes Japan der Heinrich-Heine-
Universität Düsseldorf für zahlreiche anregende Diskussionen in Seminaren und
Workshops. Sie dankt der Ostasien-Stiftung der Heinrich-Heine-Universität für
ihre institutionelle und finanzielle Hilfe.
Auch Ilse Lenz dankt Michiko Mae für die Kooperation, die ihr so viele neue
Einsichten und Wege zu Japan eröffnet hat. Weiterhin möchte sie Ehara Yumiko,
Hara Hiroko (1934 – ​2019), Itō Kimio, Inge Lenz, Ochiai Emiko, Tomiyama Taeko
(1921 – ​2021) und Reinhart Kössler für ihre lange stete Unterstützung und konstruk­
tive Diskussion danken. Weiterhin dankt sie dem Institute of Social Studies an der
Tōkyō Universität für mehrere fruchtbare Forschungsaufenthalte. Die Freundin­
nen Matsui Yayori und Terasaki Akiko, die viel zu früh fortgegangen sind, haben
sie mit der japanischen Frauenbewegung vertraut gemacht und dies Vorhaben be­
gleitet, wofür sie ihnen von Herzen dankt.
Vor allem aber gilt unser Dank den vielen engagierten Frauen in verschiede­
nen Frauengruppen in Japan, von denen wir so viel gelernt haben und die uns im­
mer wieder neu für dieses Buchprojekt motiviert haben !
Differente Partizipation:
Frauenbewegungen in Japan1
Ilse Lenz

Aus der ersten japanischen Frauenbewegung sind zwei Texte von 1911 um die Welt
gewandert. Der erste beginnt mit den Worten: „Im Anfang war die Frau die Son-
ne, war wahrer Mensch. Jetzt ist die Frau der Mond. Der Mond, … der durch
einen anderen lebt und im Lichte eines anderen glänzt.“2 Der zweite Text hebt an
mit: „Der Tag ist gekommen, da die Berge sich bewegen. … Die Frauen schliefen
alle, nun sind sie hellwach und sie bewegen sich jetzt“.3 In den 1970er Jahren kün-
digt die Lib-Bewegung einen feministischen Neuaufbruch an und ihre Worte klin-
gen ähnlich radikal: „Hier und jetzt erklären wir: Wir sind Frauen, die sich nicht
durch Andere festlegen und definieren lassen. … Wir verabschieden uns von der
Geschichte, in der wir alle möglichen Festlegungen erfuhren und als Menschen
negiert wurden, weil wir Frauen und nichts Anderes sind. Und wenn wir nun er-

1 Diese Einleitung bringt eine Einführung zu der Geschlechtergeschichte und den Frauen-
bewegungen im modernen Japan und bietet so eine Kontextualisierung der Quellen in die-
sem Band. Im Unterschied zu dem Standardwerk von Mackie 2003, die von dem Konzept
des embodied citizenship ausgeht, legt sie den akteurs- und subjektzentrierten Ansatz der
Sozialen Bewegungsforschung zugrunde. Sie untersucht also nicht allein die Diskurse der
Frauenbewegungen, sondern ihre Organisations- und Aktionsformen im Zusammenhang
der Modernisierung und Internationalisierung. Japanische wie auch europäisch-sprachige
Veröffentlichungen, Bewegungszeitschriften und weitere Quellen wurden umfassend auf-
gearbeitet, wobei der dritte Teil zur Zeit nach 1970 u. a. auf eigener Feldforschung beruht. Da
der Band sich auch an allgemein interessierte LeserInnen richtet, wurden die Belege stark
eingeschränkt, so dass vor allem wichtige englische und deutsche Veröffentlichungen zur
weiteren Orientierung aufgeführt werden, während zahlreiche herbeigezogene japanische
Werke nicht angegeben werden konnten (vgl. dazu u. a. Lenz 2000a, 2013, 2014, 2015).
2 Vgl. Q 1.04. Die Schriftstellerin Hiratsuka Raichō (1886 – ​1971) schrieb dies Prosagedicht für
das erste Heft der Zeitschrift Seitō (Blaustrumpf), die sie mit anderen initiiert hatte und her-
ausgab.
3 Vgl. Q 1.03. Die bekannte Dichterin Yosano Akiko (1878 – ​1942) verfasste dies Gedicht eben-
falls für das erste Heft der Zeitschrift Seitō.

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien 11


Wiesbaden GmbH, Wiesbaden 2023
M. Mae und I. Lenz, Frauenbewegung in Japan,
https://doi.org/10.1007/978-3-531-94095-3_2
12 Ilse Lenz

klären, dass wir uns als Frauen durch nichts festlegen lassen, haben wir den Wil-
len, alle Menschen mit einzuschließen“ (Q 2.14). In diesen Texten werden Frauen-
bilder entworfen, die sich auf die Sonne beziehen oder auf schlafende Vulkane, die
sich bald bewegen werden. Sie werden von kosmischer Kraft, flammender Energie
und erotischer Autonomie durchzogen, während zugleich die Unterordnung der
Frau in der männlich zentrierten Moderne in Japan angegriffen wird.
Wie die Quellen in diesem Band zeigen, entwarfen sich die Frauen als Sub-
jekte, die eigenständig dachten und handelten, und nicht als Opfer. Sie wollten
sich an der gesellschaftlichen Entwicklung beteiligen, ihre Kritik an der männlich
zentrierten Moderne äußern und eigene Ideen, Praktiken und Netzwerke hervor-
bringen. Dabei stellen sich einige Leitfragen, denen ich diesem Beitrag nachgehen
will: Wie haben sich die Frauenbewegungen in der konservativen neopatriarcha-
len Modernisierung Japans entwickelt und bis heute die Gesellschaft – und sich
selbst – verändert ? Welche unterschiedlichen Bilder von Geschlecht und von
Frauen haben sie eingebracht, welche Wünsche, Forderungen und Visionen neu
formuliert und welche Veränderungen haben sie mit angestoßen ? Verfolgt man
diese Fragen, so tritt die Dialektik von Herrschaft und Widerstandsfähigkeit, von
Dominanz und Resilienz zutage: Frauenbewegungen erreichen in der Moderne
sowohl Ressourcen und Handlungsmacht, aber sie werden auch begrenzt und ko-
optiert. Während sie zum Beispiel in Japan Bürgerrechte einforderten, wurden sie
in eine patriarchale Nation integriert, die zugleich in Nachfolge der westlichen
Nationen Kolonien eroberte und beherrschte. Die Frauen wurden im Binnenraum
der Nation untergeordnet, waren aber nach außen in deren koloniale Herrschafts-
strukturen mit einbezogen, zu denen sie sich positionieren mussten (Ueno 2004).
Die japanischen Frauenbewegungen entwickelten sich in einem widersprüch-
lichen und spannungsreichen historischen Kontext: Japan war eben kein durch-
gehendes konfuzianisches Patriarchat, wie das im Westen oft angenommen wurde
(Ochiai 2020). Vielmehr schloss die männliche Herrschaft eine sozial anerkann-
te, wenn auch begrenzte Beteiligung von Frauen u. a. in der Kontrolle des Haus-
halts ein. In der historischen Tiefenstruktur Japans zeichnet sich sowohl eine
Verbindung von männlicher Autorität und weiblicher Mitwirkung wie auch von
männlich zentrierten Denksystemen und weiblich beeinflusster Kultur ab, wie im
nächsten Abschnitt im Einzelnen aufgezeigt wird.4 Im japanischen Zentralstaat
bis zum 12. Jahrhundert waren Frauen an der Kultur, der Wirtschaft und auch an
der Politik beteiligt, wie etwa die Herrschaft von Kaiserinnen zeigt (s. u.). Dies his-
torische Erbe drückte sich in informellen Partizipationsformen von Frauen sowie
ihrer begrenzten kulturellen und wirtschaftlichen Anerkennung aus.

4 Vgl. zum Begriff des Patriarchats und zur Mitwirkung von Frauen darin u. a. Lenz 2019b.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 13

Darin unterscheidet sich der historische Entstehungskontext der Frauenbewe-


gungen in Japan sowohl von den modernen neopatriarchalen Nationen in Europa
wie auch von den konfuzianisch-patriarchalen Staaten Chinas und Koreas (vgl.
Frevert 2007; Molony u. a. 2016). Die begrenzte Beteiligung von Frauen in der vor-
modernen japanischen Kultur und Gesellschaft eröffnete andere Möglichkeiten
vor allem für Frauen mit Bildung als der weitgehende Ausschluss und die Separie-
rung in den Haushalt im modernen Europa, aber sie brachte auch andere Barrie-
ren und Grenzziehungen für sie mit sich.
Die nachholende und beschleunigte Modernisierung Japans im 19. Jahrhun-
dert führte zu neuen Öffnungen wie auch zu einer neuen geschlechtlichen Ab-
wertung und Unterordnung für Frauen. Die männlichen japanischen Eliten bau-
ten rasch einen bürokratischen Zentralstaat, eine moderne Industrie, Armee und
Wissenschaft auf, um sich dem westlichen Kolonialismus zu widersetzen. Mit der
kolonialen Eingliederung Taiwans (1895) und Koreas (1910) schloss sich der mo-
derne japanische Nationalstaat den westlichen Kolonialherren an. Frauen kriti-
sierten diese neuen Ausschlüsse, bildeten eigene Gruppen und Bewegungen und
entfalteten ihre Ideen und Zukunftsvisionen. Während die Frauenbewegungen in
Deutschland, England und den USA in mehreren Wellen aufbrachen und wie-
der abebbten, haben sich die japanischen Frauenbewegungen ab dem Ende des
19. Jahrhunderts in einem langen Spannungsbogen bis heute entwickelt und auf
diesem Wege mehrfach verändert.
So ließ sich ihr nationalpartizipativer Flügel für die nationale und imperiale
Entwicklung kooptieren. Im Pazifischen Krieg 1937 – ​1945 reihte sich die Mehrheit
der japanischen Aktivistinnen in das ultranationalistische Herrschaftssystem ein
und organisierte Frauen für die Heimatfront. Gleich nach dem Kriegsende setz-
ten sie sich für das Wahlrecht, soziale Rechte für Hausfrauen und Mütter und ge-
gen Massenarmut und -hunger ein. Der Neuaufbruch der Frauenbewegungen ab
1970 stützte sich wiederum auf die inzwischen erreichte hohe Bildung, den so-
zialen Einsatz und die Vernetzung der Frauen, die auch durch ihre vorigen Wel-
len erkämpft worden waren. Die jungen radikalen Frauen protestierten nun ge-
gen das nach 1945 modernisierte Patriarchat und entwickelten Forderungen nach
Autonomie, Eros und Partizipation. Dabei entfalteten sie eine radikale Kritik der
männlich zentrierten Moderne und des sich globalisierenden Kapitalismus.
Diesem langen Spannungsbogen folgend führt dieser Beitrag in die japani-
schen Frauenbewegungen ein und verbindet dies mit einer Geschlechterge­
schichte der japanischen Entwicklung. Zunächst gehe ich kurz auf die Langzeit-
geschichte von kulturellem Geschlechterwissen und Geschlechterungleichheiten
im vormodernen Japan ein. Die Meiji-Restauration 1868 unter dem jungen Kaiser
Meiji führte dann zu einem modernen Nationalstaat und zur Modernisierung in
Japan, das sich so gegenüber dem westlichen Kolonialismus behaupten wollte (vgl.
14 Ilse Lenz

auch Mae in diesem Bd.). In Teil I umreiße ich die folgenden Veränderungen der
modernen Geschlechterordnung, auf die die Frauenbewegungen reagierten und
in die sie sich einmischten. In Teil II wird dann die Entwicklung der Frauenbewe-
gung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zusammengefasst. Ihre erneute
Entfaltung von 1945 bis 1970 wird in Teil III dargestellt. In Teil IV folgt eine Über-
sicht der Entwicklungen von dem radikalen Neuaufbruch der japanischen Lib ab
1970 bis zur internationalen Vernetzung und den dekonstruktiven Debatten um
Geschlecht und Queerness in der Gegenwart.5

Geschlecht in der historischen Tiefenstruktur Japans

Wie kann man Geschlecht in historischer Perspektive in Japan verstehen ? Noch


vor kurzem schien die durchgehende Herrschaft des Patriarchats in Japan wie eine
selbstverständliche Tatsache. Sie entsprach dem Bild des Samurai- und Männer-
staats, das in Europa, aber auch in Japan vorherrschte. Nun hat sich die Geschlech-
terforschung in Japan und Ostasien intensiv mit der Bedeutung des Geschlechts
im historischen Wandel beschäftigt, was zu einem neuen differenzierten Ver-
ständnis des vormodernen Japan führte.6 Sie begreift Geschlecht als ein relationa-
les Konzept, das vielfältige und sich über die Zeit verändernde Verhältnisse um-
fasst. Neben einer dualistischen Geschlechterhierarchie aus der konfuzianischen
Tradition, nach der der Mann über der Frau steht, waren in Japan auch Vorstel-
lungen von Geschlecht als Komplex dynamischer, komplementärer Kräfte und von
einer Vielfalt von Begehren wirksam, die queere Formen einschloss.
In der historischen Tiefenstruktur zeigen sich in Japan also vielfältige Ge-
schlechterkonzepte und -bilder. Sie lassen sich als spannungsgeladene und wider-
sprüchliche Konstellationen von männlicher politischer und intellektueller Auto-
rität und Gewalt und anerkannter weiblicher Mitwirkung zusammenfassen. So
greift die Behauptung, „im Anfang war die Frau die Sonne“ auf kulturelle Spu-
ren früherer Machtfelder von Frauen zurück. Die politische Macht und geistige
Hegemonie wurde zunehmend von den männlichen Eliten monopolisiert, aber
die kulturelle, ökonomische und soziale Bedeutung von Frauen blieb langzeitlich
sichtbar und wurde anerkannt, wie sich im Folgenden zeigen wird. Nach der So-
ziologin Ochiai Emiko ergab sich die Logik der Geschlechterungleichheit in Japan

5 Diese Teile bauen aufeinander auf, können aber unabhängig von einander gelesen werden.
Wer sich etwa vor allem für die neue Frauenbewegung interessiert, kann mit dem vierten Teil
beginnen.
6 Vgl. u. a. Germer 2003; Germer, Ogawa 2018; Liu, Yamashita 2020; McLelland, Mackie 2015;
Molony u. a. 2016; Ochiai 2020; Pflugfelder 1999; Yoda 2004.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 15

auch aus seiner Verortung am Kreuzweg der Kulturen in Ostasien. Im chinesi-


schen Kaiserreich bestand eine patriarchale Verwandtschafts- und Staatsordnung,
die auf seine Peripherie in Korea und Japan ausstrahlte. Zugleich wurde das frü-
he Japan von Südostasien mit seinem bilateralen Verwandtschaftssystem beein-
flusst, in dem die Menschen sowohl über Mutter wie Vater miteinander verwandt
sind. Deshalb beruht diese Logik der Geschlechterungleichheit auf dem grund-
legenden Spannungsverhältnis zwischen den langzeitlich wirkenden patriarcha-
len Einflüssen aus China und Korea7 einerseits und den bilateralen Verhältnissen
andererseits, die sich aus Südostasien und der eigenen frühen Mischkultur herlei-
teten (Ochiai 2020).
Die herrschenden Eliten, aber auch religiöse und kulturelle Zirkel in Japan
nahmen transregional Ideen aus China und Korea auf, formten sie für den eige-
nen Kontext um und führten sie weiter (vgl. u. a. Farris 1998, 2009). So wurde die
patriarchale konfuzianische Ideologie aus China übernommen. Sie verband einen
klaren Geschlechtsdualismus von Mann und Frau mit einer strikten Hierarchie
von oben und unten, wonach der Fürst über dem Untertan, die Eltern (auch die
Mutter) über den Kindern und der Mann über der Frau standen. Ebenso wurde
ab dem 7. Jahrhundert das chinesische Modell des Zentralstaats unter dem Kaiser
und der patrilinearen Abstammung auf die anders gearteten Verhältnisse in Japan
übertragen (McCullough 1967). Bei der patrilinearen Abstammung wird die Zu-
gehörigkeit zur Abstammungsgruppe über die männliche Linie vom Vater zu den
Söhnen abgeleitet. Zugleich verfügten die alten Männer im Patriarchat über Auto-
rität und Entscheidungsgewalt über die gesamte Gruppe; sie herrschten also über
die Frauen und die jüngeren oder abhängigen Männer wie die Söhne und Knech-
te. Denn das Patriarchat ist nicht einfach mit männlicher Dominanz gleichzuset-
zen, sondern es besteht aus der Herrschaft der hegemonialen alten Männer über
alle Frauen, Kinder und die untergeordneten Männer (vgl. Lenz 2019b). Bis zum
Ende der Feudalzeit durchdrangen diese patriarchalen Normen eher die Samurai
und die städtische und dörfliche Oberschicht. Erst mit dem modernen nationalen
Familienrecht 1898 wurden sie verbindlich für alle Klassen festgeschrieben, was

7 Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse in


China, Korea und Japan vgl. u. a. die hervorragende Zusammenschau von Molony u. a. 2016.
Alle drei Gesellschaften waren Bauerngesellschaften mit verbreiteter Schriftlichkeit und
überregionalen, ostasiatischen und internen Marktverbindungen. Sie hatten den Konfuzia-
nismus als Staatsideologie übernommen, aber jeweils mit dem Daoismus, Schamanismus
oder Shintoismus kombiniert. Die patriarchale korporative Hauswirtschaft setzte sich in den
drei Gesellschaften, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, durch. Jedoch unterschieden
sich die Verwandtschaftssysteme zwischen dem patrilinearen System in China und dem bi-
lateralen Trend in Japan, wo dissidente Haushaltsformen bis um 1900 fortbestanden.
16 Ilse Lenz

wiederum nach der Niederlage des japanischen Kaiserreichs 1946 rechtlich auf-
gehoben wurde.
Demgegenüber war das Verwandtschaftssystem in Japan wie in der Mehrheit
der südostasiatischen Gesellschaften bilateral (Ochiai 2020). In anderen Worten
sahen sich Menschen über beide Eltern und ihre Geschwister als verwandt an, was
Frauen wie Männer einschloss. Mit diesen bilateralen Verwandtschaftsbeziehun-
gen waren auch wechselseitige Anerkennung und die Weitergabe von Gütern, teils
auch von Erbanteilen, verbunden.
Die Wohnformen der Menschen variierten lange mit einem Trend zu Ge-
schlechterbalance: Frauen blieben matrilokal bei ihren Eltern wohnen, während
ihre Männer sie besuchten oder bei ihnen einzogen. Manche Paare bezogen nach
der Eheschließung ein neues Haus. In solchen Lebensgeflechten waren die Ver-
bindungen über die Eltern, auch und gerade die Mütter wesentlich, während die
Männer eher ein mobiles Leben zwischen Herkunftshaushalt, ihren Geliebten
oder Ehefrauen oder auch dem neuen Paarhaushalt führten. Erst seit der Feu-
dalzeit ab dem 12. Jahrhundert wurde allmählich die patrilokale Wohnform vor-
herrschend, nach der Frauen als Außenstehende in dem Haushalt des Mannes
lebten und arbeiteten. Aber vor allem wenn ein geeigneter männlicher Erbe aus-
blieb, setzte die älteste Tochter die Abstammungslinie fort. Ihr Mann wurde adop-
tiert und trat in ihren Haushalt ein, wo er dann meist Haushaltsvorstand wurde.8
Frauen hatten bis in das 13. Jahrhundert eigenständige Rechte auf Land. Sie arbei-
teten in der Landwirtschaft und produzierten Textilien für den Eigenbedarf, für
den Handel und für die Steuern (Molony u. a. 2016: 32 – ​43). Im Gegensatz zu dem
späteren feudalen Leitwort, nach dem die Männer zu verehren und die Frauen zu
verachten seien, blieb die soziale und wirtschaftliche Beteiligung der Frau in Ja-
pan lange anerkannt.
Frauen wie Männer brachten die japanischsprachige Dichtkunst ab dem
6. Jahrhundert hervor. Um das Jahr 1000 verfassten Frauen am Kaiserhof glän-
zende Romane und Essays auf Japanisch, während die Männer meist Chinesisch
schrieben. Diese Autorinnen begründeten die japanische Prosa mit. Bis heute
werden ihre Texte intensiv gelesen und sie beeinflussen weiter die Populärkul-
tur (vgl. Árokay 2001; Sarra 1999; Yoda 2004). In der einheimischen Religion wie
auch im frühen Buddhismus waren Frauen wie Männer anerkannt. Nach der Ein-
führung des Buddhismus von Korea nach Japan im späten 6. Jahrhundert waren
die ersten buddhistischen PriesterInnen drei Nonnen und es wurden zahlreiche
Mönchs- und Nonnenkloster gegründet (Molony u. a. 2016: 25, 36).

8 Diese Eheform (mukotorikon) umfasste bis zu einem Fünftel der Eheschließungen (vgl.
Ochiai 2020: 15).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 17

Schließlich hatten Frauen beträchtlichen politischen Einfluss. So herrschten


in den Jahren 593 bis 770 insgesamt sechs Kaiserinnen. Erst im modernen Japan
wurden Frauen durch das Kaiserliche Haushaltsgesetz von 1889 formell von der
Thronfolge ausgeschlossen.
In der nationalen Bewusstwerdung und der Entwicklung der modernen Na-
tion wurde die kulturelle Beteiligung und Kreativität der Frauen aufbewahrt und
dabei patriarchal und national reinterpretiert. Der Mitbegründer der nationalen
Schule im 18. Jahrhundert, Motoori Norinaga (1730 – ​1801), erklärte, dass die japa-
nische Kultur im Kern weiblich sei. Dieses Verständnis von Geschlecht ermöglich-
te eine Grenzziehung zwischen innen und außen vor allem gegenüber der Hege-
monialmacht China (Yoda 2004). Das ‚Weibliche‘ in der Kultur wurde gegenüber
dem als ‚männlich‘ interpretierten, bedrohlichen China als das eigene, emotionale
und ewig-japanische herausgearbeitet, so dass es als kontinuierlicher und stabili-
sierender Grundton von den Anfängen bis in die Moderne erschien. Dabei ging es
nicht vorrangig um die kulturelle Kreativität der Frauen, sondern um ihre Bedeu-
tung für die Nation. Diese Leitfigur des Weiblichen überschnitt sich laut Yoda mit
dem Bild des japanischen Kaiserhauses: Denn beiden Erscheinungen wurde zu-
geschrieben, dass sie sich von den Anfängen Japans bis zur (jeweiligen) Gegenwart
kontinuierlich fortsetzten. Eine parallele Eingemeindung der patriarchalen Fami-
lie als das ‚Eigene‘ erfolgte später gegenüber den westlichen Kolonialherren und
den liberalen KritikerInnen im Lande. Während die konservative politische Elite
patriarchale Elemente aus dem ‚modernen Westen‘ wie das Familienrecht über-
nahm (s. u.), erhob sie die japanische patriarchale Familie der Oberschichten und
das Kaiserhaus zum Wesen der japanischen Nation und schrieb sie als vermeint-
lich unveränderlich fest.
Im japanischen Feudalismus, der sich ab dem 12. Jahrhundert durchsetzte,
wurden patriarchale Normen und Institutionen langzeitlich verankert.9 Dies lässt
sich vor allem für die Politik und die geschlechtliche Arbeitsteilung im Haushalt
festhalten. Die politische Herrschaft lag nun bei den männlichen Führern der Mi-
litärbürokratie, also dem Shogun und den Samurai. In der feudalen Gesellschaft
waren die Geschlechternormen entlang der Standesnormen aufgefächert und dif-
ferenziert: Sie unterschieden sich zwischen den Samurai, Kaufleuten, der bäuerli-
chen Oberschicht und den besitzlosen ländlichen Pächtern (vgl. Anderson 2010;
Getreuer-Kargl 1997). Die Geschlechterkultur war gekennzeichnet durch einen
Gegensatz zwischen Normen der männlichen Überlegenheit im Buddhismus und
Konfuzianismus und der langwirkenden kulturellen Kreativität von Frauen.

9 Zum Geschlechterverhältnis im japanischen Feudalismus vgl. u. a. Frühstück, Walthall 2011;


Molony u. a. 2016; Wakita u. a. 1999.
18 Ilse Lenz

Im Feudalismus wurde auch die patriarchale korporative Hauswirtschaft (ie)


verankert. Sie bildete eine hegemoniale sozialwirtschaftliche Institution, in der die
Arbeitsteilung nach Geschlecht, Alter und Zugehörigkeit organisiert wurde.10 Sie
etablierte sich ab dem 13. Jahrhundert als grundlegende Organisationseinheit un-
ter den Samurai, den Händlern, den Handwerkern und der bäuerlichen Ober- und
Mittelschicht.11 Ochiai Emiko kennzeichnet sie knapp und klar: „The basic unit
of traditional social organisation in Japan, the ie is a corporate body, which owns
household property, carries on a family business, and emphasizes the continuity of
the family line and business over generations“ (Ochiai 1997: 58).
Wie in anderen Bauerngesellschaften war die Hauswirtschaft also eine sozial-
ökonomische Einheit, in der Leben und Wirtschaften integriert organisiert wur-
den: In ihr wurden sowohl die Produktion für den Markt und den Eigenbedarf wie
auch die Reproduktion, also die Versorgung seiner Mitglieder/Arbeitskräfte und
die Geburt und Erziehung der Kinder, geleistet und zusammengeführt. In ande-
ren Worten wurden in dieser Hauswirtschaft die in ihr lebenden und arbeitenden
Menschen geboren und versorgt, also reproduziert und in ihr wurden auch die
Lebensmittel, die diese arbeitenden Menschen verbrauchten, und die Waren für
den Markt hergestellt. An ihrem Tisch saßen alle Mitglieder, allerdings an nach
Geschlecht und Alter ungleichen Plätzen – vom Ehrensitz für den Hausvater bis
zum Katzentisch für die Schwiegertochter oder das Gesinde. Von dem Einsatz der
Mitglieder hing ab, was auf diesen Tisch kam und wie an ihm gebetet und gefei-
ert wurde. Im kapitalistischen globalen Norden sind heute das Produzieren von
dem Zusammenleben und sich Versorgen und der Geburt von Kindern getrennt:
LohnarbeiterInnen arbeiten eher außer Haus, die Hausarbeitenden, meist Haus-
frauen, kochen und putzen daheim unbezahlt für sie und die Entscheidung für
Kinder wird aus verschiedensten Gründen gefällt, aber sie erfolgt meist unabhän-
gig davon, ob die Nachkommen als Arbeitskräfte in der Hauswirtschaft gebraucht
werden. So erscheint diese Wirtschaftsform mit ihrer Integration von Produktion
und Reproduktion heute sehr fern, aber noch vor kurzem umfasste sie die große
Mehrheit in Europa und Ostasien.

10 Um die Verbindung von Wirtschaften und Reproduktion der Haushaltsmitglieder zu kenn-


zeichnen, spreche ich im Folgenden von Hauswirtschaft und nur dann von Haushalt, wenn
die Fragen von Verwandtschaft und Hierarchie zentral sind. Die korporative Hauswirtschaft
kennzeichnete auch die chinesische und koreanische Entwicklung, wobei die Stellung der
Frau in Japan stärker erscheint (vgl. Molony u. a. 2016).
11 In manchen Regionen vor allem in Südwestjapan und in der bäuerlichen Unterschicht be-
standen offene Familienformen fort, in der das Paar als Wirtschaftseinheit wesentlich war
und die Frau eine starke Position hatte (vgl. u. a. Ölschleger 2004).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 19

In Japan wie China und Korea beruhte die Hauswirtschaft auf patrilinearer
Erbfolge in männlicher Linie und war patrilokal. In anderen Worten verlief die
Abstammung über Männer, meist vom Vater zum ältesten Sohn, der mit Frau und
Kindern im Haushalt des Vaters wohnte. Als zugehörig zur Hauswirtschaft galten
ihr Vorstand, seine Frau und ihre Söhne. Die Töchter waren im Grenzbereich der
Hauswirtschaft verortet, da sie als Schwiegertöchter in einen anderen Haushalt
eintreten würden. Dort wurden sie zunächst als Außenstehende angesehen, konn-
ten aber nach längerer Ehe einen vollen Mitgliedsstatus erreichen. Die Autorität
lag beim Haushaltsvorstand, seiner Frau, der Hauswirtschafterin, und schließlich
beim Familienrat der älteren Verwandten unter Einschluss der älteren Frauen. Die
Ahnenverehrung, Feste und Rituale wie auch der gemeinsame Hausname beton-
ten den hierarchischen Gemeinschaftscharakter. Dem Haus verpflichtet waren
das Gesinde und die Arbeitskräfte aus den Nebenlinien, die zugleich Anspruch
auf begrenzte paternalistische Fürsorge hatten. Auf dem Land waren einem ver-
mögenden Haupthaus oft Zweighäuser untergeordnet, die Land von ihm pachte-
ten, zu bestimmten Zeiten Arbeitsdienst leisteten und in Notzeiten um Unterstüt-
zung bitten konnten.
Junge Frauen heirateten in der Regel in die Hauswirtschaft ihres Ehemannes
ein. Dort hatten sie als Schwiegertöchter des Hauses (yome) zunächst einen rand-
ständigen Status. In der Landwirtschaft und im Handwerk wurden sie als wichtige
Arbeitskraft eingesetzt und vor allem danach eingeschätzt. Eine gute Schwieger-
tochter konnte einen Sack Reis tragen oder durch Weben und Spinnen zum Haus-
haltseinkommen beitragen. Die Mutterschaft oder das Gebären vieler Kinder war
gegenüber der Bedeutung als Produzentin nachrangig (Lenz 1984). Im vormoder-
nen Japan bewährten sich also Bäuerinnen eher in der Produktion, nicht in der
Reproduktion, und wurden danach bewertet.
Dem entspricht, dass viele bäuerliche Familien ihre Nachkommenzahl lange
auf zwei oder drei Kinder begrenzten. Wenn mögliche männliche Erben sich als
untüchtig erwiesen oder ganz ausblieben, gab es zwei Wege: Zum einen konnten
die Töchter die Linie des Hauses fortsetzen und erben, indem sie einen Mann hei-
rateten, der bereit war, in ihr Haus einzutreten und dessen Hausnamen zu über-
nehmen. Zum anderen konnten neue befähigte Mitglieder durch Adoption ins
Haus aufgenommen werden, die dann das Erbe antreten konnten. Denn die pa-
triarchale Hauswirtschaft war in Japan nicht vorrangig ein Abstammungsverband,
sondern vor allem eine sozialwirtschaftliche Einheit, die durch fiktive Verwandt-
schaft wie etwa durch Adoption neu zusammengesetzt werden konnte.
Die Geschlechterhierarchie im Haushalt unterschied sich in der vormoder-
nen ständischen Feudalgesellschaft nach Schicht und Region. In der Samurai-
schicht, der Kaufmannschaft, dem Handwerk und der bäuerlichen Oberschicht
war sie klar patriarchalisch. Unter den Samurai, die lange das gesellschaftliche
20 Ilse Lenz

Leitbild darstellten, war die geschlechtliche Arbeitsteilung polar. Die Männer


dienten ihren Feudalherren in Verwaltung und im Militär, während die Hauswirt-
schaft und die Erziehung der Kleinkinder den Frauen oblagen. Doch waren älte-
re Frauen auch an der Aufrechterhaltung von sozialen und familialen Netzwer-
ken beteiligt.
Die Bauern bildeten die große Mehrheit der Bevölkerung. Sie waren in ver-
schiedene Schichten gegliedert, von der ländlichen Oberschicht der reichen Bau-
ern mit bedeutendem Landbesitz,12 den Mittel- und Kleinbauern bis zu den
Pächtern. Besonders in Südwestjapan, aber auch in anderen Regionen lebten die
Kleinbauern und die ländlichen Unterschichten meist in Kernfamilien und nicht
in einer korporativen Hauswirtschaft, in die sie allenfalls als abhängige Klienten
und Arbeitskräfte eines ‚Haupthauses‘ einbezogen waren. In diesen Schichten
mit ihren offeneren Familienformen hatten auch Frauen begrenzte Autorität und
Autonomie. Die geschlechtliche Arbeitsteilung war weniger ausgeprägt: Männer
und Frauen arbeiteten im Feld- und Gartenbau zusammen und Väter kümmerten
sich mit um die Kleinkinder. In der Nachbarschaft bestanden enge Netzwerke, die
sich u. a. auf die Kooperation bei der Bewässerung und beim Reispflanzen stütz-
ten, aber auch Feste und Sparklubs in der Hand von Frauen umfassten.
Die Machtpositionen in der Hauswirtschaft waren durch Geschlecht, Senio-
rität und Leistung bestimmt.13 Der Haushaltsvorstand hatte die oberste Autorität.
Diese Position kam grundsätzlich dem männlichen Hausvater zu, aber bei seinem
Tod konnte sie seiner Witwe oder auch der ledigen Tochter zufallen, wenn kei-
ne Söhne oder Adoptiverben vorhanden waren. In manchen Regionen konnten
sich Bäuerinnen als Haushaltsvorstand politisch im Dorfrat und in der Nachbar-
schaft beteiligen, während Frauen sonst von politischer Partizipation ausgeschlos-
sen waren. In der ersten liberalen Bewegung nach der Meiji-Restauration 1868 for-
derten einige Frauen, die Haushaltsvorstand waren, das Wahlrecht, das ihnen wie
Männern zustehe (Anderson 2010: 23 – ​25, 28 – ​42). Wie später gezeigt wird, ver-
langten die Aktivistinnen in Japan im internationalen Vergleich das Stimmrecht
sehr früh. Frauen auf dem Land hatten in einzelnen Regionen die historische Er-
fahrung begrenzter Partizipation, und die Frauenbewegung knüpfte daran an.
Die Hauswirtschafterin, die Frau des Haushaltsvorstands, leistete den Garten-
bau, die weiblich zugeordneten Nebengewerbe wie die Seidenspinnerei oder die
Weberei und die Hausarbeit. Als Produzentin wie auch als Mutter hatte sie eine

12 Allerdings waren aufgrund des Intensivbewirtschaftung im Reisanbau und auf den Trocken-
feldern und den mehrfachen Ernten im Jahr im Südwesten die Besitzgrößen geringer als
etwa in Deutschland.
13 Vgl. u. a. Lenz 1984: 74 – ​114; Ochiai 1997; Ölschleger 2004; zum Wandel des Patriarchats in
vergleichender Sicht in Ostasien vgl. Sechiyama 2013.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 21

bedeutende, doch dem männlichen Vorstand nachrangige Autorität. Die Schwie-


gertochter diente als eingeheiratete Arbeitskraft in der Hauswirtschaft und war so-
wohl ihren Schwiegereltern und wie auch ihrem Mann unterstellt. Da die Schwie-
germutter sie im Alltag kontrollierte, waren Konflikte zwischen beiden zahlreich.
Doch über die Jahre konnte sie sich zur Position der Hauswirtschafterin hoch-
arbeiten, die dann als Schwiegermutter wieder die Schwiegertöchter der folgen-
den Generationen kontrollierte. Die Position einer Frau hing deshalb nicht allein
von ihrem Geschlecht, sondern von ihrem Stand, ihrem Alter und ihrer Stellung
im Haushalt ab.
Frauen waren in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Hauswirtschaft aner-
kannt und sie waren in die sozialen Netzwerke in der Nachbarschaft tragend ein-
gebunden. Während ältere Männer im Dorfrat saßen und die dörflichen Feste lei-
teten, bereiteten die Frauen das Festessen zu und beteiligten sich in sozialen und
ökonomischen Netzwerken. In anderen Worten hatten Frauen eine anerkannte
öffentliche Existenz als Arbeitskraft in der Hauswirtschaft und in der Nachbar-
schaft – und als Haushaltsvorstand in manchen Regionen auch politische Rech-
te im Dorf.
Jenseits der sozialökonomischen Logik der Hauswirtschaft wurden Begehren
und ästhetische Sexualkulturen in bestimmten Räumen in offeneren, aber eng be-
grenzten Nischen gelebt. Das war vor allem in der Stadt und entlang der Han-
delsstraßen möglich. Diese Räume des Begehrens jenseits des Hauses waren auf
männliche Bedürfnisse ausgerichtet: In der Prostitution arbeitete eine große Band-
breite von Frauen von der ausgebildeten Geisha bis zur einfachen Prostituierten.
Letztere waren oft durch Verkauf oder Verschuldung in unfreie persönliche Ab-
hängigkeit in den Bordellen geraten; einige arbeiteten unabhängig (Davis 2019;
Stanley 2012). Die männlichen Schauspieler, die im Kabuki-Theater Frauenrol-
len spielten, verkörperten Gender bending und -spiele. In dieser Gegenwelt wur-
de Geschlecht durch Darstellen, durch Performanz verkörpert und die Sexualitä-
ten verliefen vielfältig (Mezur 2005; Molony u. a. 2016: 126). Die Darsteller selbst,
die Kabuki-Schauspieler, waren hochgeachtet. Viele ließen sich auf kommerziel-
le Sexualität für Kunden ein. Die Vielfalt des Begehrens spielte sich in einer Ge-
genwelt ab, die durch die Marktlogik kommerzialisierter Sexualität, die staatliche
Kontrolle der Bordelle und erotische Ästhetik nach männlich zentrierten Stan-
dards geregelt wurde. Ferner wurde in männlichen Verbänden von Samurai oder
buddhistischen Mönchen Sexualität unter Männern und mit Jungen gepflegt (vgl.
Pflugfelder 1999).
In Japan hatte sich eine Kombination von männlicher Autorität und verant-
wortlicher weiblicher Mitwirkung, von männlich konnotierter Geistigkeit und
weiblich konnotierter Kultur entwickelt, die auch Ansätze geschlechtlicher Viel-
falt umfasste. Im Feudalismus wurden Gesellschaft und Politik im Zuge einer von
22 Ilse Lenz

oben nach unten ausstrahlenden Patriarchalisierung umgeformt, indem sich die


patriarchale Hauswirtschaft als Organisationseinheit weithin durchsetzte und die
politische und militärische Macht bei den Feudalherren und städtischen und stän-
dischen Eliten konzentrierte. Dieses historische Erbe wirkte auf die Frauenbewe-
gungen ein, die sich in der Modernisierung Japans entwickelten und sie mitgestal-
teten.

Teil I: Die moderne Geschlechterordnung und


die Frauenbewegungen in Japan

Wie haben sich die Frauenbewegungen in Japan im Zusammenhang der Moder-


nisierung entwickelt und sie ihrerseits mitgestaltet, lautete die Leitfrage dieses
Beitrags. Aber was ist unter Modernisierung zu verstehen ? Dieser Begriff ist von
verschiedenen Seiten umfassend kritisiert, dann aber immer wieder aufgenom-
men worden. Heute wird weithin angenommen, dass sich unterschiedliche Mo-
dernisierungswege in der ungleichen kolonialen und postkolonialen Weltordnung
entwickelt haben: In diesem Sinne spricht man von einer multiplen ungleichen
Modernisierung, in der sich einzelne Gesellschaften und Regionen unter Bezug
aufeinander unterschiedlich entwickeln.
Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts brachten der westliche Kolonialismus und
das sich formierende kapitalistische Weltsystem globale Ungleichheitsverhältnisse
hervor. Vorher bestanden regionale Hegemonien wie etwa die Chinas in Ostasien.
Japan nun wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter militärischem Druck der
USA für den Weltmarkt geöffnet. In Reaktion darauf entwickelte es rasch einen
modernen Nationalstaat, eine starke Armee und eine eigenständige Industrie.
Dieser nationale Aufstieg nach westlichem Vorbild ermöglichte ihm, seinerseits
Taiwan und Korea zu kolonialisieren. Das postkoloniale Korea wiederum machte
ab etwa 1960 eine komprimierte Modernisierung (Chang 2010) durch und kon-
kurriert nun mit Japan. Wie das Beispiel illustriert, wirkten der Kolonialismus
und das kapitalistische Weltsystem, aber auch die internen Verhältnisse auf diese
unterschiedlichen Modernisierungswege ein.
Wie lassen sich nun diese verschiedenen Wege aus einer Geschlechterperspek-
tive vergleichen ? Wesentlich ist ein vergleichender Zugang, der sich auf so unter-
schiedliche Entwicklungswege wie etwa Japan, Korea und Deutschland anwenden
lässt. Denn häufig wird die japanische Entwicklung exotisiert, also orientalisiert
als Ausdruck einer ‚anderen asiatischen Tradition‘, in der es dann vermeintlich
auch keine Frauenbewegung geben kann. Oder sie wird als einzigartig und so
letztlich unvergleichbar betrachtet und singularisiert. Deswegen ziehe ich den An-
satz der Geschlechterordnung heran, der sich für interregionale und historische
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 23

Vergleiche eignet (vgl. Lenz 2017a, b). Er untersucht, wie Geschlechterungleichheit


in modernen Gesellschaften institutionell verankert und begründet wird. Dabei
fokussiert und erfasst er die institutionellen Regeln, Normen und Praktiken, die
die geschlechtliche Arbeitsteilung, Machtverhältnisse und Verteilung von Lebens-
chancen regulieren (vgl. Connell 2017: 92 – ​102; Lenz 2017b; Pfau-Effinger 2000).
Ein Beispiel für solche Regeln und Praktiken stellt die moderne Mutternorm dar,
nach der sich vorrangig die Mutter um die Kinder kümmert. Damit wurde die in-
stitutionelle Regel im Betrieb legitimiert, dass Frauen oft in Teilzeitarbeit beschäf-
tigt werden, weil sie dann mehr Zeit für ihre Kinder hätten. In alltäglichen Prak-
tiken versuchen Mütter schließlich, die oft gegensätzlichen Anforderungen von
Betrieb und Kinderversorgung zu überbrücken.
Die Geschlechterordnung baut auf mehreren strategischen Feldern auf, näm-
lich:

■■ den geschlechtlichen Machtverhältnissen vor allem in der Politik, die zunächst


als männlicher Bereich bestimmt wurde.
■■ der geschlechtlichen Arbeitsteilung in Produktion und menschlicher Repro-
duktion: Die Lohnarbeit wurde grundsätzlich den Männern und den Frauen
die unbezahlte Arbeit für die Versorgung der Familie zugewiesen.
■■ der institutionellen Normierung und Regelung von Subjekten, Begehren und
Körpern: Es werden hegemoniale geschlechtliche Leitbilder und Begehrens-
formen festgelegt und dissidente Formen ausgeschlossen. In Deutschland be-
trafen solche Ausschlüsse im 19 Jahrhundert Schwule und Lesben. Abgewer-
tet und marginalisiert wurden ‚weibische Männer‘ oder ‚Mannweiber‘, heute
‚Emanzen‘. Diese geschlechtliche Normierung beruhte lange auf nationalen
Leitbildern, so dass auch MigrantInnen oder Kolonialisierte tendenziell aus-
geschlossen wurden.

Die hegemoniale Geschlechterkultur lässt die Geschlechterordnung als gegeben


und natürlich erscheinen: Sie umfasst die kulturellen Bilder von Geschlecht, Per-
sonen und Gesellschaft, die diese Regeln legitimieren und mit Sinn speisen. Um
bei dem obigen Beispiel zu bleiben – die moderne Mutter wurde in Deutschland
und Japan als Inbild der Liebe verherrlicht und zugleich wurden alle Frauen als
Mütter definiert. Dieses Frauenbild legitimierte noch bis vor kurzem den Aus-
schluss von vielen Frauen aus einer eigenständigen Berufslaufbahn, abgesehen
von einer kurzen Erwerbstätigkeit vor der Ehe.
Die Geschlechterordnung verändert sich in der Moderne und bleibt nicht sta-
tisch fixiert. Während sich die Politik im 20. Jahrhundert tendenziell demokra-
tisierte, der Kapitalismus zur Massenproduktion überging, die Massenmedien
breite Mehrheiten erreichten und die Frauenbewegungen für Autonomie und
24 Ilse Lenz

Gleichheit kämpften, erfuhr auch die Geschlechterordnung mehrere Umbrüche.14


Ich spreche von einer Transformation der Geschlechterordnung, wenn sich die
Verhältnisse in einigen der aufgeführten strategischen Felder15 und die Geschlech-
terkultur und -wissen grundlegend verändern. Meine Annahme lautet, dass sich
danach für einige kapitalistische postindustrielle Gesellschaften drei Stufen der
Modernisierung der Geschlechterordnung herausarbeiten lassen.16 Sie werden
hier knapp aufgeführt und später detailliert in diesem und den folgenden Teilen
dargestellt.

1) In der nationalen Modernisierung wird eine neopatriarchale Geschlechterord-


nung etabliert.
2) In der organisierten Moderne entwickelt sie sich zu einer differenzbegründeten
Geschlechterordnung fort.
3) In der gegenwärtigen reflexiven Modernisierung zeichnet sich der Übergang
zu einer flexibilisierten Geschlechterordnung ab.

Zu 1. Während der moderne Nationalstaat die Gesellschaft nach innen durchdrang,


vereinheitlichte und normierte, begann zugleich die Kolonisierung der Gesell-
schaften im globalen Süden ausgehend von Europa und später den USA. Nach Mi-
chiko Mae wurde Japan beides: ein Land, das hätte kolonialisiert werden können,
und ein Land, das selbst die Position eines Kolonialherrschers einnahm. Diese
„Doppelperspektive“ macht die Untersuchung des Nexus von Nation, Kolonialisie-

14 Hier können diese langzeithistorischen großen Trends nur knapp benannt werden, während
auf die tiefen Einbrüche etwa durch den Nationalsozialismus und den Ultranationalismus
hingewiesen sei. Es soll also keine Fortschrittsgeschichte zugrunde gelegt werden; vielmehr
entwickeln sich Modernisierungen widersprüchlich und auch gegenläufig.
15 Meine These der Transformation der Geschlechterordnung stützt sich auf die Auswertung
der Veränderungen in postindustriellen Wohlfahrtsstaaten u. a. im Rahmen des internatio-
nalen Forschungsnetzwerks Globalization, Gender and Work Transformation (GLOW), dem
hiermit für viele inspirierende Diskussionen gedankt sei. Diese ergab, dass diese Verände-
rungen unterschiedlich und ungleichzeitig geschehen, so dass diese Prozesse in diesen Fel-
dern zwar nicht parallel verlaufen, sich aber dennoch grundlegende Umbrüche abzeichnen.
16 Vgl. u. a. Lenz 2017b zu einigen empirischen Trends für Europa und die USA. Ich knüpfe
hier an die Debatte zur Modernisierung moderner Gesellschaften und Geschlecht an, vgl.
u. a. Wagner 1995; Aulenbacher 2005: 101 – ​161; Becker-Schmidt, Knapp 2000. Der Ansatz der
Geschlechterordnung wird hier auf einer Metaebene als ein vergleichendes Rahmenkonzept
eingeführt; jedoch unterscheiden sich die Ausformungen in einzelnen Gesellschaften etwa
nach dem Typ des Gender-Wohlfahrtsregimes oder nach der Kultur. In diesem Rahmen
können die Belege für die großen Entwicklungsbögen nur ansatzweise aufgeführt werden;
vgl. dazu Lenz 2010, 2014; 2017, 2017a. In den empirischen Teilen I bis IV finden sich die Be-
lege zur Entwicklung der Geschlechterordnung und Frauenbewegungen in Japan, auf die in
dieser Überschau verzichtet werden muss.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 25

rung, sowie die unterschiedlichen Haltungen der Frauenbewegungen dazu beson-


ders ertragreich (vgl. Mae in diesem Bd.). Wie bei den europäischen Kolonialher-
ren verlief in Japan die Formierung des modernen Nationalstaats nach innen und
des Kolonialstaats nach außen in miteinander verkoppelten Prozessen (Kreiner
u. a. 2010; Molony u. a. 2016). Nach innen wurde in der nationalen Modernisie-
rung eine neopatriarchale Geschlechterordnung etabliert und der modernen Na-
tion und der Industrialisierung zugrunde gelegt. Sie beruhte auf der Herrschaft
von Männern – insbesondere der Eliten – in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik,
die zugleich ihre familiale Autorität als Haushaltsvorstand über ihre Frauen und
Kinder rechtlich festlegten. Die heteronormative Familie galt als Grundzelle der
Nation. Homosexualität wurde ausgegrenzt, in manchen Ländern wie in Deutsch-
land verboten. Wegen dieser modernisierten Herrschaft des Haushaltsvorstands
über die Frauen und Töchter wie auch die Söhne spreche ich von einer neopatri-
archalen Geschlechterordnung (vgl. Lenz 2017b, 2019b). In Japan bildete sich der
neopatriarchale Familienstaat in Verbindung mit dem Kaisersystem heraus, das
für die vermeintliche Einzigartigkeit Japans als ‚Land der Götter‘ stand und die so-
zialen und politischen Autoritäten historisch und mythisch legitimierte.
Die moderne Politik wie auch die Wissenschaft konstituierten sich als männ-
lich monopolisierte Felder. In der Industrialisierung besetzten Männer die wirt-
schaftlichen Führungspositionen, während zunächst junge Frauen vom Land
bis Mitte der 1920er den Löwenanteil der ArbeiterInnen in den frühen Textil-
und Leichtindustrien stellten (vgl. Krämer 2006; Lenz 1984; Molony, Uno 2005;
Molony u. a. 2016).
Der japanische Kolonialismus beeinflusste die geschlechtlichen Aufbrüche
und Zuspitzungen in Ostasien, die durch interne Konflikte und Modernisierun-
gen und durch den westlichen Imperialismus in Gang gekommen waren. Wäh-
rend der Kolonialismus moderne Bildungsinstitutionen für neue Eliten eröff-
nete, machte er die Kolonialisierten zum Objekt politischer Unterdrückung und
wirtschaftlicher Marginalisierung und Ausbeutung und wertete sie sozial ab. Den
antikolonialen Widerstand gegen den neopatriarchalen Familienstaat unter dem
Kaiser trugen dann Frauen wie Männer mit und sie forderten Selbstbestimmung,
Freiheit und Gleichheit. Dies antikoloniale Gleichheitserbe wirkt trotz der kon-
fuzianischen Einfärbung bis heute in China und Korea fort.
Kulturell wurde die neopatriarchale Geschlechterordnung durch die Annah-
men einer grundlegenden biologischen Geschlechterdifferenz und der natürli-
chen Überlegenheit des Mannes legitimiert. In Japan speiste sich dies Gender-
wissen aus der konfuzianischen Tradition wie auch der westlichen modernen
politischen Philosophie, Medizin und Sexualwissenschaft, die in Japan nach der
Öffnung des Landes 1868 weithin aufgenommen und mit einheimischen Ansätzen
verbunden wurden (vgl. Frühstück 1997, 2022; Ishida 2008).
26 Ilse Lenz

Zu 2. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die neopatriarchale allmäh-


lich durch die differenzbegründete Geschlechterordnung abgelöst. Wurde doch
die neopatriarchale Geschlechterordnung durch die Modernisierung und Demo-
kratisierung im 20. Jahrhundert erschüttert (vgl. Aulenbacher 2005; Wagner 1995).
Aufgrund der Niederlage des Nationalsozialismus und des japanischen Ultra-
nationalismus 1945 und der Dekolonisierung gewannen Frauen allmählich welt-
weit wie auch in Japan den Zugang zur Politik und zum Wahlrecht, sowie zur
Wissenschaft. Sie konnten also eine politische Stimme und eine – begrenzte – öf-
fentliche und berufliche Präsenz erringen.
International setzte sich die Dekolonisierung durch, während wirtschaftliche
und politische Abhängigkeiten reorganisiert wurden. Die Entwicklung des Ka-
pitalismus führte zur Massenproduktion im Fordismus, in Japan im Toyotismus.
Die fordistische und die toyotistische Arbeitsorganisation stützte sich auf männ-
liche Massenarbeiter, die die industriellen Stammbelegschaften bildeten und als
Familienernährer betrachtet wurden. Vor allem junge Frauen wurden als einfache
oder angelernte Arbeitskräfte in der Industrie beschäftigt und zogen zugleich in
die rasch zunehmenden Büro- und Angestelltenberufe ein. Die Geschlechterdiffe-
renz wurde in Form des Ernährer-/Hausfrauenmodells in den sich herausbilden-
den Wohlfahrtsstaat eingebaut und dadurch verstärkt.
Während die Bedeutung der männlichen Überlegenheit und der väterlichen
Autorität gegenüber Frau und Familie zurückging, wurde nun die ‚biologische
Geschlechterdifferenz‘ zum Strukturierungsprinzip der neuen Geschlechterord­
nung. Deswegen spreche ich von einer differenzbegründeten Geschlechter­
ordnung. Der ‚kleine Unterschied‘ brachte sozusagen die großen Folgen einer
ungleichen Macht- und Arbeitsteilung per se mit sich. Die Lohnarbeit zur Ab-
sicherung der Familie wurde ‚dem Mann‘ zugeordnet und die unbezahlte Familien-
und Versorgungsarbeit ‚seiner Hausfrau‘. Zudem wurden die ‚zwei Geschlechter‘
zunehmend als unterschiedlich, aber gleichwertig gesehen. Die Zweigeschlecht-
lichkeit wurde durch die Betonung der Geschlechterdifferenz vertieft, aber sie
wurde durch den Gleichwertigkeitsmythos zugleich nivelliert. Homosexuelle und
Inter*personen wurden weiterhin marginalisiert. Die differenzbegründete Ge-
schlechterordnung verankerte eine tiefe geschlechtliche Ungleichheit. Aber diese
wurde durch Berufung auf die Biologie naturalisiert und durch den Gleichwertig-
keitsmythos verdeckt. Zudem brachte der fordistische oder toyotistische Kapita-
lismus eine gewisse Beschäftigungsstabilität und Massenkonsum für breite Kreise,
die auch die Lage der Hausfrauen abstützte. So schien der Geschlechterkonflikt in
der differenzbegründeten Geschlechterordnung vorübergehend stillgestellt. Aber
ab den späten 1960er Jahren bildeten sich weltweit neue Frauenbewegungen, die
nun die differenzbegründete Geschlechterordnung fundamental kritisierten. Da-
mit läuteten sie zusammen mit der Globalisierung und Flexibilisierung des Ka-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 27

pitalismus den Übergang zu einer neuen Geschlechterordnung ein (vgl. Lenz


2017 a, b).
Zu 3. In der reflexiven Modernisierung werden die bisherigen Fundamente der
Moderne erschüttert und hinterfragt wie die Nation, der fordistische Kapitalismus
und die naturalisierte Zweigeschlechtlichkeit. So lässt sich vermuten, dass sich ge-
genwärtig eine flexibilisierte Geschlechterordnung herausbildet, wobei der Aus-
gang und ihre Strukturen allerdings noch offen sind, da sie gegenwärtig ausgehan-
delt werden und letztlich kontingent sind.
Vor allem drei Entwicklungen deuten in diese Richtung. Zum einen wurden
im globalisierten Kapitalismus und Postfordismus Arbeitsmarkt und Familien
tiefgehend flexibilisiert, fragmentiert und pluralisiert. Frauen und MigrantIn­
nen dringen auf dem Arbeitsmarkt vor, so dass die vorigen Geschlechter- und
ethnischen Grenzen durchlässig werden. Die männlichen Kernbelegschaften
des Fordismus kommen unter Druck und werden teils erodiert. Zugleich wird
die Versorgungsarbeit im Haushalt teils über den Markt oder den Staat reorga-
nisiert und dann teils in gering bezahlter, oft prekarisierter Arbeit geleistet. Al-
lerdings wird die Vergeschlechtlichung der bezahlten und unbezahlten Carework
zu­nehmend hinterfragt und nicht mehr einfach nach (weiblichem) Geschlecht or-
ganisiert.
Zum anderen haben sich durch den Einfluss des Wertewandels und der Frau-
enbewegungen die geschlechtlichen Machtverhältnisse verändert: Durch Be-
schlüsse der UN und der meisten Staaten wurde Gleichheit zur globalen Norm.
Frauen werden in den meisten demokratischen Gesellschaften an Machtpositio-
nen beteiligt, wenn auch weiterhin als Minderheit. Sie wirken also mit an den
Debatten um und Festsetzung von institutionellen Normen. Diese Teilhabe lässt
sich als grundlegender Demokratisierungsprozess einschätzen. Allerdings sind
die gesellschaftspolitischen Positionen der nun neu beteiligten Frauen sehr un-
terschiedlich: Sie können von einer Kooperation von Feminismus und Neolibe-
ralismus über nationalistische oder kulturalistische Ansätze in der Familien- und
Mutterpolitik bis zur grundlegenden Kritik an wechselwirkenden Ungleichheiten
reichen.
Zum Dritten hat sich die Geschlechterkultur grundlegend gegenüber der diffe-
renzbegründeten Geschlechterordnung verändert. Unter dem Einfluss der Neuen
Frauenbewegung und der Homosexuellenbewegungen hat sich das Verständnis
von Geschlecht in den postindustriellen Wohlfahrtsstaaten flexibilisiert und plu-
ralisiert. Queere Theorieansätze konzipierten auch das Begehren als vielfältig und
flexibel. Inter*Personen gewinnen allmählich eine öffentliche Stimme und haben
die zweigeschlechtliche Normierung des Sex, des Körpergeschlechts, hinterfragt.
Tendenziell wird Geschlecht also nicht mehr als biologisch bestimmtes Schicksal,
sondern eher als Frage unterschiedlicher persönlicher Lebensentwürfe aufgefasst.
28 Ilse Lenz

Die Geschlechter erscheinen als persönlich formbar und gestaltbar. Die Trends zu
einer flexibilisierten Geschlechterordnung resultieren sowohl aus der Globalisie-
rung und Modernisierung des Kapitalismus wie auch aus der neuen Frauenbewe-
gung und der Gleichstellungspolitik ab den späten 1960er Jahren, wie in Teil IV
ausgeführt wird.
Nun gehe ich zunächst auf die Entwicklung der neopatriarchalen Geschlech-
terordnung in Japan ein, in deren Kontext sich die ersten Wellen der Frauenbewe-
gungen formierten. Die weiteren Stufen werden in den folgenden Teilen dar-
gestellt.

Die Entwicklung der modernen neopatriarchalen


Geschlechterordnung in Japan

In der Meiji-Restauration 1868 stürzte ein Bündnis von Samurai um den jun-
gen Kaiser Meiji und von Teilen des Handelskapitals das bisherige feudale Herr-
schaftssystem der Tokugawa in Tōkyō.17 Die neue politische Führung setzte sich
aus männlichen Bürokraten, Militärs und Intellektuellen meist aus der mittleren
Samuraischicht zusammen. Ein großer Teil von ihnen kam aus den vorigen Feu-
dalgebieten im Südwesten, die den Tokugawa fernstanden.
Kaiser Meiji kündigte in seiner Eidescharta vom April 1868 die Einführung
von beratenden Versammlungen, persönlicher Mobilität und Berufsfreiheit an.
Die Charta hob die bisherige feudale Standesordnung formal weithin auf und gab
ein grundsätzliches Versprechen politischer Beteiligung. Die neue Regierung leg-
te in wenigen Jahren die Grundlagen für eine moderne Industrienation oder für
„eine reiche Nation und ein starkes Heer“ ( fūkoku kyōhei), wie das zeitgenössi-
sche Leitwort lautete. Sie schaffte 1871 die bisherige territoriale Feudalherrschaft
ab und etablierte eine moderne Verwaltung. Mit der Einführung der Grundsteuer
um 1873 verankerte sie rechtlich ein eindeutiges Privateigentum an Boden anstelle
der vorigen gestaffelten Besitzrechte. Dabei wurden Frauen wie Männer als Eigen-
tümer und Steuerzahler einbezogen. So schuf die Regierung eine finanzielle Basis
für ihre Industrialisierungs- und Militärpolitik.
Weite Teile der politischen Elite waren aufgrund ihrer Herkunft von dem neo-
konfuzianischen patriarchalen Denken wie auch der hohen Bildungsorientierung
in der Samuraischicht geprägt. Sie setzten sich rasch und umfassend mit den poli-
tischen, wissenschaftlichen und staatlich-institutionellen Verhältnissen in Europa

17 Die folgende Darstellung stützt sich u. a. auf Gordon 2003; Jansen 2000; Mackie 2003; Mo­
lony, Uno 2005; Sievers 1983; Zöllner 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 29

und den USA auseinander. So suchten sie nach Wissen, Normen und Institutionen,
die die Entwicklung Japans zu einer modernen Nation befördern könnten.18
Unter diesen Vorzeichen beschäftigten sich die neue japanische Intelligenz
und die Medien mit westlichen Diskursen über Frauen und Gleichheit und dis-
kutierten ihre Bedeutung für Japan. Wie in Europa wurde die ‚Frauenfrage‘ von
fortschrittlichen liberalen Politikern und Intellektuellen zu Beginn der Meiji-Zeit
zum Maßstab für den Fortschritt der Nation erhoben. Demgegenüber orientierten
sich konservative Teile der Elite an den neokonfuzianischen Normen und bezo-
gen sich zugleich auf neopatriarchale westliche Denkweisen und Gesetze wie etwa
das männlich zentrierte Familienrecht in Europa nach dem Vorbild des Code
Napoleon oder den rechtlichen Ausschluss von Frauen aus der Politik in Preus-
sen.19 In ihrer Sicht verkörperte der neopatriarchale Haushalt die eigene Kultur
und Tradition, die Japan gegenüber dem Westen behaupten müsse. Konservative
wie auch liberale Denker brachten einen Nexus zwischen Nation, nationaler Ent-
wicklung und Geschlecht hervor, der historisch wirksam wurde (vgl. Mae in die-
sem Bd.). Er wirkte auch auf viele Vordenkerinnen der Frauenbewegung zurück,
die der japanischen Nation verbunden waren und im späteren Ultranationalis-
mus ab Mitte der 1930er Jahre eine Distanzierung zum ‚Westen‘ vornahmen (vgl.
Germer 2003, 2013; Ueno 2004).
Die politischen und wirtschaftlichen Eliten verankerten in den folgenden
Jahrzehnten die neopatriarchale Geschlechterordnung institutionell, indem sie
den rechtlichen Vorrang der Männer, insbesondere des Haushaltsvorstandes, ge-
genüber den Frauen in Politik, Wirtschaft und Familie etablierten.20 Nun wur-
den Frauen aufgrund ihres Geschlechts insgesamt von politischer Beteiligung
ausgeschlossen und im neuen Familienrecht von 1898 dem männlichen Haus-
haltsvorstand untergeordnet. Die moderne Geschlechterkultur legitimierte diese
neopatriarchale Geschlechterordnung. Ich will deren neue kulturelle Grundlagen
zunächst kurz umreißen und dann zusammenfassen, wie sich die neopatriarcha-
le Ordnung in den strategischen gesellschaftlichen Feldern von Politik, Familie,
Wirtschaft und Bildung durchsetzte.

18 Die frühe Meiji-Zeit bildet eine der intensiven Öffnungsphasen in der japanischen Ge-
schichte, auf die dann oft Zeiten der Schließung und der Synthese der von außen aufgenom-
menen mit den einheimischen kulturellen Elementen folgten. In der Moderne sind die wich-
tigsten Öffnungsphasen die frühe Meiji-Zeit (1868 – ​1885), die Nachkriegszeit nach 1945, die
Studenten- und Jugendbewegung um 1970 und die Globalisierung ab ca. 1990.
19 Auch hier zeigt sich eine historisch vielschichtige Entwicklung, in der die unterschiedlichen
westlichen und japanischen liberalen und konservativen Ideen aufgenommen und weiterge-
führt wurden und die in dem Dualismus von einer „patriarchalen Tradition“ in Japan und
dem liberalen Westen ignoriert wird.
20 Vgl. zu der Gesamtentwicklung u. a. Germer, Mackie, Wöhr 2014; Lenz, Mae 1997; Molony,
Uno 2005; Molony u. a. 2016.
30 Ilse Lenz

Im vormodernen Japan war Geschlecht, wie oben dargelegt wurde, hierar­


chisch mit dem Stand vermittelt und es war eher vielfältig und flexibel. In der
Modernisierung veränderte sich die Geschlechterkultur im Sinne einer polaren
Zweigeschlechtlichkeit, in der japanische und westliche patriarchale Diskurse zu-
sammenkamen. Dieses Leitbild hatte eine kulturell-biologisierende Doppelstruk-
tur: Was nun als japanische Kultur und Bräuche aufgefasst wurde, aber sich eher
aus retraditionalisierten Geschlechternormen der Oberschicht herleitete, wurde
zugleich zur wahren Natur der Japaner und Japanerinnen ausgerufen. Diese neu
gefasste japanische ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ wurden zur hegemonialen
nationalen Ideologie, die mit Zwang unterlegt war: So wurden sie zur Leitnorm
für das angemessene Denken und Verhalten der Menschen im Alltag, die in der
Sozialisation vermittelt wurden. Doch wirkten auch Sanktionen wie Lächerlich-
machen oder Ausschluss aus der Familie und Freundschaft: Frauen, die offen re-
deten, sich ‚unangemessen‘ kleideten oder sich für Politik interessierten, wurden
als unpassend oder lächerlich stigmatisiert. Harte Ausgrenzungen erfuhren vie-
le Frauen, die ohne Zustimmung des Hauses heirateten, frei mit ihren Geliebten
zusammenlebten oder Frauen liebten. Nur das neue intellektuelle Milieu eröff-
nete einen begrenzten Freiraum für neue emanzipatorische Gedanken und Le-
bensexperimente.
Ab dem späten 19. Jahrhundert verbreitete sich das neue hegemoniale Frauen-
bild der „guten Ehefrau und weisen Mutter“.21 Danach sollten Frauen den Haus-
halt wirtschaftlich und sparsam führen und so den Ehemann für Unternehmen
und Nation freistellen, sowie die Erziehung der Kinder im nationalen Sinne leis-
ten. Während im vormodernen Japan die Mutterschaft relativ geringe Bedeutung
hatte, wurde sie nun zunehmend sozial und emotional besetzt. Auch die Frauen-
bewegung trug dazu bei: Während sie die nationale Genderideologie kritisierte,
beschwor ihr maternalistischer Flügel ab dem frühen 20. Jahrhundert die Bedeu-
tung der Mutterschaft für die Nation (vgl. Q 1.09). In der hegemonialen Ideologie
wurde offene weibliche Sexualität im Namen von Zivilisation und Fortschritt ab-
gewertet. Während Mädchen und Jungen auf dem Land besonders im Südwes-
ten gewisse sexuelle Freiräume hatten, wurden Keuschheit und Jungfrauenschaft
in der Oberschicht und dem Bürgertum nun ein hoher Wert zugeschrieben (vgl.
Q 1.06; Frühstück 1997). Abgesehen von einer kurzen Verbotszeit bis 1880 war Ho-
mosexualität zwar legal, sie wurde jedoch delegitimiert, als ‚pervers‘ definiert und
tendenziell in die Subkultur abgedrängt (Frühstück 2022; Pflugfelder 1999).
Die radikalen Strömungen der japanischen Frauenbewegung kritisierten die-
se hegemonialen Bilder von ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ grundlegend, weil

21 ryôsai kenbo; vgl. Koyama 2013; Uno 1999, 2005.


Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 31

sie in ihrer Sicht die moderne Geschlechterungleichheit legitimierten und einen


Zwangscharakter hatten. Sie entwarfen Bilder von Frauen, die wie die Sonne aus
sich selbst leuchten, ihre Haare lösen und die geliebte Person von sich aus umar-
men, also von Frauen, die ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bedürfnisse und Wege
entdecken (vgl. u. a. Q 1.03, 1.04, 1.10, 2.12, 3.17). Demgegenüber lehnten die sys-
temnahen Richtungen die hegemonialen Geschlechternormen nicht grundsätz-
lich ab, sondern diskutierten eher, wie diese Normen im Sinne von Frauen um-
gestaltet werden könnten. So trugen die ersten maternalistischen Autorinnen
zu einem Bild der autonomen Mutter bei, die durch Geburt und Erziehung der
Kinder ihren Beitrag zur Gesellschaft oder zur Nation leistet (vgl. Kōuchi 1988;
Q 1.09). Die Frauenbewegungen beteiligten sich also an der Konstruktion der mo-
dernen Geschlechterbilder und -normen und sie mischten sich in die Debatten
ein, wie diese sozial und institutionell verankert werden sollten.
Wie sich die neopatriarchale Geschlechterordnung in zentralen gesellschaftli-
chen Feldern wie Politik, Familie, Wirtschaft und Bildung etablierte, soll nun um-
rissen werden. Dabei werden die Wechselwirkungen mit Klasse, Ethnizität und
Begehren mit aufgenommen, es wird also eine intersektionale Sicht eingebracht.
In diesen Prozessen bildeten sich langwirkende Grundstrukturen der modernen
Geschlechterungleichheit heraus. Bis zur Gegenwart setzen sich die Wellen der
Frauenbewegungen mit diesen Ungleichheitsstrukturen auseinander und sie ent-
warfen unterschiedliche gesellschaftliche Visionen von einer freien, gleichen und
sinnlichen Moderne.

Der Ausschluss der Frauen aus der Politik


im neopatriarchalen Familienstaat

Die Meiji-Regierung bestand zunächst aus einem autokratischen Regime vor al-
lem von Samurai aus den südwestlichen Regionen um den neuen Meiji-Kaiser.
Dieser versprach schon 1868, öffentliche Versammlungen einzuführen. In Regie-
rungskreisen wurde ab 1873 über eine Verfassung und beratende Versammlun-
gen debattiert. 1879 wurden Regionalparlamente in allen Präfekturen eingerichtet.
Das Wahlrecht dafür erhielt eine kleine Gruppe von Steuerzahlern, die mindes-
tens fünf Yen entrichteten, wobei weibliche Haushaltsvorstände zunächst nicht
ausdrücklich ausgeschlossen waren (Anderson 2010: 28 – ​42; Doak 2007; Zöllner
2009: 235).
Die Bewegung für Freiheit und Volksrechte (1874 – ​1889) forderte ab 1874 eine
Verfassung und politische Partizipation. Sie bildete eine frühe Stimme der Zivil-
gesellschaft und umfasste Teile der städtischen und ländlichen Mittel- und Un-
terschichten in verschiedenen Regionen Japans. Frauen beteiligten sich an dieser
32 Ilse Lenz

Freiheitsbewegung und sie verlangten damals und später politische Beteiligung


(vgl. Anderson 2010; Molony 2005; Patessio 2011).
Die Meiji-Regierung kam der Bewegung für Freiheit und Volksrechte mit dem
Versprechen entgegen, eine Verfassung zu erlassen, baute zugleich aber die staat-
liche und polizeiliche Kontrolle aus. Dabei zog sie verschiedene westliche Modelle
und insbesondere das deutsche und preußische Beispiel heran. Die Meiji-Verfas-
sung von 1889 ging von der Souveränität des Kaisers aus, der ihr allerdings zu-
gleich verpflichtet war. Das Kabinett und die Minister waren ihm (und nicht dem
Parlament) verantwortlich, während Bürokratie und Militär bedeutende Macht
und Eigenständigkeit gegenüber der Regierung und dem Parlament erhielten. Das
Parlament hatte gesetzgebende und beratende Kompetenzen, konnte aber die Re-
gierung nur begrenzt kontrollieren.
Auch zum Unterhaus hatten zunächst nur Männer mit einem hohen Steuer-
satz das Wahlrecht, also zu Beginn nur 1,14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dar-
auf wurde dieser Satz fortlaufend gesenkt (vgl. Gordon 2003: 91 – ​2; Zöllner 2009:
246 – ​7, 260). Schließlich wurde 1925 das allgemeine Männerwahlrecht eingeführt.
Das Oberhaus setzte sich vor allem aus dem neuformierten Hochadel, den Peers,
zusammen. In Vorbereitung auf die erste Parlamentswahl 1890 bildeten sich die
ersten Ansätze der modernen bürgerlichen Parteien heraus.
Parallel dazu versuchte die Regierung, die Bewegung für Freiheit und Volks-
rechte und die öffentliche Diskussion durch gesetzliche und administrative Maß-
nahmen zu kontrollieren. Mit einer Reihe von aufeinanderfolgenden Regelungen
wurden politische Vereine und Versammlungen beaufsichtigt und eingeschränkt:
Soldaten, Lehrern und Schülern wurde 1880 politische Betätigung verboten.22
1888 wurde Frauen das lokale aktive Wahlrecht abgesprochen, das sie als Steuer-
zahlerinnen in einigen wenigen Orten erreicht hatten (vgl. Anderson 2010; Mo-
lony 2009: 238). Unter dem Eindruck der liberalen Bewegung und der weiblichen
Beteiligung daran erließ die Regierung 1890 das Gesetz zu Versammlungen und
Vereinen, das die politische Kontrolle ausweitete. Nach preußischem Vorbild un-
tersagte es Frauen die politische Betätigung und sogar die Teilnahme an politi-
schen Zusammenkünften. Das Polizeigesetz zur Erhaltung der öffentlichen Ord-

22 Die Entwicklung der hegemonialen Männlichkeitsnorm während der Meiji-Zeit kann in


diesem Rahmen nicht diskutiert werden (vgl. u. a. Karlin 2014). Sie wurde stark durch das
Leitbild des Militärs beeinflusst, das durch die allgemeine Wehrpflicht in der Gesellschaft
verbreitet wurde. Parallel zu den Frauen wurde auch Soldaten und Lehrern politische Betäti-
gung verboten, was auf die zentrale Bedeutung von Armee und Schule für die Meiji-Regie-
rung verweist. Die Armee wurde in der Folge zum Aufstiegsweg vieler Männer aus der Bau-
ernschaft, besonders für jüngere Söhne, die in der Hauswirtschaft marginalisiert waren: Sie
mussten diese oft verlassen, um einen eigenen Erwerb zu suchen, während der älteste Sohn
der Hauserbe war.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 33

nung von 1900 bestätigte dies Verbot in Artikel 5. So wurden Frauen umfassend
von politischer Partizipation ausgeschlossen.
Der Staat wollte mit dem Ausschluss von Frauen aus der politischen Partizi-
pation erreichen, dass sie sich auf ihre nationale Rolle im Haushalt konzentrier-
ten, lautet eine These. Denn ihre Hausarbeit wurde anders als etwa in Europa und
den USA nicht allein als private Sorge für die Familie eingestuft. Vielmehr wur-
de er als ihr öffentlicher Beitrag zur Nation gewertet, der Vorrang vor ihrer poli-
tischen Beteiligung haben sollte (Nolte, Hastings 1991: 156). Frauen traf also das
gleiche Verbot wie Jugendliche aber auch wie öffentliche Leitfiguren, zu denen
Soldaten, Lehrer und Priester von Tempeln und Shinto-Schreinen zählten. Da-
nach wurden Frauen aus der Politik nicht deswegen ausgeschlossen, weil sie nicht
in die Öffentlichkeit gehörten, sondern weil der Staat ihre öffentliche Rolle in der
Hauswirtschaft als vorrangig ansah. Nolte und Hastings fassen das Frauenbild der
Bürokratie im Meiji-Staat zusammen: „An ideal woman … would be modest, cou-
rageous, frugal, literate, hardworking and productive. This constellation was so
appropriate for economic growth that we might term it a ‚cult of productivity‘“
(Nolte, Hastings 1991: 172). In staatlicher Sicht hatten Hausfrauen und Mütter die
nationale öffentliche Pflicht, sich der häuslichen Produktion und einer guten Er-
ziehung und Versorgung der Kinder in der Reproduktion zu widmen. In diesem
Sinne erklärte der Staat ‚das Haus‘ zum öffentlichen Ort, in dem die Frauen nach
der damaligen Weiblichkeitsnorm ihren geschlechtsspezifischen Beitrag jenseits
der Politik leisten sollten.23
Der moderne japanische Staat kann als neopatriarchaler Familienstaat ver-
standen werden: Die neopatriarchale Hauswirtschaft bildete das Fundament des
Staates und zugleich wurden Haushalt und Staat symbolisch als aufeinander auf-
bauende und in sich verbundene Gemeinschaften gesehen. Der Kaiser wurde
als Souverän und Verkörperung der gemeinsamen göttlichen Ahnen Japans wie
auch als Vater des Volkes vorgestellt. Gleich ihm sollte der männliche Haushalts-
vorstand über Frauen und Kinder im Haus bestimmen und sie zugleich behüten.
Neopatriarchale Autorität, Macht und Fürsorge im Staat und im Haus beding-
ten und stützten einander. Die Ideologie des Familienstaats beruhte auf einer be-
wussten Retraditionalisierung ab etwa 1890, als konservative Intellektuelle und
Politiker ein vermeintlich gemeinsames japanisches Erbe beschworen und dem
westlichen Einfluss entgegensetzten (vgl. auch den folgenden Abschnitt und Mae
in diesem Bd.). Sie formierte sich im Zuge einer zunehmenden eigenkulturel-
len Selbstbehauptung gegenüber dem ‚Westen‘ zu Ende des 19. Jahrhunderts (vgl.
Neuss-Kaneko 1990: 81 – ​84).

23 Vgl. Nolte, Hastings 1991: 199; Mackie 1997: 40; Molony 2005.
34 Ilse Lenz

Der Familienstaat bildete einen Eckpfeiler der neopatriarchalen modernen


Geschlechterordnung. Die sozialistische und die nationalpartizipative Frauen-
bewegung setzten sich für politische Partizipation und eine Reform des Familien-
rechtes ein, und beide Strömungen konnten einige Erfolge verbuchen (s. u.). Doch
die Fundamente der familialen und politischen Ungleichheit wurden letztlich erst
durch die Reformen der Nachkriegszeit nach 1945 eingerissen, als die Geschlech-
tergleichheit in der Verfassung von 1946 und dem reformierten Familienrecht von
1947 rechtlich grundlegend verankert wurde (Westhoff 1999).

Haushalt und Familienrecht in der neopatriarchalen Geschlechterordnung

Das moderne Familienrecht von 1898 legte das neopatriarchale Haus nach dem
Modell der Oberschichten zugrunde und verallgemeinerte es damit auf rechtlicher
Ebene für alle sozialen Milieus.24 Wie in anderen politischen Debatten verscho-
ben sich damals die führenden Positionen von den liberalen individuellen Ansät-
zen in den 1880er Jahren zu der nationalen Gemeinschaftsideologie des Famili-
enstaats und des Hauses (Neuss-Kaneko 1990: 57 – ​64). Das Familienrecht bildete
wie in westlichen Staaten einen Teil des BGB. Angesichts der westlichen Bedro-
hung und der Öffnung des Landes beschäftigte sich die Meiji-Regierung früh mit
dem Zivilrecht. Das liberale Eigentums- und Handelsrecht, das die Grundlagen
für die kapitalistische Industrialisierung und Finanzwirtschaft schuf, wurde mit
einem zunehmenden Geschlechter- und Familienkonservativismus kombiniert.
Es entbrannten lebhafte Debatten um die Stellung des Haushaltsvorstandes und
seine Rechte wie u. a. die Zustimmung der Eltern zur Eheschließung der Kinder,
die Scheidungsregeln, eheliche Keuschheit und Ehebruch und die Einführung der
Monogamie. Frauenverbände, u. a. der Japanische Christliche Frauenverein für Sit-
tenreform,25 und liberale Kreise, hatten sich für die Monogamie und Frauenrech-
te in der Ehe eingesetzt. Im Laufe der Beratungen des BGB wurde die Familie in
einen patrilinearen Haushalt unter einem männlichen Vorstand umgedeutet, von
dem die Ehefrau und die Kinder persönlich und finanziell abhängig wurden.
Das 1898 beschlossene BGB galt bis zur neuen Verfassung von 1946 mit ihren
Gleichheitsparagrafen. Das neopatriarchale Haus unter dem Haushaltsvorstand
wurde nun trotz der vielfältigen, davon abweichenden regionalen Familienfor-
men zur einheitlichen nationalen Rechtsnorm. Es handelte sich um eine moderne

24 Vgl. zu diesem Abschnitt Neuss-Kaneko 1990; Westhoff 1999.


25 Nihon kirisutokyō fujin kyōfūkai (Japan Women’s Christian Temperance Union (JCWTU));
vgl. Lublin 2010, sowie Yasutake 2004 zur transnationalen Entwicklung des Vereins zwischen
den USA, Japan und Korea.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 35

Rechtssetzung im Sinne einer Retraditionalisierung und nicht um eine Fortschrei-


bung einer ‚einheitlichen nationalen Tradition‘, wie die konservativen Nationalis-
ten behaupteten. Der Haushaltsvorstand verwaltete nach deutschem Vorbild das
Vermögen der Frau, und sie selbst konnte nur mit seinem Einverständnis darüber
verfügen. Er bestimmte über die Erziehung und den Wohnort der Kinder. Da-
mit war das neopatriarchale Haus als soziale und wirtschaftliche Einheit unter der
Autorität eines grundsätzlich männlichen Vorstands rechtlich institutionalisiert.
Bis zum Alter von 30 Jahren bei Männern und von 25 Jahren bei Frauen war
die Zustimmung der Eltern zur Eheschließung erforderlich. Eine doppelte Mo-
ral zeigte sich darin, dass der Ehebruch der Frau strafbar war, der Mann aber
grundsätzlich straffrei ausging und nur sanktioniert wurde, wenn er mit einer ver-
heirateten Frau Verkehr hatte (vgl. Fuess 2014). Verbesserungen für Frauen zeig-
ten sich in der Einführung der Monogamie und der beiderseitigen Einleitung des
Scheidungsverfahrens, während vorher die Konkubinen wenig Rechte hatten und
allein der Mann die Scheidung aussprechen konnte.
Der Widerstand von Frauen wie auch weiter Teile der Jugend gegen die re-
traditionalisierten und kulturalisierten neopatriarchalen Normen im BGB von
1898 wuchs rasch (vgl. Neuss-Kaneko 1990: 78 – ​81). Die radikalen Strömungen der
Frauenbewegung kritisierten das Haus grundlegend, und sie entwarfen alternati-
ve moderne Lebensformen, die von freiem Eros und der Mutterschaft als Macht-
quelle inspiriert waren (vgl. Q 1.05, 1.09).

Die segregierte Mehrheit – Frauenarbeit und Industrialisierung

In der Industrialisierung bauten Staat und Unternehmen auf der herkömmlichen


hohen ökonomischen Aktivität der Frauen auf, die sie nun für die Konsumgüter-
und Textilindustrien rekrutierten.26 So bildeten Frauen bis Mitte der 1920er Jahre
die Mehrheit der Industriearbeiter.27 Parallel dazu trieb der Staat die Entwicklung
der Schwerindustrie in Bergbau, Eisen und Stahl, sowie Schiff‌bau und Maschi-
nenbau voran, wo überwiegend Männer beschäftigt und zum Teil beruflich qua-
lifiziert wurden (Gordon 1985). Der Aufbau der Schwerindustrie, der früh für die

26 Zu diesem Abschnitt vgl. u. a. Faison 2007; Himeoka 2014; Hunter 2003; Lenz 1984; Mathias
1997, 2014; Schaal 2022; Tsurumi 1990.
27 1895 betrug der Frauenanteil an der industriellen Lohnarbeiterschaft etwa 60 %, 1910 etwa
61 % und 1929 noch 50,5 % (Lenz 1984: 199). Darin drückte sich auch die große Bedeutung der
Frauen als vom Land abgewanderte Arbeitskräfte aus, die dann für die nationale Industria-
lisierung in Dienst gestellt wurden. In Europa zeigte sich demgegenüber eine gewisse Kon-
tinuität von dem überwiegend männlich besetzten Handwerk zu der eher männlichen In-
dustriearbeiterschaft.
36 Ilse Lenz

nationale Unabhängigkeit, insbesondere die Rüstung, geplant wurde, wurde auch


mit den Exporterlösen der eher weiblich besetzten Textil- und Leichtindustrien
finanziert.
In der modernen Großindustrie war das Personalmanagement von Anfang an
geschlechtlich segregiert, was sich insbesondere in der Rekrutierung, der Quali-
fikation und dem Recht auf unabhängige Lebensführung zeigte. Die modernen
Baumwoll- und Seidenindustrien, die für den Export- und Binnenmarkt produ-
zierten, beschäftigten vor allem junge ledige Arbeiterinnen vom Land. Die Unter-
nehmen oder ihre Arbeitsvermittler28 schlossen die Arbeitsverträge meist nicht
mit der Arbeiterin selbst ab, sondern mit dem männlichen Haushaltsvorstand, oft
mit dem Vater. Dieser erhielt einen beträchtlichen Lohnvorschuss, den die Arbei-
terin dann in der Fabrik abarbeiten musste. Häufig wurde ihm auch ein Anteil des
Lohnes von der Fabrik direkt überwiesen. In diesem Fall konnten die Arbeiterin-
nen nur zum Teil über ihren eigenen Lohn verfügen.
Indem sich die Industriebetriebe auf die ländlichen neopatriarchalen Haus-
halte stützten, konnten sie Löhne und Lebenshaltungskosten niedrig halten. So
wurden die Arbeiterinnen in den Großunternehmen der Textilindustrie meist in
Wohnheimen kaserniert und kontrolliert: Häufig überwachten Aufseherinnen im
Wohnheim ihren Lebensalltag und nachts galten Ausgangssperren. Den Unter-
nehmen erschien diese Kontrolle und Zwangskasernierung ökonomisch rational:
Obwohl der Arbeitsmarkt rasch expandierte, konnten sie so angesichts der ge-
ringen Lebenshaltungskosten im Wohnheim den Arbeiterinnen niedrige Frauen-
löhne zahlen und sie umfassend in Arbeit und Freizeit kontrollieren. Legitimiert
wurde diese Form der Frauenbeschäftigung u. a. mit der neopatriarchalen Ideo-
logie des Hauses, nach der die Unternehmen die Töchter vom Vater ‚ausgeborgt‘
hätten und sie deswegen an seiner Stelle für sie sorgen und sie überwachen müss-
ten. In der Textilindustrie, der Leitbranche der modernen Exportindustrie, hatten
die meisten Arbeiterinnen also weder Anspruch auf ihren vollen Lohn noch auf
freie individuelle Lebensführung. Ihre persönlichen Chancen waren durch ihre
rechtliche und soziale Einbindung in den neopatriarchalen Haushalt vermittelt.
Kapitalismus und das neopatriarchale Haus wirkten als unterschiedliche Herr-
schaftssysteme eng zusammen.

28 Die industriellen Rekrutierungssysteme beruhten in weiten Teilen der Industrie zunächst


auf Arbeitsvermittlern, die männliche wie weibliche Arbeitskräfte auf dem Land anwarben.
Sie standen teils zwischen Unternehmen und ArbeiterInnen und erhielten manchmal einen
Teil des Lohns, während sie Unterkunft und Verpflegung stellten. Im Unterschied zu den
Männern wurden aber bei diesen jungen Frauen die Arbeitsverträge aufgrund der Rechts-
lage mit dem Haushaltsvorstand abgeschlossen und diesem teils beträchtliche Lohnanteile
überwiesen; vgl. Faison 2007; Gordon 1985; Lenz 1984.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 37

Während Frauen zunächst die Mehrheit der IndustriearbeiterInnen umfass-


ten, bildete sich zugleich eine tiefgreifende geschlechtliche Segmentierung der
Arbeitsmärkte heraus. In der Industriearbeit wurden Qualifikation, Langzeitbe­
schäftigung und beruflicher Aufstieg vor allem Männern eröffnet. Diese histo­
rische Weichenstellung, nach der bei Männern in die Qualifikation und die
Betriebsbindung investiert wurde, führte letztlich zu einer tiefen Spaltung der Ar-
beiterschaft und einer Privilegierung der männlichen Stammarbeiter im hohen
Wirtschaftswachstum nach 1955. Zugleich wurden Ansprüche auf längerfristige
Beschäftigung und Sicherung, die verheiratete Arbeiterinnen teils in der Klein-
und Mittelindustrie innehatten, bei diesen modernen Industriearbeiterinnen von
vornherein ausgeschlossen. Im Rahmen der Geschlechtersegmentierung in der
Textilindustrie bildete sich auch eine ethnische Segmentierung heraus. Die Fa-
briken beschäftigten Arbeiterinnen aus Okinawa oder aus Korea, letztere meist
zu niedrigeren Löhnen. Ethnische Diskriminierung war weit verbreitet (Faison
2007: 111 – ​136).
Die Nachtarbeit, die Kasernierung und die Gesundheitsgefährdung der Frauen
in der Textilindustrie wurden in den Medien und in Reformkreisen kritisiert. 1911
wurde ein Fabrikgesetz beschlossen, aber das darin enthaltene Verbot der Nacht-
arbeit trat erst 1929 in Kraft. Die 1919 gegründete Internationale Arbeitsorganisa-
tion (ILO) rief international zu Arbeitsschutz und zum Verbot der Nachtarbeit für
Frauen auf. Während in Japan ein (lückenhafter) Arbeitsschutz eingerichtet wur-
de, fehlte er in den japanischen Fabriken in China und Korea völlig.
Die große Mehrheit der Frauen war weiterhin in der Landwirtschaft und ih-
ren Nebengewerben wie der Seidenraupenzucht tätig. Ferner arbeiteten viele le-
dige oder verheiratete Frauen in der städtischen Unterschicht in der Konsumgü-
terindustrie (Lebensmittelverarbeitung, Streichhölzer usw.), im Kleinhandel oder
als Dienstboten. Dort existierte das Wohnheimsystem mit seiner Kasernierung
und Kontrolle nicht, die Arbeitsbedingungen waren flexibler und die moderne ge-
schlechtsspezifische Segmentation hatte sich noch nicht vollständig durchgesetzt.
Die Erwerbsbereiche und Arbeitsbedingungen für Frauen umfassten ein wei-
tes Spektrum, das von der unfreien Arbeit in der Prostitution bis zu qualifizierten
Dienstleistungen reichte. Die Frauen in den öffentlich lizensierten Bordellen wa-
ren gegen Vorschuss von ihren Eltern angeworben worden und als schuldabhän-
gige Arbeiterinnen29 persönlich unfrei. Sie wurden in den Bordellen kaserniert,

29 Diese Unfreiheit aufgrund von monetärer Verschuldung (bonded labour) war neben der
freien Lohnarbeit und der Sklaverei in der Moderne weitverbreitet und besteht in irregulä-
ren Tätigkeiten etwa in der Schattenökonomie weiter fort wie auch im Fall des internationa-
len Frauenhandels. Dort wird den gehandelten Frauen oft eine Summe für ihre Reise zum
Zielgebiet, für ihren anfänglichen Unterhalt usw. in Rechnung gestellt, die sie abarbeiten
müssen. Teils wird ihnen ihr Pass weggenommen und sie werden stark kontrolliert.
38 Ilse Lenz

mussten Kunden empfangen und konnten dieser Lage in der Regel nur entkom-
men, wenn sie freigekauft wurden (Davis 2019; Fujime 2015). Für die ersten Wellen
der Frauenbewegung verkörperte die öffentliche Prostitution deswegen die per-
sönliche Unfreiheit der Frau. Aktivistinnen kämpften seit dem späten 19. Jahrhun-
dert für ihre Abschaffung, die sie schließlich 1955 durchsetzten (vgl. Davis 2019;
Hastings 2014, sowie die Kritik bei Fujime 2015).
Am oberen Ende des Spektrums der Frauenlohnarbeit standen kleine Grup-
pen in qualifizierten und professionellen Berufen, wie die Lehrerinnen, die Kran-
kenschwestern und Hebammen, die Journalistinnen oder die Telefonistinnen. Sie
hatten meist die höhere Mittelschule besucht und eine Berufsausbildung erwor-
ben. Häufig waren sie bis zur Heirat oder dem ersten Kind erwerbstätig, während
sie sich danach entsprechend dem modernen Mutterleitbild auf die Erziehung der
Kinder und manchmal auf freiwilliges soziales Engagement konzentrieren sollten
(Mathias 1997, 2014). In dieser Gruppe der ‚Berufsfrauen‘ (shokugyō fujin) zeig-
ten sich Autonomiegewinne von Frauen durch Bildung, während sich zugleich
das neue Mutter- und Weiblichkeitsbild dort ausbreitete. Wie in Europa und den
USA kamen viele Aktivistinnen der ersten Wellen der Frauenbewegung aus ihren
Kreisen.

Bildung, Kultur und Geschlecht

Der Zugang zu Bildung eröffnete Männern wie Frauen erhöhte Autonomiespiel-


räume und berufliche und soziale Mobilität. Schon 1872 hatte die Meiji-Regierung
im Erziehungsgesetz die allgemeine Grundschulpflicht mit Koedukation für Jun-
gen und Mädchen verankert. Bis ca. 1900 war die Schulpflicht im nationalen Rah-
men verwirklicht, und selbst Mädchen aus entlegenen Bergdörfern besuchten die
Grundschule. Ebenso plante die Regierung die Einführung höherer Bildung und
sah die Gründung von 256 Mittelschulen in ganz Japan und von acht staatlichen
Universitäten vor. Das Universitätsstudium setzte in der Regel einen Oberschul-
abschluss nach der Mittelschule voraus. Wie auch in Deutschland blieben staat-
liche Mittel- und Oberschulen den Jungen vorbehalten (Hara 1995: 98).
Der kaiserliche Erziehungserlass von 1890 verbreitete die nationale Ideologie
der Loyalität zum Kaiser, der Pietät und der Harmonie in der Familie. Er wurde
an kaiserlichen Feiertagen rituell in allen Schulen verlesen, während dabei dem
Bild des Kaiserpaars gehuldigt wurde. So wollte die Regierung den nationalen Ge-
meinschaftsgeist stärken und Tendenzen zu Individualisierung und Gesellschafts-
kritik entgegenwirken (vgl. Zöllner 2009: 266). Die staatliche Mädchenbildung
sollte sich an dem Leitbild der ‚klugen Ehefrau und weisen Mutter‘ orientieren
(Koyama 2013; Uno 2005). Diese Weiblichkeitserziehung zur Mutterschaft er-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 39

reichte zunächst die Ober- und Mittelschichten. Neben Zustimmung und Anpas-
sung begegneten viele LehrerInnen und SchülerInnen diesem Frauenbild aber mit
Skepsis und Ablehnung, wie nicht zuletzt die Schriften von frühen Feministin-
nen zeigen.
Die staatlichen Universitäten blieben den Frauen trotz einer Reihe von Re-
formplänen bis zur Nachkriegszeit ab 1945 verschlossen (vgl. Krämer 2006). Eine
Pionierrolle kam den privaten Frauenhochschulen zu (Hara 1995: 99). Die Regie-
rung hatte zwei Höhere Fachschulen für Frauen für die Lehrerinnenausbildung
und sechs Präfekturhochschulen gegründet. 1925 besuchten ca. 15 Prozent eines
Mädchenjahrgangs verschiedene Formen der Mittelschule, aber nur eine winzige
Minderheit von 0,3 Prozent studierte an der Hochschule (Hara 1995: 99; Krämer
2006: 75 – ​6). Erst die Gleichheitsklausel in der Verfassung von 1946 und das um-
fassende Grundgesetz zur Erziehung von 1947 eröffneten Frauen ein volles Uni-
versitätsstudium. Doch erst heute nähern sich die Quoten der an der Universität
Studierenden unter Frauen und Männern allmählich an, während die geschlecht-
liche Segmentation nach Studienfach wie auch in Deutschland weiterhin mar-
kant ist.
Der Ausschluss der Frauen aus der Wissenschaft hatte wie in Europa weitrei-
chende Folgen. Denn zum einen wurden mit den japanischen Universitäten nun
Leitinstitutionen moderner Wissenssysteme geschaffen, in denen westliches, ja-
panisches und ostasiatisches Wissen zusammengeführt wurde. So blieb die wis-
senschaftliche Definitionsmacht über die moderne Welt und über die Geschlech-
terverhältnisse im neopatriarchalen Familienstaat grundsätzlich Männern aus der
Ober- und Mittelschicht30 vorbehalten. Auch unter Berufung auf die westliche
Biologie und Soziologie vertraten und verbreiteten die Sozial- und Sexualwissen-
schaften nun eindeutige zweigeschlechtliche und neopatriarchale moderne Wis-
sensformen, während das vorige vieldeutige Genderwissen obsolet erschien. Erst
hundert Jahre später verlor diese männlich zentrierte Definitionsmacht ihr Deu-
tungsmonopol mit der Herausbildung der kritischen Geschlechterforschung und
dem allmählichen Eintreten von Frauen in Forschung und Lehre ab den 1980er
Jahren; sie ist aber weiterhin hegemonial. Zum anderen waren Frauen lange aus
akademischen Berufen außerhalb des Lehrerberufs weitgehend ausgeschlossen –
und somit aus einem breiten Bereich von mittleren und Führungspositionen in
Wirtschaft und Gesellschaft.
In der rasch sich ausweitenden Massenpresse wandten sich allerdings ver-
schiedene Zirkel und Zeitschriften der ‚Frauenfrage‘ zu und traten für die Förde­

30 Viele männliche Wissenschaftler und Intellektuelle interessierten sich für die „Frauenfra-
ge“ und setzten sich für Reformen ein, was aber den völligen Ausschluss der Sichtweisen von
Frauen in der Wissenschaft nicht kompensieren konnte.
40 Ilse Lenz

rung von Frauen ein (vgl. Kischka-Wellhäußer 2004). Während sie teils von der
Ideologie der klugen Ehefrau und weisen Mutter beeinflusst waren, diskutierten
sie u. a. über Probleme wie Frauenbildung, Frauenrechte oder Ehe- und Familien-
reform. Sie boten auch ein Forum für Schriftstellerinnen und Journalistinnen. So
entstand eine Öffentlichkeit für die Frauenfrage, die engagierte Frauen und Män-
nern nutzen konnten.
Die kulturelle Kreativität von Frauen war anerkannt und ermöglichte ihnen
eine öffentliche Stimme. Schriftstellerinnen und Dichterinnen wurden weit gele-
sen. Die Dichterin und Feministin Yosano Akiko (1878 – ​1942) etwa fand große Re-
sonanz mit ihren Versen gegen den Russisch-Japanischen Krieg und ihren Bildern
weiblicher autonomer Erotik (vgl. Q 1.02, 1.03). Auch Schauspielerinnen, Theater-
regisseurinnen und Journalistinnen äußerten und behaupteten sich in der Öffent-
lichkeit. Dementsprechend kam Frauen mit guter Bildung und mit professionel-
len oder künstlerischen Berufen in den ersten Wellen der Frauenbewegung eine
große Bedeutung zu.

Teil II: Partizipation, Subjektwerdung und Autonomie im


Familienstaat: Entwicklungslinien der Frauenbewegungen
von 1885 – ​1945

Bisher wurde dargelegt, wie sich die moderne neopatriarchale Geschlechterord-


nung in Japan entwickelte und durchsetzte. In dieser Ordnung wurde ‚die Frau‘
als eine Kollektivgruppe mit einer gemeinsamen Rechtslage gefasst, die durch
politischen Ausschluss und Unterordnung im Familienstaat bestimmt war. Im
gleichen Zeitraum begannen Frauen aber auch, sich als mögliches Subjekt einer
Frauenbewegung zu verstehen und zu äußern.31 Auf dem Weg dorthin waren sie
mit zweierlei Barrieren konfrontiert: Die erste bildete der moderne Männerstaat
und sein gesetzliches Verbot politischer Beteiligung für Frauen. Die zweite Ein-
schränkung bildete ihre Unterordnung in der männlich zentrierten modernen
Zivilgesellschaft und den sozialen Bewegungen, wo sie als Frauen entweder aus-
gegrenzt oder wie eine andere Art Menschen behandelt, also zu Anderen gemacht
wurden. Konfrontiert mit männerbündlerischem Verhalten, Abwertungen oder
Sexualisierungen bildeten Frauen früh eigene Netzwerke und Räume, in denen

31 In dieser Einleitung kann nur eine zusammenfassende Einführung zur japanischen Frauen-
bewegung gegeben werden; vgl. zur Entwicklung bis 1945 u. a. die historischen Gesamtdar-
stellungen in Bullock u. a. 2018; Kano 2016; Mackie 2003; Sievers 1983; weiterhin die Quellen-
sammlungen Nihon fujin mondai shiryō shūsei 1976 – ​1979; Shisō no umi e. Bd 20 – ​23; Suzuki
1993 – ​1998. Crozier-de Rosa und Mackie betrachten die historische Erinnerung zu Frauen-
bewegungen in Europa und Ostasien unter Einbezug von Japan und den USA (2019).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 41

sie ihre Diskurse, Bilder und Forderungen entfalten konnten. Zugleich eröffneten
sich den Frauen in der Moderne auch neue Chancen in Bildung und Kultur, die
sie für die Mobilisierung32 für ihre Anliegen nutzen konnten. In der Entwicklung
der Frauenbewegungen treten so die Widersprüche und Ambivalenzen der Mo-
derne zwischen Teilhabe und Ausschluss, zwischen individuellen Chancen und
Ungleichheiten nach Klasse, Geschlecht und Ethnizität wie in einem Brennglas
zutage.
Die ‚Frau‘ wurde nun im modernen Männerstaat als Kollektivgruppe definiert,
aber die aktiven Frauen kamen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. So wur-
den Frauen aus verschiedenen Klassen von den Samurai über die Kaufleute und
Bauern bis zur Arbeiterschaft aktiv. Weiterhin handelten sie im Zusammenhang
kolonialer, postkolonialer wie auch nationaler und lokaler Ungleichheiten. Des-
wegen sind nicht nur die Geschlechterungleichheit, sondern deren Wechselwir-
kungen mit der Klasse, der ‚Rasse‘ oder Ethnizität, der Religion und der interna-
tionalen Ungleichheit wesentlich. Weiterführend sind intersektionale Sichtweisen,
die das Zusammenwirken von Ungleichheiten wie Geschlecht, Sexualität, Klas-
se und Ethnizität wahrnehmen, aber auch offen für Widersprüche und subjektive
Ambivalenzen sind. An anderer Stelle habe ich vorgeschlagen, diese Widersprü-
che, Spannungen und Ambivalenzen im längerfristigen Prozess der Frauenbewe-
gungen zu betrachten. Diese Sichtweise bezeichne ich als prozessuale Intersektio-
nalität (Lenz 2019, 2019a).
In den japanischen Kolonien reagierten Frauen auf die Durchsetzung der ja-
panischen Kolonialherrschaft wie auch auf neue Möglichkeiten vor allem in der
Bildung mit einer breiten Beteiligung an der antikolonialen Bewegung und mit
neuen Selbst- und Lebensentwürfen. Die Figur der Nora aus Henrik Ibsens Thea-
terstück, die ihr Haus verlässt und die Tür hinter sich zuschlägt, wurde in China
und Korea wie auch in Japan aufgegriffen und löste neue Frauenbilder und Selbst-
entwürfe aus. In Korea beteiligten sich viele Frauen, darunter auch Studentin-
nen, an der antikolonialen Bewegung des Ersten März 1919. In der Folge bildeten

32 Die soziale Bewegungsforschung versteht unter Mobilisierung, dass Gruppen oder einzelne
Personen sich dafür einsetzen, Menschen zu einem bestimmten Thema anzusprechen und
zu motivieren, dafür aktiv zu werden. Wesentliche Aspekte der Mobilisierung sind die The-
menwahl und die damit verbundene Problembestimmung (also das framing wie etwa der
Ausschluss von Frauen aus der Politik als Ausdruck neopatriarchaler Strukturen), die Bil-
dung von Organisationen, die kontinuierlich aktiv bleiben und Ressourcen wie Geld und
Zeit dafür beschaffen, und kollektive Aktivitäten wie Demonstrationen oder Veranstaltun-
gen, die das Thema in die Öffentlichkeit einbringen und dort Aufmerksamkeit und Unter-
stützung dafür erzeugen. Ich spreche hier von Mobilisierung oder mobilisieren, um darauf
hinzuweisen, dass die Frauenbewegung sich nicht auf Diskurse beschränkt, sondern kollek-
tives Handeln und Praktiken voraussetzt.
42 Ilse Lenz

sich Frauengruppen in einem breiten Spektrum von christlichen33 bis zu sozia-


listischen Verbänden heraus. Auch in China begann der Aufbruch der antikolo-
nialen und Frauenbewegungen mit der antikolonialen Vierten-Mai-Bewegung vor
allem von StudentInnen 1919 gegen den westlichen und japanischen Imperialis-
mus (Choi 2013; Lan, Fong 1999; Molony u. a. 2016).
Die Frauenbewegungen in Japan bildeten sich vor Ort heraus, aber sie bezogen
sich dabei auch auf die großen internationalen liberalen, sozialistischen und anti-
kolonialen Bewegungen. Ebenso setzten sie sich mit den weltweiten, miteinan-
der vernetzten Frauenbewegungen in anderen Regionen auseinander, die in der
kolonialen und dann postkolonialen Welt den Erdball umspannten (vgl. Lenz
2017a, 2018; Ferree, Mueller 2004; Rupp 1997). Feministische Ideen verbreiteten
sich – zunächst von Europa und den USA ausgehend – international und wurden
auch in Ostasien und Japan angeeignet und weitergeführt (Choi 2013; Lan, Fong
1999; Molony 2010; Molony u. a. 2016). Weiterhin tauschten sich einige wenige ja-
panische Aktivistinnen mit engagierten Frauen in Ostasien, vor allem in China
und Korea, aus.
Wie die Quellen in diesem Band zeigen, ließen sich japanische Vordenkerin-
nen und Aktivistinnen von internationalen Ideen inspirieren, die sie für ihren ja-
panischen Kontext weiterdachten und veränderten. Sie wählten manche Impulse
für sich aus, lehnten andere ab und formten sie entsprechend ihren Bedürfnis-
sen und den Herausforderungen in ihrem Umfeld um. Denn Frauenbewegungen
gehen von den AkteurInnen in deren Kontext aus und sie werden nicht einfach
von oben durch westliche oder imperiale Diskurse übertragen oder aufgeherrscht.
Dies gilt auch für andere soziale Bewegungen. Schon deswegen trifft das Bild der
‚verwestlichten‘ Frauenbewegung nicht zu. FeministInnen werden aktiv und schaf-
fen dabei transkulturelle Kompositionen (blended composition) in der internatio-
nalen Wissenszirkulation: Bestimmte internationale und/oder westliche Ansätze
werden aufgenommen und mit regionalen oder nationalen Konzepten zusam-
mengeführt, „komponiert“, so dass neue Ideen und Praktiken entstehen.34

33 Christliche Kreise waren in Japan eher distanziert zur Kaiserherrschaft, da sie die Verehrung
des Kaisers als Gottheit ablehnten. In Korea standen christliche Gruppen für soziale und Re-
formanliegen und viele Christen schlossen sich der antikolonialen Bewegung gegen den ja-
panischen Kolonialismus an, während sie in den westlichen Kolonien oft den Kolonialismus
unterstützen.
34 Da der Begriff der interkulturellen Komposition das aktive Element der Aneignung und
Neuschaffung betont, ziehe ich den Begriff anderen Zugängen vor wie etwa der travelling
theories, die frei international zu reisen scheinen, oder der translation, die semantisch den
Prozess des Übersetzens, nicht aber der Weiterführung heraushebt. Diese Quellensammlung
bietet wichtige Beispiele dafür; vgl. etwa die Debatte um Mutterschutz ab 1916, in der sich
die Sprecherinnen auf europäische Entwicklungen beziehen und sie für Japan ablehnen oder
aufnehmen und weiterführen (Q 1.08, Q 1.09).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 43

Die Frauenbewegungen in Japan bearbeiteten eine Vielzahl von Themen, die


von der politischen Partizipation über Arbeiterinnenrechte, Gleichheit und Auto­
nomie in Beziehungen und Familie, erotische und sexuelle Autonomie bis zur
kulturellen Kreativität reichten. Zudem wurden sie von unterschiedlichen gesell-
schaftspolitischen Strömungen beeinflusst wie vom Liberalismus, dem Sozialis-
mus oder dem Anarchismus (s. u.). Diese Differenzen und Ungleichheiten auch
innerhalb der Frauenbewegungen sind wesentlich, um sie zu analysieren und zu
verstehen. Deswegen spreche ich eher von Frauenbewegungen im Plural und nur
dann von ‚der Frauenbewegung‘, wenn es um den gesamten Sektor dieser vielen,
unter sich verwobenen Netzwerke und Gruppen geht.
Insgesamt zeigt die japanische Frauenbewegung eine hohe Kontinuität seit
dem 19. Jahrhundert. In einem langen Bogen bauen sich einzelne Bewegungswel-
len aufeinander auf, ohne dass eine längere zeitliche Unterbrechung eintrat. Da-
durch unterscheidet sie sich u. a. von Deutschland, England oder den USA. Für
diese Gesellschaften geht man demgegenüber von einer ersten Welle der Frauen-
bewegung bis 1919 bis zur Erringung des Frauenstimmrechts, einer zweiten Welle
nach 1968 und teils von einer dritten Welle ab Mitte der 1990er Jahre aus.35 Al-
lerdings wurde auch in Japan diese grundlegende Kontinuität wiederholt durch
feministische Neuorientierungen mit Forderungen nach subjektiver Autonomie
durchbrochen.36 Solche Aufbrüche vollzogen vor allem die ‚Neuen Frauen‘, die
nach 1911 die hegemonialen Weiblichkeitsbilder und Geschlechternormen radi-
kal hinterfragten und die Lib-Bewegung, die die Neue Frauenbewegung nach 1970
einläutete.
Wie gesagt, sind die Frauenbewegungen in Japan vielfältig in bezug auf ihre
Themen wie auch ihre sozialen Milieus. Doch diese Themenvielfalt steht nicht in
beliebiger Pluralität nebeneinander, sondern die einzelnen SprecherInnen und
Richtungen beziehen sich zum einen auf den gemeinsamen soziokulturellen Kon-
text der Geschlechterordnung in Japan, die sie – wenn auch auf verschiedenen
Wegen – verändern wollen. Zum anderen aber nehmen sie sich wechselseitig wahr,
grenzen sich voneinander ab oder stimmen in manchen Fragen überein. In ande-
ren Worten verorten sie sich selbst sowohl zur ungleichen Geschlechterordnung
wie auch zueinander.
Daraus ergeben sich unterschiedliche langlebige Entwicklungslinien37 der
Frauenbewegung in Japan, die sich über die Zeit teils verändert haben. Sie las-
sen sich in einer Übersicht wie in einer Art Landkarte eintragen: Diese zeigt so-

35 Vgl. u. a. Offen 2000; Nancy Hewitt hinterfragt das Bild der Wellen kritisch; vgl. Hewitt 2010.
36 Vgl. Mae in diesem Bd.; Mackie 2003; Shigematsu 2012.
37 Unter Entwicklungslinien verstehe ich langfristige geschlechter- und gesellschaftspolitische
Orientierungen, die entsprechend sich wandelnder Kontexte modifiziert werden. Dabei leh-
44 Ilse Lenz

wohl ein Gesamtbild wie auch die Positionierungen der einzelnen Richtungen der
Frauenbewegungen darin (vgl. Abbildung 1). Diese Karte dient also auch dazu,
ihre wechselseitigen Bezüge, besonders ihre Kooperationen und Konflikte, sicht-
bar zu machen.
Allerdings kann dies auf eine abgehobene Sicht von oben hinauslaufen. Eben-
so besteht die Gefahr des Eurozentrismus, indem die in Europa und den USA ge-
wonnenen Typisierungen und Einteilungsmuster der einzelnen Richtungen auf
Japan übertragen werden wie etwa ‚bürgerliche‘ oder ‚proletarische‘ Frauenbewe-
gung. Ich will beiden Problemen entgegenwirken, indem ich von den Bedeutungs-
stiftungen und Selbstverortungen der engagierten Frauen ausgehe, wie sie in ihren
Frauen-, Geschlechter- und Gesellschaftsbildern zu finden sind.38 Deshalb wer-
den auf dieser Karte leitende Begriffe und Symbole der verschiedenen Richtun-
gen in Japan und ihre impliziten Bedeutungen, also ihre Semantiken, aufgenom-
men und herausgearbeitet. Dabei folge ich drei Leitfragen nach, die hier umrissen
werden.
Die erste lautet: Was versteht die jeweilige Richtung unter ‚Frauen‘ und ‚Ge-
schlecht‘ ? Sprechen sie von der ‚Frauenfrage‘ und dem ‚Frausein‘, was lange vor-
herrschend war ? Oder nehmen sie das Geschlecht als grundlegende Kategorie
wahr und wenn ja, dann wie ? Betonen sie die Geschlechterdifferenz oder steht die
Gleichheit im Zentrum ? Weiterhin wurde Geschlecht lange im Sinne einer Zwei-
geschlechtlichkeit zwischen Mann und Frau begriffen. Aber Gender kann auch als
flexibles Konstrukt verstanden werden, das Vielfalt und Wandel zulässt. In diesem
Sinne treten seit den 1990er Jahren auch in Japan queere Ansätze auf, die sich für
geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzen.
In Japan wie in anderen Ländern wird die Geschlechterdifferenz oft mit dem
Mutterdenken oder Maternalismus verbunden: Maternalismus kennzeichnet eine

ne ich mich an Ute Gerhards Ansatz der langen Wellen der Frauenbewegung (Gerhard 1995)
und den Begriff der Traditionslinie der Forschungsgruppe um Michael Vester an (Vester u. a.
2001).
38 Ich setze also an dem Verständnis der Bewegungen in Japan an, ohne die westliche Eintei-
lung von liberalem, sozialistischem und radikalem Feminismus zu übertragen, die für Ja-
pan nicht zutrifft. Während der sozialistische Feminismus wie auch der Sozialismus in Japan
eine lange anerkannte Tradition hat, ist der Liberalismus wenig ausgeprägt und das westliche
Konzept des liberalen Feminismus im Sinne einer freiheitlichen, marktnahen und gleich-
heitlichen Orientierung eignet sich nicht, um die nationalpartizipative Richtung (s. u.) in Ja-
pan zu bezeichnen (vgl. auch Molony 2005). Der radikale Feminismus in den USA und Eng-
land definiert sich u. a. durch Abgrenzung zur Herrschaft der Männer und Hervorhebung
der geschlechtlichen Gewalt, während vergleichbare subjektorientierte Strömungen in Ja-
pan eher einen neuen Eros betonten und das Verhältnis zu Männern revolutionieren woll-
ten. Mein folgender Vorschlag kann sich auf eine umfassende Auseinandersetzung mit den
Quellen der verschiedenen Flügel stützen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan
Geschlecht Öffentliche Gleichheit Maternalismus – Differenz Individuelle Autonomie

Gesellschaft

Nationalliberal Liga für die Erreichung Frauenkreise in


Systemintegrativ des Frauenstimmrechts der Bewegung
für Freiheit und
Volksrechte

Christlich Kyōfūkai Yamada Waka

Sozialistisch Flügel der sozia­listischen Frühsozialistische Konsumentinnen- Mütterkongresse Frauen-


Systemkritisch Frauenbewegung Frauenbewegung verband Frauenfriedens- geschichte
Gewerkschaftliche Yamakawa Kikue Hausfrauenver- bewegung
Frauenbewegung band
Arbeiterinnenbew.

Anarchistisch Anarchistische gewerk- Takamure Itsue Anarchistische


Systemkritisch schaftliche Frauen- Frauenbewegung
bewegung

Individuelle Auto- Hiratsuka Raichō Seitō


nomie und Sub- Hiratsuka Raichō
jektivität
Yosano Akiko
Systemkritisch
Verein der Neuen
Frauen

Regionaler Fokus National Balance national/ National Balance national/ National Balance national/
international international international

Abbildung 1 Entwicklungslinien der ersten Wellen der Frauenbewegungen in Japan

45
46 Ilse Lenz

Denkrichtung, nach der ‚die Frau‘ vor allem als Mutter gesehen und ihre gesell-
schaftliche Beteiligung mit ihrer sozialen oder auch geistigen Mütterlichkeit be-
gründet wird. In Europa, den USA wie auch in Japan formierte sie sich im Zusam-
menhang mit den Debatten um Mutterschaft und Mutterschutz. Im Kern ging es
darum, wie und warum der sich herausbildende nationale Sozialstaat die Beiträge
der Frauen, insbesondere der Mütter, zur gesellschaftlichen Wohlfahrt aufnehmen
und unterstützen sollte (vgl. Q 1.09; Kōuchi 1988; Offen 2000). Aber der Mater-
nalismus wird auch innerhalb der Richtungen, die von der Geschlechterdifferenz
ausgehen, unterschiedlich verstanden: Gemäßigte Aktivistinnen traten dafür ein,
die moderne Mutternorm zu übernehmen und sie dabei auf- und umzuwerten.
Vordenkerinnen der individuellen Autonomie und Subjektivität gingen ebenfalls
von der Mutterschaft und Differenz aus, forderten aber auf dieser Grundlage per-
sönliche Freiheit und Selbstbestimmung, während sie die Bilder der abhängigen
modernen Weiblichkeit und Mutterschaft grundlegend kritisierten. Dieser radi-
kale Maternalismus äußerte sich sowohl in den ersten Aufbrüchen ab 1912 wie
auch in der Neuen Frauenbewegung nach 1970.
Ein weiteres Verständnis von Geschlecht verbindet es vor allem mit Freiheit
und Gleichheit. Auch in Japan wurde Gleichheit teils als Antidiskriminierung und
gleiche Teilhabe mit Männern verstanden und die Frage der geschlechtlichen Sub-
jektivitäten und Körperlichkeit ausgeblendet. Der Ansatz der Gleichheit und Dif-
ferenz erkennt demgegenüber die geschlechtlichen Unterschiede an: Aber er be-
tont, dass sie gesellschaftlich gestaltet, also konstruiert werden, und verbindet sie
mit Forderungen nach Autonomie und Gleichheit in Gesellschaft, Politik und per-
sönlichen Beziehungen. Schließlich beziehen manche Ansätze neben der Frauen-
frage oder dem Geschlecht auch die Klasse oder die Ethnizität mit ein und vertre-
ten das, was heute intersektionale Sicht genannt wird.
Die zweite Leitfrage richtet sich auf die Selbstverortung der jeweiligen Gruppen
zum gesellschaftlichen und politischen System. So kooperierte der Mainstream der
Bewegung für das Frauenwahlrecht in Japan mit dem herrschenden autoritären
System, das er zugleich hinterfragte. Viele Aktivistinnen sahen darin einen Män-
nerstaat, der durch die Beteiligung der Frauen zu reformieren wäre.
Demgegenüber kritisierten die sozialistische und anarchistische Frauenbewe-
gung dies System radikal und wollten es grundlegend umgestalten: Sie bezogen
sich auf eine Strukturperspektive, nach der die Geschlechterungleichheit durch
das Zusammenwirken von Kapitalismus und Patriarchat erklärt wurde. Zudem
nahmen Frauen aus der radikalen Linken wie die Sozialistin Yamakawa Kikue
(1890 – ​1980) auch den Ansatz des Imperialismus mit seiner Kritik an dem Kolo-
nialismus und der weltweiten Ungleichheit auf. Die Systemfrage – Kooperation
oder Kritik – stellte sich wiederholt und wurde von den verschiedenen Flügeln
unterschiedlich aufgenommen (s. u.).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 47

Die dritte Leitfrage bezieht sich auf die Selbstverortung zur Nation und zur In-
ternationalität (vgl. Molony 2010; Molony u. a. 2016). Allerdings ordnen sich die
Frauengruppen meist nicht nach einem einfachen dualistischen Muster allein ih-
rer Nation oder der Internationalität zu. Vielmehr verbinden die Strömungen in
ihren Handlungsstrategien oft die regionale, nationale und internationale Ebene.
So hat sich die japanische Frauenbewegung erstmals im Rahmen der nationalen
Bewegung für Freiheit und Volksrechte vor Ort geäußert (s. u.) und dabei auch in-
ternationale Impulse aufgenommen. Die Kernfrage lautet deshalb, welche Schwer-
punkte die Aktivistinnen in diesem Wechselspiel herausbilden und welche inter-
nationalen Elemente sie mit welchen japanischen Ansätzen verbinden. Beziehen
sie sich etwa zugleich auf die politische Aktivität von Frauen in China und im
Westen wie Kishida Toshiko, die in den 1880er Jahren Gleichheit und politische
Partizipation forderte ? Oder orientieren sie sich allein auf den Westen, und wenn
ja, auf welche Kontexte ? So bezog sich die nationalpartizipative Wahlrechtsbewe-
gung stark auf die USA. Die subjektorientierte Richtung hinterfragte die Bedeu-
tung der Mutterschaft, während sie an den deutschen Bund für Mutterschutz39 an-
knüpfte (Q 1.08, 1.09).

Drei Entwicklungslinien in der japanischen Frauenbewegung

Wenn man diese drei Leitfragen zusammenführt, lassen sich die Richtungen der
Frauenbewegung in einer Übersicht verorten: Ihre Position bestimmt sich danach,
welche Vorstellungen von Frau und Geschlecht, welche Position zum System und
zur Nation oder zur Internationalisierung sie jeweils entwickelt haben. Daraus er-
geben sich drei große Entwicklungslinien, die bis zu dem Neuaufbruch um 1970
fortwirken. Sie bilden sich um langfristige Anliegen, die im Zusammenhang der
ersten Ausschlüsse der Frauen in der Moderne formuliert werden und dann im-
mer wieder neu und in anderen Formen eingebracht werden.
Die früheste und durchgehende erste Entwicklungslinie ist die der politischen
Partizipation, aus der sich zunächst die erste nationalpartizipative Richtung her-
auskristallisierte. Bereits ab Ende der 1870er Jahre forderten SprecherInnen in der
Bewegung für Freiheit und Volksrechte das Frauenwahlrecht zunächst auf lokaler
und dann auf nationaler Ebene. Sie verlangten die Beteiligung der Frauen an der

39 Der Bund für Mutterschutz und Sexualreform wurde zunächst um 1904 in Leipzig und dann
1905 nochmals in Berlin von Kreisen aus dem radikalen Flügel der Frauenbewegung, der Le-
bens- und der Sexualreform und der sozialen Eugenik mit dem Ziel gegründet, die Stellung
der Frau als Mutter – insbesondere der ledigen Mutter – in rechtlicher, wirtschaftlicher und
sozialer Hinsicht zu verbessern.
48 Ilse Lenz

nationalen Entwicklung in Politik, Bildung und Gesellschaft. In ihrer Sicht stand


die Nation sowohl für Unabhängigkeit, Fortschritt und Gleichheit der Bürgerin-
nen wie auch für den Widerstand gegen den westlichen Kolonialismus, während
sie westliche Ansätze von Freiheit und Gleichheit für Frauen übernahmen. We-
gen dieser hohen Bedeutung der Nation bezeichne ich diese Linie als nationalpar-
tizipative Richtung.40 Mit der Bewegung für das Frauenstimmrecht nahm dieser
Flügel ab den 1920er Jahren einen großen Aufschwung, arbeitete dann aber zu-
nehmend mit dem ultranationalistischen Staat zusammen und unterstützte das
Kaisersystem im Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 setzte er sich für das Frauenwahl-
recht ein. Als dies 1946 erlangt wurde, engagierte er sich für demokratische Betei-
ligung und eine saubere Politik.
Die zweite, sozialistische und anarchistische Entwicklungslinie der linken Frau-
engruppen und der Arbeiterinnenbewegung leitete sich teils von der nationalpar-
tizipativen Strömung her, erweiterte sie aber durch eine umfassende Ungleich-
heitskritik, die Geschlechterungleichheit mit der Klassenungleichheit verband.
Die radikale internationale Linke ergänzte diesen Ansatz wiederum mit einer Kri-
tik des japanischen Imperialismus in Ostasien und der kolonialen rassistischen
Diskriminierung (vgl. Q 1.11). Ferner führten SozialistInnen und AnarchistInnen
auch Experimente mit neuen Lebensformen durch wie dem Zusammenleben in
freier Liebe ohne Unterwerfung unter den neopatriarchalen Haushalt und seine
moralischen Normen.
Demgegenüber entfaltete sich die dritte Entwicklungslinie der individuellen
Autonomie und Subjektivität aus dem Bedürfnis junger intellektueller Frauen nach
kultureller Kreativität, eigenständigem Leben und Emanzipation aus dem Haus-
halt. Sie bildete sich unabhängig von den nationalpartizipativen und linken Li-
nien heraus, als junge Frauen um 1911 die feministische Zeitschrift Seitō (Blau-
strumpf; s. u.) begründeten, um Literatur und Texte von Frauen zu veröffentlichen.
Aus dem Netzwerk um die Zeitschrift kamen die wichtigsten Vordenkerinnen der
Frauenbewegungen bis in die 1960er Jahre und diese Entwicklungslinie wirkt bis
heute fort.
Nun werden diese drei Entwicklungslinien und deren Neuaufbrüche bis 1945
im Einzelnen vorgestellt.41 Zunächst wird ihre Herausbildung bis 1918 im Zusam-

40 Diese Bezeichnung entspricht dem japanischen Kontext eher als der Terminus der bürger-
lichen Frauenbewegung, der in der Literatur für diese Gruppen in Japan, in Europa und den
USA verbreitet ist. Ferner wird mit ‚bürgerlich‘ eine gleichartige Entwicklung des Bürger-
tums in Japan vorausgesetzt, was historisch nicht zutrifft. Zudem diente ‚bürgerliche Frauen­
bewegung‘ oft als Kampfbegriff zur Abgrenzung gegen die normativ höher bewertete prole-
tarische Frauenbewegung.
41 Die Darstellung orientiert sich an den grundlegenden Dimensionen sozialer Bewegungen,
nämlich ihren Diskursen, ihren Organisationen und Netzwerken und den Gelegenheits-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 49

menhang der neopatriarchelen Geschlechterordnung festgehalten. Dann gehe ich


auf die Frauenbewegungen zu Beginn der organisierten Massengesellschaft der
1920er Jahre ein, die diese neopatriarchalen Grundlagen kritisieren und angreifen.
Allerdings kooperiert ihr Mainstream darauf unter dem Motto der nationalen Be-
teiligung mit dem Pazifischen Krieg. Die Demokratisierung unter der US-Besat-
zung nach 1945 brachte eine Massenbewegung insbesondere von Hausfrauen und
Müttern in der differenzbegründeten Geschlechterordnung hervor, die im dritten
Teil geschildert wird. Im vierten Teil werden dann die Entwicklungen der neuen
Frauenbewegungen nach 1970 dargestellt.

Die nationalpartizipative Entwicklungslinie

Die Forderungen nach Partizipation und Gleichheit in der sich herausbildenden


modernen Nation standen am Beginn der Frauenbewegung in Japan.42 Die Ak-
tivistinnen in der Bewegung für Freiheit und Volksrechte verlangten Partizipa-
tion, Gleichheit und Rechte für Frauen, die in ihren Augen den gleichen Wert wie
Männer für die menschliche Gesellschaft hatten (Q 1.01; Kishida 1884: 55). Die-
ses Denken von Gleichwertigkeit und Gleichheit richtete sich gegen die konfuzia-
nische und feudale Tradition der Hochachtung für Männer und Abwertung der
Frauen (danson johi). Die demokratischen AktivistInnen kritisierten den Aus-
schluss der Frau von der politischen Beteiligung und vom Wahlrecht sowie ihre
soziale Unterordnung in Haus und Gesellschaft. Die Mutterrolle in der privaten
Kernfamilie hatte sich damals noch nicht entfaltet. War doch der Haushalt noch
ein semiöffentlicher Bereich und hatte die ältere Hauswirtschafterin, besonders
als Haushaltsvorstand, eine soziale Bedeutung. So ging 1878 die Witwe Kusunose
Kita (1833 – ​1920) zu einer lokalen Wahl, da sie in ihren Augen als Vorstand ihres
Haushaltes und Steuerzahlerin das gleiche Wahlrecht wie Männer hatte. Als ihr
dies verweigert wurde, trat sie in einen Steuerboykott und fand beträchtliche Re-
sonanz. Sie beteiligte sich an den Treffen der regionalen oppositionellen Gruppe
und wurde als Großmutter der Volksrechte bekannt. Noch in der Versammlung
der Präfekturbeamten 1878 wurde ein gleiches Wahlrecht für weibliche Haushalts-

strukturen im politischen System und in den gesellschaftlichen Chancen und Barrieren (vgl.
auch Lenz 2010: 22 ff.): In der diskursiven Dimension betrachte ich die Geschlechterbilder,
die Gleichheits- und Gesellschaftsvorstellungen der jeweiligen Strömung. Ferner wird deren
Bezugnahme auf internationale und binnenkulturelle Ansätze, also die interkulturelle Kom-
position, betrachtet. Weiterhin werden die Dimensionen der Organisation und Mitglied-
schaft beleuchtet.
42 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Anderson 2010; Mackie 1997, 2003; Molony 2005; Patessio
2011; Sievers 1983.
50 Ilse Lenz

vorstände kontrovers diskutiert und schließlich abgelehnt. In beiden Fällen ging


es nicht um ein allgemeines Stimmrecht für Frauen, sondern um die Wahlberech-
tigung aufgrund ihres Status als Haushaltsvorstand. Dennoch war damit die De-
batte um gleiches Wahlrecht bereits zu Beginn der parlamentarischen Vertretung
eröffnet und in der Folge traten Frauen wie einige liberale Männer dafür ein. Im
internationalen Vergleich war dies früh, so dass die japanischen AktivistInnen
weltweit als PionierInnen gelten können.43
Im Zentrum der liberaldemokratischen Frauendiskurse stand politische und
soziale Gleichheit. Sie fokussierten das Verhältnis von Geschlechterdifferenzie-
rung, Geschlechterungleichheit und anderen Ungleichheiten nach Stand oder
Klasse. So kritisierte die Rednerin und Schriftstellerin Kishida Toshiko44 das ein-
geschränkte Leben der Mädchen in besitzenden und gebildeten Schichten, die
wie in einer Puppenkiste großgezogen würden (hakoiri musume). In dem Auf-
ruf „An meine Schwestern“ forderte sie politische und persönliche Gleichheit mit
den Männern, indem sie sich auf große weibliche Leitfiguren wie die japanische
Sonnengöttin Amaterasu no Mikoto, die Schöpferinnen der klassischen japani-
schen Literatur aus dem Mittelalter und auf chinesische wie europäische Vorbilder
berief (Q 1.01). Kishida bezog für sich die Frauenfrage vor allem auf Japan, dann
auf Ostasien und sie führte einheimische, chinesische und europäische Ansätze in
ihrem Denken zusammen. Die japanischen Frauenbewegungen debattierten also
von Beginn an bis heute, wie sie sich in diesem Spannungsdreieck zwischen hei-
mischer, ostasiatischer und europäischer Kultur verorten wollten.45
Die ersten modernen Frauenkreise entstanden innerhalb der Bewegung für
Freiheit und Volksrechte, aber sie hatten sich noch nicht als eigenständige Frauen­
bewegung herausgebildet und differenziert. Wie Kishida Toshiko beeinflussten
weitere Rednerinnen und Autorinnen viele junge Frauen mit Schulbildung, die

43 Vgl. Anderson 2010: 28 – ​55. In den USA forderten die Frauenrechtlerinnen gleich nach ih-
rem Aufbruch um 1848 das Wahlrecht, in England ab Ende des 19. Jahrhunderts. In Deutsch-
land wurde demgegenüber die Forderung nach dem Frauenwahlrecht zunächst von der So-
zialdemokratie und später von dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung
eingebracht. Der gemäßigte Mehrheitsflügel betonte die Bildungs- und Kulturaufgaben der
Frau im „Männerstaat“ und begründete dies mit ihrer „geistigen Mütterlichkeit“, vgl. u. a.
Offen 2000.
44 Kishida Toshiko (1863 – ​1901) kam aus einer Kaufmannsfamilie in Kyōto. Sie hatte als Hofda-
me gedient, dann aber den Hof verlassen. Sie hielt 1882 – ​1884 öffentliche Reden für die po-
litische Beteiligung von Frauen und kritisierte den politischen Ausschluss der Frauen und
das Familiensystem. Die Kritik an den „Töchtern in der Kiste“ ist sprichwörtlich geworden
für einschränkende und überbehütende Weiblichkeitserziehung. vgl. Q 1.01; Kishida 1883;
Sugano 2010.
45 Der verbreitete Dualismus zwischen Japan und „dem Westen“ geht an diesen komplexen
Fragen von interkultureller Komposition und Selbstverortung zwischen den Kulturen vorbei.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 51

sich nicht auf den Haushalt beschränken lassen, sondern ihre Begabung für die
nationale Entwicklung nutzen wollten. In diesem Sinne wurde die Bewegung für
Freiheit und Volksrechte in Südwestjapan und den Großstädten zu einem Saat-
beet für junge politisch und sozial engagierte Frauen. Die Schriftstellerin Shimizu
Shikin (1868 – ​1933) zum Beispiel kritisierte die Unterordnung von Frauen in ar-
rangierten Ehen und verlangte, Frauen mit Bildung in ihren neuen Ansätzen in
Familie und Gesellschaft anzuerkennen. Sie wagte es, die Ausgrenzung der diskri-
minierten buraku,46 die ein tiefsitzendes Tabu darstellte, aus der Perspektive einer
betroffenen Frau zu thematisieren (Shimizu 2006). Damit gab sie ein frühes Bei-
spiel für das, was heute als intersektionale Sicht bezeichnet wird. Führende männ-
liche Liberale unterstützten diese Gleichheitsforderungen.
In der Folge bildeten sich karitative und sozialreformerische Frauenverbände
heraus, die sich für Gleichheit in der Familie und Aufwertung der Mutterschaft
einsetzten. Die christliche Frauenbewegung für Sittenreform forderte Gleichheit
in der Ehe und die Abschaffung der öffentlichen Prostitution.
Während die nationalpartizipative Richtung zu Beginn Gleichheit und Volks-
rechte verlangt und sich gegen den autoritären Familienstaat gewandt hatte, for-
mierten sich ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts große nationalistische Frauen-
verbände, die sich affirmativ in die Nation unter dem Kaiser einfügten. Allerdings
stellten sie eher eine Reaktion auf die Frauenbewegung dar – und nicht einen
Teil von ihr –, denn in ihnen wollten Elitekreise und Regierungsstellen Frauen für
nationalistische und militaristische Anliegen ansprechen und organisieren. Der
Patriotische Frauenverband (Aikoku fujinkai) (1901 – ​1942) etwa mobilisierte vor
allem Frauen aus der Mittel- und Oberschicht für die ‚Heimatfront‘ im Russisch-
Japanischen Krieg 1904 – ​1905. Ein späteres Beispiel ist der Großjapanische Frauen­
verband zur Landesverteidigung (Dai Nihon kokubō fujinkai) von 1932, in dem
Mittelschichtfrauen mit Unterstützung des Armee- und des Marineministeriums
Millionen von Frauen für den Krieg aktivierten. 1942 wurde er in den Großjapa-
nischen Frauenverband (Dai Nihon fujinkai), den von der Kriegsregierung gleich-
geschalteten Massenverband für Frauen, überführt.

46 Buraku sind meist Nachfahren einer Kaste ethnischer Japaner, die in der Edo-Zeit (1603 – ​
1868) aufgrund ihrer Tätigkeiten wie des Tötens von Tieren oder Bestattungen ausgeschlos-
sen wurde, da diese das buddhistische Tabu, Tiere zu töten und die rituelle Meidung von Blut
und Tod nicht beachten konnten. Die Diskriminierung in Beruf und Heiratsmöglichkeiten
dauert bis heute an, ist allerdings etwas zurückgegangen; vgl. Amos 2011; Teraki, Kurokawa
2019.
52 Ilse Lenz

Die sozialistische Entwicklungslinie

Frauen stellten bis 1920 den größten Teil der industriellen Lohnarbeit und sie wa-
ren Pioniere der ArbeiterInnenbewegung: Arbeiterinnen der Seidenfabrik von
Amemiya in Mitteljapan führten im Juni 1886 den ersten industriellen Streik in
Japan für Lohnerhöhungen und kürzere Arbeitszeiten durch. Die sozialistische
Bewegung jedoch ging um 1900 eher von männlichen Intellektuellen und Ge-
werkschaftlern aus. Sie war stark von demokratisch-liberalem Denken, dem Chris-
tentum, sowie dem internationalen Sozialismus und Anarchismus beeinflusst und
bot einen Raum für Gleichheitsansätze. In diesem Kontext formierte sich die so-
zialistische Frauenbewegung.47 Sie verband politisches und soziales Gleichheits-
denken mit der Vorstellung einer grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltung.
So forderte sie ein allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer anstelle der ho-
hen exklusiven Bestimmungen nach dem Zensuswahlrecht und öffentliche Um-
verteilung. Die sozialistische Frauenbewegung stand für Gleichheit, für Interna-
tionalismus und für einen graduellen Reformismus. Fukuda Hideko (1865 – ​1927)
war schon in der Bewegung für Freiheit und Volksrechte aktiv und arbeitete in
sozialistischen und Friedensgruppen mit. Sie gab die
erste sozialistische Frauenzeitschrift heraus, nämlich
„Frauen der Welt“ (Sekai Fujin, 1907 – ​1909), deren Ti-
tel programmatisch war. Das Blatt forderte politische
und individuelle Rechte für Frauen, um den Weg zu
einer freien und gleichen Gesellschaft in Japan zu
bahnen, während die nationalpartizipative Richtung
die Bedeutung von Frauenrechten für die japanische
Nation betonte. Zugleich informierte die Zeitschrift
über die Lage der Frauen und der Frauenbewegun-
gen in Europa und den USA wie auch in Ostasien.
Fukuda Hideko (1865 – 1927) Die FrühsozialistInnen führten 1904 – ​ 1909 die
erste Kampagne zur Abschaffung des Verbots der po-
litischen Beteiligung von Frauen im Artikel 5 des Polizeigesetzes von 1900 durch
(vgl. Mackie 2003: 32 – ​4; Molony 2009). Das Unterhaus, das aus Zensuswahlen
hervorging und zunehmend mit Parteipolitikern besetzt war, stimmte der Strei-
chung des Verbots bereits 1907 zu, aber das Oberhaus, in dem der Adel reprä-
sentiert war, lehnte diese Reform ab. Die folgenden Frauenbewegungen kämpf-
ten weiter für gleiche politische Beteiligung, aber sie scheiterten bis 1945 an dem
Bollwerk des Oberhauses, in dem die neopatriarchale hochkonservative Elite vor-
herrschte.

47 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Faison 2007, 2018; Mackie 1997, 2003; Sievers 1983.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 53

Die Entwicklungslinie der individuellen Autonomie: die ‚Neuen Frauen‘

Junge gebildete Frauen leiteten mit ihren Wünschen nach individueller Auto-
nomie und Subjektivität und ihrer grundlegenden Kulturkritik um 1911 einen
neuen Aufbruch ein. Sie sammelten sich um die Zeitschrift Seitō.48 Diese jungen
Schriftstellerinnen und Intellektuellen entfalteten eine Reihe von Debatten, in de-
nen das moderne Ich, der Körper, Mutterschaft und die Sexualität von Frauen neu
und vielfältig entworfen und bestimmt wurden. Sie experimentierten auch im All-
tag mit freien Lebens- und Liebesformen. So kritisierten und durchbrachen sie
die modernen nationalen Weiblichkeitsnormen (vgl. u. a. Q 1.04 – ​1.07, 1.10, sowie
Mae in diesem Bd.).
Die folgende Debatte um Mutterschutz ab 1918 war von der Spannung zwi-
schen individueller Subjektivität und der gesellschaftlichen Anerkennung und
dem Schutz der Mutterschaft gekennzeichnet.49 Die Dichterin Yosano Akiko
(1878 – ​1942) sprach sich für individuelle Gleichheit von Mann und Frau auf
der Grundlage persönlicher Unabhängigkeit aus und wandte sich gegen staatli-
chen Mutterschutz. Ihrer Ansicht nach sollten Frauen genug für sich und ihre
Kinder verdienen und jede Form wirtschaftlicher Abhängigkeit – ob vom Ehe-
mann oder vom Staat – ablehnen (vgl. Q 1.08). Ihre Position der individuellen
Autonomie stützte sich auf die wirtschaftliche Bedeutung der Frauen in Hauswirt-
schaft und Arbeitsmarkt, die in der nationalen Modernisierung zunächst erhalten
blieb. Demgegenüber forderte die Schriftstellerin und Mitbegründerin der Seitō
Hiratsuka Raichō (1886 – ​1971) einen staatlichen Mutterschutz, was sie mit ihren
individuellen Erfahrungen und der gesellschaftlichen Bedeutung der Mutterarbeit
begründete (vgl. Q 1.09; Hiratsuka 2006). Sie war u. a. von dem Maternalismus der
schwedischen Feministin Ellen Key (1849 – ​1926) beeinflusst, die die Mütterlich-
keit der Frau und die Geschlechterdifferenz betont hatte. Hiratsuka brachte also
einen individuellen Maternalismus ein, der zusammen mit ihrer Eherechtskritik
eben das Muttersein – in heutiger Sprache die Versorgungs- oder Reproduktions-
arbeit – zur Grundlage individueller Autonomie erhob. Dies Differenzdenken, das
auf der individuellen Autonomie der Mutter beruhte, wirkte lange nach und wur-
de in der Lib-Bewegung ab 1970 wieder aufgenommen und weitergeführt.
Die christliche Autorin Yamada Waka (1879 – ​ 1957) vertrat demgegenüber
einen kollektiven Maternalismus, der die Bedeutung der Mutter in der Familie für

48 Wörtlich übersetzt: Blaustrumpf (1911 – ​1916); vgl. Q 1.03, 1.04; 1.05; 1.07. Übersetzungen
wichtiger Texte aus der Seitō und biographische Portraits der Autorinnen finden sich bei
Bardsley 2007; vgl. weiterhin zu diesem Abschnitt Mae in diesem Bd.; Hiratsuka 2006; Kano
2016; Neuss 1971; Tomida 2004.
49 Vgl. Mae in diesem Bd.; Kano 2016: 104 – ​116; Kōuchi 1988.
54 Ilse Lenz

die Nation betonte. Deswegen forderte sie zugleich einen Familienlohn für Män-
ner, mit dem diese ihrer Ernährerrolle nachkommen könnten (vgl. auch Mackie
2003: 56). Die sozialistische Denkerin Yamakawa Kikue (vgl. S. 66) ordnete beide
Ansätze der bürgerlichen Frauenbewegung im Westen zu: Yosano vertrat in ihren
Augen den liberalen Standpunkt individueller Gleichheit, während sie Hiratsu-
ka eine Differenzposition aus der Mutterrechtsbewegung zuschrieb. Als Sozialis-
tin forderte sie im Gegensatz dazu eine strukturell verankerte Gleichheit von Frau
und Mann, die nur durch Erwerbstätigkeit der Frau und eine Gesellschaftsver-
änderung zu erreichen wäre.
Bereits in der Mutterschutzdebatte artikulierten sich also der maternalistische
Differenzfeminismus, der subjektiv-autonome wie auch der sozialistische Gleich-
heitsfeminismus mit ihren unterschiedlichen Positionen. Während sie insgesamt
auf die Frage der individuellen Autonomie der Frau/Mutter antworteten, arbei-
teten sie unterschiedliche Ansätze zu Mutterschaft, Nation und Wohlfahrtsstaat
heraus. In der Folge verbreiteten sich die subjektiven Autonomievorstellungen aus
dem Seitō-Kreis weithin, wobei sie auch auf heftige Kritik stießen (vgl. u. a. Wöhr
1997). Während diese Ideen weite Resonanz unter Intellektuellen und in städti-
schen Milieus fanden, so wandten sich Hiratsuka und andere Seitō-Frauen nun
eher sozialen Fragen zu, so dass die Entwicklungslinie der subjektiven Autonomie
zurücktrat und erst in der Women’s Lib in den 1970er Jahren wieder voll aufbrach.
Diese Strömungen konkretisierten ihre unterschiedlichen Ansätze und grenz-
ten sich klar voneinander ab, während sie punktuell zusammenarbeiteten. Schließ-
lich brachte der Einsatz der nationalpartizipativen Bewegung für das Frauen-
wahlrecht und Demokratisierung nach 1918 erstmals eine Massenbewegung von
Frauen hervor. Auf Grund dieser Entwicklungen lässt sich nun von einer neuen
Phase der Frauenbewegungen sprechen.

Frauenbewegungen in der organisierten Massengesellschaft


und im Pazifischen Krieg von 1920 – ​1945

In Japan bildete sich ab etwa 1920 allmählich eine organisierte Massengesellschaft


heraus. Während sie eine begrenzte innere Demokratisierung durchlebte, bestand
die autoritäre Kaiserideologie fort und die äußere Expansion nach China und Ko-
rea wurde weitergeführt und vertieft.50 Andrew Gordon spricht von einer im-
perialen demokratischen Herrschaft (Gordon 2003: 169; Jansen 2000: 495 – ​536).
Anzeichen der politischen Demokratisierung waren u. a. die Regierung des ‚Bür-

50 Vgl. zu diesem Abschnitt Gordon 2003; Jansen 2000: 495 – ​575; Mackie 1997, 2003; Molony
2004, 2009: 169; Molony u. a. 2016; Zöllner 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 55

ger-Premiers‘ Hara Takashi 1918, die erstmals von einer politischen Partei getra-
gen wurde, und die kontinuierliche Ausweitung des Wahlrechts. 1925 wurde das
allgemeine Männerwahlrecht eingeführt. Es wurde japanischen Männern wie
auch in Japan lebenden Koreanern und Taiwanesen, also kolonisierten Männern
in Japan, gewährt. Doch Frauen und Sozialhilfeempfänger blieben weiterhin aus-
geschlossen (Mackie 2003: 60).
Parallel dazu bildeten sich politische Massenorganisationen heraus, mit denen
bisher ausgegrenzte Gruppen eine politische Stimme gewannen. Linke Parteien
formierten sich entlang eines Spektrums von nationalen sozialen Demokraten bis
zu den international orientierten Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Die
diskriminierten buraku gründeten 1923 einen nationalen Verband für Gleichheit,
der 1926 eine aktive Frauenabteilung einrichtete.51 Zur gleichen Zeit schlossen
sich Frauenverbände für lokale soziale Dienste, sowie für das Frauenstimmrecht
zusammen und weiteten sich aus (s. u.).
Die Industrialisierung schritt weiter voran, die Schwerindustrie gewann an
Gewicht und die großen horizontal verkoppelten Mischkonzerne (zaibatsu) ex-
pandierten weiter. Die männliche industrielle Beschäftigung nahm rasch zu. In
Bergbau und Industrie waren bis dahin paternalistische Arbeitssysteme verbrei-
tet, bei denen ein Patron die ArbeiterInnen anstellte und entlohnte, oft auch un-
terbrachte. Als paternalistischer Mittelsmann war er mit zuständig bei Fragen
von Lohn, Versorgung und Disziplinierung dieser Arbeitskräfte. Nun gingen die
Großbetriebe zu direktem Personalmanagement über und führten erste Ansät-
ze zur Lebenszeitbeschäftigung und betrieblichen Qualifizierung für männliche
Angestellte ein (Gordon 1985, 1991). Das neopatriarchale Personalmanagement
für die Arbeiterinnen in der Textilindustrie wurde demgegenüber in seinen Eck-
pfeilern wie dem Wohnheimsystem und dem Lohnvorschuss an den Haushalts-
vorstand aufrechterhalten, wenn auch einige Gewerkschaften in großen Streiks
für bessere Löhne und individuelle Freiheit und Menschenrechte kämpften (vgl.
Faison 2007: 81 – ​106; Molony 1991; Lenz 1984).
Zugleich nahmen die neuen Frauenberufe im Dienstleistungssektor zu: Leh-
rerinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Telefonistinnen oder Dolmetscherin-
nen bildeten die Kerngruppen der berufstätigen Frauen. Sie zeichneten sich durch
eine Fachausbildung in Schulen sowie durch hohe Berufsorientierung und Eigen-
ständigkeit aus. Zwar wurde die berufstätige Frau zunehmend in das neopatriar-
chale Familienleitbild integriert, indem sie als spätere Hausfrau und Mutter dar-
gestellt wurde (vgl. Mathias 1997, 2014). Dennoch eröffnete sich dieser Gruppe die
Chance einer unabhängigen Existenz und der sozialen Anerkennung aufgrund

51 Suiheisha (Levelers Association of Japan), in Anlehnung an die Levelers aus der englischen
Revolutionsbewegung um die Mitte des 17. Jahrhunderts; vgl. Amos 2011; Neary 2010.
56 Ilse Lenz

ihrer fachlichen Kompetenz. Eine Zeitgenossin nennt sie die ‚New Miss‘, die – im
Gegensatz zur abwertenden Bezeichnung als ‚Old Miss‘ oder ‚spätes Mädchen‘ –
ihr Leben selbstbewusst und unabhängig in die Hand nehmen wollten. Sie wa-
ren eine wesentliche Trägergruppe der nationalpartizipativen Richtung (Hastings
2014a).
Die erste legale Gewerkschaft52 wurde 1912 von liberalen und christlichen
Kreisen gegründet und sie richtete 1919 ein Frauenreferat ein. In der Großindus-
trie weitete sich die gewerkschaftliche Organisierung aus, wenn sie auch durch
einen niedrigen Organisationsgrad, die innere Zerstrittenheit zwischen verschie-
denen linken Flügeln und die Kontrolle durch Staat und Unternehmen gehemmt
wurde. Verschiedene linke Parteien konnten sich ebenfalls legal organisieren,
während die 1922 in Japan gegründete KPJ verboten wurde und im Untergrund
aktiv blieb. Das linke Spektrum reichte von der gemäßigten sozialdemokratischen
Strömung über den sozialistisch-leninistischen Flügel, der linkssozialistische und
demokratische Ansätze vertrat, bis zu der KP-nahen Gruppierung, die der Kom-
internlinie, also den leninistischen, später den stalinistischen Anweisungen aus
der Sowjetunion folgte. Alle Flügel bildeten eigene Frauenverbände heraus, so
dass die interne Spaltung der Linken auf die sozialistische Frauen- und Arbeite-
rinnenbewegung durchschlug. Der linke Patriarchalismus äußerte sich in Kon-
trolle und Skepsis gegenüber der Frauenorganisation. In den Worten der feminis-
tischen Anarchistin Takamure Itsue waren „die Kommunisten zuhause für die
Kaiserherrschaft“. Dennoch verbreiteten die linken Gruppen das Gleichheits- und
Emanzipationsdenken in der Arbeiterschaft und der Mittelschicht (Mackie 1997).
Gleichzeitig zeigten sich gesellschaftliche Öffnungstendenzen in der Bildung.
Die Regierung weitete die Oberschul- und Hochschulbildung für Männer aus.
Mehr Mädchen besuchten die Oberschule. Während sie vor allem aus der Ober-
und der damals noch dünnen Mittelschicht kamen, konnten sich auch einige
Mädchen vom Land oder aus Handwerker- und Kaufmannsfamilien den Weg in
die Oberschule bahnen. Die ersten Lehrerinnen und Akademikerinnen nahmen
qualifizierte Berufe ein und übten begrenzten öffentlichen Einfluss aus.
Zeitungen und Zeitschriften hatten sich zu Massenmedien entwickelt, die das
ganze Land erreichten und auch Nachrichten über soziale Bewegungen und die
Frauenbewegung weitergaben. Populäre Frauenzeitschriften diskutierten über
die moderne Frauenfrage, indem sie Frauen aus der Frauenbewegung zu Beiträ-
gen und Foren einluden. Auch der Film und das staatliche Radio erreichten rasch
ein Massenpublikum.

52 1912 wurde die Friendly Society (Yūaikai) von sozialreformerischen Intellektuellen und Ar-
beitern nach dem Vorbild der Fabian Society gegründet und 1921 nach dem Erstarken der
Gewerkschaftsbewegung in Japanischer Arbeiterbund (Nihon rōdō sōdōmei) umbenannt.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 57

In der Mittelschicht entwickelte sich ab etwa 1910 das Leitbild der Ernährer-/
Hausfrauenfamilie. Danach sollte sich die Frau auf die Erziehung der Kinder und
die unbezahlte Hausarbeit konzentrieren, während der Mann das Einkommen für
den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Dies Leitbild wirkte als Gegenbild zur
neopatriarchalen Hauswirtschaft unter dem Haushaltsvorstand, die zudem durch
den Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter gekennzeichnet
war. Denn es baute auf dem Elternpaar in der Kernfamilie und einer grundlegen-
den geschlechtspolaren Arbeitsteilung innerhalb dieses Paares auf. Damit ver-
band sich eine Aufwertung der Mutter- und Konsumentinnenrolle der Hausfrau,
die auch durch Strömungen der Frauenbewegungen vertreten wurde. Ferner ver-
sprach dies Bild den Frauen eine Entlastung von der harten Arbeit in der Land-
wirtschaft. All dies ließ dies Modell auch für Frauen als modern und annehmbar
erscheinen.
Auch die Ernährer-/Hausfrauenfamilie blieb auf die sozialökonomische Leis-
tung der Hausfrau und Mutter für die Nation ausgerichtet, deren ökonomische
und soziale Verantwortung als Hauswirtschafterin weiterhin betont wurde. Eine
Ehe wurde damals nicht vorrangig nach dem Liebesideal geschlossen und sie hat-
te keinen Vorrang gegenüber der Beziehung zu den Eltern. Sie begründete sich
auf einer geschlechtspolaren ungleichen Arbeitsteilung, die weithin wie ein infor-
meller Vertrag verstanden wurde: Danach versorgte der Lohnarbeiter die Fami-
lie und die Hausfrau leistete unbezahlte Versorgungsarbeit für ihn, für die Kinder
und auch für seine alten Eltern.
Häufig wurden Ehen über die Familie, das Unternehmen oder andere Vermitt-
ler arrangiert. Demgegenüber galten Liebesheiraten als moderne individuelle Le-
bensform, und sie wurden in der Massenkultur wie im Film romantisiert. Auch
Vertreterinnen der Frauenbewegung befürworteten Liebesverbindungen. Andere
aber warnten vor Illusionen und lehnten wie Hiratsuka Raichō eine formelle Ehe-
schließung wegen der damit verbundenen familienrechtlichen Ungleichheit ab.
Die eben beschriebenen Demokratisierungs- und Öffnungstendenzen nach
1918 gingen angesichts der tiefen Wirkung der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und
der folgenden Massenverarmung auf dem Land zurück. Ab dem Mandschurei-
Konflikt 193153 und der Zunahme militaristischer und nationalistischer Strömun-
gen erstarkten die ultranationalistischen Kräfte in Regierung, Parteien und Militär
und übernahmen allmählich die Herrschaft. Die japanische Regierung führte ab
1937 einen Eroberungskrieg in China, den sie dann ab 1941 zum Pazifischen Krieg
gegen die USA und ihre Alliierten ausweitete. Um 1931 lehnte die Frauenbewe-

53 1931 inszenierte die japanische Armee in der Mandschurei einen Sprengstoffanschlag auf die
Südmandschurische Eisenbahn, der ihr als Vorwand diente, die Mandschurei in der Folge
einzunehmen.
58 Ilse Lenz

gung die militärische Expansion zwar noch ab, da Frauen ‚als Mutter der Mensch-
heit‘ für Frieden stünden (vgl. Molony 2011). Später jedoch ließ sich vor allem die
nationalpartizipative Richtung zur Zusammenarbeit mit dem Kaisersystem und
dem Krieg kooptieren. Weitere Schritte zur ultranationalistischen Diktatur waren
u. a. die Generalmobilmachung 1938 im Zuge des Chinakriegs, die Gleichschal-
tung von Verbänden und Gewerkschaften in entsprechenden Massenorganisatio-
nen und die Etablierung der politischen Vereinigung zur Unterstützung des Kaiser-
systems (Taisei yokusankai) um 1940, die im 1942 gewählten Unterhaus 83 Prozent
innehatte. Wie die drei Richtungen der Frauenbewegung zunächst politische und
soziale Bürgerrechte forderten und sich darauf zum autoritären ultranationalisti-
schen System und dem imperialistischen Krieg positionierten, wird in den folgen-
den Abschnitten umrissen.

Die nationalpartizipative Entwicklungslinie in der Frauenbewegung


von 1918 bis 1945

In der demokratischen Öffnung nach 1918 nahm auch die Bewegung für politische
und soziale Partizipation der Frauen einen neuen Aufschwung. An ihrem Beginn
stand ein Bündnis von jungen Frauen. Später traten diese Frauen in verschiedene
Entwicklungslinien ein, die sie in der Folge wesentlich mitbestimmten.

Der Verein der Neuen Frauen


Junge Aktivistinnen gründeten 1919 den Verein der Neuen Frauen.54 Sie kamen
teils aus dem Kreis um die Seitō oder aus dem sozial orientierten intellektuel-
len Milieu. Wie schon ihre Selbstbezeichnung ‚Neue Frauen‘ wissen ließ, standen
sie in der Entwicklungslinie subjektiver Autonomie, fragten aber nach deren so-
zialen Voraussetzungen und bauten so die Brücke zu der nationalpartizipativen
Richtung.
Sie wollten sich offensiv für Veränderungen in Politik und Gesellschaft un-
ter Beteiligung der Frauen einsetzen. Ein Hauptziel war die politische Partizipa-
tion von Frauen. Den ersten Schritt dafür bildete die Aufhebung des Verbots ihrer
Teilnahme an politischen Versammlungen, wie es im Artikel 5 des Polizeigeset-
zes von 1900 festgehalten war. Zugleich verlangte der Verein das Frauenwahlrecht.
Eine weitere Forderung war ein rechtliches Eheverbot für geschlechtskranke Män-
ner und die Zulassung der Scheidung vonseiten der Ehefrau in solchen Fällen, die

54 Shinfujin kyōkai; 1919 – ​1922; vgl. Hiratsuka 2006; Mackie 2003: 58 – ​63; Zusammenfassungen
ihrer Charta und wichtiger Resolutionen bei Tokuza 1999: 107 – ​192; vgl. auch Tomida 2004,
Tomida, Daniels 2005.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 59

sonst rechtlich ausgeschlossen war. Dafür sprach sich vor allem Hiratsuka Raichō
aus. Der Verein der Neuen Frauen setzte sich also sowohl gegen den Ausschluss der
Frauen aus der Politik wie auch gegen ihre geschlechtliche und sexuelle Unterord-
nung im Haus ein. Ferner forderte er Rechte für Frauen, Mütter und Kinder, hö-
here Bildung für Frauen und Koedukation. Der Verein kooperierte mit einem gro-
ßen regionalen Frauenverband (Frauenliga in Kansai; Zen kansai fujin rengōkai)
in der Region Kansai um Ōsaka und mit anderen Gruppierungen.
Durch eine Petition mit zahlreichen Unterschriften und persönliches Lobby-
ing wurde die Aufhebung des Teilnahmeverbots an politischen Versammlungen
erreicht. Das Unterhaus hatte dem schon um 1907 zugestimmt, während die kon-
servativen Vertreter des Adels und weiterer Eliten im Oberhaus dies abgelehnt
hatten. Eine führende Aktivistin, Oku Mumeo (1895 – ​1997), suchte deshalb eini-
ge adelige Vertreter im Oberhaus persönlich mit ihrem Kind auf dem Rücken auf
und überzeugte sie mit ihrem Auftreten. Sie verkörperte so die moderne Mutter,
die ein legitimes politisches Interesse zeigt, ohne ihre vorrangige Verantwortung
für den Haushalt zu negieren. Diese Neuinterpretation und politische Erweite-
rung der Mutterfigur gewann in der Folge in der Frauenpolitik rasch an Bedeu-
tung. 1922 stimmte schließlich das Oberhaus der Teilnahme von Frauen an politi-
schen Versammlungen zu, während ihnen das Stimmrecht und die Mitgliedschaft
in politischen Gruppen weiterhin versperrt blieben.
Drei Gründerinnen des Vereins der Neuen Frauen wurden später anerkann-
te Anführerinnen in unterschiedlichen Flügeln der Frauenbewegung. Um deren
Vielfalt ein Gesicht zu geben, möchte ich sie und ihre Geschichte kurz vorstellen.55
Hiratsuka Raichō56 hatte bereits die Zeitschrift Seitō und damit die subjek-
tiv-autonome Entwicklungslinie der Frauenbewegung mitbegründet. Sie war die
Tochter eines hohen Beamten aus einer Samuraifamilie und studierte an der Ja-
panischen Frauenuniversität. Sie lebte in freien Beziehungen und verhielt sich of-
fen zum Eros unter Frauen, bis sie sich für eine freie Liebesgemeinschaft mit dem
Maler Okumura Hiroshi (1891 – ​1964) entschied (vgl. Q 1.05). In einer krisenhaf-
ten Suche nach Sinn und ihrem Selbst vertiefte sie sich in die Zen-Meditation und
interessierte sich für chinesische, japanische und westliche Philosophie. So wurde
sie stark von Ellen Key wie auch von Friedrich Nietzsche beeinflusst. In ihrem vi-
sionären Gedicht „Im Anfang war die Frau die Sonne“ treten diese Einflüsse zu­
tage (vgl. Q 1.04). Nach der Geburt ihres ersten Kindes entwickelte sie einen basis-
orientierten Maternalismus. Sie forderte persönliche Autonomie und staatlichen
Mutterschutz mit der Begründung ein, dass die Mutter durch die Versorgung der

55 Drei weitere Kurzportraits aus der anarchistischen und sozialistischen Frauenbewegung fol-
gen im nächsten Abschnitt.
56 vgl. Hiratsuka 2006; Tomida 2004; Yoneda 2005.
60 Ilse Lenz

Kinder einen grundlegenden Beitrag für die Nation und die Menschheit leiste (vgl.
Q 1.09). Der Mobilisierung für die ultranationalistische Regierung und den Krieg
entzog sie sich weitgehend. Nach 1945 engagierte sie sich für die Frauenfriedens-
bewegung und für das Verbot der Prostitution, das 1956 beschlossen wurde (vgl.
Hastings 2014, kritisch dazu Fujime 2015).
Ichikawa Fusae57 kam aus einer Bauernfamilie in Mitteljapan. Zuhause hatte
sie erlebt, wie ihr Vater ihre Mutter misshandelte. Das motivierte sie, für Frauen
aktiv zu werden. Nach einer Lehrerinnenausbildung war sie zunächst als Lehre-
rin auf dem Land tätig. Dann arbeitete sie als Journa-
listin in Nagoya, wo sie sich in das kritisch-intellek-
tuelle Reformmilieu einfand. 1919 wurde sie die erste
Leiterin des Frauenreferats des Japanischen Arbeiter-
bundes (Nihon rōdō sōdōmei). Jedoch beschloss sie
nach ihren Erfahrungen mit den patriarchalen Ge-
werkschaftsführern, sich in Zukunft allein für Frau-
en und ihre gleiche Beteiligung einzusetzen. Den
Kreisen um die Seitō und deren Lebensexperimenten
wie der freien Beziehung Hiratsukas stand sie skep-
tisch gegenüber. Sie lebte bewusst ledig und widme-
Ichikawa Fusae (1893 – 1981) te sich voll der Frauenbewegung und ihrem Kampf
Foto: Tamura Shigeru für das Wahlrecht. Von der Hand in den Mund le-
bend verbrachte sie ab 1921 einen Studienaufenthalt
in den USA, wo Frauen seit 1920 das Wahlrecht innehatten. Sie verband ein her-
ausragendes politisches und Organisationstalent mit einem hohen Verantwor-
tungsbewusstsein, einem wachen Sinn für reale Chancen und Machtverhältnisse
und einer großen Begabung zur Kooperation mit den unterschiedlichsten Grup-
pen und Personen. So verhandelte sie mit liberalen Parteiführern und Unterneh-
mern, war aber auch mit linken Gewerkschafterinnen wie der Textilarbeiterin
Yamanouchi Mina (1900 – ​1990) befreundet.
Ichikawa vertrat damals eine klare Gleichheitsposition, die nur durch gleiche
politische Partizipation der Frau, allem voran das Wahlrecht, zu verwirklichen
sei. Demgegenüber kritisierte sie in den 1920er Jahren den Maternalismus, da
er für Mutterrechte kämpfe und sich gegen die Ziele der Frauenbewegung rich-
te. Zugleich erschien ihr die Beteiligung der Frauen, der ‚Hälfte des Volkes‘, un-
erlässlich für die nationale Entwicklung. So stand sie um 1920 für die Verbin-
dung von Frauen- und demokratischer Bewegung. Sie betonte das Leitbild der
starken eigen­ständigen Frauen, wie sie in der Bauernschaft, den Kleinunterneh-
men wie auch unter den gut gebildeten Berufsfrauen zu finden waren. Aber sie

57 1893 – ​1981; vgl. u. a. Ichikawa 1974, 1994; Molony 2005a; Murai 2021.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 61

stellte die Partizipation der Frau gegenüber ihrer individuellen Befreiung voran.
So fand sie sich später zur Kooperation mit der ultranationalistischen Regierung
und der nationalen Mobilisierung nach 1938 bereit (s. u.). Gleich nach dem Zwei-
ten Weltkrieg forderte sie erneut das Frauenstimmrecht und gründete den Japa-
nischen Wählerinnenbund (Nihon fujin yūkensha dōmei) mit. Sie war eine der be-
liebtesten und profiliertesten Politikerinnen und saß von 1953 – ​7 1 and 1974 – ​81 als
unabhängige Abgeordnete im Oberhaus. Mit über achtzig Jahren warf sie sich vol-
ler Energie in die Vorbereitung der UN Dekade der Frau ab 1975 und stiftete dafür
ein Bündnis mit den jungen Frauen aus der Lib-Bewegung (s. u.).
Eine weitere Mitbegründerin des Vereins der Neuen Frauen, Oku Mumeo58
verband den Aufbruch der ‚Neuen Frauen‘ mit einem sozialen Engagement, das
an die alltäglichen Erfahrungen und Wünschen von Frauen in der städtischen Ar-
men- und Mittelschicht anknüpfte. Auch sie hatte die Japanische Frauenuniver-
sität besucht und wurde danach zunächst Journalistin. Dazwischen arbeitete sie
in einer Baumwollfabrik, um die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen kennen-
zulernen. Ihr Vater, ein wohlhabender Schmied, war politisch interessiert, las viel
und förderte die Bildung seiner Tochter. Wie Yosano Akiko oder Ichikawa Fusae
hatte Oku Mumeo die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Frau für Klein-
unternehmen oder die ländlichen Hauswirtschaften in ihrem Umfeld erfahren
und legte sie ihrer politischen Arbeit zugrunde. Sie war verheiratet und hatte zwei
Kinder, setzte sich aber weiter voll für die Frauenbewegung ein. So arbeitete sie
an der Organisierung von Berufsfrauen und dann von Konsumentinnen. Mit dem
Motto ‚von der Küche in die Politik !‘ bezog sie sich auf den Alltag der Haus­frauen.
1928 gründete sie eine Frauenkonsumgenossenschaft (Fujin kumiai kyōkai). Sie
setzte sich für niedrige Gas-, Wasser- und Strompreise wie auch für den Bau von
Kindergärten und Krankenhäusern ein. Später unterstützte auch sie die General-
mobilmachung 1938 und das ultranationalistische Kaisersystem im Krieg. Nach
dem Krieg gründete sie 1948 den Hausfrauenbund (Shufurengōkai, Kurzform
Shufuren), der sich zu einem Massenverband entwickelte und sich für eine so-
ziale Bewusstwerdung der Hausfrauen sowie gute und preiswerte Waren einsetzte.
Wenn seine Mitglieder mit Schürzen und großen Reislöffeln auf den Straßen de-
monstrierten, konnten sie der Aufmerksamkeit der Medien und der Sympathie
von Millionen von Frauen sicher sein.
Die jungen Gründerinnen des Vereins der Neuen Frauen wurden also später
zu Leitfiguren der Frauenbewegung über die lange Zeit von der demokratischen
zur folgenden ultranationalistischen Phase und dann in der Nachkriegszeit bis in
die 1980er Jahre. Sie verkörpern die hohe Kontinuität der Frauenbewegung in Ja-

58 Vgl. die biographische Übersicht bei Tokuza 1999, die allerdings die Kooperation mit dem
ultranationalistischen Kaisersystem während des Pazifischen Kriegs kaum behandelt.
62 Ilse Lenz

pan in ihren Aktivistinnen und ihren Netzwerken. Doch während die soziale und
politische Teilhabe ein wesentliches Ziel blieb, veränderten sich die Begründun-
gen dafür: Dem lag eine Veränderung ihrer Leitbilder von der öffentlichen Gleich-
heit zur Differenz der Mütter und Hausfrauen zugrunde. Um 1920 war das Motiv
der Gleichheit der Frau als Bürgerin der Nation noch führend. Ab Mitte der 1920er
Jahre gewann der Maternalismus an Bedeutung. Die soziale und politische Teilha-
be wurde ab 1931 zunehmend mit dem Beitrag der Mutter und der Hauswirtschaf-
terin zur nationalen Mobilisierung begründet. Dies neue Mutterdenken beein-
flusste dann auch die differenzbegründete Geschlechterordnung nach 1945.

Der nationalpartizipative Flügel und das Frauenstimmrecht


Das Verbot der Beteiligung von Frauen an der politischen Öffentlichkeit war 1922
gefallen.59 1925 wurde das allgemeine Männerwahlrecht im Parlament beschlos-
sen, das klassenübergreifend für japanische Männer und für Chinesen und Ko-
reaner in Japan galt. Doch erwies sich der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht
in der imperialen (Männer-)Demokratie tief verwurzelt und er war in ihrem Rah-
men angesichts Widerstands der konservativen Männereliten nicht zu überwin-
den. Die breiten populären Kampagnen der Frauenstimmrechtsbewegung ge-
wannen zwar steigenden Rückhalt in den Parteien im Unterhaus, scheiterten aber
wiederholt an der Blockade im Oberhaus.
Einem breiten Bündnis von Frauenverbänden gelang es nach 1922, gestützt auf
einen weitgehenden parteiübergreifenden Konsens, das Frauenstimmrecht auf die
politische Tagesordnung zu setzen. Die Liga für die Erreichung des Frauenstimm-
rechts60 bündelte diese Kräfte. Sie mobilisierte weithin für die Wahlrechtsforde-
rung und verhandelte mit Regierung, Parteien und dem Ober- und Unterhaus.
Während die sozialistischen Frauengruppen dem Frauenwahlrecht als bürgerliche
Forderung kritisch, gegenüberstanden, aber es grundsätzlich bejahten, entwickel-
ten sich in der politischen Praxis über die einzelnen politischen und religiösen
Richtungen hinweg breite Bündnisse dafür.
Das Gründungsmanifest der Liga führte liberales und Frauenschutzdenken
zusammen, wobei Schutz und Rechte der Frau (und nicht der Mutter) leitend wa-
ren. Ziel war, „die 2600 Jahre alten Bräuche“ in Japan zu aufzuheben und „die na-
turgegebenen Pflichten und Rechte von Frauen und Männern“ in einem neuen Ja-
pan zu verankern. Das Manifest verwies auf den hohen Bildungsstand von Frauen,
der sie als Bürgerinnen qualifizierte. Das Stimmrecht erschien als wesentlich für
den Schutz der Arbeiterinnen, während der Mutterschutz nicht erwähnt wurde.

59 Vgl. Zu diesem Abschnitt u. a. Hastings 2014a; Mackie 2003; Molony 2004, 2005, 2005a; Mo-
lony u. a. 2016.
60 Fusen kakutoku dōmei; sie wurde 1924 begründet und nahm ab 1925 diesen Namen an.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 63

Erst durch ihre politische Beteiligung würden die Frauen als Staatsbürgerinnen
auf lokaler und nationaler Ebene anerkannt. Deswegen sollten sie jenseits ihrer re-
ligiösen und beruflichen Unterschiede in einer großen Stimmrechtsbewegung zu-
sammenarbeiten (nach Ichikawa 1974: 144).
Zweimal, – um 1930 und 1931 – beschloss das Unterhaus ein begrenztes Frauen­
stimmrecht, das aber immer wieder im Oberhaus scheiterte. Das Oberhaus, das
vom Adel und von Funktionseliten besetzt war, blockierte den Weg zu dieser Re-
form, die von den demokratischen Parteien angestrebt und von der Bevölkerung
weithin unterstützt worden war. Insofern wurde das Frauenwahlrecht den Japa-
nern nicht nach dem Krieg 1945 von den USA aufoktroyiert, wie manchmal be-
hauptet wurde. Letztlich würde in dieser Einschätzung, die adelige Sperrminori-
tät mit Japan gleichgesetzt. Vielmehr hatte das demokratisch gewählte Unterhaus
diese Reform bereits mehrfach beschlossen. Sie wurde schließlich auf Anstoß der
USA 1945 verwirklicht, nachdem das Oberhaus in seiner vorigen Form und damit
die Barriere der autoritären konservativen Eliten gefallen war.
Den Zugang der Frauen zur politischen Öffentlichkeit zu ermöglichen, ent-
sprach auch dem Interesse von Staat und Parteien, sie für soziale Aufgaben und
Kampagnen zu mobilisieren (Mackie 2003: 60; Molony 2005a). Denn diese be-
grenzte Beteiligung war noch im Rahmen ihrer Stellung im Haus als abhängige,
aber wichtige Mitglieder zu denken. Gegenüber dem Oberhaus wurde das Mut-
termotiv eingesetzt, um Akzeptanz dafür zu schaffen (s. o.).
Demgegenüber schien die volle politische Partizipation der Frau einschließ-
lich des Stimmrechts ihre zentrale Bedeutung für den neopatriarchalen Haushalt
und damit zugleich ‚das Land‘ oder ‚den Staat‘ zu gefährden. Denn der Haushalt er-
schien als öffentlich und unmittelbar relevant für den japanischen Familien­staat.
Volle und eigenständige Bürgerinnenrechte für Frauen hätten die zugrundeliegen-
de Konstruktion der geschlechtlichen Dienstbarkeit der Frau primär für die Fami-
lie und so für die Nation erschüttern können. So argumentierten männliche Geg-
ner des Frauenstimmrechts vor allem mit der Bedeutung der Frau für das Haus in
Japan, aber auch ihrer körperlichen und intellektuellen Unterlegenheit gegenüber
den Männern, der fehlenden Beteiligung am Militärdienst und schließlich mit der
moralischen Fragwürdigkeit der ‚liederlichen und hässlichen Suffragetten‘.
Nach dem Mandschureikonflikt 1931 lehnten die Regierung und die beiden im
Wechsel regierenden Parteien weitere Schritte zum Frauenwahlrecht ab. Darauf-
hin veränderten die Stimmrechtsaktivistinnen ihre Strategie: Nun forderten sie
zunehmend die gesellschaftliche Beteiligung der Frauen, um die Lage der Frauen
zu verbessern und zugleich ihre Leistungsfähigkeit für die Nation unter Beweis zu
stellen. Die Forderungen nach dem Wahlrecht und individueller Autonomie und
Rechten wurden eher zurückgestellt. Die Stimmrechtsaktivistinnen griffen das
konservative Argument der Rolle der Frau im Haus auf und wendeten es um: Dar-
64 Ilse Lenz

auf‌hin begründeten sie einen möglichen weiblichen Beitrag in der Politik eben
mit Bezug auf die Rolle der Mutter und Hausfrau.
Infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Aggression in der Mandschurei
1931 wurde die Forderung nach staatlichem Mutterschutz dringlicher. Aktivistin-
nen verwiesen auf die dramatische Zunahme von Selbstmorden von Müttern, die
oft sich und ihre Kinder umbrachten. Frauen aus dem ehemaligen Seitō-Kreis, der
Stimmrechtsbewegung und der Linken bildeten den Verband für ein Gesetz zum
Schutz von Mutter und Kind. Das Gesetz zum Schutz von Mutter und Kind wur-
de 1937 erlassen und trat 1938 in Kraft. Es sah staatliche Unterstützung für Witwen
und Mütter vor, deren Mann krank wurde oder sie verlassen hatte; parallel wurde
ein Gesetz zur Versorgung von Angehörigen von gefallenen oder schwer verwun-
deten Soldaten beschlossen (Mackie 1997: 146 – ​7; Molony 1993). In den Diskursen
der nationalpartizipativen Richtung stieg nun die Mutter und Hausfrau im Dienst
der Nation zum Leitbild auf.
Nach der Invasion in China 1937 und der folgenden Generalmobilmachung
1938 kooperierten die Anführerinnen der Stimmrechtsbewegung mit der ultra-
nationalistischen Regierung.61 Vonseiten der großen nationalistischen Frauen­
verbände kamen sie zunehmend unter Druck.62 Acht große Verbände aus der
Frauenbewegung wurden am 28. 9. ​1937 zum Großjapanischen Verband der Frauen­
vereine (Dai Nihon fujin dantai) zusammengeführt. Das Ziel des Verbandes lag
laut Ichikawa Fusae, die als seine Sekretärin diente, „im Schutz der Heimatfront“.
Anführerinnen der Stimmrechtsbewegung beteiligten sich in Regierungskomi-
tees zur Bildung, Konsumgütern und Haushaltsführung, Wohlfahrt, Sparen usw.
(Katzoff 2000; Mackie 2003: 107). Nach der Gründung der Vereinigung zur Un-
terstützung der Kaiserherrschaft saßen neben Vertreterinnen der nationalistischen
Frauenverbände auch führende Frauenrechtlerinnen in ihrem Zentralkomitee.
1940 wurde die Liga für die Erreichung des Frauenstimmrechts aufgelöst. Februar
1942 wurden alle Frauenverbände in den Großjapanischen Frauenverein überführt,
der alle Frauen für den Einsatz an der Heimatfront mobilisieren sollte.
Auch gegenüber den ostasiatischen Frauenbewegungen kooperierten diese
Anführerinnen mit dem Eroberungskrieg Japans. 1928 noch hatten sie sich an der
ersten Pan-Pazifischen Frauenkonferenz in Honolulu beteiligt. Nach 1937 strebten
sie Kommunikation und Kooperation mit Frauen in Ostasien, besonders in den
japanisch besetzten Gebieten, an (Molony 2011; Molony u. a. 2016). Sie schlossen
die Augen vor der Tatsache, dass die Frauenbewegungen in China und Korea für

61 Vgl. Germer 2008; Mackie 2003: 104 – ​114; Suzuki 1986; Ueno 2004.
62 Der 1901 gegründete Patriotische Frauenverband und der Frauenverband zur Landesverteidi-
gung, der 1932 begründet wurde und dem Militär nahestand, umfassten mehrere Millionen
Mitglieder.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 65

nationale Unabhängigkeit und soziale Rechte gegen das japanische Kaiserreich


kämpften und zum Kern der antikolonialen Bewegung gehörten.
In der Entwicklungslinie der politischen Partizipation zeigte sich ein Wan-
del vom autonomen Subjekt oder aber der Bürgerin um 1920 zur Mutter, Haus-
frau und Arbeiterin, die im Krieg ihren geschlechtsspezifischen Beitrag für die
japanische Nation leisten sollte. Die Denkform des wichtigen Beitrags der Frau
zur Familie, zur Gemeinschaft und Nation ist kontinuierlich darin eingewoben
(Germer 2008). Hatte Kishida Toshiko die chinesischen Frauen noch als weises
Vorbild und Inspiration für die Forderungen nach Gleichheit und Partizipation in
Japan gewürdigt, so erschienen die Frauen in China und Korea ab 1937 als kolo-
nialisierte Subjekte und mögliche Kooperationspartnerinnen im japanischen Kai-
serreich. Das Leitmotiv der öffentlichen Beteiligung der Frau in der Nation führ-
te die nationalpartizipative Richtung in die Kooperation mit dem Krieg gegenüber
Ost­asien und den USA. Während sie ihre Kriegseinbindung nach 1945 zwar kri-
tisierten, beflügelte das Partizipationsmotiv sie weiter bei der folgenden Mobili-
sierung von Müttern und Hausfrauen für den Frieden und die Demokratisierung
der Familie.

Die Entwicklungslinie der linken Frauengruppen


und der Arbeiterinnenbewegung

Demgegenüber setzte die linke Frauenbewegung nicht allein auf Partizipation in


der imperialen Demokratie, sondern auch auf einen strukturellen Wandel der Ge-
sellschaft.63 Sozialistinnen und Anarchistinnen aus verschiedenen Richtungen ar-
beiteten in dem Verein Rote Wellen64 zusammen, der einen linken Gegenpol zum
Verein der Neuen Frauen bildete. Auch die linken Frauengruppen leiteten sich aus
der demokratischen und frühsozialistischen Bewegung her und einige Führerin-
nen kamen aus dem Umkreis der Seitō.
Ab 1920 differenzierten sich drei Strömungen in der sozialistischen Bewegung
heraus: der revolutionäre und der parlamentarische Sozialismus, sowie der Anar-
chismus. Diese Grundrichtungen waren wiederum jeweils in verschiedene Zirkel
geschieden, die sich besonders in der revolutionären Linken heftig bekämpften.
So unterschieden sich die verschiedenen leninistischen Flügel danach, ob sie der
Komintern-Linie mit ihren plötzlichen Wendungen vom Anspruch der radika-
len leninistischen Avantgarde bis zur breiten Volksfront dogmatisch folgten oder

63 1890 – ​1980; vgl zum folgenden Abschnitt Faison 2018; Germer 2003; Hane 1993; Mackie 1997;
2003.
64 Sekirankai 1921 – ​1922; vgl. u. a. Mackie 1997: 102 – ​5.
66 Ilse Lenz

eher auf eine Weiterführung der marxistischen Theorie für die japanischen Ver-
hältnisse setzten. Diese letztere Richtung beteiligte sich an legalen linken Parteien
wie der Japanischen Arbeiter-Bauernpartei (1926 – ​1928) und gründete eigene Ge-
werkschaftsverbände wie den Japanischen Gewerkschaftsrat (1925 – ​1928). Weitere
wichtige Richtungen waren der sozialdemokratische Flügel und der Anarchismus,
der sowohl den Kapitalismus wie auch den autoritären Sozialismus in der UdSSR
radikal kritisierte. Die linken Frauenverbände waren in diese Strömungen ein-
gebunden. Einige Aktivistinnen waren zugleich Ehefrauen und Töchter sozialis-
tischer Führer, doch behaupteten sie ihre Eigenständigkeit in ihrem Denken und
Handeln. Ich werde nun diese Richtungen kurz umreißen und wieder drei führen-
de Frauen in ihrem jeweiligen Kontext vorstellen.
Yamakawa Kikue,65 die von Zeitgenossen oft die japanische Clara Zetkin ge-
nannt wurde, war die führende linkssozialistische Theoretikerin der Frauenbefrei-
ung. Wie Zetkin stand sie für eine revolutionäre Theorie der Frauenbewegung,
die durch ihre Auseinandersetzung mit Marx, Engels und Bebel und durch ihre
Wahrnehmung der russischen Revolution befruchtet wurde, und sie vertrat eine
klare, teils scharfe Distanzierung von den liberalen und individualfeministischen
Strömungen, die sie als bürgerliche Frauenbewegung einordnete. Sie entfaltete ein
radikales Gleichheitsdenken, das sich auf Geschlecht, Klasse und – wie im Fall der
kolonisierten Koreaner und Taiwaner – auch auf Ethnizität und Kolonialismus be-
zog (vgl. Q 1.11).
Sie kam aus einer bildungsorientierten Samuraifamilie. Nach dem Studium
an dem Women’s College for English war sie als Schriftstellerin und in der Frauen-
bewegung tätig. 1916 heiratete sie den Sozialisten Yamakawa Hitoshi (1880 – ​1958).
Beide waren Führungsfiguren in der linkssozialistischen Bewegung, die sich nach
der Russischen Revolution am Leninismus orientierten. Sie entwickelten dann
aber eine unabhängige Position zur KPJ und ihrer Abhängigkeit von der Kom-
intern und wollten eine legale sozialistische Partei in Japan aufbauen. Sie verkör-
perten das Leitbild der sozialistischen Kameradschaftsehe. Nach 1938 verweiger-
ten sie sich der Mobilisierung für den Krieg.
Yamakawa Kikue entwarf eine sozialistische Theorie der Frauenbefreiung für
Japan, die sich bis in die 1970er Jahre als einflussreich erwies. Sie trat für eine De-
mokratisierung und Modernisierung der japanischen Familien- und Arbeitsver-
hältnisse und für Gleichheit für Frauen und Kolonisierte in Bildung und Beruf
ein (vgl. Q 1.11). Deswegen forderte sie die Abschaffung des in ihren Augen feu-
dalen japanischen Familienrechts einschließlich des Haushaltsvorstandes. Doch
die feudale Unterordnung der Frau betraf diese auch in der Industriearbeit, wo
sie im Wohnheim kaserniert und von der gewerkschaftlichen Organisierung fern-

65 1890 – ​1980; vgl. Mackie 1997; Faison 2018.


Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 67

gehalten werde. Am stärksten wirkte sie sich in der öffentlichen Prostitution aus,
in der Frauen in den Bordellen aufgrund von Verschuldung kaserniert und fest-
gehalten und ihre Menschenrechte systematisch verletzt werden. Yamakawa ver-
band also die Frauenbefreiung mit der Demokratisierung und Modernisierung
Japans und vertrat einen umfassenden Gleichheitsansatz nach Geschlecht, Klas-
se und Ethnizität.
Die sozialistische Frauenbefreiungstheorie fasste die Frauenbefreiung als Fra-
ge der feudalen Strukturen, besonders des ‚feudalen patriarchalen Hauses‘ auf,
und war einem einlinigen Modernisierungsdenken verhaftet, nach dem die bür-
gerliche und die sozialistische Revolution die Frauenbefreiung mit sich brin-
gen würde. Deswegen konnte sie den neopatriarchalen Charakter der modernen
Kleinfamilie und die modernisierte Geschlechterungleichheit nach dem Brotver-
diener-/Hausfrauenmodell in der kommenden differenzbasierten Geschlechter-
ordnung nicht erfassen.
Eher links orientiert war auch die KonsumentInnenbewegung, die ein Forum
für gesellschaftspolitisch aktive Hausfrauen und Mütter bot. Sie kritisierte im All-
tag hohe Preise, ungesunde Produkte und die kapitalistische „Ausbeutung der
Konsumenten“ (vgl. Tokuza 1999: 203 – ​211). So öffnete sie den Weg zur gesell-
schaftlichen Partizipation für Hausfrauen und überwand ihre Einschränkung auf
das Haus.
Anarchistische feministische Kreise engagierten sich in den Gewerkschaften
und der KonsumentInnenbewegung. In der Debatte um anarchistische und mar-
xistische Ansätze zur Frauenbefreiung um 1929 – ​1930 wurde die marxistische Be-
freiungstheorie wegen ihrer autoritären Ausrichtung hinterfragt.66 Yama­kawas
sozialistische Zentrierung auf Staat und Modernisierung wurde vonseiten anar-
chistischer Feministinnen heftig angegriffen. Sie wendeten sich gegen die staat-
liche autoritäre Kinderbetreuung und die Mobilisierung der Frauen für die Lohn-
arbeit in der UdSSR, auf die sich Yamakawa positiv bezog. Diese Kritik am
männerzentrierten staatlichen Autoritarismus wirkte auch auf die Lib der 1970er
Jahre ein und sie bleibt brisant und aktuell.
Die Anarchistin Itō Noe67 kam aus dem ländlichen Kyūshū nach Tōkyō und
hatte sich dort der Seitō angeschlossen. Ab 1916 lebte sie in einem freien Liebesver-
hältnis mit dem Anarchisten Ōsugi Sakae (1885 – ​1923) zusammen. Beide wurden
während der Erdbebenkatastrophe in Tōkyō 1923 von rechten Militärs ermordet.
Itō Noe thematisierte schon in der Seitō die Klassenungleichheit in der Frauen-

66 ana-boru ronsō; die Debatte folgte auf eine Kontroverse, die linke Männer um anarchistische
versus leninistische Ansätze der Revolution nach der Oktoberrevolution ab 1920 führten; vgl.
Germer 2000, 2003: 38 – ​9; Mackie 1997.
67 1895 – ​1923; vgl. u. a. Lenz, Terasaki 1978.
68 Ilse Lenz

bewegung in ihrer materiellen und kulturellen Dimension. Den Oberschicht-


frauen, die ein Prostitutionsverbot forderten, warf sie eine arrogante und eng-
herzige Haltung gegenüber den Prostituierten vor. Sie wollte eine freie Entfaltung
von Frauen entsprechend ihrer inneren Natur, was ihre Subjektivität und Sexua-
lität mit einbegriff. Vor dem Hintergrund ihrer Kindheit auf dem Lande entwarf
sie eine Utopie kleiner herrschaftsfreier ländlicher Gemeinden, in denen die Ge-
schlechter in Balance lebten (vgl. Lenz, Terasaki 1978).
Auch die anarchistische Feministin Takamure Itsue68 kam aus dem ländli-
chen Kyūshū. In ihrem Elternhaus hatte sie eine umfassende Kenntnis der klassi-
schen japanischen Literatur und Geschichte wie auch des Chinesischen erworben.
Sie arbeitete als Hilfslehrerin, Journalistin und kurze Zeit auch als Fabrikarbeite-
rin, um ihre Familie zu unterstützen. Nach einer unglücklichen Liebeserfahrung
nahm sie an der langen Pilgerrunde durch die buddhistischen Tempel in Shikoku
teil. 1920 zog sie nach Tōkyō, wo sie sich als Schriftstellerin etablierte und mit ih-
rem Geliebten und späteren Ehemann Hashimoto Kenjirō zusammenlebte. Eine
Totgeburt erlebte sie als tiefes Trauma, das ihr Denken veränderte. Danach wand-
te sie sich der Liebe und dem Maternalismus als Leitgedanken zu und kritisier-
te die in ihren Augen männlich-autoritäre und isolierende Moderne. Darin war
sie von Hiratsuka beeinflusst. 1931 beendete sie ihr Engagement in der anarchisti-
schen Frauenbewegung, zog sich mit Hashimoto in ein ‚Haus im Wald‘ am Ran-
de von Tōkyō zurück und konzentrierte sich auf ihre historische Forschung. Ge-
stützt auf ein umfassendes Quellenstudium vertrat sie, dass im frühen Japan eine
matrilineare und mutterrechtliche Ordnung herrschte, die durch den Aufstieg der
patriarchalen Kriegersippen ab dem 10. Jahrhundert umgewälzt wurde. Diese frü-
he Stärke der Frau verband sie mit einer essentialistischen Vorstellung vom Wesen
der japanischen Kultur.69 Ihr kultureller Nationalismus begründete ihre zuneh-
mende Kollaboration im Asiatisch-Pazifischen Krieg und ihre Bejahung der Ideo-
logie des Kaisersystems (Germer 2003: 43 – ​48; vgl. auch Ueno 2004). Nach 1945
beflügelte ihr Werk jedoch den Neuaufbruch der Frauenbewegung (s. u.).
Die gewerkschaftliche Organisierung von Frauen wurde von der linkssozia-
listischen und vor allem von der sozialdemokratischen Richtung vorangetrie-

68 1894 – ​1964, vgl. Germer 2003.


69 Damit steht sie letztlich auch in der Tradition der nationalen Schule um Motoori Nobunaga.
Die Forschung bestätigte später Takamures Erkenntnis, dass Frauen in Japan bis in die Hei-
an-Zeit (794 – ​1185) umfassende Rechte in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hatten und
das Ehesystem matrilokal war, das Paar und die Kinder also bei der Frau wohnten, während
die Abstammung patrilinear war. Allerdings wurde die Annahme des Matriarchats, also
einer Mütterherrschaft, hinterfragt (vgl. McCullough 1967; Germer 2003: 347 ff.). Die neue-
re ethnologische Forschung ist skeptisch gegenüber Matriarchatsansätzen und spricht eher
von geschlechtssymmetrischen Gesellschaften (vgl. Lenz, Luig 1990).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 69

ben. Trotz der Spaltung der Gewerkschaftsbewegung und der starken Kontrol-
le durch das Management führten ArbeiterInnen um 1930 eine Reihe von Streiks
in der Textilindustrie gegen rationalisierungsbedingte Entlassungen und für bes-
sere Löhne und Arbeitsbedingungen durch. In dem ‚Frauenstreik‘ in der Tōkyō
Muslin-Fabrik 1930 gegen Entlassungen hielten die Streikenden fast zwei Monate
durch und kämpften auf der Straße gegen Polizei und Streikbrecher. Die Arbeite-
rinnen verteidigten ihr Wohnheim, indem sie Polizisten auf ihren Schultern her-
austrugen und die angreifenden männlichen Gangs zurückschlugen (vgl. Faison
2007: 81 – ​106; Mackie 1997: 124 – ​6; Molony 1991; Lenz 1984). So wurden die Fabrik-
arbeiterinnen in der männlich zentrierten Gewerkschaftsbewegung allmählich als
Personen mit eigenen Rechten und als Genossinnen wahrgenommen. Zugleich
weitete sich die gewerkschaftliche Organisation auch auf weitere Bereiche, so auch
auf Kellnerinnen oder SchauspielerInnen, aus (Mackie 1997: 126).
Allerdings ging die ArbeiterInnenbewegung infolge der Mandschureikrise
1931, der Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden staatlichen Kontrolle zu-
rück. Die linkssozialistischen und sozialdemokratischen Aktivistinnen engagier-
ten sich in Bündnissen mit der nationalpartizipativen Strömung für das Frauen-
stimmrecht. Als der Spielraum für politische Veränderungen schwand, setzten sie
sich für soziale Reformen wie das Recht auf Mutterschutz ein. Sozialistinnen wie
Sakai Magara kritisierten in diesem Zusammenhang auch den nationalen Mutter-
schaftskult.
In Zusammenarbeit mit der ArbeiterInnenbewegung führte Ishimoto Shizue70
die Familienplanung und den Zugang zu Verhütungsmitteln in Japan ein und
gründete die Japanische Liga für Geburtenkontrolle (Ishimoto 2018; Mackie 1997:
146 – ​7).
Bis zu ihrer endgültigen Gleichschaltung um 1942, als alle Frauengruppen
zwangsweise in den Großjapanischen Frauenverband überführt wurden, hatten
die Frauenbewegungen also unterschiedliche politische Programmatiken und
Analysen erarbeitet. Der nationalpartizipative Flügel um die Stimmrechtsbewe-
gung kooperierte mit der ultranationalistischen Regierung und dem Pazifischen
Krieg. Im Zuge dieser Kooperation vollzog er eine doppelte Wendung: vom Leit-
bild der modernen, öffentlich aktiven Frau zur Mutter der japanischen Nation
und vom sozialintegrativen zum nationalistischen Partizipationsdenken.

70 1897 – ​2001, später Katō Shizue nach der Heirat mit dem Sozialisten und Gewerkschaftsfüh-
rer Katō Kanjū. Sie kam aus der Aristokratie und beschäftigte sich in New York mit der Ge-
burtenkontrolle, wo sie auch Margaret Sanger kennenlernte. Ab 1922 setzte sie sich in Japan
für Geburtenkontrolle ein. Sie wurde 1946 ins Unterhaus gewählt, trat dann der Sozialisti-
schen Partei Japan bei und war von 1950 – ​1974 im Oberhaus. 1948 gründete sie die Japan
Family Planning Association (JFPA), die ein Mitglied der International Planned Parenthood
Federation ist; vgl. Ishimoto 2018.
70 Ilse Lenz

Führerinnen des anarchistischen und sozialistischen Flügels arbeiteten teils


mit dem Ultranationalismus zusammen oder sie zogen sich weitgehend aus der
Öffentlichkeit zurück. LinkssozialistInnen wie Yamakawa Kikue und Yamakawa
Hitoshi bewahrten ihre gleichheitliche, antirassistische und antikoloniale Haltung
und verweigerten sich der Kooperation mit der Kaiserherrschaft im Krieg. Nach
der Niederlage Japans konnten sie deshalb mit hoher Glaubwürdigkeit für die Be-
freiung und Partizipation der Frauen und für Demokratisierung eintreten.

Teil III: Mütter und Hausfrauenbewegungen


in der differenzbegründeten Geschlechterordnung

Bruch, Neuanfang und Kontinuität der Frauenbewegungen


nach 1945

Der Zweite Weltkrieg endete 1945 mit ungeheuren Verlusten an Menschenleben


und Gütern in Ostasien.71 Die japanischen Kriegstoten unter Einschluss der Zi-
vilisten umfassten etwa 2,7 Millionen. Die Zahl der zivilen und militärischen Op-
fer in Ostasien lag um ein Vielfaches darüber: Für China wird sie mindestens auf
10 Millionen geschätzt. In den letzten Kriegstagen setzten die USA Atombom-
ben in Hiroshima und Nagasaki ein, was bis Ende 1945 zum Tode von 220 000
Menschen führte. Viele junge Frauen vor allem aus Korea, China und Südostasien
wurden als Zwangsprostituierte für die Kaiserlich Japanische Armee verschleppt.
Ihre Zahl lag nach Schätzungen zwischen 50 000 und 200 000. Sie erlebten oft
schreckliche sexuelle und körperliche Gewalt, die aber nach dem Krieg syste-
matisch verschwiegen wurde. Oft wurden sie später in ihrer Heimat ausgegrenzt
und verstoßen. Die japanischen AuswanderInnen nach China, Korea und Südost­
asien flüchteten nun meist mittellos ins kriegszerstörte Japan. Die chinesischen
und koreanischen ZwangsarbeiterInnen in Japan hatten Kasernierung, Arbeits-
zwang und die Kriegshärten erfahren; auch sie waren unter den Atombomben-
opfern. Viele verblieben in Japan. Aber während sie zuvor als untergeordnete An-
gehörige des japanischen Kaiserreichs galten, wurden sie und später ihre Kinder
und Enkel nun plötzlich als Ausländer eingestuft und in Bildung und Arbeits-
markt diskriminiert.

71 Vgl. zu der Zahl der Kriegstoten und Atombombenopfer in Japan Dower 1999: 44 – ​5; Zöll-
ner 2009: 383; Dower gibt mindestens 10 Millionen Kriegsopfer in China an, wobei man-
che Schätzungen viel höher liegen; vgl. Dower 1986: 295 – ​296; zu den Zwangsprostituierten
für die Kaiserlich Japanische Armee vgl. Mae in diesem Bd., sowie Drinck, Gross 2006; Soh
2008; Tanaka 2002; Yoshimi 2000; die Zahlenangabe folgt Gordon 2003: 225.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 71

Nachdem Kaiser Hirohito am 15. 8. ​1945 die bedingungslose Kapitulation aus-


sprach, kam Japan formell unter die Verwaltung der Alliierten Mächte. Faktisch
übten jedoch der Supreme Commander for the Allied Powers (SCAP), US General
Douglas McArthur, und der SCAP Verwaltungsstab aus den USA die Herrschaft
über das besetzte Japan aus. Die SCAP-Politik war widersprüchlich: Sie verfolgte
die hegemonialen Ziele der USA, die sie durch Demokratisierung nach dem west-
lichen Modell und durch Entmilitarisierung verwirklichen wollte. Sowohl eine
Rückkehr zum ultranationalistischen autoritären System wie auch eine sozialis-
tische Revolution, wie sie sich damals in China und Nordkorea entwickelte, soll-
ten ausgeschlossen werden.72 Angesichts des beginnenden Kalten Krieges und der
großen Protestbewegung in Japan im Februar 1947 stoppte SCAP darauf faktisch
den Demokratisierungskurs und setzte auf Eindämmung und Zerschlagung der
linken Parteien und Bewegungen.
Nach der Niederlage 1945 kappte die Exkolonialmacht Japan ihre Verbindun-
gen zu ihren Kolonien. Auch mental wurde eine neue Grenzziehung zu den vo-
rigen Kolonisierten vollzogen, die nun als ‚Ausländer‘ eingestuft wurden. Vor-
her galten die Koreaner und Taiwaner als dem kolonialen Kaiserreich zugehörig,
wenn auch auf einer niedrigeren Stufe. Sie wurden als die jüngeren Brüder der Ja-
paner unter dem Kaiser angesehen. Nach 1945 wandelte sich das Bild der Nation
zu dem einer Gemeinschaft homogener japanischer BürgerInnen mit einer ge-
meinsamen Kultur und Psyche, die sich von den Nachbarstaaten der VR China
und Nord- und Südkorea abgrenzte (vgl. Oguma 2002, 2017). Auch die national-
partizipative Frauenbewegung wandte sich eher von Ostasien ab und orientier-
te sich auf Europa und die USA. Sozialistische Aktivistinnen wie Tanaka Sumiko
(1928 – ​2013; vgl. Q 4.25) setzten sich demgegenüber weiter mit den Frauenfragen
und -bewegungen im postkolonialen Ost- und Südostasien auseinander (Molony
u. a. 2016: 395).
SCAP sah die sozialen Ursachen des japanischen Militarismus in der Über-
macht der konservativen Eliten wie den Großgrundbesitzern und den Großkon-
zernen, aber auch in der Geschlechterungleichheit und dem neopatriarchalen
Haus. Bereits Oktober 1945 verkündete es grundsätzliche Meinungs-, Versamm-
lungs- und Organisationsfreiheit, die auch für Gewerkschaften, Pächter- und
Frauenverbände galt. Unter seinem Einfluss beschloss das Parlament am 15. 12. ​
1945 das allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männer über 20 Jahren. Die von
SCAP inspirierte Verfassung von 1946 sah Freiheits- und Menschenrechte, Gleich-

72 Vgl. Koikari 2008 zu einer Kritik von SCAP und der mit ihm kooperierenden Aktivistin-
nen, die allerdings reduktionistisch und dualistisch gerät und tendenziell ein metropolitanes
Weltbild des queeren Postkolonialismus aus den heutigen USA auf die komplexe Problemla-
ge in Japan ab 1945 projiziert.
72 Ilse Lenz

heit ohne Berücksichtigung des Geschlechts, der Rasse, des Glaubens, des sozia-
len Status oder der Familienherkunft vor. Ebenso verankerte sie die Gleichbe-
rechtigung der Geschlechter in der Familie (Gordon 2003: 226 – ​240; Mackie 2003:
120 – ​131).
Die Frauenführerinnen organisierten gleich nach dem Kriegsende wieder Ver-
bände ihrer verschiedenen Flügel und stellten Forderungen nach Demokratisie-
rung, Gleichheit und ausreichender Versorgung der hungernden Bevölkerung
auf. Der nationalpartizipative Flügel um Ichikawa begrüßte das Wahlrecht und
gründete später den Wählerinnenbund73 mit. 1948 wurde der große Hausfrauen-
verband (shufu rengōkai) mit Oku Mumeo als Vorsitzender gebildet, der sich für
einen stabilen Lebensunterhalt und die Rechte der Hausfrauen und KonsumentIn-
nen einsetzte. Die Hausfrauen- und die späteren Mütterbewegungen waren links
und teils kapitalismuskritisch orientiert.74 Die unterschiedlichen linken Richtun-
gen, die von sozialdemokratischen und sozialistischen bis zu kommunistischen
Kreisen reichten, versammelten sich um den Demokratischen Frauenklub,75 der
die vorige Mobilisierung der Frauen für den Krieg radikal kritisierte und sich für
demokratische Rechte, Gleichheit und Versorgung angesichts der Nachkriegskri-
sen einsetzte. Die verschiedenen Richtungen kooperierten in dem Anliegen, die
Gesetzgebung von Frauenseite her zu beeinflussen. Auch schlossen sich die neu
gewählten 39 Parlamentarierinnen 1946 im Klub der weiblichen Abgeordneten zu-
sammen (Mackie 2003: 126).
Das Familiengesetz im reformierten BGB von 1947 schaffte den neopatriarcha-
len Haushalt formal ab und verankerte gleiche Rechte beider Ehegatten bei inner-
familialen Entscheidungen (vgl. Ochiai 1997; Westhoff 1999). Es erleichterte Schei-
dungen im Einvernehmen, wobei die Ehefrau jedoch keine Absicherung oder
Unterhalt erhielt. Das Erbrecht war ebenfalls grundsätzlich gleich. Allerdings ver-
blieben einige rituelle Güter und Verpflichtungen wie die Sorge für das Familien-
grab bei dem ältesten Sohn – oder der ältesten Tochter, wenn dieser fehlte. Denn
während das Gesetz die Geschlechtergleichheit vorsah, schrieb es institutionell
das Prinzip des Hauses in diesen rituellen Erbgütern und dem Haushaltsregis-
ter fort. Auch nach dem reformierten BGB werden alle Personen im Haushalts-
register auf dem Einwohnermeldeamt registriert, das zugleich einen – meist

73 Der Neue japanische Frauenbund (Shin Nihon fujin dōmei), dessen Name an den Verein der
Neuen Frauen erinnert, schloss sich am 3. 11. ​1946 zusammen; daraus entwickelte sich 1950
der Wählerinnenbund (Fujin yūkensha dōmei); vgl. Mackie 2003: 122.
74 Demgegenüber waren die Mütterverbände etwa in der Bundesrepublik Deutschland lange
liberal oder christlich konservativ.
75 Fujin minshu kurabu. Die sozialdemokratischen und sozialistischen Frauen distanzierten
sich rasch von dem Demokratischen Frauenklub, aber seine Zeitung Fujin Minshu Shimbun
wurde in der Frauenbewegung breit gelesen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 73

männlichen – Haushaltsvorstand festhält. Die Ehepartner tragen einen gemein-


samen Familiennamen und es gibt keine Wahlfreiheit für die Beibehaltung des
eige­nen Namens. So hob das neue Familienrecht zwar die materielle Ungleich-
heit im neopatriarchalen Haushalt des alten BGB von 1898 rechtlich auf, war aber
auf der symbolischen Ebene weiterhin vom Haus als übergeordnete heteronorma-
tive Gemeinschaft und seiner patrilinearen Kontinuität durch den ältesten Sohn
beeinflusst. Deswegen wurden individuelle Lebenswege und sexuelle Vielfalt im
Rahmen des Hauses weiterhin erschwert.76 Die neue Frauenbewegung forderte
demgegenüber ab den 1980er Jahren individuelle Gleichheit in der Familie.
Das Arbeitsstandardgesetz von 1947 etablierte das Prinzip des gleichen Lohns
für gleiche Arbeit und Arbeitsschutz für Frauen und Mütter: Es sah einen Mut-
terschaftsurlaub, einen Menstruationsurlaub,77 sowie ein Verbot der Nachtarbeit
und langer Überstunden für Frauen vor. Das Arbeitsministerium richtete 1947 ein
Büro für Frauen und Jugendliche ein und Yamakawa Kikue wurde zu dessen erster
Leiterin von 1947 – ​1963 ernannt.
Zwei Flügel der Frauenbewegungen – der nationalpartizipative mit den sys-
temkritischen Hausfrauen- und Konsumentinnenverbänden und der sozialisti-
sche – hatten sich also nach 1945 rekonstituiert und dabei die Demokratie als Leit-
bild angenommen. Sie hatten die Gesetzgebung kritisch begleitet und erreichten
nun ein Massenpublikum von Frauen und an Gleichheit interessierten Männern
etwa in liberalen und linken Kreisen. Einige Feministinnen aus der Seitō, die im
frühen 20. Jahrhundert individuelle Autonomie und Subjektivität verlangt hat-
ten, waren nun zu Anführerinnen dieser Flügel aufgestiegen. Ihre frühere radi-
kale Geschlechterkritik war jedoch weithin vergessen. Ihre Diskurse mit den For-
derungen nach der Demokratisierung der Gesellschaft und Familie knüpften eher
an die Forderungen der 1920er und 1930er Jahre an. In der Nachkriegsdemokra-
tie verlangten Frauen vor allem als Hausfrau und Mutter in der Kernfamilie eine

76 Vgl. Chapman, Krogness 2014; Mackie 2003: 130, sowie die Kritik am Familiensystem in Ja-
pan von Kakefuda aus querer Sicht, s. u. und Kakefuda 1992. Es wurde unterstellt, dass alle
Frauen heiraten und im Haushaltsgrab des Mannes begraben werden, so dass diese Ver-
fügung für alleinstehende Frauen und Lesben besonders problematisch war. Angesichts die-
ser neopatriarchalen Verfügung über das Grab im Rahmen des Hauses verlangte die Neue
Frauenbewegung Gleichheit und individuelle Autonomie nicht nur im Leben, sondern auch
im Begrabenwerden. Es bildeten sich Frauengruppen mit Namen wie Gruppe zu Ehe und
Gräbern im 21. Jahrhundert oder Gruppe für fröhliche Gräber; vgl. Yokohama josei fōramu
1991: 54.
77 Der Menstruationsurlaub wurde seit 1927 von der Frauenabteilung des linkssozialistischen
Rats der japanischen Gewerkschaften (Hyōgikai) gefordert. Er wurde zunehmend als Mut-
terschutz aufgefasst, der die Gebärfähigkeit der Frau schützen sollte. In der neuen Frauen-
bewegung bildete er einen zentralen Streitpunkt in der Debatte um Gleichheit und Diffe-
renz; vgl. Nakayama 2007.
74 Ilse Lenz

Stimme in Politik und Verbänden (Mackie 2003: 122 – ​136). Damit beeinflussten
sie die differenzbegründete Geschlechterordnung mit, deren Keime bereits in den
1920er Jahren sprossten und die im hohen Wirtschaftswachstum von 1955 – ​1972
heranreifte.

Die differenzbegründete Geschlechterordnung


in der japanischen Betriebsgesellschaft

Ab den 1950er Jahren zeichnete sich in der japanischen Gesellschaft eine Entwick-
lung zur organisierten Moderne und zur differenzbegründeten Geschlechter-
ordnung ab. Das hohe Wirtschaftswachstum nach 1955 beruhte auf Massenpro-
duktion und Massenkonsum, an dem erstmals breite Mehrheiten teilhatten. Die
Gewerkschaften wie auch die Frauenverbände waren zu Massenorganisationen
angewachsen. Die raschen und umfassenden Bildungsreformen und die folgende
Expansion nach 1947 hatten bis zu den 1970er Jahren vielen Jugendlichen den Auf-
stieg über die Oberschule und Hochschule eröffnet. Zugleich erschienen die Klas-
senschranken relativiert oder aufgehoben: In einer Befragung der japanischen Re-
gierung 1973 hatten sich 93 Prozent der Bevölkerung in ihrem Lebensstandard der
‚Mitte‘ zugeordnet und Politik und Medien verbreiteten, dass in Japan im Gegen-
satz zu Europa die Grenzen zwischen den Klassen überwunden wären.78
Diese Prozesse lassen sich als widersprüchliche Kombination von Demokrati-
sierung und neuen Ungleichheiten begreifen: Zum einen eröffneten sich nach 1945
neue Teilhabechancen für breite Massen, die auch durch organisierte soziale Be-
wegungen errungen worden waren. So hatte die Gewerkschaftsbewegung eine ge-
wisse betriebliche Beteiligung und steigende Löhne für männliche Stammarbeiter
miterkämpft, ebenso wie die Mütterfriedensbewegung eine öffentliche Stimme für
Mütter in der regionalen und nationalen Politik eingefordert hatte. In den Gren-
zen biologistischer Geschlechternormen erlebten Frauen eine gewisse Demokra-
tisierung von Familie und Gesellschaft und hatten an der Bildungsexpansion teil.
Die neopatriarchale Herrschaft mit ihrer Norm der männlichen Überlegenheit
und weiblichen Minderwertigkeit – die Männer zu verehren und die Frauen ge-
ring zu achten – wurde brüchig und erschien zunehmend veraltet.
Zum anderen aber wurde die Geschlechterungleichheit nicht aufgehoben,
sondern modernisiert und zunehmend biologistisch legitimiert. Das zugrundelie-
gende Geschlechterwissen veränderte sich: Während in der neopatriarchalen Ge-
schlechterordnung eine durchgehende Minderwertigkeit der Frau vorausgesetzt

78 Vgl. u. a. Lenz 2010a; die These von der Überwindung der Klassengesellschaft war auch in
Europa verbreitet.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 75

wurde, wurde nun eher von einer sozialen und biologischen Andersartigkeit von
Mann und Frau ausgegangen, die als unterschiedlich, aber letztlich gleichwertig
verstanden wurden.
Zugleich aber wurde eine polare geschlechtliche Arbeitsteilung in zentrale
Institutionen wie die kapitalistischen Betriebe und den Arbeitsmarkt, die Fami-
lie und den sich entwickelnden Wohlfahrtstaat eingebaut. Danach wurden Män-
ner als Lohnarbeiter und Frauen als künftige Mütter und Hausfrauen definiert.
Frauen wurde also ‚von Natur aus‘ die unbezahlte Care- und Erziehungsarbeit zu-
gewiesen, mit der die entlohnten Arbeitskräfte auf dem kapitalistischen Arbeits-
markt versorgt werden. In dieser ungleichen Arbeitsteilung wirken Kapitalismus
und Patriarchat zusammen. In Japan nun stützten die Großbetriebe, die Politik
und die Medien diese polare geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen den hoch-
loyalen qualifizierten männlichen Stammbelegschaften und den Hausfrauen in
der modernen Kleinfamilie ab (s. u.).
Im Ergebnis hielten sich die Geschlechter im modernen Japan weitgehend in
getrennten Lebenswelten auf und homosoziale Gruppen waren lange vorherr-
schend: Frauen verbringen ihren Alltag und kommunizieren mit Frauen aus der
Nachbarschaft, Familie oder mit Freundinnen. Männer halten sich an den langen
Arbeitstagen und hinterher beim Trinken mit Kollegen auf. Nur einige Freund-
schaften, oft aus der Schul- oder Universitätszeit, gehen darüber hinaus. Das be-
inhaltet einen gewissen Bruch zu der vormodernen Dorfgesellschaft (s. o.). Die-
se homosozialen Gruppen begünstigten die Bildung von Frauengruppen in der
Nachkriegszeit und besonders in der neuen Frauenbewegung ab 1970. Aber sie be-
deuten auch, dass die homosozialen Männerwelten in Wirtschaft und Politik von
den Anliegen von Frauen und des Alltags abgeschottet sind und ihrer Thematisie-
rung hohe Barrieren entgegenstehen. Geschlechtliche Öffnungen zeichneten sich
eher in Bildung und Kultur ab, die sich nach 1950 rasch ausweiteten.
Das hohe Wirtschaftswachstum ab 1955 führte zu einer internationalen wirt-
schaftlichen Expansion Japans zunächst nach Ostasien und dann global in einer
ungleichen postkolonialen Welt. Der ökonomische Wiederaufstieg begann mit
den japanischen Lieferungen an die USA im Koreakrieg 1950 – ​1953 und führte zu
einer starken ökonomischen Dominanz Japans in der Region. Dazu kamen kul-
turelle und politische Spannungen wie etwa die politische Unterstützung der ja-
panischen Regierung für die peripher-kapitalistischen Diktaturen in Ostasien und
der zunehmende Sextourismus japanischer (wie auch europäischer) Männer nach
Korea und Thailand. Japans wirtschaftliche Vorherrschaft wurde als neuer öko-
nomischer Imperialismus kritisiert.
Im Folgenden werden die Prozesse der Durchsetzung der differenzbegründe-
ten Geschlechterordnung umrissen. Denn die Mütter- und Hausfrauenbewegun-
gen entfalteten sich in ihrem Zusammenhang und gestalteten sie mit, während die
76 Ilse Lenz

Neuen Frauenbewegungen sie in der Folge kritisierten und gegen sie aufstanden.
In der Verfassung und den Reformen war nach 1945 die Geschlechtergleichheit
als Rechtsnorm etabliert worden und Frauen hatten das Wahlrecht erreicht, was
einen grundlegenden Schritt weg von der neopatriarchalen Ordnung bedeutete.
Anstelle rechtlicher Normen legitimierte nun das hegemoniale Genderwissen, das
von einer grundlegenden Differenz und unterschiedlichen Rollen der Geschlech-
ter ausging, die reorganisierte Ungleichheit.
Die Entwicklung des Kapitalismus zum Fordismus und in Japan zum Toyotis-
mus79 baute auf der polaren geschlechtlichen Arbeitsteilung nach dem Lohnarbei-
ter-/Hausfrauenmodell auf und verstärkte sie. Im Zuge des hohen Wirtschafts-
wachstums ab 1955 wurden männliche Stammarbeiter als Ernährer der Familie
verstanden und eingesetzt und die Frauen als Hausfrauen und Mütter, die die un-
bezahlte Versorgungsarbeit für die Familie funktional für die Betriebe übernah-
men. Als sich die Betriebsgesellschaft80 im Zuge der Globalisierung ab den 1970er
Jahren voll verankerte, wurden diese geschlechtlichen Leitbilder zum Betriebs-
krieger und der Hausfrau hinter der wirtschaftlichen Heimatfront überhöht.
Im hohen Wirtschaftswachstum nach 1955 verbreitete sich das ‚japanische
Personalmanagement‘, das auf eine tiefe betriebliche Bindung der männlichen
Stammbelegschaften an die Großbetriebe setzte.81 Junge Männer wurden meist
nach dem Abschluss der Schule oder Universität rekrutiert und blieben darauf im
gleichen Unternehmen. Dies System beruhte auf Dauerbeschäftigung, kontinuier-
licher betrieblicher Bildung, Senioritätslöhnen, die mit der Betriebszugehörigkeit
anstiegen, und Sozialleistungen für die männlichen Stammbelegschaften. Diese
Senioritätslöhne entsprachen einem Familienlohn, mit dem ein Lohnarbeiter sei-
ne Familie finanziell erhalten konnte. So wurde nun erstmals das Ernährer-/Haus-
frauenmodell für einen Großteil der Industriearbeiter praktikabel, während die
Ehefrauen herkömmlich im Familienbetrieb oder durch eigene, oft prekäre Lohn-
arbeit mitverdient hatten (vgl. Gerteis 2009; Gordon 2003; Kimoto 2005; Lenz
1988). Da sich die männlichen Stammbeschäftigten in den Großkonzernen mit

79 Das umfassende Nutzungskonzept der Arbeitskraft des ‚japanischen Personalmanagement‘,


das im Folgenden umrissen wird, wird als Toyotismus bezeichnet. Er konnte die Probleme
in Bezug auf Produktqualität und Arbeitsdisziplin weitgehend vermeiden, die den Fordis-
mus in der Massenproduktion in Europa und den USA mit seinen Entfremdungstendenzen
in der Produktion betrafen.
80 kigyō shakai; mit Betriebsgesellschaft wird eine Gesellschaft bezeichnet, in der die betriebli-
chen Interessen in allen gesellschaftlichen Feldern wie etwa der Familie, der Nachbarschaft
oder der Politik hegemonial sind; für eine Kritik aus einer Geschlechterperspektive vgl. u. a.
Kimoto 1995, 2005.
81 Vgl. zur Segmentierung des Arbeitsmarktes und des Personalmanagements in Japan u. a.
Kimoto 2005; Lenz 1988; Nomura 2007; Ōsawa 2011, sowie Estévez-Abe 2008 zum Wechsel-
verhältnis von geschlechtlicher Segmentation des Arbeitsmarkts und Wohlfahrtsstaat.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 77

dem Betrieb als ‚Schicksalsgemeinschaft‘ identifizierten, produzierten sie mit sehr


hoher Qualität und leisteten extrem lange Überstunden. Diese ‚Betriebskrieger‘
fielen aufgrund der steigenden betrieblichen Anforderungen wie der Überstunden
zunehmend aus der Familie heraus und wurden tendenziell zu Wochenendvätern.
Im Zuge der verschärften internationalen Konkurrenz nach 1970 erfasste diese
Dominanz der Großbetriebe und ihrer Rationalität immer weitere Teile der Gesell-
schaft. Die resultierende Betriebsgesellschaft beruht auf einem polaren ungleichen
Geschlechterverhältnis, nach dem die Männer die industriellen Kernbelegschaf-
ten in der Lohnarbeit stellen und die Frauen die unbezahlte Familienarbeit und
zunehmend das Ehrenamt leisten. Die männlichen Stammbelegschaften konnten
weiterhin betriebliche Sicherheit und Sozialleistungen beanspruchen, jedoch ging
ihr Anteil unter den Beschäftigten auf eine ständig schrumpfende Minderheit zu-
rück, während sich flexibilisierte Beschäftigungsverhältnisse in den verschiedens-
ten Formen ausweiteten. Dazu gehören Teilzeitarbeit, Kontraktarbeit, Leiharbeit
und Abordnung in Tochterunternehmen usw. (vgl. u. a. Cook 2016; Heinrich 2010;
Nomura 2007; Ōsawa 2011).
Frauen wurden vor allem als flexible Randbelegschaften eingesetzt. Ab Mitte
der 1950er Jahre verbreiteten sich betriebliche Regeln, nach denen auch die regu-
lär beschäftigten Frauen bei der Eheschließung oder beim ersten Kind unter offe-
nem oder sanftem Zwang pensioniert wurden; teils wurden diese Normen in die
Betriebsvereinbarungen mit den Gewerkschaften aufgenommen. Selbst als die-
se frühe Pensionierung um 1966 als verfassungswidrig eingestuft wurde, muss-
ten Frauen auf Druck der Firma den Betrieb oft bei Heirat oder Geburt von Kin-
dern verlassen. Nach 1970 wurden sie dann zunehmend als Teilzeitbeschäftigte
zu niedrigen Löhnen und ohne Beschäftigungsgarantie eingestellt (vgl. Broadbent
2003). Die flexible Beschäftigung weitete sich auch auf den qualifizierten Frauen-
arbeitsplätzen aus und umfasst gegenwärtig mehr als die Hälfte der weiblichen
Beschäftigten. In der Regel boten Frauenarbeitsplätze also keine sichere Lauf-
bahn und ermöglichten teils nicht einmal eine eigenständige Existenz. Gleichzei-
tig zur Globalisierung ab 1990 erfasste die Flexibilisierung und Prekarisierung der
Beschäftigung auch breite männliche Gruppen wie die neuen ungesicherten Ar-
beiter,82 Zeitarbeiter, Kontraktarbeiter, Teilzeitbeschäftigte usw. und der vorige
Schutz der männlichen Stammarbeiter schwindet weiter dahin (vgl. Cook 2016;
Heinrich 2010).
Diese starre geschlechtliche Segmentierung auf dem Arbeitsmarkt wurde mit
einem weitgehenden Ausschluss von ArbeitsmigrantInnen verbunden. Bis zu den
späten 1980er Jahren lehnte die japanische Regierung eine breite Einwanderung

82 Sie werden frīta genannt, eine Neuschöpfung aus free und ‚arubaitā‘, was an das deutsche
Wort Arbeiter angelehnt ist.
78 Ilse Lenz

in die Industriearbeit ab.83 Für einfache und assistierende Tätigkeiten wurden vor
allem japanische Frauen in Teilzeitarbeit zu geringerem Lohn und ohne Sozialleis-
tungen beschäftigt. Angesichts der wachsenden Knappheit auf dem Arbeitsmarkt
ließ die Regierung dann eine begrenzte Migration auf Grundlage von ethnischer
und Bildungsselektion zu: Nach Japan einreisen konnten Arbeitskräfte mit einem
Bildungsabschluss aus bestimmten Regionen oder ethnischen Gruppen wie Indo-
nesien, den Philippinen, Thailand oder Vietnam. Auch die Nachkommen ehema-
liger japanischer AuswanderInnen aus Lateinamerika wurden als Industriearbei-
terInnen angeworben. Von ihnen wurde Vertrautheit mit der japanischen Kultur
und eine einfache Integration in Japan erwartet, was jedoch nur teils zutraf. Im
Pflegesektor wurden MigrantInnen aus Ost- und Südostasien mit Ausbildungs-
oder Anlernplänen für eine bestimmte Zeit zugelassen. In die Sexarbeit reisten
Frauen aus Ostasien mit Unterhaltungsvisa ein, teils wurden sie von japanischen
Gangstergruppen mit Verbindung zum Herkunftsland gehandelt. Offen stand die
Tür schließlich auch wenigen ExpertInnen und Fachkräften. Zwar hat die Migra-
tion seit einigen Gesetzesreformen ab 1990 allmählich zugenommen, wobei ein
Schwerpunkt im Gesundheits- und Pflegesektor liegt. Sie bleibt eher regional auf
EinwanderInnen aus Ostasien beschränkt. Der Ausländeranteil war mit 2,24 Pro-
zent um 2019 im internationalen Vergleich weiterhin gering.
Als Ausländer wurden auch die chinesische und die koreanische Minderheit
in Japan eingestuft, die als Ergebnis des Kolonialismus wie auch der Zwangsarbeit
während des Pazifischen Krieges schon lange in Japan leben.84 Nach dem Kriegs-
ende 1945 erhielten sie einen speziellen Status mit Daueraufenthalt und sie erleb-
ten Diskriminierungen in Bildung und Arbeitsmarkt. Später wurde der Erwerb
der japanischen Staatsangehörigkeit erleichtert und ein Teil der jüngeren Gene-
ration hat nun höhere Bildung erworben. Koreanische in Japan lebende Intellek-
tuelle, auch FeministInnen, haben heute eine öffentliche Stimme und sie betei-
ligen sich an den Diskussionen über Nation, Postkolonialismus und Geschlecht
(vgl. Q 13.57). Allerdings stieg mit der Rechtswendung der Politik und dem zu-
nehmenden japanischen Nationalismus ab 2000 auch der Rassismus gegenüber
Korea­nerInnen und EinwanderInnen erneut an.
In der differenzbegründeten Geschlechterordnung bildete die Position der
Mutter und Hausfrau in der städtischen Kernfamilie für Frauen eine breite Bahn
zu einer abhängigen wirtschaftlichen Absicherung und sozialen Anerkennung,
die mit ansprechenden kulturellen Leitbildern geschmückt war.85 Zwar waren der

83 Vgl. zur Migrationspolitik Chiavacci 2011; Vogt, Roberts 2011, Vogt 2018.
84 Vgl. zur Lage der in Japan lebenden KoreanerInnen u. a. Chapman 2008; Ryang, Lie 2009.
85 Vgl. zur modernen Kernfamilie in Japan u. a. Goldstein-Gidoni 2012; Ochiai 1997; Ueno
2009; White 2002; zur Bedeutung der Familie und unbezahlten Frauenarbeit im japanischen
Wohlfahrtsstaat vgl. Ōsawa 2011.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 79

älteste Sohn und seine Frau herkömmlich verpflichtet, mit seinen Eltern zusam-
menzuwohnen, wobei deren Versorgung von der Schwiegertochter übernommen
wurde. Doch diese Norm verblasste allmählich vor dem Sog der städtischen Ar-
beitsmärkte. An die Stelle der ländlichen Großfamilie trat die städtische Kleinfa-
milie im privaten Heim. Zugleich verwandelte sich die vorige ökonomisch und
sozial aktive Hauswirtschafterin der häuslichen Kleinbetriebe in die Hausfrau
und Mutter der städtischen Kernfamilie, den weiblichen Pol im neuen Ernährer-/
Hausfrauenmodell. Die Frauen entflohen damit tendenziell der neopatriarchalen
Autorität des Hausvaters und der Schwiegermutter in das moderne Heim. Ange-
sichts des Wegfalls der bisherigen hausväterlichen Autorität und des Auszugs der
Ehemänner in den Betrieb stellte sich zuhause ein latentes, eng begrenztes ‚Kü-
chenmatriarchat‘ ein.
Man kann vom Paradox der abhängigen, aber mächtigen Hausfrau und Mut-
ter in Japan sprechen. Bisher habe ich die Dominanz der Männer in der Lohn-
arbeit beleuchtet, aber auf der anderen Seite stand die mächtige Mutter in der un-
bezahlten Versorgungs- und Erziehungsarbeit für Familie und Kinder. Sie hielt
dem Ehemann als dem Ernährer den Rücken für den Betrieb frei. Die Bedeu-
tung dieser unbezahlten Reproduktionsarbeit war den Betrieben bewusst, und sie
wirkten mit betrieblichen Sozialleistungen wie Familienzulagen und Werkswoh-
nungen für die männlichen Stammbeschäftigten auf die Stabilisierung der Familie
und der geschlechtlichen Arbeitsteilung hin. In den Worten eines Managers: „In
principle the housewife is in charge of home life, and we can say that the husband
both takes his rest and builds his energy under her direction“ (zit. nach Gordon
2003: 264). Der Haushalt hatte also weiterhin öffentliche Bedeutung: War der neo-
patriarchale Haushalt vor 1945 der ökonomische und moralische Stützpfeiler des
Familienstaats, so bildete die private Kleinfamilie die zuarbeitende Grundzel-
le der Betriebsgesellschaft hinter der Front der Exportnation. Beide Familienfor-
men wurden durch die abhängige unbezahlte Arbeit der Frauen aufrechterhal-
ten, doch unterschieden sie sich grundlegend in ihrer Struktur und dem sozialen
Kontext.
Da der neopatriarchale Hausvater auf dem Land verblieb und der Ehemann
sich auf den Betrieb konzentrierte, wurde die Familie zugleich zum Reich der
Frau, in dem sie angesichts des entstandenen Machtvakuums eine bedeutende
Stimme bekam. Sie erhielt meist den Lohn des Mannes, gab ihm eine Summe
für seinen persönlichen Bedarf und verwaltete sonst das Haushaltseinkommen.
Damit verband sich ein wachsender Spielraum, da der Massenkonsum im ho-
hen Wirtschaftswachstum nach 1955 mit den Löhnen rasch anstieg. Die Hausfrau
und Mutter entschied über alltägliche Familienfragen. Ferner war sie verantwort-
lich für die Erziehung und den Bildungserfolg der Kinder, was sowohl eine hohe
Anerkennung in dieser Rolle wie auch große Belastungen mit sich brachte. Viele
80 Ilse Lenz

Debatten der Frauenbewegung knüpfen an diesem Paradox der abhängigen und


mächtigen Hausfrau an (vgl. Q 4.27; Q 10.49).
Im Zuge der Urbanisierung und Demokratisierung nahmen Intimität und
Emotionalität in der Familie zu: Die Liebesehe wurde allmählich zu einem ver-
breiteten Ideal, während in der Praxis viele Paare weiterhin arrangierte Ehen ein-
gingen, die von Bekannten, der Familie oder den Vorgesetzten im Betrieb ver-
mittelt wurden. Bis heute ist die Norm ist wirkmächtig, dass Männer wie Frauen
zu einem festgesetzten Alter verheiratet sein sollten. Dies sogenannte angemesse-
ne Heiratsalter liegt gegenwärtig bei Frauen um 23 bis 25 Jahre, bei Männern um
25 bis 28 Jahre. Während Paare in Japan wie in Europa und den USA oft unverhei-
ratet zusammenleben, wird bei einer Schwangerschaft eine rasche Heirat erwar-
tet. Ledige Mütter werden stark diskriminiert. Allerdings heiraten nun vor allem
Frauen mit etwa 30 Jahren später, zugleich bleibt ein zunehmender Anteil bewusst
ledig (vgl. Kottmann 2016). Die Ehe wird weithin als sozialökonomischer Vertrag
gesehen, in der Ernährer und Hausfrau ihre unterschiedlichen Aufgaben erfüllen
sollen, die Lebensbereiche von Mann und Frau aber weitgehend getrennt sind.86
Zudem verändern sich die Familien dramatisch durch die sinkende Gebur-
tenrate und steigende Alterung der Bevölkerung im zweiten demographischen
Übergang ab 1970 (vgl. Coulmas u. a. 2008). Wie in anderen konservativen Gen-
derwohlfahrtsregimes87 sinkt auch in Japan die Geburtenrate seit dreißig Jahren
drastisch. Das liegt vor allem daran, dass Frauen und Männer weniger und wenn,
dann später heiraten und dass die Paare weniger Kinder als früher bekommen.
Laut Shirahase Sawako wirkt sich diese Veränderung der Reproduktionsverhält-
nisse massiv auf die steigende soziale Ungleichheit in Japan aus (2011).
Die Widersprüche zwischen Öffnung und reorganisierter Geschlechterun­
gleichheit zeigen sich auch in der Bildung. Die Bildungsexpansion nach 1945 bot
Arbeiterkindern, sowie Mädchen und Jugendlichen auf dem Land erstmals Auf-
stiegschancen und trug entscheidend zu den Gleichheits- und Demokratisie-
rungstendenzen nach 1955 bei. In der Erziehungsreform unter der US-Besatzung

86 Zum Wandel der Familie nach 1990 vgl. Goldstein-Gidoni 2012; Kottmann 2016; Meier-​
Gräwe u. a. 2019; Ochiai 1997; Ueno 2009; White 2002;
87 Der Ansatz der Genderwohlfahrtsregimes ordnet Wohlfahrtsstaaten danach ein, welche
Normen der geschlechtlichen Arbeitsteilung sie zugrunde legen. In konservativen Wohl-
fahrtsregimes wie Deutschland oder Japan wird das Ernährer-/Hausfrauenmodell verankert
und gefördert; in liberalen Regimes wie Großbritannien und den USA werden alle Ge-
schlechter auf den Arbeitsmarkt gedrängt und die Versorgungsarbeit dem Markt oder unbe-
zahlter Frauenarbeit überlassen. In sozialdemokratischen Regimes wie Schweden wird eine
gleichheitliche Arbeitsteilung auf dem Arbeitsmarkt und in der Familie zugrunde gelegt und
staatlich abgestützt. Es handelt sich hier um Idealtypen, die durch die folgende Entwicklung
wie die neoliberale Wende im sozialdemokratischen Modell teils überholt sind; vgl. Betzelt
2007.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 81

war das Schulsystem vereinfacht und demokratisiert worden. Auf die Grundschu-
le von sechs Jahren folgte die obligatorische dreijährige Mittelschule. Mit dem Ab-
schluss der ebenfalls dreijährigen Oberschule stand der Weg in die vierjährige
Universität oder das zweijährige Junior College offen. Diese Chancen wurden
schichtenübergreifend genutzt, kamen aber stärker den Jungen zugute. Bereits um
1975 schloss die große Mehrheit der Jungen und Mädchen die Oberschule ab. Da-
nach studierte ein erheblich höherer Anteil der jungen Männer an der Univer-
sität, während die jungen Frauen sich zwischen Universitätsstudium und Junior
Colleges, also Fachschulen für soziale und pflegerische Berufe, aufteilten. Die-
se Bildungsbenachteiligung schlägt sich auch in den niedrigen Frauenanteilen im
Management und Spitzenberufen nieder. Da sie nicht in das Bild der homosozia-
len männlichen Stammarbeiter passten, verhielt sich die Privatwirtschaft zöger-
lich oder ablehnend gegenüber Akademikerinnen, die deswegen eher Chancen in
der Schule oder in freien Berufen hatten.
In seinen Inhalten vermittelte das Bildungssystem geschlechtliche Normen
und Verhaltensweisen. Dem obligatorischen Hauswirtschaftskurs für die Mäd-
chen standen für die Jungen lange Zeit Wahlfächer wie naturwissenschaftliche
Leistungskurse oder Kampfsport gegenüber. Erst 1985 erreichte die Frauenbewe-
gung, dass danach Jungen und Mädchen gemeinsam Hauswirtschaft lernten. Zu-
dem wurden herkömmlich bei der morgendlichen Begrüßung der SchülerInnen
erst alle Namen der Jungen und dann die der Mädchen vorgelesen, was als prak-
tisches Zelebrieren des „Jungen stehen oben“ oder der männlichen Überlegen-
heit erfahren wurde. Das Bildungssystem beruhte auf der differenzbegründeten
Geschlechterordnung und legitimierte zugleich ihre Genderideologien. Dennoch
bot es Chancen zur Qualifikation und Reflektion für Frauen und wurde in der
Studierendenbewegung von 1968 zu einem Ausgangspunkt der Neuen Frauen-
bewegung.

Die Hausfrauen- und Mütterbewegungen


in der differenzbegründeten Geschlechterordnung

In den 1950er Jahren gingen die Frauenbewegungen überwiegend von der weibli-
chen Differenz als Mutter und Hausfrau aus und forderten auf dieser Grundlage
öffentliche Partizipation. Während sie so die öffentliche Beteiligung von Frauen
durch eine Berufung auf die Mutterschaft erweiterten, bekräftigten sie zugleich
die Vorstellung eines grundlegenden Geschlechtsunterschieds, die die Grund-
lage der differenzbegründeten Geschlechterordnung war. Eine Reihe von Teilbe-
wegungen, die ich im Folgenden umreißen will, beeinflussten Politik und Gesell-
schaft aus dieser Differenzperspektive.
82 Ilse Lenz

Die Mütterkongresse bildeten eine japanweite Massenbewegung für Frieden


und die Demokratisierung des Alltags in den 1950er und 1960er Jahren (vgl.
Q 4.25, sowie Maxson 2018; Yamamoto 2004). Der Auslöser waren der Tod eines
japanischen Fischers und die Verletzungen seiner Kollegen durch einen Atom-
bombentest der USA um 1954 nah bei dem Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean.
Darauf baten japanische Frauenrechtlerinnen, darunter auch Hiratsuka Raichō,
die Internationale Demokratische Frauenföderation (IDFF), einen Internationalen
Mütterkongress zu veranstalten. Die 1945 gegründete IDFF umfasste Frauen aus
sozialistischen Strömungen, dem kommunistischen Lager und aus Befreiungs-
bewegungen in Afrika und Lateinamerika. Sie folgte diesem Wunsch und rief für
Juli 1955 zu einem Internationalen Mütterkongress in Genf auf. Zur Vorbereitung
kam im Juni 1955 der erste Mütterkongress in Japan zusammen. 2000 Frauen und
Mütter aus ganz Japan nahmen daran teil wie auch bekannte Feministinnen wie
Hiratsuka Raichō.
Erstmals hatten japanische Frauen einen grundlegenden Impuls an die inter-
nationale Frauenbewegung gegeben, so dass die Bedeutung der Mütter für den
Frieden international sichtbar und anerkannt wurde. Zugleich gelang es ihnen, die
Mütterbewegung auch in Japan selbst breit und überregional zu verankern. Dies
stellt ein Pionierbeispiel für die Frauenpolitik entlang des globalen Mehrebenen-
systems um 1955 dar, die später mit der UN-Dekade der Frau ab 1975 die interna-
tionale und die japanische Politik nachhaltig veränderte (s. u.).
Der Erfolg und die Massenwirkung der Mütterbewegung konnten auf brei-
ten bestehenden Netzwerken und offenen Kommunikationsformen in ihnen auf­
bauen. Nach dem Friedensvertrag 1951 zwischen Japan und den USA versuchte die
konservative Regierung 1954, die Bestimmungen zu Frieden und Geschlechter-
gleichheit aus der Verfassung zu streichen. Aber sie scheiterte an einem entschlos-
senen Widerstand, der von den Frauenverbänden über die Oppositionsparteien
bis in die Regierungspartei selbst hineinreichte. Frauen in der Lehrergewerk-
schaft Nikkyōsō hatten ab 1951 Gruppen in ganz Japan aufgebaut, in denen Mütter
und Lehrerinnen zusammenkamen. Dort erzählten die Mütter über ihren Alltag
und schrieben kleine persönliche Texte dazu, in denen sie ihre Erfahrungen von
patriarchaler Abwertung etwa durch die Schwiegereltern, Armut und Mangel per-
sönlich und politisch aufarbeiteten. Dies offene Vorgehen, das in manchem an die
späteren Selbsterfahrungsgruppen der 1970er Jahre erinnert, sprach offensicht-
lich viele Mütter an und bot ihnen einen Raum zum Austausch, Reden und Nach-
denken. Die Mütterkongresse gingen darauf ähnlich vor, indem sie Erfahrungen
und Erzählungen der beteiligten Mütter in den Mittelpunkt stellten. Die Zahlen
der Teilnehmerinnen wuchsen auf 34 000 an, was das große Bedürfnis und Inter-
esse dieser Mütter am Frieden wie auch an einer Verbesserung ihrer Lage und an
öffentlicher Beteiligung zeigt. In ganz Japan bildeten sich Ortsgruppen, die zwi-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 83

schen den Kongressen aktiv waren und die Forderungen nach politischer Betei-
ligung von Müttern in die Regionen und die Kommunalpolitik trugen.
Um 1960 reihte sich die Mütterbewegung in die große pazifistische und sozia-
listische Massenbewegung gegen den Sicherheitsvertrag Japans mit den USA ein.
Allein in Tōkyō demonstrierten vom April 1959 bis zum Juli 1960 fast eine Mil­
lion JapanerInnen gegen den Vertrag und für Frieden. ArbeiterInnen, Ladenbesit-
zer, Mütter, StudentInnen, SchriftstellerInnen und Taxifahrer reihten sich ein. Als
die Friedensbewegung mit der Verabschiedung des Vertrags 1960 scheiterte, ging
sie allmählich zurück (vgl. Andrews 2016: 25 ff.; Avenell 2010; Kapur 2018; Sasaki-
Uemura 2001).
Führend in der Mütterbewegung waren sozialistische Frauen und anerkann-
te Vordenkerinnen aus dem individuell-autonomen Flügel um die ‚Neuen Frauen‘
von 1920 wie Hiratsuka Raichō, die bereits in der Mutterschutzdebatte 1918 das
Mutterdenken mit der Forderung nach freier selbstbestimmter Liebe verbunden
hatten (vgl. Q 1.05, 1.09). Die ultranationalistische Regierung und Politik hatten ab
1938 die Mutterfigur für den Krieg verstaatlicht und militarisiert. Die kriegsberei-
te Mutter sollte viele Söhne gebären und sie voll Stolz für den Kaiser an die Front
senden, ohne eine Träne zu vergießen (vgl. Q 13.55). In Abgrenzung dazu lehnte
die Mütterbewegung nach 1955 den Krieg grundlegend ab. Jedoch sah sie die ja-
panischen Frauen allein als Opfer von Krieg und patriarchaler Herrschaft, ohne
ihre eigene Beteiligung daran zu thematisieren. Da nur Japan im zweiten Welt-
krieg die Schrecken der Atombombe erlebt hatte, sahen die japanischen Mütter
ihre Verantwortung auch darin, die junge Generation und die Welt über die Ge-
fahren und Leiden des Atomkriegs aufzuklären. In dieser Opfersicht wurde we-
der die Kriegsverantwortung Japans noch die staatliche Einbindung der Mütter in
den Krieg reflektiert. Die Neue Frauenbewegung würde diesen Opfermythos ra-
dikal hinterfragen.
Die Mütterkongresse hatten gegen die vorige nationale Militarisierung der
Mutterschaft nun die Mutter als eigenständiges Subjekt gesetzt, die erstmals nach
ihren Bedürfnissen und denen ihrer Kinder leben kann und soll (Maxson 2018).
Auf den Mütterkongressen bereuten Mütter unter Tränen, dass sie ihre Söhne für
den Krieg geopfert hatten und beschworen grenzenlose Mutterliebe, in der sie
ihre persönliche Erfüllung sahen. Das Mutterbild wurde so emotionalisiert und
mit Liebe im Sinne einer entgrenzten mütterlichen Erotik und weiblichen Fried-
fertigkeit aufgeladen. Während dies dem modernen dualistischen Denken der Ge-
schlechterdifferenz entsprach, wurde zugleich die moderne Mutter als individuel-
len Subjekt aufgefasst und politisiert: Sie stand auf für ihre Bedürfnisse und folgte
so ihrem Gefühl, allen voran der Zuwendung zu den Kindern. Deshalb verlang-
te sie eine öffentliche Stimme für Mütter, die die politische Fähigkeit und Auf-
gabe hatten, sich für den Frieden einzusetzen. Die Mütterbewegung vertrat einen
84 Ilse Lenz

‚weiblichen‘ und doch individuellen Politikstil, nach dem jede Mutter legitimiert
war, öffentlich über ihre Erfahrungen im Krieg zu sprechen und ihre Gefühle von
Trauer, Liebe und Hoffnung auf eine friedliche Welt auszudrücken. Sie lehnte eine
Anpassung der Mütter an die ‚Männerpolitik‘ ab, die als vermachtet und korrupt
angesehen wurde, und begründete demgegenüber ihre eigene politische Bedeu-
tung eben aus der Differenz.
Die Mütterbewegung formierte sich zu dem Zeitpunkt, als sich ein neues mo-
dernes Mutterbild mit einer engen Mutter-Kind-Bindung in der urbanen Massen-
gesellschaft verbreitete, und sie beeinflusste diesen Wandel der Genderbilder mit.
Nun waren Maternalismus und ein weiblicher Eros in der modifizierten Form der
hohen Mutterliebe zum Mainstream der Frauenbewegung geworden. Aber auch
die folgende Rebellion der Lib-Frauen in Japan bejahte autonome Mutterschaft
und Eros. Man kann sie so lesen, dass sie keinen Bruch zum Maternalismus be-
deutete, sondern in gewissem Sinne seine radikale Neuinterpretation und Fortset-
zung bildete (s. u.).
Demgegenüber definierte die Hausfrauenbewegung Frauen kollektiv aus einer
Sicht der Geschlechterdifferenz: Sie traten als moderne Konsumentinnen mit
eige­nen Aufgaben und Rechten z. B. auf gute und preisgünstige Produkte auf. Der
Hausfrauenverband organisierte Massendemonstrationen von Frauen in weißen
Schürzen, die große hölzerne Reislöffel schwangen. Er organisierte eigenes Exper-
tInnenwissen für Hausfrauen, indem er eine Ehe- und Verhütungsberatung und
eigene Labors für Warentests unterhielt. Während in Europa und den USA das
Bild der bürgerlichen Hausfrau in der privaten Familie vorherrschte, sahen sich
diese Hausfrauen in Japan als Teil der arbeitenden Massen und standen eher der
Linken nah (Q 4.26; Mackie 2003: 123).
In Japan wurde bereits ab 1955 zwischen Aktivistinnen der sozialistischen
und der Frauenbewegung intensiv über die Bedeutung und den Wert der Haus-
arbeit im Kapitalismus diskutiert (vgl. Bardsley 2014; Goldstein-Gidoni 2012: 44 – ​
52; Ueno 1982). Demgegenüber wurde in der europäischen und US-Frauenbewe-
gung diese Frage erst zu Beginn der 1970er Jahre unter dem Schlagwort „Lohn für
Hausarbeit“ angegangen (vgl. Lenz 2010: 145 – ​158). In Japan betrachteten einige
Autorinnen früh die Reproduktionsarbeit der Frau als wesentlichen Arbeitsbei-
trag in der kapitalistischen Gesellschaft und fragten, ob Frauen sich eher durch
Lohnarbeit oder eine soziale Aufwertung der Hausarbeit befreien könnten (vgl.
Bardsley 2014: 45 – ​73; Goldstein-Gidoni 2012: 44 – ​52; Mackie 2003: 132 – ​4; Ueno
1982). Die Differenzfeministin Takeda Kyoko sah etwas später in der Hausfrau
das Bild des freien Menschen (vgl. Q 4.27). Einige ökologische Feministinnen ent-
wickelten in den 1980er Jahren sogar eine Strategie des Rückzugs aus der Lohn-
arbeit und der Konzentration auf die Hausarbeit, die Gebrauchswerte und Leben
schafft (vgl. Q 10.49).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 85

Eine dritte Teilbewegung forderte das Verbot der Prostitution. Sie wurde von
einem überparteilichen Bündnis weiblicher Abgeordneter, Frauen in der Verwal-
tung und Frauenverbänden getragen. Sie schloss an die lange Kampagne gegen die
öffentliche Zwangsprostitution seit dem späten 19. Jahrhundert an und erreichte
1956 das Gesetz zur Verhütung der Prostitution.88 Während die öffentliche Pros-
titution, in der Frauen registriert und in persönlicher Schuldabhängigkeit zwangs-
weise festgehalten wurden, in der Tat zurückging, florierte die informelle Prostitu-
tion wie auch die Sexarbeit in Massagesalons und Bars weiter. Kriminelle Gruppen
waren in der Branche aktiv und organisierten ab den 1970ern den internationalen
Frauenhandel aus Korea und Südostasien nach Japan.
Ferner hatte sich ab den 1950er Jahren eine Basisbewegung vor Ort zur Frauen­
geschichte entwickelt. Hausfrauen, Lehrerinnen und Schriftstellerinnen begannen
gemeinsam, sich in Lesekreisen vor allem die lokale Geschichte der Frau anzueig-
nen oder sie selbst zu schreiben. Sie unternahmen mündliche Erinnerungspro-
jekte, erschlossen Archive und sammelten Materialien (vgl. Gayle 2010). Das In-
teresse an Frauengeschichte war angestiegen, und Frauen schrieben nun ihre
Geschichte selbst.
Die Geschichte der Frau (1972) der Anarchistin Takamure Itsue (1894 – ​1964)
wurde ein Bestseller mit hohem Einfluss in und jenseits der Frauenbewegung.
Es handelt sich um eine monumentale Pionierleistung in der Frauengeschichte
schon vor der Herausbildung der neuen Frauenforschung in Europa (vgl. Taka-
mure 1972; Germer 2003, 2006). Das Werk hatte globalgeschichtliche Bedeutung,
blieb aber im Westen lange unbekannt. In einem weitgespannten Vergleich arbei-
tete Takamure die europäische, die chinesische und die japanische Frühgeschichte
auf dem damaligen Forschungsstand auf. Aufgrund eigener umfassender Quellen-
studien beschrieb sie die japanische Frühgeschichte als naturnahe89 matriarcha-
le Clangesellschaft und untersuchte die folgende Patriarchalisierung im Zuge der
Durchsetzung des militärischen Feudalismus ab ca. 1000. Dabei baute sie auf ih-
ren umfassenden Vorstudien seit 1931 auf. Dieser utopische Rückgriff auf eine frü-
he japanische Kultur trug dazu bei, dass Takamure in der nationalen Mobilisie-
rung nach 1938 durch den Ultranationalismus vereinnahmt wurde. Dennoch bot
ihre großangelegte Frauengeschichte eine theoretische Grundlage für die japani-
sche Frauenbewegung, in der sie eigene kulturelle Wurzeln suchte, die Geschicht-
lichkeit des Patriarchats und der männliche Moderne im internationalen Ver-

88 baishun bōshi hō. Prostituierte bildeten eine Gewerkschaft und protestierten gegen das Ge-
setz wie auch einige Gewerkschaftsführer; vgl. Hastings 2014, sowie Fujime 2015 zu einer kri-
tischen Analyse der Antiprostitutionsbewegung.
89 Takamure verstand Natur eher als Ensemble von Kreisläufen und kosmischen Kräften und
nicht im wissenschaftlich-biologischen Sinne.
86 Ilse Lenz

gleich aufarbeitete und die Frauen als historisches Subjekt wahrnahm. In ihrer
ideologiekritischen Wirkung gegenüber der naturalisierten patriarchalen Herr-
schaft in Japan war das Werk vergleichbar mit Simone de Beauvoirs Das andere
Geschlecht. Während aber Takamure dies Buch von Simone de Beauvoir gelesen
hatte, hatte die Frauenbefreiungstheorie im Westen bis in die 1970er Jahre eine
Wahrnehmungssperre gegenüber Beiträgen aus dem globalen Osten und Süden
(vgl. Connell 2017a).
Die sozialistische Frauenbewegung hatte sich in der Mütterbewegung enga-
giert, aber seit den 1950er Jahren auch die Arbeiterinnenbewegung mitgetragen.
Sie kooperierte mit den gewerkschaftlichen Frauen- und Jugendabteilungen. Ar-
beiterinnen innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften forderten Menschen-
und Arbeitsrechte, Organisationsfreiheit und bessere Löhne (Gerteis 2009). Der
Menschenrechtsdiskurs wurde auf den Kampf gegen geschlechtliche Kontrolle
und Gewalt am Arbeitsplatz ausgeweitet wie etwa gegen körperliche (auch inti-
me) Durchsuchungen von Busschaffnerinnen unter dem Vorwand, Diebstahl zu
verhindern, oder gegen die weiterbestehende Kasernierung von Textilarbeiterin-
nen in Wohnheimen.
Nach 1950 verbreiteten die Frauenbewegungen vor allem die Leitbilder der
liebenden und pazifistischen Mutter, die aus ihrem persönlichen Bedürfnis (und
nicht für Staat und Militär) die Kinder versorgt und deswegen politische Betei-
ligung und Frieden fordert, wie auch der kritischen Hausfrau, die die Politik sau-
ber halten und den Konsumkapitalismus mit kontrollieren will. Damit erreichten
sie Frauen, besonders Mütter, in allen Klassen und Regionen. Insgesamt waren
Diskurse der Geschlechterdifferenz in dem Sinne, dass Frauen und Männern
gleichwertig, aber unterschiedlich sind, vorherrschend: Aber die Regierung ver-
band damit die Rückkehr zum neopatriarchalen Haushalt, zur männlichen Domi-
nanz und zur Unterordnung im hübschen weiblichen Verstummen und Dienen.
Demgegenüber interpretierten die Frauenbewegungen die Differenz gleichheit-
lich um, indem sie Mütter und Hausfrauen als eigenständige und individuelle po-
litische Akteurinnen aufwerteten.
Dieser Maternalismus verband sich mit einer linken, gesellschaftskritischen
Orientierung. Der nationalpartizipative Flügel wie auch die sozialistischen Rich-
tungen griffen die Männerherrschaft und den Kapitalismus der Großkonzerne
an. Sie sahen sich als Teil der Volksmassen und einer grundlegenden Demokra-
tisierung gegenüber einer autoritären rechten Regierung, die eng mit den USA,
die von vielen Aktivistinnen als imperialistische Macht aufgefasst wurden, und
den Großkonzernen zusammenarbeitete. Damit unterschieden sich die Mütter-
und Hausfrauenbewegungen grundsätzlich von den bürgerlichen und religiö-
sen Frauen­verbänden in der Bundesrepublik, die von der Gattenfamilie mit Kin-
dern ausgingen und gleiche Rechte für Frauen, nicht aber radikale Veränderungen
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 87

wollten. Dieser linke Maternalismus war ein wichtiger Bezugspunkt für die japa-
nische Lib nach 1970. Die Frauenbewegungen hatten sich in Massenverbänden
zusammengeschlossen, die eine hierarchische Organisation aufwiesen und mit
verschiedenen Parteien kooperierten. Insofern stellten sie auch einen relevanten
Machtfaktor dar, der allerdings nur begrenzt auf die konservative männliche Po-
litik einwirken konnte.
Die Mütter- und Hausfrauenbewegungen verwendeten das ehrende Wort
fujin (Frau) für ihre Bewegung ( fujin undō) und betrieben so eine Aufwertung
des Weiblichen und der Differenz: Unter den verschiedenen Bezeichnungen für
Frau im Japanischen hat fujin einen anerkennenden Grundton für Frauen im öf-
fentlichem Auftreten.90 Alltäglich wird oft das Wort onna für Frau verwendet,
das die Frau mit ihrer körperlichen Präsenz beschreibt und einen fleischlich ir-
dischen Beiklang hat. Als die Neue Frauenbewegung um 1970 aufbrach, griff sie
dies Selbstverständnis der fujin als Symbol angepasster Weiblichkeit in der Män-
nergesellschaft heftig an und onna wurde zum Wort ihrer Wahl für das Selbst und
für andere Frauen.

Teil IV: Neuaufbruch und Veränderungen


der Frauenbewegungen nach 1970

Eros, Partizipation, Differenz: Die neue Frauenbewegung ab 1970

Die weltweite Jugend- und Studierendenrebellion veränderte ab Mitte der 1960er


Jahre sowohl die kapitalistischen Industriegesellschaften wie auch viele Länder im
globalen Osten und Süden. Ein Auslöser war der Vietnamkrieg der USA, der von
Protestbewegungen weltweit wie auch in Japan als neokoloniale gewaltsame In-
tervention in Südostasien aufgefasst wurde. Weitere wirksame Motive ergaben
sich aus internen gesellschaftlichen Konfliktlagen: Der vorherrschende Autorita-
rismus und Neopatriarchalismus stieß nun auf offenen Widerspruch der Frauen
und Jugendlichen, die über ihren Lebensweg selbst bestimmen oder auch nur lan-
ge Haare tragen wollten. Inmitten von Massenproduktion und Massenkonsum
wuchs die Kritik an der Entfremdung der Einzelnen im Kapitalismus und viele Ju-
gendliche suchten nach individueller Befreiung und neuer Gemeinschaftlichkeit.
Schließlich brachen auch die Konflikte um Ungleichheit nach Klasse und nach
‚Rasse‘ wieder auf. Als Vorbilder wirkten antikoloniale Befreiungsbewegungen wie
in Vietnam oder in einer bestürzenden Verkennung auch die Kulturrevolution
in der Volksrepublik China. Die Schwarze Bürgerrechtsbewegung und folgende

90 Eine neutrale Bezeichnung ist josei für Frauen wie auch dansei für Männer.
88 Ilse Lenz

Schwarze Befreiungsbewegung in den USA waren besonders einflussreich. Viele


spätere Schwarze und weiße AktivistInnen der Studierenden-, Antikriegs- und
Frauenbewegungen hatten sich zuvor darin engagiert und wichtige Erfahrungen
gewonnen. Die Schwarze Befreiungsbewegung kämpfte mit ihren Losungen von
‚Black is beautiful‘ und ‚Black Nation‘ für die Aufwertung Schwarzer Identität und
für Schwarze Gemeinschaften bis hin zur eigenen Nation. So bot sie ein Modell für
Identitätspolitik für weitere ausgegrenzte und alterisierte Gruppen wie die Frauen,
das langfristig wirksam wurde. Weltweit wurden Frauenbewegungen durch die-
ses Vorbild identitärer Gemeinschaftsbildung als Wir-Gruppe beeinflusst. In den
USA definierten sich Teile der women’s lib als Identitätsbewegung, die sich auf an-
genommene gemeinsame Eigenschaften berief und eine Abgrenzung zu Männern
im Patriarchat vertrat. Andere Richtungen lehnten die herrschenden Weiblich-
keits- und Gendernormen wie auch den Kapitalismus radikal ab und sind aus heu-
tiger Sicht als Bewegung für umfassende Gerechtigkeit zu sehen.
Auch in Japan vollzog die Frauenbewegung um 1970 mitten in der Studen-
tInnen- und Friedensbewegung einen neuen Aufbruch.91 Unter dem Motto der
Frauenbefreiung bildeten sich Lib-Gruppen, die die herrschenden Weiblichkeits-
normen und die differenzbegründete Geschlechterordnung radikal kritisierten.
Sie wandten sich damit sowohl gegen die neopatriarchalen konservativen Kräfte
wie auch gegen die Mütter- und Hausfrauenbewegung und deren Frauenbild. Zu-
gleich kritisierten sie die patriarchalen Theorien und Praktiken und den Gewalt-
kult in der Neuen Linken. Stattdessen entfalteten sie gleichheitliche Denkweisen
und Netzwerke, die die Frauenbewegung und die Zivilgesellschaft von unten her
verändern würden.
Auf eine Phase der Revolutionierung der Frauenbilder und der linken Ideo-
logien und Praktiken folgte ab 1975 ein langer Einsatz für Reformen in verschiede-
nen Feldern wie Gleichheit in der Bildung, der Familie oder der Lohnarbeit. Die
Aktivistinnen beriefen sich dabei auf die UN-Dekade der Frau nach 1975, in de-
ren Verlauf globale Gleichheitsnormen beschlossen wurden. Zugleich verstärkten
die integrativen Flügel das Lobbying für gesetzliche Reformen. Die Regierung ver-
abschiedete ab Mitte der 1980er Jahre eine Reihe von Gesetzen und Maßnahmen
für Gleichheit, Vereinbarkeit von Lohnarbeit und Kinderversorgung und gegen
geschlechtliche Gewalt wie sexuelle Belästigung und häusliche Gewalt.

91 Zur Entwicklung der Neuen Frauenbewegungen in Japan vgl. u. a. Amano u. a. 2009 – ​2011;
Ampo 1996; Buckley 1997; Bullock u. a. 2018; Dales 2012; Ehara 1990; Ehara 1992 – ​2001; Fu-
jimura-Fanselow, Kameda 1995; Fujimura-Fanselow 2011; Kano 2016; Khor 1999; Kōdō suru
kai kirokushū henshū iinkai 1999; Lenz 2000; Mackie 2003; Mizoguchi u. a. 1992; 1994; 1995;
Tanaka 1974; Tanaka H. 2009; Ueno 2011; Yoshitake 2006.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 89

Ab Mitte der 1990er Jahre wurde die Sicht auf die ‚Frauenfrage‘ von der Ge-
schlechterperspektive abgelöst, wobei auch Männer zunehmend aktiv wurden.
Frauen aus sozialen wie postkolonialen Minderheiten, etwa aus der diskriminier-
ten Gruppe der buraku, aus der koreanischen und Ainu-Minderheit meldeten sich
nun zu Wort. Lesben hatten sich bereits vorher zusammengetan und öffentlich ge-
äußert; sie stießen dann die Auseinandersetzung um LGBTI im neuen Jahrtau-
send mit an.
Im neuen Millennium betrieben rechtskonservative politische und intellek-
tuelle Eliten einen antifeministischen Backlash. Während sie ihr Ziel der Repatri-
archalisierung und Retraditionalisierung einstweilen verfehlten, führte dies zu
einem geschlechterpolitischen Stillstand, der unter den rechtskonservativen LDP-
Regierungen von Abe Shinzō (2006 – ​2007, 2012 – ​2020) zementiert wurde. Im Er-
gebnis blieben grundlegende Strukturprobleme ungelöst, die wie etwa der Gebur-
tenrückgang und die Prekarisierung der Beschäftigung auf die Widersprüche der
differenzbegründeten Geschlechterordnung zurückgehen, so dass die japanische
Gesellschaft auf weitere verlorene Jahrzehnte zurückblicken muss.
Im Folgenden wird die Entwicklung der Frauenbewegungen nach 1970 um-
rissen, indem ihre Diskurse, Strategien und Organisationsformen in der jewei-
ligen Phase vorgestellt werden. So tritt der große Bogen der Veränderungen der
Frauen­bewegungen in diesen vierzig Jahren sichtbar hervor. Im Ergebnis wurde
die vorherrschende Norm der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit hinterfragt und
die differenzbegründete Geschlechterordnung erschüttert, die zugleich vonseiten
des globalisierten Kapitalismus unter Druck kam. Heute ist das Ernährer-/Haus-
frauenmodell verblasst, während die Leitbilder der Mutter und Hausfrau und des
Betriebskriegers brüchig wurden. Diese Veränderungen bringen neue Herausfor-
derungen für die Frauenbewegungen wie auch für die japanische Gesellschaft.

Die Lib-Bewegung und die Revolutionierung des Frauenbildes

Die Lib-Bewegung92 leitete um 1970 während der großen linken Jugend- und Stu-
dentenproteste gegen den US-amerikanischen Sicherheitsvertrag, den Vietnam-
krieg und die konservative LDP-Regierung einen Neuaufbruch der Frauenbewe-

92 Vgl. zu den Diskursen der Lib-Bewegung Michiko Mae in diesem Bd. Von nun an wird die
Abkürzung Lib verwandt. Zur Lib vgl. die umfassende Quellensammlung von Mizoguchi
u. a. 1992; 1994; 1995, sowie Amano 2009; Kano 2016; Mackie 2003; Nishimura 2006; Shige­
matsu 2012, 2018; Tanaka 1972; Terasaki 1991. Autobiograpisch gefärbte Veröffentlichungen
sind Akiyama 1993; Yoshitake 2006. Meine Betonung des autonomen Eros in der Lib unter-
scheidet sich von Shigematsu (2012), die die Auseinandersetzung mit der Gewalt hervorhebt.
90 Ilse Lenz

gung ein (vgl. u. a. Derichs 1995; Knaudt 2016). Als ihr Startzeichen wurde das
Auftreten der Gruppe Kämpfende Frauen (Gurūpu tatakau onna) aufgefasst, die
erstmals einen eigenständigen Frauenblock mit feministischen Parolen in einer
dieser Demonstrationen, nämlich zum Antikriegstag am 21. 10. ​1970, gebildet hat-
te. In dieser kleinen Gruppe hatten sich Aktivistinnen zusammengefunden, die
durch die sozialistische Studierendenbewegung politisiert worden waren, aber
auch dort Unterdrückung und Ausbeutung nach den hegemonialen Geschlech-
ternormen erlebt hatten. Wie in anderen Ländern, auch in Deutschland, wur-
den sie für die Kinderversorgung, das Essenkochen und das Tippen der Flugblät-
ter eingeteilt, während die Studenten für ‚die Revolution‘ kämpften (vgl. Q 2.15;
Lenz 2010).
Die Lib-Bewegung revolutionierte die radikale und subjektorientierte Ent-
wicklungslinie in der Frauenbewegung fundamental, während sie daran anknüpf-
te. Sie beeinflusste in der Folge auch deren andere Strömungen wesentlich. Sie at-
tackierte das hegemoniale Bild von systemkonformer, hübscher und ökonomisch
abhängiger Weiblichkeit und Mütterlichkeit grundlegend von einer Position der
Geschlechterdifferenz her. Frauen hatten in ihrer Sicht eine eigene Existenzweise,
die in der ‚Männergesellschaft‘ fremdbestimmt wurde. Zum einen erschütterte die
Lib so das ideologische Fundament der differenzbasierten Geschlechterordnung.
Zum anderen entwarf sie ein machtvolles weibliches Subjekt, dem eine autonome,
aber nun entfremdete Sexualität und Gebärfähigkeit innewohnte. Sie schuf die Vi-
sion eines neuen Eros, nach der Frauen aktiv ihr Begehren und ihre Liebe leben
und so die Beziehungen und die Gesellschaft verändern. Schließlich kritisierte sie
den Beitrag von Frauen zu den herrschenden Verhältnissen und weigerte sich so,
Frauen als Opfer zu sehen und zu definieren: Denn solange Frauen die herrschen-
den Werte teilten und in ihrem Verhalten bekräftigten, wirkten sie selbst an dem
Herrschaftssystem mit, wenn auch in untergeordneter Stellung. Das zeigte sich
etwa in der frühen radikalen Kritik der Lib an den japanischen Hausfrauen im
Krieg, die die Zwangsprostitution koreanischer Frauen für die Kaiserlich Japani-
sche Armee hingenommen und so abgestützt hätten.93
Zugleich kritisierte die Lib auch die neopatriarchale Studierendenbewegung
und Neue Linke grundlegend, die Gewaltideologien und den außeralltäglichen
todesbereiten Kämpfer beschworen. Sie hinterfragte ihre eigene intellektuelle
Abhängigkeit von der Linken grundlegend. Denn während sich die kleinbür-
gerlichen Frauen „mit Markenkosmetik schminkten, hätten sich die Frauen der

93 Vgl. Q 2.13; Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik betrachtete Frauen teils als Opfer
von Krieg und Nationalsozialismus und setzte sich erst spät mit der Gewalt der deutschen
Truppen im II. Weltkrieg gegenüber den Frauen in Osteuropa und Russland auseinander;
vgl. Lenz 2010.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 91

Neuen Linken mit Marx geschminkt“ (Q 2.15). Sie verweigerten sich nun dem lin-
ken Frauen­bild als hübsche und harmlose ‚Aschenputtel der Neuen Linken‘ und
bestimmten Frauen aus einer Differenzposition als autonomes und sexuelles Sub-
jekt. Die Frau vereint Zuwendung und SEX als deren körperlichen Ausdruck, hieß
es in dem provokanten Text Befreiung von der Kloake (Q 2.12). So entwickelte die
Lib einen gleichheitlichen erotischen Politikbegriff, der von einer subjektzen-
trierten Veränderung des Alltags ausgeht, durch die die Gesellschaft revolutio-
niert wird.
Die Lib verband also eine radikale Systemkritik mit einer Dekonstruktion der
herrschenden Weiblichkeitsnormen und mit Visionen der Handlungsmacht und
des Eros von Frauen. Diese tiefe Erschütterung der Ideologie der Geschlechterdif-
ferenz und des hegemonialen Mutter- und Hausfrauenbildes und die radikale For-
derung nach Autonomie und Gleichheit bedeuteten einen grundlegenden Bruch
gegenüber der Mütter- und Hausfrauenbewegung von 1950 – ​1970 und zugleich
einen Frontalangriff auf die differenzbegründete Geschlechterordnung.
Ich will nun drei Feministinnen vorstellen, die seit der Lib aktiv sind. Ihre
Lebensgeschichten, die ich hier nur kurz umreißen kann, sollen einige Gesich-
ter hinter den neuen Frauenbewegungen zeigen. Tanaka Mitsu (* 1943) bestimm-
te die radikalen Theorien und die Praxis der Lib wesentlich mit. Sie wurde zu ih-
rer „öffentlichen Botin“94 und sah sich auch selbst so. Ihre Eltern hatten einen
kleinen Fischladen, dann ein Restaurant in Tōkyō. Nach der Oberschule lebte sie
nahe der Tōkyō Universität, einem Brennpunkt der Studierendenbewegung, und
arbeitete u. a. in einer Werbefirma. Als Mitbegründerin der Gruppe Kämpfen-
de Frauen (1970) und des Frauenzentrums in Shinjuku (1972 – ​1977) lebte sie im
Auge des Sturms der Lib und ihrer internen Konflikte. Sie hat deren freie, impul-
sive Theoriebildung beflügelt, die in ihrer Sicht das kollektive Chaos der weibli-
chen Erfahrungen aufarbeitete und mit einem Verlangen nach autonomem Eros
aufbrach (vgl. Q 2.12; Tanaka 1972). In Japan benannte sie als erste den sexuellen
Missbrauch, den sie als Kind erlebt hatte. Sie nahm an der Ersten UN-Weltfrauen­
konferenz 1975 in Mexiko teil, wo sie dann einige Jahre lebte. Als alleinerziehen-
de Mutter kehrte sie später mit ihrem Sohn nach Japan zurück und arbeitete seit-
dem als Heilpraktikerin mit Akupunktur. In ihren Worten hat sie sich nicht von
der politischen Aktivität abgewandt, sondern diese auf persönliche Befreiung
verlagert.

94 ribu no yobikakenin, vgl. Shigematsu 2012: 106; in den Medien wurde sie als Schamanin
(miko) der Lib portraitiert. Dieser Widerspruch zwischen dem Wirken als charismatische
Führerin mit hoher Autorität und der Lib als horizontale antiautoritäre Bewegung kenn-
zeichnet das öffentliche Bild von Tanaka bis heute. Zu Tanaka vgl. u. a. Shigematsu 2012; Ta-
naka 1972, 2019 und ihr Blog http://tanakamitsu.blog.fc2.com.
92 Ilse Lenz

Matsui Yayori (1934 – ​2002) war eine brillante Journalistin, Menschen- und
Frauenrechtsaktivistin und Brückenbauerin nach Ostasien. Sie begründete 1976
die Asiatische Frauengruppe (Ajia no onnatachi no kai) mit und beteiligte sich an
der Vernetzung mit asiatischen Frauen- und BürgerInnenbewegungen, die in der
Demokratisierungswelle in Ostasien ab den 1970er Jahren möglich wurde. Nach
ihrer Pensionierung 1994 wurde sie zur Schlüsselperson und Beraterin transnatio-
naler Netzwerke gegen geschlechtliche Ausbeutung u. a. in den internationalen
Niedriglohn-Exportindustrien oder im Prostitutionstourismus in Ostasien, gegen
sexuelle Gewalt und für Machtbildung marginalisierter Frauen. Sie gründete das
Asia-Japan Women’s Resource Center und beteiligte sich an dem Violence Against
Women in War Network (VAWW-NET). Integer, mutig und zugewandt gewann sie
das Vertrauen der Frauen- und BürgerInnenbewegungen in Japan und Ostasien,
gerade auch der jüngeren und Basisaktivistinnen. Sie war eine treibende Kraft für
das Internationale Frauentribunal gegen die sexuelle Sklaverei im Pazifischen Krieg
durch Japan 2000 in Tōkyō (s. u. und Mae in diesem Bd.). Weiterhin war sie eine
Vordenkerin für eine geschlechtergerechte Entwicklung und setzte sich in der Pra-
xis dafür ein. Der Titel ihres Buches Women in the New Asia. From Pain to Power
spiegelt wider, wie sie die Aufarbeitung der bitteren Vergangenheit von Kolonia-
lismus und Unterentwicklung mit Machtbildung und Autonomie in der Zukunft
verband.
Ueno Chizuko (* 1948) studierte Soziologie an der Kyōto-Universität und
nahm dort an der Studierendenbewegung teil, wo sie wie andere Diskriminie-
rung als Frau erlebte. Sie hat durch ihre so provokativen wie innovativen Ana-
lysen ein breites Publikum in und außerhalb der Wissenschaft angesprochen und
damit den Feminismus als materielle Kulturkritik populär gemacht. Sie setzte an
Alltagsfragen an: Was bedeutet es, dass Frauen Spitzenunterwäsche tragen oder
dass sie selbst ihre Vagina nie sehen können (Q 3.24; Ueno 1989) ? Wie können
sie alleinlebend auch jenseits der Familie selbstbewusst und fröhlich alt werden –
ein Thema, das in der rasch alternden japanischen Gesellschaft auf riesiges Inter-
esse stieß. Später beschäftigte sie sich mit der Frage der politischen Bewertung der
Zwangsprostitution in der Kaiserlich Japanischen Armee und dem Verhältnis von
Geschlecht und Nationalismus (2004, 2008). Theoretisch vertritt sie eine feminis-
tische Kultursoziologie, in der sie marxistische Kulturanalysen mit ihren Struktu-
ren und Materialitäten mit konstruktivistischen Zugängen kombiniert. Ueno trat
eine Reihe produktiver Kontroversen zur Vereinbarkeit, zur feministischen Ideo-
logie und zu Nation, Gender und sexuelle Gewalt los (vgl. Q 8.43, 10.48). Damit
trug sie zur Innovation und Reflexivität im Feminismus bei (Ehara 1990; Kano
2016). Nach Anstellungen in einem Marktforschungsinstitut und an kleinen Uni-
versitäten in Kyōto wurde sie Professorin an der landesweit führenden Tōkyō
Universität. Danach leitete sie das Women’s Action Network (WAN; wan.org.jp),
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 93

in dem feministische Inhalte, Kultur und Politik über das Internet verbreitet und
diskutiert werden.
Diese drei Feministinnen kamen aus der Lib, die sich nun rasch in ganz Ja-
pan ausbreitete. Die Organisationsformen der Lib bestanden aus gleichheitlichen
Kleingruppen95 und unterschieden sich so von den etablierten Frauenverbänden
mit ihrer hierarchischen Struktur. Auch die Bürgerbewegungen ab den 1960er
Jahren beruhten auf basisdemokratischen Modellen, aber sie hinterfragten die
Geschlechterungleichheit und die Trennung von Politisch und Privat kaum. Die
Lib durchkreuzte diese Trennung und legte horizontale Kommunikations- und
Organisationsansätze zugrunde, die nach dem Motto „Alle haben eine Hauptrol-
le“96 funktionierten. Dass sich alle Mitglieder an den Diskussionen und Entschei-
dungen beteiligten, vermittelte ihnen politische Bildung und Empowerment als
Frauen, die doch herkömmlich von der Politik ausgeschlossen waren. Sie erarbei-
teten sich nun eigene Theorieansätze und Forderungen jenseits der linken Leit-
theorien. Allerdings bestanden oft starke informelle Hierarchien, an denen sich
viele interne Konflikte entzündeten. Insbesondere Tanaka Mitsu, die sich selbst
als Botin der Lib an die Öffentlichkeit verstand, wuchs eine informelle Machtposi-
tion zu, die im Widerspruch zu dem gleichheitlichen Anspruch stand (Shigematsu
2012: 116 – ​135).
Die Vernetzung und Koordination über die vielen Kleingruppen hinweg er-
folgte dezentral auf verschiedenen Wegen: durch Konferenzen, Workshops und
Lager, durch gemeinsame Aktionen und Demonstrationen und schließlich durch
ihre eigenen Medien, die minikomi. Viele Gruppen schufen sich eine eigene Semi-
Öffentlichkeit durch Einrichtung eines Büros und ihre eigene, oft kleine Zeit-
schrift, in der ihre Mitglieder schrieben und die im wechselseitigen Austausch
an andere Gruppen weiterversandt wurde. Für die einzelne Frau bedeutete die
minikomi, dass sie sich durch eigene Beiträge darin ausdrücken konnte und eine
eigene Stimme hatte. In Tōkyō hatte die Gruppe Kämpfende Frauen ein Frauen­
zentrum in Shinjuku (1972 – ​1977) gegründet, das als Treffpunkt, Wohn- und
Versammlungsraum diente (vgl. Nishimura 2006). Dieses diffuse dezentrierte
Organisationsmodell vieler horizontaler Kleingruppen, die sich dann wieder un-
tereinander und häufig in wechselseitigem Austausch vernetzten, band sehr viel

95 Tanaka Mitsu wurde bei der Gründung der Gruppe Kämpfende Frauen von dem horizonta-
len Vorgehen der Bürgerbewegung Beheiren gegen die japanische Beteiligung am Vietnam-
krieg beeinflusst (vgl. 2019: 154), aber die Frauennetzwerke überwanden zudem die Grenzen
zwischen öffentlich und privat und akzeptierten sich wechselseitig als Frau und politisches
Subjekt. Auch international organisierten sich die neuen Frauenbewegungen in horizonta-
len Kleingruppen, die persönliche Bewusstwerdung und Machtbildung förderten (vgl. Lenz
2010, 2017).
96 zen’in shuyaku kata; vgl. Kōdō surukai kirokushū henshū iinkai 1999: 267.
94 Ilse Lenz

Energie und Ressourcen der Mitglieder. Aber zugleich brachte es eine tiefgehen-
de individuelle Machtbildung für sie, da sie rundum beteiligt waren und zugleich
neue Qualifikationen wie eigenständiges Schreiben, Organisieren und öffentliches
Reden erwerben konnten. In diesem Sinne leistete die Lib politische Bildungs-
arbeit auf breiter Basis, und viele ihrer Mitglieder blieben später aktiv.
Weiterhin beruhte die Vernetzung auf großen Veranstaltungen und Konfe­
renzen, die vor allem in Tōkyō und der Kansai-Gegend um Kyōto und Ōsaka
stattfanden. In diesem Sinne setzte die Lib auf eine gleichheitliche, dynamische
und dauermobilisierte Öffentlichkeit, die alle mitgestalten konnten, und nicht auf
große bürokratische und hierarchische Dachverbände. So veranstalteten die Lib-
Gruppen in Tōkyō eine Reihe von Versammlungen mit mehreren hundert Teil-
nehmerinnen, auf denen sie ihre theoretischen Ansätze und die nächsten Strate-
gien diskutierten. Während diese Öffentlichkeit mobilisierend wirkte, begünstigte
der Verzicht auf zentrale Organisationsmacht den raschen Zerfall der Lib nach ih-
rem Höhepunkt.
Eine intensive Auseinandersetzung mit der Frauenbefreiung und ein Kennen-
lernen von Frauen aus ganz Japan ermöglichten die Sommerlager der Lib, die 1971 – ​
1973 einmal jährlich stattfanden. Bereits unterwegs zum Lager und dann beim ge-
meinsamen Diskutieren, Kochen und Spazierengehen lernten sich Feministinnen
kennen, die teils in den nächsten Jahrzehnten intensiv in verschiedenen Netzwer-
ken und Zeitschriftenprojekten zusammenarbeiten würden. Ein Foto aus dem La-
ger von Nagano 1971 zeigt, wie die Teilnehmerinnen laut lachend nackt durch den
Regen laufen. Auf einen Blick gibt es die Aufbruchsstimmung und kollektive Ex-
perimentierfreude in der Lib wieder.
Das erste große Dachnetzwerk der Lib bildete sich 1973 im Kampf gegen die
Verschärfung des Eugenikgesetzes zur Abtreibung heraus, die die Regierung unter
dem Druck der Unternehmerverbände und rechts-shintoistischer Gruppierungen
geplant hatte.97 Das Gesetz sollte die Abtreibung zwar generell erschweren, jedoch
bei einer möglichen Behinderung erleichtert zugänglich machen. Die Lib protes-
tierte heftig gegen diese Pläne und nahm den Protest der Behindertenbewegung
mit auf. Sie gründete am 14. 2. ​1973 eine erste nationale Dachorganisation, um die
Proteste zu koordinieren, nämlich das Komitee gegen die Verschärfung des Euge-
nikgesetzes (Yūsei hogohō kaiaku bōshi jikkō iinkai). Nach wiederholten Anläu-
fen um 1972, 1973 und 1974 gab die Regierung 1974 die Gesetzesverschärfung auch
wegen des breiten öffentlichen Widerstands der Frauen- und Behindertenbewe-
gung auf.

97 Vgl. zu Verhütung, Abtreibung und den aufeinanderfolgenden Debatten Norgren 2001, so-
wie die detaillierte Rekonstruktion der verschiedenen Positionen u. a. der Frauen und Be-
hindertenverbände von Kato 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 95

Das Manifest dieser Kampagne hatte das Motto „Für eine Gesellschaft, in der
wir gebären können und wollen“ (Q 3.19). Es verband die Herrschaftskritik der Lib
mit den Rechten behinderter Menschen auf Leben und Respekt, indem es den he-
gemonialen Produktivismus und seine ökonomische Rationalität radikal kritisier-
te. Nach dieser Rationalität sollten sich Frauen nun der kapitalistischen Logik voll
anpassen, indem sie Kinder bekommen und als Mütter in Teilzeitarbeit einsetzbar
sind. Weiter entspreche ihr, dass das das Leben in hochwertig oder minderwertig
eingestuft wird und Behinderungen durch Selektion möglichst vermieden wer-
den sollen. Das Manifest forderte Frauen auf, sich dieser Rationalität des Produk-
tivismus und dem ihr innewohnenden Diskriminierungsbewusstsein zu verwei-
gern. Vielmehr forderte es, dass sie über ihre Sexualität = Leben selbst bestimmen
können und fasste das in dem Slogan ‚eine Gesellschaft, in der wir gebären kön-
nen und wollen‘ zusammen (a. a. O.). Die Lib dachte Sexualität, Gebären und die
Macht autonomer Mutterschaft zusammen. Dieser radikale autonome Materna-
lismus ist im internationalen Vergleich – auch zu Deutschland – beeindruckend.
Die Lib bedeutete einen neuen Aufbruch, und sie erbrachte eine so radika-
le wie allgemeine Kritik an den Weiblichkeitsbildern und -normen der differenz-
begründeten Geschlechterordnung. Als kollektiver Akteur zerfiel sie allmählich
ab Mitte der 1970er Jahre. Um 1977 wurde das Lib-Zentrum in Shinjuku in Tōkyō
geschlossen. Viele Mitglieder blieben in der Frauenbewegung aktiv, während sie
später in verschiedene Berufe und Praxisfelder eintraten. Andere verließen Japan
und lebten eine Zeitlang in den USA, Europa oder in der damaligen ‚Dritten Welt‘.

Die Aktions- und Pluralisierungsphase von 1975 – ​1990

Mit ihrer radikalen Kritik hatte die Lib die feministischen Denkhorizonte grund-
legend verändert und erweitert. In den folgenden Jahren nutzte die Frauenbewe-
gung intensiv die neuen internationalen Gleichheitsansätze im Zuge der UN-
Dekade der Frau nach 1975. Die japanischen Frauenbewegungen waren in ihrer
Gesellschaft verortet, während sie sich zunehmend mit Frauen- und Bürgerbewe-
gungen in Ostasien vernetzten und sich zugleich auf die globale Geschlechterpoli-
tik und Frauenbewegungen bezogen.98 In anderen Worten nutzten sie nach 1975
die sich eröffnenden globalen Chancenstrukturen und Normen um die UN und
tauschten sich mit ihnen nahestehenden Bewegungen in Ostasien aus. So konnten
sie die internationale Dynamik vor Ort einbringen und nutzen.

98 Vgl. zur Aktions- und Pluralisierungsphase 1975 – ​1990 u. a. Ampo 1996; Buckley 1997; Bul-
lock u. a. 2018; Dales 2012; Germer u. a. 2014; Kano 2016; Kato 2009, Kōdō surukai kirokushū
henshū iinkai 1999; Lenz 2000; Tanaka, H. 2009; Welker 2018.
96 Ilse Lenz

Zunächst sollen nun die UN-Kampagnen für Gleichheit und die Dekade der
Frau in einem Exkurs umrissen und darauf die wesentlichen Richtungen und
Gruppen von 1975 – ​1995 vorgestellt werden.

Exkurs: Die Internationalisierung der Geschlechterpolitik


und die Frauenbewegungen

Alle Richtungen der Frauenbewegung in Japan nahmen die neuen internationa-


len Chancen wahr, die ihnen die UN-Dekade der Frau nach 1975 eröffneten. So
entfalteten sie sich in einem neuen Wechselverhältnis zwischen internationalen
und japanischen Arenen. Die UN riefen für 1975 das Jahr der Frau aus, auf das die
UN-Dekade der Frau mit ihren Leitworten Gleichheit, Frieden und Entwicklung
folgte (vgl. Pietilä 2007). Da die japanische Regierung und Gesellschaft nach 1945
auf internationale Zusammenarbeit setzten, hatten die UN ein sehr hohes Anse-
hen in Japan.
In dem UN-Prozess zu Frauen und Gleichheit, Frieden und Entwicklung öff-
neten und verstetigten sich die internationalen Chancenstrukturen für Frauen-
bewegungen weltweit (vgl. Lenz 2008; Pietilä 2007): Um die UN entwickelte sich
ein internationales Genderregime mit Gleichheitsnormen und mit eigenen Frau-
enabteilungen zu deren Umsetzung in den UN und den meisten Mitgliedsstaaten.
Von 1975 bis 1995 fanden die großen UN-Weltfrauenkonferenzen abwechselnd
im globalen Süden, Norden und Osten statt: 1975 in Mexiko, 1980 in Kopenha-
gen, 1985 in Nairobi und 1995 in Beijing. Auf ihnen diskutierten das UN-Sekreta-
riat und die Mitgliedsstaaten den Fortschritt der Gleichstellung und verabschie-
deten neue Abkommen und Leitlinien. Auf den begleitenden NRO-Foren trafen
sich AktivistInnen und ForscherInnen aus allen Weltregionen, wobei sich wegen
der näheren Anreise 1985 zahlreiche Frauen aus Afrika und 1995 noch viel mehr
aus Asien beteiligten. So bildeten sich globale feministische Netzwerke etwa zu
Bildung, Gesundheit, Gewalt und Umwelt heraus. Sie analysierten die interna-
tionalen Machtverhältnisse, die auch zwischen Frauen galten, wie auch ihre un-
terschiedlichen kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Trotz einer Reihe
von Konflikten kamen sie dazu, sich wechselseitig anzuerkennen und grund-
sätzlich auf gleicher Augenhöhe international zusammenzuarbeiten (vgl. Baksh,
Harcourt 2015).
Auf der Zweiten UN-Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen 1980 wurde die
Convention for the Elimination of all Forms of Discrimination Against Women
(CEDAW) beschlossen. Diese verpflichtete die unterzeichnenden Staaten, recht-
liche Gleichheit in Lohnarbeit, Familie und Politik zu verankern. Sie wurde auch
von Japan unterschrieben und ratifiziert (vgl. Zwingel 2016). Auf der Dritten Kon-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 97

ferenz in Nairobi 1985 wurden Forward Looking Strategies beschlossen. Sie sa-
hen u. a. eine größere Partizipation der Frauen an Entscheidungsprozessen mit
mindestens 30 Prozent vor und waren durch den Einfluss von Frauennetzwerken
aus dem globalen Süden wie dem Netzwerk DAWN99 mit beeinflusst. Den Gip-
felpunkt stellte die Vierte (und bisher letzte) Weltfrauenkonferenz 1995 in Bei-
jing in Japans Nachbarland China dar, zu der tausende von japanischen Aktivis-
tinnen kamen. Die dort verabschiedete Weltaktionsplattform enthielt detaillierte
Empfehlungen zu zwölf zentralen Problemfeldern, die von der Armut, der bezahl-
ten und unbezahlten Arbeit, der Gewalt bis zur Bildung und der Lage der Mäd-
chen reichten (http://www.un.org/womenwatch/daw/beijing/platform). Japani-
sche NRO vernetzten sich in diesen Feldern in Japan und international, und sie
verhandelten mit der Regierung über die Umsetzung der Gleichheitsnormen und
Beschlüsse.

Die Pluralisierung und Internationalisierung


der Frauenbewegungen nach 1975: Die Wechselwirkungen
zwischen lokaler, nationaler und globaler Ebene

Nach dem radikalen Neuaufbruch der Lib bildeten sich Frauengruppen in ver-
schiedenen Feldern wie der Familie, Arbeit und Kultur heraus. Zugleich konn-
ten sie aufgrund der Dekade der Frau auf erhöhte Legitimität in der Gesellschaft
und bei der Regierung rechnen. So gelang es den Frauenbewegungen, ihre An-
liegen quer durch die Gesellschaft in allen Lebensbereichen zu verbreiten. Die
Zahl der Frauengruppen nahm rasch zu. Sie formierten sich nun in verschiedenen
Milieus und Regionen auch jenseits der metropolitanen Zentren in Kyōto/Ōsaka
und Tōkyō. Man kann von einer Aktions- und Pluralisierungsphase sprechen
(1975 – ​1995). Ein Handbuch zu Frauennetzwerken von 1991 zeigte diese Vervielfa-
chung von Themen und Gruppen beispielhaft auf: Es stellte mehr als 600 Grup-
pen in ganz Japan von Hokkaido bis nach Kyūshū vor. Weiter enthielt es fünfzehn
Themenbereiche, die sich quer durch die wichtigsten Institutionen und Lebens-
bereiche zogen: neue Arbeit, Familie, Kindererziehung, regionale Erwachsenen-
bildung, Körper/Psyche, Frauenbefreiung, Frauenforschung, Ökologie, Frieden
und Antiatombewegung, internationale Netzwerke und Politik (Yokohama josei
fōramu 1991; Khor 1999). Diese Gruppen erreichten viele Frauen in den Gewerk-
schaften, in der Lokalpolitik und die Hausfrauen an der Graswurzel. Sie verban-

99 Aktivistinnen und Forscherinnen aus dem globalen Süden gründeten 1984 das transnationa-
le Network Development Alternatives with Women for a New Era (DAWN), das mehrere sehr
einflussreiche Veröffentlichungen herausgab; vgl. dawnnet.org.
98 Ilse Lenz

den mehrheitlich Geschlechtergleichheit und Differenz in ihren Ansätzen. Nach


der Revolutionierung des Frauenbildes durch die Lib stand praktisches Handeln
für gesellschaftliche Reformen auf der Tagesordnung. Und nach ihrer radikalen
Subjektbildung zeigte sich ein breites Spektrum unterschiedlicher Positionen in
der Frauenbewegung.
Ich will diese Ansätze wieder anhand der drei Leitfragen zueinander in Bezie-
hung setzen, die ich für ihre ersten Wellen eingebracht hatte: Die erste Frage bil-
den die Vorstellungen von Frauen und Geschlecht, die zweite richtet sich auf ihr
Gesellschaftsbild. Die dritte Frage betrifft die Selbstverortung in nationalen oder
internationalen Kontexten, die zudem im Zuge der UN-Dekade der Frau ab 1975
immer wichtiger wurden (vgl. Abbildung 2).

1. Sich verändernde Geschlechterbilder:


Die Frauen- und Geschlechterbilder sind nach der Lib vielfältiger geworden (vgl.
auch Mae in diesem Bd.). Sie bewegen sich entlang eines Bogens von radikaler
Weiblichkeitskritik über verschiedene Differenzansätze zur Gleichheit. In den frü-
hen 1980er Jahren werden Lesben mit eigenen Aktionen, Netzwerken und Ver-
öffentlichungen sichtbar und damit wird auch sexuelle Vielfalt wahrnehmbar und
thematisierbar. Ab den 1990er Jahren wird zunehmend von Geschlecht und nicht
mehr allein von Frauen gesprochen. Oft werden diese Frauenbilder damit ver-
bunden, Partizipation zu begründen und einzufordern. Sie lassen sich in folgen-
der Weise auffächern:

■■ Differenz mit einer radikalen Kritik und Negation an der hegemonialen Weib-
lichkeit und der Herrschaft in Nachfolge der Lib;
■■ Differenz und Bejahung (Affirmation) von Mutterschaft und Versorgen wie in
der Hausfrauenbewegung: Eingefordert werden Anerkennung der Differenz
und gleiche Macht und Partizipation, wobei die geschlechtliche Arbeitsteilung
zunächst akzeptiert wird;
■■ Gleichheit und Differenz: Kritik an der Diskriminierung und geschlechtlichen
Arbeitsteilung;
■■ Kritik an der Heteronormativität der Gesellschaft, auch der Frauenbewegung,
und Suche nach einem Raum für Lesben;
■■ Geschlecht als soziale Konstruktion ab den 1990er Jahren unter Einbezug der
Männer: Davon werden geschlechtliche Ungleichheit als Strukturkategorie
und zunehmend auch queere Ansätze hergeleitet.

2. Unterschiedliche Gesellschaftsbilder:
Die zweite Leitfrage bezieht sich auf die Selbstverortung zu Staat, Wirtschaft und
Gesellschaft. Dieser Komplex wird von den AktivistInnen häufig mit dem all-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 99

gemeinen Wort des ‚Systems‘100 beschrieben. Es zeichnen sich unterschiedliche


Positionen zur Gesellschaft und Geschlechterpolitik ab, die in etwa so unterschie-
den werden können:

■■ Systemkritik und -veränderung vonseiten autonomer Strömungen wie der


Gruppen zur Solidarität mit asiatischen Frauen und gegen Gewalt gegen
Frauen;
■■ Systemkritik und verhandelter Konflikt mit Regierung, Wirtschaft und Ver-
bänden wie bei der Aktionsgruppe zum Jahr der Frau, die sich für Reformen
einsetzt;
■■ Systemdistanz bei Gruppen wie den Hausfrauennetzwerken, die am Alltag
und seiner Politisierung ansetzen;
■■ Systemnähe zu Regierung und Parteien etwa von FemokratInnen;
■■ Systemanalyse und -kritik wie in der Frauen- und Geschlechterforschung.

3. internationaler und nationaler Schwerpunkt:


Eine dritte Achse schließlich bildet der internationale oder nationale Schwerpunkt
der Gruppen: Wollten sie vor allem Veränderungen im Binnenraum der japani-
schen Nation durchsetzen und dazu vor Ort mobilisieren oder wollten sie dazu
auch die UN-Dekade der Frau nutzen oder aber war ihr Hauptziel, die interna-
tionale Ungleichheit und die Rolle Japans darin in ihren Auswirkungen auf die
Frauen in Ostasien anzugreifen ? Die Mehrheit der Gruppen mobilisierte vor al-
lem für Veränderungen in Japan. Nach 1975 orientierten sich viele Gruppen auf
das zweite Modell der Wechselwirkungen zwischen internationaler und nationaler
Ebene um. Aber schon seit der Lib konzentrierte sich eine radikale Richtung auf
die Kritik an der erneuten Expansion Japans nach Ostasien und die Solidarität mit
den Frauen dieser Region (vgl. Q 12.53, 12.54). Diese dritte Achse der internatio-
nalen Orientierung ist wesentlich für die Frauenbewegungen in Japan, während
sie etwa für den eher national orientierten Feminismus in Deutschland bis in die
1990er Jahre kaum relevant ist.
Die einzelnen Richtungen nach 1975 sollen nun danach zueinander verortet
werden, welches Verständnis von Geschlecht und Gesellschaftsystem und welche
internationale oder nationale Orientierung sie zeigen. Wieder treten verschiedene
Entwicklungslinien hervor, die im Folgenden mit ihren Themen, Gruppen und
Aktionen vorgestellt werden. In dieser Übersicht beginne ich mit der radikalen in-
ternationalen Linie, beziehe mich dann auf Strömungen, die ihren Schwerpunkt

100 taisei. Die Klassifikation nimmt die japanische Einteilung in systemkritisch (hantaisei) und
systemnah oder -kooperativ (taisei to kyōryoku suru) auf, die mir in ExpertInneninterviews
mit AktivistInnen häufig begegnete.
Geschlecht Radikale Kritik an Weiblichkeit Gleichheit/Differenz Differenz Antidiskrimi- Dekonstruktion
100

nierung
Gesell-
schaft
System

Systemkritik Gruppe Asiatische Frauen und Ethnische Ethnische


Opposition Kämpfende Frauengruppe Ökologie Minder­ Minder­
Frauen VAWW-net heiten heiten
Frau-Eros Ethnische Min- Queer Queer
Komitee gegen derheiten
Eugenikgesetz AJWRC

Systemkritik Aktionsgruppe Asiatische Aktionsgruppe Asien Frauen­ Hausfrauen- Gender free/ Ethnische
Verhandelter Lesbenbewe­ Frauengruppe Lokalpolitik konferenz netzwerke Bildung Minder­
Konflikt gung (ab 1985) Konsumen­ heiten
Liga Fem. Abg.
tinnen Queer
Väter/Männer-NW
Seikyō
Wan.or.jp

Systemnähe Gewerkschaften Femokratinnen Verbindungs- Femokratinnen


Antidiskrimi- Demokratischer Politikerinnen komitee zum Politikerinnen
nierung Frauenklub Int. Jahr der
Beijing JAC Frau Verbindungs-
komitee
Beijing JAC

Frauen-/ Feminismus Feminismus Frauengeschichte Gender- Frauen- Gender- Feminismus Genderfor. in


Geschlechter- Feminismus forschung in geschichte forschung Queer asiatischen
forschung asiatischen und und globalen
Frauenforschung. globalen Netz- Wan.or.jp Netzwerken
Männerforschung. werken
Wan.or.jp

Regionaler Fokus national international national international national national national international
Ilse Lenz

Abbildung 2 Richtungen der neuen Frauenbewegungen in Japan


Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 101

auf Veränderungen in Japan setzen und schließe mit der Frauen- und Geschlech-
terforschung.

1. Die Linie der Systemkritik und Systemveränderung für Gleichheit

Diese Linie hinterfragte den japanischen Kapitalismus und seine erneute Ex-
pansion nach Ostasien radikal. Sie vertrat, dass Frauen und die Geschlechterun-
gleichheit widersprüchlich darin eingebunden waren: Sie würden vom Patriarchat
in Japan unterdrückt, beteiligten sich aber an seinem neokolonialen Vordringen
in Ostasien. Diese Gruppen trieben die Internationalisierung und Systemkritik in
der Frauenbewegung proaktiv voran und bauten zugleich Brücken zu den sozialen
und Frauenbewegungen in Ostasien und weltweit.
Dieser systemkritische Flügel kam teils aus der Lib und vertiefte die internatio-
nale Vernetzung und Kooperation mit linken und Frauenbewegungen in Ostasien
und den USA. War die radikale Linke in Japan seit 1945 panasiatisch eingestellt, so
vertraten die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg und die Studierendenre-
bellion ab den späten 1960er Jahren, dass Japan sich nicht vom westlichen Impe-
rialismus vereinnahmen lassen, sondern Solidarität mit den Widerstandsbewe-
gungen in Asien üben sollte (vgl. Saaler, Koschmann 2007). Wie schon ihr Name
andeutet, spielte die Asien Frauenkonferenz im Kampf gegen Invasion = Diskrimi-
nierung101 eine Schlüsselrolle dabei, den Kampf gegen die Diskriminierung von
Frauen mit dem gegen den Vietnamkrieg und die Militarisierung in Japan und
Ostasien zu verbinden.
Unter dem Einfluss der Lib bildete sich dann ab 1970 ein internationalistischer
und – in heutiger Sprache – intersektionaler Flügel der Frauenbewegung heraus.102
Er verband die Frauenbefreiung mit einer umfassenden Herrschaftskritik: Frauen
würden durch Kapitalismus, Patriarchat und Imperialismus unterdrückt und seien
zugleich widerständig. Japanische Frauen unterstützten jedoch Japans Vormacht-
stellung in Ostasien im Alltag, indem sie als Hausfrauen und Mütter hinter der
Exportfront dienten und auch die sexuelle Ausbeutung asiatischer Frauen durch
ihre Ehemänner im Sextourismus hinnahmen. An diesem Widerspruch – der Dis-
kriminierung als Frau in Japan und der Teilhabe an der Dominanz Japans in Ost-
asien – setzten das Denken und die Aktivitäten dieser Richtung seit der Asien
Frauenkonferenz an.

101 Shinryaku = Sabetsu to tatakau Ajia fujin kaigi (1970); vgl. Iijima 2006, 2014.
102 Vgl. Q 12.53, Q 12.54; sowie umfassende Untersuchung von Tanaka, H. 2009, Akiyama 1993;
Ampo 1996; Matsui 1987, 1999; Mizoguchi u. a. 1995; Tomiyama 2009.
102 Ilse Lenz

Koreanische und japanische Feministinnen besetzten am 19. 12. ​1973 gleichzei-


tig die Flughäfen von Seoul und Tōkyō zum Protest gegen den ansteigenden Sex-
tourismus japanischer Männer nach Südkorea. Damals boten japanische Reise­
unternehmen Gruppenreisen zum Sextourismus an, und einige Unternehmen
veranstalteten sogar entsprechende Betriebsausflüge.103 Die damalige südkorea­
nische Militärdiktatur sah im Sextourismus einen neuen devisenbringenden
Markt und tolerierte ihn, während die Prostituierten selbst in Korea strikt kon-
trolliert und sozial geächtet wurden. Koreanische Frauengruppen hatten zur So-
lidarität aufgerufen und ein informelles Netzwerk von mit Ostasien vertrauten
Feministinnen in Japan fanden sich zu einer gemeinsamen medienwirksamen Ak-
tion zusammen (vgl. Q 12.53). Diese Kooperation bildete das Startfanal für die in-
ternationalen feministischen Netzwerke in Japan.
Aus diesem Kreis bildete sich 1977 die Asiatische Frauengruppe (Ajia no onna-
tachi no kai), die etwa 500 Mitglieder umfasste. Der aktive Kern kam aus Medien,
Politik, Wissenschaft und Kunst und aus anderen Berufsfeldern; einige waren Stu-
dentinnen (vgl. Tanaka, H. 2009: 228 – ​245, 290 – ​322). Die Gruppe entwickelte eine
langfristige Zusammenarbeit mit Frauengruppen und sozialen Bewegungen in
Ostasien und brachte deren Anliegen und Problemlagen in Japan ein. Sie entfal-
tete eine reflexive Asiatisierung in ihrem Bewusstsein und ihren Praktiken: Wäh-
rend viele Linke in Japan einem einfachen Panasiatismus folgten, nach dem Japan
als Teil von Asien und als Opfer des Westens aufgefasst wurde, beschäftigte sie
sich sowohl mit der Aggression des modernen Japan in Ostasien wie auch mit sei-
ner soziokulturellen Nähe zu anderen ostasiatischen Gesellschaften.
Die Gruppe und ihre Mitglieder legten Wert darauf, ihre Anliegen konkret
und sinnlich wahrnehmbar zu vermitteln: Durch das große Medienecho machte
die Besetzung des Flughafens von Tōkyō 1973 den alltäglichen Sextourismus sicht-
bar. 1979 führten die Frauen der Gruppe ein Theaterstück zu Arbeiterinnenpro-
testen und -organisation in Weltmarktfabriken in Südkorea auf. Mit Beispielen
aus dem Alltag hinterfragten sie die Billigimporte von Kleidung und Lebensmit-
teln nach Japan, die auf der Niedriglohnarbeit asiatischer Frauen und ökologi-
schen Belastungen beruhten. Die Gruppe gab eine weit gelesene zweisprachi-
ge Zeitschrift mit dem programmatischen Namen Asian Women’s Liberation104
heraus.

103 Vgl. die Untersuchung von Norma zum Verhältnis von Staat und Unternehmen zu Sextou-
rismus und Prostitution in Japan nach 1945 (Norma 2019).
104 Die englische Ausgabe diente der internationalen Vernetzung, auch nach Ostasien, während
die japanischen Ausgaben die Information, Netzwerkbildung und Theoriedebatte in Japan
vorantrieben. Der japanische Titel lautete Ajia to Josei Kaihō, später Onnatachi no Nijūisseki
(Das 21. Jahrhundert der Frauen).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 103

Die Asiatische Frauengruppe wurde rasch bekannt und zog viele jüngere
Frauen an, die sie teils wieder verließen. Sie behielt die radikale herrschaftskriti-
sche Perspektive gegenüber dem System bei. Ab 1980 beteiligte sie sich zusammen
mit der linken NRO Ampo aktiv an der Vernetzung der Bürger- und Frauenbewe-
gungen in Japan und Ostasien. Sie forderte Regierung und Parteien auf, gegen
die internationale und Geschlechterungleichheit und die japanische wirtschaft-
liche Expansion vorzugehen. Sie verlangte auch den Einbezug von Frauen und der
Geschlechterfrage in der Entwicklungszusammenarbeit. Ab etwa 1990 engagier-
te sie sich in der Vernetzung der autonomen Frauengruppen in Vorbereitung für
die IV. UN-Weltfrauenkonferenz in Beijing. Zugleich setzte sie sich für die Über-
lebenden der Zwangsprostitution der Kaiserlich Japanischen Armee während des
Asiatisch-Pazifischen Krieges ein und forderte eine Entschuldigung und Entschä-
digung der japanischen Regierung (s. u. und Mae in diesem Bd.).

2. Die Linie der Systemkritik und des verhandelten Konflikts für Gleichheit

Diese Linie verband eine radikale Kritik an Patriarchat und Kapitalismus in Ja-
pan mit dem Ansatz, ein breites Bewusstsein über die Geschlechterungleichheit
zu schaffen und zugleich mit der Regierung und den Betrieben um Reformen zu
verhandeln. Die Gruppen dieser Strömung entwickelten klare Forderungen an die
Regierung, an Wirtschaft und Gesellschaft und sie verschafften sich große Wirk-
samkeit und Resonanz mit fantasievollen Aktionen, die an alltägliche Erfahrun-
gen von Frauen anknüpften. Während sie sich auf Japan konzentrierten, setzten
sie die internationalen Chancen der UN-Dekade auf der nationalen Ebene um. In
ihrem Zentrum stand die Aktionsgruppe von Frauen aus Anlass des Internationa-
len Jahrs der Frau,105 die sich 1975 zum UN-Jahr der Frau als Aktionsbündnis der
neuen Frauenbewegung zusammengeschlossen hatte. Sie kritisierte die starren
Weiblichkeitsnormen der differenzbegründeten Geschlechterordnung und stand
für Gleichheit unter Anerkennung der Differenz der Frau.
Sie erreichte früh ein ungeheures Medienecho, als sie 1975 gegen einen Fern-
sehwerbespot zu Nudelsuppen protestierte, der lautete: „Die Frau kocht, der Mann
isst“. Damit griff sie die geschlechtliche Arbeitsteilung in der differenzbasierten
Geschlechterordnung frontal an. Zugleich knüpfte sie am Motiv des Kochens und
guten Essens an, das in der japanischen Alltagskultur allgegenwärtig ist. Während

105 Kokusai fujinnen o kikkake to shite kōdō o okosu onnatachi no kai; von nun an Aktionsgrup-
pe. 1986 benannte sich die Gruppe in Kōdō suru onnatachi no kai (Frauenaktionsgruppe) um.
Meist wird sie nur Aktionsgruppe (Kōdō suru kai) genannt. 1997 löste sie sich einvernehm-
lich auf; vgl. Kōdō suru kai kirokushū henshū iinkai 1999.
104 Ilse Lenz

Frauen in den USA sich von den damaligen korsettartigen BHs freimachten und
sie öffentlich in Mülltonnen entsorgten, lehnte die Aktionsgruppe mit diesem An-
griff auf eine sexistische Nudelsuppenwerbung symbolisch die geschlechtliche Ar-
beitsteilung ab. Die Gründungsmitglieder der Aktionsgruppe kamen aus der Lib
und hatten einen radikalen Bewusstseinswandel erfahren. Aber sie wollten die Ge-
sellschaft und ihre Diskriminierung mit konkreten Aktionen verändern und ihre
Leit- und Zauberworte lauteten also Kritik und Aktionen zu weithin nachvollzieh-
baren Anliegen und Fragen (Kōdō suru kai kirokushū henshū iinkai 1999: 1 – ​21).
Das Verständnis von Frau und Geschlecht in ihrem Gründungsaufruf schlug
eine Brücke zwischen Mutterschaft, Gleichheit und Partizipation: „Wir verlangen,
dass das Geschlecht, das das neue Leben gebiert, in der Gesellschaft wertgeschätzt
und abgesichert wird und dass den Frauen der Weg zur aktiven Beteiligung an al-
len sozialen Unternehmungen eröffnet wird“ (ibid.: 21). In der Folge wurde die
Aktionsgruppe von der internationalen Kritik der geschlechtlichen Arbeitstei-
lung und besonders von CEDAW stark beeinflusst. Sie setzte sich umfassend für
Gleichheit und gegen Diskriminierung in Bildung, Arbeitsmarkt und Politik ein.
Unter dem Dach der Aktionsgruppe trafen sich Aktivistinnen aus Beruf, Haus-
halt, Studium und der Politik. Viele arbeiteten in Untergruppen zu einzelnen Fra-
gen wie Gleichheit in Bildung und Beruf und für den Frieden (vgl. Q 8.39, 8.40,
13.56). Zu diesen Anliegen bildeten sie gleichheitliche horizontale Arbeitsgruppen
und Netzwerke, die eine Alternative zu der hierarchischen Organisation in der
‚Betriebsgesellschaft‘ bildeten und ihnen ermöglichten, ihre Kompetenzen und In-
dividualität weiter zu entfalten.106 Nach diesem Muster entwickelten sich in der
Folge viele weitere Netzwerke, in denen sich persönliche Entfaltung und Indivi-
dualisierung mit horizontaler kollektiver Machtbildung von Frauen verbanden.
Die Aktionsgruppe verhandelte ihre Anliegen selbstbewusst mit dem Staat und
den Unternehmen und mobilisierte mit neuen medienwirksamen Aktionsformen.
Sie kooperierte auch mit den etablierten Frauenverbänden und berief sich nun auf
die neuen Gleichheitsnormen der UN, die ein hohes Ansehen bei Regierung und
Bevölkerung genoss.107

106 Meine qualitative Befragung im Jahr 1997 ergab, dass Aktivistinnen in der Frauenbewegung
besonderen Wert darauf legten, dass sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen erweitern und
sich jenseits des konventionellen hierarchischen Verhaltens individuell begegnen und sich
auch gegenseitig kritisieren konnten. Die Befragung war nicht repräsentativ; vgl. das metho-
dische Vorgehen und die Ergebnisse in Lenz 2000.
107 Abgesehen davon, dass die Mitglieder die UN-Konferenzen und andere relevante Foren be-
suchten, war die Aktionsgruppe kaum an internationalen Netzwerken beteiligt. Die inter-
nationale Perspektive war auf den Zugang zu Informationen fokussiert, die vor allem durch
Mitglieder oder internationale Studierende vermittelt wurden.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 105

Die Aktionsgruppe steht hier für eine Reihe anderer Netzwerke zur Lohnarbeit,
zu Frauen und Computern, zu berufstätigen ledigen Müttern (vgl. Q 4.28) oder zu
Frauen und Frieden. Diese Gruppen bildeten eine breite mittlere Strömung mit
nationalem oder lokalem Schwerpunkt, die für Gesellschaftsveränderung durch
schrittweise Reformen eintrat, also für Systemkritik und verhandelte Konflikte.108

3. Die Linie der Systemdistanz und Politisierung des Alltags

Diese Linie bildete sich um die Netzwerke von Hausfrauen109, die in ihrem Alltag
aktiv wurden, während sie dem politischen System, den Betrieben und Verbänden
distanziert gegenüberstanden. Sie nahmen die Impulse der Aktionsgruppen und
auch der Lib auf und übersetzen sie für ihren lokalen Kontext. In ganz Japan ent-
standen diese Hausfrauennetzwerke und brachten neue gleichheitliche Denk- und
Handlungsmuster im Alltag und vor Ort ein. Jedoch unterschieden sich die Haus-
frauengruppen danach, wie sie das Geschlecht und das Gesellschaftssystem sahen.
Danach lassen sich drei Richtungen erkennen:

3.1. Die erste vertrat eine Systemkritik aus der Geschlechterdifferenz. Einige Haus-
frauengruppen gingen von ihrer Position als Hausfrau und Mutter aus und hin-
terfragten diese zugleich kritisch. Man kann deswegen von einer reflexiven Diffe-
renzperspektive sprechen. Beispiele dafür sind die Frauenbewegung gegen AKWs
(vgl. Q 10.50), gegen lokale Umweltverschmutzung oder für gesunde und öko-
logisch bewusste Ernährung. So verbanden sie Kritik am System mit der an der
geschlechtlichen Arbeitsteilung. Denn nun kritisierten die Mütter- und Haus­
frauenbewegungen die ungleiche Arbeitsteilung selbst, während ihre Vorgän-
gerinnen in den 1950er und 1960er Jahren sich dafür eingesetzt hatten, sie in der
differenzbegründeten Geschlechterordnung sichtbar zu machen und ihre An-
erkennung und Aufwertung zu erreichen. Vordenkerinnen der ökologischen
Hausfrauennetzwerke bezogen dabei die belastenden Arbeitsbedingungen der
Männer ausdrücklich ein. Ein Beispiel ist der Aufruf zum Rückzug aus der Be-

108 Joyce Gelb (2003) vertrat, dass die Erfolge der Frauenbewegung in Japan vor allem auf Druck
von außen durch Berufung auf internationale Normen (gaiatsu) zurückgehen. Diese Sicht
von außen ignoriert die intensive Mobilisierung und die Fokussierung auf die japanische Po-
litik und Zivilgesellschaft, wie auch die daraus folgende interne Demokratisierung. Ähnlich
wie bei der These des Bumerang-Effekts, nach der Frauenbewegungen durch Berufung auf
internationale Normen nationale Erfolge einfahren könnten, werden die wesentlichen de-
mokratischen Prozesse in der Zivilgesellschaft und an der Graswurzel außer Acht gelassen.
109 Vgl. Q 4.27 – ​4.30, sowie Mae in diesem Bd.; Amano 2011; Goldstein-Gidoni 2012; LeBlanc
1999; Ueno 1988.
106 Ilse Lenz

triebsgesellschaft von Kano Mikiyo (Q 10.49): Die Hausfrauen sollten sich mit ih-
rer Gebrauchswertproduktion aus der kapitalistischen Rationalität zurückziehen
und so die Gesellschaft verändern. Diese Veränderung würde dann die Huma-
nisierung der Tauschwertproduktion, also der harten Lohnarbeit der Männer be-
fördern.

3.2. Eine zweite Richtung betrieb die Vernetzung von Hausfrauen und Müttern,
um legitime öffentliche Frauenräume aufzubauen. Sie legte einen Differenzansatz
zugrunde, ohne das hegemoniale Frauenbild in seiner Funktion für das kapita-
listische System zu kritisieren. Denn für sie war „die Hausfrau das Bild eines be-
freiten Menschen“ (vgl. Q 4.27), während sie öffentliche Anerkennung verlangten
und Aktivitäten aufnahmen, die vom Ehrenamt bis zu gemeinsamem Wandern,
Töpfern oder Malen reichen können.

3.3. Eine weitere breite Richtung bildeten die Frauennetzwerke in der Lokalpolitik.
Sie begründeten die Forderung nach politischer Partizipation mit der Differenz
als Hausfrau und verbanden damit Kritik an der Männerpolitik und -gesellschaft.
Meist im Bündnis mit anderen NRO nahmen sie Einfluss auf die Gemeindewahlen
und stellen auch unabhängige Kandidatinnen auf. Eine wichtige Rolle bei der Mo-
bilisierung von Hausfrauen spielte dabei die Konsumgenossenschaft Seikyō, die
allerdings Frauenbefreiung oder Gleichheit wenig thematisierte (Mae in diesem
Bd.; LeBlanc 1999).
Die Hausfrauengruppen standen kritisch-distanziert zum System, wie sich am
Beispiel der Atomenergie oder Ökologie zeigte, und sie forderten Partizipation,
während die Forderung nach autonomer weiblicher Sexualität aus der Lib eher zu-
rücktrat. Sie hatten ihre Ansätze in die Nachbarschaft, die Schulen, die Familien
und die Lokalpolitik eingebracht und sich neue Partizipationsmöglichkeiten vor
Ort erschlossen. Auf diese Ansätze konnte sich das spätere Rahmengesetz für eine
Gesellschaft mit gleicher Partizipation von Männern und Frauen 1999 (s. u., vgl.
Mae in diesem Bd.; Holdgrün 2013) beziehen. Es sah vor, dass Frauen an der Ent-
wicklung von Maßnahmen und Plänen für Gleichheit in den Präfekturen und Ge-
meinden beteiligt werden sollten. Die alltäglichen Netzwerke eröffneten neue per-
sönliche Spielräume vor Ort, die eine Machtbildung für Mütter ermöglichten und
zugleich der Norm der Hausfrau und Mutter hinter der Exportfront in der dif-
ferenzbegründeten Geschlechterordnung widersprachen. So bewirkten sie einen
kulturellen Wandel des Mutterbilds zu mehr Freiheit und Individualität.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 107

4. Die Linie der lesbischen Vernetzung und Systemdistanz

Die Linie der Lesbenbewegung bildete sich erst in und nach der Lib heraus. Sie
stand dem System distanziert gegenüber, das sie ignorierte und ausgrenzte. Doch
die internationale Lesbenbewegung und deren Beteiligung in der UN-Dekade der
Frau eröffnete Lesben neue Räume und Ressourcen.
Lesben hatten eigene Nischen in der homosexuellen Subkultur entwickelt, die
in Japan lange stillschweigend toleriert wurde. Jedoch war das öffentliche Bild von
Lesben von pornographischen Projektionen für den männlichen Markt geprägt,
während lesbische Lebens- und Liebesformen totgeschwiegen oder still hin-
genommen wurden. Allerdings waren frauenliebende Frauen bereits in der Seitō
(1912 – ​1916) und danach in der Frauenliteratur offen aufgetreten (Suzuki 2010;
Wu 2007).
Infolge der Lib reklamierten Lesben erneut eigene Stimmen und schufen auto-
nome Diskurse zur Liebe zwischen Frauen, aber auch eigene Räume und Prakti-
ken wie Consciousness Raising, Tanzparties und Veröffentlichungen.110 Nun hatte
die Lib zwar den Raum für offene Liebe zwischen Frauen geöffnet, da sie die Auto-
nomie und subjektive Handlungsmacht in Bezug auf Eros und Sexualität betonte
(vgl. Q 2.12; 2.15, 3.17). Aber sie beruhte auf heteronormativen und zweigeschlecht-
lichen Vorstellungen von Eros zwischen Frau und Mann. Schon zu ihrem Beginn
beteiligten sich zwei Lesben in der Gruppe Kämpfende Frauen. Jedoch erlebten sie
Diskriminierungen und Konflikte u. a. mit Tanaka Mitsu, so dass sie die Grup-
pe rasch wieder verließen (vgl. Shigematsu 2012: 119 – ​120; Welker 2018: 51 – ​52). In
der radikalen Zeitschrift Onna Erosu (Frau Eros) arbeiteten Lesben mit und ver-
öffentlichten einführende Texte. Nun wurde Liebe zwischen Frauen als potentiel-
le Weiterentwicklung der engen Zusammenarbeit und Freundschaften in der Lib
verstanden.
Parallel dazu hatte Suzuki Michiko um 1971 einen sozialen Klub für Lesben ge-
gründet (Wakakusa no kai (Gruppe Junges Gras)). Sie nahm die Mitglieder nach
einem persönlichen Vorstellungsgespräch auf, um Vertraulichkeit zu garantieren,
und sie leitete die Treffen. In der Gruppe konnten Lesben sich aussprechen, Freun-
dinnen und Geliebte finden, ohne sich nach außen zu outen. Während Suzuki be-
wusst Distanz zur Lib und zu politischem Aktivismus hielt, begegneten viele Frau-
en dort erstmals anderen Lesben und wechselten später in die Lesbenbewegung.
Mitte der 1970er Jahre schlossen sich Frauen aus diesen Kreisen zu einer offe-
nen Lesbenbewegung zusammen. Sie wollten die interne Selbstverständigung und
den Aufbau eigener Räume vorantreiben. Zugleich ging es darum, das allgemeine
Totschweigen zu durchbrechen und eine öffentliche Präsenz von lesbischem Le-

110 Vgl. zu diesem Abschnitt McLelland 2007; Shigematsu 2012; Welker 2018.
108 Ilse Lenz

ben und Diskursen zu erreichen. Die Lesbenbewegung entwickelte sich darauf-


hin eher parallel zur Frauenbewegung, wenn auch im Austausch mit ihr. In Japan
wurde Lesbianismus damals nicht wie in Europa als radikale Alternative oder nor-
mativ bessere Identität gewertet (Shigematsu 2012: 69). Erste Aktivistinnen sahen
ihr Leben im Widerstand zur japanischen Männergesellschaft und wollten ihre
Subjektivität in Auseinandersetzung mit diesem Kontext entfalten, während sie
internationale Impulse aufnahmen.
Frauen aus der Lib wie aus dem sozialen Lesbenklub gründeten 1984 die Grup-
pe Regumi111, die lesbenpolitisch aktiv wurde. Nach einem Vorbild aus den USA
planten sie zunächst eine Diashow über Lesben für Japan und gaben dann ab 1985
die Zeitschrift Regumi Tsūshin (Nachrichten aus der Lesbengruppe) heraus. 1976
stellten vier Lesben im Umfeld der Lib die ersten Untersuchungen zu Lesben in
Japan zusammen und veröffentlichten sie in einer Broschüre mit dem Titel Wun-
derbare Frauen (Subarashii onna). Das erste Lesbenzentrum in Japan, das Regumi
Studio, wurde um 1987 in Tōkyō gegründet. 1987 erschien auch ein Sonderband
der populären Zeitschrift Bessatsu Takarajima unter dem Titel ‚Geschichten von
Frauen, die Frauen lieben‘, der in ganz Japan verbreitet und zu einem Grundtext
für Lesben und bisexuelle Frauen wurde.
Die Gruppe Regumi setzte sich drei Grundziele: 1. Ein Netzwerk der Solidarität
und Unterstützung für Lesben zu bilden, die bisher isoliert leben. 2. Selbst zu ent-
decken und reflektieren, was es heißt, dass „Frauen Frauen lieben“. 3. Fakten und
Informationen über Lesben zu verbreiten, um gegen Diskriminierung und Vor-
urteile zu kämpfen. Im zweiten Ziel zeigt sich eine Suche nach autonomer Reflek-
tion und Definitionsmacht – es galt, selbst herauszufinden, was Lesben sein kön-
nen. Dies ergebnisoffene reflexive Vorgehen unterscheidet die Lesbengruppen in
Japan damals von der eher geschlossenen identitätspolitischen Lesbenbewegung
in Deutschland und den USA (vgl. Dennert u. a. 2007; Lenz 2010).
Kakefuda Hiroko beschrieb ihr Lesbisch-Werden als Suchprozess und kriti-
sierte die Dichotomie von Heterosexualität und Homosexualität und die hege-
monialen Genderbilder, die das Begehren von Frauen/Lesben ausblenden (vgl.
Q 5.32; Kakefuda 1992).112 Sie hinterfragt die tiefe Polarisierung und Kluft zwi-
schen Heterosexualität und Homosexualität und das Familiensystem aus einen
queeren Genderperspektive und eröffnet damit grundlegend neue Zugänge, um

111 Wörtlich übersetzt Lesbengruppe; re steht als Abkürzung für rezubian (Lesben) und gumi für
Gruppe.
112 Leider liegt noch keine Veröffentlichung dieses feministischen Klassikers in westlichen
Sprachen vor außer der freien Übersetzung von Scarlet Brown in ihrer Abschlussarbeit;
vgl. Brown, Indiana Scarlet (2018): A Translation and Analysis of Japan’s Seminal Lesbian
Studies Work (https://scholarsarchive.library.albany.edu/honorscollege_eas/3/, Zugriff 14. 5. ​
2022).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 109

die japanische Gesellschaft insgesamt zu verstehen. So sind frauenliebende Frauen


im Familiensystem, das die vertikale Blutverwandtschaft und Ehegemeinschaft
zusammenbringt, als Lesben und als Frauen ausgegrenzt und untergeordnet: Die
homosexuelle Ehe wird nicht zugelassen und zugleich wird von ihnen als ledige
Frauen erwartet, langfristig ihre Eltern zu versorgen. Sie können sich auch nicht
wie Schwule durch eine heterosexuelle Heirat ‚tarnen‘, da sie sich dann um die El-
tern des Mannes kümmern müssten. Lesben müssen sozial und wirtschaftlich um
ein eigenständiges Leben kämpfen und darin zeigen sich im Kontrast die unter-
geordnete Einbindung und ökonomische Abhängigkeit von Frauen in der Familie
nach den hegemonialen Normen von Weiblichkeit und Mutterschaft.
Zwar bestehen im Alltag starke homosoziale Beziehungen zwischen Frauen
wie auch zwischen Männern in Japan. Aber deswegen erhöht sich gerade der
Druck auf Lesben, unsichtbar zu bleiben, um nicht als ‚unnormal‘ stigmatisiert zu
werden. Laut Kakefuda hängt diese innere Spannung mit dem Stillstellen und Ein-
frieren weiblichen Begehrens im modernen Japan zusammen. Aber sie hinterfragt
auch den Identitätszwang und Homogenitätsdruck, den sie im westlichen radika-
len Lesbianismus verspürt. So tritt sie für wechselseitige Anerkennung von ver-
schiedenen Formen der Liebe, der individuellen Unterschiede und der persönli-
chen Freiheit aller ein.
Viele Lesben – wie auch zahlreiche Lib-Frauen – verbrachten einige Zeit in
Europa oder den USA und besuchten dort feministische und lesbische Kreise. Die
International Feminists in Japan, eine Gruppe englisch-sprachiger Migrantinnen
in Japan nahm 1985 eine Sitzung zu Lesben in ihre Konferenzen auf. Daraus er-
gaben sich eine lange Reihe von Treffen, die ‚Weekends‘ (uīkuendo) auf den jähr-
lichen Treffen in Saitama, auf denen japanische und internationale Lesben zusam-
menkamen.
Einen weiteren Schritt in die Öffentlichkeit brachten die Tōkyō Lesbian & Gay
Parades (später Pride Parades), die ab 1994 veranstaltet wurden. Waren damals
nur etwa tausend Personen beteiligt, so stieg die Zahl der TeilnehmerInnen rasch
an. Die jährliche Pride Parade war Teil des Schwulen- und Lesbenbooms der frü-
hen 1990er Jahre: In den Medien wie auch in den Kultur- und Sozialwissenschaf-
ten wurde über sexuelle Vielfalt berichtet und diskutiert. Neben den stereotypisie-
renden Shows und Einlagen im Privatfernsehen kamen nun queere AktivistInnen,
AutorInnen oder WissenschaftlerInnen zu Wort und trugen zu einem kulturellen
Wandel bei (s. u.).
110 Ilse Lenz

5. Die Linie der Systemnähe und Antidiskriminierung

Diese Linie113 kennzeichnet die etablierten Frauenverbände. Von einer Minder-


heitenposition im politischen System aus engagierten sie sich gegen Geschlech-
terdiskriminierung. So setzten sie sich für Öffnungen in der männerzentrierten
Politik und Verwaltung und den Institutionen ein, die sie Schritt für Schritt vor-
anbrachten. Ihr Denken war von den fujin- und Mütterbewegungen in der diffe-
renzbegründeten Geschlechterordnung beeinflusst, und sie lehnten die radikalen
Diskurse der Lib weitgehend ab. International waren sie mit etablierten globalen
Frauenverbänden verknüpft und so auch in den UN-Prozess eingebunden.
Viele Frauenverbände leiteten sich von den nationalpartizipativen oder sozia-
listischen Hausfrauen- und Mütteransätzen aus den 1920er Jahren her. Einige wie
der Hausfrauenverband, der Bund der Wählerinnen, der Demokratische Frauen­
klub und sozialistische und gewerkschaftliche Gruppen hatten sich nach 1950 zu
großen Verbänden entwickelt, die mit Aufrufen und Demonstrationen öffent-
lich ihre Stimme erhoben und Resonanz fanden. Ein Teil von ihnen vertrat An-
sätze der Geschlechterdifferenz oder des Maternalismus, andere fokussierten auf
Partizipation und Gleichheit. Die FemokratInnen, zu denen auch einige Männer
zählten, und die etablierten Politikerinnen standen eher für Antidiskriminierung
oder Gleichheit. Trotz ihrer weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Un-
terschiede hatten die etablierten Frauenverbände bereits vorher bei großen Vor-
haben und Kampagnen wie etwa dem Verbot der Prostitution 1956 langfristig ko-
operiert.
Eine enge Kooperation gingen sie zum UN-Jahr der Frau 1975 ein.114 Zwei
Führungsfiguren aus unterschiedlichen Strömungen führten sie in der Vorberei-
tung darauf zusammen und beförderten zugleich die Vernetzung mit den auto-
nomen Aktionsgruppen (Tanaka, H. 2009): Ichikawa Fusae, die in den 1920er Jah-
ren die Anführerin des nationalpartizipativen Flügels und nach 1953 unabhängige
Abgeordnete im Oberhaus war, verfügte über breite Kontakte zur UN und zur ja-
panischen Innenpolitik. Sie hatte eine hohe Autorität und einen flügelübergreifen-
den Einfluss. Die sozialistische Abgeordnete Tanaka Sumiko hatte Beziehungen
nach Ostasien und sie konnte die sozialistische Frauen- und Gewerkschaftsbewe-
gung mit einbeziehen.

113 Sie kann nicht einfach als „liberaler Feminismus“ eingeordnet werden, wie dies etwa Shi-
gematsu vornimmt, da der Liberalismus als Grundlage dieser Position in Japan wenig aus-
geprägt ist. Im Vordergrund steht die Antidiskriminierung und weniger die Vorstellung von
freien Bürgerinnen im Rahmen einer liberalen Gesellschaft.
114 Vgl. zum Folgenden die differenzierte detaillierte Analyse bei Tanaka, H. 2009, sowie
Mackie 2003; Lenz 2015 und dort zitierte Literatur.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 111

Zum UN-Jahr der Frau 1975 erfolgte eine mehrfache Vernetzung – innerhalb
des institutionellen Flügels, mit den autonomen Aktionsgruppen und mit Politik
und Verwaltung: Zum einen schloss sich die große Mehrheit der etablierten Ver-
bände in dem Verbindungskomitee zur Umsetzung der Beschlüsse der Japankon-
ferenz zum internationalen Jahr der Frau115 zusammen. Das Verbindungskomi-
tee beruhte auf Gruppenmitgliedschaft von Vereinen und hatte eine formalisierte
hierarchische Struktur. Es konnte über eine begrenzte Mitgliedermacht, finanziel-
le Ressourcen durch Mitgliederbeiträge und symbolische Akzeptanz in der eta-
blierten Politik verfügen.
Das Verbindungskomitee kooperierte mit den wenigen, engagierten Politike-
rinnen und FemokratInnen. Diese drei Gruppen aus Verwaltung, Politik und in-
stitutionellen Frauenverbänden waren die wesentlichen Verhandlungspartner der
konservativen LDP Regierung bei der schrittweisen Einführung einer zentralen
Gleichstellungsstelle in der Regierung, die als Ergebnis der UN-Konferenz von
Mexiko und dann von CEDAW ab 1975 erfolgte.
Ichikawa und Tanaka vernetzten den etablierten Flügel ab 1975 mit den auto-
nomen Gruppen, die zu Verhandlungen mit der Regierung und zu einer breiten
Kooperation bereit waren, vor allem mit der Aktionsgruppe. Sie wollten die insti-
tutionalisierte Macht der Verbände mit der Mobilisierungs- und Aktionsmacht
der autonomen Gruppen zusammenführen. Bei den folgenden Aktionen spra-
chen sich diese beiden Strömungen in vielem ab und gingen auch gemeinsam vor
(Tanaka, H. 2009; Kōdō suru kirokushū henshū iinkai 1999). Die Grenzen der Ko-
operation zeigten sich, als die Aktionsgruppe eine Mitgliedschaft im Verbindungs-
komitee beantragte, was dann abgelehnt wurde (Tanaka, H. 2009).
Allmählich bildete sich in den Auseinandersetzungen mit Staat und Wirtschaft
um die Umsetzung der UN-Beschlüsse ein samtenes Dreieck aus etablierten und
aktionsorientierten Frauenbewegungen, FemokratInnen und Politikerinnen her-
aus.116 Als FemokratInnen traten vor allem frühere Leiterinnen des Büros für
Frauen und Jugendliche im Arbeitsministerium sowie einige wenige Spitzenbeam-
tInnen hervor. Sie konnten die internen Diskussionen und Prozesse in Ministerien
und Verwaltung beobachten und in begrenztem Umfang mit beeinflussen, aber
auch die externe Mobilisierung durch Politikerinnen und Frauengruppen unter-

115 Kokusai fujinnen Nihon taikai no ketsugi o jitsugen suru tame no renrakukai (1975); zunächst
schlossen sich 41 etablierte Verbände zusammen; später stieg die Anzahl auf 52 (vgl. Tanaka,
H. 2009: 206 ff.; Kokusai fujinnen Nihon taikai no ketsugi o jitsugen suru tame no renraku-
kai 1989: 393 – ​400)
116 Vgl. die detaillierte Analyse der AkteurInnen und Prozesse bei Tanaka, H. 2009: 248 – ​290,
sowie Lenz 2015; vgl. zum Frauenbüro im Arbeitsministerium und weiteren Institutionen
für Frauenpolitik in Japan Kobayashi 2004; zu Politikerinnen in Parlament und Parteien vgl.
Dalton 2015; Miura 2016; Steele 2011.
112 Ilse Lenz

stützen. Politikerinnen aus der LDP, der SPJ und Unabhängige schlossen sich um
das Jahr 1992 in der Liga feministischer Abgeordnetinnen (Zenkoku fueminisuto giin
renmei) zusammen und traten in der Öffentlichkeit wie auch im Parlament bei
Geschlechterfragen teils gemeinsam auf.
Ein klassisches Beispiel für die Kooperationen in diesem samtenen Dreieck
war die Auseinandersetzung um die Unterzeichnung von CEDAW in Japan. Die
feministische Journalistin Matsui Yayori hatte herausgefunden und in einer sen-
sationellen Meldung veröffentlicht, dass die LDP-Regierung nicht beabsichtigte,
das Abkommen zu unterzeichnen. Politikerinnen und Frauenbewegungen protes-
tierten dagegen auf verschiedenen Wegen. Ichikawa Fusae, aber auch Takahashi
Nobuko (1916 – ​1990), Führungskraft im Außenministerium und spätere Botschaf-
terin in Dänemark, engagierten sich erfolgreich gegen konservative Kräfte in der
Regierung und die Stimmen der Wirtschaftsverbände. Darauf unterschrieb die ja-
panische Regierung CEDAW 1980 knapp vor der allgemeinen Unterzeichnungs-
zeremonie auf der Zweiten UN-Weltfrauenkonferenz 1980 in Kopenhagen (vgl.
Lenz 2015, Tanaka, H. 2009: 256 – ​266). Sie richtete weiterhin zum Jahr der Frau
eine eigene Geschäftsstelle ein, die über das Büro für Frauen und Jugendliche im
Arbeitsministerium von 1947 hinausging und allgemeine Geschlechterfragen auch
jenseits der Lohnarbeit bearbeiten konnte, und berief einen BeraterInnenkreis
dazu ein. Aber erst 1994, also mehr als zwanzig Jahre später, wurde ein Büro für
Geschlechtergleichheit mit vollem rechtlichen Status im Kabinettsbüro des Pre-
mierministers etabliert (s. u.; Tanaka, H. 2009: 270 ff.).
ExpertInnen aus der Frauen- und Geschlechterforschung und den Medien bil-
deten ab etwa 1990 einen vierten Pol in diesem Verhandlungsnetzwerk, so dass
sich das samtene Dreieck zum Viereck fortentwickelte. GeschlechterforscherIn-
nen untersuchten grundlegende gesellschaftspolitische Problemlagen als Ge-
schlechterfragen wie etwa die Geschlechterungleichheit in den Unternehmen oder
den dramatischen Geburtenrückgang in der japanischen Betriebsgesellschaft ab
Mitte der 1970er Jahre. Sie konnten mit empirischen Ergebnissen argumentieren
und deshalb entsprechende Legitimität in Öffentlichkeit und Politik beanspru-
chen. So wurden sie zunehmend an den Beratungskomitees (shingikai) der Re-
gierung für bestimmte Gesetzesvorhaben und Fragen beteiligt und konnten dort
wichtige Ansätze zur Geschlechtergleichheit einbringen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 113

6. Die Linie der Systemanalyse und -kritik durch die Frauen-


und Geschlechterforschung

Ab dem Ende der 1970er Jahre brachte die Frauen- und Geschlechterforschung ihre
Ansätze und Ergebnisse zur Systemkritik und zur sexuellen Autonomie in eine
breitere Öffentlichkeit ein. Sie verortete sich in dem Feld der Wissenschaft, stand
aber der Frauenbewegung nahe. Zugleich veröffentlichten FrauenforscherIn­nen
wie Ueno Chizuko ihre neuen provokativen Thesen in den Medien. Sie vermittel-
ten feministische Inhalte alltäglich und sinnlich nachvollziehbar und sprachen da-
mit viele Menschen an.117 Die Frauenforschung schlug in den 1980er Jahren in Ja-
pan Wurzeln und weitete sich dann rasch aus. Sie untersuchte die Unterordnung
der Frau in Familie, Bildung, Medien, dem Arbeitsmarkt und der Politik. Es bil-
deten sich mehrere Fachgesellschaften, Zeitschriften und Jahrbücher und eige-
ne Reihen in Verlagen heraus, so dass sich eine lebhafte Diskussionskultur ent­
faltete.118
Ab den 1980er Jahren führten Frauenforscherinnen grundlegende Debatten
um die männliche Herrschaft, die Bedeutung der Moderne in Japan und die Öko-
logiefrage, in denen sie ihre unterschiedlichen Positionen und Strategien be-
leuchteten.119 So trat die ökologische Feministin Aoki Yayoi (1927 – ​2009) aus
einer Differenzposition für die Rückkehr zum „weiblichen und männlichen Prin-
zip“ in einer ökologischen Zukunftsvision ein (vgl. Q 10.47). Auch Kanō Mikiyo
(1940 – ​2019) argumentierte differenzpolitisch für einen Rückzug aus der kapita-
listischen Produktion und eine Rückkehr zur Gebrauchswertproduktion, wie sie
dem Denken und Handeln der Hausfrauen bereits entspreche (Q 10.49). Dem-
gegenüber betonte Ueno Chizuko die emanzipatorischen Möglichkeiten der Mo-
derne. Denn in der Moderne werde der Weg zur Gleichheit eröffnet, indem die
Geschlechterdifferenz kulturell minimiert und ihre Zwangsbedeutung so verrin-

117 Für diese feministische Kulturkritik wurde damals das Wort ‚Feminismus‘ ( feminizumu) ge-
prägt; heute wird Feminismus breiter als Frauenbewegung verstanden.
118 Zur Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung vgl. u. a. Germer, Ogawa 2018;
Tachi 2014. Fachverbände sind der Internationale Verein für Frauenforschung (1977, Kokusai
joseigakkai), der Japanische Verband für Frauenforschung (1977, Nihon joseigaku kenkyūkai),
der Japanische Verein für Frauenforschung (1978, Nihon joseigakkai) und der Verein für Frau-
enforschung (1978, Joseigaku kenkyūkai); vgl. Tachi 2014; Ueno 2020: 89. Um 2000 wurden an
609 Universitäten und Hochschulen Kurse zu Frauen oder Genderforschung angeboten. Die
Forschungsergebnisse wurden in Fachzeitschriften und Reihen veröffentlicht; wichtige Auf-
sätze sind in der Reihe Nihon no feminizumu zusammengestellt, die erstmals 1994 – ​5 mit sie-
ben Bänden und in einer erweiterten Neuauflage um 2009 mit zwölf Bänden im Iwanami-
Verlag erschien; vgl. Amano u. a. 2009 – ​2011.
119 Vgl. die hervorragende Zusammenfassung bei Kano 2016, sowie u. a. Amano u. a. 2009 – ​
2011; Ehara 1990, 1992 – ​2001; Katō u. a. 1993.
114 Ilse Lenz

gert wird, während die individuellen Selbstentwürfe und Wünsche leitend werden
(vgl. Q 10.48).
In den 1990er Jahren vollzog sich eine doppelte gender revolution (Ōsawa
Mari) in der Geistes- und Sozialwissenschaft in Japan im Austausch mit der inter-
nationalen und ostasiatischen Forschung. Zum einen vollzog die Frauenforschung
einen gender turn zur Geschlechterforschung. Während vorher der Fokus lange
auf Frauen lag, wurde nun das Geschlecht als Grundlage von Differenz wie auch
von Ungleichheiten untersucht: Warum werden Unterschiede nach Geschlecht ge-
macht und warum werden Ungleichheiten damit begründet ? Zugleich setzte die
sich herausbildende kritische Männlichkeitsforschung an den Fragen der männ-
lichen Hegemonie in der Betriebsgesellschaft und der Norm des Betriebskriegers
an und wandte sich u. a. den Fragen von neuer Vaterschaft oder dissidenten und
homosexuellen Männlichkeiten zu (vgl. Mae in diesem Bd.). Die Geschlechterfra-
ge wurde in den Kultur- und Sozialwissenschaften aufgenommen und weiterge-
führt, wobei sich männliche Forscher daran beteiligten.120
Zum Zweiten wurde die Bedeutung des Geschlechts selbst radikal hinter-
fragt, wobei ein Echo der radikalen Weiblichkeitskritik der Lib nachklang und
sich mit der internationalen Debatte um die soziale Konstruktion von Geschlecht
vermischte. Judith Butlers Aussage, dass Geschlecht nicht biologisch festgelegt ist,
sondern performativ gemacht wird, war weithin wirksam. Ihre Übersetzerin, die
poststrukturalistische Theoretikerin Takemura Kazuko (1954 – ​2011) begründete
die queer-Studies in Japan mit. Nun wurde der vorherrschende biologistische Ge-
schlechtsdualismus kritisiert, der Zwangsnormen von Männlichkeit und Weib-
lichkeit vorsieht. Für die politische Praxis wurden dieses Konzept in die Vorstel-
lung von ‚gender free‘ transformiert: Alle Menschen sollten ihr Leben und ihre
Beziehungen frei und individuell, also ohne geschlechtliche Zwangsnormen, ge-
stalten können (vgl. Mae in diesem Bd.).
Auf dieser Grundlage brachten GeschlechterforscherInnen empirische Unter-
suchungen ein, die das gesellschaftliche Bewusstsein und die Gesetzgebung zu
Geschlecht wesentlich beeinflussten. Dabei spielte ihre Berufung in Beratungs-
komitees der Regierung eine wichtige Rolle. So waren in dem vorbereitenden Be-
ratungskomitee für das Rahmengesetz für eine Gesellschaft mit gleicher Partizi-
pation von Männern und Frauen (1999) Wissenschaftlerinnen in ungewöhnlich
hoher Zahl vertreten und auch männliche Forscher setzten sich dort für Gleich-
heit ein (vgl. Q 11.52).

120 In der deutschen Wissenschaftslandschaft zeigten sich demgegenüber Trends zur Marginali-
sierung der Geschlechterforschung in einem „Frauenbereich“, die erst allmählich überwun-
den wurden.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 115

Bisher wurden die unterschiedlichen Strömungen und Netzwerke vorgestellt, die


sich während der Aktions- und Pluralisierungsphase herausgebildet und in ganz
Japan verbreitet und verwurzelt haben. Um diese Entwicklungen knapp zusam-
menzufassen: Diese Gruppen hatten unterschiedliche Vorstellungen von Frauen,
Geschlecht und Gesellschaft und sie diskutieren ihre Ansätze bis heute in gro-
ßen Kontroversen (Kano 2016). So gab es auch Reibungen, Spaltungen und Blo-
ckierungen zwischen ihnen. Inmitten und trotz der konservativen Politik und
Gesellschaft entwickelten sich die Frauengruppen in verschiedenen, miteinan-
der vernetzten Räumen unerwartet rasch und vielfältig: Die aktionsorientierten
Gruppen hatten öffentlichkeitswirksam für Gleichheit und Selbstbestimmung in
der Erziehung, der Familie und der Gemeinde mobilisiert und sich für Frieden
und Ökologie engagiert. Die neuen Mütter- und Hausfrauennetzwerke brachten
diese Ansätze an der Graswurzel vor Ort ein. Lesbische Stimmen meldeten sich
erstmals öffentlich. Zugleich bildete sich allmählich ein samtenes Viereck zwi-
schen Frauen­bewegungen, FemokratInnen, Politikerinnen und Geschlechterfor-
schung heraus. Die daran beteiligten AkteurInnen beobachteten die internationa-
len Gleichheitsentwicklungen und -normen, schlugen Gesetze und Maßnahmen
für Japan vor und setzten sich in Politik, Medien und vielfältigen Aktionen dafür
ein. Die Diskurse, Praktiken und Aktivitäten vor Ort waren also ausschlaggebend
für politische und gesellschaftliche Veränderungen, während die neuen interna-
tionalen Foren und Chancen erweiterte Räume und diskursive wie legitimatori-
sche Ressourcen boten.
Nach 1975 erwiesen sich die internationalen Chancenstrukturen als hoch re­
levant für die Diskurse und die Organisationsformen der meisten Richtungen. Sie
bildeten den Anlass für die Vernetzung verschiedener Strömungen auf organisato-
rischer Ebene etwa des etablierten und des aktionsorientierten Flügels und für die
Herausbildung des samtenen Vierecks. Auf diesem Weg konnten Frauen trotz ih-
res faktischen Ausschlusses aus der Politik politische Handlungsfähigkeit gewin-
nen, um etwa Gesetze und Maßnahmen für Gleichheit zu fordern und sich in aus-
gewählten Fällen auch an ihrer Beratung zu beteiligen.
Auf Ebene der Diskurse und Strategien vollzogen die einzelnen Richtungen
erneut eine blended composition, eine Auswahl und transkulturelle Zusammen-
führung von internationalen und japanischen Denkweisen und Diskursen. Wei-
terhin beschäftigten sich die beiden systemkritischen Flügel erstmals auf gleicher
Augenhöhe mit Frauenbewegungen und dem Emanzipationsdenken in asiati-
schen Gesellschaften. Sie kritisierten die imperialistischen Strukturen in Japan
und sein Vorgehen in Ostasien in Politik und Wirtschaft wie auch die sexuelle
Ausbeutung und Gewalt etwa im Prostitutionstourismus. Zusammen mit ande-
ren kritischen Bürgerbewegungen wurden sie zu PionierInnen der Verständigung
und der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in Ostasien. Sie wagten so-
116 Ilse Lenz

gar, die bis dahin verdrängte und tabuisierte Tiefenproblematik der imperialen
sexuellen Gewalt wie die Zwangsprostitution in der Kaiserlich Japanischen Ar-
mee im Pazifischen Krieg zusammen mit ostasiatischen Frauenbewegungen an-
zugehen.
Aber die verschiedenen Flügel nutzten die neuen internationalen Chancen-
strukturen auf unterschiedliche Weise (vgl. insgesamt Tanaka, H. 2009). Ein kri-
tischer Flügel um die Asiatische Frauengruppe vernetzte sich mit den Frauen- und
Bürgerbewegungen in Asien. Die Aktionsgruppen mobilisierten, indem sie ein
breites Themenspektrum in Japan von der Ungleichheit in der Bildung, in der Fa-
milie und der Lohnarbeit ansprachen und öffentlichkeitswirksame Aktivitäten
dazu entfalteten. Sie bezogen sich in ihren Verhandlungen mit Staat und Wirt-
schaft auf internationale Normen und Entwicklungen wie CEDAW, waren aber
vor allem auf lokaler und auf nationaler Ebene aktiv. Die integrativen Flügel der
etablierten Frauenverbände, FemokratInnen und Politikerinnen schließlich be-
gleiteten und beförderten die Umsetzung von CEDAW und der Weltaktionsplatt-
form von Beijing 1995 vor allem innerhalb des politischen Systems (vgl. Tana-
ka, Hong 2007; Tanaka H. 2009). Der unterschiedlichen Stellung zum politischen
System Japans entsprachen in diesen Richtungen auch ihre differierenden Posi-
tionen zu den internationalen Prozessen für Gleichheit, die von einer Nutzung
der UN-Abkommen vor allem innerhalb von Nation und Staat bis zum Aufbau
feministischer Solidarität zusammen mit internationalen Frauenbewegungen
reichte.

Öffnung der Geschlechtergrenzen und Gegenbewegungen


von 1990 bis heute

Ab Mitte der 1990er zeigten sich zwei große Gipfelpunkte der internationalen Mo-
bilisierung, Begegnungen und des Austauschs der Frauenbewegungen (vgl. Tana-
ka, H. 2009): Der erste war die Vierte UN-Weltfrauenkonferenz in Beijing 1995,
an der sich die unterschiedlichen Richtungen gemeinsam beteiligten. Danach ver-
handelten sie um die Umsetzung der Beschlüsse der UN-Weltaktionsplattform der
Konferenz, also der globalen Ebene, mit der Regierung, der zentralen Bürokra-
tie und den Präfektur- und Gemeindeverwaltungen. Sie bewegten sich also zwi-
schen der globalen, der nationalen und der lokalen Ebene des politischen Mehr-
ebenensystems in Japan (vgl. Chan-Tiberghien 2004; Tanaka, H. 2009). In dem
Zusammenfließen der japanischen und der globalen Wellen konnten Regierung
und Kommunalpolitik überzeugt werden, weitere Gesetze und Maßnahmen zu
Gleichstellung und gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis zu beschließen. Der
zweite Gipfelpunkt war die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt an den Zwangs-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 117

prostituierten der Kaiserlich Japanischen Armee in Zusammenarbeit mit ostasia-


tischen Frauen- und Bürgerbewegungen (vgl. Mae in diesem Bd.).

Internationale Impulse und nationaler Einsatz für Gleichheit und


Partizipation nach der UN-Weltfrauenkonferenz von Beijing

In Vorbereitung auf die Vierte UN-Weltfrauenkonferenz 1995 arbeiteten die sys-


temkritischen und systemnahen Flügel intensiv zusammen, um in Ostasien Bünd-
nisse zu entwickeln und auf die japanische Regierung einzuwirken (vgl. insgesamt
Tanaka, H. 2009: 267 ff.). Fast alle Richtungen suchten Austausch und Kontakte
mit asiatischen feministischen Netzwerken, so dass man von einem ostasiatischen
Jahrzehnt in der japanischen Frauenbewegung sprechen kann.
Die Asiatische Frauengruppe intensivierte die Vernetzung mit asiatischen
Frauenbewegungen in einer Reihe von Konferenzen, in denen auch die histori-
sche Verantwortung Japans für den Kolonialismus, den Pazifischen Krieg und die
Unterentwicklung in der Region diskutiert wurde. Auch die aktionsorientierten
Netzwerke setzten sich nun mit Frauenbewegungen in Asien und deren Anliegen
auseinander. Wichtige Gruppen schlossen sich 1992 zur Vorbereitung für die Bei-
jing-Konferenz in der Asiatischen Frauenkonferenz (Ajia josei kaigi) zusammen.
Allerdings verharrten sie eher in einem allgemeinen Panasiatismus, indem sie
sich als Teil Asiens redefinierten und ihre Offenheit und Nähe zu den asiatischen
Frauen betonten, während die Verantwortung Japans in Ostasien teils ausgespart
blieb. Insgesamt war Asien aber nun im Wahrnehmungshorizont aller Flügel der
Frauenbewegungen angekommen.
So erklärt sich auch die große und intensive Beteiligung japanischer Frauen
am NRO Forum der Vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Huairou 1995: Es ka-
men zahlreiche japanische Aktivistinnen aus den Metropolen Tōkyō, Kyōto und
Ōsaka wie auch aus der Region. Einige waren zusammen mit koreanischen Frauen
auf dem Weg über die koreanische Insel Cheju mit dem Schiff angereist. Die US-
Amerikanerinnen bildeten die größte Gruppe unter den 36 000 registrierten Teil-
nehmerInnen, darauf folgten die Frauen aus der VR China und Japan mit jeweils
etwa 5000. In Huairou begriffen viele japanische Aktivistinnen, wie wichtig po-
litisches Engagement und Lobbying sind. Dazu trugen die Debatten mit interna-
tionalen Feministinnen bei, die sie nach entsprechenden Strategien fragten und
ihnen ihre Erfahrungen weitergaben. Das motivierte auch Frauen aus den system-
fernen autonomen und Basisgruppen in ganz Japan, Beijing ‚politisch nachhause
zu bringen‘. Das NRO-Forum beflügelte die Herausbildung von AktivistInnen auf
breiter Ebene, die sich nach Beijing auf lokaler und nationaler Ebene für Verände-
rungen einsetzten und sie später mit trugen.
118 Ilse Lenz

In der Vorbereitung für die Weltfrauenkonferenz hatten sich die systemkriti-


schen ostasienbezogenen und die institutionellen Gruppen angenähert und in ih-
rem Vorgehen abgestimmt. Aufgrund der Erfahrungen der Konferenz formierte
sich der Beijing Japan Accountability Caucus (Beijing JAC), in dem Frauen japan-
weit zu den zwölf Feldern der Weltaktionsplattform arbeiteten. Beijing JAC und
andere Netzwerke verhandelten proaktiv mit der japanischen Regierung, mit dem
Büro für Geschlechtergleichheit im Kabinettsamt und veranstalteten öffentliche
Aktionen zur Beratung von und Unterstützung neuer Gesetzesvorhaben. Vermit-
telt über den Beijing-Prozess beteiligten sich nun auch Aktivistinnen aus der Re-
gion an der Wendung zur Politik. Dass sie vor Ort entsprechende Gesetze und
Maßnahmen forderten, beförderte später die Umsetzung neuer Gesetzesnormen
in den Präfekturen und Gemeinden jenseits der großen Metropolen. Allerdings
drohte diese Strategie zu scheitern, als die LDP-Regierung und lokale rechts-
konservative PolitikerInnen nach der nationalistischen und antifeministischen
Wende ab 2000 als ihre AdressatInnen ausfielen und sich teils dagegen wand-
ten (s. u.).
Um 1994 hatte die LDP-Regierung das Büro für Geschlechtergleichheit im Ka-
binettsamt durch ein entsprechendes Einrichtungsgesetz etabliert, während vor-
her nur eine Geschäftsstelle ohne eigene Kompetenzen existierte. Auf Englisch
wurde es Gender Equality Bureau benannt, während der japanische Name Büro für
gemeinsame Partizipation von Mann und Frau (Danjo kyōdō sankaku kyoku) be-
deutet. Damit war die Geschlechterpolitik endlich institutionell als eigenständiges
Aufgabenfeld des Regierungshandelns anerkannt. Parallel dazu setzte die Regie-
rung ein Beratungskomitee von ExpertInnen ein, das die zukünftige Geschlech-
terpolitik konzipieren und zwischen den beteiligten Interessengruppen abstim-
men sollte. Auch hier war der englische Name Council for Gender Equality und
die japanische Bezeichnung Beratungskomitee für gemeinsame Partizipation von
Männern und Frauen (Danjo kyōdō sankaku shingikai). In diesen unterschiedli-
chen Benennungen drückt sich ein Spannungsverhältnis in der konservativen Ge-
schlechterpolitik in Japan aus: Die LDP-Regierung verhielt sich zurückhaltend zu
dem Begriff der Gleichheit (byōdō) und bevorzugte auf Japanisch die Semantik der
Teilhabe oder Partizipation, aber die englische Benennung Gender Equality nahm
den universalen Gleichheitsanspruch der UN-Normen auf.
Die Einrichtung des Beratungskomitees und des Büros in der Regierungs-
struktur geht auf miteinander verflochtene nationale und internationale Entwick-
lungen zurück.121 Denn in der Koalitionsregierung der LDP mit der Sozialisti-
schen Partei Japan (SPJ) und der kleinen Sakigake Partei von 1994 – ​1996 erhielt

121 Vgl. zur Geschlechterpolitik und der entsprechenden Gesetzgebung nach 1994 Q 11.52,
Holdgrün 2013; Lenz 2015; Ōsawa 2003; Seki 2001; Takeda 2021a; Tanaka, H. 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 119

Geschlechterpolitik einen hohen Stellenwert. Diese Koalitionsregierung kam auf-


grund innerer Verwerfungen der LDP-Faktionen an die Macht. Ihr stand von 1994 – ​
1996 der sozialistische Premierminister Murayama Tomiichi vor, der die Gleich-
stellungspolitik wie auch die Annäherung an Korea und Ostasien fördern wollte.
Zwei Koalitionsparteien hatten engagierte Politikerinnen als Vorsitzende, nämlich
Doi Takako in der SPJ und Dōmoto Akiko in der Sakigake Partei. Auch reform­
orientierte BürokratInnen und Teile der LDP vertraten, dass die Geschlechterpoli-
tik institutionell im Zentrum der Regierung verortet werden sollte. Sie wollten Ja-
pan näher an das internationale Niveau heranführen und die Beijing-Konferenz
angemessen vorbereiten.
Die Aktivistinnen, die eine hohe politische Motivation und erneuten Schwung
aus der Weltfrauenkonferenz von Beijing mitgebracht hatten, trafen auf diese be-
grenzte institutionelle Öffnung und engagierten sich intensiv für die Umsetzung
des Weltaktionsplans und entsprechende Gesetzesreformen. Sie unterstützten die
FemokratInnen und ExpertInnen im samtenen Viereck von außen. In der Koali-
tionsregierung von LDP, SPJ und Sakigake hatten auch die Stimmen der Politike-
rinnen mehr Gewicht.
Zugleich waren feministische ExpertInnen in die Politikberatung eingerückt,
die den Zusammenhang der tiefen Strukturkrisen mit der Geschlechterungleich-
heit in Japan überzeugend darlegten. Sie zeigten konkret auf, dass grundlegen-
de soziale Probleme, vor allem der Geburtenrückgang, die Überalterung und der
Mangel an Arbeitskräften, durch die Geschlechterungleichheit mit verursacht
sind und riefen nach Reformen. In diesem Framing konnte das verbreitete Be-
dürfnis nach Gleichheit, Fairness und individuellen Lebensentwürfen symbolisch
mit den schweren sozialen Krisen verbunden werden, die bereits in Medien und
Politik intensiv thematisiert worden waren (vgl. Q 11.52). Das begünstigte die Ver-
abschiedung von Gesetzen durch die LDP-Regierung ab 1996, die von Premier
Hashimoto Ryūtarō, einem entschiedenen Verwaltungsmodernisierer, geleitet
wurde. GenderforscherInnen wie Ōsawa Mari von der Tōkyō Universität spielten
im Beratungskomitee für gemeinsame Partizipation von Männern und Frauen eine
wichtige Rolle (vgl. Q 11.52). Sie argumentierten für gleiche Beteiligung und indi-
viduelle Entfaltung jenseits geschlechtlicher Zwangsnormen.
Dieses Denken lag auch dem 1999 verabschiedeten Partizipationsgesetz oder
Rahmengesetz für eine Gesellschaft mit gleicher Partizipation von Männern und
Frauen122 zugrunde. Partizipation wurde darin als individuelle Teilhabe und Be-
teiligung an der Gesellschaft verstanden, die nicht durch geschlechtliche Stereo-

122 Danjo kyōdō sankaku shakai kihonhō; vgl. Mae in diesem Bd., Holdgrün 2013; Tanaka, H.
2009: 282 ff.; die offizielle englische Fassung lautet Basic Act for Gender-Equal Society (vgl.
u. a. http://www.gender.go.jp). Der Gesetzestext ist in der umfassenden Sammlung von in-
120 Ilse Lenz

typen und Zwangsnormen eingeschränkt werden soll. Das Gesetz definierte eine
Gesellschaft der gemeinsamen Partizipation von Mann und Frau wie folgt: „Eine
Gesellschaft, in der die Chancen, sich nach eigenem Willen an allen Bereichen
der Gesellschaft zu beteiligen, für Männer und Frauen gesichert sind, wodurch
diese ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen gleich erfüllen
können und gemeinsame Verantwortung tragen.“123 Es sah deswegen vor, dass die
Regierung wie auch die Präfekturen und Lokalverwaltungen entsprechende Maß-
nahmen für die Verwirklichung einer solchen Gesellschaft beschließen und hin-
reichende Mittel bereitstellen sollten und die Zivilgesellschaft sich daran betei-
ligen sollte. Dies bedeutete im Idealfall erhebliche Chancen für Frauengruppen
und NROs, die Gleichstellung in der Region vor Ort voranzubringen. Allerdings
konnten geschlechtskonservative Kreise in der Regierung und der Lokalpolitik
blockierend wirken, was sich in den folgenden Gegenreaktionen zeigte. Die japa-
nische Regierung hatte also ein allgemeines Gleichheitsgesetz mit breiten Betei-
ligungsmöglichkeiten beschlossen, das auf die Leitideen von Partizipation und in-
dividueller Selbstentwicklung jenseits von geschlechtlichen Zwangsnormen und
Stereotypen setzte.124
Im Zuge der umfassenden Mobilisierung für politische Maßnahmen nach 1995
und der Verhandlungen im samtenen Viereck mit der Regierung wurden weite-
re Gesetze und Richtlinien im Bereich der Geschlechterpolitik beschlossen: Dazu
gehören das Gesetz zum Erziehungsurlaub (1991, Reform 1997), die Reform des
Gesetzes zur Chancengleichheit von Mann und Frau im Beruf von 1985 (1997), der
Leitfaden des Arbeitsministeriums (1998) und die Richtlinien des Kultusministe-
riums (1999) gegen sexuelle Belästigung, das Gesetz für die Langzeit-Pflegever-
sicherung (2000) und das Gesetz gegen Gewalt in der Ehe und für Opferschutz
(2001) (vgl. www.gender.go.jp; Seki 2001).

ternationalen und japanischen (auch kommunalen) Gesetzen und Maßnahmen zur Ge-
schlechtergleichheit von Seki (2001) aufgenommen.
123 Übersetzt von der Autorin nach Seki 2001: 142; vgl. auch Tanaka, H. 2009: 282.
124 In der Bundesrepublik Deutschland fehlt ein solches allgemeines Gesetz zur Geschlechter-
gleichheit einstweilen, das auch die Privatwirtschaft und gesellschaftliche Verbände ein-
schließt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland von 2006 fokussiert auf
individuelle Nichtdiskriminierung und nicht auf Herstellung der im Grundgesetz veranker-
ten Geschlechtergleichheit.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 121

Internationales Engagement und nationaler Einsatz für Gerechtigkeit


für die Überlebenden der Zwangsprostitution im II. Weltkrieg

Die systemkritische internationale Richtung der Frauenbewegung mobilisierte ge-


gen internationale und Geschlechterungleichheit und sexuelle Gewalt und ent-
faltete dabei eine intensive Zusammenarbeit mit Frauenbewegungen und NRO
in Asien. Ein Grundanliegen war, für Gerechtigkeit für die Überlebenden der
Zwangsprostitution in der Kaiserlich Japanischen Armee einzutreten.125 Ab etwa
1938 waren zehntausende von Frauen aus Ostasien, besonders aus China und Ko-
rea, teils mit falschen Versprechungen von Ausbildung oder guter Arbeit ange-
worben, aus Bordellen weitervermittelt oder gewaltsam entführt und verschleppt
worden. Die Frauen wurden in Armeebordellen kaserniert und mussten oft viele
Soldaten nacheinander bedienen.
Bereits die Lib hatte sich mit der Verantwortung der japanischen Frauen für die
Zwangsprostitution kritisch auseinandergesetzt (Q 2.13). Die Asiatische Frauen­
gruppe hatte sich auch auf den Aufruf koreanischer Aktivistinnen gegen den Sex-
tourismus aus Japan hin zusammengefunden. Sie arbeitete dann konsequent zu
sexueller Gewalt vonseiten Japans im Zweiten Weltkrieg und in der Gegenwart in
Ostasien. Sie machte das Problem in Medien und in der Frauenbewegung bekannt
und vernetzte sich mit AktivistInnen sowohl in Ostasien wie auch weltweit (Tana-
ka, H. 2009: 293 ff.). Ein Mitglied der Gruppe, die Malerin Tomiyama Taeko (1921 – ​
2021) schuf visionäre Bilder und Filme, die in der Bildungsarbeit eingesetzt wur-
den. Sie zeigte die Schreckenserfahrungen der ‚Trostfrauen‘ und die Einbindung
der japanischen Ehefrauen für den Krieg. Dafür entfaltete sie eine Bildsprache
voll transkultureller erotischer Imagination, die den Opfern ihre Menschlichkeit
zurückgibt und ihre eigene Kultur aufscheinen lässt (https://imaginationwithout​
borders.northwestern.edu/artists/tomiyama/ Zugriff: 11. 6. ​2022).
Das Startfanal für die darauf auf‌flammende internationale Bewegung für
Gerechtigkeit für die ‚Trostfrauen‘ und gegen sexuelle Gewalt im Krieg gab Kim
Hak-Sun (1924 – ​1997), eine Überlebende der Zwangsprostitution. Sie sprach am
14. 8. ​1991126 erstmal vor den Medien in Südkorea über die erfahrene Gewalt und

125 Zur Zwangsprostitution für die Kaiserlich Japanische Armee vgl. Norma 2016, 2019; Tanaka
2002; Yoshimi 2000. Zur Debatte und Formen der Erinnerung vgl. Mae in diesem Bd.; Cro-
zier-De Rosa, Mackie 2019: 161 – 199; Drinck, Gross 2006; Kimura 2016; Nishino, Kim, Ono-
zawa 2018; Seo 2018; Yamashita 2011, sowie kritisch zu Teilen der Forschung Soh 2008; zur
internationalen Bewegung für Gerechtigkeit für die Trostfrauen vgl. u. a. Lenz 2023; Min u. a.
2020; Tai 2020.
126 Der 14. 8. wurde zum Internationalen Gedächtnistag an die Trostfrauen, der in verschiede-
nen Kontinenten und auch in Deutschland begangen wird, vgl. Crozier-De Rosa, Mackie
2019: 170 – ​175.
122 Ilse Lenz

konfrontierte die japanische Regierung mit ihrer Verantwortung dafür. Im De-


zember 1991 klagte sie mit zwei weiteren ehemaligen ‚Trostfrauen‘ aus Korea vor
dem Tōkyō Bezirksgericht gegen die japanische Regierung. Rasch entwickelten
sich Bewegungen und Netzwerke in Ostasien, die sich in der Asian Women’s Sol-
idarity Conference zusammenfanden.127 Deren Hauptforderungen richteten sich
auf 1. die Übernahme der Verantwortung für die sexuellen Kriegsverbrechen
durch die japanische Regierung und eine öffentliche Entschuldigung; 2. eine an-
gemessene Entschädigung für die Opfer; 3. die rechtliche Verfolgung der Verbre-
chen und die Bestrafung der Täter, um die Straflosigkeit hinsichtlich sexueller Ge-
walt im Krieg zu durchbrechen.
Die japanische LDP-Regierung bestritt zunächst die Existenz von Zwangs-
prostitution und deren Organisation durch die Armee und vertrat, dass die Re-
parationsansprüche aus dem Zweiten Weltkrieg bereits in den Friedensverträ-
gen u. a. mit Südkorea geklärt seien. Der sozialdemokratische Premier Murayama
Tomiichi, der der Koalitionsregierung aus LDP, SDPJ und der kleinen Sakigake-
Partei von 1994 – ​1996 vorstand, drückte sein moralisches Bedauern aus und rich-
tete einen privaten Fonds mit dem Namen Asian Women’s Fund zur Entschädi-
gung der Opfer ein. Der Fonds war 1995 bis 2007 tätig.
Dieses inoffizielle Vorgehen wurde von vielen ehemaligen ‚Trostfrauen‘ ab-
gelehnt. Zugleich verursachte es eine tiefe Spaltung in der japanischen Frauen-
bewegung: Der Konflikt verlief zum einen zwischen systemnahen und systemkri-
tischen Feministinnen und zum anderen zwischen japanischen und koreanischen
Frauen, die die nationale Beschränkung des japanischen Feminismus kritisier-
ten und die Verflechtung von Sexismus und ethnischer Diskriminierung hervor-
hoben. Die Frauen, die wie Ueno Chizuko einen ‚dritten Raum‘ der Reflektion
suchten, wurden von den systemkritischen Gruppen der systemnahen Richtung
zugeschlagen und ebenfalls heftig kritisiert. Eine vergleichbare unüberbrückbare
Spaltung zeigte sich im US-Feminismus zur Pornographie: Eine Richtung stufte
sie sie als Gewalt gegen Frauen ein und wollte sie verbieten, während eine ande-
re gegen Zensur und für eine feministische Sex- und Pornographiekultur eintrat.
In Europa und Deutschland führte die Debatte um Verbot oder volle rechtliche
Gleichstellung der Prostitution zu blockierenden Konfrontationen. In Japan über-
lagerte sich die Thematik der sexuellen Gewalt mit der um Antiimperialismus und
Postkolonialismus, was die Polarisierung vertiefte. Nach der Annäherung in der

127 Dazu liegen nun einige Veröffentlichungen vor: vgl. allgemein Son 2018 sowie Lenz 2023 zu
Korea, Japan und Deutschland; zum Korean Women’s Council Kim, Lee 2017; zu Japan Nor-
ma 2019a; Tai 2020 und Seo 2017: 43 – ​7 7; 2018 zu den koreanischen Frauengruppen in Japan,
sowie die Fallstudien zu Korea, Japan, der UN und den US in Min u. a. 2020.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 123

Vorbereitung auf die UN-Weltfrauenkonferenz von Beijing 1995 trennten sich die
Wege in der Frauenbewegung wie in der Geschlechterforschung.
Die systemkritischen, später postkolonialen Strömungen fanden sich in dem
Asian Women Ressource Centre128 und dem VAWW-net Japan (Violence Against
Women in War Network, Japan) zusammen. Angesichts der weiterhin ablehnen-
den Haltung der japanischen Regierung zur Frage der ‚Trostfrauen‘ beschloss die
Asian Solidarity Conference, ein People’s Tribunal durchzuführen. AktivistInnen
aus Ostasien und Japan veranstalteten am 8. – 12. 12. ​2000 in Tōkyō und am 4. 12. ​
2001 in Den Haag das Internationale Frauentribunal gegen Kriegsverbrechen für
einen Prozess gegen die sexuelle Sklaverei durch Japan.129 Das Tribunal stellt den
zweiten großen Gipfelpunkt der Internationalisierung der Frauenbewegungen in
Japan dar. Die systemkritischen Richtungen der Frauenbewegung in Japan setzten
sich darin für eine Aufarbeitung der sexuellen Gewalt der Kaiserlich Japanischen
Armee und eine Versöhnung mit den asiatischen Gesellschaften ein. Es beruhte
auf einem breiten Bündnis von Frauen- und Bürgerbewegungen aus Asien und
den globalen Netzwerken einerseits und auf einer Kooperation mit der UN-Men-
schenrechtskommission andererseits. Unter Einbezug internationaler Völker- und
MenschenrechtlerInnen wurden die Verantwortlichen für die Zwangsprostitution
unter Einschluss von Kaiser Hirohito, dem Obersten Befehlshaber im Krieg, sym-
bolisch angeklagt und verurteilt.
Die Medien in Japan berichteten kaum über das Tribunal oder die internatio-
nale Debatte zur Zwangsprostitution und sexuellen Gewalt im Krieg. Damit öff-
nete sich die Schere zwischen der japanischen und der internationalen Öffent-
lichkeit zu dieser Frage noch weiter. Während die LDP-Regierungen versuchten,
das Problem abzustreiten oder zu dethematisieren, wurde es sowohl von den UN
wie auch von der chinesischen und der südkoreanischen Regierung und u. a. dem
US Senat aufgenommen. So vertiefte sich die Kluft zwischen der japanischen und
der internationalen Politik in dieser Frage (vgl. Kimura 2016; Kumagai 2015; Min
2020; Tai 2020). Der LDP-Premierminister Abe Shinzō hatte sich für ein revi-
sionistisches nationalistisches Geschichtsbild eingesetzt wie auch die historische
Tatsache der Zwangsprostitution lange bestritten, was zu erhöhten Spannungen
mit Südkorea und der VR China führte. Zwar einigte sich Premierminister Abe
mit der konservativen Präsidentin Südkoreas Park Geun-hye 2015 darauf, das Pro-
blem durch eine persönliche Entschuldigung Abes und einen von Japan finanzier-
ten Entschädigungsfond in Korea zu beizulegen. Teil dieser Vereinbarung war, das

128 Ajia josei shiryōkan (AJWRC); es ging aus der Asiatische Frauengruppe hervor, umfasste aber
weitere Kreise.
129 The Women’s International War Crimes Tribunal for the Trial of Japan’s Military Slavery; vgl.
http://vawwrac.org/ und den Bericht von Matsui Yayori (2003).
124 Ilse Lenz

‚Trostfrauen‘-Problem nicht mehr international zu thematisieren und vonseiten


der koreanischen Regierungen darauf hinzuwirken, dass die Friedensstatue vor
der japanischen Botschaft in Seoul entfernt und die Protestdemonstrationen dort
beendet werden.130 Jedoch lehnten sowohl die Mehrheit der ‚Trostfrauen‘ wie auch
die nachfolgende südkoreanische Regierung unter Präsident Moon Jae-in diese
Einigung ab, so dass die Frage weiterhin ungelöst ist.

Erneute Rechtswendung und Antifeminismus der konservativen Kreise

So öffneten die Frauenbewegungen in Japan den Weg zur Aufarbeitung der Ver-
gangenheit für eine geteilte Zukunft in Ostasien. Zugleich gerieten sie jedoch
angesichts des steigenden Antifeminismus und Nationalismus in der Region,
besonders in Japan (Kingston 2017), unter Druck. Der Einsatz für die Zwangs-
prostituierten und für die Aufarbeitung der Vergangenheit rief heftige Gegen-
bewegungen und politische Reaktionen aufseiten politischer und intellektueller
konservativer Eliten und nationalistischer männlicher Kreise in der Stadt und der
Region hervor.131 Rechtskonservative und ultranationalistische Gruppen in Japan
stritten das ‚Trostfrauen‘-Problem rundweg ab und forderten eine Rückkehr zu
den ‚schönen japanischen Sitten‘, also zur neopatriachalen ungleichen Geschlech-
terordnung. Vor allem zwei Netzwerke trieben einen antifeministischen Backlash
voran: die Japankonferenz (Nippon kaigi), eine überparteiliche nationalistische
Gruppierung mit ca. 30 000 Mitgliedern, der auch der ehemalige Premier Abe na-
hesteht, und der Verein zur Erstellung neuer Geschichtslehrbücher132. Die Gegen-
bewegungen entzündeten sich auch an dem Schüren von Sexualpanik, etwa ver-
zerrten Berichten über Sexualkunde, nach denen diese auf ‚freien Sex‘ hinauslaufe.
Darauf wurden das Konzept von Gender free und sogar der Begriff Gender ange-
griffen (vgl. D’Avis 2018; Ueno 2011: 292 – ​304; Yamaguchi 2018). In der Präfektur
Tōkyō wurde unter dem LDP Gouverneur Ishihara das Frauenzentrum der Stadt

130 Die Friedensstatue stellt eine junge ‚Trostfrau‘ dar; ähnliche Statuen wurden von der korea-
nischen Frauenbewegung und der internationalen Frauenbewegung gegen sexuelle Gewalt
im Krieg u. a. in Australien, den USA und in Deutschland aufgestellt. Die japanische Regie-
rung intervenierte meist erfolgreich dagegen, wobei die Statuen in Glendale (USA) und Sid-
ney mit Unterstützung der Zivilgesellschaft verblieben; vgl. Crozier-de Rosa, Mackie 2019:
161 – ​199. 2020 wurde eine Friedensstatue in Berlin errichtet, gegen die die japanische Regie-
rung ebenfalls diplomatischen Druck ausübte. Die Zivilgesellschaft und die meisten Parteien
in Berlin setzten sich für den Verbleib der Statue ein; vgl. Mladenova 2022.
131 Vgl. Mae in diesem Bd.; Kingston 2021; Kumagai 2015; Min 2020; Yamaguchi 2018, 2018a, so-
wie Kingston 2017 zur Geschichte des Nationalismus in China, Japan und Korea seit 1945.
132 Atarashii rekishi kyōkasho o tsukuru kai; vgl. Saaler 2006 und zum weiteren Kontext Richter
2008.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 125

geschlossen und der Begriff Gender free für den öffentlichen Gebrauch tabuisiert.
Die Freiheit der Rede und der Wissenschaft für FeministInnen wurde durch poli-
tische Kreise wie auch durch nationalistische Drohungen beeinträchtigt.
Allerdings hat die antifeministische Gegenbewegung bisher keine große Mas-
senbasis. Zum einen erfasst sie rechtskonservative politische, wirtschaftliche und
intellektuelle Kreise in den nationalistischen Fraktionen der Elite, zum anderen
sind die konservativen lokalen Führer und die rechten ‚Graswurzel-Großväter‘,
die in ländlichen konservativen Netzwerken mobilisieren, darin aktiv (Kingston
2021; Ueno 2011: 292 – ​304; Yamaguchi 2018).
Die Regierung Abe schob das Partizipationsgesetz und die Rhetorik gleicher
Beteiligung weitgehend beiseite und rief zur Nutzung der wirtschaftlichen Poten-
tiale von Frauen auf, während sie den Arbeitsmarkt noch weiter deregulierte. Par-
allel dazu trieb die Abe-Fraktion der LDP eine Verfassungsreform voran, um den
Friedensparagraphen 9 der Verfassung, mit dem Japan auf Verteidigung und eine
Armee verzichtet hatte, zu streichen. In diesem Zusammenhang beabsichtigte sie,
auch deren Gleichheitsparagraphen zu Geschlecht und Familie abzuschaffen.
Außenpolitisch wie innenpolitisch blickt Japan auch wegen dieser Blockaden
nun auf mehrere verlorene Dekaden zurück. Die Aussöhnung mit den Nachbar-
staaten China und Südkorea kommt kaum voran. Zwar wird sie über die kolo-
niale Gewaltgeschichte hinaus durch das Auseinandertreffen vom Nationalismus
aller Seiten und den hegemonialen Aufstieg der VR China erschwert. Jedoch blie-
ben grundlegende Impulse der japanischen Regierung zur Vergangenheitsauf-
arbeitung aus, die einen neuen Aufbruch hätten mittragen können. Die japani-
sche Zivilgesellschaft und besonders die Frauenbewegung hatten ihrerseits bereits
Wege dazu eröffnet. Regierung und rechte politische Eliten erbringen auch kaum
politische Ansätze und Visionen für eine nachhaltige Zukunft, in der die gesell-
schaftlichen Spaltungen nach Geschlecht, Klasse und Migration angegangen wer-
den, den von ihr beklagten demographischen und Arbeitsmarktkrisen entgegen-
gewirkt und gleiche Beteiligung für alle ermöglicht wird.
Im neuen Jahrtausend erlebten die Frauenbewegungen also innere Differen-
zierungen und Spaltungen wie auch antifeministische und nationalistische An-
griffe. In dieser Lage planten GeschlechterforscherInnen und Aktivistinnen, ihre
Kommunikation nach innen und außen über das Internet auszuweiten und zu
verstärken. Schon früh wurden digitale Technologien in der Frauenbewegung in
der alltäglichen Kommunikation breit genutzt. Einen innovativen Ansatz zu einer
feministischen Netzpolitik stellt das Women’s Action Network von 2009 (WAN,
https://wan.or.jp) dar. Es vernetzt FeministInnen aus verschiedenen Richtungen,
bringt Nachrichten, neue Texte und Bücher, Medienrezensionen und informiert
über Aktionen, Veranstaltungen und Kampagnen in ganz Japan und international.
Leitende Direktorin von WAN wurde Ueno Chizuko. WAN ist mit der Vervielfäl-
126 Ilse Lenz

tigung von Themen, Gruppen und Aktionen gewachsen. Indem es feministisches


und queeres Wissen von verschiedenen Seiten zirkuliert und einen Raum für De-
batten bietet, regt es zum Austausch und zur Kooperation an.

Frauenbewegungen und Intersektionalität

Seit den 1970er Jahren hatten die neuen Frauenbewegungen in Japan Räume eröff-
net, in die Frauen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Milieus in der Folge
eintraten und die sie so ausweiteten.133 Bereits die Lib hatte erkannt, dass die Un-
terdrückung nach Geschlecht, Klasse und ‚Rasse‘ zusammenhängen, und bezog
die Lage der unterdrückten Gruppe der burakumin oder der KoreanerInnen in
Japan mit ein (vgl. Q 3.19). Das entsprach den internationalen Impulsen der Stu-
dierenden- und Jugendrevolte, die von der Klassentheorie der Neuen Linken, der
Schwarzen Befreiungsbewegung in den USA und den Befreiungskämpfen im glo-
balen Süden beeinflusst war. Die neuen Frauenbewegungen in Japan, Europa und
den USA beruhten auf dem, was man heute ein intersektionales Bewusstsein für
Klasse, ‚Rasse‘ und Geschlecht nennt (vgl. Lenz 2019). Dieser intersektionale Ho-
rizont strukturierte auch ihre Aktions-, Diskurs- und Kommunikationsräume. Im
Zuge der Internationalisierung ab 1975 erweiterten sich diese Räume zu globalen
und ostasiatischen Perspektiven.
Viele Frauen in diskriminierten Gruppen waren schon länger im Kontext linker
oder postkolonialer männlich zentrierter Verbände wie der Ainu oder der Korea-
nerInnen in Japan aktiv geworden. Infolge der neuen Frauenbewegung eröffneten
sich Räume für sie, patriarchale Strukturen in diesen Verbänden zu kritisieren
und die wechselwirkende Unterdrückung nach Geschlecht, Klasse und Ethnizi-
tät, bzw. kulturellem Status herauszuarbeiten und anzugehen. Sie machten wider-
sprüchliche Erfahrungen: Während sie die Diskurs- und Kommunikationsräume
der Frauenbewegungen mit nutzen konnten, erlebten sie zugleich, dass sich die
gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung teils in ihnen fortsetzte. Da
sie diese Erfahrungen aber unter Berufung auf die geteilten Ziele der Frauenbewe-
gungen kritisierten, konnte ihre Kritik nicht einfach beiseite gewischt und igno-
riert werden. Dies galt umso mehr, als sie eigene Gruppen in diesen Räumen grün-
deten und so ihre Kritik und Intervention darin auf längere Dauer und strategische
Ziele abstellten. In diesen konfliktiven Prozessen erwiesen sich die feministischen
Räume letztlich als reflexiv und lernfähig. Zudem nutzten die Frauen aus diskrimi-

133 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Ampo 1996; Fujimura-Fanselow 2011; Seo 2017, sowie zu inter-
sektionalen Konflikten und Verhandlungen im sozialen Raum der Frauenbewegung vgl. u. a.
Lenz 2019; 2019a.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 127

nierten Gruppen die internationalen Öffnungen und Kontakte, die sich mit dem
UN-Prozess zur Geschlechtergleichheit und der Demokratisierung in Südkorea
eröffneten. Buraku-Frauen, Ainu-Frauen und in Japan lebende Koreanerinnen de-
finierten den Feminismus für ihre Lage und Ziele um und wurden aktiv.
Die Diskriminierung der buraku setzt sich bis heute fort, auch wenn die Aus-
grenzung brüchiger und diffuser wurde. Die Zuschreibung zu dieser Gruppe er-
folgt von außen durch Abstammung, Wohnort oder Zugehörigkeit zu Berufen, die
wie Lederverarbeitung oder Fleischerei aus religiösen Tötungs- und Unreinheits-
tabus sozial abgewertet wurden (vgl. Amos 2011; Hankins 2014; Teraki, Kurokawa
2019). Buraku-Frauen erleben mehrfache patriarchale und kulturelle Diskriminie-
rung in Bildung, Beruf und Familie. In der japanischen Bildungsgesellschaft war
der Schulzugang vielen älteren Frauen versperrt. Oft blieben sie dann Analpha-
betinnen und fanden nur informelle Beschäftigung mit niedriger Bezahlung. Die
jüngere Generation hat in der Bildung aufgeholt.
Die auf die 1920er Jahre zurückgehenden buraku-Organisationen134 hatten
damals eine aktive Frauenabteilung. Nach dem Neuaufbruch nach dem Krieg
führten sie seit 1956 nationale Frauentreffen durch, auf denen die doppelte Un-
terdrückung durch Geschlecht und Status kritisiert und bessere Bildungs- und
Berufschancen sowie Kindergärten gefordert wurden. 1988 war die Buraku-Be-
freiungsliga (BBL) maßgeblich an der Gründung der IMADR (International Move-
ment Against All Forms of Discrimination and Racism) beteiligt, die sich der Indi-
genenbewegung um die UN zuordnet. Buraku-Aktivistinnen beteiligten sich an
der IV. Weltfrauenkonferenz in Beijing 1995. Jüngere Frauen in der IMADR gin-
gen den Wechselwirkungen von Geschlecht und ‚Rasse‘ in Japan nach. Sie ver-
netzten sich mit Ainu-Frauen und in Japan lebenden Koreanerinnen (Ampo 1996;
Fujimura-Fanselow 2011; Hankins 2014).
Die in Japan lebenden KoreanerInnen135 sind meist infolge des Kolonialismus
und der Zwangsarbeit während des Pazifischen Kriegs dorthin gekommen. Sie
verloren nach 1945 ihre japanische Staatsangehörigkeit und wurden nun als regis-
trierte Ausländer eingestuft. In der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt wurden sie
weithin diskriminiert. Sie bildeten zwei große, männlich zentrierte Verbände, die
sich jeweils nach Nord- oder Südkorea orientierten. Mit ihnen war jeweils eine
Frauenorganisation verbunden, die jedoch beide eher das Bild der Hausfrau und
Mutter vertraten. Für die Demokratisierung und Wiedervereinigung Koreas setz-
te sich ein dritter Verband ein, der sich um 1973 formierte und in dem sich vie-
le demokratisch orientierte Frauen engagierten. In seinem Kontext bildete sich

134 1913 wurde die Leveller’s league (Suiheisha dōmei) und 1955 die Buraku-Befreiungsliga (Bura-
ku kaihō dōmei) gegründet.
135 zainichi chōsenjin. Vgl. zu diesem Abschnitt Ampo 1996; Ryang, Lie 2009; Seo 2017: 43 – ​7 7.
128 Ilse Lenz

1986 ein Frauenverein, Yeosonghoe, der ihm weiter affiliiert war, aber ein eigenes
horizontales Netzwerk bildete. Der Anlass dafür war, dass 1986 erstmals in Süd-
korea eine Frau gegen Vergewaltigung durch die Polizei unter der Militärdiktatur
klagte. Yeosonghoe solidarisierte sich mit der Klägerin und den Frauenkämpfen
in Südkorea und trat in der Folge für Geschlechtergleichheit und Frauenrechte
in Japan und Südkorea ein. In der Endphase des Kampfes gegen die Diktatur in
Südkorea (1986 – ​1989) arbeitete sie mit der demokratischen Dachorganisation der
südkoreanischen Frauen­verbände Korean Women’s Association United zusammen.
Seit 2001 ist sie an dem Korean Women’s International Network beteiligt, das vom
südkoreanischen Gleichstellungsministerium unterstützt wird. So bildete sie auch
eine Brücke zwischen den Frauenbewegungen in Japan und Korea.
Ein autonomes feministisches Netzwerk entwickelte sich 1991 aus einem Stu-
dienkreis zu koreanischer Kultur und Frauengeschichte, der sich mit der Zwangs-
prostitution für die Kaiserlich Japanische Armee beschäftigte. Dies Yeosong Net136
kooperierte mit koreanischen und japanischen Frauengruppen u. a. bei dem Inter-
nationalen Frauentribunal gegen die sexuelle Sklaverei durch Japan. Es analysierte
die Lage der Koreanerinnen im postkolonialen Japan von dem ‚Trostfrauen‘-Pro-
blem her und leistete eine tiefgreifende radikale Kritik der Ungleichheit nach Ge-
schlecht, Kolonialität und ‚Rasse‘. Während die in Japan lebenden koreanischen
FeministInnen Brücken zu globalen Netzwerken und nach Korea bauen, bilden
sie einen wesentlichen Teil der Frauenbewegungen in Japan und bringen intersek-
tionale und postkoloniale Perspektiven dort ein.

Sexuelle Vielfalt und queere Ansätze

Seit den 1990er Jahren bildeten sich Gruppen, die aus verschiedenen Richtungen
für sexuelle Vielfalt und queere Positionen eintraten.137Auch in Japan begegnen
sich queere mit feministischen Ansätzen darin, dass sie die Dekonstruktion oder

136 Der volle Name lautet Military Comfort Women Issue Uri Yeosong Network (Jūgun ianfu
mondai uriyoson nettowāku); vgl. u. a. Seo 2018.
137 Zu queeren Diskursen und Bewegungen in Japan hat sich eine breite, aber verstreute Li-
teratur entwickelt, wobei hier nur einige vor allem europäischsprachige Werke angegeben
werden können; vgl. u. a. Blödel 2019; Dale 2013; Dieth 2016; Fujimura-Fanselow 2011; Ho-
rie 2015; Iino 2008; Kakefuda 1992; Khor, Kamano 2020; McLelland 2005, 2007; McLelland;
Dasgupta 2005; McLelland, Mackie 2015; Nihon gakujutsu kaigi 2017; Taniguchi 2021; Wal-
lace 2018, 2019; Welker 2018, sowie Themenschwerpunkte der Internet-Zeitschrift Intersec-
tions. Sabine Frühstück arbeitet die japanische Geschlechtergeschichte an Eckpunkten unter
einer queeren Genderperspektive auf (2022). Zu japanischen LGBT in der englisch-sprachi-
gen Diaspora in Australien, Kanada und den USA und ihren ambivalenten Erfahrungen in
Japan und den Einwanderungsländern vgl. Tamagawa 2020.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 129

zumindest die Vielfalt von Gender und Sexualität einfordern. Aber ist ‚queer‘ ein-
fach interkulturell importierbar oder übertragbar ? Ich will zunächst auf das Euro-
zentrismus-Problem in diesem Zusammenhang eingehen und dann die queeren
Bewegungen in Japan umreißen.
In Japan hatten sich historisch vielfältige Sexualkulturen herausgebildet, die
performativ und flexibel dargestellt und gelebt wurden. In der Modernisierung
wurden sie nun unter der Bezeichnung Homosexualität vereindeutigt und dis-
kriminiert, aber sie hatten sich in Subkulturen und eigenen Medien erhalten.
Vor diesem Hintergrund lässt sich ein weites diskursives Feld zu sexueller Viel-
falt erkennen, in dem sich unterschiedliche Ansätze mit flexiblen Übergängen zu-
sammenfinden: Die Selbstbezeichnungen fluktuieren von LGBTI138 bis zu queer
(kuia). Beide Begriffe wurden unmittelbar aus dem Englischen übernommen. Das
ermöglicht es, ihnen eine weite inklusive Bedeutung zu verleihen, die über die
moderne japanische Bezeichnung der gleichgeschlechtlichen Liebe (dōseiai) hin-
ausgeht. Erneut werden so transkulturelle Kompositionen (blended composition)
vollzogen und vor Ort weitergeführt. Allerdings ist die Übertragung aus der eng-
lischsprachigen globalen Genderbewegung auch problematisch, weil sich damit
eurozentrische Sichtweisen und Wissen verbinden und somit westliche hegemo-
niale Denkformen auf Japan übertragen werden können.
Das Eurozentrismus-Problem wurde auf der First International Conference of
Asian Queer Studies im Juli 2005 zu Sexualities, Genders, and Rights in Asia an-
gesprochen, an der auch japanische queere ForscherInnen teilnahmen.139 Besteht
doch die Gefahr, dabei die herkömmlichen Dualismen zwischen Homosexua-
lität/Heterosexualität oder Osten/Westen oder aber nationale kulturalistische
Perspektiven zu reproduzieren, die ja insgesamt von queeren Sichtweisen radi-
kal hinterfragt werden. Angesichts der Eurozentrismusfalle werden laut Wilson
queere Ansätze in Ostasien in drei Formen weitergedacht (vgl. Wilson 2006). Ers-
tens werden nicht heteronormative Praktiken in der eigenen kulturellen Tradi-
tion erforscht und sichtbar gemacht, wie sie zum Beispiel im vormodernen Japan
in gleichgeschlechtlichen männlichen Beziehungen unter Mönchen oder Samurai
vorkamen. Das ist eine Strategie der nationalen Traditionalisierung. Sie zeigt die
endogenen Wurzeln queerer Praktiken auf, bleibt jedoch einer nationalen, teils
patriarchalen Sichtweise und den Dualismen von westlicher Moderne/östlicher

138 Die Bezeichnung LGBTI unter Einschluss von Inter*-Personen tritt einstweilen selten auf
und Inter* sind im queeren Diskurs bisher wenig präsent. Einige Inter*Personen nehmen
den Einschluss in einen sprachlichen LGBTI-Block als ambivalent wahr, da so die eigent-
lichen Probleme und Anliegen von Inter* unsichtbar werden könnten. Ich verwende hier
LGBTI, um einen möglichen Einschluss anzudeuten.
139 Sie wurde teils in der Zeitschrift Intersections dokumentiert, vgl. Intersections 2006, sowie
Sinnot 2010; Wilson 2006.
130 Ilse Lenz

Tradition verhaftet. Ein postkolonialer Zugang richtet sich zweitens auf einhei-
mische queere Subjekte und Praktiken, die auch durch die postkolonialen globa-
len Machtverhältnisse geprägt sind, und geht von hybriden oder synkretistischen
Identitäten aus. Allerdings überwindet auch er den Dualismus von hegemonialem
Westen und dominiertem Süden und die nationale Engführung nicht. Der drit-
te Weg ist ein kritischer Regionalismus, wonach Ostasien selbst „complex mod-
ernities and transnational flows in a global context shaped by political economic
asymmetries“ hervorbringt (Wilson 2006). Diese Perpsektive beobachtet und in-
teressiert sich dafür, wie queere Praktiken und Wissen in und zwischen ostasia-
tischen Gesellschaften und anderen Weltregionen, auch dem Westen zirkulieren
und sich dabei verändern.
Zudem müssen queere Theorien und Analysen vermeiden, westliche queere
Bedeutungsmuster unkritisch zu übertragen: Dass zum Beispiel Homosexualität
im Westen als per se dissidente Praxis eingestuft wird, geht auch auf deren rigi-
de Ausgrenzung und Abwertung im Christentum zurück. In Japan jedoch war bis
in die Meiji-Zeit hinein männliche Homosexualität religiös nicht tabuisiert. Viel-
mehr bildete das Haus, das auf der heteronormativen Generationenfolge aufbau-
te, das hegemoniale Prinzip, während männliche homosexuelle Praktiken in sub-
kulturellen Nischen wie Mönchsklöstern, Samurai-Verbindungen, Kabukibühnen
oder der männlichen Prostitution zugelassen waren (vgl. Leupp 1995; Pflugfel-
der 1999). Dementsprechend bedeutete männliche Homosexualität herkömmlich
weder eine fixierte Identität, noch per se eine dissidente Praxis. Vielmehr bilde-
ten Praktiken der Männerliebe eine mögliche Wahl in einem Spektrum von Lüs-
ten, die mit dem Status im Haus, ob als Hausvater, älterer oder jüngerer Sohn, zu
verhandeln und balancieren war. Wie dieses Beispiel illustriert, sind Begriff‌lich-
keiten wie queer ausgehend von dem soziokulturellen Kontext, mit denen dieser
analysiert wird, transkulturell zu reflektieren und zu öffnen. Dann können sie zu
Brückenkonzepten werden, die variable Bedeutungen zwischen und in den Kul-
turen vermitteln.
Aber wie haben sich nun queere Ansätze in Japan entwickelt ? Zum einen hat-
te der Feminismus den Raum dafür mit eröffnet (s. o.). Hatte er doch die hege-
monialen Geschlechterbilder radikal kritisiert und die soziale Konstruktion von
Geschlecht wie auch sexuelle Selbstbestimmung vertreten. Zum anderen hat-
ten homosexuelle Männerkreise140 seit den 1970er Jahren öffentlich ihre Stim-

140 Eine populäre Bezeichnung für homosexuelle Männer in Japan ist gay (gei); Aktivisten
wechselten teils zum inklusiven queer. Sexualwissenschaftliche Bezeichnungen für homo-
sexuelle Frauen und Männer, die ab den 1920er Jahren auch in den Massenmedien verbreitet
wurden, sind gleichgeschlechtliche Liebe (dōseiai). Pervers (hentai) ist eher abwertend, wur-
de aber von manchen Aktivisten der Gay-Bewegung übernommen und umgewertet (Früh-
stück 2022: 142 – ​3).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 131

men erhoben. Angesichts der HIV-Krise gründeten sich homosexuelle Gruppen


wie ILGA Japan im Jahr 1984 und die Association for Moving Lesbians and Gays
(OCCUR; Ugoku gei to rezubian no kai (akkā)) um 1986. Die ILGA organisierte
1994 die Tōkyō Lesbian & Gay Parade, an der sich etwa tausend Menschen beteilig-
ten. Zugleich wurde männliche Homosexualität in den Medien, wenn auch meist
in stereotypen Bildern, breit aufgenommen, so dass man von einem Gay Boom
sprach (Wallace 2018: 21 – ​4). Die Lesbenbewegung blieb eher unsichtbar. Die drit-
te Strömung neben Feminismus und homosexuellen Gruppen waren die Gay und
Lesbian Studies, später die Queer Studies, die ab den frühen 1990er Jahren die
starren Dichotomien von Homosexualität und Heterosexualität geschlechterkri-
tisch hinterfragten (Q 5.32; Kakefuda 1992; Suganuma 2006).
Gegenüber den 1970er Jahren wurden große Öffnungen erreicht: An dem
Tōkyō Rainbow Pride March 2019 nahmen über 10 000 Menschen teil, und mehr
als 180 000 besuchten das dazugehörige zweitägige Festival, darunter viele Fami-
lien mit Kindern (Tōkyō Review 4. 5. ​2019; Japan Times 26. 4. ​2019.). Große Fir-
men und Universitäten positionierten sich als Unterstützer. Auf den Gay-Boom
der 1990er folgte in den 2000er Jahren ein LGBT-Boom in den Medien und der
öffentlichen Diskussion, der auch die Parteien, die Lokalpolitik in einigen Kom-
munen und die Wissenschaft durchzog. Er brachte eine erste öffentliche Wahr-
nehmung und Anerkennung von LGBT mit sich. Auf der anderen Seite gibt es
Anzeichen für eine markt- und politikkonforme Diversität, die die Gruppeniden-
titäten und -stereotypisierungen reproduzieren kann (Dieth 2016; Frühstück 2022:
153 – ​162; Wallace 2018). Weiterhin sind die schwulen und lesbischen Netzwerke
auch von intersektionalen Ungleichheiten nach Klasse, Ethnizität und der Span-
nung zwischen globaler Metropole und Region durchzogen (Wallace 2019). So
forderten u. a. Lesben aus der koreanischen Gruppe in Japan, dass sie in der Bewe-
gung als gleiche wahrgenommen und anerkannt werden.
Die wichtigsten Forderungen von Schwulen und Lesben in Japan beziehen
sich auf gleichgeschlechtliche Ehen/Partnerschaften (Khor 2020), auf Anerken-
nung und auf Antidiskriminierung in Bildung und Betrieben. Die Anerkennung
hat rasch zugenommen: Die Akzeptanz von Homosexualität in Japan ist von
54 Prozent im Jahr 2002 auf 68 Prozent im Jahr 2019 angestiegen (vgl. www.pewre​
search.org/global/2013/06/04/the-global-divide-on-homosexuality (Zugriff: 20. 8. ​
2020)). Wichtige Institutionen wie das Science Council of Japan oder politische
Parteien haben Positionspapiere zu den Rechten sexueller Minderheiten heraus-
gegeben (vgl. Nihon gakujtsu kaigi 2017). Auch die konservative Regierungspartei
LDP sprach sich 2016 für ein Verständnis für sexuelle Vielfalt aus, wobei das inter-
nationale Image Japans im Vorfeld der Olympiade 2020 eine gewisse Rolle spiel-
te. Der Bezirk Shibuya in Tōkyō führte 2015 eine Partnerschaftsbescheinigung ein,
die Zugang zu öffentlichen Wohnungen und zu Krankenhausbesuchen für Paare
132 Ilse Lenz

ermöglicht. Seitdem führten hundert Städte, darunter viele Großstädte und zehn
Präfekturen registrierte Partnerschaften ein. Juni 2023 beschloss das Parlament ein
Gesetz zur Anerkennung von LGB Personen und gegen ‚unfaire Diskriminierung‘,
das keine Sanktionen vorsieht (vgl. Frühstück 2022: 153 – ​163).
Trans*-Personen verlangen Selbstbestimmung über ihr Geschlecht und insti-
tutionelle und gesellschaftliche Anerkennung und Aufnahme, von der sie heute
weit entfernt sind. 1996 erließ die japanische Regierung neue Richtlinien, die erst-
mals chirurgische Geschlechtsumwandlungen zuließen, wenn ärztlich eine Ge-
schlechtsidentitätsstörung diagnostiziert wurde. Durch intensives Lobbying er-
reichten Trans* eine erste Öffnung im Haushaltsregister, in dem das Geschlecht in
Japan festgehalten wird: Erwachsene, die eine geschlechtsangleichende Operation
vollzogen haben, kinderlos und unverheiratet sind und sich sterilisieren lassen,
können ihr Geschlecht im Register wechseln. Zum einen kooperierten Trans* mit
ÄrztInnen, um der öffentlichen Unkenntnis und Diskriminierung entgegenzuwir-
ken, zum anderen setzten sie dem medikalisierten Diskurs in den Medien nun
Veröffentlichungen und Filmserien aus ihrer Sicht der Betroffenen entgegen. In
Japan wie auch in anderen Ländern kam es zu Kontroversen zwischen trans*-Ak-
tivistInnen, die von FeministInnen unterstützt wurden, und anderen FeministIn-
nen um die Frage, ob alle Frauenräume Transfrauen offenstehen sollen. Für eine
solche Öffnung setzte sich 2019 ein Appell ein, der aufforderte, die intersektiona-
len Machtverhältnisse auch unter Frauen wahrzunehmen und ihnen entgegen-
zuwirken. Er wurde von mehr als 3342 GenderforscherInnen und anderen Per-
sonen unterschrieben (https://wan.or.jp/article/show/8409, Zugriff 16. 8. ​2020).
In den Queer Studies zeigen sich heute verschiedene Orientierungen. Eine
Richtung setzt queer mehr oder minder mit verschiedenen homosexuellen und
transgender-Milieus in ihrer historischen Entwicklung gleich (vgl. u. a. McLelland
2005), was dem obigen Ansatz der nationalen Traditionalisierung entspricht. Vor
allem geht es ihr um kulturelle Sichtbarmachung vielfältiger Sexualitäten, wäh-
rend die Beziehung zum Patriarchat, dem Haus im Familienstaat und zu hegemo-
nialer Männlichkeit kaum untersucht werden. Den Gegenpol bilden Ansätze, die
durch queeres Denken und queere Praktiken die Zweigeschlechtlichkeit und He-
teronormativität direkt angreifen und dekonstruieren wollen (vgl. Shimizu 2007).
Eine dritte Richtung setzt auf Kritik an der Lage und den Erfahrungen von LGBTI,
um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.
Auch dieses Beispiel illustriert, dass die queeren Kreise in sich heterogen sind
und über den Feminismus hinausgehen, auch wenn er sie mit beeinflusst und ge-
tragen hat. Sie erreichten eine weitgehende Akzeptanz von geschlechtlicher Viel-
falt entsprechend der LGBTI-Formel in der Öffentlichkeit wie auch in der Mehr-
heit der Bevölkerung. Städte und Präfekturen beschlossen Maßnahmen und die
Parteien übernehmen teils ihre Forderungen, wobei die Regierungspartei LDP die
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 133

gleichgeschlechtliche Ehe weiterhin ablehnt. Bisher führt diese Diversität aller-


dings in Japan wie auch andernorts meist nicht dazu, dass der nationale hegemo-
niale Haushalt im Familienstaat tangiert oder hinterfragt werden würde. Insofern
hat das Geschlechterwissen einen Anflug von Vielfalt aufgenommen, doch bleibt,
wie im Folgenden zu fragen ist, die Bedeutung des veränderten Wissens für die
Geschlechterordnung offen.

Wie haben die Neuen Frauenbewegungen die japanische


Gesellschaft verändert ?

Die Neuen Frauenbewegungen haben nach 1970 einen radikalen Neuaufbruch


vollzogen. Wie lassen sich nun die Veränderungen ermessen und interpretieren,
die sie über das halbe Jahrhundert hin bis heute erreicht haben ?141 Ich möch-
te diese Frage angehen, indem ich sie mit dem eingangs vorgestellten Ansatz der
Geschlechterordnung verbinde. Dieser Begriff fasst die geschlechtlichen Macht-
verhältnisse, die geschlechtliche Arbeitsteilung und die Regelungen dazu, welche
Formen von Sexualität legitim sind, zusammen. Abgestützt wird die jeweilige Ge-
schlechterordnung durch die Geschlechterkultur, insbesondere durch das hege-
moniale Genderwissen. Wie in diesem IV. Teil deutlich wurde, haben die Neuen
Frauenbewegungen dazu beigetragen, dass die differenzorientierte Geschlechter-
ordnung und die sie legitimierende Geschlechterkultur grundlegend erschüttert
und erodiert wurden. Allerdings wirkten auch die zunehmende Flexibilisierung
und Globalisierung des Kapitalismus in Japan und der Wertewandel darauf hin.
Allmählich verblasst die Vorstellung, dass Frauen von Natur aus Hausfrauen und
Männer Stammarbeiter und Betriebskrieger seien – ebenso wie die Dauerbeschäf-
tigung dieser Stammarbeiter ausgehöhlt wurde.
Nun umfasst der Begriff der Geschlechterordnung die gesellschaftlichen Herr-
schaftsverhältnisse und den institutionellen Rahmen, auf den die Frauenbewe-
gungen einwirken. Demnach sind verschiedene AkteurInnen unterschiedlich in
diesen institutionellen Herrschaftszusammenhang eingebunden. Sie bleiben nicht
passive Beobachter eines Wandels und sie können auf die feministischen Impul-
se hin unterschiedlich handeln oder reagieren. Im Wesentlichen zeigen sich vier

141 Die Wirkungsforschung sozialer Bewegungen ist sehr komplex und steht noch am Anfang.
Denn es geht um empirisch nachweisbare Veränderungen und deren kausale Erklärung jen-
seits der weitverbreiteten Gemeinplätze. Hier können nur Veränderungen aufgeführt wer-
den, die parallel zur neuen Frauenbewegung erfolgten, ohne dass eine kausale Zurechnung
geleistet werden kann. Es muss also zum Beispiel offenbleiben, welche Auswirkung die
Frauenbewegung oder andere Faktoren wie etwa die Arbeitsmarktexpansion für irreguläre
Beschäftigung nach 1970 jeweils im Einzelnen hatten.
134 Ilse Lenz

Muster: Zum einen können sich AkteurInnen und Institutionen diesen Impul-
sen teilweise öffnen und sich so – mehr oder minder – ‚selbst verändern‘. Bei-
spiele sind etwa die Universitäten, die die Geschlechterforschung aufnehmen
und durch Diversitätsansätze Frauen und internationale ForscherInnen und Stu-
dierende fördern. Zum Zweiten können sie feministische Ansätze aus dem Kon-
text lösen und im Sinne einer diskursiven Enteignung (Ursula Müller) für andere
Zwecke übernehmen und einsetzen. So waren in den konservativen LDP-Regie-
rungen in den 2010er Jahren einige Ministerinnen vertreten, die antifeministische
Positionen vertraten, aber zugleich im Kabinett als Frauen sprachen und die Prä-
senz von Frauen verkörperten. Zum Dritten können sie die feministischen Impul-
se ablehnen und versuchen, sie auszusitzen und damit zu blockieren. Zum Vierten
können sie einen offensiven Antifeminismus vertreten: Sie können neue hegemo-
niale Gegenmodelle von Ausschluss, Abwertung oder Diskriminierung einfüh-
ren, während sie sich gegenüber den Anliegen der Frauenbewegungen abschlie-
ßen und diese zugleich abweisen und delegitimieren. Auch die dritte und vierte
Reak­tionsweise stellen nicht einfach Passivität, sondern ein aktives Handeln dar.
Diese vier Reaktionsmuster gilt es bei den Auswirkungen der Frauenbewegungen
mitzubedenken.
Im Folgenden will ich die Veränderungen auf drei Ebenen betrachten, näm-
lich:

1) den Bewusstseinswandel in Bezug auf Geschlechternormen und -gerechtigkeit


2) den strukturellen Wandel in Beruf, Familie und Politik
3) den institutionellen Wandel, also eine grundlegende Veränderung von Nor-
men, Regeln und Gesetzen.

Am weitesten ging der Wandel auf der Ebene des individuellen Bewusstseins.
Menschen überlegen und entscheiden selbst, ob sie die Diskurse und Aktionen
der Frauenbewegungen mit ihrer eigenen Lage verbinden und inwieweit sie die-
se reflektieren und aufnehmen wollen. Allerdings bildet die Freiheit der Informa-
tion und des Denkens eine grundlegende Bedingung dafür. In der Medien- und
Wissensgesellschaft Japans waren Informationen über die Frauenbewegungen
und ihre Anliegen grundsätzlich zugänglich. Jedoch berichteten die Medien eher
zurückhaltend und blendeten bestimmte Ereignisse wie das Tōkyō Tribunal ge-
gen sexuelle Gewalt im Krieg weitgehend aus. Viele Frauengruppen entwickel-
ten Strategien, durch alltagsnahe, teils spektakuläre Aktionen sowohl die Medien
anzusprechen als auch ihre Anliegen weithin und an der Graswurzel bekanntzu­
machen.
So erreichten sie einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel: Vor der neuen
Frauenbewegung waren zum einen die Differenzbilder und die ungleiche Arbeits-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 135

teilung der differenzbegründeten Geschlechterordnung im Alltagsbewusstsein


naturalisiert und fest verankert. Ferner wirkten die kulturelle Abwertung der Frau
und ihre kollektive Unterordnung im Haus aus der neopatriarchalen Geschlech-
terordnung lange weiter fort. Nach 1970 wurde zunächst die geschlechtliche Ar-
beitsteilung nach dem Ernährer-/Hausfrauenmodell hinterfragt und tendenziell
entnaturalisiert. Bis ins neue Jahrtausend sind diese festen Rollennormen auf-
gebrochen. Dass Männer sich an der Hausarbeit beteiligen, wird breit akzeptiert.
Das gilt auch für die Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern, wobei eine große
Gruppe unter Frauen und Männern der Kinderversorgung durch die Mutter den
Vorrang gibt. Allerdings zeigen sich ab 2003 eine Verlangsamung des Bewusst-
seinswandels und ein Trend zum Konservatismus (Tarohmaru 2016: 99 – ​115).
Allmählich wurden auch die Geschlechterbilder aus ihrem starren biologis-
tischen dualistischen Determinismus herausgelöst und stärker individualisiert.
Heute werden in der japanischen Gesellschaft und in den Medien verschiedene
Genderbilder repräsentiert: Anstelle einer monochromen rosa Weiblichkeit zei-
gen sich nun etwa Karrierefrauen, Journalistinnen, Frauen aus ethnischen Min-
derheiten, arme Frauen oder alleinerziehende Mütter. Und neben dem hegemo-
nialen Anzuggrau der Angestellten werden nun auch versorgende Väter oder
queere Männer sichtbar. Homosexualität und sexuelle Vielfalt sind heute weithin
akzeptiert. Allerdings stoßen diese Trends auf antifeministische Gegenbewegun-
gen, die aber eher von ultranationalistischen politischen und sozialen Eliten aus-
gehen, ohne dass sie in der gesellschaftlichen Mitte oder unter den arbeitenden
Armen populär würden. Während sich die Frauen- und Männerbilder allmählich
differenzieren, und die Bedeutung individueller Lebensentwürfe zunimmt, wirkt
der Geschlechterdualismus fort. Wie die Zukunft der Geschlechterbilder aussieht,
ist umstritten und offen.
Der strukturelle Wandel soll anhand der – wechselwirkenden – Veränderun-
gen in Familie, Arbeitsmarkt und Politik zusammengefasst werden:142 Auf dem
Arbeitsmarkt wurden die Frauen zunehmend einbezogen, aber vor allem in fle-
xibilisierte und irreguläre Beschäftigung. Auch die männliche Dauerbeschäfti-
gung wurde fragmentiert und prekarisiert.143 Frauen konnten zwar Erwerbstätig-
keit, wenn auch überwiegend in irregulärer Form, für sich erschließen, aber keine
ökonomische Eigenständigkeit erlangen. Diese Tendenz entspricht der Norm der
geschlechtlichen Arbeitsteilung im heteronormativen Haushalt. Anstelle des Er-

142 Vgl. u. a. Schad-Seifert, Kottmann 2019. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die-
sen strukturellen Wandel sind noch nicht absehbar, so dass sie hier nicht berücksichtig wer-
den können.
143 Vgl. zur Flexibilisierung der Beschäftigung u. a. Gottfried 2015; Heinrich 2010, zu Männern
und Prekarisierung Cook 2016.
136 Ilse Lenz

nährer-/Hausfrauenmodells der differenzbegründeten Geschlechterordnung setz-


te sich weithin das männliche Verdiener-/teilzeitarbeitende Hausfrauenmodell
durch. Diese Kombination entspricht den Anforderungen des flexibilisierten Ka-
pitalismus, der zugleich auch die männliche abgesicherte Dauerbeschäftigung zu-
nehmend erodiert und prekarisiert.
Während die Beschäftigung flexibilisiert und fragmentiert wird, wird die Paar-
familie ideell und politisch weiter stabilisiert. Eine Pluralisierung von Familienfor-
men wie in westlichen Wohlfahrtsstaaten, die alleinerziehende Mütter (und einige
Väter) und gleichgeschlechtliche Ehen einschließt, soll in der Sicht der Regierung
und der konservativen Milieus vermieden werden. Der Versuch der Restabilisie-
rung der heteronormativen Familie hängt damit zusammen, dass sie von diesen
Kräften als institutioneller Grundpfeiler im japanischen Wohlfahrtsstaat und der
japanischen Betriebsgesellschaft verstanden wird (Ōsawa 2011). Auch die Betrie-
be beriefen sich lange auf das zunehmend fiktive Modell der Stammbeschäftig-
ten, über das die Familien mit abgesichert seien, während sie die Flexibilisierung
verschiedener Belegschaftsgruppen vorantrieben. Allerdings wird im Bewusstsein
der Mehrheit das Ernährer-/Hausfrauenmodell mit seinen polaren Geschlechts-
rollen allmählich von einem Familienbild abgelöst, nach dem auch Männer Haus-
arbeit leisten, aber vor allem die Mutter dafür zuständig ist. Selbst diese milden
Veränderungen stoßen auf die institutionellen ungleichen Normen, die vor allem
in der betrieblichen Praxis dem weiterhin rigide entgegenwirken.
Zugleich werden dissidente Familienformen weiterhin normativ und mate-
riell eingeschränkt: Angesichts der tiefen sozialen und ökonomischen Diskrimi-
nierung lediger Mütter stellt alleinerziehende Mutterschaft kaum ein anziehen-
des Lebensmodell dar. Elternschaft/Mutterschaft bleibt sozial an die Paarfamilie
gebunden. Prekarisiert beschäftigte Männer gehen davon teils aus, dass sie nicht
heiraten und Kinder bekommen sollten und bleiben eher ledig. Die Armut nimmt
aufgrund dieser Prekarisierung zu. Sie bedeutet für alle Geschlechter oft unfrei-
williges Alleinleben und also für viele alltäglichen Mangel und Unglück.144
Die Beteiligung von Frauen in der Politik lässt sich als kurviger und zöger-
licher Weg vom Ausschluss zur Marginalisierung charakterisieren. Der Frauen-
anteil im Unterhaus 1946 erreichte in den ersten Wahlen nach dem Krieg 8,4 Pro-
zent und sank danach stark ab. Erst nach der Beijing-Konferenz 1995, bei der eine

144 Bei Alleinlebenden ist wichtig, die Ursachen für ihre Lebensweise zu unterscheiden. Wäh-
rend sich vor allem viele Frauen dafür entscheiden, alleine zu leben, werden viele männ-
liche und einige weibliche prekär Beschäftigte aufgrund der restriktiven Geschlechternor-
men oder unmittelbar durch Armut dazu gezwungen. Die Selbstmordraten in Japan sind
zwar bis 2019 gefallen, doch sind sie unter Arbeitslosen und prekär Beschäftigten höher. In
der zweiten Welle der Corona-Pandemie stiegen sie vor allem unter Frauen bis 40 Jahren
markant an.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 137

politische Beteiligung von Frauen von 30 Prozent vereinbart wurde, stieg er all-
mählich infolge von Kampagnen von Frauen-NRO auf 11,3 Prozent im Jahr 2009
an und schwankt seitdem um 10 Prozent. Geschlechtsreaktionäre retraditionali-
sierende Maßnahmen wie die Streichung der Gleichheit nach Geschlecht aus der
Verfassung wurden zwar angekündigt, jedoch bisher nicht umgesetzt.
Der institutionelle Wandel ist widersprüchlich, und er gipfelte im Partizipa­
tionsgesetz von 1999. Beflügelt wurde er durch die Wechselwirkung mit dem
UN Gleichheitsprozess und seinen globalen Impulsen. Doch angesichts der ge-
schlechtskonservativen Regierungspolitik und der antifeministischen Reaktion
nach 2000 blieb er in der Schwebe und die Gesetze und Maßnahmen zur Gleich-
stellung wurden teils blockiert. Im Alltag zeichnen sich Tendenzen zur Geschlech-
terkooperation in Beziehungen und Familien ab. Allerdings sind die Reaktionen
der Männer auf Gleichheit weitgehend noch unerforscht. Die verlorenen Jahr-
zehnte der japanischen Politik kennzeichnen auch den Stillstand in der Gleichstel-
lungspolitik nach ihrem Aufbruch im Partizipationsgesetz von 1999.
Wie in Deutschland fällt auf, dass der Offenheit des Bewusstseinswandels zähe
ungleiche Strukturen und sie regulierende Instituti