Frauenbewegung in Japan
Frauenbewegung in Japan
Ilse Lenz
Frauenbewegung
in Japan
Quellen und Analysen
Frauenbewegung in Japan
Michiko Mae · Ilse Lenz
Frauenbewegung
in Japan
Quellen und Analysen
Unter Mitarbeit von Karin Klose und Toshiko Himeoka
Michiko Mae Ilse Lenz
Heinrich Heine Universität Düsseldorf Berlin, Deutschland
Düsseldorf, Deutschland
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Für das Cover wurde eine Grafik mit dem Schriftzeichen für Frau (onna) verwendet, die aus dem
Titelbild der ersten Nummer der Zeitschrift Onna Erosu (Frau Eros) 1973 entnommen wurde. Wir
danken dem Verlag Shakai Hyôronsha für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.
Quellentexte
V
VI Inhalt
Einleitung
und Subjektivität für sich ein und kritisierten den männlich zentrierten Familien
staat radikal. Demgegenüber ließen sich andere Flügel der Frauenbewegung ge
gen das Versprechen von Teilhabe und Anerkennung durch den Staat kooptie
ren und unterstützten so auch den Ultranationalismus und den Pazifischen Krieg
(1941 – 1945).
Im internationalen Vergleich ist beeindruckend, wie stark die Frauenbewe
gung in Japan die Partizipation von Frauen betonte. Dabei forderte sie eher aus
einer Differenzsicht heraus geschlechtliche Gleichheit. Ihr Differenzdenken ver
band sich mit dem Anspruch auf Autonomie, eigene Definitionsmacht und Teil
habe. Sie hatte von Anfang an eine kritische internationale Perspektive auf die
Entwicklung der Machtverhältnisse in Ostasien wie auch in den ‚westlichen‘ Me
tropolen. Während sie sich mit neuen internationalen Ideen auseinandersetz
te, veränderte sie diese Ansätze für ihren eigenen Kontext und führte sie wei
ter. Nach 1970 entwickelte ein Flügel transnationale feministische Solidarität in
Ostasien, indem er die Einbindung der JapanerInnen in den Kolonialismus und
die Kriege Japans in Ostasien radikal kritisierte und sich zusammen mit den
Frauen- und Bürgerbewegungen in China, Korea und Südostasien für eine Auf
arbeitung der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart en
gagierte.
Deswegen geht die Bedeutung der Frauenbewegungen in Japan und ihres Ein
satzes für andere Wege in die Moderne weit über eine regionale Fallstudie hinaus.
Wie Michiko Mae festhält, stellt Japan eine nichtwestliche Gesellschaft dar, die ab
Mitte des 19. Jahrhunderts eine selbstgesteuerte Modernisierung unter dem Ein
fluss des ‚Westens‘ und dem Druck der drohenden Kolonialisierung vornahm und
selbst zum Kolonisator wurde. Im Rahmen der multiplen Moderne kann man Ja
pan als eine Art Experiment der Modernisierung sehen, mit dem die eurozentri
sche Fortschrittserzählung konfrontiert werden kann. Zum einen werden so die
Ambivalenzen, Brüche und Widersprüche der japanischen Modernisierung sicht
bar. Zum anderen eröffnen sich aufgrund der Doppelstellung Japans als zunächst
selbst vom Kolonialismus bedrohtes Land und dann spätere Kolonialmacht neue
vergleichende Zugänge zu den unterschiedlichen Modernisierungswegen in der
postkolonialen Weltgesellschaft (vgl. Mae in diesem Bd.).
Die Auseinandersetzung der Frauenbewegung mit der japanischen Entwick
lung seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigt die Tiefe dieser Ambivalenzen, Brüche
und Widersprüche auf. Die AktivistInnen sprechen mit vielen Stimmen aus ver
schiedenen sozialen Positionen und Milieus, so dass man von Frauenbewegungen
im Plural sprechen kann. In diesem Buch kommen sie zu Wort: die Sprecherin für
Freiheit, Volks- und Frauenrechte im 19. Jahrhundert, die unabhängigen Schrift
stellerinnen, die die erste feministische Zeitschrift Seitō begründeten, die linke
Gleichheitstheoretikerin und Antikolonialistin, die pazifistischen Mütter nach
Frauenbewegung in Japan 3
1 Die Women’s Liberation Bewegung in Japan der 1970er Jahre nannte sich Lib-, bzw. Ūman-
Lib-Bewegung.
2 Es sind bereits wichtige Quellensammlungen zu Frauen und Feminismus in China (1916 –
1921; vgl. Lan, Fong 1999), im kolonialen Korea (vgl. Choi 2013) und im modernen Korea bis
zur Gegenwart (1886 – 2005; vgl. Kim u. a. 2017) erschienen.
4 Ilse Lenz, Michiko Mae
ihre langfristigen Entwicklungslinien wie auch die Brüche bis zu den queeren und
intersektionalen Ansätzen heute auf. Als ihre zentralen Anliegen werden Partizi
pation, Differenz, Eros und internationale Orientierung herausgearbeitet, wobei
sie sich mit dem wandelnden historischen Kontext selbst veränderten.
So betonte die Frauenbewegung zu Beginn Gleichheit und Partizipation. In
der Folge wurden dann ihre Diskurse und Forderungen nach eigenständigem
Eros und selbstbestimmter Kreativität und Mutterschaft eher aus einer Sicht der
Geschlechterdifferenz begründet. In der japanischen Frauenbewegung wurden
hegemoniale Geschlechterbilder und Weiblichkeit bereits zu Beginn des 20. Jahr
hunderts radikal hinterfragt und die eigene Definitionsmacht eingefordert. Auf
dieser Grundlage entbrannte dann die Debatte um geschlechtliche und sexuelle
Vielfalt seit den 1980er Jahren. Zunächst bildete sich eine autonome Lesbenbewe
gung heraus und ab den 1990er Jahren artikulierten sich queere Ansätze, die so
wohl den japanischen wie auch den globalen kulturellen Kontext kreativ weiter
führten.
Weiterhin trugen die Frauenbewegungen dazu bei, dass die moderne Ge
schlechterordnung sich verändert hat. Indem sie den Wandel der Geschlechter
ordnung fokussiert, entfaltet Lenz einen vergleichenden Zugang zu Frauenbewe
gungen im globalen Norden unter Einschluss von Japan. Deren Veränderungen
brachten dann jeweils neue Herausforderungen für den Feminismus – auch in Ja
pan – mit sich. Zu Beginn standen sie dem neopatriarchalen nationalen Familien
staat und sich herausbildenden Kolonialstaat gegenüber. Heute nun setzen sie sich
angesichts der neoliberalen Globalisierung und geschlechtskonservativer Struktu
ren für Gleichheit, Anerkennung von Differenz und geschlechtlicher Vielfalt und
transnationale Solidarität weltweit und insbesondere in Ostasien ein.
Michiko Mae sieht die Frauenbewegung als eine treibende Kraft für die Er
neuerung der japanischen Gesellschaft und als eine scharfe Kritikerin der männ
lich zentrierten Moderne. Sie untersucht die Frauenbewegung im Sinne der Mo
dernisierung der japanischen Moderne3 anhand von sechs Schüben. Zu diesen
von der Frauenbewegung bewirkten gesellschaftlichen Impulsen gehören: neue
Subjektfindung, Kritik an Nationalismus, Kolonialismus, Rassismus und Kapita
lismus sowie das Gesetz für gleiche Partizipation und das Gender-free-Konzept.
Durch die mit dem westlichen Modernisierungskonzept eingeführte Gender
ordnung, die die Grundlage für die strikte Trennung zwischen privater und öffent
licher Sphäre war, wurden japanische Frauen auf die Aufgaben der Mutter und
Hausfrau festgelegt.4 Eine Besonderheit der japanischen Frauenbewegung sieht
Mae darin, dass, ausgehend von dieser Situation, Frauen eine eigene Definition
und Daseinsform als Frau entwickelt haben, in der sie ihr Subjektsein und ihre In
dividualität zusammen mit anderen verwirklichen konnten. So entwarfen sie eine
neue Gesellschaftsform, in der sie Mütterlichkeit und gesellschaftliches Engage
ment leben konnten. Darin erkennt Mae eine Form der Kritik an der modernen
Gesellschaft und am japanischen Modernisierungsprozess, von der ein wichtiger
Impuls für die Modernisierung der Moderne in Japan ausging.
In den 1970er Jahren kritisierte die Frauenbewegung die moderne Genderord
nung auch deshalb, weil sie dazu geführt hatte, dass während der Kriegszeit ja
panische Frauen als „japanische Mütter“ koreanischen und anderen asiatischen
Frauen als „Zwangsprostituierten“ gegenübergestellt wurden. Von der Erkennt
nis dieses intersektionalen Zusammenhangs von Nationalismus, Kolonialismus,
Rassismus und Genderstruktur und auch von dem Verantwortungsbewusstsein
japanischer Frauen für die Kriegsvergangenheit ging ein weiterer Impuls zur Mo
dernisierung der Moderne in Japan aus. Er führte zu einer Solidaritätsbewegung
und internationalen Brückenbildung zwischen Japan, Ostasien, den USA und
Europa – besonders durch das Internationale Tribunal gegen Kriegsverbrechen
(im Jahr 2000 in Tōkyō). Von dieser kritischen Auseinandersetzung japanischer
Frauen mit der nationalen, kolonialen und militärischen Vergangenheit ließe sich,
so Mae, auch für Deutschland vieles lernen.
Am Ende des letzten Jahrtausends wurde im Jahr 1999 das „Rahmengesetz für
eine Gesellschaft mit gleicher Partizipation von Männern und Frauen“ (Partizi
pationsgesetz) eingeführt. Ihm liegt die Idee des Gender-free-Konzepts zugrun
de, nach dem Männer und Frauen ihre Individualität frei von Gender-Festlegun
gen entfalten können sollen. Solche starken Impulse, die von der Frauenbewegung
ausgingen, haben auch – sie inspirierend und unterstützend – auf die Entstehung
einer Männerbewegung eingewirkt, die die herkömmliche Männlichkeit kritisch
reflektiert und neue Formen des Lebens als Mann entwickelt – frei von den Zwän
gen der Arbeitswelt und eines überholten Männlichkeitsbildes.
Die Partizipationsgesellschaft, das Gender-free-Konzept und die Männerbewe
gung könnte man nach Mae als eine Stufe in der langen Entwicklungsgeschichte
der Frauenbewegung verstehen, in der die Trennung zwischen öffentlicher und
privater Sphäre und die damit verbundene geschlechtliche Arbeitsteilung, die
grundlegend für den japanischen Modernisierungsprozess seit Mitte des 19. Jahr
hunderts waren und bis heute sind, überwunden werden können.
Trotz solcher Entwicklungen und Fortschritte in der Gleichstellungspolitik,
die die japanische Frauenbewegung vor allem seit den 1980er Jahren und den
UNO-Dekaden der Frau erreicht hat, hat sich an der gesellschaftlichen, politi
schen, rechtlichen und ökonomischen Situation der Frauen in Japan immer noch
zu wenig verändert. Das zeigt sich auch im internationalen Ranking Japans auf der
Frauenbewegung in Japan 7
5 Übernommen wurden die Übersetzung der Gedichte von Yosano Akiko: Du darfst nicht
sterben und Nur so dahingesagt (Q 1.02, 1.03), sowie des Textes von Hiratsuka Raichō: Im
Anfang war die Frau die Sonne (Q 1.04).
6 Vgl. u. a. Amano 2009; Ehara 1992 – 2001; Mizoguchi u. a. 1992 – 1995; Nihon fujin mondai shi-
ryō shūsei 1976 – 1979; Shisō no umi e. Kaihō to henkaku 1989 – 1990; Suzuki 1993 – 1998.
8 Ilse Lenz, Michiko Mae
Quellen. In den Belegen werden die einzelnen Quellen mit dem Kürzel Q und der
Quellennummer aufgeführt, also z. B. Q 1.01 für die erste Quelle. Insgesamt orien
tierten wir uns daran, dass sich diese Quellensammlung nicht allein an ein japa
nologisches Fachpublikum, sondern auch an eine vielfältige interessierte Leser
schaft richtet. Sie sollte also gut lesbar, eingängig und verständlich sein, während
sie sich genau am Original orientiert. Deswegen dienen die Anmerkungen zur
Orientierung auch für LeserInnen, die mit Japan nicht vertraut sind. Um die Les
barkeit des Textes zu befördern, wurden sie möglichst kurz und informativ gehal
ten. Japanische Namen werden in der japanischen Reihenfolge geschrieben: erst
der Nachname, dann der Vorname. Die verwendeten Fotos stammen aus Wiki
media Commons.
Unser großer Dank gilt zunächst den AutorInnen, die uns ihre Texte groß
zügig zur Verfügung stellten. Zahlreiche KooperationspartnerInnen in Japan und
anderswo unterstützten uns mit Rat, Anregungen und Diskussionen, wofür wir
uns sehr bedanken. Wir können nur einige von ihnen nennen und der Dank an
die vielen anderen kann hier nur allgemein erfolgen.
Die meisten Texte waren nicht leicht zu übersetzen, da die AutorInnen selbst
mit der Sprache experimentierten oder gerungen haben, um ihre neuartigen Ge
danken zum Ausdruck zu bringen. Umso größer sind die Leistungen und das
Engagement unserer japanologischen KollegInnen einzuschätzen, die die Texte
übersetzten. Wir wollen ihnen herzlich für ihren großen Einsatz, für die gute Zu
sammenarbeit und für ihre freundliche, geduldige Kommunikation mit uns wäh
rend der Realisierung dieses langjährigen Projekts danken.
Wir danken unseren japanischen und deutschen KollegInnen Andrea Germer,
Himeoka Toshiko, Matsui Yayori, Ōsawa Mari, Ueno Chizuko und Tanaka Hiromi
für intensive Diskussionen und Anregungen und Julia Siep, Martina Kaiser, Nora
Kottmann, Katharina Hülsmann und Matthias Koch für ihre inhaltliche, redak
tionelle und organisatorische Unterstützung. Besonders bedanken wir uns bei Dr.
Cori Mackrodt und Daniel Hawig, sowie den MitarbeiterInnen des Springer VS
Verlags, die uns in dem langen und schwierigen Entstehungsprozess dieses Buchs
immer konstruktiv und mit ihrem klugen Rat zur Seite gestanden haben.Unser
tiefer Dank gilt Karin Klose, die mit ihrer konstruktiven, präzisen und engagier
ten Mitarbeit zur Verwirklichung dieses langwierigen und komplexen Vorhabens
entscheidend beigetragen hat.
Wir danken auch dem Institut für Gender Studies der Ochanomizu Universität
(Tōkyō) für ertragreiche und anregende Forschungsaufenthalte. Besonders dan
ken wir dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung (dem heutigen Minis
terium für Kultur und Wissenschaft) NRW für die Förderung und Unterstützung
unserer vergleichenden Forschung zu Frauenbewegungen in der Moderne, aus der
dieses Buch entstand. Den Teilnehmenden des jährlichen Workshops zur Gender
Frauenbewegung in Japan 9
Aus der ersten japanischen Frauenbewegung sind zwei Texte von 1911 um die Welt
gewandert. Der erste beginnt mit den Worten: „Im Anfang war die Frau die Son-
ne, war wahrer Mensch. Jetzt ist die Frau der Mond. Der Mond, … der durch
einen anderen lebt und im Lichte eines anderen glänzt.“2 Der zweite Text hebt an
mit: „Der Tag ist gekommen, da die Berge sich bewegen. … Die Frauen schliefen
alle, nun sind sie hellwach und sie bewegen sich jetzt“.3 In den 1970er Jahren kün-
digt die Lib-Bewegung einen feministischen Neuaufbruch an und ihre Worte klin-
gen ähnlich radikal: „Hier und jetzt erklären wir: Wir sind Frauen, die sich nicht
durch Andere festlegen und definieren lassen. … Wir verabschieden uns von der
Geschichte, in der wir alle möglichen Festlegungen erfuhren und als Menschen
negiert wurden, weil wir Frauen und nichts Anderes sind. Und wenn wir nun er-
1 Diese Einleitung bringt eine Einführung zu der Geschlechtergeschichte und den Frauen-
bewegungen im modernen Japan und bietet so eine Kontextualisierung der Quellen in die-
sem Band. Im Unterschied zu dem Standardwerk von Mackie 2003, die von dem Konzept
des embodied citizenship ausgeht, legt sie den akteurs- und subjektzentrierten Ansatz der
Sozialen Bewegungsforschung zugrunde. Sie untersucht also nicht allein die Diskurse der
Frauenbewegungen, sondern ihre Organisations- und Aktionsformen im Zusammenhang
der Modernisierung und Internationalisierung. Japanische wie auch europäisch-sprachige
Veröffentlichungen, Bewegungszeitschriften und weitere Quellen wurden umfassend auf-
gearbeitet, wobei der dritte Teil zur Zeit nach 1970 u. a. auf eigener Feldforschung beruht. Da
der Band sich auch an allgemein interessierte LeserInnen richtet, wurden die Belege stark
eingeschränkt, so dass vor allem wichtige englische und deutsche Veröffentlichungen zur
weiteren Orientierung aufgeführt werden, während zahlreiche herbeigezogene japanische
Werke nicht angegeben werden konnten (vgl. dazu u. a. Lenz 2000a, 2013, 2014, 2015).
2 Vgl. Q 1.04. Die Schriftstellerin Hiratsuka Raichō (1886 – 1971) schrieb dies Prosagedicht für
das erste Heft der Zeitschrift Seitō (Blaustrumpf), die sie mit anderen initiiert hatte und her-
ausgab.
3 Vgl. Q 1.03. Die bekannte Dichterin Yosano Akiko (1878 – 1942) verfasste dies Gedicht eben-
falls für das erste Heft der Zeitschrift Seitō.
klären, dass wir uns als Frauen durch nichts festlegen lassen, haben wir den Wil-
len, alle Menschen mit einzuschließen“ (Q 2.14). In diesen Texten werden Frauen-
bilder entworfen, die sich auf die Sonne beziehen oder auf schlafende Vulkane, die
sich bald bewegen werden. Sie werden von kosmischer Kraft, flammender Energie
und erotischer Autonomie durchzogen, während zugleich die Unterordnung der
Frau in der männlich zentrierten Moderne in Japan angegriffen wird.
Wie die Quellen in diesem Band zeigen, entwarfen sich die Frauen als Sub-
jekte, die eigenständig dachten und handelten, und nicht als Opfer. Sie wollten
sich an der gesellschaftlichen Entwicklung beteiligen, ihre Kritik an der männlich
zentrierten Moderne äußern und eigene Ideen, Praktiken und Netzwerke hervor-
bringen. Dabei stellen sich einige Leitfragen, denen ich diesem Beitrag nachgehen
will: Wie haben sich die Frauenbewegungen in der konservativen neopatriarcha-
len Modernisierung Japans entwickelt und bis heute die Gesellschaft – und sich
selbst – verändert ? Welche unterschiedlichen Bilder von Geschlecht und von
Frauen haben sie eingebracht, welche Wünsche, Forderungen und Visionen neu
formuliert und welche Veränderungen haben sie mit angestoßen ? Verfolgt man
diese Fragen, so tritt die Dialektik von Herrschaft und Widerstandsfähigkeit, von
Dominanz und Resilienz zutage: Frauenbewegungen erreichen in der Moderne
sowohl Ressourcen und Handlungsmacht, aber sie werden auch begrenzt und ko-
optiert. Während sie zum Beispiel in Japan Bürgerrechte einforderten, wurden sie
in eine patriarchale Nation integriert, die zugleich in Nachfolge der westlichen
Nationen Kolonien eroberte und beherrschte. Die Frauen wurden im Binnenraum
der Nation untergeordnet, waren aber nach außen in deren koloniale Herrschafts-
strukturen mit einbezogen, zu denen sie sich positionieren mussten (Ueno 2004).
Die japanischen Frauenbewegungen entwickelten sich in einem widersprüch-
lichen und spannungsreichen historischen Kontext: Japan war eben kein durch-
gehendes konfuzianisches Patriarchat, wie das im Westen oft angenommen wurde
(Ochiai 2020). Vielmehr schloss die männliche Herrschaft eine sozial anerkann-
te, wenn auch begrenzte Beteiligung von Frauen u. a. in der Kontrolle des Haus-
halts ein. In der historischen Tiefenstruktur Japans zeichnet sich sowohl eine
Verbindung von männlicher Autorität und weiblicher Mitwirkung wie auch von
männlich zentrierten Denksystemen und weiblich beeinflusster Kultur ab, wie im
nächsten Abschnitt im Einzelnen aufgezeigt wird.4 Im japanischen Zentralstaat
bis zum 12. Jahrhundert waren Frauen an der Kultur, der Wirtschaft und auch an
der Politik beteiligt, wie etwa die Herrschaft von Kaiserinnen zeigt (s. u.). Dies his-
torische Erbe drückte sich in informellen Partizipationsformen von Frauen sowie
ihrer begrenzten kulturellen und wirtschaftlichen Anerkennung aus.
4 Vgl. zum Begriff des Patriarchats und zur Mitwirkung von Frauen darin u. a. Lenz 2019b.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 13
auch Mae in diesem Bd.). In Teil I umreiße ich die folgenden Veränderungen der
modernen Geschlechterordnung, auf die die Frauenbewegungen reagierten und
in die sie sich einmischten. In Teil II wird dann die Entwicklung der Frauenbewe-
gung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zusammengefasst. Ihre erneute
Entfaltung von 1945 bis 1970 wird in Teil III dargestellt. In Teil IV folgt eine Über-
sicht der Entwicklungen von dem radikalen Neuaufbruch der japanischen Lib ab
1970 bis zur internationalen Vernetzung und den dekonstruktiven Debatten um
Geschlecht und Queerness in der Gegenwart.5
5 Diese Teile bauen aufeinander auf, können aber unabhängig von einander gelesen werden.
Wer sich etwa vor allem für die neue Frauenbewegung interessiert, kann mit dem vierten Teil
beginnen.
6 Vgl. u. a. Germer 2003; Germer, Ogawa 2018; Liu, Yamashita 2020; McLelland, Mackie 2015;
Molony u. a. 2016; Ochiai 2020; Pflugfelder 1999; Yoda 2004.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 15
wiederum nach der Niederlage des japanischen Kaiserreichs 1946 rechtlich auf-
gehoben wurde.
Demgegenüber war das Verwandtschaftssystem in Japan wie in der Mehrheit
der südostasiatischen Gesellschaften bilateral (Ochiai 2020). In anderen Worten
sahen sich Menschen über beide Eltern und ihre Geschwister als verwandt an, was
Frauen wie Männer einschloss. Mit diesen bilateralen Verwandtschaftsbeziehun-
gen waren auch wechselseitige Anerkennung und die Weitergabe von Gütern, teils
auch von Erbanteilen, verbunden.
Die Wohnformen der Menschen variierten lange mit einem Trend zu Ge-
schlechterbalance: Frauen blieben matrilokal bei ihren Eltern wohnen, während
ihre Männer sie besuchten oder bei ihnen einzogen. Manche Paare bezogen nach
der Eheschließung ein neues Haus. In solchen Lebensgeflechten waren die Ver-
bindungen über die Eltern, auch und gerade die Mütter wesentlich, während die
Männer eher ein mobiles Leben zwischen Herkunftshaushalt, ihren Geliebten
oder Ehefrauen oder auch dem neuen Paarhaushalt führten. Erst seit der Feu-
dalzeit ab dem 12. Jahrhundert wurde allmählich die patrilokale Wohnform vor-
herrschend, nach der Frauen als Außenstehende in dem Haushalt des Mannes
lebten und arbeiteten. Aber vor allem wenn ein geeigneter männlicher Erbe aus-
blieb, setzte die älteste Tochter die Abstammungslinie fort. Ihr Mann wurde adop-
tiert und trat in ihren Haushalt ein, wo er dann meist Haushaltsvorstand wurde.8
Frauen hatten bis in das 13. Jahrhundert eigenständige Rechte auf Land. Sie arbei-
teten in der Landwirtschaft und produzierten Textilien für den Eigenbedarf, für
den Handel und für die Steuern (Molony u. a. 2016: 32 – 43). Im Gegensatz zu dem
späteren feudalen Leitwort, nach dem die Männer zu verehren und die Frauen zu
verachten seien, blieb die soziale und wirtschaftliche Beteiligung der Frau in Ja-
pan lange anerkannt.
Frauen wie Männer brachten die japanischsprachige Dichtkunst ab dem
6. Jahrhundert hervor. Um das Jahr 1000 verfassten Frauen am Kaiserhof glän-
zende Romane und Essays auf Japanisch, während die Männer meist Chinesisch
schrieben. Diese Autorinnen begründeten die japanische Prosa mit. Bis heute
werden ihre Texte intensiv gelesen und sie beeinflussen weiter die Populärkul-
tur (vgl. Árokay 2001; Sarra 1999; Yoda 2004). In der einheimischen Religion wie
auch im frühen Buddhismus waren Frauen wie Männer anerkannt. Nach der Ein-
führung des Buddhismus von Korea nach Japan im späten 6. Jahrhundert waren
die ersten buddhistischen PriesterInnen drei Nonnen und es wurden zahlreiche
Mönchs- und Nonnenkloster gegründet (Molony u. a. 2016: 25, 36).
8 Diese Eheform (mukotorikon) umfasste bis zu einem Fünftel der Eheschließungen (vgl.
Ochiai 2020: 15).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 17
In Japan wie China und Korea beruhte die Hauswirtschaft auf patrilinearer
Erbfolge in männlicher Linie und war patrilokal. In anderen Worten verlief die
Abstammung über Männer, meist vom Vater zum ältesten Sohn, der mit Frau und
Kindern im Haushalt des Vaters wohnte. Als zugehörig zur Hauswirtschaft galten
ihr Vorstand, seine Frau und ihre Söhne. Die Töchter waren im Grenzbereich der
Hauswirtschaft verortet, da sie als Schwiegertöchter in einen anderen Haushalt
eintreten würden. Dort wurden sie zunächst als Außenstehende angesehen, konn-
ten aber nach längerer Ehe einen vollen Mitgliedsstatus erreichen. Die Autorität
lag beim Haushaltsvorstand, seiner Frau, der Hauswirtschafterin, und schließlich
beim Familienrat der älteren Verwandten unter Einschluss der älteren Frauen. Die
Ahnenverehrung, Feste und Rituale wie auch der gemeinsame Hausname beton-
ten den hierarchischen Gemeinschaftscharakter. Dem Haus verpflichtet waren
das Gesinde und die Arbeitskräfte aus den Nebenlinien, die zugleich Anspruch
auf begrenzte paternalistische Fürsorge hatten. Auf dem Land waren einem ver-
mögenden Haupthaus oft Zweighäuser untergeordnet, die Land von ihm pachte-
ten, zu bestimmten Zeiten Arbeitsdienst leisteten und in Notzeiten um Unterstüt-
zung bitten konnten.
Junge Frauen heirateten in der Regel in die Hauswirtschaft ihres Ehemannes
ein. Dort hatten sie als Schwiegertöchter des Hauses (yome) zunächst einen rand-
ständigen Status. In der Landwirtschaft und im Handwerk wurden sie als wichtige
Arbeitskraft eingesetzt und vor allem danach eingeschätzt. Eine gute Schwieger-
tochter konnte einen Sack Reis tragen oder durch Weben und Spinnen zum Haus-
haltseinkommen beitragen. Die Mutterschaft oder das Gebären vieler Kinder war
gegenüber der Bedeutung als Produzentin nachrangig (Lenz 1984). Im vormoder-
nen Japan bewährten sich also Bäuerinnen eher in der Produktion, nicht in der
Reproduktion, und wurden danach bewertet.
Dem entspricht, dass viele bäuerliche Familien ihre Nachkommenzahl lange
auf zwei oder drei Kinder begrenzten. Wenn mögliche männliche Erben sich als
untüchtig erwiesen oder ganz ausblieben, gab es zwei Wege: Zum einen konnten
die Töchter die Linie des Hauses fortsetzen und erben, indem sie einen Mann hei-
rateten, der bereit war, in ihr Haus einzutreten und dessen Hausnamen zu über-
nehmen. Zum anderen konnten neue befähigte Mitglieder durch Adoption ins
Haus aufgenommen werden, die dann das Erbe antreten konnten. Denn die pa-
triarchale Hauswirtschaft war in Japan nicht vorrangig ein Abstammungsverband,
sondern vor allem eine sozialwirtschaftliche Einheit, die durch fiktive Verwandt-
schaft wie etwa durch Adoption neu zusammengesetzt werden konnte.
Die Geschlechterhierarchie im Haushalt unterschied sich in der vormoder-
nen ständischen Feudalgesellschaft nach Schicht und Region. In der Samurai-
schicht, der Kaufmannschaft, dem Handwerk und der bäuerlichen Oberschicht
war sie klar patriarchalisch. Unter den Samurai, die lange das gesellschaftliche
20 Ilse Lenz
12 Allerdings waren aufgrund des Intensivbewirtschaftung im Reisanbau und auf den Trocken-
feldern und den mehrfachen Ernten im Jahr im Südwesten die Besitzgrößen geringer als
etwa in Deutschland.
13 Vgl. u. a. Lenz 1984: 74 – 114; Ochiai 1997; Ölschleger 2004; zum Wandel des Patriarchats in
vergleichender Sicht in Ostasien vgl. Sechiyama 2013.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 21
14 Hier können diese langzeithistorischen großen Trends nur knapp benannt werden, während
auf die tiefen Einbrüche etwa durch den Nationalsozialismus und den Ultranationalismus
hingewiesen sei. Es soll also keine Fortschrittsgeschichte zugrunde gelegt werden; vielmehr
entwickeln sich Modernisierungen widersprüchlich und auch gegenläufig.
15 Meine These der Transformation der Geschlechterordnung stützt sich auf die Auswertung
der Veränderungen in postindustriellen Wohlfahrtsstaaten u. a. im Rahmen des internatio-
nalen Forschungsnetzwerks Globalization, Gender and Work Transformation (GLOW), dem
hiermit für viele inspirierende Diskussionen gedankt sei. Diese ergab, dass diese Verände-
rungen unterschiedlich und ungleichzeitig geschehen, so dass diese Prozesse in diesen Fel-
dern zwar nicht parallel verlaufen, sich aber dennoch grundlegende Umbrüche abzeichnen.
16 Vgl. u. a. Lenz 2017b zu einigen empirischen Trends für Europa und die USA. Ich knüpfe
hier an die Debatte zur Modernisierung moderner Gesellschaften und Geschlecht an, vgl.
u. a. Wagner 1995; Aulenbacher 2005: 101 – 161; Becker-Schmidt, Knapp 2000. Der Ansatz der
Geschlechterordnung wird hier auf einer Metaebene als ein vergleichendes Rahmenkonzept
eingeführt; jedoch unterscheiden sich die Ausformungen in einzelnen Gesellschaften etwa
nach dem Typ des Gender-Wohlfahrtsregimes oder nach der Kultur. In diesem Rahmen
können die Belege für die großen Entwicklungsbögen nur ansatzweise aufgeführt werden;
vgl. dazu Lenz 2010, 2014; 2017, 2017a. In den empirischen Teilen I bis IV finden sich die Be-
lege zur Entwicklung der Geschlechterordnung und Frauenbewegungen in Japan, auf die in
dieser Überschau verzichtet werden muss.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 25
Die Geschlechter erscheinen als persönlich formbar und gestaltbar. Die Trends zu
einer flexibilisierten Geschlechterordnung resultieren sowohl aus der Globalisie-
rung und Modernisierung des Kapitalismus wie auch aus der neuen Frauenbewe-
gung und der Gleichstellungspolitik ab den späten 1960er Jahren, wie in Teil IV
ausgeführt wird.
Nun gehe ich zunächst auf die Entwicklung der neopatriarchalen Geschlech-
terordnung in Japan ein, in deren Kontext sich die ersten Wellen der Frauenbewe-
gungen formierten. Die weiteren Stufen werden in den folgenden Teilen dar-
gestellt.
In der Meiji-Restauration 1868 stürzte ein Bündnis von Samurai um den jun-
gen Kaiser Meiji und von Teilen des Handelskapitals das bisherige feudale Herr-
schaftssystem der Tokugawa in Tōkyō.17 Die neue politische Führung setzte sich
aus männlichen Bürokraten, Militärs und Intellektuellen meist aus der mittleren
Samuraischicht zusammen. Ein großer Teil von ihnen kam aus den vorigen Feu-
dalgebieten im Südwesten, die den Tokugawa fernstanden.
Kaiser Meiji kündigte in seiner Eidescharta vom April 1868 die Einführung
von beratenden Versammlungen, persönlicher Mobilität und Berufsfreiheit an.
Die Charta hob die bisherige feudale Standesordnung formal weithin auf und gab
ein grundsätzliches Versprechen politischer Beteiligung. Die neue Regierung leg-
te in wenigen Jahren die Grundlagen für eine moderne Industrienation oder für
„eine reiche Nation und ein starkes Heer“ ( fūkoku kyōhei), wie das zeitgenössi-
sche Leitwort lautete. Sie schaffte 1871 die bisherige territoriale Feudalherrschaft
ab und etablierte eine moderne Verwaltung. Mit der Einführung der Grundsteuer
um 1873 verankerte sie rechtlich ein eindeutiges Privateigentum an Boden anstelle
der vorigen gestaffelten Besitzrechte. Dabei wurden Frauen wie Männer als Eigen-
tümer und Steuerzahler einbezogen. So schuf die Regierung eine finanzielle Basis
für ihre Industrialisierungs- und Militärpolitik.
Weite Teile der politischen Elite waren aufgrund ihrer Herkunft von dem neo-
konfuzianischen patriarchalen Denken wie auch der hohen Bildungsorientierung
in der Samuraischicht geprägt. Sie setzten sich rasch und umfassend mit den poli-
tischen, wissenschaftlichen und staatlich-institutionellen Verhältnissen in Europa
17 Die folgende Darstellung stützt sich u. a. auf Gordon 2003; Jansen 2000; Mackie 2003; Mo
lony, Uno 2005; Sievers 1983; Zöllner 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 29
und den USA auseinander. So suchten sie nach Wissen, Normen und Institutionen,
die die Entwicklung Japans zu einer modernen Nation befördern könnten.18
Unter diesen Vorzeichen beschäftigten sich die neue japanische Intelligenz
und die Medien mit westlichen Diskursen über Frauen und Gleichheit und dis-
kutierten ihre Bedeutung für Japan. Wie in Europa wurde die ‚Frauenfrage‘ von
fortschrittlichen liberalen Politikern und Intellektuellen zu Beginn der Meiji-Zeit
zum Maßstab für den Fortschritt der Nation erhoben. Demgegenüber orientierten
sich konservative Teile der Elite an den neokonfuzianischen Normen und bezo-
gen sich zugleich auf neopatriarchale westliche Denkweisen und Gesetze wie etwa
das männlich zentrierte Familienrecht in Europa nach dem Vorbild des Code
Napoleon oder den rechtlichen Ausschluss von Frauen aus der Politik in Preus-
sen.19 In ihrer Sicht verkörperte der neopatriarchale Haushalt die eigene Kultur
und Tradition, die Japan gegenüber dem Westen behaupten müsse. Konservative
wie auch liberale Denker brachten einen Nexus zwischen Nation, nationaler Ent-
wicklung und Geschlecht hervor, der historisch wirksam wurde (vgl. Mae in die-
sem Bd.). Er wirkte auch auf viele Vordenkerinnen der Frauenbewegung zurück,
die der japanischen Nation verbunden waren und im späteren Ultranationalis-
mus ab Mitte der 1930er Jahre eine Distanzierung zum ‚Westen‘ vornahmen (vgl.
Germer 2003, 2013; Ueno 2004).
Die politischen und wirtschaftlichen Eliten verankerten in den folgenden
Jahrzehnten die neopatriarchale Geschlechterordnung institutionell, indem sie
den rechtlichen Vorrang der Männer, insbesondere des Haushaltsvorstandes, ge-
genüber den Frauen in Politik, Wirtschaft und Familie etablierten.20 Nun wur-
den Frauen aufgrund ihres Geschlechts insgesamt von politischer Beteiligung
ausgeschlossen und im neuen Familienrecht von 1898 dem männlichen Haus-
haltsvorstand untergeordnet. Die moderne Geschlechterkultur legitimierte diese
neopatriarchale Geschlechterordnung. Ich will deren neue kulturelle Grundlagen
zunächst kurz umreißen und dann zusammenfassen, wie sich die neopatriarcha-
le Ordnung in den strategischen gesellschaftlichen Feldern von Politik, Familie,
Wirtschaft und Bildung durchsetzte.
18 Die frühe Meiji-Zeit bildet eine der intensiven Öffnungsphasen in der japanischen Ge-
schichte, auf die dann oft Zeiten der Schließung und der Synthese der von außen aufgenom-
menen mit den einheimischen kulturellen Elementen folgten. In der Moderne sind die wich-
tigsten Öffnungsphasen die frühe Meiji-Zeit (1868 – 1885), die Nachkriegszeit nach 1945, die
Studenten- und Jugendbewegung um 1970 und die Globalisierung ab ca. 1990.
19 Auch hier zeigt sich eine historisch vielschichtige Entwicklung, in der die unterschiedlichen
westlichen und japanischen liberalen und konservativen Ideen aufgenommen und weiterge-
führt wurden und die in dem Dualismus von einer „patriarchalen Tradition“ in Japan und
dem liberalen Westen ignoriert wird.
20 Vgl. zu der Gesamtentwicklung u. a. Germer, Mackie, Wöhr 2014; Lenz, Mae 1997; Molony,
Uno 2005; Molony u. a. 2016.
30 Ilse Lenz
Die Meiji-Regierung bestand zunächst aus einem autokratischen Regime vor al-
lem von Samurai aus den südwestlichen Regionen um den neuen Meiji-Kaiser.
Dieser versprach schon 1868, öffentliche Versammlungen einzuführen. In Regie-
rungskreisen wurde ab 1873 über eine Verfassung und beratende Versammlun-
gen debattiert. 1879 wurden Regionalparlamente in allen Präfekturen eingerichtet.
Das Wahlrecht dafür erhielt eine kleine Gruppe von Steuerzahlern, die mindes-
tens fünf Yen entrichteten, wobei weibliche Haushaltsvorstände zunächst nicht
ausdrücklich ausgeschlossen waren (Anderson 2010: 28 – 42; Doak 2007; Zöllner
2009: 235).
Die Bewegung für Freiheit und Volksrechte (1874 – 1889) forderte ab 1874 eine
Verfassung und politische Partizipation. Sie bildete eine frühe Stimme der Zivil-
gesellschaft und umfasste Teile der städtischen und ländlichen Mittel- und Un-
terschichten in verschiedenen Regionen Japans. Frauen beteiligten sich an dieser
32 Ilse Lenz
nung von 1900 bestätigte dies Verbot in Artikel 5. So wurden Frauen umfassend
von politischer Partizipation ausgeschlossen.
Der Staat wollte mit dem Ausschluss von Frauen aus der politischen Partizi-
pation erreichen, dass sie sich auf ihre nationale Rolle im Haushalt konzentrier-
ten, lautet eine These. Denn ihre Hausarbeit wurde anders als etwa in Europa und
den USA nicht allein als private Sorge für die Familie eingestuft. Vielmehr wur-
de er als ihr öffentlicher Beitrag zur Nation gewertet, der Vorrang vor ihrer poli-
tischen Beteiligung haben sollte (Nolte, Hastings 1991: 156). Frauen traf also das
gleiche Verbot wie Jugendliche aber auch wie öffentliche Leitfiguren, zu denen
Soldaten, Lehrer und Priester von Tempeln und Shinto-Schreinen zählten. Da-
nach wurden Frauen aus der Politik nicht deswegen ausgeschlossen, weil sie nicht
in die Öffentlichkeit gehörten, sondern weil der Staat ihre öffentliche Rolle in der
Hauswirtschaft als vorrangig ansah. Nolte und Hastings fassen das Frauenbild der
Bürokratie im Meiji-Staat zusammen: „An ideal woman … would be modest, cou-
rageous, frugal, literate, hardworking and productive. This constellation was so
appropriate for economic growth that we might term it a ‚cult of productivity‘“
(Nolte, Hastings 1991: 172). In staatlicher Sicht hatten Hausfrauen und Mütter die
nationale öffentliche Pflicht, sich der häuslichen Produktion und einer guten Er-
ziehung und Versorgung der Kinder in der Reproduktion zu widmen. In diesem
Sinne erklärte der Staat ‚das Haus‘ zum öffentlichen Ort, in dem die Frauen nach
der damaligen Weiblichkeitsnorm ihren geschlechtsspezifischen Beitrag jenseits
der Politik leisten sollten.23
Der moderne japanische Staat kann als neopatriarchaler Familienstaat ver-
standen werden: Die neopatriarchale Hauswirtschaft bildete das Fundament des
Staates und zugleich wurden Haushalt und Staat symbolisch als aufeinander auf-
bauende und in sich verbundene Gemeinschaften gesehen. Der Kaiser wurde
als Souverän und Verkörperung der gemeinsamen göttlichen Ahnen Japans wie
auch als Vater des Volkes vorgestellt. Gleich ihm sollte der männliche Haushalts-
vorstand über Frauen und Kinder im Haus bestimmen und sie zugleich behüten.
Neopatriarchale Autorität, Macht und Fürsorge im Staat und im Haus beding-
ten und stützten einander. Die Ideologie des Familienstaats beruhte auf einer be-
wussten Retraditionalisierung ab etwa 1890, als konservative Intellektuelle und
Politiker ein vermeintlich gemeinsames japanisches Erbe beschworen und dem
westlichen Einfluss entgegensetzten (vgl. auch den folgenden Abschnitt und Mae
in diesem Bd.). Sie formierte sich im Zuge einer zunehmenden eigenkulturel-
len Selbstbehauptung gegenüber dem ‚Westen‘ zu Ende des 19. Jahrhunderts (vgl.
Neuss-Kaneko 1990: 81 – 84).
23 Vgl. Nolte, Hastings 1991: 199; Mackie 1997: 40; Molony 2005.
34 Ilse Lenz
Das moderne Familienrecht von 1898 legte das neopatriarchale Haus nach dem
Modell der Oberschichten zugrunde und verallgemeinerte es damit auf rechtlicher
Ebene für alle sozialen Milieus.24 Wie in anderen politischen Debatten verscho-
ben sich damals die führenden Positionen von den liberalen individuellen Ansät-
zen in den 1880er Jahren zu der nationalen Gemeinschaftsideologie des Famili-
enstaats und des Hauses (Neuss-Kaneko 1990: 57 – 64). Das Familienrecht bildete
wie in westlichen Staaten einen Teil des BGB. Angesichts der westlichen Bedro-
hung und der Öffnung des Landes beschäftigte sich die Meiji-Regierung früh mit
dem Zivilrecht. Das liberale Eigentums- und Handelsrecht, das die Grundlagen
für die kapitalistische Industrialisierung und Finanzwirtschaft schuf, wurde mit
einem zunehmenden Geschlechter- und Familienkonservativismus kombiniert.
Es entbrannten lebhafte Debatten um die Stellung des Haushaltsvorstandes und
seine Rechte wie u. a. die Zustimmung der Eltern zur Eheschließung der Kinder,
die Scheidungsregeln, eheliche Keuschheit und Ehebruch und die Einführung der
Monogamie. Frauenverbände, u. a. der Japanische Christliche Frauenverein für Sit-
tenreform,25 und liberale Kreise, hatten sich für die Monogamie und Frauenrech-
te in der Ehe eingesetzt. Im Laufe der Beratungen des BGB wurde die Familie in
einen patrilinearen Haushalt unter einem männlichen Vorstand umgedeutet, von
dem die Ehefrau und die Kinder persönlich und finanziell abhängig wurden.
Das 1898 beschlossene BGB galt bis zur neuen Verfassung von 1946 mit ihren
Gleichheitsparagrafen. Das neopatriarchale Haus unter dem Haushaltsvorstand
wurde nun trotz der vielfältigen, davon abweichenden regionalen Familienfor-
men zur einheitlichen nationalen Rechtsnorm. Es handelte sich um eine moderne
26 Zu diesem Abschnitt vgl. u. a. Faison 2007; Himeoka 2014; Hunter 2003; Lenz 1984; Mathias
1997, 2014; Schaal 2022; Tsurumi 1990.
27 1895 betrug der Frauenanteil an der industriellen Lohnarbeiterschaft etwa 60 %, 1910 etwa
61 % und 1929 noch 50,5 % (Lenz 1984: 199). Darin drückte sich auch die große Bedeutung der
Frauen als vom Land abgewanderte Arbeitskräfte aus, die dann für die nationale Industria-
lisierung in Dienst gestellt wurden. In Europa zeigte sich demgegenüber eine gewisse Kon-
tinuität von dem überwiegend männlich besetzten Handwerk zu der eher männlichen In-
dustriearbeiterschaft.
36 Ilse Lenz
29 Diese Unfreiheit aufgrund von monetärer Verschuldung (bonded labour) war neben der
freien Lohnarbeit und der Sklaverei in der Moderne weitverbreitet und besteht in irregulä-
ren Tätigkeiten etwa in der Schattenökonomie weiter fort wie auch im Fall des internationa-
len Frauenhandels. Dort wird den gehandelten Frauen oft eine Summe für ihre Reise zum
Zielgebiet, für ihren anfänglichen Unterhalt usw. in Rechnung gestellt, die sie abarbeiten
müssen. Teils wird ihnen ihr Pass weggenommen und sie werden stark kontrolliert.
38 Ilse Lenz
mussten Kunden empfangen und konnten dieser Lage in der Regel nur entkom-
men, wenn sie freigekauft wurden (Davis 2019; Fujime 2015). Für die ersten Wellen
der Frauenbewegung verkörperte die öffentliche Prostitution deswegen die per-
sönliche Unfreiheit der Frau. Aktivistinnen kämpften seit dem späten 19. Jahrhun-
dert für ihre Abschaffung, die sie schließlich 1955 durchsetzten (vgl. Davis 2019;
Hastings 2014, sowie die Kritik bei Fujime 2015).
Am oberen Ende des Spektrums der Frauenlohnarbeit standen kleine Grup-
pen in qualifizierten und professionellen Berufen, wie die Lehrerinnen, die Kran-
kenschwestern und Hebammen, die Journalistinnen oder die Telefonistinnen. Sie
hatten meist die höhere Mittelschule besucht und eine Berufsausbildung erwor-
ben. Häufig waren sie bis zur Heirat oder dem ersten Kind erwerbstätig, während
sie sich danach entsprechend dem modernen Mutterleitbild auf die Erziehung der
Kinder und manchmal auf freiwilliges soziales Engagement konzentrieren sollten
(Mathias 1997, 2014). In dieser Gruppe der ‚Berufsfrauen‘ (shokugyō fujin) zeig-
ten sich Autonomiegewinne von Frauen durch Bildung, während sich zugleich
das neue Mutter- und Weiblichkeitsbild dort ausbreitete. Wie in Europa und den
USA kamen viele Aktivistinnen der ersten Wellen der Frauenbewegung aus ihren
Kreisen.
reichte zunächst die Ober- und Mittelschichten. Neben Zustimmung und Anpas-
sung begegneten viele LehrerInnen und SchülerInnen diesem Frauenbild aber mit
Skepsis und Ablehnung, wie nicht zuletzt die Schriften von frühen Feministin-
nen zeigen.
Die staatlichen Universitäten blieben den Frauen trotz einer Reihe von Re-
formplänen bis zur Nachkriegszeit ab 1945 verschlossen (vgl. Krämer 2006). Eine
Pionierrolle kam den privaten Frauenhochschulen zu (Hara 1995: 99). Die Regie-
rung hatte zwei Höhere Fachschulen für Frauen für die Lehrerinnenausbildung
und sechs Präfekturhochschulen gegründet. 1925 besuchten ca. 15 Prozent eines
Mädchenjahrgangs verschiedene Formen der Mittelschule, aber nur eine winzige
Minderheit von 0,3 Prozent studierte an der Hochschule (Hara 1995: 99; Krämer
2006: 75 – 6). Erst die Gleichheitsklausel in der Verfassung von 1946 und das um-
fassende Grundgesetz zur Erziehung von 1947 eröffneten Frauen ein volles Uni-
versitätsstudium. Doch erst heute nähern sich die Quoten der an der Universität
Studierenden unter Frauen und Männern allmählich an, während die geschlecht-
liche Segmentation nach Studienfach wie auch in Deutschland weiterhin mar-
kant ist.
Der Ausschluss der Frauen aus der Wissenschaft hatte wie in Europa weitrei-
chende Folgen. Denn zum einen wurden mit den japanischen Universitäten nun
Leitinstitutionen moderner Wissenssysteme geschaffen, in denen westliches, ja-
panisches und ostasiatisches Wissen zusammengeführt wurde. So blieb die wis-
senschaftliche Definitionsmacht über die moderne Welt und über die Geschlech-
terverhältnisse im neopatriarchalen Familienstaat grundsätzlich Männern aus der
Ober- und Mittelschicht30 vorbehalten. Auch unter Berufung auf die westliche
Biologie und Soziologie vertraten und verbreiteten die Sozial- und Sexualwissen-
schaften nun eindeutige zweigeschlechtliche und neopatriarchale moderne Wis-
sensformen, während das vorige vieldeutige Genderwissen obsolet erschien. Erst
hundert Jahre später verlor diese männlich zentrierte Definitionsmacht ihr Deu-
tungsmonopol mit der Herausbildung der kritischen Geschlechterforschung und
dem allmählichen Eintreten von Frauen in Forschung und Lehre ab den 1980er
Jahren; sie ist aber weiterhin hegemonial. Zum anderen waren Frauen lange aus
akademischen Berufen außerhalb des Lehrerberufs weitgehend ausgeschlossen –
und somit aus einem breiten Bereich von mittleren und Führungspositionen in
Wirtschaft und Gesellschaft.
In der rasch sich ausweitenden Massenpresse wandten sich allerdings ver-
schiedene Zirkel und Zeitschriften der ‚Frauenfrage‘ zu und traten für die Förde
30 Viele männliche Wissenschaftler und Intellektuelle interessierten sich für die „Frauenfra-
ge“ und setzten sich für Reformen ein, was aber den völligen Ausschluss der Sichtweisen von
Frauen in der Wissenschaft nicht kompensieren konnte.
40 Ilse Lenz
rung von Frauen ein (vgl. Kischka-Wellhäußer 2004). Während sie teils von der
Ideologie der klugen Ehefrau und weisen Mutter beeinflusst waren, diskutierten
sie u. a. über Probleme wie Frauenbildung, Frauenrechte oder Ehe- und Familien-
reform. Sie boten auch ein Forum für Schriftstellerinnen und Journalistinnen. So
entstand eine Öffentlichkeit für die Frauenfrage, die engagierte Frauen und Män-
nern nutzen konnten.
Die kulturelle Kreativität von Frauen war anerkannt und ermöglichte ihnen
eine öffentliche Stimme. Schriftstellerinnen und Dichterinnen wurden weit gele-
sen. Die Dichterin und Feministin Yosano Akiko (1878 – 1942) etwa fand große Re-
sonanz mit ihren Versen gegen den Russisch-Japanischen Krieg und ihren Bildern
weiblicher autonomer Erotik (vgl. Q 1.02, 1.03). Auch Schauspielerinnen, Theater-
regisseurinnen und Journalistinnen äußerten und behaupteten sich in der Öffent-
lichkeit. Dementsprechend kam Frauen mit guter Bildung und mit professionel-
len oder künstlerischen Berufen in den ersten Wellen der Frauenbewegung eine
große Bedeutung zu.
31 In dieser Einleitung kann nur eine zusammenfassende Einführung zur japanischen Frauen-
bewegung gegeben werden; vgl. zur Entwicklung bis 1945 u. a. die historischen Gesamtdar-
stellungen in Bullock u. a. 2018; Kano 2016; Mackie 2003; Sievers 1983; weiterhin die Quellen-
sammlungen Nihon fujin mondai shiryō shūsei 1976 – 1979; Shisō no umi e. Bd 20 – 23; Suzuki
1993 – 1998. Crozier-de Rosa und Mackie betrachten die historische Erinnerung zu Frauen-
bewegungen in Europa und Ostasien unter Einbezug von Japan und den USA (2019).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 41
sie ihre Diskurse, Bilder und Forderungen entfalten konnten. Zugleich eröffneten
sich den Frauen in der Moderne auch neue Chancen in Bildung und Kultur, die
sie für die Mobilisierung32 für ihre Anliegen nutzen konnten. In der Entwicklung
der Frauenbewegungen treten so die Widersprüche und Ambivalenzen der Mo-
derne zwischen Teilhabe und Ausschluss, zwischen individuellen Chancen und
Ungleichheiten nach Klasse, Geschlecht und Ethnizität wie in einem Brennglas
zutage.
Die ‚Frau‘ wurde nun im modernen Männerstaat als Kollektivgruppe definiert,
aber die aktiven Frauen kamen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. So wur-
den Frauen aus verschiedenen Klassen von den Samurai über die Kaufleute und
Bauern bis zur Arbeiterschaft aktiv. Weiterhin handelten sie im Zusammenhang
kolonialer, postkolonialer wie auch nationaler und lokaler Ungleichheiten. Des-
wegen sind nicht nur die Geschlechterungleichheit, sondern deren Wechselwir-
kungen mit der Klasse, der ‚Rasse‘ oder Ethnizität, der Religion und der interna-
tionalen Ungleichheit wesentlich. Weiterführend sind intersektionale Sichtweisen,
die das Zusammenwirken von Ungleichheiten wie Geschlecht, Sexualität, Klas-
se und Ethnizität wahrnehmen, aber auch offen für Widersprüche und subjektive
Ambivalenzen sind. An anderer Stelle habe ich vorgeschlagen, diese Widersprü-
che, Spannungen und Ambivalenzen im längerfristigen Prozess der Frauenbewe-
gungen zu betrachten. Diese Sichtweise bezeichne ich als prozessuale Intersektio-
nalität (Lenz 2019, 2019a).
In den japanischen Kolonien reagierten Frauen auf die Durchsetzung der ja-
panischen Kolonialherrschaft wie auch auf neue Möglichkeiten vor allem in der
Bildung mit einer breiten Beteiligung an der antikolonialen Bewegung und mit
neuen Selbst- und Lebensentwürfen. Die Figur der Nora aus Henrik Ibsens Thea-
terstück, die ihr Haus verlässt und die Tür hinter sich zuschlägt, wurde in China
und Korea wie auch in Japan aufgegriffen und löste neue Frauenbilder und Selbst-
entwürfe aus. In Korea beteiligten sich viele Frauen, darunter auch Studentin-
nen, an der antikolonialen Bewegung des Ersten März 1919. In der Folge bildeten
32 Die soziale Bewegungsforschung versteht unter Mobilisierung, dass Gruppen oder einzelne
Personen sich dafür einsetzen, Menschen zu einem bestimmten Thema anzusprechen und
zu motivieren, dafür aktiv zu werden. Wesentliche Aspekte der Mobilisierung sind die The-
menwahl und die damit verbundene Problembestimmung (also das framing wie etwa der
Ausschluss von Frauen aus der Politik als Ausdruck neopatriarchaler Strukturen), die Bil-
dung von Organisationen, die kontinuierlich aktiv bleiben und Ressourcen wie Geld und
Zeit dafür beschaffen, und kollektive Aktivitäten wie Demonstrationen oder Veranstaltun-
gen, die das Thema in die Öffentlichkeit einbringen und dort Aufmerksamkeit und Unter-
stützung dafür erzeugen. Ich spreche hier von Mobilisierung oder mobilisieren, um darauf
hinzuweisen, dass die Frauenbewegung sich nicht auf Diskurse beschränkt, sondern kollek-
tives Handeln und Praktiken voraussetzt.
42 Ilse Lenz
33 Christliche Kreise waren in Japan eher distanziert zur Kaiserherrschaft, da sie die Verehrung
des Kaisers als Gottheit ablehnten. In Korea standen christliche Gruppen für soziale und Re-
formanliegen und viele Christen schlossen sich der antikolonialen Bewegung gegen den ja-
panischen Kolonialismus an, während sie in den westlichen Kolonien oft den Kolonialismus
unterstützen.
34 Da der Begriff der interkulturellen Komposition das aktive Element der Aneignung und
Neuschaffung betont, ziehe ich den Begriff anderen Zugängen vor wie etwa der travelling
theories, die frei international zu reisen scheinen, oder der translation, die semantisch den
Prozess des Übersetzens, nicht aber der Weiterführung heraushebt. Diese Quellensammlung
bietet wichtige Beispiele dafür; vgl. etwa die Debatte um Mutterschutz ab 1916, in der sich
die Sprecherinnen auf europäische Entwicklungen beziehen und sie für Japan ablehnen oder
aufnehmen und weiterführen (Q 1.08, Q 1.09).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 43
35 Vgl. u. a. Offen 2000; Nancy Hewitt hinterfragt das Bild der Wellen kritisch; vgl. Hewitt 2010.
36 Vgl. Mae in diesem Bd.; Mackie 2003; Shigematsu 2012.
37 Unter Entwicklungslinien verstehe ich langfristige geschlechter- und gesellschaftspolitische
Orientierungen, die entsprechend sich wandelnder Kontexte modifiziert werden. Dabei leh-
44 Ilse Lenz
wohl ein Gesamtbild wie auch die Positionierungen der einzelnen Richtungen der
Frauenbewegungen darin (vgl. Abbildung 1). Diese Karte dient also auch dazu,
ihre wechselseitigen Bezüge, besonders ihre Kooperationen und Konflikte, sicht-
bar zu machen.
Allerdings kann dies auf eine abgehobene Sicht von oben hinauslaufen. Eben-
so besteht die Gefahr des Eurozentrismus, indem die in Europa und den USA ge-
wonnenen Typisierungen und Einteilungsmuster der einzelnen Richtungen auf
Japan übertragen werden wie etwa ‚bürgerliche‘ oder ‚proletarische‘ Frauenbewe-
gung. Ich will beiden Problemen entgegenwirken, indem ich von den Bedeutungs-
stiftungen und Selbstverortungen der engagierten Frauen ausgehe, wie sie in ihren
Frauen-, Geschlechter- und Gesellschaftsbildern zu finden sind.38 Deshalb wer-
den auf dieser Karte leitende Begriffe und Symbole der verschiedenen Richtun-
gen in Japan und ihre impliziten Bedeutungen, also ihre Semantiken, aufgenom-
men und herausgearbeitet. Dabei folge ich drei Leitfragen nach, die hier umrissen
werden.
Die erste lautet: Was versteht die jeweilige Richtung unter ‚Frauen‘ und ‚Ge-
schlecht‘ ? Sprechen sie von der ‚Frauenfrage‘ und dem ‚Frausein‘, was lange vor-
herrschend war ? Oder nehmen sie das Geschlecht als grundlegende Kategorie
wahr und wenn ja, dann wie ? Betonen sie die Geschlechterdifferenz oder steht die
Gleichheit im Zentrum ? Weiterhin wurde Geschlecht lange im Sinne einer Zwei-
geschlechtlichkeit zwischen Mann und Frau begriffen. Aber Gender kann auch als
flexibles Konstrukt verstanden werden, das Vielfalt und Wandel zulässt. In diesem
Sinne treten seit den 1990er Jahren auch in Japan queere Ansätze auf, die sich für
geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzen.
In Japan wie in anderen Ländern wird die Geschlechterdifferenz oft mit dem
Mutterdenken oder Maternalismus verbunden: Maternalismus kennzeichnet eine
ne ich mich an Ute Gerhards Ansatz der langen Wellen der Frauenbewegung (Gerhard 1995)
und den Begriff der Traditionslinie der Forschungsgruppe um Michael Vester an (Vester u. a.
2001).
38 Ich setze also an dem Verständnis der Bewegungen in Japan an, ohne die westliche Eintei-
lung von liberalem, sozialistischem und radikalem Feminismus zu übertragen, die für Ja-
pan nicht zutrifft. Während der sozialistische Feminismus wie auch der Sozialismus in Japan
eine lange anerkannte Tradition hat, ist der Liberalismus wenig ausgeprägt und das westliche
Konzept des liberalen Feminismus im Sinne einer freiheitlichen, marktnahen und gleich-
heitlichen Orientierung eignet sich nicht, um die nationalpartizipative Richtung (s. u.) in Ja-
pan zu bezeichnen (vgl. auch Molony 2005). Der radikale Feminismus in den USA und Eng-
land definiert sich u. a. durch Abgrenzung zur Herrschaft der Männer und Hervorhebung
der geschlechtlichen Gewalt, während vergleichbare subjektorientierte Strömungen in Ja-
pan eher einen neuen Eros betonten und das Verhältnis zu Männern revolutionieren woll-
ten. Mein folgender Vorschlag kann sich auf eine umfassende Auseinandersetzung mit den
Quellen der verschiedenen Flügel stützen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan
Geschlecht Öffentliche Gleichheit Maternalismus – Differenz Individuelle Autonomie
Gesellschaft
Regionaler Fokus National Balance national/ National Balance national/ National Balance national/
international international international
45
46 Ilse Lenz
Denkrichtung, nach der ‚die Frau‘ vor allem als Mutter gesehen und ihre gesell-
schaftliche Beteiligung mit ihrer sozialen oder auch geistigen Mütterlichkeit be-
gründet wird. In Europa, den USA wie auch in Japan formierte sie sich im Zusam-
menhang mit den Debatten um Mutterschaft und Mutterschutz. Im Kern ging es
darum, wie und warum der sich herausbildende nationale Sozialstaat die Beiträge
der Frauen, insbesondere der Mütter, zur gesellschaftlichen Wohlfahrt aufnehmen
und unterstützen sollte (vgl. Q 1.09; Kōuchi 1988; Offen 2000). Aber der Mater-
nalismus wird auch innerhalb der Richtungen, die von der Geschlechterdifferenz
ausgehen, unterschiedlich verstanden: Gemäßigte Aktivistinnen traten dafür ein,
die moderne Mutternorm zu übernehmen und sie dabei auf- und umzuwerten.
Vordenkerinnen der individuellen Autonomie und Subjektivität gingen ebenfalls
von der Mutterschaft und Differenz aus, forderten aber auf dieser Grundlage per-
sönliche Freiheit und Selbstbestimmung, während sie die Bilder der abhängigen
modernen Weiblichkeit und Mutterschaft grundlegend kritisierten. Dieser radi-
kale Maternalismus äußerte sich sowohl in den ersten Aufbrüchen ab 1912 wie
auch in der Neuen Frauenbewegung nach 1970.
Ein weiteres Verständnis von Geschlecht verbindet es vor allem mit Freiheit
und Gleichheit. Auch in Japan wurde Gleichheit teils als Antidiskriminierung und
gleiche Teilhabe mit Männern verstanden und die Frage der geschlechtlichen Sub-
jektivitäten und Körperlichkeit ausgeblendet. Der Ansatz der Gleichheit und Dif-
ferenz erkennt demgegenüber die geschlechtlichen Unterschiede an: Aber er be-
tont, dass sie gesellschaftlich gestaltet, also konstruiert werden, und verbindet sie
mit Forderungen nach Autonomie und Gleichheit in Gesellschaft, Politik und per-
sönlichen Beziehungen. Schließlich beziehen manche Ansätze neben der Frauen-
frage oder dem Geschlecht auch die Klasse oder die Ethnizität mit ein und vertre-
ten das, was heute intersektionale Sicht genannt wird.
Die zweite Leitfrage richtet sich auf die Selbstverortung der jeweiligen Gruppen
zum gesellschaftlichen und politischen System. So kooperierte der Mainstream der
Bewegung für das Frauenwahlrecht in Japan mit dem herrschenden autoritären
System, das er zugleich hinterfragte. Viele Aktivistinnen sahen darin einen Män-
nerstaat, der durch die Beteiligung der Frauen zu reformieren wäre.
Demgegenüber kritisierten die sozialistische und anarchistische Frauenbewe-
gung dies System radikal und wollten es grundlegend umgestalten: Sie bezogen
sich auf eine Strukturperspektive, nach der die Geschlechterungleichheit durch
das Zusammenwirken von Kapitalismus und Patriarchat erklärt wurde. Zudem
nahmen Frauen aus der radikalen Linken wie die Sozialistin Yamakawa Kikue
(1890 – 1980) auch den Ansatz des Imperialismus mit seiner Kritik an dem Kolo-
nialismus und der weltweiten Ungleichheit auf. Die Systemfrage – Kooperation
oder Kritik – stellte sich wiederholt und wurde von den verschiedenen Flügeln
unterschiedlich aufgenommen (s. u.).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 47
Die dritte Leitfrage bezieht sich auf die Selbstverortung zur Nation und zur In-
ternationalität (vgl. Molony 2010; Molony u. a. 2016). Allerdings ordnen sich die
Frauengruppen meist nicht nach einem einfachen dualistischen Muster allein ih-
rer Nation oder der Internationalität zu. Vielmehr verbinden die Strömungen in
ihren Handlungsstrategien oft die regionale, nationale und internationale Ebene.
So hat sich die japanische Frauenbewegung erstmals im Rahmen der nationalen
Bewegung für Freiheit und Volksrechte vor Ort geäußert (s. u.) und dabei auch in-
ternationale Impulse aufgenommen. Die Kernfrage lautet deshalb, welche Schwer-
punkte die Aktivistinnen in diesem Wechselspiel herausbilden und welche inter-
nationalen Elemente sie mit welchen japanischen Ansätzen verbinden. Beziehen
sie sich etwa zugleich auf die politische Aktivität von Frauen in China und im
Westen wie Kishida Toshiko, die in den 1880er Jahren Gleichheit und politische
Partizipation forderte ? Oder orientieren sie sich allein auf den Westen, und wenn
ja, auf welche Kontexte ? So bezog sich die nationalpartizipative Wahlrechtsbewe-
gung stark auf die USA. Die subjektorientierte Richtung hinterfragte die Bedeu-
tung der Mutterschaft, während sie an den deutschen Bund für Mutterschutz39 an-
knüpfte (Q 1.08, 1.09).
Wenn man diese drei Leitfragen zusammenführt, lassen sich die Richtungen der
Frauenbewegung in einer Übersicht verorten: Ihre Position bestimmt sich danach,
welche Vorstellungen von Frau und Geschlecht, welche Position zum System und
zur Nation oder zur Internationalisierung sie jeweils entwickelt haben. Daraus er-
geben sich drei große Entwicklungslinien, die bis zu dem Neuaufbruch um 1970
fortwirken. Sie bilden sich um langfristige Anliegen, die im Zusammenhang der
ersten Ausschlüsse der Frauen in der Moderne formuliert werden und dann im-
mer wieder neu und in anderen Formen eingebracht werden.
Die früheste und durchgehende erste Entwicklungslinie ist die der politischen
Partizipation, aus der sich zunächst die erste nationalpartizipative Richtung her-
auskristallisierte. Bereits ab Ende der 1870er Jahre forderten SprecherInnen in der
Bewegung für Freiheit und Volksrechte das Frauenwahlrecht zunächst auf lokaler
und dann auf nationaler Ebene. Sie verlangten die Beteiligung der Frauen an der
39 Der Bund für Mutterschutz und Sexualreform wurde zunächst um 1904 in Leipzig und dann
1905 nochmals in Berlin von Kreisen aus dem radikalen Flügel der Frauenbewegung, der Le-
bens- und der Sexualreform und der sozialen Eugenik mit dem Ziel gegründet, die Stellung
der Frau als Mutter – insbesondere der ledigen Mutter – in rechtlicher, wirtschaftlicher und
sozialer Hinsicht zu verbessern.
48 Ilse Lenz
40 Diese Bezeichnung entspricht dem japanischen Kontext eher als der Terminus der bürger-
lichen Frauenbewegung, der in der Literatur für diese Gruppen in Japan, in Europa und den
USA verbreitet ist. Ferner wird mit ‚bürgerlich‘ eine gleichartige Entwicklung des Bürger-
tums in Japan vorausgesetzt, was historisch nicht zutrifft. Zudem diente ‚bürgerliche Frauen
bewegung‘ oft als Kampfbegriff zur Abgrenzung gegen die normativ höher bewertete prole-
tarische Frauenbewegung.
41 Die Darstellung orientiert sich an den grundlegenden Dimensionen sozialer Bewegungen,
nämlich ihren Diskursen, ihren Organisationen und Netzwerken und den Gelegenheits-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 49
strukturen im politischen System und in den gesellschaftlichen Chancen und Barrieren (vgl.
auch Lenz 2010: 22 ff.): In der diskursiven Dimension betrachte ich die Geschlechterbilder,
die Gleichheits- und Gesellschaftsvorstellungen der jeweiligen Strömung. Ferner wird deren
Bezugnahme auf internationale und binnenkulturelle Ansätze, also die interkulturelle Kom-
position, betrachtet. Weiterhin werden die Dimensionen der Organisation und Mitglied-
schaft beleuchtet.
42 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Anderson 2010; Mackie 1997, 2003; Molony 2005; Patessio
2011; Sievers 1983.
50 Ilse Lenz
43 Vgl. Anderson 2010: 28 – 55. In den USA forderten die Frauenrechtlerinnen gleich nach ih-
rem Aufbruch um 1848 das Wahlrecht, in England ab Ende des 19. Jahrhunderts. In Deutsch-
land wurde demgegenüber die Forderung nach dem Frauenwahlrecht zunächst von der So-
zialdemokratie und später von dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung
eingebracht. Der gemäßigte Mehrheitsflügel betonte die Bildungs- und Kulturaufgaben der
Frau im „Männerstaat“ und begründete dies mit ihrer „geistigen Mütterlichkeit“, vgl. u. a.
Offen 2000.
44 Kishida Toshiko (1863 – 1901) kam aus einer Kaufmannsfamilie in Kyōto. Sie hatte als Hofda-
me gedient, dann aber den Hof verlassen. Sie hielt 1882 – 1884 öffentliche Reden für die po-
litische Beteiligung von Frauen und kritisierte den politischen Ausschluss der Frauen und
das Familiensystem. Die Kritik an den „Töchtern in der Kiste“ ist sprichwörtlich geworden
für einschränkende und überbehütende Weiblichkeitserziehung. vgl. Q 1.01; Kishida 1883;
Sugano 2010.
45 Der verbreitete Dualismus zwischen Japan und „dem Westen“ geht an diesen komplexen
Fragen von interkultureller Komposition und Selbstverortung zwischen den Kulturen vorbei.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 51
sich nicht auf den Haushalt beschränken lassen, sondern ihre Begabung für die
nationale Entwicklung nutzen wollten. In diesem Sinne wurde die Bewegung für
Freiheit und Volksrechte in Südwestjapan und den Großstädten zu einem Saat-
beet für junge politisch und sozial engagierte Frauen. Die Schriftstellerin Shimizu
Shikin (1868 – 1933) zum Beispiel kritisierte die Unterordnung von Frauen in ar-
rangierten Ehen und verlangte, Frauen mit Bildung in ihren neuen Ansätzen in
Familie und Gesellschaft anzuerkennen. Sie wagte es, die Ausgrenzung der diskri-
minierten buraku,46 die ein tiefsitzendes Tabu darstellte, aus der Perspektive einer
betroffenen Frau zu thematisieren (Shimizu 2006). Damit gab sie ein frühes Bei-
spiel für das, was heute als intersektionale Sicht bezeichnet wird. Führende männ-
liche Liberale unterstützten diese Gleichheitsforderungen.
In der Folge bildeten sich karitative und sozialreformerische Frauenverbände
heraus, die sich für Gleichheit in der Familie und Aufwertung der Mutterschaft
einsetzten. Die christliche Frauenbewegung für Sittenreform forderte Gleichheit
in der Ehe und die Abschaffung der öffentlichen Prostitution.
Während die nationalpartizipative Richtung zu Beginn Gleichheit und Volks-
rechte verlangt und sich gegen den autoritären Familienstaat gewandt hatte, for-
mierten sich ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts große nationalistische Frauen-
verbände, die sich affirmativ in die Nation unter dem Kaiser einfügten. Allerdings
stellten sie eher eine Reaktion auf die Frauenbewegung dar – und nicht einen
Teil von ihr –, denn in ihnen wollten Elitekreise und Regierungsstellen Frauen für
nationalistische und militaristische Anliegen ansprechen und organisieren. Der
Patriotische Frauenverband (Aikoku fujinkai) (1901 – 1942) etwa mobilisierte vor
allem Frauen aus der Mittel- und Oberschicht für die ‚Heimatfront‘ im Russisch-
Japanischen Krieg 1904 – 1905. Ein späteres Beispiel ist der Großjapanische Frauen
verband zur Landesverteidigung (Dai Nihon kokubō fujinkai) von 1932, in dem
Mittelschichtfrauen mit Unterstützung des Armee- und des Marineministeriums
Millionen von Frauen für den Krieg aktivierten. 1942 wurde er in den Großjapa-
nischen Frauenverband (Dai Nihon fujinkai), den von der Kriegsregierung gleich-
geschalteten Massenverband für Frauen, überführt.
46 Buraku sind meist Nachfahren einer Kaste ethnischer Japaner, die in der Edo-Zeit (1603 –
1868) aufgrund ihrer Tätigkeiten wie des Tötens von Tieren oder Bestattungen ausgeschlos-
sen wurde, da diese das buddhistische Tabu, Tiere zu töten und die rituelle Meidung von Blut
und Tod nicht beachten konnten. Die Diskriminierung in Beruf und Heiratsmöglichkeiten
dauert bis heute an, ist allerdings etwas zurückgegangen; vgl. Amos 2011; Teraki, Kurokawa
2019.
52 Ilse Lenz
Frauen stellten bis 1920 den größten Teil der industriellen Lohnarbeit und sie wa-
ren Pioniere der ArbeiterInnenbewegung: Arbeiterinnen der Seidenfabrik von
Amemiya in Mitteljapan führten im Juni 1886 den ersten industriellen Streik in
Japan für Lohnerhöhungen und kürzere Arbeitszeiten durch. Die sozialistische
Bewegung jedoch ging um 1900 eher von männlichen Intellektuellen und Ge-
werkschaftlern aus. Sie war stark von demokratisch-liberalem Denken, dem Chris-
tentum, sowie dem internationalen Sozialismus und Anarchismus beeinflusst und
bot einen Raum für Gleichheitsansätze. In diesem Kontext formierte sich die so-
zialistische Frauenbewegung.47 Sie verband politisches und soziales Gleichheits-
denken mit der Vorstellung einer grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltung.
So forderte sie ein allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer anstelle der ho-
hen exklusiven Bestimmungen nach dem Zensuswahlrecht und öffentliche Um-
verteilung. Die sozialistische Frauenbewegung stand für Gleichheit, für Interna-
tionalismus und für einen graduellen Reformismus. Fukuda Hideko (1865 – 1927)
war schon in der Bewegung für Freiheit und Volksrechte aktiv und arbeitete in
sozialistischen und Friedensgruppen mit. Sie gab die
erste sozialistische Frauenzeitschrift heraus, nämlich
„Frauen der Welt“ (Sekai Fujin, 1907 – 1909), deren Ti-
tel programmatisch war. Das Blatt forderte politische
und individuelle Rechte für Frauen, um den Weg zu
einer freien und gleichen Gesellschaft in Japan zu
bahnen, während die nationalpartizipative Richtung
die Bedeutung von Frauenrechten für die japanische
Nation betonte. Zugleich informierte die Zeitschrift
über die Lage der Frauen und der Frauenbewegun-
gen in Europa und den USA wie auch in Ostasien.
Fukuda Hideko (1865 – 1927) Die FrühsozialistInnen führten 1904 – 1909 die
erste Kampagne zur Abschaffung des Verbots der po-
litischen Beteiligung von Frauen im Artikel 5 des Polizeigesetzes von 1900 durch
(vgl. Mackie 2003: 32 – 4; Molony 2009). Das Unterhaus, das aus Zensuswahlen
hervorging und zunehmend mit Parteipolitikern besetzt war, stimmte der Strei-
chung des Verbots bereits 1907 zu, aber das Oberhaus, in dem der Adel reprä-
sentiert war, lehnte diese Reform ab. Die folgenden Frauenbewegungen kämpf-
ten weiter für gleiche politische Beteiligung, aber sie scheiterten bis 1945 an dem
Bollwerk des Oberhauses, in dem die neopatriarchale hochkonservative Elite vor-
herrschte.
47 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Faison 2007, 2018; Mackie 1997, 2003; Sievers 1983.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 53
Junge gebildete Frauen leiteten mit ihren Wünschen nach individueller Auto-
nomie und Subjektivität und ihrer grundlegenden Kulturkritik um 1911 einen
neuen Aufbruch ein. Sie sammelten sich um die Zeitschrift Seitō.48 Diese jungen
Schriftstellerinnen und Intellektuellen entfalteten eine Reihe von Debatten, in de-
nen das moderne Ich, der Körper, Mutterschaft und die Sexualität von Frauen neu
und vielfältig entworfen und bestimmt wurden. Sie experimentierten auch im All-
tag mit freien Lebens- und Liebesformen. So kritisierten und durchbrachen sie
die modernen nationalen Weiblichkeitsnormen (vgl. u. a. Q 1.04 – 1.07, 1.10, sowie
Mae in diesem Bd.).
Die folgende Debatte um Mutterschutz ab 1918 war von der Spannung zwi-
schen individueller Subjektivität und der gesellschaftlichen Anerkennung und
dem Schutz der Mutterschaft gekennzeichnet.49 Die Dichterin Yosano Akiko
(1878 – 1942) sprach sich für individuelle Gleichheit von Mann und Frau auf
der Grundlage persönlicher Unabhängigkeit aus und wandte sich gegen staatli-
chen Mutterschutz. Ihrer Ansicht nach sollten Frauen genug für sich und ihre
Kinder verdienen und jede Form wirtschaftlicher Abhängigkeit – ob vom Ehe-
mann oder vom Staat – ablehnen (vgl. Q 1.08). Ihre Position der individuellen
Autonomie stützte sich auf die wirtschaftliche Bedeutung der Frauen in Hauswirt-
schaft und Arbeitsmarkt, die in der nationalen Modernisierung zunächst erhalten
blieb. Demgegenüber forderte die Schriftstellerin und Mitbegründerin der Seitō
Hiratsuka Raichō (1886 – 1971) einen staatlichen Mutterschutz, was sie mit ihren
individuellen Erfahrungen und der gesellschaftlichen Bedeutung der Mutterarbeit
begründete (vgl. Q 1.09; Hiratsuka 2006). Sie war u. a. von dem Maternalismus der
schwedischen Feministin Ellen Key (1849 – 1926) beeinflusst, die die Mütterlich-
keit der Frau und die Geschlechterdifferenz betont hatte. Hiratsuka brachte also
einen individuellen Maternalismus ein, der zusammen mit ihrer Eherechtskritik
eben das Muttersein – in heutiger Sprache die Versorgungs- oder Reproduktions-
arbeit – zur Grundlage individueller Autonomie erhob. Dies Differenzdenken, das
auf der individuellen Autonomie der Mutter beruhte, wirkte lange nach und wur-
de in der Lib-Bewegung ab 1970 wieder aufgenommen und weitergeführt.
Die christliche Autorin Yamada Waka (1879 – 1957) vertrat demgegenüber
einen kollektiven Maternalismus, der die Bedeutung der Mutter in der Familie für
48 Wörtlich übersetzt: Blaustrumpf (1911 – 1916); vgl. Q 1.03, 1.04; 1.05; 1.07. Übersetzungen
wichtiger Texte aus der Seitō und biographische Portraits der Autorinnen finden sich bei
Bardsley 2007; vgl. weiterhin zu diesem Abschnitt Mae in diesem Bd.; Hiratsuka 2006; Kano
2016; Neuss 1971; Tomida 2004.
49 Vgl. Mae in diesem Bd.; Kano 2016: 104 – 116; Kōuchi 1988.
54 Ilse Lenz
die Nation betonte. Deswegen forderte sie zugleich einen Familienlohn für Män-
ner, mit dem diese ihrer Ernährerrolle nachkommen könnten (vgl. auch Mackie
2003: 56). Die sozialistische Denkerin Yamakawa Kikue (vgl. S. 66) ordnete beide
Ansätze der bürgerlichen Frauenbewegung im Westen zu: Yosano vertrat in ihren
Augen den liberalen Standpunkt individueller Gleichheit, während sie Hiratsu-
ka eine Differenzposition aus der Mutterrechtsbewegung zuschrieb. Als Sozialis-
tin forderte sie im Gegensatz dazu eine strukturell verankerte Gleichheit von Frau
und Mann, die nur durch Erwerbstätigkeit der Frau und eine Gesellschaftsver-
änderung zu erreichen wäre.
Bereits in der Mutterschutzdebatte artikulierten sich also der maternalistische
Differenzfeminismus, der subjektiv-autonome wie auch der sozialistische Gleich-
heitsfeminismus mit ihren unterschiedlichen Positionen. Während sie insgesamt
auf die Frage der individuellen Autonomie der Frau/Mutter antworteten, arbei-
teten sie unterschiedliche Ansätze zu Mutterschaft, Nation und Wohlfahrtsstaat
heraus. In der Folge verbreiteten sich die subjektiven Autonomievorstellungen aus
dem Seitō-Kreis weithin, wobei sie auch auf heftige Kritik stießen (vgl. u. a. Wöhr
1997). Während diese Ideen weite Resonanz unter Intellektuellen und in städti-
schen Milieus fanden, so wandten sich Hiratsuka und andere Seitō-Frauen nun
eher sozialen Fragen zu, so dass die Entwicklungslinie der subjektiven Autonomie
zurücktrat und erst in der Women’s Lib in den 1970er Jahren wieder voll aufbrach.
Diese Strömungen konkretisierten ihre unterschiedlichen Ansätze und grenz-
ten sich klar voneinander ab, während sie punktuell zusammenarbeiteten. Schließ-
lich brachte der Einsatz der nationalpartizipativen Bewegung für das Frauen-
wahlrecht und Demokratisierung nach 1918 erstmals eine Massenbewegung von
Frauen hervor. Auf Grund dieser Entwicklungen lässt sich nun von einer neuen
Phase der Frauenbewegungen sprechen.
50 Vgl. zu diesem Abschnitt Gordon 2003; Jansen 2000: 495 – 575; Mackie 1997, 2003; Molony
2004, 2009: 169; Molony u. a. 2016; Zöllner 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 55
ger-Premiers‘ Hara Takashi 1918, die erstmals von einer politischen Partei getra-
gen wurde, und die kontinuierliche Ausweitung des Wahlrechts. 1925 wurde das
allgemeine Männerwahlrecht eingeführt. Es wurde japanischen Männern wie
auch in Japan lebenden Koreanern und Taiwanesen, also kolonisierten Männern
in Japan, gewährt. Doch Frauen und Sozialhilfeempfänger blieben weiterhin aus-
geschlossen (Mackie 2003: 60).
Parallel dazu bildeten sich politische Massenorganisationen heraus, mit denen
bisher ausgegrenzte Gruppen eine politische Stimme gewannen. Linke Parteien
formierten sich entlang eines Spektrums von nationalen sozialen Demokraten bis
zu den international orientierten Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Die
diskriminierten buraku gründeten 1923 einen nationalen Verband für Gleichheit,
der 1926 eine aktive Frauenabteilung einrichtete.51 Zur gleichen Zeit schlossen
sich Frauenverbände für lokale soziale Dienste, sowie für das Frauenstimmrecht
zusammen und weiteten sich aus (s. u.).
Die Industrialisierung schritt weiter voran, die Schwerindustrie gewann an
Gewicht und die großen horizontal verkoppelten Mischkonzerne (zaibatsu) ex-
pandierten weiter. Die männliche industrielle Beschäftigung nahm rasch zu. In
Bergbau und Industrie waren bis dahin paternalistische Arbeitssysteme verbrei-
tet, bei denen ein Patron die ArbeiterInnen anstellte und entlohnte, oft auch un-
terbrachte. Als paternalistischer Mittelsmann war er mit zuständig bei Fragen
von Lohn, Versorgung und Disziplinierung dieser Arbeitskräfte. Nun gingen die
Großbetriebe zu direktem Personalmanagement über und führten erste Ansät-
ze zur Lebenszeitbeschäftigung und betrieblichen Qualifizierung für männliche
Angestellte ein (Gordon 1985, 1991). Das neopatriarchale Personalmanagement
für die Arbeiterinnen in der Textilindustrie wurde demgegenüber in seinen Eck-
pfeilern wie dem Wohnheimsystem und dem Lohnvorschuss an den Haushalts-
vorstand aufrechterhalten, wenn auch einige Gewerkschaften in großen Streiks
für bessere Löhne und individuelle Freiheit und Menschenrechte kämpften (vgl.
Faison 2007: 81 – 106; Molony 1991; Lenz 1984).
Zugleich nahmen die neuen Frauenberufe im Dienstleistungssektor zu: Leh-
rerinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Telefonistinnen oder Dolmetscherin-
nen bildeten die Kerngruppen der berufstätigen Frauen. Sie zeichneten sich durch
eine Fachausbildung in Schulen sowie durch hohe Berufsorientierung und Eigen-
ständigkeit aus. Zwar wurde die berufstätige Frau zunehmend in das neopatriar-
chale Familienleitbild integriert, indem sie als spätere Hausfrau und Mutter dar-
gestellt wurde (vgl. Mathias 1997, 2014). Dennoch eröffnete sich dieser Gruppe die
Chance einer unabhängigen Existenz und der sozialen Anerkennung aufgrund
51 Suiheisha (Levelers Association of Japan), in Anlehnung an die Levelers aus der englischen
Revolutionsbewegung um die Mitte des 17. Jahrhunderts; vgl. Amos 2011; Neary 2010.
56 Ilse Lenz
ihrer fachlichen Kompetenz. Eine Zeitgenossin nennt sie die ‚New Miss‘, die – im
Gegensatz zur abwertenden Bezeichnung als ‚Old Miss‘ oder ‚spätes Mädchen‘ –
ihr Leben selbstbewusst und unabhängig in die Hand nehmen wollten. Sie wa-
ren eine wesentliche Trägergruppe der nationalpartizipativen Richtung (Hastings
2014a).
Die erste legale Gewerkschaft52 wurde 1912 von liberalen und christlichen
Kreisen gegründet und sie richtete 1919 ein Frauenreferat ein. In der Großindus-
trie weitete sich die gewerkschaftliche Organisierung aus, wenn sie auch durch
einen niedrigen Organisationsgrad, die innere Zerstrittenheit zwischen verschie-
denen linken Flügeln und die Kontrolle durch Staat und Unternehmen gehemmt
wurde. Verschiedene linke Parteien konnten sich ebenfalls legal organisieren,
während die 1922 in Japan gegründete KPJ verboten wurde und im Untergrund
aktiv blieb. Das linke Spektrum reichte von der gemäßigten sozialdemokratischen
Strömung über den sozialistisch-leninistischen Flügel, der linkssozialistische und
demokratische Ansätze vertrat, bis zu der KP-nahen Gruppierung, die der Kom-
internlinie, also den leninistischen, später den stalinistischen Anweisungen aus
der Sowjetunion folgte. Alle Flügel bildeten eigene Frauenverbände heraus, so
dass die interne Spaltung der Linken auf die sozialistische Frauen- und Arbeite-
rinnenbewegung durchschlug. Der linke Patriarchalismus äußerte sich in Kon-
trolle und Skepsis gegenüber der Frauenorganisation. In den Worten der feminis-
tischen Anarchistin Takamure Itsue waren „die Kommunisten zuhause für die
Kaiserherrschaft“. Dennoch verbreiteten die linken Gruppen das Gleichheits- und
Emanzipationsdenken in der Arbeiterschaft und der Mittelschicht (Mackie 1997).
Gleichzeitig zeigten sich gesellschaftliche Öffnungstendenzen in der Bildung.
Die Regierung weitete die Oberschul- und Hochschulbildung für Männer aus.
Mehr Mädchen besuchten die Oberschule. Während sie vor allem aus der Ober-
und der damals noch dünnen Mittelschicht kamen, konnten sich auch einige
Mädchen vom Land oder aus Handwerker- und Kaufmannsfamilien den Weg in
die Oberschule bahnen. Die ersten Lehrerinnen und Akademikerinnen nahmen
qualifizierte Berufe ein und übten begrenzten öffentlichen Einfluss aus.
Zeitungen und Zeitschriften hatten sich zu Massenmedien entwickelt, die das
ganze Land erreichten und auch Nachrichten über soziale Bewegungen und die
Frauenbewegung weitergaben. Populäre Frauenzeitschriften diskutierten über
die moderne Frauenfrage, indem sie Frauen aus der Frauenbewegung zu Beiträ-
gen und Foren einluden. Auch der Film und das staatliche Radio erreichten rasch
ein Massenpublikum.
52 1912 wurde die Friendly Society (Yūaikai) von sozialreformerischen Intellektuellen und Ar-
beitern nach dem Vorbild der Fabian Society gegründet und 1921 nach dem Erstarken der
Gewerkschaftsbewegung in Japanischer Arbeiterbund (Nihon rōdō sōdōmei) umbenannt.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 57
In der Mittelschicht entwickelte sich ab etwa 1910 das Leitbild der Ernährer-/
Hausfrauenfamilie. Danach sollte sich die Frau auf die Erziehung der Kinder und
die unbezahlte Hausarbeit konzentrieren, während der Mann das Einkommen für
den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Dies Leitbild wirkte als Gegenbild zur
neopatriarchalen Hauswirtschaft unter dem Haushaltsvorstand, die zudem durch
den Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter gekennzeichnet
war. Denn es baute auf dem Elternpaar in der Kernfamilie und einer grundlegen-
den geschlechtspolaren Arbeitsteilung innerhalb dieses Paares auf. Damit ver-
band sich eine Aufwertung der Mutter- und Konsumentinnenrolle der Hausfrau,
die auch durch Strömungen der Frauenbewegungen vertreten wurde. Ferner ver-
sprach dies Bild den Frauen eine Entlastung von der harten Arbeit in der Land-
wirtschaft. All dies ließ dies Modell auch für Frauen als modern und annehmbar
erscheinen.
Auch die Ernährer-/Hausfrauenfamilie blieb auf die sozialökonomische Leis-
tung der Hausfrau und Mutter für die Nation ausgerichtet, deren ökonomische
und soziale Verantwortung als Hauswirtschafterin weiterhin betont wurde. Eine
Ehe wurde damals nicht vorrangig nach dem Liebesideal geschlossen und sie hat-
te keinen Vorrang gegenüber der Beziehung zu den Eltern. Sie begründete sich
auf einer geschlechtspolaren ungleichen Arbeitsteilung, die weithin wie ein infor-
meller Vertrag verstanden wurde: Danach versorgte der Lohnarbeiter die Fami-
lie und die Hausfrau leistete unbezahlte Versorgungsarbeit für ihn, für die Kinder
und auch für seine alten Eltern.
Häufig wurden Ehen über die Familie, das Unternehmen oder andere Vermitt-
ler arrangiert. Demgegenüber galten Liebesheiraten als moderne individuelle Le-
bensform, und sie wurden in der Massenkultur wie im Film romantisiert. Auch
Vertreterinnen der Frauenbewegung befürworteten Liebesverbindungen. Andere
aber warnten vor Illusionen und lehnten wie Hiratsuka Raichō eine formelle Ehe-
schließung wegen der damit verbundenen familienrechtlichen Ungleichheit ab.
Die eben beschriebenen Demokratisierungs- und Öffnungstendenzen nach
1918 gingen angesichts der tiefen Wirkung der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und
der folgenden Massenverarmung auf dem Land zurück. Ab dem Mandschurei-
Konflikt 193153 und der Zunahme militaristischer und nationalistischer Strömun-
gen erstarkten die ultranationalistischen Kräfte in Regierung, Parteien und Militär
und übernahmen allmählich die Herrschaft. Die japanische Regierung führte ab
1937 einen Eroberungskrieg in China, den sie dann ab 1941 zum Pazifischen Krieg
gegen die USA und ihre Alliierten ausweitete. Um 1931 lehnte die Frauenbewe-
53 1931 inszenierte die japanische Armee in der Mandschurei einen Sprengstoffanschlag auf die
Südmandschurische Eisenbahn, der ihr als Vorwand diente, die Mandschurei in der Folge
einzunehmen.
58 Ilse Lenz
gung die militärische Expansion zwar noch ab, da Frauen ‚als Mutter der Mensch-
heit‘ für Frieden stünden (vgl. Molony 2011). Später jedoch ließ sich vor allem die
nationalpartizipative Richtung zur Zusammenarbeit mit dem Kaisersystem und
dem Krieg kooptieren. Weitere Schritte zur ultranationalistischen Diktatur waren
u. a. die Generalmobilmachung 1938 im Zuge des Chinakriegs, die Gleichschal-
tung von Verbänden und Gewerkschaften in entsprechenden Massenorganisatio-
nen und die Etablierung der politischen Vereinigung zur Unterstützung des Kaiser-
systems (Taisei yokusankai) um 1940, die im 1942 gewählten Unterhaus 83 Prozent
innehatte. Wie die drei Richtungen der Frauenbewegung zunächst politische und
soziale Bürgerrechte forderten und sich darauf zum autoritären ultranationalisti-
schen System und dem imperialistischen Krieg positionierten, wird in den folgen-
den Abschnitten umrissen.
In der demokratischen Öffnung nach 1918 nahm auch die Bewegung für politische
und soziale Partizipation der Frauen einen neuen Aufschwung. An ihrem Beginn
stand ein Bündnis von jungen Frauen. Später traten diese Frauen in verschiedene
Entwicklungslinien ein, die sie in der Folge wesentlich mitbestimmten.
54 Shinfujin kyōkai; 1919 – 1922; vgl. Hiratsuka 2006; Mackie 2003: 58 – 63; Zusammenfassungen
ihrer Charta und wichtiger Resolutionen bei Tokuza 1999: 107 – 192; vgl. auch Tomida 2004,
Tomida, Daniels 2005.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 59
sonst rechtlich ausgeschlossen war. Dafür sprach sich vor allem Hiratsuka Raichō
aus. Der Verein der Neuen Frauen setzte sich also sowohl gegen den Ausschluss der
Frauen aus der Politik wie auch gegen ihre geschlechtliche und sexuelle Unterord-
nung im Haus ein. Ferner forderte er Rechte für Frauen, Mütter und Kinder, hö-
here Bildung für Frauen und Koedukation. Der Verein kooperierte mit einem gro-
ßen regionalen Frauenverband (Frauenliga in Kansai; Zen kansai fujin rengōkai)
in der Region Kansai um Ōsaka und mit anderen Gruppierungen.
Durch eine Petition mit zahlreichen Unterschriften und persönliches Lobby-
ing wurde die Aufhebung des Teilnahmeverbots an politischen Versammlungen
erreicht. Das Unterhaus hatte dem schon um 1907 zugestimmt, während die kon-
servativen Vertreter des Adels und weiterer Eliten im Oberhaus dies abgelehnt
hatten. Eine führende Aktivistin, Oku Mumeo (1895 – 1997), suchte deshalb eini-
ge adelige Vertreter im Oberhaus persönlich mit ihrem Kind auf dem Rücken auf
und überzeugte sie mit ihrem Auftreten. Sie verkörperte so die moderne Mutter,
die ein legitimes politisches Interesse zeigt, ohne ihre vorrangige Verantwortung
für den Haushalt zu negieren. Diese Neuinterpretation und politische Erweite-
rung der Mutterfigur gewann in der Folge in der Frauenpolitik rasch an Bedeu-
tung. 1922 stimmte schließlich das Oberhaus der Teilnahme von Frauen an politi-
schen Versammlungen zu, während ihnen das Stimmrecht und die Mitgliedschaft
in politischen Gruppen weiterhin versperrt blieben.
Drei Gründerinnen des Vereins der Neuen Frauen wurden später anerkann-
te Anführerinnen in unterschiedlichen Flügeln der Frauenbewegung. Um deren
Vielfalt ein Gesicht zu geben, möchte ich sie und ihre Geschichte kurz vorstellen.55
Hiratsuka Raichō56 hatte bereits die Zeitschrift Seitō und damit die subjek-
tiv-autonome Entwicklungslinie der Frauenbewegung mitbegründet. Sie war die
Tochter eines hohen Beamten aus einer Samuraifamilie und studierte an der Ja-
panischen Frauenuniversität. Sie lebte in freien Beziehungen und verhielt sich of-
fen zum Eros unter Frauen, bis sie sich für eine freie Liebesgemeinschaft mit dem
Maler Okumura Hiroshi (1891 – 1964) entschied (vgl. Q 1.05). In einer krisenhaf-
ten Suche nach Sinn und ihrem Selbst vertiefte sie sich in die Zen-Meditation und
interessierte sich für chinesische, japanische und westliche Philosophie. So wurde
sie stark von Ellen Key wie auch von Friedrich Nietzsche beeinflusst. In ihrem vi-
sionären Gedicht „Im Anfang war die Frau die Sonne“ treten diese Einflüsse zu
tage (vgl. Q 1.04). Nach der Geburt ihres ersten Kindes entwickelte sie einen basis-
orientierten Maternalismus. Sie forderte persönliche Autonomie und staatlichen
Mutterschutz mit der Begründung ein, dass die Mutter durch die Versorgung der
55 Drei weitere Kurzportraits aus der anarchistischen und sozialistischen Frauenbewegung fol-
gen im nächsten Abschnitt.
56 vgl. Hiratsuka 2006; Tomida 2004; Yoneda 2005.
60 Ilse Lenz
Kinder einen grundlegenden Beitrag für die Nation und die Menschheit leiste (vgl.
Q 1.09). Der Mobilisierung für die ultranationalistische Regierung und den Krieg
entzog sie sich weitgehend. Nach 1945 engagierte sie sich für die Frauenfriedens-
bewegung und für das Verbot der Prostitution, das 1956 beschlossen wurde (vgl.
Hastings 2014, kritisch dazu Fujime 2015).
Ichikawa Fusae57 kam aus einer Bauernfamilie in Mitteljapan. Zuhause hatte
sie erlebt, wie ihr Vater ihre Mutter misshandelte. Das motivierte sie, für Frauen
aktiv zu werden. Nach einer Lehrerinnenausbildung war sie zunächst als Lehre-
rin auf dem Land tätig. Dann arbeitete sie als Journa-
listin in Nagoya, wo sie sich in das kritisch-intellek-
tuelle Reformmilieu einfand. 1919 wurde sie die erste
Leiterin des Frauenreferats des Japanischen Arbeiter-
bundes (Nihon rōdō sōdōmei). Jedoch beschloss sie
nach ihren Erfahrungen mit den patriarchalen Ge-
werkschaftsführern, sich in Zukunft allein für Frau-
en und ihre gleiche Beteiligung einzusetzen. Den
Kreisen um die Seitō und deren Lebensexperimenten
wie der freien Beziehung Hiratsukas stand sie skep-
tisch gegenüber. Sie lebte bewusst ledig und widme-
Ichikawa Fusae (1893 – 1981) te sich voll der Frauenbewegung und ihrem Kampf
Foto: Tamura Shigeru für das Wahlrecht. Von der Hand in den Mund le-
bend verbrachte sie ab 1921 einen Studienaufenthalt
in den USA, wo Frauen seit 1920 das Wahlrecht innehatten. Sie verband ein her-
ausragendes politisches und Organisationstalent mit einem hohen Verantwor-
tungsbewusstsein, einem wachen Sinn für reale Chancen und Machtverhältnisse
und einer großen Begabung zur Kooperation mit den unterschiedlichsten Grup-
pen und Personen. So verhandelte sie mit liberalen Parteiführern und Unterneh-
mern, war aber auch mit linken Gewerkschafterinnen wie der Textilarbeiterin
Yamanouchi Mina (1900 – 1990) befreundet.
Ichikawa vertrat damals eine klare Gleichheitsposition, die nur durch gleiche
politische Partizipation der Frau, allem voran das Wahlrecht, zu verwirklichen
sei. Demgegenüber kritisierte sie in den 1920er Jahren den Maternalismus, da
er für Mutterrechte kämpfe und sich gegen die Ziele der Frauenbewegung rich-
te. Zugleich erschien ihr die Beteiligung der Frauen, der ‚Hälfte des Volkes‘, un-
erlässlich für die nationale Entwicklung. So stand sie um 1920 für die Verbin-
dung von Frauen- und demokratischer Bewegung. Sie betonte das Leitbild der
starken eigenständigen Frauen, wie sie in der Bauernschaft, den Kleinunterneh-
men wie auch unter den gut gebildeten Berufsfrauen zu finden waren. Aber sie
57 1893 – 1981; vgl. u. a. Ichikawa 1974, 1994; Molony 2005a; Murai 2021.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 61
stellte die Partizipation der Frau gegenüber ihrer individuellen Befreiung voran.
So fand sie sich später zur Kooperation mit der ultranationalistischen Regierung
und der nationalen Mobilisierung nach 1938 bereit (s. u.). Gleich nach dem Zwei-
ten Weltkrieg forderte sie erneut das Frauenstimmrecht und gründete den Japa-
nischen Wählerinnenbund (Nihon fujin yūkensha dōmei) mit. Sie war eine der be-
liebtesten und profiliertesten Politikerinnen und saß von 1953 – 7 1 and 1974 – 81 als
unabhängige Abgeordnete im Oberhaus. Mit über achtzig Jahren warf sie sich vol-
ler Energie in die Vorbereitung der UN Dekade der Frau ab 1975 und stiftete dafür
ein Bündnis mit den jungen Frauen aus der Lib-Bewegung (s. u.).
Eine weitere Mitbegründerin des Vereins der Neuen Frauen, Oku Mumeo58
verband den Aufbruch der ‚Neuen Frauen‘ mit einem sozialen Engagement, das
an die alltäglichen Erfahrungen und Wünschen von Frauen in der städtischen Ar-
men- und Mittelschicht anknüpfte. Auch sie hatte die Japanische Frauenuniver-
sität besucht und wurde danach zunächst Journalistin. Dazwischen arbeitete sie
in einer Baumwollfabrik, um die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen kennen-
zulernen. Ihr Vater, ein wohlhabender Schmied, war politisch interessiert, las viel
und förderte die Bildung seiner Tochter. Wie Yosano Akiko oder Ichikawa Fusae
hatte Oku Mumeo die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Frau für Klein-
unternehmen oder die ländlichen Hauswirtschaften in ihrem Umfeld erfahren
und legte sie ihrer politischen Arbeit zugrunde. Sie war verheiratet und hatte zwei
Kinder, setzte sich aber weiter voll für die Frauenbewegung ein. So arbeitete sie
an der Organisierung von Berufsfrauen und dann von Konsumentinnen. Mit dem
Motto ‚von der Küche in die Politik !‘ bezog sie sich auf den Alltag der Hausfrauen.
1928 gründete sie eine Frauenkonsumgenossenschaft (Fujin kumiai kyōkai). Sie
setzte sich für niedrige Gas-, Wasser- und Strompreise wie auch für den Bau von
Kindergärten und Krankenhäusern ein. Später unterstützte auch sie die General-
mobilmachung 1938 und das ultranationalistische Kaisersystem im Krieg. Nach
dem Krieg gründete sie 1948 den Hausfrauenbund (Shufurengōkai, Kurzform
Shufuren), der sich zu einem Massenverband entwickelte und sich für eine so-
ziale Bewusstwerdung der Hausfrauen sowie gute und preiswerte Waren einsetzte.
Wenn seine Mitglieder mit Schürzen und großen Reislöffeln auf den Straßen de-
monstrierten, konnten sie der Aufmerksamkeit der Medien und der Sympathie
von Millionen von Frauen sicher sein.
Die jungen Gründerinnen des Vereins der Neuen Frauen wurden also später
zu Leitfiguren der Frauenbewegung über die lange Zeit von der demokratischen
zur folgenden ultranationalistischen Phase und dann in der Nachkriegszeit bis in
die 1980er Jahre. Sie verkörpern die hohe Kontinuität der Frauenbewegung in Ja-
58 Vgl. die biographische Übersicht bei Tokuza 1999, die allerdings die Kooperation mit dem
ultranationalistischen Kaisersystem während des Pazifischen Kriegs kaum behandelt.
62 Ilse Lenz
pan in ihren Aktivistinnen und ihren Netzwerken. Doch während die soziale und
politische Teilhabe ein wesentliches Ziel blieb, veränderten sich die Begründun-
gen dafür: Dem lag eine Veränderung ihrer Leitbilder von der öffentlichen Gleich-
heit zur Differenz der Mütter und Hausfrauen zugrunde. Um 1920 war das Motiv
der Gleichheit der Frau als Bürgerin der Nation noch führend. Ab Mitte der 1920er
Jahre gewann der Maternalismus an Bedeutung. Die soziale und politische Teilha-
be wurde ab 1931 zunehmend mit dem Beitrag der Mutter und der Hauswirtschaf-
terin zur nationalen Mobilisierung begründet. Dies neue Mutterdenken beein-
flusste dann auch die differenzbegründete Geschlechterordnung nach 1945.
59 Vgl. Zu diesem Abschnitt u. a. Hastings 2014a; Mackie 2003; Molony 2004, 2005, 2005a; Mo-
lony u. a. 2016.
60 Fusen kakutoku dōmei; sie wurde 1924 begründet und nahm ab 1925 diesen Namen an.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 63
Erst durch ihre politische Beteiligung würden die Frauen als Staatsbürgerinnen
auf lokaler und nationaler Ebene anerkannt. Deswegen sollten sie jenseits ihrer re-
ligiösen und beruflichen Unterschiede in einer großen Stimmrechtsbewegung zu-
sammenarbeiten (nach Ichikawa 1974: 144).
Zweimal, – um 1930 und 1931 – beschloss das Unterhaus ein begrenztes Frauen
stimmrecht, das aber immer wieder im Oberhaus scheiterte. Das Oberhaus, das
vom Adel und von Funktionseliten besetzt war, blockierte den Weg zu dieser Re-
form, die von den demokratischen Parteien angestrebt und von der Bevölkerung
weithin unterstützt worden war. Insofern wurde das Frauenwahlrecht den Japa-
nern nicht nach dem Krieg 1945 von den USA aufoktroyiert, wie manchmal be-
hauptet wurde. Letztlich würde in dieser Einschätzung, die adelige Sperrminori-
tät mit Japan gleichgesetzt. Vielmehr hatte das demokratisch gewählte Unterhaus
diese Reform bereits mehrfach beschlossen. Sie wurde schließlich auf Anstoß der
USA 1945 verwirklicht, nachdem das Oberhaus in seiner vorigen Form und damit
die Barriere der autoritären konservativen Eliten gefallen war.
Den Zugang der Frauen zur politischen Öffentlichkeit zu ermöglichen, ent-
sprach auch dem Interesse von Staat und Parteien, sie für soziale Aufgaben und
Kampagnen zu mobilisieren (Mackie 2003: 60; Molony 2005a). Denn diese be-
grenzte Beteiligung war noch im Rahmen ihrer Stellung im Haus als abhängige,
aber wichtige Mitglieder zu denken. Gegenüber dem Oberhaus wurde das Mut-
termotiv eingesetzt, um Akzeptanz dafür zu schaffen (s. o.).
Demgegenüber schien die volle politische Partizipation der Frau einschließ-
lich des Stimmrechts ihre zentrale Bedeutung für den neopatriarchalen Haushalt
und damit zugleich ‚das Land‘ oder ‚den Staat‘ zu gefährden. Denn der Haushalt er-
schien als öffentlich und unmittelbar relevant für den japanischen Familienstaat.
Volle und eigenständige Bürgerinnenrechte für Frauen hätten die zugrundeliegen-
de Konstruktion der geschlechtlichen Dienstbarkeit der Frau primär für die Fami-
lie und so für die Nation erschüttern können. So argumentierten männliche Geg-
ner des Frauenstimmrechts vor allem mit der Bedeutung der Frau für das Haus in
Japan, aber auch ihrer körperlichen und intellektuellen Unterlegenheit gegenüber
den Männern, der fehlenden Beteiligung am Militärdienst und schließlich mit der
moralischen Fragwürdigkeit der ‚liederlichen und hässlichen Suffragetten‘.
Nach dem Mandschureikonflikt 1931 lehnten die Regierung und die beiden im
Wechsel regierenden Parteien weitere Schritte zum Frauenwahlrecht ab. Darauf-
hin veränderten die Stimmrechtsaktivistinnen ihre Strategie: Nun forderten sie
zunehmend die gesellschaftliche Beteiligung der Frauen, um die Lage der Frauen
zu verbessern und zugleich ihre Leistungsfähigkeit für die Nation unter Beweis zu
stellen. Die Forderungen nach dem Wahlrecht und individueller Autonomie und
Rechten wurden eher zurückgestellt. Die Stimmrechtsaktivistinnen griffen das
konservative Argument der Rolle der Frau im Haus auf und wendeten es um: Dar-
64 Ilse Lenz
aufhin begründeten sie einen möglichen weiblichen Beitrag in der Politik eben
mit Bezug auf die Rolle der Mutter und Hausfrau.
Infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Aggression in der Mandschurei
1931 wurde die Forderung nach staatlichem Mutterschutz dringlicher. Aktivistin-
nen verwiesen auf die dramatische Zunahme von Selbstmorden von Müttern, die
oft sich und ihre Kinder umbrachten. Frauen aus dem ehemaligen Seitō-Kreis, der
Stimmrechtsbewegung und der Linken bildeten den Verband für ein Gesetz zum
Schutz von Mutter und Kind. Das Gesetz zum Schutz von Mutter und Kind wur-
de 1937 erlassen und trat 1938 in Kraft. Es sah staatliche Unterstützung für Witwen
und Mütter vor, deren Mann krank wurde oder sie verlassen hatte; parallel wurde
ein Gesetz zur Versorgung von Angehörigen von gefallenen oder schwer verwun-
deten Soldaten beschlossen (Mackie 1997: 146 – 7; Molony 1993). In den Diskursen
der nationalpartizipativen Richtung stieg nun die Mutter und Hausfrau im Dienst
der Nation zum Leitbild auf.
Nach der Invasion in China 1937 und der folgenden Generalmobilmachung
1938 kooperierten die Anführerinnen der Stimmrechtsbewegung mit der ultra-
nationalistischen Regierung.61 Vonseiten der großen nationalistischen Frauen
verbände kamen sie zunehmend unter Druck.62 Acht große Verbände aus der
Frauenbewegung wurden am 28. 9. 1937 zum Großjapanischen Verband der Frauen
vereine (Dai Nihon fujin dantai) zusammengeführt. Das Ziel des Verbandes lag
laut Ichikawa Fusae, die als seine Sekretärin diente, „im Schutz der Heimatfront“.
Anführerinnen der Stimmrechtsbewegung beteiligten sich in Regierungskomi-
tees zur Bildung, Konsumgütern und Haushaltsführung, Wohlfahrt, Sparen usw.
(Katzoff 2000; Mackie 2003: 107). Nach der Gründung der Vereinigung zur Un-
terstützung der Kaiserherrschaft saßen neben Vertreterinnen der nationalistischen
Frauenverbände auch führende Frauenrechtlerinnen in ihrem Zentralkomitee.
1940 wurde die Liga für die Erreichung des Frauenstimmrechts aufgelöst. Februar
1942 wurden alle Frauenverbände in den Großjapanischen Frauenverein überführt,
der alle Frauen für den Einsatz an der Heimatfront mobilisieren sollte.
Auch gegenüber den ostasiatischen Frauenbewegungen kooperierten diese
Anführerinnen mit dem Eroberungskrieg Japans. 1928 noch hatten sie sich an der
ersten Pan-Pazifischen Frauenkonferenz in Honolulu beteiligt. Nach 1937 strebten
sie Kommunikation und Kooperation mit Frauen in Ostasien, besonders in den
japanisch besetzten Gebieten, an (Molony 2011; Molony u. a. 2016). Sie schlossen
die Augen vor der Tatsache, dass die Frauenbewegungen in China und Korea für
61 Vgl. Germer 2008; Mackie 2003: 104 – 114; Suzuki 1986; Ueno 2004.
62 Der 1901 gegründete Patriotische Frauenverband und der Frauenverband zur Landesverteidi-
gung, der 1932 begründet wurde und dem Militär nahestand, umfassten mehrere Millionen
Mitglieder.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 65
63 1890 – 1980; vgl zum folgenden Abschnitt Faison 2018; Germer 2003; Hane 1993; Mackie 1997;
2003.
64 Sekirankai 1921 – 1922; vgl. u. a. Mackie 1997: 102 – 5.
66 Ilse Lenz
eher auf eine Weiterführung der marxistischen Theorie für die japanischen Ver-
hältnisse setzten. Diese letztere Richtung beteiligte sich an legalen linken Parteien
wie der Japanischen Arbeiter-Bauernpartei (1926 – 1928) und gründete eigene Ge-
werkschaftsverbände wie den Japanischen Gewerkschaftsrat (1925 – 1928). Weitere
wichtige Richtungen waren der sozialdemokratische Flügel und der Anarchismus,
der sowohl den Kapitalismus wie auch den autoritären Sozialismus in der UdSSR
radikal kritisierte. Die linken Frauenverbände waren in diese Strömungen ein-
gebunden. Einige Aktivistinnen waren zugleich Ehefrauen und Töchter sozialis-
tischer Führer, doch behaupteten sie ihre Eigenständigkeit in ihrem Denken und
Handeln. Ich werde nun diese Richtungen kurz umreißen und wieder drei führen-
de Frauen in ihrem jeweiligen Kontext vorstellen.
Yamakawa Kikue,65 die von Zeitgenossen oft die japanische Clara Zetkin ge-
nannt wurde, war die führende linkssozialistische Theoretikerin der Frauenbefrei-
ung. Wie Zetkin stand sie für eine revolutionäre Theorie der Frauenbewegung,
die durch ihre Auseinandersetzung mit Marx, Engels und Bebel und durch ihre
Wahrnehmung der russischen Revolution befruchtet wurde, und sie vertrat eine
klare, teils scharfe Distanzierung von den liberalen und individualfeministischen
Strömungen, die sie als bürgerliche Frauenbewegung einordnete. Sie entfaltete ein
radikales Gleichheitsdenken, das sich auf Geschlecht, Klasse und – wie im Fall der
kolonisierten Koreaner und Taiwaner – auch auf Ethnizität und Kolonialismus be-
zog (vgl. Q 1.11).
Sie kam aus einer bildungsorientierten Samuraifamilie. Nach dem Studium
an dem Women’s College for English war sie als Schriftstellerin und in der Frauen-
bewegung tätig. 1916 heiratete sie den Sozialisten Yamakawa Hitoshi (1880 – 1958).
Beide waren Führungsfiguren in der linkssozialistischen Bewegung, die sich nach
der Russischen Revolution am Leninismus orientierten. Sie entwickelten dann
aber eine unabhängige Position zur KPJ und ihrer Abhängigkeit von der Kom-
intern und wollten eine legale sozialistische Partei in Japan aufbauen. Sie verkör-
perten das Leitbild der sozialistischen Kameradschaftsehe. Nach 1938 verweiger-
ten sie sich der Mobilisierung für den Krieg.
Yamakawa Kikue entwarf eine sozialistische Theorie der Frauenbefreiung für
Japan, die sich bis in die 1970er Jahre als einflussreich erwies. Sie trat für eine De-
mokratisierung und Modernisierung der japanischen Familien- und Arbeitsver-
hältnisse und für Gleichheit für Frauen und Kolonisierte in Bildung und Beruf
ein (vgl. Q 1.11). Deswegen forderte sie die Abschaffung des in ihren Augen feu-
dalen japanischen Familienrechts einschließlich des Haushaltsvorstandes. Doch
die feudale Unterordnung der Frau betraf diese auch in der Industriearbeit, wo
sie im Wohnheim kaserniert und von der gewerkschaftlichen Organisierung fern-
gehalten werde. Am stärksten wirkte sie sich in der öffentlichen Prostitution aus,
in der Frauen in den Bordellen aufgrund von Verschuldung kaserniert und fest-
gehalten und ihre Menschenrechte systematisch verletzt werden. Yamakawa ver-
band also die Frauenbefreiung mit der Demokratisierung und Modernisierung
Japans und vertrat einen umfassenden Gleichheitsansatz nach Geschlecht, Klas-
se und Ethnizität.
Die sozialistische Frauenbefreiungstheorie fasste die Frauenbefreiung als Fra-
ge der feudalen Strukturen, besonders des ‚feudalen patriarchalen Hauses‘ auf,
und war einem einlinigen Modernisierungsdenken verhaftet, nach dem die bür-
gerliche und die sozialistische Revolution die Frauenbefreiung mit sich brin-
gen würde. Deswegen konnte sie den neopatriarchalen Charakter der modernen
Kleinfamilie und die modernisierte Geschlechterungleichheit nach dem Brotver-
diener-/Hausfrauenmodell in der kommenden differenzbasierten Geschlechter-
ordnung nicht erfassen.
Eher links orientiert war auch die KonsumentInnenbewegung, die ein Forum
für gesellschaftspolitisch aktive Hausfrauen und Mütter bot. Sie kritisierte im All-
tag hohe Preise, ungesunde Produkte und die kapitalistische „Ausbeutung der
Konsumenten“ (vgl. Tokuza 1999: 203 – 211). So öffnete sie den Weg zur gesell-
schaftlichen Partizipation für Hausfrauen und überwand ihre Einschränkung auf
das Haus.
Anarchistische feministische Kreise engagierten sich in den Gewerkschaften
und der KonsumentInnenbewegung. In der Debatte um anarchistische und mar-
xistische Ansätze zur Frauenbefreiung um 1929 – 1930 wurde die marxistische Be-
freiungstheorie wegen ihrer autoritären Ausrichtung hinterfragt.66 Yamakawas
sozialistische Zentrierung auf Staat und Modernisierung wurde vonseiten anar-
chistischer Feministinnen heftig angegriffen. Sie wendeten sich gegen die staat-
liche autoritäre Kinderbetreuung und die Mobilisierung der Frauen für die Lohn-
arbeit in der UdSSR, auf die sich Yamakawa positiv bezog. Diese Kritik am
männerzentrierten staatlichen Autoritarismus wirkte auch auf die Lib der 1970er
Jahre ein und sie bleibt brisant und aktuell.
Die Anarchistin Itō Noe67 kam aus dem ländlichen Kyūshū nach Tōkyō und
hatte sich dort der Seitō angeschlossen. Ab 1916 lebte sie in einem freien Liebesver-
hältnis mit dem Anarchisten Ōsugi Sakae (1885 – 1923) zusammen. Beide wurden
während der Erdbebenkatastrophe in Tōkyō 1923 von rechten Militärs ermordet.
Itō Noe thematisierte schon in der Seitō die Klassenungleichheit in der Frauen-
66 ana-boru ronsō; die Debatte folgte auf eine Kontroverse, die linke Männer um anarchistische
versus leninistische Ansätze der Revolution nach der Oktoberrevolution ab 1920 führten; vgl.
Germer 2000, 2003: 38 – 9; Mackie 1997.
67 1895 – 1923; vgl. u. a. Lenz, Terasaki 1978.
68 Ilse Lenz
ben. Trotz der Spaltung der Gewerkschaftsbewegung und der starken Kontrol-
le durch das Management führten ArbeiterInnen um 1930 eine Reihe von Streiks
in der Textilindustrie gegen rationalisierungsbedingte Entlassungen und für bes-
sere Löhne und Arbeitsbedingungen durch. In dem ‚Frauenstreik‘ in der Tōkyō
Muslin-Fabrik 1930 gegen Entlassungen hielten die Streikenden fast zwei Monate
durch und kämpften auf der Straße gegen Polizei und Streikbrecher. Die Arbeite-
rinnen verteidigten ihr Wohnheim, indem sie Polizisten auf ihren Schultern her-
austrugen und die angreifenden männlichen Gangs zurückschlugen (vgl. Faison
2007: 81 – 106; Mackie 1997: 124 – 6; Molony 1991; Lenz 1984). So wurden die Fabrik-
arbeiterinnen in der männlich zentrierten Gewerkschaftsbewegung allmählich als
Personen mit eigenen Rechten und als Genossinnen wahrgenommen. Zugleich
weitete sich die gewerkschaftliche Organisation auch auf weitere Bereiche, so auch
auf Kellnerinnen oder SchauspielerInnen, aus (Mackie 1997: 126).
Allerdings ging die ArbeiterInnenbewegung infolge der Mandschureikrise
1931, der Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden staatlichen Kontrolle zu-
rück. Die linkssozialistischen und sozialdemokratischen Aktivistinnen engagier-
ten sich in Bündnissen mit der nationalpartizipativen Strömung für das Frauen-
stimmrecht. Als der Spielraum für politische Veränderungen schwand, setzten sie
sich für soziale Reformen wie das Recht auf Mutterschutz ein. Sozialistinnen wie
Sakai Magara kritisierten in diesem Zusammenhang auch den nationalen Mutter-
schaftskult.
In Zusammenarbeit mit der ArbeiterInnenbewegung führte Ishimoto Shizue70
die Familienplanung und den Zugang zu Verhütungsmitteln in Japan ein und
gründete die Japanische Liga für Geburtenkontrolle (Ishimoto 2018; Mackie 1997:
146 – 7).
Bis zu ihrer endgültigen Gleichschaltung um 1942, als alle Frauengruppen
zwangsweise in den Großjapanischen Frauenverband überführt wurden, hatten
die Frauenbewegungen also unterschiedliche politische Programmatiken und
Analysen erarbeitet. Der nationalpartizipative Flügel um die Stimmrechtsbewe-
gung kooperierte mit der ultranationalistischen Regierung und dem Pazifischen
Krieg. Im Zuge dieser Kooperation vollzog er eine doppelte Wendung: vom Leit-
bild der modernen, öffentlich aktiven Frau zur Mutter der japanischen Nation
und vom sozialintegrativen zum nationalistischen Partizipationsdenken.
70 1897 – 2001, später Katō Shizue nach der Heirat mit dem Sozialisten und Gewerkschaftsfüh-
rer Katō Kanjū. Sie kam aus der Aristokratie und beschäftigte sich in New York mit der Ge-
burtenkontrolle, wo sie auch Margaret Sanger kennenlernte. Ab 1922 setzte sie sich in Japan
für Geburtenkontrolle ein. Sie wurde 1946 ins Unterhaus gewählt, trat dann der Sozialisti-
schen Partei Japan bei und war von 1950 – 1974 im Oberhaus. 1948 gründete sie die Japan
Family Planning Association (JFPA), die ein Mitglied der International Planned Parenthood
Federation ist; vgl. Ishimoto 2018.
70 Ilse Lenz
71 Vgl. zu der Zahl der Kriegstoten und Atombombenopfer in Japan Dower 1999: 44 – 5; Zöll-
ner 2009: 383; Dower gibt mindestens 10 Millionen Kriegsopfer in China an, wobei man-
che Schätzungen viel höher liegen; vgl. Dower 1986: 295 – 296; zu den Zwangsprostituierten
für die Kaiserlich Japanische Armee vgl. Mae in diesem Bd., sowie Drinck, Gross 2006; Soh
2008; Tanaka 2002; Yoshimi 2000; die Zahlenangabe folgt Gordon 2003: 225.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 71
72 Vgl. Koikari 2008 zu einer Kritik von SCAP und der mit ihm kooperierenden Aktivistin-
nen, die allerdings reduktionistisch und dualistisch gerät und tendenziell ein metropolitanes
Weltbild des queeren Postkolonialismus aus den heutigen USA auf die komplexe Problemla-
ge in Japan ab 1945 projiziert.
72 Ilse Lenz
heit ohne Berücksichtigung des Geschlechts, der Rasse, des Glaubens, des sozia-
len Status oder der Familienherkunft vor. Ebenso verankerte sie die Gleichbe-
rechtigung der Geschlechter in der Familie (Gordon 2003: 226 – 240; Mackie 2003:
120 – 131).
Die Frauenführerinnen organisierten gleich nach dem Kriegsende wieder Ver-
bände ihrer verschiedenen Flügel und stellten Forderungen nach Demokratisie-
rung, Gleichheit und ausreichender Versorgung der hungernden Bevölkerung
auf. Der nationalpartizipative Flügel um Ichikawa begrüßte das Wahlrecht und
gründete später den Wählerinnenbund73 mit. 1948 wurde der große Hausfrauen-
verband (shufu rengōkai) mit Oku Mumeo als Vorsitzender gebildet, der sich für
einen stabilen Lebensunterhalt und die Rechte der Hausfrauen und KonsumentIn-
nen einsetzte. Die Hausfrauen- und die späteren Mütterbewegungen waren links
und teils kapitalismuskritisch orientiert.74 Die unterschiedlichen linken Richtun-
gen, die von sozialdemokratischen und sozialistischen bis zu kommunistischen
Kreisen reichten, versammelten sich um den Demokratischen Frauenklub,75 der
die vorige Mobilisierung der Frauen für den Krieg radikal kritisierte und sich für
demokratische Rechte, Gleichheit und Versorgung angesichts der Nachkriegskri-
sen einsetzte. Die verschiedenen Richtungen kooperierten in dem Anliegen, die
Gesetzgebung von Frauenseite her zu beeinflussen. Auch schlossen sich die neu
gewählten 39 Parlamentarierinnen 1946 im Klub der weiblichen Abgeordneten zu-
sammen (Mackie 2003: 126).
Das Familiengesetz im reformierten BGB von 1947 schaffte den neopatriarcha-
len Haushalt formal ab und verankerte gleiche Rechte beider Ehegatten bei inner-
familialen Entscheidungen (vgl. Ochiai 1997; Westhoff 1999). Es erleichterte Schei-
dungen im Einvernehmen, wobei die Ehefrau jedoch keine Absicherung oder
Unterhalt erhielt. Das Erbrecht war ebenfalls grundsätzlich gleich. Allerdings ver-
blieben einige rituelle Güter und Verpflichtungen wie die Sorge für das Familien-
grab bei dem ältesten Sohn – oder der ältesten Tochter, wenn dieser fehlte. Denn
während das Gesetz die Geschlechtergleichheit vorsah, schrieb es institutionell
das Prinzip des Hauses in diesen rituellen Erbgütern und dem Haushaltsregis-
ter fort. Auch nach dem reformierten BGB werden alle Personen im Haushalts-
register auf dem Einwohnermeldeamt registriert, das zugleich einen – meist
73 Der Neue japanische Frauenbund (Shin Nihon fujin dōmei), dessen Name an den Verein der
Neuen Frauen erinnert, schloss sich am 3. 11. 1946 zusammen; daraus entwickelte sich 1950
der Wählerinnenbund (Fujin yūkensha dōmei); vgl. Mackie 2003: 122.
74 Demgegenüber waren die Mütterverbände etwa in der Bundesrepublik Deutschland lange
liberal oder christlich konservativ.
75 Fujin minshu kurabu. Die sozialdemokratischen und sozialistischen Frauen distanzierten
sich rasch von dem Demokratischen Frauenklub, aber seine Zeitung Fujin Minshu Shimbun
wurde in der Frauenbewegung breit gelesen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 73
76 Vgl. Chapman, Krogness 2014; Mackie 2003: 130, sowie die Kritik am Familiensystem in Ja-
pan von Kakefuda aus querer Sicht, s. u. und Kakefuda 1992. Es wurde unterstellt, dass alle
Frauen heiraten und im Haushaltsgrab des Mannes begraben werden, so dass diese Ver-
fügung für alleinstehende Frauen und Lesben besonders problematisch war. Angesichts die-
ser neopatriarchalen Verfügung über das Grab im Rahmen des Hauses verlangte die Neue
Frauenbewegung Gleichheit und individuelle Autonomie nicht nur im Leben, sondern auch
im Begrabenwerden. Es bildeten sich Frauengruppen mit Namen wie Gruppe zu Ehe und
Gräbern im 21. Jahrhundert oder Gruppe für fröhliche Gräber; vgl. Yokohama josei fōramu
1991: 54.
77 Der Menstruationsurlaub wurde seit 1927 von der Frauenabteilung des linkssozialistischen
Rats der japanischen Gewerkschaften (Hyōgikai) gefordert. Er wurde zunehmend als Mut-
terschutz aufgefasst, der die Gebärfähigkeit der Frau schützen sollte. In der neuen Frauen-
bewegung bildete er einen zentralen Streitpunkt in der Debatte um Gleichheit und Diffe-
renz; vgl. Nakayama 2007.
74 Ilse Lenz
Stimme in Politik und Verbänden (Mackie 2003: 122 – 136). Damit beeinflussten
sie die differenzbegründete Geschlechterordnung mit, deren Keime bereits in den
1920er Jahren sprossten und die im hohen Wirtschaftswachstum von 1955 – 1972
heranreifte.
Ab den 1950er Jahren zeichnete sich in der japanischen Gesellschaft eine Entwick-
lung zur organisierten Moderne und zur differenzbegründeten Geschlechter-
ordnung ab. Das hohe Wirtschaftswachstum nach 1955 beruhte auf Massenpro-
duktion und Massenkonsum, an dem erstmals breite Mehrheiten teilhatten. Die
Gewerkschaften wie auch die Frauenverbände waren zu Massenorganisationen
angewachsen. Die raschen und umfassenden Bildungsreformen und die folgende
Expansion nach 1947 hatten bis zu den 1970er Jahren vielen Jugendlichen den Auf-
stieg über die Oberschule und Hochschule eröffnet. Zugleich erschienen die Klas-
senschranken relativiert oder aufgehoben: In einer Befragung der japanischen Re-
gierung 1973 hatten sich 93 Prozent der Bevölkerung in ihrem Lebensstandard der
‚Mitte‘ zugeordnet und Politik und Medien verbreiteten, dass in Japan im Gegen-
satz zu Europa die Grenzen zwischen den Klassen überwunden wären.78
Diese Prozesse lassen sich als widersprüchliche Kombination von Demokrati-
sierung und neuen Ungleichheiten begreifen: Zum einen eröffneten sich nach 1945
neue Teilhabechancen für breite Massen, die auch durch organisierte soziale Be-
wegungen errungen worden waren. So hatte die Gewerkschaftsbewegung eine ge-
wisse betriebliche Beteiligung und steigende Löhne für männliche Stammarbeiter
miterkämpft, ebenso wie die Mütterfriedensbewegung eine öffentliche Stimme für
Mütter in der regionalen und nationalen Politik eingefordert hatte. In den Gren-
zen biologistischer Geschlechternormen erlebten Frauen eine gewisse Demokra-
tisierung von Familie und Gesellschaft und hatten an der Bildungsexpansion teil.
Die neopatriarchale Herrschaft mit ihrer Norm der männlichen Überlegenheit
und weiblichen Minderwertigkeit – die Männer zu verehren und die Frauen ge-
ring zu achten – wurde brüchig und erschien zunehmend veraltet.
Zum anderen aber wurde die Geschlechterungleichheit nicht aufgehoben,
sondern modernisiert und zunehmend biologistisch legitimiert. Das zugrundelie-
gende Geschlechterwissen veränderte sich: Während in der neopatriarchalen Ge-
schlechterordnung eine durchgehende Minderwertigkeit der Frau vorausgesetzt
78 Vgl. u. a. Lenz 2010a; die These von der Überwindung der Klassengesellschaft war auch in
Europa verbreitet.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 75
wurde, wurde nun eher von einer sozialen und biologischen Andersartigkeit von
Mann und Frau ausgegangen, die als unterschiedlich, aber letztlich gleichwertig
verstanden wurden.
Zugleich aber wurde eine polare geschlechtliche Arbeitsteilung in zentrale
Institutionen wie die kapitalistischen Betriebe und den Arbeitsmarkt, die Fami-
lie und den sich entwickelnden Wohlfahrtstaat eingebaut. Danach wurden Män-
ner als Lohnarbeiter und Frauen als künftige Mütter und Hausfrauen definiert.
Frauen wurde also ‚von Natur aus‘ die unbezahlte Care- und Erziehungsarbeit zu-
gewiesen, mit der die entlohnten Arbeitskräfte auf dem kapitalistischen Arbeits-
markt versorgt werden. In dieser ungleichen Arbeitsteilung wirken Kapitalismus
und Patriarchat zusammen. In Japan nun stützten die Großbetriebe, die Politik
und die Medien diese polare geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen den hoch-
loyalen qualifizierten männlichen Stammbelegschaften und den Hausfrauen in
der modernen Kleinfamilie ab (s. u.).
Im Ergebnis hielten sich die Geschlechter im modernen Japan weitgehend in
getrennten Lebenswelten auf und homosoziale Gruppen waren lange vorherr-
schend: Frauen verbringen ihren Alltag und kommunizieren mit Frauen aus der
Nachbarschaft, Familie oder mit Freundinnen. Männer halten sich an den langen
Arbeitstagen und hinterher beim Trinken mit Kollegen auf. Nur einige Freund-
schaften, oft aus der Schul- oder Universitätszeit, gehen darüber hinaus. Das be-
inhaltet einen gewissen Bruch zu der vormodernen Dorfgesellschaft (s. o.). Die-
se homosozialen Gruppen begünstigten die Bildung von Frauengruppen in der
Nachkriegszeit und besonders in der neuen Frauenbewegung ab 1970. Aber sie be-
deuten auch, dass die homosozialen Männerwelten in Wirtschaft und Politik von
den Anliegen von Frauen und des Alltags abgeschottet sind und ihrer Thematisie-
rung hohe Barrieren entgegenstehen. Geschlechtliche Öffnungen zeichneten sich
eher in Bildung und Kultur ab, die sich nach 1950 rasch ausweiteten.
Das hohe Wirtschaftswachstum ab 1955 führte zu einer internationalen wirt-
schaftlichen Expansion Japans zunächst nach Ostasien und dann global in einer
ungleichen postkolonialen Welt. Der ökonomische Wiederaufstieg begann mit
den japanischen Lieferungen an die USA im Koreakrieg 1950 – 1953 und führte zu
einer starken ökonomischen Dominanz Japans in der Region. Dazu kamen kul-
turelle und politische Spannungen wie etwa die politische Unterstützung der ja-
panischen Regierung für die peripher-kapitalistischen Diktaturen in Ostasien und
der zunehmende Sextourismus japanischer (wie auch europäischer) Männer nach
Korea und Thailand. Japans wirtschaftliche Vorherrschaft wurde als neuer öko-
nomischer Imperialismus kritisiert.
Im Folgenden werden die Prozesse der Durchsetzung der differenzbegründe-
ten Geschlechterordnung umrissen. Denn die Mütter- und Hausfrauenbewegun-
gen entfalteten sich in ihrem Zusammenhang und gestalteten sie mit, während die
76 Ilse Lenz
Neuen Frauenbewegungen sie in der Folge kritisierten und gegen sie aufstanden.
In der Verfassung und den Reformen war nach 1945 die Geschlechtergleichheit
als Rechtsnorm etabliert worden und Frauen hatten das Wahlrecht erreicht, was
einen grundlegenden Schritt weg von der neopatriarchalen Ordnung bedeutete.
Anstelle rechtlicher Normen legitimierte nun das hegemoniale Genderwissen, das
von einer grundlegenden Differenz und unterschiedlichen Rollen der Geschlech-
ter ausging, die reorganisierte Ungleichheit.
Die Entwicklung des Kapitalismus zum Fordismus und in Japan zum Toyotis-
mus79 baute auf der polaren geschlechtlichen Arbeitsteilung nach dem Lohnarbei-
ter-/Hausfrauenmodell auf und verstärkte sie. Im Zuge des hohen Wirtschafts-
wachstums ab 1955 wurden männliche Stammarbeiter als Ernährer der Familie
verstanden und eingesetzt und die Frauen als Hausfrauen und Mütter, die die un-
bezahlte Versorgungsarbeit für die Familie funktional für die Betriebe übernah-
men. Als sich die Betriebsgesellschaft80 im Zuge der Globalisierung ab den 1970er
Jahren voll verankerte, wurden diese geschlechtlichen Leitbilder zum Betriebs-
krieger und der Hausfrau hinter der wirtschaftlichen Heimatfront überhöht.
Im hohen Wirtschaftswachstum nach 1955 verbreitete sich das ‚japanische
Personalmanagement‘, das auf eine tiefe betriebliche Bindung der männlichen
Stammbelegschaften an die Großbetriebe setzte.81 Junge Männer wurden meist
nach dem Abschluss der Schule oder Universität rekrutiert und blieben darauf im
gleichen Unternehmen. Dies System beruhte auf Dauerbeschäftigung, kontinuier-
licher betrieblicher Bildung, Senioritätslöhnen, die mit der Betriebszugehörigkeit
anstiegen, und Sozialleistungen für die männlichen Stammbelegschaften. Diese
Senioritätslöhne entsprachen einem Familienlohn, mit dem ein Lohnarbeiter sei-
ne Familie finanziell erhalten konnte. So wurde nun erstmals das Ernährer-/Haus-
frauenmodell für einen Großteil der Industriearbeiter praktikabel, während die
Ehefrauen herkömmlich im Familienbetrieb oder durch eigene, oft prekäre Lohn-
arbeit mitverdient hatten (vgl. Gerteis 2009; Gordon 2003; Kimoto 2005; Lenz
1988). Da sich die männlichen Stammbeschäftigten in den Großkonzernen mit
82 Sie werden frīta genannt, eine Neuschöpfung aus free und ‚arubaitā‘, was an das deutsche
Wort Arbeiter angelehnt ist.
78 Ilse Lenz
in die Industriearbeit ab.83 Für einfache und assistierende Tätigkeiten wurden vor
allem japanische Frauen in Teilzeitarbeit zu geringerem Lohn und ohne Sozialleis-
tungen beschäftigt. Angesichts der wachsenden Knappheit auf dem Arbeitsmarkt
ließ die Regierung dann eine begrenzte Migration auf Grundlage von ethnischer
und Bildungsselektion zu: Nach Japan einreisen konnten Arbeitskräfte mit einem
Bildungsabschluss aus bestimmten Regionen oder ethnischen Gruppen wie Indo-
nesien, den Philippinen, Thailand oder Vietnam. Auch die Nachkommen ehema-
liger japanischer AuswanderInnen aus Lateinamerika wurden als Industriearbei-
terInnen angeworben. Von ihnen wurde Vertrautheit mit der japanischen Kultur
und eine einfache Integration in Japan erwartet, was jedoch nur teils zutraf. Im
Pflegesektor wurden MigrantInnen aus Ost- und Südostasien mit Ausbildungs-
oder Anlernplänen für eine bestimmte Zeit zugelassen. In die Sexarbeit reisten
Frauen aus Ostasien mit Unterhaltungsvisa ein, teils wurden sie von japanischen
Gangstergruppen mit Verbindung zum Herkunftsland gehandelt. Offen stand die
Tür schließlich auch wenigen ExpertInnen und Fachkräften. Zwar hat die Migra-
tion seit einigen Gesetzesreformen ab 1990 allmählich zugenommen, wobei ein
Schwerpunkt im Gesundheits- und Pflegesektor liegt. Sie bleibt eher regional auf
EinwanderInnen aus Ostasien beschränkt. Der Ausländeranteil war mit 2,24 Pro-
zent um 2019 im internationalen Vergleich weiterhin gering.
Als Ausländer wurden auch die chinesische und die koreanische Minderheit
in Japan eingestuft, die als Ergebnis des Kolonialismus wie auch der Zwangsarbeit
während des Pazifischen Krieges schon lange in Japan leben.84 Nach dem Kriegs-
ende 1945 erhielten sie einen speziellen Status mit Daueraufenthalt und sie erleb-
ten Diskriminierungen in Bildung und Arbeitsmarkt. Später wurde der Erwerb
der japanischen Staatsangehörigkeit erleichtert und ein Teil der jüngeren Gene-
ration hat nun höhere Bildung erworben. Koreanische in Japan lebende Intellek-
tuelle, auch FeministInnen, haben heute eine öffentliche Stimme und sie betei-
ligen sich an den Diskussionen über Nation, Postkolonialismus und Geschlecht
(vgl. Q 13.57). Allerdings stieg mit der Rechtswendung der Politik und dem zu-
nehmenden japanischen Nationalismus ab 2000 auch der Rassismus gegenüber
KoreanerInnen und EinwanderInnen erneut an.
In der differenzbegründeten Geschlechterordnung bildete die Position der
Mutter und Hausfrau in der städtischen Kernfamilie für Frauen eine breite Bahn
zu einer abhängigen wirtschaftlichen Absicherung und sozialen Anerkennung,
die mit ansprechenden kulturellen Leitbildern geschmückt war.85 Zwar waren der
83 Vgl. zur Migrationspolitik Chiavacci 2011; Vogt, Roberts 2011, Vogt 2018.
84 Vgl. zur Lage der in Japan lebenden KoreanerInnen u. a. Chapman 2008; Ryang, Lie 2009.
85 Vgl. zur modernen Kernfamilie in Japan u. a. Goldstein-Gidoni 2012; Ochiai 1997; Ueno
2009; White 2002; zur Bedeutung der Familie und unbezahlten Frauenarbeit im japanischen
Wohlfahrtsstaat vgl. Ōsawa 2011.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 79
älteste Sohn und seine Frau herkömmlich verpflichtet, mit seinen Eltern zusam-
menzuwohnen, wobei deren Versorgung von der Schwiegertochter übernommen
wurde. Doch diese Norm verblasste allmählich vor dem Sog der städtischen Ar-
beitsmärkte. An die Stelle der ländlichen Großfamilie trat die städtische Kleinfa-
milie im privaten Heim. Zugleich verwandelte sich die vorige ökonomisch und
sozial aktive Hauswirtschafterin der häuslichen Kleinbetriebe in die Hausfrau
und Mutter der städtischen Kernfamilie, den weiblichen Pol im neuen Ernährer-/
Hausfrauenmodell. Die Frauen entflohen damit tendenziell der neopatriarchalen
Autorität des Hausvaters und der Schwiegermutter in das moderne Heim. Ange-
sichts des Wegfalls der bisherigen hausväterlichen Autorität und des Auszugs der
Ehemänner in den Betrieb stellte sich zuhause ein latentes, eng begrenztes ‚Kü-
chenmatriarchat‘ ein.
Man kann vom Paradox der abhängigen, aber mächtigen Hausfrau und Mut-
ter in Japan sprechen. Bisher habe ich die Dominanz der Männer in der Lohn-
arbeit beleuchtet, aber auf der anderen Seite stand die mächtige Mutter in der un-
bezahlten Versorgungs- und Erziehungsarbeit für Familie und Kinder. Sie hielt
dem Ehemann als dem Ernährer den Rücken für den Betrieb frei. Die Bedeu-
tung dieser unbezahlten Reproduktionsarbeit war den Betrieben bewusst, und sie
wirkten mit betrieblichen Sozialleistungen wie Familienzulagen und Werkswoh-
nungen für die männlichen Stammbeschäftigten auf die Stabilisierung der Familie
und der geschlechtlichen Arbeitsteilung hin. In den Worten eines Managers: „In
principle the housewife is in charge of home life, and we can say that the husband
both takes his rest and builds his energy under her direction“ (zit. nach Gordon
2003: 264). Der Haushalt hatte also weiterhin öffentliche Bedeutung: War der neo-
patriarchale Haushalt vor 1945 der ökonomische und moralische Stützpfeiler des
Familienstaats, so bildete die private Kleinfamilie die zuarbeitende Grundzel-
le der Betriebsgesellschaft hinter der Front der Exportnation. Beide Familienfor-
men wurden durch die abhängige unbezahlte Arbeit der Frauen aufrechterhal-
ten, doch unterschieden sie sich grundlegend in ihrer Struktur und dem sozialen
Kontext.
Da der neopatriarchale Hausvater auf dem Land verblieb und der Ehemann
sich auf den Betrieb konzentrierte, wurde die Familie zugleich zum Reich der
Frau, in dem sie angesichts des entstandenen Machtvakuums eine bedeutende
Stimme bekam. Sie erhielt meist den Lohn des Mannes, gab ihm eine Summe
für seinen persönlichen Bedarf und verwaltete sonst das Haushaltseinkommen.
Damit verband sich ein wachsender Spielraum, da der Massenkonsum im ho-
hen Wirtschaftswachstum nach 1955 mit den Löhnen rasch anstieg. Die Hausfrau
und Mutter entschied über alltägliche Familienfragen. Ferner war sie verantwort-
lich für die Erziehung und den Bildungserfolg der Kinder, was sowohl eine hohe
Anerkennung in dieser Rolle wie auch große Belastungen mit sich brachte. Viele
80 Ilse Lenz
86 Zum Wandel der Familie nach 1990 vgl. Goldstein-Gidoni 2012; Kottmann 2016; Meier-
Gräwe u. a. 2019; Ochiai 1997; Ueno 2009; White 2002;
87 Der Ansatz der Genderwohlfahrtsregimes ordnet Wohlfahrtsstaaten danach ein, welche
Normen der geschlechtlichen Arbeitsteilung sie zugrunde legen. In konservativen Wohl-
fahrtsregimes wie Deutschland oder Japan wird das Ernährer-/Hausfrauenmodell verankert
und gefördert; in liberalen Regimes wie Großbritannien und den USA werden alle Ge-
schlechter auf den Arbeitsmarkt gedrängt und die Versorgungsarbeit dem Markt oder unbe-
zahlter Frauenarbeit überlassen. In sozialdemokratischen Regimes wie Schweden wird eine
gleichheitliche Arbeitsteilung auf dem Arbeitsmarkt und in der Familie zugrunde gelegt und
staatlich abgestützt. Es handelt sich hier um Idealtypen, die durch die folgende Entwicklung
wie die neoliberale Wende im sozialdemokratischen Modell teils überholt sind; vgl. Betzelt
2007.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 81
war das Schulsystem vereinfacht und demokratisiert worden. Auf die Grundschu-
le von sechs Jahren folgte die obligatorische dreijährige Mittelschule. Mit dem Ab-
schluss der ebenfalls dreijährigen Oberschule stand der Weg in die vierjährige
Universität oder das zweijährige Junior College offen. Diese Chancen wurden
schichtenübergreifend genutzt, kamen aber stärker den Jungen zugute. Bereits um
1975 schloss die große Mehrheit der Jungen und Mädchen die Oberschule ab. Da-
nach studierte ein erheblich höherer Anteil der jungen Männer an der Univer-
sität, während die jungen Frauen sich zwischen Universitätsstudium und Junior
Colleges, also Fachschulen für soziale und pflegerische Berufe, aufteilten. Die-
se Bildungsbenachteiligung schlägt sich auch in den niedrigen Frauenanteilen im
Management und Spitzenberufen nieder. Da sie nicht in das Bild der homosozia-
len männlichen Stammarbeiter passten, verhielt sich die Privatwirtschaft zöger-
lich oder ablehnend gegenüber Akademikerinnen, die deswegen eher Chancen in
der Schule oder in freien Berufen hatten.
In seinen Inhalten vermittelte das Bildungssystem geschlechtliche Normen
und Verhaltensweisen. Dem obligatorischen Hauswirtschaftskurs für die Mäd-
chen standen für die Jungen lange Zeit Wahlfächer wie naturwissenschaftliche
Leistungskurse oder Kampfsport gegenüber. Erst 1985 erreichte die Frauenbewe-
gung, dass danach Jungen und Mädchen gemeinsam Hauswirtschaft lernten. Zu-
dem wurden herkömmlich bei der morgendlichen Begrüßung der SchülerInnen
erst alle Namen der Jungen und dann die der Mädchen vorgelesen, was als prak-
tisches Zelebrieren des „Jungen stehen oben“ oder der männlichen Überlegen-
heit erfahren wurde. Das Bildungssystem beruhte auf der differenzbegründeten
Geschlechterordnung und legitimierte zugleich ihre Genderideologien. Dennoch
bot es Chancen zur Qualifikation und Reflektion für Frauen und wurde in der
Studierendenbewegung von 1968 zu einem Ausgangspunkt der Neuen Frauen-
bewegung.
In den 1950er Jahren gingen die Frauenbewegungen überwiegend von der weibli-
chen Differenz als Mutter und Hausfrau aus und forderten auf dieser Grundlage
öffentliche Partizipation. Während sie so die öffentliche Beteiligung von Frauen
durch eine Berufung auf die Mutterschaft erweiterten, bekräftigten sie zugleich
die Vorstellung eines grundlegenden Geschlechtsunterschieds, die die Grund-
lage der differenzbegründeten Geschlechterordnung war. Eine Reihe von Teilbe-
wegungen, die ich im Folgenden umreißen will, beeinflussten Politik und Gesell-
schaft aus dieser Differenzperspektive.
82 Ilse Lenz
schen den Kongressen aktiv waren und die Forderungen nach politischer Betei-
ligung von Müttern in die Regionen und die Kommunalpolitik trugen.
Um 1960 reihte sich die Mütterbewegung in die große pazifistische und sozia-
listische Massenbewegung gegen den Sicherheitsvertrag Japans mit den USA ein.
Allein in Tōkyō demonstrierten vom April 1959 bis zum Juli 1960 fast eine Mil
lion JapanerInnen gegen den Vertrag und für Frieden. ArbeiterInnen, Ladenbesit-
zer, Mütter, StudentInnen, SchriftstellerInnen und Taxifahrer reihten sich ein. Als
die Friedensbewegung mit der Verabschiedung des Vertrags 1960 scheiterte, ging
sie allmählich zurück (vgl. Andrews 2016: 25 ff.; Avenell 2010; Kapur 2018; Sasaki-
Uemura 2001).
Führend in der Mütterbewegung waren sozialistische Frauen und anerkann-
te Vordenkerinnen aus dem individuell-autonomen Flügel um die ‚Neuen Frauen‘
von 1920 wie Hiratsuka Raichō, die bereits in der Mutterschutzdebatte 1918 das
Mutterdenken mit der Forderung nach freier selbstbestimmter Liebe verbunden
hatten (vgl. Q 1.05, 1.09). Die ultranationalistische Regierung und Politik hatten ab
1938 die Mutterfigur für den Krieg verstaatlicht und militarisiert. Die kriegsberei-
te Mutter sollte viele Söhne gebären und sie voll Stolz für den Kaiser an die Front
senden, ohne eine Träne zu vergießen (vgl. Q 13.55). In Abgrenzung dazu lehnte
die Mütterbewegung nach 1955 den Krieg grundlegend ab. Jedoch sah sie die ja-
panischen Frauen allein als Opfer von Krieg und patriarchaler Herrschaft, ohne
ihre eigene Beteiligung daran zu thematisieren. Da nur Japan im zweiten Welt-
krieg die Schrecken der Atombombe erlebt hatte, sahen die japanischen Mütter
ihre Verantwortung auch darin, die junge Generation und die Welt über die Ge-
fahren und Leiden des Atomkriegs aufzuklären. In dieser Opfersicht wurde we-
der die Kriegsverantwortung Japans noch die staatliche Einbindung der Mütter in
den Krieg reflektiert. Die Neue Frauenbewegung würde diesen Opfermythos ra-
dikal hinterfragen.
Die Mütterkongresse hatten gegen die vorige nationale Militarisierung der
Mutterschaft nun die Mutter als eigenständiges Subjekt gesetzt, die erstmals nach
ihren Bedürfnissen und denen ihrer Kinder leben kann und soll (Maxson 2018).
Auf den Mütterkongressen bereuten Mütter unter Tränen, dass sie ihre Söhne für
den Krieg geopfert hatten und beschworen grenzenlose Mutterliebe, in der sie
ihre persönliche Erfüllung sahen. Das Mutterbild wurde so emotionalisiert und
mit Liebe im Sinne einer entgrenzten mütterlichen Erotik und weiblichen Fried-
fertigkeit aufgeladen. Während dies dem modernen dualistischen Denken der Ge-
schlechterdifferenz entsprach, wurde zugleich die moderne Mutter als individuel-
len Subjekt aufgefasst und politisiert: Sie stand auf für ihre Bedürfnisse und folgte
so ihrem Gefühl, allen voran der Zuwendung zu den Kindern. Deshalb verlang-
te sie eine öffentliche Stimme für Mütter, die die politische Fähigkeit und Auf-
gabe hatten, sich für den Frieden einzusetzen. Die Mütterbewegung vertrat einen
84 Ilse Lenz
‚weiblichen‘ und doch individuellen Politikstil, nach dem jede Mutter legitimiert
war, öffentlich über ihre Erfahrungen im Krieg zu sprechen und ihre Gefühle von
Trauer, Liebe und Hoffnung auf eine friedliche Welt auszudrücken. Sie lehnte eine
Anpassung der Mütter an die ‚Männerpolitik‘ ab, die als vermachtet und korrupt
angesehen wurde, und begründete demgegenüber ihre eigene politische Bedeu-
tung eben aus der Differenz.
Die Mütterbewegung formierte sich zu dem Zeitpunkt, als sich ein neues mo-
dernes Mutterbild mit einer engen Mutter-Kind-Bindung in der urbanen Massen-
gesellschaft verbreitete, und sie beeinflusste diesen Wandel der Genderbilder mit.
Nun waren Maternalismus und ein weiblicher Eros in der modifizierten Form der
hohen Mutterliebe zum Mainstream der Frauenbewegung geworden. Aber auch
die folgende Rebellion der Lib-Frauen in Japan bejahte autonome Mutterschaft
und Eros. Man kann sie so lesen, dass sie keinen Bruch zum Maternalismus be-
deutete, sondern in gewissem Sinne seine radikale Neuinterpretation und Fortset-
zung bildete (s. u.).
Demgegenüber definierte die Hausfrauenbewegung Frauen kollektiv aus einer
Sicht der Geschlechterdifferenz: Sie traten als moderne Konsumentinnen mit
eigenen Aufgaben und Rechten z. B. auf gute und preisgünstige Produkte auf. Der
Hausfrauenverband organisierte Massendemonstrationen von Frauen in weißen
Schürzen, die große hölzerne Reislöffel schwangen. Er organisierte eigenes Exper-
tInnenwissen für Hausfrauen, indem er eine Ehe- und Verhütungsberatung und
eigene Labors für Warentests unterhielt. Während in Europa und den USA das
Bild der bürgerlichen Hausfrau in der privaten Familie vorherrschte, sahen sich
diese Hausfrauen in Japan als Teil der arbeitenden Massen und standen eher der
Linken nah (Q 4.26; Mackie 2003: 123).
In Japan wurde bereits ab 1955 zwischen Aktivistinnen der sozialistischen
und der Frauenbewegung intensiv über die Bedeutung und den Wert der Haus-
arbeit im Kapitalismus diskutiert (vgl. Bardsley 2014; Goldstein-Gidoni 2012: 44 –
52; Ueno 1982). Demgegenüber wurde in der europäischen und US-Frauenbewe-
gung diese Frage erst zu Beginn der 1970er Jahre unter dem Schlagwort „Lohn für
Hausarbeit“ angegangen (vgl. Lenz 2010: 145 – 158). In Japan betrachteten einige
Autorinnen früh die Reproduktionsarbeit der Frau als wesentlichen Arbeitsbei-
trag in der kapitalistischen Gesellschaft und fragten, ob Frauen sich eher durch
Lohnarbeit oder eine soziale Aufwertung der Hausarbeit befreien könnten (vgl.
Bardsley 2014: 45 – 73; Goldstein-Gidoni 2012: 44 – 52; Mackie 2003: 132 – 4; Ueno
1982). Die Differenzfeministin Takeda Kyoko sah etwas später in der Hausfrau
das Bild des freien Menschen (vgl. Q 4.27). Einige ökologische Feministinnen ent-
wickelten in den 1980er Jahren sogar eine Strategie des Rückzugs aus der Lohn-
arbeit und der Konzentration auf die Hausarbeit, die Gebrauchswerte und Leben
schafft (vgl. Q 10.49).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 85
Eine dritte Teilbewegung forderte das Verbot der Prostitution. Sie wurde von
einem überparteilichen Bündnis weiblicher Abgeordneter, Frauen in der Verwal-
tung und Frauenverbänden getragen. Sie schloss an die lange Kampagne gegen die
öffentliche Zwangsprostitution seit dem späten 19. Jahrhundert an und erreichte
1956 das Gesetz zur Verhütung der Prostitution.88 Während die öffentliche Pros-
titution, in der Frauen registriert und in persönlicher Schuldabhängigkeit zwangs-
weise festgehalten wurden, in der Tat zurückging, florierte die informelle Prostitu-
tion wie auch die Sexarbeit in Massagesalons und Bars weiter. Kriminelle Gruppen
waren in der Branche aktiv und organisierten ab den 1970ern den internationalen
Frauenhandel aus Korea und Südostasien nach Japan.
Ferner hatte sich ab den 1950er Jahren eine Basisbewegung vor Ort zur Frauen
geschichte entwickelt. Hausfrauen, Lehrerinnen und Schriftstellerinnen begannen
gemeinsam, sich in Lesekreisen vor allem die lokale Geschichte der Frau anzueig-
nen oder sie selbst zu schreiben. Sie unternahmen mündliche Erinnerungspro-
jekte, erschlossen Archive und sammelten Materialien (vgl. Gayle 2010). Das In-
teresse an Frauengeschichte war angestiegen, und Frauen schrieben nun ihre
Geschichte selbst.
Die Geschichte der Frau (1972) der Anarchistin Takamure Itsue (1894 – 1964)
wurde ein Bestseller mit hohem Einfluss in und jenseits der Frauenbewegung.
Es handelt sich um eine monumentale Pionierleistung in der Frauengeschichte
schon vor der Herausbildung der neuen Frauenforschung in Europa (vgl. Taka-
mure 1972; Germer 2003, 2006). Das Werk hatte globalgeschichtliche Bedeutung,
blieb aber im Westen lange unbekannt. In einem weitgespannten Vergleich arbei-
tete Takamure die europäische, die chinesische und die japanische Frühgeschichte
auf dem damaligen Forschungsstand auf. Aufgrund eigener umfassender Quellen-
studien beschrieb sie die japanische Frühgeschichte als naturnahe89 matriarcha-
le Clangesellschaft und untersuchte die folgende Patriarchalisierung im Zuge der
Durchsetzung des militärischen Feudalismus ab ca. 1000. Dabei baute sie auf ih-
ren umfassenden Vorstudien seit 1931 auf. Dieser utopische Rückgriff auf eine frü-
he japanische Kultur trug dazu bei, dass Takamure in der nationalen Mobilisie-
rung nach 1938 durch den Ultranationalismus vereinnahmt wurde. Dennoch bot
ihre großangelegte Frauengeschichte eine theoretische Grundlage für die japani-
sche Frauenbewegung, in der sie eigene kulturelle Wurzeln suchte, die Geschicht-
lichkeit des Patriarchats und der männliche Moderne im internationalen Ver-
88 baishun bōshi hō. Prostituierte bildeten eine Gewerkschaft und protestierten gegen das Ge-
setz wie auch einige Gewerkschaftsführer; vgl. Hastings 2014, sowie Fujime 2015 zu einer kri-
tischen Analyse der Antiprostitutionsbewegung.
89 Takamure verstand Natur eher als Ensemble von Kreisläufen und kosmischen Kräften und
nicht im wissenschaftlich-biologischen Sinne.
86 Ilse Lenz
gleich aufarbeitete und die Frauen als historisches Subjekt wahrnahm. In ihrer
ideologiekritischen Wirkung gegenüber der naturalisierten patriarchalen Herr-
schaft in Japan war das Werk vergleichbar mit Simone de Beauvoirs Das andere
Geschlecht. Während aber Takamure dies Buch von Simone de Beauvoir gelesen
hatte, hatte die Frauenbefreiungstheorie im Westen bis in die 1970er Jahre eine
Wahrnehmungssperre gegenüber Beiträgen aus dem globalen Osten und Süden
(vgl. Connell 2017a).
Die sozialistische Frauenbewegung hatte sich in der Mütterbewegung enga-
giert, aber seit den 1950er Jahren auch die Arbeiterinnenbewegung mitgetragen.
Sie kooperierte mit den gewerkschaftlichen Frauen- und Jugendabteilungen. Ar-
beiterinnen innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften forderten Menschen-
und Arbeitsrechte, Organisationsfreiheit und bessere Löhne (Gerteis 2009). Der
Menschenrechtsdiskurs wurde auf den Kampf gegen geschlechtliche Kontrolle
und Gewalt am Arbeitsplatz ausgeweitet wie etwa gegen körperliche (auch inti-
me) Durchsuchungen von Busschaffnerinnen unter dem Vorwand, Diebstahl zu
verhindern, oder gegen die weiterbestehende Kasernierung von Textilarbeiterin-
nen in Wohnheimen.
Nach 1950 verbreiteten die Frauenbewegungen vor allem die Leitbilder der
liebenden und pazifistischen Mutter, die aus ihrem persönlichen Bedürfnis (und
nicht für Staat und Militär) die Kinder versorgt und deswegen politische Betei-
ligung und Frieden fordert, wie auch der kritischen Hausfrau, die die Politik sau-
ber halten und den Konsumkapitalismus mit kontrollieren will. Damit erreichten
sie Frauen, besonders Mütter, in allen Klassen und Regionen. Insgesamt waren
Diskurse der Geschlechterdifferenz in dem Sinne, dass Frauen und Männern
gleichwertig, aber unterschiedlich sind, vorherrschend: Aber die Regierung ver-
band damit die Rückkehr zum neopatriarchalen Haushalt, zur männlichen Domi-
nanz und zur Unterordnung im hübschen weiblichen Verstummen und Dienen.
Demgegenüber interpretierten die Frauenbewegungen die Differenz gleichheit-
lich um, indem sie Mütter und Hausfrauen als eigenständige und individuelle po-
litische Akteurinnen aufwerteten.
Dieser Maternalismus verband sich mit einer linken, gesellschaftskritischen
Orientierung. Der nationalpartizipative Flügel wie auch die sozialistischen Rich-
tungen griffen die Männerherrschaft und den Kapitalismus der Großkonzerne
an. Sie sahen sich als Teil der Volksmassen und einer grundlegenden Demokra-
tisierung gegenüber einer autoritären rechten Regierung, die eng mit den USA,
die von vielen Aktivistinnen als imperialistische Macht aufgefasst wurden, und
den Großkonzernen zusammenarbeitete. Damit unterschieden sich die Mütter-
und Hausfrauenbewegungen grundsätzlich von den bürgerlichen und religiö-
sen Frauenverbänden in der Bundesrepublik, die von der Gattenfamilie mit Kin-
dern ausgingen und gleiche Rechte für Frauen, nicht aber radikale Veränderungen
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 87
wollten. Dieser linke Maternalismus war ein wichtiger Bezugspunkt für die japa-
nische Lib nach 1970. Die Frauenbewegungen hatten sich in Massenverbänden
zusammengeschlossen, die eine hierarchische Organisation aufwiesen und mit
verschiedenen Parteien kooperierten. Insofern stellten sie auch einen relevanten
Machtfaktor dar, der allerdings nur begrenzt auf die konservative männliche Po-
litik einwirken konnte.
Die Mütter- und Hausfrauenbewegungen verwendeten das ehrende Wort
fujin (Frau) für ihre Bewegung ( fujin undō) und betrieben so eine Aufwertung
des Weiblichen und der Differenz: Unter den verschiedenen Bezeichnungen für
Frau im Japanischen hat fujin einen anerkennenden Grundton für Frauen im öf-
fentlichem Auftreten.90 Alltäglich wird oft das Wort onna für Frau verwendet,
das die Frau mit ihrer körperlichen Präsenz beschreibt und einen fleischlich ir-
dischen Beiklang hat. Als die Neue Frauenbewegung um 1970 aufbrach, griff sie
dies Selbstverständnis der fujin als Symbol angepasster Weiblichkeit in der Män-
nergesellschaft heftig an und onna wurde zum Wort ihrer Wahl für das Selbst und
für andere Frauen.
90 Eine neutrale Bezeichnung ist josei für Frauen wie auch dansei für Männer.
88 Ilse Lenz
91 Zur Entwicklung der Neuen Frauenbewegungen in Japan vgl. u. a. Amano u. a. 2009 – 2011;
Ampo 1996; Buckley 1997; Bullock u. a. 2018; Dales 2012; Ehara 1990; Ehara 1992 – 2001; Fu-
jimura-Fanselow, Kameda 1995; Fujimura-Fanselow 2011; Kano 2016; Khor 1999; Kōdō suru
kai kirokushū henshū iinkai 1999; Lenz 2000; Mackie 2003; Mizoguchi u. a. 1992; 1994; 1995;
Tanaka 1974; Tanaka H. 2009; Ueno 2011; Yoshitake 2006.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 89
Ab Mitte der 1990er Jahre wurde die Sicht auf die ‚Frauenfrage‘ von der Ge-
schlechterperspektive abgelöst, wobei auch Männer zunehmend aktiv wurden.
Frauen aus sozialen wie postkolonialen Minderheiten, etwa aus der diskriminier-
ten Gruppe der buraku, aus der koreanischen und Ainu-Minderheit meldeten sich
nun zu Wort. Lesben hatten sich bereits vorher zusammengetan und öffentlich ge-
äußert; sie stießen dann die Auseinandersetzung um LGBTI im neuen Jahrtau-
send mit an.
Im neuen Millennium betrieben rechtskonservative politische und intellek-
tuelle Eliten einen antifeministischen Backlash. Während sie ihr Ziel der Repatri-
archalisierung und Retraditionalisierung einstweilen verfehlten, führte dies zu
einem geschlechterpolitischen Stillstand, der unter den rechtskonservativen LDP-
Regierungen von Abe Shinzō (2006 – 2007, 2012 – 2020) zementiert wurde. Im Er-
gebnis blieben grundlegende Strukturprobleme ungelöst, die wie etwa der Gebur-
tenrückgang und die Prekarisierung der Beschäftigung auf die Widersprüche der
differenzbegründeten Geschlechterordnung zurückgehen, so dass die japanische
Gesellschaft auf weitere verlorene Jahrzehnte zurückblicken muss.
Im Folgenden wird die Entwicklung der Frauenbewegungen nach 1970 um-
rissen, indem ihre Diskurse, Strategien und Organisationsformen in der jewei-
ligen Phase vorgestellt werden. So tritt der große Bogen der Veränderungen der
Frauenbewegungen in diesen vierzig Jahren sichtbar hervor. Im Ergebnis wurde
die vorherrschende Norm der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit hinterfragt und
die differenzbegründete Geschlechterordnung erschüttert, die zugleich vonseiten
des globalisierten Kapitalismus unter Druck kam. Heute ist das Ernährer-/Haus-
frauenmodell verblasst, während die Leitbilder der Mutter und Hausfrau und des
Betriebskriegers brüchig wurden. Diese Veränderungen bringen neue Herausfor-
derungen für die Frauenbewegungen wie auch für die japanische Gesellschaft.
Die Lib-Bewegung92 leitete um 1970 während der großen linken Jugend- und Stu-
dentenproteste gegen den US-amerikanischen Sicherheitsvertrag, den Vietnam-
krieg und die konservative LDP-Regierung einen Neuaufbruch der Frauenbewe-
92 Vgl. zu den Diskursen der Lib-Bewegung Michiko Mae in diesem Bd. Von nun an wird die
Abkürzung Lib verwandt. Zur Lib vgl. die umfassende Quellensammlung von Mizoguchi
u. a. 1992; 1994; 1995, sowie Amano 2009; Kano 2016; Mackie 2003; Nishimura 2006; Shige
matsu 2012, 2018; Tanaka 1972; Terasaki 1991. Autobiograpisch gefärbte Veröffentlichungen
sind Akiyama 1993; Yoshitake 2006. Meine Betonung des autonomen Eros in der Lib unter-
scheidet sich von Shigematsu (2012), die die Auseinandersetzung mit der Gewalt hervorhebt.
90 Ilse Lenz
gung ein (vgl. u. a. Derichs 1995; Knaudt 2016). Als ihr Startzeichen wurde das
Auftreten der Gruppe Kämpfende Frauen (Gurūpu tatakau onna) aufgefasst, die
erstmals einen eigenständigen Frauenblock mit feministischen Parolen in einer
dieser Demonstrationen, nämlich zum Antikriegstag am 21. 10. 1970, gebildet hat-
te. In dieser kleinen Gruppe hatten sich Aktivistinnen zusammengefunden, die
durch die sozialistische Studierendenbewegung politisiert worden waren, aber
auch dort Unterdrückung und Ausbeutung nach den hegemonialen Geschlech-
ternormen erlebt hatten. Wie in anderen Ländern, auch in Deutschland, wur-
den sie für die Kinderversorgung, das Essenkochen und das Tippen der Flugblät-
ter eingeteilt, während die Studenten für ‚die Revolution‘ kämpften (vgl. Q 2.15;
Lenz 2010).
Die Lib-Bewegung revolutionierte die radikale und subjektorientierte Ent-
wicklungslinie in der Frauenbewegung fundamental, während sie daran anknüpf-
te. Sie beeinflusste in der Folge auch deren andere Strömungen wesentlich. Sie at-
tackierte das hegemoniale Bild von systemkonformer, hübscher und ökonomisch
abhängiger Weiblichkeit und Mütterlichkeit grundlegend von einer Position der
Geschlechterdifferenz her. Frauen hatten in ihrer Sicht eine eigene Existenzweise,
die in der ‚Männergesellschaft‘ fremdbestimmt wurde. Zum einen erschütterte die
Lib so das ideologische Fundament der differenzbasierten Geschlechterordnung.
Zum anderen entwarf sie ein machtvolles weibliches Subjekt, dem eine autonome,
aber nun entfremdete Sexualität und Gebärfähigkeit innewohnte. Sie schuf die Vi-
sion eines neuen Eros, nach der Frauen aktiv ihr Begehren und ihre Liebe leben
und so die Beziehungen und die Gesellschaft verändern. Schließlich kritisierte sie
den Beitrag von Frauen zu den herrschenden Verhältnissen und weigerte sich so,
Frauen als Opfer zu sehen und zu definieren: Denn solange Frauen die herrschen-
den Werte teilten und in ihrem Verhalten bekräftigten, wirkten sie selbst an dem
Herrschaftssystem mit, wenn auch in untergeordneter Stellung. Das zeigte sich
etwa in der frühen radikalen Kritik der Lib an den japanischen Hausfrauen im
Krieg, die die Zwangsprostitution koreanischer Frauen für die Kaiserlich Japani-
sche Armee hingenommen und so abgestützt hätten.93
Zugleich kritisierte die Lib auch die neopatriarchale Studierendenbewegung
und Neue Linke grundlegend, die Gewaltideologien und den außeralltäglichen
todesbereiten Kämpfer beschworen. Sie hinterfragte ihre eigene intellektuelle
Abhängigkeit von der Linken grundlegend. Denn während sich die kleinbür-
gerlichen Frauen „mit Markenkosmetik schminkten, hätten sich die Frauen der
93 Vgl. Q 2.13; Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik betrachtete Frauen teils als Opfer
von Krieg und Nationalsozialismus und setzte sich erst spät mit der Gewalt der deutschen
Truppen im II. Weltkrieg gegenüber den Frauen in Osteuropa und Russland auseinander;
vgl. Lenz 2010.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 91
Neuen Linken mit Marx geschminkt“ (Q 2.15). Sie verweigerten sich nun dem lin-
ken Frauenbild als hübsche und harmlose ‚Aschenputtel der Neuen Linken‘ und
bestimmten Frauen aus einer Differenzposition als autonomes und sexuelles Sub-
jekt. Die Frau vereint Zuwendung und SEX als deren körperlichen Ausdruck, hieß
es in dem provokanten Text Befreiung von der Kloake (Q 2.12). So entwickelte die
Lib einen gleichheitlichen erotischen Politikbegriff, der von einer subjektzen-
trierten Veränderung des Alltags ausgeht, durch die die Gesellschaft revolutio-
niert wird.
Die Lib verband also eine radikale Systemkritik mit einer Dekonstruktion der
herrschenden Weiblichkeitsnormen und mit Visionen der Handlungsmacht und
des Eros von Frauen. Diese tiefe Erschütterung der Ideologie der Geschlechterdif-
ferenz und des hegemonialen Mutter- und Hausfrauenbildes und die radikale For-
derung nach Autonomie und Gleichheit bedeuteten einen grundlegenden Bruch
gegenüber der Mütter- und Hausfrauenbewegung von 1950 – 1970 und zugleich
einen Frontalangriff auf die differenzbegründete Geschlechterordnung.
Ich will nun drei Feministinnen vorstellen, die seit der Lib aktiv sind. Ihre
Lebensgeschichten, die ich hier nur kurz umreißen kann, sollen einige Gesich-
ter hinter den neuen Frauenbewegungen zeigen. Tanaka Mitsu (* 1943) bestimm-
te die radikalen Theorien und die Praxis der Lib wesentlich mit. Sie wurde zu ih-
rer „öffentlichen Botin“94 und sah sich auch selbst so. Ihre Eltern hatten einen
kleinen Fischladen, dann ein Restaurant in Tōkyō. Nach der Oberschule lebte sie
nahe der Tōkyō Universität, einem Brennpunkt der Studierendenbewegung, und
arbeitete u. a. in einer Werbefirma. Als Mitbegründerin der Gruppe Kämpfen-
de Frauen (1970) und des Frauenzentrums in Shinjuku (1972 – 1977) lebte sie im
Auge des Sturms der Lib und ihrer internen Konflikte. Sie hat deren freie, impul-
sive Theoriebildung beflügelt, die in ihrer Sicht das kollektive Chaos der weibli-
chen Erfahrungen aufarbeitete und mit einem Verlangen nach autonomem Eros
aufbrach (vgl. Q 2.12; Tanaka 1972). In Japan benannte sie als erste den sexuellen
Missbrauch, den sie als Kind erlebt hatte. Sie nahm an der Ersten UN-Weltfrauen
konferenz 1975 in Mexiko teil, wo sie dann einige Jahre lebte. Als alleinerziehen-
de Mutter kehrte sie später mit ihrem Sohn nach Japan zurück und arbeitete seit-
dem als Heilpraktikerin mit Akupunktur. In ihren Worten hat sie sich nicht von
der politischen Aktivität abgewandt, sondern diese auf persönliche Befreiung
verlagert.
94 ribu no yobikakenin, vgl. Shigematsu 2012: 106; in den Medien wurde sie als Schamanin
(miko) der Lib portraitiert. Dieser Widerspruch zwischen dem Wirken als charismatische
Führerin mit hoher Autorität und der Lib als horizontale antiautoritäre Bewegung kenn-
zeichnet das öffentliche Bild von Tanaka bis heute. Zu Tanaka vgl. u. a. Shigematsu 2012; Ta-
naka 1972, 2019 und ihr Blog http://tanakamitsu.blog.fc2.com.
92 Ilse Lenz
Matsui Yayori (1934 – 2002) war eine brillante Journalistin, Menschen- und
Frauenrechtsaktivistin und Brückenbauerin nach Ostasien. Sie begründete 1976
die Asiatische Frauengruppe (Ajia no onnatachi no kai) mit und beteiligte sich an
der Vernetzung mit asiatischen Frauen- und BürgerInnenbewegungen, die in der
Demokratisierungswelle in Ostasien ab den 1970er Jahren möglich wurde. Nach
ihrer Pensionierung 1994 wurde sie zur Schlüsselperson und Beraterin transnatio-
naler Netzwerke gegen geschlechtliche Ausbeutung u. a. in den internationalen
Niedriglohn-Exportindustrien oder im Prostitutionstourismus in Ostasien, gegen
sexuelle Gewalt und für Machtbildung marginalisierter Frauen. Sie gründete das
Asia-Japan Women’s Resource Center und beteiligte sich an dem Violence Against
Women in War Network (VAWW-NET). Integer, mutig und zugewandt gewann sie
das Vertrauen der Frauen- und BürgerInnenbewegungen in Japan und Ostasien,
gerade auch der jüngeren und Basisaktivistinnen. Sie war eine treibende Kraft für
das Internationale Frauentribunal gegen die sexuelle Sklaverei im Pazifischen Krieg
durch Japan 2000 in Tōkyō (s. u. und Mae in diesem Bd.). Weiterhin war sie eine
Vordenkerin für eine geschlechtergerechte Entwicklung und setzte sich in der Pra-
xis dafür ein. Der Titel ihres Buches Women in the New Asia. From Pain to Power
spiegelt wider, wie sie die Aufarbeitung der bitteren Vergangenheit von Kolonia-
lismus und Unterentwicklung mit Machtbildung und Autonomie in der Zukunft
verband.
Ueno Chizuko (* 1948) studierte Soziologie an der Kyōto-Universität und
nahm dort an der Studierendenbewegung teil, wo sie wie andere Diskriminie-
rung als Frau erlebte. Sie hat durch ihre so provokativen wie innovativen Ana-
lysen ein breites Publikum in und außerhalb der Wissenschaft angesprochen und
damit den Feminismus als materielle Kulturkritik populär gemacht. Sie setzte an
Alltagsfragen an: Was bedeutet es, dass Frauen Spitzenunterwäsche tragen oder
dass sie selbst ihre Vagina nie sehen können (Q 3.24; Ueno 1989) ? Wie können
sie alleinlebend auch jenseits der Familie selbstbewusst und fröhlich alt werden –
ein Thema, das in der rasch alternden japanischen Gesellschaft auf riesiges Inter-
esse stieß. Später beschäftigte sie sich mit der Frage der politischen Bewertung der
Zwangsprostitution in der Kaiserlich Japanischen Armee und dem Verhältnis von
Geschlecht und Nationalismus (2004, 2008). Theoretisch vertritt sie eine feminis-
tische Kultursoziologie, in der sie marxistische Kulturanalysen mit ihren Struktu-
ren und Materialitäten mit konstruktivistischen Zugängen kombiniert. Ueno trat
eine Reihe produktiver Kontroversen zur Vereinbarkeit, zur feministischen Ideo-
logie und zu Nation, Gender und sexuelle Gewalt los (vgl. Q 8.43, 10.48). Damit
trug sie zur Innovation und Reflexivität im Feminismus bei (Ehara 1990; Kano
2016). Nach Anstellungen in einem Marktforschungsinstitut und an kleinen Uni-
versitäten in Kyōto wurde sie Professorin an der landesweit führenden Tōkyō
Universität. Danach leitete sie das Women’s Action Network (WAN; wan.org.jp),
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 93
in dem feministische Inhalte, Kultur und Politik über das Internet verbreitet und
diskutiert werden.
Diese drei Feministinnen kamen aus der Lib, die sich nun rasch in ganz Ja-
pan ausbreitete. Die Organisationsformen der Lib bestanden aus gleichheitlichen
Kleingruppen95 und unterschieden sich so von den etablierten Frauenverbänden
mit ihrer hierarchischen Struktur. Auch die Bürgerbewegungen ab den 1960er
Jahren beruhten auf basisdemokratischen Modellen, aber sie hinterfragten die
Geschlechterungleichheit und die Trennung von Politisch und Privat kaum. Die
Lib durchkreuzte diese Trennung und legte horizontale Kommunikations- und
Organisationsansätze zugrunde, die nach dem Motto „Alle haben eine Hauptrol-
le“96 funktionierten. Dass sich alle Mitglieder an den Diskussionen und Entschei-
dungen beteiligten, vermittelte ihnen politische Bildung und Empowerment als
Frauen, die doch herkömmlich von der Politik ausgeschlossen waren. Sie erarbei-
teten sich nun eigene Theorieansätze und Forderungen jenseits der linken Leit-
theorien. Allerdings bestanden oft starke informelle Hierarchien, an denen sich
viele interne Konflikte entzündeten. Insbesondere Tanaka Mitsu, die sich selbst
als Botin der Lib an die Öffentlichkeit verstand, wuchs eine informelle Machtposi-
tion zu, die im Widerspruch zu dem gleichheitlichen Anspruch stand (Shigematsu
2012: 116 – 135).
Die Vernetzung und Koordination über die vielen Kleingruppen hinweg er-
folgte dezentral auf verschiedenen Wegen: durch Konferenzen, Workshops und
Lager, durch gemeinsame Aktionen und Demonstrationen und schließlich durch
ihre eigenen Medien, die minikomi. Viele Gruppen schufen sich eine eigene Semi-
Öffentlichkeit durch Einrichtung eines Büros und ihre eigene, oft kleine Zeit-
schrift, in der ihre Mitglieder schrieben und die im wechselseitigen Austausch
an andere Gruppen weiterversandt wurde. Für die einzelne Frau bedeutete die
minikomi, dass sie sich durch eigene Beiträge darin ausdrücken konnte und eine
eigene Stimme hatte. In Tōkyō hatte die Gruppe Kämpfende Frauen ein Frauen
zentrum in Shinjuku (1972 – 1977) gegründet, das als Treffpunkt, Wohn- und
Versammlungsraum diente (vgl. Nishimura 2006). Dieses diffuse dezentrierte
Organisationsmodell vieler horizontaler Kleingruppen, die sich dann wieder un-
tereinander und häufig in wechselseitigem Austausch vernetzten, band sehr viel
95 Tanaka Mitsu wurde bei der Gründung der Gruppe Kämpfende Frauen von dem horizonta-
len Vorgehen der Bürgerbewegung Beheiren gegen die japanische Beteiligung am Vietnam-
krieg beeinflusst (vgl. 2019: 154), aber die Frauennetzwerke überwanden zudem die Grenzen
zwischen öffentlich und privat und akzeptierten sich wechselseitig als Frau und politisches
Subjekt. Auch international organisierten sich die neuen Frauenbewegungen in horizonta-
len Kleingruppen, die persönliche Bewusstwerdung und Machtbildung förderten (vgl. Lenz
2010, 2017).
96 zen’in shuyaku kata; vgl. Kōdō surukai kirokushū henshū iinkai 1999: 267.
94 Ilse Lenz
Energie und Ressourcen der Mitglieder. Aber zugleich brachte es eine tiefgehen-
de individuelle Machtbildung für sie, da sie rundum beteiligt waren und zugleich
neue Qualifikationen wie eigenständiges Schreiben, Organisieren und öffentliches
Reden erwerben konnten. In diesem Sinne leistete die Lib politische Bildungs-
arbeit auf breiter Basis, und viele ihrer Mitglieder blieben später aktiv.
Weiterhin beruhte die Vernetzung auf großen Veranstaltungen und Konfe
renzen, die vor allem in Tōkyō und der Kansai-Gegend um Kyōto und Ōsaka
stattfanden. In diesem Sinne setzte die Lib auf eine gleichheitliche, dynamische
und dauermobilisierte Öffentlichkeit, die alle mitgestalten konnten, und nicht auf
große bürokratische und hierarchische Dachverbände. So veranstalteten die Lib-
Gruppen in Tōkyō eine Reihe von Versammlungen mit mehreren hundert Teil-
nehmerinnen, auf denen sie ihre theoretischen Ansätze und die nächsten Strate-
gien diskutierten. Während diese Öffentlichkeit mobilisierend wirkte, begünstigte
der Verzicht auf zentrale Organisationsmacht den raschen Zerfall der Lib nach ih-
rem Höhepunkt.
Eine intensive Auseinandersetzung mit der Frauenbefreiung und ein Kennen-
lernen von Frauen aus ganz Japan ermöglichten die Sommerlager der Lib, die 1971 –
1973 einmal jährlich stattfanden. Bereits unterwegs zum Lager und dann beim ge-
meinsamen Diskutieren, Kochen und Spazierengehen lernten sich Feministinnen
kennen, die teils in den nächsten Jahrzehnten intensiv in verschiedenen Netzwer-
ken und Zeitschriftenprojekten zusammenarbeiten würden. Ein Foto aus dem La-
ger von Nagano 1971 zeigt, wie die Teilnehmerinnen laut lachend nackt durch den
Regen laufen. Auf einen Blick gibt es die Aufbruchsstimmung und kollektive Ex-
perimentierfreude in der Lib wieder.
Das erste große Dachnetzwerk der Lib bildete sich 1973 im Kampf gegen die
Verschärfung des Eugenikgesetzes zur Abtreibung heraus, die die Regierung unter
dem Druck der Unternehmerverbände und rechts-shintoistischer Gruppierungen
geplant hatte.97 Das Gesetz sollte die Abtreibung zwar generell erschweren, jedoch
bei einer möglichen Behinderung erleichtert zugänglich machen. Die Lib protes-
tierte heftig gegen diese Pläne und nahm den Protest der Behindertenbewegung
mit auf. Sie gründete am 14. 2. 1973 eine erste nationale Dachorganisation, um die
Proteste zu koordinieren, nämlich das Komitee gegen die Verschärfung des Euge-
nikgesetzes (Yūsei hogohō kaiaku bōshi jikkō iinkai). Nach wiederholten Anläu-
fen um 1972, 1973 und 1974 gab die Regierung 1974 die Gesetzesverschärfung auch
wegen des breiten öffentlichen Widerstands der Frauen- und Behindertenbewe-
gung auf.
97 Vgl. zu Verhütung, Abtreibung und den aufeinanderfolgenden Debatten Norgren 2001, so-
wie die detaillierte Rekonstruktion der verschiedenen Positionen u. a. der Frauen und Be-
hindertenverbände von Kato 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 95
Das Manifest dieser Kampagne hatte das Motto „Für eine Gesellschaft, in der
wir gebären können und wollen“ (Q 3.19). Es verband die Herrschaftskritik der Lib
mit den Rechten behinderter Menschen auf Leben und Respekt, indem es den he-
gemonialen Produktivismus und seine ökonomische Rationalität radikal kritisier-
te. Nach dieser Rationalität sollten sich Frauen nun der kapitalistischen Logik voll
anpassen, indem sie Kinder bekommen und als Mütter in Teilzeitarbeit einsetzbar
sind. Weiter entspreche ihr, dass das das Leben in hochwertig oder minderwertig
eingestuft wird und Behinderungen durch Selektion möglichst vermieden wer-
den sollen. Das Manifest forderte Frauen auf, sich dieser Rationalität des Produk-
tivismus und dem ihr innewohnenden Diskriminierungsbewusstsein zu verwei-
gern. Vielmehr forderte es, dass sie über ihre Sexualität = Leben selbst bestimmen
können und fasste das in dem Slogan ‚eine Gesellschaft, in der wir gebären kön-
nen und wollen‘ zusammen (a. a. O.). Die Lib dachte Sexualität, Gebären und die
Macht autonomer Mutterschaft zusammen. Dieser radikale autonome Materna-
lismus ist im internationalen Vergleich – auch zu Deutschland – beeindruckend.
Die Lib bedeutete einen neuen Aufbruch, und sie erbrachte eine so radika-
le wie allgemeine Kritik an den Weiblichkeitsbildern und -normen der differenz-
begründeten Geschlechterordnung. Als kollektiver Akteur zerfiel sie allmählich
ab Mitte der 1970er Jahre. Um 1977 wurde das Lib-Zentrum in Shinjuku in Tōkyō
geschlossen. Viele Mitglieder blieben in der Frauenbewegung aktiv, während sie
später in verschiedene Berufe und Praxisfelder eintraten. Andere verließen Japan
und lebten eine Zeitlang in den USA, Europa oder in der damaligen ‚Dritten Welt‘.
Mit ihrer radikalen Kritik hatte die Lib die feministischen Denkhorizonte grund-
legend verändert und erweitert. In den folgenden Jahren nutzte die Frauenbewe-
gung intensiv die neuen internationalen Gleichheitsansätze im Zuge der UN-
Dekade der Frau nach 1975. Die japanischen Frauenbewegungen waren in ihrer
Gesellschaft verortet, während sie sich zunehmend mit Frauen- und Bürgerbewe-
gungen in Ostasien vernetzten und sich zugleich auf die globale Geschlechterpoli-
tik und Frauenbewegungen bezogen.98 In anderen Worten nutzten sie nach 1975
die sich eröffnenden globalen Chancenstrukturen und Normen um die UN und
tauschten sich mit ihnen nahestehenden Bewegungen in Ostasien aus. So konnten
sie die internationale Dynamik vor Ort einbringen und nutzen.
98 Vgl. zur Aktions- und Pluralisierungsphase 1975 – 1990 u. a. Ampo 1996; Buckley 1997; Bul-
lock u. a. 2018; Dales 2012; Germer u. a. 2014; Kano 2016; Kato 2009, Kōdō surukai kirokushū
henshū iinkai 1999; Lenz 2000; Tanaka, H. 2009; Welker 2018.
96 Ilse Lenz
Zunächst sollen nun die UN-Kampagnen für Gleichheit und die Dekade der
Frau in einem Exkurs umrissen und darauf die wesentlichen Richtungen und
Gruppen von 1975 – 1995 vorgestellt werden.
ferenz in Nairobi 1985 wurden Forward Looking Strategies beschlossen. Sie sa-
hen u. a. eine größere Partizipation der Frauen an Entscheidungsprozessen mit
mindestens 30 Prozent vor und waren durch den Einfluss von Frauennetzwerken
aus dem globalen Süden wie dem Netzwerk DAWN99 mit beeinflusst. Den Gip-
felpunkt stellte die Vierte (und bisher letzte) Weltfrauenkonferenz 1995 in Bei-
jing in Japans Nachbarland China dar, zu der tausende von japanischen Aktivis-
tinnen kamen. Die dort verabschiedete Weltaktionsplattform enthielt detaillierte
Empfehlungen zu zwölf zentralen Problemfeldern, die von der Armut, der bezahl-
ten und unbezahlten Arbeit, der Gewalt bis zur Bildung und der Lage der Mäd-
chen reichten (http://www.un.org/womenwatch/daw/beijing/platform). Japani-
sche NRO vernetzten sich in diesen Feldern in Japan und international, und sie
verhandelten mit der Regierung über die Umsetzung der Gleichheitsnormen und
Beschlüsse.
Nach dem radikalen Neuaufbruch der Lib bildeten sich Frauengruppen in ver-
schiedenen Feldern wie der Familie, Arbeit und Kultur heraus. Zugleich konn-
ten sie aufgrund der Dekade der Frau auf erhöhte Legitimität in der Gesellschaft
und bei der Regierung rechnen. So gelang es den Frauenbewegungen, ihre An-
liegen quer durch die Gesellschaft in allen Lebensbereichen zu verbreiten. Die
Zahl der Frauengruppen nahm rasch zu. Sie formierten sich nun in verschiedenen
Milieus und Regionen auch jenseits der metropolitanen Zentren in Kyōto/Ōsaka
und Tōkyō. Man kann von einer Aktions- und Pluralisierungsphase sprechen
(1975 – 1995). Ein Handbuch zu Frauennetzwerken von 1991 zeigte diese Vervielfa-
chung von Themen und Gruppen beispielhaft auf: Es stellte mehr als 600 Grup-
pen in ganz Japan von Hokkaido bis nach Kyūshū vor. Weiter enthielt es fünfzehn
Themenbereiche, die sich quer durch die wichtigsten Institutionen und Lebens-
bereiche zogen: neue Arbeit, Familie, Kindererziehung, regionale Erwachsenen-
bildung, Körper/Psyche, Frauenbefreiung, Frauenforschung, Ökologie, Frieden
und Antiatombewegung, internationale Netzwerke und Politik (Yokohama josei
fōramu 1991; Khor 1999). Diese Gruppen erreichten viele Frauen in den Gewerk-
schaften, in der Lokalpolitik und die Hausfrauen an der Graswurzel. Sie verban-
99 Aktivistinnen und Forscherinnen aus dem globalen Süden gründeten 1984 das transnationa-
le Network Development Alternatives with Women for a New Era (DAWN), das mehrere sehr
einflussreiche Veröffentlichungen herausgab; vgl. dawnnet.org.
98 Ilse Lenz
■■ Differenz mit einer radikalen Kritik und Negation an der hegemonialen Weib-
lichkeit und der Herrschaft in Nachfolge der Lib;
■■ Differenz und Bejahung (Affirmation) von Mutterschaft und Versorgen wie in
der Hausfrauenbewegung: Eingefordert werden Anerkennung der Differenz
und gleiche Macht und Partizipation, wobei die geschlechtliche Arbeitsteilung
zunächst akzeptiert wird;
■■ Gleichheit und Differenz: Kritik an der Diskriminierung und geschlechtlichen
Arbeitsteilung;
■■ Kritik an der Heteronormativität der Gesellschaft, auch der Frauenbewegung,
und Suche nach einem Raum für Lesben;
■■ Geschlecht als soziale Konstruktion ab den 1990er Jahren unter Einbezug der
Männer: Davon werden geschlechtliche Ungleichheit als Strukturkategorie
und zunehmend auch queere Ansätze hergeleitet.
2. Unterschiedliche Gesellschaftsbilder:
Die zweite Leitfrage bezieht sich auf die Selbstverortung zu Staat, Wirtschaft und
Gesellschaft. Dieser Komplex wird von den AktivistInnen häufig mit dem all-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 99
100 taisei. Die Klassifikation nimmt die japanische Einteilung in systemkritisch (hantaisei) und
systemnah oder -kooperativ (taisei to kyōryoku suru) auf, die mir in ExpertInneninterviews
mit AktivistInnen häufig begegnete.
Geschlecht Radikale Kritik an Weiblichkeit Gleichheit/Differenz Differenz Antidiskrimi- Dekonstruktion
100
nierung
Gesell-
schaft
System
Systemkritik Aktionsgruppe Asiatische Aktionsgruppe Asien Frauen Hausfrauen- Gender free/ Ethnische
Verhandelter Lesbenbewe Frauengruppe Lokalpolitik konferenz netzwerke Bildung Minder
Konflikt gung (ab 1985) Konsumen heiten
Liga Fem. Abg.
tinnen Queer
Väter/Männer-NW
Seikyō
Wan.or.jp
Regionaler Fokus national international national international national national national international
Ilse Lenz
auf Veränderungen in Japan setzen und schließe mit der Frauen- und Geschlech-
terforschung.
Diese Linie hinterfragte den japanischen Kapitalismus und seine erneute Ex-
pansion nach Ostasien radikal. Sie vertrat, dass Frauen und die Geschlechterun-
gleichheit widersprüchlich darin eingebunden waren: Sie würden vom Patriarchat
in Japan unterdrückt, beteiligten sich aber an seinem neokolonialen Vordringen
in Ostasien. Diese Gruppen trieben die Internationalisierung und Systemkritik in
der Frauenbewegung proaktiv voran und bauten zugleich Brücken zu den sozialen
und Frauenbewegungen in Ostasien und weltweit.
Dieser systemkritische Flügel kam teils aus der Lib und vertiefte die internatio-
nale Vernetzung und Kooperation mit linken und Frauenbewegungen in Ostasien
und den USA. War die radikale Linke in Japan seit 1945 panasiatisch eingestellt, so
vertraten die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg und die Studierendenre-
bellion ab den späten 1960er Jahren, dass Japan sich nicht vom westlichen Impe-
rialismus vereinnahmen lassen, sondern Solidarität mit den Widerstandsbewe-
gungen in Asien üben sollte (vgl. Saaler, Koschmann 2007). Wie schon ihr Name
andeutet, spielte die Asien Frauenkonferenz im Kampf gegen Invasion = Diskrimi-
nierung101 eine Schlüsselrolle dabei, den Kampf gegen die Diskriminierung von
Frauen mit dem gegen den Vietnamkrieg und die Militarisierung in Japan und
Ostasien zu verbinden.
Unter dem Einfluss der Lib bildete sich dann ab 1970 ein internationalistischer
und – in heutiger Sprache – intersektionaler Flügel der Frauenbewegung heraus.102
Er verband die Frauenbefreiung mit einer umfassenden Herrschaftskritik: Frauen
würden durch Kapitalismus, Patriarchat und Imperialismus unterdrückt und seien
zugleich widerständig. Japanische Frauen unterstützten jedoch Japans Vormacht-
stellung in Ostasien im Alltag, indem sie als Hausfrauen und Mütter hinter der
Exportfront dienten und auch die sexuelle Ausbeutung asiatischer Frauen durch
ihre Ehemänner im Sextourismus hinnahmen. An diesem Widerspruch – der Dis-
kriminierung als Frau in Japan und der Teilhabe an der Dominanz Japans in Ost-
asien – setzten das Denken und die Aktivitäten dieser Richtung seit der Asien
Frauenkonferenz an.
101 Shinryaku = Sabetsu to tatakau Ajia fujin kaigi (1970); vgl. Iijima 2006, 2014.
102 Vgl. Q 12.53, Q 12.54; sowie umfassende Untersuchung von Tanaka, H. 2009, Akiyama 1993;
Ampo 1996; Matsui 1987, 1999; Mizoguchi u. a. 1995; Tomiyama 2009.
102 Ilse Lenz
103 Vgl. die Untersuchung von Norma zum Verhältnis von Staat und Unternehmen zu Sextou-
rismus und Prostitution in Japan nach 1945 (Norma 2019).
104 Die englische Ausgabe diente der internationalen Vernetzung, auch nach Ostasien, während
die japanischen Ausgaben die Information, Netzwerkbildung und Theoriedebatte in Japan
vorantrieben. Der japanische Titel lautete Ajia to Josei Kaihō, später Onnatachi no Nijūisseki
(Das 21. Jahrhundert der Frauen).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 103
Die Asiatische Frauengruppe wurde rasch bekannt und zog viele jüngere
Frauen an, die sie teils wieder verließen. Sie behielt die radikale herrschaftskriti-
sche Perspektive gegenüber dem System bei. Ab 1980 beteiligte sie sich zusammen
mit der linken NRO Ampo aktiv an der Vernetzung der Bürger- und Frauenbewe-
gungen in Japan und Ostasien. Sie forderte Regierung und Parteien auf, gegen
die internationale und Geschlechterungleichheit und die japanische wirtschaft-
liche Expansion vorzugehen. Sie verlangte auch den Einbezug von Frauen und der
Geschlechterfrage in der Entwicklungszusammenarbeit. Ab etwa 1990 engagier-
te sie sich in der Vernetzung der autonomen Frauengruppen in Vorbereitung für
die IV. UN-Weltfrauenkonferenz in Beijing. Zugleich setzte sie sich für die Über-
lebenden der Zwangsprostitution der Kaiserlich Japanischen Armee während des
Asiatisch-Pazifischen Krieges ein und forderte eine Entschuldigung und Entschä-
digung der japanischen Regierung (s. u. und Mae in diesem Bd.).
2. Die Linie der Systemkritik und des verhandelten Konflikts für Gleichheit
Diese Linie verband eine radikale Kritik an Patriarchat und Kapitalismus in Ja-
pan mit dem Ansatz, ein breites Bewusstsein über die Geschlechterungleichheit
zu schaffen und zugleich mit der Regierung und den Betrieben um Reformen zu
verhandeln. Die Gruppen dieser Strömung entwickelten klare Forderungen an die
Regierung, an Wirtschaft und Gesellschaft und sie verschafften sich große Wirk-
samkeit und Resonanz mit fantasievollen Aktionen, die an alltägliche Erfahrun-
gen von Frauen anknüpften. Während sie sich auf Japan konzentrierten, setzten
sie die internationalen Chancen der UN-Dekade auf der nationalen Ebene um. In
ihrem Zentrum stand die Aktionsgruppe von Frauen aus Anlass des Internationa-
len Jahrs der Frau,105 die sich 1975 zum UN-Jahr der Frau als Aktionsbündnis der
neuen Frauenbewegung zusammengeschlossen hatte. Sie kritisierte die starren
Weiblichkeitsnormen der differenzbegründeten Geschlechterordnung und stand
für Gleichheit unter Anerkennung der Differenz der Frau.
Sie erreichte früh ein ungeheures Medienecho, als sie 1975 gegen einen Fern-
sehwerbespot zu Nudelsuppen protestierte, der lautete: „Die Frau kocht, der Mann
isst“. Damit griff sie die geschlechtliche Arbeitsteilung in der differenzbasierten
Geschlechterordnung frontal an. Zugleich knüpfte sie am Motiv des Kochens und
guten Essens an, das in der japanischen Alltagskultur allgegenwärtig ist. Während
105 Kokusai fujinnen o kikkake to shite kōdō o okosu onnatachi no kai; von nun an Aktionsgrup-
pe. 1986 benannte sich die Gruppe in Kōdō suru onnatachi no kai (Frauenaktionsgruppe) um.
Meist wird sie nur Aktionsgruppe (Kōdō suru kai) genannt. 1997 löste sie sich einvernehm-
lich auf; vgl. Kōdō suru kai kirokushū henshū iinkai 1999.
104 Ilse Lenz
Frauen in den USA sich von den damaligen korsettartigen BHs freimachten und
sie öffentlich in Mülltonnen entsorgten, lehnte die Aktionsgruppe mit diesem An-
griff auf eine sexistische Nudelsuppenwerbung symbolisch die geschlechtliche Ar-
beitsteilung ab. Die Gründungsmitglieder der Aktionsgruppe kamen aus der Lib
und hatten einen radikalen Bewusstseinswandel erfahren. Aber sie wollten die Ge-
sellschaft und ihre Diskriminierung mit konkreten Aktionen verändern und ihre
Leit- und Zauberworte lauteten also Kritik und Aktionen zu weithin nachvollzieh-
baren Anliegen und Fragen (Kōdō suru kai kirokushū henshū iinkai 1999: 1 – 21).
Das Verständnis von Frau und Geschlecht in ihrem Gründungsaufruf schlug
eine Brücke zwischen Mutterschaft, Gleichheit und Partizipation: „Wir verlangen,
dass das Geschlecht, das das neue Leben gebiert, in der Gesellschaft wertgeschätzt
und abgesichert wird und dass den Frauen der Weg zur aktiven Beteiligung an al-
len sozialen Unternehmungen eröffnet wird“ (ibid.: 21). In der Folge wurde die
Aktionsgruppe von der internationalen Kritik der geschlechtlichen Arbeitstei-
lung und besonders von CEDAW stark beeinflusst. Sie setzte sich umfassend für
Gleichheit und gegen Diskriminierung in Bildung, Arbeitsmarkt und Politik ein.
Unter dem Dach der Aktionsgruppe trafen sich Aktivistinnen aus Beruf, Haus-
halt, Studium und der Politik. Viele arbeiteten in Untergruppen zu einzelnen Fra-
gen wie Gleichheit in Bildung und Beruf und für den Frieden (vgl. Q 8.39, 8.40,
13.56). Zu diesen Anliegen bildeten sie gleichheitliche horizontale Arbeitsgruppen
und Netzwerke, die eine Alternative zu der hierarchischen Organisation in der
‚Betriebsgesellschaft‘ bildeten und ihnen ermöglichten, ihre Kompetenzen und In-
dividualität weiter zu entfalten.106 Nach diesem Muster entwickelten sich in der
Folge viele weitere Netzwerke, in denen sich persönliche Entfaltung und Indivi-
dualisierung mit horizontaler kollektiver Machtbildung von Frauen verbanden.
Die Aktionsgruppe verhandelte ihre Anliegen selbstbewusst mit dem Staat und
den Unternehmen und mobilisierte mit neuen medienwirksamen Aktionsformen.
Sie kooperierte auch mit den etablierten Frauenverbänden und berief sich nun auf
die neuen Gleichheitsnormen der UN, die ein hohes Ansehen bei Regierung und
Bevölkerung genoss.107
106 Meine qualitative Befragung im Jahr 1997 ergab, dass Aktivistinnen in der Frauenbewegung
besonderen Wert darauf legten, dass sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen erweitern und
sich jenseits des konventionellen hierarchischen Verhaltens individuell begegnen und sich
auch gegenseitig kritisieren konnten. Die Befragung war nicht repräsentativ; vgl. das metho-
dische Vorgehen und die Ergebnisse in Lenz 2000.
107 Abgesehen davon, dass die Mitglieder die UN-Konferenzen und andere relevante Foren be-
suchten, war die Aktionsgruppe kaum an internationalen Netzwerken beteiligt. Die inter-
nationale Perspektive war auf den Zugang zu Informationen fokussiert, die vor allem durch
Mitglieder oder internationale Studierende vermittelt wurden.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 105
Die Aktionsgruppe steht hier für eine Reihe anderer Netzwerke zur Lohnarbeit,
zu Frauen und Computern, zu berufstätigen ledigen Müttern (vgl. Q 4.28) oder zu
Frauen und Frieden. Diese Gruppen bildeten eine breite mittlere Strömung mit
nationalem oder lokalem Schwerpunkt, die für Gesellschaftsveränderung durch
schrittweise Reformen eintrat, also für Systemkritik und verhandelte Konflikte.108
Diese Linie bildete sich um die Netzwerke von Hausfrauen109, die in ihrem Alltag
aktiv wurden, während sie dem politischen System, den Betrieben und Verbänden
distanziert gegenüberstanden. Sie nahmen die Impulse der Aktionsgruppen und
auch der Lib auf und übersetzen sie für ihren lokalen Kontext. In ganz Japan ent-
standen diese Hausfrauennetzwerke und brachten neue gleichheitliche Denk- und
Handlungsmuster im Alltag und vor Ort ein. Jedoch unterschieden sich die Haus-
frauengruppen danach, wie sie das Geschlecht und das Gesellschaftssystem sahen.
Danach lassen sich drei Richtungen erkennen:
3.1. Die erste vertrat eine Systemkritik aus der Geschlechterdifferenz. Einige Haus-
frauengruppen gingen von ihrer Position als Hausfrau und Mutter aus und hin-
terfragten diese zugleich kritisch. Man kann deswegen von einer reflexiven Diffe-
renzperspektive sprechen. Beispiele dafür sind die Frauenbewegung gegen AKWs
(vgl. Q 10.50), gegen lokale Umweltverschmutzung oder für gesunde und öko-
logisch bewusste Ernährung. So verbanden sie Kritik am System mit der an der
geschlechtlichen Arbeitsteilung. Denn nun kritisierten die Mütter- und Haus
frauenbewegungen die ungleiche Arbeitsteilung selbst, während ihre Vorgän-
gerinnen in den 1950er und 1960er Jahren sich dafür eingesetzt hatten, sie in der
differenzbegründeten Geschlechterordnung sichtbar zu machen und ihre An-
erkennung und Aufwertung zu erreichen. Vordenkerinnen der ökologischen
Hausfrauennetzwerke bezogen dabei die belastenden Arbeitsbedingungen der
Männer ausdrücklich ein. Ein Beispiel ist der Aufruf zum Rückzug aus der Be-
108 Joyce Gelb (2003) vertrat, dass die Erfolge der Frauenbewegung in Japan vor allem auf Druck
von außen durch Berufung auf internationale Normen (gaiatsu) zurückgehen. Diese Sicht
von außen ignoriert die intensive Mobilisierung und die Fokussierung auf die japanische Po-
litik und Zivilgesellschaft, wie auch die daraus folgende interne Demokratisierung. Ähnlich
wie bei der These des Bumerang-Effekts, nach der Frauenbewegungen durch Berufung auf
internationale Normen nationale Erfolge einfahren könnten, werden die wesentlichen de-
mokratischen Prozesse in der Zivilgesellschaft und an der Graswurzel außer Acht gelassen.
109 Vgl. Q 4.27 – 4.30, sowie Mae in diesem Bd.; Amano 2011; Goldstein-Gidoni 2012; LeBlanc
1999; Ueno 1988.
106 Ilse Lenz
triebsgesellschaft von Kano Mikiyo (Q 10.49): Die Hausfrauen sollten sich mit ih-
rer Gebrauchswertproduktion aus der kapitalistischen Rationalität zurückziehen
und so die Gesellschaft verändern. Diese Veränderung würde dann die Huma-
nisierung der Tauschwertproduktion, also der harten Lohnarbeit der Männer be-
fördern.
3.2. Eine zweite Richtung betrieb die Vernetzung von Hausfrauen und Müttern,
um legitime öffentliche Frauenräume aufzubauen. Sie legte einen Differenzansatz
zugrunde, ohne das hegemoniale Frauenbild in seiner Funktion für das kapita-
listische System zu kritisieren. Denn für sie war „die Hausfrau das Bild eines be-
freiten Menschen“ (vgl. Q 4.27), während sie öffentliche Anerkennung verlangten
und Aktivitäten aufnahmen, die vom Ehrenamt bis zu gemeinsamem Wandern,
Töpfern oder Malen reichen können.
3.3. Eine weitere breite Richtung bildeten die Frauennetzwerke in der Lokalpolitik.
Sie begründeten die Forderung nach politischer Partizipation mit der Differenz
als Hausfrau und verbanden damit Kritik an der Männerpolitik und -gesellschaft.
Meist im Bündnis mit anderen NRO nahmen sie Einfluss auf die Gemeindewahlen
und stellen auch unabhängige Kandidatinnen auf. Eine wichtige Rolle bei der Mo-
bilisierung von Hausfrauen spielte dabei die Konsumgenossenschaft Seikyō, die
allerdings Frauenbefreiung oder Gleichheit wenig thematisierte (Mae in diesem
Bd.; LeBlanc 1999).
Die Hausfrauengruppen standen kritisch-distanziert zum System, wie sich am
Beispiel der Atomenergie oder Ökologie zeigte, und sie forderten Partizipation,
während die Forderung nach autonomer weiblicher Sexualität aus der Lib eher zu-
rücktrat. Sie hatten ihre Ansätze in die Nachbarschaft, die Schulen, die Familien
und die Lokalpolitik eingebracht und sich neue Partizipationsmöglichkeiten vor
Ort erschlossen. Auf diese Ansätze konnte sich das spätere Rahmengesetz für eine
Gesellschaft mit gleicher Partizipation von Männern und Frauen 1999 (s. u., vgl.
Mae in diesem Bd.; Holdgrün 2013) beziehen. Es sah vor, dass Frauen an der Ent-
wicklung von Maßnahmen und Plänen für Gleichheit in den Präfekturen und Ge-
meinden beteiligt werden sollten. Die alltäglichen Netzwerke eröffneten neue per-
sönliche Spielräume vor Ort, die eine Machtbildung für Mütter ermöglichten und
zugleich der Norm der Hausfrau und Mutter hinter der Exportfront in der dif-
ferenzbegründeten Geschlechterordnung widersprachen. So bewirkten sie einen
kulturellen Wandel des Mutterbilds zu mehr Freiheit und Individualität.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 107
Die Linie der Lesbenbewegung bildete sich erst in und nach der Lib heraus. Sie
stand dem System distanziert gegenüber, das sie ignorierte und ausgrenzte. Doch
die internationale Lesbenbewegung und deren Beteiligung in der UN-Dekade der
Frau eröffnete Lesben neue Räume und Ressourcen.
Lesben hatten eigene Nischen in der homosexuellen Subkultur entwickelt, die
in Japan lange stillschweigend toleriert wurde. Jedoch war das öffentliche Bild von
Lesben von pornographischen Projektionen für den männlichen Markt geprägt,
während lesbische Lebens- und Liebesformen totgeschwiegen oder still hin-
genommen wurden. Allerdings waren frauenliebende Frauen bereits in der Seitō
(1912 – 1916) und danach in der Frauenliteratur offen aufgetreten (Suzuki 2010;
Wu 2007).
Infolge der Lib reklamierten Lesben erneut eigene Stimmen und schufen auto-
nome Diskurse zur Liebe zwischen Frauen, aber auch eigene Räume und Prakti-
ken wie Consciousness Raising, Tanzparties und Veröffentlichungen.110 Nun hatte
die Lib zwar den Raum für offene Liebe zwischen Frauen geöffnet, da sie die Auto-
nomie und subjektive Handlungsmacht in Bezug auf Eros und Sexualität betonte
(vgl. Q 2.12; 2.15, 3.17). Aber sie beruhte auf heteronormativen und zweigeschlecht-
lichen Vorstellungen von Eros zwischen Frau und Mann. Schon zu ihrem Beginn
beteiligten sich zwei Lesben in der Gruppe Kämpfende Frauen. Jedoch erlebten sie
Diskriminierungen und Konflikte u. a. mit Tanaka Mitsu, so dass sie die Grup-
pe rasch wieder verließen (vgl. Shigematsu 2012: 119 – 120; Welker 2018: 51 – 52). In
der radikalen Zeitschrift Onna Erosu (Frau Eros) arbeiteten Lesben mit und ver-
öffentlichten einführende Texte. Nun wurde Liebe zwischen Frauen als potentiel-
le Weiterentwicklung der engen Zusammenarbeit und Freundschaften in der Lib
verstanden.
Parallel dazu hatte Suzuki Michiko um 1971 einen sozialen Klub für Lesben ge-
gründet (Wakakusa no kai (Gruppe Junges Gras)). Sie nahm die Mitglieder nach
einem persönlichen Vorstellungsgespräch auf, um Vertraulichkeit zu garantieren,
und sie leitete die Treffen. In der Gruppe konnten Lesben sich aussprechen, Freun-
dinnen und Geliebte finden, ohne sich nach außen zu outen. Während Suzuki be-
wusst Distanz zur Lib und zu politischem Aktivismus hielt, begegneten viele Frau-
en dort erstmals anderen Lesben und wechselten später in die Lesbenbewegung.
Mitte der 1970er Jahre schlossen sich Frauen aus diesen Kreisen zu einer offe-
nen Lesbenbewegung zusammen. Sie wollten die interne Selbstverständigung und
den Aufbau eigener Räume vorantreiben. Zugleich ging es darum, das allgemeine
Totschweigen zu durchbrechen und eine öffentliche Präsenz von lesbischem Le-
110 Vgl. zu diesem Abschnitt McLelland 2007; Shigematsu 2012; Welker 2018.
108 Ilse Lenz
111 Wörtlich übersetzt Lesbengruppe; re steht als Abkürzung für rezubian (Lesben) und gumi für
Gruppe.
112 Leider liegt noch keine Veröffentlichung dieses feministischen Klassikers in westlichen
Sprachen vor außer der freien Übersetzung von Scarlet Brown in ihrer Abschlussarbeit;
vgl. Brown, Indiana Scarlet (2018): A Translation and Analysis of Japan’s Seminal Lesbian
Studies Work (https://scholarsarchive.library.albany.edu/honorscollege_eas/3/, Zugriff 14. 5.
2022).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 109
113 Sie kann nicht einfach als „liberaler Feminismus“ eingeordnet werden, wie dies etwa Shi-
gematsu vornimmt, da der Liberalismus als Grundlage dieser Position in Japan wenig aus-
geprägt ist. Im Vordergrund steht die Antidiskriminierung und weniger die Vorstellung von
freien Bürgerinnen im Rahmen einer liberalen Gesellschaft.
114 Vgl. zum Folgenden die differenzierte detaillierte Analyse bei Tanaka, H. 2009, sowie
Mackie 2003; Lenz 2015 und dort zitierte Literatur.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 111
Zum UN-Jahr der Frau 1975 erfolgte eine mehrfache Vernetzung – innerhalb
des institutionellen Flügels, mit den autonomen Aktionsgruppen und mit Politik
und Verwaltung: Zum einen schloss sich die große Mehrheit der etablierten Ver-
bände in dem Verbindungskomitee zur Umsetzung der Beschlüsse der Japankon-
ferenz zum internationalen Jahr der Frau115 zusammen. Das Verbindungskomi-
tee beruhte auf Gruppenmitgliedschaft von Vereinen und hatte eine formalisierte
hierarchische Struktur. Es konnte über eine begrenzte Mitgliedermacht, finanziel-
le Ressourcen durch Mitgliederbeiträge und symbolische Akzeptanz in der eta-
blierten Politik verfügen.
Das Verbindungskomitee kooperierte mit den wenigen, engagierten Politike-
rinnen und FemokratInnen. Diese drei Gruppen aus Verwaltung, Politik und in-
stitutionellen Frauenverbänden waren die wesentlichen Verhandlungspartner der
konservativen LDP Regierung bei der schrittweisen Einführung einer zentralen
Gleichstellungsstelle in der Regierung, die als Ergebnis der UN-Konferenz von
Mexiko und dann von CEDAW ab 1975 erfolgte.
Ichikawa und Tanaka vernetzten den etablierten Flügel ab 1975 mit den auto-
nomen Gruppen, die zu Verhandlungen mit der Regierung und zu einer breiten
Kooperation bereit waren, vor allem mit der Aktionsgruppe. Sie wollten die insti-
tutionalisierte Macht der Verbände mit der Mobilisierungs- und Aktionsmacht
der autonomen Gruppen zusammenführen. Bei den folgenden Aktionen spra-
chen sich diese beiden Strömungen in vielem ab und gingen auch gemeinsam vor
(Tanaka, H. 2009; Kōdō suru kirokushū henshū iinkai 1999). Die Grenzen der Ko-
operation zeigten sich, als die Aktionsgruppe eine Mitgliedschaft im Verbindungs-
komitee beantragte, was dann abgelehnt wurde (Tanaka, H. 2009).
Allmählich bildete sich in den Auseinandersetzungen mit Staat und Wirtschaft
um die Umsetzung der UN-Beschlüsse ein samtenes Dreieck aus etablierten und
aktionsorientierten Frauenbewegungen, FemokratInnen und Politikerinnen her-
aus.116 Als FemokratInnen traten vor allem frühere Leiterinnen des Büros für
Frauen und Jugendliche im Arbeitsministerium sowie einige wenige Spitzenbeam-
tInnen hervor. Sie konnten die internen Diskussionen und Prozesse in Ministerien
und Verwaltung beobachten und in begrenztem Umfang mit beeinflussen, aber
auch die externe Mobilisierung durch Politikerinnen und Frauengruppen unter-
115 Kokusai fujinnen Nihon taikai no ketsugi o jitsugen suru tame no renrakukai (1975); zunächst
schlossen sich 41 etablierte Verbände zusammen; später stieg die Anzahl auf 52 (vgl. Tanaka,
H. 2009: 206 ff.; Kokusai fujinnen Nihon taikai no ketsugi o jitsugen suru tame no renraku-
kai 1989: 393 – 400)
116 Vgl. die detaillierte Analyse der AkteurInnen und Prozesse bei Tanaka, H. 2009: 248 – 290,
sowie Lenz 2015; vgl. zum Frauenbüro im Arbeitsministerium und weiteren Institutionen
für Frauenpolitik in Japan Kobayashi 2004; zu Politikerinnen in Parlament und Parteien vgl.
Dalton 2015; Miura 2016; Steele 2011.
112 Ilse Lenz
stützen. Politikerinnen aus der LDP, der SPJ und Unabhängige schlossen sich um
das Jahr 1992 in der Liga feministischer Abgeordnetinnen (Zenkoku fueminisuto giin
renmei) zusammen und traten in der Öffentlichkeit wie auch im Parlament bei
Geschlechterfragen teils gemeinsam auf.
Ein klassisches Beispiel für die Kooperationen in diesem samtenen Dreieck
war die Auseinandersetzung um die Unterzeichnung von CEDAW in Japan. Die
feministische Journalistin Matsui Yayori hatte herausgefunden und in einer sen-
sationellen Meldung veröffentlicht, dass die LDP-Regierung nicht beabsichtigte,
das Abkommen zu unterzeichnen. Politikerinnen und Frauenbewegungen protes-
tierten dagegen auf verschiedenen Wegen. Ichikawa Fusae, aber auch Takahashi
Nobuko (1916 – 1990), Führungskraft im Außenministerium und spätere Botschaf-
terin in Dänemark, engagierten sich erfolgreich gegen konservative Kräfte in der
Regierung und die Stimmen der Wirtschaftsverbände. Darauf unterschrieb die ja-
panische Regierung CEDAW 1980 knapp vor der allgemeinen Unterzeichnungs-
zeremonie auf der Zweiten UN-Weltfrauenkonferenz 1980 in Kopenhagen (vgl.
Lenz 2015, Tanaka, H. 2009: 256 – 266). Sie richtete weiterhin zum Jahr der Frau
eine eigene Geschäftsstelle ein, die über das Büro für Frauen und Jugendliche im
Arbeitsministerium von 1947 hinausging und allgemeine Geschlechterfragen auch
jenseits der Lohnarbeit bearbeiten konnte, und berief einen BeraterInnenkreis
dazu ein. Aber erst 1994, also mehr als zwanzig Jahre später, wurde ein Büro für
Geschlechtergleichheit mit vollem rechtlichen Status im Kabinettsbüro des Pre-
mierministers etabliert (s. u.; Tanaka, H. 2009: 270 ff.).
ExpertInnen aus der Frauen- und Geschlechterforschung und den Medien bil-
deten ab etwa 1990 einen vierten Pol in diesem Verhandlungsnetzwerk, so dass
sich das samtene Dreieck zum Viereck fortentwickelte. GeschlechterforscherIn-
nen untersuchten grundlegende gesellschaftspolitische Problemlagen als Ge-
schlechterfragen wie etwa die Geschlechterungleichheit in den Unternehmen oder
den dramatischen Geburtenrückgang in der japanischen Betriebsgesellschaft ab
Mitte der 1970er Jahre. Sie konnten mit empirischen Ergebnissen argumentieren
und deshalb entsprechende Legitimität in Öffentlichkeit und Politik beanspru-
chen. So wurden sie zunehmend an den Beratungskomitees (shingikai) der Re-
gierung für bestimmte Gesetzesvorhaben und Fragen beteiligt und konnten dort
wichtige Ansätze zur Geschlechtergleichheit einbringen.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 113
Ab dem Ende der 1970er Jahre brachte die Frauen- und Geschlechterforschung ihre
Ansätze und Ergebnisse zur Systemkritik und zur sexuellen Autonomie in eine
breitere Öffentlichkeit ein. Sie verortete sich in dem Feld der Wissenschaft, stand
aber der Frauenbewegung nahe. Zugleich veröffentlichten FrauenforscherInnen
wie Ueno Chizuko ihre neuen provokativen Thesen in den Medien. Sie vermittel-
ten feministische Inhalte alltäglich und sinnlich nachvollziehbar und sprachen da-
mit viele Menschen an.117 Die Frauenforschung schlug in den 1980er Jahren in Ja-
pan Wurzeln und weitete sich dann rasch aus. Sie untersuchte die Unterordnung
der Frau in Familie, Bildung, Medien, dem Arbeitsmarkt und der Politik. Es bil-
deten sich mehrere Fachgesellschaften, Zeitschriften und Jahrbücher und eige-
ne Reihen in Verlagen heraus, so dass sich eine lebhafte Diskussionskultur ent
faltete.118
Ab den 1980er Jahren führten Frauenforscherinnen grundlegende Debatten
um die männliche Herrschaft, die Bedeutung der Moderne in Japan und die Öko-
logiefrage, in denen sie ihre unterschiedlichen Positionen und Strategien be-
leuchteten.119 So trat die ökologische Feministin Aoki Yayoi (1927 – 2009) aus
einer Differenzposition für die Rückkehr zum „weiblichen und männlichen Prin-
zip“ in einer ökologischen Zukunftsvision ein (vgl. Q 10.47). Auch Kanō Mikiyo
(1940 – 2019) argumentierte differenzpolitisch für einen Rückzug aus der kapita-
listischen Produktion und eine Rückkehr zur Gebrauchswertproduktion, wie sie
dem Denken und Handeln der Hausfrauen bereits entspreche (Q 10.49). Dem-
gegenüber betonte Ueno Chizuko die emanzipatorischen Möglichkeiten der Mo-
derne. Denn in der Moderne werde der Weg zur Gleichheit eröffnet, indem die
Geschlechterdifferenz kulturell minimiert und ihre Zwangsbedeutung so verrin-
117 Für diese feministische Kulturkritik wurde damals das Wort ‚Feminismus‘ ( feminizumu) ge-
prägt; heute wird Feminismus breiter als Frauenbewegung verstanden.
118 Zur Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung vgl. u. a. Germer, Ogawa 2018;
Tachi 2014. Fachverbände sind der Internationale Verein für Frauenforschung (1977, Kokusai
joseigakkai), der Japanische Verband für Frauenforschung (1977, Nihon joseigaku kenkyūkai),
der Japanische Verein für Frauenforschung (1978, Nihon joseigakkai) und der Verein für Frau-
enforschung (1978, Joseigaku kenkyūkai); vgl. Tachi 2014; Ueno 2020: 89. Um 2000 wurden an
609 Universitäten und Hochschulen Kurse zu Frauen oder Genderforschung angeboten. Die
Forschungsergebnisse wurden in Fachzeitschriften und Reihen veröffentlicht; wichtige Auf-
sätze sind in der Reihe Nihon no feminizumu zusammengestellt, die erstmals 1994 – 5 mit sie-
ben Bänden und in einer erweiterten Neuauflage um 2009 mit zwölf Bänden im Iwanami-
Verlag erschien; vgl. Amano u. a. 2009 – 2011.
119 Vgl. die hervorragende Zusammenfassung bei Kano 2016, sowie u. a. Amano u. a. 2009 –
2011; Ehara 1990, 1992 – 2001; Katō u. a. 1993.
114 Ilse Lenz
gert wird, während die individuellen Selbstentwürfe und Wünsche leitend werden
(vgl. Q 10.48).
In den 1990er Jahren vollzog sich eine doppelte gender revolution (Ōsawa
Mari) in der Geistes- und Sozialwissenschaft in Japan im Austausch mit der inter-
nationalen und ostasiatischen Forschung. Zum einen vollzog die Frauenforschung
einen gender turn zur Geschlechterforschung. Während vorher der Fokus lange
auf Frauen lag, wurde nun das Geschlecht als Grundlage von Differenz wie auch
von Ungleichheiten untersucht: Warum werden Unterschiede nach Geschlecht ge-
macht und warum werden Ungleichheiten damit begründet ? Zugleich setzte die
sich herausbildende kritische Männlichkeitsforschung an den Fragen der männ-
lichen Hegemonie in der Betriebsgesellschaft und der Norm des Betriebskriegers
an und wandte sich u. a. den Fragen von neuer Vaterschaft oder dissidenten und
homosexuellen Männlichkeiten zu (vgl. Mae in diesem Bd.). Die Geschlechterfra-
ge wurde in den Kultur- und Sozialwissenschaften aufgenommen und weiterge-
führt, wobei sich männliche Forscher daran beteiligten.120
Zum Zweiten wurde die Bedeutung des Geschlechts selbst radikal hinter-
fragt, wobei ein Echo der radikalen Weiblichkeitskritik der Lib nachklang und
sich mit der internationalen Debatte um die soziale Konstruktion von Geschlecht
vermischte. Judith Butlers Aussage, dass Geschlecht nicht biologisch festgelegt ist,
sondern performativ gemacht wird, war weithin wirksam. Ihre Übersetzerin, die
poststrukturalistische Theoretikerin Takemura Kazuko (1954 – 2011) begründete
die queer-Studies in Japan mit. Nun wurde der vorherrschende biologistische Ge-
schlechtsdualismus kritisiert, der Zwangsnormen von Männlichkeit und Weib-
lichkeit vorsieht. Für die politische Praxis wurden dieses Konzept in die Vorstel-
lung von ‚gender free‘ transformiert: Alle Menschen sollten ihr Leben und ihre
Beziehungen frei und individuell, also ohne geschlechtliche Zwangsnormen, ge-
stalten können (vgl. Mae in diesem Bd.).
Auf dieser Grundlage brachten GeschlechterforscherInnen empirische Unter-
suchungen ein, die das gesellschaftliche Bewusstsein und die Gesetzgebung zu
Geschlecht wesentlich beeinflussten. Dabei spielte ihre Berufung in Beratungs-
komitees der Regierung eine wichtige Rolle. So waren in dem vorbereitenden Be-
ratungskomitee für das Rahmengesetz für eine Gesellschaft mit gleicher Partizi-
pation von Männern und Frauen (1999) Wissenschaftlerinnen in ungewöhnlich
hoher Zahl vertreten und auch männliche Forscher setzten sich dort für Gleich-
heit ein (vgl. Q 11.52).
120 In der deutschen Wissenschaftslandschaft zeigten sich demgegenüber Trends zur Marginali-
sierung der Geschlechterforschung in einem „Frauenbereich“, die erst allmählich überwun-
den wurden.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 115
gar, die bis dahin verdrängte und tabuisierte Tiefenproblematik der imperialen
sexuellen Gewalt wie die Zwangsprostitution in der Kaiserlich Japanischen Ar-
mee im Pazifischen Krieg zusammen mit ostasiatischen Frauenbewegungen an-
zugehen.
Aber die verschiedenen Flügel nutzten die neuen internationalen Chancen-
strukturen auf unterschiedliche Weise (vgl. insgesamt Tanaka, H. 2009). Ein kri-
tischer Flügel um die Asiatische Frauengruppe vernetzte sich mit den Frauen- und
Bürgerbewegungen in Asien. Die Aktionsgruppen mobilisierten, indem sie ein
breites Themenspektrum in Japan von der Ungleichheit in der Bildung, in der Fa-
milie und der Lohnarbeit ansprachen und öffentlichkeitswirksame Aktivitäten
dazu entfalteten. Sie bezogen sich in ihren Verhandlungen mit Staat und Wirt-
schaft auf internationale Normen und Entwicklungen wie CEDAW, waren aber
vor allem auf lokaler und auf nationaler Ebene aktiv. Die integrativen Flügel der
etablierten Frauenverbände, FemokratInnen und Politikerinnen schließlich be-
gleiteten und beförderten die Umsetzung von CEDAW und der Weltaktionsplatt-
form von Beijing 1995 vor allem innerhalb des politischen Systems (vgl. Tana-
ka, Hong 2007; Tanaka H. 2009). Der unterschiedlichen Stellung zum politischen
System Japans entsprachen in diesen Richtungen auch ihre differierenden Posi-
tionen zu den internationalen Prozessen für Gleichheit, die von einer Nutzung
der UN-Abkommen vor allem innerhalb von Nation und Staat bis zum Aufbau
feministischer Solidarität zusammen mit internationalen Frauenbewegungen
reichte.
Ab Mitte der 1990er zeigten sich zwei große Gipfelpunkte der internationalen Mo-
bilisierung, Begegnungen und des Austauschs der Frauenbewegungen (vgl. Tana-
ka, H. 2009): Der erste war die Vierte UN-Weltfrauenkonferenz in Beijing 1995,
an der sich die unterschiedlichen Richtungen gemeinsam beteiligten. Danach ver-
handelten sie um die Umsetzung der Beschlüsse der UN-Weltaktionsplattform der
Konferenz, also der globalen Ebene, mit der Regierung, der zentralen Bürokra-
tie und den Präfektur- und Gemeindeverwaltungen. Sie bewegten sich also zwi-
schen der globalen, der nationalen und der lokalen Ebene des politischen Mehr-
ebenensystems in Japan (vgl. Chan-Tiberghien 2004; Tanaka, H. 2009). In dem
Zusammenfließen der japanischen und der globalen Wellen konnten Regierung
und Kommunalpolitik überzeugt werden, weitere Gesetze und Maßnahmen zu
Gleichstellung und gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis zu beschließen. Der
zweite Gipfelpunkt war die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt an den Zwangs-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 117
121 Vgl. zur Geschlechterpolitik und der entsprechenden Gesetzgebung nach 1994 Q 11.52,
Holdgrün 2013; Lenz 2015; Ōsawa 2003; Seki 2001; Takeda 2021a; Tanaka, H. 2009.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 119
122 Danjo kyōdō sankaku shakai kihonhō; vgl. Mae in diesem Bd., Holdgrün 2013; Tanaka, H.
2009: 282 ff.; die offizielle englische Fassung lautet Basic Act for Gender-Equal Society (vgl.
u. a. http://www.gender.go.jp). Der Gesetzestext ist in der umfassenden Sammlung von in-
120 Ilse Lenz
typen und Zwangsnormen eingeschränkt werden soll. Das Gesetz definierte eine
Gesellschaft der gemeinsamen Partizipation von Mann und Frau wie folgt: „Eine
Gesellschaft, in der die Chancen, sich nach eigenem Willen an allen Bereichen
der Gesellschaft zu beteiligen, für Männer und Frauen gesichert sind, wodurch
diese ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen gleich erfüllen
können und gemeinsame Verantwortung tragen.“123 Es sah deswegen vor, dass die
Regierung wie auch die Präfekturen und Lokalverwaltungen entsprechende Maß-
nahmen für die Verwirklichung einer solchen Gesellschaft beschließen und hin-
reichende Mittel bereitstellen sollten und die Zivilgesellschaft sich daran betei-
ligen sollte. Dies bedeutete im Idealfall erhebliche Chancen für Frauengruppen
und NROs, die Gleichstellung in der Region vor Ort voranzubringen. Allerdings
konnten geschlechtskonservative Kreise in der Regierung und der Lokalpolitik
blockierend wirken, was sich in den folgenden Gegenreaktionen zeigte. Die japa-
nische Regierung hatte also ein allgemeines Gleichheitsgesetz mit breiten Betei-
ligungsmöglichkeiten beschlossen, das auf die Leitideen von Partizipation und in-
dividueller Selbstentwicklung jenseits von geschlechtlichen Zwangsnormen und
Stereotypen setzte.124
Im Zuge der umfassenden Mobilisierung für politische Maßnahmen nach 1995
und der Verhandlungen im samtenen Viereck mit der Regierung wurden weite-
re Gesetze und Richtlinien im Bereich der Geschlechterpolitik beschlossen: Dazu
gehören das Gesetz zum Erziehungsurlaub (1991, Reform 1997), die Reform des
Gesetzes zur Chancengleichheit von Mann und Frau im Beruf von 1985 (1997), der
Leitfaden des Arbeitsministeriums (1998) und die Richtlinien des Kultusministe-
riums (1999) gegen sexuelle Belästigung, das Gesetz für die Langzeit-Pflegever-
sicherung (2000) und das Gesetz gegen Gewalt in der Ehe und für Opferschutz
(2001) (vgl. www.gender.go.jp; Seki 2001).
ternationalen und japanischen (auch kommunalen) Gesetzen und Maßnahmen zur Ge-
schlechtergleichheit von Seki (2001) aufgenommen.
123 Übersetzt von der Autorin nach Seki 2001: 142; vgl. auch Tanaka, H. 2009: 282.
124 In der Bundesrepublik Deutschland fehlt ein solches allgemeines Gesetz zur Geschlechter-
gleichheit einstweilen, das auch die Privatwirtschaft und gesellschaftliche Verbände ein-
schließt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland von 2006 fokussiert auf
individuelle Nichtdiskriminierung und nicht auf Herstellung der im Grundgesetz veranker-
ten Geschlechtergleichheit.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 121
125 Zur Zwangsprostitution für die Kaiserlich Japanische Armee vgl. Norma 2016, 2019; Tanaka
2002; Yoshimi 2000. Zur Debatte und Formen der Erinnerung vgl. Mae in diesem Bd.; Cro-
zier-De Rosa, Mackie 2019: 161 – 199; Drinck, Gross 2006; Kimura 2016; Nishino, Kim, Ono-
zawa 2018; Seo 2018; Yamashita 2011, sowie kritisch zu Teilen der Forschung Soh 2008; zur
internationalen Bewegung für Gerechtigkeit für die Trostfrauen vgl. u. a. Lenz 2023; Min u. a.
2020; Tai 2020.
126 Der 14. 8. wurde zum Internationalen Gedächtnistag an die Trostfrauen, der in verschiede-
nen Kontinenten und auch in Deutschland begangen wird, vgl. Crozier-De Rosa, Mackie
2019: 170 – 175.
122 Ilse Lenz
127 Dazu liegen nun einige Veröffentlichungen vor: vgl. allgemein Son 2018 sowie Lenz 2023 zu
Korea, Japan und Deutschland; zum Korean Women’s Council Kim, Lee 2017; zu Japan Nor-
ma 2019a; Tai 2020 und Seo 2017: 43 – 7 7; 2018 zu den koreanischen Frauengruppen in Japan,
sowie die Fallstudien zu Korea, Japan, der UN und den US in Min u. a. 2020.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 123
Vorbereitung auf die UN-Weltfrauenkonferenz von Beijing 1995 trennten sich die
Wege in der Frauenbewegung wie in der Geschlechterforschung.
Die systemkritischen, später postkolonialen Strömungen fanden sich in dem
Asian Women Ressource Centre128 und dem VAWW-net Japan (Violence Against
Women in War Network, Japan) zusammen. Angesichts der weiterhin ablehnen-
den Haltung der japanischen Regierung zur Frage der ‚Trostfrauen‘ beschloss die
Asian Solidarity Conference, ein People’s Tribunal durchzuführen. AktivistInnen
aus Ostasien und Japan veranstalteten am 8. – 12. 12. 2000 in Tōkyō und am 4. 12.
2001 in Den Haag das Internationale Frauentribunal gegen Kriegsverbrechen für
einen Prozess gegen die sexuelle Sklaverei durch Japan.129 Das Tribunal stellt den
zweiten großen Gipfelpunkt der Internationalisierung der Frauenbewegungen in
Japan dar. Die systemkritischen Richtungen der Frauenbewegung in Japan setzten
sich darin für eine Aufarbeitung der sexuellen Gewalt der Kaiserlich Japanischen
Armee und eine Versöhnung mit den asiatischen Gesellschaften ein. Es beruhte
auf einem breiten Bündnis von Frauen- und Bürgerbewegungen aus Asien und
den globalen Netzwerken einerseits und auf einer Kooperation mit der UN-Men-
schenrechtskommission andererseits. Unter Einbezug internationaler Völker- und
MenschenrechtlerInnen wurden die Verantwortlichen für die Zwangsprostitution
unter Einschluss von Kaiser Hirohito, dem Obersten Befehlshaber im Krieg, sym-
bolisch angeklagt und verurteilt.
Die Medien in Japan berichteten kaum über das Tribunal oder die internatio-
nale Debatte zur Zwangsprostitution und sexuellen Gewalt im Krieg. Damit öff-
nete sich die Schere zwischen der japanischen und der internationalen Öffent-
lichkeit zu dieser Frage noch weiter. Während die LDP-Regierungen versuchten,
das Problem abzustreiten oder zu dethematisieren, wurde es sowohl von den UN
wie auch von der chinesischen und der südkoreanischen Regierung und u. a. dem
US Senat aufgenommen. So vertiefte sich die Kluft zwischen der japanischen und
der internationalen Politik in dieser Frage (vgl. Kimura 2016; Kumagai 2015; Min
2020; Tai 2020). Der LDP-Premierminister Abe Shinzō hatte sich für ein revi-
sionistisches nationalistisches Geschichtsbild eingesetzt wie auch die historische
Tatsache der Zwangsprostitution lange bestritten, was zu erhöhten Spannungen
mit Südkorea und der VR China führte. Zwar einigte sich Premierminister Abe
mit der konservativen Präsidentin Südkoreas Park Geun-hye 2015 darauf, das Pro-
blem durch eine persönliche Entschuldigung Abes und einen von Japan finanzier-
ten Entschädigungsfond in Korea zu beizulegen. Teil dieser Vereinbarung war, das
128 Ajia josei shiryōkan (AJWRC); es ging aus der Asiatische Frauengruppe hervor, umfasste aber
weitere Kreise.
129 The Women’s International War Crimes Tribunal for the Trial of Japan’s Military Slavery; vgl.
http://vawwrac.org/ und den Bericht von Matsui Yayori (2003).
124 Ilse Lenz
So öffneten die Frauenbewegungen in Japan den Weg zur Aufarbeitung der Ver-
gangenheit für eine geteilte Zukunft in Ostasien. Zugleich gerieten sie jedoch
angesichts des steigenden Antifeminismus und Nationalismus in der Region,
besonders in Japan (Kingston 2017), unter Druck. Der Einsatz für die Zwangs-
prostituierten und für die Aufarbeitung der Vergangenheit rief heftige Gegen-
bewegungen und politische Reaktionen aufseiten politischer und intellektueller
konservativer Eliten und nationalistischer männlicher Kreise in der Stadt und der
Region hervor.131 Rechtskonservative und ultranationalistische Gruppen in Japan
stritten das ‚Trostfrauen‘-Problem rundweg ab und forderten eine Rückkehr zu
den ‚schönen japanischen Sitten‘, also zur neopatriachalen ungleichen Geschlech-
terordnung. Vor allem zwei Netzwerke trieben einen antifeministischen Backlash
voran: die Japankonferenz (Nippon kaigi), eine überparteiliche nationalistische
Gruppierung mit ca. 30 000 Mitgliedern, der auch der ehemalige Premier Abe na-
hesteht, und der Verein zur Erstellung neuer Geschichtslehrbücher132. Die Gegen-
bewegungen entzündeten sich auch an dem Schüren von Sexualpanik, etwa ver-
zerrten Berichten über Sexualkunde, nach denen diese auf ‚freien Sex‘ hinauslaufe.
Darauf wurden das Konzept von Gender free und sogar der Begriff Gender ange-
griffen (vgl. D’Avis 2018; Ueno 2011: 292 – 304; Yamaguchi 2018). In der Präfektur
Tōkyō wurde unter dem LDP Gouverneur Ishihara das Frauenzentrum der Stadt
130 Die Friedensstatue stellt eine junge ‚Trostfrau‘ dar; ähnliche Statuen wurden von der korea-
nischen Frauenbewegung und der internationalen Frauenbewegung gegen sexuelle Gewalt
im Krieg u. a. in Australien, den USA und in Deutschland aufgestellt. Die japanische Regie-
rung intervenierte meist erfolgreich dagegen, wobei die Statuen in Glendale (USA) und Sid-
ney mit Unterstützung der Zivilgesellschaft verblieben; vgl. Crozier-de Rosa, Mackie 2019:
161 – 199. 2020 wurde eine Friedensstatue in Berlin errichtet, gegen die die japanische Regie-
rung ebenfalls diplomatischen Druck ausübte. Die Zivilgesellschaft und die meisten Parteien
in Berlin setzten sich für den Verbleib der Statue ein; vgl. Mladenova 2022.
131 Vgl. Mae in diesem Bd.; Kingston 2021; Kumagai 2015; Min 2020; Yamaguchi 2018, 2018a, so-
wie Kingston 2017 zur Geschichte des Nationalismus in China, Japan und Korea seit 1945.
132 Atarashii rekishi kyōkasho o tsukuru kai; vgl. Saaler 2006 und zum weiteren Kontext Richter
2008.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 125
geschlossen und der Begriff Gender free für den öffentlichen Gebrauch tabuisiert.
Die Freiheit der Rede und der Wissenschaft für FeministInnen wurde durch poli-
tische Kreise wie auch durch nationalistische Drohungen beeinträchtigt.
Allerdings hat die antifeministische Gegenbewegung bisher keine große Mas-
senbasis. Zum einen erfasst sie rechtskonservative politische, wirtschaftliche und
intellektuelle Kreise in den nationalistischen Fraktionen der Elite, zum anderen
sind die konservativen lokalen Führer und die rechten ‚Graswurzel-Großväter‘,
die in ländlichen konservativen Netzwerken mobilisieren, darin aktiv (Kingston
2021; Ueno 2011: 292 – 304; Yamaguchi 2018).
Die Regierung Abe schob das Partizipationsgesetz und die Rhetorik gleicher
Beteiligung weitgehend beiseite und rief zur Nutzung der wirtschaftlichen Poten-
tiale von Frauen auf, während sie den Arbeitsmarkt noch weiter deregulierte. Par-
allel dazu trieb die Abe-Fraktion der LDP eine Verfassungsreform voran, um den
Friedensparagraphen 9 der Verfassung, mit dem Japan auf Verteidigung und eine
Armee verzichtet hatte, zu streichen. In diesem Zusammenhang beabsichtigte sie,
auch deren Gleichheitsparagraphen zu Geschlecht und Familie abzuschaffen.
Außenpolitisch wie innenpolitisch blickt Japan auch wegen dieser Blockaden
nun auf mehrere verlorene Dekaden zurück. Die Aussöhnung mit den Nachbar-
staaten China und Südkorea kommt kaum voran. Zwar wird sie über die kolo-
niale Gewaltgeschichte hinaus durch das Auseinandertreffen vom Nationalismus
aller Seiten und den hegemonialen Aufstieg der VR China erschwert. Jedoch blie-
ben grundlegende Impulse der japanischen Regierung zur Vergangenheitsauf-
arbeitung aus, die einen neuen Aufbruch hätten mittragen können. Die japani-
sche Zivilgesellschaft und besonders die Frauenbewegung hatten ihrerseits bereits
Wege dazu eröffnet. Regierung und rechte politische Eliten erbringen auch kaum
politische Ansätze und Visionen für eine nachhaltige Zukunft, in der die gesell-
schaftlichen Spaltungen nach Geschlecht, Klasse und Migration angegangen wer-
den, den von ihr beklagten demographischen und Arbeitsmarktkrisen entgegen-
gewirkt und gleiche Beteiligung für alle ermöglicht wird.
Im neuen Jahrtausend erlebten die Frauenbewegungen also innere Differen-
zierungen und Spaltungen wie auch antifeministische und nationalistische An-
griffe. In dieser Lage planten GeschlechterforscherInnen und Aktivistinnen, ihre
Kommunikation nach innen und außen über das Internet auszuweiten und zu
verstärken. Schon früh wurden digitale Technologien in der Frauenbewegung in
der alltäglichen Kommunikation breit genutzt. Einen innovativen Ansatz zu einer
feministischen Netzpolitik stellt das Women’s Action Network von 2009 (WAN,
https://wan.or.jp) dar. Es vernetzt FeministInnen aus verschiedenen Richtungen,
bringt Nachrichten, neue Texte und Bücher, Medienrezensionen und informiert
über Aktionen, Veranstaltungen und Kampagnen in ganz Japan und international.
Leitende Direktorin von WAN wurde Ueno Chizuko. WAN ist mit der Vervielfäl-
126 Ilse Lenz
Seit den 1970er Jahren hatten die neuen Frauenbewegungen in Japan Räume eröff-
net, in die Frauen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Milieus in der Folge
eintraten und die sie so ausweiteten.133 Bereits die Lib hatte erkannt, dass die Un-
terdrückung nach Geschlecht, Klasse und ‚Rasse‘ zusammenhängen, und bezog
die Lage der unterdrückten Gruppe der burakumin oder der KoreanerInnen in
Japan mit ein (vgl. Q 3.19). Das entsprach den internationalen Impulsen der Stu-
dierenden- und Jugendrevolte, die von der Klassentheorie der Neuen Linken, der
Schwarzen Befreiungsbewegung in den USA und den Befreiungskämpfen im glo-
balen Süden beeinflusst war. Die neuen Frauenbewegungen in Japan, Europa und
den USA beruhten auf dem, was man heute ein intersektionales Bewusstsein für
Klasse, ‚Rasse‘ und Geschlecht nennt (vgl. Lenz 2019). Dieser intersektionale Ho-
rizont strukturierte auch ihre Aktions-, Diskurs- und Kommunikationsräume. Im
Zuge der Internationalisierung ab 1975 erweiterten sich diese Räume zu globalen
und ostasiatischen Perspektiven.
Viele Frauen in diskriminierten Gruppen waren schon länger im Kontext linker
oder postkolonialer männlich zentrierter Verbände wie der Ainu oder der Korea-
nerInnen in Japan aktiv geworden. Infolge der neuen Frauenbewegung eröffneten
sich Räume für sie, patriarchale Strukturen in diesen Verbänden zu kritisieren
und die wechselwirkende Unterdrückung nach Geschlecht, Klasse und Ethnizi-
tät, bzw. kulturellem Status herauszuarbeiten und anzugehen. Sie machten wider-
sprüchliche Erfahrungen: Während sie die Diskurs- und Kommunikationsräume
der Frauenbewegungen mit nutzen konnten, erlebten sie zugleich, dass sich die
gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung teils in ihnen fortsetzte. Da
sie diese Erfahrungen aber unter Berufung auf die geteilten Ziele der Frauenbewe-
gungen kritisierten, konnte ihre Kritik nicht einfach beiseite gewischt und igno-
riert werden. Dies galt umso mehr, als sie eigene Gruppen in diesen Räumen grün-
deten und so ihre Kritik und Intervention darin auf längere Dauer und strategische
Ziele abstellten. In diesen konfliktiven Prozessen erwiesen sich die feministischen
Räume letztlich als reflexiv und lernfähig. Zudem nutzten die Frauen aus diskrimi-
133 Vgl. zu diesem Abschnitt u. a. Ampo 1996; Fujimura-Fanselow 2011; Seo 2017, sowie zu inter-
sektionalen Konflikten und Verhandlungen im sozialen Raum der Frauenbewegung vgl. u. a.
Lenz 2019; 2019a.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 127
nierten Gruppen die internationalen Öffnungen und Kontakte, die sich mit dem
UN-Prozess zur Geschlechtergleichheit und der Demokratisierung in Südkorea
eröffneten. Buraku-Frauen, Ainu-Frauen und in Japan lebende Koreanerinnen de-
finierten den Feminismus für ihre Lage und Ziele um und wurden aktiv.
Die Diskriminierung der buraku setzt sich bis heute fort, auch wenn die Aus-
grenzung brüchiger und diffuser wurde. Die Zuschreibung zu dieser Gruppe er-
folgt von außen durch Abstammung, Wohnort oder Zugehörigkeit zu Berufen, die
wie Lederverarbeitung oder Fleischerei aus religiösen Tötungs- und Unreinheits-
tabus sozial abgewertet wurden (vgl. Amos 2011; Hankins 2014; Teraki, Kurokawa
2019). Buraku-Frauen erleben mehrfache patriarchale und kulturelle Diskriminie-
rung in Bildung, Beruf und Familie. In der japanischen Bildungsgesellschaft war
der Schulzugang vielen älteren Frauen versperrt. Oft blieben sie dann Analpha-
betinnen und fanden nur informelle Beschäftigung mit niedriger Bezahlung. Die
jüngere Generation hat in der Bildung aufgeholt.
Die auf die 1920er Jahre zurückgehenden buraku-Organisationen134 hatten
damals eine aktive Frauenabteilung. Nach dem Neuaufbruch nach dem Krieg
führten sie seit 1956 nationale Frauentreffen durch, auf denen die doppelte Un-
terdrückung durch Geschlecht und Status kritisiert und bessere Bildungs- und
Berufschancen sowie Kindergärten gefordert wurden. 1988 war die Buraku-Be-
freiungsliga (BBL) maßgeblich an der Gründung der IMADR (International Move-
ment Against All Forms of Discrimination and Racism) beteiligt, die sich der Indi-
genenbewegung um die UN zuordnet. Buraku-Aktivistinnen beteiligten sich an
der IV. Weltfrauenkonferenz in Beijing 1995. Jüngere Frauen in der IMADR gin-
gen den Wechselwirkungen von Geschlecht und ‚Rasse‘ in Japan nach. Sie ver-
netzten sich mit Ainu-Frauen und in Japan lebenden Koreanerinnen (Ampo 1996;
Fujimura-Fanselow 2011; Hankins 2014).
Die in Japan lebenden KoreanerInnen135 sind meist infolge des Kolonialismus
und der Zwangsarbeit während des Pazifischen Kriegs dorthin gekommen. Sie
verloren nach 1945 ihre japanische Staatsangehörigkeit und wurden nun als regis-
trierte Ausländer eingestuft. In der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt wurden sie
weithin diskriminiert. Sie bildeten zwei große, männlich zentrierte Verbände, die
sich jeweils nach Nord- oder Südkorea orientierten. Mit ihnen war jeweils eine
Frauenorganisation verbunden, die jedoch beide eher das Bild der Hausfrau und
Mutter vertraten. Für die Demokratisierung und Wiedervereinigung Koreas setz-
te sich ein dritter Verband ein, der sich um 1973 formierte und in dem sich vie-
le demokratisch orientierte Frauen engagierten. In seinem Kontext bildete sich
134 1913 wurde die Leveller’s league (Suiheisha dōmei) und 1955 die Buraku-Befreiungsliga (Bura-
ku kaihō dōmei) gegründet.
135 zainichi chōsenjin. Vgl. zu diesem Abschnitt Ampo 1996; Ryang, Lie 2009; Seo 2017: 43 – 7 7.
128 Ilse Lenz
1986 ein Frauenverein, Yeosonghoe, der ihm weiter affiliiert war, aber ein eigenes
horizontales Netzwerk bildete. Der Anlass dafür war, dass 1986 erstmals in Süd-
korea eine Frau gegen Vergewaltigung durch die Polizei unter der Militärdiktatur
klagte. Yeosonghoe solidarisierte sich mit der Klägerin und den Frauenkämpfen
in Südkorea und trat in der Folge für Geschlechtergleichheit und Frauenrechte
in Japan und Südkorea ein. In der Endphase des Kampfes gegen die Diktatur in
Südkorea (1986 – 1989) arbeitete sie mit der demokratischen Dachorganisation der
südkoreanischen Frauenverbände Korean Women’s Association United zusammen.
Seit 2001 ist sie an dem Korean Women’s International Network beteiligt, das vom
südkoreanischen Gleichstellungsministerium unterstützt wird. So bildete sie auch
eine Brücke zwischen den Frauenbewegungen in Japan und Korea.
Ein autonomes feministisches Netzwerk entwickelte sich 1991 aus einem Stu-
dienkreis zu koreanischer Kultur und Frauengeschichte, der sich mit der Zwangs-
prostitution für die Kaiserlich Japanische Armee beschäftigte. Dies Yeosong Net136
kooperierte mit koreanischen und japanischen Frauengruppen u. a. bei dem Inter-
nationalen Frauentribunal gegen die sexuelle Sklaverei durch Japan. Es analysierte
die Lage der Koreanerinnen im postkolonialen Japan von dem ‚Trostfrauen‘-Pro-
blem her und leistete eine tiefgreifende radikale Kritik der Ungleichheit nach Ge-
schlecht, Kolonialität und ‚Rasse‘. Während die in Japan lebenden koreanischen
FeministInnen Brücken zu globalen Netzwerken und nach Korea bauen, bilden
sie einen wesentlichen Teil der Frauenbewegungen in Japan und bringen intersek-
tionale und postkoloniale Perspektiven dort ein.
Seit den 1990er Jahren bildeten sich Gruppen, die aus verschiedenen Richtungen
für sexuelle Vielfalt und queere Positionen eintraten.137Auch in Japan begegnen
sich queere mit feministischen Ansätzen darin, dass sie die Dekonstruktion oder
136 Der volle Name lautet Military Comfort Women Issue Uri Yeosong Network (Jūgun ianfu
mondai uriyoson nettowāku); vgl. u. a. Seo 2018.
137 Zu queeren Diskursen und Bewegungen in Japan hat sich eine breite, aber verstreute Li-
teratur entwickelt, wobei hier nur einige vor allem europäischsprachige Werke angegeben
werden können; vgl. u. a. Blödel 2019; Dale 2013; Dieth 2016; Fujimura-Fanselow 2011; Ho-
rie 2015; Iino 2008; Kakefuda 1992; Khor, Kamano 2020; McLelland 2005, 2007; McLelland;
Dasgupta 2005; McLelland, Mackie 2015; Nihon gakujutsu kaigi 2017; Taniguchi 2021; Wal-
lace 2018, 2019; Welker 2018, sowie Themenschwerpunkte der Internet-Zeitschrift Intersec-
tions. Sabine Frühstück arbeitet die japanische Geschlechtergeschichte an Eckpunkten unter
einer queeren Genderperspektive auf (2022). Zu japanischen LGBT in der englisch-sprachi-
gen Diaspora in Australien, Kanada und den USA und ihren ambivalenten Erfahrungen in
Japan und den Einwanderungsländern vgl. Tamagawa 2020.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 129
zumindest die Vielfalt von Gender und Sexualität einfordern. Aber ist ‚queer‘ ein-
fach interkulturell importierbar oder übertragbar ? Ich will zunächst auf das Euro-
zentrismus-Problem in diesem Zusammenhang eingehen und dann die queeren
Bewegungen in Japan umreißen.
In Japan hatten sich historisch vielfältige Sexualkulturen herausgebildet, die
performativ und flexibel dargestellt und gelebt wurden. In der Modernisierung
wurden sie nun unter der Bezeichnung Homosexualität vereindeutigt und dis-
kriminiert, aber sie hatten sich in Subkulturen und eigenen Medien erhalten.
Vor diesem Hintergrund lässt sich ein weites diskursives Feld zu sexueller Viel-
falt erkennen, in dem sich unterschiedliche Ansätze mit flexiblen Übergängen zu-
sammenfinden: Die Selbstbezeichnungen fluktuieren von LGBTI138 bis zu queer
(kuia). Beide Begriffe wurden unmittelbar aus dem Englischen übernommen. Das
ermöglicht es, ihnen eine weite inklusive Bedeutung zu verleihen, die über die
moderne japanische Bezeichnung der gleichgeschlechtlichen Liebe (dōseiai) hin-
ausgeht. Erneut werden so transkulturelle Kompositionen (blended composition)
vollzogen und vor Ort weitergeführt. Allerdings ist die Übertragung aus der eng-
lischsprachigen globalen Genderbewegung auch problematisch, weil sich damit
eurozentrische Sichtweisen und Wissen verbinden und somit westliche hegemo-
niale Denkformen auf Japan übertragen werden können.
Das Eurozentrismus-Problem wurde auf der First International Conference of
Asian Queer Studies im Juli 2005 zu Sexualities, Genders, and Rights in Asia an-
gesprochen, an der auch japanische queere ForscherInnen teilnahmen.139 Besteht
doch die Gefahr, dabei die herkömmlichen Dualismen zwischen Homosexua-
lität/Heterosexualität oder Osten/Westen oder aber nationale kulturalistische
Perspektiven zu reproduzieren, die ja insgesamt von queeren Sichtweisen radi-
kal hinterfragt werden. Angesichts der Eurozentrismusfalle werden laut Wilson
queere Ansätze in Ostasien in drei Formen weitergedacht (vgl. Wilson 2006). Ers-
tens werden nicht heteronormative Praktiken in der eigenen kulturellen Tradi-
tion erforscht und sichtbar gemacht, wie sie zum Beispiel im vormodernen Japan
in gleichgeschlechtlichen männlichen Beziehungen unter Mönchen oder Samurai
vorkamen. Das ist eine Strategie der nationalen Traditionalisierung. Sie zeigt die
endogenen Wurzeln queerer Praktiken auf, bleibt jedoch einer nationalen, teils
patriarchalen Sichtweise und den Dualismen von westlicher Moderne/östlicher
138 Die Bezeichnung LGBTI unter Einschluss von Inter*-Personen tritt einstweilen selten auf
und Inter* sind im queeren Diskurs bisher wenig präsent. Einige Inter*Personen nehmen
den Einschluss in einen sprachlichen LGBTI-Block als ambivalent wahr, da so die eigent-
lichen Probleme und Anliegen von Inter* unsichtbar werden könnten. Ich verwende hier
LGBTI, um einen möglichen Einschluss anzudeuten.
139 Sie wurde teils in der Zeitschrift Intersections dokumentiert, vgl. Intersections 2006, sowie
Sinnot 2010; Wilson 2006.
130 Ilse Lenz
Tradition verhaftet. Ein postkolonialer Zugang richtet sich zweitens auf einhei-
mische queere Subjekte und Praktiken, die auch durch die postkolonialen globa-
len Machtverhältnisse geprägt sind, und geht von hybriden oder synkretistischen
Identitäten aus. Allerdings überwindet auch er den Dualismus von hegemonialem
Westen und dominiertem Süden und die nationale Engführung nicht. Der drit-
te Weg ist ein kritischer Regionalismus, wonach Ostasien selbst „complex mod-
ernities and transnational flows in a global context shaped by political economic
asymmetries“ hervorbringt (Wilson 2006). Diese Perpsektive beobachtet und in-
teressiert sich dafür, wie queere Praktiken und Wissen in und zwischen ostasia-
tischen Gesellschaften und anderen Weltregionen, auch dem Westen zirkulieren
und sich dabei verändern.
Zudem müssen queere Theorien und Analysen vermeiden, westliche queere
Bedeutungsmuster unkritisch zu übertragen: Dass zum Beispiel Homosexualität
im Westen als per se dissidente Praxis eingestuft wird, geht auch auf deren rigi-
de Ausgrenzung und Abwertung im Christentum zurück. In Japan jedoch war bis
in die Meiji-Zeit hinein männliche Homosexualität religiös nicht tabuisiert. Viel-
mehr bildete das Haus, das auf der heteronormativen Generationenfolge aufbau-
te, das hegemoniale Prinzip, während männliche homosexuelle Praktiken in sub-
kulturellen Nischen wie Mönchsklöstern, Samurai-Verbindungen, Kabukibühnen
oder der männlichen Prostitution zugelassen waren (vgl. Leupp 1995; Pflugfel-
der 1999). Dementsprechend bedeutete männliche Homosexualität herkömmlich
weder eine fixierte Identität, noch per se eine dissidente Praxis. Vielmehr bilde-
ten Praktiken der Männerliebe eine mögliche Wahl in einem Spektrum von Lüs-
ten, die mit dem Status im Haus, ob als Hausvater, älterer oder jüngerer Sohn, zu
verhandeln und balancieren war. Wie dieses Beispiel illustriert, sind Begrifflich-
keiten wie queer ausgehend von dem soziokulturellen Kontext, mit denen dieser
analysiert wird, transkulturell zu reflektieren und zu öffnen. Dann können sie zu
Brückenkonzepten werden, die variable Bedeutungen zwischen und in den Kul-
turen vermitteln.
Aber wie haben sich nun queere Ansätze in Japan entwickelt ? Zum einen hat-
te der Feminismus den Raum dafür mit eröffnet (s. o.). Hatte er doch die hege-
monialen Geschlechterbilder radikal kritisiert und die soziale Konstruktion von
Geschlecht wie auch sexuelle Selbstbestimmung vertreten. Zum anderen hat-
ten homosexuelle Männerkreise140 seit den 1970er Jahren öffentlich ihre Stim-
140 Eine populäre Bezeichnung für homosexuelle Männer in Japan ist gay (gei); Aktivisten
wechselten teils zum inklusiven queer. Sexualwissenschaftliche Bezeichnungen für homo-
sexuelle Frauen und Männer, die ab den 1920er Jahren auch in den Massenmedien verbreitet
wurden, sind gleichgeschlechtliche Liebe (dōseiai). Pervers (hentai) ist eher abwertend, wur-
de aber von manchen Aktivisten der Gay-Bewegung übernommen und umgewertet (Früh-
stück 2022: 142 – 3).
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 131
ermöglicht. Seitdem führten hundert Städte, darunter viele Großstädte und zehn
Präfekturen registrierte Partnerschaften ein. Juni 2023 beschloss das Parlament ein
Gesetz zur Anerkennung von LGB Personen und gegen ‚unfaire Diskriminierung‘,
das keine Sanktionen vorsieht (vgl. Frühstück 2022: 153 – 163).
Trans*-Personen verlangen Selbstbestimmung über ihr Geschlecht und insti-
tutionelle und gesellschaftliche Anerkennung und Aufnahme, von der sie heute
weit entfernt sind. 1996 erließ die japanische Regierung neue Richtlinien, die erst-
mals chirurgische Geschlechtsumwandlungen zuließen, wenn ärztlich eine Ge-
schlechtsidentitätsstörung diagnostiziert wurde. Durch intensives Lobbying er-
reichten Trans* eine erste Öffnung im Haushaltsregister, in dem das Geschlecht in
Japan festgehalten wird: Erwachsene, die eine geschlechtsangleichende Operation
vollzogen haben, kinderlos und unverheiratet sind und sich sterilisieren lassen,
können ihr Geschlecht im Register wechseln. Zum einen kooperierten Trans* mit
ÄrztInnen, um der öffentlichen Unkenntnis und Diskriminierung entgegenzuwir-
ken, zum anderen setzten sie dem medikalisierten Diskurs in den Medien nun
Veröffentlichungen und Filmserien aus ihrer Sicht der Betroffenen entgegen. In
Japan wie auch in anderen Ländern kam es zu Kontroversen zwischen trans*-Ak-
tivistInnen, die von FeministInnen unterstützt wurden, und anderen FeministIn-
nen um die Frage, ob alle Frauenräume Transfrauen offenstehen sollen. Für eine
solche Öffnung setzte sich 2019 ein Appell ein, der aufforderte, die intersektiona-
len Machtverhältnisse auch unter Frauen wahrzunehmen und ihnen entgegen-
zuwirken. Er wurde von mehr als 3342 GenderforscherInnen und anderen Per-
sonen unterschrieben (https://wan.or.jp/article/show/8409, Zugriff 16. 8. 2020).
In den Queer Studies zeigen sich heute verschiedene Orientierungen. Eine
Richtung setzt queer mehr oder minder mit verschiedenen homosexuellen und
transgender-Milieus in ihrer historischen Entwicklung gleich (vgl. u. a. McLelland
2005), was dem obigen Ansatz der nationalen Traditionalisierung entspricht. Vor
allem geht es ihr um kulturelle Sichtbarmachung vielfältiger Sexualitäten, wäh-
rend die Beziehung zum Patriarchat, dem Haus im Familienstaat und zu hegemo-
nialer Männlichkeit kaum untersucht werden. Den Gegenpol bilden Ansätze, die
durch queeres Denken und queere Praktiken die Zweigeschlechtlichkeit und He-
teronormativität direkt angreifen und dekonstruieren wollen (vgl. Shimizu 2007).
Eine dritte Richtung setzt auf Kritik an der Lage und den Erfahrungen von LGBTI,
um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.
Auch dieses Beispiel illustriert, dass die queeren Kreise in sich heterogen sind
und über den Feminismus hinausgehen, auch wenn er sie mit beeinflusst und ge-
tragen hat. Sie erreichten eine weitgehende Akzeptanz von geschlechtlicher Viel-
falt entsprechend der LGBTI-Formel in der Öffentlichkeit wie auch in der Mehr-
heit der Bevölkerung. Städte und Präfekturen beschlossen Maßnahmen und die
Parteien übernehmen teils ihre Forderungen, wobei die Regierungspartei LDP die
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 133
141 Die Wirkungsforschung sozialer Bewegungen ist sehr komplex und steht noch am Anfang.
Denn es geht um empirisch nachweisbare Veränderungen und deren kausale Erklärung jen-
seits der weitverbreiteten Gemeinplätze. Hier können nur Veränderungen aufgeführt wer-
den, die parallel zur neuen Frauenbewegung erfolgten, ohne dass eine kausale Zurechnung
geleistet werden kann. Es muss also zum Beispiel offenbleiben, welche Auswirkung die
Frauenbewegung oder andere Faktoren wie etwa die Arbeitsmarktexpansion für irreguläre
Beschäftigung nach 1970 jeweils im Einzelnen hatten.
134 Ilse Lenz
Muster: Zum einen können sich AkteurInnen und Institutionen diesen Impul-
sen teilweise öffnen und sich so – mehr oder minder – ‚selbst verändern‘. Bei-
spiele sind etwa die Universitäten, die die Geschlechterforschung aufnehmen
und durch Diversitätsansätze Frauen und internationale ForscherInnen und Stu-
dierende fördern. Zum Zweiten können sie feministische Ansätze aus dem Kon-
text lösen und im Sinne einer diskursiven Enteignung (Ursula Müller) für andere
Zwecke übernehmen und einsetzen. So waren in den konservativen LDP-Regie-
rungen in den 2010er Jahren einige Ministerinnen vertreten, die antifeministische
Positionen vertraten, aber zugleich im Kabinett als Frauen sprachen und die Prä-
senz von Frauen verkörperten. Zum Dritten können sie die feministischen Impul-
se ablehnen und versuchen, sie auszusitzen und damit zu blockieren. Zum Vierten
können sie einen offensiven Antifeminismus vertreten: Sie können neue hegemo-
niale Gegenmodelle von Ausschluss, Abwertung oder Diskriminierung einfüh-
ren, während sie sich gegenüber den Anliegen der Frauenbewegungen abschlie-
ßen und diese zugleich abweisen und delegitimieren. Auch die dritte und vierte
Reaktionsweise stellen nicht einfach Passivität, sondern ein aktives Handeln dar.
Diese vier Reaktionsmuster gilt es bei den Auswirkungen der Frauenbewegungen
mitzubedenken.
Im Folgenden will ich die Veränderungen auf drei Ebenen betrachten, näm-
lich:
Am weitesten ging der Wandel auf der Ebene des individuellen Bewusstseins.
Menschen überlegen und entscheiden selbst, ob sie die Diskurse und Aktionen
der Frauenbewegungen mit ihrer eigenen Lage verbinden und inwieweit sie die-
se reflektieren und aufnehmen wollen. Allerdings bildet die Freiheit der Informa-
tion und des Denkens eine grundlegende Bedingung dafür. In der Medien- und
Wissensgesellschaft Japans waren Informationen über die Frauenbewegungen
und ihre Anliegen grundsätzlich zugänglich. Jedoch berichteten die Medien eher
zurückhaltend und blendeten bestimmte Ereignisse wie das Tōkyō Tribunal ge-
gen sexuelle Gewalt im Krieg weitgehend aus. Viele Frauengruppen entwickel-
ten Strategien, durch alltagsnahe, teils spektakuläre Aktionen sowohl die Medien
anzusprechen als auch ihre Anliegen weithin und an der Graswurzel bekanntzu
machen.
So erreichten sie einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel: Vor der neuen
Frauenbewegung waren zum einen die Differenzbilder und die ungleiche Arbeits-
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 135
142 Vgl. u. a. Schad-Seifert, Kottmann 2019. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die-
sen strukturellen Wandel sind noch nicht absehbar, so dass sie hier nicht berücksichtig wer-
den können.
143 Vgl. zur Flexibilisierung der Beschäftigung u. a. Gottfried 2015; Heinrich 2010, zu Männern
und Prekarisierung Cook 2016.
136 Ilse Lenz
144 Bei Alleinlebenden ist wichtig, die Ursachen für ihre Lebensweise zu unterscheiden. Wäh-
rend sich vor allem viele Frauen dafür entscheiden, alleine zu leben, werden viele männ-
liche und einige weibliche prekär Beschäftigte aufgrund der restriktiven Geschlechternor-
men oder unmittelbar durch Armut dazu gezwungen. Die Selbstmordraten in Japan sind
zwar bis 2019 gefallen, doch sind sie unter Arbeitslosen und prekär Beschäftigten höher. In
der zweiten Welle der Corona-Pandemie stiegen sie vor allem unter Frauen bis 40 Jahren
markant an.
Differente Partizipation: Frauenbewegungen in Japan 137
politische Beteiligung von Frauen von 30 Prozent vereinbart wurde, stieg er all-
mählich infolge von Kampagnen von Frauen-NRO auf 11,3 Prozent im Jahr 2009
an und schwankt seitdem um 10 Prozent. Geschlechtsreaktionäre retraditionali-
sierende Maßnahmen wie die Streichung der Gleichheit nach Geschlecht aus der
Verfassung wurden zwar angekündigt, jedoch bisher nicht umgesetzt.
Der institutionelle Wandel ist widersprüchlich, und er gipfelte im Partizipa
tionsgesetz von 1999. Beflügelt wurde er durch die Wechselwirkung mit dem
UN Gleichheitsprozess und seinen globalen Impulsen. Doch angesichts der ge-
schlechtskonservativen Regierungspolitik und der antifeministischen Reaktion
nach 2000 blieb er in der Schwebe und die Gesetze und Maßnahmen zur Gleich-
stellung wurden teils blockiert. Im Alltag zeichnen sich Tendenzen zur Geschlech-
terkooperation in Beziehungen und Familien ab. Allerdings sind die Reaktionen
der Männer auf Gleichheit weitgehend noch unerforscht. Die verlorenen Jahr-
zehnte der japanischen Politik kennzeichnen auch den Stillstand in der Gleichstel-
lungspolitik nach ihrem Aufbruch im Partizipationsgesetz von 1999.
Wie in Deutschland fällt auf, dass der Offenheit des Bewusstseinswandels zähe
ungleiche Strukturen und sie regulierende Instituti