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Sprach Philosophie

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VII Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 Sprachphilosophie 1 von 36

Eine Pfeife ist eine Pfeife ist eine Pfeife?


Sprachphilosophie von der Antike bis in die Gegenwart
Carolin Ludi, Blaustein
Illustrationen: Oliver Wetterauer

C H T Foto: © Photos.com

N S I
O
W R A Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) beschäftigte sich
mit dem Verhältnis von Wörtern und den Dingen,
die durch sie bezeichnet werden.

ir sprechen, schreiben, hören jeden

V Tag. Aber was ist das eigentlich –


Sprache? Solange wir sie einfach gebrau-
chen, macht sie uns keine Probleme. Aber
wenn wir darüber nachdenken, was wir
eigentlich tun, wenn wir sprechen, geraten
wir in Erklärungsnöte. Insofern ist „die Spra-
Das Wichtigste auf einen Blick

Klasse:

Dauer:

Kompetenzen:
S II

10 Stunden + LEK

che“ an sich ein Thema, das geeignet ist,


uns selbige zu verschlagen. – ausgewählte klassische sprachphilo-
Seit der Antike beschäftigt die Frage nach sophische Theorien kennenlernen und
dem Ursprung und der Funktion von Sprache nachvollziehen
und wie sie mit dem menschlichen Geist – sich mit wichtigen Grundbegriffen und
zusammenhängt die Philosophie. In dieser Ausgangsfragen von Sprachphilo-
Reihe lernen Ihre Schülerinnen und Schüler sophie beschäftigen
Meilensteine des sprachphilosophischen
Denkens von Aristoteles über Herder bis – Unterschiede zwischen den vorgestell-
Wittgenstein und de Saussure in Textauszü- ten Theorien benennen
gen kennen. Sie arbeiten die Unterschiede – Sprache auf einer Metaebene
zwischen den vorgestellten „Schulen“ heraus betrachten und über den Sprachge-
und denken selbst über Sprachphilosophie brauch nachdenken
und Sprachgebrauch nach.

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


4 von 36 Sprachphilosophie Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 VII

Schematische Verlaufsübersicht

Eine Pfeife ist eine Pfeife ist eine Pfeife?


Sprachphilosophie von der Antike bis in die Gegenwart

Stunden 1/2 M 1, M 2
Was ist eigentlich Sprache? Wörter und Laute als Zeichen

Stunde 3 M3
Die Lehre von den Zeichen und das semiotische Dreieck

Stunden 4/5 M4
Sprache als Mittel der Welterschließung: Herders Sprachursprungstheorie

Stunden 6/7
Sprache und Bedeutung: Wittgensteins gegensätzliche Positionen

C H T M 5, M 6

Stunde 8

S I
Wittgensteins Vermächtnis: neuere Ansätze der Sprachphilosophie

N
M7

A
Stunden 9/10
Sprachphilosophie und Literatur: „Ein Brief“ von Hugo von Hofmannsthal

O R
M8

V Minimalplan
Bei Zeitmangel können die Stunden 4 und 5 (M 4) sowie die Stunden 9 und 10 (M 8)
entfallen. Die LEK muss dann entsprechend angepasst werden.
Die Themengebiete Sprache als Zeichensystem (M 1–M 3), Sprache als Medium der
Welterschließung (M 4) und Sprache und Bedeutung (M 5–M 6) können auch
getrennt voneinander unterrichtet werden.

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


VII Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 Sprachphilosophie 9 von 36

M2
Aristoteles oder der Verrat der Wörter

Magritte hinterfragt mit seinem Bild aus dem Jahr 1929 das Verhältnis von Wörtern und
Dingen. Dieser Zusammenhang beschäftigte schon Aristoteles im antiken Griechenland.
Seine Schrift Peri Hermeneias (Von der Auslegung) gilt als erste Theorie der Bedeutung (von
Worten).

Es sind [...] die Laute, zu denen die Stimme gebildet


wird, Zeichen der in der Seele hervorgerufenen Vor-
stellungen, und die Schrift ist wieder ein Zeichen der
Laute. Und wie nicht alle dieselbe Schrift haben, so
sind auch die Laute nicht bei allen dieselben. Was aber
durch beide an erster Stelle angezeigt wird, die einfa-

© Photos.com
chen seelischen Vorstellungen, sind bei allen Men-
schen dieselben, und ebenso sind es die Dinge, deren
Abbilder die Vorstellungen sind.
Aus: Aristoteles: De Interpretatione, 1, 6a3. In der deutschen Übersetzung von
Eugen Rolfes. In: Aristoteles: Philosophische Schriften. Bd. 1. Darmstadt: Felix

C H T
Aristoteles (384–322 v.Chr.)
war einer der bekanntesten
und einflussreichsten Philoso-
Meiner Verlag 1995, S. 1.

N S I phen der Geschichte.

Aufgaben

R A
1. Lesen Sie den Text. Aus welchen zwei Komponenten bestehen sprachliche Ausdrücke

O
nach Aristoteles?

V
2. Wie hängen die „seelischen Vorstellungen“ mit den sprachlichen Ausdrücken und den
Dingen zusammen?
3. Was ist unter „seelischen Vorstellungen“ zu verstehen?
4. Stellen Sie das Verhältnis der Begriffe „Wort“ (sprachliches Zeichen) – „seelische Vorstel-
lung“ – „Ding“ nach Aristoteles im Kasten unten grafisch dar.

5. Worin unterscheiden sich laut Aristoteles verschiedene Sprachen? Worin gleichen sie
sich?

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


12 von 36 Sprachphilosophie Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 VII

M3
Die Lehre von den Zeichen und das semiotische Dreieck

Schon bei Aristoteles findet sich der Gedanke, dass Wörter Zeichen sind. Damit legte er
den Grundstein für die sogenannte Zeichenlehre, die hier vorgestellt wird. Markieren Sie
beim Lesen des Textes wichtige Begriffe und notieren Sie eventuelle Fragen am Rand.

Die Semiotik (von griech. semeion, das Zeichen) ist die Lehre von
den Zeichen. Zeichen stehen für etwas, ohne selbst dieses etwas zu
sein. Sie sind Stellvertreter. So wie die Pfeife auf Magrittes Gemälde
keine tatsächliche Pfeife ist, sondern bloß [die Darstellung einer
5 Pfeife]. Die Verbindung zwischen dem Gegenstand Pfeife und der
Abbildung einer Pfeife liegt im ähnlichen Aussehen. Aber worin
besteht die Verbindung des Worts „Pfeife“ mit dem Ding „Pfeife“?
Mit dieser Frage hat sich der Schweizer Semiotiker und Sprachwis-
senschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913) beschäftigt. Er kam
10 zu dem Ergebnis, dass es keine notwendige Verbindung zwischen
Wort (Zeichen) und Gegenstand gibt. Die Verbindung ist arbiträr,
also willkürlich, und beruht auf Konventionen (Festlegungen). De
Saussure sieht Sprachen als Zeichensysteme. Sprecher einer Sprache
werden dadurch zu Zeichenbenutzern. Damit Sprecher einer Spra-

C H T
15

S I
che sich gegenseitig verstehen, müssen die Zeichen stabil sein. Das
heißt, ein Individuum kann sich nicht plötzlich entscheiden, ein
Haus entgegen der Konvention „Auto“ zu nennen oder umgekehrt.

N
Die Existenz verschiedener Sprachen stützt de Saussures Ansicht,

20

R A
dass Bezeichnungen willkürlich sind. Auf Deutsch heißt das Haus-
tier nun einmal Hund, auf Französisch chien und auf Spanisch
perro. Wenn man zum Beispiel kein Französisch spricht, also die

O
Konventionen der Sprache nicht beherrscht, kann man mit dem

V Wort chien nichts anfangen.


Nach: Linke, Angelika u.a.: Studienbuch Linguistik. 4. Aufl. Tübingen: Niemeyer 2001,
S. 13–43.

Aufgaben

Arbeiten Sie zu zweit:


1. Was sind Zeichen? Kennen Sie noch andere Zeichen außer Worten?
2. Was bedeutet es, dass sprachliche Zeichen arbiträr und konventionell festgelegt sind?
3. Hier sehen Sie eine Version des sogenannten semiotischen Dreiecks. Erklären Sie,
warum die Linie, die Zeichen und Bezeichnetes verbindet, durchbrochen ist.

Zeichen Bezeichnetes

Zeichenbenutzer

Nach: Linke, Angelika u.a.: Studienbuch Linguistik. 4. Aufl. Tübingen: Niemeyer 2001, S. 26.

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


VII Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 Sprachphilosophie 19 von 36

M5
Sprache und Bedeutung I – Wittgensteins
Tractatus logico-philosophicus (1921)
Der folgende Text stammt von Ludwig Wittgenstein, einem

Foto: picture-alliance/dpa
der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Lesen
Sie zunächst die Aufgaben zum Text. Sie erleichtern das Ver-
ständnis und die Lektüre. Wittgensteins Abhandlung enthält
nur Behauptungen, keine Argumente. Deshalb müssen Sie
sich als als Interpret bzw. Interpretin betätigen und versu-
chen, die Aussagen auszulegen.

Der österreichisch-britische Philosoph


Ludwig Wittgenstein (1889–1951)
Aufgaben auf einem Foto aus dem Jahr 1947.

1. Lesen Sie den Text:

tragen Sie sie in der Tabelle ein.

C H T
a) Legen Sie eine Tabelle nach dem Muster unten an. Sammeln Sie Stichworte aus dem
Text zu den Begriffen „Welt“, „Tatsachen“, „Sachverhalte“ und „Gegenstände“ und

b) Stellen Sie die Begriffe in einer Mindmap dar und erklären Sie sie dann in Partnerar-
beit.

Welt Tatsachen

N S I
Sachverhalte Gegenstände

O R A
V
2. Markieren Sie alle Textstellen, die mit Sprache zu tun haben, und beantworten Sie dann
folgende Fragen:
a) Wie hängen laut Wittgenstein Sätze und Gedanken zusammen?
b) Welcher Zusammenhang besteht zwischen Sätzen und der Wirklichkeit? Ergänzen
Sie Ihre Mindmap aus 1b).
c) Erklären Sie den Satz „Einen Satz verstehen heißt, wissen was der Fall ist, wenn er
wahr ist.“ anhand des Beispiels „Die Pfeife liegt auf dem Tisch“.
3. Was sieht Wittgenstein als die Aufgabe der Philosophie?
4. Wie verstehen Sie den letzten Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss
man schweigen.“?
5. Als Autor des Tractatus galt Wittgenstein als ein Vertreter der sogenannten „Philosophie
der idealen Sprache“. Was stellen Sie sich darunter vor, nachdem Sie den Text gelesen
haben?

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


20 von 36 Sprachphilosophie Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 VII

Tractatus logico-philosophicus – Logisch-philosophische Abhandlung


1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. [...]
1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch,
was alles nicht der Fall ist.
1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.
1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen. [...]
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
[...]
3 Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke. […]
4 Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. […]
4.01 Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. […]
4.024 Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist. [...]
4.1
4.11
4.111
4.112
Der Satz stellt das Bestehen und Nichtbestehen der Sachverhalte dar.

H
Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft [...].
Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften. [...]

C
Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken. [...]
T
4.113 I
Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam, trübe und

S
verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen. [...]

N
Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft.

O R A 4.114
4.115
4.116
Sie soll das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare. [...]
Sie wird das Unsagbare bedeuten, indem sie das Sagbare klar darstellt.
Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden.
Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. [...]

V 4.121
4.21

4.211
[...] Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf. [...]
Der einfachste Satz, der Elementarsatz, behauptet das Bestehen eines
Sachverhaltes.
Ein Zeichen des Elementarsatzes ist es, dass kein Elementarsatz mit ihm im
Widerspruch stehen kann.
4.22 Der Elementarsatz besteht aus Namen. Er ist ein Zusammenhang, eine
Verkettung, von Namen. […]
6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen,
als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was
mit Philosophie nichts zu tun hat –, und dann immer, wenn ein anderer
etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen
Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode
wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir
ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige. [...]
7 Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Aus: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt am Main: Suhr-
kamp 1996, S. 11, 19, 32–33, 36, 41–43, 49, 115. (Text in neuer Rechtschreibung) © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
1996. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
Worterklärung: metaphysisch: übersinnlich, mit den menschlichen Sinnen nicht fassbar

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


26 von 36 Sprachphilosophie Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 VII

M7
Wittgensteins Erben – neuere Ansätze der Sprachphilosophie

Die folgenden Texte beschreiben neuere Positionen der Sprachphilosophie und ihre Hinter-
gründe.

Text 1

Der entscheidende Anstoß [...] war Wittgensteins Spätphilosophie der Philosophischen


Untersuchungen [...]. Dort gelangte Wittgenstein zu der Einsicht, dass die Sprache weitaus
mehr Funktionen hat als das bloße Bezeichnen von Sachverhalten, wie er im Tractatus noch
angenommen hatte. Das Sprechen einer Sprache wird nun als menschliche Verhaltensweise
5 angesehen, die in den Kontext des gesamten Lebenszusammenhangs eingebettet ist und den
verschiedenartigsten Zwecken dienen kann.
Die Annahme von Bedeutungen als abstrakten sprachunabhängigen Entitäten wird zurück-
gewiesen, da sie keiner empirischen Untersuchung zugänglich sind. Beobachtbar ist nur der
Sprachgebrauch, über den die Bedeutung von Ausdrücken somit zu bestimmen ist. Diese
10 Einsichten führten dazu, dass in der Sprachphilosophie pragmatische Betrachtungen, die
Sprecher und Hörer einbeziehen, immer mehr in den Mittelpunkt rückten [...].
Fortgeführt wurden diese Ansätze in der von Austin begründeten und von Searle [...] weiter-
entwickelten Sprechakttheorie. Sie greift die Annahme auf, dass mit sprachlichen Äußerun-

C H T
15

I
gen Handlungen oder Akte vollzogen werden, die den verschiedenartigsten Zwecken dienen

S
können, und untersucht die Beziehungen zwischen der Verwendung sprachlicher Ausdrücke

N
und den Absichten und Überzeugungen von Hörern und Sprechern.

A
Carsten Klein: Artikel „Sprachphilosophie“. In: www.philosophie-woerterbuch.de, Eintrag. In: Handwörterbuch Philosophie.
Hg. Von Wulff D. Rehfus. 1. Aufl., 2003 Vandenhoeck Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, Oakville. © Carsten Klein.

R
Worterklärung: Entität: Einheit – empirisch: auf Erfahrung, Beobachtung basierend – Pragmatik: Teilgebiet der Sprachwis-
senschaft, das untersucht, wie Sprache in einer jeweils konkreten Situation verwendet wird – John Austin: britischer Philosoph

O
(1911–1960) – John Searle: amerikanischer Philosoph (*1932)

V Sprechakttheorie
Diese Theorie besagt, dass Sprache nicht nur ein Mittel ist, um die
Welt zu beschreiben. Vielmehr werden mit sprachlichen Äußerun-
gen selbst auch Handlungen vollzogen. Eine Äußerung wie „Ich
verspreche, zu kommen.“ stellt eine Handlung, nämlich ein Ver-
sprechen, dar. Hier wird eine Aktion, die vollzogen wird, durch
das Verb explizit, also direkt, ausgedrückt. Auch durch den
Gebrauch anderer Verben wie z. B. warnen, entschuldigen, bit-
ten, auffordern wird die von ihnen bezeichnete Handlung – die
Warnung/Entschuldigung/Bitte/Aufforderung – bereits vollzogen.
Äußerungen, die kein explizites Handlungsverb enthalten, sind gleichwohl auch Sprech-
akte: Die Äußerung „Lauf!“, bei der es sich um eine Bitte, einen Ratschlag oder einen
Befehl handeln kann, könnte beispielsweise durch den Zusatz explizit gemacht werden:
„Ich rate dir, zu laufen“.
Der britische Philosoph John Austin (1911–1960) gilt als Begründer dieser Theorie, sein
Schüler John Searle (geb. 1932) entwickelte sie weiter.

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015


VII Nachdenken über Sprache • Beitrag 11 Sprachphilosophie 27 von 36

Text 2

„Sprache“ zu definieren ist notorisch schwierig, da es so viele und dabei z. T. strittige und
unvereinbare Definitionen gibt, z. B. [...] Ferdinand de Saussures (1857–1913) soziologische
Sicht, nach der Sprache ein Zeichensystem ist, das den Individuen eines Kollektivs mehr oder
weniger aufgeprägt ist [...]. Da aber viele dieser Sichtweisen teilweise berechtigt sind, ist es
5 fast unmöglich, eine sehr knappe Definition zu geben, ohne den zu definierenden Begriff
„Sprache“ reduktionistisch, d. h. übervereinfachend zu verkürzen. Ein möglicher Vorschlag
könnte lauten:
„Sprachen sind ein Mittel kreativen kommunikativen Handelns“.
Mit dieser Definition schließt man nicht aus, dass es auch andere Mittel kreativen kommuni-
10 kativen Handelns außer Sprache gibt, [...], man verzichtet auf den schwierigen Begriff „(Zei-
chen-) System“ und betont den sehr wichtigen Aspekt, dass „Sprachen gebrauchen“ nie nur
reproduzierende Verwendung von Zeichen nach den Regeln eines Systems ist, sondern
gerade auch die kreative Neuschaffung von Zeichen und die Übertretung von Konventionen
des Sprachgebrauchs beinhaltet.

Aufgaben

C H T
Aus: Sprachtelefon/Bereich Sprachwissenschaft/Institut für Sprachen und Literaturen/Universität Innsbruck,
http://sprawi.uibk.ac.at/content/unbeantwortbare-fragen.

S I
1. Lesen Sie Text 1: Inwiefern waren Wittgensteins Philosophische
Untersuchungen grundlegend für die neueren sprachphilosophi-

N
schen Ansätze? Welche neuen Auffassungen wurden darin vertre-

O R A
ten und inwiefern waren sie grundlegend für die nachfolgend ent-
wickelte Theorie der Sprechakte?
2. Versuchen Sie in wenigen Worten zu erklären, was genau die Sprechakttheorie ist.
Erläutern Sie Ihre Erklärung mit einem konkreten Beispiel eines Sprechaktes.

V 3. Lesen Sie Text 2: Warum ist es so schwierig, Sprache zu definieren?


4. Stellen Sie Vermutungen dazu an, warum in der darin vorgeschlagenen Definition von
Sprache der Aspekt der Kreativität eine wichtige Rolle spielt. Was halten Sie von dieser
Definition der Sprachwissenschaftler in Innsbruck?

21 RAAbits Deutsch Oberstufe Mai 2015

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