Simulationstechnikskript AVT-Teil
Simulationstechnikskript AVT-Teil
Simulationstechnik
Version 0.4
Copyright: Wolfgang Marquardt
2013 (überarbeitete Version 13. März 2015)
Templergraben 55
E-Mail: [email protected]
WWW: http://www.avt.rwth-aachen.de
Dieses Skript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur zur Benutzung im Rahmen der Vorlesung „Simulationstechnik“
im BSc-Studiengang Maschinenbau bzw. Computational Engineering Science —nachfolgend nur als „Simulationstechnik“
bezeichnet— an der RWTH Aachen kopiert werden. Jede weitergehende Nutzung bedarf der ausdrücklichen schriftlichen
Genehmigung. In diesem Skript werden Materialien anderer Autoren zu Ausbildungszwecken verwendet. Dies impliziert
nicht, dass die Materialien frei von Copyright sind. Dieses Skript zur Vorlesung „Simulationstechnik“ wurde nach bestem
Wissen erstellt. Jedoch kann keine Garantie für Richtigkeit der gemachten Angaben sowie Freiheit von Tippfehlern
übernommen werden. Der Stoffumfang der Prüfungen im Fach „Simulationstechnik“ richtet sich nach den Darstellungen
in Vorlesungen und Übungen, nicht nach diesem Skript.
2
Vorwort
Diese Notizen zur Vorlesung „Simulationstechnik“ fassen die im ersten Teil der Vorle-
sung behandelten Stoffgebiete zusammen.
Die Darstellung orientiert sich an den großen Themenfeldern der Vorlesung. Aus di-
daktischen Gründen stellt die Vorlesung diese Themen jedoch in einer etwas anderen
Reihenfolge dar als dieses Skript. Es soll als Referenz dienen und das Nacharbeiten
wichtiger theoretischer Stoffgebiete erleichtern. Die in der Prüfung gestellten Aufgaben
orientieren sich jedoch am Stoff der Vorlesung, der Vortragsübung und des Labors, und
nicht an diesem Skript.
Die Notizen zur Vorlesung werden kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert, um
schließlich zu einer lehrbuchartigen Darstellung des in der Lehrveranstaltung vermit-
telten Stoffes zu kommen. Jedweder Vorschlag zur Ergänzung, Änderung oder Verbes-
serung der Darstellung der Notizen zur Vorlesung ist willkommen. Bitte reichen Sie
Ihre Vorschläge per E-Mail an [email protected] ein. Jeder Hinweis wird
geprüft, Ihre E-Mail wird auf jeden Fall beantwortet.
Diese Notizen zur Vorlesung wurden gemeinschaftlich von Martin Behrendt, Danielle
Diaz Dussan, David Elixmann, Ralf Hannemann, Matthias Johannink, Nimet Keri-
moglu, Wolfgang Marquardt, Alexander Mitsos, Hans Pirnay, Moritz Schmitz, René
Schneider, Olga Walz, Jörn Viell, Anna Voll, Michael Wiedau und Inga Wolf erstellt.
An der Ausarbeitung der Lehrveranstaltung waren außerdem Olaf Kahrs, Tom Quaiser,
Reinout Romijn, Holger Scheu und Maxim Stuckert beteiligt.
Für Inhalt und dessen Präsentation in der Lehrveranstaltung und in diesen Notizen
zur Vorlesung, insbesondere auch für die hoffentlich nicht zahlreichen fehlerhaften Dar-
stellungen und Schreibfehler sind allein die Professoren verantwortlich.
3
4
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 9
1.1 Was ist Simulation? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Wozu braucht man Simulation? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.2.1 Offline- und Online-Aufgabenstellungen . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Der Simulationsablauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.4 Systemtheorie als Grundlage der Modellbildung . . . . . . . . . . . . . 14
1.5 Systemtheorie im Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.6 Systemkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
1.6.1 Bausteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.6.2 Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.6.3 Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.6.4 Gesetzmäßigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.6.5 Systembegrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.6.6 Aggregation und Dekomposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.6.7 Zweck und Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.6.8 Aufbau- und Ablaufsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.7 Systemdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
1.8 Modelle als spezielle Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.9 Mathematische Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.10 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
5
6 INHALTSVERZEICHNIS
A Codebeispiele 247
A.1 Verknüpfung von zwei Modelica-Modellen mit und ohne Konnektoren . 247
A.2 Modell einer Brunnenkaskade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
A.3 Feder-Dämpfer-Modell einer Radaufhängung . . . . . . . . . . . . . . . 249
A.4 Springender Ball in Modelica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
Glossar 253
Stichwortverzeichnis 258
Kapitel 1
Einführung
Simulation ist ein Verfahren zur Nachbildung eines Systems mit seinen dy-
namischen Prozessen in einem experimentierbaren Modell, um zu Erkennt-
nissen zu gelangen, die auf die Wirklichkeit übertragbar sind. Im weiteren
Sinne wird unter Simulation das Vorbereiten, Durchführen und Auswerten
gezielter Experimente mit einem Simulationsmodell verstanden. Mit Hil-
fe der Simulation kann das zeitliche Ablaufverhalten komplexer Systeme
untersucht werden (Simulationsmethode).
Es geht also darum, ein Modell eines realen Systems zu entwerfen, um mit diesem Mo-
dell virtuelle Experimente durchzuführen. Diese Vorgehensweise verfolgt also das Ziel,
das Verhalten des Systems zu verstehen und das Design und die Betriebsstrategien zu
bewerten. Es sei angemerkt, dass wir in dieser Vorlesung nur numerische Simulationen
betrachten werden.
9
10 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
Bewerte
Kunden- Vorläufiger System-Entwurf mit
die
anforderung System-Entwurf Hilfe von Modellen
Modelle
System-
Entwerfe, produziere
Entwurfsprozess System-
und verifiziere das
angewandt auf eigenschaften
System
Prototypen
In einer immer komplexeren Welt brauchen wir manchmal nicht nur neue Antworten
auf alte Fragen, sondern auch Antworten auf ungeklärte neue Fragen. Das bedeutet,
wir wollen Simulation verwenden, um komplexe Probleme greifbar zu machen und sie
einer Lösung zuzuführen.
Simulation ist heute Teil eines jeden Projektes in der industriellen Praxis. In Abbil-
dung 1.1 sieht man das Ablaufmodell nach Bahill und Gissing (1998), das Entwicklungs-
und Entwurfsprozesse ganz allgemein für verschiedenste Systeme (oder Produkte) dar-
stellen kann. Wenn man sich den Entwurfsprozess anschaut, dann erkennt man die
verschiedenen Stufen, angefangen mit den Kundenanforderungen bis hin zum Entwurf
des Systems mit den gewünschten Systemeigenschaften. Im rechten, oberen Teil des
Schemas erkennt man einen Zwischenschritt, in dem der Entwurf nicht real, sondern
mit Hilfe eines Modells in der virtuellen Welt bewertet wird. Zunächst wird also ein vor-
läufiger Entwurf des Systems (bzw. Produktes) entwickelt. Dieser erste Entwurf wird
dann virtuell im Rechner simuliert, um eine Bewertung des Entwurfs zu ermöglichen.
Wie wichtig die Simulation in den einzelnen Projektphasen ist, sieht man in Abbildung
1.2 (Bahill und Gissing 1998). In den Spalten der Matrix sieht man die verschiedenen
Arbeitsschritte: Den vorläufigen Entwurf, das Modell, den Prototypen und den wirkli-
chen Entwurf. Die Zeilen der Matrix zeigen die einzelnen Aktivitäten im Entwicklungs-
prozess: Anforderungsdefinition, Alternativengenerierung, Funktionsdefinition, die De-
finition der Teilsysteme und Schnittstellen, die Entwurfserfindung, -bewertung und
-verbesserung bis hin zum endgültigen Produkt. Man kann erkennen, dass die Simula-
tion in fast allen Schritten, bis auf die Anforderungsformulierung und die Funktions-
1.2. WOZU BRAUCHT MAN SIMULATION? 11
Prototypen
Entwurf
Vorläufiger
Modelle
Entwurf
Wirklicher
Formuliere Anforderungen
Entwickle Alternativen
Definiere Funktionen
Definiere Teilsysteme
& Schnittstellen
Erfinde Entwürfe
Bewerte
Verbessere
Abbildung 1.2: Aufwand in den einzelne Projektphasen, nach Bahill (1998); Größe der
Kreise entspricht dem Arbeitsaufwand.
definition, eine große Rolle spielt. Die Simulation ist eine Kerntechnologie, um Ent-
wicklungsprozesse im Maschinenbau, in der Luft- und Raumfahrttechnik und in der
Verfahrenstechnik zu unterstützen.
Es gibt 2 Klassen von Aufgabenstellungen, die wir unterscheiden sollten: offline und
online.
Mit Offline-Anwendungen sind alle Anwendungen gemeint, bei denen die Simulation
weder mit Daten aus dem laufenden Prozess abgeglichen wird noch das simulierte Sys-
tem beeinflusst wird. Hierunter fallen alle Aufgabenstellungen zum Entwurf von Sys-
temen, sowie die Vorhersage des Verhaltens bereits existierender technischer Systeme,
z.B. Fahrzeuge, Flugzeuge oder Kraftwerke.
Online-Anwendungen hingegen sind solche Anwendungen, bei denen die Simulation
entweder in das simulierte System eingreift oder Daten mit dem laufenden Prozess ab-
gleicht. Dies ist der Fall, wenn die Simulation beispielsweise in der Steuerungssoftware
des Systems eingebettet ist (modellprädiktive Regelung), oder wenn aktuelle Daten
12 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
Model-
System + Problem Ergebn.
lieren & Simulations- Simu- Lösung des
Problem- ver- interpre-
analy- modell lieren Problems
stellung stehen tieren
sieren
aus dem laufenden Prozess dazu genutzt werden, um eine Vorhersage des aktuellen
Betriebsverhaltens zu ermöglichen.
System und Problemstellung Zunächst interessiert uns das System, welches wir
betrachten. Systeme können zum Beispiel mechanisch oder elektrisch sein. Es
kann sich um Prozess- oder Logistik- Systeme handeln. Es gibt hier keinerlei
Einschränkungen bezüglich der Art des Systems oder dessen technischer Reali-
sierung.
Die Problemstellung bestimmt, welche Aspekte des Systems für die Untersuchung
von Interesse sind. Im einfachsten Fall kann die Problemstellung sein, dass die
Funktion des Systems verstanden werden soll – die Simulation soll also eingesetzt
werden, um komplexe Prozesse nachzubilden, deren Zusammenwirken zum beob-
achteten Verhalten noch unklar ist. Alternativ kann die Problemstellung auch
sein, ein neues System zu entwickeln – in diesem Fall sollen bekannte Teilsysteme
zusammengefügt werden, um ein gewünschtes Verhalten zu bewirken. Die Simu-
lation soll dabei Aufschluss über die vorteilhafteste Anordnung der Teilsysteme
geben.
Problem verstehen Hier geht es darum, die Struktur des Systems zu erkennen,
d.h. die einzelnen Komponenten des Systems zu identifizieren. Die kausalen Zu-
sammenhänge müssen, ebenso wie die relevanten physikalischen Prinzipien, ver-
standen werden.
Modellieren und analysieren Der nächste Schritt ist das Modellieren und Analysie-
ren. Hierzu müssen wir die reale Welt verlassen und den Übergang in die virtuelle
Welt absolvieren. Indem das System durch mathematisch-physikalische Gleichun-
gen beschrieben wird, wird es vereinfacht und abstrahiert, und für den Rechner
lösbar. Insgesamt lässt sich der Schritt Modellieren und Analysieren in vier Teil-
schritte gliedern, die in Abbildung 1.4 dargestellt sind:
1.3. DER SIMULATIONSABLAUF 13
1. Mathematisches Modell erstellen. Mit diesem Schritt ist gemeint, dass der
Modellierer die mathematischen Gleichungen aufstellt, welche diejenigen
physikalischen Gesetzmäßigkeiten repräsentieren, die das Verhalten des rea-
len Systems bestimmen. Die Menge aller Gleichungen bildet das mathema-
tische Modell.
2. Mathematisches Modell analysieren. Das mathematische Modell aus dem vo-
rigen Teilschritt wird auf bestimmte, für die Simulation wichtige Eigenschaf-
ten hin untersucht. So ist z.B. festzustellen, ob das Modell so formuliert ist,
dass eine Lösung existieren kann. Außerdem können bereits Eigenschaften
der Lösung der Modellgleichungen ermittelt werden, ohne eine Simulation
durchführen zu müssen. Als Beispiele seien Ruhelagen und deren Stabili-
tätsverhalten genannt.
3. Simulationsmodell implementieren. Hier geht es darum, das mathematische
Modell in eine computer-auswertbare Form zu bringen. Dazu muss das ma-
thematische Modell in einer Modellierungssprache wie Modelica oder Mat-
lab implementiert werden. Modellierungssprachen sind spezialisierte höhere
Programmiersprachen, die für die Beschreibung bestimmter mathematischer
Modelle sowie die Konfiguration der Lösungsalgorithmen verwendet werden.
Art und Eigenschaften des mathematischen Modells legen meistens die Ver-
wendung einer oder mehrerer bestimmter Modellierungssprachen und der
zugehörigen Software (Entwicklungsumgebung und Compiler) nahe.
4. Simulationsmodell validieren. Die ersten Versionen eines Modells enthalten
in der Regel Programmierfehler. In einem ersten Schritt, der Verifikation,
wird durch Simulation sichergestellt, dass die erzielten Ergebnisse plausibel
14 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
Zielsetzung der allgemeinen Systemtheorie ist es somit, natürliche, künstliche und ab-
strakte Gebilde oder Systeme, die so unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten wie der
Biologie, Chemie, Physik und der Medizin sowie den Sozial-, Wirtschafts- und Inge-
nieurwissenschaften zuzuordnen sind, mit einem einheitlichen methodischen Instrumen-
tarium zu behandeln.
1.6 Systemkonzept
Der Begriff des Systems wurde bisher verwendet, ohne eine Veranschaulichung zu ver-
suchen oder gar eine genaue Definition zu geben. Angesichts der angestrebten Uni-
versalität der allgemeinen Systemtheorie überrascht es nicht, dass sich in der Litera-
tur zahlreiche Definitionen finden, welche die relevanten charakterisierenden Aspekte
mit unterschiedlicher Gewichtung betonen. Stellvertretend sei hier die in DIN 19226
(Regelungs- und Steuerungstechnik) niedergelegte Definition angegeben:
Definition 1.1 (DIN 19226). Ein System . . . ist eine abgegrenzte Anordnung von auf-
einander einwirkenden Gebilden. Solche Gebilde können sowohl Gegenstände als auch
Denkmethoden und deren Ergebnisse . . . sein. Diese Anordnung wird durch eine Hüll-
fläche von ihrer Umgebung abgegrenzt oder abgegrenzt gedacht. Durch die Hüllfläche
werden Verbindungen des Systems mit seiner Umgebung geschnitten. Die mit diesen
Verbindungen übertragenen Eigenschaften und Zustände sind die Größen, deren Be-
ziehungen untereinander das dem System eigentümliche Verhalten beschreiben. Durch
zweckmäßiges Zusammenfügen und Unterteilen von solchen Systemen können größere
und kleinere Systeme entstehen.
Die in dieser Definition auftretenden Begriffe werden nun zur weiteren Charakterisie-
rung des Systemkonzeptes detailliert dargestellt.
16 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
1.6.1 Bausteine
Die Bausteine (Komponenten, Teile, Gebilde usw.) eines Systems können entweder
Konzepte, Objekte oder Subjekte sein. Die Art der Bausteine charakterisiert das System
selbst.
Konzepte sind abstrakte Systembausteine. Sie definieren ein konzeptionelles oder ab-
straktes System. Beispiele hierfür sind die natürliche Sprache, die Programmierspra-
chen, Zahlensysteme, mathematische Gleichungssysteme oder technische Regelwerke.
Objekte sind materielle, unbelebte Systembausteine, mit denen künstliche oder natürli-
che reale Systeme aufgebaut werden. Als Beispiele seien hier ein Gebäude, ein Fahrzeug,
eine Destillationskolonne oder ein Computer genannt.
Subjekte bilden natürliche reale Systeme, die aber im Gegensatz zum vorigen Fall aus
lebenden Individuen aufgebaut sind. Als Beispiele denke man an die Bedienungsmann-
schaft einer Chemieanlage, an ein Eishockeyteam, an alle Bewohner einer Stadt oder
an alle Hörer einer Vorlesung.
Ein System wird schließlich als Hybridsystem bezeichnet, wenn es aus Bausteinen un-
terschiedlichen Typs besteht, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Als Beispiel
sei eine im Betrieb befindliche Chemieanlage genannt. Die Apparate sind die Objekte,
die Bedienungsmannschaft die Subjekte und die zugeordneten Betriebsvorschriften die
Konzepte dieses Hybridsystems.
1.6.2 Eigenschaften
Die Eigenschaften oder Attribute geben ein dem Systembaustein zuzuordnendes qua-
litatives oder quantitatives Merkmal wieder. Jedem Attribut können ein oder mehrere
Werte eines Definitionsbereichs zugewiesen werden. Beispiele für Attribut-Werte-Paare
sind (Farbe, rot), (Temperatur, 223℃) oder (Druck, hoch). Diese Beispiele zeigen, dass
verschiedenartige Skalen zur Festlegung der Werte verwendet werden. Diese sind
1. die metrische Skala, welche die Reihenfolge und den Abstand zweier Elemente
beschreibt,
2. die ordinale Skala, auf der lediglich die Reihenfolge der Elemente angegeben wer-
den kann, und schließlich
3. die nominale Skala, bei der Elemente lediglich einer Menge zuzuordnen sind.
1.6.3 Verhalten
Der Zustand eines Systembausteins liegt durch die Werte fest, die zu einem bestimmten
Beobachtungszeitpunkt dessen Attributen zugeordnet sind. Die Menge aller durch Kom-
bination der möglichen Attributwerte definierbaren Zustände legt den Zustandsraum
fest.
Der Zustand eines Systembausteins ändert sich im Allgemeinen mit der Zeit. Die Än-
derungsgeschwindigkeit nennt man Fluss.
Das Verhalten des Systemelements wird durch die zeitliche Abfolge von Systemzu-
ständen bestimmt. Das Systemverhalten kann als geordnete Folge von Punkten im
Zustandsraum dargestellt werden. Als Beispiel denke man an den durch Druck und
Temperatur festgelegten Zustand eines Gases, das in einem beheizten Druckbehälter
eingeschlossen ist, oder aber an den Projektierungsablauf bei der Planung einer ver-
fahrenstechnischen Anlage.
Man spricht von statischen oder stationären Systemen, wenn bei der Systembeschrei-
bung nur der Fall eines verschwindenden Flusses vorgesehen ist und damit eine zeitliche
Änderung des Systemzustandes nicht erfasst werden kann. Dynamische Systeme kön-
nen dagegen einen von null verschiedenen Fluss aufweisen.
1.6.4 Gesetzmäßigkeiten
Gesetzmäßigkeiten beschreiben Abhängigkeiten, die zwischen den Werten der beschrei-
benden Attribute im Sinne eines Naturgesetzes stets gelten müssen oder die man im
Sinne einer Theorie oder eines Postulats als gültig ansieht. Sie lassen sich beispiels-
weise in Form mathematischer Gleichungen repräsentieren. Als Beispiel sei das ideale
Gasgesetz genannt, das gemäß
pV = nRT (1.1)
Druck p, Volumen V , Molmenge n und Temperatur T eines Gases über die Gaskonstan-
te R verknüpft. Häufig lassen sich auch logische Klauseln heranziehen, um beispielsweise
die Zuweisung widersprüchlicher Werte zu zwei Attributen zu unterbinden.
Gesetzmäßigkeiten schränken den Zustand und damit auch das Verhalten eines Sys-
tembausteins ein. Sie reduzieren die Größe des Zustandsraumes auf den erreichbaren
Teil. Betrachten wir die Menge n eines Gases in einem Behälter des Volumens V , dann
kann der Zustand des Gases nicht in der gesamten p-T- Ebene, sondern nur auf der
durch Gl. (1.1) definierten Kurve liegen.
1.6.5 Systembegrenzung
Da sich ein System durch eine Ansammlung von mehreren Bausteinen auszeichnet,
muss es notwendigerweise gegen die Umgebung abgegrenzt sein. Die Abgrenzung nennt
18 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
man Systemgrenze, ihre Wahl richtet sich nach den Absichten, die man mit der Sys-
temfestlegung verfolgt, da sich durch eine geeignete Festlegung nicht interessierende
Komponenten ausgrenzen lassen. Ferner richtet sich die Wahl der Systemgrenze aber
auch nach den Möglichkeiten des Betrachters. Ist nämlich eine vollständige Beschrei-
bung des Gegenstandsbereiches nicht möglich, wird man die nicht beschreibbaren oder
nicht beeinflussbaren Teile des Gegenstandsbereiches abgrenzen.
Die Umgebung des Systems ist zunächst all das, was nicht im System enthalten ist.
Allerdings werden nur diejenigen nicht zum System gehörenden Komponenten als Um-
gebung im engeren Sinne bezeichnet, mit denen das System in direkter Wechselwirkung
steht.
Über die Systemgrenze treten Eingangsgrößen, die von außen – also von der Umgebung
des Systems – auf das System einwirken, und Ausgangsgrößen, die aus dem System
an die Umgebung übergeben werden. Störgrößen sind spezielle Eingangsgrößen, deren
Wirken zwar bekannt, aber nicht genau beschrieben oder gar quantifiziert werden kann.
Systeme, die mit der Umgebung in Wechselwirkung treten, deren Ein- und Ausgangs-
größen also nicht verschwinden, werden als offene Systeme bezeichnet. Abgeschlossene
Systeme stehen nicht mit ihrer Umgebung in Wechselwirkung.
Ein Systembaustein kann selbst ein strukturiertes System sein, welches wiederum aus
Systembausteinen besteht (vgl. Abb. 1.5). Dekomposition oder Strukturierung nennt
man den Vorgang, bei dem man ein System gegebenenfalls über mehrere Hierarchie-
ebenen hinweg in Teilsysteme und deren Wechselwirkungen zerlegt. Diese Dekompo-
sition endet bei nicht weiter zerlegbaren elementaren Systemen („irreducible wholes“,
Klir 1985). Die Festlegung dieser elementaren Systeme legt die Granularität der Sys-
tembeschreibung fest.
Wie in Abb. 1.5 dargestellt ist, lassen sich umgekehrt (Teil-)Systeme auch zu überge-
ordneten Systemen zusammenfügen. Diese Aggregation erlaubt den Aufbau komplexer
Systeme über mehrere hierarchische Stufen hinweg. Die Eigenschaften eines aus mehre-
ren Teilsystemen aggregierten Systems werden durch die Eigenschaften der beteiligten
elementaren Systeme gebildet. Darüber hinaus ergeben sich manchmal zusätzliche Ei-
genschaften durch die Aggregation. Werden beispielsweise zwei fluide Phasen beschrei-
bende Systeme aggregiert, so ist das Gesamtvolumen des Zweiphasensystems auf den
Wert des Behälters festgelegt, in dem das Zweiphasensystem eingeschlossen ist, wäh-
rend die Volumina der unabhängigen Phasen frei sind. Ein System nennt man komplex,
wenn es aus vielen Elementen unterschiedlichen Typs besteht, die in vielfältiger Weise
miteinander in Wechselwirkung stehen.
Die Wahl der Granularität und die Strukturierung eines komplexen Systems in eine
Hierarchie von Teilsystemen mit unterschiedlichem Detaillierungsgrad ist zielorientiert.
1.6. SYSTEMKONZEPT 19
Eingang Ausgang
System (baustein)
Dekomposition (Strukturierung)
Aggregation
System
(baustein)
elementares
System
Die hierarchischen Ebenen werden gerade so eingeführt, dass bestimmte Aspekte eines
Systems offen gelegt werden und andere verborgen bleiben. Die Komplexität der Sys-
tembeschreibung auf der einen Seite und deren Mächtigkeit bei der Lösung bestimmter
Fragestellungen auf der anderen Seite werden entscheidend durch die gewählten, nicht
weiter zerlegbaren, elementaren Systeme bestimmt. Eine zu feine Granularität erhöht
den Aufwand und reduziert die Übersichtlichkeit. Daher sollte die Granularität nur so
fein wie nötig gewählt werden. Eine zu grobe Granularität dagegen limitiert die An-
wendungsmöglichkeiten der Systembeschreibung bei der Bearbeitung konkreter Aufga-
benstellungen. Es muss also stets ein Kompromiss gesucht werden, der zwischen der
Ausdrucksstärke der Systembeschreibung und des mit ihrer Verwendung verbundenen
Aufwandes abwägt.
Bisher wurde stillschweigend angenommen, dass jedes reale System vollständig in Teil-
systeme zerlegt werden kann. Dies impliziert, dass die im System ablaufenden Vorgänge
vollständig entkoppelbar sind. Offensichtlich können die Grenzen der Teilsysteme nur
in wenigen Fällen gerade so gewählt werden, dass eine vollständige Entkopplung er-
reicht wird. In den meisten Fällen hat die Entkopplung nur Näherungscharakter. Man
denke nur an die Aufteilung eines Wasserspiels in die einzelnen, durch Rohrleitungen
verknüpften Becken und Brunnen. Die Entkopplung setzt voraus, dass die Mengenströ-
me zwischen den Apparaten nicht durch die Füllstände in den Apparaten bestimmt
sind. Da die Aufteilung eines Systems in Teilsysteme gerade durchgeführt wird, um
Systementwicklung oder -analyse auf der Ebene des Teilsystems unabhängig vom Ge-
20 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
samtsystem vorantreiben zu können, kommt einer geeigneten Wahl der Grenzen der
Subsysteme für den Erfolg dieser Vorgehensweise größte Bedeutung zu. In vielen Fäl-
len wird man die Grenzen durch Versuch und Irrtum festlegen müssen. Eine detaillierte
Diskussion dieses Problems findet man bei Simon (1981).
Jedes (künstliche) System soll einen bestimmten Zweck oder eine bestimmte Funktion
erfüllen. Die Funktion eines Systems kann als ein Konversionsprozess angesehen wer-
den, bei dem die Eingänge des Systems in dessen Ausgänge umgesetzt werden. Der
Zweck eines Systems kann dann als erreicht angesehen werden, wenn der Konversions-
prozess im Sinne eines festzulegenden Gütemaßes eine bestimmte, vorher festgelegte
Anforderung erfüllt.
Zur Erläuterung seien verschiedene Beispiele genannt. Die Funktion einer Produkti-
onsanlage besteht in der Herstellung eines Produktes aus Ausgangsstoffen. Sie erfüllt
dann ihren Zweck, wenn das hergestellte Produkt einen Ertrag in vorgegebener Höhe
erbringt. Die Funktion eines Projektteams besteht in der Abwicklung eines Projek-
tes zur Erstellung einer neuen Produktionsanlage. Es erfüllt seinen Zweck, wenn die
Projektierung in der vorgegebenen Zeit im vorgesehenen Kostenrahmen abgeschlossen
werden kann. Schließlich besteht die Funktion eines mathematischen Modells darin,
auf der Grundlage vorgegebener Spezifikationen eine Vorhersage über das Verhalten
bestimmter Prozessgrößen zu machen. Das Ziel (oder der Zweck) dieser Vorhersage
kann beispielsweise ein besseres Prozessverständnis sein.
Der Informationsgehalt eines Systems, der sich sowohl als Maß für die Unsicherheit der
Systembeschreibung als auch als Maß für das Systemverständnis interpretieren lässt,
muss allein an den Zielen des Betrachters orientiert sein. Unterschiedliche Aufgaben-
stellungen erfordern unterschiedliche Perspektiven der Systembeschreibung (A multi-
facetted view of systems, Zeigler 1984), die sich in der Auswahl der Systemstruktur und
in der Charakterisierung der beteiligten elementaren Systeme äußert.
1.7 Systemdarstellung
Allgemeine Systeme lassen sich mit unterschiedlichen Formalismen der nichtquantitati-
ven Mathematik beschreiben (z.B. Mengenlehre, Graphentheorie, Logik usw., für eine
kurze Einführung siehe Bruns 1991). Diese Darstellungen haben den Vorteil, dass sie
exakt sind und damit einer Maschinenverarbeitung zugänglich gemacht werden kön-
nen. Andererseits werden diese Darstellungsweisen insbesondere von Ingenieuren als
unanschaulich und zu formalistisch angesehen.
Da die Maschinenverarbeitbarkeit im hier betrachteten Zusammenhang von unterge-
ordneter Bedeutung ist, wollen wir uns hauptsächlich auf semi-formale Repräsentati-
onsmethoden wie beispielsweise Grafiken beschränken. Grafische Darstellungen werden
sowohl in der Systemtheorie als auch in allen Anwendungsbereichen in vielfältiger Weise
zur Systemdarstellung herangezogen.
a) b)
a a
b d b d
c c
Das formal exakte mathematische Fundament graphischer Darstellungen ist die Gra-
phentheorie. Sie basiert grundsätzlich auf der Mengenlehre und eignet sich zur Dar-
stellung von einer abzählbaren Menge von Elementen, die durch binäre Relationen
miteinander in Beziehung stehen. Ein Graph (Abb. 11.2) besteht aus Knoten, die den
Elementen der Menge entsprechen, und aus Kanten, die binäre Relationen zwischen
Elementen repräsentieren. In einem Graphen, der gerichtet oder ungerichtet sein kann,
lassen sich also unterschiedliche Elemente, aber nur ein Relationentyp repräsentieren.
22 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG
Wahrnehmung Modellierung
unbewußte bewußte
Abstraktion Abstraktion
Diese Definition zeigt deutlich, dass es nicht ein einziges Modell eines betrachteten Ob-
jektes gibt. Die unterschiedlichen Modellvarianten unterscheiden sich stets durch den
Verwendungszweck, durch die Kenntnisse über den zu modellierenden Gegenstand,
durch die Kenntnisse und Erfahrungen des Modellierers sowie durch den Aufwand
und den Detaillierungsgrad, den man treiben will oder für erforderlich hält. Statt ei-
nes einzigen Modells eines Objektes sollte man vielmehr auf die Entwicklung einer
Modellfamilie, also einer Hierarchie unterschiedlich detaillierter Modelle, abzielen, um
unterschiedliche Aufgabenstellungen angemessen zu unterstützen (Zeigler 1984, Gilles
et al. 1986, Stephanopoulos et al. 1990).
Modelle müssen formal richtig sein. Dazu dürfen sich die im Rahmen der Modellie-
rung getroffenen Annahmen nicht widersprechen. Im Idealfall muss sich das Modell
aus einer Menge getroffener Annahmen im Sinne einer genauen Spezifikation zweifels-
frei ableiten lassen. In der Verfahrenstechnik werden allerdings oft Modelle eingesetzt,
1.9. MATHEMATISCHE MODELLE 23
Konzentrierte Systeme
Diskret-kontinuierliche
Kontinuierliche Systeme Diskrete Systeme
Systeme
Differentialgleichungs- Differential-algebraische
Zeitdiskrete Systeme Ereignisdiskrete Systeme
systeme Gleichungssysteme
Modelle konzentrierter Systeme lassen sich entsprechend Abb. 1.8 verschiedenen Klas-
sen zuordnen. Hier kann zwischen kontinuierlichen, diskreten, sowie diskret-kontinu-
ierlichen Systemen unterschieden werden. Kontinuierliche Systeme lassen sich dabei
anhand der zugrunde liegenden Struktur der Modellgleichungen weiter differenzieren.
So werden Systeme, die ausschließlich aus gewöhnlichen Differentialgleichungen be-
stehen, Differentialgleichungssysteme, Systeme aus algebraischen Gleichungen, alge-
braische Systeme und Systeme, die sowohl aus Differentialgleichungen als auch aus
algebraischen Gleichungen bestehen, differential-algebraische Systeme genannt.
Im Rahmen des ersten Teils der Vorlesung werden ausschließlich konzentrierte Systeme
betrachtet. Der zweite Teil der Vorlesung beschäftigt sich mit verteilten Systemen.
1.10 Zusammenfassung
in Kapitel 8 für elektrische, Kapitel 9 für mechanische und in Kapitel 10 für thermo-
dynamische Systeme dargestellt.
Eine ausführliche Beschreibung der mathematischen Eigenschaften dieser Systemklas-
sen erfolgt in den Kapiteln 2 bis 5. Diskrete Systeme lassen sich wiederum zu zeitdis-
kreten Systemen, sowie ereignisdiskreten Systemen klassifizieren, welche in Kapitel 6
betrachtet werden. Hier wird zudem auf diskret-kontinuierliche Systeme eingegangen,
in welchen das betrachtete System sowohl durch kontinuierliche als auch durch diskrete
Zustandsänderungen beschrieben wird.
Ein wichtiges Rahmenwerk für die Analyse und Beschreibung dieser verschiedenen
Klassen konzentrierter Systeme, bildet das Zustandsraumkonzept, welches für den zeit-
kontinuierlichen Fall in Kapitel 2 und für den diskreten und diskret-kontinuierlichen
Fall in Kapitel 6 eingeführt wird.
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1.10. ZUSAMMENFASSUNG 27
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Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
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Kapitel 2
Das zeitkontinuierliche
Zustandsraumkonzept
Im Rahmen dieser Vorlesung befassen wir uns mit Modellen, die das dynamische Ver-
halten von Systemen beschreiben.
Der erste Teil der Vorlesung befasst sich dabei mit zeitkontinuierlichen Systemen. Ihr
Verhalten wird durch Systeme von Differentialgleichungen und algebraischen Gleichun-
gen beschrieben, die im Folgenden allgemein als „Differential-Algebraische Systeme“
(DA-Systeme) bezeichnet werden. Kapitel 2 bis 4 dieses Skriptes behandeln die Be-
schreibung, Simulation und Analyse von zeitkontinuierlichen Systemen. Dabei wird in
Kapitel 2 zuerst das Konzept des Zustandsraumsystems erläutert. Zustandsraumsyste-
me sind Spezialfälle von DA-Systemen, die in vielen Ingenieurwissenschaften Verwen-
dung finden und die aufgrund ihrer relativ einfachen Struktur gut geeignet sind, um die
Simulation und Analyse von dynamischen Systemen zu studieren. Aus diesem Grund
werden die Ausführungen der folgenden Kapitel zunächst für Zustandsraumsysteme
erläutert und (wo notwendig) wird die Anwendung auf allgemeine DA-Systeme nach-
geschoben. Kapitel 5 erläutert schließlich Eigenarten von allgemeinen DA-Systemen,
die für Zustandsraumsysteme nicht auftreten, die aber zum Verständnis der Funkti-
onsweise von Simulatoren dynamischer Systeme notwendig sind.
Aus physikalischen Gesetzen, die einen Prozess beschreiben, kann man einen
Zusammenhang zwischen den Eingangsgrößen u und den Ausgangsgrößen
y herstellen. Häufig erhält man diesen in Form eines Gleichungssystems,
das aus Differentialgleichungen und gewöhnlichen Gleichungen besteht. Ein
29
30 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
Im Folgenden beschreiben wir die verwendeten Begriffe des Zustands, der Eingangs-
und Ausgangsgrößen sowie der Parameter im Detail.
Zustandsvektor
Der Zustandsvektor x(t) enthält die so genannten „Speichergrößen“, wie z.B. Füllstände
von Flüssigkeitsbehältern, die Ladung eines Kondensators oder die Spannung, unter der
eine mechanische Feder steht. Diese Größen beschreiben den aktuellen inneren Zustand
eines Systems, der sich mit der Zeit ändern kann. Formal ist der Zustandsvektor x(t) ∈
Rn ein Spaltenvektor und definiert als
x1 (t)
x(t) = ... .
xn (t)
Ausgangsgrößen
Eingangsgrößen
Parameter
Unter Parametern versteht man Größen oder Eigenschaften, die sich zeitlich nicht än-
dern, aber dennoch Einfluss auf das Systemverhalten haben. Parameter können bau-
artbedingt vorgegeben sein, z.B. Wärmeübergangskoeffizienten oder Rohrdurchmesser,
oder aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten vorliegen, wie z.B. die Erdbeschleuni-
gung. Der Parametervektor p ∈ Rq ist formal definiert als
p1
..
p = . .
pq
Es sei angemerkt, dass es alternative Darstellungen gibt, die auch vorteilhaft sein kön-
nen. Näheres kommt in weiteren Kapiteln.
32 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
Es ist ausdrücklich zu beachten, dass weder die Zustands- noch die Ausgangsgleichung
explizit von der Zeit t abhängen. Die Zeitabhängigkeit ist allein über die Abhängigkeit
von Eingangs- und Zustandsgrößen von der Zeit gegeben.
Ein einfaches Beispiel zur Veranschaulichung stellt das folgende System dar, welches
in Zustandsdarstellung gebracht wurde:
Diese Gleichungen ergeben den in Abbildung 2.1 dargestellten Zeitverlauf mit den An-
fangswerten x1,0 = 2, x2,0 = 1 dem Parameter p = 2 und dem Eingang u(t) = 3 − t.
Man beachte, dass generell u = u(t) sehr wohl eine zeitveränderliche Größe sein kann.
Dennoch spricht man von einem zeitinvarianten System, da die Zeit t nur implizit
Einfluss auf f und g hat.
2.2. KLASSIFIZIERUNG DYNAMISCHER SYSTEME 33
x_1 x_2 y
5.2
4.8
4.4
4.0
3.6
3.2
2.8
2.4
2.0
1.6
1.2
0.8
0.4 t
0.00 0.25 0.50 0.75 1.00 1.25 1.50 1.75 2.00
Ein praktisches Beispiel für ein nichtlineares zeitinvariantes System ist die „Mehrstufige
Brunnenkaskade“.
ẋ = f (x, u, p)
y = g(x, u, p)
34 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
qein,1
h1 s1 qaus,1
= qein,2
Brunnen 1
s2 qaus,2
h2
= qein,3
Brunnen 2
h3 s3
qaus,3
Brunnen 3
• Erdbeschleunigung g [m/s2 ]
(Parameter)
Wie wir später in Abschnitt 10.2.1.1 sehen werden, kann man durch Formulieren einer
Massenbilanz diese Größen in einen physikalischen Zusammenhang bringen. Da Wasser
eine konstante Dichte hat, führt eine solche Bilanz für n = 3 Brunnen schließlich zum
folgenden Gleichungssystem:
dhi 1
= (qein,i (t) − qaus,i (t)) , hi (t0 ) = hi,0 , i = 1, 2, 3 (2.4)
dt t Ai
und
(2.5a)
p
qaus,i (t) = si 2ghi (t)
qein,1 (t) = u(t) wobei u(t) bekannt! (2.5b)
qein,2 (t) = qaus,1 (t) (2.5c)
qein,3 (t) = qaus,2 (t) (2.5d)
y(t) = qaus,3 (t) (2.5e)
Somit gibt es jeweils eine Differentialgleichung pro Brunnen und dementsprechend drei
Zustände hi (t) und Anfangswerte hi,0 . Bei u(t) handelt es sich um eine bekannte Zeit-
2.2. KLASSIFIZIERUNG DYNAMISCHER SYSTEME 35
funktion, die hier den Zulauf in Brunnen 1 repräsentiert und y(t) entspricht den Aus-
gangsgrößen, also unseren gemessenen Größen, hier nur dem aus Brunnen 3 ausflie-
ßenden Volumenstrom. Eine Implementierung der angesprochenen dreistufigen Kaskade
in Dymola findet sich in Anhang A.2 wieder.
Aus Gleichung (2.4) und dem Gleichungssystem (2.5) ergibt sich durch Einsetzen die
Zustandsdarstellung des Brunnensystems, bestehend aus den Zustandsgleichungen
p
1
(u(t) − s 2gh (t))
h1 A1p 1 1
dx d p
= f (u(t), x(t), p) ⇒ h2 = A12 (s1 2gh1 (t) − s2 2gh2 (t)) , h(t0 ) = h0
dt t dt p p
h3 t 1
(s 2gh2 (t) − s3 2gh3 (t))
A3 2
(2.6)
und der Ausgangsgleichung
(2.7)
p
y(t) = g(h(t), u(t), p) = s3 2gh3 (t),
wobei aus Platzgründen auf die Angabe der Zeitabhängigkeit verzichtet wurde.
Dies ist die allgemeinste Form der Zustandsdarstellung. Machen wir uns nun den Zei-
teinfluss an einem Beispiel bewusst:
Diese Gleichungen ergeben den in Abbildung 2.3 dargestellten Zeitverlauf mit den An-
fangswerten x1,0 = 2, x2,0 = 1 dem Parameter p = 2 und dem Eingang u(t) = 1.
Die Zeitabhänigkeit des Systems ist besonders gut an dem Exponentialterm zu erkennen.
Man beachte, dass u auch konstant sein kann. Da t aber trotzdem explizit in f eingeht,
spricht man dennoch von einem zeitvarianten System.
Auf eine Besonderheit sei an dieser Stelle noch explizit hingewiesen. Bei nichtlinearen
Systemen kann man die Zeitabhängigkeit des Systems auch durch das Einführen einer
36 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
neuen Variable eliminieren. Diese Erkenntnis wird uns letztendlich zu dem Schluss füh-
ren, dass im Nichtlinearen zeitvariante und zeitinvariante Systeme äquivalente Klassen
sind.
Sehen wir uns die Reformulierung im Detail an. Das Ausgangssystem sei durch die
Gleichungen (2.8) gegeben. In diesem nichtlinearen zeitvarianten System erweitern wir
den Zustandsvektor x um eine skalare Größe xn+1 . D.h. wir führen einen neuen Vektor
x̄ ein. Dadurch ändert sich auch die rechte Seite unseres Ausgangssystems. f¯ enthält
f und die Zeit t wird letztendlich durch die Größe xn+1 ersetzt. Wir führen die Zeit t
also als eine Zustandsvariable ein.
n n+1 x(t) ¯ f (x(t), u(t), p, xn+1 (t))
x(t) ∈ R , x̄(t) ∈ R , x̄(t) = , f (x̄(t), u(t), p) =
xn+1 (t) 1
(2.10)
Während unser Zustandsvektor x noch n skalare Größen enthielt, wird unser neuer
Zustandsraum um eine Dimension größer sein. Man hat also offensichtlich eine Diffe-
rentialgleichung hinzugefügt, die die Zeit t beschreibt, denn
dxn+1
= 1. (2.11)
dt t
Damit ergibt sich das erweiterte System, welches nun ausdrücklich zeitinvariant ist.
˙
x̄(t) = f¯(x̄(t), u(t), p), ȳ(t) = ḡ(x̄(t), u(t), p) (2.14)
Zur Veranschaulichung der Vorgehensweise nehmen wir uns das nichtlineare, zeitvari-
ante System (2.9) aus Beispiel 2.3 zuhilfe. Darin erweitern wir nun den Zustandsvektor
durch das Einführen von x̄3 :
x̄1 (t) := x1 (t)
x̄2 (t) := x2 (t)
x̄3 (t) := t
Es ist jedoch besonders wichtig, darauf Acht zu geben, auch die Anfangsbedingungen
neu zu formulieren:
x̄1 (t0 ) = x1,0
x̄2 (t0 ) = x2,0
x̄3 (t0 ) = t0
Diese Gleichungen ergeben den in Abbildung 2.4 dargestellten Zeitverlauf mit den An-
fangswerten x1,0 = 2, x2,0 = 1 und dem Eingang u(t) = 1.
2.6
2.4
2.2
2.0
1.8
1.6
1.4
1.2
1.0
0.8
0.6
t
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
−2 1 0
A= B=
−1 0 1
C= 1 1 D= 0
Diese Matrizen ermöglichen es uns nun, das System in die korrekte Zustandsdarstellung
in Matrix-Vektor-Notation zu überführen.
−2 1 0
ẋ(t) = Ax(t) + Bu(t) = x(t) + u(t) (2.18a)
−1 0 1
(2.18b)
y(t) = Cx(t) + Du(t) = 1 1 x(t) + 0 u(t)
Der sich aus diesen Gleichungen ergebende Zeitverlauf der Zustände und Ausgangsgrö-
ßen ist in Abbildung 2.4 dargestellt.
2.2. KLASSIFIZIERUNG DYNAMISCHER SYSTEME 39
v = const
h
h(t )
s(t )
z = vt
Beispiel 2.5 (Feder-Dämpfer-System). Wir betrachten ein Fahrzeug, das über einen
unebenen Untergrund fährt (Abbildung 2.5). Die relativ kleinen Unebenheiten sollen
dabei von der Radaufhängung (Abbildung 2.6) und dem Rad kompensiert werden. Wir
treffen deshalb folgende Annahmen:
• Der Fahrzeugaufbau hat eine große Masse und Trägheit und bewegt sich nicht in
h-Richtung
• Das Rad hat eine kleine Masse und Trägheit. Es wird durch das Straßenprofil zu
einer Bewegung angeregt. Dabei wirkt das Rad als kleines Feder-Dämpfer-System
(Verformung des Reifens).
• mA bezeichnet die Masse des Aufbaus. Sie ist erheblich größer als die Masse des
Rades.
Zur Modellierung dieses Systems gehen wir wie in Kap. 9 vor, wo die Modellierung
mechanischer Systeme später noch im Detail besprochen wird. Zunächst schneidet man
das Rad frei und erhält die folgenden Gleichungen, die das dynamische Verhalten der
40 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
m A >> m R
c1 d1
h
mR = m
c2 d2
aus n Differentialgleichungen erster Ordnung überführen lässt, wie sie für die Zustands-
darstellung benötigt werden.
d x1 ḣ x2 (t)
= = 1
dt x2 t ḧ t m
{(−c1 − c2 )x1 (t) + (−d1 − d2 )x2 (t) + c2 u1 (t) + d2 u2 (t)}
Als Ausgangsgröße interessieren wir uns für die Auslenkung des Rades. Es gilt also
y(t) = x1 (t). Nun wollen wir unser lineares Zustandsraum-Modell aufschreiben:
d x1 0 1 x1 (t) 0 0 u1 (t)
= + 1 (2.22a)
dt x2 t − m1 (c1 + c2 ) − m1 (d1 + d2 ) x2 (t) c 1d
m 2 m 1
u2 (t)
| {z } | {z } | {z } | {z } | {z }
ẋ(t) A x(t) B u(t)
x1 (t) u1 (t)
(2.22b)
y(t) = 1 0 + 0 0
| {z } x2 (t) | {z } u2 (t)
C | {z } D | {z }
x(t) u(t)
Somit lässt sich das System kompakt in der eingangs beschriebenen linearen Zustands-
raumdarstellung, Gleichung (2.16) darstellen, wobei
x1 (t) u1 (t)
x(t) = u(t) =
x2 (t) u2 (t)
0 1 0 0
A= B= 1
− m1 (c1 + c2 ) − m1 (d1 + d2 ) c 1d
m 2 m 2
C= 1 0 D= 0 0 .
Eine Implementierung des Feder-Dämpfersystems mit der Darstellung des linearen Zu-
standsraummodells in Dymola ist im Anhang A.3 aufgeführt.
Konsequenterweise betrachten wir an dieser Stelle noch die linearen zeitvarianten Sys-
teme, die sich ergeben, wenn die Systemmatrizen explizit von der Zeit abhängig sind.
Dann schreiben wir die verallgemeinerte lineare Zustandsdarstellung in der Form:
Die Lösung des Systems, d.h. die Zustände und Ausgangsgrößen als Funktionen der
Zeit sind in Abbildung 2.7 mit den Anfangswerten x1,0 = 2, x2,0 = 10 und dem Eingang
u(t) = 1. Durch „Koeffizienten sammeln“ erhalten wir demzufolge die Systemmatrizen:
− sin(t) 1 0
A(t) = B(t) =
−1 0 cos(t)
C(t) = 1 exp(−0.1t) D(t) = 0
Anmerkung: Im Gegensatz zum nichtlinearen Fall ist eine Reformulierung in ein linea-
res zeitinvariantes System nicht möglich, denn nach dem Einführen eines zusätzlichen
Zustands würden Produktterme aus den ursprünglichen Zuständen mit dem neuen Zu-
stand auftreten. Derartige Terme führen jedoch zu nichtlinearem Verhalten, stellen also
kein lineares zeitinvariantes System mehr dar.
2.3. VISUALISIERUNG DES SYSTEMVERHALTENS 43
100
80
60
40
20
-20
-40
-60
-80
-100
-120
4 5 6 7 8 9 10
1. Nahe liegend ist es, die Zustände einzeln als explizite Funktionen der Zeit aufzu-
tragen, siehe Abbildung 2.8
Definition 2.1 (Zustandsraum). Der Zustandsraum ist der Raum, der von den Zu-
ständen eines dynamischen Systems aufgespannt wird.
Haben wir also für die Anfangsbedingungen x(t0 ) mit den konstanten Parametern p
sowie für bekannte Eingänge u(t) eine Lösung x(t) berechnet oder simuliert, dann
können wir diese im Zustandsraum darstellen.
Eine typische Darstellung im 3-dimensionalen Zustandsraum ist in Abbildung 2.9 dar-
gestellt. Es gilt einige Eigenschaften der Darstellung im Zustandsraum zu beachten:
• Für wachsende t beschreibt x(t) die Bahnkurve bzw. eine so genannte Trajekto-
rie. Ein Beispiel dafür ist in Abbildung 2.10 dargestellt. Die Bahnkurve entspricht
44 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
x3
x(t0) = x0 t
Trajektorie,
x(t) Laufvariable t
x2
x3(t)
x1(t) x1 (t)
1.5
t=4
t=6
1
t=8 t=2
t=10
3
0.5
0
0
0.5
1 1
0.8
t=0 0.6
1.5 0.4
0.2
2 0
h1 h2
der über die Zeit t parametrisierten Lösung des Systems für einen bestimmten
Anfangswert x0 . Zu beachten ist, dass Trajektorien sich für verschiedene An-
fangswerte nicht schneiden.
• Es fällt auf, dass in dieser Darstellung die Zeit t nicht mehr explizit enthalten
ist. Dafür können die qualitativen Wechselwirkungen der einzelnen Zustände sehr
gut in nur einem Diagramm analysiert werden.
• Grundsätzlich ist eine Visualisierung für mehr als drei Dimensionen problematisch
und daher in der Regel unüblich.
Anmerkung: Häufig werden die Trajektorien eines Systems für mehrere Anfangswer-
te in dasselbe Diagramm gezeichnet. Aus historischen Gründen hat sich die Bezeich-
2.4. STATIONÄRE SYSTEME 45
a) b)
a) b)
nung Phasenporträt für diese Art der Darstellung ergeben. In Abbildung 2.11 sind die
Phasenporträts zwei interessanter Systeme, der Van-der-Pol-Oszillator und das Lorenz-
System, dargestellt.
Häufig möchten wir jedoch (nur) herausstellen, wann ein System sich zeitlich nicht
mehr ändert. Ab welchem Zeitpunkt sind beispielsweise die Schwingungen eines Sys-
tems derart klein, dass man es als ruhend bezeichnen kann? Diese Art der Fragestellung
taucht insbesondere im Maschinenwesen sehr häufig auf und ist deshalb auch im Rah-
men dieser Veranstaltung von zentraler Bedeutung.
In diesem Zusammenhang ist es daher nötig, den Unterschied zwischen den so genann-
ten dynamischen Systemen und den stationären Systemen deutlich hervorzuheben. Die
folgende tabellarische Gegenüberstellung verfolgt dieses Ziel.
46 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
Ausgehend von Anfangswerten für die Die Zustände stationärer Systeme sind
Zustände verändern sich die Zustände zeitlich konstant und unveränderlich.
der dynamischen Systeme mit der Zeit,
sie sind also zeitlich veränderlich, siehe
Abbildung 2.12
Reale Systeme sind immer zeitabhän- Stationäre Systeme ergeben sich durch
gig. Sie zeigen stets dynamisches Ver- Vereinfachung der Realität. Sie stellen
halten. eine wichtige und nützliche Näherung
dar.
Abbildung 2.13: Der Windkanal - ein Beispiel für ein stationär betriebenes Experiment
so liefert die stationäre Analyse der Konstruktion eine erste sinnvolle Bestimmung
der auftretenden Belastungen und der notwendigen Bauteildimensionen.
2.5 Ruhelagen
Wenn ein dynamisches System in einen „Ruhezustand“ gelangt, entsteht ein stationäres
System. Für konstante Eingänge kann ein asymptotisch stabiles System nach einer dy-
namischen Übergangsphase - der so genannten initialen Transiente - für große Zeiten
(genauer: für t → ∞) in eine Ruhelage, also einen zeitunabhängigen Bereich, überge-
hen, siehe Abbildung 2.14. Betrachten wir ein allgemeines nichtlineares System in der
Zustandsdarstellung:
dx
= f (x(t), u(t), p) (2.26a)
dt t
y(t) = g(x(t), u(t), p) (2.26b)
48 KAPITEL 2. DAS ZEITKONTINUIERLICHE ZUSTANDSRAUMKONZEPT
Definition 2.2 (Ruhelage). Die Ruhelage ist dadurch gekennzeichnet, dass die zeitliche
Änderung aller Zustandsgrößen zu Null wird (Föllinger und Franke 1982).
Dazu müssen wir natürlich annehmen, dass auch alle Eingänge konstant sind. Diese
Umstände drücken sich - bezogen auf die Zustandsdarstellung - folgendermaßen aus:
dx
≡0 (2.27)
dt t
u(t) = const = uR (2.28)
⇒ x(t) = const = xR . (2.29)
In die Zustandsdarstellung eingesetzt, ergibt sich für einen gegebenen Eingang uR und
Parameter p das aufgeführte Gleichungssystem:
0 = f (xR , p, uR ) → xR (2.30a)
yR = g(xR , p, uR ) → yR (2.30b)
Veranschaulichen wir uns diese Methodik zur Bestimmung von Ruhelagen an einem
bekannten Beispiel, der Brunnenkaskade.
Beispiel 2.7 (Ruhelage der Brunnenkaskade). Bei der Brunnenkaskade (siehe Beispiel
2.2) handelt es sich um ein dynamisches System. Durch Umstellung der physikalischen
2.5. RUHELAGEN 49
Beziehungen, die das Brunnensystem beschreiben, erhielten wir in Kapitel 2.2.2 die
Zustandsgleichungen (2.6):
1
(2.31a)
p
ḣ1 (t) = (qein,1 (t) − s1 2gh1 (t))
A1
1
(2.31b)
p p
ḣ2 (t) = (s1 2gh1 (t) − s2 2gh2 (t))
A2
1
(2.31c)
p p
ḣ3 (t) = (s2 2gh2 (t) − s3 2gh3 (t))
A3
Es handelt sich dabei wie erwartet um Differentialgleichungen. Simuliert man das Sys-
tem wie in Anhang A.2 beispielsweise mit den Anfangsbedingungen
h1 (t0 ) = 2 m
h2 (t0 ) = 0.1 m
h3 (t0 ) = 0.1 m,
den Parametern
Ai = 2 m2 , i ∈ {1, 2, 3}
s1 = 0.5 m2
s2 = 0.4 m2
s3 = 0.3 m2
Der Vektor x beinhaltet genau so viele Variablen wie symbolische Ausdrücke in f sind.
d sind „überzählige“ Variablen, für die keine Gleichungen zur Berechnung verfügbar
sind. Sie müssen vor einer Berechnung vorgegeben werden. Diese nd Variablen nennt
man „Freiheitsgrade“ des stationären Modells.
Die Vorgabe von nd Variablen d ist also zur vollständigen Spezifizierung des stationären
Modells erforderlich; ansonsten kann man das System nicht lösen. Wenn also in unserem
Beispiel g, si , Ai und qein gegeben sind, können wir h1 , h2 , h3 ohne Weiteres ausrechnen.
Man könnte jedoch auch die Füllhöhe h2 festlegen und daraus ermitteln, welchen Wert
der Zulauf qein annehmen muss, um die Vorgabe zu erreichen.
Es sind somit verschiedene Kombinationen der Vorgaben denkbar, aber es müssen im-
mer nd vorgegeben sein um das Problem lösen zu können. In der Regel sind die Freiheits-
grade gerade die Parameter p und die Eingangsgrößen uR des dynamischen Systems
im stationären Zustand. Insbesondere bei den Parametern spricht man von konstrukti-
onsbedingten Freiheitsgraden, da sie schon beim Bau bzw. der Planung eines Systems
oder einer Anlage optimiert werden können oder berücksichtigt werden müssen. Bei-
spiele für solche konstruktionsbedingten Freiheitsgrade sind Dimensionierungsgrößen
wie Rohrdurchmesser, Materialeigenschaften wie z.B. Wärmeübertragungskoeffizien-
ten oder physikalische Konstanten wie die Schwerkraft. Bei den Eingangsgrößen uR
des Systems im stationären Zustand handelt es sich um einen Spezialfall der soge-
nannten betriebsbedingten Freiheitsgrade, die während des laufenden Anlagenbetriebs
manipuliert und somit auch optimiert werden können. Konstruktions- und betriebsbe-
dingte Freiheitsgrade werden unter dem Begriff der verallgemeinerten Freiheitsgrade
zusammengefasst.
stationären Zustand übergeht, verschwindet der Einfluss der Anfangswerte, weshalb die
Anfangswerte nur für dynamische, nicht aber für stationäre Systeme als Freiheitsgrade
gelten. Wir halten also fest: Bei dynamischen Systemen hat man die konstruktionsbe-
dingten Freiheitsgrade p sowie die betriebsbedingten Freiheitsgrade u(t) und x0 .
Es sei aber angemerkt, dass ein dynamisches System für gegebenes uR mehr als eine
Ruhelage haben kann, also das stationäre System mehr als eine Lösung. Welche Ru-
helage erreicht wird kann von den Anfangsbedingungen abhängen. Näheres dazu in
Kapitel 4.2 .
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Kapitel 3
In Kapitel 2 hatten wir uns mit der Zustandsdarstellung linearer Systeme beschäftigt:
dx
ẋ(t) = = Ax(t) + Bu(t), x(t0 ) = x0 (3.1)
dt t
y(t) = Cx(t) + Du(t) (3.2)
Die Gleichung (3.1) hatten wir als Zustandsgleichung identifiziert, sie enthält die Sy-
stemmatrix A und die Eingangsmatrix B, wohingegen Gleichung (3.2) als Ausgangs-
gleichung bezeichnet wird. Sie setzt sich aus der Messmatrix C und der Durchgangs-
matrix D zusammen.
Wir möchten uns nun mit der theoretischen Systemanalyse beschäftigen. Wir wollen
vor einer numerischen Simulation nachvollziehen, auf welche Veränderungen ein System
wie reagiert. Ziel ist es, Verständnis für das System zu schaffen.
So erhalten wir Einblicke in das Systemverhalten, die unabhängig von Simulations-
experimenten sind. Dadurch sind wir in der Lage, Simulationsergebnisse kritisch zu
bewerten und Fehler, z.B. in der Implementierung, zu erkennen und zu vermeiden.
55
56 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Diese Gleichung definiert den skalaren Zustand x als eine kontinuierlich differenzierbare
Funktion für alle Zeiten t ≥ t0 . Formal gilt also:
Die Lösung des Systems (3.4) ist bereits aus der Lehrveranstaltung Höhere Mathematik
(Jongen 2003) bekannt:
x(t) = ea(t−t0 ) x0 (3.6)
Die Verallgemeinerung für mehrdimensionale Systeme fällt nicht schwer, da man im
Prinzip nur die skalare Größe a durch die quadratische Matrix A austauscht:
dx
= Ax(t) x(t0 ) = x0 (3.7)
dt t
Dabei ist:
x : D → Rn D⊂R x ∈ C1 ([t0 , ∞[) A ∈ Rn×n (3.8)
Die Lösung eines mehrdimensionalen autonomen Systems ergibt sich unter Verwendung
der Matrixexponentialfunktion eA analog zu:
Bei den vorstehenden Formeln ist zu beachten, dass in der Literatur und auch im
folgenden Text oft implizit angenommen wird, dass t0 = 0 gilt.
Obwohl sich die beiden Lösungen (3.6) und (3.9) sehr ähnlich sehen, bringt das Auf-
treten der Matrix-Exponentialfunktion in der Lösung der mehrdimensionalen Systeme
einige besondere Eigenschaften mit sich, die wir uns nun im Detail ansehen wollen.
Zunächst einmal stellt sich die Frage, wie die Matrix-Exponentialfunktion eA bzw.
exp(A) definiert ist. Wie die skalare Exponentialfunktion, ist sie als Potenzreihe der
Matrix A definiert:
∞
1 1 X 1
A
A +A + A2 + A3 + ... =
e := |{z} 0
Ak (3.10)
2 6 k=0
k!
I
• e0 = I
Eine Herleitung dieser Eigenschaften findet sich z.B. bei Föllinger (2008).
Die Differentiation ergibt sich analog zum skalaren Fall:
d At
e = AeAt (3.11)
dt
Der kurze Beweis basiert auf Gleichung (3.10) und stellt sich wie folgt dar:
d At d 1 1 1
e = (I + At + A2 t2 + A3 t3 + A4 t4 + . . . )
dt dt 2 6 24
2 2 3 32 4 43
= A + A t + A t + A t + ...
2 6 24
1 22 1 33
= A(I + At + A t + A t + . . . )
2 6
At
= Ae
Damit sind die Lösungen eines linearen autonomen Systems und die wesentlichen Ei-
genschaften der Matrix-Exponentialfunktion bekannt. Nun stellt sich noch die Frage
nach der konkreten Berechnung von eAt für eine gegebenen Systemmatrix A. Darüber
soll uns der nächste Abschnitt über die Jordan-Normalform Aufschluss geben.
• komplex-konjugierte Eigenwerte.
Für weitere Details sei auf das Buch von Unbehauen (1993) verwiesen.
Unabhängig von der konkreten Form der Jordan-Blöcke ergibt sich mit der Zerlegung
(3.12) unter Zuhilfenahme von Gleichung (3.10) und der Umformung
∞ ∞ ∞
X 1 k k X 1 −1 k k
X 1
e At
= A t = (QJ Q ) t = QJ k Q−1 tk
k=0
k! k=0
k! k=0
k!
∞
X 1 k k −1
=Q J t Q = QeJt Q−1 (3.14)
k=0
k!
Dabei entsteht die dritte Gleichheit in Gleichung (3.14) dadurch, dass sich beim Aus-
multiplizieren der Potenzen des Terms QJ Q−1 die Matrizen Q−1 und Q immer paar-
weise wegheben.
Im Folgenden untersuchen wir, welche Form die Lösung x(t) und die Jordanblöcke Ji
für verschiedene Konstellationen von Eigenwerten und Eigenvektoren der Systemmatrix
A annehmen.
Aus der Lehrveranstaltung Höhere Mathematik (Jongen 2003) ist bekannt, wie man
die n Eigenwerte λi und Eigenvektoren νi einer Matrix A ∈ Rn×n berechnet. Man
nutzt dafür die Beziehung
(A − λi I)νi = 0 i = 1...n (3.16)
Mittels Rechnung per Hand oder durch Nutzung entsprechender Software wie z.B.
Matlab erhält man so die Eigenwertmatrix Λ sowie die Eigenvektormatrix V
λ1
Λ = diag(λi ) =
... ,
V = [v1 | . . . |vn ] (3.17)
λn
für die wegen Gleichung (3.16)
AV = V Λ (3.18)
gilt. Im Fall einfacher, reeller Eigenwerte, also für λi 6= λj , ∀i 6= j, ist V regulär. Dann
ist V invertierbar und es gilt
A = V ΛV −1 . (3.19)
Analog zu Gleichung (3.14) erhält man
∞ ∞ ∞
X 1 k k X 1 −1 k k
X 1
e At
= A t = (V ΛV ) t = V Λk V −1 tk
k=0
k! k=0
k! k=0
k!
∞
X 1 k k −1
=V Λ t V = V eΛt V −1 (3.20)
k=0
k!
Damit ergibt sich für t0 = 0 aus der Lösungsdarstellung (3.9) die spezielle Lösung
e λ1 t
x(t) = eAt x0 = V eΛt V −1 x0 = V
... −1
V x0 (3.21)
λn t
e
Beim Vergleich dieser Lösung mit der Lösungdarstellung durch Jordan-Zerlegung (3.15)
stellt man fest, dass für den Fall von einfachen, reellen Eigenwerten von A die Jordan-
Normalform J der Eigenwertmatrix Λ entspricht! In Q = V stehen folglich spalten-
weise die zugehörigen Eigenvektoren von A.
60 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Satz 3.1 (Jordan-Blöcke bei einfachen, reellen Eigenwerten). Im Fall von einfachen,
reellen Eigenwerten sind die Jordan-Blöcke skalar und durch
Ji = λi
gegeben.
Beispiel 3.1 (Radaufhängung). In Kapitel 2, Beispiel 2.5, beschäftigten wir uns erst-
mals mit einem über eine unebene Straße fahrenden Fahrzeug, Abbildung 2.5, und ins-
besondere mit der Radaufhängung des Fahrzeugs. Das Beispiel der Radaufhängung,
Abbildung 2.6, war verwendet worden, um zu demonstrieren, wie man die physikali-
schen Bestimmungsgleichungen in Modellgleichungen überführt, die wiederum in die
Zustandsform gebracht wurden. Für den autonomen Fall (u1 (t) = u2 (t) ≡ 0, also für
eine glatte Straße) geht die Zustandsdarstellung dieses Modells, Gleichung (2.22), in
d x1 0 1 x1 (t)
= −1 −1 (3.22)
dt x2 t
−m (c1 + c2 ) −m (d1 + d2 ) x2 (t)
Man sieht direkt, dass für diesen Parametersatz einfache, reelle Eigenwerte vorliegen.
Für die speziellen Anfangswerte
1
x(t0 ) = x0 =
1
5.11e−2.878t − 4.11e−3.822t
x1 (t)
x(t) = = . (3.26)
x2 (t) −14.71e−2.878t + 15.71e−3.822t
Eine Simulation in Modelica führt zu den Lösungskurven x1 (t) und x2 (t) in Abbildung
3.1.
3.1. LÖSUNG AUTONOMER SYSTEME 61
Abbildung 3.1: Simulation der Radaufhängung für die zwei einfachen, reellen Ei-
genwerte λ1 = −2.878 und λ2 = −3.822 aus Beispiel 3.1. Die Anfangswerte sind
x1 (0) = x2 (0) = 1.
Lösungseigenschaften
An Gleichung (3.26) kann man bereits gut erkennen, dass sich die Lösung eines li-
nearen autonomen Systems mit einfachen reellen Eigenwerten aus einer Summe von
Exponentialfunktionen zusammensetzt. Die Eigenwerte treten als Zeitkoeffizienten in
der Exponentialfunktion auf und bestimmen damit entscheidend das Zeitverhalten. Im
allgemeinen Fall von n einfachen, reellen Eigenwerten gilt
• Sobald λi = 0 für ein i ∈ 1, ..., n, wird der Term i von Gleichung 3.27 konstant. Es
ergibt sich ein qualitatives Verhalten ähnlich der Darstellung in Abbildung 3.2.
In diesem Beispiel entspricht die obere Kurve dabei dem Zustand x1 , dem nur der
Eigenwert Null zugeordnet werden kann. Daher bleibt dieser Zustand konstant,
während der andere Zustand x2 abklingt, da der ihm zugeordnete Eigenwert
negativ ist. Falls der Eigenwert positiv wäre, würde der Zustand aufklingen.
62 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Abbildung 3.2: Zeitverlauf eines zweidimensionalen Systems mit den einfachen, reellen
Eigenwerten λ1 = 0, λ2 = −1 und den Anfangswerten x1 (0) = x2 (0) = 1.
• Wenn λi > 0 für mindestens ein i ∈ 1, ..., n, steigt mindestens ein Zustand der
Systemlösung mit der Zeit an (siehe Abbildung 3.3).
Abbildung 3.3: Zeitverlauf eines zweidimensionalen Systems mit den einfachen, reellen
Eigenwerten λ1 = 0.41, λ2 = 0.43 und den Anfangswerten x1 (0) = x2 (0) = 1.
Wir nehmen eine minimale Änderung der Parameterwerte des eben behandelten Bei-
spiels vor und analysieren die Unterschiede. Wir ändern den Wert des Dämpfungsko-
effizienten d1 zu
√
d 1 = 2 c1 + c2 − d 2 .
3.1. LÖSUNG AUTONOMER SYSTEME 63
Alle anderen Parameterwerte lassen wir unverändert. Das autonome System ergibt sich
dann zu:
d x1 0 1
√ x1 (t)
= (3.28)
dt x2 t
−11 −2 11 x2 (t)
Die Eigenwertzerlegung AV = V Λ gibt die Eigenwert- und Eigenvektormatrizen
−3.3166 0 0.289 −0.289
Λ= , V = . (3.29)
0 −3.3166 −0.957 0.957
mit
Ji ∈ Rki ×ki
zurück. Dabei ist zu beachten, dass die Dimension des Jordan-Blockes Ji davon ab-
hängt, wieviele generalisierte Eigenvektoren zu einem unabhängigen Eigenvektor eines
mehrfachen Eingenwertes, gehören. Mit einer gegebenenfalls noch zu bestimmenden
regulären Matrix Q führt dies wie gehabt zur Lösung
wobei
t2 tki −1
1 t 2!
... (ki −1)!
tki −2
1 t ... (ki −2)!
.. (3.32)
eJi t λi t
=e .
.
t
1
Durch Umformulieren ergibt sich für den allgemeinen Fall von r reellen Eigenwerten λi
mit der zugehörigen Größe des Jordan-Blockes ki die allgemeine Lösung
ki
r X
X
At
x(t) = e x0 = tj−1 eλi t cij , (3.33)
i=1 j=1
64 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
wobei cij Spaltenvektoren der Dimension i=1 ki sind, deren Elemente sowohl von
Pr
der Transformationsmatrix Q als auch vom Anfangswert x0 abhängen. Der allgemeine
Beweis dieser Gleichung ist recht kompliziert und soll hier nicht ausgeführt werden. Er
findet sich z.B. bei Unbehauen (1993), ab Seite 86.
Lösungseigenschaften
Beim Vergleich der allgemeinen Lösung (3.33) mit der Lösung von linearen autonomen
Systemen mit einfachen, rellen Eigenwerten (3.26) fällt sofort auf, dass in Gleichung
(3.33) die Zeit nicht nur als Exponent auftritt, sondern auch als Koeffizient der Expo-
nentialfunktionsterme. Die Auswirkungen dieses Unterschiedes verdeutlichen wir uns
im Folgenden am Beispiel eines zweidimensionalen Systems mit einem doppelten Ei-
genwert λ, also n = 2, r = 1, k = 2. Dann ist
λt
λ 1 e teλt
J= , Jt
e = (3.34)
0 λ 0 eλt
In der Lösung x(t) kommen somit Linearkombinationen von eλt und teλt vor. Dieses
Verhalten ist bereits bekannt aus der Lösung linearer Differentialgleichungen zweiter
Ordnung:
aẍ(t) + bẋ(t) + cx(t) = 0 (3.35)
Während sich dort bei zwei einfachen Eigenwerten λ1 6= λ2 die Lösung
Betrachten wir nun den Fall λ = λ1 = 0, λ2 < 0. Wir wissen bereits, dass für diesen Fall
die Lösung x(t) von Gleichung (3.36) für t → ∞ beschränkt ist, denn sie konvergiert
gegen c11 . Die Lösung von Gleichung (3.37) hingegen ist aufgrund des Vorhandenseins
der Zeit t als Koeffizient der Exponentialfunktion für große Zeiten unbeschränkt. Wie
wir später in Abschnitt 3.4.2 sehen werden, spielt dieser Unterschied für die Stabilität
eines Systems eine große Rolle.
Betrachten wir nun erneut das Radaufhängungsbeispiel 3.1. Für das autonome Rad-
aufhängungsmodell, Gleichung (3.22), wählen wir nun eine kleine Dämpfung d1 = 0.1.
Damit ergibt sich die Systemmatrix
0 1
A= . (3.38)
−11 −1.1
3.1. LÖSUNG AUTONOMER SYSTEME 65
Abbildung 3.4: Simulation der Radaufhängung für ein Paar konjugiert-komplexer Ei-
genwerte mit negativem Realteil: λ = −0.55 ± 3.27i.
Die Eigenwertzerlegung liefert die Matrizen der Eigenwerte und der Eigenvektoren
−0.55 + 3.27i 0 a + bi 0
Λ= = (3.39)
0 −0.55 − 3.27i 0 a − bi
−0.0479 − 0.284i −0.0479 + 0.284i
V = . (3.40)
0.957 0.957
Es zeigt sich, dass A ein Paar konjugiert komplexer Eigenwerte hat, zu denen konju-
giert komplexe Eigenvektoren gehören. Eine Simulation des dynamischen Verhaltens
(Abbildung 3.4) zeigt außerdem einen grundsätzlich anderen Zeitverlauf als im Fall von
Typ 1, wo einfache, reelle Eigenwerte vorliegen (vgl. Abbildung 3.1). Während im Fall
einfacher, reeller Eigenwerte die anfängliche Auslenkung der Zustandsgrößen x1 und
x2 direkt abklingt, sind jetzt deutliche Schwingungen zu erkennen. Man sagt auch, das
System oszilliert.
Da V invertierbar ist, kann die Lösung aus Gleichung (3.21) ermittelt werden. Man
erhält (a+bi)t
e 0
Λt −1
x(t) = V e V x0 = V V −1 x0 . (3.41)
0 e(a−bi)t
Mit der aus der Lehrveranstaltung Höhere Mathematik (Jongen 2003) bekannten Euler-
Formel
eit = cos(t) + i sin(t) ⇒ eλt = e(a+bi)t = eat ebit = eat (cos(bt) + i sin(bt)) (3.42)
ergibt sich
eat (cos(bt) + i sin(bt)) 0
Ve VΛt −1
=V at V −1 . (3.43)
0 e (cos(bt) − i sin(bt))
66 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Eine weitere Umformung ist möglich, um statt der komplexen Matrizen Λ und V reelle
zu erhalten. Es ergibt sich die Darstellung
cos(bt) sin(bt)
Λt −1
V e V = Te at
T −1 , (3.44)
− sin(bt) cos(bt)
die wir nachfolgend herleiten.
Ausgehend von den Gleichungen (3.40) und (3.43) führen wir die konjugiert komplexen
Eigenvektoren v und v̄ gemäß
V = v v̄
ein. Dabei bedeutet der Überstrich „komplex konjugiert“. Somit gilt für V −1 die
Schreibweise T
−1 w
V = .
w̄T
Dann definieren wir die Hilfsmatrizen
1+i 1−i −1 1−i 1+i
E = 0.5 E = 0.5
1−i 1+i 1+i 1−i
und schreiben Gleichung
(3.43) nun als
at
Λ −1
e [cos(bt) + i sin(bt)] 0 w
V e tV = v v̄
at 0 eat [cos(bt) − i sin(bt)]
w̄
−1 e [cos(bt) + i sin(bt)] 0 −1 w
= v v̄ E E E E
| {z } 0 eat [cos(bt) − i sin(bt)] w̄
T | {z }
T −1
at cos(bt) sin(bt)
= Re(v) − Im(v) Re(v) + Im(v) e
| {z } − sin(bt) cos(bt)
T
Re(w) − Im(w)
· .
Re(w) + Im(w)
| {z }
T −1
Die Gleichung (3.44) ist damit gezeigt. Man beachte den leicht zu übersehenden Un-
terschied zwischen
Damit sieht die allgemeine Lösung im Fall eines konjugiert komplexen Eigenwertpaares
wie folgt aus:
cos(bt) sin(bt)
x(t) = T eat
T −1 x0 . (3.45)
− sin(bt) cos(bt)
3.1. LÖSUNG AUTONOMER SYSTEME 67
x(t) =
0.237 −0.332 −0.55t cos(3.27t) sin(3.27t) 1.75 0.610
e x(t0 ).
0.957 0.957 − sin(3.27t) cos(3.27t) −1.75 0.434
(3.46)
Für die speziellen Anfangswerte
1
x(t0 ) =
1
erhält man
x1 (t) −0.55t 1 0.474
x(t) = = e| {z } cos(3.27t) + sin(3.27t) .
x2 (t) 1 −3.531
Dämpfungsterm | {z }
Oszillationsterm
(3.47)
Anhand der analytischen Lösung lässt sich nun der Verlauf der Lösung in Abbildung
3.5 erklären: Die Sinus-/Cosinus-Terme verursachen die Schwingungen, während der
Exponentialterm für das Abklingen bzw. die Dämpfung der Schwingung verantwortlich
ist. Letzteres ist gut an der exponentiell abnehmenden Lösungseinhüllenden (fette Linie)
zu erkennen.
Beschäftigen wir uns nun mit der Frage, ob Gleichung (3.45) äquivalent zu Gleichung
(3.15) ist. Dazu muss der Ausdruck
at cos(bt) sin(bt)
e
− sin(bt) cos(bt)
in Gleichung (3.45) geschrieben werden als eJt mit dem reellen Jordan-Block :
a b Re(λ) Im(λ)
J= =
−b a −Im(λ) Re(λ)
Tatsächlich gilt
a b t
cos(bt) sin(bt) −b a
eat =e . (3.48)
− sin(bt) cos(bt)
Der folgende Beweis wird dies zeigen.
Allgemein gilt mit λ = a + ib die Identität
k k
a b Re(λ) Im(λ) Re(λk ) Im(λk )
= = . (3.49)
−b a −Im(λ) Re(λ) −Im(λk ) Re(λk )
68 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
4
x 2(t)
3 x 2(t): Dämpfungsterm
damping term
x 2(t): Oszillationsterm
oscillating term
2
-1
-2
-3
-4
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5 5
t
Wir zeigen die Gültigkeit nur beispielhaft für k = 2 und nutzen dabei λ2 = a2 −b2 +2abi:
2
a b
=
−b a
2
a b a b a − b2 2ab Re(λ2 ) Im(λ2 )
= = (3.50)
−b a −b a −2ab a2 − b2 −Im(λ2 ) Re(λ2 )
Mit Gleichung (3.49) folgt für (3.48) somit
a b t ∞ k k k k
!
Re( λk!t ) Im( λk!t )
e −b a =
X
. (3.51)
k k k k
k=0
−Im( λk!t ) Re( λk!t )
Durch das elementweise Anwenden der Summe und mit der Definition der skalaren
Exponentialfunktion erhält man
∞ k k k k
!
Re( λk!t ) Im( λk!t )
X Re(eλt ) Im(eλt )
k k k k = . (3.52)
−Im( λk!t ) Re( λk!t ) −Im(eλt ) Re(eλt )
k=0
Abbildung 3.6: Simulation für ein Paar konjugiert-komplexer Eigenwerte mit negativem
Realteil (λ = −0.55 ± 3.27i).
• Ein gedämpftes, abklingendes Verhalten ergibt sich, wenn für den Realteil der
Eigenwerte gilt: Re(λi ) = a < 0. Eine qualitative Darstellung des Lösungsverlaufs
findet sich in Abbildung 3.6.
3.1.2.4 Zusammenfassung
die in Abhängigkeit von der Art der auftretenden Eigenwerte spezialisiert werden kann.
Für n = 2 ergeben sich insbesondere die folgenden 3 Fälle:
70 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Abbildung 3.7: Simulation für ein Paar konjugiert-komplexer Eigenwerte mit Realteil
gleich Null (λ = 0 ± 3.32i).
Abbildung 3.8: Simulation für ein Paar konjugiert-komplexer Eigenwerte mit positivem
Realteil (λ = 0.05 ± 3.32i).
3.2. LÖSUNG NICHT-AUTONOMER SYSTEME 71
Für den allgemeinen Fall n > 2 verweisen wir auf die weiterführende Literatur, z.B.
auf Unbehauen (1993).
Eine weitere Multiplikation mit eAt liefert die Lösung des nicht-autonomen Systems
Z t
At
x(t) = e x0 + eA(t−τ ) Bu(τ )dτ. (3.63)
0
Bei näherer Betrachtung dieser Gleichung stellt man fest, dass die Lösung des auto-
nomen Systems, x(t) = eAt x0 , ein fester Bestandteil der Lösung des nicht-autonomen
Systems (Gleichung (3.63)) ist! Diese Erkenntnis deutet bereits an, was wir später in
Abschnitt 3.4.3 noch genauer untersuchen werden: Wir werden feststellen, dass be-
stimmte Eigenschaften des autonomen Systems Einfluss auf die Eigenschaften des zu-
gehörigen nicht-autonomen Systems haben.
Tatsächlich gilt das sogenannte Superpositionsprinzip (Föllinger und Franke 1982) bei
linearen Systemen, wonach sich eine allgemeine Lösung aus den beiden Bestandteilen
der homogenen Lösung xh (t) und der partikulären Lösung xp (t) zusammensetzt:
Z t
x(t) = e A(t−t0 )
x + eA(t−τ ) Bu(τ )dτ (3.64)
| {z }0 0
homogene Lösung xh (t) | {z }
partikuläre Lösung xp (t)
Dabei bestimmen die bei autonomem und nicht-autonomem System identischen An-
fangsbedingungen des Systems die homogene Lösung (Abbildung 3.9), während die nur
bei nicht-autonomen Systemen vorhandenen Eingangsgrößen die partikuläre Lösung
hervorrufen (Abbildung 3.10).
Beispiel 3.3 (Radaufhängung). Bereits in Beispiel 2.5 wurde das nicht-autonome Mo-
dell in Zustandsdarstellung durch Gleichung (2.22) gegeben. Für den speziellen Para-
metersatz (3.23) erhält man so die Gleichung
d x1 0 1 x1 (t) 0 0 u1 (t)
= + . (3.65)
dt x2 t
−11 −6.7 x2 (t) 10 1 u2 (t)
Mithilfe des Eingangs u(t) modellieren wir nun die in Abbildung 3.11 dargestellte stu-
fenförmige Erhöhung in der Straßenoberfläche
u1 (t) 0
= für t ≤ 3s (3.66)
u2 (t) 0
u1 (t) 1
= für t > 3s. (3.67)
u2 (t) 0
0
Für den Anfangszustand x(0) = ergibt sich die Lösung aus Gleichung (3.63)
0
zu
Z t
4.05e−2.878(t−τ ) − 3.05e−3.822(t−τ ) 1.06(e−2.878(t−τ ) − e−3.822(t−τ ) )
x(t) =
0 11.66(−e−2.878(t−τ ) + e−3.822(t−τ ) ) −3.05e−2.878(t−τ ) + 4.05e−3.822(t−τ )
0
· dτ
10u1 (τ ) + u2 (τ )
(3.68)
3.2. LÖSUNG NICHT-AUTONOMER SYSTEME 73
Durch Aufteilen des Integrals in die beiden Zeiträume t ≤ 3 s und t > 3 s erhält man
schließlich die Reaktion des Systems auf die stufenförmige Straßenerhöhung,
0
x(t) = für t ≤ 3s (3.69)
0
Z t
1.06(e−2.878(t−τ ) − e−3.822(t−τ ) )
x(t) = 10 dτ für t > 3s (3.70)
3 −3.05e−2.878(t−τ ) + 4.05e−3.822(t−τ )
−2.878(t−3) −3.822(t−3)
1.06 1.06
(1 − e ) − (1 − e )
= 10 2.878 3.822 , (3.71)
3.05
2.878
(1 − e−2.878(t−3) ) − 3.822
4.05
(1 − e−3.822(t−3) )
welche in Abbildung 3.12 grafisch dargestellt ist.
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass in Abbildung 3.12 nur die partikuläre
Lösung sichtbar ist. Dies liegt an der speziellen Wahl der Anfangsbedingungen in diesem
Beispiel zu Null, wodurch die homogene Lösung verschwindet.
3.3 Ruhelagen
Wir betrachten nun die Ruhelagen linearer Systeme. Aus Kapitel 2 Gleichung (2.16)
erinnern wir uns an die Zustandsdarstellung des linearen Systems, die wir nun zur
Bestimmung der Ruhelage zu Null setzen.
dx
= Ax(t) + Bu(t) = 0 (3.72)
dt t
Setzen wir die zweite Bedingung für eine Ruhelage ein, nämlich, dass der Eingang
u = uR = const. ist, so erhalten wir ein lineares Gleichungssystem:
AxR = −BuR (3.73)
3.3. RUHELAGEN 75
Die rechte Seite ist gegeben und kann zu dem Vektor br = −Bur zusammengefasst
werden.
Wir beschäftigen uns nun mit der Frage, welche Eigenschaften die Matrix A haben
muss, damit überhaupt eine eindeutige Ruhelage existiert. Zur Antwort auf diese Fra-
gestellung müssen wir einen kleinen Exkurs in die Theorie der linearen algebraischen
Gleichungssysteme machen.
Auch diesen Zusammenhang führen wir uns nachfolgend an einem praktischen Beispiel
vor Augen.
Beispiel 3.4 (Existenz und Eindeutigkeit von Ruhelagen). Gegeben sei das folgende
System in Zustandsdarstellung:
Folglich existiert keine eindeutige Ruhelage. Wir möchten nun ermitteln, ob es keine
oder mehrere stationäre Lösungen geben kann. Dazu führen wir eine Fallunterscheidung
ein:
Fall 1: uR 6= 0
ẋ1 (t) = 0
ẋ2 (t) = x1,R − τ x2,R = 0
Diese Gleichungen erfüllen die Bedingung für eine Ruhelage, falls gilt x1,R =
τ x2,R . Damit ergeben sich hier unendlich viele stationäre Lösungen.
Allgemein lässt sich die folgende Bedingung für Ruhelagen linearer dynamischer Sys-
teme formulieren:
Satz 3.3 (Ruhelagen bei singulärer Systemmatrix). Wenn A keinen vollen Rang hat,
ist es möglich, dass entweder keine oder unendlich viele stationäre Lösungen existieren.
Hat A dagegen vollen Rang, so existiert genau eine Ruhelage.
3.3. RUHELAGEN 77
qein
qaus = 0
h
Tank
Es handelt sich bei der Gleichung (3.77) um eine lineare Differentialgleichung 1. Ord-
nung, bei der die zeitliche Ableitung des Füllstandes auf der linken Seite und nur die
Eingangsgröße qein und nicht die Zustandsgröße h auf der rechten Seite steht. Die Sy-
stemmatrix A = 0 ist also singulär. Genau das zeichnet ein System mit integrierendem
Verhalten aus. Bestimmt man die Lösung
Z t
1
h(t) = h0 + qein (τ )dτ (3.78)
AT ank 0
und betrachtet wieder die zwei möglichen Fälle, kommt man zu folgendem Schluss:
Fall 1: qein 6= 0
Mit wachsender Zeit wird der Füllstand immer weiter ansteigen (vergleiche Ab-
bildung 3.14); es stellt sich kein stationärer Zustand ein.
Fall 2: qein = 0
Es strömt kein Fluid in den Tank nach, der Füllstand ändert sich offen-
sichtlich nicht mehr.
78 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
3.4 Stabilität
Eine weitere wichtige Systemeigenschaft ist die Stabilität; sie ist in vielen Fällen ent-
scheidend für den Nutzen bzw. die Gefahr, die von einem System ausgeht. Wir be-
schäftigen uns zunächst mit ihrer Definition und deren Bedeutung und geben dann
Methoden zur Stabilitätsanalyse an.
Definition 3.1 (Stabilität). Ein System wird stabil genannt, wenn es für jede mögliche
Region mit Radius > 0 um eine Ruhelage xR eine Umgebung δ > 0 gibt, so dass für
alle Anfangswerte x(t0 ) = x0 mit |x0 − xR | < δ (sogenannte δ-Umgebung von xR ),
die Lösung x(t) für t > t0 die Bedingung |x(t) − xR | < (-Umgebung von xR ) erfüllt
(Unbehauen 1993).
Zur Erläuterung dieser Definition ziehen wir Abbildung 3.15 heran. In dieser Darstel-
lung ist die -Umgebung der Ruhelage xR als ein kreisförmiges Gebiet mit Radius um
die Ruhelage xR eingezeichnet. Auch die δ-Umgebung der Ruhelage xR ist als Kreis
eingetragen. Nach der Definition zeichnen sich stabile Systeme dadurch aus, dass für
Startwerte innerhalb der δ-Umgebung die Lösung des Systems für alle Zeiten immer in
der -Umgebung bleibt, also nie den äußeren Kreis überschreitet.
3.4. STABILITÄT 79
x0
xR
In Abbildung 3.16 ist dieses asymptotisch stabile Verhalten daran zu erkennen, dass
die Lösung des Systems für große Zeiten auf die Ruhelage xR zusteuert. Wie können
wir also entscheiden, ob ein System stabil ist oder nicht? Ist dazu wirklich immer
die exakte Kenntnis der Lösung x(t) nötig? Im Folgenden werden wir zeigen, dass für
lineare autonome Systeme die Analyse der Eigenwerte ausreicht, um eine Aussage über
die Stabilität zu treffen.
80 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Die Untersuchung der Stabilität linearer autonomer Systeme ist äquivalent zu der Fra-
ge, ob die Lösung des autonomen Systems ẋ = Ax beschränkt ist. Diese Lösung hatten
wir bereits zu
Xr Xki
x(t) = eAt x0 = QeJt Q−1 x0 = tj−1 eλi t cij (3.79)
i=1 j=1
bestimmt (vgl. Gleichung (3.33)), wobei ki die Mehrfachheit des Eigenwerts λi ist.
Wir sehen sofort, dass die Lösung genau dann beschränkt ist, wenn Re(λi ) ≤ 0, und
wenn jeder Eigenwert mit Re(λi ) = 0 die Mehrfachheit ki = 1 hat. Wendet man die
Dreiecksungleichung auf die Norm der Gleichung (3.79) an, ergibt sich
Wenn die Norm der Fundamentalmatrix durch die Konstante K beschränkt ist und
− 1
δ= (3.81)
K
mit 0 < 1 < gewählt wird, ist gemäß Unbehauen (1993) für alle kx0 k < δ die Lösung
− 1
kx(t)k ≤ K( ) < . (3.82)
K
Diesen Zusammenhang verdeutlichen wir anhand eines 2 × 2-Systems. Es gilt
mit
kQk ≤ ∞, Q−1 ≤ ∞.
Wir wählen nun die spezielle „unendlich“-Norm oder auch „Zeilensummennorm“ für
Matrizen:
Xn
kAk∞ = max |ai,j |. (3.84)
i
j=1
Für alle betrachteten Fälle ist die Norm der Fundamentalmatrix beschränkt und damit
das System stabil, wenn die Eigenwerte negativen Realteil aufweisen.
Zuletzt wollen wir noch ein Beispiel für eine stabile Konstellation des Systems der Rad-
aufhängung (Beispiel 3.2) betrachten. Für den Fall kleiner Dämpfung d1 = 0.1 ergab
sich ein Paar konjugiert-komplexer Eigenwerte mit negativem Realteil. Die Lösung in
Gleichung (3.47) hatte dabei die Form
Wir nehmen eine Abschätzung dieser Gleichung (3.88) vor, um die Lösungseinhüllende
anhand der analytischen Lösung erkennen zu können. Dazu bilden wir den Betrag der
Gleichung (3.88), wenden die Dreiecksungleichung an und berücksichtigen die Eigen-
schaften der trigonometrischen Funktionen. Dann erhält man die Abschätzung
Innerhalb dieses Korridors, der auch in Abbildung 3.17 zu erkennen ist, wird sich die
Lösung bewegen. Sie wird ihn jedoch nie überschreiten. Das System ist stabil.
Dieser Zusammenhang wurde auch in Abbildung 3.18 leicht verändert in Anlehnung an
die Definition der Stabilität dargestellt. Deutlich ist zu erkennen, dass das System für
große Zeiten auf eine Ruhelage zusteuert und die -Umgebung auf dem Weg dorthin
nicht verlässt.
Abschließend lässt sich festhalten, dass wir nun in der Lage sind, autonome Systeme
hinsichtlich ihres qualitativen Verhaltens bewerten zu können, ohne dass wir sie analy-
tisch lösen oder simulieren. Es hat sich gezeigt, dass die Eigenwertanalyse der Schlüssel
zur Systemanalyse und -bewertung linearer Systeme ist.
82 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Abbildung 3.17: Simulation der Radaufhängung aus Beispiel 3.2 für den stabilen Fall.
Die Anfangswerte sind x1 (0) = x2 (0) = 1.
x0
x ss
Abbildung 3.18: Simulation der Radaufhängung aus Beispiel 3.2 für den stabilen Fall
in modifizierter Darstellung und den Anfangswerten x1 (0) = x2 (0) = 1.
3.4. STABILITÄT 83
Abbildung 3.19: Simulation der Lösung bei zeitvariantem Eingang aus Beispiel 3.2.
Kehren wir zur allgemeinen analytischen Lösung (3.63) für nicht-autonome lineare
Systeme zurück. Für konstante Eingänge uR folgt
Z t Z t
At
x(t) = e x0 + A(t−τ )
e At
BuR dτ ⇒ x(t) = e x0 + eA(t−τ ) dτ · BuR . (3.90)
0 0
Für große Zeiten strebt das System also in die Ruhelage des nicht-autonomen Systems,
die nur von der Wahl der konstanten Eingangsgröße uR abhängt. Allgemeiner gilt:
Satz 3.5 (Stabilität nicht-autonomer Systeme). Wenn die Lösung des autonomen Sys-
tems stabil ist und u(t) beschränkt ist, dann ist auch die Lösung des dazu gehörigen
nicht-autonomen Systems stabil (Unbehauen 1993).
Auch für zeitvariante Eingänge hängt die Stabilität also nur von den Eigenschaften des
autonomen Systems ab. Für ein in Abbildung 3.19 simuliertes, stabiles System sieht
man deutlich, dass das System nach einer gewissen Einschwingphase der Anregung
durch den Eingang folgt.
84 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
3.4.4 Zusammenfassung
• grenzstabil: Re(λi ) = 0 für genau ein1 i und Re(λj ) < 0 ∀j ∈ {1, . . . , n}\{i}
• instabil: sonst.
Eine übersichtliche Darstellung kann man der Stabilitätskarte in Abbildung 3.20 ent-
nehmen.
0<D<1
Zunehmende Frequenz
X
D=0
X X
D>0 D<0
1/T
T>0, D>=1 X X X X X Re
stabil instabil
grenzstabil
1
ist im Sinne dieser Definition nur ein i ! Aus
Achtung: Ein komplex konjugiertes Eigenwertpaar
dem Grund ist z.B. das 2-dimensionale System ẋ = 01 −1
0 x mit λ1,2 = 0 ± i grenzstabil.
3.4. STABILITÄT 85
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88 KAPITEL 3. KONTINUIERLICHE LINEARE SYSTEME
Kapitel 4
89
90 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
520
480
Temperatur [C°]
440
400
360
320
280
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150
Zeit [min]
Anlage zur Produktion von Ammoniak. Abbildung 4.1 zeigt eine an der Produktions-
anlage gemessene Temperatur in einem Reaktor in Abhängigkeit von der Zeit (vgl.
J.C. Morud 1998). Wir sehen, dass der Prozess zu Beginn der Aufzeichnungen einen
Arbeitspunkt bei 480 °C hat. Von der zehnten bis zur vierzigsten Minute führt das
System aufklingende Schwingungen aus, gefolgt von asymmetrischen Schwingungen
mit konstanter Amplitude bis zur siebzigsten Minute. Dieses Verhalten lässt sich auf
die Nichtlinearität des Prozesses zurückführen. Hiernach erfolgt ein Eingriff durch den
Anlagenbetreiber, so dass das System abklingende Schwingungen bis auf den stabilen
Arbeitspunkt bei 480 °C ausführt. Durch ein besseres Systemverständnis ist es möglich,
solche unerwünschten Abweichungen vom optimalen Betriebspunkt zu vermeiden, die
die Stabilität und Wirtschaftlichkeit der Anlage gefährden.
genügt.
4.2. RUHELAGEN NICHTLINEARER SYSTEME 91
Für ein nicht autonomes System ẋ(t) = f (x(t), u(t), p) muss f auch stetig in u und u
stetig in t sein. In der Regel kann bei technischen Systemen von Lösbarkeit ausgegangen
werden.
Ob die eindeutige Inverse existiert, überprüfen wir mit Hilfe des Satzes über implizite
Funktionen. Dieser besagt, dass die Auflösung x(t) = f −1 (u(t), p) in der Nähe einer
Stelle x̄ als Funktion von p und p0 dann existiert, wenn die Ableitung ∂f | , d.h. die
∂x x̄
Jacobi-Matrix, an der Stelle x̄ vollen Rang hat und f (xR , uR , p0 ) = 0. In diesem Fall
ist die Ruhelage eindeutig bestimmt und die notwendige Bedingung für die Existenz
der Ruhelage ist daher:
∂f
rang =n f : Rnx → Rnx (4.8)
∂x x̄
Die Auswertung von Jacobi-Matrizen ist allerdings problematisch, weil Jacobi-Matrizen
nur mit hohem Aufwand bestimmt werden können. Wir suchen also eine andere Mög-
lichkeit, um an dieselbe Aussage zu gelangen.
Anstatt die Einträge der Jacobi-Matrix konkret zu berechnen, sammelt man nur In-
formationen darüber, an welcher Stelle der Jacobi-Matrix ein von Null verschiedener
Eintrag auftritt. Es entsteht eine Matrix, die sogenannte Inzidenz-Matrix , deren Ele-
mente lediglich zwei diskrete Realisierungen haben können:
∂f ∂fi
pat = (hij )1≤i,j≤n , hij = ∗, wenn 6= 0 (4.9)
∂x ∂xj
∂fi
= 0, wenn =0 (4.10)
∂xj
92 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
h1 h2 h3
* 0 0
∂f
pat = * * 0
∂x
0 * *
Der „pat“-Operator (von engl. „pattern“) angewendet auf die Jacobi-Matrix ergibt die
Inzidenz-Matrix. Hier werden von Null verschiedene Einträge einfach mit einer belie-
bigen, von Null verschiedenen Variable x belegt, andernfalls wird der Eintrag mit 0
kodiert. Um diese Matrix aufzustellen, muss man keine Ableitung explizit ausrechnen,
sondern lediglich in den Modellgleichungen untersuchen, welche zu berechnenden Va-
riablen in welchen Gleichungen auftauchen.
Die umformulierte notwendige Lösbarkeitsbedingung lautet dann:
Der strukturelle Rang einer Matrix entspricht der Maximalzahl von „ ∗ “-Elementen
in der Inzidenz-Matrix in unterschiedlichen Zeilen und Spalten. Um diese Definition
in der Praxis anzuwenden, versuchen wir in der Inzidenzmatrix möglichst viele „ ∗
“-Elemente auszuwählen, die weder in der gleichen Zeile noch in der gleichen Spalte
stehen (vgl. Abbildung 4.2). Die Anzahl dieser Elemente enstpricht dem strukturellen
Rang der Inzidenzmatrix. Ist die Anzahl gleich der Dimension der Inzidenzmatrix, so
hat diese vollen strukturellen Rang. Bei vollem strukturellen Rang gilt also, dass jeder
Variablen xj genau eine Gleichung j zugeordnet werden kann. Diese Zuordnung muss
nicht eindeutig sein.
u R,i = konstant x R ,i
xR,i
f=0
xR,i = konstant
f=0
u R ,i u R ,i
(a) Zustandsmehrdeutigkeiten (b) Eingangsmehrdeutigkeiten
Drallsatz:
J ω̇(t) = MG + MR (4.14)
Trägheitsmoment einer Punktmasse:
J = m · l2 (4.15)
Moment durch Schwerkraft:
MG = −mgl sin(ϕ) (4.16)
94 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
e1
ϕ,ω
e2
m
Fr Fg
Reibmoment im Gelenk:
MR = −c · ω(t) (4.17)
Einsetzen liefert
Um die Ruhelagen des Systems zu bestimmen, bringen wir es zunächst in die Zustands-
darstellung:
x2 (t) = 0,
sin(x1 (t)) = 0 ⇒ x1 (t) = kπ , k = 0, 1, 2, . . . ,
die einem hängendem und einem stehenden Pendel gemäß Abbildung 4.5 entsprechen.
Aus Abbildung 4.5 ist sofort ersichtlich, dass die errechneten Ruhelagen des Pendels
unterschiedliches Verhalten aufweisen, d.h. die Ruhelagen sind stabil für ein hängendes
Pendel und instabil für ein stehendes Pendel. Um auch das Stabilitätsverhalten kom-
plizierterer Systeme analysieren zu können, für die nicht sofort erkennbar ist, ob eine
gegebene Ruhelage stabil oder instabil ist, werden in diesem Abschnitt drei Verfahren
für die Stabilitätsanalyse nichtlinearer Systeme vorgestellt. Diese Verfahren beruhen
auf den allgemeinen Definitionen der Stabilität, wie sie bereits für die Stabilitätsunter-
suchung linearer Systeme in Kapitel 3.4 eingeführt wurden.
x1 (t) = kπ , k = 0, 1, 2, . . . , x2 (t) = 0
1.V : D → R
0 ⊂ D ⊂ Rnx
D ist offen und zusammenhängend
2.V (0) = 0
Mit dem Stabilitätstheorem nach Ljapunow ist es möglich, Stabilität der Ruhelage
x(t) = 0 des Systems ẋ(t) = f (x(t)) nachzuweisen, in dem man V und D geeignet
wählt.
dV
• global stabil2 , wenn V UPDF auf Rnx und dt
NSDF auf Rnx
dV
• global asymptotisch stabil, wenn V UPDF auf Rnx und dt
NDF auf Rnx
auf jeder Trajektorie von ẋ(t) = f (x(t)).
1
Dies kann angenommen werden, da durch eine Koordinatentransformation jede Ruhelage in den
Nullpunkt verschoben werden kann.
2
In diesem Skript verzichten wir auf eine genaue Definition für globale Stabilität. Für ein besseres
Verständnis soll jedoch erwähnt sein, dass global in diesem Zusammenhang grob bedeutet, dass die
Anfangsbedingungen x(t0 ) beliebig weit entfernt von der Ruhelage x = 0 gewählt werden können.
98 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
dV
Für die Ableitung dt
(x(t)) ergibt sich
" T #
dV dx dx
(x(t)) = xT (t)P + P x(t) . (4.22)
dt dt t dt
t
Um die Stabilität des Systems zu untersuchen, wollen wir eine Aussage über die De-
finitheit der Ableitung dV
dt
(x(t)) auf jeder Trajektorie des Systems treffen. Daher wird
Gleichung (4.21) in Gleichung (4.22) eingesetzt:
dV
(x(t)) = xT (t)P Ax(t) + xT (t)AT P x(t) = xT (t) P A + AT P x(t) (4.23)
dt | {z }
Q
dV ∂V dx1 ∂V dx2
(x(t)) = +
dt ∂x1 dt t ∂x2 dt t
= 2x1 (t)ẋ1 (t) + 2x2 (t)ẋ2 (t) = 2(x21 (t) + x22 (t))(x21 (t) + x22 (t) − 1). (4.26)
Diese Funktion ist nur dann negativ-definit, wenn (für x(t) 6= 0) einer der Faktoren
x21 (t) + x22 (t) und x21 (t) + x22 (t) − 1 kleiner als null ist, während der andere größer als
null ist. Dies ist für alle kx(t)k = δ < 1 der Fall. Somit ist in der Umgebung δ der
Ruhelage lokale asymptotische Stabilität nachgewiesen.
bestimmt. Auch hier wählen wir zunächst einen quadratischen Ansatz für die Ljapunow-
Funktion V (x(t)) = xT (t)x(t) = x21 (t) + x22 (t). Differentiation und Einsetzen liefert:
dV ∂V dx1 ∂V dx2
(x(t)) = + = 2x1 (t)ẋ1 (t) + 2x2 (t)ẋ2 (t)
dt ∂x1 dt t ∂x2 dt t
= 2x1 (t)x2 (t) + 2x2 (t)(−g sin(x1 (t)) − x2 (t))
= 2(x1 (t)x2 (t) − x22 (t) − gx2 (t) sin(x1 (t))). (4.29)
Wie in Abbildung 4.7 zu sehen ist, ist diese Funktion indefinit und daher als Ljapunow-
Funktion ungeeignet. Alternativ wählen wir nun einen physikalisch motivierten Ansatz
für die Ljapunow-Funktion. Dazu betrachten wir die gesamte mechanische Energie des
Systems:
Abbildung 4.7: dV
dt
(x(t)) bei quadratischem Ansatz für Ljapunow-Funktion
ein isoliertes System, nimmt die mechanische Energie aufgrund von Irrversibilität ab
und wird in innere Energie umgewandelt. (Bei geschlossenen Systemen ohne Arbeitzu-
fuhr nimmt die mechanische Energie auch ab und wird in innere Energie oder Wärme
umgewandelt). Das bedeutet, dass die zeitliche Ableitung der mechanischen Energie eine
negative (semi-)definite Funktion ist.
Abbildung 4.8 zeigt, dass die Funktion für −2π < x1 (t) < 2π und x2 (t) ∈ R positiv-
definit ist. Nach Differentiation und Einsetzen ergibt sich:
dV ∂V dx1 ∂V ∂x2
(x(t)) = + = gx1 (t)ẋ1 (t) + x2 (t)ẋ2 (t)
dt ∂x1 dt t ∂x2 dt t
= gx2 (t) sin(x1 (t)) + x2 (t)(−g sin(x1 (t)) − x2 (t)) = −x22 (t) ≤ 0 (4.33)
dV
Da dt x(t)
negativ-semidefinit2 , ist das System lokal stabil.3
Wir wissen jedoch, dass das Pendel für bestimmte Ruhelagen auch lokale, asymptoti-
sche Stabilität aufweist. Allerdings ist diese mit dem Stabilitätstheorem nach Ljapunow
und der oben verwendeten Ljapunow-Funktion nicht nachweisbar. Daher betrachten wir
im folgenden La Salle’s Theorem, das den Stabilitätsnachweis nach Ljapunow erweitert.
Theorem 4.2 (La Salle’s Theorem). La Salle’s Theorem erweitert das Stabilitäts-
theorem nach Ljapunow für den Fall, dass V (x(t)) positiv-definit und dVdt x(t)
negativ
semi-definit ist. Das System ist dann asymptotisch stabil, wenn für die Menge
dV
S = x(t) (x(t)) = 0
dt
kein Zustand in S bleiben kann, außer dem Zustand x(t) = 0.
Beispiel 4.7 (Pendel (vgl. Beispiel 4.2)). Die oben gezeigte Stabilitätsanalyse des Pen-
dels, bei der lediglich die Stabilität, nicht jedoch asymptotische Stabilität nachgewiesen
werden konnte, wird mit La Salle’s Theorem ergänzt. Bereits hergeleitet und erläutert
wurden die Gleichungen (4.27)und (4.28) für das System sowie die Ljapunow-Funktion
T
mit dVdt
(x(t)) = −x 2
2 (t). Die Menge S enthält somit die Zustände x(t) = x 1 (t) 0
mit x1 (t) ∈ R, da für diese dV dt
(x(t)) = 0 ist. Um asymptotische Stabilität nachzuweisen
muss nun gelten, dass die Zustandsänderung der in der Menge S befindlichen Zustän-
T T
de, ẋ(t)|S , ungleich α 1 0 mit α ∈ R ist, weil für ẋ(t)|S = α 1 0 die Zustände
in der Menge S verbleiben würden. Für die Zustandsänderung der in der Menge S
befindlichen Zustände gilt
0
ẋ(t)|S = f (x(t))|S = . (4.34)
−g sin(x1 (t))
2
Die Funktion ist nicht negativ-definit, da x1 beliebig ist und somit neben dem Ursprung unendlich
viele weitere Nullstellen (x1 , 0) existieren.
3
Das System ist gemäß dem Stabilitätstheorem nach Ljapunow nur lokal stabil, da die Einschrän-
kung −2π < x1 < 2π getroffen wurde.
102 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
T
Das bedeutet ẋ(t)|S 6= α 1 0 für α 6= 0. Wir müssen somit nur für alle x(t) 6= 0
garantieren, dass
˙ = 0
x(t) 6= 0, (4.35)
−g sin(x1 (t))
was für −π < x1 (t) < π gilt. Somit ist nach La Salle’s Theorem die Ruhelage des
Systems x(t) = 0 lokal asymptotisch stabil auf D̃ = {x(t)| − π < x1 (t) < π, x2 (t) ∈ R}.
4.3.3.1 Linearisierung
Um das System in der Nähe der Ruhelage zu linearisieren, führen wir eine Taylor-
Entwicklung um die Ruhelage durch. Durch Vernachlässigung der Terme höherer Ord-
nung erhalten wir ein lineares System, dass das Verhalten in der Nähe der Ruhelage in
ausreichend guter Näherung beschreibt. Voraussetzung für die Taylor-Entwicklung ist
allerdings, dass die Funktion differenzierbar ist.
Eine Taylor-Entwicklung um den Referenzpunkt xP einer skalaren Funktion ϕ(x) hat
die Form
∂ϕ(x) 1 ∂ 2 ϕ(x) 1 ∂ 3 ϕ(x)
ϕ(x) = ϕ(xP ) + ∆x + ∆x2 + ∆x3 + . . . , (4.36)
∂x xP 2! ∂x2 xP 3! ∂x3 xP
jedoch entsteht bei der Ableitung der vektoriellen Funktion die Jacobi-Matrix. Gege-
ben sei ein nichtlineares vektorielles System in Zustandsdarstellung (vgl. Gleichungen
(4.1), (4.2)) mit Ruhelage xR bei konstantem Eingang uR . Für die Trajektorie in der
Umgebung N der Ruhelage nach einer Störung gilt:
f (x(t), u(t)) ∼
= f˜(x(t), u(t)) (4.41)
∂f (x, u) ∂f (x, u)
= f (xR (t), uR (t)) + ∆x(t) + ∆u(t),
| {z } ∂x R ∂u R
=0
h(x(t), u(t)) ∼
= h̃(x(t), u(t)) (4.42)
∂h(x, u) ∂h(x, u)
= h(xR (t), uR (t)) + ∆x(t) + ∆u(t).
∂x R ∂u R
∆ẋ(t) := ẋ(t) − ẋR (t) mit ẋR (t) = 0 ⇒ ∆ẋ(t) = ẋ(t), (4.43)
∆y(t) := y(t) − yR (t) mit yR (t) = yR (t) ⇒ ∆y(t) = y(t) − yR (t) (4.44)
Analog dazu erfolgt die Berechnung der weiteren Matrizen (vgl. Khalil (2000, S. 51ff)).
Für einen konstanten Eingang uR erhalten wir ∆u(t) = 0 und deshalb
∆ẋ(t) = A∆x(t) , ∆x(t0 ) = 0 (4.54)
∆y(t) = C∆x(t). (4.55)
Nachdem das System wie oben gezeigt linearisiert wurde, kann die Systemmatrix A mit
den aus Kapitel 3.4.2 bekannten Methoden untersucht werden. Diese Schritte werden
im Folgenden anhand eines Beispiels demonstriert.
Beispiel 4.8 (Räuber-Beute-Problem). Das Räuber-Beute-Problem wird durch die
Gleichungen
dH
= (b1 − b2 − hL(t))H(t), (4.56)
dt t
dL
= (rH(t) − c)L(t) (4.57)
dt t
beschrieben. Nach Einsetzen von ẋ(t) = (Ḣ(t), L̇(t))T = 0 erhalten wir die Ruhelagen
c b 1 − b2
1. HR1 = , LR1 = ⇒ b1 > b2 und
r h
2. HR2 = 0 , LR2 = 0.
Eine Taylorreihen-Entwicklung um die allgemeine Ruhelage xR = (HR , LR )T ergibt
∆Ḣ = b1 ∆H − b2 ∆H − hLR ∆H − hHR ∆L,
∆L̇ = rLR ∆H + rHR ∆L − c∆L.
isierung des Hasen-Luchs-Modells (3)
4.3. STABILITÄT NICHTLINEARER SYSTEME 105
300
200
Ruhelage 2
100
0
0 1000 2000 300 0 2000 4000 6000 8000 10000 12000
Hasen Hasen
Da der Realteil beider Eigenwerte null ist, ist nach dem Satz von Hartmann-Grobmann
der Rückschluss vom linearisierten auf das nichtlineare System nicht möglich. Für Ru-
helage 2 erhalten wir
(b1 − b2 ) 0
∆ẋ(t) = ∆x(t). (4.59)
0 −c
λ1 = b1 − b2 > 0, λ2 = −c < 0.
Da der Realteil des ersten Eigenwerts größer als 0 ist, ist die Ruhelage 2 instabil.
Dass das linearisierte System das Verhalten des nichtlinearen Systems nur nahe am Li-
nearisierungspunkt ausreichend genau beschreibt, soll die Abbildung 4.9 verdeutlichen.
Wir können erkennen, dass für Ruhelage 2 das Systemverhalten des linearisierten Sys-
tems (rote Linien) und des ursprünglichen nichtlinearen Systems (blaue Linien) in
einer kleinen Umgebung der Ruhelage nahezu übereinstimmt. Entfernt man sich weiter
von der Ruhelage weicht das Systemverhalten teils erheblich ab.
106 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
Abschließend wollen wir die Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden zur Stabili-
tätsanalyse zusammenfassen.
Die experimentelle Stabilitätsanalyse liefert bei einfachen Systemen einen schnellen
Überblick über das Systemverhalten, erfordert aber die Implementierung eines dyna-
mischen Simulationsmodells. Bei großen Systemen wird sie schnell sehr rechenintensiv,
da mit vielen verschiedenen Startwerten simuliert werden muss. Zudem ist sie nur lokal
anwendbar; auch in einem begrenzten Bereich kann das Stabilitätsverhalten nicht mit
vollständiger Sicherheit bestimmt werden, da es sich nicht um einen mathematischen
Nachweis, sondern nur um Ausprobieren handelt.
Mit der direkten Methode nach Ljapunow kann dagegen im Prinzip sowohl globale als
auch lokale Stabilität eindeutig nachgewiesen werden. Allerdings ist es oftmals proble-
matisch eine geeignete Ljapunow-Funktion zu finden. Somit ist diese Methode meist
auf kleinere Systeme beschränkt.
Die indirekte Methode mittels Linearisierung um die Ruhelage liefert einen Eindeutigen
Stabilitätsnachweis, wenn keine Nulleigenwerte auftreten. Da die Linearisierung aber
nur in einer kleinen Umgebung um die Ruhelage ausreichend genau ist, kann nur lokale
Stabilität nachgewiesen werden.
Wenn man die Attraktoren und Repelloren eines nichtlinearen Systems kennt, kann
man auf das Systemverhalten für große Zeiten schließen.
Definition 4.2 (Attraktoren und Repelloren). Ein Attraktor U ist eine kompakte Un-
termenge des Zustandraums mit folgenden Eigenschaften (vgl. Abbildung 4.10):
.
x1
V1 .x2
U
V2
beliebig nahe an U annähern. Es gilt also für beliebige Trajektorien x(t) mit
x(0) ∈ V
Ein Attraktor ist also eine Untermenge des Zustandsraums, der sich Systemzustände
in einem bestimmten Einzugsbereich annähern und die unter der Dynamik des nicht-
linearen Systems nicht mehr verlassen wird. Nachfolgend werden wir spezielle Arten
von Attraktoren bzw. Repelloren betrachten.
Ruhelagen sind Spezialfälle von Attraktoren bzw. Repelloren. Das dynamische Verhal-
ten nichtlinearer Systeme in der Umgebung einer Ruhelage lässt sich durch die Eigen-
werte der linearisierten Systemmatrix beschreiben ähnlich wie bei linearen Systemen
(vgl. Kapitel 3.4.2). Zur Veranschaulichung betrachten wir nun ein planares System4 .
In der Umgebung einer Ruhelage (hier x = 0) eines planaren Systems mit reellen Ei-
genwerten der Systemmatrix, zeigt sich eines der Phasenporträts aus Abbildung 4.11(a)
bis Abbildung 4.11(c).
108 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
(c) Sattel
Abbildung 4.11: Umgebung von Ruhelagen planarer Systeme mit reellen Eigenwerten.
Im Bild 4.11(c) die Trajektorien, die durch die Ruhelage laufen, sind die Separatrizes.
Laufen in der Umgebung der Ruhelage alle Trajektorien auf diese zu, so handelt es
sich um einen stabilen Knoten und um einen Attraktor (Abbildung 4.11(a)). Dieser
Fall tritt ein, wenn die Realteile beider Eigenwerte negativ sind. Der umgekehrte Fall,
dass alle Trajektorien von der Ruhelage weglaufen, tritt ein, wenn die Realteile beider
Eigenwerte positiv sind. Die Ruhelage ist dann ein instabiler Knoten und ein Repel-
lor (Abbildung 4.11(b)). Ist ein Eigenwert positiv und einer negativ, so entsteht um
die Ruhelage herum ein Sattel (Abbildung 4.11(c)) und die Ruhelage ist weder ein
Attraktor noch ein Repellor. In diesem Fall existieren Trajektorien, die auf die Ruhe-
lage zulaufen, Trajektorien, die von der Ruhelage weglaufen und Trajektorien, die die
Ruhelage gar nicht berühren.
Die Trajektorien durch die Ruhelage werden Separatrix genannt und teilen den Zu-
standsraum in "invariante" Teilmengen. Das bedeutet, dass die Trajektorien des Sys-
tems immer in der Teilmenge des Zustandsraums verlaufen, in der auch die Startwerte
liegen. Umgangssprachlich ausgedrückt, kann die Separatrix nicht überschritten wer-
4
D.h. ein System mit zwei Zuständen
4.4. DYNAMISCHES VERHALTEN NICHTLINEARER SYSTEME 109
(c) Zentrum
den. Eine weitere Größe, die das System charakterisiert ist der Einzugsbereich M . Für
stabile Ruhelage wird die Menge aller Punkte x(t0 ) des Zustandsraums als Einzugs-
bereich bezeichnet, aus denen die Trajektorien x(t) für t → ∞ gegen die Ruhelage
streben. Für die instabile Ruhelage gibt er beispielsweise an, bei welchen Startwer-
ten die instabile Ruhelage durchlaufen wird. Anstatt einer kompletten Definition der
obigen Konzepte, sollen diese anhand des folgenden Beispiels illustriert werden.
Eine ähnliche Betrachtung ist auch für planare Systeme mit komplexen Eigenwerten
möglich. Die Eigenwerte treten dabei immer als komplex konjugiertes Paar λ1/2 =
u ± iν auf. Auch hier existieren drei Fälle, die in den Abbildungen 4.12(a) bis 4.12(c)
gezeigt sind. Ist der gemeinsame Realteil u negativ, so läuft die Trajektorie spiralförmig
auf die Ruhelage zu. Das System schwingt also mit abklingender Amplitude, bis die
stabile Ruhelage erreicht ist. Diese Art der Ruhelage wird stabiler Fokus genannt und
die Ruhelage ist ein Attraktor (Abbildung 4.12(a)). Den umgekehrten Fall, dass der
Realteil u positiv ist, zeigt Abbildung 4.12(b). Hier schwingen die Zustände des Systems
mit immer größer werdender Amplitude auf. Es handelt sich um einen instabilen Fokus
und in diesem Fall ist die Ruhelage ein Repellor. Der dritte Fall ist in Abbildung 4.12(c)
zu sehen. Er tritt ein, wenn der Realteil der Eigenwerte null wird. Die Systemtrajektorie
110 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
läuft dann kreisförmig um die Ruhelage, das Zentrum, herum. Die Ruhelage ist in
diesem Fall weder ein Attraktor noch ein Repellor. Das System schwingt somit (grenz-
)stabil mit konstanter Amplitude, deren Betrag von den Anfangswerten abhängt.
Beispiel 4.9 (Nichtlineares System 2).
Wir betrachten das nichtlineare System (vgl. Hirsch (2004, S. 159ff ))
Die Substitution mit w(t) = x2,0 2 e−2t liefert das lineare zeitvariante System erster
Ordnung
Für die Trajektorien, die vom Sattel weglaufen, gilt die Bedingung x{2,0} = 0. Damit
ergibt sich:
Abbildung 4.13: Phasendiagramm aus Beispiel 4.9. Die blaue Linienen entsprechen die
Phasentrajektorien des Dynamischensystems, die grünen Linienen sind die Separatrix.
v2
v1
Simulationstechnik V18Präsentation,
Name der SS 2010 20.03.
Exakte Linearisierung: A. Isidori. Nonlinear Control Systems. 3rd edition. Springer Verlag, London. 1995.
4.4.1.2 Grenzzyklen
Ein weiteres Phänomen, das bei nichtlinearen Systemen auftreten kann, sind Grenzzy-
klen. Am Beispiel des Van-der-Pol-Oszillators wollen wir diese nun genauer betrachten.
Wenn wir das Kennlinienfeld der Tunneldiode iT (t) = γu3 (t) − αu(t) zusammen mit
den Bauteilgleichungen für den Kondensator und die Spule einsetzen (vgl. Kapitel 8),
erhalten wir:
1
C ü(t) + (3γu2 (t) − α)u̇(t) + u(t) = 0. (4.78)
L
q q
3γ
Mit den Substitutionen x(t) = α
u(t), t0 = t
LC
und = CL α ergibt sich die Diffe-
rentialgleichung
die nur noch von einem Parameter abhängt. Nach Umformung erhalten wir die Zu-
standsform
Simuliert man dieses System mit verschiedenen Startwerten, entsteht dabei ein Pha-
senporträt, wie es in Abbildung 4.16 zu sehen ist. Wir erkennen, dass bei Simulation
mit beliebigen Startwerten mit Ausnahme der instabilen Ruhelage (0, 0) alle Trajek-
torien des Systems auf eine geschlossene Trajektorie zulaufen und sich anschließend
periodisch auf dieser bewegen. Diese Trajektorie wird Grenzzyklus genannt und ist in
diesem Fall ein Attraktor.
dx1
= x2 (−τ ), (4.82)
dτ −τ
dx2
= (1 − x21 (−τ ))x2 (−τ ) − x1 (−τ ). (4.83)
dτ −τ
In Abbildung 4.17 erkennen wir, dass es sich bei der Ruhelage (0, 0) nun um einen
stabilen Knoten handelt und die geschlossene Trajektorie, d.h. der Grenzzyklus, ein
abstoßendes Verhalten aufweist. Daher ist der Grenzzyklus nun ein Repellor.
114 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
Chaotische Systeme zeichnen sich durch eine sehr starke Abhängigkeit von den An-
fangswerten aus, so dass ihr Verhalten für große Zeiten nicht vorhersagbar ist.
Bei Systemen der Form ẋ(t) = f (x(t)) muss die Dimension von x größer als zwei
sein, damit Chaos auftreten kann. Bei ein- oder zweidimensionalen Systemen kann es
dagegen kein Chaos geben. Wie anhand des nachfolgenden Beispiels illustriert, sind
chaotische Systeme nicht nur mathematisch konstruiert, sondern treten auch in der
Praxis häufig auf.
Beispiel 4.11 (Lorenz-System). Als Beispiel für ein System mit chaotischem Ver-
halten betrachten wir das Lorenz-System. Es ist bei Untersuchungen über die Nicht-
Vorhersagbarkeit des Wetters entstanden und beschreibt die Atmosphäre durch einen
zweidimensionalen Fluidstrom mit einheitlicher Höhe.
Das System ist durch die Gleichungen
gegeben. Typische Werte für die Prandtl-Zahl P r, die Rayleigh-Zahl Ra und das Geo-
metrieverhältnis b sind
8
P r = 10, Ra = 28, b= .
3
In den Abbildungen 4.18(a) und 4.18(b) sieht man jeweils eine Trajektorie des Lorenz-
Systems für unterschiedliche Anfangswerte, die eine schräg im Raum stehende, ver-
drehte Acht durchlaufen. Dabei wiederholen sich jedoch die Trajektorien niemals genau
gleich. Die Lösungen sind daher quasi-periodisch. Dieses Verhalten wird seltsamer At-
traktor genannt.
Trägt man x1 (t) für leicht unterschiedliche Anfangswerte x2,0 mit einer Abweichung von
wenigen Prozent bei gleichbleibenden x1,0 und x3,0 über der Zeit auf, ergeben sich die
116 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
(a) x0 = (0, 2, 0)
Abbildungen 4.19(a) und 4.19(b). Der anfängliche Verlauf von x1 ist mit beiden Start-
werten ähnlich, jedoch weist das System bei größeren Zeiten ein vollkommen anderes
Verhalten auf. Dies ist kennzeichnend für chaotische Systeme.
4.4.2 Bifurkation
In diesem Kapitel haben wir bisher eine Auswahl von Phänomenen nichtlinearer Sys-
teme kennen gelernt. Nun wollen wir uns damit beschäftigen, welchen Einfluss die
4.4. DYNAMISCHES VERHALTEN NICHTLINEARER SYSTEME 117
Parameter auf das qualitative Systemverhalten haben, also zum Beispiel, ob es mög-
lich ist, durch Verändern der Parameter ein chaotisches System in eines mit stationärer
Ruhelage zu überführen. Diese Änderung des Systemverhaltens wird auch als Bifur-
kation bezeichnet. Im folgenden wollen wir zwei Arten von Bifurkationen betrachten,
die häufig in technischen Systemen auftreten. Weitere Arten von Bifurkationen, die in
diesem Skript nicht behandelt werden, finden sich in Khalil (2000, S. 69ff).
4.4.2.1 Pitchfork-Bifurkation
1. Ruhelage: xR = 0
r
µ µ
2. und 3. Ruhelage: xR = ± − für <0
α α
Die Linearisierung von Gleichung (4.87) um eine Ruhelage ergibt
und in der
r
µ
2. und 3. Ruhelage: ∆ẋ(t) = −2µ(x(t) ± − )
a
Die Eigenwerte berechnen sich zu
1. Ruhelage: λ=µ
2. und 3. Ruhelage: λ = −2µ.
Wir sehen, dass sich das Stabilitätsverhalten der Ruhelagen in Abhängigkeit von µ än-
dert. Tragen wir den Zustand x über dem Parameter µ für konstante α auf, ergeben sich
Zustands-Parameter-Diagramme, wie sie in Abbildung 4.20(a) und Abbildung 4.20(b)
zu sehen sind. Der gabelförmige Verlauf wird als Pitchfork-Bifurkation bezeichnet. Da-
bei sind die Zustände mit durchgezogener Linie stabil, während die mit gestrichelter
Linie instabil sind. Es fällt auf, dass sich die Stabilität der ersten Ruhelage bei Vor-
zeichenumkehr von α nicht ändert, während sich die Stabilität der zweiten und dritten
Ruhelage bei Vorzeichenumkehr von α ändert, da das Verhältnis αµ < 0 relevant ist.
118 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
2 2
λ>0
λ<0
λ<0 λ>0
-2 0 2 -2 0 2
μ μ
(a) α = −1 (b) α = 1
4.4.2.2 Hopf-Bifurkation
Eine weitere Art von Bifurkationen, die häufig in technischen Systemen auftritt, ist die
Hopf-Bifurkation. Auch diese wollen wir anhand eines einfachen Beispiels illustrieren:
ẋ1 (t) = µx1 (t) − ωx2 (t) + (αx1 (t) − βx2 (t))(x21 (t) + x22 (t)), (4.89)
ẋ2 (t) = ωx1 (t) + µx2 (t) + (βx1 (t) + αx2 (t))(x21 (t) + x22 (t)). (4.90)
T
Linearisierung um die Ruhelage xR = 0 0 ergibt
µ −ω
ẋ(t) = (x(t) − xR ). (4.91)
ω µ
Die Eigenwerte lassen sich berechnen zu
λ1/2 = µ ± iω. (4.92)
Wir erhalten also ein komplex-konjugiertes Eigenwertpaar und damit ein oszillieren-
des System. Da das System zwei Zustandsgrößen hat, ist das Zustands-Parameter-
Diagramm in diesem Fall dreidimensional (vgl. Abbildungen 4.21(a) und 4.21(b)). Wir
können erkennen, dass bei Überschreiten des kritischen Wertes (µ = 0), an dem das
komplex-konjugierte Eigenwertpaar gerade rein imaginär ist, die instabile Ruhelage in
eine stabile Ruhelage und der stabile Grenzzyklus in einen instabilen Grenzzyklus über-
geht. Ist der Grenzzyklus stabil, spricht man von einer überkritischen Hopf-Bifurkation,
ist er instabil, so handelt es sich um eine unterkritische Hopf-Bifurkation.
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4.4. DYNAMISCHES VERHALTEN NICHTLINEARER SYSTEME 119
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122 KAPITEL 4. KONTINUIERLICHE NICHTLINEARE SYSTEME
Kapitel 5
Differential-algebraische Systeme
In Kapitel 2 wurde die Zustandsdarstellung als Konzept zur Beschreibung von dy-
namischen Systemen eingeführt. Die Zustandsdarstellung eines Systems besteht aus
Zustandsgrößen x(t), deren zeitlicher Verlauf durch Zustandsgleichungen beschrieben
wird, Eingangsgrößen u(t), deren zeitlicher Verlauf vorgegeben ist, Ausgangsgrößen
y(t), die explizit über Ausgangsgleichungen aus den Zustandsgrößen und den Ein-
gangsgrößen berechnet werden, sowie Parametern p, welche zeitunabhängige bekannte
Größen in den Zustands- und Ausgangsgleichungen beschreiben:
Zustandsgleichung ẋ(t) = f (x(t), u(t), p, t) (5.1)
Ausgangsgleichung y(t) = h(x(t), u(t), p, t)
Diese Darstellung eines dynamischen Systems (oder dessen linearer Spezialfall, vgl.
Kap. 3) ist sehr nützlich für die Analyse des Systemverhaltens und die Implementierung
in Simulatoren.
Bei der Modellierung physikalischer Systeme werden jedoch häufig Zusammenhänge
nicht über Differentialgleichungen, sondern durch algebraische Gleichungen modelliert.
Solche Systeme können allgemein in der Form
ẋ(t) = f (x(t), z(t), u(t), p, t)
0 = g(x(t), z(t), u(t), p, t) (5.2)
y(t) = h(ẋ(t), x(t), z(t), u(t), p, t)
mit Eingängen u(t) und Parametern p geschrieben werden. x(t) ist hierbei der Vektor
von differentialen Größen, deren Ableitungen ẋ(t) in den Systemgleichungen vorkom-
men, und z(t) der Vektor der algebraischen Größen, deren Ableitungen nicht explizit
auftreten. y(t) ist der Vektor der Ausgangsgrößen.
Man bezeichnet diese Systeme als differential-algebraische Systeme, kurz auch DA-
Systeme, DAS oder DAE1 . Der wesentliche Unterschied zu den Zustandsraumsystemen
1
engl.: Differential-Algebraic Equations
123
124 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
aus den Kapiteln 2–4 ist, dass bei diesen Systemen die differentiellen Gleichungen nicht
(wie die Zustandsgleichungen der Zustandsraumsysteme) von den übrigen Gleichungen
getrennt gelöst werden können, sondern mit den algebraischen Gleichungen zusammen
gelöst werden müssen. Die zusätzlichen algebraischen Gleichungen schränken den Lö-
sungsraum des differentiellen Systems sowie dessen Anfangswerte ein. Aufgrund dieser
Eigenschaften ist es nicht möglich, diese Systeme mit den herkömmlichen Methoden
für gewöhnliche Differentialgleichungen zu lösen.
In diesem Kapitel werden Aspekte der Darstellung und Analyse von DA-Systemen
beschrieben, die über die vorigen Kapitel hinausgehen und zum Verständnis der Simu-
lation von DA-Systemen notwendig sind.
Hier sind bereits zusätzliche Ausgangsgleichungen y(t) = h(x(t), z(t), u(t), p, t) hin-
zugefügt worden.
In welcher mathematischen Form ein DA-System dargestellt wird, hängt von der be-
absichtigten Anwendung ab und davon, ob die Gleichungen in der gewünschten Form
darstellbar sind. Die Umformung von einem impliziten (5.4) in ein semi-implizites DA-
System (5.2) erfordert, dass f nach ẋ(t) auflösbar ist.
5.2. ÜBERFÜHRUNG IN DIE ZUSTANDSDARSTELLUNG 125
Es sei ein DA-System in der Form (5.2) gegeben, welches in Zustandsdarstellung über-
führt werden soll2 :
DA-System
Zustandsdarstellung
ẋ(t) = f (x(t), z(t), u(t), p, t)
z(t)=g̃(x(t),u(t),p,t) ẋ(t) = f˜(x(t), u(t), p, t)
0 = g(x(t), z(t), u(t), p, t) →
y(t) = h̃(x(t), u(t), p, t)
y(t) = h(x(t), z(t), u(t), p, t)
Ist g nach z(t) auflösbar, so kann z(t) in f (x(t), z(t), u(t), p, t) und in
h(x(t), z(t), u(t), p, t) substituiert werden:
Das System
• Nicht alle Anfangswerte x(t0 ) der differentiellen Größen sind frei wählbar. Sie
unterliegen z.T. Einschränkungen.
2
Die Überführung von der allgemeinen Darstellung (5.4) nach (5.2) durch Auflösen nach ẋ soll hier
nicht behandelt werden. Es sei nur gesagt, dass dies auch nicht immer möglich ist.
126 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
g
z
m vx
vz
• Die Einschränkungen können „unsichtbar“ sein, d.h. nicht explizit in den Modell-
gleichungen angegeben sein.
• Die Initialisierung der Simulation des Systems, d.h. die Berechnung aller An-
fangswerte x(t0 ) und z(t0 ), ist nicht mehr ohne weiteres möglich.
Aus diesem Grund ist eine Analyse der Systemeigenschaften vor Beginn der Simulation
sinnvoll.
Beispiel 5.1 (DA-System des mathematischen Pendels). Die Bewegung eines Pen-
dels sei durch die Position in einem kartesischen Koordinatensystem beschrieben mit
rx (t) und rz (t) als Positionen, vx (t) und vz (t) als Geschwindigkeiten der Pendelmasse,
ϕ(t) als Auslenkung des Pendels. Die Anwendung der Newton’schen Gesetze ergibt die
Modellgleichungen
mit m als Masse des Pendels und F als Schnittkraft im Pendelstab. Die Bewegung des
Pendels ist auf eine Kreisbahn mit Radius L beschränkt. Daher muss die kinematische
Bindung der Kreisbahn der Masse
berechnet. Mit
x(t) = [vx (t), vz (t), rx (t), rz (t)]T , z(t) = [ϕ(t), F (t)]T , p = [m, L, g]T , y(t) = ϕ(t)
5.2. ÜBERFÜHRUNG IN DIE ZUSTANDSDARSTELLUNG 127
und
− Fm(t) sin(ϕ(t))
g − F (t) cos(ϕ(t))
ẋ(t) = f (x(t), z(t), p, t) = m , (5.9)
vx (t)
vz (t)
rx (t) − L sin(ϕ(t))
0 = g(x(t), z(t), p, t) = , (5.10)
L2 − rx2 (t) − rz2 (t)
y(t) = h(x(t), z(t), p, t) = ϕ(t) (5.11)
ist dies ein autonomes, nichtlineares DA-System, d.h. ein nichtlineares DA-System, auf
das keine Eingänge u(t) wirken.
Die algebraischen Gleichungen (5.10) müssen nach ϕ(t) und F (t) auflösbar sein, um
die algebraischen Variablen z(t) in Gl. (5.9) substituieren und das System in Zustands-
raumdarstellung umformen zu können. Hier ist dies jedoch nicht möglich, da F nur
in den differentiellen Gleichungen (5.9) vorkommt, nicht aber in den algeb(t)raischen
Gleichungen (5.10). Das System kann also allein durch Substitution nicht in Zustands-
darstellung umgeformt werden.
Im vorigen Abschnitt wurde die Umformung von einem expliziten DA-System in die
Zustandsdarstellung erläutert:
DA-System
Zustandsdarstellung
ẋ(t) = f (x(t), z(t), u(t), p, t)
z=g̃(x(t),u(t),p,t) ẋ(t) = f˜(x(t), u(t), p, t)
0 = g(x(t), z(t), u(t), p, t) →
y(t) = h̃(x(t), u(t), p, t)
y(t) = h(x(t), z(t), u(t), p, t)
Ein aus mathematischer Sicht wichtiger Unterschied zwischen der linken und der rech-
ten Darstellung ist, dass Formelausdrücke für die zeitlichen Ableitungen dx dt
aus der
rechten Darstellung leicht abgeleitet werden können, während dies für ein DA-System
nur dann ohne weiteres möglich ist, wenn die Funktion g̃ : (x(t), u(t), p(t), t) → z(t)
existiert, sonst kann f nicht evaluiert werden. Für die numerische Lösung müssen die
Ableitungen aber in irgendeiner Form bestimmt werden, damit das System integriert
werden kann.
Für DA-Systeme, bei denen die Funktion z(t) = g̃(x(t), u(t), p, t) nicht existiert (wie
z.B. im Fall des Pendel-Beispiels), ist eine Überführung in Zustandsdarstellung (und
damit die Ableitung von Formelausdrücken für dx dt
, die nicht von den algebraischen
128 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
Variablen z(t) abhängen) durch Ableiten der algebraischen Gleichungen g und Substi-
tution der auftauchenden Ausdrücke möglich: 3
Können die Gleichungen (5.13) nach ż(t) aufgelöst werden, ist also die Matrix ∂z
∂g
in ein System der Form (5.2) (mit unterschiedlichen x(t) und z(t)) umgeformt werden.
Dieses System ist äquivalent zum ursprünglichen System, falls die Anfangsbedingugen
die algebraischen Gleichungen g erfüllen. Im nächsten Schritt werden die algebraischen
Gleichungen wieder nach der Zeit abgeleitet. Dies wird solange wiederholt, bis die
Matrix ∂z
∂g
invertierbar ist.
Die Zahl der Differentiationen des Systems oder Teil-Systems ν, die für die Herleitung
von expliziten Differentialgleichungen für alle differentiellen und algebraischen Größen
eines DA-Systems erforderlich ist, wird differentieller Index des DA-Systems genannt.
Dabei müssen die Funktionen auf der rechten Seite der Differentialgleichungen konti-
nuierlich sein. Es gelten folgende Eigenschaften:
• Ein System in Zustandsdarstellung nach (5.1) hat den Index 1 (aufgrund der
Ausgangsgleichungen, die algebraisch sind).
3
Die Ableitungen sind wie folgt zu lesen: Die Ableitung der vektorwertigen Funktion g nach dem
∂g ∂g ∂gi
Vektor x ist eine Matrix ∂x , mit ∂x = ∂x j
. D.h. der Eintrag in Zeile i und Spalte j enthält die
ij
dg
partielle Ableitung des i-ten Elements von g nach dem j-ten Element von x. dt ist die Ableitung
des Vektors g nach der skalaren Größe t. dgdt ist ein Spaltenvektor mit
dg
dt = dg i
dt . Es gelten die
i
gleichen Ableitungsregeln wie bei skalaren Funktionen (Kettenregel etc.)
5.2. ÜBERFÜHRUNG IN DIE ZUSTANDSDARSTELLUNG 129
• Ein DA-System kann den Index 1 haben, auch wenn es nicht in der Zustandsdar-
stellung nach (5.1) formuliert ist. Hinreichende Voraussetzung ist, dass es allein
durch rein algebraische Umformung und Substitution von Variablen in Zustands-
darstellung gebracht werden kann.
Der differentielle Index ist eine wichtige Eigenschaft eines Gleichungssystems, da vie-
le Löser für differentielle Systeme nur DA-Systeme mit Index 1 stabil lösen können.
Manche Simulationsprogramme (darunter auch Dymola) verfügen über Routinen, um
ein gegebenes Modell zur Simulation intern in ein Index-1 System umzuformen. Al-
lerdings ist das nur bei kleineren Systemen praktikabel. Ist das Simulationsprogramm
nicht dazu in der Lage, muss der Anwender sein Modell selber in ein Index-1 System
umformen.
Ein wichtiger Punkt ist, dass beim Ableiten der algebraischen Gleichungen „versteckte“
Gleichungen auftauchen, die nur Ableitungen oder Kombinationen der Gleichungen
des ursprünglichen Systems sind. Diese Gleichungen enthalten natürlich keine neue
Information über das System. Werden die zusätzlichen Gleichungen einfach zum System
hinzugefügt, so erhält man ein überbestimmtes System. Daher muss eine Teilmenge der
Gleichungen ausgewählt werden, mit der das System gelöst wird. Die vorgeschlagene
Wahl der Gleichungen für die Simulation wird im nächsten Kapitel vorgestellt.
Beispiel 5.2 (Umformung des Pendel-Systems aus Beispiel 5.1 in die Zustandsdar-
stellung). In Beispiel 5.1 wurde festgestellt, dass die algebraischen Gleichungen des
Pendel-Systems nicht nach den algebraischen Variablen z(t) = [ϕ(t), F (t)]T auflös-
bar sind. Durch Ableiten und Einsetzen kann das System in Zustandsraumdarstellung
umgeformt werden und dadurch dessen Index bestimmt.
Die algebraischen Gleichungen des Pendel-Modells
rx (t) − L sin(ϕ(t))
0 = g(x(t), z(t), p, t) = (5.15)
L2 − rx2 (t) − rz2 (t)
Man sieht sofort, dass das System nicht nach ż(t) aufgelöst werden kann, da weder
F (t) noch Ḟ (t) in den Gleichungen auftauchen. Wir schreiben also ein neues System
130 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
mit x(t) = [vx (t), vz (t), rx (t), rz (t), ϕ(t)]T und z(t) = [F (t)]. Die algebraische Gleichung
wird abgeleitet und die entsprechenden Modellgleichungen eingesetzt:
0 = g2 (x(t), z(t), p, t)
F (t) F (t)
2
= vx (t) − rx (t) 2
sin(ϕ(t)) + vz (t) + rz (t) g − cos(ϕ(t)) . (5.20)
m m
Auch diese Gleichung kann nicht nach ż(t) aufgelöst werden. Wieder schreiben wir das
System in der Form (5.2):
F (t)
− m sin(ϕ(t))
F (t)
g − m cos(ϕ(t))
ẋ(t) = f (x(t), z(t), p, t) = vx (t) (5.21)
vz (t)
vx (t)
L cos(ϕ(t))
0 = g(x(t), z(t), p, t)
F (t) F (t)
2
= vx (t) − rx (t) 2
sin(ϕ(t)) + vz (t) + rz (t) g − cos(ϕ(t)) (5.22)
m m
y(t) = h(x(t), z(t), p, t) = ϕ (5.23)
Nach diesem Schritt kann g explizit nach F (t) aufgelöst werden, und auf diese Weise
Ḟ (t) erhalten werden. Das ursprüngliche System hat damit Index 3. Durch die Wahl,
ausschließlich die differentiellen Gleichungen zur Lösung des Systems zu benutzen, liegt
das System nun in der Zustandsdarstellung vor.
Durch Indexreduktion kann ein DA-System mit hohem Index (Index größer 1) in ein
Index-1 System umgeformt werden. Dabei werden, wie im vorigen Abschnitt erklärt,
5.2. ÜBERFÜHRUNG IN DIE ZUSTANDSDARSTELLUNG 131
durch Differenzieren der algebraischen Gleichungen und Ersetzen der dabei auftauchen-
den Ableitungen zusätzliche Gleichungen erzeugt, die nach den algebraischen Variablen
z aufgelöst werden können. Die Gesamtheit der ursprünglichen Gleichungen und der
bei der Indexreduktion erzeugten Gleichungen ist ein überbestimmtes System:
Überbestimmtes System
DA-System, Index > 1
ẋ(t)
ẋ(t) = f (x(t), z(t), u(t), p, t) = Φ(x(t), z(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t)
ż(t)
0 = g(x(t), z(t), u(t), p, t) →
0 = Ψ(x(t), z(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t)
y(t) = h(x(t), z(t), u(t), p, t)
y(t) = h(x(t), z(t), u(t), p, t)
(5.24)
Hierbei bezeichnet Φ die Menge aller Differentialgleichungen, also sowohl die Glei-
chungen f für ẋ(t) des ursprünglichen Systems, als auch die durch Ableitung der al-
gebraischen Gleichungen erhaltenen Gleichungen für ż(t). Ψ bezeichnet die Menge der
ursprünglichen algebraischen Gleichungen 0 = g(x(t), z(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t) sowie
die bei der Index-Reduktion zusätzlich entstehenden algebraischen Gleichungen.
Um das überbestimmte System in Gl. (5.24) numerisch zu lösen, muss also eine Teilmen-
ge der Gleichungen ausgewählt werden. Die Lösung wird, wenn sie korrekt berechnet
wurde, auch die nicht ausgewählten Gleichungen erfüllen. Das Differentialgleichungs-
System
ẋ(t)
= Φ(x(t), z(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t) (5.25)
ż(t)
hat den Index 0, weil die Zeitableitungen aller Variablen explizit ohne weitere Differen-
tiation berechenbar sind. Es ist für eine numerische Lösung aber im Allgemein nicht
geeignet, da der sog. Integrationsfehler bei der numerischen Lösung von Differential-
gleichungen (Dahmen und Reusken 2008) dazu führt, dass die (nicht ausgewählten)
algebraischen Gleichungen (im erweiterten System als Ψ dargestellt) nicht mehr erfüllt
sind.
Für eine numerische Lösung weitaus besser geeignet ist das Index-1 System, welches
man durch Auswahl aller algebraischen Gleichungen und so vieler differentieller Glei-
chungen, wie erforderlich sind, erhält, um auf ein vollständig spezifiziertes System (Zahl
132 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
Um ein Index-1 System zu bekommen, wählt man alle algebraischen Gleichungen und
zwei differentielle Gleichungen aus:
− Fm(t) sin(ϕ(t))
ξ̇(t) = Γ(ξ(t), η(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t) = (5.31)
vx (t)
0 = Ψ(ξ(t), η(t), u(t), u̇(t), . . . , p, t)
rx (t) − L sin(ϕ(t))
L2 − rx2 (t) − rz2 (t)
= (5.32)
rx (t)vx (t) + rz (t)vz (t)
vx 2 (t) − rx (t) Fm(t) sin(ϕ(t)) + vz 2 (t) + rz (t) g − Fm(t) cos(ϕ(t))
y(t) = h(ξ(t), η(t), p, t) = ϕ(t) (5.33)
ξ(t0 ) = ξ0
Die Lösungen der DA-Systeme liegen in einem Unterraum des Zustandsraumes. Dieser
Unterraum wird durch die algebraischen Gleichungen des erweiterten Systems aufge-
spannt. Auch die Anfangswerte des DA-Systems müssen in diesem Unterraum liegen,
damit eine Lösung existieren kann. Man spricht von konsistenten Anfangswerten. Der
134 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
differentielle Index gibt auch die notwendige Glattheit der Eingangsgröße u(t) vor: u
muss (Index-1)-mal stetig differenzierbar sein.
Um die Lösbarkeit von DA-Systemen zu untersuchen, führen wir das Konzept des Ma-
trixbüschels ein. Sind zwei n×n-Matrizen A und M gegeben, so heißt die matrixwertige
Funktion
(A, M ) : C → Cn×n , λ 7→ A + λM (5.34)
(lineares) Matrixbüschel. Das Matrixbüschel heißt regulär, wenn für mindestens ein
λ ∈ C die Matrix A + λM invertierbar ist.
Die eindeutige Lösbarkeit von DA-Systemen kann mit Hilfe des „Impliziten Euler-
Schrittes“ illustriert werden, bei dem die Zeitableitung durch eine Rückwärtsdifferenz
approximiert wird. Wir betrachten das lineare, autonome DA-System
M ẋ(t) = Ax(t) (5.35)
Mit x(t0 ) = x0 und x(t0 + h) = x1 erhält man für das System (5.35)
x1 − x0
M = Ax1 , (5.36)
h
−1
1 1
x1 = − A− M x0 (5.37)
h h
oder mit λ = −1/h
x1 = λ(A + λM )−1 x0 .
Für die Existenz einer eindeutigen („numerischen“) Lösung muss
∃ λ ∈ R : det(A + λM ) 6= 0
gelten. Außerdem müssen die Anfangswerte x(t0 ) = x0 konsistent sein, d.h. in einem
Unterraum, der durch die algebraischen Gleichungen des erweiterten Systems aufge-
spannt wird, liegen und u(t) muss hinreichend glatt sein. Genauer gesagt müssen sie
(Index-1)-mal stetig differenzierbar sein. Wenn det(A + λM ) = 0 für alle λ ∈ R, dann
existiert keine Lösung oder es existieren unendlich viele Lösungen.
Für den Nachweis der analytischen Lösbarkeit sei auf weiterführende Literatur verwie-
sen (Griepentrog und März (1986), Brenan et al. (1996), Gerdin (2004)).
mit konstanter singulärer Matrix M darstellen. Diese Form kommt meist bei der Mo-
dellierung technischer Systeme vor. Für die Lösbarkeit von nichtlinearen differential-
algebraischen Systemen müssen wie im linearen Fall die Anfangswerte x(t0 ) = x0
konsistent und u(t) hinreichend glatt sein. Im Gegensatz zu linearen differential-
algebraischen Systemen kann jedoch bei nichtlinearen differential-algebraischen Syste-
men keine Aussage über die Lösbarkeit mit Hilfe eines Matrixbüschels getroffen werden,
wie mit dem folgenden Beispiel illustriert werden kann.
zu überprüfen. Dieses Matrixbüschel ist regulär und ergibt sich durch Linearisierung
von (5.40) und (5.41) an einem beliebigen Referenzpunkt (x1 (t), x2 (t))T . Wir schließen
jedoch aus (5.40) und (5.41), dass eine reelle Lösung des Systems mit Ausnahme der
trivialen Lösung x1 (t) = x2 (t) = 0 nur für negative Parameter β existieren kann. Daher
ist es nicht möglich, mit dem Matrixbüschel eine Aussage über die Lösbarkeit zu treffen.
Einsetzen der Bedingungen (ẋT (t), ż T (t))T = 0 und u(t) = konst. = uR ∀ t > t0 liefert
0 = f (xR , zR , uR , p, t) , (5.45)
0 = g(xR , zR , uR , p, t) , (5.46)
yR = h(xR , zR , uR , p, t) . (5.47)
0 = f˜(x̃R , uR , p, t) , (5.48)
yR = h̃(x̃R , uR , p, t) . (5.49)
Wir erhalten also dieselben Gleichungen wie für nichtlineare Systeme in Zustandsdar-
stellung. Falls f˜(x̃R , uR , p, t) lokal nach x̃(t) auflösbar ist, ergibt sich aus dem Satz
über implizite Funktionen:
Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass alle diese mathematischen Modelle – das
ursprüngliche DA-System, das durch Umformung resultierende Index-1 System und
das überbestimmte System – ein und dasselbe dynamische System beschreiben. Das
bedeutet, alle drei Systeme zeigen in der Simulation das gleiche dynamische Verhalten,
sofern das Simulationsprogramm die Gleichungen (numerisch) lösen kann. In welcher
Form man ein mathematisches Modell aufschreibt, ist eine Entscheidung des Modellie-
rungsexperten, die prinzipiell nichts an den Simulationsergebnissen ändert, wohl aber
daran, wie leicht das System zu analysieren und numerisch zu lösen ist:
• Die Darstellung als Index-1 System ist für die numerische Lösung mit Program-
men nach heutigem Stand der Technik am besten geeignet.
• Die Zustandsdarstellung ist für die Analyse des dynamischen Verhalten eines
Systems am besten geeignet.
5.4. ABSCHLIEßENDE BEMERKUNGEN 137
Probleme, die mit dem Index eines Modells zusammenhängen, können außer durch Um-
formung per Indexreduktion auch bereits durch kleine Änderungen in der Modellierung
gelöst werden, beispielsweise durch Wechsel des Koordinatensystems (z.B. Polar- statt
kartesische Koordinaten). Ein Beispiel aus dem Bereich der mechanische Systeme wird
in Kapitel 9 erläutert: Das Modell des Pendels, das in Beispiel 5.1 auf Basis der New-
ton’schen Gesetze in kartesischen Koordinaten modelliert wurde, hat einen Index von
3. Wird das Pendel, wie in Kapitel 4, in polaren Koordinaten modelliert, hat das re-
sultierende DA-System einen Index von 1.
Das Buch von Fritzson (2004) stellt in Kapitel 18 ausführlich die Schwierigkeiten bei
der Simulation von DA-Systemen mit Index größer 1 anhand von Beispielen dar.
Abel, D. (1990). Petri-Netze für Ingenieure. Modellbildung und Analyse diskret gesteu-
erter Systeme. Springer.
Bahill, A.T. und B. Gissing (1998). Re-evaluating systems engineering concepts using
systems thinking. IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics, Part C:
Applications and Reviews 28(4), S. 516 –527.
Brenan, K.E., S.L. Campbell und L.R. Petzold (1996). Numerical Solution of Initial
Value Problems in Differential-Algebraic Equations. SIAM. Philadelphia, PA.
Bunge, M. (1979). Treatise on Basic Philosophy. Vol. 4: Ontology II: A World of Sys-
tems. D. Riedel. Dordrecht.
David, R. und H. Alla (2005). Discrete, Continuous, and Hybrid Petri Nets. Springer.
DIN 60617-2 bis -11: Graphische Symbole für Schaltplän (1996). Beuth Verlag.
138 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
Minsky, M. (1965). Matter, mind and models. In: Proc. IFIP Congress Information
Processing (W.A. Kalenich, Hrsg.). Vol. 1. New York City, Mai 1965. Spartan
Books. Washington. S. 45–49.
Schlegel, Martin, Wolfgang Marquardt, Rainald Ehrig und Ulrich Nowak (2004). Sen-
sitivity analysis of linearly-implicit differential-algebraic systems by one-step ex-
trapolation. Appl. Numer. Math. 48(1), S. 83–102.
Shannon, C.E. (1998). Communication in the presence of noise. Proc. IEEE (Nach-
druck) 86, S. 447–457.
Shannon, R.E. (1975). Systems Simulation: The Art and Science. Prentice-Hall, Engle-
wood Cliffs, NJ.
Simon, H.A. (1981). The Sciences of the Artificial. 2. Auflage. The MIT Press. Cam-
brige, MA.
VDI-Richtlinie 3633 Blatt 1 (2000). Simulation von Logistik-, Materialfluss- und Pro-
duktionssystemen, Grundlagen. VDI-Handbuch Materialfluss und Fördertechnik,
Band 8. Gründruck, Beuth, Berlin.
Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
Press. London.
140 KAPITEL 5. DIFFERENTIAL-ALGEBRAISCHE SYSTEME
Kapitel 6
Die Abläufe in der Realität sind im Detail immer zeitkontinuierlich, wenn man einmal
von sehr speziellen Gebieten wie der Quantenmechanik absieht. Selbst die Dynamik
des Umlegens eines Kippschalters, welche allgemein durch die alleinige Beschreibung
der Zustände „An“ oder „Aus“ vernachlässigt wird, ist bei genügend genauer Auflösung
ein kontinuierlicher Vorgang. (Man stelle sich die Bewegung des Schaltkontaktes in
einer Hochgeschwindigkeitsaufnahme vor.) Mit den in den letzten Kapiteln behandel-
ten kontinuierlichen Systemen kann daher prinzipiell jedes in der Realität auftretende
Systemverhalten abgebildet werden.
An dem Kippschalterbeispiel ist aber auch ein wesentlicher Schritt der Abstraktion
nachzuvollziehen: Das im Detail kontinuierliche Systemverhalten wird mit zwei diskre-
ten Zuständen beschrieben („An“ oder „Aus“). Durch die Wahl einer gröberen Gra-
nularität ist das Verhalten auf mikroskopischer Ebene in ein makroskopisch einfaches
System mit zwei Schalterzuständen umgewandelt worden. Ein weiteres Beispiel sind
digitale Signale, welche aus einer Folge von Nullen und Einsen bestehen und in einem
bestimmten Rhythmus verarbeitet werden – offensichtlich zu bestimmten diskreten
Zeiten. Die Werte der binären Signale sind ebenfalls (per Definition) eingeschränkt
(„0“ oder „1“). Tatsächlich vereinfacht eine solche Abstraktion die Beschreibung dyna-
mischer Systeme erheblich! Diese sogenannten „diskreten Systeme“ (eigentlich müsste
man „diskrete Systembeschreibungen“ sagen) werden daher häufig in der Modellierung,
Simulation und Anwendung benutzt, wenn nur diskrete Zustände von Interesse sind
und der Übergang dazwischen vernachlässigbar ist.
In diesem Kapitel soll daher eine neue Klasse von Systemen mit diskretem Verhalten
betrachtet werden. Es wird zuerst die Überführung von kontinuierlichen Systemen in
zeit- und wertdiskrete Systeme behandelt, deren Zustände sich nur an definierten Zeit-
punkten und/oder auf definierte Werte ändern. Danach folgen Systeme, deren diskrete
Zustände sich nur in Abhängigkeit von einzelnen Ereignissen ändern. Abschließend
werden diskret-kontinuierliche Systeme behandelt, welche ereignisdiskrete Änderungen
von Systemen mit kontinuierlicher Dynamik modellieren.
141
142 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
ursprünglicher
Zeitverlauf
Messpunkte
Rekonstruktion
t [s]
wird eine niedrigere Frequenz gemessen. Der dabei entstehende Fehler wird als „Alia-
sing“ bezeichnet. Um einen Informationsverlust zu vermeiden, muss ein kontinuierlicher
Zeitverlauf mit einer Frequenz abgetastet werden, die oberhalb einer Mindestfrequenz
liegt. C.E. Shannon (1998) hat gezeigt, dass die Abtastfrequenz mehr als doppelt so
groß sein muss, wie die höchste, im abgetasteten Zustandsverlauf enthaltene Frequenz
f also fs > 2f , um eine verlustfreie Rekonstruktion zu ermöglichen (siehe auch Jerri
(1977)).
Aus Sicht der Simulationstechnik stellt sich die Frage, ob und wie Systeme zeitdiskret
modelliert werden können. Ein offensichtlicher Weg besteht in der Überführung der Zu-
standsdarstellung (vgl. Kap. 2) in eine zugeordnete zeitdiskrete Form. Diese Überfüh-
rung wird zuerst für lineare Systeme und danach für nichtlineare Systeme gezeigt. Die
auf diese Weise entstehenden diskreten Zustandsdarstellungen können auch verwendet
werden, um ein dynamisches System direkt in zeitdiskreter Form zu modellieren.
Mit Gleichung (6.4) ist die diskrete Zustandsgleichung bereits hergeleitet, wenn man
x(tk ) = xk
x(tk+1 ) = xk+1
u(tk ) = uk
∆tk = tk+1 − tk
Ad (∆tk ) : = eA(∆tk )
Z tk+1
Bd (∆tk ) : = eA(tk+1 −τ ) dτ B
tk
= (e A(∆tk )
− I)A−1 B
Durch die analytische Lösung der kontinuierlichen Zustandsgleichung und deren Aus-
wertung zu den diskreten Zeitpunkten tk ist also die zeitdiskrete Zustandsgleichung mit
den Systemmatrizen Ad und Bd entstanden. Diese Darstellung ist generell für beliebige
Intervalle [tk , tk+1 ] gültig. In der Regel wird mit ∆tk = T keine weitere Vereinfachung
vorgenommen. Dann sind die Matrizen Ad und Bd unabhängig von der Zeit.
Um das zeitdiskrete lineare System zu vervollständigen, muss noch die Ausgangsglei-
chung in zeitdiskreter Form hergeleitet werden. Da es sich dabei um eine algebraische
Gleichung handelt, kann die Gleichung einfach zu den diskreten Zeitpunkten tk ausge-
wertet werden. Die Ausgangs und Durchgangsmatrizen C und D bleiben dabei unver-
ändert; für die zeitdiskrete Ausgangsgröße gilt yk = y(tk ).
Damit besitzt das zeitdiskrete lineare System für konstante Abtastintervalle die Form
xk+1 = Ad xk + Bd uk x0 = x(0)
yk = Cxk + Duk .
Wie in Kapitel 4 schon diskutiert, sind reale Systeme häufig nichtlinear. Es wird daher
im Folgenden aufgezeigt, wie ein nichtlineares zeitdiskretes System aus dem zugeord-
neten zeitkontinuierlichen System hergeleitet werden kann. Die nichtlineare Zustands-
darstellung kann wie im vorigen Abschnitt an der Stelle tk+1 ausgewertet und formal
in den Grenzen tk und tk+1 integriert werden. Dann ergeben sich mit den zeitdiskreten
Zuständen xk , Eingängen uk und Ausgängen yk die Gleichungen
Z tk+1
xk+1 = xk + f (x(τ ), u(τ ), p, τ ) dτ (6.6)
tk
yk = g(xk , uk , p, t) . (6.7)
Dabei können wie im linearen Fall die algebraischen Ausgangsgleichungen an den Zeit-
punkten tk exakt ausgewertet werden. Das Integral in der nichtlinearen Zustandsglei-
chung kann allerdings nicht analytisch gelöst werden. Entweder muss für die Auswer-
tung der diskreten Zustandsgleichung das Integral (zeitaufwändig) numerisch ausge-
wertet werden (siehe z.B. Dahmen und Reusken (2008)) oder es muss eine Näherung
gefunden werden.
Eine solche Näherung ergibt sich aus der Taylor-Reihenentwicklung der Zustandsfunk-
tion x(t) an der Stelle tk :
dxk 1 d2 x k 2
xk+1 = xk + ∆tk + 2
∆tk + O(∆t3k )
dt
|{z} 2
| dt {z }
f (xk ,uk ,p,t) =0
Durch Vernachlässigung der Terme quadratischer und höherer Ordnung ergibt sich
nach Einsetzen der nichtlinearen Zustandsgleichung und Auswertung der Näherung an
der Stelle t = tk mit
∆tk = tk+1 − tk
die nichtlineare diskrete Zustandsdarstellung zu
Wie im linearen Fall kann mit der für kleine Abtastintervalle sehr guten Näherung
eine rekursive Auswertung der nichtlinearen Zustandsdarstellung erfolgen, wenn die
Abtastfolge ∆tk , k = 1, 2, . . . bekannt ist. Die sich ergebende Rekursion entspricht
exakt einer Integration der nichtlinearen Zustandsgleichung mit dem expliziten Euler-
Verfahren (Dahmen und Reusken 2008). Als weiterführende Literatur zu den zeitdis-
kreten Systemen ist das Buch von Unbehauen (2007) zu empfehlen.
146 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
wobei wir hier nicht den Fall betrachten, bei dem die Eindeutigkeit verletzt ist. Die
Überführung von einer wertkontinuierlichen in eine wertdiskrete Darstellung ist glei-
chermaßen auf zeitkontinuierliche und auf zeitdiskrete Systeme anwendbar, da die
Quantisierung unabhängig von der Zeitbasis ist.
Mit dieser Abbildung der Zustände und Eingänge auf die Ausgänge der Quantisierung
geht immer ein Informationsverlust einher, welcher als Quantisierungsfehler bezeichnet
wird. Abbildung 6.2 fasst die Quantisierung und Zeitdiskretisierung zur Abstraktion
kontinuierlicher Systeme übersichtshaft zusammen.
Einschub: zeit- und wertdiskrete /-kontinuierliche System
kontinuierliche
Zeit
Abtastung
diskrete Zeit
In den beiden vorherigen Abschnitten ist die Diskretisierung des Zustands sowohl im
Zeit- wie auch im Wertebereich behandelt worden. Im Gegensatz zu den zeitkonti-
Simulationstechnik V 19 SS 2009
nuierlichen Systemen ändern zeitdiskrete Systeme ihren Zustand nur zu bestimmten
Zeitpunkten. Dadurch besteht eine Synchronisation mit einem bestimmten Zeittakt.
Man stelle sich nun vor, dass eine diskrete Zustandsänderung unvorhergesehen eintritt,
so dass sie im Rahmen einer Modellierung keinem bekannten Zeitpunkt zugeordnet
werden kann. Dann charakterisiert nicht mehr ein Zeitpunkt, sondern ein bestimmtes
Ereignis die Zustandsänderung. In Abbildung 6.3 ist dies dargestellt: Statt des konti-
nuierlichen Verlaufs ergibt sich im ereignisdiskreten Fall eine Abfolge von Ereignissen.
Ein Beispiel für ein solch dynamisches Verhalten ist das Erreichen eines bestimmten Pe-
gels in einem Tank. Prinzipiell könnte das Auffüllen (z.B. durch verschiedene Zuflüsse)
und die Entleerung (z.B. durch Entnahme und Verdunsten) kontinuierlich modelliert
werden, so dass zu jeder Zeit der Wasserstand im Tank als kontinuierliche Größe be-
kannt wäre. In manchen Anwendungen mag es aber einfacher sein, einen diskreten
Wertebereich zu definieren (z.B. „voll“ und „leer“) und den Zustand über einen Pegel-
schalter zu detektieren. Dieser wird irgendwann schalten, wenn der Flüssigkeitsstand
die entsprechende Höhe erreicht hat. Es gibt also 6 Ereignisse: Abfluss auf, Abfluss zu,
Zufluss auf, Zufluss zu, Tank voll, Tank leer. Der zeitliche Zusammenhang wird dabei
außer Acht gelassen.
Es soll im Folgenden nun eine solche Klasse von Systemen betrachtet werden, die
nur durch das Eintreten eines Ereignisses ihren Zustand ändern können. Sie werden
ereignisdiskrete Systeme genannt.
148 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Zustand Zustand
x6
x5
x4
x3
x2
x1
e1 e2 e3 e4 e5 e6
Zeit Ereignisse
Da das Eintreten eines Ereignisses nicht wie bei zeitdiskreten an einen Zeitpunkt und
damit an eine Ursache gekoppelt ist, spricht man auch von ereignisgesteuerten Syste-
men. Ihr Zustand ist wertdiskret realisiert. Da die Zeit in der Repräsentation dieser
Art von Systemen keine Bedeutung hat, lassen sich die Formalismen zur Beschreibung
zeitkontinuierlicher oder zeitdiskreter Systeme nicht verwenden. In diesem Abschnitt
wird erläutert, wie solche Systeme darzustellen sind.
Die möglichen wertdiskreten Zustände eines ereignisdiskreten Systems lassen sich in der
Menge S = {s0 , s1 , . . . , sI } zusammenfassen. Die Menge S wird als diskreter Zustands-
raum bezeichnet. Die Menge der möglichen Ereignisse ist Σ = {e1 , e2 , . . . , eJ }. Sie wird
Alphabet genannt. Die Menge der vorhanden Transitionen ist ∆. Die Elemente dieser
Menge haben die Form δijk = [si , ej , sk ], wobei sie angeben, dass ein Zustandsübergang
von si nach sk stattfindet, wenn das Ereignis ej eintritt.
Diese formale Darstellung beschreibt ereignisdiskrete Systeme mit drei Objekten: den
Zuständen, dem Alphabet und den Transitionen. Die Menge der diskreten Zustände
S entspricht dabei allen möglichen Realisierungen des kontinuierlichen Zustands x(t),
die Ereignisse des sogenannten Alphabets Σ den Eingangsgrößen u(t) und die Menge
der Transitionen ∆ den Gleichungen der Zustandsdarstellung. Das 3-Tupel (S, Σ, ∆)
bildet die formale Beschreibung eines ereignisdiskreten Systems und entspricht der
Zustandsdarstellung zeitkontinuierlicher oder zeitdiskreter dynamischer Systeme.
Ähnlich wie die Entwicklung des Zustands zeitkontinuierlicher oder zeitdiskreter Syste-
me mit der Zeit, stellt sich bei ereignisdiskreten Systemen eine Sequenz von Ereignissen
ein. Definiert man die einzelnen Ereignisse als Buchstaben aus einem Alphabet, also als
eine Menge möglicher Realisierungen der Ereignisse, so ergeben die Sequenzen dieser
Buchstaben Wörter, welche die Abfolge der diskreten Zustände kodieren. Nun kann ein
ereignisdiskretes System verschiedene Kombinationen dieser Buchstaben (also Ereignis-
6.4. EREIGNISDISKRETE SYSTEME 149
• {Tank leer, Zufluss auf, Abfluss auf, Tank voll, Zufluss zu, Tank leer, Abfluss zu}
Ein ereignisdiskretes System erlaubt viele mögliche Sequenzen von Ereignissen. Die
Sequenz {Tank voll, Zufluss auf } ist beispielsweise nicht erlaubt, da sie in einen nicht
definierten Zustand führen würde (Tank läuft über). Die Gesamtheit der Menge von
erlaubten Sequenzen ergibt eine Menge von Wörtern und bildet die Sprache L des
ereignisdiskreten Systems. Ermittelt man alle möglichen Sequenzen des Systems, so
erhält man die Wörter, die das System „spricht“:
L = {e1 , e1 e2 , e1 e2 e4 , e3 e4 e2 , . . .} . (6.8)
Diese Menge von Wörtern lässt sich prinzipiell zum Konstruieren, Kombinieren und
Analysieren von ereignisdiskreten Systemen verwenden. Kommunizierende Systeme
müssen z.B. die gleiche Sprache sprechen, also gleiche Sequenzen von Ereignissen ver-
arbeiten. Die Struktur und Dynamik des Systems wird also durch Ermittlung aller
Wörter repräsentiert.
Allerdings ist es wenig praktisch und manchmal sogar unmöglich alle Wörter oder
Sequenzen explizit aufzulisten. Es sind daher weitergehende Formalismen notwendig,
die die enthaltene Struktur und Dynamik der Systeme wiedergeben und zugänglich
machen. Eine häufig benutzte Methode zur Darstellung von ereignisdiskreten Syste-
men sind Graphen. Die Elemente eines Graphen sind in Abbildung 6.4 dargestellt. Ein
Graph G besteht aus einer Menge von Kanten und Knoten. Die Knoten werden als
Kreise abgebildet und kennzeichnen die diskreten Zustände oder Moden. Dazwischen-
liegende Kanten kennzeichnen durch ihre Verbindung der Knoten die Möglichkeiten
eines Zustandsübergangs. Im einfachsten Fall ist die Kante ungerichtet; die Zustands-
änderung kann in beiden Richtungen erfolgen. Meist ist jedoch die Kante gerichtet, was
durch einen Pfeil angezeigt wird. Dadurch wird die Kante als eine einfache Kausali-
tät formuliert, welche die Richtung eines Zustandsübergangs festlegt. In den folgenden
Abschnitten sollen zwei Formalismen vorgestellt werden, die mit Hilfe von Graphen
dargestellt werden können, Petri-Netze und endliche Automaten.
6.4.1 Petri-Netze
Ein einfaches Beispiel eines Petri-Netzes ist mit zwei Zuständen und der Möglichkeit
eines Zustandsübergangs in Abbildung 6.5 dargestellt. Es besteht aus drei Knoten
und zwei gerichteten Kanten. Die Knoten lassen sich in zwei Klassen einteilen. Stellen
(1. Knotentyp) werden für die Kodierung des diskreten Zustands verwendet, während
150 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Knoten
ungerichtete Kante
gerichtete Kante
Graph G=({1,2,3},{k1,k2,k3})
k
Hybrider Automat 1 1 2
k3 k2
3
Kante Kante
Stelle P1 Stelle P2
Transition t1
Abbildung 6.5: Einfaches Petrinetz mit zwei Zuständen und einer Transition
Simulationstechnik SS 2009
Name der V21
Präsentation, 20.03.2008 0
A ⊆ (P × T ) ∪ (T × P )
beschrieben, wobei die erste Teilmenge die Verknüpfung von Stellen und Transitionen
und die zweite die Verknüpfung von Transitionen mit Stellen beschreibt. Wir nehmen
an, dass das Petri-Netz keine Knotenpaare besitzt, die in beiden Richtungen miteinan-
der verbunden sind, d.h.
Die Kardinalität der Menge A ergibt sich aus dem konkreten Modell. Für das Beispiel
aus Abbildung 6.5 ergibt sich
P = {P1 , P2 }, T = {t1 }, A = {(P1 , t1 ), (t1 , P2 )} .
Eine Transition wird aktiviert, wenn alle Stellen „stromauf“ mit genügend Token belegt
sind und wenn die Kapazität aller nachfolgenden Stellen ausreicht. Eine aktive Tran-
sition kann schalten (auch feuern gennant). Durch Schalten einer solchen Transition
werden Token von allen Stellen stromauf entfernt und es werden Token an die Stellen
stromab zugeführt. Den Kanten ist ein Kantengewicht w zugeordnet. Bei Kanten, die
von einer Stelle Pi auf eine Transition tj zeigen, bedeutet das Kantengewicht einerseits
die zur Aktivierung der Transition tj nötigen Anzahl an Token in Stelle Pi , anderer-
seits die Anzahl von Token die beim Schalten der Transition tj der Stelle Pi entfernt
werden. Bei Kanten, die von einer Transition tj auf eine Stelle Pl zeigen, bedeutet das
Kantengewicht die Anzahl von Token die beim Schalten der Transition tj der Stelle Pl
zugeführt werden. Die Gewichte der von den stromauf liegenden Stellen Pi ∈ Ij zur
Transition tj führenden Kanten werden mit
w(Pi , tj ), i ∈ Ij ⊂ {1, ....I}
bezeichnet, während die Gewichte der Kanten, die stromab der Transition tj liegen,
mit
w(tj , Pl ), l ∈ Ij ⊂ {1, ....I}
bezeichnet werden.
Im einfachsten Fall sind alle Kantengewichte gerade eins. Dann werden sie in der graphi-
schen Darstellung (wie in Abbildung 6.5) nicht angegeben. Die Kapazität der Stellen,
also ihre Aufnahmefähigkeit von Token, ist im Allgemeinen größer als 1. Im einfachsten
Fall ist die Kapazität aller Stellen gleich unendlich. Dann werden sie in der graphischen
Darstellung (wie in Abbildung 6.5) nicht angegeben.
Um die Markierung und damit den aktuellen Systemzustand zu kennzeichnen, wird der
Markierungsvektor s = (s(P0 ), s(P1 ), . . . , s(PI )) eingeführt, dessen Elemente s(Pi ) die
Zahl der Token angeben, mit denen die Stelle Pi belegt ist.
Diese Beschreibung eines Petri-Netzes zeigt, dass 5 Objekte notwendig sind, um ein
markiertes Petri-Netz vollständig zu definieren. Sie werden zum 5-Tupel (P, T, A, w, s)
zusammengefasst.
Ein typisches Beispiel für ein Petri-Netz ist in Abbildung 6.6 gezeigt. Hier ist das Modell
eines Systems zum Nachrichtenaustausch dargestellt, in dem zwei Teilnehmer (Sender
und Empfänger) über einen Datenbus kommunizieren. Zuerst sendet der Sender eine
Nachricht, die dann auf dem Bus liegt. Der Empfänger muss empfangsbereit sein und es
muss eine Nachricht auf dem Bus vorhanden sein, damit der Empfänger eine Nachricht
empfangen und bearbeiten kann. Die zurückgesandte Antwort des Empfängers kann
ebenso durch den Sender nur empfangen werden, wenn dieser auf die Antwort wartet
und eine Nachricht auf dem Bus liegt.
152 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
P2
t1 t2
P1 P6 P3 P4
t4 t3
P5
Abbildung 6.6: Petri-Netz für den Nachrichtenaustausch zwischen einem Sender und
Empfänger über einen Nachrichtenbus. Transitionen und Stellen sind in der Tabelle
zusammengestellt. Die Token markieren den Ausgangszustand.
6.4. EREIGNISDISKRETE SYSTEME 153
Abbildung 6.7: Petri-Netz mit parallelen aktiven Transitionen t1 und t2 , die gleichzeitig
oder nacheinander schalten können.
Abbildung 6.8: Petri-Netz mit Konflikt. Beide Transitionen sind aktiv, nur eine kann
schalten.
6.4.1.2 Analyse
• Ein Petri-Netz wird als beschränkt bezeichnet, wenn in keiner einzigen Stelle
jemals mehr als eine bestimmte maximale Anzahl von Token auftritt.
• Falls die Anzahl der Token auf den Stellen auf eins beschränkt ist, wird das
Petri-Netz darüber hinaus als sicher bezeichnet.
6.4. EREIGNISDISKRETE SYSTEME 155
P2
t1 t2
t5
P1 P6 P3 P4
t4 t3
P5
t6
P1 P3
t5
t1 t2 t3 t4
P2 P4
= [0100
s (1)heißt
• Ein Petri-Netz ]T
lebendig, wenn alle Zustände [0001
s (2 ) =des ]T
Petri-Netzes aus jedem
möglichen Zustand erreichbar sind. Transitionen, die nicht mehr aktiviert werden
können, werden als „nicht lebendig“ bezeichnet.
Wie schon deutlich geworden ist, lassen sich Petri-Netze gut visuell analysieren. Eine
zusätzliche Analysemethode ist der Erreichbarkeitsgraph. In diesem wird visualisiert,
ob ein Zustand (eine Markierung) s(k) vom Anfangszustand s(0) aus erreichbar ist. Die
Konstruktion des Erreichbarkeitsgraphen erfolgt, indem die Knoten des Graphen die
Zustände (Markierungen) des Petri-Netzes und die Kanten die Transitionen zwischen
156 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
t4
s (0 ) = [100100 ]T s (3 ) = [000111 ]T
t1 t3
t2
s (1) = [010101 ]
T
s (2 ) = [001001 ]T
den Zuständen repräsentieren. Man zählt also die möglichen Zustände des Petri-Netzes
durch und zeichnet die möglichen Übergänge zwischen diesen als Pfeile ein. Der Er-
reichbarkeitsgraph des Nachrichtensystems aus Abbildung 6.6 ist in Abbildung 6.11
dargestellt.
Im Erreichbarkeitsgraphen können auch die oben definierten Eigenschaften eines Petri-
Netzes analysiert werden. So ist die Beschränktheit des Petri-Netzes eine Voraussetzung
für die Erstellung eines Erreichbarkeitsgraphen, da sich ansonsten eine unbeschränkte
Anzahl von Zuständen ergibt. Ein sicheres Petri-Netz erkennt man daran, dass die
Einträge von s(k) für einen initialen Markierungsvektor s(0) nur aus Nullen und Einsen
bestehen.
Die Lebendigkeit eines Petri-Netzes bedingt, dass von jedem Zustand alle anderen
Zustände erreichbar sind, was anhand der Transitionspfade geprüft werden kann.
Eine Verklemmung zeigt sich schließlich im Erreichbarkeitsgraphen durch eine erreich-
bare Markierung, von der keine Transition mehr ausgeht: eine Art Sackgasse (siehe
dazu den Erreichbarkeitsgraphen zum verklemmten Nachrichtensystem in Abb. 6.12).
Nach der grafischen Diskussion der Elemente und Eigenschaften von Petri-Netzen wä-
re eine mathematische Darstellung wünschenswert, um z.B. komplexere Petri-Netze
rechnergestützt entwerfen und analysieren zu können. Um die grafische Struktur der
Petri-Netze und deren Dynamik mathematisch abzubilden, muss eine Abbildung ge-
funden werden, die den Zustand s(k + 1) nach der Transition tj durch eine Funktion
s(k + 1) = f (s(k), tj ) bestimmt.
Im ersten Schritt der Transition wird die entsprechende Anzahl Token von den stromauf
liegenden Stellen Pi abgezogen. Dazu wird eine Prä-Kantengewichtsmatrix W− mit den
zur Aktivierung der Transition notwendigen Kantengewichten w(Pi , tj ) aufgestellt. Im
zweiten Schritt wird analog für eine Post-Kantengewichtsmatrix W+ mit den Einträgen
von w(tj , Pi ) für die Anzahl Token nach der Transition auf der folgenden Stelle Pi
6.4. EREIGNISDISKRETE SYSTEME 157
t4
s(0) = [100100] s(3) = [000111]
T T
t1 t3
t2
s(1) = [010101] s(2) = [001001]
T T
t5
s(4) = [000101]
T t6
verfahren. Beide Matrizen sind eine I × J-Matrix entsprechend der I Stellen und der
J Transitionen. Falls alle Kantengewichte w = 1 sind, bestehen diese Matrizen nur aus
Nullen und Einsen.
Diese Matrix enthält nun alle Aktionen, die von den Transitionen im Petri-Netz aus-
geführt werden können. Beispielsweise ist der Markierungsvektor zu Beginn s(0) =
(1, 0, 0, 1, 0, 0)T . Schaltet nun die Transition t1 (entsprechend der ersten Spalte der Ma-
trix W), so wird von der Stelle P1 ein Token abgezogen und auf der Stelle P2 ein Token
158 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
e1
e1
s0 s2 e3
e2 e1,e3
s1
von s1 zu s2 geführt hat, da die Kante zwischen den beiden Zuständen durch zwei
Elemente von ∆ beschrieben wird, die von unterschiedlichen Ereignissen hervorgerufen
werden. Ebenso folgt auf ein Ereignis nicht zwangsläufig eine Zustandsänderung, wie
die Transition zeigt, die von s0 nach s0 führt und ausgelöst wird durch das Ereignis e1 .
Der Anfangszustand des Systems wird mit s0 gekennzeichnet. Damit ist gezeigt, dass,
basierend auf der formalen Definition, direkt eine Darstellung erfolgen kann, welche
als endlicher Automat bezeichnet wird. Das Wort „endlich“ reflektiert dabei die Be-
schränktheit der Sprache, also die endliche Menge von möglichen Ereignissen und Zu-
ständen. Mit der zusätzlichen Markierung des Anfangszustands s0 wird der endliche
Automat auch als 4-Tupel (S, Σ, ∆, s0 ) definiert.
Ein illustrierendes Beispiel für einen endlichen Automaten soll in Form eines Getränke-
automaten beschrieben werden. Dieser soll ein Getränk für den Preis von 2 e ausgeben
und akzeptiert 1 und 2 e-Münzen. Außer der Geldrückgabe kann der Automat kein
Geld herausgeben oder wechseln. Die Zustände ergeben sich daher aus dem aktuel-
len Guthabenstatus S = { 0 e, 1 e, 2 e}. Mögliche Ereignisse sind das Einwerfen der
Münzen, die Getränkeentnahme und die Geldrückzahlung:
Die Analyse der möglichen Sequenzen des endlichen Automaten ergibt die Sprache des
ereignisdiskreten Systems:
Getränk entnehmen
2 Euro
0€ 2€
1
G Eu r o
el
d
ro Eu
zu 1
rü
c k
1€
Geld zurück
Zusätzlich kann es von Bedeutung sein, Information über den Systemzustand zu er-
halten. Eine solche Funktionalität wird durch eine spezielle Form eines Automaten
ermöglicht, nämlich den Mealy-Automaten (benannt nach dem Begründer G. Mea-
ly). Tabelle 6.1 gibt eine Übersicht über die Definition. Durch die Ergänzung um die
Ausgangsfunktionaliät ist dieser Automat zum 6-Tupel erweitert. Er umfasst ein Aus-
gangsalphabet Γ mit dem Ausgang ω.
Aus systemtheoretischer Sicht wäre eine ereignisdiskrete Darstellung analog zur zeit-
kontinuierlichen Zustandsdarstellung der folgenden Form
wünschenswert. Dazu muss eine Funktion ψ gefunden werden, die zur Menge der Tran-
sitionen ∆ passt. Dies bedeutet, dass für alle Elemente δ = (si , ej , sl ) ∈ ∆ gilt, dass
ψ(si , ej ) = sl ist. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass die Abbildung im Allgemeinen
nicht durch einen analytischen Ausdruck erfolgen kann. Weiterhin ist beim Mealy-
Automat die Ausgangsfunktion zusätzlich auch vom Ereignis abhängig, welches zu
der Zustandsänderung geführt hat: γ(k) = ω(s(k), e(k)). Es ergeben sich mit der er-
weiterbaren Definition der Automaten also vielfältige Möglichkeiten, ereignisdiskretes
Systemverhalten abzubilden.
6.4. EREIGNISDISKRETE SYSTEME 161
In diesem Kapitel ist gezeigt worden, wie Systeme modelliert werden, die zeitunabhän-
gig und rein von Ereignissen gesteuert ihren Zustand ändern. Anstatt des zeitlichen
Zusammenhangs des kontinuierlichen Zustands über die differentiellen Gleichungen,
ergeben sich bei den ereignisdiskreten Systemen Mengen der diskreten Zustände, Er-
eignisse und Transitionen. Die Struktur und Dynamik wird zwar schon in der aus allen
möglichen Ereignissen bestehenden Sprache ausgedrückt. Für die Analyse und Visua-
lisierung werden jedoch andere Formalismen benötigt.
Davon sind zwei vorgestellt worden: Petri-Netze und Automaten. Petri-Netze sind in-
tuitiv und eignen sich sowohl zur Modellierung als auch zur Visualisierung und Analyse
des diskreten Systemverhaltens. Mittels der Transitionen zwischen den Stellen ergeben
sich Zustandsänderungen durch Veränderung der Lage und Anzahl der Token. Insbeson-
dere die Änderung der Token im Petri-Netz ist ein mächtiges Mittel der Modellierung,
um komplexe Zusammenhänge von parallelen Prozessen kompakt darzustellen.
Spezielle Eigenschaften wie Beschränktheit, Sicherheit, Lebendigkeit und Verklemmung
ereignisdiskreter Systeme sind am Beispiel der Petri-Netze vorgestellt worden. Die De-
finition des Markierungsvektors führt auf den Erreichbarkeitsgraphen, der die Ana-
lyse hinsichtlich Lebendigkeit und Verklemmung vereinfacht. Weiterhin kann durch
den Markierungsvektor und durch Aufstellung der Inzidenzmatrix, bestehend aus allen
möglichen Zustandsänderungen, ein Petri-Netz auch vollständig numerisch abgebildet
werden.
Das Konzept der Automaten geht dagegen direkt von der formalen Definition der er-
eignisdiskreten Systeme als 3-Tupel aus Zustandsmenge S, Alphabet Σ und Menge der
Transitionen ∆ aus. In der Darstellung als Zustandsgraph werden die möglichen Sys-
temzustände als einzelne Knoten dargestellt und die Transitionen dazwischen in Form
von gerichteten Kanten abgebildet.
Die Eigenschaft der Beschränktheit kann beim endlichen Automaten nicht verletzt
werden, da die Zahl der Zustände (und damit die Zahl der Tokens im entsprechenden
Petri-Netz) beschränkt ist. Daraus folgt, dass jeder endliche Automat immer als Petri-
Netz dargestellt werden kann, während andersherum diese Aussage nur für beschränkte
Petri-Netze gilt.
162 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Hinsichtlich eines Vergleichs von Petri-Netzen und endlichen Automaten kann die Aus-
sage getroffen werden, dass das Petrinetz in der Lage ist, komplexere – insbesondere
parallele oder gleichartige – Prozesse kompakter und übersichtlicher abzubilden. Da-
zu muss allerdings mehr Modellierungsaufwand betrieben werden, da alle möglichen
Zustände des Systems durch die verschiedenen Lagen und Anzahlen der Tokens be-
rücksichtigt werden müssen. Dies ist bei einer großen Anzahl Stellen nur noch über
systematische Analyse möglich, um Verklemmungen oder nicht-lebendige Systeme zu
vermeiden.
Automaten als direkte Abbildung der Sprache ereignisdiskreter Systeme können im
Gegenzug aufgrund ihrer Strukturiertheit einfach skaliert oder kombiniert werden. Im
Falle keiner gemeinsamen Zustände ist der neue Zustandsraum S eine Kombination
der Einzelzustände S1 und S2 . Dadurch und durch die sehr stringente Definition geht
gerade in der Zustandgraphendarstellung schnell die Übersichtlichkeit verloren.
Es ist insofern zu bemerken, dass kein eindeutiges Urteil zur Bevorzugung von Automa-
ten oder Petri-Netzen gegeben werden kann. Vielmehr sollte je nach Anwendungsfall
entschieden werden und beide Methoden sollten eher als komplementär denn als kon-
kurrierend eingestuft werden.
Es soll weiterhin bei dieser Einführung zu den ereignisdiskreten Systemen und den
entsprechenden Formalismen angemerkt werden, dass es neben den klassischen Petri-
Netzen und den vorgestellten Automaten eine Vielzahl von Varianten gibt. So gibt es
beispielsweise farbige Petri-Netze, um mit dem Token innerhalb einer Stelle einen va-
riablen (Zustands-)Wert darzustellen. Weiterhin existieren je nach gewünschtem Grad
der Abstraktion Möglichkeiten, um getaktete oder sogar stochastische ereignisdiskrete
Systeme abzubilden. Diese Fülle darzustellen würde den hier gestellten einführenden
Anspruch übersteigen und wird daher den Büchern von Cassandras und Lafortune
(1999), Abel (1990), David und Alla (2005) und Lunze (2006) überlassen.
muss in einem dynamischen Modell korrekt abgebildet werden, wenn das Verhalten mit
einer Simulation korrekt wiedergegeben werden soll.
Wir betrachten nun ein einfaches Beispiel genauer. Ein leicht schief geworfener elas-
tischer Ball, der auf eine Oberfläche auftrifft, wird zurück beschleunigt, bis er durch
die entgegenwirkende Erdbeschleunigung wieder auf die Oberfläche zurückkehrt. Dieser
Vorgang wiederholt sich, bis die kinetische Energie dissipiert ist und der Ball zum Lie-
gen bzw. zum Stillstand kommt (Bild 6.15). Dieser Vorgang ist genau genommen wieder
ein vollständig kontinuierlicher Vorgang. Zur Simulation müssten dann die Verformung
des Balls und die dabei wirkenden Kräfte und die sich durch die Materialdämpfung
ergebende Dissipation genau modelliert werden. Dazu müssten partielle Differential-
gleichungen für die elastische Wand des Balls erstellt und gelöst werden – offensichtlich
ein erheblicher Aufwand für ein eigentlich einfaches Problem.
Stattdessen wäre eine makroskopische Modellierung mittels eines Rückschnellkoeffizi-
enten, der die Dämpfung des Balls summarisch berücksichtigt, wesentlich einfacher.
Es ergeben sich daraus zwei Abläufe auf unterschiedlichen Zeitskalen. Auf der lang-
samen Zeitskala läuft die kontinuierliche Bewegung des Balls ab, während auf der
schnellen Zeitskala das Auftreffen auf der Oberfläche, die Verformung und die sich
anschließende Abstoßung des Balls beobachtet werden. Tatsächlich kann der Stoß des
Balls mit der Oberfläche zu einem diskreten Ereignis abstrahiert werden. Es wäre al-
so ein Formalismus wünschenswert, der die Kombination der durch zeitkontinuierliche
differential-algebraische Modelle fassbaren kontinuierlichen Dynamik mit der Beschrei-
bung verknüpfender diskreter Ereignisse verbindet.
Die kontinuierlichen Systembeschreibungen der Kapitel 2 - 5 erlauben jedoch kein Än-
dern der Modellgleichungen, wie sie durch diskrete Ereignisse induziert werden. Die
ereignisdiskreten Systembeschreibungen dieses Kapitels sind ihrerseits auf die diskrete
Betrachtung beschränkt und blenden eine kontinuierliche Dynamik aus. Mit den be-
kannten Systembeschreibungen ist das Problem daher nicht zu lösen, so dass ein neuer
Beschreibungsformalismus benötigt wird.
Diese Überlegungen führen zu der Klasse der diskret-kontinuierlichen Systeme. Damit
werden Systeme beschrieben, deren kontinuierliches Verhalten sich bei Eintreten be-
stimmter Ereignisse sprunghaft verändert, ohne dass Zeit vergeht. In Anlehnung an die
endlichen Automaten aus dem vorhergehenden Abschnitt, wird hier das Konzept der
hybriden Automaten vorgestellt.
Für den diskreten Teil des Systems wird ein Eingabealphabet Σ, eine Menge S der dis-
kreten Systemzustände oder auch Moden und die Menge der Transitionen ∆ definiert.
Für die Auswertung der kontinuierlichen Dynamik wird darüber hinaus ein kontinuier-
licher Zustandsraum X mit den Variablen x(t) ∈ X ⊆ Rm und eine Menge kontinuierli-
cher Eingangsgrößen u(t) ∈ U ⊆ Rn benötigt. Die aktiven dynamischen Gleichungen in
jedem Mode werden mittels eines Indikators Act gekennzeichnet, so dass für jeden Mo-
de si ein individuelles DA-System existiert. Der Gültigkeitsbereich der kontinuierlichen
Variablen wird für jeden Mode mit der Invariantenabbildung Inv(si ) ⊆ X festgelegt.
164 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Der hybride Automat definiert sich daher als 7-Tupel (S, X, Σ, U, ∆, Inv, Act) mit den
in Tabelle 6.2 zusammengefassten Elementen. Die Unterschiede zwischen dem hybri-
den Automaten und dem endlichen Automaten eines ereignisdiskreten Systems können
anschaulich in der graphischen Darstellung eines Modes des hybriden Automats dis-
kutiert werden. In Abbildung 6.16 sind die Grundelemente des hybriden Automaten
in einem Graphen dargestellt. Wie bei endlichen Automaten gibt es auch beim hybri-
den Automaten Knoten, welche die Systemzustände si repräsentieren. In jedem Mode
sind festgelegte differential-algebraische Modelle 0 = F (ẋ(t), x(t), u(t), t) aktiv (sie-
he Kapitel 5). Hier wird die gemischte Darstellung der differential-algebraischen Glei-
chungen der bekannten Zustandsdarstellung verwendet. Die hier anscheinend fehlenden
Parameter p sind feste Systemgrößen und werden daher nicht explizit aufgelistet. Ne-
ben der Kennzeichnung des aktiven DA-Systems Fs,i (ẋ(t), x(t), u(t), t) = 0 wird auch
die Invariantenabbildung der kontinuierlichen Variablen angegeben, was z.B für nur
abschnittsweise definierte Funktionen (z.B. Wurzelfunktion) wichtig ist. Es gilt also
x(t) ∈ Inv(si ).
Die Transition δ erlaubt den Wechsel in einen anderen Mode, bewirkt den Austausch
des aktiven dynamischen Modells und weist den kontinuierlichen Variablen eine An-
fangsbedingung zu, die nach dem ausgeführten diskreten Ereignis von den kontinu-
ierlichen Zuständen angenommen wird. Sie ist in Bild 6.16 durch die hybride Kante
dargestellt. Ebenso wie die Kante des endlichen Automaten ist sie durch ein Symbol
des Eingabealphabets Σ gekennzeichnet. Im Unterschied zu der Zuordnung zu einem
diskreten Ereignis beim endlichen Automaten besitzt die Kante nun jedoch eine zu-
sätzliche Funktionalität in Form von Guard zur Überwachung von impliziten oder
expliziten Größen und Jump zur Zuweisung von Anfangsbedingungen für die kontinu-
ierlichen Variablen. Mittels dieser Unterscheidung definiert man, ob die Größe von einer
Zustandsfunktion des Modells abhängt (implizit) oder eine Funktion der Zeit oder der
Eingangsfunktion u(t) ist (explizit). Dementsprechend wird auch das Ereignis, welches
die Übergangsfunktion aktiviert, ein implizites oder explizites Ereignis genannt.
Guard überwacht die spezifizierte Größe (in Bild 6.16 die Temperatur T) und aktiviert
die Übergangsfunktion, wenn x(t) ∈ Guardsi ,si+1 . Bei der Schaltung in den nächsten
Mode wird dann durch Jump die kontinuierliche Variable initialisiert, z.B. wie hier mit
dem Wert vor dem Schalten der hybriden Kante x(t+ ) = x(t− ).
6.5. DISKRET-KONTINUIERLICHE SYSTEME
Springender Ball als hybrider
165
Automat
Zustände:
Höhe z, Geschwindigkeit
Parameter:
Radius r, Rückschnellkoe
Konstanten: Erbeschleun
Abbildung 6.15: Springender Ball
Dynamik und Anfangswerte
Guard
z& = v z , z ( 0 ) = z 0 > r
diskreter Zustand z≤r a
oder Mode
v& z = − g , v z ( 0 ) = v z , 0
Symbol Hybride Kante 1
aktives 1
Bei Berührung des Bodens gilt F1 ( x, x) = 0
dynamisches &
F1(x, x, u+,T ) = 0
v (t ) = − c ⋅ v (t − )
a
x(t ) ∈ {x | z ≥ r}
Modell x(tz) ∈{ x | T ≤ Tg } Guard z Jump
T ≥ Tg x(t ) = x(t − )
+
Ein abstraktes Beispiel eines komplexeren hybriden Automaten ist als Graph in Abbil-
dung 6.17 gezeigt. Deutlich ist die Ähnlichkeit zum endlichen Automaten zu erkennen.
Wiederum sind alle Zustände als Knoten zu erkennen und die Transitionen dazwi-
schen erfolgen durch gerichtete Kanten. Diese und die Zustände selber sind allerdings
um funktionale Elemente für die Definition unterschiedlicher dynamischer Gleichungen
und deren Variablen erweitert.
166 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Hybrider Automat
Guard
3
Jump g
e F3 (x, x , u) 0
4 Guard
x(t ) Inv(3) Jump
F4 (x, x , u) 0
x(t ) Inv(4) Guard
Jump Jump
f
a Guard c
b Guard Jump
Guard 2
Jump
1 F2 (x, x , u) 0
F1 (x, x , u) 0 x(t ) Inv(2)
x(t ) Inv(1) Guard d Jump
z.B. x(t ) 0 z.B. x : 0
Simulationstechnik SS 2009
Name der V21
Präsentation, 20.03.2008 0
Mit diesem Formalismus des hybriden Automaten soll nun das eingangs gegebene Bei-
spiel des springenden Balls modelliert werden. Die Zustandsgrößen sind die Höhe z(t)
und die Geschwindigkeit vz (t). An Parametern gehen der Radius des Balls r, der Rück-
schnellkoeffizient c und die konstante Erdbeschleunigung g ein. Die Dynamik und An-
fangswerte der kontinuierlichen Flugbahn des Balls ergeben sich dann wie folgt:
ż(t) = vz (t)
z(0) = z0 > r
v˙z (t) = −g
vz (0) = vz,0
Guard
zr
1
a
F1 (x, x ) 0
x(t ) x | z r
Jump
v z (t ) c v z (t )
Abbildung 6.18: Springender Ball als hybrider Automat mit x(t) = [z(t), vz (t)]T
sehen müssen zum Zeitpunkt des Umschaltens die Integration angehalten, die ent-
sprechenden Gleichungen aktiviert, die Variablen zugewiesen und die Integration neu
gestartet werden. Allgemein gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Vorgang numerisch zu
implementieren.
Die erste Variante verfolgt den in der Praxis häufig verwendeten Ansatz der Glättung.
Dadurch wird versucht, die Unstetigkeit durch mathematische Funktionen abzubilden
und so das diskontinuierliche Systemverhalten in ein kontinuierliches umzuwandeln. Da-
zu bieten sich Funktionen wie arctan oder tanh an. Diese Lösung ist aber im Einzelfall
immer genau darauf zu prüfen, ob und wenn ja mit welchem Fehler sie das Verhal-
ten abbildet. Als weiterer Aspekt ist zu bemerken, dass durch diese Transformation
ein erheblicher Informationsverlust auftritt, so dass die Mühen der Modellierung als
diskret-kontinuierliches System zum Teil wieder zunichte gemacht werden. Ein geglät-
tetes System kann jedoch meist einfach mit bestehenden numerischen Lösern berechnet
werden.
Die genauere aber auch numerisch aufwendigere Variante ist die Überwachung des Um-
schaltzeitpunktes. Dazu werden sogenannte Schaltfunktionen ϕ(t) = (ẋ(t), x(t), u(t), t)
definiert, die auf einen Nulldurchgang überwacht werden. Tritt die Umschaltung ein,
muss die Integration angehalten, und mit neu initialisierten Variablen wieder gestartet
werden. Dies entspricht damit der Funktionalität des hybriden Automaten.
Allerdings erlaubt bisher kein bedeutendes Softwarepaket die direkte Codierung hybri-
der Automaten. So muss auch in Modelica mit Hilfskonstruktionen wie if-then-else
oder when-then gearbeitet werden. Eine elegante Methode ist dabei die Verwendung
des Befehls reinit, wodurch in einer when-Anweisung Systemvariablen neu initialisiert
werden können. Ein Code-Beispiel für die Implementierung des springenden Balls in
Modelica ist im Anhang A.4 aufgeführt.
In diesem Abschnitt ist die Klasse der diskret-kontinuierlichen Systeme behandelt
168 KAPITEL 6. SYSTEME MIT DISKRETEM VERHALTEN
Abel, D. (1990). Petri-Netze für Ingenieure. Modellbildung und Analyse diskret gesteu-
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Bahill, A.T. und B. Gissing (1998). Re-evaluating systems engineering concepts using
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tems. D. Riedel. Dordrecht.
David, R. und H. Alla (2005). Discrete, Continuous, and Hybrid Petri Nets. Springer.
6.5. DISKRET-KONTINUIERLICHE SYSTEME 169
DIN 60617-2 bis -11: Graphische Symbole für Schaltplän (1996). Beuth Verlag.
Gigch, J.P. van (1991). System Design Modeling and Metamodeling. Springer. New
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VDI-Richtlinie 3633 Blatt 1 (2000). Simulation von Logistik-, Materialfluss- und Pro-
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Band 8. Gründruck, Beuth, Berlin.
Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
Press. London.
Kapitel 7
Ziel der Modellierung im Maschinenbau ist die Beschreibung eines technischen Systems
mit Hilfe von mathematischen Konzepten. Die Verhaltensbeschreibung besteht grob
gesehen aus zwei Konzepten, den Systemgrößen und den mathematischen Gleichungen,
die diese Größen in Beziehung zueinander setzen. Ein „einfaches“ System kann durch
wenige Systemgrößen beschrieben werden, sowie durch einfache Gleichungen, die leicht
durch das Aufschreiben physikalisch-technischer Gesetzmäßigkeiten formuliert werden
können.
Reale technische Systeme sind jedoch meistens komplex: Ihr Verhalten wird nämlich
durch viele verschiedene Systemgrößen gekennzeichnet, deren Beziehung zueinander
vielfältig und komplex ist. Selbst wenn oft im Prinzip klar ist, welche physikalisch-
technischen Gesetze maßgeblich für das beobachtbare Verhalten des Systems verant-
wortlich sind, stellt das Ausformulieren dieser Gesetze in Form eines mathematischen
Modells oftmals eine erhebliche Herausforderung dar. Im Entwicklungsprozess für tech-
nische Systeme kommt der Modellierung eine wachsende Bedeutung zu, die sich auch
in Kosten und Zeitaufwand niederschlägt. Daher ist es wichtig, dass bei der Modellie-
rung systematisch vorgegangen wird, um die Modelle auf eine Weise zu formulieren,
die sowohl den Entwicklungsprozess als auch die spätere Wiederverwendung der Model-
le erleichtert. Für Unerfahrene mag manchmal der Eindruck entstehen, Modellierung
sei ein intransparenter Arbeitsprozess, der weitgehend auf Intuition und Erfahrung
beruht und nur für wenige „Genies“ erlernbar ist. Dieser Eindruck ist jedoch falsch,
denn es existieren systematische Vorgehensweisen, die generische und erlernbare Pro-
blemlösungsmethoden verwenden, und durch überprüfbare Zwischenschritte auch ohne
genialische Begabung zu einem definierten Ergebnis führt.
171
172 KAPITEL 7. MODELLIERUNG STRUKTURIERTER SYSTEME
Abb. 7.1 stellt dar, was im Folgenden mit „Modellierungsprozess“ gemeint ist: Es be-
zeichnet diejenigen Schritte des Simulationsablaufs, die ausgehend vom grundlegenden
Verständnis eines Systems (Funktion, Kausalitäten, physikalische Prinzipien usw.) zu
einem mathematischen Modell des Systems führen. Das umfasst sowohl die gedankliche
Strukturierung des Systems in Teilsysteme mit definierter Funktion und Wechselwir-
kungen untereinander – was in der Vorlesung dem Schritt „Problem verstehen“ zuge-
ordnet ist – als auch die eigentliche „mathematische“ Modellierung, d.h. die Herleitung
eines mathematischen Modells des Systems.
Eine Vorbedingung für das Aufstellen der Modellgleichungen eines Systems ist die
Strukturierung des zu modellierenden Systems. Damit ist die gedankliche Zerlegung
des Systems auf dem Weg der Dekomposition in geeignete Teilsysteme mit definier-
ter Funktion gemeint (s. Abb. 7.2). Die Modellierung im mathematischen Sinn, also
die Ausformulierung von Modellgleichungen, beginnt mit der Formulierung von Mo-
„Der Modellierungsprozess“
Qualitatives mathematisches
Verständnis Modell des
des Systems Systems
System- mathematische
Strukturierung struktur Modellierung
Eingang Ausgang
System
Dekomposition (Strukturierung)
Aggregation
Teilsystem
elementares
System
Die Festlegung, was genau unter elementaren Teilsystemen zu verstehen ist, kann durch-
aus von der Problemstellung und dem Modellierungszweck abhängen, wie im nachfol-
genden Beispiel erläutert wird:
Beispiel 7.1 (Kondensator als elementares Teilsystem). Als Beispiel für ein elemen-
tares Teilsystem wollen wir an dieser Stelle einen Kondensator als elektrisches Bau-
element in einem Schaltkreis betrachten. Selbstverständlich könnte ein Kondensator
als aggregiertes Teilsystem betrachtet werden, welches aus zwei Elektrodenplatten und
einem dazwischen liegenden Dielektrikum aufgebaut ist. Allerdings ist dies für eine
modellmäßige Beschreibung des integralen dynamischen Verhaltens eines Kondensa-
tors (d.h. der Beschreibung von Stromfluss und Spannung zwischen den Klemmen des
Bauteils) nicht notwendig und würde somit lediglich den Aufwand der Modellierung
erhöhen.
Die Festlegung der elementaren Teilsysteme ist aber durchaus von der Problemstellung
und dem Modellierungszweck abhängig. Stellen Sie sich vor Sie möchten ein Modell ei-
nes Kondensators erstellen, um in einem Entwicklungsprozess für einen neuen Konden-
satortyp die optimalen geometrischen Abmaße für die Elektrodenplatten zu ermitteln.
Hier kann die Betrachtung eines Kondensators als aggregiertes Teilsystem durchaus
zweckmäßig sein.
Beispiel 7.2 (Strukturierung einer Brunnenkaskade). Abb. 7.3 zeigt als Beispiel die
Zerlegung der mehrstufigen Brunnenkaskade aus Kap. 2.2.1 in elementare Teilsys-
teme. Als elementare Teilsysteme bieten sich hier diejenigen abgegrenzten Teile des
7.1. STRUKTURIERUNG ALS TEIL DES MODELLIERUNGSPROZESSES 175
Teilsystem „Brunnen 1“
Teilsystem „Rohr“
m zu m ab
Zulauf qein,1
Br.-Kaskade
s2 qaus,2
h2
= qein,3
Brunnen 2
h3 s3
qaus,3 Ablauf
Brunnen 3 Br.-Kaskade
System „Brunnenkaskade“
Wasserstrom
Abbildung 7.3: Beispiel für die Zerlegung eines Systems in Teilsysteme, die durch den
Zu- und Abfluss von Wasser untereinander in Wechselwirkung stehen.
In den folgenden Kapiteln werden Konzepte vorgestellt, die bei der Strukturierung
hilfreich sind. Diese Konzepte erleichtern bei konsequenter Anwendung insbesondere
die systematische Ableitung von Modellgleichungen für Teilsysteme und deren Ver-
kopplung zu größeren Modellen. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Funktionsweise des
zu modellierenden Systems bereits bekannt ist. Ebenso sollte bereits klar sein, was
für physikalische Modellgleichungen zur Beschreibung dieser Funktion bzw. Funktio-
176 KAPITEL 7. MODELLIERUNG STRUKTURIERTER SYSTEME
nen grundsätzlich herangezogen werden sollen (ohne dass diese bereits im Einzelnen
ausformuliert wären).
Teilsystem
Verknüpfungs-
Speichersystem
system
Speichersysteme sind Speicher für Materie, Energie, Impuls oder andere extensive Grö-
ßen. Sie sind durch Zustandsgrößen gekennzeichnet, welche das Verhalten der Speicher
wiedergeben, und Bilanzgleichungen, die die Zu- und Abnahme der Speicher beschrei-
ben. Verknüpfungssysteme hingegen sind speicherlos, d.h. sie beschreiben lediglich die
Übertragung von extensiven Flussgrößen zwischen Speichersystemen, können aber sel-
ber keine Materie, Energie, Impuls usw. speichern. Sie weisen keine Zustandsgrößen
auf, haben aber Modellgleichungen, die den Zu- und Abfluss von extensiven Größen
beschreiben.
Aus mathematischer Sicht sind Speichersysteme solche Systeme, deren Modellgleichun-
gen Differentialgleichungen enthalten (die Zustandsgleichungen eines Zustandsraum-
systems), während Verknüpfungssysteme keine Differentialgleichungen enthalten, da
sie keine Speicher haben.
wissen bereits, dass die Füllstände nur vom Beckeninhalt abhängen, dessen Änderung
wiederum durch Zu- und Abfluss von Wasser bestimmt wird. Aus diesem Sachverhalt
schließen wir, dass es in allen Teilsysteme der Brunnenkaskade nur eine Art von ex-
tensive Größe, die zu- und abfließen oder gespeichert werden kann, geben soll, nämlich
Masse von Wasser.
Im vorigen Beispiel wurden Brunnenbecken und Rohrleitungen als elementare Teilsys-
teme des Brunnenkaskade-Systems identifiziert. Wir wissen, dass die Becken Wasser
aufnehmen und auch speichern können. Die Becken sind also Speichersysteme. Über die
Funktionsweise der Rohre hingegen haben wir noch keine Festlegung getroffen. Sind sie
Speicher- oder Verknüpfungssysteme? Dazu ist mehr Kenntnis über die Größe der Rohre
erforderlich. Sind sie im Verhältnis zu den Becken sehr klein, dann kann ihre Speicher-
fähigkeit für Wasser vernachlässigt werden, und sie sind als Verknüpfungssysteme ohne
eigenen Speicher zu beschreiben. Sind sie hingegen so groß, dass ihre Speicherfähigkeit
im Vergleich zu den Brunnenbecken nicht vernachlässigt werden kann, müssen sie als
Speichersysteme beschrieben werden.
Im Folgenden gehen wir davon aus, dass die Rohre keine (bzw. vernachlässigbar klei-
ne) Wassermengen speichern können. Sie sind Verknüpfungssysteme. Ihr Verhalten ist
dadurch definiert, dass in ein Rohr zu jedem Zeitpunkt genau so viel Wasser ein- wie
ausströmt.
Gruppen von Schnittgrößen, die gemeinsam eine bestimmte Möglichkeit der Wechsel-
wirkung des Systems mit der Umgebung beschreiben, werden als Schnittstellen be-
zeichnet. Ein Teilsystem kann mehrere Schnittstellen haben. Schnittstellen sind bei
komplexen Modellen hilfreich, bei denen ein System mehrere Wechselwirkungen mit
der Umgebung eingehen kann, und jede der Wechselwirkungen durch mehr als eine
Variable beschrieben werden kann.
Beispiel 7.4 (Mathematische Modellierung und Aggregation des Systems „Brunnen-
kaskade“). Wir greifen ein weiteres Mal das Beispiel der Brunnenkaskade auf. In den
vorigen Beispielen wurde das System in Speicher- und Verknüpfungssysteme zerlegt,
und die Zu- und Ablaufvolumenströme von Wasser als Schnittgrößen definiert.
Im Folgenden sollen jetzt die Modelle der elementaren Teilsysteme hergeleitet werden.
Für jedes Teilsystem sollen Schnittgrößen (Zu- und Ablaufvolumenströme) definiert
und in die Gleichungen eingebaut werden. Anschließend sollen die Teilmodelle zum
Gesamtmodell der Brunnenkaskade aggregiert werden.
Nach Bsp. 2.2 sind die Modellgleichungen für ein einzelnes Brunnenbecken
dh 1
ẋ(t) = = (qein (t) + qaus (t)) , x(t0 ) = h(t0 ) = h0 , (7.1a)
dtt A
(7.1b)
p
qaus (t) = −s 2gh(t)
mit x(t) = [h(t)] als Zustandsgrößen, z(t) = ∅ als algebraische Variablen und p =
[A, s]T als Parameter des Teilsystems. Darüber hinaus führen wir hier den Vektor der
Schnittgrößen als s(t) = [qein,B (t), qaus,B (t)] ein.
Achtung: Um die Schnittgrößen in allen Teilsystemen einheitlich zu definieren, sind
sie hier (anders als in Kap. 3) formal alle positiv, d.h. als ins System hinein fließend
angenommen! Sowohl qein,B als auch qaus,B gehen positiv in Gl. (7.1a) ein. Wir wissen
aber, dass der Ablaufvolumenstrom aus dem System hinaus tritt. Daher ist qaus,B in
Gl. (7.1a) als kleiner Null definiert. Warum wir dies tun, wird später klar.
Eine Rohrleitung ist ein Verknüpfungssystem, in das zu jedem Zeitpunkt genau so viel
Wasser ein- wie austritt. Die Modellgleichung lautet
mit x = ∅ , z = ∅ , s(t) = [qein,R (t), qaus,R (t)] und p = ∅. Auch hier sind qein,R (t) und
qaus,R (t) formal als positiv definiert, obwohl wir wissen (und aus Gl. (7.2a) schließen
können), dass eine der beiden größer und eine kleiner Null sein muss.
Damit ist das Aufstellen der mathematischen Modelle für die elementaren Teilsyste-
me abgeschlossen. Es ist hier wichtig festzuhalten, dass die einzelnen Modelle nicht
vollständig bestimmt sind. Das mathematische Modell eines Verbindungsrohres besteht
beispielsweise aus zwei Variablen und nur einer Modellgleichung. Das Modell des Brun-
nenbeckens besteht aus drei Variablen und zwei Gleichungen. Beide Modelle sind für
7.3. SCHNITTGRÖßEN UND SCHNITTSTELLEN 179
sich alleine genommen unterbestimmt, solange wir die Schnittgrößen unbestimmt las-
sen.
Abb. 7.5 stellt die zwei Modellbausteine „Rohrleitung“ und „Brunnen“ schematisch dar.
Da wir über die Schnittgrößen s noch keine Annahmen getroffen haben, sind sie hier
alle als in die Teilsysteme eintretende Ströme (Pfeilspitzen nach innen) dargestellt.
Aus Abb. 7.3 können wir entnehmen, wie die Modellbausteine „Brunnen“ und „Rohr-
leitung“ zum Gesamt-Modell der Brunnenkaskade aggregiert werden: Der Zulauf zur
Brunnenkaskade soll gleich dem in Brunnen 1 eintretenden Strom sein; Der aus Brun-
nen 1 austretende Strom soll gleich dem in Rohr 1 eintretenden Strom sein, der aus
Rohr 1 austretende Strom gleich dem in Brunnen 2 eintretenden Strom, und so wei-
ter. Da wir alle Schnittgrößen als ins jeweilige System eintretend angenommen haben,
lauten die Bedingungen für die Verkopplung zweier Schnittgrößen si und sj und hier:
Für die Schnittgrößen der Teilsysteme Brunnen 1, Brunnen 2, Brunnen 3, Rohr 1, und
Rohr 2:
Es lässt sich leicht überprüfen, dass das Ausformulieren der Modellgleichungen für alle
Teilsysteme zusammen mit den Verkopplungsgleichungen (7.4a)–(7.4f) auf das System-
modell führt, welches bereits in Beispiel 2.2 eingeführt wurde.
Die systematische Vorgehensweise über die Dekomposition des zu modellierenden Sys-
tems und Aggregation der Teilsystem-Modelle lässt sich leicht auch auf komplexere Sys-
teme übertragen.
Spule Widerstand
diL
uL = L u R = R ⋅ iR
dt
des Schaltkreises sind unter anderem einfache Spulen und elektrische Widerstände,
s. Abb. 7.6. Die Modelle eines Widerstandes und einer Spule seien wie folgt definiert:
(
x(t) = ∅ , z(t) = [uR (t), iR (t)] , p = [R] ,
Widerstand: (7.5)
uR (t) = R · iR (t) ,
x(t) = [iL (t)] , z(t) = [uL (t)] , p = [L] ,
Spule: di 1 (7.6)
ẋ(t) = L = uL (t) .
dt t L
Der Widerstand hat keine Speichergrößen, somit ist er ein Verknüpfungssystem. Die
Spule hat eine Speichergröße (den Stromfluss iL (t)), über den die Speicherung von
elektrischer Energie beschrieben wird. Die Spule ist also ein Speichersystem.
Natürlich stehen Spulen und Widerstände in einem Schaltkreis auf irgendeine Weise mit
anderen Bauteilen in Wechselwirkung. Aber es ist zunächst nicht möglich, Eingangs-
größen oder Ausgangsgrößen festzulegen, solange nicht bekannt ist, wie die Bauteile
verschaltet werden sollen. Um eine systematische Aggregation der Spulen und Wider-
stände zu ermöglichen, können wir aber bestimmte Variablen des Spulenmodells und
des Widerstandsmodells zu Schnittgrößen erklären, und sie in geeigneten Schnittstel-
len zusammenfassen.
Abb. 7.7 stellt eine mögliche Auswahl von Schnittgrößen dar. Die beiden Modelle werden
jeweils um Variablen erweitert, die den Stromfluss i und das elektrische Potential v an
den beiden Klemmen der Bauteile beschreiben.2 Zusätzliche Gleichungen definieren den
Zusammenhang zwischen den Schnittgrößen und den Bauteil-Variablen.
Die Modelle von Widerstand und Spule können jetzt formal wie folgt beschrieben wer-
den:
x(t) = ∅ , z(t) = [uR (t), iR (t), i1 (t), i2 (t), v1 (t), v2 (t)]T , p = [R]
s1 (t) = [i1 (t), v1 (t)]T , s2 (t) = [i2 (t), v2 (t)]T
u (t) = R · i (t) ,
R R
Widerstand:
uR (t) = v1 (t) − v2 (t) ,
iR (t) = i1 (t) ,
0 = i1 (t) + i2 (t) .
2
Mehr zu elektrischen Systemen im Kapitel 8.
7.4. POTENTIAL- UND FLUSSVARIABLEN 181
uL uR
iL
iR
diL
Bauteilgleichung: uL = L u R = R ⋅ iR
dt
Einführung von
Schnittgrößen
und Schnittstellen
uL uR
iL
i1 i2 i1 i2
v1 v2 v1 iR v2
diL
Schnittstelle uL = L u R = R ⋅ iR
„Klemme 1“ dt Schnittstelle
uL = v1 − v2 u R = v1 − v2 „Klemme 2“
Verkopplung der iL = i1 i R = i1
Schnittgrößen
0 = i1 + i2 0 = i1 + i2
mit den Bauteil-
Variablen uL und iL
Schnittstelle Schnittstelle
„Klemme 2“ „Klemme 1“
x(t) = [iL (t)] , z(t) = [uL (t), i1 (t), i2 (t), v1 (t), v2 (t)]T , p = [L]
s1 (t) = [i1 (t), v1 (t)]T , s2 (t) = [i2 (t), v2 (t)]T
ẋ(t) = diL = 1 u (t) .
L
Spule: dt t L
uL (t) = v1 (t) − v2 (t) ,
iL (t) = i1 (t) ,
0 = i1 (t) + i2 (t) .
Jedes der beiden Modelle ist um algebraische Variablen i1 (t), i2 (t), v1 (t) und v2 (t) er-
gänzt worden. Die Vektoren s1 (t) und s2 (t) definieren jeweils die Gruppen von Schnitt-
größen, die zu einer Schnittstelle zusammengefasst werden.
Aus Erfahrung weiß man, dass viele Arten von Wechselwirkungen zwischen physikali-
schen Systemen durch formal (mathematisch) sehr ähnliche Beziehungen beschrieben
werden. Die Gleichungen, die eine Verbindung von zwei mechanischen Bauteilen durch
182 KAPITEL 7. MODELLIERUNG STRUKTURIERTER SYSTEME
F1 (t) + F2 (t) = 0,
r1 (t) = r2 (t),
sind beispielsweise formal identisch mit den Gleichungen, die die Verknüpfung von
elektrischen Bauteilen durch einen widerstandslosen Leiter beschreiben:
i1 (t) + i2 (t) = 0
v1 (t) = v2 (t) .
Die Vektoren F1 (t) und F2 (t) der Schnittkräfte addieren sich (bei einheitlicher Wahl
der Wirkrichtungen) an der Schnittstelle zu Null, und die Ortsvektoren r1 (t) und r2 (t)
der Schnittufer sind einander identisch. Gleiche Gesetze gelten für die Stromflüsse i(t),
die sich an einem Knotenpunkt zu Null addieren (Knotenregel), und für die elektrischen
Potentiale v(t), die an einem Knotenpunkt identisch sind. Für die Variablen, die sich
zu Null addieren, haben sich in vielen Bereichen der Physik und der Simulationstechnik
die Bezeichnungen Flussgrößen oder Through-Variablen etabliert. Die Variablen, die
einander identisch sind, werden als Potentialgrößen oder Across-Variablen bezeichnet.
Tabelle 7.1 listet einige dieser Möglichkeiten auf.
Beispiel 7.6. Auch das Verknüpfungsgesetz eines widerstandslosen Leiters kann for-
mell als Verkopplung von Potential- und Flussvariablen beschrieben werden. In Mo-
dellierungssprachen, die das Potential-Fluss-Konzept unterstützen, brauchen die Glei-
chungen dieses Verknüpfungssystems daher nicht explizit aufgeschrieben werden, son-
dern können aus der Spezifikation „Verkopple die folgenden Schnittstellen: s1 , s2 usw.“
automatisch erstellt werden.
7.4. POTENTIAL- UND FLUSSVARIABLEN 183
Für viele Bereiche der Technik kann das Konzept der Potential- und Flussvariablen
genutzt werden, um Teilsysteme auf einfache Art und Weise zu aggregieren. In Mo-
dellierungssprachen, die das Potential-Fluss-Konzept unterstützen, werden die nahezu
trivialen Modellgleichungen von bestimmten Verknüpfungssystemen mit den Kopp-
lungsbedingungen zusammengefasst. Dabei werden Fluss- und Potentialvariablen bei
der Verbindung von Schnittstellen entsprechend den in Tabelle 7.1 dargestellten ele-
mentaren Verknüpfungsgleichungen unterschiedlich behandelt.
Es ist aber auch leicht einzusehen, dass viele Arten von Wechselwirkungen komplexerer
Natur sind, und nicht als Varianten dieser einfachen Wechselwirkungen interpretiert
werden können. Als Beispiel sei die folgende Verknüpfungsgleichung genannt:
bei der ϕ1 (t) und ϕ2 (t) Flussgrößen und π1 (t) und π2 (t) Potentialgrößen von zwei
Teilmodellen sind. Viele physikalische Gesetzmäßigkeiten lassen sich in dieser Form
schreiben, beispielsweise Wärme- oder Stoffübertragung zwischen zwei konzentrierten
Systemen, oder auch die Verknüpfung von zwei Punktmassen durch eine elastische
Feder (mit π(t) als Position der beiden Punktmassen und ϕ(t) als auf die Punktmas-
sen wirkenden Kräften). Gleichungen (7.7a)–(7.7b) lassen sich nicht als Variante der
elementaren Verknüpfungsgleichungen aus Tab. 7.1 schreiben, sondern ist nach der in
diesem Kapitel beschriebenen Vorgehensweise als eigenes Teilsystem (Verknüpfungs-
system) zu modellieren.
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Kapitel 8
Nach der grundlegenden Theorie der vorhergehenden Kapitel soll nun die Anwendung
von Modellierung und Simulation behandelt werden. Unser Ziel ist es, durch syste-
matisches Modellieren und Simulieren ein tieferes Verständnis der realen Systeme zu
erlangen. In diesem und den nächsten Kapiteln wird dazu der Ablauf von Modellierung
und Simulation anhand von Beispielen durchlaufen werden. Dabei sollen die fachspezifi-
schen Besonderheiten der Bereiche Elektrotechnik, Mechanik und Thermodynamik für
die Modellierung aufgezeigt werden. Die Darstellung eines gewissen Grades an fachspe-
zifischer Theorie ist dabei nicht zu umgehen. Gerade dies bietet aber die Möglichkeit,
Aspekte der Modellierung und Simulation an bekannten Themen konsistent und über-
greifend kennen zu lernen und zu verstehen.
Dieses Kapitel wendet sich elektrischen Systemen zu. Es soll gezeigt werden, wie durch
eine systematische Herangehensweise die Funktion elektrischer Systeme ermittelt und
zur Simulation und Analyse abgebildet werden kann.
187
188 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
Reales Gerät
Teilsystem
Prinzipbild
Ersatzschaltbild
u (t ) y (t )
System der x (t )
elektrischen Schaltung x0 , p
Abbildung 8.1: Abstraktion vom elektrischen Gerät zum Modell. Über ein Prinzipbild
zur Klärung der Funktion wird ein Schaltbild erstellt. Ein darauf basierendes Modell
zeigt bei richtiger Abstraktion (fast) das gleiche Verhalten wie das reale Teil- oder
Gesamtsystem.
Ergebnis einer strukturierten Zerlegung erhalten wir ein Prinzip- oder Strukturbild, in
dem die Aufteilung des Systems und die Wechselwirkungen der Teilsysteme festgehal-
ten sind. Das Strukturbild stellt dar,
Abb. 8.2 zeigt ein Beispiel eines Strukturbildes. Das Strukturbild zeigt vier Teilsysteme
(A, B, C und D) und deren Wechselwirkungen (A mit B, B mit C, B mit D, C mit D).
Je nach Komplexität der Teilsysteme werden diese wiederum in kleinere Bestandtei-
le mit definierten Wechselwirkungen zerlegt. Wir beenden diese Zerlegung, wenn wir
bei Teilsystemen angelangt sind, deren Beschreibung durch Modellgleichungen wir uns
zutrauen.
Wenn klar ist, welche physikalischen Wechselwirkungen in diesem System relevant sind,
bietet es sich an dieser Stelle an, sich auf eine einheitliche Beschreibung dieser Wech-
selwirkungen fest zu legen. Dazu führen wir Schnittgrößen ein, die typischerweise (wie
in Kap. 7 erläutert) in Fluss- und Potenzialgrößen unterteilt werden können.
8.1. STRUKTURIERUNG KOMPLEXER ELEKTRISCHER SYSTEME 189
Gesamtsystem
Phys. Wechselwirkung
(z.B. elektrischer Leiter, Induktion…)
Funktionales Teilsystem
A
B
D
C
Funktionales Teilsystem D
(Ersatzschaltbild)
Abbildung 8.2: Beispiel eines Prinzip- bzw. Strukturbildes. Für Teilsystem D ist bereits
ein Ersatzschaltbild erstellt worden.
Beispiel 8.1 (RFID-Technik). Abbildung 8.3 zeigt ein RFID-System bestehend aus
einem Lesegerät und einem Transponder. Dieses System soll modelliert werden.
Als RFID-Technik (engl. Radio Frequency Identification) bezeichnet man im weites-
ten Sinn alle Anwendungen, in denen drahtlose Kommunikation im Radiofrequenzband
(3 kHz – 300 GHz) genutzt wird, um Daten über kurze Distanzen zwischen Transpon-
der-Geräten und Lesegeräten auszutauschen. Üblicherweise läuft dabei der Datentrans-
fer nur in eine Richtung ab, d.h. von einem Transponder zu einem Lesegerät. Passive
Transponder beziehen dabei ihren Energiebedarf aus den Funksignalen des Abfragege-
räts, während aktive Transponder über eine eigene Energiequelle verfügen.
In diesem Beispiel handelt es sich um ein System mit einem passiven Transponder.
Dieser verfügt über einen Schalter, durch dessen Stellung ein binäres Datensignal ko-
diert werden kann. Das Datensignal kann vom Lesegerät ausgelesen werden, indem über
ein elektromagnetisches Feld eine Kopplung zwischen den beiden Teilsystemen herge-
stellt wird. (Durch elektromagnetische Induktion sind die Spulenspannungen der beiden
Antennen gekoppelt). Transponder und Lesegerät bilden also zusammen ein Gesamtsys-
tem, in dem die Schalterstellung am Transponder Auswirkung auf das Spannungssignal
am Lesegerät hat.
Für eine Modellierung würde man die Strukturierung wie folgt wählen:
• Das System besteht aus zwei funktionalen Teilsystemen, dem Lesegerät und dem
Transponder.
190 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
Daten
RFID-Lesegerät RFID-Transponder (Schalter-
stellung)
Induktion
Oszillator Antenne Antenne Modulator
Daten
(Spannung) ~ i1, u1 i2, u2
Demodulator
• Die beiden Teilsysteme sind miteinander durch das elektromagnetische Feld ver-
bunden.
dass tatsächlich die elektrische Potenziale einen absoluten Charakter erhalten. Denk-
bar sind aber auch andere Bezugspotenziale. (Hängen elektrische Komponenten an
unterschiedlichen Bezugsmassen, können Probleme wie z.B. Brummgeräusche bei HiFi-
Anlagen, auftreten.)
In elektrischen Schaltplänen wird im Allgemeinen das Erdpotenzial verwendet. Es ist
durch ein kleines Erdungssymbol im Schaltplan gekennzeichnet. Über den so gekenn-
zeichneten Punkt fließt kein Strom ab, weshalb auch keine Spannung darüber abfällt.
Das elektrische Potential dieses Punktes ist per Konvention Null Volt.
8.2.1 Bauteile
Die wichtigsten Bauteile zur Beschreibung passiver elektrischer Schaltkreise sind der
Widerstand, die Spule, der Kondensator und die Strom- oder Spannungsquelle. Alle
diese Bauteile sind zweipolig, d.h. sie haben zwei Anschlüsse (Klemmen), an denen
Strom in das Bauteil hinein- oder aus dem Bauteil heraus fließen kann. Weiterhin haben
sie eine charakteristische Bauteilgleichung, die den mathematischen Zusammenhang
zwischen dem Stromfluss i(t) durch das Bauteil und der elektrischen Spannung u(t),
die über dem Bauteil abfällt beschreiben.
Abb. 8.4 zeigt ein allgemeines Zweipol-Bauteil. Die elektrische Spannung ist gleichbe-
deutend mit der Differenz des elektrischen Potenzials der beiden Klemmen:
und der in das Bauteil hinein fließende Strom ist mit dem Strom an Klemme 1 iden-
tisch1 :
Tab. 8.2.1 stellt die Bauteile mit Symbolen und ihren charakteristischen Gleichungen
dar. Der Strom, der durch einen Ohm’schen Widerstand fließt, ist direkt proportional
zur anliegenden Spannung und wird durch das Ohm’sche Gesetz u = Ri mit R als
Widerstandswert (Einheit: Ohm) beschrieben. Kondensatoren und Spulen sind dage-
gen Energiespeicher, ihre Modellierung erfordert daher eine Differentialgleichung. Beim
Kondensator wird elektrische Ladung im elektrischen Feld gespeichert. Die Änderung
der Spannung u, ist proportional zum zufließenden (Lade-)Strom, mit der Kapazität C
(Einheit: Farad, F) als Proportionalitätskonstante. Bei einer Spule wird die Energie da-
gegen im magnetischen Feld gespeichert. Diese wird durch den fließenden Spulenstrom
1
Bei Strom- und Spannungsquellen werden Strom und Spannung üblicherweise (abweichend von
dem hier dargestellten allgemeinen Zweipol, der einen Verbraucher darstellt) entgegengesetzt definiert.
Diese Konvention stammt aus der Gleichstromtechnik, und hat den Nutzen, dass Strom und Spannung
an allen Bauteilen, also auch den Quellen, das gleiche Vorzeichen haben.
192 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
i1 0 = f (u,i) i2
v1 i v2
i hervorgerufen. Die Änderung des Spulenstroms i ist dabei proportional zur Spannung
u, mit der Induktivität L (Einheit: Henry, H) als Proportionalitätskonstante.
Weitere Bauteile sind Strom- oder Spannungsquellen. Ihre Bauteilgleichungen bestim-
men in der einfachsten Form lediglich den Quellenstrom oder die Quellenspannung. Der
Strom an der Spannungsquelle bzw. die Spannung an der Stromquelle sind durch das
Bauteil selber nicht bestimmt, sondern ergeben sich aus der Verschaltung des Systems.
Die aufgeführten Bauteilmodelle sind alle linear in Strom und Spannung, und stellen
idealisierte Bauteile dar. In der Realität sind vielfältige Abweichungen von diesen ein-
fachen Modellen möglich. So können Widerstände beispielsweise temperaturabhängi-
ge Widerstände und Spannungsquellen komplexe Strom-Spannungs-Kennlinien haben.
Solche nichtlinearen Bauteile müssen im Einzelfall durch eigene Modelle beschrieben
i
Stromquelle i(t) = i0
u
Spannungsquelle u(t) = u0
Tabelle 8.1: Einfache zweipolige elektrische Bauteile und ihre Gleichungen. Die Symbole
für die einzelnen Bauteile sind durch DIN 60617 definiert.
8.2. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER TEILSYSTEME 193
werden. Mehrpolige und nichtlineare Bauelemente wie z.B. Dioden oder Transistoren
werden hier jedoch nicht betrachtet.
8.2.2 Netzwerke
Die elektrischen Bauelemente in einem Schaltkreis bilden ein Netzwerk, welches mathe-
matisch durch sogenannte Netzwerkgleichungen repräsentiert wird. Um diese aufzustel-
len, wird zuerst die Richtung von Strom und Spannung an jedem Bauteil angetragen.
Die Wahl der Richtung ist grundsätzlich beliebig, allerdings sollten Strom- und Span-
nung gemäß der Darstellung in Tabelle 8.2.1 gewählt werden, da die Bauteilgleichungen
aus der Tabelle sonst falsch sind.
Die Netzwerkgleichungen werden nun systematisch für Knoten und Maschen des Netz-
werks aufgestellt. Knoten sind Verzweigungen zwischen Bauteilen und besitzen min-
destens drei Verbindungen zu anderen Bauteilen. Die Anzahl der Knoten ist n. Die
Verbindungen zwischen zwei Knoten werden Zweige genannt. Die Anzahl der Zweige
ist z. Maschen sind die Menge von Zweigen in einer geschlossenen Schleife, die keine
weitere Schleife enthält. Dies ist unabhängig davon, ob auf diesem Weg weitere Knoten
liegen. Die Anzahl der Maschen ist m. Die Knoten, Zweige und Maschen müssen nun
im Netzwerk identifiziert werden.
Wir führen für jeden Zweig eine Variable für den Strom ein, die für jedes Bauteil im
Zweig die selbe ist. Wir führen für jedes Bauteil eine Variable für die Spannung ein.
Danach müssen Gleichungen für die interessierenden Variablen Strom und Spannung
an den Knoten und Maschen des Netzwerks gefunden werden. Dazu werden die Kirch-
hoff’schen Gesetze verwendet:
1. Kirchhoff ’sches Gesetz (Knotenregel): Die Summe aller Ströme in einen Kno-
ten hinein ist gleich null: X
i(t) = 0 . (8.4)
Die Modellierung eines Schaltkreises erfolgt nun durch die Anwendung dieser beiden
Gesetze auf den Stromkreis, oder genauer auf (n − 1) Knoten und z − (n − 1) Maschen.
Die übrigen Maschen- und Knotengleichungen sind linear abhängige Gleichungen. Für
die Masche werden die vorher aufgetragenen Spannungen je nach Pfeilrichtung addiert
oder subtrahiert. Am Knoten werden ebenfalls entsprechend der definierten Strompfeile
die einfließenden Ströme addiert und abfließende subtrahiert. Insgesamt bekommt man
194 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
iT1 iT3
R2
i T2
L2 uR2
C2 uRL RL
uL1 uC2
α
β
uR T
also z Gleichungen für Knoten und Maschen. Dazu kommen die Bauteilgleichungen.
Insgesamt ergeben sich Freiheitsgrade für Spannungs- und Stromquellen, nicht aber für
Widerstand, Kapazität und Spule.
Das Ersatzschaltbild besteht aus fünf Bauteilen: Zwei Widerstände R2 und RL , eine
Kapazität C2 , eine Induktivität L2 und eine Spannungsquelle. Die Spannungsquelle steht
für die Antenne des Transponders, in der durch das vom Lesegerät erzeugte Feld eine
Spannung uR→T induziert wird. Da diese Spannung durch das Lesegerät vorgegeben ist,
behandeln wir sie hier wie eine Eingangsgröße.
Im Schaltkreis (Abbildung 8.5) ergeben sich insgesamt ein Knoten und zwei Maschen
(α und β). Die Anwendung der Kirchhoff ’schen Gesetze ergibt:
8.3. AGGREGATION ZUM MODELL DES GESAMTSYSTEMS 195
Als Variablen erhält man die 3 Ströme iT 1 (t), iT 2 (t), iT 3 (t) und die 4 Spannungen
uL1 (t), uR2 (t), uC2 (t) und uRL (t). Dem stehen die 4 Bauteilgleichungen (8.6) und die
3 Netzwerkgleichungen (8.7) gegenüber. Zusätzlich kommt die Eingangsgröße uR→T (t)
hinzu. Folglich treten genauso viele unbekannte Variablen wie Gleichungen auf, so dass
das Gleichungssystem lösbar ist. Damit wurde ein Gleichungssystem aufgestellt, welches
das Teilsystem vollständig beschreibt.
Für eine weitergehende Analyse soll nun im nächsten Abschnitt die Umwandlung des
sich bei der Modellierung ergebenden linearen DA-Systems in die lineare Zustandsdar-
stellung gezeigt werden.
Sind die Teilsysteme alle beschrieben, können die Teilsystem-Modelle Schritt für Schritt
zum Modell des Gesamtsystems zusammengeführt werden. Dazu sind die Wechsel-
wirkungen zwischen den Teilsystemen, die im Schritt „Strukturierung“ benannt und
aufgezählt wurden, in mathematischer Form aufzuschreiben, und die Schnittgrößen
der Teilsysteme in die sich ergebenden Gleichungen einzusetzen. ZurP Erinnerung sei
hier nochmal auf die Anwendung von Fluss- und Potenzial-Regeln ( i(t) = 0 und
vi (t) = vj (t)) hingewiesen. Sollten des weiteren Eingangs- oder Ausgangsgrößen für
das System vorhanden sein, dann werden diese mit den Schnittgrößen der betreffenden
Teilsysteme gleichgesetzt.
Hier soll das erhaltene Gleichungssystem umgewandelt werden, so dass die theoretische
Analyse des elektrischen Systems möglich wird. Dazu wird an die Ausführungen zur
Überführung in Zustandsdarstellung aus Kapitel 5 angeknüpft und auf ein Beispiel
zurückgegriffen.
Die identifizierbaren Zustandsgrößen sind iT 1 (t) und uC2 (t). Es ergeben sich ausgehend
196 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
Zusätzlich gelten die algebraischen Gleichungen (8.7a) bis (8.7c), (8.6a) und (8.6c), die
dafür verwendet werden, die Zustandsgrößen als Funktion der Eingangsgrößen abzu-
bilden. In (8.8) werden die Gleichungen (8.7b) und (8.6a) eingesetzt. In die Gleichung
(8.9) werden die Gleichungen (8.7a), (8.7c) und (8.6c) eingesetzt. Die sich ergebende
lineare Zustandsraumdarstellung ist:
R2 1 1
ẋ1 (t) = · x1 (t) − x2 (t) + u(t) , (8.10a)
L L L
1 1
ẋ2 (t) = x1 (t) − x2 (t) (8.10b)
C RL · C
mit
iT 1 (t)
x(t) = , u(t) = uRT (t) .
uC2 (t)
Damit können die in Kapitel 5 vorgestellten Analysemethoden eingesetzt werden, um
noch vor einer Simulation das Modell auf Lösbarkeit, Ruhelagen und Stabilität zu
untersuchen.
Tabelle 8.2: In der Elektrotechnik gebräuchliche Typen, welche in Modelica mit ent-
sprechenden SI-Einheiten in der Bibliothek vordefiniert sind.
Type SI-Einheit
Voltage Volt [V]
Current Ampere [A]
Resistance Ohm [Ω]
Inductance Henry [H]
Capacitance Farad [F]
Frequency Hertz [Hz]
8.6 Zusammenfassung
In diesem Kapitel ist die Modellierung und Simulation elektrischer Systeme gezeigt
worden. Abb. 8.7 stellt zusammenfassend den Modellierungs- und Simulationsprozess
für elektrische Systeme dar. Die elektrischen Systeme lassen sich durch Zerlegen in
198 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
Model-
System + Problem Ergebn.
lieren & Simulations- Simu- Lösung des
Problem- ver- interpre-
analy- modell lieren Problems
stellung stehen tieren
sieren
Bezugspotential definieren
Von Hand oder durch Simulator:
Kirchhoff’sche Gesetze anwenden, Maschen- und
Knotengleichungen zusammenführen
Modell des Gesamtsystems herleiten
Gerade die einfache grafische Modellierung eines Schaltplanes mit idealisierten Verbin-
dungen verdeutlicht die hohe Abstraktion der elektrischen Verknüpfungssysteme. Bei
den folgenden mechanischen Systemen ist diese Abstraktion schwieriger und es wird
stärker auf die Verknüpfungen eingegangen werden.
Abel, D. (1990). Petri-Netze für Ingenieure. Modellbildung und Analyse diskret gesteu-
erter Systeme. Springer.
Bahill, A.T. und B. Gissing (1998). Re-evaluating systems engineering concepts using
systems thinking. IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics, Part C:
Applications and Reviews 28(4), S. 516 –527.
8.6. ZUSAMMENFASSUNG 199
Brenan, K.E., S.L. Campbell und L.R. Petzold (1996). Numerical Solution of Initial
Value Problems in Differential-Algebraic Equations. SIAM. Philadelphia, PA.
Bunge, M. (1979). Treatise on Basic Philosophy. Vol. 4: Ontology II: A World of Sys-
tems. D. Riedel. Dordrecht.
David, R. und H. Alla (2005). Discrete, Continuous, and Hybrid Petri Nets. Springer.
DIN 60617-2 bis -11: Graphische Symbole für Schaltplän (1996). Beuth Verlag.
Gigch, J.P. van (1991). System Design Modeling and Metamodeling. Springer. New
York.
Jerri, A.J. (1977). The Shannon sampling theorem — its various extensions and app-
lications: A tutorial review. Proc. IEEE 65, S. 1565–1596.
Jongen, H.Th. (2003). Vorlesungsskript zur Höheren Mathematik. Lehrstuhl C für Ma-
thematik, RWTH-Aachen.
Klir, G.J. (1985). Architecture of Systems Problem Solving. Plenum Press. New York.
Minsky, M. (1965). Matter, mind and models. In: Proc. IFIP Congress Information
Processing (W.A. Kalenich, Hrsg.). Vol. 1. New York City, Mai 1965. Spartan
Books. Washington. S. 45–49.
Schlegel, Martin, Wolfgang Marquardt, Rainald Ehrig und Ulrich Nowak (2004). Sen-
sitivity analysis of linearly-implicit differential-algebraic systems by one-step ex-
trapolation. Appl. Numer. Math. 48(1), S. 83–102.
Shannon, C.E. (1998). Communication in the presence of noise. Proc. IEEE (Nach-
druck) 86, S. 447–457.
Shannon, R.E. (1975). Systems Simulation: The Art and Science. Prentice-Hall, Engle-
wood Cliffs, NJ.
8.6. ZUSAMMENFASSUNG 201
Simon, H.A. (1981). The Sciences of the Artificial. 2. Auflage. The MIT Press. Cam-
brige, MA.
VDI-Richtlinie 3633 Blatt 1 (2000). Simulation von Logistik-, Materialfluss- und Pro-
duktionssystemen, Grundlagen. VDI-Handbuch Materialfluss und Fördertechnik,
Band 8. Gründruck, Beuth, Berlin.
Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
Press. London.
202 KAPITEL 8. MODELLIERUNG ELEKTRISCHER SYSTEME
Kapitel 9
In diesem Kapitel betrachten wir mechanische Systeme, welche aus starren Körpern
bestehen, die durch elastische oder starre Kupplungen verbunden sind. Wir erstellen
Simulationsmodelle dieser Systeme, um die Bewegungen (Kinematik) und die dabei
auftretenden Kräfte (Dynamik) zu untersuchen.
Beispiele aus der Anwendung wären ein Roboter, dessen Bewegungsablauf simuliert
werden soll, ein Tragwerk, dessen Belastung unter der Einwirkung dynamischer Kräfte
bestimmt werden soll oder das Fahrwerk eines Autos, dessen Quer- und Längsdynamik
untersucht werden soll.
Abbildung 9.1 fasst die wesentlichen Punkte des Modellierungs- und Simulationspro-
zesses eines (einfachen) mechanischen Systems zusammen: Der erste Schritt umfasst
das Begreifen der Funktionsweise des zu simulierenden Systems und eine Unterteilung
des Systems in sinnvolle, funktional getrennte Teilsysteme, die miteinander in Wech-
selwirkung stehen. Der zweite Schritt ist die Modellierung der Teilsysteme und ihrer
Wechselwirkungen, d.h. das Aufstellen von Modellgleichungen für die Speichersysteme
und Verknüpfungssysteme und das Feststellen von Schnittgrößen. Auch das Aufstellen
der Rand- und Zwangsbedingungen, die notwendig sind um auf ein vollständig spezi-
fiziertes Modell zu kommen, erfolgt in diesem Schritt. Für die Simulation des Modells
schließlich werden die Anfangswerte der Zustände des Modells (d.h. üblicherweise Po-
sitionen und Geschwindigkeiten der Komponenten) und die Umgebungsbedingungen
festgelegt. Schließlich wird das Modell numerisch gelöst.
Die folgenden Abschnitte erläutern die Vorgehensweise bei der Modellierung und Si-
mulation von mechanischen Systemen.
203
204 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Model-
System + Problem Ergebn.
lieren & Simulations- Simu- Lösung des
Problem- ver- interpre-
analy- modell lieren Problems
stellung stehen tieren
sieren
Koordinatensystem wählen
Gleichung für Speichersysteme aufstellen
Gleichungen für Verknüpfungssysteme aufstellen
Rand- und Zwangsbedingungen festlegen (vollständige Spezifikation)
Systeme – in denen vorrangig die Bewegung der Systemteile und die dabei auftretenden
Kräfte von Interesse sind – bedeutet dies, dass zunächst die Funktion des Systems
geklärt und anschließend das System in Teilsysteme unterteilt wird. Die Teilsysteme
sind dabei so zu wählen, dass einerseits jedes Teilsystem für sich unabhängig vom Rest
des Modells verstanden werden kann, andererseits die Schnittgrößen zur Umgebung und
zu anderen Teilsystemen auf möglichst einheitliche und verständliche Weise beschrieben
werden können.
• Zustände: keine;
• Parameter : Geometrie-Parameter.
Abb. 9.2 zeigt ein System aus zwei starren Körpern, und einer Feder, die miteinander
verbunden sind. Die starren Körper stellen hierbei Speichersysteme und die Feder ein
Verknüpfungssystem dar.
Verknüpfungssystem 1
Speichersystem 1 (Feder) Speichersystem 2
(starrer Körper) v3
(starrer Körper)
ey,3
r3
ey,0
ϕ3
ex,0
ω3 ex,3
Welt-Koordinatensystem
Abbildung 9.2: Ein mechanisches System, bestehend aus zwei Speichersystemen und
einem Verknüpfungssystem. Die Bewegung von Speichersystem 2 wird durch die Posi-
tion r3 und die Geschwindigkeit v3 seines Schwerpunktes sowie durch den Drehwinkel
ϕ3 und seine Rotationsgeschwindigkeit ω3 beschrieben.
Jedes Teilsystem wird durch Gleichungen beschrieben. Für starre Körper (Speicher-
systeme) sind dies die Newton’schen Gleichungen, welche die Bewegung des Schwer-
punktes in Abhängigkeit von den auf den Körper wirkenden Kräften beschreiben, sowie
alle zusätzlich erforderlichen Gleichungen, die beispielsweise die Geometrie des Körpers
oder Einschränkungen der freien Bewegung beschreiben.
Verknüpfungssysteme definieren den Zusammenhang zwischen den Schnittgrößen der
verbundenen Speichersysteme: Bei diesen Schnittgrößen kann es sich um Kräfte han-
deln, die durch die Relativbewegung der verknüpften Speichersysteme verursacht wer-
den und auf die Speichersysteme wirken (z.B. Federkräfte, Reibkräfte) oder um Posi-
tionen der Speichersysteme.
206 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
ey
ex
g
Abbildung 9.3: (Bsp. 9.1) Zwei Pendel, mit einer Feder verbunden. g: Erdbeschleuni-
gung, ex , ey Einheitsvektoren des Koordinatensystems.
Schnittgrößen
Beispiel 9.1 (Pendel und Feder — Strukturierung des Systemmodells). Die Bewe-
gung zweier durch eine Feder verbundener Pendel (Abb. 9.3) soll durch ein Modell
beschrieben werden. Die Position der Pendel sei in einem zweidimensionalen kartesi-
schen Welt-Koordinatensystem (KOS) mit Ursprung im Aufhängungspunkt des linken
Pendels zu beschreiben. ex und ey bezeichnen die Einheitsvektoren des KOS, g die
Richtung der Erdbeschleunigung.
In diesem Beispiel ist leicht zu erkennen, dass das Gesamtsystem aus zwei Speichersys-
temen (den Pendeln) sowie einem Verknüpfungssystemen besteht (der Feder), welches
eine Wechselwirkung zwischen diesen beiden beschreibt (die Federkraft, welche auf beide
Körper wirkt). Prinzipiell könnte auch die Feder als massebehaftet beschrieben werden,
damit gäbe es mehr als nur die zwei Speichersysteme. Im Folgenden soll die Feder aber
als masselos betrachtet werden.
Abb. 9.4 zeigt, wie das System in die drei Teilsysteme unterteilt wird. An den Schnitt-
stellen sind Schnittgrößen (Kräfte) einzuführen, die in positiver Koordinatenrichtung
zeigen. Wir stellen uns die Schnittstellen in diesem Beispiel so vor, dass die Feder
kraftschlüssig mit einer Art Drehgelenk an den Pendelmassen befestigt wird, d.h. es
9.1. STRUKTURIERUNG MECHANISCHER SYSTEME 207
Modell „Feder“
Schnittstelle Schnittstelle
Schnittstelle „1“ „2“ Schnittstelle
Abbildung 9.5: (Bsp. 9.1) Abstrahierung der Teilsysteme als Instanzen eines allgemei-
nen Modells „Pendel“ und eines allgemeinen Modells „Feder“, jeweils mit Schnittstellen.
Auch bei der Modellierung mechanischer Systeme wird zunächst eine Vorzeichenkon-
vention für alle Teilsysteme wie in Abb. 9.6 dargestellt eingeführt: Alle Kräfte und
Momente werden in positiver Koordinatenrichtung angenommen.
Zur Beschreibung der mechanischen Systeme ziehen wir im Folgenden die Newton’schen
Gesetze heran. Dies ist zum einen das Kräftegleichgewicht
X
mv̇(t) = F (t) (9.1)
mit
P m als Masse eines Körpers (Skalar), v(t) als seiner Geschwindigkeit (Vektor) und
F (t) als der Summe der am Körper angreifenden Kräfte (Vektor) und zum anderen
das Momentengleichgewicht
X
Θω̇(t) = M (t) (9.2)
208 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Fx1 Speichersystem 2
M1
F‘y1
M‘1
Verknüpfungssystem 1
F‘x1
Abbildung 9.6: (Bsp. 9.1) Vorzeichenkonvention für alle Teilsysteme. Alle Kräfte und
Momente werden in positiver Koordinatenrichtung angenommen.
annehmen. (Hierbei können die einzelnen Größen jeweils Skalare, Vektoren oder Tenso-
ren sein, je nachdem ob eine eindimensionale, zweidimensionale oder dreidimensionale
Bewegung modelliert werden soll.) Die Gleichungen (9.3) und (9.5) sind lediglich De-
finitionsgleichungen für die Geschwindigkeit v(t) und die Rotationsgeschwindigkeit ω,
die notwendig sind, um ein Differentialgleichungssystem 1. Ordnung zu bekommen. Die
Gl. (9.4) und (9.6) entsprechen den Gl. (9.1) und (9.2). Die Kräfte F (t) und Drehmo-
mente M (t) in Gl. (9.4) und (9.6) sind zunächst unbekannte Größen, die durch weitere
Gleichungen aus den Bewegungsgrößen, der Geometrie usw. bestimmt werden müssen.
Verknüpfungssysteme sind masselos, d.h. die Summe der angreifenden Kräfte und Mo-
menten ist gemäß Gl. (9.4) und (9.6) Null. Kräftegleichgewicht und Momentengleich-
9.1. STRUKTURIERUNG MECHANISCHER SYSTEME 209
ey
{x0 , y0}
ex
M
vy g
L cosj L
w Fy
j j
m vx Fx
Fg
L sinj {x , y}
Abbildung 9.7: Skizze der Geometrie (links), der Bewegungsgrößen (Mitte) und der
Kräfte und Momente (rechts) für das allgemeine Pendelmodell.
Für den einfachsten Fall eines Verknüpfungssystems reichen diese beiden Gleichungen
bereits zur Modellierung aus. Komplexere Verknüpfungssystem wie beispielsweise die
Feder in Abb. 9.4 erfordern weitere Gleichungen.
Beispiel 9.2 (Pendel und Feder — Modellierung der Teilsysteme).
Pendel-Modell: Ein Pendel der Länge L und der Masse m sei, wie in Abb. 9.7,
an einem ortsfesten Punkt aufgehängt. Die Position der Pendelmasse im kartesischen
Koordinatensystem {ex , ey } mit Ursprung im Pendelaufhängungspunkt {x0 , y0 } wird
durch die Koordinaten x und y beschrieben.
Die Bewegung des Pendels wird der Einfachheit halber in Polarkoordinaten durch die
Auslenkung aus der Ruhelage ϕ(t) und die Drehgeschwindigkeit ω(t) beschrieben.
Das Momentengleichgewicht (9.2) liefert die Beziehung zwischen dem Drehmoment
M (t) im Aufhängungspunkt und der Drehgeschwindigkeit ω(t) ,
Θω̇(t) = mL2 ω̇(t) = M (t) . (9.9)
Das Drehmoment wird durch die an der Pendelmasse angreifenden externen Kräfte
erzeugt. An der Pendelmasse greifen als externe Kräfte die Gewichtskraft Fg = mg
sowie die Schnittkräfte Fx und Fy an. Wir nehmen sie gemäß Vorzeichenkonvention in
positiver Koordinatenrichtung an:
M = (Fx (t) cos(ϕ(t)))L + (Fy (t) sin(ϕ(t)))L − (mg sin(ϕ(t)))L
(9.10)
= Fx (t)L cos(ϕ(t)) + (Fy (t) − mg)L sin(ϕ(t)) .
210 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Somit ist die Bewegung des Systems vollständig durch die Gl. (9.9) - Gl. (9.15) beschrie-
ben. Zur Berechnung der Lagerkräfte im Aufhängungspunkt könnte noch der Impulssatz
hinzugezogen werden. Darauf soll hier aber verzichtet werden.
Feder-Modell: Die Feder, dargestellt in Abb. 9.8, wird als masselos angenommen
und stellt somit ein Verknüpfungssystem dar. Die Gleichungen des Federmodells müs-
sen also so aufgestellt werden, dass aus gegebenen Positionen der Enden der Fe-
der {x1 (t), y1 (t)} und {x2 (t), y2 (t)}, die Schnittkräfte F1 (t) = [Fx1 (t), Fy1 (t)]T und
F2 (t) = [Fx2 (t), Fy2 (t)]T eindeutig berechnet werden können. Die Feder habe im un-
gestreckten Zustand die Länge L0 . Die Streckung dL(t) (der Feder) sei proportional
zur Belastung der Feder mit einer Proportionalitätskonstante c (Federsteifigkeit). Die
Gesamtlänge sei L mit
L(t) = L0 + dL(t) . (9.16)
Das Kräftegleichgewicht (9.1) liefert die Beziehung zwischen den angreifenden Kräften
für m = 0
X
0= Fx (t) ⇔ 0 = Fx1 (t) + Fx2 (t) , (9.17)
X
0= Fy (t) ⇔ 0 = Fy1 (t) + Fy2 (t) . (9.18)
Es müssen nun weitere Gleichungen zur Berechnung der Schnittkräfte F1 (t) und F2 (t)
aufgestellt werden. Die Vorgehensweise dabei ist wie folgt:
1. Berechnung der geometrischen Größen L(t) und ϕ(t) der Feder aus den Positio-
nen {x1 (t), y1 (t)} und {x2 (t), y2 (t)}
2. Berechnung der Federkraft FC (t) aus der Geometrie und der Federkonstanten
3. Aufstellen des Zusammenhangs zwischen den Schnittkräften F1 (t) und F2 (t) aus
der Federkraft und der Federgeometrie.
9.1. STRUKTURIERUNG MECHANISCHER SYSTEME 211
L ex {x2 , y2}
Fy2 Fc
Fx1
ϕ L sinϕ Fx2
ey
L cosϕ {x1 , y1} Fy1
Abbildung 9.8: Skizze der Geometrie (links), der Positionen (Mitte) und der Kräfte
(rechts) im Federmodell.
(9.19)
p
L(t) = (x2 (t) − x1 (t))2 + (y2 (t) − y1 (t))2 .
Der Winkel ϕ(t) beschreibt die Verdrehung der Feder gegenüber der Waagerechten. Aus
Abb. 9.8 ist erkennbar, dass ϕ(t) aus den Koordinaten der Schnittstellen als
y2 (t) − y1 (t)
tan(ϕ(t)) = (9.20)
x2 (t) − x1 (t)
oder
y2 (t) − y1 (t)
sin(ϕ(t)) = (9.21)
L(t)
bestimmt werden kann. Hier ist Gl. (9.21) besser geeignet, da tan(ϕ) bei ϕ = π/2 nicht
differenzierbar ist, was in einem Simulationsmodell zu Problemen führen kann.
Für den Betrag FC (t) der Federkraft gilt
Die Federkraft stellt die Belastung der Feder durch äußere Kräfte dar. Äußere Kräfte
sind hier die Schnittkräfte Fx1 (t), Fy1 (t), Fx2 (t) und Fy2 (t), die an den beiden Schnitt-
stellen angreifen.
Der Zusammenhang zwischen den Schnittkräften und der Federkraft Fc kann durch
geometrische Anschauung als
hergeleitet werden.
Somit ist das mathematische Modell der Feder vollständig durch die Gl. (9.16)–(9.24)
beschrieben.
212 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Da die Schnittgrößen bei der Modellierung der Teilsysteme zum Teil noch nicht spezi-
fiziert wurden, sind die resultierenden Gleichungssysteme meist unterbestimmt. Durch
Analyse können nun die Freiheitsgrade der Modelle der Teilsysteme sowie des Gesamt-
systems bestimmt und spezifiziert werden.
Im Folgenden soll das Gesamtsystem näher betrachtet werden. Hier werden durch das
Verkoppeln der Schnittgrößen einzelner Teilsysteme weitere Gleichungen spezifiziert.
Die Anzahl der konstruktionsbedingten Freiheitsgrade p sowie die Anzahl der betriebs-
bedingten Freiheitsgrade u und x0 müssen analysiert und die Freiheitsgrade festgelegt
werden.
Beispiel 9.3 (Pendel und Feder: Zusammenfügen der Teilsysteme zu einem Gesamt-
Modell).
Wir zählen nun die differentiellen und algebraischen Gleichungen des Pendelsystems,
sowie die differentiellen Variablen x, die algebraischen Variablen z und die Parameter
p:
ω(t)
ẋP endel (t) = M (t) , (9.28)
mL2
M (t) − Fx (t)L cos(ϕ(t)) − (Fy (t) − mg) sin(ϕ(t))
x(t) − x0 − L sin(ϕ(t))
(9.29)
0=
y(t) − y0 + L sin(ϕ(t)) .
vx (t) − Lω cos(ϕ(t))
vy (t) − Lω sin(ϕ(t))
Das Modell enthält insgesamt neun zeitvariante Größen, wovon zwei den differentiellen
Variablen xP endel und sieben den algebraischen Variablen z zuzuordnen sind. Zudem
enthält das Modell fünf Konstanten pP endel . Es gibt nd = 2 differentielle Gleichungen
sowie na = 5 algebraische Gleichungen.
9.2. GLEICHUNGSSTRUKTUR UND ANALYSE 213
Eine Analyse der Freiheitsgrade des Pendel-Modells ergibt, dass es unterspezifiziert ist:
F GP endel = nd + na − dim(xP endel (t)) − dim(zP endel (t)) = 2 + 5 − 2 − 7 = −2,
(9.30)
d.h. es enthält zwei zeitvariante Variablen mehr als Gleichungen existieren. Falls man
das Pendel einzeln betrachten würde, müsste man zwei der algebraischen Variablen z(t)
als Eingangsgrößen u(t) oder Parameter p festlegen, um ein vollständig spezifiziertes
System zu erhalten.
Das Federmodell enthält keine Differentialgleichungen und keine differentiellen Varia-
blen x(t). Es kann als rein algebraisches Gleichungssystem mit
zF eder (t) = [L(t), dL(t), x1 (t), x2 (t), y1 (t), y2 (t), ϕ(t), (9.31)
T
FC (t), Fx1 (t), Fx2 (t), Fy1 (t), Fy2 (t)] ,
pF eder = [c, L0 ]T , (9.32)
p
L(t) − (x2 (t) − x1 (t))2 + (y2 (t) − y1 (t))2
L(t) − L0 + dL(t)
sin(ϕ(t)) − y2 (t)−y 1 (t)
L(t)
0=
FC (t) − c · dL(t)
(9.33)
F x 1 (t) + F C (t) cos(ϕ)
F y 1 (t) + F C (t) sin(ϕ)
Fx1 (t) + Fx2 (t)
Fy1 (t) + Fy2 (t)
dargestellt werden. Nachzählen der skalaren Variablen und Gleichungen ergibt
F GF eder = nd + na − dim(xF eder (t)) − dim(zF eder (t)) = 0 + 8 − 0 − 12 = −4 (9.34)
d.h. die Differenz zwischen der Zahl der Gleichungen und der Zahl der Variablen ist
-4, somit ist das Federmodell ohne Festlegung von Eingangsgrößen u und Parametern
p ebenfalls unterspezifiziert.
Die Verkopplung zwischen Feder und Pendeln durch Drehgelenke entspricht den Glei-
chungen eines einfaches Verknüpfungssystems nach Gln. (9.7) - (9.8). Die Verkopp-
lungsgleichungen sind
x1,P 1 (t) − x1,F eder (t)
y1,P 1 (t) − y1,F eder (t)
0= Fx,P 1 (t) + Fx1,F eder (t) Pendel 1 ↔ Feder Schnittstelle „1“
(9.35)
Fx,P 1 (t) + Fx1,F eder (t)
x1,P 2 (t) − x2,F eder (t)
y1,P 2 (t) − y2,F eder (t)
0= Feder Schnittstelle „2“ ↔ Pendel 2, (9.36)
Fx,P 2 (t) + Fx2,F eder (t)
Fx,P 2 (t) + Fx2,F eder (t)
214 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
wobei die Subskripte P 1, P 2 und F eder die Zugehörigkeit der jeweiligen Variablen zum
Teilsystem Pendel 1, Pendel 2 oder Feder kennzeichnen. In diesen acht Gleichungen
wurde keine einzige neue Variable eingeführt, d.h. die Gln. (9.35) - (9.36) sind achtfach
überspezifiziert.
Da die beiden Pendelmodelle jeweils um zwei Gleichungen unterspezifiziert sind, das
Federmodell um vier Gleichungen unterspezifiziert ist und die Verkopplungsgleichungen
achtfach überspezifiziert sind, ist das Gesamtsystem vollständig spezifiziert:
F Ggesamt = 2 · F GP endel + 1 · F GF eder + F GV erkopplungen = 0
= 2 · (−2) + 1 · (−4) + 8 (9.37)
=0
wobei Gl. (9.44) die Bedingung wiedergibt, dass das Pendel sich nur auf einer Kreis-
bahn mit Radius L bewegen kann. Die Kraft F (t) ist nun eine algebraische Variable, die
lediglich in den Differentialgleichungen (9.42) und (9.43) vorkommt. Um aus den gege-
benen Variablen die Ableitung Ḟ (t) zu berechnen, muss Gl. (9.44) mehrfach abgeleitet
werden. Es kann gezeigt werden, dass der Index auch dieses Systems 3 ist. Das bedeutet
es dürfen nicht alle der 4 Anfangswerte x0 , y0 , vx,0 , vy,0 frei vorgegeben werden.
Wie allerdings schon in Beispiel 4.2 gezeigt, ist es problemlos möglich, ein Modell des
Pendels mit Index 1 aufzustellen, wenn z.B. Polarkoordinaten benutzt werden. Dies
zeigt, dass der Index eines Systems direkt durch die Wahl der Modellierung beeinflusst
werden kann.
Abel, D. (1990). Petri-Netze für Ingenieure. Modellbildung und Analyse diskret gesteu-
erter Systeme. Springer.
Bahill, A.T. und B. Gissing (1998). Re-evaluating systems engineering concepts using
systems thinking. IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics, Part C:
Applications and Reviews 28(4), S. 516 –527.
216 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Brenan, K.E., S.L. Campbell und L.R. Petzold (1996). Numerical Solution of Initial
Value Problems in Differential-Algebraic Equations. SIAM. Philadelphia, PA.
Bunge, M. (1979). Treatise on Basic Philosophy. Vol. 4: Ontology II: A World of Sys-
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David, R. und H. Alla (2005). Discrete, Continuous, and Hybrid Petri Nets. Springer.
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Gigch, J.P. van (1991). System Design Modeling and Metamodeling. Springer. New
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Jerri, A.J. (1977). The Shannon sampling theorem — its various extensions and app-
lications: A tutorial review. Proc. IEEE 65, S. 1565–1596.
Jongen, H.Th. (2003). Vorlesungsskript zur Höheren Mathematik. Lehrstuhl C für Ma-
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Klir, G.J. (1985). Architecture of Systems Problem Solving. Plenum Press. New York.
Minsky, M. (1965). Matter, mind and models. In: Proc. IFIP Congress Information
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Shannon, C.E. (1998). Communication in the presence of noise. Proc. IEEE (Nach-
druck) 86, S. 447–457.
Shannon, R.E. (1975). Systems Simulation: The Art and Science. Prentice-Hall, Engle-
wood Cliffs, NJ.
218 KAPITEL 9. MODELLIERUNG MECHANISCHER SYSTEME
Simon, H.A. (1981). The Sciences of the Artificial. 2. Auflage. The MIT Press. Cam-
brige, MA.
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duktionssystemen, Grundlagen. VDI-Handbuch Materialfluss und Fördertechnik,
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Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
Press. London.
Kapitel 10
Modellierung thermodynamischer
Systeme
219
220 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
Model-
System + Problem Ergebn.
lieren & Simulations- Simu- Lösung des
Problem- ver- interpre-
analy- modell lieren Problems
stellung stehen tieren
sieren
Dieser Schritt beinhaltet die Abstraktion vom realen System über ein Prinzipbild bis
hin zum abstrakten System mit entsprechenden Schnittgrößen zur Umgebung (vgl.
Abbildung 10.2). Da die betrachteten thermodynamische Systeme sehr groß und kom-
plex sein können, ist der Dekomposition –der Strukturierung des Gesamtsystems in
Teilsysteme– besondere Beachtung zu schenken. Dieser Arbeitsschritt läuft hier oft
über verschiedene Hierarchieebenen bis hin zu elementaren Speicher- und Verknüp-
fungssystemen. Dieses Vorgehen einer hierarschischen Verfeinerung der Struktur ist
Beispielhaft in Abbildung 10.3 dargestellt.
In einem ersten Schritt muss geklärt werden, welche Teilsysteme sinnvoll abgegrenzt
werden können und wie sie mit anderen Teilsystemen wechselwirken. In vielen Fällen
stimmen die elementaren Teilsysteme – also die Teilsysteme für die eine weitere Zerle-
gung nicht zweckmäßig wäre – mit den thermodynamischen Phasen oder Phasengrenz-
flächen überein. Beispiele für elementare Speichersysteme sind die Flüssigphase eines
Reaktors oder die Gas und Flüssigphase in einem Kondensator (vgl. Abbildung 10.3).
Als Beispiel für eine elementares Verknüpfungssystem kann die Phasengrenzfläche in
einem Kondensator zwischen Gas- und Flüssigphase betrachtet werden. Bevor die Mo-
dellgleichungen für die einzelnen elementaren Teilsysteme aufgestellt werden können,
muss auch hier der Abstraktionschritt zur Bestimmung der Schnittgrößen durchlaufen
werden.
10.1. STRUKTURIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME 221
Abbildung 10.2: Abstraktion einer realen Anlage über ein Prinzipbild zum abstrakten
System „Anlage“
Abbildung 10.3: Das strukturierte System „Anlage“ und dessen Dekomposition in ele-
mentare Teilsysteme über mehrere Hierarchieebenen.
222 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
Jedes Teilsystem kann als Bilanzraum betrachtet werden, bei dessen Definition (dem
„Freischneiden“) Schnittstellen entstehen, über die Schnittgrößen an andere Teilsysteme
übertragen werden. Grundsätzlich unterscheidet man extensive Schnittgrößen, die an
einen Massestrom gebunden sind (z.B. Konzentration), und intensive Schnittgrößen,
die nicht an einen Massestrom gebunden sind (z.B. Wärmestrom). Diese Schnittgrößen
kann man außerdem wie bereits in Kapitel 7.4 geschildert in Fluss- (Massen- und Wär-
meströme) und Potentialvariablen (Temperatur, Druck, usw.) unterteilen. In Modelica
werden für die übergabe dieser Größen Konnektoren verwendet.
Schnittgrößen haben die Form eines ausgetauschten Massenstroms sowie einer kineti-
schen Energie zum Betrieb des Rührers. Zwischen den einzelnen Teilsystem sind zudem
Flüsse von Wärme und technischer Arbeit als Schnittgrößen zu berücksichtigen.
224 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
Hierbei ist J ψ (t) ein über die Grenzen des Bilanzraums tretender Strom. Die Größe
Γψ (t) ist eine Quelle oder Senke der extensiven Größe ψ(t) im Bilanzraum. Sie gibt
die Menge an ψ(t) an, welche pro Zeiteinheit im Bilanzraum verschwindet oder ent-
steht. Beispielsweise handelt es sich um die Menge einer Komponente A, die durch die
Reaktion pro Zeiteinheit im Bilanzraum verbraucht wird.
10.2. MODELLIERUNG ELEMENTARER TEILSYSTEME 225
Die allgemeine Bilanzgleichung 10.1 kann sowohl für Verknüpfungssysteme als auch für
Speichersysteme aufgestellt werden. Für Verknüpfungssysteme ist jedoch zu beachten,
dass für die Änderung der an Materie gebundenen extensiven Größe ψ(t) immer dψdt t
=
0 gilt, da Verknüpfungssysteme keinen Speicher aufweisen.
10.2.1.1 Massenbilanzen
Da die Gesamtmasse nicht vernichtet werden oder entstehen kann (Prinzip der Masse-
nerhaltung), gilt stets Γm (t) = 0. Damit ergibt sich die Gesamtmassenbilanz zu
dm X
= Jjm (t). (10.2)
dt t j∈Λm
Im nächsten Schritt wird die allgemeine Bilanzgleichung (10.1) auf die Massenbilanzen
der einzelnen Komponenten im Bilanzraum angewandt. Dabei wollen wir ein System
mit n verschiedenen Spezies betrachten. Es werden für die verschiedenen Größen aus
der allgemeinen Bilanzgleichung folgende Bedeutungen identifiziert:
Anders als bei der Gesamtmasse ist bei der Bilanzierung für eine einzelne Komponente
der Quellen-/Senkenterm in der Regel Γmi (t) 6= 0, da Reaktionen die Teilchenzahl einer
Komponente und damit ihre Masse im Bilanzraum verändern können. Daraus ergibt
sich die Stoffmassenbilanz zu
dmi X X
= Jjmi (t) + Γmk (t),
i
i = 1, ..., ns . (10.3)
dt t j∈Λ k∈Λ
J Γ
ablaufen. Hierbei ist νir der stöchiometrische Koeffizient der Komponente i in Reaktion
r [-]. Die stöchiometrischen Koeffizienten νi geben an, wie viele Teilchen einer Kom-
ponente pro Formelumsatz reagieren. Sie sind positiv für Produkte und negativ für
Edukte.
Die Bildung bzw. der Verbrauch einer Spezies i in der Reaktion r lässt sich durch das
Einführen einer Reaktionsrate rir (t) beschreiben. Oft wird aus praktischen Gründen
eine normalisierte Reaktionsrate r0r (t) für jede Reaktion r eingeführt, die sich wie
folgt aus den Reaktionsraten der einzelnen Komponenten rir (t), i = 1, ..., n und dem
entsprechenden stöchiometrischen Koeffizienten bestimmen lässt
+ −
rir (t) rir (t) − rir (t)
r0r (t) = = , r = 1, ..., nR . (10.4)
νir νir
Bei reversiblen Reaktionen setzt sich die Reaktionsrate der Komponente rir (t) wieder-
um aus den Reaktionsraten der Hin- (rir +
(t)) und Rückreaktion (rir
−
(t)) zusammen. Die
Reaktionsraten werden in weiteren Gleichungen näher bestimmt, z. B. dem Arrhenius-
Ansatz.
Mit Hilfe der stöchiometrischen Koeffizienten νir , i = 1, ..., n, r = 1, ..., nr und der
normalisierten Reaktionsrate r0r (t) ergeben sich die Stoffmassenbilanzen zu
nR
dmi X X
= Jjmi (t) + Mi νir r0r (t), i = 1, ..., ns . (10.5)
dt t j∈ΛJ r=1
Hierbei ist Mi die molare Masse der Komponente i [kg/mol]. Die Gesamtmassenbilanz
und die Massenbilanzen der einzelnen Komponenten (Stoffmassenbilanzen) sind linear
abhängig, da die Schließbedingung
n
X
m(t) = mi (t) (10.6)
i=1
gilt. Aus numerischen Gründen sollte man die Gesamtmassenbilanz, die Schließbedin-
gung und (n − 1) Stoffmassenbilanzen wählen.
10.2.1.2 Energiebilanz
Die weiteren Variablen der allgemeinen Bilanzgleichung (10.1) haben die folgende Be-
deutung:
wobei der Summenterm über JjE (t) die Energie beschreibt, die an Masse gebunden über
die Grenzen des Bilanzraums geführt wird. Der zweite Term beschreibt den über die
Bilanzgrenze übertragenen Wärmestrom J Q (t), wobei ΛQ alle Wärme übertragenden
Flächen umfasst. Der letzte Term beschreibt die Arbeit, die am System verrichtet wird.
Für viele thermodynamischen Anwendungen sind die potentielle und die kinetische
Energie viel kleiner als die innere Energie (U (t) >> K(t) und U (t) >> P (t)). Wenn
E(t) ≈ U (t), dE/dt|t ≈ dU/dt|t und J E (t) ≈ J u (t) gilt, erhält man insgesamt
V olumenarbeit
innere Energie V erschiebearbeit }| { z
dU X z }| { z }| { X Q dV X
= ( JjU (t) + pj (t)v j (t)Aj ) + Jk (t) −p(t) + JlW tech (t)
dt t j∈ΛH
| {z } k∈Λ dt t l∈Λ
Q
JjH (t):=JjU (t)+pJjV (t) | W tech {z }
technische Arbeit
X X X dV
= JjH (t) + JkQ (t) + JlW tech (t) − p(t) .
j∈ΛH k∈ΛQ l∈ΛW tech
dt t
Aus der Definition der Enthalpie H(t) = U (t) + p(t)V (t) bzw. dH/dt|t = dU/dt|t +
p(t) dV /dt|t + V (t) dp/dt|t folgt für konstanten Druck (dp/dt|t = 0)
dH X X X
= JjH (t) + JkQ (t) + JlW tech (t). (10.10)
dt t j∈ΛH k∈ΛQ l∈ΛW tech
1. Definitionen, z.B.:
mi = gi m, mit dem Massenbruch gi
U = mu(p, T, g1 , . . . gnc −1 ), Zusammenhang extensiver und intensiver Größen
228 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
2. Ratengleichungen, z.B.:
J Q = αA(T1 − T2 ), Wärmestrom
−E Q |ϑ | −E Q |ϑ |
r0j = V k0 e RT i∈Λ+ ci ij − V k0 e RT i∈Λ− ci ij , Reaktionsrate
3. Zustandsgleichungen, z.B.:
pV = RnT , Idealgas
H = mcp (T − T0 ), Enthalpie
Beispiel 10.2 (Einfacher Rührkesselreaktor - Modellierung der Flüssigphase). Das
Aufstellen von Gleichungen eines Teilsystems soll anhand eines einfachen Beispiels
demonstriert werden. Dazu wird das Speichersystem „Flüssigphase“ des Rührkesselre-
aktors in Abbildung 10.4 betrachtet, welches bereits im vorhergehenden Arbeitsschritt
„Problem verstehen“ als elementares Teilsystem identifiziert wurde (vgl. Beispiel 10.2).
Die Flüssigphase hat einen Ein- (1) und einen Ausgangsstrom (2). Weitere Schnittgrö-
ßen sind der Wärmestrom J Q sowie vom Rührer übertragene technische Arbeit J W tech .
Gemäß der Vorzeichenkonvention werden für die Modellierung alle vier Schnittgrößen
als in den Bilanzraum eintretende Ströme angenommen. Der Reaktor kann als ideal
durchmischt angenommen werden. Es läuft die einfache reversible Reaktion
A P
ab.
Die Bilanzgleichungen für das System „Flüssigphase“ sehen unter diesen Annahmen
wie folgt aus
dm
= J1m (t) + J2m (t),
dt t
dmA
= J1mA (t) + J2mA (t) − MA r01 (t),
dt t
dmp
= J2mP (t) + MB r01 (t),
dt t
dH
= J1H (t) + J2H (t) + J Q (t) + J W (t).
dt t
Für diese Reaktion ergeben sich folgende stöchiometrische Koeffizienten und Reaktions-
raten:
rA,1 (t) rP,1 (t)
r01 (t) = =
νA,1 νP,1
rA,1 (t) rP,1 (t)
= = .
−1 1
Die Bilanzgleichungen werden nun durch weitere Gleichungen ergänzt. Diese können für
das System „Flüssigphase“ unterteilt werden in Definitionen für die Stoffmengenströme,
die Konzentrationen und die Enthalpien sowie Ratengleichungen.
10.3. DARSTELLUNG UND ANALYSE THERMODYNAMISCHER SYSTEME229
dm
= J1m (t) + J2m (t),
dt t
dmA
= J1mA (t) + J2mA (t) − MA r01 (t),
dt t
dH
= J1H (t) + J2H (t) + J Q (t) + J W (t),
dt t
0 = m(t) − mA (t) − mP (t),
Die Gleichungen der Thermodynamik erscheinen kompliziert, lassen sich aber immer
unter der Annahme dp/dt|t = 0 als nichtlineares DA-System in folgender Form
schreiben (vlg. Kapitel 5.1):
230 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
dx
= f (x(t), z(t), u(t), p, t), x(t0 ) = x0 , (10.11)
dt t
0 = g(x(t), z(t), u(t), p, t). (10.12)
Dabei sind x(t) differentielle und z(t) algebraische Variablen, sowie u(t) Eingangsgrö-
ßen und p Parameter. Diese Darstellung kann sowohl für jedes einzelne (elementare)
Teilsystem als auch für das Gesamtsystem hergeleitet werden.
Um das mathematische Modell in die angegebene Form zu bringen, muss die Anzahl
der konstruktionsbedingten Freiheitsgrade p sowie die Anzahl der betriebsbedingten
Freiheitsgrade u(t) und x0 analysiert und die Freiheitsgrade in einem nächsten Schritt
festgelegt werden. Ziel ist es ein vollständig spezifiziertes mathematisches Modell zu
erhalten, bei dem die Anzahl der Differentialgleichungen und algebraischen Gleichungen
mit der Anzahl der differentiellen Variablen x(t) und den algebraischen Variablen y(t)
übereinstimmen.
Analyse der Freiheitsgrade: Hierzu wird zunächst die Anzahl der Differentialglei-
chungen und der algebraischen Gleichungen ermittelt. Bei Verwendung der in Kapitel
10.2.1 beschriebenen Vorgehensweise zur Modellierung thermodynamischer Systeme er-
halten wir für ein System mit n Komponenten insgesamt n + 1 Differentialgleichungen,
die sich aus der Gesamtmassenbilanz, n − 1 Stoffmassenbilanzen und der Energiebi-
lanz zusammensetzen. Falls für ein gegebenes System keine Energiebilanz aufgestellt
werden muss, ergeben sich n Differentialgleichungen. Die na algebraischen Gleichungen
umfassen die Schließbedingung sowie alle weiteren Gleichungen. Hieraus kann die An-
zahl der differentiellen und algebraischen Variablen, x(t) und z(t), ermittelt werden,
da die Anzahl der differentiellen Variablen x(t) immer mit der Anzahl der Differenti-
algleichungen und die Anzahl der algebraischen Variablen z(t) immer mit der Anzahl
der algebraischen Gleichungen übereinstimmt:
n = dim(x(t))
na = dim(z(t)).
Um die Anzahl der Freiheitsgrade u und p zu ermitteln, bestimmen wir zunächst die
Anzahl aller Konstanten K (molare Massen, Reaktionskonstanten, ...), die Anzahl der
differentiellen Variablen x(t) und die Anzahl aller weiteren Variablen w(t) (Flüsse,
Quellen, Senken, Druck, Temperatur,... ), die im mathematischen Modell enthalten
sind. Die Anzahl der Freiheitsgrade ergibt sich dann aus:
dim(d(t)) = dim(u(t)) + dim(p(t)) = dim(K) + dim(x(t)) + dim(w(t)) − n − na .
Es müssen also dim(d(t)) Freiheitsgrade festgelegt werden, damit das mathematische
Modell vollständig spezifiziert ist.
Festlegung der Freiheitsgrade: Die differentiellen Variablen x(t) sind bereits durch
die in Kapitel 10.2.1 eingeführten Bilanzgleichungen fest zugewiesen und setzen sich aus
10.3. DARSTELLUNG UND ANALYSE THERMODYNAMISCHER SYSTEME231
Nun wenden wir uns den Anfangswerten x0 zu. Bei Verwendung der beschriebenen Vor-
gehensweise zur Modellierung thermodynamischer Systeme erhalten wir in den meisten
Fällen ein DA-System mit einem differentiellen Index von eins. Das bedeutet, dass ins-
gesamt dim(x(t)) Anfangswerte x0 spezifiziert werden müssen. Es ist jedoch zu beach-
ten, dass durch die Verkopplung einzelner Teilsysteme oder durch Modellierungsannah-
men innerhalb einzelner Teilsysteme (z.B. Gleichgewichtsreaktionen) ein differentieller
Index größer eins auftreten kann. In diesem Fall sind konsistente Anfangswerte x0
gemäß Kapitel 5.3 zu spezifizieren.
gilt. Die 11 Freiheitsgrade p und u(t) werden so gewählt, dass p alle 6 Konstanten und
u(t) 5 Schnittgrößen enthält. Somit ist:
mP (t)
J1mA (t)
J2mA (t)
E
J1m (t)
r01 (t)
R
J2H (t) J2m (t)
m(t)
MA
x(t) = mA (t) , z(t) = h(t) , u(t) = J Q (t) und p= .
MP
H(t)
V (t)
J W (t)
k+
cA (t) J H (t)
| {z }
| 1{z k−
Zustände
cP (t)
Eingangsgrößen
}
| {z }
ρ(t) P arameter
T (t)
| {z }
algebraische Variablen
Da das System einen Index von 1 hat, müssen insgesamt 3 Anfangswerte (m0 , mA 0
und H0 ) spezifiziert werden.
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10.4. IMPLEMENTIERUNG UND SIMULATION 233
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236 KAPITEL 10. MODELLIERUNG THERMODYNAMISCHER SYSTEME
Kapitel 11
Parametereinfluss und
Parameterschätzung
237
238 KAPITEL 11. PARAMETEREINFLUSS UND PARAMETERSCHÄTZUNG
Wärmetransport von einer wärmeren zu einer kälteren Phase oder zwei (starr) gekop-
pelte Punktmassen, die sich (völlig) unabhängig voneinander bewegen. Darüber hinaus
können je nach vorhandenem Vorwissen über das zugrunde liegende System qualita-
tive Verhaltensweisen überprüft werden. Beispielsweise muss der aus einem Brunnen
abfließende Wasserstrom des Wasserspiels umso größer sein, je höher der Füllstand im
Brunnen ist. Wird diese qualitative Systemeigenschaft in einer Simulation nicht richtig
wiedergegeben, liegt sicherlich ein grober Modellierungsfehler vor.
Ein weiteres wichtiges Verfahren für die Beurteilung der Modellgüte ist die Sensitivität
(oder Empfindlichkeit) der Modellprädiktion bezüglich kleiner Änderungen der Werte
der Modellparameter. Vor dem Hintergrund von stets mit Unsicherheiten behafteten
Parameterwerten, ist es leicht nachvollziehbar, dass Simulationsergebnisse umso glaub-
würdiger sind, je unempfindlicher die Modellprädiktion gegenüber kleinen Variationen
in den Parametern ist. In diesem Zusammenhang wird auch von der Robustheit des
Simulationsmodells gesprochen, die sich im Rahmen einer Sensitivitätsanalyse unter-
suchen lässt. Die wesentlichen Grundlagen sollen in Abschnitt 11.2 erläutert werden.
Die Bewertung der Simulationsgüte auf der Grundlage der hier vorgestellten Krite-
rien erfolgt anhand von Simulationsexperimenten, die für spezifische Parameterwerte
durchgeführt werden. Da Simulationsmodelle meist für verschiedene Werte der Parame-
ter anwendbar sein sollen, muss die Empfindlichkeit der Modellvorhersage im gesamten
Definitionsbereich der Parameter betrachtet werden. Für eine solche Analyse des Si-
mulationsmodells über den gesamten Parameterraum hinweg können als Alternative
zur Sensitivitätsanalyse auch sogenannte Monte-Carlo-Methoden verwendet werden.
11.1.1 Monte-Carlo-Methoden
Monte-Carlo-Methoden basieren auf der Durchführung einer großen Anzahl von Si-
mulationsexperimenten mit Hilfe von zufällig gewählten Eingangsdaten. Sie werden in
verschiedenster Form und für verschiedenste Zwecke eingesetzt. In dem hier dargestell-
ten Bereich der simulationsgestützten Analyse wird unter dem Begriff der Monte-Carlo-
Simulation ein wiederholtes Durchführen von Simulationsexperimenten verstanden, bei
denen die Parameterwerte innerhalb eines definierten Parameterraumes zufällig variiert
werden.
Dieses Abtasten des Parameterraums kann mit verschiedenen Methoden realisiert wer-
den. Die einfachste Methode ist das sogenannte Random Sampling. Hier werden in einer
Reihe von Simulationsexperimenten für jede neue Simulation die Parameterwerte im
Sinne einer Stichprobe zufällig und unabhängig von einander im interessierenden Pa-
rameterraum ausgewählt. Die ausgewählten Parameterwerte sind gemäß einer vorgege-
benen Wahrscheinlichkeitsverteilung verteilt. Häufig wählt man eine Gleichverteilung,
bei der alle Parameter im interessierenden Intervall mit gleicher Wahrscheinlichkeit
gewählt werden. Eine alternative Methode, deren Anwendung auch bei kleiner Stich-
problenzahl eine gleichmäßigere Verteilung in Aussicht stellt, ist das sogenannte Latin
11.1. SIMULATIONSGESTÜTZE ANALYSE 239
𝑝1 𝑝1
𝑝1,𝑈 𝑝1,𝑈
𝑝1,𝐿 𝑝1,𝐿
Abbildung 11.1: Random Sampling (links) und Latin Hypercube Sampling für einen
zweidimensionalen Parameterraum und vier Simulationsexperimente
Hypercube Sampling. Hierbei wird der Parameterraum mit Hilfe eines regelmäßigen
Gitters in Hypercubes aufgeteilt. Im Falle eines zwei- oder dreidimensionalen Parame-
terraums entspricht das Quadraten oder Würfeln, im höherdimensionalen spricht man
von Hyperwürfeln. Wie beim Random Sampling werden für eine Reihe von Simulati-
onsexperimenten Parameterwerte stichprobenartig so ausgewählt, dass innerhalb einer
Zeile und Spalte des Gitters genau ein Parameter gewählt wird. Zur Veranschauli-
chung ist in Abbildung 11.1 beispielhaft die Auswahl von Parameterwerten in einer
vier Simulationsexperimente umfassenden Monte-Carlo-Studie für den Fall eines zwei-
dimensionalen Parameterraumes gezeigt (Diwekar und Kalagnanam 1997).
11.1.2 Sensitivitätsanalyse
Zur Beschreibung der Grundlagen der Sensitivitätsanalyse soll ein System in Zustands-
darstellung der Form
˙ = f (x(t), p, u(t), t),
x(t) (11.1)
y(t) = g(x(t), p, u(t), t), (11.2)
x(t0 ) = x0 (p) (11.3)
betrachtet werden. Falls f die Bedingungen des Satzes von Picard Lindelöf (4.1) erfüllt,
gibt es für fixe u und p eine eindeutige Lösung x(t) und damit auch y(t). Wir schreiben
daher auch x(t; p, u) und y(t; p, u). Falls die Abhängigkeit von t klar ist, wird sie
häufig auch weggelassen. Die Sensitivität syij (p, u) eines Ausgangs yi bezüglich eines
Parameters pj ist definiert als
∂yi (p, u)
syij (p, u) = . (11.4)
∂pj p=p0
240 KAPITEL 11. PARAMETEREINFLUSS UND PARAMETERSCHÄTZUNG
yi
x
x
δ δ
Pj,0 pj
Dies entspricht der Änderung des Ausgangs yi nach einer infinitesimalen Änderung
des Parameters pj . Bei einer graphischen Auftragung von yi über pj entspricht die
Sensitivität damit der Tangentensteigung im Punkt p im Parameterraum in Richtung
des Einheitsvektors j. Durch die Approximation dieser Tangentensteigung über die
Steigung einer Sekante durch die Punkte pj = pj,0 + δ und pj = pj,0 − δ, bietet sich eine
einfache Methode zur grafischen Bestimmung der Sensitivität syij . Numerisch entspricht
dies einer Approximation der partiellen Ableitung in Gl. (11.4) durch finite Differenzen
entsprechend
1 j np
mit ∆p0j = (0, . . . , δ , . . . , 0 )T . Danach lassen sich Sensitivitäten aus einer Reihe von
Simulationsexperimenten mit variierten Parameterwerten bestimmen.
Für die Analyse der Sensitivitäten aller ny Ausgänge bezüglich aller np Parameter des
Systems lässt sich die Sensitivitätsmatrix
∂y1 (p,u) ∂y1 (p,u)
. . .
∂p1 p=p0 ∂pnp
p=p0
y ∂y(p, u) .
. . . .
. (11.6)
S (p, u) = = . . .
∂p
p=p0 ∂y (p,u)
ny ∂yny (p,u)
∂p1
... ∂pn
p=p0 p p=p0
aufstellen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich analog zu den hier dargestellten
Sensitivitäten syij und der Sensitivitätsmatrix S y der Ausgänge y auch die Sensitivitä-
ten sxkj und die Sensitivitätsmatrix S x der Zustände x definieren lassen. Zur numeri-
schen Berechnung der Sensitivitätsmatrizen kann alternativ zu der oben dargestellten
Verwendung finiter Differenzen auf die sogenannte Sensitivitätsgleichungen zurückge-
griffen werden. Diese ergeben sich durch das Ableiten der Modellgleichungen nach den
Parametern. Danach ergibt sich mit der Kettenregel und da u unabhängig von p ist
11.2. VALIDIERUNG UND PARAMETERIDENTIFIKATION 241
über
∂ ẋ(p, u) ∂f (x, p, u) ∂f (x, p, u) ∂x(p, u) ∂f (x, p, u)
= = + (11.7)
∂p ∂p ∂x ∂p ∂p
| {z } | {z }
Ṡ x Sx
11.2 Parameteridentifikation
Die Validierung eines Simulationsmodells adressiert die Frage ob das Modell die Reali-
tät ausreichend genau abbilden kann. Diese Aufgabenstellung leuchtet sofort ein, kann
aber grundsätzlich nicht bearbeitet werden (Popper, ...). Vielmehr muss versucht wer-
den, ein Modell durch experimentelle Analysen zu falsifizieren, also Abweichungen des
Modells von der Realität in einem konkreten Experiment festzustellen. Wenn man
(trotz redlicher Bemühungen) keine solchen Experimente finden kann, geht man von
einem validen Modell aus. Wir wollen hier nicht auf Möglichkeiten und Grenzen der
Modellvalidierung eingehen, sondern lediglich einen Aspekt, nämlich die Übereinstim-
mung der Prädiktion der Ausgänge y(tk , p, u(tk )) von verfügbaren Messwerten ỹk zu
ausgewählten Zeitpunkten tk (vgl. Abbildung 11.3). Um diese Abweichung quantitativ
zu erfassen, wird die Vorhersage eines Simulationsmodells mit ny Ausgängen und np
Parametern an den Zeitpunkten tk k = 1, ..., nt , mit den Messdaten verglichen. Somit
ergibt sich für den Vorhersagefehler des Modells
i (tk , p, u(tk )) = yi (tk , p, u(tk )) − ỹi,k i = 1, ..., ny . (11.12)
242 KAPITEL 11. PARAMETEREINFLUSS UND PARAMETERSCHÄTZUNG
Simulationsmodell
y (tk , p, u )
u ( tk ) , p ε (tk , p, u )
y k (t k )
reales System
Abbildung 11.3: Vergleich der Modellprädiktion mit Messdaten des realen Systems
Durch Quadrieren und eine Summation über alle Ausgänge yi und Messpunkte tk ergibt
sich daraus das Gütemaß der Fehlerquadratsumme
ny
nt X
X
J(p) = (yi (tk , p, u(tk )) − ỹi,k )2 . (11.13)
k=1 i=1
dJ !
=0 (11.15)
dp p
genügen aus der sich die Parameterwerte ermitteln lassen, die eine möglichst gute Wie-
dergabe der Messdaten erlauben. Die Lösung dieses Optimierungsproblems ist in der
Regel nicht trivial und erfordert einen iterativen numerischen Algorithmus zur Bestim-
mung der optimalen Parameterwerte. Eine Komplikation entsteht dadurch, dass die
Modellvorhersagen yi (tk , p, u(tk )) auch Lösungen eines dynamischen Modells sein kön-
nen. In diesem Fall muss für die Auswertung der Fehlerquadratsumme (11.14) ein dy-
namisches Modell (beispielsweise durch Simulation der Gln. 11.1-11.3 numerisch für ein
gegebenes p gelöst werden. Die numerische Auswertung der Ableitungen in Gl. (11.15)
erfordert neben der Anwendung der Kettenregel die Lösung der Sensitivitätsgleichun-
gen (11.9-11.11). Detailliertere Ausführungen finden sich in der Vorlesung „Angewandte
Numerische Optimierung“.
Eine Klasse von Systemen, bei denen das sich ergebende Parameterschätzproblem ana-
11.2. VALIDIERUNG UND PARAMETERIDENTIFIKATION 243
welche linear in den Parametern sind. Die Koeffizienten aj (u) sind bekannte Funktionen
der Eingänge u(t), die für gegebene u(t) berechnet werden können. In einem solchen
Fall wird das Lösen des Parameterschätzproblems
n
X
min (y(p, u˜k ) − ỹk )2 , (11.17)
p
k=1
mit den experimentellen Daten für die Eingänge ũ1 , ..., ũn und Ausgänge ỹ1 , ..., ỹn , auch
als lineare, multivariate Regression bezeichnet. In Matrix-Vektor-Notation ergibt sich
mit
a1 (ũ1 ) . . . anp (ũ1 )
A = ... ..
.
.. .
. (11.19)
a1 (ũn ) . . . anp (ũn )
Wertet man die notwendige aber nicht hinreichende Bedingung 11.15 für die optimalen
Parameterwerte p∗
− 2AT (ỹ − Ap∗ ) = 0 (11.20)
aus, ergibt sich ein einfaches algebraisches Gleichungssystem. Dies kann für eine regu-
läre Matrix AT A gelöst werden zu
−1
p∗ = A T A AT ỹ. (11.21)
d2 J
= −2AT A (11.22)
dp2 p
Beispiel 11.1 (Parameterwerte eines polynomialen Modells). Wir betrachten ein po-
lynomiales Modell der Form
mit den Parametern a, b und c und den experimentellen Eingängen und Ausgängen
ũ 0 1 2 3 4 5
= . (11.24)
ỹ 1.98 7.16 16.1 28.9 46.4 66.7
244 KAPITEL 11. PARAMETEREINFLUSS UND PARAMETERSCHÄTZUNG
mit
1.98 1 0 0
7.16 1 1 1
16.1
, A = 1 2 4
(11.26)
ỹ =
28.9 1
.
3 9
46.4 1 4 16
66.7 1 5 25
Abel, D. (1990). Petri-Netze für Ingenieure. Modellbildung und Analyse diskret gesteu-
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Bahill, A.T. und B. Gissing (1998). Re-evaluating systems engineering concepts using
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DIN 60617-2 bis -11: Graphische Symbole für Schaltplän (1996). Beuth Verlag.
11.2. VALIDIERUNG UND PARAMETERIDENTIFIKATION 245
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Zeigler, B.P. (1984). Multi-facetted Modeling and Discrete Event Simulation. Academic
Press. London.
Anhang A
Codebeispiele
model Aggregation
Teilsystem S1 ( k =2) ;
Teilsystem S2 ( k =1) ;
parameter Real Eingang =1;
Real Ausgang ;
equation
S1.u = Eingang - S2.y ; // direkte Implementierung von
Verknüpfungsgl.
S2.u = S1.y ; // durch Zugriff auf die Variablen der
Ausgang = S2.y ; // Teilsysteme ( S1.u , S1.y , S2.u und S2.y )
end Aggregation ;
247
248 ANHANG A. CODEBEISPIELE
model AggregationKon
TeilsystemKon S1 ( k =2) ;
TeilsystemKon S2 ( k =1) ;
parameter Real Eingang =1;
Real Ausgang ;
equation
connect ( S1.Out , S2.In ) ; // Automatische Erzeugung der
S1.In.p = Eingang - S2.Out.p ; // Verknüpfungsgleichungen
Ausgang = S2.Out.p ;
end AggregationKon ;
VolumeFlowRate q_z ;
VolumeFlowRate q_ein [3];
A.3. FEDER-DÄMPFER-MODELL EINER RADAUFHÄNGUNG 249
equation
end Brunnenkaskade ;
Mit import werden die Typdeklarationen für Variablen in SI-Einheiten und die Erd-
beschleunigung g_n importiert.
Die Parameter für die Rohrquerschnitte s[i], Tankquerschnitte A[i] sowie die Mas-
senströme des Zulaufs q_z[i], des Eingangs q_ein[i] und des Ausgangs q_aus[i]
sind hier als Vektoren deklariert (für i = 1, ..., n, hier n = 3).
Dementsprechend ist ./ definiert als elementweise Division:
// Anfangswerte
parameter Real Anfangswerte [2] = (0 ,0) ;
// Modellparameter
parameter T r a n s l a t i o n a l S p r i n g C o n s t a n t c1 = 1 .0 ;
parameter T r a n s l a t i o n a l S p r i n g C o n s t a n t c2 = 10 .0 ;
parameter T r a n s l a t i o n a l S p r i n g C o n s t a n t d1 = 0 .1 ;
parameter T r a n s l a t i o n a l S p r i n g C o n s t a n t d2 = 1 .0 ;
250 ANHANG A. CODEBEISPIELE
parameter Mass m = 1 .0 ;
// Modellstruktur
parameter Real A [2 ,2] = [0 , 1; 1/ m *( - c1 - c2 ) , 1/ m *( - d1 - d2 ) ]
parameter Real B [2 ,2] = [0 , 0; 1/ m * c2 , 1/ m * d2 ];
parameter Real C [1 ,2] = [1 , 0];
parameter Real D [1 ,2] = [0 , 0];
// Variablen
Real x [2]( start = Anfangswerte ) ;
Real u [2];
Real y [1];
equation
// Eingänge
u = {0 , 0};
Dabei wird angenommen, dass der Fahrweg eben ist (u ist konstant 0). Möchte man
nun den interessanteren Fall eines unebenen Fahrwegs simulieren, muss man die Funk-
tion u(t) entsprechend anpassen. Für eine quasi rechteckige Erhebung des Fahrwegs
zwischen der dritten und fünften Sekunde der Simulation um eine Höheneinheit muss
man u wie folgt ändern:
der ( velocity ) = -g ;
when height <= radius then
reinit ( velocity , -c * pre ( velocity ) ) ;
end when ; Springender Ball - Simulationsergebnisse
end BouncingBall ;
Aggregation
Zusammenfügung von Teilen zu einem Ganzen.
Aliasing
Aliasing beschreibt den Informationsverlust, der durch unzureichende Abtastung
eines tatsächlich höherfrequenten Signals ein scheinbar niederfrequenteres Signal
vortäuscht.
Anfangsbedingung (AB)
Gleichung, die den Anfangswert x(t0 ) einer Variablen x(t) zum Zeitpunkt t0 , d.h.
zu Beginn einer Simulation, definiert.
Anfangswert
Wert x(t0 ) einer Variablen x zum Zeitpunkt t0 , d.h. zu Beginn einer Simulati-
on. Anfangswerte zählen zu den dynamischen Freiheitsgraden eines Systems und
müssen zur eindeutigen Lösung entsprechend vorgegeben werden. Durch alge-
braische Zwangsbedingungen können u.U. nicht alle Anfangswerte frei gewählt
werden. (Siehe Kapitel 5)
Attraktor
Ein Attraktor ist eine kompakte Untermenge des Zustandsraums U , welche die
Eigenschaften Invarianz, Anziehung und Transitivität aufweist.
Ausgangsgröße
Im systemtheoretischen Sinn sind Ausgangsgrößen Variablen, die nach außen hin
sichtbar sind oder direkt aus verfügbaren Größen berechnet werden können. Häu-
fig sind dies die technisch relevanten Größen eines Systems.
253
254 Glossar
Bifurkation
Als Bifurkation wird ein parameterabhängiges Systemverhalten bei nichtlinearen
Systemen bezeichnet.
Chaotisches System
Ein chaotisches System ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Verhalten sehr stark
von den Anfangswerten abhängt, so dass Vorhersagen über längere Zeit nicht
möglich sind.
differential-algebraisches System
Bezeichnung aller Gleichungssysteme, die sowohl algebraische als auch differen-
tielle Variablen enthalten. Dabei treten nur Ableitungen nach einer einzigen
Größe auf (normalerweise nach der Zeit t). Allgemeinste Form der Darstellung:
0 = F (x(t), ẋ(t), ẍ(t), . . . , z(t), u(t), p, t), mit x(t) als differentiellen Variablen,
z(t) als algebraische (zeitvariante) Variablen, u(t) als Eingangsgrößen und p als
Parameter des Systems.
Eingangsgröße
Jede Größe u eines Systems, deren zeitlicher Verlauf in einer Simulation vorge-
geben ist oder durch externe Einflüsse bestimmt wird, statt durch das System
selbst bestimmt zu werden.
Grenzzyklus
Ein Grenzzyklus ist eine geschlossene Trajektorie im Phasendiagramm. Für den
Fall, dass es sich bei dem Grenzzyklus um einen Attraktor handelt, laufen um-
liegende Trajektorien auf diesen zu; falls es sich um einen Repellor handelt, von
diesem weg.
Inzidenzmatrix
Die Inzidenzmatrix gibt das Belegungsmuster einer Matrix an, indem die von
Null verschiedenen Einträge der Jacobi-Matrix durch einen Platzhalter × ersetzt
werden. Die Nulleinträge bleiben bestehen.
Jacobi-Matrix
Allgemein sind die Einträge der Jacobi-Matrix durch die ersten partiellen Ablei-
tungen einer differenzierbaren, vektoriellen Funktion f (x) : Rn → Rm gegeben.
Für lineare sowie nichtlineare Systeme ist die Jacobi-Matrix die Matrix der par-
tiellen Ableitungen der Systemgleichungen nach den Variablen.
Glossar 255
Kopplungsgröße
Als Kopplungsgröße bezeichnen wir Größen eines (Teil-)Systems, die direkt ande-
re (Teil-)Systeme beeinflussen, also (Teil-)Systeme verkoppeln. Kopplungsgrößen
treten häufig sowohl als Ausgangsgrößen früher Prozessstufen auf als auch als
Eingangsgrößen nachfolgender Prozessstufen.
Messgröße
Gemessene Zustände eines Systems. Nicht alle Zustände eines Systems können
aus technisch-physikalischen oder mathematischen Gründen gemessen werden.
Messgrößen sind häufig gleichzeitig typische Ausgangsgrößen eines Systems.
negativ-definite Funktion
Eine Funktion V : D → R, wobei x = 0 ⊂ D ⊂ Rnx und D offen sowie
zusammenhängend, ist negativ-definit, wenn gilt, dass V (0) = 0 und V (x) < 0
für alle x ∈ D \ {0}.
Parameter
Physikalische Randbedingungen eines Systems, die über längere Zeiträume kon-
stant sind aber das Systemverhalten beeinflussen. Beispiele sind Apparateabmes-
sungen oder die Erdgravitation.
Phasenporträt
Eine zumeist zweidimensionale Darstellung des zeitlichen Verlaufes von Zustands-
größen in Form eines Diagramms, wobei jeweils einem Zustand eine Koordina-
tenrichtung zugeordnet wird. Für den Fall, dass ein dynamisches System nur
zwei Zustände besitzt, wird ein Zustand auf der x-Achse und der andere auf der
y-Achse aufgetragen.
positiv-definite Funktion
Eine Funktion V : D → R, wobei x = 0 ⊂ D ⊂ Rnx und D offen sowie
zusammenhängend, ist positiv-definit, wenn gilt, dass V (0) = 0 und V (x) > 0
für alle x ∈ D \ {0}.
Quantisierung
Durch Quantisierung wird eine Abbildung eines Wertebereichs auf einen einge-
schränkteren beschrieben.
Repellor
Ein Repellor weist unter negativer Zeitentwicklung die gleichen Eigenschaften wie
ein Attraktor auf.
256 Glossar
seltsamer Attraktor
Der seltsame Attraktor ist ein Attraktor, für den sich quasi-periodisch Lösungen
einstellen, d.h. Trajektorien ähneln sich für große Zeiten, sind jedoch niemals
genau gleich.
semi-definite Funktion
Eine Funktion V : D → R, D ⊂ Rn ist positiv semi-definit, wenn gilt, dass
V (0) = 0 sowie V (x) ≥ 0 für alle x ∈ D und negativ semi-definit, wenn gilt, dass
V (0) = 0 sowie V (x) ≤ 0 für alle x ∈ D.
Separatrix
Eine Separatrix ist eine Trajektorie, die den Zustandsraum in invariante Teilmen-
gen aufteilt.
Speich(t)ergröße / Speichervariable
Zeitvariante Größe eines physikalischen Systems, welche eine Speicherung von
Masse / Energie / Impuls o.ä. beschreibt. Mehrere Speichergrößen können den-
selben Speicher beschreiben, so z.B. Füllstand, Masseninhalt oder hydrostatischer
Druck als Beschreibung der Wassermenge in einem Brunnen. In der Regel ent-
spricht die Anzahl der unabhängigen physikalischen Speicher eines Systems der
Dimension des Zustandsvektors in der Zustandsdarstellung.
stabil
Man bezeichnet ein System als stabil, wenn der zeitliche Verlauf seiner Eingänge,
Zustände und Ausgänge beschränkt ist.
Transiente
Mit Transiente wird ein schneller, impulshafter, elektrischer oder akustischer Ein-
schwingvorgang bezeichnet. Meistens sind das höherfrequente, steile Signale in
Form instationärer Schwingungen. Außerdem bezeichnet eine Transiente das dy-
namische Übergangsverhalten in eine Ruhelage.
zeitvariant
Eine Größe wird als zeitvariant bezeichnet, wenn sich ihr Wert mit der Zeit än-
dert. Die Änderung kann kontinuierlich erfolgen (z.B. bei Größen deren Änderung
direkt oder indirekt durch eine Differentialgleichung beschrieben wird) oder zu
diskreten Zeitpunkten (z.B. schaltende Größen).
zeitvariante Größe
Im Kontext der Simulationstechnik-Vorlesung sind damit (außer bei zeitdiskre-
ten Systemen) immer kontinuierliche Größen gemeint, die Zustandsgrößen oder
algebraische Größen von differentiell-algebraischen Systemen sind. Das Gegenteil
sind zeitinvariante Größen.
Glossar 257
Zustandsdarstellung
Einheitliche Darstellung zur Beschreibung der dynamischen Zusammenhänge
zwischen Eingangsgrößen u(t), Ausgangsgrößen y(t), Parametern p und Zu-
ständen x(t) eines Systems. Sie bestehen aus der differentiellen Systemglei-
chung ẋ(t) = f (x(t), u(t), p, t) und der algebraischen Ausgangsgleichung y(t) =
h(x(t), u(t), p, t).
Zustandsgleichung
Als Zustandsgleichung bezeichnet man den differentiellen Zusammenhang zwi-
schen Zuständen, Eingangsgrößen und Parametern eines dynamischen Systems.
Zustandsgrößen
Die differentiellen Größen eines Systems in Zustandsdarstellung. Sie beschreiben
die zeitliche Veränderung des inneren Zustands eines Systems, z.B. den Verlauf
von Temperatur oder Druck.
Zustandsraum
Der mathematische Raum, der von den Zuständen eines dynamischen Systems
aufgespannt wird. Im zweidimensionalen Fall entspricht eine Darstellung im Zu-
standsraum dem Zeichnen eines Phasenporträts.
Zustandstrajektorie
Der Begriff Zustandstrajektorie oder auch Bahnkurve genannt, bezeichnet den
zeitlichen Verlauf einer Zustandsgröße. Dieser kann auf zwei Arten angegeben
werden: (a) In Form eines Startwertes und eines (Differential-)Gleichungssystems,
welches die zeitliche Änderung der Zustandsgröße aus dem Anfangswert heraus
beschreibt, oder (b) in diskretisierter Form, d.h. als Reihe von diskreten Zeit-
punkten und zugehörigen Werten der Zustandsgröße.
Stichwortverzeichnis
258
STICHWORTVERZEICHNIS 259
Zeit
-abhängigkeit, 35, 41
-invarianz, siehe Zeitunabhängig-
keit
-unabhängigkeit, 31, 37
-varianz, siehe Zeitabhängigkeit
Zeitableitung, 128
Zerlegung, siehe Dekomposition
Zulaufstrom, 31, 49
Zustand, 30
stationärer, 50, siehe auch Ruhela-
ge, 77
Zustands
-änderung, 48
-darstellung, 30, 35, 41, 46, 48, 60,
74, 128, 137
Überführung eines DA-Systems in
-, 125
Vorteile, 31, 123, 136
-erweiterung, 36
-gleichung, 30, 55, 227
-größe, 65
-raum, 36, 43, 106
-raumdarstellung, siehe Zustands-
darstellung
-raummodell, siehe Zustandsdar-
stellung
-raumsystem, siehe Zustandsdar-
stellung
-vektor, siehe Zustand
-verlauf als Funktion der Zeit, 43