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Richard

Le compte richard en allemand

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»Wissen Sie«, sagte die alte Frau auf der Parkbank zu dem Mann neben ihr.

»Am liebsten
mag mein Richard die Hähnchenbrust vom Markt, dünn geschnitten.
Der Handler kennt mich und wartet jeden Freitag auf mich ... Diesmal wollte ich nichts, ich
muss auch sparen, aber er meinte, die Hähnchenbrust sei heute ganz besonders zart, und
am Ende habe ich sie doch gekauft.«
Die alte Frau halte das Tütchen mit dem Fleisch aus der Einkaufstasche und zeigte es dem
Mann. Er blickte unwillig rüber und starrte dann wieder auf sein Handy.
»Der Richard ist immer aufgeregt, wenn ich damit nach Hause komme, ich glaube, er riecht
das Fleisch. Die Sekunden, bevor ich das Hühnchen in seine Schüssel gebe, die kann er
kaum noch abwarten, da streicht er mir dauernd um die Beine und miaut.« Sie lachte. »So
lauft das bei uns: Zuerst er, dann ich. Bei meinem Mann war das umgekehrt, der hat immer
schon Rücksicht auf mich genommen, aber mit dem Richard konnte ich das nicht machen.«
Der Mann neben ihr nickte höflich. Ertrug einen dunkelgrauen Hoodie und tippte noch eine
Nachricht auf dem Handy, dann stand er auf und wünschte ihr einen guten Tag. Die alte
Frau sah ihm nach, die Tüte mit der Hähnchenbrust vom Markt noch immer auf dem Schoss.
Die Blatter der Bäume leuchteten golden in der späten Nachmittagssonne, auf der Wiese im
Park spielten Kinder. In der Ferne sah sie ein junges Paar; seine Hand vergrub sich in ihrer
Jackentasche und ihre in seiner.
Die alte Frau blickte ihnen nach, dann betrachtete sie ihre fleckigen Hände.
Sie dachte an ihren verstorbenen Mann. Wenn ihre Erinnerung ein Kino war, dann waren die
Jahre mit ihm ein Klassiker, der noch immer jeden Abend lief. Vielleicht war er nicht mehr
ganz so spannend, weil sie jeden Satz aus der Handlung mitsprechen konnte, und vielleicht
war auch das Bild inzwischen etwas unscharf geworden und die Tonspur verwaschen, aber
das machte nichts.
Der Film endete, kurz bevor seine Krankheit begann:
»Ja, klar ... Das hat er niemals gemacht.«
»Und wie er das gemacht hat.«
Zwei Mädchen durchquerten den Park und kamen diskutierend auf sie zu. Sie setzten sich
neben die alte Frau auf die Bank.
Eine Weile hörte sie dem Gespräch der beiden Freundinnen zu und strich dabei immer
wieder über ihre gemusterte Bluse. Dann griff sie in ihre Jacke und halte ein Foto heraus. Es
zeigte einen jungen Kater. Sein Fell war komplett schwarz, nur die Nasenspitze leuchtete
weiß.
»Da war er noch ganz klein«, sagte die Frau, indem sie die Unterhaltung der beiden
Mädchen einfach unterbrach. »Ich hab ihn Richard getauft, weil so mal ein guter Freund
hieß und weil ich den Namen immer mochte.«
Die beiden Mädchen starrten befremdet auf das Bild.
»Nach dem frühen Tod meines Mannes, da war ich viel allein«, fuhr die Frau fort.
»Wir hatten keine Kinder, die Wohnung war so leer ohne ihn, und im Laufe der Jahre sind
weitere Freunde gestorben. Tja, so ist das ... Manchmal saß ich dann den ganzen Tag in der
Küche und hab mit niemandem geredet.« Sie seufzte, obwohl sie gar nicht seufzen wollte.
Es war ungewohnt, langer mit jemandem zu reden.
»Irgendwann hab ich dann im Fernsehen einen Bericht gesehen, dass es in den Tierheimen
im Sommer zu viele Katzen gibt, weil die Leute sie vor den Ferien aussetzen. Also bin ich
hin. Mein Gott, war das ein Gemaunze dort.« Die alte Frau lachte. Ich bin durch die Gänge
gegangen, und plötzlich greift da eine. Tatze nach mir. Ich blicke in den Käfig und sehe ein
schwarzes Kätzchen mit weißer Nase. >Den da haben wir im Wald gefunden<, sagt der
Mann vom Tierheim zu mir. >Seine Mutter ist gestorben und hat nicht mehr auf ihre Kinder
aufpassen können. Alle seine Geschwister waren schon tot, nur er hat überlebt. Ganz schon
zäh.< Ich schaue auf das Kätzchen, es wirkt verzweifelt, fast flehend und da sage ich: >Der
kommt zu mir.< Das war vor fünfzehn Jahren. Anfangs war es natürlich ungewohnt, da sind
wir beide aneinander vorbeigeschlichen. Richard ließ sich nämlich nur ungern streicheln;
man konnte sehen, dass er viel mitgemacht hatte und verängstigt war. Aber irgendwann hat
sich an mich gewöhnt.«
Sie holte ein anderes Bild hervor, auf dem der Kater älter und deutlich grösser war. Sein
schwarzes Fell glänzend und kräftig, er lag behaglich zusammengerollt auf einem Kissen vor
der Heizung.
»Das ist sein Lieblingsplatz«, sagte die alte Frau zu den beiden Mädchen. »Er mag's gern
warm, und wenn man bedenkt, dass man ihn damals im kalten Wald gefunden hat, kann
man das ja auch verstehen. Der Richard ist im Laufe der Jahre ein richtig schöner, stolzer
Kater geworden, kein Vergleich zu dem abgemagerten Kätzchen, das er damals war. Er
ist ... «
Die Frau verstummte mitten im Satz. Wieder strich sie nachdenklich über eine Falte ihrer
Bluse. Die Mädchen wussten nicht, wie sie auf die sonderbare Alte reagieren sollten, und
schwiegen nun ebenfalls. Der Park versank im blauen Licht der Dämmerung, in der Ferne
noch immer der fröhliche Lärm der Kinder, die auf der Wiese Fußfall spielten.
Auf einmal tippte die alte Frau auf das Foto. »Ich weiß noch, wie der Richard beschlossen
hat, dass wir jetzt Freunde sind. Ich saß in der Küche und hab gelesen, da sprang er
plötzlich auf meinen Schoß. Das hat er davor nie gemacht und auch in den Jahren danach
nie mehr. Nähe ist nämlich sehr schwierig für ihn.
Aber an diesem Tag, da wollte er mir wohl zeigen, dass er mich mag.«
Die beiden Mädchen schauten sich an und kicherten dann los.
Die alte Frau lachte einfach mit. »Ja, er hat seinen eigenen Kopf. Am liebsten ist er in
meiner Nähe, aber mit ein bisschen Abstand. Wenn ich in der Küche lese, sitzt er gern auf
dem Stuhl neben mir. Wenn ich fernsehe, auf dem Sessel gegenüber. Aber in meinem Bett
schlafen? Niemals ... Irgendwann kannte ich ihn dann so gut, dass ich ihn genau verstanden
habe. Laute Geräusche machen ihm Angst, weil sie ihn an etwas von früher erinnern.
Manchmal hat er gute Tage, dann ist er zutraulich und lässt sich am Kopf kraulen. Aber
dann muss man ihn auch wieder in Ruhe lassen. Und genauso kennt er auch mich. Katzen
sind ja sehr feinfühlig, wusstet ihr das?. Es heißt, dass sie sogar den Tod von Menschen
erahnen können, aber auch ihren eigenen, so ein gutes Gespür haben sie ....
Habt ihr ein Haustier?«
Das eine Mädchen schüttelte noch immer grinsend den Kopf, das andere nickte zögerlich.
»Einen Hund.«
»Und wie heißt er?«
»Miles«, sagte das Mädchen verlegen.
Die alte Frau lächelte. »Ich verrate dir was.« Sie holte aus ihrer Tasche noch ein drittes
Foto. Der Kater war darauf schon alt und sichtbar ergraut, das Fell nicht mehr glänzend,
sondern struppig. Er saß auf einem Stuhl und blickte müde, aber mit klugen gelben Augen in
die Kamera.
»Sein Lieblingsmoment sind die Sekunden, wenn ich die Hähnchenbrust in seine Schüssel
lege. Aber mein Lieblingsmoment sind die Sekunden, wenn ich die Haustür aufsperre. Ich
höre den Richard nämlich immer schon hinter der Tür miauen. Er ist ja genauso einsam wie
ich und wartet die ganze Zeit auf mich.
Und wenn er dann endlich hört, dass ich das Haus betrete, fängt er bereits an zu miauen: >
Wo warst du nur so lange?< Bin ich dann im ersten Stock und hole den Schlüssel heraus,
kratzt er laut an der Tür. Er ist so aufgeregt, dass er sofort aus der Wohnung laufen würde.
Ich muss beim Öffnen immer den Fuß in den Spalt halten, damit er nicht ins Treppenhaus
rennt. Seit fünfzehn Jahren mache ich das jetzt. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme,
halte ich den Fuß in den Spalt; ein richtiger Reflex.«
Die alte Frau blickte lächelnd auf das Foto ihrer Katze.
Das eine Mädchen stieß das andere an.
»Ja, also, wir müssen dann mal ... «, sagte es schnell. Sie verabschiedeten sich, und kaum,
dass sie einige Schritte entfernt waren, prusteten beide los.
Die alte Frau hörte es, es machte ihr nichts aus. Allmählich dunkelte es, aber heute wollte
sie noch nicht so früh nach Hause. Ihr Blick schweifte über den Park, dessen Laternen
gleichzeitig angingen. Nach und nach leerte er sich, auch die Kinder, die auf der Wiese
Fußball gespielt hatten, machten sich auf den Weg. Noch immer betrachtete sie das letzte
Foto von Richard. Sie dachte daran, wie er vor zwei Tagen in ihrem Bett geschlafen hatte.
Das hatte er noch nie gemacht, in all den Jahren nicht, es war ihm zu nah. Aber diesmal war
er mit einem Schnurren zu ihr gekommen und ganz zutraulich gewesen. Überrascht hatte
sie ihn beim Namen gerufen. Er hatte ein paarmal seinen Kopf an ihrem Arm gerieben und
sich schließlich an ihre Schulter gekuschelt.
Die alte Frau umklammerte das Tütchen mi Hähnchenfleisch und legte es neben sich.
Plötzlich weinte sie.
Der Park war inzwischen leer, niemand sah und nach einigen Augenblicken hatte sie sich
wieder beruhigt. Sie stützte sich auf die Gehhilfe - machte sich auf den Heimweg. Die Lichter
der Laternen malten scharfe Schatten auf den Bürgersteig, aus den Kneipen und
Restaurants wehte Gelächter und Stimmengewirr zu ihr herüber.
Im Treppenhaus empfing sie der altbekannte Geruch nach kühlem Staub. Sie ging die
Stufen nach oben, jede vorsichtig und mühsam, aber nie hatte sie darüber geklagt. Endlich
kam sie bei ihrer Wohnung an. Sie holte den Schlüssel aus ihrer Tasche und schloss die Tür
auf. Dahinter war es dunkel und still, trotzdem hielt sie den Fuß in den Spalt.

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