Ziemann 2011
Ziemann 2011
Wissenssoziologinnen und Wissenssoziologen haben sich schon immer mit der Bezie -
hung zwischen Gesellschaft(en), dem in diesen verwendeten Wissen, seiner Verteilung
und der Kommunikation (über) dieses Wissen(s) befasst. Damit ist auch die kommunika-
tive Konstruktion von wissenschaftlichem Wissen Gegenstand wissenssoziologischer
Reflexion. Das Projekt der Wissenssoziologie besteht in der Abklärung des Wissens durch
exemplarische Re- und Dekonstruktionen gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen. Die
daraus resultierende Programmatik fungiert als Rahmen-Idee der Reihe. In dieser
sollen die verschiedenen Strömungen wissenssoziologischer Reflexion zu Wort kommen:
Konzeptionelle Überlegungen stehen neben exemplarischen Fallstudien und historische
Rekonstruktionen stehen neben zeitdiagnostischen Analysen.
Andreas Ziemann
Medienkultur und
Gesellschaftsstruktur
Soziologische Analysen
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1. Auflage 2011
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ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere
für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspei-
cherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-531-17434-1
Inhalt
1 Einleitung .......................................................................................................... 7
Fortschritt und Kritik – die reflexive Ambivalenz der Moderne (7) Kultur und Techno-
logie (17) Medienkultur, Subjektkultur und Gesellschaft (28) Fragestellungen und Gliede-
rung der Kapitel (36)
I Einleitung
1
Siehe zum Folgenden bereits meine Ausführungen in: Ziemann (2006b: 25–35; 2007).
2
Eben dieser Fragestellung ist das Kulturwissenschaftliche DFG-Forschungskolleg » Medien-
umbrüche « an der Universität Siegen gewidmet. Pointiert lautet dort die Begriffsformel:
› MedienRevolutionen ‹. Siehe etwa Garncarz (2006); zudem Luhmann (1997: 413–431, 586 ff.
und 997–1016) und Bickenbach (2004).
denken. Diese längst nicht mehr gepflegte Tradition3 will ich aufgreifen und
hier zu neuer produktiver Anwendung kommen lassen. Programmatisch soll
es um nicht weniger gehen, als vor einem kultur- und allgemein soziologi-
schen Hintergrund drei selten ins Gespräch gebrachte – um nicht zu sagen:
wechselseitig blinde – Theoriestränge und Erkenntnisbereiche konstruktiv zu
verbinden: Technik, Medien und Gesellschaft und damit Techniktheorie, Me-
dientheorie und Sozial- bzw. Gesellschaftstheorie.
Bisher zeigt sich die Sozialtheorie gegenüber Tech nik eigentümlich resis-
tent. Es scheint weiterhin so, dass Tech nik weder ins Arsenal der Grundbe-
griffe aufgenommen wird noch einen eigenständigen Platz in den Sozial- und
Gesellschaftstheorien findet (vgl. Halfmann 1996; Rammert 1998: 9 f.; Eßbach
2001). Auch gegenüber Medien und Medientech nologien verharren viele So-
zialtheoretiker – trotz der jüngsten fulminanten Karrieren von Medientheorien
verschiedenster Couleur – bei Altbekanntem und stellen ihre Theoriearbeit
und ihre Grundbegriffe nicht wirklich um. Je deutlicher aber Gesellschafts-
strukturen von Medientech nologien und Massenmedien gestützt, geformt
und verändert werden und Medienhandeln Sozialisationsprozesse, Persön-
lichkeitsentwicklung und soziale Integration begleitet, ermöglicht oder biswei-
len auch mit Krisen konfrontiert, umso deutlicher zeigt sich die Notwendigkeit
einer integrativen Theoriearbeit und -reflexion. Der Gegenstandsbereich der
Medien ist im Verhältnis zu Gesellschaft, Kultur und Persönlichkeit alles an-
dere als trivial oder eine ephemere Erscheinung. Im Gegenteil: Medien und
Medienwandel verdienen es, soziologisch ernst genommen zu werden – erns-
ter denn je.
Nachdem damit in aller Kürze zwei wesentliche Desiderate angerissen
sind, will ich im Folgenden Medientech nologien und Gesellschaftsstruktu-
ren und ihren wechselseitig angeregten Wandel in den Blick nehmen. Es geht
mir um den Versuch einer Systematisierung wie auch Dekonstruktion, der
dann für weitere soziologische Untersuchungen zu Medien, Tech nik und Ge-
sellschaft instruktiv und leitend sein soll. Methodisch gibt es vier Richtun-
gen, nach denen meines Erachtens Medientechnologien zu untersuchen sind:
3
Wichtige kultursoziologische Reflexionen auf den Gegenstandsbereich (hat › Kultur ‹ etwa
› Gesellschaft ‹ ersetzt ?), auf zentrale Referenzautoren bzw. Theorieansätze und auf die eige-
ne Disziplin (und ihre junge Geschichte) liefert der Sammelband von: Berking/Faber (1989).
Und es ist zu konzedieren – weil er auch hier im Weiteren eine wichtige Rolle spielt –, dass
die deutsch sprach ige Kultursoziologie ohne Tenbruck sch lechterdings kaum vorstellbar
respektive institutionalisiert worden wäre. Einen systematischen, metatheoretischen An-
satz zu Kultur und Kultursoziologie gibt Cappai (2001). Und zu Kontaktunterbrechungen
schließlich auch von Seiten der Kulturwissenschaften und ihrem Desinteresse an soziologi-
schen Theorien siehe: Baecker (2004).
Einleitung 161
4
Die zweite Perspektive auf die Wechselwirkungen zwischen Medieninnovationen und Me-
diengebrauch ist Gegenstand des vorherigen Kapitels sowie auch des nachfolgenden. Zum
medienkritischen Diskurs siehe exemplarisch: Ziemann (2006b: 36–59), aber auch das hiesige
8. Kapitel zum › Medienintellektuellen ‹.
162 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
tielle Zunahme seit der Erfindung des Buchdrucks. So sehr der sonst vernach-
lässigte Technikaspekt hier in den Vordergrund rückt, lauert im Hintergrund
einer solchen Sichtweise das Problem, dass einerseits eine Teleologie und
ein Steigerungs- bis Perfektionsoptimismus angenommen oder vorgegeben
werden, ohne dies explizit zu reflektieren, geschweige denn kritisch zur Dis-
kussion zu stellen. Andererseits besteht das Problem, dass in evolutionärer
Hinsicht selbst das Moment der Anpassung oft in doppelter Weise vergessen
wird. Weil Evolution grundsätzlich umweltabhängig ist, müsste jenes Steige-
rungsmodell die te nis e Umwelt und Vorgeschichte ebenso berücksichtigen
wie die gesells a li e Umwelt und die gesellschaftsgesch ichtliche Parallel-
entwicklung.5 Viel stärker als bisher ist auch zu reflektieren, dass Medien fort-
während in einer gesellschaftlichen Kollektivanstrengung generiert, repariert
und transformiert werden.6 Nach Luhmann (1985: 15) können sich evolutions-
theoretische Ansätze darin unterscheiden, ob sie eher für einen Trend funktio-
naler Spezi kation oder zunehmender Komplexität oder der Normalisierung von
Unwahrs einli keiten votieren. Aber jede Version sollte erklären, wie der kom-
plexe Selbsterneuerungsprozess eines geschlossenen Bereichs – hier also der
Massenmedien im dominanten Sinne von › technischen Verbreitungsmedien ‹ –
gelingt und weshalb trotz Formvarietät und Strukturänderung alles noch und
weiterhin funktioniert.
Man müsste – entgegen einer vereinfachenden, linearen Modellperspekti-
ve – des Weiteren auf die jeweils besondere Logik des Marktes und entspre-
chend auf Innovationsdruck7 und Konkurrenzstreben eingehen. Denn gerade
der Versuch, » in Konkurrenzverhältnissen Konkurrenz zu entgehen, führt […]
zur Variation und Innovation von Technik. « (Giesen 1998: 256) Jede Innovation
5
» Evolution bedeutet: Bedingungen hinzuzufügen, unter denen Formen, d. h. Unterschei-
dungen miteinander verbunden werden können. Indem sie die Konditionierung erhöht, er-
zeugt die Evolution Organisation, und mit Organisation entsteht › das Gesetz begrenzter
Möglich keiten ‹, das die Wahl der Möglich keiten für die Evolution weiterer Formen ein-
schränkt und dadurch die Evolution in die Richtung einer größeren Unwahrscheinlichkeit
von Formen lenkt. Neue Medien und ihnen entsprechende neue Formen müssen mit zuneh-
mend unwahrscheinlicher werdenden Bedingungen fertigwerden. « (Luhmann 1994: 416 f.)
6
Hierzu passend Rammerts allgemeine Feststellung: » Es gibt keine rein te nis e Evolution
ohne mens li e Intervention. Es gibt au keinen te nis en Forts ri , der einer eigenständigen
und geradlinigen Logik folgt. Stattdessen beobachten wir einen soziotech nischen Wandel, der
sowohl von tech nologischen Paradigmen als auch von gesellschaftlichen Projekten der Tech-
nisierung getrieben wird. « (2007: 185)
7
Siehe aktuell zum sozialwissenschaftlichen Innovationsdiskurs den bemühten, empirisch
breit ausgerichteten und interessanten, aber gerade gesellschaftstheoretisch enttäuschenden
und auch die (Massen-)Medien vollkommen vernach lässigenden Sammelband von: Ader-
hold/Jahn (2005).
164 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
von Produkten oder Prozessen ist dabei nicht schon per se ihre Neuheit oder
Andersartigkeit, sondern diese ist an unternehmerische Risikobereitschaft,
kollektive Akzeptanz, Implementierung in die konkrete Praxis, (marktökono-
mischen) Erfolg und nicht selten auch an die positive Bewertung durch sozia-
le Netzwerke und Innovationsmilieus, kurz: eine » community of practice «
(Tuomi 2002), gebunden – und damit weniger ex ante planbar (und erst recht
nicht linear) als vielmehr erst ex post via Beobachtung8 feststellbar. Oft bewirkt
auch weniger die funktionale Überlegenheit einer Tech nologie Innovation
und Verdrängung, sondern lediglich ihre erhöhte Bedienungsfreundlichkeit
und der rasante Rhythmus des Marktes mitsamt offensiver Werbung.9 Die
Unterhaltungselektronik ist reich an entsprechenden Beispielen. Deshalb ist
der technische Fortschritt bei weitem nicht der einzige Innovationsmotor und
Selektionsmechanismus. Neben Konsumentenbedürfnissen der optimierten
Handhabung10 spielen auch der (propagierte) Distinktionswert eines Gerätes
und seine Einbett ung in kulturelle Diskurse eine wichtige Rolle.11 Und glei-
chermaßen der ökonomischen Logik des Marktes wie auch jener diskursiven
des modernistischen Maschinen- und Technikoptimismus verpflichtet ist das
konstitutive Basisversprechen von Medientech nologien überhaupt, in naher
Zukunft jegliche Beschränkungen und Gebrauchsbarrieren überwunden zu
haben sowie singulär-spezielles Mediengerät in eine komplexe intermediale
Einheitstechnik zu transformieren.12
Jene der Tech niksoziologie entlehnte Argumentation hat einen promi-
nenten Vorläufer: Joseph A. Schumpeter (vgl. 1912 und 1950). Einer seiner
Schlüsselbegriffe lautet: › schöpferische Zerstörung ‹; alte Strukturen werden
zerstört und neue geschaffen und bis auf Weiteres beibehalten. Ich will die
8
In der Organisationsforschung heißt es etwa: » Organizational change is an empirical ob-
servation of differences in time of a social system « (Van de Ven/Scott Poole 1988: 36; vgl.
auch Luhmann 2000: 331 f.). Für mein Untersuchungsfeld bedeutet das ganz allgemein: Me-
dienwandel ist beobachtete Veränderung; oder: ohne (selbst mediengestützte) Beobachtung
weder Wandel noch Innovation.
9
Die Suggestion und den selbstverständlichen kulturellen Masseneffekt des Neuen, des
jetzt › Angesagten ‹, das in funktionaler wie praktischer Hinsicht bisherigen Tech niken und
Produkten unterlegen sein kann, diese aber trotzdem verdrängt, identifiziert Schücking (vgl.
1961: 76 ff.) auch im Feld der Kunst(werke). Publikumsakzeptanz, so Schück ing, verdankt
sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker bis fast aussch ließlich dem reinen
› Propagandawert ‹ des Neuen als solchem.
10
Siehe zum bisweilen kontraproduktiv ausgelösten Maschinen-Ekel: Ellrich (2000).
11
Die Apple-Community lebt nicht erst seit der Einführung des iPod genau dies vor.
12
Der Panasonic-Präsident Fumio Ohtsubo stellt im Herbst 2008 eine diesbezüglich konse-
quente Strategie der Produktkonzentration vor. Künftig werde seiner Vorstellung nach der
Unterhaltungs- und IT-Bereich von nur zwei komplexen Tech nikapparaten versorgt: einem
multifunktionalen, interaktiven Fernseher und einem intelligenten Mobiltelefon.
Evolution der Medientechnologie 165
13
Von der Regel › Neue Tech nik für weniger Geld ‹ geben alle Produkte der Unterhaltungs-
elektronik bestes Zeugnis.
166 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
14
Siehe zum zweiten Aspekt der qualitativen Veränderung, des Strukturwandels in den
Niveaus sowie zu einigen Rekombinationsoperatoren für die Transformation von › alt ‹ zu › neu ‹
(beispielsweise Adding, Replacing, Inverting, Swapping, Merging): Müller (2000: 90 und 100).
168 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
15
Castells (2001: 34) spricht in diesem Zusammenhang von einer » kumulativen Rückkopp-
lungsspirale zwischen der Innovation und ihrem Einsatz «.
16
Siehe zur kritischen Diskussion, ausgehend von der › the more-the more-Regel ‹ des Medien-
gebrauchs: Stöber (2003b).
17
Hier lässt sich eine weitere Besonderheit zwischen Medien- und Gesellschaftswandel
einhängen. Es ist ein gesellschaftsstrukturelles Merkmal der (Spät-)Moderne, dass Moral
keinen eigenständigen und exklusiv spezialisierten Vergesellschaft ungsbereich ausgebildet
und eingerichtet hat. Interessanterweise ist es aufgrund von Wechselwirkungen zwischen
gesellschaftlicher Evolution und Veränderungen im System der Massenmedien dazu ge-
kommen, dass letztes den Funktions- und Aufgabenbereich von Moral mit übernommen hat
und nun als gesellschaftliche Instanz für Werturteile des guten Lebens, für Normverstöße
und für alarmierende bis aufklärende Berichterstatt ung (in Form des Skandals) zuständig
ist. Ich werde dies in Kapitel 7 ausführlich behandeln und diskutieren.
Evolution der Medientechnologie 169
Ausrichtung auf das Familien- bzw. Privatleben mehr oder minder bekannter,
prominenter Personen.18
Doch bei aller Spezialisierung und Nischennutzung ist insofern eine dif-
ferenzierte Betrachtung geboten, als es eindeutige parallele Verdrängungs-
prozesse gibt. Wenn ein gesellschaftliches Problem verschwindet oder seine
Lösung durch andere Medien optimiert wird, dann verschwinden oft auch die
alten Medien von der gesellschaftlichen Benutzeroberfläche. Die Geschichte
ist reich an solchen Fällen. Weil beispielsweise Flugpost ihren Zielort schnel-
ler erreicht, brauchen wir keine Postkutschen mehr. Indem jeder individuell
mit seinem › Handy ‹ telefonieren will und erreichbar ist, werden öffentliche
Fernsprecher überflüssig. Und definitiv ausgestorben sind auch (bei aller Nos-
talgie, trotz individuellen Sammlerwerts und gerade wegen ihrer musealen
Aufbewahrung): camera obscura, pneumatische Telegrafie, Schellack-Platten,
Beta-Video, Laser-Video-Disks u. a. m. Nostalgie und Ästhetisierung sind
zwei besondere Formen, das Alte trotz seiner Funktionslosigkeit gegenüber
dem Neuen zu konservieren und ihm dabei eine besondere Bedeutung ab-
zugewinnen (vgl. Liessmann 2000: 10). Museums- und Freizeitsammelkultur
wären demnach dialektische Bewegung wie auch ruhender Gegenpol zum
Verschwinden veralteter Medientechnologien.
Es ist den Beispielen in je verschiedener Weise abzulesen wie auch gene-
rell die Schlussfolgerung angebracht, dass erstens die Funktionen von Medien
immer spezialisierter werden und dass zweitens erst der gesellschaftliche Um-
gang den Medien entweder ihre besondere Funktion zuweist oder sie vernach-
lässigt, verdrängt und vergisst.19 Kurz gesagt: Kein Medium setzt sich bereits
18
Siehe exemplarisch zur » Yellow Press « und ihrer Lesertypologie die frühen Beobach-
tungen Robert Ezra Parks (1955: 100 f.; vgl. auch 1927): » There seem to be […] two types of
newspaper readers. › Those who find their own lives interesting ‹ and › those who find their
own lives dull, and wish to live a more thrilling existence. ‹ There are, correspondingly, two
types of newspapers: papers edited on the principle that readers are mainly interested in
reading about themselves, and papers edited upon the principle that their readers, seeking
some escape from the dull routine of their own lives, are interested in anything which offers
them what the psychoanalysts call › a flight from reality. ‹ «
19
» Das Wissen über die Mediengeschichte muss mit dem Umstand rech nen, dass sich neue
Medien keinesfalls von selbst durchsetzen, etwa kraft ihrer tech nischen Funktionalität. Die
Versprechungen der Medien und ihre Funktionen unterliegen immer schon einem kul-
turellen Auswahlprozess, in dem auch diskursiv verhandelt wird, was Erfolg verspricht.
Anders gesagt: Wenn Medien Wunsch masch inen sind, müssen sie ihre Wünsche und so-
gar die Wunsch struktur erst einmal hervorbringen, die dann › Nutzen ‹ und › nützlich ‹
heißt. Sie oder er, Wunsch oder Nutzen, werden sich gegen die oppositionelle Kritik und
Beschwörung der Gefahr durchsetzen müssen und das Medium wird – auf Dauer – eine
Normalisierung mittels Optimierung von Tech nik wie mittels Sozialisierung angepasster
Kulturtech niken entwickeln. « (Bickenbach 2004: 120) Siehe mit reich haltigen Fallbeispielen
170 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
zur soziologischen Aufarbeitung von Tech nologiegesch ichte zwischen Erfi ndung, Innova-
tion und Vergessen den Sammelband von: Bijker et al. (1987).
20
Um ein weiteres Beispiel zu bemühen: Bei Leonardo da Vinci findet sich zwar etwa um
1493 die erste komplexe und funktionsfähige Entwurfsskizze des Fahrrads, doch erst eine
lange sozialtech nologische Gesch ichte und Innovationsphase hat es sch ließlich von der
› Sch nelllaufmasch ine ‹ à la Drais über das aristokratische (dreirädrige) Hoch rad der Park-
anlagen transformiert zum › King of the Road ‹ (vgl. ausführlich Bijker 1995: 19–100; oder
auch McLuhan 1970: 177 ff.).
21
So auch die Auffassung Kittlers (2002: 156): » Es gibt, allem Fortschrittsglauben zum Trotz,
in der Mediengeschichte keine lineare oder kontinuierliche Entwicklung. Die Geschichte der
Tech niken ist ganz im Gegenteil eine Geschichte von Sch nitten. «
22
Siehe zur Diskussion beispielsweise: Maresch (1995), Spreen (1998) und Hickethier (2003).
23
Insofern ist es eine vereinfachende Beobachtung und Argumentation – sowohl empi-
risch als auch grundlagentheoretisch –, das Funktionieren der Tech nik gegenüber ihrem
(frustrierenden bis riskanten) Nicht-Funktionieren dominant zu setzen oder im Medium
des Vertrauens (reflexiv) vorauszusetzen. Entsprechend sollte man besser ein vierfaches
Reflexionsschema mit wechselseitigen Kreuzungsmöglich keiten entwerfen: akzeptables/
inakzeptables Funktionieren/Nicht-Funktionieren von Tech nik. Zu Funktionierbarkeits-
und Anschlusserwartungen an Tech nik siehe auch: Kaminski (2004).
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 171
ist. Keine Technologie kann die Vorteile, die andere Lösungen unter bestimm-
ten Gesichtspunkten bieten, vollständig in sich vereinen. Solange solche Alter-
nativen im Blick sind, bleibt der Einsatz einer Technologie insofern unsicher,
als sich die Frage nicht abweisen läßt, ob nicht die Verfolgung eines anderen
Lösungsweges letztlich bessere Resultate erbracht hätte. Dieses Unsicherheits-
potential wird nun dadurch beseitigt, daß im Verlaufe der Te nikentwi lung ein
S ließungsprozeß stattfindet. Wenn eine Technologie gegenüber anderen einen
Vorsprung gewinnt, setzt ein Monopolisierungsprozeß in der Form ein, daß
Kräfte von alternativen Lösungen abgezogen und auf die siegreiche Option
hingelenkt werden. Alternative Lösungen werden nicht mehr präsent gehalten,
jedenfalls für alle praktischen Zwecke eliminiert. Da zumeist die Problem-
definition diesem Selektionsprozeß angepaßt wird, kann auch von hier aus
die Alternativlosigkeit der sich durchsetzenden Tech nologie kaum in Frage
gestellt werden. Die letzte Stufe der Technikentwicklung erscheint immer als
die höchste. «24 Neben dem Schließungsprozess müssen aber – wie oben be-
tont – eine dialektische Öffnung und gerade im Bereich der Hochtechnologie
Konvertierungs- bzw. Konvergenztendenzen und -absichten berücksichtigt
werden. Es ist keineswegs nur mehr ein Traum der Technikforschung und Me-
dienentwicklung, sondern längst Realität und sehr konkret beobachtbar, dass
in vielerlei Hinsicht Technologien einerseits umgebungsbezogen (› ubiquitous
computing ‹) integriert werden und andererseits mit organischen, neurona-
len oder physischen Prozessen verbunden sind. Ein diesbezüglicher Schlüs-
selbegriff lautet: Converging Te nologies. Die Nano-, Bio-, Informations- und
Kognitionstechnologien (NBIC) werden zusammengezogen mit der zentralen
Forschungsidee, dass ihre › basic units ‹: Atom, Gen, Bit, Neuron, kompatibel
und konvertierbar seien und neue Technologien ermöglichten (vgl. etwa Coe-
nen 2008).
24
Siehe ergänzend auch die kultursoziologischen Betrachtungen von Gerhard Schulze (2003),
der das mediale Steigerungsspiel der spätmodernen Gesellschaft in der reflexiven Abfolge
von Erweiterung, Perfektionierung, Vermehrung und selbst erzeugter Komplexitätszunah-
me mit neuen Bedürfnissen und neuen Tech nologien sieht.
172 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
25
In diesem Kontext darf selbstredend nicht der Hinweis auf eine klassische Referenz
sch lechthin fehlen: Louis Henri Sullivan. Vielfach zitiert, schreibt Sullivan in » The Auto-
biography of an Idea «: » every problem contains and suggests its own solution « (vgl. auch
1988: 208); und weiter: » the vital idea was this: That the function created or organized its
form « (1924: 290). Neben die (deterministische) Losung » form follows function « treten dann
die Ideen: » form evokes function « (Hoesli) und » form follows form « (Nowicky). Dies ist
alles Ideengut des Arch itekturdiskurses der 1940er und 1950er Jahre, das späterhin auch
tech nologische Formfindung im Allgemeinen angeleitet, begründet und im Nach hinein legi-
timiert sowie erklärbar gemacht hat.
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 173
nen.26 Der gemeinsame Nenner lautet der formalen Definition nach: » Medien
sind gesellschaftliche Einrichtungen und Tech nologien, die etwas entweder
materiell oder symbolisch vermi eln und dabei eine besondere Problemlösungs-
funktion übernehmen. Sie verfügen über ein materielles Substrat (und sind des-
halb Materialitäten menschlichen und gesellschaftlichen Seins), welches im
Gebrauch oder durch seinen Einsatz Wahrnehmungen, Handlungen, Kom-
munikationsprozesse, Vergesellschaftung und schließlich soziale Ordnung im
Generellen ermöglicht wie auch formt. « (Ziemann 2006b: 17)
Wie in aller Allgemeinheit gilt, dass jeder momentane Wissensstand ohne
Kenntnis der Gesch ichte unklar bleibt, so bliebe auch eine Medientheorie
ohne vergleichende geschichtliche Analysen inhaltsleer. Medientheorie sollte
deshalb historisch sensibel sein und ihre Empirie auch aus gesch ichtlichen
Ereignissen und Quellen ziehen. Ganz in diesem Sinne konstatiert Vogel
(2003: 131): »Wenn wir sagen, dass X ein Medium ist, dann machen wir eine
sozial und historis gebundene Aussage über die Rolle, die X in der kommu-
nikativen Praxis dieser Gesellschaft in einem Zeitraum spielt.« Am Beispiel
der Wahrnehmung dürfte einleuchtend sein, dass die Modi mensch licher
Sinneswahrnehmung und die Medien, in denen sie erfolgt, nicht nur natür-
lich, sondern auch gesch ichtlich und gesellschaftlich bedingt sind und sich
innerhalb verschiedener Epochen verändern. » Innerhalb großer ges i tli er
Zeiträume verändert si mit der gesamten Daseinsweise der mens li en Kollektion
au die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung. Die Art und Weise, in der die
menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie
erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch gesch ichtlich bedingt. « (Ben-
jamin 1977a: 141) Zentralperspektive und Zeitlupe sind nur zwei besondere
Fälle der Wahrnehmungsveränderung. Und auch am Beispiel des Buchdrucks
zeigt sich die notwendige Verknüpfung medienwissenschaftlicher Forschung
mit Gesch ichtswissenschaft genauso wie das Betreiben von Medientheorie
als Gesellschaftstheorie. Warum war der Buchdruck lange vor Gutenberg be-
reits in China (1040 durch Bi Sheng) erfunden, aber dort gesellschaftlich nicht
so wirksam wie in Europa ?27 Wenn die Medientheorie gesellschaftstheore-
tisch und geschichtswissenschaftlich argumentiert, wird sie die Entwicklung,
Durchsetzung und Stabilisierung von technischen wie auch kommunikativen
26
Ich habe dies an anderer Stelle ausgeführt (vgl. Ziemann 2006b: 18 ff.) und sodann in An-
lehnung an Luhmann untersch ieden zwischen: Wahrnehmungsmedien, Verstehensmedi-
en, Verbreitungsmedien, kommunikativen Steuerungs-/Erfolgsmedien und städtebaulichen
Ordnungsmedien.
27
Für Manuel Castells (2001: 7 ff. und dort mit weiteren Forschungsreferenzen) kommt bei
der tech nologischen Stagnation in China dem Staatsapparat eine entscheidende Rolle zu.
174 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
Medien erklären können, wird sie deren Eigenheiten auf die Spur kommen
und wird sie für bestimmte kulturelle Epochen radikale Umbrüche durch
neue Leitmedien feststellen können.
Weiterhin bleibt aber das Problem bestehen, wie Stabilität und Wandel, wie
Ordnung unter Bedingungen des Neuen begrifflich zu behandeln ist, in kultu-
rellen Diskursen verhandelt wird und schließlich in der situativen Praxis zum
Ausdruck kommt und gehandhabt wird.28 Zur Beschreibung der Medienent-
wicklung und des Medienwandels in Korrelation mit Gesellschaftsstrukturen
und Gesellschaftsepochen bietet sich nun eher die Kategorie der Revolution
statt jener der Evolution an.29 Die Revolutionsformel eignet sich besser für die
Makroperspektive, für die Einteilung in große mediale Epochen; denn sie fo-
kussiert darauf, dass es zwischen versch iedenen Medienerfi ndungen regel-
rechte Sprünge und wenige Abhängigkeiten gibt. Mediengeschichte ist dann
eine Chronologie der Leitmedien. Dabei hat das jeweils neue Leitmedium kei-
nen Kontakt zum vorherigen und keinen kausalen Ursprung in ihm. Die Sta-
dien lauten: Mündlichkeit, (Hand-)Schriftlichkeit, Buchdruck, Fernseher und
Computer/Digitalisierung. Die Ausbildung immer komplexerer Gesellschafts-
formationen wäre ohne neue Mediengattungen und ohne damit verbundene
neue Kommunikationsstrukturen und Integrationsprinzipien nicht möglich
gewesen. Nochmals thetisch formuliert: ohne Schrift keine Hochkultur, ohne
Buchdruck keine Reformation und ohne digitalisierte Massenmedien keine
Weltgesellschaft. Wenn ich idealtypisch auf eine dominierende Gesellschafts-
form, eine benennbare Kulturära und ein distinktes Leitmedium fokussiere,
dann ergibt sich folgende Zusammenschau.
28
Siehe instruktiv zur Kopplung von (Medien-)Tech nologien an Diskurse und Praktiken die
Sammelbände von: Hård/Jamison (1998) und Lösch et al. (2001).
29
Wenn man bedenkt, dass › Revolution ‹ im Allgemeinen die Veränderung des Weltbildes
bedeutet: erst des planetarischen, dann des gesellschaft lichen, und originär von natur-
wissen schaftlichen Beobachtungen seit Kopernikus (» terra non est centrum mundi «) her-
rührt, dann führen medientech nologische Revolutionen den besonderen Sachverhalt mit
sich, dass sie gleichermaßen Bedingung wie Resultat von weltlichen, gesellschaftlichen und
ideologischen Umwälzungen sind.
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 175
30
Hier kommt wieder die kultursoziologische Auffassung ins Spiel, wonach jeder Gesell-
schaftsform eine bestimmte Kultur entspricht und sowohl soziale Differenzierung als auch
Kulturentwicklung qualitative Sprünge und Brüche aufweisen (vgl. Tenbruck 1996a: 53 ff.).
Bei Tenbruck (vgl. vor allem 1986) lauten die gesellschaftlichen Stadien bekanntlich (und
ohne Weiteres mit jenen Luhmanns kompatibel; vgl. dazu etwa Tyrell 2005: 38 f.): primitive
Gesellschaft – Hochkultur – moderne Gesellschaft.
31
Mit nochmals expliziter Würdigung des Siegener DFG-Forschungskollegs.
176 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
Errungens a en (vgl. Luhmann 1985: 17 ff. und 1997: 506 ff.)32 neuer Produk-
tions- und Verbreitungstech niken von Kommunikation lassen sich als Aus-
weitung der Kontaktmöglichkeiten und des Kommunikationsuniversums im
Generellen verstehen. Fortan laufen die neuen Errungenschaften mit den alten
Kommunikationstechniken parallel und nötigen zu einem Umstellungs- und
Rekombinationszwang. Obgleich die gesellschaftlichen Strukturen »unter Ein-
s luß ihrer s on älteren Mögli keiten rekonstruiert « (Luhmann 1985: 20) wer-
den, so teilen die neuen Medientech nologien jedoch mit den älteren weder
eine gemeinsame Abkunft noch einen › master plan ‹. Mit der Erfindung von
Schrift wird Mündlichkeit ebenso wenig obsolet wie mit der Erfindung des
Computers das Buch oder die Zeitschrift. Vielmehr ergibt sich eine höhere
Wahl- und Gebrauch sfreiheit an Kommunikationsmöglich keiten, die sich
wechselseitig entlasten, zu spezifischen Verfeinerungen führen und aus ihrem
intermedialen Zusammenwirken neue Anwendungen und Einsatzpunkte
hervorbringen. Solcher Art individualisieren Medientech nologien schließlich:
Sie stellen ihren Gebrauch zur Wahl und sie laden zur Distinktion respek-
tive zum Distinktionsmanagement ein, indem mit einer Wahlentscheidung
Grenzen zu anderen Medien wie auch zu anderen Nutzergruppen gezogen
werden und parallel Deutungsangebote geliefert werden, wem man sich damit
sachlich-technisch wie auch sozial zuordnet und wie man deshalb beobachtet
werden möchte.
Man kann das Bisherige noch einmal programmatisch und sehr grundsätz-
lich an mediengeschichtliche Reflexion zurückbinden. In der Mediengeschich-
te geht es konstant um folgende drei Fragestellungen (die den vorherigen wie
auch nachfolgenden Analysefokus begleitet haben und weiter begleiten wer-
den): (1) Welches Problem löst eine innovative Medientechnologie, ein Leitme-
dium an und für sich – und wie ? (2) Welche gesellschaftlichen, kulturellen und
technischen Bedingungen ermöglichen die neue Medientechnologie bzw. das
künftige Leitmedium, gehen dem also voraus ? (3) Wie verändern sich wieder-
um Gesellschaft, Tech nik und Kultur durch das innovative (Leit-)Medium,
welche Strukturveränderungen und neuen Praxen folgen daraufhin ?
Die Veränderung der Gesellschaft durch Medientechnologien soll kurz am
Beispiel der Wissenschaft verdeutlicht werden (vgl. dazu Stichweh 1984: 394 ff.
und 1987; Weingart 2001).33 Auf einer ersten Stufe forcieren gegen Ende des
32
Der hier aufgerufene Hintergrund der parsonianischen Gesellschaftstheorie und ihrer
Argumentation wird Thema des folgenden Kapitels sein.
33
Ein Denken in Negationen oder von inkongruenten Perspektiven her würde auf die glei-
chermaßen wissenschaft sgesch ichtliche wie medienhistoriografische Frage führen: Wie
wäre Wissenschaft möglich und wie sähe sie aus ohne die bekannten Medientech nologien
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 177
(Druck, Computer, E-Mail etc.) und Kulturtech niken (Experiment, Archiv, Projekt etc.) ? So
jedenfalls nicht. Wie aber dann ?
34
» Im Zeitschriftensystem disziplinär differenzierter Wissenschaft fungieren dann die Ent-
s eidung des Herausgebers und die im Laufe der Zeit hinzutretenden Beguta tungsverfahren
lediglich als Vors altinstitutionen, die den Marktzugang regulieren und auf diese Weise
sicherstellen, daß gewisse Mindeststandards wissenschaftlicher Qualität eingehalten wer-
den. Die eigentliche Bewertung wissenschaftlicher Leistung fi ndet jetzt erst na erfolgter
Publikation statt, und sie vollzieht sich insofern marktähnlich, als der finale Wert einer wis-
senschaftlichen Arbeit – analog zum Preis einer Ware auf Gütermärkten – eine Funktion der
Nachfrage ist. « (Stichweh 1984: 430) Eine Strategie der Teilnahme an Publikationsprozessen
trotz punktueller Ablehnung ist es, das Manuskript so lange bei Zeitschriften einzureichen,
bis es irgendwo akzeptiert wird; dies verdankt sich dann der Geduld, vor allem aber redak-
tionellen Entscheidungskriterien – » the decision-rule in high rejection journals seems to be:
when in doubt, reject; in low-rejection journals, when in doubt, accept « (Merton/Zuckerman
1973: 473).
178 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
› emergenten ‹ Prozess ist erstens, dass kein Autor im Voraus bestimmen kann,
wie er rezipiert und zitiert wird – trotz aller Strategien mit › wohlklingenden ‹
Aussagen oder markant-markierten Begriffsformeln. Zweitens zeigt sich, dass
das Ziel der Bezugnahme auf › wahres Wissen ‹ die eigenen Aussagen legi-
timieren soll, damit aber keineswegs Konsens als Ziel der Wissenschaft und
wissenschaftlicher Publikationen verbunden ist. Im Gegenteil: Gerade Dissens
ermöglicht die Fortsetzung wissenschaftlicher Kommunikation. Man kritisiert,
man zeigt Grenzen oder unzureichende Argumentationen auf, man verteilt
Nicht-Anerkennung für bestimmte Theorierichtungen und Schulen etc. Jede
Publikation beruht so auf der Beobachtung von Beobachtungen; und fortwäh-
rend kommt es zu wechselseitigen Beobachtungen von Beobachtungen der
scientific community. Dies muss keineswegs fortlaufend an aktuellen Publi-
kationen erfolgen. Es ist vielmehr eine besondere Strategie, überraschend auf
vergangene Texte, auf Vergessenes zuzugreifen und damit eine unerwartete
Legitimierung des Eigenen herzustellen sowie die wahrheitsförmige Selbst-
gewissheit der Gegenwart hochgradig zu irritieren (vgl. Stichweh 1987: 476).
Aus all dem » ergibt sich eine faktisch eingespielte Rollendifferenzierung: Der
Autor bemüht sich, die Wahrheit, Neuheit und vor allem die Sicherheit seiner
Erkenntnisse herauszustellen. Der Leser bemüht sich um Kritik, er versucht,
die Leichen im Keller zu finden oder den Erkenntnisgewinn zu relativieren.
Wenn aber auch der Leser publizieren muß, um im Medium der Wissenschaft
zu Wort zu kommen, wiederholt sich das Spiel mit umgekehrten Rollen. In-
sofern gilt die Grundregel aller Autopoiesis auch hier: Jedes Ende ist zugleich
ein Anfang. « (Luhmann 1990a: 319)
Einerseits bilden sich jetzt die marktförmige Organisation von Publikation
und Nachfrage sowie die standardisierte Tech nik des Zitierens heraus: zur
Legitimierung bestimmter Argumente und eigener Erkenntnisse wie auch zur
Distinktion gegenüber dem Leser oder gar zur strategischen Exklusion35 auf-
grund seiner Unkenntnis der herangezogenen Quellen oder Autoritäten. Die
Fußnote ist für diese neue Form wissenschaftlichen Arbeitens das Paradigma
sch lechthin. Diese europäische (gleichermaßen philologische wie typogra-
fische) Erfindung aus dem Geist der Geschichtswissenschaften (vgl. Grafton
1995) trägt den wissenschaftlichen Text, schreibt gleichzeitig einen Subtext und
ist noch ein reflexives Ensemble, das die eigenen Bedingungen und Formen
wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnisproduktion ausweist. Anderer-
seits wird Kritik zu einem schriftlichen Sozialprozess, der teils korrigiert, teils
diskreditiert, der Themen ablehnt oder Themenkarrieren fortschreibt und der
35
Ich verdanke diesen Gedankengang Lorenz Engell, Weimar.
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 179
36
Es ist eines, seine Quellen rechtschaffen auszuweisen, ein anderes, sie der Überprüfung
anheimzustellen, damit andere den Kontext und das Fundament der Argumentation be-
urteilen können. Wo einheitliche Textausgaben und Buchauflagen fehlen und bestimmte
Quellen und Archive nicht zugänglich sind, gedeihen entweder Spekulationen oder muss
Vertrauen die nicht-mögliche, selbstständige Re-Lektüre kompensieren. Leopold Ranke
reagiert beispielsweise auf die heftige Kritik Heinrich Leos, seine Fußnoten und Anmerkun-
gen trügen seine Ges i te(n) überhaupt nicht, seien fehlerhaft, verkürzt oder unpassend,
mit der Erwiderung: » Ich citire […] für die, welche finden wollen, aber nicht für solche, die
da suchen, um ni t zu fi nden. « (Nach: Grafton 1995: 81) Und Edward Gibbon, Verfasser
des Standardwerks » History of the Decline and Fall of the Roman Empire « (1776), bekennt
sich zwar zur Unvollständigkeit seiner Fußnoten, wehrt sich aber gegen den (von einem
Mr. Davis vorgebrachten) Verdacht von gezielten Verfälschungen. » › Mein Diener ‹, versprach
er, › wird ihm meine Bibliothek zeigen, die er mit jenen nützlichen Autoren, alten wie auch
modernen, kirchlichen wie profanen, einigermaßen gut bestückt finden wird, die mich direkt
mit dem Material für meine Geschichte versorgt haben ‹. « (Nach: Grafton 1995: 107)
37
Wegweisend in dieser Hinsicht war Jean Le Clerc, Gelehrter des späten 17. Jahrhunderts.
Dieser » brachte nicht nur den Bedarf an geistiger Unterfütterung, die Fußnoten bereitstellen
konnten, auf den Punkt, sondern skizzierte auch ein Programm für deren Gestaltung – eines,
bei dem, wie ihm wohl bewußt war, Wissenschaftler und Drucker zusammenzuarbeiten
haben würden. Genau diese Entwicklung fand im Verlauf des späteren 17. und 18. Jahrhun-
derts statt. Quer durch Europa rückten Autoren und Verleger näher zusammen und ver-
suchten, jeden Aspekt der äußeren Präsentation eines Textes zum Spiegel seines Inhalts zu
machen und den Leser durch diesen zu geleiten. So geschah es beispielsweise in dieser Zeit,
daß Altphilologen und Drucker erstmals zusammenarbeiteten, um den Brauch durchzuset-
zen, die Zeilen jedes Buchs oder Absch nitts eines klassischen Textes durch zunumerieren.
Damit konnten Kritiker in ganz Europa über ein gemeinsames Problem streiten, ohne davon
ausgehen zu müssen, daß alle Debattenteilnehmer die Texte auswendig kannten, oder sich
auf Seiten und Zeilen einer bestimmten Ausgabe zu beziehen « (Grafton 1995: 218 f.). Siehe
weiterführend zur Revolution des Layouts und Stylesheets von Büchern im 18. Jahrhundert:
Barker (1981).
180 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
gien erleichtert und erhöht werden und dadurch die interne Differenzierung
des Wissenschaftssystems nach Zentrum/Peripherie abgeschwächt wird (vgl.
Stichweh 2000: 116). Es ist ein anderer Befund, dass es zwar möglich und ef-
fektiv ist, » eine wissenschaftliche Kooperation mittels telekommunikativen
Medien für einige Zeit fortzusetzen. Für die Initiierung eines wissenschaftli-
chen Projektes hingegen scheint es erforderlich zu sein, daß die Beteiligten für
einige Zeit in möglichst geringer räumlicher Distanz voneinander arbeiten.
Und selbst Wissenschaftler, die einander aus früheren kooperativen Projekten
gut kennen, erfahren ernsthafte Schwierigkeiten bei dem Versuch, ein neues
kooperatives Projekt zu beginnen, ohne daß für sie die Möglichkeit interaktio-
neller Präsenz gegeben ist. Außerdem ist einigermaßen gut dokumentiert, daß
auf Telekommunikation angewiesene Projekte langsamer vorankommen, als
dies bei lokalen Projekten der Fall ist. « (Stichweh 2000: 117)
Auf dieser Stufe mit ihren Errungenschaften und Möglich keiten digita-
lisierter Verbreitung vielfältiger Informationen und mit Internet-Plattformen
zeigt und ergibt sich des Weiteren eine demokratisch-egalitäre Tendenz zur
Teilnahme an wissenschaftlichen Diskursen und Veröffentlichungen. Daneben
bleibt aber die Beurteilung durch Bezug nehmende oder ignorierende An-
schlusspublikationen von hohem Regulations- und Anerkennungswert; wie
es auch eine noch stärkere Tendenz gibt, die Qualität von Publikationen in
direkte Relation zu ihrem Erscheinungsort zu setzen. Bei einem solchen Ran-
king zählen reine Online-Texte (mit welcher hohen Argumentationsqualität
und interessanten Fragestellung auch immer) beispielsweise wenig bis nichts.38
Stattdessen regiert eine strikte Kopplung an die formalen Organisationen des
Wissenschaftsbetriebs respektive seiner (Sonder-)Umwelt und an den dorti-
gen Reputationsmechanismus und -code (anerkannt/nicht-anerkannt). Es ist
ein relativ junges – auch im Anschluss an die weiter vorne getätigten Beob-
achtungen zu Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsmechanismen gleicher-
maßen interessantes wie bemerkenswertes – Phänomen, dass Anerkennung,
Renommee und Reputation keineswegs auf personale Träger beschränkt sind,
sondern sich vielmehr auch auf organisierte soziale Systeme erstrecken oder
38
Dies ist das aktuelle Resultat sowohl wissenschaftspolitischer wie auch diverser fachwis-
senschaftlicher Diskussionen zur Qualitätssicherung und effizienten Steigerung akademi-
scher Tätigkeit. Man könnte, polemisch gewendet, auch sagen: Dies ist das Ergebnis der
universitären Evaluierungsspirale, die sich selbst entlastet, indem sie das Werturteil über
Publikationen und publizierte Innovationen erstens quantifiziert und zweitens unbelesen (!)
dem anonymen Gutachterverfahren und Veröffentlichungsprocedere überlässt. Siehe bei-
spielhaft zu dieser Debatte und ihren Konsequenzen der (ver-)rech nenden Beobachtung/
Bewertung von Fachpublikationen: Weingart (2001: 310–324); Hennig-Thurau et al. (2004);
Hirschauer (2004); Münch (2006).
Medienwandel und Gesellschaftsepochen 181
ergießen. Einige Verlage genießen eben einen höheren Ruf als andere, und
Fach zeitschriften müssen sich in einem internationalen Ranking bewerten
lassen respektive bewähren. Auch hier herrschen Konkurrenz und eine dy-
namische Aufmerksamkeitsökonomie. Dies bedeutet unter anderem in der
Konsequenz für potenzielle Veröffentlichungen und Autorreputation: Die
Abgabe von Manuskripten ist höchst riskant, Ablehnung eine persönliche
Nicht-Anerkennung und Kränkung, aber positive Annahme im Gegenzug
auch eine Verzinsung mit denjenigen Aufmerksamkeitskapitalien, die der
Publikationsort aufweist. Die Strategie zwischen riskanter Ablehnung und
erhoffter Publikationsreputation lautet schließlich: » Die Reputation von Ver-
lagen und Zeitschriften ermöglicht es potentiellen Autoren, ihre Manuskripte
in hierarchischer Stufung dort einzureichen, wo ein Höchstmaß an Reputation
mit gerade noch erreichbarer Annahme kombiniert werden kann. « (Luhmann
1990a: 250 f.)
Eine andere neue Veränderung wissenschaftlichen Arbeitens und akade-
mischer Anerkennung zeigt sich in der Kooperation zwischen Wissenschaft-
lern und Journalisten bzw. Redakteuren. Der Trend der Medialisierung der
Wissenschaft (vgl. Weingart 2001: 232–283; Dahinden 2004) verpflichtet ihre
Akteure, zunehmend medienkompetent und radio- oder fernsehtauglich
ihre Thesen und Erkenntnisse zu vertreten und zu verbreiten.39 Mit dieser
medientech nologischen Veränderung akademischer Betriebsamkeit und mit
den Leistungsansprüchen der Massenmedien gegenüber der Wissenschaft für
eigene Publikations- und Sendezwecke hat sich die Rolle des Wissenschaftlers
fundamental gewandelt vom Gelehrtentypus, der viel liest, sammelt, didak-
tisch systematisiert und wenig produziert, zum Forschertypus, der wenig und
erst recht kaum in universaler Breite liest, stattdessen viel produziert und im
sch nellen Forschen wie Publizieren fortwährend auf die Renovierung und
Überbietung des status quo abzielt (vgl. Plessner 1985: 254 f.).40
39
» Weil also (neben den Politikern zunehmend) auch die Wissenschaftler auf die Medien der
Zeit angewiesen sind, steht zu erwarten, dass auch die Arbeit der Wissenschaftler zuneh-
mend von den Inhalten, der Materialität (z. B. Oralität, Literalität oder Visualität) und der so-
zialen Organisation der jeweiligen Medien bzw. des jeweiligen Leitmediums (Zugang, Kosten,
Verteilung etc.) beeinflusst werden wird, dass also Arbeitsschwerpunkte, Arbeitsweise und
Darstellungsformen sich den Gegebenheiten der Medien anpassen. Dass Wissenschaftler
sich der Medien bedienen, ist die eine Seite, dass auch die Medien sich der Wissenschaftler
bedienen, ist die andere. Denn die Medien haben erkannt, dass man mit wissenschaftlichen
Themen oder Wissenschaftlern/innen Auflage machen kann. « (Reichertz 2005: 113 f.)
40
Siehe grundlegend zum Typus des Gelehrten und Theoretikers gegenüber jenem des Na-
turforschers und Praktikers und ihrer langsamen › Verbrüderung ‹ nach 1600: Zilsel (1976).
182 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
Auf dem Druck der immer nächsten und neuen Publikation, gepaart mit
der Erwartung von Originalität, gründet sich der Sachverhalt, dass es kein
Thema mehr gibt, das nicht wissenschaftlicher Bearbeitung zugeführt werden
könnte, und dass es deshalb auch kein Geheimnis (in) der modernen Welt
mehr gibt – außer: noch nicht zu wissen, wer dazu wo geschrieben und ver-
öffentlicht hat. Andere gezielt nicht an seinem Wissen teilhaben zu lassen, das
ist nicht vorgesehen und wird entweder moralisch verurteilt oder mit Sanktio-
nen des Wissenschaftsbetriebes belegt (Nivellierung der Reputation, Kürzung
des Lehrstuhletats oder anderer Ziel-/Leistungsvereinbarungen, Nichtberück-
sichtigung bei Bewerbungen oder Fachtagungen etc.). Medientech nologisch
zeigt der ansteigende Forschungs- und Publikationsprozess sehr deutlich auch
seine zitationsförmige Selbstreferenz und autologische Wissensproduktion –
sowohl beim Buch(verlag) als auch beim Computer(netz). Das Wissen der Welt
ist damit parallel immer auch ein Wissen der Wissensproduktion.41
Gleich zeitig und nun nicht überraschend stellen jüngste empirische Stu-
dien eine Erhöhung des Wissenschaftsteils in den Massenmedien fest; mitt-
lerweile bewegt sich der Wissenschaftsjournalismus auf quantitativ gleich
hohem Niveau wie das Wirtschaftsressort (vgl. dazu etwa Hettwer et al. 2008).
Medialisierung und Wissenschaft zeigen des Weiteren spezifische Änderun-
gen des information retrieval, der digitalen Textproduktion und der zunehmend
non-linearen Lektüre. Daran ließen sich wiederum einige Überlegungen im
Rekurs auf spätmodernes Aufmerksamkeitsmanagement und anderes aus
dem ersten Teil dieser Studie ansch ließen. Doch ich will es dabei belassen
und stattdessen wieder den gesellschaftstheoretischen Rahmen einziehen.
Die Frage lautet, welche Beschreibungsvarianten für das Verhältnis zwischen
Medien(tech nologie)wandel und Gesellschaftsstrukturen zur Verfügung ste-
hen und welche Gesellschaftsbegriffe sich hierzu etablieren konnten.
41
Von dem wiederum die jüngere Ratgeberliteratur sagt, dass es heutzutage wichtiger sei
als das erste, also das Wissen von und über die Welt – und dabei Unterstützung findet durch
so genannte › Meta-Medien ‹.
Weltgesellschaft und/oder Mediengesellschaft 183
Luhmann besteht kein Zweifel, dass es die modernen Massenmedien sind, die
Weltgesellschaft ermöglicht haben und grundlegend in ihrer Zeit- und Sach-
dimension strukturieren und integrieren. » Die Weltgesellschaft braucht und
besitzt in den Massenmedien ein Instrument der Sofort-Integration, der Her-
stellung gemeinsamer Aktualität. […] Sie wird aggregativ integriert durch die
Unterstellung einer gemeinsamen Realität und durch das Gefühl des Dabei-
seins. « (Luhmann 1981b: 319)42 Die zeitliche Koordinierung wird weltweit fast
auf das momenthaft Aktuelle herunter gebrochen;43 und die sachliche Koor-
dinierung wird allein durch die tech nische Verbreitung einer Information
gewährleistet bis forciert, sodass ein gemeinsames Wissen und ein gemein-
samer Themenvorrat unterstellt werden können und faktisch Geltung bean-
spruchen – und zwar ohne weitere Überprüfung der Quellen und Kontexte
(vgl. Luhmann 1981b: 314).
Letztlich liest Luhmann den ganzen Prozess soziokultureller Entwicklung
und gesellschaftsstruktureller Komplexitätssteigerung als medientechnologi-
sche Umformungs- und Erfolgsgesch ichte für kommunikative Erwartungs-
stabilisierung, Koordinierungssteigerung und Verständigungsoptimierung.
Sprache, technische Massenmedien und die symbolisch generalisierten Kom-
munikationsmedien erhöhen nicht nur die (in evolutionärer Hinsicht prinzi-
piell unwahrscheinliche) Konstitution und Fortsetzung von Kommunikation
überhaupt. Sondern sie etablieren zunehmend einen Strukturzusammenhang
und garantieren damit gesellschaftsgeschichtliche Systemzustände, an die alle
weiteren Operationen gebunden sind, durch die Sinnbezüge und Anschluss-
möglich keiten limitiert werden und mittels derer eine hinreichende Ord-
nungslogik von Situationen und Funktionssystemen jederzeit und weltweit
erwartbar wird und erfolgreich realisiert werden kann.44 Selten sind in (welt-)
gesellschaftstheoretischer Absicht Medien- und Strukturtheorie so eng aufein-
ander bezogen worden.
42
Siehe ergänzend zur Verschränkung von Kommunikations-, Medien- und Gesellschafts-
theorie bei Luhmann: Werber (2000). Und ebenso zur Bedeutung wie Bedingung der Mas-
senmedien für Welterfahrung, Weltkulturen und allgemein Globalisierung: Silverstone
(2008: 22 f.).
43
Die Koordination in der Zeit bzw. die Synch ronisation einer gemeinsamen Gegenwart
beruht – oft vernach lässigt oder vergessen – auf der maßgeblichen kulturellen Erfi ndung
der Uhr und ihrer einheitlichen Verschaltung. Wer von › Gleichzeitigkeit ‹ spricht, der wirft
die Frage nach der tech nischen Koordination von Uhren über weite räumliche Entfernun-
gen auf. Instruktiv hierzu sind Einsteins Experimentalanordnungen und die entsprechende
Wissensgeschichte moderner Zeit- und Raumordnung – etwa nach Galison (2003).
44
Zu den historischen Gründen für die Einrichtung symbolisch generalisierter Kommuni-
kationsmedien nach Erfindung der Schrift siehe: Luhmann (1975e: 173 f.).
184 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen
45
Ich werde in Kapitel 6 noch ausführlich darauf eingehen.
Weltgesellschaft und/oder Mediengesellschaft 185
primus inter pares. Kategorial und konstitutiv ist sie auf einer anderen Ebene
anzusiedeln. Die Weltgesellschaft will und soll » das › umfassende Sozialsys-
tem ‹ als sol es bezeich nen, mit der Implikation, daß das umfassende Sozial-
system in der Moderne von globaler Konstitution, eben Weltgesellschaft ist,
und begrifflich strikt im Singular zu gebrauchen. › Die moderne Gesellschaft ‹
ist nicht im Sinne eines Teilaspekts oder Zusatzsinnes › Weltgesellschaft ‹, sie
ist es konstitutionell: Gesellschaft und Weltgesellschaft fallen ineins « (Tyrell
2005: 36; vgl. auch Stichweh 2000).46 Nicht zuletzt dieser Befund sollte For-
schungen zur Mediengesellschaft auch an den Gesellschaftsbegriff erinnern
und parallel zur Begriffs- und Theoriearbeit motivieren. Denn größtenteils
noch offen sind Fragen nach der Reichweite der Mediengesellschaft oder nach
ihrer Einheit, ihren Grenzen und ihren internen Unterschieden (Fragen, die
der Reflexionsbegriff der Weltgesellschaft unter anderem mit global/regional
beantworten kann); ebenso wie die Fragen nach Integration und normativer
oder freier Bindung der Individuen.
Auch im Materialbereich tauchen Phänomene und Fragen auf, die vom
Begriff der Mediengesellschaft eher zugedeckt denn ernsthaft aufgearbeitet
werden. Ich denke dabei an die gleichermaßen sozialtheoretisch wie kultur-
soziologisch interessanten Phänomene, dass das anthropologische Monopol
für Werkerzeugung, Bild- und Textverbreitung oder Wissensgenerierung im
Allgemeinen – originär mit der Figur des Urhebers, genialen Schöpfers oder
Autors verbunden – zunehmend verschwindet; dass gleichzeitig soziale Hand-
lungen wie auch Bedeutungen eigenmächtig durch und aus dem Echtzeitblock
und Speichersystem von digitalen Massenmedien entstehen (vgl. dazu Wenzel
46
Kritisch zur Weltgesellschaft, ihrem offen gehaltenen historischen versus systematischen
Status und ihrem ungeklärten, anwendungsbezogenen Changieren zwischen (analytisch
bis normativ konstruierten) stabilen Grenzen der Gesellschaft ssysteme einerseits und
› kleinräumigen ‹, nicht determinierbaren Handlungszusammenhängen, Professionsprofilen
und Lebensstilmileus andererseits: Renn (2006a: 56 ff.). Ebenfalls kritisch, aber mit großer
Sympathie für die Beobachtungsfiguren der Luhmann’schen Gesellschaftstheorie: Fischer
(2005), der empfiehlt, Weltgesellschaft im Medium bzw. in der (historischen) Kategorie › bür-
gerlicher Gesellschaft ‹ zu beobachten und zu erschließen. Struktur- und akteurtheoretische
Dimensionen kämen damit zusammen und könnten so gleichermaßen reflektiert werden.
Den interessanten Fluchtpunkt seiner Argumentation – und dieser stellt eine konstruk-
tive Ergänzung meiner medientheoretischen und -tech nologischen Ausführungen dar –
bildet bei Fischer die Institutionalisierung der NATO (respektive der OECD und der EU).
Die NATO sei im Kern (und deshalb ist sie für Fischer eine zentrale Voraussetzung der
soziologischen Entdeckung der Weltgesellschaft und ihrer kommunikativen Verdichtung/
Durchdringung) erstens eine politisch und militärisch transnational ausgerichtete (Vereins-)
Organisation, zweitens der » Realraum einer ökonomischen Weltvergesellschaft ung « und
drittens durch und durch (mit ihren drei Gründernationen: Großbritannien, Niederlande,
Frankreich) › bürgerlich ‹ etwa in Richtung Weltmarkt und Weltkultur.
Weltgesellschaft und/oder Mediengesellschaft 187
2006); oder dass auf der Basis hochmoderner Medientech nologien eine Ten-
denz der Entmaterialisierung von menschlicher Erfahrung, Wissensbeständen,
Geldökonomie oder etwa Kunsträumen und Kunstobjekten (vgl. Groys 2003)
beobachtbar ist.47
Eine Gesellschaft, in der wir alles, was wir wissen oder zumindest zu wis-
sen glauben, den Massenmedien sowie den modernen (digitalen) Medientech-
nologien und Medienarchiven verdanken, ist auch eine Wissensgesellschaft.
Hier kommt also ein weiterer Bindestrichgesellschaftskandidat ins Spiel. Das
vorher gewählte Beispiel der Wissenschaft und ihrer Veränderung durch Me-
dien hat damit nicht von ungefähr auch diese Semantik vorbereitet. Was heißt
das pars-pro-toto für diesen neuen Fall ? Mindestens muss erstens gelten, dass
Wissen gegenwärtig in hohem Maße reflexiv geworden ist; und zweitens, dass
nach haltig und fundamental alle anderen Gesellschaftsbereiche von gestei-
gerten Wissensformen und besonderen Expertenkulturen durchdrungen sind
sowie abhängen. Ein vorläufiger Schlussstrich dieser Beschreibungen und Dis-
kussionen soll nun damit gezogen werden, dass von alledem etwas richtig und
wahrheitsfähig ist und wir demzufolge in einer hochgradig differenzierten
wie spezialisierten spätmodernen Weltgesellschaft leben, die sich aus meiner
Perspektive und bis auf Weiteres als stark industrialisiert und (medien-)tech-
nologisch organisierte darstellt – und daneben in Teilbereichen und von Zeit
zu Zeit riskant, erlebnisförmig, multioptional etc. etc. ist.
Wie auch immer künftige Antworten und weitere Diskussionen ausfallen –
zwei Aspekte sind nochmals zu betonen: Erstens ist das Verhältnis zwischen
Tech nologie, Medien und Gesellschaft immer ein interdependent-dynami-
sches und insofern programmatisch aufeinander zu beziehen und bestmöglich
in einer komplexen Gesellschaftstheorie zu fusionieren. Zweitens ist dieses
Verhältnis nicht zuletzt eines der kulturellen Praxis, womit abschließend noch
einmal der kultursoziologische Rahmen dieses Kapitels berührt sei. Der For-
schungsorientierung kann es nicht schaden – allerdings ohne deshalb eben-
falls auf den soziologischen Struktur- und Gesellschaftsbegriff gleich radikal
verzichten zu wollen und zu müssen –, die kultursoziologische Perspektive
Tenbrucks zu berücksichtigen, wenn dieser notiert: Es » ist grundsätzlich daran
zu erinnern, daß die soziale Wirklichkeit nun einmal Struktur und Kultur in
stets ungeschiedener, nur analytisch trennbarer Einheit enthält. Alle Kultur
47
Mit traditionellem kultur- und medienkritischem Gestus ist den Eigenheiten und spe-
zifischen Qualitätsdimensionen neuer Medien im Übrigen kaum auf die Spur zu kom-
men, geschweige denn: gerecht zu werden. Das Neue ist dort prinzipiell nur defizitär und
entwertend.
188 Medienwandel und gesellschaftliche Strukturänderungen