Texte analysieren bzw.
interpretieren
I. Was ist eine Interpretation?
Zunächst einmal muss man wissen, was eine Interpretation überhaupt ist.
Nun, der Name leitet sich vom lateinischen interpretārī = "den Mittler
machen, auslegen, deuten, verstehen" ab. Dar-aus entstand dann das Verb
interpretieren: "deuten, erklären, erläutern".
Die Interpretation eines Textes ist der Vorgang, durch den ein Text ge-
deutet wird. Dem voran steht die Textanalyse, bei der der Text mit Fach-
begriffen systematisch beschrieben wird. Eine Deutung geht folglich über
eine bloße Textanalyse hinaus. Es wird versucht, die Aussagen des Textes
zu entschlüsseln und die Wirkung/ Absicht des Textes zu erschließen. So
kann man eine Interpretationshypothese formulieren, d.h. sein eigenes
Textverständnis erklären und somit kurz skizzieren, was das Ziel der In-
terpretation ist (Leitfragen: Welchen Sinn weist der Text auf? Welche
Botschaft wird dadurch dargestellt?). Um einen Text zu interpretieren,
muss man tief in den Text gehen.
Die Analyse eines epischen Textes/ Textauszuges
Es gibt einige Schritte, die zu befolgen sind, um einen epischen Text zu
interpretieren.
1. Vorarbeit: Die Aufgabenstellung wird geklärt und ganz genau
durchgelesen. Wichtige Stichwörter werden farblich markiert.
2. Was für ein Text ist das? Oder zu welcher epischen Form gehört der
Text?
3. Der Text wird gründlich mehrere Male gelesen. Die Auffälligkeiten
und Informationen werden markiert.
4. Die Interpretation wird geschrieben.
Interpretation eines epischen Textes besteht vor allem aus drei Teilen:
• Die Einleitung
• Hauptteil
• Schluss
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1) Die Einleitung
- TATTZ-Formel: Titel, Autor, Thema, Textsorte, Entstehungszeit
- Ein Thema meint die übergeordneten, abstrakten Fragen, Ideen oder
Probleme, um die es im Text insgesamt geht. Benennung des Gegenstands
ist zuerst von großer Bedeutung. Die soll deswegen fachlich umformu-
liert werden, damit der Hauptgedanke des Werkes sichtbar ist.
Beispiel:
Die Kurzgeschichte thematisiert einen Mann und seine Frau. Hier
wird nur ein Gegenstand benannt.
Besser:
Die Kurzgeschichte thematisiert die gestörte Kommunikation ei-
nes Paares. Frageprobe: Wie wird die Kommunikation eines Paa-
res dargestellt?
2) Der Hauptteil
Inhaltsangabe
Die Inhaltsangabe wird im Präsens geschrieben. Rückblicke werden im
Perfekt geschrieben. Nur die relevanten Handlungsteile werden erwähnt.
Die direkte Rede wird zur indirekten Rede. Der Stil bleibt sachlich und
fehlerfrei.
Die Ergebnisse der Textinterpretation sind die Argumente, mit denen
man sein Textverständnis begründet, quasi Ihre Beweisführung.
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II. Die Textinterpretation
ist die Untersuchung und Deutung eines Textes in Form eines Aufsatzes.
Die Interpretation erfolgt anhand des Inhaltes, der Form, der sprachli-
chen Mittel und unter Berücksichtigung der biografischen und zeithisto-
rischen Hintergründe.
Eine Interpretation besteht also aus zwei Schritten. Zuerst wird der Text
analysiert (untersucht), indem er in seine einzelnen Bestandteile, wie In-
halt, Form und Sprache zerlegt und auf bestimmte Merkmale überprüft
wird. Anschließend werden die Erkenntnisse aus der Analyse interpre-
tiert (gedeutet).
Interpretation – Merkmale
Eine Interpretation kannst Du an bestimmten Merkmalen erkennen:
• ist immer im Präsens geschrieben
• beinhaltet die Deutung von
• Inhalt und
• Wirkung des Textes
• basiert auf den Ergebnissen der Analyse
• beantwortet eine Deutungshypothese
• kann eine eigene Meinung beinhalten
III. Interpretation schreiben
Willst Du eine Interpretation schreiben, ist es hilfreich, einige Schritte zu
beachten, damit der Aufsatz alle wichtigen Informationen enthält, eine
logische Struktur besitzt und sprachlich gut verständlich ist.
Bevor du mit dem Schreiben deiner Sachtextanalyse loslegst, erstellst du
nach gründlichem Lesen einen Schreibplan. Das klingt vielleicht etwas
langweilig, ist aber sehr hilfreich, damit deine Sachtextanalyse auch gut
strukturiert ist. In unserem Beispiel siehst du, wie ein Schreibplan ausse-
hen kann:
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1) Sachtextanalyse Einleitung
Textsorte: (z.B. Bericht, Reportage, Kommentar, Interview, Wissenschaft-
liche Arbeit, Rede etc.)
Erscheinungsort und -datum: z. B. Die Neue Jugend-Zeitung, 30. Januar
2021
Autorin: z. B. Laura Müller
Titel: z. B. „Freitag ist Klima-Tag“
Thema: z. B. Wichtigkeit der Fridays for Future-Aktionen für das Klima
vorherrschende Intention/ mögliches Ziel des Autors (z.B. Information,
Aufklärung, Stellungnahme, Handlungsaufforderung, Anregung etc.)
Interpretation Beispiel – Einleitung:
Goethes „Faust I“ ist bereits vor mehr als 200 Jahren erschie-
nen, nämlich 1808. Es ist damit ein typischer Vertreter der
Weimarer Klassik. Trotzdem hat das Drama um den Gelehrten
Heinrich Faust, der sich auf seiner Suche nach Erkenntnis dem
Teufel verschreibt, auch im 21. Jahrhundert noch Relevanz.
Denn es werden grundlegende Probleme des Mensch-Seins be-
handelt.
2) Interpretation schreiben – Hauptteil
In deinem Hauptteil setzt du dich intensiv mit der Textvorlage auseinan-
der. Jetzt kannst du die Notizen aus deiner Vorbereitung in ganze Sätze
fassen. Dabei gehst du in drei Schritten vor: Inhaltsangabe, Deutungshy-
pothese und Interpretation.
Inhaltsangabe
Zuerst fasst du wie bei einer Inhaltsangabe den Inhalt des Textes kurz
zusammen. Du stellst die wichtigsten Figuren vor und gibst
die Ereignisse knapp in chronologischer Reihenfolge wieder, also in der
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richtigen zeitlichen Ordnung. Das Ziel ist es, dass dein Leser über den In-
halt des Textes Bescheid weiß, auch wenn er ihn nicht gelesen hat.
Deutungshypothese
Dann erläuterst du in wenigen Sätzen, wie du den Text verstehst. Du
stellst eine Vermutung darüber an, was die Kernaussage sein könnte. Au-
ßerdem überlegst du dir die Intention des Autors: Mit welcher Absicht hat
er das Werk verfasst?
Die Deutungshypothese ist eine Behauptung, die du im Anschluss be-
gründest. Dazu nutzt du die Ergebnisse, die du bei deiner Textanalyse er-
arbeitet hast. Als Beleg dienen dir Zitate aus dem Text.
Interpretation Beispiel – Faust:
Goethe hat seine Figur Heinrich Faust als Stellvertreter für
die gesamte Menschheit entworfen.
Anderes Beispiel:
Durch den Halbgott Prometheus und dessen spöttische Ver-
achtung gegenüber dem Göttervater Zeus, möchte Goethe
vermitteln, dass die Bürger auf ihre Gefühle hören und sich
gegen die absolutistischen Herrscher der Zeit wenden sollen.
Wichtig: Eine Deutungshypothese bleibt immer nur eine Vermutung. Es
gibt dabei kein Richtig oder Falsch – du musst deine Vermutung nur mit
Textstellen belegen können.
Manchmal ist deine Deutungshypothese bereits in der Aufgabenstellung
vorgegeben. In diesem Fall erhältst du eine Frage zum Text, die du mit
deiner Interpretation beantworten sollst. Solche Fragestellungen in
Deutsch kannst du dir etwa so vorstellen:
Interpretation Beispiel – Erlkönig: Analysiere Goethes Gedicht „Der Erl-
könig “ und erkläre, warum es sich um ein typisches Werk aus dem Sturm
und Drang handelt.
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Um Belege für die Deutungshypothese zu finden, wird der Text nun in sei-
ne einzelnen Bestandteile zerlegt. Bei der Analyse wird zunächst
die inhaltliche Gestaltung untersucht. Je nachdem, um welche Textsorte es
sich handelt, werden unterschiedliche Aspekte betrachtet.
• Gibt es kenntliche Sinnabschnitte im Text?
• Wer sind die handelnden Figuren?
• Zu welcher Zeit und an welchem Ort spielt die Handlung?
Anschließend wird die äußere Form untersucht, die sich je
nach Textart ebenfalls unterscheidet.
• Danach erfolgt die Analyse der Sprache. Die zu untersuchenden Aspek-
ten sind bei den meisten Textarten gleich.
• Welche Art der Sprache hat der Autor gewählt? (z. B. Fachsprache, All-
tagssprache, Dialekt, Hochsprache)
• Werden rhetorische Stilmittel verwendet? Welche Stilmittel werden
verwendet?
• Werden bestimmte Wortarten besonders häufig verwendet?
Hauptteil (zusammenfassend)
a) Analyse der Form: Struktur – Wie kann man den Text (dem Sinn nach)
unterteilen? (z.B. Überschrift, Vorspann, Zwischenüberschrift, Abschnit-
te/ Kapitel)
b) Inhaltliche Gliederung (nach Abschnitten gegliederte Zusammenfas-
sung des Inhalts), Modus: Konjunktiv
c) Inhaltliche Analyse / Deutungshypothese (chronologisch oder aspektori-
entiert):
- Analyse der Argumentationsweise (Thesen, Argumente, Umgang mit
Gegenargumenten, Belege, Beispiele/ Statistiken/ Zahlen etc.)
d) Sprachliche Analyse (chronologisch oder aspektorientiert):
- Satzbau (einfache oder komplexe Sätze)
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- Wortwahl (Verwendung von Fachbegriffen, Fachsprache, Umgangs-
sprache, Jugendsprache, Modewörtern, Fremdwörtern, Anglizismen etc.)
- sprachlich-rhetorische Mittel, Stil (Rhetorische Fragen, Vergleiche,
Wiederholungen, Übertreibungen, Aufforderungen, Metaphern etc.)
Wichtig: Welche Funktion haben diese sprachlichen Gestaltungsmittel im
Zusammenhang mit dem Inhalt/ der möglichen Intention des Autors?
3) Schluss
(deutende Zusammenfassung der Feststellungen in der Textanalyse)
• Zusammenfassung der Analyseergebnisse unter Rückbezug auf die Deu-
tungshypothese und Fazit
• Bewertung der Schlüssigkeit der Darstellung und ggf. Beurteilung der
möglichen Wirkung auf die Zielgruppe
• evtl. Aktualitätsbezug anhand eines konkreten Beispiels oder begründe-
tes Urteil nach ethischen oder ästhetischen Gesichtspunkten
Arbeitsschritte
• Text mehrfach lesen
• Anbringen von Unterstreichungen, Gliederungslinien und Randbemerkungen, An-
fertigen von Notizen
• Aufstellen einer Arbeitshypothese
• Strukturierung der Untersuchungsergebnisse, Zuordnung zu einzelnen Abschnitten
der Analyse, Aussondern von Unwichtigem
• Ausformulieren der Sachtextanalyse; dabei Überprüfung der Deutungshypothese
• erstes Kontrolllesen: Verständlichkeit (!), inhaltliche Schlüssigkeit, Strukturierung
• zweites Kontrolllesen: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Satzbau, Ausdrucksweise
II. Weitere Hinweise
• Die Ergebnisse Ihrer Untersuchung der formalen und inhaltlichen Aspekte sollten
aufeinander bezogen werden.
• Verbinden Sie Ihre Erkenntnisse in Bezug auf formale und inhaltliche Aspekte (Was
steht im Text?) mit der Interpretation (Warum steht es dort? / Welche Funktion hat
es?)
• Stützen Sie Ihre Sachtextanalyse durch Textbelege (Zitate, Zeilenangaben) und
beachten Sie dabei sorgfältig die Regeln der Zitiertechnik. Vermeiden Sie rein
spekulative Aussagen ohne konkreten Textbezug.
• Vermeiden Sie die bloße Auflistung unzusammenhängender Einzelergebnisse,
zeigen Sie stattdessen Verbindungen auf
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• Vermeiden Sie längere Textparaphrasen.
• Bleiben Sie nicht zu eng am Wortlaut des Originaltextes, sondern verwenden Sie
eigene Formulierungen. Vermeiden Sie dabei aber Umgangssprache und bloße
Füllwörter.
• Verwenden Sie Fachausdrücke der Textanalyse, verzichten Sie aber auf unnötige
Fremdwörter.
• Verwenden Sie als Zeitform das Präsens, vermeiden Sie unnötige Tempuswechsel.
• Vermeiden Sie jede persönlich wertende Stellungnahme im Hauptteil.
• Bringen Sie Ihr Hintergrundwissen nur ein, wenn es für die Deutung des Textes
relevant ist.
III. Formulierungshilfen:
Einleitung:
In dem Zeitungsartikel… des Autors… erschienen am… geht es um das Thema… .
In dem vorliegenden Text… geschrieben von… und veröffentlicht am…, thematisiert
der Autor, dass… .
Der vorliegende Text lässt sich in die Textart… einordnen. Der Autor vertritt in dem
Zeitungsartikel die These, dass… . Die Absicht des Verfassers ist… .
Mit dem Text zeigt der Autor auf, dass… .
Die Adressaten des Textes sind… ./ Der Autor wendet sich mit seinem Text an… .
Hauptteil:
Eingeleitet wird der Text durch… .
Der Text lässt sich in … Abschnitte einteilen/ gliedern… . Im ersten Abschnitt… . Zu Be-
ginn des Artikels wird beschrieben/ dargestellt/ argumentiert/ erläutert… .
Die Argumentation… wird chronologisch/ nach Gewichtigkeit der Argumente/ kon-
zentriert sich auf… .
Im weiteren Verlauf… wird… anhand von Beispielen/ Zitaten/ Argumenten darge-
stellt… . Für die Position… argumentiert der Autor, … / führt er Beispiele von… an… . Als
Gegenargument führt der Autor an, dass… .
Betrachtet man die sprachliche Gestaltung des Textes, fällt die Verwendung von… auf,
was… bewirkt.
Es fällt auf, dass der Text…sich einer juristischen Fachsprache bedient/ schwer ver-
ständlich ist. Die Verwendung von… bewirkt beim Leser, dass… .
Auffällig/ Besonders/ Auffallend ist… .
Schluss:
Nachvollziehbar ist, dass… , aber… . Unberücksichtigt bleibt bei der Darstellung… .
Persönlich stimme ich der Position des Autors zu/ nicht zu. Die Position des Autors,
dass… , teile ich/ teile ich nicht, weil… . Die im Text dargestellte Thematik/ These/
Problematik zeigt… .
Leitfaden zur Analyse von Sachtexten
Der Autor möchte mit… darüber informieren/ aufklären/ aufrufen zu… . Zusammen-
fassend kann gesagt werden, … .
Abschließend lässt sich feststellen, dass… .
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Formulierungshilfen für die Verbindung von Inhalt mit Form und Wirkung:
(Stilmittel und Zeile nennen)...lässt...hervortreten ...dient der Verstärkung/ der Her-
vorhebung usw. von...
...hebt ...hervor,...veranschaulicht..., ...unterstreicht..., ... verdeutlicht... ...bewirkt...,
...zeigt...,...macht deutlich, dass..., drückt aus, wie... ...zieht...ins Lächerliche, lässt das
Bild/ die Vorstellung entstehen, dass...
die Aussage wird durch... (Stilmittel und Zeile nennen) unterstützt/ gestützt/ unter-
mauert/ veranschaulicht/ verstärkt/ abgeschwächt.
Die Ausdrucksweise steht im Widerspruch zum Inhalt/ ist dem Inhalt entgegenge-
setzt/ unterstreicht den Inhalt.
Diese inhaltliche Veränderung spiegelt sich in…
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