Tartuffe: Molière
Tartuffe: Molière
Tartuffe
Übersetzt und bearbeitet von LUC BONDY und PETER STEPHAN JUNGK
F 1493
Bestimmungen über das Aufführungsrecht des Stückes
Tartuffe (F 1493)
Dieses Bühnenwerk ist als Manuskript gedruckt und nur für den Vertrieb an
Nichtberufsbühnen für deren Aufführungszwecke bestimmt. Nichtberufsbühnen
erwerben das Aufführungsrecht aufgrund eines schriftlichen Aufführungsvertrages mit
dem Deutschen Theaterverlag, Grabengasse 5, 69469 Weinheim, und durch den Kauf
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einer Tantieme.
Diese Bestimmungen gelten auch für Wohltätigkeitsveranstaltungen und Aufführungen
in geschlossenen Kreisen ohne Einnahmen.
Unerlaubtes Aufführen, Abschreiben, Vervielfältigen, Fotokopieren oder Verleihen der
Rollen ist verboten. Eine Verletzung dieser Bestimmungen verstößt gegen das
Urheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich.
Über die Aufführungsrechte für Berufsbühnen sowie über alle sonstigen Urheberrechte
verfügt der S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt/Main
ERSTER AKT
ERSTER AUFTRITT
Madame Pernelle. Elmire. Mariane. Cléante. Damis. Dorine. Flipote. Madame
Pernelle sitzt an einem großen Tisch, unten, in der Küche des herrschaftlichen
Hauses. Alle kommen nacheinander herein und beginnen zu essen.
M a d a m e P e r n e l l e.
Komm, Flipote, wir gehn!
Ich hab genug vom Streiten!
E l m i r e.
Sie haben es so eilig, sind heftig.
Wir kommen nicht mit.
M a d a m e P e r n e l l e.
Schwiegertochter, lass es sein,
Deine Manieren passen mir nicht.
E l m i r e.
Ich wollte bloß höflich sein, mehr nicht.
Aber darf ich fragen, Schwiegermutter,
Warum diese Eile?
M a d a m e P e r n e l l e.
Ich kann diese Wirtschaft
Nicht länger ertragen;
Keiner nimmt Rücksicht auf mich.
Ich muss von hier weg -
Man kränkt mich,
Widerspricht mir,
Man ist ohne Respekt.
Alle schrei’n durcheinander.
Es geht hier zu
Wie im Affenzirkus!
D o r i n e.
Aber Madame Pernelle, ich...
M a d a m e P e r n e l l e.
Du, Fräulein Dorine,
Bist hier angestellt.
D a m i s.
Ich...
M a d a m e P e r n e l l e.
Du?! Du, mein Enkel,
Du bist ein Idiot.
Als deine Großmutter
Sag ich’s dir –
Das darf ich doch wohl?
Ich hab’s deinem Vater
Immer prophezeit:
Aus dir wird nichts.
Du wirst meinem Sohn
Nichts als Sorgen machen!
M a r i a n e.
Ich glaube...
M a d a m e P e r n e l l e.
Du meine Güte,
Hör dir deine Schwester an!
Tut immer auf bescheiden,
Und ganz zerbrechlich.
Dabei sind stille Wasser tief.
Du führst nämlich hinterrücks
Ein Leben, das ich hasse.
E l m i r e.
Aber Mutter...
M a d a m e P e r n e l l e.
Schwiegermutter, wenn ich bitten darf!
Ich finde dein Benehmen jämmerlich.
Du solltest den Kindern
Ein Leitbild sein;
Das war ihre verstorbene Mutter,
Gott hab sie selig:
Sie war ein Vorbild
An Tugendhaftigkeit.
Du hingegen bist verschwenderisch,
C l é a n t e.
Eigentlich, Madame, eigentlich...
Fr a u P e r n e l l e.
Aha, jetzt meldet sich
Auch dein Bruder zu Wort!
Ich schätze, liebe und verehre Sie,
Wäre ich jedoch
An der Stelle meines Sohnes,
Ich würde Sie bitten,
Bei uns möglichst selten zu erscheinen.
Dauernd bekommt man
Ihre Lebensweisheiten zu hören,
Die kein Mensch befolgen will.
Verzeihen Sie: ich sage es,
Wie ich’s fühle –
Was mir auf dem Herzen liegt,
Sag ich frei heraus.
D a m i s.
Freilich: Herrn Tartuffe ist es angenehm...
M a d a m e P e r n e l l e.
...Herr Tartuffe ist ein guter Mensch!
Was Herr Tartuffe sagt, das gilt!
Und ich vertrag’ es nicht,
Es macht mich wütend,
Dass ein so unberechenbarer Mensch wie du
Gegen Herrn Tartuffe was vorzubringen hat.
D a m i s.
Wie bitte?
Ich höre nicht recht!
Soll ich ertragen,
Dass ein dahergelaufener Schnösel
Uns sein Weltbild aufzwingt?
Wir dürfen uns nicht einmal vergnügen,
Wenn der nette Herr es nicht billigt.
D o r i n e.
Wir dürfen nichts mehr,
Alles wird zum Verbrechen erklärt,
Wird kontrolliert, eifrig kritisiert.
M a d a m e P e r n e l l e.
Aber gut kritisiert
Und hervorragend kontrolliert!
Herr Tartuffe will Euch helfen,
Den wahren Weg zu finden.
Und mein Sohn wird Euch dazu bringen,
Ihn zu lieben.
D a m i s.
Weder mein Vater,
Noch irgend jemand,
Liebe Großmutter,
Kann mich dazu zwingen,
An diesem Mann
Auch nur ein gutes Haar zu lassen.
Ich würde mich verleugnen,
Ich kann nicht anders.
Alles, was er tut und sagt,
Bringt mich zur Weißglut.
Ich weiß es schon jetzt,
Glaube mir:
Ich werde es
Mit diesem Abschaum
Zum Eklat kommen lassen.
D o r i n e.
Ja, es bringt uns alle auf:
Ein völlig Fremder fühlt sich hier daheim,
Als Bettler ist er angekommen,
Zerlumpt, barfuß.
Und so einer setzt sich über alles hinweg
Und jetzt spielt er den Herrn im Haus?
M a d a m e P e r n e l l e.
Na, schönen Dank!
Alles wäre so viel besser,
Wenn Ihr Euch
Von seinen frommen Wünschen
Leiten ließet!
D o r i n e.
Nur Sie, Madame,
Halten ihn für einen Heiligen.
Dabei ist sein ganzes Wesen
Nichts als Lüge!
M a d a m e P e r n e l l e.
Bist du jetzt endlich still?!
D o r i n e.
Weder er noch sein Diener
Sind mir geheuer.
M a d a m e P e r n e l l e.
Der Bube ist mir ziemlich egal.
Aber für Tartuffe
Leg’ ich meine Hand ins Feuer.
Kein Wunder, dass Ihr ihn schlecht macht,
Er sagt Euch alle Wahrheiten ins Gesicht,
Denn gegen das Böse
Verschließt sich sein Herz!
D o r i n e.
Das mag sein;
Aber warum dürfen wir,
Vor allem seit einiger Zeit,
Niemanden mehr
Bei uns empfangen?
Meint er, das beleidige den Himmel,
Wenn harmlose Gäste
Uns besuchen kommen?
Muss er da Alarm schlagen,
So laut,
Dass einem der Kopf zerplatzt?
Wenn Sie mich fragen:
Er ist eifersüchtig wegen Madame...
M a d a m e P e r n e l l e.
Schweigst du endlich!?
Erst denken, dann reden.
Er ist nicht der Einzige,
Den die vielen Besucher irritieren.
Das Chaos,
Die Menschenhorden,
Die Wagen vor der Tür,
Der Lärm, der ganze Pöbel,
Der hier ein- und ausgeht;
Das rückt uns bei den Nachbarn
In ein schiefes Licht.
Ich weiß: im Grunde
Passiert nichts Arges,
Aber - mein Gott,
Man spricht darüber,
Und das ist schlimm genug.
C l é a n t e.
Wie wollen Sie verhindern, Madame,
Dass getratscht wird?
Soll man denn
Wegen dummer Nachrede
Auf die besten Freunde verzichten?
Und selbst wenn:
Man kann nicht jeden
Zum Schweigen zwingen;
Gegen böse Nachrede
Gibt es keinen Schutz!
Leben wir frei und unbeschwert.
M a d a m e P e r n e l l e.
Was ist los?
Wieso muss ich still sein,
Wenn and’re ihre Reden schwingen?
Alle dürfen schwatzen?
Ist man hier gezwungen,
Sich zurückzuhalten?
Ist es die neue Madame,
Die hier regiert?
Jetzt nehm’ ich mir
Die Freiheit heraus
Um es klar zu sagen:
Mein Sohn
Konnte nichts Klügeres tun,
Als diesen herrlichen Menschen
Bei uns aufzunehmen.
Er ist unter uns
Um Eure verkommenen Seelen zu heilen!
(Zu Cléante:) Ach ja?
ZWEITER AUFTRITT
Cléante. Dorine.
C l é a n t e.
Ich geh nicht mit,
Sonst bin ich d’ran.
Und wenn ich
ihren Heiligen
auch nur erwähne…
D o r i n e.
Nichts im Vergleich zu ihrem Sohn!
Sie haben’s ja nicht miterlebt…
Sie fänden’s noch viel schlimmer:
Was ist aus ihm geworden?!
Der Mann, der sich während der Aufstände
Einen Namen machte,
Der seinem Prinzen Loyalität erwies,
Derselbe Mann ist nun verblödet,
Völlig verblödet,
Seit Herr Tartuffe sein Hirn besetzt.
Er nennt ihn Bruder,
DRITTER AUFTRITT
Elmire. Mariane. Damis. Cléante. Dorine.
E l m i r e.
(kommt aufgelöst herein)
Die Vorträge, die sie uns draußen
Noch gehalten hat!
Ich habe meinen Mann
Kommen gesehen,
Er mich nicht.
Ich will ihn
Jetzt nicht treffen.
Ich warte oben,
Bis er sich
Bei mir zeigt.
C l é a n t e.
Ich will ihm nur
Rasch guten Tag sagen.
D a m i s.
Sprechen Sie die Hochzeit
Meiner Schwester an,
Ich fürchte,
Tartuffe ist dagegen
Und versucht,
Meinen Vater davon abzubringen.
D o r i n e.
Er kommt!
VIERTER AUFTRITT
Orgon. Cléante. Dorine.
O r g o n.
Ah, guten Tag,
Mein lieber Schwager!
C l é a n t e.
Ich wollte g’rade gehen,
Freut mich,
Dass Sie wieder
Zuhause sind.
Noch ist nichts in Blüte…
Auf dem Land?
O r g o n.
Dorine!
Moment, lieber Schwager,
Einen Moment!
Ich hab’ etwas auf dem Herzen
Und Dorine wird mich beruhigen –
Dorine!
Wie waren die letzten zwei Tage?
Was tut sich?
D o r i n e.
Madame lag vorgestern
Den ganzen Tag
Mit hohem Fieber
Zu Bett
Und litt an
Verheerenden Kopfschmerzen.
O r g o n.
Und Tartuffe?
D o r i n e.
Tartuffe?
Es geht ihm hervorragend.
Frisch und munter,
Kerngesund!
O r g o n.
Der arme Mann!
Do r i n e.
Bei Tisch, abends, wurde ihr speiübel,
Sie konnte nichts anrühren
Ihr Kopfweh wurde immer grausamer.
O r g o n.
Und Tartuffe?
D o r i n e.
Er? Der speiste ganz allein,
Vor ihren Augen
Und verschlang
Voller Hingabe
Zwei Rebhühner mit Kraut
O r g o n.
Der arme Mann!
D o r i n e.
Sie verbrachte die ganze Nacht
Ohne ein Auge zuzumachen;
Schweißausbrüche brachten sie
Um den Schlaf,
Bis g’rade jetzt
Saß ich an ihrem Bett.
O r g o n.
Und Herr Tartuffe?
D o r i n e.
Erschöpft und wohlig müde,
Kroch er in sein warmes Bett
Und schlief ganz selig
Bis zum nächsten Morgen.
O r g o n.
Der arme Mann!
D o r i n e.
Schließlich wurde ihr
Blut abgenommen.
Es scheint,
Es geht ihr besser.
O r g o n.
Und Herr Tartuffe?
D o r i n e.
Tartuffe?
Dem ging’s
Nach seinem Schlummer
Wunderbar.
Und um seine Seele zu stärken,
Trank er, was Madame geblutet:
Zwei Flaschen Wein!
O r g o n.
Der arme Mann!
D o r i n e.
Beide fühlen sich wie neugeboren.
Und sofort will ich Madame berichten,
Mit welch großer Anteilnahme
Sie ihre Genesung
Zur Kenntnis
Genommen haben.
C l é a n t e.
Sie macht sich lustig über Sie,
Und sie hat Recht!
Darf ich offen sprechen?
Wie kann einen jemand so bezaubern
Dass er alles andere vergisst?
Sie haben ihm aus der Not geholfen,
Sie haben ihm…
O r g o n.
Moment mal, Schwager,
Sie kennen den Mann nicht,
Von dem Sie sprechen…
C l é a n t e.
Ich kenne ihn nicht,
Das gebe ich zu.
Aber man muss
keine Zeit mit ihm verbracht haben,
Um zu wissen…
O r g o n.
Mein lieber Schwager,
Würden Sie den Mann kennen,
Sie wären verzückt,
Ja: verzückt.
Er ist ein Mensch, ah, ein Mensch!
Einfach ein Mensch.
Wer ihm zuhört,
Genießt tiefste Ruhe
Und sieht in allem
nichts als Abschaum und Niedertracht.
Nach einem Gespräch mit ihm
Finde ich mich selbst.
C l é a n t e.
Das sind menschliche Gefühle!
O r g o n.
Wären Sie dabei gewesen
Im ersten Moment,
Sie würden mich
Sofort verstehen.
Täglich ging er zum Beten,
Milde lächelnd,
Und sank, mir gegenüber, auf die Knie.
Der ganzen Gemeinde fiel auf
Wie begeistert er
Mit dem Himmel sprach.
Er seufzte,
Schlug sich an die Brust
Und küsste immer wieder
Den Boden!
Ich geh’ hinaus,
Er überholt mich,
Bietet mir Weihwasser an.
Sein Bube, der Diener,
Bewegt sich immer
Ganz in seiner Nähe
Und von ihm bekomme ich erzählt,
Wie schrecklich schlecht
Es ihm geht.
Der arme Mann!
Ich schenkte ihm was,
Wirklich wenig Geld,
Und einen Teil zurückgebend
Sagt er:
“Zuviel! Sogar die Hälfte
Wär’ zu viel,
Ich verdien’ Ihr Mitleid nicht!”
C l é a n t e.
Sind Sie verrückt geworden?
Ich hab das Gefühl,
Sie machen sich über mich lustig?
O r g o n.
Mein Schwager,
Sie sind in Ihrem Denken zutiefst verdorben,
Ich habe Ihnen
Schon oft prophezeit,
Sie werden sich
In üble Dinge verstricken.
C l é a n t e.
Ihre Prophezeiungen
Lassen mich kalt.
Ich weiß, was ich sage,
Man kann in mir lesen
Wie in einem offenen Buch.
Sie aber unterscheiden nicht mehr
Zwischen Heuchelei
O r g o n.
Ja, Sie sind der einzig weise unter uns,
Sicher eine Koryphäe,
Die man anhimmelt.
Sie sind Aristoteles, Platon und Cato in einer Person
Neben Ihnen sind alle Menschen dumm.
C l é a n t e.
Ich bin, lieber Schwager,
Keine Koryphäe
Im Grunde weiß ich wenig –
Natürlich gibt es nichts Schöneres
Als ein wahres Fiebern für den Glauben.
Nichts aber ist mir so verhasst
Wie wenn Leute ihre Frömmigkeit
Vor sich hin tragen,
Wie Heiligenbilder
Bei einer Prozession.
Scharlatane, Falschspieler,
Die aus ihrer Sektiererei
Hauptberuf und Handelsware machen.
Diese Leute, sag ich,
Jagen nur ihrem Vorteil nach,
Sie brennen, sie beten,
Mit Augenaufschlag
Und preziösem Elan
Predigen Einsamkeit,
Mitten im Gewimmel,
O r g o n.
War das alles, lieber Freund?
C l é a n t e.
Ja.
O r g o n.
Ich empfehle mich. (will abgehen).
C l é a n t e.
Sie wissen, Sie haben Valère
Ihre Tochter versprochen?!
O r g o n.
Ja.
C l é a n t e.
Sie hatten ja schon
Den Tag der Hochzeit
Festgesetzt.
O r g o n.
Stimmt.
C l é a n t e.
Und Sie verschieben?
O r g o n.
Ich weiß nicht.
C l é a n t e.
Haben Sie andere Pläne?
O r g o n.
Vielleicht.
C l é a n t e.
Wollen Sie Ihr Wort brechen?
O r g o n.
Das hab ich nie gesagt.
C l é a n t e.
Also? Was spricht dagegen?
O r g o n.
Je nachdem…
C l é a n t e.
Und was sag ich dem Valère?
O r g o n.
Was Sie wollen!
C l é an t e.
Und was soll ich ihm sagen?
O r g o n.
Was Sie für gut halten.
Mariane!
C l é a n t e.
Aber wir müssen’s doch wissen!
Was haben Sie vor?
O r g o n.
Das entscheidet der Himmel.
Mariane!
C l é a n t e.
Jetzt ohne Scherz:
Valère hat Ihr Wort.
Kann er sich auf Sie verlassen?
O r g o n.
Adieu…!
Clèante ab.
Direkter Übergang zum 2. Akt: Orgon öffnet und schließt alle Türen, die zur
Küche führen, um ganz sicher zu sein, dass niemand horcht.
ZWEITER AKT
ERSTER AUFTRITT
Orgon. Mariane.
O r g o n.(am Haustelefon )
Mariane?
M a r i a n e.
Ja!
O r g o n.
Komm zu mir.
Ich muss etwas mit dir besprechen.
M a r i a n e.
Mein Vater.
O r g o n.
Was hältst du von unserem Gast.
Tartuffe…
M a r i a n e.
Was suchst du denn?
O r g o n.
Ich sehe nach, ob jemand lauscht.
M a r i a n e.
Deine Liebe bedeutet mir unendlich viel!
O r g o n.
Das ist gut so.
Und um ihrer würdig zu sein,
Musst du nur tun,
Was ich von dir erwarte.
M a r i a n e.
Natürlich, Vater, das ist
Mein höchstes Ziel!
O r g o n.
Umso besser.
Ich warte gebannt
Auf deine Antwort.
M a r i a n e.
Ich sage, was du
Hören willst.
O r g o n.
Das ist eine kluge Antwort.
Du hast ihn also
in dein Herz geschlossen!
Und möchtest,
dass ich ihn dir
Zum Ehemann gebe.
Also?
M a r i a n e.
Also?
O r g o n.
Was ist?
M a r i a n e.
Was ist?
O r g o n.
Was?
M a r i a n e.
Ich hab nicht gut zugehört.
O r g o n.
Wieso?
M a r i a n e.
Wen hab’ ich in mein Herz geschlossen, Vater?
Wen möchtest du mir zum Ehemann geben?
O r g o n.
Tartuffe.
M a r i a n e.
Warum sollte ich das behaupten?
O r g o n.
Weil es die Wahrheit ist.
Und außerdem
Hab ich es so entschieden.
M a r i a n e.
Was…
Was willst du,
Mein Vater?
O r g o n.
Durch diese Hochzeit
Kommt Tartuffe in die Familie.
Er wird dein Ehemann sein,
Das steht fest…
Und weil du möchtest, dass…
ZWEITER AUFTRITT
Orgon. Mariane. Dorine.
O r g o n.
Was tust du da?
Horchst du an den Türen?
D o r i n e.
Ich weiß nicht,
Woher kommt das Gerücht?
Ist das Zufall?
Man hat mir von dieser Hochzeit berichtet,
Ich hielt das für unwahrscheinlich.
O r g o n.
Was ist daran unwahrscheinlich?
D o r i n e.
Monsieur, Sie glauben doch
Selber nicht daran!
O r g o n.
Du wirst es aber glauben!
D o r i n e.
Ja, ja; das ist
Eine lustige Geschichte…
O r g o n.
…die du bald erleben wirst.
D o r i n e.
Blödsinn!
O r g o n.
Mariane, was ich da sage,
Ist kein Scherz.
D o r i n e.
Glauben Sie Ihrem Vater nicht,
Natürlich ist das ein Scherz.
O r g o n.
Ich sage Euch...
D o r i n e.
So viel Sie wollen,
O r g o n.
Jetzt werd’ ich aber wütend.
D o r i n e.
Dann glauben wir Ihnen.
Das wäre bedauerlich!
O r g o n.
Hör zu,
Du wirst mir
Zu familiär;
Du nimmst dir Dinge raus,
Die mir nicht gefallen.
D o r i n e.
Sprechen wir ganz ruhig,
Mein Herr,
Ich bitte Sie:
Es ist ja wohl nicht Ihr Ernst,
Sich sowas auszudenken?
Wollen Sie Ihre Tochter
An einen Betstuhl fesseln?
Tartuffe hat doch ganz andere Verpflichtungen.
Man kann ihn doch mit so was nicht belasten.
Was bringt Ihnen diese Verbindung?
Warum schmeißen sie
Ihr ganzes Vermögen
Vor die Füße eines Bettlers?
O r g o n.
Eines Bettlers?
Gerade deshalb
Muss man ihn verehren.
Seine Armut ist
Eine ehrliche Armut;
Denn im Grunde
Hat er sein Hab und Gut geopfert
Weil ihn, mein Gott,
Die weltlichen Dinge
Nicht kümmerten;
Sein wahres Vermögen
Sind Himmel und Ewigkeit.
D o r i n e.
Das glaubt er.
Aber das passt doch nicht
Zu seiner heiligen Bescheidenheit.
Ich merke, ich kränke Sie.
Also sprechen wir nur
Von seinem Charakter
Und vergessen wir das mit dem Geld.
Sie erlauben diesem Mann
So ohne weiteres,
Ihre Tochter zu besitzen?
Sie sollten um Ihr Ansehen fürchten,
Und die Folgen dieser Verbindung bedenken.
Man setzt des Mädchens Tugend auf’s Spiel
Wenn man sie gegen ihren Willen
zur Heirat zwingt.
Ein Mann mit bestimmten Eigenschaften
Gefährdet die Absicht seiner Frau,
Ein ehrbares Leben zu führen.
Ehemänner, die Hörner tragen,
Auf die man auf der Straße kichernd zeigt,
Sind selber schuld.
Es gibt einen bestimmten Typ von Männern,
Denen können Frauen
Einfach nicht treu sein.
Wer seiner Tochter
Einen Mann gibt,
Den sie hasst,
Ist vor dem Himmel schuld
An ihren Schwächen und Vergehen.
Das ist gefährlich, was Sie tun.
O r g o n. (zu Mariane).
Allerhand,
Von ihr muss ich mir sagen lassen,
Wie man lebt.
D o r in e.
Sie sollten bei mir
In die Schule gehen.
O r g o n. (zu Mariane).
Dafür ist keine Zeit;
Ich bin dein Vater,
Ich weiß, was du brauchst.
Es stimmt,
Ich hatte dich dem Valère versprochen.
Aber wusstest du von seiner Spielsucht?
Ich vermute, schlimmer noch,
Er geht nicht regelmäßig
In die Kirche.
D o r i n e.
Ach so!
Soll er Ihre Stunden einhalten,
Damit er auch
Bestimmt gesehen wird?
O r g o n.
Dich frag’ ich gar nicht mehr.
Ihr werdet selig sein,
In treuer Leidenschaft
Zusammen leben,
Wie zwei Kinder,
Wie Turteltauben –
Nie werdet Ihr Streit haben!
Außerdem kannst du aus ihm ja machen,
Was du willst.
D o r i n e.
Das wird sie auch tun:
Sie wird ihn betrügen.
O r g o n.
Was du dir zusammenplapperst!
D o r i n e.
Ich sag ja nur,
Man sieht’s ihm an:
Unter seinem Einfluss
Ist auch ihre Tugend vorbestimmt.
O r g o n.
Halt dich endlich raus!
D o r i n e.
Ich wollte Ihnen nur Gutes tun, Monsieur.
O r g o n.
Wie reizend.
Ich brauch das nicht.
Sei jetzt still!
D o r i n e.
Wenn man Sie nicht
So lieben würde!
O r g o n.
Ich will nicht geliebt werden!
D o r i n e.
Aber ich möchte Sie lieben,
Auch wenn Sie nicht wollen.
O r g o n.
Ach...lass mich in Ruhe!
D o r i n e.
Sie bedeuten mir so viel,
Ich kann es nicht vertragen,
Dass Sie zum Gespött
Der Leute werden.
O r g o n.
Wirst du endlich
Das Maul halten.
Do r i n e.
Das ist eine Gewissensfrage,
Das kann ich nicht zulassen.
O r g o n.
Schlange: sei endlich still!
D o r i n e.
Aha: ein frommer Mann rastet aus!
O r g o n.
Ja: ich reg’ mich furchtbar auf.
Ich möchte, dass du
Do r i n e.
Wie Sie wollen.
Ich denk’ mir meinen Teil.
O r g o n.
Denk’ dir deinen Teil,
Aber behalte ihn für dich!
(Zu Mariane)
Ich bin in mich gegangen
Und komme zu dem Schluss...
D o r i n e.
Ich darf nichts sagen,
Ich halte das nicht aus!
O r g o n.
Ich sag ja nicht,
Dass Tartuffe...
D o r i n e.
(schaut hinter dem Vorhang, hinter dem sie sich versteckt, hervor).
...der tollste Mann der Welt ist…
O r g o n.
Selbst wenn dir an ihm
Alles missfällt…
Dann wäre trotzdem…
D o r i n e.
Alles unter Dach und Fach!
Die Arme,
Wär’ ich an ihrer Stelle,
Kein Mann könnte mich
Ins Ehebett zwingen.
Sofort nach uns’rer Hochzeitsnacht
Hätt’ ich meinen Racheplan.
O r g o n.
Auf mich hört keiner?
D o r i n e.
Ich spreche gar nicht mit Ihnen.
O r g o n.
Was tust du denn gerade?
D o r i n e.
Ich rede mit mir selbst.
O r g o n.
(Versucht sie zu packen. Sie entwischt. Er rennt ihr hinterher.)
Achtung: auch meine Hand gehorcht mir nicht.
(Dorine gestikuliert zu Mariane, aber jedesmal, wenn er ihr während des
folgenden Dialogs einen Blick zuwirft, macht Dorine ein völlig unbeteiligtes
Gesicht und schweigt.)
Mein Kind,
Du wirst mir noch danken...
Du wirst mir Recht geben,
Dass der Ehemann...
Den ich für dich
Ausgesucht habe...
(Zu Dorine.) Und jetzt?
Was sagst du dir jetzt?
D o r i n e.
Ich sag’ mir nichts.
O r g o n.
Aber bitte,
Komm,
Ein Wörtchen nur!
D o r i n e.
Hab keine Lust!
O r g o n.
Das dachte ich mir.
D o r i n e.
Da wär’ ich ja schön dumm…
O r g o n.
(zu Mariane)
Du stimmst meiner Wahl zu,
Keine Diskussion.
D o r i n e.
Tun Sie’s nicht!
Ich werde verrückt.
Orgon will ihr eine Ohrfeige versetzen, aber sie entzieht sich mit Erfolg.
O r g o n.
Diese Person ist eine Pest!
Ich könnte mich noch versündigen
Und sie erwürgen.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann nicht mehr.
Ihr dummes Gerede
Hat mich so aufgewühlt. Ǥ
Ich muss mich beruhigen.
Ich werde mich ein wenig hinlegen. ȋǣȌ
(Er geht ab.)
ǫ
ǫ
D o r i n e.
Und? Sie sagen nichts dazu?
Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?
Sie hören sich diesen Irrsinn an,
Ohne, dass Sie ein Wort verlieren?
Ich muss Ihre Rolle übernehmen?
M a r i a n e.
Was willst du
Gegen einen allmächtigen Vater sagen?
D o r i n e.
Alles, um es zu verhindern.
M a r i a n e.
Was?
D o r i n e.
Geben Sie ihm zu verstehen,
Dass das Herz
M a r i a n e.
Ich habe es nie gewagt,
Ihm zu widersprechen.
D o r i n e.
Valère will Sie heiraten -
Also: lieben Sie ihn
Oder lieben Sie ihn nicht?
M a r i a n e.
Ach, Dorine, was fragst du?
Du bist schrecklich ungerecht!
Wie oft habe ich dir
Meine Liebe und Leidenschaft
Für ihn gestanden?!
D o r i n e.
Was weiß denn ich?
Vielleicht lügt dein Herz,
Obwohl dein Mund
Die Wahrheit spricht.
M a r i a n e.
Du tust mir großes Unrecht,
Wenn du mir nicht glaubst!
D o r i n e.
Dann lieben Sie ihn also?
M a r i a n e.
Wahnsinnig!
D o r i n e.
Und er auch wahnsinnig?
M a r i a n e.
Ich hoffe es.
D o r i n e.
Und Ihr beide
Könnt es kaum erwarten,
Getraut zu werden?
M a r i a n e.
Natürlich…!.
D o r i n e.
Und? Was soll mit
Dem ander’n Plan geschehen?
M a r i a n e.
Ich bring’ mich um,
Wenn man mich zwingt!
D o r i n e.
Sehr gut!
Auf diese Idee
Wär’ ich nicht gekommen!
Sie sterben
Und sind fein raus.
Die Lösung ist wunderbar -
Gott, bin ich zornig,
Wenn ich solche Dummheiten höre.
M a r i a n e.
Du bist schlecht gelaunt, Dorine!
Du hast für einen unglücklichen Menschen
kein Mitgefühl.
Was soll ich denn machen?
Ich bin oft so unsicher!
D o r i n e.
Für die Liebe
Braucht man ein starkes Herz!
M a r i a n e.
Und Valère?
D o r i n e.
Ist es Valères Schuld,
Dass Ihr verstockter Vater
In Tartuffe vernarrt ist
Und sein Versprechen
Nicht hält?
M a r i a n e.
Wenn ich mich meinem Vater
So offensichtlich widersetze,
Sieht doch jeder,
Wie entflammt ich für ihn bin.
Soll ich denn,
So lieb ich ihn auch habe,
Alles Schamgefühl verletzen
Und meine Verpflichtungen
Als Tochter vernachlässigen?
Oder willst du, dass ich meine Gefühle
Vor aller Welt ausbreite?
D o r i n e.
Nein, nein,
Auf keinen Fall.
Ich sehe schon:
Sie wollen mit Herrn Tartuffe sein.
Ich wäre ja verrückt,
Diese Verbindung zu hintertreiben.
Warum sollte ich
Ihre Wünsche durchkreuzen?
Die Idee hat
Viel für sich:
Herr Tartuffe, oho!,
Ist eine glänzende Partie.
Wenn man sich’s genau ansieht,
Ist Herr Tartuffe
Bestimmt kein Rüpel;
Und seine Frau zu werden
Keine geringe Sache.
Überall glorifiziert man ihn,
Ein schöner Kerl,
Beliebt,
Rote Ohrläppchen,
Gesunder Teint,
Sie werden mit diesem Mann
Richtig glücklich werden!
M a r i a n e.
Mein Gott!
D o r i n e.
Es wird Sie selig machen,
Mit so einem schönen Mann
Verheiratet zu sein!
M a r i a n e.
Hör bitte auf, so zu reden
Hilf mir lieber,
Diese Heirat abzuwenden.
Ich bin bereit,
Alles zu tun,
Alles, was du willst!
D o r i n e.
Nein, eine Tochter
Muss ihrem Vater gehorchen –
Und gäbe er ihr
Einen Affen zum Mann.
Was beklagen Sie sich?
Sie sind doch zu beneiden!
“Mit einer Postkutsche
Geht's rasch in seine Heimatstadt,
Wo er viel liebe Tanten,
Onkelchen und Vettern hat,
Die sich schon lang
Auf Ihre Ankunft freun,
Denn alle wollen gern
Von Ihnen unterhalten sein.
Nun geht es in die große Welt:
Im Sonntagsstaat machen Sie
Artig Ihre Pflichtvisiten,
Dann sind Sie überall
Auch wohl gelitten,
bei Frau Finanzinspektor
Und Frau Rechnungsrat,
Die Ihnen gnädigst
Einen Klappstuhl anbieten!
M a r i a n e.
Hörst du auf?!
Du bringst mich um!
Hilf mir lieber,
diesem Unglück
Zu entgehen.
D o r i n e.
Nein!
Sie müssen da durch.
Sie werden tartüffisiert!
M a r i a n e.
Mein Schicksal
Lässt dich kalt,
Also bleib’ ich
Ganz allein
Mit meiner Verzweiflung.
Und sie hilft mir,
Die letzte Entscheidung zu fällen!
D o r i n e.
He! Kommen Sie zu sich!
Ich bin nicht mehr wütend.
Ich hab’ sogar Mitleid mit Ihnen.
VIERTER AUFTRITT
Valère. Mariane. Dorine.
V a l è r e.
Mariane, ich hab’s schon gehört,
Es geht überall herum.
Und ich erfahr’s als Letzter.
Das ist eine schöne Nachricht!
M a r i a n e.
Was denn?
V a l è r e.
Du heiratest Tartuffe –
M a r i a n e.
Das stimmt.
Mein Vater wünscht es.
V a l è r e.
Dein Vater?!
M a r i a n e.
... hat seine Meinung geändert.
V a l è r e.
Und was hast du vor?
M a r i a n e.
Das weiß ich nicht.
V a l è r e.
Eine ehrliche Antwort.
Du weißt es nicht.
M a r i a n e.
Nein.
V a l è r e.
Nein?!
M a r i a n e.
Was rätst du mir?
V a l è r e.
Mein Rat:
Nimm ihn.
M a r i a n e.
Das rätst du mir?
V a l è r e.
Ja.
M a r i a n e.
Im Ernst?
V a l è r e.
Ohne Zweifel.
Die beste Wahl.
Du wirst ihm
Natürlich gehorchen.
M a r i a n e.
Gut: wie du es wünschst.
V a l è r e.
Mir scheint, es fällt dir
Gar nicht besonders schwer?
M a r i a n e.
Nicht schwerer als dir,
Mir diesen Rat zu geben.
V a l è r e.
Ich wollte dir
Einen Gefallen tun.
M a r i a n e.
Um dir einen Gefallen zu tun,
Befolge ich deinen Rat.
D o r i n e.
Bin gespannt,
Wohin das führt.
V a l è r e.
So sieht deine Liebe aus?
Es war alles gelogen,
Was du mir...
M a r i a n e.
Sprechen wir nicht mehr darüber,
Ich bitte dich.
Du hast mir geraten,
Ich soll den Mann nehmen,
Der für mich bestimmt wurde.
Daher verkünde ich:
Das werde ich tun.
V a l è r e.
Verwechsle nicht meine Absichten
Mit deinen Entscheidungen.
Suche nicht
Nach einem Vorwand,
Um dir zu erlauben,
Dein Wort zu brechen.
M a r i a n e.
Gut gesagt!
V a l è r e.
Du hast mich nie
Wirklich geliebt!
M a r i a n e.
Ja?
Denke, was du willst.
V a l è r e.
Ja, ja, was ich will.
Wer mich kränkt, muss aber wissen,
Dass ich mich rasch
Abzulenken weiß.
Ich hab’ da schon
Jemanden im Sinn,
Dem ich meine ganze
Zuneigung schenken will.
M a r i a n e.
Der Verlust ist nicht groß.
Du wirst dich rasch trösten.
V a l è r e.
Ja, das kannst du mir glauben:
Ich werde mein Bestes tun.
Wenn die Eigenliebe
Verletzt wird,
Erwacht ein gewisser Stolz.
Und wenn einem das nicht gelingt,
Dann muss man wenigstens
So tun, als ob.
M a r i a n e.
Oh, wie edel
Und wie großartig
Sind deine Vorsätze!
V a l è r e.
Ich danke dir.
Ich glaube,
Jeder wird mich verstehen.
Dir wäre es sicher lieber,
Wenn ich die Leidenschaft,
Die du in mir entfacht hast,
Nie mehr überwinden könnte.
Und dir zusähe,
Wie du in die Umarmung
Eines Anderen sinkst,
Ohne mein eigenes Glück
Zu finden.
M a r i a n e.
Im Gegenteil:
Nichts wäre schöner für mich,
Als dich in deinem
Neuen Glück zu sehen.
V a l è r e.
Was? Das würde dich freuen?
M a r i a n e.
Ja.
V a l è r e.
Du hast mich
Lange genug beleidigt.
M a r i a n e.
Gerne...
V a l è r e.
Vergiss nicht,
Dass du mich so weit gebracht hast.
M a r i a n e.
Ja.
V a l è r e.
Und dass der Entschluss,
Den ich hier fasse,
Nur deinem Beispiel folgt.
M a r i a n e.
Nur meinem Beispiel.
Ja.
V a l è r e.
Siehst du, Mariane?
Ich geh’ für immer!
M a r i a n e.
Viel Glück dabei!
V a l è r e.
Wie bitte?
M a r i a n e.
Was ist denn?
V a l è r e.
Du riefst mich?
M a r i a n e.
Ich?!
Du träumst!
V a l è r e.
Dann geh ich wirklich.
Adieu.
M a r i a n e.
Adieu.
V a l è r e.
Adieu.
D o r i n e.
Ihr spinnt wohl beide?
Ich habe Euch
Streiten lassen,
Um zu sehen,
wie weit Ihr
Es noch treibt.
Halt, Herr Valère!
V a l è r e.
Was wollen Sie von mir?
D o r i n e.
Hierher!
V a l è r e.
Nein, ich hab’ keine Lust.
Sie wollte es so.
Halten Sie mich nicht zurück.
D o r i n e.
Sie bleiben hier!
V a l è r e.
Nein, stellen Sie sich vor:
Es bleibt dabei.
D o r i n e.
Ah!
M a r i a n e.
Er will mich
Nicht mehr seh’n,
Ich stoße ihn ab.
Ich sollte gehen.
D o r i n e.
Wo laufen Sie hin?
M a r i a n e.
Lass mich.
D o r i n e.
Komm’ zurück!
M a r i a n e.
Nein, nein, Dorine,
Bemüh’ dich nicht,
V a l è r e.
Ich verstehe:
mein Anblick
Ist für Mariane eine Qual...
Und ich muss sie
Davon befreien.
D o r i n e.
Hört jetzt endlich auf!
Diese Streitereien
Sind ja unerträglich!
Kommt beide her!
(Sie zieht sie zueinander.)
V a l è r e.
Was ist Ihr Plan?
M a r i a n e.
Was willst du machen?
D o r in e.
Euch wieder zusammenführen,
Seid Ihr verrückt, so zu streiten?
V a l è r e.
Moment!
Haben Sie nicht gehört,
Wie sie zu mir gesprochen hat?
D o r i n e.
(zu Mariane).
Sind Sie verrückt?
Welcher Teufel reitet Sie?
M a r i a n e.
Moment!
Hast du nicht gesehen,
Wie er mich behandelt hat?
D o r i n e.
(zu Valère)
Sie will nur Sie, das weiß ich.
(zu Mariane)
V a l è r e.
Wozu die Hand?
M a r i a n e.
Ich versteh’ nicht,
Was das soll.
Dorine
Her mit Euch beiden!
(Sie führt beide zusammen)
Ihr liebt Euch doch,
Viel mehr,
Als Ihr denkt!
M a r i a n e.
Was war das denn vorhin
Für ein blöder Rat?
V a l è r e.
Jetzt fängst du
Wieder damit an?
D o r i n e.
Ihr seid ja beide nicht bei Trost!
Vertagt den Streit
Auf ein ander Mal!
Wir müssen jetzt
Diese furchtbare Hochzeit verhindern!
Ihr Vater will die Sache
Unbedingt durchziehen.
Und Sie tun so,
Als wären Sie
Damit einverstanden,
So kann man Zeit schinden
Und das Schlimmste abwenden.
Spielen Sie ihm vor,
Sie hätten plötzlich eine
schreckliche Krankheit.
Oder es gelingt
Der alte Schwindel
Dass Verliebte
Immer plappern müssen!
Raus mit Euch
Und Schluss jetzt!
DRITTER AKT
ERSTER AUFTRITT
Damis. Dorine.
D a m i s.
Der Blitz soll mich treffen,
Und Ihr alle könnt mich
Einen Versager nennen -
Ich nehme keine Rücksicht,
Keine Autorität hält mich zurück,
Auf der Stelle dreinzuschlagen.
D o r i n e.
Ruhig!
Beherrschen Sie sich!
Bis jetzt hat Ihr Vater
Nur davon geredet –
Nicht alles, was man plant,
Wird ausgeführt.
D a m i s.
Ich knöpfe mir diesen Hund vor
Und setze den Intrigen ein Ende!
D o r i n e.
Langsam, langsam,
Lassen Sie Ihre Stiefmutter machen.
Tartuffe hört auf sie –
Ihre Meinung macht ihn immer weich.
Er könnte etwas für sie empfinden,
Ach, wäre das schön,
Zu schön, um wahr zu sein.
Das ist nur in Ihrem Interesse,
Dass sie ihn hierher bestellt hat.
Sie will über diese Verbindung
Genaueres erfahren,
Seine Gefühle erkunden
Und ihn warnen,
Was für einen Riesenzwist
Es auslösen würde,
Machte er sich
In dieser Angelegenheit
Auch nur die geringsten Hoffnungen.
Raus, bitte!
Lassen Sie mich allein.
D a m i s.
Ich bleibe
Bei dem Gespräch dabei!
D o r i n e.
Auf keinen Fall.
Die beiden
Müssen allein sein.
D a m i s.
Ich werde mich
Nicht einmischen.
D o r i n e.
Wo denken Sie hin?
Man kennt doch Ihren Jähzorn!
Sie zerstören unseren Plan.
Gehen Sie jetzt!
D a m i s.
Nein, ich will es miterleben,
Ich halte mich zurück.
D o r i n e.
Sie sind lästig!
Er kommt!
Bitte: raus!
V a l è r e.
Mariane.
Sollten wir die Dinge,
die unseren Streit
Ausgelöst haben,
Nicht genauer besprechen?
Wie konntest du nur
So hässliche,
Böse Worte
Zu mir sagen?
M a r i a n e.
Und du?
Du bist doch der undankbarste Mensch!
Dorine
ZWEITER AUFTRITT
Tartuffe. Laurent. Dorine.
T a r t u f f e.
Mein Büßerhemd,
Meine Geißel,
Räume beides weg,
Und bete inständig,
Laurent,
Dass der Himmel
Dir gnädig sei.
Wenn mich jemand sprechen will,
Ich bin auf dem Weg
Zu den Häftlingen
Und verteile,
Was mir von den Spenden
Übrig blieb.
D o r i n e.
Das ist aber ein Angeber!
T a r t u f f e.
Was hast du gesagt…?
D o r i n e.
Ich wollte sagen...
T a r t u f f e.
Oh, mein Gott!
Ich bitte dich, bevor du mit mir sprichst,
Nimm mein Taschentuch.
(Er holt ein sehr großes Taschentuch hervor)
D o r i n e.
Warum?
T a r t u f f e.
Bedeck’ deinen Busen,
Den er nicht sehen soll,
D o r i n e.
Sie sind ja
Für Versuchungen empfänglich?
Das bisschen Haut
Bringt Sie durcheinander?
Ich verstehe nicht,
Was Sie so erhitzt.
Meine Begierde
Ist nicht mehr so schnell zu erwecken.
Und wenn Sie splitternackt
Vor mir stünden,
Ihr Körper würde mich
Einfach nicht reizen.
T a r t u f f e.
Halte dich zurück, Dorine,
Oder ich gehe.
D o r i n e.
Nein, nein, ich werde Sie
In Ruhe lassen.
Ich wollte Ihnen
Nur Folgendes sagen:
Madame kommt hierher
Und möchte gerne
Allein mit Ihnen sprechen.
T a r t u f f e.
Oh Gott!
Sehr gern!
D o r i n e. (zu sich).
Oh, jetzt wird er weich.
(am Haustelefon)
Madame,
Ich glaube mehr und mehr,
Dass meine Vermutung richtig ist.
Unbedingt.
T a r t u f f e.
Kommt sie jetzt gleich?
D o r i n e.
Sie kommt.
DRITTER AUFTRITT
Tartuffe. Elmire.
T a r t u f f e.
Gnädige Frau,
Der Ärmste aller,
Die im Staub dem Höchsten dienen,
Wünscht Ihrer Seele
Und Ihrem Leib Gesundheit.
Ich segne Sie.
E l m i r e.
Ich bin Ihnen sehr verpflichtet,
Aber setzen Sie sich.
Das ist bequemer.
T a r t u f f e. (setzt sich)
Na, haben Sie sich erholt?
E l m i r e.
Sehr gut erholt;
Das bisschen Fieber
Ging rasch vorbei.
T a r t u f f e.
Meine Gebete allein
Waren es nicht,
Die die Gnade Ihrer Besserung
Herbeigeführt haben.
Aber Tag und Nacht
Habe ich fromm
Nur über Ihre Genesung meditiert.
E l m i r e.
Sie haben mir
Zu viel Zeit geopfert!
T a r t u f f e.
E l m i r e.
Ihre Nächstenliebe
Geht aber sehr weit.
Ich bin Ihnen
Zu tiefstem Dank verpflichtet.
T a r t u f f e.
Ihnen gebührt
So viel mehr Aufmerksamkeit…
E l m i r e.
Ich bin froh,
Dass uns niemand zuhört,
Niemand uns beobachtet.
Ich möchte Ihnen nämlich
Ein Geheimnis anvertrauen.
T a r t u f f e.
Gnädigste, sehr einverstanden,
Ich bin überglücklich,
Mit Ihnen allein zu sein.
Um diese Chance
Habe ich den Himmel
Schon oft gebeten,
Doch bis heute
Musste ich warten.
E l m i r e.
Was ich mir wünsche,
Ist ein Gespräch mit Ihnen,
In dem Sie mir Ihr Herz öffnen
Und nichts vor mir verbergen.
T a r t u f f e.
Das wünsche ich mir auch:
Mich öffnen -
Und nichts
Vor Ihnen verbergen;
E l m i r e.
Das weiß ich doch,
Sie tragen Sorge um mich.
T a r t u f f e.
So ist es, Madame!
Meine Leidenschaft…
E l m i r e.
Autsch!
Sie tun mir weh -!
T a r t u f f e.
Das ist dieses Übermaß
An Leidenschaft.
Nie wollte ich
Ihnen wehtun.
Das ist nicht meine Absicht.
Viel lieber würde ich…
(Er legt seine Hand auf Elmires Knie)
E l m i r e.
Was sucht denn Ihre Hand da?
T a r t u f f e.
Was ist denn das für ein Stoff?
So flaumig!
E l m i r e.
Bitte lassen Sie das!
Ich bin sehr kitzlig!
T a r t u f f e.
Wie fein genäht
Ist dieses Kleidungsstück,
Wie wunderbar
Man heutzutage solche Stoffe herstellt.
Sowas gut Gemachtes
Habe ich noch nie geseh’n.
E l m i r e.
Ja, so ist es.
Doch sprechen wir
Ein wenig über unsere Angelegenheit.
Es heißt, mein Mann
Will sein Wort brechen
Und Ihnen seine Tochter geben.
Stimm das?
Sagen Sie!
T a r t u f f e.
Ja, irgendwas hat er erzählt.
Aber Madame,
Wenn ich die Wahrheit sagen darf,
Das ist nicht das Glück,
Nach dem ich mich sehne.
E l m i r e.
Natürlich: alle irdischen Dinge
Sind Ihnen fremd.
T a r t u f f e.
Ich trage nicht nur ein Stück Stein…
(Er zeigt auf seine Brust.)
E l m i r e.
Nein, nein:
Ich bin überzeugt,
Dass all Ihr Begehren
Nur dem Himmel gilt
Und niemals weltlichen Genüssen.
T a r t u f f e.
Die Liebe und die ewige Schönheit,
Gott hat…eine Frau erschaffen,
Die so wunderschön ist,
E l m i r e.
Ihre ausführliche Erklärung
Ist ohne Zweifel sehr galant.
Sie erstaunt mich.
Und doch scheint mir,
Sie sollten sich
Besser im Griff haben.
Ein frommer Mann wie Sie,
T a r t u f f e.
Fromm, gewiss!
Aber nichtsdestoweniger ein Mann!
Kaum Ihrem himmlischen Liebreiz ausgesetzt,
Sitzt man bereits in der Falle
Und kann nicht mehr denken.
Ich weiß,
Das klingt seltsam.
Madame, trotz allem,
Ich bin kein Engel!
Wenn Sie meine Offenheit
Auch nicht gutheißen mögen:
Allein Ihr Liebreiz,
Ja, Ihr Liebreiz
Trägt Schuld!
Sie sind Herrscherin
Über mein Innenleben.
Ich habe nur mehr gefastet,
gebetet und geweint;
Haben Sie’s denn nicht bemerkt?
All meine Blicke,
All mein Seufzen
Hatten es Ihnen doch längst verraten.
Endlich darf ich’s
Mit meiner eigenen Stimme sagen.
Keine Angst -
Ich setze Ihre Ehre
Nicht auf’s Spiel.
Ich werde für Sie,
Oh Wunderbare,
Unvergleichliche Demut empfinden.
Sie müssen sich nicht fürchten
Und glauben,
Dass ich mit Ihnen spiele,
Oder Sie gar erniedrige.
Wie soll ich sagen…
Menschen wie wir
Lodern mit (er sucht das richtige Wort…)
Versteckter Flamme!
Mit anderen Worten,
Wie soll ich sagen…
Sie können sich
Auf meine Diskretion verlassen.