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Analysis

Geodata Science, [Link]. / Data Science and Scientific Computing, [Link].

Prof. Dr. W. Högele

Wintersemester 2024/25
Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen 5
1.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.4 Beweisverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
1.6 Übungsblatt Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

2 Funktionen 27
2.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.2 Vorkenntnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.3 Polynome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.4 Kreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.5 Funktionengrenzwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.6 Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.7 Übungsblatt Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

3 Differentiation 67
3.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.2 Die Ableitung einer Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.3 Implizite Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3.4 Anwendung der Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . 83
3.6 Übungsblatt Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

4 Integralrechnung 89
4.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4.2 Das Flächenproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4.3 Das bestimmte Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
4.4 Stammfunktion, Rechenregeln, Grundintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
4.5 Hauptsatz der Differential– und Integralrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
4.6 Fläche zwischen zwei Funktionsgraphen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
4.7 Integrationstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
4.8 Uneigentliche Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
4.9 Numerische Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
4.10 Übungsblatt Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116

5 Reihen 119
5.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
5.2 Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
5.3 Endliche Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
5.4 Unendliche Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
5.6 Übungsblatt Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Vorwort W. Högele, WiSe 2022/23

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine gute Wahl getroffen! Denn: Informatik und Mathematik
und natürlich alle Verbindungen der zwei Bereiche wie bspw. in Machine Learning, Data Science und
Computational Science ist ein stetig wachsendes Feld für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
An der Fakultät Informatik und Mathematik an der Hochschule München wollen wir Ihnen die richtigen
Ansätze, Denkweisen und Tools beibringen, damit Sie ebenso wesentliche Beiträge in Wirtschaft,
Wissenschaft und Gesellschaft leisten können.
Das Fach Mathematik und insbesondere die Vorlesung Analysis mag erstmal nicht sehr aktuell“

wirken, da sie auf Prinzipien zurückführen, die teils Jahrhunderte bis Jahrtausende alt sind. In der
Tat ist der bestehende Ansatz, wie moderne Mathematik an Hochschulen eingeführt wird, nun ca.
100 Jahre alt (für Interessierte: ein wesentlicher Schub war das Hilbertprogramm“ in den 1920ern).

Aber: Mathematische Erkenntnisse sind zeitlos - einmal bewiesen gelten sie für immer. Deshalb ist
es nicht verwunderlich, dass wir hier teilweise sehr alte Erkenntnisse neu lernen“. Wichtig dabei: Das

ändert nichts an der Aktualität und Relevanz dieser Erkenntnisse. Durch die Einführung von Computern
in alle Lebens- und Arbeitsbereiche, die stete Weiterentwicklung von Programmierumgebungen und die
nicht zu unterschätzende Datenvielfalt spielen bspw. Algorithmen eine wichtige Rolle im zukünftigen
Fortschritt. Diese Algorithmen beruhen auf der Umsetzung oftmals sehr alter mathematischer Ideen
auf neueste Anwendungen und die Veranstaltung Analysis liefert Ihnen neben der Linearen Algebra ein
erstes Fundament dieser gesicherten mathematischen Erkenntnisse.
Noch ein paar Worte zur konkreten Vorlesung: Sie haben in der Schule Mathematik sehr lange erlebt
und einige Begriffe der Mathematik sind Ihnen im Grunde geläufig. Jedoch kann dies trügerisch sein! Der
Fundus über das Wissen wesentlicher Begriffe ist einerseits sehr ungleichmäßig über die Themenpalette
und zwischen Ihnen verteilt und andererseits häufig in der Schule nicht in einem Gesamtkontext
dargestellt worden. Wir werden in dieser Veranstaltung wesentliche Begriffe der Analysis noch einmal
neu in einer Gesamtstruktur einführen, um soweit möglich faire Startbedingungen für alle zu erreichen
(aber auch wir werden ein paar Grundlagen voraussetzen müssen), und Ihnen ein modernes Verständnis
der Analysis zu vermitteln, welches Sie weiter im Studium und im Beruf benötigen. Zur kurzfristigen
Motivation: Wenn Sie am Ball bleiben (es wird hier zügig vorangehen), stetig mit- und nacharbeiten
und sich auf Übungen vorbereiten (und auch keine Scheu vor Wortmeldungen haben!), dann haben Sie
gute Chancen die Prüfung am Ende des Semesters solide zu bestehen. Lassen Sie sich darauf ein – Sie
haben Ihren Lern- und Studienerfolg durch Ihre aktive Teilnahme selbst in der Hand. Viel Erfolg!

Ablauf der Vorlesung


Diese Vorlesung wird einem bestimmen Ablauf folgen, welcher uns durch das Semester begleitet. Im
Wesentlichen lässt sich dieser an folgenden Punkten nachvollziehen:
ˆ Moodle ist Ihr Startpunkt für alles rund um die Vorlesung. Dieser Bereich ist passwortgeschützt.
Jede unauthorisierte Weitergabe der Dokumente auf Moodle wird hiermit untersagt.
ˆ Der Ablauf der Vorlesung erfolgt in der Regel mit 3x 1.5h / Woche. Es wird die strikte Aufteilung
(Vorlesung/Übung) des Stundenplans ignoriert und an die Bedürfnisse flexibel angepasst.
ˆ Die Vorlesungen werden durch folgende Elemente lebendig gestaltet:
– Kontinuierliche Beispiel– und Verständnisaufgaben, daher Schmierzettel bereitlegen
– Zwischenzeitliche Abstimmungen bei Verständnisfragen (Peer Instruction)
– Ihre fachlichen Fragen: Präsent: einfach Hand heben
Zu den Unterlagen:
ˆ Sie erhalten zwei inhaltsgleiche Unterlagen zur Vorlesung, die Sie für sich kommentieren bzw.
ergänzen können bzw. sollten (entweder digital oder auf Papier):
– Das zur Verfügung gestellte Skript
– Das zur Verfügung gestellte Handout der Folien
ˆ Insbesondere liegt es an Ihnen, die Lösungen von Aufgaben und Beispielen zu notieren – es
werden ganz bewusst aus didaktischen Gründen weder ein ausgefülltes Skript und noch allgemeine
Lösungsblätter bereit gestellt. Machen Sie in der Vorlesung aktiv mit!

Arbeitsaufwand
ˆ Mitmachen und –denken während Vorlesung
ˆ Nacharbeiten der Vorlesung in Lerngruppen, bspw. gegenseitiges Erklären
ˆ Selbständiges Bearbeiten der Übungsaufgaben (bspw. ebenso in Lerngruppen) in Vorbereitung
auf die Übungen (wird in Vorlesung bekannt gegeben)

Prüfung
Es gilt folgender aktueller Planungsstand:
ˆ Die Prüfung soll in Präsenz stattfinden, wie in einem normalen Präsenz–Semester.
ˆ Die Prüfung wird für alle Studiengänge unbenotet angeboten.
ˆ Details zur Prüfung entnehmen Sie bitte der Moodle-Seite. Dort sind ggf. auch die konkreten
Prüfungstermine vermerkt.
ˆ Eine bestandene Prüfung in Analysis oder Lineare Algebra ist Voraussetzung für die Teilnahme
an Angewandter Mathematik im 2. Semester.

Praktisches zum Plotten von Funktionen


An verschiedenen Stellen in der Vorlesung ist es förderlich oder wird empfohlen Funktionen zu plotten“,

d.h. am Bildschirm graphisch darzustellen. Hierzu gibt es mehrere Möglichkeiten, auf welche hier kurz
eingegangen wird. Bitte erarbeiten Sie sich zeitnah diese Möglichkeiten.
Beispielsweise soll die Funktion f (x) = x2 geplottet werden.
1. GNU Octave/MatlabTM (im Intervall x ∈ [−1, 1] mit 500 Stützstellen):
figure; x = linspace(-1,1,500); y = x.^2; plot(x,y);
2. Wolfram AlphaTM /MathematicaTM , online: [Link] (im Intervall x ∈ [−1, 1]):
Plot[x^2,{x,-1,1}]
3. Python-basiert: SymPy Gamma, online: [Link] :
plot(x^2)
Es wird darauf hingewiesen, dass (1.) Numerik–Pakete sind, welche in der Praxis bei Simulationen sehr
weit verbreitet sind, und (2.) und (3.) sind Computeralgebrasysteme, welche stark im symbolischen
Rechnen sind und deshalb besonders im akademischen Bereich beliebt.

Hinweis zum Urheberrecht


Der Inhalt des Skripts und das Vorlesungskonzept beruhen über weite Teile auf der Arbeit von Prof. Dr.
Edda Eich–Söllner (das Skript ist zumindest als inhaltliches, meist als wörtliches Zitat anzunehmen),
bei welcher alle inhaltlichen Urheberrechte erhalten bleiben und ich mich hiermit ausdrücklich für die
Benutzung ihrer Unterlagen bedanke. Für diese Ausfertigung der Vorlesung habe ich den Inhalt in einer
neuen Darstellung aufbereitet und an wenigen Stellen leicht abgewandelt.
1 GRUNDLAGEN

1 Grundlagen
1.1 Lernziel
In diesem Kapitel:
ˆ übersetzen Sie Aussagen in Textform in formal logische Form und umgekehrt (z.B. ∀, ∃, ⇒, ∨,
∧, ¬)
ˆ ziehen Sie aus mehreren logischen Schlüssen die maximale Schlussfolgerung.
ˆ hinterfragen Sie Argumentationen kritisch und prüfen auf Richtigkeit.
ˆ verknüpfen Sie Methoden aus dem Bereich der Logik und der Beweisführung.
ˆ führen Sie Beweise mit vollständiger Induktion selbständig durch und erkennen, wann die Methode
nicht zielführend ist. Lernen dabei ebenso den direkten und indirekten Beweis kennen.
ˆ finden Sie Beispiele und Gegenbeispiele für eine Aussage.

1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi


In diesem Abschnitt wollen wir ein Beispiel betrachten, dass uns die mathematische Denkweise“ näher

bringt. Hierzu betrachten wir ein traditionelles Spiel: der Turm von Hanoi“.

n = 8 Scheiben

Abbildung 1: Das Spiel der Turm von Hanoi“.



Zu Beginn hat man einen Turm von 8 übereinander geschichteten Scheiben, die nach oben hin immer
kleiner werden. Dieser Turm steckt auf einem von drei Stäben.
Ziel ist es,
ˆ den Turm von einem Stab zu einem nächsten zu transferieren.
ˆ immer nur eine Scheibe zu bewegen.
ˆ niemals eine größere Scheibe auf eine kleinere zu legen.
Wir stellen uns allgemein folgende Fragen:
ˆ Wie können wir die Aufgabe am besten lösen?
ˆ Wie viele Züge brauchen wir dazu mindestens?
ˆ Wie sieht die Lösung für beliebige n aus?
Um das Problem kennen zu lernen, wollen wir im Folgenden das Problem erst für kleine n lösen.
Natürlich ist n = 1 trivial. Deshalb betrachten wir die folgenden Fälle: n = 2 (Abbildung 2) und n = 3
(Abbildung 3).
Wir führen nun folgende Notation ein (eine einfache Formalisierung ist oft der halbe Weg zur Lösung):
ˆ Tn sei die minimale Zugzahl, zum Versetzen des Turms von Hanoi.
ˆ Wir haben schon festgestellt: T1 = 1, T2 = 3, T3 = 7.
Beim Probieren haben wir weiterhin festgestellt:

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 5


1 GRUNDLAGEN 1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi

n = 2 Scheiben

Abbildung 2: Der Turm von Hanoi“ mit n = 2 Scheiben.


n = 3 Scheiben

Abbildung 3: Der Turm von Hanoi“ mit n = 3 Scheiben.


Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 6


1 GRUNDLAGEN 1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi

ˆ Bei n = 3 ging es zuerst darum, die oberen zwei Scheiben auf einen freien Stab zu verschieben
(die gleiche Zugzahl wie bei n = 2), dann die größte Scheibe verschieben, und dann wieder die
zwei oberen Scheiben auf die größte Scheibe setzen (wieder die gleiche Zugzahl wie bei n = 2).
ˆ Formal ist die Zugzahl also T3 = T2 + 1 + T2 = 2 · T2 + 1.
ˆ Dies lässt sich recht einfach auf n verallgemeinern:
– verschiebe n − 1 Scheiben auf einen freien Stab (Tn−1 Züge)
– verschiebe die größten Scheibe (1 Zug)
– verschiebe n − 1 Scheiben auf die größte Scheibe (Tn−1 Züge)
ˆ Das heißt es gilt folgende Rekursion:

T1 = 1 (1)
Tn = 2 · Tn−1 + 1 für n > 1 (2)

Das ist auch konsistent mit unseren Ergebnissen für n = 2 und n = 3:

T2 = 2 · 1 + 1 = 3
T3 = 2 · 3 + 1 = 7

Für eine Rekursion ist es immer wichtig einen Anfangswert zu haben (bspw. T1 ) und eine Rekursionsvorschrift,
um damit beliebige Rekursionsglieder zu berechnen (bspw. Tn ).
Die Rekursion erlaubt uns, Tn für jedes beliebige n zu berechnen. Aber das kann viel Zeit kosten, denn,
um z. B. T64 zu berechnen, müssen wir erst alle T1 , ..., T63 berechnen.
Gesucht ist also eine geschlossene Formel für Tn , in der man nur das n eingibt und man erhält sofort
die zugehörige Zugzahl.
Eine Möglichkeit auf diese Formel zu kommen ist, sich einzelne Beispiele anzusehen und sich daraus
eine Formel vorzuschlagen:

T2 = 3
T3 = 7
T4 = 15
T5 = 31
T6 = 63

Daraus kann man sich (vorsichtig) eine Formel überlegen mit

Tn = 2n − 1

welche für T1 − T6 richtig ist. Aber wie beweist man, dass diese Formel immer stimmt, wenn die
Rekursionsformeln wahr sind?
Der Weg dies zu beweisen lautet vollständige Induktion – eine Beweismethode, die wir in den nächsten
Vorlesungen noch etwas besser kennen lernen werden.
Hier wird schon einmal das Prinzip an diesem Beispiel erklärt
1. Induktionsanfang: Zeige, dass die Formel für einen Startwert gilt (bspw. n = 1):

T1 = 21 − 1 = 1

2. Induktionsschritt: Zeige, falls die Formel für Tn gilt, dann auch für Tn+1 . Die Behauptung lautet
also Tn+1 = 2n+1 −1. Die Voraussetzung lautet Tn = 2n −1, sowie die bekannte Rekursionsformel.
Der Beweis wird wie folgt geführt:

Tn+1 = 2 · Tn + 1 = 2 · (2n − 1) +1 = 2n+1 − 1


| {z }
Tn

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 7


1 GRUNDLAGEN 1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi

Damit haben wir die gezeigt, die Formel ist wahr für T1 und für jeden Sprung“: Ist die Formel für Tn

wahr, dann ist sie auch für Tn+1 wahr. Somit gilt die Formel für alle n ≥ 1.
Was bedeutet dies nun praktisch? Wie viele Züge benötigt man für verschiedene n s? Wie lange würde
das Spiel dauern, wenn jeder Zug blitzschnell wäre, d.h. bspw. nur 1 Mikrosekunde dauern würde?

n Anzahl Züge Dauer


1 1 0.000001s
8 255 0.000255s
16 65535 0.065535s
32 4294967295 > 71min
64 18446744073709551615 > 500.000 Jahre
79 604462909807314587353087 länger als gesch. Alter des Universums

Man sagt, die Zugzahl Tn wächst exponentiell mit der Scheibenzahl n. Dennoch konnten wir allgemein
diese Formel für alle n in nur wenigen einfachen Schritten beweisen!
Der Turm von Hanoi ist ein typisches Beispiel für eine Rekursion. Um einen geschlossenen Ausdruck
für die Lösung zu finden, sind wir folgende Schritte gegangen:
1. Betrachte zunächst die kleinen“ Fälle. Das lässt uns das Problem besser verstehen und hilft uns

in Schritt 2 und 3.
2. Finde und beweise eine mathematische Rekursion für die Größe, die interessiert.
3. Finde und beweise einen geschlossenen Ausdruck für diese Größe.
Dieser Ansatz ist häufig zielführend. Unsere Analyse des Turms hat uns durch Raten zur richtigen
Antwort geführt. Das ist natürlich manchmal schwer.
Für die neugierigen Programmierer unter Ihnen sei hier noch ein Python–Code angegeben, der genau
unserem obigen rekursiven Algorithmus folgt:
def bewege ( n , a , b , z ) :
# n i s t d i e A n z a h l d e r zu v e r s c h i e b e n d e n S c h e i b e n
# a d e r S t a b von dem v e r s c h o b e n werd en s o l l
# b d e r Stab , a u f den d i e S c h e i b e n v e r s c h o b e n wer den s o l l e n .
# z d e r Stab , d e r a l s Z w i s c h e n z i e l d i e n t

i f n >= 1 :
bewege ( n = 1 ,a , z , b )
p r i n t ( ' V e r s c h i e b e o b e r s t e S c h e i b e von {} nach {} ' . f o r m a t ( a , b ) )
bewege ( n = 1 , z , b , a )

Der Aufruf bewege(3,1,2,3) liefert dann folgendes Ergebnis:


Verschiebe oberste Scheibe von 1 nach 2
Verschiebe oberste Scheibe von 1 nach 3
Verschiebe oberste Scheibe von 2 nach 3
Verschiebe oberste Scheibe von 1 nach 2
Verschiebe oberste Scheibe von 3 nach 1
Verschiebe oberste Scheibe von 3 nach 2
Verschiebe oberste Scheibe von 1 nach 2

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 8


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

1.3 Logik
1.3.1 Bedeutung der Logik
Logik spielt in der Mathematik eine große Rolle und ist ihre Grundlage: Durch sie können mathematische
Theorien oder Sätzen exakt formuliert werden und Beweise durch formales Schlussfolgern geführt
werden. Logik bildet die Grundlage dafür, Mathematik zu verstehen und korrekt argumentieren zu
können.

1.3.2 Grundlagen der Aussagenlogik


Die Aussagenlogik beschäftigt sich mit Aussagen, die entweder wahr oder falsch sein können.
Sätze, für die es nicht sinnvoll ist, zu fragen, ob sie zutreffen oder nicht zutreffen, sind keine Aussagen.
So ist z.B. weder eine Bitte, noch eine Frage eine Aussage.
Beispiele für Aussagen:
ˆ Berlin ist eine Stadt in Deutschland.
ˆ 2+2=5
ˆ 1+1=2

Beispiele für keine Aussagen:


ˆ Wer ist Angela Merkel?
ˆ Können Sie mir bitte helfen!

Aussagenvariable (formal):
Einzelne Aussagen werden mit Buchstaben A, B, C, . . . bezeichnet. A, B, C . . . können dann entweder
wahr oder falsch sein.

Aussagenverknüpfungen:
Bisher wurden nur einzelne Aussagen betrachtet, z. B.
A: Die Straße ist nass.
B: Es regnet.
Durch Wörter wie wenn“ , dann“ , und“ , oder“ bzw. Verneinungen werden die Aussagen miteinander
” ” ” ”
verknüpft und in Beziehung gesetzt, z.B.
Wenn es regnet, ist die Straße nass. Formal: B ⇒ A.

oder“ / Disjunktion: ∨

Die Aussage A ∨ B ist genau dann wahr, wenn mindestens eine der beiden Aussagen A oder B wahr
ist. A ∨ B ist also wahr, wenn entweder A oder B wahr ist oder beide Aussagen wahr sind.
A B A∨B
T T T
T F T
F T T
F F F

Hier ist also Vorsicht geboten: Bei ∨ ( oder“) handelt es sich um ein inklusives Oder, d.h. es können

auch beide Operanden wahr sein und nicht um ein exklusives Oder (Entweder – oder).
Beispiel 1.1:
A: 2 + 2 = 4
B: 2 + 2 = 5

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 9


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

Aussage A ∨ B ist wahr.


Beispiel 1.2:
C: Der Mond ist ein Planet.
D: Der Mars ist ein Planet.
Wie lautet die Aussage C ∨ D in Worten? Welchen Wahrheitsgehalt hat sie?

und“ / Konjunktion: ∧

Die Aussage A ∧ B ist genau dann wahr, wenn sowohl A als auch B wahr sind.
A B A∧B
T T T
T F F
F T F
F F F

Beispiel 1.3:
Die Aussage A ∧ B mit den Aussagen A, B aus Beispiel 1.1 ist also falsch.
Beispiel 1.4:
1. Welchen Wahrheitsgehalt hat die Aussage A ∧ E, wobei Aussage E: 1 + 1 = 2 ist (Aussage A
aus Beispiel 1.1)?
2. F : München liegt an der Isar.
G: Bonn liegt an der Isar.
Wie lautet die Aussage F ∧ G in Worten? Ist sie wahr oder falsch?

Beispiel 1.5:
In der Alltagssprache hört man bei und“ oft eine zeitliche Folge mit:

ˆ Ich fahre in den Urlaub und jobbe (weil ich dort einen Ferienjob annehme)
ˆ Ich jobbe und fahre in den Urlaub (weil ich nach dem Jobben genug Geld für den Urlaub habe).
Mathematisch gibt es diese zeitliche Reihenfolge nicht: A ∧ B ist dasselbe wie B ∧ A, oder anders
ausgedrückt: ∧ ist kommutativ.

nicht A“ / Negation: A oder ¬A



Die verneinte Aussage zu A, A (¬A), ist genau dann wahr, wenn A falsch ist. A nimmt also den
gegensätzlichen Wahrheitswert an: Wenn A wahr ist, ist A falsch. Ist A falsch, so ist A wahr.
A ¬A
T F
F T

Beispiel 1.6:
1. Aussage A: Schnee ist weiß.“

2. Aussage A (¬A): Schnee ist nicht weiß.“

Wichtig: Dies ist nicht gleichzusetzen mit der Aussage, dass Schnee schwarz ist. Nicht-weiß“ heißt

lediglich jede andere Farbe außer weiß, zum Beispiel auch rot.

Bemerkung 1.1 (Doppelte Verneinung):


Eine doppelt verneinte Aussage A (¬(¬A)) hat denselben Wahrheitswert wie A.
Beispiel 1.7:

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 10


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

ˆ Aussage A: Das Buch ist interessant.


ˆ Aussage A: Das Buch ist nicht uninteressant.

wenn, dann“ / Implikation/Folgerung: aus A folgt B“: A ⇒ B


” ”
Im Sprachgebrauch sind vor allem die folgenden Formulierungen äquivalent zu A ⇒ B:
ˆ A impliziert B
ˆ Wenn A, dann B
ˆ B gilt (immer), wenn A gilt
ˆ A ist hinreichend für B
ˆ B ist notwendig für A

A B A⇒B
T T T
T F F
F T T
F F T

Bemerkung 1.2:
Die Gesamtaussage A ⇒ B ist immer wahr, außer man folgert aus einem wahren A ein falsches B. Das
heißt, die Implikation A ⇒ B ist bereits dann wahr, wenn die Aussage A falsch ist. Dieses Prinzip heißt
salopp: Aus Falschem folgt Beliebiges.“ Die Implikation A ⇒ B ist also nur dann falsch, wenn A wahr

und B falsch ist. Dies kann zu kontraintuitiven Aussagen führen, die aber dennoch logisch wahr sind.
Beispiel 1.8:
Die folgenden Aussagen sind Implikationen. Welche von ihnen sind wahr?
1. Wenn die Funktion f im Punkt x0 ein lokales Minimum hat und differenzierbar ist, so gilt f ′ (x0 ) =
0.
2. Wenn du das Glas auf den Steinboden fallen lässt, geht es kaputt.
3. Wenn Bayern kein Teil von Deutschland ist, bin ich StudentIn.
4. Wenn Bayern kein Teil von Deutschland ist, bin ich Bundespräsidentin.

Beispiel 1.9:
Die Aussage: 2 + 2 = 5 ist falsch.
Die Aussage: 3 + 4 = 2 ist auch falsch.
Die Aussage: 2 + 2 = 5 ⇒ 3 + 4 = 2 ist aber wahr, denn aus einer falschen Aussage kann man alles
folgern. (Das bedeutet aber natürlich nicht, dass 3 + 4 = 2 wahr ist.)
Beispiel 1.10:
Die mathematische Definition der Implikation weicht ab und an von der umgangssprachlichen ab:
ˆ A ⇒ B bedeutet nicht, dass A Ursache für B ist:
Hühner gackern ⇒ Menschen sprechen“ ist wahr

ˆ A ⇒ B bedeutet nicht, dass A wahr ist:
Hühner sprechen ⇒ Menschen gackern“ ist wahr

ˆ A ⇒ B sagt nichts darüber raus, ob B ⇒ A wahr ist
In der Alltagssprache geht das manchmal durcheinander: Wenn du gut lernst, bekommst du gute

Noten“ wird oft fälschlicherweise auch verstanden als Wenn du guten Noten hast, dann hast du

gut gelernt“.
ˆ A ⇒ B ist immer wahr, wenn B wahr ist – unabhängig von A:
Hühner sprechen ⇒ Menschen sprechen“ ist wahr

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 11


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

Satz 1.1:
Folgende drei Aussagen sind äquivalent:
ˆ A⇒B
ˆ A∨B
ˆ B⇒A

Beweis: Beweis durch Wahrheitstafeln:


A B A B A⇒B A∨B B⇒A
T T F F T T T
T F F T F F F
F T T F T T T
F F T T T T T

Bemerkung 1.3 (Kontraposition, Umkehrschluss):


Aus diesem Satz folgt: Gleichwertig mit A ⇒ B ist B ⇒ A (Kontraposition, Umkehrschluss): Wenn

B falsch ist, dann auch A“ , denn wäre A wahr, dann nach der ursprünglichen Aussage auch B.
Hier wird noch einmal die Beschreibung B ist notwendig für A“ deutlich.

Bemerkung 1.4:
In Summe unterscheiden wir drei Begriffe für die Aussage A ⇒ B, welche Sie nicht durcheinander
bringen dürfen:
ˆ Die Kontraposition B ⇒ A, welche gleichwertig mit A ⇒ B ist.
ˆ Die Negation (Verneinung) der Aussage A ⇒ B.
ˆ Die Umkehrung der Aussage B ⇒ A, welche weder mit der Kontraposition noch mit der Negation
gleichwertig ist.
Dies kann man an den Wahrheitstabellen zeigen:

Beispiel 1.11:
ˆ Wenn es regnet, ist die Straße nass.“

– Diese Aussage ist gleichwertig zu ihrer Kontraposition, nämlich der Aussage: Wenn die

Straße nicht nass ist, regnet es nicht.“
– Die Aussage ist weder gleichwertig zur Umkehrung der Aussage: Wenn die Straße nass ist,

dann regnet es.“ noch zur Kontraposition der Umkehrung: Wenn es nicht regnet, ist die

Straße nicht nass.“ Die Straße könnte auch aus anderen Gründen nass sein, beispielsweise,
weil jemand mit einem Gartenschlauch gespritzt hat.
– Die Negation (Verneinung) lässt sich nicht so elementar ausdrücken, nur in etwa so Die

Schlussfolgerung: Wenn es regnet, ist die Straße nass. ist falsch“.
ˆ Die folgenden beiden Aussagen sind logisch äquivalent:
1. Lehrer zum Schüler: Du tust das Handy jetzt weg oder ich nehme es an mich.
2. Wenn Du das Handy nicht weg tust, nehme ich es an mich.
Formal:

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 12


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

– A: Du tust das Handy nicht weg.


– B: Ich nehme das Handy an mich.

1. Du tust das Handy jetzt weg oder ich nehme es an mich: A ∨ B.


2. Wenn Du das Handy nicht weg tust, nehme ich es an mich: A ⇒ B.

Beispiel 1.12:
Es gelte folgende Aussage: Wer nach Italien oder Frankreich (oder beides) in Urlaub fährt, ist von Beruf
Maurer.
ˆ F (p): p fährt nach Frankreich in den Urlaub.
ˆ I(p): p fährt nach Italien in den Urlaub.
ˆ M (p): p ist Maurer.
Welche der folgenden Teilaussagen können wir daraus ableiten?
1. Wer nach Frankreich in den Urlaub fährt, ist Maurer.
2. Wer nach Italien in den Urlaub fährt, ist Maurer.
3. Wer kein Maurer ist, fährt weder nach Italien noch nach Frankreich in den Urlaub.
4. Alle Maurer fahren nach Italien oder Frankreich in den Urlaub.
Wie kann man die Aussage mathematisch fassen?

Beispiel 1.13:
Es gelte folgende Aussage/Regel: Wenn Föhn ist, dann darf man nicht Auto fahren.
Welche der folgenden Aussagen sind immer wahr, welche immer falsch? Über welche kann man nichts
sagen? Formulieren Sie die Aussagen auch in symbolischer Schreibweise.
1. Wenn jemand Auto fährt, dann ist kein Föhn.
2. Wenn kein Föhn ist, dann wird immer Auto gefahren.
3. Wenn kein Föhn ist, wird nie Auto gefahren.
4. Wenn Auto gefahren wird, dann ist gerade Föhn.

genau dann, wenn“ / Äquivalenz: A ⇔ B



A gilt genau dann, wenn B gilt“ / A ist äquivalent zu B“: A ⇔ B.
” ”
Die Gesamtaussage A ⇔ B ist genau dann wahr, wenn A und B beide wahr oder beide falsch sind.
A B A⇔B A⇒B B⇒A (A ⇒ B) ∧ (B ⇒ A)
T T T T T T
T F F F T F
F T F T F F
F F T T T T

Satz 1.2:
Folgende Aussagen sind äquivalent:
ˆ A⇔B
ˆ (A ⇒ B) ∧ (B ⇒ A)

Beweis: siehe Wahrheitstafel oben.

Beispiel 1.14:

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1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

ˆ n ∈ N ist genau dann eine gerade Zahl, wenn n durch 2 teilbar ist.
ˆ Bei der Prüfung bestehen genau die Studierenden, die mindestens 25 Punkte haben.

Bemerkung 1.5:
Sprachlich benutzt man für A ⇔ B auch
ˆ A und B sind äquivalent.
ˆ A ist äquivalent zu B.
ˆ A gilt genau dann, wenn B gilt. (engl.: if and only if, Abkürzung: iff)

Bemerkung 1.6 (Notwendige und hinreichende Bedingungen):


Die folgenden beiden Ausdrucksweisen sind gebräuchlich:
ˆ Gilt für zwei Aussagen A und B: A ⇒ B, so nennt man
1. A eine hinreichende Bedingung für B
2. B eine notwendige Bedingung für A
ˆ Gilt für zwei Aussageformen A und B: A ⇔ B, so nennt man A (bzw. B) eine notwendige und
hinreichende Bedingung für B (bzw. A).

Beispiel 1.15:
1. A: Es regnet.
B: Die Straße ist nass.
A ⇒ B: Wenn es regnet, ist die Straße nass.
A ist somit die hinreichende Bedingung für B. Denn wenn es regnet, tritt auch Aussage B ein
und die Straße ist nass.
B ist die notwendige Bedingung für A. Die nasse Straße ist die notwendige Bedingung dafür, dass
es geregnet hat. Ohne dass die Straße nass ist, kann es nicht geregnet haben.
2. Es gilt x = 2 ⇒ x2 = 4.
Welche Aussage ist die hinreichende bzw. notwendige Bedingung für die andere Aussage?
Es gilt x2 = 4 ⇔ x = 2 ∨ x = −2.
Notwendig dafür, dass x2 = 4 ist, ist x = 2 ∨ x = −2.

1.3.3 All– und Existenzaussagen


Die logischen Junktoren ( Verbinder“), die wir oben vorgestellt haben, reichen nicht aus, um mathematische

Aussagen zu formulieren.
Sätze und Theoreme in der Mathematik haben meist einen Bezug zu Mengen und nehmen häufig die
Form von All– oder Existenzaussagen auf diesen Mengen an.

Allaussagen
So gilt z.B. für alle x ∈ R nach der binomischen Formel (x + 1)(x − 1) = x2 − 1.
Mathematisch schreibt man dies mit dem Allquantor ∀, gesprochen wird dieser für alle“.

Die Aussage ∀x ∈ R : (x + 1)(x − 1) = x2 − 1 wird so gelesen: Für alle x aus der Menge der reellen

Zahlen gilt (x + 1)(x − 1) = x2 − 1.“

Existenzaussagen
Hat man eine Gleichung oder Ungleichung zu lösen, so ist man eher daran interessiert, ob es mindestens
eine Lösung gibt. Ist das der Fall, so verwendet man den sogenannten Existenzquantor ∃, gesprochen
wird dieser es gibt/es existiert“.

Beispiel 1.16:

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 14


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

ˆ ∃n ∈ N : n2 = 1. Diese Aussage wird so gelesen: Es gibt ein n aus den natürlichen Zahlen für
das gilt, dass n2 = 1.
ˆ Die beiden Aussagen ∃n ∈ N : n2 = 1 und ∃x ∈ R : x2 = 1 sind beide wahr, wohingegen ∃n ∈ N :
n2 = 2 falsch ist.
ˆ Will man ausdrücken, dass es nur genau ein Element gibt, für das eine Aussage wahr ist, so
schreibt man: ∃! n ∈ N : n2 = 1

Bemerkung 1.7:
Für die Verneinung einer Allaussage gilt:

∀x : A(x) ⇔ ∃x : (A(x))
¬(∀x : A(x)) ⇔ ∃x : ¬(A(x))

Die Negation einer Allaussage ist also eine Existenzaussage.

Beispiel 1.17:
Die Verneinung von A(x): Alle Schwäne sind weiß.“ ist Es gibt einen Schwan, der nicht weiß ist.“
” ”
Bemerkung 1.8:
Für die Verneinung einer Existenzaussage gilt:

∃x : A(x) ⇔ ∀x : A(x)
¬(∃x : A(x)) ⇔ ∀x : ¬(A(x))

Die Negation einer Existenzaussage ist also eine Allaussage.

Beispiel 1.18:
Wie lautet die Verneinung der Aussage: Es gibt ein Schneckenhaus, das gegen den Uhrzeigersinn

gedreht ist.“ ?

Quantoren können auch geschachtelt werden:

Beispiel 1.19:
Beispiel für einen mathematischen Satz in der Schreibweise mit Existenz- und Allquantoren:

∀n ∈ N ∃m ∈ N : m − n = 1

(gesprochen: Für alle natürlichen Zahlen n existiert eine natürliche Zahl m, sodass die Differenz von m
und n gleich 1 ist.)

Beispiel 1.20:
Die Reihenfolge der Quantoren ist extrem wichtig:
ˆ ∀ v ∈ Viren ∃ d ∈ Antivirenprogramme : d schützt vor v.
Für jeden Virus habe ich (mindestens) ein Antivirenprogramm, also z.B. gegen ILOVEYOU
Norton, gegen MYDOOM Bablas, . . .
ˆ ∃ d ∈ Antivirenprogramme ∀ v ∈ Viren : d schützt vor v.
Das will ich: Es gibt (mindestens) ein Programm, dass gegen alle Viren schützt.

1.3.4 Logisches Schließen


Es ist sehr empfehlenswert logische Schlussfolgerungen sehr formal durchzuführen.
Bei den folgenden Beispielen werden die Sätze zunächst in eine formale Schreibweise mit Folgerungszeichen
gebracht und anschließend aus allen Aussagen die weitreichenste Schlussfolgerung gezogen. Es geht
dabei um das richtige Ziehen logischer Schlüsse, der Inhalt der Aussagen an sich kann bedeutungslos
sein.

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 15


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

Beispiel 1.21 (Lewis Carroll, Autor von Alice im Wunderland“ und Mathe–Professor):

1. Babies are illogical.
2. Nobody is despised who can manage a crocodile.
3. Illogical persons are despised.
In diesen Aussagen stecken für die Personen p insgesamt 4 mögliche Eigenschaften:
ˆ A(p): p is able to manage a crocodile
ˆ B(p): p is a baby
ˆ C(p): p is despised (wird verachtet)
ˆ D(p): p is logical

Dann entspricht den obigen Aussagen, wenn P die Menge aller Personen ist:
1. ∀ p ∈ P : B(p) ⇒ D(p)
2. ∀ p ∈ P : A(p) ⇒ C(p)
3. ∀ p ∈ P : D(p) ⇒ C(p)
Die Schlussweise zwischen B(p) und A(p) läuft folgendermaßen:

(1) (3) (2)′


∀ p ∈ P : B(p) ⇒ D(p) ⇒ C(p) ⇒ A(p)

Daraus lässt sich schließen:


∀ p ∈ P : B(p) ⇒ A(p)
d.h. Babies are not able to manage a crocodile.“

Beispiel 1.22 (Lewis Carroll):
1. My saucepans are the only things I have that are made of tin.
2. I find all your presents very useful.
3. None of my saucepans are of the slightest use.
Welche Beziehung besteht zwischen tin“ und present“?
” ”

Beispiel 1.23 (Lewis Carroll):

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 16


1 GRUNDLAGEN 1.3 Logik

1. All the old articles in this cupboard are cracked.


2. No jug in this cupboard is new.
3. Nothing in this cupboard, that is cracked, will hold water.
Welche Beziehung besteht zwischen jug“ (Kanne) und holds water“?
” ”

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1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

1.4 Beweisverfahren
Wozu braucht man Beweise?
ˆ Um zu zeigen, dass etwas immer stimmt: Wir wollen sicher sein.
ˆ Zur Kommunikation mit anderen: Wir wollen andere überzeugen
Wir unterscheiden hier folgende häufig vorkommende Beweistypen:
ˆ Direkter Beweis
ˆ Indirekter Beweis
ˆ vollständige Induktion (nur für natürliche Zahlen)
Um eine Aussage zu beweisen, müssen wir zeigen, dass sie immer stimmt – wenn also Variablen darin
vorkommen, muss die Aussage für alle Werte der Variablen wahr sein.
Eine solche Aussage zu widerlegen ist im Gegensatz dazu, meist leichter: Es reicht aus, ein einziges
Gegenbeispiel, d.h. einen einzigen Wert für die Variable, zu finden, welcher die Aussage falsch werden
lässt.
Umgekehrt kann ein Beispiel kein Beweis sein – es sei denn die Variable kann nur diesen einen Wert
annehmen.

1.4.1 Direkter Beweis


Bei einem Direkten Beweis will man Sätze der Form Wenn A, dann B“ beweisen, d.h. Man nimmt

an, A wäre wahr und zeigt, dass B daraus folgt.
Meist werden hierzu nachvollziehbare Zwischen– bzw. Hilfsschritte benötigt, welche alle wahr sein
müssen.
T ⇒ ( H1 ⇒ H2 ⇒ . . . ) ⇒ B

Beispiel 1.24:
Wir leiten eine Formel zur Berechnung der Summe der natürlichen Zahlen von 1 bis n her:

s= 1 +2 +3 + · · · + (n − 1) +n
s= n +(n − 1) +(n − 2) + · · · + 2 +1
⇔ 2s = (n + 1) +(n + 1) +(n + 1) + · · · + (n + 1) +(n + 1)
⇔ 2s = n(n + 1)
n(n+1)
s= 2

1.4.2 Indirekter Beweis


Bei einem Indirekten Beweis macht man die Annahme, die Behauptung wäre falsch und leitet hieraus
einen Widerspruch her.
Dieser Beweistyp beruht darauf, dass Aus A folgt B“ äquivalent zur Kontraposition Aus ¬B folgt
” ”
¬A“ ist. Man nimmt also an, die Behauptung wäre falsch und zeigt, dass dann auch die Voraussetzung
falsch sein müsste, welche aber wahr ist (Widerspruch).

¬B ⇒ ( H1 ⇒ H2 ⇒ . . . ) ⇒ F ⇔ T ⇒ B

Beispiel 1.25:
(Vorab–)Definition: Eine Zahl k ∈ Z heißt gerade ⇔ ∃ l ∈ Z : k = 2 l

Behauptung: 2 = 1.4142 . . . ist keine rationale Zahl, d.h. lässt sich nicht als Bruch schreiben, den
wir nicht weiter kürzen können.

Indirekter Beweis: √ 2 ist eine rationale Zahl, d.h. lässt sich als Bruch schreiben, den wir nicht weiter
kürzen können, d.h. 2 = pq , p ∈ Z, q ∈ N.

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 18


1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

p2 ∗
⇒ 2= q2 ⇒ p2 = 2q 2 ⇒ p2 ist gerade ⇒ p ist gerade

⇒ p = 2r mit r ∈ Z

⇒ p2 = (2r)2 = 4r2 = 2q 2 ⇒ q 2 = 2r2 ⇒ q ist gerade ⇒ q = 2s mit s ∈ N

⇒ p, q haben gemeinsamen Teiler 2 und sind nicht teilerfremd, d.h. der Bruch lässt sich kürzen.
Dies ist ein Widerspruch zur Annahme.


Ein Zwischenargument ist noch zu zeigen, welches wir bisher so hingenommen haben:
Behauptung: p2 gerade ⇒ p gerade
Direkter Beweis der Kontraposition: Wäre p ungerade: ∃ l ∈ Z : p = 2 l + 1

⇒ p2 = (2l + 1)2 = 4l2 + 4l + 1 = 2 (2l2 + 2l) +1 ungerade


| {z }
∈Z

Da p2 aber gerade ist, muss p auch gerade sein.

1.4.3 Vollständige Induktion


Die vollständige Induktion ist ein Beweisprinzip zum Beweis von Aussagen welche von den natürlichen
Zahlen abhängen, s. Turm von Hanoi.

Definition 1.1 (Vollständige Induktion):


Die Gültigkeit einer Aussage A(n) für jede natürliche Zahl n größer eines Anfangswerts n0 kann
man beweisen, indem man folgendermaßen vorgeht:
1. Induktionsanfang: A(n0 ) ist richtig
(n0 ∈ N einsetzen und zeigen, dass die Aussage wahr ist)
2. Induktionsschritt:
(a) Induktionsannahme: A(n) ist wahr
(Einfach hinschreiben)
(b) Induktionsbehauptung: A(n + 1) ist wahr
(Einfach hinschreiben, indem man n durch n + 1 ersetzt)
(c) Induktionsbeweis: Zeige, dass A(n + 1) wahr ist, wenn A(n) als wahr angenommen
wird.
(Bspw: Beweis der Rekursion unter Verwendung der Induktionsannahme)

Dies entspricht formal

∃ n0 ∈ N : A(n0 ) ⇔ T ∧ ∀ n ≥ n0 : A(n) ⇒ A(n + 1)

Bemerkung 1.9:
ˆ Damit ist bewiesen, dass alle Aussagen A(n) für alle n ≥ n0 wahr sind.
ˆ Häufig ist n0 = 1 oder n0 = 0 ein klassischer Startwert.
ˆ Wir machen im Induktionsschritt keine Aussage darüber, ob eine natürliche Zahl die Aussage
erfüllt, sondern nur: Wenn für eine Zahl n die Aussage A(n) wahr ist, dann erfüllt auch ihr
Nachfolger n + 1 die Aussage A(n + 1).
ˆ Zieht man nun die Schlussfolgerung aus beiden Schritten, so gilt bspw. für n0 = 1: A(1) ist nach
Schritt 1 richtig. Nach Schritt 2 ist dann mit n = 1 auch die Aussage A(2) richtig, also auch
A(3),...

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1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

ˆ Ein gutes Bild für die Funktionsweise der vollständigen Induktion ist eine Reihe fallender Dominosteine.
Im Induktionsschritt zeigt man: Wenn ein Stein fällt, dann auch der nächste. Beachten Sie, dass
dies nicht heißt, dass wirklich ein Stein fällt.

Beispiel 1.26:

n(n + 1)
1 + 2 + ··· + n = ∀n ∈ N
2
1(1+1)
1. Induktionsanfang: n0 = 1: 1 = 2 ✓
2. Induktionsschritt:
(a) Induktionsannahme: Man nimmt an, dass die Formel für n richtig ist:

n(n + 1)
1 + 2 + ··· + n =
2
(b) Induktionsbehauptung: Formel gilt auch für n + 1, d.h. zu zeigen:

(n + 1)(n + 2)
1 + 2 + · · · + n + (n + 1) =
2
(c) Induktionsbeweis:

n(n + 1) n(n + 1) + 2(n + 1) (n + 1)(n + 2)


1 + 2 + · · · + n + (n + 1) = +n+1 = = ✓
2 2 2

Definition 1.2 (Das Summenzeichen):


Wir kürzen die Summe mit dem
Summenzeichen ab:
n
X
i := 1 + 2 + 3 + ... + n Obergrenze
n
i=1 X
ai
oder allgemeiner: i = 1 Summationsterm
n
X
ai := a1 + a2 + a3 + ... + an Start
i=1
Laufindex
In Worten: Summe über ai , i von 1 bis n.

Beispiel 1.27:
ˆ Will man die Quadrate aller Zahlen von 1 bis 100 summieren, so schreibt man
100
X
i2 .
i=1

P5 2
ˆ Welchen Wert erhält man für i=3 (2i) ?

Zu beachten ist: Bei diesem Beispiel beginnt die Summe erst ab dem Startwert 3!
ˆ Wie sieht die Σ-Schreibweise aus, um die Summe der dritten Potenzen der Zahlen von 10 bis 30
zu berechnen?

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1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

ˆ Wie kann man die Summe der Quadrate aller ungeraden Zahlen zwischen 1 und 100 hinschreiben?

Bemerkung 1.10:
Die Vorteile dieser Σ(Sigma)–Schreibweise sind, dass sie Schreibarbeit spart und dass man, wenn man
sich daran gewöhnt hat, einfach damit rechnen kann. Man kann z.B. den Index verschieben
n
X n−1
X
ai = a1 + · · · + an = ai+1 .
i=1 i=0

oder allgemeiner:
n
X n−m
X
ai = ai+m .
i=1 i=1−m

für ein beliebiges m ∈ Z.

Beispiel 1.28:
P□
Formen Sie die folgenden Summen so um, dass Sie die Form i=0 □ haben.
P6 2
1. i=2 i =
P46 5i
2. i=22 (i−5)! =

Bemerkung 1.11 (Rechenregeln endlicher Summen):


Für endliche Summen gelten die folgenden Rechenregeln:
n
X n
X
c ai = c ai Konstante herausziehen
i=1 i=1
n
X n
X n
X
(ai + bi ) = ai + bi Summen auseinander ziehen
i=1 i=1 i=1

Bemerkung 1.12:
Im Folgenden sei n ∈ N. Wir verwenden die folgenden Bezeichnungen:

N = {1, 2, 3, . . . }
N0 = {0, 1, 2, 3, . . . } = N ∪ {0}

Beispiel 1.29:
Wir wollen ein Muster für die Summe ungerader Zahlen finden und beweisen:

1=1
1+3=4
1+3+5=9
1 + 3 + 5 + 7 = 16
..
.

Behauptung:

Beweis:

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1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

ˆ Induktionsanfang:
ˆ Induktionsschritt:

Geometrische Veranschaulichung:

Beispiel 1.30:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion:

∀ n ∈ N : 3 + 7 + 11 + · · · + (4n − 1) = = n + 2n2

ˆ Induktionsanfang:
ˆ Induktionsschritt:

Beispiel 1.31:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion die geometrische Summenformel:
n
X 1 − q n+1
∀ n ∈ N0 : qi = falls q ̸= 1
i=0
1−q

ˆ Induktionsanfang:

ˆ Induktionsschritt:
Beispiel 1.32:
Zeigen Sie für alle natürlichen Zahlen n, dass 7n − 1 durch 6 teilbar ist.

Beispiel 1.33:
Wir bezahlen mit 1- und 2- –C-Münzen und mit 5- –C-Scheinen. Wir wollen nun mit Hilfe vollständiger
Induktion zeigen, dass man Beträge ab 4 –C auch ohne 1- –C-Münzen bezahlen kann, ohne dass Wechselgeld
zurückgegeben werden muss.
Probieren Sie das für einige Zahlen aus.
Wie kann man die Behauptung mathematisch formulieren?
Induktionsbehauptung:

Beweis:
ˆ Induktionsanfang:

ˆ Induktionsschritt:
1. Induktionsvoraussetzung:
2. Induktionsbehauptung:
3. Induktionsbeweis:

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1 GRUNDLAGEN 1.4 Beweisverfahren

Bemerkung 1.13 (Komposition von Funktionen):


Für unser letztes Induktionsbeispiel benötigen wir das Konzept der Kombination (engl.: composition)
oder Hintereinanderausführung von Funktionen:

(f ◦ g)(x) := f (g(x)).

x g(x) f(g(x))
g f

g heißt innere, f heißt äußere Funktion. Die Auswertung erfolgt von innen nach außen, d.h. zuerst wird
g ausgewertet und dann das Ergebnis in f eingesetzt.

Beispiel 1.34:
f (x) = x2 , g(x) = 3x + 5

(f ◦ g)(x) =
(g ◦ f )(x) =

Beispiel 1.35:
x
Es sei f0 (x) = x+2 und fn+1 (x) = f0 ◦ fn . Gesucht ist eine Formel für fn (x). Finden und beweisen
Sie die Formel.
Formelidee:

Dies ist natürlich noch kein Beweis. Den führen wir durch vollständige Induktion.
ˆ Induktionsanfang:
ˆ Induktionsschritt:
1. Induktionsvoraussetzung:
2. Induktionsbehauptung:
3. Induktionsbeweis:

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1 GRUNDLAGEN 1.5 Literatur

1.5 Literatur
ˆ Lewis Carroll. url: [Link]
ˆ Lewis Carroll. The Game of Logic. 1886/ 1958.
ˆ Ronald L. Graham, Donald E. Knuth und Oren Patashnik. Concrete Mathematics - A Foundation
for Computer Science. Addison-Wesley, 1994.
ˆ Wikipedia. Türme von Hanoi. url: [Link] von Hanoi.

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1 GRUNDLAGEN 1.6 Übungsblatt Grundlagen

1.6 Übungsblatt Grundlagen


Logik
Aufgabe 1.1:
Bilden Sie die Negation der folgenden Aussagen und entscheiden Sie, ob A oder A wahr ist.
1. ∀ n ∈ N : (2n − 1 > 0)
2. ∃ n ∈ N : (n2 = n + 2)
3. ∃ x ∈ R : (x2 = 2 ∧ x2 = 4)

Aufgabe 1.2 (Caroll):


Lösen Sie auf [Link] Exercise 3E 6.
Aufgabe 1.3 (Caroll):
Lösen Sie auf [Link] Exercise 3E 7.

Vollständige Induktion
Aufgabe 1.4:
Beweisen Sie durch vollständige Induktion
n
X 1
i2 = n(n + 1)(2n + 1)
i=0
6

Aufgabe 1.5:
Zeigen Sie: 4n3 − n ist durch 3 teilbar für alle n ∈ N.
Aufgabe 1.6:
Beweisen Sie durch vollständige Induktion
1 1 1 n
+ + ··· + =
1·3 3·5 (2n − 1)(2n + 1) 2n + 1
.
Aufgabe 1.7:
Gegeben ist die Rekursion
ak+1 = 2ak + 1, a1 = −1.
Berechnen Sie a2 , a3 , a4 , a5 , bestimmen Sie das Bildungsgesetz der Folge und beweisen Sie es.

Weitere Beweistechniken
Aufgabe 1.8:
Führen Sie einen indirekten Beweis für den Satz:
Für alle reellen Zahlen x > 0, y > 0, x ̸= y gilt
x y
+ > 2.
y x

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2 FUNKTIONEN

2 Funktionen
2.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
ˆ finden Sie zu gegebenen Daten ein passendes Interpolationspolynom und werten es effizient aus.
ˆ Finden Sie passende Funktionsterme zu den Graphen einfacher Funktionen
ˆ manipulieren Sie Funktionsterme sicher und können wichtige Punkte von Funktionen ausrechnen
(Schnittpunkte, Nullstellen,. . . )
ˆ können Sie die Eigenschaften von stetigen Funktionen benennen und in der Praxis Folgerungen
daraus ziehen.

2.2 Vorkenntnisse
Aus der Schule bringen Sie schon folgende Kenntnisse mit:
ˆ Sie kennen verschiedene mögliche Funktionsdarstellungen (z.B. Text, Tabelle, Term, Graph),
können sie ineinander übersetzen, sie interpretieren und mit ihnen mathematisch korrekt argumentieren.
ˆ Sie besitzen einen Fundus an Grundfunktionen (Polynome, trigonometrische Funktionen, Potenz-
und Wurzelfunktionen, Exponential- und Logarithmusfunktion), den Sie zur Problemlösung gebrauchen.
ˆ Sie erkennen, wie sich bestimmte Eigenschaften einer Funktion im Graphen und im Funktionsterm
widerspiegeln und können wichtige Punkte von Funktionen berechnen (Schnittpunkte, Nullstellen,. . . ).
ˆ Sie können Gleichungen, in denen trigonometrische Funktionen, Logarithmus- und Exponentialfunktionen
auftreten, nach den auftretenden Variablen auflösen.
ˆ Sie wählen zu einem geg. Funktionsplot den passenden Funktionstyp aus
Fehlende oder vergessene Kompetenzen können Sie sich u.a. durch Durcharbeiten des Kleingedruckten“

in diesem Kapitel aneignen.

2.2.1 Modelle und Funktionen


Das wichtigste Objekt in der Analysis sind Funktionen.

Definition 2.1 (Funktion):


D und B seien Mengen. Eine Funktion (Abbildung) ist gegeben durch den Definitionsbereich (engl.:
domain) D, den Bildbereich (engl.: range oder auch image) B und die Zuordnungsvorschrift f ,
die jedem Element von x ∈ D eindeutig ein Element y = f (x) ∈ B zuordnet.
Sei A ⊂ D. Dann heißt
f (A) := {f (x) ∈ B, x ∈ A}
das Bild von A unter f .

Man kann sich Funktionen als Maschinen vorstellen, die einen Input Output
gegebenen Input x in einen Output y = f (x) transformieren. x Berechnung f(x)

Jedem Element aus dem Definitionsbereich x ∈ D ordnet die Funktion f genau ein Element y =
f (x) ∈ B zu. Die Umkehrung gilt aber nicht: Ein Funktionswert y = f (x) ∈ B muss nicht genau
einem Element x ∈ D zugeordnet sein: Ein y ∈ B kann mehrere Urbilder haben.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, eine Funktion zu beschreiben:

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

ˆ mit Worten
ˆ als Tabelle (Wertetabelle)
ˆ durch einen Funktionsterm (Funktionsgleichung)
ˆ als Graph
Manchmal ist eine Beschreibungsform besser geeignet als andere, häufig jedoch kann man von einer
Beschreibung in eine andere übergehen und erhält dadurch weiteren Aufschluss über die Funktion.
Beispiel 2.1 (Postgebühren für Briefe):
Die Funktionsbeschreibung in Worten: Die Funktion f (x) gibt für einen Brief vom Gewicht x das Porto
f (x) in –C an.
Als Tabelle:
Höchstgewicht Preis ( –C)
Standardbrief 20 g 0,80
Kompaktbrief 50 g 0,95
Großbrief 500 g 1,55
Maxibrief 1.000g 2,70
Hier ist sicher die Tabellendarstellung die sinnvollste.
Transformieren Sie die Tabelle a) in einen Graphen und b) in einen Funktionsterm.

Beispiel 2.2 (Grafik Börsenkurse):


Börsenkurse werden meist grafisch repräsentiert. Hier eine Darstellung des DAX 30.

Bildquelle: [Link]
Hier ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen Funktionsterm zu finden.

Beispiel 2.3:
Abgebildet sind vier Darstellungen des Temperaturverlaufes gegen die Zeit.
A B C D
200 200 200
20
150 150 150
10
100 100 100

50 50 10 12 14 16 18 20 50
-10

10 12 14 16 10 12 14 16 18 10 12 14 16

Ordnen Sie den 3 folgenden Geschichten jeweils einen Graphen zu und erfinden Sie für das nicht
zugeordnete Bild die fehlende Geschichte.
1. Ich nahm mittags den Fisch aus dem Tiefkühler und legte ihn zum Auftauen in die Küche. Als
ich abends zurückkam, briet ich ihn im Ofen.
2. Ich nahm den Fisch morgens aus dem Tiefkühler und legte ihn zum Auftauen in die Küche. Als
ich abends nach Hause kam, briet ich ihn im Ofen.
3. Ich nahm den Fisch am Morgen aus dem Tiefkühler. Leider vergaß ich ihn in der Küche und ging
auswärts Essen. Als ich abends nach Hause kam, tat ich ihn wieder in den Tiefkühler.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

2.2.2 Polynome

Definition 2.2 (Polynom):


Eine Funktion f : R → R heißt ein Polynom vom Grad n (n ∈ N0 ), wenn es Zahlen a0 , a1 ,. . . ,an ∈
R gibt, an ̸= 0, so dass
n
X
n
f (x) = a0 + a1 x + · · · + an x = ai xi
i=0

für alle x ∈ R gilt. Die ai heißen Koeffizienten.

Warum wird hier an ̸= 0 gefordert?


Da sonst der höchste Koeffizient = 0 ist und somit der Grad kleiner als n wäre.
Zerlegung in Linearfaktoren
Quadratische Funktionen lassen sich, wenn sie zwei reelle Nullstellen haben, als Produkt von Linearfaktoren
schreiben:
p(x) = a(x − x1 )(x − x2 )
Ähnliche Darstellungen gibt es auch für Polynome höheren Grades. Es gilt:

Satz 2.1:
Besitzt das Polynom p(x) vom Grade n an der Stelle x1 eine Nullstelle, d.h. p(x1 ) = 0, so lässt
es sich in der Form
p(x) = (x − x1 ) · p1 (x)
schreiben. Dabei hat das so genannte reduzierte Polynom p1 (x) den Grad n − 1. Der Faktor
(x − x1 ) heißt Linearfaktor.

Beispiel 2.4:
Es sei das Polynom gegeben:
y = p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6
Zunächst muss man eine Nullstelle raten. Hinweise auf die Nullstelle kann man bekommen, wenn man
beachtet, dass a0 (hier also 6) das Produkt aller Nullstellen ist. Hier raten wir: x1 = 1. Um p1 (x)
zu ermitteln, müssen wir eine Polynomdivision durchführen. (Später lernen wir einen einfacheren Weg
kennen.)
p1 (x) =( x3 − 2x2 −5x +6 ) : (x − 1) = x2 − x − 6
−(x3 − x2 )
−x2 −5x
− −x2 +x)
−6x +6
− (−6x +6)
0
Also gilt: p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6 = (x − 1)(x2 − x − 6)

Satz 2.2:
Ein Polynom vom Grad n besitzt höchstens n reelle Nullstellen.

Beispiel 2.5:
ˆ Im obigen Beispiel gibt es weitere Nullstellen. Ihre Berechnung erfolgt durch Lösen der quadratischen
Gleichung p1 (x) = x2 − x − 6 = 0:
r
1 1
x1,2 = ± + 6 = −2, 3
2 4

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Zur Wiederholung: Die Mitternachtsformel (2 Schreibarten) zur Lösung von ax2 + bx + c = 0:


s 
2
b b c
x1,2 = − ± −
2a 2a a

−b ± b2 − 4ac
=
2a

ˆ Will man die Nullstellen des Polynoms p(x) = − 21 x2 − 2x − 2 berechnen, so ergibt sich:

1
− x2 − 2x − 2 = 0
2
⇔ x2 + 4x + 4 = 0
⇔ x1,2 = −2

Somit ist p(x) = − 21 (x+2)2 das in Linearfaktoren zerlegte Polynom. x1,2 = −2 wird als doppelte
Nullstelle bezeichnet. Analog definiert man 3-fache, 4-fache, . . . Nullstellen.
Wie sehen Polynome mit doppelten Nullstellen grafisch aus? Plotten Sie einige.
ˆ Das Polynom
p(x) = x2 + 1
hat keine reellen Nullstellen. Polynome ohne reelle Nullstellen liegen komplett über oder komplett
unterhalb der x-Achse.

Satz 2.3:
Besitzt ein Polynom n-ten Grades genau n reelle Nullstellen x1 , x2 , . . . , xn , so lässt es sich als
Produkt in der Form

p(x) = an (x − x1 )(x − x2 ) · · · · · (x − xn )
= an xn + an−1 xn−1 + · · · + a1 x + a0

darstellen.

Beispiel 2.6:
Ein Polynom 3. Grades besitzt bei x1 = −6 eine doppelte Nullstelle, bei x2 = −4 eine einfache Nullstelle
1
und schneidet die y-Achse bei 12. Wie lautet die Gleichung der Funktion? p(x) = 12 (x + 6)2 (x + 4)
Ansatz in der Produktform:
p(x) = a(x + 6)2 (x + 4)
Der Koeffizient a wird aus dem Schnittpunkt mit der y-Achse ermittelt:
1
p(0) = 12 =⇒ 12 = a · 62 · (4) = 144a =⇒ a =
12
Damit erhält man als Funktionsgleichung
1
p(x) = (x + 6)2 (x + 4)
12

Polynominterpolation
Die Interpolation befasst sich mit dem Problem, zu verschiedenen Punkten (xi , yi ), 0 ≤ i ≤ n, xi =
̸ xj
für i ̸= j, eine schöne“ oder leicht handhabbare Funktion f zu bestimmen, deren Graph durch diese

Punkte geht.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Beispiel 2.7:
Gesucht ist das Polynom durch die Punkte (2, 3), (1, 2), (−1, 6). Durch diese 3 Punkte kann man eine
Parabel, also ein Polynom 2. Grades legen.

y y
6 6

5 5

4 4

3 3

2 2

1 1

x x
−3 −2 −1 1 2 3 4 −3 −2 −1 1 2 3 4

In der Schule haben Sie das Problem mit dem folgenden Ansatz gelöst:

y = ax2 + bx + c,

Auf welches Gleichungssystem, welche Lösung und welches Polynom führt dieser Ansatz durch Einsetzen
der gegebenen Punkte?

3 = y(2) = 4a + 2b + c
2=a+b+c
6=a−b+c

Lösung: a = 1, b = −2, c = 3. Das gesuchte Polynom lautet somit

p(x) = x2 − 2x + 3 = (x − 1)2 + 2

2.2.3 Grundlegende Eigenschaften von Funktionen


Bemerkung 2.1 (Vertikale und horizontale Verschiebung eines Graphen):
Sei c > 0. Um den Graphen von
ˆ y = f (x) + c zu erhalten, verschiebe f (x) um c nach oben
ˆ y = f (x) − c zu erhalten, verschiebe f (x) um c nach unten
ˆ y = f (x + c) zu erhalten, verschiebe f (x) um c nach links
ˆ y = f (x − c) zu erhalten, verschiebe f (x) um c nach rechts

Bemerkung 2.2 (Vertikale und horizontale Streckung, Stauchung und Spiegelung eines Graphen):
Sei c > 1. Um den Graphen von
ˆ y = cf (x) zu erhalten, strecke f (x) vertikal um Faktor c
ˆ y = 1c f (x) zu erhalten, stauche f (x) vertikal um Faktor c
ˆ y = f (cx) zu erhalten, stauche f (x) horizontal um Faktor c

ˆ y = f xc zu erhalten, strecke f (x) horizontal um Faktor c
ˆ y = −f (x) zu erhalten, spiegele f (x) an der x-Achse
ˆ y = f (−x) zu erhalten, spiegele f (x) an der y-Achse

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Beispiel 2.8:
Unten sind die Graphen von f (x), 2f (x), f (2x), f (x) + 2, f (x − 2) dargestellt. Ordnen Sie sie richtig
zu. y y y
6 6 6

5 5
5
4 4
4
f4 (x) 3 3
3 2 2
f1 (x) f2 (x)
2 1 1
x x
1 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1 −1
x
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4 −2 −2
f (x) + 2 f (x) f (2x)
y y
6 6
5
5
4
4
3
f3 (x) f5 (x)
3 2
1
2 x
1 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1
x
−2
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1 −3
−4
−2
−5
f (x − 2) 2f (x)

Definition 2.3 (Monotonie):


Man nennt eine Funktion f : D → R
ˆ monoton wachsend (engl.: increasing) (bzw. monoton fallend (engl.: decreasing)), wenn für
alle x1 , x2 ∈ D mit x1 < x2 die Ungleichung gilt:

f (x1 ) ≤ f (x2 ) (bzw. f (x1 ) ≥ f (x2 ))

ˆ streng monoton wachsend (engl.: strictly increasing) (bzw. streng monoton fallend (engl.:
strictly decreasing)), wenn für alle x1 , x2 ∈ D mit x1 < x2 die Ungleichung gilt:

f (x1 ) < f (x2 ) (bzw. f (x1 ) > f (x2 ))

Beispiel 2.9:
Machen Sie sich die Bedeutung der obigen Definition anhand folgender Skizze klar.

Definition 2.4 (Symmetrie):


Eine Funktion f heißt gerade (engl.: even) oder symmetrisch zur y−Achse, wenn für alle x ∈ D
gilt:
f (x) = f (−x)

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Sie heißt ungerade (engl.: odd) oder punktsymmetrisch zum Nullpunkt, wenn für alle x ∈ D gilt:

f (x) = −f (−x)
y y

Beispiel 2.10:
sin2 x−3 cos x
Zeigen Sie, dass f (x) = 1+x2 eine gerade Funktion ist.
f (−x) =

Definition 2.5 (Periodizität):


Die Funktion f : D → R heißt periodisch, wenn es eine Konstante p > 0 gibt mit

f (x + p) = f (x) ∀x ∈ D

Kurz:
f periodisch ⇔ ∃ p ∈ R+ : ∀ x ∈ D : f (x + p) = f (x)

Beispiel 2.11:
Wie lautet die Negation der Periodizität in Kurzschreibweise und was bedeutet dies?
∀ p ∈ R+ : ∃ x ∈ D : f (x + p) ̸= f (x)
Für jedes p existiert mindestens ein x ∈ D, sodass f (x + p) ungleich f (x) ist.“

Definition 2.6 (Umkehrfunktion):


Eine Funktion f mit Definitionsbereich D und Wertebereich B = f (D) heißt umkehrbar, wenn
zu jedem Funktionswert y ∈ B genau ein Argument x ∈ D existiert (d.h. die Gleichung y = f (x)
genau eine Lösung x hat).
Die Funktion f −1 , die den Elementen von B eindeutig die Elemente von D zuordnet, heißt
Umkehrfunktion von f .

Bemerkung 2.3:
Vorsicht Verwechslungsgefahr: Im allgemeinen gilt: f −1 ̸= f1 .

x = f −1 (y) ⇔ y = f (x)

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Was bedeutet nun die Umkehrbarkeit bzw. die Berechnung der Umkehrfunktion für die verschiedenen
Formen, in denen eine Funktion gegeben sein kann?
ˆ Rechnerisch:
Die Umkehrfunktion bestimmen Sie, indem Sie die Gleichung y = f (x) nach x auflösen. Zum
Zeichnen müssen Sie dann noch die Variablen x und y vertauschen.
ˆ Aus der Graphik:
Eine Funktion ist nur umkehrbar, wenn der Graph von f mit jeder horizontalen Linie höchstens
einen Schnittpunkt hat.
y

1.5
Den Wert f −1 (2) beispielsweise bestimmen Sie,
1
indem Sie feststellen, wo f den Wert 2 annimmt:
Zeichnen Sie die Gerade y = 2, die x-Koordinate 0.5

ihres Schnittpunkts ist f −1 (2). −2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2


x

−0.5

−1

ˆ Der Umkehrgraph:
y
5
f(x)
y=x
4

3
Den Graph der Umkehrfunktion erhält man durch
Spiegelung an der Winkelhalbierenden y = x.
2
f−1 (x)
1

x
1 2 3 4

ˆ Aus einer Tabelle:


Die Tabelle zeigt die Bevölkerungsdaten in Deutschland in Tsd. Einwohnern:

Jahr t Bevölkerung in Tsd.P (t)


8.240 ´ 107
2002 82232
2003 82320 8.235 ´ 107
2004 82384 8.230 ´ 107
2005 82408
2006 82392 8.225 ´ 107
2007 82344 8.220 ´ 107
2008 82264
2009 82168 8.215 ´ 107

2010 82056 8.210 ´ 107

8.205 ´ 107
Es gilt z.B. P (2005) = 82408. 2002 2004 2006 2008 2010

Ist die durch die Tabelle gegebene Funktion umkehrbar? Welchen Sachverhalt beschreibt die
Umkehrfunktion?
Ja, die Funktion ist umkehrbar, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Jede Bevölkerungszahl
taucht in der Tabelle nur einmal auf. Es gilt z.B. P −1 (82344) = 2007. Die Umkehrfunktion
P −1 (y) gibt also Antwort auf die Frage: In welchem Jahr betrug die Bevölkerung in Deutschland
82.344 Tausend?

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Beispiel 2.12:
ˆ Die Umkehrfunktion zu f (x) = ln(3x + 4) finden Sie so:
y = ln(3x + 4)
⇔ ey = 3x + 4
ey − 4
⇔x= = f −1 (y)
3

ˆ Die Funktion y = ax + b (a ̸= 0) hat als Umkehrfunktion


x = f −1 (y) = a1 (y − b).
Formulieren Sie dies in Worten: Eine Gerade mit Steigung a hat als Umkehrfunktion eine Gerade
mit Steigung a1 .

ˆ Die Gleichung y = x2
hat i.a. 2 Lösungen, deshalb ist sie über R nicht umkehrbar. Es
√ gibt aber folgende Einschränkungen:
f : R+ → R+ : f (x) = x2 ⇒ f −1 : R+ → R+ : f −1 (x) = √ x
f : R− → R+ : f (x) = x2 ⇒ f −1 : R+ → R− : f −1 (x) = − x
ˆ Die Umkehrfunktion zum Logarithmus ist die Exponentialfunktion (siehe später).

Satz 2.4 (Funktion und Umkehrfunktion):


Es gilt:
f
ˆ ∀ y ∈ f (D) : f (f −1 (y)) = y x y
ˆ ∀x ∈ D : f −1
(f (x)) = x
f−1
ˆ x=f −1
(y) ⇔ y = f (x)

Beispiel 2.13:  
y−b
f (x) = ax + b, f −1 (y) = a Steigung 1
a . Überprüfen Sie den obigen Satz, indem Sie f (f −1 (y))
bilden.  
−1 y−b y−b
f (f (y)) = f =a +b=y
a a
und f −1 (f (x)) berechnen
ax + b − b
f −1 (f (x)) = f −1 (ax + b) = =x
a

Satz 2.5 (Existenz der Umkehrfunktion):


Jede streng monotone Funktion ist umkehrbar.

Beweisidee (einfach): Sei f streng monoton, so gilt


x1 > x2 ⇒ f (x1 ) > f (x2 ) ∨ f (x1 ) < f (x2 )
Da die Reihenfolge von x1 , x2 keine Einschränkung der Allgemeinheit, heißt dies inbesondere insbesondere
x1 ̸= x2 ⇒ f (x1 ) ̸= f (x2 )
und in der Kontraposition
f (x1 ) = f (x2 ) ⇒ x1 = x2
D.h. für ein y kann es nur ein x geben.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

2.2.4 Trigonometrische Funktionen


Trigonometrische Funktionen sind Beispiele für periodische Funktionen. Sie finden beispielsweise ihre
Anwendung bei der Beschreibung periodischer Vorgänge (Schwingungen, Wellen,. . . ).
Die vier trigonometrischen Funktionen sin, cos, tan und cot sind zunächst nur für Winkel zwischen
0◦ und 90◦ als gewisse Seitenverhältnisse im rechtwinkligen Dreieck definiert. Vervollständigen Sie die
Definitionen von sin, cos, tan und cot: Es gilt

Gegenkathete
sin α = Ge
Hypothenuse • ge

e
et
nk
Ankathete at

th
cos α = he

ka
Hypothenuse te

An
Gegenkathete sin α
tan α = = α
Ankathete cos α
Ankathete cos α 1 Hypotenuse
cot α = = =
Gegenkathete sin α tan α
Im Einheitskreis kann man die Größen so ablesen:

1
1
2 sin α
sin α tan α =
cos α
−1 cos α 1

Warum? Da Hypothenuse = 1 folgt daraus


Gegenkathete
sin α =
1
Ankathete
cos α =
1
Im größeren Dreieck mit Ankathete = 1 gilt:
Gegenkathete
tan α =
1

Winkelmaße
Winkel werden in Grad- oder Bogenmaß gemessen. Als Gradmaß verwendet man eine Unterteilung des
Kreises in 360 gleich große Teile, also 360◦ . Für viele Gebiete der Mathematik ist das Bogenmaß jedoch
besser geeignet als das Gradmaß. Hier entspricht einem Vollwinkel (also 360◦ ) die Bogenlänge eines
Kreises mit Radius 1, also 2π. Für andere Winkel α ist das Bogenmaß gerade die Länge x des Bogens,
dem der Winkel α gegenüberliegt.
Gradmaß α und Bogenmaß x hängen somit so zusammen:
Die Verhältnisse zwischen Winkel und Vollwinkel sind in Grad- und
Bogenmaß jeweils gleich:
1 x
α x
= . α
360◦ 2·π
1
Die Umrechnungsformeln lauten daher

180◦ π
α=x· ⇔ x=α·
π 180◦

Bemerkung 2.4:
Wir arbeiten ab sofort nur noch in Bogenmaß – es sei denn, es ist anders angegeben. Stellen Sie bitte
deshalb Ihren Taschenrechner auf Bogenmaß, d.h. Radiant, um.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Sinus- und Cosinus-Funktionen


Trägt man die Werte von sin und cos in Abhängigkeit vom Winkel (hier Bogenmaß) auf, so erhält man
die sin- und cos-Funktion.
y y
1 1 cos(x)
0.5 sin(x) 0.5
x x
3
π −π − π2 π π 3
π 2π 3
π −π − π2 π π 3
π 2π
2 2 2 2 2 2
−0.5 −0.5
−1 −1

sin(x), und cos(x) haben folgende Eigenschaften:

ˆ Beide sind periodische Funktionen mit der Periode: 2π, d.h.

∀x ∈ R : f (x + 2π) = f (x)

ˆ Für die Nullstellen gilt:

sin x = 0 ⇔ xk = k π, k∈Z
π
cos x = 0 ⇔ xk = k π + k∈Z
2

ˆ Der Sinus ist eine ungerade, der Cosinus eine gerade Funktion:

sin(−x) = − sin(x)
cos(−x) = cos(x)

ˆ ∀ x ∈ R : | sin x| ≤ 1; | cos x| ≤ 1
ˆ ∀ x ∈ R : sin2 x + cos2 x = 1. Können Sie das am Einheitskreis nachvollziehen? Satz von
Pythagoras

ˆ Umrechnungsformeln
π

cos x + 2

 π
sin x + = cos x
 π
2

2
sin x +

π
x+ 2
sin x

Die nebenstehende Skizze kann als geometrischer


Beweis dieser Formel gelten. x
Überlegen Sie, weshalb. cos x

Erklären Sie sich diesen Zusammenhang auch direkt am Funktionsgraphen:

y
1
)
sin

s(x

0.5
(x)

x
co

3
π −π π
−2 π π 3
π 2π
2 2 2
−0.5
−1

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

ˆ Ebenso gelten die folgenden Beziehungen (am Funktionsgraphen nachvollziehen!)


 π
cos x + = − sin x
 2
π
sin x − = − cos x
 2
π
cos x − = sin x
2

ˆ Es gilt weiterhin (am Funktionsgraphen nachvollziehen!)

sin(x + π) = − sin x
cos(x + π) = − cos x
sin(2π − x) = − sin x
cos(2π − x) = cos x

Satz 2.6 (Additionstheoreme):


Es gelten folgende Additionstheoreme für den Sinus und Cosinus:

sin(x ± y) = sin x cos y ± cos x sin y


cos(x ± y) = cos x cos y ∓ sin x sin y

Insbesondere gilt:

sin(2x) = 2 sin x cos x


cos(2x) = cos2 x − sin2 x = 2 cos2 x − 1

Beweisen Sie die Werte für den doppelten Winkel, also sin(2x) bzw. cos(2x) mit Hilfe der Additionstheoreme.

sin(2x) = 2 sin x cos x


cos(2x) = cos2 x − sin2 x = 2 cos2 x − 1

Mit Hilfe dieser Beziehungen lassen sich zwei Schwingungen mit gleicher Periode und Phase und
unterschiedlicher Amplitude addieren und als eine phasenverschobene Schwingung darstellen:
!
a sin x + b cos x = A sin(x + φ) = A(sin x cos φ + cos x sin φ)

Diese Gleichung gilt für alle x, d.h. die Koeffizienten rechts und links müssen übereinstimmen (Koeffizientenvergleich)

a = A cos φ b = A sin φ
q p A sin φ b
=⇒ A = A2 cos2 φ + A2 sin2 φ = a2 + b2 tan φ = =
A cos φ a
Auf die zweite Zeile kommt man inbesondere, mit der Argumentation: Wir suchen eine alternative
Darstellung von A bzw. φ.

Satz 2.7 (Allgemeine Form einer Schwingung):

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Zur Charakterisierung einer Schwingung benötigt


man 4 Zahlen: y
T
ˆ den Mittelwert M
ˆ die Amplitude A (= Differenz zwischen
Maximum und Mittelwert)
A
ˆ die Periode T (= zeitl. Abstand zwischen zwei
Maxima) M

ˆ die Phase φ (=Zeitpunkt des ersten


Maximums)
ϕ
Die Funktion hat dann die allgemeine Form
  x
2π 0
f (t) = M + A cos (t − φ)
T

Beispiel 2.14:
f (x) = cos(x) hat den Mittelwert 0, die Amplitude 1, die Periode 2π, die Phase 0. Der Sinus hat im
Gegensatz dazu die Phase π2 .

Beispiel 2.15:
y
5

1. Was ist der Mittelwert? 3


4
2. Was ist die Amplitude? 2
3 3. Was ist die Periode? 4
4. Was ist die Phase? 1
2
5. Wie lautet der Funktionsterm?
1
f (t) = 3 + 2 cos 2π
4 (t − 1)

x
−2 −1 1 2 3 4 5 6

Umgekehrt kann man sinusförmige Schwingungen an Hand ihrer Gleichung leicht skizzieren:

Beispiel 2.16:
Die Funktion
 

f (t) = −2 + 0.4 cos (t − 7)
10

hat den Mittelwert −2, die Amplitude 0.4, die Periode 10 und die Phase 7.
Fertigen Sie eine Skizze an.

y x
−10 −5 5 10 15 20
−1.5

−2
f(t)
−2.5

Beispiel 2.17:
Das folgende Diagramm zeigt den Hochwasserstand in Cuxhaven am [Link] 2019 an.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Zeit Höhe [m]


Niedrigwasser 0:34 3.7
Hochwasser 5:44 6.7

Bild- und Datenquelle: [Link]

Falls dies eine (verschobene, . . . ) Cosinusfunktion ist, wie lautet ihre Gleichung?

T ≈ 2 · (5.75 − 0.5) = 10.5, M ≈ 5, A ≈ 1.5, φ ≈ 5.75


 

f (x) = 5.2 + 1.5 · cos (T − 5.75)
10.33

Tangens und Cotangens


y
tan(x)
4
cot(x)

2
sin x 1
tan x :=
cos x x
cos x −π π π π
cot x := 3
π −2 2
3
π 2π
2 −1 2
sin x
−2

−4

Bemerkung 2.5 (Eigenschaften des Tangens und Cotangens):


ˆ Periode π : tan(x + π) = tan x, cot(x + π) = cot x.

ˆ ungerade Funktionen
tan(−x) = − tan x, cot(−x) = − cot x

ˆ tan x · cot x = 1

ˆ Additionstheoreme für tan und cot


tan x + tan y cot x cot y − 1
tan(x + y) = , cot(x + y) =
1 − tan x tan y cot x + cot y

Begründen Sie das Additionstheorem am Beispiel des Tangens!

sin x sin y
sin(x + y) sin x cos y + cos x sin y cos x + cos y
tan(x + y) = = = sin x sin y
cos(x + y) cos x cos y − sin x sin y 1 − cos x cos y

1
Vorletzter Schritt: Erweitern mit cos x cos y .

Bemerkung 2.6:
Typische Werte der trigonometrischen Funktionen sind

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

α x sin α cos α tan α


0◦ 0 0 √
1 0
30◦ π
6
1
2 2
3 √1
3
45◦ π
4
√1 √1
1
√2 2 √
◦ π 3 1
60 3 2 2 3
90◦ π
2 1 0 −

Umrechnungsformeln trigonometrischer Funktionen


Häufig muss man eine trigonometrische Funktion durch eine andere ausdrücken, um Terme vereinfachen
zu können. Dabei hilft die folgende Tabelle, die für 0 < x < π2 gilt:
sin x √ cos x tan x cot x
sin x sin x 1 − cos2 x √ tan x √ 1
p 1+tan2 x 1+cot2 x
cos x 1 − sin2 x cos x √ 1
1+tan2 x
√ cot x
1+cot2 x

√ sin x 1−cos2 x 1
tan x 2 cos x tan x cot x
√1−sin x
1−sin2 x
cot x √ cos x 1
cot x
sin x 1−cos2 x tan x

Die Tabelle liest man so: Will man z.B. den cos mit Hilfe des tan ausdrücken, so schaut man in der
cos-Zeile und tan-Spalte nach und erhält
1
cos(x) = p
1 + tan2 (x)
Für die anderen Quadranten müssen ggf. die Vorzeichen korrigiert werden.

Beispiel 2.18:
Beweisen Sie den in der Tabelle gegebenen
Zusammenhang zwischen cos und tan am Dreieck: •
Der tan x = Gegenkathete / Ankathete. Ankathete mit 1 tan(x)
1.
der Länge 1 führt daher zu Gegenkathete mit Länge
x
tan√x. Die Hypothenuse ergibt sich mit dem Pythagoras p
2
= 1 + tan x. Der cos x ist Ankathete / Hypotenuse: 1 + tan2 (x)

1
cos(x) = p
1 + tan2 (x)

2. Beweisen Sie weitere dieser Ersetzungen, z.B. tan x = √ sin x 2 , mit Hilfe eines geeigneten
1−sin x
Dreiecks

Beispiel 2.19:
Vereinfachen Sie cos(arcsin(x)) mit Hilfe der Umformungstabelle (Hinweis: Es gilt sin(arcsin(x)) = x).
q
cos(arcsin(x)) = 1 − sin2 (arcsin(x))
v  2
u
u
u
= t1 − sin(arcsin(x))
| {z }
x
p
= 1 − x2

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Arcus Funktionen
Die trigonometrischen Funktionen sind nicht global umkehrbar. So hat z.B. die Gleichung sin x = 0
unendlich viele Lösungen der Form x = kπ, k ∈ Z. Aber nach Satz 2.5 haben sie in den Teilintervallen
strenger Monotonie Umkehrfunktionen.

3
sin(x)
2 cos(x)
tan(x)
1
0
y

1
2
3
2 3
2 2 0 2
3
2
2
x

Ausgangsfunktion y = sin x y = cos x y = tan x y = cot x


Def.-Menge D(f ) = W(f −1 ) [− π2 , π2 ] [0, π] ] − π2 , π2 [ ]0, π[
Umkehrfunktion y = arcsin x y = arccos x y = arctan x y = arccotx
Def.-Menge D(f −1 ) = W(f ) [−1, 1] [−1, 1] R R
Monotonie von f und f −1 steigend fallend steigend fallend
Symmetrie von f −1 ungerade keine ungerade keine

y y y
π π π
2
n(x)
2
arcta

π
4
)
sin(x
arc arc
x π
x
2 co
−1 1 s(x
) -1 1

− π4

x
− π2 − π2
−1 1

Lösung trigonometrischer Gleichungen

Beispiel 2.20:
1. Bestimmen Sie alle Lösungen aus [0, 2π], für die sin(x) = 0.75 gilt.
⇒ Taschenrechner: x = arcsin(0.75) ≈ 0.84806 ∨ x = π − arcsin(0.75) ≈ 2.29353

y
1

0.5

x
−6 −4 −2 2 4 6 8 10
sin(x)
−0.5

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

2. Alle Lösungen für x ∈ R: x ≈ 0.84806 + 2πk ∨ x ≈ 2.29353 + 2πk, k∈Z

Beispiel 2.21:
Bestimmen Sie alle Lösungen der Gleichung: sin x + cos x − 1.4 = 0.
Das Problem bei diesem Beispiel ist, dass sin und cos auftreten, so dass die einfache Anwendung der
Arcus-Funktionen zunächst nicht hilft. Statt dessen müssen wir den sin oder cos mit Hilfe der jeweils
anderen Funktion eliminieren.
⇔ sin(x) + cos(x) − 1.4 = 0
p
⇔ ± 1 − cos2 (x) + cos(x) − 1.4 = 0
p
⇔ ± 1 − cos2 (x) = 1.4 − cos(x)
⇒1 − cos2 (x) = (1.4 − cos(x))2
⇔ 1 − cos2 (x) = 1.42 − 2.8 cos x + cos2 x
⇔ 2 cos2 x − 2.8 cos x + 1.42 − 1 = 0
⇔ cos2 x − 1.4 cos x + 0.48 = 0
⇒ quadratische Gleichung für cos x, die wir mit der Mitternachtsformel lösen:

(
p 0.8
⇔ cos x = 0.7 ± 0.72 − 0.48 ≈
0.6


 0.6435

−0.6435
⇔x≈ + 2πk, k ∈ Z

 0.9273


−0.9273
Hat man eine Lösung x für cos x = c, so ist 2π − x ebenso eine Lösung, da cos(x) = cos(−x) =
cos(2π − x), siehe Einheitskreis. Dies ist tatsächlich eine neue Lösung, welche nicht 2π-periodisch ist.
Da sich durch das Quadrieren evtl. zusätzliche Lösungen eingeschlichen haben (Warum? ), müssen wir
die Probe machen. Es bleiben nur die Lösungen übrig:
x1 = 0.6435 + 2πk
x2 = 0.9273 + 2πk, k∈Z
Hinweis: Eleganter wäre es zu Beginn sin(x) zu isolieren und dann zu quadrieren.
Beispiel 2.22:
Bestimmen Sie analog zu Beispiel 2.21 diejenigen Werte 0 ≤ x ≤ 2π, für die die Gleichung 3 sin x +
5 cos x − 4 = 0perfüllt ist.
Mit cos x = ± 1 − sin2 x und Auflösen nach der Wurzel erhält man
p
3 sin x ± 5 1 − sin2 x − 4 = 0
p
⇔ ±5 1 − sin2 x = 4 − 3 sin x
⇒ 25(1 − sin2 x) = 16 − 24 sin x + 9 sin2 x
⇔ 34 sin2 x − 24 sin x − 9 = 0
⇔ sin x ≈ +0.35294 ± 0.62392


 1.3552

1.7863
⇔ x ≈ arcsin (+0.35294 ± 0.62392) ≈

 6.0088


3.416

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Diese vier Werte müssen durch Einsetzen in die Gleichung noch überprüft werden, weil durch das
Quadrieren evtl. zusätzliche Lösungen hinzugekommen sind (Quadrieren ist keine Äquivalenzumformung).
Nachprüfen ergibt, dass nur
x = 1.3552 ∨ x = 6.0088
Lösungen der Ausgangsgleichung sind.

2.2.5 Potenz-, Wurzel-, Exponential- und Logarithmusfunktion


Zu den grundlegenden Funktionen zählen neben den Polynomen und trigonometrischen Funktionen
insbesondere Potenz- und Wurzelfunktionen, sowie die Exponential- und Logarithmusfunktion. Sie haben
in vielen technischen Anwendungen eine Bedeutung.
Potenzfunktionen
8
y

2
Die Polynome f (x) = xn , n ∈ N, heißen
x
Potenzfunktionen. Ihr Definitionsbereich
−2 2
ist D = R.
−2

−4 x2
x3
−6 x4
x5
−8

Wurzelfunktionen
1 √
Die Funktionen f (x) = x n = n
x heißen Wurzelfunktionen. Sie sind nur für x ≥ 0 definiert: D = R≥0 .
y √
x
4 √
3
x

4
x

5
3 x

2
Die Wurzelfunktionen sind die
Umkehrfunktionen der Potenzfunktionen: 1
Ihre Graphen ergeben sich aus denen der
x
Potenzfunktionen durch Spiegelung an
1 2 3 4 5 6 7 8
der Winkelhalbierenden y = x.
−1

Wurzelfunktionen als Umkehrfunktionen der


Potenzfunktionen. Färbung analog zu Potenzfunktionen.

Bemerkung 2.7:
Zu beachten ist: Der Ausdruck unter der Wurzel, der so genannte Radikant, darf nie kleiner als 0 sein.

Beispiel: x2 + 2x ist nur für x2 + 2x = x(x + 2) ≥ 0, d.h. für x ≥ 0 oder x ≤ −2 definiert.

Eine Wurzel kann nicht negativ sein, n an = |a| (und nicht einfach a).
p p √
Beispiel: 2 (−3)2 = | − 3| (und nicht −3). Richtig ist ja 2 (−3)2 = 9 = 3.

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Folgende Schlussfolgerung ist falsch:



x = −1 =⇒ x2 = 1 =⇒ x2 = x = 1 =⇒ x = −1 = 1

Warum ist das falsch und in welcher Umformung steckt der Fehler?
Da, 1) beim Quadrieren mehrere Lösungen hinzugefügt werden, welche beim 2) Wurzelziehen ± beachtet
werden müssten, hier aber ignoriert wurden.
Es gelten die folgenden Rechenregeln für a, b ≥ 0:
1 √
an = n a

n
n
a =a

n √ √n
ab = n a b

Beispiel 2.23:
Vereinfachen Sie folgende Ausdrücke:
√ √
8 2=4
√ √ √
50 = 2 · 25 = 5 2
√ √
4ab2 = 2|b| a

Exponentialfunktion

Definition 2.7 (allgemeine Exponentialfunktion):


Für reelle x und a > 0 heißt die Funktion
f (x) = ax

(allgemeine) Exponentialfunktion. x ist der Exponent, a ist die Basis.

7 y

Ist die Basis a gleich der Euler’schen Zahl e ≈ 2, 71828..., so spricht 6

man von der Exponentialfunktion. 5

Die Exponentialfunktion hat keine Nullstellen, sie ist für a > 1 4


monoton wachsend, für a < 1 monoton fallend. ex
−x
2 3 2x
Alle Kurven y = ax gehen durch (0, 1), da a0 = 1.
2
Der Wertebereich W der Exponentialfunktion ist demnach die
Menge der positiven Zahlen R+ . 1
x
−2 −1 1 2

Bemerkung 2.8:
Es gilt für a > 1:

x1 < x2 ⇔ ax1 < ax2 =⇒ y = ax wächst streng monoton

Es gelten die Potenzgesetze:

ax · ay = ax+y
y
(ax ) = axy
1
a−x = x
a
a1 = a
a0 = 1
ax = e x ln a

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Logarithmusfunktion
y = ax ist eine stetige und auf R definierte streng monotone Funktion (für a ̸= 1). Sie hat deshalb eine
Umkehrfunktion, den Logarithmus loga (x).

y = loga x ⇔ x = ay

Der Logarithmus zur Basis a beantwortet die Frage: Mit welcher Zahl muss ich a potenzieren, damit

x heraus kommt?“

Beispiel 2.24:
Berechnen Sie die folgenden Logarithmen ohne Taschenrechner

log10 (103 ) = 3
log2 1024 = 10
log10 0.00001 = −5

Bemerkung 2.9:
Folgende Kurzschreibweisen sind üblich:

lg(a) = log(a) = log10 (a)


ln(a) = loge (a)
lb(a) = log2 (a)
Der Definitionsbereich der Logarithmusfunktion ist R+ , der Wertebereich R. Logarithmen können nur
von positiven Zahlen berechnet werden!
4
y y
1 ln(x)

3 log(x) x
0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4
x
10
2
ex −1

1 −2

10−x
x
−3
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2

Bemerkung 2.10:
Es gelten die Logarithmengesetze:

loga a = 1 insbes. ln e = 1
loga 1 = 0 ∀a > 0
loga (xy) = loga x + loga y
 
x
loga = loga x − loga y
y
1
loga = − loga x
x
loga (bx ) = x loga b
loga ax = x
aloga x = x
ln x
loga x =
ln a

Beispiel 2.25:

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2 FUNKTIONEN 2.2 Vorkenntnisse

Vereinfachen Sie die folgenden Terme:



log (ab)3 = 3(log a + log b)

3 2 4
log a2 b4 = log |a| + log |b|
3 3
log(u + v) + log(u − v) = log((u + v)(u − v)) = log(u2 − v 2 )
 
x 
log + log(xy) − 3 log(x − y) = log(x) − log(y) + log(x) + log(y) + log (x − y)3
y
 
x2
= log
(x − y)3

Lösung von Exponential- und Logarithmusgleichungen

Beispiel 2.26:
Welche x ∈ R erfüllen:
e cos x = 1
Logarithmieren ergibt
ln e cos x = ln 1 = 0
π
⇔ cos x = 0 ⇔ xk = + kπ , k∈Z
2
Beispiel 2.27:
Welche x ∈ R erfüllen:
log(4x − 5) = 1.5
Potenzieren ergibt:
10log(4x−5) = 101.5
101.5 + 5
⇔ 4x − 5 = 101.5 ⇔x= ≈ 9.1557
4
Beispiel 2.28:
Welche x ∈ R erfüllen:
ln(x2 − 1) = ln x + 1

⇒ x2 − 1 = e ln x+1 = e ln x · e 1 = e · x
⇔ x2 − ex − 1 = 0
r
e e2
⇔x= ± + 1 = 1.3591 ± 1.6874
2 4
Es kommt nur die positive Lösung x = 3.0465 in Frage.

Beispiel 2.29:
Welche x ∈ R erfüllen:
2x + 4 · 2−x − 5 = 0
Substitution z = 2x
4
z+ −5=0
z
z 2 − 5z + 4 = 0
r
5 25
⇒z= ± − 4 = 4, 1
2 4
x
2 =4 ⇒ ln 2x = ln 4
ln 4
x ln 2 = ln 4 ⇒x= =2
ln 2
2x = z2 = 1 ⇒x=0

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

2.3 Polynome
2.3.1 Horner–Schema
Wir wollen jetzt diskutieren, wie wir ein Polynom möglichst effizient auf einem Computer berechnen
können. Dazu betrachten wir zunächst ein Polynom dritten Grades

p(x) = a3 · x3 + a2 · x2 + a1 · x + a0

Um den Funktionswert in dieser Form zu bestimmen, sind mindestens 5 Multiplikationen notwendig


(Wie genau? ), und das sind sehr teure Operationen (4 Zyklen bei MMIX im Gegensatz zu 1 Zyklus bei
Addition). Schreiben wir das Polynom um als

p(x) = ((a3 · x + a2 ) · x + a1 ) · x + a0 ,

so brauchen wir nur noch 3 Multiplikationen. Wir nennen dies die Hornerform“.

Beispiel 2.30:
Geben Sie für das Polynom

p(x) = 6 · x4 − 7 · x3 + 2 · x2 − 4 · x + 5

die Hornerform an und bestimmen Sie, wie viele Multiplikationen jeweils zur Auswertung notwendig
sind.

Dies lässt sich für beliebige Polynome verallgemeinern:

p(x) = an xn + an−1 xn−1 + ...a1 x + a0


= (. . . ((an · x + an−1 ) · x + an−2 ) · x + · · · + a1 ) · x + a0

Vervollständigen Sie die folgende Tabelle, indem Sie den Rechenaufwand angeben:

Aufwand
Polynom ohne mit Horner
Zwischenspeichern Zwischenspeichern
der Potenzen
p2 (x) = ax2 + bx + c

p3 (x) = ax3 + bx2 + cx + d

p4 (x) = ax4 + bx3 + cx2 + dx + e

pn (x) = an xn + an−1 xn−1 + · · · + a1 x + a0

Wird ein Funktionswert aus der oberen Summendarstellung berechnet, so benötigt man dafür,
ˆ ohne Zwischenspeicher: für die Potenzen von x sind es (n − 1) + .. + 1 Multiplikationen und
zusätzlich n für die Koeffizienten ai , und führt somit zu n + (n − 1) + .. + 1 = n(n+1)
2 .
ˆ mit Zwischenspeicher: für die Potenzen von x sind es n − 1 Multiplikationen und n für die
Koeffizienten ai , und führt somit zu n − 1 + n = 2n − 1.
ˆ im Horner-Schema: n

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

Das spart nicht nur Zeit, sondern hält auch Rundungsfehler klein. Deshalb sollte beim Programmieren
ausschließlich die Hornerform von Polynomen verwendet werden.

Wir werden im Folgenden drei Anwendungen der Hornerform kennenlernen.

1. Anwendung des Horner–Schemas: Es gibt eine effiziente Kurzschreibweise für die Polynomauswertung
mit dem Horner-Schema, welches an folgendem Beispiel illustriert wird:

Beispiel 2.31:
Gegeben Sei folgendes Polynom. Wie lautet das zugehörige Horner-Schema?

p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6 =

Nun wählen wir eine vereinfachte Darstellung, um dieses Polynom an x0 = 4 auszuwerten. In der ersten
Zeile schreiben wir die Koeffizienten:

1 −2 −5 6
x0 = 4 4 8 12
1 2 3 18

p(4) = 18

Den Wert des Polynoms erhält man als Wert unten rechts in der Ecke des Schemas.

2. Anwendung des Horner–Schemas:

Satz 2.8 (Polynomdivision mit dem Horner-Schema):


Gesucht sind die Koeffizienten bi des reduzierten Polynoms nach Polynomdivision
r
(an xn + an−1 xn−1 + · · · + a1 x + a0 ) : (x − c) = bn−1 xn−1 + bn−2 xn−2 + . . . b1 x + b0 +
x−c
Mit dem Horner-schema nach der Vorschrift ergibt sich

an an−1 an−2 ... a1 a0


+ + + +
x=c ·c cbn−1 ·c cbn−2 ... cb1 ·c cb0

bn−1 bn−2 bn−3 ... b0 r

oder in rekursiver Schreibweise:


bn−1 = an
bk = ak+1 + c · bk+1 , für k = n − 2, . . . , 0
r = a0 + c · b0

Die Zahlen in der untersten Zeile sind also die Koeffizienten des Quotientenpolynoms, das aus p(x)
durch Division durch den Linearfaktor x − c entsteht.
Beweis: Multipliziert man das Quotientenpolynom mit (x − c), so ergibt sich

r
(bn−1 xn−1 + bn−2 xn−2 + . . . b1 x + b0 + ) · (x − c) =
x−c
xn bn−1 +xn−1 (bn−2 − cbn−1 ) + · · · + xk (bk−1 − cbk ) + · · · + x (b0 − b1 c) −cb0 + r
|{z} | {z } | {z } | {z } | {z }
an an−1 ak a1 a0

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

Durch Koeffizientenvergleich ergibt sich

an = bn−1 ⇔ bn−1 = an
an−1 = bn−2 − cbn−1 ⇔ bn−2 = an−1 + cbn−1
.. ..
. .
ak = bk−1 − cbk ⇔ bk−1 = ak + cbk
.. ..
. .
a1 = b0 − cb1 ⇔ b0 = a1 + cb1

Beispiel 2.32:
Für unser obiges Beispiel
p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6
erhält man so für x0 = 2:

und damit für das Quotientenpolynom nach Polynomdivision mit (x − 2):

Beispiel 2.33:
Es sei das Polynom gegeben:

p(x) = 3x5 − 4x4 + 2x2 − 7x − 16

Horner-Schema:

Auswertung an der Stelle x0 = 2 und Ausklammern von (x − 2) für eine alternative Darstellung von
p(x):

Beispiel 2.34:
Zerlegen Sie das Polynom vollständig in seine Linearfaktoren. Gegeben sind 2 Nullstellen.

p(x) = x4 − 5x3 + 5x2 + 5x − 6, x0 = 2, x1 = 1


3. Anwendung des Horner–Schemas:
Beispiel 2.36:
Das Horner–Schema kann auch zur Umrechnung vom Dual- ins Dezimalsystem genutzt werden. Wir
wollen die Zahl 1011002 ins Dezimalsystem umrechnen. Wegen

1011002 = 1 · 25 + 0 · 24 + 1 · 23 + 1 · 22 + 0 · 21 + 0 · 20
= ((((1 · 2 + 0) · 2 + 1) · 2 + 1) · 2 + 0) · 2 + 0

Zur Berechnung gehen wir wieder mit dem Horner-Schema vor. Wir werten das Polynom an der Stelle
x0 = 2 aus.
1 0 1 1 0 0
x0 = 2 2 4 10 22 44
1 2 5 11 22 44
Es gilt also: 1011002 = 4410 .

2.3.2 Polynominterpolation
Sie haben bereits in Beispiel 2.7 eine Parabel, also ein Polynom vom Grad 2 bestimmt, das durch 3
gegebene Punkte geht. Dies kann man verallgemeinern: Wir suchen jetzt zu n + 1 gegebenen Punkten
(xi , yi ), i = 1, . . . , n + 1 ein Polynom p vom Grad n, das diese Punkte interpoliert, für das also
p(xi ) = yi gilt.
Diese Aufgabe, nämlich durch n + 1 Punkte ein Interpolationspolynom vom Grad ≤ n zu legen, ist
immer eindeutig lösbar:

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

Satz 2.9 (Polynominterpolation):


Zu n + 1 beliebigen Punkten (xi , yi ), xi ̸= xj für i ̸= j und i, j = 0, . . . , n, gibt es genau ein
Polynom pn vom Grad n mit pn (xi ) = yi für 0 ≤ i ≤ n.

Prinzipiell kann man ein Interpolationspolynom folgendermaßen bestimmen: Man setzt der Reihe nach
die Koordinaten der Stützpunkte in das Polynom ein und erhält ein lineares Gleichungssystem der
Dimension n + 1 in den unbekannten Polynomkoeffizienten a0 , a1 , . . . , an .

y(x0 ) = y0 ⇔ an xn0 + an−1 xn−1


0 + · · · + a2 x20 + a1 x0 + a0 = y0
y(x1 ) = y1 ⇔ an xn1 + an−1 xn−1
1 + · · · + a2 x21 + a1 x1 + a0 = y1
..
.
y(xn ) = yn ⇔ an xnn + an−1 xn−1
n + · · · + a2 x2n + a1 xn + a0 = yn

Dies ist äquivalent zum linearen Gleichungssystem in Matrixform


  a  y 
1 x0 x20 . . . x0n−1 xn0 0 0
 1 x1 x2 . . . xn−1 n   a1   y1 
 1 1 x1     
. . . . . . ...  .  =  . ,
 ..   .. 
1 xn x2n . . . xnn−1 xnn an yn
das man für die unbekannten Polynomkoeffizienten a0 , a1 , . . . , an lösen muss.
Die Beweis-Idee für Satz 2.9 ist, zu zeigen, dass das lineare Gleichungssystem eindeutig lösbar ist. Dazu
zeigt man, dass die Koeffizientenmatrix für xi ̸= xj falls i ̸= j immer invertierbar ist (→ Lineare
Algebra).
Der Rechenaufwand zum Lösen dieses Systems für mehr als 3 Punkte ist jedoch erheblich und deshalb
ist diese Vorgehensweise in der Praxis weniger geeignet.
Deshalb kann man i.A. das Newton-Interpolationspolynom verwenden mit dem Ansatz

pn (x) = α0 + α1 (x − x0 ) + α2 (x − x0 )(x − x1 ) + · · · + αn (x − x0 )(x − x1 ) . . . (x − xn−1 )

Beispiel 2.37:
Gesucht ist ein Interpolationspolynom durch die Punkte (2, 3), (1, 2) und (−1, 6) (Beispiel 2.7) Mit
dem Newton-Ansatz ergibt sich:

Allgemein gilt:
Fordert man pn (xi ) = yi , so ergibt sich als Gleichungssystem für die unbekannten Koeffizienten
α0 , α1 , . . . , αn aus dem Newton-Ansatz

y0 = α0
y1 = α0 + α1 (x1 − x0 )
y2 = α0 + α1 (x2 − x0 ) + α2 (x2 − x0 )(x2 − x1 )
..
.
yn = α0 + α1 (xn − x0 ) + · · · + αn (xn − x0 )(xn − x1 ) . . . (xn − xn−1 )

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

oder äquivalent in Matrixform


1 0 ... 0
    
α0 y0
1 (x1 − x0 ) 0 ... 0  α  y 
  1  1
.. ..

  α  y 
1
 (x2 − x0 ) (x2 − x0 )(x2 − x1 ) . .   2 =  2
 .   . 
. .. ..  .   . 
 .. . . 0  . .
1 (xn − x0 ) ... (xn − x0 )(xn − x1 ) . . . (xn − xn−1 ) αn yn

das man schrittweise von oben nach unten lösen kann, da es bereits in Dreiecksform vorliegt.

Bemerkung 2.11 (Zusammenhang zur Linearen Algebra):


Der Vorteil des Newton-Ansatzes liegt darin, dass das Gleichungssystem sofort in Dreiecksform entsteht,
so dass man sich die aufwändige LU -Zerlegung bzw. den Gauß-Algorithmus spart.
Beispiel 2.38:
Gegeben sind die folgenden Datenpunkte:

x 0 2 3 5
y −3 5 6 62

Gesucht ist das Interpolationspolynom mit minimalem Grad. Wie lautet der Newton-Ansatz und das
Newton-Polynom?

2.3.3 Binomialkoeffizienten und der binomische Lehrsatz


Sie wissen, dass (a + b)2 = a2 + 2ab + b2 gilt. Doch was ist (a + b)5 ?
Unter einem Binom versteht man eine Summe aus zwei Gliedern der allgemeinen Form a + b. Die n-te
Potenz eines solchen Binoms lässt sich nach dem Binomischen Lehrsatz wie folgt berechnen:

Satz 2.10 (Binomischer Lehrsatz):

     
n n−1 n n−2 2 n
(a + b)n = an + a b+ a b + ··· + abn−1 + bn
1 2 n−1
n  
X n n−k k
= a ·b
k
k=0

n

Dabei sind k die sog. Binomialkoeffizienten.

Definition 2.8 (Binomialkoeffizienten):

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2 FUNKTIONEN 2.3 Polynome

Die Binomialkoeffizienten sind definiert als


 
n n! n(n − 1) · · · · · (n − k + 1)(n − k)(n − k − 1) · · · · · 3 · 2 · 1
:= =
k k!(n − k)! k! · (n − k)(n − k − 1) · · · · · 3 · 2 · 1
n(n − 1) · · · · · (n − k + 1)
=
k!
Ihre Berechnung verwendet die Fakultät

n! := n(n − 1)(n − 2) · · · · · 2 · 1 = n · (n − 1)!


0! := 1.

Bemerkung 2.12 (Pascalsches Dreieck):


Für kleine Zahlen ist es meist schneller, die Binomialkoeffizienten dem Pascalschen Dreieck zu entnehmen:
1

1 1
+
1 2 1
+ +
1 3 3 1
+ + +
1 4 6 4 1
+ + + +
1 5 10 10 5 1
+ + + + +
1 6 15 20 15 6 1
+ + + + + +
1 7 21 35 35 21 7 1
+ + + + + + +
1 8 28 56 70 56 28 8 1
+ + + + + + + +
1 9 36 84 126 126 84 36 9 1
+ + + + + + + + +
1 10 45 120 210 252 210 120 45 10 1

n

Der Koeffizient steht dabei in der (n + 1)-ten Zeile an der (k + 1)-ten Stelle.
k

Damit ergibt sich z.B. für den Binomialkoeffizienten 64 =

Beispiel 2.39:
ˆ Berechnen Sie
3
1. (a − b)

5
2. (a + b)

ˆ Berechnen Sie (a + b)4 − (a − b)4

ˆ Setzen Sie in der allgemeinen Binomialformel a = b = 1. Wie lässt sich das Ergebnis im Hinblick
auf das Pascal’sche Dreieck interpretieren?

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2 FUNKTIONEN 2.4 Kreise

Bemerkung 2.13:
Binomialkoeffizienten treten in der binomischen Formel, aber auch in vielen kombinatorischen Zusammenhängen
auf.
Es lohnt sich [Link] anzuschauen.

Bemerkung 2.14 (Rechenregeln Binomialkoeffizient):


Es gilt:  
n
= 1.
0
Für die Binominalkoeffizienten gilt die Rekursionsformel
     
n+1 n n
= + .
k k−1 k

Es ist genau diese Formel, die die Grundlage für die Berechnung der Koeffizienten mit Hilfe des
Pascal’schen Dreiecks bildet.
Außerdem kann man aus der Definition der Binomialkoeffizienten sehen, dass
   
n n
=
k n−k

gilt. Dies entspricht der Symmetrie des Pascal’schen Dreiecks.

2.4 Kreise
Neben Geraden, die Polynome vom Grad 1 sind, spielen Kreise in der Geometrie und Computergrafik
eine wichtige Rolle. Wir wollen die Gleichung eines Kreises herleiten.

Jeder Punkt auf der Kreislinie hat vom Mittelpunkt (xM , yM ) des
Kreises denselben Abstand, den Radius R. Nach Pythagoras gilt
also M = (xM , yM )
K
(x − xM )2 + (y − yM )2 = R2 .
R
Auflösung nach y ergibt
p
y = yM ± R2 − (x − xM )2 P = (x, y)

Wir erhalten für den Kreis also nicht nur eine, sondern zwei Funktionen. Diejenige mit dem +“ vor

der Wurzel beschreibt die obere Kreishälfte, die mit dem -“ vor der Wurzel die untere.

Beispiel 2.40:
Geben Sie die Gleichung des Kreises mit Mittelpunkt (1, 2) und Radius 3 an. Geben Sie auch die
Funktionsterme für den oberen und unteren Halbkreis mit Definitions- und Wertebereich an sowie den
Funktionsterm und den Definitionsbereich für den rechten oberen Viertelkreis.

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2 FUNKTIONEN 2.5 Funktionengrenzwerte

Beispiel 2.41:
Welchen Mittelpunkt und welchen Radius hat der Kreis, der durch

x2 + y 2 + 4x − 6y − 3 = 0

gegeben ist? Skizzieren Sie ihn. (Tipp: Quadratische Ergänzung der x- bzw. y-Terme)

Bemerkung 2.15:
Es gibt noch eine zweite typische Darstellung eines Kreises in der Zahlenebene: mit Hilfe der Polarkoordinaten
und den trigonometrischen Funktionen.
Hierbei ist ein Kreis mit Mittelpunkt (xM , yM ) und Radius R wie folgt beschrieben:
     
x(φ) cos(φ) xM
=R· + φ ∈ [0, 2π[
y(φ) sin(φ) yM

Beispiel 2.42:
Beschreiben Sie den oberen Halbkreis um (−2, 3) mit Radius 4 in Polarkoordinaten.

2.5 Funktionengrenzwerte
Um Funktionen besser untersuchen bzw. charakterisieren zu können, benötigen wir eine mathematische
Definition 2.9 (Einseitige
f (x) hat für x → a den re

l
x→

wenn für h → 0, h > 0 gil

lim
h→
Möglichkeit uns einzelnen Werten anzunähern“. Hierzu wird der Grenzwertbegriff“ verwendet.
” ” Es gilt also:

lim f (x) =
x→a+

Analog definiert man den


an der Stelle a als

lim f (x)
x→a−

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2 FUNKTIONEN 2.5 Funktionengrenzwerte

y
fl (x)

Ll

Lr

fr (x)

xl xr x
a
y
Definition 2.10 (Funktionengrenzwert I): fr (x)
f (x) hat für x gegen a den Grenzwert L,
L
lim f (x) = L
x→a fl (x)

wenn gilt

lim f (x) = Lr = Ll = lim f (x) = L.


x→a+ x→a−

D.h. links- und rechtsseitiger Grenzwert sind identisch.


xl xr x
a

Beispiel 2.43:
2x2 − 12 1
Wir wollen nun den Grenzwert von limx→ 12 x− 12
an der Definitionslücke a = 2 berechnen:
ˆ Es sei h > 0.

ˆ Es reicht nicht nur einige Werte in der Nähe von 1


2 in die Funktion einzusetzen:

1
 
h 2−h f 21 − h 1
2 +h f 12 + h
10−1 0.4000 1.8000 0.6000 2.2000
10−2 0.4900 1.9800 0.5100 2.0200
10−3 0.4990 1.9980 0.5010 2.0020
10−4 0.4999 1.9998 0.5001 2.0002

Diese Vorgehensweise gibt zwar einen ersten Hinweis darauf, was der Grenzwert ist, ist aber nicht
ausreichend dafür, dass der Grenzwert wirklich 2 ist.

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2 FUNKTIONEN 2.5 Funktionengrenzwerte

Beispiel 2.44:
x2 −2x
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für f (x) = 1 . Einmal mit der Definition, und
2 x−1
einmal durch geschicktes Umformen

Beispiel 2.45: √
2
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für limt→0 t t+9−3
2 . Formen Sie hierzu den
Ausdruck geschickt um. Berechnung mit dem Taschenrechner liefert für kleine t (z.B: 10−8 ) ein falsches
Ergebnis:

t f (t)
0.01 0.1666662037
10−8 0

(Rundungsfehler, Stellenauslöschung → Numerik)

Beispiel 2.46:
1
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für limx→2 x−2 .

Beispiel 2.47:
1
Gegeben Sei die Funktion f (x) = 1 , −1 ≤ x ≤ 1.
1−e x

ˆ Plotten Sie die Funktion:

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2 FUNKTIONEN 2.5 Funktionengrenzwerte

3
1
f(x) = 1
1−e x
2

x
−3 −2 −1 1 2 3

−1

−2

−3

ˆ Erraten Sie limx→0+ 1


1 aus dem Graphen. Begründen Sie Ihr Ergebnis an Hand des Funktionsterms.
1−e x

ˆ Erraten Sie limx→0− 1


1 aus dem Graphen. Begründen Sie Ihr Ergebnis an Hand des Funktionsterms.
1−e x

ˆ Existiert limx→0 1
1 ?
1−e x

Natürlich gibt es auch eine streng mathematische Definition von Grenzwerten:

Definition 2.11 (Funktionengrenzwert II):


Die Funktion f (x) sei auf einem offenen Intervall I um den Punkt a definiert, evtl. bei a selbst
nicht. f (x) hat dann den Grenzwert L in a, d.h. limx→a f (x) = L, wenn

∀ ε > 0 : ∃ δ > 0 : ∀ x ∈ I \ {a} : |x − a| < δ ⇒ |f (x) − L| < ε

Bei dem dargestellten Beispiel kommt es auf die Feinheiten an: Der Grenzwert L bei der Annäherung an
a muss nicht der Funktionswert f (a) sein, da bei dem Grenzwert sozusagen der Fortlauf“ der Funktion

aus der Umgebung betrachtet wird. Dennoch kann dieser Grenzwert existieren.

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2 FUNKTIONEN 2.6 Stetigkeit

2.6 Stetigkeit
Ein sehr wichtiger Begriff der Analysis, der auf dem Funktionengrenzwert beruht ist die Stetigkeit“

einer Funktion.

Definition 2.12 (Stetigkeit):


Eine Funktion f (x) heißt stetig in a ∈ I, wenn limx→a f (x) = f (a), d.h. der Grenzwert gleich
dem Funktionswert ist. Sie heißt stetig in einem Intervall, wenn sie in jedem Punkt a des Intervalls
stetig ist. Äquivalent dazu ist:

∀ε > 0 : ∃δ > 0 : ∀x ∈ I : |x − a| < δ ⇒ |f (x) − f (a)| < ε

. . . liegt f(x) in diesem Intervall


f(a) + ε

f(a)

f(a) − ε

f(x)

x
a−δ a a+δ

Für alle x in diesem Intervall. . .

Betrachten Sie den Unterschied zu Definition 2.11!

Bemerkung 2.16:
Stetigkeit in a setzt voraus, dass man f (a) berechnen kann. Ist bei a eine Definitionslücke, so kann f
dort nicht stetig sein.
Bei stetigen Funktionen kann man damit lim und f vertauschen:
 
lim f (x) = f (a) = f lim x
x→a x→a

Beispiel 2.48:
Ist die Funktion (  2 
−πx
sin πxx−1 für x ̸= 1
f (x) =
0 für x = 1

stetig in x = 1?

Bemerkung 2.17:
Beispiele stetiger Funktionen sind:
sin, cos, tan (für − π2 < x < π2 ), Exponentialfunktionen, Logarithmusfunktion, Wurzel, Betrag, Polynome,
gebrochen rationale Funktionen für alle x, für die der Nenner nicht 0 wird. Diese Funktionen sind stetig
für alle x aus dem Definitionsbereich.

Beispiel 2.49:
Beispiele unstetiger Funktionen:

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2 FUNKTIONEN 2.6 Stetigkeit

y = sign(x)
in x = 0. f (x) = ⌊x⌋ = nächst kleinere ganze Zahl

+1 x > 0
sign(x) = 0 x=0 ybxc

 3
−1 x < 0
2
1 y
1

x 0
−3 −2 −1 0 1 2 3 4 x
−1 1
−1

−2
−1
−3
Jede IF-Abfrage im Code ist eine potentielle Ursache von Unstetigkeiten!
Im Folgenden werden wichtige Sätze zu stetigen Funktionen aufgeführt.

Satz 2.11 (Stetigkeit zusammengesetzter Funktionen):


Sind f, g stetig, dann sind auch f ± g, f · g, fg stetig, falls g ̸= 0.

Satz 2.12 (Stetigkeit bei Funktionenkomposition):


Ist g(x) stetig in a, und f (u) stetig in b = g(a), so ist die zusammengesetzte Funktion f (g(x))
stetig in a.

Beispiel 2.50:
ln(1 + x2 ) ist stetig auf R, da

Satz 2.13 (Schrankensatz, Satz vom Minimum und Maximum, Zwischenwertsatz):


Für jede auf einem abgeschlossenen Intervall [a, b] stetige Funktion f gilt:
ˆ Schrankensatz: Es gibt eine Schranke K mit |f (x)| < K für alle x ∈ [a, b], d.h. f ist auf
[a, b] beschränkt.
ˆ Satz vom Minimum und vom Maximum: Es gibt stets Werte x0 , x1 in [a, b], so dass f (x0 ) ≤
f (x) ≤ f (x1 ), d.h. f nimmt auf [a, b] Minimum und Maximum an.
ˆ Zwischenwertsatz: Zu jeder Zahl c zwischen dem Minimum f (x0 ) und dem Maximum f (x1 ),
d.h. f (x0 ) ≤ c ≤ f (x1 ), gibt es mindestens ein x̄ ∈ [a, b] mit f (x̄) = c, d.h. jeder Wert
zwischen dem Minimum und dem Maximum wird angenommen.

Satz 2.14 (Nullstellentest):


ˆ Ist f : [a, b] → R stetig und haben f (a) und f (b) entgegengesetzte Vorzeichen (f (a)f (b) <
0), dann gibt es mindestens eine Nullstelle x̄ im Innern von [a, b].
ˆ Jedes Polynom mit ungeradem Grad (≥ 1) hat in R wenigstens eine Nullstelle.

Beispiel 2.51:
Zeigen Sie: Die Funktion
f (x) = e x − 2 − x

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2 FUNKTIONEN 2.6 Stetigkeit

hat mindestens eine Nullstelle.

Wie können wir die Nullstellen bestimmen?

Algorithmus 2.1 (Bisektionsverfahren):


Ziel dieses Verfahrens ist es, eine Nullstelle einer gegebenen stetigen Funktion näherungsweise zu
bestimmen. Für den Start benötigt das Verfahren ein Intervall, in dem die Funktion ihr Vorzeichen
wechselt.
1. Beginne mit Intervall [a, b] mit f (a)f (b) < 0.
a+b
2. Wähle c = 2 .
3. Falls f (c)f (b) < 0, so liegt eine Nullstelle in [c, b], sonst im anderen Teilintervall.
4. Fahre mit diesem neuen Intervall mit Schritt 2. fort, bis das Intervall durch Halbierung
hinreichend klein ist.

Beispiel 2.52 (Fortsetzung Beispiel 2.51):


9 37
current interval: @ , D
8 32

1.0
xi f (xi ) Intervall
0 −1
1 −0.28 [1, 2] 0.5

3/2 0.98 [1, 3/2]


5/4 0.24 [1, 5/4]
9/8 −0.045 [9/8, 5/4] 0.5 1.0 1.5 2.0 2.5
19/16 0.091 [9/8, 19/16]
37/32 0.022 [9/8, 37/32]
.. -0.5

-1.0

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2 FUNKTIONEN 2.7 Übungsblatt Funktionen

2.7 Übungsblatt Funktionen


Eigenschaften von Funktionen
Aufgabe 2.1:
Bestimmen Sie Definitions- und Wertebereich der Funktion
 2
x + 2x für − 1 ≤ x ≤ 0
f (x) =
ln(x + 1) für 0 < x ≤ 23

Zeichnen Sie den Graphen von f (x). Ist die Funktion monoton? Ist sie umkehrbar? Geben Sie wenn
möglich die Umkehrfunktion an und zeichnen Sie beide Graphen.

Aufgabe 2.2:
Geben Sie den maximalen Definitionsbereich an
1. f (x) = ln(x2 + 6x − 7)
q
2. g(x) = 12 + cos x

Trigonometrische Funktionen
Aufgabe 2.3:
Die Körpertemperatur eines Menschen variiert über den Tag sinusförmig. Ihr Minimalwert ist 36.6, der
Maximalwert 37.1, das Maximum wird um 13:00 erreicht. Wie lautet die Gleichung? (Periode 24h)

Aufgabe 2.4:
Lösen Sie die Gleichung
3 cos2 x + 6 sin x = 6

Aufgabe 2.5: 1. Zeigen Sie mit Hilfe eines rechtwinkligen Dreiecks:


q
1 − sin2 (x)
cot(x) =
sin(x)

2. Vereinfachen Sie cot(arcsin(x))


Aufgabe 2.6:
Bestimmen Sie alle reellen Lösungen von
1. sin(2x + 5) = 0.5
2. cos x = sin x

Potenz-, Wurzel-, Exponential- und Logarithmusfunktion


Aufgabe 2.7:
Bestimmen Sie alle reellen Lösungen von

1. ln( x) + 1.5 ln x = ln(2x)
2. e x + 2e −x = 3

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2 FUNKTIONEN 2.7 Übungsblatt Funktionen

Aufgabe 2.8:
Gegeben ist ein Stromkreis mit einer Reihenschaltung aus einer Induktivität L und einem Ohm’schen
Widerstand R. Beim Einschalten der Gleichspannungsquelle erreicht der Strom infolge der Selbstinduktion
erst nach einiger Zeit den nach dem Ohm’schen Gesetz erwarteten Endwert I0 . Dabei gilt
 R

I(t) = I0 1 − e− L t

Berechnen Sie für I0 = 5A, R = 50Ω und L = 2.5H den Zeitpunkt, an dem die Stromstärke 90% ihres
Endwertes erreicht hat.
Skizzieren Sie die Strom-Zeit-Funktion.

Aufgabe 2.9:
Bestimmen Sie die Umkehrfunktionen von

ˆ f (x) = 4x−1
2x+3

ˆ y = ln(x + 3)

Aufgabe 2.10:
Die sog. Hyperbelfunktionen sind für alle x ∈ R definiert durch

ex − e−x
sinh x :=
2
ex + e−x
cosh x :=
2
sinh x
tanh x =
cosh x

7 y y y
1
4 tanh(x)
6

e−x 5 0.5
2
sh
(x)
co
4 1
x
ex x
3 −2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2
2
( x)
nh −0.5
1 si −2
x
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2 −1

Praktische Bedeutung: Ein homogenes, nur durch sein Eigengewicht belastetes Seil hat die Form einer
Kettenlinie:
 
x−b
y(x) = a cosh +c
a

Die Rechenregeln sind ähnlich zu den trigonometrischen Funktionen:

ˆ Symmetrie: Der Sinus hyperbolicus ist eine ungerade, der cosinus hyperbolicus eine gerade Funktion.

ˆ Additionstheoreme:

sinh(x + y) = sinh x cosh y + cosh x sinh y


cosh(x + y) = cosh x cosh y + sinh x sinh y

ˆ cosh2 x − sinh2 x = 1

Beweisen Sie die Symmetrieeigenschaften, die Additionstheoreme und die darauf folgende Gleichung.

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2 FUNKTIONEN 2.7 Übungsblatt Funktionen

Polynome
Aufgabe 2.11:
Gegeben ist das Polynom
11 3 9 2
p(x) = x4 − x − x + 9x
2 2
Raten Sie die ersten Nullstellen und bestimmen Sie mit Hilfe des Horner-Schemas die Linearfaktorzerlegung.

Aufgabe 2.12:
Zeigen Sie: Die Polynomfunktion p(x) = 3x3 + 18x2 + 9x − 30 besitzt an der Stelle x1 = −5 eine
Nullstelle (mit Horner-Schema!). Bestimmen Sie ebenfalls unter Verwendung des Horner-Schemas das
entsprechende reduzierte Polynom, die übrigen Nullstellen sowie den Funktionswert an der Stelle x0 =
−3.25. Skizzieren Sie grob den Funktionsverlauf.
Aufgabe 2.13:
Für Ihre Smartwatch wollen Sie eine App programmieren, die in Abhängigkeit der bereits geleisteten
Schritte s die Farbe kontinuierlich von rot für 0 Schritte zu grün (Schrittziel sgoal erreicht) ändert.
Berechnen Sie den RGB-Code der anzuzeigenden Farbe. (Tipp: rot =rgb(1,0,0), grün=rgb(0,1,0)).
Erweitern Sie Ihre Funktion so, dass zwischen 2 beliebigen Farben mit den rgb-Codes col0 = (r0 , g0 , b0 )
und col1 = (r1 , g1 , b1 ) interpoliert wird.
Aufgabe 2.14:
Berechnen Sie das Interpolationspolynom zu den folgenden Punkten:
     
7 7 25
8, , 0, , 2, − , (3, −12) .
2 2 2
Berechnen Sie die Werte an den Stellen −1 und 1 durch das Horner-Schema. Geben Sie das Polynom
so an, dass es möglichst effizient ausgewertet werden kann.

Funktionengrenzwerte
Aufgabe 2.15:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
x2 −x−12
1. limx→−3 x+3
sin(2x)
2. limx→0 sin(x)
1−x √
3. limx→1 √
1− x
(Anleitung: Erweitern Sie mit 1+ x)

Stetigkeit
Aufgabe 2.16:
Bestimmen Sie den Parameter A so, dass die Funktion überall stetig ist.
 2
A − x2 für x < π2
f (x) =
cos x für x ≥ π2

Aufgabe 2.17: 
Betrachten Sie die Funktion f (x) = sin πx . Wir wollen das Verhalten dieser Funktion in der Nähe von
x = 0 untersuchen.

1. Für welche Werte ist sin πx = 0?

2. Begründen Sie, warum
 für unendliche viele x in der Nähe von 0 gilt: sin πx = 0. Folgt daraus,
dass limx→0 sin πx = 0 gilt? Begründung!

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2 FUNKTIONEN 2.7 Übungsblatt Funktionen

π

3. Finden Sie wie oben unendlich viele Werte mit sin x = 1 bzw. = −1.

4. Was bedeutet dies für limx→0 sin πx ?
5. Plotten Sie den Graphen der Funktion und betrachten Sie ihn im Hinblick auf die obigen Fragen.

Vermischtes
Aufgabe 2.18:
ˆ Was passiert mit der Umkehrfunktion einer Kurve, wenn man die Kurve nach rechts verschiebt?
Beachten Sie dazu die geometrische Bedeutung der Inversen. Geben Sie auf der Basis Ihrer
Beobachtung einen Ausdruck für die Inverse von f (x − c) an, wobei f umkehrbar ist.
ˆ Geben Sie die Umkehrfunktion von h(x) = f (cx) mit c ̸= 0 an.

Aufgabe 2.19:
Implementieren Sie in einer Programmiersprache Ihrer Wahl das Bisektionsverfahren und verwenden Sie
es zur Berechnung der Nullstelle(n) von
ˆ f (x) = x2 − 2
ˆ f (x) = ex − x − 2

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3 DIFFERENTIATION

3 Differentiation
3.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
ˆ kennen Sie die Interpretation der Ableitung als Änderungsrate und können dies in praktischen
Beispielen anwenden
ˆ berechnen Sie Ableitungen bzw. Näherungen für alle Funktionsdarstellungen mit den Techniken:
Produkt-, Quotienten- und Kettenregel, sowie Ableitung der Umkehrfunktion, implizite Differentiation
ˆ berechnen Sie wichtige Punkte (Extremstellen, Wendepunkte, Nullstellen) einer Funktion analytisch
und numerisch und bestimmen das Funktionsverhalten
ˆ lösen Sie Optimierungsaufgaben für eine Variable

3.2 Die Ableitung einer Funktion


3.2.1 Definition
y

)
f (x
f (x0 + h)
Wir wollen die Steigung einer
Kurve im Punkt x0 bestimmen.
Die Steigung der Kurve ist
dann die Tangentensteigung
in diesem Punkt. Man
erhält sie als Grenzwert
f (x0 )
der Sekantensteigungen.

x
x0 x0 + h

Definition 3.1 (Ableitung einer Funktion):


Die Funktion f sei auf dem ganzen Intervall I definiert, x0 ∈ I. Man sagt, f ist in x0 differenzierbar,
wenn der Differenzenquotient

∆f f (x0 + h) − f (x0 )
(h; x0 ) :=
∆x h
für h → 0 einen endlichen Grenzwert hat. Dieser Grenzwert wird mit f ′ (x0 ) bezeichnet, also

f (x0 + h) − f (x0 )
f ′ (x0 ) = lim .
h→0 h
Er wird auch Differentialquotient genannt.
Man sagt, f ist auf dem Intervall I differenzierbar, wenn sie in jedem Punkt x ∈ I differenzierbar
ist. Dann ist x 7→ f ′ (x) eine auf I erklärte Funktion, die man Ableitung von f nennt. Für f ′ (x)

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3 DIFFERENTIATION 3.2 Die Ableitung einer Funktion

schreibt man auch dfdx(x) d


, dx f (x). Die Zeitableitung wird häufig mit einem Punkt statt eines
Striches gekennzeichnet: ṡ = ds(t)
dt .

Bemerkung 3.1 (Geometrische Deutung):


Der Differenzenquotient ist die Steigung der Sekante durch die Punkte (x0 , f (x0 )), (x0 + h, f (x0 + h)).
Der Grenzwert gibt dann den Anstieg der Kurventangente in (x0 , f (x0 )) an.
Die Ableitung kann gleichzeitig als momentane Änderungsrate der Funktion f interpretiert werden, da
sie die Änderung der Funktion pro Zeiteinheit angibt.
Analog modelliert der Differenzenquotient die durchschnittliche Änderungsrate in einem Intervall [x0 , x0 +
h].
Bemerkung 3.2 (Analytische Deutung):
Der Differenzenquotient ist eine übergeordnete Funktion ∆f
∆x (h; x0 ) die man aus einer an der Stelle x0 zu
untersuchenden Funktion f (x) und der Schrittweite h erstellt. Wir betrachten den Funktionengrenzwert
h → 0 dieser übergeordneten Funktion ∆f ∆x (h; x0 ), um mehr über die zu untersuchende Funktion f (x)
an der Stelle x0 zu erfahren. Damit ist der Differenzquotient ein Instrument, wie ein Mikroskop für

eine Funktion“.
Beispiel 3.1:
Bestimmen Sie mit Hilfe von Definition 3.1 der Ableitung ( h-Methode“) die Ableitung folgender

Funktionen an der Stelle x0
1. f (x) = ax + b

2. f (x) = ax2

Bemerkung 3.3 (Physikalische Deutung):


Ableitungen werden in der Physik häufig benötigt. Bspw:
Weg
ˆ Geschwindigkeit: v = Zeit = ∆s
∆t = ṡ
ˆ Leistung P = Arbeit
Zeit = ∆W
∆t = Ẇ

Die Tangente an eine Funktion f in einem Punkt x0 stimmt mit der zu untersuchenden Funktion im
Funktionswert und der Steigung am Punkt x0 überein. Damit können wir ihre Gleichung berechnen:

y = mx + b = f ′ (x0 )x + b
f (x0 ) = f ′ (x0 )x0 + b ⇔ b = f (x0 ) − f ′ (x0 )x0
′ ′
=⇒ y = f (x0 )x + f (x0 ) − f (x0 )x0
= f (x0 ) + f ′ (x0 )(x − x0 )

Satz 3.1 (Tangente):


Die Tangente an die Funktion f (x) im Punkt (x0 , f (x0 )) hat die Gleichung:

y = f (x0 ) + f ′ (x0 )(x − x0 )

Für den Steigungswinkel α gilt:


tan α = f ′ (x0 )

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3 DIFFERENTIATION 3.2 Die Ableitung einer Funktion

Beispiel 3.2:
Bestimmen Sie die Gleichung der Tangente an die Funktion f (x) = 5x2 − 7 an der Stelle 2.

Beispiel 3.3:
y
10

Ein Zug fährt im Dunklen auf einem parabelförmig


8
gekrümmten Gleis in den Bahnhof ein. Der Scheitel der
achsensymmetrischen Parabel, die das Gleis beschreibt, 6

∆y = 7 − f(x)
liegt 3 m unterhalb des Ursprungs. Das Gleis führt 4
tangential unmittelbar an der linken vorderen Ecke des
Bahnsteigs vorbei, die im Punkt (10, 7) m liegt. Auf 2

dem Bahnsteig steht im Punkt (14, 7) eine Person. Wo x


befindet sich die Spitze des Zuges, wenn die Person von −2 2 4 6 8 10 12 14 16
∆x
den Zugscheinwerfern geblendet wird? −2

−4

Stetigkeit ist eine notwendige Bedingung für Differenzierbarkeit:

Satz 3.2:
Jede differenzierbare Funktion ist stetig.
oder Formal: f (x) ist differenzierbar ⇒ f (x) ist stetig
bzw. die Kontraposition: f (x) nicht stetig ⇒ f (x) nicht differenzierbar

Beweis: Idee“: Ist f (x) differenzierbar, so gilt



f (x0 + h) − f (x0 )
lim = f ′ (x0 )
h→0 h

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3 DIFFERENTIATION 3.2 Die Ableitung einer Funktion

Multiplikation mit h ergibt:

⇒ lim (f (x0 + h) − f (x0 ) − f ′ (x0 )h) = 0


h→0 | {z }
h→0
⇒ lim f (x0 + h) = f (x0 ).
h→0

Die Umkehrung gilt nicht: Nicht jede stetige Funktion ist differenzierbar!
Wie sieht eine Funktion aus, die stetig, aber nicht differenzierbar ist? Geben Sie einen Funktionsterm
an.

Bemerkung 3.4:
Anschauliche Bedeutung:
ˆ Den Graphen einer stetigen Funktion erkennt man daran, dass er

ˆ Den Graphen einer differenzierbaren Funktion erkennt man daran, dass er

3.2.2 Rechenregeln

Satz 3.3 (Ableitung der Grundfunktionen):


Funktion f (x) Ableitung f ′ (x)

c 0
xα α · xα−1 , α ̸= 0
√ 1 1  
x = x2 √ Spezialfall α = 1/2
  2 x  
1 1 −β 1
− (Spezialfall α = −β [ = −1 ])
xβ x xβ+1 x2
ex ex
1
ln(x)
x
1
loga (x)
x · ln(a)
sin x cos x
cos x − sin x

Beispiel 3.4:
Berechnen Sie die Ableitungen durch Anwendung von Satz 3.3
√ √
1. f (x) = 3 x + 5 2

1 1
2. f (x) = x3 − √
4 3
x


x5 −3
√ x+2
3. h(x) = x

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3 DIFFERENTIATION 3.2 Die Ableitung einer Funktion

4. f (x) = ee − xe

5. f (x) = (2x)4

6. f (x) = (x3 )5

Beispiel 3.5:
Die folgenden Grenzwerte lassen sich als Ableitung schreiben und berechnen (ohne Verwendung der
Formel von L’Hôpital!)

sin(π + h) − sin(π)
lim =
h→0 h
x2 − 52
lim =
x→5 x − 5

Satz 3.4 (Linearität der Ableitung):


ˆ Ableitung von Summen

(f (x) + g(x)) = f ′ (x) + g ′ (x)

Beispiel: (4 cos x − 5x3 )′ = −4 sin x − 15x2


ˆ Ableitung von Termen mit konstantem Faktor


(c · f (x)) = c · f ′ (x)
′
Beispiel: 5x2 = 5 · 2x = 10x
ˆ Beispiel Polynom: !′
n
X n
X
i
ai x = ai · i · xi−1
i=0 i=1

Warum beginnt die Summation in der Ableitung erst bei i = 1?

Satz 3.5 (Produkt- und Quotientenregel):


ˆ Produktregel:

(f (x) · g(x)) = f ′ (x) · g(x) + f (x) · g ′ (x)
Beispiel:
2x3 cos
h(x) = |{z} | {zx} ⇒ h′ (x) = |{z}
6x2 cos 2x3 (− sin x)
| {zx} + |{z}

| {z }
f (x) g(x) f (x) g(x) f (x) g ′ (x)

ˆ Quotientenregel:
 ′  ′
f (x) f ′ (x)g(x) − f (x)g ′ (x) 1 g ′ (x)
= ⇒ =−
g(x) g(x)2 g(x) g(x)2

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3 DIFFERENTIATION 3.2 Die Ableitung einer Funktion

Beispiel: f (x) g ′ (x)


f ′ (x) g(x)
z}|{ z }| { z}|{ z }| {
4x2 f (x) ′ 8x (1 − x) − 4x2 (−1) 4x(2 − x)
h(x) = = ⇒ h (x) = =
1−x g(x) (1 − x)2 (1 − x)2

Satz 3.6 (Kettenregel):


ˆ Kettenregel:
d
f (g(x)) = f ′ (g(x)) · g ′ (x)
dx
(f heißt die äußere, g die innere Funktion.)

Beispiel: h(x) = (x4 + 6x + 5)3 .


f (z) = z 3 ist die äußere, z = g(x) = x4 + 6x + 5 die innere Funktion.
Die Ableitung ist damit: h′ (x) = 3(x4 + 6x + 5)2 (4x3 + 6).

Berechnen Sie jeweils die Ableitung:


a) f (x) = sin(9 x)

b) f (x) = x2 cos(x)

c) f (x) = tan(x)

d) f (x) = sin(x) · tan(x)


e) f (x) = ln(3 x)

f) f (x) = x · ln(x)

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3 DIFFERENTIATION 3.3 Implizite Differentiation

Beispiel 3.6:
x
1. f (x) = ax . Es folgt aus den Potenzgesetzen: ax = eln(a ) = ex ln a . Mit Hilfe der Kettenregel gilt
dann:
f ′ (x) = (ax )′ = (ex ln a )′ = ex ln a ln a = ax ln a.

2. f (x) = 5 · 23x ln x

Bemerkung 3.5:
Vorsicht!

(ax )′ = ax ln a
(xa )′ = axa−1

3.2.3 Höhere Ableitungen


Die Ableitung der Ableitung bezeichnet man als 2. Ableitung und schreibt

d2
f ′′ (x) = f (x) = f (2) (x).
dx2
Man sagt dann, f ist zweimal differenzierbar.
dn
Für die n-te Ableitung, n ∈ N, schreibt man f (n) = dxn f .

3.3 Implizite Differentiation


3.3.1 Herangehensweise
Beispiel 3.7:
y

Gegeben ist der Kreis um 0 mit Radius 2, gesucht ist


√die
1
Steigung der Tangente an den Kreis im Punkt (1, 3).
Die Kreisgleichung lautet:
x
−3 −2 −1 1 2 3

−1

−2

ˆ 1. Möglichkeit: Berechnung von y ′ aus der expliziten Darstellung:

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3 DIFFERENTIATION 3.3 Implizite Differentiation

2
ˆ 2. Möglichkeit: Durch x2 + (y(x)) − 4 = 0 wird y implizit als Funktion von x definiert. Da diese
Gleichung für alle x gilt, kann man sie nach x differenzieren:

Nicht immer hat man diese beiden Möglichkeiten zur Verfügung, um die Steigung auszurechnen: Häufig
kommt es vor, dass man die Gleichung nicht nach y auflösen kann:
Beispiel 3.8 (Descart’sches Blatt):
y
3

2
x3 + y 3 = 6xy
1
Um die Ableitung von y zu berechnen, ist
es jedoch gar nicht nötig, die Gleichung x
nach y aufzulösen. Statt dessen kann man −3 −2 −1 1 2 3
die Ableitung durch implizite Differentiation −1
berechnen:
−2

−3

ˆ Bestimmen Sie für das Descart’sche Blatt y ′ (x)

ˆ Bestimmen Sie die Tangente im Punkt (3, 3).

ˆ An welchen Punkten ist die Tangente horizontal oder vertikal?


y
4

1
x
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1

−2

−3

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3 DIFFERENTIATION 3.3 Implizite Differentiation

Algorithmus 3.1 (Vorgehensweise der impliziten Differentiation):


1. Differentiation der Gleichung F (x, y(x)) = 0 nach x, wobei y als Funktion von x aufgefasst
wird. Dabei Produkt– und Kettenregel beachten.
2. Auflösen der differenzierten Gleichung nach y ′ liefert y ′ (x, y).
3. Die Steigung im Kurvenpunkt erhält man durch Einsetzen der (x, y)-Koordinaten, welcher
auf der Kurve liegen muss.

Beispiel 3.9:
Gegeben ist die implizite Funktion:
x2 − x e y + ln(y) = 0
Gesucht ist die Tangentensteigung im Punkt (e, 1).
ˆ Zeigen Sie: (e, 1) ist Punkt der Kurve.

ˆ Berechnen Sie die Steigung in diesem Punkt:

ˆ Der zugehörige Plot sieht wie folgt aus:

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3 DIFFERENTIATION 3.3 Implizite Differentiation

x
2 4 6 8

3.3.2 Ableitung der Umkehrfunktion

Satz 3.7 (Ableitung der Umkehrfunktion):


Existiert für eine Funktion f (x) die Umkehrfunktion f −1 (y) und ist differenzierbar, so kann man
diese wie folgt berechnen:
1
(f −1 )′ (y) = ′ −1
f (f (y))

Beweis: Wir wissen, dass für die Umkehrfunktion f −1 (f (x)) = x gilt. Differentiation mit der Kettenregel
ergibt:

Beispiel 3.10:
ˆ Gesucht ist die Ableitung d
dy loga (y) = (loga (y))′ :

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3 DIFFERENTIATION 3.3 Implizite Differentiation

ˆ Gesucht ist (arcsin y)′ .


y = f (x) = sin x, f −1 (y) = arcsin y = x
.

ˆ Berechnung von (arctan y)′

Beispiel 3.11:
Bei der Olympiade sollen die LäuferInnen auf der
Zielgerade gefilmt werden. Zum Zeitpunkt t =
0 s biegen sie auf die Zielgerade ein, an deren
Startpunkt im Abstand 20 m auch die Kamera steht.
Die LäuferInnen haben eine Geschwindigkeit von ϕ
ϕ
10 m/s. Es sei φ(t) der Winkel zu den LäuferInnen
zum Zeitpunkt t, wenn die Kamera zum Zeitpunkt
0 den Winkel 0 einschließt.
ˆ Bestimmen Sie φ in Abhängigkeit von der Zeit (Einheiten weglassen).

ˆ Wie schnell muss der Kameramann die Kamera drehen, damit die LäuferInnen im Bild bleiben?

ˆ Wie schnell muss er sie am Beginn der Zielgerade bzw. im Zieleinlauf drehen?

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3 DIFFERENTIATION 3.4 Anwendung der Differentiation

3.4 Anwendung der Differentiation


3.4.1 Maxima und Minima einer Funktion

Definition 3.2 (Minimum, Maximum):


Eine Funktion f hat ein globales Minimum (Maximum) in a ∈ D, wenn gilt:

∀ x ∈ D : f (x) ≥ f (a) (bzw. f (x) ≤ f (a))

Die Zahl b heißt lokales Minimum (bzw. Maximum), wenn es ein Intervall I mit Mittelpunkt b
gibt, mit
∀ x ∈ I ∩ D : f (x) ≥ f (b) (bzw. f (x) ≤ f (b))
Minima und Maxima heißen Extrema.

Satz 3.8 (Extrema):


Ist f eine auf dem offenen Intervall I differenzierbare Funktion, so gilt

x0 ∈ I lokale Extremalstelle von f ⇒ f ′ (x0 ) = 0.

Bemerkung 3.6:
Die Umkehrung gilt nicht.
Finden Sie ein Beispiel dafür, dass die Umkehrung nicht gilt.
D.h. f ′ (x0 ) = 0 ist eine notwendige Bedingung für Extremalstellen (→ Kontraposition!). In Summe
sind die folgenden Stellen Kandidaten für Extremstellen:
ˆ die stationären Punkte aus dem Innern von I (d.h. die mit f ′ (x) = 0)
ˆ die Randpunkte
ˆ die Punkte aus I, an denen f nicht differenzierbar ist

Beispiel 3.12:
Aus einer rechteckigen Blechplatte der Seitenlängen 24 cm und 15 cm soll eine quaderförmige offene
Wanne mit maximalem Volumen geformt werden, indem die Ecken weggeschnitten und die Seiten dann
hochgeklappt werden.

Beispiel 3.13:
Zwischen den 4 Ecken eines Rechtecks mit den
Seitenlängen a, b (a > b > 0) soll ein möglichst
ϕ ϕ
kurzes Kabel verlegt werden, so dass alle Ecken b
verbunden sind. Wie groß muss der Winkel φ
gewählt werden?
a

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3 DIFFERENTIATION 3.4 Anwendung der Differentiation

ˆ Bestimmen Sie die Länge des Kabels L(φ) in Abhängigkeit von φ.

ˆ Berechnen Sie das Minimum Lmin der Funktion. Wie groß ist der Winkel φ im Minimum?

3.4.2 Mittelwertsatz der Differentialrechnung


y
2

Satz 3.9 (Mittelwertsatz):


Ist die Funktion f im abgeschlossenen 1
Intervall [a, b] stetig und in ]a, b[
differenzierbar, dann gibt es mindestens x
einen inneren Punkt x0 ∈]a, b[ mit −3 −2 −1 1

f (b) − f (a) −1
f ′ (x0 ) =
b−a
−2

Bemerkung 3.7:
Anschauliche Bedeutung: Für mindestens einen Punkt ist die Kurventangente parallel zur Gerade durch
(a, f (a)), (b, f (b)).

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3 DIFFERENTIATION 3.4 Anwendung der Differentiation

Beschriften Sie die Skizze so, dass die Bedeutung des Satzes klar wird.
Physikalische Interpretation: Bei einer Bewegung s = f (t) wird die Durchschnittsgeschwindigkeit
mindestens an einem Punkte erreicht.
Äquivalent kann man auch schreiben:
∃ x0 ∈ [a, b] : f (b) − f (a) = (b − a)f ′ (x0 )
Es kann auch passieren, dass es mehrere Punkte mit der gleichen Steigung gibt:
y
2

x
2 4 6 8

−2

Satz 3.10 (Monotonie und Ableitung):


Für eine auf dem Intervall I differenzierbare Funktion f gilt:
1. f ′ (x) > 0 auf I =⇒ f ist auf I streng monoton steigend.
2. f ′ (x) < 0 auf I =⇒ f ist auf I streng monoton fallend.
3. f ′ (x) ≥ 0 auf I ⇐⇒ f ist auf I monoton steigend.
4. f ′ (x) ≤ 0 auf I ⇐⇒ f ist auf I monoton fallend.
5. f ′ (x) = 0 auf I ⇐⇒ f ist auf I konstant.

Beweis: zu 1.: Zu 2 Zahlen x1 < x2 gibt es nach dem Mittelwertsatz ein x0 mit
f (x2 ) − f (x1 )
= f ′ (x0 ) > 0.
x2 − x1
Wegen x2 > x1 ist der Nenner positiv. Da auch der Bruch positiv ist, muss dann der Zähler positiv
sein, d.h. f (x2 ) − f (x1 ) > 0. Daraus folgt f (x2 ) > f (x1 ).
Warum gilt hier mal =⇒, mal ⇐⇒? Überlegen Sie sich Beispiele, in denen die fehlende Richtung nicht
gilt.

Satz 3.11 (Extremwerttest I):


Eine auf dem offenen Intervall ]a, b[ definierte Funktion f hat im stationären Punkt x0 (d.h.
f ′ (x0 ) = 0) ein lokales Maximum, wenn die Ableitung unmittelbar links von x0 positiv und rechts
von x0 negativ ist.

Fertigen Sie eine Skizze an, die die Situation veranschaulicht. Wie lautet die entsprechende Aussage für
ein Minimum?

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3 DIFFERENTIATION 3.4 Anwendung der Differentiation

Satz 3.12 (Extremwerttest II):


Ist f auf ]a, b[ zweimal stetig differenzierbar und x0 ∈]a, b[ ein stationärer Punkt, dann gilt:
ˆ f ′′ (x0 ) < 0 ⇒ f hat in x0 ein lokales Maximum.
ˆ f ′′ (x0 ) > 0 ⇒ f hat in x0 ein lokales Minimum.

Wie sieht eine Beweisidee aus?

3.4.3 Wendepunkte
Das Krümmungsverhalten der Kurve y = f (x) wird durch die 2. Ableitung beschrieben.

Satz 3.13 (Krümmungstest):


ˆ f ′′ > 0 ⇒ Die Kurve ist konvex (=Linkskrümmung).
ˆ f ′′ < 0 ⇒ Die Kurve ist konkav (=Rechtskrümmung).
Punkte, an denen die Krümmungsrichtung sich ändert, heißen Wendepunkte.

Die Kandidaten für Wendepunkte sind


ˆ die Punkte aus I, in denen f ′′ = 0 ist.
ˆ Die Punkte aus I, in denen f ′′ nicht existiert.

Satz 3.14 (Wendepunkttest):


f ′′ (x0 ) = 0, f ′′′ (x0 ) ̸= 0 ⇒ f hat in x0 einen Wendepunkt.

Beispiel 3.14:
y
3

Die zweite Ableitung f ′′ einer Funktion f sei durch den


2

nebenstehenden Graphen gegeben


1

Skizzieren Sie mögliche Graphen von f so, dass f 00


(x
) x
−2 −1 1 2

−1

f wachsend auf [−1; 1] ist. f auf [−1; 1] fällt. f ihr lokales Minimum in x = 0 hat.

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3 DIFFERENTIATION 3.4 Anwendung der Differentiation

3.4.4 Die Regeln von l’Hospital

Satz 3.15 (L’Hospital):


f, g seien auf dem Intervall ]a, b[ differenzierbare Funktionen (b ∈ R ∪ {−∞, ∞}). Es gelte g ′ (x) ̸=
0 und die Funktionen haben die folgenden Eigenschaften
ˆ f (x) → 0, g(x) → 0 oder f (x) → ∞, g(x) → ∞ für x → b.
f ′ (x)
ˆ limx→b g ′ (x) = L mit L ∈ R ∪ {−∞, ∞} (bestimmte Divergenz).
Dann gilt
f (x) f ′ (x)
lim = lim ′
x→b g(x) x→b g (x)

Bemerkung 3.8:
Sollte der Quotient der Ableitungen erneut ein Fall für den Satz von L’Hospital sein, so kann dieser
natürlich immer weiter wiederholt werden, bis ein endlicher Grenzwert entsteht:

f (x) f ′ (x) f ′′ (x) f ′′′ (x)


lim = lim ′ = lim ′′ = lim ′′′ ...
x→b g(x) x→b g (x) x→b g (x) x→b g (x)

Beispiel 3.15:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
ˆ limx→0 sin x
x

ˆ limx→∞ ln x
x

 
ˆ limx→∞ x ln x−1
x+1

ˆ limx→∞ (p(x)e−ax ), a>0

ˆ limx→∞ ln x
xb
, b>0

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3 DIFFERENTIATION 3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen

ˆ limx→0 xb ln x, b>0


ˆ limx→0 1
sin x − 1
x

3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer


Gleichungen
Eine der wichtigsten Aufgaben in der Praxis ist das Lösen nichtlinearer Gleichungen
f (x) = 0.
Lässt sich die Gleichung nicht analytisch lösen (z.b. ex − x = 0), so muss man auf Näherungslösungen
zurückgreifen.
Das von Newton stammende Näherungsverfahren zur Bestimmung der reellen Nullstellen einer Funktion
f (x) ist –wie das Bisektionsverfahren– ein sog. Iterationsverfahren, d.h. es werden ausgehend von einem
Startwert x0 durch wiederholtes Anwenden einer Rechenvorschrift eine Folge von Näherungen x1 , x2 , . . .
berechnet, die gegen die gesuchte Lösung konvergieren.
Der wesentliche Vorteil des Newton-Verfahrens gegenüber dem Bisektionsverfahren ist, dass es im
Normalfall sehr viel schneller zur Nullstelle konvergiert.
Der wesentliche Nachteil des Newton-Verfahrens ist, dass man die Ableitung der Funktion f (x) kennen
muss.
y

Die Idee des Newton-Verfahrens ist, statt der Nullstelle der


Funktion die Nullstelle der Tangente zu berechnen. Da letztere
eine Gerade ist, ist dies einfacher. Die Gleichung der Tangente
t(x) ist
!
t(x) = f (xn ) + f ′ (xn )(x − xn ) = 0.
x
x2 x1 x0

Auflösen nach x ergibt


f (xn )
x = xn − (=: xn+1 ) .
f ′ (xn )

Definition 3.3 (Newton-Verfahren):


Das Newton-Verfahren ist durch die iterative Vorschrift
f (xn )
xn+1 := xn −
f ′ (xn )

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3 DIFFERENTIATION 3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen

definiert. Ziel der Iterationen ist, dass limn→∞ f (xn ) = 0.

Beispiel 3.16 (Heron-Verfahren/Babylonisches Wurzelziehen):


Das Heron-Verfahren wurde von den alten Griechen dazu benutzt, Wurzeln zu berechnen. Die Wurzel
aus a erhält man ausgehend von einem Startwert x0 durch die Rekursion
 
1 a
xn+1 = xn + .
2 xn

Zeigen Sie, dass die Newton-Iterations-Vorschrift zur Bestimmung von a mit dem Heron-Verfahren
übereinstimmt.

Tipp: a ist die Lösung der Gleichung f (x) = x2 − a = 0.

Bemerkung 3.9:
Das Newton-Verfahren konvergiert sehr
√ schnell in der Nähe der Lösung. Hierzu betrachten wir für das
Heron-Verfahren die Berechnung von 2 ≈ 1.414213562373095.
n xn
n xn 0 10.000000000000000
0 2.000000000000000 1 5.100000000000000
1 1.500000000000000 2 2.746078431372549
2 1.416666666666667 3 1.737194874379598
3 1.414215686274510 4 1.444238094866232
4 1.414213562374690 5 1.414525655148738
5 1.414213562373095 6 1.414213596802269
7 1.414213562373095

Bei dem recht groben Startwert x0 = √ 2 oder sogar dem sehr schlechten x0 = 10 hat das Heron-
Verfahren nach nur 5 bzw. 7 Iterationen 2 auf 16 gültige Ziffern exakt bestimmt! Insbesondere, wenn
man nah an der richtigen Lösung ist, verdoppelt sich die Anzahl der gültigen Ziffern in jeder Iteration!

Beispiel 3.17:
Bestimmen Sie eine Nullstelle von
f (x) = x − 2 cos(x)
mit dem Newton-Verfahren. Bestimmen Sie einen geeigneten Startwert mit Hilfe einer Skizze.

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3 DIFFERENTIATION 3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen

Beispiel 3.18:
Man kann den Kehrwert einer Zahl sehr schnell mit dem Newton-Verfahren bestimmen. Lösen Sie hierzu
die Gleichung
1
f (x) = − c = 0
x
mit der man den Kehrwert von c bestimmen will. Betrachten Sie als Beispiel c = π2 mit Startwert
x0 = 1.

Bemerkung 3.10:
Nicht immer konvergiert das Newton-Verfahren - manchmal entfernt man sich mit dem Verfahren sogar
sehr weit von der eigentlichen Lösung bei ungeschickter Wahl des Startwertes. Beispielsweise divergiert
das Verfahren in dem vorhergehenden Beispiel für c = π.
Praktisch probiert man einfach aus, ob nach ein paar Schritten das Verfahren konvergiert oder nicht.
Divergiert die Iteration, so muss man einen besseren Startwert x0 wählen.

Bemerkung 3.11 (Optimierung mit dem Newton-Verfahren):


Wir stellen fest:
ˆ Um Kandidaten für eine Extremalstelle von f (x) zu erhalten, muss man die Nullstellen der
Ableitung f ′ (x) = 0 bestimmen.
ˆ Das Newton-Verfahren wird als numerisches Verfahren verwendet, um die Nullstellen einer nichtlinearen
Funktion zu bestimmen.
Wie kann man nun beides kombinieren?
Will man eine Extremalstelle über die Nullstelle der Ableitung mit dem Newton-Verfahren bestimmen
ergibt sich die Iterationsvorschrift für die Extremalstelle:

f ′ (xn )
xn+1 = xn − .
f ′′ (xn )

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3 DIFFERENTIATION 3.6 Übungsblatt Differentiation

3.6 Übungsblatt Differentiation


Ableitung
Aufgabe 3.1:
Berechnen Sie folgende Ableitungen mit der Definition der Ableitung und prüfen Sie das Ergebnis nach,
indem Sie die Differentiationsregeln benutzen.
ˆ f (x) = 3+x
3−x , f ′ (2)

ˆ x3 + 2x2 + 3, f ′ (1)

Aufgabe 3.2:
Berechnen Sie durch Interpretation des Grenzwertes als Ableitung:
cos(π+h)−cos(π)
1. limh→0 h

2x −32
2. limx→5 x−5

Aufgabe 3.3:
Zeichnen Sie den Graphen von

x sin x1 falls x ̸= 0
f (x) = .
0 falls x = 0

Ist die Funktion stetig und differenzierbar in 0?

Fortsetzung: Betrachten Sie nun



x2 sin x1 falls x ̸= 0
f (x) = .
0 falls x = 0

Ist die Funktion differenzierbar in 0? Was können Sie über ihre Ableitung sagen?

Aufgabe 3.4:
Berechnen Sie die Ableitungen von
1. f (x) = (ax + b)n .

2. y = loga (x + x2 + 1), a > 0, a ̸= 1
x x
3. f (x) = x + x
1+ 1−x 1+x −1

1
4. g(x) = 1
1+ 1
x

1−y
5. u(y) = √
1+ y

Aufgabe 3.5:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion: Es sei f (x) = (ex − a)2 Dann gilt

∀n ≥ 1 : f (n) (x) = 2n e2x − 2aex

Aufgabe 3.6:
Zeichnen Sie y = f (x) = x arcsin x. Wie lautet die Tangentengleichung im Punkt (0.5, ?). Zeichnen
Sie sie.

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3 DIFFERENTIATION 3.6 Übungsblatt Differentiation

Implizite Differentiation
Aufgabe 3.7:
Berechnen Sie y ′ (x), wenn y implizit als Funktion von x gegeben ist:
ˆ xy 3 − 3x2 = xy + 5 :
ˆ exy + y ln x = cos(2x)

Aufgabe 3.8:
Bestimmen Sie die Umkehrfunktion zu den folgenden Funktionen. Leiten Sie Funktion und Umkehrfunktion
ab. Zeigen Sie, dass der entsprechende Satz aus der Vorlesung gilt.

ˆ y = ln 1 − x2
ex
ˆ y= 1+ex

ˆ y = ln(x2 − 1)
x
ˆ y = a bb−1
−1

Aufgabe 3.9:
Gegeben ist die sog. Lemniskate (Achterkurve) mit der Gleichung y 4 = y 2 − x2 .
1. Plotten Sie die Funktion
(bspw. in Octave: figure; ezplot(@(x,y) y.^4-y.^2+x.^2,[-1,1],500)
oder Matlab: figure; fimplicit(@(x,y) y.^4-y.^2+x.^2,[-1,1])).
2. Bestimmen Sie die Steigung in den Punkten mit y = 21 .

Extremwertprobleme
Aufgabe 3.10:
Einer Halbkugel vom Radius R = 9 soll ein Kegelstumpf mit maximalem Volumen einbeschrieben
werden. Bestimmen Sie die den kleineren Radius x des Kegelstumpfes. Berechnen Sie x mit dem
Newton-Verfahren bis auf mind. 2 Stellen hinter dem Komma genau.
Tipp 1: Volumen eines Kegelstumpfs: V (x) = 31 πh(R2 + x2 + Rx) mit der Höhe h, dem größeren
Radius R und dem kleineren Radius x.
Tipp 2: Zeichnen Sie die Seitenansicht des Problems.
Aufgabe 3.11:
Wie ist der rechteckige Querschnitt eines Kanals (oben offen, d.h. es gibt Bodenplatte und zwei
Seitenplatten) zu dimensionieren, damit der Materialverbrauch möglichst klein wird?
Annahme: Volumen V und Länge y sei gegeben. Tipp: Zeichnen Sie den Kanal und benennen Sie alle
Seiten.
Aufgabe 3.12:
Welcher Punkt der Normalparabel y = x2 hat den kürzesten Abstand zum Punkt (3, 0)?

l’Hôpital
Aufgabe 3.13:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
ˆ limx→0 (x · cot x)
x
ˆ limx→∞ x1
1
ˆ limx→∞ x x .
√ 
ˆ limx→∞ ln x + 1 − 1
2 ln(x + 2)

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3 DIFFERENTIATION 3.6 Übungsblatt Differentiation

Newton-Verfahren
Aufgabe 3.14:
x
Zeigen Sie, dass die Lösung von (xx ) = e x identisch ist mit ln(x) = x1 . Bestimmen Sie daraufhin die
Newton-Iterationsvorschrift. Erstellen Sie einen Plot, um einen guten Startwert für die Newton-Iteration
zu bestimmen und führen Sie die ersten Iterationsschritte aus.

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4 INTEGRALRECHNUNG

4 Integralrechnung
4.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels

ˆ führen Sie unendliche Summen auf Integrale zurück

ˆ stellen Sie mit Hilfe des Hauptsatzes einen Zusammenhang zwischen Differential- und Integralrechnung
her

ˆ lösen Sie einfache Integrationsaufgaben mit den Techniken Substitution, partielle Integration und
Partialbruchzerlegung

ˆ wählen Sie zu praktischen Problemstellungen eine geeignete Integrationsmethode aus und erkennen,
wann eine Methode (nicht) zielführend ist

ˆ berechnen Sie Flächen mit Hilfe der Integration

ˆ berechnen Sie uneigentliche Integrale durch Anwenden von bekannten Integrationstechniken und
Grenzübergang

ˆ entscheiden Sie, wann numerisches Integrieren besser geeignet ist als analytisches, und wenden
einfache numerische Integrationstechniken an

4.2 Das Flächenproblem


Nun wollen wir die Fläche unter einer Kurve y = f (x) bestimmen. Wie häufig in der Mathematik führen
wir das Problem auf ein einfacheres zurück.

Beispiel 4.1:
y
4

Betrachten wir die Funktion y = f (x) = x2 im Intervall [1, 2].


Einen Näherungswert für die Fläche erhalten wir, indem wir 2
das Intervall [1, 2] in gleich breite Streifen teilen.

1
x2
)=
f(x

x
1 2 3

Als Unterteilungspunkte bei 4 Streifen erhalten wir neben den Randpunkten 1 bzw. 2 also 54 , 32 , 74 . Der
Flächeninhalt kann dann durch die Fläche der Rechteckstreifen angenähert werden. Jedes Rechteck hat
die Breite 41 .

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.2 Das Flächenproblem

y
4

Betrachten wir zunächst die unter der Kurve liegenden


3
Rechtecke in der mittleren Abbildung: Ihre Höhen sind gleich
den jeweiligen Funktionswerten am linken Rand des Rechtecks:
2 2 2
12 , 54 , 32 bzw. 74 . Die Gesamtfläche der 4 Rechtecke
2
ist somit
 2  2  2
1 1 5 1 3 1 7
L4 = · 12 + · + · + · ≈ 1.96875 1
4 4 4 4 2 4 4

x2
)=
L4 = 1.97

f(x
x
1 2 3
y
4

Analog erhalten wir für die über der Kurve endenden Rechtecke 3
als Gesamtfläche in der mittleren Abbildung, da ihre Höhe
nun durch die Funktionswerte am rechten Teilintervallende
gegeben sind: 2 R4 = 2.72
 2  2  2
1 5 1 3 1 7 1
R4 = · + · + · + · 22 ≈ 2.71875
4 4 4 2 4 4 4 1

x2
)=
f(x

x
1 2 3

Die Fläche A unter der Parabel liegt dann garantiert zwischen diesen beiden Werten:

1.96875 < A < 2.71875.

Diese Vorgehensweise kann man jetzt mit mehr Streifen wiederholen: Zerlegung in n = 10 Streifen:
(Streifenbreite ∆x = 0.1)

L10 = 12 · 0.1 + 1.12 · 0.1 + 1.22 · 0.1 + · · · + 1.92 · 0.1 = 2.185


2 2 2 2
R10 = 1.1 · 0.1 + 1.2 · 0.1 + 1.3 · 0.1 · · · + 2 · 0.1 = 2.485

y
4

n Ln Rn Rn − Ln 3
4 1.96875 2.71825 0.7495
10 2.185 2.485 0.3 R10 = 2.48
20 2.25875 2.40875 0.15 2 L10 = 2.19
50 2.3034 2.3634 0.06
100 2.31835 2.34835 0.03
1000 2.3318335 2.3348335 0.003 1
x2
)=
f(x

x
1 2 3
Aus der Tabelle entnehmen wir, dass die Differenz zwischen Ln und Rn , zwischen denen der echte

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.3 Das bestimmte Integral

Flächenwert liegt, gegen 0 geht und es gilt:

7
lim Ln = lim Rn =
n→∞ n→∞ 3
y
4

Oben haben wir als Höhen der Rechtecke für Ln die 3


Funktionswerte am linken, für Rn die am rechten Rand der
Teilintervalle verwendet. M4 = 2.33
2
Alternativ kann man natürlich auch die Höhe des Rechtecks
z.B. durch den Mittelpunkt jeden Teilintervalls bestimmen, so
ergibt sich die nebenstehende Abbildung. 1

x2
)=
f(x
x
1 2 3

Beispiel 4.2:
2
Berechnen Sie die Fläche unter der Kurve e−x im Intervall [0, 1]. Verwenden Sie einen Näherungswert
durch Verwendung von links- bzw. rechtsseitigen Summen mit 4 Teilintervallen.

4.3 Das bestimmte Integral


4.3.1 Definition
Um die Fläche unterhalb des Graphen der Funktion y = f (x) im Intervall [a, b] zu berechnen, geht man
generell so vor: Man unterteilt das Intervall in n Teilintervalle der Breite ∆x = b−a
n und erhält so die
Punkte
b−a
x0 = a, x1 = a + ∆x, x2 = a + 2∆x, . . . , xi = a + i∆x = a + i , . . . , xn = b.
n
Dann ergibt sich als Gesamtfläche der Rechtecke, wenn man die Funktionswerte:

ˆ an den linken Endpunkten der Teilintervalle verwendet


n
X
Ln = f (x0 ) · ∆x + f (x1 ) · ∆x + · · · + f (xn−1 ) · ∆x = f (xi−1 ) ∆x
i=1

ˆ an den rechten Endpunkten der Teilintervalle verwendet


n
X
Rn = f (x1 ) · ∆x + f (x2 ) · ∆x + · · · + f (xn ) · ∆x = f (xi ) ∆x
i=1

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.3 Das bestimmte Integral

ˆ an den Mittelpunkten der Teilintervalle verwendet (Mittelpunktregel)


     
x0 + x1 x1 + x2 xn−1 + xn
Mn = f · ∆x + f · ∆x + · · · + f · ∆x
2 2 2
Xn  
xi−1 + xi
= f ∆x
i=1
2

ˆ an beliebigen Punkten ξi im Teilintervall [xi−1 , xi ] verwendet


n
X
Zn = f (ξ1 ) · ∆x + f (ξ2 ) · ∆x + · · · + f (ξn ) · ∆x = f (ξi ) ∆x
i=1

Zur Berechnung der Fläche unter der Kurve erhöht man dann die Anzahl der Rechtecke, bildet also den
Grenzwert der Rechteckflächen für n → ∞:
n
X n
X b−a
lim f (ξi ) ∆x = lim f (ξi ) .
n→∞
i=1
n→∞
i=1
n

Definition 4.1 (Bestimmtes Integral):


Rb
Der Grenzwert heißt das bestimmte Integral von f über [a, b] und wird mit a f (x) dx bezeichnet:
Z b n
X b−a
f (x) dx := lim f (ξi ) ,
a n→∞
i=1
n }
| {z
=:∆x
Pn
mit ξi ∈ [ a+(i−1)∆x, a+i ∆x ]. Die Summe i=1 f (ξi )∆x auf der rechten Seite der Gleichung
nennt man Riemannsche Summe.

Bemerkung 4.1:
So ist die Integralnotation entstanden (griechisches Σ → lateinisches S“, beides für Summe):

P
lim f (ξi ) ∆xi

R ↓ ↓
f (x) dx

Beispiel 4.3:
Schreiben Sie folgende Integrale als Grenzwert einer Riemannschen Summe:
R1
ˆ 0 x dx =

R2 Pn−1 
2i 3 2
Pn 
2i 3 2
ˆ 0
x3 dx = limn→∞ i=0 n n = limn→∞ i=1 n n

R 2π
ˆ π
tan(x) dx =

Beispiel 4.4:
Schreiben Sie als Integral:
Pn−1 2
ˆ limn→∞ i=0 ni 1
n =

Pn−1 
i 2 1
R2
ˆ limn→∞ i=0 1+ n n = 1
x2 dx

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.3 Das bestimmte Integral

Pn 
2i 2 2
ˆ limn→∞ i=1 1+ n n =

Pn 
ˆ limn→∞ 2
n i=1 sin 1 + 2i
n =

Bemerkung 4.2:
ˆ Wählt man ξi so, dass der Funktionswert im Teilintervall dort minimal ist, so nennt man die
Zn Untersumme, wählt man ξi so, dass er maximal ist, so heißen sie Obersumme. Für monoton
steigende Funktion z.B. erhält man Untersummen, wenn man den Punkt ξi am linken Intervallende
wählt.
ˆ Man kann die einzelnen Teilintervallbreiten auch verschieden groß wählen: ∆xi für alle i = 1, .., n.
Wichtig ist für den Integral-Grenzwert dann jedoch, dass ∀ i = 1, .., n : limn→∞ (max ∆xi ) = 0.
ˆ Um für eine allgemeine Funktion (oder Daten) eine möglichst gute Näherung des Flächeninhalts
zu bekommen, ist es i.A. am besten, ξi als Intervallmittelpunkt zu wählen (Mittelpunktregel, s.
Formel Mn ).
ˆ Für stetige Funktionen existiert der obige Grenzwert immer: Ist f stetig bis auf endlich viele
Rb
Sprungstellen, so existiert a f (x) dx. Man sagt, f ist integrierbar.
ˆ Beachten Sie, dass wir bisher keine Stammfunktionen zur Integralberechnung herangezogen haben
- die Definition basiert einzig und allein auf dem Grenzwert der Rechteckflächen.

Bemerkung 4.3 (Zusammenhang Fläche - Integral):


ˆ Ist f (x) ≥ 0, so ist
Z b
A= f (x) dx
a
der Flächeninhalt zwischen Kurve und x-Achse.
ˆ Verläuft die Kurve ganz unterhalb der x-Achse, dann können Sie durch Spiegelung der Funktion
an der x-Achse den Flächeninhalt berechnen:
Z b Z b
A= −f (x) dx = − f (x) dx
a a

ˆ Begrenzt f ein Flächenstück, das mal ober- und mal unterhalb der x-Achse liegt, dann ist
Rb
a
f (x) dx = −A1 + A2 die Summe von mit Vorzeichen versehenen Flächeninhalten. Der Punkt
c ist die Nullstelle von f (x): Bestimmen Sie also zunächst durch Lösen von f (x) = 0 die
Nullstelle(n).
y
)
f( x

Dann gilt:
=
y

Z c Z b
A2
A=− f (x) dx + f (x) dx
a c a c
x
b

A1

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.4 Stammfunktion, Rechenregeln, Grundintegrale

4.3.2 Eigenschaften des bestimmten Integrals


Für den praktischen Umgang mit Integralen benötigen wir noch ein paar Rechenregeln und Abschätzungen,
die wir hier kompakt darstellen.

Satz 4.1 (Rechenregeln für das bestimmte Integral):


Es gelten folgende Rechenregeln:
Z b Z b Z b
∀ α, β ∈ R : (αf (x) + βg(x)) dx = α f (x) dx + β g(x) dx
a a a
Z b Z c Z c
f (x) dx + f (x) dx = f (x) dx
a b a
Z a
f (x) dx = 0
a
Z b Z a
f (x) dx = − f (x) dx
a b

Satz 4.2 (Ungleichungen für das bestimmte Integral):


Es gelten folgende Ungleichungen bzw. Abschätzungen:
Z b Z b
f (x) ≤ g(x) für alle x ∈ [a, b] ⇒ f (x) dx ≤ g(x) dx
a a
Z b
m ≤ f (x) ≤ M ⇒ m(b − a) ≤ f (x) dx ≤ M (b − a)
a
Z b Z b
f (x) dx ≤ |f (x)| dx
a a

Machen Sie sich die Beziehungen, wenn möglich, jeweils an einer Skizze klar.

4.4 Stammfunktion, Rechenregeln, Grundintegrale


Stammfunktionen sind ein sehr nützliches Hilfsmittel beim Umgang mit Integralen. Später werden uns
die Stammfunktionen mit dem Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung auch noch wichtige
theoretische Einblicke ermöglichen.

Definition 4.2 (Stammfunktion):


Die Funktion f sei auf dem Intervall I definiert. Eine differenzierbare Funktion F heißt Stammfunktion
von f auf I, wenn F ′ = f auf I gilt.

D.h. die Stammfunktion ist nur über die Differentiation definiert und über keine Flächenberechnung!
Beispiel 4.5:
f (x) = x2 + x + 2. Dann ist F (x) = 13 x3 + 12 x2 + 2x − 6 auf R eine Stammfunktion, ebenso ist aber
auch z.B. F (x) = 13 x3 + 12 x2 + 2x + π eine Stammfunktion.
Zwei verschiedene Stammfunktionen von f auf I können sich nur um eine additive Konstante c
unterscheiden: F1 (x) = F2 (x) + c, da diese beim Ableiten wegfällt.
Ist also F0 eine Stammfunktion, dann erhält man mit F (x) = F0 (x) + c, c ∈ R alle möglichen
Stammfunktionen von f in I. Für diese Gesamtheit von Stammfunktionen benutzt man das Symbol:
Z
f (x) dx.

d.h. ohne Integrationsgrenzen.

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.4 Stammfunktion, Rechenregeln, Grundintegrale

Definition 4.3 (Unbestimmtes Integral):


Als unbestimmtes Integral der Funktion f auf dem Intervall I bezeichnet man die Funktionenmenge
Z
f (x) dx = F0 (x) + c, F0′ = f, c ∈ R.

F0 ist eine beliebige Stammfunktion von f .

Bemerkung 4.4:
ˆ Achtung: Betrachten Sie folgende Implikationen
Z
f (x) dx = F (x) + c ⇐⇒ F ′ (x) = f (x)

jedoch:
F (x) eine spezielle Stammfunktion von f (x) =⇒ F ′ (x) = f (x)
ˆ Folgende Begriffe müssen unterschieden werden:

Typ Bedeutung
Rb
bestimmtes Integral a f (x) dx reelle Zahl;
R falls f ≥ 0: Deutung als Flächeninhalt
unbestimmtes Integral f (x) dx Menge aller Stammfunktionen von f :
Eine Funktionenschar
bestimmtes Integral
R x mit variabler Eine Funktion in Abhängigkeit von x
oberer Grenze a f (t) dt Bedeutung kommt in nächstem Abschnitt

Satz 4.3 (Grundintegrale):


Man erhält aus der Differentialrechnung folgende Tabelle mit sogenannten Grundintegralen (c ∈
R):
Z ( α+1 Z
x
α +c α ̸= −1
x dx = α+1 e x dx = e x + c
ln(|x|) + c α = −1
Z Z
1
a dx = ax + c dx = arctan x + c
1 + x2
Z Z
1
sin x dx = − cos x + c √ dx = arcsin x + c
1 − x2
Z
cos x dx = sin x + c

Satz 4.4 (Linearität der Stammfunktion):


ˆ Ist F in I Stammfunktion von f , G Stammfunktion von g, so ist F + G Stammfunktion
von f + g. Analog für endlich viele Summanden.
ˆ Ist F Stammfunktion von f , so ist cF , c ∈ R, Stammfunktion von cf .

Beweis: Anwendung der Rechenregeln der Differentiation, insbesondere die Linearität.

Bemerkung 4.5:
Der Satz gestattet die unbestimmte Integration jedes Polynoms:
Z
n
p(x) = a0 + a1 x + . . . an x ⇒ p(x) dx =

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.5 Hauptsatz der Differential– und Integralrechnung

Bemerkung 4.6 (Existenz der Stammfunktion):


Kann man von jeder stetigen Funktion ihre Stammfunktion bestimmen? Die mathematische Antwort
ist: Ja, aber man kann sie nicht immer hinschreiben.
R 2 R −x
Stammfunktionen wie e−x dx oder auch e x dx können nicht explizit berechnet werden, sondern
nur angenähert werden. Wir werden im Abschnitt zur numerischen Integration hierauf eingehen.

4.5 Hauptsatz der Differential– und Integralrechnung


In diesem Abschnitt stellen wir nun endlich die Ihnen aus der Schule bekannte Beziehung zwischen
Stammfunktion und bestimmten Integral her.
Es sei folgende Hilfsfunktion als bestimmtes Integral gegeben, wobei die obere Integrationsgrenze x
variabel sei und a ∈ R eine beliebige Konstante:
Z x
ϕa (x) := f (t) dt.
a

Der Flächenzuwachs im Intervall [x, x + ∆x]


t)
f(

lautet:
=

Z x+∆x
y

f(x + ∆x)

f (t) dt
x
∆Φa (x) Zx+∆x Z x
= f (t) dt − f (t) dt
f(x)

a a
= ϕa (x + ∆x) − ϕa (x).

x
a x x + ∆x
Aus der Skizze entnimmt man:

∆x · min f (ξ) ≤ ϕa (x + ∆x) − ϕa (x) ≤ ∆x · max f (ξ)


ξ∈[x,x+∆x] ξ∈[x,x+∆x]

und damit
ϕa (x + ∆x) − ϕa (x)
min f (ξ) ≤ ≤ max f (ξ)
ξ∈[x,x+∆x] ∆x ξ∈[x,x+∆x]

Grenzübergang ∆x → 0 ergibt
d
f (x) ≤ ϕa (x) ≤ f (x)
dx
und somit ϕ′a (x) = f (x).
Daraus ergibt sich einer der wichtigsten Sätze der Analysis:

Satz 4.5 (Hauptsatz der Differential- undR Integralrechnung, HDI - Teil 1):
x
Sei f (x) stetig auf [a, b]. Es sei ϕa (x) = a f (t) dt, dann gilt für alle x ∈ [a, b]

ϕ′a (x) = f (x)

oder noch kürzer:


Z x
d
f (t) dt = f (x)
dx a

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.6 Fläche zwischen zwei Funktionsgraphen

⇒ Die bestimmte Integration mit beweglicher


Rx oberer Grenze ist die Umkehrung der Differentiation.
Der Hauptsatz besagt, dass ϕa (x) = a f (t) dt eine Stammfunktion von f ist. Sei F (x) irgendeine
(andere) beliebige Stammfunktion von f , so gilt
Z x
f (t) dt = F (x) + c.
a

Setzt man x = a ein, so ergibt sich


Z a
0= f (t) dt = F (a) + c → c = −F (a)
a

und damit Z x
f (t) dt = F (x) − F (a) .
a

Satz 4.6 (Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung, HDI - Teil 2):
Sei F eine beliebige Stammfunktion von f . Dann gilt für das bestimmte Integral
Z b
x=b
f (x) dx = [F (x)]x=a = F (b) − F (a)
a

Beispiel 4.6:
R 
d x 1 1
1. dx 4 1+5t4 dt = 1+5x4

R 
d 0
2. dx x
sin2 t dt =

R 
d x2 1
3. dx 5 1+2t4
dt =

Beispiel 4.7:

Z 2
x2 dx =
1

4.6 Fläche zwischen zwei Funktionsgraphen


Wir wollen die Fläche zwischen den Graphen zweier Funktionen f und g berechnen.
So gehen Sie vor:
1. Bestimmen Sie die Schnittpunkte xi zwischen f und g durch Gleichsetzen der Funktionsterme:

f (x) = g(x)

2. Stellen Sie in jedem der Intervalle [xi ; xi+1 ] fest, welche Funktion oberhalb liegt.
3. Integrieren Sie in jedem Teilintervall [xi ; xi+1 ] die Differenz zwischen der größeren und der
kleineren der beiden Funktionen.
4. Falls es mehrere Teilintervalle gibt, addieren Sie die einzelnen Werte.

Beispiel 4.8:
Gesucht ist die Fläche zwischen den Funktionen f (x) = x und g(x) = 21 x2 − 4.

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

1. Schnittpunkte durch Gleichsetzen der Funktionen bestimmen:


1 2 1 2
x= x −4 ⇔ x −x−4=0 ⇔ x = −2 oder x = 4
2 2
2. Wegen f (0) = 0 > −4 = g(0) gilt zwischen den Schnittpunkten, also in [−2; 4]: f (x) ≥ g(x).

Z 4  
1 2
A= x− x − 4 dx
−2 2
 4  
1 2 1 3 40 14
= x − x + 4x = − − = 18
2 6 −2 3 3

4.7 Integrationstechniken
4.7.1 Partielle Integration
Zur Bestimmung der Stammfunktion eines Produktes von Funktionen eignet sich die partielle Integration.
Sie ist die Umkehrung der Produktregel bei der Differentiation.
Produktregel:
(uv)′ = u′ v + uv ′
Integration ergibt dann

Satz 4.7 (Partielle Integration):


Sind u und v auf dem Intervall I differenzierbar, so gilt
Z Z
u(x)v ′ (x) dx = u(x)v(x) − u′ (x)v(x) dx
Z b Z b
b
u(x)v ′ (x) dx = [u(x)v(x)]a − u′ (x)v(x) dx
a a

Beweis: s.o.

Bemerkung 4.7: R R
Die Formel ist vor allem dann nützlich, wenn u′ v dx leichter zu integrieren ist als uv ′ dx. Ist das
neue entstehende Integral schwerer zu berechnen als das alte, so führt diese Vorgehensweise nicht zum
Ziel. Dann sollte man versuchen, die Festlegung von u und v ′ zu ändern, also z.B. zu tauschen.

Beispiel 4.9:
Z
x cos x dx

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Beispiel 4.10:
Z
tet dt

Beispiel 4.11:
Z
ln x dx

Beispiel 4.12:
Z
sin2 x dx

Analog berechnet man


Z
cos2 x dx.

Versuchen Sie es!

4.7.2 Substitution
Die Integralsubstitution ist die Umkehrung der Kettenregel.
R
Hat man z.B. das Integral x cos(x2 ) dx zu lösen, so kann man die Substitution u = g(x) = x2

Analysis, Wintersemester 2023/24, © Prof. Dr. W. Högele 99


4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

durchführen. Dann ergibt sich

So gehen Sie generell vor:

Algorithmus 4.1 (Substitution):


1. Festlegen einer Substitution

u = g(x) ⇒ x = g −1 (u)
du ′ du du
dx = g (x) ⇔ dx = g ′ (x) ⇒ dx = g′ (g−1 (u))

2. Einsetzen in das zu lösende Integral.

x −→ g −1 (u)
du
dx −→ ′ −1
g (g (u))

Vorsicht: Das neue Integral darf die alte Variable x nicht mehr enthalten!
3. Berechnen des neuen Integrals mit Integrationsvariable u.
4. Rücksubstitution (bei unbestimmter Integration): Für u wieder g(x) einsetzen.

Satz 4.8 (Substitution):


Ist u = g(x) differenzierbar und f stetig, dann gilt:
ˆ Substitution bei unbestimmtem Integral:
Z Z
u=g(x) du
f (x) dx −→ f (g −1 (u))
g ′ (g −1 (u))

ˆ Substitution bei bestimmtem Integral:


Z b Z g(b)
u=g(x) du
f (x) dx −→ f (g −1 (u))
a g(a) g ′ (g −1 (u))

Beispiel 4.13:
Betrachte folgende Substitution:
Z 2
x cos(x2 ) dx, u = g(x) = x2
0

x läuft hier von 0 bis 2, u = x2 also von 0 bis 4:


Z 2 Z
2 1 4
x cos(x ) dx = cos(u) du
0 2 0
1 u=4 1
= [sin(u)]u=0 = sin(4)
2 2

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Bemerkung 4.8 (Substitution, alternative Darstellung und Verbindung zur Kettenregel):


Eine alternative Darstellung ohne die explizite Verwendung der Umkehrfunktion lautet:
ˆ Substitution bei unbestimmtem Integral:
Z Z
u=g(x)
h′ (g(x)) g ′ (x) dx −→ h′ (u) du = h(u) + c = h(g(x)) + c

Machen Sie sich klar, dass diese Aussage äquivalent zu Satz 4.8 ist. Insbesondere, wird dabei f (x) →
h′ (g(x)) · g ′ (x) in Satz 4.8 ersetzt.
Bei genauem Betrachten stellen Sie fest, dass dies die Umkehrung der Kettenregel ist.
Die Schwierigkeit dieser Darstellung in der praktischen Verwendung ist, dass man im Integral schon den
gesamten Ausdruck h′ (g(x)) · g ′ (x) ad hoc erkennen muss, wohingegen das Vorgehen im Algorithmus
4.1 bzw. Satz 4.8 nach Schema verläuft.
Beispiel 4.14: R
Integrieren Sie mittels Substitution (x3 + 1)4 x5 dx

Beispiel 4.15: R
Integrieren Sie mittels Substitution (2x − 5)5 dx

Beispiel 4.16: R 2
Integrieren Sie mittels Substitution xex dx

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Beispiel 4.17: R
Integrieren Sie mittels Substitution f (x)f ′ (x) dx

R ln x
Anwendung: x dx

Beispiel 4.18:
R f ′ (x)
Integrieren Sie mittels Substitution f (x) dx

R 10x
Anwendung: 5x2 +2 dx

R x
Anwendung: 5x2 +2 dx

R
Anwendung: tan x dx

Beispiel 4.19 (Trigonometrische Substitution):


R√
Integrieren Sie mittels Substitution 1 − x2 dx Die beste Art, Integrale mit Integranden pder Form

a − x zu lösen ist meistens trigonometrische Substitution, durch die man die Wurzel wegen 1 − sin2 u =
2 2

cos u los wird.

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Beispiel 4.20: R √
Es sei der Integraltyp √R(x, n ax + b) dx, mit R einer rationalen Funktion, gegeben, welchen man mit
n
der Substitution u = ax + b lösen kann.
R 2
Wenden Sie dieses Vorgehen auf: √x dx 3 an.
2x+1

Beispiel 4.21 (Integrale mit trigonometrischen Funktionen):


Tauchen in den Integralen trigonometrische Funktionen auf, versucht man meist durch die Verwendung
trigonometrischer Gleichungen, die Integrale zu vereinfachen.
R
Wenden Sie dieses Vorgehen auf: cos3 x dx an.

4.7.3 Integration rationaler Funktionen


Die Integration von Brüchen kann unterschiedlich schwierig sein:

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Einfach zu integrieren sind z.B.


Z
1
dx = ln |x − 1| + c
x−1
Z
2x
dx = ln |x2 − 1| + c (Substitution)
x2 − 1
Z Z
1
dx = x−2 dx = −x−1 + c
x2
Z
1
dx = arctan(x) + c
x2 + 1
Schwieriger scheint zunächst: Z
3x + 1
dx,
x2 − 1
Da man den Bruch aber aufsplitten kann, gilt:
Z Z  
3x + 1 1 2x
dx = + dx =
x2 − 1 x − 1 x2 − 1

Die rechte Seite lässt sich einfach integrieren, wir haben die einzelnen Integrale oben schon berechnet.
Im Folgenden wird es deshalb darum gehen, Brüche in Teilbrüche aufzuspalten, die leichter integriert
werden können. Diese sogenannte Partialbruchzerlegung hat aber nicht nur Anwendungen in der Integralrechnung,
sondern in etlichen weiteren Bereichen.

Definition 4.4 (Rationale Funktion):


pm (x)
Sind p, q Polynome vom Grad m bzw. n, so ist s(x) = qn (x) eine rationale Funktion.
Den Grad des Polynoms im Zähler m bzw. Nenner n nennen wir Zählergrad bzw. Nennergrad.

Bemerkung 4.9:
ˆ Ist m ≥ n, so kann man einen polynomialen Anteil abspalten: s(x) = s1 (x)+ qsn2 (x)
(x) mit grad(s2 ) <
n. Ein Verfahren dies immer zu erreichen ist die Polynomdivision, die schon früher eingeführt
wurde.
ˆ s1 ist als Polynom ganz einfach integrierbar. D.h. wir müssen im Rahmen der Integration nur den
Restbruch untersuchen, d.h. den Fall Zählergrad < Nennergrad“.

Algorithmus 4.2 (Partialbruchzerlegung – Schritt 1):


p(x)
Aufgrund vorhergehender Bemerkung 4.9 setzen wir bei der rationalen Funktion s(x) = q(x) im
folgenden Zählergrad m < Nennergrad n voraus.
Wir bestimmen alle Nullstellen des Nenners, um das Nennerpolynom in Linearfaktoren zerlegen
zu können:

q(x) = an (x − x1 )r1 (x − x2 )r2 . . . (x − xl )rl mit r1 + r2 + · · · + rl = n

Die xi sind also Nullstellen des Polynoms mit der Vielfachheit ri .


Man erhält als Faktoren:

(x − xi ) für jede einfache reelle Nullstelle xi


(x − xi )r für jede r-fache reelle Nullstelle xi (r > 1)
2
(x2 + ux + v) für unzerlegbare Faktoren mit v > u4
u2
(x2 + ux + v)r für r-fache Potenzen unzerlegbarer Faktoren mit v > 4 (r > 1)

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Algorithmus 4.2 (Partialbruchzerlegung – Schritt 2):


Ansatz der Partialbruchzerlegung: s(x) lässt sich als Summe einfach gebrochener Funktionen,
der sog. Partialbrüche darstellen. Man unterscheidet gemäß der oben erhaltenen Faktoren

Term Ansatz
A
(x − xi )
x − xi
A1 A2 Ar
(x − xi )r + + ··· +
x − xi (x − xi )2 (x − xi )r
Ax + B
(x2 + ux + v)
x2 + ux + v
A1 x + B1 A2 x + B 2 Ar x + Br
(x2 + ux + v)r 2
+ 2 2
+ ··· + 2
(x + ux + v) (x + ux + v) (x + ux + v)r

Algorithmus 4.2 (Partialbruchzerlegung – Schritt 3):


Bestimmung der Koeffizienten der Partialbruchzerlegung:
Der Partialbruchansatz führt auf eine Gleichung zwischen zwei Funktionen, die für alle x gelten
muss.
Auf der linken Seite der Gleichung steht die ursprüngliche rationale Funktion s(x), auf der rechten
Seite der eben beschriebene Ansatz mit den unbekannten As und Bs.
Als ersten Schritt multipliziert man die Gleichung mit dem nach Linearfaktoren zerlegtem Nennerpolynom.
Danach gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten zur Lösung der As und Bs:
1. Einsetzen von verschiedenen x-Werten (es werden genau so viele benötigt, wie wir unbekannte
Koeffizienten im System haben), die auf ein lineares Gleichungssystem führen, das man dann
durch Gauß,... lösen kann.
2. Koeffizientenvergleich. Die beiden entstandenen Polynome müssen für alle x übereinstimmen.
Dies geht nur, wenn die Koeffizienten aller Potenzen jeweils übereinstimmen.

Algorithmus 4.2 (Partialbruchzerlegung – Schritt 4):


Integration der Partialbrüche: Die Partialbrüche, die zu reellen Nullstellen gehören, sind i.A.
nun nicht mehr schwer zu integrieren.
Z
A
dx = A ln |x − xi | + c
x − xi
Z
A A
dx = − + c, n > 1
(x − xi )n (n − 1)(x − xi )n−1

Etwas schwieriger sind die Partialbrüche zu integrieren, die zu den unzerlegbaren Termen gehören:
Hier vervollständigt man das Quadrat und verwendet dann die Formeln (analog für den 4. Fall des
Ansatzes, der hier nicht behandelt wird)
Z
1 1 x+b
dx = arctan +c
(x + b)2 + a2 a a
Z
x 1 b x+b
dx = ln |(x + b)2 + a2 | − arctan +c
(x + b)2 + a2 2 a a

Beispiel 4.22:
Zu integrieren sei Z
4x5 + 5x4 + 3x3 − x − 3
dx
x4 − 1

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

ˆ Vorbereitung: Da der Zählergrad größer ist als der Nennergrad, müssen wir zunächst eine
Polynomdivision durchführen:
3x3 +3x+2
s(x) =( 4x5 +5x4 +3x3 −x −3 ) : (x4 − 1) = 4x + 5 + x4 −1
−(4x5 −4x)
5x4 +3x3 +3x −3
− 5x4 −5 )
3x3 +3x +2
−(3x3 +3x +2)
0
Z Z Z
3x3 + 3x + 2
⇒ s(x) dx = (4x + 5) dx + dx
x4 − 1

ˆ Schritt 1: Nun müssen wir q(x) = (x4 − 1) in Linearfaktoren zerlegen:


Nullstellen +1, −1 sofort zu sehen.

1 0 0 0 −1
x1 = 1 1 1 1 1
1 1 1 1 0 ⇒ x2 + 1 = 0 ⇒ x4 − 1 = (x − 1)(x + 1)(x2 + 1)
x2 = −1 −1 0 −1
1 0 1 0

ˆ Schritt 2: Damit ergibt sich als Ansatz für die Partialbruchzerlegung:

3x3 + 3x + 2 3x3 + 3x + 2 A B Cx + D
= = + + 2
x −1
4 (x − 1)(x + 1)(x2 + 1) x−1 x+1 x +1

ˆ Schritt 3: Die Koeffizienten A, B, C, D bestimmt man durch Multiplikation der Gleichung mit
dem Nenner und Einsetzen verschiedener x-Werte (am besten die Nullstellen des Nenners) oder
durch Koeffizientenvergleich.

3x3 + 3x + 2 = A(x + 1)(x2 + 1) + B(x − 1)(x2 + 1) + (Cx + D)(x − 1)(x + 1)


Einsetzen verschiedener x-Werte ergibt:

x = 1 : 3 + 3 + 2 = 8 = A · 2 · 2 = 4A ⇒ A=2
x = −1 : − 3 − 3 + 2 = −4 = B · (−2) · 2 = −4B ⇒ B=1
x=0: 2=A−B−D =2−1−D ⇒ D = −1
x = 2 : 24 + 6 + 2 = 32 = 15A + 5B + (2C + D) · 3
= 30 + 5 + (2C − 1) · 3
⇒ 32 = 32 + 6C ⇒ C=0

ˆ Schritt 4: Damit ergibt sich für das Integral beim Blick in die Tabelle
Z Z  
3x3 + 3x + 2 2 1 1
dx = + − dx
x4 − 1 x − 1 x + 1 x2 + 1
= 2 ln |x − 1| + ln |x + 1| − arctan x + c

Und damit für das gesamte Integral


Z
s(x) dx = 2x2 + 5x + ln((x − 1)2 |x + 1|) − arctan x + c

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Beispiel 4.23:
Zu integrieren sei Z
3x + 7
dx
(x − 1)2 (x + 1)

Zum Abschluss des Kapitels Integrationstechniken hier noch ein paar Beispiele:

Beispiel 4.24:
Z 5
ˆ (2ex + 4 cos x) dx
0

Z 2
4 + u2
ˆ du
1 u3

Z 2
1
ˆ dx
1 (3 − 5x)

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.7 Integrationstechniken

Z
ˆ x2 cos(3x) dx

Z

ˆ sin( x) dx (Tipp: erst Substitution, dann partielle Integration)

Z
x
ˆ dx
x2 +1

Z
5x − 4
ˆ dx
2x2 + x − 1

Z
x2 + 3x − 2
ˆ dx (Tipp: x = 1 ist Nullstelle des Nenners)
x3 − x2 + x − 1
R4
ˆ −∞
e3x dx

4.8.2 Unbeschränkter Integrand


y
6
Betrachten wir nun im zweiten Fall folgendes Integral:
1 5
f (x) = √
1 − x2
4

Z r
1
√ dx = arcsin x|r0 3
0 1 − x2
= arcsin r 2

f(x) = √ 1
1−x2
und damit Z 1
1
1 π
√ dx =
0 1 − x2 2 x
0.2 0.4 0.6 0.8 1

Definition 4.6 (Uneigentliches Integral, Variante 2):


Die Funktion f sei mit Ausnahme der Unendlichkeitsstelle x = c im Integrationsintervall integrierbar.
Dann sind die uneigentlichen Integrale definiert als
Rc Rr
ˆ a f (x) dx = limr→c− a f (x) dx für a < c
Rb Rb
ˆ c f (x) dx = limr→c+ r f (x) dx für c < b
Rb Rr Rb
ˆ a f (x) dx = limr→c− a f (x) dx + limr→c+ r f (x) dx für a < c < b
Die uneigentlichen Integrale heißen konvergent, wenn die Grenzwerte existieren, divergent sonst.

y y y

f(x)

f(x) f(x)

f(x)
x x x
c c c

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.8 Uneigentliche Integrale

Bemerkung 4.10:
Man darf niemals über eine Unstetigkeitsstelle integrieren, ohne diese speziell zu betrachten!
Als warnendes Gegenbeispiel dient uns folgender Trugschluss:
Z 1
1 1
dx = [ln |x|]−1 = ln |1| − ln | − 1| = 0 − 0 = 0.
−1 x
Dies ist jedoch falsch! Es existiert eine Unstetigkeitsstelle bei x = 0. D.h. wir müssen das Integral
aufspalten in die zwei Grenzwerte:
Z 0
1 r
dx = lim− [ln |x|]−1 = lim− ln |r| − ln | − 1| → −∞
−1 x r→0 r→0
Z 1
1 1
dx = lim+ [ln |x|]r = lim+ ln |1| − ln |r| → +∞
0 x r→0 r→0

welche beide divergieren und weshalb auch das Integral von x = −1 bis x = 1 divergiert.
Beispiel 4.26:
R2 1
ˆ −1 √ 3 x dx

Z 2 Z r Z 2
1 1 1
√ dx = lim √ dx + lim √ dx
−1
3
x r→0− −1
3
x s→0+ s
3
x
 r  2
3 2 3 2
= lim x3 + lim x3
r→0− 2 s→0+ 2
−1 s
   
3 2 3 2 3 2 3 2
= lim r 3 − (−1) 3 + lim 23 − s3
r→0− 2 2 s→0+ 2 2
3 2 2
 3 2 
= 2 3 − (−1) 3 = 2 3 − 1 ≈ 0.8811
2 2
Die Grenzübergänge müssen unabhängig voneinander durchgeführt werden.

R6
ˆ −1
√1
6−x
dx

R6
ˆ 1
−1 (6−x)2
dx
Z 6 Z r  r
1 1 1
dx = lim dx = lim
−1 (6 − x)2 r→6− −1 (6 − x)
2 r→6− 6 − x
−1
 
1 1
= lim − =∞
r→6− 6 − r 7
R6
ˆ 1
−1 x3
dx
4.9.2 Die Simpson-Regel
Um eine noch genauere Formel zu bekommen, ersetzen wir die Funktion im Gegensatz zur Trapezregel
nicht mit einem Geradenstück, sondern mit einem Parabelstück. Dies ist die Simpson-Regel. Dazu
wählen wir 3 Punkte (x1 , y1 ), (x2 , y2 ), (x3 , y3 ), durch die wir eine Parabel p2 legen und diese exakt
integrieren. Die 3 Punkte sind die linke und rechte Intervallgrenze, a bzw. b und der Mittelpunkt des
Intervalls, a+b
2
y y

fb y = f (x)

y = p2 (x)

fm
y = f(x)
fa x x
a+b a = x0 x1 x2 xj xn−2 xn−1 b = xn
a 2
b

Simpson-Regel Zusammengesetzte Simpson-Regel


Die Herleitung der Simpson-Regel beruht auf wenigen Schritten.
ˆ Finde das quadratische Polynom, welches die Punkte (a, f (a)), (b, f (b)), (m, f (m)) mit m = a+b
2
verbindet.
1 
p(x) := (2 f (a) + 2 f (b) − 4 f (m)) · x2
(a − b)2

+ (−(a + 3b)f (a) − (b + 3a)f (b) + 4(a + b)f (m)) · x


+b(a + b)f (a) + a(a + b)f (b) − 4ab f (m) ]

ˆ Dann berechne die Fläche unter diesem quadratischen Polynom zwischen [a, b] durch Integration
und vereinfache den Ausdruck (enorme Vereinfachungen möglich)
Z b
b−a
p(x) dx = (f (a) + 4 f (m) + f (b))
a 6

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.9 Numerische Integration

Satz 4.10 (Simpson-Regel):


Also ergibt sich für 2 Teilintervalle, also 3 Punkte, die jeweils Abstand h haben:
Z b    
h a+b
I= f (x) dx ≈ Sh = f (a) + 4f + f (b)
a 3 2
b−a
Dies ist die sogenannte Simpsonregel für n = 2, also h = 2 .

Beispiel 4.28:
R5
ˆ Annäherung von 0
x2 dx durch die Simpson-Regel (h = 2.5):

R2
ˆ Annäherung von 0
arctan(x) dx durch die Simpson-Regel (h = 1):

Zum Vergleich die exakte Lösung:


Z 2 Z 2 Z
2 1 2 2x
arctan x dx = 1 arctan x dx = x arctan x|0 − dx
0 0 2 0 1 + x2
 2
1 ln(5)
= x arctan x − ln(1 + x2 ) = 2 arctan 2 − ≈ 1.4096
2 0 2

Benutzt man zur Berechnung mehrere Doppelstreifen und summiert auf (für gerades n) erhält man

Satz 4.11 (Zusammengesetzte Simpson-Regel):


Die zusammengesetzte Simpson-Regel für n Streifen lautet:
h
Sh = ((f (a) + 4f (x1 ) + f (x2 )) + (f (x2 ) + 4f (x3 ) + f (x4 )) + . . .
3
+(f (xn−4 ) + 4f (xn−3 ) + f (xn−2 )) + (f (xn−2 ) + 4f (xn−1 ) + f (b)))
h
= (f (a) + 4f (x1 ) + 2f (x2 ) + 4f (x3 ) + · · · + 2f (xn−2 ) + 4f (xn−1 ) + f (b))
3 
n/2−1 n/2
h X X
= f (a) + f (b) + 2 f (x2 i ) + 4 f (x2 i−1 )
3 i=1 i=1

Beispiel 4.29: Z 4 √ 14
Berechnung mit Trapez- und Simpson-Regel von x dx = = 4.666...
1 3
ˆ Trapez (n = 1, 2)
3 √ √ 9
T3 ≈ ( 1 + 4) = = 4.5
2 2
3 √ √ √
T1.5 ≈ ( 1 + 2 2.5 + 4) ≈ 4.6217
4

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.9 Numerische Integration

ˆ Simpson (n = 2, 4)
1 √ √ √
S1.5 ≈ ( 1 + 4 2.5 + 4) ≈ 4.6623
2
1 √ √ √ √ √
S0.75 ≈ ( 1 + 4 1.75 + 2 2.5 + 4 3.25 + 4) ≈ 4.6662
4

Beispiel 4.30: Z 2
1
Berechnung mit Trapez- und Simpson-Regel von e x dx für 5 Funktionsauswertungen in jeder Regel
1
(wahrer Wert ≈ 2.0201)
ˆ Trapez
Z 2
1 1 1 4 2 4 1

e x dx ≈ T0.25 = e + 2e 5 + 2e 3 + 2e 7 + e 2 ≈ 2.0319
1 8

ˆ Simpson
Z 2
1 1  1 4 2 4 1

e x dx ≈ S0.25 = e + 4e 5 + 2e 3 + 4e 7 + e 2 ≈ 2.0207
1 12

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.10 Übungsblatt Integration

4.10 Übungsblatt Integration


Das bestimmte Integral
Aufgabe 4.1:
Schreiben Sie die folgenden Summen als Integral
Pn 
ˆ limn→∞ i=1 n3 2 + ni
Pn 
ˆ limn→∞ i=1 n3 2 + 3i n
Pn
ˆ limn→∞ n1 i=1 1
i 2
1+( n )

Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung


Aufgabe 4.2:
Rx
1. Wie lautet der Integrand im Integral 0 f (t)dt = cos2 x + c?
R
2. Wie lautet f (x) in f (x) dx = sin x · cos x + c?

Aufgabe 4.3:
Berechnen Sie Z 1 p
(x + 1 − x2 ) dx,
0

indem Sie die Terme als Flächen interpretieren (d.h. nicht über Integration).

Aufgabe 4.4:
Berechnen Sie:
R 
d x t2
1. dx 4
e dt
R 
d 1 3
2. dx x
sin(t ) dt
R 3  Rx
d x d
3. dx 4
cos(t2 ) dt (Tipp: Sei F (x) = 4 cos(t2 ) dt, dann ist dx F (x3 ) gesucht.)

Integrationstechniken
Aufgabe 4.5:
Berechnen Sie die folgenden Integrale mit partieller Integration
R
1. (3x − 7)e−x dx
R x
2. ln√ dx
x
R
3. x arctan x dx

Aufgabe 4.6:
Berechnen Sie die folgenden Integrale durch geeignete Substitutionen
R √
1. x 3 1 + x2 dx
R√ √
2. x · sin(1 − x) dx
R cos t
3. 1+sin t dt
R 4x−5
4. x2 +5 dx

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.10 Übungsblatt Integration

Aufgabe 4.7:
Berechnen Sie die folgenden Integrale durch Partialbruchzerlegung
R 4x3
1. x3 +2x 2 −x−2 dx

R 2x3 −14x2 +14x+30


2. x2 −4 dx

Aufgabe 4.8:
Berechnen Sie die folgenden Integrale
R √x
1. x dx
R 12x2
2. 2x3 −1 dx
R
3. ex sin(ex ) dx

Aufgabe 4.9:
Berechnen Sie mit Hilfe von Integralen den Flächeninhalt einer Ellipse (Tipp: trigonometrische Substitution).
(Tipp: Gleichung einer Ellipse mit den Hauptachsen a, b :
 x 2  y 2
+ =1
a b r  x 2
⇔ y = ±b 1 − )
a

Aufgabe 4.10: √
Berechnen Sie die Fläche, die durch die Kurven f (x) = cos x, g(x) = 1 − x2 und die positive x-Achse
begrenzt ist. (Skizze!)

Uneigentliche Integrale
Aufgabe 4.11:
Berechnen Sie die folgenden Integrale oder zeigen Sie, dass sie divergent sind.
R∞ 1
1. 1 (2x+1) 3 dx

R ∞ ln x
2. 0 x4 dx

Aufgabe 4.12:
Berechnen Sie die uneigentlichen Integrale
R1
1. 0 ln x dx
R4 1
2. 0 (x−1) 2 dx

Numerische Integration
Aufgabe 4.13:
Berechnen Sie exakt, mit der Trapezregel, und mit der Simpson-Formel (n = 2, 4, 8)
Z 1
1
dx
0 1 + x2

und geben Sie den Fehler an. Beispiellösung mit Python:


R1 1
ˆ exakt: 0 1+x2 dx
ˆ Trapezregel:

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4 INTEGRALRECHNUNG 4.10 Übungsblatt Integration

 

– n = 2:
R1 1 1  1 1 1  + 1 1 
0 1+x2 dx ≈ +
2 2 1+02 2 2 1+12 

1+ 1

2
≈  

– n = 4:
R1 1 1 1 1
0 1+x2 dx ≈ 4  2 1+02 + 1 2 + 1 2 + 1 2 + 1 1 
2
2
1+ 1 1+ 1 1+ 3

1+1
4 2 4
≈  

– n = 8:
R1 1 1
1  1 1  + 1  + 1  + 1  + 1  + 1  + 1  + 1 1 
0 1+x2 dx ≈ +
8 2 1+02 2 2 2 2 2 2 2 2 1+12 
      
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+ 1 1+ 5 1+ 3 1+ 7
8 4 8 2 8 4 8

ˆ Simpsonregel:
 

– n = 2:
R1 1 1 1 
 1 1  + 1 
0 1+x2 dx ≈ + 4
3 2 1+02 2 1+12

1+ 1

2
≈  

– n = 4:
R1 1 1 1  1
0 1+x2 dx ≈ 3 4  1+02 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 1 
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+12

4 2 4
≈  

– n = 8:
R1 1 1 1  1
0 1+x2 dx ≈ 3 8  1+02 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 1 
2
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+ 1 1+ 5 1+ 3 1+ 7

1+1
8 4 8 2 8 4 8

Aufgabe 4.14:
Ein Gartenteich hat die angegebene Form. Seine Breite wird jeden Meter gemessen. Benutzen Sie die
Simpson-Regel, um die Oberfläche des Teichs zu bestimmen.
2.25

3.0
2.5

3.0

2.3

Aufgabe 4.15:
Der Halbkreis x2 + y 2 − 9 = 0 (y ≥ 0), die Halbparabel y 2 = x + 3 und die x−Achse begrenzen einen
Bereich B. Skizzieren Sie B und berechnen Sie den Flächeninhalt von B.

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5 REIHEN

5 Reihen
5.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels

ˆ können Sie geometrische (Folgen und) Reihen definieren, sie klassifizieren und zielgerecht einsetzen.

ˆ modellieren Sie mit verschiedenen Typen von Folgen und Reihen

ˆ untersuchen Sie (Folgen und) Reihen auf Konvergenz und bestimmen ggf. den Grenzwert

ˆ bestimmen Sie Näherungen durch Taylorreihen und können Aussagen zu ihrer Konvergenz treffen

5.2 Folgen
1
Setzt man in die Formel an = n2 nacheinander die natürlichen Zahlen N = {1, 2, 3, . . . } anstelle von
n ein, so erhält man
1 1 1
1, , , , . . .
4 9 16

Dies ist eine unendliche Folge reeller Zahlen.

Definition 5.1 (Folge):


Ordnet man jeder natürlichen Zahl n genau eine reelle Zahl an zu, so erhält man eine unendliche
Folge reeller Zahlen, kurz eine Folge. Sie wird bezeichnet mit a1 , a2 , . . . oder indem man das
allgemeine Glied in Klammern schreibt (an )n∈N . Die Zahlen an heißen Glieder oder Elemente der
Folge, n heißt Index.

Man kann somit Folgen als Funktionen mit den natürlichen Zahlen als Definitionsbereich auffassen.
Damit übertragen sich viele Begriffe, die wir für Funktionen definiert haben, wie z.B. der der Konvergenz,
auf Folgen.

Bemerkung 5.1 (Rekursionen):


Folgen können nicht nur wie gerade als Funktionen mit einem Bildungsgesetz definiert werden, sondern
auch rekursiv. Ein Beispiel dafür haben wir bereits beim Turm von Hanoi in der Einführung gesehen:

Tn+1 = 2Tn + 1, T1 = 1

Häufig lässt sich eine solche rekursive Darstellung wie beim Turm von Hanoi in eine explizite Funktionsdarstellung
(hier: Tn = 2n − 1) umwandeln, aber nicht immer.

Der aktuelle Wert eines Folgengliedes an+1 hängt bei der rekursiven Darstellung vom letzten Folgenwert
ab:
an+1 = g(an )

Zusätzlich muss noch ein Startwert (im Beispiel: T1 ) gegeben sein.

Folgen können auf zwei Arten grafisch dargestellt werden:

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5 REIHEN 5.2 Folgen

als Graph einer Funktion


1.5

1
als Punkte auf der Zahlengraden
oder
0.6 0.8 1
0.5

0
0 10 20 30 40 50

Beachten Sie, dass die Punkte nicht verbunden sind, da die Funktionswerte nur für n ∈ N definiert
sind, aber nicht für die dazwischen liegenden nicht ganzzahligen Werte.

Definition 5.2:
ˆ Nullfolge: Jede gegen 0 konvergente Folge heißt Nullfolge.
ˆ Alternierende Folge: Bei alternierenden Folgen wechselt das Vorzeichen von Folgenglied zu
Folgenglied.
ˆ Arithmetische Folge: Eine Folge (an )n∈N heißt arithmetische Folge :⇔

∃d ∈ R ∀n ∈ N : an+1 = an + d, a1 gegeben (rekursiv)


∃d ∈ R ∀n ∈ N : an = a1 + (n − 1) · d (explizit)

ˆ Geometrische Folge: Eine Folge (an )n∈N heißt geometrische Folge :⇔

∃q ∈ R ∀n ∈ N : an+1 = q · an , a1 gegeben (rekursiv)


n−1
∃q ∈ R ∀n ∈ N : an = a1 · q (explizit)

Beispiel 5.1:
Klassifizieren Sie die folgenden Folgen und geben Sie das Bildungsgesetz, wenn möglich, rekursiv und
explizit an

1. −2, −4, −8, −16, ...

2. 1, − 12 , 13 , − 14 , . . .

3. 100, 60, 20, −20, . . .

4. 2, 1, 12 , 14 , . . .

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5 REIHEN 5.3 Endliche Reihen

5.3 Endliche Reihen


Im Folgenden werden nicht nur Folgen von Zahlen betrachtet, sondern auch deren Summe.

Definition 5.3 (Reihe):


Addiert man die Elemente einer reellen Zahlenfolge (an )n∈N auf:

s1 = a1
s2 = a1 + a2
..
.
Xn
sn = ak ,
k=1

so entsteht die neue Folge (sn )n . Diese Folge heißt Reihe.

Ein Beispiel für eine endliche


Pn Reihe ist die Aufsummierung der Glieder der Folge 1, 2, 3, · · · , n, also:
1 + 2 + 3 + · · · + n = i=1 i.

5.3.1 Endliche geometrische Reihen


Addiert man die Elemente einer geometrischen Folge auf, so erhält man eine geometrische Reihe:

Satz 5.1 (Endliche geometrische Reihe):


Es gilt für die endliche geometrische Reihe oder geometrische Summe:
n
(
X 1−q n+1
falls q ̸= 1
k
q = 1−q

k=0
n+1 falls q = 1

Beweis: s. Kapitel 1: Induktion.


Beweis: Ein alternativer (direkter) Beweis:
n
X
sn := qk = 1 + q + q2 + · · · + qn ,
k=0

Nach Multiplikation mit q gilt:

qsn = q + q 2 + q 3 + · · · + q n+1 .

Subtrahiert man beide Gleichungen voneinander, so folgt

sn − qsn = 1 − q n+1 ,

da sich alle anderen Glieder weg heben. Also

1 − q n+1
sn (1 − q) = 1 − q n+1 ⇔ sn =
1−q
Für q = 1 gilt:
n
X n
X
1k = 1=n+1
k=0 k=0

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5 REIHEN 5.3 Endliche Reihen

Beispiel 5.2:
P20 1 k
ˆ k=0 2

20  k  20 21
X 1 1 1 1 1 − 12 2097151
= 1 + + + ··· + = = ≈2
k=0
2 2 4 2 1 − 12 1048576

P20 
1 k
ˆ k=1 2
20  k
X 20  k
X  0
1 1 1 1048575
= − = ≈1
2 2 2 1048576
k=1 k=0
oder alternativ
20  k 19  k+1 19  k 20
X 1 X 1 1X 1 1 1 − 21 1048575
= = = · 1 =
k=1
2
k=0
2 2
k=0
2 2 1 − 2
1048576

P15 P10 11
ˆ k=5 2k = k=0 2k+5 = 25 1−2 5 11
1−2 = 2 (2 − 1) = 216 − 25 = 65504
P20 
1 k
ˆ k=7 3

Beispiel 5.3 (Anwendung der geometrischen Reihe: Verzinsung):


ˆ 1000 –C werden jährlich eingezahlt und mit 2% verzinst. Welcher Kontostand ergibt sich nach 7
Jahren? Welcher Kontostand nach n Jahren? Verwenden Sie zur Lösung endliche geometrische
Reihen.
Setze q = 1 + p = 1.02.
Nach einem Jahr sind 1000q –C auf dem Konto,
nach 2 Jahren (1000q + 1000)q = 1000q(1 + q) –C,
nach 3 Jahren (1000q(1 + q) + 1000)q = 1000q(1 + q + q 2 ), . . . –C.
Nach n Jahren:
1 − qn
Kn = 1000q(1 + q + q 2 + · · · + q n−1 ) = 1000q –C.
1−q
Damit ergibt sich für n = 7:

ˆ Berechnen Sie analog, wie viel Geld nach 7 Jahren auf dem Konto ist, wenn jährlich 2000 –C 7
Jahre lang mit 1% verzinst werden.

ˆ Leiten Sie eine Formel her, die bei einer jährlichen Einzahlung einer Rate r und einem Zinssatz
von p% den Kontostand nach n Jahren angibt.

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5 REIHEN 5.3 Endliche Reihen

Beispiel 5.4:
ˆ Folge: an = 1
2n : 1, 12 , 14 , 18 , 16
1
, . . . Der Grenzwert der Folge ist limn→∞ 1
2n = 0.
1 1 1 1
ˆ Endliche Reihe: 1 + + + + ··· + n
2 4 8 2
Betrachten Sie in der folgenden Tabelle:
Pn 1
n an Summe der ersten n Glieder k=0 2k .
0 1 1.
1
1 2
1 + 0.5 = 1.5
1 1 1
2 4
1+ 2
+ 4
= 1.75
1 1 1 1
3 8
1+ 2
+ 4
+ 8
= 1.875
1
4 16
1.9375
1
5 32
1.96875
1
6 64
1.984375
1
7 128
1.9921875
1
10 1024
1.99902344
1
20 1048576
1.99999905

ˆ Der Grenzwert der endlichen Summe ist der Wert der Reihe, hier also scheinbar 2. Er hat mit
dem Grenzwert der Folge wenig zu tun.
Betrachten Sie in die Graphik sowohl die ersten Folgenglieder als auch die Summe der ersten
Glieder der Reihe und machen Sie sich den Unterschied klar.

1
Folge und Partialsummen von an = 2n

1.5

1 Reihe
Folge

0.5

0
0 5 10 15 20

ˆ Wie könnte ein graphischer Beweis aussehen, dass der Grenzwert 2 lautet?

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

5.4 Unendliche Reihen


5.4.1 Allgemeine Konvergenzkritierien von Reihen
Man erhält eine unendliche Reihe, wenn man nicht bei einer Zahl n mit der Summation aufhört,
P∞sondern
immer weiter Zahlen addiert (also bei unserem Beispiel oben immer weiter addiert, d.h. k=0 21k =
1 + 21 + 14 + · · · ).

Definition 5.4 (PartialsummenP∞und Konvergenz von Reihen):


Bei einer
Pn unendlichen Reihe k=1 ak , bezeichnet man die Summe der ersten n Reihenglieder
sn = k=1 ak als Partialsummen. Konvergiert die Folge der Partialsummen (sn )n gegen einen
Grenzwert s, dann schreibt man

X n
X
s= ak , d.h. s = lim ak .
n→∞
k=1 k=1

Dabei kann es natürlich passieren, dass die Summe über alle Grenzen wächst. Dies ist z.B. der Fall bei
P∞ Pn
der Reihe k=1 k, da für n → ∞ die Summe k=1 k = n(n+1) 2 auch gegen ∞ geht. Bei vielen Reihen
bleibt die Summe jedoch endlich.
Insbesondere hat man nur dann eine Chance, dass die Reihe endlich bleibt und damit konvergiert, wenn
die Folge, die ihr zu Grunde liegt, gegen 0 konvergiert:

Satz 5.2 (Konvergenzkriterien


P∞ für Reihen I):
Ist die Reihe k=0 ak konvergent, so bilden die Reihenglieder eine Nullfolge:

X
ak konvergent ⇒ lim ak = 0.
k→∞
k=0

Pn
Beweis: Gegeben ist also, dass limn→∞ sn = limn→∞ k=1 ak = s konvergiert. Nun kann man für
die Folge schreiben:
lim an = lim (sn − sn−1 ) = lim sn − lim sn−1 = s − s = 0
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞

Dies ist ein notwendiges Kriterium, aber leider kein hinreichendes, d.h. es gibt Folgen, die gegen 0
konvergieren, ohne dass die zugehörige Reihe konvergiert.
Beispiel 5.5 (Harmonische Reihe):
Pn 1
Die Reihe limn→∞ sn = limn→∞ k=1 k divergiert gegen ∞.

Beweisidee: In der Grafik entsprechen die blauen


Flächen jeweils den Folgenglieder, die unendliche
Reihe ist also die nach rechts ins Unendliche
fortgesetzte Summe der blauen Flächen. Wir 1
wollen nun zeigen, dass diese blaue Fläche größer 2
ist als die orange Fläche und dass die immer weiter
nach rechts fortgesetzte orange Fläche beliebig 1
groß wird. Damit muss die blaue Fläche dann auch 4
unendlich groß sein. 1
8

0 5 10 15

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

Beweis: sn sei die Partialsumme bis zum Glied n, s2k+1 also die Partialsumme der blauen Flächen bis
zu einer Zweierpotenz, für k = 3 also z.B. die Summe aller Flächen bis n = 16. Dann gilt
     
1 1 1 1 1 1 1
s2k+1 = 1 + + + + + ... +... + . . . k+1
2 3 4 5 8 2k + 1 2
| {z } | {z } | {z }
≥2· 41 ≥4· 18 ≥2k · 1
2k+1

1 1 1 1 k+3
≥1+ + 2 · + 4 · + . . . 2k · k+1 =
2 4 8 2 2
Diese Abschätzung zeigt, dass sn über alle Grenzen wächst.
Denn wäre die Reihe z.B. durch die Zahl 1000 beschränkt, so würde man k = 1998 wählen und die
rechte Seite der obigen Abschätzung wäre ≥ 1000, also auch die linke Seite, d.h. summiert man bis
zum Index 21999 , so ist die Summe größer als 1000. Analog kann man statt 1000 jede beliebige Zahl
einsetzen, P
so dass die Reihe unbeschränkt ist.
n
Die Reihe k=1 k1 ist also divergent, obwohl ihre Glieder k1 eine Nullfolge bilden!
Man kann zeigen, dass die Reihe bzgl. ihrer Größenordnung wie ln(x) wächst.
Harmonische Folge und Reihe
5

3
Reihe
Folge
2

0
0 10 20 30 40 50
n

Bemerkung 5.2:
An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass es bei der Summation unendlich vieler Glieder nicht reicht,
als Abbruchkriterium nur zu prüfen, ob der Zuwachs pro Schritt unter eine bestimmte Grenze fällt oder
gegen 0 geht.
Für Reihen mit alternierendem Vorzeichen ist die Konvergenz der zugrunde liegenden Folge gegen 0
jedoch auch hinreichend für die Konvergenz der Reihe:

Satz 5.3 (Konvergenzkriterien für Reihen II):


ˆ Monotonie-Kriterium: Eine Reihe mit nicht-negativen Gliedern ak konvergiert genau dann,
wenn die Folge ihrer Partialsummen beschränkt ist.
ˆ Leibniz-Kriterium:
P∞ Eine alternierende Reihe (d.h. die Glieder haben abwechselndes Vorzeichen)
k
k=1 (−1) ak konvergiert, wenn die Folge ihrer Glieder ak eine monoton fallende Nullfolge
bildet.

Bemerkung 5.3:
Die Idee des Monotonie-Kriteriums lässt sich graphisch recht leicht veranschaulichen. Die Reihe mit
nicht-negativen Gliedern führt zwangsweise zu einer monoton steigenden Folge ihrer Partialsummen.
Gleichzeitig existiert eine obere Schranke für diese Folge. Daraus folgt, es muss ein Grenzwert existieren.
Analog kann man das Kriterium auch für eine monoton fallende Folge und einer unteren Schranke
formulieren.

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

Beispiel 5.6:

X∞
1 1 1 1 1 1
s=1− + − + − + ··· = (−1)n+1 (= ln 2)
2 3 4 5 6 n=1
n
1 1
ist konvergent nach dem Leibniz-Kriterium, obwohl die harmonische Reihe 1 + 2 + 3 + . . . divergent
ist.

Wir hatten bereits für die endliche geometrische Reihe gezeigt, dass gilt:
n
(
X 1−q n+1
̸ 1
falls q =
k
q = 1−q

k=0
n+1 falls q = 1

Für n → ∞ erhält man die unendliche geometrische Reihe:

Satz 5.4 (Unendliche


P∞ geometrische Reihe):
Die Reihe k=0 q k konvergiert nur für |q| < 1. Es gilt dann

X ∞
X
1 a0
qk = bzw. a0 q k =
1−q 1−q
k=0 k=0

Beweis: Für |q| < 1 geht der Zähler des Bruches bei der endlichen geometrischen Reihe gegen 1. Für
|q| > 1 divergiert die Reihe, da keine Nullfolge mehr gegeben ist. Für q = 1 divergiert die Reihe nach der
endlichen geometrischen Reihe und für q = −1 springt der Wert der Partialsummen ständig zwischen
0 und 1, je nach n gerade/ungerade (dies ist auch eine Form der Divergenz).

Beispiel 5.7:
ˆ Bestimmen Sie die Summe der geometrischen Reihe
10 20 40
5− + − + ...
3 9 27

P∞
ˆ Ist die Reihe k=1 22k 31−k konvergent oder divergent?

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

Beispiel 5.8 (Dreiecke):

Wie lautet die Summe der Flächeninhalte, wenn das


größte Dreieck den Flächeninhalt 1 hat?

Beispiel 5.9 (Eisblume, Koch’sche Kurve):


n=1 n=2 n=5
n=0

Wir gehen von einem gleichseitigen Dreieck T0 mit der Seitenlänge 1 aus. Das Dreieck nach dem
n-ten Schritt entsteht, indem auf dem mittleren Drittel jeder Seite des vorhergehenden Dreiecks ein
gleichseitiges Dreieck aufgesetzt wird.
Gesucht sind Umfang Un und Flächeninhalt Fn der Figur in Stufe n, sowie ihre Grenzwerte für n → ∞.

Umfang:

Flächeninhalt:
Es seien:

ˆ Fn : Flächeninhalt der kompletten Flocke bis zur Stufe n

ˆ Kn : Anzahl der Begrenzungsstrecken von Tn und

ˆ ∆n : Fläche (eines einzelnen) der neuen Dreiecke,

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

Flächeninhalt des innersten Dreiecks:

Dann gilt für die Anzahl der Seiten:


Kn = 4Kn−1 = · · · = 4n · 3.
und für den Flächenzuwachs eines jeden Dreiecks pro Seite:
 n √
1 1 3
∆n = ∆n−1 = .
9 9 4
Damit ergibt sich
√ n−1
3 X
Fn = + Kk · ∆k+1
4 |{z} | {z }
k=0 auf jeder alten Seite ein neues Dreieck
√ n−1  k+1 √ !
3 X k 1 3
= + 4 ·3·
4 9 4
k=0
√ √ n−1  k
3 1 3X 4
= +3·
4 9 4 9
k=0
√ √  n
3 1 3 1 − 49
= +
4 3 4 1 − 49
√  
3 1 1 2√
Für n → ∞ ergibt sich: lim Fn = 1+ 4 = 3.
n→∞ 4 31− 9 5
Die Eisblume hat zwar einen endlichen Flächeninhalt, aber einen unendlichen Umfang!
Beispiel 5.10:
Ein Ball fällt aus der Höhe h zu Boden. Der Ball springt wieder hoch, erreicht jedoch nur die Höhe 54 h,
fällt wiederum, steigt, . . . . Welchen Gesamtweg legt der Ball zurück, wenn man ihn ungestört hüpfen
lässt?

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

Beispiel 5.11:

Berechnen Sie die Größe der schraffierten Fläche, wenn


die Seitenlänge des großen Quadrats 1 ist.

Definition 5.5 (Absolute Konvergenz):


Eine Reihe heißt absolut konvergent, wenn die Reihe der Absolutbeträge ihrer Glieder konvergiert:

! ∞
!
X X
ak absolut konvergent :⇐⇒ |ak | konvergent
k=0 k=0

Bemerkung 5.4:
ˆ Jede absolut konvergente Reihe ist konvergent, aber nicht jede konvergente Reihe ist absolut
konvergent (s. Leibniz-Kriterium und harmonische Reihe).
ˆ Bei einer absolut konvergenten Reihe darf man die Reihenfolge der Summation beliebig verändern,
ohne dass sich der Grenzwert ändert. Bei konvergenten, aber nicht absolut konvergenten Reihen,
können durch Umsortierung beliebige Grenzwerte erhalten werden (Riemannscher Umordnungssatz).

Satz 5.5 (Quotientenkriterium):


P∞
Für die Reihe ( k=0 ak ) gelte
ak+1
lim =ρ
k→∞ ak
Dann gilt:
ˆ Die Reihe ist (absolut) konvergent, wenn ρ < 1 ist.
ˆ Die Reihe ist divergent, wenn ρ > 1 ist.
ˆ Für ρ = 1 kann man keine allgemeine Aussage treffen.

Der Beweis basiert auf der Anwendung des Monotoniekriteriums und der unendlichen geometrischen
Reihe.

Beispiel 5.12:
Untersuchen Sie, ob die folgenden Reihen (absolut) konvergent sind
ˆ s = 13 + 19 + 27
1 1
+ 81 + ...

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

P∞
ˆ 1
k=1 k(k+1)

1
Aber mit einem Trick geht es: Tipp: Zerlegen Sie zunächst k(k+1) mit Hilfe der Partialbruchzerlegung

P∞
ˆ n
n=1 3n

P∞
ˆ i=1 iq i mit |q| < 1

P∞ 2i
ˆ i=1 i

P∞ k xk
ˆ Für welche reellen Zahlen x konvergiert die sog. Potenzreihe k=1 (−1) 2k+1 ?

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

5.4.2 Konvergenzkritierien von Reihen anhand von Integralen


Zwischen Reihen und Integralen gibt es einen engen Zusammenhang, den wir z.B. schon bei der
Definition des Integrals als Riemannsche Summe zu Beginn des Integrations-Kapitels gesehen haben. In
diesem Abschnitt werden wir sehen, wie man für Konvergenzuntersuchungen von Reihen uneigentliche
Integrale verwenden kann.

Beispiel 5.13:
Wir untersuchen die Reihe
X∞
2 1 2 1
2
= 2 + + + + ...
i=1
i 2 9 8

Die Partialsummen sind:


n
P 5 10 50 100 500 5000
n 2
i=1 i2 2.92722 3.09954 3.25027 3.26997 3.28587 3.28947

Es sieht so aus, als ob die Reihe konvergiert (und zwar gegen 3.290...).

Mit einem geometrischen Argument können wir dies beweisen:


y

2
f(x
) =

2
1 A=
2
x

12
2

2
A= 22 2
A= 32
x
1 2 3 4 5

Jedes der Rechtecke liegt unter der Kurve, also gilt


X∞ Z ∞  ∞
2 1 2 1 2 2
= 2 + + + + . . . ≤ 2 + dx = 2 + − =2+2=4
i=1
i2 2 9 8 1 x2 x 1

Damit konvergiert die Summe (Monotonie-Kriterium).

Beispiel 5.14:
Genauso können wir Divergenz für eine andere Summe beweisen:
X∞
1
√ =
n=1
n

y
1.5

1
f(x) = √1
0.5 A= √1 x
1 A= √1 √1
2 A= 3
x
1 2 3 4 5

ˆ Will man also zeigen, dass eine unendliche Reihe divergiert, so muss man zeigen, dass sie größer
ist als ein divergentes uneigentliches Integral.

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5 REIHEN 5.4 Unendliche Reihen

ˆ Will man umgekehrt zeigen, dass eine unendliche Reihe konvergiert, so muss man zeigen, dass
sie kleiner ist als ein konvergentes uneigentliches Integral.

Beispiel 5.15:
Untersuchen Sie die folgenden Reihen mit Hilfe des Integraltests auf Konvergenz
P∞ 1
ˆ i=1 i2 +1

y
1.5

1
1
f(x) = x2 +1
0.5
1
A= 12 +1 1
A= 22 +1 A= 1 x
32 +1
1 2 3 4 5

P∞
ˆ 1
i=1 i (harmonische Reihe, alternativer Divergenznachweis)

y
1.5
1
f(x) = x
1

0.5 A=1
1
A= A= 1 1
2
3 A= 4
x
1 2 3 4 5

5.4.3 Vorgehen zur Konvergenzuntersuchung von Reihen


P∞
Algorithmus 5.1 (Rezept zur Konvergenzprüfung bei Reihen i=0 ai ):
Ist die Folge ai eine Nullfolge?
1 Falls NEIN: Reihe ist nicht konvergent, also auch nicht absolut konvergent.
2 Falls JA: Ist die Reihe alternierend?
a) Falls JA: Ist (|ai |)i∈N eine monoton fallende Nullfolge?
i. Falls JA: Reihe ist konvergent (aber evtl. nicht absolut konvergent).
ii. Falls NEIN: weiter zu 2b). (Auch für die Frage nach absoluter Konvergenz weiter
bei 2b).)

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

ak+1
b) Falls NEIN: Berechne limk→∞ ak . Ist dieser lim < 1?
i. Falls JA: Die Reihe ist absolut konvergent.
ii. Falls NEIN:
A. Falls limk→∞ aak+1 k
> 1 ist, so ist die Reihe divergent.
B. Liefert keine der obigen Bedingungen eine klare
Konvergenz- bzw. Divergenzaussage, so versucht man
die Summe mit Hilfe des Integralvergleichskriteriums
→ nach oben gegen eine feste Zahl abzuschätzen, um Konvergenz zu
zeigen
→ oder nach unten gegen ∞ abzuschätzen, um Divergenz zu zeigen.

Oder auch graphisch dargestellt als Flussdiagram:

Reihe nicht
konvergent
ai Null- nein
nicht
folge?
absolut
konvergent
ja

ai al- ja ai monoton ja Reihe


ternierend? fallend? konvergent

nein nein

Reihe
an+1 ja
limn→∞ an
<1 absolut
konvergent

nein

an+1 ja Reihe
limn→∞ an
>1
divergent

nein

Integralver-
gleichskrite-
rium prüfen

5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen


5.5.1 Taylorpolynome
Wir haben bereits gesehen, dass man eine Funktion f (x) in der Nähe einer Stelle x0 durch ihre Tangente
annähern kann. Diese Annäherung durch eine Gerade ist aber oft nicht genau genug. Wir werden jetzt
untersuchen, wie man die Genauigkeit erhöhen kann, indem man Polynome höheren Grades verwendet
oder sogar unendlich lange Polynome“, sog. Potenzreihen, verwendet.

Die Funktion f (x) soll nun durch ein Polynom
n
X
Tn (x) = ai (x − x0 )i
i=0

vom Grad n in der Nähe des Punktes x0 angenähert werden. Gesucht ist dieses Polynom, also seine
Koeffizienten a0 , a1 , . . . , an .

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

Wir untersuchen zunächst einen relativ einfachen Spezialfall, nämlich eine Annäherung durch ein
Polynom 3. Grades an der Stelle x0 = 0:
T3 (x) = a3 x3 + a2 x2 + a1 x + a0 .
Die Tangente hatten wir bestimmt, indem wir gefordert haben, dass sie und die ursprüngliche Funktion
in Funktionswert und erster Ableitung übereinstimmen. Hier fordern wir analoges für T3 :
T3 , f stimmen im Funktionswert bei x = 0 überein
T3 (x) = a3 x3 + a2 x2 + a1 x + a0 ⇒ f (0) = T3 (0) = a0 ⇒ a0 = f (0)
T3 , f stimmen in der 1. Ableitung bei x = 0 überein
T3′ (x) = 3a3 x2 + 2a2 x + a1 ⇒ f ′ (0) = T3′ (0) = a1 ⇒ a1 = f ′ (0)
Nun kennen wir also a0 und a1 .
Fordern wir jetzt zusätzlich, dass f und T3 in ihren 2. und 3. Ableitungen an der Stelle x = 0
übereinstimmen, so ergibt sich
f ′′ (0)
T3′′ (x) = 6a3 x + 2a2 ⇒ f ′′ (0) = T3′′ (0) = 2a2 ⇒ a2 =
2
f ′′′ (0) f ′′′ (0)
T3′′′ (x) = 6a3 ⇒ f ′′′ (0) = T3′′′ (0) = 6a3 ⇒ a3 = =
6 3!
′′ ′′′
⇒ T3 (x) = f (0) + f ′ (0) x + f 2!(0) x2 + f 3!(0) x3
⇒ Wir erhalten also für die Koeffizienten des Näherungspolynoms
f (i) (0)
.ai =
i!
Dies gilt nicht nur für n P
= 3 und x0 = 0, sondern für eine beliebige Entwicklungsstelle x0 mit dem
n
Polynomansatz Tn (x) = i=0 ai (x − x0 )i vollkommen analog. Man erhält dann
f (i) (x0 )
ai =
i!

Definition 5.6 (Taylorpolynom):


Sei f : D → R eine n-mal differenzierbare Funktion und x0 ∈ D. Dann heißt das Polynom
n
X f (i) (x0 )
Tn (x) = (x − x0 )i
i=0
i!
f ′′ (x0 ) f (n) (x0 )
= f (x0 ) + f ′ (x0 )(x − x0 ) + (x − x0 )2 + · · · + (x − x0 )n
2! n!
Taylorpolynom vom Grad n von f zur Entwicklungsstelle x0 .

Beispiel 5.16:
Für n = 1 ist T1 (x) die Tangente an der Stelle x0 .
Unterstreichen Sie den Tangentenanteil in der obigen Formel.
Beispiel 5.17:
Gesucht sind die Taylorpolynome T0 , T1 , T2 und T3 zu f (x) = sin(x) an der Stelle x0 = 0.
Für das Taylorpolynom vom Grad n benötigen wir die Ableitungen von f (x) = sin(x) bis zur Ordnung
n an der Stelle x0 = 0
f (x) = sin(x) a0 = f (0) = sin(0) = 0
f ′ (x) = cos(x) a1 = f ′ (0) = cos(0) = 1
f ′′ (0) − sin(0)
f ′′ (x) = − sin(x) a2 = = =0
2! 2!
′′′
f (0) − cos(0) 1
f ′′′ (x) = − cos(x) a3 = = =−
3! 3! 6

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

Damit ergeben sich als Taylorpolynome

T0 (x) = 0 T1 (x) = 0 + 1(x − 0) = x


1
T2 (x) = x + 0(x − 0)2 = x T3 (x) = x − x3
6

2
y

x)
T1 (
1

T9 (x)
)
T5 (x
x

x)
−π π π π 2π

(
3 −2 3
π π

sin
2 2 2

−1

T3(x)

T 7(x)
−2

Beispiel 5.18:
Gesucht sind die Taylorpolynome T0 , T1 und T2 zu f (x) = cos(x) an der Stelle x0 = 0.
Für das Taylorpolynom vom Grad n benötigen wir die Ableitungen von f (x) = sin(x) bis zur Ordnung
n an der Stelle x0 = 0

f (x) = cos(x) a0 = f (0) = cos(0) = 1



f (x) = − sin(x) a1 = f ′ (0) = − sin(0) = 0
f ′′ (0) − cos(0) 1
f ′′ (x) = − cos(x) a2 = = =−
2! 2! 2
Damit ergeben sich als Taylorpolynome

T0 (x) = 1 T1 (x) = 1
2
x
T2 (x) = 1 −
2

2
T8 (x)

T0 (x)
T4 (x)

1
co
s( x
y

3
π −π − π2 π π 3
π 2π
)

2 2 2
x
−1
T 2(x)

T 6 (x

−2
)

Beispiel 5.19:
Bestimmen Sie für die Funktion f (x) = esin x das Taylorpolynom T3 (x) um x = 0.
5.5.2 Taylor- und Potenzreihen
Was passiert nun, wenn wir den Grad des Polynoms immer weiter erhöhen, um eine Funktion anzunähern,
wir also den oberen Index der Summe gegen ∞ laufen lassen?
Wir wollen dies an einem bereits bekannten Beispiel, der geometrischen Reihe, untersuchen:

X
xi = 1 + x + x2 + x3 + x4 + . . .
i=0

Für diese Reihe hatten wir zuvor berechnet (Sie müssen nur für q jetzt x einsetzen)

X 1
xi =
i=0
1−x

falls |x| < 1 ist.


1
Das unendliche Polynom auf der linken Seite ist also eine fehlerfreie Annäherung an die Funktion 1−x
1
für |x| < 1, welche kein Polynom mehr ist. Umgekehrt kann man sagen: die Funktion 1−x kann beliebig
Pn
genau durch das Polynom i=0 xi angenähert werden, wenn wir für |x| < 1 den Endindex n groß
genug wählen.

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

Definition 5.7 (Taylorreihe):


Für eine unendlich oft differenzierbare Funktion f : D → R heißt die unendliche Reihe

X f (k) (x0 )
(x − x0 )k
k!
k=0

Taylorreihe von f mit der Entwicklungsstelle x0 .

Was ist der Unterschied zwischen Taylorpolynom und Taylorreihe?


Taylorreihen sind ein Spezialfall sogenannter Potenzreihen. Potenzreihen sind ein Spezialfall der Reihen,
welche von einer Variable (meist x) abhängen. Dadurch hängt sowohl ihr Wert als auch ihre Konvergenz
vom gewählten x ab.

Definition 5.8 (Potenzreihe):


Eine unendliche Reihe der Form

X
ak (x − x0 )k
k=0

heißt Potenzreihe mit der Entwicklungsstelle x0 . Die ak heißen Koeffizienten.

Die n-ten Partialsummen einer Potenzreihe sind Polynome vom Grad n.


Was sind die Koeffizienten ak der Taylorreihe?
Beispiel 5.22:
Geben Sie Entwicklungsstelle x0 und Koeffizienten ak für die folgenden Potenzreihen an.
P∞ k 2 1
1. k=0 x = 1 + x + x + · · · = 1−x geometrische Reihe

P∞ xk x2
2. k=0 k! =1+x+ 2 + · · · = ex

P∞ (−1)i+1
3. i=1 i (x − 1)i = ln x

Beispiel 5.23:
Erweitern wir die Taylorpolynome von sin x und cos x mit Entwicklungsstelle x0 = 0 zu Taylorreihen:

sin′ (0) sin′′ (0) 2 x3 x5 x7


sin x = sin 0 + x+ x + ··· = x − + − + ...
1 2! 3! 5! 7!

X
=
n=0

cos′ (0) cos′′ (0) 2 x2 x4 x6


cos x = cos 0 + x+ x + ··· = 1 − + − + ...
1 2! 2! 4! 6!

X
=
n=0

Die Frage, die sich nun stellt, ist die Frage nach der Konvergenz der Reihe. Da jetzt für verschiedene
x formal verschiedene Reihen entstehen, wird die Antwort sicher von x abhängen. Wir müssen also die
Frage beantworten: Für welche x konvergiert die Reihe?
P∞ 1
Bei der geometrischen Reihe i=0 xi = 1−x hatten wir schon gesehen, dass Funktion und Taylorreihe
für |x| < 1 übereinstimmen, die Taylorreihe aber für |x| > 1 nicht konvergiert. Für diese Reihe ist 1 der
sog. Konvergenzradius.

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

Definition 5.9 (Konvergenzradius):


Jede Potenzreihe hat einen Konvergenzradius R um die R R
Entwicklungsstelle x0 , 0 ≤ R ≤ ∞, so dass die Reihe
ˆ für alle |x − x0 | < R absolut konvergiert und
x0 − R x0 x0 + R
ˆ für alle |x − x0 | > R divergiert.

Divergenz Konvergenz Divergenz


Für die Randpunkte x0 −R und x0 +R selbst kann man keine
pauschale Aussage treffen.

Satz 5.7 (Konvergenzradius):


Der Konvergenzradius ist gegeben durch:

ak
R = lim ,
k→∞ ak+1

wenn dieser existiert.

Beweis: mit dem Quotientenkriterium angewendet auf


P∞ P∞ k k
k=0 ck = k=0 ak (x − x0 ) gilt ck = ak (x − x0 ) .

ck+1 ak+1 (x − x0 )k+1 ak+1 !


lim = lim = |x − x0 | lim <1
k→∞ ck k→∞ ak (x − x0 )k k→∞ ak
1 ak
⇔ |x − x0 | < = lim =R
ak+1 k→∞ ak+1
limk→∞ ak

Beispiel 5.24:
Bestimmen Sie jeweils den Konvergenzradius und das Konvergenzintervall
P∞ n 2
1. n=0 x = 1 + x + x + . . . ,

P∞ xi
2. ex = i=0 i! hat den Konvergenzradius

P∞
3. i=0 im xi , m fest, hat den Konvergenzradius

Algorithmus 5.2 (Taylorreihenentwicklung):


1. Wählen Sie einen Entwicklungspunkt x0
2. Berechnen Sie f (x0 ), f ′ (x0 ), f ′′ (x0 ), ...
f (i) (x0 )
3. Berechnen Sie i!

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5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

4. Dann gilt:

f ′ (x0 ) f ′′ (x0 )
f (x) = f (x0 ) + (x − x0 ) + (x − x0 )2 + . . .
1! 2!
X∞
f (i) (x0 )
= (x − x0 )i
i=0
i!

ak f (k) (x0 )
5. Berechnen Sie den Konvergenzradius R = limk→∞ ak+1 mit ak = k!

Warum bzw. wann konvergiert die Taylorreihe gegen die Originalfunktion?

Beispiel 5.25:
Gesucht ist eine Taylorreihenentwicklung der Funktion f (x) = ln x. Untersuchen Sie, für welche x die
Reihe konvergiert.
Entwicklungspunkt: Da f (x) für x = 0 nicht definiert ist, wählen wir als Entwicklungspunkt x0 = 1.
Ableitungen:

Beweis der Ableitungsformel durch vollständige Induktion:

Für die Reihe ergibt sich damit:

Für den Konvergenzradius gilt:

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(
x)
1.5

T1
T4 (
5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen

2
y

)
(x
)
(x
1

x)
1.5

T1
T4 (
)

T3
ln(x

)
(x
1

T3
0.5
T2
(x
) x
0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4

0.5 −0.5

−1

T2
Für Potenzreihen gelten folgende Rechenregeln innerhalb ihres Konvergenzbereichs:

Satz 5.8:
0.5 1 1.5
Potenzreihen können gliedweise differenziert und integriert werden. Der Konvergenzradius bleibt
dabei unverändert. Es sei
2 2.5

X
∀ x : |x − x0 | < R f (x) = ak (x − x0 )k
k=0

0.5 Dann gilt



X
∀ x : |x − x0 | < R f ′ (x) = kak (x − x0 )k−1
|{z}
k=1 ãk−1
Z ∞
X ak
∀ x : |x − x0 | < R f (x) dx = (x − x0 )k+1 + |{z}
c
k+1
| {z }
−1 k=0
ãk+1
ã0

Beispiel 5.26:
Prüfen Sie diesen Satz nach, indem Sie zeigen, dass die Ableitung der Taylorreihe von e x wieder die
Taylorreihe von e x ergibt.


!′
X xi
x ′
(e ) = =
i=0
i!

Beispiel 5.27:
Gesucht ist die Taylorreihe von ln |1 − x|. Hinweis: Verstehen Sie ln |1 − x| als eine Stammfunktion.

Beispiel 5.28:
P∞ P∞
1
Wir wissen: i=0 xi = 1−x für |x| < 1. Was ist i=1 ixi−1 ?

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