Skript Analysis
Skript Analysis
Wintersemester 2024/25
Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen 5
1.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Einführungsbeispiel: Der Turm von Hanoi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.4 Beweisverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
1.6 Übungsblatt Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2 Funktionen 27
2.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.2 Vorkenntnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.3 Polynome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.4 Kreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.5 Funktionengrenzwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.6 Stetigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.7 Übungsblatt Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3 Differentiation 67
3.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.2 Die Ableitung einer Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.3 Implizite Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3.4 Anwendung der Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.5 Das Newton–Verfahren zur Lösung nichtlinearer Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . 83
3.6 Übungsblatt Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4 Integralrechnung 89
4.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4.2 Das Flächenproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4.3 Das bestimmte Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
4.4 Stammfunktion, Rechenregeln, Grundintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
4.5 Hauptsatz der Differential– und Integralrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
4.6 Fläche zwischen zwei Funktionsgraphen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
4.7 Integrationstechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
4.8 Uneigentliche Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
4.9 Numerische Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
4.10 Übungsblatt Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
5 Reihen 119
5.1 Lernziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
5.2 Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
5.3 Endliche Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
5.4 Unendliche Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
5.6 Übungsblatt Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Vorwort W. Högele, WiSe 2022/23
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine gute Wahl getroffen! Denn: Informatik und Mathematik
und natürlich alle Verbindungen der zwei Bereiche wie bspw. in Machine Learning, Data Science und
Computational Science ist ein stetig wachsendes Feld für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
An der Fakultät Informatik und Mathematik an der Hochschule München wollen wir Ihnen die richtigen
Ansätze, Denkweisen und Tools beibringen, damit Sie ebenso wesentliche Beiträge in Wirtschaft,
Wissenschaft und Gesellschaft leisten können.
Das Fach Mathematik und insbesondere die Vorlesung Analysis mag erstmal nicht sehr aktuell“
”
wirken, da sie auf Prinzipien zurückführen, die teils Jahrhunderte bis Jahrtausende alt sind. In der
Tat ist der bestehende Ansatz, wie moderne Mathematik an Hochschulen eingeführt wird, nun ca.
100 Jahre alt (für Interessierte: ein wesentlicher Schub war das Hilbertprogramm“ in den 1920ern).
”
Aber: Mathematische Erkenntnisse sind zeitlos - einmal bewiesen gelten sie für immer. Deshalb ist
es nicht verwunderlich, dass wir hier teilweise sehr alte Erkenntnisse neu lernen“. Wichtig dabei: Das
”
ändert nichts an der Aktualität und Relevanz dieser Erkenntnisse. Durch die Einführung von Computern
in alle Lebens- und Arbeitsbereiche, die stete Weiterentwicklung von Programmierumgebungen und die
nicht zu unterschätzende Datenvielfalt spielen bspw. Algorithmen eine wichtige Rolle im zukünftigen
Fortschritt. Diese Algorithmen beruhen auf der Umsetzung oftmals sehr alter mathematischer Ideen
auf neueste Anwendungen und die Veranstaltung Analysis liefert Ihnen neben der Linearen Algebra ein
erstes Fundament dieser gesicherten mathematischen Erkenntnisse.
Noch ein paar Worte zur konkreten Vorlesung: Sie haben in der Schule Mathematik sehr lange erlebt
und einige Begriffe der Mathematik sind Ihnen im Grunde geläufig. Jedoch kann dies trügerisch sein! Der
Fundus über das Wissen wesentlicher Begriffe ist einerseits sehr ungleichmäßig über die Themenpalette
und zwischen Ihnen verteilt und andererseits häufig in der Schule nicht in einem Gesamtkontext
dargestellt worden. Wir werden in dieser Veranstaltung wesentliche Begriffe der Analysis noch einmal
neu in einer Gesamtstruktur einführen, um soweit möglich faire Startbedingungen für alle zu erreichen
(aber auch wir werden ein paar Grundlagen voraussetzen müssen), und Ihnen ein modernes Verständnis
der Analysis zu vermitteln, welches Sie weiter im Studium und im Beruf benötigen. Zur kurzfristigen
Motivation: Wenn Sie am Ball bleiben (es wird hier zügig vorangehen), stetig mit- und nacharbeiten
und sich auf Übungen vorbereiten (und auch keine Scheu vor Wortmeldungen haben!), dann haben Sie
gute Chancen die Prüfung am Ende des Semesters solide zu bestehen. Lassen Sie sich darauf ein – Sie
haben Ihren Lern- und Studienerfolg durch Ihre aktive Teilnahme selbst in der Hand. Viel Erfolg!
Arbeitsaufwand
Mitmachen und –denken während Vorlesung
Nacharbeiten der Vorlesung in Lerngruppen, bspw. gegenseitiges Erklären
Selbständiges Bearbeiten der Übungsaufgaben (bspw. ebenso in Lerngruppen) in Vorbereitung
auf die Übungen (wird in Vorlesung bekannt gegeben)
Prüfung
Es gilt folgender aktueller Planungsstand:
Die Prüfung soll in Präsenz stattfinden, wie in einem normalen Präsenz–Semester.
Die Prüfung wird für alle Studiengänge unbenotet angeboten.
Details zur Prüfung entnehmen Sie bitte der Moodle-Seite. Dort sind ggf. auch die konkreten
Prüfungstermine vermerkt.
Eine bestandene Prüfung in Analysis oder Lineare Algebra ist Voraussetzung für die Teilnahme
an Angewandter Mathematik im 2. Semester.
1 Grundlagen
1.1 Lernziel
In diesem Kapitel:
übersetzen Sie Aussagen in Textform in formal logische Form und umgekehrt (z.B. ∀, ∃, ⇒, ∨,
∧, ¬)
ziehen Sie aus mehreren logischen Schlüssen die maximale Schlussfolgerung.
hinterfragen Sie Argumentationen kritisch und prüfen auf Richtigkeit.
verknüpfen Sie Methoden aus dem Bereich der Logik und der Beweisführung.
führen Sie Beweise mit vollständiger Induktion selbständig durch und erkennen, wann die Methode
nicht zielführend ist. Lernen dabei ebenso den direkten und indirekten Beweis kennen.
finden Sie Beispiele und Gegenbeispiele für eine Aussage.
n = 2 Scheiben
n = 3 Scheiben
Bei n = 3 ging es zuerst darum, die oberen zwei Scheiben auf einen freien Stab zu verschieben
(die gleiche Zugzahl wie bei n = 2), dann die größte Scheibe verschieben, und dann wieder die
zwei oberen Scheiben auf die größte Scheibe setzen (wieder die gleiche Zugzahl wie bei n = 2).
Formal ist die Zugzahl also T3 = T2 + 1 + T2 = 2 · T2 + 1.
Dies lässt sich recht einfach auf n verallgemeinern:
– verschiebe n − 1 Scheiben auf einen freien Stab (Tn−1 Züge)
– verschiebe die größten Scheibe (1 Zug)
– verschiebe n − 1 Scheiben auf die größte Scheibe (Tn−1 Züge)
Das heißt es gilt folgende Rekursion:
T1 = 1 (1)
Tn = 2 · Tn−1 + 1 für n > 1 (2)
T2 = 2 · 1 + 1 = 3
T3 = 2 · 3 + 1 = 7
Für eine Rekursion ist es immer wichtig einen Anfangswert zu haben (bspw. T1 ) und eine Rekursionsvorschrift,
um damit beliebige Rekursionsglieder zu berechnen (bspw. Tn ).
Die Rekursion erlaubt uns, Tn für jedes beliebige n zu berechnen. Aber das kann viel Zeit kosten, denn,
um z. B. T64 zu berechnen, müssen wir erst alle T1 , ..., T63 berechnen.
Gesucht ist also eine geschlossene Formel für Tn , in der man nur das n eingibt und man erhält sofort
die zugehörige Zugzahl.
Eine Möglichkeit auf diese Formel zu kommen ist, sich einzelne Beispiele anzusehen und sich daraus
eine Formel vorzuschlagen:
T2 = 3
T3 = 7
T4 = 15
T5 = 31
T6 = 63
Tn = 2n − 1
welche für T1 − T6 richtig ist. Aber wie beweist man, dass diese Formel immer stimmt, wenn die
Rekursionsformeln wahr sind?
Der Weg dies zu beweisen lautet vollständige Induktion – eine Beweismethode, die wir in den nächsten
Vorlesungen noch etwas besser kennen lernen werden.
Hier wird schon einmal das Prinzip an diesem Beispiel erklärt
1. Induktionsanfang: Zeige, dass die Formel für einen Startwert gilt (bspw. n = 1):
T1 = 21 − 1 = 1
2. Induktionsschritt: Zeige, falls die Formel für Tn gilt, dann auch für Tn+1 . Die Behauptung lautet
also Tn+1 = 2n+1 −1. Die Voraussetzung lautet Tn = 2n −1, sowie die bekannte Rekursionsformel.
Der Beweis wird wie folgt geführt:
Damit haben wir die gezeigt, die Formel ist wahr für T1 und für jeden Sprung“: Ist die Formel für Tn
”
wahr, dann ist sie auch für Tn+1 wahr. Somit gilt die Formel für alle n ≥ 1.
Was bedeutet dies nun praktisch? Wie viele Züge benötigt man für verschiedene n s? Wie lange würde
das Spiel dauern, wenn jeder Zug blitzschnell wäre, d.h. bspw. nur 1 Mikrosekunde dauern würde?
Man sagt, die Zugzahl Tn wächst exponentiell mit der Scheibenzahl n. Dennoch konnten wir allgemein
diese Formel für alle n in nur wenigen einfachen Schritten beweisen!
Der Turm von Hanoi ist ein typisches Beispiel für eine Rekursion. Um einen geschlossenen Ausdruck
für die Lösung zu finden, sind wir folgende Schritte gegangen:
1. Betrachte zunächst die kleinen“ Fälle. Das lässt uns das Problem besser verstehen und hilft uns
”
in Schritt 2 und 3.
2. Finde und beweise eine mathematische Rekursion für die Größe, die interessiert.
3. Finde und beweise einen geschlossenen Ausdruck für diese Größe.
Dieser Ansatz ist häufig zielführend. Unsere Analyse des Turms hat uns durch Raten zur richtigen
Antwort geführt. Das ist natürlich manchmal schwer.
Für die neugierigen Programmierer unter Ihnen sei hier noch ein Python–Code angegeben, der genau
unserem obigen rekursiven Algorithmus folgt:
def bewege ( n , a , b , z ) :
# n i s t d i e A n z a h l d e r zu v e r s c h i e b e n d e n S c h e i b e n
# a d e r S t a b von dem v e r s c h o b e n werd en s o l l
# b d e r Stab , a u f den d i e S c h e i b e n v e r s c h o b e n wer den s o l l e n .
# z d e r Stab , d e r a l s Z w i s c h e n z i e l d i e n t
i f n >= 1 :
bewege ( n = 1 ,a , z , b )
p r i n t ( ' V e r s c h i e b e o b e r s t e S c h e i b e von {} nach {} ' . f o r m a t ( a , b ) )
bewege ( n = 1 , z , b , a )
1.3 Logik
1.3.1 Bedeutung der Logik
Logik spielt in der Mathematik eine große Rolle und ist ihre Grundlage: Durch sie können mathematische
Theorien oder Sätzen exakt formuliert werden und Beweise durch formales Schlussfolgern geführt
werden. Logik bildet die Grundlage dafür, Mathematik zu verstehen und korrekt argumentieren zu
können.
Aussagenvariable (formal):
Einzelne Aussagen werden mit Buchstaben A, B, C, . . . bezeichnet. A, B, C . . . können dann entweder
wahr oder falsch sein.
Aussagenverknüpfungen:
Bisher wurden nur einzelne Aussagen betrachtet, z. B.
A: Die Straße ist nass.
B: Es regnet.
Durch Wörter wie wenn“ , dann“ , und“ , oder“ bzw. Verneinungen werden die Aussagen miteinander
” ” ” ”
verknüpft und in Beziehung gesetzt, z.B.
Wenn es regnet, ist die Straße nass. Formal: B ⇒ A.
oder“ / Disjunktion: ∨
”
Die Aussage A ∨ B ist genau dann wahr, wenn mindestens eine der beiden Aussagen A oder B wahr
ist. A ∨ B ist also wahr, wenn entweder A oder B wahr ist oder beide Aussagen wahr sind.
A B A∨B
T T T
T F T
F T T
F F F
Hier ist also Vorsicht geboten: Bei ∨ ( oder“) handelt es sich um ein inklusives Oder, d.h. es können
”
auch beide Operanden wahr sein und nicht um ein exklusives Oder (Entweder – oder).
Beispiel 1.1:
A: 2 + 2 = 4
B: 2 + 2 = 5
und“ / Konjunktion: ∧
”
Die Aussage A ∧ B ist genau dann wahr, wenn sowohl A als auch B wahr sind.
A B A∧B
T T T
T F F
F T F
F F F
Beispiel 1.3:
Die Aussage A ∧ B mit den Aussagen A, B aus Beispiel 1.1 ist also falsch.
Beispiel 1.4:
1. Welchen Wahrheitsgehalt hat die Aussage A ∧ E, wobei Aussage E: 1 + 1 = 2 ist (Aussage A
aus Beispiel 1.1)?
2. F : München liegt an der Isar.
G: Bonn liegt an der Isar.
Wie lautet die Aussage F ∧ G in Worten? Ist sie wahr oder falsch?
Beispiel 1.5:
In der Alltagssprache hört man bei und“ oft eine zeitliche Folge mit:
”
Ich fahre in den Urlaub und jobbe (weil ich dort einen Ferienjob annehme)
Ich jobbe und fahre in den Urlaub (weil ich nach dem Jobben genug Geld für den Urlaub habe).
Mathematisch gibt es diese zeitliche Reihenfolge nicht: A ∧ B ist dasselbe wie B ∧ A, oder anders
ausgedrückt: ∧ ist kommutativ.
Beispiel 1.6:
1. Aussage A: Schnee ist weiß.“
”
2. Aussage A (¬A): Schnee ist nicht weiß.“
”
Wichtig: Dies ist nicht gleichzusetzen mit der Aussage, dass Schnee schwarz ist. Nicht-weiß“ heißt
”
lediglich jede andere Farbe außer weiß, zum Beispiel auch rot.
A B A⇒B
T T T
T F F
F T T
F F T
Bemerkung 1.2:
Die Gesamtaussage A ⇒ B ist immer wahr, außer man folgert aus einem wahren A ein falsches B. Das
heißt, die Implikation A ⇒ B ist bereits dann wahr, wenn die Aussage A falsch ist. Dieses Prinzip heißt
salopp: Aus Falschem folgt Beliebiges.“ Die Implikation A ⇒ B ist also nur dann falsch, wenn A wahr
”
und B falsch ist. Dies kann zu kontraintuitiven Aussagen führen, die aber dennoch logisch wahr sind.
Beispiel 1.8:
Die folgenden Aussagen sind Implikationen. Welche von ihnen sind wahr?
1. Wenn die Funktion f im Punkt x0 ein lokales Minimum hat und differenzierbar ist, so gilt f ′ (x0 ) =
0.
2. Wenn du das Glas auf den Steinboden fallen lässt, geht es kaputt.
3. Wenn Bayern kein Teil von Deutschland ist, bin ich StudentIn.
4. Wenn Bayern kein Teil von Deutschland ist, bin ich Bundespräsidentin.
Beispiel 1.9:
Die Aussage: 2 + 2 = 5 ist falsch.
Die Aussage: 3 + 4 = 2 ist auch falsch.
Die Aussage: 2 + 2 = 5 ⇒ 3 + 4 = 2 ist aber wahr, denn aus einer falschen Aussage kann man alles
folgern. (Das bedeutet aber natürlich nicht, dass 3 + 4 = 2 wahr ist.)
Beispiel 1.10:
Die mathematische Definition der Implikation weicht ab und an von der umgangssprachlichen ab:
A ⇒ B bedeutet nicht, dass A Ursache für B ist:
Hühner gackern ⇒ Menschen sprechen“ ist wahr
”
A ⇒ B bedeutet nicht, dass A wahr ist:
Hühner sprechen ⇒ Menschen gackern“ ist wahr
”
A ⇒ B sagt nichts darüber raus, ob B ⇒ A wahr ist
In der Alltagssprache geht das manchmal durcheinander: Wenn du gut lernst, bekommst du gute
”
Noten“ wird oft fälschlicherweise auch verstanden als Wenn du guten Noten hast, dann hast du
”
gut gelernt“.
A ⇒ B ist immer wahr, wenn B wahr ist – unabhängig von A:
Hühner sprechen ⇒ Menschen sprechen“ ist wahr
”
Satz 1.1:
Folgende drei Aussagen sind äquivalent:
A⇒B
A∨B
B⇒A
Beispiel 1.11:
Wenn es regnet, ist die Straße nass.“
”
– Diese Aussage ist gleichwertig zu ihrer Kontraposition, nämlich der Aussage: Wenn die
”
Straße nicht nass ist, regnet es nicht.“
– Die Aussage ist weder gleichwertig zur Umkehrung der Aussage: Wenn die Straße nass ist,
”
dann regnet es.“ noch zur Kontraposition der Umkehrung: Wenn es nicht regnet, ist die
”
Straße nicht nass.“ Die Straße könnte auch aus anderen Gründen nass sein, beispielsweise,
weil jemand mit einem Gartenschlauch gespritzt hat.
– Die Negation (Verneinung) lässt sich nicht so elementar ausdrücken, nur in etwa so Die
”
Schlussfolgerung: Wenn es regnet, ist die Straße nass. ist falsch“.
Die folgenden beiden Aussagen sind logisch äquivalent:
1. Lehrer zum Schüler: Du tust das Handy jetzt weg oder ich nehme es an mich.
2. Wenn Du das Handy nicht weg tust, nehme ich es an mich.
Formal:
Beispiel 1.12:
Es gelte folgende Aussage: Wer nach Italien oder Frankreich (oder beides) in Urlaub fährt, ist von Beruf
Maurer.
F (p): p fährt nach Frankreich in den Urlaub.
I(p): p fährt nach Italien in den Urlaub.
M (p): p ist Maurer.
Welche der folgenden Teilaussagen können wir daraus ableiten?
1. Wer nach Frankreich in den Urlaub fährt, ist Maurer.
2. Wer nach Italien in den Urlaub fährt, ist Maurer.
3. Wer kein Maurer ist, fährt weder nach Italien noch nach Frankreich in den Urlaub.
4. Alle Maurer fahren nach Italien oder Frankreich in den Urlaub.
Wie kann man die Aussage mathematisch fassen?
Beispiel 1.13:
Es gelte folgende Aussage/Regel: Wenn Föhn ist, dann darf man nicht Auto fahren.
Welche der folgenden Aussagen sind immer wahr, welche immer falsch? Über welche kann man nichts
sagen? Formulieren Sie die Aussagen auch in symbolischer Schreibweise.
1. Wenn jemand Auto fährt, dann ist kein Föhn.
2. Wenn kein Föhn ist, dann wird immer Auto gefahren.
3. Wenn kein Föhn ist, wird nie Auto gefahren.
4. Wenn Auto gefahren wird, dann ist gerade Föhn.
Satz 1.2:
Folgende Aussagen sind äquivalent:
A⇔B
(A ⇒ B) ∧ (B ⇒ A)
Beispiel 1.14:
n ∈ N ist genau dann eine gerade Zahl, wenn n durch 2 teilbar ist.
Bei der Prüfung bestehen genau die Studierenden, die mindestens 25 Punkte haben.
Bemerkung 1.5:
Sprachlich benutzt man für A ⇔ B auch
A und B sind äquivalent.
A ist äquivalent zu B.
A gilt genau dann, wenn B gilt. (engl.: if and only if, Abkürzung: iff)
Beispiel 1.15:
1. A: Es regnet.
B: Die Straße ist nass.
A ⇒ B: Wenn es regnet, ist die Straße nass.
A ist somit die hinreichende Bedingung für B. Denn wenn es regnet, tritt auch Aussage B ein
und die Straße ist nass.
B ist die notwendige Bedingung für A. Die nasse Straße ist die notwendige Bedingung dafür, dass
es geregnet hat. Ohne dass die Straße nass ist, kann es nicht geregnet haben.
2. Es gilt x = 2 ⇒ x2 = 4.
Welche Aussage ist die hinreichende bzw. notwendige Bedingung für die andere Aussage?
Es gilt x2 = 4 ⇔ x = 2 ∨ x = −2.
Notwendig dafür, dass x2 = 4 ist, ist x = 2 ∨ x = −2.
Allaussagen
So gilt z.B. für alle x ∈ R nach der binomischen Formel (x + 1)(x − 1) = x2 − 1.
Mathematisch schreibt man dies mit dem Allquantor ∀, gesprochen wird dieser für alle“.
”
Die Aussage ∀x ∈ R : (x + 1)(x − 1) = x2 − 1 wird so gelesen: Für alle x aus der Menge der reellen
”
Zahlen gilt (x + 1)(x − 1) = x2 − 1.“
Existenzaussagen
Hat man eine Gleichung oder Ungleichung zu lösen, so ist man eher daran interessiert, ob es mindestens
eine Lösung gibt. Ist das der Fall, so verwendet man den sogenannten Existenzquantor ∃, gesprochen
wird dieser es gibt/es existiert“.
”
Beispiel 1.16:
∃n ∈ N : n2 = 1. Diese Aussage wird so gelesen: Es gibt ein n aus den natürlichen Zahlen für
das gilt, dass n2 = 1.
Die beiden Aussagen ∃n ∈ N : n2 = 1 und ∃x ∈ R : x2 = 1 sind beide wahr, wohingegen ∃n ∈ N :
n2 = 2 falsch ist.
Will man ausdrücken, dass es nur genau ein Element gibt, für das eine Aussage wahr ist, so
schreibt man: ∃! n ∈ N : n2 = 1
Bemerkung 1.7:
Für die Verneinung einer Allaussage gilt:
∀x : A(x) ⇔ ∃x : (A(x))
¬(∀x : A(x)) ⇔ ∃x : ¬(A(x))
Beispiel 1.17:
Die Verneinung von A(x): Alle Schwäne sind weiß.“ ist Es gibt einen Schwan, der nicht weiß ist.“
” ”
Bemerkung 1.8:
Für die Verneinung einer Existenzaussage gilt:
∃x : A(x) ⇔ ∀x : A(x)
¬(∃x : A(x)) ⇔ ∀x : ¬(A(x))
Beispiel 1.18:
Wie lautet die Verneinung der Aussage: Es gibt ein Schneckenhaus, das gegen den Uhrzeigersinn
”
gedreht ist.“ ?
Beispiel 1.19:
Beispiel für einen mathematischen Satz in der Schreibweise mit Existenz- und Allquantoren:
∀n ∈ N ∃m ∈ N : m − n = 1
(gesprochen: Für alle natürlichen Zahlen n existiert eine natürliche Zahl m, sodass die Differenz von m
und n gleich 1 ist.)
Beispiel 1.20:
Die Reihenfolge der Quantoren ist extrem wichtig:
∀ v ∈ Viren ∃ d ∈ Antivirenprogramme : d schützt vor v.
Für jeden Virus habe ich (mindestens) ein Antivirenprogramm, also z.B. gegen ILOVEYOU
Norton, gegen MYDOOM Bablas, . . .
∃ d ∈ Antivirenprogramme ∀ v ∈ Viren : d schützt vor v.
Das will ich: Es gibt (mindestens) ein Programm, dass gegen alle Viren schützt.
Beispiel 1.21 (Lewis Carroll, Autor von Alice im Wunderland“ und Mathe–Professor):
”
1. Babies are illogical.
2. Nobody is despised who can manage a crocodile.
3. Illogical persons are despised.
In diesen Aussagen stecken für die Personen p insgesamt 4 mögliche Eigenschaften:
A(p): p is able to manage a crocodile
B(p): p is a baby
C(p): p is despised (wird verachtet)
D(p): p is logical
Dann entspricht den obigen Aussagen, wenn P die Menge aller Personen ist:
1. ∀ p ∈ P : B(p) ⇒ D(p)
2. ∀ p ∈ P : A(p) ⇒ C(p)
3. ∀ p ∈ P : D(p) ⇒ C(p)
Die Schlussweise zwischen B(p) und A(p) läuft folgendermaßen:
1.4 Beweisverfahren
Wozu braucht man Beweise?
Um zu zeigen, dass etwas immer stimmt: Wir wollen sicher sein.
Zur Kommunikation mit anderen: Wir wollen andere überzeugen
Wir unterscheiden hier folgende häufig vorkommende Beweistypen:
Direkter Beweis
Indirekter Beweis
vollständige Induktion (nur für natürliche Zahlen)
Um eine Aussage zu beweisen, müssen wir zeigen, dass sie immer stimmt – wenn also Variablen darin
vorkommen, muss die Aussage für alle Werte der Variablen wahr sein.
Eine solche Aussage zu widerlegen ist im Gegensatz dazu, meist leichter: Es reicht aus, ein einziges
Gegenbeispiel, d.h. einen einzigen Wert für die Variable, zu finden, welcher die Aussage falsch werden
lässt.
Umgekehrt kann ein Beispiel kein Beweis sein – es sei denn die Variable kann nur diesen einen Wert
annehmen.
Beispiel 1.24:
Wir leiten eine Formel zur Berechnung der Summe der natürlichen Zahlen von 1 bis n her:
s= 1 +2 +3 + · · · + (n − 1) +n
s= n +(n − 1) +(n − 2) + · · · + 2 +1
⇔ 2s = (n + 1) +(n + 1) +(n + 1) + · · · + (n + 1) +(n + 1)
⇔ 2s = n(n + 1)
n(n+1)
s= 2
¬B ⇒ ( H1 ⇒ H2 ⇒ . . . ) ⇒ F ⇔ T ⇒ B
Beispiel 1.25:
(Vorab–)Definition: Eine Zahl k ∈ Z heißt gerade ⇔ ∃ l ∈ Z : k = 2 l
√
Behauptung: 2 = 1.4142 . . . ist keine rationale Zahl, d.h. lässt sich nicht als Bruch schreiben, den
wir nicht weiter kürzen können.
√
Indirekter Beweis: √ 2 ist eine rationale Zahl, d.h. lässt sich als Bruch schreiben, den wir nicht weiter
kürzen können, d.h. 2 = pq , p ∈ Z, q ∈ N.
p2 ∗
⇒ 2= q2 ⇒ p2 = 2q 2 ⇒ p2 ist gerade ⇒ p ist gerade
⇒ p = 2r mit r ∈ Z
⇒ p, q haben gemeinsamen Teiler 2 und sind nicht teilerfremd, d.h. der Bruch lässt sich kürzen.
Dies ist ein Widerspruch zur Annahme.
∗
Ein Zwischenargument ist noch zu zeigen, welches wir bisher so hingenommen haben:
Behauptung: p2 gerade ⇒ p gerade
Direkter Beweis der Kontraposition: Wäre p ungerade: ∃ l ∈ Z : p = 2 l + 1
Bemerkung 1.9:
Damit ist bewiesen, dass alle Aussagen A(n) für alle n ≥ n0 wahr sind.
Häufig ist n0 = 1 oder n0 = 0 ein klassischer Startwert.
Wir machen im Induktionsschritt keine Aussage darüber, ob eine natürliche Zahl die Aussage
erfüllt, sondern nur: Wenn für eine Zahl n die Aussage A(n) wahr ist, dann erfüllt auch ihr
Nachfolger n + 1 die Aussage A(n + 1).
Zieht man nun die Schlussfolgerung aus beiden Schritten, so gilt bspw. für n0 = 1: A(1) ist nach
Schritt 1 richtig. Nach Schritt 2 ist dann mit n = 1 auch die Aussage A(2) richtig, also auch
A(3),...
Ein gutes Bild für die Funktionsweise der vollständigen Induktion ist eine Reihe fallender Dominosteine.
Im Induktionsschritt zeigt man: Wenn ein Stein fällt, dann auch der nächste. Beachten Sie, dass
dies nicht heißt, dass wirklich ein Stein fällt.
Beispiel 1.26:
n(n + 1)
1 + 2 + ··· + n = ∀n ∈ N
2
1(1+1)
1. Induktionsanfang: n0 = 1: 1 = 2 ✓
2. Induktionsschritt:
(a) Induktionsannahme: Man nimmt an, dass die Formel für n richtig ist:
n(n + 1)
1 + 2 + ··· + n =
2
(b) Induktionsbehauptung: Formel gilt auch für n + 1, d.h. zu zeigen:
(n + 1)(n + 2)
1 + 2 + · · · + n + (n + 1) =
2
(c) Induktionsbeweis:
Beispiel 1.27:
Will man die Quadrate aller Zahlen von 1 bis 100 summieren, so schreibt man
100
X
i2 .
i=1
P5 2
Welchen Wert erhält man für i=3 (2i) ?
Zu beachten ist: Bei diesem Beispiel beginnt die Summe erst ab dem Startwert 3!
Wie sieht die Σ-Schreibweise aus, um die Summe der dritten Potenzen der Zahlen von 10 bis 30
zu berechnen?
Wie kann man die Summe der Quadrate aller ungeraden Zahlen zwischen 1 und 100 hinschreiben?
Bemerkung 1.10:
Die Vorteile dieser Σ(Sigma)–Schreibweise sind, dass sie Schreibarbeit spart und dass man, wenn man
sich daran gewöhnt hat, einfach damit rechnen kann. Man kann z.B. den Index verschieben
n
X n−1
X
ai = a1 + · · · + an = ai+1 .
i=1 i=0
oder allgemeiner:
n
X n−m
X
ai = ai+m .
i=1 i=1−m
Beispiel 1.28:
P□
Formen Sie die folgenden Summen so um, dass Sie die Form i=0 □ haben.
P6 2
1. i=2 i =
P46 5i
2. i=22 (i−5)! =
Bemerkung 1.12:
Im Folgenden sei n ∈ N. Wir verwenden die folgenden Bezeichnungen:
N = {1, 2, 3, . . . }
N0 = {0, 1, 2, 3, . . . } = N ∪ {0}
Beispiel 1.29:
Wir wollen ein Muster für die Summe ungerader Zahlen finden und beweisen:
1=1
1+3=4
1+3+5=9
1 + 3 + 5 + 7 = 16
..
.
Behauptung:
Beweis:
Induktionsanfang:
Induktionsschritt:
Geometrische Veranschaulichung:
Beispiel 1.30:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion:
∀ n ∈ N : 3 + 7 + 11 + · · · + (4n − 1) = = n + 2n2
Induktionsanfang:
Induktionsschritt:
Beispiel 1.31:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion die geometrische Summenformel:
n
X 1 − q n+1
∀ n ∈ N0 : qi = falls q ̸= 1
i=0
1−q
Induktionsanfang:
Induktionsschritt:
Beispiel 1.32:
Zeigen Sie für alle natürlichen Zahlen n, dass 7n − 1 durch 6 teilbar ist.
Beispiel 1.33:
Wir bezahlen mit 1- und 2- –C-Münzen und mit 5- –C-Scheinen. Wir wollen nun mit Hilfe vollständiger
Induktion zeigen, dass man Beträge ab 4 –C auch ohne 1- –C-Münzen bezahlen kann, ohne dass Wechselgeld
zurückgegeben werden muss.
Probieren Sie das für einige Zahlen aus.
Wie kann man die Behauptung mathematisch formulieren?
Induktionsbehauptung:
Beweis:
Induktionsanfang:
Induktionsschritt:
1. Induktionsvoraussetzung:
2. Induktionsbehauptung:
3. Induktionsbeweis:
(f ◦ g)(x) := f (g(x)).
x g(x) f(g(x))
g f
g heißt innere, f heißt äußere Funktion. Die Auswertung erfolgt von innen nach außen, d.h. zuerst wird
g ausgewertet und dann das Ergebnis in f eingesetzt.
Beispiel 1.34:
f (x) = x2 , g(x) = 3x + 5
(f ◦ g)(x) =
(g ◦ f )(x) =
Beispiel 1.35:
x
Es sei f0 (x) = x+2 und fn+1 (x) = f0 ◦ fn . Gesucht ist eine Formel für fn (x). Finden und beweisen
Sie die Formel.
Formelidee:
Dies ist natürlich noch kein Beweis. Den führen wir durch vollständige Induktion.
Induktionsanfang:
Induktionsschritt:
1. Induktionsvoraussetzung:
2. Induktionsbehauptung:
3. Induktionsbeweis:
1.5 Literatur
Lewis Carroll. url: [Link]
Lewis Carroll. The Game of Logic. 1886/ 1958.
Ronald L. Graham, Donald E. Knuth und Oren Patashnik. Concrete Mathematics - A Foundation
for Computer Science. Addison-Wesley, 1994.
Wikipedia. Türme von Hanoi. url: [Link] von Hanoi.
Vollständige Induktion
Aufgabe 1.4:
Beweisen Sie durch vollständige Induktion
n
X 1
i2 = n(n + 1)(2n + 1)
i=0
6
Aufgabe 1.5:
Zeigen Sie: 4n3 − n ist durch 3 teilbar für alle n ∈ N.
Aufgabe 1.6:
Beweisen Sie durch vollständige Induktion
1 1 1 n
+ + ··· + =
1·3 3·5 (2n − 1)(2n + 1) 2n + 1
.
Aufgabe 1.7:
Gegeben ist die Rekursion
ak+1 = 2ak + 1, a1 = −1.
Berechnen Sie a2 , a3 , a4 , a5 , bestimmen Sie das Bildungsgesetz der Folge und beweisen Sie es.
Weitere Beweistechniken
Aufgabe 1.8:
Führen Sie einen indirekten Beweis für den Satz:
Für alle reellen Zahlen x > 0, y > 0, x ̸= y gilt
x y
+ > 2.
y x
2 Funktionen
2.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
finden Sie zu gegebenen Daten ein passendes Interpolationspolynom und werten es effizient aus.
Finden Sie passende Funktionsterme zu den Graphen einfacher Funktionen
manipulieren Sie Funktionsterme sicher und können wichtige Punkte von Funktionen ausrechnen
(Schnittpunkte, Nullstellen,. . . )
können Sie die Eigenschaften von stetigen Funktionen benennen und in der Praxis Folgerungen
daraus ziehen.
2.2 Vorkenntnisse
Aus der Schule bringen Sie schon folgende Kenntnisse mit:
Sie kennen verschiedene mögliche Funktionsdarstellungen (z.B. Text, Tabelle, Term, Graph),
können sie ineinander übersetzen, sie interpretieren und mit ihnen mathematisch korrekt argumentieren.
Sie besitzen einen Fundus an Grundfunktionen (Polynome, trigonometrische Funktionen, Potenz-
und Wurzelfunktionen, Exponential- und Logarithmusfunktion), den Sie zur Problemlösung gebrauchen.
Sie erkennen, wie sich bestimmte Eigenschaften einer Funktion im Graphen und im Funktionsterm
widerspiegeln und können wichtige Punkte von Funktionen berechnen (Schnittpunkte, Nullstellen,. . . ).
Sie können Gleichungen, in denen trigonometrische Funktionen, Logarithmus- und Exponentialfunktionen
auftreten, nach den auftretenden Variablen auflösen.
Sie wählen zu einem geg. Funktionsplot den passenden Funktionstyp aus
Fehlende oder vergessene Kompetenzen können Sie sich u.a. durch Durcharbeiten des Kleingedruckten“
”
in diesem Kapitel aneignen.
Man kann sich Funktionen als Maschinen vorstellen, die einen Input Output
gegebenen Input x in einen Output y = f (x) transformieren. x Berechnung f(x)
Jedem Element aus dem Definitionsbereich x ∈ D ordnet die Funktion f genau ein Element y =
f (x) ∈ B zu. Die Umkehrung gilt aber nicht: Ein Funktionswert y = f (x) ∈ B muss nicht genau
einem Element x ∈ D zugeordnet sein: Ein y ∈ B kann mehrere Urbilder haben.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, eine Funktion zu beschreiben:
mit Worten
als Tabelle (Wertetabelle)
durch einen Funktionsterm (Funktionsgleichung)
als Graph
Manchmal ist eine Beschreibungsform besser geeignet als andere, häufig jedoch kann man von einer
Beschreibung in eine andere übergehen und erhält dadurch weiteren Aufschluss über die Funktion.
Beispiel 2.1 (Postgebühren für Briefe):
Die Funktionsbeschreibung in Worten: Die Funktion f (x) gibt für einen Brief vom Gewicht x das Porto
f (x) in –C an.
Als Tabelle:
Höchstgewicht Preis ( –C)
Standardbrief 20 g 0,80
Kompaktbrief 50 g 0,95
Großbrief 500 g 1,55
Maxibrief 1.000g 2,70
Hier ist sicher die Tabellendarstellung die sinnvollste.
Transformieren Sie die Tabelle a) in einen Graphen und b) in einen Funktionsterm.
Bildquelle: [Link]
Hier ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen Funktionsterm zu finden.
Beispiel 2.3:
Abgebildet sind vier Darstellungen des Temperaturverlaufes gegen die Zeit.
A B C D
200 200 200
20
150 150 150
10
100 100 100
50 50 10 12 14 16 18 20 50
-10
10 12 14 16 10 12 14 16 18 10 12 14 16
Ordnen Sie den 3 folgenden Geschichten jeweils einen Graphen zu und erfinden Sie für das nicht
zugeordnete Bild die fehlende Geschichte.
1. Ich nahm mittags den Fisch aus dem Tiefkühler und legte ihn zum Auftauen in die Küche. Als
ich abends zurückkam, briet ich ihn im Ofen.
2. Ich nahm den Fisch morgens aus dem Tiefkühler und legte ihn zum Auftauen in die Küche. Als
ich abends nach Hause kam, briet ich ihn im Ofen.
3. Ich nahm den Fisch am Morgen aus dem Tiefkühler. Leider vergaß ich ihn in der Küche und ging
auswärts Essen. Als ich abends nach Hause kam, tat ich ihn wieder in den Tiefkühler.
2.2.2 Polynome
Satz 2.1:
Besitzt das Polynom p(x) vom Grade n an der Stelle x1 eine Nullstelle, d.h. p(x1 ) = 0, so lässt
es sich in der Form
p(x) = (x − x1 ) · p1 (x)
schreiben. Dabei hat das so genannte reduzierte Polynom p1 (x) den Grad n − 1. Der Faktor
(x − x1 ) heißt Linearfaktor.
Beispiel 2.4:
Es sei das Polynom gegeben:
y = p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6
Zunächst muss man eine Nullstelle raten. Hinweise auf die Nullstelle kann man bekommen, wenn man
beachtet, dass a0 (hier also 6) das Produkt aller Nullstellen ist. Hier raten wir: x1 = 1. Um p1 (x)
zu ermitteln, müssen wir eine Polynomdivision durchführen. (Später lernen wir einen einfacheren Weg
kennen.)
p1 (x) =( x3 − 2x2 −5x +6 ) : (x − 1) = x2 − x − 6
−(x3 − x2 )
−x2 −5x
− −x2 +x)
−6x +6
− (−6x +6)
0
Also gilt: p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6 = (x − 1)(x2 − x − 6)
Satz 2.2:
Ein Polynom vom Grad n besitzt höchstens n reelle Nullstellen.
Beispiel 2.5:
Im obigen Beispiel gibt es weitere Nullstellen. Ihre Berechnung erfolgt durch Lösen der quadratischen
Gleichung p1 (x) = x2 − x − 6 = 0:
r
1 1
x1,2 = ± + 6 = −2, 3
2 4
Will man die Nullstellen des Polynoms p(x) = − 21 x2 − 2x − 2 berechnen, so ergibt sich:
1
− x2 − 2x − 2 = 0
2
⇔ x2 + 4x + 4 = 0
⇔ x1,2 = −2
Somit ist p(x) = − 21 (x+2)2 das in Linearfaktoren zerlegte Polynom. x1,2 = −2 wird als doppelte
Nullstelle bezeichnet. Analog definiert man 3-fache, 4-fache, . . . Nullstellen.
Wie sehen Polynome mit doppelten Nullstellen grafisch aus? Plotten Sie einige.
Das Polynom
p(x) = x2 + 1
hat keine reellen Nullstellen. Polynome ohne reelle Nullstellen liegen komplett über oder komplett
unterhalb der x-Achse.
Satz 2.3:
Besitzt ein Polynom n-ten Grades genau n reelle Nullstellen x1 , x2 , . . . , xn , so lässt es sich als
Produkt in der Form
p(x) = an (x − x1 )(x − x2 ) · · · · · (x − xn )
= an xn + an−1 xn−1 + · · · + a1 x + a0
darstellen.
Beispiel 2.6:
Ein Polynom 3. Grades besitzt bei x1 = −6 eine doppelte Nullstelle, bei x2 = −4 eine einfache Nullstelle
1
und schneidet die y-Achse bei 12. Wie lautet die Gleichung der Funktion? p(x) = 12 (x + 6)2 (x + 4)
Ansatz in der Produktform:
p(x) = a(x + 6)2 (x + 4)
Der Koeffizient a wird aus dem Schnittpunkt mit der y-Achse ermittelt:
1
p(0) = 12 =⇒ 12 = a · 62 · (4) = 144a =⇒ a =
12
Damit erhält man als Funktionsgleichung
1
p(x) = (x + 6)2 (x + 4)
12
Polynominterpolation
Die Interpolation befasst sich mit dem Problem, zu verschiedenen Punkten (xi , yi ), 0 ≤ i ≤ n, xi =
̸ xj
für i ̸= j, eine schöne“ oder leicht handhabbare Funktion f zu bestimmen, deren Graph durch diese
”
Punkte geht.
Beispiel 2.7:
Gesucht ist das Polynom durch die Punkte (2, 3), (1, 2), (−1, 6). Durch diese 3 Punkte kann man eine
Parabel, also ein Polynom 2. Grades legen.
y y
6 6
5 5
4 4
3 3
2 2
1 1
x x
−3 −2 −1 1 2 3 4 −3 −2 −1 1 2 3 4
In der Schule haben Sie das Problem mit dem folgenden Ansatz gelöst:
y = ax2 + bx + c,
Auf welches Gleichungssystem, welche Lösung und welches Polynom führt dieser Ansatz durch Einsetzen
der gegebenen Punkte?
3 = y(2) = 4a + 2b + c
2=a+b+c
6=a−b+c
p(x) = x2 − 2x + 3 = (x − 1)2 + 2
Bemerkung 2.2 (Vertikale und horizontale Streckung, Stauchung und Spiegelung eines Graphen):
Sei c > 1. Um den Graphen von
y = cf (x) zu erhalten, strecke f (x) vertikal um Faktor c
y = 1c f (x) zu erhalten, stauche f (x) vertikal um Faktor c
y = f (cx) zu erhalten, stauche f (x) horizontal um Faktor c
y = f xc zu erhalten, strecke f (x) horizontal um Faktor c
y = −f (x) zu erhalten, spiegele f (x) an der x-Achse
y = f (−x) zu erhalten, spiegele f (x) an der y-Achse
Beispiel 2.8:
Unten sind die Graphen von f (x), 2f (x), f (2x), f (x) + 2, f (x − 2) dargestellt. Ordnen Sie sie richtig
zu. y y y
6 6 6
5 5
5
4 4
4
f4 (x) 3 3
3 2 2
f1 (x) f2 (x)
2 1 1
x x
1 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1 −1
x
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4 −2 −2
f (x) + 2 f (x) f (2x)
y y
6 6
5
5
4
4
3
f3 (x) f5 (x)
3 2
1
2 x
1 −4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1
x
−2
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1 −3
−4
−2
−5
f (x − 2) 2f (x)
streng monoton wachsend (engl.: strictly increasing) (bzw. streng monoton fallend (engl.:
strictly decreasing)), wenn für alle x1 , x2 ∈ D mit x1 < x2 die Ungleichung gilt:
Beispiel 2.9:
Machen Sie sich die Bedeutung der obigen Definition anhand folgender Skizze klar.
Sie heißt ungerade (engl.: odd) oder punktsymmetrisch zum Nullpunkt, wenn für alle x ∈ D gilt:
f (x) = −f (−x)
y y
Beispiel 2.10:
sin2 x−3 cos x
Zeigen Sie, dass f (x) = 1+x2 eine gerade Funktion ist.
f (−x) =
f (x + p) = f (x) ∀x ∈ D
Kurz:
f periodisch ⇔ ∃ p ∈ R+ : ∀ x ∈ D : f (x + p) = f (x)
Beispiel 2.11:
Wie lautet die Negation der Periodizität in Kurzschreibweise und was bedeutet dies?
∀ p ∈ R+ : ∃ x ∈ D : f (x + p) ̸= f (x)
Für jedes p existiert mindestens ein x ∈ D, sodass f (x + p) ungleich f (x) ist.“
”
Bemerkung 2.3:
Vorsicht Verwechslungsgefahr: Im allgemeinen gilt: f −1 ̸= f1 .
x = f −1 (y) ⇔ y = f (x)
Was bedeutet nun die Umkehrbarkeit bzw. die Berechnung der Umkehrfunktion für die verschiedenen
Formen, in denen eine Funktion gegeben sein kann?
Rechnerisch:
Die Umkehrfunktion bestimmen Sie, indem Sie die Gleichung y = f (x) nach x auflösen. Zum
Zeichnen müssen Sie dann noch die Variablen x und y vertauschen.
Aus der Graphik:
Eine Funktion ist nur umkehrbar, wenn der Graph von f mit jeder horizontalen Linie höchstens
einen Schnittpunkt hat.
y
1.5
Den Wert f −1 (2) beispielsweise bestimmen Sie,
1
indem Sie feststellen, wo f den Wert 2 annimmt:
Zeichnen Sie die Gerade y = 2, die x-Koordinate 0.5
−0.5
−1
Der Umkehrgraph:
y
5
f(x)
y=x
4
3
Den Graph der Umkehrfunktion erhält man durch
Spiegelung an der Winkelhalbierenden y = x.
2
f−1 (x)
1
x
1 2 3 4
8.205 ´ 107
Es gilt z.B. P (2005) = 82408. 2002 2004 2006 2008 2010
Ist die durch die Tabelle gegebene Funktion umkehrbar? Welchen Sachverhalt beschreibt die
Umkehrfunktion?
Ja, die Funktion ist umkehrbar, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Jede Bevölkerungszahl
taucht in der Tabelle nur einmal auf. Es gilt z.B. P −1 (82344) = 2007. Die Umkehrfunktion
P −1 (y) gibt also Antwort auf die Frage: In welchem Jahr betrug die Bevölkerung in Deutschland
82.344 Tausend?
Beispiel 2.12:
Die Umkehrfunktion zu f (x) = ln(3x + 4) finden Sie so:
y = ln(3x + 4)
⇔ ey = 3x + 4
ey − 4
⇔x= = f −1 (y)
3
Die Gleichung y = x2
hat i.a. 2 Lösungen, deshalb ist sie über R nicht umkehrbar. Es
√ gibt aber folgende Einschränkungen:
f : R+ → R+ : f (x) = x2 ⇒ f −1 : R+ → R+ : f −1 (x) = √ x
f : R− → R+ : f (x) = x2 ⇒ f −1 : R+ → R− : f −1 (x) = − x
Die Umkehrfunktion zum Logarithmus ist die Exponentialfunktion (siehe später).
Beispiel 2.13:
y−b
f (x) = ax + b, f −1 (y) = a Steigung 1
a . Überprüfen Sie den obigen Satz, indem Sie f (f −1 (y))
bilden.
−1 y−b y−b
f (f (y)) = f =a +b=y
a a
und f −1 (f (x)) berechnen
ax + b − b
f −1 (f (x)) = f −1 (ax + b) = =x
a
Gegenkathete
sin α = Ge
Hypothenuse • ge
e
et
nk
Ankathete at
th
cos α = he
ka
Hypothenuse te
An
Gegenkathete sin α
tan α = = α
Ankathete cos α
Ankathete cos α 1 Hypotenuse
cot α = = =
Gegenkathete sin α tan α
Im Einheitskreis kann man die Größen so ablesen:
1
1
2 sin α
sin α tan α =
cos α
−1 cos α 1
Winkelmaße
Winkel werden in Grad- oder Bogenmaß gemessen. Als Gradmaß verwendet man eine Unterteilung des
Kreises in 360 gleich große Teile, also 360◦ . Für viele Gebiete der Mathematik ist das Bogenmaß jedoch
besser geeignet als das Gradmaß. Hier entspricht einem Vollwinkel (also 360◦ ) die Bogenlänge eines
Kreises mit Radius 1, also 2π. Für andere Winkel α ist das Bogenmaß gerade die Länge x des Bogens,
dem der Winkel α gegenüberliegt.
Gradmaß α und Bogenmaß x hängen somit so zusammen:
Die Verhältnisse zwischen Winkel und Vollwinkel sind in Grad- und
Bogenmaß jeweils gleich:
1 x
α x
= . α
360◦ 2·π
1
Die Umrechnungsformeln lauten daher
180◦ π
α=x· ⇔ x=α·
π 180◦
Bemerkung 2.4:
Wir arbeiten ab sofort nur noch in Bogenmaß – es sei denn, es ist anders angegeben. Stellen Sie bitte
deshalb Ihren Taschenrechner auf Bogenmaß, d.h. Radiant, um.
∀x ∈ R : f (x + 2π) = f (x)
sin x = 0 ⇔ xk = k π, k∈Z
π
cos x = 0 ⇔ xk = k π + k∈Z
2
Der Sinus ist eine ungerade, der Cosinus eine gerade Funktion:
sin(−x) = − sin(x)
cos(−x) = cos(x)
∀ x ∈ R : | sin x| ≤ 1; | cos x| ≤ 1
∀ x ∈ R : sin2 x + cos2 x = 1. Können Sie das am Einheitskreis nachvollziehen? Satz von
Pythagoras
Umrechnungsformeln
π
cos x + 2
π
sin x + = cos x
π
2
2
sin x +
π
x+ 2
sin x
y
1
)
sin
s(x
0.5
(x)
x
co
3
π −π π
−2 π π 3
π 2π
2 2 2
−0.5
−1
sin(x + π) = − sin x
cos(x + π) = − cos x
sin(2π − x) = − sin x
cos(2π − x) = cos x
Insbesondere gilt:
Beweisen Sie die Werte für den doppelten Winkel, also sin(2x) bzw. cos(2x) mit Hilfe der Additionstheoreme.
Mit Hilfe dieser Beziehungen lassen sich zwei Schwingungen mit gleicher Periode und Phase und
unterschiedlicher Amplitude addieren und als eine phasenverschobene Schwingung darstellen:
!
a sin x + b cos x = A sin(x + φ) = A(sin x cos φ + cos x sin φ)
Diese Gleichung gilt für alle x, d.h. die Koeffizienten rechts und links müssen übereinstimmen (Koeffizientenvergleich)
a = A cos φ b = A sin φ
q p A sin φ b
=⇒ A = A2 cos2 φ + A2 sin2 φ = a2 + b2 tan φ = =
A cos φ a
Auf die zweite Zeile kommt man inbesondere, mit der Argumentation: Wir suchen eine alternative
Darstellung von A bzw. φ.
Beispiel 2.14:
f (x) = cos(x) hat den Mittelwert 0, die Amplitude 1, die Periode 2π, die Phase 0. Der Sinus hat im
Gegensatz dazu die Phase π2 .
Beispiel 2.15:
y
5
x
−2 −1 1 2 3 4 5 6
Umgekehrt kann man sinusförmige Schwingungen an Hand ihrer Gleichung leicht skizzieren:
Beispiel 2.16:
Die Funktion
2π
f (t) = −2 + 0.4 cos (t − 7)
10
hat den Mittelwert −2, die Amplitude 0.4, die Periode 10 und die Phase 7.
Fertigen Sie eine Skizze an.
y x
−10 −5 5 10 15 20
−1.5
−2
f(t)
−2.5
Beispiel 2.17:
Das folgende Diagramm zeigt den Hochwasserstand in Cuxhaven am [Link] 2019 an.
Falls dies eine (verschobene, . . . ) Cosinusfunktion ist, wie lautet ihre Gleichung?
2
sin x 1
tan x :=
cos x x
cos x −π π π π
cot x := 3
π −2 2
3
π 2π
2 −1 2
sin x
−2
−4
ungerade Funktionen
tan(−x) = − tan x, cot(−x) = − cot x
tan x · cot x = 1
sin x sin y
sin(x + y) sin x cos y + cos x sin y cos x + cos y
tan(x + y) = = = sin x sin y
cos(x + y) cos x cos y − sin x sin y 1 − cos x cos y
1
Vorletzter Schritt: Erweitern mit cos x cos y .
Bemerkung 2.6:
Typische Werte der trigonometrischen Funktionen sind
Die Tabelle liest man so: Will man z.B. den cos mit Hilfe des tan ausdrücken, so schaut man in der
cos-Zeile und tan-Spalte nach und erhält
1
cos(x) = p
1 + tan2 (x)
Für die anderen Quadranten müssen ggf. die Vorzeichen korrigiert werden.
Beispiel 2.18:
Beweisen Sie den in der Tabelle gegebenen
Zusammenhang zwischen cos und tan am Dreieck: •
Der tan x = Gegenkathete / Ankathete. Ankathete mit 1 tan(x)
1.
der Länge 1 führt daher zu Gegenkathete mit Länge
x
tan√x. Die Hypothenuse ergibt sich mit dem Pythagoras p
2
= 1 + tan x. Der cos x ist Ankathete / Hypotenuse: 1 + tan2 (x)
1
cos(x) = p
1 + tan2 (x)
2. Beweisen Sie weitere dieser Ersetzungen, z.B. tan x = √ sin x 2 , mit Hilfe eines geeigneten
1−sin x
Dreiecks
Beispiel 2.19:
Vereinfachen Sie cos(arcsin(x)) mit Hilfe der Umformungstabelle (Hinweis: Es gilt sin(arcsin(x)) = x).
q
cos(arcsin(x)) = 1 − sin2 (arcsin(x))
v 2
u
u
u
= t1 − sin(arcsin(x))
| {z }
x
p
= 1 − x2
Arcus Funktionen
Die trigonometrischen Funktionen sind nicht global umkehrbar. So hat z.B. die Gleichung sin x = 0
unendlich viele Lösungen der Form x = kπ, k ∈ Z. Aber nach Satz 2.5 haben sie in den Teilintervallen
strenger Monotonie Umkehrfunktionen.
3
sin(x)
2 cos(x)
tan(x)
1
0
y
1
2
3
2 3
2 2 0 2
3
2
2
x
y y y
π π π
2
n(x)
2
arcta
π
4
)
sin(x
arc arc
x π
x
2 co
−1 1 s(x
) -1 1
− π4
x
− π2 − π2
−1 1
Beispiel 2.20:
1. Bestimmen Sie alle Lösungen aus [0, 2π], für die sin(x) = 0.75 gilt.
⇒ Taschenrechner: x = arcsin(0.75) ≈ 0.84806 ∨ x = π − arcsin(0.75) ≈ 2.29353
y
1
0.5
x
−6 −4 −2 2 4 6 8 10
sin(x)
−0.5
Beispiel 2.21:
Bestimmen Sie alle Lösungen der Gleichung: sin x + cos x − 1.4 = 0.
Das Problem bei diesem Beispiel ist, dass sin und cos auftreten, so dass die einfache Anwendung der
Arcus-Funktionen zunächst nicht hilft. Statt dessen müssen wir den sin oder cos mit Hilfe der jeweils
anderen Funktion eliminieren.
⇔ sin(x) + cos(x) − 1.4 = 0
p
⇔ ± 1 − cos2 (x) + cos(x) − 1.4 = 0
p
⇔ ± 1 − cos2 (x) = 1.4 − cos(x)
⇒1 − cos2 (x) = (1.4 − cos(x))2
⇔ 1 − cos2 (x) = 1.42 − 2.8 cos x + cos2 x
⇔ 2 cos2 x − 2.8 cos x + 1.42 − 1 = 0
⇔ cos2 x − 1.4 cos x + 0.48 = 0
⇒ quadratische Gleichung für cos x, die wir mit der Mitternachtsformel lösen:
(
p 0.8
⇔ cos x = 0.7 ± 0.72 − 0.48 ≈
0.6
0.6435
−0.6435
⇔x≈ + 2πk, k ∈ Z
0.9273
−0.9273
Hat man eine Lösung x für cos x = c, so ist 2π − x ebenso eine Lösung, da cos(x) = cos(−x) =
cos(2π − x), siehe Einheitskreis. Dies ist tatsächlich eine neue Lösung, welche nicht 2π-periodisch ist.
Da sich durch das Quadrieren evtl. zusätzliche Lösungen eingeschlichen haben (Warum? ), müssen wir
die Probe machen. Es bleiben nur die Lösungen übrig:
x1 = 0.6435 + 2πk
x2 = 0.9273 + 2πk, k∈Z
Hinweis: Eleganter wäre es zu Beginn sin(x) zu isolieren und dann zu quadrieren.
Beispiel 2.22:
Bestimmen Sie analog zu Beispiel 2.21 diejenigen Werte 0 ≤ x ≤ 2π, für die die Gleichung 3 sin x +
5 cos x − 4 = 0perfüllt ist.
Mit cos x = ± 1 − sin2 x und Auflösen nach der Wurzel erhält man
p
3 sin x ± 5 1 − sin2 x − 4 = 0
p
⇔ ±5 1 − sin2 x = 4 − 3 sin x
⇒ 25(1 − sin2 x) = 16 − 24 sin x + 9 sin2 x
⇔ 34 sin2 x − 24 sin x − 9 = 0
⇔ sin x ≈ +0.35294 ± 0.62392
1.3552
1.7863
⇔ x ≈ arcsin (+0.35294 ± 0.62392) ≈
6.0088
3.416
Diese vier Werte müssen durch Einsetzen in die Gleichung noch überprüft werden, weil durch das
Quadrieren evtl. zusätzliche Lösungen hinzugekommen sind (Quadrieren ist keine Äquivalenzumformung).
Nachprüfen ergibt, dass nur
x = 1.3552 ∨ x = 6.0088
Lösungen der Ausgangsgleichung sind.
2
Die Polynome f (x) = xn , n ∈ N, heißen
x
Potenzfunktionen. Ihr Definitionsbereich
−2 2
ist D = R.
−2
−4 x2
x3
−6 x4
x5
−8
Wurzelfunktionen
1 √
Die Funktionen f (x) = x n = n
x heißen Wurzelfunktionen. Sie sind nur für x ≥ 0 definiert: D = R≥0 .
y √
x
4 √
3
x
√
4
x
√
5
3 x
2
Die Wurzelfunktionen sind die
Umkehrfunktionen der Potenzfunktionen: 1
Ihre Graphen ergeben sich aus denen der
x
Potenzfunktionen durch Spiegelung an
1 2 3 4 5 6 7 8
der Winkelhalbierenden y = x.
−1
Bemerkung 2.7:
Zu beachten ist: Der Ausdruck unter der Wurzel, der so genannte Radikant, darf nie kleiner als 0 sein.
√
Beispiel: x2 + 2x ist nur für x2 + 2x = x(x + 2) ≥ 0, d.h. für x ≥ 0 oder x ≤ −2 definiert.
√
Eine Wurzel kann nicht negativ sein, n an = |a| (und nicht einfach a).
p p √
Beispiel: 2 (−3)2 = | − 3| (und nicht −3). Richtig ist ja 2 (−3)2 = 9 = 3.
Warum ist das falsch und in welcher Umformung steckt der Fehler?
Da, 1) beim Quadrieren mehrere Lösungen hinzugefügt werden, welche beim 2) Wurzelziehen ± beachtet
werden müssten, hier aber ignoriert wurden.
Es gelten die folgenden Rechenregeln für a, b ≥ 0:
1 √
an = n a
√
n
n
a =a
√
n √ √n
ab = n a b
Beispiel 2.23:
Vereinfachen Sie folgende Ausdrücke:
√ √
8 2=4
√ √ √
50 = 2 · 25 = 5 2
√ √
4ab2 = 2|b| a
Exponentialfunktion
7 y
Bemerkung 2.8:
Es gilt für a > 1:
ax · ay = ax+y
y
(ax ) = axy
1
a−x = x
a
a1 = a
a0 = 1
ax = e x ln a
Logarithmusfunktion
y = ax ist eine stetige und auf R definierte streng monotone Funktion (für a ̸= 1). Sie hat deshalb eine
Umkehrfunktion, den Logarithmus loga (x).
y = loga x ⇔ x = ay
Der Logarithmus zur Basis a beantwortet die Frage: Mit welcher Zahl muss ich a potenzieren, damit
”
x heraus kommt?“
Beispiel 2.24:
Berechnen Sie die folgenden Logarithmen ohne Taschenrechner
log10 (103 ) = 3
log2 1024 = 10
log10 0.00001 = −5
Bemerkung 2.9:
Folgende Kurzschreibweisen sind üblich:
3 log(x) x
0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4
x
10
2
ex −1
1 −2
10−x
x
−3
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2
Bemerkung 2.10:
Es gelten die Logarithmengesetze:
loga a = 1 insbes. ln e = 1
loga 1 = 0 ∀a > 0
loga (xy) = loga x + loga y
x
loga = loga x − loga y
y
1
loga = − loga x
x
loga (bx ) = x loga b
loga ax = x
aloga x = x
ln x
loga x =
ln a
Beispiel 2.25:
Beispiel 2.26:
Welche x ∈ R erfüllen:
e cos x = 1
Logarithmieren ergibt
ln e cos x = ln 1 = 0
π
⇔ cos x = 0 ⇔ xk = + kπ , k∈Z
2
Beispiel 2.27:
Welche x ∈ R erfüllen:
log(4x − 5) = 1.5
Potenzieren ergibt:
10log(4x−5) = 101.5
101.5 + 5
⇔ 4x − 5 = 101.5 ⇔x= ≈ 9.1557
4
Beispiel 2.28:
Welche x ∈ R erfüllen:
ln(x2 − 1) = ln x + 1
⇒ x2 − 1 = e ln x+1 = e ln x · e 1 = e · x
⇔ x2 − ex − 1 = 0
r
e e2
⇔x= ± + 1 = 1.3591 ± 1.6874
2 4
Es kommt nur die positive Lösung x = 3.0465 in Frage.
Beispiel 2.29:
Welche x ∈ R erfüllen:
2x + 4 · 2−x − 5 = 0
Substitution z = 2x
4
z+ −5=0
z
z 2 − 5z + 4 = 0
r
5 25
⇒z= ± − 4 = 4, 1
2 4
x
2 =4 ⇒ ln 2x = ln 4
ln 4
x ln 2 = ln 4 ⇒x= =2
ln 2
2x = z2 = 1 ⇒x=0
2.3 Polynome
2.3.1 Horner–Schema
Wir wollen jetzt diskutieren, wie wir ein Polynom möglichst effizient auf einem Computer berechnen
können. Dazu betrachten wir zunächst ein Polynom dritten Grades
p(x) = a3 · x3 + a2 · x2 + a1 · x + a0
p(x) = ((a3 · x + a2 ) · x + a1 ) · x + a0 ,
so brauchen wir nur noch 3 Multiplikationen. Wir nennen dies die Hornerform“.
”
Beispiel 2.30:
Geben Sie für das Polynom
p(x) = 6 · x4 − 7 · x3 + 2 · x2 − 4 · x + 5
die Hornerform an und bestimmen Sie, wie viele Multiplikationen jeweils zur Auswertung notwendig
sind.
Vervollständigen Sie die folgende Tabelle, indem Sie den Rechenaufwand angeben:
Aufwand
Polynom ohne mit Horner
Zwischenspeichern Zwischenspeichern
der Potenzen
p2 (x) = ax2 + bx + c
Wird ein Funktionswert aus der oberen Summendarstellung berechnet, so benötigt man dafür,
ohne Zwischenspeicher: für die Potenzen von x sind es (n − 1) + .. + 1 Multiplikationen und
zusätzlich n für die Koeffizienten ai , und führt somit zu n + (n − 1) + .. + 1 = n(n+1)
2 .
mit Zwischenspeicher: für die Potenzen von x sind es n − 1 Multiplikationen und n für die
Koeffizienten ai , und führt somit zu n − 1 + n = 2n − 1.
im Horner-Schema: n
Das spart nicht nur Zeit, sondern hält auch Rundungsfehler klein. Deshalb sollte beim Programmieren
ausschließlich die Hornerform von Polynomen verwendet werden.
1. Anwendung des Horner–Schemas: Es gibt eine effiziente Kurzschreibweise für die Polynomauswertung
mit dem Horner-Schema, welches an folgendem Beispiel illustriert wird:
Beispiel 2.31:
Gegeben Sei folgendes Polynom. Wie lautet das zugehörige Horner-Schema?
p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6 =
Nun wählen wir eine vereinfachte Darstellung, um dieses Polynom an x0 = 4 auszuwerten. In der ersten
Zeile schreiben wir die Koeffizienten:
1 −2 −5 6
x0 = 4 4 8 12
1 2 3 18
p(4) = 18
Den Wert des Polynoms erhält man als Wert unten rechts in der Ecke des Schemas.
Die Zahlen in der untersten Zeile sind also die Koeffizienten des Quotientenpolynoms, das aus p(x)
durch Division durch den Linearfaktor x − c entsteht.
Beweis: Multipliziert man das Quotientenpolynom mit (x − c), so ergibt sich
r
(bn−1 xn−1 + bn−2 xn−2 + . . . b1 x + b0 + ) · (x − c) =
x−c
xn bn−1 +xn−1 (bn−2 − cbn−1 ) + · · · + xk (bk−1 − cbk ) + · · · + x (b0 − b1 c) −cb0 + r
|{z} | {z } | {z } | {z } | {z }
an an−1 ak a1 a0
an = bn−1 ⇔ bn−1 = an
an−1 = bn−2 − cbn−1 ⇔ bn−2 = an−1 + cbn−1
.. ..
. .
ak = bk−1 − cbk ⇔ bk−1 = ak + cbk
.. ..
. .
a1 = b0 − cb1 ⇔ b0 = a1 + cb1
Beispiel 2.32:
Für unser obiges Beispiel
p(x) = x3 − 2x2 − 5x + 6
erhält man so für x0 = 2:
Beispiel 2.33:
Es sei das Polynom gegeben:
Horner-Schema:
Auswertung an der Stelle x0 = 2 und Ausklammern von (x − 2) für eine alternative Darstellung von
p(x):
Beispiel 2.34:
Zerlegen Sie das Polynom vollständig in seine Linearfaktoren. Gegeben sind 2 Nullstellen.
1011002 = 1 · 25 + 0 · 24 + 1 · 23 + 1 · 22 + 0 · 21 + 0 · 20
= ((((1 · 2 + 0) · 2 + 1) · 2 + 1) · 2 + 0) · 2 + 0
Zur Berechnung gehen wir wieder mit dem Horner-Schema vor. Wir werten das Polynom an der Stelle
x0 = 2 aus.
1 0 1 1 0 0
x0 = 2 2 4 10 22 44
1 2 5 11 22 44
Es gilt also: 1011002 = 4410 .
2.3.2 Polynominterpolation
Sie haben bereits in Beispiel 2.7 eine Parabel, also ein Polynom vom Grad 2 bestimmt, das durch 3
gegebene Punkte geht. Dies kann man verallgemeinern: Wir suchen jetzt zu n + 1 gegebenen Punkten
(xi , yi ), i = 1, . . . , n + 1 ein Polynom p vom Grad n, das diese Punkte interpoliert, für das also
p(xi ) = yi gilt.
Diese Aufgabe, nämlich durch n + 1 Punkte ein Interpolationspolynom vom Grad ≤ n zu legen, ist
immer eindeutig lösbar:
Prinzipiell kann man ein Interpolationspolynom folgendermaßen bestimmen: Man setzt der Reihe nach
die Koordinaten der Stützpunkte in das Polynom ein und erhält ein lineares Gleichungssystem der
Dimension n + 1 in den unbekannten Polynomkoeffizienten a0 , a1 , . . . , an .
Beispiel 2.37:
Gesucht ist ein Interpolationspolynom durch die Punkte (2, 3), (1, 2) und (−1, 6) (Beispiel 2.7) Mit
dem Newton-Ansatz ergibt sich:
Allgemein gilt:
Fordert man pn (xi ) = yi , so ergibt sich als Gleichungssystem für die unbekannten Koeffizienten
α0 , α1 , . . . , αn aus dem Newton-Ansatz
y0 = α0
y1 = α0 + α1 (x1 − x0 )
y2 = α0 + α1 (x2 − x0 ) + α2 (x2 − x0 )(x2 − x1 )
..
.
yn = α0 + α1 (xn − x0 ) + · · · + αn (xn − x0 )(xn − x1 ) . . . (xn − xn−1 )
das man schrittweise von oben nach unten lösen kann, da es bereits in Dreiecksform vorliegt.
x 0 2 3 5
y −3 5 6 62
Gesucht ist das Interpolationspolynom mit minimalem Grad. Wie lautet der Newton-Ansatz und das
Newton-Polynom?
n n−1 n n−2 2 n
(a + b)n = an + a b+ a b + ··· + abn−1 + bn
1 2 n−1
n
X n n−k k
= a ·b
k
k=0
n
Dabei sind k die sog. Binomialkoeffizienten.
1 1
+
1 2 1
+ +
1 3 3 1
+ + +
1 4 6 4 1
+ + + +
1 5 10 10 5 1
+ + + + +
1 6 15 20 15 6 1
+ + + + + +
1 7 21 35 35 21 7 1
+ + + + + + +
1 8 28 56 70 56 28 8 1
+ + + + + + + +
1 9 36 84 126 126 84 36 9 1
+ + + + + + + + +
1 10 45 120 210 252 210 120 45 10 1
n
Der Koeffizient steht dabei in der (n + 1)-ten Zeile an der (k + 1)-ten Stelle.
k
Damit ergibt sich z.B. für den Binomialkoeffizienten 64 =
Beispiel 2.39:
Berechnen Sie
3
1. (a − b)
5
2. (a + b)
Setzen Sie in der allgemeinen Binomialformel a = b = 1. Wie lässt sich das Ergebnis im Hinblick
auf das Pascal’sche Dreieck interpretieren?
Bemerkung 2.13:
Binomialkoeffizienten treten in der binomischen Formel, aber auch in vielen kombinatorischen Zusammenhängen
auf.
Es lohnt sich [Link] anzuschauen.
Es ist genau diese Formel, die die Grundlage für die Berechnung der Koeffizienten mit Hilfe des
Pascal’schen Dreiecks bildet.
Außerdem kann man aus der Definition der Binomialkoeffizienten sehen, dass
n n
=
k n−k
2.4 Kreise
Neben Geraden, die Polynome vom Grad 1 sind, spielen Kreise in der Geometrie und Computergrafik
eine wichtige Rolle. Wir wollen die Gleichung eines Kreises herleiten.
Jeder Punkt auf der Kreislinie hat vom Mittelpunkt (xM , yM ) des
Kreises denselben Abstand, den Radius R. Nach Pythagoras gilt
also M = (xM , yM )
K
(x − xM )2 + (y − yM )2 = R2 .
R
Auflösung nach y ergibt
p
y = yM ± R2 − (x − xM )2 P = (x, y)
Wir erhalten für den Kreis also nicht nur eine, sondern zwei Funktionen. Diejenige mit dem +“ vor
”
der Wurzel beschreibt die obere Kreishälfte, die mit dem -“ vor der Wurzel die untere.
”
Beispiel 2.40:
Geben Sie die Gleichung des Kreises mit Mittelpunkt (1, 2) und Radius 3 an. Geben Sie auch die
Funktionsterme für den oberen und unteren Halbkreis mit Definitions- und Wertebereich an sowie den
Funktionsterm und den Definitionsbereich für den rechten oberen Viertelkreis.
Beispiel 2.41:
Welchen Mittelpunkt und welchen Radius hat der Kreis, der durch
x2 + y 2 + 4x − 6y − 3 = 0
gegeben ist? Skizzieren Sie ihn. (Tipp: Quadratische Ergänzung der x- bzw. y-Terme)
Bemerkung 2.15:
Es gibt noch eine zweite typische Darstellung eines Kreises in der Zahlenebene: mit Hilfe der Polarkoordinaten
und den trigonometrischen Funktionen.
Hierbei ist ein Kreis mit Mittelpunkt (xM , yM ) und Radius R wie folgt beschrieben:
x(φ) cos(φ) xM
=R· + φ ∈ [0, 2π[
y(φ) sin(φ) yM
Beispiel 2.42:
Beschreiben Sie den oberen Halbkreis um (−2, 3) mit Radius 4 in Polarkoordinaten.
2.5 Funktionengrenzwerte
Um Funktionen besser untersuchen bzw. charakterisieren zu können, benötigen wir eine mathematische
Definition 2.9 (Einseitige
f (x) hat für x → a den re
l
x→
lim
h→
Möglichkeit uns einzelnen Werten anzunähern“. Hierzu wird der Grenzwertbegriff“ verwendet.
” ” Es gilt also:
lim f (x) =
x→a+
lim f (x)
x→a−
y
fl (x)
Ll
Lr
fr (x)
xl xr x
a
y
Definition 2.10 (Funktionengrenzwert I): fr (x)
f (x) hat für x gegen a den Grenzwert L,
L
lim f (x) = L
x→a fl (x)
wenn gilt
Beispiel 2.43:
2x2 − 12 1
Wir wollen nun den Grenzwert von limx→ 12 x− 12
an der Definitionslücke a = 2 berechnen:
Es sei h > 0.
1
h 2−h f 21 − h 1
2 +h f 12 + h
10−1 0.4000 1.8000 0.6000 2.2000
10−2 0.4900 1.9800 0.5100 2.0200
10−3 0.4990 1.9980 0.5010 2.0020
10−4 0.4999 1.9998 0.5001 2.0002
Diese Vorgehensweise gibt zwar einen ersten Hinweis darauf, was der Grenzwert ist, ist aber nicht
ausreichend dafür, dass der Grenzwert wirklich 2 ist.
Beispiel 2.44:
x2 −2x
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für f (x) = 1 . Einmal mit der Definition, und
2 x−1
einmal durch geschicktes Umformen
Beispiel 2.45: √
2
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für limt→0 t t+9−3
2 . Formen Sie hierzu den
Ausdruck geschickt um. Berechnung mit dem Taschenrechner liefert für kleine t (z.B: 10−8 ) ein falsches
Ergebnis:
t f (t)
0.01 0.1666662037
10−8 0
Beispiel 2.46:
1
Berechnen Sie den Grenzwert an der Definitionslücke für limx→2 x−2 .
Beispiel 2.47:
1
Gegeben Sei die Funktion f (x) = 1 , −1 ≤ x ≤ 1.
1−e x
3
1
f(x) = 1
1−e x
2
x
−3 −2 −1 1 2 3
−1
−2
−3
Existiert limx→0 1
1 ?
1−e x
Bei dem dargestellten Beispiel kommt es auf die Feinheiten an: Der Grenzwert L bei der Annäherung an
a muss nicht der Funktionswert f (a) sein, da bei dem Grenzwert sozusagen der Fortlauf“ der Funktion
”
aus der Umgebung betrachtet wird. Dennoch kann dieser Grenzwert existieren.
2.6 Stetigkeit
Ein sehr wichtiger Begriff der Analysis, der auf dem Funktionengrenzwert beruht ist die Stetigkeit“
”
einer Funktion.
f(a)
f(a) − ε
f(x)
x
a−δ a a+δ
Bemerkung 2.16:
Stetigkeit in a setzt voraus, dass man f (a) berechnen kann. Ist bei a eine Definitionslücke, so kann f
dort nicht stetig sein.
Bei stetigen Funktionen kann man damit lim und f vertauschen:
lim f (x) = f (a) = f lim x
x→a x→a
Beispiel 2.48:
Ist die Funktion ( 2
−πx
sin πxx−1 für x ̸= 1
f (x) =
0 für x = 1
stetig in x = 1?
Bemerkung 2.17:
Beispiele stetiger Funktionen sind:
sin, cos, tan (für − π2 < x < π2 ), Exponentialfunktionen, Logarithmusfunktion, Wurzel, Betrag, Polynome,
gebrochen rationale Funktionen für alle x, für die der Nenner nicht 0 wird. Diese Funktionen sind stetig
für alle x aus dem Definitionsbereich.
Beispiel 2.49:
Beispiele unstetiger Funktionen:
y = sign(x)
in x = 0. f (x) = ⌊x⌋ = nächst kleinere ganze Zahl
+1 x > 0
sign(x) = 0 x=0 ybxc
3
−1 x < 0
2
1 y
1
x 0
−3 −2 −1 0 1 2 3 4 x
−1 1
−1
−2
−1
−3
Jede IF-Abfrage im Code ist eine potentielle Ursache von Unstetigkeiten!
Im Folgenden werden wichtige Sätze zu stetigen Funktionen aufgeführt.
Beispiel 2.50:
ln(1 + x2 ) ist stetig auf R, da
Beispiel 2.51:
Zeigen Sie: Die Funktion
f (x) = e x − 2 − x
1.0
xi f (xi ) Intervall
0 −1
1 −0.28 [1, 2] 0.5
-1.0
Zeichnen Sie den Graphen von f (x). Ist die Funktion monoton? Ist sie umkehrbar? Geben Sie wenn
möglich die Umkehrfunktion an und zeichnen Sie beide Graphen.
Aufgabe 2.2:
Geben Sie den maximalen Definitionsbereich an
1. f (x) = ln(x2 + 6x − 7)
q
2. g(x) = 12 + cos x
Trigonometrische Funktionen
Aufgabe 2.3:
Die Körpertemperatur eines Menschen variiert über den Tag sinusförmig. Ihr Minimalwert ist 36.6, der
Maximalwert 37.1, das Maximum wird um 13:00 erreicht. Wie lautet die Gleichung? (Periode 24h)
Aufgabe 2.4:
Lösen Sie die Gleichung
3 cos2 x + 6 sin x = 6
Aufgabe 2.8:
Gegeben ist ein Stromkreis mit einer Reihenschaltung aus einer Induktivität L und einem Ohm’schen
Widerstand R. Beim Einschalten der Gleichspannungsquelle erreicht der Strom infolge der Selbstinduktion
erst nach einiger Zeit den nach dem Ohm’schen Gesetz erwarteten Endwert I0 . Dabei gilt
R
I(t) = I0 1 − e− L t
Berechnen Sie für I0 = 5A, R = 50Ω und L = 2.5H den Zeitpunkt, an dem die Stromstärke 90% ihres
Endwertes erreicht hat.
Skizzieren Sie die Strom-Zeit-Funktion.
Aufgabe 2.9:
Bestimmen Sie die Umkehrfunktionen von
f (x) = 4x−1
2x+3
y = ln(x + 3)
Aufgabe 2.10:
Die sog. Hyperbelfunktionen sind für alle x ∈ R definiert durch
ex − e−x
sinh x :=
2
ex + e−x
cosh x :=
2
sinh x
tanh x =
cosh x
7 y y y
1
4 tanh(x)
6
e−x 5 0.5
2
sh
(x)
co
4 1
x
ex x
3 −2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2
2
( x)
nh −0.5
1 si −2
x
−2 −1.5 −1 −0.5 0.5 1 1.5 2 −1
Praktische Bedeutung: Ein homogenes, nur durch sein Eigengewicht belastetes Seil hat die Form einer
Kettenlinie:
x−b
y(x) = a cosh +c
a
Symmetrie: Der Sinus hyperbolicus ist eine ungerade, der cosinus hyperbolicus eine gerade Funktion.
Additionstheoreme:
cosh2 x − sinh2 x = 1
Beweisen Sie die Symmetrieeigenschaften, die Additionstheoreme und die darauf folgende Gleichung.
Polynome
Aufgabe 2.11:
Gegeben ist das Polynom
11 3 9 2
p(x) = x4 − x − x + 9x
2 2
Raten Sie die ersten Nullstellen und bestimmen Sie mit Hilfe des Horner-Schemas die Linearfaktorzerlegung.
Aufgabe 2.12:
Zeigen Sie: Die Polynomfunktion p(x) = 3x3 + 18x2 + 9x − 30 besitzt an der Stelle x1 = −5 eine
Nullstelle (mit Horner-Schema!). Bestimmen Sie ebenfalls unter Verwendung des Horner-Schemas das
entsprechende reduzierte Polynom, die übrigen Nullstellen sowie den Funktionswert an der Stelle x0 =
−3.25. Skizzieren Sie grob den Funktionsverlauf.
Aufgabe 2.13:
Für Ihre Smartwatch wollen Sie eine App programmieren, die in Abhängigkeit der bereits geleisteten
Schritte s die Farbe kontinuierlich von rot für 0 Schritte zu grün (Schrittziel sgoal erreicht) ändert.
Berechnen Sie den RGB-Code der anzuzeigenden Farbe. (Tipp: rot =rgb(1,0,0), grün=rgb(0,1,0)).
Erweitern Sie Ihre Funktion so, dass zwischen 2 beliebigen Farben mit den rgb-Codes col0 = (r0 , g0 , b0 )
und col1 = (r1 , g1 , b1 ) interpoliert wird.
Aufgabe 2.14:
Berechnen Sie das Interpolationspolynom zu den folgenden Punkten:
7 7 25
8, , 0, , 2, − , (3, −12) .
2 2 2
Berechnen Sie die Werte an den Stellen −1 und 1 durch das Horner-Schema. Geben Sie das Polynom
so an, dass es möglichst effizient ausgewertet werden kann.
Funktionengrenzwerte
Aufgabe 2.15:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
x2 −x−12
1. limx→−3 x+3
sin(2x)
2. limx→0 sin(x)
1−x √
3. limx→1 √
1− x
(Anleitung: Erweitern Sie mit 1+ x)
Stetigkeit
Aufgabe 2.16:
Bestimmen Sie den Parameter A so, dass die Funktion überall stetig ist.
2
A − x2 für x < π2
f (x) =
cos x für x ≥ π2
Aufgabe 2.17:
Betrachten Sie die Funktion f (x) = sin πx . Wir wollen das Verhalten dieser Funktion in der Nähe von
x = 0 untersuchen.
1. Für welche Werte ist sin πx = 0?
2. Begründen Sie, warum
für unendliche viele x in der Nähe von 0 gilt: sin πx = 0. Folgt daraus,
dass limx→0 sin πx = 0 gilt? Begründung!
π
3. Finden Sie wie oben unendlich viele Werte mit sin x = 1 bzw. = −1.
4. Was bedeutet dies für limx→0 sin πx ?
5. Plotten Sie den Graphen der Funktion und betrachten Sie ihn im Hinblick auf die obigen Fragen.
Vermischtes
Aufgabe 2.18:
Was passiert mit der Umkehrfunktion einer Kurve, wenn man die Kurve nach rechts verschiebt?
Beachten Sie dazu die geometrische Bedeutung der Inversen. Geben Sie auf der Basis Ihrer
Beobachtung einen Ausdruck für die Inverse von f (x − c) an, wobei f umkehrbar ist.
Geben Sie die Umkehrfunktion von h(x) = f (cx) mit c ̸= 0 an.
Aufgabe 2.19:
Implementieren Sie in einer Programmiersprache Ihrer Wahl das Bisektionsverfahren und verwenden Sie
es zur Berechnung der Nullstelle(n) von
f (x) = x2 − 2
f (x) = ex − x − 2
3 Differentiation
3.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
kennen Sie die Interpretation der Ableitung als Änderungsrate und können dies in praktischen
Beispielen anwenden
berechnen Sie Ableitungen bzw. Näherungen für alle Funktionsdarstellungen mit den Techniken:
Produkt-, Quotienten- und Kettenregel, sowie Ableitung der Umkehrfunktion, implizite Differentiation
berechnen Sie wichtige Punkte (Extremstellen, Wendepunkte, Nullstellen) einer Funktion analytisch
und numerisch und bestimmen das Funktionsverhalten
lösen Sie Optimierungsaufgaben für eine Variable
)
f (x
f (x0 + h)
Wir wollen die Steigung einer
Kurve im Punkt x0 bestimmen.
Die Steigung der Kurve ist
dann die Tangentensteigung
in diesem Punkt. Man
erhält sie als Grenzwert
f (x0 )
der Sekantensteigungen.
x
x0 x0 + h
∆f f (x0 + h) − f (x0 )
(h; x0 ) :=
∆x h
für h → 0 einen endlichen Grenzwert hat. Dieser Grenzwert wird mit f ′ (x0 ) bezeichnet, also
f (x0 + h) − f (x0 )
f ′ (x0 ) = lim .
h→0 h
Er wird auch Differentialquotient genannt.
Man sagt, f ist auf dem Intervall I differenzierbar, wenn sie in jedem Punkt x ∈ I differenzierbar
ist. Dann ist x 7→ f ′ (x) eine auf I erklärte Funktion, die man Ableitung von f nennt. Für f ′ (x)
2. f (x) = ax2
Die Tangente an eine Funktion f in einem Punkt x0 stimmt mit der zu untersuchenden Funktion im
Funktionswert und der Steigung am Punkt x0 überein. Damit können wir ihre Gleichung berechnen:
y = mx + b = f ′ (x0 )x + b
f (x0 ) = f ′ (x0 )x0 + b ⇔ b = f (x0 ) − f ′ (x0 )x0
′ ′
=⇒ y = f (x0 )x + f (x0 ) − f (x0 )x0
= f (x0 ) + f ′ (x0 )(x − x0 )
Beispiel 3.2:
Bestimmen Sie die Gleichung der Tangente an die Funktion f (x) = 5x2 − 7 an der Stelle 2.
Beispiel 3.3:
y
10
∆y = 7 − f(x)
liegt 3 m unterhalb des Ursprungs. Das Gleis führt 4
tangential unmittelbar an der linken vorderen Ecke des
Bahnsteigs vorbei, die im Punkt (10, 7) m liegt. Auf 2
−4
Satz 3.2:
Jede differenzierbare Funktion ist stetig.
oder Formal: f (x) ist differenzierbar ⇒ f (x) ist stetig
bzw. die Kontraposition: f (x) nicht stetig ⇒ f (x) nicht differenzierbar
Die Umkehrung gilt nicht: Nicht jede stetige Funktion ist differenzierbar!
Wie sieht eine Funktion aus, die stetig, aber nicht differenzierbar ist? Geben Sie einen Funktionsterm
an.
Bemerkung 3.4:
Anschauliche Bedeutung:
Den Graphen einer stetigen Funktion erkennt man daran, dass er
3.2.2 Rechenregeln
c 0
xα α · xα−1 , α ̸= 0
√ 1 1
x = x2 √ Spezialfall α = 1/2
2 x
1 1 −β 1
− (Spezialfall α = −β [ = −1 ])
xβ x xβ+1 x2
ex ex
1
ln(x)
x
1
loga (x)
x · ln(a)
sin x cos x
cos x − sin x
Beispiel 3.4:
Berechnen Sie die Ableitungen durch Anwendung von Satz 3.3
√ √
1. f (x) = 3 x + 5 2
1 1
2. f (x) = x3 − √
4 3
x
√
x5 −3
√ x+2
3. h(x) = x
4. f (x) = ee − xe
5. f (x) = (2x)4
6. f (x) = (x3 )5
Beispiel 3.5:
Die folgenden Grenzwerte lassen sich als Ableitung schreiben und berechnen (ohne Verwendung der
Formel von L’Hôpital!)
sin(π + h) − sin(π)
lim =
h→0 h
x2 − 52
lim =
x→5 x − 5
′
(c · f (x)) = c · f ′ (x)
′
Beispiel: 5x2 = 5 · 2x = 10x
Beispiel Polynom: !′
n
X n
X
i
ai x = ai · i · xi−1
i=0 i=1
Quotientenregel:
′ ′
f (x) f ′ (x)g(x) − f (x)g ′ (x) 1 g ′ (x)
= ⇒ =−
g(x) g(x)2 g(x) g(x)2
b) f (x) = x2 cos(x)
c) f (x) = tan(x)
√
e) f (x) = ln(3 x)
f) f (x) = x · ln(x)
Beispiel 3.6:
x
1. f (x) = ax . Es folgt aus den Potenzgesetzen: ax = eln(a ) = ex ln a . Mit Hilfe der Kettenregel gilt
dann:
f ′ (x) = (ax )′ = (ex ln a )′ = ex ln a ln a = ax ln a.
2. f (x) = 5 · 23x ln x
Bemerkung 3.5:
Vorsicht!
(ax )′ = ax ln a
(xa )′ = axa−1
d2
f ′′ (x) = f (x) = f (2) (x).
dx2
Man sagt dann, f ist zweimal differenzierbar.
dn
Für die n-te Ableitung, n ∈ N, schreibt man f (n) = dxn f .
−1
−2
2
2. Möglichkeit: Durch x2 + (y(x)) − 4 = 0 wird y implizit als Funktion von x definiert. Da diese
Gleichung für alle x gilt, kann man sie nach x differenzieren:
Nicht immer hat man diese beiden Möglichkeiten zur Verfügung, um die Steigung auszurechnen: Häufig
kommt es vor, dass man die Gleichung nicht nach y auflösen kann:
Beispiel 3.8 (Descart’sches Blatt):
y
3
2
x3 + y 3 = 6xy
1
Um die Ableitung von y zu berechnen, ist
es jedoch gar nicht nötig, die Gleichung x
nach y aufzulösen. Statt dessen kann man −3 −2 −1 1 2 3
die Ableitung durch implizite Differentiation −1
berechnen:
−2
−3
1
x
−4 −3 −2 −1 1 2 3 4
−1
−2
−3
Beispiel 3.9:
Gegeben ist die implizite Funktion:
x2 − x e y + ln(y) = 0
Gesucht ist die Tangentensteigung im Punkt (e, 1).
Zeigen Sie: (e, 1) ist Punkt der Kurve.
x
2 4 6 8
Beweis: Wir wissen, dass für die Umkehrfunktion f −1 (f (x)) = x gilt. Differentiation mit der Kettenregel
ergibt:
Beispiel 3.10:
Gesucht ist die Ableitung d
dy loga (y) = (loga (y))′ :
Beispiel 3.11:
Bei der Olympiade sollen die LäuferInnen auf der
Zielgerade gefilmt werden. Zum Zeitpunkt t =
0 s biegen sie auf die Zielgerade ein, an deren
Startpunkt im Abstand 20 m auch die Kamera steht.
Die LäuferInnen haben eine Geschwindigkeit von ϕ
ϕ
10 m/s. Es sei φ(t) der Winkel zu den LäuferInnen
zum Zeitpunkt t, wenn die Kamera zum Zeitpunkt
0 den Winkel 0 einschließt.
Bestimmen Sie φ in Abhängigkeit von der Zeit (Einheiten weglassen).
Wie schnell muss der Kameramann die Kamera drehen, damit die LäuferInnen im Bild bleiben?
Wie schnell muss er sie am Beginn der Zielgerade bzw. im Zieleinlauf drehen?
Die Zahl b heißt lokales Minimum (bzw. Maximum), wenn es ein Intervall I mit Mittelpunkt b
gibt, mit
∀ x ∈ I ∩ D : f (x) ≥ f (b) (bzw. f (x) ≤ f (b))
Minima und Maxima heißen Extrema.
Bemerkung 3.6:
Die Umkehrung gilt nicht.
Finden Sie ein Beispiel dafür, dass die Umkehrung nicht gilt.
D.h. f ′ (x0 ) = 0 ist eine notwendige Bedingung für Extremalstellen (→ Kontraposition!). In Summe
sind die folgenden Stellen Kandidaten für Extremstellen:
die stationären Punkte aus dem Innern von I (d.h. die mit f ′ (x) = 0)
die Randpunkte
die Punkte aus I, an denen f nicht differenzierbar ist
Beispiel 3.12:
Aus einer rechteckigen Blechplatte der Seitenlängen 24 cm und 15 cm soll eine quaderförmige offene
Wanne mit maximalem Volumen geformt werden, indem die Ecken weggeschnitten und die Seiten dann
hochgeklappt werden.
Beispiel 3.13:
Zwischen den 4 Ecken eines Rechtecks mit den
Seitenlängen a, b (a > b > 0) soll ein möglichst
ϕ ϕ
kurzes Kabel verlegt werden, so dass alle Ecken b
verbunden sind. Wie groß muss der Winkel φ
gewählt werden?
a
Berechnen Sie das Minimum Lmin der Funktion. Wie groß ist der Winkel φ im Minimum?
f (b) − f (a) −1
f ′ (x0 ) =
b−a
−2
Bemerkung 3.7:
Anschauliche Bedeutung: Für mindestens einen Punkt ist die Kurventangente parallel zur Gerade durch
(a, f (a)), (b, f (b)).
Beschriften Sie die Skizze so, dass die Bedeutung des Satzes klar wird.
Physikalische Interpretation: Bei einer Bewegung s = f (t) wird die Durchschnittsgeschwindigkeit
mindestens an einem Punkte erreicht.
Äquivalent kann man auch schreiben:
∃ x0 ∈ [a, b] : f (b) − f (a) = (b − a)f ′ (x0 )
Es kann auch passieren, dass es mehrere Punkte mit der gleichen Steigung gibt:
y
2
x
2 4 6 8
−2
Beweis: zu 1.: Zu 2 Zahlen x1 < x2 gibt es nach dem Mittelwertsatz ein x0 mit
f (x2 ) − f (x1 )
= f ′ (x0 ) > 0.
x2 − x1
Wegen x2 > x1 ist der Nenner positiv. Da auch der Bruch positiv ist, muss dann der Zähler positiv
sein, d.h. f (x2 ) − f (x1 ) > 0. Daraus folgt f (x2 ) > f (x1 ).
Warum gilt hier mal =⇒, mal ⇐⇒? Überlegen Sie sich Beispiele, in denen die fehlende Richtung nicht
gilt.
Fertigen Sie eine Skizze an, die die Situation veranschaulicht. Wie lautet die entsprechende Aussage für
ein Minimum?
3.4.3 Wendepunkte
Das Krümmungsverhalten der Kurve y = f (x) wird durch die 2. Ableitung beschrieben.
Beispiel 3.14:
y
3
−1
f wachsend auf [−1; 1] ist. f auf [−1; 1] fällt. f ihr lokales Minimum in x = 0 hat.
Bemerkung 3.8:
Sollte der Quotient der Ableitungen erneut ein Fall für den Satz von L’Hospital sein, so kann dieser
natürlich immer weiter wiederholt werden, bis ein endlicher Grenzwert entsteht:
Beispiel 3.15:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
limx→0 sin x
x
limx→∞ ln x
x
limx→∞ x ln x−1
x+1
limx→∞ ln x
xb
, b>0
limx→0 xb ln x, b>0
limx→0 1
sin x − 1
x
Bemerkung 3.9:
Das Newton-Verfahren konvergiert sehr
√ schnell in der Nähe der Lösung. Hierzu betrachten wir für das
Heron-Verfahren die Berechnung von 2 ≈ 1.414213562373095.
n xn
n xn 0 10.000000000000000
0 2.000000000000000 1 5.100000000000000
1 1.500000000000000 2 2.746078431372549
2 1.416666666666667 3 1.737194874379598
3 1.414215686274510 4 1.444238094866232
4 1.414213562374690 5 1.414525655148738
5 1.414213562373095 6 1.414213596802269
7 1.414213562373095
Bei dem recht groben Startwert x0 = √ 2 oder sogar dem sehr schlechten x0 = 10 hat das Heron-
Verfahren nach nur 5 bzw. 7 Iterationen 2 auf 16 gültige Ziffern exakt bestimmt! Insbesondere, wenn
man nah an der richtigen Lösung ist, verdoppelt sich die Anzahl der gültigen Ziffern in jeder Iteration!
Beispiel 3.17:
Bestimmen Sie eine Nullstelle von
f (x) = x − 2 cos(x)
mit dem Newton-Verfahren. Bestimmen Sie einen geeigneten Startwert mit Hilfe einer Skizze.
Beispiel 3.18:
Man kann den Kehrwert einer Zahl sehr schnell mit dem Newton-Verfahren bestimmen. Lösen Sie hierzu
die Gleichung
1
f (x) = − c = 0
x
mit der man den Kehrwert von c bestimmen will. Betrachten Sie als Beispiel c = π2 mit Startwert
x0 = 1.
Bemerkung 3.10:
Nicht immer konvergiert das Newton-Verfahren - manchmal entfernt man sich mit dem Verfahren sogar
sehr weit von der eigentlichen Lösung bei ungeschickter Wahl des Startwertes. Beispielsweise divergiert
das Verfahren in dem vorhergehenden Beispiel für c = π.
Praktisch probiert man einfach aus, ob nach ein paar Schritten das Verfahren konvergiert oder nicht.
Divergiert die Iteration, so muss man einen besseren Startwert x0 wählen.
f ′ (xn )
xn+1 = xn − .
f ′′ (xn )
x3 + 2x2 + 3, f ′ (1)
Aufgabe 3.2:
Berechnen Sie durch Interpretation des Grenzwertes als Ableitung:
cos(π+h)−cos(π)
1. limh→0 h
2x −32
2. limx→5 x−5
Aufgabe 3.3:
Zeichnen Sie den Graphen von
x sin x1 falls x ̸= 0
f (x) = .
0 falls x = 0
Ist die Funktion differenzierbar in 0? Was können Sie über ihre Ableitung sagen?
Aufgabe 3.4:
Berechnen Sie die Ableitungen von
1. f (x) = (ax + b)n .
√
2. y = loga (x + x2 + 1), a > 0, a ̸= 1
x x
3. f (x) = x + x
1+ 1−x 1+x −1
1
4. g(x) = 1
1+ 1
x
1−y
5. u(y) = √
1+ y
Aufgabe 3.5:
Zeigen Sie durch vollständige Induktion: Es sei f (x) = (ex − a)2 Dann gilt
Aufgabe 3.6:
Zeichnen Sie y = f (x) = x arcsin x. Wie lautet die Tangentengleichung im Punkt (0.5, ?). Zeichnen
Sie sie.
Implizite Differentiation
Aufgabe 3.7:
Berechnen Sie y ′ (x), wenn y implizit als Funktion von x gegeben ist:
xy 3 − 3x2 = xy + 5 :
exy + y ln x = cos(2x)
Aufgabe 3.8:
Bestimmen Sie die Umkehrfunktion zu den folgenden Funktionen. Leiten Sie Funktion und Umkehrfunktion
ab. Zeigen Sie, dass der entsprechende Satz aus der Vorlesung gilt.
y = ln 1 − x2
ex
y= 1+ex
y = ln(x2 − 1)
x
y = a bb−1
−1
Aufgabe 3.9:
Gegeben ist die sog. Lemniskate (Achterkurve) mit der Gleichung y 4 = y 2 − x2 .
1. Plotten Sie die Funktion
(bspw. in Octave: figure; ezplot(@(x,y) y.^4-y.^2+x.^2,[-1,1],500)
oder Matlab: figure; fimplicit(@(x,y) y.^4-y.^2+x.^2,[-1,1])).
2. Bestimmen Sie die Steigung in den Punkten mit y = 21 .
Extremwertprobleme
Aufgabe 3.10:
Einer Halbkugel vom Radius R = 9 soll ein Kegelstumpf mit maximalem Volumen einbeschrieben
werden. Bestimmen Sie die den kleineren Radius x des Kegelstumpfes. Berechnen Sie x mit dem
Newton-Verfahren bis auf mind. 2 Stellen hinter dem Komma genau.
Tipp 1: Volumen eines Kegelstumpfs: V (x) = 31 πh(R2 + x2 + Rx) mit der Höhe h, dem größeren
Radius R und dem kleineren Radius x.
Tipp 2: Zeichnen Sie die Seitenansicht des Problems.
Aufgabe 3.11:
Wie ist der rechteckige Querschnitt eines Kanals (oben offen, d.h. es gibt Bodenplatte und zwei
Seitenplatten) zu dimensionieren, damit der Materialverbrauch möglichst klein wird?
Annahme: Volumen V und Länge y sei gegeben. Tipp: Zeichnen Sie den Kanal und benennen Sie alle
Seiten.
Aufgabe 3.12:
Welcher Punkt der Normalparabel y = x2 hat den kürzesten Abstand zum Punkt (3, 0)?
l’Hôpital
Aufgabe 3.13:
Berechnen Sie die folgenden Grenzwerte
limx→0 (x · cot x)
x
limx→∞ x1
1
limx→∞ x x .
√
limx→∞ ln x + 1 − 1
2 ln(x + 2)
Newton-Verfahren
Aufgabe 3.14:
x
Zeigen Sie, dass die Lösung von (xx ) = e x identisch ist mit ln(x) = x1 . Bestimmen Sie daraufhin die
Newton-Iterationsvorschrift. Erstellen Sie einen Plot, um einen guten Startwert für die Newton-Iteration
zu bestimmen und führen Sie die ersten Iterationsschritte aus.
4 Integralrechnung
4.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
stellen Sie mit Hilfe des Hauptsatzes einen Zusammenhang zwischen Differential- und Integralrechnung
her
lösen Sie einfache Integrationsaufgaben mit den Techniken Substitution, partielle Integration und
Partialbruchzerlegung
wählen Sie zu praktischen Problemstellungen eine geeignete Integrationsmethode aus und erkennen,
wann eine Methode (nicht) zielführend ist
berechnen Sie uneigentliche Integrale durch Anwenden von bekannten Integrationstechniken und
Grenzübergang
entscheiden Sie, wann numerisches Integrieren besser geeignet ist als analytisches, und wenden
einfache numerische Integrationstechniken an
Beispiel 4.1:
y
4
1
x2
)=
f(x
x
1 2 3
Als Unterteilungspunkte bei 4 Streifen erhalten wir neben den Randpunkten 1 bzw. 2 also 54 , 32 , 74 . Der
Flächeninhalt kann dann durch die Fläche der Rechteckstreifen angenähert werden. Jedes Rechteck hat
die Breite 41 .
y
4
x2
)=
L4 = 1.97
f(x
x
1 2 3
y
4
Analog erhalten wir für die über der Kurve endenden Rechtecke 3
als Gesamtfläche in der mittleren Abbildung, da ihre Höhe
nun durch die Funktionswerte am rechten Teilintervallende
gegeben sind: 2 R4 = 2.72
2 2 2
1 5 1 3 1 7 1
R4 = · + · + · + · 22 ≈ 2.71875
4 4 4 2 4 4 4 1
x2
)=
f(x
x
1 2 3
Die Fläche A unter der Parabel liegt dann garantiert zwischen diesen beiden Werten:
Diese Vorgehensweise kann man jetzt mit mehr Streifen wiederholen: Zerlegung in n = 10 Streifen:
(Streifenbreite ∆x = 0.1)
y
4
n Ln Rn Rn − Ln 3
4 1.96875 2.71825 0.7495
10 2.185 2.485 0.3 R10 = 2.48
20 2.25875 2.40875 0.15 2 L10 = 2.19
50 2.3034 2.3634 0.06
100 2.31835 2.34835 0.03
1000 2.3318335 2.3348335 0.003 1
x2
)=
f(x
x
1 2 3
Aus der Tabelle entnehmen wir, dass die Differenz zwischen Ln und Rn , zwischen denen der echte
7
lim Ln = lim Rn =
n→∞ n→∞ 3
y
4
x2
)=
f(x
x
1 2 3
Beispiel 4.2:
2
Berechnen Sie die Fläche unter der Kurve e−x im Intervall [0, 1]. Verwenden Sie einen Näherungswert
durch Verwendung von links- bzw. rechtsseitigen Summen mit 4 Teilintervallen.
Zur Berechnung der Fläche unter der Kurve erhöht man dann die Anzahl der Rechtecke, bildet also den
Grenzwert der Rechteckflächen für n → ∞:
n
X n
X b−a
lim f (ξi ) ∆x = lim f (ξi ) .
n→∞
i=1
n→∞
i=1
n
Bemerkung 4.1:
So ist die Integralnotation entstanden (griechisches Σ → lateinisches S“, beides für Summe):
”
P
lim f (ξi ) ∆xi
↓
R ↓ ↓
f (x) dx
Beispiel 4.3:
Schreiben Sie folgende Integrale als Grenzwert einer Riemannschen Summe:
R1
0 x dx =
R2 Pn−1
2i 3 2
Pn
2i 3 2
0
x3 dx = limn→∞ i=0 n n = limn→∞ i=1 n n
R 2π
π
tan(x) dx =
Beispiel 4.4:
Schreiben Sie als Integral:
Pn−1 2
limn→∞ i=0 ni 1
n =
Pn−1
i 2 1
R2
limn→∞ i=0 1+ n n = 1
x2 dx
Pn
2i 2 2
limn→∞ i=1 1+ n n =
Pn
limn→∞ 2
n i=1 sin 1 + 2i
n =
Bemerkung 4.2:
Wählt man ξi so, dass der Funktionswert im Teilintervall dort minimal ist, so nennt man die
Zn Untersumme, wählt man ξi so, dass er maximal ist, so heißen sie Obersumme. Für monoton
steigende Funktion z.B. erhält man Untersummen, wenn man den Punkt ξi am linken Intervallende
wählt.
Man kann die einzelnen Teilintervallbreiten auch verschieden groß wählen: ∆xi für alle i = 1, .., n.
Wichtig ist für den Integral-Grenzwert dann jedoch, dass ∀ i = 1, .., n : limn→∞ (max ∆xi ) = 0.
Um für eine allgemeine Funktion (oder Daten) eine möglichst gute Näherung des Flächeninhalts
zu bekommen, ist es i.A. am besten, ξi als Intervallmittelpunkt zu wählen (Mittelpunktregel, s.
Formel Mn ).
Für stetige Funktionen existiert der obige Grenzwert immer: Ist f stetig bis auf endlich viele
Rb
Sprungstellen, so existiert a f (x) dx. Man sagt, f ist integrierbar.
Beachten Sie, dass wir bisher keine Stammfunktionen zur Integralberechnung herangezogen haben
- die Definition basiert einzig und allein auf dem Grenzwert der Rechteckflächen.
Begrenzt f ein Flächenstück, das mal ober- und mal unterhalb der x-Achse liegt, dann ist
Rb
a
f (x) dx = −A1 + A2 die Summe von mit Vorzeichen versehenen Flächeninhalten. Der Punkt
c ist die Nullstelle von f (x): Bestimmen Sie also zunächst durch Lösen von f (x) = 0 die
Nullstelle(n).
y
)
f( x
Dann gilt:
=
y
Z c Z b
A2
A=− f (x) dx + f (x) dx
a c a c
x
b
A1
Machen Sie sich die Beziehungen, wenn möglich, jeweils an einer Skizze klar.
D.h. die Stammfunktion ist nur über die Differentiation definiert und über keine Flächenberechnung!
Beispiel 4.5:
f (x) = x2 + x + 2. Dann ist F (x) = 13 x3 + 12 x2 + 2x − 6 auf R eine Stammfunktion, ebenso ist aber
auch z.B. F (x) = 13 x3 + 12 x2 + 2x + π eine Stammfunktion.
Zwei verschiedene Stammfunktionen von f auf I können sich nur um eine additive Konstante c
unterscheiden: F1 (x) = F2 (x) + c, da diese beim Ableiten wegfällt.
Ist also F0 eine Stammfunktion, dann erhält man mit F (x) = F0 (x) + c, c ∈ R alle möglichen
Stammfunktionen von f in I. Für diese Gesamtheit von Stammfunktionen benutzt man das Symbol:
Z
f (x) dx.
Bemerkung 4.4:
Achtung: Betrachten Sie folgende Implikationen
Z
f (x) dx = F (x) + c ⇐⇒ F ′ (x) = f (x)
jedoch:
F (x) eine spezielle Stammfunktion von f (x) =⇒ F ′ (x) = f (x)
Folgende Begriffe müssen unterschieden werden:
Typ Bedeutung
Rb
bestimmtes Integral a f (x) dx reelle Zahl;
R falls f ≥ 0: Deutung als Flächeninhalt
unbestimmtes Integral f (x) dx Menge aller Stammfunktionen von f :
Eine Funktionenschar
bestimmtes Integral
R x mit variabler Eine Funktion in Abhängigkeit von x
oberer Grenze a f (t) dt Bedeutung kommt in nächstem Abschnitt
Bemerkung 4.5:
Der Satz gestattet die unbestimmte Integration jedes Polynoms:
Z
n
p(x) = a0 + a1 x + . . . an x ⇒ p(x) dx =
lautet:
=
Z x+∆x
y
f(x + ∆x)
f (t) dt
x
∆Φa (x) Zx+∆x Z x
= f (t) dt − f (t) dt
f(x)
a a
= ϕa (x + ∆x) − ϕa (x).
x
a x x + ∆x
Aus der Skizze entnimmt man:
und damit
ϕa (x + ∆x) − ϕa (x)
min f (ξ) ≤ ≤ max f (ξ)
ξ∈[x,x+∆x] ∆x ξ∈[x,x+∆x]
Grenzübergang ∆x → 0 ergibt
d
f (x) ≤ ϕa (x) ≤ f (x)
dx
und somit ϕ′a (x) = f (x).
Daraus ergibt sich einer der wichtigsten Sätze der Analysis:
Satz 4.5 (Hauptsatz der Differential- undR Integralrechnung, HDI - Teil 1):
x
Sei f (x) stetig auf [a, b]. Es sei ϕa (x) = a f (t) dt, dann gilt für alle x ∈ [a, b]
und damit Z x
f (t) dt = F (x) − F (a) .
a
Satz 4.6 (Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung, HDI - Teil 2):
Sei F eine beliebige Stammfunktion von f . Dann gilt für das bestimmte Integral
Z b
x=b
f (x) dx = [F (x)]x=a = F (b) − F (a)
a
Beispiel 4.6:
R
d x 1 1
1. dx 4 1+5t4 dt = 1+5x4
R
d 0
2. dx x
sin2 t dt =
R
d x2 1
3. dx 5 1+2t4
dt =
Beispiel 4.7:
Z 2
x2 dx =
1
f (x) = g(x)
2. Stellen Sie in jedem der Intervalle [xi ; xi+1 ] fest, welche Funktion oberhalb liegt.
3. Integrieren Sie in jedem Teilintervall [xi ; xi+1 ] die Differenz zwischen der größeren und der
kleineren der beiden Funktionen.
4. Falls es mehrere Teilintervalle gibt, addieren Sie die einzelnen Werte.
Beispiel 4.8:
Gesucht ist die Fläche zwischen den Funktionen f (x) = x und g(x) = 21 x2 − 4.
Z 4
1 2
A= x− x − 4 dx
−2 2
4
1 2 1 3 40 14
= x − x + 4x = − − = 18
2 6 −2 3 3
4.7 Integrationstechniken
4.7.1 Partielle Integration
Zur Bestimmung der Stammfunktion eines Produktes von Funktionen eignet sich die partielle Integration.
Sie ist die Umkehrung der Produktregel bei der Differentiation.
Produktregel:
(uv)′ = u′ v + uv ′
Integration ergibt dann
Beweis: s.o.
Bemerkung 4.7: R R
Die Formel ist vor allem dann nützlich, wenn u′ v dx leichter zu integrieren ist als uv ′ dx. Ist das
neue entstehende Integral schwerer zu berechnen als das alte, so führt diese Vorgehensweise nicht zum
Ziel. Dann sollte man versuchen, die Festlegung von u und v ′ zu ändern, also z.B. zu tauschen.
Beispiel 4.9:
Z
x cos x dx
Beispiel 4.10:
Z
tet dt
Beispiel 4.11:
Z
ln x dx
Beispiel 4.12:
Z
sin2 x dx
4.7.2 Substitution
Die Integralsubstitution ist die Umkehrung der Kettenregel.
R
Hat man z.B. das Integral x cos(x2 ) dx zu lösen, so kann man die Substitution u = g(x) = x2
u = g(x) ⇒ x = g −1 (u)
du ′ du du
dx = g (x) ⇔ dx = g ′ (x) ⇒ dx = g′ (g−1 (u))
x −→ g −1 (u)
du
dx −→ ′ −1
g (g (u))
Vorsicht: Das neue Integral darf die alte Variable x nicht mehr enthalten!
3. Berechnen des neuen Integrals mit Integrationsvariable u.
4. Rücksubstitution (bei unbestimmter Integration): Für u wieder g(x) einsetzen.
Beispiel 4.13:
Betrachte folgende Substitution:
Z 2
x cos(x2 ) dx, u = g(x) = x2
0
Machen Sie sich klar, dass diese Aussage äquivalent zu Satz 4.8 ist. Insbesondere, wird dabei f (x) →
h′ (g(x)) · g ′ (x) in Satz 4.8 ersetzt.
Bei genauem Betrachten stellen Sie fest, dass dies die Umkehrung der Kettenregel ist.
Die Schwierigkeit dieser Darstellung in der praktischen Verwendung ist, dass man im Integral schon den
gesamten Ausdruck h′ (g(x)) · g ′ (x) ad hoc erkennen muss, wohingegen das Vorgehen im Algorithmus
4.1 bzw. Satz 4.8 nach Schema verläuft.
Beispiel 4.14: R
Integrieren Sie mittels Substitution (x3 + 1)4 x5 dx
Beispiel 4.15: R
Integrieren Sie mittels Substitution (2x − 5)5 dx
Beispiel 4.16: R 2
Integrieren Sie mittels Substitution xex dx
Beispiel 4.17: R
Integrieren Sie mittels Substitution f (x)f ′ (x) dx
R ln x
Anwendung: x dx
Beispiel 4.18:
R f ′ (x)
Integrieren Sie mittels Substitution f (x) dx
R 10x
Anwendung: 5x2 +2 dx
R x
Anwendung: 5x2 +2 dx
R
Anwendung: tan x dx
Beispiel 4.20: R √
Es sei der Integraltyp √R(x, n ax + b) dx, mit R einer rationalen Funktion, gegeben, welchen man mit
n
der Substitution u = ax + b lösen kann.
R 2
Wenden Sie dieses Vorgehen auf: √x dx 3 an.
2x+1
Die rechte Seite lässt sich einfach integrieren, wir haben die einzelnen Integrale oben schon berechnet.
Im Folgenden wird es deshalb darum gehen, Brüche in Teilbrüche aufzuspalten, die leichter integriert
werden können. Diese sogenannte Partialbruchzerlegung hat aber nicht nur Anwendungen in der Integralrechnung,
sondern in etlichen weiteren Bereichen.
Bemerkung 4.9:
Ist m ≥ n, so kann man einen polynomialen Anteil abspalten: s(x) = s1 (x)+ qsn2 (x)
(x) mit grad(s2 ) <
n. Ein Verfahren dies immer zu erreichen ist die Polynomdivision, die schon früher eingeführt
wurde.
s1 ist als Polynom ganz einfach integrierbar. D.h. wir müssen im Rahmen der Integration nur den
Restbruch untersuchen, d.h. den Fall Zählergrad < Nennergrad“.
”
Term Ansatz
A
(x − xi )
x − xi
A1 A2 Ar
(x − xi )r + + ··· +
x − xi (x − xi )2 (x − xi )r
Ax + B
(x2 + ux + v)
x2 + ux + v
A1 x + B1 A2 x + B 2 Ar x + Br
(x2 + ux + v)r 2
+ 2 2
+ ··· + 2
(x + ux + v) (x + ux + v) (x + ux + v)r
Etwas schwieriger sind die Partialbrüche zu integrieren, die zu den unzerlegbaren Termen gehören:
Hier vervollständigt man das Quadrat und verwendet dann die Formeln (analog für den 4. Fall des
Ansatzes, der hier nicht behandelt wird)
Z
1 1 x+b
dx = arctan +c
(x + b)2 + a2 a a
Z
x 1 b x+b
dx = ln |(x + b)2 + a2 | − arctan +c
(x + b)2 + a2 2 a a
Beispiel 4.22:
Zu integrieren sei Z
4x5 + 5x4 + 3x3 − x − 3
dx
x4 − 1
Vorbereitung: Da der Zählergrad größer ist als der Nennergrad, müssen wir zunächst eine
Polynomdivision durchführen:
3x3 +3x+2
s(x) =( 4x5 +5x4 +3x3 −x −3 ) : (x4 − 1) = 4x + 5 + x4 −1
−(4x5 −4x)
5x4 +3x3 +3x −3
− 5x4 −5 )
3x3 +3x +2
−(3x3 +3x +2)
0
Z Z Z
3x3 + 3x + 2
⇒ s(x) dx = (4x + 5) dx + dx
x4 − 1
1 0 0 0 −1
x1 = 1 1 1 1 1
1 1 1 1 0 ⇒ x2 + 1 = 0 ⇒ x4 − 1 = (x − 1)(x + 1)(x2 + 1)
x2 = −1 −1 0 −1
1 0 1 0
3x3 + 3x + 2 3x3 + 3x + 2 A B Cx + D
= = + + 2
x −1
4 (x − 1)(x + 1)(x2 + 1) x−1 x+1 x +1
Schritt 3: Die Koeffizienten A, B, C, D bestimmt man durch Multiplikation der Gleichung mit
dem Nenner und Einsetzen verschiedener x-Werte (am besten die Nullstellen des Nenners) oder
durch Koeffizientenvergleich.
x = 1 : 3 + 3 + 2 = 8 = A · 2 · 2 = 4A ⇒ A=2
x = −1 : − 3 − 3 + 2 = −4 = B · (−2) · 2 = −4B ⇒ B=1
x=0: 2=A−B−D =2−1−D ⇒ D = −1
x = 2 : 24 + 6 + 2 = 32 = 15A + 5B + (2C + D) · 3
= 30 + 5 + (2C − 1) · 3
⇒ 32 = 32 + 6C ⇒ C=0
Schritt 4: Damit ergibt sich für das Integral beim Blick in die Tabelle
Z Z
3x3 + 3x + 2 2 1 1
dx = + − dx
x4 − 1 x − 1 x + 1 x2 + 1
= 2 ln |x − 1| + ln |x + 1| − arctan x + c
Beispiel 4.23:
Zu integrieren sei Z
3x + 7
dx
(x − 1)2 (x + 1)
Zum Abschluss des Kapitels Integrationstechniken hier noch ein paar Beispiele:
Beispiel 4.24:
Z 5
(2ex + 4 cos x) dx
0
Z 2
4 + u2
du
1 u3
Z 2
1
dx
1 (3 − 5x)
Z
x2 cos(3x) dx
Z
√
sin( x) dx (Tipp: erst Substitution, dann partielle Integration)
Z
x
dx
x2 +1
Z
5x − 4
dx
2x2 + x − 1
Z
x2 + 3x − 2
dx (Tipp: x = 1 ist Nullstelle des Nenners)
x3 − x2 + x − 1
R4
−∞
e3x dx
Z r
1
√ dx = arcsin x|r0 3
0 1 − x2
= arcsin r 2
f(x) = √ 1
1−x2
und damit Z 1
1
1 π
√ dx =
0 1 − x2 2 x
0.2 0.4 0.6 0.8 1
y y y
f(x)
f(x) f(x)
f(x)
x x x
c c c
Bemerkung 4.10:
Man darf niemals über eine Unstetigkeitsstelle integrieren, ohne diese speziell zu betrachten!
Als warnendes Gegenbeispiel dient uns folgender Trugschluss:
Z 1
1 1
dx = [ln |x|]−1 = ln |1| − ln | − 1| = 0 − 0 = 0.
−1 x
Dies ist jedoch falsch! Es existiert eine Unstetigkeitsstelle bei x = 0. D.h. wir müssen das Integral
aufspalten in die zwei Grenzwerte:
Z 0
1 r
dx = lim− [ln |x|]−1 = lim− ln |r| − ln | − 1| → −∞
−1 x r→0 r→0
Z 1
1 1
dx = lim+ [ln |x|]r = lim+ ln |1| − ln |r| → +∞
0 x r→0 r→0
welche beide divergieren und weshalb auch das Integral von x = −1 bis x = 1 divergiert.
Beispiel 4.26:
R2 1
−1 √ 3 x dx
Z 2 Z r Z 2
1 1 1
√ dx = lim √ dx + lim √ dx
−1
3
x r→0− −1
3
x s→0+ s
3
x
r 2
3 2 3 2
= lim x3 + lim x3
r→0− 2 s→0+ 2
−1 s
3 2 3 2 3 2 3 2
= lim r 3 − (−1) 3 + lim 23 − s3
r→0− 2 2 s→0+ 2 2
3 2 2
3 2
= 2 3 − (−1) 3 = 2 3 − 1 ≈ 0.8811
2 2
Die Grenzübergänge müssen unabhängig voneinander durchgeführt werden.
R6
−1
√1
6−x
dx
R6
1
−1 (6−x)2
dx
Z 6 Z r r
1 1 1
dx = lim dx = lim
−1 (6 − x)2 r→6− −1 (6 − x)
2 r→6− 6 − x
−1
1 1
= lim − =∞
r→6− 6 − r 7
R6
1
−1 x3
dx
4.9.2 Die Simpson-Regel
Um eine noch genauere Formel zu bekommen, ersetzen wir die Funktion im Gegensatz zur Trapezregel
nicht mit einem Geradenstück, sondern mit einem Parabelstück. Dies ist die Simpson-Regel. Dazu
wählen wir 3 Punkte (x1 , y1 ), (x2 , y2 ), (x3 , y3 ), durch die wir eine Parabel p2 legen und diese exakt
integrieren. Die 3 Punkte sind die linke und rechte Intervallgrenze, a bzw. b und der Mittelpunkt des
Intervalls, a+b
2
y y
fb y = f (x)
y = p2 (x)
fm
y = f(x)
fa x x
a+b a = x0 x1 x2 xj xn−2 xn−1 b = xn
a 2
b
Dann berechne die Fläche unter diesem quadratischen Polynom zwischen [a, b] durch Integration
und vereinfache den Ausdruck (enorme Vereinfachungen möglich)
Z b
b−a
p(x) dx = (f (a) + 4 f (m) + f (b))
a 6
Beispiel 4.28:
R5
Annäherung von 0
x2 dx durch die Simpson-Regel (h = 2.5):
R2
Annäherung von 0
arctan(x) dx durch die Simpson-Regel (h = 1):
Benutzt man zur Berechnung mehrere Doppelstreifen und summiert auf (für gerades n) erhält man
Beispiel 4.29: Z 4 √ 14
Berechnung mit Trapez- und Simpson-Regel von x dx = = 4.666...
1 3
Trapez (n = 1, 2)
3 √ √ 9
T3 ≈ ( 1 + 4) = = 4.5
2 2
3 √ √ √
T1.5 ≈ ( 1 + 2 2.5 + 4) ≈ 4.6217
4
Simpson (n = 2, 4)
1 √ √ √
S1.5 ≈ ( 1 + 4 2.5 + 4) ≈ 4.6623
2
1 √ √ √ √ √
S0.75 ≈ ( 1 + 4 1.75 + 2 2.5 + 4 3.25 + 4) ≈ 4.6662
4
Beispiel 4.30: Z 2
1
Berechnung mit Trapez- und Simpson-Regel von e x dx für 5 Funktionsauswertungen in jeder Regel
1
(wahrer Wert ≈ 2.0201)
Trapez
Z 2
1 1 1 4 2 4 1
e x dx ≈ T0.25 = e + 2e 5 + 2e 3 + 2e 7 + e 2 ≈ 2.0319
1 8
Simpson
Z 2
1 1 1 4 2 4 1
e x dx ≈ S0.25 = e + 4e 5 + 2e 3 + 4e 7 + e 2 ≈ 2.0207
1 12
Aufgabe 4.3:
Berechnen Sie Z 1 p
(x + 1 − x2 ) dx,
0
indem Sie die Terme als Flächen interpretieren (d.h. nicht über Integration).
Aufgabe 4.4:
Berechnen Sie:
R
d x t2
1. dx 4
e dt
R
d 1 3
2. dx x
sin(t ) dt
R 3 Rx
d x d
3. dx 4
cos(t2 ) dt (Tipp: Sei F (x) = 4 cos(t2 ) dt, dann ist dx F (x3 ) gesucht.)
Integrationstechniken
Aufgabe 4.5:
Berechnen Sie die folgenden Integrale mit partieller Integration
R
1. (3x − 7)e−x dx
R x
2. ln√ dx
x
R
3. x arctan x dx
Aufgabe 4.6:
Berechnen Sie die folgenden Integrale durch geeignete Substitutionen
R √
1. x 3 1 + x2 dx
R√ √
2. x · sin(1 − x) dx
R cos t
3. 1+sin t dt
R 4x−5
4. x2 +5 dx
Aufgabe 4.7:
Berechnen Sie die folgenden Integrale durch Partialbruchzerlegung
R 4x3
1. x3 +2x 2 −x−2 dx
Aufgabe 4.8:
Berechnen Sie die folgenden Integrale
R √x
1. x dx
R 12x2
2. 2x3 −1 dx
R
3. ex sin(ex ) dx
Aufgabe 4.9:
Berechnen Sie mit Hilfe von Integralen den Flächeninhalt einer Ellipse (Tipp: trigonometrische Substitution).
(Tipp: Gleichung einer Ellipse mit den Hauptachsen a, b :
x 2 y 2
+ =1
a b r x 2
⇔ y = ±b 1 − )
a
Aufgabe 4.10: √
Berechnen Sie die Fläche, die durch die Kurven f (x) = cos x, g(x) = 1 − x2 und die positive x-Achse
begrenzt ist. (Skizze!)
Uneigentliche Integrale
Aufgabe 4.11:
Berechnen Sie die folgenden Integrale oder zeigen Sie, dass sie divergent sind.
R∞ 1
1. 1 (2x+1) 3 dx
R ∞ ln x
2. 0 x4 dx
Aufgabe 4.12:
Berechnen Sie die uneigentlichen Integrale
R1
1. 0 ln x dx
R4 1
2. 0 (x−1) 2 dx
Numerische Integration
Aufgabe 4.13:
Berechnen Sie exakt, mit der Trapezregel, und mit der Simpson-Formel (n = 2, 4, 8)
Z 1
1
dx
0 1 + x2
– n = 2:
R1 1 1 1 1 1 + 1 1
0 1+x2 dx ≈ +
2 2 1+02 2 2 1+12
1+ 1
2
≈
– n = 4:
R1 1 1 1 1
0 1+x2 dx ≈ 4 2 1+02 + 1 2 + 1 2 + 1 2 + 1 1
2
2
1+ 1 1+ 1 1+ 3
1+1
4 2 4
≈
– n = 8:
R1 1 1
1 1 1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 1
0 1+x2 dx ≈ +
8 2 1+02 2 2 2 2 2 2 2 2 1+12
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+ 1 1+ 5 1+ 3 1+ 7
8 4 8 2 8 4 8
≈
Simpsonregel:
– n = 2:
R1 1 1 1
1 1 + 1
0 1+x2 dx ≈ + 4
3 2 1+02 2 1+12
1+ 1
2
≈
– n = 4:
R1 1 1 1 1
0 1+x2 dx ≈ 3 4 1+02 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 1
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+12
4 2 4
≈
– n = 8:
R1 1 1 1 1
0 1+x2 dx ≈ 3 8 1+02 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 2 1 2 + 4 1 2 + 1
2
1+ 1 1+ 1 1+ 3 1+ 1 1+ 5 1+ 3 1+ 7
1+1
8 4 8 2 8 4 8
Aufgabe 4.14:
Ein Gartenteich hat die angegebene Form. Seine Breite wird jeden Meter gemessen. Benutzen Sie die
Simpson-Regel, um die Oberfläche des Teichs zu bestimmen.
2.25
3.0
2.5
3.0
2.3
Aufgabe 4.15:
Der Halbkreis x2 + y 2 − 9 = 0 (y ≥ 0), die Halbparabel y 2 = x + 3 und die x−Achse begrenzen einen
Bereich B. Skizzieren Sie B und berechnen Sie den Flächeninhalt von B.
5 Reihen
5.1 Lernziel
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels
können Sie geometrische (Folgen und) Reihen definieren, sie klassifizieren und zielgerecht einsetzen.
untersuchen Sie (Folgen und) Reihen auf Konvergenz und bestimmen ggf. den Grenzwert
bestimmen Sie Näherungen durch Taylorreihen und können Aussagen zu ihrer Konvergenz treffen
5.2 Folgen
1
Setzt man in die Formel an = n2 nacheinander die natürlichen Zahlen N = {1, 2, 3, . . . } anstelle von
n ein, so erhält man
1 1 1
1, , , , . . .
4 9 16
Man kann somit Folgen als Funktionen mit den natürlichen Zahlen als Definitionsbereich auffassen.
Damit übertragen sich viele Begriffe, die wir für Funktionen definiert haben, wie z.B. der der Konvergenz,
auf Folgen.
Tn+1 = 2Tn + 1, T1 = 1
Häufig lässt sich eine solche rekursive Darstellung wie beim Turm von Hanoi in eine explizite Funktionsdarstellung
(hier: Tn = 2n − 1) umwandeln, aber nicht immer.
Der aktuelle Wert eines Folgengliedes an+1 hängt bei der rekursiven Darstellung vom letzten Folgenwert
ab:
an+1 = g(an )
1
als Punkte auf der Zahlengraden
oder
0.6 0.8 1
0.5
0
0 10 20 30 40 50
Beachten Sie, dass die Punkte nicht verbunden sind, da die Funktionswerte nur für n ∈ N definiert
sind, aber nicht für die dazwischen liegenden nicht ganzzahligen Werte.
Definition 5.2:
Nullfolge: Jede gegen 0 konvergente Folge heißt Nullfolge.
Alternierende Folge: Bei alternierenden Folgen wechselt das Vorzeichen von Folgenglied zu
Folgenglied.
Arithmetische Folge: Eine Folge (an )n∈N heißt arithmetische Folge :⇔
Beispiel 5.1:
Klassifizieren Sie die folgenden Folgen und geben Sie das Bildungsgesetz, wenn möglich, rekursiv und
explizit an
2. 1, − 12 , 13 , − 14 , . . .
4. 2, 1, 12 , 14 , . . .
s1 = a1
s2 = a1 + a2
..
.
Xn
sn = ak ,
k=1
k=0
n+1 falls q = 1
qsn = q + q 2 + q 3 + · · · + q n+1 .
sn − qsn = 1 − q n+1 ,
1 − q n+1
sn (1 − q) = 1 − q n+1 ⇔ sn =
1−q
Für q = 1 gilt:
n
X n
X
1k = 1=n+1
k=0 k=0
Beispiel 5.2:
P20 1 k
k=0 2
20 k 20 21
X 1 1 1 1 1 − 12 2097151
= 1 + + + ··· + = = ≈2
k=0
2 2 4 2 1 − 12 1048576
P20
1 k
k=1 2
20 k
X 20 k
X 0
1 1 1 1048575
= − = ≈1
2 2 2 1048576
k=1 k=0
oder alternativ
20 k 19 k+1 19 k 20
X 1 X 1 1X 1 1 1 − 21 1048575
= = = · 1 =
k=1
2
k=0
2 2
k=0
2 2 1 − 2
1048576
P15 P10 11
k=5 2k = k=0 2k+5 = 25 1−2 5 11
1−2 = 2 (2 − 1) = 216 − 25 = 65504
P20
1 k
k=7 3
Berechnen Sie analog, wie viel Geld nach 7 Jahren auf dem Konto ist, wenn jährlich 2000 –C 7
Jahre lang mit 1% verzinst werden.
Leiten Sie eine Formel her, die bei einer jährlichen Einzahlung einer Rate r und einem Zinssatz
von p% den Kontostand nach n Jahren angibt.
Beispiel 5.4:
Folge: an = 1
2n : 1, 12 , 14 , 18 , 16
1
, . . . Der Grenzwert der Folge ist limn→∞ 1
2n = 0.
1 1 1 1
Endliche Reihe: 1 + + + + ··· + n
2 4 8 2
Betrachten Sie in der folgenden Tabelle:
Pn 1
n an Summe der ersten n Glieder k=0 2k .
0 1 1.
1
1 2
1 + 0.5 = 1.5
1 1 1
2 4
1+ 2
+ 4
= 1.75
1 1 1 1
3 8
1+ 2
+ 4
+ 8
= 1.875
1
4 16
1.9375
1
5 32
1.96875
1
6 64
1.984375
1
7 128
1.9921875
1
10 1024
1.99902344
1
20 1048576
1.99999905
Der Grenzwert der endlichen Summe ist der Wert der Reihe, hier also scheinbar 2. Er hat mit
dem Grenzwert der Folge wenig zu tun.
Betrachten Sie in die Graphik sowohl die ersten Folgenglieder als auch die Summe der ersten
Glieder der Reihe und machen Sie sich den Unterschied klar.
1
Folge und Partialsummen von an = 2n
1.5
1 Reihe
Folge
0.5
0
0 5 10 15 20
Wie könnte ein graphischer Beweis aussehen, dass der Grenzwert 2 lautet?
Dabei kann es natürlich passieren, dass die Summe über alle Grenzen wächst. Dies ist z.B. der Fall bei
P∞ Pn
der Reihe k=1 k, da für n → ∞ die Summe k=1 k = n(n+1) 2 auch gegen ∞ geht. Bei vielen Reihen
bleibt die Summe jedoch endlich.
Insbesondere hat man nur dann eine Chance, dass die Reihe endlich bleibt und damit konvergiert, wenn
die Folge, die ihr zu Grunde liegt, gegen 0 konvergiert:
Pn
Beweis: Gegeben ist also, dass limn→∞ sn = limn→∞ k=1 ak = s konvergiert. Nun kann man für
die Folge schreiben:
lim an = lim (sn − sn−1 ) = lim sn − lim sn−1 = s − s = 0
n→∞ n→∞ n→∞ n→∞
Dies ist ein notwendiges Kriterium, aber leider kein hinreichendes, d.h. es gibt Folgen, die gegen 0
konvergieren, ohne dass die zugehörige Reihe konvergiert.
Beispiel 5.5 (Harmonische Reihe):
Pn 1
Die Reihe limn→∞ sn = limn→∞ k=1 k divergiert gegen ∞.
0 5 10 15
Beweis: sn sei die Partialsumme bis zum Glied n, s2k+1 also die Partialsumme der blauen Flächen bis
zu einer Zweierpotenz, für k = 3 also z.B. die Summe aller Flächen bis n = 16. Dann gilt
1 1 1 1 1 1 1
s2k+1 = 1 + + + + + ... +... + . . . k+1
2 3 4 5 8 2k + 1 2
| {z } | {z } | {z }
≥2· 41 ≥4· 18 ≥2k · 1
2k+1
1 1 1 1 k+3
≥1+ + 2 · + 4 · + . . . 2k · k+1 =
2 4 8 2 2
Diese Abschätzung zeigt, dass sn über alle Grenzen wächst.
Denn wäre die Reihe z.B. durch die Zahl 1000 beschränkt, so würde man k = 1998 wählen und die
rechte Seite der obigen Abschätzung wäre ≥ 1000, also auch die linke Seite, d.h. summiert man bis
zum Index 21999 , so ist die Summe größer als 1000. Analog kann man statt 1000 jede beliebige Zahl
einsetzen, P
so dass die Reihe unbeschränkt ist.
n
Die Reihe k=1 k1 ist also divergent, obwohl ihre Glieder k1 eine Nullfolge bilden!
Man kann zeigen, dass die Reihe bzgl. ihrer Größenordnung wie ln(x) wächst.
Harmonische Folge und Reihe
5
3
Reihe
Folge
2
0
0 10 20 30 40 50
n
Bemerkung 5.2:
An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass es bei der Summation unendlich vieler Glieder nicht reicht,
als Abbruchkriterium nur zu prüfen, ob der Zuwachs pro Schritt unter eine bestimmte Grenze fällt oder
gegen 0 geht.
Für Reihen mit alternierendem Vorzeichen ist die Konvergenz der zugrunde liegenden Folge gegen 0
jedoch auch hinreichend für die Konvergenz der Reihe:
Bemerkung 5.3:
Die Idee des Monotonie-Kriteriums lässt sich graphisch recht leicht veranschaulichen. Die Reihe mit
nicht-negativen Gliedern führt zwangsweise zu einer monoton steigenden Folge ihrer Partialsummen.
Gleichzeitig existiert eine obere Schranke für diese Folge. Daraus folgt, es muss ein Grenzwert existieren.
Analog kann man das Kriterium auch für eine monoton fallende Folge und einer unteren Schranke
formulieren.
Beispiel 5.6:
X∞
1 1 1 1 1 1
s=1− + − + − + ··· = (−1)n+1 (= ln 2)
2 3 4 5 6 n=1
n
1 1
ist konvergent nach dem Leibniz-Kriterium, obwohl die harmonische Reihe 1 + 2 + 3 + . . . divergent
ist.
Wir hatten bereits für die endliche geometrische Reihe gezeigt, dass gilt:
n
(
X 1−q n+1
̸ 1
falls q =
k
q = 1−q
k=0
n+1 falls q = 1
Beweis: Für |q| < 1 geht der Zähler des Bruches bei der endlichen geometrischen Reihe gegen 1. Für
|q| > 1 divergiert die Reihe, da keine Nullfolge mehr gegeben ist. Für q = 1 divergiert die Reihe nach der
endlichen geometrischen Reihe und für q = −1 springt der Wert der Partialsummen ständig zwischen
0 und 1, je nach n gerade/ungerade (dies ist auch eine Form der Divergenz).
Beispiel 5.7:
Bestimmen Sie die Summe der geometrischen Reihe
10 20 40
5− + − + ...
3 9 27
P∞
Ist die Reihe k=1 22k 31−k konvergent oder divergent?
Wir gehen von einem gleichseitigen Dreieck T0 mit der Seitenlänge 1 aus. Das Dreieck nach dem
n-ten Schritt entsteht, indem auf dem mittleren Drittel jeder Seite des vorhergehenden Dreiecks ein
gleichseitiges Dreieck aufgesetzt wird.
Gesucht sind Umfang Un und Flächeninhalt Fn der Figur in Stufe n, sowie ihre Grenzwerte für n → ∞.
Umfang:
Flächeninhalt:
Es seien:
Beispiel 5.11:
Bemerkung 5.4:
Jede absolut konvergente Reihe ist konvergent, aber nicht jede konvergente Reihe ist absolut
konvergent (s. Leibniz-Kriterium und harmonische Reihe).
Bei einer absolut konvergenten Reihe darf man die Reihenfolge der Summation beliebig verändern,
ohne dass sich der Grenzwert ändert. Bei konvergenten, aber nicht absolut konvergenten Reihen,
können durch Umsortierung beliebige Grenzwerte erhalten werden (Riemannscher Umordnungssatz).
Der Beweis basiert auf der Anwendung des Monotoniekriteriums und der unendlichen geometrischen
Reihe.
Beispiel 5.12:
Untersuchen Sie, ob die folgenden Reihen (absolut) konvergent sind
s = 13 + 19 + 27
1 1
+ 81 + ...
P∞
1
k=1 k(k+1)
1
Aber mit einem Trick geht es: Tipp: Zerlegen Sie zunächst k(k+1) mit Hilfe der Partialbruchzerlegung
P∞
n
n=1 3n
P∞
i=1 iq i mit |q| < 1
P∞ 2i
i=1 i
P∞ k xk
Für welche reellen Zahlen x konvergiert die sog. Potenzreihe k=1 (−1) 2k+1 ?
Beispiel 5.13:
Wir untersuchen die Reihe
X∞
2 1 2 1
2
= 2 + + + + ...
i=1
i 2 9 8
Es sieht so aus, als ob die Reihe konvergiert (und zwar gegen 3.290...).
2
f(x
) =
2
1 A=
2
x
12
2
2
A= 22 2
A= 32
x
1 2 3 4 5
Beispiel 5.14:
Genauso können wir Divergenz für eine andere Summe beweisen:
X∞
1
√ =
n=1
n
y
1.5
1
f(x) = √1
0.5 A= √1 x
1 A= √1 √1
2 A= 3
x
1 2 3 4 5
Will man also zeigen, dass eine unendliche Reihe divergiert, so muss man zeigen, dass sie größer
ist als ein divergentes uneigentliches Integral.
Will man umgekehrt zeigen, dass eine unendliche Reihe konvergiert, so muss man zeigen, dass
sie kleiner ist als ein konvergentes uneigentliches Integral.
Beispiel 5.15:
Untersuchen Sie die folgenden Reihen mit Hilfe des Integraltests auf Konvergenz
P∞ 1
i=1 i2 +1
y
1.5
1
1
f(x) = x2 +1
0.5
1
A= 12 +1 1
A= 22 +1 A= 1 x
32 +1
1 2 3 4 5
P∞
1
i=1 i (harmonische Reihe, alternativer Divergenznachweis)
y
1.5
1
f(x) = x
1
0.5 A=1
1
A= A= 1 1
2
3 A= 4
x
1 2 3 4 5
ak+1
b) Falls NEIN: Berechne limk→∞ ak . Ist dieser lim < 1?
i. Falls JA: Die Reihe ist absolut konvergent.
ii. Falls NEIN:
A. Falls limk→∞ aak+1 k
> 1 ist, so ist die Reihe divergent.
B. Liefert keine der obigen Bedingungen eine klare
Konvergenz- bzw. Divergenzaussage, so versucht man
die Summe mit Hilfe des Integralvergleichskriteriums
→ nach oben gegen eine feste Zahl abzuschätzen, um Konvergenz zu
zeigen
→ oder nach unten gegen ∞ abzuschätzen, um Divergenz zu zeigen.
Reihe nicht
konvergent
ai Null- nein
nicht
folge?
absolut
konvergent
ja
nein nein
Reihe
an+1 ja
limn→∞ an
<1 absolut
konvergent
nein
an+1 ja Reihe
limn→∞ an
>1
divergent
nein
Integralver-
gleichskrite-
rium prüfen
vom Grad n in der Nähe des Punktes x0 angenähert werden. Gesucht ist dieses Polynom, also seine
Koeffizienten a0 , a1 , . . . , an .
Wir untersuchen zunächst einen relativ einfachen Spezialfall, nämlich eine Annäherung durch ein
Polynom 3. Grades an der Stelle x0 = 0:
T3 (x) = a3 x3 + a2 x2 + a1 x + a0 .
Die Tangente hatten wir bestimmt, indem wir gefordert haben, dass sie und die ursprüngliche Funktion
in Funktionswert und erster Ableitung übereinstimmen. Hier fordern wir analoges für T3 :
T3 , f stimmen im Funktionswert bei x = 0 überein
T3 (x) = a3 x3 + a2 x2 + a1 x + a0 ⇒ f (0) = T3 (0) = a0 ⇒ a0 = f (0)
T3 , f stimmen in der 1. Ableitung bei x = 0 überein
T3′ (x) = 3a3 x2 + 2a2 x + a1 ⇒ f ′ (0) = T3′ (0) = a1 ⇒ a1 = f ′ (0)
Nun kennen wir also a0 und a1 .
Fordern wir jetzt zusätzlich, dass f und T3 in ihren 2. und 3. Ableitungen an der Stelle x = 0
übereinstimmen, so ergibt sich
f ′′ (0)
T3′′ (x) = 6a3 x + 2a2 ⇒ f ′′ (0) = T3′′ (0) = 2a2 ⇒ a2 =
2
f ′′′ (0) f ′′′ (0)
T3′′′ (x) = 6a3 ⇒ f ′′′ (0) = T3′′′ (0) = 6a3 ⇒ a3 = =
6 3!
′′ ′′′
⇒ T3 (x) = f (0) + f ′ (0) x + f 2!(0) x2 + f 3!(0) x3
⇒ Wir erhalten also für die Koeffizienten des Näherungspolynoms
f (i) (0)
.ai =
i!
Dies gilt nicht nur für n P
= 3 und x0 = 0, sondern für eine beliebige Entwicklungsstelle x0 mit dem
n
Polynomansatz Tn (x) = i=0 ai (x − x0 )i vollkommen analog. Man erhält dann
f (i) (x0 )
ai =
i!
Beispiel 5.16:
Für n = 1 ist T1 (x) die Tangente an der Stelle x0 .
Unterstreichen Sie den Tangentenanteil in der obigen Formel.
Beispiel 5.17:
Gesucht sind die Taylorpolynome T0 , T1 , T2 und T3 zu f (x) = sin(x) an der Stelle x0 = 0.
Für das Taylorpolynom vom Grad n benötigen wir die Ableitungen von f (x) = sin(x) bis zur Ordnung
n an der Stelle x0 = 0
f (x) = sin(x) a0 = f (0) = sin(0) = 0
f ′ (x) = cos(x) a1 = f ′ (0) = cos(0) = 1
f ′′ (0) − sin(0)
f ′′ (x) = − sin(x) a2 = = =0
2! 2!
′′′
f (0) − cos(0) 1
f ′′′ (x) = − cos(x) a3 = = =−
3! 3! 6
2
y
x)
T1 (
1
T9 (x)
)
T5 (x
x
x)
−π π π π 2π
(
3 −2 3
π π
sin
2 2 2
−1
T3(x)
T 7(x)
−2
Beispiel 5.18:
Gesucht sind die Taylorpolynome T0 , T1 und T2 zu f (x) = cos(x) an der Stelle x0 = 0.
Für das Taylorpolynom vom Grad n benötigen wir die Ableitungen von f (x) = sin(x) bis zur Ordnung
n an der Stelle x0 = 0
T0 (x) = 1 T1 (x) = 1
2
x
T2 (x) = 1 −
2
2
T8 (x)
T0 (x)
T4 (x)
1
co
s( x
y
3
π −π − π2 π π 3
π 2π
)
2 2 2
x
−1
T 2(x)
T 6 (x
−2
)
Beispiel 5.19:
Bestimmen Sie für die Funktion f (x) = esin x das Taylorpolynom T3 (x) um x = 0.
5.5.2 Taylor- und Potenzreihen
Was passiert nun, wenn wir den Grad des Polynoms immer weiter erhöhen, um eine Funktion anzunähern,
wir also den oberen Index der Summe gegen ∞ laufen lassen?
Wir wollen dies an einem bereits bekannten Beispiel, der geometrischen Reihe, untersuchen:
∞
X
xi = 1 + x + x2 + x3 + x4 + . . .
i=0
Für diese Reihe hatten wir zuvor berechnet (Sie müssen nur für q jetzt x einsetzen)
∞
X 1
xi =
i=0
1−x
P∞ xk x2
2. k=0 k! =1+x+ 2 + · · · = ex
P∞ (−1)i+1
3. i=1 i (x − 1)i = ln x
Beispiel 5.23:
Erweitern wir die Taylorpolynome von sin x und cos x mit Entwicklungsstelle x0 = 0 zu Taylorreihen:
Die Frage, die sich nun stellt, ist die Frage nach der Konvergenz der Reihe. Da jetzt für verschiedene
x formal verschiedene Reihen entstehen, wird die Antwort sicher von x abhängen. Wir müssen also die
Frage beantworten: Für welche x konvergiert die Reihe?
P∞ 1
Bei der geometrischen Reihe i=0 xi = 1−x hatten wir schon gesehen, dass Funktion und Taylorreihe
für |x| < 1 übereinstimmen, die Taylorreihe aber für |x| > 1 nicht konvergiert. Für diese Reihe ist 1 der
sog. Konvergenzradius.
ak
R = lim ,
k→∞ ak+1
Beispiel 5.24:
Bestimmen Sie jeweils den Konvergenzradius und das Konvergenzintervall
P∞ n 2
1. n=0 x = 1 + x + x + . . . ,
P∞ xi
2. ex = i=0 i! hat den Konvergenzradius
P∞
3. i=0 im xi , m fest, hat den Konvergenzradius
4. Dann gilt:
f ′ (x0 ) f ′′ (x0 )
f (x) = f (x0 ) + (x − x0 ) + (x − x0 )2 + . . .
1! 2!
X∞
f (i) (x0 )
= (x − x0 )i
i=0
i!
ak f (k) (x0 )
5. Berechnen Sie den Konvergenzradius R = limk→∞ ak+1 mit ak = k!
Beispiel 5.25:
Gesucht ist eine Taylorreihenentwicklung der Funktion f (x) = ln x. Untersuchen Sie, für welche x die
Reihe konvergiert.
Entwicklungspunkt: Da f (x) für x = 0 nicht definiert ist, wählen wir als Entwicklungspunkt x0 = 1.
Ableitungen:
T1
T4 (
5 REIHEN 5.5 Taylorentwicklung und Potenzreihen
2
y
)
(x
)
(x
1
x)
1.5
T1
T4 (
)
T3
ln(x
)
(x
1
T3
0.5
T2
(x
) x
0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4
0.5 −0.5
−1
T2
Für Potenzreihen gelten folgende Rechenregeln innerhalb ihres Konvergenzbereichs:
Satz 5.8:
0.5 1 1.5
Potenzreihen können gliedweise differenziert und integriert werden. Der Konvergenzradius bleibt
dabei unverändert. Es sei
2 2.5
∞
X
∀ x : |x − x0 | < R f (x) = ak (x − x0 )k
k=0
Beispiel 5.26:
Prüfen Sie diesen Satz nach, indem Sie zeigen, dass die Ableitung der Taylorreihe von e x wieder die
Taylorreihe von e x ergibt.
∞
!′
X xi
x ′
(e ) = =
i=0
i!
Beispiel 5.27:
Gesucht ist die Taylorreihe von ln |1 − x|. Hinweis: Verstehen Sie ln |1 − x| als eine Stammfunktion.
Beispiel 5.28:
P∞ P∞
1
Wir wissen: i=0 xi = 1−x für |x| < 1. Was ist i=1 ixi−1 ?