Industrie 4 0
Industrie 4 0
0
Chancen und
Herausforderungen
der vierten industriellen
Revolution
Kontaktinformationen
Strategy&
PwC
Strategy&
Volkmar Koch ist Partner und Geschäftsführer bei Simon Kuge ist Principal und Mitglied der Geschäfts
Strategy& in Frankfurt. Herr Koch blickt auf 20 Jahre leitung bei Strategy& in München. Er betreut primär
Berufserfahrung zurück, davon 5 Jahre in der Industrie Klienten aus dem Transport- und Logistiksektor sowie
und 15 Jahre in der Topmanagement Beratung. Er aus der Automobilindustrie. Hr. Kuge ist Experte für
spezialisiert sich auf die Themen Industrie 4.0, Digi- Strategieentwicklung und neue/digitale Geschäfts
talisierung von Geschäftsmodellen, Digitale Trans modelle sowie für unternehmensinternehme Trans
formation sowie Big Data. formationsprozesse und Reorganisationen.
PwC
Dr. Reinhard Geissbauer ist Partner bei PwC Stefan Schrauf ist Partner bei PwC Management
Management Consulting in München. Er ver- Consulting in München. Er verfügt über umfassende
fügt über 18 Jahre Industrie- und Beratungs- Erfahrung in den Bereichen Supply Chain Manage-
erfahrung und ist bei PwC gesamtverantwortlich ment, Produktion, Produktentwicklung und Einkauf.
für das Thema Industrie 4.0. Hr. Geissbauer ist Herr Schrauf unterstützt Klienten im Maschinen- und
Experte für die Integration, Digitalisierung und Anlagenbau, in der Konsumgüterindustrie sowie in
Optimierung von Wertschöpfungsketten mit der chemischen Industrie bei der Entwicklung und
Fokus auf Industrie- und High Tech-Unternehmen. Umsetzung von Strategien und komplexen Trans
formationsprogrammen.
2 Strategy&
Industrie 4.0 – die vierte
industrielle Revolution
Als Ergebnis des digitalen Wandels erwarten die Befragten einerseits eine
nahezu vollständige Transformation ihrer Unternehmen und andererseits
die Notwendigkeit erheblicher Investitionen. Nach ihrer Einschätzung
wird der Anteil der Investitionen in Industrie 4.0-Lösungen bei über 50 %
der geplanten Ausrüstungsinvestitionen der nächsten fünf Jahre liegen.
Hochgerechnet wird die deutsche Industrie somit bis 2020 jährlich
40 Milliarden Euro in solche Lösungen investieren.
Ein erster wesentlicher Treiber für den Vormarsch von Industrie 4.0
Lösungen liegt in der Möglichkeit zur besseren Steuerung von horizon
talen und vertikalen Wertschöpfungsketten, für die die befragten Unter
nehmen Produktivitätsverbesserungen von mehr als 18 % in den nächsten
fünf Jahren erwarten. Knapp ein Fünftel der Industrieunternehmen hat
bereits die Schlüsselprozesse entlang der Wertschöpfungskette digitalisiert;
in fünf Jahren werden 85 % der Unternehmen Industrie 4.0-Lösungen
in allen wichtigen Unternehmensbereichen implementiert haben.
Strategy& 3
Als dritter zentraler Treiber entstehen schließlich neue, oftmals disruptive
digitale Geschäftsmodelle, die dem Kunden dank der auf ihn zuge
schnittenen Lösungen einen signifikanten Zusatznutzen bieten. Diese
Entwicklung ist eng verbunden mit einer erheblichen Zunahme von
Kooperationen über die Wertschöpfungsketten hinweg sowie mit einer
integrierten Nutzung und Analyse von Daten, die zur besseren Erfüllung
von Kundenbedürfnissen beitragen und die neuen Geschäftsmodelle
oftmals erst ermöglichen.
Die vierte industrielle Revolution hat begonnen und bietet den deutschen
Industrieunternehmen attraktive Chancen. Dabei ist Industrie 4.0 für die
Unternehmen alles andere als ein Selbstzweck. Industrie 4.0 ist eng
verbunden mit klaren wirtschaftlichen Zielen und Nutzenpotenzialen
und bietet die Chance für eine bessere Differenzierung im globalen
Wettbewerb. Unsere Untersuchung soll dazu beitragen, die zentralen
Chancen und Herausforderungen zu erkennen und Lösungsansätze für
die erfolgreiche Umsetzung aufzuzeigen. Die Zeit zu handeln ist jetzt!
4 Strategy&
Industrie 4.0 – Vision und Aufgabe zugleich
Im Kern der Vision Industrie 4.0 steht mit dem „Internet und kaufmännischen Abteilungen aus dem „Office Floor“
der Dinge“ eine allgegenwärtige Vernetzung von digital integriert sind, beschreibt das die „Digital Enterprise“
Personen, Dingen und Maschinen. Diese Vernetzung soll mit einer durchgehend digitalisierten Wertschöpfungskette.
eine Vielzahl neuer Dienste und Angebote hervorbringen. Beispiele hierfür sind die beiden Elektronikwerke von
Auf einem virtuellen Marktplatz sollen Produkte, Trans- Siemens in Amberg und Chengdu.
portmittel oder Werkzeuge untereinander aushandeln,
welche Produktionselemente den nächsten Produktions In Amberg werden rund 1.000 verschiedene Produkte her-
schritt am besten übernehmen könnten. So würde sich gestellt. Um diese flexibel und effizient produzieren zu
die virtuelle Welt mit den Objekten der realen Welt naht- können, werden modernste Softwaretools eingesetzt, wie
los verknüpfen. die PLM-Programme NX und Teamcenter im Produktent
stehungsprozess sowie eine Vielzahl von SIMATIC-
Wo die großen zusätzlichen Vorteile dieser Vision im Controllern und die MES-Software SIMATIC IT in der
jeweiligen Fall liegen und welche Konsequenzen daraus Produktionsdurchführung. Diese Produkte spielen nahtlos
folgen, bleibt noch zu definieren. Es gibt heute bereits zusammen und sind über Schnittstellen mit den ERP-
enorm optimierte Fertigungsprozesse, die ausschließlich Systemen verbunden.
in einer festgelegten Sequenz abgearbeitet werden.
Diese Technologien werden sich auch in Zukunft weiter So konnte über die letzten zwanzig Jahre bei nahezu
verbessern und die Einführung des Neuen verlangsamen. gleichbleibender Mitarbeiterzahl die Qualität deutlich
Siemens verfolgt das Ziel, seine Kunden wettbewerbs- verbessert (Reduktion von 550 auf 12 fehlerhafte Schritte
fähiger zu machen und sie nach Kräften dabei zu unter bei insgesamt einer Million Prozessschritten) und das
stützen, sich weiterzuentwickeln. Die durchgängige Di- Produktionsvolumen gleichzeitig vervielfacht werden.
gitalisierung der Wertschöpfungskette ist dabei Voraus
setzung für die Zukunft der Industrie. Die vorliegende Studie soll dazu beitragen, das Bewusst-
sein in der deutschen Industrie für den erforderlichen Weg
Beispiele für Fabriken, in denen die Fertigungsprozesse zur Digitalisierung zu schaffen. Die Produkte von Siemens
durchgehend digital unterstützt sind, gibt es bereits – jedoch können die Nutzer dabei unterstützen, den vor ihnen
sind dies noch Prozesse mit geringer Komplexität. Wenn liegenden Wandel in eine digitale Ökonomie erfolgreich
zusätzlich zum „Shop Floor“ auch noch die Entwicklungs- zu bewältigen.
Strategy& 5
Kernaussagen der Studie
Die integrierte
8 Digitalisierte Produkte Analyse und Nut-
und Services erwirt- zung von Daten ist
schaften zusätzlich Digitalisierung die Kernfähigkeit
30 Mrd. € pro Jahr des Produkt-und im Rahmen von 5
für die deutsche Serviceportfolios Industrie 4.0.
Industrie. ist der Schlüssel
zum nachhaltigen
Unternehmenserfolg.
7
6
6 Strategy&
Die Ergebnisse der Studie sind hier in den folgenden zehn Kernaussagen
zusammengefasst:
Strategy& 7
5. Die integrierte Analyse und Nutzung von Daten ist die Kernfähigkeit
im Rahmen von Industrie 4.0.
Schon heute ist die effiziente Analyse und Nutzung von Daten für die Hälfte
aller befragten Unternehmen von hoher Bedeutung. 90 % sind der Ansicht,
dass schon in fünf Jahren die Fähigkeit zur Datenanalyse für das Geschäfts
modell entscheidend sein wird. Dabei liegt der Fokus der Unternehmen
primär auf dem effizienten Datenaustausch innerhalb der eigenen Wert
schöpfungskette, der eindeutigen digitalen Kennzeichnung der Produkte
und auf der Nutzung von Echtzeitdaten zur Steuerung der Produktion.
8 Strategy&
9. Horizontale Kooperationen ermöglichen eine bessere Erfüllung von
Kundenanforderungen.
Schon heute ist rund die Hälfte aller befragten Unternehmen davon
überzeugt, dass vertiefte Kooperationen mit Wertschöpfungspartnern –
verbunden mit einer stärkeren horizontalen Vernetzung – von hoher
Bedeutung sind. Mit zunehmendem Digitalisierungsgrad wird diese
Bedeutung im Zuge von Industrie 4.0 nochmals deutlich zunehmen –
insbesondere auch, wenn es darum geht, neue, digitale Geschäftsmodelle
aufzubauen. Über 80 % der befragten Unternehmen gehen davon aus,
dass in fünf Jahren vertiefte Kooperationen und eine intensivere
horizontale Vernetzung einen wichtigen Stellenwert haben werden.
Strategy& 9
Die Studienergebnisse im Detail
Industrie 4.0 umfasst nicht nur die Digitalisierung und Vernetzung der
horizontalen und vertikalen Wertschöpfungsketten, sondern wird auch
das Produkt- und Serviceangebot der Unternehmen revolutionieren und
zur Umsetzung neuer, oftmals disruptiver digitaler Geschäftsmodelle
führen. Industrie 4.0 treibt sowohl die Transformation aller wichtigen
Geschäftsprozesse als auch eine Neuausrichtung des Produkt- und
Serviceportfolios voran. Die Nutzenpotenziale von Industrie 4.0 gehen
somit weit über die Optimierung der Produktionstechniken hinaus; die
Umsetzung erfordert zudem erhebliche Investitionsvolumina. Das Thema
nimmt daher zwingend einen Spitzenplatz auf der Agenda von CEOs, „Industrie 4.0 ist für
Vorständen und Geschäftsführern führender Industrieunternehmen ein uns alles andere als
(siehe Abbildung 1, nächste Seite). ein Selbstzweck. Wir
verbinden damit
klare wirtschaftliche
Ziele und die
Definition Industrie 4.0 Chance zur besseren
Differenzierung
„Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten
industrielle Revolution, eine neue Stufe der Informationen in Echtzeit durch Vernetzung
im globalen
Organisation und Steuerung der gesamten aller an der Wertschöpfung beteiligten Wettbewerb.“
Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus Instanzen sowie die Fähigkeit, aus den Werksleiter Digitale Fabrik,
von Produkten. Dieser Zyklus orientiert Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Elektronikkonzern
sich an den zunehmend individualisierten Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Durch die
Kundenwünschen und erstreckt sich von der Verbindung von Menschen, Objekten und
Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Systemen entstehen dynamische, echtzeit
Fertigung, die Auslieferung eines Produktes optimierte und selbstorganisierende, unter
an den Endkunden bis hin zum Recycling, nehmensübergreifende Wertschöpfungs
einschließlich der damit verbundenen netzwerke, die sich nach unterschiedlichen
Dienstleistungen. Kriterien wie beispielsweise Kosten, Ver-
fügbarkeit und Ressourcenverbrauch
optimieren lassen.“
Quelle: Plattform Industrie 4.0.
10 Strategy&
Abbildung 1
Industrie 4.0 umfasst die Vernetzung der Wertschöpfungsketten, die Digitalisierung von
Produkten und neue Geschäftsmodelle
2 Industrie 1
Digitalisierung 4.0 Digitalisierung &
des Produkt- & Integration von
I nn
at Serviceangebots Wertschöpfungsketten
ov
ik
ion
&T n aly
ran &A
sfor en
m ation D at
Strategy& 11
integrierten Lösungen oder Mehrwertdienste zeichnen sich durch einen
signifikant höheren Kundennutzen aus und revolutionieren die bestehenden
Produktangebote und Leistungsbeziehungen. Sie sind häufig das Ergebnis
disruptiver Innovationsprozesse und bieten neuen Unternehmen die
Möglichkeit, in bestehende Märkte und etablierte Kundenbeziehungen
einzudringen, weil durch die Digitalisierung unter anderem die Markt
eintrittsbarrieren gesenkt werden.
Die Basis für Industrie 4.0 ist eine bessere Verfügbarkeit und integrierte
Nutzung relevanter Daten durch die Vernetzung aller an der Wertschöpfung
beteiligten Produkte, Produktionsmittel und Unternehmen sowie die
Fähigkeit, aus den vorliegenden Daten zusätzlichen Wert zu generieren
und damit letztlich den Kundennutzen zu maximieren. Erforderlich ist
dafür eine grundlegende Transformation der Prozesse, des Produkt-
und Serviceportfolios sowie der bestehenden Geschäftsmodelle. Alles
in allem ist dies ein umfassender Veränderungsprozess, der nur durch
das Topmanagement selbst erfolgreich vorangetrieben werden kann.
Nur ein Viertel der Unternehmen sieht bislang keine Notwendigkeit, signi
fikante Investitionen in Industrie 4.0-Anwendungen zu lenken. Dagegen
nimmt ein Drittel der Befragten die Chancen zur Steigerung von Effizienz
und Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit als wichtigste Investitionsaufgabe
an und investiert mit durchschnittlich 7 % einen Großteil des Budgets in
Industrie 4.0-Anwendungen (dies entspricht dem Durchschnitt der obersten
drei Kategorien mit Investitionen ≥ 4 %).
40 %
Ø = 3,3 %
25 %
22 %
6%
3%
Abbildung 3
Investitionen in Industrie 4.0-Lösungen verteilen sich auf alle
Schlüsselbereiche entlang der Wertschöpfungskette
Supply Chain 57 % 32 % 11 %
Produktentwicklung/
56 % 30 % 14 %
Engineering
Planung 52 % 35 % 13 %
Produktion/
55 % 30 % 15 %
Fertigung
Service 56 % 27 % 17 %
Vertrieb 30 % 43 % 27 %
Strategy& 13
Rechnet man die Investitionen der befragten Unternehmen auf die fünf
in der Studie vertretenen Industriebranchen hoch, so ergibt sich ein
jährliches Investitionsvolumen der deutschen Industrie in Höhe von
40 Milliarden Euro. Die beiden Branchen, die überdurchschnittlich in
Industrie 4.0 investieren werden, sind die Informations- und Kommuni
kationsindustrie (3,9 % pro Jahr) und der Maschinen- und Anlagenbau
(3,5 % pro Jahr) (siehe Abbildung 4).
Abbildung 4
Die deutsche Industrie wird bis 2020 jährlich 40 Milliarden Euro in Industrie 4.0-Lösungen
investieren
Investitionshöhe Investitionsvolumen2
(in % vom Jahresumsatz) (in Mrd. € pro Jahr)
Maschinen- und
3,5 % 8,5
Anlagenbau
1
H
ochrechnung für die gesamte Automobilindustrie (Wirtschaftszweig 29: Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen).
2
H
ochrechnung auf Basis der Umfrageergebnisse bezogen auf den Gesamtumsatz je Branche in Deutschland in 2012 gemäß
Statistischem Bundesamt.
14 Strategy&
Insgesamt haben die Industrieunternehmen über alle Branchen hinweg
erkannt, dass sie nur mit signifikanten Investitionen in Industrie 4.0
Lösungen den steigenden Kundenanforderungen gerecht werden können.
Nur auf diese Weise bleiben sie konkurrenzfähig und verbessern nachhaltig
die eigene Wettbewerbsfähigkeit.
Industrie 4.0 steht inzwischen bei den meisten Unternehmen auf der
Agenda. Zwei Drittel der befragten Unternehmen arbeiten bereits aktiv an
der Digitalisierung und weiteren Vernetzung ihrer Wertschöpfungskette.
Ein Viertel der Befragten stuft den aktuellen Digitalisierungsgrad ihrer
Wertschöpfungskette bereits heute als hoch ein. Konkret bedeutet dies,
dass die meisten Unternehmen Industrie 4.0-Lösungen in Teilbereichen
bereits anwenden oder implementiert haben (siehe Abbildung 5).
Abbildung 5
Der heute schon beachtliche Digitalisierungsgrad wird mit Industrie 4.0 in den nächsten
Jahren deutlich ansteigen
86 %
80 %
24 %
20 %
Strategy& 15
Die Studie zeigt, dass der Digitalisierungsgrad der Wertschöpfungsketten
in Zukunft rapide ansteigen wird. Es wird erwartet, dass in fünf Jahren
86 % der horizontalen und 80 % der vertikalen Wertschöpfungsketten
einen hohen Digitalisierungsgrad aufweisen werden. Dieses bewusste
Investieren in weitere Digitalisierungsmöglichkeiten ist branchenüber „Wir verlangen
greifend festzustellen. Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Wert schon heute um-
schöpfungsketten sind wichtige Voraussetzungen für alle Unternehmen fangreiche Daten
– unabhängig von ihrer Größe –, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu er-
und eine maximale
halten und bei der immer rascheren Fortentwicklung ganzer Industrie
bereiche nicht den Anschluss zu verlieren (siehe Abbildung 6 und Ab Transparenz von
bildung 7 auf Seite 17). unseren Lieferant-
en für ein lückenlo-
Die Digitalisierung hält in der horizontalen wie auch in der vertikalen ses Qualitätsmoni-
Wertschöpfungskette gleichermaßen Einzug. Die Digitalisierung der toring entlang der
horizontalen Wertschöpfungskette integriert und optimiert den Infor
Wertschöpfungs-
mations- und Warenfluss vom Kunden über das eigene Unternehmen bis
hin zum Lieferanten und zurück. Hierbei werden alle unternehmens kette.“
Vice President, Hersteller
internen Bereiche (z. B. Einkauf, Produktion, Logistik, Planung) sowie Automatisierungstechnik
alle externen Wertschöpfungspartner, die zur Erfüllung der jeweiligen
Kundenbedürfnisse und für die geforderte Leistung benötigt werden,
miteinander verbunden und vorausschauend gesteuert (siehe Abbildung 8,
Seite 18).
Abbildung 6
Die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten wird über alle Branchen hinweg deutlich
zunehmen
26 % 27 %
Ø = 22 % 21 %
19 % 19 %
heute in 5 Jahren
1
Horizontale und vertikale Wertschöpfungskette.
16 Strategy&
Abbildung 7
Die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten hat für alle Unternehmen unabhängig von der
Größe höchste Priorität
92 %
Ø = 83 % 85 % 82 % 82 %
79 %
31 %
27 %
Ø = 22 % 22 % 20 %
13 %
> 5 Mrd. € 1–5 Mrd. € 0,5–1 Mrd. € 100–500 Mio. € < 100 Mio. €
Jahresumsatz
heute in 5 Jahren
1
Horizontale und vertikale Wertschöpfungskette.
Abbildung 8
Industrie 4.0 fordert eine umfassende Digitalisierung der horizontalen und vertikalen
Wertschöpfungsketten
Vertrieb
Planung Vertikale Wertschöpfungskette
Lieferanten Produktentwicklung (R&D)
netzwerk
Planung
Kunden
netzwerk
Einkauf Produktion Logistik
Einkauf Produktion Logistik
Kooperations
Service
partner
Strategy& 17
Mit der vertikalen Digitalisierung hingegen verbindet man die Sicher
stellung eines durchgängigen Informations- und Datenflusses vom
Vertrieb über die Produktentwicklung bis hin zur Produktion und zur
Logistik. Mittels einer optimalen Vernetzung von Produktionssystemen,
der Vermeidung von Systembrüchen sowie besseren Analysefähigkeiten
können Qualität und Flexibilität gesteigert und Kosten reduziert werden.
18 Strategy&
4. Industrie 4.0 führt zu einer höheren Produktions- und
Ressourceneffizienz – 18 % zusätzliche Effizienzsteigerung
in fünf Jahren.
Die vierte industrielle Revolution ist für den Standort Deutschland ein
wichtiger Faktor, um nachhaltig wirtschaftlich produzieren zu können.
Die Industrie muss mit immer weniger Rohstoffen und immer weniger
Energie größere Mengen produzieren. Industrie 4.0 wird dazu beitragen,
dass Unternehmen einen effizienten Produktionsprozess mit einer höheren
Produktions-, Energie- und Ressourceneffizienz erreichen können.
Abbildung 9
Die Erwartung an den Nutzen von Industrie 4.0-Lösungen ist hoch – vor allem mit Blick auf
Effizienzsteigerungen
Effizienzsteigerung Kostenreduktion
> 20 % 37 % 21 %
11–20 % 36 % 38 %
0–10 % 27 % 41 %
Ø = 17,9 % Ø = 13,8 %
(3,3 % p. a.) (2,6 % p. a.)
Strategy& 19
Konkret verbessert die erhöhte Transparenz im Bereich der Planung die
Auslastung von Maschinen und Anlagen (z. B. durch Losgrößenopti
mierung). Durch eine Digitalisierung und stärkere Vernetzung in der
Ablauforganisation können Arbeitsfelder rationalisiert und Produktivitäts
gewinne erzielt werden. Und die intelligente Analyse und integrierte
Nutzung von Daten zur Steuerung reduziert die Ausschussquote in
der Produktion.
20 Strategy&
Abbildung 10
Unternehmen erwarten weitreichende qualitative Vorteile von
Industrie 4.0 sowie höhere Kundenzufriedenheit
Ø
bessere Planung und
Steuerung (in der Pro 80 % 15 % 5 4,1
duktion bzw. Logistik)
höhere Kunden
67 % 27 % 6 3,8
zufriedenheit
größere Flexibilität
62 % 27 % 11 % 3,7
in der Produktion
schnellere Time-to-Market
54 % 32 % 14 % 3,5
(in der Produktentwicklung)
Verbesserung
49 % 35 % 16 % 3,4
der Qualität
Individualisierung
46 % 34 % 20 % 3,3
der Produkte
Darüber hinaus bietet Industrie 4.0 auch die Möglichkeit, die Anforderungen
der Kunden in puncto Rückverfolgbarkeit („Traceability“) von Material-,
Produkt- und Prozessdaten zu erfüllen. Viele Konzerne zum Beispiel in
der Automobil- oder Elektronikindustrie verschieben die Qualitäts
kontrolle weiter nach vorne in der Wertschöpfungskette und erwarten
von ihren Lieferanten eine lückenlose Information, um den gesamten
Lebenslauf eines Produktes verfolgen zu können. Nur durch die Berück
sichtigung aller Traceability-Daten, einen verstärkten Einsatz von Sensoren
und Aktuatoren in der Produktion sowie die Erfassung aller – anstatt nur
ausgewählter – Daten („Big Data“) können die immer höheren Anfor
derungen erfüllt werden, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit außer Acht
zu lassen.
Strategy& 21
5. Die Analyse und integrierte Nutzung von Daten ist die
Kernfähigkeit im Rahmen von Industrie 4.0.
Die Analyse und Nutzung von Daten spielt bei Industrie 4.0 eine zentrale
Rolle. Die rasant wachsende Anzahl von Sensoren, „Embedded Systems“
und „Connected Devices“ (Stichwort: Internet der Dinge) sowie die
zunehmende horizontale und vertikale Vernetzung der Wertschöpfungs
ketten führen zu einem kontinuierlichen Datenfluss. Diese gigantischen
Datenmengen werden entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhoben
– bisher jedoch in vielen Fällen noch nicht strukturiert und ausreichend
verwendet.
Schon heute hat die Analyse und Nutzung von Daten für die Hälfte aller
befragten Unternehmen eine hohe Bedeutung. Besonders hoch ist diese in
der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, was auf die Datenintensität der
Produkte und Lösungen dieser Branche zurückzuführen ist. Für die Zukunft
sind 90 % der Unternehmen aller fünf Branchen davon überzeugt, dass die
Fähigkeit, große Datenmengen effizient zu analysieren und effektiv zu
nutzen, für den Erfolg ihres Geschäftsmodells von entscheidender Bedeu
tung sein wird. Diese Einschätzung gilt auch für diejenigen Industrien,
in denen die Analyse und Nutzung von Daten heute noch nicht die höchste
Priorität genießt (siehe Abbildung 11).
Abbildung 11
Die Bedeutung von Daten ist heute je nach Branche sehr unterschiedlich, nimmt aber
insgesamt deutlich zu
Bedeutung der Analyse und Nutzung von Daten für das Geschäftsmodell
Anteile der Unternehmen mit hoher Bedeutung von Daten (4,5)
98 %
Ø = 90 % 87 % 87 % 88 % 91 %
65 %
57 %
Ø = 49 % 47 %
40 % 39 %
22 Strategy&
Die integrierte Analyse von Daten ermöglicht es unter anderem, Prozesse
ganzheitlich zu untersuchen und sie auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse
zu optimieren. Ein aktuelles Beispiel für den Einsatz von modernen Daten-
und Analyseverfahren in der Produktion zeigt ein Automobilzulieferer:
Um die Qualität und Zuverlässigkeit der ausgelieferten Produkte weiter
zu steigern, wird seit kurzem eine Big Data-Lösung
eingesetzt, die auf Basis
von komplexen Analysen riesige Mengen von unterschiedlichsten Sensor
daten miteinander verknüpft und verarbeitet (800 Milliarden Einträge bzw.
50 Terabyte Daten pro Jahr im Vollausbau). Auf diese Weise können
fehlerhafte Teile bereits frühzeitig im Prozess erkannt und ausgesteuert
werden. Zudem verbessert die erhöhte Transparenz die Entscheidungs
grundlage für jedes Unternehmen und reduziert Redundanzen innerhalb
der gesamten Supply Chain. Dies kann zu erheblichen Effizienzsteige
rungen und somit zu klaren Wettbewerbsvorteilen führen. „Wir sitzen heute
auf einem Berg von
Die Analyse und Nutzung von Daten ist aber darüber hinaus auch eine Daten, aber sind
entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung neuer, digitaler
nicht in der Lage,
Geschäftsmodelle, die Optimierung der Interaktion mit Kunden sowie
zur Steigerung der eigenen Profitabilität. Ein entsprechendes Beispiel die Daten vernetzt
liefert ein großes Unternehmen aus der Prozessindustrie: Zur Maxi und strukturiert
mierung der Profitabilität ist kontinuierlich ein hochkomplexes Opti für die optimale
mierungsproblem zu lösen, in das die aktuelle Nachfrage, die Verfüg Steuerung der
barkeit von Maschinen, aktuelle Rohstoffpreise und weitere Prozess- Produktion zu
parameter eingehen, um zu entscheiden, welche Produkte in welchen
nutzen.“
Losgrößen gefertigt werden sollen. Mithilfe einer BigData-Lösung
konnten die hierzu notwendige hochkomplexe Simulationsrechnung Leiter Fertigung,
um einen Faktor 50 beschleunigt und eine erhebliche Steigerung der Werkzeugmaschinenbauer
Profitabilität erreicht werden.
Heute liegt der Fokus der Unternehmen primär auf der Sicherstellung
eines effizienten Datenaustauschs innerhalb der eigenen Wertschöpfungs
kette, der eindeutigen Kennzeichnung der Produkte (z. B. durch Barcode,
RFID oder NFC) sowie auf der Nutzung von Echtzeitdaten zur Steuerung
der Produktion. Zwar verfügen viele Unternehmen bereits heute über
große Datenmengen, können diese jedoch noch nicht umfassend nutzen
oder nicht unternehmensweit auf sie zugreifen. Erst an vierter Stelle
nennen die befragten Unternehmen die Nutzung und den Austausch von
Daten mit Kooperationspartnern (siehe Abbildung 12, nächste Seite).
Strategy& 23
Abbildung 12
Der effiziente Austausch von Daten entlang der eigenen Wertschöpfungskette wird
besonders wichtig
eindeutige Kenn
zeichnungen (Barcode, 79 % 13 % 8%
RFID, NFC)
Nutzung/Austausch von
Daten mit Kooperations 72% 20 % 8%
partnern
Analyse umfangreicher
59 % 30 % 11 %
Datenmengen in Echtzeit
Generierung zusätzlicher
Daten (z. B. durch 55 % 25 % 20 %
erweiterte Sensorik)
future
software increasing manage
applications trends
billion
framework
big market
analytics
research
exabytes
business
internet
processes
volume use big real-time
economic
project state
technologies
visualization tools
results database
learning work
complexity
implementation
24 Strategy&
Industrie 4.0: Vorhandene Daten eröffnen neue Möglichkeiten
Der Markt für Industrie 4.0-Anwendungen befindet sich Visualisierung der vorhandenen Prozess- und Maschinen-
auf dem Weg von der Vision zur Realität – das war auf der daten aus den unterschiedlichen Ebenen der Automatisie
Leitmesse der Branche, der Hannover Messe 2014, bereits rungspyramide lässt sich eine neue Datentransparenz
klar zu sehen. Für den Industriestandort Deutschland ist schaffen, die wichtige Impulse für den kontinuierlichen
Industrie 4.0 immens wichtig – ist doch das produzierende Verbesserungsprozess in der Fertigung gibt. Darüber
Gewerbe nach wie vor ein entscheidender Faktor für unsere hinaus lassen sich – mithilfe von Analysealgorithmen und
gute Position in der Weltwirtschaft. Diverse Aktionspläne ausgeklügelten Regelwerken für große Datenmengen –
der Bundesregierung und konzertierte Initiativen von gezielt Anwendungen realisieren, die auf die jeweiligen
Branchenverbänden und Wirtschaftsunternehmen wie die Bedürfnisse der Endkunden zugeschnitten sind: von der
Plattform Industrie 4.0 untermauern das Innovations- und kontinuierlichen Analyse von Prozessdaten zur Reduzierung
Produktivitätspotenzial, das wir alle im Zusammenhang mit von Ausschuss und Nacharbeit über die Verfolgung von
Industrie 4.0 sehen. Maschinentaktzeiten (speziell am Engpass) zur Maxi
mierung der Ausbringung bis hin zu Predictive Mainte-
Aus Sicht von Bosch und seinen Kunden unterstreichen wir nance zur gezielten Planung von Wartungsaktivitäten
die große Bedeutung von Industrie 4.0-Anwendungen für und Minimierung der Stillstandzeiten. All das ist möglich.
die gesamte Branche der produzierenden Unternehmen Letztlich reden wir auch über Automatisierung. Aus
inklusive Logistik. Bosch ist nicht nur Leitanbieter in den neuen Anwendungen lassen sich sowohl einfache
diesem Markt, zum Beispiel für industrielle Steuerungs- als auch komplexe Geschäftsprozesse anstoßen und über
und Prozesstechnik, sondern mit mehr als 260 Fertigungs wachen: von einfachen Benachrichtigungen per E-Mail,
werken weltweit zugleich auch Leitanwender von SMS oder App bis hin zur automatisiert angestoßenen
Industrie 4.0-Anwendungen. Wir können unseren Kunden Bestellung von Ersatzteilen und der Überwachung von
bereits heute innovative und zugleich erprobte Lösungen Wartungsaufträgen.
anbieten, die von unseren Werken entwickelt und unter
realen Bedingungen intensiv getestet und optimiert Essenziell im Kontext von Industrie 4.0 ist es, die Lösungen
wurden. Unsere Kunden profitieren damit direkt von der in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern zu erar-
Fertigungserfahrung von Bosch. beiten – was wir mit den unterschiedlichen Anwendern in
der Automobil-, Industrie- und Verbrauchsgüterproduktion
Die Chancen, die sich Industrieunternehmen in Deutschland innerhalb der Bosch-Gruppe bereits seit vielen Jahren tun.
mit Industrie 4.0-Anwendungen bieten, schätzen wir als
vielfältig und hoch ein. Insbesondere für den Mittelstand Zukünftig sehen wir den Bedarf für Investitionen vor allem
bietet Industrie 4.0 die Möglichkeit, sich mit neuen Services im Bereich der Datenintelligenz, also darin, über die Analyse
zu differenzieren – oder die Kunden (im Falle von B2B) über der zur Verfügung stehenden Daten nutzbringende Akti-
Supply-Chain-übergreifende Datendienste wie Inventory vitäten abzuleiten. Hier reden wir über grundlegende und
Tracking stärker an sich zu binden. Natürlich bringen solch auch weitreichende IT-Fragen, etwa über die Anbindung
große Chancen auch entsprechende Herausforderungen mit und Bereitstellung von Daten im gewünschten Format,
sich. Dazu gehört, dass zunächst der Aufbau zusätzlicher aber auch über den Einsatz von Regeltechnologie und über
Kompetenzen erforderlich ist, insbesondere in IT-Bereichen spezifische Software-Architektur-Expertise, zum Beispiel
wie der Datensicherheit. Für kleine und mittlere Unter von Sicherheitsarchitekturen im Kontext Remote Access –
nehmen wird entscheidend sein, geeignete Partner mit Dinge, die für die Fertigung immer wichtiger werden,
der notwendigen Expertise an ihrer Seite zu haben sowie aber auch zukünftig sicher nicht zur Kernkompetenz einer
neuartige Dienstleistungen und Anbietermodelle wie Fertigungsabteilung gehören sollten.
Software-as-a-Service (SaaS) zu nutzen.
Das große Potenzial von Industrie 4.0 steckt in den Daten
Die Nutzenpotenziale sind vielfältig und hängen direkt und insbesondere in der effizienten Nutzung der neu hin-
vom Anwendungsfall ab. Allein durch die Sammlung und zugewonnenen Möglichkeiten.
Strategy& 25
6. Digitalisierung des Produkt- und Serviceportfolios ist der
Schlüssel zum nachhaltigen Unternehmenserfolg.
Industrie 4.0 geht über die Digitalisierung von Prozessen und Wert
schöpfungsketten deutlich hinaus – der Wandel führt auch zu einem
höheren Digitalisierungsgrad des Produkt- und Serviceangebots. Ein
mechanisch perfektes Produkt allein wird nicht mehr genügen, um im
internationalen Wettbewerb dauerhaft bestehen zu können. Die Differ
enzierung von Produkten verschiebt sich zunehmend in Richtung Soft-
ware sowie überlegene Sensorik, Vernetzung und Datengenerierung.
26 Strategy&
Beispiele für digitalisierte Produkte finden sich in allen Branchen: In der
Automobilindustrie etwa wurden herkömmliche Bremsanlagen mithilfe
elektronischer Steuereinheiten zu modernen Antiblockiersystemen weiter
entwickelt. Im Maschinen- und Anlagenbau ermöglichen der Einsatz und
die Vernetzung geeigneter Sensoren eine optimale, präventive Wartung
von Maschinen und Anlagen und stellen eine deutlich effizientere Betriebs
führung sicher.
Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass die Digitalisierung des
Produktangebots allgegenwärtig ist und in den nächsten Jahren fort
schreiten wird. Derzeit verfügen bereits 29 % der befragten Unternehmen
über einen hohen Anteil an digitalisierten Produkten. Diese Unternehmen
haben die Zeichen der Zeit früh erkannt und ihr Angebot hin zu vernetzten,
automatisierten Dienstleistungen ausgebaut. Dabei ist der Digitalisierungs
grad des Produktangebots keineswegs abhängig von der Größe eines Unter
nehmens. Viele kleine und mittelständische Unternehmen setzen bereits
heute auf digitalisierte Produkte, um sich im Markt differenzieren zu können
(siehe Abbildung 13).
Abbildung 13
Der Anteil digitalisierter Produkte und Dienstleistungen nimmt deutlich zu
29 %
79 %
34 %
+ 50 %
14 %
37 % 7%
heute in 5 Jahren
Strategy& 27
In den nächsten Jahren wird der Digitalisierungsgrad der Produkte deutlich
zunehmen. Bis 2020 werden 80 % der befragten Unternehmen einen hohen
Digitalisierungsgrad erreicht haben. Der Anteil der Unternehmen mit einem
sehr stark digitalisierten Produktportfolio wird von heute 7 % um mehr
als das Fünffache auf 40 % anwachsen. Jedes Unternehmen, das sich im
internationalen Wettbewerb behaupten muss, wird sich dieser Herausforde
rung stellen müssen.
Abbildung 14
Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Digitalisierung des Produktangebots ausbaufähig
85 % 87 %
82 %
Ø = 80 %
75 %
48 %
Ø = 29 % 27 % 26 %
22 %
28 Strategy&
7. Digitalisierte Produkte und Services erwirtschaften
zusätzlich 30 Milliarden Euro pro Jahr für die deutsche
Industrie.
Insgesamt wird die Bedeutung bzw. der Anteil von Software und digitalen
Elementen an der Gesamtwertschöpfung eines Produktes – und damit
natürlich auch am Umsatz der Unternehmen – erheblich zunehmen. Dabei
dient die Digitalisierung des Produkt- und Serviceportfolios nicht nur dem
Ziel, Marktanteile zu sichern und im internationalen Wettbewerb den
Anschluss zu halten, vielmehr verbinden die Unternehmen mit Industrie
4.0-Anwendungen klare Wachstumsziele.
Die Studie zeigt, dass rund 50 % der befragten Unternehmen für die
nächsten fünf Jahre mit einem zweistelligen Umsatzwachstum allein
durch Industrie 4.0 und die verstärkte Digitalisierung des Produktport
folios rechnen. 18 % von ihnen gehen sogar von einer Umsatzsteigerung
von über 20 % aus. Insgesamt ergibt sich eine erwartete Umsatz
steigerung von 12,5 % kumuliert über fünf Jahre. Das entspricht einem
zusätzlichen Umsatzwachstum von 2,5 % pro Jahr (siehe Abbildung 15).
Abbildung 15
Die Unternehmen erwarten eine deutliche Umsatzsteigerung durch
Industrie 4.0-Lösungen und digitalisierte Produkte
> 20 % 18 %
11–20 % 31 %
1–10 % 44 %
0% 7%
Ø = 12,5 %
(2,5 % p. a.)
Strategy& 29
Für viele Unternehmen sind dies sehr ambitionierte Wachstumsziele.
Interessanterweise unterscheiden sich die Erwartungshaltungen von
kleineren und mittelständischen Unternehmen laut unserer Erhebung
nicht von der Einschätzung der Großkonzerne.
Zudem zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Unternehmen mit einem
stärker digitalisierten Produktangebot in den letzten Jahren überdurch
schnittlich gewachsen sind. Fast 70 % aller Unternehmen mit stark digi
talisierten Produkten erzielten in den letzten drei Jahren ein Wachstum
von 6 % bis 10 % pro Jahr, viele sogar mehr als 10 %. Und es ist davon
auszugehen, dass sich dieser Trend in Zukunft noch verstärken wird. Im
Gegensatz hierzu erzielte etwa die Hälfte der Unternehmen mit einem
mittleren Digitalisierungsgrad lediglich eine Umsatzsteigerung von
maximal 5 % pro Jahr (siehe Abbildung 16).
hoch (4,5) 22 % 47 % 31 %
mittel (3) 10 % 37 % 46 % 7%
gering (1,2) 13 % 38 % 46 % 3
Umsatzwachstum:
> 10 % 6–10 % 0–5 % <0%
30 Strategy&
Auf alle Unternehmen in diesen Branchen bezogen ergibt sich ein signi
fikantes Umsatzpotenzial. Allein in Deutschland wird in den nächsten
Jahren ein zusätzlicher jährlicher Umsatz von über 30 Milliarden Euro
durch Industrie 4.0-Lösungen erwirtschaftet. Über fünf Jahre entspricht
das einem Mehrumsatz in Höhe von 150 Milliarden Euro. Industrie 4.0
wird daher in den kommenden Jahren maßgeblich zum Wachstum in
Deutschland beitragen (siehe Abbildung 17).
Abbildung 17
Die deutschen Unternehmen erwarten über 30 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz pro Jahr
durch Industrie 4.0
1
H
ochrechnung für die gesamte Automobilindustrie (Wirtschaftszweig 29: Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen).
2
H
ochrechnung auf Basis der Umfrageergebnisse bezogen auf den Gesamtumsatz je Branche in Deutschland in 2012 gemäß
Statistischem Bundesamt.
Strategy& 31
8. Industrie 4.0 ermöglicht neue, oftmals disruptive digitale
Geschäftsmodelle.
Abbildung 18
Ein nachhaltig erfolgreiches Geschäftsmodell erfordert eine Kombination mehrerer
Aspekte von Industrie 4.0
stärkere digitale
Vernetzung mit Kunden 72 % 24 % 4 3,9
bzw. Partnern
Angebot von „Lösungen/
Systemen“ anstelle 66 % 20 % 14 % 3,8
von Produkten
Ausbau digitaler Service
leistungen mit zusätz 64 % 24 % 12 % 3,8
lichem Kundennutzen
mehr Direktgeschäft
45 % 31 % 24 % 3,2
mit Endkunden
32 Strategy&
Etablierte Geschäftsmodelle werden durch die verstärkte Vernetzung und
Nutzung von Daten und Analysefähigkeiten in allen Wertschöpfungs
prozessen datengetriebener, effizienter und kundenorientierter. Folglich
haben die befragten Unternehmen in der Studie auch „verbesserte Planungs-
und Steuerungsfähigkeiten“ und „höhere Kundenzufriedenheit“ als die
beiden wichtigsten qualitativen Vorteile von Industrie 4.0 genannt.
Auch bei den neuen Geschäftsmodellen stehen die effiziente und integrierte
Nutzung von Daten und die zunehmende Digitalisierung von Produkten
und Wertschöpfungsketten im Mittelpunkt. In den letzten Jahren sind sogar
Geschäftsmodelle entstanden, bei denen die Wertschöpfung primär auf
der Nutzung von Daten beruht, die – wie etwa im Fall von Google – mit
hilfe der häufig kostenlosen Bereitstellung digitalisierter Produkte ge-
wonnen werden. Bei neuen Geschäftsmodellen geht es jedoch insbesondere
darum, die Digitalisierung zu nutzen, um etablierte Wertschöpfungsketten „Neue, digitale
zu unterbrechen und damit neue Ertragsquellen zu erschließen, die mit Geschäftsmodelle
dem bisherigen Geschäftsmodell nicht eröffnet werden konnten. In der werden das beste-
Konsequenz führen neue Geschäftsmodelle somit zu einem vollkommen
hende Produkt-
neuen Kundennutzen.
und Serviceport
Innerhalb der befragten Branchen ist die Informations- und Kommuni folio erweitern,
kationsindustrie im Aufbau von solchen neuen Geschäftsmodellen bereits um zukünftiges
am weitesten fortgeschritten. Cloud-basierte und As-a-Service-Geschäfts Umsatzwachstum
modelle haben sich, was die Nutzung von IT-Infrastruktur und IT-Anwen zu gewährleisten.“
dungen betrifft, bereits als Standard etabliert und durchgesetzt. Analog
dazu werden auch klassische Fertigungsindustrien wie der Maschinen- Leiter Service, Hersteller
von Druckmaschinen
und Anlagenbau anstelle des reinen Verkaufs von physischen Produkten
zunehmend lösungsorientierte Nutzungsmodelle anbieten. Maschinen und
Anlagen werden flexibel nach Verbrauch abgerechnet (z. B. „gedruckte
Seiten“ anstelle von „Druckern“ bzw. „Druckmaschinen“) und die Daten
aus dem Betrieb der Anlagen werden wiederum genutzt, um neuen Mehr
wert zu schaffen (z. B. als „Broker von Druckaufträgen“ mit optimierter
Nutzung von Kapazitäten über verschiedene Anlagen hinweg).
Strategy& 33
Ähnliche Veränderungen durch disruptive digitale Geschäftsmodelle sind
beispielsweise auch in der Automobilindustrie zu erwarten. Ein kürzlich
von Google patentiertes Konzept sieht vor, selbstfahrende Fahrzeuge in
Städten anzubieten. Dabei sollen die eigenen Fahrzeuge den Kunden führer
los von einem Punkt zum anderen transportieren. Die Wertschöpfung von
Google besteht in dem Fall darin, Werbetreibenden die Möglichkeit zu geben,
Kunden zu ihrem eigenen Geschäft zu bringen, und damit ein klassisches
Problem des stationären Handels zu lösen. Ein solches neues Geschäfts
modell hätte gewiss disruptive Auswirkungen für eine Vielzahl von Mobili
tätsanbietern.
Schon heute ist rund die Hälfte aller befragten Unternehmen davon über
zeugt, dass vertiefte Kooperationen mit Wertschöpfungspartnern – zu
sammen mit einer stärkeren horizontalen Vernetzung – eine zentrale Rolle
spielen. Mit zunehmendem Digitalisierungsgrad und insbesondere mit Blick „Nur über weit-
auf den Aufbau neuer, digitaler Geschäftsmodelle wird diese Bedeutung reichende Koop-
nochmals deutlich zunehmen. Auf die nächsten fünf Jahre bezogen gehen erationen kann der
über 80 % der befragten Unternehmen davon aus, dass vertiefte Ko
operat ionen und eine verstärkte horizontale Vernetzung einen wichtigen
deutsche Mittel-
Stellenwert haben werden. Dies gilt gleichermaßen für alle befragten stand den immer
Industriezweige und sowohl für Anwender wie auch für Anbieter von höheren Kunden
Industrie 4.0-Lösungen (siehe Abbildung 19, nächste Seite). anforderungen
gerecht werden.“
Die zentrale Triebfeder für vertiefte Kooperationen und eine stärkere
Vernetzung mit anderen Unternehmen ist die bessere Erfüllung von Leiter Supply Chain,
Maschinen- und Anlagen-
Kundenanforderungen im Rahmen neuer, digitaler Geschäftsmodelle. bauer
Kürzere Time-to-Market und eine höhere Innovationsgeschwindigkeit
sowie eine effizientere Arbeitsteilung verbunden mit mehr Flexibilität
sind weitere Gründe für die Vertiefung von Kooperationen. Der Zugang
zu Expertenwissen und die Minimierung von Risiken spielen nach Ansicht
der befragten Unternehmen hingegen eine eher untergeordnete Rolle
(siehe Abbildung 20, nächste Seite).
84 % 87 %
Ø = 84 % 80 %
72 % 73 %
54 %
47 % 49 % 66 % 44 %
42 %
Ø = 47 %
64 %
heute in 5 Jahren
Abbildung 20
Kundenanforderungen besser zu erfüllen, ist der zentrale Treiber für vertiefte Kooperationen
effizientere Arbeitsteilung 31 %
höhere Flexibilität 30 %
höhere Innovationsrate/
25 %
-geschwindigkeit
Zugang zu Know-how/
12 %
Expertenwissen
Risikominimierung 11 %
Strategy& 35
Vertiefte horizontale Partnerschaften beschränken sich jedoch nicht nur
auf den Bereich der Innovation. Vielmehr zielen sie gerade auch auf die
wertschöpfungskettenübergreifende Optimierung von Geschäftsabläufen
ab – insbesondere durch eine bessere Analyse und Nutzung von Daten. So
halten über 70 % der befragten Unternehmen den verbesserten Austausch
von Daten mit Kooperationspartnern im Zuge von Industrie 4.0 künftig
für wichtig.
Knapp die Hälfte der Befragten (46 %) gibt an, dass der unklare wirtschaft
liche Nutzen und die zu hohen Investitionen zu den zwei wichtigsten Her
ausforderungen zählen. Viele Unternehmen haben noch keine konkreten
Umsetzungspläne für Industrie 4.0-Lösungen erarbeitet und auch noch keine
größeren Investitionen verabschiedet, weil die Lösungen für viele Unter
nehmen neu sind, erhebliche Veränderungen erfordern und die Quantifi
zierung der Potenziale komplex und vielfältig ist. Hier besteht akuter Bedarf
nach mehr Transparenz und einem branchenübergreifenden Erfahrungs
austausch (siehe Abbildung 22, nächste Seite).
36 Strategy&
Auf Platz zwei und drei der Liste der Herausforderungen folgen die Themen
„unzureichende Qualifikation der Mitarbeiter“ (30 %) sowie „fehlende
Standards“ (26 %). Die Qualifikation der Mitarbeiter ist ein wichtiges Thema
für die gesamte Industrie. Der digitale Wandel wird die Anforderungen an
die Mitarbeiter über sämtliche Wertschöpfungsstufen hinweg – von der
Entwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb – verändern. Prozesse
und Geschäftsmodelle werden durch die zunehmende Digitalisierung agiler
und datengetriebener und verlangen von den Mitarbeitern völlig neue
Fähigkeiten und Qualifikation. Auch der Bedarf an Softwareentwicklern und
Datenanalysten in der Industrie wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren
nochmals signifikant zunehmen (siehe Abbildung 21).
Abbildung 21
Die Unklarheit über den wirtschaftlichen Nutzen ist die größte
Herausforderung für Industrie 4.0
unklarer wirtschaftlicher
46 %
Nutzen, zu hohe Investitionen
unzureichende Qualifikationen
30 %
der Mitarbeiter
fehlende Priorisierung/Unter-
18 %
stützung durchTopmanagement
unzureichende Netzwerk
6%
stabilität/Datenspeicherung
Strategy& 37
Die zahlreichen und komplexen Herausforderungen können in ihrer Band
breite nicht von einzelnen Unternehmen umfassend bewältigt werden,
sondern verlangen auch eine gemeinsame Anstrengung von Industrie
verbänden, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Neben einer
branchenübergreifenden Zusammenarbeit zur Förderung von Qualifi
kationen und zur Festlegung bzw. Auswahl von Standards bedarf die
Gestaltung des technologischen und digitalen Wandels in Deutschland
aber auch einer expliziten Unterstützung durch die Politik.
Darüber hinaus kann die Politik unterstützend wirken, indem sie sich für
einheitliche Industriestandards auf europäischer bzw. internationaler
Ebene einsetzt. Klar definierte Standards und Normen sind die Grundlage
für die horizontale und vertikale Vernetzung der Wertschöpfungsketten.
Sie ermöglichen einen reibungsfreien maschinen-, system- und software
übergreifenden Austausch von Daten und Informationen. Für den Export
weltmeister Deutschland und die Mehrheit der Industrieunternehmen ist
eine internationale Standardisierung unerlässlich.
38 Strategy&
Abbildung 22
Die erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 bedarf einer breiten Unterstützung durch
die Politik
Bereitstellung hochverfügbarer
23 %
Breitbandnetze
staatliche Angebote/Unterstützung
19 %
für Weiterbildung
Abbildung 23
Industrie 4.0 hat eine hohe Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit des
Wirtschaftsstandorts Deutschland
hoch (4) 39 % 32 %
mittel (3) 31 % 8%
gering (2) 9% 3%
Strategy& 39
Wenn Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften und die Politik zusammen
arbeiten, dann kann Industrie 4.0 dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit
des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland im Zeitalter der
Digitalisierung nachhaltig zu stärken. Knapp 90 % der befragten Unter
nehmen messen Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung für die deutsche
Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren zu. Für über 50 % der Studienteil
nehmer ist Industrie 4.0 sogar essenziell wichtig für den Wirtschaftsstand
ort Deutschland (siehe Abbildung 23, Seite 39).
Die Digitalisierung durch das Internet verändert unsere gibt es keine „Kochrezepte“ oder „Blaupausen“ zu
Lebens- und Arbeitswelt nachhaltig. Nun wird auch die Industrie 4.0. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen
Produktion digitalisiert – genannt „Industrie 4.0“. Diese Ansatz finden und dabei viele Fragen beantworten:
Entwicklung bietet dem deutschen Maschinen- und An
lagenbau alle Chancen, seine weltweit führende Position • Welchen Nutzen kann mein Unternehmen aus
auszubauen. Ob die Industrienation Deutschland Industrie Industrie 4.0 ziehen?
4.0 zum Geschäftsmodell machen kann, hängt allerdings • Welche Anpassungen am Geschäftsmodell müssen
nicht nur von den Unternehmen ab. Wichtige Rahmenbe vorgenommen werden?
dingungen müssen noch mit Politik und Gesellschaft ver- • In welcher Ausprägung ist Industrie 4.0 für mein
einbart werden. Unternehmen sinnvoll?
• Welche Einführungsstrategien und Investitionen
Deutschlands Maschinenbauer wollen die Chance nutzen, braucht mein Unternehmen?
sich bei Industrie 4.0 als Leitmarkt und Leitanbieter zu • Mit welchen Maßnahmen müssen die Mitarbeiter
positionieren. Bei Industrie 4.0 geht es um nichts Geringeres weitergebildet werden?
als um die Weltsprache der Produktion. Und diese sollte aus • Wie erfolgt die Abstimmung und Integration mit
Deutschland kommen. Die Unternehmen stehen vor einem existierenden Produktionstechniken, IT-Systemen
fundamentalen Wandel: Produktionsprozesse und Produkte und Datenbeständen?
werden digitalisiert, Hersteller, Lieferanten sowie Kunden • In welchen Wertschöpfungsnetzwerken befindet
vernetzen sich noch enger und Innovationszyklen verkürzen sich mein Unternehmen?
sich weiter. Die Produktion wird individueller, ressourcen
effizienter, flexibler und schneller. Diesen Wandel der Unternehmen hin zu Industrie 4.0
begleitet und gestaltet der VDMA aktiv mit. Der VDMA
Diese Studie zeigt, dass sich die Maschinenbauunter bündelt das interdisziplinäre Expertenwissen des Ver-
nehmen über alle Unternehmensgrößen hinweg intensiv bands mit dem der Unternehmen in einem VDMA-Forum
mit Industrie 4.0 beschäftigen und in den nächsten Jahren Industrie 4.0. Mit diesem Forum und der gemeinsamen
erheblich in die entsprechenden Technologien investieren Plattform von VDMA, ZVEI und BITKOM setzen wir uns
werden. Bereits heute bestehen 30 % der Maschinenbau dafür ein, die Vision von Industrie 4.0 durch die Entwick
produkte aus Software und Automatisierungstechnik – und lung umsetzbarer Handlungsempfehlungen für den Maschi
dieser Anteil wird signifikant steigen. nen- und Anlagenbau weiter voranzutreiben. Dabei steht
insbesondere die Anwenderperspektive im Fokus. Ziel ist
Die Studie belegt aber auch, dass bei vielen Unternehmen es, langfristig und nachhaltig ein Netzwerk zum Erfahrungs
noch erhebliche Fragen und Unsicherheiten bestehen. Noch austausch unter den Mitgliedsunternehmen aufzubauen.
Dietmar Goericke
VDMA Forum Industrie 4.0,
Geschäftsführer
40 Strategy&
Ausblick und Handlungs
empfehlungen
Die Umsetzung von Industrie 4.0 bedeutet für die meisten Unternehmen
einen mehrjährigen Transformationsprozess, an dessen Ende eine signifikant
veränderte Wertschöpfung stehen wird. Aufgrund des Umfangs der er-
warteten unternehmensweiten Veränderungen und der in den nächsten
drei bis fünf Jahren notwendigen Investitionen ist es zunächst notwendig,
dass das Thema vom Topmanagement erkannt, auf die Agenda gesetzt und
mit hoher Priorität in das Unternehmen hineingetragen wird.
Angesichts der Wichtigkeit von Industrie 4.0 sollte daher die Aussage von „Wir haben bereits
18 % der befragten Unternehmen, dass die „fehlende Priorisierung/Unter viele digitale Initia
stützung durch das Topmanagement“ eine der wichtigsten Herausfor tiven im Unter
der ungen ist, viele Vorstände und CXOs alarmieren. Zugleich ist es für
jedes Unternehmen ratsam, in einem spezifischen Strategieprozess zu
nehmen, aber keine
Industrie 4.0 eine Standortbestimmung hinsichtlich der vorhandenen Fähig gemeinsame Vision
keiten vorzunehmen und insbesondere mit dem Blick auf die Verände und Roadmap, wo
rungen der Kundennachfrage eine eigene Zieldefinition durchzuführen. wir mit Industrie 4.0
hinwollen.“
Unser Maturitätsmodell zu Industrie 4.0 kann Unternehmen dabei helfen,
CEO, Maschinen- und
die vorhandenden Fähigkeiten sowie die verschiedenen Maßnahmen im Anlagenbauer
Bereich der Digitalisierung systematisch aufzunehmen und alle laufenden
und geplanten Aktivitäten in einer integrierten Industrie 4.0-Strategie
zusammenzuführen. Im Rahmen dieses Prozesses sollten die Dimensionen
Prozesse/Wertschöpfungsketten, Produkt-/Serviceportfolio und Kunde/
Marktzugang in ihrer Gesamtheit berücksichtigt werden. Ausgangspunkt
dafür ist eine Einordnung der aktuellen Maturitätsstufe des eigenen Unter
nehmens und eine Bestandsaufnahme der eigenen Fähigkeiten und digitalen
Initiativen im Unternehmen selbst, auf deren Basis der Industrie 4.0-Zielzu
stand definiert und etwaige Lücken identifiziert werden können.
Strategy& 41
Der Zielzustand und der Weg dorthin werden jedoch keineswegs für jedes
Unternehmen gleich sein. Vielmehr geht es darum, in Abhängigkeit von
der eigenen Ausgangslage, der Kunden- und Wettbewerbssituation sowie
der Investitionsbereitschaft den unternehmensspezifisch geeigneten Ziel-
maturitätsgrad für die unterschiedlichen Dimensionen und die benötigten
Fähigkeiten für die nächsten drei bis fünf Jahre festzulegen. Dabei können
wiederum grundsätzlich drei verschiedene strategische Stoßrichtungen
gewählt werden:
In der Abwägung der Vor- und Nachteile und abhängig vom definierten
Zielzustand können die konkreten Schritte zu einer pragmatischen Um
setzung einschließlich wichtiger Meilensteine sowie der benötigten Fähig
keiten und Ressourcen festgelegt werden. Am Ende stehen klar definierte
Maßnahmen, die mit konkreten, unternehmensspezifischen Wirtschaft
lichkeitsrechnungen und Zeitplänen hinterlegt sind. Begleitend sollte ein
Veränderungsmanagement aufgesetzt werden, das dazu beiträgt, den
Wandel nachhaltig abzusichern und mit ausgewählten Pilotprojekten
schnell Erfolge aufzuzeigen (siehe Abbildung 24, Seite 43).
42 Strategy&
Abbildung 24
Industrie 4.0-Maturitätsstufen
Geschäfts erste digitalisierte digitalisiertes Produkt- Integrierte Lösungen Entwicklung neuer Ge-
modell, Produkt Produkte in Insel und Serviceportfolio über Wertschöpfungs schäftsmodelle mit
und Service lösungen mit Datenanbindung stufen hinweg; Kolla- innovativem Produkt-
portfolio an das eigene Unter boration mit Partnern und Serviceportfolio;
nehmen beim Produkt- und Supply-Chain-Lösungen
Serviceangebot, um
End-to-End-System-
lösungen anzubieten
Markt- und digitale Kanäle eta- einheitliche Multikanal- Kunde steht im Mittel- globale Partner-Öko-
Kunden bliert, aber separat Interaktion mit Kunden, punkt von integrierten systeme mit Optimie
zugang von „analogen Ka- integriert über alle Wertschöpfungsketten rung des Kunden
nälen“; traditionelles Marketing-, Vertriebs- mit horizontalen nutzens und -werts
Marketing- und Ver- und Servicekänale; Partnern; Nutzung als Ziel; durchgängige
triebsmodell; geringe zunehmende Daten von Partnerdaten Nutzung von Daten
Datennutzung nutzung und Analytik
Strategy& 43
Digitaler Novize
Industrieunternehmen beginnen ihren Weg in die vierte industrielle Revo
lution häufig als digitale Novizen. Auf dieser Maturitätsstufe wurden zwar
in allen Unternehmensbereichen und im eigenen Produkt- und Service
portfolio erste Digitalisierungserfolge erzielt, die Aktivitäten sind jedoch
weder koordiniert noch nach einem stringenten Fahrplan für die Zukunft
ausgerichtet. Digitale Risiken sind nicht systematisch erfasst und Compliance
wird nicht in allen Bereichen gewährleistet.
Vertikaler Integrator
Industrieunternehmen in der zweiten Maturitätsstufe haben als vertikale
Integratoren ihr Produkt- und Serviceportfolio bereits konsequent mit
digitalen Funktionalitäten versehen, das heißt beispielsweise mit inte
grierter Software („Embedded Systems“) und einer Onlineanbindung,
die eine internet-basierte Kommunikation des Produktes mit den Pro
duktionsmitteln erlauben. Die operativen Prozesse und auch wichtige
administrative Prozesse sind digitalisiert, sodass beispielsweise Daten aus
der Produktentwicklung auch in der physischen Fertigung und Logistik
und in allen Systemen des Unternehmens in Echtzeit verfügbar sind. Beim
Marktauftritt werden die Funktionalitäten einer Onlinepräsenz, zum
Beispiel über detaillierte Webseiten und Onlineproduktkataloge, genutzt.
44 Strategy&
Horizontaler Kollaborateur
Die horizontalen Kollaborateure auf der dritten Maturitätsstufe integrieren
ihre Wertschöpfungsketten mit Kunden und Partnern. Eine digitale Einbin-
dung von Kunden, Zulieferern und Lohnfertigern entlang des Produktions-
ablaufs sowie eine bessere Koordination und Vernetzung mit Logistikdienst
leistern schaffen Effizienz und Qualitätsgewinne, verbessern die Durchlauf
zeit oder reduzieren die operativen Kosten. Im gleichen Maß wird das
Produkt- und Serviceportfolio mit externen Wertschöpfungspartnern ver-
knüpft, um den Kunden End-to-End-Lösungen über verschiedene Wert
schöpfungsstufen hinweg anbieten zu können. Innovative Konzepte opti
mieren die Kundenansprache und Kundendaten werden für eine optimale
Ansprache gezielt gespeichert und ausgewertet. Digitale Risiken werden
mit standardisierten und effizienten Methoden gemanagt, die Compliance
über alle Unternehmensfunktionen ist sichergestellt.
Digitaler Champion
Der digitale Champion schließlich hat seine operativen und administrativen „Der „Industrie 4.0-
Prozesse global vernetzt und in vielen Bereichen auch virtualisiert. Das Zug“ verlässt den
Unternehmen fokussiert seine operative Wertschöpfung auf Kernbereiche Bahnhof – die Un-
und arbeitet mit einem globalen Partnernetzwerk. Administrative Schlüssel
ternehmen müssen
prozesse sind digitalisiert und nach Kosten- und Steuergesichtspunkten
global optimiert. Digitale Champions haben häufig ein „digitales Head entscheiden, wann
quarter“ installiert, in dem alle administrativen Prozesse optimiert und für sie der beste Mo-
vielfach automatisiert sind. Wichtige Wertschöpfungsschritte sind auch ment zum Aufsprin-
aus finanzieller Sicht effizient aufgestellt. Das digitalisierte Produkt- und gen ist.“
Serviceportfolio ist um neue, mitunter disruptive Geschäftsmodelle erwei Geschäftsführer, Industrie
tert worden, in die neben innovativen Systemen und Mehrwertdienst verband
leistungen auch neue Methoden der Leistungserbringung – häufig mit
Partnern – entlang der Wertschöpfungskette eingebunden sind. Im Zentrum
der notwendigen Fähigkeiten stehen ein stringentes Datenmanagement
und eine effiziente Analytik und Nutzung von (Echtzeit-)Daten zur Opti
mierung entlang der Wertschöpfungskette.
Strategy& 45
Erste Schritte auf dem Weg zur Digitalisierung
Unabhängig von der gewählten Industrie 4.0-Strategie können sich Unternehmen mit drei
ganz pragmatischen Schritten auf den Weg zur Digitalisierung und zur Anwendung von
Industrie 4.0-Konzepten machen.
46 Strategy&
Methodisches Vorgehen
PwC und Strategy& (ehemals Booz & Company und Management Engineers)
haben im dritten Quartal 2014 gemeinsam die Studie “Industrie 4.0 –
Chancen und Herausforderungen der vierten industriellen Revolution”
durchgeführt. Die Untersuchung erfolgte mit der freundlichen Unter
stützung von Siemens, dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagen
bau (VDMA) sowie der Fachzeitung Produktion.
Für die Studie wurden deutschlandweit 235 Unternehmen aus dem Verar
beitenden Gewerbe sowie der Informations- und Kommunikationsindustrie
befragt und in fünf Branchen zusammengefasst. Die Befragung wurde in
Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut TNS Emnid mittels
Telefoninterviews und eines Onlinefragebogens durchgeführt. Zudem
haben Mitarbeiter von PwC und Strategy& mit ausgewählten Unternehmen
persönliche Interviews geführt (siehe Abbildung 25).
Abbildung 25
Zugehörigkeit der befragten Unternehmen zu Branchen
n = 235 Informations-/
Kommunikationsindustrie Maschinen-/Anlagenbau
20 % 24 %
Elektro-/Elektronikindustrie
20 % Automobilzulieferer
19 %
Prozessindustrie1
17 %
1
Chemie, Petrochemie, Pharmazie, Lebensmittel, Zucker, Zellstoff, Papier, Glas, Stahl, Zement.
Strategy& 47
Die Teilnehmer aus den unterschiedlichen Branchen repräsentieren in
einem ausgewogenen Mischungsverhältnis sowohl große Konzerne mit
einem Umsatz von mehreren Milliarden Euro als auch kleine und mittel
ständische Unternehmen. Erfreulicherweise konnten wir viele Unter
nehmen für die Umfrage gewinnen, die in ihrem jeweiligen Segment auf
nationaler und globaler Ebene Marktführer sind.
Abbildung 26
Größe der befragten Unternehmen
Jahresumsatz weltweit
n = 235
> 5 Mrd. €
8%
< 100 Mio. €
29 % 1–5 Mrd. €
20 %
48 Strategy&
Abbildung 27
Marktposition der befragten Unternehmen1
n = 235
globaler Marktführer
sonstige 13 %
19 %
nationaler Champion
15 %
Top 3 weltweit
31 %
Top 10 weltweit
22 %
1
Angaben der Unternehmen bzw. der Teilnehmer an der Umfrage.
Abbildung 28
Funktion der Teilnehmer
n = 235
sonstige2
Finanzen 6 %
4%
IT, Technologie CXO, Vorstand1
7% 37 %
Produktentwicklung,
Engineering
11 %
Produktion
22 %
1
inkl. CEO, COO, CIO, CTO, CFO.
2
u.a. Supply Chain/Logistik, Einkauf.
Strategy& 49
Danksagung
Unser besonderer Dank gilt den folgenden Personen und ihren Unter
nehmen und Organisationen, die die Vorbereitung und Koordination der
Unternehmensbefragung maßgeblich unterstützt und die Studie über
den gesamten Zeitraum hinweg inhaltlich begleitet haben:
Darüber hinaus möchten wir den folgenden Personen und ihren Unter
nehmen danken für ihre freundliche Unterstützung bei der Entwicklung
des Fragebogens und für die inhaltliche Validierung der Studienergebnisse:
50 Strategy&
Über PwC Über Strategy&
Unsere Mandanten stehen tagtäglich Strategy& ist ein globales Team aus
vor vielfältigen Aufgaben, möchten praxisorientierten Strategie-Experten.
neue Ideen umsetzen und suchen Rat. Unser Ziel ist es, unseren Klienten
Sie erwarten, dass wir sie ganzheitlich jederzeit den entscheidenden Vorteil
betreuen und praxisorientierte zu verschaffen. In enger Zusammen-
Lösungen mit größtmöglichem Nutzen arbeit mit ihnen meistern wir ihre
entwickeln. Deshalb setzen wir für größten Herausforderungen und helfen
jeden Mandanten, ob Global Player, ihnen, ihre Chancen zu identifizieren.
Familienunternehmen oder kommu- Wir verfügen über 100 Jahre Erfahrung
naler Träger, unser gesamtes Potenzial in der Managementberatung und
ein: Erfahrung, Branchenkenntnis, kombinieren diese mit der einzigartigen
Fachwissen, Qualitätsanspruch, Inno Industrieerfahrung und den Ressourcen
vationskraft und die Ressourcen unseres von PwC. Sei es bei der Entwicklung
Expertennetzwerks in 157 Ländern. einer Unternehmensstrategie, der
Besonders wichtig ist uns die vertrauens Transformation eines Geschäftsbereichs
volle Zusammenarbeit mit unseren oder beim Aufbau neuer Kompetenzen,
Mandanten, denn je besser wir sie wir schaffen jederzeit den Mehrwert,
kennen und verstehen, umso gezielter den unsere Klienten von uns erwarten.
können wir sie unterstützen. Wir sind ein Mitgliedsunternehmen des
weltweiten PwC-Netzwerks.
PwC. 9.400 engagierte Menschen an
29 Standorten. 1,55 Mrd. Euro Gesamt Die Bezeichnung Strategy& bezieht
leistung. Führende Wirtschaftsprü- sich auf die Firmen der ehemaligen
fungs- und Beratungsgesellschaft in Booz & Company-Gruppe und/oder auf
Deutschland. die PwC Strategy& (Germany) GmbH
(ehemals Booz & Company GmbH).
Strategy& 51
Strategy& is a global team These are complex and charting your corporate We are a member of the
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