0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
53 Ansichten150 Seiten

Kant-Lexikon) E

Willascheck u.a. 2015: Kant-Lexikon. Bd.: E

Hochgeladen von

Peggy H. Breitenstein
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
53 Ansichten150 Seiten

Kant-Lexikon) E

Willascheck u.a. 2015: Kant-Lexikon. Bd.: E

Hochgeladen von

Peggy H. Breitenstein
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

446 | Ebbe und Flut

hard, Philosophisches Magazin, Bd, 1, S. 9) zu un­


Ebbe und Flut terziehen. Die Grundthesen dieses wohl eher als
„Alles dieses bestätigt die Erfahrung zum Beweise, frontaler Angriff auf Kants kritische Philosophie
daß der Umlauf des Mondes wirklich die Ursache und zugleich als Apologie und Aktualisierung der
von dem Steigen des Wassers, welches die Fluth Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie (→ Leibniz-
heißt, und dem Fallen desselben, welches die Wolffsche Schule) intendierten Projekts lauten,
Ebbe genannt wird, ist“ (9:219). Weitere wichtige „daß die Leibnizische Philosophie eben sowohl
Stellen: 1:466; 9:182 Anm.; 9:299. eine Vernunftkritik enthält, als die Kantische“,
und dass „die Leibnizische Philosophie alles Wah­
Verwandte Stichworte re der Kantischen enthalten kann, aber außerdem
Mond; Meer noch mehr“ (Eberhard, Philosophisches Maga­
zin, Bd, 1, S. 289). Die Kritik Eberhards richtet
Philosophische Funktion sich dabei im Wesentlichen gegen die theoreti­
Kant erklärt die Gezeiten durch die Anziehung schen Grundlagen der KrV, so gegen die Lehre
des → Mondes (vgl. 1:466; 9:182 Anm.). Diese auf von → Raum und Zeit als Formen der Anschau­
Newton zurückgehende Erklärung ist spätestens ung oder gegen die Restriktion des Verstandes­
seit der Mitte des 18. Jahrhunderts allgemein ak­ gebrauchs auf → mögliche Erfahrung. Auf die An­
zeptiert und findet sich dementsprechend in den griffe Eberhards antwortete Kant, entgegen seiner
naturwissenschaftlichen Lehrbüchern, die Kant erklärten Absicht, sich an Debatten um die KrV
für seine Vorlesungen zugrundegelegt hat (vgl. nicht öffentlich zu beteiligen (vgl. KrV B XLIII),
z. B. Eberhard, Erste Gründe, S. 622). von Freunden, insbesondere von → Carl Leonhard
Falk Wunderlich Reinhold, gedrängt (vgl. 11:17f.), mit der explizit
gegen Eberhard gerichteten Schrift Entdeckung
(vgl. → Über eine Entdeckung, nach der alle neue
Eberhard, Johann August Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere ent­
Dt. Philosoph und Theologe (1739–1809). Eber­ behrlich gemacht werden soll; vgl. auch 8:185ff.).
hard, Anhänger Leibniz’ und Wolffs, wirkte seit In dieser für Kants Verhältnisse äußerst scharfen,
1778 als Nachfolger des Baumgarten-Schülers auch als ‚Streitschrift gegen Eberhard‘ bekannt
→ Georg Friedrich Meier, der seinerseits Nachfol­ gewordenen, polemischen Schrift greift Kant Eber­
ger → Christian Wolffs war, als Professor für Phi­ hard auf sachlicher, aber auch auf persönlicher
losophie in Halle. 1786 wurde er zum Mitglied Ebene an. So wirft Kant Eberhard eine absicht­
der Preußischen Akademie der Wissenschaften in lich verzerrende Darstellung zentraler Begriffe
Berlin gewählt. In seiner 1788 gegründeten Zeit­ und Theoreme der KrV vor, eine „Verdrehung
schrift Philosophisches Magazin griff Eberhard die der Sätze der Kritik“ (8:214) zum Zweck der „Täu­
noch junge, aber an Verbreitung gewinnende kri­ schung“ (8:208) der Leser, was er detailliert zu
tische Philosophie Kants (→ Kritizismus) in ihren belegen sucht und durch klärende Ausführungen
theoretischen Grundlagen an. Kant antwortete bezüglich der von Eberhard kritisierten Punkte
darauf mit der Streitschrift Entdeckung (→ Über ergänzt.
eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der 2. Für die kritische Philosophie Kants stellt die
reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich ge­ Kant-Eberhard-Kontroverse unter rezeptionsge­
macht werden soll). Dieser öffentlich ausgetrage­ schichtlichen Gesichtspunkten eine bedeutsame
ne Streit zwischen zwei akademisch-philosophi­ Phase dar. Aufgrund der auch von Kant selbst
schen Lagern, dem kantischen und dem Leibniz- wahrgenommenen Verständnisschwierigkeiten,
Wolffschen, wird auch als ‚Kant-Eberhard-Kontro­ auf die die KrV bald nach ihrem Erscheinen ge­
verse‘ bezeichnet. stoßen war (vgl. 4:261f.), hatten Rezensionen
und polemische Schriften wie die Eberhards oder
Bedeutung für Kants Philosophie auch die Garve/Feder-Rezension (→ Garve, Chris­
1. Eberhard gründete 1788 das Philosophische Ma­ tian / → Feder, Johann Georg Heinrich) eine um­
gazin zu dem von ihm selber bekundeten Zweck, so größere Bedeutung für die weitere Kenntnis­
die KrV der „sorgfältigste[n] Untersuchung“ (Eber­ nahme des Werks und die Verbreitung der kri­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Eberhard, Johann Peter | 447

tischen Philosophie – eine Tatsache, der sich fassten Gutachten Partei für Kant, der die Schrift
Kant durchaus bewusst war. Die Kontroverse im Jahr 1798 der Universität Halle vorgelegt hatte.
kann als die publikumswirksamste publizisti­ Kants Aufsatz erschien 1798 in Halle als zweiter
sche Manifestation eines bisher relativ wenig er­ Abschnitt in Fakultäten.
forschten, tatsächlich viel breiter und auf meh­
reren Ebenen von verschiedenen Personen (vgl. Weiterführende Literatur
Gawlina, Medusenhaupt, S. 9ff.) ausgetragenen Allison, Henry E.: The Kant-Eberhard Controversy,
Streits um einen sich ankündigenden Paradig­ Baltimore u. a.: The John Hopkins University
menwechsel in der Philosophie gesehen werden, Press 1973.
in dem Eberhard, Inhaber des Lehrstuhls Chris­ Gawlina, Manfred: Das Medusenhaupt der Kritik.
tian Wolffs an der Universität Halle (auf den Kant Die Kontroverse zwischen Immanuel Kant und
im Jahr 1778 berufen werden sollte; vgl. 10:224f., Johann August Eberhard, Berlin u. a.: de Gruy­
10:228f.), als prominenter Repräsentant des aka­ ter 1996.
demisch-philosophischen Establishments und Haßler, Gerda: Johann August Eberhard (1739–
Anhänger der Leibniz-Wolffschen Schulphiloso­ 1809) – ein streitbarer Geist an den Grenzen
phie auftrat. der Aufklärung, Halle/S.: Hallescher Verlag
Nachdem das Philosophische Magazin 1792 2000.
eingestellt worden war, gründete Eberhard ein Kertscher, Hans-Joachim / Stöckemann, Ernst
Nachfolgemagazin unter dem Titel Philosophi­ (Hg.): Ein Antipode Kants? Johann August Eber­
sches Archiv, in dem die Auseinandersetzung hard im Spannungsfeld der Spätaufklärung,
mit der kritischen Philosophie Kants fortgesetzt Berlin u. a.: de Gruyter 2012.
wurde; von Eberhard selbst erfolgten diesbezüg­ Lauschke, Marion / Zahn, Manfred (Hg.): Der
lich jedoch keine weiteren Reaktionen. Die Aus­ Streit mit Johann August Eberhard, Hamburg:
einandersetzung zwischen der kritischen Philo­ Meiner 1998.
sophie Kants und dem Leibniz-Wolffschen La­ Michael Nerurkar
ger wurde von anderen, Kant nahe stehenden
Autoren weitergeführt, so u. a. von → Johannes
Schultz, wobei Kant im Hintergrund wirkte (vgl. Eberhard, Johann Peter
11:183f.; 11:200f.). Auch die von Kant zur Be­ Dt. Mediziner, Mathematiker und Physiker (1727–
antwortung einer 1791 von der Berliner Aka­ 1779); nachdem Johann Peter Eberhard 1749 in
demie der Wissenschaften gestellten Preisfra­ Halle an der medizinischen Fakultät promovier­
ge (‚Welches sind die wirklichen Fortschritte, te, wurde er 1756 zum ordentlichen Professor
die die Metaphysik seit Leibnizens und Wolffs ernannt. Seit 1766 war er Professor für Mathe­
Zeiten in Deutschland gemacht hat?‘) verfasste matik, 1769 erhielt er eine Professur für Phy­
(vgl. 20:255), allerdings nicht eingereichte und sik. Seit 1753/54 hielt er regelmäßig Vorlesun­
erst postum veröffentlichte Schrift Fortschrit­ gen über Mathematik nach → Christian Wolff.
te kann im Kontext dieser Auseinandersetzung Eberhard galt als Verfasser naturwissenschaft­
gesehen werden (→ Fortschritte der Metaphy­ licher Schriften, darunter zählt seine Naturleh­
sik). re (1755), Thiergeschichte (1768) und seine Ab­
3. Eine frühe Kritik Eberhards an Kant wurde erst handlung vom physikalischen Aberglauben (1778),
im 20. Jh. bekannt, als ein Gutachten Eberhards die Kant für seine Vorlesungen über Physik
aufgefunden wurde, in dem dieser Kants Raum- (im Wintersemester 1755/56, 1756/57, 1760/61,
und Zeitlehre in De Mundi kritisiert und Argu­ 1762/63 und Sommersemester 1759) nutzte. Für
mente vorbringt, die sich später im Philosophi­ seine Vorlesungen über die Naturwissenschaf­
schen Magazin wiederfinden (vgl. Altmann, Kri­ ten (im Sommersemester 1756, 1757, 1758) dien­
tik Eberhards). In der Sache des 1797 noch der ten Kant als Vorlage Eberhards 1753 erschiene­
Berliner Zensur unterworfenen Aufsatzes Kants nen Erste[n] Gründe der Naturlehre (1753) (vgl.
‚Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Kühn, Kant, S. 133; Stark, Nachforschungen,
Fortschreiten zum Besseren sei‘ hingegen ergriff S. 328).
Eberhard in einem für die Universität Halle ver­ Bianca Patricia Pick

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
448 | edel

der in der fortdauernden „Bewunderung“ (2:210)


edel gleichsam seine Autonomie manifestiert, ist prin­
Das Prädikat ‚edel‘ wird von Kant primär in mo­ zipiell dem Bereich des Erhabenen zuzuordnen,
ralisch auszeichnendem Sinne verwendet und auch wenn Kant gelegentlich das „schrecklich
verweist auf „innere[] Freiheit“, die stets „zwei [E]rhaben[e]“ vom „Edle[n]“ unterscheiden kann
Stücke erfordert: seiner selbst in einem gegebenen (2:212).
Fall Meister (animus sui compos) und über sich Thomas Sören Hoffmann
selbst Herr zu sein (imperium in semetipsum), d. i.
seine Affecten zu zähmen und seine Leidenschaf­
ten zu beherrschen. — Die Gemüthsart (indoles) in Egoismus
diesen beiden Zuständen ist edel (erecta), im ent­ Der Begriff des Egoismus bezeichnet Formen der
gegengesetzten Fall aber unedel (indoles abiecta, Selbstbeschränkung, die eine logische, ästheti­
serva)“ (6:407). Edel heißt in diesem Sinne grund­ sche oder moralische Form annehmen können
sätzlich die „Affectlosigkeit (Apatheia, Phlegma (vgl. 7:128ff.). Es finden sich auch Verwendungs­
in significatu bono) eines seinen unwandelba­ weisen, in denen Egoismus eine skeptische Posi­
ren Grundsätzen nachdrücklich nachgehenden tion hinsichtlich des Daseins von Gegenständen
Gemüths“ (5:272). Sie kann zugleich als erhaben der Erfahrung ist.
gelten, hat dabei aber nicht nur ein ästhetisches
→ Wohlgefallen, sondern „das Wohlgefallen der Verwandte Stichworte
reinen Vernunft auf ihrer Seite“ (5:272). Ästhetisch Eigendünkel; Eigenliebe; Selbstschätzung;
übertragen wir die Bezeichnung des Edlen auch Selbstsucht
„auf Sachen, z. B. Gebäude, ein Kleid, Schreibart,
körperlichen Anstand u. d. gl., [. . . ] wenn diese Philosophische Funktion
nicht sowohl Verwunderung (Affect in der Vorstel­ Der Ausdruck ‚Egoismus‘ bezeichnet eine Einstel­
lung der Neuigkeit, welche die Erwartung über­ lung, die unmittelbar aus der Entwicklung des
steigt), als Bewunderung (eine Verwunderung, die → Selbstbewusstseins hervorgeht. Dabei wird sei­
beim Verlust der Neuigkeit nicht aufhört) erregt, ne Bedeutung nicht auf die ethische Semantik
welches geschieht, wenn Ideen in ihrer Darstel­ beschränkt. Egoismus äußert sich in drei → Anma­
lung unabsichtlich und ohne Kunst zum ästheti­ ßungen: in der Anmaßung des → Verstandes, des
schen Wohlgefallen zusammenstimmen“ (5:272). → Geschmacks und des praktischen → Bewusst­
Weitere wichtige Stellen: 2:107; 2:210; 2:215; 2:220; seins.
2:254; 20:115. Der logische Egoist urteilt ohne Rücksicht­
nahme auf andere Personen. Diese vorgebliche
Verwandte Stichworte Selbstbehauptung bringt den Egoisten in eine
Apathie, moralische; Autonomie; Erhabene, das epistemisch nachteilige Situation. Bei dem Ver­
such, jeglichen Widerspruch zu meiden, begibt
Philosophische Funktion er sich der Möglichkeit der begründeten Korrek­
Im Begriff des Edlen verbinden sich bei Kant nach tur seines Urteils: „Der logische Egoist hält es für
stoischem Vorbild die Momente einer negativen unnöthig, sein Urtheil auch am Verstande Ande­
→ Freiheit von allem äußeren Einfluss und Zwang, rer zu prüfen; gleich als ob er dieses Probirsteins
eines positiv-vernünftigen Selbstbesitzes sowie (criterium veritatis externum) gar nicht bedürfe“
einer damit begründeten Adelung des Weisen als (7:128).
des eigentlich Freien. Das Edle einer Gesinnung Der ästhetische Egoist zeichnet sich durch
(vgl. 2:220), einer → Handlung (vgl. 2:254), → Nei­ die Selbstgenügsamkeit des eigenen Geschmacks
gung (vgl. 20:107) oder Lebensweise (vgl. 2:215) ist aus. Er ist nicht für Bewertungen seiner Vorlieben
unmittelbar oder mittelbar stets eine Funktion der durch andere Personen empfänglich. Ähnlich wie
Autonomie oder der Ausrichtung auf sie, weshalb der logische Egoist verwehrt er sich selbst die
noch ein „Hochmuth [. . . ] um der Freyheit wil­ Möglichkeit, sein ästhetisches Bewusstsein zu
len“ in bestimmter Hinsicht edel genannt werden überprüfen und weiterzuentwickeln: „Er beraubt
kann (20:115). Der ästhetisch edle Gegenstand, sich selbst des Fortschritts zum Besseren, wenn er

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Ehe | 449

sich mit seinem Urtheil isolirt, sich selbst Beifall Philosophische Funktion
klatscht und den Probirstein des Schönen der In MSR unterscheidet Kant drei „Titel“ des „Rechts
Kunst nur in sich allein sucht“ (7:129f.). der häuslichen Gesellschaft“ (6:277), die weder ein
Der moralische Egoist wird in seinen prakti­ Recht über eine Person noch ein Recht über eine
schen Einstellungen von Kalkulationen des → Ei­ Sache darstellen (vgl. 6:276–284): Eherecht, → El­
gennutzes beherrscht. Alle Zwecke werden von ternrecht und Hausherren-Recht. Da jedes dieser
ihm nach dem Nutzen bewertet, die sie für ihn ha­ häuslichen Rechte am besten als ein Besitzrecht
ben könnten. Er öffnet sich nicht für Handlungen an einer Person verstanden werden kann, erfor­
aus → Pflicht bzw. aus Achtung vor dem → morali­ dern sie, so Kant, eine gegenüber den Rechten an
schen Gesetz. Moralischer Egoismus äußert sich Personen oder den Rechten an Sachen unterschie­
vor allem in der Gestalt des Eudämonismus (vgl. dene Behandlung. Das häusliche Recht berechtigt
7:130). Weil die Vorstellungen von → Glück je nach den Inhaber dieses Rechts in jedem dieser Fälle,
personalem Standpunkt unterschiedlich ausfal­ verschiedene Forderungen an eine andere Per­
len, gibt es für den Eudämonisten keine Möglich­ son zu stellen, und diese Person eventuell sogar
keit, sich nach allgemein geltenden Prinzipien zu gewaltsam seiner Kontrolle zu unterstellen. In
richten. Alle Eudämonisten sind demnach prakti­ dieser Weise unterscheidet sich jedes häusliche
sche Egoisten. Es ist zudem ein Kennzeichen egois­ Recht von einem Recht gegenüber einer Person
tischer Einstellungen, dass sie mit vorgetäuschten und gleicht einem Recht an einem Ding. Da je­
moralischen Haltungen wie Rücksichtnahme oder doch diese Rechte eine andere Person involvieren,
Bescheidenheit verdeckt werden. werden sie durch deren Personalität begrenzt. Auf
Der Egoist gibt fälschlicherweise epistemi­ rechte Weise kann kein Mensch wie eine bloße
sche, ästhetische oder moralische Selbstbefan­ Sache behandelt werden. Dem gegenüber müs­
genheit als Selbstbehauptung aus und verliert sen die häuslichen Rechte die Menschheit in der
durch die Ausblendung begründeter Standpunkte Person desjenigen respektieren, der von einem
anderer Personen die Möglichkeit zur vernünfti­ anderen besessen wird. Diese Form des → Besitzes
gen Selbsterweiterung. Dem Egoismus wird ein ist kein Eigentum, mit dem nach Belieben umge­
Pluralismus entgegengestellt, unter dem die Den­ gangen werden darf. Diese Begrenzungen zeigen
kungsart zu verstehen ist, „sich nicht als die gan­ eine Nähe der häuslichen Rechte zu Rechten ge­
ze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als genüber einer Person und unterscheiden sie von
einen bloßen Weltbürger zu betrachten und zu Rechten an Sachen.
verhalten“ (7:130). Kant beschreibt die Voraussetzung, unter der
Dieter Sturma die häuslichen Rechte entstehen, als „in Gemein­
schaft stehende Personen“ (6:276). Er nennt diese
Gemeinschaft ein Hauswesen. Die für eine solche
Ehe Gemeinschaft spezifischen Rechte ergeben sich
Kant definiert ‚Ehe‘ rechtlich als „[d]ie natürli­ weder durch die Handlung einer Person noch gar
che Geschlechtsgemeinschaft [. . . ] nach dem Ge­ vollständig durch einen Vertrag zwischen Perso­
setz“ (6:277). Obwohl er auch in anderen Schrif­ nen. Stattdessen legt Kant dar, dass nur aufgrund
ten Betrachtungen über die Ehe anstellt (vgl. z. B. des Rechts der Menschheit in jeder Person die
7:304–310), findet die ausführlichste Behandlung Erwerbung solcher Rechte an Personen möglich
in MSR statt. Hier thematisiert er die Ehe als ei­ ist. Das Eherecht ist unter diesen Rechten das
nen von drei Fällen des Rechts an einer Person, grundlegendste.
das einem Recht an einem Ding gleicht („auf Für Kant bewirkt nur der Eintritt in die Ehe,
dingliche Art persönliches Recht“, 6:276; → Pri­ dass Personen in Übereinstimmung mit den Erfor­
vatrecht). Weitere wichtige Stellen: 6:276–284; dernissen des Rechts der Menschheit sexuelle Be­
7:304–310. ziehungen eingehen können. Der Ehevertrag stellt
Gleichheit zwischen den Ehepartnern auf zwei
Verwandte Stichworte Weisen her: 1) Gleichheit im gegenseitigen Besitz
Familie; Frau; Mann; Geschlechtsliebe; Gemein­ aneinander und 2) Gleichheit im Besitz materieller
schaft, häusliche Güter. Kant vertritt den Standpunkt, dass abgese­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
450 | Ehlers, Martin

hen von dem → Vertrag, der eine solche Gleichheit gen des denkenden Wesens, seiner jedesmaligen
herstellt, jeder Sexualpartner sich selbst zu ei­ Ideenlage gemäß zu handeln“ (8:13).
nem Ding herabsetzt, das für das Vergnügen des Sehr wahrscheinlich bezieht sich Kant auf
anderen gebraucht werden kann. Durch die zwei­ die 1782 erschienene Schrift Ehlers Die Lehre von
fache Gleichheit der Ehe wird stattdessen eine der menschlichen Freiheit und über die Mittel, zu
geschlechtliche Beziehung möglich, die mit der einer hohen Stufe moralischer Freiheit zu gelangen,
Forderung vereinbar ist, dass jede Partei im Ein­ in der der Autor, ausgehend von seiner Untersu­
klang mit dem Recht der Menschheit in seiner chung der umgangssprachlichen Verwendung des
und jeder anderen Person handelt. Sie bewirkt Ausdrucks ‚Freiheit‘, den Begriff der Willensfrei­
dies, so argumentiert Kant, indem sie es jeder heit als „das Vermögen des Menschen zu handeln
Partei erlaubt, die andere unter einem Prinzip oder nicht zu handeln, so zu handeln oder an­
zu erwerben, welches erfordert, dass jede Ehe ders zu handeln“ (Ehlers, Lehre, S. 50) bestimmt,
monogam sein soll und dass es keinem der Part­ um dann den Begriff der moralischen Freiheit als
ner erlaubt sein soll, den anderen aufgrund einer menschliches Vermögen, „jedesmal nach seinem
Ungleichheit in ihrem Besitz zu dominieren (vgl. gegenwärtigen Ideenzustand das Beste zu thun“
6:277f.). (Ehlers, Lehre, S. 56) zu spezifizieren.
Fraglos lassen Kants Darlegungen nach heu­
tigen Maßstäben viel zu wünschen übrig. Er ist Weiterführende Literatur
sich weder der Weisen bewusst, in denen selbst Artikel „Ehlers, Martin“, in: Allgemeine Deutsche
die gesetzliche Ehe eine Partei unterwerfen kann, Biographie, Bd. 5, Leipzig: Duncker und Hum­
noch gibt er eine Beschreibung eines Ehevertrags, blot 1877, 699f.
der dazu in der Lage ist, vor den moralischen Ge­ Sebastian Wengler
fahren zu schützen, die er als unbeschränkten
geschlechtlichen Beziehungen innewohnend er­
kennt. Nichtsdestoweniger sind seine Besorgnis Ehrbarkeit
um das Recht der Menschheit in der Person jedes Ehrbarkeit (honestas externa bzw. iuridica) besteht
Partners und seine Aufmerksamkeit auf das Pro­ in einem sittlich-rechtlich gestalteten Verhältnis
blem der Dominanz Gründe, seine Ausführungen zwischen Vernunftwesen, das es gestattet, „im
nicht vorschnell abzutun. Verhältniß zu Anderen seinen Werth als den eines
Menschen zu behaupten“ (6:236). Sie korrespon­
Weiterführende Literatur diert als äußeres Phänomen der „Ehrliebe (ho­
Herman, Barbara: „Could It Be Worth Thinking nestas interna, iustum sui aestimium)“ (6:420),
About Kant on Sex and Marriage?“, in: Anto­ welche ihrerseits nicht mit bloßer „Ehrbegierde
ny, Louise M. / Witt, Charlotte (Hg.): A Mind of (ambitio)“ (6:420) oder „Ehrsucht“ (7:270) zu ver­
One’s Own, Boulder/Colo. u. a.: Westview Press wechseln ist. Ein Verstoß gegen die Ehrbarkeit, ih­
1993, 49–68. re „Nichtachtung“, heißt „Skandal“ (6:464). Wei­
Sarah Holtman tere wichtige Stelle: 20:130.
(Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Verwandte Stichworte
Ehre; Ehrbegierde, Ehrsucht
Ehlers, Martin
Dt. Philosoph und Pädagoge (1732–1800). Kant Philosophische Funktion
erwähnt Ehlers in seiner Rez. Schulz und stellt ihn Ehrbarkeit bezeichnet das konkrete, auch in
dort hinsichtlich seiner Freiheitskonzeption in Rechtsgesetzen und → Rechtspflichten greifba­
eine Reihe mit Priestley und Schulz. Als Beispiel re Anerkanntsein des Individuums als autonomer
eines Fatalismus bzw. einer „Lehre von der Noth­ Persönlichkeit, d. h. als eines „moralischen (sei­
wendigkeit“ (8:12) hinsichtlich der menschlichen ne Pflicht höchstschätzenden) Wesen[s]“ (6:464).
Freiheit könne auch das gelten, „was nur neuer­ Auf dieses Anerkanntsein hat das Individuum,
lich Herr Prof. Ehlers von der Freiheit des Willens das sich als moralisches für andere stets zugleich
für einen Begriff gab, nämlich als einem Vermö­ zum → Zweck, nicht nur zum → Mittel macht (vgl.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Ehre | 451

6:236), in einem wohlgeordneten Gemeinwesen als solche zum Gegenstand (vgl. 7:272; 6:420;
Anspruch, während es für die anderen morali­ 6:465).
schen Wesen Pflicht ist, die entsprechende Aner­ Piero Giordanetti / Red.
kennung zu leisten. Die rein „[ä]ussere Ehre“ ist
dabei nur „als ein Mittel“, sich der inneren „zu
versichern“, „wahr“ (20:130). Als „Zweck“ verstan­ Ehre
den ist die Ehre hingegen „ein Wahn“ (20:130). In Unter Ehre versteht Kant die äußere soziale Aner­
diesem Sinne ist Kants Begriff der Ehrbarkeit nicht kennung einer Person durch andere Menschen.
auf eine „Schminke der Anständigkeit, Ehrbarkeit Er unterscheidet zwischen bloß konventioneller,
und Sittsamkeit“ (KrV A 748 / B 776) reduzierbar, bürgerlicher und standesgebundener Form der
wie sie den honnêtte homme des 18. Jh. auszeich­ Ehre sowie einer im engeren Sinn moralischen
nen mag, sondern auf sittliche Selbstbestimmung Form. Wichtige Stellen: 4:393; 4:398; 5:448f. Anm.;
gegründet. 6:47; 6:215; 7:257ff.; Refl. 642, 15:282; Refl. 1490,
Thomas Sören Hoffmann 15:736f.; Refl. 5551, 18:216; Refl. 6154, 18:470; Refl.
6619, 19:112f.; Refl. 7074, 19:242; Refl. 7215, 19:287;
23:367ff.
Ehrbegierde, Ehrsucht
Ehrbegierde ist die Neigung, nach Ehre und An­ Verwandte Stichworte
sehen zu streben. Um zu betonen, dass sie eine Ehrliebe; Ehrbegierde, Ehrsucht; Ehrbarkeit;
→ Leidenschaft ist, spricht Kant öfter auch von Achtung, Achtung für das Gesetz
Ehrsucht, die er als „Bestreben nach Ehrenruf “
erläutert (7:272). Weitere wichtige Stellen: 2:227; Philosophische Funktion
5:30; 5:433; 6:420; 6:465; 7:268; 7:270f.; 8:21; 8:27f. Kant stellt einerseits die moralunterstützende
Funktion der Ehre heraus (vgl. Refl. 6619, 19:112f.).
Verwandte Stichworte „Die Ehre ist die einzige Neigung, die auf Grund­
Hochmut; Ehrliebe; Sucht sätze gebaut werden kan, weil der unpartheische
Beyfall anderer nur auf Grundsätze beruht, da­
Philosophische Funktion her Ehrliebe mit der tugend verwandt ist“ (Refl.
Kants Urteil über die Ehrbegierde ist in der frühen 7215, 19:287; vgl. 20:150). Während die Ehrsucht
Phase seines Denkens zum Teil positiv: „Denn oder Ehrbegierde (auch: → Hochmut) als Interesse
wiewohl die Ehrbegierde ein thörichter Wahn ist, daran, besser als andere dastehen zu wollen, als
so fern er zur Regel wird, der man die übrigen Laster disqualifiziert wird (vgl. 6:465; Refl. 1490,
Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein 15:737; 20:55), wird die Ehrliebe moralisch aufge­
begleitender Trieb äußerst vortrefflich“ (2:227). wertet. „‚Thue das, was dir Ehre erwirbt‘ ist ein
Er fasst sie aber in den kritischen Schriften als pragmatischer Satz. Ehrliebend seyn ist etwas
eine → Leidenschaft auf, die die Reinheit der mo­ moralisches“ (Refl. 7071, 19:242). Die Ehre um des
ralischen Motivation gefährdet (vgl. 5:30). Ehr­ moralischen Verdiensts willen unterscheidet sich
sucht ist für Kant zusammen mit Habsucht und vom bloßen Streben nach Ehre um des äußeren
Herrschsucht das Hauptbeispiel für „erhitzte“ Lei­ → Scheins willen (zum moralischen Schein und
denschaften, welche „mit der Beharrlichkeit einer den Bezügen von Kants Ethik zur französischen
auf gewisse Zwecke angelegten Maxime verbun­ Moralistik vgl. Sommerfeld-Lethen, Wie moralisch
den sind“ (7:268; vgl. 7:270f.), bzw. für „Begierden werden?). Hier liegt es nahe, zwischen äußerer
des Wahnes“ (9:492). Mit Blick auf die Bestim­ Ehre und innerer Ehre zu unterscheiden. Im letz­
mung des Menschen betrachtet er sie aber zu­ teren Zusammenhang spricht Kant dann auch
gleich als zweckmäßige Einrichtung der mensch­ von wahrer Ehre und meint damit das eigene mo­
lichen Natur (vgl. 8:27f.; 8:21; 5:433). Kant unter­ ralische Gefühl (vgl. Refl. 642, 15:282; Refl. 1497,
scheidet zwischen Ehrbegierde (bzw. Ehrsucht) 15:769). Ehrliebe ist „die beständige Begleiterin
und Ehrliebe: Während die beiden ersten nach der Tugend“ (7:257), da sie selbst den Tod um der
Ansehen streben, hat die zweite die geschuldete Aufrechterhaltung der Ehre willen nicht fürch­
Achtung für moralische Wesen und ihren Wert tet. Gleichwohl spricht Kant nur von einer Bezie­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
452 | Ehrfurcht

hung der Verwandtschaft oder der Ähnlichkeit Sommerfeld-Lethen, Caroline: Wie moralisch wer­
zwischen Ehrliebe und → Tugend bzw. von einem den? Kants moralistische Ethik, Freiburg: Alber
Analogie- oder Substitutionsverhältnis (vgl. 8:26; 2005.
Corinna Mieth
Refl. 1121, 15:500; Refl. 1497, 15:769). Das liegt zum
einen an den Defiziten, mit denen die Ehre als in­
formeller sozialer Sanktionsmechanismus behaf­ Ehrfurcht
tet ist. Sie ist von gesellschaftlichen Konventionen Ein Ausdruck der „Hochachtung für das sittliche
und Moden abhängig und deshalb nicht notwen­ Gesetz“, insofern uns dieses „den Endzweck unse­
dig mit einer universalistischen Moral vereinbar rer Bestimmung vorstellt“ (5:481). Ob theologisch
(vgl. 6:464; 20:160). Vielmehr ist die gesellschaft­ als das „Princip des Willens Gottes“ (6:488), als
lich-konventionelle Ehre zu Kants Zeit standes- „[d]ie Majestät des Gesetzes (gleich dem auf Si­
und geschlechtsgebunden (vgl. 23:367ff.). → Du­ nai)“ (6:23 Anm.) oder auch moralisch als „die
elle (oder → Kindesmord) zur Aufrechterhaltung Menschheit in unserer Person“ (23:111) aufgefasst,
der Standesehre können entsprechend als „Wahn“ ist der Gegenstand der Ehrfurcht in jedem Fall
der „Ehrbegierde“ abgewertet werden, die mit der auch ein Erhabenes. Mit „pathologischer Furcht“
Zustimmung „der durch äußeren Schein betroge­ (5:481), d. h. einer abergläubischen „Angst vor
nen Menge zufrieden ist“ (23:369). Kant ordnet die dem übermächtigen Wesen“, hat die sittlich be­
Ehre unter die natürlichen Triebe, auf denen nur gründete Ehrfurcht dagegen nichts gemein (5:264;
eine Glückseligkeitslehre, aber keine Sittenleh­ vgl. 6:23). Gemäß dem „Beschluß“ der KpV (5:161;
re aufgebaut werden kann und setzt sie von der ganzer Abs. 5:161–163) erfüllen „der bestirnte Him­
Tugend als „feste[n] Vorsatz in Befolgung seiner mel über mir und das moralische Gesetz in mir“
Pflicht“ ab (6:47; vgl. 4:393). Die Ehre als äußere das „Gemüth mit immer neuer und zunehmen­
Anerkennung kann in einem Spannungsverhält­ der Bewunderung und Ehrfurcht“ (5:161). Weitere
nis zum moralischen Wert einer Person stehen. wichtige Stellen: 1:317; 2:117; 5:82; 6:154; 9:496.
Für Kant ist, analog zur Ehre, auch die → Achtung
als äußere Anerkennung einerseits von einem Verwandte Stichworte
Verdienst der Person abhängig und kann entspre­ Achtung, Achtung für das Gesetz; Bewunde­
chend dazu in einem Mehr oder Weniger bestehen, rung; Furcht
andererseits nimmt Kant eine strenge Pflicht zur
Achtung des Anderen an, die gerade unabhän­ Philosophische Funktion
gig von seiner Achtungswürdigkeit als negative Tritt in vorkritischer Zeit der Begriff der Ehr­
Pflicht immer bestehen bleibt (vgl. 6:462–468). furcht bei Kant gelegentlich noch im Zusammen­
Die „Ehre Gottes bezieht sich auf Vernünf­ hang einer physikotheologischen Naturbetrach­
tige Wesen und nicht auf die Bewegursache, die tung (→ Physikotheologie) auf (vgl. 1:317; 2:117),
diese in der Welt bekommen, ihn zu lieben, son­ wird er später moralisch gefasst und weitgehend
dern zu Ehren“ (Refl. 6154, 18:470; vgl. 5:448; Refl. synonym zu dem der → Achtung gebraucht (vgl.
5551, 18:216). Ehre hat Gott verdient, da er allein 6:488). „Achtung“ für das Sittengesetz und „Ehr­
als Garant für die Übereinstimmung von Glücks­ furcht für seine Pflicht“ sind die subjektiven Prin­
würdigkeit und Glückseligkeit gedacht werden zipien moralischer Handlungen eines „endlichen
kann. vernünftigen Wesens“, das nicht schon „im „Be­
sitz einer Heiligkeit des Willens“, d. h. einer „zur
Weiterführende Literatur Natur gewordene[n], niemals zu verrückende[n]
Anderson, Elizabeth: „Emotions in Kant’s Later Übereinstimmung des Willens mit dem reinen Sit­
Moral Philosophy: Honour and the Phenomeno­ tengesetze“ ist (5:82). In der Ehrfurcht reflektiert
logy of Moral Value“, in: Betzler, Monika (Hg.): sich so auf der Ebene des → moralischen Gefühls
Kant’s Ethics of Virtue, Berlin u. a.: de Gruyter stets moralische Vollkommenheit: sei es diejenige
2008, 123–145. Gottes (vgl. 6:154; 6:488; 9:495), des Sittengesetzes
Bayefsky, Rachel: „Dignity, Honour, and Human selbst oder auch die der Menschheit in unserer
Rights: Kant’s Perspective“, in: Political Theory Person.
41, 2013, 809–837. Thomas Sören Hoffmann

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Eid | 453

Character: the „critical“ link of morality, an­


Ehrlichkeit thropology, and reflective judgment, Chicago:
Unter Ehrlichkeit versteht Kant die „Wahrhaftig­ University of Chicago Press 1999.
keit in Erklärungen“ (6:429; vgl. 8:427). Außerdem Wood, Allen: „Kant and the Right to Lie“, in: Eidos
spricht er von Aufrichtigkeit bzw. von Redlichkeit, 15, 2011, 96–117.
wenn sich die Ehrlichkeit auf Versprechen bezieht Corinna Mieth
(vgl. 6:429). Ehrlichkeit ist eine moralische Pflicht
gegen sich selbst als moralisches Wesen, ihr Ge­
genteil, die Lüge, ist verboten. Weitere wichtige Ehrliebe
Stellen: 2:105; 4:397; 6:47; 7:204f.; 8:370; 9:492. Die Ehrliebe besteht in unserem Anspruch darauf,
als moralische Wesen anerkannt zu werden. Kant
Verwandte Stichworte nennt dies auch „Stolz“ (6:465) und unterscheidet
Wahrhaftigkeit; Aufrichtigkeit; Redlichkeit; es vom → Hochmut, der ein → Laster darstellt, eine
Lüge Einstellung gegenüber anderen, in der wir nicht
nur eine hohe moralische Meinung von uns selbst
Philosophische Funktion hegen, sondern fordern, dass andere sich im Ver­
In der GMS unterscheidet Kant zwischen zwei gleich mit uns schlechter einschätzen. Wichtige
Motiven für das pflichtmäßige Verhalten der Ehr­ Stellen: 6:27; 6:420; 6:465; 7:257.
lichkeit: Dieses kann „aus Pflicht und Grundsät­
zen der Ehrlichkeit“ (4:397) erfolgen, oder, wie in Verwandte Stichworte
Kants Beispiel vom klugen Kaufmann, aus Berech­ Habsucht; Heuchelei; Kriecherei; Hochmut;
nung und Eigennutz. Moralischen Wert hat das Arroganz
ehrliche Verhalten nur, wenn es aus → Pflicht und
nicht aus mittelbarer oder unmittelbarer → Nei­ Philosophische Funktion
gung geschieht. Das kategorische Wahrhaftigkeits­ Ehrliebe zeigt sich in moralischer Anerkennungs­
gebot der Moral scheint allerdings in der Praxis würdigkeit. Eine Verletzung dieser → Tugend zeigt
problematisch: Erstens fragt sich Kant selbst, ob sich in skandalösen Handlungen. Der Tugend der
„eine Unwahrheit aus bloßer Höflichkeit“ schon Ehrliebe sind die Laster → Lüge, → Geiz und fal­
als „Lüge“ (6:431) bezeichnet werden muss. Als Tu­ sche Demut (→ Kriecherei) entgegengesetzt (vgl.
gendpflicht hat die Wahrhaftigkeit einen → Spiel­ 6:420). Das Laster ist nach Kant „der beständige
raum, der es einem erlaubt, „nicht die ganze Wahr­ Begleiter der Tugend“, somit erfordert es einen
heit zu sag[en]“, solange „[a]lles, was er sagt, hohen Grad an Bestimmtheit, seine eigene Pflicht
wahr ist“ (6:433 Anm.). Zweitens kann das Ehr­ zu tun. Interessanter Weise glaubte Kant, dass die
lichkeitsgebot der Moral mit dem Klugheitsgebot Ehrliebe ein Element in der Anlage zum Guten aus­
der Politik konfligieren. Hier macht Kant deutlich, macht. Unsere natürliche → Selbstliebe erzeugt
dass die → Moral der → Politik Grenzen setzt, in­ eine „Neigung [. . . ], sich in der Meinung anderer ei­
dem sie ihr die „einschränkende Bedingung“ der nen Werth zu verschaffen; und zwar ursprünglich
Ehrlichkeit auferlegt. „Obgleich der Satz: Ehrlich­ bloß den der Gleichheit“ (6:27).
keit ist die beste Politik, eine Theorie enthält, der Robert Johnson
die Praxis, leider! sehr häufig widerspricht: so ist (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
doch der gleichfalls theoretische: Ehrlichkeit ist
besser denn alle Politik, über allen Einwurf unend­
lich erhaben, ja die unumgängliche Bedingung Ehrsucht
der letzteren“ (8:370; vgl. 2:105). → Ehrbegierde, Ehrsucht

Weiterführende Literatur
Mahon, James E.: „Kant on Lies, Candour and Eid
Reticence“, in: Kantian Review 7, 2003, 102– Kant nennt den Eid (lat. iusiurandum) „das Er­
133. pressungsmittel der Wahrhaftigkeit in äußern
Munzel, G. Felicitas: Kant’s Conception of Moral Aussagen [. . . ] (tortura spiritualis)“ (8:268 Anm.).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
454 | Eifersucht

Traditionsgemäß unterscheidet er den „Verspre­ der → Lüge die verborgene Wahrheit entdecken
chungseid“ und den „Glaubenseid“ (6:305). Der (vgl. 6:304) oder im Glaubenseid seine Aussage
promissorische Versprechungseid nötigt dazu, genauer prüfen. Auch in diesem Fall aber begehe
„treu im Versprechen“ (6:303), der assertorische „der Richter [. . . ] einen großen Verstoß an der Ge­
Glaubenseid dazu, „wahrhaft in Aussagen“ (6:303) wissenhaftigkeit des Eidleistenden, theils durch
zu sein. Beide lehnt Kant grundsätzlich aus mora­ den Leichtsinn, zu dem er verleitet [. . . ], theils
lischen und rechtlichen Erwägungen ab, er sieht durch Gewissensbisse, die ein Mensch fühlen
aber auch praktische Gründe, sie vor → Gericht als muß“ (6:305), der seiner Aussage nicht sicher ist.
„Feuerprobe der Wahrhaftigkeit“ (8:268f. Anm.)
für „unentbehrlich“ (8:268 Anm.) zu halten. Weite­ Weiterführende Literatur
re wichtige Stellen: 6:159; 6:303ff.; 6:486; 8:268f.; Hüning, Dieter: „Kants Stellung zum Eid in den
Refl. 6309, 18:604. ‚Metaphysischen Anfangsgründen der Rechts­
lehre‘“, in: Recht und Frieden in der Philoso­
Verwandte Stichworte phie Kants. Akten des X. Internationalen Kant-
Wahrhaftigkeit; Versprechen Kongresses, hg. von Valerio Rohden, Ricardo
R. Terra, Guido A. Almeida und Margit Ruffing,
Philosophische Funktion Bd. 4, Berlin u. a.: de Gruyter 2008, 409–423.
In der Religion verwirft Kant den Eid aus morali­ Walter Brinkmann
schen Gründen mit Bezug auf eine Stelle der Berg­
predigt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.
Was darüber ist, das ist von Übel“ (Mt 5, 37). Der Eifersucht
Eid tue „im Punkte der Wahrhaftigkeit“ der „Wahr­ Eifersucht ist die → Begierde, Überlegenheit über
heit selbst Abbruch“ (6:159), weil er durch die ihm andere zu erlangen, verbunden mit der ständigen
„beigelegte größere Wichtigkeit die gemeine Lüge → Sorge, dass andere ebenfalls danach streben,
beinahe erlaubt macht“ (6:159 Anm.). Darüber hin­ und dem → Neid auf die, denen das gelingt (vgl.
aus sei das Schwören bei Gott eine „Zumuthung 6:27). Weitere wichtige Stellen: 7:232; 7:307f.; 7:310.
[. . . ], mehr vorzugeben, als man mit Gewißheit
behaupten kann“ (8:269 Anm.). Da der Glaube Verwandte Stichworte
an → Gott „immer doch frei ist“ (8:269 Anm.), – Herrschsucht; Neid; Eitelkeit
heißt es auch in der MSR – sei „ein Zwang zu
Eidesleistungen“ (6:305) und umgekehrt die recht­ Philosophische Funktion
liche Verpflichtung, „zu glauben, daß ein Anderer Wenn Kant den Begriff ‚Eifersucht‘ verwendet,
(der Schwörende) überhaupt Religion habe, um geht es vielfach um die Eifersucht im Verhältnis
mein Recht auf seinen Eid ankommen zu lassen“ der Geschlechter zueinander, wobei die Überle­
(6:304), „an sich unrecht“ (6:304) und „die ge­ genheitsbegierde in diesem Zusammenhang vor­
setzgebende Gewalt“ handle „im Grunde unrecht, nehmlich darin zum Ausdruck kommt, dass man
diese Befugniß der richterlichen zu ertheilen: weil den Vorrang gegenüber den Geschlechtsgenos­
selbst im bürgerlichen Zustande ein Zwang zu sen beansprucht und diesem → Begehren entspre­
Eidesleistungen der unverlierbaren menschlichen chend mit Sorge und Neid (mit → Schmerz) erfüllt
Freiheit zuwider ist“ (6:304f.). So setze das Ge­ ist. Er spricht z. B. von der Eifersucht der → Frau,
richt beim Eid „auf einen blinden Aberglauben“ „andere Weiber in Reizen oder im Vornehmthun
(6:304) des Aussagenden, nicht auf seine Mora­ zu übertreffen“ (7:307; vgl. auch 7:308).
lität (→ Legalität/Moralität). Allein wenn „es kein Darüber hinaus ist aber auch mehrfach von
anderes Mittel giebt, in gewissen Fällen hinter die einem in die menschliche Natur gelegten Trieb
Wahrheit zu kommen, als den Eid, muß von der der Eifersucht gegenüber anderen Menschen im
Religion vorausgesetzt werden, daß sie jeder habe, Allgemeinen die Rede (vgl. 15:615). Sie gründe
um sie als ein Nothmittel [. . . ] vor einem Gerichts­ auf der physischen, aber vergleichenden → Selbst­
hofe zu gebrauchen“ (6:304). Es werde dann „das liebe des Menschen, die darauf aus sei, sich in
Gewissen aufgeschreckt“ (8:269 Anm.) und der der Meinung anderer einen → Wert zu verschaf­
Aussagende könne aus abergläubischer Furcht vor fen, der zunächst einmal der der → Gleichheit ist,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Eigenliebe | 455

weswegen man keinem Überlegenheit über sich Pflicht, „meinen Eigendünkel durch das Recht
gestatte; dem entspringe aber fast zwangsläufig was jeder Andere als Mensch überhaupt hat [. . . ]
die ungerechte Begierde, Überlegenheit über an­ herabzustimmen“ (23:407). Der Eigendünkel ist
dere zu erlangen (vgl. 6:27). Die Eifersucht im dabei nicht zuletzt ein Fehler der (dogmatischen)
Allgemeinen wird als Manifestation eines Hangs Philosophie (vgl. 2:353; 4:382; KrV A 735 / B 763;
zu → Leidenschaften (vgl. 15:514), als böse → Nei­ KrV A 781 / B 809; → Dogmatismus).
gung (vgl. 15:608), als Antrieb zum → Bösen (vgl. Thomas Sören Hoffmann
15:632) und als natürliche Triebfeder zur Hervor­
bringung einer → bürgerlichen Gesellschaft (vgl.
15:647) klassifiziert. Eigenliebe
Außerdem nennt Kant noch eine Reihe von Eigenliebe ist ein natürliches Selbstverhältnis, das
spezifischen Formen der Eifersucht wie z. B. die zum System der → Neigungen gehört. Für dieses
patriotische Eifersucht (vgl. 5:484) oder die Eifer­ Selbstverhältnis, das sich als ein über alles gehen­
sucht unter den Vermögenden (vgl. 15:893). des Wohlwollen gegen sich selbst zeigt, wird auch
Andreas Trampota der Begriff der → Selbstliebe eingesetzt. Wichtige
Stelle: 5:72ff.

Eigendünkel Verwandte Stichworte


Eigendünkel ist nach Kant das selbstsüchtige, am Eigendünkel; Selbstliebe; Selbstsucht
→ Sittengesetz nicht gebrochene „Wohlgefallen[]
an sich selbst“ (6:45 Anm.) „(arrogantia)“ (6:462), Philosophische Funktion
das in der „Unbescheidenheit der Forderung [. . . ], Die Begriffe ‚Eigenliebe‘ und → ‚Selbstliebe‘ sind
von Anderen geachtet zu werden“ (6:462), kulmi­ semantisch mit → Rousseaus Verwendungsweise
niert, durch „reine praktische Vernunft“ jedoch der Ausdrücke ‚amour propre‘ und ‚amour de soi-
niedergeschlagen wird (5:73). Der Eigendünkel, même‘ verwandt. Für Rousseau hat der Begriff der
der über „vernünftige Selbstliebe“ (5:73) prinzipi­ ‚amour propre‘ eine negative und der der ‚amour
ell hinausgeht, zählt zu den Arten des „[E]goism“ de soi-même‘ eine positive Bedeutung. Kant folgt
(20:12) und ist demgemäß, anders als eine mora­ der Differenzierung und versieht selbstbezügliche
lisch gerechtfertigte „Selbstschätzung“ (23:406), Neigungen mit unterschiedlichen moralischen
„ausschließend“ (23:350). Weitere wichtige Stel­ Bewertungen.
len: 4:382; 5:74; 23:407. Der Begriff der Eigenliebe gehört in den
Begründungszusammenhang des Pflichtbegriffs,
Verwandte Stichworte der zeigt, dass der → Wille durch das → morali­
Arroganz; Eigenliebe; Selbstschätzung sche Gesetz „mit Abbruch aller Neigungen“ (5:72)
bestimmt werde. Zwischen → Sittlichkeit auf der
Philosophische Funktion einen Seite sowie Eigenliebe und Selbstliebe auf
Unter dem Begriff des Eigendünkels fasst Kant der anderen Seite sind die Grenzen „deutlich
alle Regungen des Hangs, „sich selbst nach den und scharf [. . . ] abgeschnitten, daß selbst das
subjectiven Bestimmungsgründen seiner Willkür gemeinste Auge den Unterschied, ob etwas zu der
zum objectiven Bestimmungsgrunde des Willens einen oder der andern gehöre, gar nicht verfehlen
überhaupt zu machen“, als jene Art der „Selbstlie­ kann“ (5:36).
be“, die „sich gesetzgebend und zum unbedingten Neigungen und Motive sind mit einem → Ge­
praktischen Princip macht“ (5:74). Das „morali­ fühl verbunden, dessen Befriedigung eigene
sche Gesetz“ indes, „welches allein wahrhaftig → Glückseligkeit bewirke. Das System der Nei­
(nämlich in aller Absicht) objectiv ist“, schließt gungen macht die „Selbstsucht (solipsismus)“
„den Einfluß der Selbstliebe auf das oberste prak­ (5:73) aus, die sich entweder als Selbstliebe, „ei­
tische Princip gänzlich aus und thut dem Eigen­ nes über alles gehenden Wohlwollens gegen sich
dünkel, der die subjectiven Bedingungen der ers­ selbst (Philautia)“ oder als → Wohlgefallen „an
teren als Gesetze vorschreibt, unendlichen Ab­ sich selbst (Arrogantia)“ (5:73) äußere. Jene sei
bruch“ (5:74). Aus diesem Gesetz ergibt sich die „besonders Eigenliebe, diese Eigendünkel“ (5:73).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
456 | Eigennutz

An Eigenliebe und Eigendünkel ist zu kritisie­ nen Handlungen, die den moralischen Normen
ren, dass sie „beide gerne ihre Grenzen verkennen“ entsprechen, sowohl durch die Achtung vor dem
(5:86). Dieser Anmaßung begegne das Gefühl der Sittengesetz als auch durch die Aussicht auf Eigen­
→ Achtung vor dem moralischen Gesetz, das den nutz motiviert sein. In letzterem Fall hat die Hand­
Eigendünkel entscheidend schwäche. Im Unter­ lung „keinen wahren sittlichen Werth“ (4:398;
schied zum Eigendünkel hebt die reine praktische → pflichtmäßig / aus Pflicht / aus Neigung). Eine
Vernunft die Eigenliebe jedoch nicht auf, sondern positive Funktion schreibt Kant in Frieden dem
schränkt sie auf die Bedingung der Einstimmung Eigennutz innerhalb seiner Geschichtsphiloso­
mit dem moralischen Gesetz ein. Sie nimmt dann phie zu: Da Kriege dem Handel schaden, befördert
die Gestalt einer vernünftigen Selbstliebe an. „Die die Aussicht auf den „wechselseitigen“ Eigennutz
reine praktische Vernunft thut der Eigenliebe blos in Gestalt des Handelsgeistes die Befriedung der
Abbruch, indem sie solche, als natürlich und noch Welt (8:368).
vor dem moralischen Gesetze in uns rege, nur Héctor Wittwer
auf die Bedingung der Einstimmung mit diesem
Gesetze einschränkt; da sie alsdann vernünftige
Selbstliebe genannt wird“ (5:73). Eigenschaft
Kant folgt mit den moralphilosophischen Kant verwendet den Ausdruck ‚Eigenschaft‘ in
Differenzierungen der selbstbezüglichen Gefühle einem allgemeineren und einem spezifischeren
den Vorgaben von Rousseaus Ethik der Autono­ Sinne. Im allgemeineren Sinne ist jedes → Prädi­
mie, die einen Ausgleich zwischen vernünftigen kat eines beliebigen Gegenstands eine Eigenschaft
Selbstverhältnissen und den Verbindlichkeiten dieses Gegenstands. In einem mehr technischen
der praktischen Vernunft anstrebt. Sinne verweist ‚Eigenschaft‘ spezifisch auf das ‚At­
Dieter Sturma tribut‘ eines Gegenstands – die Eigenschaft bzw.
Eigenschaften, die in seinem Wesen begründet
sind. In diesem Sinne kontrastiert ‚Eigenschaft‘
Eigennutz mit → ‚Akzidenz‘. Wichtige Stellen: 4:434; 8:229;
Kant verwendet den Terminus ‚Eigennutz‘ in der 9:60–120; 20:365f.; 21:71; 24:727; 28:438; 28:629.
aus der Umgangssprache geläufigen Weise; er um­
fasst alles, was dem eigenen Vorteil dient. In be­ Verwandte Stichworte
stimmten Kontexten bezeichnet ‚Eigennutz‘ bzw. Akzidenz; Attribut; Inhärenz; Wesen
das entsprechende Adjektiv ‚eigennützig‘ auch die
egoistische Motivation. Wichtige Stellen: 4:398; Philosophische Funktion
5:35; 6:453. Kant setzt ‚Eigenschaft‘ häufig mit einem ande­
ren technischen Ausdruck gleich: ‚Attribut‘ (vgl.
Verwandte Stichworte 8:229; 21:71; 24:727; 28:629). Hierin folgt er der Ver­
Egoismus; Selbstliebe; Selbstsucht wendungsweise, die in der deutschen Philosophie
des 18. Jahrhunderts üblich ist; J. A. Eberhard,
Philosophische Funktion G. E. Meier und A. G. Baumgarten setzen allesamt
Da nach Kant die Moralität einer Handlung dar­ das deutsche Wort ‚Eigenschaft‘ mit dem lateini­
in besteht, dass sie nur aus → Achtung für das schen ‚attributa‘ gleich (vgl. 16:311; 17:37; 28:552;
Sittengesetz vollzogen wird, ist das Prinzip des 28:586). Kant selber weist auf diese traditionelle
Eigennutzes als Streben nach der eigenen → Glück­ Verwendung hin (vgl. 20:365f.).
seligkeit das „gerade Widerspiel des Princips der Attribute sind Prädikate, die aus dem Wesen
Sittlichkeit“ (5:35): „Je mehr eigennütziger Be­ eines Gegenstands folgen, in diesem aber nicht
wegungsgrund, desto weniger moralitaet“ (Refl. enthalten sind. Als solche kommen sie dem Ge­
7224, 19:290). Dies zeigt sich auch daran, dass genstand notwendig zu, sind aber verschieden
eine eigennützige Maxime, z. B. der Grundsatz, von den essentiellen Prädikaten, die sein Wesen
anderen, Not leidenden Menschen nicht zu hel­ konstituieren (und auch ‚konstitutive‘ Prädika­
fen, nicht widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz te genannt werden), und den extraessentiellen
gedacht werden kann (vgl. 6:453). Allerdings kön­ Prädikaten oder Akzidenzien, die nicht im We­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Eigentum | 457

sen begründet sind und dem Gegenstand nicht Verwandte Stichworte


notwendig zukommen. So schreibt Kant in unver­ Besitz, intelligibler; Boden (rechtlich); Sachen­
öffentlichten Bemerkungen zu Entdeckung: „Die recht; Vertrag
zu einem Begriffe gehörige praedicate gehören
zu ihm entweder als unabtrennlich (nothwen­ Philosophische Funktion
dig) oder als abtrennlich (zufallige) Die erstere 1 Die Bedeutung von Eigentum
gehören dazu entweder als Bestandtheile des­ 1.1 Eigentum ist das umfassende (dingliche)
sen constituta die in demselben nothwendig ge­ Recht an einer → Sache (→ Sachenrecht). Es ist
dacht werden oder als Folgen rationata die noth­ das „ius contra quemlibet huius rei possessorem“
wendig aus dem Begriffe folgen die letztere sind [das Recht gegen jeden beliebigen (physischen)
innere oder aussere praedicate. Der Inbegrif al­ Besitzer der Sache] (6:261). Das heißt: Der Eigen­
ler Bestandtheile eines Begrifs ist das Wesen die tümer kann jeden anderen Besitzer vom Privatge­
nothwendige Folgen aus dem Wesen sind Eigen­ brauch der ihm gehörenden Sache ausschließen.
schaften attribute. – Nun aber sind diese attribute Der Eigentümer hat ferner das „ius disponendi
wiederum zwiefach. Sie folgen namlich aus dem de re sua“ [das Recht, über seine Sache zu verfü­
Wesen nach dem Satze des Wiederspruchs und gen]. Das Recht, die Sache unter Ausschluß des
sind analytisch oder nicht nach demselben und Eigentümers (des „dominus directus“) zu gebrau­
sind synthetische attribute“ (20:365f.). Zwar erläu­ chen, kann eine andere Person als der Eigentümer
tert Kant hier nur, wie Eberhard, der seinerseits haben. Die andere Person heißt dann „dominus
Baumgarten folgt, diese Ausdrücke verwendet; utilis“ (6:270).
doch auch er selbst verwendet sie häufig in die­ 1.2 Wenn Kant von ‚Eigentum‘ spricht, dann
sem technischen Sinne (vgl. auch 8:229; 9:60f.; meint er nicht nur das Eigentum einzelner Perso­
11:35). In zahlreichen anderen Abschnitten aller­ nen, sondern vor allem auch das Eigentum, das
dings verwendet Kant den Ausdruck ‚Eigenschaft‘ die Völker oder Staaten an dem Boden haben, auf
allgemeiner und meint damit eine jede beliebi­ dem sie ihren Sitz haben. Auch dieser Boden ist
ge Eigenschaft eines Gegenstands (vgl. 28:438; eine „Habe (patrimonium)“ (8:344). Schon Achen­
29:752; 29:794; 29:857; Refl. 4473, 17:564f.; Refl. wall, Iuris Naturalis pars posterior, 5. Aufl. 1763,
5590, 18:242). An einer Stelle bezeichnet er Ak­ § 226 (19:423), geht davon aus, daß das „Territo­
zidenzien ausdrücklich als reale Eigenschaften: rium des Volkes [. . . ] im Eigentum dieses Volkes
„Daher sind alle reale Eigenschaften, dadurch [steht]“ [Territorium gentis est in gentis dominio].
wir Körper erkennen, lauter Accidenzen“ (4:333). Als Kriterium für die Grenzen des Eigentums an ei­
Weil Kant den Ausdruck sowohl in einem weite­ nem Abschnitt des Meeres benutzt Kant die Reich­
ren als auch in einem engeren Sinne verwendet, weite von Kanonen (vgl. 6:265; 6:269). Das Eigen­
ist es schwierig, in Einzelfällen festzustellen, ob tum an dem jeweiligen Land betrifft das Verhältnis
der Bezug auf das Prädikat eines Gegenstands der Völker und Staaten zueinander. Daneben un­
als ‚Eigenschaft‘ bedeutet, dass dieses dem Ge­ terscheidet Kant zwischen dem (Unter)-Eigentum
genstand notwendig zukommt, oder ob lediglich einzelner physischer oder moralischer Personen
ein beliebiges Prädikat des Gegenstands gemeint an Stücken des Erdbodens und dem „Obereigen­
ist. thum“ des → Souveräns an dem Territorium, auf
Nicholas F. Stang dem ein Staat existiert (6:323f.). Die Unterschei­
(Übersetzung: Sebastian Boll) dung betrifft das Verhältnis zwischen den ein­
zelnen Privateigentümern und dem (jeweiligen)
Staat. Zum Innenverhältnis zwischen dem Sou­
Eigentum verän als „Obereigenthümer (dominus territorii)“
Eigentum (vgl. 6:270) ist der rechtliche (intelligi­ und den Land besitzenden individuellen Perso­
bele) → Besitz (im Unterschied zum physischen nen heißt es: Das Obereigentum ist „nur eine Idee
oder sinnlichen Besitz) von Sachen (6:245). Weite­ des bürgerlichen Vereins, um die notwendige Ver­
re wichtige Stellen: 6:237f.; 6:245f.; 6:251; 6:258f.; einigung des Privateigenthums aller im Volk un­
6:261–263; 6:265–267; 6:269; 6:323f.; 6:352; 8:344; ter einem öffentlichen allgemeinen Besitzer zu
19:423. Bestimmung des besonderen Eigenthums [. . . ]

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
458 | Eigentum

nach Rechtsbegriffen vorstellig zu machen“. Der Rücksicht vernichtete und zur res nullius machte“
Obereigentümer kann „kein Privateigenthum an (6:246). Daraus folgt, daß wir die vorfindlichen
irgendeinem Boden haben“. Das Privateigentum Sachen, die „herrenlos“ (d. h. die keinen Eigen­
am Boden „gehört nur dem Volk“ und zwar „nicht tümer haben) und zugleich „ledig“ sind (d. h. im
collectiv, sondern distributiv genommen“. Das Augenblick des beabsichtigten Gebrauchs von
heißt, dass auch das Land innerhalb eines Staats­ keiner anderen Person gebraucht werden), für
gebiets auf verschiedene individuelle Personen unsere Zwecke gebrauchen dürfen. 2) Um eine Sa­
als Privateigentümer aufgeteilt sein muss (6:323f.). che zu gebrauchen, muss ich sie unter Ausschluß
Dritter in physischen Besitz nehmen („Die sub­
2 Die Möglichkeit und der ursprüngliche Erwerb jective Bedingung des Gebrauchs überhaupt ist
von Eigentum der Besitz“, 6:245). Deshalb folgt aus der rechtli­
2.1 Im Unterschied zum Freiheitsrecht, das je­ chen Möglichkeit des Gebrauchs von herrenlosen
dem Menschen ursprünglich zukommt (vgl. 6:237), und ledigen Sachen die rechtliche Möglichkeit der
muß Eigentum erworben werden. Es ist auch, aus­ Inbesitznahme dieser Sachen unter Ausschluß
drücklich, nicht der Fall, dass alle Menschen oder Dritter. 3) Die Inbesitznahme kann mit einer von
alle Völker zusammen ursprünglich ein Gemeinei­ drei Intentionen erfolgen. Die Person, die eine her­
gentum am Erdboden und an den übrigen Sachen renlose und ledige Sache in Besitz nimmt, kann
auf der Erde haben (vgl. 6:258; 6:352). Die Fragen die Sache als eigene Sache, als fremde Sache oder
nach der Möglichkeit und nach dem ursprüng­ als eine Sache in Besitz nehmen, die keinem ge­
lichen Erwerb von Eigentum, insbesondere von hört. Keine dieser drei Intentionen wird durch 1)
Stücken des Erdbodens, gehören zu den wich­ oder 2) ausgeschlossen, d. h. jede dieser Intentio­
tigsten Fragen, die Kant in MSR stellt. Aus dem nen ist gestattet, insbesondere darf ich eine Sache
mit dem „→ Axiom der äußeren Freiheit“ (6:267; auch als Eigenbesitzer (als meine eigene Sache)
vgl. 6:268) angenommenen Freiheitsrecht (vgl. in Besitz nehmen. Darf ich aber eine Sache als
6:237f.) ergibt sich die Möglichkeit von Eigentum Eigenbesitzer in Besitz nehmen, dann folgt daraus
noch nicht. Eine Rechtsnorm, nach der Sachen die Möglichkeit von Eigentum. Kant: „Also ist es
niemandem gehören können und von niemandem eine Voraussetzung a priori der praktischen Ver­
gebraucht werden dürfen, wäre eine Norm, die nunft, einen jeden Gegenstand meiner Willkür als
„mit jedermanns äußerer Freiheit nach allgemei­ objectiv mögliches Mein und Dein anzusehen und
nen Gesetzen zusammenstimmen“ könnte. Doch zu behandeln“ (6:246). Das subjektive → Mein und
wäre eine solche Rechtsnorm absurd. Also muß Dein (Eigenbesitz) wird zum objektiven Mein und
das Gegenteil angenommen werden. Folglich, so Dein (Eigentum), wenn und weil das subjektive
Kants „rechtliches Postulat der praktischen Ver­ Mein und Dein erlaubt ist.
nunft“, ist es „möglich, einen jeden äußeren Ge­ 2.3 Eine Person erwirbt eine Sache durch ur­
genstand meiner Willkür als das Meine zu haben; sprünglichen oder durch abgeleiteten Erwerb (vgl.
d. i. eine Maxime, nach welcher, wenn sie Gesetz 6:258). Irgendeine ursprüngliche → Erwerbung
würde, ein Gegenstand der Willkür an sich (ob­ von Sachen muß möglich sein, weil nicht alle Er­
jectiv) herrenlos (res nullius) werden müßte, ist werbung abgeleitet sein kann (vgl. 6:266). Der ur­
rechtswidrig“ (6:246; → Rechtliches Postulat der sprüngliche Erwerb einer herrenlosen und ledigen
praktischen Vernunft). Sache geschieht durch Bemächtigung, also durch
2.2 Kants Begründung erfolgt in drei Gedanken­ (physische) Inbesitznahme. Dabei gilt das Rechts­
schritten. 1) Ein „absolutes Verbot“, sich des Ge­ sprichwort „Qui prior tempore, potior iure.“ [Wer
brauchs von Sachen, insbesondere von Stücken zeitlich früher ist, ist dem Recht nach stärker.]
des Erdbodens, zu enthalten, kann es nicht geben. Die von Kant ausdrücklich bemerkte Schwierig­
Denn dann würde die Freiheit (die sich eine solche keit besteht darin einzusehen, wie durch einen
Norm auferlegte) „sich selbst des Gebrauchs ihrer Akt einseitiger Willkür das Eigentum an einer Sa­
Willkür in Ansehung eines Gegenstandes dersel­ che, insbesondere an einem Stück des Erdbodens
ben berauben, dadurch daß sie brauchbare Ge­ begründet werden kann (6:259).
genstände außer aller Möglichkeit des Gebrauchs 2.4 Die Ermächtigung dazu, ein herrenloses und
setzte, d. i. diese [Gegenstände] in praktischer lediges Stück → Boden in Eigenbesitz zu nehmen,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einbildung | 459

ergibt sich daraus, daß mein (gesetzgebender) Wil­ zu verfahren“ (6:267), das Kant in 6:258 erläutert.
le, der mit meinem einseitigen (willkürlichen) Akt Diese Weise der Erwerbung „stimmt unter keiner
der Bemächtigung einhergeht, „in einem a priori anderen Bedingung mit dem Gesetz der äußeren
vereinigten gesetzgebenden Willen enthalten ist“ Freiheit von jedermann (mithin a priori) zusam­
(6:263). Dieser a priori und damit notwendig ver­ men als unter der Priorität in Ansehung der Zeit,
einigte Wille aller, die miteinander in Berührung d. i. nur als erste Besitznehmung, welche ein Akt
kommen können, ist ein von der „ursprünglichen der Willkür ist“ (6:263). Kants Überlegungen zum
Gemeinschaft des Bodens und damit auch der Erwerb von Eigentum an Stücken des Erdbodens
Sachen auf demselben (communio fundi origina­ zeigen ihre volle Bedeutung vor allem in Bezug auf
ria)“ (6:251) ausgehender allgemeiner Wille. Die die Begründung des Eigentums der Völker (und
ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens, die von Staaten) an dem Gebiet, das sie innehaben und
allen Menschen (und damit von allen Völkern) das, solange es im → Völkerrecht noch kein alle
gebildet wird, beruht auf dem gemeinsamen Be­ umfassendes öffentliches Recht gibt, ebenfalls
sitz der Erde, der nicht mit einem ursprünglichen ein Eigentum nach dem → Privatrecht ist.
Gemeineigentum (das nicht gedacht werden kann,
vgl. 6:258) zu verwechseln ist. Weiterführende Literatur
2.5 Die Grundlage für die → ursprünglichen Ge­ Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: Kant’s Doc-
meinschaft des Bodens ist die, daß jedermann trine of Right – A Commentary, Cambridge:
ursprünglich im rechtmäßigen Besitz eines Stücks Cambridge University Press 2010, insbes.
Boden ist (vgl. 6:262), daß, mit anderen Worten, 107–138.
jedermann ein ursprüngliches Recht auf einen Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: „The Natural
Aufenthaltsort hat. Dieses Recht ist aus dem ur­ Law Duty to Recognize Private Property Ow­
sprünglichen Freiheitsrecht abgeleitet, weil die nership – Kant’s Theory of Property in his ‚Doc­
Verweigerung eines Platzes auf der Erde auf die trine of Right‘“, in: University of Toronto Law
Tötung dessen hinausläuft, dem der Platz verwei­ Journal 56, 2006, 217–282.
gert wird. Jedoch ist damit noch kein Recht auf Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: „Der ur­
einen bestimmten Platz auf dieser Erde gegeben. sprünglich und a priori vereinigte Wille und
„Der bloße physische Besitz (Inhabung) des Bo­ seine Konsequenzen in Kants ‚Rechtslehre‘“, in:
dens ist schon ein Recht in einer Sache, obzwar Jahrbuch für Recht und Ethik 14, 2006, 141–165.
freilich noch nicht hinreichend, ihn als das Meine Hruschka, Joachim: ‚Kant und der Rechtsstaat‘
anzusehen“ (6:251). und andere Essays zu Kants Rechtslehre und
2.6 Die ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens Ethik, Freiburg im Breisgau, Karl Alber Verlag
ist eine Gemeinschaft aller Menschen in ihrer Ei­ 2015, insbes. 48–88.
Joachim Hruschka
genschaft, Inhaber des Rechts auf einen Aufent­
haltsort zu sein. Die Gemeinschaft ist eine not­
wendige Gemeinschaft, weil der zur Verfügung Einbildung
stehende Platz auf der Erde (als Kugel) begrenzt Kant versteht unter einer Einbildung die anschau­
ist und infolgedessen jeder Mensch mit jedem liche Vorstellung eines Gegenstandes, der den
anderen in Berührung kommen kann (vgl. 6:262; Sinnen nicht gegenwärtig ist. Die Fähigkeit, sich
6:352). Das noch abstrakte Recht eines jeden Men­ etwas einzubilden, ist die → Einbildungskraft (vgl.
schen auf einen Aufenthaltsort bedarf der Kon­ 7:165), die Kant häufig ebenfalls kurz als Einbil­
kretisierung, die jedem einen bestimmten Platz dung bezeichnet. Weitere wichtige Stellen: KrV
auf der Erde zuteilt. Die ursprüngliche Gemein­ B XL Anm.; KrV B 276f. Anm.; 7:167–191.
schaft des Bodens generiert infolgedessen einen
ursprünglich und notwendig allgemeinen gesetz­ Verwandte Stichworte
gebenden Willen, der ein Gesetz enthält, „nach Einbildungskraft; Blendwerk; Traum; Illusion
welchem einem jeden ein besonderer Besitz auf
dem Boden bestimmt werden kann“ und der die Philosophische Funktion
Aufteilung des Erdbodens zur „Pflicht“ macht. Da­ Kant verwendet ‚einbilden‘ und ‚Einbildung‘ seine
bei ist „nach dem Gesetz der äußeren Erwerbung ganze philosophische Laufbahn über in einem

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
460 | Einbildungskraft

durchweg umgangssprachlichen Sinn, häufig mit Die wichtigsten philosophischen Ausführun­


dem Beiklang von Illusion. Die reflexive Konstruk­ gen zur Einbildungskraft finden sich in der A- und
tion ‚sich einbilden‘ bedeutet im allgemeinen et­ der B-Fassung der Transzendentalen Deduktion,
was ‚unpassend beurteilen‘ oder ‚eine übereilte im Schematismus-Kapitel der KrV und schließlich
Schlussfolgerung ziehen‘. Das Adjektiv ‚eingebil­ in der KU. Aus den Prolegomena ist der Begriff so
det‘ meint vor allem ‚imaginär‘ oder ‚nur gedacht‘ gut wie verschwunden, da dieses Werk „analy­
im Gegensatz zu ‚wirklich‘ oder ‚gültig‘. Das häufig tisch“ fortschreitet (4:275) und nicht synthetisch
auch im Plural gebrauchte Nomen ‚Einbildung‘ wie KrV. In den ethischen Texten der kritischen
bezeichnet ein ‚(Vorstellungs-)Bild‘ oder eine ‚Er­ Periode spielt die Einbildungskraft keine bedeu­
dichtung‘, oft mit dem Beiklang von ‚Improvisa­ tende Rolle. Die Erörterung in der Anthropologie
tion‘. Das Zusammenhanglose des Ergebnisses ist eine Mischung aus der Art, wie er sie in seinen
wird oft durch seine Charakterisierung als ‚Spiel‘ Vorlesungen behandelt hat, und der technischen
betont. ‚Einbildung‘ geht häufig mit negativen Ausarbeitung, die seine veröffentlichte kritische
Ausdrücken wie „Blendwerk“ (z. B. 2:343) oder Philosophie kennzeichnet.
„Wahn“ (z. B. 2:320) einher und wird oft durch das Es ist umstritten, ob die Ausführungen zur
Adjektiv „bloß“ modifiziert (z. B. KrV B 275). Einbildungskraft in der A- und in der B-Deduktion,
John Zammito / Red. im Schematismus-Kapitel und der dritten Kritik
(Übersetzung: Birger Brinkmeier) sich zu einer in sich stimmigen Theorie der Ein­
bildungskraft zusammenfügen oder ob Kants Auf-
fassung entwicklungsbedingten Veränderungen
Einbildungskraft unterworfen ist. Weitere wichtige Stellen: 5:352;
„Einbildungskraft ist das Vermögen, einen Gegen­ 7:167–174; 20:279f.
stand auch ohne dessen Gegenwart in der An­
schauung vorzustellen“ (KrV B 151; vgl. 7:167, „[. . . ] Verwandte Stichworte
ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Ge­ Einbildungskraft, produktive/reproduktive;
genwart des Gegenstandes [. . . ]“). Über sein gan­ Schematismus des reinen Verstandes; Urteils­
zes Werk verstreut finden sich Bemerkungen, in kraft; Idee, ästhetische
denen Kant betont, dass die Wirkungsweise der
Einbildungskraft etwas Dunkles und Rätselhaf­ Vorgeschichte und historischer Kontext
tes an sich habe: „Die Synthesis überhaupt ist Bis zum Beginn der kritischen Periode findet sich
[. . . ] die bloße Wirkung der Einbildungskraft, ei­ bei Kant keine systematische Ausdeutung der Ein­
ner blinden, obgleich unentbehrlichen Function bildungskraft. Erst dann avanciert sie zu einem
der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkennt­ der zentralen Begriffe seiner Transzendentalphilo­
niß haben würden, der wir uns aber selten nur sophie. Seine Verwendung geht auf die schulphi­
einmal bewußt sind“ (KrV A 78 / B 103; vgl. KrV losophische Behandlung der „untern Erkenntniß­
A 141 / B 180f., 2:190f.). Für Kant war klar: „die vermögen“ zurück, so wie sie sich in Baumgartens
Imagination selbst [. . . ] können wir nicht weiter Metaphysica (§§ 557–623) findet, nach der Kant
herleiten. Demnach ist das bildende Vermögen sein Vorlesungen zur Metaphysik und – hin und
schon eine Grundkraft“ (28:262; vgl. 8:180f. Anm.). wieder – zur Anthropologie hielt. Kants Behand­
Von Gewicht ist das vor allem für die höchst um­ lung der Einbildungskraft war aber auch stark
strittene Frage, ob die Einbildungskraft im dis­ von den Ideen britischer Philosophen geprägt,
kursiven Bezugsrahmen Kants zum Vermögen der insbesondere von → David Hume und Alexander
Sinnlichkeit oder zum Verstandesvermögen ge­ Gerard. Kants erkenntnistheoretische Deutung
hört, oder, wie er zumindest einmal im Schematis­ der Einbildungskraft ist besonders von Hume be­
mus-Kapitel buchstäblich zu verstehen gibt (vgl. einflusst, während Gerard wichtige Vorarbeiten
KrV A 138 / B 177), „ein Drittes“ bildet, das vermit­ für die ästhetische Verwendung des Ausdrucks
telt, oder schließlich, wie Heidegger behauptete, lieferte.
die „gemeinsame Wurzel“, den metaphysischen Im Gefolge von Baumgarten und der Schul­
Grund des ganzen kantischen Seelenvermögens tradition unterscheidet Kant das ‚Vergegenwär­
darstellt. tigen‘ der Einbildungskraft im Hinblick auf den

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einbildungskraft | 461

jetzigen Augenblick, das Zurückrufen aus der Ver­ Kant zugleich: „Die Einbildungskraft ist indes­
gangenheit und das Vorhersehen der Zukunft. Er sen nicht so schöpferisch, als man wohl vorgi­
begreift die Einbildungskraft als ein „Bildungs­ ebt“ (7:178). Kant geht sogar noch weiter: „Die
vermögen“ (28:235) („facultas fingendi“) (28:231), productive [Einbildungskraft] ist dennoch [. . . ]
eine Gattung, die drei (zeitlich definierte) Arten eben nicht schöpferisch, nämlich nicht vermö­
umfasst: die „Abbildungskraft“ („facultas forman­ gend, eine Sinnenvorstellung, die vorher unserem
di“) (28:231), welche die „Vorstellungen der gegen­ Sinnesvermögen nie gegeben war, hervorzubrin­
wärtigen Zeit“ (28:235), die „Nachbildungskraft“ gen, sondern man kann den Stoff zu derselben
(„facultas imaginandi“) (28:231), welche die „Vor­ immer nachweisen“ (7:167f.). In Metaphysik L1
stellungen der vergangenen Zeit“ (28:235), und charakterisiert Kant das „Bildungsvermögen“ als
die „Vorbildungskraft“ („facultas praevidendi“) „ein Vermögen [. . . ] Erkenntnisse aus uns selbst
(28:231), welche die „Vorstellungen der zukünfti­ zu machen, die aber dennoch die Form an sich
gen Zeit“ beinhaltet (28:235). Kant ist sehr darauf haben, nach der die Gegenstände unsere Sinne
bedacht, das (gute) Gedächtnis zumindest per afficiren würden“ (28:235). Kant stellt sich also
definitionem vor den Entstellungen der ‚spiele­ gegen die Schule einer künstlerischen creatio ex
rischen‘ (willkürlichen) Einbildungskraft zu be­ nihilo und auf die Seite von Gerard und den Befür­
wahren sowie die vernünftige Erwartung von der wortern einer streng ‚reproduktiven‘ Kreativität
Prophezeiung oder der → Wahrsagerei zu unter­ der künstlerischen Einbildungskraft. Die Lehre
scheiden. vom ‚Originalgenie‘ (Wharton, Young und – in
Kant scheint damit an die von Baumgarten Deutschland – der Sturm und Drang) lehnte er
getroffene Unterscheidung zwischen facultas fin­ ab. „Wenn also gleich die Einbildungskraft eine
gendi (§§ 589–594) und phantasia (§§ 557–571) an­ noch so große Künstlerin, ja Zauberin ist, so ist sie
zuknüpfen. Kant identifiziert demzufolge die Ein­ doch nicht schöpferisch, sondern muß den Stoff
bildung mit dem Zurückrufen von „Vorstellungen zu ihren Bildungen von den Sinnen hernehmen“
der vergangenen Zeit durch die Association“ und (7:168).
stellt sie ausdrücklich dem eigentlichen „Einbil­ Der Begriff der ‚produktiven Einbildungs­
dungsvermögen“ als der Fähigkeit „neue Bilder kraft‘ hat jedoch noch einen sehr viel technische­
[zu] mache[n]“ gegenüber (28:236). In der Anthro­ ren, transzendentalen Sinn, der von dem damals
pologie ist das besonders klar ausgedrückt: „Die üblichen, weitgehend ästhetischen Begriff der
Einbildungskraft ist (mit andern Worten) entwe­ ‚dichtenden Einbildungskraft‘ unterschieden wer­
der dichtend (productiv) oder blos zurückrufend den muss. Tatsächlich geht es Kant bei seiner
(reproductiv)“ (7:167). Beschäftigung mit dem Begriff der Einbildungs­
Die schöpferische Einbildungskraft wird von kraft philosophisch vor allem um jene transzen­
Kant als → „Dichtungsvermögen“ charakterisiert: dentalphilosophische Unterscheidung zwischen
„Ehe der Künstler eine körperliche Gestalt (gleich­ produktiver und reproduktiver Einbildungskraft
sam handgreiflich) darstellen kann, muß er sie in (→ Einbildungskraft, produktive/reproduktive).
der Einbildungskraft verfertigt haben, und diese Im Einklang mit den Gepflogenheiten des
Gestalt ist alsdann eine Dichtung, welche, wenn 18. Jahrhunderts unterscheidet Kant zwischen
sie unwillkürlich ist (wie etwa im Traume), Phan­ dem willkürlichen und dem unwillkürlichen Spiel
tasie heißt und nicht dem Künstler angehört; der Einbildung und verbindet letzteres mit dem
wenn sie aber durch Willkür regiert wird, Com­ Ausdruck → Phantasie. Bei der Unterscheidung
position, Erfindung genannt wird“ (7:174f.). Die zwischen willkürlichem und unwillkürlichem
Fähigkeit, etwas Neues zu machen, ist vielleicht Spiel der ‚Einbildungen‘ dachte Kant zum Bei­
der eigentliche Sinn, den Kant mit dem Begriff spiel an den Gegensatz von Wach- und Traum­
→ produktive Einbildungskraft verbinden woll­ zuständen, obwohl er sich auch weitläufig über
te, und ist das, woran er dachte, wenn er ‚pro­ die Störungen des Gemüts auslässt, wenn sich im
duktiv‘ mit ‚dichtend‘ gleichsetzt. Doch im Wis­ Wachzustand Vorstellungsbilder unkontrolliert
sen um eine heftige Kontroverse über den Cha­ aufdrängen. Die vielleicht geistreichste Bemer­
rakter und den Umfang der schöpferischen Ein­ kung dazu findet sich in der Anthropologie: „Wir
bildungskraft (besonders bei Gerard), bemerkt spielen oft und gern mit der Einbildungskraft;

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
462 | Einbildungskraft

aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt der folgende Vorstellungen von Raum- und Zeit­
eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit abschnitten (Teile einer Linie, den Zeitraum einer
uns“ (7:175). Zu letzterem führt er aus: „Die Verge­ Stunde) als Teile eines zusammenhängenden Gan­
hungen (vitia) der Einbildungskraft sind: daß ihre zen vorzustellen (einer Linie, eines Tages; vgl. KrV
Dichtungen entweder blos zügellos oder gar regel­ A 102). Allerdings ist zu beachten, dass es sich ge­
los sind (effrenis aut perversa) [. . . ] Die zügellose nau genommen nicht um drei Synthesen, sondern
Phantasie [. . . ] ist Üppigkeit aus ihrem Reichtum; um eine „dreifache Synthesis“ (KrV A 97) handelt,
aber die regellose nähert sich dem Wahnsinn, wo also um drei Aspekte derselben Synthesis. Der
die Phantasie gänzlich mit dem Menschen spielt zweite Aspekt, die „Synthesis der Reproduction
[. . . ]“ (7:181). in der Einbildung“ (KrV A 100), macht die Funk­
tion der Einbildungskraft in dieser „dreifachen
Philosophische Funktion Synthesis“ explizit.
1 Einbildungskraft und Synthesis In der B-Deduktion schreibt Kant der Einbil­
Die Einbildungskraft ist eines der Grundvermögen dungskraft die „Synthesis des Mannigfaltigen der
des menschlichen Gemüts. Sie spielt eine zentrale sinnlichen Anschauung“ zu, sofern diese „a priori
Rolle in Kants Theorie der apriorischen Bedingun­ möglich und nothwenig ist“ (KrV B 151; → Syn­
gen menschlicher Erkenntnis in der KrV: „Das thesis, figürliche/intellektuelle). Auch die damit
erste, was uns zum Behuf der Erkenntniß aller eng zusammenhängende Schematisierung der
Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist das Kategorien und mathematischen Begriffe ist ei­
Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthe­ ne Funktion der produktiven Einbildungskraft
sis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungs­ (zur Funktion der Einbildungskraft in der Trans­
kraft ist das zweite, giebt aber noch keine Erkennt­ zendentalen Deduktion und im Schematismus,
niß. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis → Einbildungskraft, produktive/reproduktive).
Einheit geben und lediglich in der Vorstellung
dieser nothwendigen synthetischen Einheit be­ 2 Einbildungskraft und Hypotyposis
stehen, thun das dritte zum Erkenntnisse eines Kant identifiziert die Einbildungskraft mit dem
vorkommenden Gegenstandes und beruhen auf Vermögen der Darstellung (exhibitio oder hypoty­
dem Verstande“ (KrV A 78f. / B 104). Unter einer posis), das heißt der „Versinnlichung“ oder Dar­
→ Synthesis versteht Kant hier „die Handlung, ver­ stellung in der Anschauung (5:351): „das Vermö­
schiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun gen der Darstellung [. . . ] ist die Einbildungskraft“
und ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntniß zu (5:232). Davon unterscheidet er die „Charakteris­
begreifen“ (KrV A 77 / B 103). Die zentrale Rolle men“, bei denen „sinnliche Zeichen, die gar nichts
der Einbildungskraft ergibt sich nun daraus, dass zu der Anschauung des Objects Gehöriges enthal­
die „Synthesis überhaupt [. . . ] die bloße Wirkung ten“, als auf mechanischen „Gesetze[n] der Asso­
der Einbildungskraft“ ist, welche Kant hier als ciation“ beruhende Gedächtnisstützen für das Ge­
„blinde[], obgleich unentbehrliche[] Function der müt dienen (5:352; vgl. 7:191f.). Die → Darstellung
Seele“ bezeichnet, „ohne die wir überall gar keine (hypotyposis) besteht darin, einem gegebenen „Be­
Erkenntniß haben würden, der wir uns aber selten griffe eine correspondirende Anschauung zur Sei­
nur einmal bewußt sind“ (KrV A 78 / B 103). te zu stellen“ (5:192; vgl. 5:342f.). Der mathema­
Die Lehre von der „dreifachen Synthesis“ tischen Beweisführung liegt eine solche „reine“
(KrV A 97) in der A-Deduktion weist der Einbil­ (d. h. produktive) Konstruktion der Einbildung
dungskraft also eine doppelte Funktion zu: Zum in der Anschauung zugrunde: „Auf diese succes­
einen trägt sie als Vermögen der „Synthesis über­ sive Synthesis der productiven Einbildungskraft
haupt“ (KrV A 78 / B 103) zu allen drei Synthesen in der Erzeugung der Gestalten gründet sich die
bei (1. „Synthesis der Apprehension in der Anschau­ Mathematik der Ausdehnung (Geometrie) [. . . ]“
ung“, 2. „Synthesis der Reproduction in der Einbil­ (KrV A 163 / B 204). Bei der Geometrie kann es sich
dung“, 3. „Synthesis der Recognition im Begriffe“), für Kant nur deshalb um Wissen handeln, weil sie
zum anderen spielt sie eine zusätzliche Rolle in sich in der Erfahrung anwenden lässt, wie formal
der zweiten der drei von Kant genannten Synthe­ und a priori ihre Konstruktionen in der Anschau­
sen (KrV A 98–104), die es uns erlaubt, aufeinan­ ung auch sein mögen (vgl. KrV B 147): „Selbst der

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einbildungskraft | 463

Raum und die Zeit [. . . ] würden doch ohne ob­ aber nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als
jective Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung subjectiv zur Belebung der Erkenntnißkräfte, in­
sein, wenn ihr nothwendiger Gebrauch an den direct also doch auch zu Erkenntnissen anwendet
Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt wür­ [. . . ]“ (5:316f.). Diese Freiheit oder dieses „freie
de; ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das Spiel“ der Einbildungskraft fasst Kant also als
sich immer auf die reproductive Einbildungskraft freie Anpassung an die Gesetzmäßigkeit des Ver­
bezieht, welche die Gegenstände der Erfahrung standes auf, die auf diese Weise eine „Harmonie
herbei ruft, ohne die sie keine Bedeutung haben der Vermögen“ herbeiführt. Und gerade weil sie
würden [. . . ]“ (KrV A 156 / B 195). unbeschränkt ist, ist diese Harmonie auf beson­
Kant unterscheidet zwei grundlegende Arten dere Weise „belebend“ und daher angenehm. Das
der → Hypotypose: den Schematismus und den ist der Inhalt des reflexiven ästhetischen Urteils,
Symbolismus (vgl. 5:351). In einer Anmerkung in die Erfahrung von Schönheit.
der Religion bezeichnet sie Kant entsprechend als Kants Auffassung nach ist es durchaus mög­
„Schematism der Objectsbestimmung (zur Erwei­ lich, dass die Einbildungskraft in Widerspruch zu
terung unseres Erkenntnisses)“ und „Schematism den Gesetzmäßigkeiten des Verstandes gerät. „Die
der Analogie (zur Erläuterung)“ (6:65 Anm.) und Originalität (nicht nachgeahmte Production) der
gibt damit zu verstehen, dass für ihn der grund­ Einbildungskraft, wenn sie zu Begriffen zusam­
legende Begriff der des „Schemas“ ist. In seinem menstimmt, heißt Genie; stimmt sie dazu nicht
späten Aufsatz Fortschritte erklärt Kant: „Diese zusammen, Schwärmerei“ (7:172). Derlei „gesetz­
Handlung, wenn die objective Realität dem Be­ lose[] Freiheit“ (5:319) der Einbildungskraft könne
griff geradezu (directe) durch die demselben cor­ nur „Unsinn“ hervorbringen. „Die regellos herum­
respondirende Anschauung zugetheilt, d. i. dieser schweifende Einbildungskraft verwirrt durch den
unmittelbar dargestellt wird, heißt der Schema­ Wechsel der Vorstellungen, die an nichts objec­
tism; kann er aber nicht unmittelbar, sondern nur tiv angeknüpft sind, den Kopf [. . . ]“, und heraus
in seinen Folgen (indirecte) dargestellt werden, so kommt „eine Art Unsinn der Form nach“ (7:177).
kann sie die Symbolisirung des Begriffs genannt Die verschiedenen Exzesse der Einbildungskraft
werden. Das erste findet bey Begriffen des Sinnli­ werden mit Hilfe von Begriffen, die Kant auch in
chen statt, das zweyte ist eine Nothülfe für Begrif­ der Anthropologie benutzt, in der KU besprochen:
fe des Übersinnlichen, die also eigentlich nicht „Im Enthusiasm als Affect ist die Einbildungs­
dargestellt, und in keiner möglichen Erfahrung ge­ kraft zügellos; in der Schwärmerei als eingewur­
geben werden können [. . . ]“ (20:279f.; vgl. 5:352). zelter brütender Leidenschaft regellos. Der erstere
ist vorübergehender Zufall [. . . ]; der zweite eine
3 Das freie Spiel der Einbildungskraft und die Krankheit [. . . ]“ (5:275). Die schöpferische Leis­
Kritik der Urteilskraft tung der Einbildungskraft verlangt also stets die
Kants Kritik der ästhetischen Urteilskraft ist ebenso Anpassung ihres ‚freien Spiels‘ an die Regeln von
sehr eine Abhandlung über die Einbildungskraft Verstand und Vernunft. Darüber hinaus lässt Kant
wie über die Urteilskraft, mit der sie eng verwandt im schöpferischen Akt oder Spiel der Einbildungs­
ist. Die Behandlung der Einbildungskraft in der kraft niemals Neuerungen im Hinblick auf die
KU zeichnet sich besonders dadurch aus, dass Materie der Empfindung, sondern nur im Hinblick
Kant mit Nachdruck ihre Freiheit in der ästheti­ auf die Form zu.
schen Erfahrung betont: „Nur, da im Gebrauch Was heißt nun ‚freies Spiel‘ der Einbildungs­
der Einbildungskraft zum Erkenntnisse die Einbil­ kraft? Es findet sich zu einen beim Subjekt äs­
dungskraft unter dem Zwange des Verstandes und thetischer Erfahrungen und zum anderen beim
der Beschränkung unterworfen ist, dem Begriffe Schöpfers eines Kunstwerks. Beide teilen die Frei­
desselben angemessen zu sein; in ästhetischer heit der Einbildungskraft zur Umgestaltung, zum
Absicht aber die Einbildungskraft frei ist, um noch Spiel mit Vorstellungen, und zwar so, dass neue
über jene Einstimmung zum Begriffe, doch un­ Ordnungsmöglichkeiten in Erscheinung treten
gesucht reichhaltigen unentwickelten Stoff für können: „Die Einbildungskraft (als productives
den Verstand, worauf dieser in seinem Begriffe Erkenntnißvermögen) ist nämlich sehr mächtig in
nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieser Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
464 | Einbildungskraft

Stoffe, den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten nem Musterbilde völlig in concreto dargestellt wer­
uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich den“ (5:233). Sie ist „das zwischen allen einzelnen,
vorkommt; bilden diese auch wohl um: zwar noch auf mancherlei Weise verschiedenen Anschau­
immer nach analogischen Gesetzen [. . . ] wobei wir ungen der Individuen schwebende Bild für die
unsere Freiheit vom Gesetze der Association (wel­ ganze Gattung, welches die Natur zum Urbilde ih­
ches dem empirische Gebrauche jenes Vermögens ren Erzeugungen in derselben Species unterlegte,
anhängt) fühlen, nach welchem uns von der Natur aber in keinem Einzelnen völlig erreicht zu haben
zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas scheint“ (5:234f.). Kant gibt somit zu verstehen,
ganz anderem, nämlich dem, was die Natur über­ dass zumindest eine Analogie besteht zwischen
trifft, verarbeitet werden kann“ (5:314). Dies tritt der Wirkungsweise der Einbildungskraft im Ge­
zwar besonders lebendig im Werk des Künstlers in müt und den konkreten Ergebnissen der Naturvor­
Erscheinung, doch handelt es sich um eine Fähig­ gänge („Technik der Natur“) in der Wirklichkeit.
keit der Einbildungskraft, die allen gemeinsam ist, Die „ästhetische Normalidee“ (5:233) ist ein Über­
die für ästhetische Erfahrungen empfänglich sind. gangsbegriff zwischen dem eigentlichen Sche­
Dieser Prozess des Umbildens ist für das ‚freie matismus der Einbildungskraft der KrV und der
Spiel‘ der Einbildungskraft wesentlich. Während gänzlich symbolischen Wirkungsweise der ästhe­
die Einbildungskraft bei demjenigen, der als Be­ tischen Ideen, die in der dritten Kritik im Zusam­
trachter ästhetische Erfahrungen macht, zu dieser menhang mit den schönen Künsten erörtert wird.
Aktivität anlässlich eines bestimmten Stimulus In diesem Zusammenhang findet sich auch
angeregt wird, macht sich der Künstler daran, sol­ einer der ausführlichsten Versuche Kants, die rät­
che Anlässe bei anderen bewusst herbeizuführen. selhafte Wirkungsweise der Einbildungskraft psy­
Dazu braucht er ein natürliches Talent zur ima­ chologisch zu charakterisieren. Er schreibt: „Es
ginativen Umgestaltung (das Genie) ebenso wie ist anzumerken: daß auf eine uns gänzlich un­
Disziplin, die er sich durch die praktische Aus­ begreifliche Art die Einbildungskraft nicht allein
bildung in einer beispielhaften künstlerischen die Zeichen für Begriffe gelegentlich, selbst von
Tradition erworben hat (den Geschmack). langer Zeit her, zurückzurufen; sondern auch das
Bild und die Gestalt des Gegenstandes aus einer
4 Einbildungskraft und ästhetische Ideen unaussprechlichen Zahl von Gegenständen ver­
In diesem Zusammenhang stellt Kant eine Rei­ schiedener Arten oder auch einer und derselben
he von entscheidenden Überlegungen über die Art zu reproduciren; ja auch, wenn das Gemüth es
Macht der Einbildungskraft im Hinblick auf äs­ auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuthen nach
thetische Ideen an. Zunächst, in § 17 der KU, führt wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Be­
Kant den Begriff einer „ästhetische[n] Normal­ wußtsein, ein Bild gleichsam auf das andere fallen
idee“ als Bestandteil des von ihm so genannten zu lassen und durch die Congruenz der mehrern
„Ideals der Schönheit“ ein (5:233). Die „ästheti­ von derselben Art ein Mittleres herauszubekom­
sche Normalidee“ erweitert Kants Darstellung des men wisse, welches allen zum gemeinschaftlichen
Schematismus aus der KrV und gibt ihr eine neue Maße dient“ (5:233f.).
Richtung. Während die Einbildungskraft im ei­ Kants Interesse am Begriff ästhetischer Ide­
gentlichen Schematismus noch durch die Begriffe en betraf aber nicht in erster Linie die Frage, wie
a priori beschränkt wird, behauptet Kant in der die Einbildungskraft natürliche Arten zum Zwe­
KU, dass „eben darin, daß die Einbildungskraft cke der Erkenntnis schematisiert; vielmehr war
ohne Begriff schematisirt, die Freiheit derselben er daran interessiert, wie es für die Einbildungs­
besteht [. . . ]“ (5:287). Bei der „ästhetische[n] Nor­ kraft möglich ist, etwas darzustellen, das gänz­
malidee“ handelt es sich um die Idee einer Gat­ lich jenseits der Natur liegt – zumindest jenseits
tung, um einen „Typus“, der zwar in keinem sei­ der durchgängigen Bestimmung der Gegenstän­
ner Einzelexemplare vollständig zum Ausdruck de gemäß den Gesetzen des Verstandes. Die er­
kommt, der aber unentbehrlich ist, um ihre Zuge­ folgreiche Ausübung dieser Fähigkeit führt zur
hörigkeit zur betreffenden Gattung zu erkennen symbolischen hypotyposis, zu den Hervorbringun­
(→ Normalidee). Diese „ästhetische Normalidee“ gen der schönen Künste, in denen ein Ideal zum
kann in „eine[r] einzelne[n] Anschauung“, in „ei­ Ausdruck kommt. Ein Scheitern in der Ausübung

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einbildungskraft | 465

dieser Fähigkeit kann jedoch eine andere ästheti­ chen Regel bestimmte Züge sind, welche mehr
sche Erfahrung hervorbringen, die des Erhabenen eine im Mittel verschiedener Erfahrungen gleich­
nämlich, das seinerseits wiederum ein Reich jen­ sam schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes
seits der von den Verstandeskategorien genau Bild ausmachen, dergleichen Maler und Physio­
vorgeschriebenen Ordnung der Natur bezeichnet. gnomen in ihrem Kopfe zu haben vorgeben, und
Im § 47 der KU behauptet Kant, die Fähigkeit, die ein nicht mitzutheilendes Schattenbild ihrer
ästhetische Ideen hervorzubringen, „für sich al­ Producte oder auch Beurtheilungen sein sollen.
lein betrachtet, ist eigentlich nur ein Talent (der [Sie sollen] das nicht erreichbare Muster mögli­
Einbildungskraft)“ (5:314). Kant definiert „ästheti­ cher empirischer Anschauungen sein [. . . ] und
sche[] Idee“ als „diejenige Vorstellung der Einbil­ gleichwohl keine der Erklärung und Prüfung fä­
dungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne hige Regel abgeben“ (KrV A 570f. / B 598f.). Das
daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d. i. stillschweigend durch eine Synthesis beispielhaf­
Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Spra­ ter Einzelfälle erzeugte „Urbild des Geschmacks“
che völlig erreicht und verständlich machen kann“ sei, so erklärt Kant, „bloß ein Ideal der Einbil­
(5:314). Und er erklärt, dass man sie als Gegen­ dungskraft“ (5:232).
stück zu einer „Vernunftidee“ verstehen könne,
für die „keine Anschauung (Vorstellung der Einbil­ 5 Die Einbildungskraft und das Erhabene
dungskraft) adäquat sein kann“ (5:314). Während Im Zentrum von Kants Theorie des Erhabenen
eine ästhetische Idee eine „inexponible Vorstel­ steht eine „Subreption“ oder Erschleichung: Ein
lung“ ist, ist eine Vernunftidee „indemonstrabel[]“ Gegenstand der Natur wird so aufgefasst, als wäre
(5:342). Und während eine ästhetische Idee sich er der Grund für ein Gefühl, dessen Ursprung in
in einem eindeutig bestimmten Begriff buchstäb­ Wirklichkeit in einem selbst liegt. „Also ist das
lich nicht ausdrücken lässt, so dient sie doch „ei­ Gefühl des Erhabenen in der Natur Achtung für
gentlich [. . . ] um das Gemüth zu beleben, indem unsere eigene Bestimmung, die wir einem Objecte
sie ihm die Aussicht in ein unabsehliches Feld der Natur durch eine gewisse Subreption (Ver­
verwandter Vorstellungen eröffnet“ (5:315). Kant wechselung einer Achtung für das Object statt der
behauptet sogar: „Man kann überhaupt Schönheit für die Idee der Menschheit in unserm Subjecte)
(sie mag Natur- oder Kunstschönheit sein) den beweisen [. . . ]“ (5:257). Bei seiner Erörterung des
Ausdruck ästhetischer Ideen nennen [. . . ]“ (5:320). Erhabenen weist Kant der Einbildungskraft zwei
Das heißt, ästhetische Ideen „beleben“ und be­ Aufgaben zu: „Auffassung (apprehensio) und
wirken eine Harmonie der Vermögen – das ist für Zusammenfassung (comprehensio aesthetica)“
Kant die wesentliche Eigenschaft der Schönheit. (5:251). Was erstere betrifft, so ist die Einbildungs­
Kant hat schon früh die Idee vom → Ideal un­ kraft in der Lage, ad infinitum aufzufassen, das
terschieden. „Idee bedeutet eigentlich einen Ver­ heißt: Sie stößt auf keine Grenzen oder Schranken,
nunftbegriff und Ideal die Vorstellung eines ein­ da Raum und Zeit, die Anschauungsformen, ma­
zelnen als einer Idee adäquaten Wesens“ (5:232; thematisch indefinit oder „der Ausdehnung nach
vgl. KrV A 568 / B 596). Darüber hinaus ist er in unendlich“ sind, wie Kant in der ersten Antinomie
der KrV bemüht, das ‚Ideal der Vernunft‘ von dem der KrV gezeigt hat (KrV A 510–523 / B 538–551).
‚Ideal der Einbildungskraft‘ zu unterscheiden. Sie ist aber nicht in der Lage, dasselbe in der
Vom „Ideale der Vernunft“, einer begrifflichen „Zusammenfassung“ zu erreichen. Denn „in der
Ganzheit, die als regulatives Ziel der Vernunft bei Zusammenfassung ist ein Größtes, über welches
ihrer Suche nach dem Unbedingten dient, heißt sie nicht hinauskommen kann“. Einige der „Theil­
es, dass es „jederzeit auf bestimmten Begriffen vorstellungen der Sinnenanschauung“, die sie
beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der Be­ zusammenfassen will, gehen verloren, sobald
folgung oder Beurtheilung, dienen muß“. „Ganz neue hinzukommen (5:252). Besonders leicht lässt
anders“, schreibt Kant dann, „verhält es sich mit sich das an mathematischen Größen veranschau­
den Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber lichen: Zwar kann man sich ein Bild von drei
sich niemand erklären und einen verständlichen und vielleicht auch vier Dimensionen machen,
Begriff geben kann, gleichsam Monogrammen, doch in der Anschauung weitere Dimensionen
die nur einzelne, obzwar nach keiner angebli­ hinzuzufügen kann man nicht, obwohl man das

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
466 | Einbildungskraft, produktive/reproduktive

mit Hilfe algebraischer Formeln ohne weiteres


möglich ist. „[. . . ] die logische Größenschätzung
Einbildungskraft,
[geht] ungehindert ins Unendliche“ (5:254). Dass produktive/reproduktive
die Vernunft das Unendliche „als ganz (seiner To­ Kant unterscheidet zwei fundamentale Anwen­
talität nach) gegeben“ denken kann, zeigt an, dass dungsformen der Einbildungskraft, je nachdem,
dieses Vermögen „allen Maßstab der Sinne über­ ob deren Produkte (nämlich Anschauungen Ge­
trifft“. „Das gegebene Unendliche aber dennoch genständen, die den Sinnen nicht gegenwärtig
ohne Widerspruch auch nur denken zu können, sind) auf empirische Vorstellungen zurückgehen
dazu wird ein Vermögen, das selbst übersinnich oder nicht: „Die Einbildungskraft (facultas imagi­
ist, im menschlichen Gemüthe erfordert“ (5:254). nandi), als ein Vermögen der Anschauungen auch
Diese Verbindung mit der Vernunft gibt der ohne Gegenwart des Gegenstandes, ist entweder
Kunst, vermittelt durch das Genie, die Macht, productiv, d. i. ein Vermögen der ursprünglichen
„[von der Natur geliehenen] Stoff [. . . ] zu etwas Darstellung des letzteren (exhibitio originaria),
ganz anderem [zu verarbeiten], nämlich dem, was welche also vor der Erfahrung vorhergeht; oder
die Natur übertrifft“ (5:314). Oder wie Kant es auch reproductiv, der abgeleiteten (exhibitio derivati­
formuliert: „Der Dichter wagt es, [. . . ] über die va), welche eine vorher gehabte empirische An­
Schranken der Erfahrung hinaus vermittelst ei­ schauung ins Gemüth zurückbringt“ (7:167). Die
ner Einbildungskraft, die dem Vernunft-Vorspiele produktive Einbildungskraft ist demnach ein Ver­
in Erreichung eines Größten nacheifert, in einer mögen a priori, während die reproduktive Einbil­
Vollständigkeit sinnlich zu machen, für die sich dungskraft auf empirisches Material angewiesen
in der Natur kein Beispiel findet [. . . ]“ (5:314). Die ist und empirisch-psychologischen Gesetzmäßig­
Einbildungskraft funktioniert „nach Principien, keiten unterliegt: „So fern die Einbildungskraft
die höher hinauf in der Vernunft liegen (und die nun Spontaneität ist, nenne ich sie auch bisweilen
uns eben sowohl natürlich sind als die, nach wel­ productive Einbildungskraft und unterscheide sie
chen der Verstand die empirische Natur auffaßt)“ dadurch von der reproductiven, deren Synthesis
(5:314). In diesem Sinn ist die Einbildungskraft lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen
für Kant nicht nur ein Rätsel hinsichtlich ihrer der Association, unterworfen ist, und welche da­
Wirkungsweise, sondern auch eine menschliche her zur Erklärung der Möglichkeit der Erkenntniß
Gabe, die uns wertvolle Hinweise auf unsere über­ a priori nichts beiträgt und um deswillen nicht in
sinnlichen Fähigkeiten liefert. die Transcendentalphilosophie, sondern in die
Psychologie gehört“ (KrV B 152). Weitere wichtige
Weiterführende Literatur Stellen: KrV A 100–102; KrV B 150–152; KrV A 237 /
Crawford, Donald: „Kant’s Theory of Creative Ima­ B 296.
gination“, in: Cohen, Ted / Guyer, Paul (Hg.):
Essays in Kant’s Aesthetics, Chicago: University Verwandte Stichworte
of Chicago Press 1982, 151–178. Einbildungskraft; Reproduktion; Schema; Sche­
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Taste, Cam­ matismus des reinen Verstandes; Synthesis;
bridge: Harvard University Press 1979. Synthesis, figürliche/intellektuelle
Makkreel, Rudolf: Imagination and Interpretation
in Kant, Chicago u. a.: University of Chicago Philosophische Funktion
Press 1990. 1 Die reproduktive Einbildungskraft
Schaper, Eva: „Kant und das Problem der Einbil­ Da Kant den Begriff der reproduktiven Einbil­
dungskraft“, in: Bucher, Alexius / Drüe, Her­ dungskraft für vergleichsweise unproblematisch
mann / Seebohm, Thomas (Hg.): Bewußt Sein: hielt, soll dieser zuerst erörtert werden, um dann
Gerhard Funke zu eigen, Bonn: Bouvier 1975, zum anspruchsvolleren Begriff der produktiven
373–392. Einbildungskraft überzugehen. Den beiden oben
Young, J. Michael: „Kant’s View of Imagination“, angeführten Zitaten kann man entnehmen, dass
in: Kant-Studien 79, 1988, 140–164. die reproduktive Einbildungskraft für Kant etwas
John H. Zammito / Red. Empirisches ist. Sie beruht auf „eine[r] vorher ge­
(Übersetzung: Birger Brinkmeier) habte[n] empirische[n] Anschauung“ (7:167) und

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einbildungskraft, produktive/reproduktive | 467

folgt „lediglich empirischen Gesetzen, nämlich A 100–102), die er eindeutig der Transzendental­
denen der Association“ (KrV B 152). Zwar bringt philosophie zurechnet und damit als eine aprio­
die Einbildungskraft als Reproduktion einzelne rische Leistung auffasst: „[. . . ] so gehört die re­
Empfindungen zu einem dem Urteilsvermögen productive Synthesis der Einbildungskraft zu den
zugänglichen Gegenstand zusammen, doch müs­ transscendentalen Handlungen des Gemüths, und
sen jene Empfindungen schon gegeben sein, so in Rücksicht auf dieselbe wollen wir dieses Ver­
dass es sich nur um eine empirische Reproduktion mögen auch das transscendentale Vermögen der
handeln kann. Dass er sich auf „Gesetze der Asso­ Einbildungskraft nennen“ (KrV A 102). Demnach
ziation“ als den Mechanismen dieser Synthesis müssen wir die in der A-Deduktion formulierte
beruft, zeigt deutlich, dass Kant um die englisch­ „Synthesis der Reproduction [. . . ]“ (KrV A 100) so
sprachige Diskussion über die Einbildungskraft verstehen, dass sie mit der → figürlichen Synthesis
wusste, in der von Hobbes über Locke bis hin zu der B-Deduktion zusammenfällt. Die figürliche
Hume und darüber hinaus Gesetze der Assoziati­ Synthesis wird von Kant definiert als „Bestim­
on eine bedeutende Rolle spielten. mung [. . . ] durch die transscendentale Handlung
Ebenso wie die britischen Empiristen gibt der Einbildungskraft (synthetischer Einfluß des
auch Kant häufig zu verstehen, dass die reproduk­ Verstandes auf den inneren Sinn)“ (KrV B 154).
tive Einbildungskraft Vorstellungen ganz mecha­ Dass etwas → transzendental ist, erfordert nach
nisch und absichtslos hervorbringt (vgl. 5:328). Kant nicht nur, dass die geistige Operation a priori,
„Es ist zwar ein blos empirisches Gesetz, nach d. h. (logisch gesehen) ‚vor der Erfahrung‘ statt­
welchem Vorstellungen, die sich oft gefolgt oder findet, sondern auch, dass seine Funktion zur
begleitet haben, sich mit einander endlich verge­ Erklärung der Möglichkeit von Erkenntnis a priori
sellschaften und dadurch in eine Verknüpfung beiträgt (vgl. KrV B 25). Es muss für die Möglichkeit
setzen, nach welcher auch ohne die Gegenwart von Erfahrungswissen konstitutiv sein. Die Einbil­
des Gegenstandes eine dieser Vorstellungen einen dungskraft erfüllt diese transzendentale Funktion
Übergang des Gemüths zu den andern nach ei­ nur, wenn sie „ursprüngliche Darstellung“ oder
ner beständigen Regel hervorbringt“ (KrV A 100). exhibitio originaria sein kann.
Insofern als es sich bei dieser Funktion der Ein­ Weil sie also die Sinnlichkeit a priori be­
bildungskraft um etwas Abgeleitetes und weitge­ stimmt, muss die produktive Einbildungskraft
hend Gewohnheitsmäßiges handelt, gehört sie „die transscendentale Synthesis der Einbildungs­
ganz zur Psychologie, wie Kant notiert, und nicht kraft sein, welches eine Wirkung des Verstan­
zur Transzendentalphilosophie. In der Anthropo­ des auf die Sinnlichkeit und die erste Anwen­
logie erklärt er: „Das Gesetz der Association ist: dung desselben (zugleich der Grund aller übrigen)
empirische Vorstellungen, die nach einander oft auf Gegenstände der uns möglichen Anschau­
folgten, bewirken eine Angewohnheit im Gemüth, ung ist“ (KrV B 152). Mit Nachdruck weist Kant
wenn die eine erzeugt wird, die andere auch ent­ darauf hin, dass die in jedem synthetischen Akt
stehen zu lassen“ (7:176). Die Einbildungskraft der Einbildungskraft erzeugte Einheit durch den
verfährt den sinnlichen Gesetzen der Assoziati­ → Verstand – als Vermögen der Spontaneität –
on entsprechend, jedoch „ohne Bewußtsein der begründet wird: „[. . . ] diese hat ihre Einheit nur
Regel“ (7:177). Dieser stillschweigenden Regelbefol­ von der synthetischen Einheit, welche der Ver­
gung fehlt die Autonomie selbstbewussten Han­ stand der Synthesis der Einbildungskraft in Be­
delns. In diesem Sinne mutmaßte Kant, dass sogar ziehung auf die Apperception ursprünglich und
Tiere die Fähigkeit zur mechanischen Assoziation von selbst ertheilt [. . . ]“ (KrV A 237 / B 296). Da­
besäßen (vgl. 7:197). her schreibt Kant: „[. . . ] so ist alle Verbindung,
wir mögen uns ihrer bewußt werden oder nicht,
2 Synthesis der Reproduktion und produktive es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der
Einbildungskraft Anschauung oder mancherlei Begriffe, und an
Gleichwohl lässt sich der Ausdruck ‚Reproduk­ der ersteren der sinnlichen oder nichtsinnlichen
tion‘ nicht ganz auf das Empirische eingrenzen. Anschauung sein, eine Verstandeshandlung, die
In der A-Deduktion schreibt Kant von einer „Syn­ wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis be­
thesis der Reproduction in der Einbildung“ (KrV legen würden [und die] nur vom Subjecte selbst

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
468 | Einbildungskraft, produktive/reproduktive

verrichtet werden kann, weil sie ein Actus seiner wird – besonders in der Strukturierung der Zeit als
Selbstthätigkeit ist“ (KrV B 130). Die Einbildungs­ ‚innerem Sinn‘ – ist ein entscheidendes Element
kraft hat immer etwas Spontanes (vgl. KrV B 277 in Kants ‚transzendentaler Deduktion‘.
Anm.), und die → Spontaneität gehört unbedingt
zum Verstandesvermögen im für Kant umfassends­ 3 Einbildungskraft und Schematismus
ten und allein maßgebenden Sinn: „Es ist eine Wie die Anschauung von der Einbildungskraft
und dieselbe Spontaneität, welche dort unter dem a priori organisiert wird, ist Gegenstand des
Namen der Einbildungskraft, hier des Verstandes, → Schematismus-Kapitels. Dass Kant das Sche­
Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung matismus-Kapitel nach der tiefgreifenden Revi­
hineinbringt“ (KrV B 162 Anm.). sion der transzendentalen Deduktion in seiner
Das Verknüpfen ist ein geistiger Akt, ohne ursprünglichen Fassung belassen konnte, spricht
den eine Wahrnehmung überhaupt keine Gestalt sehr dafür, dass sich seine Konzeption der Einbil­
annehmen würde, denn ohne ihn gäbe es kei­ dungskraft zwischen den beiden Auflagen der KrV
nen für die Urteilsbildung geeigneten geistigen nicht wesentlich verändert hat. Die Erörterung
Gegenstand, sondern, mit dem Ausdruck von Wil­ im Schematismus-Kapitel macht deutlich, dass
liam James, ein „kunterbuntes Durcheinander“ Kants Begriff von imaginativer Spontaneität etwas
von Einzelheiten (vgl. Principles of Psychology, Allgemeineres und Kreativeres beinhaltet als das
S. 462). Die Sinnlichkeit wird von Kant nicht nur Wiedererlangen oder auch das Herstellen einer
als rein passiv begriffen, sondern auch als eine bestimmten Vorstellung. Dieser Unterschied wird
Ansammlung bloßer Partikularitäten, die sich als deutlich, wenn Kant Bild und Schema einander
solche niemals zu einem eindeutig bestimmten gegenüberstellt: „So viel können wir sagen: das
Gegenstand für das Bewusstsein verbinden wür­ Bild ist ein Product des empirischen Vermögens
den. „Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen der productiven Einbildungskraft, das Schema
Sinnes und der Anschauung, sondern hier das sinnlicher Begriffe (als der Figuren im Raume)
Product eines synthetischen Vermögens der Ein­ ein Product und gleichsam ein Monogramm der
bildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung reinen Einbildungskraft a priori, wodurch und
des Zeitverhältnisses bestimmt“ (KrV B 233). Die wornach die Bilder allererst möglich werden [. . . ]“
Fähigkeit, Vorstellungen in eine einheitliche Form (KrV A 141f. / B 181). Ein Schema ist demzufolge
zusammen zu führen, erweist sich als eine unent­ nicht einfach ein konkretes Bild, sondern viel­
behrliche Voraussetzung für jede Wahrnehmung. mehr eine Regel zur Konstruktion einer Klasse von
„Daß die Einbildungskraft ein nothwendiges In­ verwandten Bildern, ein „Typus“, mit dem sich
gredienz der Wahrnehmung selbst sei, daran hat Einzelexemplare erzeugen lassen. Kein einzelnes
wohl noch kein Psychologe gedacht“ (KrV A 121 Ding verkörpert das Schema als solches, vielmehr
Anm.). Dieser Akt der → Verknüpfung, den Kant garantiert das Schema die Familienähnlichkeit
als „transcendentale Synthesis der Einbildungs­ einer Vielzahl von Einzelexemplaren. „[. . . ] das
kraft“ (KrV A 145 / B 185; vgl. KrV A 118) bezeich­ Schema der Einbildungskraft [ist] eine Regel der
net, ist die erste Äußerung der Spontaneität in Bestimmung unserer Anschauung gemäß einem
der Konstitution der Erfahrung. Die „empirische gewissen allgemeinen Begriffe“ (KrV A 141 / B 180).
Einbildungskraft“ (KrV A 101) könnte daher nicht In der KpV definiert Kant das Schema als „ein all­
tätig werden, wenn sich nicht schon innerhalb gemeines Verfahren der Einbildungskraft (den rei­
der Anschauungsformen a priori (des Raumes nen Verstandesbegriff, den das Gesetz bestimmt,
und insbesondere der Zeit) bestimmte formale den Sinnen a priori darzustellen)“ (5:69). Anders
Anschauungen, d. h. einheitliche Mannigfaltigkei­ ausgedrückt: Es handelt sich um eine Anwendung
ten, synthetisieren ließen. Eben weil es diese reine der reinen Verstandesbegriffe, um eine zeitliche
Synthesis a priori der Einbildungskraft gibt, kann Ordnung im inneren Sinn herzustellen. Diese all­
die anschließende Synthesis a posteriori einzelner gemeine Form bezeichnet Kant als „Umriß (mono­
Empfindungen in Raum und Zeit diese Empfin­ gramma)“ (KrV A 833 / B 861) und betont damit,
dungen der Urteilskraft zugänglich machen, so dass es sich um einen eindeutig bestimmten ‚Ty­
dass aus ihnen empirisches Wissen wird. Dass die pus‘ handelt, mit dem sich mögliche Begriffsum­
Anschauung a priori in eine Ordnung gebracht fänge abgrenzen lassen. Das Schema wird durch

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einerleiheit/Verschiedenheit | 469

die Gesetze des Verstandes als unveränderliche wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was
und in sich stimmige Regel der Darstellung be­ unser eigenes Erkenntnißvermögen (durch sinn­
stimmt und dient somit dem, was Kant später als liche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst
bestimmende → Urteilskraft bezeichnet. hergiebt“ (KrV B 1).
Die Empfänglichkeit für Eindrücke ist damit
Weiterführende Literatur kennzeichnend für eine der „zwei Grundquellen
Heidegger, Martin: Kant und das Problem der Me­ des Gemüths“ (KrV A 50 / B 74), nämlich die Fä­
taphysik (1929), hg. von Friedrich-W. von Herr­ higkeit, „die Vorstellungen zu empfangen (die
mann, Frankfurt/M.: Klostermann 1991. Receptivität der Eindrücke)“ (KrV A 50 / B 74). Ein­
Pippin, Robert: „The Schematism and Empirical drücke sind für Kant also Vorstellungen.
Concepts“, in: Kant-Studien 67, 1976, 156–171. Da diese Empfänglichkeit allerdings nur eine
Schaper, Eva: „Kant’s Schematism Reconsidered“, „Empfänglichkeit“ (KrV B 129) für ein „Mannigfal­
in: Review of Metaphysics 18, 1964, 267–292. tige[s] der Vorstellungen“ (KrV B 129) ist, können
Sellars, Wilfrid: „The Role of Imagination in Kant’s die Eindrücke keine Erkenntnisse hervorbringen,
Theory of Experience“ in: Johnstone, H. W. sind aber Bedingung der Möglichkeit von Erkennt­
(Hg.): Categories: A Colloquium, University nissen. Die sinnlichen Eindrücke sind demnach
Park, PA: Department of Philosophy, Pennsyl­ die → Materie, die der Verstand vermittels einer
vania State University, 1978, 231–245. spontanen Synthesis in eine bestimmte Form brin­
Strawson, P. F.: „Imagination and Perception“, in: gen, nämlich in Vorstellungen von Raum und Zeit
ders. (Hg.): Freedom and Resentment, London: verbinden kann.
Johannes Haag
Methuen 1974, 45–65.
Young, J. Michael: „Construction, Schematism,
and Imagination“, in: Topoi 3, 1984, 123–131.
John Zammito / Red.
Einerleiheit/
(Übersetzung: Birger Brinkmeier) Verschiedenheit
Einerleiheit/Verschiedenheit ist eines von vier
Paaren von → Begriffen, durch die wir Dinge mit­
Eindruck einander → vergleichen können. Diese Begriffs­
Eindrücke sind das → Mannigfaltige, das „nach paare heißen → Reflexionsbegriffe oder Verglei­
der Form der Sinnlichkeit“ (KrV B 160 Anm.) ge­ chungsbegriffe. Bezüglich dieser Begriffe besteht
geben ist. Sie sind zu unterscheiden von der eine → Zweideutigkeit (→ Amphibolie), die bei der
„Zusammenfassung“ (KrV B 160 Anm.) dieses Verwendung zu beachten ist. Einerlei oder ver­
Mannigfaltigen in einer „anschauliche[n] Vorstel­ schieden sind je nach Zusammenhang Eigenschaf­
lung“ (KrV B 160 Anm.). Sie geben als „Eindrü­ ten oder Einzelgegenstände. Kant wirft → Leibniz
cke der Sinne den ersten Anlaß [. . . ], die ganze vor, dessen Philosophie erfasse nur die Einerlei­
Erkenntnißkraft in Ansehung ihrer zu eröffnen“ heit erster Bedeutung (Gleichheit), nicht die nur
(KrV A 86 / B 118). Weitere wichtige Stellen: 1:355; raum-zeitlich bestimmbare Selbigkeit (→ Identi­
2:264; 2:324ff.; 2:345ff.; KrV A 120f.; KrV A 342 / tät) eines Gegenstandes. Wichtige Stellen: KrV
B 400; KrV A 546f. / B 574f.; 5:154f.; 5:330; 7:161ff.; A 263f. / B 319f.; KrV A 271f. / B 327f.; Refl. 460f.,
8:222; 12:32; 12:41f.; 15:110; 15:141; 15:364; 17:368; 15:190.
17:618f.; 17:641; 17:685f.; 18:118; 18:309; 18:611;
18:689; 20:266; 22:464; 23:57. Verwandte Stichworte
Reflexionsbegriffe; Identität
Verwandte Stichworte
Affektion; Rezeptivität/Spontaneität; Sinnlich­ Philosophische Funktion
keit Die Ausdrücke ‚Einerleiheit‘ und ‚Verschiedenheit‘
sind zweideutig. In Aussagen wie „In der Verglei­
Philosophische Funktion chung gehen wir erst auf die Einerleyheit, denn
Unsere „Erfahrungserkenntniß“ (KrV B 1) ist für die Unterschiede“ oder „Die Einerleyheit und Ver­
Kant „ein Zusammengesetztes aus dem [. . . ], was schiedenheit nehmen wir eigentlich nicht wahr,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
470 | Einfache, das

sondern bemerken sie bey der Vergleichung“ ist Weiterführende Literatur


die Gleichheit von → Eigenschaften gemeint (Refl. Longuenesse, Béatrice: Kant and the capacity to
460f., 15:190; vgl. 24:533). Andere Feststellungen judge, Princeton: Princeton University Press
setzen dagegen die Selbigkeit zählbarer Gegen­ 1998, insbes. 132–136.
stände voraus: „ohne die Einerleyheit der Dinge Parkinson, G. H. R.: „Kant as a Critic of Leibniz“,
in Verschiedenen Zeiten [könnten] selbst diese in: Revue Internationale de Philosophie 35,
Verschiedenen Zeiten als solche nicht erkannt wer­ 1981, 302–314.
den“ (Refl. 5348, 18:158). Wegen dieser Zweideutig­ Hanno Birken-Bertsch / Bernd Prien
keit ist vor der Anwendung der Begriffe Einerlei­
heit und Verschiedenheit eine → transzendentale
Reflexion erforderlich, in der man sich darüber Einfache, das
klar wird, ob die zu vergleichenden Vorstellungen Kant definiert das substantivierte Adjektiv ‚das
zur → Sinnlichkeit oder zum → Verstand gehören. Einfache‘ als dasjenige, was „ohne alle Zusam­
Wenn man Dinge bloß durch → Begriffe des Ver­ mensetzung“ besteht (KrV A 434 / B 462). Wird
standes vorstellt, besteht ihre Verschiedenheit das Einfache von einem x ausgesagt, spricht Kant
darin, dass es unter ihren inneren Bestimmungen von der Einfachheit von x (z. B. der Einfachheit
(→ Quantität und → Qualität) einen Unterschied der Substanz) oder von einem einfachen x (der
gibt. Anders liegt der Fall, wenn die zu verglei­ „einfachen Substanz“, KrV A 345 / B 403). Das Ein­
chenden Vorstellungen zur Sinnlichkeit gehören. fache ist insofern an einem einfachen x gegeben,
Hier hängt Verschiedenheit nicht von den inne­ wie z. B. bei Leibniz das Wort ‚Monas‘ das Einfa­
ren Bestimmungen ab, sondern zwei Dinge sind che an einer einfachen Substanz bezeichnet (vgl.
auch dann verschieden, wenn sie sich an verschie­ KrV A 441f. / B 469f.). Als Grundbegriff der tra­
denen → Orten befinden, unabhängig von ihren ditionellen Metaphysik bezeichnet das Einfache
inneren Bestimmungen. Stellt man z. B. zwei Was­ das Innere einer Substanz (vgl. KrV A 274 / B 330).
sertropfen nur durch den Verstand, d. h. durch Be­ Weitere wichtige Stellen: 2:54f.; KrV A 354f.; KrV
griffe vor, so sind sie nur verschieden, wenn sich A 434–442 / B 462–471; KrV A 523–527 / B 551–555.
unter ihren inneren Qualitäten ein Unterschied
findet. Stellt man dagegen zwei Wassertropfen Verwandte Stichworte
durch → Anschauungen vor, so unterscheiden sie Antinomie; Einfachheit; Substanz
sich schon dann, wenn sie sich an unterschiedli­
chen Orten befinden, ansonsten aber vollkommen Philosophische Funktion
gleich sind. Wie das Wort ‚Einfachheit‘ verwendet Kant den
Leibniz hat es versäumt, diese Reflexion zu Ausdruck ‚das Einfache‘ zur Bezeichnung von
vollziehen und ist der genannten Zweideutigkeit etwas, was als Substanz existiert und auch als
aufgesessen. In seinem → Satz des Nichtzuunter­ Kennzeichen des Unverweslichen (2:54f.). Darüber
scheidenden, demzufolge zwei Dinge, die in allen hinaus definiert er Punkte als das „einzig Einfa­
ihren Eigenschaften übereinstimmen, identisch che im Raum“ (KrV B 419). Punkte stellen Grenzen
sind, übergeht er diese für Identität entscheiden­ dar, aber nicht etwas Reales als Teile des Raums.
de Zweideutigkeit. Da Leibniz Einerleiheit und Das Materielle bezeichnet kein Einfaches (KrV
Verschiedenheit allein über die „inneren Bestim­ A 413 / B 440). In der zweiten Antinomie der KrV
mungen (qualitas et quantitas)“ feststellt, seien wird der Gegensatz zwischen den Monadisten auf
begrifflich gleich zu beschreibende Gegenstände der einen und den Materialisten auf der anderen
für Leibniz ununterscheidbar (KrV A 263 / B 319). Seite anhand des Begriffs des Einfachen auf den
Kant dagegen glaubt, ansonsten gleiche Gegen­ Punkt gebracht: Der Thesis, nach der „eine je­
stände raumzeitlich unterscheiden zu können: de zusammengesetzte Substanz in der Welt [. . . ]
„ist [ein Gegenstand] [. . . ] Erscheinung, so [. . . ] ist aus einfachen Teilen“ besteht und „nichts als das
[. . . ] die Verschiedenheit der Örter dieser Erschei­ Einfache oder das, was aus diesem zusammenge­
nung zu gleicher Zeit ein genugsamer Grund der setzt ist“, existiert, steht die Antithesis gegenüber,
numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes nach der kein „zusammengesetztes Ding [. . . ] in
(der Sinne) selbst“ (KrV A 263 / B 319). der Welt aus einfachen Teilen“ besteht und „nichts

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einfachheit | 471

Einfaches“ (KrV A 435 / B 463) existiert. Träfe die ner Selbst, der Seele, der transzendentalen Ap­
Thesis, die Kant auch den „dialektischen Grund­ perzeption). Die „Einfachheit meiner selbst (als
satz der Monadologie“ (KrV A 442 / B 470) nennt, Seele)“ (KrV A 354) bzw. die „absolute Einfach­
zu, existierten in der Welt nur „Elementarsubstan­ heit“ (KrV A 784 / B 812) der Apperzeption liegt
zen“, die die Vernunft als „die ersten Subjekte jedem Gedanken immer schon zugrunde und kann
aller Komposition“ erkennen würde (KrV A 436 / nicht (wie Descartes nach Kants Lesart fälschlich
B 464). Die Antithesis beruft sich demgegenüber meinte) aus dem ‚Ich denke‘ geschlossen werden.
auf die innere und äußere Wahrnehmung, in der Das Urteil, ‚Ich bin einfach‘, muss vielmehr als
sich kein „schlechthin Einfaches“, das sich da­ „ein unmittelbarer Ausdruck der Apperzeption
mit als „eine bloße Idee“ (KrV A 437 / B 465) ent­ angesehen werden“ (KrV A 355). Das Ich ist seiner
puppt, ausweisen lässt. Die Materie ist – anders Qualität nach einfach und enthält nicht die „min­
als die Monadisten meinen – unendlich teilbar. deste Mannigfaltigkeit in sich“ (KrV A 355), weil
Kant löst die Antinomie in einem nicht einfach das Denken des Mannigfaltigen die absolute (und
zu verstehenden Gedankengang auf, indem er zu notwendige) Einheit des Ich voraussetzt. Aus die­
zeigen versucht, dass ein Körper („was in der Er­ sem Grunde stammt die Vorstellung bzw. das „ein­
scheinung Substanz heißt“) zwar ins „Unendliche fache Bewußtsein“ (KrV A 360) der notwendigen
teilbar“ ist, „ohne doch darum aus unendlich viel Einheit der Apperzeption auch nicht aus der Er­
Teilen zu bestehen“ (KrV A 525 / B 553). fahrung. Im Abschnitt über die Deduktion der rei­
Heiner F. Klemme nen Verstandesbegriffe spricht Kant auch von der
„transscendentalen Einheit des Selbstbewusst­
seins“ (KrV B 132), ohne die es keine apriorische
Einfachheit Erkenntnis geben würde. Dieser → analytischen
‚Einfachheit‘ ist die substantivierte Form von ‚ein­ Einheit können wir uns nur unter Voraussetzung
fach‘ und wird als Prädikat (bzw. Kategorie) vom der synthetischen Einheit der transzendentalen
→ Ich (→ Apperzeption; → Substanz) ausgesagt, Apperzeption bewusst werden. Die „einfache Vor­
weil das Ich nicht im Plural gedacht werden kann stellung“ (KrV B 135) des Ich, die ihrerseits nichts
(vgl. KrV B 407). Durch dieses ‚Ich denke‘ wird Mannigfaltiges enthält, ist also das Resultat von
„eine absolute, aber logische Einheit des Subjects Synthesisakten, durch die das Ich verschiedene
(Einfachheit)“ ausgedrückt, was jedoch nicht als Vorstellungen in einem Selbstbewusstsein verei­
eine Erkenntnis der „wirkliche[n] Einfachheit mei­ nigt.
nes Subjects“ (KrV A 356) im Sinne der rationalen Die Einfachheit der Vorstellung ‚Ich‘ benennt
Seelenlehre verstanden werden darf. Geometri­ keine Erkenntnis dieses Ich als einfacher Seelen­
sche Gestalten und Zahlen zeichnen sich durch substanz im Sinne der rationalen → Psychologie
die „Einfachheit ihrer Construction“ (5:366) aus. der Schulmetaphysik (vgl. KrV A 355, 4:336). In
Die Einfachheit des → kategorischen Imperativs der ersten Auflage der KrV weist Kant im Rah­
zeigt sich im Vergleich „mit den großen und man­ men des zweiten Paralogismus’ darauf hin, dass
nigfaltigen Folgerungen“ (6:225), die aus ihm gezo­ die Aussage, die Seele bzw. das denkende Ich
gen werden können. Weitere wichtige Stellen: KrV ist einfach, weil ihre bzw. seine „Handlung nie­
A 351; KrV A 354f.; KrV A 359; KrV A 784 / B 812; mals als die Konkurrenz vieler handelnder Dinge
KrV B 132; KrV B 135; KrV B 408; 4:336. angesehen werden kann [. . . ], der Achilles aller
dialektischen Schlüssel der reinen Seelenlehre“
Verwandte Stichworte (KrV A 351) ist. Doch auch das beste aller ratio­
Apperzeption; Einfache, das; Ich denke; Paralo­ nalpsychologischen Argumente ist zum Scheitern
gismus verurteilt, weil die Kategorie der Einfachheit (der
Simplizität) nur die logische und eben nicht ei­
Philosophische Funktion ne reale Einfachheit der Seele als Substanz be­
Kant verwendet das Qualitätsprädikat bzw. die zeichnet. Werden Kategorien nicht auf ein Man­
Kategorie der ‚Einfachheit‘ vor allem zur Charakte­ nigfaltiges in unserer Sinnlichkeit gegebener Vor­
risierung der „absoluten (obzwar bloß logischen) stellungen (Anschauungen) bezogen, haben sie
Einheit“ (KrV A 355) des Ich (des ‚Ich denke‘, mei­ keine objektive (d. h. unsere Erkenntnis erwei­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
472 | Einfalt, einfältig

ternde), sondern eine bloß logische Bedeutung. lich“, beispielsweise wenn er vom „einfältigen und
In der zweiten Auflage des Paralogismuskapitels doch zufriedenen Leben des Landmanns“ (7:162)
betont Kant, dass nicht-schematisierte Kategori­ oder von der „glücklichen Einfalt“ des gemeinen
en logische Funktionen des Denkens sind, „die Menschenverstandes“ (4:404) spricht. Selbst der
dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich „einfältigste[] Mensch[]“ (6:181) hat ein Bewusst­
selbst auch nicht als Gegenstand, zu erkennen sein des Moralgesetzes. Über die „unverdorbne,
geben“ (KrV B 407). Dass das Ich „ein Singular schuldlose Natur“ (5:335), die sich nicht zu ver­
sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte auf­ stellen weiß, lacht man. Der „einfältige[] gemei­
gelöset werden kann, liegt schon im Begriffe des ne[] Mensch“ (6:87) wird vom Bösewicht betro­
Denkens“ (KrV B 408) und ist ein analytischer gen.
Satz. In der vorkritischen Ästhetik nennt Kant das
Heiner F. Klemme Erhabene einfältig, weil es im Gegensatz zum
Schönen nicht „geputzt und geziert“ (2:210) ist. So
sind der Bau der ägyptischen Pyramiden und der
Einfalt, einfältig Entwurf der Peterskirche in Rom „einfältig und
Kant verwendet das Substantiv ‚Einfalt‘ und das edel“ (2:210). Ebenfalls einfältig sind „Wahrhaftig­
Adjektiv ‚einfältig‘ in verschiedenen anthropolo­ keit und Redlichkeit“ (2:211). In der KU verwendet
gischen, epistemologischen, moralischen und äs­ Kant den Begriff der Einfalt zur Erläuterung des Er­
thetischen Kontexten, in denen sie entweder eine habenen und der Sittlichkeit: „Einfalt (kunstlose
positive oder eine negative Bedeutung annehmen. Zweckmäßigkeit) ist gleichsam der Stil der Natur
So kann Einfalt ‚natürlich‘ und den Gegensatz im Erhabenen, und so auch der Sittlichkeit, wel­
zu ‚gekünstelt‘ bedeuten. Eine besondere Bedeu­ che eine zweite (übersinnliche) Natur ist, wovon
tung kommt der Verwendung des Ausdrucks in wir nur die Gesetze kennen, ohne das übersinnli­
der KU zu; dort definiert Kant Einfalt als „kunst­ che Vermögen in uns selbst, was den Grund dieser
lose Zweckmäßigkeit“, die den Stil der Natur im Gesetzgebung enthält, durch Anschauen errei­
Erhabenen und der Sittlichkeit bezeichnet (5:275). chen zu können“ (5:275). Der Ausdruck „kunstlose
Weitere wichtige Stellen: 2:210–213; 2:259f.; 4:404; Zweckmäßigkeit“ (5:275) begegnet uns nur ein
5:335f.; 7:204; 7:210. einziges Mal in Kants publizierten Schriften, al­
lerdings ohne dass er ihn näher erläutern würde.
Verwandte Stichworte Wird Natur einfältig, verfährt sie zweckmäßig, ob­
Erhabene, das; Natur wohl sie zunächst zwecklos zu verfahren scheint.
Was plan- und kunstlos erscheint, ist es tatsäch­
Philosophische Funktion lich nicht (vgl. 8:188).
Kant unterscheidet in der Anthropologie den ein­ Positiv besetzt ist das Wort ‚einfältig‘ auch
fältigen Menschen von der Einfalt, die ein Zeichen im Bereich der theoretischen Philosophie: Weil
von → Weisheit ist. Während man dem einfältigen selbst die gemeine → Menschenvernunft die Zu­
Menschen „nichts beibringen kann“ (7:210), be­ fälligkeit der Welt nicht zu akzeptieren vermag,
sitzt ein Mensch die Eigenschaft („Gabe“) der Ein­ ist das Argument für die Existenz einer höchs­
falt, wenn er unter Aufbietung geringster Mittel ten Kausalität (→ Gott) „einfältig und natürlich“
seinen Zweck erreicht. Der Gegensatz zur Ein­ (KrV A 589 / B 617). Die Naturgesetze sind dank
falt ist die „Künstelei“ (7:210). Einfältigkeit ist ihrer Allgemeinheit und Folgenträchtigkeit „ein­
wie Narrheit oder Dummheit eine „Gemüthsver­ fältig“ (2:103). Im Gegensatz zu der schweren und
stimmung“ (7:202). Der einfältige Mensch besitzt verwickelten Philosophie sind die Objekte der
Urteilskraft, ist also nicht dumm. „Einfältig ist Mathematik aufgrund ihrer wenigen und klaren
der, der nicht viel durch seinen Verstand auffas­ Grundlehren „leicht und einfältig“ (2:282).
sen kann; aber er ist darum nicht dumm, wenn Heiner F. Klemme
er es nicht verkehrt auffaßt“ (7:204). Der „Ein­
faltspinsel“ zeigt dagegen einen Mangel an Ur­
teilskraft (2:260, vgl. 2:260f.). An anderen Stellen eingeboren
verwendet Kant „einfältig“ synonym mit „natür­ → angeboren

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einheit | 473

A 401ff.; KrV A 680ff. / B 708ff.; 4:305; 5:181ff.;


Einheit 9:39; 9:101; 9:121f.; 11:52; 11:314; 11:346f.; 11:515;
‚Einheit‘ bezeichnet in der allgemeinsten Bedeu­ 12:222; 17:660; 17:704; 17:707; 17:734; 18:97f.;
tung das, was den Begriff der Verbindung einer 18:222; 18:339ff.; 18:369f.; 18:388ff.; 20:271f.; 21:241;
Vielfalt in Vorstellungen ermöglicht, unabhän­ 21:578f.; 21:592f.; 22:15–22; 22:349; 22:360f.; 22:463;
gig davon, ob das so Verbundene selbst schon 23:19; 23:26f.
komplexe Vorstellungen sind (wie im Urteil oder
im Schluss) oder nicht (wie in der Anschauung Verwandte Stichworte
eines Mannigfaltigen). Als Grenzbegriff steht dem Einheit (Kategorie); Apperzeption, Einheit der;
die „absolute Einheit“ (KrV A 99) einer einfachen Rekognition; Synthesis; Verbindung, verbinden;
Vorstellung gegenüber, die „in einem Augenblick Anschauung, Einheit der; Bewusstseins, Einheit
enthalten“ (KrV A 99) ist. des; Vernunft, Einheit der
Hinsichtlich der Verbindung eines Mannig­
faltigen in einer Anschauung wird die Einheit Philosophische Funktion
deshalb definiert als Vorstellung, die „dadurch, 1 Synthesis und Einheit
daß sie zur Vorstellung des Mannigfaltigen hin­ Der Begriff der Einheit entfaltet in Kants kriti­
zukommt, den Begriff der Verbindung allererst scher Philosophie seine spezifische Wirkung im
möglich macht“ (KrV B 131). Der Begriff der Einheit Zusammenwirken der Vermögen Verstand und
ist deshalb in seiner Anwendung auf Mannigfalti­ → Einbildungskraft im Prozess der „intellectuell“
ges eng verknüpft mit dem Begriff der Synthesis: (KrV A 124) gemachten Synthesis des sinnlich ge­
Die Vorstellung der Einheit macht aus dem Man­ gebenen Mannigfaltigen. Wenn „die Spontaneität
nigfaltigen der Erscheinung, das in die Synthesis unseres Denkens erfordert [. . . ], daß dieses Man­
der Einbildungskraft aufgenommen und reprodu­ nigfaltige zuerst auf gewisse Weise durchgegan­
ziert wurde, eine Einheit des Mannigfaltigen in gen, aufgenommen und verbunden werde, um
der Anschauung. daraus eine Erkenntniß zu machen“ (KrV A 77 /
Kant macht deutlich, dass diese Einheit des B 102) und diese „Handlung [. . . ] Synthesis“ (KrV
Mannigfaltigen in einer Anschauung und die A 77 / B 102) heißt, dann ist dafür die Leistung der
Einheit von Vorstellungen in Urteilen denselben Einbildungskraft in dieser Handlung, soweit sie
„Grund“ (KrV B 131) haben. Verantwortlich dafür eine „blind[e], obgleich unentbehrliche[] Func­
ist die qualitative Einheit, die „selbst den Grund tion der Seele“ (KrV A 78 / B 103) ist, allein nicht
der Einheit verschiedener Begriffe in Urtheilen, ausreichend. Denn als solche wäre sie beschränkt
mithin der Möglichkeit des Verstandes sogar in darauf, „verschiedene Vorstellungen zu einander
seinem logischen Gebrauche enthält“ (KrV B 131). hinzuzuthun“ (KrV A 77 / B 103) und würde diese
Diese qualitative Einheit, die den synthetischen Mannigfaltigkeit nicht „in einer Erkenntnis [. . . ]
und analytischen Gebrauch des Verstandes er­ begreifen“ (KrV A 77 / B 103). „Allein diese Synthe­
möglicht, ist die „transscendentale Einheit der sis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Function,
Apperception“ (KrV B 139). Diese liegt dem → Ver­ die dem Verstande zukommt, und wodurch er uns
stand als „Vermögen der Einheit [. . . ] vermittelst allererst die Erkenntniß in eigentlicher Bedeutung
der Regeln“ (KrV A 302 / B 359) ebenso zugrunde, verschafft“ (KrV A 78 / B 103).
wie der → Vernunft als „Vermögen der Einheit der In der transzendentalen Deduktion der zwei­
Verstandesregeln unter Principien“ (KrV A 302 / ten Auflage der KrV bezeichnet Kant das Resul­
B 359). tat einer Synthesishandlung, in der die Synthesis
Kant unterscheidet die Einheit in diesem durch den Verstand auf Begriffe gebracht wird, als
grundlegenden Sinn ausdrücklich von der Ka­ „Verbindung (conjunctio) eines Mannigfaltigen“
tegorie der (quantitativen) Einheit (→ Einheit (Ka­ (KrV B 129). Was diese → Verbindung auszeich­
tegorie); vgl. KrV B 131). Weitere wichtige Stel­ net erklärt er dort folgendermaßen: „Aber der
len: 2:93ff.; 2:328; KrV A 77ff. / B 102ff.; KrV A 94; Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe
KrV A 103–130; KrV B 129–169; KrV A 142–146 / des Mannigfaltigen und der Synthesis desselben
B 181–185; KrV A 176–181 / B 218–224; KrV A 216 / noch den der Einheit desselben bei sich. Verbin­
B 263; KrV A 306f. / B 363f.; KrV A 334 / B 391; KrV dung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
474 | Einheit

Mannigfaltigen. Die Vorstellung dieser Einheit Deshalb schreibt Kant: „Diese Einheit, die
kann also nicht aus der Verbindung entstehen, sie a priori vor allen Begriffen der Verbindung vor­
macht vielmehr dadurch, daß sie zur Vorstellung hergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit
des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der [. . . ]; denn alle Kategorien gründen sich auf lo­
Verbindung allererst möglich“ (KrV B 130f.). gische Functionen in Urtheilen, in diesen aber
Die Vorstellung der Einheit muss also zur ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener
Synthesishandlung hinzukommen, damit uns der Begriffe gedacht. Die Kategorie setzt also schon
Prozess des Verbindens (die eigentliche Synthesis) Verbindung voraus“ (KrV B 131). Die fragliche
eines gegebenen Mannigfaltigen von Vorstellun­ Vorstellung der Einheit ist deshalb nicht mit der
gen tatsächlich eine Verbindung, also eine syn­ analytischen Einheit der Vorstellungen im Urteil
thetische Einheit von Mannigfaltigem, als sein gleichzusetzen. Denn diese setzen die Kategorie
Produkt liefert. (Der Begriff der Einheit oszilliert der Einheit voraus.
bei Kant häufig so wie hier zwischen einer attri­ Ebenso wenig darf man sie mit der „syntheti­
butiven Verwendung von Einheit als Eigenschaft schen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschau­
einer Handlung und einer resultativen Verwen­ ung“ (KrV A 79 / B 105) identifizieren. Denn diese
dung von Einheit als Produkt einer Handlung). ist ja das Resultat der Handlung, die die Vorstel­
Diese Einheit wird nun also dadurch bewirkt, lung der Einheit voraussetzt.
dass „die Synthesis auf Begriffe“ (KrV A 78 / B 103) Vielmehr müssen wir „diese Einheit (als qua­
gebracht wird. Begriffe können deshalb als Funk­ litative, [. . . ]) noch höher suchen, nämlich in dem­
tionen der Einheit der Synthesis wie auch des Ur­ jenigen, was selbst den Grund der Einheit ver­
teilens aufgefasst werden (vgl. KrV A 67ff. / B 92ff.; schiedener Begriffe in Urtheilen, mithin der Mög­
KrV A 79 / B 104f.; → Funktion). In der ersten Auf- lichkeit des Verstandes sogar in seinem logischen
lage der KrV, in der Kant die Synthesishandlung, Gebrauche enthält“ (KrV B 131). Diese qualitati­
sofern sie tatsächlich zur Einheit des Mannigfal­ ve Einheit, die den synthetischen und analyti­
tigen führt, in eine „dreifache[] Synthesis“ (KrV schen Gebrauch des Verstandes ermöglicht, ist
A 97) differenziert, ist für diesen einheitsgebenden die „transscendentale Einheit der Apperception“
Aspekt die „Synthesis der Recognition im Begriffe“ (KrV B 139).
(KrV A 103) verantwortlich. Diese transzendentale → Einheit der Apper­
Diese Synthesis der Rekognition kann sich zeption oder auch die „transscendentale Einheit
empirisch oder rein vollziehen. Dabei ist die des Selbstbewußtseins“ (KrV B 132) „ist diejenige,
reine Rekognition, die „Grundlage[] a priori“ durch welche alles in einer Anschauung gegebene
(KrV A 115) der empirischen. Die „Gründe“ der Mannigfaltige in einen Begriff vom Object verei­
„formale[n] Einheit in der Synthesis der Ein­ nigt wird“ (KrV B 139). Als „objective Einheit“ (KrV
bildungskraft und vermittelst dieser auch alles B 139) muss sie von der „subjectiven Einheit des
empirischen Gebrauchs derselben“ (KrV A 125) Bewußtseins unterschieden werden, die eine Be­
sind die → Kategorien. stimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes
Mannigfaltige der Anschauung zu einer solchen
2 Einheit und transzendentale Apperzeption Verbindung empirisch gegeben wird“ (KrV B 139;
Auch wenn Kategorien Gründe der Einheit im er­ vgl. KrV A 107).
läuterten Sinne sind, können sie selbst nicht die Die synthetische Einheit des Mannigfalti­
Vorstellung der Einheit enthalten, die zur Syn­ gen in einer Anschauung, die wir eben von der
thesis hinzukommen muss, damit diese in einer transzendentalen Einheit der Apperzeption un­
Verbindung, also einer synthetischen Einheit des terschieden haben, beruht nun unmittelbar auf
Mannigfaltigen resultiert. Denn diese Vorstellung der transzendentalen Einheit der Apperzeption:
der Einheit kann selbst kein Verstandesbegriff „Ich bin mir [. . . ] des identischen Selbst bewußt,
sein. Begriffe sind zwar auch Vorstellungen, doch in Ansehnung des Mannigfaltigen der mir in ei­
Verstandesbegriffe werden – wie Begriffe allge­ ner Anschauung gegebenen Vorstellungen, weil
mein – aus Urteilen gewonnen, und Urteile sind ich sie insgesammt meine Vorstellungen nenne,
Vorstellungen, in denen „schon [. . . ] Einheit [. . . ] die eine ausmachen“ (KrV B 135). Es ist also mög­
gedacht“ (KrV B 131) ist. lich, die mannigfaltigen Vorstellungen zu einer

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einheit (Kategorie) | 475

Vorstellung zu verbinden, weil ich sie als meine Weiterführende Literatur


Vorstellungen – als Vorstellungen eines identi­ Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism,
schen Subjekts – auffassen kann. revised and enlarged Edition, New Haven u. a.:
Yale University Press 2004, Kap. 7.
3 Einheit der Apperzeption und synthetische Haag, Johannes: Erfahrung und Gegenstand.
Einheit des Mannigfaltigen Zum Verhältnis von Sinnlichkeit und Verstand,
Die Vorstellung dieser Einheit des Selbstbewusst­ Frankfurt/M.: Klostermann 2007, Kap. 5–6, 8.
seins in der transzendentalen Apperzeption ist Henrich, Dieter: „Die Identität des Subjekts in
also die Bedingung der Möglichkeit für die syn­ der transzendentalen Deduktion“, in: Oberer,
thetische Einheit des Mannigfaltigen in einer An­ Hariolf / Seel, Gerhard (Hg.): Kant. Analysen–
schauung. Die transzendentale Apperzeption wird Probleme–Kritik, Würzburg: Königshausen &
nun von Kant geradezu als „der Verstand selbst“ Neumann 1988, 39–70.
(KrV B 133 Anm.) bezeichnet. Klarer wird diese Howell, Robert C.: Kant’s Transcendental Deduc­
Behauptung durch eine ähnliche Bemerkung in tion. An Analysis of Main Themes in His Critical
der A-Deduktion: „Die Einheit der Apperception in Philosophy, Dordrecht: Kluwer 1992.
Beziehung auf die Synthesis der Einbildungskraft Strawson, Peter F.: „Imagination and Perception“,
ist der Verstand“ (KrV A 119). Wir brauchen also in: ders.: Freedom and Resentment and Other
den Verstand, um die Synthesis der Einbildungs­ Essays, London: Methuen & Co. 1974, 45–65.
kraft zum erforderlichen Ergebnis zu bringen: der Johannes Haag
einheitlichen Vorstellung eines Mannigfaltigen.
Diese Einheit des Mannigfaltigen entsteht
dadurch, dass der Verstand Mannigfaltiges ei­ Einheit (Kategorie)
ner Regel gemäß synthetisiert. Diese Regeln der Bei dem reinen Verstandesbegriff ‚Einheit‘ handelt
Synthesis sind eben die Begriffe, die empirisch es sich um die erste Quantitätskategorie. Diese
oder rein sein können. Empirische Regeln, „so­ wird von Kant mittels der metaphysischen De­
fern sie objectiv sind [. . . ] heißen Gesetze“ (KrV duktion aus der Form der → allgemeinen Urteile
A 126). Empirische Gesetze sind aber „nur beson­ hergeleitet (→ Quantität). Durch das Schematisie­
dere Bestimmungen noch höherer Gesetze, unter rungsverfahren werden aus der Einheit ihrerseits –
denen die höchsten [. . . ] a priori aus dem Verstan­ im Verbund mit den beiden anderen Quantitäts­
de selbst herkommen und [. . . ] den Erscheinungen kategorien – die → Axiome der Anschauung ge­
ihre Gesetzmäßigkeit verschaffen und dadurch Er­ wonnen (vgl. KrV A 161ff. / B 200ff.). – Der Begriff
fahrung möglich machen“ (KrV A 126). Ohne den der Einheit gehört zur Klasse der mathematischen
Verstand würde es deshalb keine „synthetische Kategorien (vgl. KrV B 110). Weitere wichtige Stel­
Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen len: KrV A 80 / B 106; KrV B 111; KrV B 114; 4:303;
nach Regeln geben“ (KrV A 126f.). Verantwortlich 4:495; 5:251ff.; 21:455.
für die Einheit des Mannigfaltigen ist aber die
Vorstellung der qualitativen Einheit, die die Ein­ Verwandte Stichworte
heit der transzendentalen Apperzeption ist. Diese Maß; Mathematik; Quantität; Zahl, Zählen
„Einheit der Apperception [. . . ] ist die Regel und
das Vermögen dieser Regeln der Verstand“ (KrV Philosophische Funktion
A 127). In der kritischen Philosophie Kants ist ‚Einheit‘
Dass die transzendentale Apperzeption einer der wichtigsten und am häufigsten auftreten­
selbst als Vorstellung der Einheit die Regel ist, den Ausdrücke. Je nach Kontext bzw. Spezifikation
muss man ergänzen um die Rolle der Kategorien, sind damit jedoch unterschiedliche Begriffe ge­
die als spezifische Ausformungen dieser Einheits­ meint. So verwendet Kant in der transzendentalen
regel als „höchste[]“ (KrV A 126) → Gesetze des Methodenlehre im Rahmen der Erläuterung der
Verstandes die Einheit des Selbstbewusstseins in praktischen Idee einer moralischen Welt und der
ihrer Anwendung als immer gleiche Verstandes­ Ausführungen zum Ideal des höchsten Guts die
begriffe in der Synthesis und im Urteil sichtbar Begriffe „moralische Einheit“ (vgl. z. B. KrV A 807 /
machen. B 835; vgl. A 814f. / B 842f.) sowie „Einheit der Zwe­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
476 | Einheit, analytische/synthetische

cke“ (KrV A 815ff. / B 843ff.). In der theoretischen Kant, wie verschiedene Stellen belegen, der Gren­
Philosophie spielen die Begriffe der „ursprünglich- zen des Modells durchaus bewusst, etwa wenn er
synthetischen Einheit der Apperception“ (vgl. z. B. im Rahmen der Erläuterung der Kategorientafel
KrV B 131ff.) bzw. der „transscendentale[n] Einheit betont: „So ist der Begriff einer Zahl (die zur Ka­
des Selbstbewußtseins“ (vgl. z. B. KrV B 132) sowie tegorie der Allheit gehört) nicht immer möglich,
der „Einheit der Erfahrung“ (vgl. u. a. KrV A 179 / wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind
B 222; KrV A 230 / B 282) eine prominente Rolle. (z. B. in der Vorstellung des Unendlichen)“ (KrV
Erwähnt werden von Kant unter vielen anderen B 111). Hier wird deutlich, dass Kant den Begriff
auch die „qualitative Einheit“ (KrV B 114) sowie der quantitativen Einheit nicht ausschließlich mit
die „distributive [. . . und] kollektive Einheit“ (KrV der diskreten, abzählbar-endlichen Zahl in Ver­
A 582 / B 610; A 644 / B 672). bindung bringt (vgl. von Wolff-Metternich, Über­
Von all diesen Einheitsbegriffen zu unter­ windung des mathematischen Erkenntnisideals,
scheiden ist die Einheit als Kategorie. Diese fun­ S. 80ff.).
giert als quantitative Synthesisfunktion und findet
Kant zufolge in unterschiedlichen Zusammenhän­ Weiterführende Literatur
gen Anwendung. Als Erstes kommt ihr die Auf­ Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema­
gabe zu, im Kontinuum der reinen Zeitanschau­ tik. Grundlagen – Voraussetzungen – Probleme,
ung begrifflich diskrete Einheiten zu fixieren und Hamburg: Meiner 1999.
als Zähleinheiten auszuzeichnen. Auch beim Ab­ Wolff-Metternich, Brigitta-Sophie von: Die Über­
schluss der sukzessiven Synthesis „von Einem windung des mathematischen Erkenntniside­
zu Einem (gleichartigen)“ (KrV A 142 / B 182) bzw. als, Berlin u. a.: de Gruyter 1995.
beim Zusammenfassen homogener Elemente zu Rebecca Iseli Buchi
begrenzten Mengen ist die kategoriale Einheit in­
volviert: „Vielheit, als Einheit betrachtet“ ergibt
→ Allheit (KrV B 111). Sowohl bei der begrifflichen
Strukturierung der reinen Anschauung unter dem
Einheit, analytische/
Gesichtspunkt der Diskretion als auch bei der synthetische
Bildung von Mengen gleichartiger Elemente han­ Die analytische Einheit ist diejenige Einheit, wel­
delt es sich um notwendige Voraussetzungen für che die Verstandesfunktion „den verschiedenen
die Bestimmung extensiver Größen im empirisch Vorstellungen in einem Urtheile“ gibt, bzw. ist je­
gegebenen Anschauungsmaterial. – In der ma­ ne, durch die der Verstand „in Begriffen [. . . ] die
thematischen Größenschätzung (Messung) dient logische Form eines Urtheils zu Stande [bringt]“
die erste Quantitätskategorie zur begrifflichen (KrV A 79 / B 104f.). Die synthetische Einheit oder
Festlegung von Maßeinheiten. Wichtig ist jedoch die „synthetische [. . . ] Einheit des Mannigfalti­
zu beachten, dass der Einheitsbegriff hier ledig­ gen in der Anschauung überhaupt“ ist diejeni­
lich insofern beteiligt ist, als er es ermöglicht, ge Einheit, welche die Verstandesfunktion „der
ein anschaulich erfasstes, selbst nicht quantita­ bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen
tiv bestimmtes Grundmaß „als Einheit zur Grö­ in einer Anschauung“ gibt, bzw. ist jene, durch
ßenschätzung durch Zahlen“ (5:251) zu verwen­ die der Verstand „in seine Vorstellungen einen
den. transcendentalen Inhalt“ bringt (KrV A 79 / B 105).
Die Grenzen des von Kant als Paradigma der Der → Verstand selbst ist die synthetische Einheit
quantitativen Synthesis betrachteten Modells ei­ der → Apperzeption (vgl. KrV B 134 Anm.). Die
ner sukzessiven Aneinanderreihung diskreter Ein­ analytische Einheit der Apperzeption ist die Vor­
heiten und deren Zusammenfassung zu begrenz­ stellung der „Identität des Bewußtseins in [den]
ten Mengen, welche „jederzeit einer Zahl“ ent­ Vorstellungen selbst“ (KrV B 133). Die synthetische
sprechen (KrV A 527 / B 555), sind offensichtlich: Einheit der Apperzeption ist diejenige, deren Vor­
Erfasst werden dadurch streng genommen nur stellung eine → Verbindung (vgl. KrV B 130f.) eines
die natürlichen Zahlen. Nicht beschreiben lassen „Mannigfaltige[n] gegebener Vorstellungen in ei­
sich im Rekurs auf eine ‚aggregative Synthesis‘ nem Bewußtsein“ ist (KrV B 133). Weitere wichtige
namentlich die irrationalen Zahlen. Doch ist sich Stellen:4:305; 20:203f. Anm.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einheit, distributive/kollektive | 477

Verwandte Stichworte zwischen analytischer und synthetischer Einheit


Bewusstseins, Einheit des; Apperzeption, der Apperzeption interpretiert werden sollte (vgl.
Einheit der; Apperzeption; Verstand Reich, Vollständigkeit, S. 12f.; Longuenesse, Ca­
pacity to Judge, S. 86) oder nicht (vgl. Brandt,
Philosophische Funktion Urteilstafel, S. 18ff.).
1 Analytische und synthetische Einheit
Die analytische und die synthetische Einheit sind Weiterführende Literatur
zwei von demselben Verstand durch genau die­ Allison, Henry: Kant’s Transcendental Idealism:
selben → Handlungen hervorgebrachte Arten der An Interpretation and Defense, New Haven:
→ Einheit. Kants Darstellung des Unterschieds zwi­ Yale University Press 1983, insbes. 66f., 125f.,
schen diesen beiden Einheiten dient als Grundla­ 143f.
ge für die sogenannte ‚metaphysische Deduktion‘ Longuenesse, Beatrice: Kant and the Capacity
der Kategorien (vgl. KrV A 79 / B 105; KrV B 159; to Judge: Sensibility and Discursivity in the
→ Deduktion der reinen Verstandesbegriffe, me­ Transcendental Analytic of the ‚Critique of Pure
taphysische), in der die reinen → Verstandesbe­ Reason‘, übers. von Charles T. Wolfe, Prince­
griffe aus der Tafel der logischen Urteilsformen ton: Princeton University Press 2 1998, insbes.
abgeleitet werden. Die Tafel der reinen Verstan­ 85f.
desbegriffe (Kategorien) ist das Gegenstück zur Reich, Klaus: Die Vollständigkeit der kantischen
Tafel der logischen Urteilsformen, weil es dersel­ Urteilstafel, Berlin: Richard Schoetz, 1932, ins­
be Verstand ist, der durch dieselben Handlun­ bes. 12f., 34f.
gen die beiden Formen der Einheit hervorbringt Seung-Kee Lee
(→ Urteil, Tafel der logischen Funktion des Ver­ (Übersetzung: Birger Brinkmeier)
standes).

2 Analytische und synthetische Einheit der


Apperzeption
Einheit,
Kant erklärt, dass nur unter der Voraussetzung distributive/kollektive
der synthetischen Einheit der Apperzeption die Die kollektive Einheit ist die Einheit „der ganzen
analytische Einheit der Apperzeption möglich sei möglichen Erfahrung“ (4:328). Die distributive
(vgl. KrV B 133f.). Die Unterscheidung zwischen Einheit ist die Einheit „[j]ede[r] einzelne[n] Er­
analytischer und synthetischer Einheit des Be­ fahrung“ (4:328). Weitere wichtige Stellen: KrV
wusstseins trifft Kant, um zu zeigen, dass ohne die A 582f. / B 610f.; KrV A 643f. / B 671f.
synthetische Einheit des Bewusstseins nicht nur
die analytische Einheit des Bewusstseins und mit Verwandte Stichworte
ihr die eigentliche Identität des Bewusstseins (vgl. Einheit, systematische; Idee; Vernunft
KrV B 135), sondern auch die Erkenntnis eines
Gegenstandes unmöglich wäre. Auf diese Wei­ Philosophische Funktion
se kann Kant nun die Notwendigkeit von reinen Eine dialektische Illusion hinsichtlich des Ideals
Verstandesbegriffen für die Erkenntnis begrün­ „der höchsten Realität“ (KrV A 581 / B 609) ent­
den, da es diese Begriffe sind, die der → Synthe­ steht, „weil wir die distributive Einheit des Erfah­
sis von Vorstellungen in einer Anschauung Ein­ rungsgebrauchs des Verstandes in die collective
heit geben, bzw. die eigentlich nur in der Vorstel­ Einheit eines Erfahrungsganzen dialektisch ver­
lung „dieser nothwendigen synthetischen Ein­ wandeln, und an diesem Ganzen der Erscheinung
heit“ des → Mannigfaltigen der → Anschauung be­ uns ein einzelnes Ding denken, was alle empiri­
stehen (KrV A 79 / B 104). sche Realität in sich enthält, welches denn [. . . ]
In der Kantforschung ist umstritten, ob die in mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt wird,
KrV A 79 / B 105 gegebene Darstellung des Unter­ was an der Spitze der Möglichkeit aller Dinge steht
schieds zwischen analytischer und synthetischer [. . . ]“ (KrV A 582f. / B 610f.).
Einheit in Verbindung mit der von Kant in KrV Seung-Kee Lee
B 133f. gegebenen Darstellung des Unterschieds (Übersetzung: Birger Brinkmeier)

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
478 | Einheit, moralische

18:340). „Es giebt mehrere Worte, die im Singulari


Einheit, moralische gebraucht einen andern Sinn haben, als wenn
Der Begriff der moralischen Einheit bezeichnet man sie im Plurali braucht; sie sind alsdann im
den Zusammenhang aller moralischen Subjekte Singulari in formaler, im Purali in materialer Be­
oder aller möglichen → moralischen Handlungen. deutung zu nehmen [. . . ] Einheit im Singulari ge­
Wichtige Stellen: 2:335; KrV A 807 / B 835. braucht ist qualitativ, im Plurali gebraucht quan­
titativ. Qualitative Einheit ist wie der Grund des
Verwandte Stichworte Ganzen, quantitative wie ein Theil des Ganzen
Welt, moralische zu betrachten. So kann man z. B. nicht sagen, die
Wärme bestehe aus Lauigkeiten, man bestimmt
Philosophische Funktion also ihre Größe nicht nach den Theilen, welche
In seinen veröffentlichten Werken gebraucht Kant sie enthält, sondern nach den Wirkungen, die sie
den Begriff der moralischen Einheit nur zweimal. hervorbringt, z. B. daß sie die Körper ausdehnt
In Träume heißt es, dass wir in unserem Verhält­ und man kann ihr daher nicht eine eigentliche
nis zu anderen Menschen durch eine „geheime Größe beilegen, sondern einen Grad, die einheit
Macht“ genötigt werden, „unsere Absicht zugleich die sich bei ihr findet, ist also qualitative Einheit.
auf anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu — Die Einheiten, aus welchen discrete Größen
richten“, ohne Rücksicht auf den → Eigennutz (Zahlen) bestehen, sind quantitative Einheiten“
(2:334). Durch die entsprechenden sittlichen An­ (18:322). Weitere wichtige Stellen: KrV B 202f.; KrV
triebe der Schuldigkeit und → Gütigkeit werde „in A 162ff. / B 203ff.; 22:83f.; 22:129; 22:432; 22:437.
der Welt aller denkenden Naturen“ eine „morali­
sche Einheit und systematische Verfassung nach Verwandte Stichworte
bloß geistigen Gesetzen“ gestiftet, die in der „Re­ Einheit; Funktion; Synthesis
gel des allgemeinen Willens“ gründe (2:335). Wäh­
rend der Begriff der moralischen Einheit hier auf Philosophische Funktion
die Gesamtheit denkender Subjekte bezogen ist, Die Unterscheidung zwischen qualitativer und
bezeichnet er in KrV die Einheit aller moralischen quantitativer Einheit wird wichtig im Zusammen­
Handlungen, die in der menschlichen Geschichte hang der Frage nach der Einheit von → Vorstel­
möglich sind. Durch „reine moralische Gesetze lungen: „In jedem Erkentnisse eines Objectes ist
[. . . ], die völlig a priori [. . . ] den Gebrauch der Frei­ nämlich Einheit des Begriffes, welche man quali­
heit eines vernünftigen Wesens überhaupt [. . . ] tative Einheit nennen kann, sofern darunter nur
bestimmen“, enthält die reine Vernunft in ihrem die Einheit der Zusammenfassung des Mannig­
„praktischen, [. . . ] moralischen [. . . ] Gebrauche“ – faltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa
im Gegensatz zum spekulativen Gebrauch – „Prin­ die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer
cipien der Möglichkeit der Erfahrung“ moralischer Rede, einer Fabel“ (KrV B 114).
Handlungen (KrV A 807 / B 835): Alle moralisch Für die synthetische Einheit des Mannigfalti­
gebotenen Handlungen sind durch ihren Bezug gen in Vorstellungen ist eine Vorstellung verant­
auf das Sittengesetz zu einer systematischen, mo­ wortlich, die „dadurch, daß sie zur Vorstellung
ralischen Einheit verbunden. des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der
Héctor Wittwer Verbindung allererst möglich [macht]“ (KrV B 131).
Diese Vorstellung ist nicht mit der analytischen
Einheit der Vorstellungen im Urteil gleichzuset­
zen, denn diese setzen die fragliche Einheit be­
Einheit, reits voraus. Ebenso wenig darf diese Vorstellung
qualitative/quantitative mit der Kategorie der Einheit identifiziert werden,
Während die „Einheit des obiects“ Kant zufolge da auch die Kategorien bereits Einheit der Ver­
quantitativ ist (also die Frage erlaubt, um wie bindung voraussetzen. „Also müssen wir diese
viele Einheiten es sich handelt), ist die „Einheit Einheit (als qualitative [. . . ]) noch höher suchen,
des Manigfaltigen im Obiect“ qualitativ (erlaubt nämlich in demjenigen, was selbst den Grund
also die Frage, wie diese Einheit beschaffen ist, der Einheit verschiedener Begriffe in Urtheilen,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einheit, systematische | 479

mithin die Möglichkeit des Verstandes, sogar in hern sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen“
seinem logischen Gebrauche, enthält“ (KrV B 131). (KrV A 567f. / B 595f.).
Die Vorstellung, die die qualitative Einheit ermög­ Er spricht außerdem von einer moralischen
licht, ist vielmehr die „transscendentale Einheit Art der systematischen Einheit, indem die Frei­
der Apperception“ (KrV B 139). heit eines vernünftigen Wesens unter moralischen
Auf der Grundlage von qualitativ einheitli­ Gesetzen sowohl mit sich selbst als auch mit der
chen Vorstellungen ist dann auch die quantitative Freiheit jedes anderen eine Einheit bildet (vgl. KrV
Einheit von Vorstellungen möglich, die die An­ A 807f. / B 835f.). Die moraltheologische Idee des
wendung der Kategorie der Quantität voraussetzt höchsten Gutes schließt eine systematische Ein­
und etwa dem Vorgang des Zählens zugrunde liegt heit der Zwecke ein (vgl. KrV A 814f. / B 842f.). Ob­
(vgl. KrV B 15f.). wohl diese Einheit nur die einer intelligiblen, d. i.
Johannes Haag moralischen Welt ist, führt sie auf die zweckmäßi­
ge Einheit aller Dinge und daher auf eine trans­
zendentale Theologie, die das Ideal der höchsten
Einheit, systematische ontologischen Vollkommenheit „zu einem Prini­
Kant versteht unter „systematische Einheit“, die­ cip der systematischen Einheit nimmt, welches
jenige Einheit, die „gemeine Erkenntniß allererst nach allgemeinen und nothwendigen Naturge­
zu Wissenschaft, d. i. aus einem bloßen Aggregat setzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der
derselben ein System macht“ (KrV A 832 / B 860). absoluten Nothwendigkeit eines einigen Urwe­
Sie ist die „Articulation“ einer Wissenschaft, in sens ihren Ursprung haben“ (KrV A 816 / B 844).
der die Teile nach der Idee, die ihrer natürlichen Zugleich räumt Kant ein, dass es ein Bedürfnis
Einheit zugrunde liegt, zusammengebracht, be­ der menschlichen Vernunft für die systematische
stimmt und erklärt werden (KrV A 834 / B 862). Einheit „des ganzen reinen Vernunftvermögens
Dementsprechend kritisiert Kant den Mangel an (des theoretischen sowohl als praktischen)“ geben
systematischer Einheit bei einer gelegentlichen muss (5:91). Kant fordert also nicht von ungefähr
Entdeckung bzw. bloß empirischen Untersuchung das transzendentale Prinzip der Zweckmäßigkeit
der Begriffe im Gegensatz zur Transzendental­ in der KU im Hinblick auf einen Begriff der syste­
philosophie, die ihre Begriffe nach einem Prin­ matischen Einheit (vgl. 5:184; 5:197f.; 5:373).
zip, d. h. systematisch aufsucht (vgl. KrV A 66f. /
B 91f.). Weitere wichtige Stellen: KrV A 650–654 / 2 Die Schlüsselstellung des Begriffs der
B 678–682; 5:9; 5:184; 5:197f.; 5:373. systematischen Einheit
In der theoretischen Philosophie besitzt der Be­
Verwandte Stichworte griff der systematischen Einheit eine Schlüssel­
Einteilung; Gliederbau; System; systematisch stellung, da ohne ihn der regulative oder hypo­
thetische Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
Philosophische Funktion nicht erklärt werden kann. Er nimmt angesichts
1 Die vielfältige Verwendung des Begriffes der gegebener, aber besonderer Erkenntnisse eine re­
systematischen Einheit gelhafte, wenngleich problematische Allgemein­
Kant spricht von ‚systematischer Einheit‘ auf un­ heit an, „um dadurch, so weit als es möglich ist,
terschiedlichen Ebenen. So wie er ein System als Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu brin­
ein organisiertes Ganzes auffasst, dessen Teile gen und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu
untergeordnete Systeme ausmachen, kennzeich­ nähern“ (KrV A 647 / B 675), Im hypothetischen
net er die Metaphysik als diejenige Philosophie, Gebrauch der Vernunft geht es also um ‚die syste­
die alle reine Erkenntnis a priori in einer syste­ matische Einheit‘ der Verstandeserkenntnisse, de­
matischen Einheit darstellen soll (vgl. KrV A 845 / ren Prinzip Kant zugleich als logisch und subjektiv
B 873). Obwohl keine Gegenstände den Ideen der kennzeichnet. Kant unterscheidet drei Prinzipien
reinen Vernunft entsprechen, haben sie „eine ge­ der systematischen Einheit. Dem Interesse des
wisse Vollständigkeit, [. . . ] und die Vernunft hat Umfanges der systematischen Einheit entspricht
dabei nur eine systematische Einheit im Sinne, ein Prinzip der → Homogenität, das sich auf die
welcher sie die empirisch mögliche Einheit zu nä­ Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
480 | Einheit, systematische

Gattungen bezieht. Dem Interesse des Inhalts des scher Einheit ab (vgl. Bondeli, Unentbehrlichkeit
Systems entspricht ein Prinzip der → Spezifika­ der Vernunftideen, S. 172; Wartenberg, Reason and
tion, das sich auf die Varietät des Gleichartigen the practice, S. 232).
unter niederen Arten bezieht. Hinzu kommt ein Jedem der drei oben angedeuteten logischen
drittes, die beiden anderen verbindendes Prinzip Prinzipien der systematischen Einheit liegt ein
der → Kontinuität, das die Affinität aller Begriffe entsprechendes transzendentales Prinzip zugrun­
fordert, damit der Übergang von jeder Art zu je­ de (vgl. KrV A 662 / B 690):
der anderen kontinuierlich ist (vgl. KrV A 657ff. /
B 685ff.). Prinzipien der systematischen Einheit
Obwohl Kant die durch diese Prinzipien ange­  \
strebte systematische Einheit für den „Probirstein hypothetisch, notwendig,
der Wahrheit der Regeln“ erklärt, hebt er zugleich logisch, transzendental,
hervor, dass sie „lediglich nur projectirte Einheit“ subjektiv unbestimmt objektiv
ist, die man nicht als gegeben, sondern als Pro­ \ 
blem ansehen muss (KrV A 647 / B 675). Damit aber Homogenität (Einheit, Gleichartigkeit)
entsteht die Frage, ob sie der Natur gemäß wäre Spezifikation (Mannigfaltigkeit, Varietät)
(vgl. KrV A 651 / B 679). Die Frage entsteht, weil die Kontinuität (Verwandtschaft, Affinität)
logischen Prinzipien der systematischen Einheit
angeblich unmöglich bzw. ohne Sinn und An­ Obwohl Kant eine transzendentale Deduk­
wendung wären, wenn sie der Natureinrichtung tion der Ideen als „heuristische[r] Grundsätze“
ganz widersprechen würden (vgl. KrV A 650–654 / zunächst für unmöglich hält (KrV A 663f. / B 691f.),
B 678–682). Die logischen Prinzipien der syste­ erklärt er später, dass sie keine Deduktion „von
matischen Einheit betreffen zwar bloß die Form der Art, als die Kategorien“ (KrV A 669 / B 697)
der Verstandeserkenntnisse; doch finden diese gestatten. Da sie „einige, wenn auch nur unbe­
Erkenntnisse und demzufolge ihre Form bzw. der stimmte, objective Gültigkeit haben“, muss ei­
Vernunftgebrauch nur statt, wenn die mannigfal­ ne andere Art der Deduktion derselben möglich
tigen Dinge, die die Natur uns zu erkennen gibt, sein (KrV A 669 / B 697; vgl. KrV A 680 / B 708, KrV
vergleichbar sind, d. h. wenn sie selbst in einer A 693 / B 721). Der Unterschied zur Deduktion der
Einheit zusammenhängen. Aus solchen Überle­ Kategorien besteht darin, dass eine Idee keinen
gungen zieht Kant den Schluss, dass jedes logi­ Gegenstand, sondern bloß ein „Schema [. . . ], wel­
sche Prinzip der systematischen Einheit ein trans­ ches nur dazu dient, um andere Gegenstände ver­
zendentales Prinzip voraussetzt, „durch welches mittelst der Beziehung auf diese Idee nach ih­
eine solche systematische Einheit, als den Ob­ rer systematischen Einheit, mithin indirect uns
jecten selbst anhängend, a priori als nothwendig vorzustellen“, bestimmt (KrV A 670 / B 698; vgl.
angenommen wird“ (KrV A 650f. / B 678f.). Oh­ KrV A 674 / B 702, KrV A 682 / B 710). Obwohl die
ne diese transzendentale Voraussetzung hätten Erfahrung niemals ein Beispiel „vollkommener
wir „gar keine Vernunft, ohne diese aber keinen systematischer Einheit“ gibt (KrV A 681 / B 709),
zusammenhängenden Verstandesgebrauch und ist sie diejenige Einheit, um die es beim empiri­
in dessen Ermangelung kein zureichendes Merk­ schen Gebrauch der Vernunft geht. „Die größte
mal empirischer Wahrheit“ (KrV A 651 / B 679). systematische, folglich auch die zweckmäßige
Kant kennzeichnet diese transzendentale Voraus­ Einheit ist die Schule und selbst die Grundlage
setzung als „die systematische Einheit der Na­ der Möglichkeit des größten Gebrauchs der Men­
tur“ und „inneres Gesetz der Natur“ im Gegensatz schenvernunft“ (KrV A 694 / B 722). Diese systema­
zu „bloß ein[em] ökonomische[n] Grundsatz der tische Einheit soll also „zur Richtschnur des em­
Vernunft“ (KrV A 650 / B 678) oder „Handgriffe[n] pirischen Gebrauches der Vernunft dienen“ (KrV
der Methode“ (KrV A 661 / B 689; vgl. KrV A 653 / A 674f. / B 702f.). Aufgrund dieser → Idee kommt
B 681). Obwohl die logischen Prinzipien der syste­ ein mehr oder weniger vernünftiger Zusammen­
matischen Einheit durchaus nützlich sind, hängt hang der Verstandeserkenntnisse zustande, die
ihre Nützlichkeit von einem transzendentalen, im Gegensatz zu der vom Verstand hergestellten
nicht instrumentalistischen Prinzip systemati­ Einheit der Erfahrung eines Gegenstandes steht.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einheit des Gegenstandes | 481

„Die Vernunfteinheit ist die Einheit des Systems, Grier, Michelle: Kant’s Doctrine of Transcenden­
und diese systematische Einheit dient der Ver­ tal Illusion, Cambridge: Cambridge University
nunft nicht objectiv zu einem Grundsatze, um sie Press 2001, insbes. 263–301.
über die Gegenstände, sondern subjectiv als Ma­ Neiman, Susan: The Unity of Reason, New York:
xime, um sie über alles mögliche Erkenntniß der Oxford University Press 1994.
Gegenstände zu verbreiten“ (KrV A 680 / B 708). Wartenberg, Thomas: „Reason and the practice of
Dementsprechend erzeugt die Vernunft die Idee science“, in: Guyer, Paul (Hg.): The Cambridge
der Seele, „als ob es ein wirkliches Wesen wäre“ Companion to Kant, Cambridge: Cambridge
(KrV A 684 / B 712), zum Zweck der Vorstellung der University Press 1992, 228–248.
„systematischen Einheit aller Erscheinungen des Daniel O. Dahlstrom
inneren Sinnes“ (KrV A 682 / B 710). Die Idee der
höchsten Intelligenz als „Urgrund“ (KrV A 697 /
B 725) der Gegenstände der Erfahrung dient eben­
so nur dazu, „die größte systematische Einheit
Einheit des
im empirischen Gebrauch unserer Vernunft zu Gegenstandes
erhalten“ (KrV A 670 / B 698); man stellt sich die Die Einheit des Gegenstandes ist für Kant die → Be­
Idee von Gott als Ursache der „Weltordnung“ (KrV dingung dafür, dass verschiedene Subjekte ein
A 673 / B 701) vor, um „zu der größten systemati­ und denselben → Gegenstand als ganzen und für
schen Einheit“ (KrV A 687 / B 715) der Dinge der sich bestehenden erkennen und damit überein­
Welt zu gelangen (vgl. KrV A 677ff. / B 705ff.; KrV stimmende Urteile über ihn fällen können: „denn
A 688 / B 716; KrV A 702 / B 730). Kant warnt mit es wäre kein Grund, warum anderer Urtheile noth­
Nachdruck vor Fehlern, die entstehen, wenn man wendig mit dem meinigen übereinstimmen müß­
derartige regulative Prinzipien der systematischen ten, wenn es nicht die Einheit des Gegenstandes
Einheit als konstitutive Prinzipien deutet (vgl. KrV wäre, auf den sie sich alle beziehen, mit dem sie
A 689 / B 717). Dennoch sind die Art und die Gül­ übereinstimmen und daher auch alle unter einan­
tigkeit dieser Begründung bzw. der Deduktion der zusammenstimmen müssen“ (4:298). Von der
des regulativen Gebrauchs der Vernunftideen als Einheit des Gegenstandes unterscheidet Kant die
„regulative[] Principien der systematischen Ein­ Einheit des → Mannigfaltigen: „Die Einheit des Ob­
heit des Mannigfaltigen der empirischen Erkennt­ jects wird von der Einheit des Mannigfaltigen im
niß“ umstritten (KrV A 671 / B 699; vgl. KrV A 674 / Object unterschieden. Jene ist qvantitative diese
B 702; vgl. Wartenberg, Reason and the practice; qualitative Einheit desselben“ (22:179). Die Einheit
Caimi, Deduktion der regulativen Ideen; Bondeli, des Gegenstandes – Kant verwendet Gegenstand
Unentbehrlichkeit der Vernunftideen und Goldberg, und → Objekt in der Regel synonym – bezieht
Principles of Reason). sich auf ein Objekt als Ganzes. Im Unterschied
dazu thematisiert die „Einheit des Mannigfalti­
Weiterführende Literatur gen im Object“ (22:179) die → Eigenschaften des
Bondeli, Martin: „Zu Kants Behauptung der Un­ Gegenstandes als jeweils für sich einheitlich zu
entbehrlichkeit der Vernunftideen“, in: Kant- bestimmende → Qualitäten. Einheitsprinzip des
Studien 87, 1996, 166–183. Gegenstandes im Ganzen ist der → transzenden­
Caimi, Mario: „Über eine wenig beachtete Deduk­ tale Gegenstand bzw. der Gegenstand überhaupt
tion der regulativen Ideen“, in: Kant-Studien als Inbegriff der → Kategorien. Weitere wichtige
86, 1995, 308–320. Stellen: KrV A 104f.; KrV A 253; 21:569; 22:32.
Düsing, Klaus: Die Teleologie in Kants Weltbegriff,
Bonn: Bouvier 2 1986, insbes. 38–50. Verwandte Stichworte
Goldberg, Nathaniel: „Do Principles of Reason Gegenstand; Gegenstand überhaupt; Gegen­
Have ‚Objective but Indeterminate Validity‘?“, stand, transzendentaler; Synthesis; „X“
in: Kant-Studien 95, 2004, 405–425.
Grier, Michelle: „Kant on the Illusion of a Sys­ Philosophische Funktion
tematic Unity of Knowledge“, in: History of Entsprechend seiner → Kopernikanischen Revo­
Philosophy Quarterly 14, 1997, 1–28. lution, die sich in dem Grundsatz ausdrückt:

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
482 | Einige Bemerkungen zu L. H. Jakob’s Prüfung der Mendelssohn’schen Morgenstunden

„[. . . ] die Bedingungen der Möglichkeit der Er­ delt werden. → Jakob hatte am 28. März 1786
fahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen Kant gegenüber seine Absicht bekundet, sich mit
der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung“ → Mendelssohns Morgenstunden auseinanderzu­
(KrV A 158 / B 197), entspricht die Einheit des Ge­ setzen, gleichzeitig aber auch auf eine Nachricht
genstandes auf Objektseite der → Einheit des Be­ in den Gothaer Gelehrten Zeitungen hingewiesen,
wusstseins auf Subjektseite, sodass in transzen­ nach der Kant selbst beabsichtige, diese Schrift zu
dentalphilosophischer Hinsicht die Einheit des widerlegen. Am 26. Mai 1786 antwortet Kant, die­
Gegenstandes durch die Einheit des Bewusstseins ses „vorgebliche[] Versprechen“ (10:451) sei falsch.
konstituiert wird. Konstitutionsprinzip sind die Jakob solle selber den Nachweis erbringen, dass
Kategorien des Verstandes, die sich auf Anschau­ man die Grenzen der reinen Vernunft hinsichtlich
ungen beziehen und damit objektive Gültigkeit der in den Morgenstunden verhandelten Sache ver­
erlangen. „Ein reiner Gebrauch der Kategorie ist geblich zu erweitern suche. Kant verspricht aber
zwar möglich, d. i. ohne Widerspruch, aber hat Jakob, ihm zu gegebener Zeit eine „hinreichende
gar keine objective Gültigkeit, weil sie auf keine Zurechtweisung“ (10:451) bezüglich einer Stelle
Anschauung geht, die dadurch Einheit des Objects im 7. Abschnitt der Morgenstunden (vgl. S. 60) zu­
bekommen sollte“ (KrV A 253). kommen zu lassen. Bereits am 17. Juli schreibt
Jakob, seine Schrift sei abgeschlossen und bittet
Weiterführende Literatur Kant um den zugesagten Beitrag. Mit Datum vom
Hoppe, Hansgeorg: Synthesis bei Kant. Das Pro­ 4. August hat dieser seine Anmerkungen abge­
blem der Verbindung von Vorstellungen und schlossen. Jakobs Schrift erscheint, zusammen
ihrer Gegenstandsbeziehung in der ‚Kritik der mit Kants Vorwort, im Oktober 1786.
reinen Vernunft‘“, Berlin u. a.: de Gruyter Kant hebt zunächst hervor, dass Mendels­
1983. sohns „demonstrative Beweisart des wichtigsten
Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro­ aller Sätze der reinen Vernunft“ (8:151), nämlich
blem der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, Berlin dass ein Gott sei, dazu führe, die durch die Kritik
u. a.: de Gruyter 1971. gezogene Begrenzung der theoretischen Erkennt­
Hans-Ulrich Baumgarten nisse im Felde des → Übersinnlichen als nicht
berechtigt anzusehen. Gesteht man jedoch der
Vernunft in spekulativer Absicht zu viel zu, so
öffnet man damit einerseits das Tor für jegliche
Einige Bemerkungen zu Schwärmerei, andererseits aber wird in dogmati­
L. H. Jakob’s Prüfung der scher Hinsicht der Streit zwischen Behauptung
und Leugnung des Daseins Gottes unentscheid­
Mendelssohn’schen bar. Hält man sich hingegen an die Ergebnisse der
Morgenstunden Kritik, so bleibt der praktisch begründete Glaube
Erstmals gedruckt als Vorwort mit dem Titel „Ei­ bezüglich des Daseins Gottes gesichert.
nige Bemerkungen von Herrn Professor Kant“ in: Kant geht sodann zur Diskussion von zwei
Ludwig Heinrich Jakob, Prüfung der Mendelssohn­ „Kunststücke[n]“ (8:152) über, die Mendelssohn
schen Morgenstunden oder aller spekulativer Be­ anwendet, um des Streits der Vernunft mit ihr
weise für das Daseyn Gottes in Vorlesungen von selbst enthoben zu sein. Der erste Punkt betrifft
Ludwig Heinrich Jakob, Doktor der Philosophie Mendelssohns wiederholte Behauptung (vgl. Mor­
in Halle. Nebst einer Abhandlung von Herrn Pro­ genstunden, S. 104f.), die philosophischen Strei­
fessor Kant, Leipzig 1786, S. XLIX–LX, wiederab­ tigkeiten seien ein Streit um → Worte bzw. aus
gedruckt in: 8:149–155. Weitere wichtige Stellen: solchen herzuleiten. Dem hält Kant entgegen, phi­
8:149ff.; 10:451. losophische Streitfragen seien immer Sachfragen.
Kants Einige Bemerkungen zu L. H. Jakob’s Als Illustration führt er Mendelssohns Darlegun­
Prüfung der Mendelssohn’schen Morgenstunden gen in einem in der Julinummer der → Berlini­
bilden das Vorwort der o. g. Veröffentlichung und schen Monatsschrift aus dem Jahre 1783 erschie­
greifen Fragestellungen auf, die in der zur glei­ nenen Aufsatz Ueber Freiheit und Nothwendigkeit
chen Zeit abgefassten Schrift Orientieren behan­ an, in dem dieser behauptet, die Schwierigkeiten

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Einstimmung | 483

hinsichtlich dieser beiden Begriffe lägen „mehr in die auf andere Dinge außer Gott Anwendung fin­
der Sprache als in der Sache“ (S. 4). Kant nimmt den. Daraus zieht Kant den Schluss, dass neben
die dort geführte Diskussion um die Bedeutung der Erfahrungserkenntnis einer Sache sehr wohl
des Ausdrucks der Nötigung im Zusammenhang die Frage nach dem, was das Ding an sich selbst
von sog. freiwilligen und unfreiwilligen Handlun­ sei, gestellt werden kann.
gen (Kant spricht von „müssen“) zum Anlass, um
an ihr die philosophische Sachfrage aufzuzeigen, Weiterführende Literatur
„ob die Begebenheiten in der Welt (worunter auch Gerhardt, Volker / Horstmann, Rolf-Peter /
unsere willkürlichen Handlungen gehören) in der Schumacher, Ralph (Hg.): Kant und die
Reihe der vorhergehenden wirkenden Ursachen Berliner Aufklärung: Akten des IX. Internatio­
bestimmt seien, oder nicht“ (8:153). Diese Frage nalen Kant-Kongresses, Band 5, Berlin u. a.:
aber lässt sich niemals durch dogmatische Meta­ de Gruyter 2001, hier insbes. Sektion XVI: Kant
physik entscheiden. und die Aufklärung, S. 133ff.
Der zweite Punkt betrifft die in der Korre­ Sorkin, David: Moses Mendelssohn and the Reli­
spondenz mit Jakob wiederholt angesprochene gious Enlightenment, Berkeley u. a.: University
Stelle in den Morgenstunden, wo Mendelssohn of California Press 1996.
behauptet: „Wenn ich euch sage, was ein Ding Tomasoni, Francesco: „Mendelssohn and Kant. A
würkt oder leidet, so fragt nicht weiter, was es ist? Singular Alliance in the Name of Reason“, in:
Wenn ich euch sage, was ihr euch von einem Ding History of European Ideas 30, 2004, 267–294.
einen Begriff zu machen habt: so hat die fernere Robert Theis
Frage, was dieses Ding an sich selbst sei? weiter
keinen Verstand“ (Morgenstunden, S. 60). Mit Hin­
weis auf die kurz vorher erschienenen MAN zeigt Einstimmung
Kant, dass es sehr wohl einen Sinn hat, die von Einstimmung ist der Gegenbegriff zum → Wider­
Mendelssohn abgelehnten Fragen zu stellen. Wir streit (vgl. 2:60; 2:200; 2:370; 2:296; KrV B 19; KrV
können körperlich Seiendes nur im Raum bzw. als B 318; KrV B 338; 5:28; 9:105). Einstimmung mit
Raumhaftes sowie seine Wirkung als Bewegung dem Objekt begründet die Wahrheit der Erkennt­
erkennen. Was ich von einem Ding weiß, das sind nis (vgl. KrV A 157 / B 196; KrV A 237 / B 296; 4:275;
seine Beziehungen und sein Beziehungsgefüge. 5:13), während die ästhetischen Urteile bloß auf
Davon ist die andere Frage, was das Ding an sich die Einstimmung anderer Anspruch haben (vgl.
selbst sei, nicht nur zu unterscheiden, sondern 5:214; 5:216; 9:15). Die Einstimmung mit der Auto­
auch berechtigterweise zu stellen. nomie des Willens (vgl. 5:87) und mit der Freiheit
Kant gesteht zu, dass „wenn wir Wirkungen der anderen stellt die zentrale normative Bedin­
eines Dinges kennten, die [. . . ] Eigenschaften eines gung für Handlungen dar (vgl. 6:259; 6:271; 8:293).
Dinges an sich selbst sein können, [. . . ] wir nicht Weitere wichtige Stellen: 2:60; 2:335; KrV A 157 /
ferner fragen [dürften], was das Ding noch außer B 196; 4:476; 5:73; 5:78; 5:87; 5:132; 5:188; 5:365;
diesen Eigenschaften an sich sei“ (8:154). Die Men­ 5:451; 6:271; 7:241.
delssohnianer werden jetzt Beispiele für solche
Eigenschaften fordern, worauf Kant entgegnet: Verwandte Stichworte
„dieses ist schon längst und zwar von euch selbst Widerstreit; Identität; Gesetzmäßigkeit
geschehen“ (8:154).
Zur Illustration führt er das Zustandekom­ Philosophische Funktion
men des Begriffs von → Gott an. In ihm werden Die „Einstimmung der Erscheinungen zu den Ver­
lauter wahre Realitäten gedacht, die sowohl den standesgesetzen“ (4:476 Anm.) bereitet im Sinne
Negationen als auch den Erscheinungen entge­ der Vollständigkeit des Verstandesgebrauchs die
gengesetzt sind. Diese Realitäten können beim Einstimmung „zwischen dem, was zur Natur der
endlichen Wesen Anwendung finden; sie sind Vernunft und des Verstandes gehört“, vor (4:331).
dem Grade, nicht aber der Qualität nach diesel­ Die als zufällig angesehene Einstimmung der Ge­
ben wie bei Gott. Hier haben wir es demzufolge setze der Natur „für unser Erkenntnißvermögen“
mit Eigenschaften der Dinge an sich selbst zu tun, (5:188) verweist sie auf eine Zweckmäßigkeit der

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
484 | Einteilung

Natur für unsern Verstand und ruft damit ein Ge­ sio metaphysica“, die Einteilung „divisio logica
fühl der Lust hervor (vgl. 5:187f.; 5:190; 20:233). sphaerae“ (16:619f.). Die Teilung eines Begriffs
Dabei ist die ‚allgemeine Einstimmung‘ das Kriteri­ besteht darin, den Inhalt eines Begriffes zu ana­
um in der Ästhetik als Kritik des Geschmacks (vgl. lysieren. Die Einteilung betrifft die ausführliche
9:15), insofern man bei Geschmacksurteilen über Zergliederung dessen, was unter dem Begriff ent­
Schönheit die Einstimmung anderer „fordern“ halten ist, bzw. um die „logische Eintheilung“ der
kann (5:214; vgl. 5:216). Geschmacksurteile sind entgegengesetzten Glieder der Sphäre jenes hö­
solche „über die Einstimmung oder den Wider­ heren Begriffes (9:146f.). Kant unterscheidet al­
streit der Freiheit im Spiele der Einbildungskraft lerdings auch die Dichotomie als logische bzw.
und der Gesetzmäßigkeit des Verstandes“ (7:241; formale Einteilung der Begriffe an sich selbst (di­
vgl. 5:244), während bei Moralurteilen die Freiheit visio logica oder formalis) von der Einteilung der
des Willens als „Zusammenstimmung [. . . ] mit Begriffe „in Ansehung der moglichen [. . . ] obiecte
sich selbst nach allgemeinen Vernunftgesetzen in der Anschauung [. . . ]: divisio realis“ (16:622;
gedacht“ wird (5:354). 9:147f.). Daher ist nicht jede Einteilung im Sinne
Im Bereich der praktischen Philosophie fin­ der Auseinanderlegung der opponierten, nied­
det der Begriff der Einstimmung Verwendung im rigen Begriffe der ganzen Sphäre eines höheren
Kontext der Gebote der reinen praktischen Ver­ Begriffs eine Dichotomie. Weitere wichtige Stellen:
nunft im Widerspiel der Neigungen. So schränkt KF 9:417–420; KF 9:611f.; KF 8:168f.; KrV A 289 /
die reine praktische Vernunft die natürliche Ei­ B 346; KrV A 298f. / B 355f.
genliebe des Menschen „auf die Bedingung der
Einstimmung“ mit dem moralischen Gesetz ein Verwandte Stichworte
(5:73; vgl. 5:78, 5:132). Jeder „Wille“ ist „auf die Be­ Begriff; Kategorie; Logik; Urteil
dingung der Einstimmung mit der Autonomie des
vernünftigen Wesens eingeschränkt“ (5:87). Ohne Philosophische Funktion
diese Einstimmung mit dem moralischen Gesetz In der KrV findet man drei Arten der Einteilung:
wird der persönliche Wert auf nichts herabgesetzt zwei-, drei- und vierteilig.
(vgl. 5:78). 1. Zu den wichtigsten zweiteiligen Einteilun­
Weiterhin dient Einstimmung als Kriterium gen zählen die Einteilungen (a) der KrV als Wis­
von Gerechtigkeit: was nicht „dem Princip der senschaft in eine Elementarlehre und eine Me­
Einstimmung der Freiheit meiner Willkür mit der thodenlehre (vgl. KrV A 13–15; KrV B 29); (b) der
Freiheit von jedermann gemäß“ ist, ist unrecht allgemeinen sowie der transzendentalen Logik in
(6:271; vgl. 6:259, 8:293). Dementsprechend ergibt analytische und dialektische Teile (vgl. KrV A 57 /
sich auch als Kriterium für die Gerechtigkeit und B 82; KrV A 62 / B 87); (c) „der Gegenstände in Pha­
Rechtmäßigkeit öffentlicher Gesetze, dass ein Volk enomena und Noumena und der Welt in eine Sin­
„dazu seine Einstimmung geben könnte“ (8:297; nen- und Verstandeswelt“ (KrV B 311); (d) der Be­
vgl. 8:306). griffe in „sinnliche und intellectuelle“ (KrV B 311);
(e) des Begriffes von einem Gegenstand überhaupt
Weiterführende Literatur „in das Mögliche und Unmögliche“; (f) der Ver­
Willaschek, Marcus: „Was ist ein praktisches Ge­ nunft „in ein logisches und transscendentales Ver­
setz?“, in: Robinson, Hoke (Hg.): Proceedings mögen“ (KrV A 298f. / B 355f.; KrV A 576 / B 604).
of the Eighth International Kant Congress – In der KpV macht Kant darauf aufmerksam,
Memphis 1995, Bd. 2, Milwaukee: Marquette dass die Einteilung der Analytik der praktischen
University Press 1995, 533–540. Vernunft der Einteilung der theoretischen Ver­
Carola Freiin von Villiez nunft analogisch ist – „aber in umgekehrter Ord­
nung“ (5:90; vgl. 5:16).
2. Die Klassen der Kategorien teilen sich je in
Einteilung drei Glieder (vgl. KrV A 70ff. / B 95–98; KrV A 80 /
Jeder Begriff enthält ein Mannigfaltiges unter sich B 106). In diesem Zusammenhang bezeichnet Kant
und lässt sich daher sowohl teilen als auch eintei­ diese Form der Einteilung als ungewöhnlich, da
len. Kant nennt die Teilung eines Begriffes „divi­ „sonst alle Eintheilung a priori durch Begriffe Di­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Ekel | 485

chotomie sein muß“ (KrV A 83 / B 110). Das dritte Ansehung dessen, was zum Werth unserer Person
Glied entspringt der Verbindung des zweiten mit gehört. Alle Ehrbegierde, ob sie gleich dem Men­
dem ersten seiner Klasse (vgl. 5:197). Des weiteren schen natürlich ist, muß doch zurückgehalten
existiert eine dreiteilige Einteilung der Erkenntnis­ werden“ (27:409; vgl. auch 27:664). Kants Lieb­
vermögen (Verstand, Urteilskraft und Vernunft), lingsbeispiel für Eitelkeit ist die → Mode. In An­
die den Teilen der allgemeinen Logik (Begriffs-, thropologie erklärt Kant, dass die Mode „unter
Urteils- und Schlusslehre) zugrundeliegt (vgl. KrV den Titel der Eitelkeit [. . . ] gehört, weil in der Ab­
B 169). Auch hier ergibt sich der dritte Teil bzw. die sicht kein innerer Wert ist; im gleichen der Torheit,
Schlusslehre aus der Verbindung der beiden ande­ weil dabei doch ein Zwang ist, sich durch bloßes
ren. Die transzendentale Logik weicht von dieser Beispiel, das uns Viele in der Gesellschaft geben,
Einteilung der allgemeinen Logik insofern ab, als knechtisch leiten zu lassen“ (7:245). Der Modeskla­
Verstand und Urteilskraft allein – und nicht die ve wird von Kant nicht aufgrund seines Interesses
Vernunft mit ihren dialektischen Scheinbehaup­ an der → Schönheit kritisiert (denn die Schönheit
tungen – in den analytischen Teil der transzen­ ist schließlich ein „Symbol der Sittlichkeit“, 5:51),
dentalen Logik gehören (vgl. KrV B 169ff.). Die sondern weil sein Interesse an der Schönheit bloß
Vernunftschlüsse teilen sich ebenso in drei Teile empirisch und nicht intellektuell ist, und weil er
(kategorisch, hypothetisch, disjunktiv), die der ein bloßer Nachahmer ist, der nicht für sich selbst
„systematischen Eintheilung aller transscenden­ denkt. Darüber hinaus sind sklavische Anhänger
talen Ideen“ (KrV A 577 / B 605) zugrunde liegen. der Mode, wie andere sogenannte „Virtuosen des
3. Eine vierteilige Einteilung findet man in Geschmacks, nicht allein öfter, sondern wohl gar
(a) der Zergliederung der logischen Funktion des gewöhnlich eitel, eigensinnig und verderblichen
Verstandes in Urteilen (vgl. KrV A 70ff. / B 95–98), Leidenschaften ergeben“ (5:298).
(b) der entsprechenden „systematischen“ Eintei­ An anderer Stelle, wiederum in Anthropolo­
lung der Kategorien in vier Klassen (KrV A 80 / gie, verwendet Kant den Begriff der Eitelkeit im
B 106), (c) des Begriffs des Nichts (vgl. KrV A 291 / Zusammenhang seiner Kritik am Verhalten ‚der
B 348). Indianer‘ bei einer Niederlage in einem bewaff­
Daniel O. Dahlstrom neten Konflikt: „die Indianer in Amerika, welche,
wenn sie umzingelt sind, ihre Waffen wegwerfen
und, ohne um Pardon zu bitten, sich ruhig nie­
Eitelkeit dermachen lassen. Ist nun hiebei mehr Mut, als
Eitelkeit ist laut Kant eine kleinliche und inkorrek­ die Europäer zeigen, die sich in diesem Fall bis
te Form des Ehrgeizes, ein fehlgeleitetes Streben auf den letzten Mann wehren? Mir scheint es bloß
nach Ehre, das sich nicht auf wichtige und wesent­ eine barbarische Eitelkeit zu sein: ihrem Stamm
liche Sachlagen den Menschen betreffend rich­ dadurch die Ehre zu erhalten, daß ihr Feind sie
tet, sondern auf oberflächliche Äußerlichkeiten. zu Klagen und Seufzern als Beweistümern ih­
Wichtige Stellen: 5:51; 5:298; 7:245; 7:257; 27:409; rer Unterwerfung nicht sollte zwingen können“
27:664. (7:257).
Robert B. Louden
Verwandte Stichworte (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Ehre; Ehrbegierde, Ehrsucht; Mode

Philosophische Funktion Ekel


Laut Moralphilosophie Collins unterscheidet Kant Ekel ist eine „Vitalempfindung“, die in dem „An­
Eitelkeit und Ehrbegierde: „In der Ehrbegierde reiz“ besteht, „sich des Genossenen durch den
sind 2 Stücke zu unterschieden: die Eitelkeit und kürzesten Weg des Speisecanals zu entledigen
die wahre Ehrbegierde. Die Eitelkeit ist eine Be­ (sich zu erbrechen)“ (7:157; vgl. Refl. 1515, 15:850).
gierde nach Ehre, in Ansehung dessen, was nicht Weitere wichtige Stellen: 7:241; 7:250; 7:276; 7:306.
zu unserer Person gehört, z. E. wer eine Ehre /
im Titul, in der Kleidung etc. Sucht. Die wahre Verwandte Stichworte
Ehrbegierde ist aber eine Begierde nach Ehre in Schönheit (Schöne, das); Sinne; Vitalsinn

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
486 | Elastizität

Philosophische Funktion Verwandte Stichworte


In den Beobachtungen wird der Ekel dem Schönen Ausdehnung; Kraft, bewegende; Wärmestoff
entgegengesetzt. Da das Gefühl für das Schöne
den Beobachtungen zufolge eine Eigentümlichkeit Philosophische Funktion
des weiblichen Geschlechts ist, ist die Reinlich­ Die vorkritische Schrift De igne schreibt die Expan­
keit eine Tugend von erstem Range, weil sie dem sion und die Kompression der → Körper, sowohl
weiblichen Geschlecht und auch jedem Menschen der festen als auch der flüssigen, der Anwesenheit
erlaubt, sich vom Ekel zu befreien. Die „Scham­ eines elastischen Mediums in ihnen, des Wär­
haftigkeit“ hat in diesem Kontext die Funktion, mestoffs, zu (vgl. 1:375). Hingegen benennen die
„einen geheimnißvollen Vorhang selbst vor die ge­ MAN als Elastizität in erster Linie die expansi­
ziemendsten und nöthigsten Zwecke der Natur zu ve Kraft (Ausdehnungskraft) eines → Stoffes (vgl.
ziehen, damit die gar zu gemeine Bekanntschaft 4:500). Diese Elastizität heißt für Kant ursprüng­
mit denselben nicht Ekel oder zum mindesten lich, denn sie ist der Grund, worauf die Erfüllung
Gleichgültigkeit veranlasse in Ansehung der End­ des Raumes (→ Raum, erfüllter) als eine wesent­
absichten eines Triebes, worauf die feinsten und liche Eigenschaft aller Stoffe beruht, und kann
lebhaftesten Neigungen der menschlichen Na­ von keiner anderen Eigenschaft der → Materie ab­
tur gepfropft sind“ (2:234). Diese Betrachtungen geleitet werden. In diesem Sinn sind alle Stoffe
zielen nicht darauf ab, den Ekel moralisch zu beur­ ursprünglich elastisch. Die Elastizität teilt sich fer­
teilen, sondern sind vielmehr Beobachtungen und ner in expansiv und in attraktiv ein (vgl. 4:529f.).
Erläuterungen zu der Empfindung des Schönen Sie ist expansiv, wenn ein Stoff nach Zusammen­
(vgl. 2:233–235). drückung das vorige größere → Volumen wieder
In der Anthropologie wird die Vitalempfin­ annimmt. Sie heißt hingegen attraktiv, wenn der
dung bzw. der Vitalsinn nicht gesondert abgehan­ Stoff nach Ausdehnung das vorige kleinere Volu­
delt, sondern nur beim Tastsinn, beim Gehör und men wieder annimmt. Die attraktive Elastizität
in der ‚Allgemeinen Anmerkung über die äußern ist nach Kant offenbar abgeleitet. Ein eiserner
Sinne‘ als Gefühl des Ekels (vgl. 7:157) erwähnt. Draht z. B., durch angehängte Gewichte gedehnt,
Auf diese Erörterung folgt ein Vergleich von Vital- springt beim Abschneiden des Bandes in seine an­
und Organsinn im Hinblick auf die unterschied­ fängliche Dimension zurück. Auch die expansive
liche Empfindlichkeit der Menschen (vgl. 7:158). Elastizität kann abgeleitet sein. So besitzt bei­
Kant teilt die → Empfindungen der äußeren Sinne spielsweise die → Luft dank des in ihr vereinigten
in Empfindungen des „mechanischen“ und solche Wärmestoffs, der eine ursprüngliche Elastizität
des „chemischen Einflusses“ ein. Zu den ersteren hat, eine abgeleitete Elastizität. Im Op. post. ist
zählt er die drei obersten Sinne, nämlich → Be­ es der Wärmestoff, der die anderen Stoffe elas­
tastung, → Gesicht und → Gehör. Zu den letzteren tisch macht, obwohl es problematisch scheint,
gehören hingegen die zwei niederen Sinne, näm­ ihn selbst als elastisch zu betrachten (vgl. 21:49;
lich → Geschmack und → Geruch. Der Ekel ist mit 21:476; 21:634).
dem aus den niederen Sinnen resultierenden Ge­ Giovanni Pietro Basile
nuss verbunden und schützt den Menschen vor
den Gefahren der „innigliche[n] Einnehmung“
(also dem Verschlucken) von ihm unverträglichen Eleatische Schule
Substanzen (7:157). Kant fasst die Lehren der Eleatischen Schule
Piero Giordanetti und „aller ächten Idealisten [. . . ] bis zum Bi­
schof Berkeley“ so zusammen: „Alle Erkennt­
niß durch Sinne und Erfahrung ist nichts als
Elastizität lauter Schein, und nur in den Ideen des reinen
„Elasticität (Springkraft) ist das Vermögen einer Verstandes und Vernunft ist Wahrheit“ (4:374;
Materie, ihre durch eine andere bewegende Kraft vgl. 9:28; vgl. 23:53) und hält dagegen: „Alles
veränderte Größe oder Gestalt bei Nachlassung Erkenntniß von Dingen aus bloßem reinen Ver­
derselben wiederum anzunehmen“ (4:529). Weitere stande oder reiner Vernunft ist nichts als lau­
wichtige Stellen: 1:375; 4:500; 4:529f.; 21:476. ter Schein, und nur in der Erfahrung ist Wahr­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Elektrizität | 487

heit“ (4:374). Weitere wichtige Stellen: 2:398; 9:28; (7:250). Im Zusammenhang mit → Sprache bezieht
15:313; 16:59f. sich Eleganz ebenfalls auf den Stil, und größere
Feinheit und Kultivierung derselben, die jedoch
Verwandte Stichworte zu Lasten der → Deutlichkeit gehen kann. Bezo­
Griechenland, die Griechen; Dialektik gen auf eine bestimmte → Methode, den Bau des
→ Systems einer → Wissenschaft, eine → Demons­
Philosophische Funktion tration, oder Wissenschaften wie die Geometrie,
Zu den Vertretern der Eleatischen Schule rech­ bedeutet Eleganz in der Regel höchste „Präcision,
net Kant Melissos, Parmenides, Xenophanes, und unbeschadet der Klarheit“ (20:310). Sie gehört
→ Zeno (vgl. 16:59f.) und macht – wohl Platon nicht eigentlich zur → Gelehrsamkeit und trägt
folgend (Sophistes, 242DE) – Xenophanes zu ih­ zur Sicherheit einer Wissenschaft selbst nichts
rem Begründer (vgl. 9:28), was von der neueren bei, sondern dient in erster Linie der Präsentation
Forschung nicht geteilt wird. Unter Berufung auf einer solchen.
→ Platon (vgl. KrV A 502 / B 530) und möglicher­ Veit Justus Rollmann
weise gestützt durch Diogenes Laertius (VIII, 57),
wonach Zeno Begründer der Dialektik war, sieht
Kant die Eleaten als diejenigen an, die die Dia­ Elektrizität
lektik in Verruf brachten und maßgeblich dazu Mit dem Wort ‚Elektrizität‘ werden in Kants Schrif­
beitrugen, sie zur Sophistik verkommen zu lassen ten die verschiedenen Erscheinungen, die von
(vgl. 9:28). Dem eleatischen Grundsatz: „sensuali­ der elektrischen → Materie ausgehen, sowie die
um non datur scientia“ („Von Sinnendingen gibt Vermögen derselben bezeichnet. Wichtige Stellen:
es kein Wissen“, Refl. 706, 15:313) entgegnet Kant 2:113; 2:185–188; 15:969; 29:89–91; 29:156–160.
bereits in seiner Inauguraldissertation: „sensua­
lium itaque datur scientia“ („Von Sinnendingen Verwandte Stichworte
gibt es somit Wissen“, 2:398). Äther; Luft; Magnetismus
Bernd Buldt
Philosophische Funktion
Den elektrischen Eigenschaften der Materie wid­
Eleganz met Kant in seinen Schriften lediglich kurze An­
Eleganz ist die übertriebene Verfeinerung des Stils deutungen, die vorwiegend in den Refl. und im
bei Personen und im Falle des sprachlichen Aus­ Op. post. enthalten sind. Kant hat sich aber auch
drucks. Im Zusammenhang mit Wissenschaft ist in seinen Vorlesungen mit der Elektrizität beschäf­
Eleganz die größtmögliche Genauigkeit in der Dar­ tigt (vgl. 29:89–91; 29:156–160; 29:258–273) und
stellung zugunsten des Verständnisses. Wichtige zeigt lebhaftes Interesse an den Forschungen sei­
Stellen: KrV B VIII; KrV B XLIV; 4:262; 5:283; 5:366; ner Zeit. Nach dem Beweisgrund stellen → Wärme,
7:249f.; 8:192; 10:490; 11:366; 11:375; 16:197; 16:831; → Licht, elektrische → Kraft, Gewitter und magne­
20:248; 21:526. tische Kraft vielerlei Phänomene desselben wirk­
samen → Stoffes, nämlich des → Äthers dar (vgl.
Verwandte Stichworte 2:113; vgl. auch 14:524, 21:481, 22:441). Kant hält
Luxus, Üppigkeit; Geschmack; Gesellschaft ferner Blitze für eindeutige Zeichen einer elektri­
schen Aktivität (vgl. 9:266; 14:513; 21:338). → Wär­
Philosophische Funktion mestoff, elektrischer und magnetischer Stoff ent­
Der Begriff Eleganz begegnet in Kants Werk in sprechen den drei durchdringenden → Flüssigkei­
unterschiedlichen Verwendungsweisen. Er be­ ten (vgl. 23:485; vgl. auch 21:126). Außerdem ma­
zieht sich auf ein prahlerisches Übermaß auf der chen Licht, Magnetismus und Elektrizität die drei
äußeren Zeichenebene des Individuums in Gesell­ Kräfte der anorganischen Natur aus (vgl. 15:969).
schaft, das den idealen Geschmack, im Gegensatz Elektrisierte → Körper weisen zwei Pole auf: den
zum sinnlichen Geschmack anspricht. Wie aller positiven und den negativen Pol. Pole desselben
Luxus oder Üppigkeit ist auch übertriebene Ele­ Vorzeichens stoßen einander ab, während Pole
ganz „ein entbehrlicher Aufwand, der arm macht“ mit entgegengesetzten Vorzeichen sich anziehen

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
488 | Elementarbegriff

(vgl. 2:185–188; vgl. auch 14:343f., 14:399, 22:215). griffen werden in der KpV die → Kategorien der
Die Luftelektrizität entspricht dem Galvanismus Freiheit „praktische Elementarbegriffe“ (5:65) ge­
(vgl. 21:117f.; 21:148). nannt. Auch die KpV geht von den „Beispiele[n]
Giovanni Pietro Basile der moralisch urtheilenden Vernunft“ aus, um sie
„in ihre Elementarbegriffe zu zergliedern“ (5:163).
Einmal spricht Kant weniger spezifisch von „Ele­
Elementarbegriff mentarbegriffen des Naturrechts“ (8:80), wozu
Elementarbegriffe sind Begriffe, die nicht wei­ auch gehört, dass bei einer Verletzung des Rechts
ter → analytisch zergliedert werden können (vgl. eines Andern eine Vergütung des Schadens erfol­
2:280; 4:382). Dies sind vor allem die Kategorien gen muss.
des Verstandes (vgl. KrV B XXII; KrV A 64 / B 89; Im Op. post. spricht Kant häufig von „Elemen­
KrV A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323; 5:65; 20:316) tarbegriffe[n] der bewegenden Kräfte der Materie“
und die Grundbegriffe der Vernunft (vgl. 8:421; (21:625; vgl. 21:45, 21:530, 21:623, 22:135, 22:140f.,
5:163; 8:80). Wichtige Stellen: 2:280; KrV B XXII; 22:152, 22:155, 22:162, 22:240, 22:244, 22:293, 22:342):
KrV A 64 / B 89; KrV A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323; „Es giebt nämlich eine gewisse Menge von Ele­
4:382; 5:65; 5:163; 8:80; 8:421; 20:316. mentarbegriffen die sich abzählen läßt welche die
Anwendung der bewegenden Kräfte der Materie
Verwandte Stichworte überhaupt auf die in der Erfahrung vorkommende
Analyse; a priori / a posteriori; Kategorie; Analy­ Verhältnisse vermitteln [. . . ]. Diese sind für uns
tik, transzendentale; Stammbegriff ursprüngliche Eigenschaften der Materie, nicht
wie sie die Vernunft (wie in den metaph. Anf. Gr.)
Philosophische Funktion dictirte sondern wie sie sich auf die bewegende
Kant übernimmt den Terminus ‚Elementarbegriff‘ Kräfte welche uns die Erfahrung an die Hand giebt
von der traditionellen logischen Terminologie, zurück führen lassen“ (21:177; → Elementarsystem;
die damit „unauflösliche Begriffe“ (2:280), d. h. → Übergang).
solche Grundbegriffe bezeichnet, die in einem Stefano Bacin
analytischen Verfahren nicht weiter in einfachere
Begriffe zergliedert werden können (vgl. 2:280).
Ein Verdienst der „gemeine[n] Metaphysik“ be­ Elementarlehre
stand nach Kant darin, „daß sie die Elementar­ Elementarlehre heißt der erste Teil einer philoso­
begriffe des reinen Verstandes aufsuchte, um sie phischen Wissenschaft, dessen Aufgabe es ist, die
durch Zergliederung deutlich und durch Erklä­ elementa, d. h. die theoretischen Grundbegriffe
rungen bestimmt zu machen. Dadurch ward sie und deren Grenzen darzustellen (vgl. 9:18; 9:139).
eine Cultur für die Vernunft“ (4:382). Weitere wichtige Stellen: KrV A 52ff. / B 76ff.; KrV
Erst die kritische Philosophie konnte sich A 707 / B 735; 5:16; 5:354f.; 6:411; 7:412; 21:386;
mit solchen Begriffen angemessen befassen: Ele­ 21:406.
mentarbegriffe sind für Kant nämlich die Begriffe,
die sich aus der Analysis der Gemütsvermögen Verwandte Stichworte
und ihrer Operationen ergeben. Die → Philosophie Elementarlehre, transzendentale; Methodenleh­
wird als „Lehre des Wissens“ insofern verstanden, re, transzendentale; Logik; Kanon
als sie „die Elementarbegriffe enthält, deren sich
die reine Vernunft bedient“ (8:421). Elementarbe­ Philosophische Funktion
griffe sind also in erster Linie die Kategorien des Mit dem Begriffspaar Elementarlehre/Methoden­
Verstandes (vgl. KrV B XXII; KrV A 64 / B 89; KrV lehre, dem ab 1781 eine bedeutende systemati­
A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323); in derselben Be­ sche Funktion in Kants Schriften zukommt, er­
deutung ist auch von „Elementarerkenntnisse[n]“ setzt Kant die damals übliche, in seiner Sicht aber
die Rede (4:317; → Stammbegriff). Doch werden unangemessene Einteilung der Logik in einen
auch → Raum und → Zeit als „Elementarbegriffe theoretischen und einen praktischen Teil (→ Me­
der Sinnlichkeit“ bezeichnet (4:323). thodenlehre, transzendentale). Elementarlehre
In Analogie mit den reinen Verstandesbe­ soll der Titel des „dogmatischen“ Teils der Logik

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Elementarlehre, transzendentale | 489

sein (9:18; vgl. 24:700; 24:508; 24:794), der „die met, dem die → Transzendentale Methodenlehre
Elemente und Bedingungen der Vollkommenheit als zweiter Teil folgt (vgl. KrV A 15 / B 29). Weitere
einer Erkenntniß zu ihrem Inhalt hat“ (9:139) und wichtige Stellen: KrV A 50 / B 74; KrV A 77 / B 103;
also einen Kanon dieser Wissenschaft bildet (vgl. KrV A 115; KrV B 166.
KrV A 52ff. / B 76ff.; → Elementarlehre, transzen­
dentale). Verwandte Stichworte
Die Einteilung in Elementarlehre und Metho­ Methodenlehre, transzendentale; Logik, trans­
denlehre wendet Kant auch außerhalb der Logik zendentale; Ästhetik, transzendentale; Kritik
im Blick auf „das Fortschreiten in einer Erkentnis der reinen Vernunft
als Wissenschaft überhaupt“ an (21:386). Die Ele­
mentarlehre dient hierbei dazu, „die Elemente Philosophische Funktion
derselben aufzufinden“, während die Methoden­ 1 Herkunft des Begriffs und Aufgabe einer
lehre „die Art wie sie zusammengeordnet werden transzendentalen Elementarlehre
sollen“ (21:386), betrifft. Während sie in der „Ge­ Transzendentale Elementarlehre ist der Titel des
schmackskritik“ nicht angemessen sei, „weil es ersten und bei weitem umfangsreichsten Teils der
keine Wissenschaft des Schönen giebt noch geben beiden Hauptteile der Kritik der reinen Vernunft.
kann“ (5:354f.), wird die Zweiteilung in der → Kri­ Der von Kant gewählte Terminus stellt eine ex­
tik der praktischen Vernunft nach dem Vorbild plizite Revision der zeitgenössischen logischen
der KrV angewendet (vgl. 5:16). Ähnlich ist die Terminologie dar: Mit dem Begriff → ‚Elementar­
MST gegliedert: Die „ethische Elementarlehre“ lehre‘ und seinem Pendant ‚Methodenlehre‘ (vgl.
soll „die Begriffe von Pflicht philosophisch d. i. als → Methodenlehre, transzendentale) will Kant die
Vernunftwissenschaft für die Schule der Gelehr­ Einteilung der → Logik neu bestimmen und die
ten [. . . ] vortragen“ (23:419; vgl. 6:411, 23:412). Die übliche Zweiteilung in einen theoretischen und
entsprechende Zweiteilung wird übrigens auch praktischen Teil korrigieren. Beim Aufbau der KrV
im Bereich der → Anthropologie angedeutet (vgl. wird diese Neuerung erstmals ausgeführt. Auch
7:412; Refl. 1482, 15:661; 25:1529): die anthropologi­ ihre Anwendung in der Logik und in anderen Be­
sche Didaktik wird auch als eine Elementarlehre reichen der Philosophie erfolgt erst ab 1781. Die
verstanden, während die Charakteristik die darauf Zweiteilung in Elementarlehre und Methoden­
folgende Methodenlehre darstelle (→ Anthropolo­ lehre erlaubt Kant zufolge eine streng systemati­
gie in pragmatischer Hinsicht). sche, „aus dem allgemeinen Gesichtspunkte eines
Zuletzt ist von Elementarlehre in Bezug auf Systems überhaupt“ konzipierte Darstellung der
die → Physik die Rede (vgl. 21:406; 21:525). Die → Transzendentalphilosophie (KrV A 15 / B 29).
„Elementarlehre der Natur“ enthält die allgemei­ Auf der Ebene der „Logik überhaupt“ (KrV
nen Gesetze „von dem Einflus der Materien auf A 50 / B 74) spricht Kant von einer „Elementarlo­
einander“, ohne die „Vorstellung von Zwecken gik“, die „die schlechthin nothwendigen Regeln
voraus[zu]setzen“, daher betrifft sie nur „unorga­ des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch
nische Erzeugungen“ (21:406). des Verstandes stattfindet“, enthält (KrV A 52 /
Stefano Bacin B 76). In der Transzendentalen Elementarlehre der
KrV verfolgt Kant eine ähnliche Aufgabe, nämlich
die wesentlichen Bestandteile und apriorischen
Grundbegriffe zu erörtern, die eine Erkenntnis von
Elementarlehre, Gegenständen a priori ermöglichen und also je­
transzendentale dem (theoretischen) Vernunftgebrauch zugrunde
‚Transzendentale Elementarlehre‘ nennt Kant die liegen. Demzufolge müssen auch die Grenzen der
Untersuchung, die den Inhalt und die Bedingun­ Erkenntnis von Gegenständen bestimmt werden.
gen der Gültigkeit synthetischer Erkenntnisse So spricht Kant in Bezug auf die transzendenta­
a priori bestimmen soll (vgl. KrV A 707 / B 735; le Elementarlehre von einer Untersuchung, die
KrV A 712 / B 740). Dieser Aufgabe ist der erste die „Elemente“ (KrV A 50 / B 74; vgl. KrV A 77 /
und bei weitem umfangreichste, Transzendentale B 103; KrV B 166; KrV A 115) und die Gültigkeitsbe­
Elementarlehre genannte Hauptteil der KrV gewid­ dingungen „der Erkenntniß aus reiner Vernunft“

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
490 | Elementarlehre, transzendentale

bestimmen soll (KrV A 712 / B 740). Diese Aufgabe Bedingungen, d. h. eine transzendentale Ästhetik.
beschreibt Kant mit einer Metapher in der folgen­ Ihre Aufgabe ist es somit zu klären, ob die Sinn­
den Weise: „Wenn ich den Inbegriff aller Erkennt­ lichkeit über apriorische Bedingungen verfügt,
niß der reinen und speculativen Vernunft wie ein und inwiefern sie als Bedingungen empirischer
Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in bzw. nicht-empirischer Erkenntnis gelten können.
uns haben, so kann ich sagen: wir haben in der Deswegen muss die transzendentale Ästhetik den
transscendentalen Elementarlehre den Bauzeug ersten Teil der Elementarlehre bilden: so wird die
überschlagen und bestimmt, zu welchem Gebäu­ „transscendentale Sinnenlehre [. . . ] zum ersten
de, von welcher Höhe und Festigkeit er zulange“ Theile der Elementar-Wissenschaft gehören müs­
(KrV A 707 / B 735). sen, weil die Bedingungen, worunter allein die
Gegenstände der menschlichen Erkenntniß gege­
2 Inhalt und Gliederung der transzendentalen ben werden, denjenigen vorgehen, unter welchen
Elementarlehre selbige gedacht werden“ (KrV A 16 / B 30; vgl. KrV
2.1 Obwohl Elementarlehre und Methodenleh­ A 21 / B 36; → Sinnenlehre, transzendentale). Die
re die beiden Hauptteile der ‚allgemeinen Logik‘ Zweiteilung in eine Ästhetik und eine Logik grün­
darstellen (vgl. 9:18; → Elementarlehre), sind die det sich auf Kants Auffassung von den „zwei Stäm­
transzendentale Elementarlehre und die trans­ me[n] der menschlichen Erkenntniß [. . . ], nämlich
zendentale Methodenlehre nicht die Hauptteile Sinnlichkeit und Verstand“ (KrV A 15 / B 29), die
der → transzendentalen Logik; diese macht nur er auch „Grundquellen“ nennt (KrV A 50 / B 74).
den zweiten Teil der transzendentalen Elemen­ Eine transzendentale Elementarlehre beschreibt
tarlehre aus. Der so betitelte erste Hauptteil der daher die Grundstruktur beider „Stämme“ (KrV
KrV umfasst die → transzendentale Ästhetik und A 15 / B 29) und weist deren apriorische Elemente
die auf sie folgende transzendentale Logik. Dabei auf.
könnte Kant → Baumgartens Konzept einer „phi­ Nachdem Kant in der transzendentalen Äs­
losophia organica“ vor Augen gehabt haben, die thetik gezeigt hat, dass Raum und Zeit diejeni­
sich in einer aesthetica und einer logica entfalten gen reinen Anschauungen a priori sind, die die
sollte. Die erste sollte – allerdings auf eine mit Möglichkeit synthetischer Urteile a priori über
Kants Lehre unvereinbare Weise – die sinnliche, Gegenstände der Sinne erklären, soll die trans­
die zweite sollte die intellektuelle Erkenntnis be­ zendentale Elementarlehre die Möglichkeit syn­
handeln (vgl. Baumgarten, Philosophia generalis, thetischer Erkenntnisse a priori im Blick auf die
§ 147, S. 52–63; vgl. Santozki, Bedeutung antiker Leistung des Verstandes untersuchen. Zunächst
Theorien, S. 88). wird das Vermögen, anhand des von der Sinnlich­
Der Grund für die Einbeziehung einer Leh­ keit und den für sie gültigen reinen Formen der
re der → Sinnlichkeit in eine nach dem Vorbild Anschauung, Raum und Zeit, vermittelten kogni­
der Logik konzipierte Untersuchung besteht dar­ tiven „Stoffes“ eine objektiv gültige Erkenntnis zu
in, dass die transzendentale Elementarlehre als erreichen, analysiert; dann werden die Grenzen
transzendentale Untersuchung alle apriorischen bestimmt, innerhalb derer eine synthetische Er­
Elemente erforschen soll, die Bedingungen einer kenntnis a priori möglich ist. Dies ist die doppelte
Erkenntnis von Gegenständen der → Erfahrung Aufgabe der transzendentalen Logik. Sie ist ihrer­
sind. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, kann seits zweigeteilt. Die → transzendentale Analytik
die transzendentale Elementarlehre nicht auf eine untersucht die Strukturen (→ Analytik der Begriffe
Analyse der Denkoperationen beschränkt blei­ und → Analytik der Grundsätze), durch die der
ben: Für die Begründung der Erkenntnis von Ge­ → Verstand in Beziehung auf die Sinnlichkeit syn­
genständen der Erfahrung ist davon auszugehen, thetische Urteile a priori bilden kann. Die Grenzen
dass sie dem Subjekt zugänglich sein können, der objektiv gültigen Erkenntnis a priori werden in
und dies muss zunächst erklärt werden. Neben der → transzendentalen Dialektik bestimmt. Hier
einer Analyse des Denkvermögens gehört also in wird die → Vernunft als das Vermögen zu schlie­
die transzendentale Elementarlehre eine Analyse ßen untersucht, und es wird gezeigt, dass der
der Grundstruktur der → Rezeptivität des erken­ Gebrauch von Vernunftschlüssen, der über die
nenden Subjekts im Blick auf ihre apriorischen Grenzen der Erfahrung hinausgeht, keine objektiv

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Elementarsystem | 491

gültige Erkenntnis liefert und daher unzulässig (vgl. 21:245; 22:155; 22:192; 22:197; 22:200f.; 22:226).
ist. Weitere wichtige Stellen: 21:552; 21:594; 21:617f.;
2.2 Die transzendentale Elementarlehre umfasst 21:620; 21:624f.; 22:135ff.; 22:149; 22:155; 22:192;
eine strukturelle Untersuchung der drei Erkennt­ 22:197; 22:200f.; 22:226; 22:240; 22:391; 22:393f.
nisvermögen – Sinnlichkeit, Verstand (und Ur­
teilskraft) und Vernunft –, und ihrer Operationen – Verwandte Stichworte
Anschauung, Begriffe, Urteile und endlich Schlüs­ Übergang; Kraft, bewegende; Materie (physika­
se im Blick auf die Möglichkeit synthetischer Er­ lisch); Weltsystem
kenntnisse a priori. So verfährt die transzenden­
tale Elementarlehre konstruktiv (bzw. „progres­ Philosophische Funktion
siv“, vgl. 9:149; → Lehrart, progressive/regressive), In Kants spätem Projekt eines Werks zum Über­
indem sie von dem durch die Sinne gelieferten gang von den MAN zur Physik sollte das ‚Elemen­
kognitiven Stoff ausgeht, um nach und nach kom­ tarsystem‘ der bewegenden Kräfte der Materie
plexere und höherstufige Erkenntnishandlungen bzw. das „Elementarsystem der Materie“ (22:338 u.
zu betrachten. Die transzendentale Elementarleh­ 22:403; vgl. 22:135ff.) den grundlegenden Teil einer
re folgt damit dem Gang der Erkenntnis von ihrem zur Physik propädeutischen Untersuchung bilden,
Ursprung bis über die Grenzen objektiv gültiger die eine allgemeine philosophische Begründung
Erkenntnis hinaus. Dabei bilden die transzenden­ des Materiebegriffs leisten sollte (→ Physiologie).
tale Ästhetik und die transzendentale Analytik die Einem solchen Elementarsystem wird die folgen­
konstruktiven Teile der Untersuchung, indem sie de Aufgabe beigemessen: „Die bewegende Kräfte
die Bedingungen objektiv gültiger Erkenntnis auf­ der Materie müssen also a priori in einem Sys­
zeigen und erklären, während die Dialektik deren tem besonders und vollzählig aufgestellt werden
Grenze mit Bezug auf den Bereich der Erfahrung um den Übergang von der M. d. Natur zur Physik
von Gegenständen in Raum und Zeit aufzeigt. möglich zu machen“ (21:617f.; vgl. 21:622). Das so
verstandene Elementarsystem sollte „das Ganze
Weiterführende Literatur der Elementarbegriffe der bewegenden Kräfte der
Capozzi, Mirella: Kant e la logica, Bd. 1, Napoli: Materie“ behandeln, „so fern es nach Principien
Bibliopolis 2002, insbes. 260ff. a priori ein Gegenstand der Naturforschung ist
Conrad, Elfriede: Kants Logikvorlesungen als um diese Kräfte abgesondert in einem System dar­
neuer Schlüssel zur Architektonik der Kritik zustellen“ (21:625). Dabei sollte dieses „Lehrsys­
der reinen Vernunft. Die Ausarbeitung der tem“„bey der Verbindung der Elementarbegriffe
Gliederungsentwürfe in den Logikvorlesun­ die sich a priori denken lassen in einem System
gen als Auseinandersetzung mit der Tradition, stehen“ bleiben, „um nur die ursprünglichen be­
Stuttgart: Frommann-Holzboog 1994, insbes. wegenden Kräfte der Materie für sich und in ihrem
75–100. Verhältnis zu einander vollständig darzustellen“
Stefano Bacin (21:625; vgl. 22:200, 22:240, 22:149, 22:391, 22:393f.).
Wie aus zahlreichen Versuchen des Op. post. her­
vorgeht, sollte das Elementarsystem „nach der
Elementarsystem Ordnung der Categorien“ angelegt werden (21:533;
Unter ‚Elementarsystem‘ versteht Kant in den Auf­ vgl. 21:534f., 21:506ff., 22:135ff., 22:156ff., 22:226ff.).
zeichnungen des → Opus postumum eine systema­ Das Elementarsystem wird vom ‚Weltsystem‘
tische Darstellung a priori der ‚bewegenden Kräf­ abgegrenzt, das den zweiten Hauptteil von Kants
te‘, die der Materie zugrunde liegen (vgl. 21:234; Projekt bilden sollte. Während das Weltsystem
21:552; 22:135ff.; 22:149; 22:200; 22:240; 21:594; den Begriff der Materie „als ein Absolutes“ (22:192)
21:617f.; 21:620; 21:624f.; 22:391; 22:393f.). ‚Elemen­ zu betrachten habe, soll das Elementarsystem
tarsystem‘ sollte dementsprechend nach mehre­ „blos die Theile“ derselben Materie und „ihre Man­
ren angedeuteten Plänen der erste Hauptteil des nigfaltigkeit“ (22:192) behandeln, um konstruktiv
Werks zum Übergang von den Metaphysischen „von den Theilen zum ganzen Inbegriff der Ma­
Anfangsgründen der Natur zur → Physik heißen, terie (ohne hiatus)“ fortzuschreiten (22:200; vgl.
dem ein ‚Weltsystem‘ genannter Teil folgen sollte 22:197).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
492 | Elend

Weiterführende Literatur foderung des Schiksals an seine Standhaftigkeit


Emundts, Dina: Kants Übergangskonzeption im ansehen“ (Refl. 6801, 19:166; → Selbstmord, Selbst­
Opus postumum. Zur Rolle des Nachlasswer­ entleibung).
kes für die Grundlegung der empirischen Héctor Wittwer
Physik, Berlin u. a.: de Gruyter 2004, insbes.
141–148.
Förster, Eckart: „Die Idee des Übergangs. Überle­ Eltern
gungen zum Elementarsystem der bewegenden Von Eltern spricht Kant nur in Relation zu ihren
Kräfte“, in: Forum für Philosophie Bad Hom­ Kindern, mit denen sie eine Familie ausmachen
burg (Hg.): Übergang. Untersuchungen zum (vgl. 6:282) und deren „natürliche[] Vormünder“
Spätwerk Immanuel Kants, Frankfurt/M.: Klos­ sie sind (7:209). Kant betrachtet hauptsächlich
termann 1991, 28–48. die rechtlichen, pädagogischen und ethischen
Mathieu, Vittorio: Kants Opus postumum, Frank­ Aspekte der Relation. Weitere wichtige Stellen:
furt/M.: Klostermann 1989, insbes. 72ff. 4:415; 6:80; 6:280ff.; 6:330; 6:360; 6:390; 6:459;
Stefano Bacin 8:165; 9:447; 9:461; 9:478; 9:483.

Verwandte Stichworte
Elend Erziehung; Kindheit; Familie
Unter ‚Elend‘ versteht Kant, der Umgangssprache
entsprechend, den Zustand eines Menschen, der Philosophische Funktion
bedauernswert ist, weil in ihm die physischen In rechtlicher Hinsicht haben Eltern eine Pflicht
oder psychischen Übel die Güter bei Weitem über­ zur Erhaltung und Versorgung der Kinder (vgl.
wiegen. Wichtige Stellen: 9:451; Refl. 610, 15:261; 6:280; 6:330) und ein → Elternrecht auf deren
Refl. 1521, 15:888; Refl. 6801, 19:166. „Handhabung und Bildung“ (6:281; vgl. 6:360).
Das pädagogische Thema der familiären Erzie­
Verwandte Stichworte hung durch die Eltern ist hier bereits angespro­
Übel; Unglück chen. Ausgeführt wird es in Kants Pädagogik. Ne­
ben einigen grundsätzlichen Bemerkungen zur
Philosophische Funktion Bedeutung des guten Beispiels (→ Beispiel, mora­
Abgesehen von der kulturkritischen These Kants, lisches) der Eltern dominieren die Hinweise auf
dass in seinem Zeitalter „das Glück der Staaten Erziehungsfehler. So heißt es einerseits, schon
zugleich mit dem Elende der Menschen wachse“ erzogene Eltern seien Beispiele, „nach denen sich
(9:451), hat er den Begriff des Elends in seinen die Kinder bilden, zur Nachachtung“ (9:447), wäh­
Publikationen nicht eigens thematisiert. Jedoch rend andererseits die realistische Skepsis über­
finden sich in den Refl. einige Überlegungen zum wiegt: „Eltern erziehen gemeiniglich ihre Kinder
Elend. Seinen Ursprung habe es in den Begierden nur so, daß sie in die gegenwärtige Welt [. . . ] pas­
und Bedürfnissen des Menschen; diese wieder­ sen. Sie sollten sie aber besser erziehen, damit
um beruhen auf dem menschlichen Wissen und ein zukünftiger besserer Zustand dadurch hervor­
wachsen mit diesem (vgl. Refl. 1521, 15:888). Im gebracht werde“ (9:447; vgl. 9:461, 9:478, 9:483,
Unterschied zu den → Empfindungen des Vergnü­ 4:415, 15:519). Moralisch betrachtet, gebührt den
gens und des Schmerzes beruhe das Elend auf Eltern „Elternliebe“ (6:390) und → Dankbarkeit
→ Reflexion: „Man kan nicht glücklich seyn, ohne (vgl. 6:459).
nach seinem Begriffe von Glückseeligkeit; man Lutz Koch
kann nicht elend seyn, ohne nach dem Begriffe,
den man sich vom Elende macht, d. i. Glücksee­
ligkeit und Elend sind nicht empfundene, son­ Elternrecht
dern auf bloßer Reflexion beruhende Zustände“ Das Elternrecht ist in MSR ein Teil des → Privat­
(Refl. 610, 15:261). Moralisch gesehen, berechtige rechts, insbesondere des „auf dingliche Art persön­
das Elend nicht zum Suizid: Der Mensch „muß lichen Recht[s]“ (6:276). Spezieller ist das Eltern­
das Leben in dem größten Elende als die Auf- recht das → Recht, das den → Eltern den eigenen

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Emanation | 493

Kindern gegenüber zukommt. Weitere wichtige ma emanationis“, das „Gott doch von der Welt
Stellen: 6:280f.; 6:360. unterscheidet, vom systema des Spinoza unter­
schieden, das eigentlich systema inhaerentiae ist“
Verwandte Stichworte (28:1298). In den Reflexionen zum „Reiben“ stellt
Kindheit; Mündigkeit; Erziehung Kant die „Erschütterungstheorie“ der „Emanati­
onstheorie“ entgegen und kommt zu dem Schluss,
Philosophische Funktion dass „[d]urch bloßes Reiben [. . . ] keine Emanati­
Unter dem Titel von Elternrecht behandelt Kant on die Ursache der Wärme“ sein kann (14:517ff.).
zuerst die Elternpflicht der Erhaltung und Versor­ Weitere wichtige Stellen: 8:335; 14:517ff.; 18:547;
gung der Kinder, das auf Seiten der Kinder als 18:551; 17:716; 23:151; 28:342; 28:1092; 28:1298.
deren „ursprünglich-angebornes“ Recht „auf ihre
Versorgung durch die Eltern“ erscheint, „bis sie Verwandte Stichworte
vermögend sind, sich selbst zu erhalten“ (6:280). Mystik; Pantheismus; Spinoza, Baruch de
Das angeborene Recht des Kindes auf Versorgung (Spinozismus)
durch die Eltern begründet Kant mit der „in prak­
tischer Hinsicht ganz richtige[n] und auch noth­ Philosophische Funktion
wendige[n] Idee“ (6:280f.), dass durch den Zeu­ Kant unterscheidet drei mystische, d. h. aus
gungsakt eine Person „ohne ihre Einwilligung auf schwärmender Vernunft entstandene Systeme,
die Welt gesetzt“ wurde, woraus sich die Verbind­ mit denen ein beruhigendes ‚Ende aller Dinge‘ er­
lichkeit ergebe, diese Person „mit diesem ihrem dacht werden soll: 1. Das „System des Laokiun von
Zustande zufrieden zu machen“ (6:281; vgl. 6:360, dem höchsten Gut, das im Nichts bestehen soll“
20:465). (8:335; vgl. 23:151). Historisch ist Laotse gemeint,
Hinzu kommt das Recht der Eltern „zur sachlich das Nirwana des Buddhismus. 2. Der
Handhabung und Bildung des Kindes“ (6:281), das „Pantheism (der Tibetaner und andrer östlichen
allerdings zeitlich begrenzt ist, „so lange es [das Völker) und der aus der metaphysischen Sublimi­
Kind] des eigenen Gebrauchs seiner Gliedmaßen, rung desselben in der Folge erzeugte Spinozism:
imgleichen des Verstandesgebrauchs noch nicht welche beide mit dem [3.] uralten Emanationssys­
mächtig ist“ (6:281). Dieses aus der Erhaltungs- tem aller Menschenseelen aus der Gottheit (und
und Versorgungspflicht der Eltern entspringende ihrer endlichen Resorption in eben dieselbe) nahe
Recht umfasst Ernährung und Pflege, Erziehung verschwistert sind“ (8:335). Kant dürfte hier an die
(Erziehung als „absolute Naturpflicht der Eltern“, Lehren von Plotin und Giordano Bruno gedacht
6:330) sowie pragmatische und → moralische Bil­ haben.
dung der Kinder. Zum historischen Kontext vgl. Bei der Untersuchung der Zwecke macht es
Berding, Elterliche Gewalt 1800; Klippel, Elterliche erst die Moral notwendig, auf einen theistisch ver­
Gewalt. standenen Gott, der seinen Produkten nicht im­
Lutz Koch manent ist, zu schließen: „Ohne Moralität würde
die Hypothesis immer ungegründet seyn und die
Zwekmaßigkeit im Universum allerhochstens auf
Emanation einen Spinozism oder emanation führen“ (18:547).
Kant thematisiert sowohl die theologisch-meta­ Kants Kritik an der Emanation wird in seiner Ant­
physische als auch die physikalische Bedeutung wort auf die Frage nach dem Anfang aller Dinge,
der ‚Emanation‘ (wörtlich ‚Ausfließen‘). Nach Kant d. h. der Schöpfung, noch deutlicher: Wenn man
ist „das Wort emanatio [. . . ] ein bildlicher Aus­ sich Gott nicht als freien, willentlichen Urheber
druck“ (28:1298). Das System der Emanation be­ der Welt vorstellt – was allein zutreffend ist –,
stimmt die Vorstellung Gottes als „notwendige dann bleiben zwei ‚Systeme‘, Gott als Urheber
Ursache von der Substanz der Welt“ (28:1298; vgl. der Welt zu denken: „1) Das systema inhaerentiae
18:551, 17:716). Damit kann beim „systema ema­ [. . . ]; dieses ist der Spinozismus; oder 2) syste­
nationis“ nicht mehr davon gesprochen werden, ma emanationis, wo die Welt zwar eine Wirkung
dass der Schöpfer die Welt aus Freiheit hervor­ von Gott ist, aber nach der Nothwendigkeit seiner
gebracht hat (28:342). Allerdings ist „das syste­ Natur“ (28:342; vgl. 28:1092). Gegen dieses ‚Sys­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
494 | Empfindelei

tem‘ spricht, dass das von Gott Hervorgebrach­ zuzulassen, oder auch vom Gemüth abzuhalten“
te ebenfalls absolut notwendig, wie Gott, sein (7:235f.) definiert. Diese Fähigkeit impliziert die
müsste. Möglichkeit einer Wahl und ist mit der „Empfin­
Michael Albrecht / Christiane Straub dungsfähigkeit aus Stärke“ (7:158) identisch. Ihr
ist die „zärtliche Empfindlichkeit“ (7:158) entge­
genzusetzen: die „Schwäche des Subjects, dem
Empfindelei Eindringen der Sinneneinflüsse ins Bewußtsein
Empfindelei ist die Unfähigkeit, von (unvernünfti­ nicht hinreichend widerstehen zu können, d. i.
gen) Affekten des Mitleids und der Fürsorge für wider Willen darauf zu attendiren“ (7:158). Emp­
andere absehen zu können. Sie ist damit ein Fall findlichkeit bedeutet also, Affekten ausgesetzt zu
„zärtliche[r] Empfindlichkeit“ (7:158), der Unfähig­ sein, ohne ihre Wirkung unter Kontrolle zu haben.
keit, affektive Regungen insgesamt zu kontrollie­ Weitere wichtige Stellen: 9:487; 19:266.
ren. Weitere wichtige Stellen: 5:273; 7:236.
Verwandte Stichworte
Verwandte Stichworte Affekt; Empfindelei; Gefühl
Affekt; Empfindsamkeit; Rührung
Philosophische Funktion
Philosophische Funktion Empfindsamkeit ist subjektive Voraussetzung für
Der Begriff der Empfindelei bezeichnet eine Form die Möglichkeit moralischen Handelns. Sofern wir
des Mitleids, die unsere moralische Wahrneh­ das mit einer möglichen Handlung verbundene
mungsfähigkeit zu trüben geeignet ist. Sie ist „ei­ Gefühl der Lust und Unlust nicht wahrnehmen
ne Schwäche, durch Theilnehmung an anderer können, ist unsere moralisch relevante Wahrneh­
ihrem Zustande, die gleichsam auf dem Organ mungsfähigkeit eingeschränkt: „motiva haben
des Empfindelnden nach Belieben spielen kön­ obiective Kraft, aber die subiective Kraft dersel­
nen, sich auch wider Willen afficiren zu lassen“ ben kommt auf die Empfindsamkeit an“ (19:266).
(7:236). Empfindelei wird der Empfindsamkeit ent­ Zugleich ist sie Bedingung der ‚Sympathie‘, der
gegengesetzt, so schon in Johann Heinrich Cam­ Wahrnehmung von Affekten anderer: „Theilneh­
pe, Ueber Empfindsamkeit und Empfindelei (1779) mung ist wirklich Empfindsamkeit; sie stimmt
(vgl. Brandt, Kommentar zu Kants Anthropologie, nur mit einem solchen Charakter überein, der
S. 351). Kant attestiert dem Mailänder Rechtsphi­ empfindsam ist“ (9:487).
losophen → Cesare Beccaria Empfindelei wegen Stefan Heßbrüggen-Walter
dessen angeblich aus „affectirte[r] Humanität“
herrührender Ablehnung der Todesstrafe (6:335).
Auch in ästhetischer Hinsicht polemisiert Kant Empfindung
gegen die Empfindelei, die eine „weiche, aber zu­ Empfindung ist die „Wirkung eines Gegenstan­
gleich schwache Seele“ hervorbringe (5:273). des auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir von
demselben afficirt werden“ (KrV A 19 / B 34). Bei
Weiterführende Literatur der fraglichen Fähigkeit handelt es sich um das
Brandt, Reinhard: Kritischer Kommentar zu Kants rezeptive Vermögen der Sinnlichkeit – d. h. „die
Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Ham­ Fähigkeit (Receptivität), Vorstellungen durch die
burg: Meiner 1999. Art, wie wir von Gegenständen afficirt werden,
Stefan Heßbrüggen-Walter zu bekommen“ (KrV A 19 / B 33). Empfindungen
als solche sind für Kant bloß subjektive, von in­
neren oder äußeren Gegenständen verursachte
Empfindsamkeit Zustände, die aber durch den Geist in einer Wei­
Empfindsamkeit ist das Vermögen, die affektive se strukturiert werden, die sie zu voll ausgebil­
Kraft von Emotionen, v. a. des Gefühls der Lust deten sinnlichen Anschauungen werden lässt –
und Unlust, zu kontrollieren. Sie wird in der → An­ d. h. zu zeitlichen Vorstellungen von den eige­
thropologie in pragmatischer Hinsicht als „Vermö­ nen geistigen Zuständen oder zu raumzeitlichen
gen [. . . ] den Zustand sowohl der Lust als Unlust Vorstellungen von den Zuständen äußerer Gegen­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Empfindung | 495

stände. In den moralphilosophischen Schriften KrV B 1) die Rolle der „Materie“ für die „Form[en]“
versteht Kant Empfindungen als eine Reaktion auf (KrV A 20 / B 34) der Anschauung: Raum und Zeit.
Gegenstände, welche angesichts ebendieser Ge­ In sein Handexemplar der KrV notiert Kant bei
genstände ein rational motiviertes Begehren oder KrV A 143 / B 182: „Empfindung ist das eigentliche
eine rational motivierte Abneigung begründen empirische unserer Erkenntnis, und das Reale der
kann. Daher kann die auf Erfahrung beruhende Vorstellungen des inneren Sinns im Gegensatz
Antizipation einer angenehmen Empfindung der gegen die Form desselben, die Zeit“ (23:27).
praktischen Überlegung eine bestimmte Richtung Zweitens werden die Anschauungen als sol­
geben (oder sie von ihrem Ziel ablenken, vgl. 5:58). che (d. h. die Empfindungen, die im Einklang mit
Im Vergleich dazu bezeichnet ‚Gefühl‘ jede Art den Axiomen von Raum und Zeit ‚ausgedehnt‘
von Gefühlszustand, einerlei ob er die Sinne be­ sind) unter Verstandesbegriffe subsumiert, und
trifft oder ob sich mit ihm rationale Überlegungen zwar in einem → Urteil. Auf dieser Stufe spielt
begründen lassen. Weitere wichtige Stellen: KrV die Anschauung als Ganze die Rolle der „Mate­
A 19–22 / B 33–36; KrV A 143 / B 182; KrV A 166ff. / rie“ (KrV A 20 / B 34) für die durch die → Begriffe
B 207ff.; KrV A 320 / B 376; 5:28; 5:58f.; 5:75; 5:206f.; bereitgestellte Form. Es findet sich also in Kants
5:291; 5:330; 12:213; 23:21. Auffassung von der Wahrnehmung eine Art dop­
pelter Hylemorphismus, und obwohl die Empfin­
Verwandte Stichworte dung auf dieser zweiten Stufe wichtig ist, ist sie
Achtung, Achtung für das Gesetz; Anschauung; es doch nur, weil sie schon eine formale Struktur
Antizipationen der Wahrnehmung; Axiome (Raum und Zeit) und eine Art gegenstandsbezo­
der Anschauung; Ding an sich; Erkenntnis; gener intentio besitzt. Daraus erklärt sich auch,
Gefühl; Größe, extensive; Größe, intensive; warum Kant in der KU zwischen der bloß „sub­
Wahrnehmung jectiven Empfindung“ (5:206f.), betrachtet als ein
nicht-intentionales Gefühl des Subjekts, und der
Philosophische Funktion „objectiven Empfindung“ (5:206f.), die (als Teil
Empfindung wird dort, wo Kant in der KrV zum einer Anschauung) ausdrücklich auf einen Ge­
ersten Mal von der „Stufenleiter“ aller Vorstellun­ genstand bezogen ist, unterscheiden kann (vgl.
gen spricht, definiert als ein Zustand, der „sich le­ 12:213ff.).
diglich auf das Subject als die Modification seines Nach dieser Lesart ist klar, dass Empfindun­
Zustandes bezieht“ (KrV A 320 / B 376). Die sinnli­ gen normalerweise keine für sich stehenden Zu­
che Anschauung dagegen ist ein Zustand, der sich stände sind, sondern die „ersten Grundstücke“
„unmittelbar auf den Gegenstand“ bezieht (KrV (15:268) der Wahrnehmung und der auf Sinnes­
A 320 / B 376f.; vgl. 23:21). Der Abschnitt über die wahrnehmung beruhenden Erkenntnis. Tatsäch­
Stufenleiter ist, wie man weiß, nicht verlässlich, lich scheint Kant gelegentlich zu meinen, dass
scheint aber doch Kants abschließende Ansicht die Empfindung kein Zustand sei, der je für sich
über die Empfindung widerzuspiegeln: Sie ist die stehen könnte – sie wird vom Geist immer als „Ma­
„Materie“ (KrV A 20 / B 34) der Wahrnehmung, terie“ eines hylemorphischen Kompositums auf­
betrachtet als Modifikation des Subjekts, und sie genommen, wobei die „Form“ (KrV A 20 / B 34)
kann erst dann etwas vorstellen (einen äußeren von Raum und Zeit herrührt. Andererseits scheint
oder inneren Gegenstand), wenn sie durch die An­ Kant gelegentlich zu meinen, dass im Prinzip eine
schauungsformen strukturiert und vielleicht sogar innere Empfindung möglich sei, die „nur einen
erst dann (das ist in der Kant-Literatur umstritten), Augenblick [erfüllt]“ (KrV A 167 / B 209): Ein sol­
wenn sie außerdem unter reine und empirische cher Zustand hätte keine → extensive Größe und
Verstandesbegriffe subsumiert worden ist (vgl. wäre somit nicht Teil einer Anschauung. Doch
Falkenstein, Kant’s Intuitionism, S. 103–134). Kant fügt hinzu: „Nun hat jede Empfindung ei­
Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die nen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit,
Sinneswahrnehmung wenigstens zwei Stufen der d. i. den innren Sinn, in Ansehung derselben Vor­
Formung und des Strukturierens umfasst: Erstens stellung eines Gegenstandes mehr oder weniger
spielen die reinen Empfindungen (das Ergebnis erfüllen kann, bis sie in Nichts (= 0= negatio) auf­
der Verarbeitung „sinnlicher Eindrücke“, z. B. in hört“ (KrV A 143 / B 182). Mit anderen Worten, eine

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
496 | Empfindung

Empfindung hat notwendigerweise eine → inten­ Was wir außerdem noch a priori über Emp­
sive Größe, die völlig unabhängig von irgendeiner findungen aussagen können, hat nichts mit ihrem
extensiven Größe ist, die sie in Raum und Zeit hat. inneren Charakter, sondern vielmehr mit ihrer
Kant war einer der ersten Philosophen, die ihr Ursache oder ihrem Grund zu tun. Die zentrale
Augenmerk auf die quantitativen Beziehungen Lehre der Antizipationen der Wahrnehmung lau­
zwischen Empfindungen und Stimuli gerichtet tet: „In allen Erscheinungen hat die Empfindung
haben, Beziehungen, die in der gegenwärtigen und das Reale, welches ihr an dem Gegenstan­
Neurowissenschaft von großem Interesse sind de entspricht, (realitas phaenomenon) eine in­
(vgl. Baumann, Kant and the Magnitude, S. 1). tensive Größe, d. i. einen Grad“ (KrV A 166). Bei
Nach dieser Lesart ist ebenfalls klar, dass ei­ der ‚Entsprechung‘ handelt es sich hier um ei­
ne Empfindung gänzlich a posteriori ist. Die reine ne kausale Beziehung: Die Empfindung ist der
Anschauung a priori ist die Vorstellung der allge­ subjektive Zustand, den die realen Dinge (äuße­
meinen Struktur oder Form unserer Anschauung. re Gegenstände oder unser eigener Geist) in uns
(Wir können daher, wenn wir Geometrie betrei­ hervorrufen, welche als Dinge in der Welt (bzw.
ben, eine Anschauung vom Raum haben). Es kann als Zustände unseres eigenen empirischen Ichs)
aber keine reine Empfindung a priori geben. Für einen objektiven Status innehaben. Wiederum
Kant ist die Empfindung immer empirisch und gilt, dass eine Empfindung, wenn sie nicht Be­
wird a posteriori vom Geist über das rezeptive standteil einer Anschauung oder letztlich einer
Vermögen der Sinnlichkeit aufgenommen. Jede echten Erkenntnis ist, zwar nichts vorstellt oder re­
Vorstellung sinnlichen Inhalts hat also notwen­ präsentiert, gleichwohl aber jenen Gegenständen
digerweise einen empirischen Ursprung: „Emp­ insofern „entspricht“ (KrV A 166), als sie eine der
findung liegt also außer aller Erkenntnis a priori“ Wirkungen ist, die diese auf den wahrnehmenden
(23:27). Geist ausüben.
Bezeichnenderweise folgt aus diesem letzten Im Kapitel über den → Schematismus scheint
Punkt nicht, dass es keine Gesetze der Empfin­ Kant davon etwas abzuweichen: Einer Empfin­
dung gibt, d. h. Grundsätze a priori im Hinblick dung entspricht nun „die transcendentale Materie
darauf, wie Empfindungen sich für uns darstellen aller Gegenstände als Dinge an sich (die Sachheit,
müssen. In den Antizipationen der Wahrnehmung Realität)“ (KrV A 143 / B 182). Wieder begegnen wir
erklärt Kant, wir könnten a priori wissen, dass hier der These, dass die Empfindung ein subjekti­
Empfindungen irgendeinen Grad einer intensiven ver Zustand mit einer intensiven Größe sei, der von
Größe haben und dass der Grad dieser Größe sich einem Gegenstand hervorgerufen wird und somit
stets verringern oder vergrößern lasse. Das hat dessen Realität „entspricht“ (KrV A 143 / B 182).
zur Folge, dass wir keinen leeren Raum oder kein Im Unterschied zu der Stelle in den Antizipatio­
Vakuum empfinden und auch keine Empfindung nen der Wahrnehmung scheint Kant hier aber zu
mit einer unendlichen (intensiven) Größe haben meinen, dass dasjenige, das der Empfindung ent­
können (vgl. KrV A 172 / B 214). Aber woher genau spricht, die → Dinge an sich seien. Jedoch lässt
wir das Kant zufolge wissen sollen, ist nicht klar – sich das wohlwollend auch so deuten: Die Dinge
schließlich scheint es nach allem, was wir a priori and sich sind einfach der Grund für die Empfin­
wissen können, möglich zu sein, dass eine be­ dungen und liefern in diesem Sinn die ‚Materie‘
stimmte Empfindung so beschaffen ist, dass ihr für die Sinnlichkeit. Das könnte der Fall sein, oh­
ein spezifischer Grad wesentlich ist. (Nach allem, ne den Grundsatz zu verletzen, dass wir keine
was wir a priori wissen, könnte es zum Beispiel perzeptive Erkenntnis vom noumenalen Grund
sein, dass wir lediglich eine Lufttemperatur von unserer Erfahrung haben.
genau 29° Celsius empfinden können, vgl. Ben­ Jedenfalls wissen wir a priori, dass die Emp­
nett, Kant’s Analytic, S. 172). Kant ist dagegen der findung irgendwie ihrer Ursache oder ihrem
Auffassung, dass wir a priori über den inneren Grund entspricht, und dass der Grad oder die
Charakter von Empfindungen nicht mehr, aber intensive Größe der Empfindung ebenfalls einem
auch nicht weniger wissen können als dies: „daß Grad der Realität dieses Grundes entspricht. Doch
sie einen Grad haben [. . . ] alles übrige bleibt der der genaue Inhalt und Charakter der Empfindung,
Erfahrung überlassen“ (KrV A 176 / B 218). betrachtet man sie als Materie der Wahrnehmung,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
empirisch | 497

lässt sich wiederum gar nicht antizipieren (vgl. nuel Kant. Kritik der reinen Vernunft, Berlin:
KrV A 167 / B 208). Zusammenfassend sagt Kant Akademie 1998, 247–266.
in den Antizipationen der Wahrnehmung: „Alle McLear, Colin: „Kant on Perceptual Content“,
Empfindungen werden daher, als solche, zwar Mind (im Ersch.).
nur a posteriori gegeben, aber die Eigenschaft der­ Zinkin, Melissa: „Intensive Magnitudes and the
selben, daß sie einen Grad haben, kann a priori Normatively of Feeling“, in: Kukla, Rebecca
erkannt werden“ (KrV A 176 / B 218). (Hg.): Aesthetics and Cognition in Kant’s Criti­
In den moralphilosophischen Schriften rich­ cal Philosophy, New York: Cambridge Universi­
tet Kant sein Augenmerk entsprechend auf die ty Press 2006.
evaluativen Aspekte der Empfindung. Wenn man Andrew Chignell
z. B. bei einem köstlichen Essen eine gewisse Be­ (Übersetzung: Birger Brinkmeier)
friedigung empfindet, dann ist dieses Essen gut,
wenn auch natürlich nicht intrinsisch gut (vgl.
5:59). Bemerkenswert ist, dass es von dem wich­ empirisch
tigen Gefühl der → Achtung in der KpV heißt, es ‚Empirisch‘ fungiert als Adjektiv zu Erfahrung.
sei eine Art Empfindung, die ihren eigentlichen Sehr vage kann ‚empirisch‘ also oft durch ‚auf Er­
Ursprung in der praktischen Vernunft habe (vgl. fahrung bezogen‘ paraphrasiert werden. Wichtige
5:75; 5:92). Verwendungen sind die zur Kennzeichnung von
In der KU knüpft Kant an solche Überlegun­ Vorstellungen (→ Begriffen und → Anschauungen)
gen an und definiert etwa das → Angenehme als und für den Gebrauch von Vorstellungen oder
„das, was den Sinnen in der Empfindung gefällt“ Erkenntnisvermögen: Eine Vorstellung ist genau
(5:205). Die wichtigste Rolle der Empfindung in dann empirisch, wenn sie ihren Gehalt zumin­
dieser Schrift besteht aber darin anzuzeigen, dass dest teilweise aus → Empfindungen bezieht (vgl.
eine harmonische „Belebung“ (5:219) der beiden KrV A 20 / B 34). Der Gebrauch einer Vorstellung
Vermögen Einbildungskraft und Verstand vor­ oder eines → Vermögens ist genau dann empirisch,
handen ist. Vorausgesetzt, dass einzelne Emp­ wenn sie nur auf mögliche Erfahrungsgegenstän­
findungen dieser Art die Grundlage für echte Ge­ de bezogen wird (vgl. KrV A 139 / B 178). Eine sol­
schmacksurteile sind, zumindest im Hinblick auf che Beziehung kann auch darin bestehen, a priori
das Schöne, dann müssen sie zur „allgemeine[n] die formalen Bedingungen von Erfahrungsgegen­
Mittheilbarkeit“ fähig sein (5:219; vgl. 5:231, 5:291). ständen bereitzustellen. Weitere wichtige Stellen:
Ich kann daher vernünftigerweise erwarten oder KrV A 50f. / B 74f.; KrV A 220 / B 267; KrV A 239 /
sogar verlangen, wenn andere einen vorhande­ B 298; KrV A 295 / B 351f.; KrV A 696 / B 724; KrV
nen Gegenstand in der richtigen Weise betrachten, A 835f. / B 863f.; KrV A 840f. / B 868f.
dass sie dieselbe Empfindung haben wie ich.
Verwandte Stichworte
Weiterführende Literatur a priori / a posteriori; Erfahrung; rein; empi­
Dörflinger, Bernd: „Zum Status der Empfindung risch/rational; Vorstellung, empirische/reine;
als der materialen Bedingung der Erfahrung“, Begriff, empirischer; Bewusstsein, empirisches
in: Funke, Gerhard (Hg.): Akten des Siebenten
Internationalen Kant-Kongresses Bd. II. 1, Bonn Philosophische Funktion
u. a.: Bouvier 1991, 101–117. 1 Empfindung als Kriterium empirischer
Falkenstein, Lorne: „Kant’s Account of Sensation“, Vorstellungen
in: Canadian Journal of Philosophy 20, 1990, Empirische Vorstellungen werden reinen gegen­
63–88. übergestellt. Man könnte sie daher dadurch be­
Hanna, Robert: „Kant and Nonconceptual Con­ stimmen, dass sie nicht rein sind. Vorstellungen
tent“, in: European Journal of Philosophy 13, sind genau dann rein, wenn sie keine Empfin­
2005, 247–290. dungsgehalte einbeziehen, genau dann empirisch,
Klemme, Heiner F.: „Die Axiome der Anschauung wenn sie solche Gehalte einbeziehen: „Anschau­
und die Antizipation der Wahrnehmung“, in: ung und Begriffe machen also die Elemente aller
Mohr, Georg / Willaschek, Marcus (Hg.): Imma­ unserer Erkenntniß aus, so daß weder Begriffe,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
498 | empirisch

ohne ihnen auf einige Art correspondirende An­ d. i. durch Erfahrung, möglich sind, entgegen­
schauung, noch Anschauung ohne Begriffe ein gesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen
Erkenntniß abgeben können. Beide sind entweder aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches
rein oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung beigemischt ist. So ist z. B. der Satz: eine jede Ver­
(die die wirkliche Gegenwart des Gegenstands änderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, al­
voraussetzt) darin enthalten ist; rein aber, wenn lein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist,
der Vorstellung keine Empfindung beigemischt der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann“
ist. Man kann die letztere die Materie der sinn­ (KrV B 2f.). Erkenntnisse a priori sollen von der
lichen Erkenntniß nennen“ (KrV A 50 / B 74). Es Erfahrung völlig unabhängig sein. Trotzdem kön­
gilt daher: „Diejenige Anschauung, welche sich nen sie empirische Gehalte haben. Rein sind sie
durch Empfindung auf den Gegenstand bezieht, nur, wenn sie nichts Empirisches enthalten (vgl.
heißt empirisch“ (KrV A 20 / B 34; → Vorstellung, Cramer, Nicht-reine synthetische Urteile a priori,
empirische/reine). Auch Erkenntnisse können ent­ S. 13). Das Kriterium einer Erkenntnis a priori ist
sprechend in reine und empirische untergliedert ihre → Notwendigkeit und strenge → Allgemein­
werden (→ Erkenntnis, empirische/reine). Eine heit (vgl. KrV B 3; Cramer, Nicht-reine synthetische
korrespondierende Unterscheidung ist die des Urteile a priori)
Empirischen und des → Rationalen. → Rationale Kant unterscheidet von empirischen Erkennt­
Erkenntnisse sind reine und umgekehrt (vgl. KrV nissen die Erkenntnis des Empirischen überhaupt
A 835f. / B 863f.; KrV A 840f. / B 868f.). (vgl. KrV A 217). Diese ist eine Erkenntnis a priori
Bei der Interpretation dieses Kriteriums des von Bedingungen der Erfahrung.
Enthaltenseins von Empfindungen ist zu beden­
ken, dass Kant nicht ausschließen will, dass das 2 Beschränkung von Erkenntnisansprüchen auf
Erkennen gewöhnlich mit Empfindungen anhebt, Erfahrung
so dass diese immer irgendeine Rolle beim Erwerb Auch Vermögen können rein sein, wie der Titel der
auch von reinen Vorstellungen spielen (vgl. KrV KrV zeigt. Vermögen sind insoweit rein, als sie zur
B 1). Daher muss geklärt werden, wie das Kriteri­ Bildung von → reinen Vorstellungen gebraucht
um mit der Nebenbedingung vereinbart werden werden können. Der Gebrauch von Vermögen ist
kann, dass für das Unterhalten jeder beliebigen empirisch im Gegensatz zu → transzendental im
Vorstellung Empfindungen notwendig sind. Eine Sinne des Versuchs einer Erkenntnis von → Ge­
Lösung dieser Problematik bietet die Annahme genständen überhaupt genau dann, wenn er sich
von Empfindungsgehalten, welche die Materie der auf mögliche Gegenstände einer sinnlichen → An­
sinnlichen Erkenntnis ausmachen. Diese Gehal­ schauung beschränkt.
te können Vorstellungen nur haben, wenn Emp­ Empirischen Vorstellungen oder dem empi­
findungen mit entsprechenden Gehalten voraus­ rischen Gebrauch von Vorstellungen stehen tran­
gegangen sind. Nur dann, wenn die Vorstellung szendente oder transzendentale Vorstellungen
Empfindungsgehalte einbezieht, ist sie empirisch, oder Gebrauchsweisen gegenüber, die eine Über­
in jedem anderen Fall rein. Im Bereich der prakti­ schreitung des Bereichs möglicher Gegenstände
schen Philosophie wird zwischen rationalen und der Erfahrung oder ihrer formalen Bedingungen
empirischen, nur subjektiven Bestimmungsgrün­ durch Ansprüche auf eine Erkenntnis von Gegen­
den des → Willens und entsprechenden Begrün­ ständen überhaupt enthalten (vgl. KrV A 295f. /
dungsprinzipien unterschieden (vgl. 5:39). Auch B 352f.). Kant will klären, ob die „reine Verstan­
hier ist das Kriterium, ob die jeweiligen Vorstel­ desbegriffe von bloß empirischem oder auch von
lungen Empfindung einbeziehen. transscendentalem Gebrauche sind, d. i. ob sie
Kant stellt empirische Vorstellungen und Er­ lediglich, als Bedingungen einer möglichen Er­
kenntnisse solchen a priori gegenüber: „Wir wer­ fahrung, sich a priori auf Erscheinungen bezie­
den also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori hen, oder ob sie als Bedingungen der Möglichkeit
nicht solche verstehen, die von dieser oder jener, der Dinge überhaupt auf Gegenstände an sich
sondern die schlechterdings von aller Erfahrung selbst (ohne einige Restriction auf unsre Sinn­
unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische lichkeit) erstreckt werden können“ (KrV A 139 /
Erkenntnisse oder solche, die nur a posteriori, B 178). Das Ergebnis ist, dass nur der empirische

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
empirisch/rational | 499

Gebrauch Erkenntnis ermöglicht, Ansprüche auf res ist durch → Spontaneität, letzteres durch Re­
Erkenntnis von Gegenständen rechtfertigt, gleich­ zeptivität gekennzeichnet. Dieser Unterscheidung
gültig, ob es sich um reine oder empirische Be­ entspricht eine weitere innerhalb der Produkte
griffe handelt (vgl. KrV A 220 / B 267; KrV A 239 / dieser Erkenntnisvermögen: des Rationalen und
B 298). Manchmal lässt Kant es zweifelhaft schei­ des Empirischen. „Ich verstehe hier aber unter
nen, ob überhaupt ein anderer Gebrauch als der Vernunft das ganze obere Erkenntnißvermögen,
empirische möglich ist (vgl. KrV A 696 / B 724; KrV und setze also das Rationale dem Empirischen ent­
B 304; Strawson, Grenzen, S. 13; vgl. aber KrV gehen“ (KrV A 835 / B 863). Ersteres wird nur dem
A 289 / B 345f.). oberen, letzteres auch dem unteren Erkenntnis­
vermögen zugeordnet. Die Unterscheidung kann
Weiterführende Literatur durch die des Reinen und des Empirischen erläu­
Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urteile tert werden: „Alle Philosophie aber ist entweder
a priori. Ein Problem der Transzendentalphi­ Erkenntniß aus reiner Vernunft, oder Vernunfter­
losophie Immanuel Kants, Heidelberg: Winter kenntniß aus empirischen Principien. Die erstere
1985. heißt reine, die zweite empirische Philosophie“
Paton, Herbert James: Kant’s Metaphysic of Expe­ (KrV A 840 / B 868). Erkenntnisse sind „Empirisch,
rience, London: Allen & Unwin 1936. wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart
Sellars, Wilfrid: Science and Metaphysics. Varia­ des Gegenstands voraussetzt) darin enthalten ist;
tions on Kantian Themes, London: Routledge rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung
and Kegan Paul 1967. beigemischt ist“ (KrV A 50 / B 74). Empirisch sind
Sellars, Wilfrid: „Some Remarks on Kant’s Theory → Vorstellungen, deren Gehalt durch → Empfin­
of Experience“, in: Journal of Philosophy 64, dungen mit bestimmt wird, und die daher nicht
1967, 633–647. erworben werden können, ohne Empfindungen
Strawson, Peter F.: Die Grenzen des Sinns. Ein mit bestimmten Inhalten zu haben. Rational sind
Kommentar zu Kants „Kritik der reinen Ver­ solche, deren Inhalt nicht durch Empfindungen
nunft“, übersetzt von Lange, Ernst Michael, mit bestimmt wird, auch wenn sie erst auf Veran­
Frankfurt: Hain 1992. lassung durch Empfindungen gebildet werden.
Daniel Dohrn Kant unterscheidet zugleich zwischen ratio­
nalen und historischen Erkenntnissen (vgl. KrV
A 836 / B 864). Auch diese Unterscheidung lässt
empirisch/rational sich durch die von spontanem und rezeptivem
Kant stellt dem Empirischen das Rationale gegen­ oder passivem Gebrauch der Erkenntnisvermögen
über. Empirisch sind Erkenntnisse, die Empfin­ erläutern. Historische Erkenntnisse sind solche,
dungsmaterial einbeziehen, rational solche aus die nicht durch eigenen spontanen Vernunftge­
reiner Vernunft, die kein Empfindungsmaterial brauch erworben, sondern dem Subjekt gegeben
einbeziehen. Wichtige Stellen: KrV A 50f. / B 74f.; sind. Zu ihnen zählen die empirischen, weil sie zu­
KrV A 835f. / B 863f.; 5:39; 9:22. mindest teilweise nicht durch eigenen spontanen
Vernunftgebrauch, sondern durch sinnliche Affi­
Verwandte Stichworte zierung der Rezeptivität zustande kommen, aber
empirisch; rein; Erkenntnis, historische; Er­ auch solche, die rational sind, wenn sie durch ei­
kenntnis, rationale genen Vernunftgebrauch erworben würden, aber
nur historisch, wenn sie von anderen übernom­
Philosophische Funktion men werden.
Kant entwickelt ein System der → Erkenntnisver­ Kant gründet seine praktische Philosophie
mögen, das gemäß dem Begriff ihrer natürlichen auf eine Untersuchung des → Freiheitsbegriffs. Der
Funktion organisiert wird, den die → Vernunft lie­ Freiheitsbegriff ist empirisch nicht zu belegen. Er
fert. Die Hauptunterscheidung innerhalb dieses muss daher Gegenstand einer rationalen Kritik
Systems betrifft die zwei → Stämme der → Erkennt­ der reinen praktischen Vernunft, nicht mehr nur
nis, das gesamte diskursive oder obere und das der theoretischen Vernunft sein (vgl. 5:7f.). Empi­
sinnliche oder untere Erkenntnisvermögen. Erste­ rische werden von rationalen, aus der Vernunft

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
500 | Empirismus

entspringenden Bestimmungsgründen des → Wil­ kenntnisse gibt, die sich nicht vollständig aus der
lens unterschieden. Empirische sind nur subjek­ Erfahrung ableiten lassen. Der Empirismus wird
tiv, rationale objektiv. Mit letzteren wird intersub­ philosophiehistorisch mit → Epikur, → Aristoteles
jektive Geltung beansprucht, wie sie moralische und → John Locke verbunden. Allerdings sei nur
Grundsätze erfordern. Sie können grundsätzlich Epikur konsequent gewesen, keine Erkenntnis­
entweder formal oder material sein. Im ersten Fall, ansprüche zuzulassen, die sich nicht aus Sinnes­
dem des kantischen Sittengesetzes, bedürfen sie wahrnehmungen ableiten ließen (vgl. KrV A 854 /
einer empirischen Materie (vgl. 5:39–41). B 882). So kritisiert Kant, dass Locke, „nachdem
er alle Begriffe und Grundsätze von der Erfahrung
Weiterführende Literatur abgeleitet hatte, so weit im Gebrauch derselben
Carl, Wolfgang: Die transzendentale Deduktion geht, daß er behauptet, man könne das Dasein
der Kategorien in der ersten Auflage der Kritik Gottes und die Unsterblichkeit der Seele (obzwar
der reinen Vernunft, Frankfurt: Vittorio Klos­ beide Gegenstände ganz außer den Grenzen mög­
termann 1992. licher Erfahrung liegen) eben so evident beweisen,
Engfer, Hans-Jürgen: Empirismus versus Rationa­ als irgend einen mathematischen Lehrsatz“ (KrV
lismus. Kritik eines philosophiegeschichtlichen A 854f. / B 882f.).
Schemas, Paderborn u. a.: Schöningh 1996. An Lockes Empirismus kritisiert Kant weiter
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge, die Beschränkung auf eine bloß psychologische
Cambridge u. a.: Cambridge University Press Erklärung der Genese von Begriffen und Erkennt­
1978. nissen (im Gegensatz zu einer → transzendentalen
Daniel Dohrn Deduktion, vgl. KrV A 86f. / B 118f.). Allgemein kri­
tisiert Kant auch, dass der Empirismus zu einem
Skeptizismus führt, was die Möglichkeit → mathe­
Empirismus matischer Erkenntnisse angeht (vgl. 5:52).
Die verschiedenen Formen des Empirismus ver­ Kant kritisiert weiter, dass der Empirismus
bindet die Auffassung, dass alle Erkenntnisse aus im Bereich → praktischer Erkenntnis zu einem un­
der Sinneserfahrung stammen und Überlegun­ angemessenen Verständnis der Möglichkeit eines
gen a priori die Erkenntnistätigkeit nicht beför­ freien Handelns gelangt, das er auf empirische
dern, sondern einschränken. Wichtige Stellen: Ursachen zurückführt (vgl. 5:94).
KrV A 465–471 / B 493–499; KrV A 854f. / B 882f.;
5:52; 5:94. 2 Empirismus hinsichtlich der kosmologischen
Vernunftideen
Verwandte Stichworte Der Empirismus ist auch eine philosophische Po­
empirisch; Erfahrung; Rationalismus; Locke, sition mit Blick auf die kosmologischen Vernunft­
John ideen. Diese Position ist mit der empiristischen
hinsichtlich des Ursprungs von → Erkenntnissen
Philosophische Funktion vereinbar, folgt aber nicht daraus. Beide empiris­
1 Empirismus hinsichtlich des Ursprungs von tischen Positionen sind daher unabhängig von­
Vernunfterkenntnissen einander. Eine allgemeine empiristische Tendenz
Der Empirismus ist eine philosophische Position, liegt den jeweiligen Antithesen innerhalb der Ver­
die sich mit dem Ursprung von Erkenntnissen be­ nunftantinomien zugrunde, wie den Thesen ein
schäftigt, die in Wahrheit reine Vernunfterkennt­ → Dogmatismus (vgl. KrV A 465f. / B 493f.). Jene
nisse sind. Die Frage ist „ob sie aus der Erfah­ Antithesen beinhalten die Leugnung eines Welt­
rung abgeleitet, oder unabhängig von ihr in der endes oder einer Weltbegrenzung, des → Einfa­
Vernunft ihre Quelle haben“ (KrV A 854 / B 882). chen, der → Freiheit, einer Weltursache. Sie haben
Solche Erkenntnisse müssen sich gemäß dem Em­ gemeinsam, dass es nichts in der Welt oder jen­
pirismus vollständig aus der Erfahrung ableiten seits ihrer gibt, das sich von dem, was durch Sin­
lassen, die auf → Empfindung beziehungsweise neswahrnehmung beobachtet werden kann, kate­
Sinneswahrnehmungen beruht. Die Gegenpositi­ gorial unterschiede. Dieses Beobachtbare wird auf
on ist der Noologismus, nach dem es Vernunfter­ eine → Totalität ausgedehnt. Die Antithesen wer­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Endabsicht | 501

den daher durch ein spekulatives → Vernunftin­ Weiterführende Literatur


teresse unterstützt. Werden die Antithesen akzep­ Engfer, Hans-Jürgen: Empirismus versus Rationa­
tiert, steht zu hoffen, dass die → empirische Wis­ lismus. Kritik eines philosophiegeschichtlichen
senschaft immer weiter getrieben werden kann, Schemas, Paderborn u. a.: Schöningh 1996.
ohne dass ein Phänomen der → ‚faulen Vernunft‘ Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge,
auftritt, das entsteht, wenn Aussagen der Vernunft Cambridge u. a.: Cambridge University Press
gebieten, mit der erfahrungswissenschaftlichen 1978.
Welterkenntnis nicht fortzufahren, weil die jewei­ Krüger, Lorenz: Der Begriff des Empirismus. Er­
lige Erkenntnisreihe durch etwas beendet wird, kenntnistheoretische Studien am Beispiel John
was nicht durch Erfahrung, sondern durch reine Lockes, Berlin u. a.: de Gruyter 1973.
Vernunfterkenntnis erfasst wird (vgl. KrV A 468f. / Daniel Dohrn
B 496f.). Auch wenn auf diese Weise ein → spe­
kulatives Interesse unterstützt wird, geschieht
einem praktischen doch Abbruch, weil die empi­ Endabsicht
ristische Position die Überzeugung ausschließt, ‚Endabsicht‘ bezeichnet den ersten und letzten
dass es ein moralisches Handeln geben könn­ Grund aller Zwecke der Natur und des Men­
te, insofern dieses ein Handeln aus Freiheit sein schen hinsichtlich seiner moralischen Veranla­
müsste. Ginge es dem Empirismus nur um das gung und seines Tuns, sofern diese in Bezie­
dialektische Ziel, dogmatische Anmaßungen zu hung auf ein höchstes verständiges Wesen als
bekämpfen, wie sie sich in den Thesen nieder­ Absichten gedacht werden. Wichtige Stellen: 2:123;
schlagen, gegen die er seine Antithesen richtet, 2:238; KrV A 3 / B 7; KrV A 9 / B 13; KrV A 417 /
wäre gegen ihn nichts zu sagen. Doch indem diese B 444; KrV A 680 / B 708; KrV A 798 / B 826; 5:168;
Antithesen als Wissen ausgegeben werden, ist 5:432; 5:440f.; 5:479; 5:482; 5:485; 6:154 Anm.; 7:41;
er nicht gerechtfertigt (vgl. KrV A 470f. / B 498f.). 7:44; 7:52; 8:29; 8:264.
Denn die Antithesen sind weder durch empirische
Rechtfertigungsweisen ausweisbar, die erforder­ Verwandte Stichworte
ten, dass eine ihnen entsprechende → Anschau­ Endursache; Endzweck; Mittel; Zweck
ung gegeben werden könnte, noch durch eine
transzendentale Untersuchung der Bedingungen Philosophische Funktion
der Erfahrung. In Kants vorkritischen Untersuchungen zur physi­
Der Empirismus hinsichtlich der kosmologi­ kotheologischen Gottesbegründung ist die End­
schen Vernunftideen kann sich offenbar nicht auf absicht eines intelligenten Welturhebers der erste
rein empirische Befunde stützen. Zwar lässt sich ja Grund zahlloser Anstalten der Natur (2:123).
auch Locke dazu hinreißen, Aussagen über → Gott Im Kontext der Vernunftkritik hält Kant die
und → Unsterblichkeit zu treffen, die mit seinem Endabsicht der Nachforschungen unserer Ver­
Programm eines Empirismus hinsichtlich des Ur­ nunft nach den übersinnlichen Erkenntnissen für
sprungs aller Erkenntnisse unvereinbar sind. Aber „viel erhabener [. . . ] als alles, was der Verstand im
solche Aussagen sind ein Fehler Lockes und nicht Felde der Erscheinungen lernen kann“ (KrV A 3 /
selbst einer empiristischen Tendenz zuzuordnen. B 7). Die „ganze Endabsicht unserer speculati­
Es fragt sich daher, inwiefern der Empirismus ven Erkenntniß a priori“ beruht auf synthetischen
ein konsistentes Programm darstellt, da er auf Grundsätzen a priori (KrV A 10 / B 13). Nach der
der einen Seite einem Interesse an empirischer Idee der absoluten Totalität der Erscheinungen
Naturwissenschaft dient, auf der anderen Seite ist das Unbedingte in der Reihe der Bedingun­
Behauptungen beinhaltet, die nicht durch empiri­ gen eine Endabsicht der Vernunft (vgl. KrV A 417 /
sche Naturwissenschaft begründet werden. Die­ B 444). Die „Endabsicht der natürlichen Dialektik
se Position kann daher neben dem spekulativen der menschlichen Vernunft“ (KrV A 669 / B 697) er­
Interesse der Vernunft an ihr wohl nur im Hin­ gibt sich aus der Bestimmung der „Endabsicht der
blick auf die dogmatischen Alternativen motiviert Ideen der reinen Vernunft“ (KrV A 680 / B 708).
werden, die sich aus der natürlichen Dialektik Diese Ideen (in der Gestalt des Ich, der Welt und
ergeben, zu der die Vernunft neigt. Gottes) enthalten das subjektive und objektive (ob­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
502 | Endlich(keit)

zwar unbestimmte) Prinzip der systematischen der Unendlichkeit entgegengesetzt, dem zufolge
Einheit des regulativen, empirischen Gebrauchs „die successive Synthesis der Einheit in Durch­
der Vernunft (vgl. KrV A 680 / B 708). Erst der „Ver­ messung eines Quantums niemals vollendet sein
nunftbegriff von Gott“ (KrV A 685 / B 713) als einer kann“ (KrV A 432 / B 460). Etwas ist in qualitativer
intelligenten Weltursache vermittelt in dieser Hin­ Hinsicht endlich, wenn es (anders als ein mög­
sicht die höchste und zweckmäßige Einheit aller liches ens realissimum, also → Gott) nicht durch
Dinge, „als ob“ (KrV A 685 / B 713) sie aus dessen die Gesamtheit aller (transzendental) positiven
Absicht stammte. In ihrem transzendentalen Ge­ Prädikate gekennzeichnet ist (vgl. KrV A 574ff. /
brauch betrifft die Endabsicht der Vernunft „drei B 602ff.), sondern durch Einschränkungen, Man­
Gegenstände: die Freiheit des Willens, die Un­ gel und Negationen. Alle Dinge außer Gott sind
sterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes“ in diesem Sinne endlich. Weitere wichtige Stel­
(KrV A 798 / B 826). len: KrV B 72; KrV A 486f. / B 514f.; KrV A 517ff. /
In der KU wird der Gedanke aus der KrV wie­ B 545ff.; 5:76.
der aufgenommen, dass die Ideen den Verstand
„nach einem Princip der Vollständigkeit“ anlei­ Verwandte Stichworte
ten und damit „die Endabsicht alles Erkenntnis­ Unendlich(keit); Sinnlichkeit; Triebfeder
ses“ fördern (5:168). Dabei kann uns weder die
Natur noch die Naturerkenntnis etwas Bestimm­ Philosophische Funktion
tes über die Endabsicht eines Urheberverstandes Endlichkeit in quantitativer Hinsicht diskutiert
mitteilen (vgl. 5:440f.). Gottes Endabsicht in der Kant vor allem im Kontext der ersten beiden An­
Welt ist moralisch, aber sie ist uns unerklärlich tinomien in der Transzendentalen Dialektik der
(vgl. 8:264). Mittel „jeder Endabsicht“ in der Natur KrV. In der ersten Antinomie geht es um die Frage,
ist der Mechanismus (5:415; → Mittel). Die Kul­ ob die → Welt in räumlicher und zeitlicher Hin­
tur der „Geschicklichkeit“ als Zweck und Endab­ sicht endlich oder unendlich ist (vgl. KrV A 426ff. /
sicht der Natur wird nur unter der „formale[n] B 454ff.), in der zweiten Antinomie um die Frage,
Bedingung“ der Verfassung einer „bürgerliche[n] ob Dinge in Raum und Zeit aus endlich oder un­
Gesellschaft“ erreicht (5:432). Die Idee einer Welt­ endlich vielen Teilen bestehen (vgl. KrV A 434ff. /
geschichte mit dem Ziel einer vollkommenen bür­ B 462ff.). Kants Auflösung der Antinomie beruht
gerlichen Vereinigung beruht auf der Annahme, darauf, dass raumzeitliche Gegenstände keine
„daß die Natur selbst im Spiele der menschlichen Dinge an sich sind, sondern Erscheinungen. Die
Freiheit nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre“ Welt in Raum und Zeit ist daher weder endlich
(8:29). noch unendlich; und empirische Gegenstände
In der Religion besteht die Endabsicht im Tun bestehen weder aus endlich noch aus unendlich
(vgl. 7:41f.), nämlich darin, „Gott wohlgefällig zu vielen Teilen (→ Unendlich(keit)). Allerdings sind
werden“ (7:44) bzw. „die Menschen moralisch zu einzelne empirische Gegenstände wie ein Stein,
bessern“ (7:52). Bezüglich der Theologie wird die ein Buch oder ein Mensch in räumlicher und zeit­
Frage erhoben, ob der Begriff des Gegenstandes licher Hinsicht endlich (d. h. sie sind in räumliche
der Religion und damit der moralisch praktische Grenzen eingeschlossen und haben einen Anfang
Gebrauch der Vernunft einer objektiven oder einer und ein Ende in der Zeit).
bloß subjektiven Endabsicht unterliege (vgl. 5:479; Menschen sind darüber hinaus in qualitati­
5:482; 5:485; 6:154 Anm.). ver Hinsicht endlich (d. h. unvollkommen), wes­
Werner Euler
halb Kant sie wiederholt als „endliche Wesen“
charakterisiert und sie Gott, als unendlichem We­
Endlich(keit) sen, gegenüberstellt (5:32). Die Endlichkeit des
Etwas kann in quantitativer oder in qualitativer Menschen spielt in Kants Philosophie in zwei­
Hinsicht endlich sein. Quantitative Endlichkeit erlei Hinsicht eine fundamentale Rolle. Erstens
besteht darin, dass es prinzipiell möglich ist, ei­ sind Menschen als denkende und erkennende
ne Menge von Teilen oder eine Folge von Einhei­ Wesen, d. h. mit Blick auf ihr theoretisches Er­
ten einzeln und nacheinander vollständig durch­ kenntnisvermögen, endlich, was sich zum einen
zugehen. Sie ist dem (transzendentalen) Begriff in der Sinnlichkeit ihrer → Anschauung (vgl. KrV

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Endursache | 503

A 19 / B 33), zum anderen in der → Diskursivität


ihres → Verstandes äußert (vgl. KrV A 67f. / B 92f.). Endursache
Sinnlichkeit bedeutet hier die Angewiesenheit Endursachen sind → Ursachen, die so gedacht
auf ein durch Affektion gegebenes Material der werden, dass sie zwar eine organisch erzeugen­
Erkenntnis. Sie kontrastiert mit der Selbstgenüg­ de → Wirkung, aber selbst keine → natürlichen
samkeit des göttlichen Geistes, der das Material Ursachen haben, obwohl sie bedingt sind durch
seiner Erkenntnis selbst hervorbringt, indem er → Ideen. Wichtige Stellen: 5:372f.; 5:377; 5:379f.;
es erkennt (vgl. KrV B 145). Die Formen menschli­ 5:387–392; 5:397; 5:408; 5:413–415; 5:426; 5:427;
cher Sinnlichkeit sind → Raum und → Zeit (vgl. KrV 5:429; 5:439f.; 5:444; 8:179; 8:183; 20:237–241.
A 42 / B 60), von denen Kant sagt, dass es sein mö­
ge, „dass alles endliche denkende Wesen hierin Verwandte Stichworte
mit dem Menschen nothwendig übereinkommen Endzweck; Naturzweck; Zweck
müsse (wiewohl wir dieses nicht entscheiden kön­
nen)“ (KrV B 72; → intuitiv/diskursiv). Philosophische Funktion
In praktischer Hinsicht äußert sich die End­ Das Stichwort kommt in Kants philosophischen
lichkeit des Menschen in der Bedingtheit seines Texten nur in der Pluralform vor und steht aus­
Begehrungsvermögens durch sinnliche Antriebe schließlich im Zusammenhang mit Überlegungen
(„Neigungen“, 4:397). Zwar verfügen Menschen zur → Teleologie der Natur. Hauptquellen sind so­
mit dem „reinen Willen“ (4:390) bzw. der „rei­ mit auch die KU und die Teleolog. Prinz. Eine Defi­
nen praktischen Vernunft“ (5:44) auch über ein nition des Begriffs wird nicht gegeben. An erster
Vermögen, sich zum Handeln zu bestimmen, das Stelle nennt Kant eine neben dem → Mechanismus
von allen empirischen Bedingungen unabhän­ der Natur (Wirkkausalität) und unabhängig von
gig ist. Dennoch sind sie selbst in ihren Hand­ diesem geltende zweite „Art“ von Naturkausali­
lungen aus reiner praktischer Vernunft (Hand­ tät, die er als eine gedachte „Causalverbindung
lungen „aus Pflicht“, 4:397) auf ein sinnliches nach einem Vernunftbegriffe (von Zwecken)“ um­
Handlungsmotiv angewiesen, das Kant als Ge­ schreibt und mit einem Beispiel aus dem Bereich
fühl der „Achtung fürs Gesetz“ (5:76) bezeich­ der Bautechnik erläutert (5:372; vgl. 5:390f., 5:408).
net. Dieses Gefühl setze die „Sinnlichkeit, mit­ Von dieser Kausalität sagt er, sie werde kausale
hin auch die Endlichkeit solcher Wesen, denen Verknüpfung „der Endursachen (nexus finalis)
das moralische Gesetz Achtung auferlegt“ voraus genannt“ (5:372). Er schlägt eine Verbesserung
(5:76). Im Gegensatz dazu kann „einem höchs­ der Terminologie in „Verknüpfung“ der „idealen
ten, oder auch einem von aller Sinnlichkeit frei­ Ursachen“ vor (5:372f.). Mit Endursachen ist also
en Wesen, welchem diese also auch kein Hin­ nichts anderes gemeint als die Zwecke der Natur
derniß der praktischen Vernunft sein kann, Ach­ (→ Zweck). Dass der Begriff der Endursache in der
tung fürs Gesetz nicht beigelegt werden“ (5:76). Natur ausschließlich der → Urteilskraft und nicht
Da der Wille des Menschen stets durch sinnli­ dem → Verstand oder der → Vernunft angehört, ist
che Neigungen affiziert ist, ist der Mensch durch für Kant eine Behauptung mit Beweisanspruch
einen „Hang zum Bösen“ charakterisiert (6:28), (vgl. 20:234). In einer Beurteilung organisierter Na­
der in der Tendenz besteht, die Orientierung am turprodukte als Naturzwecke hat das Prinzip der
Moralgesetz dem eigenen Glückstreben unterzu­ Kausalverknüpfung durch Endursachen die Funk­
ordnen. tion, einen Begriff (als Idee) ursächlich auf die
→ Wechselwirkung der → Teile eines solchen Na­
Weiterführende Literatur turwesens zu beziehen (vgl. 5:373). Die Kausalität
Baumgartner, Hans-Michael: Endliche Vernunft. der Endursachen ist also einerseits Bedingung der
Zur Verständigung der Philosophie mit sich inneren Möglichkeit organisierter Wesen, die dem­
selbst, Bonn: Bouvier 1991. zufolge als „System von Endursachen“ (8:179) ge­
Esser, Andrea: Eine Ethik für Endliche. Kants dacht werden können; andererseits ist sie bedingt
Tugendlehre in der Gegenwart, Stuttgart-Bad durch die Idee von einem Zweck, die ihr zugrunde
Cannstatt: Frommann-Holzboog 2003. liegt (vgl. 5:426). Die äußere Zweckbeziehung von
Stephan Schmauke / Red. Naturdingen untereinander berechtigt hingegen

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
504 | Endzweck

nicht zu ihrer Daseinsbegründung als Zwecke der lität in der Natur objektiv nicht beweisen, und
Natur nach dem Prinzip der Endursachen (vgl. sie kann auch nicht als Erklärungsprinzip Einzug
5:377). Aber das äußere Verhältnis der Gattungen in die Naturwissenschaft halten (vgl. 5:390f.). Da
der Naturwesen kann als ein nach dem Prinzip das Prinzip der Endursachen ein Prinzip a prio­
der Endursachen geordnetes System betrachtet ri ist, das der teleologischen Naturbeurteilung
werden, obwohl diese Betrachtungsweise der Er­ zugrunde liegt, muss es zur „Methode“ der Natur­
fahrung zu widersprechen scheint (vgl. 5:427). beurteilung gehören und in einer Methodenlehre
Unter der Voraussetzung, dass der Mensch als verankert sein. Eine solche hat damit „wenigstens
moralisches Wesen Endzweck der Schöpfung ist, negativen Einfluß auf das Verfahren in der theo­
muss sogar die Welt im Ganzen als „System von retischen Naturwissenschaft und auch auf das
Endursachen“ angesehen werden (5:444). Schließ­ Verhältniß, welches diese in der Metaphysik zur
lich setzt die Geltung einer „reine[n] praktischen Theologie als Propädeutik derselben haben kann“
Teleologie“ zur Verwirklichung ihrer Zwecke in (5:417). Wird das Prinzip der Endursachen nicht
der Welt die Existenz von Endursachen der Natur als eine bloß subjektive Bedingung der Naturbe­
als Ermöglichungsbedingung voraus (8:182f.). Im urteilung angenommen, sondern als objektives
Gesamtaufbau der Natur als eines → Systems der Erklärungsprinzip der Möglichkeit von Naturer­
Erfahrung ist das Prinzip der Endursachen dem zeugnissen, dann entsteht ein dogmatischer und
Pendant der physischen Ursachen nebengeordnet, unentscheidbarer Streit zwischen einem Idealis­
und beide stehen unter dem gemeinschaftlichen mus und einem Realismus der Endursachen (vgl.
Prinzip des übersinnlichen Substrats (→ Substrat 5:391f.; 5:397; 5:439f.).
der Natur, übersinnliches (intelligibles)) als dem Werner Euler
Grund der Einheit der Natur (vgl. 5:413). Dieser
Einheitsgrund wird wiederum so beurteilt, dass
ein höchster Intellekt eine Verknüpfung der bei­ Endzweck
den Beurteilungsprinzipien nach Endursachen zu Als Endzweck bezeichnet Kant einen einzigen
einer „Endabsicht“ (5:415) in der Natur (→ Endab­ höchsten unbedingten Zweck, d. i. einen Zweck,
sicht) vornimmt (vgl. 5:414f.). der nur für sich steht und bloß durch sich
Mit dem Prinzip der Endursachen, das nur selbst begründet ist (vgl. 5:434f.; 5:443; 5:448).
eine regulative, keine konstitutive Funktion hat Er schließt die aufsteigende Reihe der einan­
und daher auch nur als ein subjektives Prinzip der übergeordneten Mittel und Zwecke ab. Ein
oder „Maxime“ in der → Reflexion der Urteilskraft solcher Zweck ist nur der Mensch unter morali­
Anwendung findet (5:387, 5:389; vgl. 5:408; 5:429: schen Gesetzen (vgl. KrV B 425; KrV A 840 / B 868;
„Vorstellungsart“), wird einerseits die Naturkun­ 5:448f.). Weitere wichtige Stellen: KrV B 425; KrV
de erweitert, andererseits ein „Leitfaden“ für die A 840 / B 868; 5:129; 5:195–197; 5:378; 5:426; 5:431;
reflektierende → Urteilskraft gegeben, Naturdinge 5:434–437; 5:441–450; 5:460; 5:463; 5:469–471;
„nach einer neuen gesetzlichen Ordnung zu be­ 6:5–8; 6:183; 6:355; 6:405; 6:441; 7:35; 7:192; 7:280
trachten“ (5:379) und dies ohne das Prinzip des Anm.; 7:327; 8:250; 8:279; 8:331; 8:333–337; 8:397;
Mechanismus außer Kraft zu setzen (vgl. 5:389) 8:417–419; 8:441; 9:87; 9:468.
oder es zu beeinträchtigen (vgl. 5:388). Das Prinzip
der Endursachen ist ein „Gesetz“ der Kausalität Verwandte Stichworte
(5:387), aber das als „eine bloße Idee“ (5:389). Na­ Endabsicht; Naturzweck; Zweck
turerzeugnisse werden demnach von uns nur als
Endursachen „gedacht“ (5:380), d. h. das Prinzip Philosophische Funktion
der Endursachen wird der Beurteilung (in Konkur­ 1 Endzweck der Natur, subjektiver Endzweck
renz zur mechanischen Hervorbringung) zugleich Nach einer allgemeinen Definition zu Beginn des
als ein Erzeugungsprinzip der Natur zugrunde § 84 der KU bestimmt Kant den Begriff des End­
gelegt (vgl. 5:429). Das trifft aber nur auf eine aus­ zwecks als denjenigen „Zweck, der keines andern
gezeichnete Klasse von Naturdingen zu, nämlich als Bedingung seiner Möglichkeit bedarf“ (5:434;
die der → Organismen (vgl. 5:389). Darüber hinaus vgl. 5:449). In Bezug auf die teleologische Erfah­
lässt sich die Denkweise endursächlicher Kausa­ rung der empirischen Natur behauptet er in § 67

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Endzweck | 505

der KU, man benötige die „Erkenntniß des End­ Endzweck, dass er sich selbst im Gebrauch seiner
zwecks (scopus) der Natur“ (5:378), um ein Na­ Freiheit dazu macht. Die Tugendlehre besteht im
turprodukt über die Beurteilung als Naturzweck Unterschied zur Religion laut Kant „durch sich
hinaus auch seinem Dasein nach für einen Zweck selbst (selbst ohne den Begriff von Gott)“ (6:183).
der Natur zu halten. Damit wird aber dann auch Der uns durch das moralische Gesetz allerdings
die Grenze der teleologischen Naturerkenntnis damit auch aufgegebene Endzweck hat zwei Vor­
überschritten, weil er eine Beziehung der Natur aussetzungen: erstens die subjektive Bedingung
auf ein Übersinnliches impliziert (vgl. 5:378). Er­ der (eigenen) Glückseligkeit (d. i. „subjective[r]
kenntnis des Endzwecks der Natur ist also ebenso Endzweck“, 6:6 Anm.), zweitens die „objective[]
unmöglich wie die Erkenntnis von Naturzwecken Bedingung der Einstimmung des Menschen mit
dem Dasein nach. In der gesamten Natur gibt dem Gesetze der Sittlichkeit, als der Würdigkeit
es kein Wesen, das Endzweck (der Schöpfung) glücklich zu sein“ (5:450; vgl. 5:471).
wäre; es kann allenfalls „letzter Zweck“ für sie Der „letzte Zweck“ (5:431) der Natur ist der
sein (5:426; 5:431; 5:436 Anm.). Da aber seine Exis­ Mensch als Naturwesen. Es ist damit die Vorstel­
tenz auch nicht anders gedacht werden kann, als lung verbunden, dass er (und für ihn die „Cul­
dass das Naturding den Grund seiner Kausali­ tur“, 5:431) der höchste, aber immer noch beding­
tät seiner inneren Möglichkeit nach nur in sich te Zweck der Natur ist, d. h. dass er in der Kette
selbst haben kann, so muss es doch zugleich als der kausalen Verknüpfung von natürlichen Mit­
Endzweck gedacht werden können (vgl. 5:426). teln und Zwecken die erste Stelle einnimmt. Zu
D. h. für die Beurteilung eines Naturproduktes seiner bevorzugten Stellung als letztem Zweck
seiner Form nach (als Naturzwecks) ist es unum­ gehört aber die Besonderheit, dass er das Ver­
gänglich, für dasselbe wenigstens hypothetisch mögen in sich trägt, sich selbst und der Natur
(als Idee von einem objektiven Grund) einen End­ eine naturunabhängige Zweckmäßigkeit zu ge­
zweck anzunehmen (vgl. 5:435). Da es also einen ben (vgl. 5:431), so dass die Natur ihn vorbereitet,
Endzweck geben muss, dieser aber in der Natur sich im moralisch-praktischen Leben aufgrund
nicht vorkommen kann, so muss er „außer“ der seiner „Naturanlagen“ durch seine eigene Tätig­
Natur liegen (5:431; 5:435), als das Unbedingte keit zum Endzweck entwickeln zu können (5:432).
zu allen natürlichen Bedingungen (vgl. 5:443). Endzweck der Schöpfung ist also der Mensch,
Der Endzweck ist dann auch anzusehen als „der denn nur in ihm „als Subjecte der Moralität ist
Bestimmungsgrund eines höchsten Verstandes die unbedingte Gesetzgebung in Ansehung der
zu Hervorbringung der Weltwesen“ (5:443). Und Zwecke anzutreffen, welche ihn also allein fähig
dieser höchste Verstand verweist auf eine „ver­ macht ein Endzweck zu sein, dem die ganze Na­
ständige[] Weltursache“ (5:446), die nach dem tur teleologisch untergeordnet ist“ (5:435f.; vgl.
Endzweck handelt (d. h. unter der Perspektive des 5:442f.). Der Mensch wird also dadurch erst „wür­
Menschen unter moralischen Gesetzen; vgl. 5:470; dig“, „Endzweck einer Schöpfung zu sein“, dass
8:250). In § 87 der KU führt Kant den Beweis, dass er gemäß der Verpflichtung durch das moralische
die Annahme eines „moralischen Welturheber[s]“ Gesetz den „höchste[n] Endzweck“ zu bewirken
(5:453) notwendig ist, damit wir uns einen End­ trachtet (5:469; vgl. 6:7f. Anm.). In praktischer
zweck („das höchste durch Freiheit mögliche Gut Hinsicht ist das eine Idee, die objektive Realität
in der Welt“, 5:450; vgl. 8:279 Anm., 8:336, 8:418) hat (vgl. 5:469).
selbst zur Absicht machen können, zu dem uns
das moralische Gesetz allein, ohne Rücksicht auf 2 Endzweck der Freiheit, objektiver Endzweck
andere Zwecke, verbindlich macht, d. h. verpflich­ Der Endzweck ist eine Wirkung des Freiheitsbe­
tet (vgl. 5:450; 5:447; 5:460; 5:463; 5:470). Nicht griffs (vgl. 5:195f.). Er wird durch die praktische
der Endzweck, sondern das moralische Gesetz ist Vernunft bestimmt (vgl. 5:197; 5:441). Seiner Er­
hier der Verpflichtungsgrund (vgl. 5:471 Anm.). scheinung nach (im Menschen) soll er in der Na­
Aber sofern der Endzweck erreichbar ist, ist er zu­ tur existieren. Er kann nur in der Natur wirklich
gleich Pflicht (vgl. 8:418). Damit ist der Mensch als werden. Deshalb muss die Bedingung seiner Mög­
Endzweck nicht einfach durch einen Schöpfergott lichkeit auch in der Natur „vorausgesetzt“ wer­
in die Welt gesetzt, sondern er wird nur dadurch den (5:196). Nach der Art, wie der Mensch „in der

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
506 | Endzweck

Freiheit seines Begehrungsvermögens handelt“ und soll“ (6:6). Er ist der Endzweck aller Dinge,
(dem guten Willen nach), verleiht er selbst sei­ in dem der subjektive Endzweck der Natur und
nem Dasein einen absoluten Wert und bestimmt der objektive Endzweck der Sittlichkeit vereinigt
den Endzweck des Daseins der Welt (5:443; vgl. sind. Andererseits wird die Religionslehre wie­
5:477). der zu einem bloßen „Mittel“ und einer „ergän­
Es gehört zur Eigentümlichkeit moralischer zende[n] Ursache“ des Strebens nach dem mo­
Gesetze, einen unbedingten Zweck, d. i. End­ ralischen Endzweck gemacht (6:183). Dass alle
zweck, zur Vernunftvorschrift zu erheben. Die menschlichen Handlungen „zum Endzweck aller
Existenz einer Vernunft, „die in der Zweckbezie­ Dinge zusammenstimmen“ ist schon im katego­
hung ihr selbst das oberste Gesetz sein kann“, rischen Imperativ mit enthalten (8:397 Anm.; vgl.
d. h. „die Existenz vernünftiger Wesen unter mo­ 8:418).
ralischen Gesetzen“, wird als Endzweck vom Da­
sein der Welt gedacht; und damit werden die 4 Andere Kontexte
Schranken menschlicher Einsicht nicht über­ Der Endzweck ist ein unendliches Fortschreiten
schritten (5:449f.). Endzweck des praktischen Ge­ zum Besseren, nicht das Erreichen eines zeitlich
brauchs unserer Erkenntnis ist die Sittlichkeit (vgl. vorstellbaren Endzustandes (vgl. 8:331; 8:333–335).
9:87). Endzweck in der MSR ist der ewige Frieden (vgl.
6:355; 8:361). Weitere Bezüge sind die bürgerliche
3 Endzweck aller Dinge, Einheit des subjektiven Verfassung als höchster Grad der Entwicklung
und des objektiven Endzwecks der Menschheit zu ihrem Endzweck (vgl. 7:327),
Mit Hilfe des Endzwecks der reinen praktischen der „intellectuelle Sinn“ aller Religionen (7:192)
Vernunft und des höchsten Guts führt das mo­ und der Endzweck „alles Wissens“ in der Philo­
ralische Gesetz zur Religion (vgl. 5:129). In der sophie (7:280 Anm.). Philosophie ist Endzweck
Idee des höchsten Gutes sollen die Zwecke der der menschlichen Vernunft (8:441). ‚Der Streit
Pflicht, d. h. die Zweckmäßigkeit aus Freiheit, der Fakultäten‘ ist auf einen „gemeinschaftlichen
und der Glückseligkeit, d. h. die Zweckmäßigkeit Endzweck“ hin ausgerichtet (7:35); selbst das Kin­
der Natur, die beide selbst als relative, subjektive derspiel soll mit einem Endzweck abgestimmt sein
bzw. objektive Endzwecke gedacht werden, mit­ (vgl. 9:468).
einander verbunden werden. Dieses setzt aber Abschließend ist auf die Entdeckung eines
wiederum die Idee von einem höchsten Wesen, inhaltlich bedeutenden, von Kant eigenhändig,
als dem „Endzweck aller Dinge“ (dem Vereini­ beidseitig beschriebenen Zettels hinzuweisen,
gungspunkt aller Zwecke) als Bedingung voraus dessen Text den Begriff Endzweck erläutert (sog.
(6:5), der aus der Moral hervorgeht und insofern Ulex-Blatt; vgl. Stark, Moraltheologie und Cosmo­
ein von Menschen gemachter Begriff ist, ohne logischer Beweis).
den die Idee der Einheit aller Zwecke aber kei­
ne „objectiv praktische Realität“ hätte (6:5). Zu­ Weiterführende Literatur
gleich behauptet Kant aber in Religion, die Idee Höffe, Otfried: „Der Mensch als Endzweck
des höchsten Gutes (als „moralischen Endzwecks (§§ 82–84)“, in: Höffe, Otfried (Hg.): Immanuel
der Vernunft“, 6:7 Anm.) sei zwar eine notwendige Kant. Kritik der Urteilskraft, Berlin: Akademie
Folge der Pflichten, in den moralischen Gesetzen 2008, 289–308.
analytisch aber „nicht enthalten“ (6:7 Anm.), so Langthaler, Rudolf: Kants Ethik als „System der
dass sich in diesem die praktische Vernunft über Zwecke“. Perspektiven einer modifizierten Idee
das moralische Gesetz hinaus noch einmal „er­ der „moralischen Teleologie“ und Ethikotheo­
weitert“ (6:7 Anm.). In letzter Konsequenz (für die logie, Berlin u. a.: de Gruyter 1991.
Religion) ist deshalb die „Idee eines machtha­ Stark, Werner: „Moraltheologie und Cosmologi­
benden moralischen Gesetzgebers außer dem scher Beweis. Hinweise und Überlegungen zu
Menschen“ (6:6) bestimmend für den Endzweck. einer übersehenen Reflexion von Immanuel
Aus dem göttlichen Willen geht der Endzweck Kant“ (Manuskript eines Vortrages in Tiraden­
der Weltschöpfung hervor, der identisch mit dem tes, Brasilien, 2013).
ist, was „der Endzweck des Menschen sein kann Werner Euler

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Engel, Johann Jacob | 507

von Natur aus nicht vorhanden sind (vgl. 6:405).


Engel Daraus jedoch abzuleiten, die mühsam erkämpfte
Engel sind „Himmelsbewohner[], die vermöge Tugend eines Menschen sei gegenüber der wesen­
der Heiligkeit ihrer Natur über alle mögliche Ver­ haften Heiligkeit von Engeln objektiv wertvoller,
leitung weggesetzt sind“ (6:65 Anm.) und daher beruht auf „Täuschung“: Wir dürfen nämlich aus
moralisch nicht fehlen können. Weitere wichtige der „subjektive[n] Bedingung der Schätzung einer
Stellen: 6:64f.; 6:86; 6:397; 6:405; 6:461; 8:365f. Größe“, an die wir als Naturwesen gebunden sind,
keine Rückschlüsse auf die objektive Bedingung
Verwandte Stichworte dieser „Größe an sich selbst“ ziehen (6:397).
Heiligkeit; Teufel, teuflisch Das Substantiv Engel und seine Komposita
werden von Kant gelegentlich auch im schwäche­
Philosophische Funktion ren Sinne eines hohen oder maximalen, wenn­
Von der Idee moralisch vollkommener, geistiger gleich nicht von Natur aus vollkommenen Grads
Geschöpfe, die – frei von sinnlichen → Neigun­ an Moralität („Engelstugend“, 6:461) verwendet,
gen – von Natur aus keiner anderen → Triebfeder u. a. an prominenter Stelle in der Staatsphilo­
als der → Achtung vor dem Sittengesetz folgen, sophie: Laut Frieden setzt ein gewaltenteiliger
macht Kant nur sehr sparsam Gebrauch. Dem Rechtsstaat (→ Republik) keine besonderen mo­
Glauben an das wohltätige Wirken himmlischer ralischen Qualitäten der Bürger voraus. Um ein
Engel begegnet er gar mit unverhohlenem Sarkas­ funktionierendes → Gemeinwesen zu errichten,
mus (vgl. 6:86; → Wunder). bedarf es keines „Staat[s] von Engeln“, vielmehr
In Religion kontrastiert er das Verhalten ist dieses Problem selbst für ein „Volk von Teufeln
vollständig vernünftiger Wesen, die alles allein (wenn sie nur Verstand haben) auflösbar“ (8:366).
aus → Pflicht tun, mit „den unvermeidlichen Ein­ Christian Weidemann
schränkungen des Menschen und seines [. . . ] prak­
tischen Vernunftvermögens, sich bei allen Hand­
lungen nach dem Erfolg aus denselben umzuse­ Engel, Johann Jacob
hen, um in diesem etwas aufzufinden, was zum Dt. Philosoph und Schriftsteller (1741–1802); Jo­
Zweck für ihn dienen [. . . ] könnte“ (6:7 Anm.). hann Jacob Engel begann 1757 in Rostock das Stu­
Die Ansicht, dass die vermeintlichen Einschrän­ dium der Theologie, 1763 erfolgte die Promoti­
kungen des Menschen – seine Angewiesenheit on. Zwei Jahre später ging er nach Leipzig, wo
auf Handlungszwecke sowie seine ihn bedrän­ er sich zunächst für Theologie immatrikulierte,
genden und dem Sittengesetz widerstreitenden wandte sich dann aber philologischen, philoso­
Neigungen – sich als ein großes Glück herausstel­ phischen und mathematischen Studien zu. 1775,
len, sobald man sie mit dem Leben moralischer 1777 und 1800 erschien eine von Engel heraus­
Automaten (Engel), die zu keiner Wahl fähig sind, gegebene Essaysammlung Der Philosoph für die
vergleicht, weist Kant zurück. Er diskutiert das Welt. Nach dem Erscheinen der Essaysammlung
Problem sowohl in Religion (vgl. 6:64f.) als auch entschied sich Engel für eine Professur für Phi­
in MST (vgl. 6:397) (im zweiten Fall allerdings ei­ losophie am Joachimsthalschen Gymnasium in
nen stark abweichenden Wortlaut zitierend) am Berlin, wo er u. a. Moralphilosophie, Logik und
Beispiel eines Verses Albrecht von Hallers: „die Geschichte lehrte.
Welt mit ihren Mängeln ist besser als ein Reich von Engel stand mit Kant in Korrespondenz und
willenlosen Engeln“ (Ursprung, 2. Buch, S. 173). bat ihn im April 1779, ihm ein Werk zur Veröf­
Kant räumt zwar ein, dass wir uns „übersinnliche fentlichung zur Verfügung zu stellen. Daraufhin
Beschaffenheiten“ nicht anders „faßlich“ (6:65 bot Kant ihm an, entweder eine philosophische
Anm.) machen können als durch das Mittel der oder eine zur Physischen Geographie gehörigen
→ Analogie: Wir haben kein anderes Maß für den Abhandlung zu publizieren (vgl. 10:254). Kants
Wert einer → moralischen Handlung „als die Grö­ Wertschätzung Engels geht aus seinem an ihn
ße der [motivationalen] Hindernisse“ (6:397), die gerichteten Brief vom 4. Juli 1779 hervor: „Es ist
bei ihrer Ausführung überwunden werden müs­ mir so angenehm als schmeichelhaft, mit einem
sen und die bei → heiligen Wesen wie Engeln eben Manne in einige Gemeinschaft literärischer Be­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
508 | ens realissimum

schäftigungen zu treten, der unter den wenigen, Grundsatz der durchgängigen Bestimmung führt
die, bey dem überhandnehmenden Verfall des auf die Vorstellung des Inbegriffs aller Prädikate
guten Geschmaks, durch ächte Muster der Sprach­ der Dinge überhaupt. Durch Aussonderung in­
reinigkeit, der Naivetät und der Laune die Ehre kompatibler und abgeleiteter Prädikate (vgl. KrV
Deutschlands noch zu erhalten suchen, sich so A 573f. / B 601f.) gelangt man somit zur Vorstel­
vorteilhaft auszeichnet“ (10:255f.). Unter Verzicht lung des Inbegriffs aller im ontologischen Sinn
auf ein Honorar gab Kant ihm Anfang 1778 deshalb positiven Prädikate oder Realitäten und schließ­
seine Abhandlung über die Menschenrassen in lich zur Vorstellung eines Wesens, dem alle diese
erweiterter Gestalt zur Veröffentlichung und stell­ Realitäten zukommen. Dem ens realissimum kom­
te ihm deren Fortsetzung in Aussicht (vgl. 10:255). men nicht nur alle diese Realitäten, sondern die
Aufgrund drängender Arbeiten kam Kant jedoch gradierbaren der Realitäten darüber hinaus ohne
erst 1785 zu dieser Fortsetzung, die nicht im Der Limitationen zu (vgl. 28:1016ff.). Dieses ens rea­
Philosoph für die Welt, sondern in der → Berlini­ lissimum oder allerrealste Wesen enthält deshalb
schen Monatsschrift gedruckt wurde. In Kants „gleichsam den gesamten Vorrath des Stoffes, da­
Büchernachlass befand sich Engels Titel Moses her alle mögliche Prädicate der Dinge genommen
Mendelssohn an die Freunde Lessings (1786). werden können“ (KrV A 575 / B 603). Entsprechend
Bianca Patricia Pick können alle von ihm verschiedenen Dinge im Sin­
ne einer Einschränkung des Begriffs der höchs­
ten Realität verstanden werden. „Daher wird der
ens realissimum bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand ih­
Das ens realissimum oder ‚allerrealste Wesen‘ ist res Ideals auch das Urwesen (ens originarium),
ein → Wesen, dem das „All der Realität (omni­ so fern es keines über sich hat, das höchste We­
tudo realitatis)“ (KrV A 575f. / B 603f.) zukommt sen (ens summum), und sofern alles, als bedingt,
und das, im Unterschied zu allen anderen En­ unter ihm steht, das Wesen aller Wesen (ens ent­
titäten, durch seinen Begriff durchgängig be­ ium) genannt“ (KrV A 578f. / B 606f.). Insofern der
stimmt ist. Durchgängig bestimmt sein heißt hier, singuläre Begriff eines ens realissimum als Maxi­
dass diesem Wesen von allen Paaren kontradik­ malbegriff eine Idee ist, ist sein Gegenstand ein
torisch entgegengesetzter (primitiver und kom­ → Ideal. Da das ens realissimum als Grundlage der
patibler) → Prädikate das jeweils im ontologi­ vollständigen Bestimmung einzelner Gegenstän­
schen Sinn positive oder bejahende Prädikat und de fungiert, hat es als Ideal in dieser Hinsicht
somit eine Realität zukommt. Das ens realissi­ eine transzendentale Funktion, und obwohl diese
mum fungiert insofern als „transscendentales Ide­ Funktion ohne die Annahme seiner wirklichen
al“ (KrV A 576 / B 604). Weitere wichtige Stellen: Existenz erfüllt werden kann, kommt es in Fol­
KrV A 605f. / B 633f.; KrV A 608 / B 636; KrV A 631 / ge der Verwechslung von Erfahrungsbedingun­
B 659; 8:399ff. Anm.; 28:1013–1047. gen und ontologischen Bedingungen der Dinge
überhaupt zu dessen Hypostasierung (→ Hypost­
Verwandte Stichworte asieren). Zudem betont Kant, dass Realitäten in
Ideal der reinen Vernunft; Realität; Urgrund der Erscheinung dem höchsten Wesen ohnehin
nicht zukommen können. Auf der Grundlage die­
Philosophische Funktion ser Hypostasierung erfolgt schließlich eine nä­
Zu unterscheiden ist nach Kant der Grundsatz here Bestimmung des transzendentalen Ideals
der → Bestimmbarkeit auf der Ebene der Begriffe, durch alle Prädikamente und so die Zuschreibung
wonach einem Begriff von jeweils zwei kontra­ der klassischen theistischen Prädikate wie Einig­
diktorisch entgegengesetzten (primitiven) Prädi­ keit, Ewigkeit und ‚Allgenugsamkeit‘, wodurch
katen außerhalb seiner Intension nur eines zu­ man zum Begriff Gottes gelangt (vgl. KrV A 580 /
kommen kann, und der Grundsatz der durchgän­ B 608).
gigen Bestimmung auf der Ebene der Gegenstän­ Obwohl Kant bereits im Beweisgrund auf das
de, wonach jedem wirklichen Gegenstand von Problem der Realrepugnanz aufmerksam mach­
allen möglichen Paaren solcher Prädikate eines te, wonach Realitäten selbst inkompatibel sein
zukommen muss (vgl. KrV A 571ff. / B 600ff.). Der können, und er (wie in seiner späteren Kritik des

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Entgegensetzung | 509

ontologischen Gottesbeweises) Existenz selbst Philosophische Funktion


nicht für eine Realität hielt, betrachtete Kant hier Während der Begriff der Entgegensetzung im tran­
das Argument, aus der Möglichkeit der Dinge auf szendentallogischen Sinne einen „Zusammen­
die Existenz eines absolut notwendigen Wesens hang, oder vielmehr ein[en] Übergang“ der Glie­
zu schließen, das zudem durch das allerreals­ der des Verhältnisses, hier also „von Realität zur
te Wesen instanziiert sei, noch als gültig (vgl. Negation“ (KrV A 143 / B 182f.; → Größe, intensive)
2:85f.). bezeichnet, dient derselbe Begriff in der allgemei­
Wolfgang Ertl nen Logik zur Bezeichnung eines Verhältnisses
der Disjunktion der Glieder. Kontradiktorische
→ Urteile oder → Prädikate stehen im Verhältnis
Entgegensetzung der „ächte[n], reine[n] Opposition“ (9:116), die
Der Begriff der Entgegensetzung wird von Kant „nicht mehr noch weniger [enthält] als was zur
in zwei unterschiedlichen Kontexten verwendet: Entgegensetzung gehört“ (9:117). Sowenig es einen
im Kontext der allgemeinen → Logik und in dem Übergang von „wahr“ zu „falsch“ gibt, so sicher
der → transzendentalen Logik (Analytik und Dia­ kann „die Wahrheit des einen der contradictorisch
lektik). Innerhalb der allgemeinen Logik differen­ entgegengesetzten Urtheile aus der Falschheit
ziert sich die Entgegensetzung in die drei Formen des andern gefolgert [werden] und umgekehrt“
der kontradiktorischen, der konträren und der (9:117). Da demgegenüber in „conträre[n] oder
subkonträren Entgegensetzung oder „Oppositi­ widerstreitende[n] Urteilen [. . . ] eines derselben
on“ (9:116f.). Innerhalb der → transzendentalen mehr aussagt, als das andre, und in dem Überflüs­
Analytik wird der Begriff der Entgegensetzung sigen, das es außer der bloßen Verneinung des
herangezogen, um das Verhältnis der ‚Realität‘ andren noch mehr aussagt, die Falschheit liegen
zur ‚Negation‘ zu charakterisieren (vgl. KrV B 182f., kann: so können sie zwar nicht beide wahr, aber
KrV B 217, KrV B 300; → Verneinung). Dabei kommt sie können beide falsch sein“, und deshalb kann
auf Seiten der ‚Realität‘ der Begriff der Entgegen­ hier auch nur „von der Wahrheit des einen auf die
setzung gewissermaßen noch einmal zur Anwen­ Falschheit des andern“ geschlossen werden, „aber
dung, insofern ‚reale Dinge‘ solche sind, an de­ nicht umgekehrt“ (9:117). Die Opposition subkon­
nen eine ‚Realentgegensetzung‘ von (z. B. bewe­ trärer Urteile wiederum ist „keine reine, strenge
genden) Kräften vorkommt (→ Entgegensetzung, Opposition“, da „in dem einen nicht von densel­
logisch/real). Innerhalb der → transzendentalen ben Objecten verneint oder bejaht [wird], was in
Dialektik zeigt Kant, inwiefern die unabweisbaren dem andern bejaht oder verneint wurde“ (9:117
kosmologischen Fragen der → Metaphysik (zur Anm.). Deshalb gilt hier: „Wenn der eine dieser
Größe der → Welt, zur Teilbarkeit der Dinge in ihr, Sätze falsch ist, so ist der andre wahr; aber nicht
zum Verhältnis von Naturkausalität und → Frei­ umgekehrt“ (9:117).
heit und zum Verhältnis von → Gott und Welt) Der Blick auf die in der physikalischen Rea­
durch scheinbar gleichberechtigte, aber im Sin­ lität überall stattfindende Entgegensetzung wir­
ne der allgemeinen Logik entgegengesetzte Be­ kender Kräfte begründet die Notwendigkeit, im
hauptungen (→ Antinomie; → Widerspruch) beant­ Zusammenhang metaphysischer Fragen einen
wortet werden können, also in die Aporie führen neuen, von der logischen Entgegensetzung unter­
(scheinbar „analytische“, in Wahrheit „dialek­ schiedenen Begriff der Entgegensetzung zu ent­
tische [. . . ] Opposition“, KrV A 504 / B 532), so­ wickeln, nämlich den der ‚Realrepugnanz‘. Zur
lange man den transzendentallogischen Unter­ transzendentalphilosophischen Grundlegung der
schied von → ‚Ding-an-sich‘ und → ‚Erscheinung‘ naturwissenschaftlichen Metaphysik orientiert
unberücksichtigt lässt. Weitere wichtige Stellen: sich Kant dann aber nicht mehr am Begriff der Ent­
KrV A 143 / B 182f.; KrV B 530–535; KrV B 543–595; gegensetzung, auch wenn die Kategorien → ‚Rea­
20:291f. lität‘ und → ‚Negation‘ erklärtermaßen in einem
Entgegensetzungsverhältnis stehen. Der Begriff
Verwandte Stichworte dieser Entgegensetzung hat im Übrigen die be­
Entgegensetzung, logisch/real; Widerspruch, sondere transzendentallogische, formallogisch
Satz vom; Gegenteil; Verneinung nicht fassbare Qualität, dass in ihm ein ‚Übergang‘

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
510 | Entgegensetzung, logisch/real

gedacht wird. Die formallogischen Entgegenset­ ner Gegend und eine gleiche Bestrebung eben
zungsverhältnisse kontradiktorischer, konträrer desselben in entgegengesetzter Richtung wider­
und subkonträrer Urteile behalten ihre Bedeutung sprechen einander nicht und sind als Prädicate
bei der transzendentallogischen „Auflösung“ der in einem Körper zugleich möglich. Die Folge da­
kosmologischen → Antinomien (vgl. 20:291f.; KrV von ist die Ruhe, welche Etwas (repraesentabile)
B 530–535; KrV B 543–595). ist“ (2:171), ebenso wie der Körper, der in solcher
Ruhe ist, ein „Etwas“ und nicht etwa wegen sei­
Weiterführende Literatur ner widersprechenden Prädikate ein „[N]ichts“
Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine ist (2:171). Schon in den Negativen Größen werden
systematische und entwicklungsgeschichtliche aber weitere (über den der physikalischen Kör­
Untersuchung zur theoretischen Philosophie perlehre hinausgehende) Bereiche der Realität
Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981. ausgewiesen, in denen eine solche ‚Realrepug­
Andreas Eckl nanz‘ angetroffen werden kann. Weitere wichtige
Stellen: 2:171f.; 9:116f.

Verwandte Stichworte
Entgegensetzung, Widerspruch, Satz vom; Gegensatz; Entgegen­
logisch/real setzung; analytisch/synthetisch
Nach den Negativen Größen (1763) hat der Begriff
der Entgegensetzung zwei verschiedene Bezugs- Philosophische Funktion
oder Anwendungsbereiche: den des Logischen Die Entdeckung der ‚Realentgegensetzung‘ oder
und den der → Realität. Oberhalb dieser Diffe­ ‚Realrepugnanz‘ und ihre Abhebung von der lo­
renzierung beschränkt sich die Bedeutung des gischen Entgegensetzung des Widerspruchs ist
Begriffs auf den Satz: „Einander entgegengesetzt der entscheidende Schritt zur Überwindung der
ist: wovon eines dasjenige aufhebt, was durch das rationalen Metaphysik der Leibniz-Wolff-Schule
andre gesetzt ist“ (2:171). Im Bereich der → Logik (vgl. z. B. KrV B 624 Anm.). Aus Sicht der späteren
nun ist unter Entgegensetzung zunächst nichts Schriften entspricht der Unterschied von ‚real‘
anderes als das Verhältnis des → Widerspruchs und ‚logisch‘ dem von ‚synthetisch‘ und ‚analy­
kontradiktorischer Urteile oder Prädikate zu ver­ tisch‘ (→ analytisch/synthetisch). So ist in Ver­
stehen (vgl. 2:171; in den späteren Logik-Vorlesun­ ständnis und Bestimmung zentraler transzenden­
gen bleibt der Widerspruch die Form der „äch­ tallogischer Begriffe wie ‚Realität‘ und → ‚Kau­
te[n], reine[n] Opposition“, 9:116, vgl. zur weiteren salität‘ (vgl. KrV B 182f.; KrV B 217; KrV B 232ff.;
Differenzierung → Entgegensetzung). Jedes „Et­ KrV B 252; KrV B 300–303; KrV B 328f.; KrV B 347;
was“, an dem einander logisch entgegengesetzte KrV B 531f.) sowie des Begriffs der „Veränderung
beziehungsweise widersprechende Prädikate auf­ und mit ihm [der] Bewegung“ (KrV A 32 / B 48; vgl.
treten, ist nach dem Satz des Widerspruchs „gar KrV B 291f., 4:469f., 4:472, 4:559f., 21:182, 21:190f.,
nichts (nihil negativum irrepraesentabile)“ (2:171), 21:618f., 22:155) die Entdeckung der „Realentge­
ein „Unding[ ]“ (KrV A 292 / B 348), das nicht ein­ gensetzung“ im Unterschied von der logischen
mal als Gedanke Bestand haben (repräsentiert Entgegensetzung eingearbeitet. Und da für die
werden) kann, sobald der Widerspruch entdeckt KrV die „Erklärung der Möglichkeit synthetischer
ist (→ Widerspruch, Satz vom). Im Bereich der Urteile [. . . ] das wichtigste Geschäfte“ (KrV A 154 /
Realität aber, so die Entdeckung Kants in den B 193) ist, untersucht sie auch in der ‚transzenden­
Negativen Größen (vorbereitet schon in 2:79–87), talen Dialektik‘ nur „synthetische“ Entgegenset­
kann der Begriff der Entgegensetzung sehr wohl zung: „Der Widerstreit dieser ihrer Sätze ist nicht
positiv (und nicht nur negativ, die Möglichkeit bloß logisch, der analytischen Entgegensetzung
absprechend) angewandt werden, nämlich auf (contradictorie oppositorum), d. i. ein bloßer Wi­
ein daseiendes ‚Etwas‘ und hier zur Bestimmung derspruch, [. . . ] sondern ein transscendentaler
des Verhältnisses zweier einander entgegen wir­ der synthetischen Opposition (contrarie opposito­
kender, zugleich an ihm ansetzender Bewegkräfte rum)“ (20:291; vgl. KrV B 532).
(vgl. 2:171): „Bewegkraft eines Körpers nach ei­ Zur genaueren Bestimmung des „Gegenver­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Enthusiasmus | 511

hältniß“ (2:173ff.), das bei einer „Realentgegen­ samkeit unterwirft“ (KrV A 786 / B 814). Grundsätz­
setzung“ vorliegt, werden in den Negativen Grö­ lich besagt diese Forderung der Enthaltsamkeit
ßen der Begriff des „Facits“ eingeführt und zwei der reinen Vernunft, „keine transscendentale Be­
„Grundregeln“ aufgestellt. Das „Facit“, die „Fol­ weise zu versuchen, ohne zuvor überlegt und sich
ge“, bezeichnet das Ergebnis, wenn die beiden desfalls gerechtfertigt zu haben, woher man die
einander entgegenstehenden Kräfte „zusammen Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie
genommen“ (2:173ff.), nach ihren Größen mit­ zu errichten gedenkt, und mit welchem Rechte
einander verrechnet werden, was z. B. auf „Zero man von ihnen den guten Erfolg der Schlüsse er­
= 0“ oder „Nichts“ hinausläuft, wenn sie sich in warten könne“ (KrV A 786 / B 814). Illustriert wird
der Verrechnung gerade aufheben (2:172; → Ver­ sie durch einen Verweis auf den zweiten → Par­
neinung; → Beraubung; → Mangel). Die beiden alogismus der reinen Vernunft, in dem aus der
Grundregeln wiederum lauten: „Realentgegen­ Einheit des Subjekts der Apperzeption unberech­
setzung“ „findet nur statt, in so fern zwei Dinge tigterweise auf dessen Einfachheit als Substanz
als positive Gründe eins die Folge des andern auf­ geschlossen wird (vgl. KrV A 351–361; KrV B 407f.).
hebt“ (2:175), und umgekehrt: „[a]llenthalben, wo Beobachtungen zur Enthaltsamkeit im Sinne
ein positiver Grund ist und die Folge ist gleichwohl der sexuellen Abstinenz finden sich in der Anthro­
Zero, da ist eine Realentgegensetzung“ (2:177). Zur pologie. Frauen fragten nicht nach der Enthaltsam­
Anwendung auf metaphysische Zusammenhänge keit ihrer Gatten vor der Ehe, dem Mann sei aber
differenziert Kant die „Realentgegensetzung“ in an der Enthaltsamkeit seiner Gattin vor der Heirat
„wirkliche“ und „mögliche“ (2:193). Auch bei der unendlich viel gelegen (vgl. 6:307; 20:143). Außer­
letzteren sind die Kräfte ‚real‘, teilen sich aber ein­ dem sei die durch die ökonomischen Umstände
ander nicht mit, z. B. wenn sie nicht an demselben erzwungene Enthaltsamkeit der Junggesellen eine
Körper ansetzen. Quelle des Lasters (vgl. 6:325).
Héctor Wittwer
Weiterführende Literatur
Eidam, Heinz: Dasein und Bestimmung. Kants
Grund-Problem, Berlin u. a.: de Gruyter 2000. Enthusiasmus
Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine Enthusiasmus ist „die Theilnehmung am Guten
systematische und entwicklungsgeschichtliche mit Affect“ (7:86). Weitere wichtige Stellen: 5:271f.;
Untersuchung zur theoretischen Philosophie 6:408f.; 7:269.
Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981.
Andreas Eckl Verwandte Stichworte
Schwärmerei; Affekt

Enthaltsamkeit Philosophische Funktion


Kant gebraucht den Begriff der Enthaltsamkeit Kant verwendet den Begriff Enthusiasmus manch­
sowohl im Sinne der sexuellen Abstinenz als auch mal, um sich auf affektvolle Phantasie im Allge­
im Sinne der theoretischen Enthaltung von Urtei­ meinen (vgl. 7:202) oder einfach auf eine emotio­
len, welche die Kompetenz der reinen Vernunft nale Übertreibung zu beziehen (vgl. 2:253). Seiner
übersteigen. Wichtige Stellen: KrV A 786 / B 814; allgemeinen Definition zufolge ist der Enthusi­
4:514; 7:307; 7:325. asmus jedoch „die Theilnehmung am Guten mit
Affect“ (7:86) bzw. „Idee des Guten mit Affect“
Verwandte Stichworte (5:271f.). Weil der Enthusiasmus auf das Gute ge­
Disziplin; Keuschheit richtet ist (bzw. auf den „Freiheitsbegriff unter mo­
ralischen Gesetzen“, 7:269), stellt er ein Zeichen
Philosophische Funktion für eine gute moralische Anlage im Menschen
In der Methodenlehre der KrV fordert Kant, dass dar (vgl. 7:85f.). Er ist „[ä]sthetisch [. . . ] erhaben“
man die reine Vernunft, „die bei Anwandlungen (5:272).
ihrer speculativen Erweiterungssucht sich nicht Kant stellt dem Enthusiasmus die Schwärme­
gerne einschränken läßt, der Disciplin der Enthalt­ rei entgegen (vgl. 2:222; 2:251 Anm.; 2:266f.; 5:275;

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
512 | Entstehen und Vergehen

25:531). Kants Ausdruck ‚Schwärmerei‘ – jedoch J. / Krueger, James (Hg.): Kant’s Moral Metaphy­
nicht ‚Enthusiasm‘ – bezieht sich auf den gefähr­ sics, Berlin u. a.: de Gruyter 2010.
lichen religiösen „enthusiasm“, gegen den sich Patrick Frierson
→ Locke und → Shaftesbury wenden (vgl. Locke, (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Essay IV, XIX; Shaftesbury, Characteristics 1:3–57,
2:75f., 2:393–394, 3:30, 3:33f., 3:37).
Weil es sich beim Enthusiasmus allerdings Entstehen und Vergehen
um einen Affekt handelt (bzw. um etwas, das eng Entstehen und Vergehen sind der Anfang respek­
an den Affekt gebunden ist), ist er „nicht ganz tive das Ende eines → Zustands. Wichtige Stel­
zu billigen“ (7:86). Ein Affekt „gehört immer zur len: 1:60; 1:269; 1:281; 1:434; 1:489ff.; 2:190; 2:194;
Sinnlichkeit“ (6:409; vgl. 7:86) und ist „blind, ent­ 2:441; KrV A 82 / B 108; KrV B 130; KrV A 155 / B 194;
weder in der Wahl seines Zwecks, oder wenn die­ KrV A 185 / B 228; KrV A 187 / B 230; KrV B 232f.;
ser auch durch Vernunft gegeben worden, in der KrV A 191–193 / B 236–238; KrV A 198f. / B 244; KrV
Ausführung desselben“ (5:272). Somit „kann [der A 202f. / B 248f.; KrV A 204–209 / B 250–254; KrV
Affekt] auf keinerlei Weise ein Wohlgefallen der A 211f. / B 258; KrV A 226–230 / B 279–282; KrV
Vernunft verdienen“ (5:272). Dies gilt auch für den A 427 / B 455; KrV A 518 / B 546; KrV A 532 / B 560;
Enthusiasmus. Kant warnt mit Blick auf die Fran­ 4:304f.; 4:334; 4:343; 4:541–543; 4:557; 17:425.
zösische Revolution vor dem „alles erschüttern­
den“ Enthusiasmus, der „noch über das Äußerste Verwandte Stichworte
hinausgeht“ (7:314). Weil der Enthusiasmus kein Substanz; Sukzession; Veränderung; Wechsel
Bestandteil wahrer Sittlichkeit ist (vgl. 5:272–274;
6:409), warnt Kant vor einer sittlichen Erziehung, Philosophische Funktion
die den Enthusiasmus für das moralische Gesetz Kants Philosophie untersucht u. a. die Entste­
kultivieren will (vgl. 5:157; 5:274). hungsbedingungen verschiedener physischer, or­
Nur an einer Stelle äußert sich Kant unein­ ganischer, psychischer und moralischer Phäno­
geschränkt positiv über den Enthusiasmus, und mene (z. B. Bewegungen im Raum, Himmelskör­
zwar mit Blick auf einen „Enthusiasm des guten per, Erdbeben, Jahreszeiten, Winde, Organismen,
Vorsatzes“, bei dem die „Vernunft doch immer Rassen, Völker, Nationen, Klassen und Stände,
noch den Zügel führt“ (7:254). das Recht, Tugenden und Laster, Frieden, Wissen­
schaft).
Weiterführende Literatur Veränderungen sind uns Kant zufolge nicht
Billouet, Pierre: „Enthusiasm and Modernity“, in: unmittelbar sinnlich gegeben. Weil die bloße
Les Temps Modernes 50, 1995, 151–185. → Apprehension von Erscheinungen immer suk­
Clewis, Robert R.: The Kantian Sublime and the zessiv ist, vermag sie nicht zwischen Gleichzeitig­
Revelation of Freedom, Cambridge: Cambridge keit und Aufeinanderfolge zu unterscheiden (vgl.
University Press 2009, insbes. 50–52, 169–214. KrV B 225f.; KrV B 258). Um zwischen Gleichzeiti­
Fenves, Peter: A Peculiar Fate: Metaphysics and gem und Aufeinanderfolgendem unterscheiden
World-History in Kant, Ithaca: Cornell Universi­ zu können, müssen wir das gleichzeitige Vorlie­
ty Press 1991, insbes. 170–285. gen verschiedener Zustände eines wahrgenom­
Heyd, Michael: ‚Be Sober and Reasonable‘. The menen Dinges (etwa Eigenschaften oder die Ori­
Critique of Enthusiasm in the Seventeenth and entierung eines Gegenstands) von unserer suk­
Early Eighteenth Centuries, New York: E. J. Brill zessiven Wahrnehmung verschiedener Zustände
1995. unterscheiden. Dies wiederum setzt voraus, dass
Johnson, Gregory R: „The Tree of Melancholy: Kant es tatsächlich gleichzeitig vorliegende Zustände
on Philosophy and Enthusiasm“, in: Firestone, eines beständigen Dinges gibt. Darum sind „Ent­
Chris L. / Palmquist, Stephen R. (Hg.): Kant and stehen und Vergehen [. . . ] nicht Veränderungen
the New Philosophy of Religion, Bloomington, desjenigen, was entsteht oder vergeht. Verände­
IN: Indiana University Press 2006, 43–61. rung ist eine Art zu existiren, welche auf eine
Zuckert, Rachel: „Kant’s Account of Practical Fa­ andere Art zu existiren eben desselben Gegenstan­
naticism“, in: Bruxvoort Lipscomb, Benjamin des erfolget. Daher ist alles, was sich verändert,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Entwicklung | 513

bleibend, und nur sein Zustand wechselt“ (KrV (Hg.): Argumentationen. Festschrift für Joseph
A 187 / B 230). Ferner kann „Veränderung [. . . ] da­ König, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht
her nur an Substanzen wahrgenommen werden, 1964, 256–275; wiederabgedruckt in: Prauss,
und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, oh­ Gerold (Hg.): Kant. Zur Deutung seiner Theorie
ne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen von Erkennen und Handeln, Köln: Kiepenheuer
betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung 1973, 151–166.
Kenneth R. Westphal
sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstel­
lung von dem Übergange aus einem Zustande in
den andern, und vom Nichtsein zum Sein, mög­ Entwicklung
lich macht, die also nur als wechselnde Bestim­ Entwicklung ist nach Kant Ausbildung und Reali­
mungen dessen, was bleibt, empirisch erkannt sierung dessen, was in der Anlage schon vorhan­
werden können“ (KrV A 188 / B 231). Geht man den ist. Der Begriff wird auf verschiedene Bereiche
(wie → Hume) von einer Welt aus, die lediglich angewandt, vorwiegend auf die Entstehung und
aus vorübergehenden, voneinander unabhängi­ Entwicklung des → Weltalls (vgl. 1:263; 1:293; 1:338;
gen Sinneseindrücken besteht, können wir also 1:345f.) und der → Organismen (vgl. 6:80), auf
nicht zwischen unserer Wahrnehmung der → Er­ die moralische Entwicklung des Menschen (vgl.
scheinungen und einem uns erscheinenden Ding 2:436; 2:447; 7:127f.; 7:217; 7:325; 7:328; 7:329; 7:414;
unterscheiden, wie Hume selbst es ohne Vorbe­ 8:17–19; 8:20–22; 8:26; 8:60; 8:98; 8:106; 8:109;
halte getan hat. Kant behauptet jedoch nicht nur, 8:111; 8:113; 8:115; 8:165; 8:169; 8:173; 8:175–177;
dass jedem durch uns erfahrbaren Zustandswech­ 8:179; 8:332; 8:375 Anm.) und auf die Entwicklung
sel eine kontinuierliche Substanz zugrunde liegt. des ästhetischen Urteils über das → Erhabene (vgl.
Er führt zudem transzendentale Gründe a priori 5:162; 5:262; 5:265). In der Logik ist von Entwick­
für die These an, dass die Quantität einer Sub­ lung im Sinne logischer Explikation die Rede (vgl.
stanz in der Erscheinung konstant sein muss, weil 9:111). Weitere wichtige Stellen: 6:17–20; 6:25–27;
die Einheit von Erscheinungen innerhalb unserer 6:30; 6:33; 6:38; 6:43; 6:57; 6:66; 6:76; 6:122; 6:134;
→ Erfahrung unmöglich wäre, wenn raum-zeitli­ 6:215.
che Substanz entstünde oder verginge (vgl. KrV
A 186 / B 229). „Denn alsdenn fiele dasjenige weg, Verwandte Stichworte
welches die Einheit der Zeit allein vorstellen kann, Anlage; Bildung; Evolutionstheorie; Übergang
nämlich die Identität des Substratum, als woran
aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat“ Philosophische Funktion
(KrV A 186 / B 229; vgl. KrV A 188f. / B 231f.). Dieser 1 Entwicklung des Kosmos
Befund der KrV dient als Beweisgrund des ersten In der Theorie des Himmels entsprechen der Ent­
Gesetzes der Mechanik: „Bei allen Veränderun­ wicklung des Weltbaus aus allgemeinen Bewe­
gen der körperlichen Natur bleibt die Quantität gungsgesetzen „unter den Himmelskörpern“ „kei­
der Materie im Ganzen dieselbe, unvermehrt und ne übereinstimmenden Folgen“, da z. B. die Lagen
unvermindert“ (4:541f.). der Achsen der Erde und anderer Himmelskör­
per höchst verschieden sind (1:346). Die von Kant
Weiterführende Literatur gemeinten Bewegungsgesetze sind → Anziehung
Falkenburg, Brigitte: Kants Kosmologie, Frank­ und → Zurückstoßung. Auf die von diesen Geset­
furt/M.: Klostermann 2000. zen gewährleistete Gesetzmäßigkeit gehen Ord­
Schönfeld, Martin: „Kant’s Early Dynamics“, in: nung und Schönheit des Weltbaus zurück, welche
Bird, Graham (Hg.): A Companion to Kant, Ox­ „nur eine Wirkung der ihren allgemeinen Bewe­
ford: Blackwell 2006, 33–46. gungsgesetzen überlassenen Materie“ sind (1:222).
Schönfeld, Martin: „Kant’s Early Cosmology“, in: Der Begriff der Entwicklung wird auch auf die Ent­
Bird, Graham (Hg.): A Companion to Kant, Ox­ stehung der Organismen angewandt (vgl. 2:436;
ford: Blackwell 2006, 61–84. 5:420; 5:423–425). Kant unterscheidet diesbezüg­
Weizsäcker, Carl Friedrich von: „Kants ‚erste Ana­ lich drei teleologische Theorien. Der → Okkasio­
logie der Erfahrung‘ und die Erhaltungssätze nalismus behauptet, dass Gott „ihrer Idee gemäß
der Physik“, in: Delius, Harald / Patzig, Günther bei Gelegenheit einer jeden Begattung der in der­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
514 | Entwicklung

selben sich mischenden Materie unmittelbar die Leibnizschen Monadologie in der Annahme, in
organische Bildung“ (5:422) verleiht. Der Prästa­ tierischen und menschlichen Seelen gebe es eine
bilismus ist hingegen der Ansicht, dass Gott „in „unermeßlich[e]“ Fülle dunkler Vorstellungen,
die anfänglichen Producte [. . . ] nur die Anlage“ die klaren dagegen seien „nur unendlich wenige
(5:422) bringt, welche es einem organischen We­ Punkte derselben“ (7:135). Auch der fernste noch
sen erlaubt, seinesgleichen hervorzubringen. Da­ sichtbare oder auch unsichtbare Stern wird in al­
durch erhält sich die Spezies beständig selbst. Der len Details seiner Oberfläche insofern unbewusst
Prästabilismus hat seinerseits zwei Formen. Erste­ wahrgenommen. Alles, was Teleskop und Mikro­
re behauptet die individuelle → Präformation und skop nur entdecken mögen, „wird durch unsere
wird durch die Evolutionstheorie definiert, weil bloßen Augen gesehen“ (7:135). Kant behauptet
sie „ein jedes von seines Gleichen gezeugte organi­ dementsprechend, dass bei einer künstlichen Ver­
sche[s] Wesen“ als „Educt“ (5:422f.) interpretiert. schärfung der Sinnesorgane nicht etwas prinzi­
Aus diesem Grund wäre der Name „Involutions­ piell Neues wahrgenommen wird, sondern nur
theorie“ oder „Theorie [. . . ] der Einschachtelung“ das ohnehin Präsente klarer und dann deutlicher
(5:423) nach Kant geeigneter. Letztere meint hin­ als zuvor wird. Diese Annahme harmoniert mit
gegen, das neue Wesen sei das „Product[]“ (5:423) der Auffassung, dass die Entwicklung des Kosmos
eines anderen organischen Wesens. Kant nennt und speziell die Entwicklung der Menschheit nur
diese Theorie „System der generischen Präforma­ eine „Auswickelung“ schon vorhandener Keime
tion“ (5:423) oder der → Epigenesis. Gemäß dieser und Anlagen ist (8:104; vgl. 7:135–140).
Lehre sind Produkte nur „virtualiter präformirt“ Gegen Epikur vertritt Kant den Gedanken,
(5:423). dass alle Entwicklung Auswicklung des in der
Anlage Vorhandenen ist (vgl. 7:303; 7:321). Diese
2 Moralische Entwicklung des Menschen Konzeption kommt in der dreifachen Differenzie­
In Geschichte kommt dem Begriff der Entwick­ rung von „cultiviren, [. . . ] civilisiren und [. . . ] mo­
lung eine besondere Funktion im Bereich der ralisiren“ zum Ausdruck (7:324; vgl. 7:414; 7:326).
Geschichtsphilosophie zu, indem die Entwick­ Der Übergang von der ersten zur dritten Phase er­
lung der Anlagen des menschlichen Geschlechts zeugt nichts prinzipiell Neues, sondern vollzieht
zum Thema der Erörterung gemacht wird. Hier sich als Entwicklung von Anlagen, die im Men­
stellt Kant die These auf, dass „das Mittel, des­ schen als Keime angelegt sind. Kant behauptet,
sen sich die Natur bedient, die Entwickelung aller dass auch die Moral kein Produkt anthropologi­
ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, [. . . ] der Ant­ scher Zivilisation ist, sondern als Entwicklung
agonism derselben in der Gesellschaft [ist], so fern von moralischen Keimen zu begreifen ist.
dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzmäßi­ Was die Entwicklung der menschlichen Na­
gen Ordnung derselben wird“ (8:20). Der „Antago­ tur anbelangt, nimmt Kant zwei Epochen an; die
nism“ (8:20) der → Menschen in der Gesellschaft erste ist die einer reinen Natur, in der die Kin­
verdankt sich den „natürlichen Triebfedern da­ der bei ihrer Geburt noch nicht schreien. Es wä­
zu“, d. h. den „Quellen der Ungeselligkeit und re gefährlich, wenn ein Kind in diesem Zustand
des durchgängigen Widerstandes“ (8:21). Kant schreien könnte, „[d]enn ein Wolf, ein Schwein
erklärt, dass daraus „so viele Übel entspringen, sogar würde ja dadurch angelockt [. . . ] es zu tref­
die aber doch auch wieder zur neuen Anspan­ fen“ (7:327 Anm.). Dieser frühen Epoche folgt die
nung der Kräfte, mithin zu mehrerer Entwickelung Phase des häuslichen Lebens, in der das Geschrei
der Naturanlagen antreiben“ (8:21f.). Die Entwick­ des Kleinkindes nicht mehr „von äußerster Ge­
lung der Naturanlagen aus dem Antagonismus fahr“ (7:327 Anm.) ist. Das Geschrei, mit dem das
der Menschen verweist auf die „Anordnung ei­ Kind in die Welt tritt, ist Kant zufolge mit dem
nes weisen Schöpfers; und nicht etwa die Hand Gefühl verbunden, in seiner Freiheit durch einen
eines bösartigen Geistes, der in seine herrliche An­ unrechtmäßigen Zwang gehindert zu sein. Der
stalt gepfuscht oder sie neidischer Weise verderbt Mensch besitzt ein angeborenes Rechtsbewusst­
habe“ (8:22; vgl. auch 8:26; 8:175). sein (vgl. 7:268f. Anm.; 7:327), welches ihn schon
In der Anthropologie spielt der Begriff der früh dazu führt, nicht zu jammern, sondern Zorn
Entwicklung eine zentrale Rolle. Kant folgt der und Entrüstung über die Freiheitsbeschränkung

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Entwurf und Ankündigung eines Collegii der physischen Geographie . . . | 515

zu äußern. Daraus ergibt sich die Umwandlung Versinnlichung sittlicher Ideen sei. Die Bildung
des Geschreis in Tränen. Außerdem erwägt Kant des Geschmacks und des Genies kann daher le­
die Möglichkeit einer dritten Epoche, in welcher diglich in der Entwicklung sittlicher Ideen und
Menschenaffen sich zu Menschen entwickeln. Sie in der Kultur des moralischen Gefühls bestehen,
besitzen vier Organeigenschaften, die sich zur „wovon auch und von der darauf zu gründenden
Umbildung eignen: Der Gang kann erstens zum größeren Empfänglichkeit für das Gefühl aus den
aufrechten Gang umgebildet werden, der für den letzteren (welches das moralische heißt) dieje­
Menschen eigentümlich ist; zweitens können die nige Lust sich ableitet, welche der Geschmack
Hände den Tastsinn zum Befühlen der Gegenstän­ als für die Menschheit überhaupt, nicht bloß für
de ausbilden; drittens lassen sich die Sprechorga­ eines jeden Privatgefühl gültig erklärt: so leuchtet
ne aus der entsprechenden Organstruktur beim ein, daß die wahre Propädeutik zur Gründung
Orang-Utan oder Schimpansen entwickeln; und des Geschmacks die Entwickelung sittlicher Ide­
viertens bildet sich der Verstand im Gehirn. Kant en und die Cultur des moralischen Gefühls sei;
gibt zu, dass wir im Fall des ersten Schritts nicht da, nur wenn mit diesem die Sinnlichkeit in Ein­
wissen, „wie die Natur und durch welche mit­ stimmung gebracht wird, der ächte Geschmack
wirkende Ursachen sie eine solche Entwickelung eine bestimmte, unveränderliche Form annehmen
veranstaltete[n]“ (7:328 Anm.). Beim Übergang kann“ (5:356).
von der zweiten zur dritten Epoche wird davon
gesprochen, dass ein Orang-Utan oder Schimpan­ Weiterführende Literatur
se „die Organe, die zum [menschlichen] Gehen, Brandt, Reinhard: Kommentar zu Kants „Anthro­
zum Befühlen der Gegenstände und zum Spre­ pologie in pragmatischer Hinsicht“, Hamburg:
chen dienen, sich zum Gliederbau eines Menschen Meiner 1999.
ausbildete“ (7:328 Anm.). Die Bestimmung des Burgio, Alberto: Vernunft und Katastrophen. Das
Menschen besteht darin, dass der Mensch seine Problem der Geschichtsentwicklung bei Kant,
moralischen Anlagen nicht wie die vernunftlosen Hegel und Marx, Frankfurt/M. u. a.: Lang 2003.
Tiere in jedem Individuum, sondern nur in der Giordanetti, Piero: Estetica e sovrasensibile in
Gattung im Ganzen erreicht. Nur die Gattung kann Kant, Milano: Cuem 2001.
„durch ihre eigene Thätigkeit die Entwickelung Moiso, Francesco: „Preformazione ed epigenesi
des Guten aus dem Bösen dereinst zu Stande [. . . ] nell’età goethiana“, in: Verra, Valerio (Hg.): Il
bringen“ (7:329). problema del vivente tra Settecento e Ottocento.
Aspetti filosofici, biologici e medici, Roma: Isti­
3 Entwicklung des ästhetischen Urteils über das tuto dell’Enciclopedia Italiana 1992, 119–220.
Erhabene Piero Giordanetti
In der KU behauptet Kant, dass die Notwendigkeit
des Urteils über das Erhabene der Natur sich auf
die Kultur, d. h. auf die Entwicklung sittlicher Ide­ Entwurf und Ankündigung
en, gründet. Diese Behauptung soll jedoch nicht
so verstanden werden, als ob das Urteil über das
eines Collegii der physischen
Erhabene „von der Cultur zuerst erzeugt und et­ Geographie nebst dem
wa bloß conventionsmäßig in der Gesellschaft
eingeführt“ (5:265) werde. Kant ist demnach kein
Anhange einer kurzen
Vertreter der These, dass das Urteil über das Erha­ Betrachtung über die Frage:
bene ein Produkt der Gesellschaft ist. Das Erha­
bene hat seine Grundlage vielmehr in der Anlage
Ob die Westwinde in unsern
zum Gefühl für moralische Ideen. Bei der Erör­ Gegenden darum feucht
terung der Frage, wie Genie und Geschmack im
Subjekt gegründet und entwickelt werden kön­
seien, weil sie über ein
nen, vertritt Kant die These, dass der Geschmack großes Meer streichen
das Vermögen der Beurteilung der Versinnlichung Der Text diente als Einladung zu Kants Vorlesun­
sittlicher Ideen und das Genie das Vermögen der gen und erschien am 13. April 1757 unter dem Titel

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
516 | Epigenesis

M. Immanuel Kants Entwurf und Ankündigung ei­ on“ (5:423) bezeichnet werden. Weitere wichtige
nes Collegii der physischen Geographie, nebst dem Stellen: 2:114f.; KrV B 167f.; 5:423f.; 6:80; 8:50.
Anhange einer kurzen Betrachtung über die Fra­
ge: ob die Westwinde in unsern Gegenden darum Verwandte Stichworte
feucht seien, weil sie über ein großes Meer strei­ Bildung; Entwicklung; Präformation, Präforma­
chen. Das Manuskript ist verschollen (vgl. Stark, tionssystem
Nachforschungen, S. 281–291). Der Anhang über
die Westwinde erschien anonym auch in den von Philosophische Funktion
Christlob Mylius herausgegebenen Physikalischen In der KU und in der Rez. Herder bezeichnet ‚Epi­
Belustigungen, 30. Stück, 1757, S. 1528–1533, unter genesis‘ eine Theorie über die Entstehung der
dem Titel Ob die Westwinde in unsern Gegenden → Organismen (vgl. 5:423f.; 8:50). Gegen die The­
darum feucht seyn, weil sie über ein grosses Meer se, dass sich die Entstehung des Lebens durch den
streichen? Der bei Mylius abgedruckte Text ist je­ Mechanismus erklären lässt, vertritt Kant die An­
doch um zwei Seiten umfangreicher als der in sicht, dass die Erzeugung der Organismen auf ein
2:10–12 abgedruckte. teleologisches Prinzip zurückzuführen ist. ‚Epige­
Kant unterteilt die physische Geographie nesis‘ heißt die Annahme, dass durch die oberste
(darin in weitgehender Übereinstimmung mit der Weltursache den ersten Organismen die Fähigkeit
späteren Physische Geographie) in einen allgemei­ verliehen worden ist, „vermittelst deren ein orga­
nen und einen besonderen Teil. Der allgemeine nisches Wesen seines Gleichen hervorbringt und
Teil hat es mit der Beschaffenheit der Erdoberflä­ die Species sich selbst beständig erhält“ (5:422).
che (Meer, Festland und Gewässer) zu tun, der Gemäß der Lehre der Epigenesis ist jedes organi­
Atmosphäre und den Winden, sowie der Schiffahrt sche Wesen als von seinesgleichen erzeugtes Pro­
und den erdgeschichtlichen Veränderungen. Im dukt zu verstehen. Diese Theorie überlässt „mit
besonderen Teil der physischen Geographie folgt dem kleinst-möglichen Aufwande des Übernatür­
Kant der im 18. Jahrhundert üblichen Einteilung lichen“, abgesehen vom ersten Anfang, den die
der drei Naturreiche in Tierreich, Pflanzenreich Wissenschaft überhaupt nicht zu erklären vermag,
und Mineralreich. Er erwähnt neben Bernhardus „alles Folgende“ der Natur (5:424). Der → Okka­
Varenius, Georges Louis LeClerc de Buffon und sionalismus behauptet hingegen ein Eingreifen
Johan Lulof verschiedene Zeitschriften und Aka­ der Gottheit bei Gelegenheit jedes einzelnen Zeu­
demietransaktionen als die Hauptquellen seiner gungsaktes, wodurch alle Natur, „mit ihr auch
geographischen Kenntnisse (vgl. 2:4; so z. B. die aller Vernunftgebrauch“ (5:422), gänzlich verlo­
Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und zu ren geht. Die Evolutions-(Präformations-) Theorie
Lande, die Sammlung neuer und merkwürdiger Rei­ betrachtet jedes Individuum als von Anfang an
sen, das Hamburgische Magazin und das Leipziger von der Hand des Schöpfers „vorgebildet[]“, was
Allgemeine Magazin). Im Anhang über die West­ grundsätzlich auf ebendieselbe „Hyperphysik“
winde bestreitet Kant, dass die Feuchtigkeit der hinausläuft (5:423).
Westwinde in Europa allein darauf zurückzufüh­ Als Vertreter der Epigenesis-Lehre werden
ren ist, dass sie über den Atlantik streichen, ohne → Jean Louis Leclerque Comte de Buffon (vgl.
sich auf eine alternative Erklärung festzulegen. 2:115), → Pierre Louis Moreau de Maupertuis (vgl.
Falk Wunderlich 2:115), → Johann Gottfried Herder (vgl. 8:62), → Jo­
hann Friedrich Blumenbach (vgl. 5:424; 11:184f.)
erwähnt. Es lassen sich in den kantischen Schrif­
Epigenesis ten vornehmlich drei Verwendungen des ur­
Der Ausdruck ‚Epigenesis‘ stammt aus der Biolo­ sprünglich biologischen Begriffs der Epigenesis
gie und bedeutet in diesem Kontext, dass „das pro­ herausstellen. In der KrV ist metaphorisch von ei­
ductive Vermögen der Zeugenden [. . . ] nach den ner Epigenesis der reinen Vernunft die Rede. Kant
inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem Stam­ bezeichnet mit diesem Terminus seine Deduktion
me zu Theil wurden, also die specifische Form der reinen Verstandesbegriffe: „daß nämlich die
virtualiter präformirt war“ (5:423). Die Epigenesis Kategorien von Seiten des Verstandes die Gründe
kann daher auch als „generische[] Präformati­ der Möglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthal­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Epikur | 517

ten“ (KrV B 167). In Religion wird ‚Epigenesis‘ im Wichtigste Lehrsätze (Kyriai doxai) sowie andere
Kontext der Erörterung der „Idee einer von keiner Sprüche, (5) weitere Textstücke und Testimoni­
Geschlechtsgemeinschaft abhängigen (jungfräuli­ en (Epikur, Überwindung). Grundlegend für Epi­
chen) Geburt eines mit keinem moralischen Fehler kurs Position ist ein asketischer Hedonismus,
behafteten Kindes“ verwendet (6:80 Anm.). In die­ der → Lust nicht durch Akkumulation, sondern
sem Zusammenhang vertritt Kant die These, dass durch Zurücknahme der Begierden zu maximie­
die Idee der jungfräulichen Geburt eines solchen ren versucht. Ferner vertritt der Atomist Epikur
Kindes als „Symbol der sich selbst über die Versu­ einen Naturalismus, Sensualismus und Materia­
chung zum Bösen erhebenden [. . . ] Menschheit“ lismus.
(6:80 Anm.) aufzufassen ist. Diese Idee soll als Kant führt Epikur wiederholt als Philoso­
Gegenstand der praktischen Vernunft konzipiert phen an, der die → Tugend als ein Instrument
werden. zur Erlangung des als Lust verstandenen Glücks
In dieser Hinsicht ist die Theorie, die speku­ interpretiert (vgl. 5:24). Dabei kontrastiert er ger­
lative Vernunft, aber weder nützlich noch nötig, ne das epikureische und das stoische summum
weil sie nicht zur Erkenntnis von noumenalen bonum-Verständnis. Beide beinhalten, so Kant,
Ideen zu gelangen vermag. Als Beweis dafür, dass ein durch menschliche Bemühung erreichbares
sich diese Ideen nicht durch die theoretische Ver­ praktisches → Ideal (vgl. Refl. 6874, 19:188; ähnlich
nunft erkennen lassen, führt Kant einige theoreti­ 5:111); allerdings verträten Epikureer und → Stoi­
sche Schwierigkeiten an. Würde man nämlich die ker zwei einander ausschließende Konzeptionen:
Theorie der Epigenesis annehmen, müsste man Während Epikur empirische → Triebfedern zur
behaupten, dass die Mutter von ihren Eltern durch → Glückseligkeit als Prinzip der Beurteilung des
natürliche Zeugung abstammt. Dies bedeutete, Sittlichen aufgefasst habe, habe der Stoiker Zenon
dass sie mit einem angeborenen → Hange zum die → Sittlichkeit zum Handlungsprinzip erklärt
Bösen behaftet sein würde. Im Falle einer überna­ und die Glückseligkeit aus ihr abgeleitet (vgl. et­
türlichen → Zeugung würde die Mutter den Hang wa Refl. 6619, 19:112; ebenso 5:112f.). Kants Ur­
zum Bösen auf ihr Kind vererben. Aus diesem teil lautet, dass beide hellenistischen Versuche,
Grund müsse man in theoretischer, spekulativer Sittlichkeit und Glückseligkeit zusammenzuden­
Hinsicht auf die Theorie der Epigenesis verzichten ken, verfehlt seien. Sittlichkeit und Glückseligkeit
(vgl. 6:80). bildeten in beiden Modellen jeweils eine inho­
Piero Giordanetti mogene Einheit. Kant weist damit einerseits die
epikureische Instrumentalisierung der Moralität
als Werkzeug der Luststeigerung und andererseits
Epikur die stoische Gleichsetzung des höchsten Guts mit
Epikur (341–270 v. Chr.) ist einer der wichtigsten einem moralisch orientierten Willen, nämlich der
griechischen Philosophen der hellenistischen Pe­ aretê, zurück (vgl. 4:393f.). Immerhin verteidigt er
riode. Auf ihn geht eine maßgebliche antike Phi­ aber „das jederzeit fröhliche Herz in der Idee des
losophenschule zurück, der ‚Garten‘ (kêpos). Mit tugendhaften Epikurs“ (6:485; vgl. 9:30).
seiner hedonistischen Theorie des → Glücks übte In der Diskussion um sinnlich basierte Ge­
er eine starke Nachwirkung auf die spätere Antike fühle und die vernunftbasierte → Achtung konze­
und die frühe Neuzeit aus. Maßgebliche Einflüs­ diert Kant in der → Kritik der Urteilskraft dem Epi­
se auf Epikur ergaben sich aus dem Atomismus kur, dass „alles Vergnügen, wenn es gleich durch
des Demokrit. Um 306 v. Chr. gründete Epikur in Begriffe veranlasst wird, [. . . ] animalische, d. i.
Athen seine Schule, deren Besonderheit darin körperliche, Empfindung sei“ (5:334f.; vgl. 5:277;
bestand, auch Frauen, Sklaven und andere gesell­ 5:331). Aber bei der Achtung handle es sich nicht
schaftlich unterprivilegierte Personen aufzuneh­ um „ein Vergnügen“, sondern um eine „Selbst­
men. schätzung“.
Von Epikurs Schriften sind nur Fragmente In der → Theorie des Himmels bekennt sich
erhalten: (1) der Brief an Herodot, (2) der Brief Kant selbst zu einer modifizierten Spielart des
an Menoikeus, (3) Brieffragmente an Verwand­ Atomismus, für die er sich ausdrücklich auf Epi­
te und Freunde, (4) Sentenzen aus dem Werk kur beruft; diese hält er jedoch mit einer theolo­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
518 | Episyllogismus

gischen Sichtweise der Natur für vereinbar (vgl. Gebäudes beschreibt Kant den durch Erbauung
1:226). Er wendet sich gleichzeitig gegen Epikurs nur langsam zu schaffenden „neuen Menschen“
Vorstellung von einer Spontanabweichung der als „Tempel Gottes“ (6:198 Anm.). Erbauung und
→ Atome (vgl. 1:227). In der Kritik der Urteils­ die mit ihr einhergehende „sittliche[] Besserung“
kraft nimmt Kant auch nochmals kurz Stellung verbinden sich zur „Seligwerdung“ (7:67).
zu dem „System der Kausalität, welches dem Das „öffentliche Gebet“ trägt der Erbauung
Epikur oder Demokritus beigelegt wird“ (5:391). insofern bei, als es „eine ethische Feierlichkeit“
Er konstatiert, dieses sei „nach dem Buchsta­ ist (6:196 Anm.). Kant betont die Bedeutung der
ben genommen, so offenbar ungereimt, daß es „öffentliche[n] Benutzung“ (7:68) der Bibel und
uns nicht aufhalten darf“ (5:391). Auch sonst er­ ihrer „doctrinale[n] Auslegung“ für die Erbauung
scheint Epikur gelegentlich als Sensualist (vgl. des Menschen (7:67). Das vorrangige Ziel von Pre­
z. B. 5:41). digten besteht in der Erbauung. Sollten andere
Ziele mit ihr „in Collision“ geraten, so müssen
Weiterführende Literatur diese „nachstehen“ (7:68).
Santozki, Ulrike: Die Bedeutung antiker Theorien Rolf Löchel
für die Genese und Systematik von Kants Philo­
sophie. Eine Analyse der drei Kritiken, Berlin
u. a.: de Gruyter 2007. Erben
Christoph Horn Unter Beerbung versteht Kant den Akt der „Über­
tragung (translatio) der Habe und des Guts eines
Sterbenden auf den Überlebenden durch Zusam­
Episyllogismus menstimmung des Willens beider“ (6:293). Ein
→ Polysyllogismus, Episyllogismus Erbe ist demzufolge der Empfänger des übertrage­
nen Guts. Weitere wichtige Stellen: 6:291ff.; 6:366;
8:344; 19:531.
Erbauung
Erbauung ist „die moralische Folge aus der An­ Verwandte Stichworte
dacht auf das Subject“ (6:198 Anm.) und zielt auf Erwerbung; Gut; Tod
die „Besserung der Menschen und Belebung ihrer
moralischen Triebfedern“ (7:68). Weitere wichtige Philosophische Funktion
Stellen: 5:273; 6:195; 6:198; 7:62; 7:66ff. Beerbung zählt zu den Erwerbungsarten, die
„zwar nur im öffentlichen rechtlichen Zustande
Verwandte Stichworte ihren Effect haben“ (6:291), sich aber nicht auf
Religion; Andacht; Gebet diesen gründen, sondern „auch a priori im Natur­
zustande“ (6:291; vgl. 6:294) denkbar sind. Daher
Philosophische Funktion „Testamente auch nach dem bloßen Naturrecht
Über bloße Rührung, die schon im Begriff der gültig“ (6:294) sind, auch wenn „hiebei ein bür­
Andacht liegt, hinaus beinhaltet der Begriff der gerlicher Zustand vorausgesetzt wird“ (6:366). Die
Erbauung „die moralische Folge aus der Andacht Übertragung des Guts geschieht im Augenblick
auf das Subject“, mithin „die wirkliche Besserung des Todes des Erblassers. Es handelt sich nach
des Menschen“ (6:198 Anm.). Hierbei ruft sie „stür­ Kant daher um keine empirische Übertragung,
mische Gemüthsbewegungen“ hervor (5:273). sondern eine „ideale Erwerbung“ (6:293).
Um die moralische Wirkung der Erbauung → Staaten können nicht „von einem andern
zu erreichen, ist es notwendig „systematisch zu Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schen­
Werke“, quasi gemäß einem Bauplan, vorzugehen. kung erworben“ (8:344) werden, da ein für sich
Zunächst werden „feste Grundsätze nach wohl­ bestehender Staat kein erwerbbares Erbreich ist
verstandenen Begriffen tief ins Herz [ge]legt“. Auf (vgl. 8:344, 19:405). Genauso wenig ist das mora­
diesen werden „Gesinnungen [. . . ] errichtet“, wel­ lisch Böse „durch Anerbung von den ersten Eltern
che die Menschen „vor den „Anfechtungen der auf uns gekommen“ (6:40).
Neigungen“ bewahren. In Analogie zum Bau eines Andree Hahmann

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erdbeben | 519

Zeitbedingung Rücksicht zu nehmen“ als „das


Erbschuld, Erbsünde Erste“ gedacht werden (6:41).
In Religion bestimmt Kant das juridische Konzept Diese von Kant behauptete Atemporalität
der Erbschuld sowie das theologische Konzept der der „intelligibele[n] That“ (6:31) wird in der For­
Erbsünde als Varianten der „unschicklichste[n]“ schungsliteratur auch vor dem Hintergrund der
(6:40) Art, sich den „Ursprung des moralischen Möglichkeit einer Erbsünde kontrovers diskutiert.
Bösen“ begreiflich zu machen, die dadurch ge­ So kommt etwa Simm zu dem Schluss, Kant klam­
kennzeichnet sei, dass der Ursprung hier „als mere „mittels der außerzeitlich-intelligiblen Tat
durch Anerbung von den ersten Eltern auf uns ge­ das Problem der Vererbbarkeit einer moralischen
kommen“ vorgestellt werde (6:40). Weitere wichti­ Qualität von vornherein aus, eine solche Tat ereig­
ge Stellen: 6:41–44; 8:123; 16:595; 19:634; 19:640; net sich nicht im Fortgang des menschlichen Ge­
23:123; 23:447. schlechtes von Generation zu Generation“ (Kants
Ablehnung, S. 157). Dessen ungeachtet bleibt fest­
Verwandte Stichworte zuhalten, dass Kant mit den Vertretern der Erb­
Böses, radikales; Hang zum Bösen; Sündenfall sünden-Lehre die Überzeugung teilt, dass jeder
Mensch eine ursprüngliche Schuld, ein „pecca­
Philosophische Funktion tum originarium“ (6:31) in sich trage, das ihm
Kant hält unter anderem einer traduzianischen schon qua Menschsein zukomme.
Auffassung der Erbsünden-Lehre, nach der die
menschliche Seele bei der Zeugung als Ableger Weiterführende Literatur
der väterlichen Seele (lat. tradux = Sprössling) Bohatec, Josef: Die Religionsphilosophie Kants in
entsteht, den folgenden Gedanken entgegen, den der „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
er bei Ovid ausgesprochen findet: „genus et pro­ Vernunft“. Mit besonderer Berücksichtigung
avos, et quae non fecimus ipsi, vix ea nostra pu­ ihrer theologisch-dogmatischen Quellen, Hil­
to“ (6:40; vgl. Ovid, Metamorphosen, XIII, S. 630; desheim: Olms 1966 (1938), insbes. 241–243,
Übersetzung von Stangneth (Die Religion inner­ 246f. und 309–313.
halb, S. 50): „Geschlecht, Vorfahren und das, was Forschner, Maximilian: „Über die verschiedenen
wir nicht selbst getan haben, halte ich kaum für das Bedeutungen des ‚Hangs zum Bösen‘“, in: Höf­
Unsere“). In systematischer Absicht kontrastiert fe, Otfried (Hg.): Immanuel Kant. Die Religion
Kant die traditionelle Lehre mit seinem transzen­ innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft,
dentalphilosophischen Ansatz, nach dem jedem Berlin: Akademie 2011, 71–90.
Menschen ein natürlicher Hang zum Bösen ange­ Hoping, Helmut: Freiheit im Widerspruch. Eine
boren sei (vgl. 6:29ff.), der jedoch im Angesicht der Untersuchung zur Erbsündenlehre im Ausgang
Faktizität des unbedingten Vernunftgebotes (und von Immanuel Kant, Innsbruck-Wien: Tyrolia
-verbotes) „nicht als solcher vorgestellt werden 1990, insbes. 204–207 (mit weiteren Literatur­
darf “, sondern immer schon „als von dem Men­ hinweisen).
schen selbst sich zugezogen gedacht werden kann“ Thomas Wyrwich
und muss (6:29). Diese eine „angeborne Schuld“
(6:38) sei auf eine atemporale und individuelle
„intelligibele That“ zurückzuführen, welche als Erdbeben
der „formale Grund“ und die „oberste Maxime“ al­ In Übereinstimmung mit in seiner Zeit gebräuchli­
ler potenziellen Taten angesehen werden müsse, chen Annahmen erklärt Kant die Entstehung von
die „der Materie nach“ dem Sittengesetz in concre­ Erdbeben durch selbsttätige Entzündungen un­
to widerstreiten (6:31). Kant konzediert, dass der ter Beteiligung von Wasser, Eisenfeilig (Feilstaub)
Sündenfall in der biblischen Erzählung insofern und Schwefel in Höhlen, die das gesamte Festland
ganz konsequent als Übergang vom „Stand der und den Meeresboden durchziehen (vgl. 1:419f.;
Unschuld“ zu dem der „Sünde“ (6:42) vorstellig vgl. auch Gehler, Physikalisches Wörterbuch, Bd. 5,
gemacht werde, als der Ursprung des → Bösen S. 515ff. sowie Adickes, Kants Ansichten, S. 66ff.).
hier in eine zeitliche Abfolge eingebunden sei. Gegenüber diesen auf chemischen Reaktionen
Der „Sache nach“ müsse dieser aber „ohne auf beruhenden Erklärungen äußert Kant sich spä­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
520 | Erde

ter (in Physische Geographie) skeptisch und zieht der Achsendrehung der Erde. Er argumentiert,
stattdessen mechanische Ursachen wie den Aus­ dass die Drehung unseres Planeten sich ver­
bruch stark komprimierter Luft aus dem Erdinne­ langsamt, weil eine „äußerliche Ursache [. . . ]
ren als Ursache sowohl von Erdbeben als auch die Bewegung der Erde nach und nach verrin­
von Vulkanausbrüchen in Betracht (vgl. 9:268f.). gert und ihren Umschwung in unermeßlich lan­
Weitere wichtige Stellen: 1:419–423; 1:431; 1:455f.; gen Perioden gar zu vernichten trachtet“ (1:186).
1:459–461; 2:104; 9:268f. Die Ursache dieser Änderung liegt in der Wir­
kung der → Anziehung des Mondes auf die Er­
Verwandte Stichworte de (vgl. 1:190–191), die keine vollständig feste
Vulkan; Fortgesetzte Betrachtung der seit eini­ → Masse ist (vgl. 1:188). In Ob die Erde veral­
ger Zeit wahrgenommenen Erderschütterungen; te findet sich Kants Theorie der physikalischen
Geschichte und Naturbeschreibung der merk­ Geschichte der Erde, die ein Sphäroid ist (vgl.
würdigsten Vorfälle des Erdbebens . . . ; Von den 1:199; 9:259). Kant zufolge hat „[d]ie Natur un­
Ursachen der Erderschütterungen . . . serer Erdkugel [. . . ] in dem Fortschritte ihres Al­
ters in allen ihren Theilen nicht eine gleiche
Philosophische Funktion Stufe erreicht“ (1:200). Daher erlebte die Erde
Kants Beschäftigung mit Erdbeben steht vornehm­ verschiede Epochen und viele → Veränderun­
lich im Kontext des großen Lissabonner Erdbe­ gen. Die Ursache der Veraltung der Erde ist „ei­
bens von 1755. Dabei ist bemerkenswert, dass ne subtile, aber überall wirksame Materie, die
Kant mit diesem Ereignis gerade keine morali­ bei den Bildungen der Natur das active Princi­
schen oder theologischen Betrachtungen verbin­ pium ausmacht und als ein wahrer Proteus be­
det, sondern es im Gegenteil als reines Naturphä­ reit ist, alle Gestalten und Formen anzunehmen“
nomen ansieht. So schreibt er auch die verhee­ (1:211). Diese wirksame → Materie ist ein „Welt­
rende Wirkung des Erdbebens der Art und Weise geist“ (1:211–212). Seit 1756 hielt Kant regelmä­
der Bebauung Lissabons zu, nicht der Vorsehung: ßig Vorlesungen über physische Geographie oder
„Wäre es nicht besser also zu urtheilen: Es war „Erdbeschreibung“ (9:156), in denen er ausführ­
nöthig, daß Erdbeben bisweilen auf dem Erdbo­ lich auf die astronomischen, physikalischen und
den geschähen, aber es war nicht nothwendig, geographischen Gegebenheiten auf der Erde, auf
daß wir prächtige Wohnplätze darüber erbaue­ die Erdgeschichte sowie auf Fauna, Flora und
ten?“ (1:456; vgl. 1:421, 1:431, 1:455f., 1:459–461, unterschiedliche menschliche Lebensformen ein­
2:104). geht (vgl. 9:151–436; → Geographie, physische).
Falk Wunderlich In der KU erwähnt Kant eine mögliche „Theorie
der Erde“ (5:428 Anm.), die eine → Archäologie
der Natur ist und sich mit der Geschichte der Ma­
Erde terialen der Erde, z. B. Fossilen und → Metallen,
Die Erde ist der der → Sonne drittnächste Planet. beschäftigt.
Der Erdsatellit ist der → Mond. Wichtige Stellen: Silvia De Bianchi
1:197–213; 1:251; 1:271–272; 1:276; 1:283; 1:303; 1:327;
1:345–347; 1:366; 9:167–176; 9:261–273; 9:301–304.
Erde, Kugelgestalt der
Verwandte Stichworte Der Ausdruck ‚Kugelgestalt der Erde‘ bezeichnet
Sonnensystem; Planeten; Geographie, phy­ die Form unseres Planeten (vgl. 7:046), der streng­
sische; Mond; Die Frage, ob die Erde veralte, genommen ein Sphäriod ist (d. h. eine an den
physikalisch erwogen; Untersuchung der Frage, Polkappen abgeplattete Kugel) (vgl. 1:169). Wich­
ob die Erde. . . tige Stellen: 1:188–189; 1:202; 1:296; 1:309; 1:408;
1:459; KrV B 759–760; 6:352; 9:168–169; Refl. 85,
Philosophische Funktion 14:543; 21:408.
Kant hat über die Erde zwei Aufsätze verfasst,
die beide 1754 veröffentlich wurden. In Umdre­ Verwandte Stichworte
hung der Erde analysierte Kant die Mechanik Erde; Weltbürgerrecht

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung | 521

Philosophische Funktion die → Wahrnehmung bzw. das durch sie gegebene


Die Erde ist, wie viele andere → Planeten und die gemeint sein. So sagt Kant zu Beginn der KrV:
→ Sonne (vgl. Refl. 85, 14:543), eine annähernd „Daß alle unsere Erkenntniß mit der Erfahrung
kugelförmige Gestalt (vgl. 1:459; 7:46; 21:408), weil anfange, daran ist gar kein Zweifel; [. . . ] Wenn
sie (von der Erdkruste abgesehen) eine flüssige aber gleich alle unsere Erkenntniß mit der Erfah­
→ Masse ist (vgl. 1:188–189; 1:202): „die Erde ist rung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht
keine völlige Kugel, sondern abgeplattet oder ein eben alle aus der Erfahrung“ (KrV B 1). Im direkten
Sphäroid, welches ein jeder flüssiger Körper wird, Anschluss verwendet Kant „Erfahrung“ in einem
sobald er sich regelmäßig bewegt“ (9:169). zweiten, engeren Sinne, nach dem Erfahrung eine
In der KrV erwähnt Kant die Kugelgestalt der Art von → Erkenntnis ist: „Denn es könnte wohl
Erde in der Diskussion über die Erkenntnis aus sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntniß ein
Prinzipien a priori und deren Grenzen. Da „die Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch
Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelflä­ Eindrücke empfangen, und dem, was unser eige­
che sei“, könne man „auch aus einem kleinen nes Erkenntnißvermögen (durch sinnliche Ein­
Theil derselben, z. B. der Größe eines Grades, den drücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hergiebt“
Durchmesser und durch diesen die völlige Begren­ (KrV B 1). Hier ist explizit von Erfahrungserkennt­
zung der Erde, d. i. ihre Oberfläche, bestimmt und nis die Rede. Und zwar ist Erfahrung im engeren
nach Principien a priori erkennen“ (KrV A 759f. / Sinne solche Erkenntnis, deren → Wahrheit auf
B 787). der Erfahrung im weiteren Sinne, also den Wahr­
Eine wichtige Rolle spielt die Kugelgestalt nehmungen, beruht.
der Erde in der Rechtsphilosophie und politischen Wie alle Erkenntnis erfordert Erfahrung im
Philosophie Kants. Erstens ist sie Grundlage für engeren Sinne einen Beitrag beider → Erkenntnis­
den allen Menschen ursprünglich gemeinsamen vermögen, also der → Sinnlichkeit und des → Ver­
Besitz des Bodens „wegen der Einheit aller Plätze standes (vgl. KrV A 50f. / B 74f.). Für Erfahrung
auf der Erdfläche als Kugelfläche: weil, wenn sie sind also einerseits empirische → Anschauungen
eine unendliche Ebene wäre, die Menschen sich von Seiten der Sinnlichkeit, andererseits → empi­
darauf so zerstreuen könnten, daß sie in gar keine rische Begriffe von Seiten des Verstandes erfor­
Gemeinschaft mit einander kämen“ (6:262). Zwei­ derlich. Wie das obige Zitat verdeutlicht, vertritt
tens ist sie Grundlage des → Weltbürgerrechts, also Kant darüber hinaus die These, dass auch empiri­
des wechselseitigen „Besuchsrecht[s]“ (8:358) der sche Erkenntnis (also Erfahrung) einen → reinen
Völker. Die Natur hat die Völker „alle zusammen Anteil besitzt, d. h. einen Anteil, der von unse­
(vermöge der Kugelgestalt ihres Aufenthalts, als rem Erkenntnisvermögen selbst hinzugefügt wird
globus terraqueus) in bestimmte Grenzen einge­ und in diesem Sinne → a priori ist. Dieser reine
schlossen [hat]; und da der Besitz des Bodens, Anteil besteht aus den Formen der beiden be­
worauf der Erdbewohner leben kann, immer nur teiligten Erkenntnisvermögen, also → Raum und
als Besitz von einem Theil eines bestimmten Gan­ Zeit als Formen der Sinnlichkeit und den Kate­
zen, folglich als ein solcher, auf den jeder dersel­ gorien als den Formen des objektiven Denkens.
ben ursprünglich ein Recht hat, gedacht werden Aller Erfahrungserkenntnis liegen „Begriffe von
kann“ (6:352). Alle Völker stehen daher in einer Gegenständen überhaupt als Bedingungen der Er­
„physischen möglichen Wechselwirkung (commer­ fahrungserkenntniß a priori“ zugrunde (KrV A 93 /
cium)“, woraus sich das Recht ableitet, „sich zum B 126). Obwohl es einen Anteil gibt, der a priori
Verkehr untereinander anzubieten [. . . ], ohne daß und daher notwendig ist, ist Erfahrung insgesamt
der Auswärtige ihm darum als einem Feind zu doch Erkenntnis → a posteriori. Erfahrung „sagt
begegnen berechtigt wäre“ (6:352; vgl. 8:358). uns zwar, was da sei, aber nicht, daß es noth­
Silvia De Bianchi wendiger Weise so und nicht anders sein müsse“
(KrV A 1).
Dass das Erkenntnisvermögen „aus sich
Erfahrung selbst [etwas] hergiebt“ (KrV B 1) und dadurch
Kant verwendet das Wort ‚Erfahrung‘ in einem wei­ etwas zum Inhalt der Erfahrung beisteuern kann,
teren und in einem engeren Sinne. Es kann erstens was nicht eine bloße → Einbildung ist, sondern

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
522 | Erfahrung

objektive Gültigkeit hat, begründet Kant dadurch, scheidet Verbindungen von zwei Arten von Vor­
dass diese Zugaben Bedingungen der Möglich­ stellungen, nämlich „des Mannigfaltigen der An­
keit der Erfahrung sind. Weil sie Bedingung der schauung oder mancherlei Begriffe“ (KrV B 130).
empirischen Erkenntnis von Gegenständen sind, Die Tätigkeit des Verbindens nennt Kant → Syn­
gelten sie für alle Gegenstände der Erfahrung. Die thesis, und „sie ist ein Actus der Spontaneität der
Gegenstände müssen sich in gewissen ihrer Ei­ Vorstellungskraft“, die man „Verstand nennen
genschaften nach uns richten, damit Erfahrung muß“ (KrV B 130). Kants von Locke übernommene
von ihnen möglich ist, was die Möglichkeit der Frage besteht nun darin, wie eine Verbindung, die
→ Erkenntnis a priori eröffnet (vgl. KrV B XVI). vom Subjekt hergestellt wurde, dennoch objekti­
Dabei ist allerdings zu beachten, dass nur die ve Gültigkeit haben kann. Dieses Problem stellt
→ Erscheinungen, aber nicht die → Dinge an sich sich erstens für die Verbindung mannigfaltiger
selbst sich nach unserem Erkenntnisvermögen Sinneseindrücke zur Anschauung eines Gegen­
richten müssen. Denn unsere Erkenntnisvermö­ stands, zweitens für die Verbindung von Begriffen
gen haben nur Einfluss darauf, wie uns die Dinge zu einem Urteil, also der Vorstellung eines Sach­
erscheinen, nicht aber darauf, wie sie an sich verhalts. Entsprechend unterscheidet Kant in § 18
selbst sind. Weitere wichtige Stellen: KrV B XIX; der KrV bloß subjektiv und objektiv gültige Ver­
KrV A 1; KrV B 1; KrV A 93 / B 126; KrV A 97f.; KrV bindungen des Mannigfaltigen der Anschauung
A 100; KrV B 166; KrV A 158 / B 197; 4:258ff. und in § 19 bloß subjektiv und objektiv gültige
Verbindungen von Begriffen.
Verwandte Stichworte Zwar kann man sagen, dass Kant eine der
Erkenntnis; Kategorie; Sinnlichkeit; Verstand; zentralen Fragestellungen seiner Theorie der Er­
Wahrnehmung; Analogien der Erfahrung; Form fahrung von Locke und Hume übernimmt, jedoch
der Erfahrung; Gegenstand der Erfahrung; unterscheiden Kant und die englischen Empiris­
Gesetze der Erfahrung ten sich in ihren Antworten auf diese Frage sehr.
So sind Locke und Hume sowohl in Bezug auf den
Vorgeschichte und historischer Kontext Gehalt von Begriffen als auch in Bezug auf Urteile
Der historische Kontext für Kants Theorie der Empiristen. Ersteres bedeutet, dass alle Begriffe
Erfahrung wird in erster Linie durch den engli­ empirisch gebildet werden, also dadurch, dass wir
schen → Empirismus, insbes. durch → Locke und auf etwas in der Erfahrung Wiederkehrendes auf­
→ Hume, gegeben. Von ihnen übernimmt Kant merksam werden und von den Unterschieden abs­
das Problem, wie die → Verbindung verschiedener trahieren. Kant widerspricht dieser These, denn er
Vorstellungen durch das Subjekt objektiv gültig behauptet, dass es auch gewisse reine Begriffe (die
sein kann. Locke begründet die objektive Gül­ Kategorien und die transzendentalen Ideen) gibt,
tigkeit einfacher Vorstellungen dadurch, dass sie deren Inhalt wir nicht der Erfahrung entnommen
über die Sinne durch einen Kausalprozess gebildet haben, sondern der durch unsere Erkenntnisver­
wurden (vgl. Locke, Essay, Bk. 2, Ch. 1, § 3; Bk. 2, mögen festgelegt wird. Empirismus mit Bezug auf
Ch. 30, § 1). Komplexe Vorstellungen sind nach Urteile bedeutet, dass Urteile letztlich immer nur
Locke dagegen durch die Tätigkeit des Verstandes durch Erfahrung begründet sein können. Kant wi­
gebildet, der einfache Vorstellungen miteinander derspricht auch dieser These, denn er behauptet,
verbindet (vgl. Locke, Essay, Bk. 2, Ch. 12, § 1). dass man gewisse synthetische Urteile a priori
Und da diese Verbindungen nicht durch die Ge­ beweisen kann, insbesondere das Kausalgesetz,
genstände selbst bewirkt sind und die einfachen nach dem jede Veränderung eine Ursache hat.
Vorstellungen auch nicht bestimmen, mit wel­ In den Prolegomena räumt Kant ein, dass
chen anderen sie zu verbinden sind, stellt sich Humes Untersuchung zur Kausalität ihm „vor vie­
die Frage, wie die objektive Gültigkeit komplexer len Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer
Vorstellungen zu begründen ist (vgl. Locke, Essay, unterbrach“ (4:260). Auch wenn Kant nicht sagt,
Bk. 4, Ch. 3, § 28). worauf genau er sich bei Hume bezieht, kann man
Diese Frage nach der objektiven Gültigkeit vermuten, dass folgende Überlegung gemeint ist:
von Verbindungen von Vorstellungen ist auch für Kant und Hume stimmen darin überein, dass der
Kants Theorie der Erfahrung zentral. Kant unter­ Begriff der Kausalität eine gesetzmäßige Verbin­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung | 523

dung zwischen zwei Ereignistypen zum Inhalt hat, ses ergibt, kann man mit Hume argumentieren,
nämlich „daß etwas [die Ursache] so beschaffen dass wir überhaupt nicht wissen, ob es gilt. Auch
[ist], daß, wenn es gesetzt ist, dadurch auch etwas diesen Schluss würde Kant für voreilig halten. Er
anderes [die Wirkung] nothwendig gesetzt wer­ zeigt in der KrV, dass es sich beim Kausalgesetz
den müsse“ (4:257). Hume hat nun argumentiert, um ein synthetisches Urteil a priori handelt (vgl.
dass man niemals aufgrund der Begriffe A und 2. Analogie der Erfahrung, KrV A 189ff. / B 232ff.).
B einsehen kann, dass ein Ereignis vom Typ A Kant schreibt Hume also das Verdienst zu,
das davon verschiedene Ereignis vom Typ B ver­ auf die Schwierigkeiten hingewiesen zu haben, die
ursacht. Wenn überhaupt, könne man dies also der Begriff der Kausalität birgt. Allerdings wirft er
nur aufgrund von Erfahrung wissen (vgl. Hume, ihm vor, seine Frage nicht in hinreichender Allge­
Enquiry, S. 27, 32ff.). Aufgrund von Erfahrung kön­ meinheit gestellt zu haben (vgl. 4:260). Der Begriff
nen wir aber nur wissen, dass Ereignissen von ‚Kausalität‘ ist nämlich nicht der einzige, der nicht
Typ A bisher immer Ereignisse vom Typ B gefolgt auf Wahrnehmungsinhalte zurückgeführt werden
sind, aber nicht, dass dies immer so sein wird. kann, sondern es gibt eine ganze Reihe solcher Be­
Wir können also weder aufgrund der Begriffe A griffe, die Kant als die reinen Verstandesbegriffe
und B, noch aufgrund der Erfahrung erkennen, (Kategorien) identifiziert.
dass ein Kausalverhältnis, also eine notwendige
Verbindung zwischen A und B besteht. Philosophische Funktion
Da uns in der Erfahrung keine Kausalverhält­ 1 Erfahrung beim vorkritischen Kant
nisse gegeben sind, kann der Begriff der Kausalität In der vorkritischen Phase spielt der Begriff ‚Er­
auch kein empirischer, d. h. aus der Erfahrung fahrung‘ keine große Rolle. In De mundi setzt Kant
gewonnener Begriff sein. Kant stimmt Hume zu, sich aber kurz mit diesem Thema auseinander:
dass wir den Begriff ‚Kausalität‘ nicht aus der Er­ „In sensualibus autem et phaenomenis id, quod
fahrung erworben haben können, bestreitet aber, antecedit usum intellectus logicum, dicitur appa­
dass es sich deshalb dabei um eine bloße Erdich­ rentia, quae autem apparentiis pluribus per intel­
tung (vgl. 4:258) handelt. Denn wie Kant zu zeigen lectum comparatis oritur cognitio reflexa, vocatur
beabsichtigt, ist der Begriff der Kausalität erstens experientia. Ab apparentia itaque ad experienti­
a priori durch die Natur des Verstandes gegeben am via non est, nisi per reflexionem secundum
und zweitens lässt sich seine Anwendbarkeit auf usum intellectus logicum. [Was bei den sinnlichen
die Erfahrung (seine objektive Realität) a priori (sensuellen) Erkenntnissen und den Phänomenen
beweisen. dem logischen Verstandesgebrauch vorhergeht,
Ein analoges Problem stellt sich auf einer heißt Erscheinung, die diskursive Erkenntnis, die
höheren Ebene, wenn wir nicht mehr den Besitz aus der Vergleichung mehrerer Erscheinungen
des Begriffs ‚Kausalität‘ betrachten, sondern das durch den Verstand entsteht, heißt Erfahrung. Von
Kausalgesetz, welches besagt, dass es zu jedem der Erscheinung also zur Erfahrung gibt es keinen
Ereignis eine Ursache gibt. Selbst wenn man zuge­ Weg als die Überlegung gemäß dem logischen
steht, dass man einzelne Kausalverhältnisse zwi­ Verstandesgebrauch]“ (2:394). Auch hier vertritt
schen Ereignistypen erkennen kann, kann man Kant also schon die These, dass Erfahrung einen
mit Hume argumentieren, dass man niemals auf­ Beitrag sowohl der Sinnlichkeit als auch des Ver­
grund von Erfahrung wissen kann, ob das Kausal­ standes erfordert.
gesetz gilt. Denn aus Erfahrung wissen wir höchs­ Allerdings ist seine in der KrV vertretene An­
tens, dass es für jeden bisher untersuchten Er­ sicht, dass auch Erfahrung einen reinen Anteil
eignistyp eine Ursache gibt, nicht aber, dass dies hat, in De mundi nur zum Teil anzutreffen. Kant
für alle Ereignistypen in der physikalischen Welt führt dort zwar schon die Theorie von Raum und
gilt. Anders gesagt kann man aufgrund von Erfah­ Zeit als reinen Formen der Anschauung ein, er
rung nicht ausschließen, dass in der physischen ist allerdings nicht der Ansicht, dass es auch von
Welt manche Ereignistypen spontan auftreten, oh­ Seiten des Verstandes einen reinen Anteil der Er­
ne dass man eine Kausalerklärung für sie geben fahrung gibt. Kant kennt in De mundi zwar den
könnte. Da sich das Kausalgesetz ebenso wenig sogenannten → realen Verstandesgebrauch, der
als analytischer Satz aus dem Begriff des Ereignis­ im Gebrauch reiner Verstandesbegriffe wie „possi­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
524 | Erfahrung

bilitas, exsistentia, necessitas, substantia, causa eigentlich als verschiedene Aspekte einer einzi­
etc. [Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit, gen Synthesis-Handlung anzusehen. Durch diese
Substanz, Ursache usw.]“ (2:395) besteht, dieser drei Synthesen sollen die vielen Sinneseindrücke,
spielt allerdings für die Erfahrung keine Rolle. die ich habe, zur → Anschauung z. B. eines Hau­
ses verbunden werden. Die Betrachtung dieser
2 Erfahrung als Art von Erkenntnis drei Aspekte der Synthesis stellt den notwendi­
Erfahrung im engeren Sinn ist eine bestimmte Art gen Rahmen für das Verständnis der These bereit,
von Erkenntnis, nämlich empirische Erkenntnis, dass der Verstand den Erscheinungen das Gesetz
die neben der mathematischen und der metaphy­ vorschreiben kann.
sischen Erkenntnis steht. Die mathematische und Die Synthesis der Apprehension ist das
metaphysische Erkenntnis besteht aus → syntheti­ „Durchlaufen der Mannigfaltigkeit und dann die
schen Urteilen a priori, die → empirische Erkennt­ Zusammennehmung desselben“ (KrV A 99), wo­
nis dagegen aus synthetischen Urteilen a poste­ durch die Sinneseindrücke in die Tätigkeit der
riori. Empirische Erkenntnis zeichnet sich gegen­ Einbildungskraft aufgenommen werden (vgl. KrV
über den beiden anderen Arten also dadurch aus, A 120). Kant betont, dass diese Synthesis nicht
dass ihre Wahrheit von dem empirischen → Man­ nur in Hinblick auf das empirische Mannigfaltige
nigfaltigen der Sinne abhängt. Man kann daher der Sinne ausgeführt werden muss, sondern auch
auch sagen, dass die Beziehung zwischen beiden in Hinblick auf das reine Mannigfaltige, d. h. in
Bedeutungen von Erfahrung, die oben unterschie­ Hinblick auf die die Raum- bzw. Zeitstücke, an
den wurden, darin besteht, dass Erfahrung im denen wir die empirischen Eindrücke als stehend
engeren Sinn aufgrund der Erfahrung im weiten vorstellen (vgl. KrV A 99f.).
Sinne wahr bzw. falsch ist. Die Synthesis der Reproduktion besteht dar­
Oben wurde die Notwendigkeit eines Bei­ in, die Vorstellungen, die in die Tätigkeit des Ver­
trags von zwei Erkenntnisquellen, Sinnlichkeit standes aufgenommen wurden, in Gedanken zu
und Verstand, zur Erfahrung betont. An anderen behalten, während man zu neuen Vorstellungen
Stellen spricht Kant aber von drei Erkenntnisquel­ übergeht. Denn ich könnte die durch die Appre­
len (vgl. KrV A 94; KrV A 97f.; KrV A 115; KrV A 155 / hension in die Tätigkeit der Einbildungskraft auf­
B 194), nämlich Sinnlichkeit, → Einbildungskraft genommenen Vorstellungen nicht zu einer gan­
und → Apperzeption. Während letztere hier mit zen Vorstellung, d. h. einer Anschauung eines Ge­
dem Verstand gleichgesetzt werden darf, ist die genstandes, vereinigen, wenn ich sie immer wie­
Einbildungskraft „ein thätiges Vermögen der Syn­ der aus den Gedanken verlöre, sobald ich zu der
thesis dieses Mannigfaltigen“ (KrV A 120), also nächsten Vorstellung übergehe (vgl. KrV A 102).
das Vermögen, die Synthesis des Verstandes auf Zu der Synthesis der Reproduktion gehört es auch,
Vorstellungen anzuwenden, die uns durch die Sin­ Wahrnehmungen, die gerade nicht aktuell durch
ne gegeben sind. Der Verstand kann also nicht nur die Sinne gegeben sind, aus dem Gedächtnis zu­
zwischen Begriffen eine Synthesis vollziehen und rückzurufen. Wenn ich z. B. einen Stein gerade
sie so zu einem → Urteil verbinden, sondern er nur sehe, aber nicht fühle, so wird durch die Re­
kann auch eine Synthesis des Mannigfaltigen der produktion die Wahrnehmung der Härte, die ich
Sinne vollziehen, und in dieser Rolle ist der Ver­ früher einmal bei Steinen gehabt habe, aus mei­
stand die Einbildungskraft. Wenn Kant manchmal nem Gedächtnis aktualisiert. Die Reproduktion
von zwei, und manchmal von drei Erkenntnisver­ empirischer Vorstellungen heißt auch Assozia­
mögen spricht, liegt also kein Widerspruch vor. tion. Denn die → Regeln, welche Vorstellungen
ich bei welcher Gelegenheit aus dem Gedächt­
3 Erfahrung und die Synthesis des nis reproduziere, werden nach dem Gesetz der
Mannigfaltigen der Anschauung → Assoziation gebildet: Ich reproduziere solche
In der ersten Auflage der KrV stellt Kant drei Syn­ Vorstellungen, die sich früher des Öfteren in der
thesen vor, durch die das Mannigfaltige der Sin­ Erfahrung begleitet haben (vgl. KrV A 100; 7:176).
ne in einem Begriff vereinigt wird: die Synthesis Wie im Fall der Apprehension betont Kant
der → Apprehension, der → Reproduktion und der auch im Fall der Synthesis der Reproduktion, dass
→ Rekognition. Diese drei Synthesen sind aber sie auch für das reine Mannigfaltige der Sinne voll­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung | 525

zogen werden muss. Auch die Teile der Zeit und Durch das beschriebene Verfahren formt der
des Raumes müssen, nachdem sie apprehendiert Verstand aus den mannigfaltigen durch die Sinne
wurden, reproduziert, d. h. in Gedanken behalten gegebenen Vorstellungen die Anschauung eines
werden, damit sie zur ganzen Vorstellung vom → Gegenstands. Anders als seine Zeitgenossen,
Raum oder der Zeit vereinigt werden können (vgl. die glaubten, „die Sinne lieferten uns nicht allein
KrV A 101f.). Eindrücke, sondern setzten solche auch so gar
Die beiden genannten Arten der Synthesis zusammen und brächten Bilder [d. h. Anschau­
reichen nach Kant aber noch nicht aus, um ein ge­ ungen] der Gegenstände zuwege“, ist Kant der
gebenes Mannigfaltiges zu der Anschauung eines Ansicht, dass hierzu „eine Function der Synthesis
Gegenstands zu vereinigen. Nach Kant ist dazu au­ [der Eindrücke] erfordert wird“ (KrV A 120 Anm.).
ßerdem ein → Bewusstsein erforderlich, „daß das,
was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen 4 Die transzendentale Deduktion der Kategorien
Augenblick zuvor dachten“, da sonst das Man­ Bisher wurde nur erläutert, dass der Prozess,
nigfaltige „immer kein Ganzes ausmachen [wür­ durch den der Verstand in seiner Rolle als Ein­
de], weil es der Einheit ermangelte, die ihm nur bildungskraft das Mannigfaltige der Sinne zur
das Bewußtsein verschaffen kann“ (KrV A 103). Anschauung eines Gegenstands verbindet, den
In der Literatur wird diese Äußerung in zweierlei Besitz von Begriffen erfordert. Bisher ist aber we­
Sinn verstanden: „I must become conscious of der klar geworden, warum hierzu der Gebrauch
two things: first, that the present representations gewisser reiner Verstandesbegriffe (Kategorien)
exactly resemble those which they reproduce, and erforderlich ist, noch, warum sich die Erschei­
second, that the representations before my mind nung nach diesen Kategorien richten muss, so
belong to one set or group, and hence are unified“ dass das Erkenntnisvermögen den Gegenständen
(Wolff, Theory, S. 129). der Erfahrung das Gesetz vorschreiben kann.
Dieses Bewusstsein, dass die verschiedenen Im ersten Teil der transzendentalen Dedukti­
Vorstellungen zu einer Menge oder Gruppe gehö­ on (vgl. KrV B 129–146) beweist Kant, dass „das
ren, besteht nun genauer gesagt im Bewusstsein Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung
einer Regel, nach der ich die Synthesis der Appre­ nothwendig unter Kategorien“ steht (KrV B 143).
hension und der Reproduktion vollziehe. Denn Dies hat seinen Grund darin, dass der Verstand
das Bewusstsein einer Regel, nach der ich die dieses Mannigfaltige gemäß den Kategorien ver­
Handlungen des Aufnehmens und in Gedanken binden muss, um sich seiner selbst bewusst wer­
Behaltens des Mannigfaltigen vollziehe, ist gleich­ den zu können. Es ist also nicht nur so, dass man
zeitig das Bewusstsein, dass alle diese Einzelhand­ irgendwelche Begriffe verwenden muss, um das
lungen eine komplexe Gesamthandlung ausma­ Mannigfaltige der Anschauung vereinigen zu kön­
chen. Dadurch wiederum ist es das Bewusstsein, nen, sondern man muss, um sich dabei seiner
dass die apprehendierten und reproduzierten Vor­ selbst bewusst werden zu können, ganz bestimm­
stellungen ein Ganzes, d. h. eine Anschauung ei­ te reine Verstandesbegriffe verwenden, bzw. Fort­
nes Gegenstandes ausmachen. bestimmungen davon. Da man die Kategorien ver­
Das Bewusstsein einer solchen Einheit ver­ wenden muss, um die Anschauung eines Gegen­
leihenden Regel ist das, was wir einen Begriff standes hervorzubringen, kann man sagen, dass
nennen. „Die reine Synthesis, allgemein vorge­ sie „Begriffe von einem Gegenstande überhaupt“
stellt, giebt nun den reinen Verstandesbegriff“ sind (KrV B 128).
(KrV A 78 / B 104). Die Synthesis allgemein vor­ Im zweiten Teil der transzendentalen Deduk­
stellen heißt eine Regel vorstellen, nach der die tion (vgl. KrV B 146–169) „soll die Möglichkeit,
Synthesis vollzogen wird. Die zitierte Bemerkung durch Kategorien die Gegenstände, die nur immer
bezieht sich zwar auf reine Verstandesbegriffe, gilt unseren Sinnen vorkommen mögen [. . . ] a priori zu
aber auch für empirische Begriffe: Ein empirischer erkennen“ bewiesen werden (KrV B 159). Nach­
Begriff ist eine empirisch erworbene allgemeine dem schon gezeigt wurde, dass der Verstand das
Vorstellung, also die Vorstellung einer Regel, nach Mannigfaltige der Anschauung überhaupt den Ka­
der die Synthesis des Mannigfaltigen der Sinne tegorien gemäß verbinden muss, soll nun gezeigt
vollzogen wird. werden, dass er dies im Fall der sinnlichen An­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
526 | Erfahrung

schauung mit ihren Formen Raum und Zeit auch nicht, dass die Gegenstände gewissen Bedingun­
kann. Denn es könnte ja sein, dass diese Formen gen unterliegen. Es muss also noch gezeigt wer­
der Sinnlichkeit sich der Synthesis gemäß den Ka­ den, dass „die Bedingungen der Möglichkeit der
tegorien sperren. Nach Kant zeigt sich allerdings, Erfahrung überhaupt [. . . ] zugleich Bedingungen
dass dies nicht der Fall ist, weil die Vorstellungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung“
von Raum und Zeit selbst schon eine synthetische sind (KrV A 158 / B 197, vgl. KrV A 93f. / B 126f.).
Einheit aufweisen, die „in einem ursprünglichen Kant zufolge handelt es sich bei den Kategori­
Bewußtsein, den Kategorien gemäß“ sein muss en und Raum und Zeit nicht um Bedingungen der
(KrV B 161; vgl. KrV B 144f.). Damit ist die Mög­ Möglichkeit des Erfahrens der einen oder anderen
lichkeit, dass das Mannigfaltige der sinnlichen Person, sondern um Bedingungen, die für Erfah­
Anschauung sich vielleicht einer Synthesis gemäß rung „überhaupt“ (KrV A 158 / B 197) gelten, und
den Kategorien sperrt, ausgeräumt. (Der Grund die deshalb notwendig allgemeingültig, d. h. not­
der Zweiteilung der Deduktion der Kategorien ist wendig intersubjektiv, für alle Erkenntnissubjekte
in der Literatur allerdings umstritten, vgl. Allison, gelten. Aufgrund dieser notwendigen Intersubjek­
Kant’s Transcendental Idealism, S. 133f.) „[S]o sind tivität kann man sagen, dass die zunächst subjek­
die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der tiven Bedingungen des Denkens auch objektive
Erfahrung und gelten also a priori auch von allen Bedeutung haben. (Zur Erklärung der objektiven
Gegenständen der Erfahrung“ (KrV B 161). Damit Gültigkeit von Vorstellungen durch ihre notwen­
ist das Beweisziel der transzendentalen Dedukti­ dige Intersubjektivität bzw. Allgemeingültigkeit
on der Kategorien erreicht. vgl. Prolegomena §§ 18f., 4:298)
Die Gesetze, die der Verstand den Gegen­
5 Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände ständen der Erfahrung vorschreiben kann, sind
der Erfahrung sehr allgemeiner Art. Kant nennt diese Gesetze die
Es hat sich gezeigt, dass es bestimmte in unserem synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes
Erkenntnisvermögen begründete Bedingungen und teilt sie ein in „Axiomen der Anschauung“
für Erscheinungen gibt. In der transzendentalen (KrV A 162 / B 202), „Anticipationen der Wahrneh­
Ästhetik haben wir uns „mit leichter Mühe“ davon mung“ (KrV A 166 / B 207), „Analogien der Erfah­
überzeugt, dass Raum und Zeit nicht nur subjek­ rung“ (KrV A 176 / B 218) und „Postulate des em­
tive Bedingungen eines unserer Erkenntnisvermö­ pirischen Denkens überhaupt“ (KrV A 218 / B 265).
gen sind, sondern „sich gleichwohl auf Gegen­ Die wichtigsten von ihnen sind der Satz „Bei al­
stände nothwendig beziehen müssen“, weil „nur lem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Sub­
vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlich­ stanz“ (KrV A 182 / B 224) und das Kausalgesetz:
keit uns ein Gegenstand erscheinen [. . . ] kann“ „Alle Veränderungen geschehen nach dem Geset­
(KrV A 89 / B 121). Schwieriger zu beantworten war ze der Verknüpfung der Ursache und Wirkung“
die Frage, warum die Erscheinungen sich auch (KrV B 232; vgl. KrV A 188). Der Satz von der Erhal­
nach den Kategorien richten müssen, da diese zu­ tung der Substanz besagt, dass es etwas gibt, das
nächst nur Bedingungen für das Denken sind und bei allem Wechsel unverändert bleibt, was dieses
nicht Bedingungen, „unter denen Gegenstände Unveränderliche aber ist, muss durch empirische
in der Anschauung gegeben werden“ (KrV A 89 / Forschung bestimmt werden. Das Kausalgesetz
B 122). Der zweite Teil der transzendentalen De­ besagt, dass es zu jedem Ereignis eine Ursache
duktion zielte deshalb darauf ab zu zeigen, dass gibt, welche Ereignisse aber in einem Kausalitäts­
die „Erscheinungen etwas dergleichen [was z. B. verhältnis zueinander stehen, muss wieder durch
der Kategorie der Ursache entspricht] enthalten“ empirische Forschung ermittelt werden. „Beson­
müssen (KrV A 90 / B 122). dere Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Er­
Auch wenn wir zugestehen, dass Raum und scheinungen betreffen, können [von den Gesetzen
Zeit sowie die Kategorien Bedingungen für die a priori] nicht vollständig abgeleitet werden“ (KrV
Erscheinungen sind, wird daraus noch nicht die B 165).
Möglichkeit der Erkenntnis a priori klar. Denn es Aus der eben angedeuteten Argumentation
wurde bisher nur gezeigt, dass wir in unserem Vor­ für die objektive Gültigkeit der reinen Verstan­
stellen gewissen Bedingungen unterliegen, aber desbegriffe ergibt sich, dass die Erfahrung eine

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung | 527

zentrale Rolle in Kants Theorie jeder Erkenntnis gorien entsprechen]“ (Baum, Deduktion und Be­
spielt. Erfahrung ist zwar neben der mathemati­ weis, S. 22). Die Kategorien spielen nach Baum
schen und der metaphysischen nur eine Art von also nicht die Rolle, dass unser Verstand sie zu
Erkenntnis, die dazu wegen ihrer Alltäglichkeit gegebenen Empfindungen hinzufügt und so Ge­
philosophisch wenig interessant zu sein scheint. genstände konstituiert. Sie spielen vielmehr die
Deshalb wollte die traditionelle Metaphysik auch Rolle eines Auswahlkriteriums: Empfindungen,
„über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskom­ die ihnen genügen, sind Vorstellungen eines Ge­
men“ (KrV B XIX) und strebte Erkenntnis über Gott genstands; Empfindungen, die dies nicht tun, sind
und die Seele an. Für Kant spielt die Erfahrung bloße Einbildungen. Das eben Gesagte scheint
aber insofern eine grundlegende Rolle, als auch nun die Möglichkeit offen zu lassen, dass es über­
mathematische und metaphysische Erkenntnisse haupt keine Empfindungen gibt, die den Kate­
a priori immer Erkenntnisse von Gegenständen gorien entsprechen. Dass dies nicht sein kann,
der Erfahrung sind. „Folglich ist uns keine Erkennt­ beruhe nach Kant „auf den im Subjekt begrün­
niß a priori möglich, als lediglich von Gegenständen deten Gesetzen der Synthesis (Urteilsformen) der
möglicher Erfahrung“ (KrV B 166; vgl. KrV A 146 / Erscheinungen“ (Baum, Deduktion und Beweis,
B 185, KrV A 157 / B 196). Man kann daher sagen, S. 22). Ein zentrales Beweisziel der KrV besteht
dass nach Kant Metaphysik im traditionellen Sin­ also darin zu zeigen, dass es Empfindungen ge­
ne unmöglich ist, weil es außerhalb des Bereichs ben muss, die den Kategorien genügen. „Ob be­
möglicher Erfahrung keine theoretische Erkennt­ stimmte Empfindungen über derartige Eigenschaf­
nis gibt. Nach Kant gibt es zwar theoretische syn­ ten verfügen, dies ist allerdings etwas, worauf
thetische Erkenntnis a priori, aber diese Erkennt­ wir, die erkennenden Subjekte, keinen Einfluß
nis betrifft nur die Gegenstände der Erfahrung. haben, sondern was allein dem Objekt dieser
Dies gilt sowohl für mathematische Erkenntnis Empfindungen zuzuschreiben ist, also dem Ge­
als auch für metaphysische Erkenntnis, die z. B. genstand selbst“ (Baum, Deduktion und Beweis,
a priori von Gegenständen der Erfahrung sagt, S. 22).
dass für sie das Kausalgesetz gilt. Lewis White Beck bespricht die von C. I. Le­
wis und anderen aufgeworfene Frage, ob es nach
Interpretationslage Kant möglich ist, dass wir uns eines Mannigfal­
Günther Patzig versteht Kants Theorie der Erfah­ tigen der Sinne bewusst werden, das nicht den
rung so, dass aus gegebenen „Empfindungen [. . . ] Kategorien genügt. Diese Frage lässt sich mit Be­
von uns mit den reinen Anschauungsformen und zug auf folgende von Kant erwogene Möglichkeit
Verstandesbegriffen eine Welt gesetzlich verknüpf­ explizieren: „Denn es könnten wohl allenfalls Er­
ter Gegenstände und Ereignisse aufgebaut (kon­ scheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand
stituiert)“ wird (Patzig, Synthetische Urteile, S. 57). sie den Bedingungen seiner Einheit [also den Kate­
Dies sei unsere „Methode, den Empfindungen gorien] gar nicht gemäß fände“ (KrV A 90 / B 123).
raumzeitliche Einheit und durchgängige Bestim­ Die Verwendung des Konjunktivs an dieser Stelle
mung aufzuprägen“ (Patzig, Synthetische Urteile, deutet an, dass Kant diese Möglichkeit nur aus
S. 57). Patzig versteht Kant also so, dass unser Er­ didaktischen Gründen erwägt, und dass er zei­
kenntnisvermögen zu beliebigen gegebenen Emp­ gen will, dass sie nicht besteht. Wenn wir aber
findungen einen reinen Anteil „aus sich selbst zugestehen, dass Kant mit Erfolg ein solches Ar­
hergiebt“ (KrV B 1; vgl. KrV A 2) und so die Ge­ gument präsentiert, wirft dies das Problem auf,
genstände, oder doch Vorstellungen von ihnen, dass es keine Erscheinungen gibt, die nicht den
konstituiert. Kategorien gemäß sind. Dies hätte dann zur Folge,
Nach Manfred Baum verfehlt diese Inter­ dass es nach Kant keine Träume und Phantasien
pretation Kants Intentionen. Kant wolle behaup­ geben könnte, denn Erscheinungen, die den Ka­
ten, „daß von den Empfindungen, die wir ha­ tegorien gemäß sind, haben nach Kant objektive
ben, nur diejenigen Vorstellungen von Gegenstän­ Gültigkeit.
den sind, die über formale Eigenschaften verfü­ Beck erwägt zunächst folgende Lösung die­
gen, aufgrund deren sie zum Begriff eines Objekts ser Schwierigkeit: Man unterscheidet zwei Bedeu­
überhaupt zusammenstimmen [d. h. den Kate­ tungen von Erfahrung, wie es hier zu Beginn die­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
528 | Erfahrung, äußere

ses Artikels geschehen ist. Kants Frage sei dann, Essays on Kant and Hume, New Haven u. a.:
wie man von Erfahrung im weiteren Sinn, also Yale University Press 1978.
dem empirischen Mannigfaltigen der Sinne, zu Hoppe, Hansgeorg: Synthesis bei Kant, Berlin
Erfahrung im engeren Sinn gelangt. Kant kann u. a.: de Gruyter 1983.
nun die Möglichkeit von Träumen und Phantasien Kemp Smith, Norman: A Commentary to Kant’s
offen halten, indem er annimmt, dass uns dieser Critique of Pure Reason, London: Macmillan
Übergang nur teilweise gelingt (vgl. Beck, Sage, 1979.
S. 41): Nicht jede Erfahrung im weiten Sinne ist Longuenesse, Beatrice: Kant and the Capacity to
den Kategorien gemäß, und in diesen Fällen spre­ Judge, Princeton: Princeton University Press
chen wir von bloßen Phantasien. Andererseits 1998.
muss es aber auch Wahrnehmungen geben, die Paton, Herbert J.: Kant’s Metaphysic of Experience,
den Kategorien gemäß sind. London u. a.: Allen & Unwin 1936.
Beck argumentiert nun weiter, dass das an­ Patzig, Georg: Kant: „Wie sind synthetische Urteile
gesprochene Problem sich so einfach nicht lösen a priori möglich?“, in: Speck, J. (Hg.): Grundpro­
lässt. Denn es scheint, dass man nach Kant al­ bleme der großen Philosophen. Philosophie der
len Vorstellungen eine Relation auf ein Objekt Neuzeit II, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
zuschreiben muss, deren man sich bewusst wird. 1976.
Das Argument lautet, dass man Eindrücke schon Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London:
dadurch unter die Kategorien subsumiert, dass Methuen 1966.
man sich ihrer bewusst wird, sie also mit der Vor­ Thöle, Bernhard: Kant und das Problem der Ge­
stellung „Ich denke“ begleitet. Denn „[t]o think is setzmäßigkeit der Natur, Berlin u. a.: de Gruyter
to judge“ und „[t]o judge is to relate representati­ 1991.
ons to one another according to a rule given by a Wolff, Robert P.: Kant’s Theory of Mental Activity,
category“ (Beck, Sage, S. 44). Man kann sich also Cambridge, Mass.: Harvard University Press
seiner Eindrücke nicht bewusst werden, ohne sie 1963.
als objektiv gültig anzusehen. Dies ist auch nach Bernd Prien
Kemp Smith Kants „truly Critical position“ (Kemp
Smith, Commentary, S. 222), die nach Beck aller­
dings die absurde Konsequenz hätte, dass es keine Erfahrung, äußere
bewussten Träume und Phantasien gibt. Beck ar­ → Erfahrung ist empirische → Erkenntnis von
gumentiert nun, dass sich diese Folge nicht ergibt. → Gegenständen auf der Grundlage dessen, was
Zwar müssen wir unsere Eindrücke als objektiv uns durch die → Sinne gegeben ist. Äußere Er­
gültig ansehen, um uns ihrer bewusst werden zu fahrung ist dementsprechend Erfahrung äußerer
können, sie müssen aber nicht unbedingt auf ein Gegenstände aufgrund von Daten, die uns durch
äußeres Objekt bezogen werden, sondern kön­ den äußeren Sinn gegeben sind. Der äußere Sinn
nen auch auf ein inneres Objekt bezogen werden. wiederum wird von Gegenständen außer uns af­
„[T]he „I think“ must be able to accompany all my fiziert und durch ihn schauen wir Gegenstände
representations, whether they be of outer objects im Raum an, denn dies ist die Form des äußeren
or of objects of inner sense“ (Beck, Sage, S. 48). Ein Sinnes. Wichtige Stellen: KrV A 157 / B 196; KrV
Traum ist demnach „a subjective object“ (Beck, B 278f.; 4:265; 4:295.
Sage, S. 54).
Verwandte Stichworte
Weiterführende Literatur Erfahrung, innere; Gegenstand, äußerer/inne­
Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism, rer; Sinn, äußerer
New Haven u. a.: Yale University Press 1983.
Baum, Manfred: Deduktion und Beweis in Kants Philosophische Funktion
Transzendentalphilosophie, Königstein/Ts.: Kant unterscheidet zwischen äußerer und inne­
Athenäum 1986. rer Erfahrung, je nachdem, ob das Material da­
Beck, Lewis White: „Did the Sage of Königsberg zu durch den äußeren oder durch den inneren
Have No Dreams?“, in: Beck, Lewis White (Hg.): Sinn gegeben ist. Der erstere schaut äußere Gegen­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung, Grenze der | 529

stände in der Form des Raumes an, während der men kann. Der Verstand ist in seinem Denken
letztere innere Gegenstände in der Form der Zeit aber nicht an die Grenzen der sinnlichen → Wahr­
anschaut. „[D]er Raum [ist] als Bedingung der Er­ nehmung gebunden, denn durch seine → Begriffe
scheinungen, welche den Stoff zur äußeren Erfah­ kann er auch Dinge denken, die man durch die
rung ausmachen, anzusehen“ (KrV A 157 / B 196). Sinnlichkeit nicht anschauen kann. Die bedeu­
Kant ordnet äußere und innere Erfahrung tendsten Beispiele hierfür sind die → transzen­
zwei verschiedenen Wissenschaften zu. Es gibt dentalen Ideen, von denen man sogar a priori
einerseits die „äußere Erfahrung, welche die Quel­ beweisen kann, dass ihnen keine sinnlichen An­
le der eigentlichen Physik“ ausmacht, und die schauungen entsprechen (vgl. 4:327; 4:349). Ein
„innere, welche die Grundlage der empirischen solches → Denken, dem keine → Anschauung kor­
Psychologie ausmacht“ (4:265; vgl. 4:295). respondiert, ist aber bloß ein leeres Denken, kein
Kant sieht zwischen äußerer und innerer Er­ Erkennen, das ja immer Begriff und Anschauung
fahrung also eine Parallelität. Diese hat allerdings erfordert. Insofern steckt die Sinnlichkeit für den
auch ihre Grenzen, denn Kant vertritt die The­ Verstand also Grenzen der Erfahrung.
se, dass „innere Erfahrung überhaupt nur durch Aus dieser Erklärung ergibt sich insbesonde­
äußere Erfahrung überhaupt möglich“ ist (KrV re, dass die → Dinge an sich außerhalb der Gren­
B 278f.). Es ist hier nicht gemeint, dass jede innere zen der Erfahrung liegen, denn alle unsere sinnli­
Erfahrung einer äußeren entspricht, was ja Träu­ chen Anschauungen beziehen sich auf → Erschei­
me und Phantasien unmöglich machen würde, nungen und nicht auf Dinge an sich.
sondern nur, dass es überhaupt äußere Erfahrung Man kann den Ausdruck Grenze der Erfah­
geben muss, damit es innere geben kann. Die­ rung aber nicht nur als genitivus objectivus ver­
se Behauptung bildet die Grundlage für Kants stehen, also so, dass etwas (die Sinnlichkeit) ei­
→ Widerlegung des Idealismus. ne Grenze für die Erfahrung darstellt, sondern
auch als genitivus subjectivus, also so, dass die
Weiterführende Literatur Erfahrung eine Grenze für etwas, nämlich für die
Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism, Vernunft, setzt. Und zwar werden wir durch die
New Haven: Yale University Press 1983, 261–263. → Vernunft getrieben, über die Grenzen der Erfah­
Bernd Prien rung hinauszugehen. Denn die Erfahrung „sagt
uns zwar, was da sei, aber nicht, daß es nothwen­
diger Weise so und nicht anders sein müsse. Eben
Erfahrung, Grenze der darum gibt sie uns auch keine wahre Allgemein­
Erfahrung ist empirische → Erkenntnis und wie al­ heit, und die Vernunft, welche nach dieser Art von
le theoretische Erkenntnis erfordert sie einen Bei­ Erkenntnissen so begierig ist, wird durch sie mehr
trag beider → Erkenntnisvermögen, also sowohl gereizt, als befriedigt“ (KrV A 1f.; vgl. KrV A 744 /
der Sinnlichkeit als auch des Verstandes (vgl. KrV B 772). Da die Vernunft in ihrer Suche nach Grün­
A 50f. / B 74f.). Daraus ergibt sich als Grenze der den in der Erfahrung auf keinen letzten Grund
Erfahrung, dass es Erfahrung nur von solchen Ge­ trifft, strebt sie danach, über die von der Erfahrung
genständen geben kann, die wir nicht nur durch gesetzten Grenzen hinauszugehen (vgl. KrV B XX).
den Verstand denken, sondern auch durch die Sin­ Da jeder Satz der Erfahrung nach weiteren
ne anschauen können (vgl. KrV B XXIV). Weitere Erfahrungen verlangt, durch die er begründet wer­
wichtige Stellen: KrV B XVIII; 4:360–362. den kann, sagt Kant auch, dass Erfahrung sich
nicht selbst begrenzt, d. h., sie geht immer weiter
Verwandte Stichworte ad infinitum. „Das, was sie begrenzen soll, muß
Erfahrung; Grenze; Idee, transzendentale; [deshalb] gänzlich außer ihr liegen [d. h., es muß
Sinnlichkeit; Verstand auf einer ganz anderen Ebene liegen], und dieses
ist das Feld der reinen Verstandeswesen“ (4:360).
Philosophische Funktion
Durch die Sinnlichkeit sind Grenzen der Erfah­ Weiterführende Literatur
rung gegeben, denn Erfahrung gibt es nur von Guyer, Paul: „Transzendentaler Idealismus und
Gegenständen, die man auch sinnlich wahrneh­ die Grenzen der Erkenntnis“, in: Hogrebe, Wolf­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
530 | Erfahrung, innere

ram (Hg.): Grenzen und Grenzüberschreitun­ gung der Möglichkeit derselben, unzertrennlich
gen, XIX. Deutscher Kongress für Philosophie, verbunden werde“ (KrV B XL Anm.).
Vorträge und Kolloquien, Berlin: Akademie Kant merkt an, dass „die Vorstellung von et­
2004, 89–103. was Beharrlichem im Dasein [. . . ] nicht einerlei
Himmelmann, Beatrix: „Bedürfnisse der Vernunft. mit der beharrlichen Vorstellung“ ist (KrV B XLI
Vom Umgang mit den Grenzen des Vernunftge­ Anm.). Worin liegt der Unterschied zwischen der
brauchs“, in: Hogrebe, Wolfram (Hg.): Grenzen Vorstellung des Beharrlichen und der beharrli­
und Grenzüberschreitungen, XIX. Deutscher chen Vorstellung? Erstere „kann sehr wandelbar
Kongress für Philosophie, Sektionsbeiträge, und wechselnd sein, wie alle unsere und selbst
Bonn: Sinclair Press 2002, 917–926. die Vorstellungen der Materie“. Sie „bezieht sich
Bernd Prien doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von
allen meinen Vorstellungen unterschiedenes und
äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der
Erfahrung, innere Bestimmung meines eigenen Daseins nothwendig
Unter innerer Erfahrung versteht Kant in der KrV mit eingeschlossen wird und mit derselben nur ei­
das Bewusstsein der „Bestimmung“ (KrV B 277) ne einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal
des eigenen Daseins in der Zeit (vgl. KrV B XL innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum
Anm.; KrV A 37 / B 53). Da die Zeit die Anschau­ Theil) zugleich äußerlich wäre“ (KrV B XLI Anm.).
ungsform des → inneren Sinns ist, in welchem Die „Widerlegung des Idealismus“ (KrV B 274; vgl.
wir uns unserer eigenen Vorstellungen bewusst KrV B 274–279) übernimmt diesen Gedanken und
werden, bedeutet das, dass wir uns durch innere versucht den Beweis zu erbringen, dass der innere
Erfahrung unserer eigenen → Vorstellungen als Sinn für die Zeitbestimmung von Veränderungen
objektiv bestimmt bewusst werden. Weitere wich­ auf etwas Beharrliches im äußeren Sinn angewie­
tige Stellen: 2:190; 2:286; 4:336; 4:356; 6:63; 6:442; sen ist. Das Subjekt kann sich seiner Veränderun­
7:141ff.; 8:402; 22:462; 22:500. gen im Inneren nur bewusst sein, wenn es ein
äußeres Beharrliches gibt (vgl. KrV B 274–279).
Verwandte Stichworte
Inneres und Äußeres; Achtung, Achtung für das 2 Innere Erfahrung und praktische Vernunft
Gesetz; Erfahrung, äußere; Selbstanschauung; In Kants praktischer Philosophie ist von innerer
Selbsterkenntnis oder „innerlich[er]“ (8:287) Erfahrung in mora­
lischer, nicht theoretischer Bedeutung die Rede.
Philosophische Funktion In diesem Zusammenhang stellt das Bewusstsein
1 Innere Erfahrung und reine Vernunft des moralischen Gesetzes und des Unterschie­
In einer umfangreichen Anmerkung zur Vorre­ des zwischen Pflicht und Neigung, über den „der
de der KrV B wird die innere Erfahrung als das gemeinste Menschenverstand“ verfügt (5:92), ei­
bestimmt, wodurch wir uns nicht nur unserer Vor­ ne Erfahrung dar, die von der Erfahrung weder
stellungen, sondern auch unseres Daseins in der bestätigt noch widerlegt werden kann. Nur das
→ Zeit bewusst sind (vgl. aber KrV B 277). Sie ver­ Gefühl der → Achtung vor dem Sittengesetz ga­
mittelt somit das „empirische[] Bewußtsein meines rantiert, dass wir des Unterschiedes zwischen
Daseins“ (KrV B XL Anm.). Die innere Erfahrung empirischen und rationalen Gründen der Moral
setzt „Beziehung auf etwas“ voraus, „was mit mei­ „inne werden“ (5:92). Noch 1793 tritt Kant dem
ner Existenz verbunden außer mir ist“ (KrV B XL Einwand Garves entgegen, dass der Unterschied
Anm.). Erst durch dieses Verhältnis „zu etwas au­ zwischen Pflicht und Neigung irrelevant werde,
ßer mir“ (KrV B XL Anm.) entsteht eine Erfahrung, „wenn es aufs Handeln ankommt“ (8:287), indem
die von Phantasievorstellungen wesentlich unter­ er auf eine „Erfahrung“ verweist, „die nur inner­
schieden ist. Da der → äußere Sinn die „Beziehung lich sein kann“ (8:287). Er definiert diese inner­
der Anschauung auf etwas Wirkliches außer mir“ liche Erfahrung als eine Erhebung des mensch­
enthält, beruht „die Realität desselben zum Un­ lichen Gemüts durch die Idee der Pflicht: „Daß
terschiede von der Einbildung“ darauf, „daß er der Mensch sich bewußt ist, er könne dieses, weil
mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedin­ er es soll: das eröffnet in ihm eine Tiefe göttli­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrung, mögliche | 531

cher Anlagen, die ihm gleichsam einen heiligen bewußtsein und Selbsterkenntnis, Hamburg:
Schauer über die Größe und Erhabenheit seiner Meiner 1996.
wahren Bestimmung fühlen läßt“ (8:287f.). Die Manganaro, Paolo, L’antropologia di Kant, Napoli:
Vermittlung zwischen Theorie und Praxis voll­ Guida 1983.
zieht sich so bereits auf dem Niveau der morali­ Piero Giordanetti
schen Gesinnung. In demselben Kontext verwen­
det Kant den Ausdruck ‚innere Erfahrung‘ auch
in einem empirischen Sinn, indem diese als ein Erfahrung, mögliche
Bewusstsein des eigenen Seelenzustandes auf­ Nach Kant legen unsere Erkenntnisvermögen ge­
gefasst wird. In dieser Hinsicht räumt Kant ein, wisse Bedingungen fest, nach welchen Gegen­
„daß kein Mensch sich mit Gewißheit bewußt stände sich richten müssen, damit Erfahrung von
werden könne, seine Pflicht ganz uneigennützig ihnen möglich ist. Da zur Erfahrung, wie zu je­
ausgeübt zu haben: denn das gehört zur inneren der Art von theoretischer Erkenntnis, ein Beitrag
Erfahrung, und es würde zu diesem Bewußtsein sowohl der Sinnlichkeit als auch des Verstandes
seines Seelenzustandes eine durchgängig klare erforderlich ist (vgl. KrV A 50f. / B 74f.), sind dies
Vorstellung aller sich dem Pflichtbegriffe durch die Bedingungen, unter denen unsere Sinnlichkeit
Einbildungskraft, Gewohnheit und Neigung beige­ Gegenstände anschauen kann, also Raum und
sellenden Nebenvorstellungen und Rücksichten Zeit, sowie die Bedingungen, unter denen unser
gehören, die in keinem Falle gefordert werden Verstand Gegenstände der Anschauung denken
kann“ (8:284). kann, also die Kategorien. Diese Bedingungen äu­
ßern sich konkret darin, dass für die Erfahrung die
3 Innere Erfahrung und Anthropologie Grundsätze des reinen Verstandes gelten, insbe­
In der Anthropologie bestreitet Kant die Verläss­ sondere der Satz von der Erhaltung der Substanz
lichkeit innerer Erfahrung „von der Gnade, [und] und das Kausalgesetz.
von Anfechtungen“ (7:134): „Denn es ist mit jenen Inhalt einer möglichen Erfahrung ist dem­
inneren Erfahrungen nicht so bewandt, wie mit nach ein Sachverhalt oder ein Ereignis, der bzw.
den äußeren von Gegenständen im Raum, worin das in Raum und Zeit stattfindet, unter die Ka­
die Gegenstände nebeneinander und als bleibend tegorien fällt und den Grundsätzen des reinen
festgehalten erscheinen. Der innere Sinn sieht die Verstandes entspricht (vgl. KrV A 236f. / B 295f.).
Verhältnisse seiner Bestimmungen nur in der Zeit, Wenn Kant also z. B. vom Feld oder der Sphäre
mithin im Fließen, wo keine Dauerhaftigkeit der möglicher Erfahrung spricht, meint er damit die­
Betrachtung, die doch zur Erfahrung nothwendig jenigen Dinge, die diesen Bedingungen genügen
ist, statt findet“ (7:134). Kant scheint damit die in (vgl. KrV A 227 / B 280; KrV A 229 / B 281). Weitere
der „Widerlegung des Idealismus“ (KrV B 274; vgl. wichtige Stellen: KrV A 93f. / B 126; KrV A 157f. /
KrV B 274–279) vertretene Position, der zufolge B 196f.; KrV A 184 / B 228; KrV A 227 / B 280; KrV
die Zeitbestimmungen in der inneren Erfahrung A 229 / B 281; KrV A 236f. / B 295f.
die Beziehung auf etwas Beharrliches im äußeren
Sinn erfordert, zu revidieren. In der Anthropologie Verwandte Stichworte
wird dagegen implizit behauptet, dass durch das Erfahrung; Form der Erfahrung; Erfahrung,
Beharrliche im Raum keine Zeitbestimmung in Grenze der
der inneren Erfahrung möglich ist. Eigentliche
Erfahrung ist nur durch Bezug auf das Beharrliche Philosophische Funktion
im Raum möglich. Die eben genannten Bedingungen sind zunächst
einmal subjektive Bedingungen unserer Erkennt­
Weiterführende Literatur nisvermögen, also Bedingungen, unter den unsere
Giordanetti, Piero: L’estetica fisiologica di Kant, Sinnlichkeit etwas anschauen kann, bzw. Bedin­
Milano: Mimesis 2001. gungen, unter denen unser Verstand Gegenstände
Klemme, Heiner: Kants Philosophie des Subjekts. der Anschauung denken kann. Um einzusehen,
Systematische und entwicklungsgeschichtliche dass diese Bedingungen auch objektive Bedeu­
Untersuchungen zum Verhältnis von Selbst­ tung haben, also Bedingungen für die Gegenstän­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
532 | Erfahrung, übernatürliche

de möglicher Erfahrung sind, muss man sich vor Philosophische Funktion


Augen führen, dass es sich hier nicht um Bedin­ Der Begriff der übernatürlichen Erfahrung ist nach
gungen des Erfahrens handelt, die nur für die Kant „an sich selbst ein Widerspruch“, weil der­
eine oder andere Person gelten. Es handelt sich jenige, der sie scheinbar hat, „sich sogar nicht
vielmehr um Bedingungen, die notwendig inter­ einmal, daß sie in der That Erfahrung sei, über­
subjektiv, d. h. notwendig allgemeingültig für je­ führen kann“ (7:57). Denn eine übernatürliche
den Urteilenden gelten. (Zum Verhältnis zwischen Erfahrung könnte „auf keine Regel der Natur un­
objektiver Gültigkeit und notwendiger Intersub­ seres Verstandes zurückgeführt und dadurch be­
jektivität vgl. Prolegomena § 19, 4:298). Aufgrund währt werden“ (7:57). Damit wir Vorstellungen
dieser notwendigen Intersubjektivität kann man als Erfahrung erkennen können, müssen sie in
schließen, dass die zunächst subjektiven „Bedin­ Einklang mit den Gesetzen stehen, denen unsere
gungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt → Erkenntnisvermögen unterliegen, was durch die
[. . . ] zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Ge­ Übernatürlichkeit aber ausgeschlossen wird. Fäl­
genstände der Erfahrung“ sind (KrV A 158 / B 197; le, in denen scheinbar übernatürliche Erfahrung
vgl. KrV A 93f. / B 126). vorliegt, sind also eigentlich nur „Empfindungen,
Kant drückt sich gelegentlich so aus, dass von denen man nicht weiß, was man aus ihnen
die objektive Gültigkeit von Raum und Zeit, der machen soll, ob sie als zum Erkenntniß gehörig
Kategorien oder der Grundsätze des Verstandes einen wirklichen Gegenstand haben, oder bloße
auf ihrer Beziehung zu möglicher Erfahrung be­ Träumereien sein mögen. Den unmittelbaren Ein­
ruht (vgl. KrV A 184 / B 228). Kant deutet aber an, fluß der Gottheit als einer solchen fühlen wollen“,
dass man dies besser ausdrücken kann, indem was ja ein Fall von übernatürlicher Erfahrung
man sagt, die objektive Gültigkeit beruhe auf der wäre, „ist [. . . ] eine sich selbst widersprechende
Beziehung zur Möglichkeit der Erfahrung (vgl. Anmaßung“ (7:57f.).
KrV A 157 / B 196). Dies wiederum ist im eben er­ Bernd Prien
läuterten Sinn zu verstehen: Raum und Zeit, die
Kategorien und die Grundsätze des reinen Verstan­
des gelten objektiv für die Gegenstände möglicher
Erfahrung, weil durch sie Erfahrung erst möglich
Erfahrung,
wird. Zusammenhang der
Der Zusammenhang der Erfahrung wird von Kant
Weiterführende Literatur im Rahmen seiner Erörterung der „Endabsicht
Milmed, Bella K.: „‘Possible Experience’ and Re­ der natürlichen Dialektik“ (KrV A 669 / B 697) the­
cent Interpretations of Kant“, in: Beck, Lewis matisiert. Die Vernunft kann nur mit sich selbst
White (Hg.): Kant Studies Today, La Salle, Ill: beschäftigt sein, „weil ihr nicht die Gegenstände
Open Court 1969. zur Einheit des Erfahrungsbegriffs, sondern die
Bernd Prien Verstandeserkenntnisse zur Einheit des Vernunft­
begriffs, d. i. des Zusammenhanges in einem Prin­
cip, gegeben werden“ (KrV A 680 / B 708). Weitere
wichtige Stellen: KrV A 108; KrV A 377; KrV B 266;
Erfahrung, KrV B 700; 4:332; 5:183; 7:214; 20:203f.; 20:209;
übernatürliche 20:335.
Eine → Wirkung ist übernatürlich, wenn sie nicht
durch die Gesetze der physischen oder moralisch- Verwandte Stichworte
übersinnlichen Natur erklärt werden kann. Ent­ Einheit; Idee, regulative; System
sprechend nennt Kant eine Erfahrung übernatür­
lich, wenn sie auf übernatürliche Weise in uns Philosophische Funktion
bewirkt wurde. Wichtige Stelle: 7:57f. Die Einheit des Vernunftbegriffs bzw. der Ideen
ist die Einheit des Systems. Dank dieses Begriffs
Verwandte Stichworte einer systematischen Einheit kann die Vernunft
natürlich; Natur; Offenbarung; übernatürlich dem „empirischen Verstandesgebrauch[]“ bzw.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrungsbegriff | 533

der Erfahrung einen „systematische[n] Zusam­ Philosophische Funktion


menhang“ geben (KrV A 680 / B 708). In der Fest­ Kant unterscheidet an Begriffen Materie und Form,
stellung dieses systematischen Zusammenhanges wobei die Materie den Inhalt der Begriffe be­
liegt die Endabsicht der Ideen der reinen Vernunft. stimmt. Die Form der Begriffe besteht in ihrer
Die Endabsicht ist sowohl die uneingeschränk­ → Allgemeinheit und ist für alle Begriffe gleich,
te „Ausbreitung“ als auch die „Richtigkeit“ des während sie sich in ihrer Materie von einander
empirischen Verstandesgebrauchs (KrV A 680 / unterscheiden. Kant unterscheidet zwischen Be­
B 708). Obwohl der Begriff der systematischen griffen, die ihrer Materie nach „gemacht“ und
Einheit der Vernunft keinem gegebenen Gegen­ solchen, die „gegeben“ sind (9:93). Ihrer Form
stand in der Erfahrung entspricht, dient jene sys­ nach sind Begriffe immer gemacht (vgl. 9:93). Ein
tematische Einheit dem Gebrauch der Vernunft Begriff ist der Materie nach gemacht, wenn sein In­
„subjectiv als Maxime, um sie über alles mögli­ halt willkürlich durch den Verstand festgelegt ist.
che empirische Erkenntniß der Gegenstände zu Dieser Fall liegt vor, wenn man zwei Begriffe will­
verbreiten“ (KrV A 680 / B 708). Dazu „bewährt“ kürlich zu einem komplexen Begriff zusammen­
jener vernünftige bzw. systematische Zusammen­ setzt, wie z. B. „Schiffsuhr“ (KrV A 729 / B 757).
hang der Erfahrung die „Richtigkeit“ (KrV A 680 / Um einen Erfahrungsbegriff zu bilden, su­
B 708) des empirischen Verstandesgebrauches. chen wir hingegen in der Erfahrung nach → Regel­
Die Idee des systematischen Zusammenhanges mäßigkeiten, die die Materie zu einem Begriff ab­
der Erfahrung bestimmt nichts in Ansehung ei­ geben können, der der Erfahrung angemessen ist.
nes gegebenen Gegenstandes und daher ist die Die Materie von Erfahrungsbegriffen ist also nicht
Idee kein „constitutives Princip“, sondern „regu­ willkürlich erdacht, sondern durch die Erfahrung
lativer Grundsatz und Maxime den empirischen festgelegt und insofern a posteriori gegeben (vgl.
Gebrauch der Vernunft durch Eröffnung neuer We­ 9:93).
ge, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche Die Materie der reinen Verstandes- und → Ver­
(Unbestimmte) zu befördern und zu befestigen, nunftbegriffe ist dagegen a priori gegeben, denn
ohne dabei jemals den Gesetzen des empirischen diese wird durch die Natur des → Verstandes und
Gebrauchs im mindesten zuwider zu sein“ (KrV der → Vernunft festgelegt (vgl. KrV A 729 / B 757;
A 680 / B 708). 9:93). Der Inhalt der Kategorien ist ja durch die
Daniel O. Dahlstrom in der Urteilstafel aufgezählten Funktionen zu
Urteilen bestimmt, die sich nach Kants Meinung
wiederum aus der Natur des Verstandes ergeben.
Erfahrungsbegriff Das Vermögen, das in der Erfahrung Regel­
Erfahrungsbegriffe (oder auch empirische Begrif­ mäßigkeiten bzw. eine Gemeinsamkeit vieler Er­
fe) sind Begriffe, deren Materie, und damit deren fahrungen entdeckt, nennt Kant die reflektierende
Inhalt, durch die → Erfahrung gegeben ist. Ihnen → Urteilskraft. „Ist aber nur das Besondere gege­
gegenüber stehen → reine Begriffe, wie die → Ka­ ben, wozu [die Urteilskraft] das Allgemeine fin­
tegorien und → transzendentalen Ideen, deren den soll, so ist die Urtheilskraft bloß reflectirend“
Materie bzw. Inhalt durch unser → Erkenntnisver­ (5:179). Die reflektierende Urteilskraft ist also in
mögen festgelegt ist, sowie Begriffe, deren Ma­ der Lage, aus gegebenen besonderen Erfahrungen
terie „willkürlich gedacht[e]“ (KrV A 729 / B 757) eine gemeinsame Vorstellung zu isolieren oder
ist. Man bildet Erfahrungsbegriffe, indem man abzusondern.
im → Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung
Regelmäßigkeiten entdeckt und die regelmäßig Weiterführende Literatur
wiederkehrende Vorstellung durch Abstraktion Allison, Henry E.: Kant’s Theory of Taste, Cam­
von den übrigen isoliert. Weitere wichtige Stellen: bridge: Cambridge University Press 2001, Kap. 1.
KrV A 727ff. / B 755ff.; 9:92f. Beck, Lewis White: „Kant’s Theory of Definition“,
in: The Philosophical Review 65, 1956, 179–191.
Verwandte Stichworte Prien, Bernd: Kants Logik der Begriffe, Berlin u. a.:
Begriff; Begriff, empirischer; Form/Materie; de Gruyter 2006, Kap 3.1.
gegeben/gemacht Bernd Prien

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
534 | Erfahrungsurteil/Wahrnehmungsurteil

Erfahrungsurteil/ 2 Übergang von Wahrnehmungsurteilen zu


Erfahrungsurteilen
Wahrnehmungsurteil Kant behauptet, dass alle unsere Erfahrungsurtei­
Erfahrungs- und Wahrnehmungsurteile unter­ le „zuerst bloße Wahrnehmungsurtheile“ sind,
scheiden sich dadurch, dass die einen objekti­ denen wir „nur hinten nach“ eine Beziehung auf
ve, die anderen aber nur subjektive Gültigkeit ein Objekt geben „und wollen, daß es auch für
besitzen: „Empirische Urtheile, so fern sie objec­ uns jederzeit und eben so für jedermann gültig
tive Gültigkeit haben, sind Erfahrungsurtheile; die sein solle“ (4:298). Hier ist wohl weniger an ei­
aber, so nur subjectiv gültig sind, nenne ich blo­ ne zeitliche als an eine logische Reihenfolge zu
ße Wahrnehmungsurtheile“ (4:298). → Subjekti­ denken. Und zwar wird nach Kant dieser Über­
ve Gültigkeit bedeutet dabei, dass das Urteil nur gang vollzogen, indem man die Wahrnehmungen,
für eine bestimmte Person zu einem bestimm­ die man im Wahrnehmungsurteil bloß subjektiv
ten Zeitpunkt gültig ist, wie z. B. „Das Zimmer verbunden hat, unter die Kategorien subsumiert,
ist warm“. Hier erwarte ich nicht, dass Andere insbesondere unter den Begriff → ‚Kausalität‘. Da­
oder ich selbst zu anderen Zeiten dasselbe Ur­ durch kann man den einen Gegenstand, bzw. das
teil fällen müssen, selbst wenn sich am Zimmer eine Ereignis, das im Urteil thematisiert wird, als
selbst nichts ändert. → Objektive Gültigkeit be­ eine → Ursache und das andere als → Wirkung
deutet dagegen, dass das Urteil für jeden zu jeder ansehen.
Zeit gültig ist. Als Beispiel objektiver Gültigkeit Dieser Übergang wird am besten durch Kants
verwendet Kant das Urteil „die Sonne erwärmt Beispiel der den Stein erwärmenden Sonne illus­
den Stein“ (4:301 Anm.). Wenn ich dies Urteil fäl­ triert. Das entsprechende bloß subjektiv gültige
le, erwarte ich, dass jeder andere dasselbe Urteil Wahrnehmungsurteil lautet „wenn die Sonne den
fällt. Stein bescheint, so wird er warm“ (4:301 Anm.).
Nach Kant sind alle unsere Erfahrungsurteile Dies Urteil ist zwar nicht in dem Sinne subjek­
zunächst Wahrnehmungsurteile. Der Übergang tiv, wie die oben genannten über Gefühle (z. B.
vom Einen zum Anderen wird dadurch vollzo­ ‚Das Zimmer ist warm‘), aber doch insofern, als
gen, dass die → Kategorien hinzutreten und einer hier nur die bisher gemachten Wahrnehmungen
Begriffsverbindung, die zunächst nur subjekti­ ausgesprochen werden. Es wird nur eine Korrela­
ve Gültigkeit hat, objektive Gültigkeit verleihen. tion zwischen zwei Ereignissen behauptet, aber
Weitere wichtige Stelle: 4:297–302. kein Anspruch erhoben, dass diese Korrelation
zu jeder Zeit vorliegen müsse. Eine solche → Not­
Verwandte Stichworte wendigkeit des Zusammenhangs behaupte ich
Erfahrung; Kategorie; Urteil; Wahrnehmung erst, wenn ich sage „die Sonne erwärmt den Stein“
(4:301 Anm.). Denn mit diesem Satz behaupte ich,
Philosophische Funktion dass das Scheinen der Sonne die Ursache dafür
1 Empirische Urteile ist, dass der Stein sich erwärmt. Da Kant das Kau­
Erfahrungs- und Wahrnehmungsurteile sind zwei salverhältnis so versteht, dass auf die Ursache
Arten → empirischer Urteile. Ihnen gegenüber ste­ notwendig die Wirkung folgt, impliziere ich mit
hen → analytische Urteile und synthetische Urtei­ diesem Satz, dass für alle vergleichbaren Steine in
le a priori, die ihren Grund in den verwendeten einer vergleichbaren Situation gilt, dass sie durch
Begriffen und dem Satz vom Widerspruch (vgl. die Sonne erwärmt werden.
KrV A 150ff. / B 189ff.) bzw. in der Möglichkeit der Ähnlich ist Kants Beispiel „Die Luft ist elas­
Erfahrung haben (vgl. KrV A 154ff. / B 193ff.). Em­ tisch“ (4:301) zu verstehen. Indem ich die Luft
pirische Urteile haben ihren Grund in der empiri­ als elastisch bezeichne, behaupte ich, dass ihre
schen Anschauung, wobei Wahrnehmungsurteile Ausdehnung bestimmten kausalen Regelmäßig­
speziell „in der unmittelbaren Wahrnehmung der keiten unterliegt, d. h. ich bringe auch hier die
Sinne“ (4:297) gegründet sind. Erfahrungs- und Kategorie der Kausalität zur Anwendung. Inso­
Wahrnehmungsurteile unterscheiden sich dar­ fern als die Wahrnehmungen unter die Begriffe
in, dass die einen objektiv und die anderen nur „Ursache“ und „Wirkung“ zu subsumieren sind,
subjektiv gültig sind. kann man sagen, dass „noch ein ganz anderes Ur­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erfahrungsurteil/Wahrnehmungsurteil | 535

theil“ vorausgehen muss, „ehe aus Wahrnehmung unterscheidet zwischen subjektiven Gegenstän­
Erfahrung werden kann“ (4:300). den (den Erscheinungen) und objektiven Gegen­
ständen der Erfahrung. Seiner Ansicht nach sind
3 Objektivität und notwendige Wahrnehmungsurteile „Urteile über Erscheinun­
Allgemeingültigkeit gen oder Empfindungen als solche“ (Prauss, Er­
Bisher wurde nur darüber gesprochen, wie man scheinung, S. 145). Andere Autoren vertreten dage­
nach Kant einem Urteil notwendige → Allgemein­ gen die Ansicht, dass beide Arten von Urteilen von
gültigkeit verleiht, genauer: was man tun muss, objektiven Gegenständen der Erfahrung handeln
um einen Anspruch auf Gültigkeit für jedermann und sich z. B. nur in der Art ihrer Rechtfertigung
und jederzeit zu erheben. Da Erfahrungsurteile unterscheiden.
aber durch ihre objektive Gültigkeit definiert sind, Weiterhin ist unklar, in genau welchem Sin­
muss noch eine Beziehung zwischen Allgemein­ ne die Kategorien in Erfahrungsurteile, aber nicht
gültigkeit und → Objektivität hergestellt werden. in Wahrnehmungsurteile eingehen. Denn erstens
Kant geht dabei so vor, dass er zunächst den scheint es, dass, entgegen Kants Aussage, nur die
umgekehrten Zusammenhang herstellt: Wenn ein Relationskategorien (Substanz / Akzidenz, Ursa­
Urteil objektiv ist in dem Sinne, dass es von einem che / Wirkung, Wechselwirkung) nicht in Wahr­
unabhängig von uns bestehenden Sachverhalt nehmungsurteile eingehen, die Kategorien der
handelt, so müssen alle Urteilenden dasselbe Ur­ Quantität (z. B. Einheit) und der Qualität (z. B.
teil fällen, andernfalls muss mindestens eines Realität) aber schon. Zweitens wirft diese Schwie­
ihrer Urteile falsch sein. Diesen Zusammenhang rigkeit auch die Frage auf, was nach Kant ein Urteil
kehrt Kant nun um: „Aber auch umgekehrt, wenn überhaupt ist, wie also seine Urteilsdefinition in
wir Ursache finden, ein Urtheil für nothwendig der zweiten Auflage der KrV zu verstehen ist. Viele
allgemeingültig zu halten [. . . ], so müssen wir es Autoren bezweifeln, dass die Unterscheidung zwi­
auch für objectiv halten, d. i. daß es nicht blos ei­ schen Erfahrungs- und Wahrnehmungsurteilen
ne Beziehung der Wahrnehmung auf ein Subject, mit dieser Definition in Einklang zu bringen ist.
sondern eine Beschaffenheit des Gegenstandes Denn Kant schreibt, „daß ein Urtheil nichts andres
ausdrücke“ (4:298). Kant begründet diese Um­ sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur objec­
kehrung folgendermaßen: „[D]enn es wäre kein tiven Einheit der Apperception zu bringen“ (KrV
Grund, warum anderer Urtheile nothwendig mit B 141). Wenn ein Urteil aber per definitionem eine
dem meinigen übereinstimmen müßten, wenn es objektiv gültige Verbindung ist, scheint es, dass
nicht die Einheit des Gegenstandes wäre, auf den bloß subjektiv gültige Wahrnehmungsurteile gar
sie sich alle beziehen“ (4:298). Zusammenfassend keine Urteile sind. Weiterhin wird argumentiert,
schreibt Kant daher: „Es sind daher objective Gül­ dass Urteile nach der eben genannten Definiti­
tigkeit und nothwendige Allgemeingültigkeit (für on immer den Gebrauch der Kategorien beinhal­
jedermann) Wechselbegriffe“ (4:298). ten, was auch zeigt, dass Wahrnehmungsurteile,
Indem wir mit dem Urteil „[D]ie Sonne er­ die dies ja nicht tun, gar keine Urteile sind. Aus
wärmt den Stein“ (4:301 Anm.) den Anspruch er­ diesen Problemen sowie dem Umstand, dass die
heben, dass alle anderen dasselbe Urteil fällen Unterscheidung zwischen Erfahrungs- und Wahr­
müssen, erheben wir den Anspruch, über einen nehmungsurteilen nur in den Prolegomena eine
objektiv bestehenden Sachverhalt zu urteilen. Ei­ Rolle spielt, wird geschlossen, dass Kant diese
nen solchen Anspruch erheben wir mit dem Urteil Unterscheidung bei der Abfassung der zweiten
‚Wenn die Sonne scheint, wird der Stein warm‘ Auflage der KrV wieder aufgegeben hat.
dagegen nicht. Weiterhin ist bezüglich des Verhältnisses zwi­
schen Prolegomena und der zweiten Auflage der
4 Schwierigkeiten der Interpretation KrV folgende Frage umstritten: Entspricht die Un­
Eine detaillierte Interpretation der Unterschei­ terscheidung zwischen Erfahrungs- und Wahr­
dung zwischen Wahrnehmungs- und Erfahrungs­ nehmungsurteilen derjenigen zwischen objektiv
urteilen trifft auf erhebliche Schwierigkeiten. Un­ gültigen und bloß subjektiv gültigen → Verbindun­
klar ist z. B., in welchem Sinne hier von objektiver gen von Begriffen, die Kant auf KrV B 142 zieht
und subjektiver Gültigkeit die Rede ist. Prauss oder sind dies verschiedene Unterscheidungen?

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
536 | Erhabene, das

Weiterführende Literatur zeit vernichten könnte (vgl. 5:260–266). Weitere


Allison, Henry E: Kant’s Transcendental Idealism, wichtige Stellen: 2:208ff.; 4:434; 5:27; 5:75; 5:78f.;
New Haven u. a.: Yale University Press 1983. 5:85ff.; 5:161f.; 5:248; 5:267; KrV B 110; KrV A 160 /
Freudiger, Jürg: „Zum Problem der Wahrneh­ B 199.
mungsurteile in Kants theoretischer Philoso­
phie“, in: Kant-Studien 82, 1991, 414–435. Verwandte Stichworte
Hoppe, Hansgeorg: Synthesis bei Kant, Berlin Schönheit (Schöne, das); Natur; Einbildungs­
u. a.: de Gruyter 1983, Kap. 4. kraft; Vernunft
Longuenesse, Beatrice: Kant and the Capacity to
Judge, Princeton: Princeton University Press Philosophische Funktion
1998, Kap. 7. 1 Das Erhabene als ästhetisch-moralisches
Mohr, Georg: „Wahrnehmungsurteile und Sche­ Gefühl
matismus“, in: Robinson, Hoke (Hg.): Procee­ Auf der Höhe der zeitgenössischen Ästhetik unter­
dings of the Eighth International Kant Congress, scheidet Kant in den Beobachtungen, mit denen
Bd. 2, Milwaukee: Marquette University Press er sich 1764 auf den Weg zu einer eigenen Be­
1995, 331–340. gründung der Moral begibt, das Erhabene und
Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant, Berlin u. a.: das Schöne (Schönheit) als spezifische Weisen
de Gruyter 1971. jenes Gefühls „von feinerer Art“, das ihn als Indiz
Bernd Prien einer „Reizbarkeit der Seele“ interessiert, „die die­
se zugleich zu tugendhaften Regungen geschickt
macht“ (2:208): „Das Erhabene rührt, das Schöne
Erhabene, das reizt“ (2:209). Das Gefühl des Erhabenen regt sich
Mit dem Begriff des Erhabenen bezeichnet Kant nach Kant vorwiegend im direkten oder auch lite­
ein ästhetisches Gefühl, das zwischen → Lust und rarisch vermittelten Blick auf die Natur, etwa beim
Unlust oszilliert. Kants „Namenerklärung des Er­ „Anblick eines Gebirges, dessen beschneite Gipfel
habenen“ lautet: „Erhaben nennen wir das, was sich über Wolken erheben“, im Blick auf „[h]ohe
schlechthin groß ist“ (5:248). Was „schlechthin Eichen und einsame Schatten im heiligen Hai­
groß“ ist, ist das, „was über alle Vergleichung groß ne“ (2:208), im Erleben der „ruhige[n] Stille eines
ist“ (5:248). Hierbei wird ein Maßstab zugrunde Sommerabendes, wenn das zitternde Licht der
gelegt, der „zu keiner logischen (mathematisch- Sterne durch die braune Schatten der Nacht hin­
bestimmten), sondern nur ästhetischen Beurtheil­ durch bricht“ (2:209), und angesichts großer weit­
ung der Größe brauchbar ist, weil er ein bloß sub­ gestreckter „Einöden, wie die ungeheure Wüste
jectiv dem über Größe reflectirenden Urtheile zum Schamo in der Tartarei“ (2:210). Kant bezieht sich
Grunde liegender Maßstab ist“ (5:249): „Es ist ei­ hier nicht auf direkte eigene Eindrücke, sondern
ne Größe, die bloß sich selber gleich ist“ (5:250). auf Reiseberichte, deren Lektüre dokumentiert
Daher kann die Erklärung des Erhabenen auch so ist.
ausgedrückt werden: „Erhaben ist das, mit wel­ Bemerkenswert ist aus der Perspektive seiner
chem in Vergleichung alles andere klein ist“ (5:250). reifen vernunftkritischen Lehre vom Erhabenen
Aufgrund der bloß subjektiven Beurteilung der die methodische Konzession, dass auch Artefakte,
Größe bzw. des bei der Beurteilung zugrunde ge­ d. h. literarische Texte und Werke der Architek­
legten Maßstabs folgt, dass das Erhabene nicht tur erhabene Gefühle auslösen können. Sie wird
eine Eigenschaft der Gegenstände ist, sondern explizit, wo Kant als Beispiele aus der Dichtung
„allein in unsern Ideen zu suchen sei“ (5:250). die „Beschreibung eines rasenden Sturms“ und
Kant unterscheidet das „Mathematisch-Erha­ die „Schilderung des höllischen Reichs von Mil­
bene[]“ (5:248; vgl. 5:248–260) als das, „was ton“ nennt (2:208), aus der Architektur die „ägyp­
schlechthin groß ist“ (5:248), sodass seine An­ tischen Pyramiden“, die „Peterskirche in Rom“
schauung auf die Idee der Unendlichkeit der Natur und – in Abgrenzung gegen schöne Gebäude wie
führt (vgl. 5:255), vom „Dynamisch-Erhabenen“ etwa einen Lustpalast – „[e]in Arsenal“ und ein
(5:260) als dem schlechthin Mächtigen, das den prächtiges „Residenzschloß“ (2:210). Schon im
Menschen in seiner physischen Existenz jeder­ Kontext dieser Phänomene differenziert Kant zwi­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erhabene, das | 537

schen verschiedenen Modi, indem er das „Schreck­ lent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis
haft-Erhabene“ als Gefühl, das „mit einigem Grau­ erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet,
sen oder auch Schwermuth“ einhergeht, auf der das hat eine Würde“ (4:434), heißt es in der GMS
einen Seite vom „Edle[n]“ abgrenzt, welches mit mit Bezug auf die → Menschheit in der Person
„ruhiger Bewunderung“, auf der anderen Seite eines jeden Menschen. Die KpV macht das Erha­
vom „Prächtige[n]“, das von „einer über einen bene in der Bestimmung der → Triebfeder mora­
erhabenen Plan verbreiteten Schönheit beglei­ lischen Handelns geltend, die Kant gemäß dem
tet“ ist (2:209). In Abstraktion von den anschau­ Anspruch der Moralbegründung aus reiner Ver­
lichen Beispielen ästhetischen Erlebens bezieht nunft in dem von der Vernunft selbstgewirkten
sich Kant zudem generell auf die Phänomene, in Gefühl der → Achtung vor dem moralischen Ge­
denen die Natur als schlechthin groß erscheint: setz erkennt. Nicht nur wird hier „das moralische
„Das Erhabene muß jederzeit groß“, es muss „ein­ Gesetz selbst in seiner feierlichen Majestät“ und
fältig“ sein (2:210). „Eine große Höhe ist eben so „Herrlichkeit“ ausdrücklich als „erhaben“ (5:77)
wohl erhaben als eine große Tiefe“ (2:210): Wäh­ und die → Pflicht als „erhabener, großer Name“
rend die Schauder auslösende große Tiefe dem (5:86) für das Gesetzesbewusstsein bezeichnet.
Schreckhaft-Erhabenen zuzuordnen sei, handle es Da Kant die Achtung vor → Personen als Achtung
sich bei der mit Bewunderung wahrgenommenen vor der Darstellung des Gesetzes in einem exem­
großen Höhe um einen Fall des Edlen. plarischen Fall auffasst, kann er auch von Beispie­
Darüber hinaus wird deutlich, dass im ästhe­ len „erhabener Thaten“ (5:85) und mit Bezug auf
tischen Gefühl des Erhabenen mit den Momenten das Bewusstsein der Übereinstimmung mit dem
der Negativität zugleich moralische Intuitionen erhabenen Gesetz durch die Unterwerfung unse­
zum Tragen kommen: Wer „ein Gefühl für das res „pathologisch bestimmbare[n] Selbst“ (5:74)
Erhabene besitz[t]“, hat darin auch die Affinität schließlich von der „Erhabenheit unserer Natur
zu „hohe[n] Empfindungen“ von „Freundschaft, (ihrer Bestimmung nach)“ (5:87) – und sogar von
von Verachtung der Welt, von Ewigkeit“ (2:209). der „Erhabenheit unserer eigenen übersinnlichen
Von hier aus betreibt Kant in den Beobachtun­ Existenz“ (5:88) sprechen. Dass es sich in solchen
gen im Interesse an der Grundlegung der Moral Formulierungen um konsequente Terminologie
die eingehendere Auseinandersetzung mit den handelt, wird in der Analyse des Gefühls der Ach­
verfeinerten → moralischen Gefühlen und kon­ tung als der „Triebfeder[] der reinen praktischen
textualisiert diese anhand des binären Schemas Vernunft“ (5:71) schon dann deutlich, wenn man
‚schön/erhaben‘ in den thematischen Feldern ei­ nur die frühe Bestimmung eines „Wohlgefallen[s],
ner anthropologischen Betrachtung, die schon aber mit Grausen“ (2:208) aus den Beobachtungen
hier die pragmatische Hinsicht auf das zur Gel­ zu Grunde legt.
tung bringt, was der Mensch „als freihandelndes Im moralischen Gefühl der Achtung übt die
Wesen aus sich selber macht, oder machen kann Vorstellung des Gesetzes eine „positive, aber in­
und soll“ (7:119): In einer an Theophrast angelehn­ directe Wirkung [. . . ] aufs Gefühl“ (5:79) aus. Das
ten Temperamentenlehre (Zweiter Abschnitt), in Subjekt empfindet sich in seiner von den → Nei­
der Geschlechterpsychologie (Dritter Abschnitt), gungen repräsentierten sinnlichen Existenz als
und im Schlussabschnitt in der vergleichenden eingeschränkt. Diese „Empfindung der Unlust“
Völkerpsychologie. (5:78) verknüpft sich jedoch mit dem konträren
Moment eines „positive[n] Gefühl[s]“ (5:79). Dass
2 ‚Pflicht! du erhabener, großer Name‘ – Achtung die Wirkung des Gesetzes auf das Gefühl „einer­
vor dem Gesetz als moralisches Gefühl des seits blos negativ ist, andererseits und zwar in An­
Erhabenen sehung des einschränkenden Grundes der reinen
In den kritischen Schriften zur Ethik wird das praktischen Vernunft positiv ist“ (5:75), analysiert
Erhabene zum Schlüsselbegriff des praktischen Kant als Momente der Achtung. Präziser: Als „Un­
Selbstverständnisses vernünftiger Wesen. „Im Rei­ terwerfung unter ein Gesetz“ enthält das Gefühl
che der Zwecke hat alles entweder einen Preis, „keine Lust, sondern so fern vielmehr Unlust“ –
oder eine Würde. Was einen Preis hat, an des­ als „Erhebung“ dagegen enthält es eine → Lust:
sen Stelle kann auch etwas anderes als Äquiva­ die zur „Selbstbilligung“ modifizierte → Selbstlie­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
538 | Erhabene, das

be (5:80f.). Ebenso wie das ästhetische Erlebnis genz, unendlich durch meine Persönlichkeit, in
des Erhabenen zeichnet sich das moralische Ge­ welcher das moralische Gesetz mir ein von der
fühl der Achtung durch die Simultaneität von Thierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt
→ Unlust und Lust aufgrund der Dialektik von Er­ unabhängiges Leben offenbart“ (5:162).
niedrigung und Erhöhung aus: Das „pathologisch
bestimmbare[] Selbst“ (5:74), damit die Sinnlich­ 3 Das ästhetische Gefühl des Erhabenen und
keit des Subjekts, erfährt im Bewusstsein seiner seine moralische Dimension
Nichtigkeit eine Demütigung, der das „begeis­ In der → Analytik des Erhabenen der dritten Kri­
ternde Wohlgefallen“ (5:262) im Bewusstsein des tik untersucht Kant das ästhetische Gefühl des
eigentlichen, übersinnlichen moralischen Selbst Erhabenen unter den methodischen und theo­
entgegensteht. retischen Standards seiner vernunftkritischen
Das Erhabene wird auf diese Weise als Be­ Vermögenslehre. Während das Subjekt sich im
griff des Übergangs zwischen ästhetischen und freien Reflexionsspiel zwischen Einbildungskraft
moralischen Gefühlen in Anspruch genommen. und → Verstand dem „Lebensgefühl“ (5:204) des
„[D]as moralische Gefühl [. . . ] ist doch mit der Wohlgefallens am Schönen hingibt, findet es sich
ästhetischen Urtheilskraft und deren formalen beim Erhabenen überwältigt von der schieren Grö­
Bedingungen sofern verwandt, daß es dazu die­ ße oder der chaotischen Formlosigkeit des Ein­
nen kann, die Gesetzmäßigkeit der Handlung aus drucks. Die Einbildungskraft gerät an die Gren­
Pflicht zugleich als ästhetisch, d. i. als erhaben, ze ihrer Fassungskraft, und es kommt zu einer
oder auch als schön vorstellig zu machen, ohne agonalen Reflexion zwischen Einbildungskraft
an seiner Reinigkeit einzubüßen“ (5:267). und Vernunft. Das Erlebnis des Erhabenen löst
Eine anschauliche Vorstellung von diesem so das zwiespältige Gefühl einer indirekten und
Gefühl und seiner ästhetischen Dimension ver­ widersprüchlichen Lust aus – einer Lust an der
mitteln vor allem die Formulierungen, die Kant Unlust. Während Kant in der frühen ästhetisch-
im Beschluss der KpV findet, wo er beschreibt, ethischen Schrift drei Arten des Erhabenen un­
was man das Gefühl des Moralisch-Erhabenen terscheidet, sind es im transzendentalphilosophi­
nennen kann: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüth schen Ansatz der Analytik des Erhabenen zwei,
mit immer neuer und zunehmender Bewunde­ die er anhand der Merkmale ‚Größe‘ und ‚Macht‘
rung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich bestimmt. Hier unterscheidet Kant das „Mathema­
das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirn­ tisch-Erhabene[]“ (5:248) vom „Dynamisch-Erha­
te Himmel über mir und das moralische Gesetz in benen“ (5:260): Während das Mathematisch-Erha­
mir“ (5:161). Der „bestirnte Himmel“ als ästheti­ bene sich auf das bezieht, „was schlechthin groß
sches Phänomen ist der exemplarische Fall von ist“ (5:248), sodass seine Anschauung auf die Idee
etwas, das „schlechthin groß“ (5:248) ist: Sein An­ der Unendlichkeit der Natur führt (vgl. 5:255),
blick „erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, bezeichnet das Dynamisch-Erhabene das Phä­
ins unabsehlich Große mit Welten über Welten nomen eines schlechthin Mächtigen, das den
und Systemen von Systemen“ (5:162); er vermittelt Menschen in seiner physischen Existenz jeder­
eine Vorstellung von der Unendlichkeit des Kos­ zeit vernichten könnte (vgl. 5:260–266): „Küh­
mos und lässt dabei den Betrachter seine eigene ne, überhangende, gleichsam drohende Felsen,
Unerheblichkeit spüren: „Der [. . . ] Anblick einer am Himmel sich aufthürmende Donnerwolken,
zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam mei­ mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulca­
ne Wichtigkeit, als eines thierischen Geschöpfs, ne in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orka­
das die Materie, daraus es ward, dem Planeten ne mit ihrer zurückgelassenen Verwüstung, der
(einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurück­ gränzenlose Ocean, in Empörung gesetzt, ein ho­
geben muß“ (5:162). Mit dem Bewusstsein des her Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl.“
moralischen Gesetzes hingegen ist die Idee der (5:261) sind ebenso wie der Anblick „himmelan­
→ Freiheit als → Autonomie und die Zugehörigkeit steigender Gebirgsmassen, tiefer Schlünde und
zu einer moralischen Welt verbunden, „die wahre darin tobender Gewässer, tiefbeschatteter, zum
Unendlichkeit hat“ (5:162): „Der zweite [Anblick] schwermüthigen Nachdenken einladender Ein­
erhebt dagegen meinen Werth, als einer Intelli­ öden“ (5:269) Beispiele für das Dynamisch-Erha­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erhabene, das | 539

bene. Als Fall des Mathematisch-Erhabenen nennt stimmungen des Edlen und des Prächtigen schei­
Kant auch hier den „Anblick des bestirnten Him­ nen dagegen in der Kategorie des Mathematisch-
mels“ (5:270). Erhabenen zusammengeflossen zu sein.
Die Benennung der beiden Modi des Erha­ In der kritischen Analyse der Vermögen
benen ist kein Fall einer genuin ästhetischen Ter­ kommt Kant anders als in der frühen Untersu­
minologie; sie erschließt sich durch die Eintei­ chung zu der Konsequenz, die ästhetische Kate­
lung, die Kant zuerst in der KrV für die Tafel der gorie des Erhabenen ausschließlich den Erschei­
Grundsätze getroffen hat. Schon hier mit Bezug nungen der Natur vorzubehalten: Die Werke der
auf die Vergegenständlichung und die Verwirkli­ Kunst verdanken sich als Werke des Menschen
chung von Erscheinungen zu Gegenständen über­ bereits der Leistung der Einbildungskraft, die –
haupt hieß es: „In der Anwendung der reinen wie es Kant in der Theorie des künstlerischen Ge­
Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung ist nies darstellt – „sehr mächtig“ ist „in Schaffung
der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathe­ gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den
matisch, oder dynamisch: denn sie geht theils ihr die wirkliche giebt“ (5:314). Gegenüber Gebil­
blos auf die Anschauung, theils auf das Dasein den, die der ‚mächtigen‘ Einbildungskraft eines
einer Erscheinung überhaupt“ (KrV A 160 / B 199; schaffenden Subjekts entsprungen sind, kann es
vgl. KrV A 178f. / B 220f., KrV A 162f. / B 202f.). In nicht zu jener Überwältigung der Einbildungs­
der zweiten Auflage der KrV fügt Kant denn auch kraft kommen, von welcher der Impuls zur Dia­
der Kategorientafel die gleichsinnige Erläuterung lektik jenes gemischten Gefühls des Erhabenen
bei: „daß sich diese Tafel, welche vier Classen ausgeht. Im Blick auf die Natur dagegen ist das
von Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Gefühl des Erhabenen jederzeit möglich, „wenn
Abtheilungen zerfällen lasse, deren erstere auf sich nur Größe und Macht blicken läßt“ (5:246).
Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl Was dem Subjekt im Erleben solcher Größe und
als empirischen), die zweite aber auf die Existenz Macht auf dem Wege einer „Subreption (Verwech­
dieser Gegenstände (entweder in Beziehung auf­ selung einer Achtung für das Object statt der für
einander oder auf den Verstand) gerichtet sind. die Idee der Menschheit in unserm Subjecte)“
Die erste Classe würde ich die der mathematischen, (5:257) fühlbar wird, ist aber in letzter Instanz
die zweite der dynamischen Kategorien nennen“ die Erhabenheit der eigenen Person über die Na­
(KrV B 110). Die Urteile über das Mathematisch- tur.
Erhabene beziehen sich insofern auf die bloße Auch das religiöse Gefühl der → Ehrfurcht,
→ Anschauung von → Gegenständen, als sie sich das Kant weniger ausführlich behandelt als die
mit deren Größe als einem Problem für die Ein­ moralischen und ästhetischen Gefühle, gehört in
bildungskraft konfrontiert finden, während die die Phänomenologie des Erhabenen. Hatte Kant
Urteile über das Dynamisch-Erhabene es insofern in den Beobachtungen noch befunden: „Erhabe­
mit der Existenz der Gegenstände zu tun haben, ne Eigenschaften flößen Hochachtung [. . . ] ein“
als sie sich auf die (wirkliche) Macht dessen be­ (2:211), so spitzt er diese Bestimmung in der drit­
ziehen, was vor Sinnen steht. Es findet sich in ten Kritik zu, indem er das ästhetische Gefühl
den vernunftkritischen Schriften Kants nirgends des Erhabenen nicht nur durch den Begriff der
ein ähnlich anschauliches Beispiel wie im Fall Achtung erläutert (vgl. 5:257), sondern es durch
der ästhetisch reflektierenden Urteile über das vergleichende Explikationen zu Gottesfurcht (vgl.
Erhabene dafür, was es mit der Bestimmung der 5:260) und religiöser Demut auch als „Ehrfurcht
mathematischen als den Kategorien der Verge­ für das Erhabene“ (5:264) bezeichnet. Eine aus­
genständlichung und den dynamischen als der drückliche Verbindung zwischen dem Begriff des
Verwirklichung auf sich hat. Erhabenen und dem religiösen Gefühl zieht Kant
Dabei ist es erkennbar die frühe Bestimmung in der Analytik des Erhabenen: „Vielleicht giebt
des Schreckhaft-Erhabenen als „Wohlgefallen, es keine erhabenere Stelle im Gesetzbuche der
aber mit Grausen“ (2:208), die sich hier im Dy­ Juden, als das Gebot: Du sollst dir kein Bildniß
namisch-Erhabenen als der ästhetischen Quali­ machen, noch irgend ein Gleichniß [. . . ]. Dieses
tät aufgehoben findet, mit der die Natur als eine Gebot allein kann den Enthusiasm erklären, den
gewaltige zerstörerische Macht erscheint. Die Be­ das jüdische Volk in seiner gesitteten Epoche für

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
540 | Erhard, Johann Benjamin

seine Religion fühlte, wenn es sich mit andern der Gesetzgebung, die aber nur zum Teil fertig
Völkern verglich“ (5:274). gestellt wurde. 1795 erschienen zwei von Kants
praktischer Philosophie beeinflusste Abhandlun­
Weiterführende Literatur gen: Prinzip der Gesetzgebung und Über die Un­
Crowther, Paul: The Kantian Sublime. From Mora­ schuld. Außer den genannten Titeln verfasste er
lity to Art, Oxford u. a.: Clarendon Press 1989. 1795 auch eine Apologie des Teufels. In diesem und
Guyer, Paul: „The symbols of freedom in Kant’s den nächsten Jahren versuchte er zudem, Kants
Aesthetics“, in: Parret, Herman (Hg.): Kants Äs­ Erkenntnistheorie auf die Medizin anzuwenden.
thetik. Kant’s Aesthetics. L’esthetique de Kant, Im Neuen Teutschen Merkur erschien 1795 sein
Berlin u. a.: de Gruyter 1998, 338–355. Aufsatz Über die Medizin (→ Medizin), 1799 folgten
Loose, Donald: The Sublime and Its Teleology: zwei Aufsätze in Andr. Röchlands Magazin der
Kant – German Idealism – Phenomenology, Vervollkommnung der theoretischen und prakti­
Leiden: Brill 2011. schen Heilskunde: Über die Möglichkeit der Heils­
Makkreel, Rudolf A.: „On Sublimity, Genius and kunst und Heilskunde. Zudem war Erhard auch
the Explication of Aesthetic Ideas“, in: Parret, mit der Verteidigung der kritischen Philosophie
Herman (Hg.): Kants Ästhetik. Kant’s Aesthe­ beschäftigt, insbesondere mit einer kritischen
tics. L’esthetique de Kant, Berlin u. a.: de Gruy­ Schrift gegen → Friedrich Nicolai (1733–1811): An
ter 1998, 615–629. Herrn Frdr. Nicolai (1798). Auch Kant beteiligte
Park, Kap Hyun: Kant über das Erhabene: Re­ sich an dieser Kritik Nicolais in zwei Briefen, die
konstruktion und Weiterführung der kritischen unter dem Titel Über die Buchmacherei erschienen
Theorie des Erhabenen Kants, Würzburg: Kö­ (vgl. 8:431–438).
nigshausen und Neumann 2009.
Recki, Birgit: Ästhetik der Sitten. Die Affinität von Weiterführende Literatur
ästhetischem Gefühl und praktischer Vernunft Adickes, Erich: German kantian bibliography,
bei Kant, Frankfurt/M.: Klostermann 2001, ins­ Würzburg: A. Liebling 1966.
bes. 187–220. Brigitte Sassen
Birgit Recki

Erinnerungsvermögen
Erhard, Johann Benjamin Das Erinnerungsvermögen wird in der → Anthro­
Deutscher Arzt und Philosoph (1766–1827), ein frü­ pologie in pragmatischer Hinsicht als auf der re­
her Anhänger und Verteidiger der kantischen Phi­ produktiven Einbildungskraft beruhendes „Ver­
losophie. Erhard studierte Philosophie in Nürn­ mögen sich vorsetzlich das Vergangene zu verge­
berg, wurde 1799 Arzt in Berlin. In einem Brief genwärtigen“ (7:182) definiert. Weitere wichtige
an Kant vom 12. Mai 1786 drückte er Dank und Stellen: 7:182–185; 15:145f.
Bewunderung für Kant aus, da die kritische Phi­
losophie ihn „bis zu den Stralen ächter Philo­ Verwandte Stichworte
sophie“ gebracht habe (10:446). In den folgen­ Assoziation; Einbildungskraft, produktive/
den Jahren schrieb er mehrere Male an Kant reproduktive; Gedächtnis
(vgl. 11:305–309; 11:381–382; 11:406–408; 12:51–52;
12:143–144; 12:305–306), obwohl Kant nur sel­ Philosophische Funktion
ten auf seine Briefe antwortete (vgl. 11:398–399; Das Erinnerungsvermögen gilt als empirische
12:296–297). 1791 besuchte er Kant in Königs­ Voraussetzung einer zusammenhängenden Er­
berg. fahrung und beruht auf Assoziation. Seine pri­
Ein enger Freund → Reinholds (für eine Zeit märe Leistung ist das Gedächtnis (vgl. 7:182;
lebte er sogar in Reinholds Haus), war Erhard vor → Gedächtnis). Ein gestörtes Erinnerungsvermö­
allem mit Kants Philosophie beschäftigt und ver­ gen gehört zur „Verkehrtheit des Kopfes [. . . ].
suchte die kritische Philosophie auf andere Gebie­ Der bejahrte Murrkopf, welcher fest glaubt,
te (Gesetzgebung, Medizin) anzuwenden. In der daß in seiner Jugend die Welt viel ordentli­
Mitte der 1790er Jahre arbeitete er an einer Theorie cher und die Menschen besser gewesen wären,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis | 541

ist ein Phantast in Ansehung der Erinnerung“ 2:295; 2:411ff.; 2:393f.; KrV A VIIIff.; KrV B X; KrV
(2:267). B XVIIff.; KrV A 50ff. / B 74ff.; KrV A 76ff. / B 102ff.;
Stefan Heßbrüggen-Walter KrV B 137; KrV B 147f.; KrV B 165f.; KrV A 176f. /
B 218f.; KrV A 712ff. / B 740ff.; 4:256ff.; 4:297ff.;
5:167ff.; 5:174ff.; 5:189ff.; 5:238ff.; 5:467ff.; 9:21ff.;
Erkennen 9:40ff.; 9:50ff.; 9:58f.; 9:64ff.; 11:51; 22:363; 22:440;
→ Denken/Erkennen 22:493; 22:502; 22:549.

Verwandte Stichworte
Erkenntnis Gültigkeit, objektive; Kategorie; Wissenschaft
Den Ausdruck ‚Erkenntnis‘ verwendet Kant zu­
meist für objektiv gültige Urteile (vgl. z. B. KrV Philosophische Funktion
B 3f.; 20:266), aber auch für „Vorstellungen mit 1 Das Erkenntnisproblem und Kants Projekt
Bewußtsein“ (KrV A 320 / B 377), die keine Urteile 1.1 In seiner theoretischen Philosophie stellt sich
sind, sofern sie sich auf einen Gegenstand bezie­ Kant die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein
hen („objektive Perzeption“, d. h. Anschauung müssen, damit eine objektive Beziehung auf Ge­
oder Begriff, KrV A 320 / B 377). Unter Erkenntnis genstände und wahre Aussagen über diese mög­
im ersteren Sinn versteht Kant im Wesentlichen lich sind. Die sinnliche → Wahrnehmung allein
„empirische Erkenntnis“ oder „Erfahrung“ (KrV als primärer Zugang zur Welt kann dem Anspruch
B 147). Sie bezeichnet das unter apriorische For­ auf objektive Gültigkeit nicht gerecht werden, weil
men gebrachte Anschauungsmaterial durch den in den wechselhaften, kontingenten sinnlichen
→ Verstand nach erfahrungsunabhängigen Grund­ → Vorstellungen eine für Erkenntnis notwendige
sätzen und ist das Resultat der aktiven Herstellung Regel, die dadurch erst Objektivität verbürgen
eines einheitlichen systematischen Zusammen­ könnte, nicht aufgezeigt werden kann (vgl. 4:468).
hangs (vgl. 4:322f.) und damit im Ergebnis „ein Nach Kant gilt es daher, nicht-sinnliche (aprio­
Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellun­ rische) Bedingungen innerhalb eines mentalen
gen“ (KrV A 97). Erkenntnis qua objektives Ur­ Objektbezuges nachzuweisen, von denen gezeigt
teil ist nach Kant stets diskursiv strukturiert, d. h. wird, dass sie zu Recht auf einen Gegenstand der
sie ist begrifflich verfasst und entspricht weitge­ Erfahrung angewandt werden können. Insofern
hend dem, was in der heutigen Philosophie als befasst sich die transzendentale Fragestellung
Wissen bezeichnet wird. Von der gegenständli­ Kants im engeren Sinn „mit unserer Erkenntnißart
chen Erkenntnis unterscheidet Kant (insbeson­ von Gegenständen, so fern diese a priori möglich
dere in den kritischen Schriften) die eng mit dem sein soll“ (KrV B 25). In den vorkritischen Schriften
Begriff der Metaphysik verbundene reine oder geht Kant noch davon aus, dass eine Erkenntnis
transzendentale Erkenntnis, auch → Vernunfter­ (hier überwiegend als Übersetzung von cognitio
kenntnis oder philosophische Erkenntnis genannt, verwendet, vgl. 1:390) unabhängig von den Bedin­
die sich auf den Nachweis der Gültigkeit und die gungen der Erfahrung, mithin eine rein intellek­
Anwendbarkeit nicht-sinnlicher Grundsätze des tuelle Erkenntnis, möglich ist (vgl. 2:392ff.). Eine
Erkennens von Gegenständen bezieht (vgl. KrV solche Position weist Kant in den kritischen Schrif­
A 840 / B 868); von der philosophischen Erkennt­ ten als ‚dogmatisch‘ zurück: Wie die → Dinge an
nis unterscheidet Kant sowohl die → mathemati­ sich beschaffen sind, entzieht sich der Erkenntnis
sche Erkenntnis, die eine apriorische Erkenntnis und einem wahrheitsfähigen Urteil; der Begriff
„aus der Construction der Begriffe“ darstellt (KrV des Dinges an sich fungiert lediglich als Annahme,
A 713 / B 741), als auch die auf empirischen Da­ die das Gegebensein von Erfahrungsdaten begreif­
ten basierende → historische Erkenntnis (vgl. KrV bar machen soll (→ Idealismus, transzendentaler).
A 836 / B 864; 9:22ff.). Im Gegensatz zu den → theo­ Allein wie uns die Dinge unter den Bedingungen
retischen Erkenntnissen, wodurch erkannt wird, der → Sinnlichkeit erscheinen (→ Erscheinung),
„was da ist“, wird durch → praktische Erkennt­ ist möglicher Bezugspunkt für die Erkenntnis. Da­
nisse vorgestellt, „was da sein soll“ (KrV A 634 / her kann der Rechtfertigungsgrund für Erkenntnis
B 662; vgl. 9:86). Weitere wichtige Stellen: 1:31; nur auf dem Wege einer kritischen Analyse der

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
542 | Erkenntnis

beteiligten Vermögen hinsichtlich ihrer „Quellen, semantisch analysiert und definiert sein, wofür
als des Umfanges und der Gränzen“ (KrV A XII) jedoch weitere Bedingungen, etwa sprachliche
aufgezeigt werden. Bedeutungsregeln, angegeben werden müssten
1.2 In einem weiter gefassten Sinn hat der Er­ (vgl. Quine, Two Dogmas of Empiricism; Cramer,
kenntnisbegriff eine kritische Funktion für die Die Einleitung).
Klärung von Kants programmatischer Frage, ob 2.2 Im Unterschied zu analytischen Urteilen, in
→ Metaphysik als Wissenschaft möglich sei (vgl. denen der Begriff des Prädikats im Begriff des
KrV B 22ff.). Ausgangspunkt ist die kritische Hin­ Satzsubjekts enthalten ist, sind synthetische Ur­
terfragung der im 18. Jahrhundert weit verbrei­ teile Erweiterungsurteile. Da hier der Begriff des
teten Theoreme der rationalistischen Metaphy­ Prädikats nicht bereits analytisch im Subjektterm
sik der Schule → Leibniz’ und → Wolffs. In ihnen vorhanden ist, wird der begriffliche Gehalt des
werden, so Kant, → synthetische Urteile a priori Satzsubjektes durch ein solches Urteil erweitert.
über die Existenz → Gottes, die Unsterblichkeit Bei synthetischen Urteile a priori handelt es sich
der → Seele und den Ursprung der → Welt gefällt, näher um Urteile, die nicht auf Erfahrung basie­
ohne jedoch den Bezug zur Erfahrung zuvor zu ren und die darum apriorisch gewiss sind, etwa
rechtfertigen. der Satz „Alles, was geschieht, hat seine Ursache“
Demgegenüber ist nach Kant das Programm (KrV B 13): Aus dem Begriff des Geschehens lässt
einer apriorischen Gegenstandserkenntnis, d. h. sich der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht
einer Metaphysik als theoretischer Wissenschaft, ableiten.
nur als Metaphysik der Erfahrung möglich, als 2.3 Beispiele für synthetische Urteile a priori
nicht-empirische Theorie der nicht-empirischen sind in Sätzen formulierte → mathematische Er­
Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrungser­ kenntnisse. „Mathematische Urtheile sind insge­
kenntnis. samt synthetisch“ (4:268). Bei der mathemati­
schen Erkenntnis handelt es sich um eine Form
2 Die Unterscheidung zwischen synthetischen der (erweiternden) → Vernunfterkenntnis, die
und analytischen Urteilen Kant näher als eine Erkenntnis aus der „Construc­
Hinsichtlich der Tatsache, dass Erkenntnisse in tion der Begriffe“ bezeichnet (KrV A 713 / B 741;
Urteilen bzw. Sätzen formuliert werden (in der vgl. 4:272): Indem der Mathematiker z. B. eine be­
Form ‚S ist P‘), führt Kant eine epistemologisch be­ stimmte geometrische Figur zeichnet (im Raum,
deutsame urteilstheoretische Unterscheidung ein: als apriorischer Anschauungsform), konstruiert er
die Unterscheidung zwischen synthetischen Ur­ zugleich den allgemeinen Begriff der Figur, „ohne
teilen und analytischen Urteilen (→ Urteil, analy­ das Muster dazu aus irgend einer Erfahrung ge­
tisches/synthetisches; vgl. KrV B 10ff., 4:265–271). borgt zu haben“ (KrV A 713 / B 741; → Mathematik).
Grundsätzlich sind Urteile wahr, wenn sie durch
objektiv ausgewiesene Gründe bestimmt sind; 3 Erkenntnisvermögen und Strukturmerkmale
werden dagegen subjektive Gründe, die etwa al­ der Erkenntnis
lein auf sinnlicher Wahrnehmung basieren, für Kants Begriff der gegenständlichen Erkenntnis
objektiv gehalten, liegt falsche Erkenntnis vor (vgl. (→ Erfahrung) basiert auf einer dualistischen Kon­
9:54; KrV A 709 / B 737). zeption. Der mit Erkenntnis einhergehende An­
2.1 Analytische Urteile sind Sätze, in denen das spruch auf objektive Gültigkeit kann berechtigter­
Prädikat im Satzsubjekt enthalten ist, so dass sie weise erhoben werden, sofern zum einen erfah­
zum einen keine inhaltliche Erweiterung darstel­ rungsunabhängige Bedingungen (reine Anschau­
len und zum anderen aufgrund des Satzes vom ungsformen, reine Begriffe und Grundsätze) inner­
(auszuschließenden) Widerspruch logisch wahr halb der objektbezogenen Erfahrung ausgewiesen
sind. Allerdings gilt mit Blick auf die von Kant in sind, und zum anderen sinnlich gegebene Da­
der Einleitung der KrV genannten Beispiele (etwa ten vorliegen, auf die sich die Verstandesleistun­
„[A]lle Körper sind ausgedehnt“, KrV A 7 / B 11) die gen beziehen. Diesen Voraussetzungen entspricht
Forderung, dass der → Satz vom Widerspruch nur es, dass am Prozess der Gegenstandskonstitution
auf sinnvolle Sätze anzuwenden ist. Es müssen zwei voneinander unabhängige und nicht aufein­
daher zunächst die im Urteil verwendeten Begriffe ander reduzierbare Erkenntnisstämme maßgeb­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis | 543

lich beteiligt sind: Sinnlichkeit und Verstand (vgl. 3.3 Nach Kant liegt die Quelle aller Synthe­
KrV A 15 / B 29; 7:140ff.; 10:98). Die → Urteilskraft sis in einer Verstandeshandlung, die sämtli­
als das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, chen Formen der Synthesis gemeinsam zugrun­
vermittelt durch zeitlich strukturierte → Schemata de liegt, ohne selbst von einer noch höheren
zwischen Sinnlichkeit und Verstand (→ Analytik Verbindung abzuhängen (→ Deduktion, trans­
der Grundsätze). zendentale; vgl. KrV B 129ff.). Diese höchste
3.1 Erkenntnis hebt nach Kant mit der sinnli­ Einheit, als oberste Bedingung alles Denkens
chen Wahrnehmung an (vgl. KrV B 1; KrV A 298 / und aller Kategorien, bezeichnet Kant als die
B 355; 22:450), die – rezeptiv – sinnliche Daten transzendentale Apperzeption des Selbstbewusst­
unmittelbar erfasst. Dabei muss nach Kant zu­ seins (→ Apperzeption, Einheit der). „Und so ist
nächst als problematisch angesehen werden, dass die synthetische Einheit der Apperception der
wir uns im gegenständlichen Erkennen auf sinn­ höchste Punkt, an dem man allen Verstandes­
lich gegebenes Material überhaupt beziehen kön­ gebrauch, selbst die ganze Logik, und nach ihr,
nen. Entsprechend besteht ein Argumentations­ Transscendental-Philosophie heften muß“ (KrV
ziel von Kants Theorie der Sinnlichkeit darin, die B 134 Anm.).
Bedingungen der Möglichkeit einer epistemischen
Bezugnahme auf genau diejenigen Objekte, die 4 Weitere Erkenntnistypen: Historische und
Gegenstände der Erfahrung sind, aufzuzeigen. praktische Erkenntnis
Dies geschieht auf dem Wege des Nachweises von 4.1 Die historische Erkenntnis grenzt Kant von
apriorischen Bestimmungen der Sinnlichkeit: den der → rationalen Erkenntnis ab, die allein als
reinen Anschauungsformen → Raum und Zeit, un­ philosophische Erkenntnis Bestand hat. Histo­
ter denen uns Sinnesdaten, als → Anschauungen, rische Erkenntnisse basieren auf erlernten Da­
die erkenntnisrelevant sind, allein gegeben wer­ ten („cognitio ex datis“, KrV A 836 / B 864), die
den können. sich reproduzieren lassen. Im Ergebnis entspre­
3.2 Die Ordnung sinnlicher Daten wird durch chen historische Erkenntnisse im Wesentlichen
Leistungen des Verstandes, eine → Synthesis (d. h. dem, was man heute als Faktenwissen bezeich­
eine → Verknüpfung) von sinnlichen Daten nach nen würde, das im semantischen Gedächtnis ge­
allgemeinen Regeln, hergestellt (vgl. KrV A 77 / speichert wird. Wer allein über historische Er­
B 103). Den Kern dieser Regeln bildet das System kenntnisse verfügt, „bildete sich nach fremder
reiner Verstandesbegriffe (→ Kategorie), ein fes­ Vernunft“ (KrV A 836 / B 864); dagegen liegen
ter Satz apriorischer Grundoperationen, die für Vernunfterkenntnisse vor, wenn jemand etwas
die Gegenstandserkenntnis leitend und bestim­ genuin im Rekurs auf Gründe und Prinzipien
mend sind und die im Verstand ihren Ursprung („cognitio ex principiis“, KrV A 836 / B 864) be­
haben. Weil sie in den unterschiedlichen kon­ greift.
kreten → Erkenntnisurteilen wirken, leitet Kant 4.2 Die → praktische Erkenntnis unterscheidet
die Kategorien aus dem System der logischen Ur­ sich von der theoretischen Erkenntnis durch die
teilsformen ab (→ Logik; → Deduktion; → Urteil). Art und Weise, wie sie auf einen Gegenstand Be­
Kritisiert wurde dieses Vorgehen allerdings z. B. zug nimmt (vgl. KrV B X). Während die theoreti­
hinsichtlich der methodischen Grundannahmen sche Erkenntnis mit der korrekten Beschreibung
(vgl. Strawson, The Bounds of Sense) sowie im von Gegenständen der Außenwelt befasst ist und
Hinblick auf Kants Anspruch, die Kategorientafel entsprechend aus deskriptiven Sätzen besteht,
würde sämtliche kognitiven Grundoperationen bezieht sich die praktische Erkenntnis auf rich­
erschöpfend wiedergeben (vgl. etwa Wolff, Die tiges Handeln; entsprechend werden praktische
Vollständigkeit). Durch die strikte Bindung der Erkenntnisse in präskriptiven Sätzen (→ Impera­
objektiven Erkenntnis an die Gegebenheit sinn­ tiv) formuliert. Die praktische Erkenntnis gründet
licher Daten folgt Kant einerseits den Empiris­ auf Prinzipien, die „das Thun und Lassen a priori
ten; anderseits bleibt er mit seiner Theorie von bestimmen und nothwendig machen“ (KrV A 841 /
apriorischen/reinen Elementen (des Verstandes B 869), im engeren Sinn auf dem Sittengesetz als
und der Sinnlichkeit) den Rationalisten verpflich­ Bestimmungsgrund des reinen Willens (vgl. 5:20;
tet. 5:134).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
544 | Erkenntnis, deutliche

Weiterführende Literatur rend „die totale Klarheit der subordinierten Merk­


Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urteile male“ die „intensiv vollständige Deutlichkeit“
a priori. Ein Problem der Transzendentalphilo­ bzw. „Profundität“ (9:62) heißt. Von einer un­
sophie Immanuel Kants, Heidelberg: Universi­ deutlichen unterscheidet sich eine deutliche Er­
tätsverlag Winter 1985. kenntnis „ganz und gar nicht dem Inhalte nach.
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge, Dieser bleibt derselbe, nur die Form wird ver­
Cambridge Mass.: Cambridge University Press ändert, indem ich das, was in dem gegebenen
1987. Begriffe schon lag, nur besser unterscheiden
Paton, Herbert J.: Kant’s Metaphysic of Experience. oder mit klärerem Bewußtsein erkennen lerne“
A Commentary on the First Half of the Kritik (9:64).
der reinen Vernunft, 2 Bde., London: Allen & Kant unterscheidet des Weiteren zwischen
Unwin 1936. einer logischen und einer ästhetischen Deut­
Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London: lichkeit: „Jene ist eine Klarheit durch Begriffe,
Methuen 1966, Part II, Ch. 2–3. diese eine Klarheit durch Anschauung“. Letzte­
Katja Crone re meint eine „Klarheit durch Beispiele in con­
creto“, die „nicht als Theile zum Begriffe, son­
dern als Anschauung nur zum Gebrauche des
Erkenntnis, deutliche Begriffs“ gehören (9:62). Daher lehnt Kant die
Eine deutliche Erkenntnis ist Kant zufolge eine Auffassung der → Leibniz-Wolffschen Schule ab,
solche, die in jedem Detail bzw. in Bezug auf jedes der zufolge nur eine Verstandeserkenntnis deut­
ihrer Merkmale klar ist (vgl. 9:64; 9:140). Weitere lich sein kann (vgl. z. B. KrV A 248; KrV A 43f. /
wichtige Stellen: 2:48; 2:280; 2:284; 2:293; KrV B 60f.; 7:140f.). Ferner unterscheidet Kant zwi­
A 43f. / B 60f.; KrV A 248; 7:138; 7:140f.; 8:216ff.; schen einer analytischen und einer synthetischen
29:834f. Deutlichkeit (vgl. 9:63). Während die erstere sich
nur auf die in einem gegebenen Begriff schon
Verwandte Stichworte enthaltenen Merkmale bezieht, betrifft die zwei­
Deutlichkeit; Vorstellung, deutliche/undeutli­ te „das, was über denselben in der (reinen oder
che; Merkmal empirischen) Anschauung als Merkmal hinzu­
kommt“ und seinen Inhalt „wirklich erweitert“
Philosophische Funktion (9:63).
Kant bezeichnet die Deutlichkeit einer Erkennt­ Stefano Bacin
nis als die „logische Vollkommenheit“ derselben
„der Qualität nach“ (9:38; vgl. 9:58ff.). Ähnlich
wie → Leibniz, → Wolff und → Meier fasst Kant
die Deutlichkeit einer Erkenntnis als höheren
Erkenntnis,
Grad ihrer → Klarheit auf (vgl. Leibniz, Medi­ diskursive/intuitive
tationes, S. 585–587; Wolff, Logica, § 88; Meier, Diskursive Erkenntnis ist „Erkenntniß durch Be­
Auszug, § 14). Kant nennt eine Erkenntnis deut­ griffe“ (KrV A 68 / B 93), intuitive Erkenntnisse
lich, von der das Subjekt ein vollständig kla­ sind Erkenntnisse „aus der Construction der Be­
res Bewusstsein hat, so dass es alle ihre → ‚Teil­ griffe“ (KrV A 713 / B 741), die „a priori in der
vorstellungen‘ (Merkmale) unterscheiden kann. Anschauung“ (KrV A 722 / B 750) erzeugt sind
Dem entspricht die „vollständige Deutlichkeit, und „von Begriffen zur Anschauung, nicht aber
sofern alle Merkmale, die zusammen genom­ von der Anschauung zu Begriffen ausgehen“
men den ganzen Begriff ausmachen, bis zur Klar­ (KrV A 160 / B 199). Weitere wichtige Stellen: KrV
heit gekommen sind“ (9:62). Die vollständige A 106; KrV B 146; KrV B 158; KrV A 131 / B 170; KrV
Deutlichkeit bezieht sich entweder auf die ein­ A 230 / B 283; KrV A 255f. / B 311f.; KrV A 712–732 /
ander „coordinirten“ oder „subordinirten Merk­ B 740–760; 4:295; 5:406f.
male“. Dem entspricht die „extensiv vollstän­
dige oder zureichende Deutlichkeit eines Be­ Verwandte Stichworte
griffs, die auch die Ausführlichkeit heißt“, wäh­ intuitiv/diskursiv; Mathematik

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis, empirische/reine | 545

Philosophische Funktion erfüllt sein müssen, damit die Erkenntnis von Ge­
Gegenständliche Erkenntnis heißt, „daß ich mei­ genständen, die Kant als empirische Erkenntnis
nen Gegenstand nach den Bedingungen entweder bzw. Erfahrung bezeichnet, sowie entsprechende
der empirischen Anschauung, oder der reinen An­ wahrheitsfähige → Urteile möglich sind. Diese Art
schauung bestimme“ (KrV A 718 / B 746). „In die­ der Erkenntnis heißt deswegen empirisch, weil sie
ser Form besteht also der wesentliche Unterschied in der → Sinnlichkeit ihren → Ursprung hat und
dieser beiden Arten der Vernunfterkenntniß“ (KrV daher im Rekurs auf sie zu begründen ist: Der
A 714 / B 742) – „zwischen dem discursiven Ver­ dualistischen Konzeption von Kants Erkenntnis­
nunftgebrauch nach Begriffen und dem intuitiven theorie entsprechend ist die Gegenstandserkennt­
durch die Construction der Begriffe“ (KrV A 719 / nis einerseits auf das Gegebensein empirischer
B 747). Daten und andererseits auf apriorische → Begriffe
David Süß
und Anschauungsformen, durch die Gegenstände
gedacht werden, angewiesen. Die Aufgabe der
→ Philosophie besteht nun darin, apriorische Be­
Erkenntnis, dingungen der Gegenstandserkenntnis (reine An­
empirische/reine schauungsformen, reine Begriffe und Grundsätze)
Die Unterscheidung zwischen empirischer und und ihre Anwendbarkeit auf einen → Gegenstand
reiner Erkenntnis trifft Kant im Rückgriff auf die nachzuweisen (→ Vernunfterkenntnis), eine Vor­
zwei verschiedenen → Erkenntnisquellen bzw. die gehensweise, bei der vom Inhalt der Erfahrung
Art ihrer Rechtfertigung: → Erkenntnisse sind ent­ gänzlich abgesehen wird. Das Ergebnis dieses
weder → empirisch, wenn sie „ihre Quellen a pos­ Prozesses sind reine (apriorisch gewonnene) Er­
teriori, nämlich in der Erfahrung, haben“ (KrV kenntnisse, die zugleich eine transzendentale Be­
B 2), oder → a priori, wenn sie von aller sinnli­ deutung haben, da sie notwendige Bedingungen
chen → Wahrnehmung unabhängig sind. Obwohl von Erfahrung artikulieren. Die Theoreme der tra­
die Begriffe → rein und a priori häufig synonym ditionellen rationalen Metaphysik bestehen zwar
verwendet werden, grenzt Kant die apriorischen ebenfalls aus erfahrungsfreien Aussagen, jedoch
Erkenntnisse weiterhin ein, indem er nur diejeni­ ohne dass zuvor Bedingungen und Reichweite von
gen als rein bezeichnet, „denen gar nichts Empiri­ Erkenntnis geklärt worden seien (→ Metaphysik,
sches beigemischt ist“ (KrV B 3). Von diesen unter­ allgemeine/spezielle; → Kritik). Im Rahmen einer
scheidet Kant wiederum nicht-reine Erkenntnisse Metaphysik, die als Wissenschaft möglich ist, hat
a priori, in denen u. a. ein aus der Erfahrung stam­ nach Kant daher nur diese Art reiner Erkenntnisse
mender Begriff enthalten ist (vgl. KrV B 3). Des Bestand.
Weiteren sind reine Erkenntnisse, im Gegensatz
zu empirischen Erkenntnissen, durch die Merk­ 2 Der Anspruch auf Gültigkeit
male der → Notwendigkeit und strengen → Allge­ Empirische und reine Erkenntnisse, die – als Er­
meinheit gekennzeichnet (vgl. KrV B 3–5). Weitere kenntnisse – in Urteilen bzw. Sätzen formuliert
wichtige Stellen: 2:305; 4:265ff.; 4:468ff.; 4:281; werden, sind mit unterschiedlichen Gültigkeits­
4:298; 4:468ff.; 4:470; 5:191; 7:167; 9:27ff.; 9:51ff.; ansprüchen verbunden.
9:67ff.; 9:84ff.; 9:139ff.; 9:156ff.; 20:275; 20:323; 2.1 Reine Erkenntnis, im Unterschied zur empiri­
22:102; 22:464. schen, ist durch die Merkmale der Notwendigkeit
und uneingeschränkten Allgemeinheit, d. h. durch
Verwandte Stichworte die Unmöglichkeit des Andersseinkönnens sowie
Gültigkeit, objektive; Erfahrung; a priori / die Unmöglichkeit einer Ausnahme gekennzeich­
a posteriori net (vgl. KrV B 4). Ausschlaggebend hierfür ist,
dass solche Erkenntnisse nicht aus einer empi­
Philosophische Funktion rischen → Quelle, der sinnlichen → Anschauung,
1 Die programmatische Unterscheidung stammen, sondern im Rückgriff auf nicht-sinnli­
zwischen reiner und empirischer Erkenntnis che Bedingungen gewonnen werden. Allgemeine
Das epistemologische Ziel von Kants theoretischer und streng notwendige Urteile sind z. B. „alle Sät­
Philosophie ist es zu zeigen, welche Bedingungen ze der Mathematik“ (KrV B 4; vgl. KrV B 8). Ferner

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
546 | Erkenntnis, empirische/reine

führt Kant eine weitere Unterscheidung ein, und Einteilung von analytischen und synthetischen
zwar die zwischen reinen Erkenntnissen a prio­ Urteilen a priori und a posteriori wider (→ Urteil,
ri und nicht-reinen Erkenntnissen a priori. Als analytisches/synthetisches). Reine Erkenntnis
Beispiel für einen apriorischen, aber nicht reinen kann in analytischen oder synthetischen Urteilen
Satz nennt Kant: „[E]ine jede Veränderung hat ih­ formuliert sein; dagegen artikuliert sich empi­
re Ursache“ (KrV B 3; Prinzip der → Kausalität). Er rische Erkenntnis nach Kant immer in syntheti­
ist deswegen nicht rein, weil der Begriff der → Ver­ schen Urteilen.
änderung auf sinnliche Anschauung angewiesen 3.1 Reine Erkenntnisse, die in analytischen Ur­
ist, aber die → Verknüpfung apriorisch erfolgt (vgl. teilen formuliert werden, sind so genannte „Er­
KrV B 3). Unter reine Erkenntnisse a priori fallen läuterungs[urtheile]“ (KrV B 11; vgl. KrV A 7). Diese
nach Kant z. B. Sätze der reinen → Mathematik sind dadurch gekennzeichnet, dass das Prädikat
(vgl. KrV B 14f.). über das Subjekt des Urteils etwas aussagt, was
2.2 Die empirische Erkenntnis ist nicht von stren­ begrifflich bereits im Subjektterm liegt. Begrif­
ger Notwendigkeit und Allgemeinheit, sondern von fe, die in einem solchen Urteil enthalten sind,
„blos empirischer Gewißheit“ (4:468) geprägt. „Er­ können zwar der Erfahrung entstammen (→ Er­
fahrung lehrt uns zwar, daß etwas so oder so be­ fahrungsbegriff), das Urteil selbst ist aber von
schaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders sein der Erfahrung unabhängig: Denn der Begriff des
könne“ (KrV B 3). Bei den empirischen Erkenntnis­ Satzsubjekts ist mit dem Begriff des Prädikats qua
urteilen unterscheidet Kant zwischen Erfahrungs­ logische Identität verknüpft (vgl. 4:267). Insofern
urteilen und Wahrnehmungsurteilen (vgl. 4:298; sind Erkenntnisse in der Form analytischer Urteile
→ Erfahrungsurteil/Wahrnehmungsurteil). Stellt notwendigerweise wahr und streng allgemeine
die Empirie, also konkrete sinnliche Vorstellun­ Sätze (vgl. Cramer, Die Einleitung, S. 62).
gen, den einzigen Bezugspunkt für Regeln dar, auf 3.2 Erkenntnisse, die in synthetischen Urteilen
die man in Urteilen zurückgreift, dann kann auf formuliert werden, sind dagegen „Erweiterungsur­
diese Weise kein Anspruch auf strenge Notwen­ theile“ (KrV B 11; vgl. KrV A 7); in solchen Urteilen
digkeit geltend gemacht werden; denn sinnliche wird das Prädikat mit dem Subjekt des Urteils
Vorstellungen sind zufällig. Insofern handelt es verknüpft, ohne dass der Verknüpfung logische
sich bei Wahrnehmungsurteilen meist um Aussa­ Identität zugrunde liegt. Empirische Erkenntnis­
gen über Tatsachen, die anschaulich gegeben sind se, in Sätzen wiedergegeben, sind so genannte
und sich direkt empirisch überprüfen lassen. Die Erfahrungsurteile. „Erfahrungsurtheile, als solche,
epistemologisch gehaltvolleren Erfahrungsurteile, sind insgesamt synthetisch“ (KrV B 11): In einem
die mit einem Anspruch auf objektive Gültigkeit Urteil, das aus Begriffen besteht, die aus der sinn­
formuliert werden, „erfordern jederzeit über die lichen Wahrnehmung stammen, etwa ‚die Straße
Vorstellungen der sinnlichen Anschauung noch ist nass‘, wird über den Gegenstand (hier ‚Stra­
besondere, im Verstand ursprünglich erzeugte ße‘) inhaltlich mehr ausgesagt, als der Begriff
Begriffe, welche es eben machen, daß das Erfah­ allein für sich genommen enthält. Allerdings lässt
rungsurteil objektiv gültig ist“ (4:298). Erfahrungs­ sich die erkenntnistheoretische Frage, unter wel­
urteile, so lässt sich Hinweisen in der „Trans­ chen Voraussetzungen die Subjekt-Prädikat-Ver­
zendentalen Dialektik“ der KrV (KrV A 293–704 / bindung in synthetischen Urteilen gerechtfertigt
B 349–732) und im Opus postumum entnehmen, ist, auf der Basis von empirischen Erkenntnissen
treten nach Kant nicht einzeln auf, sondern sie nicht beantworten. Allein reine Erkenntnisse in
sind Teil eines übergreifenden Systems miteinan­ Form von → synthetischen Urteilen a priori kön­
der verknüpfter Urteile (vgl. KrV A 97; KrV A 671ff. / nen den Status einer (epistemologischen) Begrün­
B 699ff.; 22:439f.; 22:447; 22:450; 22:497; 22:265; dung haben, denn nur sie können „apodiktische
dazu Rohs, Wahrnehmungsurteile, S. 171f.). Gewißheit“ (4:469) verbürgen. Dem entspricht,
dass nach Kant eine Theorie der empirischen Er­
3 Analytische und synthetische Urteile kenntnis auf einem System reiner Erkenntnisse,
Die jeweilige Reichweite des Gültigkeitsanspruchs das heißt synthetischer Urteile a priori, aufbau­
von empirischen und reinen Erkenntnissen spie­ en muss. Die Aufstellung und Anwendung eines
gelt sich auch in der epistemologisch relevanten solchen Systems ist Gegenstand der Folgediszi­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis, historische | 547

plin, der mathematisch begründeten Naturwis­ 21. 2. 1772, 10:129ff.). Dieser rein immanente Ver­
senschaft (→ Metaphysische Anfangsgründe der standesgebrauchs besagt, dass sich Erkenntnis
Naturwissenschaft). nur darauf beziehen kann, wie uns die Gegen­
stände gemäß den Bedingungen der Sinnlichkeit
Weiterführende Literatur erscheinen; die Beschaffenheit der Dinge an sich,
Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urteile losgelöst von den subjektiven Bedingungen, ent­
a priori. Ein Problem der Transzendentalphi­ zieht sich der Erkenntnis und damit des wahrheits­
losophie Immanuel Kants, Heidelberg: Winter fähigen → Urteils. Die so verstandene Grenzzie­
1985. hung entspricht dem Kerngedanken der kritischen
Rohs, Peter: „Wahrnehmungsurteile und Erfah­ Erkenntnistheorie Kants (→ Kritik): „[D]ie Grenz­
rungsurteile“, in: Schönrich, Gerhard / Kato, bestimmung der reinen Vernunft“ ist der „Haupt­
Yasushi (Hg.): Kant in der Diskussion der Mo­ zweck des [kritischen] Systems“ (4:474 Anm.).
derne, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996, 166–189. Neben dieser epistemologischen Bedeutung
Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London: fungiert die verbindliche Angabe von Erkenntnis­
Methuen 1966. grenzen als argumentative Grundlage dafür, die
Katja Crone Lehrsätze der tradierten Metaphysik → Leibniz’
und → Wolffs sachlich wirkungsvoll zurückzu­
weisen. Die → Vernunft, so macht Kant in der
Erkenntnis, Grenzen der „Transzendentalen Dialektik“ (KrV A 293–704 /
Mit der Festlegung von Erkenntnisgrenzen meint B 349–732) der KrV deutlich, zeigt die Grenzen
Kant die auf Prinzipien a priori beruhende Anga­ der Erkenntnis auf, da sie sich beim Versuch,
be des Bereichs möglicher Erkenntnis (vgl. KrV unabhängig von den Bedingungen der Sinnlich­
A 758 / B 786). Diese Grenzziehung basiert auf der keit Erkenntnisse zu gewinnen, in Widersprüche
strikten Bindung der Verstandesleistungen an verstrickt (zur Unterscheidung zwischen analy­
die Bedingungen der Sinnlichkeit, jenseits derer tischer und dialektischer Logik vgl. Longuenesse,
keine Erkenntnis möglich ist. „Denn die Ausdeh­ Capacitiy). Insofern ist es der Standpunkt der
nung der Principien möglicher Erfahrung auf die Vernunft, von dem aus die epistemologisch not­
Möglichkeit der Dinge überhaupt ist eben sowohl wendige und metaphysikkritisch bedeutsame
transscendent, als die Behauptung der objectiven Grenzziehung vorgenommen wird (vgl. 4:361);
Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände denn die Rechtfertigung und Limitation des Ver­
nirgend als außerhalb der Grenze aller möglichen standesgebrauchs lässt sich nicht immanent, das
Erfahrung finden können“ (KrV A 781 / B 809). heißt vom Standpunkt der Erfahrung aus, ange­
Weitere wichtige Stellen: KrV A 293ff. / B 349ff.; ben; dies wäre im Ergebnis eine bloße Verneinung
4:350–357; 4:360ff.; 4:458; 4:474 Anm.; 8:178; 21:57. (‚Schranke‘), aber keine Grenze, deren Begriff
die Annahme eines darüber hinaus liegenden
Verwandte Stichworte Bereichs impliziert (vgl. 4:352).
Grenze; Erfahrung, Grenze der; Ding an sich
Weiterführende Literatur
Philosophische Funktion Longuenesse, Béatrice: Kant and the Capacity to
In epistemologischer Hinsicht folgen die Grenzen Judge, Princeton: Princeton University Press
der Erkenntnis aus Kants dualistischer Konzepti­ 2 1998.

on, wonach gegenständliche → Erkenntnis durch Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London:
die beiden → Erkenntnisvermögen → Sinnlichkeit Methuen 1966.
und → Verstand zustande kommt, die wechsel­ Katja Crone
seitig aufeinander bezogen sind: Reine, nicht-
sinnliche (apriorische) → Begriffe und Grundsätze,
durch die wir Gegenstände denken, können nur Erkenntnis, historische
auf sinnlich gegebene → Daten (→ Anschauungen) Historische Erkenntnis basiert auf dem Lernen be­
angewendet werden und finden hier ihre Gren­ liebiger vorgegebener Inhalte durch bloßen Nach­
ze (vgl. auch den Brief an → Marcus Herz vom vollzug. Sie ist der rationalen Erkenntnis entge­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
548 | Erkenntnis, mathematische

gengesetzt, die eigene Einsicht in die allgemei­ respondirende Anschauung a priori darstellen“
nen Prinzipien eines Sachverhalts verlangt: „Die (KrV A 713 / B 741). „Geometrie legt die reine An­
historische Erkenntnis ist cognitio ex datis, die schauung des Raums zum Grunde. Arithmetik
rationale aber cognitio ex principiis“ (KrV A 836 / bringt selbst ihre Zahlbegriffe durch successive
B 864). Weitere wichtige Stellen: 7:226f.; 28:534. Hinzusetzung der Einheiten in der Zeit zu Stande“
(4:283). Die mathematische Erkenntnis betrachtet
Verwandte Stichworte somit „das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
Erkenntnis; Genie; Vernunft Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermit­
telst der Vernunft“ (KrV A 714 / B 742). Sie kann
Philosophische Funktion „lediglich auf Quanta gehen“, „[d]enn nur der
Mit der Unterscheidung zwischen historischer Begriff von Größen läßt sich construiren“ (KrV
und rationaler Erkenntnis knüpft Kant an Wolffs A 714 / B 742). Weitere wichtige Stellen: 2:278ff.;
Discursus praeliminaris (vgl. § 17) sowie Meiers KrV B IXff.; KrV B 14ff.; KrV A 87 / B 120; KrV B 147;
Auszug (vgl. §§ 18–20; vgl. 16:94–101) an. Die Un­ KrV A 159–160 / B 198–199; KrV A 163 / B 204f.; KrV
terscheidung bezieht sich nicht auf die Inhalte A 239 / B 298f.; KrV A 712 / B 741ff.; 4:272; 4:281ff.;
der Erkenntnis, sondern auf den ‚subjektiven Ur­ 8:240; 9:23; Refl. 13, 14:54; 20:337; 20:419ff.; 21:115.
sprung‘ (vgl. KrV A 836 / B 864), d. h. auf die Art
des Erkenntniserwerbs. Während rationale Er­ Verwandte Stichworte
kenntnis die eigene Einsicht in die relevanten Erkenntnis, empirische/reine; Konstruktion;
Prinzipien eines Sachverhalts erfordert, begnügt Mathematik
sich die historische Erkenntnis mit dem Erwerb
von Einsichten, die andere gewonnen haben. Die Philosophische Funktion
Inhalte historischer Erkenntnis sind beliebig. So Im Gegensatz zur philosophischen Erkenntnis,
kann man auch historische Erkenntnis von philo­ die eine → Vernunfterkenntnis aus Begriffen ist,
sophischen Theorien erwerben, sofern man diese wird die mathematische Erkenntnis von intuitiver
nur auswendig lernt, statt selbst auf die „allge­ → Evidenz begleitet (vgl. 9:70). Mathematische Er­
meinen Quellen der Vernunft“ (KrV A 837 / B 865) kenntnis liefert → synthetische Urteile a priori, de­
zurückzugehen. ren wir gewiss sind und um derentwillen wir von
Wer sich mit historischer Erkenntnis be­ der Philosophie keinen „Beglaubigungsschein er­
gnügt, der bildet sich „nach fremder Vernunft“: bitten“ müssen (KrV A 87 / B 120). Die Analyse und
„Er hat gut gefaßt und behalten, d. i. gelernt, und Erklärung ihrer Möglichkeit liefert daher wertvolle
ist ein Gipsabdruck von einem lebenden Men­ Hinweise zur Beantwortung der „allgemeinen Auf­
schen“ (KrV A 836 / B 864). Historische Erkenntnis gabe der Transscendentalphilosophie: wie sind
ist Sache des ‚allgemeinen Kopfs‘ (vgl. KrV A 836 / synthetische Sätze a priori möglich?“ (KrV B 73).
B 864), während die rationale Erkenntnis dem Die ‚transzendentale Erörterung‘ der Begriffe von
Genie vorbehalten ist. Rationale Erkenntnis im­ Raum und Zeit soll den Nachweis erbringen, dass
pliziert in Kants Augen auch die Fähigkeit zur Kants Konzeption unserer ursprünglichen Vorstel­
Kritik; sie geht in die Tiefe, während die histori­ lungen des Raumes und der Zeit als apriorische
sche Erkenntnis in die Breite geht. Ihr Horizont Anschauungen die Möglichkeit der mathemati­
ist „unermeßlich groß, denn unsre historische schen Erkenntnis verständlich macht (vgl. KrV
Erkenntniß hat keine Grenzen“ (9:41). A 24; KrV B 40–41; KrV A 31 / B 47f.).
Michael Pauen Anja Jauernig

Erkenntnis, Erkenntnis, Objekt der


Das Objekt der Erkenntnis ist nach Kant der → Ge­
mathematische genstand, auf den sich das Material der Erkenntnis
Die mathematische Erkenntnis ist „die Vernunfter­ bezieht, das heißt der Inbegriff kategorial geord­
kenntnis [. . . ] aus der Construction der Begriffe. neter, begrifflich bestimmter → sinnlicher Vorstel­
Einen Begriff aber construiren, heißt: die ihm cor­ lungen. „Object aber ist das, in dessen Begriff das

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis, praktische | 549

Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung ver­ Verwandte Stichworte


einigt ist“ (KrV B 137), also nach notwendigen Re­ Gültigkeit, objektive; Gültigkeit, subjektive;
geln, und „welches wir außer uns setzen“ (20:276), Gewissheit
was auf die apriorische Anschauungsform des
→ Raumes verweist. Weitere wichtige Stellen: KrV Philosophische Funktion
B 1; KrV A 189ff. / B 234ff.; KrV A 494 / B 522; 4:298; Die Unterscheidung zwischen subjektiv und ob­
4:481; 5:181; 5:467; 8:404; 9:12; 9:33; 9:49ff.; 11:268; jektiv gültigen Erkenntnissen ist Ausdruck der
11:314; 20:232. transzendentalen Fragestellung in der KrV, geht
es Kant doch darum, diejenigen apriorischen Be­
Verwandte Stichworte dingungen der Sinnlichkeit und des → Verstandes
Gegenstand der Erfahrung; Erscheinung; Objekt aufzuzeigen, welche eine Bezugnahme auf sinn­
lich gegebene Wahrnehmungsdaten und insofern
Philosophische Funktion objektive Erkenntnisse rechtfertigen, die ihrerseits
Nach Kant trifft die Bezeichnung Objekt nicht auf in wahrheitsfähigen → Urteilen formuliert werden.
alle Gegenstände einer epistemischen Bezugnah­ Sind diese Bedingungen innerhalb von epistemi­
me zu. Das Objekt der Erkenntnis definiert sich schen Gegenstandsbezügen erfüllt, dann handelt
nach der Art, wie ein sinnlich gegebener Gegen­ es sich um objektive Erkenntnisse, die insofern
stand, eine Erscheinung, erfasst wird (→ Appre­ mit dem gerechtfertigten Anspruch auf objektive
hension): Ist im Prozess der Gegenstandskonsti­ Gültigkeit einhergehen: Ihnen kommt die Eigen­
tution ein Kriterium der Unterscheidung von an­ schaft der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit
deren Gegenständen der Erfahrung sowie die Not­ zu. Diese Bedingungen sind nach Kant hingegen
wendigkeit („Nöthigung“, KrV A 196f. / B 242), die nicht erfüllt, wenn epistemische Gegenstandsbe­
Sinnesdaten unter → Verstandesbegriffe zu sub­ züge allein auf subjektiver Wahrnehmung beru­
sumieren, strukturell enthalten, dann handelt es hen (→ Privaturteil) oder nach den „Gesetzen der
sich um ein Objekt der Erkenntnis: „Dasjenige Association“ gebildet werden (KrV B 142; → Asso­
an der Erscheinung, was die Bedingung dieser ziation).
nothwendigen Regel der Apprehension enthält, Katja Crone
ist das Object“ (KrV A 191 / B 236). Es ist das Ziel
von Kants Vernunftkritik, den Nachweis zu er­
bringen, dass apriorische Begriffe und Grund­ Erkenntnis, praktische
sätze auf einen Gegenstand der Erfahrung an­ Eine praktische Erkenntnis ist Kant zufolge eine
gewandt werden können, was allererst das Ob­ solche, die mittelbar oder unmittelbar präskrip­
jekt der Erkenntnis ermöglicht (vgl. KrV A 93 / tive Gründe für das Handeln liefert: „Praktische
B 126). Erkenntnisse sind nämlich entweder: 1) Imperati­
Katja Crone ve und in so fern den theoretischen Erkenntnissen
entgegengesetzt; oder sie enthalten 2) die Grün­
de zu möglichen Imperativen und werden in so
Erkenntnis, objektive fern den speculativen Erkenntnissen entgegen­
Unter objektiver Erkenntnis ist die → Erkenntnis ei­ gesetzt“ (9:86; vgl. 5:20, Refl. 2797–2799, 16:518).
nes Gegenstandes gemeint, die sowohl den aprio­ In einem nie explizit definierten Sinn versteht
rischen Bedingungen der → Sinnlichkeit als auch Kant im übrigen unter praktischer Erkenntnis ei­
den Begriffen und → Grundsätzen des reinen Ver­ ne ‚im (reinen) praktischen Gebrauch der Ver­
standes gemäß erfolgt und die demnach inter­ nunft gegründete Erkenntnis‘ (vgl. 5:103; 5:134ff.;
subjektiv – objektiv – gültig ist. Demgegenüber 6:181f.; 6:225; 20:295ff.; 22:312). Weitere wichti­
sind Erkenntnisse, die (ausschließlich) auf einer ge Stellen: 2:299; KrV B IXf.; KrV A 633 / B 661;
sinnlichen → Wahrnehmung basieren, nur „sub­ 5:57.
jectiv gültig“ (4:298). Weitere wichtige Stellen: KrV
A 194 / B 239; KrV A 201 / B 246; KrV A 217 / B 264; Verwandte Stichworte
KrV A 820ff. / B 848ff.; 5:188; 9:22; 9:33; 9:49; 9:65; praktisch; Imperativ; Sein/Sollen; Vernunft,
20:221. praktische

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
550 | Erkenntnis, praktische

Philosophische Funktion in der ganzen übrigen praktischen Erkenntniß


1 Gründe für das Handeln nicht“ (5:31; vgl. 5:29, 5:195).
Kant übernimmt den Begriff einer praktischen Andererseits ist eine praktische, als
Erkenntnis aus der herkömmlichen logischen Ter­ nicht-→ spekulative, Erkenntnis Kant zufolge
minologie, verbindet ihn aber mit dem Bereich dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar nicht
der Moral. Seine unmittelbare Quelle ist auch in direkt Gründe für das Handeln liefert (und also
diesem Fall → G. F. Meiers Kompendium, wo ein auch theoretisch sein kann), solche Gründe aber
ganzer Abschnitt der praktischen Erkenntnis ge­ generieren kann, insofern von ihr „Regeln des
widmet ist (vgl. Meier, Auszug, §§ 216–248). Ihm Verhaltens [. . . ] hergeleitet“ werden können. Kant
zufolge ist eine Erkenntnis praktisch, „in so ferne spricht so auch von Erkenntnissen, die „dem
sie zu der Einrichtung unserer freien Handlungen Gehalte nach (in potentia) oder objectiv praktisch“
das ihrige beiträgt“ (Meier, Auszug, § 30, 16:108). sind (9:86). Spekulativ sei z. B. die Frage, „ob die
Kant wirft Meier (und den anderen Logikern seiner Allgegenwart Gottes einen Raum einnehme“, da
Zeit) vor, der Begriff gehöre eigentlich nicht in die dies „keinen Einfluß auf unsere Handlungen“
→ Logik als Wissenschaft des Denkens, sondern haben kann. In potentia praktisch ist bezeichnen­
in die praktische Philosophie (vgl. z. B. 24:903). derweise aber die Erkenntnis, „ob der göttliche
Deswegen wird die praktische Erkenntnis in Logik Wille auch ein heiliger Wille sey“ (24:901).
nicht in der eigentlichen Abhandlung, sondern
in einem „Anhang“ zur Einleitung kurz angespro­ 2 Praktische Erweiterung der Erkenntnis
chen (9:86–87). Die Gegenüberstellung von praktischer und spe­
Bei Meier wird die praktische Erkenntnis, „in kulativer Erkenntnis gewinnt aber insofern eine
so ferne sie uns auf eine merkliche Art bewegen besonders wichtige, wenn auch nicht explizit de­
kann, eine Handlung zu thun oder zu lassen“ (Mei­ finierte Bedeutung, als Kant behauptet, „in ihrer
er, Auszug, § 216, 16:516), der „speculative[n]“ Er­ [sc.: der Vernunft] praktischen Erkenntniß Data
kenntnis entgegengesetzt (Refl. 2795, 16:516); von [zu] finden“, die „dem Wunsche der Metaphysik
der „theoretisch[en]“ Erkenntnis unterscheidet gemäß über die Grenze aller möglichen Erfah­
sie sich (Refl. 2796, 16:517), da „wir uns vorstellen, rung hinaus mit unserem, aber nur in praktischer
dass etwas gethan oder gelassen werden solle“ Absicht möglichen Erkenntnisse a priori zu gelan­
(Meier, Auszug, § 217, 16:517). Diese Unterschei­ gen“ erlauben (KrV B XXI; vgl. z. B. 5:474). „Nur
dung übernimmt Kant und arbeitet sie – auch in in Ansehung des praktischen Erkenntnisses“ ist
Bezug auf den Begriff ‚praktisch‘ überhaupt – wei­ eine „Erweiterung im Felde des Übersinnlichen“
ter aus. Zunächst heißt praktisch eine Erkenntnis, (5:103; vgl. 5:134ff.) möglich. Nach Kant gibt es „ein
„dadurch ich mir vorstelle, was dasein soll“, und praktisches Erkenntniß“, das „entweder schon
nicht was tatsächlich geschieht; letzteres ist Inhalt für sich allein auf den Glauben an Gott“ führt oder
→ theoretischer Erkenntnisse (KrV A 633 / B 661; „wenigstens allein seinen Begriff als den eines mo­
vgl. 2:299, KrV B IXf., → Sein/Sollen). Kant setzt ralischen Gesetzgebers“ bestimmt (6:181; → Ver­
also die allgemein als präskriptiv für das Handeln nunftglaube). In diesem Zusammenhang spricht
des Subjekts verstandene praktische Erkenntnis Kant von praktischer Erkenntnis im Sinne von
mit einem Imperativ gleich, der „eine mögliche ‚im (reinen) praktischen Gebrauch der Vernunft
freie Handlung aussagt, wodurch ein gewisser gegründeter Erkenntnis‘: Durch die moralischen
Zweck wirklich gemacht werden soll“ (9:86; vgl. Gesetze sieht man „ein ganzes Feld von prakti­
4:420). Die praktische Erkenntnis ist also diejeni­ schen Erkenntnissen vor sich eröffnet“ (6:225).
ge, „welche es blos mit Bestimmungsgründen des Von einer „praktisch-dogmatisch[en]“ Er­
Willens zu thun hat“ (5:20; → praktisch): „Ein Ge­ kenntnis des „Übersinnlichen“ (20:311; vgl.
genstand der praktischen Erkenntniß als einer sol­ 20:295ff., 22:312, 22:58) ist besonders in Fortschrit­
chen zu sein, bedeutet also nur die Beziehung des te die Rede, wo Kant hervorhebt, „daß ein solches
Willens auf die Handlung, dadurch er oder sein Noumenon, als Sache an sich, wirklich und selbst
Gegentheil wirklich gemacht würde“ (5:57). Die nach seinen Gesetzen, wenigstens in praktischer
→ Willensbestimmung a priori durch die gesetz­ Absicht, erkennbar ist, ob es gleich übersinnlich
gebende Form der Vernunft „hat ihres gleichen ist“ (20:292).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnis, spekulative | 551

Weiterführende Literatur Anschauung“ (KrV A 722 / B 750) erzeugte Erkennt­


Albrecht, Michael: Die Antinomie der praktischen nis. Weitere wichtige Stellen: KrV A 93f. / B 125;
Vernunft, Hildesheim: Olms 1979. KrV B 143f.; KrV A 97; KrV A 119; KrV A 124; KrV
Capozzi, Mirella: Kant e la logica, Bd. I, Napoli: A 126; KrV A 712–726 / B 740–754; 4:322; 4:327–371;
Bibliopolis 2002, insbes. 705–710. 4:475 Anm.
Engstrom, Stephen: „Kant’s Distinction between
Theoretical and Practical Knowledge“, in: The Verwandte Stichworte
Harvard Review of Philosophy 10, 2002, 49–63. Anschauung; Erfahrung; Sinnlichkeit
Stefano Bacin
Philosophische Funktion
„Sinnlichkeit“ und „Verstandeshandlung[]“ (KrV
Erkenntnis, rationale A 664 / B 692) sind die „zwei Grundquellen des Ge­
Rationale (auch Vernunft-) Erkenntnis ist „cogni­ müths“ (KrV A 50 / B 74). „Nur daraus, daß sie sich
tio ex principiis“ (KrV A 836 / B 864) entweder „aus vereinigen, kann Erkenntniß entspringen“ (KrV
Begriffen, oder aus der Construction der Begrif­ A 51 / B 75f.). Sinnliche Erkenntnis ist ein „Product
fe“ (KrV A 837 / B 865). Weitere wichtige Stellen: der Sinne und des Verstandes“ (4:300) und nur
KrV A 702 / B 730; KrV A 723f. / B 751f.; KrV A 835f. / möglich, wenn „das Denken eines Gegenstandes
B 863f.; 4:322; 4:327–371; 4:467–479. [. . . ] auf Gegenstände der Sinne bezogen wird“
(KrV B 146).
Verwandte Stichworte David Süß
Erkenntnis, historische; Vernunft; Vernunfter­
kenntnis; Verstand
Erkenntnis, spekulative
Philosophische Funktion Spekulative (auch Vernunft-) Erkenntnis ist Er­
Kant unterscheidet die rationale von der histo­ kenntnis aus „bloßen Begriffen“ (KrV A 841 /
rischen Erkenntnis (wobei die Unterscheidung B 869). Sie ist dem Erkenntnisvermögen der → Ver­
„von allem Inhalte der Erkenntniß, objectiv be­ nunft zugeordnet und richtet sich im Gegensatz
trachtet“, absieht): „Die historische Erkenntnis zur Erfahrungserkenntnis des Verstands „auf ei­
ist cognitio ex datis, die rationale aber cognitio nen Gegenstand oder solche Begriffe von einem
ex principiis“ (KrV A 836 / B 864). Die historische Gegenstande [. . . ] wozu man in keiner Erfah­
Erkenntnis beruht also auf empirischen Daten, rung gelangen kann“ (KrV A 634f. / B 662f.). Wei­
während die rationale Erkenntnis a priori aus all­ tere wichtige Stellen: KrV A 298–311 / B 355–368;
gemeinen Prinzipien entwickelt wird. Kant setzt KrV A 321–338 / B 377–396; KrV B 670–732; KrV
hier also terminologisch „das Rationale dem Em­ A 642–704; 4:327–371; 4:467–479.
pirischen entgegen“ (KrV A 835 / B 863).
David Süß / Red. Verwandte Stichworte
Idee; Spekulation; spekulativ; Vernunft

Erkenntnis, sinnliche Philosophische Funktion


Sinnliche Erkenntnis ist anschauungsbedingte, Bezieht sich verstandesgemäße Erkenntnis „durch
auf „sinnliche Anschauung (die einzige, die wir Begriffe“ auf das Mannigfaltige der Anschauung,
haben)“ (KrV B 302 Anm.) notwendig bezogene ist die spekulative Erkenntnis der Vernunft „durch
Erkenntnis. Denn es „kann der Gegenstand einem Ideen“ (KrV A 644 / B 672) auf die Begriffe und Re­
Begriffe nicht anders gegeben werden, als in der geln des Verstandes hin ausgerichtet. So „geht
Anschauung [. . . ]. Daher erfordert man [. . . ] einen der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen [. . . ],
abgesonderten Begriff sinnlich zu machen, d. i. das sondern auf Begriffe und Urtheile“ (KrV A 306 /
ihm correspondirende Object in der Anschauung B 363). Spekulative, mithin ideengeleitete Erkennt­
darzulegen“ (KrV A 239f. / B 298f.) Mathematik nisse und deren Grundsätze sind „in Ansehung
hingegen ist sinnliche, mithin „aus der Construc­ aller Erscheinungen transscendent“ (KrV A 308 /
tion der Begriffe“ (KrV A 713 / B 741) „a priori in der B 365) und „übersteigen die Grenze aller Erfah­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
552 | Erkenntnis, symbolische

rung“ (KrV A 327 / B 384). Spekulative Erkenntnis


dient unter dem Gebrauch „regulativer Principien
Erkenntnis, synthetische
der systematischen Einheit des Mannigfaltigen der a priori
empirischen Erkenntniß überhaupt“ (KrV A 671 / Synthetische Erkenntnis a priori liegt in einem
B 699). wissenserweiternden Urteil vor, das ohne direkten
David Süß Rekurs auf durch sinnliche Wahrnehmung be­
dingte Erfahrung begründet werden kann. Wich­
tige Stellen: KrV A 9f. / B 12f.; KrV B 20; KrV A 38 /
Erkenntnis, symbolische B 55; KrV A 157f. / B 196f.; KrV A 300f. / B 357f.; KrV
Die symbolische (oder „figürlich[e]“, 7:191) Er­ A 602f. / B 630f.; KrV A 637f. / B 665f.; KrV A 762 /
kenntnis ist eine Art der intuitiven Erkenntnis B 790; 5:289.
oder Vorstellungsart; sie ist insofern nicht metho­
disch aufgebaut oder über Begriffe vermittelt (vgl. Verwandte Stichworte
5:351). Kant charakterisiert sie als „[eine] Vorstel­ analytisch/synthetisch; a priori / a posteriori;
lung nach einer bloßen Analogie“ (5:352 Anm.). Erkenntnis; Urteil, synthetisches a priori
Weitere wichtige Stellen: 6:111; 10:110; 20:332;
28:238. Philosophische Funktion
Mathematik kann ihre Begriffe in der reinen An­
Verwandte Stichworte schauung konstruieren und ihnen damit a priori
Symbol; symbolisch; Darstellung, Darstellungs­ objektive Realität verschaffen. Die ‚konstruktiv‘
art; Analogie generierten mathematischen Gegenstände lassen
immer weitere apriorische Erzeugungen syntheti­
Philosophische Funktion scher Erkenntnis zu. Die auf den Kategorien basie­
→ Anschauungen, die nur „indirecte Darstellun­ renden „Grundsätze des reinen Verstandes“ arti­
gen des Begriffs“ sind, bezeichnet Kant als „Sym­ kulieren als ‚Grundsätze der Anwendung von Kate­
bole“ (5:352). In einer symbolischen Erkenntnis gorien auf Erscheinungen‘ apriorische Bedingun­
wird ein Begriff, „dem vielleicht nie eine An­ gen der Möglichkeit von Erfahrung (KrV A 158ff. /
schauung direct correspondiren kann“ (5:353), B 197ff.; KrV A 736 / B 764). Die „Grundsätze“ (KrV
durch Analogie auf sinnlich gegebenes Materi­ A 158ff. / B 197ff.) artikulieren die Grundmodi der
al bezogen. Auf diese Weise entsteht eine indi­ Kooperation der Kategorien mit den ‚Prinzipien
rekte Darstellung eines Gegenstandes, wodurch unserer Sinnlichkeit‘ (Raum und Zeit) bei der Kon­
dem Begriff des Gegenstandes eine zusätzliche stitution der Erfahrung. Da diese ‚Kooperation‘
Bedeutung verliehen wird (→ Hypotypose). Als nur qua Beziehung zu möglicher Erfahrung ob­
Beispiel nennt Kant den monarchischen Staat, jektive Realität besitzt – und weil der bestimmte
der auf mehrfache Weise bildlich dargestellt wer­ Sinn der Modi dieser Kooperation nicht bereits
den kann: zum einen als (lebender) Organismus, im ‚rudimentären‘ Begriffsgehalt der unschema­
wenn er unter dem Aspekt seiner inneren Volks­ tisierten Kategorien enthalten ist – stellen die
gesetze betrachtet wird, zum anderen als bloße ‚apriorischen Grundsätze‘ zugleich synthetische
Maschine, sofern er unter dem Aspekt der allei­ Sätze dar.
nigen Entscheidungsgewalt des Monarchen in Reinhard Hiltscher
den Blick genommen wird (vgl. 5:352). Im Ge­
gensatz zu einer Gegenstandserkenntnis findet
in der symbolischen Erkenntnis eine Deutung Erkenntnisgrund
statt, indem Regeln von dem einen Gegenstand Als Erkenntnisgrund bezeichnet Kant diejenigen
auf den anderen übertragen werden. Auch die → Merkmale, anhand derer Gegenstände bestimmt
Erkenntnis von → Gott, zu dessen Begriff keine und wodurch sie erkannt werden: Ein Merkmal
sinnliche Anschauung gegeben werden kann, be­ im genannten Sinn ist die definitorische Eigen­
zeichnet Kant als symbolische Erkenntnis (vgl. schaft eines Gegenstandes und somit „eine Par­
5:353; 6:171). tialvorstellung, sofern sie als Erkenntnißgrund der
Katja Crone ganzen Vorstellung betrachtet wird“ (9:58; vgl.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnisquellen | 553

16:298). Weitere wichtige Stellen: 2:203; 4:280; Philosophische Funktion


5:373; 5:385; 8:404; 9:65ff.; 9:95; 9:98; 16:299; Kant identifiziert in Spitzfindigkeit die „obere Er­
16:385; 16:567. kenntnißkraft“ mit dem „Vermögen zu urtheilen“
(2:59) und setzt damit die Existenz einer weite­
Verwandte Stichworte ren, nämlich der unteren Erkenntniskraft voraus.
Erkenntnisquellen; Bestimmungsgrund; Merk­ Ähnlich verwendet Kant den Begriff in der KU:
mal Die Lust im ästhetischen Urteil entstehe aus dem
„Bewußtsein der bloß formalen Zweckmäßigkeit
Philosophische Funktion im Spiele der Erkenntnißkräfte“ (5:222).
Der Erkenntnisgrund ist die epistemologische In Krankheiten behandelt Kant „Gebrechen
Grundlage eines → Urteils, in dem die Beschaf­ der Erkenntnißkraft“ (2:270) insgesamt, die den
fenheit eines Gegenstandes bestimmt und mit Gebrechen des Willens als einer „Krankheit des
dem zugleich der Anspruch auf → objektive Gül­ Herzens“ (2:270) entgegengesetzt werden. In glei­
tigkeit erhoben wird. Merkmale, durch die Ge­ cher Weise wird der Begriff in der KrV verwendet:
genstände erkannt werden, erfüllen als Erkennt­ Gegenstände des Gefühls liegen deswegen „au­
nisgrund eine zweifache Funktion: Die episte­ ßer der gesammten Erkenntnißkraft“ (KrV A 801 /
mische Bezugnahme auf („nothwendige“ und B 829 Anm.), weil das Gefühl keine Dinge vorstellt,
„[z]ureichende“, 9:60) Merkmale ermöglicht und also nichts erkennt.
rechtfertigt einerseits die Erkenntnis einer Sa­ Stefan Heßbrüggen-Walter
che („innere[r] Gebrauch“, 9:58); andererseits
lässt sich auf diese Weise ein Gegenstand von
anderen Gegenständen unterscheiden („äußere[r] Erkenntnisquellen
Gebrauch“, 9:58; vgl. 9:60). Ein als zureichen­ Kant unterscheidet zwischen zwei „Grundquel­
der Erkenntnisgrund fungierendes Merkmal ist len des Gemüts“ (KrV A 50 / B 74): dem Vermö­
ein allgemeiner oder allgemeingültiger Begriff, gen, einen Komplex sinnlicher Daten (→ Anschau­
der dasjenige enthält, „was mehreren Vorstellun­ ungen) zu empfangen („Sinnlichkeit“; KrV A 51 /
gen von verschiedenen Dingen gemein ist“ (9:96; B 75), und dem Vermögen, aufgrund dieser Da­
vgl. 16:300). In einem die Einzelerkenntnis über­ ten den → Gegenstand mithilfe von apriorischen
greifenden Sinn bezeichnet Kant den → Satz vom Regeln zu erkennen („Verstand“, KrV A 51 / B 75).
zureichenden Grund als Grund möglicher → Er­ „[A]ußer diesen beiden Erkenntnisquellen [haben
kenntnis, „nämlich der objectiven Erkenntniß der wir] keine anderen“ (KrV A 294 / B 350). In der KrV
Erscheinungen in Ansehung des Verhältnisses A spricht Kant von drei subjektiven → Quellen,
derselben in Reihenfolge der Zeit“ (KrV A 201 / worauf die Gegenstandserkenntnis beruht: Sinn,
B 246). → Einbildungskraft und → Apperzeption (vgl. KrV
Katja Crone A 115). An anderer Stelle der KrV setzt Kant die
Quellen der Erkenntnis allgemein mit den aprio­
rischen Bedingungen der Gegenstandserkennt­
Erkenntniskraft nis gleich, im Sinne der „Grundlage a priori zu
Der Ausdruck wird von Kant (häufig als termi­ der Möglichkeit der Erfahrung“ (KrV A 97). Weite­
nologische Alternative zu und gleichbedeutend re wichtige Stellen: KrV B X; KrV A 15 / B 29; KrV
mit „Erkenntnißvermögen“; vgl. z. B. KrV A 234 / A 149 / B 188; KrV A 758 / B 786; 4:256f.; 9:22; 9:53;
B 286f.; KrV A 250f. / B 316f.) in zwei Bedeutun­ 9:156; 20:275; 22:405.
gen gebraucht, einerseits für einzelne Erkennt­
nisvermögen (vgl. z. B. 2:59), andererseits als Verwandte Stichworte
Oberbegriff für die verschiedenen Erkenntnis­ Ursprung; Erkenntnisvermögen; Kritik; Erkennt­
kräfte (vgl. z. B. 2:270). Weitere wichtige Stelle: nis
5:217ff.
Philosophische Funktion
Verwandte Stichworte Obwohl Erkenntnis nach Kant – zeitlich gesehen –
Erkenntnisvermögen; Kraft; Vorstellungskraft mit der sinnlichen → Wahrnehmung anhebt, so

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
554 | Erkenntnisurteil

stellt diese in erkenntnistheoretischer Hinsicht → apriorischen Begriffen abgeleitete → objektive


nicht die einzige Quelle der Erkenntnis dar (vgl. Gültigkeit beigemessen wird (vgl. 4:304; 5:236f.;
KrV B 1). Erkenntnisse können „ihre Quellen a pos­ 5:347). Die Bezeichnung Erkenntnisurteil findet
teriori, nämlich in der Erfahrung haben“ (KrV B 2), sich ausschließlich in der KU, wo Kant den Ter­
dann handelt es sich um empirische Aussagen minus als Gegenbegriff zum → Geschmacksurteil
über Tatsachen, die in der Erfahrung überprüfbar einführt. Weitere wichtige Stellen: 5:209f.; 5:221;
sind; oder Erkenntnisse sind → a priori, dann sind 5:237; 5:339ff.; 5:280f.; 5:287; 5:290; 9:101.
sie von aller Erfahrung gänzlich unabhängig gül­
tig (vgl. KrV B 2). Letztere haben ihren Ursprung Verwandte Stichworte
in den Erkenntnisvermögen → Verstand (Vermö­ Erfahrungsurteil/Wahrnehmungsurteil; Wahr­
gen der Begriffe) und → Vernunft (Vermögen der nehmung
Prinzipien; → Vernunfterkenntnis). Die Möglich­
keit der Gegenstandserkenntnis (→ Erfahrung), Philosophische Funktion
mit der ein Anspruch auf → objektive Gültigkeit Ein Erkenntnisurteil ist in formaler Hinsicht das
erhoben wird, hängt von der Voraussetzung ab, Produkt einer synthetischen → Handlung, die den
dass die Produkte der beiden Erkenntnisquellen Begriff eines → Gegenstandes überhaupt durch in
→ Sinnlichkeit und Verstand, also Anschauungen der Wahrnehmung gegebene Prädikate bestimmt.
und → Begriffe, aufeinander bezogen sind. Dieser Handlung „liegen nun Begriffe a priori von
In der Logik verwendet Kant den Terminus der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der
Ursprung als Oberbegriff einerseits für die bei­ Anschauung, um es als Bestimmung eines Objects
den Quellen der Erkenntnis (hier „rational“ und zu denken, zum Grunde“ (5:288).
„empirisch“, 9:22), diese werden als „objective[r] Kant unterscheidet theoretische von prak­
Ursprung[]“ bezeichnet; andererseits für „die Art, tischen Erkenntnisurteilen: In einem theoreti­
wie eine Erkenntniß von den Menschen kann er­ schen Erkenntnisurteil wird die Beschaffenheit
worben werden“ (9:22). Der Modus des Erkennt­ eines Gegenstandes nach allgemeinen Regeln be­
niserwerbs, „subjektive[r] Ursprung[]“ (9:22) ge­ urteilt; demgegenüber wird in einem praktischen
nannt, kann entweder rational oder historisch Erkenntnisurteil die Idee der → Freiheit vorausge­
sein; demnach macht es einen qualitativen Unter­ setzt, und es wird beurteilt, was geschehen und
schied, ob ich etwas genuin und aus zureichenden wie jemand handeln soll (vgl. 5:280f.; 9:86).
Gründen begreife und auf diese Weise Erkenntnis Das durch objektive Allgemeinheit charakte­
erlange, oder ob ich lediglich Daten, die ich zur risierte Erkenntnisurteil grenzt Kant vom ästheti­
Kenntnis nehme, reproduziere (vgl. KrV A 836f. / schen Urteil ab, das durch subjektive Allgemein­
B 864f.; → Erkenntnis, historische). heit gekennzeichnet ist (vgl. 5:228; 5:280f.; 5:287f.;
9:35; 20:220f.; → Zweckmäßigkeit).
Weiterführende Literatur Katja Crone
Höffe, Otfried: Kants Kritik der reinen Vernunft.
Die Grundlegung der modernen Philosophie,
München: Beck 2004. Erkenntnisvermögen
Longuenesse, Béatrice: „The Division of the Trans­ Unter einem Erkenntnisvermögen versteht Kant
cendental Logic and the Leading Thread (A 50 / die Fähigkeit, → Erkenntnis, d. h. objektiv gülti­
B 74–A 83 / B 109; B 109–116)“, in: Mohr, Georg / ge Vorstellungen, zu haben. Da Erkenntnis un­
Willaschek, Marcus (Hg.): Immanuel Kant. Kri­ ter bestimmten Bedingungen → Wissen ist, d. h.
tik der reinen Vernunft, Berlin: Akademie 1998, wahre, auf zureichenden Gründen beruhende
131–158. Vorstellung von Gegenständen, lässt sich das Er­
Katja Crone kenntnisvermögen auch als die Fähigkeit, Wis­
sen zu erlangen, auffassen; dabei ist allerdings
zu beachten, dass es defizitäre Aktualisierun­
Erkenntnisurteil gen dieser Fähigkeit geben kann, d. h. solche,
Ein Erkenntnisurteil ist ein → Urteil, in welchem denen der Status von Wissen nicht zukommt.
ein Objekt durch Begriffe bestimmt und dem aus Kant verwendet den Ausdruck in einem weiten

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnisvermögen | 555

und einem engen Sinn. Im weiten Sinn spricht Verwandte Stichworte


er vom Erkenntnisvermögen im Singular und be­ Vermögen; Erkenntnis; Begehrungsvermögen;
zeichnet es als eines der drei Grundvermögen der Gemüt; Seele; Erkenntniskraft; Urteil; Verstand;
menschlichen Seele (neben dem → Begehrungs­ Vernunft; Urteilskraft
vermögen und dem → Gefühl der Lust und Unlust;
vgl. z. B. 5:177). Im engen Sinn des Wortes macht Philosophische Funktion
Kant mehrere Erkenntnisvermögen namhaft, die 1 Explanatorische Funktion
gemeinsam das Erkenntnisvermögen im weiten Der Begriff des Vermögens ist für Kant von grund­
Sinn ausmachen. Zunächst unterscheidet er zwi­ legender Bedeutung, da er sich folgende zwei An­
schen dem → Verstand (im weiten Sinn) als dem nahmen der scholastisch-aristotelischen Tradi­
oberen Erkenntnisvermögen und der → Sinnlich­ tion (vermittelt über die deutsche Schulphiloso­
keit als dem unteren Erkenntnisvermögen (vgl. phie des 18. Jhs.) zu eigen macht: (i) Wenn eine
z. B. KrV A 260 / B 316; KrV A 835 / B 863; 7:140; Substanz a eine Eigenschaft F besitzt, besitzt a
7:196; vgl. auch KrV A 19 / B 33 und KrV A 50f. / auch das Vermögen, Eigenschaften von der Art zu
B 74f.). Die drei Vermögen, die den Verstand im haben, die durch F exemplifiziert wird, und übt
weiten Sinn ausmachen – Verstand im engen dieses Vermögen aus. (ii) Dass eine Substanz a
Sinn, → Urteilskraft und → Vernunft – werden aber das Vermögen besitzt, Eigenschaften wie F zu
auch ihrerseits als die drei ‚oberen Erkenntnis­ haben, trägt zur Erklärung der Tatsache Fa bei
vermögen‘ bezeichnet (vgl. z. B. KrV A 67 / B 92; (und ist in bestimmten Fällen sogar eine hinrei­
KrV A 130 / B 169; 5:177; 7:196f.). Die Unterschei­ chende Erklärung dieser Tatsache). Zwar macht
dung verschiedener Erkenntnisvermögen im en­ Kant diese Annahmen nirgends explizit, es gibt
gen Sinn stellt eine Spezifizierung derjenigen Ar­ aber zahlreiche Stellen, die nahelegen, dass er
ten von mentalen Akten dar, die für menschliche dem Vermögensbegriff die mit diesen Annahmen
Erkenntnis notwendig sind bzw. in denen die­ umrissene explanatorische Funktion zuschreibt
se sich vollzieht, nämlich → Begriff, → Urteil und (eine Übersicht gibt Heßbrüggen-Walter, Die See­
→ Schluss. le und ihre Vermögen, S. 126–158). In Bezug auf
In seiner engen Verwendung ist der Ausdruck das Erkenntnisvermögen bedeutet dies, dass die
‚Erkenntnisvermögen‘ oft gleichbedeutend mit Annahme eines solchen Vermögens zusammen
→ ‚Erkenntniskraft‘ (vgl. z. B. KrV A 260 / B 316ff.), mit der Analyse seiner Beschaffenheit eine Erklä­
ungeachtet der Tatsache, dass in einer Reihe von rung der Tatsache liefert, dass die menschliche
Reflexionen sowie den Nachschriften zu Kants Erkenntnis von bestimmter Art (z. B. → diskursiv,
Vorlesungen über Metaphysik die Begriffe → Ver­ nicht → intuitiv) und bestimmtem Umfang (z. B.
mögen und → Kraft explizit unterschieden werden im theoretischen Bereich auf sinnlich wahrnehm­
(vgl. z. B. Refl. 3585, 17:73; Refl. 3588, 17:75; 28:27; bare Gegenstände beschränkt) ist. Für das Projekt
28:434; 29:823). der kritischen Philosophie, die Grenzen der Ver­
Das Erkenntnisvermögen im weiten Sinn ist nunfterkenntnis zu bestimmen, ergibt sich hier­
das Vermögen sowohl → theoretischer als auch aus ein methodisches Prinzip: Ziel der kritischen
→ praktischer Erkenntnis. Im Gegensatz zu theo­ Untersuchung muss sein, eine „Zergliederung“
retischer Erkenntnis erfordert praktische Erkennt­ des Erkenntnisvermögens (KrV A 65 / B 90) vor­
nis das Zusammenwirken des Erkenntnisvermö­ zunehmen. Dieses Ziel verfolgt Kant in der KrV,
gens mit dem Begehrungsvermögen (vgl. 5:178). indem er das untere Erkenntnisvermögen einer­
Allerdings stehen in diesen zwei Arten der Er­ seits sowie die drei oberen Erkenntnisvermögen
kenntnis unterschiedliche Erkenntnisvermögen andererseits voneinander „isolier[t]“ (KrV A 22 /
im engen Sinn im Vordergrund. In Bezug auf B 36) und zu identifizieren sucht, was jedes dieser
theoretische Erkenntnis ist allein der Verstand Vermögen „a priori in sich enthält“ (KrV A 80 /
(im engen Sinn), in Bezug auf praktische Er­ B 106).
kenntnis allein die Vernunft „a priori gesetz­
gebend“ (5:174). Weitere wichtige Stellen: KrV 2 Die zwei Stämme des Erkenntnisvermögens
B 1; 5:174–176; 5:385; 5:401–410; 7:140f.; 7:196–201; Das Erkenntnisvermögen (im weiten Sinn) glie­
8:221f.; 20:245f. dert sich in die zwei Erkenntnisvermögen (im en­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
556 | Erkenntnisvermögen

gen Sinn) Verstand und Sinnlichkeit, welche Kant sik findet (vgl. Baumgarten, Metaphysica, §§ 140,
auch als „Stämme“ des Erkenntnisvermögens be­ 144)).
zeichnet (KrV A 15 / B 29). Die Aktualisierungen Der Verstand ist Kant zufolge das obere Er­
dieser Vermögen – Anschauungen einerseits und kenntnisvermögen (im engen Sinn), die Sinnlich­
begriffliche Vorstellungen andererseits – sind der keit das untere. In der Anthropologie macht Kant
Art nach verschieden. Erkenntnis erfordert das deutlich, dass auch das Erkenntnisvermögen im
Zusammenwirken beider Vermögen, setzt sich al­ weiten Sinn ein Vermögen im strikten Sinn ist,
so aus zwei heterogenen Elementen zusammen: und zwar deswegen, weil sein oberer Stamm ein
„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen solches Vermögen ist (vgl. 7:140). Dies legt die Auf-
ohne Begriffe sind blind“ (KrV A 51 / B 75). Diese fassung nahe, dass die zwei Stämme des Erkennt­
sog. ‚Zwei-Stämme-Lehre‘ ist zentral für Kants nisvermögens nicht gleichberechtigt nebeneinan­
Analyse des Erkenntnisvermögens und die da­ der stehen und Erkenntnis nicht das Produkt einer
mit angestrebte Grenzbestimmung der mensch­ Zusammensetzung gleichwertiger Bestandteile ist.
lichen Erkenntnis. Auf sie stützt sich die These, Vielmehr scheint Kant der Ansicht zu sein, dass Er­
dass theoretische nicht-empirische Erkenntnis kenntnis strenggenommen der Akt des Verstandes
nur dann möglich ist, wenn sie Erkenntnis von ist und die Sinnlichkeit lediglich die Materie – den
Dingen ist, die mögliche Gegenstände der Sinn­ „Stoff zum Erkenntniß“ (KrV B 145) – bereitstellt,
lichkeit (also im weitesten Sinne wahrnehmbar) in der dieser Akt sich realisiert. Eine derartige Les­
sind. Allerdings wird die Zwei-Stämme-Lehre von art wird z. B. von Engstrom, in Understanding and
Kant nicht explizit begründet. Sensibility, vertreten, ist allerdings in der Literatur
Im Zusammenhang mit der Unterscheidung umstritten.
von Sinnlichkeit und Verstand verwendet Kant
den Begriff des Vermögens gelegentlich in ei­ 3 Bedenken gegen Kants
nem strikten Sinn, demzufolge allein der Ver­ vermögenstheoretischen Ansatz
stand ein Vermögen (lat. facultas), die Sinnlich­ Dass Kant in der KrV die Analyse eines mentalen
keit hingegen eine → Rezeptivität ist (vgl. z. B. KrV Vermögens und seiner Leistungen (nämlich des
A 51 / B 75; vgl. auch 7:140). ‚Vermögen‘ und ‚Re­ menschlichen Erkenntnisvermögens) anstrebt, ist
zeptivität‘ bezeichnen hier zwei Arten von Fä­ allgemein anerkannt. Umstritten ist allerdings, ob
higkeiten, die sich hinsichtlich der Art und Wei­ eine derartige Methode überhaupt philosophisch
se ihrer Aktualisierung unterscheiden. Die Ak­ überzeugende Resultate liefern kann. Es wird ein­
tualisierung eines Vermögens besteht im Han­ gewendet, dass eine Analyse mentaler Vermögen
deln, d. h. derjenigen Aktualisierung einer Fähig­ und ihrer Akte in den Bereich der Psychologie
keit, deren zureichender Grund diese Fähigkeit gehört und deshalb nicht in der Lage ist, logische,
(bzw. deren Träger) selbst ist. Damit ist folgen­ epistemologische oder metaphysische Thesen zu
des gemeint: Wenn ein Gegenstand a das Ver­ begründen. Pointiert wurde dieser Einwand von
mögen besitzt, F zu sein, gilt, dass genau dann, Strawson formuliert, der im Zusammenhang mit
wenn a nicht F ist, etwas die Aktualisierung die­ Kants Vermögenstheorie von einem „essay in the
ses Vermögens verhindert (so dass die Tatsache, imaginary subject of transcendental psychology“
dass a nicht F ist, einer besonderen Erklärung sprach (Strawson, The Bounds of Sense, S. 32).
bedarf); und es gilt ferner, dass genau dann, wenn Obwohl Strawson selbst diesen Vorwurf später ab­
a F ist, der Grund dafür, dass es sich so verhält, geschwächt hat, sind viele Kommentatoren nach
darin besteht, dass a das genannte Vermögen wie vor bestrebt, den vermögenstheoretischen
besitzt. Im Unterschied hierzu besteht die Ak­ Rahmen der KrV zu neutralisieren, indem sie die
tualisierung einer Rezeptivität im Leiden, d. h. entsprechende Terminologie in heute gängigere
derjenigen Aktualisierung einer Fähigkeit, de­ Terminologie (z. B. ‚mentale Prozesse‘ und ‚Zu­
ren zureichender Grund nicht in dieser Fähigkeit stände‘) übersetzen. Andere Kommentatoren hin­
selbst, sondern in einer anderen Fähigkeit liegt gegen messen den vermögenstheoretischen Ele­
(vgl. die auf Aristoteles zurück gehende Unter­ menten eine zentrale Bedeutung zu. Dabei lassen
scheidung von potentia activa und potentia pas­ sich zwei Richtungen unterscheiden. Autoren wie
siva, wie sie sich z. B. in Baumgartens Metaphy­ Kitcher (Kant’s Transcendental Psychology) und

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erkenntnisvermögen, Harmonie der | 557

Brook (Kant and the Mind) sehen in dieser Theorie der Harmonie unserer Vorstellungskräfte bewirkt,
einen Vorläufer der modernen Kognitionswissen­ und wobei wir unser ganzes Erkenntnißvermögen
schaft. Autoren wie Engstrom (Understanding and (Verstand und Einbildungskraft) gestärkt fühlen,
Sensibility) und Longuenesse (Capacity to Judge) ein Wohlgefallen hervorbringt, das sich auch an­
betonen dagegen die aristotelische Provenienz dern mittheilen läßt“ (5:160).
dieser Theorie.
2 Harmonie der Erkenntnisvermögen in der Kritik
Weiterführende Literatur der Urteilskraft
Engstrom, Stephen: „Understanding and Sensibi­ Genauer spezifiziert wird die Harmonie der Er­
lity“, in: Inquiry 49, 2006, 2–25. kenntnisvermögen erst in der KU. Im § 9 argu­
Heßbrüggen-Walter: Die Seele und ihre Vermögen: mentiert Kant dafür, dass „die allgemeine Mit­
Kants Metaphysik des Mentalen in der ‚Kritik theilbarkeit“ (5:217) der Lust am Schönen auf dem
der reinen Vernunft‘, Paderborn: Mentis 2004. mitteilbaren Gemütszustand der Harmonie der
Thomas Land Erkenntnisvermögen beruht. Während die pri­
vat gültige „Annehmlichkeit in der Sinnenemp­
findung“ (5:217) „von der Vorstellung, wodurch
der Gegenstand gegeben wird“ (5:217), unmittel­
Erkenntnisvermögen, bar abhängt, geht die Lust am Schönen auf „die
Harmonie der allgemeine Mittheilungsfähigkeit des Gemüths­
Nach der KU ist die → Lust am → Schönen eine zustandes“ (5:217) zurück, die „die Lust an dem
„Lust an der Harmonie der Erkenntnißvermö­ Gegenstande zur Folge haben muß“ (5:217). Der
gen“ (5:218). Die Harmonie der Erkenntnisver­ eine Lust bewirkende mitteilbare Gemütszustand
mögen besteht „im erleichterten Spiele beider tritt auf, wenn sich die → Erkenntnisvermögen
durch welchselseitige Zusammenstimmung be­ von „Einbildungskraft für die Zusammensetzung
lebten Gemüthskräfte“ (5:219), der → Einbildungs­ des Mannigfaltigen der Anschauung und Verstand
kraft und des → Verstandes. Auf der Harmonie der für die Einheit des Begriffs, der die Vorstellungen
Erkenntnisvermögen als → mitteilbarem Gemüts­ vereinigt“ (5:217), im „Zustand eines freien Spiels“
zustand basiert der Anspruch von → Geschmacks­ (5:217) befinden. Dieser Zustand entspricht der
urteilen auf allgemeine Gültigkeit. Weitere wichti­ Harmonie der Erkenntnisvermögen und ist da­
ge Stellen: 5:160; 5:218; 5:258; 5:292; 5:321; 8:249f.; durch charakterisiert, dass die Erkenntniskräfte
16:160f.; 20:224. im passenden Verhältnis für „Erkenntniß über­
haupt“ (5:217) stehen und zugleich „kein bestimm­
Verwandte Stichworte ter Begriff sie auf eine besondere Erkenntnißregel
Harmonie; Lust/Unlust; Mitteilbarkeit; Reflexi­ einschränkt“ (5:217). Mitteilbar ist die Harmonie
on; Urteilskraft der Erkenntnisvermögen auch „ohne einen Be­
griff vom Gegenstande“ (5:217), weil sie das „zum
Philosophische Funktion Erkenntniß überhaupt schickliche subjective Ver­
1 Harmonie der Erkenntnisvermögen vor der hältniß“ (5:218) der Erkenntnisvermögen enthält,
Kritik der Urteilskraft auf dem jede bestimmte → Erkenntnis „als subjec­
Der Begriff der Harmonie der Erkenntnisvermö­ tiver Bedingung beruht“ (5:218). Bewusst werden
gen besitzt Vorformen in Kants Refl. In einer Notiz wir uns der „wechselseitigen subjectiven Überein­
führt Kant das → Wohlgefallen am Schönen ab­ stimmung der Erkenntnißkräfte unter einander“
weichend von der KU auf ein Interesse an „der (5:218) ausschließlich „ästhetisch durch den blo­
Harmonie des Verstandes und der Sinnlichkeit ßen innern Sinn und Empfindung“ (5:218); sie ist
zu einem Erkentnis überhaupt“ (16:160) zurück. eine „Empfindung der Wirkung, die im erleichter­
Auch erklärt er: „Das Gefühl dieser Harmonie bey­ ten Spiele beider durch wechselseitige Zusammen­
der Erkentniskräfte macht das Wohlgefallen am stimmung belebten Gemüthskräfte (der Einbil­
Schönen“ (16:161). Übereinstimmend mit der KU dungskraft und des Verstandes) besteht“ (5:219).
erläutert die KpV in Bezug auf Schönheit, dass „al­ Als → mitteilbaren Gemütszustand bestimmt Kant
les, dessen Betrachtung subjectiv ein Bewußtsein die Harmonie der Erkenntnisvermögen dadurch,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
558 | Erkenntnisvermögen, Harmonie der

dass sie außer dem Verfügen über bestimmte → Be­ das Vermögen der Einbildungskraft „in seiner Frei­
griffe die allgemeine Bedingung für Erkenntnis heit“ (5:287) mit dem Vermögen des Verstandes „in
erfüllt. seiner Gesetzmäßigkeit zusammenstimmt“ (5:287).
Weiter führen Aussagen über die Harmonie Zwar folgt die Harmonie der Erkenntnisvermö­
der Erkenntnisvermögen im Zusammenhang mit gen lediglich der „Regel über eine Wahrnehmung
der Urteilskraft. So besitzt die Lust am Schönen zum Behuf des Verstandes, als eines Vermögens
eine Grundlage in der „bloßen Reflexion“ (5:292) der Begriffe, zu reflectiren“ (20:220), sie geht aber
und begleitet „die gemeine Auffassung eines Ge­ auch über die objektive Zusammenstimmung der
genstandes durch die Einbildungskraft, als Ver­ Vermögen hinaus, weil sie die Gesetzmäßigkeit
mögen der Anschauung, in Beziehung auf den des Verstandes mit der → Freiheit oder unabsicht­
Verstand, als Vermögen der Begriffe, vermittelst ei­ lichen Ausübung der Einbildungskraft vereinbart.
nes Verfahrens der Urtheilskraft, welches sie auch Kant erläutert auch, weshalb die Harmo­
zum Behuf der gemeinsten Erfahrung ausüben nie der Erkenntnisvermögen eine Lust hervorruft.
muß“ (5:292), wobei sie es nur „um die Angemes­ Laut 1. Einleitung KU bewirkt „das harmonische
senheit der Vorstellung zur harmonischen (subjec­ Spiel“ (20:224) eine Empfindung, wobei das → Re­
tiv-zweckmäßigen) Beschäftigung beider Erkennt­ flexionsurteil „als subjective Zweckmäßigkeit (oh­
nißvermögen in ihrer Freiheit wahrzunehmen, ne Begrif) mit dem Gefühle der Lust verbunden
d. i. den Vorstellungszustand mit Lust zu empfin­ ist“ (20:224). Mit Bezug auf die Übereinstimmung
den, zu thun genöthigt ist“ (5:292). An der „bloßen der Vermögen bei der Vorstellung eines Gegen­
Reflexion“ (20:220) ist nach der 1. Einleitung KU stand erklärt Kant: „da diese Zusammenstimmung
außer der „Auffassung (apprehensio)“ (20:220) des Gegenstandes mit den Vermögen des Subjects
durch die Einbildungskraft auch die „Darstellung zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung einer
(exhibitio)“ (20:220) durch die Urteilskraft, aber Zweckmäßigkeit desselben in Ansehung der Er­
nicht die „Zusammenfassung“ (20:220) durch den kenntnißvermögen des Subjects“ (5:190). In der
Verstand beteiligt. So „stimmen in der bloßen Folge ruft die Harmonie der Erkenntnisvermögen
Reflexion Verstand und Einbildungskraft wechsel­ eine Lust hervor, weil sie auf die → Zweckmäßig­
seitig zur Beförderung ihres Geschäfts zusammen“ keit der → Natur für das Erkenntnisvermögen zu­
(20:220), wenn die → Anschauung eines → Ob­ rückgeht, die objektiv zufällig, deren Annahme
jekts so beschaffen ist, „daß die Auffassung des aber → subjektiv notwendig (vgl. 20:243) ist.
Mannigfaltigen desselben in der Einbildungskraft Die Harmonie der Erkenntnisvermögen tritt
mit der Darstellung eines Begriffs des Verstandes außer bei der Beurteilung des → Naturschönen
(unbestimmt welches Begriffs) übereinkommt“ auch bei der → schöner Kunst und des → Erhabe­
(20:220). Demnach gehört es zur Harmonie der nen auf. Als Voraussetzung schöner Kunst nennt
Erkenntnisvermögen, dass Anschauungen ohne Kant: „Die Verbindung und Harmonie beider Er­
→ Darstellung spezifischer Begriffe in einer gene­ kenntnißvermögen, der Sinnlichkeit und des Ver­
rell für die Darstellbarkeit von Begriffen durch die standes, die einander zwar nicht entbehren kön­
Urteilskraft geeigneten Weise zusammengesetzt nen, aber doch auch ohne Zwang und wechselsei­
sind. tigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen lassen,
Außerdem hebt Kant hervor, dass die Urteils­ muß unabsichtlich zu sein und sich von selbst
kraft bei der Harmonie der Erkenntnisvermögen so zu fügen scheinen“ (5:321). Anders wird bei
auch ohne Begriffe von einer Regel geleitet ist. Die Urteilen über das Erhabene „das subjective Spiel
Harmonie der Erkenntnisvermögen umfasst eine der Gemüthskräfte (Einbildungskraft und Ver­
→ Subsumtion „nicht der Anschauungen unter Be­ nunft) selbst durch ihren Contrast als harmonisch“
griffe, sondern des Vermögens der Anschauungen (5:258) vorgestellt und das Gefühl hervorgebracht,
oder Darstellungen (d. i. der Einbildungskraft) „daß wir reine, selbstständige Vernunft haben“
unter das Vermögen der Begriffe (d. i. den Ver­ (5:258).
stand)“ (5:287). Zustande kommt die Subsumtion
der Einbildungskraft „unter die Bedingung, daß Interpretationslage
der Verstand überhaupt von der Anschauung zu Alternative Deutungen lässt Kants Formulierung
Begriffen gelangt“ (5:287), jedoch nur dann, wenn zu, nach der das Wohlgefallen am Schönen „von

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erklärung | 559

der Reflexion über einen Gegenstand, die zu ir­ Philosophische Funktion


gend einem Begriffe (unbestimmt welchem) führt“ 1 Erklärung im logischen Sinn
(5:207), abhängt (vgl. 5:244; 20:220). Angelehnt Wenn Kant in seiner theoretischen und prakti­
an Kants Konzeption → ästhetischer Ideen lässt schen Philosophie Erklärungen von → Begriffen
sich das auch so verstehen, dass an der Harmonie liefert (z. B. in der GMS, vgl. 4:446 oder in den
der Erkenntnisvermögen unbestimmt viele Begrif­ MAN, vgl. 4:482), dann verwendet er den Terminus
fe beteiligt sind. Interpretationen, nach denen in einem speziellen, logischen Sinn. Demzufolge
die Harmonie der Erkenntnisvermögen lediglich bedeutet, eine Erklärung eines Begriffes zu geben,
Vorbedingungen für Begriffe erfüllt (wie Henrich, seinen Inhalt mittels der Angabe seiner Merkmale
Kant’s Explanation of Aesthetic Judgment), können zu bestimmen. Wie Kant jedoch selbst bemerkt –
sich aber auf Kants Aussagen berufen, dass die so in der „Disciplin der reinen Vernunft im dogma­
Vermögen „vor allem Begriffe“ (20:233; vgl. 5:192, tischen Gebrauche“ (KrV A 712–738 / B 740–766)
5:289, 20:243) betrachtet werden und ihr Verhält­ innerhalb der „Transscendentalen Methodenleh­
nis „keinen Begriff zum Grunde legt“ (5:219; vgl. re“ (KrV A 705–856 / B 733–884) der KrV –, ist
5:221, 5:229, 20:233, 20:248; für einen Überblick das deutsche Wort „Erklärung“ mehrdeutig: „Die
über diese Debatte vgl. Guyer, The Harmony of the deutsche Sprache hat für die Ausdrücke der Ex­
Faculties Revisited). position, Explication, Declaration und Definition
nichts mehr als das eine Wort Erklärung [. . . ]“
Weiterführende Literatur (KrV A 730 / B 758). Sofern der Diskussionskontext
Allison, Henry E.: „Reflection and Harmony in the es erfordert, gebraucht Kant daher diese aus dem
First Introduction to the Critique of Judgment“, Lateinischen abgeleiteten Ausdrücke. Sie spie­
in: Ralph Schumacher (Hg.): Idealismus als len insbesondere eine wichtige Rolle für seine
Theorie der Repräsentation?, Paderborn: Men­ Erörterungen zum Unterschied zwischen mathe­
tis 2001, 395–410. matischer und philosophischer Methode.
Rogerson, Kenneth F.: The Problem of Free Har­ ‚Explikation‘ ist der Oberbegriff zu den Un­
mony in Kant’s Aesthetics, Albany, NY: State terbegriffen der Exposition und Deklaration. Kant
University of New York Press 2008. versteht Explikationen als solche Erklärungen,
Rush Jr., Fred L.: „The Harmony of the Faculties“, die über einen Begriff Deutlichkeit verschaffen
in: Kant-Studien 92, 2001, 38–61. (vgl. KrV A 727f. / B 755f.; 9:61–63; 9:140; Refl. 2950,
Achim Vesper 16:585). Der Ausdruck ‚Explikation‘ bezieht sich
daher auf einen Prozess. Jedoch kann damit, wie
bei allen diesen Termini, auch das Resultat des
Erklärung Prozesses gemeint sein, hier also die deutliche
Der Ausdruck ‚Erklärung‘ wird von Kant haupt­ Vorstellung eines Begriffes. Kant verwendet je­
sächlich auf zweierlei Weise gebraucht. Zum einen doch nur selten die letztere Bedeutung. Hier sei
nutzt er ihn für verschiedene Arten der Bestim­ der Einfachheit halber nur der Prozesssinn be­
mung von Begriffen: (i) Explikation; (ii) Exposi­ trachtet. Um einen Begriff deutlich zu bestimmen,
tion; (iii) Deklaration; (iv) Definition. Wichtige müssen einige, jedoch nicht unbedingt alle im Be­
Stellen: KrV A 727–732 / B 755–760; 9:139–145; Refl. griff enthaltenen Merkmale benannt werden. Der
2950, 16:585; Refl. 2925, 16:578. Zum anderen tritt fragliche Begriff kann dabei entweder vorab gege­
häufig auch die davon grundsätzlich unterschie­ ben sein oder aber durch die explikative Erklärung
dene Rede von „Erklärung“ (KrV A 771 / B 799) für erst erzeugt werden (→ gegeben/gemacht). Wird
Urteile oder Urteilszusammenhänge auf, mittels ein Begriff durch eine Explikation erst erzeugt,
derer Phänomene als Wirkungen bestimmter Ursa­ dann spricht Kant von einer ‚Deklaration‘. Mit­
chen bestimmt werden. Weitere wichtige Stellen: tels einer solchen Deklaration wird ein Begriff
KrV A 769–775 / B 797–803; 5:410–421; 5:466; 5:470. → synthetisch generiert. Ist der Begriff hingegen
gegeben, so handelt es sich bei der Explikation
Verwandte Stichworte um eine Exposition. Bei ihr wird → analytisch ver­
Definition; Exposition; Merkmal; Hypothese; fahren (vgl. 9:143; Refl. 2953, 16:585; Refl. 2950,
Kausalität 16:585).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
560 | Erlaubnis

Eine Definition soll als eine vollständige und 5:466) entwickelt. In diesen Zusammenhängen
präzise Erklärung eines bereits deutlichen Be­ wird eine Erklärung als ein Urteil über die → Ursa­
griffs zu verstehen sein (vgl. Refl. 2925, 16:578; che oder den → Grund einer → Erscheinung ange­
9:143–145). Etwas anders schreibt Kant auch: „De­ sehen. Dieses Urteil müsse seinerseits Basis oder
finiren soll, wie es der Ausdruck selbst giebt, ei­ auch „Princip“ (5:412) einer Ableitung der (Urteile
gentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführli­ über die) Erscheinung darstellen, denn „Erklären
chen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Gren­ heißt von einem Princip ableiten“ (5:412), wofür
zen ursprünglich darstellen“ (KrV A 727 / B 755). Kant fordert, dass man das Prinzip „deutlich muß
Dazu ist es erforderlich, ausreichend Merkmale erkennen und angeben können“ (5:412).
anzugeben, um den Begriff von allen anderen In der „Disciplin der reinen Vernunft in Anse­
zu unterscheiden, ohne dabei aber überflüssige hung der Hypothesen“ (KrV A 769–782 / B 797–810)
Merkmale aufzulisten. Da Definitionen deutliche beschäftigt Kant sich mit der Frage, welche Be­
Begriffe als Ausgangspunkte haben, setzen sie al­ dingungen legitime Hypothesen haben dürfen.
so Explikationen voraus, seien dies nun wiederum Dabei betont er, dass nur solche Hypothesen als
Deklarationen oder Expositionen. Erklärungen „wirklicher Erscheinungen“ (KrV
In der „Disciplin der reinen Vernunft im dog­ A 771 / B 799) angesehen werden dürfen, bei denen
matischen Gebrauche“ (KrV A 712–738 / B 740–766) zumindest etwas mit Gewissheit angenommen
der KrV – und schon in der vorkritischen Schrift werden kann, nämlich die „Möglichkeit des Ge­
Deutlichkeit – verbindet Kant Deklarationen mit genstandes selbst“ (KrV A 770 / B 798) – gemeint
der mathematischen Methode und Expositionen ist hierbei, dass die Ursache der Erscheinungen,
mit der (eigentlichen) philosophischen Methode nicht nur die Erscheinung selbst, ein möglicher
(vgl. KrV A 727ff. / B 755ff.; 2:276ff.). Dies geschieht Gegenstand der Erfahrung sein muss (zu weiteren
in Abgrenzung zu traditionellen, etwa Wolffia­ Bedingungen → Hypothese). In der KU hingegen
nischen Auffassungen über die Ähnlichkeit von erörtert Kant die Unterschiede zwischen den „Er­
→ Mathematik und Philosophie. Kant zufolge kann klärungsart[en]“ (5:410) des → Mechanismus und
der Mathematiker legitim behaupten, seine Unter­ der → Teleologie sowie ihren jeweiligen Grenzen.
suchung mit der Definition von Begriffen zu begin­
nen, da er diese durch Deklarationen erzeugt und Weiterführende Literatur
ihre Realität durch → Konstruktion in der reinen Beck, Lewis White: „Kant’s Theory of Definition“,
→ Anschauung belegen kann. Im Gegensatz hierzu in: Philosophical Review 65, 1956, 179–191.
muss der Philosoph von Expositionen gegebener Butts, Robert E.: „Hypotheses and Explanation in
Begriffe der → Metaphysik ausgehen und kann Kant’s Philosophy of Science“, in: Archiv für
allenfalls (wenn überhaupt) am Ende längerer Geschichte der Philosophie 43, 1961, 153–170.
Untersuchungen zu Definitionen dieser Begriffe Butts, Robert E.: „Teleology and Scientific Method
gelangen. Darüber hinaus können Definitionen in in Kant’s Critique of Judgment“, in: Nous 24,
der Philosophie, anders als in der Mathematik, 1990, 1–16.
niemals den Status von Gewissheit besitzen, da Butts, Robert E.: „The Methodological Structure
man nie sicher sein kann, dass die Analyse eines of Kant’s Metaphysics of Science“, in: Robert E.
gegebenen Begriffs wirklich vollständig durchge­ Butts (Hg.): Kant’s Philosophy of Physical Sci­
führt worden ist (vgl. KrV A 729 / B 757). ence, Dordrecht: D. Reidel Publishing Company
1986, 163–199.
2 Erklärung als kausale Naturerklärung Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema­
Der Terminus ‚Erklärung‘ tritt zudem in Kants Er­ tik, Hamburg: Meiner 1999.
örterungen zur Methode der → Wissenschaften James Messina / Thomas Sturm
bzw. speziell der empirischen Wissenschaften auf,
wie er sie teils im Abschnitt „Die Disciplin der rei­
nen Vernunft in Ansehung der Hypothesen“ (KrV Erlaubnis
A 769–782 / B 797–810) innerhalb der „Transscen­ Kant unterscheidet zwei verschiedene Begriffe
dentalen Methodenlehre“ der KrV (KrV A 705–856 / von „erlaubt“ (6:222). „Erlaubt ist eine Handlung
B 733–884) sowie teils in der KU (vgl. 5:410–421; (licitum)“ (oder eine → Unterlassung), die nicht

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erlaubnisgesetz | 561

verboten ist (6:222). „[B]loß erlaubt [. . . ] (indiffe­ lem bei der Unterscheidung zweier Begriffe von
rens)“ ist eine → Handlung, die weder geboten ‚Erlaubnisgesetz‘.
noch verboten ist (6:223). Entsprechend kann das
Wort ‚Erlaubnis‘ die Gestattung einer Handlung Weiterführende Literatur
als „erlaubt [. . . ] (licitum)“ oder die Gestattung Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: Kant’s Doc­
einer Handlung als „bloß erlaubt“ (6:222f.) bedeu­ trine of Right – A Commentary, Cambridge:
ten, doch wird „Erlaubniß“ von Kant in der Regel Cambridge University Press 2010, insbes. 96–99.
zur Bezeichnung der Gestattung einer Handlung Hruschka, Joachim: Das deonotologische Sechs­
als „erlaubt [. . . ] (licitum)“ (6:222), d. i. als Aus­ eck bei Gottfried Achenwall, Hamburg: Joachim
nahme von einem vorausgesetzten → Verbot oder Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, 1986.
→ Gebot gebraucht (vgl. 8:347–348; 6:289; 6:390; Kaufmann, Matthias: „Was erlaubt das Erlaub­
6:472). Wichtige Stellen: 6:222–223; 8:347–348. nisgesetz – und wozu braucht es Kant?“, in:
Jahrbuch für Recht und Ethik 13, 2005, 195–219.
Verwandte Stichworte Joachim Hruschka
Erlaubnisgesetz; Gebot; Verbindlich(keit);
Verbot
Erlaubnisgesetz
Philosophische Funktion Kant benutzt zwei verschiedene Begriffe von Er­
In der Einleitung in die Metaphysik der Sitten defi­ laubnisgesetz (lex permissiva). Zum einen kann
niert Kant „erlaubt [. . . ] (licitum)“ als „eine Hand­ der Ausdruck ‚Erlaubnisgesetz‘ ein Gesetz bedeu­
lung [. . . ], die der Verbindlichkeit nicht entgegen ten, aus dem sich die Rechtfertigung von → Hand­
ist“ (6:222). „Erlaubt (licitum)“ und „verboten“ lungen ergibt, die im allgemeinen verboten, aus­
sind kontradiktorisch entgegengesetzte Begrif­ nahmsweise aber (nämlich kraft des Erlaubnis­
fe. Das heißt: Ist die Vornahme einer Handlung gesetzes) erlaubt sind (vgl. 8:348). Zum anderen
„erlaubt [. . . ] (licitum)“, dann ist sie nicht verbo­ kann ‚Erlaubnisgesetz‘ aber auch ein Gesetz be­
ten. Die Vornahme der Handlung kann freilich zeichnen, das einem, mehreren oder allen Nor­
geboten sein. Ist die Unterlassung einer Hand­ munterworfenen eine Rechtsmacht erteilt. Ein
lung „erlaubt (licitum)“, dann ist die Vornahme Erlaubnisgesetz dieser Art ist eine Ermächtigungs­
der Handlung nicht geboten. Die Vornahme der norm. Weitere wichtige Stellen: 6:223; 6:247; 6:267;
Handlung kann aber verboten sein. „[B]loß er­ 6:276; 8:347f. Anm.
laubt“ dagegen ist „[e]ine Handlung, die weder
geboten noch verboten ist“ (6:223). Das heißt, die Verwandte Stichworte
Vornahme wie die Unterlassung der Handlung Eigentum; Erlaubnis; Macht
sind gleichermaßen „der Verbindlichkeit nicht
entgegen“ (6:222). „Bloß erlaubt“ und „geboten“ Philosophische Funktion
stehen in einem konträren Gegensatz zueinan­ Die beiden verschiedenen Begriffe von Erlaubnis­
der. Auch „bloß erlaubt“ und „verboten“ stehen gesetz korrespondieren den in beiden Bedeutun­
in einem konträren Gegensatz zueinander. Kant gen, die das Wort „erlaubt“ in der Einleitung in
kennzeichnet Handlungen der letzteren Art als die Metaphysik der Sitten hat und die von Kant
„sittlich-gleichgültig (indifferens, adiaphoron, res dort auch ausdrücklich unterschieden werden
merae facultatis)“ (6:223). „Bloß erlaubt“ bedeu­ (→ Erlaubnis). In Frieden geht es um ein Erlaub­
tet danach „rein erlaubt“. Die Unterscheidung nisgesetz der ersten Art, das (ausdrücklich) ein
der beiden Begriffe von ‚erlaubt‘ wird heute mit Verbot voraussetzt. Dieser Begriff von „Erlaubnis­
Hilfe des deontologischen Sechsecks dargestellt. gesetz“ entspricht dem in 6:222 formulierten Be­
Kant übernimmt die Unterscheidung von Achen­ griff von „erlaubt [. . . ] (licitum)“. Kant kritisiert die
wall, der sie in seinen Prolegomena 2 1763, § 26, Tatsache, dass in den positiven („statutarischen“,
S. 25–26, seinerseits sorgfältig ausgearbeitet hat. 8:348) Gesetzen die Erlaubnisgesetze als Ausnah­
Achenwalls Unterscheidung hat ältere Vorbilder. men von den Verboten formuliert werden. Statt­
Die Relevanz der Unterscheidung von „erlaubt dessen sollte das Erlaubnisgesetz als „einschrän­
(licitum)“ und „bloß erlaubt“ zeigt sich vor al­ kende Bedingung“ in das (jeweilige) Verbotsge­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
562 | Eroberung

setz „mit hinein gebracht“ werden, wodurch das weder geboten noch verboten, zu heiraten, usw.
Verbotsgesetz „dann zugleich ein Erlaubnißgesetz Trotzdem bedarf es eines Erlaubnisgesetzes der
geworden wäre“ (8:348 Anm.). Auch die in MST praktischen Vernunft, das mir das rechtliche Ver­
angesprochenen Erlaubnisgesetze sind solche, mögen (Eigentümer, Gläubiger, Ehemann, Vater
bei denen es sich um Ausnahmen von einem vor­ zu sein) zuschreibt.
ausgesetzten Verbot (vgl. 6:426) oder Gebot (vgl. In 6:267 stellt Kant klar, dass das Erlaub­
6:453) handelt. nisgesetz der praktischen Vernunft sich beim ur­
In 6:223 geht es um ein Erlaubnisgesetz der sprünglichen Erwerb von Stücken des Erdbodens
zweiten Art, das dem dort unmittelbar zuvor erör­ auf „[d]ie Bestimmung der Grenzen des rechtlich-
terten Begriff von „bloß erlaubt“ entspricht. In den möglichen Besitzes“ erstreckt. In 6:276 wird das
Fällen eines Erlaubnisgesetzes dieser Art steht es Erlaubnisgesetz für den Erwerb von ehe- und fa­
dem Gesetzesunterworfenen frei, die bloß erlaub­ milienrechtlichen Ansprüchen noch einmal be­
te Handlung „nach seinem Belieben zu thun oder sonders angesprochen.
zu lassen“ (6:223). Das Erlaubnisgesetz ist eine Erlaubnisgesetze als Ermächtigungsnormen
Ermächtigungsnorm. Kant fragt, ob es Fälle gebe, finden sich zeitlich vor Kant u. a. bei Christian
bei denen außer dem Gebots- und dem Verbots­ Thomasius (Fundamenta 4 1718, Lib. I Cap. V § 6)
gesetz noch ein Erlaubnisgesetz erforderlich sei. und Gottfried Achenwall (Prolegomena 2 1763, § 90,
Dazu merkt er in 6:223 lediglich an, dass, wenn es 89–90).
um eine von vornherein gleichgültige Handlung
geht, ein besonderes Erlaubnisgesetz nicht erfor­ Weiterführende Literatur
derlich sei, im übrigen lässt er die Frage an dieser Byrd, B. Sharon: „The elusive story of Kant’s per­
Stelle offen. missive laws“, in: Denis, Lara / Sensen, Oli­
In MSR nennt Kant das „[r]echtliche Postulat ver (Hg.): Kant’s Lectures on Ethics. A Critical
der praktischen Vernunft“ (6:246) „ein Erlaubniß­ Guide, Cambridge: Cambridge University Press
gesetz (lex permissiva) der praktischen Vernunft“ 2015, 156–169.
(6:247). Das Postulat besagt, dass ich wie jeder Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: Kant’s
andere die Rechtsmacht habe, einen jeden Ge­ Doctrine of Right – A Commentary, Cam­
genstand meiner Willkür als objektiv mögliches bridge: Cambridge University Press 2010, ins­
→ Mein und Dein anzusehen und zu behandeln. bes. 94–106.
Ich bin wie jeder andere ein möglicher Eigentümer Hruschka, Joachim: ‚Kant und der Rechtsstaat‘
von → Sachen, nicht bloß ein möglicher physi­ und andere Essays zu Kants Rechtslehre und
scher Besitzer. Ich bin ein möglicher vertraglicher Ethik, Freiburg im Breisgau: Karl Alber Verlag
Gläubiger gegenüber einem möglichen Schuldner, 2015, insbes. 48–88.
ich bin ein möglicher Ehemann (eine mögliche Hruschka, Joachim: „The Permissive Law of Prac­
Ehefrau) und ein möglicher Vater (eine mögliche tical Reason in Kant’s ‘Metaphysics of Morals’“,
Mutter) mit Rechtsansprüchen mit Bezug auf ein in: Law and Philosophy 23, 2004, 45–72.
Kind, nicht bloß ein möglicher biologischer Erzeu­ Kaufmann, Matthias: „Was erlaubt das Erlaub­
ger. Da das Postulat mir eine solche Rechtsmacht nisgesetz – und wozu braucht es Kant?“, in:
erteilt, kann man es als eine ‚Ermächtigungsnorm‘ Jahrbuch für Recht und Ethik 13, 2005, 195–219.
der → praktischen Vernunft bezeichnen. Es han­ Joachim Hruschka
delt sich um ein Erlaubnisgesetz der zweiten Art.
Die Handlungen, die unter das Gesetz zu subsu­
mieren sind, erfüllen die Bedingungen für bloß Eroberung
erlaubte Handlungen. Sie sind, vom Standpunkt Kant verwendet Eroberung sowohl wörtlich als
der praktischen Vernunft aus gesehen, weder ge­ auch metaphorisch, letzteres z. B. wenn es um
boten noch verboten: es ist weder geboten noch die Gewinnung neuer wissenschaftlicher Erkennt­
verboten, Sachen als Eigentum zu erwerben und nisse geht. So habe Newton „durch Philosophie
zu besitzen; es ist weder geboten noch verboten, also nicht durch Mathematik [. . . ] die wichtigste
vertragliche Ansprüche auf Leistungen durch eine Eroberung gemacht“ (22:513). Weitere wichtige
andere Person zu erwerben und zu haben; es ist Stellen: 6:348–349; 19:491; 23:155.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erörterung | 563

Verwandte Stichworte weise von Erörterung im Sinn von ‚wissenschaft­


Friede, ewiger; Krieg; Recht licher Darstellung‘ ohne Bindung an einen be­
stimmten Begriff zu geben, der erörtert würde (vgl.
Philosophische Funktion z. B. KrV B XXIX). Weitere wichtige Stellen: KrV
Philosophisch bedeutsam ist der Gebrauch des B 38; KrV B 40; 5:278; 5:412.
Ausdrucks Eroberung in rechtsphilosophischen
Zusammenhängen. So besteht Kant in den MSR Verwandte Stichworte
darauf, dass der Eroberer seine Ansprüche nach Begriff; transzendental; real/logisch
dem → Kriege nicht durch rechtliche Prinzipien
legitimieren kann, sondern allein auf seine Macht Philosophische Funktion
bauen muss (vgl. 6:348). Gleichzeitig wird betont, 1 Allgemeine Charakteristika der metaphy-
dass die Eroberung nicht die staatsbürgerlichen sischen und der transzendentalen Erörterung
Freiheiten der Eroberten antasten darf. Der erober­ 1.1 Eine Erörterung macht das, was in einem Be­
te Staat darf nicht zur Kolonie und die Bürger die­ griff nur implizit gedacht wird, ausdrücklich. Ein
ses Staats nicht zu → Leibeigenen werden, „denn Begriff ist eine → Vorstellung des Verstandes oder
sonst wäre es ein Strafkrieg gewesen, der an sich der Vernunft, die sich durch ein Merkmal, das
selbst widersprechend ist“ (6:348). Dennoch ver­ mehreren Gegenständen gemeinsam sein kann,
gleicht Kant den Eroberer mit einem Despoten, der auf diese bezieht (vgl. KrV A 320 / B 377; Rosefeldt,
sein Land wie eine Provinz behandelt (vgl. 19:491). Ich, S. 16–19). Eine Erörterung soll Deutlichkeit,
Im Einklang mit seiner Ablehnung des Krieges eine Unterscheidung von Gehalten (Merkmalen)
(vgl. 8:121) bezeichnet Kant den Verzicht auf Er­ oder Teilvorstellungen eines komplexen Begriffs
oberungen als eine Bedingung für den Eintritt des im Gegensatz zu ihrer Konfusion erreichen. Die
→ Ewigen Friedens (vgl. 23:155). Deutlichkeit kann eine diskursive, mittels Begrif­
Michael Pauen fen, oder eine ästhetische, „durch Anschauungen,
d. i. Beispiele und andere Erläuterungen in con­
creto“ (KrV A XVIII) sein. Eine Erörterung ist als
Erörterung bloße Erläuterung bzw. Zergliederung von Begrif­
Eine Erörterung im terminologischen Sinn gibt fen ihrer Erweiterung gegenüberzustellen (vgl.
den Gehalt eines → Begriffs deutlich wieder: „Ich Stuhlmann-Laeisz, Logik, S. 88f.). Sie scheint in­
verstehe aber unter Erörterung (expositio) die sofern analytische im Gegensatz zu synthetischen
deutliche (wenn gleich nicht ausführliche) Vor­ Urteilen zu umfassen (vgl. 9:111). So erklärt Kant in
stellung dessen, was zu einem Begriffe gehört“ seiner Begründung, warum er in der KrV auf man­
(KrV B 38). Sie nennt alle relevanten Teilbegriffe, che umständliche Erörterung verzichtet: „Da ich
die den komplexen Begriff ausmachen. mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf
Eine metaphysische Erörterung untersucht die Quellen der synthetischen Erkenntniß a priori
den Gehalt eines → a priori gegebenen Begriffs: geht, nicht mit Zergliederungen bemengen will,
„metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der
dasjenige enthält, was den Begriff als a priori ge­ Begriffe angehen, so überlasse ich die umständli­
geben darstellt“ (KrV B 38). che Erörterung derselben einem künftigen System
Eine transzendentale Erörterung untersucht der reinen Vernunft: wiewohl man eine solche
den Gehalt eines Begriffs a priori, insofern sie ihn Analysis im reichen Maße auch schon in den bis­
als Prinzip darstellt, aus dem → transzendenta­ her bekannten Lehrbüchern dieser Art antrifft“
le Erkenntnisse über die Bedingungen a priori (KrV A 204 / B 249).
der Möglichkeit der Erkenntnis von Gegenständen 1.2 Die metaphysische Erörterung zergliedert
ableitbar sind: „Ich verstehe unter einer transscen­ einen a priori gegebenen Begriff. Zur transzenden­
dentalen Erörterung die Erklärung eines Begriffs talen Erörterung gehört, dass sie selbst und der
als eines Princips, woraus die Möglichkeit anderer Begriff, der in ihr erläutert wird, in einer trans­
synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen zendentalen Untersuchung, der es um Erkennt­
werden kann“ (KrV B 40). nisse über die Möglichkeit von Erkenntnis geht,
Es gibt auch eine alltägliche Verwendungs­ notwendig und hinreichend sind, bestimmte die­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
564 | Erörterung

ser Erkenntnisse zu erwerben: „Zu dieser Absicht erwerben, sondern lediglich durch eine geeignete
wird erfordert: 1) daß wirklich dergleichen Er­ Erörterung des subjektiven Prinzips der reflektie­
kenntnisse aus dem gegebenen Begriffe herflie­ renden Urteilskraft dessen Vereinbarkeit mit der
ßen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter der Vor­ Rolle der mechanischen Erklärungsart darzutun.
aussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses
Begriffs möglich sind“ (KrV B 40). 3 Verständnisschwierigkeiten der
Unterscheidung von metaphysischer und
2 Hauptkontexte der Verwendung von transzendentaler Erörterung
‚metaphysische Erörterung‘ und Allgemein scheint eine Erörterung eine Analyse
‚transzendentale Erörterung‘ oder Zergliederung eines Begriffs zu sein. Indes
2.1 Die Unterscheidung der metaphysischen und haben die transzendentale Erörterung und die
der transzendentalen Erörterung wird vor allem metaphysische Erörterung eines Begriffs gewöhn­
bei den Begriffen der Zeit und des Raums her­ lich nicht denselben Inhalt. Während etwa die
vorgehoben. Kant führt sie erst in der zweiten metaphysische Erörterung des Raums beinhaltet,
Auflage der KrV ein, während er vorher die In­ dass er eine Vorstellung a priori ist, die allen äuße­
halte beider nicht getrennt hatte (vgl. KrV A 22ff.; ren Anschauungen zugrunde liegt (vgl. KrV B 38),
Guyer, Claims of Knowledge 1978, S. 78). Indem er beinhaltet die transzendentale Erörterung, dass
zwischen der metaphysischen und der transzen­ der Raum die Bedingung der Möglichkeit der Geo­
dentalen Erörterung in der → transzendentalen metrie als einer Wissenschaft a priori ist, die sich
Ästhetik unterscheidet, schafft er eine Parallele zu mit mathematischen Eigenschaften möglicher Ge­
der ebenfalls neu eingeführten Unterscheidung genstände der Erfahrung beschäftigt. Die bloße
zwischen der metaphysischen und der → transzen­ deutliche Wiedergabe des Gehalts eines Begriffs
dentalen Deduktion in der → transzendentalen kann also systematisch zu verschiedenen korrek­
Analytik, die freilich eine bestehende Unterschei­ ten Ergebnissen führen. Es scheint zu folgen, dass
dung der Inhalte und der Gliederung aufnimmt Begriffe keinen fixen, kontextunabhängigen Ge­
(vgl. KrV A 68ff.; KrV B 159; Parallelen KrV A 299 / halt haben. Prinzipiell lässt die mangelnde Aus­
B 356; Krüger, Vollständigkeit, S. 340; Hinsch, Er­ führlichkeit der Erörterung zu, dass Erörterungen
fahrung, S. 13–16). Im Gegensatz zur Erörterung desselben Begriffs verschiedene Inhalte haben.
ist eine → Deduktion freilich keine bloße Zerglie­ Weiter könnte vermutet werden, dass die Erörte­
derung von Begriffen. Die Parallele dürfte darin rung nicht immer eine bloße Begriffsanalyse ist,
liegen, dass bei der metaphysischen Deduktion zumal sie ja im Hinblick auf synthetische Erkennt­
die Kategorien aus gegebenen Urteilsformen abge­ nisse geschieht, sondern vielleicht selbst schon
leitet werden, wie die metaphysische Erörterung synthetische Urteile umfasst, weil der jeweilige
Aussagen aus einem gegebenen Begriff a priori Begriff im Fall der transzendentale Erörterung mit
gewinnt, ohne wie die transzendentale Deduktion je verschiedenen anderen Begriffen zusammen
und die transzendentale Erörterung darauf abzu­ analysiert wird, die sich im Kontext einer trans­
stellen, was jeweils für die Bedingungen a priori zendentalen Untersuchung ergeben, um daraus
der Erkenntnis von Gegenständen folgt. Schlüsse zu ziehen. Eine andere Möglichkeit be­
2.2 In der KU gibt Kant eine transzendentale Er­ stünde darin, dass nicht jeweils derselbe, sondern
örterung des Vermögens der Geschmacksurteile. verschiedene Begriffe etwa vom Raum erörtert
Sie ist notwendig, weil dieses Vermögen auf einem werden. Als Beispiel kann die Unterscheidung von
Prinzip a priori beruht (vgl. 5:278). Kant unter­ logischen und → transzendentalen Begriffen die­
scheidet auch zwischen einer transzendentalen nen. So ist der logische Begriff der Vernunft vom
Erörterung und einer → Erklärung. Die Dialektik transzendentalen unterschieden. Der logische Be­
der teleologischen Urteilskraft lasse nur die erste­ griff hat einen anderen Gehalt als der transzen­
re für die reflektierende, nicht die letztere für die dentale, denn er beinhaltet wie die transzenden­
bestimmende Urteilskraft zu (vgl. 5:412). Kant will tale Erörterung Rücksichten auf die Rolle seines
damit wohl sagen, dass es nicht möglich ist, eine Gegenstandes als Ermöglichungsbedingung der
objektive Erkenntnis der Verknüpfung teleologi­ Erkenntnis. Nun spricht Kant aber z. B. im Fall des
scher und mechanischer Ursachen in der Welt zu Raums eben nicht von zwei Begriffen, sondern

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erscheinung | 565

von zwei Arten der Erörterung eines einzigen Be­ (KrV B XVIII Anm.) bzw. „in zweierlei Bedeutung“
griffs. Letztlich bleibt es also fraglich, inwieweit genommen werden, „nämlich als Erscheinung
Kant mit seinem methodologischen Konzept der oder als Ding an sich selbst“ (KrV B XXVII). Die­
Erörterung seine eigene Vorgehensweise ange­ ser „transscendentale Begriff der Erscheinungen“
messen erfasst (weiterer Abgrenzungsversuch vgl. (KrV A 30 / B 45) spricht die → Objekte, die Din­
Knoepffler, Begriff, S. 65). ge an sich selbst im empirischen Sinne, in ihrer
Subjektabhängigkeit an, im Unterschied zum tran­
Weiterführende Literatur szendentalphilosophischen Begriff der Dinge an
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge, sich, der die Subjektunabhängigkeit derselben
Cambridge: Cambridge University Press 1978. Objekte hervorhebt. Erscheinung und Ding an
Hinsch, Wilfried: Erfahrung und Selbstbewußt­ sich sind in dieser Bedeutung auf ein und das­
sein, Hamburg: Meiner 1986. selbe Objekt bezogen, das entsprechend Kants
Knoepffler, Nikolaus: Der Begriff ‚transzenden­ Kopernikanischer Wende diesem Erscheinungs­
tal‘ bei Immanuel Kant, München: Herbert Utz begriff zufolge seinen Formen nach auf → apriori­
Verlag 1999. sche Leistungen des Subjekts zurückzuführen ist.
Krüger, Lorenz: „Wollte Kant die Vollständigkeit Es gibt daher, folgt man Kants kritischem Idea­
seiner Urteilstafel beweisen“, in: Kant-Studien lismus (vgl. 4:294), keine zwei Welten (vgl. zu
59, 1968, 333–356. dieser Problematik Willaschek, Mehrdeutigkeit),
Stuhlmann-Laeisz, Rainer: Kants Logik, Berlin auf den diese beiden Begriffe ‚Erscheinung‘ und
u. a.: de Gruyter 1976. ‚Ding an sich‘ Bezug nähmen. Das, worauf beide
Daniel Dohrn Begriffe angewandt werden, ist „transzendental­
philosophisch verstanden, numerisch-existentiell
identisch“ (Prauss, Erscheinung, S. 22). Weitere
Erscheinung wichtige Stellen: KrV B XXVff.; KrV B 69f.; KrV
Kant unterscheidet „im empirischen Verstande“ B 207f.; KrV B 303; KrV B 306ff.; 4:341; 11:168f.
(KrV A 29f. / B 45) Erscheinung vom → Ding an sich
selbst. ‚Erscheinung‘ meint im Sinne dieses empi­ Verwandte Stichworte
rischen Unterschieds (vgl. KrV A 45 / B 62) die Art Anschauung; Ding; Empfindung; Objekt; Nou­
und Weise, wie ein empirischer Gegenstand dem menon/Phaenomenon
erkennenden Subjekt gegeben ist. Beispielsweise
kann „eine Rose [. . . ] jedem Auge in Ansehung Vorgeschichte und historischer Kontext
der Farbe anders erscheinen“ (KrV A 29f. / B 45). In seiner Dissertation De mundi von 1770 nennt
Erscheinungen sind in dieser Hinsicht „bloß als Kant die Objekte der Erfahrung „phaenomena“
Veränderungen unseres Subjekts, die sogar bei (2:394; vgl. 2:405). Er unterscheidet sie, wie in der
verschiedenen Menschen verschieden sein kön­ Leibniz-Wolffschen-Schulphilosophie üblich (vgl.
nen“ (KrV A 29f. / B 45), zu begreifen. ‚Erschei­ Baumgarten, Metaphysica, § 12, § 425), von der blo­
nung‘ umfasst dabei das, was Kant in anderen ßen „apparentia“, dem Sinnenschein (2:394; vgl.
Zusammenhängen auch empirische → Anschau­ 8:146, 8:154). „Erscheinung“ liegt daher zunächst
ung oder Empfindung nennt (vgl. KrV A 20 / B 34; als Übersetzung für „apparentia“ im Sinne der
KrV A 119; 4:290). Erscheinungen und Dinge an empirischen Bedeutung nahe, zumal das Lateini­
sich selbst sind in diesem Sinne als zwei unter­ sche selbst „phaenomenon“ als Lehnwort aus dem
schiedliche Arten von Phänomenen zu begrei­ Griechischen benutzt, um die Abhängigkeit der er­
fen. Sie sind numerisch-existentiell verschieden, kannten Gegenstände der Außenwelt von den Sin­
nämlich zum einen Gegebenheiten der Innenwelt nen zu kennzeichnen, ohne sie damit sogleich zu
des Subjekts und zum anderen Objekte der Au­ bloßen Modifikationen der Innenwelt des Subjekts
ßenwelt. Dieser Erscheinungsbegriff ist vom tran­ zu machen (vgl. Prauss, Erscheinung, S. 18f.). Kant
szendentalphilosophischen Begriff der Erschei­ verweist hier in der Dissertation auf die von den
nung zu unterscheiden. Jedes empirische Objekt „Schulen der Alten“ gemachte Differenzierung
kann Kant zufolge in philosophischer Hinsicht von Erscheinung (→ Phaenomenon) und Ding an
aus einem „doppelten Gesichtspunkte betrachtet“ sich (→ Noumenon) (2:392). Spätestens seit Platon

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
566 | Erscheinung

(vgl. Platon, Phaidon, 74aff.) werden die Gegen­ philosophischer Betrachtungsweise. Kennzeich­
stände, wie sie mittels der Sinne wahrgenommen nend für seine Transzendentalphilosophie ist eine
werden, von demjenigen Bereich der Wirklichkeit, nichtempirische Einstellung des Menschen, die
der an und für sich selbst existiert, unterschieden. von der alltäglichen sinnlichen Wahrnehmung zu
Dieser Unterschied erhält durch Kants → Transzen­ unterscheiden ist. Wer im Sinne Kants philoso­
dentalphilosophie eine neue Bedeutung. Das Wort phisch reflektiert, richtet sich nicht mehr auf die
„Erscheinung“ in transzendentaler Bedeutung konkreten Dinge, die ihm mittels der empirischen
muss aufgrund dieses Zusammenhangs gewis­ Einstellung zugänglich sind, sondern bezieht sich
sermaßen als Notbehelf betrachtet werden, um zurück auf sein eigenes Erkenntnisvermögen. Er
die Subjektabhängigkeit der empirischen Dinge fragt danach, was Wahrnehmung als Erkenntnis
an sich zu kennzeichnen. Kant erläutert daher charakterisiert und wie sie zu erklären ist.
seine Verwendung ausdrücklich: „Ferner ist noch Das Erkennen als Sinneswahrnehmung bil­
anzumerken, daß Erscheinung, im transscenden­ det das ursprüngliche Verhältnis des Menschen
talen Sinn genommen, da man von Dingen sagt, zur Welt. Mittels der Wahrnehmung macht der
sie sind Erscheinungen (Phaenomena), ein Be­ Mensch ursprüngliche Erfahrung. Bei jeder sinn­
griff von ganz anderer Bedeutung ist, als wenn lichen Wahrnehmung spielt, wenn auch zumeist
ich sage, dieses Ding erscheint mir so oder so, unthematisch, der Unterschied zwischen Innen-
welches die physische Erscheinung anzeigen soll, und Außenwelt, zwischen Subjekt und Objekt ei­
und Apparenz, oder Schein, genannt werden kann. ne Rolle. Beim Erkennen richtet sich das Subjekt
Denn in der Sprache der Erfahrung sind diese Ge­ grundsätzlich von sich weg auf etwas Anderes
genstände der Sinne, weil ich sie nur mit andern seiner selbst, auf ein Objekt. Diese alltägliche Be­
Gegenständen der Sinne vergleichen kann, z. B. wusstseinseinstellung kann als unreflektierter,
der Himmel mit allen seinen Sternen, ob er zwar vom philosophischen Standpunkt aus als naiver
blos Erscheinung ist, wie Dinge an sich selbst ge­ Realismus aufgefasst werden, der davon ausgeht,
dacht, und wenn von diesem gesagt wird, er hat dass die Gegenstände der Wahrnehmung unab­
den Anschein von einem Gewölbe, so bedeutet hängig vom Betrachter wirklich sind. Diese Un­
hier der Schein das Subjective in der Vorstellung abhängigkeit wird vom naiven Realismus der all­
eines Dinges, was eine Ursache seyn kann, es täglichen Perspektive unhinterfragt unterstellt:
in einem Urtheil fälschlich für objectiv zu hal­ Die Gegenstände der Außenwelt existieren nicht
ten“ (20:269). Der enge Zusammenhang beider relativ auf einen beliebigen Betrachter, d. h. die
Erscheinungsbegriffe wird deutlich, wenn Kant Gegenstände und Ereignisse der Außenwelt sind
durch den Zusammenhang gleichsam gezwun­ nicht abhängig von meiner Wahrnehmung, sie
gen wird, das griechische Wort zu verwenden, um sind objektiv, nicht subjektiv. Kant spricht daher
eine Doppelung zu vermeiden: „Erscheinungen, vom „Faktum der Erfahrung“: „Wir haben oben an­
sofern sie als Gegenstände nach der Einheit der gemerkt, daß Erfahrung aus synthetischen Sätzen
Kategorien gedacht werden, heißen Phaenomena“ bestehe, und, wie synthetische Sätze a posteriori
(KrV A 248f.; vgl. dazu bereits 2:394). ‚Erschei­ möglich seyn, nicht als eine der Auflösung be­
nungen‘ wird hier von Kant im Sinne von „appa­ dürfende Frage angesehen, weil sie Faktum ist.
rentia“ (2:394) verwendet und meint daher die Jetzt läßt sich fragen, wie dieses Faktum möglich
empirischen Anschauungen im Unterschied zu sey. [. . . ] Die Aufgabe ist: wie ist Erfahrung mög­
den empirischen Dingen, die er an dieser Stelle lich?“ (Refl. XXXIII, 23:24f.) Dieses Faktum selbst
→ ‚Phaenomena‘ nennt. lässt sich nicht mehr hinterfragen. Der Mensch ist
ein Wesen, das Erfahrung macht, nämlich Gegen­
Philosophische Funktion stände und Ereignisse der Außenwelt wahrnimmt.
1 Die notwendige Unterscheidung von So beginnt die Einleitung zur KrV auch mit der
empirischer Einstellung und philosophischer Feststellung: „Daß alle unsere Erkenntnis mit der
Reflexion Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel“
Kants transzendentalphilosophische Unterschei­ (KrV B 1).
dung von Erscheinung und Ding an sich beruht Die philosophische Reflexion dagegen unter­
auf der strikten Trennung von empirischer und sucht die Bedingungen, die erfüllt sein müssen,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erscheinung | 567

um diese äußere Realität als empirische, d. h. als schreitet damit unzulässigerweise eine Grenze,
durch menschliche Wahrnehmung erkannte, er­ die ihr durch die „Schranken der Sinnlichkeit“
klären zu können. Aus dieser Perspektive erweist (KrV A 246 / B 303) gesetzt ist. Insofern stellt Kant
sich die empirisch erkennbare Außenwelt als in fest: „Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der
bestimmter Weise vom Subjekt abhängig. Diese Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen als: wir
spezifische Abhängigkeit drückt Kant mit seinem begreifen nicht durch den reinen Verstand, was
transzendentalphilosophischen Erscheinungsbe­ die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mö­
griff aus. Die äußeren Gegenstände sind Kant zu­ gen: so sind sie ganz unbillig und unvernünftig;
folge ihrer Form nach abhängig von den erkennt­ denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge
niskonstituierenden Leistungen des Subjekts, den erkennen, mithin anschauen könne, folglich daß
reinen Anschauungsformen → Raum und → Zeit wir ein von dem menschlichen nicht bloß dem
sowie den Verstandeskategorien. Die empirisch Grade, sondern sogar der Anschauung und Art
erkannte Welt selbst bleibt aber von dieser philo­ nach gänzlich unterschiedenes Erkenntnißvermö­
sophischen Einsicht in ihrer Faktizität unberührt. gen haben, also nicht Menschen, sondern Wesen
In alltäglicher Einstellung spielt die Einsicht sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben
in die erkenntnistheoretische Abhängigkeit keine können, ob sie einmal möglich, viel weniger wie
Rolle, da es die alltägliche Einstellung mit der em­ sie beschaffen seien. Ins Innre der Natur dringt
pirischen Realität zu tun hat. Doch selbst philoso­ Beobachtung und Zergliederung der Erscheinun­
phisch betrachtet beruht die empirische Realität gen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses
nicht ausschließlich auf subjektiven Leistungen. mit der Zeit gehen werde“ (KrV A 277f. / B 333f.).
Die erkannten Objekte der Außenwelt sind subjekt­ Philosophische Erkenntnis über das Wesen der
abhängig, aber nicht subjektiv. Dies ist der Sinn Dinge bezieht sich allein auf das rein Formale die­
von Kants transzendentalphilosophischem Begriff ser Gegenstände. Aufgrund dieses Formalen sind
vom ‚Ding an sich‘ im Unterschied zum transzen­ die empirischen Gegenstände Erscheinungen in
dentalphilosophischen Erscheinungsbegriff. transzendentalphilosophischer Bedeutung. In­
sofern sind dann die erkannten Dinge der Welt
2 Der Unterschied von Erscheinung und Ding an abhängig vom Subjekt, weil ihre Form sich den
sich als Grenzbestimmung Formen des menschlichen Verstandes und der
Kant will bekanntlich mit seiner KrV die Frage be­ menschlichen Sinnlichkeit verdankt.
antworten: „Wie sind synthetische Urteile a priori Diese philosophische Grenzziehung bezieht
möglich?“ (KrV B 19) Seine Antwort kann als ne­ sich allerdings nicht auf die Empirie selbst. „Es
gative Grenzbestimmung begriffen werden (vgl. sind demnach die Gegenstände der Erfahrung nie­
Mohr, Werkkommentar, S. 251), die sich in der Un­ mals an sich selbst, sondern nur in der Erfahrung
terscheidung von Erscheinung und Ding an sich gegeben und existiren außer derselben gar nicht.
ausdrückt. Seine philosophischen Überlegungen Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob
kommen zu der Einsicht, „daß wir a priori über sie gleich kein Mensch jemals wahrgenommen
nichts als über die formale Bedingung einer mögli­ hat, muß allerdings eingeräumt werden, aber es
chen (äußeren oder inneren) Erfahrung überhaupt bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen
synthetisch urtheilen können, so wohl was die Fortschritt der Erfahrung auf sie treffen könnten“
sinnliche Anschauung derselben, als was die Ver­ (KrV A 492f. / B 521). Kants Unterscheidung bedeu­
standesbegriffe betrift, die beyderseits noch vor tet also nicht, dass wirkliche Dinge in Raum und
der Erfahrung vorher gehen und sie allererst mög­ Zeit unserem Erkennen grundsätzlich nicht zu­
lich machen“ (10:346). Philosophisch a priori kön­ gänglich sein könnten, sondern nur, dass sie es
nen demnach nur die formalen Bedingungen der faktisch nicht immer sind.
Erfahrung ermittelt werden, die zugleich forma­
le Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung Weiterführende Literatur
sind. Insofern ist dann auch Ontologie im Sin­ Allison, Henry: Kant’s Transcendental Idealism.
ne Kants „Analytik des reinen Verstandes“ (KrV An Interpretation and Defense. Revised and
A 247 / B 303). Eine Ontologie, die a priori etwas Enlarged Edition, New Haven: Yale University
Inhaltliches über die Dinge aussagen will, über­ Press 2004.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
568 | Erscheinung, Form der

Martin, Gottfried: „Kants Auseinandersetzung mit les, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit
der Bestimmung der Phänomene durch Leib­ nichts als reine Anschauung und die bloße Form
nitz und Wolff als verworrene Vorstellungen“, der Erscheinungen übrig bleibe, welches das ein­
in: Kaulbach, Friedrich / Ritter, Joachim (Hg.): zige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann.
Kritik und Metaphysik. Festschrift für Heinz Bei dieser Untersuchung wird sich finden, daß
Heimsoeth, Berlin u. a.: de Gruyter 1966. es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als
Mohr, Georg: Kants Grundlegung der kritischen Principien der Erkenntniß a priori gebe, nämlich
Philosophie. Werkkommentar und Stellenkom­ Raum und Zeit [. . . ]“ (KrV A 22 / B 36; vgl. 8:240).
mentar zur Kritik der reinen Vernunft, zu den Die Isolierbarkeit der Formen der Erscheinung
Prolegomena und zu den Fortschritten der Me­ von der empirischen Anschauung ist zugleich das
taphysik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004. erste Argument für ihre Apriorität: „Da das, worin
Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro­ sich die Empfindungen allein ordnen und in ge­
blem der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, Berlin wisse Form gestellt werden können, nicht selbst
u. a.: de Gruyter 1971. wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar
Hans-Ulrich Baumgarten die Materie aller Erscheinung nur a posteriori ge­
geben, die Form derselben aber muß zu ihnen
insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen und
Erscheinung, Form der daher abgesondert von aller Empfindung können
Der systematisch zentrale Ort, an dem der Begriff betrachtet werden“ (KrV A 20 / B 34). Die spezifi­
Form der Erscheinung von Kant eingeführt wird, schen Formen der Erscheinung sind kontingent.
ist die transzendentale Ästhetik der KrV: „[. . . ] Beim Menschen sind es Raum und Zeit, in denen
dasjenige aber, welches macht, daß das Mannig­ Erscheinungen vermittels der Formen des äuße­
faltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen ren und des inneren Sinnes gegeben werden. Die
geordnet werden kann, nenne ich die Form der Er­ Formen der Erscheinung stammen von den subjek­
scheinung“ (KrV A 20 / B 34). Kant unterscheidet tiven Bedingungen der Sinnlichkeit ab, unter der
nicht immer klar zwischen → ‚Form der Sinnlich­ alle Anschauung steht (vgl. KrV B 42). Dabei ist es
keit‘, → ‚Form der Anschauung‘ und ‚Form der die Form der Sinnlichkeit, welche Empfindungen
Erscheinung‘, wenngleich sich von der Bedeu­ in eine bestimmte Ordnung bringt, so dass sie ers­
tung der Begriffe her eine sinnvolle Unterschei­ tens überhaupt Erscheinungen für uns sind und
dung treffen lässt. So ist die Form der Erschei­ zweitens die Erscheinungen in dieser spezifischen
nung die formale Bestimmung, die Gegenstände Form gegeben werden (vgl. KrV B XXV; 20:286).
als Erscheinungen durch die reinen Formen der
Sinnlichkeit erhalten. Beim Menschen gibt es zwei Weiterführende Literatur
reine Formen der Erscheinung: Raum und Zeit. Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism.
Weitere wichtige Stellen: 2:401; KrV A 110; KrV An Interpretation and Defense, New Haven u. a.:
A 127; KrV B 300; KrV A 432 / B 459; KrV A 720 / Yale University Press 2004.
B 748; 4:284; 4:324; 5:475. Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge,
Cambridge: Cambridge University Press 1987.
Verwandte Stichworte Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro­
Erscheinung; Raum und Zeit (Anschauungsfor­ blem der „Kritik der reinen Vernunft“, Berlin
men); Sinnlichkeit, Form der u. a.: de Gruyter 1971 (Quellen und Studien zur
Philosophie 1).
Philosophische Funktion Kristina Engelhard
Der Begriff Form der Erscheinung ist charakteris­
tisch für die kritische Philosophie Kants und wird
terminologisch zuerst in der KrV eingeführt. Die
Formen der Erscheinung werden in der transzen­
Erscheinung (von) der
dentalen Ästhetik mittels des sog. Isolationsver­ Erscheinung
fahrens herausgearbeitet: „Zweitens werden wir Kant benutzt den Ausdruck „Erscheinung von der
von dieser [der empirischen Anschauung] noch al­ Erscheinung“ (22:325) im Op. post. um zum Aus­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Ersitzung | 569

druck zu bringen, dass empirische Wahrnehmun­ an sich selbst, [. . . ] als das, was in der allgemei­
gen standpunktabhängige → Vorstellungen von nen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen
→ Gegenständen sind. In der KrV unterscheidet zu den Sinnen, doch in der Anschauung so und
Kant Erscheinungen im empirischen oder physi­ nicht anders bestimmt ist“ (KrV A 45 / B 63). Im Op.
schen Sinn von solchen im transzendentalen Sinn post. wird aber die objektive Erscheinung expli­
(vgl. KrV A 45 / B 63). Im ersten Sinn sind die ver­ zit kinästhetisch als Inbegriff der verschiedenen
schiedenen Wahrnehmungen die Erscheinungen; Bewegungslagen gedacht, in die sich ein empiri­
der empirische Gegenstand ist das, was erscheint. sches Subjekt durch sein Handeln setzen kann.
Der empirische Gegenstand ist insofern von den Weiter werden sowohl Objekt als auch Subjekt
Erscheinungen unabhängig, als er die Einheit die­ im Raum lokalisiert und als Inbegriff von mög­
ser verschiedenen Erscheinungen ausmacht. Die­ lichen Interaktionen gedacht. Um einen Gegen­
ser empirische Gegenstand, mit seinen sinnlichen stand wahrzunehmen, muss das wahrnehmende
Erscheinungsweisen, ist wiederum Erscheinung Subjekt mit ihm in eine lagebedingte Wechsel­
im transzendentalen Sinn. Er ist die Einheit der wirkung treten. Der Wahrnehmende tritt durch
verschiedenen Erscheinungsweisen, so wie sie in seine Bewegungen im Raum aktiv handelnd in
einem Begriff als unabhängig von der jeweiligen eine Wahrnehmungssituation ein und nimmt das
Anschauungslage vorgestellt ist. Diese Erschei­ Objekt auf eine dadurch bestimmte Art wahr: „Er­
nung, die den verschiedenen einzelnen Erschei­ scheinung von der Erscheinung da das Subject
nungsweisen des Gegenstands zugrunde liegt, ist vom Object afficirt wird und sich selbst afficirt und
das, was Kant in der Vernunftkritik als „Phaeno­ ihr selbst eine Bewegung in der Erscheinung [. . . ]
menon“ bezeichnet, d. h. die Erscheinung, sofern und sich selbstbewegend ist“ (22:321).
sie „nach der Einheit der Kategorien“ gedacht wird Pierre Keller
(KrV A 248f.). Der Mensch wird im Op. post. auch
„phaenomen eines Phänomens“ (22:373) genannt,
sofern er selbst in der menschlichen Erfahrung Erschleichung
eine objektive Stelle einnimmt. Das Phänomen, → Subreption
die objektive Erscheinung, die wir durch einen Be­
griff von dem Gegenstand zu den verschiedenen
stellungsrelativen Erscheinungen hinzudenken, Ersitzung
erlaubt es uns, die verschiedenen Erscheinun­ Als Ersitzung (usucapio) bezeichnet Kant eine
gen als Erscheinungsweisen eines Gegenstands Form der „idealen Erwerbung eines äußeren Gegen­
zusammenzubringen: „Die Erscheinung von der standes der Willkür“ (6:291), die sich auf dem dau­
Erscheinung in der Verknüpfung des Mannigfal­ ernden → Besitz gründet. Weitere wichtige Stellen:
tigen gedacht ist der Begriff des Gegenstandes 6:291ff.; 6:363f.
selbst“ (22:325). Weitere wichtige Stellen: 22:321f.;
22:326f.; 22:364; 22:367; 22:371. Verwandte Stichworte
Eigentum; Erwerbung
Verwandte Stichworte
Erscheinung; Selbstaffektion; Wahrnehmung Philosophische Funktion
Ersitzung gehört neben Beerbung und Erwerbung
Philosophische Funktion durch unsterbliches Verdienst zu den drei Arten
Der Sache nach ist Erscheinung der Erscheinung einer idealen Erwerbung (vgl. 6:291). Ideale Erwer­
in der Vernunftkritik bereits am Beispiel eines bungen zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen
Regenbogens, der nur Erscheinung eines Som­ „eine bloße Idee der reinen Vernunft zum Grun­
merregens ist, entwickelt. Der Regen ist transzen­ de“ (6:291) liegt, sie daher notwendig im → Na­
dental gesehen Erscheinung, weil er als Regen­ turzustande denkbar sind, auch wenn sie „nur
tropfen nur in Beziehung zu unserer räumlich- im öffentlichen rechtlichen Zustande ihren Effect
zeitlichen sinnlichen → Anschauung existiert (vgl. haben“ (6:291). Das durch Ersitzung erworbene
KrV A 46 / B 63). Physisch gesehen sind die Re­ Eigentum gründet sich auf einem langen Besitz,
gentropfen, aber nicht der Regenbogen, „Sache worauf potenzielle Ansprüche auf den Besitz ange­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
570 | Erstaunen

wiesen sind. Denn wer „nicht einen beständigen fassung der Welt (vgl. 2:154), zum anderen die
Besitzact (actus possessorius) einer äußeren Sa­ Sensibilität für die → Würde des Menschen (vgl.
che, als der seinen, ausübt, wird mit Recht als 5:76; 8:402f.).
einer, der (als Besitzer) gar nicht existirt, angese­ Mag der stoisch abgeklärte Grundsatz, „sich
hen“ (6:292). Bei längerer Abwesenheit „kann also über nichts zu verwundern“ („nihil admirari“,
nur ein rechtlicher und zwar sich continuierlich 7:261) in empirischer Einstellung auf den „Lauf
erhaltender und documentirter Besitzact“ (6:292) der Dinge“ angemessen sein, so zeichnet den „for­
die Ansprüche an einer → Sache erhalten. Andern­ schende[n] Blick[]“ die Affizierbarkeit durch die
falls „würde gar keine Erwerbung peremtorisch „Ordnung der Natur“ aus als eine zur Theologie
(gesichert), sondern alle nur provisorisch (einst­ disponierende Sensibilität für „eine Weisheit, de­
weilig) sein“ (6:292), da es nicht möglich ist, den ren er sich nicht gewärtig war [. . . ]; welcher Affect
ersten Besitzer zu ermitteln. Im → bürgerlichen Zu­ aber alsdann nur durch die Vernunft angeregt
stand kann im Gegensatz zum Naturzustand der wird und eine Art von heiligem Schauer ist, den
→ Staat stellvertretend den Besitz erhalten (vgl. Abgrund des Übersinnlichen sich vor seinen Fü­
6:293). ßen eröffnen zu sehen“ (7:261). Mit Blick auf die
Andree Hahmann sinnreiche Verfassung der Natur schreibt Kant:
„Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so uner­
meßlichen Schauplatz von Mannigfaltigkeit, Ord­
Erstaunen nung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag
Das Erstaunen ist ein Affekt, welcher der Bewun­ diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder
derung entspricht (vgl. 5:76), und den Kant in in der unbegrenzten Theilung desselben verfol­
anthropologischer Perspektive generell der Ge­ gen, [. . . ] so daß sich unser Urtheil vom Ganzen in
danken- und Gefühlsbewegung angesichts einer ein sprachloses, aber desto beredteres Erstaunen
„unerwarteten Vorstellung“ (7:261) zuordnet. Er­ auflösen muß“ (KrV A 622 / B 650). So ist es auch
staunen kann das Gemüt ebenso im Blick auf die das Erstaunen über diese Verfassung der Natur, in
Vollkommenheit, Größe und → Schönheit der äu­ dem Kant das vorwiegende Motiv der bisherigen
ßeren → Natur erfassen (vgl. 2:118) wie im Blick → Gottesbeweise ausmacht: Die Spuren der Größe
nach innen auf die → Freiheit und Erhabenheit der und Macht des „anbetungswürdigen Wesens“ er­
menschlichen Natur (vgl. 8:402f.). Weitere wich­ füllen die Seele des Betrachters mit „Erstaunen,
tige Stellen: 1:256; 1:306; 1:308; 1:312; KrV A 622 / Demuth und Ehrfurcht“ (2:117). Auffällig ist in den
B 650; 5:15; 7:261. Phänomenen (unendliche Größe, Unermesslich­
keit, überwältigende Macht) der Zusammenhang
Verwandte Stichwörter mit dem später ethisch und ästhetisch qualifi­
Achtung, Achtung für das Gesetz; Ehrfurcht; zierten Gedanken des → Erhabenen. Im ethischen
Gefühl, moralisches; Gottesbeweis, physi­ Kontext der KpV beschreibt Kant das Erstaunen
kotheologischer; Schönheit (Schöne, das); als eine Gemütsbewegung, die wie die Verehrung
Erhabene, das zu den Begleiterscheinungen der → Achtung (vor
Personen wie vor dem Gesetz) gehört (vgl. 5:156).
Philosophische Funktion Birgit Recki
Schon 1755 in der Theorie des Himmels, lange be­
vor er sich der Analyse der moralischen und äs­
thetischen Gefühle widmet, kennzeichnet Kant im
Erstaunen das religiöse Gefühl: „Ich finde nichts,
Erste Einleitung in die
das den Geist des Menschen zu einem edleren Kritik der Urteilskraft
Erstaunen erheben kann, indem es ihm eine Aus­ Vollständig gedruckt wurde die Erste Einleitung
sicht in das unendliche Feld der Allmacht eröffnet, erstmals in dem von O. Buek herausgegebenen
als diesen Theil der Theorie, der die successive Bd. V der von Ernst Cassirer besorgten Ausga­
Vollendung der Schöpfung betrifft“ (1:312). Was be der Werke Kants (vgl. Buek, Erste Einleitung,
in ihm zum Ausdruck kommt, ist zum einen der S. 177–321). Die ursprüngliche Version der Ab­
spekulative Sinn für die ästhetisch vermittelte Ver­ schrift findet sich in Hinske/Müller-Lauter/Theu­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erste Einleitung in die Kritik der Urteilskraft | 571

nissen, Erste Einleitung. Einen zuverlässigen Text bestimmte [. . . ] Abhandlung“ (Brief an Beck vom
enthält die 1927 von Gerhard Lehmann besorgte 18. 08. 1793, 11:441). In diesem Brief hat Kant auch
Ausgabe (4. Auflage Hamburg 1990). das „Wesentliche jener Vorrede“ charakterisiert,
Der Titel ist dem Text rückblickend beige­ das „etwa bis zur Hälfte des Mspts reichen möch­
geben worden, weil Kant für die gedruckte KU te“ (Brief an Beck vom 18. 08. 1793, 11:441). Die
eine neue Einleitung verfasst hat. Wahrscheinlich genannte Hälfte bringt vor aller Erörterung der
im Herbst 1789 fertiggestellt, hat die Erste Ein­ Struktur der Urteilskraft, so fasst Kant zusammen,
leitung die endgültige Ausarbeitung der dritten eine „besondere und seltsame Voraussetzung un­
Kritik nicht hinreichend berücksichtigt. Die neue serer Vernunft“ in den Blick: „daß die Natur in
Einleitung, wohl erst nach Abschluss des Werkes der Mannigfaltigkeit ihrer Producte eine Accom­
geschrieben, ist unter diesem Aspekt nicht einfach modation zu den Schranken unserer Urtheilskraft
die gekürzte Fassung einer von Kant selbst als zu [. . . ] als Zweck für unsere Fassungskraft beliebt
umfangreich angesehenen Einleitung. So könnte habe“ (Brief an Beck vom 18. 08. 1793, 11:441).
man die Erste Einleitung als eine eigenständige
Abhandlung ansehen. Inhalt
Kant selbst hat das wohl so gesehen, denn Kant greift, um dies zu erläutern, ein Lehrstück
er hat 1793 eine von ihm korrigierte Abschrift des der KrV auf: Weil der → Verstand als allgemeines
Manuskripts seinem früheren Schüler → Jacob Si­ → Prinzip unserer gegenständlichen → Erfahrung
gismund Beck zugeschickt, damit dieser nach nicht auch Prinzip eines Erfahrungszusammen­
seinem „Gutbefinden [. . . ] Eines oder das Ande­ hanges von Naturereignissen in deren empirischer
re daraus [. . . ] benutzen“ könne (Brief an Beck Besonderheit ist, bedürfen wir eines Prinzips, das
vom 18. 08. 1793, 11:441). Offenbar hat Kant die den Verstand überschreitet, nämlich die → Ver­
Abhandlung als nützlich für eine Darstellung und nunft, deren → Ideen eine nur regulative Funktion
Verteidigung seiner Philosophie, um die sich Beck haben. Im Hinblick auf das Programm, das er in
in der öffentlichen Debatte bemühte, angesehen. der neuen Kritik entwickeln will, bindet Kant die­
Einen Auszug daraus hat Beck dem zweiten Band ses Prinzip jetzt an die reflektierende Urteilskraft
seines „Erläuternder Auszug aus den critischen (→ Kritik der Urteilskraft). Ausführlich räumt er
Schriften des Herrn Prof. Kant auf Anrathen dessel­ dabei den Verdacht aus, dass deren Verfahren
ben“ (S. 541–590) beigegeben. Die Abschrift (das bloß empirisch sein könnte. Da sich dies aus der
Originalmanuskript ist nicht erhalten) ist später Beschreibung der Struktur der reflektierenden Ur­
in den Besitz der Universitätsbibliothek Rostock teilskraft im Werk selbst hinlänglich ergibt, haben
gelangt. wir hier einen Hinweis darauf, dass Kant in die­
F. Ch. Starke, der den Beckschen Text erst­ sem Punkt lange unsicher gewesen ist. Aber auch
mals wieder abdruckte („I. Kants vorzügliche klei­ sonst war es mit Blick auf den ausgearbeiteten
ne Schriften und Aufsätze mit Anmerkungen“, Text der KU in Kants Augen mit einer bloßen Re­
Bd. II, Leipzig 1833, S. 223–262), gab ihm den Titel duzierung des Umfangs der ersten Fassung nicht
„Über Philosophie überhaupt und über die Kri­ getan.
tik der Urteilskraft insbesondere“. Das war nicht
schlecht gewählt, denn die Erste Einleitung sucht Zum Verhältnis der Ersten Einleitung in die
in der Tat aus einem Begriff von → Philosophie Kritik der Urteilskraft zur KU
heraus das Unternehmen einer zu schreibenden Kant hat es wohl als unangemessen angesehen,
Kritik der Urteilskraft zu rechtfertigen, während dass die Urteilskraft mit dem sie angeblich leiten­
die endgültige Einleitung demgegenüber im Rück­ den Aspekt einer → Einheit der empirischen Erfah­
griff auf die im Werk exponierte Struktur der reflek­ rung zu stark der theoretischen Philosophie als
tierenden → Urteilskraft darauf abzielt zu zeigen, eine Art Anhang zu ihr zugeordnet wurde, zumal
dass und inwiefern eine → Kritik dieses Vermö­ damit ein latenter Objektivismus verbunden ist,
gens zum → System der Philosophie gehört. So der „das eigenthümliche Princip der Urtheilskraft“
ist der erste Text eher eine Vorrede, als die ihn als etwas erscheinen lässt, das die → Natur selbst
Kant in dem Brief an Beck auch bezeichnet hat: „zum Behuf der Urtheilskraft“ verrichtet (20:216).
die „vordem zur Vorrede für die Critik der U. Kr. Dies führt zum Begriff einer „Technik der Natur“

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
572 | Erwartung

(20:219), die die Urteilskraft sich „zum Princip So dokumentiert die Erste Einleitung ein frü­
ihrer Reflexion“ (20:214) macht, zwar nur für sich hes Stadium des Entwurfs der Idee einer dritten
selbst und nicht mit objektivem Anspruch, aber Kritik. Deshalb liegt es nahe, in ihr eine zurückge­
doch so, dass sie an der Natur selbst Formen vor­ lassene Position zu sehen, die es in erster Linie
aussetzt, durch die sie zu ihrem Reflektieren ver­ unter dem Aspekt ihrer Differenz zur endgültigen
anlasst wird. Das mag auf die Organismus-Theo­ Einleitung zu interpretieren gilt. Sie macht deut­
rie im späten Op. post. vorausdeuten, trifft aber lich, dass Kant bis kurz vor Drucklegung der KU
nicht die Grundidee der KU. Das dort exponierte an diesem Werk gearbeitet hat.
ästhetische → Urteil bezieht sich weder auf eine Großen Einfluss auf die Rezeptionsgeschich­
bestimmte Beschaffenheit seines → Objekts, noch te hat die Erste Einleitung nicht gehabt, weder als
sucht es die so beurteilten Objekte in den Kontext Hilfe für das Verständnis der dritten Kritik noch
einer durchgängigen empirischen Erfahrung zu als eine eigenständige Abhandlung.
bringen. Selbst das teleologische Urteil ergänzt
nicht primär die mechanische Deutung von Natur­ Weiterführende Literatur
zusammenhängen um eine davon verschiedene Mertens, Helga: Kommentar zur Ersten Einlei­
Sicht der Natur, sondern bringt am Ende den Be­ tung in Kants Kritik der Urteilskraft. Zur syste­
griff eines objektiven → Zweckes ins Spiel, der zur matischen Funktion der Kritik der Urteilskraft
Naturdeutung überhaupt nicht taugt, weil er ein für das System der Vernunftkritik, München:
→ Endzweck ist, der allein im → Subjekt des Urtei­ Berchmans 1975.
lenden liegt. Wolfgang Bartuschat
Diese Dimension hatte Kant bei seiner frü­
hen Konzeption der Ersten Einleitung noch nicht
im Blick. So erwähnt er im Schlusskapitel (XII) Erwartung
bei der „Eintheilung der Kritik der Urtheilskraft“ Die Erwartung ist das Voraussehen zukünftiger
(20:247–251) mit keinem Wort die „Methodenlehre Begebenheiten aufgrund der Beobachtung ähnli­
der teleologischen Urtheilskraft“ (5:416–485). Auch cher Fälle. Wichtige Stellen: 7:186; 8:113.
die interne Gliederung der beiden Teile der KU
nach dem Gesichtspunkt von innerer und relativer Verwandte Stichworte
→ Zweckmäßigkeit weicht von der veröffentlichten Wahrsagen; Weissagen; Zukunft
Abhandlung ab. Dass die Zweckmäßigkeit einmal
„in der Vorstellung des Gegenstandes an sich“ Philosophische Funktion
und zum anderen „blos im zufälligen Gebrauche“ Die „überlegte Erwartung des Künftigen“, das heißt
dieser Vorstellung gründe (20:249), ist schon für das „Vermögen, [. . . ] die kommende, oft sehr ent­
den Unterschied von Schönem und → Erhabenem fernte Zeit sich gegenwärtig zu machen“ (8:113), ist
höchst problematisch; für das teleologisch reflek­ für Kant eine wichtige Errungenschaft der mensch­
tierende Urteil, das für die Beurteilung einer bloß lichen Gattung. Die Erwartung beruht nicht auf
relativen Zweckmäßigkeit von Naturdingen gar Begriffen und Grundsätzen a priori, sondern stützt
nicht erforderlich ist, trifft sie überhaupt nicht zu. sich auf die „[s]ubjective Nothwendigkeit, d. i. Ge­
Sowohl die Wendung vom „zufälligen Gebrauche“ wohnheit“ (5:12; → Notwendigkeit, subjektive/ob­
beim Erhabenen wie die von einer Nützlichkeit jektive; → Gewohnheit), so dass wir „nach der Re­
für andere „Dinge“ (20:249) bei der Betrachtung gel der Einbildungskraft ähnliche Fälle wie sonst
der Natur signalisieren einen Standpunkt, auf erwarten“ (5:51). In der Anthropologie bestimmt
dem sich Kant offensichtlich noch nicht hinrei­ Kant die Erwartung ähnlicher Fälle als das „empi­
chend darüber im klaren gewesen ist, dass die rische Voraussehen“. Es „bedarf keiner Vernunft­
reflektierende Urteilskraft in ihrer bloß subjekti­ kunde von Ursachen und Wirkungen, sondern nur
ven Gültigkeit eine ihr eigene → Allgemeingültig­ der Erinnerung beobachteter Begebenheiten, wie
keit und Notwendigkeit (→ Notwendigkeit, ästhe­ sie gemeiniglich auf einander folgen, und wieder­
tische) enthält und in der Erörterung von Vermö­ holte Erfahrungen bringen darin eine Fertigkeit
gensrelationen ein Beitrag zum Selbstverständnis hervor“ (7:186).
desjenigen ist, der reflektierend urteilt. Georg Sans

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erwerbung | 573

Die nähere Erläuterung dieses Prinzips wird


Erwerbung dann aber in den Absätzen 4 und 5 auf das Sa­
Der Begriff der Erwerbung wird von Kant von chenrecht bezogen, so dass diese in § 17 gehören
Beginn an auf die äußere Erwerbung bezogen (vgl. Ludwig, Rechtslehre, S. 65).
(vgl. 6:258). „[U]rsprünglich“ ist diese Erwerbung, Die „Eintheilung der Erwerbung des äußeren
wenn sie „nicht von dem Seinen eines Anderen Mein und Dein“ (6:259) am Ende des § 10 dagegen
abgeleitet ist“ (6:258). Während man → Inneres bezieht die äußere Erwerbung nicht nur auf Sa­
immer schon ‚besitzt‘, ist die Erwerbung von Äu­ chen, sondern der „Form (Erwerbungsart) nach“
ßerem „peremtorisch“ nur in einer bürgerlichen auch auf persönliche und persönlich-dingliche
Verfassung möglich, im Naturzustand bleibt sie Beziehungen (6:260); es geht also nicht nur um
„provisorisch“ (6:264). Weitere wichtige Stellen: das Sachenrecht, sondern auch um das Schuld­
6:258–268; 6:291. recht und Familienrecht.
Außerdem gibt es noch drei Formen der
Verwandte Stichworte „idealen Erwerbung eines äußeren Gegenstan­
Besitz; Eigentum; Mein und Dein; Sachenrecht des der Willkür“ (6:291): durch „Ersitzung“ (§ 33,
6:291–293), durch „Beerbung“ (§ 34, 6:293f.) und
Philosophische Funktion durch „unsterbliches Verdienst [. . . ], d. i. der An­
1 Arten, Prinzip und Einteilung der äußeren spruch auf den guten Namen nach dem Tode“
Erwerbung (6:291, ausgeführt in § 35, 6:295f.).
Wie bereits der einleitenden Erläuterung des
Begriffs ‚Erwerbung‘ zu entnehmen ist, unter­ 2 Das Sachenrecht, insbesondere das
scheidet Kant die „ursprünglich[e]“ von der Privateigentum
„abgeleitet[en]“ Erwerbung (6:258, vgl. § 10 der Obwohl allgemeiner formuliert, enthält die Ein­
Rechtslehre der MS, 6:258–260) und die „provi­ teilung am Ende von § 10 doch auch Vorgaben
sorisch[e]“ von der „peremtorisch[en]“ (6:264; speziell für das Sachenrecht. Der „Materie (dem
vgl. § 15, 6:264–266). Objecte) nach“ geht es um die Erwerbung einer
In § 10 geht es um das Ingangsetzen der in „körperliche[n] Sache“ (6:259), der „Form (Erwer­
§§ 1–9 begründeten Möglichkeit, etwas Äußeres bungsart) nach“ geht es um ein „Sachenrecht“ und
als das Seine zu haben. Der Akt der äußeren Er­ dem „Rechtsgrunde“ nach um den „Act einer ein­
werbung ist in § 10 noch nicht speziell auf die seitigen [. . . ] Willkür“, wobei Kant einräumt, dass
ursprüngliche Erwerbung und auch nicht auf die es sich bei letzterem nur um ein Moment der Art
Erwerbung äußerer Sachen bezogen, sondern han­ der Ausübung einer Erwerbung handelt (6:260).
delt vom allgemeinen Prinzip der Erwerbung. Die Frage: „Was ist ein Sachenrecht?“ (6:260),
Nach dem „Princip der äußeren Erwerbung“ mit der § 11 überschrieben ist, wird zunächst nicht
(6:258) ist etwas Äußeres Mein unter drei Voraus­ beantwortet, sondern in die weitere Frage verscho­
setzungen: Erstens muss ich es in meine Gewalt ben, ob es sich um „ein unmittelbares Verhältniß
bringen, zweitens muss ich das Vermögen haben, zu einem körperlichen Dinge“ handelt (6:260). In
von ihm als Objekt meiner → Willkür Gebrauch zu der Antwort auf diese Frage weist Kant die Vor­
machen, drittens muss ich wollen, dass es mein stellung als „ungereimt“ zurück, die sich eine
sein soll. Das klingt alles sehr handgreiflich und „Verbindlichkeit einer Person gegen Sachen und
subjektiv, wird aber in die allgemeinen Grundsät­ umgekehrt“ denkt (6:260). Auch das Sachenrecht
ze der auf der äußeren Freiheit von jedermann ist ein Recht, das sich unmittelbar auf Personen
basierenden Rechtslehre eingebunden. Das ‚In- in Bezug auf eine Sache bezieht, so dass der Ge­
Gewalt-Bringen‘ muss das allgemeine Rechtsge­ genpol des Berechtigten der jeweilige Besitzer ist,
setz und damit die → äußere Freiheit anderer be­ der verpflichtet sein kann, sich des Besitzes zu
achten. Der ‚Willkürgebrauch‘ muss das Postulat enthalten oder ihn zurückzugeben, und nicht die
der praktischen Vernunft realisieren. Der ‚Besitz­ ‚rechtlose‘ Sache. Zieht man die Anmerkung zu
wille‘ muss auf die „Idee eines möglichen ver­ § 17 nach vorne (so Ludwig, Rechtslehre, S. 68), so
einigten Willens“ (6:258) zurückgeführt werden ergibt sich für den dort erstmals in der → Rechts­
können. lehre verwendeten Begriff ‚Eigentum‘, dass es sich

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
574 | Erwerbung

um ein „Verhältniß einer Person zu Personen“ schrieben. Das klingt – was auch Kant sieht – ein­
handelt (6:268). Gegenstand des Eigentums aber seitig, ist es aber nicht, weil die Bemächtigung von
können nur Sachen sein, denn das Eigentum be­ der Zustimmung aller getragen sein muss. Die drei
inhaltet die Befugnis, „nach Belieben“ über sein „Momente“ der Bemächtigung finden sich schon –
Bezugsobjekt zu verfügen (6:270), was sich gegen­ verfrüht – in § 10 (6:258). Das erste Moment – die
über anderen Personen verbietet. Der Mensch ist „Apprehension“ (6:258) – meint die physische In­
nicht einmal „Eigenthümer von sich selbst [. . . ], besitznahme einer Sache; sie ist trotz ihrer em­
geschweige denn von anderen Menschen“ (6:270). pirischen Bedingtheit nicht willkürlich, denn sie
In § 11 Abs. 2 wird zunächst als einzige Be­ hat die zeitliche Priorität zu beachten. Das zweite
dingung der Möglichkeit und Berechtigung von Moment – die „Bezeichnung (declaratio)“ (6:258) –
Privateigentum der „Gesammtbesitz“ genannt meint die Kenntlichmachung/Markierung einer
(6:261). Dann wird aber für die Verbindlichkeit Sache als meiner; sie soll anderen eine Grenze für
anderer, sich des Besitzes meiner Sache zu ent­ ihre Freiheitsausübung aufzeigen. Rechtliche Ver­
halten, doch noch eine weitere Bedingung aufge­ bindlichkeit schafft aber erst das dritte Moment:
stellt: „die vereinigte Willkür Aller in einem Ge­ die „Zueignung (appropriatio)“ (6:259). Sie ist zwar
sammtbesitz“. Erst die „vereinigte Willkür Aller“ vom Zueignenden aus gesehen ein einseitiger Wil­
legitimiert Einschränkungen der äußeren Frei­ lensakt, doch wird die Zueignung bei Beachtung
heit von jedermann. Soll diese Einschränkung in des allgemeinen Rechtsgesetzes als „Act eines
der Beachtung/Respektierung des Eigentums an äußerlich allgemein gesetzgebenden Willens“ ge­
einer Sache bestehen, so muss zusätzlich ein „Ge­ dacht, „durch welchen jedermann zur Einstim­
sammtbesitze [. . . ] mit allen andern“ hinzukom­ mung mit meiner Willkür verbunden wird“ (6:259).
men. „Verbindlichkeit“ gegenüber anderen hin­ Sind also alle drei Momente beachtet, schafft die
sichtlich Sachen schafft die „vereinigte Willkür“ „Bemächtigung“ (6:263) Privateigentum mit Zu­
als Gesamtbesitzer aller Sachen, der befugt ist, stimmung aller anderen, die sich verpflichten,
einzelne Sachen bestimmten Menschen unter be­ sich des Gebrauchs der Sache zu enthalten. Em­
stimmten Voraussetzungen zur Aneignung freizu­ pirische Momente wie etwa die Bearbeitung einer
geben (6:261). Das so entstehende Privateigentum Sache, z. B. des → Boden (rechtlich), sind rechtlich
geht aus dem → Gesamtbesitz mit Zustimmung ohne Bedeutung (vgl. 6:265).
aller Mitbesitzer hervor (sog. ‚soziale Fundierung‘
des Privateigentums). Dass der vereinigte Wille 4 Provisorische und peremtorische Erwerbung
den Gesamtbesitz nicht als Gemeineigentum z. B. Wie schon beim rechtlichen Besitz einer Sache in
am Boden (vgl. zur Mongolei 6:265) zusammen­ §§ 8 und 9 wird auch bei der Erwerbung in §§ 15
hält, liegt am individualistischen Fundament der und 17 „provisorisch“ und „peremtorisch“ unter­
Rechtslehre Kants. Ist Ausgangspunkt des Rechts schieden (6:264). Die Erwerbung im (gedachten)
die äußere Freiheit von jedermann, so muss je­ Naturzustand ist provisorisch, weil mir das Ei­
dermann jede eigentumsfähige Sache in Besitz gentum an einer Sache beliebig bestritten werden
nehmen können, wenn dadurch nicht die Freiheit kann. Rechtssicherheit gibt es erst in einer bür­
anderer verletzt wird. Kann dann noch das Privat­ gerlichen Verfassung, in der der Staat das Privat­
eigentum des einen mit dem des/der anderen nach eigentum von jedermann so sichern kann, dass
einem allgemeinen Gesetz der Freiheit kompatibel es peremtorisch ist. Dieser Fortschritt hinsicht­
gemacht werden, z. B. durch eine Eigentumsord­ lich der Sicherheit des freiheitlich begründeten
nung als Freiheitsordnung, ist das Privateigentum Eigentums lässt sogar → Zwang zur Mitwirkung
vorrangig (sog. ‚rationale Fundierung‘ des Privat­ an der Errichtung einer bürgerlichen Gesellschaft
eigentums, die man auch ‚freiheitstheoretische als berechtigt erscheinen (vgl. 6:264).
Fundierung‘ nennen könnte). Allein der „a priori vereinigte[] Wille[]“ im
bürgerlichen Zustand „bestimmt“, „was recht, was
3 Erwerbung durch Bemächtigung (occupatio) rechtlich und was Rechtens ist“ (6:267). Ob darin
In § 14 wird der rechtliche Akt der Erwerbung einer ein Gestaltungsauftrag für den staatlichen → Ge­
bestimmten körperlichen Sache schon in der Über­ setzgeber hinsichtlich der Ausgestaltung der Ei­
schrift als „Bemächtigung (occupatio)“ (6:263) um­ gentumsordnung gesehen werden kann, wird kon­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erzeugung | 575

trovers diskutiert (vgl. Kühl, Von der Art, S. 126). Verwandte Stichworte
Die überwiegende ablehnende Auffassung kann Weltbau; Naturordnung; Organismus (Wesen,
sich auf § 9 berufen, wo es heißt, dass der rechtli­ organisiertes; Körper, organisierter); Teleologie,
che Zustand der ist, „durch welchen jedem das teleologisch
Seine nur gesichert, eigentlich aber nicht ausge­
macht und bestimmt wird“ (6:256). Philosophische Funktion
Seit seinen frühen Schriften ist Kant der Über­
Weiterführende Literatur zeugung, dass die Naturwissenschaft erfolgreich
Kersting, Wolfgang: Wohlgeordnete Freiheit, Ber­ sein kann, wenn sie auf der Grundlage der in
lin u. a.: de Gruyter 1984. der Materie wirkenden Kräfte mechanische Er­
Kühl, Kristian: „Von der Art, etwas Äußeres zu klärungen gibt, auch wenn die Natur auf Zweck­
erwerben, insbesondere vom Sachenrecht“, in: mäßigkeit hindeutet: „Gebet mir Materie, ich will
Höffe, Otfried (Hg.): Immanuel Kant. Metaphy­ eine Welt daraus bauen!“ (1:230). Er betont, dass
sische Anfangsgründe der Rechtslehre, Berlin: der mechanischen Erklärung gegenüber der te­
Akademie 1999, 117–132. leologischen Erklärung Vorrang zu gewähren ist
Kühnemund, Burkhard: Eigentum und Freiheit. (vgl. 5:411). Für die „erste Erzeugung“ (2:114) von
Ein kritischer Abgleich von Kants Rechtslehre Organismen wird die mechanische Sichtweise
mit den Prinzipien seiner Moralphilosophie, allerdings niemals eine vollständige Erklärung
Kassel University Press 2008. abgeben können (vgl. 5:400; 5:409). Gleichwohl
Ludwig, Bernd: Kants Rechtslehre, Hamburg: Mei­ fordert Kant, die mechanische Erklärungswei­
ner 1988. se soweit wie möglich anzuwenden (vgl. 5:409;
Luf, Gerhard: Freiheit und Gleichheit, Wien u. a.: 5:415; 5:418; 5:429). Der teleologischen Erklärung
Springer 1978. von Organismen kommt Kant zufolge lediglich
Kristian Kühl eine regulative Bedeutung zu, insofern sie die
Funktionsweise der inneren Teile eines Organis­
mus und ihre besondere natürliche Wirkung ent­
Erzeugung deckt (vgl. 20:236 über den Zweck der „Crystal­
Kant verwendet den Ausdruck ‚Erzeugung‘ haupt­ linse im Auge“). Solche Entdeckungen wären
sächlich mit Bezug auf natürliche Produkte, die kaum möglich, würden Wissenschaftler nicht
→ Zweckmäßigkeit aufweisen. Diese Produkte le­ nach den Funktionen (‚Zwecken‘) der inneren
gen eine teleologische Erklärung nahe, als natür­ Teile von Organismen forschen. In konstituti­
liche Produkte hingegen erfordern sie zugleich ver Hinsicht aber würde eine teleologische Er­
eine mechanische Erklärung. Kant unterscheidet klärung eine unsachgemäße Kausalrelation im­
zwischen der „mechanischen und der teleologi­ plizieren. Teleologie legt nahe, dass eine exter­
schen Erzeugungsart“ (5:429) und in gleicher Wei­ ne intelligente schöpferische Kraft am Werk ist,
se zwischen der „physischen (mechanischen) und die Organismen Form und Organisation verleiht,
der teleologischen (technischen) Erklärungsart“ während Kant der Meinung ist, dass Organismen
(5:389). Kant gebraucht den Begriff Erzeugung sich selbst organisieren (vgl. 5:374). Hierfür steht
auch im Kontext von kosmischer Ordnung, zweck­ Kants Konzept von Organismen als → Naturzwe­
mäßiger geologischer Struktur und Organismen. cken.
Auch die Produktivität des reinen Verstandes und
der transzendentalen Einbildungskraft, die unse­ Weiterführende Literatur
re Erfahrung ordnet, wird ‚Erzeugung‘ genannt. In Ginsborg, Hannah: „Two kinds of mechanical in­
diesem Kontext ist der Begriff gleichbedeutend mit explicabilityin Kant and Aristotle“, in: Journal
→ Synthesis (vgl. KrV A 145 / B 184; vgl. auch KrV of the History of Philosophy 42, 2004, 33–65.
B 115; KrV A 86 / B 118; KrV A 143 / B 183; KrV A 163 / Lenoir, Timothy: The Strategy of Life. Teleology
B 204; KrV A 210 / B 255). Weitere wichtige Stellen: and Mechanics in Nineteenth-Century German
1:227; 1:229; 1:230; 1:238; 1:284; 1:334; 1:341ff.; 2:114; Biology, Chicago: University of Chicago Press
2:128; 2:149; 2:429; 5:348; 5:382; 5:387ff.; 5:395ff.; 1982.
5:400; 5:408; 5:412; 5:413; 5:429; 20:218. McLaughlin, Peter: Kant’s Critique of Teleology in

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
576 | Erziehung

Biological Explanation: Antinomy and Teleolo­ stinkt hat und „sich selbst den Plan seines Ver­
gy, Lewiston: Mellen 1990. haltens machen“ muss (9:441). Insofern kann der
Alejandro Rosas Mensch „nur Mensch werden durch Erziehung. Er
(Übersetzung: Julia Born) ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht“
(9:443). Das Bedürfnis einer Erziehung betrifft
demnach nicht bloß den einzelnen Menschen,
Erziehung sondern die ganze Menschengattung: Sie „soll
Erziehung bestimmt Kant in Pädagogik als „die die ganze Naturanlage der Menschheit durch ihre
Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disciplin eigne Bemühung nach und nach von selbst her­
(Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung“ ausbringen. Eine Generation erzieht die andere“
(9:441). Kant hat aber zugleich die ‚echte‘ Erzie­ (9:441; vgl. 7:328). Im Allgemeinen gilt, dass „der
hung von Dressur, Abrichtung und mechanischer Mensch nur durch Menschen erzogen wird, durch
Unterweisung abgehoben und angemahnt, „daß Menschen, die ebenfalls erzogen sind“ (9:443).
Kinder denken lernen“, d. h. die Prinzipien zu Diese übergreifende Rolle der Erziehung wird
erfassen suchen, „aus denen alle Handlungen durch Kants Viergliederung ihrer Momente spezi­
entspringen“ (9:450). Kant unterscheidet diesbe­ fiziert. Im viergliedrigen Schema der Erziehungs­
züglich „physische Erziehung“ von der „prakti­ aufgaben macht die Moralisierung das „wichtigste
sche[n]“ Erziehung (9:455): die erstere versteht Stück“ aus (9:450). Auf sie hin sind die anderen
er als „diejenige, die der Mensch mit den Thieren Funktionen entworfen (vgl. Ruhloff, Moralisie­
gemein hat, oder die Verpflegung“ (9:455). „Die rung). Die Disziplinierung gehört zum „negati­
praktische oder moralische ist diejenige, durch ve[n]“ (9:442), d. h. vorbeugenden und verhüten­
die der Mensch soll gebildet werden, damit er wie den Teil der Erziehung. Sie soll verhüten, „daß
ein freihandelndes Wesen leben könne“ (9:455). die Tierheit nicht der Menschheit [. . . ] zum Scha­
Kant hat ferner die Fülle der damit verbundenen den gereiche“, weshalb sie „blos Bezähmung der
Aufgaben in das vierteilige normative Schema ge­ Wildheit“ (9:449) bzw. der „Unabhängigkeit von
bracht: Disziplinierung (→ Disziplin), Kultivierung Gesetzen“ ist (9:442). Dieser „Befreiung des Wil­
(→ Kultivieren), → Zivilisierung und → Moralisie­ lens von dem Despotism der Begierden“ (5:432)
rung (vgl. 9:449f., 7:324; vgl. Funke, Stichwort). geht es positiv um den Erwerb der Fähigkeit, sich
Dabei benutzt er ohne genaue Abgrenzung vom Er­ an Gesetze halten zu können, wodurch „die Thier­
ziehungsbegriff auch den Begriff der Bildung, teil­ heit in die Menschheit“ umgeändert wird (9:441).
weise sogar, um den Erziehungsbegriff zu erläu­ Das sichert die Voraussetzung für die anderen
tern, wenn es z. B. von der praktischen Erziehung Erziehungsaufgaben, von denen die Kultivierung
heißt, sie bestehe aus der „scholastisch-mechani­ die „Belehrung und Unterweisung“ zur „Verschaf­
schen Bildung [. . . ], aus der pragmatischen [. . . ], fung der Geschicklichkeit“ betrifft (9:449), d. h.
aus der moralischen“ (9:455; vgl. 6:281). Offenbar zu dem Vermögen, „welches zu allen [. . . ] Zwe­
ist hier jeweils an die „Bildung eines Talents“ (KrV cken zureichend ist“ (9:449; vgl. 5:303, 5:432). Die­
A 709 / B 737) zu denken, die man jedoch kaum se schulische Unterweisung bzw. „scholastisch-
im umfassenden Sinne als Erziehung bezeich­ mechanische[] Bildung“ (9:455) liefert ihrerseits
nen kann. Weitere wichtige Stellen: 5:40; 6:281ff.; die Voraussetzung zur „Erreichung aller seiner
6:330; 7:92f.; 7:294; 7:323; 7:328; 8:146; 9:441ff. Zwecke“ (9:455). Um mit dem erworbenen Können
in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, ist neben
Verwandte Stichworte → Geschicklichkeit auch → Klugheit erforderlich,
Bildung; Mündigkeit; Schule; Pädagogik „das Vermögen, seine Geschicklichkeit gut an den
Mann zu bringen“ (9:455). Dieser sozialisierende
Philosophische Funktion Teil der Erziehung ist die Zivilisierung (vgl. 9:450).
1 Kants Systematik der Erziehungsaufgaben Hier geht es darum, „daß der Mensch [. . . ] in die
Kant schreibt der Erziehung eine sehr wichtige menschliche Gesellschaft passe, daß er beliebt
Rolle im menschlichen Leben zu: „Der Mensch ist sei und Einfluß habe“ (9:450), dass er „die bürger­
das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß“ liche Gesellschaft zu seine[n] Absichte[n] [zu] len­
(9:441), da er anders als die → Tiere keinen → In­ ken“ (9:455) und sich in sie einzugliedern vermag,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Erziehung | 577

was ihn zum Bürger (lat. civis) qualifiziert. Sie Beurteilung der Lauterkeit ihrer Maximen und vor
kann auch „pragmatische[]“ (9:455) Bildung hei­ allem die selbstreflexive Frage nach dem Ursprung
ßen (→ pragmatisch). Der pragmatischen Bildung der Gewissheit, Bedürfnissen zugunsten des Ge­
schließt sich die „moralische Bildung“ (9:455), setzesgehorsams überlegen zu sein, wodurch das
die Moralisierung (vgl. 9:450) an. Sie fügt zur Ge­ „Gefühl der Erhabenheit seiner moralischen Be­
schicklichkeit und Klugheit die → Sittlichkeit (vgl. stimmung“ rege wird, das vorzügliche „Mittel der
9:455). Sie ist schon von Beginn der Erziehung an Erweckung sittlicher Gesinnungen“ (6:50). Die­
zu beobachten, richtet sich dort freilich an den se moralpädagogische Methodik wird neben den
„gemeinen Menschenverstand[]“ (9:455) der Her­ Ausführungen der Pädagogik zur Charakterbil­
anwachsenden, später erst an ihre Vernunft, wo­ dung (vgl. 9:486ff.) vor allem in den Methoden­
bei sie auf Grundsätzen beruht, „die der Mensch lehren der KpV und der MST detailliert entfaltet,
selbst einsehen soll“ (9:455). Aus der Zweck-Mit­ wobei die MST auch den Aspekt der Tugendex­
tel-Relation gedacht, geht es um die Regulation erzitien (→ Asketik, ethische (bzw. moralische))
der Zwecksetzung: „Der Mensch soll nicht blos verfolgt (vgl. Koch, Ethische Didaktik).
zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch
die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute 2 Probleme der Erziehung
Zwecke erwähle“ (9:450). → Moralische Bildung Kant hat das Problem der Vereinigung von → Frei­
als Kernaufgabe der Erziehung ist nicht mit Diszi­ heit und → Zwang in der Erziehung als ein Problem
plin (→ Zucht) zu verwechseln. „Diese verhindert für die Erzieher herausgestellt: „Wie cultivire ich
die Unarten, jene bildet die Denkungsart“ (9:480). die Freiheit bei dem Zwange?“ (9:453; vgl. Cavallar,
Die Trias von Kultivierung, Zivilisierung und Freiheit; Ruhloff, Kultivierung Freiheit).
Moralisierung ist in modernisierter Terminologie Problematisch ist nach Kant auch der Erfolg
als Enkulturation, Sozialisation und Personalisa­ der Erziehung, hinter der „das große Geheimniß
tion noch heute geläufig (vgl. Wurzbacher, Sozia­ der Vollkommenheit der menschlichen Natur“ ste­
lisation). Kant zählt sie in Abhebung gegen „phy­ cke (9:444). Nach Kant vermag nicht der Einzelne
sische Erziehung“ zur „praktische[n]“ Erziehung zu dieser „Bestimmung“ zu gelangen, sondern al­
(9:455). Praktische Erziehung ist daher Erziehung lein die Gattung im allmählichen Fortschritt zum
„zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handeln­ Besseren: „Nicht einzelne Menschen, sondern die
den Wesens, das sich selbst erhalten und in der Menschengattung soll dahin gelangen“ (9:445).
Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst Das größte Teilproblem im pädagogischen
aber einen inneren Werth haben kann“ (9:455). Der Fortschrittsprozess ist die Moralisierung. Kant
moralischen Bildung schließt sich die religiöse übernimmt die Rousseausche Skepsis: „Wir sind
Bildung an, weil Religion eine „auf die Erkenntnis im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft
Gottes angewandte Moral“ ist (9:494). Dass hat cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen
den zeitlichen und methodischen Vorrang des Mo­ [. . . ]. Aber uns für schon moralisirt zu halten, dar­
ralunterrichts vor dem theologischen → Unterricht an fehlt noch sehr viel“ (8:26; vgl. 9:451; Refl. 1460,
zur Folge: „Moralität muß also vorhergehen, die 15:641). Trotzdem hat Kant in Pädagogik geglaubt,
Theologie ihr dann folgen, und das heißt Religion“ das Problem durch Erziehung lösen zu können:
(9:495). „Gute Erziehung gerade ist das, woraus alles Gute
Geht man, wie Kant seit Religion von einem in der Welt entspringt“ (9:448; vgl. 27:471). Spä­
menschlichen → Hang zum Bösen aus, dann wird ter (in Gemeinspruch und in Fakultäten) siegte
mit der Selbstbesserung des Menschen auch die die Skepsis: durch Bildung der Jugend zum Gu­
moralische Erziehung zum Problem. Sie kann ten zu erziehen, sei nicht zu erwarten, mithin
nicht durch allmähliche Reform der → Sitten, son­ nicht durch den „Gang der Dinge von unten hin­
dern nur durch „Revolution in der Gesinnung im auf, sondern den von oben herab“ (7:92; vgl. 8:310).
Menschen“ (6:47) bzw. durch „Umwandlung der Ungelöst bleibe das „Problem der moralischen
Denkungsart“ (6:48) geschehen. Die pädagogi­ Erziehung für unsere Gattung“, weil der angebo­
schen Mittel dazu sind die Belehrung „von der Hei­ rene „böse[] Hang“ zwar durch die „allgemeine
ligkeit, die in der Idee der Pflicht liegt“ (8:49), das Menschenvernunft getadelt“ und „allenfalls [. . . ]
„Beispiel selbst von guten Menschen“ (6:48) zur gebändigt“, aber dadurch „nicht vertilgt“ werden

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
578 | Erziehungskunst, Erziehungslehre

könne (7:327). Kants zunehmende Skepsis an den ter, im ausgeführten moralphilosophischen Sys­
Möglichkeiten der Erziehung lässt auch seine Ab­ tem der Metaphysik der Sitten im engeren Sinne
lehnung eines Pädagogischen Seminars an der verstanden. Im weiteren Sinne bezeichnet der
Königsberger Universität im Jahr 1791 vermuten Terminus ‚Ethik‘ die Moralphilosophie als allge­
(vgl. Fortsreuter, Pläne). meine Sittenlehre, d. i. die Wissenschaft, die die
→ Gesetze der Freiheit als ihr eigenes Objekt hat.
Weiterführende Literatur Diese Bedeutung des Begriffs stammt aus der grie­
Louden, Robert: Kant’s Impure Ethics. From Ra­ chischen Philosophie, auf die sich Kant in der
tional Beings to Human Beings, New York u. a.: Vorrede zur GMS bezieht, wo Kant selbst diese
Oxford University Press 2002, insbes. 33–61. weitere Bedeutung des Wortes verwendet (vgl.
Roth, Klas / Surprenant, Chris W. (Hg.): Kant and 4:387). Systematisch bedeutsamer ist aber der en­
Education: Interpretations and Commentary, gere Ethik-Begriff, der erst in der MS geklärt und
London: Routledge 2011. analysiert wird. In Kenntnis der traditionellen,
Weisskopf, Traugott: Immanuel Kant und die Päd­ weiteren Bedeutung und in bewusster Abgren­
agogik. Beiträge zu einer Monographie, Zürich: zung gegen sie führt Kant in den Vorarbeiten zur
EVZ 1970. MS die engere Bedeutung ein. Diese stützt sich
Lutz Koch auf die Unterscheidung zwischen Moral (d. i. all­
gemeine Sittenlehre oder Moralphilosophie) und
Ethik. Ethik ist ‚Tugendlehre‘, als Moral hinge­
gen bezeichnet Kant in den Vorarbeiten zur MST
Erziehungskunst, die ganze Sittenlehre, oder Moralphilosophie, die
Erziehungslehre aus Recht und Ethik besteht. Ethik „in besondrer
→ Pädagogik Bedeutung“ macht nur einen Teil derselben aus:
„Die Moral besteht aus der Rechtslehre (doctrina
iusti) und der Tugendlehre (doctrina honesti) jene
Ethik heißt auch ius im allgemeinen Sinne, diese Ethi­
Als ‚Ethik‘ bezeichnet Kant in der Metaphysik der ca in besondrer Bedeutung (denn sonst bedeutet
Sitten nicht, wie „in den alten Zeiten“ (und noch auch Ethic die ganze Moral)“ (23:386).
Kant selbst in der GMS), die → Sittenlehre über­ 1.2 Die Ethik als Tugendlehre hat als Teil des Sys­
haupt – oder → Moralphilosophie –, sondern nur tems der praktischen Philosophie, der auf die Kri­
einen Teil derselben, nämlich „die Lehre von den tik der praktischen Vernunft folgen muss, eine be­
Pflichten, die nicht unter äußeren Gesetzen ste­ stimmte systematische Stellung und ein bestimm­
hen, [. . . ] so daß jetzt das System der allgemeinen tes Verhältnis zur → Rechtslehre als anderem Teil
Pflichtenlehre in das der Rechtslehre (ius), welche a priori des Systems der praktischen Philosophie.
äußerer Gesetze fähig ist, und der Tugendlehre Die Philosophie im materialen Sinne (nicht im for­
(Ethica) eingetheilt wird, die deren nicht fähig ist“ malen Sinne, d. h. als → Logik, die nur Prinzipien
(6:379). Da die Ethik oder Tugendlehre sich mit der Form des Denkens überhaupt und ohne Un­
den Zwecken beschäftigt, die zugleich Pflichten terschiede der Objekte enthalten kann; vgl. 6:171,
sind, kann sie auch „als das System der Zwecke 4:387–388) soll nämlich in theoretische und prak­
der reinen praktischen Vernunft definirt werden“ tische Philosophie eingeteilt werden und dabei
(6:381). Weitere wichtige Stellen: 4:387; 6:379ff. wird eine praktische Philosophie, welche nicht
die Natur, sondern die Freiheit der Willkür zum
Verwandte Stichworte Objekt hat, „eine Metaphysik der Sitten voraus­
Moral; Moralphilosophie; Metaphysik der setzen und bedürfen“ (6:216). Unter ‚Metaphysik‘
Sitten; Sittenlehre; Tugendlehre ist ein System der Erkenntnis a priori aus bloßen
Begriffen zu verstehen (vgl. 6:216), dementspre­
Philosophische Funktion chend ist die Metaphysik der Sitten der apriorische
1 Entwicklung und systematische Stellung Teil des Systems der praktischen Philosophie als
1.1 Der Begriff ‚Ethik‘ wird von Kant zunächst Moralphilosophie. Es geht dabei um ein System
(und noch in der GMS) im weiteren Sinne, spä­ von → Pflichten, das vom Philosophen erkannt

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Ethik | 579

und expliziert werden muss, das aber auch jeder Die Metaphysik der Sitten spricht auch in ihrem
Mensch in sich hat, „obzwar gemeiniglich nur ethischen Teil nur von Menschen und von den
auf dunkle Art“ (6:216). Neben der Metaphysik Beziehungen, die sie mit sich selbst und mit den
der Sitten wird die praktische Philosophie auch anderen Menschen haben.
ein „andere[s] Glied“ haben, das aber nur die
subjektiven, sowohl hindernde als begünstigen­ 2 Ethik und Recht
de Bedingungen der Ausführung der Gesetze der 2.1 Die Unterscheidung zwischen Ethik und
Metaphysik der Sitten enthält: die → moralische → Recht, Tugendlehre und Rechtslehre, gründet
Anthropologie (6:217). Die praktische Philosophie sich: a) auf den verschiedenen ‚Stücken‘ der mo­
ist Moralphilosophie (wie aus der Einleitung zur ralischen Gesetzgebung; b) auf den Objekten der
KU, vgl. 5:171–173, hervorgeht und wie in der Ein­ moralischen Gesetzgebung. Da in aller Gesetzge­
leitung zur MSR, vgl. 6:217–218, bestätigt wird), bung „zwei Stücke“ (6:218) enthalten sind: das
d. h. sie ist vor allem eine → praktische Gesetzge­ Gesetz (besser: das → Gebot) und die Motivation
bung der Vernunft nach dem Freiheitsbegriff (vgl. zur Handlung (was Kant die → Triebfeder nennt),
5:171). Innerhalb der praktischen Gesetzgebung so besteht der große Unterschied zwischen Recht
spielt die Unterscheidung zwischen ethischer und einerseits und Ethik andererseits darin, dass es
juridischer Gesetzgebung die Hauptrolle in der für das Recht – d. i. für die juridische Gesetzge­
Bestimmung des Begriffs der Ethik. bung – gleichgültig ist, aus welcher Motivation die
1.3 Neben der Abgrenzung vom Recht will Kant Pflicht erfüllt wird, während sich die Forderungen
die Ethik und die Moralphilosophie überhaupt der Ethik auch auf die Motivation der Handlung
von der Religionslehre trennen. In der GMS be­ erstrecken: Sie gebietet, → aus Pflicht zu handeln.
hauptet er, dass „selbst der Heilige des Evangelii In Bezug auf das unterschiedliche Verhältnis zwi­
[. . . ] zuvor mit unserm Ideal der sittlichen Volkom­ schen Gesetz und Motivation wird in der MSR die
menheit verglichen werden [muss], ehe man ihn Unterscheidung von Ethik und Recht eingeführt
dafür erkennt“ (4:408). In der KU wird dann die (vgl. 6:218–219). Hinzu tritt die Unterscheidung
These klar vorgestellt, dass eine → Ethikotheologie zwischen Objekten der Gesetzgebungen: Inneres/
(d. h. eine ethisch begründete Theologie) möglich Äußeres. Gleichwohl lassen sich die beiden Unter­
ist, eine theologische Ethik hingegen nicht, „weil scheidungen Ethik/Recht und Inneres/Äußeres
Gesetze, die nicht die Vernunft ursprünglich selbst nicht aufeinander abbilden. Das Recht betrifft
giebt, und deren Befolgung sie als reines prakti­ sicherlich nur die äußere Welt, aber die Ethik be­
sches Vermögen auch bewirkt, nicht moralisch trifft nicht nur die innere (siehe auch → Handlung,
sein können“ (5:485). Noch wichtiger ist aber die äußere/innere, und → Freiheit, äußere/innere).
Struktur selbst der MST und der darin enthaltene Erstens, schon die Definition des Ethikbe­
‚Beschluß der ganzen Ethik‘ (vgl. 6:486–491), der griffs in der Einleitung zur MST gründet sich auf
dieser Struktur eine eigene Rechtfertigung gibt. das Paar Inneres/Äußeres: die Pflichten, die nur
Während die ganze Tradition der Pflichtenlehre zur Ethik (und nicht auch zum Recht) gehören,
des 18. Jahrhunderts drei Klassen von Pflichten d. h. die → Tugendpflichten als eigentümliche ethi­
betrachtete – gegen sich selbst, gegen die anderen sche Pflichten, sind diejenigen, die keiner äußeren
und gegen Gott – handelt die Pflichtenlehre der Gesetzgebung unterworfen sein können, was im
Metaphysik der Sitten nur von den → Pflichten Gegenteil bei den → Rechtspflichten der Fall ist.
gegen sich selbst / gegen andere. Es gibt zwar für Zweitens, da die Tugendpflichten keiner äußeren
Kant auch Pflichten gegen Gott, sie haben aber Gesetzgebung unterworfen sein können, können
nichts mit der „reinen philosophischen Moral“ sie auch nicht erzwungen werden, oder besser:
zu tun: „Religion also, als Lehre der Pflichten ge­ nicht von einer äußeren → Gewalt erzwungen wer­
gen Gott, liegt jenseit aller Grenzen der rein-phi­ den: „die Tugendpflicht ist von der Rechtspflicht
losophischen Ethik hinaus“ (6:487f.). Und das wesentlich darin unterschieden: daß zu dieser
bedeutet, „daß in der Ethik, als reiner praktischer ein äußerer Zwang moralisch-möglich ist, jene
Philosophie der inneren Gesetzgebung, nur die aber auf dem freien Selbstzwange allein beruht“
moralischen Verhältnisse des Menschen gegen (6:383; vgl. 6:381). Drittens ist die Freiheit, von
den Menschen für uns begreiflich sind“ (6:491). der in der Tugendlehre die Rede ist, die innere

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
580 | Ethik

Freiheit, während es in der Rechtslehre um die Rechtspflichten sind und typischerweise in recht­
„formale[] Bedingung der äußeren Freiheit“ geht lichen Normsetzungsverfahren generiert werden,
(6:380). Viertens gibt die Ethik oder Tugendlehre gleichwohl ethische Bedeutung, insofern nämlich
„nicht Gesetze für die Handlungen (denn das thut als die Ethik gebietet, sie auch dann zu erfüllen,
das Ius), sondern nur für die Maximen der Hand­ wenn sie nicht äußerlich erzwungen werden kön­
lungen“ (6:388), d. h. für das subjektive Prinzip, nen. Alle die Pflichten, die nicht direkt-ethische
nach welchem man handelt. Pflichten sind, einschließlich aller Rechtspflich­
2.2 Worum geht es aber bei diesen → Maximen, ten, sind also indirekt-ethische Pflichten.
die das eigentliche Objekt der ethischen Gesetzge­ Diese Pflichten haben eine ethische Bedeu­
bung sind? Die bloße Verallgemeinerungsfähig­ tung, obwohl sie im Rahmen des Rechts entstehen:
keit, die in der ersten Formulierung des → kate­ pacta sunt servanda ist z. B. eine Pflicht, deren
gorischen Imperativs enthalten ist, kann für die Gesetzgebung nicht in der Ethik enthalten ist,
Ethik nur ein negatives Prinzip sein (vgl. 6:381). aber die Ethik gebietet, diese Pflicht zu erfüllen,
In der Ethik geht es in der Tat um → Zwecke, die nur weil diese eine Pflicht ist, auch wenn kein
zugleich Pflichten sind: „Der Begriff eines Zwecks, äußerer Zwang das Individuum zum Einhalten
der zugleich Pflicht ist, welcher der Ethik eigen­ der Verträge zwingt. Die innere Gesetzgebung der
thümlich zugehört, ist es allein, der ein Gesetz für Ethik gebietet nämlich, dass alle Pflichten (al­
die Maximen der Handlungen begründet, indem so auch Rechtspflichten) qua Pflichten um ihres
der subjective Zweck (den jedermann hat) dem Pflichtseins willen zu erfüllen sind. Die Rechts­
objectiven (den sich jedermann dazu machen soll) pflichten – und insgesamt alle die Pflichten, die
untergeordnet wird“ (6:389). Die Ethik kann al­ nicht direkt-ethische Pflichten sind – sind also
so auch „als das System der Zwecke der reinen indirekt-ethische Pflichten. Die direkt-ethischen
praktischen Vernunft definirt werden“ (6:381). Das Pflichten sind dagegen spezifisch ethische Pflich­
Recht hat nur mit der Form der Handlungen zu ten, d. h. die Tugendpflichten der Selbstvervoll­
tun, die Ethik dagegen mit einer Materie, einem kommnung und der fremden Glückseligkeit: „So
Gegenstand der freien Willkür, der vom objektiven gibt es also zwar viele direct-ethische Pflichten,
Zweck, der zugleich eine Pflicht ist, bestimmt wird. aber die innere Gesetzgebung macht auch die üb­
Diese Eigentümlichkeit der Ethik – dass sie als rigen alle und insgesammt zu indirect-ethischen“
ein System der Zwecke verstanden werden kann – (6:221).
erklärt auch, warum die Ethik nicht erzwungen 3.2 Eine Eigentümlichkeit der direkt-ethischen
werden kann: „Nun kann ich zwar zu Handlun­ Pflichten, d. h. der Tugendpflichten, besteht darin,
gen, die als Mittel auf einen Zweck gerichtet sind, dass sie von weiter, nicht wie die Rechtspflichten
nie aber einen Zweck zu haben von anderen ge­ von enger Verbindlichkeit sind, „denn wenn das
zwungen werden, sondern ich kann nur selbst mir Gesetz nur die Maxime der Handlungen, nicht
etwas zum Zweck machen“ (6:381). die Handlungen selbst gebieten kann, so ists ein
Zeichen, daß es der Befolgung (Observanz) einen
3 Ethik und Pflicht Spielraum (latitudo) für die freie Willkür überlas­
3.1 Was die Beziehung von Ethik zur Pflicht und se, d. i. nicht bestimmt angeben könne, wie und
zur Pflichtenlehre betrifft, so umfasst die Ethik „al­ wieviel durch die Handlung zu dem Zweck, der
le Pflichten, Recht aber nicht alle“ (27:1338): alle zugleich Pflicht ist, gewirkt werden solle“ (6:390;
Pflichten gehören zur Ethik bloß darum, „weil sie siehe → Pflichten, enge/weite). Kant behauptet,
Pflichten sind“ (6:219). Man muss bei Kant wenig­ dass dieser Unterschied für die Struktur der Tu­
stens drei Klassen von Pflichten unterscheiden: gendlehre eine Rolle spielt: die Ethik als Tugend­
die Rechtspflichten, die direkt-ethischen Pflichten lehre muss – anders als die Rechtslehre – in Ele­
(d. h. die Tugendpflichten) und die indirekt-ethi­ mentar- und Methodenlehre eingeteilt werden.
schen Pflichten (d. h. die Rechtspflichten; siehe Kant begründet dies damit, dass nur in der Ethik,
Rechtspflicht/→ Tugendpflicht). Die Rechtspflich­ und nicht in der Rechtslehre, die → Urteilskraft
ten sind äußere Pflichten, die Gegenstand einer eigens „auszumachen“ habe, „wie eine Maxime in
äußeren Gesetzgebung und äußerlich erzwing­ besonderen Fällen anzuwenden sei“ (6:411). Die
bar sind. Als Pflichten haben sie, auch wenn sie Methodenlehre der MST wird dann dem Thema

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Etwas | 581

der → moralischen Bildung als ethischer Didaktik


(vgl. 6:477–485) und nicht dem Thema der prak­ Etwas
tischen Urteilskraft gewidmet. Das Problem einer Etwas „im logischen Verstande“ (Refl. 4389, 17:529)
„Anwendung“ (6:411) wird vielmehr in den An­ ist jedes wirkliche oder mögliche Objekt, dessen
merkungen zu den Paragraphen der Tugendleh­ Begriff keine miteinander inkompatible Merkma­
re, die die „[c]asuistische[n] Fragen“ behandeln le hat (vgl. Refl. 4389, 17:529; 28:544). Etwas „in
(6:426; 6:428; 6:431; 6:433; 6:437; 6:454), unter­ metaphysischen Verstande“ (Refl. 4389, 17:529)
sucht. ist jede → Realität (vgl. Refl. 1531, 15:959; 28:543),
Mit Bezug auf das Problem der Zwecke, die d. h. jede Eigenschaft eines Gegenstandes, die „in
zugleich Pflichten sind, stellt sich als zentrales der empirischen Anschauung der Empfindung
Problem der Ethik die Frage einer „Endform“ der correspondirt“ (KrV A 168 / B 209). Weitere wichti­
praktischen Philosophie Kants (vgl. Wood, The ge Stellen: KrV A 290–291 / B 346–347; 6:218; Refl.
Final Form). Es geht um die Frage, ob die in MST 5726, 18:336.
enthaltene Ethik mit der Theorie der Grundle­
gungsschriften – GMS und KpV – kompatibel ist. Verwandte Stichworte
Dies hatte schon Georg Anderson 1921 in Frage Nichts; Denken; Realität; Widerspruch
gestellt (Die ‚Materie‘ in Kants Tugendlehre). Man
kann z. B. die Ethik der MST in eine „erweiter­ Philosophische Funktion
te Postulatenlehre“ eingliedern (vgl. Langthaler, Der Begriff von ‚Etwas‘ ist einer der zwei Begrif­
Kants Ethik, S. 279ff.) oder sie als das Zeichen des fe, in die der Begriff eines „Gegenstande[s] über­
Scheiterns der formalen Ethik Kants ansehen (vgl. haupt“ eingeteilt werden kann: jeder Gegenstand
Tafani, Virtù e felicità). überhaupt ist entweder Etwas oder Nichts (KrV
A 290 / B 346; vgl. 6:218; Refl. 1530, 15:959; Refl.
Weiterführende Literatur 5726, 18:336; 29:960). Kant unterscheidet vier Ar­
Bacin, Stefano: Il senso dell’etica. Kant e la costru­ ten des Nichts und schreibt, dass „die dieser
zione di una teoria morale, Bologna: Il Mulino gleichlaufende Einteilung des Etwas [. . . ] von sel­
2006. ber“ daraus folge (KrV A 291 / B 348). Doch benutzt
Esser, Andrea: Eine Ethik für Endliche. Kants Tu­ Kant das Wort ‚Etwas‘ in zwei Bedeutungen, die
gendlehre in der Gegenwart, Stuttgart u. a.: zweien der vier Begriffe vom Nichts entgegenge­
Frommann-Holzboog 2004. setzt sind: nihil negativum irrepraesentabile und
Gregor, Mary: Laws of Freedom. A Study of Apply­ nihil privativum.
ing the Categorical Imperative in the „Metaphy­ Etwas „im logischen Verstande“ (Refl. 4389,
sik der Sitten“, Oxford: Blackwell 1963. 17:529) bzw. „das logische Etwas“ (28:544) ist „ein
Langthaler, Rudolph: Kants Ethik als ‚System der jedwedes Object des Denkens“ (28:544), „cogi­
Zwecke‘. Perspektiven einer modifizierten Idee tabile“ und „repräsentabile“ (2:171). Alles, was
der ‚moralischen Teleologie‘ und Ethikotheolo­ keine miteinander inkompatiblen Merkmale hat,
gie, Berlin u. a.: de Gruyter 1991. erfüllt dieses Kriterium und ist logisch möglich,
Schadow, Steffi: „Recht und Ethik in Kants ‚Me­ unabhängig davon, ob wir es anschauen kön­
taphysik der Sitten‘ (MS 6:218–221 und TL nen. Dementsprechend nennt Kant ‚Etwas‘ auch
6:390f.)“, in: Sensen, Oliver / Timmermann, solche Objekte, von denen wir keine Anschau­
Jens / Trampota, Andreas (Hg.): Kant’s ‚Tugend­ ungen haben können (vgl. KrV A 697f. / B 725f.;
lehre‘. A Comprehensive Commentary, Berlin 5:402; 8:209). Etwas in diesem Sinne ist dem ni­
u. a.: de Gruyter 2013, 85–111. hil negativum irrepraesentabile entgegengesetzt
Timmons, Mark: Kant’s Metaphysics of Morals, (vgl. 2:171; KrV A 291 / B 348; KrV A 596 / B 624).
Oxford u. a.: Oxford University Press 2002. Kant übernimmt diesen Sinn von ‚Etwas‘ aus der
Luca Fonnesu Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie; siehe z. B.
Meier, Metaphysik: „Gleichwie alles das Nichts
ist, was dem Satze des Widerspruchs nicht ge­
Ethikotheologie mäß ist; also ist alles dasjenige Möglich und
→ Moraltheologie (Ethikotheologie) Etwas, oder eine mögliche Sache, was demsel­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
582 | Etwas über den Einfluß des Mondes auf die Witterung

ben gemäß ist“ (Meier, Metaphysik, § 23, Bd. 1, drei begriffliche Neuerungen – gegenüber sämtli­
S. 38). chen Publikationen des Autors Immanuel Kant –
Etwas „in metaphysischen Verstande“ (Refl. mobilisiert; es sind dies: „imponderable Mate­
4389, 17:529) ist jede positive Eigenschaft oder rie“ (8:322; vgl. 8:323), „chemische[] Gesetze[]“
Realität. Es ist dem nihil privativum oder der → Ne­ (8:323) und „incoercibel (unsperrbar)“ (8:323). In
gation entgegengesetzt, das heißt den Eigenschaf­ der Sache beinhalten diese Termini nichts anderes
ten, von denen wir keine Empfindung haben kön­ als die hypothetische Einführung eines negativ
nen, wie z. B. dunkel zu sein (vgl. KrV A 291 / bestimmten Stoffes, der „indirect“ (8:323) einen
B 347). „Realität ist Etwas, Negation ist Nichts“ Einfluß des Mondes auf Erscheinungen in der Erd­
(KrV A 291 / B 347; vgl. 28:543; Refl. 1530, 15:959). atmosphäre ermöglichen kann. (4) Ein Anhang
Alberto Vanzo mit ausdrücklichem Bezug auf eine neuere Ein­
sicht des Schweizer Naturforschers → J. A. de Luc
soll wohl dazu dienen, die Naturforschung vor
Etwas über den Einfluß allzuviel Vertrauen in den erreichten Stand der
Kenntnisse über Phänomene der Erdatmosphäre
des Mondes auf die zu warnen.
Witterung Zahlreiche mit Namen oder Titel ausgedrück­
Die Schrift ist im Mai-Heft der → Berlinischen Mo­ te Verweise kennzeichnen die Schrift nicht nur
natsschrift, Bd. 23 von 1794, S. 392–407 erschie­ als solche, sondern mit diesen wird zugleich der
nen. In der Akademie-Ausgabe ist die Schrift in Bezug auf ein breites empirisches Feld offenge­
8:315–324 zu finden. (Vgl. auch die Vorarbeiten in legt. Die chronologische Spanne reicht dabei über
23:145–148; 14:497f. Anm.) Für weitere Editionen rund 40 Jahre: Das Lehrbuch von Johann Lulofs,
siehe: Warda, Druckschriften Kants, S. 152 und (Kenntniß der Erdkugel 1755) lieferte schon dem
Adickes, Kantian Bibliography, S. 80. ersten Teil des 1757/59 abgefassten Konzeptes zur
In Anspielung auf das ‚Dialektik‘ genannte Vorlesung über Physische Geographie die Vorlage
Verfahren in der KrV werden zwei konträre Sätze (vgl. 26.1:VIII); Mitteilungen im 1793 erschiene­
über einen möglichen Einfluß des Mondes auf nen Astronomischen Jahrbuch für 1796 (vgl. 8:317,
die Witterung des Planeten Erde erwogen. Die dort als „Astronom. Abhandl.“ betitelt) bilden in
Darlegung geschieht in vier Schritten: (1) Eine äu­ der ersten Anmerkung eine empirische Basis für
ßerst knappe Exposition mittels einer (im Rahmen eigene Spekulationen über den inneren Aufbau
der Akademie-Ausgabe nicht nachgewiesenen) des Mondes. Etwa in der chronologischen Mitte
Schrift-Stelle des Göttinger Physikers → C. G. Lich­ zwischen diesen Jahren wird ein aufschlußreiches
tenberg; (2) die Durchführung mit These (A) „[Der Detail sichtbar: Der negativen These (A) stehen
Mond] sollte ihn nicht haben“ (8:317) und Gegen­ Beobachtungen über einen durch „Mondeseinfluß
these (B) „Der Mond hat gleichwohl einen (theils sehr beschleunigten“ Tod von „Fieberkranken in
am Barometer bemerklichen, theils sonst sichtba­ Bengalen“ (8:318) entgegen. – Ein dazu passender
ren) Einfluß auf die Witterung“ (8:320). Die negie­ Hinweis findet sich in einer studentischen Nach­
rende These stützt sich auf grundlegende Erkennt­ schrift der Vorlesung aus der Mitte der 1770er Jah­
nisse der neueren Physik (Gravitationsgesetze, re: „Man muß aber wissen, daß es einige Länder
Optik) weder „Licht“ (8:317) noch „Anziehungs­ gebe, wo der Mond sowohl auf Gewächse als Men­
kraft“ (8:318) kommen als nachweisbare Ursachen schen und Witterung einen großen Einfluß hat
für den behaupteten Zusammenhang in Frage. Die und zwar unter dem Pol und unter dem Aequator.
bejahende Meinung stützt sich auf zwei Phäno­ Lind von den Krankheiten in verschiedenen Welt­
mene in der irdischen Atmosphäre: Wind und gegenden sagt, daß in Bengalen, wenn die Fieber
Wetter könnten an den Extrempositionen sowohl eingerißen, das Sterben der Leute sich nach dem
der Jahresbahn des Planeten Erde um die Sonne Monde richtet und besonders in der Fluth sehr
als auch den kürzer (monatlich) wiederkehrenden viele sterben. Dieses kann nicht auf eben dieselbe
Mondphasen bestimmbaren Regeln unterworfen Art als die Ebbe und Fluth erklärt werden, [. . . ]. Es
sein (vgl. 8:320). (3) Für die „Ausgleichung die­ kann aber ein anderes Flüßige, woraus die Elec­
ses Widerstreits“ (8:322) werden nicht weniger als trische Erscheinungen, Metheoren entstehen, die

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Euklid | 583

Erde umgeben. Diese flüßige Heterosphaere kann einfach nicht wissen, welches Verhältnis von Gut
nach verschiedenen Würkungen des Mondes, in­ und Böse in unserer Anlage vorliegt und welche
dem sie in alle Menschen und Gewächse stark dieser Hypothesen somit die richtige ist (vgl. 7:83).
würkt und einfließt, auch verschiedene Erschei­ Nach Kant ist die verbreitete → Sympathie und
nungen vorbringen, wir wollen es nicht leugnen, → Hoffnung, die in seiner Zeit durch die franzö­
aber auch nicht fest annehmen; [. . . ].“ (Physische sische Revolution veranlasst worden waren, ein
Geographie Kähler, S. 218f). Literarische Quelle Phänomen, das nur durch eine moralische Anlage
ist Linds von Kant gern (vgl. z. B. 8:103; 8:169) her­ im Menschen erklärt werden kann. Diese Sympa­
angezogener Versuch über die Krankheiten. Darin thie konzentrierte sich auf das Recht der → Selbst­
heißt es: „Es ist sowohl zu Bengal als zu Bencoo­ bestimmung und auf das Ziel einer „rechtlich und
len eine gemeine Beobachtung; daß der Mond moralisch-gut[en]“ Verfassung (7:85). Hierin zeig­
oder Ebbe und Fluth einen merklichen Einfluß te sich nach Kant eine Tendenz zur Verbesserung
auf die Wechselfieber haben; und es hat mir ein im menschlichen Geschlecht, eine Tendenz, mit
Herr von ungezweifelter Wahrhaftigkeit, und von Bezug auf die man „auch ohne Sehergeist“ voraus­
großer Kenntniß in der Arzneywissenschaft, ver­ sagen könne, dass das menschliche Geschlecht
sichert, daß er zu Bengal dem Patienten die Zeit damit fortfahren werde, sich zu verbessern (7:88).
seines Todes gewiß vorhersagen konnte, welches Die Gewalttätigkeit wird sich vermindern, die Folg­
meistentheils um die Stunde, wenn das Wasser samkeit in Ansehung der Gesetze sich vermehren
fiel, zu geschehen pflegte“ (Lind, Versuch über die und darauf sollten ein Mehr an Wohltätigkeit, we­
Krankheiten, S. 77). niger „Zank in Processen“ und schließlich der
Werner Stark Friede zwischen den Menschen folgen (7:91).
Robert Johnson
(Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Eudämonie
→ Glück, Glückseligkeit
Euklid
Griechischer Mathematiker (ca. 365 v. Chr.-300
Eudämonismus v. Chr.). Euklids berühmtestes Werk Elemente ist
In Streit der Fakultäten benennt Kant die Auffas­ die erste wissenschaftliche Zusammenfassung
sung, dass das menschliche Geschlecht sich mora­ mathematischen Wissens. Mit ihrer axiomati­
lisch verbessert, als ‚Eudämonismus‘. Dieser steht schen Methode wurden sie zum Vorbild für die
im Gegensatz sowohl zu der Voraussage, dass es gesamte spätere Mathematik. Auch noch für Kants
sich moralisch verschlechtere (einer „terroristi­ Philosophie der Mathematik stellen sie die wich­
schen Vorstellungsart der Menschengeschichte“, tigste mathematische Bezugsquelle dar (→ Ma­
7:81), als auch zu der, dass es in etwa gleich bleibt, thematik). Viele der mathematischen Beispiele
wie es jetzt ist, (einem „Abderitismus“ oder ei­ und Probleme, die Kant in seinen Schriften disku­
ner stillstehenden Vorstellungsart, 7:81). Wichtige tiert, beziehen sich auf die Euklidischen Elemente
Stelle: 7:81–92. (z. B. Kants Diskussion des Parallelenaxioms; vgl.
22:81).
Verwandte Stichworte Elemente bestehen aus den so genannten
Anlage, ursprüngliche moralische; Epikur; planimetrischen und stereometrischen Büchern
Stoiker, stoisch; Misanthrop zur ebenen Geometrie bzw. zur elementaren
Raumlehre. Darüber hinaus enthalten sie die An­
Philosophische Funktion fänge der Zahlenlehre. Im 1. Buch stellt Euklid
Ausgangsproblem des Eudämonismus ist, dass Definitionen, Postulate und Axiome an den An­
das Verhältnis von Gut und Böse in der menschli­ fang, aus denen die mathematischen Lehrsätze
chen → Anlage nicht veränderbar ist, die Erwar­ abzuleiten sind. Auf diesen Aufbau der Mathema­
tung einer moralischen Besserung des Menschen tik bezieht sich Kant, wenn er den Unterschied
jedoch eine Vermehrung des Guten zu erfordern zwischen Mathematik und Philosophie in me­
scheint. Man könnte der Auffassung sein, dass wir thodischer Hinsicht kenntlich macht (→ Mathe­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
584 | Euler, Leonhard

matik und Philosophie): Allerdings verwendet → Mathematik als auch Schriften zur Astronomie
Kant den Terminus → Axiom in einem von Euklid und Physik.
(bzw. von späteren Übersetzungen) unterschiede­ Für Kant ist Euler in mehrfacher Hinsicht
nen Sinne. Als eigentlich mathematische Axiome von Bedeutung. In Kants vorkritischen Schriften
gelten Kant die Euklidischen Postulate (Aitema), gibt es eine Reihe von Stellen, in denen sich Kant
also jene Grundsätze, die die Möglichkeit einer direkt auf Euler bezieht. Diese Verweise sprechen
Konstruktion, d. h. die Existenz eines räumlichen zumeist von einer großen Hochachtung gegen­
Gebildes gewährleisten sollen, und nicht die in über Euler, so z. B. in Kants vorkritischen Schriften
späteren Übersetzungen als Axiome bezeichneten über die Negativen Größen und die Gegenden, in
logischen Grundsätze, wie z. B: „Was demselben denen Kant zustimmend auf Eulers Refléxions sur
gleich ist, ist auch einander gleich.“ (Euklid, Ele­ l’espace et le tems (1748) verweist und sie als po­
mente, S. 3) Dass die Mathematik und nicht die sitives Beispiel einer mathematisch verfassten
Philosophie in Form einer axiomatisierten Wissen­ Naturlehre würdigt (vgl. 2:168; 2:378). Die Refléxi­
schaft dargestellt werden kann, liegt nach Kant ons sur l’espace et le tems sieht Kant als Beleg
daran, dass man nur mathematische, nicht aber für seine Kritik an der Leibnizschen Raumauffas­
philosophische Begriffe konstruieren, d. h. die sung an, nach der der Raum ein bloß begriffliches
ihnen korrespondierende Anschauung a priori Verhältnis der Gegenstände sei. In den MAN be­
darstellen kann (→ Konstruktion). Von hierher er­ zieht sich Kant vor allem auf Eulers Wellentheorie
klärt sich nach Kant, warum man „kein einziges des Lichts. In seinen Ausführungen zum ‚Lehr­
Buch“ in der Philosophie „aufzeigen [kann], so satz 8‘ der ‚Metaphysischen Anfangsgründe der
wie man etwa einen Euklid vorzeigt, und sagen: Dynamik‘ schließt sich Kant ausdrücklich Eulers
das ist Metaphysik“ (4:271). Wellentheorie an, weil sie im Unterschied zu New­
In der Forschungsliteratur zu Kants Mathe­ tons Lichttheorie die gleichmäßige Beleuchtung
matikbegriff interessiert unter anderem die Frage, einer Fläche ohne weitere Voraussetzungen erklä­
ob und inwiefern sich mit Kants Philosophie der ren kann. Vertraut war Kant mit Eulers Licht- und
Mathematik die Theorie einer nichteuklidischen Wellentheorie durch dessen Nova theoria lucis
Geometrie verbinden lässt (vgl. Schirn, Kants et colorum (1746) (vgl. 4:519f.). Als eine weitere
Theorie der geometrischen Erkenntnis). Schrift, aus der Kant seine Kenntnisse der Euler­
schen Physik gewonnen hat, dürfen die Briefe an
Weiterführende Literatur eine deutsche Prinzession (1769/1773) gelten. Hier
Sutherland, Daniel: „Kant’s Philosophy of Mathe­ gibt Euler nicht nur eine populäre Darstellung der
matics and the Greek Mathematical Tradition“, Physik, sondern behandelt auch philosophisch-
in: The Philosophical Review 113, 2004, 157–202. theologische Probleme der Zeit. Eine detaillier­
Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich te Übersicht über die Auseinandersetzung Kants
mit Eulers physikalischen Theorien findet sich
bei Pollok (vgl. Pollok, Kants Metaphysische An­
Euler, Leonhard fangsgründe, insbes. S. 113–115; 230–231; 271–274;
Bedeutender schweizer Mathematiker und Physi­ 321–328).
ker (1707–1783). Unmittelbar nach Abschluss sei­ Als ungeklärt gilt in der Kant-Forschung, ob
nes Studiums an der Universität Basel wurde Euler Kant durch Lektüre von Eulers mathematischen
1727 – durch Einladung der Zarin Katharina – an Schriften zur Differential- und Integralrechnung:
die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften den Institutiones calculi differentialis (1755) und
berufen. 1741 kam er der Bitte des preußischen Kö­ den Institutiones calculi integralis (1768–1770) über
nigs Friedrich des Großen nach und wechselte an fundierte Kenntnisse der zeitgenössischen Mathe­
die Akademie der Wissenschaften in Berlin, der er matik verfügte. Der Übersetzer J. A. Chr. Michel­
von 1744 bis 1765 als Direktor vorstand. Die Aka­ sen hatte Kant nachweislich ein Exemplar seiner
demietätigkeit bot Euler die Möglichkeit, sich aus­ deutschen Übersetzung der Eulerschen Lehre zur
schließlich der eigenen Forschungsarbeit widmen Differentialrechnung mit einem Begleitschreiben,
zu können. Eulers umfangreiches Werk umfasst in dem er die Bedeutung der KrV für die Theorie
sowohl Arbeiten zur reinen und angewandten der Mathematik herausstellt, zukommen lassen

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Evolutionstheorie | 585

(vgl. Büchel, Geometrie und Philosophie, insbes. kritischen Schrift über die Deutlichkeit heraus.
S. 290ff.) Dort heißt es, dass die „philosophische Gewißheit
Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich [. . . ] von anderer Natur als die mathematische“ sei
(2:290), weil die Mathematik „ihre allgemeine Er­
kenntniß unter den Zeichen in concreto“ erkenne
Evidenz (2:291). Darum sei ihre Gewissheit „leichter und
Unter Evidenz versteht Kant eine „anschauende einer größern Anschauung theilhaftig“ (2:296).
Gewißheit“ (KrV A 734 / B 762). Nach Kant kann
nur die Mathematik aufgrund ihres apriorischen Weiterführende Literatur
Anschauungsbezuges eine solche Gewissheit be­ Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema­
anspruchen: „Die mathematische Gewißheit heißt tik. Grundlagen-Voraussetzungen-Probleme,
auch Evidenz, weil ein intuitives Erkenntniß klärer Hamburg: Meiner 1999.
ist als ein discursives“ (9:70). Obwohl mathema­ Menzel, Alfred: „Die Stellung der Mathematik in
tische und philosophische Gewissheit „an sich Kants vorkritischer Philosophie“, in: Kant-Stu­
gleich [. . . ] ist: so ist doch die Art der Gewißheit in dien 16, 1911, 139–213.
beiden verschieden“ (9:71), denn die philosophi­ Wolff-Metternich, Brigitta-Sophie von: Die Über­
sche Erkenntnis ist niemals von intuitiver, son­ windung des mathematischen Erkenntniside­
dern diskursiver Gewissheit. Weitere wichtige Stel­ als. Kants Grenzbestimmung von Mathematik
len: 2:292; 2:296; 2:298; 2:403; KrV A 87f. / B 120; und Philosophie, Berlin u. a.: de Gruyter 1995.
KrV A 180f. / B 223; KrV A 734 / B 762; KrV A 790 / Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich
B 818; 9:70f.; 16:481.

Verwandte Stichworte Evolutionstheorie


Gewissheit, intuitive/diskursive; Gewissheit; Evolutionstheorie ist eine im 18. Jh. gängige Be­
Mathematik und Philosophie zeichnung für die → Präformationstheorie oder
„System der Präexistenz der Keime“ (6:80 Anm.),
Philosophische Funktion die auf Albrecht von Haller (Boerhaave, Praelec­
Mit dem Terminus Evidenz oder „anschauende tiones, Bd. 5.1, S. 498: „evolutionum theoria“) zu­
Gewißheit“ (KrV A 734 / B 762) als Bezeichnung rückgeht, die auch von Kant in der KU verwendet
für die spezifische Art der mathematischen Ge­ wird (vgl. 5:423). Gleichbedeutend verwendet Kant
wissheit macht Kant in der KrV deutlich, dass es auch „Involutionstheorie“ (5:423), „Evolutionssys­
allein der apriorische Anschauungsbezug ihrer tem“ (8:62) und „System der Involution“ (23:106).
Begriffe und Urteile ist, der der mathematischen Wichtige Stellen: 5:423; 8:62.
Erkenntnis einen besonderen, von der Philoso­
phie nicht nachzuahmenden Gewissheitsstatus Verwandte Stichworte
verleiht: „Aus Begriffen a priori (im discursiven Präformation, Präformationssystem; Epigene­
Erkenntnisse) kann aber niemals anschauende sis; Keim
Gewißheit, d. i. Evidenz entspringen, so sehr auch
sonst das Urtheil apodiktisch gewiß sein mag“ Philosophische Funktion
(KrV A 734 / B 762). Die Mathematik hat gegenüber Die Präformationstheorie war die im 18. Jh. domi­
der Philosophie den Vorteil, dass sie ihre Erkennt­ nierende Erklärung der Zeugung und Entwicklung
nis nicht auf Begriffe, sondern auf die → Konstruk­ des Organismus. Sie führte die Komplexität und
tion derselben in einer reinen Anschauung grün­ → Zweckmäßigkeit des organischen Körpers auf
det. Sie kann damit jederzeit das „Allgemeine eine göttliche Schöpfung ursprünglicher Keime
in concreto“ erwägen und muss in ihren Grund­ zurück. Weil diese Keime sich nur auswickeln oder
sätzen (→ Axiom) und Beweisen (→ Demonstrati­ entfalten (evolvieren) mussten, um den Körper
on) nicht, wie die Philosophie, das Allgemeine zu bilden, wurde die Theorie auch Evolutions­
„in abstracto (durch Begriffe) betrachten“ (KrV theorie genannt. Da in den gängigsten Fassungen
A 734 / B 762). Diesen Vorzug der mathematischen der Präexistenzlehre die individuellen Keime als
Erkenntnisweise stellt Kant bereits in seiner vor­ in einander eingeschachtelt vorgestellt wurden,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
586 | Ewigkeit

charakterisiert sie Kant auch als eine „Involuti­ Frage, „ob die Welt von Ewigkeit her sei, oder ei­
onstheorie“ und in diesem Kontext führt er sie erst nen Anfang habe“ (KrV A 481 / B 509), zu ergeben
unter dem Titel „Evolutionstheorie“ ein (5:423). scheint, dass beide Thesen beweisbar bzw. ihre
Schon im Beweisgrund lehnte Kant die „über­ Gegenthesen widerlegbar sind (vgl. KrV A 426ff. /
natürliche Erzeugung“ als „eine Methode eines B 454ff.). Diese Schwierigkeiten lassen sich laut
unnützen Umschweifs“ (2:115) ab. Auch in der KU Kant nur dann vermeiden, wenn man annimmt,
verwirft er das Präfomationssystem unter dem dass zeitliche Eigenschaften den Dingen nicht
Namen „Evolutionstheorie“ bzw. „individuelle[] an sich selbst zukommen, sondern die Zeit nur
Präformation“ (5:423). eine → Form der Anschauung ist (vgl. 2:392; KrV
Peter McLaughlin A 490ff. / B 518ff.; KrV A 517ff. / B 545ff.; → Antino­
mie der reinen Vernunft).
Ewigkeit als unendliche nicht-zeitliche Dau­
Ewigkeit er thematisiert Kant einerseits im Kontext von
Ewigkeit versteht Kant als unendliche Dauer. Von Überlegungen zur fortgesetzten Existenz des Men­
dieser unendlichen Dauer können wir einen phä­ schen nach dem Tod, andererseits im Kontext
nomenalen oder einen noumenalen Begriff haben. der Rede von der Ewigkeit als Attribut Gottes. In
„Die Ewigkeit (unendliche Dauer) als ein phaeno­ Ende aller Dinge schreibt er, der Ausdruck, ein
menon ist die unendliche Zeit“ (Refl. 4269, 17:488) Sterbender „gehe aus der Zeit in die Ewigkeit [. . . ]
bzw. das Immersein („sempiternitas“, 28:570). würde in der That nichts sagen, wenn hier un­
Ewig in der Welt der Erscheinungen ist etwas also ter der Ewigkeit eine ins Unendliche fortgehende
dann, wenn es zu allen Zeiten da ist. Dagegen Zeit verstanden werden sollte; [. . . ]. Also muß
ist „[d]ie Ewigkeit, als ein Verstandesbegriff, [. . . ] damit ein Ende aller Zeit bei ununterbrochener
nur eine uneingeschränkte Dauer“ (28:570), aber Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein
„kein Daseyn in aller Zeit [. . . ], sofern es durch Dasein als Größe betrachtet) doch auch als eine
intellectuelle Begriffe betrachtet wird“ (28:326). mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio
Weitere wichtige Stellen: 1:309–322; 2:392f.; KrV Noumenon) gemeint sein, von der wir uns freilich
A 426ff. / B 454ff.; KrV A 517ff. / B 545ff.; 5:483f.; keinen (als bloß negativen) Begriff machen kön­
8:327f.; 8:333–336; 14:572f.; 17:429; 17:691; 18:630f.; nen“ (8:327; vgl. 8:328, 8:333–336, 23:151). Dass
20:377; 23:151; 28:1044. das Weiterexistieren der Seele des Menschen –
sollte sie denn unsterblich sein – nach dessen Tod
Verwandte Stichworte nicht als Existieren in der Zeit verstanden werden
Zeit; Antinomie; Unsterblichkeit; Gott kann, ist für Kant auch deswegen naheliegend,
weil die Seele nur als Erscheinung, nicht aber an
Philosophische Funktion sich selbst in der Zeit existiert. Auch wenn wir
Phänomenale Ewigkeit ist für Kant deswegen von von der Ewigkeit Gottes sprechen, dürfen wir uns
philosophischem Interesse, weil er der Meinung diese nur als „Ewigkeit ohne Bedingungen der
ist, dass sie grundlegende Schwierigkeiten auf­ Zeit“ (KrV A 641 / B 669), d. h. nicht als ein Dasein
wirft, die sich nur im Rahmen seines → transzen­ zu allen Zeiten vorstellen, denn Gott existiert als
dentalen Idealismus lösen lassen. Schon in De Noumenon schließlich nicht in Raum und Zeit
mundi schreibt er, dass es rätselhaft sei, wie es (→ Noumenon/Phaenomenon). Davon, was unter
eine „unbedingte Ganzheit“ („totalitas absolu­ einer solchen nicht-zeitlichen, noumenalen Ewig­
ta“) einer „niemals endenden Reihe von einander keit zu verstehen ist, können wir uns allerdings
in Ewigkeit folgenden Zuständen des Weltalls“ keinen rechten Begriff machen: „Wenn ich mir
(„statuum universi in aeternum sibi succedentium nun die Ewigkeit als eine Dauer ohne Anfang und
nunquam absolvenda series“; 2:391, Übers. Vf.) Ende vorstelle, welches doch noch die wenigs­
geben könne, da sich die Vollständigkeit und die te Erklärung ist, die ich von der Ewigkeit geben
→ Unendlichkeit dieser Reihe zu widersprechen kann; so ist gleichwohl der Begriff der Zeit damit
scheinen. In der KrV taucht eine ähnliche Überle­ vermischt. Denn Dauer, Anfang, Ende, sind lauter
gung im Rahmen der ersten Antinomie auf. Dort Prädikate, die nur von einem Dinge in der Zeit ge­
stellt sich das Problem, dass die Diskussion der dacht werden können. Es ist freilich wahr, daß ich

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Existenz | 587

Anfang und Ende von Gott verneine; aber dadurch Muster etwas Intelligibles, Normatives. Dennoch
gewinne ich nicht viel; denn mein Begriff von der bleibt es philosophisch problematisch, inwiefern
Ewigkeit wird darum nicht um das geringste auf­ man etwa von einem moralisch gut handelnden
gekläret oder gereiniget. Im Grunde stelle ich mir Menschen ein Beispiel (im Sinne von Exempel)
Gott doch in der Zeit vor, wenn ich gleich Anfang geben kann (vgl. 4:407f.; 6:479f.), doch bewer­
und Ende von ihm entferne“ (28:1044; vgl. 5:483f., tet Kant die Rolle von Exempeln im Kontext sei­
17:429, 17:691, 18:630f., 28:326). ner Moralphilosophie auch positiv (vgl. 5:154ff.).
Ein Exempel gibt auch ein Künstler, „wenn sein
Weiterführende Literatur Product musterhaft ist, d. i. wenn es verdient
Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense. An Essay als Beispiel (exemplar) nachgeahmt zu werden“
on Kant’s ‘Critique of Pure Reason’, London: (7:224).
Methuen 1966, insbes. Teil 3, Kap. III.
Wood, Allen: Kant’s Moral Theology, Ithaca: Cor­ Weiterführende Literatur
nell University Press 1970. Recki, Birgit: Ästhetik der Sitten, Frankfurt/M.:
Tobias Rosefeldt Klostermann 2001, insbes. 256ff., 306ff.
Cord Friebe

Exempel
„Beispiel, ein deutsches Wort, was man gemei­ Existenz
niglich für Exempel als gleichgeltend braucht, ist Existenz ist kein Prädikat oder Bestimmung von
mit diesem nicht von einerlei Bedeutung. Woran irgendeinem Ding. Existenz ist die absolute Set­
ein Exempel nehmen und zur Verständlichkeit zung des Dinges (lat. positio absoluta). Behaupten
eines Ausdrucks ein Beispiel anführen, sind ganz wir, dass etwas existiert, dann geben wir keine
verschiedene Begriffe. Das Exempel ist ein be­ inhaltliche Beschreibung eines Dinges, sondern
sonderer Fall von einer praktischen Regel, sofern sagen nur, dass es etwas unserem Begriff Ent­
diese die Thunlichkeit oder Unthunlichkeit ei­ sprechendes gibt. Existenz kann nur synthetisch
ner Handlung vorstellt“ (6:479 Anm.). Entgegen durch Wahrnehmung erkannt werden. Wichtige
dieser terminologischen Festlegung verwendet Stellen: 1:394ff.; 2:72ff.; KrV A 218ff. / B 265ff.; KrV
Kant Exempel zuweilen wie → Beispiel (vgl. 1:452; A 592ff. / B 620ff.; KrV A 597ff. / B 625ff.
9:111) und insbesondere auch Beispiel im Sinne
von Exempel, so vor allem in seinen moralphilo­ Verwandte Stichworte
sophischen Schriften (vgl. 4:407f.; 6:479f.) und Sein, Dasein; wirklich, Wirklichkeit; Nichtsein;
auch in der Anthropologie, wo es doch gerade Modalität; Kopula
darum geht, Exempel zu statuieren, sich in prag­
matischer Absicht (positiv wie negativ) an Vorbil­ Philosophische Funktion
dern ein Beispiel zu nehmen (vgl. die zahlreichen 1 Ort und Funktion der „ratio existendi“ in der
Vorkommnisse von ‚Beispiel‘ in Band 7 der Aka­ Nova dilucidatio
demie-Ausgabe, dagegen kommt ‚Exempel‘ nur Innerhalb einer Untersuchung der verschiedenen
einmal erläuternd im Ausdruck „Beispiel (exem­ Formen von ratio (→ Grund) identifiziert Kant in
plar)“ vor, 7:224). Weitere wichtige Stellen: 4:407f.; Nova dilucidatio die „ratio exsistentiae“ bzw. „ex­
6:479 Anm.; 7:224. sistendi“ (Grund der Wirklichkeit der Dinge) mit
der „ratio fiendi“ (Grund des Werdens). Die „ra­
Verwandte Stichworte tio exsistendi“ bezeichnet das, was die Ursachen
Beispiel; Symbol, symbolisch; Kasuistik des Daseins einer Sache in sich trägt (1:396f.). Sie
unterscheidet sich sowohl von der „ratio essen­
Philosophische Funktion di“ bzw. „ratio veritatis“ (Grund der Wahrheit,
Während ein Beispiel etwas rein Empirisches, der sich auf dem → Satz des Widerspruchs stützt,
bloß → Sensibles ist (vgl. KrV A 283 / B 339 Anm.), 1:393f.), wie auch von jeder Form der „ratio cognos­
beinhaltet der terminologischen Festlegung zu­ cendi“, welche nur die Erkenntnis der Wirklichkeit
folge ein Exempel im Sinne von Vorbild oder betrifft (1:392). Dadurch trennt Kant die Existenz

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
588 | Existenz

einer Sache von ihrem begrifflichen Wesen und begrifflichen Definition abgeleitet werden (vgl.
ihrer rationalen Erkennbarkeit. 2:81; Refl. 3533, 17:39; Refl. 3761, 17:286; Refl. 4017,
17:387; Refl. 4729, 17:689f.) und es entsteht kein Wi­

" fiendi / exsistendi


derspruch, wenn eine Sache (egal welche) nicht
!!"b essendi
b existiert (vgl. 2:81; Refl. 3725, 17:270; Refl. 3736,
!! 17:276f.; Refl. 4033, 17:391; Refl. 4659, 17:628).
ratio ```
!
Die Existenz ist kein → Prädikat von irgend­
cognoscendi
``
einem Ding. Kant hält alle Sätze des gemeinen
Redegebrauchs für unpassend, die das Dasein als
Selbst die Existenz → Gottes darf durch keine Prädikat verwenden. Wenn ich zum Beispiel sage:
logische Argumentation aus seinem Begriff abge­ „Ein Seeeinhorn ist ein existirend Thier“ (2:73),
leitet werden. Die Möglichkeit eines allmächtigen dann drücke ich in Wahrheit keine besondere
Wesens (im Sinne der Denkbarkeit seines Begriffs) Eigenschaft des Seeeinhorns aus (kein neues Prä­
kann vor allem nicht als Beweis der tatsächlichen dikat des Tiers), sondern nur die Tatsache, dass
Existenz desselben gelten (vgl. 1:394). Kant teilt einem existierenden Ding alle Prädikate zukom­
mit → Crusius – gegen → Wolff – die Grundüber­ men, die wir zusammen genommen durch den
zeugung, dass die → Möglichkeit keinen Vorrang Ausdruck ‚Seeeinhorn‘ denken. Die Existenz kann
vor Wirklichkeit hat. Er verteidigt aber zugleich nach dieser Umformulierung des Satzes zwar als
(gegen Crusius und in Form eines radikalen → De­ Prädikat oder Eigenschaft beschrieben werden,
terminismus der Existenz) die objektive Gültigkeit aber nicht von dem Ding selbst, sondern nur „von
des → Satzes vom Grunde. Kein zufälliges Ding dem Gedanken“, den man von den Dingen hat
kann eines Grundes entbehren, der sein Dasein (2:72). Sie ist mit anderen Worten kein zusätzlicher
vorgängig bestimmt: „Nihil contingenter exsistens Teil des Begriffs eines Dinges, sondern eine Eigen­
potest carere ratione exsistentiam antecedenter schaft bzw. ein Prädikat des gedachten Begriffs
determinante“ (1:396). im Ganzen (vgl. KrV A 598f. / B 626f.; Refl. 5716,
18:333; Refl. 6276, 18:543). Der modernen Sprach­
2 Die Existenz als absolute Position im analyse zufolge (von Bernard Bolzano, Gottlob
Beweisgrund Frege, Bertrand Russell u. a.) kann sie als ein ‚Prä­
Die nicht-begriffliche Natur der Existenz, die man dikat zweiter Stufe‘ (oder ‚zweiter Ordnung‘) be­
schon aus den Unterscheidungen der Nova diluci­ zeichnet werden.
datio ableiten kann, wird von Kant erst in Beweis­ Positiv wird die Existenz von Kant mit den
grund thematisch behandelt. Existenz ist keine folgenden Worten definiert: „Das Dasein ist die
inhaltliche Bestimmung bzw. keine Vervollständi­ absolute Position eines Dinges“ (2:73). Damit wird
gung eines → Begriffes. Sie ist etwas grundsätzlich eine rein ‚thetische‘ Dimension der Existenz fest­
anderes, unabhängig von der ganzen Ordnung gestellt, welche das unbedingte, einfache Setzen
der Determinationen: „Das Dasein ist gar kein Prä­ von einer Sache „an und für sich selbst“ ist: „Was
dikat oder Determination von irgend einem Dinge“ an sich selbst gesetzt ist, existirt; was an sich
(2:72). Dem Subjekt „Julius Cäsar“ (2:72) können selbst aufgehoben ist, existirt nicht; was weder
sowohl Existenz wie auch Nichtexistenz hinzu­ das eine noch das andere ist, ist unbestimmt“
gefügt werden, ohne dass er in seinem → Wesen (Refl. 4396, 17:531; vgl. Refl. 3724, 17:269; Refl. 4017,
modifiziert wird. Das Ding ist mit anderen Worten 17:387; Refl. 4156, 17:437). Dass etwas existiere,
schon in seinem Begriff vollständig, unabhän­ das kann man nur auf Grund einer sinnlichen
gig davon, ob es existiert oder nicht: „Es kann Erfahrung feststellen: Ich sage, dass etwas exis­
also nicht statt finden, daß, wenn [mögliche Din­ tiert, nur weil ich es gesehen habe, „oder von
ge] existiren, sie ein Prädicat mehr enthielten, denen vernommen, die es gesehen haben“ (2:73).
denn bei der Möglichkeit eines Dinges nach seiner Eine weitere Analyse des Begriffs ist nach Kant
durchgängigen Bestimmung kann gar kein Prä­ nicht möglich. Die Existenz gehört nämlich zu
dicat fehlen“ (2:72). Die Existenz soll nach Kant den „unauflöslichen Begriffen“, deren „Merkmale
von der Essenz deutlich getrennt werden. Sie darf nur sehr wenig klärer und einfacher sind, als die
dementsprechend nicht bloß nominal aus einer Sache selbst“ (2:73f.).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Existenz | 589

Weiter unterscheidet Kant zwischen dem 3 „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“.
Sein als Existenz und dem Sein als logischer Ko­ Existenz in der KrV
pula in einem → Urteil. Wenn ich sage: ‚Gott ist‘, Im → Ideal der reinen Vernunft (vgl. KrV A 597ff. /
dann sage ich offensichtlich etwas anderes als: B 625ff.) werden die Thesen vom Beweisgrund in
‚Gott ist allmächtig‘. Im zweiten Fall verbleibe neuen, präziseren Worten dargestellt. Der Satz:
ich innerhalb der begrifflichen Bestimmung ei­ „dieses oder jenes [. . . ] existiert“ (KrV A 597 / B 625)
nes bloß möglichen Dinges. Im ersten Fall erfüllt ist laut Kant ein → synthetisches, kein → analy­
das Wort ‚ist‘ keine relative, sondern eine absolu­ tisches Urteil. Die Existenz kann nicht – das ist
te Funktion. Hier wird kein neues Prädikat zum eine erste Besonderheit dieses Prädikats – zu den
Begriff hinzugefügt, sondern das Subjekt selbst Eigenschaften gerechnet werden, welche zum Be­
mit allen seinen Prädikaten. Diese zwei Formen griff oder zur Definition eines Dinges gehören.
des Seins sind nach Kant deutlich zu unterschei­ Existenzurteile können grundsätzlich nicht ana­
den: „Die Beziehungen aller Prädicate zu ihren lytisch sein: „Unser Begriff von einem Gegenstan­
Subjecten bezeichnen niemals etwas existieren­ de mag [. . . ] enthalten, was und wie viel er . . . ,
des, das Subject müsse denn schon als existirend wolle, so müssen wir doch aus ihm herausge­
voraus gesetzt werden“ (2:74). Das gilt für alle Ge­ hen, um diesem die Existenz zu ertheilen“ (KrV
genstände der Metaphysik, der Physik und sogar A 601 / B 629; vgl. KrV A 225 / B 272f.; KrV A 597 /
der Mathematik. In der Aussage: ‚die Triangel ist B 625; KrV A 639 / B 667; Refl. 5230, 18:126; Refl.
dreieckig‘ ist das Prädikat eine notwendige Ei­ 5767, 18:348; Refl. 6017, 18:424; Refl. 6027, 18:427;
genschaft des Subjekts; aus dieser Notwendigkeit Refl. 6245, 18:524f.; Refl. 6389, 18:700ff.; Refl. 6413,
lässt sich jedoch nicht die Existenz eines Dreiecks 18:708). Existenz ist darüber hinaus ein Prädikat,
ableiten. Unter der Bedingung aber, dass eine Tri­ welches, obwohl es synthetisch seinem Subjekt
angel existiert (absolute Setzung), können auch zukommt, dasselbe in seinem Begriff gar nicht
die drei Winkel in ihr als notwendige Prädikate vergrößert oder vermehrt: „Wenn ich [. . . ] ein Ding,
gesetzt werden (vgl. 2:75; 1:395). durch welche und wie viel Prädicate ich will,
Existenz ist keine Bestimmung einer Sache (selbst in der durchgängigen Bestimmung) den­
und ‚ist existierend‘ gehört nicht zur Liste mögli­ ke, so kommt dadurch, daß ich noch hinzusetze,
cher → Prädikate, die etwas in ihrem Begriff defi­ dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge
nieren. Die Existenz ändert mit anderen Worten hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, son­
nichts an der Beschaffenheit eines Dinges. Die dern mehr existiren, als ich im Begriffe gedacht
entscheidende Frage, die Kant sich diesbezüglich hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der
stellt, ist die folgende: „Kann ich wohl sagen, dass Gegenstand meines Begriffs existire“ (KrV A 600 /
im Dasein mehr als in der bloßen Möglichkeit sei?“ B 628). Dass das Wirkliche nicht mehr als das bloß
(2:75). Können überhaupt Sein und Nichtsein be­ Mögliche enthält, das wird von Kant anhand eines
grifflich unterschieden werden? Um die Frage zu berühmt gewordenen Beispiels dargestellt: „Hun­
beantworten gelangt Kant zu dem fundamentalen dert wirkliche Thaler enthalten nicht das min­
Unterschied zwischen allen Prädikaten, die den deste mehr, als hundert mögliche“ (KrV A 599 /
Inhalt eines Subjektes definieren („was da gesetzt B 627). Kants Grundthese über synthetische Exis­
sei“) und der Art, wie das Subjekt selbst gesetzt tenzialurteile ist die folgende: „Sein ist offenbar
wird („wie es gesetzt sei“): „Was das erstere an­ kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend
langt, so ist in einem wirklichen Dinge nicht mehr etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzu­
gesetzt als in einem blos möglichen, denn alle kommen könne“ (KrV A 598 / B 626; vgl. Refl. 5230,
Bestimmungen und Prädicate des wirklichen kön­ 18:126; Refl. 5255, 18:133; Refl. 5507, 18:202f.; Refl.
nen auch bei der bloßen Möglichkeit desselben 5710, 18:332; Refl. 5716, 18:333; Refl. 5758, 18:345f.;
angetroffen werden, aber das letztere betreffend, Refl. 5759, 18:346; Refl. 5780, 18:353; Refl. 5784
so ist allerdings durch die Wirklichkeit mehr ge­ 18:354f.; Refl. 5913, 18:383; Refl. 6270, 18:538ff.;
setzt“ (2:75; vgl. Refl. 3706, 17:240ff.; Refl. 4017, Refl. 6297, 18:563f.; Refl. 6320, 18:634ff.; Refl. 6321,
17:387). Kant unterscheidet somit die Realität ei­ 18:636f.; Refl. 6322, 18:637ff.; Refl. 6324, 18:644ff.;
nes gesetzten Dinges (das ‚was‘) von der Art, die Refl. 6325, 18:648; Refl. 6381, 18:697; Refl. 6328,
diese Setzung jeweils annimmt (das ‚wie‘). 18:698).

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
590 | Existenz

Das Nichtsein eines Dinges kann dem­ der Begriff eines Dinges schon ganz vollständig
entsprechend dem Begriff des Dinges nicht wi­ ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstan­
dersprechen; die Nichtexistenz von etwas lässt de fragen, ob er bloß möglich, oder auch wirk­
sich daher immer denken (vgl. 1:394; 2:81; KrV lich, oder, wenn er das letztere ist, ob er gar auch
A 225 / B 272f.; KrV A 592ff. / B 620ff.; KrV A 615 / nothwendig sei?“ (KrV A 219 / B 266). Dasein ist
B 643; Refl. 3725, 17:270; Refl. 3736, 17:276f.; Refl. zunächst und vor allem ein modaler Begriff: eine
4033, 17:391; Refl. 4659, 17:628; Refl. 5505, 18:202; Kategorie der Modalität (vgl. KrV A 80 / B 106). Ur­
Refl. 5523, 18:207; Refl. 5761, 18:346f.; Refl. 5776, teilen wir, dass etwas ist bzw. existiert, dann sagen
18:351; Refl. 5783, 18:353f.; Refl. 6389, 18:700ff.; Refl. wir nichts darüber, wie es (inhaltlich) vorgestellt
6408, 18:707; Refl. 6436, 18:716; 20:350; 28:571). wird oder werden sollte. Vielmehr sagen wir, dass
Man kann zwar den Ausdruck „Dasein“ als Prädi­ es etwas unserem Begriff Entsprechendes gibt.
kat gebrauchen, denn „zum logischen Prädicate Modalsätze sind „synthetisch“, jedoch nicht
kann alles dienen, was man will“ (KrV A 598 / „objektiv“; sie enthalten keine realen Prädika­
B 626; vgl. 2:72; Refl. 3706, 17:240ff.; Refl. 4017, te. „Da sie aber gleichwohl doch immer synthe­
17:387; Refl. 5858, 18:370). Das Existierende (Reale, tisch sind, so sind sie es nur subjectiv, d. i. sie
Daseiende) kann aber nicht von dem bloß Mögli­ fügen zu dem Begriffe eines Dinges, (Realen) von
chen durch die Zuschreibung eines weiteren Prä­ dem sie sonst nichts sagen, die Erkenntnißkraft
dikates unterschieden werden. Sie ist nämlich die hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat“
Setzung selbst (die absolute Position) des Sub­ (KrV A 233f. / B 286). Die Prädikate der Möglich­
jekts mit allen seinen Prädikaten (vgl. KrV A 225 / keit, → Wirklichkeit und → Notwendigkeit drücken
B 272f.; KrV A 598 / B 626). Das wird von Kant in nur ein „Verhältniß zum Erkenntnißvermögen“
einer Reflexion aus den 90er Jahren mit den fol­ aus (KrV A 219 / B 266). Das ist ihre wichtigste Ei­
genden Worten behauptet: „Durch Existenz wird genschaft: „Nicht zu dem Begriffe des Dinges,
kein praedicat zum Dinge hinzu gesetzt, sondern sondern zum Denken überhaupt wird etwas hin­
das Ding mit allen seinen Prädicaten außer dem zugethan“ (Refl. 5558, 18:232; vgl. KrV A 76 / B 101;
Begriffe [. . . ] gesetzt“ (Refl. 6382, 18:698; vgl. Refl. KrV A 234 / B 287; KrV A 600 / B 628; Refl. 5716,
5230, 18:126; Refl. 6245, 18:525). 18:333; 20:349). Dadurch lässt sich die zweite Ka­
tegorie der Modalität (das Dasein im Sinne von
4 Existenz und Modalität Wirklichkeit) vom → Dasein als erste Kategorie der
Es gibt Kant zufolge synthetische Urteile, die dem → Qualität deutlich unterscheiden. Die Modalität
Subjekt kein Prädikat hinzufügen, sondern nur der Wirklichkeit bringt keine reale, inhaltliche
die Modalität der Position eines Dinges mit allen Bestimmung eines Gegenstandes zum Ausdruck
seinen Prädikaten betreffen: „Die Modalität der (vgl. KrV A 143 / B 182f.; KrV A 166ff. / B 207ff.; KrV
Urtheile ist eine ganz besondere Function dersel­ A 242 / B 300), sondern nur die Position (Existenz
ben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie bzw. Nichtexistenz) des Gegenstandes selbst in
nichts zum Inhalte des Urtheils beiträgt, (denn allen seinen formalen und materialen Bestimmun­
außer Größe, Qualität und Verhältnis ist nichts gen.
mehr, was den Inhalt eines Urtheils ausmachte,) Völlig a priori kann die Existenz eines Dinges
sondern nur den Werth der Copula in Beziehung nicht erkannt werden. Die vollständige Determina­
auf das Denken überhaupt angeht“ (KrV A 74 / tion der Möglichkeit gilt vor allem nicht als Zugang
B 99f.). Die Vollständigkeit der Urteilstafel hin­ zum Begriff der Wirklichkeit. „Ich kan zwar sagen:
sichtlich des Inhalts der Urteile ist mit den ersten alles Wirkliche ist durchgängig determinirt, aber
drei Titeln der Quantität, Qualität und Relation nicht: alles durchgängig determinirte ist wirklich“
gegeben. „Die Existenz, Möglichkeit, Wirklich­ (Refl. 6384, 18:698). Möglichkeit und Wirklich­
keit und Nothwendigkeit sind besondere Arten keit werden in den → Postulaten des empirischen
von Kategorien, die gar nicht Prädicate der Dinge Denkens bloß „in ihrem empirischen Gebrauche“
enthalten, sondern nur modos, die Prädicate der festgelegt, d. h. „ohne den transcendentalen zu­
Dinge zu setzen“ (28:554; vgl. Refl. 5523, 18:207; zulassen und zu erlauben“ (KrV A 219 / B 266). Das
Refl. 6331, 18:653). Sie bezeichnen die Art, wie die → Transzendente kann mit anderen Worten nicht
realen Prädikate der Dinge gesetzt werden: „Wenn als „existierend“ oder „wirklich“ beurteilt wer­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Experiment | 591

den. Möglich ist alles, „was mit den formalen Be­ La Rocca, Claudio: Esistenza e Giudizio, Pisa: ETS
dingungen der Erfahrung (der Anschauung und 1999.
den Begriffen nach) übereinkommt“ (KrV A 218 / Morscher, Edgar: „Ist Existenz ein Prädikat?“, in:
B 265). Die Existenz (Wirklichkeit) der Dinge – so Zeitschrift für Philosophische Forschung 28,
die Hauptthese des zweiten Postulats – kann da­ 1974, 120–132.
gegen nur synthetisch durch → Wahrnehmung Rosefeldt, Tobias: „Frege, Pünjer, and Kant on
(mithin → Empfindung) erkannt werden: „Was mit Existence“, in: Grazer Philosophische Studien
den materialen Bedingungen der Erfahrung (der 82, 2011, 329–351.
Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich“ (KrV Vick, George R.: „Existence was a predicate for
A 218 / B 266). Die Wahrnehmung ist „der einzi­ Kant“, in: Kant-Studien 61, 1970, 357–371.
ge Charakter [d. h. Kennzeichen] der Wirklich­ Young, Michael: „Der Begriff der Existenz bei
keit“ (KrV A 225 / B 273). Nur dadurch kann eine Kant“, in: Ratio 18, 1976, 85–98.
jede Existenz festgestellt werden (vgl. KrV A 234 / Giuseppe Motta
B 286). „Unser Bewusstsein aller Existenz [. . . ] ge­
hört ganz und gar zur Einheit der Erfahrung; und
eine Existenz außer diesem Felde [. . . ] ist [. . . ] eine Experiment
Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen Das Wort ‚Experiment‘ wird vom Kant meistens
können“ (KrV A 601 / B 629; vgl. Refl. 5277, 18:141; im neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Sinne
Refl. 5502, 18:201; Refl. 5518, 18:205; Refl. 5526, verwendet (vgl. KrV B XIIf.). Ein Experiment ist
18:208; Refl. 5710, 18:332; Refl. 5718, 18:334; Refl. eine planvoll eingerichtete Herbeiführung von
6270, 18:540; Refl. 6382, 18:698). Phänomenen zum Zwecke wissenschaftlicher Be­
Das einzige Beispiel, das Kant im zweiten obachtung. Die Einrichtung des Experiments kann
Postulat zur Erklärung der Wirklichkeit von etwas durch eine relevante Theorie bzw. Hypothese ge­
gibt, ist die „magnetische Materie“ (KrV A 226 / leitet sein, um die Theorie bzw. Hypothese zu
B 273), die wir nicht unmittelbar wahrnehmen (da bestätigen oder zu verwerfen bzw. zu verändern.
unsere Sinne zu grob sind), deren Dasein aber aus In „Analogie“ (KrV B XVI) zum naturwissenschaft­
anderen Wahrnehmungen und aus den Gesetzen lichen Experiment spricht Kant von einem „Expe­
des empirischen Zusammenhanges der Erschei­ riment der reinen Vernunft“ (KrV B XXI Anm.) und
nungen abgeleitet wird. Man erkennt daher etwas beschreibt damit das Verfahren seiner kritischen
als wirklich nicht bloß durch Empfindung, son­ Philosophie. Weitere wichtige Stellen: 1:117f.; 1:172;
dern durch die Einordnung des Wahrgenomme­ 1:176f.; KrV B XII–XXII; KrV B XXXVII–XLI; KrV
nen in einen gesetzmäßigen Zusammenhang: „Wo B XLIV; KrV B XLVIII–XLIX; KrV B XLIV; KrV B 128;
also Wahrnehmung und deren Anhang nach em­ KrV A 636 / B 664; 4:447f.; 4:533f.; 5:92f.; 7:84f.;
pirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch 8:381f.
unsere Erkenntniß vom Dasein der Dinge“ (KrV
A 226 / B 273). Verwandte Stichworte
Idealismus, transzendentaler; Wissenschaft;
Weiterführende Literatur Galilei, Galileo; Newton, Isaac
Benoist, Jocelyn: „Jugement et existence chez
Kant. Comment des jugements d’existence sont- Philosophische Funktion
ils possibles?“, in: Quaestio 3, 2003, 207–228. Als eine „Revolution der Denkart“ (KrV B XII) sieht
Dryer, Douglas Poole: „The Concept of Existence Kant die Einführung von Experimenten in die
in Kant“, in: The Monist 50, 1966, 17–33. neuzeitliche Naturwissenschaft an. Mit Blick auf
Forgie, J. William: „Kant and the Question Is Exis­ die von → Galilei, Torricelli und → Stahl durch­
tence a Predicate?“, in: Canadian Journal of geführten Experimente schreibt Kant: „so ging
Philosophy 4, 1975, 563–582. allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begrif­
Hintikka, Jaakko: „Kant on existence, Predication, fen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie
and the Ontological Argument“, in: Knuutti­ selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß
la, Simo / Hintikka, Jaakko (Hg.): The Logic of sie mit Prinzipien ihrer Urtheile nach beständi­
Being, Dordrecht: Reidel 1986, 249–267. gen Gesetzen vorangehen und die Natur nöthi­

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
592 | Experiment

gen müsse auf ihre Fragen zu antworten“ (KrV dentalen Ästhetik und der → Transzendentalen
B XIII). Analytik.
Damit ist das Ergebnis jenes „Experiment[s]
1 Die experimentelle Methode der Kritik der der reinen Vernunft“ (KrV B XXI Anm.) noch nicht
reinen Vernunft erschöpft. Mit Blick auf den Anwendungsbereich
Diese „Umänderung der Denkart“ (KrV B XVI) jener Erkenntnisse a priori führt es nicht nur zu
macht Kant zur methodologischen Grundlage einem positiven, sondern auch zu einem negati­
seiner kritischen Philosophie und des Lehrbe­ ven Resultat: Die Erkenntnisse a priori gelten für
griffs des → transzendentalen Idealismus, dem­ Gegenstände der Erfahrung in → Raum und → Zeit,
zufolge „die oberste Gesetzgebung der Natur in als deren Prinzipien sie bewiesen werden können.
uns selbst, d. i. in unserm Verstande, liegen müs­ Kants Philosophie ist insofern die Begründung ei­
se, und daß wir die allgemeinen Gesetze der­ ner neuen Metaphysik der Erfahrung. Die Erkennt­
selben nicht von der Natur vermittelst der Er­ nisse a priori gelten aber nicht für Gegenstände,
fahrung, sondern umgekehrt die Natur ihrer all­ die den Bereich der Erfahrung übersteigen. Das
gemeinen Gesetzmäßigkeit nach blos aus den ist Kants Kritik der traditionellen Metaphysik.
in unserer Sinnlichkeit und dem Verstande lie­ Mit Blick auf das Verfahren und das Ergebnis
genden Bedingungen der Möglichkeit der Erfah­ dieses ‚Experiments der reinen Vernunft‘ führt
rung suchen müssen“ (4:319; vgl. KrV A 125 / Kant, auf die These „dass wir [. . . ] von den Din­
B 163–165). gen nur das a priori erkennen, was wir selbst in
Mit Bezug auf die Kritik und Neubegründung sie legen“ (KrV B XVIII) und die Analogie zum
der → Metaphysik und deren von → Erfahrung un­ naturwissenschaftlichen Experiment Bezug neh­
abhängigen Prinzipien schlägt Kant vor, dem Mo­ mend, das Folgende aus: „Diese dem Naturfor­
dell des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen scher nachgeahmte Methode besteht also darin:
Experiments zu folgen. In „Analogie“ (KrV B XVI) die Elemente der reinen Vernunft in dem zu su­
zur experimentellen naturwissenschaftlichen Er­ chen, was sich durch ein Experiment bestätigen
kenntnis plädiert Kant für den Versuch, „ob wir oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur Prüfung
nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit bes­ der Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn
ser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegen­ sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus
stände müssen sich nach unserem Erkenntniß gewagt werden, kein Experiment mit ihren Objec­
richten, welches so schon besser mit der verlang­ ten machen (wie in der Naturwissenschaft): also
ten Möglichkeit einer Erkenntniß derselben a prio­ wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die
ri zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe wir a priori annehmen, thunlich sein, indem man
sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll“ sie nämlich so einrichtet, daß dieselben Gegen­
(KrV B XVI). Die „veränderte Methode der Den­ stände einerseits als Gegenstände der Sinne und
kungsart“ (KrV B XVIII) besteht somit in einem des Verstandes für die Erfahrung, andererseits
Verfahren, das zu dem Nachweis führt, „dass wir aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt,
[. . . ] von den Dingen nur das a priori erkennen, allenfalls für die isolirte und über Erfahrungsgren­
was wir selbst in sie legen“ (KrV B XVIII). Kants ze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei
KrV stellt dieses „Experiment der reinen Vernunft“ verschiedenen Seiten betrachtet werden können.
(KrV B XXI Anm.) dar. Findet es sich nun, daß, wenn man die Dinge aus
Es „gelingt nach Wunsch“ (KrV B XVIII): jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Ein­
„Denn man kann nach dieser Veränderung der stimmung mit dem Princip der reinen Vernunft
Denkart die Möglichkeit einer Erkenntniß a prio­ stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkte aber ein
ri ganz wohl erklären und, was noch mehr ist, unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich
die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem selbst entspringe, so entscheidet das Experiment
Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung, zum für die Richtigkeit jener Unterscheidung“ (KrV
Grunde liegen, mit ihren genugthuenden Bewei­ B XVIII Anm.). Das Experiment besteht somit in
sen versehen, welches beides nach der bisherigen der von der kritischen Philosophie getroffenen
Verfahrungsart unmöglich war“ (KrV B XVIIIf.). Unterscheidung zwischen Gegenständen als → Er­
Diese Beweise liefert die KrV in der → Transzen­ scheinungen, als „Gegenstände[n] der Sinne“,

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Experiment | 593

und „Gegenstände[n], die man bloß denkt“ (KrV der Seite der Pflicht ist) abgesondert und gewa­
B XVIII Anm.), den „Dinge[n] an sich selbst“ (KrV schen worden, gewogen, um mit der Vernunft
B XXI Anm.), und der in der KrV unternommenen noch wohl in anderen Fällen in Verbindung zu
Prüfung, auf welche Weise apriorische Prinzipien treten, nur nicht wo er dem moralischen Gesetze,
auf eine objektiv gültige Weise begründet werden welches die Vernunft niemals verläßt, sondern
können, ob mit Bezug auf Erscheinungen oder sich innigst damit vereinigt, zuwider sein könnte“
auch mit Bezug auf → Dinge an sich selbst. Diese (5:92f.). Neben der Erinnerung an die Fortschrit­
Unterscheidung und den daraus zu gewinnenden te der neuzeitlichen experimentellen Naturwis­
Ertrag für die kritische Philosophie und die Mög­ senschaften (vgl. 5:163) beschließt Kant die KpV
lichkeit von → Metaphysik erläutert Kant noch mit einer Zusammenfassung ihres methodischen
einmal mit Blick auf die Transzendentale Ana­ Verfahrens. Das geschieht unter Bezug auf „Bei­
lytik und das mit der systematischen Funktion spiele der moralisch urtheilenden Vernunft“ und
der Idee des Unbedingten verbundene Resultat die Analyse ihrer „Elementarbegriffe“ mit dem
der → Transzendentalen Dialektik unter Verweis Hinweis auf die Analogie zu dem „der Chemie
auf eine Analogie mit dem experimentellen Ver­ ähnliche[n] Verfahren“, welches darin besteht,
fahren des Chemikers: „Dieses Experiment der die „Scheidung des Empirischen vom Rationalen,
reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, wel­ das sich in ihnen vorfinden möchte, in wiederhol­
ches sie mannigmal den Versuch der Reduction, ten Versuchen am gemeinen Menschenverstande
im Allgemeinen aber das synthetische Verfahren vorzunehmen“, um auf diese Weise erkennen zu
nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Meta­ können, „was Jedes für sich allein leisten könne“
physikers schied die reine Erkenntniß a priori in (5:163).
zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die Gelegentlich verwendet Kant das Wort Expe­
der Dinge als Erscheinungen und dann der Din­ riment in einem ebenfalls analogischen Sinn mit
ge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide Blick auf Revolutionen und deren mögliches Ge­
wiederum zur Einhelligkeit mit der nothwendigen lingen oder Scheitern (vgl. 7:85). Mit Blick auf die
Vernunftidee des Unbedingten und findet, daß → Erziehung und den Umstand, dass „der Mensch
diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene [. . . ] nur Mensch werden [. . . ] [kann] durch Erzie­
Unterscheidung herauskomme, welche also die hung“ (9:443), plädiert Kant für „ein Experiment
wahre ist“ (KrV B XXI Anm.) durch Unterstützung der Großen und durch die
vereinigten Kräfte Vieler“, um zu erreichen, „daß
2 Die Experimentalmethode in der Kritik der die Natur einen Schritt näher zur Vollkommenheit
praktischen Vernunft thue“ (9:444).
Im Kontext der Begründung seiner ethischen
Theorie greift Kant mit Bezug auf die Unterschei­ Weiterführende Literatur
dung zwischen dem „empirisch afficirten Willen“ Butts, Robert (Hg.): Kant’s Philosophy of Physical
und dem „moralische[n] Gesetz“ (5:92) und deren Science, Dordrecht: Reidel 1986.
moralische Relevanz ebenfalls auf das Verfahren Falkenburg, Brigitte: Kants Kosmologie, Frank­
des Chemikers zurück: „Es ist, als ob der Schei­ furt/M.: Klostermann 2000, insbes. 263–305;
dekünstler der Solution der Kalkerde in Salzgeist 355–385.
Alkali zusetzt; der Salzgeist verläßt sofort den Gehler, Johann Samuel Traugott: „Experimen­
Kalk, vereinigt sich mit dem Alkali, und jener wird talphysik, Physica Experimentalis, Physique
zu Boden gestürzt. Eben so haltet dem, der sonst experimentale“, in: Physikalisches Wörter­
ein ehrlicher Mann ist [. . . ] das moralische Ge­ buch, Bd. 2, Leipzig: Schwickert 1790, 109–112;
setz vor, an dem er die Nichtswürdigkeit eines PURL: http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/
Lügners erkennt, sofort verläßt seine praktische cgi-bin/digbib.cgi?PPN343148692.
Vernunft [. . . ] den Vortheil, vereinigt sich mit dem, Hüllinghorst, Andreas: Kants spekulatives Experi­
was ihm die Achtung für seine eigene Person er­ ment, Köln: Dinter 1992.
hält (der Wahrhaftigkeit), und der Vortheil wird Watkins, Eric (Hg.): Kant and the Sciences, Oxford:
nun von jedermann, nachdem er von allem An­ Oxford University Press 2001.
hängsel der Vernunft (welche nur gänzlich auf Wind, Edgar: Das Experiment und die Metaphysik.

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
594 | Exponent

Zur Auflösung der kosmologischen Antinomi­ und → Ganzes/→ Teil (16:636; vgl. 17:647), die wie­
en, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001. derum den → kategorischen, → hypothetischen
Kenneth R. Westphal / Red. und → disjunktiven Urteilen entsprechen.

Weiterführende Literatur
Exponent Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine
Wenn Kant in philosophischen Zusammenhän­ systematische und entwicklungsgeschichtli­
gen von einem Exponenten spricht, gebraucht che Untersuchung zur theoretischen Philoso­
er einen Begriff aus der Mathematik seiner Zeit. phie Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981, insbes.
Es ist dann nicht die Hochzahl n einer Potenz an 247–254.
gemeint, sondern der Quotient a:b=x, und zwar Hanno Birken-Bertsch
insbesondere als Quotient einer (geometrischen)
Folge. Einem solchen Quotienten entsprechen die
Verhältnisse der → Erscheinungen, wie sie durch Exposition
die → Analogien der Erfahrung bestimmt werden. Die Exposition (lat. expositio) ist neben Explikati­
Wichtige Stellen: KrV A 159 / B 198, KrV A 216 / on, Deklaration und → Definition eine der mögli­
B 263, KrV A 331 / B 387, 16:636, 16:710, 17:646f., chen Arten der Erklärung eines → Begriffs (vgl. KrV
17:655f., 29:62. A 730 / B 758) bzw. einer → Worterklärung. Kant
verwendet auch den Terminus → Erörterung. So
Verwandte Stichworte heißt es in der KrV: „Ich verstehe aber unter Erör­
Exposition; Regel terung (expositio) die deutliche (wenn gleich nicht
ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem
Philosophische Funktion Begriffe gehört“ (KrV B 38). Der kantischen Logik
Der heute geläufige Begriff des Exponenten wird zufolge besteht „das Exponiren eines Begriffs [. . . ]
von → Christian Wolff als „Exponens dignitatis in der an einander hängenden (successiven) Vor­
seu potentiae“, d. h. als „Exponente einer Digni­ stellung seiner Merkmale, so weit dieselben durch
tät“ bezeichnet (Wolff, Mathematisches Lexicon, Analyse gefunden sind“ (9:143). Kant benutzt den
Sp. 610, vgl. Wolff, Elementa matheseos, S. 80), Ausdruck nicht nur in Bezug auf Begriffe, sondern
der für Kant relevante dagegen als „Exponens ra­ auch auf → Erscheinungen. Weitere wichtige Stel­
tionis“, d. h. „Exponente der Verhältnis“ (Wolff, len: KrV A 246 / B 303; KrV A 250; KrV A 415 / B 443;
Mathematisches Lexicon, Sp. 611, vgl. Wolff, Ele­ KrV A 437 / B 465; KrV A 482 / B 510; KrV A 508 /
menta matheseos, S. 57). In Wolffs Beispiel ist 2 B 536; KrV A 728–730 / B 756–758; 9:140–143; Refl.
der Exponent des Verhältnisses 6 : 3. 2919f., 16:576; Refl. 2925, 16:578; Refl. 2931, 16:580;
Im Duisburgschen Nachlass überträgt Kant Refl. 2950f., 2953, 16:585; Refl. 2955f., 16:586; Refl.
den Begriff des Exponenten auf das „Verhaltnis 2961f., 16:587; Refl. 4674, 17:643; Refl. 4681, 17:667;
aller Warnehmung“ (17:655). Es ist nicht von ei­ Refl. 4723, 17:688; 24:758.
nem einzelnen Verhältnis, sondern einer Folge
bzw., wie Kant sagt, „Progression“ (1:197; vgl. 1:256; Verwandte Stichworte
28:440; 29:63) oder → Reihe von Verhältnissen aus­ Definition; Erörterung; Worterklärung; Kon­
zugehen (vgl. KrV A 331 / B 387). Der Exponent ist struktion
dann der Exponent einer Regel: „Unsere Analo­
gien stellen [. . . ] eigentlich die Natureinheit im Philosophische Funktion
Zusammenhange aller Erscheinungen unter ge­ In der KrV verwendet Kant den Terminus Expo­
wissen Exponenten dar, welche nichts anders aus­ sition im Kontext der Unterscheidung zwischen
drücken, als das Verhältniß der Zeit [. . . ] zur Ein­ philosophischen und mathematischen Definitio­
heit der Apperception, die nur in der Synthesis nen. So werden „philosophische Definitionen nur
nach Regeln stattfinden kann“ (KrV A 216 / B 263). als Expositionen gegebener, mathematische aber
Ohne Zeitbezug formuliert, ergibt sich der als Constructionen ursprünglich gemachter Be­
Exponent aus dem „Verhaltnis der Begriffe“, deren griffe, jene nur analytisch durch Zergliederung
es drei gibt: → Subjekt/Prädikat, → Grund/Folge (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiß

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52
Exposition | 595

ist), diese synthetisch zu Stande gebracht“ (KrV gegeben ist“, beruht „auf dem Grunde aller relati­
A 730 / B 758). Die Exposition kann eine unvoll­ on und der Verkettung der Vorstellungen“ (Refl.
ständige Analyse sein, ist dann also nur eine An­ 4674, 17:643). „Die exposition der Erscheinungen
näherung an eine Definition (vgl. 9:143), und fin­ ist also die Bestimmung des Grundes, worauf der
det bei gegebenen Begriffen statt, die dadurch Zusammenhang der Empfindungen in denselben
deutlich gemacht werden: „sie unterscheidet sich beruht“ (Refl. 4674, 17:643).
dadurch von der Declaration, die eine deutliche Schließlich bedeutet „exponieren“ im ästhe­
Vorstellung gemachter Begriffe ist“ (9:143). tischen Bereich „eine Vorstellung der Einbildungs­
Kant spricht von Exposition in der KrV aber kraft auf Begriffe bringen“ (5:343). Im Gegensatz
auch in Bezug auf Erscheinungen (vgl. KrV A 437 / dazu ist die → ästhetische Idee als „eine Anschau­
B 465; KrV A 482 / B 510; KrV A 508 / B 536; KrV ung (der Einbildungskraft) [. . . ] der niemals ein
A 482 / B 510; KrV A 246 / B 303; KrV A 415 / B 443; Begriff adäquat gefunden werden kann“, „eine
KrV A 250). „[U]nsere reine Verstandeserkenntnis­ inexponible Vorstellung der Einbildungskraft“ in
se“ sind nichts anders „als Principien der Exposi­ ihrem freien Spiel (5:342; vgl. 5:343).
tion der Erscheinung“ (KrV A 250); die Grundsätze In einem davon unterschiedenen Sinne redet
des Verstandes „sind bloß Principien der Expositi­ Kant in der Logik von „exponiblen Urtheile[n]“
on der Erscheinungen“ (KrV B 303). Dieser Begriff bzw. „Sätzen“ (9:109); das sind „Urtheile, in de­
wird in der KrV selbst nicht weiter erklärt, kommt nen eine Bejahung und Verneinung zugleich, aber
aber in den Refl. des sogenannten Duisburg’schen versteckter Weise, enthalten ist, so daß die Beja­
Nachlasses (17:643–674) an wichtigen Stellen vor hung zwar deutlich, die Verneinung aber versteckt
(vgl. Refl. 4674, 17:643; Refl. 4681, 17:667; Refl. geschieht“ (9:109). So ist in dem Urteil „wenige
4723, 17:688; vgl. auch Refl. 4757, 17:704; Refl. 4759, Menschen sind gelehrt [. . . ], aber auf eine versteck­
17:709f.; Refl. 4972, 18:45; Refl. 5109, 18:91; Refl. te Weise, das negative Urtheil: viele Menschen
5637, 18:274). Mit ‚Exposition der Erscheinungen‘ sind nicht gelehrt“ enthalten (9:109; → Urteil, ex­
ist zwar (in Bezug auf den logischen und auch den ponibles).
rhetorischen Sinn des Wortes) die Erklärung, die
Auslegung durch Deutlichmachung gemeint; die­ Weiterführende Literatur
se verwirklicht sich aber in der Bestimmung der Kugelstadt, Manfred: Synthetische Reflexion, Ber­
Regel der Verhältnisse unter den Erscheinungen. lin u. a.: de Gruyter 1998, insbes. 85ff.
So gibt die Erfassung der Prinzipien, die das Ver­ Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant, Berlin u. a.:
hältnis der Erscheinungen regeln, die Prinzipien de Gruyter 1971, insbes. 48.
der Exposition der Erscheinungen (auch „prin­ Stuhlmann-Laeisz, Rainer: Kants Logik, Berlin
cipia der intellection“ derselben genannt, Refl. u. a.: de Gruyter 1976, insbes. 105ff.
4762, 17:720). Die Exposition „desienigen [. . . ], was Claudio La Rocca

Bereitgestellt von | Saechsische Landesbibliothek - Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden (SLUB)


Angemeldet
Heruntergeladen am | 01.07.17 07:52

Das könnte Ihnen auch gefallen