Kant-Lexikon) E
Kant-Lexikon) E
tischen Philosophie – eine Tatsache, der sich fassten Gutachten Partei für Kant, der die Schrift
Kant durchaus bewusst war. Die Kontroverse im Jahr 1798 der Universität Halle vorgelegt hatte.
kann als die publikumswirksamste publizisti Kants Aufsatz erschien 1798 in Halle als zweiter
sche Manifestation eines bisher relativ wenig er Abschnitt in Fakultäten.
forschten, tatsächlich viel breiter und auf meh
reren Ebenen von verschiedenen Personen (vgl. Weiterführende Literatur
Gawlina, Medusenhaupt, S. 9ff.) ausgetragenen Allison, Henry E.: The Kant-Eberhard Controversy,
Streits um einen sich ankündigenden Paradig Baltimore u. a.: The John Hopkins University
menwechsel in der Philosophie gesehen werden, Press 1973.
in dem Eberhard, Inhaber des Lehrstuhls Chris Gawlina, Manfred: Das Medusenhaupt der Kritik.
tian Wolffs an der Universität Halle (auf den Kant Die Kontroverse zwischen Immanuel Kant und
im Jahr 1778 berufen werden sollte; vgl. 10:224f., Johann August Eberhard, Berlin u. a.: de Gruy
10:228f.), als prominenter Repräsentant des aka ter 1996.
demisch-philosophischen Establishments und Haßler, Gerda: Johann August Eberhard (1739–
Anhänger der Leibniz-Wolffschen Schulphiloso 1809) – ein streitbarer Geist an den Grenzen
phie auftrat. der Aufklärung, Halle/S.: Hallescher Verlag
Nachdem das Philosophische Magazin 1792 2000.
eingestellt worden war, gründete Eberhard ein Kertscher, Hans-Joachim / Stöckemann, Ernst
Nachfolgemagazin unter dem Titel Philosophi (Hg.): Ein Antipode Kants? Johann August Eber
sches Archiv, in dem die Auseinandersetzung hard im Spannungsfeld der Spätaufklärung,
mit der kritischen Philosophie Kants fortgesetzt Berlin u. a.: de Gruyter 2012.
wurde; von Eberhard selbst erfolgten diesbezüg Lauschke, Marion / Zahn, Manfred (Hg.): Der
lich jedoch keine weiteren Reaktionen. Die Aus Streit mit Johann August Eberhard, Hamburg:
einandersetzung zwischen der kritischen Philo Meiner 1998.
sophie Kants und dem Leibniz-Wolffschen La Michael Nerurkar
ger wurde von anderen, Kant nahe stehenden
Autoren weitergeführt, so u. a. von → Johannes
Schultz, wobei Kant im Hintergrund wirkte (vgl. Eberhard, Johann Peter
11:183f.; 11:200f.). Auch die von Kant zur Be Dt. Mediziner, Mathematiker und Physiker (1727–
antwortung einer 1791 von der Berliner Aka 1779); nachdem Johann Peter Eberhard 1749 in
demie der Wissenschaften gestellten Preisfra Halle an der medizinischen Fakultät promovier
ge (‚Welches sind die wirklichen Fortschritte, te, wurde er 1756 zum ordentlichen Professor
die die Metaphysik seit Leibnizens und Wolffs ernannt. Seit 1766 war er Professor für Mathe
Zeiten in Deutschland gemacht hat?‘) verfasste matik, 1769 erhielt er eine Professur für Phy
(vgl. 20:255), allerdings nicht eingereichte und sik. Seit 1753/54 hielt er regelmäßig Vorlesun
erst postum veröffentlichte Schrift Fortschrit gen über Mathematik nach → Christian Wolff.
te kann im Kontext dieser Auseinandersetzung Eberhard galt als Verfasser naturwissenschaft
gesehen werden (→ Fortschritte der Metaphy licher Schriften, darunter zählt seine Naturleh
sik). re (1755), Thiergeschichte (1768) und seine Ab
3. Eine frühe Kritik Eberhards an Kant wurde erst handlung vom physikalischen Aberglauben (1778),
im 20. Jh. bekannt, als ein Gutachten Eberhards die Kant für seine Vorlesungen über Physik
aufgefunden wurde, in dem dieser Kants Raum- (im Wintersemester 1755/56, 1756/57, 1760/61,
und Zeitlehre in De Mundi kritisiert und Argu 1762/63 und Sommersemester 1759) nutzte. Für
mente vorbringt, die sich später im Philosophi seine Vorlesungen über die Naturwissenschaf
schen Magazin wiederfinden (vgl. Altmann, Kri ten (im Sommersemester 1756, 1757, 1758) dien
tik Eberhards). In der Sache des 1797 noch der ten Kant als Vorlage Eberhards 1753 erschiene
Berliner Zensur unterworfenen Aufsatzes Kants nen Erste[n] Gründe der Naturlehre (1753) (vgl.
‚Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Kühn, Kant, S. 133; Stark, Nachforschungen,
Fortschreiten zum Besseren sei‘ hingegen ergriff S. 328).
Eberhard in einem für die Universität Halle ver Bianca Patricia Pick
sich mit seinem Urtheil isolirt, sich selbst Beifall Philosophische Funktion
klatscht und den Probirstein des Schönen der In MSR unterscheidet Kant drei „Titel“ des „Rechts
Kunst nur in sich allein sucht“ (7:129f.). der häuslichen Gesellschaft“ (6:277), die weder ein
Der moralische Egoist wird in seinen prakti Recht über eine Person noch ein Recht über eine
schen Einstellungen von Kalkulationen des → Ei Sache darstellen (vgl. 6:276–284): Eherecht, → El
gennutzes beherrscht. Alle Zwecke werden von ternrecht und Hausherren-Recht. Da jedes dieser
ihm nach dem Nutzen bewertet, die sie für ihn ha häuslichen Rechte am besten als ein Besitzrecht
ben könnten. Er öffnet sich nicht für Handlungen an einer Person verstanden werden kann, erfor
aus → Pflicht bzw. aus Achtung vor dem → morali dern sie, so Kant, eine gegenüber den Rechten an
schen Gesetz. Moralischer Egoismus äußert sich Personen oder den Rechten an Sachen unterschie
vor allem in der Gestalt des Eudämonismus (vgl. dene Behandlung. Das häusliche Recht berechtigt
7:130). Weil die Vorstellungen von → Glück je nach den Inhaber dieses Rechts in jedem dieser Fälle,
personalem Standpunkt unterschiedlich ausfal verschiedene Forderungen an eine andere Per
len, gibt es für den Eudämonisten keine Möglich son zu stellen, und diese Person eventuell sogar
keit, sich nach allgemein geltenden Prinzipien zu gewaltsam seiner Kontrolle zu unterstellen. In
richten. Alle Eudämonisten sind demnach prakti dieser Weise unterscheidet sich jedes häusliche
sche Egoisten. Es ist zudem ein Kennzeichen egois Recht von einem Recht gegenüber einer Person
tischer Einstellungen, dass sie mit vorgetäuschten und gleicht einem Recht an einem Ding. Da je
moralischen Haltungen wie Rücksichtnahme oder doch diese Rechte eine andere Person involvieren,
Bescheidenheit verdeckt werden. werden sie durch deren Personalität begrenzt. Auf
Der Egoist gibt fälschlicherweise epistemi rechte Weise kann kein Mensch wie eine bloße
sche, ästhetische oder moralische Selbstbefan Sache behandelt werden. Dem gegenüber müs
genheit als Selbstbehauptung aus und verliert sen die häuslichen Rechte die Menschheit in der
durch die Ausblendung begründeter Standpunkte Person desjenigen respektieren, der von einem
anderer Personen die Möglichkeit zur vernünfti anderen besessen wird. Diese Form des → Besitzes
gen Selbsterweiterung. Dem Egoismus wird ein ist kein Eigentum, mit dem nach Belieben umge
Pluralismus entgegengestellt, unter dem die Den gangen werden darf. Diese Begrenzungen zeigen
kungsart zu verstehen ist, „sich nicht als die gan eine Nähe der häuslichen Rechte zu Rechten ge
ze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als genüber einer Person und unterscheiden sie von
einen bloßen Weltbürger zu betrachten und zu Rechten an Sachen.
verhalten“ (7:130). Kant beschreibt die Voraussetzung, unter der
Dieter Sturma die häuslichen Rechte entstehen, als „in Gemein
schaft stehende Personen“ (6:276). Er nennt diese
Gemeinschaft ein Hauswesen. Die für eine solche
Ehe Gemeinschaft spezifischen Rechte ergeben sich
Kant definiert ‚Ehe‘ rechtlich als „[d]ie natürli weder durch die Handlung einer Person noch gar
che Geschlechtsgemeinschaft [. . . ] nach dem Ge vollständig durch einen Vertrag zwischen Perso
setz“ (6:277). Obwohl er auch in anderen Schrif nen. Stattdessen legt Kant dar, dass nur aufgrund
ten Betrachtungen über die Ehe anstellt (vgl. z. B. des Rechts der Menschheit in jeder Person die
7:304–310), findet die ausführlichste Behandlung Erwerbung solcher Rechte an Personen möglich
in MSR statt. Hier thematisiert er die Ehe als ei ist. Das Eherecht ist unter diesen Rechten das
nen von drei Fällen des Rechts an einer Person, grundlegendste.
das einem Recht an einem Ding gleicht („auf Für Kant bewirkt nur der Eintritt in die Ehe,
dingliche Art persönliches Recht“, 6:276; → Pri dass Personen in Übereinstimmung mit den Erfor
vatrecht). Weitere wichtige Stellen: 6:276–284; dernissen des Rechts der Menschheit sexuelle Be
7:304–310. ziehungen eingehen können. Der Ehevertrag stellt
Gleichheit zwischen den Ehepartnern auf zwei
Verwandte Stichworte Weisen her: 1) Gleichheit im gegenseitigen Besitz
Familie; Frau; Mann; Geschlechtsliebe; Gemein aneinander und 2) Gleichheit im Besitz materieller
schaft, häusliche Güter. Kant vertritt den Standpunkt, dass abgese
hen von dem → Vertrag, der eine solche Gleichheit gen des denkenden Wesens, seiner jedesmaligen
herstellt, jeder Sexualpartner sich selbst zu ei Ideenlage gemäß zu handeln“ (8:13).
nem Ding herabsetzt, das für das Vergnügen des Sehr wahrscheinlich bezieht sich Kant auf
anderen gebraucht werden kann. Durch die zwei die 1782 erschienene Schrift Ehlers Die Lehre von
fache Gleichheit der Ehe wird stattdessen eine der menschlichen Freiheit und über die Mittel, zu
geschlechtliche Beziehung möglich, die mit der einer hohen Stufe moralischer Freiheit zu gelangen,
Forderung vereinbar ist, dass jede Partei im Ein in der der Autor, ausgehend von seiner Untersu
klang mit dem Recht der Menschheit in seiner chung der umgangssprachlichen Verwendung des
und jeder anderen Person handelt. Sie bewirkt Ausdrucks ‚Freiheit‘, den Begriff der Willensfrei
dies, so argumentiert Kant, indem sie es jeder heit als „das Vermögen des Menschen zu handeln
Partei erlaubt, die andere unter einem Prinzip oder nicht zu handeln, so zu handeln oder an
zu erwerben, welches erfordert, dass jede Ehe ders zu handeln“ (Ehlers, Lehre, S. 50) bestimmt,
monogam sein soll und dass es keinem der Part um dann den Begriff der moralischen Freiheit als
ner erlaubt sein soll, den anderen aufgrund einer menschliches Vermögen, „jedesmal nach seinem
Ungleichheit in ihrem Besitz zu dominieren (vgl. gegenwärtigen Ideenzustand das Beste zu thun“
6:277f.). (Ehlers, Lehre, S. 56) zu spezifizieren.
Fraglos lassen Kants Darlegungen nach heu
tigen Maßstäben viel zu wünschen übrig. Er ist Weiterführende Literatur
sich weder der Weisen bewusst, in denen selbst Artikel „Ehlers, Martin“, in: Allgemeine Deutsche
die gesetzliche Ehe eine Partei unterwerfen kann, Biographie, Bd. 5, Leipzig: Duncker und Hum
noch gibt er eine Beschreibung eines Ehevertrags, blot 1877, 699f.
der dazu in der Lage ist, vor den moralischen Ge Sebastian Wengler
fahren zu schützen, die er als unbeschränkten
geschlechtlichen Beziehungen innewohnend er
kennt. Nichtsdestoweniger sind seine Besorgnis Ehrbarkeit
um das Recht der Menschheit in der Person jedes Ehrbarkeit (honestas externa bzw. iuridica) besteht
Partners und seine Aufmerksamkeit auf das Pro in einem sittlich-rechtlich gestalteten Verhältnis
blem der Dominanz Gründe, seine Ausführungen zwischen Vernunftwesen, das es gestattet, „im
nicht vorschnell abzutun. Verhältniß zu Anderen seinen Werth als den eines
Menschen zu behaupten“ (6:236). Sie korrespon
Weiterführende Literatur diert als äußeres Phänomen der „Ehrliebe (ho
Herman, Barbara: „Could It Be Worth Thinking nestas interna, iustum sui aestimium)“ (6:420),
About Kant on Sex and Marriage?“, in: Anto welche ihrerseits nicht mit bloßer „Ehrbegierde
ny, Louise M. / Witt, Charlotte (Hg.): A Mind of (ambitio)“ (6:420) oder „Ehrsucht“ (7:270) zu ver
One’s Own, Boulder/Colo. u. a.: Westview Press wechseln ist. Ein Verstoß gegen die Ehrbarkeit, ih
1993, 49–68. re „Nichtachtung“, heißt „Skandal“ (6:464). Wei
Sarah Holtman tere wichtige Stelle: 20:130.
(Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Verwandte Stichworte
Ehre; Ehrbegierde, Ehrsucht
Ehlers, Martin
Dt. Philosoph und Pädagoge (1732–1800). Kant Philosophische Funktion
erwähnt Ehlers in seiner Rez. Schulz und stellt ihn Ehrbarkeit bezeichnet das konkrete, auch in
dort hinsichtlich seiner Freiheitskonzeption in Rechtsgesetzen und → Rechtspflichten greifba
eine Reihe mit Priestley und Schulz. Als Beispiel re Anerkanntsein des Individuums als autonomer
eines Fatalismus bzw. einer „Lehre von der Noth Persönlichkeit, d. h. als eines „moralischen (sei
wendigkeit“ (8:12) hinsichtlich der menschlichen ne Pflicht höchstschätzenden) Wesen[s]“ (6:464).
Freiheit könne auch das gelten, „was nur neuer Auf dieses Anerkanntsein hat das Individuum,
lich Herr Prof. Ehlers von der Freiheit des Willens das sich als moralisches für andere stets zugleich
für einen Begriff gab, nämlich als einem Vermö zum → Zweck, nicht nur zum → Mittel macht (vgl.
6:236), in einem wohlgeordneten Gemeinwesen als solche zum Gegenstand (vgl. 7:272; 6:420;
Anspruch, während es für die anderen morali 6:465).
schen Wesen Pflicht ist, die entsprechende Aner Piero Giordanetti / Red.
kennung zu leisten. Die rein „[ä]ussere Ehre“ ist
dabei nur „als ein Mittel“, sich der inneren „zu
versichern“, „wahr“ (20:130). Als „Zweck“ verstan Ehre
den ist die Ehre hingegen „ein Wahn“ (20:130). In Unter Ehre versteht Kant die äußere soziale Aner
diesem Sinne ist Kants Begriff der Ehrbarkeit nicht kennung einer Person durch andere Menschen.
auf eine „Schminke der Anständigkeit, Ehrbarkeit Er unterscheidet zwischen bloß konventioneller,
und Sittsamkeit“ (KrV A 748 / B 776) reduzierbar, bürgerlicher und standesgebundener Form der
wie sie den honnêtte homme des 18. Jh. auszeich Ehre sowie einer im engeren Sinn moralischen
nen mag, sondern auf sittliche Selbstbestimmung Form. Wichtige Stellen: 4:393; 4:398; 5:448f. Anm.;
gegründet. 6:47; 6:215; 7:257ff.; Refl. 642, 15:282; Refl. 1490,
Thomas Sören Hoffmann 15:736f.; Refl. 5551, 18:216; Refl. 6154, 18:470; Refl.
6619, 19:112f.; Refl. 7074, 19:242; Refl. 7215, 19:287;
23:367ff.
Ehrbegierde, Ehrsucht
Ehrbegierde ist die Neigung, nach Ehre und An Verwandte Stichworte
sehen zu streben. Um zu betonen, dass sie eine Ehrliebe; Ehrbegierde, Ehrsucht; Ehrbarkeit;
→ Leidenschaft ist, spricht Kant öfter auch von Achtung, Achtung für das Gesetz
Ehrsucht, die er als „Bestreben nach Ehrenruf “
erläutert (7:272). Weitere wichtige Stellen: 2:227; Philosophische Funktion
5:30; 5:433; 6:420; 6:465; 7:268; 7:270f.; 8:21; 8:27f. Kant stellt einerseits die moralunterstützende
Funktion der Ehre heraus (vgl. Refl. 6619, 19:112f.).
Verwandte Stichworte „Die Ehre ist die einzige Neigung, die auf Grund
Hochmut; Ehrliebe; Sucht sätze gebaut werden kan, weil der unpartheische
Beyfall anderer nur auf Grundsätze beruht, da
Philosophische Funktion her Ehrliebe mit der tugend verwandt ist“ (Refl.
Kants Urteil über die Ehrbegierde ist in der frühen 7215, 19:287; vgl. 20:150). Während die Ehrsucht
Phase seines Denkens zum Teil positiv: „Denn oder Ehrbegierde (auch: → Hochmut) als Interesse
wiewohl die Ehrbegierde ein thörichter Wahn ist, daran, besser als andere dastehen zu wollen, als
so fern er zur Regel wird, der man die übrigen Laster disqualifiziert wird (vgl. 6:465; Refl. 1490,
Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein 15:737; 20:55), wird die Ehrliebe moralisch aufge
begleitender Trieb äußerst vortrefflich“ (2:227). wertet. „‚Thue das, was dir Ehre erwirbt‘ ist ein
Er fasst sie aber in den kritischen Schriften als pragmatischer Satz. Ehrliebend seyn ist etwas
eine → Leidenschaft auf, die die Reinheit der mo moralisches“ (Refl. 7071, 19:242). Die Ehre um des
ralischen Motivation gefährdet (vgl. 5:30). Ehr moralischen Verdiensts willen unterscheidet sich
sucht ist für Kant zusammen mit Habsucht und vom bloßen Streben nach Ehre um des äußeren
Herrschsucht das Hauptbeispiel für „erhitzte“ Lei → Scheins willen (zum moralischen Schein und
denschaften, welche „mit der Beharrlichkeit einer den Bezügen von Kants Ethik zur französischen
auf gewisse Zwecke angelegten Maxime verbun Moralistik vgl. Sommerfeld-Lethen, Wie moralisch
den sind“ (7:268; vgl. 7:270f.), bzw. für „Begierden werden?). Hier liegt es nahe, zwischen äußerer
des Wahnes“ (9:492). Mit Blick auf die Bestim Ehre und innerer Ehre zu unterscheiden. Im letz
mung des Menschen betrachtet er sie aber zu teren Zusammenhang spricht Kant dann auch
gleich als zweckmäßige Einrichtung der mensch von wahrer Ehre und meint damit das eigene mo
lichen Natur (vgl. 8:27f.; 8:21; 5:433). Kant unter ralische Gefühl (vgl. Refl. 642, 15:282; Refl. 1497,
scheidet zwischen Ehrbegierde (bzw. Ehrsucht) 15:769). Ehrliebe ist „die beständige Begleiterin
und Ehrliebe: Während die beiden ersten nach der Tugend“ (7:257), da sie selbst den Tod um der
Ansehen streben, hat die zweite die geschuldete Aufrechterhaltung der Ehre willen nicht fürch
Achtung für moralische Wesen und ihren Wert tet. Gleichwohl spricht Kant nur von einer Bezie
hung der Verwandtschaft oder der Ähnlichkeit Sommerfeld-Lethen, Caroline: Wie moralisch wer
zwischen Ehrliebe und → Tugend bzw. von einem den? Kants moralistische Ethik, Freiburg: Alber
Analogie- oder Substitutionsverhältnis (vgl. 8:26; 2005.
Corinna Mieth
Refl. 1121, 15:500; Refl. 1497, 15:769). Das liegt zum
einen an den Defiziten, mit denen die Ehre als in
formeller sozialer Sanktionsmechanismus behaf Ehrfurcht
tet ist. Sie ist von gesellschaftlichen Konventionen Ein Ausdruck der „Hochachtung für das sittliche
und Moden abhängig und deshalb nicht notwen Gesetz“, insofern uns dieses „den Endzweck unse
dig mit einer universalistischen Moral vereinbar rer Bestimmung vorstellt“ (5:481). Ob theologisch
(vgl. 6:464; 20:160). Vielmehr ist die gesellschaft als das „Princip des Willens Gottes“ (6:488), als
lich-konventionelle Ehre zu Kants Zeit standes- „[d]ie Majestät des Gesetzes (gleich dem auf Si
und geschlechtsgebunden (vgl. 23:367ff.). → Du nai)“ (6:23 Anm.) oder auch moralisch als „die
elle (oder → Kindesmord) zur Aufrechterhaltung Menschheit in unserer Person“ (23:111) aufgefasst,
der Standesehre können entsprechend als „Wahn“ ist der Gegenstand der Ehrfurcht in jedem Fall
der „Ehrbegierde“ abgewertet werden, die mit der auch ein Erhabenes. Mit „pathologischer Furcht“
Zustimmung „der durch äußeren Schein betroge (5:481), d. h. einer abergläubischen „Angst vor
nen Menge zufrieden ist“ (23:369). Kant ordnet die dem übermächtigen Wesen“, hat die sittlich be
Ehre unter die natürlichen Triebe, auf denen nur gründete Ehrfurcht dagegen nichts gemein (5:264;
eine Glückseligkeitslehre, aber keine Sittenleh vgl. 6:23). Gemäß dem „Beschluß“ der KpV (5:161;
re aufgebaut werden kann und setzt sie von der ganzer Abs. 5:161–163) erfüllen „der bestirnte Him
Tugend als „feste[n] Vorsatz in Befolgung seiner mel über mir und das moralische Gesetz in mir“
Pflicht“ ab (6:47; vgl. 4:393). Die Ehre als äußere das „Gemüth mit immer neuer und zunehmen
Anerkennung kann in einem Spannungsverhält der Bewunderung und Ehrfurcht“ (5:161). Weitere
nis zum moralischen Wert einer Person stehen. wichtige Stellen: 1:317; 2:117; 5:82; 6:154; 9:496.
Für Kant ist, analog zur Ehre, auch die → Achtung
als äußere Anerkennung einerseits von einem Verwandte Stichworte
Verdienst der Person abhängig und kann entspre Achtung, Achtung für das Gesetz; Bewunde
chend dazu in einem Mehr oder Weniger bestehen, rung; Furcht
andererseits nimmt Kant eine strenge Pflicht zur
Achtung des Anderen an, die gerade unabhän Philosophische Funktion
gig von seiner Achtungswürdigkeit als negative Tritt in vorkritischer Zeit der Begriff der Ehr
Pflicht immer bestehen bleibt (vgl. 6:462–468). furcht bei Kant gelegentlich noch im Zusammen
Die „Ehre Gottes bezieht sich auf Vernünf hang einer physikotheologischen Naturbetrach
tige Wesen und nicht auf die Bewegursache, die tung (→ Physikotheologie) auf (vgl. 1:317; 2:117),
diese in der Welt bekommen, ihn zu lieben, son wird er später moralisch gefasst und weitgehend
dern zu Ehren“ (Refl. 6154, 18:470; vgl. 5:448; Refl. synonym zu dem der → Achtung gebraucht (vgl.
5551, 18:216). Ehre hat Gott verdient, da er allein 6:488). „Achtung“ für das Sittengesetz und „Ehr
als Garant für die Übereinstimmung von Glücks furcht für seine Pflicht“ sind die subjektiven Prin
würdigkeit und Glückseligkeit gedacht werden zipien moralischer Handlungen eines „endlichen
kann. vernünftigen Wesens“, das nicht schon „im „Be
sitz einer Heiligkeit des Willens“, d. h. einer „zur
Weiterführende Literatur Natur gewordene[n], niemals zu verrückende[n]
Anderson, Elizabeth: „Emotions in Kant’s Later Übereinstimmung des Willens mit dem reinen Sit
Moral Philosophy: Honour and the Phenomeno tengesetze“ ist (5:82). In der Ehrfurcht reflektiert
logy of Moral Value“, in: Betzler, Monika (Hg.): sich so auf der Ebene des → moralischen Gefühls
Kant’s Ethics of Virtue, Berlin u. a.: de Gruyter stets moralische Vollkommenheit: sei es diejenige
2008, 123–145. Gottes (vgl. 6:154; 6:488; 9:495), des Sittengesetzes
Bayefsky, Rachel: „Dignity, Honour, and Human selbst oder auch die der Menschheit in unserer
Rights: Kant’s Perspective“, in: Political Theory Person.
41, 2013, 809–837. Thomas Sören Hoffmann
Weiterführende Literatur
Mahon, James E.: „Kant on Lies, Candour and Eid
Reticence“, in: Kantian Review 7, 2003, 102– Kant nennt den Eid (lat. iusiurandum) „das Er
133. pressungsmittel der Wahrhaftigkeit in äußern
Munzel, G. Felicitas: Kant’s Conception of Moral Aussagen [. . . ] (tortura spiritualis)“ (8:268 Anm.).
Traditionsgemäß unterscheidet er den „Verspre der → Lüge die verborgene Wahrheit entdecken
chungseid“ und den „Glaubenseid“ (6:305). Der (vgl. 6:304) oder im Glaubenseid seine Aussage
promissorische Versprechungseid nötigt dazu, genauer prüfen. Auch in diesem Fall aber begehe
„treu im Versprechen“ (6:303), der assertorische „der Richter [. . . ] einen großen Verstoß an der Ge
Glaubenseid dazu, „wahrhaft in Aussagen“ (6:303) wissenhaftigkeit des Eidleistenden, theils durch
zu sein. Beide lehnt Kant grundsätzlich aus mora den Leichtsinn, zu dem er verleitet [. . . ], theils
lischen und rechtlichen Erwägungen ab, er sieht durch Gewissensbisse, die ein Mensch fühlen
aber auch praktische Gründe, sie vor → Gericht als muß“ (6:305), der seiner Aussage nicht sicher ist.
„Feuerprobe der Wahrhaftigkeit“ (8:268f. Anm.)
für „unentbehrlich“ (8:268 Anm.) zu halten. Weite Weiterführende Literatur
re wichtige Stellen: 6:159; 6:303ff.; 6:486; 8:268f.; Hüning, Dieter: „Kants Stellung zum Eid in den
Refl. 6309, 18:604. ‚Metaphysischen Anfangsgründen der Rechts
lehre‘“, in: Recht und Frieden in der Philoso
Verwandte Stichworte phie Kants. Akten des X. Internationalen Kant-
Wahrhaftigkeit; Versprechen Kongresses, hg. von Valerio Rohden, Ricardo
R. Terra, Guido A. Almeida und Margit Ruffing,
Philosophische Funktion Bd. 4, Berlin u. a.: de Gruyter 2008, 409–423.
In der Religion verwirft Kant den Eid aus morali Walter Brinkmann
schen Gründen mit Bezug auf eine Stelle der Berg
predigt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.
Was darüber ist, das ist von Übel“ (Mt 5, 37). Der Eifersucht
Eid tue „im Punkte der Wahrhaftigkeit“ der „Wahr Eifersucht ist die → Begierde, Überlegenheit über
heit selbst Abbruch“ (6:159), weil er durch die ihm andere zu erlangen, verbunden mit der ständigen
„beigelegte größere Wichtigkeit die gemeine Lüge → Sorge, dass andere ebenfalls danach streben,
beinahe erlaubt macht“ (6:159 Anm.). Darüber hin und dem → Neid auf die, denen das gelingt (vgl.
aus sei das Schwören bei Gott eine „Zumuthung 6:27). Weitere wichtige Stellen: 7:232; 7:307f.; 7:310.
[. . . ], mehr vorzugeben, als man mit Gewißheit
behaupten kann“ (8:269 Anm.). Da der Glaube Verwandte Stichworte
an → Gott „immer doch frei ist“ (8:269 Anm.), – Herrschsucht; Neid; Eitelkeit
heißt es auch in der MSR – sei „ein Zwang zu
Eidesleistungen“ (6:305) und umgekehrt die recht Philosophische Funktion
liche Verpflichtung, „zu glauben, daß ein Anderer Wenn Kant den Begriff ‚Eifersucht‘ verwendet,
(der Schwörende) überhaupt Religion habe, um geht es vielfach um die Eifersucht im Verhältnis
mein Recht auf seinen Eid ankommen zu lassen“ der Geschlechter zueinander, wobei die Überle
(6:304), „an sich unrecht“ (6:304) und „die ge genheitsbegierde in diesem Zusammenhang vor
setzgebende Gewalt“ handle „im Grunde unrecht, nehmlich darin zum Ausdruck kommt, dass man
diese Befugniß der richterlichen zu ertheilen: weil den Vorrang gegenüber den Geschlechtsgenos
selbst im bürgerlichen Zustande ein Zwang zu sen beansprucht und diesem → Begehren entspre
Eidesleistungen der unverlierbaren menschlichen chend mit Sorge und Neid (mit → Schmerz) erfüllt
Freiheit zuwider ist“ (6:304f.). So setze das Ge ist. Er spricht z. B. von der Eifersucht der → Frau,
richt beim Eid „auf einen blinden Aberglauben“ „andere Weiber in Reizen oder im Vornehmthun
(6:304) des Aussagenden, nicht auf seine Mora zu übertreffen“ (7:307; vgl. auch 7:308).
lität (→ Legalität/Moralität). Allein wenn „es kein Darüber hinaus ist aber auch mehrfach von
anderes Mittel giebt, in gewissen Fällen hinter die einem in die menschliche Natur gelegten Trieb
Wahrheit zu kommen, als den Eid, muß von der der Eifersucht gegenüber anderen Menschen im
Religion vorausgesetzt werden, daß sie jeder habe, Allgemeinen die Rede (vgl. 15:615). Sie gründe
um sie als ein Nothmittel [. . . ] vor einem Gerichts auf der physischen, aber vergleichenden → Selbst
hofe zu gebrauchen“ (6:304). Es werde dann „das liebe des Menschen, die darauf aus sei, sich in
Gewissen aufgeschreckt“ (8:269 Anm.) und der der Meinung anderer einen → Wert zu verschaf
Aussagende könne aus abergläubischer Furcht vor fen, der zunächst einmal der der → Gleichheit ist,
weswegen man keinem Überlegenheit über sich Pflicht, „meinen Eigendünkel durch das Recht
gestatte; dem entspringe aber fast zwangsläufig was jeder Andere als Mensch überhaupt hat [. . . ]
die ungerechte Begierde, Überlegenheit über an herabzustimmen“ (23:407). Der Eigendünkel ist
dere zu erlangen (vgl. 6:27). Die Eifersucht im dabei nicht zuletzt ein Fehler der (dogmatischen)
Allgemeinen wird als Manifestation eines Hangs Philosophie (vgl. 2:353; 4:382; KrV A 735 / B 763;
zu → Leidenschaften (vgl. 15:514), als böse → Nei KrV A 781 / B 809; → Dogmatismus).
gung (vgl. 15:608), als Antrieb zum → Bösen (vgl. Thomas Sören Hoffmann
15:632) und als natürliche Triebfeder zur Hervor
bringung einer → bürgerlichen Gesellschaft (vgl.
15:647) klassifiziert. Eigenliebe
Außerdem nennt Kant noch eine Reihe von Eigenliebe ist ein natürliches Selbstverhältnis, das
spezifischen Formen der Eifersucht wie z. B. die zum System der → Neigungen gehört. Für dieses
patriotische Eifersucht (vgl. 5:484) oder die Eifer Selbstverhältnis, das sich als ein über alles gehen
sucht unter den Vermögenden (vgl. 15:893). des Wohlwollen gegen sich selbst zeigt, wird auch
Andreas Trampota der Begriff der → Selbstliebe eingesetzt. Wichtige
Stelle: 5:72ff.
An Eigenliebe und Eigendünkel ist zu kritisie nen Handlungen, die den moralischen Normen
ren, dass sie „beide gerne ihre Grenzen verkennen“ entsprechen, sowohl durch die Achtung vor dem
(5:86). Dieser Anmaßung begegne das Gefühl der Sittengesetz als auch durch die Aussicht auf Eigen
→ Achtung vor dem moralischen Gesetz, das den nutz motiviert sein. In letzterem Fall hat die Hand
Eigendünkel entscheidend schwäche. Im Unter lung „keinen wahren sittlichen Werth“ (4:398;
schied zum Eigendünkel hebt die reine praktische → pflichtmäßig / aus Pflicht / aus Neigung). Eine
Vernunft die Eigenliebe jedoch nicht auf, sondern positive Funktion schreibt Kant in Frieden dem
schränkt sie auf die Bedingung der Einstimmung Eigennutz innerhalb seiner Geschichtsphiloso
mit dem moralischen Gesetz ein. Sie nimmt dann phie zu: Da Kriege dem Handel schaden, befördert
die Gestalt einer vernünftigen Selbstliebe an. „Die die Aussicht auf den „wechselseitigen“ Eigennutz
reine praktische Vernunft thut der Eigenliebe blos in Gestalt des Handelsgeistes die Befriedung der
Abbruch, indem sie solche, als natürlich und noch Welt (8:368).
vor dem moralischen Gesetze in uns rege, nur Héctor Wittwer
auf die Bedingung der Einstimmung mit diesem
Gesetze einschränkt; da sie alsdann vernünftige
Selbstliebe genannt wird“ (5:73). Eigenschaft
Kant folgt mit den moralphilosophischen Kant verwendet den Ausdruck ‚Eigenschaft‘ in
Differenzierungen der selbstbezüglichen Gefühle einem allgemeineren und einem spezifischeren
den Vorgaben von Rousseaus Ethik der Autono Sinne. Im allgemeineren Sinne ist jedes → Prädi
mie, die einen Ausgleich zwischen vernünftigen kat eines beliebigen Gegenstands eine Eigenschaft
Selbstverhältnissen und den Verbindlichkeiten dieses Gegenstands. In einem mehr technischen
der praktischen Vernunft anstrebt. Sinne verweist ‚Eigenschaft‘ spezifisch auf das ‚At
Dieter Sturma tribut‘ eines Gegenstands – die Eigenschaft bzw.
Eigenschaften, die in seinem Wesen begründet
sind. In diesem Sinne kontrastiert ‚Eigenschaft‘
Eigennutz mit → ‚Akzidenz‘. Wichtige Stellen: 4:434; 8:229;
Kant verwendet den Terminus ‚Eigennutz‘ in der 9:60–120; 20:365f.; 21:71; 24:727; 28:438; 28:629.
aus der Umgangssprache geläufigen Weise; er um
fasst alles, was dem eigenen Vorteil dient. In be Verwandte Stichworte
stimmten Kontexten bezeichnet ‚Eigennutz‘ bzw. Akzidenz; Attribut; Inhärenz; Wesen
das entsprechende Adjektiv ‚eigennützig‘ auch die
egoistische Motivation. Wichtige Stellen: 4:398; Philosophische Funktion
5:35; 6:453. Kant setzt ‚Eigenschaft‘ häufig mit einem ande
ren technischen Ausdruck gleich: ‚Attribut‘ (vgl.
Verwandte Stichworte 8:229; 21:71; 24:727; 28:629). Hierin folgt er der Ver
Egoismus; Selbstliebe; Selbstsucht wendungsweise, die in der deutschen Philosophie
des 18. Jahrhunderts üblich ist; J. A. Eberhard,
Philosophische Funktion G. E. Meier und A. G. Baumgarten setzen allesamt
Da nach Kant die Moralität einer Handlung dar das deutsche Wort ‚Eigenschaft‘ mit dem lateini
in besteht, dass sie nur aus → Achtung für das schen ‚attributa‘ gleich (vgl. 16:311; 17:37; 28:552;
Sittengesetz vollzogen wird, ist das Prinzip des 28:586). Kant selber weist auf diese traditionelle
Eigennutzes als Streben nach der eigenen → Glück Verwendung hin (vgl. 20:365f.).
seligkeit das „gerade Widerspiel des Princips der Attribute sind Prädikate, die aus dem Wesen
Sittlichkeit“ (5:35): „Je mehr eigennütziger Be eines Gegenstands folgen, in diesem aber nicht
wegungsgrund, desto weniger moralitaet“ (Refl. enthalten sind. Als solche kommen sie dem Ge
7224, 19:290). Dies zeigt sich auch daran, dass genstand notwendig zu, sind aber verschieden
eine eigennützige Maxime, z. B. der Grundsatz, von den essentiellen Prädikaten, die sein Wesen
anderen, Not leidenden Menschen nicht zu hel konstituieren (und auch ‚konstitutive‘ Prädika
fen, nicht widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz te genannt werden), und den extraessentiellen
gedacht werden kann (vgl. 6:453). Allerdings kön Prädikaten oder Akzidenzien, die nicht im We
nach Rechtsbegriffen vorstellig zu machen“. Der Rücksicht vernichtete und zur res nullius machte“
Obereigentümer kann „kein Privateigenthum an (6:246). Daraus folgt, daß wir die vorfindlichen
irgendeinem Boden haben“. Das Privateigentum Sachen, die „herrenlos“ (d. h. die keinen Eigen
am Boden „gehört nur dem Volk“ und zwar „nicht tümer haben) und zugleich „ledig“ sind (d. h. im
collectiv, sondern distributiv genommen“. Das Augenblick des beabsichtigten Gebrauchs von
heißt, dass auch das Land innerhalb eines Staats keiner anderen Person gebraucht werden), für
gebiets auf verschiedene individuelle Personen unsere Zwecke gebrauchen dürfen. 2) Um eine Sa
als Privateigentümer aufgeteilt sein muss (6:323f.). che zu gebrauchen, muss ich sie unter Ausschluß
Dritter in physischen Besitz nehmen („Die sub
2 Die Möglichkeit und der ursprüngliche Erwerb jective Bedingung des Gebrauchs überhaupt ist
von Eigentum der Besitz“, 6:245). Deshalb folgt aus der rechtli
2.1 Im Unterschied zum Freiheitsrecht, das je chen Möglichkeit des Gebrauchs von herrenlosen
dem Menschen ursprünglich zukommt (vgl. 6:237), und ledigen Sachen die rechtliche Möglichkeit der
muß Eigentum erworben werden. Es ist auch, aus Inbesitznahme dieser Sachen unter Ausschluß
drücklich, nicht der Fall, dass alle Menschen oder Dritter. 3) Die Inbesitznahme kann mit einer von
alle Völker zusammen ursprünglich ein Gemeinei drei Intentionen erfolgen. Die Person, die eine her
gentum am Erdboden und an den übrigen Sachen renlose und ledige Sache in Besitz nimmt, kann
auf der Erde haben (vgl. 6:258; 6:352). Die Fragen die Sache als eigene Sache, als fremde Sache oder
nach der Möglichkeit und nach dem ursprüng als eine Sache in Besitz nehmen, die keinem ge
lichen Erwerb von Eigentum, insbesondere von hört. Keine dieser drei Intentionen wird durch 1)
Stücken des Erdbodens, gehören zu den wich oder 2) ausgeschlossen, d. h. jede dieser Intentio
tigsten Fragen, die Kant in MSR stellt. Aus dem nen ist gestattet, insbesondere darf ich eine Sache
mit dem „→ Axiom der äußeren Freiheit“ (6:267; auch als Eigenbesitzer (als meine eigene Sache)
vgl. 6:268) angenommenen Freiheitsrecht (vgl. in Besitz nehmen. Darf ich aber eine Sache als
6:237f.) ergibt sich die Möglichkeit von Eigentum Eigenbesitzer in Besitz nehmen, dann folgt daraus
noch nicht. Eine Rechtsnorm, nach der Sachen die Möglichkeit von Eigentum. Kant: „Also ist es
niemandem gehören können und von niemandem eine Voraussetzung a priori der praktischen Ver
gebraucht werden dürfen, wäre eine Norm, die nunft, einen jeden Gegenstand meiner Willkür als
„mit jedermanns äußerer Freiheit nach allgemei objectiv mögliches Mein und Dein anzusehen und
nen Gesetzen zusammenstimmen“ könnte. Doch zu behandeln“ (6:246). Das subjektive → Mein und
wäre eine solche Rechtsnorm absurd. Also muß Dein (Eigenbesitz) wird zum objektiven Mein und
das Gegenteil angenommen werden. Folglich, so Dein (Eigentum), wenn und weil das subjektive
Kants „rechtliches Postulat der praktischen Ver Mein und Dein erlaubt ist.
nunft“, ist es „möglich, einen jeden äußeren Ge 2.3 Eine Person erwirbt eine Sache durch ur
genstand meiner Willkür als das Meine zu haben; sprünglichen oder durch abgeleiteten Erwerb (vgl.
d. i. eine Maxime, nach welcher, wenn sie Gesetz 6:258). Irgendeine ursprüngliche → Erwerbung
würde, ein Gegenstand der Willkür an sich (ob von Sachen muß möglich sein, weil nicht alle Er
jectiv) herrenlos (res nullius) werden müßte, ist werbung abgeleitet sein kann (vgl. 6:266). Der ur
rechtswidrig“ (6:246; → Rechtliches Postulat der sprüngliche Erwerb einer herrenlosen und ledigen
praktischen Vernunft). Sache geschieht durch Bemächtigung, also durch
2.2 Kants Begründung erfolgt in drei Gedanken (physische) Inbesitznahme. Dabei gilt das Rechts
schritten. 1) Ein „absolutes Verbot“, sich des Ge sprichwort „Qui prior tempore, potior iure.“ [Wer
brauchs von Sachen, insbesondere von Stücken zeitlich früher ist, ist dem Recht nach stärker.]
des Erdbodens, zu enthalten, kann es nicht geben. Die von Kant ausdrücklich bemerkte Schwierig
Denn dann würde die Freiheit (die sich eine solche keit besteht darin einzusehen, wie durch einen
Norm auferlegte) „sich selbst des Gebrauchs ihrer Akt einseitiger Willkür das Eigentum an einer Sa
Willkür in Ansehung eines Gegenstandes dersel che, insbesondere an einem Stück des Erdbodens
ben berauben, dadurch daß sie brauchbare Ge begründet werden kann (6:259).
genstände außer aller Möglichkeit des Gebrauchs 2.4 Die Ermächtigung dazu, ein herrenloses und
setzte, d. i. diese [Gegenstände] in praktischer lediges Stück → Boden in Eigenbesitz zu nehmen,
ergibt sich daraus, daß mein (gesetzgebender) Wil zu verfahren“ (6:267), das Kant in 6:258 erläutert.
le, der mit meinem einseitigen (willkürlichen) Akt Diese Weise der Erwerbung „stimmt unter keiner
der Bemächtigung einhergeht, „in einem a priori anderen Bedingung mit dem Gesetz der äußeren
vereinigten gesetzgebenden Willen enthalten ist“ Freiheit von jedermann (mithin a priori) zusam
(6:263). Dieser a priori und damit notwendig ver men als unter der Priorität in Ansehung der Zeit,
einigte Wille aller, die miteinander in Berührung d. i. nur als erste Besitznehmung, welche ein Akt
kommen können, ist ein von der „ursprünglichen der Willkür ist“ (6:263). Kants Überlegungen zum
Gemeinschaft des Bodens und damit auch der Erwerb von Eigentum an Stücken des Erdbodens
Sachen auf demselben (communio fundi origina zeigen ihre volle Bedeutung vor allem in Bezug auf
ria)“ (6:251) ausgehender allgemeiner Wille. Die die Begründung des Eigentums der Völker (und
ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens, die von Staaten) an dem Gebiet, das sie innehaben und
allen Menschen (und damit von allen Völkern) das, solange es im → Völkerrecht noch kein alle
gebildet wird, beruht auf dem gemeinsamen Be umfassendes öffentliches Recht gibt, ebenfalls
sitz der Erde, der nicht mit einem ursprünglichen ein Eigentum nach dem → Privatrecht ist.
Gemeineigentum (das nicht gedacht werden kann,
vgl. 6:258) zu verwechseln ist. Weiterführende Literatur
2.5 Die Grundlage für die → ursprünglichen Ge Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: Kant’s Doc-
meinschaft des Bodens ist die, daß jedermann trine of Right – A Commentary, Cambridge:
ursprünglich im rechtmäßigen Besitz eines Stücks Cambridge University Press 2010, insbes.
Boden ist (vgl. 6:262), daß, mit anderen Worten, 107–138.
jedermann ein ursprüngliches Recht auf einen Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: „The Natural
Aufenthaltsort hat. Dieses Recht ist aus dem ur Law Duty to Recognize Private Property Ow
sprünglichen Freiheitsrecht abgeleitet, weil die nership – Kant’s Theory of Property in his ‚Doc
Verweigerung eines Platzes auf der Erde auf die trine of Right‘“, in: University of Toronto Law
Tötung dessen hinausläuft, dem der Platz verwei Journal 56, 2006, 217–282.
gert wird. Jedoch ist damit noch kein Recht auf Byrd, B. Sharon/Hruschka, Joachim: „Der ur
einen bestimmten Platz auf dieser Erde gegeben. sprünglich und a priori vereinigte Wille und
„Der bloße physische Besitz (Inhabung) des Bo seine Konsequenzen in Kants ‚Rechtslehre‘“, in:
dens ist schon ein Recht in einer Sache, obzwar Jahrbuch für Recht und Ethik 14, 2006, 141–165.
freilich noch nicht hinreichend, ihn als das Meine Hruschka, Joachim: ‚Kant und der Rechtsstaat‘
anzusehen“ (6:251). und andere Essays zu Kants Rechtslehre und
2.6 Die ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens Ethik, Freiburg im Breisgau, Karl Alber Verlag
ist eine Gemeinschaft aller Menschen in ihrer Ei 2015, insbes. 48–88.
Joachim Hruschka
genschaft, Inhaber des Rechts auf einen Aufent
haltsort zu sein. Die Gemeinschaft ist eine not
wendige Gemeinschaft, weil der zur Verfügung Einbildung
stehende Platz auf der Erde (als Kugel) begrenzt Kant versteht unter einer Einbildung die anschau
ist und infolgedessen jeder Mensch mit jedem liche Vorstellung eines Gegenstandes, der den
anderen in Berührung kommen kann (vgl. 6:262; Sinnen nicht gegenwärtig ist. Die Fähigkeit, sich
6:352). Das noch abstrakte Recht eines jeden Men etwas einzubilden, ist die → Einbildungskraft (vgl.
schen auf einen Aufenthaltsort bedarf der Kon 7:165), die Kant häufig ebenfalls kurz als Einbil
kretisierung, die jedem einen bestimmten Platz dung bezeichnet. Weitere wichtige Stellen: KrV
auf der Erde zuteilt. Die ursprüngliche Gemein B XL Anm.; KrV B 276f. Anm.; 7:167–191.
schaft des Bodens generiert infolgedessen einen
ursprünglich und notwendig allgemeinen gesetz Verwandte Stichworte
gebenden Willen, der ein Gesetz enthält, „nach Einbildungskraft; Blendwerk; Traum; Illusion
welchem einem jeden ein besonderer Besitz auf
dem Boden bestimmt werden kann“ und der die Philosophische Funktion
Aufteilung des Erdbodens zur „Pflicht“ macht. Da Kant verwendet ‚einbilden‘ und ‚Einbildung‘ seine
bei ist „nach dem Gesetz der äußeren Erwerbung ganze philosophische Laufbahn über in einem
jetzigen Augenblick, das Zurückrufen aus der Ver Kant zugleich: „Die Einbildungskraft ist indes
gangenheit und das Vorhersehen der Zukunft. Er sen nicht so schöpferisch, als man wohl vorgi
begreift die Einbildungskraft als ein „Bildungs ebt“ (7:178). Kant geht sogar noch weiter: „Die
vermögen“ (28:235) („facultas fingendi“) (28:231), productive [Einbildungskraft] ist dennoch [. . . ]
eine Gattung, die drei (zeitlich definierte) Arten eben nicht schöpferisch, nämlich nicht vermö
umfasst: die „Abbildungskraft“ („facultas forman gend, eine Sinnenvorstellung, die vorher unserem
di“) (28:231), welche die „Vorstellungen der gegen Sinnesvermögen nie gegeben war, hervorzubrin
wärtigen Zeit“ (28:235), die „Nachbildungskraft“ gen, sondern man kann den Stoff zu derselben
(„facultas imaginandi“) (28:231), welche die „Vor immer nachweisen“ (7:167f.). In Metaphysik L1
stellungen der vergangenen Zeit“ (28:235), und charakterisiert Kant das „Bildungsvermögen“ als
die „Vorbildungskraft“ („facultas praevidendi“) „ein Vermögen [. . . ] Erkenntnisse aus uns selbst
(28:231), welche die „Vorstellungen der zukünfti zu machen, die aber dennoch die Form an sich
gen Zeit“ beinhaltet (28:235). Kant ist sehr darauf haben, nach der die Gegenstände unsere Sinne
bedacht, das (gute) Gedächtnis zumindest per afficiren würden“ (28:235). Kant stellt sich also
definitionem vor den Entstellungen der ‚spiele gegen die Schule einer künstlerischen creatio ex
rischen‘ (willkürlichen) Einbildungskraft zu be nihilo und auf die Seite von Gerard und den Befür
wahren sowie die vernünftige Erwartung von der wortern einer streng ‚reproduktiven‘ Kreativität
Prophezeiung oder der → Wahrsagerei zu unter der künstlerischen Einbildungskraft. Die Lehre
scheiden. vom ‚Originalgenie‘ (Wharton, Young und – in
Kant scheint damit an die von Baumgarten Deutschland – der Sturm und Drang) lehnte er
getroffene Unterscheidung zwischen facultas fin ab. „Wenn also gleich die Einbildungskraft eine
gendi (§§ 589–594) und phantasia (§§ 557–571) an noch so große Künstlerin, ja Zauberin ist, so ist sie
zuknüpfen. Kant identifiziert demzufolge die Ein doch nicht schöpferisch, sondern muß den Stoff
bildung mit dem Zurückrufen von „Vorstellungen zu ihren Bildungen von den Sinnen hernehmen“
der vergangenen Zeit durch die Association“ und (7:168).
stellt sie ausdrücklich dem eigentlichen „Einbil Der Begriff der ‚produktiven Einbildungs
dungsvermögen“ als der Fähigkeit „neue Bilder kraft‘ hat jedoch noch einen sehr viel technische
[zu] mache[n]“ gegenüber (28:236). In der Anthro ren, transzendentalen Sinn, der von dem damals
pologie ist das besonders klar ausgedrückt: „Die üblichen, weitgehend ästhetischen Begriff der
Einbildungskraft ist (mit andern Worten) entwe ‚dichtenden Einbildungskraft‘ unterschieden wer
der dichtend (productiv) oder blos zurückrufend den muss. Tatsächlich geht es Kant bei seiner
(reproductiv)“ (7:167). Beschäftigung mit dem Begriff der Einbildungs
Die schöpferische Einbildungskraft wird von kraft philosophisch vor allem um jene transzen
Kant als → „Dichtungsvermögen“ charakterisiert: dentalphilosophische Unterscheidung zwischen
„Ehe der Künstler eine körperliche Gestalt (gleich produktiver und reproduktiver Einbildungskraft
sam handgreiflich) darstellen kann, muß er sie in (→ Einbildungskraft, produktive/reproduktive).
der Einbildungskraft verfertigt haben, und diese Im Einklang mit den Gepflogenheiten des
Gestalt ist alsdann eine Dichtung, welche, wenn 18. Jahrhunderts unterscheidet Kant zwischen
sie unwillkürlich ist (wie etwa im Traume), Phan dem willkürlichen und dem unwillkürlichen Spiel
tasie heißt und nicht dem Künstler angehört; der Einbildung und verbindet letzteres mit dem
wenn sie aber durch Willkür regiert wird, Com Ausdruck → Phantasie. Bei der Unterscheidung
position, Erfindung genannt wird“ (7:174f.). Die zwischen willkürlichem und unwillkürlichem
Fähigkeit, etwas Neues zu machen, ist vielleicht Spiel der ‚Einbildungen‘ dachte Kant zum Bei
der eigentliche Sinn, den Kant mit dem Begriff spiel an den Gegensatz von Wach- und Traum
→ produktive Einbildungskraft verbinden woll zuständen, obwohl er sich auch weitläufig über
te, und ist das, woran er dachte, wenn er ‚pro die Störungen des Gemüts auslässt, wenn sich im
duktiv‘ mit ‚dichtend‘ gleichsetzt. Doch im Wis Wachzustand Vorstellungsbilder unkontrolliert
sen um eine heftige Kontroverse über den Cha aufdrängen. Die vielleicht geistreichste Bemer
rakter und den Umfang der schöpferischen Ein kung dazu findet sich in der Anthropologie: „Wir
bildungskraft (besonders bei Gerard), bemerkt spielen oft und gern mit der Einbildungskraft;
aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt der folgende Vorstellungen von Raum- und Zeit
eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit abschnitten (Teile einer Linie, den Zeitraum einer
uns“ (7:175). Zu letzterem führt er aus: „Die Verge Stunde) als Teile eines zusammenhängenden Gan
hungen (vitia) der Einbildungskraft sind: daß ihre zen vorzustellen (einer Linie, eines Tages; vgl. KrV
Dichtungen entweder blos zügellos oder gar regel A 102). Allerdings ist zu beachten, dass es sich ge
los sind (effrenis aut perversa) [. . . ] Die zügellose nau genommen nicht um drei Synthesen, sondern
Phantasie [. . . ] ist Üppigkeit aus ihrem Reichtum; um eine „dreifache Synthesis“ (KrV A 97) handelt,
aber die regellose nähert sich dem Wahnsinn, wo also um drei Aspekte derselben Synthesis. Der
die Phantasie gänzlich mit dem Menschen spielt zweite Aspekt, die „Synthesis der Reproduction
[. . . ]“ (7:181). in der Einbildung“ (KrV A 100), macht die Funk
tion der Einbildungskraft in dieser „dreifachen
Philosophische Funktion Synthesis“ explizit.
1 Einbildungskraft und Synthesis In der B-Deduktion schreibt Kant der Einbil
Die Einbildungskraft ist eines der Grundvermögen dungskraft die „Synthesis des Mannigfaltigen der
des menschlichen Gemüts. Sie spielt eine zentrale sinnlichen Anschauung“ zu, sofern diese „a priori
Rolle in Kants Theorie der apriorischen Bedingun möglich und nothwenig ist“ (KrV B 151; → Syn
gen menschlicher Erkenntnis in der KrV: „Das thesis, figürliche/intellektuelle). Auch die damit
erste, was uns zum Behuf der Erkenntniß aller eng zusammenhängende Schematisierung der
Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist das Kategorien und mathematischen Begriffe ist ei
Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthe ne Funktion der produktiven Einbildungskraft
sis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungs (zur Funktion der Einbildungskraft in der Trans
kraft ist das zweite, giebt aber noch keine Erkennt zendentalen Deduktion und im Schematismus,
niß. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis → Einbildungskraft, produktive/reproduktive).
Einheit geben und lediglich in der Vorstellung
dieser nothwendigen synthetischen Einheit be 2 Einbildungskraft und Hypotyposis
stehen, thun das dritte zum Erkenntnisse eines Kant identifiziert die Einbildungskraft mit dem
vorkommenden Gegenstandes und beruhen auf Vermögen der Darstellung (exhibitio oder hypoty
dem Verstande“ (KrV A 78f. / B 104). Unter einer posis), das heißt der „Versinnlichung“ oder Dar
→ Synthesis versteht Kant hier „die Handlung, ver stellung in der Anschauung (5:351): „das Vermö
schiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun gen der Darstellung [. . . ] ist die Einbildungskraft“
und ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntniß zu (5:232). Davon unterscheidet er die „Charakteris
begreifen“ (KrV A 77 / B 103). Die zentrale Rolle men“, bei denen „sinnliche Zeichen, die gar nichts
der Einbildungskraft ergibt sich nun daraus, dass zu der Anschauung des Objects Gehöriges enthal
die „Synthesis überhaupt [. . . ] die bloße Wirkung ten“, als auf mechanischen „Gesetze[n] der Asso
der Einbildungskraft“ ist, welche Kant hier als ciation“ beruhende Gedächtnisstützen für das Ge
„blinde[], obgleich unentbehrliche[] Function der müt dienen (5:352; vgl. 7:191f.). Die → Darstellung
Seele“ bezeichnet, „ohne die wir überall gar keine (hypotyposis) besteht darin, einem gegebenen „Be
Erkenntniß haben würden, der wir uns aber selten griffe eine correspondirende Anschauung zur Sei
nur einmal bewußt sind“ (KrV A 78 / B 103). te zu stellen“ (5:192; vgl. 5:342f.). Der mathema
Die Lehre von der „dreifachen Synthesis“ tischen Beweisführung liegt eine solche „reine“
(KrV A 97) in der A-Deduktion weist der Einbil (d. h. produktive) Konstruktion der Einbildung
dungskraft also eine doppelte Funktion zu: Zum in der Anschauung zugrunde: „Auf diese succes
einen trägt sie als Vermögen der „Synthesis über sive Synthesis der productiven Einbildungskraft
haupt“ (KrV A 78 / B 103) zu allen drei Synthesen in der Erzeugung der Gestalten gründet sich die
bei (1. „Synthesis der Apprehension in der Anschau Mathematik der Ausdehnung (Geometrie) [. . . ]“
ung“, 2. „Synthesis der Reproduction in der Einbil (KrV A 163 / B 204). Bei der Geometrie kann es sich
dung“, 3. „Synthesis der Recognition im Begriffe“), für Kant nur deshalb um Wissen handeln, weil sie
zum anderen spielt sie eine zusätzliche Rolle in sich in der Erfahrung anwenden lässt, wie formal
der zweiten der drei von Kant genannten Synthe und a priori ihre Konstruktionen in der Anschau
sen (KrV A 98–104), die es uns erlaubt, aufeinan ung auch sein mögen (vgl. KrV B 147): „Selbst der
Raum und die Zeit [. . . ] würden doch ohne ob aber nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als
jective Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung subjectiv zur Belebung der Erkenntnißkräfte, in
sein, wenn ihr nothwendiger Gebrauch an den direct also doch auch zu Erkenntnissen anwendet
Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt wür [. . . ]“ (5:316f.). Diese Freiheit oder dieses „freie
de; ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das Spiel“ der Einbildungskraft fasst Kant also als
sich immer auf die reproductive Einbildungskraft freie Anpassung an die Gesetzmäßigkeit des Ver
bezieht, welche die Gegenstände der Erfahrung standes auf, die auf diese Weise eine „Harmonie
herbei ruft, ohne die sie keine Bedeutung haben der Vermögen“ herbeiführt. Und gerade weil sie
würden [. . . ]“ (KrV A 156 / B 195). unbeschränkt ist, ist diese Harmonie auf beson
Kant unterscheidet zwei grundlegende Arten dere Weise „belebend“ und daher angenehm. Das
der → Hypotypose: den Schematismus und den ist der Inhalt des reflexiven ästhetischen Urteils,
Symbolismus (vgl. 5:351). In einer Anmerkung in die Erfahrung von Schönheit.
der Religion bezeichnet sie Kant entsprechend als Kants Auffassung nach ist es durchaus mög
„Schematism der Objectsbestimmung (zur Erwei lich, dass die Einbildungskraft in Widerspruch zu
terung unseres Erkenntnisses)“ und „Schematism den Gesetzmäßigkeiten des Verstandes gerät. „Die
der Analogie (zur Erläuterung)“ (6:65 Anm.) und Originalität (nicht nachgeahmte Production) der
gibt damit zu verstehen, dass für ihn der grund Einbildungskraft, wenn sie zu Begriffen zusam
legende Begriff der des „Schemas“ ist. In seinem menstimmt, heißt Genie; stimmt sie dazu nicht
späten Aufsatz Fortschritte erklärt Kant: „Diese zusammen, Schwärmerei“ (7:172). Derlei „gesetz
Handlung, wenn die objective Realität dem Be lose[] Freiheit“ (5:319) der Einbildungskraft könne
griff geradezu (directe) durch die demselben cor nur „Unsinn“ hervorbringen. „Die regellos herum
respondirende Anschauung zugetheilt, d. i. dieser schweifende Einbildungskraft verwirrt durch den
unmittelbar dargestellt wird, heißt der Schema Wechsel der Vorstellungen, die an nichts objec
tism; kann er aber nicht unmittelbar, sondern nur tiv angeknüpft sind, den Kopf [. . . ]“, und heraus
in seinen Folgen (indirecte) dargestellt werden, so kommt „eine Art Unsinn der Form nach“ (7:177).
kann sie die Symbolisirung des Begriffs genannt Die verschiedenen Exzesse der Einbildungskraft
werden. Das erste findet bey Begriffen des Sinnli werden mit Hilfe von Begriffen, die Kant auch in
chen statt, das zweyte ist eine Nothülfe für Begrif der Anthropologie benutzt, in der KU besprochen:
fe des Übersinnlichen, die also eigentlich nicht „Im Enthusiasm als Affect ist die Einbildungs
dargestellt, und in keiner möglichen Erfahrung ge kraft zügellos; in der Schwärmerei als eingewur
geben werden können [. . . ]“ (20:279f.; vgl. 5:352). zelter brütender Leidenschaft regellos. Der erstere
ist vorübergehender Zufall [. . . ]; der zweite eine
3 Das freie Spiel der Einbildungskraft und die Krankheit [. . . ]“ (5:275). Die schöpferische Leis
Kritik der Urteilskraft tung der Einbildungskraft verlangt also stets die
Kants Kritik der ästhetischen Urteilskraft ist ebenso Anpassung ihres ‚freien Spiels‘ an die Regeln von
sehr eine Abhandlung über die Einbildungskraft Verstand und Vernunft. Darüber hinaus lässt Kant
wie über die Urteilskraft, mit der sie eng verwandt im schöpferischen Akt oder Spiel der Einbildungs
ist. Die Behandlung der Einbildungskraft in der kraft niemals Neuerungen im Hinblick auf die
KU zeichnet sich besonders dadurch aus, dass Materie der Empfindung, sondern nur im Hinblick
Kant mit Nachdruck ihre Freiheit in der ästheti auf die Form zu.
schen Erfahrung betont: „Nur, da im Gebrauch Was heißt nun ‚freies Spiel‘ der Einbildungs
der Einbildungskraft zum Erkenntnisse die Einbil kraft? Es findet sich zu einen beim Subjekt äs
dungskraft unter dem Zwange des Verstandes und thetischer Erfahrungen und zum anderen beim
der Beschränkung unterworfen ist, dem Begriffe Schöpfers eines Kunstwerks. Beide teilen die Frei
desselben angemessen zu sein; in ästhetischer heit der Einbildungskraft zur Umgestaltung, zum
Absicht aber die Einbildungskraft frei ist, um noch Spiel mit Vorstellungen, und zwar so, dass neue
über jene Einstimmung zum Begriffe, doch un Ordnungsmöglichkeiten in Erscheinung treten
gesucht reichhaltigen unentwickelten Stoff für können: „Die Einbildungskraft (als productives
den Verstand, worauf dieser in seinem Begriffe Erkenntnißvermögen) ist nämlich sehr mächtig in
nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieser Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem
Stoffe, den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten nem Musterbilde völlig in concreto dargestellt wer
uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich den“ (5:233). Sie ist „das zwischen allen einzelnen,
vorkommt; bilden diese auch wohl um: zwar noch auf mancherlei Weise verschiedenen Anschau
immer nach analogischen Gesetzen [. . . ] wobei wir ungen der Individuen schwebende Bild für die
unsere Freiheit vom Gesetze der Association (wel ganze Gattung, welches die Natur zum Urbilde ih
ches dem empirische Gebrauche jenes Vermögens ren Erzeugungen in derselben Species unterlegte,
anhängt) fühlen, nach welchem uns von der Natur aber in keinem Einzelnen völlig erreicht zu haben
zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas scheint“ (5:234f.). Kant gibt somit zu verstehen,
ganz anderem, nämlich dem, was die Natur über dass zumindest eine Analogie besteht zwischen
trifft, verarbeitet werden kann“ (5:314). Dies tritt der Wirkungsweise der Einbildungskraft im Ge
zwar besonders lebendig im Werk des Künstlers in müt und den konkreten Ergebnissen der Naturvor
Erscheinung, doch handelt es sich um eine Fähig gänge („Technik der Natur“) in der Wirklichkeit.
keit der Einbildungskraft, die allen gemeinsam ist, Die „ästhetische Normalidee“ (5:233) ist ein Über
die für ästhetische Erfahrungen empfänglich sind. gangsbegriff zwischen dem eigentlichen Sche
Dieser Prozess des Umbildens ist für das ‚freie matismus der Einbildungskraft der KrV und der
Spiel‘ der Einbildungskraft wesentlich. Während gänzlich symbolischen Wirkungsweise der ästhe
die Einbildungskraft bei demjenigen, der als Be tischen Ideen, die in der dritten Kritik im Zusam
trachter ästhetische Erfahrungen macht, zu dieser menhang mit den schönen Künsten erörtert wird.
Aktivität anlässlich eines bestimmten Stimulus In diesem Zusammenhang findet sich auch
angeregt wird, macht sich der Künstler daran, sol einer der ausführlichsten Versuche Kants, die rät
che Anlässe bei anderen bewusst herbeizuführen. selhafte Wirkungsweise der Einbildungskraft psy
Dazu braucht er ein natürliches Talent zur ima chologisch zu charakterisieren. Er schreibt: „Es
ginativen Umgestaltung (das Genie) ebenso wie ist anzumerken: daß auf eine uns gänzlich un
Disziplin, die er sich durch die praktische Aus begreifliche Art die Einbildungskraft nicht allein
bildung in einer beispielhaften künstlerischen die Zeichen für Begriffe gelegentlich, selbst von
Tradition erworben hat (den Geschmack). langer Zeit her, zurückzurufen; sondern auch das
Bild und die Gestalt des Gegenstandes aus einer
4 Einbildungskraft und ästhetische Ideen unaussprechlichen Zahl von Gegenständen ver
In diesem Zusammenhang stellt Kant eine Rei schiedener Arten oder auch einer und derselben
he von entscheidenden Überlegungen über die Art zu reproduciren; ja auch, wenn das Gemüth es
Macht der Einbildungskraft im Hinblick auf äs auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuthen nach
thetische Ideen an. Zunächst, in § 17 der KU, führt wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Be
Kant den Begriff einer „ästhetische[n] Normal wußtsein, ein Bild gleichsam auf das andere fallen
idee“ als Bestandteil des von ihm so genannten zu lassen und durch die Congruenz der mehrern
„Ideals der Schönheit“ ein (5:233). Die „ästheti von derselben Art ein Mittleres herauszubekom
sche Normalidee“ erweitert Kants Darstellung des men wisse, welches allen zum gemeinschaftlichen
Schematismus aus der KrV und gibt ihr eine neue Maße dient“ (5:233f.).
Richtung. Während die Einbildungskraft im ei Kants Interesse am Begriff ästhetischer Ide
gentlichen Schematismus noch durch die Begriffe en betraf aber nicht in erster Linie die Frage, wie
a priori beschränkt wird, behauptet Kant in der die Einbildungskraft natürliche Arten zum Zwe
KU, dass „eben darin, daß die Einbildungskraft cke der Erkenntnis schematisiert; vielmehr war
ohne Begriff schematisirt, die Freiheit derselben er daran interessiert, wie es für die Einbildungs
besteht [. . . ]“ (5:287). Bei der „ästhetische[n] Nor kraft möglich ist, etwas darzustellen, das gänz
malidee“ handelt es sich um die Idee einer Gat lich jenseits der Natur liegt – zumindest jenseits
tung, um einen „Typus“, der zwar in keinem sei der durchgängigen Bestimmung der Gegenstän
ner Einzelexemplare vollständig zum Ausdruck de gemäß den Gesetzen des Verstandes. Die er
kommt, der aber unentbehrlich ist, um ihre Zuge folgreiche Ausübung dieser Fähigkeit führt zur
hörigkeit zur betreffenden Gattung zu erkennen symbolischen hypotyposis, zu den Hervorbringun
(→ Normalidee). Diese „ästhetische Normalidee“ gen der schönen Künste, in denen ein Ideal zum
kann in „eine[r] einzelne[n] Anschauung“, in „ei Ausdruck kommt. Ein Scheitern in der Ausübung
dieser Fähigkeit kann jedoch eine andere ästheti chen Regel bestimmte Züge sind, welche mehr
sche Erfahrung hervorbringen, die des Erhabenen eine im Mittel verschiedener Erfahrungen gleich
nämlich, das seinerseits wiederum ein Reich jen sam schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes
seits der von den Verstandeskategorien genau Bild ausmachen, dergleichen Maler und Physio
vorgeschriebenen Ordnung der Natur bezeichnet. gnomen in ihrem Kopfe zu haben vorgeben, und
Im § 47 der KU behauptet Kant, die Fähigkeit, die ein nicht mitzutheilendes Schattenbild ihrer
ästhetische Ideen hervorzubringen, „für sich al Producte oder auch Beurtheilungen sein sollen.
lein betrachtet, ist eigentlich nur ein Talent (der [Sie sollen] das nicht erreichbare Muster mögli
Einbildungskraft)“ (5:314). Kant definiert „ästheti cher empirischer Anschauungen sein [. . . ] und
sche[] Idee“ als „diejenige Vorstellung der Einbil gleichwohl keine der Erklärung und Prüfung fä
dungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne hige Regel abgeben“ (KrV A 570f. / B 598f.). Das
daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d. i. stillschweigend durch eine Synthesis beispielhaf
Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Spra ter Einzelfälle erzeugte „Urbild des Geschmacks“
che völlig erreicht und verständlich machen kann“ sei, so erklärt Kant, „bloß ein Ideal der Einbil
(5:314). Und er erklärt, dass man sie als Gegen dungskraft“ (5:232).
stück zu einer „Vernunftidee“ verstehen könne,
für die „keine Anschauung (Vorstellung der Einbil 5 Die Einbildungskraft und das Erhabene
dungskraft) adäquat sein kann“ (5:314). Während Im Zentrum von Kants Theorie des Erhabenen
eine ästhetische Idee eine „inexponible Vorstel steht eine „Subreption“ oder Erschleichung: Ein
lung“ ist, ist eine Vernunftidee „indemonstrabel[]“ Gegenstand der Natur wird so aufgefasst, als wäre
(5:342). Und während eine ästhetische Idee sich er der Grund für ein Gefühl, dessen Ursprung in
in einem eindeutig bestimmten Begriff buchstäb Wirklichkeit in einem selbst liegt. „Also ist das
lich nicht ausdrücken lässt, so dient sie doch „ei Gefühl des Erhabenen in der Natur Achtung für
gentlich [. . . ] um das Gemüth zu beleben, indem unsere eigene Bestimmung, die wir einem Objecte
sie ihm die Aussicht in ein unabsehliches Feld der Natur durch eine gewisse Subreption (Ver
verwandter Vorstellungen eröffnet“ (5:315). Kant wechselung einer Achtung für das Object statt der
behauptet sogar: „Man kann überhaupt Schönheit für die Idee der Menschheit in unserm Subjecte)
(sie mag Natur- oder Kunstschönheit sein) den beweisen [. . . ]“ (5:257). Bei seiner Erörterung des
Ausdruck ästhetischer Ideen nennen [. . . ]“ (5:320). Erhabenen weist Kant der Einbildungskraft zwei
Das heißt, ästhetische Ideen „beleben“ und be Aufgaben zu: „Auffassung (apprehensio) und
wirken eine Harmonie der Vermögen – das ist für Zusammenfassung (comprehensio aesthetica)“
Kant die wesentliche Eigenschaft der Schönheit. (5:251). Was erstere betrifft, so ist die Einbildungs
Kant hat schon früh die Idee vom → Ideal un kraft in der Lage, ad infinitum aufzufassen, das
terschieden. „Idee bedeutet eigentlich einen Ver heißt: Sie stößt auf keine Grenzen oder Schranken,
nunftbegriff und Ideal die Vorstellung eines ein da Raum und Zeit, die Anschauungsformen, ma
zelnen als einer Idee adäquaten Wesens“ (5:232; thematisch indefinit oder „der Ausdehnung nach
vgl. KrV A 568 / B 596). Darüber hinaus ist er in unendlich“ sind, wie Kant in der ersten Antinomie
der KrV bemüht, das ‚Ideal der Vernunft‘ von dem der KrV gezeigt hat (KrV A 510–523 / B 538–551).
‚Ideal der Einbildungskraft‘ zu unterscheiden. Sie ist aber nicht in der Lage, dasselbe in der
Vom „Ideale der Vernunft“, einer begrifflichen „Zusammenfassung“ zu erreichen. Denn „in der
Ganzheit, die als regulatives Ziel der Vernunft bei Zusammenfassung ist ein Größtes, über welches
ihrer Suche nach dem Unbedingten dient, heißt sie nicht hinauskommen kann“. Einige der „Theil
es, dass es „jederzeit auf bestimmten Begriffen vorstellungen der Sinnenanschauung“, die sie
beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der Be zusammenfassen will, gehen verloren, sobald
folgung oder Beurtheilung, dienen muß“. „Ganz neue hinzukommen (5:252). Besonders leicht lässt
anders“, schreibt Kant dann, „verhält es sich mit sich das an mathematischen Größen veranschau
den Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber lichen: Zwar kann man sich ein Bild von drei
sich niemand erklären und einen verständlichen und vielleicht auch vier Dimensionen machen,
Begriff geben kann, gleichsam Monogrammen, doch in der Anschauung weitere Dimensionen
die nur einzelne, obzwar nach keiner angebli hinzuzufügen kann man nicht, obwohl man das
folgt „lediglich empirischen Gesetzen, nämlich A 100–102), die er eindeutig der Transzendental
denen der Association“ (KrV B 152). Zwar bringt philosophie zurechnet und damit als eine aprio
die Einbildungskraft als Reproduktion einzelne rische Leistung auffasst: „[. . . ] so gehört die re
Empfindungen zu einem dem Urteilsvermögen productive Synthesis der Einbildungskraft zu den
zugänglichen Gegenstand zusammen, doch müs transscendentalen Handlungen des Gemüths, und
sen jene Empfindungen schon gegeben sein, so in Rücksicht auf dieselbe wollen wir dieses Ver
dass es sich nur um eine empirische Reproduktion mögen auch das transscendentale Vermögen der
handeln kann. Dass er sich auf „Gesetze der Asso Einbildungskraft nennen“ (KrV A 102). Demnach
ziation“ als den Mechanismen dieser Synthesis müssen wir die in der A-Deduktion formulierte
beruft, zeigt deutlich, dass Kant um die englisch „Synthesis der Reproduction [. . . ]“ (KrV A 100) so
sprachige Diskussion über die Einbildungskraft verstehen, dass sie mit der → figürlichen Synthesis
wusste, in der von Hobbes über Locke bis hin zu der B-Deduktion zusammenfällt. Die figürliche
Hume und darüber hinaus Gesetze der Assoziati Synthesis wird von Kant definiert als „Bestim
on eine bedeutende Rolle spielten. mung [. . . ] durch die transscendentale Handlung
Ebenso wie die britischen Empiristen gibt der Einbildungskraft (synthetischer Einfluß des
auch Kant häufig zu verstehen, dass die reproduk Verstandes auf den inneren Sinn)“ (KrV B 154).
tive Einbildungskraft Vorstellungen ganz mecha Dass etwas → transzendental ist, erfordert nach
nisch und absichtslos hervorbringt (vgl. 5:328). Kant nicht nur, dass die geistige Operation a priori,
„Es ist zwar ein blos empirisches Gesetz, nach d. h. (logisch gesehen) ‚vor der Erfahrung‘ statt
welchem Vorstellungen, die sich oft gefolgt oder findet, sondern auch, dass seine Funktion zur
begleitet haben, sich mit einander endlich verge Erklärung der Möglichkeit von Erkenntnis a priori
sellschaften und dadurch in eine Verknüpfung beiträgt (vgl. KrV B 25). Es muss für die Möglichkeit
setzen, nach welcher auch ohne die Gegenwart von Erfahrungswissen konstitutiv sein. Die Einbil
des Gegenstandes eine dieser Vorstellungen einen dungskraft erfüllt diese transzendentale Funktion
Übergang des Gemüths zu den andern nach ei nur, wenn sie „ursprüngliche Darstellung“ oder
ner beständigen Regel hervorbringt“ (KrV A 100). exhibitio originaria sein kann.
Insofern als es sich bei dieser Funktion der Ein Weil sie also die Sinnlichkeit a priori be
bildungskraft um etwas Abgeleitetes und weitge stimmt, muss die produktive Einbildungskraft
hend Gewohnheitsmäßiges handelt, gehört sie „die transscendentale Synthesis der Einbildungs
ganz zur Psychologie, wie Kant notiert, und nicht kraft sein, welches eine Wirkung des Verstan
zur Transzendentalphilosophie. In der Anthropo des auf die Sinnlichkeit und die erste Anwen
logie erklärt er: „Das Gesetz der Association ist: dung desselben (zugleich der Grund aller übrigen)
empirische Vorstellungen, die nach einander oft auf Gegenstände der uns möglichen Anschau
folgten, bewirken eine Angewohnheit im Gemüth, ung ist“ (KrV B 152). Mit Nachdruck weist Kant
wenn die eine erzeugt wird, die andere auch ent darauf hin, dass die in jedem synthetischen Akt
stehen zu lassen“ (7:176). Die Einbildungskraft der Einbildungskraft erzeugte Einheit durch den
verfährt den sinnlichen Gesetzen der Assoziati → Verstand – als Vermögen der Spontaneität –
on entsprechend, jedoch „ohne Bewußtsein der begründet wird: „[. . . ] diese hat ihre Einheit nur
Regel“ (7:177). Dieser stillschweigenden Regelbefol von der synthetischen Einheit, welche der Ver
gung fehlt die Autonomie selbstbewussten Han stand der Synthesis der Einbildungskraft in Be
delns. In diesem Sinne mutmaßte Kant, dass sogar ziehung auf die Apperception ursprünglich und
Tiere die Fähigkeit zur mechanischen Assoziation von selbst ertheilt [. . . ]“ (KrV A 237 / B 296). Da
besäßen (vgl. 7:197). her schreibt Kant: „[. . . ] so ist alle Verbindung,
wir mögen uns ihrer bewußt werden oder nicht,
2 Synthesis der Reproduktion und produktive es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der
Einbildungskraft Anschauung oder mancherlei Begriffe, und an
Gleichwohl lässt sich der Ausdruck ‚Reproduk der ersteren der sinnlichen oder nichtsinnlichen
tion‘ nicht ganz auf das Empirische eingrenzen. Anschauung sein, eine Verstandeshandlung, die
In der A-Deduktion schreibt Kant von einer „Syn wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis be
thesis der Reproduction in der Einbildung“ (KrV legen würden [und die] nur vom Subjecte selbst
verrichtet werden kann, weil sie ein Actus seiner wird – besonders in der Strukturierung der Zeit als
Selbstthätigkeit ist“ (KrV B 130). Die Einbildungs ‚innerem Sinn‘ – ist ein entscheidendes Element
kraft hat immer etwas Spontanes (vgl. KrV B 277 in Kants ‚transzendentaler Deduktion‘.
Anm.), und die → Spontaneität gehört unbedingt
zum Verstandesvermögen im für Kant umfassends 3 Einbildungskraft und Schematismus
ten und allein maßgebenden Sinn: „Es ist eine Wie die Anschauung von der Einbildungskraft
und dieselbe Spontaneität, welche dort unter dem a priori organisiert wird, ist Gegenstand des
Namen der Einbildungskraft, hier des Verstandes, → Schematismus-Kapitels. Dass Kant das Sche
Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung matismus-Kapitel nach der tiefgreifenden Revi
hineinbringt“ (KrV B 162 Anm.). sion der transzendentalen Deduktion in seiner
Das Verknüpfen ist ein geistiger Akt, ohne ursprünglichen Fassung belassen konnte, spricht
den eine Wahrnehmung überhaupt keine Gestalt sehr dafür, dass sich seine Konzeption der Einbil
annehmen würde, denn ohne ihn gäbe es kei dungskraft zwischen den beiden Auflagen der KrV
nen für die Urteilsbildung geeigneten geistigen nicht wesentlich verändert hat. Die Erörterung
Gegenstand, sondern, mit dem Ausdruck von Wil im Schematismus-Kapitel macht deutlich, dass
liam James, ein „kunterbuntes Durcheinander“ Kants Begriff von imaginativer Spontaneität etwas
von Einzelheiten (vgl. Principles of Psychology, Allgemeineres und Kreativeres beinhaltet als das
S. 462). Die Sinnlichkeit wird von Kant nicht nur Wiedererlangen oder auch das Herstellen einer
als rein passiv begriffen, sondern auch als eine bestimmten Vorstellung. Dieser Unterschied wird
Ansammlung bloßer Partikularitäten, die sich als deutlich, wenn Kant Bild und Schema einander
solche niemals zu einem eindeutig bestimmten gegenüberstellt: „So viel können wir sagen: das
Gegenstand für das Bewusstsein verbinden wür Bild ist ein Product des empirischen Vermögens
den. „Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen der productiven Einbildungskraft, das Schema
Sinnes und der Anschauung, sondern hier das sinnlicher Begriffe (als der Figuren im Raume)
Product eines synthetischen Vermögens der Ein ein Product und gleichsam ein Monogramm der
bildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung reinen Einbildungskraft a priori, wodurch und
des Zeitverhältnisses bestimmt“ (KrV B 233). Die wornach die Bilder allererst möglich werden [. . . ]“
Fähigkeit, Vorstellungen in eine einheitliche Form (KrV A 141f. / B 181). Ein Schema ist demzufolge
zusammen zu führen, erweist sich als eine unent nicht einfach ein konkretes Bild, sondern viel
behrliche Voraussetzung für jede Wahrnehmung. mehr eine Regel zur Konstruktion einer Klasse von
„Daß die Einbildungskraft ein nothwendiges In verwandten Bildern, ein „Typus“, mit dem sich
gredienz der Wahrnehmung selbst sei, daran hat Einzelexemplare erzeugen lassen. Kein einzelnes
wohl noch kein Psychologe gedacht“ (KrV A 121 Ding verkörpert das Schema als solches, vielmehr
Anm.). Dieser Akt der → Verknüpfung, den Kant garantiert das Schema die Familienähnlichkeit
als „transcendentale Synthesis der Einbildungs einer Vielzahl von Einzelexemplaren. „[. . . ] das
kraft“ (KrV A 145 / B 185; vgl. KrV A 118) bezeich Schema der Einbildungskraft [ist] eine Regel der
net, ist die erste Äußerung der Spontaneität in Bestimmung unserer Anschauung gemäß einem
der Konstitution der Erfahrung. Die „empirische gewissen allgemeinen Begriffe“ (KrV A 141 / B 180).
Einbildungskraft“ (KrV A 101) könnte daher nicht In der KpV definiert Kant das Schema als „ein all
tätig werden, wenn sich nicht schon innerhalb gemeines Verfahren der Einbildungskraft (den rei
der Anschauungsformen a priori (des Raumes nen Verstandesbegriff, den das Gesetz bestimmt,
und insbesondere der Zeit) bestimmte formale den Sinnen a priori darzustellen)“ (5:69). Anders
Anschauungen, d. h. einheitliche Mannigfaltigkei ausgedrückt: Es handelt sich um eine Anwendung
ten, synthetisieren ließen. Eben weil es diese reine der reinen Verstandesbegriffe, um eine zeitliche
Synthesis a priori der Einbildungskraft gibt, kann Ordnung im inneren Sinn herzustellen. Diese all
die anschließende Synthesis a posteriori einzelner gemeine Form bezeichnet Kant als „Umriß (mono
Empfindungen in Raum und Zeit diese Empfin gramma)“ (KrV A 833 / B 861) und betont damit,
dungen der Urteilskraft zugänglich machen, so dass es sich um einen eindeutig bestimmten ‚Ty
dass aus ihnen empirisches Wissen wird. Dass die pus‘ handelt, mit dem sich mögliche Begriffsum
Anschauung a priori in eine Ordnung gebracht fänge abgrenzen lassen. Das Schema wird durch
die Gesetze des Verstandes als unveränderliche wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was
und in sich stimmige Regel der Darstellung be unser eigenes Erkenntnißvermögen (durch sinn
stimmt und dient somit dem, was Kant später als liche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst
bestimmende → Urteilskraft bezeichnet. hergiebt“ (KrV B 1).
Die Empfänglichkeit für Eindrücke ist damit
Weiterführende Literatur kennzeichnend für eine der „zwei Grundquellen
Heidegger, Martin: Kant und das Problem der Me des Gemüths“ (KrV A 50 / B 74), nämlich die Fä
taphysik (1929), hg. von Friedrich-W. von Herr higkeit, „die Vorstellungen zu empfangen (die
mann, Frankfurt/M.: Klostermann 1991. Receptivität der Eindrücke)“ (KrV A 50 / B 74). Ein
Pippin, Robert: „The Schematism and Empirical drücke sind für Kant also Vorstellungen.
Concepts“, in: Kant-Studien 67, 1976, 156–171. Da diese Empfänglichkeit allerdings nur eine
Schaper, Eva: „Kant’s Schematism Reconsidered“, „Empfänglichkeit“ (KrV B 129) für ein „Mannigfal
in: Review of Metaphysics 18, 1964, 267–292. tige[s] der Vorstellungen“ (KrV B 129) ist, können
Sellars, Wilfrid: „The Role of Imagination in Kant’s die Eindrücke keine Erkenntnisse hervorbringen,
Theory of Experience“ in: Johnstone, H. W. sind aber Bedingung der Möglichkeit von Erkennt
(Hg.): Categories: A Colloquium, University nissen. Die sinnlichen Eindrücke sind demnach
Park, PA: Department of Philosophy, Pennsyl die → Materie, die der Verstand vermittels einer
vania State University, 1978, 231–245. spontanen Synthesis in eine bestimmte Form brin
Strawson, P. F.: „Imagination and Perception“, in: gen, nämlich in Vorstellungen von Raum und Zeit
ders. (Hg.): Freedom and Resentment, London: verbinden kann.
Johannes Haag
Methuen 1974, 45–65.
Young, J. Michael: „Construction, Schematism,
and Imagination“, in: Topoi 3, 1984, 123–131.
John Zammito / Red.
Einerleiheit/
(Übersetzung: Birger Brinkmeier) Verschiedenheit
Einerleiheit/Verschiedenheit ist eines von vier
Paaren von → Begriffen, durch die wir Dinge mit
Eindruck einander → vergleichen können. Diese Begriffs
Eindrücke sind das → Mannigfaltige, das „nach paare heißen → Reflexionsbegriffe oder Verglei
der Form der Sinnlichkeit“ (KrV B 160 Anm.) ge chungsbegriffe. Bezüglich dieser Begriffe besteht
geben ist. Sie sind zu unterscheiden von der eine → Zweideutigkeit (→ Amphibolie), die bei der
„Zusammenfassung“ (KrV B 160 Anm.) dieses Verwendung zu beachten ist. Einerlei oder ver
Mannigfaltigen in einer „anschauliche[n] Vorstel schieden sind je nach Zusammenhang Eigenschaf
lung“ (KrV B 160 Anm.). Sie geben als „Eindrü ten oder Einzelgegenstände. Kant wirft → Leibniz
cke der Sinne den ersten Anlaß [. . . ], die ganze vor, dessen Philosophie erfasse nur die Einerlei
Erkenntnißkraft in Ansehung ihrer zu eröffnen“ heit erster Bedeutung (Gleichheit), nicht die nur
(KrV A 86 / B 118). Weitere wichtige Stellen: 1:355; raum-zeitlich bestimmbare Selbigkeit (→ Identi
2:264; 2:324ff.; 2:345ff.; KrV A 120f.; KrV A 342 / tät) eines Gegenstandes. Wichtige Stellen: KrV
B 400; KrV A 546f. / B 574f.; 5:154f.; 5:330; 7:161ff.; A 263f. / B 319f.; KrV A 271f. / B 327f.; Refl. 460f.,
8:222; 12:32; 12:41f.; 15:110; 15:141; 15:364; 17:368; 15:190.
17:618f.; 17:641; 17:685f.; 18:118; 18:309; 18:611;
18:689; 20:266; 22:464; 23:57. Verwandte Stichworte
Reflexionsbegriffe; Identität
Verwandte Stichworte
Affektion; Rezeptivität/Spontaneität; Sinnlich Philosophische Funktion
keit Die Ausdrücke ‚Einerleiheit‘ und ‚Verschiedenheit‘
sind zweideutig. In Aussagen wie „In der Verglei
Philosophische Funktion chung gehen wir erst auf die Einerleyheit, denn
Unsere „Erfahrungserkenntniß“ (KrV B 1) ist für die Unterschiede“ oder „Die Einerleyheit und Ver
Kant „ein Zusammengesetztes aus dem [. . . ], was schiedenheit nehmen wir eigentlich nicht wahr,
Einfaches“ (KrV A 435 / B 463) existiert. Träfe die ner Selbst, der Seele, der transzendentalen Ap
Thesis, die Kant auch den „dialektischen Grund perzeption). Die „Einfachheit meiner selbst (als
satz der Monadologie“ (KrV A 442 / B 470) nennt, Seele)“ (KrV A 354) bzw. die „absolute Einfach
zu, existierten in der Welt nur „Elementarsubstan heit“ (KrV A 784 / B 812) der Apperzeption liegt
zen“, die die Vernunft als „die ersten Subjekte jedem Gedanken immer schon zugrunde und kann
aller Komposition“ erkennen würde (KrV A 436 / nicht (wie Descartes nach Kants Lesart fälschlich
B 464). Die Antithesis beruft sich demgegenüber meinte) aus dem ‚Ich denke‘ geschlossen werden.
auf die innere und äußere Wahrnehmung, in der Das Urteil, ‚Ich bin einfach‘, muss vielmehr als
sich kein „schlechthin Einfaches“, das sich da „ein unmittelbarer Ausdruck der Apperzeption
mit als „eine bloße Idee“ (KrV A 437 / B 465) ent angesehen werden“ (KrV A 355). Das Ich ist seiner
puppt, ausweisen lässt. Die Materie ist – anders Qualität nach einfach und enthält nicht die „min
als die Monadisten meinen – unendlich teilbar. deste Mannigfaltigkeit in sich“ (KrV A 355), weil
Kant löst die Antinomie in einem nicht einfach das Denken des Mannigfaltigen die absolute (und
zu verstehenden Gedankengang auf, indem er zu notwendige) Einheit des Ich voraussetzt. Aus die
zeigen versucht, dass ein Körper („was in der Er sem Grunde stammt die Vorstellung bzw. das „ein
scheinung Substanz heißt“) zwar ins „Unendliche fache Bewußtsein“ (KrV A 360) der notwendigen
teilbar“ ist, „ohne doch darum aus unendlich viel Einheit der Apperzeption auch nicht aus der Er
Teilen zu bestehen“ (KrV A 525 / B 553). fahrung. Im Abschnitt über die Deduktion der rei
Heiner F. Klemme nen Verstandesbegriffe spricht Kant auch von der
„transscendentalen Einheit des Selbstbewusst
seins“ (KrV B 132), ohne die es keine apriorische
Einfachheit Erkenntnis geben würde. Dieser → analytischen
‚Einfachheit‘ ist die substantivierte Form von ‚ein Einheit können wir uns nur unter Voraussetzung
fach‘ und wird als Prädikat (bzw. Kategorie) vom der synthetischen Einheit der transzendentalen
→ Ich (→ Apperzeption; → Substanz) ausgesagt, Apperzeption bewusst werden. Die „einfache Vor
weil das Ich nicht im Plural gedacht werden kann stellung“ (KrV B 135) des Ich, die ihrerseits nichts
(vgl. KrV B 407). Durch dieses ‚Ich denke‘ wird Mannigfaltiges enthält, ist also das Resultat von
„eine absolute, aber logische Einheit des Subjects Synthesisakten, durch die das Ich verschiedene
(Einfachheit)“ ausgedrückt, was jedoch nicht als Vorstellungen in einem Selbstbewusstsein verei
eine Erkenntnis der „wirkliche[n] Einfachheit mei nigt.
nes Subjects“ (KrV A 356) im Sinne der rationalen Die Einfachheit der Vorstellung ‚Ich‘ benennt
Seelenlehre verstanden werden darf. Geometri keine Erkenntnis dieses Ich als einfacher Seelen
sche Gestalten und Zahlen zeichnen sich durch substanz im Sinne der rationalen → Psychologie
die „Einfachheit ihrer Construction“ (5:366) aus. der Schulmetaphysik (vgl. KrV A 355, 4:336). In
Die Einfachheit des → kategorischen Imperativs der ersten Auflage der KrV weist Kant im Rah
zeigt sich im Vergleich „mit den großen und man men des zweiten Paralogismus’ darauf hin, dass
nigfaltigen Folgerungen“ (6:225), die aus ihm gezo die Aussage, die Seele bzw. das denkende Ich
gen werden können. Weitere wichtige Stellen: KrV ist einfach, weil ihre bzw. seine „Handlung nie
A 351; KrV A 354f.; KrV A 359; KrV A 784 / B 812; mals als die Konkurrenz vieler handelnder Dinge
KrV B 132; KrV B 135; KrV B 408; 4:336. angesehen werden kann [. . . ], der Achilles aller
dialektischen Schlüssel der reinen Seelenlehre“
Verwandte Stichworte (KrV A 351) ist. Doch auch das beste aller ratio
Apperzeption; Einfache, das; Ich denke; Paralo nalpsychologischen Argumente ist zum Scheitern
gismus verurteilt, weil die Kategorie der Einfachheit (der
Simplizität) nur die logische und eben nicht ei
Philosophische Funktion ne reale Einfachheit der Seele als Substanz be
Kant verwendet das Qualitätsprädikat bzw. die zeichnet. Werden Kategorien nicht auf ein Man
Kategorie der ‚Einfachheit‘ vor allem zur Charakte nigfaltiges in unserer Sinnlichkeit gegebener Vor
risierung der „absoluten (obzwar bloß logischen) stellungen (Anschauungen) bezogen, haben sie
Einheit“ (KrV A 355) des Ich (des ‚Ich denke‘, mei keine objektive (d. h. unsere Erkenntnis erwei
ternde), sondern eine bloß logische Bedeutung. lich“, beispielsweise wenn er vom „einfältigen und
In der zweiten Auflage des Paralogismuskapitels doch zufriedenen Leben des Landmanns“ (7:162)
betont Kant, dass nicht-schematisierte Kategori oder von der „glücklichen Einfalt“ des gemeinen
en logische Funktionen des Denkens sind, „die Menschenverstandes“ (4:404) spricht. Selbst der
dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich „einfältigste[] Mensch[]“ (6:181) hat ein Bewusst
selbst auch nicht als Gegenstand, zu erkennen sein des Moralgesetzes. Über die „unverdorbne,
geben“ (KrV B 407). Dass das Ich „ein Singular schuldlose Natur“ (5:335), die sich nicht zu ver
sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte auf stellen weiß, lacht man. Der „einfältige[] gemei
gelöset werden kann, liegt schon im Begriffe des ne[] Mensch“ (6:87) wird vom Bösewicht betro
Denkens“ (KrV B 408) und ist ein analytischer gen.
Satz. In der vorkritischen Ästhetik nennt Kant das
Heiner F. Klemme Erhabene einfältig, weil es im Gegensatz zum
Schönen nicht „geputzt und geziert“ (2:210) ist. So
sind der Bau der ägyptischen Pyramiden und der
Einfalt, einfältig Entwurf der Peterskirche in Rom „einfältig und
Kant verwendet das Substantiv ‚Einfalt‘ und das edel“ (2:210). Ebenfalls einfältig sind „Wahrhaftig
Adjektiv ‚einfältig‘ in verschiedenen anthropolo keit und Redlichkeit“ (2:211). In der KU verwendet
gischen, epistemologischen, moralischen und äs Kant den Begriff der Einfalt zur Erläuterung des Er
thetischen Kontexten, in denen sie entweder eine habenen und der Sittlichkeit: „Einfalt (kunstlose
positive oder eine negative Bedeutung annehmen. Zweckmäßigkeit) ist gleichsam der Stil der Natur
So kann Einfalt ‚natürlich‘ und den Gegensatz im Erhabenen, und so auch der Sittlichkeit, wel
zu ‚gekünstelt‘ bedeuten. Eine besondere Bedeu che eine zweite (übersinnliche) Natur ist, wovon
tung kommt der Verwendung des Ausdrucks in wir nur die Gesetze kennen, ohne das übersinnli
der KU zu; dort definiert Kant Einfalt als „kunst che Vermögen in uns selbst, was den Grund dieser
lose Zweckmäßigkeit“, die den Stil der Natur im Gesetzgebung enthält, durch Anschauen errei
Erhabenen und der Sittlichkeit bezeichnet (5:275). chen zu können“ (5:275). Der Ausdruck „kunstlose
Weitere wichtige Stellen: 2:210–213; 2:259f.; 4:404; Zweckmäßigkeit“ (5:275) begegnet uns nur ein
5:335f.; 7:204; 7:210. einziges Mal in Kants publizierten Schriften, al
lerdings ohne dass er ihn näher erläutern würde.
Verwandte Stichworte Wird Natur einfältig, verfährt sie zweckmäßig, ob
Erhabene, das; Natur wohl sie zunächst zwecklos zu verfahren scheint.
Was plan- und kunstlos erscheint, ist es tatsäch
Philosophische Funktion lich nicht (vgl. 8:188).
Kant unterscheidet in der Anthropologie den ein Positiv besetzt ist das Wort ‚einfältig‘ auch
fältigen Menschen von der Einfalt, die ein Zeichen im Bereich der theoretischen Philosophie: Weil
von → Weisheit ist. Während man dem einfältigen selbst die gemeine → Menschenvernunft die Zu
Menschen „nichts beibringen kann“ (7:210), be fälligkeit der Welt nicht zu akzeptieren vermag,
sitzt ein Mensch die Eigenschaft („Gabe“) der Ein ist das Argument für die Existenz einer höchs
falt, wenn er unter Aufbietung geringster Mittel ten Kausalität (→ Gott) „einfältig und natürlich“
seinen Zweck erreicht. Der Gegensatz zur Ein (KrV A 589 / B 617). Die Naturgesetze sind dank
falt ist die „Künstelei“ (7:210). Einfältigkeit ist ihrer Allgemeinheit und Folgenträchtigkeit „ein
wie Narrheit oder Dummheit eine „Gemüthsver fältig“ (2:103). Im Gegensatz zu der schweren und
stimmung“ (7:202). Der einfältige Mensch besitzt verwickelten Philosophie sind die Objekte der
Urteilskraft, ist also nicht dumm. „Einfältig ist Mathematik aufgrund ihrer wenigen und klaren
der, der nicht viel durch seinen Verstand auffas Grundlehren „leicht und einfältig“ (2:282).
sen kann; aber er ist darum nicht dumm, wenn Heiner F. Klemme
er es nicht verkehrt auffaßt“ (7:204). Der „Ein
faltspinsel“ zeigt dagegen einen Mangel an Ur
teilskraft (2:260, vgl. 2:260f.). An anderen Stellen eingeboren
verwendet Kant „einfältig“ synonym mit „natür → angeboren
Mannigfaltigen. Die Vorstellung dieser Einheit Deshalb schreibt Kant: „Diese Einheit, die
kann also nicht aus der Verbindung entstehen, sie a priori vor allen Begriffen der Verbindung vor
macht vielmehr dadurch, daß sie zur Vorstellung hergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit
des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der [. . . ]; denn alle Kategorien gründen sich auf lo
Verbindung allererst möglich“ (KrV B 130f.). gische Functionen in Urtheilen, in diesen aber
Die Vorstellung der Einheit muss also zur ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener
Synthesishandlung hinzukommen, damit uns der Begriffe gedacht. Die Kategorie setzt also schon
Prozess des Verbindens (die eigentliche Synthesis) Verbindung voraus“ (KrV B 131). Die fragliche
eines gegebenen Mannigfaltigen von Vorstellun Vorstellung der Einheit ist deshalb nicht mit der
gen tatsächlich eine Verbindung, also eine syn analytischen Einheit der Vorstellungen im Urteil
thetische Einheit von Mannigfaltigem, als sein gleichzusetzen. Denn diese setzen die Kategorie
Produkt liefert. (Der Begriff der Einheit oszilliert der Einheit voraus.
bei Kant häufig so wie hier zwischen einer attri Ebenso wenig darf man sie mit der „syntheti
butiven Verwendung von Einheit als Eigenschaft schen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschau
einer Handlung und einer resultativen Verwen ung“ (KrV A 79 / B 105) identifizieren. Denn diese
dung von Einheit als Produkt einer Handlung). ist ja das Resultat der Handlung, die die Vorstel
Diese Einheit wird nun also dadurch bewirkt, lung der Einheit voraussetzt.
dass „die Synthesis auf Begriffe“ (KrV A 78 / B 103) Vielmehr müssen wir „diese Einheit (als qua
gebracht wird. Begriffe können deshalb als Funk litative, [. . . ]) noch höher suchen, nämlich in dem
tionen der Einheit der Synthesis wie auch des Ur jenigen, was selbst den Grund der Einheit ver
teilens aufgefasst werden (vgl. KrV A 67ff. / B 92ff.; schiedener Begriffe in Urtheilen, mithin der Mög
KrV A 79 / B 104f.; → Funktion). In der ersten Auf- lichkeit des Verstandes sogar in seinem logischen
lage der KrV, in der Kant die Synthesishandlung, Gebrauche enthält“ (KrV B 131). Diese qualitati
sofern sie tatsächlich zur Einheit des Mannigfal ve Einheit, die den synthetischen und analyti
tigen führt, in eine „dreifache[] Synthesis“ (KrV schen Gebrauch des Verstandes ermöglicht, ist
A 97) differenziert, ist für diesen einheitsgebenden die „transscendentale Einheit der Apperception“
Aspekt die „Synthesis der Recognition im Begriffe“ (KrV B 139).
(KrV A 103) verantwortlich. Diese transzendentale → Einheit der Apper
Diese Synthesis der Rekognition kann sich zeption oder auch die „transscendentale Einheit
empirisch oder rein vollziehen. Dabei ist die des Selbstbewußtseins“ (KrV B 132) „ist diejenige,
reine Rekognition, die „Grundlage[] a priori“ durch welche alles in einer Anschauung gegebene
(KrV A 115) der empirischen. Die „Gründe“ der Mannigfaltige in einen Begriff vom Object verei
„formale[n] Einheit in der Synthesis der Ein nigt wird“ (KrV B 139). Als „objective Einheit“ (KrV
bildungskraft und vermittelst dieser auch alles B 139) muss sie von der „subjectiven Einheit des
empirischen Gebrauchs derselben“ (KrV A 125) Bewußtseins unterschieden werden, die eine Be
sind die → Kategorien. stimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes
Mannigfaltige der Anschauung zu einer solchen
2 Einheit und transzendentale Apperzeption Verbindung empirisch gegeben wird“ (KrV B 139;
Auch wenn Kategorien Gründe der Einheit im er vgl. KrV A 107).
läuterten Sinne sind, können sie selbst nicht die Die synthetische Einheit des Mannigfalti
Vorstellung der Einheit enthalten, die zur Syn gen in einer Anschauung, die wir eben von der
thesis hinzukommen muss, damit diese in einer transzendentalen Einheit der Apperzeption un
Verbindung, also einer synthetischen Einheit des terschieden haben, beruht nun unmittelbar auf
Mannigfaltigen resultiert. Denn diese Vorstellung der transzendentalen Einheit der Apperzeption:
der Einheit kann selbst kein Verstandesbegriff „Ich bin mir [. . . ] des identischen Selbst bewußt,
sein. Begriffe sind zwar auch Vorstellungen, doch in Ansehnung des Mannigfaltigen der mir in ei
Verstandesbegriffe werden – wie Begriffe allge ner Anschauung gegebenen Vorstellungen, weil
mein – aus Urteilen gewonnen, und Urteile sind ich sie insgesammt meine Vorstellungen nenne,
Vorstellungen, in denen „schon [. . . ] Einheit [. . . ] die eine ausmachen“ (KrV B 135). Es ist also mög
gedacht“ (KrV B 131) ist. lich, die mannigfaltigen Vorstellungen zu einer
cke“ (KrV A 815ff. / B 843ff.). In der theoretischen Kant, wie verschiedene Stellen belegen, der Gren
Philosophie spielen die Begriffe der „ursprünglich- zen des Modells durchaus bewusst, etwa wenn er
synthetischen Einheit der Apperception“ (vgl. z. B. im Rahmen der Erläuterung der Kategorientafel
KrV B 131ff.) bzw. der „transscendentale[n] Einheit betont: „So ist der Begriff einer Zahl (die zur Ka
des Selbstbewußtseins“ (vgl. z. B. KrV B 132) sowie tegorie der Allheit gehört) nicht immer möglich,
der „Einheit der Erfahrung“ (vgl. u. a. KrV A 179 / wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind
B 222; KrV A 230 / B 282) eine prominente Rolle. (z. B. in der Vorstellung des Unendlichen)“ (KrV
Erwähnt werden von Kant unter vielen anderen B 111). Hier wird deutlich, dass Kant den Begriff
auch die „qualitative Einheit“ (KrV B 114) sowie der quantitativen Einheit nicht ausschließlich mit
die „distributive [. . . und] kollektive Einheit“ (KrV der diskreten, abzählbar-endlichen Zahl in Ver
A 582 / B 610; A 644 / B 672). bindung bringt (vgl. von Wolff-Metternich, Über
Von all diesen Einheitsbegriffen zu unter windung des mathematischen Erkenntnisideals,
scheiden ist die Einheit als Kategorie. Diese fun S. 80ff.).
giert als quantitative Synthesisfunktion und findet
Kant zufolge in unterschiedlichen Zusammenhän Weiterführende Literatur
gen Anwendung. Als Erstes kommt ihr die Auf Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema
gabe zu, im Kontinuum der reinen Zeitanschau tik. Grundlagen – Voraussetzungen – Probleme,
ung begrifflich diskrete Einheiten zu fixieren und Hamburg: Meiner 1999.
als Zähleinheiten auszuzeichnen. Auch beim Ab Wolff-Metternich, Brigitta-Sophie von: Die Über
schluss der sukzessiven Synthesis „von Einem windung des mathematischen Erkenntniside
zu Einem (gleichartigen)“ (KrV A 142 / B 182) bzw. als, Berlin u. a.: de Gruyter 1995.
beim Zusammenfassen homogener Elemente zu Rebecca Iseli Buchi
begrenzten Mengen ist die kategoriale Einheit in
volviert: „Vielheit, als Einheit betrachtet“ ergibt
→ Allheit (KrV B 111). Sowohl bei der begrifflichen
Strukturierung der reinen Anschauung unter dem
Einheit, analytische/
Gesichtspunkt der Diskretion als auch bei der synthetische
Bildung von Mengen gleichartiger Elemente han Die analytische Einheit ist diejenige Einheit, wel
delt es sich um notwendige Voraussetzungen für che die Verstandesfunktion „den verschiedenen
die Bestimmung extensiver Größen im empirisch Vorstellungen in einem Urtheile“ gibt, bzw. ist je
gegebenen Anschauungsmaterial. – In der ma ne, durch die der Verstand „in Begriffen [. . . ] die
thematischen Größenschätzung (Messung) dient logische Form eines Urtheils zu Stande [bringt]“
die erste Quantitätskategorie zur begrifflichen (KrV A 79 / B 104f.). Die synthetische Einheit oder
Festlegung von Maßeinheiten. Wichtig ist jedoch die „synthetische [. . . ] Einheit des Mannigfalti
zu beachten, dass der Einheitsbegriff hier ledig gen in der Anschauung überhaupt“ ist diejeni
lich insofern beteiligt ist, als er es ermöglicht, ge Einheit, welche die Verstandesfunktion „der
ein anschaulich erfasstes, selbst nicht quantita bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen
tiv bestimmtes Grundmaß „als Einheit zur Grö in einer Anschauung“ gibt, bzw. ist jene, durch
ßenschätzung durch Zahlen“ (5:251) zu verwen die der Verstand „in seine Vorstellungen einen
den. transcendentalen Inhalt“ bringt (KrV A 79 / B 105).
Die Grenzen des von Kant als Paradigma der Der → Verstand selbst ist die synthetische Einheit
quantitativen Synthesis betrachteten Modells ei der → Apperzeption (vgl. KrV B 134 Anm.). Die
ner sukzessiven Aneinanderreihung diskreter Ein analytische Einheit der Apperzeption ist die Vor
heiten und deren Zusammenfassung zu begrenz stellung der „Identität des Bewußtseins in [den]
ten Mengen, welche „jederzeit einer Zahl“ ent Vorstellungen selbst“ (KrV B 133). Die synthetische
sprechen (KrV A 527 / B 555), sind offensichtlich: Einheit der Apperzeption ist diejenige, deren Vor
Erfasst werden dadurch streng genommen nur stellung eine → Verbindung (vgl. KrV B 130f.) eines
die natürlichen Zahlen. Nicht beschreiben lassen „Mannigfaltige[n] gegebener Vorstellungen in ei
sich im Rekurs auf eine ‚aggregative Synthesis‘ nem Bewußtsein“ ist (KrV B 133). Weitere wichtige
namentlich die irrationalen Zahlen. Doch ist sich Stellen:4:305; 20:203f. Anm.
mithin die Möglichkeit des Verstandes, sogar in hern sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen“
seinem logischen Gebrauche, enthält“ (KrV B 131). (KrV A 567f. / B 595f.).
Die Vorstellung, die die qualitative Einheit ermög Er spricht außerdem von einer moralischen
licht, ist vielmehr die „transscendentale Einheit Art der systematischen Einheit, indem die Frei
der Apperception“ (KrV B 139). heit eines vernünftigen Wesens unter moralischen
Auf der Grundlage von qualitativ einheitli Gesetzen sowohl mit sich selbst als auch mit der
chen Vorstellungen ist dann auch die quantitative Freiheit jedes anderen eine Einheit bildet (vgl. KrV
Einheit von Vorstellungen möglich, die die An A 807f. / B 835f.). Die moraltheologische Idee des
wendung der Kategorie der Quantität voraussetzt höchsten Gutes schließt eine systematische Ein
und etwa dem Vorgang des Zählens zugrunde liegt heit der Zwecke ein (vgl. KrV A 814f. / B 842f.). Ob
(vgl. KrV B 15f.). wohl diese Einheit nur die einer intelligiblen, d. i.
Johannes Haag moralischen Welt ist, führt sie auf die zweckmäßi
ge Einheit aller Dinge und daher auf eine trans
zendentale Theologie, die das Ideal der höchsten
Einheit, systematische ontologischen Vollkommenheit „zu einem Prini
Kant versteht unter „systematische Einheit“, die cip der systematischen Einheit nimmt, welches
jenige Einheit, die „gemeine Erkenntniß allererst nach allgemeinen und nothwendigen Naturge
zu Wissenschaft, d. i. aus einem bloßen Aggregat setzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der
derselben ein System macht“ (KrV A 832 / B 860). absoluten Nothwendigkeit eines einigen Urwe
Sie ist die „Articulation“ einer Wissenschaft, in sens ihren Ursprung haben“ (KrV A 816 / B 844).
der die Teile nach der Idee, die ihrer natürlichen Zugleich räumt Kant ein, dass es ein Bedürfnis
Einheit zugrunde liegt, zusammengebracht, be der menschlichen Vernunft für die systematische
stimmt und erklärt werden (KrV A 834 / B 862). Einheit „des ganzen reinen Vernunftvermögens
Dementsprechend kritisiert Kant den Mangel an (des theoretischen sowohl als praktischen)“ geben
systematischer Einheit bei einer gelegentlichen muss (5:91). Kant fordert also nicht von ungefähr
Entdeckung bzw. bloß empirischen Untersuchung das transzendentale Prinzip der Zweckmäßigkeit
der Begriffe im Gegensatz zur Transzendental in der KU im Hinblick auf einen Begriff der syste
philosophie, die ihre Begriffe nach einem Prin matischen Einheit (vgl. 5:184; 5:197f.; 5:373).
zip, d. h. systematisch aufsucht (vgl. KrV A 66f. /
B 91f.). Weitere wichtige Stellen: KrV A 650–654 / 2 Die Schlüsselstellung des Begriffs der
B 678–682; 5:9; 5:184; 5:197f.; 5:373. systematischen Einheit
In der theoretischen Philosophie besitzt der Be
Verwandte Stichworte griff der systematischen Einheit eine Schlüssel
Einteilung; Gliederbau; System; systematisch stellung, da ohne ihn der regulative oder hypo
thetische Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
Philosophische Funktion nicht erklärt werden kann. Er nimmt angesichts
1 Die vielfältige Verwendung des Begriffes der gegebener, aber besonderer Erkenntnisse eine re
systematischen Einheit gelhafte, wenngleich problematische Allgemein
Kant spricht von ‚systematischer Einheit‘ auf un heit an, „um dadurch, so weit als es möglich ist,
terschiedlichen Ebenen. So wie er ein System als Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu brin
ein organisiertes Ganzes auffasst, dessen Teile gen und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu
untergeordnete Systeme ausmachen, kennzeich nähern“ (KrV A 647 / B 675), Im hypothetischen
net er die Metaphysik als diejenige Philosophie, Gebrauch der Vernunft geht es also um ‚die syste
die alle reine Erkenntnis a priori in einer syste matische Einheit‘ der Verstandeserkenntnisse, de
matischen Einheit darstellen soll (vgl. KrV A 845 / ren Prinzip Kant zugleich als logisch und subjektiv
B 873). Obwohl keine Gegenstände den Ideen der kennzeichnet. Kant unterscheidet drei Prinzipien
reinen Vernunft entsprechen, haben sie „eine ge der systematischen Einheit. Dem Interesse des
wisse Vollständigkeit, [. . . ] und die Vernunft hat Umfanges der systematischen Einheit entspricht
dabei nur eine systematische Einheit im Sinne, ein Prinzip der → Homogenität, das sich auf die
welcher sie die empirisch mögliche Einheit zu nä Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren
Gattungen bezieht. Dem Interesse des Inhalts des scher Einheit ab (vgl. Bondeli, Unentbehrlichkeit
Systems entspricht ein Prinzip der → Spezifika der Vernunftideen, S. 172; Wartenberg, Reason and
tion, das sich auf die Varietät des Gleichartigen the practice, S. 232).
unter niederen Arten bezieht. Hinzu kommt ein Jedem der drei oben angedeuteten logischen
drittes, die beiden anderen verbindendes Prinzip Prinzipien der systematischen Einheit liegt ein
der → Kontinuität, das die Affinität aller Begriffe entsprechendes transzendentales Prinzip zugrun
fordert, damit der Übergang von jeder Art zu je de (vgl. KrV A 662 / B 690):
der anderen kontinuierlich ist (vgl. KrV A 657ff. /
B 685ff.). Prinzipien der systematischen Einheit
Obwohl Kant die durch diese Prinzipien ange \
strebte systematische Einheit für den „Probirstein hypothetisch, notwendig,
der Wahrheit der Regeln“ erklärt, hebt er zugleich logisch, transzendental,
hervor, dass sie „lediglich nur projectirte Einheit“ subjektiv unbestimmt objektiv
ist, die man nicht als gegeben, sondern als Pro \
blem ansehen muss (KrV A 647 / B 675). Damit aber Homogenität (Einheit, Gleichartigkeit)
entsteht die Frage, ob sie der Natur gemäß wäre Spezifikation (Mannigfaltigkeit, Varietät)
(vgl. KrV A 651 / B 679). Die Frage entsteht, weil die Kontinuität (Verwandtschaft, Affinität)
logischen Prinzipien der systematischen Einheit
angeblich unmöglich bzw. ohne Sinn und An Obwohl Kant eine transzendentale Deduk
wendung wären, wenn sie der Natureinrichtung tion der Ideen als „heuristische[r] Grundsätze“
ganz widersprechen würden (vgl. KrV A 650–654 / zunächst für unmöglich hält (KrV A 663f. / B 691f.),
B 678–682). Die logischen Prinzipien der syste erklärt er später, dass sie keine Deduktion „von
matischen Einheit betreffen zwar bloß die Form der Art, als die Kategorien“ (KrV A 669 / B 697)
der Verstandeserkenntnisse; doch finden diese gestatten. Da sie „einige, wenn auch nur unbe
Erkenntnisse und demzufolge ihre Form bzw. der stimmte, objective Gültigkeit haben“, muss ei
Vernunftgebrauch nur statt, wenn die mannigfal ne andere Art der Deduktion derselben möglich
tigen Dinge, die die Natur uns zu erkennen gibt, sein (KrV A 669 / B 697; vgl. KrV A 680 / B 708, KrV
vergleichbar sind, d. h. wenn sie selbst in einer A 693 / B 721). Der Unterschied zur Deduktion der
Einheit zusammenhängen. Aus solchen Überle Kategorien besteht darin, dass eine Idee keinen
gungen zieht Kant den Schluss, dass jedes logi Gegenstand, sondern bloß ein „Schema [. . . ], wel
sche Prinzip der systematischen Einheit ein trans ches nur dazu dient, um andere Gegenstände ver
zendentales Prinzip voraussetzt, „durch welches mittelst der Beziehung auf diese Idee nach ih
eine solche systematische Einheit, als den Ob rer systematischen Einheit, mithin indirect uns
jecten selbst anhängend, a priori als nothwendig vorzustellen“, bestimmt (KrV A 670 / B 698; vgl.
angenommen wird“ (KrV A 650f. / B 678f.). Oh KrV A 674 / B 702, KrV A 682 / B 710). Obwohl die
ne diese transzendentale Voraussetzung hätten Erfahrung niemals ein Beispiel „vollkommener
wir „gar keine Vernunft, ohne diese aber keinen systematischer Einheit“ gibt (KrV A 681 / B 709),
zusammenhängenden Verstandesgebrauch und ist sie diejenige Einheit, um die es beim empiri
in dessen Ermangelung kein zureichendes Merk schen Gebrauch der Vernunft geht. „Die größte
mal empirischer Wahrheit“ (KrV A 651 / B 679). systematische, folglich auch die zweckmäßige
Kant kennzeichnet diese transzendentale Voraus Einheit ist die Schule und selbst die Grundlage
setzung als „die systematische Einheit der Na der Möglichkeit des größten Gebrauchs der Men
tur“ und „inneres Gesetz der Natur“ im Gegensatz schenvernunft“ (KrV A 694 / B 722). Diese systema
zu „bloß ein[em] ökonomische[n] Grundsatz der tische Einheit soll also „zur Richtschnur des em
Vernunft“ (KrV A 650 / B 678) oder „Handgriffe[n] pirischen Gebrauches der Vernunft dienen“ (KrV
der Methode“ (KrV A 661 / B 689; vgl. KrV A 653 / A 674f. / B 702f.). Aufgrund dieser → Idee kommt
B 681). Obwohl die logischen Prinzipien der syste ein mehr oder weniger vernünftiger Zusammen
matischen Einheit durchaus nützlich sind, hängt hang der Verstandeserkenntnisse zustande, die
ihre Nützlichkeit von einem transzendentalen, im Gegensatz zu der vom Verstand hergestellten
nicht instrumentalistischen Prinzip systemati Einheit der Erfahrung eines Gegenstandes steht.
„Die Vernunfteinheit ist die Einheit des Systems, Grier, Michelle: Kant’s Doctrine of Transcenden
und diese systematische Einheit dient der Ver tal Illusion, Cambridge: Cambridge University
nunft nicht objectiv zu einem Grundsatze, um sie Press 2001, insbes. 263–301.
über die Gegenstände, sondern subjectiv als Ma Neiman, Susan: The Unity of Reason, New York:
xime, um sie über alles mögliche Erkenntniß der Oxford University Press 1994.
Gegenstände zu verbreiten“ (KrV A 680 / B 708). Wartenberg, Thomas: „Reason and the practice of
Dementsprechend erzeugt die Vernunft die Idee science“, in: Guyer, Paul (Hg.): The Cambridge
der Seele, „als ob es ein wirkliches Wesen wäre“ Companion to Kant, Cambridge: Cambridge
(KrV A 684 / B 712), zum Zweck der Vorstellung der University Press 1992, 228–248.
„systematischen Einheit aller Erscheinungen des Daniel O. Dahlstrom
inneren Sinnes“ (KrV A 682 / B 710). Die Idee der
höchsten Intelligenz als „Urgrund“ (KrV A 697 /
B 725) der Gegenstände der Erfahrung dient eben
so nur dazu, „die größte systematische Einheit
Einheit des
im empirischen Gebrauch unserer Vernunft zu Gegenstandes
erhalten“ (KrV A 670 / B 698); man stellt sich die Die Einheit des Gegenstandes ist für Kant die → Be
Idee von Gott als Ursache der „Weltordnung“ (KrV dingung dafür, dass verschiedene Subjekte ein
A 673 / B 701) vor, um „zu der größten systemati und denselben → Gegenstand als ganzen und für
schen Einheit“ (KrV A 687 / B 715) der Dinge der sich bestehenden erkennen und damit überein
Welt zu gelangen (vgl. KrV A 677ff. / B 705ff.; KrV stimmende Urteile über ihn fällen können: „denn
A 688 / B 716; KrV A 702 / B 730). Kant warnt mit es wäre kein Grund, warum anderer Urtheile noth
Nachdruck vor Fehlern, die entstehen, wenn man wendig mit dem meinigen übereinstimmen müß
derartige regulative Prinzipien der systematischen ten, wenn es nicht die Einheit des Gegenstandes
Einheit als konstitutive Prinzipien deutet (vgl. KrV wäre, auf den sie sich alle beziehen, mit dem sie
A 689 / B 717). Dennoch sind die Art und die Gül übereinstimmen und daher auch alle unter einan
tigkeit dieser Begründung bzw. der Deduktion der zusammenstimmen müssen“ (4:298). Von der
des regulativen Gebrauchs der Vernunftideen als Einheit des Gegenstandes unterscheidet Kant die
„regulative[] Principien der systematischen Ein Einheit des → Mannigfaltigen: „Die Einheit des Ob
heit des Mannigfaltigen der empirischen Erkennt jects wird von der Einheit des Mannigfaltigen im
niß“ umstritten (KrV A 671 / B 699; vgl. KrV A 674 / Object unterschieden. Jene ist qvantitative diese
B 702; vgl. Wartenberg, Reason and the practice; qualitative Einheit desselben“ (22:179). Die Einheit
Caimi, Deduktion der regulativen Ideen; Bondeli, des Gegenstandes – Kant verwendet Gegenstand
Unentbehrlichkeit der Vernunftideen und Goldberg, und → Objekt in der Regel synonym – bezieht
Principles of Reason). sich auf ein Objekt als Ganzes. Im Unterschied
dazu thematisiert die „Einheit des Mannigfalti
Weiterführende Literatur gen im Object“ (22:179) die → Eigenschaften des
Bondeli, Martin: „Zu Kants Behauptung der Un Gegenstandes als jeweils für sich einheitlich zu
entbehrlichkeit der Vernunftideen“, in: Kant- bestimmende → Qualitäten. Einheitsprinzip des
Studien 87, 1996, 166–183. Gegenstandes im Ganzen ist der → transzenden
Caimi, Mario: „Über eine wenig beachtete Deduk tale Gegenstand bzw. der Gegenstand überhaupt
tion der regulativen Ideen“, in: Kant-Studien als Inbegriff der → Kategorien. Weitere wichtige
86, 1995, 308–320. Stellen: KrV A 104f.; KrV A 253; 21:569; 22:32.
Düsing, Klaus: Die Teleologie in Kants Weltbegriff,
Bonn: Bouvier 2 1986, insbes. 38–50. Verwandte Stichworte
Goldberg, Nathaniel: „Do Principles of Reason Gegenstand; Gegenstand überhaupt; Gegen
Have ‚Objective but Indeterminate Validity‘?“, stand, transzendentaler; Synthesis; „X“
in: Kant-Studien 95, 2004, 405–425.
Grier, Michelle: „Kant on the Illusion of a Sys Philosophische Funktion
tematic Unity of Knowledge“, in: History of Entsprechend seiner → Kopernikanischen Revo
Philosophy Quarterly 14, 1997, 1–28. lution, die sich in dem Grundsatz ausdrückt:
„[. . . ] die Bedingungen der Möglichkeit der Er delt werden. → Jakob hatte am 28. März 1786
fahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen Kant gegenüber seine Absicht bekundet, sich mit
der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung“ → Mendelssohns Morgenstunden auseinanderzu
(KrV A 158 / B 197), entspricht die Einheit des Ge setzen, gleichzeitig aber auch auf eine Nachricht
genstandes auf Objektseite der → Einheit des Be in den Gothaer Gelehrten Zeitungen hingewiesen,
wusstseins auf Subjektseite, sodass in transzen nach der Kant selbst beabsichtige, diese Schrift zu
dentalphilosophischer Hinsicht die Einheit des widerlegen. Am 26. Mai 1786 antwortet Kant, die
Gegenstandes durch die Einheit des Bewusstseins ses „vorgebliche[] Versprechen“ (10:451) sei falsch.
konstituiert wird. Konstitutionsprinzip sind die Jakob solle selber den Nachweis erbringen, dass
Kategorien des Verstandes, die sich auf Anschau man die Grenzen der reinen Vernunft hinsichtlich
ungen beziehen und damit objektive Gültigkeit der in den Morgenstunden verhandelten Sache ver
erlangen. „Ein reiner Gebrauch der Kategorie ist geblich zu erweitern suche. Kant verspricht aber
zwar möglich, d. i. ohne Widerspruch, aber hat Jakob, ihm zu gegebener Zeit eine „hinreichende
gar keine objective Gültigkeit, weil sie auf keine Zurechtweisung“ (10:451) bezüglich einer Stelle
Anschauung geht, die dadurch Einheit des Objects im 7. Abschnitt der Morgenstunden (vgl. S. 60) zu
bekommen sollte“ (KrV A 253). kommen zu lassen. Bereits am 17. Juli schreibt
Jakob, seine Schrift sei abgeschlossen und bittet
Weiterführende Literatur Kant um den zugesagten Beitrag. Mit Datum vom
Hoppe, Hansgeorg: Synthesis bei Kant. Das Pro 4. August hat dieser seine Anmerkungen abge
blem der Verbindung von Vorstellungen und schlossen. Jakobs Schrift erscheint, zusammen
ihrer Gegenstandsbeziehung in der ‚Kritik der mit Kants Vorwort, im Oktober 1786.
reinen Vernunft‘“, Berlin u. a.: de Gruyter Kant hebt zunächst hervor, dass Mendels
1983. sohns „demonstrative Beweisart des wichtigsten
Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro aller Sätze der reinen Vernunft“ (8:151), nämlich
blem der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, Berlin dass ein Gott sei, dazu führe, die durch die Kritik
u. a.: de Gruyter 1971. gezogene Begrenzung der theoretischen Erkennt
Hans-Ulrich Baumgarten nisse im Felde des → Übersinnlichen als nicht
berechtigt anzusehen. Gesteht man jedoch der
Vernunft in spekulativer Absicht zu viel zu, so
öffnet man damit einerseits das Tor für jegliche
Einige Bemerkungen zu Schwärmerei, andererseits aber wird in dogmati
L. H. Jakob’s Prüfung der scher Hinsicht der Streit zwischen Behauptung
und Leugnung des Daseins Gottes unentscheid
Mendelssohn’schen bar. Hält man sich hingegen an die Ergebnisse der
Morgenstunden Kritik, so bleibt der praktisch begründete Glaube
Erstmals gedruckt als Vorwort mit dem Titel „Ei bezüglich des Daseins Gottes gesichert.
nige Bemerkungen von Herrn Professor Kant“ in: Kant geht sodann zur Diskussion von zwei
Ludwig Heinrich Jakob, Prüfung der Mendelssohn „Kunststücke[n]“ (8:152) über, die Mendelssohn
schen Morgenstunden oder aller spekulativer Be anwendet, um des Streits der Vernunft mit ihr
weise für das Daseyn Gottes in Vorlesungen von selbst enthoben zu sein. Der erste Punkt betrifft
Ludwig Heinrich Jakob, Doktor der Philosophie Mendelssohns wiederholte Behauptung (vgl. Mor
in Halle. Nebst einer Abhandlung von Herrn Pro genstunden, S. 104f.), die philosophischen Strei
fessor Kant, Leipzig 1786, S. XLIX–LX, wiederab tigkeiten seien ein Streit um → Worte bzw. aus
gedruckt in: 8:149–155. Weitere wichtige Stellen: solchen herzuleiten. Dem hält Kant entgegen, phi
8:149ff.; 10:451. losophische Streitfragen seien immer Sachfragen.
Kants Einige Bemerkungen zu L. H. Jakob’s Als Illustration führt er Mendelssohns Darlegun
Prüfung der Mendelssohn’schen Morgenstunden gen in einem in der Julinummer der → Berlini
bilden das Vorwort der o. g. Veröffentlichung und schen Monatsschrift aus dem Jahre 1783 erschie
greifen Fragestellungen auf, die in der zur glei nenen Aufsatz Ueber Freiheit und Nothwendigkeit
chen Zeit abgefassten Schrift Orientieren behan an, in dem dieser behauptet, die Schwierigkeiten
hinsichtlich dieser beiden Begriffe lägen „mehr in die auf andere Dinge außer Gott Anwendung fin
der Sprache als in der Sache“ (S. 4). Kant nimmt den. Daraus zieht Kant den Schluss, dass neben
die dort geführte Diskussion um die Bedeutung der Erfahrungserkenntnis einer Sache sehr wohl
des Ausdrucks der Nötigung im Zusammenhang die Frage nach dem, was das Ding an sich selbst
von sog. freiwilligen und unfreiwilligen Handlun sei, gestellt werden kann.
gen (Kant spricht von „müssen“) zum Anlass, um
an ihr die philosophische Sachfrage aufzuzeigen, Weiterführende Literatur
„ob die Begebenheiten in der Welt (worunter auch Gerhardt, Volker / Horstmann, Rolf-Peter /
unsere willkürlichen Handlungen gehören) in der Schumacher, Ralph (Hg.): Kant und die
Reihe der vorhergehenden wirkenden Ursachen Berliner Aufklärung: Akten des IX. Internatio
bestimmt seien, oder nicht“ (8:153). Diese Frage nalen Kant-Kongresses, Band 5, Berlin u. a.:
aber lässt sich niemals durch dogmatische Meta de Gruyter 2001, hier insbes. Sektion XVI: Kant
physik entscheiden. und die Aufklärung, S. 133ff.
Der zweite Punkt betrifft die in der Korre Sorkin, David: Moses Mendelssohn and the Reli
spondenz mit Jakob wiederholt angesprochene gious Enlightenment, Berkeley u. a.: University
Stelle in den Morgenstunden, wo Mendelssohn of California Press 1996.
behauptet: „Wenn ich euch sage, was ein Ding Tomasoni, Francesco: „Mendelssohn and Kant. A
würkt oder leidet, so fragt nicht weiter, was es ist? Singular Alliance in the Name of Reason“, in:
Wenn ich euch sage, was ihr euch von einem Ding History of European Ideas 30, 2004, 267–294.
einen Begriff zu machen habt: so hat die fernere Robert Theis
Frage, was dieses Ding an sich selbst sei? weiter
keinen Verstand“ (Morgenstunden, S. 60). Mit Hin
weis auf die kurz vorher erschienenen MAN zeigt Einstimmung
Kant, dass es sehr wohl einen Sinn hat, die von Einstimmung ist der Gegenbegriff zum → Wider
Mendelssohn abgelehnten Fragen zu stellen. Wir streit (vgl. 2:60; 2:200; 2:370; 2:296; KrV B 19; KrV
können körperlich Seiendes nur im Raum bzw. als B 318; KrV B 338; 5:28; 9:105). Einstimmung mit
Raumhaftes sowie seine Wirkung als Bewegung dem Objekt begründet die Wahrheit der Erkennt
erkennen. Was ich von einem Ding weiß, das sind nis (vgl. KrV A 157 / B 196; KrV A 237 / B 296; 4:275;
seine Beziehungen und sein Beziehungsgefüge. 5:13), während die ästhetischen Urteile bloß auf
Davon ist die andere Frage, was das Ding an sich die Einstimmung anderer Anspruch haben (vgl.
selbst sei, nicht nur zu unterscheiden, sondern 5:214; 5:216; 9:15). Die Einstimmung mit der Auto
auch berechtigterweise zu stellen. nomie des Willens (vgl. 5:87) und mit der Freiheit
Kant gesteht zu, dass „wenn wir Wirkungen der anderen stellt die zentrale normative Bedin
eines Dinges kennten, die [. . . ] Eigenschaften eines gung für Handlungen dar (vgl. 6:259; 6:271; 8:293).
Dinges an sich selbst sein können, [. . . ] wir nicht Weitere wichtige Stellen: 2:60; 2:335; KrV A 157 /
ferner fragen [dürften], was das Ding noch außer B 196; 4:476; 5:73; 5:78; 5:87; 5:132; 5:188; 5:365;
diesen Eigenschaften an sich sei“ (8:154). Die Men 5:451; 6:271; 7:241.
delssohnianer werden jetzt Beispiele für solche
Eigenschaften fordern, worauf Kant entgegnet: Verwandte Stichworte
„dieses ist schon längst und zwar von euch selbst Widerstreit; Identität; Gesetzmäßigkeit
geschehen“ (8:154).
Zur Illustration führt er das Zustandekom Philosophische Funktion
men des Begriffs von → Gott an. In ihm werden Die „Einstimmung der Erscheinungen zu den Ver
lauter wahre Realitäten gedacht, die sowohl den standesgesetzen“ (4:476 Anm.) bereitet im Sinne
Negationen als auch den Erscheinungen entge der Vollständigkeit des Verstandesgebrauchs die
gengesetzt sind. Diese Realitäten können beim Einstimmung „zwischen dem, was zur Natur der
endlichen Wesen Anwendung finden; sie sind Vernunft und des Verstandes gehört“, vor (4:331).
dem Grade, nicht aber der Qualität nach diesel Die als zufällig angesehene Einstimmung der Ge
ben wie bei Gott. Hier haben wir es demzufolge setze der Natur „für unser Erkenntnißvermögen“
mit Eigenschaften der Dinge an sich selbst zu tun, (5:188) verweist sie auf eine Zweckmäßigkeit der
Natur für unsern Verstand und ruft damit ein Ge sio metaphysica“, die Einteilung „divisio logica
fühl der Lust hervor (vgl. 5:187f.; 5:190; 20:233). sphaerae“ (16:619f.). Die Teilung eines Begriffs
Dabei ist die ‚allgemeine Einstimmung‘ das Kriteri besteht darin, den Inhalt eines Begriffes zu ana
um in der Ästhetik als Kritik des Geschmacks (vgl. lysieren. Die Einteilung betrifft die ausführliche
9:15), insofern man bei Geschmacksurteilen über Zergliederung dessen, was unter dem Begriff ent
Schönheit die Einstimmung anderer „fordern“ halten ist, bzw. um die „logische Eintheilung“ der
kann (5:214; vgl. 5:216). Geschmacksurteile sind entgegengesetzten Glieder der Sphäre jenes hö
solche „über die Einstimmung oder den Wider heren Begriffes (9:146f.). Kant unterscheidet al
streit der Freiheit im Spiele der Einbildungskraft lerdings auch die Dichotomie als logische bzw.
und der Gesetzmäßigkeit des Verstandes“ (7:241; formale Einteilung der Begriffe an sich selbst (di
vgl. 5:244), während bei Moralurteilen die Freiheit visio logica oder formalis) von der Einteilung der
des Willens als „Zusammenstimmung [. . . ] mit Begriffe „in Ansehung der moglichen [. . . ] obiecte
sich selbst nach allgemeinen Vernunftgesetzen in der Anschauung [. . . ]: divisio realis“ (16:622;
gedacht“ wird (5:354). 9:147f.). Daher ist nicht jede Einteilung im Sinne
Im Bereich der praktischen Philosophie fin der Auseinanderlegung der opponierten, nied
det der Begriff der Einstimmung Verwendung im rigen Begriffe der ganzen Sphäre eines höheren
Kontext der Gebote der reinen praktischen Ver Begriffs eine Dichotomie. Weitere wichtige Stellen:
nunft im Widerspiel der Neigungen. So schränkt KF 9:417–420; KF 9:611f.; KF 8:168f.; KrV A 289 /
die reine praktische Vernunft die natürliche Ei B 346; KrV A 298f. / B 355f.
genliebe des Menschen „auf die Bedingung der
Einstimmung“ mit dem moralischen Gesetz ein Verwandte Stichworte
(5:73; vgl. 5:78, 5:132). Jeder „Wille“ ist „auf die Be Begriff; Kategorie; Logik; Urteil
dingung der Einstimmung mit der Autonomie des
vernünftigen Wesens eingeschränkt“ (5:87). Ohne Philosophische Funktion
diese Einstimmung mit dem moralischen Gesetz In der KrV findet man drei Arten der Einteilung:
wird der persönliche Wert auf nichts herabgesetzt zwei-, drei- und vierteilig.
(vgl. 5:78). 1. Zu den wichtigsten zweiteiligen Einteilun
Weiterhin dient Einstimmung als Kriterium gen zählen die Einteilungen (a) der KrV als Wis
von Gerechtigkeit: was nicht „dem Princip der senschaft in eine Elementarlehre und eine Me
Einstimmung der Freiheit meiner Willkür mit der thodenlehre (vgl. KrV A 13–15; KrV B 29); (b) der
Freiheit von jedermann gemäß“ ist, ist unrecht allgemeinen sowie der transzendentalen Logik in
(6:271; vgl. 6:259, 8:293). Dementsprechend ergibt analytische und dialektische Teile (vgl. KrV A 57 /
sich auch als Kriterium für die Gerechtigkeit und B 82; KrV A 62 / B 87); (c) „der Gegenstände in Pha
Rechtmäßigkeit öffentlicher Gesetze, dass ein Volk enomena und Noumena und der Welt in eine Sin
„dazu seine Einstimmung geben könnte“ (8:297; nen- und Verstandeswelt“ (KrV B 311); (d) der Be
vgl. 8:306). griffe in „sinnliche und intellectuelle“ (KrV B 311);
(e) des Begriffes von einem Gegenstand überhaupt
Weiterführende Literatur „in das Mögliche und Unmögliche“; (f) der Ver
Willaschek, Marcus: „Was ist ein praktisches Ge nunft „in ein logisches und transscendentales Ver
setz?“, in: Robinson, Hoke (Hg.): Proceedings mögen“ (KrV A 298f. / B 355f.; KrV A 576 / B 604).
of the Eighth International Kant Congress – In der KpV macht Kant darauf aufmerksam,
Memphis 1995, Bd. 2, Milwaukee: Marquette dass die Einteilung der Analytik der praktischen
University Press 1995, 533–540. Vernunft der Einteilung der theoretischen Ver
Carola Freiin von Villiez nunft analogisch ist – „aber in umgekehrter Ord
nung“ (5:90; vgl. 5:16).
2. Die Klassen der Kategorien teilen sich je in
Einteilung drei Glieder (vgl. KrV A 70ff. / B 95–98; KrV A 80 /
Jeder Begriff enthält ein Mannigfaltiges unter sich B 106). In diesem Zusammenhang bezeichnet Kant
und lässt sich daher sowohl teilen als auch eintei diese Form der Einteilung als ungewöhnlich, da
len. Kant nennt die Teilung eines Begriffes „divi „sonst alle Eintheilung a priori durch Begriffe Di
chotomie sein muß“ (KrV A 83 / B 110). Das dritte Ansehung dessen, was zum Werth unserer Person
Glied entspringt der Verbindung des zweiten mit gehört. Alle Ehrbegierde, ob sie gleich dem Men
dem ersten seiner Klasse (vgl. 5:197). Des weiteren schen natürlich ist, muß doch zurückgehalten
existiert eine dreiteilige Einteilung der Erkenntnis werden“ (27:409; vgl. auch 27:664). Kants Lieb
vermögen (Verstand, Urteilskraft und Vernunft), lingsbeispiel für Eitelkeit ist die → Mode. In An
die den Teilen der allgemeinen Logik (Begriffs-, thropologie erklärt Kant, dass die Mode „unter
Urteils- und Schlusslehre) zugrundeliegt (vgl. KrV den Titel der Eitelkeit [. . . ] gehört, weil in der Ab
B 169). Auch hier ergibt sich der dritte Teil bzw. die sicht kein innerer Wert ist; im gleichen der Torheit,
Schlusslehre aus der Verbindung der beiden ande weil dabei doch ein Zwang ist, sich durch bloßes
ren. Die transzendentale Logik weicht von dieser Beispiel, das uns Viele in der Gesellschaft geben,
Einteilung der allgemeinen Logik insofern ab, als knechtisch leiten zu lassen“ (7:245). Der Modeskla
Verstand und Urteilskraft allein – und nicht die ve wird von Kant nicht aufgrund seines Interesses
Vernunft mit ihren dialektischen Scheinbehaup an der → Schönheit kritisiert (denn die Schönheit
tungen – in den analytischen Teil der transzen ist schließlich ein „Symbol der Sittlichkeit“, 5:51),
dentalen Logik gehören (vgl. KrV B 169ff.). Die sondern weil sein Interesse an der Schönheit bloß
Vernunftschlüsse teilen sich ebenso in drei Teile empirisch und nicht intellektuell ist, und weil er
(kategorisch, hypothetisch, disjunktiv), die der ein bloßer Nachahmer ist, der nicht für sich selbst
„systematischen Eintheilung aller transscenden denkt. Darüber hinaus sind sklavische Anhänger
talen Ideen“ (KrV A 577 / B 605) zugrunde liegen. der Mode, wie andere sogenannte „Virtuosen des
3. Eine vierteilige Einteilung findet man in Geschmacks, nicht allein öfter, sondern wohl gar
(a) der Zergliederung der logischen Funktion des gewöhnlich eitel, eigensinnig und verderblichen
Verstandes in Urteilen (vgl. KrV A 70ff. / B 95–98), Leidenschaften ergeben“ (5:298).
(b) der entsprechenden „systematischen“ Eintei An anderer Stelle, wiederum in Anthropolo
lung der Kategorien in vier Klassen (KrV A 80 / gie, verwendet Kant den Begriff der Eitelkeit im
B 106), (c) des Begriffs des Nichts (vgl. KrV A 291 / Zusammenhang seiner Kritik am Verhalten ‚der
B 348). Indianer‘ bei einer Niederlage in einem bewaff
Daniel O. Dahlstrom neten Konflikt: „die Indianer in Amerika, welche,
wenn sie umzingelt sind, ihre Waffen wegwerfen
und, ohne um Pardon zu bitten, sich ruhig nie
Eitelkeit dermachen lassen. Ist nun hiebei mehr Mut, als
Eitelkeit ist laut Kant eine kleinliche und inkorrek die Europäer zeigen, die sich in diesem Fall bis
te Form des Ehrgeizes, ein fehlgeleitetes Streben auf den letzten Mann wehren? Mir scheint es bloß
nach Ehre, das sich nicht auf wichtige und wesent eine barbarische Eitelkeit zu sein: ihrem Stamm
liche Sachlagen den Menschen betreffend rich dadurch die Ehre zu erhalten, daß ihr Feind sie
tet, sondern auf oberflächliche Äußerlichkeiten. zu Klagen und Seufzern als Beweistümern ih
Wichtige Stellen: 5:51; 5:298; 7:245; 7:257; 27:409; rer Unterwerfung nicht sollte zwingen können“
27:664. (7:257).
Robert B. Louden
Verwandte Stichworte (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Ehre; Ehrbegierde, Ehrsucht; Mode
heit“ (4:374). Weitere wichtige Stellen: 2:398; 9:28; (7:250). Im Zusammenhang mit → Sprache bezieht
15:313; 16:59f. sich Eleganz ebenfalls auf den Stil, und größere
Feinheit und Kultivierung derselben, die jedoch
Verwandte Stichworte zu Lasten der → Deutlichkeit gehen kann. Bezo
Griechenland, die Griechen; Dialektik gen auf eine bestimmte → Methode, den Bau des
→ Systems einer → Wissenschaft, eine → Demons
Philosophische Funktion tration, oder Wissenschaften wie die Geometrie,
Zu den Vertretern der Eleatischen Schule rech bedeutet Eleganz in der Regel höchste „Präcision,
net Kant Melissos, Parmenides, Xenophanes, und unbeschadet der Klarheit“ (20:310). Sie gehört
→ Zeno (vgl. 16:59f.) und macht – wohl Platon nicht eigentlich zur → Gelehrsamkeit und trägt
folgend (Sophistes, 242DE) – Xenophanes zu ih zur Sicherheit einer Wissenschaft selbst nichts
rem Begründer (vgl. 9:28), was von der neueren bei, sondern dient in erster Linie der Präsentation
Forschung nicht geteilt wird. Unter Berufung auf einer solchen.
→ Platon (vgl. KrV A 502 / B 530) und möglicher Veit Justus Rollmann
weise gestützt durch Diogenes Laertius (VIII, 57),
wonach Zeno Begründer der Dialektik war, sieht
Kant die Eleaten als diejenigen an, die die Dia Elektrizität
lektik in Verruf brachten und maßgeblich dazu Mit dem Wort ‚Elektrizität‘ werden in Kants Schrif
beitrugen, sie zur Sophistik verkommen zu lassen ten die verschiedenen Erscheinungen, die von
(vgl. 9:28). Dem eleatischen Grundsatz: „sensuali der elektrischen → Materie ausgehen, sowie die
um non datur scientia“ („Von Sinnendingen gibt Vermögen derselben bezeichnet. Wichtige Stellen:
es kein Wissen“, Refl. 706, 15:313) entgegnet Kant 2:113; 2:185–188; 15:969; 29:89–91; 29:156–160.
bereits in seiner Inauguraldissertation: „sensua
lium itaque datur scientia“ („Von Sinnendingen Verwandte Stichworte
gibt es somit Wissen“, 2:398). Äther; Luft; Magnetismus
Bernd Buldt
Philosophische Funktion
Den elektrischen Eigenschaften der Materie wid
Eleganz met Kant in seinen Schriften lediglich kurze An
Eleganz ist die übertriebene Verfeinerung des Stils deutungen, die vorwiegend in den Refl. und im
bei Personen und im Falle des sprachlichen Aus Op. post. enthalten sind. Kant hat sich aber auch
drucks. Im Zusammenhang mit Wissenschaft ist in seinen Vorlesungen mit der Elektrizität beschäf
Eleganz die größtmögliche Genauigkeit in der Dar tigt (vgl. 29:89–91; 29:156–160; 29:258–273) und
stellung zugunsten des Verständnisses. Wichtige zeigt lebhaftes Interesse an den Forschungen sei
Stellen: KrV B VIII; KrV B XLIV; 4:262; 5:283; 5:366; ner Zeit. Nach dem Beweisgrund stellen → Wärme,
7:249f.; 8:192; 10:490; 11:366; 11:375; 16:197; 16:831; → Licht, elektrische → Kraft, Gewitter und magne
20:248; 21:526. tische Kraft vielerlei Phänomene desselben wirk
samen → Stoffes, nämlich des → Äthers dar (vgl.
Verwandte Stichworte 2:113; vgl. auch 14:524, 21:481, 22:441). Kant hält
Luxus, Üppigkeit; Geschmack; Gesellschaft ferner Blitze für eindeutige Zeichen einer elektri
schen Aktivität (vgl. 9:266; 14:513; 21:338). → Wär
Philosophische Funktion mestoff, elektrischer und magnetischer Stoff ent
Der Begriff Eleganz begegnet in Kants Werk in sprechen den drei durchdringenden → Flüssigkei
unterschiedlichen Verwendungsweisen. Er be ten (vgl. 23:485; vgl. auch 21:126). Außerdem ma
zieht sich auf ein prahlerisches Übermaß auf der chen Licht, Magnetismus und Elektrizität die drei
äußeren Zeichenebene des Individuums in Gesell Kräfte der anorganischen Natur aus (vgl. 15:969).
schaft, das den idealen Geschmack, im Gegensatz Elektrisierte → Körper weisen zwei Pole auf: den
zum sinnlichen Geschmack anspricht. Wie aller positiven und den negativen Pol. Pole desselben
Luxus oder Üppigkeit ist auch übertriebene Ele Vorzeichens stoßen einander ab, während Pole
ganz „ein entbehrlicher Aufwand, der arm macht“ mit entgegengesetzten Vorzeichen sich anziehen
(vgl. 2:185–188; vgl. auch 14:343f., 14:399, 22:215). griffen werden in der KpV die → Kategorien der
Die Luftelektrizität entspricht dem Galvanismus Freiheit „praktische Elementarbegriffe“ (5:65) ge
(vgl. 21:117f.; 21:148). nannt. Auch die KpV geht von den „Beispiele[n]
Giovanni Pietro Basile der moralisch urtheilenden Vernunft“ aus, um sie
„in ihre Elementarbegriffe zu zergliedern“ (5:163).
Einmal spricht Kant weniger spezifisch von „Ele
Elementarbegriff mentarbegriffen des Naturrechts“ (8:80), wozu
Elementarbegriffe sind Begriffe, die nicht wei auch gehört, dass bei einer Verletzung des Rechts
ter → analytisch zergliedert werden können (vgl. eines Andern eine Vergütung des Schadens erfol
2:280; 4:382). Dies sind vor allem die Kategorien gen muss.
des Verstandes (vgl. KrV B XXII; KrV A 64 / B 89; Im Op. post. spricht Kant häufig von „Elemen
KrV A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323; 5:65; 20:316) tarbegriffe[n] der bewegenden Kräfte der Materie“
und die Grundbegriffe der Vernunft (vgl. 8:421; (21:625; vgl. 21:45, 21:530, 21:623, 22:135, 22:140f.,
5:163; 8:80). Wichtige Stellen: 2:280; KrV B XXII; 22:152, 22:155, 22:162, 22:240, 22:244, 22:293, 22:342):
KrV A 64 / B 89; KrV A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323; „Es giebt nämlich eine gewisse Menge von Ele
4:382; 5:65; 5:163; 8:80; 8:421; 20:316. mentarbegriffen die sich abzählen läßt welche die
Anwendung der bewegenden Kräfte der Materie
Verwandte Stichworte überhaupt auf die in der Erfahrung vorkommende
Analyse; a priori / a posteriori; Kategorie; Analy Verhältnisse vermitteln [. . . ]. Diese sind für uns
tik, transzendentale; Stammbegriff ursprüngliche Eigenschaften der Materie, nicht
wie sie die Vernunft (wie in den metaph. Anf. Gr.)
Philosophische Funktion dictirte sondern wie sie sich auf die bewegende
Kant übernimmt den Terminus ‚Elementarbegriff‘ Kräfte welche uns die Erfahrung an die Hand giebt
von der traditionellen logischen Terminologie, zurück führen lassen“ (21:177; → Elementarsystem;
die damit „unauflösliche Begriffe“ (2:280), d. h. → Übergang).
solche Grundbegriffe bezeichnet, die in einem Stefano Bacin
analytischen Verfahren nicht weiter in einfachere
Begriffe zergliedert werden können (vgl. 2:280).
Ein Verdienst der „gemeine[n] Metaphysik“ be Elementarlehre
stand nach Kant darin, „daß sie die Elementar Elementarlehre heißt der erste Teil einer philoso
begriffe des reinen Verstandes aufsuchte, um sie phischen Wissenschaft, dessen Aufgabe es ist, die
durch Zergliederung deutlich und durch Erklä elementa, d. h. die theoretischen Grundbegriffe
rungen bestimmt zu machen. Dadurch ward sie und deren Grenzen darzustellen (vgl. 9:18; 9:139).
eine Cultur für die Vernunft“ (4:382). Weitere wichtige Stellen: KrV A 52ff. / B 76ff.; KrV
Erst die kritische Philosophie konnte sich A 707 / B 735; 5:16; 5:354f.; 6:411; 7:412; 21:386;
mit solchen Begriffen angemessen befassen: Ele 21:406.
mentarbegriffe sind für Kant nämlich die Begriffe,
die sich aus der Analysis der Gemütsvermögen Verwandte Stichworte
und ihrer Operationen ergeben. Die → Philosophie Elementarlehre, transzendentale; Methodenleh
wird als „Lehre des Wissens“ insofern verstanden, re, transzendentale; Logik; Kanon
als sie „die Elementarbegriffe enthält, deren sich
die reine Vernunft bedient“ (8:421). Elementarbe Philosophische Funktion
griffe sind also in erster Linie die Kategorien des Mit dem Begriffspaar Elementarlehre/Methoden
Verstandes (vgl. KrV B XXII; KrV A 64 / B 89; KrV lehre, dem ab 1781 eine bedeutende systemati
A 83 / B 109; KrV B 169; 4:323); in derselben Be sche Funktion in Kants Schriften zukommt, er
deutung ist auch von „Elementarerkenntnisse[n]“ setzt Kant die damals übliche, in seiner Sicht aber
die Rede (4:317; → Stammbegriff). Doch werden unangemessene Einteilung der Logik in einen
auch → Raum und → Zeit als „Elementarbegriffe theoretischen und einen praktischen Teil (→ Me
der Sinnlichkeit“ bezeichnet (4:323). thodenlehre, transzendentale). Elementarlehre
In Analogie mit den reinen Verstandesbe soll der Titel des „dogmatischen“ Teils der Logik
sein (9:18; vgl. 24:700; 24:508; 24:794), der „die met, dem die → Transzendentale Methodenlehre
Elemente und Bedingungen der Vollkommenheit als zweiter Teil folgt (vgl. KrV A 15 / B 29). Weitere
einer Erkenntniß zu ihrem Inhalt hat“ (9:139) und wichtige Stellen: KrV A 50 / B 74; KrV A 77 / B 103;
also einen Kanon dieser Wissenschaft bildet (vgl. KrV A 115; KrV B 166.
KrV A 52ff. / B 76ff.; → Elementarlehre, transzen
dentale). Verwandte Stichworte
Die Einteilung in Elementarlehre und Metho Methodenlehre, transzendentale; Logik, trans
denlehre wendet Kant auch außerhalb der Logik zendentale; Ästhetik, transzendentale; Kritik
im Blick auf „das Fortschreiten in einer Erkentnis der reinen Vernunft
als Wissenschaft überhaupt“ an (21:386). Die Ele
mentarlehre dient hierbei dazu, „die Elemente Philosophische Funktion
derselben aufzufinden“, während die Methoden 1 Herkunft des Begriffs und Aufgabe einer
lehre „die Art wie sie zusammengeordnet werden transzendentalen Elementarlehre
sollen“ (21:386), betrifft. Während sie in der „Ge Transzendentale Elementarlehre ist der Titel des
schmackskritik“ nicht angemessen sei, „weil es ersten und bei weitem umfangsreichsten Teils der
keine Wissenschaft des Schönen giebt noch geben beiden Hauptteile der Kritik der reinen Vernunft.
kann“ (5:354f.), wird die Zweiteilung in der → Kri Der von Kant gewählte Terminus stellt eine ex
tik der praktischen Vernunft nach dem Vorbild plizite Revision der zeitgenössischen logischen
der KrV angewendet (vgl. 5:16). Ähnlich ist die Terminologie dar: Mit dem Begriff → ‚Elementar
MST gegliedert: Die „ethische Elementarlehre“ lehre‘ und seinem Pendant ‚Methodenlehre‘ (vgl.
soll „die Begriffe von Pflicht philosophisch d. i. als → Methodenlehre, transzendentale) will Kant die
Vernunftwissenschaft für die Schule der Gelehr Einteilung der → Logik neu bestimmen und die
ten [. . . ] vortragen“ (23:419; vgl. 6:411, 23:412). Die übliche Zweiteilung in einen theoretischen und
entsprechende Zweiteilung wird übrigens auch praktischen Teil korrigieren. Beim Aufbau der KrV
im Bereich der → Anthropologie angedeutet (vgl. wird diese Neuerung erstmals ausgeführt. Auch
7:412; Refl. 1482, 15:661; 25:1529): die anthropologi ihre Anwendung in der Logik und in anderen Be
sche Didaktik wird auch als eine Elementarlehre reichen der Philosophie erfolgt erst ab 1781. Die
verstanden, während die Charakteristik die darauf Zweiteilung in Elementarlehre und Methoden
folgende Methodenlehre darstelle (→ Anthropolo lehre erlaubt Kant zufolge eine streng systemati
gie in pragmatischer Hinsicht). sche, „aus dem allgemeinen Gesichtspunkte eines
Zuletzt ist von Elementarlehre in Bezug auf Systems überhaupt“ konzipierte Darstellung der
die → Physik die Rede (vgl. 21:406; 21:525). Die → Transzendentalphilosophie (KrV A 15 / B 29).
„Elementarlehre der Natur“ enthält die allgemei Auf der Ebene der „Logik überhaupt“ (KrV
nen Gesetze „von dem Einflus der Materien auf A 50 / B 74) spricht Kant von einer „Elementarlo
einander“, ohne die „Vorstellung von Zwecken gik“, die „die schlechthin nothwendigen Regeln
voraus[zu]setzen“, daher betrifft sie nur „unorga des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch
nische Erzeugungen“ (21:406). des Verstandes stattfindet“, enthält (KrV A 52 /
Stefano Bacin B 76). In der Transzendentalen Elementarlehre der
KrV verfolgt Kant eine ähnliche Aufgabe, nämlich
die wesentlichen Bestandteile und apriorischen
Grundbegriffe zu erörtern, die eine Erkenntnis von
Elementarlehre, Gegenständen a priori ermöglichen und also je
transzendentale dem (theoretischen) Vernunftgebrauch zugrunde
‚Transzendentale Elementarlehre‘ nennt Kant die liegen. Demzufolge müssen auch die Grenzen der
Untersuchung, die den Inhalt und die Bedingun Erkenntnis von Gegenständen bestimmt werden.
gen der Gültigkeit synthetischer Erkenntnisse So spricht Kant in Bezug auf die transzendenta
a priori bestimmen soll (vgl. KrV A 707 / B 735; le Elementarlehre von einer Untersuchung, die
KrV A 712 / B 740). Dieser Aufgabe ist der erste die „Elemente“ (KrV A 50 / B 74; vgl. KrV A 77 /
und bei weitem umfangreichste, Transzendentale B 103; KrV B 166; KrV A 115) und die Gültigkeitsbe
Elementarlehre genannte Hauptteil der KrV gewid dingungen „der Erkenntniß aus reiner Vernunft“
bestimmen soll (KrV A 712 / B 740). Diese Aufgabe Bedingungen, d. h. eine transzendentale Ästhetik.
beschreibt Kant mit einer Metapher in der folgen Ihre Aufgabe ist es somit zu klären, ob die Sinn
den Weise: „Wenn ich den Inbegriff aller Erkennt lichkeit über apriorische Bedingungen verfügt,
niß der reinen und speculativen Vernunft wie ein und inwiefern sie als Bedingungen empirischer
Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in bzw. nicht-empirischer Erkenntnis gelten können.
uns haben, so kann ich sagen: wir haben in der Deswegen muss die transzendentale Ästhetik den
transscendentalen Elementarlehre den Bauzeug ersten Teil der Elementarlehre bilden: so wird die
überschlagen und bestimmt, zu welchem Gebäu „transscendentale Sinnenlehre [. . . ] zum ersten
de, von welcher Höhe und Festigkeit er zulange“ Theile der Elementar-Wissenschaft gehören müs
(KrV A 707 / B 735). sen, weil die Bedingungen, worunter allein die
Gegenstände der menschlichen Erkenntniß gege
2 Inhalt und Gliederung der transzendentalen ben werden, denjenigen vorgehen, unter welchen
Elementarlehre selbige gedacht werden“ (KrV A 16 / B 30; vgl. KrV
2.1 Obwohl Elementarlehre und Methodenleh A 21 / B 36; → Sinnenlehre, transzendentale). Die
re die beiden Hauptteile der ‚allgemeinen Logik‘ Zweiteilung in eine Ästhetik und eine Logik grün
darstellen (vgl. 9:18; → Elementarlehre), sind die det sich auf Kants Auffassung von den „zwei Stäm
transzendentale Elementarlehre und die trans me[n] der menschlichen Erkenntniß [. . . ], nämlich
zendentale Methodenlehre nicht die Hauptteile Sinnlichkeit und Verstand“ (KrV A 15 / B 29), die
der → transzendentalen Logik; diese macht nur er auch „Grundquellen“ nennt (KrV A 50 / B 74).
den zweiten Teil der transzendentalen Elemen Eine transzendentale Elementarlehre beschreibt
tarlehre aus. Der so betitelte erste Hauptteil der daher die Grundstruktur beider „Stämme“ (KrV
KrV umfasst die → transzendentale Ästhetik und A 15 / B 29) und weist deren apriorische Elemente
die auf sie folgende transzendentale Logik. Dabei auf.
könnte Kant → Baumgartens Konzept einer „phi Nachdem Kant in der transzendentalen Äs
losophia organica“ vor Augen gehabt haben, die thetik gezeigt hat, dass Raum und Zeit diejeni
sich in einer aesthetica und einer logica entfalten gen reinen Anschauungen a priori sind, die die
sollte. Die erste sollte – allerdings auf eine mit Möglichkeit synthetischer Urteile a priori über
Kants Lehre unvereinbare Weise – die sinnliche, Gegenstände der Sinne erklären, soll die trans
die zweite sollte die intellektuelle Erkenntnis be zendentale Elementarlehre die Möglichkeit syn
handeln (vgl. Baumgarten, Philosophia generalis, thetischer Erkenntnisse a priori im Blick auf die
§ 147, S. 52–63; vgl. Santozki, Bedeutung antiker Leistung des Verstandes untersuchen. Zunächst
Theorien, S. 88). wird das Vermögen, anhand des von der Sinnlich
Der Grund für die Einbeziehung einer Leh keit und den für sie gültigen reinen Formen der
re der → Sinnlichkeit in eine nach dem Vorbild Anschauung, Raum und Zeit, vermittelten kogni
der Logik konzipierte Untersuchung besteht dar tiven „Stoffes“ eine objektiv gültige Erkenntnis zu
in, dass die transzendentale Elementarlehre als erreichen, analysiert; dann werden die Grenzen
transzendentale Untersuchung alle apriorischen bestimmt, innerhalb derer eine synthetische Er
Elemente erforschen soll, die Bedingungen einer kenntnis a priori möglich ist. Dies ist die doppelte
Erkenntnis von Gegenständen der → Erfahrung Aufgabe der transzendentalen Logik. Sie ist ihrer
sind. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, kann seits zweigeteilt. Die → transzendentale Analytik
die transzendentale Elementarlehre nicht auf eine untersucht die Strukturen (→ Analytik der Begriffe
Analyse der Denkoperationen beschränkt blei und → Analytik der Grundsätze), durch die der
ben: Für die Begründung der Erkenntnis von Ge → Verstand in Beziehung auf die Sinnlichkeit syn
genständen der Erfahrung ist davon auszugehen, thetische Urteile a priori bilden kann. Die Grenzen
dass sie dem Subjekt zugänglich sein können, der objektiv gültigen Erkenntnis a priori werden in
und dies muss zunächst erklärt werden. Neben der → transzendentalen Dialektik bestimmt. Hier
einer Analyse des Denkvermögens gehört also in wird die → Vernunft als das Vermögen zu schlie
die transzendentale Elementarlehre eine Analyse ßen untersucht, und es wird gezeigt, dass der
der Grundstruktur der → Rezeptivität des erken Gebrauch von Vernunftschlüssen, der über die
nenden Subjekts im Blick auf ihre apriorischen Grenzen der Erfahrung hinausgeht, keine objektiv
gültige Erkenntnis liefert und daher unzulässig (vgl. 21:245; 22:155; 22:192; 22:197; 22:200f.; 22:226).
ist. Weitere wichtige Stellen: 21:552; 21:594; 21:617f.;
2.2 Die transzendentale Elementarlehre umfasst 21:620; 21:624f.; 22:135ff.; 22:149; 22:155; 22:192;
eine strukturelle Untersuchung der drei Erkennt 22:197; 22:200f.; 22:226; 22:240; 22:391; 22:393f.
nisvermögen – Sinnlichkeit, Verstand (und Ur
teilskraft) und Vernunft –, und ihrer Operationen – Verwandte Stichworte
Anschauung, Begriffe, Urteile und endlich Schlüs Übergang; Kraft, bewegende; Materie (physika
se im Blick auf die Möglichkeit synthetischer Er lisch); Weltsystem
kenntnisse a priori. So verfährt die transzenden
tale Elementarlehre konstruktiv (bzw. „progres Philosophische Funktion
siv“, vgl. 9:149; → Lehrart, progressive/regressive), In Kants spätem Projekt eines Werks zum Über
indem sie von dem durch die Sinne gelieferten gang von den MAN zur Physik sollte das ‚Elemen
kognitiven Stoff ausgeht, um nach und nach kom tarsystem‘ der bewegenden Kräfte der Materie
plexere und höherstufige Erkenntnishandlungen bzw. das „Elementarsystem der Materie“ (22:338 u.
zu betrachten. Die transzendentale Elementarleh 22:403; vgl. 22:135ff.) den grundlegenden Teil einer
re folgt damit dem Gang der Erkenntnis von ihrem zur Physik propädeutischen Untersuchung bilden,
Ursprung bis über die Grenzen objektiv gültiger die eine allgemeine philosophische Begründung
Erkenntnis hinaus. Dabei bilden die transzenden des Materiebegriffs leisten sollte (→ Physiologie).
tale Ästhetik und die transzendentale Analytik die Einem solchen Elementarsystem wird die folgen
konstruktiven Teile der Untersuchung, indem sie de Aufgabe beigemessen: „Die bewegende Kräfte
die Bedingungen objektiv gültiger Erkenntnis auf der Materie müssen also a priori in einem Sys
zeigen und erklären, während die Dialektik deren tem besonders und vollzählig aufgestellt werden
Grenze mit Bezug auf den Bereich der Erfahrung um den Übergang von der M. d. Natur zur Physik
von Gegenständen in Raum und Zeit aufzeigt. möglich zu machen“ (21:617f.; vgl. 21:622). Das so
verstandene Elementarsystem sollte „das Ganze
Weiterführende Literatur der Elementarbegriffe der bewegenden Kräfte der
Capozzi, Mirella: Kant e la logica, Bd. 1, Napoli: Materie“ behandeln, „so fern es nach Principien
Bibliopolis 2002, insbes. 260ff. a priori ein Gegenstand der Naturforschung ist
Conrad, Elfriede: Kants Logikvorlesungen als um diese Kräfte abgesondert in einem System dar
neuer Schlüssel zur Architektonik der Kritik zustellen“ (21:625). Dabei sollte dieses „Lehrsys
der reinen Vernunft. Die Ausarbeitung der tem“„bey der Verbindung der Elementarbegriffe
Gliederungsentwürfe in den Logikvorlesun die sich a priori denken lassen in einem System
gen als Auseinandersetzung mit der Tradition, stehen“ bleiben, „um nur die ursprünglichen be
Stuttgart: Frommann-Holzboog 1994, insbes. wegenden Kräfte der Materie für sich und in ihrem
75–100. Verhältnis zu einander vollständig darzustellen“
Stefano Bacin (21:625; vgl. 22:200, 22:240, 22:149, 22:391, 22:393f.).
Wie aus zahlreichen Versuchen des Op. post. her
vorgeht, sollte das Elementarsystem „nach der
Elementarsystem Ordnung der Categorien“ angelegt werden (21:533;
Unter ‚Elementarsystem‘ versteht Kant in den Auf vgl. 21:534f., 21:506ff., 22:135ff., 22:156ff., 22:226ff.).
zeichnungen des → Opus postumum eine systema Das Elementarsystem wird vom ‚Weltsystem‘
tische Darstellung a priori der ‚bewegenden Kräf abgegrenzt, das den zweiten Hauptteil von Kants
te‘, die der Materie zugrunde liegen (vgl. 21:234; Projekt bilden sollte. Während das Weltsystem
21:552; 22:135ff.; 22:149; 22:200; 22:240; 21:594; den Begriff der Materie „als ein Absolutes“ (22:192)
21:617f.; 21:620; 21:624f.; 22:391; 22:393f.). ‚Elemen zu betrachten habe, soll das Elementarsystem
tarsystem‘ sollte dementsprechend nach mehre „blos die Theile“ derselben Materie und „ihre Man
ren angedeuteten Plänen der erste Hauptteil des nigfaltigkeit“ (22:192) behandeln, um konstruktiv
Werks zum Übergang von den Metaphysischen „von den Theilen zum ganzen Inbegriff der Ma
Anfangsgründen der Natur zur → Physik heißen, terie (ohne hiatus)“ fortzuschreiten (22:200; vgl.
dem ein ‚Weltsystem‘ genannter Teil folgen sollte 22:197).
Verwandte Stichworte
Elend Erziehung; Kindheit; Familie
Unter ‚Elend‘ versteht Kant, der Umgangssprache
entsprechend, den Zustand eines Menschen, der Philosophische Funktion
bedauernswert ist, weil in ihm die physischen In rechtlicher Hinsicht haben Eltern eine Pflicht
oder psychischen Übel die Güter bei Weitem über zur Erhaltung und Versorgung der Kinder (vgl.
wiegen. Wichtige Stellen: 9:451; Refl. 610, 15:261; 6:280; 6:330) und ein → Elternrecht auf deren
Refl. 1521, 15:888; Refl. 6801, 19:166. „Handhabung und Bildung“ (6:281; vgl. 6:360).
Das pädagogische Thema der familiären Erzie
Verwandte Stichworte hung durch die Eltern ist hier bereits angespro
Übel; Unglück chen. Ausgeführt wird es in Kants Pädagogik. Ne
ben einigen grundsätzlichen Bemerkungen zur
Philosophische Funktion Bedeutung des guten Beispiels (→ Beispiel, mora
Abgesehen von der kulturkritischen These Kants, lisches) der Eltern dominieren die Hinweise auf
dass in seinem Zeitalter „das Glück der Staaten Erziehungsfehler. So heißt es einerseits, schon
zugleich mit dem Elende der Menschen wachse“ erzogene Eltern seien Beispiele, „nach denen sich
(9:451), hat er den Begriff des Elends in seinen die Kinder bilden, zur Nachachtung“ (9:447), wäh
Publikationen nicht eigens thematisiert. Jedoch rend andererseits die realistische Skepsis über
finden sich in den Refl. einige Überlegungen zum wiegt: „Eltern erziehen gemeiniglich ihre Kinder
Elend. Seinen Ursprung habe es in den Begierden nur so, daß sie in die gegenwärtige Welt [. . . ] pas
und Bedürfnissen des Menschen; diese wieder sen. Sie sollten sie aber besser erziehen, damit
um beruhen auf dem menschlichen Wissen und ein zukünftiger besserer Zustand dadurch hervor
wachsen mit diesem (vgl. Refl. 1521, 15:888). Im gebracht werde“ (9:447; vgl. 9:461, 9:478, 9:483,
Unterschied zu den → Empfindungen des Vergnü 4:415, 15:519). Moralisch betrachtet, gebührt den
gens und des Schmerzes beruhe das Elend auf Eltern „Elternliebe“ (6:390) und → Dankbarkeit
→ Reflexion: „Man kan nicht glücklich seyn, ohne (vgl. 6:459).
nach seinem Begriffe von Glückseeligkeit; man Lutz Koch
kann nicht elend seyn, ohne nach dem Begriffe,
den man sich vom Elende macht, d. i. Glücksee
ligkeit und Elend sind nicht empfundene, son Elternrecht
dern auf bloßer Reflexion beruhende Zustände“ Das Elternrecht ist in MSR ein Teil des → Privat
(Refl. 610, 15:261). Moralisch gesehen, berechtige rechts, insbesondere des „auf dingliche Art persön
das Elend nicht zum Suizid: Der Mensch „muß lichen Recht[s]“ (6:276). Spezieller ist das Eltern
das Leben in dem größten Elende als die Auf- recht das → Recht, das den → Eltern den eigenen
Kindern gegenüber zukommt. Weitere wichtige ma emanationis“, das „Gott doch von der Welt
Stellen: 6:280f.; 6:360. unterscheidet, vom systema des Spinoza unter
schieden, das eigentlich systema inhaerentiae ist“
Verwandte Stichworte (28:1298). In den Reflexionen zum „Reiben“ stellt
Kindheit; Mündigkeit; Erziehung Kant die „Erschütterungstheorie“ der „Emanati
onstheorie“ entgegen und kommt zu dem Schluss,
Philosophische Funktion dass „[d]urch bloßes Reiben [. . . ] keine Emanati
Unter dem Titel von Elternrecht behandelt Kant on die Ursache der Wärme“ sein kann (14:517ff.).
zuerst die Elternpflicht der Erhaltung und Versor Weitere wichtige Stellen: 8:335; 14:517ff.; 18:547;
gung der Kinder, das auf Seiten der Kinder als 18:551; 17:716; 23:151; 28:342; 28:1092; 28:1298.
deren „ursprünglich-angebornes“ Recht „auf ihre
Versorgung durch die Eltern“ erscheint, „bis sie Verwandte Stichworte
vermögend sind, sich selbst zu erhalten“ (6:280). Mystik; Pantheismus; Spinoza, Baruch de
Das angeborene Recht des Kindes auf Versorgung (Spinozismus)
durch die Eltern begründet Kant mit der „in prak
tischer Hinsicht ganz richtige[n] und auch noth Philosophische Funktion
wendige[n] Idee“ (6:280f.), dass durch den Zeu Kant unterscheidet drei mystische, d. h. aus
gungsakt eine Person „ohne ihre Einwilligung auf schwärmender Vernunft entstandene Systeme,
die Welt gesetzt“ wurde, woraus sich die Verbind mit denen ein beruhigendes ‚Ende aller Dinge‘ er
lichkeit ergebe, diese Person „mit diesem ihrem dacht werden soll: 1. Das „System des Laokiun von
Zustande zufrieden zu machen“ (6:281; vgl. 6:360, dem höchsten Gut, das im Nichts bestehen soll“
20:465). (8:335; vgl. 23:151). Historisch ist Laotse gemeint,
Hinzu kommt das Recht der Eltern „zur sachlich das Nirwana des Buddhismus. 2. Der
Handhabung und Bildung des Kindes“ (6:281), das „Pantheism (der Tibetaner und andrer östlichen
allerdings zeitlich begrenzt ist, „so lange es [das Völker) und der aus der metaphysischen Sublimi
Kind] des eigenen Gebrauchs seiner Gliedmaßen, rung desselben in der Folge erzeugte Spinozism:
imgleichen des Verstandesgebrauchs noch nicht welche beide mit dem [3.] uralten Emanationssys
mächtig ist“ (6:281). Dieses aus der Erhaltungs- tem aller Menschenseelen aus der Gottheit (und
und Versorgungspflicht der Eltern entspringende ihrer endlichen Resorption in eben dieselbe) nahe
Recht umfasst Ernährung und Pflege, Erziehung verschwistert sind“ (8:335). Kant dürfte hier an die
(Erziehung als „absolute Naturpflicht der Eltern“, Lehren von Plotin und Giordano Bruno gedacht
6:330) sowie pragmatische und → moralische Bil haben.
dung der Kinder. Zum historischen Kontext vgl. Bei der Untersuchung der Zwecke macht es
Berding, Elterliche Gewalt 1800; Klippel, Elterliche erst die Moral notwendig, auf einen theistisch ver
Gewalt. standenen Gott, der seinen Produkten nicht im
Lutz Koch manent ist, zu schließen: „Ohne Moralität würde
die Hypothesis immer ungegründet seyn und die
Zwekmaßigkeit im Universum allerhochstens auf
Emanation einen Spinozism oder emanation führen“ (18:547).
Kant thematisiert sowohl die theologisch-meta Kants Kritik an der Emanation wird in seiner Ant
physische als auch die physikalische Bedeutung wort auf die Frage nach dem Anfang aller Dinge,
der ‚Emanation‘ (wörtlich ‚Ausfließen‘). Nach Kant d. h. der Schöpfung, noch deutlicher: Wenn man
ist „das Wort emanatio [. . . ] ein bildlicher Aus sich Gott nicht als freien, willentlichen Urheber
druck“ (28:1298). Das System der Emanation be der Welt vorstellt – was allein zutreffend ist –,
stimmt die Vorstellung Gottes als „notwendige dann bleiben zwei ‚Systeme‘, Gott als Urheber
Ursache von der Substanz der Welt“ (28:1298; vgl. der Welt zu denken: „1) Das systema inhaerentiae
18:551, 17:716). Damit kann beim „systema ema [. . . ]; dieses ist der Spinozismus; oder 2) syste
nationis“ nicht mehr davon gesprochen werden, ma emanationis, wo die Welt zwar eine Wirkung
dass der Schöpfer die Welt aus Freiheit hervor von Gott ist, aber nach der Nothwendigkeit seiner
gebracht hat (28:342). Allerdings ist „das syste Natur“ (28:342; vgl. 28:1092). Gegen dieses ‚Sys
tem‘ spricht, dass das von Gott Hervorgebrach zuzulassen, oder auch vom Gemüth abzuhalten“
te ebenfalls absolut notwendig, wie Gott, sein (7:235f.) definiert. Diese Fähigkeit impliziert die
müsste. Möglichkeit einer Wahl und ist mit der „Empfin
Michael Albrecht / Christiane Straub dungsfähigkeit aus Stärke“ (7:158) identisch. Ihr
ist die „zärtliche Empfindlichkeit“ (7:158) entge
genzusetzen: die „Schwäche des Subjects, dem
Empfindelei Eindringen der Sinneneinflüsse ins Bewußtsein
Empfindelei ist die Unfähigkeit, von (unvernünfti nicht hinreichend widerstehen zu können, d. i.
gen) Affekten des Mitleids und der Fürsorge für wider Willen darauf zu attendiren“ (7:158). Emp
andere absehen zu können. Sie ist damit ein Fall findlichkeit bedeutet also, Affekten ausgesetzt zu
„zärtliche[r] Empfindlichkeit“ (7:158), der Unfähig sein, ohne ihre Wirkung unter Kontrolle zu haben.
keit, affektive Regungen insgesamt zu kontrollie Weitere wichtige Stellen: 9:487; 19:266.
ren. Weitere wichtige Stellen: 5:273; 7:236.
Verwandte Stichworte
Verwandte Stichworte Affekt; Empfindelei; Gefühl
Affekt; Empfindsamkeit; Rührung
Philosophische Funktion
Philosophische Funktion Empfindsamkeit ist subjektive Voraussetzung für
Der Begriff der Empfindelei bezeichnet eine Form die Möglichkeit moralischen Handelns. Sofern wir
des Mitleids, die unsere moralische Wahrneh das mit einer möglichen Handlung verbundene
mungsfähigkeit zu trüben geeignet ist. Sie ist „ei Gefühl der Lust und Unlust nicht wahrnehmen
ne Schwäche, durch Theilnehmung an anderer können, ist unsere moralisch relevante Wahrneh
ihrem Zustande, die gleichsam auf dem Organ mungsfähigkeit eingeschränkt: „motiva haben
des Empfindelnden nach Belieben spielen kön obiective Kraft, aber die subiective Kraft dersel
nen, sich auch wider Willen afficiren zu lassen“ ben kommt auf die Empfindsamkeit an“ (19:266).
(7:236). Empfindelei wird der Empfindsamkeit ent Zugleich ist sie Bedingung der ‚Sympathie‘, der
gegengesetzt, so schon in Johann Heinrich Cam Wahrnehmung von Affekten anderer: „Theilneh
pe, Ueber Empfindsamkeit und Empfindelei (1779) mung ist wirklich Empfindsamkeit; sie stimmt
(vgl. Brandt, Kommentar zu Kants Anthropologie, nur mit einem solchen Charakter überein, der
S. 351). Kant attestiert dem Mailänder Rechtsphi empfindsam ist“ (9:487).
losophen → Cesare Beccaria Empfindelei wegen Stefan Heßbrüggen-Walter
dessen angeblich aus „affectirte[r] Humanität“
herrührender Ablehnung der Todesstrafe (6:335).
Auch in ästhetischer Hinsicht polemisiert Kant Empfindung
gegen die Empfindelei, die eine „weiche, aber zu Empfindung ist die „Wirkung eines Gegenstan
gleich schwache Seele“ hervorbringe (5:273). des auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir von
demselben afficirt werden“ (KrV A 19 / B 34). Bei
Weiterführende Literatur der fraglichen Fähigkeit handelt es sich um das
Brandt, Reinhard: Kritischer Kommentar zu Kants rezeptive Vermögen der Sinnlichkeit – d. h. „die
Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Ham Fähigkeit (Receptivität), Vorstellungen durch die
burg: Meiner 1999. Art, wie wir von Gegenständen afficirt werden,
Stefan Heßbrüggen-Walter zu bekommen“ (KrV A 19 / B 33). Empfindungen
als solche sind für Kant bloß subjektive, von in
neren oder äußeren Gegenständen verursachte
Empfindsamkeit Zustände, die aber durch den Geist in einer Wei
Empfindsamkeit ist das Vermögen, die affektive se strukturiert werden, die sie zu voll ausgebil
Kraft von Emotionen, v. a. des Gefühls der Lust deten sinnlichen Anschauungen werden lässt –
und Unlust, zu kontrollieren. Sie wird in der → An d. h. zu zeitlichen Vorstellungen von den eige
thropologie in pragmatischer Hinsicht als „Vermö nen geistigen Zuständen oder zu raumzeitlichen
gen [. . . ] den Zustand sowohl der Lust als Unlust Vorstellungen von den Zuständen äußerer Gegen
stände. In den moralphilosophischen Schriften KrV B 1) die Rolle der „Materie“ für die „Form[en]“
versteht Kant Empfindungen als eine Reaktion auf (KrV A 20 / B 34) der Anschauung: Raum und Zeit.
Gegenstände, welche angesichts ebendieser Ge In sein Handexemplar der KrV notiert Kant bei
genstände ein rational motiviertes Begehren oder KrV A 143 / B 182: „Empfindung ist das eigentliche
eine rational motivierte Abneigung begründen empirische unserer Erkenntnis, und das Reale der
kann. Daher kann die auf Erfahrung beruhende Vorstellungen des inneren Sinns im Gegensatz
Antizipation einer angenehmen Empfindung der gegen die Form desselben, die Zeit“ (23:27).
praktischen Überlegung eine bestimmte Richtung Zweitens werden die Anschauungen als sol
geben (oder sie von ihrem Ziel ablenken, vgl. 5:58). che (d. h. die Empfindungen, die im Einklang mit
Im Vergleich dazu bezeichnet ‚Gefühl‘ jede Art den Axiomen von Raum und Zeit ‚ausgedehnt‘
von Gefühlszustand, einerlei ob er die Sinne be sind) unter Verstandesbegriffe subsumiert, und
trifft oder ob sich mit ihm rationale Überlegungen zwar in einem → Urteil. Auf dieser Stufe spielt
begründen lassen. Weitere wichtige Stellen: KrV die Anschauung als Ganze die Rolle der „Mate
A 19–22 / B 33–36; KrV A 143 / B 182; KrV A 166ff. / rie“ (KrV A 20 / B 34) für die durch die → Begriffe
B 207ff.; KrV A 320 / B 376; 5:28; 5:58f.; 5:75; 5:206f.; bereitgestellte Form. Es findet sich also in Kants
5:291; 5:330; 12:213; 23:21. Auffassung von der Wahrnehmung eine Art dop
pelter Hylemorphismus, und obwohl die Empfin
Verwandte Stichworte dung auf dieser zweiten Stufe wichtig ist, ist sie
Achtung, Achtung für das Gesetz; Anschauung; es doch nur, weil sie schon eine formale Struktur
Antizipationen der Wahrnehmung; Axiome (Raum und Zeit) und eine Art gegenstandsbezo
der Anschauung; Ding an sich; Erkenntnis; gener intentio besitzt. Daraus erklärt sich auch,
Gefühl; Größe, extensive; Größe, intensive; warum Kant in der KU zwischen der bloß „sub
Wahrnehmung jectiven Empfindung“ (5:206f.), betrachtet als ein
nicht-intentionales Gefühl des Subjekts, und der
Philosophische Funktion „objectiven Empfindung“ (5:206f.), die (als Teil
Empfindung wird dort, wo Kant in der KrV zum einer Anschauung) ausdrücklich auf einen Ge
ersten Mal von der „Stufenleiter“ aller Vorstellun genstand bezogen ist, unterscheiden kann (vgl.
gen spricht, definiert als ein Zustand, der „sich le 12:213ff.).
diglich auf das Subject als die Modification seines Nach dieser Lesart ist klar, dass Empfindun
Zustandes bezieht“ (KrV A 320 / B 376). Die sinnli gen normalerweise keine für sich stehenden Zu
che Anschauung dagegen ist ein Zustand, der sich stände sind, sondern die „ersten Grundstücke“
„unmittelbar auf den Gegenstand“ bezieht (KrV (15:268) der Wahrnehmung und der auf Sinnes
A 320 / B 376f.; vgl. 23:21). Der Abschnitt über die wahrnehmung beruhenden Erkenntnis. Tatsäch
Stufenleiter ist, wie man weiß, nicht verlässlich, lich scheint Kant gelegentlich zu meinen, dass
scheint aber doch Kants abschließende Ansicht die Empfindung kein Zustand sei, der je für sich
über die Empfindung widerzuspiegeln: Sie ist die stehen könnte – sie wird vom Geist immer als „Ma
„Materie“ (KrV A 20 / B 34) der Wahrnehmung, terie“ eines hylemorphischen Kompositums auf
betrachtet als Modifikation des Subjekts, und sie genommen, wobei die „Form“ (KrV A 20 / B 34)
kann erst dann etwas vorstellen (einen äußeren von Raum und Zeit herrührt. Andererseits scheint
oder inneren Gegenstand), wenn sie durch die An Kant gelegentlich zu meinen, dass im Prinzip eine
schauungsformen strukturiert und vielleicht sogar innere Empfindung möglich sei, die „nur einen
erst dann (das ist in der Kant-Literatur umstritten), Augenblick [erfüllt]“ (KrV A 167 / B 209): Ein sol
wenn sie außerdem unter reine und empirische cher Zustand hätte keine → extensive Größe und
Verstandesbegriffe subsumiert worden ist (vgl. wäre somit nicht Teil einer Anschauung. Doch
Falkenstein, Kant’s Intuitionism, S. 103–134). Kant fügt hinzu: „Nun hat jede Empfindung ei
Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die nen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit,
Sinneswahrnehmung wenigstens zwei Stufen der d. i. den innren Sinn, in Ansehung derselben Vor
Formung und des Strukturierens umfasst: Erstens stellung eines Gegenstandes mehr oder weniger
spielen die reinen Empfindungen (das Ergebnis erfüllen kann, bis sie in Nichts (= 0= negatio) auf
der Verarbeitung „sinnlicher Eindrücke“, z. B. in hört“ (KrV A 143 / B 182). Mit anderen Worten, eine
Empfindung hat notwendigerweise eine → inten Was wir außerdem noch a priori über Emp
sive Größe, die völlig unabhängig von irgendeiner findungen aussagen können, hat nichts mit ihrem
extensiven Größe ist, die sie in Raum und Zeit hat. inneren Charakter, sondern vielmehr mit ihrer
Kant war einer der ersten Philosophen, die ihr Ursache oder ihrem Grund zu tun. Die zentrale
Augenmerk auf die quantitativen Beziehungen Lehre der Antizipationen der Wahrnehmung lau
zwischen Empfindungen und Stimuli gerichtet tet: „In allen Erscheinungen hat die Empfindung
haben, Beziehungen, die in der gegenwärtigen und das Reale, welches ihr an dem Gegenstan
Neurowissenschaft von großem Interesse sind de entspricht, (realitas phaenomenon) eine in
(vgl. Baumann, Kant and the Magnitude, S. 1). tensive Größe, d. i. einen Grad“ (KrV A 166). Bei
Nach dieser Lesart ist ebenfalls klar, dass ei der ‚Entsprechung‘ handelt es sich hier um ei
ne Empfindung gänzlich a posteriori ist. Die reine ne kausale Beziehung: Die Empfindung ist der
Anschauung a priori ist die Vorstellung der allge subjektive Zustand, den die realen Dinge (äuße
meinen Struktur oder Form unserer Anschauung. re Gegenstände oder unser eigener Geist) in uns
(Wir können daher, wenn wir Geometrie betrei hervorrufen, welche als Dinge in der Welt (bzw.
ben, eine Anschauung vom Raum haben). Es kann als Zustände unseres eigenen empirischen Ichs)
aber keine reine Empfindung a priori geben. Für einen objektiven Status innehaben. Wiederum
Kant ist die Empfindung immer empirisch und gilt, dass eine Empfindung, wenn sie nicht Be
wird a posteriori vom Geist über das rezeptive standteil einer Anschauung oder letztlich einer
Vermögen der Sinnlichkeit aufgenommen. Jede echten Erkenntnis ist, zwar nichts vorstellt oder re
Vorstellung sinnlichen Inhalts hat also notwen präsentiert, gleichwohl aber jenen Gegenständen
digerweise einen empirischen Ursprung: „Emp insofern „entspricht“ (KrV A 166), als sie eine der
findung liegt also außer aller Erkenntnis a priori“ Wirkungen ist, die diese auf den wahrnehmenden
(23:27). Geist ausüben.
Bezeichnenderweise folgt aus diesem letzten Im Kapitel über den → Schematismus scheint
Punkt nicht, dass es keine Gesetze der Empfin Kant davon etwas abzuweichen: Einer Empfin
dung gibt, d. h. Grundsätze a priori im Hinblick dung entspricht nun „die transcendentale Materie
darauf, wie Empfindungen sich für uns darstellen aller Gegenstände als Dinge an sich (die Sachheit,
müssen. In den Antizipationen der Wahrnehmung Realität)“ (KrV A 143 / B 182). Wieder begegnen wir
erklärt Kant, wir könnten a priori wissen, dass hier der These, dass die Empfindung ein subjekti
Empfindungen irgendeinen Grad einer intensiven ver Zustand mit einer intensiven Größe sei, der von
Größe haben und dass der Grad dieser Größe sich einem Gegenstand hervorgerufen wird und somit
stets verringern oder vergrößern lasse. Das hat dessen Realität „entspricht“ (KrV A 143 / B 182).
zur Folge, dass wir keinen leeren Raum oder kein Im Unterschied zu der Stelle in den Antizipatio
Vakuum empfinden und auch keine Empfindung nen der Wahrnehmung scheint Kant hier aber zu
mit einer unendlichen (intensiven) Größe haben meinen, dass dasjenige, das der Empfindung ent
können (vgl. KrV A 172 / B 214). Aber woher genau spricht, die → Dinge an sich seien. Jedoch lässt
wir das Kant zufolge wissen sollen, ist nicht klar – sich das wohlwollend auch so deuten: Die Dinge
schließlich scheint es nach allem, was wir a priori and sich sind einfach der Grund für die Empfin
wissen können, möglich zu sein, dass eine be dungen und liefern in diesem Sinn die ‚Materie‘
stimmte Empfindung so beschaffen ist, dass ihr für die Sinnlichkeit. Das könnte der Fall sein, oh
ein spezifischer Grad wesentlich ist. (Nach allem, ne den Grundsatz zu verletzen, dass wir keine
was wir a priori wissen, könnte es zum Beispiel perzeptive Erkenntnis vom noumenalen Grund
sein, dass wir lediglich eine Lufttemperatur von unserer Erfahrung haben.
genau 29° Celsius empfinden können, vgl. Ben Jedenfalls wissen wir a priori, dass die Emp
nett, Kant’s Analytic, S. 172). Kant ist dagegen der findung irgendwie ihrer Ursache oder ihrem
Auffassung, dass wir a priori über den inneren Grund entspricht, und dass der Grad oder die
Charakter von Empfindungen nicht mehr, aber intensive Größe der Empfindung ebenfalls einem
auch nicht weniger wissen können als dies: „daß Grad der Realität dieses Grundes entspricht. Doch
sie einen Grad haben [. . . ] alles übrige bleibt der der genaue Inhalt und Charakter der Empfindung,
Erfahrung überlassen“ (KrV A 176 / B 218). betrachtet man sie als Materie der Wahrnehmung,
lässt sich wiederum gar nicht antizipieren (vgl. nuel Kant. Kritik der reinen Vernunft, Berlin:
KrV A 167 / B 208). Zusammenfassend sagt Kant Akademie 1998, 247–266.
in den Antizipationen der Wahrnehmung: „Alle McLear, Colin: „Kant on Perceptual Content“,
Empfindungen werden daher, als solche, zwar Mind (im Ersch.).
nur a posteriori gegeben, aber die Eigenschaft der Zinkin, Melissa: „Intensive Magnitudes and the
selben, daß sie einen Grad haben, kann a priori Normatively of Feeling“, in: Kukla, Rebecca
erkannt werden“ (KrV A 176 / B 218). (Hg.): Aesthetics and Cognition in Kant’s Criti
In den moralphilosophischen Schriften rich cal Philosophy, New York: Cambridge Universi
tet Kant sein Augenmerk entsprechend auf die ty Press 2006.
evaluativen Aspekte der Empfindung. Wenn man Andrew Chignell
z. B. bei einem köstlichen Essen eine gewisse Be (Übersetzung: Birger Brinkmeier)
friedigung empfindet, dann ist dieses Essen gut,
wenn auch natürlich nicht intrinsisch gut (vgl.
5:59). Bemerkenswert ist, dass es von dem wich empirisch
tigen Gefühl der → Achtung in der KpV heißt, es ‚Empirisch‘ fungiert als Adjektiv zu Erfahrung.
sei eine Art Empfindung, die ihren eigentlichen Sehr vage kann ‚empirisch‘ also oft durch ‚auf Er
Ursprung in der praktischen Vernunft habe (vgl. fahrung bezogen‘ paraphrasiert werden. Wichtige
5:75; 5:92). Verwendungen sind die zur Kennzeichnung von
In der KU knüpft Kant an solche Überlegun Vorstellungen (→ Begriffen und → Anschauungen)
gen an und definiert etwa das → Angenehme als und für den Gebrauch von Vorstellungen oder
„das, was den Sinnen in der Empfindung gefällt“ Erkenntnisvermögen: Eine Vorstellung ist genau
(5:205). Die wichtigste Rolle der Empfindung in dann empirisch, wenn sie ihren Gehalt zumin
dieser Schrift besteht aber darin anzuzeigen, dass dest teilweise aus → Empfindungen bezieht (vgl.
eine harmonische „Belebung“ (5:219) der beiden KrV A 20 / B 34). Der Gebrauch einer Vorstellung
Vermögen Einbildungskraft und Verstand vor oder eines → Vermögens ist genau dann empirisch,
handen ist. Vorausgesetzt, dass einzelne Emp wenn sie nur auf mögliche Erfahrungsgegenstän
findungen dieser Art die Grundlage für echte Ge de bezogen wird (vgl. KrV A 139 / B 178). Eine sol
schmacksurteile sind, zumindest im Hinblick auf che Beziehung kann auch darin bestehen, a priori
das Schöne, dann müssen sie zur „allgemeine[n] die formalen Bedingungen von Erfahrungsgegen
Mittheilbarkeit“ fähig sein (5:219; vgl. 5:231, 5:291). ständen bereitzustellen. Weitere wichtige Stellen:
Ich kann daher vernünftigerweise erwarten oder KrV A 50f. / B 74f.; KrV A 220 / B 267; KrV A 239 /
sogar verlangen, wenn andere einen vorhande B 298; KrV A 295 / B 351f.; KrV A 696 / B 724; KrV
nen Gegenstand in der richtigen Weise betrachten, A 835f. / B 863f.; KrV A 840f. / B 868f.
dass sie dieselbe Empfindung haben wie ich.
Verwandte Stichworte
Weiterführende Literatur a priori / a posteriori; Erfahrung; rein; empi
Dörflinger, Bernd: „Zum Status der Empfindung risch/rational; Vorstellung, empirische/reine;
als der materialen Bedingung der Erfahrung“, Begriff, empirischer; Bewusstsein, empirisches
in: Funke, Gerhard (Hg.): Akten des Siebenten
Internationalen Kant-Kongresses Bd. II. 1, Bonn Philosophische Funktion
u. a.: Bouvier 1991, 101–117. 1 Empfindung als Kriterium empirischer
Falkenstein, Lorne: „Kant’s Account of Sensation“, Vorstellungen
in: Canadian Journal of Philosophy 20, 1990, Empirische Vorstellungen werden reinen gegen
63–88. übergestellt. Man könnte sie daher dadurch be
Hanna, Robert: „Kant and Nonconceptual Con stimmen, dass sie nicht rein sind. Vorstellungen
tent“, in: European Journal of Philosophy 13, sind genau dann rein, wenn sie keine Empfin
2005, 247–290. dungsgehalte einbeziehen, genau dann empirisch,
Klemme, Heiner F.: „Die Axiome der Anschauung wenn sie solche Gehalte einbeziehen: „Anschau
und die Antizipation der Wahrnehmung“, in: ung und Begriffe machen also die Elemente aller
Mohr, Georg / Willaschek, Marcus (Hg.): Imma unserer Erkenntniß aus, so daß weder Begriffe,
ohne ihnen auf einige Art correspondirende An d. i. durch Erfahrung, möglich sind, entgegen
schauung, noch Anschauung ohne Begriffe ein gesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen
Erkenntniß abgeben können. Beide sind entweder aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches
rein oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung beigemischt ist. So ist z. B. der Satz: eine jede Ver
(die die wirkliche Gegenwart des Gegenstands änderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, al
voraussetzt) darin enthalten ist; rein aber, wenn lein nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist,
der Vorstellung keine Empfindung beigemischt der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann“
ist. Man kann die letztere die Materie der sinn (KrV B 2f.). Erkenntnisse a priori sollen von der
lichen Erkenntniß nennen“ (KrV A 50 / B 74). Es Erfahrung völlig unabhängig sein. Trotzdem kön
gilt daher: „Diejenige Anschauung, welche sich nen sie empirische Gehalte haben. Rein sind sie
durch Empfindung auf den Gegenstand bezieht, nur, wenn sie nichts Empirisches enthalten (vgl.
heißt empirisch“ (KrV A 20 / B 34; → Vorstellung, Cramer, Nicht-reine synthetische Urteile a priori,
empirische/reine). Auch Erkenntnisse können ent S. 13). Das Kriterium einer Erkenntnis a priori ist
sprechend in reine und empirische untergliedert ihre → Notwendigkeit und strenge → Allgemein
werden (→ Erkenntnis, empirische/reine). Eine heit (vgl. KrV B 3; Cramer, Nicht-reine synthetische
korrespondierende Unterscheidung ist die des Urteile a priori)
Empirischen und des → Rationalen. → Rationale Kant unterscheidet von empirischen Erkennt
Erkenntnisse sind reine und umgekehrt (vgl. KrV nissen die Erkenntnis des Empirischen überhaupt
A 835f. / B 863f.; KrV A 840f. / B 868f.). (vgl. KrV A 217). Diese ist eine Erkenntnis a priori
Bei der Interpretation dieses Kriteriums des von Bedingungen der Erfahrung.
Enthaltenseins von Empfindungen ist zu beden
ken, dass Kant nicht ausschließen will, dass das 2 Beschränkung von Erkenntnisansprüchen auf
Erkennen gewöhnlich mit Empfindungen anhebt, Erfahrung
so dass diese immer irgendeine Rolle beim Erwerb Auch Vermögen können rein sein, wie der Titel der
auch von reinen Vorstellungen spielen (vgl. KrV KrV zeigt. Vermögen sind insoweit rein, als sie zur
B 1). Daher muss geklärt werden, wie das Kriteri Bildung von → reinen Vorstellungen gebraucht
um mit der Nebenbedingung vereinbart werden werden können. Der Gebrauch von Vermögen ist
kann, dass für das Unterhalten jeder beliebigen empirisch im Gegensatz zu → transzendental im
Vorstellung Empfindungen notwendig sind. Eine Sinne des Versuchs einer Erkenntnis von → Ge
Lösung dieser Problematik bietet die Annahme genständen überhaupt genau dann, wenn er sich
von Empfindungsgehalten, welche die Materie der auf mögliche Gegenstände einer sinnlichen → An
sinnlichen Erkenntnis ausmachen. Diese Gehal schauung beschränkt.
te können Vorstellungen nur haben, wenn Emp Empirischen Vorstellungen oder dem empi
findungen mit entsprechenden Gehalten voraus rischen Gebrauch von Vorstellungen stehen tran
gegangen sind. Nur dann, wenn die Vorstellung szendente oder transzendentale Vorstellungen
Empfindungsgehalte einbezieht, ist sie empirisch, oder Gebrauchsweisen gegenüber, die eine Über
in jedem anderen Fall rein. Im Bereich der prakti schreitung des Bereichs möglicher Gegenstände
schen Philosophie wird zwischen rationalen und der Erfahrung oder ihrer formalen Bedingungen
empirischen, nur subjektiven Bestimmungsgrün durch Ansprüche auf eine Erkenntnis von Gegen
den des → Willens und entsprechenden Begrün ständen überhaupt enthalten (vgl. KrV A 295f. /
dungsprinzipien unterschieden (vgl. 5:39). Auch B 352f.). Kant will klären, ob die „reine Verstan
hier ist das Kriterium, ob die jeweiligen Vorstel desbegriffe von bloß empirischem oder auch von
lungen Empfindung einbeziehen. transscendentalem Gebrauche sind, d. i. ob sie
Kant stellt empirische Vorstellungen und Er lediglich, als Bedingungen einer möglichen Er
kenntnisse solchen a priori gegenüber: „Wir wer fahrung, sich a priori auf Erscheinungen bezie
den also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori hen, oder ob sie als Bedingungen der Möglichkeit
nicht solche verstehen, die von dieser oder jener, der Dinge überhaupt auf Gegenstände an sich
sondern die schlechterdings von aller Erfahrung selbst (ohne einige Restriction auf unsre Sinn
unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische lichkeit) erstreckt werden können“ (KrV A 139 /
Erkenntnisse oder solche, die nur a posteriori, B 178). Das Ergebnis ist, dass nur der empirische
Gebrauch Erkenntnis ermöglicht, Ansprüche auf res ist durch → Spontaneität, letzteres durch Re
Erkenntnis von Gegenständen rechtfertigt, gleich zeptivität gekennzeichnet. Dieser Unterscheidung
gültig, ob es sich um reine oder empirische Be entspricht eine weitere innerhalb der Produkte
griffe handelt (vgl. KrV A 220 / B 267; KrV A 239 / dieser Erkenntnisvermögen: des Rationalen und
B 298). Manchmal lässt Kant es zweifelhaft schei des Empirischen. „Ich verstehe hier aber unter
nen, ob überhaupt ein anderer Gebrauch als der Vernunft das ganze obere Erkenntnißvermögen,
empirische möglich ist (vgl. KrV A 696 / B 724; KrV und setze also das Rationale dem Empirischen ent
B 304; Strawson, Grenzen, S. 13; vgl. aber KrV gehen“ (KrV A 835 / B 863). Ersteres wird nur dem
A 289 / B 345f.). oberen, letzteres auch dem unteren Erkenntnis
vermögen zugeordnet. Die Unterscheidung kann
Weiterführende Literatur durch die des Reinen und des Empirischen erläu
Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urteile tert werden: „Alle Philosophie aber ist entweder
a priori. Ein Problem der Transzendentalphi Erkenntniß aus reiner Vernunft, oder Vernunfter
losophie Immanuel Kants, Heidelberg: Winter kenntniß aus empirischen Principien. Die erstere
1985. heißt reine, die zweite empirische Philosophie“
Paton, Herbert James: Kant’s Metaphysic of Expe (KrV A 840 / B 868). Erkenntnisse sind „Empirisch,
rience, London: Allen & Unwin 1936. wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart
Sellars, Wilfrid: Science and Metaphysics. Varia des Gegenstands voraussetzt) darin enthalten ist;
tions on Kantian Themes, London: Routledge rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung
and Kegan Paul 1967. beigemischt ist“ (KrV A 50 / B 74). Empirisch sind
Sellars, Wilfrid: „Some Remarks on Kant’s Theory → Vorstellungen, deren Gehalt durch → Empfin
of Experience“, in: Journal of Philosophy 64, dungen mit bestimmt wird, und die daher nicht
1967, 633–647. erworben werden können, ohne Empfindungen
Strawson, Peter F.: Die Grenzen des Sinns. Ein mit bestimmten Inhalten zu haben. Rational sind
Kommentar zu Kants „Kritik der reinen Ver solche, deren Inhalt nicht durch Empfindungen
nunft“, übersetzt von Lange, Ernst Michael, mit bestimmt wird, auch wenn sie erst auf Veran
Frankfurt: Hain 1992. lassung durch Empfindungen gebildet werden.
Daniel Dohrn Kant unterscheidet zugleich zwischen ratio
nalen und historischen Erkenntnissen (vgl. KrV
A 836 / B 864). Auch diese Unterscheidung lässt
empirisch/rational sich durch die von spontanem und rezeptivem
Kant stellt dem Empirischen das Rationale gegen oder passivem Gebrauch der Erkenntnisvermögen
über. Empirisch sind Erkenntnisse, die Empfin erläutern. Historische Erkenntnisse sind solche,
dungsmaterial einbeziehen, rational solche aus die nicht durch eigenen spontanen Vernunftge
reiner Vernunft, die kein Empfindungsmaterial brauch erworben, sondern dem Subjekt gegeben
einbeziehen. Wichtige Stellen: KrV A 50f. / B 74f.; sind. Zu ihnen zählen die empirischen, weil sie zu
KrV A 835f. / B 863f.; 5:39; 9:22. mindest teilweise nicht durch eigenen spontanen
Vernunftgebrauch, sondern durch sinnliche Affi
Verwandte Stichworte zierung der Rezeptivität zustande kommen, aber
empirisch; rein; Erkenntnis, historische; Er auch solche, die rational sind, wenn sie durch ei
kenntnis, rationale genen Vernunftgebrauch erworben würden, aber
nur historisch, wenn sie von anderen übernom
Philosophische Funktion men werden.
Kant entwickelt ein System der → Erkenntnisver Kant gründet seine praktische Philosophie
mögen, das gemäß dem Begriff ihrer natürlichen auf eine Untersuchung des → Freiheitsbegriffs. Der
Funktion organisiert wird, den die → Vernunft lie Freiheitsbegriff ist empirisch nicht zu belegen. Er
fert. Die Hauptunterscheidung innerhalb dieses muss daher Gegenstand einer rationalen Kritik
Systems betrifft die zwei → Stämme der → Erkennt der reinen praktischen Vernunft, nicht mehr nur
nis, das gesamte diskursive oder obere und das der theoretischen Vernunft sein (vgl. 5:7f.). Empi
sinnliche oder untere Erkenntnisvermögen. Erste rische werden von rationalen, aus der Vernunft
entspringenden Bestimmungsgründen des → Wil kenntnisse gibt, die sich nicht vollständig aus der
lens unterschieden. Empirische sind nur subjek Erfahrung ableiten lassen. Der Empirismus wird
tiv, rationale objektiv. Mit letzteren wird intersub philosophiehistorisch mit → Epikur, → Aristoteles
jektive Geltung beansprucht, wie sie moralische und → John Locke verbunden. Allerdings sei nur
Grundsätze erfordern. Sie können grundsätzlich Epikur konsequent gewesen, keine Erkenntnis
entweder formal oder material sein. Im ersten Fall, ansprüche zuzulassen, die sich nicht aus Sinnes
dem des kantischen Sittengesetzes, bedürfen sie wahrnehmungen ableiten ließen (vgl. KrV A 854 /
einer empirischen Materie (vgl. 5:39–41). B 882). So kritisiert Kant, dass Locke, „nachdem
er alle Begriffe und Grundsätze von der Erfahrung
Weiterführende Literatur abgeleitet hatte, so weit im Gebrauch derselben
Carl, Wolfgang: Die transzendentale Deduktion geht, daß er behauptet, man könne das Dasein
der Kategorien in der ersten Auflage der Kritik Gottes und die Unsterblichkeit der Seele (obzwar
der reinen Vernunft, Frankfurt: Vittorio Klos beide Gegenstände ganz außer den Grenzen mög
termann 1992. licher Erfahrung liegen) eben so evident beweisen,
Engfer, Hans-Jürgen: Empirismus versus Rationa als irgend einen mathematischen Lehrsatz“ (KrV
lismus. Kritik eines philosophiegeschichtlichen A 854f. / B 882f.).
Schemas, Paderborn u. a.: Schöningh 1996. An Lockes Empirismus kritisiert Kant weiter
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge, die Beschränkung auf eine bloß psychologische
Cambridge u. a.: Cambridge University Press Erklärung der Genese von Begriffen und Erkennt
1978. nissen (im Gegensatz zu einer → transzendentalen
Daniel Dohrn Deduktion, vgl. KrV A 86f. / B 118f.). Allgemein kri
tisiert Kant auch, dass der Empirismus zu einem
Skeptizismus führt, was die Möglichkeit → mathe
Empirismus matischer Erkenntnisse angeht (vgl. 5:52).
Die verschiedenen Formen des Empirismus ver Kant kritisiert weiter, dass der Empirismus
bindet die Auffassung, dass alle Erkenntnisse aus im Bereich → praktischer Erkenntnis zu einem un
der Sinneserfahrung stammen und Überlegun angemessenen Verständnis der Möglichkeit eines
gen a priori die Erkenntnistätigkeit nicht beför freien Handelns gelangt, das er auf empirische
dern, sondern einschränken. Wichtige Stellen: Ursachen zurückführt (vgl. 5:94).
KrV A 465–471 / B 493–499; KrV A 854f. / B 882f.;
5:52; 5:94. 2 Empirismus hinsichtlich der kosmologischen
Vernunftideen
Verwandte Stichworte Der Empirismus ist auch eine philosophische Po
empirisch; Erfahrung; Rationalismus; Locke, sition mit Blick auf die kosmologischen Vernunft
John ideen. Diese Position ist mit der empiristischen
hinsichtlich des Ursprungs von → Erkenntnissen
Philosophische Funktion vereinbar, folgt aber nicht daraus. Beide empiris
1 Empirismus hinsichtlich des Ursprungs von tischen Positionen sind daher unabhängig von
Vernunfterkenntnissen einander. Eine allgemeine empiristische Tendenz
Der Empirismus ist eine philosophische Position, liegt den jeweiligen Antithesen innerhalb der Ver
die sich mit dem Ursprung von Erkenntnissen be nunftantinomien zugrunde, wie den Thesen ein
schäftigt, die in Wahrheit reine Vernunfterkennt → Dogmatismus (vgl. KrV A 465f. / B 493f.). Jene
nisse sind. Die Frage ist „ob sie aus der Erfah Antithesen beinhalten die Leugnung eines Welt
rung abgeleitet, oder unabhängig von ihr in der endes oder einer Weltbegrenzung, des → Einfa
Vernunft ihre Quelle haben“ (KrV A 854 / B 882). chen, der → Freiheit, einer Weltursache. Sie haben
Solche Erkenntnisse müssen sich gemäß dem Em gemeinsam, dass es nichts in der Welt oder jen
pirismus vollständig aus der Erfahrung ableiten seits ihrer gibt, das sich von dem, was durch Sin
lassen, die auf → Empfindung beziehungsweise neswahrnehmung beobachtet werden kann, kate
Sinneswahrnehmungen beruht. Die Gegenpositi gorial unterschiede. Dieses Beobachtbare wird auf
on ist der Noologismus, nach dem es Vernunfter eine → Totalität ausgedehnt. Die Antithesen wer
zwar unbestimmte) Prinzip der systematischen der Unendlichkeit entgegengesetzt, dem zufolge
Einheit des regulativen, empirischen Gebrauchs „die successive Synthesis der Einheit in Durch
der Vernunft (vgl. KrV A 680 / B 708). Erst der „Ver messung eines Quantums niemals vollendet sein
nunftbegriff von Gott“ (KrV A 685 / B 713) als einer kann“ (KrV A 432 / B 460). Etwas ist in qualitativer
intelligenten Weltursache vermittelt in dieser Hin Hinsicht endlich, wenn es (anders als ein mög
sicht die höchste und zweckmäßige Einheit aller liches ens realissimum, also → Gott) nicht durch
Dinge, „als ob“ (KrV A 685 / B 713) sie aus dessen die Gesamtheit aller (transzendental) positiven
Absicht stammte. In ihrem transzendentalen Ge Prädikate gekennzeichnet ist (vgl. KrV A 574ff. /
brauch betrifft die Endabsicht der Vernunft „drei B 602ff.), sondern durch Einschränkungen, Man
Gegenstände: die Freiheit des Willens, die Un gel und Negationen. Alle Dinge außer Gott sind
sterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes“ in diesem Sinne endlich. Weitere wichtige Stel
(KrV A 798 / B 826). len: KrV B 72; KrV A 486f. / B 514f.; KrV A 517ff. /
In der KU wird der Gedanke aus der KrV wie B 545ff.; 5:76.
der aufgenommen, dass die Ideen den Verstand
„nach einem Princip der Vollständigkeit“ anlei Verwandte Stichworte
ten und damit „die Endabsicht alles Erkenntnis Unendlich(keit); Sinnlichkeit; Triebfeder
ses“ fördern (5:168). Dabei kann uns weder die
Natur noch die Naturerkenntnis etwas Bestimm Philosophische Funktion
tes über die Endabsicht eines Urheberverstandes Endlichkeit in quantitativer Hinsicht diskutiert
mitteilen (vgl. 5:440f.). Gottes Endabsicht in der Kant vor allem im Kontext der ersten beiden An
Welt ist moralisch, aber sie ist uns unerklärlich tinomien in der Transzendentalen Dialektik der
(vgl. 8:264). Mittel „jeder Endabsicht“ in der Natur KrV. In der ersten Antinomie geht es um die Frage,
ist der Mechanismus (5:415; → Mittel). Die Kul ob die → Welt in räumlicher und zeitlicher Hin
tur der „Geschicklichkeit“ als Zweck und Endab sicht endlich oder unendlich ist (vgl. KrV A 426ff. /
sicht der Natur wird nur unter der „formale[n] B 454ff.), in der zweiten Antinomie um die Frage,
Bedingung“ der Verfassung einer „bürgerliche[n] ob Dinge in Raum und Zeit aus endlich oder un
Gesellschaft“ erreicht (5:432). Die Idee einer Welt endlich vielen Teilen bestehen (vgl. KrV A 434ff. /
geschichte mit dem Ziel einer vollkommenen bür B 462ff.). Kants Auflösung der Antinomie beruht
gerlichen Vereinigung beruht auf der Annahme, darauf, dass raumzeitliche Gegenstände keine
„daß die Natur selbst im Spiele der menschlichen Dinge an sich sind, sondern Erscheinungen. Die
Freiheit nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre“ Welt in Raum und Zeit ist daher weder endlich
(8:29). noch unendlich; und empirische Gegenstände
In der Religion besteht die Endabsicht im Tun bestehen weder aus endlich noch aus unendlich
(vgl. 7:41f.), nämlich darin, „Gott wohlgefällig zu vielen Teilen (→ Unendlich(keit)). Allerdings sind
werden“ (7:44) bzw. „die Menschen moralisch zu einzelne empirische Gegenstände wie ein Stein,
bessern“ (7:52). Bezüglich der Theologie wird die ein Buch oder ein Mensch in räumlicher und zeit
Frage erhoben, ob der Begriff des Gegenstandes licher Hinsicht endlich (d. h. sie sind in räumliche
der Religion und damit der moralisch praktische Grenzen eingeschlossen und haben einen Anfang
Gebrauch der Vernunft einer objektiven oder einer und ein Ende in der Zeit).
bloß subjektiven Endabsicht unterliege (vgl. 5:479; Menschen sind darüber hinaus in qualitati
5:482; 5:485; 6:154 Anm.). ver Hinsicht endlich (d. h. unvollkommen), wes
Werner Euler
halb Kant sie wiederholt als „endliche Wesen“
charakterisiert und sie Gott, als unendlichem We
Endlich(keit) sen, gegenüberstellt (5:32). Die Endlichkeit des
Etwas kann in quantitativer oder in qualitativer Menschen spielt in Kants Philosophie in zwei
Hinsicht endlich sein. Quantitative Endlichkeit erlei Hinsicht eine fundamentale Rolle. Erstens
besteht darin, dass es prinzipiell möglich ist, ei sind Menschen als denkende und erkennende
ne Menge von Teilen oder eine Folge von Einhei Wesen, d. h. mit Blick auf ihr theoretisches Er
ten einzeln und nacheinander vollständig durch kenntnisvermögen, endlich, was sich zum einen
zugehen. Sie ist dem (transzendentalen) Begriff in der Sinnlichkeit ihrer → Anschauung (vgl. KrV
nicht zu ihrer Daseinsbegründung als Zwecke der lität in der Natur objektiv nicht beweisen, und
Natur nach dem Prinzip der Endursachen (vgl. sie kann auch nicht als Erklärungsprinzip Einzug
5:377). Aber das äußere Verhältnis der Gattungen in die Naturwissenschaft halten (vgl. 5:390f.). Da
der Naturwesen kann als ein nach dem Prinzip das Prinzip der Endursachen ein Prinzip a prio
der Endursachen geordnetes System betrachtet ri ist, das der teleologischen Naturbeurteilung
werden, obwohl diese Betrachtungsweise der Er zugrunde liegt, muss es zur „Methode“ der Natur
fahrung zu widersprechen scheint (vgl. 5:427). beurteilung gehören und in einer Methodenlehre
Unter der Voraussetzung, dass der Mensch als verankert sein. Eine solche hat damit „wenigstens
moralisches Wesen Endzweck der Schöpfung ist, negativen Einfluß auf das Verfahren in der theo
muss sogar die Welt im Ganzen als „System von retischen Naturwissenschaft und auch auf das
Endursachen“ angesehen werden (5:444). Schließ Verhältniß, welches diese in der Metaphysik zur
lich setzt die Geltung einer „reine[n] praktischen Theologie als Propädeutik derselben haben kann“
Teleologie“ zur Verwirklichung ihrer Zwecke in (5:417). Wird das Prinzip der Endursachen nicht
der Welt die Existenz von Endursachen der Natur als eine bloß subjektive Bedingung der Naturbe
als Ermöglichungsbedingung voraus (8:182f.). Im urteilung angenommen, sondern als objektives
Gesamtaufbau der Natur als eines → Systems der Erklärungsprinzip der Möglichkeit von Naturer
Erfahrung ist das Prinzip der Endursachen dem zeugnissen, dann entsteht ein dogmatischer und
Pendant der physischen Ursachen nebengeordnet, unentscheidbarer Streit zwischen einem Idealis
und beide stehen unter dem gemeinschaftlichen mus und einem Realismus der Endursachen (vgl.
Prinzip des übersinnlichen Substrats (→ Substrat 5:391f.; 5:397; 5:439f.).
der Natur, übersinnliches (intelligibles)) als dem Werner Euler
Grund der Einheit der Natur (vgl. 5:413). Dieser
Einheitsgrund wird wiederum so beurteilt, dass
ein höchster Intellekt eine Verknüpfung der bei Endzweck
den Beurteilungsprinzipien nach Endursachen zu Als Endzweck bezeichnet Kant einen einzigen
einer „Endabsicht“ (5:415) in der Natur (→ Endab höchsten unbedingten Zweck, d. i. einen Zweck,
sicht) vornimmt (vgl. 5:414f.). der nur für sich steht und bloß durch sich
Mit dem Prinzip der Endursachen, das nur selbst begründet ist (vgl. 5:434f.; 5:443; 5:448).
eine regulative, keine konstitutive Funktion hat Er schließt die aufsteigende Reihe der einan
und daher auch nur als ein subjektives Prinzip der übergeordneten Mittel und Zwecke ab. Ein
oder „Maxime“ in der → Reflexion der Urteilskraft solcher Zweck ist nur der Mensch unter morali
Anwendung findet (5:387, 5:389; vgl. 5:408; 5:429: schen Gesetzen (vgl. KrV B 425; KrV A 840 / B 868;
„Vorstellungsart“), wird einerseits die Naturkun 5:448f.). Weitere wichtige Stellen: KrV B 425; KrV
de erweitert, andererseits ein „Leitfaden“ für die A 840 / B 868; 5:129; 5:195–197; 5:378; 5:426; 5:431;
reflektierende → Urteilskraft gegeben, Naturdinge 5:434–437; 5:441–450; 5:460; 5:463; 5:469–471;
„nach einer neuen gesetzlichen Ordnung zu be 6:5–8; 6:183; 6:355; 6:405; 6:441; 7:35; 7:192; 7:280
trachten“ (5:379) und dies ohne das Prinzip des Anm.; 7:327; 8:250; 8:279; 8:331; 8:333–337; 8:397;
Mechanismus außer Kraft zu setzen (vgl. 5:389) 8:417–419; 8:441; 9:87; 9:468.
oder es zu beeinträchtigen (vgl. 5:388). Das Prinzip
der Endursachen ist ein „Gesetz“ der Kausalität Verwandte Stichworte
(5:387), aber das als „eine bloße Idee“ (5:389). Na Endabsicht; Naturzweck; Zweck
turerzeugnisse werden demnach von uns nur als
Endursachen „gedacht“ (5:380), d. h. das Prinzip Philosophische Funktion
der Endursachen wird der Beurteilung (in Konkur 1 Endzweck der Natur, subjektiver Endzweck
renz zur mechanischen Hervorbringung) zugleich Nach einer allgemeinen Definition zu Beginn des
als ein Erzeugungsprinzip der Natur zugrunde § 84 der KU bestimmt Kant den Begriff des End
gelegt (vgl. 5:429). Das trifft aber nur auf eine aus zwecks als denjenigen „Zweck, der keines andern
gezeichnete Klasse von Naturdingen zu, nämlich als Bedingung seiner Möglichkeit bedarf“ (5:434;
die der → Organismen (vgl. 5:389). Darüber hinaus vgl. 5:449). In Bezug auf die teleologische Erfah
lässt sich die Denkweise endursächlicher Kausa rung der empirischen Natur behauptet er in § 67
der KU, man benötige die „Erkenntniß des End Endzweck, dass er sich selbst im Gebrauch seiner
zwecks (scopus) der Natur“ (5:378), um ein Na Freiheit dazu macht. Die Tugendlehre besteht im
turprodukt über die Beurteilung als Naturzweck Unterschied zur Religion laut Kant „durch sich
hinaus auch seinem Dasein nach für einen Zweck selbst (selbst ohne den Begriff von Gott)“ (6:183).
der Natur zu halten. Damit wird aber dann auch Der uns durch das moralische Gesetz allerdings
die Grenze der teleologischen Naturerkenntnis damit auch aufgegebene Endzweck hat zwei Vor
überschritten, weil er eine Beziehung der Natur aussetzungen: erstens die subjektive Bedingung
auf ein Übersinnliches impliziert (vgl. 5:378). Er der (eigenen) Glückseligkeit (d. i. „subjective[r]
kenntnis des Endzwecks der Natur ist also ebenso Endzweck“, 6:6 Anm.), zweitens die „objective[]
unmöglich wie die Erkenntnis von Naturzwecken Bedingung der Einstimmung des Menschen mit
dem Dasein nach. In der gesamten Natur gibt dem Gesetze der Sittlichkeit, als der Würdigkeit
es kein Wesen, das Endzweck (der Schöpfung) glücklich zu sein“ (5:450; vgl. 5:471).
wäre; es kann allenfalls „letzter Zweck“ für sie Der „letzte Zweck“ (5:431) der Natur ist der
sein (5:426; 5:431; 5:436 Anm.). Da aber seine Exis Mensch als Naturwesen. Es ist damit die Vorstel
tenz auch nicht anders gedacht werden kann, als lung verbunden, dass er (und für ihn die „Cul
dass das Naturding den Grund seiner Kausali tur“, 5:431) der höchste, aber immer noch beding
tät seiner inneren Möglichkeit nach nur in sich te Zweck der Natur ist, d. h. dass er in der Kette
selbst haben kann, so muss es doch zugleich als der kausalen Verknüpfung von natürlichen Mit
Endzweck gedacht werden können (vgl. 5:426). teln und Zwecken die erste Stelle einnimmt. Zu
D. h. für die Beurteilung eines Naturproduktes seiner bevorzugten Stellung als letztem Zweck
seiner Form nach (als Naturzwecks) ist es unum gehört aber die Besonderheit, dass er das Ver
gänglich, für dasselbe wenigstens hypothetisch mögen in sich trägt, sich selbst und der Natur
(als Idee von einem objektiven Grund) einen End eine naturunabhängige Zweckmäßigkeit zu ge
zweck anzunehmen (vgl. 5:435). Da es also einen ben (vgl. 5:431), so dass die Natur ihn vorbereitet,
Endzweck geben muss, dieser aber in der Natur sich im moralisch-praktischen Leben aufgrund
nicht vorkommen kann, so muss er „außer“ der seiner „Naturanlagen“ durch seine eigene Tätig
Natur liegen (5:431; 5:435), als das Unbedingte keit zum Endzweck entwickeln zu können (5:432).
zu allen natürlichen Bedingungen (vgl. 5:443). Endzweck der Schöpfung ist also der Mensch,
Der Endzweck ist dann auch anzusehen als „der denn nur in ihm „als Subjecte der Moralität ist
Bestimmungsgrund eines höchsten Verstandes die unbedingte Gesetzgebung in Ansehung der
zu Hervorbringung der Weltwesen“ (5:443). Und Zwecke anzutreffen, welche ihn also allein fähig
dieser höchste Verstand verweist auf eine „ver macht ein Endzweck zu sein, dem die ganze Na
ständige[] Weltursache“ (5:446), die nach dem tur teleologisch untergeordnet ist“ (5:435f.; vgl.
Endzweck handelt (d. h. unter der Perspektive des 5:442f.). Der Mensch wird also dadurch erst „wür
Menschen unter moralischen Gesetzen; vgl. 5:470; dig“, „Endzweck einer Schöpfung zu sein“, dass
8:250). In § 87 der KU führt Kant den Beweis, dass er gemäß der Verpflichtung durch das moralische
die Annahme eines „moralischen Welturheber[s]“ Gesetz den „höchste[n] Endzweck“ zu bewirken
(5:453) notwendig ist, damit wir uns einen End trachtet (5:469; vgl. 6:7f. Anm.). In praktischer
zweck („das höchste durch Freiheit mögliche Gut Hinsicht ist das eine Idee, die objektive Realität
in der Welt“, 5:450; vgl. 8:279 Anm., 8:336, 8:418) hat (vgl. 5:469).
selbst zur Absicht machen können, zu dem uns
das moralische Gesetz allein, ohne Rücksicht auf 2 Endzweck der Freiheit, objektiver Endzweck
andere Zwecke, verbindlich macht, d. h. verpflich Der Endzweck ist eine Wirkung des Freiheitsbe
tet (vgl. 5:450; 5:447; 5:460; 5:463; 5:470). Nicht griffs (vgl. 5:195f.). Er wird durch die praktische
der Endzweck, sondern das moralische Gesetz ist Vernunft bestimmt (vgl. 5:197; 5:441). Seiner Er
hier der Verpflichtungsgrund (vgl. 5:471 Anm.). scheinung nach (im Menschen) soll er in der Na
Aber sofern der Endzweck erreichbar ist, ist er zu tur existieren. Er kann nur in der Natur wirklich
gleich Pflicht (vgl. 8:418). Damit ist der Mensch als werden. Deshalb muss die Bedingung seiner Mög
Endzweck nicht einfach durch einen Schöpfergott lichkeit auch in der Natur „vorausgesetzt“ wer
in die Welt gesetzt, sondern er wird nur dadurch den (5:196). Nach der Art, wie der Mensch „in der
Freiheit seines Begehrungsvermögens handelt“ und soll“ (6:6). Er ist der Endzweck aller Dinge,
(dem guten Willen nach), verleiht er selbst sei in dem der subjektive Endzweck der Natur und
nem Dasein einen absoluten Wert und bestimmt der objektive Endzweck der Sittlichkeit vereinigt
den Endzweck des Daseins der Welt (5:443; vgl. sind. Andererseits wird die Religionslehre wie
5:477). der zu einem bloßen „Mittel“ und einer „ergän
Es gehört zur Eigentümlichkeit moralischer zende[n] Ursache“ des Strebens nach dem mo
Gesetze, einen unbedingten Zweck, d. i. End ralischen Endzweck gemacht (6:183). Dass alle
zweck, zur Vernunftvorschrift zu erheben. Die menschlichen Handlungen „zum Endzweck aller
Existenz einer Vernunft, „die in der Zweckbezie Dinge zusammenstimmen“ ist schon im katego
hung ihr selbst das oberste Gesetz sein kann“, rischen Imperativ mit enthalten (8:397 Anm.; vgl.
d. h. „die Existenz vernünftiger Wesen unter mo 8:418).
ralischen Gesetzen“, wird als Endzweck vom Da
sein der Welt gedacht; und damit werden die 4 Andere Kontexte
Schranken menschlicher Einsicht nicht über Der Endzweck ist ein unendliches Fortschreiten
schritten (5:449f.). Endzweck des praktischen Ge zum Besseren, nicht das Erreichen eines zeitlich
brauchs unserer Erkenntnis ist die Sittlichkeit (vgl. vorstellbaren Endzustandes (vgl. 8:331; 8:333–335).
9:87). Endzweck in der MSR ist der ewige Frieden (vgl.
6:355; 8:361). Weitere Bezüge sind die bürgerliche
3 Endzweck aller Dinge, Einheit des subjektiven Verfassung als höchster Grad der Entwicklung
und des objektiven Endzwecks der Menschheit zu ihrem Endzweck (vgl. 7:327),
Mit Hilfe des Endzwecks der reinen praktischen der „intellectuelle Sinn“ aller Religionen (7:192)
Vernunft und des höchsten Guts führt das mo und der Endzweck „alles Wissens“ in der Philo
ralische Gesetz zur Religion (vgl. 5:129). In der sophie (7:280 Anm.). Philosophie ist Endzweck
Idee des höchsten Gutes sollen die Zwecke der der menschlichen Vernunft (8:441). ‚Der Streit
Pflicht, d. h. die Zweckmäßigkeit aus Freiheit, der Fakultäten‘ ist auf einen „gemeinschaftlichen
und der Glückseligkeit, d. h. die Zweckmäßigkeit Endzweck“ hin ausgerichtet (7:35); selbst das Kin
der Natur, die beide selbst als relative, subjektive derspiel soll mit einem Endzweck abgestimmt sein
bzw. objektive Endzwecke gedacht werden, mit (vgl. 9:468).
einander verbunden werden. Dieses setzt aber Abschließend ist auf die Entdeckung eines
wiederum die Idee von einem höchsten Wesen, inhaltlich bedeutenden, von Kant eigenhändig,
als dem „Endzweck aller Dinge“ (dem Vereini beidseitig beschriebenen Zettels hinzuweisen,
gungspunkt aller Zwecke) als Bedingung voraus dessen Text den Begriff Endzweck erläutert (sog.
(6:5), der aus der Moral hervorgeht und insofern Ulex-Blatt; vgl. Stark, Moraltheologie und Cosmo
ein von Menschen gemachter Begriff ist, ohne logischer Beweis).
den die Idee der Einheit aller Zwecke aber kei
ne „objectiv praktische Realität“ hätte (6:5). Zu Weiterführende Literatur
gleich behauptet Kant aber in Religion, die Idee Höffe, Otfried: „Der Mensch als Endzweck
des höchsten Gutes (als „moralischen Endzwecks (§§ 82–84)“, in: Höffe, Otfried (Hg.): Immanuel
der Vernunft“, 6:7 Anm.) sei zwar eine notwendige Kant. Kritik der Urteilskraft, Berlin: Akademie
Folge der Pflichten, in den moralischen Gesetzen 2008, 289–308.
analytisch aber „nicht enthalten“ (6:7 Anm.), so Langthaler, Rudolf: Kants Ethik als „System der
dass sich in diesem die praktische Vernunft über Zwecke“. Perspektiven einer modifizierten Idee
das moralische Gesetz hinaus noch einmal „er der „moralischen Teleologie“ und Ethikotheo
weitert“ (6:7 Anm.). In letzter Konsequenz (für die logie, Berlin u. a.: de Gruyter 1991.
Religion) ist deshalb die „Idee eines machtha Stark, Werner: „Moraltheologie und Cosmologi
benden moralischen Gesetzgebers außer dem scher Beweis. Hinweise und Überlegungen zu
Menschen“ (6:6) bestimmend für den Endzweck. einer übersehenen Reflexion von Immanuel
Aus dem göttlichen Willen geht der Endzweck Kant“ (Manuskript eines Vortrages in Tiraden
der Weltschöpfung hervor, der identisch mit dem tes, Brasilien, 2013).
ist, was „der Endzweck des Menschen sein kann Werner Euler
schäftigungen zu treten, der unter den wenigen, Grundsatz der durchgängigen Bestimmung führt
die, bey dem überhandnehmenden Verfall des auf die Vorstellung des Inbegriffs aller Prädikate
guten Geschmaks, durch ächte Muster der Sprach der Dinge überhaupt. Durch Aussonderung in
reinigkeit, der Naivetät und der Laune die Ehre kompatibler und abgeleiteter Prädikate (vgl. KrV
Deutschlands noch zu erhalten suchen, sich so A 573f. / B 601f.) gelangt man somit zur Vorstel
vorteilhaft auszeichnet“ (10:255f.). Unter Verzicht lung des Inbegriffs aller im ontologischen Sinn
auf ein Honorar gab Kant ihm Anfang 1778 deshalb positiven Prädikate oder Realitäten und schließ
seine Abhandlung über die Menschenrassen in lich zur Vorstellung eines Wesens, dem alle diese
erweiterter Gestalt zur Veröffentlichung und stell Realitäten zukommen. Dem ens realissimum kom
te ihm deren Fortsetzung in Aussicht (vgl. 10:255). men nicht nur alle diese Realitäten, sondern die
Aufgrund drängender Arbeiten kam Kant jedoch gradierbaren der Realitäten darüber hinaus ohne
erst 1785 zu dieser Fortsetzung, die nicht im Der Limitationen zu (vgl. 28:1016ff.). Dieses ens rea
Philosoph für die Welt, sondern in der → Berlini lissimum oder allerrealste Wesen enthält deshalb
schen Monatsschrift gedruckt wurde. In Kants „gleichsam den gesamten Vorrath des Stoffes, da
Büchernachlass befand sich Engels Titel Moses her alle mögliche Prädicate der Dinge genommen
Mendelssohn an die Freunde Lessings (1786). werden können“ (KrV A 575 / B 603). Entsprechend
Bianca Patricia Pick können alle von ihm verschiedenen Dinge im Sin
ne einer Einschränkung des Begriffs der höchs
ten Realität verstanden werden. „Daher wird der
ens realissimum bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand ih
Das ens realissimum oder ‚allerrealste Wesen‘ ist res Ideals auch das Urwesen (ens originarium),
ein → Wesen, dem das „All der Realität (omni so fern es keines über sich hat, das höchste We
tudo realitatis)“ (KrV A 575f. / B 603f.) zukommt sen (ens summum), und sofern alles, als bedingt,
und das, im Unterschied zu allen anderen En unter ihm steht, das Wesen aller Wesen (ens ent
titäten, durch seinen Begriff durchgängig be ium) genannt“ (KrV A 578f. / B 606f.). Insofern der
stimmt ist. Durchgängig bestimmt sein heißt hier, singuläre Begriff eines ens realissimum als Maxi
dass diesem Wesen von allen Paaren kontradik malbegriff eine Idee ist, ist sein Gegenstand ein
torisch entgegengesetzter (primitiver und kom → Ideal. Da das ens realissimum als Grundlage der
patibler) → Prädikate das jeweils im ontologi vollständigen Bestimmung einzelner Gegenstän
schen Sinn positive oder bejahende Prädikat und de fungiert, hat es als Ideal in dieser Hinsicht
somit eine Realität zukommt. Das ens realissi eine transzendentale Funktion, und obwohl diese
mum fungiert insofern als „transscendentales Ide Funktion ohne die Annahme seiner wirklichen
al“ (KrV A 576 / B 604). Weitere wichtige Stellen: Existenz erfüllt werden kann, kommt es in Fol
KrV A 605f. / B 633f.; KrV A 608 / B 636; KrV A 631 / ge der Verwechslung von Erfahrungsbedingun
B 659; 8:399ff. Anm.; 28:1013–1047. gen und ontologischen Bedingungen der Dinge
überhaupt zu dessen Hypostasierung (→ Hypost
Verwandte Stichworte asieren). Zudem betont Kant, dass Realitäten in
Ideal der reinen Vernunft; Realität; Urgrund der Erscheinung dem höchsten Wesen ohnehin
nicht zukommen können. Auf der Grundlage die
Philosophische Funktion ser Hypostasierung erfolgt schließlich eine nä
Zu unterscheiden ist nach Kant der Grundsatz here Bestimmung des transzendentalen Ideals
der → Bestimmbarkeit auf der Ebene der Begriffe, durch alle Prädikamente und so die Zuschreibung
wonach einem Begriff von jeweils zwei kontra der klassischen theistischen Prädikate wie Einig
diktorisch entgegengesetzten (primitiven) Prädi keit, Ewigkeit und ‚Allgenugsamkeit‘, wodurch
katen außerhalb seiner Intension nur eines zu man zum Begriff Gottes gelangt (vgl. KrV A 580 /
kommen kann, und der Grundsatz der durchgän B 608).
gigen Bestimmung auf der Ebene der Gegenstän Obwohl Kant bereits im Beweisgrund auf das
de, wonach jedem wirklichen Gegenstand von Problem der Realrepugnanz aufmerksam mach
allen möglichen Paaren solcher Prädikate eines te, wonach Realitäten selbst inkompatibel sein
zukommen muss (vgl. KrV A 571ff. / B 600ff.). Der können, und er (wie in seiner späteren Kritik des
gedacht wird. Die formallogischen Entgegenset ner Gegend und eine gleiche Bestrebung eben
zungsverhältnisse kontradiktorischer, konträrer desselben in entgegengesetzter Richtung wider
und subkonträrer Urteile behalten ihre Bedeutung sprechen einander nicht und sind als Prädicate
bei der transzendentallogischen „Auflösung“ der in einem Körper zugleich möglich. Die Folge da
kosmologischen → Antinomien (vgl. 20:291f.; KrV von ist die Ruhe, welche Etwas (repraesentabile)
B 530–535; KrV B 543–595). ist“ (2:171), ebenso wie der Körper, der in solcher
Ruhe ist, ein „Etwas“ und nicht etwa wegen sei
Weiterführende Literatur ner widersprechenden Prädikate ein „[N]ichts“
Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine ist (2:171). Schon in den Negativen Größen werden
systematische und entwicklungsgeschichtliche aber weitere (über den der physikalischen Kör
Untersuchung zur theoretischen Philosophie perlehre hinausgehende) Bereiche der Realität
Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981. ausgewiesen, in denen eine solche ‚Realrepug
Andreas Eckl nanz‘ angetroffen werden kann. Weitere wichtige
Stellen: 2:171f.; 9:116f.
Verwandte Stichworte
Entgegensetzung, Widerspruch, Satz vom; Gegensatz; Entgegen
logisch/real setzung; analytisch/synthetisch
Nach den Negativen Größen (1763) hat der Begriff
der Entgegensetzung zwei verschiedene Bezugs- Philosophische Funktion
oder Anwendungsbereiche: den des Logischen Die Entdeckung der ‚Realentgegensetzung‘ oder
und den der → Realität. Oberhalb dieser Diffe ‚Realrepugnanz‘ und ihre Abhebung von der lo
renzierung beschränkt sich die Bedeutung des gischen Entgegensetzung des Widerspruchs ist
Begriffs auf den Satz: „Einander entgegengesetzt der entscheidende Schritt zur Überwindung der
ist: wovon eines dasjenige aufhebt, was durch das rationalen Metaphysik der Leibniz-Wolff-Schule
andre gesetzt ist“ (2:171). Im Bereich der → Logik (vgl. z. B. KrV B 624 Anm.). Aus Sicht der späteren
nun ist unter Entgegensetzung zunächst nichts Schriften entspricht der Unterschied von ‚real‘
anderes als das Verhältnis des → Widerspruchs und ‚logisch‘ dem von ‚synthetisch‘ und ‚analy
kontradiktorischer Urteile oder Prädikate zu ver tisch‘ (→ analytisch/synthetisch). So ist in Ver
stehen (vgl. 2:171; in den späteren Logik-Vorlesun ständnis und Bestimmung zentraler transzenden
gen bleibt der Widerspruch die Form der „äch tallogischer Begriffe wie ‚Realität‘ und → ‚Kau
te[n], reine[n] Opposition“, 9:116, vgl. zur weiteren salität‘ (vgl. KrV B 182f.; KrV B 217; KrV B 232ff.;
Differenzierung → Entgegensetzung). Jedes „Et KrV B 252; KrV B 300–303; KrV B 328f.; KrV B 347;
was“, an dem einander logisch entgegengesetzte KrV B 531f.) sowie des Begriffs der „Veränderung
beziehungsweise widersprechende Prädikate auf und mit ihm [der] Bewegung“ (KrV A 32 / B 48; vgl.
treten, ist nach dem Satz des Widerspruchs „gar KrV B 291f., 4:469f., 4:472, 4:559f., 21:182, 21:190f.,
nichts (nihil negativum irrepraesentabile)“ (2:171), 21:618f., 22:155) die Entdeckung der „Realentge
ein „Unding[ ]“ (KrV A 292 / B 348), das nicht ein gensetzung“ im Unterschied von der logischen
mal als Gedanke Bestand haben (repräsentiert Entgegensetzung eingearbeitet. Und da für die
werden) kann, sobald der Widerspruch entdeckt KrV die „Erklärung der Möglichkeit synthetischer
ist (→ Widerspruch, Satz vom). Im Bereich der Urteile [. . . ] das wichtigste Geschäfte“ (KrV A 154 /
Realität aber, so die Entdeckung Kants in den B 193) ist, untersucht sie auch in der ‚transzenden
Negativen Größen (vorbereitet schon in 2:79–87), talen Dialektik‘ nur „synthetische“ Entgegenset
kann der Begriff der Entgegensetzung sehr wohl zung: „Der Widerstreit dieser ihrer Sätze ist nicht
positiv (und nicht nur negativ, die Möglichkeit bloß logisch, der analytischen Entgegensetzung
absprechend) angewandt werden, nämlich auf (contradictorie oppositorum), d. i. ein bloßer Wi
ein daseiendes ‚Etwas‘ und hier zur Bestimmung derspruch, [. . . ] sondern ein transscendentaler
des Verhältnisses zweier einander entgegen wir der synthetischen Opposition (contrarie opposito
kender, zugleich an ihm ansetzender Bewegkräfte rum)“ (20:291; vgl. KrV B 532).
(vgl. 2:171): „Bewegkraft eines Körpers nach ei Zur genaueren Bestimmung des „Gegenver
hältniß“ (2:173ff.), das bei einer „Realentgegen samkeit unterwirft“ (KrV A 786 / B 814). Grundsätz
setzung“ vorliegt, werden in den Negativen Grö lich besagt diese Forderung der Enthaltsamkeit
ßen der Begriff des „Facits“ eingeführt und zwei der reinen Vernunft, „keine transscendentale Be
„Grundregeln“ aufgestellt. Das „Facit“, die „Fol weise zu versuchen, ohne zuvor überlegt und sich
ge“, bezeichnet das Ergebnis, wenn die beiden desfalls gerechtfertigt zu haben, woher man die
einander entgegenstehenden Kräfte „zusammen Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie
genommen“ (2:173ff.), nach ihren Größen mit zu errichten gedenkt, und mit welchem Rechte
einander verrechnet werden, was z. B. auf „Zero man von ihnen den guten Erfolg der Schlüsse er
= 0“ oder „Nichts“ hinausläuft, wenn sie sich in warten könne“ (KrV A 786 / B 814). Illustriert wird
der Verrechnung gerade aufheben (2:172; → Ver sie durch einen Verweis auf den zweiten → Par
neinung; → Beraubung; → Mangel). Die beiden alogismus der reinen Vernunft, in dem aus der
Grundregeln wiederum lauten: „Realentgegen Einheit des Subjekts der Apperzeption unberech
setzung“ „findet nur statt, in so fern zwei Dinge tigterweise auf dessen Einfachheit als Substanz
als positive Gründe eins die Folge des andern auf geschlossen wird (vgl. KrV A 351–361; KrV B 407f.).
hebt“ (2:175), und umgekehrt: „[a]llenthalben, wo Beobachtungen zur Enthaltsamkeit im Sinne
ein positiver Grund ist und die Folge ist gleichwohl der sexuellen Abstinenz finden sich in der Anthro
Zero, da ist eine Realentgegensetzung“ (2:177). Zur pologie. Frauen fragten nicht nach der Enthaltsam
Anwendung auf metaphysische Zusammenhänge keit ihrer Gatten vor der Ehe, dem Mann sei aber
differenziert Kant die „Realentgegensetzung“ in an der Enthaltsamkeit seiner Gattin vor der Heirat
„wirkliche“ und „mögliche“ (2:193). Auch bei der unendlich viel gelegen (vgl. 6:307; 20:143). Außer
letzteren sind die Kräfte ‚real‘, teilen sich aber ein dem sei die durch die ökonomischen Umstände
ander nicht mit, z. B. wenn sie nicht an demselben erzwungene Enthaltsamkeit der Junggesellen eine
Körper ansetzen. Quelle des Lasters (vgl. 6:325).
Héctor Wittwer
Weiterführende Literatur
Eidam, Heinz: Dasein und Bestimmung. Kants
Grund-Problem, Berlin u. a.: de Gruyter 2000. Enthusiasmus
Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine Enthusiasmus ist „die Theilnehmung am Guten
systematische und entwicklungsgeschichtliche mit Affect“ (7:86). Weitere wichtige Stellen: 5:271f.;
Untersuchung zur theoretischen Philosophie 6:408f.; 7:269.
Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981.
Andreas Eckl Verwandte Stichworte
Schwärmerei; Affekt
25:531). Kants Ausdruck ‚Schwärmerei‘ – jedoch J. / Krueger, James (Hg.): Kant’s Moral Metaphy
nicht ‚Enthusiasm‘ – bezieht sich auf den gefähr sics, Berlin u. a.: de Gruyter 2010.
lichen religiösen „enthusiasm“, gegen den sich Patrick Frierson
→ Locke und → Shaftesbury wenden (vgl. Locke, (Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Essay IV, XIX; Shaftesbury, Characteristics 1:3–57,
2:75f., 2:393–394, 3:30, 3:33f., 3:37).
Weil es sich beim Enthusiasmus allerdings Entstehen und Vergehen
um einen Affekt handelt (bzw. um etwas, das eng Entstehen und Vergehen sind der Anfang respek
an den Affekt gebunden ist), ist er „nicht ganz tive das Ende eines → Zustands. Wichtige Stel
zu billigen“ (7:86). Ein Affekt „gehört immer zur len: 1:60; 1:269; 1:281; 1:434; 1:489ff.; 2:190; 2:194;
Sinnlichkeit“ (6:409; vgl. 7:86) und ist „blind, ent 2:441; KrV A 82 / B 108; KrV B 130; KrV A 155 / B 194;
weder in der Wahl seines Zwecks, oder wenn die KrV A 185 / B 228; KrV A 187 / B 230; KrV B 232f.;
ser auch durch Vernunft gegeben worden, in der KrV A 191–193 / B 236–238; KrV A 198f. / B 244; KrV
Ausführung desselben“ (5:272). Somit „kann [der A 202f. / B 248f.; KrV A 204–209 / B 250–254; KrV
Affekt] auf keinerlei Weise ein Wohlgefallen der A 211f. / B 258; KrV A 226–230 / B 279–282; KrV
Vernunft verdienen“ (5:272). Dies gilt auch für den A 427 / B 455; KrV A 518 / B 546; KrV A 532 / B 560;
Enthusiasmus. Kant warnt mit Blick auf die Fran 4:304f.; 4:334; 4:343; 4:541–543; 4:557; 17:425.
zösische Revolution vor dem „alles erschüttern
den“ Enthusiasmus, der „noch über das Äußerste Verwandte Stichworte
hinausgeht“ (7:314). Weil der Enthusiasmus kein Substanz; Sukzession; Veränderung; Wechsel
Bestandteil wahrer Sittlichkeit ist (vgl. 5:272–274;
6:409), warnt Kant vor einer sittlichen Erziehung, Philosophische Funktion
die den Enthusiasmus für das moralische Gesetz Kants Philosophie untersucht u. a. die Entste
kultivieren will (vgl. 5:157; 5:274). hungsbedingungen verschiedener physischer, or
Nur an einer Stelle äußert sich Kant unein ganischer, psychischer und moralischer Phäno
geschränkt positiv über den Enthusiasmus, und mene (z. B. Bewegungen im Raum, Himmelskör
zwar mit Blick auf einen „Enthusiasm des guten per, Erdbeben, Jahreszeiten, Winde, Organismen,
Vorsatzes“, bei dem die „Vernunft doch immer Rassen, Völker, Nationen, Klassen und Stände,
noch den Zügel führt“ (7:254). das Recht, Tugenden und Laster, Frieden, Wissen
schaft).
Weiterführende Literatur Veränderungen sind uns Kant zufolge nicht
Billouet, Pierre: „Enthusiasm and Modernity“, in: unmittelbar sinnlich gegeben. Weil die bloße
Les Temps Modernes 50, 1995, 151–185. → Apprehension von Erscheinungen immer suk
Clewis, Robert R.: The Kantian Sublime and the zessiv ist, vermag sie nicht zwischen Gleichzeitig
Revelation of Freedom, Cambridge: Cambridge keit und Aufeinanderfolge zu unterscheiden (vgl.
University Press 2009, insbes. 50–52, 169–214. KrV B 225f.; KrV B 258). Um zwischen Gleichzeiti
Fenves, Peter: A Peculiar Fate: Metaphysics and gem und Aufeinanderfolgendem unterscheiden
World-History in Kant, Ithaca: Cornell Universi zu können, müssen wir das gleichzeitige Vorlie
ty Press 1991, insbes. 170–285. gen verschiedener Zustände eines wahrgenom
Heyd, Michael: ‚Be Sober and Reasonable‘. The menen Dinges (etwa Eigenschaften oder die Ori
Critique of Enthusiasm in the Seventeenth and entierung eines Gegenstands) von unserer suk
Early Eighteenth Centuries, New York: E. J. Brill zessiven Wahrnehmung verschiedener Zustände
1995. unterscheiden. Dies wiederum setzt voraus, dass
Johnson, Gregory R: „The Tree of Melancholy: Kant es tatsächlich gleichzeitig vorliegende Zustände
on Philosophy and Enthusiasm“, in: Firestone, eines beständigen Dinges gibt. Darum sind „Ent
Chris L. / Palmquist, Stephen R. (Hg.): Kant and stehen und Vergehen [. . . ] nicht Veränderungen
the New Philosophy of Religion, Bloomington, desjenigen, was entsteht oder vergeht. Verände
IN: Indiana University Press 2006, 43–61. rung ist eine Art zu existiren, welche auf eine
Zuckert, Rachel: „Kant’s Account of Practical Fa andere Art zu existiren eben desselben Gegenstan
naticism“, in: Bruxvoort Lipscomb, Benjamin des erfolget. Daher ist alles, was sich verändert,
bleibend, und nur sein Zustand wechselt“ (KrV (Hg.): Argumentationen. Festschrift für Joseph
A 187 / B 230). Ferner kann „Veränderung [. . . ] da König, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht
her nur an Substanzen wahrgenommen werden, 1964, 256–275; wiederabgedruckt in: Prauss,
und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, oh Gerold (Hg.): Kant. Zur Deutung seiner Theorie
ne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen von Erkennen und Handeln, Köln: Kiepenheuer
betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung 1973, 151–166.
Kenneth R. Westphal
sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstel
lung von dem Übergange aus einem Zustande in
den andern, und vom Nichtsein zum Sein, mög Entwicklung
lich macht, die also nur als wechselnde Bestim Entwicklung ist nach Kant Ausbildung und Reali
mungen dessen, was bleibt, empirisch erkannt sierung dessen, was in der Anlage schon vorhan
werden können“ (KrV A 188 / B 231). Geht man den ist. Der Begriff wird auf verschiedene Bereiche
(wie → Hume) von einer Welt aus, die lediglich angewandt, vorwiegend auf die Entstehung und
aus vorübergehenden, voneinander unabhängi Entwicklung des → Weltalls (vgl. 1:263; 1:293; 1:338;
gen Sinneseindrücken besteht, können wir also 1:345f.) und der → Organismen (vgl. 6:80), auf
nicht zwischen unserer Wahrnehmung der → Er die moralische Entwicklung des Menschen (vgl.
scheinungen und einem uns erscheinenden Ding 2:436; 2:447; 7:127f.; 7:217; 7:325; 7:328; 7:329; 7:414;
unterscheiden, wie Hume selbst es ohne Vorbe 8:17–19; 8:20–22; 8:26; 8:60; 8:98; 8:106; 8:109;
halte getan hat. Kant behauptet jedoch nicht nur, 8:111; 8:113; 8:115; 8:165; 8:169; 8:173; 8:175–177;
dass jedem durch uns erfahrbaren Zustandswech 8:179; 8:332; 8:375 Anm.) und auf die Entwicklung
sel eine kontinuierliche Substanz zugrunde liegt. des ästhetischen Urteils über das → Erhabene (vgl.
Er führt zudem transzendentale Gründe a priori 5:162; 5:262; 5:265). In der Logik ist von Entwick
für die These an, dass die Quantität einer Sub lung im Sinne logischer Explikation die Rede (vgl.
stanz in der Erscheinung konstant sein muss, weil 9:111). Weitere wichtige Stellen: 6:17–20; 6:25–27;
die Einheit von Erscheinungen innerhalb unserer 6:30; 6:33; 6:38; 6:43; 6:57; 6:66; 6:76; 6:122; 6:134;
→ Erfahrung unmöglich wäre, wenn raum-zeitli 6:215.
che Substanz entstünde oder verginge (vgl. KrV
A 186 / B 229). „Denn alsdenn fiele dasjenige weg, Verwandte Stichworte
welches die Einheit der Zeit allein vorstellen kann, Anlage; Bildung; Evolutionstheorie; Übergang
nämlich die Identität des Substratum, als woran
aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat“ Philosophische Funktion
(KrV A 186 / B 229; vgl. KrV A 188f. / B 231f.). Dieser 1 Entwicklung des Kosmos
Befund der KrV dient als Beweisgrund des ersten In der Theorie des Himmels entsprechen der Ent
Gesetzes der Mechanik: „Bei allen Veränderun wicklung des Weltbaus aus allgemeinen Bewe
gen der körperlichen Natur bleibt die Quantität gungsgesetzen „unter den Himmelskörpern“ „kei
der Materie im Ganzen dieselbe, unvermehrt und ne übereinstimmenden Folgen“, da z. B. die Lagen
unvermindert“ (4:541f.). der Achsen der Erde und anderer Himmelskör
per höchst verschieden sind (1:346). Die von Kant
Weiterführende Literatur gemeinten Bewegungsgesetze sind → Anziehung
Falkenburg, Brigitte: Kants Kosmologie, Frank und → Zurückstoßung. Auf die von diesen Geset
furt/M.: Klostermann 2000. zen gewährleistete Gesetzmäßigkeit gehen Ord
Schönfeld, Martin: „Kant’s Early Dynamics“, in: nung und Schönheit des Weltbaus zurück, welche
Bird, Graham (Hg.): A Companion to Kant, Ox „nur eine Wirkung der ihren allgemeinen Bewe
ford: Blackwell 2006, 33–46. gungsgesetzen überlassenen Materie“ sind (1:222).
Schönfeld, Martin: „Kant’s Early Cosmology“, in: Der Begriff der Entwicklung wird auch auf die Ent
Bird, Graham (Hg.): A Companion to Kant, Ox stehung der Organismen angewandt (vgl. 2:436;
ford: Blackwell 2006, 61–84. 5:420; 5:423–425). Kant unterscheidet diesbezüg
Weizsäcker, Carl Friedrich von: „Kants ‚erste Ana lich drei teleologische Theorien. Der → Okkasio
logie der Erfahrung‘ und die Erhaltungssätze nalismus behauptet, dass Gott „ihrer Idee gemäß
der Physik“, in: Delius, Harald / Patzig, Günther bei Gelegenheit einer jeden Begattung der in der
selben sich mischenden Materie unmittelbar die Leibnizschen Monadologie in der Annahme, in
organische Bildung“ (5:422) verleiht. Der Prästa tierischen und menschlichen Seelen gebe es eine
bilismus ist hingegen der Ansicht, dass Gott „in „unermeßlich[e]“ Fülle dunkler Vorstellungen,
die anfänglichen Producte [. . . ] nur die Anlage“ die klaren dagegen seien „nur unendlich wenige
(5:422) bringt, welche es einem organischen We Punkte derselben“ (7:135). Auch der fernste noch
sen erlaubt, seinesgleichen hervorzubringen. Da sichtbare oder auch unsichtbare Stern wird in al
durch erhält sich die Spezies beständig selbst. Der len Details seiner Oberfläche insofern unbewusst
Prästabilismus hat seinerseits zwei Formen. Erste wahrgenommen. Alles, was Teleskop und Mikro
re behauptet die individuelle → Präformation und skop nur entdecken mögen, „wird durch unsere
wird durch die Evolutionstheorie definiert, weil bloßen Augen gesehen“ (7:135). Kant behauptet
sie „ein jedes von seines Gleichen gezeugte organi dementsprechend, dass bei einer künstlichen Ver
sche[s] Wesen“ als „Educt“ (5:422f.) interpretiert. schärfung der Sinnesorgane nicht etwas prinzi
Aus diesem Grund wäre der Name „Involutions piell Neues wahrgenommen wird, sondern nur
theorie“ oder „Theorie [. . . ] der Einschachtelung“ das ohnehin Präsente klarer und dann deutlicher
(5:423) nach Kant geeigneter. Letztere meint hin als zuvor wird. Diese Annahme harmoniert mit
gegen, das neue Wesen sei das „Product[]“ (5:423) der Auffassung, dass die Entwicklung des Kosmos
eines anderen organischen Wesens. Kant nennt und speziell die Entwicklung der Menschheit nur
diese Theorie „System der generischen Präforma eine „Auswickelung“ schon vorhandener Keime
tion“ (5:423) oder der → Epigenesis. Gemäß dieser und Anlagen ist (8:104; vgl. 7:135–140).
Lehre sind Produkte nur „virtualiter präformirt“ Gegen Epikur vertritt Kant den Gedanken,
(5:423). dass alle Entwicklung Auswicklung des in der
Anlage Vorhandenen ist (vgl. 7:303; 7:321). Diese
2 Moralische Entwicklung des Menschen Konzeption kommt in der dreifachen Differenzie
In Geschichte kommt dem Begriff der Entwick rung von „cultiviren, [. . . ] civilisiren und [. . . ] mo
lung eine besondere Funktion im Bereich der ralisiren“ zum Ausdruck (7:324; vgl. 7:414; 7:326).
Geschichtsphilosophie zu, indem die Entwick Der Übergang von der ersten zur dritten Phase er
lung der Anlagen des menschlichen Geschlechts zeugt nichts prinzipiell Neues, sondern vollzieht
zum Thema der Erörterung gemacht wird. Hier sich als Entwicklung von Anlagen, die im Men
stellt Kant die These auf, dass „das Mittel, des schen als Keime angelegt sind. Kant behauptet,
sen sich die Natur bedient, die Entwickelung aller dass auch die Moral kein Produkt anthropologi
ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, [. . . ] der Ant scher Zivilisation ist, sondern als Entwicklung
agonism derselben in der Gesellschaft [ist], so fern von moralischen Keimen zu begreifen ist.
dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzmäßi Was die Entwicklung der menschlichen Na
gen Ordnung derselben wird“ (8:20). Der „Antago tur anbelangt, nimmt Kant zwei Epochen an; die
nism“ (8:20) der → Menschen in der Gesellschaft erste ist die einer reinen Natur, in der die Kin
verdankt sich den „natürlichen Triebfedern da der bei ihrer Geburt noch nicht schreien. Es wä
zu“, d. h. den „Quellen der Ungeselligkeit und re gefährlich, wenn ein Kind in diesem Zustand
des durchgängigen Widerstandes“ (8:21). Kant schreien könnte, „[d]enn ein Wolf, ein Schwein
erklärt, dass daraus „so viele Übel entspringen, sogar würde ja dadurch angelockt [. . . ] es zu tref
die aber doch auch wieder zur neuen Anspan fen“ (7:327 Anm.). Dieser frühen Epoche folgt die
nung der Kräfte, mithin zu mehrerer Entwickelung Phase des häuslichen Lebens, in der das Geschrei
der Naturanlagen antreiben“ (8:21f.). Die Entwick des Kleinkindes nicht mehr „von äußerster Ge
lung der Naturanlagen aus dem Antagonismus fahr“ (7:327 Anm.) ist. Das Geschrei, mit dem das
der Menschen verweist auf die „Anordnung ei Kind in die Welt tritt, ist Kant zufolge mit dem
nes weisen Schöpfers; und nicht etwa die Hand Gefühl verbunden, in seiner Freiheit durch einen
eines bösartigen Geistes, der in seine herrliche An unrechtmäßigen Zwang gehindert zu sein. Der
stalt gepfuscht oder sie neidischer Weise verderbt Mensch besitzt ein angeborenes Rechtsbewusst
habe“ (8:22; vgl. auch 8:26; 8:175). sein (vgl. 7:268f. Anm.; 7:327), welches ihn schon
In der Anthropologie spielt der Begriff der früh dazu führt, nicht zu jammern, sondern Zorn
Entwicklung eine zentrale Rolle. Kant folgt der und Entrüstung über die Freiheitsbeschränkung
zu äußern. Daraus ergibt sich die Umwandlung Versinnlichung sittlicher Ideen sei. Die Bildung
des Geschreis in Tränen. Außerdem erwägt Kant des Geschmacks und des Genies kann daher le
die Möglichkeit einer dritten Epoche, in welcher diglich in der Entwicklung sittlicher Ideen und
Menschenaffen sich zu Menschen entwickeln. Sie in der Kultur des moralischen Gefühls bestehen,
besitzen vier Organeigenschaften, die sich zur „wovon auch und von der darauf zu gründenden
Umbildung eignen: Der Gang kann erstens zum größeren Empfänglichkeit für das Gefühl aus den
aufrechten Gang umgebildet werden, der für den letzteren (welches das moralische heißt) dieje
Menschen eigentümlich ist; zweitens können die nige Lust sich ableitet, welche der Geschmack
Hände den Tastsinn zum Befühlen der Gegenstän als für die Menschheit überhaupt, nicht bloß für
de ausbilden; drittens lassen sich die Sprechorga eines jeden Privatgefühl gültig erklärt: so leuchtet
ne aus der entsprechenden Organstruktur beim ein, daß die wahre Propädeutik zur Gründung
Orang-Utan oder Schimpansen entwickeln; und des Geschmacks die Entwickelung sittlicher Ide
viertens bildet sich der Verstand im Gehirn. Kant en und die Cultur des moralischen Gefühls sei;
gibt zu, dass wir im Fall des ersten Schritts nicht da, nur wenn mit diesem die Sinnlichkeit in Ein
wissen, „wie die Natur und durch welche mit stimmung gebracht wird, der ächte Geschmack
wirkende Ursachen sie eine solche Entwickelung eine bestimmte, unveränderliche Form annehmen
veranstaltete[n]“ (7:328 Anm.). Beim Übergang kann“ (5:356).
von der zweiten zur dritten Epoche wird davon
gesprochen, dass ein Orang-Utan oder Schimpan Weiterführende Literatur
se „die Organe, die zum [menschlichen] Gehen, Brandt, Reinhard: Kommentar zu Kants „Anthro
zum Befühlen der Gegenstände und zum Spre pologie in pragmatischer Hinsicht“, Hamburg:
chen dienen, sich zum Gliederbau eines Menschen Meiner 1999.
ausbildete“ (7:328 Anm.). Die Bestimmung des Burgio, Alberto: Vernunft und Katastrophen. Das
Menschen besteht darin, dass der Mensch seine Problem der Geschichtsentwicklung bei Kant,
moralischen Anlagen nicht wie die vernunftlosen Hegel und Marx, Frankfurt/M. u. a.: Lang 2003.
Tiere in jedem Individuum, sondern nur in der Giordanetti, Piero: Estetica e sovrasensibile in
Gattung im Ganzen erreicht. Nur die Gattung kann Kant, Milano: Cuem 2001.
„durch ihre eigene Thätigkeit die Entwickelung Moiso, Francesco: „Preformazione ed epigenesi
des Guten aus dem Bösen dereinst zu Stande [. . . ] nell’età goethiana“, in: Verra, Valerio (Hg.): Il
bringen“ (7:329). problema del vivente tra Settecento e Ottocento.
Aspetti filosofici, biologici e medici, Roma: Isti
3 Entwicklung des ästhetischen Urteils über das tuto dell’Enciclopedia Italiana 1992, 119–220.
Erhabene Piero Giordanetti
In der KU behauptet Kant, dass die Notwendigkeit
des Urteils über das Erhabene der Natur sich auf
die Kultur, d. h. auf die Entwicklung sittlicher Ide Entwurf und Ankündigung
en, gründet. Diese Behauptung soll jedoch nicht
so verstanden werden, als ob das Urteil über das
eines Collegii der physischen
Erhabene „von der Cultur zuerst erzeugt und et Geographie nebst dem
wa bloß conventionsmäßig in der Gesellschaft
eingeführt“ (5:265) werde. Kant ist demnach kein
Anhange einer kurzen
Vertreter der These, dass das Urteil über das Erha Betrachtung über die Frage:
bene ein Produkt der Gesellschaft ist. Das Erha
bene hat seine Grundlage vielmehr in der Anlage
Ob die Westwinde in unsern
zum Gefühl für moralische Ideen. Bei der Erör Gegenden darum feucht
terung der Frage, wie Genie und Geschmack im
Subjekt gegründet und entwickelt werden kön
seien, weil sie über ein
nen, vertritt Kant die These, dass der Geschmack großes Meer streichen
das Vermögen der Beurteilung der Versinnlichung Der Text diente als Einladung zu Kants Vorlesun
sittlicher Ideen und das Genie das Vermögen der gen und erschien am 13. April 1757 unter dem Titel
M. Immanuel Kants Entwurf und Ankündigung ei on“ (5:423) bezeichnet werden. Weitere wichtige
nes Collegii der physischen Geographie, nebst dem Stellen: 2:114f.; KrV B 167f.; 5:423f.; 6:80; 8:50.
Anhange einer kurzen Betrachtung über die Fra
ge: ob die Westwinde in unsern Gegenden darum Verwandte Stichworte
feucht seien, weil sie über ein großes Meer strei Bildung; Entwicklung; Präformation, Präforma
chen. Das Manuskript ist verschollen (vgl. Stark, tionssystem
Nachforschungen, S. 281–291). Der Anhang über
die Westwinde erschien anonym auch in den von Philosophische Funktion
Christlob Mylius herausgegebenen Physikalischen In der KU und in der Rez. Herder bezeichnet ‚Epi
Belustigungen, 30. Stück, 1757, S. 1528–1533, unter genesis‘ eine Theorie über die Entstehung der
dem Titel Ob die Westwinde in unsern Gegenden → Organismen (vgl. 5:423f.; 8:50). Gegen die The
darum feucht seyn, weil sie über ein grosses Meer se, dass sich die Entstehung des Lebens durch den
streichen? Der bei Mylius abgedruckte Text ist je Mechanismus erklären lässt, vertritt Kant die An
doch um zwei Seiten umfangreicher als der in sicht, dass die Erzeugung der Organismen auf ein
2:10–12 abgedruckte. teleologisches Prinzip zurückzuführen ist. ‚Epige
Kant unterteilt die physische Geographie nesis‘ heißt die Annahme, dass durch die oberste
(darin in weitgehender Übereinstimmung mit der Weltursache den ersten Organismen die Fähigkeit
späteren Physische Geographie) in einen allgemei verliehen worden ist, „vermittelst deren ein orga
nen und einen besonderen Teil. Der allgemeine nisches Wesen seines Gleichen hervorbringt und
Teil hat es mit der Beschaffenheit der Erdoberflä die Species sich selbst beständig erhält“ (5:422).
che (Meer, Festland und Gewässer) zu tun, der Gemäß der Lehre der Epigenesis ist jedes organi
Atmosphäre und den Winden, sowie der Schiffahrt sche Wesen als von seinesgleichen erzeugtes Pro
und den erdgeschichtlichen Veränderungen. Im dukt zu verstehen. Diese Theorie überlässt „mit
besonderen Teil der physischen Geographie folgt dem kleinst-möglichen Aufwande des Übernatür
Kant der im 18. Jahrhundert üblichen Einteilung lichen“, abgesehen vom ersten Anfang, den die
der drei Naturreiche in Tierreich, Pflanzenreich Wissenschaft überhaupt nicht zu erklären vermag,
und Mineralreich. Er erwähnt neben Bernhardus „alles Folgende“ der Natur (5:424). Der → Okka
Varenius, Georges Louis LeClerc de Buffon und sionalismus behauptet hingegen ein Eingreifen
Johan Lulof verschiedene Zeitschriften und Aka der Gottheit bei Gelegenheit jedes einzelnen Zeu
demietransaktionen als die Hauptquellen seiner gungsaktes, wodurch alle Natur, „mit ihr auch
geographischen Kenntnisse (vgl. 2:4; so z. B. die aller Vernunftgebrauch“ (5:422), gänzlich verlo
Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und zu ren geht. Die Evolutions-(Präformations-) Theorie
Lande, die Sammlung neuer und merkwürdiger Rei betrachtet jedes Individuum als von Anfang an
sen, das Hamburgische Magazin und das Leipziger von der Hand des Schöpfers „vorgebildet[]“, was
Allgemeine Magazin). Im Anhang über die West grundsätzlich auf ebendieselbe „Hyperphysik“
winde bestreitet Kant, dass die Feuchtigkeit der hinausläuft (5:423).
Westwinde in Europa allein darauf zurückzufüh Als Vertreter der Epigenesis-Lehre werden
ren ist, dass sie über den Atlantik streichen, ohne → Jean Louis Leclerque Comte de Buffon (vgl.
sich auf eine alternative Erklärung festzulegen. 2:115), → Pierre Louis Moreau de Maupertuis (vgl.
Falk Wunderlich 2:115), → Johann Gottfried Herder (vgl. 8:62), → Jo
hann Friedrich Blumenbach (vgl. 5:424; 11:184f.)
erwähnt. Es lassen sich in den kantischen Schrif
Epigenesis ten vornehmlich drei Verwendungen des ur
Der Ausdruck ‚Epigenesis‘ stammt aus der Biolo sprünglich biologischen Begriffs der Epigenesis
gie und bedeutet in diesem Kontext, dass „das pro herausstellen. In der KrV ist metaphorisch von ei
ductive Vermögen der Zeugenden [. . . ] nach den ner Epigenesis der reinen Vernunft die Rede. Kant
inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem Stam bezeichnet mit diesem Terminus seine Deduktion
me zu Theil wurden, also die specifische Form der reinen Verstandesbegriffe: „daß nämlich die
virtualiter präformirt war“ (5:423). Die Epigenesis Kategorien von Seiten des Verstandes die Gründe
kann daher auch als „generische[] Präformati der Möglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthal
ten“ (KrV B 167). In Religion wird ‚Epigenesis‘ im Wichtigste Lehrsätze (Kyriai doxai) sowie andere
Kontext der Erörterung der „Idee einer von keiner Sprüche, (5) weitere Textstücke und Testimoni
Geschlechtsgemeinschaft abhängigen (jungfräuli en (Epikur, Überwindung). Grundlegend für Epi
chen) Geburt eines mit keinem moralischen Fehler kurs Position ist ein asketischer Hedonismus,
behafteten Kindes“ verwendet (6:80 Anm.). In die der → Lust nicht durch Akkumulation, sondern
sem Zusammenhang vertritt Kant die These, dass durch Zurücknahme der Begierden zu maximie
die Idee der jungfräulichen Geburt eines solchen ren versucht. Ferner vertritt der Atomist Epikur
Kindes als „Symbol der sich selbst über die Versu einen Naturalismus, Sensualismus und Materia
chung zum Bösen erhebenden [. . . ] Menschheit“ lismus.
(6:80 Anm.) aufzufassen ist. Diese Idee soll als Kant führt Epikur wiederholt als Philoso
Gegenstand der praktischen Vernunft konzipiert phen an, der die → Tugend als ein Instrument
werden. zur Erlangung des als Lust verstandenen Glücks
In dieser Hinsicht ist die Theorie, die speku interpretiert (vgl. 5:24). Dabei kontrastiert er ger
lative Vernunft, aber weder nützlich noch nötig, ne das epikureische und das stoische summum
weil sie nicht zur Erkenntnis von noumenalen bonum-Verständnis. Beide beinhalten, so Kant,
Ideen zu gelangen vermag. Als Beweis dafür, dass ein durch menschliche Bemühung erreichbares
sich diese Ideen nicht durch die theoretische Ver praktisches → Ideal (vgl. Refl. 6874, 19:188; ähnlich
nunft erkennen lassen, führt Kant einige theoreti 5:111); allerdings verträten Epikureer und → Stoi
sche Schwierigkeiten an. Würde man nämlich die ker zwei einander ausschließende Konzeptionen:
Theorie der Epigenesis annehmen, müsste man Während Epikur empirische → Triebfedern zur
behaupten, dass die Mutter von ihren Eltern durch → Glückseligkeit als Prinzip der Beurteilung des
natürliche Zeugung abstammt. Dies bedeutete, Sittlichen aufgefasst habe, habe der Stoiker Zenon
dass sie mit einem angeborenen → Hange zum die → Sittlichkeit zum Handlungsprinzip erklärt
Bösen behaftet sein würde. Im Falle einer überna und die Glückseligkeit aus ihr abgeleitet (vgl. et
türlichen → Zeugung würde die Mutter den Hang wa Refl. 6619, 19:112; ebenso 5:112f.). Kants Ur
zum Bösen auf ihr Kind vererben. Aus diesem teil lautet, dass beide hellenistischen Versuche,
Grund müsse man in theoretischer, spekulativer Sittlichkeit und Glückseligkeit zusammenzuden
Hinsicht auf die Theorie der Epigenesis verzichten ken, verfehlt seien. Sittlichkeit und Glückseligkeit
(vgl. 6:80). bildeten in beiden Modellen jeweils eine inho
Piero Giordanetti mogene Einheit. Kant weist damit einerseits die
epikureische Instrumentalisierung der Moralität
als Werkzeug der Luststeigerung und andererseits
Epikur die stoische Gleichsetzung des höchsten Guts mit
Epikur (341–270 v. Chr.) ist einer der wichtigsten einem moralisch orientierten Willen, nämlich der
griechischen Philosophen der hellenistischen Pe aretê, zurück (vgl. 4:393f.). Immerhin verteidigt er
riode. Auf ihn geht eine maßgebliche antike Phi aber „das jederzeit fröhliche Herz in der Idee des
losophenschule zurück, der ‚Garten‘ (kêpos). Mit tugendhaften Epikurs“ (6:485; vgl. 9:30).
seiner hedonistischen Theorie des → Glücks übte In der Diskussion um sinnlich basierte Ge
er eine starke Nachwirkung auf die spätere Antike fühle und die vernunftbasierte → Achtung konze
und die frühe Neuzeit aus. Maßgebliche Einflüs diert Kant in der → Kritik der Urteilskraft dem Epi
se auf Epikur ergaben sich aus dem Atomismus kur, dass „alles Vergnügen, wenn es gleich durch
des Demokrit. Um 306 v. Chr. gründete Epikur in Begriffe veranlasst wird, [. . . ] animalische, d. i.
Athen seine Schule, deren Besonderheit darin körperliche, Empfindung sei“ (5:334f.; vgl. 5:277;
bestand, auch Frauen, Sklaven und andere gesell 5:331). Aber bei der Achtung handle es sich nicht
schaftlich unterprivilegierte Personen aufzuneh um „ein Vergnügen“, sondern um eine „Selbst
men. schätzung“.
Von Epikurs Schriften sind nur Fragmente In der → Theorie des Himmels bekennt sich
erhalten: (1) der Brief an Herodot, (2) der Brief Kant selbst zu einer modifizierten Spielart des
an Menoikeus, (3) Brieffragmente an Verwand Atomismus, für die er sich ausdrücklich auf Epi
te und Freunde, (4) Sentenzen aus dem Werk kur beruft; diese hält er jedoch mit einer theolo
gischen Sichtweise der Natur für vereinbar (vgl. Gebäudes beschreibt Kant den durch Erbauung
1:226). Er wendet sich gleichzeitig gegen Epikurs nur langsam zu schaffenden „neuen Menschen“
Vorstellung von einer Spontanabweichung der als „Tempel Gottes“ (6:198 Anm.). Erbauung und
→ Atome (vgl. 1:227). In der Kritik der Urteils die mit ihr einhergehende „sittliche[] Besserung“
kraft nimmt Kant auch nochmals kurz Stellung verbinden sich zur „Seligwerdung“ (7:67).
zu dem „System der Kausalität, welches dem Das „öffentliche Gebet“ trägt der Erbauung
Epikur oder Demokritus beigelegt wird“ (5:391). insofern bei, als es „eine ethische Feierlichkeit“
Er konstatiert, dieses sei „nach dem Buchsta ist (6:196 Anm.). Kant betont die Bedeutung der
ben genommen, so offenbar ungereimt, daß es „öffentliche[n] Benutzung“ (7:68) der Bibel und
uns nicht aufhalten darf“ (5:391). Auch sonst er ihrer „doctrinale[n] Auslegung“ für die Erbauung
scheint Epikur gelegentlich als Sensualist (vgl. des Menschen (7:67). Das vorrangige Ziel von Pre
z. B. 5:41). digten besteht in der Erbauung. Sollten andere
Ziele mit ihr „in Collision“ geraten, so müssen
Weiterführende Literatur diese „nachstehen“ (7:68).
Santozki, Ulrike: Die Bedeutung antiker Theorien Rolf Löchel
für die Genese und Systematik von Kants Philo
sophie. Eine Analyse der drei Kritiken, Berlin
u. a.: de Gruyter 2007. Erben
Christoph Horn Unter Beerbung versteht Kant den Akt der „Über
tragung (translatio) der Habe und des Guts eines
Sterbenden auf den Überlebenden durch Zusam
Episyllogismus menstimmung des Willens beider“ (6:293). Ein
→ Polysyllogismus, Episyllogismus Erbe ist demzufolge der Empfänger des übertrage
nen Guts. Weitere wichtige Stellen: 6:291ff.; 6:366;
8:344; 19:531.
Erbauung
Erbauung ist „die moralische Folge aus der An Verwandte Stichworte
dacht auf das Subject“ (6:198 Anm.) und zielt auf Erwerbung; Gut; Tod
die „Besserung der Menschen und Belebung ihrer
moralischen Triebfedern“ (7:68). Weitere wichtige Philosophische Funktion
Stellen: 5:273; 6:195; 6:198; 7:62; 7:66ff. Beerbung zählt zu den Erwerbungsarten, die
„zwar nur im öffentlichen rechtlichen Zustande
Verwandte Stichworte ihren Effect haben“ (6:291), sich aber nicht auf
Religion; Andacht; Gebet diesen gründen, sondern „auch a priori im Natur
zustande“ (6:291; vgl. 6:294) denkbar sind. Daher
Philosophische Funktion „Testamente auch nach dem bloßen Naturrecht
Über bloße Rührung, die schon im Begriff der gültig“ (6:294) sind, auch wenn „hiebei ein bür
Andacht liegt, hinaus beinhaltet der Begriff der gerlicher Zustand vorausgesetzt wird“ (6:366). Die
Erbauung „die moralische Folge aus der Andacht Übertragung des Guts geschieht im Augenblick
auf das Subject“, mithin „die wirkliche Besserung des Todes des Erblassers. Es handelt sich nach
des Menschen“ (6:198 Anm.). Hierbei ruft sie „stür Kant daher um keine empirische Übertragung,
mische Gemüthsbewegungen“ hervor (5:273). sondern eine „ideale Erwerbung“ (6:293).
Um die moralische Wirkung der Erbauung → Staaten können nicht „von einem andern
zu erreichen, ist es notwendig „systematisch zu Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schen
Werke“, quasi gemäß einem Bauplan, vorzugehen. kung erworben“ (8:344) werden, da ein für sich
Zunächst werden „feste Grundsätze nach wohl bestehender Staat kein erwerbbares Erbreich ist
verstandenen Begriffen tief ins Herz [ge]legt“. Auf (vgl. 8:344, 19:405). Genauso wenig ist das mora
diesen werden „Gesinnungen [. . . ] errichtet“, wel lisch Böse „durch Anerbung von den ersten Eltern
che die Menschen „vor den „Anfechtungen der auf uns gekommen“ (6:40).
Neigungen“ bewahren. In Analogie zum Bau eines Andree Hahmann
ter (in Physische Geographie) skeptisch und zieht der Achsendrehung der Erde. Er argumentiert,
stattdessen mechanische Ursachen wie den Aus dass die Drehung unseres Planeten sich ver
bruch stark komprimierter Luft aus dem Erdinne langsamt, weil eine „äußerliche Ursache [. . . ]
ren als Ursache sowohl von Erdbeben als auch die Bewegung der Erde nach und nach verrin
von Vulkanausbrüchen in Betracht (vgl. 9:268f.). gert und ihren Umschwung in unermeßlich lan
Weitere wichtige Stellen: 1:419–423; 1:431; 1:455f.; gen Perioden gar zu vernichten trachtet“ (1:186).
1:459–461; 2:104; 9:268f. Die Ursache dieser Änderung liegt in der Wir
kung der → Anziehung des Mondes auf die Er
Verwandte Stichworte de (vgl. 1:190–191), die keine vollständig feste
Vulkan; Fortgesetzte Betrachtung der seit eini → Masse ist (vgl. 1:188). In Ob die Erde veral
ger Zeit wahrgenommenen Erderschütterungen; te findet sich Kants Theorie der physikalischen
Geschichte und Naturbeschreibung der merk Geschichte der Erde, die ein Sphäroid ist (vgl.
würdigsten Vorfälle des Erdbebens . . . ; Von den 1:199; 9:259). Kant zufolge hat „[d]ie Natur un
Ursachen der Erderschütterungen . . . serer Erdkugel [. . . ] in dem Fortschritte ihres Al
ters in allen ihren Theilen nicht eine gleiche
Philosophische Funktion Stufe erreicht“ (1:200). Daher erlebte die Erde
Kants Beschäftigung mit Erdbeben steht vornehm verschiede Epochen und viele → Veränderun
lich im Kontext des großen Lissabonner Erdbe gen. Die Ursache der Veraltung der Erde ist „ei
bens von 1755. Dabei ist bemerkenswert, dass ne subtile, aber überall wirksame Materie, die
Kant mit diesem Ereignis gerade keine morali bei den Bildungen der Natur das active Princi
schen oder theologischen Betrachtungen verbin pium ausmacht und als ein wahrer Proteus be
det, sondern es im Gegenteil als reines Naturphä reit ist, alle Gestalten und Formen anzunehmen“
nomen ansieht. So schreibt er auch die verhee (1:211). Diese wirksame → Materie ist ein „Welt
rende Wirkung des Erdbebens der Art und Weise geist“ (1:211–212). Seit 1756 hielt Kant regelmä
der Bebauung Lissabons zu, nicht der Vorsehung: ßig Vorlesungen über physische Geographie oder
„Wäre es nicht besser also zu urtheilen: Es war „Erdbeschreibung“ (9:156), in denen er ausführ
nöthig, daß Erdbeben bisweilen auf dem Erdbo lich auf die astronomischen, physikalischen und
den geschähen, aber es war nicht nothwendig, geographischen Gegebenheiten auf der Erde, auf
daß wir prächtige Wohnplätze darüber erbaue die Erdgeschichte sowie auf Fauna, Flora und
ten?“ (1:456; vgl. 1:421, 1:431, 1:455f., 1:459–461, unterschiedliche menschliche Lebensformen ein
2:104). geht (vgl. 9:151–436; → Geographie, physische).
Falk Wunderlich In der KU erwähnt Kant eine mögliche „Theorie
der Erde“ (5:428 Anm.), die eine → Archäologie
der Natur ist und sich mit der Geschichte der Ma
Erde terialen der Erde, z. B. Fossilen und → Metallen,
Die Erde ist der der → Sonne drittnächste Planet. beschäftigt.
Der Erdsatellit ist der → Mond. Wichtige Stellen: Silvia De Bianchi
1:197–213; 1:251; 1:271–272; 1:276; 1:283; 1:303; 1:327;
1:345–347; 1:366; 9:167–176; 9:261–273; 9:301–304.
Erde, Kugelgestalt der
Verwandte Stichworte Der Ausdruck ‚Kugelgestalt der Erde‘ bezeichnet
Sonnensystem; Planeten; Geographie, phy die Form unseres Planeten (vgl. 7:046), der streng
sische; Mond; Die Frage, ob die Erde veralte, genommen ein Sphäriod ist (d. h. eine an den
physikalisch erwogen; Untersuchung der Frage, Polkappen abgeplattete Kugel) (vgl. 1:169). Wich
ob die Erde. . . tige Stellen: 1:188–189; 1:202; 1:296; 1:309; 1:408;
1:459; KrV B 759–760; 6:352; 9:168–169; Refl. 85,
Philosophische Funktion 14:543; 21:408.
Kant hat über die Erde zwei Aufsätze verfasst,
die beide 1754 veröffentlich wurden. In Umdre Verwandte Stichworte
hung der Erde analysierte Kant die Mechanik Erde; Weltbürgerrecht
objektive Gültigkeit hat, begründet Kant dadurch, scheidet Verbindungen von zwei Arten von Vor
dass diese Zugaben Bedingungen der Möglich stellungen, nämlich „des Mannigfaltigen der An
keit der Erfahrung sind. Weil sie Bedingung der schauung oder mancherlei Begriffe“ (KrV B 130).
empirischen Erkenntnis von Gegenständen sind, Die Tätigkeit des Verbindens nennt Kant → Syn
gelten sie für alle Gegenstände der Erfahrung. Die thesis, und „sie ist ein Actus der Spontaneität der
Gegenstände müssen sich in gewissen ihrer Ei Vorstellungskraft“, die man „Verstand nennen
genschaften nach uns richten, damit Erfahrung muß“ (KrV B 130). Kants von Locke übernommene
von ihnen möglich ist, was die Möglichkeit der Frage besteht nun darin, wie eine Verbindung, die
→ Erkenntnis a priori eröffnet (vgl. KrV B XVI). vom Subjekt hergestellt wurde, dennoch objekti
Dabei ist allerdings zu beachten, dass nur die ve Gültigkeit haben kann. Dieses Problem stellt
→ Erscheinungen, aber nicht die → Dinge an sich sich erstens für die Verbindung mannigfaltiger
selbst sich nach unserem Erkenntnisvermögen Sinneseindrücke zur Anschauung eines Gegen
richten müssen. Denn unsere Erkenntnisvermö stands, zweitens für die Verbindung von Begriffen
gen haben nur Einfluss darauf, wie uns die Dinge zu einem Urteil, also der Vorstellung eines Sach
erscheinen, nicht aber darauf, wie sie an sich verhalts. Entsprechend unterscheidet Kant in § 18
selbst sind. Weitere wichtige Stellen: KrV B XIX; der KrV bloß subjektiv und objektiv gültige Ver
KrV A 1; KrV B 1; KrV A 93 / B 126; KrV A 97f.; KrV bindungen des Mannigfaltigen der Anschauung
A 100; KrV B 166; KrV A 158 / B 197; 4:258ff. und in § 19 bloß subjektiv und objektiv gültige
Verbindungen von Begriffen.
Verwandte Stichworte Zwar kann man sagen, dass Kant eine der
Erkenntnis; Kategorie; Sinnlichkeit; Verstand; zentralen Fragestellungen seiner Theorie der Er
Wahrnehmung; Analogien der Erfahrung; Form fahrung von Locke und Hume übernimmt, jedoch
der Erfahrung; Gegenstand der Erfahrung; unterscheiden Kant und die englischen Empiris
Gesetze der Erfahrung ten sich in ihren Antworten auf diese Frage sehr.
So sind Locke und Hume sowohl in Bezug auf den
Vorgeschichte und historischer Kontext Gehalt von Begriffen als auch in Bezug auf Urteile
Der historische Kontext für Kants Theorie der Empiristen. Ersteres bedeutet, dass alle Begriffe
Erfahrung wird in erster Linie durch den engli empirisch gebildet werden, also dadurch, dass wir
schen → Empirismus, insbes. durch → Locke und auf etwas in der Erfahrung Wiederkehrendes auf
→ Hume, gegeben. Von ihnen übernimmt Kant merksam werden und von den Unterschieden abs
das Problem, wie die → Verbindung verschiedener trahieren. Kant widerspricht dieser These, denn er
Vorstellungen durch das Subjekt objektiv gültig behauptet, dass es auch gewisse reine Begriffe (die
sein kann. Locke begründet die objektive Gül Kategorien und die transzendentalen Ideen) gibt,
tigkeit einfacher Vorstellungen dadurch, dass sie deren Inhalt wir nicht der Erfahrung entnommen
über die Sinne durch einen Kausalprozess gebildet haben, sondern der durch unsere Erkenntnisver
wurden (vgl. Locke, Essay, Bk. 2, Ch. 1, § 3; Bk. 2, mögen festgelegt wird. Empirismus mit Bezug auf
Ch. 30, § 1). Komplexe Vorstellungen sind nach Urteile bedeutet, dass Urteile letztlich immer nur
Locke dagegen durch die Tätigkeit des Verstandes durch Erfahrung begründet sein können. Kant wi
gebildet, der einfache Vorstellungen miteinander derspricht auch dieser These, denn er behauptet,
verbindet (vgl. Locke, Essay, Bk. 2, Ch. 12, § 1). dass man gewisse synthetische Urteile a priori
Und da diese Verbindungen nicht durch die Ge beweisen kann, insbesondere das Kausalgesetz,
genstände selbst bewirkt sind und die einfachen nach dem jede Veränderung eine Ursache hat.
Vorstellungen auch nicht bestimmen, mit wel In den Prolegomena räumt Kant ein, dass
chen anderen sie zu verbinden sind, stellt sich Humes Untersuchung zur Kausalität ihm „vor vie
die Frage, wie die objektive Gültigkeit komplexer len Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer
Vorstellungen zu begründen ist (vgl. Locke, Essay, unterbrach“ (4:260). Auch wenn Kant nicht sagt,
Bk. 4, Ch. 3, § 28). worauf genau er sich bei Hume bezieht, kann man
Diese Frage nach der objektiven Gültigkeit vermuten, dass folgende Überlegung gemeint ist:
von Verbindungen von Vorstellungen ist auch für Kant und Hume stimmen darin überein, dass der
Kants Theorie der Erfahrung zentral. Kant unter Begriff der Kausalität eine gesetzmäßige Verbin
dung zwischen zwei Ereignistypen zum Inhalt hat, ses ergibt, kann man mit Hume argumentieren,
nämlich „daß etwas [die Ursache] so beschaffen dass wir überhaupt nicht wissen, ob es gilt. Auch
[ist], daß, wenn es gesetzt ist, dadurch auch etwas diesen Schluss würde Kant für voreilig halten. Er
anderes [die Wirkung] nothwendig gesetzt wer zeigt in der KrV, dass es sich beim Kausalgesetz
den müsse“ (4:257). Hume hat nun argumentiert, um ein synthetisches Urteil a priori handelt (vgl.
dass man niemals aufgrund der Begriffe A und 2. Analogie der Erfahrung, KrV A 189ff. / B 232ff.).
B einsehen kann, dass ein Ereignis vom Typ A Kant schreibt Hume also das Verdienst zu,
das davon verschiedene Ereignis vom Typ B ver auf die Schwierigkeiten hingewiesen zu haben, die
ursacht. Wenn überhaupt, könne man dies also der Begriff der Kausalität birgt. Allerdings wirft er
nur aufgrund von Erfahrung wissen (vgl. Hume, ihm vor, seine Frage nicht in hinreichender Allge
Enquiry, S. 27, 32ff.). Aufgrund von Erfahrung kön meinheit gestellt zu haben (vgl. 4:260). Der Begriff
nen wir aber nur wissen, dass Ereignissen von ‚Kausalität‘ ist nämlich nicht der einzige, der nicht
Typ A bisher immer Ereignisse vom Typ B gefolgt auf Wahrnehmungsinhalte zurückgeführt werden
sind, aber nicht, dass dies immer so sein wird. kann, sondern es gibt eine ganze Reihe solcher Be
Wir können also weder aufgrund der Begriffe A griffe, die Kant als die reinen Verstandesbegriffe
und B, noch aufgrund der Erfahrung erkennen, (Kategorien) identifiziert.
dass ein Kausalverhältnis, also eine notwendige
Verbindung zwischen A und B besteht. Philosophische Funktion
Da uns in der Erfahrung keine Kausalverhält 1 Erfahrung beim vorkritischen Kant
nisse gegeben sind, kann der Begriff der Kausalität In der vorkritischen Phase spielt der Begriff ‚Er
auch kein empirischer, d. h. aus der Erfahrung fahrung‘ keine große Rolle. In De mundi setzt Kant
gewonnener Begriff sein. Kant stimmt Hume zu, sich aber kurz mit diesem Thema auseinander:
dass wir den Begriff ‚Kausalität‘ nicht aus der Er „In sensualibus autem et phaenomenis id, quod
fahrung erworben haben können, bestreitet aber, antecedit usum intellectus logicum, dicitur appa
dass es sich deshalb dabei um eine bloße Erdich rentia, quae autem apparentiis pluribus per intel
tung (vgl. 4:258) handelt. Denn wie Kant zu zeigen lectum comparatis oritur cognitio reflexa, vocatur
beabsichtigt, ist der Begriff der Kausalität erstens experientia. Ab apparentia itaque ad experienti
a priori durch die Natur des Verstandes gegeben am via non est, nisi per reflexionem secundum
und zweitens lässt sich seine Anwendbarkeit auf usum intellectus logicum. [Was bei den sinnlichen
die Erfahrung (seine objektive Realität) a priori (sensuellen) Erkenntnissen und den Phänomenen
beweisen. dem logischen Verstandesgebrauch vorhergeht,
Ein analoges Problem stellt sich auf einer heißt Erscheinung, die diskursive Erkenntnis, die
höheren Ebene, wenn wir nicht mehr den Besitz aus der Vergleichung mehrerer Erscheinungen
des Begriffs ‚Kausalität‘ betrachten, sondern das durch den Verstand entsteht, heißt Erfahrung. Von
Kausalgesetz, welches besagt, dass es zu jedem der Erscheinung also zur Erfahrung gibt es keinen
Ereignis eine Ursache gibt. Selbst wenn man zuge Weg als die Überlegung gemäß dem logischen
steht, dass man einzelne Kausalverhältnisse zwi Verstandesgebrauch]“ (2:394). Auch hier vertritt
schen Ereignistypen erkennen kann, kann man Kant also schon die These, dass Erfahrung einen
mit Hume argumentieren, dass man niemals auf Beitrag sowohl der Sinnlichkeit als auch des Ver
grund von Erfahrung wissen kann, ob das Kausal standes erfordert.
gesetz gilt. Denn aus Erfahrung wissen wir höchs Allerdings ist seine in der KrV vertretene An
tens, dass es für jeden bisher untersuchten Er sicht, dass auch Erfahrung einen reinen Anteil
eignistyp eine Ursache gibt, nicht aber, dass dies hat, in De mundi nur zum Teil anzutreffen. Kant
für alle Ereignistypen in der physikalischen Welt führt dort zwar schon die Theorie von Raum und
gilt. Anders gesagt kann man aufgrund von Erfah Zeit als reinen Formen der Anschauung ein, er
rung nicht ausschließen, dass in der physischen ist allerdings nicht der Ansicht, dass es auch von
Welt manche Ereignistypen spontan auftreten, oh Seiten des Verstandes einen reinen Anteil der Er
ne dass man eine Kausalerklärung für sie geben fahrung gibt. Kant kennt in De mundi zwar den
könnte. Da sich das Kausalgesetz ebenso wenig sogenannten → realen Verstandesgebrauch, der
als analytischer Satz aus dem Begriff des Ereignis im Gebrauch reiner Verstandesbegriffe wie „possi
bilitas, exsistentia, necessitas, substantia, causa eigentlich als verschiedene Aspekte einer einzi
etc. [Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit, gen Synthesis-Handlung anzusehen. Durch diese
Substanz, Ursache usw.]“ (2:395) besteht, dieser drei Synthesen sollen die vielen Sinneseindrücke,
spielt allerdings für die Erfahrung keine Rolle. die ich habe, zur → Anschauung z. B. eines Hau
ses verbunden werden. Die Betrachtung dieser
2 Erfahrung als Art von Erkenntnis drei Aspekte der Synthesis stellt den notwendi
Erfahrung im engeren Sinn ist eine bestimmte Art gen Rahmen für das Verständnis der These bereit,
von Erkenntnis, nämlich empirische Erkenntnis, dass der Verstand den Erscheinungen das Gesetz
die neben der mathematischen und der metaphy vorschreiben kann.
sischen Erkenntnis steht. Die mathematische und Die Synthesis der Apprehension ist das
metaphysische Erkenntnis besteht aus → syntheti „Durchlaufen der Mannigfaltigkeit und dann die
schen Urteilen a priori, die → empirische Erkennt Zusammennehmung desselben“ (KrV A 99), wo
nis dagegen aus synthetischen Urteilen a poste durch die Sinneseindrücke in die Tätigkeit der
riori. Empirische Erkenntnis zeichnet sich gegen Einbildungskraft aufgenommen werden (vgl. KrV
über den beiden anderen Arten also dadurch aus, A 120). Kant betont, dass diese Synthesis nicht
dass ihre Wahrheit von dem empirischen → Man nur in Hinblick auf das empirische Mannigfaltige
nigfaltigen der Sinne abhängt. Man kann daher der Sinne ausgeführt werden muss, sondern auch
auch sagen, dass die Beziehung zwischen beiden in Hinblick auf das reine Mannigfaltige, d. h. in
Bedeutungen von Erfahrung, die oben unterschie Hinblick auf die die Raum- bzw. Zeitstücke, an
den wurden, darin besteht, dass Erfahrung im denen wir die empirischen Eindrücke als stehend
engeren Sinn aufgrund der Erfahrung im weiten vorstellen (vgl. KrV A 99f.).
Sinne wahr bzw. falsch ist. Die Synthesis der Reproduktion besteht dar
Oben wurde die Notwendigkeit eines Bei in, die Vorstellungen, die in die Tätigkeit des Ver
trags von zwei Erkenntnisquellen, Sinnlichkeit standes aufgenommen wurden, in Gedanken zu
und Verstand, zur Erfahrung betont. An anderen behalten, während man zu neuen Vorstellungen
Stellen spricht Kant aber von drei Erkenntnisquel übergeht. Denn ich könnte die durch die Appre
len (vgl. KrV A 94; KrV A 97f.; KrV A 115; KrV A 155 / hension in die Tätigkeit der Einbildungskraft auf
B 194), nämlich Sinnlichkeit, → Einbildungskraft genommenen Vorstellungen nicht zu einer gan
und → Apperzeption. Während letztere hier mit zen Vorstellung, d. h. einer Anschauung eines Ge
dem Verstand gleichgesetzt werden darf, ist die genstandes, vereinigen, wenn ich sie immer wie
Einbildungskraft „ein thätiges Vermögen der Syn der aus den Gedanken verlöre, sobald ich zu der
thesis dieses Mannigfaltigen“ (KrV A 120), also nächsten Vorstellung übergehe (vgl. KrV A 102).
das Vermögen, die Synthesis des Verstandes auf Zu der Synthesis der Reproduktion gehört es auch,
Vorstellungen anzuwenden, die uns durch die Sin Wahrnehmungen, die gerade nicht aktuell durch
ne gegeben sind. Der Verstand kann also nicht nur die Sinne gegeben sind, aus dem Gedächtnis zu
zwischen Begriffen eine Synthesis vollziehen und rückzurufen. Wenn ich z. B. einen Stein gerade
sie so zu einem → Urteil verbinden, sondern er nur sehe, aber nicht fühle, so wird durch die Re
kann auch eine Synthesis des Mannigfaltigen der produktion die Wahrnehmung der Härte, die ich
Sinne vollziehen, und in dieser Rolle ist der Ver früher einmal bei Steinen gehabt habe, aus mei
stand die Einbildungskraft. Wenn Kant manchmal nem Gedächtnis aktualisiert. Die Reproduktion
von zwei, und manchmal von drei Erkenntnisver empirischer Vorstellungen heißt auch Assozia
mögen spricht, liegt also kein Widerspruch vor. tion. Denn die → Regeln, welche Vorstellungen
ich bei welcher Gelegenheit aus dem Gedächt
3 Erfahrung und die Synthesis des nis reproduziere, werden nach dem Gesetz der
Mannigfaltigen der Anschauung → Assoziation gebildet: Ich reproduziere solche
In der ersten Auflage der KrV stellt Kant drei Syn Vorstellungen, die sich früher des Öfteren in der
thesen vor, durch die das Mannigfaltige der Sin Erfahrung begleitet haben (vgl. KrV A 100; 7:176).
ne in einem Begriff vereinigt wird: die Synthesis Wie im Fall der Apprehension betont Kant
der → Apprehension, der → Reproduktion und der auch im Fall der Synthesis der Reproduktion, dass
→ Rekognition. Diese drei Synthesen sind aber sie auch für das reine Mannigfaltige der Sinne voll
zogen werden muss. Auch die Teile der Zeit und Durch das beschriebene Verfahren formt der
des Raumes müssen, nachdem sie apprehendiert Verstand aus den mannigfaltigen durch die Sinne
wurden, reproduziert, d. h. in Gedanken behalten gegebenen Vorstellungen die Anschauung eines
werden, damit sie zur ganzen Vorstellung vom → Gegenstands. Anders als seine Zeitgenossen,
Raum oder der Zeit vereinigt werden können (vgl. die glaubten, „die Sinne lieferten uns nicht allein
KrV A 101f.). Eindrücke, sondern setzten solche auch so gar
Die beiden genannten Arten der Synthesis zusammen und brächten Bilder [d. h. Anschau
reichen nach Kant aber noch nicht aus, um ein ge ungen] der Gegenstände zuwege“, ist Kant der
gebenes Mannigfaltiges zu der Anschauung eines Ansicht, dass hierzu „eine Function der Synthesis
Gegenstands zu vereinigen. Nach Kant ist dazu au [der Eindrücke] erfordert wird“ (KrV A 120 Anm.).
ßerdem ein → Bewusstsein erforderlich, „daß das,
was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen 4 Die transzendentale Deduktion der Kategorien
Augenblick zuvor dachten“, da sonst das Man Bisher wurde nur erläutert, dass der Prozess,
nigfaltige „immer kein Ganzes ausmachen [wür durch den der Verstand in seiner Rolle als Ein
de], weil es der Einheit ermangelte, die ihm nur bildungskraft das Mannigfaltige der Sinne zur
das Bewußtsein verschaffen kann“ (KrV A 103). Anschauung eines Gegenstands verbindet, den
In der Literatur wird diese Äußerung in zweierlei Besitz von Begriffen erfordert. Bisher ist aber we
Sinn verstanden: „I must become conscious of der klar geworden, warum hierzu der Gebrauch
two things: first, that the present representations gewisser reiner Verstandesbegriffe (Kategorien)
exactly resemble those which they reproduce, and erforderlich ist, noch, warum sich die Erschei
second, that the representations before my mind nung nach diesen Kategorien richten muss, so
belong to one set or group, and hence are unified“ dass das Erkenntnisvermögen den Gegenständen
(Wolff, Theory, S. 129). der Erfahrung das Gesetz vorschreiben kann.
Dieses Bewusstsein, dass die verschiedenen Im ersten Teil der transzendentalen Dedukti
Vorstellungen zu einer Menge oder Gruppe gehö on (vgl. KrV B 129–146) beweist Kant, dass „das
ren, besteht nun genauer gesagt im Bewusstsein Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung
einer Regel, nach der ich die Synthesis der Appre nothwendig unter Kategorien“ steht (KrV B 143).
hension und der Reproduktion vollziehe. Denn Dies hat seinen Grund darin, dass der Verstand
das Bewusstsein einer Regel, nach der ich die dieses Mannigfaltige gemäß den Kategorien ver
Handlungen des Aufnehmens und in Gedanken binden muss, um sich seiner selbst bewusst wer
Behaltens des Mannigfaltigen vollziehe, ist gleich den zu können. Es ist also nicht nur so, dass man
zeitig das Bewusstsein, dass alle diese Einzelhand irgendwelche Begriffe verwenden muss, um das
lungen eine komplexe Gesamthandlung ausma Mannigfaltige der Anschauung vereinigen zu kön
chen. Dadurch wiederum ist es das Bewusstsein, nen, sondern man muss, um sich dabei seiner
dass die apprehendierten und reproduzierten Vor selbst bewusst werden zu können, ganz bestimm
stellungen ein Ganzes, d. h. eine Anschauung ei te reine Verstandesbegriffe verwenden, bzw. Fort
nes Gegenstandes ausmachen. bestimmungen davon. Da man die Kategorien ver
Das Bewusstsein einer solchen Einheit ver wenden muss, um die Anschauung eines Gegen
leihenden Regel ist das, was wir einen Begriff standes hervorzubringen, kann man sagen, dass
nennen. „Die reine Synthesis, allgemein vorge sie „Begriffe von einem Gegenstande überhaupt“
stellt, giebt nun den reinen Verstandesbegriff“ sind (KrV B 128).
(KrV A 78 / B 104). Die Synthesis allgemein vor Im zweiten Teil der transzendentalen Deduk
stellen heißt eine Regel vorstellen, nach der die tion (vgl. KrV B 146–169) „soll die Möglichkeit,
Synthesis vollzogen wird. Die zitierte Bemerkung durch Kategorien die Gegenstände, die nur immer
bezieht sich zwar auf reine Verstandesbegriffe, gilt unseren Sinnen vorkommen mögen [. . . ] a priori zu
aber auch für empirische Begriffe: Ein empirischer erkennen“ bewiesen werden (KrV B 159). Nach
Begriff ist eine empirisch erworbene allgemeine dem schon gezeigt wurde, dass der Verstand das
Vorstellung, also die Vorstellung einer Regel, nach Mannigfaltige der Anschauung überhaupt den Ka
der die Synthesis des Mannigfaltigen der Sinne tegorien gemäß verbinden muss, soll nun gezeigt
vollzogen wird. werden, dass er dies im Fall der sinnlichen An
schauung mit ihren Formen Raum und Zeit auch nicht, dass die Gegenstände gewissen Bedingun
kann. Denn es könnte ja sein, dass diese Formen gen unterliegen. Es muss also noch gezeigt wer
der Sinnlichkeit sich der Synthesis gemäß den Ka den, dass „die Bedingungen der Möglichkeit der
tegorien sperren. Nach Kant zeigt sich allerdings, Erfahrung überhaupt [. . . ] zugleich Bedingungen
dass dies nicht der Fall ist, weil die Vorstellungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung“
von Raum und Zeit selbst schon eine synthetische sind (KrV A 158 / B 197, vgl. KrV A 93f. / B 126f.).
Einheit aufweisen, die „in einem ursprünglichen Kant zufolge handelt es sich bei den Kategori
Bewußtsein, den Kategorien gemäß“ sein muss en und Raum und Zeit nicht um Bedingungen der
(KrV B 161; vgl. KrV B 144f.). Damit ist die Mög Möglichkeit des Erfahrens der einen oder anderen
lichkeit, dass das Mannigfaltige der sinnlichen Person, sondern um Bedingungen, die für Erfah
Anschauung sich vielleicht einer Synthesis gemäß rung „überhaupt“ (KrV A 158 / B 197) gelten, und
den Kategorien sperrt, ausgeräumt. (Der Grund die deshalb notwendig allgemeingültig, d. h. not
der Zweiteilung der Deduktion der Kategorien ist wendig intersubjektiv, für alle Erkenntnissubjekte
in der Literatur allerdings umstritten, vgl. Allison, gelten. Aufgrund dieser notwendigen Intersubjek
Kant’s Transcendental Idealism, S. 133f.) „[S]o sind tivität kann man sagen, dass die zunächst subjek
die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der tiven Bedingungen des Denkens auch objektive
Erfahrung und gelten also a priori auch von allen Bedeutung haben. (Zur Erklärung der objektiven
Gegenständen der Erfahrung“ (KrV B 161). Damit Gültigkeit von Vorstellungen durch ihre notwen
ist das Beweisziel der transzendentalen Dedukti dige Intersubjektivität bzw. Allgemeingültigkeit
on der Kategorien erreicht. vgl. Prolegomena §§ 18f., 4:298)
Die Gesetze, die der Verstand den Gegen
5 Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände ständen der Erfahrung vorschreiben kann, sind
der Erfahrung sehr allgemeiner Art. Kant nennt diese Gesetze die
Es hat sich gezeigt, dass es bestimmte in unserem synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes
Erkenntnisvermögen begründete Bedingungen und teilt sie ein in „Axiomen der Anschauung“
für Erscheinungen gibt. In der transzendentalen (KrV A 162 / B 202), „Anticipationen der Wahrneh
Ästhetik haben wir uns „mit leichter Mühe“ davon mung“ (KrV A 166 / B 207), „Analogien der Erfah
überzeugt, dass Raum und Zeit nicht nur subjek rung“ (KrV A 176 / B 218) und „Postulate des em
tive Bedingungen eines unserer Erkenntnisvermö pirischen Denkens überhaupt“ (KrV A 218 / B 265).
gen sind, sondern „sich gleichwohl auf Gegen Die wichtigsten von ihnen sind der Satz „Bei al
stände nothwendig beziehen müssen“, weil „nur lem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Sub
vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlich stanz“ (KrV A 182 / B 224) und das Kausalgesetz:
keit uns ein Gegenstand erscheinen [. . . ] kann“ „Alle Veränderungen geschehen nach dem Geset
(KrV A 89 / B 121). Schwieriger zu beantworten war ze der Verknüpfung der Ursache und Wirkung“
die Frage, warum die Erscheinungen sich auch (KrV B 232; vgl. KrV A 188). Der Satz von der Erhal
nach den Kategorien richten müssen, da diese zu tung der Substanz besagt, dass es etwas gibt, das
nächst nur Bedingungen für das Denken sind und bei allem Wechsel unverändert bleibt, was dieses
nicht Bedingungen, „unter denen Gegenstände Unveränderliche aber ist, muss durch empirische
in der Anschauung gegeben werden“ (KrV A 89 / Forschung bestimmt werden. Das Kausalgesetz
B 122). Der zweite Teil der transzendentalen De besagt, dass es zu jedem Ereignis eine Ursache
duktion zielte deshalb darauf ab zu zeigen, dass gibt, welche Ereignisse aber in einem Kausalitäts
die „Erscheinungen etwas dergleichen [was z. B. verhältnis zueinander stehen, muss wieder durch
der Kategorie der Ursache entspricht] enthalten“ empirische Forschung ermittelt werden. „Beson
müssen (KrV A 90 / B 122). dere Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Er
Auch wenn wir zugestehen, dass Raum und scheinungen betreffen, können [von den Gesetzen
Zeit sowie die Kategorien Bedingungen für die a priori] nicht vollständig abgeleitet werden“ (KrV
Erscheinungen sind, wird daraus noch nicht die B 165).
Möglichkeit der Erkenntnis a priori klar. Denn es Aus der eben angedeuteten Argumentation
wurde bisher nur gezeigt, dass wir in unserem Vor für die objektive Gültigkeit der reinen Verstan
stellen gewissen Bedingungen unterliegen, aber desbegriffe ergibt sich, dass die Erfahrung eine
zentrale Rolle in Kants Theorie jeder Erkenntnis gorien entsprechen]“ (Baum, Deduktion und Be
spielt. Erfahrung ist zwar neben der mathemati weis, S. 22). Die Kategorien spielen nach Baum
schen und der metaphysischen nur eine Art von also nicht die Rolle, dass unser Verstand sie zu
Erkenntnis, die dazu wegen ihrer Alltäglichkeit gegebenen Empfindungen hinzufügt und so Ge
philosophisch wenig interessant zu sein scheint. genstände konstituiert. Sie spielen vielmehr die
Deshalb wollte die traditionelle Metaphysik auch Rolle eines Auswahlkriteriums: Empfindungen,
„über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskom die ihnen genügen, sind Vorstellungen eines Ge
men“ (KrV B XIX) und strebte Erkenntnis über Gott genstands; Empfindungen, die dies nicht tun, sind
und die Seele an. Für Kant spielt die Erfahrung bloße Einbildungen. Das eben Gesagte scheint
aber insofern eine grundlegende Rolle, als auch nun die Möglichkeit offen zu lassen, dass es über
mathematische und metaphysische Erkenntnisse haupt keine Empfindungen gibt, die den Kate
a priori immer Erkenntnisse von Gegenständen gorien entsprechen. Dass dies nicht sein kann,
der Erfahrung sind. „Folglich ist uns keine Erkennt beruhe nach Kant „auf den im Subjekt begrün
niß a priori möglich, als lediglich von Gegenständen deten Gesetzen der Synthesis (Urteilsformen) der
möglicher Erfahrung“ (KrV B 166; vgl. KrV A 146 / Erscheinungen“ (Baum, Deduktion und Beweis,
B 185, KrV A 157 / B 196). Man kann daher sagen, S. 22). Ein zentrales Beweisziel der KrV besteht
dass nach Kant Metaphysik im traditionellen Sin also darin zu zeigen, dass es Empfindungen ge
ne unmöglich ist, weil es außerhalb des Bereichs ben muss, die den Kategorien genügen. „Ob be
möglicher Erfahrung keine theoretische Erkennt stimmte Empfindungen über derartige Eigenschaf
nis gibt. Nach Kant gibt es zwar theoretische syn ten verfügen, dies ist allerdings etwas, worauf
thetische Erkenntnis a priori, aber diese Erkennt wir, die erkennenden Subjekte, keinen Einfluß
nis betrifft nur die Gegenstände der Erfahrung. haben, sondern was allein dem Objekt dieser
Dies gilt sowohl für mathematische Erkenntnis Empfindungen zuzuschreiben ist, also dem Ge
als auch für metaphysische Erkenntnis, die z. B. genstand selbst“ (Baum, Deduktion und Beweis,
a priori von Gegenständen der Erfahrung sagt, S. 22).
dass für sie das Kausalgesetz gilt. Lewis White Beck bespricht die von C. I. Le
wis und anderen aufgeworfene Frage, ob es nach
Interpretationslage Kant möglich ist, dass wir uns eines Mannigfal
Günther Patzig versteht Kants Theorie der Erfah tigen der Sinne bewusst werden, das nicht den
rung so, dass aus gegebenen „Empfindungen [. . . ] Kategorien genügt. Diese Frage lässt sich mit Be
von uns mit den reinen Anschauungsformen und zug auf folgende von Kant erwogene Möglichkeit
Verstandesbegriffen eine Welt gesetzlich verknüpf explizieren: „Denn es könnten wohl allenfalls Er
ter Gegenstände und Ereignisse aufgebaut (kon scheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand
stituiert)“ wird (Patzig, Synthetische Urteile, S. 57). sie den Bedingungen seiner Einheit [also den Kate
Dies sei unsere „Methode, den Empfindungen gorien] gar nicht gemäß fände“ (KrV A 90 / B 123).
raumzeitliche Einheit und durchgängige Bestim Die Verwendung des Konjunktivs an dieser Stelle
mung aufzuprägen“ (Patzig, Synthetische Urteile, deutet an, dass Kant diese Möglichkeit nur aus
S. 57). Patzig versteht Kant also so, dass unser Er didaktischen Gründen erwägt, und dass er zei
kenntnisvermögen zu beliebigen gegebenen Emp gen will, dass sie nicht besteht. Wenn wir aber
findungen einen reinen Anteil „aus sich selbst zugestehen, dass Kant mit Erfolg ein solches Ar
hergiebt“ (KrV B 1; vgl. KrV A 2) und so die Ge gument präsentiert, wirft dies das Problem auf,
genstände, oder doch Vorstellungen von ihnen, dass es keine Erscheinungen gibt, die nicht den
konstituiert. Kategorien gemäß sind. Dies hätte dann zur Folge,
Nach Manfred Baum verfehlt diese Inter dass es nach Kant keine Träume und Phantasien
pretation Kants Intentionen. Kant wolle behaup geben könnte, denn Erscheinungen, die den Ka
ten, „daß von den Empfindungen, die wir ha tegorien gemäß sind, haben nach Kant objektive
ben, nur diejenigen Vorstellungen von Gegenstän Gültigkeit.
den sind, die über formale Eigenschaften verfü Beck erwägt zunächst folgende Lösung die
gen, aufgrund deren sie zum Begriff eines Objekts ser Schwierigkeit: Man unterscheidet zwei Bedeu
überhaupt zusammenstimmen [d. h. den Kate tungen von Erfahrung, wie es hier zu Beginn die
ses Artikels geschehen ist. Kants Frage sei dann, Essays on Kant and Hume, New Haven u. a.:
wie man von Erfahrung im weiteren Sinn, also Yale University Press 1978.
dem empirischen Mannigfaltigen der Sinne, zu Hoppe, Hansgeorg: Synthesis bei Kant, Berlin
Erfahrung im engeren Sinn gelangt. Kant kann u. a.: de Gruyter 1983.
nun die Möglichkeit von Träumen und Phantasien Kemp Smith, Norman: A Commentary to Kant’s
offen halten, indem er annimmt, dass uns dieser Critique of Pure Reason, London: Macmillan
Übergang nur teilweise gelingt (vgl. Beck, Sage, 1979.
S. 41): Nicht jede Erfahrung im weiten Sinne ist Longuenesse, Beatrice: Kant and the Capacity to
den Kategorien gemäß, und in diesen Fällen spre Judge, Princeton: Princeton University Press
chen wir von bloßen Phantasien. Andererseits 1998.
muss es aber auch Wahrnehmungen geben, die Paton, Herbert J.: Kant’s Metaphysic of Experience,
den Kategorien gemäß sind. London u. a.: Allen & Unwin 1936.
Beck argumentiert nun weiter, dass das an Patzig, Georg: Kant: „Wie sind synthetische Urteile
gesprochene Problem sich so einfach nicht lösen a priori möglich?“, in: Speck, J. (Hg.): Grundpro
lässt. Denn es scheint, dass man nach Kant al bleme der großen Philosophen. Philosophie der
len Vorstellungen eine Relation auf ein Objekt Neuzeit II, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
zuschreiben muss, deren man sich bewusst wird. 1976.
Das Argument lautet, dass man Eindrücke schon Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London:
dadurch unter die Kategorien subsumiert, dass Methuen 1966.
man sich ihrer bewusst wird, sie also mit der Vor Thöle, Bernhard: Kant und das Problem der Ge
stellung „Ich denke“ begleitet. Denn „[t]o think is setzmäßigkeit der Natur, Berlin u. a.: de Gruyter
to judge“ und „[t]o judge is to relate representati 1991.
ons to one another according to a rule given by a Wolff, Robert P.: Kant’s Theory of Mental Activity,
category“ (Beck, Sage, S. 44). Man kann sich also Cambridge, Mass.: Harvard University Press
seiner Eindrücke nicht bewusst werden, ohne sie 1963.
als objektiv gültig anzusehen. Dies ist auch nach Bernd Prien
Kemp Smith Kants „truly Critical position“ (Kemp
Smith, Commentary, S. 222), die nach Beck aller
dings die absurde Konsequenz hätte, dass es keine Erfahrung, äußere
bewussten Träume und Phantasien gibt. Beck ar → Erfahrung ist empirische → Erkenntnis von
gumentiert nun, dass sich diese Folge nicht ergibt. → Gegenständen auf der Grundlage dessen, was
Zwar müssen wir unsere Eindrücke als objektiv uns durch die → Sinne gegeben ist. Äußere Er
gültig ansehen, um uns ihrer bewusst werden zu fahrung ist dementsprechend Erfahrung äußerer
können, sie müssen aber nicht unbedingt auf ein Gegenstände aufgrund von Daten, die uns durch
äußeres Objekt bezogen werden, sondern kön den äußeren Sinn gegeben sind. Der äußere Sinn
nen auch auf ein inneres Objekt bezogen werden. wiederum wird von Gegenständen außer uns af
„[T]he „I think“ must be able to accompany all my fiziert und durch ihn schauen wir Gegenstände
representations, whether they be of outer objects im Raum an, denn dies ist die Form des äußeren
or of objects of inner sense“ (Beck, Sage, S. 48). Ein Sinnes. Wichtige Stellen: KrV A 157 / B 196; KrV
Traum ist demnach „a subjective object“ (Beck, B 278f.; 4:265; 4:295.
Sage, S. 54).
Verwandte Stichworte
Weiterführende Literatur Erfahrung, innere; Gegenstand, äußerer/inne
Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism, rer; Sinn, äußerer
New Haven u. a.: Yale University Press 1983.
Baum, Manfred: Deduktion und Beweis in Kants Philosophische Funktion
Transzendentalphilosophie, Königstein/Ts.: Kant unterscheidet zwischen äußerer und inne
Athenäum 1986. rer Erfahrung, je nachdem, ob das Material da
Beck, Lewis White: „Did the Sage of Königsberg zu durch den äußeren oder durch den inneren
Have No Dreams?“, in: Beck, Lewis White (Hg.): Sinn gegeben ist. Der erstere schaut äußere Gegen
stände in der Form des Raumes an, während der men kann. Der Verstand ist in seinem Denken
letztere innere Gegenstände in der Form der Zeit aber nicht an die Grenzen der sinnlichen → Wahr
anschaut. „[D]er Raum [ist] als Bedingung der Er nehmung gebunden, denn durch seine → Begriffe
scheinungen, welche den Stoff zur äußeren Erfah kann er auch Dinge denken, die man durch die
rung ausmachen, anzusehen“ (KrV A 157 / B 196). Sinnlichkeit nicht anschauen kann. Die bedeu
Kant ordnet äußere und innere Erfahrung tendsten Beispiele hierfür sind die → transzen
zwei verschiedenen Wissenschaften zu. Es gibt dentalen Ideen, von denen man sogar a priori
einerseits die „äußere Erfahrung, welche die Quel beweisen kann, dass ihnen keine sinnlichen An
le der eigentlichen Physik“ ausmacht, und die schauungen entsprechen (vgl. 4:327; 4:349). Ein
„innere, welche die Grundlage der empirischen solches → Denken, dem keine → Anschauung kor
Psychologie ausmacht“ (4:265; vgl. 4:295). respondiert, ist aber bloß ein leeres Denken, kein
Kant sieht zwischen äußerer und innerer Er Erkennen, das ja immer Begriff und Anschauung
fahrung also eine Parallelität. Diese hat allerdings erfordert. Insofern steckt die Sinnlichkeit für den
auch ihre Grenzen, denn Kant vertritt die The Verstand also Grenzen der Erfahrung.
se, dass „innere Erfahrung überhaupt nur durch Aus dieser Erklärung ergibt sich insbesonde
äußere Erfahrung überhaupt möglich“ ist (KrV re, dass die → Dinge an sich außerhalb der Gren
B 278f.). Es ist hier nicht gemeint, dass jede innere zen der Erfahrung liegen, denn alle unsere sinnli
Erfahrung einer äußeren entspricht, was ja Träu chen Anschauungen beziehen sich auf → Erschei
me und Phantasien unmöglich machen würde, nungen und nicht auf Dinge an sich.
sondern nur, dass es überhaupt äußere Erfahrung Man kann den Ausdruck Grenze der Erfah
geben muss, damit es innere geben kann. Die rung aber nicht nur als genitivus objectivus ver
se Behauptung bildet die Grundlage für Kants stehen, also so, dass etwas (die Sinnlichkeit) ei
→ Widerlegung des Idealismus. ne Grenze für die Erfahrung darstellt, sondern
auch als genitivus subjectivus, also so, dass die
Weiterführende Literatur Erfahrung eine Grenze für etwas, nämlich für die
Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism, Vernunft, setzt. Und zwar werden wir durch die
New Haven: Yale University Press 1983, 261–263. → Vernunft getrieben, über die Grenzen der Erfah
Bernd Prien rung hinauszugehen. Denn die Erfahrung „sagt
uns zwar, was da sei, aber nicht, daß es nothwen
diger Weise so und nicht anders sein müsse. Eben
Erfahrung, Grenze der darum gibt sie uns auch keine wahre Allgemein
Erfahrung ist empirische → Erkenntnis und wie al heit, und die Vernunft, welche nach dieser Art von
le theoretische Erkenntnis erfordert sie einen Bei Erkenntnissen so begierig ist, wird durch sie mehr
trag beider → Erkenntnisvermögen, also sowohl gereizt, als befriedigt“ (KrV A 1f.; vgl. KrV A 744 /
der Sinnlichkeit als auch des Verstandes (vgl. KrV B 772). Da die Vernunft in ihrer Suche nach Grün
A 50f. / B 74f.). Daraus ergibt sich als Grenze der den in der Erfahrung auf keinen letzten Grund
Erfahrung, dass es Erfahrung nur von solchen Ge trifft, strebt sie danach, über die von der Erfahrung
genständen geben kann, die wir nicht nur durch gesetzten Grenzen hinauszugehen (vgl. KrV B XX).
den Verstand denken, sondern auch durch die Sin Da jeder Satz der Erfahrung nach weiteren
ne anschauen können (vgl. KrV B XXIV). Weitere Erfahrungen verlangt, durch die er begründet wer
wichtige Stellen: KrV B XVIII; 4:360–362. den kann, sagt Kant auch, dass Erfahrung sich
nicht selbst begrenzt, d. h., sie geht immer weiter
Verwandte Stichworte ad infinitum. „Das, was sie begrenzen soll, muß
Erfahrung; Grenze; Idee, transzendentale; [deshalb] gänzlich außer ihr liegen [d. h., es muß
Sinnlichkeit; Verstand auf einer ganz anderen Ebene liegen], und dieses
ist das Feld der reinen Verstandeswesen“ (4:360).
Philosophische Funktion
Durch die Sinnlichkeit sind Grenzen der Erfah Weiterführende Literatur
rung gegeben, denn Erfahrung gibt es nur von Guyer, Paul: „Transzendentaler Idealismus und
Gegenständen, die man auch sinnlich wahrneh die Grenzen der Erkenntnis“, in: Hogrebe, Wolf
ram (Hg.): Grenzen und Grenzüberschreitun gung der Möglichkeit derselben, unzertrennlich
gen, XIX. Deutscher Kongress für Philosophie, verbunden werde“ (KrV B XL Anm.).
Vorträge und Kolloquien, Berlin: Akademie Kant merkt an, dass „die Vorstellung von et
2004, 89–103. was Beharrlichem im Dasein [. . . ] nicht einerlei
Himmelmann, Beatrix: „Bedürfnisse der Vernunft. mit der beharrlichen Vorstellung“ ist (KrV B XLI
Vom Umgang mit den Grenzen des Vernunftge Anm.). Worin liegt der Unterschied zwischen der
brauchs“, in: Hogrebe, Wolfram (Hg.): Grenzen Vorstellung des Beharrlichen und der beharrli
und Grenzüberschreitungen, XIX. Deutscher chen Vorstellung? Erstere „kann sehr wandelbar
Kongress für Philosophie, Sektionsbeiträge, und wechselnd sein, wie alle unsere und selbst
Bonn: Sinclair Press 2002, 917–926. die Vorstellungen der Materie“. Sie „bezieht sich
Bernd Prien doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von
allen meinen Vorstellungen unterschiedenes und
äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der
Erfahrung, innere Bestimmung meines eigenen Daseins nothwendig
Unter innerer Erfahrung versteht Kant in der KrV mit eingeschlossen wird und mit derselben nur ei
das Bewusstsein der „Bestimmung“ (KrV B 277) ne einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal
des eigenen Daseins in der Zeit (vgl. KrV B XL innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum
Anm.; KrV A 37 / B 53). Da die Zeit die Anschau Theil) zugleich äußerlich wäre“ (KrV B XLI Anm.).
ungsform des → inneren Sinns ist, in welchem Die „Widerlegung des Idealismus“ (KrV B 274; vgl.
wir uns unserer eigenen Vorstellungen bewusst KrV B 274–279) übernimmt diesen Gedanken und
werden, bedeutet das, dass wir uns durch innere versucht den Beweis zu erbringen, dass der innere
Erfahrung unserer eigenen → Vorstellungen als Sinn für die Zeitbestimmung von Veränderungen
objektiv bestimmt bewusst werden. Weitere wich auf etwas Beharrliches im äußeren Sinn angewie
tige Stellen: 2:190; 2:286; 4:336; 4:356; 6:63; 6:442; sen ist. Das Subjekt kann sich seiner Veränderun
7:141ff.; 8:402; 22:462; 22:500. gen im Inneren nur bewusst sein, wenn es ein
äußeres Beharrliches gibt (vgl. KrV B 274–279).
Verwandte Stichworte
Inneres und Äußeres; Achtung, Achtung für das 2 Innere Erfahrung und praktische Vernunft
Gesetz; Erfahrung, äußere; Selbstanschauung; In Kants praktischer Philosophie ist von innerer
Selbsterkenntnis oder „innerlich[er]“ (8:287) Erfahrung in mora
lischer, nicht theoretischer Bedeutung die Rede.
Philosophische Funktion In diesem Zusammenhang stellt das Bewusstsein
1 Innere Erfahrung und reine Vernunft des moralischen Gesetzes und des Unterschie
In einer umfangreichen Anmerkung zur Vorre des zwischen Pflicht und Neigung, über den „der
de der KrV B wird die innere Erfahrung als das gemeinste Menschenverstand“ verfügt (5:92), ei
bestimmt, wodurch wir uns nicht nur unserer Vor ne Erfahrung dar, die von der Erfahrung weder
stellungen, sondern auch unseres Daseins in der bestätigt noch widerlegt werden kann. Nur das
→ Zeit bewusst sind (vgl. aber KrV B 277). Sie ver Gefühl der → Achtung vor dem Sittengesetz ga
mittelt somit das „empirische[] Bewußtsein meines rantiert, dass wir des Unterschiedes zwischen
Daseins“ (KrV B XL Anm.). Die innere Erfahrung empirischen und rationalen Gründen der Moral
setzt „Beziehung auf etwas“ voraus, „was mit mei „inne werden“ (5:92). Noch 1793 tritt Kant dem
ner Existenz verbunden außer mir ist“ (KrV B XL Einwand Garves entgegen, dass der Unterschied
Anm.). Erst durch dieses Verhältnis „zu etwas au zwischen Pflicht und Neigung irrelevant werde,
ßer mir“ (KrV B XL Anm.) entsteht eine Erfahrung, „wenn es aufs Handeln ankommt“ (8:287), indem
die von Phantasievorstellungen wesentlich unter er auf eine „Erfahrung“ verweist, „die nur inner
schieden ist. Da der → äußere Sinn die „Beziehung lich sein kann“ (8:287). Er definiert diese inner
der Anschauung auf etwas Wirkliches außer mir“ liche Erfahrung als eine Erhebung des mensch
enthält, beruht „die Realität desselben zum Un lichen Gemüts durch die Idee der Pflicht: „Daß
terschiede von der Einbildung“ darauf, „daß er der Mensch sich bewußt ist, er könne dieses, weil
mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedin er es soll: das eröffnet in ihm eine Tiefe göttli
cher Anlagen, die ihm gleichsam einen heiligen bewußtsein und Selbsterkenntnis, Hamburg:
Schauer über die Größe und Erhabenheit seiner Meiner 1996.
wahren Bestimmung fühlen läßt“ (8:287f.). Die Manganaro, Paolo, L’antropologia di Kant, Napoli:
Vermittlung zwischen Theorie und Praxis voll Guida 1983.
zieht sich so bereits auf dem Niveau der morali Piero Giordanetti
schen Gesinnung. In demselben Kontext verwen
det Kant den Ausdruck ‚innere Erfahrung‘ auch
in einem empirischen Sinn, indem diese als ein Erfahrung, mögliche
Bewusstsein des eigenen Seelenzustandes auf Nach Kant legen unsere Erkenntnisvermögen ge
gefasst wird. In dieser Hinsicht räumt Kant ein, wisse Bedingungen fest, nach welchen Gegen
„daß kein Mensch sich mit Gewißheit bewußt stände sich richten müssen, damit Erfahrung von
werden könne, seine Pflicht ganz uneigennützig ihnen möglich ist. Da zur Erfahrung, wie zu je
ausgeübt zu haben: denn das gehört zur inneren der Art von theoretischer Erkenntnis, ein Beitrag
Erfahrung, und es würde zu diesem Bewußtsein sowohl der Sinnlichkeit als auch des Verstandes
seines Seelenzustandes eine durchgängig klare erforderlich ist (vgl. KrV A 50f. / B 74f.), sind dies
Vorstellung aller sich dem Pflichtbegriffe durch die Bedingungen, unter denen unsere Sinnlichkeit
Einbildungskraft, Gewohnheit und Neigung beige Gegenstände anschauen kann, also Raum und
sellenden Nebenvorstellungen und Rücksichten Zeit, sowie die Bedingungen, unter denen unser
gehören, die in keinem Falle gefordert werden Verstand Gegenstände der Anschauung denken
kann“ (8:284). kann, also die Kategorien. Diese Bedingungen äu
ßern sich konkret darin, dass für die Erfahrung die
3 Innere Erfahrung und Anthropologie Grundsätze des reinen Verstandes gelten, insbe
In der Anthropologie bestreitet Kant die Verläss sondere der Satz von der Erhaltung der Substanz
lichkeit innerer Erfahrung „von der Gnade, [und] und das Kausalgesetz.
von Anfechtungen“ (7:134): „Denn es ist mit jenen Inhalt einer möglichen Erfahrung ist dem
inneren Erfahrungen nicht so bewandt, wie mit nach ein Sachverhalt oder ein Ereignis, der bzw.
den äußeren von Gegenständen im Raum, worin das in Raum und Zeit stattfindet, unter die Ka
die Gegenstände nebeneinander und als bleibend tegorien fällt und den Grundsätzen des reinen
festgehalten erscheinen. Der innere Sinn sieht die Verstandes entspricht (vgl. KrV A 236f. / B 295f.).
Verhältnisse seiner Bestimmungen nur in der Zeit, Wenn Kant also z. B. vom Feld oder der Sphäre
mithin im Fließen, wo keine Dauerhaftigkeit der möglicher Erfahrung spricht, meint er damit die
Betrachtung, die doch zur Erfahrung nothwendig jenigen Dinge, die diesen Bedingungen genügen
ist, statt findet“ (7:134). Kant scheint damit die in (vgl. KrV A 227 / B 280; KrV A 229 / B 281). Weitere
der „Widerlegung des Idealismus“ (KrV B 274; vgl. wichtige Stellen: KrV A 93f. / B 126; KrV A 157f. /
KrV B 274–279) vertretene Position, der zufolge B 196f.; KrV A 184 / B 228; KrV A 227 / B 280; KrV
die Zeitbestimmungen in der inneren Erfahrung A 229 / B 281; KrV A 236f. / B 295f.
die Beziehung auf etwas Beharrliches im äußeren
Sinn erfordert, zu revidieren. In der Anthropologie Verwandte Stichworte
wird dagegen implizit behauptet, dass durch das Erfahrung; Form der Erfahrung; Erfahrung,
Beharrliche im Raum keine Zeitbestimmung in Grenze der
der inneren Erfahrung möglich ist. Eigentliche
Erfahrung ist nur durch Bezug auf das Beharrliche Philosophische Funktion
im Raum möglich. Die eben genannten Bedingungen sind zunächst
einmal subjektive Bedingungen unserer Erkennt
Weiterführende Literatur nisvermögen, also Bedingungen, unter den unsere
Giordanetti, Piero: L’estetica fisiologica di Kant, Sinnlichkeit etwas anschauen kann, bzw. Bedin
Milano: Mimesis 2001. gungen, unter denen unser Verstand Gegenstände
Klemme, Heiner: Kants Philosophie des Subjekts. der Anschauung denken kann. Um einzusehen,
Systematische und entwicklungsgeschichtliche dass diese Bedingungen auch objektive Bedeu
Untersuchungen zum Verhältnis von Selbst tung haben, also Bedingungen für die Gegenstän
theil“ vorausgehen muss, „ehe aus Wahrnehmung unterscheidet zwischen subjektiven Gegenstän
Erfahrung werden kann“ (4:300). den (den Erscheinungen) und objektiven Gegen
ständen der Erfahrung. Seiner Ansicht nach sind
3 Objektivität und notwendige Wahrnehmungsurteile „Urteile über Erscheinun
Allgemeingültigkeit gen oder Empfindungen als solche“ (Prauss, Er
Bisher wurde nur darüber gesprochen, wie man scheinung, S. 145). Andere Autoren vertreten dage
nach Kant einem Urteil notwendige → Allgemein gen die Ansicht, dass beide Arten von Urteilen von
gültigkeit verleiht, genauer: was man tun muss, objektiven Gegenständen der Erfahrung handeln
um einen Anspruch auf Gültigkeit für jedermann und sich z. B. nur in der Art ihrer Rechtfertigung
und jederzeit zu erheben. Da Erfahrungsurteile unterscheiden.
aber durch ihre objektive Gültigkeit definiert sind, Weiterhin ist unklar, in genau welchem Sin
muss noch eine Beziehung zwischen Allgemein ne die Kategorien in Erfahrungsurteile, aber nicht
gültigkeit und → Objektivität hergestellt werden. in Wahrnehmungsurteile eingehen. Denn erstens
Kant geht dabei so vor, dass er zunächst den scheint es, dass, entgegen Kants Aussage, nur die
umgekehrten Zusammenhang herstellt: Wenn ein Relationskategorien (Substanz / Akzidenz, Ursa
Urteil objektiv ist in dem Sinne, dass es von einem che / Wirkung, Wechselwirkung) nicht in Wahr
unabhängig von uns bestehenden Sachverhalt nehmungsurteile eingehen, die Kategorien der
handelt, so müssen alle Urteilenden dasselbe Ur Quantität (z. B. Einheit) und der Qualität (z. B.
teil fällen, andernfalls muss mindestens eines Realität) aber schon. Zweitens wirft diese Schwie
ihrer Urteile falsch sein. Diesen Zusammenhang rigkeit auch die Frage auf, was nach Kant ein Urteil
kehrt Kant nun um: „Aber auch umgekehrt, wenn überhaupt ist, wie also seine Urteilsdefinition in
wir Ursache finden, ein Urtheil für nothwendig der zweiten Auflage der KrV zu verstehen ist. Viele
allgemeingültig zu halten [. . . ], so müssen wir es Autoren bezweifeln, dass die Unterscheidung zwi
auch für objectiv halten, d. i. daß es nicht blos ei schen Erfahrungs- und Wahrnehmungsurteilen
ne Beziehung der Wahrnehmung auf ein Subject, mit dieser Definition in Einklang zu bringen ist.
sondern eine Beschaffenheit des Gegenstandes Denn Kant schreibt, „daß ein Urtheil nichts andres
ausdrücke“ (4:298). Kant begründet diese Um sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur objec
kehrung folgendermaßen: „[D]enn es wäre kein tiven Einheit der Apperception zu bringen“ (KrV
Grund, warum anderer Urtheile nothwendig mit B 141). Wenn ein Urteil aber per definitionem eine
dem meinigen übereinstimmen müßten, wenn es objektiv gültige Verbindung ist, scheint es, dass
nicht die Einheit des Gegenstandes wäre, auf den bloß subjektiv gültige Wahrnehmungsurteile gar
sie sich alle beziehen“ (4:298). Zusammenfassend keine Urteile sind. Weiterhin wird argumentiert,
schreibt Kant daher: „Es sind daher objective Gül dass Urteile nach der eben genannten Definiti
tigkeit und nothwendige Allgemeingültigkeit (für on immer den Gebrauch der Kategorien beinhal
jedermann) Wechselbegriffe“ (4:298). ten, was auch zeigt, dass Wahrnehmungsurteile,
Indem wir mit dem Urteil „[D]ie Sonne er die dies ja nicht tun, gar keine Urteile sind. Aus
wärmt den Stein“ (4:301 Anm.) den Anspruch er diesen Problemen sowie dem Umstand, dass die
heben, dass alle anderen dasselbe Urteil fällen Unterscheidung zwischen Erfahrungs- und Wahr
müssen, erheben wir den Anspruch, über einen nehmungsurteilen nur in den Prolegomena eine
objektiv bestehenden Sachverhalt zu urteilen. Ei Rolle spielt, wird geschlossen, dass Kant diese
nen solchen Anspruch erheben wir mit dem Urteil Unterscheidung bei der Abfassung der zweiten
‚Wenn die Sonne scheint, wird der Stein warm‘ Auflage der KrV wieder aufgegeben hat.
dagegen nicht. Weiterhin ist bezüglich des Verhältnisses zwi
schen Prolegomena und der zweiten Auflage der
4 Schwierigkeiten der Interpretation KrV folgende Frage umstritten: Entspricht die Un
Eine detaillierte Interpretation der Unterschei terscheidung zwischen Erfahrungs- und Wahr
dung zwischen Wahrnehmungs- und Erfahrungs nehmungsurteilen derjenigen zwischen objektiv
urteilen trifft auf erhebliche Schwierigkeiten. Un gültigen und bloß subjektiv gültigen → Verbindun
klar ist z. B., in welchem Sinne hier von objektiver gen von Begriffen, die Kant auf KrV B 142 zieht
und subjektiver Gültigkeit die Rede ist. Prauss oder sind dies verschiedene Unterscheidungen?
schen verschiedenen Modi, indem er das „Schreck lent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis
haft-Erhabene“ als Gefühl, das „mit einigem Grau erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet,
sen oder auch Schwermuth“ einhergeht, auf der das hat eine Würde“ (4:434), heißt es in der GMS
einen Seite vom „Edle[n]“ abgrenzt, welches mit mit Bezug auf die → Menschheit in der Person
„ruhiger Bewunderung“, auf der anderen Seite eines jeden Menschen. Die KpV macht das Erha
vom „Prächtige[n]“, das von „einer über einen bene in der Bestimmung der → Triebfeder mora
erhabenen Plan verbreiteten Schönheit beglei lischen Handelns geltend, die Kant gemäß dem
tet“ ist (2:209). In Abstraktion von den anschau Anspruch der Moralbegründung aus reiner Ver
lichen Beispielen ästhetischen Erlebens bezieht nunft in dem von der Vernunft selbstgewirkten
sich Kant zudem generell auf die Phänomene, in Gefühl der → Achtung vor dem moralischen Ge
denen die Natur als schlechthin groß erscheint: setz erkennt. Nicht nur wird hier „das moralische
„Das Erhabene muß jederzeit groß“, es muss „ein Gesetz selbst in seiner feierlichen Majestät“ und
fältig“ sein (2:210). „Eine große Höhe ist eben so „Herrlichkeit“ ausdrücklich als „erhaben“ (5:77)
wohl erhaben als eine große Tiefe“ (2:210): Wäh und die → Pflicht als „erhabener, großer Name“
rend die Schauder auslösende große Tiefe dem (5:86) für das Gesetzesbewusstsein bezeichnet.
Schreckhaft-Erhabenen zuzuordnen sei, handle es Da Kant die Achtung vor → Personen als Achtung
sich bei der mit Bewunderung wahrgenommenen vor der Darstellung des Gesetzes in einem exem
großen Höhe um einen Fall des Edlen. plarischen Fall auffasst, kann er auch von Beispie
Darüber hinaus wird deutlich, dass im ästhe len „erhabener Thaten“ (5:85) und mit Bezug auf
tischen Gefühl des Erhabenen mit den Momenten das Bewusstsein der Übereinstimmung mit dem
der Negativität zugleich moralische Intuitionen erhabenen Gesetz durch die Unterwerfung unse
zum Tragen kommen: Wer „ein Gefühl für das res „pathologisch bestimmbare[n] Selbst“ (5:74)
Erhabene besitz[t]“, hat darin auch die Affinität schließlich von der „Erhabenheit unserer Natur
zu „hohe[n] Empfindungen“ von „Freundschaft, (ihrer Bestimmung nach)“ (5:87) – und sogar von
von Verachtung der Welt, von Ewigkeit“ (2:209). der „Erhabenheit unserer eigenen übersinnlichen
Von hier aus betreibt Kant in den Beobachtun Existenz“ (5:88) sprechen. Dass es sich in solchen
gen im Interesse an der Grundlegung der Moral Formulierungen um konsequente Terminologie
die eingehendere Auseinandersetzung mit den handelt, wird in der Analyse des Gefühls der Ach
verfeinerten → moralischen Gefühlen und kon tung als der „Triebfeder[] der reinen praktischen
textualisiert diese anhand des binären Schemas Vernunft“ (5:71) schon dann deutlich, wenn man
‚schön/erhaben‘ in den thematischen Feldern ei nur die frühe Bestimmung eines „Wohlgefallen[s],
ner anthropologischen Betrachtung, die schon aber mit Grausen“ (2:208) aus den Beobachtungen
hier die pragmatische Hinsicht auf das zur Gel zu Grunde legt.
tung bringt, was der Mensch „als freihandelndes Im moralischen Gefühl der Achtung übt die
Wesen aus sich selber macht, oder machen kann Vorstellung des Gesetzes eine „positive, aber in
und soll“ (7:119): In einer an Theophrast angelehn directe Wirkung [. . . ] aufs Gefühl“ (5:79) aus. Das
ten Temperamentenlehre (Zweiter Abschnitt), in Subjekt empfindet sich in seiner von den → Nei
der Geschlechterpsychologie (Dritter Abschnitt), gungen repräsentierten sinnlichen Existenz als
und im Schlussabschnitt in der vergleichenden eingeschränkt. Diese „Empfindung der Unlust“
Völkerpsychologie. (5:78) verknüpft sich jedoch mit dem konträren
Moment eines „positive[n] Gefühl[s]“ (5:79). Dass
2 ‚Pflicht! du erhabener, großer Name‘ – Achtung die Wirkung des Gesetzes auf das Gefühl „einer
vor dem Gesetz als moralisches Gefühl des seits blos negativ ist, andererseits und zwar in An
Erhabenen sehung des einschränkenden Grundes der reinen
In den kritischen Schriften zur Ethik wird das praktischen Vernunft positiv ist“ (5:75), analysiert
Erhabene zum Schlüsselbegriff des praktischen Kant als Momente der Achtung. Präziser: Als „Un
Selbstverständnisses vernünftiger Wesen. „Im Rei terwerfung unter ein Gesetz“ enthält das Gefühl
che der Zwecke hat alles entweder einen Preis, „keine Lust, sondern so fern vielmehr Unlust“ –
oder eine Würde. Was einen Preis hat, an des als „Erhebung“ dagegen enthält es eine → Lust:
sen Stelle kann auch etwas anderes als Äquiva die zur „Selbstbilligung“ modifizierte → Selbstlie
be (5:80f.). Ebenso wie das ästhetische Erlebnis genz, unendlich durch meine Persönlichkeit, in
des Erhabenen zeichnet sich das moralische Ge welcher das moralische Gesetz mir ein von der
fühl der Achtung durch die Simultaneität von Thierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt
→ Unlust und Lust aufgrund der Dialektik von Er unabhängiges Leben offenbart“ (5:162).
niedrigung und Erhöhung aus: Das „pathologisch
bestimmbare[] Selbst“ (5:74), damit die Sinnlich 3 Das ästhetische Gefühl des Erhabenen und
keit des Subjekts, erfährt im Bewusstsein seiner seine moralische Dimension
Nichtigkeit eine Demütigung, der das „begeis In der → Analytik des Erhabenen der dritten Kri
ternde Wohlgefallen“ (5:262) im Bewusstsein des tik untersucht Kant das ästhetische Gefühl des
eigentlichen, übersinnlichen moralischen Selbst Erhabenen unter den methodischen und theo
entgegensteht. retischen Standards seiner vernunftkritischen
Das Erhabene wird auf diese Weise als Be Vermögenslehre. Während das Subjekt sich im
griff des Übergangs zwischen ästhetischen und freien Reflexionsspiel zwischen Einbildungskraft
moralischen Gefühlen in Anspruch genommen. und → Verstand dem „Lebensgefühl“ (5:204) des
„[D]as moralische Gefühl [. . . ] ist doch mit der Wohlgefallens am Schönen hingibt, findet es sich
ästhetischen Urtheilskraft und deren formalen beim Erhabenen überwältigt von der schieren Grö
Bedingungen sofern verwandt, daß es dazu die ße oder der chaotischen Formlosigkeit des Ein
nen kann, die Gesetzmäßigkeit der Handlung aus drucks. Die Einbildungskraft gerät an die Gren
Pflicht zugleich als ästhetisch, d. i. als erhaben, ze ihrer Fassungskraft, und es kommt zu einer
oder auch als schön vorstellig zu machen, ohne agonalen Reflexion zwischen Einbildungskraft
an seiner Reinigkeit einzubüßen“ (5:267). und Vernunft. Das Erlebnis des Erhabenen löst
Eine anschauliche Vorstellung von diesem so das zwiespältige Gefühl einer indirekten und
Gefühl und seiner ästhetischen Dimension ver widersprüchlichen Lust aus – einer Lust an der
mitteln vor allem die Formulierungen, die Kant Unlust. Während Kant in der frühen ästhetisch-
im Beschluss der KpV findet, wo er beschreibt, ethischen Schrift drei Arten des Erhabenen un
was man das Gefühl des Moralisch-Erhabenen terscheidet, sind es im transzendentalphilosophi
nennen kann: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüth schen Ansatz der Analytik des Erhabenen zwei,
mit immer neuer und zunehmender Bewunde die er anhand der Merkmale ‚Größe‘ und ‚Macht‘
rung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich bestimmt. Hier unterscheidet Kant das „Mathema
das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirn tisch-Erhabene[]“ (5:248) vom „Dynamisch-Erha
te Himmel über mir und das moralische Gesetz in benen“ (5:260): Während das Mathematisch-Erha
mir“ (5:161). Der „bestirnte Himmel“ als ästheti bene sich auf das bezieht, „was schlechthin groß
sches Phänomen ist der exemplarische Fall von ist“ (5:248), sodass seine Anschauung auf die Idee
etwas, das „schlechthin groß“ (5:248) ist: Sein An der Unendlichkeit der Natur führt (vgl. 5:255),
blick „erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, bezeichnet das Dynamisch-Erhabene das Phä
ins unabsehlich Große mit Welten über Welten nomen eines schlechthin Mächtigen, das den
und Systemen von Systemen“ (5:162); er vermittelt Menschen in seiner physischen Existenz jeder
eine Vorstellung von der Unendlichkeit des Kos zeit vernichten könnte (vgl. 5:260–266): „Küh
mos und lässt dabei den Betrachter seine eigene ne, überhangende, gleichsam drohende Felsen,
Unerheblichkeit spüren: „Der [. . . ] Anblick einer am Himmel sich aufthürmende Donnerwolken,
zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam mei mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulca
ne Wichtigkeit, als eines thierischen Geschöpfs, ne in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orka
das die Materie, daraus es ward, dem Planeten ne mit ihrer zurückgelassenen Verwüstung, der
(einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurück gränzenlose Ocean, in Empörung gesetzt, ein ho
geben muß“ (5:162). Mit dem Bewusstsein des her Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl.“
moralischen Gesetzes hingegen ist die Idee der (5:261) sind ebenso wie der Anblick „himmelan
→ Freiheit als → Autonomie und die Zugehörigkeit steigender Gebirgsmassen, tiefer Schlünde und
zu einer moralischen Welt verbunden, „die wahre darin tobender Gewässer, tiefbeschatteter, zum
Unendlichkeit hat“ (5:162): „Der zweite [Anblick] schwermüthigen Nachdenken einladender Ein
erhebt dagegen meinen Werth, als einer Intelli öden“ (5:269) Beispiele für das Dynamisch-Erha
bene. Als Fall des Mathematisch-Erhabenen nennt stimmungen des Edlen und des Prächtigen schei
Kant auch hier den „Anblick des bestirnten Him nen dagegen in der Kategorie des Mathematisch-
mels“ (5:270). Erhabenen zusammengeflossen zu sein.
Die Benennung der beiden Modi des Erha In der kritischen Analyse der Vermögen
benen ist kein Fall einer genuin ästhetischen Ter kommt Kant anders als in der frühen Untersu
minologie; sie erschließt sich durch die Eintei chung zu der Konsequenz, die ästhetische Kate
lung, die Kant zuerst in der KrV für die Tafel der gorie des Erhabenen ausschließlich den Erschei
Grundsätze getroffen hat. Schon hier mit Bezug nungen der Natur vorzubehalten: Die Werke der
auf die Vergegenständlichung und die Verwirkli Kunst verdanken sich als Werke des Menschen
chung von Erscheinungen zu Gegenständen über bereits der Leistung der Einbildungskraft, die –
haupt hieß es: „In der Anwendung der reinen wie es Kant in der Theorie des künstlerischen Ge
Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung ist nies darstellt – „sehr mächtig“ ist „in Schaffung
der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathe gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den
matisch, oder dynamisch: denn sie geht theils ihr die wirkliche giebt“ (5:314). Gegenüber Gebil
blos auf die Anschauung, theils auf das Dasein den, die der ‚mächtigen‘ Einbildungskraft eines
einer Erscheinung überhaupt“ (KrV A 160 / B 199; schaffenden Subjekts entsprungen sind, kann es
vgl. KrV A 178f. / B 220f., KrV A 162f. / B 202f.). In nicht zu jener Überwältigung der Einbildungs
der zweiten Auflage der KrV fügt Kant denn auch kraft kommen, von welcher der Impuls zur Dia
der Kategorientafel die gleichsinnige Erläuterung lektik jenes gemischten Gefühls des Erhabenen
bei: „daß sich diese Tafel, welche vier Classen ausgeht. Im Blick auf die Natur dagegen ist das
von Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Gefühl des Erhabenen jederzeit möglich, „wenn
Abtheilungen zerfällen lasse, deren erstere auf sich nur Größe und Macht blicken läßt“ (5:246).
Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl Was dem Subjekt im Erleben solcher Größe und
als empirischen), die zweite aber auf die Existenz Macht auf dem Wege einer „Subreption (Verwech
dieser Gegenstände (entweder in Beziehung auf selung einer Achtung für das Object statt der für
einander oder auf den Verstand) gerichtet sind. die Idee der Menschheit in unserm Subjecte)“
Die erste Classe würde ich die der mathematischen, (5:257) fühlbar wird, ist aber in letzter Instanz
die zweite der dynamischen Kategorien nennen“ die Erhabenheit der eigenen Person über die Na
(KrV B 110). Die Urteile über das Mathematisch- tur.
Erhabene beziehen sich insofern auf die bloße Auch das religiöse Gefühl der → Ehrfurcht,
→ Anschauung von → Gegenständen, als sie sich das Kant weniger ausführlich behandelt als die
mit deren Größe als einem Problem für die Ein moralischen und ästhetischen Gefühle, gehört in
bildungskraft konfrontiert finden, während die die Phänomenologie des Erhabenen. Hatte Kant
Urteile über das Dynamisch-Erhabene es insofern in den Beobachtungen noch befunden: „Erhabe
mit der Existenz der Gegenstände zu tun haben, ne Eigenschaften flößen Hochachtung [. . . ] ein“
als sie sich auf die (wirkliche) Macht dessen be (2:211), so spitzt er diese Bestimmung in der drit
ziehen, was vor Sinnen steht. Es findet sich in ten Kritik zu, indem er das ästhetische Gefühl
den vernunftkritischen Schriften Kants nirgends des Erhabenen nicht nur durch den Begriff der
ein ähnlich anschauliches Beispiel wie im Fall Achtung erläutert (vgl. 5:257), sondern es durch
der ästhetisch reflektierenden Urteile über das vergleichende Explikationen zu Gottesfurcht (vgl.
Erhabene dafür, was es mit der Bestimmung der 5:260) und religiöser Demut auch als „Ehrfurcht
mathematischen als den Kategorien der Verge für das Erhabene“ (5:264) bezeichnet. Eine aus
genständlichung und den dynamischen als der drückliche Verbindung zwischen dem Begriff des
Verwirklichung auf sich hat. Erhabenen und dem religiösen Gefühl zieht Kant
Dabei ist es erkennbar die frühe Bestimmung in der Analytik des Erhabenen: „Vielleicht giebt
des Schreckhaft-Erhabenen als „Wohlgefallen, es keine erhabenere Stelle im Gesetzbuche der
aber mit Grausen“ (2:208), die sich hier im Dy Juden, als das Gebot: Du sollst dir kein Bildniß
namisch-Erhabenen als der ästhetischen Quali machen, noch irgend ein Gleichniß [. . . ]. Dieses
tät aufgehoben findet, mit der die Natur als eine Gebot allein kann den Enthusiasm erklären, den
gewaltige zerstörerische Macht erscheint. Die Be das jüdische Volk in seiner gesitteten Epoche für
seine Religion fühlte, wenn es sich mit andern der Gesetzgebung, die aber nur zum Teil fertig
Völkern verglich“ (5:274). gestellt wurde. 1795 erschienen zwei von Kants
praktischer Philosophie beeinflusste Abhandlun
Weiterführende Literatur gen: Prinzip der Gesetzgebung und Über die Un
Crowther, Paul: The Kantian Sublime. From Mora schuld. Außer den genannten Titeln verfasste er
lity to Art, Oxford u. a.: Clarendon Press 1989. 1795 auch eine Apologie des Teufels. In diesem und
Guyer, Paul: „The symbols of freedom in Kant’s den nächsten Jahren versuchte er zudem, Kants
Aesthetics“, in: Parret, Herman (Hg.): Kants Äs Erkenntnistheorie auf die Medizin anzuwenden.
thetik. Kant’s Aesthetics. L’esthetique de Kant, Im Neuen Teutschen Merkur erschien 1795 sein
Berlin u. a.: de Gruyter 1998, 338–355. Aufsatz Über die Medizin (→ Medizin), 1799 folgten
Loose, Donald: The Sublime and Its Teleology: zwei Aufsätze in Andr. Röchlands Magazin der
Kant – German Idealism – Phenomenology, Vervollkommnung der theoretischen und prakti
Leiden: Brill 2011. schen Heilskunde: Über die Möglichkeit der Heils
Makkreel, Rudolf A.: „On Sublimity, Genius and kunst und Heilskunde. Zudem war Erhard auch
the Explication of Aesthetic Ideas“, in: Parret, mit der Verteidigung der kritischen Philosophie
Herman (Hg.): Kants Ästhetik. Kant’s Aesthe beschäftigt, insbesondere mit einer kritischen
tics. L’esthetique de Kant, Berlin u. a.: de Gruy Schrift gegen → Friedrich Nicolai (1733–1811): An
ter 1998, 615–629. Herrn Frdr. Nicolai (1798). Auch Kant beteiligte
Park, Kap Hyun: Kant über das Erhabene: Re sich an dieser Kritik Nicolais in zwei Briefen, die
konstruktion und Weiterführung der kritischen unter dem Titel Über die Buchmacherei erschienen
Theorie des Erhabenen Kants, Würzburg: Kö (vgl. 8:431–438).
nigshausen und Neumann 2009.
Recki, Birgit: Ästhetik der Sitten. Die Affinität von Weiterführende Literatur
ästhetischem Gefühl und praktischer Vernunft Adickes, Erich: German kantian bibliography,
bei Kant, Frankfurt/M.: Klostermann 2001, ins Würzburg: A. Liebling 1966.
bes. 187–220. Brigitte Sassen
Birgit Recki
Erinnerungsvermögen
Erhard, Johann Benjamin Das Erinnerungsvermögen wird in der → Anthro
Deutscher Arzt und Philosoph (1766–1827), ein frü pologie in pragmatischer Hinsicht als auf der re
her Anhänger und Verteidiger der kantischen Phi produktiven Einbildungskraft beruhendes „Ver
losophie. Erhard studierte Philosophie in Nürn mögen sich vorsetzlich das Vergangene zu verge
berg, wurde 1799 Arzt in Berlin. In einem Brief genwärtigen“ (7:182) definiert. Weitere wichtige
an Kant vom 12. Mai 1786 drückte er Dank und Stellen: 7:182–185; 15:145f.
Bewunderung für Kant aus, da die kritische Phi
losophie ihn „bis zu den Stralen ächter Philo Verwandte Stichworte
sophie“ gebracht habe (10:446). In den folgen Assoziation; Einbildungskraft, produktive/
den Jahren schrieb er mehrere Male an Kant reproduktive; Gedächtnis
(vgl. 11:305–309; 11:381–382; 11:406–408; 12:51–52;
12:143–144; 12:305–306), obwohl Kant nur sel Philosophische Funktion
ten auf seine Briefe antwortete (vgl. 11:398–399; Das Erinnerungsvermögen gilt als empirische
12:296–297). 1791 besuchte er Kant in Königs Voraussetzung einer zusammenhängenden Er
berg. fahrung und beruht auf Assoziation. Seine pri
Ein enger Freund → Reinholds (für eine Zeit märe Leistung ist das Gedächtnis (vgl. 7:182;
lebte er sogar in Reinholds Haus), war Erhard vor → Gedächtnis). Ein gestörtes Erinnerungsvermö
allem mit Kants Philosophie beschäftigt und ver gen gehört zur „Verkehrtheit des Kopfes [. . . ].
suchte die kritische Philosophie auf andere Gebie Der bejahrte Murrkopf, welcher fest glaubt,
te (Gesetzgebung, Medizin) anzuwenden. In der daß in seiner Jugend die Welt viel ordentli
Mitte der 1790er Jahre arbeitete er an einer Theorie cher und die Menschen besser gewesen wären,
ist ein Phantast in Ansehung der Erinnerung“ 2:295; 2:411ff.; 2:393f.; KrV A VIIIff.; KrV B X; KrV
(2:267). B XVIIff.; KrV A 50ff. / B 74ff.; KrV A 76ff. / B 102ff.;
Stefan Heßbrüggen-Walter KrV B 137; KrV B 147f.; KrV B 165f.; KrV A 176f. /
B 218f.; KrV A 712ff. / B 740ff.; 4:256ff.; 4:297ff.;
5:167ff.; 5:174ff.; 5:189ff.; 5:238ff.; 5:467ff.; 9:21ff.;
Erkennen 9:40ff.; 9:50ff.; 9:58f.; 9:64ff.; 11:51; 22:363; 22:440;
→ Denken/Erkennen 22:493; 22:502; 22:549.
Verwandte Stichworte
Erkenntnis Gültigkeit, objektive; Kategorie; Wissenschaft
Den Ausdruck ‚Erkenntnis‘ verwendet Kant zu
meist für objektiv gültige Urteile (vgl. z. B. KrV Philosophische Funktion
B 3f.; 20:266), aber auch für „Vorstellungen mit 1 Das Erkenntnisproblem und Kants Projekt
Bewußtsein“ (KrV A 320 / B 377), die keine Urteile 1.1 In seiner theoretischen Philosophie stellt sich
sind, sofern sie sich auf einen Gegenstand bezie Kant die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein
hen („objektive Perzeption“, d. h. Anschauung müssen, damit eine objektive Beziehung auf Ge
oder Begriff, KrV A 320 / B 377). Unter Erkenntnis genstände und wahre Aussagen über diese mög
im ersteren Sinn versteht Kant im Wesentlichen lich sind. Die sinnliche → Wahrnehmung allein
„empirische Erkenntnis“ oder „Erfahrung“ (KrV als primärer Zugang zur Welt kann dem Anspruch
B 147). Sie bezeichnet das unter apriorische For auf objektive Gültigkeit nicht gerecht werden, weil
men gebrachte Anschauungsmaterial durch den in den wechselhaften, kontingenten sinnlichen
→ Verstand nach erfahrungsunabhängigen Grund → Vorstellungen eine für Erkenntnis notwendige
sätzen und ist das Resultat der aktiven Herstellung Regel, die dadurch erst Objektivität verbürgen
eines einheitlichen systematischen Zusammen könnte, nicht aufgezeigt werden kann (vgl. 4:468).
hangs (vgl. 4:322f.) und damit im Ergebnis „ein Nach Kant gilt es daher, nicht-sinnliche (aprio
Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellun rische) Bedingungen innerhalb eines mentalen
gen“ (KrV A 97). Erkenntnis qua objektives Ur Objektbezuges nachzuweisen, von denen gezeigt
teil ist nach Kant stets diskursiv strukturiert, d. h. wird, dass sie zu Recht auf einen Gegenstand der
sie ist begrifflich verfasst und entspricht weitge Erfahrung angewandt werden können. Insofern
hend dem, was in der heutigen Philosophie als befasst sich die transzendentale Fragestellung
Wissen bezeichnet wird. Von der gegenständli Kants im engeren Sinn „mit unserer Erkenntnißart
chen Erkenntnis unterscheidet Kant (insbeson von Gegenständen, so fern diese a priori möglich
dere in den kritischen Schriften) die eng mit dem sein soll“ (KrV B 25). In den vorkritischen Schriften
Begriff der Metaphysik verbundene reine oder geht Kant noch davon aus, dass eine Erkenntnis
transzendentale Erkenntnis, auch → Vernunfter (hier überwiegend als Übersetzung von cognitio
kenntnis oder philosophische Erkenntnis genannt, verwendet, vgl. 1:390) unabhängig von den Bedin
die sich auf den Nachweis der Gültigkeit und die gungen der Erfahrung, mithin eine rein intellek
Anwendbarkeit nicht-sinnlicher Grundsätze des tuelle Erkenntnis, möglich ist (vgl. 2:392ff.). Eine
Erkennens von Gegenständen bezieht (vgl. KrV solche Position weist Kant in den kritischen Schrif
A 840 / B 868); von der philosophischen Erkennt ten als ‚dogmatisch‘ zurück: Wie die → Dinge an
nis unterscheidet Kant sowohl die → mathemati sich beschaffen sind, entzieht sich der Erkenntnis
sche Erkenntnis, die eine apriorische Erkenntnis und einem wahrheitsfähigen Urteil; der Begriff
„aus der Construction der Begriffe“ darstellt (KrV des Dinges an sich fungiert lediglich als Annahme,
A 713 / B 741), als auch die auf empirischen Da die das Gegebensein von Erfahrungsdaten begreif
ten basierende → historische Erkenntnis (vgl. KrV bar machen soll (→ Idealismus, transzendentaler).
A 836 / B 864; 9:22ff.). Im Gegensatz zu den → theo Allein wie uns die Dinge unter den Bedingungen
retischen Erkenntnissen, wodurch erkannt wird, der → Sinnlichkeit erscheinen (→ Erscheinung),
„was da ist“, wird durch → praktische Erkennt ist möglicher Bezugspunkt für die Erkenntnis. Da
nisse vorgestellt, „was da sein soll“ (KrV A 634 / her kann der Rechtfertigungsgrund für Erkenntnis
B 662; vgl. 9:86). Weitere wichtige Stellen: 1:31; nur auf dem Wege einer kritischen Analyse der
beteiligten Vermögen hinsichtlich ihrer „Quellen, semantisch analysiert und definiert sein, wofür
als des Umfanges und der Gränzen“ (KrV A XII) jedoch weitere Bedingungen, etwa sprachliche
aufgezeigt werden. Bedeutungsregeln, angegeben werden müssten
1.2 In einem weiter gefassten Sinn hat der Er (vgl. Quine, Two Dogmas of Empiricism; Cramer,
kenntnisbegriff eine kritische Funktion für die Die Einleitung).
Klärung von Kants programmatischer Frage, ob 2.2 Im Unterschied zu analytischen Urteilen, in
→ Metaphysik als Wissenschaft möglich sei (vgl. denen der Begriff des Prädikats im Begriff des
KrV B 22ff.). Ausgangspunkt ist die kritische Hin Satzsubjekts enthalten ist, sind synthetische Ur
terfragung der im 18. Jahrhundert weit verbrei teile Erweiterungsurteile. Da hier der Begriff des
teten Theoreme der rationalistischen Metaphy Prädikats nicht bereits analytisch im Subjektterm
sik der Schule → Leibniz’ und → Wolffs. In ihnen vorhanden ist, wird der begriffliche Gehalt des
werden, so Kant, → synthetische Urteile a priori Satzsubjektes durch ein solches Urteil erweitert.
über die Existenz → Gottes, die Unsterblichkeit Bei synthetischen Urteile a priori handelt es sich
der → Seele und den Ursprung der → Welt gefällt, näher um Urteile, die nicht auf Erfahrung basie
ohne jedoch den Bezug zur Erfahrung zuvor zu ren und die darum apriorisch gewiss sind, etwa
rechtfertigen. der Satz „Alles, was geschieht, hat seine Ursache“
Demgegenüber ist nach Kant das Programm (KrV B 13): Aus dem Begriff des Geschehens lässt
einer apriorischen Gegenstandserkenntnis, d. h. sich der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht
einer Metaphysik als theoretischer Wissenschaft, ableiten.
nur als Metaphysik der Erfahrung möglich, als 2.3 Beispiele für synthetische Urteile a priori
nicht-empirische Theorie der nicht-empirischen sind in Sätzen formulierte → mathematische Er
Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrungser kenntnisse. „Mathematische Urtheile sind insge
kenntnis. samt synthetisch“ (4:268). Bei der mathemati
schen Erkenntnis handelt es sich um eine Form
2 Die Unterscheidung zwischen synthetischen der (erweiternden) → Vernunfterkenntnis, die
und analytischen Urteilen Kant näher als eine Erkenntnis aus der „Construc
Hinsichtlich der Tatsache, dass Erkenntnisse in tion der Begriffe“ bezeichnet (KrV A 713 / B 741;
Urteilen bzw. Sätzen formuliert werden (in der vgl. 4:272): Indem der Mathematiker z. B. eine be
Form ‚S ist P‘), führt Kant eine epistemologisch be stimmte geometrische Figur zeichnet (im Raum,
deutsame urteilstheoretische Unterscheidung ein: als apriorischer Anschauungsform), konstruiert er
die Unterscheidung zwischen synthetischen Ur zugleich den allgemeinen Begriff der Figur, „ohne
teilen und analytischen Urteilen (→ Urteil, analy das Muster dazu aus irgend einer Erfahrung ge
tisches/synthetisches; vgl. KrV B 10ff., 4:265–271). borgt zu haben“ (KrV A 713 / B 741; → Mathematik).
Grundsätzlich sind Urteile wahr, wenn sie durch
objektiv ausgewiesene Gründe bestimmt sind; 3 Erkenntnisvermögen und Strukturmerkmale
werden dagegen subjektive Gründe, die etwa al der Erkenntnis
lein auf sinnlicher Wahrnehmung basieren, für Kants Begriff der gegenständlichen Erkenntnis
objektiv gehalten, liegt falsche Erkenntnis vor (vgl. (→ Erfahrung) basiert auf einer dualistischen Kon
9:54; KrV A 709 / B 737). zeption. Der mit Erkenntnis einhergehende An
2.1 Analytische Urteile sind Sätze, in denen das spruch auf objektive Gültigkeit kann berechtigter
Prädikat im Satzsubjekt enthalten ist, so dass sie weise erhoben werden, sofern zum einen erfah
zum einen keine inhaltliche Erweiterung darstel rungsunabhängige Bedingungen (reine Anschau
len und zum anderen aufgrund des Satzes vom ungsformen, reine Begriffe und Grundsätze) inner
(auszuschließenden) Widerspruch logisch wahr halb der objektbezogenen Erfahrung ausgewiesen
sind. Allerdings gilt mit Blick auf die von Kant in sind, und zum anderen sinnlich gegebene Da
der Einleitung der KrV genannten Beispiele (etwa ten vorliegen, auf die sich die Verstandesleistun
„[A]lle Körper sind ausgedehnt“, KrV A 7 / B 11) die gen beziehen. Diesen Voraussetzungen entspricht
Forderung, dass der → Satz vom Widerspruch nur es, dass am Prozess der Gegenstandskonstitution
auf sinnvolle Sätze anzuwenden ist. Es müssen zwei voneinander unabhängige und nicht aufein
daher zunächst die im Urteil verwendeten Begriffe ander reduzierbare Erkenntnisstämme maßgeb
lich beteiligt sind: Sinnlichkeit und Verstand (vgl. 3.3 Nach Kant liegt die Quelle aller Synthe
KrV A 15 / B 29; 7:140ff.; 10:98). Die → Urteilskraft sis in einer Verstandeshandlung, die sämtli
als das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, chen Formen der Synthesis gemeinsam zugrun
vermittelt durch zeitlich strukturierte → Schemata de liegt, ohne selbst von einer noch höheren
zwischen Sinnlichkeit und Verstand (→ Analytik Verbindung abzuhängen (→ Deduktion, trans
der Grundsätze). zendentale; vgl. KrV B 129ff.). Diese höchste
3.1 Erkenntnis hebt nach Kant mit der sinnli Einheit, als oberste Bedingung alles Denkens
chen Wahrnehmung an (vgl. KrV B 1; KrV A 298 / und aller Kategorien, bezeichnet Kant als die
B 355; 22:450), die – rezeptiv – sinnliche Daten transzendentale Apperzeption des Selbstbewusst
unmittelbar erfasst. Dabei muss nach Kant zu seins (→ Apperzeption, Einheit der). „Und so ist
nächst als problematisch angesehen werden, dass die synthetische Einheit der Apperception der
wir uns im gegenständlichen Erkennen auf sinn höchste Punkt, an dem man allen Verstandes
lich gegebenes Material überhaupt beziehen kön gebrauch, selbst die ganze Logik, und nach ihr,
nen. Entsprechend besteht ein Argumentations Transscendental-Philosophie heften muß“ (KrV
ziel von Kants Theorie der Sinnlichkeit darin, die B 134 Anm.).
Bedingungen der Möglichkeit einer epistemischen
Bezugnahme auf genau diejenigen Objekte, die 4 Weitere Erkenntnistypen: Historische und
Gegenstände der Erfahrung sind, aufzuzeigen. praktische Erkenntnis
Dies geschieht auf dem Wege des Nachweises von 4.1 Die historische Erkenntnis grenzt Kant von
apriorischen Bestimmungen der Sinnlichkeit: den der → rationalen Erkenntnis ab, die allein als
reinen Anschauungsformen → Raum und Zeit, un philosophische Erkenntnis Bestand hat. Histo
ter denen uns Sinnesdaten, als → Anschauungen, rische Erkenntnisse basieren auf erlernten Da
die erkenntnisrelevant sind, allein gegeben wer ten („cognitio ex datis“, KrV A 836 / B 864), die
den können. sich reproduzieren lassen. Im Ergebnis entspre
3.2 Die Ordnung sinnlicher Daten wird durch chen historische Erkenntnisse im Wesentlichen
Leistungen des Verstandes, eine → Synthesis (d. h. dem, was man heute als Faktenwissen bezeich
eine → Verknüpfung) von sinnlichen Daten nach nen würde, das im semantischen Gedächtnis ge
allgemeinen Regeln, hergestellt (vgl. KrV A 77 / speichert wird. Wer allein über historische Er
B 103). Den Kern dieser Regeln bildet das System kenntnisse verfügt, „bildete sich nach fremder
reiner Verstandesbegriffe (→ Kategorie), ein fes Vernunft“ (KrV A 836 / B 864); dagegen liegen
ter Satz apriorischer Grundoperationen, die für Vernunfterkenntnisse vor, wenn jemand etwas
die Gegenstandserkenntnis leitend und bestim genuin im Rekurs auf Gründe und Prinzipien
mend sind und die im Verstand ihren Ursprung („cognitio ex principiis“, KrV A 836 / B 864) be
haben. Weil sie in den unterschiedlichen kon greift.
kreten → Erkenntnisurteilen wirken, leitet Kant 4.2 Die → praktische Erkenntnis unterscheidet
die Kategorien aus dem System der logischen Ur sich von der theoretischen Erkenntnis durch die
teilsformen ab (→ Logik; → Deduktion; → Urteil). Art und Weise, wie sie auf einen Gegenstand Be
Kritisiert wurde dieses Vorgehen allerdings z. B. zug nimmt (vgl. KrV B X). Während die theoreti
hinsichtlich der methodischen Grundannahmen sche Erkenntnis mit der korrekten Beschreibung
(vgl. Strawson, The Bounds of Sense) sowie im von Gegenständen der Außenwelt befasst ist und
Hinblick auf Kants Anspruch, die Kategorientafel entsprechend aus deskriptiven Sätzen besteht,
würde sämtliche kognitiven Grundoperationen bezieht sich die praktische Erkenntnis auf rich
erschöpfend wiedergeben (vgl. etwa Wolff, Die tiges Handeln; entsprechend werden praktische
Vollständigkeit). Durch die strikte Bindung der Erkenntnisse in präskriptiven Sätzen (→ Impera
objektiven Erkenntnis an die Gegebenheit sinn tiv) formuliert. Die praktische Erkenntnis gründet
licher Daten folgt Kant einerseits den Empiris auf Prinzipien, die „das Thun und Lassen a priori
ten; anderseits bleibt er mit seiner Theorie von bestimmen und nothwendig machen“ (KrV A 841 /
apriorischen/reinen Elementen (des Verstandes B 869), im engeren Sinn auf dem Sittengesetz als
und der Sinnlichkeit) den Rationalisten verpflich Bestimmungsgrund des reinen Willens (vgl. 5:20;
tet. 5:134).
Philosophische Funktion erfüllt sein müssen, damit die Erkenntnis von Ge
Gegenständliche Erkenntnis heißt, „daß ich mei genständen, die Kant als empirische Erkenntnis
nen Gegenstand nach den Bedingungen entweder bzw. Erfahrung bezeichnet, sowie entsprechende
der empirischen Anschauung, oder der reinen An wahrheitsfähige → Urteile möglich sind. Diese Art
schauung bestimme“ (KrV A 718 / B 746). „In die der Erkenntnis heißt deswegen empirisch, weil sie
ser Form besteht also der wesentliche Unterschied in der → Sinnlichkeit ihren → Ursprung hat und
dieser beiden Arten der Vernunfterkenntniß“ (KrV daher im Rekurs auf sie zu begründen ist: Der
A 714 / B 742) – „zwischen dem discursiven Ver dualistischen Konzeption von Kants Erkenntnis
nunftgebrauch nach Begriffen und dem intuitiven theorie entsprechend ist die Gegenstandserkennt
durch die Construction der Begriffe“ (KrV A 719 / nis einerseits auf das Gegebensein empirischer
B 747). Daten und andererseits auf apriorische → Begriffe
David Süß
und Anschauungsformen, durch die Gegenstände
gedacht werden, angewiesen. Die Aufgabe der
→ Philosophie besteht nun darin, apriorische Be
Erkenntnis, dingungen der Gegenstandserkenntnis (reine An
empirische/reine schauungsformen, reine Begriffe und Grundsätze)
Die Unterscheidung zwischen empirischer und und ihre Anwendbarkeit auf einen → Gegenstand
reiner Erkenntnis trifft Kant im Rückgriff auf die nachzuweisen (→ Vernunfterkenntnis), eine Vor
zwei verschiedenen → Erkenntnisquellen bzw. die gehensweise, bei der vom Inhalt der Erfahrung
Art ihrer Rechtfertigung: → Erkenntnisse sind ent gänzlich abgesehen wird. Das Ergebnis dieses
weder → empirisch, wenn sie „ihre Quellen a pos Prozesses sind reine (apriorisch gewonnene) Er
teriori, nämlich in der Erfahrung, haben“ (KrV kenntnisse, die zugleich eine transzendentale Be
B 2), oder → a priori, wenn sie von aller sinnli deutung haben, da sie notwendige Bedingungen
chen → Wahrnehmung unabhängig sind. Obwohl von Erfahrung artikulieren. Die Theoreme der tra
die Begriffe → rein und a priori häufig synonym ditionellen rationalen Metaphysik bestehen zwar
verwendet werden, grenzt Kant die apriorischen ebenfalls aus erfahrungsfreien Aussagen, jedoch
Erkenntnisse weiterhin ein, indem er nur diejeni ohne dass zuvor Bedingungen und Reichweite von
gen als rein bezeichnet, „denen gar nichts Empiri Erkenntnis geklärt worden seien (→ Metaphysik,
sches beigemischt ist“ (KrV B 3). Von diesen unter allgemeine/spezielle; → Kritik). Im Rahmen einer
scheidet Kant wiederum nicht-reine Erkenntnisse Metaphysik, die als Wissenschaft möglich ist, hat
a priori, in denen u. a. ein aus der Erfahrung stam nach Kant daher nur diese Art reiner Erkenntnisse
mender Begriff enthalten ist (vgl. KrV B 3). Des Bestand.
Weiteren sind reine Erkenntnisse, im Gegensatz
zu empirischen Erkenntnissen, durch die Merk 2 Der Anspruch auf Gültigkeit
male der → Notwendigkeit und strengen → Allge Empirische und reine Erkenntnisse, die – als Er
meinheit gekennzeichnet (vgl. KrV B 3–5). Weitere kenntnisse – in Urteilen bzw. Sätzen formuliert
wichtige Stellen: 2:305; 4:265ff.; 4:468ff.; 4:281; werden, sind mit unterschiedlichen Gültigkeits
4:298; 4:468ff.; 4:470; 5:191; 7:167; 9:27ff.; 9:51ff.; ansprüchen verbunden.
9:67ff.; 9:84ff.; 9:139ff.; 9:156ff.; 20:275; 20:323; 2.1 Reine Erkenntnis, im Unterschied zur empiri
22:102; 22:464. schen, ist durch die Merkmale der Notwendigkeit
und uneingeschränkten Allgemeinheit, d. h. durch
Verwandte Stichworte die Unmöglichkeit des Andersseinkönnens sowie
Gültigkeit, objektive; Erfahrung; a priori / die Unmöglichkeit einer Ausnahme gekennzeich
a posteriori net (vgl. KrV B 4). Ausschlaggebend hierfür ist,
dass solche Erkenntnisse nicht aus einer empi
Philosophische Funktion rischen → Quelle, der sinnlichen → Anschauung,
1 Die programmatische Unterscheidung stammen, sondern im Rückgriff auf nicht-sinnli
zwischen reiner und empirischer Erkenntnis che Bedingungen gewonnen werden. Allgemeine
Das epistemologische Ziel von Kants theoretischer und streng notwendige Urteile sind z. B. „alle Sät
Philosophie ist es zu zeigen, welche Bedingungen ze der Mathematik“ (KrV B 4; vgl. KrV B 8). Ferner
führt Kant eine weitere Unterscheidung ein, und Einteilung von analytischen und synthetischen
zwar die zwischen reinen Erkenntnissen a prio Urteilen a priori und a posteriori wider (→ Urteil,
ri und nicht-reinen Erkenntnissen a priori. Als analytisches/synthetisches). Reine Erkenntnis
Beispiel für einen apriorischen, aber nicht reinen kann in analytischen oder synthetischen Urteilen
Satz nennt Kant: „[E]ine jede Veränderung hat ih formuliert sein; dagegen artikuliert sich empi
re Ursache“ (KrV B 3; Prinzip der → Kausalität). Er rische Erkenntnis nach Kant immer in syntheti
ist deswegen nicht rein, weil der Begriff der → Ver schen Urteilen.
änderung auf sinnliche Anschauung angewiesen 3.1 Reine Erkenntnisse, die in analytischen Ur
ist, aber die → Verknüpfung apriorisch erfolgt (vgl. teilen formuliert werden, sind so genannte „Er
KrV B 3). Unter reine Erkenntnisse a priori fallen läuterungs[urtheile]“ (KrV B 11; vgl. KrV A 7). Diese
nach Kant z. B. Sätze der reinen → Mathematik sind dadurch gekennzeichnet, dass das Prädikat
(vgl. KrV B 14f.). über das Subjekt des Urteils etwas aussagt, was
2.2 Die empirische Erkenntnis ist nicht von stren begrifflich bereits im Subjektterm liegt. Begrif
ger Notwendigkeit und Allgemeinheit, sondern von fe, die in einem solchen Urteil enthalten sind,
„blos empirischer Gewißheit“ (4:468) geprägt. „Er können zwar der Erfahrung entstammen (→ Er
fahrung lehrt uns zwar, daß etwas so oder so be fahrungsbegriff), das Urteil selbst ist aber von
schaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders sein der Erfahrung unabhängig: Denn der Begriff des
könne“ (KrV B 3). Bei den empirischen Erkenntnis Satzsubjekts ist mit dem Begriff des Prädikats qua
urteilen unterscheidet Kant zwischen Erfahrungs logische Identität verknüpft (vgl. 4:267). Insofern
urteilen und Wahrnehmungsurteilen (vgl. 4:298; sind Erkenntnisse in der Form analytischer Urteile
→ Erfahrungsurteil/Wahrnehmungsurteil). Stellt notwendigerweise wahr und streng allgemeine
die Empirie, also konkrete sinnliche Vorstellun Sätze (vgl. Cramer, Die Einleitung, S. 62).
gen, den einzigen Bezugspunkt für Regeln dar, auf 3.2 Erkenntnisse, die in synthetischen Urteilen
die man in Urteilen zurückgreift, dann kann auf formuliert werden, sind dagegen „Erweiterungsur
diese Weise kein Anspruch auf strenge Notwen theile“ (KrV B 11; vgl. KrV A 7); in solchen Urteilen
digkeit geltend gemacht werden; denn sinnliche wird das Prädikat mit dem Subjekt des Urteils
Vorstellungen sind zufällig. Insofern handelt es verknüpft, ohne dass der Verknüpfung logische
sich bei Wahrnehmungsurteilen meist um Aussa Identität zugrunde liegt. Empirische Erkenntnis
gen über Tatsachen, die anschaulich gegeben sind se, in Sätzen wiedergegeben, sind so genannte
und sich direkt empirisch überprüfen lassen. Die Erfahrungsurteile. „Erfahrungsurtheile, als solche,
epistemologisch gehaltvolleren Erfahrungsurteile, sind insgesamt synthetisch“ (KrV B 11): In einem
die mit einem Anspruch auf objektive Gültigkeit Urteil, das aus Begriffen besteht, die aus der sinn
formuliert werden, „erfordern jederzeit über die lichen Wahrnehmung stammen, etwa ‚die Straße
Vorstellungen der sinnlichen Anschauung noch ist nass‘, wird über den Gegenstand (hier ‚Stra
besondere, im Verstand ursprünglich erzeugte ße‘) inhaltlich mehr ausgesagt, als der Begriff
Begriffe, welche es eben machen, daß das Erfah allein für sich genommen enthält. Allerdings lässt
rungsurteil objektiv gültig ist“ (4:298). Erfahrungs sich die erkenntnistheoretische Frage, unter wel
urteile, so lässt sich Hinweisen in der „Trans chen Voraussetzungen die Subjekt-Prädikat-Ver
zendentalen Dialektik“ der KrV (KrV A 293–704 / bindung in synthetischen Urteilen gerechtfertigt
B 349–732) und im Opus postumum entnehmen, ist, auf der Basis von empirischen Erkenntnissen
treten nach Kant nicht einzeln auf, sondern sie nicht beantworten. Allein reine Erkenntnisse in
sind Teil eines übergreifenden Systems miteinan Form von → synthetischen Urteilen a priori kön
der verknüpfter Urteile (vgl. KrV A 97; KrV A 671ff. / nen den Status einer (epistemologischen) Begrün
B 699ff.; 22:439f.; 22:447; 22:450; 22:497; 22:265; dung haben, denn nur sie können „apodiktische
dazu Rohs, Wahrnehmungsurteile, S. 171f.). Gewißheit“ (4:469) verbürgen. Dem entspricht,
dass nach Kant eine Theorie der empirischen Er
3 Analytische und synthetische Urteile kenntnis auf einem System reiner Erkenntnisse,
Die jeweilige Reichweite des Gültigkeitsanspruchs das heißt synthetischer Urteile a priori, aufbau
von empirischen und reinen Erkenntnissen spie en muss. Die Aufstellung und Anwendung eines
gelt sich auch in der epistemologisch relevanten solchen Systems ist Gegenstand der Folgediszi
plin, der mathematisch begründeten Naturwis 21. 2. 1772, 10:129ff.). Dieser rein immanente Ver
senschaft (→ Metaphysische Anfangsgründe der standesgebrauchs besagt, dass sich Erkenntnis
Naturwissenschaft). nur darauf beziehen kann, wie uns die Gegen
stände gemäß den Bedingungen der Sinnlichkeit
Weiterführende Literatur erscheinen; die Beschaffenheit der Dinge an sich,
Cramer, Konrad: Nicht-reine synthetische Urteile losgelöst von den subjektiven Bedingungen, ent
a priori. Ein Problem der Transzendentalphi zieht sich der Erkenntnis und damit des wahrheits
losophie Immanuel Kants, Heidelberg: Winter fähigen → Urteils. Die so verstandene Grenzzie
1985. hung entspricht dem Kerngedanken der kritischen
Rohs, Peter: „Wahrnehmungsurteile und Erfah Erkenntnistheorie Kants (→ Kritik): „[D]ie Grenz
rungsurteile“, in: Schönrich, Gerhard / Kato, bestimmung der reinen Vernunft“ ist der „Haupt
Yasushi (Hg.): Kant in der Diskussion der Mo zweck des [kritischen] Systems“ (4:474 Anm.).
derne, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996, 166–189. Neben dieser epistemologischen Bedeutung
Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London: fungiert die verbindliche Angabe von Erkenntnis
Methuen 1966. grenzen als argumentative Grundlage dafür, die
Katja Crone Lehrsätze der tradierten Metaphysik → Leibniz’
und → Wolffs sachlich wirkungsvoll zurückzu
weisen. Die → Vernunft, so macht Kant in der
Erkenntnis, Grenzen der „Transzendentalen Dialektik“ (KrV A 293–704 /
Mit der Festlegung von Erkenntnisgrenzen meint B 349–732) der KrV deutlich, zeigt die Grenzen
Kant die auf Prinzipien a priori beruhende Anga der Erkenntnis auf, da sie sich beim Versuch,
be des Bereichs möglicher Erkenntnis (vgl. KrV unabhängig von den Bedingungen der Sinnlich
A 758 / B 786). Diese Grenzziehung basiert auf der keit Erkenntnisse zu gewinnen, in Widersprüche
strikten Bindung der Verstandesleistungen an verstrickt (zur Unterscheidung zwischen analy
die Bedingungen der Sinnlichkeit, jenseits derer tischer und dialektischer Logik vgl. Longuenesse,
keine Erkenntnis möglich ist. „Denn die Ausdeh Capacitiy). Insofern ist es der Standpunkt der
nung der Principien möglicher Erfahrung auf die Vernunft, von dem aus die epistemologisch not
Möglichkeit der Dinge überhaupt ist eben sowohl wendige und metaphysikkritisch bedeutsame
transscendent, als die Behauptung der objectiven Grenzziehung vorgenommen wird (vgl. 4:361);
Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände denn die Rechtfertigung und Limitation des Ver
nirgend als außerhalb der Grenze aller möglichen standesgebrauchs lässt sich nicht immanent, das
Erfahrung finden können“ (KrV A 781 / B 809). heißt vom Standpunkt der Erfahrung aus, ange
Weitere wichtige Stellen: KrV A 293ff. / B 349ff.; ben; dies wäre im Ergebnis eine bloße Verneinung
4:350–357; 4:360ff.; 4:458; 4:474 Anm.; 8:178; 21:57. (‚Schranke‘), aber keine Grenze, deren Begriff
die Annahme eines darüber hinaus liegenden
Verwandte Stichworte Bereichs impliziert (vgl. 4:352).
Grenze; Erfahrung, Grenze der; Ding an sich
Weiterführende Literatur
Philosophische Funktion Longuenesse, Béatrice: Kant and the Capacity to
In epistemologischer Hinsicht folgen die Grenzen Judge, Princeton: Princeton University Press
der Erkenntnis aus Kants dualistischer Konzepti 2 1998.
on, wonach gegenständliche → Erkenntnis durch Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense, London:
die beiden → Erkenntnisvermögen → Sinnlichkeit Methuen 1966.
und → Verstand zustande kommt, die wechsel Katja Crone
seitig aufeinander bezogen sind: Reine, nicht-
sinnliche (apriorische) → Begriffe und Grundsätze,
durch die wir Gegenstände denken, können nur Erkenntnis, historische
auf sinnlich gegebene → Daten (→ Anschauungen) Historische Erkenntnis basiert auf dem Lernen be
angewendet werden und finden hier ihre Gren liebiger vorgegebener Inhalte durch bloßen Nach
ze (vgl. auch den Brief an → Marcus Herz vom vollzug. Sie ist der rationalen Erkenntnis entge
gengesetzt, die eigene Einsicht in die allgemei respondirende Anschauung a priori darstellen“
nen Prinzipien eines Sachverhalts verlangt: „Die (KrV A 713 / B 741). „Geometrie legt die reine An
historische Erkenntnis ist cognitio ex datis, die schauung des Raums zum Grunde. Arithmetik
rationale aber cognitio ex principiis“ (KrV A 836 / bringt selbst ihre Zahlbegriffe durch successive
B 864). Weitere wichtige Stellen: 7:226f.; 28:534. Hinzusetzung der Einheiten in der Zeit zu Stande“
(4:283). Die mathematische Erkenntnis betrachtet
Verwandte Stichworte somit „das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
Erkenntnis; Genie; Vernunft Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermit
telst der Vernunft“ (KrV A 714 / B 742). Sie kann
Philosophische Funktion „lediglich auf Quanta gehen“, „[d]enn nur der
Mit der Unterscheidung zwischen historischer Begriff von Größen läßt sich construiren“ (KrV
und rationaler Erkenntnis knüpft Kant an Wolffs A 714 / B 742). Weitere wichtige Stellen: 2:278ff.;
Discursus praeliminaris (vgl. § 17) sowie Meiers KrV B IXff.; KrV B 14ff.; KrV A 87 / B 120; KrV B 147;
Auszug (vgl. §§ 18–20; vgl. 16:94–101) an. Die Un KrV A 159–160 / B 198–199; KrV A 163 / B 204f.; KrV
terscheidung bezieht sich nicht auf die Inhalte A 239 / B 298f.; KrV A 712 / B 741ff.; 4:272; 4:281ff.;
der Erkenntnis, sondern auf den ‚subjektiven Ur 8:240; 9:23; Refl. 13, 14:54; 20:337; 20:419ff.; 21:115.
sprung‘ (vgl. KrV A 836 / B 864), d. h. auf die Art
des Erkenntniserwerbs. Während rationale Er Verwandte Stichworte
kenntnis die eigene Einsicht in die relevanten Erkenntnis, empirische/reine; Konstruktion;
Prinzipien eines Sachverhalts erfordert, begnügt Mathematik
sich die historische Erkenntnis mit dem Erwerb
von Einsichten, die andere gewonnen haben. Die Philosophische Funktion
Inhalte historischer Erkenntnis sind beliebig. So Im Gegensatz zur philosophischen Erkenntnis,
kann man auch historische Erkenntnis von philo die eine → Vernunfterkenntnis aus Begriffen ist,
sophischen Theorien erwerben, sofern man diese wird die mathematische Erkenntnis von intuitiver
nur auswendig lernt, statt selbst auf die „allge → Evidenz begleitet (vgl. 9:70). Mathematische Er
meinen Quellen der Vernunft“ (KrV A 837 / B 865) kenntnis liefert → synthetische Urteile a priori, de
zurückzugehen. ren wir gewiss sind und um derentwillen wir von
Wer sich mit historischer Erkenntnis be der Philosophie keinen „Beglaubigungsschein er
gnügt, der bildet sich „nach fremder Vernunft“: bitten“ müssen (KrV A 87 / B 120). Die Analyse und
„Er hat gut gefaßt und behalten, d. i. gelernt, und Erklärung ihrer Möglichkeit liefert daher wertvolle
ist ein Gipsabdruck von einem lebenden Men Hinweise zur Beantwortung der „allgemeinen Auf
schen“ (KrV A 836 / B 864). Historische Erkenntnis gabe der Transscendentalphilosophie: wie sind
ist Sache des ‚allgemeinen Kopfs‘ (vgl. KrV A 836 / synthetische Sätze a priori möglich?“ (KrV B 73).
B 864), während die rationale Erkenntnis dem Die ‚transzendentale Erörterung‘ der Begriffe von
Genie vorbehalten ist. Rationale Erkenntnis im Raum und Zeit soll den Nachweis erbringen, dass
pliziert in Kants Augen auch die Fähigkeit zur Kants Konzeption unserer ursprünglichen Vorstel
Kritik; sie geht in die Tiefe, während die histori lungen des Raumes und der Zeit als apriorische
sche Erkenntnis in die Breite geht. Ihr Horizont Anschauungen die Möglichkeit der mathemati
ist „unermeßlich groß, denn unsre historische schen Erkenntnis verständlich macht (vgl. KrV
Erkenntniß hat keine Grenzen“ (9:41). A 24; KrV B 40–41; KrV A 31 / B 47f.).
Michael Pauen Anja Jauernig
gen Sinn) Verstand und Sinnlichkeit, welche Kant sik findet (vgl. Baumgarten, Metaphysica, §§ 140,
auch als „Stämme“ des Erkenntnisvermögens be 144)).
zeichnet (KrV A 15 / B 29). Die Aktualisierungen Der Verstand ist Kant zufolge das obere Er
dieser Vermögen – Anschauungen einerseits und kenntnisvermögen (im engen Sinn), die Sinnlich
begriffliche Vorstellungen andererseits – sind der keit das untere. In der Anthropologie macht Kant
Art nach verschieden. Erkenntnis erfordert das deutlich, dass auch das Erkenntnisvermögen im
Zusammenwirken beider Vermögen, setzt sich al weiten Sinn ein Vermögen im strikten Sinn ist,
so aus zwei heterogenen Elementen zusammen: und zwar deswegen, weil sein oberer Stamm ein
„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen solches Vermögen ist (vgl. 7:140). Dies legt die Auf-
ohne Begriffe sind blind“ (KrV A 51 / B 75). Diese fassung nahe, dass die zwei Stämme des Erkennt
sog. ‚Zwei-Stämme-Lehre‘ ist zentral für Kants nisvermögens nicht gleichberechtigt nebeneinan
Analyse des Erkenntnisvermögens und die da der stehen und Erkenntnis nicht das Produkt einer
mit angestrebte Grenzbestimmung der mensch Zusammensetzung gleichwertiger Bestandteile ist.
lichen Erkenntnis. Auf sie stützt sich die These, Vielmehr scheint Kant der Ansicht zu sein, dass Er
dass theoretische nicht-empirische Erkenntnis kenntnis strenggenommen der Akt des Verstandes
nur dann möglich ist, wenn sie Erkenntnis von ist und die Sinnlichkeit lediglich die Materie – den
Dingen ist, die mögliche Gegenstände der Sinn „Stoff zum Erkenntniß“ (KrV B 145) – bereitstellt,
lichkeit (also im weitesten Sinne wahrnehmbar) in der dieser Akt sich realisiert. Eine derartige Les
sind. Allerdings wird die Zwei-Stämme-Lehre von art wird z. B. von Engstrom, in Understanding and
Kant nicht explizit begründet. Sensibility, vertreten, ist allerdings in der Literatur
Im Zusammenhang mit der Unterscheidung umstritten.
von Sinnlichkeit und Verstand verwendet Kant
den Begriff des Vermögens gelegentlich in ei 3 Bedenken gegen Kants
nem strikten Sinn, demzufolge allein der Ver vermögenstheoretischen Ansatz
stand ein Vermögen (lat. facultas), die Sinnlich Dass Kant in der KrV die Analyse eines mentalen
keit hingegen eine → Rezeptivität ist (vgl. z. B. KrV Vermögens und seiner Leistungen (nämlich des
A 51 / B 75; vgl. auch 7:140). ‚Vermögen‘ und ‚Re menschlichen Erkenntnisvermögens) anstrebt, ist
zeptivität‘ bezeichnen hier zwei Arten von Fä allgemein anerkannt. Umstritten ist allerdings, ob
higkeiten, die sich hinsichtlich der Art und Wei eine derartige Methode überhaupt philosophisch
se ihrer Aktualisierung unterscheiden. Die Ak überzeugende Resultate liefern kann. Es wird ein
tualisierung eines Vermögens besteht im Han gewendet, dass eine Analyse mentaler Vermögen
deln, d. h. derjenigen Aktualisierung einer Fähig und ihrer Akte in den Bereich der Psychologie
keit, deren zureichender Grund diese Fähigkeit gehört und deshalb nicht in der Lage ist, logische,
(bzw. deren Träger) selbst ist. Damit ist folgen epistemologische oder metaphysische Thesen zu
des gemeint: Wenn ein Gegenstand a das Ver begründen. Pointiert wurde dieser Einwand von
mögen besitzt, F zu sein, gilt, dass genau dann, Strawson formuliert, der im Zusammenhang mit
wenn a nicht F ist, etwas die Aktualisierung die Kants Vermögenstheorie von einem „essay in the
ses Vermögens verhindert (so dass die Tatsache, imaginary subject of transcendental psychology“
dass a nicht F ist, einer besonderen Erklärung sprach (Strawson, The Bounds of Sense, S. 32).
bedarf); und es gilt ferner, dass genau dann, wenn Obwohl Strawson selbst diesen Vorwurf später ab
a F ist, der Grund dafür, dass es sich so verhält, geschwächt hat, sind viele Kommentatoren nach
darin besteht, dass a das genannte Vermögen wie vor bestrebt, den vermögenstheoretischen
besitzt. Im Unterschied hierzu besteht die Ak Rahmen der KrV zu neutralisieren, indem sie die
tualisierung einer Rezeptivität im Leiden, d. h. entsprechende Terminologie in heute gängigere
derjenigen Aktualisierung einer Fähigkeit, de Terminologie (z. B. ‚mentale Prozesse‘ und ‚Zu
ren zureichender Grund nicht in dieser Fähigkeit stände‘) übersetzen. Andere Kommentatoren hin
selbst, sondern in einer anderen Fähigkeit liegt gegen messen den vermögenstheoretischen Ele
(vgl. die auf Aristoteles zurück gehende Unter menten eine zentrale Bedeutung zu. Dabei lassen
scheidung von potentia activa und potentia pas sich zwei Richtungen unterscheiden. Autoren wie
siva, wie sie sich z. B. in Baumgartens Metaphy Kitcher (Kant’s Transcendental Psychology) und
Brook (Kant and the Mind) sehen in dieser Theorie der Harmonie unserer Vorstellungskräfte bewirkt,
einen Vorläufer der modernen Kognitionswissen und wobei wir unser ganzes Erkenntnißvermögen
schaft. Autoren wie Engstrom (Understanding and (Verstand und Einbildungskraft) gestärkt fühlen,
Sensibility) und Longuenesse (Capacity to Judge) ein Wohlgefallen hervorbringt, das sich auch an
betonen dagegen die aristotelische Provenienz dern mittheilen läßt“ (5:160).
dieser Theorie.
2 Harmonie der Erkenntnisvermögen in der Kritik
Weiterführende Literatur der Urteilskraft
Engstrom, Stephen: „Understanding and Sensibi Genauer spezifiziert wird die Harmonie der Er
lity“, in: Inquiry 49, 2006, 2–25. kenntnisvermögen erst in der KU. Im § 9 argu
Heßbrüggen-Walter: Die Seele und ihre Vermögen: mentiert Kant dafür, dass „die allgemeine Mit
Kants Metaphysik des Mentalen in der ‚Kritik theilbarkeit“ (5:217) der Lust am Schönen auf dem
der reinen Vernunft‘, Paderborn: Mentis 2004. mitteilbaren Gemütszustand der Harmonie der
Thomas Land Erkenntnisvermögen beruht. Während die pri
vat gültige „Annehmlichkeit in der Sinnenemp
findung“ (5:217) „von der Vorstellung, wodurch
der Gegenstand gegeben wird“ (5:217), unmittel
Erkenntnisvermögen, bar abhängt, geht die Lust am Schönen auf „die
Harmonie der allgemeine Mittheilungsfähigkeit des Gemüths
Nach der KU ist die → Lust am → Schönen eine zustandes“ (5:217) zurück, die „die Lust an dem
„Lust an der Harmonie der Erkenntnißvermö Gegenstande zur Folge haben muß“ (5:217). Der
gen“ (5:218). Die Harmonie der Erkenntnisver eine Lust bewirkende mitteilbare Gemütszustand
mögen besteht „im erleichterten Spiele beider tritt auf, wenn sich die → Erkenntnisvermögen
durch welchselseitige Zusammenstimmung be von „Einbildungskraft für die Zusammensetzung
lebten Gemüthskräfte“ (5:219), der → Einbildungs des Mannigfaltigen der Anschauung und Verstand
kraft und des → Verstandes. Auf der Harmonie der für die Einheit des Begriffs, der die Vorstellungen
Erkenntnisvermögen als → mitteilbarem Gemüts vereinigt“ (5:217), im „Zustand eines freien Spiels“
zustand basiert der Anspruch von → Geschmacks (5:217) befinden. Dieser Zustand entspricht der
urteilen auf allgemeine Gültigkeit. Weitere wichti Harmonie der Erkenntnisvermögen und ist da
ge Stellen: 5:160; 5:218; 5:258; 5:292; 5:321; 8:249f.; durch charakterisiert, dass die Erkenntniskräfte
16:160f.; 20:224. im passenden Verhältnis für „Erkenntniß über
haupt“ (5:217) stehen und zugleich „kein bestimm
Verwandte Stichworte ter Begriff sie auf eine besondere Erkenntnißregel
Harmonie; Lust/Unlust; Mitteilbarkeit; Reflexi einschränkt“ (5:217). Mitteilbar ist die Harmonie
on; Urteilskraft der Erkenntnisvermögen auch „ohne einen Be
griff vom Gegenstande“ (5:217), weil sie das „zum
Philosophische Funktion Erkenntniß überhaupt schickliche subjective Ver
1 Harmonie der Erkenntnisvermögen vor der hältniß“ (5:218) der Erkenntnisvermögen enthält,
Kritik der Urteilskraft auf dem jede bestimmte → Erkenntnis „als subjec
Der Begriff der Harmonie der Erkenntnisvermö tiver Bedingung beruht“ (5:218). Bewusst werden
gen besitzt Vorformen in Kants Refl. In einer Notiz wir uns der „wechselseitigen subjectiven Überein
führt Kant das → Wohlgefallen am Schönen ab stimmung der Erkenntnißkräfte unter einander“
weichend von der KU auf ein Interesse an „der (5:218) ausschließlich „ästhetisch durch den blo
Harmonie des Verstandes und der Sinnlichkeit ßen innern Sinn und Empfindung“ (5:218); sie ist
zu einem Erkentnis überhaupt“ (16:160) zurück. eine „Empfindung der Wirkung, die im erleichter
Auch erklärt er: „Das Gefühl dieser Harmonie bey ten Spiele beider durch wechselseitige Zusammen
der Erkentniskräfte macht das Wohlgefallen am stimmung belebten Gemüthskräfte (der Einbil
Schönen“ (16:161). Übereinstimmend mit der KU dungskraft und des Verstandes) besteht“ (5:219).
erläutert die KpV in Bezug auf Schönheit, dass „al Als → mitteilbaren Gemütszustand bestimmt Kant
les, dessen Betrachtung subjectiv ein Bewußtsein die Harmonie der Erkenntnisvermögen dadurch,
dass sie außer dem Verfügen über bestimmte → Be das Vermögen der Einbildungskraft „in seiner Frei
griffe die allgemeine Bedingung für Erkenntnis heit“ (5:287) mit dem Vermögen des Verstandes „in
erfüllt. seiner Gesetzmäßigkeit zusammenstimmt“ (5:287).
Weiter führen Aussagen über die Harmonie Zwar folgt die Harmonie der Erkenntnisvermö
der Erkenntnisvermögen im Zusammenhang mit gen lediglich der „Regel über eine Wahrnehmung
der Urteilskraft. So besitzt die Lust am Schönen zum Behuf des Verstandes, als eines Vermögens
eine Grundlage in der „bloßen Reflexion“ (5:292) der Begriffe, zu reflectiren“ (20:220), sie geht aber
und begleitet „die gemeine Auffassung eines Ge auch über die objektive Zusammenstimmung der
genstandes durch die Einbildungskraft, als Ver Vermögen hinaus, weil sie die Gesetzmäßigkeit
mögen der Anschauung, in Beziehung auf den des Verstandes mit der → Freiheit oder unabsicht
Verstand, als Vermögen der Begriffe, vermittelst ei lichen Ausübung der Einbildungskraft vereinbart.
nes Verfahrens der Urtheilskraft, welches sie auch Kant erläutert auch, weshalb die Harmo
zum Behuf der gemeinsten Erfahrung ausüben nie der Erkenntnisvermögen eine Lust hervorruft.
muß“ (5:292), wobei sie es nur „um die Angemes Laut 1. Einleitung KU bewirkt „das harmonische
senheit der Vorstellung zur harmonischen (subjec Spiel“ (20:224) eine Empfindung, wobei das → Re
tiv-zweckmäßigen) Beschäftigung beider Erkennt flexionsurteil „als subjective Zweckmäßigkeit (oh
nißvermögen in ihrer Freiheit wahrzunehmen, ne Begrif) mit dem Gefühle der Lust verbunden
d. i. den Vorstellungszustand mit Lust zu empfin ist“ (20:224). Mit Bezug auf die Übereinstimmung
den, zu thun genöthigt ist“ (5:292). An der „bloßen der Vermögen bei der Vorstellung eines Gegen
Reflexion“ (20:220) ist nach der 1. Einleitung KU stand erklärt Kant: „da diese Zusammenstimmung
außer der „Auffassung (apprehensio)“ (20:220) des Gegenstandes mit den Vermögen des Subjects
durch die Einbildungskraft auch die „Darstellung zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung einer
(exhibitio)“ (20:220) durch die Urteilskraft, aber Zweckmäßigkeit desselben in Ansehung der Er
nicht die „Zusammenfassung“ (20:220) durch den kenntnißvermögen des Subjects“ (5:190). In der
Verstand beteiligt. So „stimmen in der bloßen Folge ruft die Harmonie der Erkenntnisvermögen
Reflexion Verstand und Einbildungskraft wechsel eine Lust hervor, weil sie auf die → Zweckmäßig
seitig zur Beförderung ihres Geschäfts zusammen“ keit der → Natur für das Erkenntnisvermögen zu
(20:220), wenn die → Anschauung eines → Ob rückgeht, die objektiv zufällig, deren Annahme
jekts so beschaffen ist, „daß die Auffassung des aber → subjektiv notwendig (vgl. 20:243) ist.
Mannigfaltigen desselben in der Einbildungskraft Die Harmonie der Erkenntnisvermögen tritt
mit der Darstellung eines Begriffs des Verstandes außer bei der Beurteilung des → Naturschönen
(unbestimmt welches Begriffs) übereinkommt“ auch bei der → schöner Kunst und des → Erhabe
(20:220). Demnach gehört es zur Harmonie der nen auf. Als Voraussetzung schöner Kunst nennt
Erkenntnisvermögen, dass Anschauungen ohne Kant: „Die Verbindung und Harmonie beider Er
→ Darstellung spezifischer Begriffe in einer gene kenntnißvermögen, der Sinnlichkeit und des Ver
rell für die Darstellbarkeit von Begriffen durch die standes, die einander zwar nicht entbehren kön
Urteilskraft geeigneten Weise zusammengesetzt nen, aber doch auch ohne Zwang und wechselsei
sind. tigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen lassen,
Außerdem hebt Kant hervor, dass die Urteils muß unabsichtlich zu sein und sich von selbst
kraft bei der Harmonie der Erkenntnisvermögen so zu fügen scheinen“ (5:321). Anders wird bei
auch ohne Begriffe von einer Regel geleitet ist. Die Urteilen über das Erhabene „das subjective Spiel
Harmonie der Erkenntnisvermögen umfasst eine der Gemüthskräfte (Einbildungskraft und Ver
→ Subsumtion „nicht der Anschauungen unter Be nunft) selbst durch ihren Contrast als harmonisch“
griffe, sondern des Vermögens der Anschauungen (5:258) vorgestellt und das Gefühl hervorgebracht,
oder Darstellungen (d. i. der Einbildungskraft) „daß wir reine, selbstständige Vernunft haben“
unter das Vermögen der Begriffe (d. i. den Ver (5:258).
stand)“ (5:287). Zustande kommt die Subsumtion
der Einbildungskraft „unter die Bedingung, daß Interpretationslage
der Verstand überhaupt von der Anschauung zu Alternative Deutungen lässt Kants Formulierung
Begriffen gelangt“ (5:287), jedoch nur dann, wenn zu, nach der das Wohlgefallen am Schönen „von
Eine Definition soll als eine vollständige und 5:466) entwickelt. In diesen Zusammenhängen
präzise Erklärung eines bereits deutlichen Be wird eine Erklärung als ein Urteil über die → Ursa
griffs zu verstehen sein (vgl. Refl. 2925, 16:578; che oder den → Grund einer → Erscheinung ange
9:143–145). Etwas anders schreibt Kant auch: „De sehen. Dieses Urteil müsse seinerseits Basis oder
finiren soll, wie es der Ausdruck selbst giebt, ei auch „Princip“ (5:412) einer Ableitung der (Urteile
gentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführli über die) Erscheinung darstellen, denn „Erklären
chen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Gren heißt von einem Princip ableiten“ (5:412), wofür
zen ursprünglich darstellen“ (KrV A 727 / B 755). Kant fordert, dass man das Prinzip „deutlich muß
Dazu ist es erforderlich, ausreichend Merkmale erkennen und angeben können“ (5:412).
anzugeben, um den Begriff von allen anderen In der „Disciplin der reinen Vernunft in Anse
zu unterscheiden, ohne dabei aber überflüssige hung der Hypothesen“ (KrV A 769–782 / B 797–810)
Merkmale aufzulisten. Da Definitionen deutliche beschäftigt Kant sich mit der Frage, welche Be
Begriffe als Ausgangspunkte haben, setzen sie al dingungen legitime Hypothesen haben dürfen.
so Explikationen voraus, seien dies nun wiederum Dabei betont er, dass nur solche Hypothesen als
Deklarationen oder Expositionen. Erklärungen „wirklicher Erscheinungen“ (KrV
In der „Disciplin der reinen Vernunft im dog A 771 / B 799) angesehen werden dürfen, bei denen
matischen Gebrauche“ (KrV A 712–738 / B 740–766) zumindest etwas mit Gewissheit angenommen
der KrV – und schon in der vorkritischen Schrift werden kann, nämlich die „Möglichkeit des Ge
Deutlichkeit – verbindet Kant Deklarationen mit genstandes selbst“ (KrV A 770 / B 798) – gemeint
der mathematischen Methode und Expositionen ist hierbei, dass die Ursache der Erscheinungen,
mit der (eigentlichen) philosophischen Methode nicht nur die Erscheinung selbst, ein möglicher
(vgl. KrV A 727ff. / B 755ff.; 2:276ff.). Dies geschieht Gegenstand der Erfahrung sein muss (zu weiteren
in Abgrenzung zu traditionellen, etwa Wolffia Bedingungen → Hypothese). In der KU hingegen
nischen Auffassungen über die Ähnlichkeit von erörtert Kant die Unterschiede zwischen den „Er
→ Mathematik und Philosophie. Kant zufolge kann klärungsart[en]“ (5:410) des → Mechanismus und
der Mathematiker legitim behaupten, seine Unter der → Teleologie sowie ihren jeweiligen Grenzen.
suchung mit der Definition von Begriffen zu begin
nen, da er diese durch Deklarationen erzeugt und Weiterführende Literatur
ihre Realität durch → Konstruktion in der reinen Beck, Lewis White: „Kant’s Theory of Definition“,
→ Anschauung belegen kann. Im Gegensatz hierzu in: Philosophical Review 65, 1956, 179–191.
muss der Philosoph von Expositionen gegebener Butts, Robert E.: „Hypotheses and Explanation in
Begriffe der → Metaphysik ausgehen und kann Kant’s Philosophy of Science“, in: Archiv für
allenfalls (wenn überhaupt) am Ende längerer Geschichte der Philosophie 43, 1961, 153–170.
Untersuchungen zu Definitionen dieser Begriffe Butts, Robert E.: „Teleology and Scientific Method
gelangen. Darüber hinaus können Definitionen in in Kant’s Critique of Judgment“, in: Nous 24,
der Philosophie, anders als in der Mathematik, 1990, 1–16.
niemals den Status von Gewissheit besitzen, da Butts, Robert E.: „The Methodological Structure
man nie sicher sein kann, dass die Analyse eines of Kant’s Metaphysics of Science“, in: Robert E.
gegebenen Begriffs wirklich vollständig durchge Butts (Hg.): Kant’s Philosophy of Physical Sci
führt worden ist (vgl. KrV A 729 / B 757). ence, Dordrecht: D. Reidel Publishing Company
1986, 163–199.
2 Erklärung als kausale Naturerklärung Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema
Der Terminus ‚Erklärung‘ tritt zudem in Kants Er tik, Hamburg: Meiner 1999.
örterungen zur Methode der → Wissenschaften James Messina / Thomas Sturm
bzw. speziell der empirischen Wissenschaften auf,
wie er sie teils im Abschnitt „Die Disciplin der rei
nen Vernunft in Ansehung der Hypothesen“ (KrV Erlaubnis
A 769–782 / B 797–810) innerhalb der „Transscen Kant unterscheidet zwei verschiedene Begriffe
dentalen Methodenlehre“ der KrV (KrV A 705–856 / von „erlaubt“ (6:222). „Erlaubt ist eine Handlung
B 733–884) sowie teils in der KU (vgl. 5:410–421; (licitum)“ (oder eine → Unterlassung), die nicht
verboten ist (6:222). „[B]loß erlaubt [. . . ] (indiffe lem bei der Unterscheidung zweier Begriffe von
rens)“ ist eine → Handlung, die weder geboten ‚Erlaubnisgesetz‘.
noch verboten ist (6:223). Entsprechend kann das
Wort ‚Erlaubnis‘ die Gestattung einer Handlung Weiterführende Literatur
als „erlaubt [. . . ] (licitum)“ oder die Gestattung Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: Kant’s Doc
einer Handlung als „bloß erlaubt“ (6:222f.) bedeu trine of Right – A Commentary, Cambridge:
ten, doch wird „Erlaubniß“ von Kant in der Regel Cambridge University Press 2010, insbes. 96–99.
zur Bezeichnung der Gestattung einer Handlung Hruschka, Joachim: Das deonotologische Sechs
als „erlaubt [. . . ] (licitum)“ (6:222), d. i. als Aus eck bei Gottfried Achenwall, Hamburg: Joachim
nahme von einem vorausgesetzten → Verbot oder Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, 1986.
→ Gebot gebraucht (vgl. 8:347–348; 6:289; 6:390; Kaufmann, Matthias: „Was erlaubt das Erlaub
6:472). Wichtige Stellen: 6:222–223; 8:347–348. nisgesetz – und wozu braucht es Kant?“, in:
Jahrbuch für Recht und Ethik 13, 2005, 195–219.
Verwandte Stichworte Joachim Hruschka
Erlaubnisgesetz; Gebot; Verbindlich(keit);
Verbot
Erlaubnisgesetz
Philosophische Funktion Kant benutzt zwei verschiedene Begriffe von Er
In der Einleitung in die Metaphysik der Sitten defi laubnisgesetz (lex permissiva). Zum einen kann
niert Kant „erlaubt [. . . ] (licitum)“ als „eine Hand der Ausdruck ‚Erlaubnisgesetz‘ ein Gesetz bedeu
lung [. . . ], die der Verbindlichkeit nicht entgegen ten, aus dem sich die Rechtfertigung von → Hand
ist“ (6:222). „Erlaubt (licitum)“ und „verboten“ lungen ergibt, die im allgemeinen verboten, aus
sind kontradiktorisch entgegengesetzte Begrif nahmsweise aber (nämlich kraft des Erlaubnis
fe. Das heißt: Ist die Vornahme einer Handlung gesetzes) erlaubt sind (vgl. 8:348). Zum anderen
„erlaubt [. . . ] (licitum)“, dann ist sie nicht verbo kann ‚Erlaubnisgesetz‘ aber auch ein Gesetz be
ten. Die Vornahme der Handlung kann freilich zeichnen, das einem, mehreren oder allen Nor
geboten sein. Ist die Unterlassung einer Hand munterworfenen eine Rechtsmacht erteilt. Ein
lung „erlaubt (licitum)“, dann ist die Vornahme Erlaubnisgesetz dieser Art ist eine Ermächtigungs
der Handlung nicht geboten. Die Vornahme der norm. Weitere wichtige Stellen: 6:223; 6:247; 6:267;
Handlung kann aber verboten sein. „[B]loß er 6:276; 8:347f. Anm.
laubt“ dagegen ist „[e]ine Handlung, die weder
geboten noch verboten ist“ (6:223). Das heißt, die Verwandte Stichworte
Vornahme wie die Unterlassung der Handlung Eigentum; Erlaubnis; Macht
sind gleichermaßen „der Verbindlichkeit nicht
entgegen“ (6:222). „Bloß erlaubt“ und „geboten“ Philosophische Funktion
stehen in einem konträren Gegensatz zueinan Die beiden verschiedenen Begriffe von Erlaubnis
der. Auch „bloß erlaubt“ und „verboten“ stehen gesetz korrespondieren den in beiden Bedeutun
in einem konträren Gegensatz zueinander. Kant gen, die das Wort „erlaubt“ in der Einleitung in
kennzeichnet Handlungen der letzteren Art als die Metaphysik der Sitten hat und die von Kant
„sittlich-gleichgültig (indifferens, adiaphoron, res dort auch ausdrücklich unterschieden werden
merae facultatis)“ (6:223). „Bloß erlaubt“ bedeu (→ Erlaubnis). In Frieden geht es um ein Erlaub
tet danach „rein erlaubt“. Die Unterscheidung nisgesetz der ersten Art, das (ausdrücklich) ein
der beiden Begriffe von ‚erlaubt‘ wird heute mit Verbot voraussetzt. Dieser Begriff von „Erlaubnis
Hilfe des deontologischen Sechsecks dargestellt. gesetz“ entspricht dem in 6:222 formulierten Be
Kant übernimmt die Unterscheidung von Achen griff von „erlaubt [. . . ] (licitum)“. Kant kritisiert die
wall, der sie in seinen Prolegomena 2 1763, § 26, Tatsache, dass in den positiven („statutarischen“,
S. 25–26, seinerseits sorgfältig ausgearbeitet hat. 8:348) Gesetzen die Erlaubnisgesetze als Ausnah
Achenwalls Unterscheidung hat ältere Vorbilder. men von den Verboten formuliert werden. Statt
Die Relevanz der Unterscheidung von „erlaubt dessen sollte das Erlaubnisgesetz als „einschrän
(licitum)“ und „bloß erlaubt“ zeigt sich vor al kende Bedingung“ in das (jeweilige) Verbotsge
setz „mit hinein gebracht“ werden, wodurch das weder geboten noch verboten, zu heiraten, usw.
Verbotsgesetz „dann zugleich ein Erlaubnißgesetz Trotzdem bedarf es eines Erlaubnisgesetzes der
geworden wäre“ (8:348 Anm.). Auch die in MST praktischen Vernunft, das mir das rechtliche Ver
angesprochenen Erlaubnisgesetze sind solche, mögen (Eigentümer, Gläubiger, Ehemann, Vater
bei denen es sich um Ausnahmen von einem vor zu sein) zuschreibt.
ausgesetzten Verbot (vgl. 6:426) oder Gebot (vgl. In 6:267 stellt Kant klar, dass das Erlaub
6:453) handelt. nisgesetz der praktischen Vernunft sich beim ur
In 6:223 geht es um ein Erlaubnisgesetz der sprünglichen Erwerb von Stücken des Erdbodens
zweiten Art, das dem dort unmittelbar zuvor erör auf „[d]ie Bestimmung der Grenzen des rechtlich-
terten Begriff von „bloß erlaubt“ entspricht. In den möglichen Besitzes“ erstreckt. In 6:276 wird das
Fällen eines Erlaubnisgesetzes dieser Art steht es Erlaubnisgesetz für den Erwerb von ehe- und fa
dem Gesetzesunterworfenen frei, die bloß erlaub milienrechtlichen Ansprüchen noch einmal be
te Handlung „nach seinem Belieben zu thun oder sonders angesprochen.
zu lassen“ (6:223). Das Erlaubnisgesetz ist eine Erlaubnisgesetze als Ermächtigungsnormen
Ermächtigungsnorm. Kant fragt, ob es Fälle gebe, finden sich zeitlich vor Kant u. a. bei Christian
bei denen außer dem Gebots- und dem Verbots Thomasius (Fundamenta 4 1718, Lib. I Cap. V § 6)
gesetz noch ein Erlaubnisgesetz erforderlich sei. und Gottfried Achenwall (Prolegomena 2 1763, § 90,
Dazu merkt er in 6:223 lediglich an, dass, wenn es 89–90).
um eine von vornherein gleichgültige Handlung
geht, ein besonderes Erlaubnisgesetz nicht erfor Weiterführende Literatur
derlich sei, im übrigen lässt er die Frage an dieser Byrd, B. Sharon: „The elusive story of Kant’s per
Stelle offen. missive laws“, in: Denis, Lara / Sensen, Oli
In MSR nennt Kant das „[r]echtliche Postulat ver (Hg.): Kant’s Lectures on Ethics. A Critical
der praktischen Vernunft“ (6:246) „ein Erlaubniß Guide, Cambridge: Cambridge University Press
gesetz (lex permissiva) der praktischen Vernunft“ 2015, 156–169.
(6:247). Das Postulat besagt, dass ich wie jeder Byrd, B. Sharon / Hruschka, Joachim: Kant’s
andere die Rechtsmacht habe, einen jeden Ge Doctrine of Right – A Commentary, Cam
genstand meiner Willkür als objektiv mögliches bridge: Cambridge University Press 2010, ins
→ Mein und Dein anzusehen und zu behandeln. bes. 94–106.
Ich bin wie jeder andere ein möglicher Eigentümer Hruschka, Joachim: ‚Kant und der Rechtsstaat‘
von → Sachen, nicht bloß ein möglicher physi und andere Essays zu Kants Rechtslehre und
scher Besitzer. Ich bin ein möglicher vertraglicher Ethik, Freiburg im Breisgau: Karl Alber Verlag
Gläubiger gegenüber einem möglichen Schuldner, 2015, insbes. 48–88.
ich bin ein möglicher Ehemann (eine mögliche Hruschka, Joachim: „The Permissive Law of Prac
Ehefrau) und ein möglicher Vater (eine mögliche tical Reason in Kant’s ‘Metaphysics of Morals’“,
Mutter) mit Rechtsansprüchen mit Bezug auf ein in: Law and Philosophy 23, 2004, 45–72.
Kind, nicht bloß ein möglicher biologischer Erzeu Kaufmann, Matthias: „Was erlaubt das Erlaub
ger. Da das Postulat mir eine solche Rechtsmacht nisgesetz – und wozu braucht es Kant?“, in:
erteilt, kann man es als eine ‚Ermächtigungsnorm‘ Jahrbuch für Recht und Ethik 13, 2005, 195–219.
der → praktischen Vernunft bezeichnen. Es han Joachim Hruschka
delt sich um ein Erlaubnisgesetz der zweiten Art.
Die Handlungen, die unter das Gesetz zu subsu
mieren sind, erfüllen die Bedingungen für bloß Eroberung
erlaubte Handlungen. Sie sind, vom Standpunkt Kant verwendet Eroberung sowohl wörtlich als
der praktischen Vernunft aus gesehen, weder ge auch metaphorisch, letzteres z. B. wenn es um
boten noch verboten: es ist weder geboten noch die Gewinnung neuer wissenschaftlicher Erkennt
verboten, Sachen als Eigentum zu erwerben und nisse geht. So habe Newton „durch Philosophie
zu besitzen; es ist weder geboten noch verboten, also nicht durch Mathematik [. . . ] die wichtigste
vertragliche Ansprüche auf Leistungen durch eine Eroberung gemacht“ (22:513). Weitere wichtige
andere Person zu erwerben und zu haben; es ist Stellen: 6:348–349; 19:491; 23:155.
ser Erkenntnisse zu erwerben: „Zu dieser Absicht erwerben, sondern lediglich durch eine geeignete
wird erfordert: 1) daß wirklich dergleichen Er Erörterung des subjektiven Prinzips der reflektie
kenntnisse aus dem gegebenen Begriffe herflie renden Urteilskraft dessen Vereinbarkeit mit der
ßen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter der Vor Rolle der mechanischen Erklärungsart darzutun.
aussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses
Begriffs möglich sind“ (KrV B 40). 3 Verständnisschwierigkeiten der
Unterscheidung von metaphysischer und
2 Hauptkontexte der Verwendung von transzendentaler Erörterung
‚metaphysische Erörterung‘ und Allgemein scheint eine Erörterung eine Analyse
‚transzendentale Erörterung‘ oder Zergliederung eines Begriffs zu sein. Indes
2.1 Die Unterscheidung der metaphysischen und haben die transzendentale Erörterung und die
der transzendentalen Erörterung wird vor allem metaphysische Erörterung eines Begriffs gewöhn
bei den Begriffen der Zeit und des Raums her lich nicht denselben Inhalt. Während etwa die
vorgehoben. Kant führt sie erst in der zweiten metaphysische Erörterung des Raums beinhaltet,
Auflage der KrV ein, während er vorher die In dass er eine Vorstellung a priori ist, die allen äuße
halte beider nicht getrennt hatte (vgl. KrV A 22ff.; ren Anschauungen zugrunde liegt (vgl. KrV B 38),
Guyer, Claims of Knowledge 1978, S. 78). Indem er beinhaltet die transzendentale Erörterung, dass
zwischen der metaphysischen und der transzen der Raum die Bedingung der Möglichkeit der Geo
dentalen Erörterung in der → transzendentalen metrie als einer Wissenschaft a priori ist, die sich
Ästhetik unterscheidet, schafft er eine Parallele zu mit mathematischen Eigenschaften möglicher Ge
der ebenfalls neu eingeführten Unterscheidung genstände der Erfahrung beschäftigt. Die bloße
zwischen der metaphysischen und der → transzen deutliche Wiedergabe des Gehalts eines Begriffs
dentalen Deduktion in der → transzendentalen kann also systematisch zu verschiedenen korrek
Analytik, die freilich eine bestehende Unterschei ten Ergebnissen führen. Es scheint zu folgen, dass
dung der Inhalte und der Gliederung aufnimmt Begriffe keinen fixen, kontextunabhängigen Ge
(vgl. KrV A 68ff.; KrV B 159; Parallelen KrV A 299 / halt haben. Prinzipiell lässt die mangelnde Aus
B 356; Krüger, Vollständigkeit, S. 340; Hinsch, Er führlichkeit der Erörterung zu, dass Erörterungen
fahrung, S. 13–16). Im Gegensatz zur Erörterung desselben Begriffs verschiedene Inhalte haben.
ist eine → Deduktion freilich keine bloße Zerglie Weiter könnte vermutet werden, dass die Erörte
derung von Begriffen. Die Parallele dürfte darin rung nicht immer eine bloße Begriffsanalyse ist,
liegen, dass bei der metaphysischen Deduktion zumal sie ja im Hinblick auf synthetische Erkennt
die Kategorien aus gegebenen Urteilsformen abge nisse geschieht, sondern vielleicht selbst schon
leitet werden, wie die metaphysische Erörterung synthetische Urteile umfasst, weil der jeweilige
Aussagen aus einem gegebenen Begriff a priori Begriff im Fall der transzendentale Erörterung mit
gewinnt, ohne wie die transzendentale Deduktion je verschiedenen anderen Begriffen zusammen
und die transzendentale Erörterung darauf abzu analysiert wird, die sich im Kontext einer trans
stellen, was jeweils für die Bedingungen a priori zendentalen Untersuchung ergeben, um daraus
der Erkenntnis von Gegenständen folgt. Schlüsse zu ziehen. Eine andere Möglichkeit be
2.2 In der KU gibt Kant eine transzendentale Er stünde darin, dass nicht jeweils derselbe, sondern
örterung des Vermögens der Geschmacksurteile. verschiedene Begriffe etwa vom Raum erörtert
Sie ist notwendig, weil dieses Vermögen auf einem werden. Als Beispiel kann die Unterscheidung von
Prinzip a priori beruht (vgl. 5:278). Kant unter logischen und → transzendentalen Begriffen die
scheidet auch zwischen einer transzendentalen nen. So ist der logische Begriff der Vernunft vom
Erörterung und einer → Erklärung. Die Dialektik transzendentalen unterschieden. Der logische Be
der teleologischen Urteilskraft lasse nur die erste griff hat einen anderen Gehalt als der transzen
re für die reflektierende, nicht die letztere für die dentale, denn er beinhaltet wie die transzenden
bestimmende Urteilskraft zu (vgl. 5:412). Kant will tale Erörterung Rücksichten auf die Rolle seines
damit wohl sagen, dass es nicht möglich ist, eine Gegenstandes als Ermöglichungsbedingung der
objektive Erkenntnis der Verknüpfung teleologi Erkenntnis. Nun spricht Kant aber z. B. im Fall des
scher und mechanischer Ursachen in der Welt zu Raums eben nicht von zwei Begriffen, sondern
von zwei Arten der Erörterung eines einzigen Be (KrV B XVIII Anm.) bzw. „in zweierlei Bedeutung“
griffs. Letztlich bleibt es also fraglich, inwieweit genommen werden, „nämlich als Erscheinung
Kant mit seinem methodologischen Konzept der oder als Ding an sich selbst“ (KrV B XXVII). Die
Erörterung seine eigene Vorgehensweise ange ser „transscendentale Begriff der Erscheinungen“
messen erfasst (weiterer Abgrenzungsversuch vgl. (KrV A 30 / B 45) spricht die → Objekte, die Din
Knoepffler, Begriff, S. 65). ge an sich selbst im empirischen Sinne, in ihrer
Subjektabhängigkeit an, im Unterschied zum tran
Weiterführende Literatur szendentalphilosophischen Begriff der Dinge an
Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge, sich, der die Subjektunabhängigkeit derselben
Cambridge: Cambridge University Press 1978. Objekte hervorhebt. Erscheinung und Ding an
Hinsch, Wilfried: Erfahrung und Selbstbewußt sich sind in dieser Bedeutung auf ein und das
sein, Hamburg: Meiner 1986. selbe Objekt bezogen, das entsprechend Kants
Knoepffler, Nikolaus: Der Begriff ‚transzenden Kopernikanischer Wende diesem Erscheinungs
tal‘ bei Immanuel Kant, München: Herbert Utz begriff zufolge seinen Formen nach auf → apriori
Verlag 1999. sche Leistungen des Subjekts zurückzuführen ist.
Krüger, Lorenz: „Wollte Kant die Vollständigkeit Es gibt daher, folgt man Kants kritischem Idea
seiner Urteilstafel beweisen“, in: Kant-Studien lismus (vgl. 4:294), keine zwei Welten (vgl. zu
59, 1968, 333–356. dieser Problematik Willaschek, Mehrdeutigkeit),
Stuhlmann-Laeisz, Rainer: Kants Logik, Berlin auf den diese beiden Begriffe ‚Erscheinung‘ und
u. a.: de Gruyter 1976. ‚Ding an sich‘ Bezug nähmen. Das, worauf beide
Daniel Dohrn Begriffe angewandt werden, ist „transzendental
philosophisch verstanden, numerisch-existentiell
identisch“ (Prauss, Erscheinung, S. 22). Weitere
Erscheinung wichtige Stellen: KrV B XXVff.; KrV B 69f.; KrV
Kant unterscheidet „im empirischen Verstande“ B 207f.; KrV B 303; KrV B 306ff.; 4:341; 11:168f.
(KrV A 29f. / B 45) Erscheinung vom → Ding an sich
selbst. ‚Erscheinung‘ meint im Sinne dieses empi Verwandte Stichworte
rischen Unterschieds (vgl. KrV A 45 / B 62) die Art Anschauung; Ding; Empfindung; Objekt; Nou
und Weise, wie ein empirischer Gegenstand dem menon/Phaenomenon
erkennenden Subjekt gegeben ist. Beispielsweise
kann „eine Rose [. . . ] jedem Auge in Ansehung Vorgeschichte und historischer Kontext
der Farbe anders erscheinen“ (KrV A 29f. / B 45). In seiner Dissertation De mundi von 1770 nennt
Erscheinungen sind in dieser Hinsicht „bloß als Kant die Objekte der Erfahrung „phaenomena“
Veränderungen unseres Subjekts, die sogar bei (2:394; vgl. 2:405). Er unterscheidet sie, wie in der
verschiedenen Menschen verschieden sein kön Leibniz-Wolffschen-Schulphilosophie üblich (vgl.
nen“ (KrV A 29f. / B 45), zu begreifen. ‚Erschei Baumgarten, Metaphysica, § 12, § 425), von der blo
nung‘ umfasst dabei das, was Kant in anderen ßen „apparentia“, dem Sinnenschein (2:394; vgl.
Zusammenhängen auch empirische → Anschau 8:146, 8:154). „Erscheinung“ liegt daher zunächst
ung oder Empfindung nennt (vgl. KrV A 20 / B 34; als Übersetzung für „apparentia“ im Sinne der
KrV A 119; 4:290). Erscheinungen und Dinge an empirischen Bedeutung nahe, zumal das Lateini
sich selbst sind in diesem Sinne als zwei unter sche selbst „phaenomenon“ als Lehnwort aus dem
schiedliche Arten von Phänomenen zu begrei Griechischen benutzt, um die Abhängigkeit der er
fen. Sie sind numerisch-existentiell verschieden, kannten Gegenstände der Außenwelt von den Sin
nämlich zum einen Gegebenheiten der Innenwelt nen zu kennzeichnen, ohne sie damit sogleich zu
des Subjekts und zum anderen Objekte der Au bloßen Modifikationen der Innenwelt des Subjekts
ßenwelt. Dieser Erscheinungsbegriff ist vom tran zu machen (vgl. Prauss, Erscheinung, S. 18f.). Kant
szendentalphilosophischen Begriff der Erschei verweist hier in der Dissertation auf die von den
nung zu unterscheiden. Jedes empirische Objekt „Schulen der Alten“ gemachte Differenzierung
kann Kant zufolge in philosophischer Hinsicht von Erscheinung (→ Phaenomenon) und Ding an
aus einem „doppelten Gesichtspunkte betrachtet“ sich (→ Noumenon) (2:392). Spätestens seit Platon
(vgl. Platon, Phaidon, 74aff.) werden die Gegen philosophischer Betrachtungsweise. Kennzeich
stände, wie sie mittels der Sinne wahrgenommen nend für seine Transzendentalphilosophie ist eine
werden, von demjenigen Bereich der Wirklichkeit, nichtempirische Einstellung des Menschen, die
der an und für sich selbst existiert, unterschieden. von der alltäglichen sinnlichen Wahrnehmung zu
Dieser Unterschied erhält durch Kants → Transzen unterscheiden ist. Wer im Sinne Kants philoso
dentalphilosophie eine neue Bedeutung. Das Wort phisch reflektiert, richtet sich nicht mehr auf die
„Erscheinung“ in transzendentaler Bedeutung konkreten Dinge, die ihm mittels der empirischen
muss aufgrund dieses Zusammenhangs gewis Einstellung zugänglich sind, sondern bezieht sich
sermaßen als Notbehelf betrachtet werden, um zurück auf sein eigenes Erkenntnisvermögen. Er
die Subjektabhängigkeit der empirischen Dinge fragt danach, was Wahrnehmung als Erkenntnis
an sich zu kennzeichnen. Kant erläutert daher charakterisiert und wie sie zu erklären ist.
seine Verwendung ausdrücklich: „Ferner ist noch Das Erkennen als Sinneswahrnehmung bil
anzumerken, daß Erscheinung, im transscenden det das ursprüngliche Verhältnis des Menschen
talen Sinn genommen, da man von Dingen sagt, zur Welt. Mittels der Wahrnehmung macht der
sie sind Erscheinungen (Phaenomena), ein Be Mensch ursprüngliche Erfahrung. Bei jeder sinn
griff von ganz anderer Bedeutung ist, als wenn lichen Wahrnehmung spielt, wenn auch zumeist
ich sage, dieses Ding erscheint mir so oder so, unthematisch, der Unterschied zwischen Innen-
welches die physische Erscheinung anzeigen soll, und Außenwelt, zwischen Subjekt und Objekt ei
und Apparenz, oder Schein, genannt werden kann. ne Rolle. Beim Erkennen richtet sich das Subjekt
Denn in der Sprache der Erfahrung sind diese Ge grundsätzlich von sich weg auf etwas Anderes
genstände der Sinne, weil ich sie nur mit andern seiner selbst, auf ein Objekt. Diese alltägliche Be
Gegenständen der Sinne vergleichen kann, z. B. wusstseinseinstellung kann als unreflektierter,
der Himmel mit allen seinen Sternen, ob er zwar vom philosophischen Standpunkt aus als naiver
blos Erscheinung ist, wie Dinge an sich selbst ge Realismus aufgefasst werden, der davon ausgeht,
dacht, und wenn von diesem gesagt wird, er hat dass die Gegenstände der Wahrnehmung unab
den Anschein von einem Gewölbe, so bedeutet hängig vom Betrachter wirklich sind. Diese Un
hier der Schein das Subjective in der Vorstellung abhängigkeit wird vom naiven Realismus der all
eines Dinges, was eine Ursache seyn kann, es täglichen Perspektive unhinterfragt unterstellt:
in einem Urtheil fälschlich für objectiv zu hal Die Gegenstände der Außenwelt existieren nicht
ten“ (20:269). Der enge Zusammenhang beider relativ auf einen beliebigen Betrachter, d. h. die
Erscheinungsbegriffe wird deutlich, wenn Kant Gegenstände und Ereignisse der Außenwelt sind
durch den Zusammenhang gleichsam gezwun nicht abhängig von meiner Wahrnehmung, sie
gen wird, das griechische Wort zu verwenden, um sind objektiv, nicht subjektiv. Kant spricht daher
eine Doppelung zu vermeiden: „Erscheinungen, vom „Faktum der Erfahrung“: „Wir haben oben an
sofern sie als Gegenstände nach der Einheit der gemerkt, daß Erfahrung aus synthetischen Sätzen
Kategorien gedacht werden, heißen Phaenomena“ bestehe, und, wie synthetische Sätze a posteriori
(KrV A 248f.; vgl. dazu bereits 2:394). ‚Erschei möglich seyn, nicht als eine der Auflösung be
nungen‘ wird hier von Kant im Sinne von „appa dürfende Frage angesehen, weil sie Faktum ist.
rentia“ (2:394) verwendet und meint daher die Jetzt läßt sich fragen, wie dieses Faktum möglich
empirischen Anschauungen im Unterschied zu sey. [. . . ] Die Aufgabe ist: wie ist Erfahrung mög
den empirischen Dingen, die er an dieser Stelle lich?“ (Refl. XXXIII, 23:24f.) Dieses Faktum selbst
→ ‚Phaenomena‘ nennt. lässt sich nicht mehr hinterfragen. Der Mensch ist
ein Wesen, das Erfahrung macht, nämlich Gegen
Philosophische Funktion stände und Ereignisse der Außenwelt wahrnimmt.
1 Die notwendige Unterscheidung von So beginnt die Einleitung zur KrV auch mit der
empirischer Einstellung und philosophischer Feststellung: „Daß alle unsere Erkenntnis mit der
Reflexion Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel“
Kants transzendentalphilosophische Unterschei (KrV B 1).
dung von Erscheinung und Ding an sich beruht Die philosophische Reflexion dagegen unter
auf der strikten Trennung von empirischer und sucht die Bedingungen, die erfüllt sein müssen,
um diese äußere Realität als empirische, d. h. als schreitet damit unzulässigerweise eine Grenze,
durch menschliche Wahrnehmung erkannte, er die ihr durch die „Schranken der Sinnlichkeit“
klären zu können. Aus dieser Perspektive erweist (KrV A 246 / B 303) gesetzt ist. Insofern stellt Kant
sich die empirisch erkennbare Außenwelt als in fest: „Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der
bestimmter Weise vom Subjekt abhängig. Diese Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen als: wir
spezifische Abhängigkeit drückt Kant mit seinem begreifen nicht durch den reinen Verstand, was
transzendentalphilosophischen Erscheinungsbe die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mö
griff aus. Die äußeren Gegenstände sind Kant zu gen: so sind sie ganz unbillig und unvernünftig;
folge ihrer Form nach abhängig von den erkennt denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge
niskonstituierenden Leistungen des Subjekts, den erkennen, mithin anschauen könne, folglich daß
reinen Anschauungsformen → Raum und → Zeit wir ein von dem menschlichen nicht bloß dem
sowie den Verstandeskategorien. Die empirisch Grade, sondern sogar der Anschauung und Art
erkannte Welt selbst bleibt aber von dieser philo nach gänzlich unterschiedenes Erkenntnißvermö
sophischen Einsicht in ihrer Faktizität unberührt. gen haben, also nicht Menschen, sondern Wesen
In alltäglicher Einstellung spielt die Einsicht sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben
in die erkenntnistheoretische Abhängigkeit keine können, ob sie einmal möglich, viel weniger wie
Rolle, da es die alltägliche Einstellung mit der em sie beschaffen seien. Ins Innre der Natur dringt
pirischen Realität zu tun hat. Doch selbst philoso Beobachtung und Zergliederung der Erscheinun
phisch betrachtet beruht die empirische Realität gen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses
nicht ausschließlich auf subjektiven Leistungen. mit der Zeit gehen werde“ (KrV A 277f. / B 333f.).
Die erkannten Objekte der Außenwelt sind subjekt Philosophische Erkenntnis über das Wesen der
abhängig, aber nicht subjektiv. Dies ist der Sinn Dinge bezieht sich allein auf das rein Formale die
von Kants transzendentalphilosophischem Begriff ser Gegenstände. Aufgrund dieses Formalen sind
vom ‚Ding an sich‘ im Unterschied zum transzen die empirischen Gegenstände Erscheinungen in
dentalphilosophischen Erscheinungsbegriff. transzendentalphilosophischer Bedeutung. In
sofern sind dann die erkannten Dinge der Welt
2 Der Unterschied von Erscheinung und Ding an abhängig vom Subjekt, weil ihre Form sich den
sich als Grenzbestimmung Formen des menschlichen Verstandes und der
Kant will bekanntlich mit seiner KrV die Frage be menschlichen Sinnlichkeit verdankt.
antworten: „Wie sind synthetische Urteile a priori Diese philosophische Grenzziehung bezieht
möglich?“ (KrV B 19) Seine Antwort kann als ne sich allerdings nicht auf die Empirie selbst. „Es
gative Grenzbestimmung begriffen werden (vgl. sind demnach die Gegenstände der Erfahrung nie
Mohr, Werkkommentar, S. 251), die sich in der Un mals an sich selbst, sondern nur in der Erfahrung
terscheidung von Erscheinung und Ding an sich gegeben und existiren außer derselben gar nicht.
ausdrückt. Seine philosophischen Überlegungen Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob
kommen zu der Einsicht, „daß wir a priori über sie gleich kein Mensch jemals wahrgenommen
nichts als über die formale Bedingung einer mögli hat, muß allerdings eingeräumt werden, aber es
chen (äußeren oder inneren) Erfahrung überhaupt bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen
synthetisch urtheilen können, so wohl was die Fortschritt der Erfahrung auf sie treffen könnten“
sinnliche Anschauung derselben, als was die Ver (KrV A 492f. / B 521). Kants Unterscheidung bedeu
standesbegriffe betrift, die beyderseits noch vor tet also nicht, dass wirkliche Dinge in Raum und
der Erfahrung vorher gehen und sie allererst mög Zeit unserem Erkennen grundsätzlich nicht zu
lich machen“ (10:346). Philosophisch a priori kön gänglich sein könnten, sondern nur, dass sie es
nen demnach nur die formalen Bedingungen der faktisch nicht immer sind.
Erfahrung ermittelt werden, die zugleich forma
le Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung Weiterführende Literatur
sind. Insofern ist dann auch Ontologie im Sin Allison, Henry: Kant’s Transcendental Idealism.
ne Kants „Analytik des reinen Verstandes“ (KrV An Interpretation and Defense. Revised and
A 247 / B 303). Eine Ontologie, die a priori etwas Enlarged Edition, New Haven: Yale University
Inhaltliches über die Dinge aussagen will, über Press 2004.
Martin, Gottfried: „Kants Auseinandersetzung mit les, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit
der Bestimmung der Phänomene durch Leib nichts als reine Anschauung und die bloße Form
nitz und Wolff als verworrene Vorstellungen“, der Erscheinungen übrig bleibe, welches das ein
in: Kaulbach, Friedrich / Ritter, Joachim (Hg.): zige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann.
Kritik und Metaphysik. Festschrift für Heinz Bei dieser Untersuchung wird sich finden, daß
Heimsoeth, Berlin u. a.: de Gruyter 1966. es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als
Mohr, Georg: Kants Grundlegung der kritischen Principien der Erkenntniß a priori gebe, nämlich
Philosophie. Werkkommentar und Stellenkom Raum und Zeit [. . . ]“ (KrV A 22 / B 36; vgl. 8:240).
mentar zur Kritik der reinen Vernunft, zu den Die Isolierbarkeit der Formen der Erscheinung
Prolegomena und zu den Fortschritten der Me von der empirischen Anschauung ist zugleich das
taphysik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004. erste Argument für ihre Apriorität: „Da das, worin
Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro sich die Empfindungen allein ordnen und in ge
blem der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, Berlin wisse Form gestellt werden können, nicht selbst
u. a.: de Gruyter 1971. wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar
Hans-Ulrich Baumgarten die Materie aller Erscheinung nur a posteriori ge
geben, die Form derselben aber muß zu ihnen
insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen und
Erscheinung, Form der daher abgesondert von aller Empfindung können
Der systematisch zentrale Ort, an dem der Begriff betrachtet werden“ (KrV A 20 / B 34). Die spezifi
Form der Erscheinung von Kant eingeführt wird, schen Formen der Erscheinung sind kontingent.
ist die transzendentale Ästhetik der KrV: „[. . . ] Beim Menschen sind es Raum und Zeit, in denen
dasjenige aber, welches macht, daß das Mannig Erscheinungen vermittels der Formen des äuße
faltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen ren und des inneren Sinnes gegeben werden. Die
geordnet werden kann, nenne ich die Form der Er Formen der Erscheinung stammen von den subjek
scheinung“ (KrV A 20 / B 34). Kant unterscheidet tiven Bedingungen der Sinnlichkeit ab, unter der
nicht immer klar zwischen → ‚Form der Sinnlich alle Anschauung steht (vgl. KrV B 42). Dabei ist es
keit‘, → ‚Form der Anschauung‘ und ‚Form der die Form der Sinnlichkeit, welche Empfindungen
Erscheinung‘, wenngleich sich von der Bedeu in eine bestimmte Ordnung bringt, so dass sie ers
tung der Begriffe her eine sinnvolle Unterschei tens überhaupt Erscheinungen für uns sind und
dung treffen lässt. So ist die Form der Erschei zweitens die Erscheinungen in dieser spezifischen
nung die formale Bestimmung, die Gegenstände Form gegeben werden (vgl. KrV B XXV; 20:286).
als Erscheinungen durch die reinen Formen der
Sinnlichkeit erhalten. Beim Menschen gibt es zwei Weiterführende Literatur
reine Formen der Erscheinung: Raum und Zeit. Allison, Henry E.: Kant’s Transcendental Idealism.
Weitere wichtige Stellen: 2:401; KrV A 110; KrV An Interpretation and Defense, New Haven u. a.:
A 127; KrV B 300; KrV A 432 / B 459; KrV A 720 / Yale University Press 2004.
B 748; 4:284; 4:324; 5:475. Guyer, Paul: Kant and the Claims of Knowledge,
Cambridge: Cambridge University Press 1987.
Verwandte Stichworte Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant. Ein Pro
Erscheinung; Raum und Zeit (Anschauungsfor blem der „Kritik der reinen Vernunft“, Berlin
men); Sinnlichkeit, Form der u. a.: de Gruyter 1971 (Quellen und Studien zur
Philosophie 1).
Philosophische Funktion Kristina Engelhard
Der Begriff Form der Erscheinung ist charakteris
tisch für die kritische Philosophie Kants und wird
terminologisch zuerst in der KrV eingeführt. Die
Formen der Erscheinung werden in der transzen
Erscheinung (von) der
dentalen Ästhetik mittels des sog. Isolationsver Erscheinung
fahrens herausgearbeitet: „Zweitens werden wir Kant benutzt den Ausdruck „Erscheinung von der
von dieser [der empirischen Anschauung] noch al Erscheinung“ (22:325) im Op. post. um zum Aus
druck zu bringen, dass empirische Wahrnehmun an sich selbst, [. . . ] als das, was in der allgemei
gen standpunktabhängige → Vorstellungen von nen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen
→ Gegenständen sind. In der KrV unterscheidet zu den Sinnen, doch in der Anschauung so und
Kant Erscheinungen im empirischen oder physi nicht anders bestimmt ist“ (KrV A 45 / B 63). Im Op.
schen Sinn von solchen im transzendentalen Sinn post. wird aber die objektive Erscheinung expli
(vgl. KrV A 45 / B 63). Im ersten Sinn sind die ver zit kinästhetisch als Inbegriff der verschiedenen
schiedenen Wahrnehmungen die Erscheinungen; Bewegungslagen gedacht, in die sich ein empiri
der empirische Gegenstand ist das, was erscheint. sches Subjekt durch sein Handeln setzen kann.
Der empirische Gegenstand ist insofern von den Weiter werden sowohl Objekt als auch Subjekt
Erscheinungen unabhängig, als er die Einheit die im Raum lokalisiert und als Inbegriff von mög
ser verschiedenen Erscheinungen ausmacht. Die lichen Interaktionen gedacht. Um einen Gegen
ser empirische Gegenstand, mit seinen sinnlichen stand wahrzunehmen, muss das wahrnehmende
Erscheinungsweisen, ist wiederum Erscheinung Subjekt mit ihm in eine lagebedingte Wechsel
im transzendentalen Sinn. Er ist die Einheit der wirkung treten. Der Wahrnehmende tritt durch
verschiedenen Erscheinungsweisen, so wie sie in seine Bewegungen im Raum aktiv handelnd in
einem Begriff als unabhängig von der jeweiligen eine Wahrnehmungssituation ein und nimmt das
Anschauungslage vorgestellt ist. Diese Erschei Objekt auf eine dadurch bestimmte Art wahr: „Er
nung, die den verschiedenen einzelnen Erschei scheinung von der Erscheinung da das Subject
nungsweisen des Gegenstands zugrunde liegt, ist vom Object afficirt wird und sich selbst afficirt und
das, was Kant in der Vernunftkritik als „Phaeno ihr selbst eine Bewegung in der Erscheinung [. . . ]
menon“ bezeichnet, d. h. die Erscheinung, sofern und sich selbstbewegend ist“ (22:321).
sie „nach der Einheit der Kategorien“ gedacht wird Pierre Keller
(KrV A 248f.). Der Mensch wird im Op. post. auch
„phaenomen eines Phänomens“ (22:373) genannt,
sofern er selbst in der menschlichen Erfahrung Erschleichung
eine objektive Stelle einnimmt. Das Phänomen, → Subreption
die objektive Erscheinung, die wir durch einen Be
griff von dem Gegenstand zu den verschiedenen
stellungsrelativen Erscheinungen hinzudenken, Ersitzung
erlaubt es uns, die verschiedenen Erscheinun Als Ersitzung (usucapio) bezeichnet Kant eine
gen als Erscheinungsweisen eines Gegenstands Form der „idealen Erwerbung eines äußeren Gegen
zusammenzubringen: „Die Erscheinung von der standes der Willkür“ (6:291), die sich auf dem dau
Erscheinung in der Verknüpfung des Mannigfal ernden → Besitz gründet. Weitere wichtige Stellen:
tigen gedacht ist der Begriff des Gegenstandes 6:291ff.; 6:363f.
selbst“ (22:325). Weitere wichtige Stellen: 22:321f.;
22:326f.; 22:364; 22:367; 22:371. Verwandte Stichworte
Eigentum; Erwerbung
Verwandte Stichworte
Erscheinung; Selbstaffektion; Wahrnehmung Philosophische Funktion
Ersitzung gehört neben Beerbung und Erwerbung
Philosophische Funktion durch unsterbliches Verdienst zu den drei Arten
Der Sache nach ist Erscheinung der Erscheinung einer idealen Erwerbung (vgl. 6:291). Ideale Erwer
in der Vernunftkritik bereits am Beispiel eines bungen zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen
Regenbogens, der nur Erscheinung eines Som „eine bloße Idee der reinen Vernunft zum Grun
merregens ist, entwickelt. Der Regen ist transzen de“ (6:291) liegt, sie daher notwendig im → Na
dental gesehen Erscheinung, weil er als Regen turzustande denkbar sind, auch wenn sie „nur
tropfen nur in Beziehung zu unserer räumlich- im öffentlichen rechtlichen Zustande ihren Effect
zeitlichen sinnlichen → Anschauung existiert (vgl. haben“ (6:291). Das durch Ersitzung erworbene
KrV A 46 / B 63). Physisch gesehen sind die Re Eigentum gründet sich auf einem langen Besitz,
gentropfen, aber nicht der Regenbogen, „Sache worauf potenzielle Ansprüche auf den Besitz ange
wiesen sind. Denn wer „nicht einen beständigen fassung der Welt (vgl. 2:154), zum anderen die
Besitzact (actus possessorius) einer äußeren Sa Sensibilität für die → Würde des Menschen (vgl.
che, als der seinen, ausübt, wird mit Recht als 5:76; 8:402f.).
einer, der (als Besitzer) gar nicht existirt, angese Mag der stoisch abgeklärte Grundsatz, „sich
hen“ (6:292). Bei längerer Abwesenheit „kann also über nichts zu verwundern“ („nihil admirari“,
nur ein rechtlicher und zwar sich continuierlich 7:261) in empirischer Einstellung auf den „Lauf
erhaltender und documentirter Besitzact“ (6:292) der Dinge“ angemessen sein, so zeichnet den „for
die Ansprüche an einer → Sache erhalten. Andern schende[n] Blick[]“ die Affizierbarkeit durch die
falls „würde gar keine Erwerbung peremtorisch „Ordnung der Natur“ aus als eine zur Theologie
(gesichert), sondern alle nur provisorisch (einst disponierende Sensibilität für „eine Weisheit, de
weilig) sein“ (6:292), da es nicht möglich ist, den ren er sich nicht gewärtig war [. . . ]; welcher Affect
ersten Besitzer zu ermitteln. Im → bürgerlichen Zu aber alsdann nur durch die Vernunft angeregt
stand kann im Gegensatz zum Naturzustand der wird und eine Art von heiligem Schauer ist, den
→ Staat stellvertretend den Besitz erhalten (vgl. Abgrund des Übersinnlichen sich vor seinen Fü
6:293). ßen eröffnen zu sehen“ (7:261). Mit Blick auf die
Andree Hahmann sinnreiche Verfassung der Natur schreibt Kant:
„Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so uner
meßlichen Schauplatz von Mannigfaltigkeit, Ord
Erstaunen nung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag
Das Erstaunen ist ein Affekt, welcher der Bewun diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder
derung entspricht (vgl. 5:76), und den Kant in in der unbegrenzten Theilung desselben verfol
anthropologischer Perspektive generell der Ge gen, [. . . ] so daß sich unser Urtheil vom Ganzen in
danken- und Gefühlsbewegung angesichts einer ein sprachloses, aber desto beredteres Erstaunen
„unerwarteten Vorstellung“ (7:261) zuordnet. Er auflösen muß“ (KrV A 622 / B 650). So ist es auch
staunen kann das Gemüt ebenso im Blick auf die das Erstaunen über diese Verfassung der Natur, in
Vollkommenheit, Größe und → Schönheit der äu dem Kant das vorwiegende Motiv der bisherigen
ßeren → Natur erfassen (vgl. 2:118) wie im Blick → Gottesbeweise ausmacht: Die Spuren der Größe
nach innen auf die → Freiheit und Erhabenheit der und Macht des „anbetungswürdigen Wesens“ er
menschlichen Natur (vgl. 8:402f.). Weitere wich füllen die Seele des Betrachters mit „Erstaunen,
tige Stellen: 1:256; 1:306; 1:308; 1:312; KrV A 622 / Demuth und Ehrfurcht“ (2:117). Auffällig ist in den
B 650; 5:15; 7:261. Phänomenen (unendliche Größe, Unermesslich
keit, überwältigende Macht) der Zusammenhang
Verwandte Stichwörter mit dem später ethisch und ästhetisch qualifi
Achtung, Achtung für das Gesetz; Ehrfurcht; zierten Gedanken des → Erhabenen. Im ethischen
Gefühl, moralisches; Gottesbeweis, physi Kontext der KpV beschreibt Kant das Erstaunen
kotheologischer; Schönheit (Schöne, das); als eine Gemütsbewegung, die wie die Verehrung
Erhabene, das zu den Begleiterscheinungen der → Achtung (vor
Personen wie vor dem Gesetz) gehört (vgl. 5:156).
Philosophische Funktion Birgit Recki
Schon 1755 in der Theorie des Himmels, lange be
vor er sich der Analyse der moralischen und äs
thetischen Gefühle widmet, kennzeichnet Kant im
Erstaunen das religiöse Gefühl: „Ich finde nichts,
Erste Einleitung in die
das den Geist des Menschen zu einem edleren Kritik der Urteilskraft
Erstaunen erheben kann, indem es ihm eine Aus Vollständig gedruckt wurde die Erste Einleitung
sicht in das unendliche Feld der Allmacht eröffnet, erstmals in dem von O. Buek herausgegebenen
als diesen Theil der Theorie, der die successive Bd. V der von Ernst Cassirer besorgten Ausga
Vollendung der Schöpfung betrifft“ (1:312). Was be der Werke Kants (vgl. Buek, Erste Einleitung,
in ihm zum Ausdruck kommt, ist zum einen der S. 177–321). Die ursprüngliche Version der Ab
spekulative Sinn für die ästhetisch vermittelte Ver schrift findet sich in Hinske/Müller-Lauter/Theu
nissen, Erste Einleitung. Einen zuverlässigen Text bestimmte [. . . ] Abhandlung“ (Brief an Beck vom
enthält die 1927 von Gerhard Lehmann besorgte 18. 08. 1793, 11:441). In diesem Brief hat Kant auch
Ausgabe (4. Auflage Hamburg 1990). das „Wesentliche jener Vorrede“ charakterisiert,
Der Titel ist dem Text rückblickend beige das „etwa bis zur Hälfte des Mspts reichen möch
geben worden, weil Kant für die gedruckte KU te“ (Brief an Beck vom 18. 08. 1793, 11:441). Die
eine neue Einleitung verfasst hat. Wahrscheinlich genannte Hälfte bringt vor aller Erörterung der
im Herbst 1789 fertiggestellt, hat die Erste Ein Struktur der Urteilskraft, so fasst Kant zusammen,
leitung die endgültige Ausarbeitung der dritten eine „besondere und seltsame Voraussetzung un
Kritik nicht hinreichend berücksichtigt. Die neue serer Vernunft“ in den Blick: „daß die Natur in
Einleitung, wohl erst nach Abschluss des Werkes der Mannigfaltigkeit ihrer Producte eine Accom
geschrieben, ist unter diesem Aspekt nicht einfach modation zu den Schranken unserer Urtheilskraft
die gekürzte Fassung einer von Kant selbst als zu [. . . ] als Zweck für unsere Fassungskraft beliebt
umfangreich angesehenen Einleitung. So könnte habe“ (Brief an Beck vom 18. 08. 1793, 11:441).
man die Erste Einleitung als eine eigenständige
Abhandlung ansehen. Inhalt
Kant selbst hat das wohl so gesehen, denn Kant greift, um dies zu erläutern, ein Lehrstück
er hat 1793 eine von ihm korrigierte Abschrift des der KrV auf: Weil der → Verstand als allgemeines
Manuskripts seinem früheren Schüler → Jacob Si → Prinzip unserer gegenständlichen → Erfahrung
gismund Beck zugeschickt, damit dieser nach nicht auch Prinzip eines Erfahrungszusammen
seinem „Gutbefinden [. . . ] Eines oder das Ande hanges von Naturereignissen in deren empirischer
re daraus [. . . ] benutzen“ könne (Brief an Beck Besonderheit ist, bedürfen wir eines Prinzips, das
vom 18. 08. 1793, 11:441). Offenbar hat Kant die den Verstand überschreitet, nämlich die → Ver
Abhandlung als nützlich für eine Darstellung und nunft, deren → Ideen eine nur regulative Funktion
Verteidigung seiner Philosophie, um die sich Beck haben. Im Hinblick auf das Programm, das er in
in der öffentlichen Debatte bemühte, angesehen. der neuen Kritik entwickeln will, bindet Kant die
Einen Auszug daraus hat Beck dem zweiten Band ses Prinzip jetzt an die reflektierende Urteilskraft
seines „Erläuternder Auszug aus den critischen (→ Kritik der Urteilskraft). Ausführlich räumt er
Schriften des Herrn Prof. Kant auf Anrathen dessel dabei den Verdacht aus, dass deren Verfahren
ben“ (S. 541–590) beigegeben. Die Abschrift (das bloß empirisch sein könnte. Da sich dies aus der
Originalmanuskript ist nicht erhalten) ist später Beschreibung der Struktur der reflektierenden Ur
in den Besitz der Universitätsbibliothek Rostock teilskraft im Werk selbst hinlänglich ergibt, haben
gelangt. wir hier einen Hinweis darauf, dass Kant in die
F. Ch. Starke, der den Beckschen Text erst sem Punkt lange unsicher gewesen ist. Aber auch
mals wieder abdruckte („I. Kants vorzügliche klei sonst war es mit Blick auf den ausgearbeiteten
ne Schriften und Aufsätze mit Anmerkungen“, Text der KU in Kants Augen mit einer bloßen Re
Bd. II, Leipzig 1833, S. 223–262), gab ihm den Titel duzierung des Umfangs der ersten Fassung nicht
„Über Philosophie überhaupt und über die Kri getan.
tik der Urteilskraft insbesondere“. Das war nicht
schlecht gewählt, denn die Erste Einleitung sucht Zum Verhältnis der Ersten Einleitung in die
in der Tat aus einem Begriff von → Philosophie Kritik der Urteilskraft zur KU
heraus das Unternehmen einer zu schreibenden Kant hat es wohl als unangemessen angesehen,
Kritik der Urteilskraft zu rechtfertigen, während dass die Urteilskraft mit dem sie angeblich leiten
die endgültige Einleitung demgegenüber im Rück den Aspekt einer → Einheit der empirischen Erfah
griff auf die im Werk exponierte Struktur der reflek rung zu stark der theoretischen Philosophie als
tierenden → Urteilskraft darauf abzielt zu zeigen, eine Art Anhang zu ihr zugeordnet wurde, zumal
dass und inwiefern eine → Kritik dieses Vermö damit ein latenter Objektivismus verbunden ist,
gens zum → System der Philosophie gehört. So der „das eigenthümliche Princip der Urtheilskraft“
ist der erste Text eher eine Vorrede, als die ihn als etwas erscheinen lässt, das die → Natur selbst
Kant in dem Brief an Beck auch bezeichnet hat: „zum Behuf der Urtheilskraft“ verrichtet (20:216).
die „vordem zur Vorrede für die Critik der U. Kr. Dies führt zum Begriff einer „Technik der Natur“
(20:219), die die Urteilskraft sich „zum Princip So dokumentiert die Erste Einleitung ein frü
ihrer Reflexion“ (20:214) macht, zwar nur für sich hes Stadium des Entwurfs der Idee einer dritten
selbst und nicht mit objektivem Anspruch, aber Kritik. Deshalb liegt es nahe, in ihr eine zurückge
doch so, dass sie an der Natur selbst Formen vor lassene Position zu sehen, die es in erster Linie
aussetzt, durch die sie zu ihrem Reflektieren ver unter dem Aspekt ihrer Differenz zur endgültigen
anlasst wird. Das mag auf die Organismus-Theo Einleitung zu interpretieren gilt. Sie macht deut
rie im späten Op. post. vorausdeuten, trifft aber lich, dass Kant bis kurz vor Drucklegung der KU
nicht die Grundidee der KU. Das dort exponierte an diesem Werk gearbeitet hat.
ästhetische → Urteil bezieht sich weder auf eine Großen Einfluss auf die Rezeptionsgeschich
bestimmte Beschaffenheit seines → Objekts, noch te hat die Erste Einleitung nicht gehabt, weder als
sucht es die so beurteilten Objekte in den Kontext Hilfe für das Verständnis der dritten Kritik noch
einer durchgängigen empirischen Erfahrung zu als eine eigenständige Abhandlung.
bringen. Selbst das teleologische Urteil ergänzt
nicht primär die mechanische Deutung von Natur Weiterführende Literatur
zusammenhängen um eine davon verschiedene Mertens, Helga: Kommentar zur Ersten Einlei
Sicht der Natur, sondern bringt am Ende den Be tung in Kants Kritik der Urteilskraft. Zur syste
griff eines objektiven → Zweckes ins Spiel, der zur matischen Funktion der Kritik der Urteilskraft
Naturdeutung überhaupt nicht taugt, weil er ein für das System der Vernunftkritik, München:
→ Endzweck ist, der allein im → Subjekt des Urtei Berchmans 1975.
lenden liegt. Wolfgang Bartuschat
Diese Dimension hatte Kant bei seiner frü
hen Konzeption der Ersten Einleitung noch nicht
im Blick. So erwähnt er im Schlusskapitel (XII) Erwartung
bei der „Eintheilung der Kritik der Urtheilskraft“ Die Erwartung ist das Voraussehen zukünftiger
(20:247–251) mit keinem Wort die „Methodenlehre Begebenheiten aufgrund der Beobachtung ähnli
der teleologischen Urtheilskraft“ (5:416–485). Auch cher Fälle. Wichtige Stellen: 7:186; 8:113.
die interne Gliederung der beiden Teile der KU
nach dem Gesichtspunkt von innerer und relativer Verwandte Stichworte
→ Zweckmäßigkeit weicht von der veröffentlichten Wahrsagen; Weissagen; Zukunft
Abhandlung ab. Dass die Zweckmäßigkeit einmal
„in der Vorstellung des Gegenstandes an sich“ Philosophische Funktion
und zum anderen „blos im zufälligen Gebrauche“ Die „überlegte Erwartung des Künftigen“, das heißt
dieser Vorstellung gründe (20:249), ist schon für das „Vermögen, [. . . ] die kommende, oft sehr ent
den Unterschied von Schönem und → Erhabenem fernte Zeit sich gegenwärtig zu machen“ (8:113), ist
höchst problematisch; für das teleologisch reflek für Kant eine wichtige Errungenschaft der mensch
tierende Urteil, das für die Beurteilung einer bloß lichen Gattung. Die Erwartung beruht nicht auf
relativen Zweckmäßigkeit von Naturdingen gar Begriffen und Grundsätzen a priori, sondern stützt
nicht erforderlich ist, trifft sie überhaupt nicht zu. sich auf die „[s]ubjective Nothwendigkeit, d. i. Ge
Sowohl die Wendung vom „zufälligen Gebrauche“ wohnheit“ (5:12; → Notwendigkeit, subjektive/ob
beim Erhabenen wie die von einer Nützlichkeit jektive; → Gewohnheit), so dass wir „nach der Re
für andere „Dinge“ (20:249) bei der Betrachtung gel der Einbildungskraft ähnliche Fälle wie sonst
der Natur signalisieren einen Standpunkt, auf erwarten“ (5:51). In der Anthropologie bestimmt
dem sich Kant offensichtlich noch nicht hinrei Kant die Erwartung ähnlicher Fälle als das „empi
chend darüber im klaren gewesen ist, dass die rische Voraussehen“. Es „bedarf keiner Vernunft
reflektierende Urteilskraft in ihrer bloß subjekti kunde von Ursachen und Wirkungen, sondern nur
ven Gültigkeit eine ihr eigene → Allgemeingültig der Erinnerung beobachteter Begebenheiten, wie
keit und Notwendigkeit (→ Notwendigkeit, ästhe sie gemeiniglich auf einander folgen, und wieder
tische) enthält und in der Erörterung von Vermö holte Erfahrungen bringen darin eine Fertigkeit
gensrelationen ein Beitrag zum Selbstverständnis hervor“ (7:186).
desjenigen ist, der reflektierend urteilt. Georg Sans
um ein „Verhältniß einer Person zu Personen“ schrieben. Das klingt – was auch Kant sieht – ein
handelt (6:268). Gegenstand des Eigentums aber seitig, ist es aber nicht, weil die Bemächtigung von
können nur Sachen sein, denn das Eigentum be der Zustimmung aller getragen sein muss. Die drei
inhaltet die Befugnis, „nach Belieben“ über sein „Momente“ der Bemächtigung finden sich schon –
Bezugsobjekt zu verfügen (6:270), was sich gegen verfrüht – in § 10 (6:258). Das erste Moment – die
über anderen Personen verbietet. Der Mensch ist „Apprehension“ (6:258) – meint die physische In
nicht einmal „Eigenthümer von sich selbst [. . . ], besitznahme einer Sache; sie ist trotz ihrer em
geschweige denn von anderen Menschen“ (6:270). pirischen Bedingtheit nicht willkürlich, denn sie
In § 11 Abs. 2 wird zunächst als einzige Be hat die zeitliche Priorität zu beachten. Das zweite
dingung der Möglichkeit und Berechtigung von Moment – die „Bezeichnung (declaratio)“ (6:258) –
Privateigentum der „Gesammtbesitz“ genannt meint die Kenntlichmachung/Markierung einer
(6:261). Dann wird aber für die Verbindlichkeit Sache als meiner; sie soll anderen eine Grenze für
anderer, sich des Besitzes meiner Sache zu ent ihre Freiheitsausübung aufzeigen. Rechtliche Ver
halten, doch noch eine weitere Bedingung aufge bindlichkeit schafft aber erst das dritte Moment:
stellt: „die vereinigte Willkür Aller in einem Ge die „Zueignung (appropriatio)“ (6:259). Sie ist zwar
sammtbesitz“. Erst die „vereinigte Willkür Aller“ vom Zueignenden aus gesehen ein einseitiger Wil
legitimiert Einschränkungen der äußeren Frei lensakt, doch wird die Zueignung bei Beachtung
heit von jedermann. Soll diese Einschränkung in des allgemeinen Rechtsgesetzes als „Act eines
der Beachtung/Respektierung des Eigentums an äußerlich allgemein gesetzgebenden Willens“ ge
einer Sache bestehen, so muss zusätzlich ein „Ge dacht, „durch welchen jedermann zur Einstim
sammtbesitze [. . . ] mit allen andern“ hinzukom mung mit meiner Willkür verbunden wird“ (6:259).
men. „Verbindlichkeit“ gegenüber anderen hin Sind also alle drei Momente beachtet, schafft die
sichtlich Sachen schafft die „vereinigte Willkür“ „Bemächtigung“ (6:263) Privateigentum mit Zu
als Gesamtbesitzer aller Sachen, der befugt ist, stimmung aller anderen, die sich verpflichten,
einzelne Sachen bestimmten Menschen unter be sich des Gebrauchs der Sache zu enthalten. Em
stimmten Voraussetzungen zur Aneignung freizu pirische Momente wie etwa die Bearbeitung einer
geben (6:261). Das so entstehende Privateigentum Sache, z. B. des → Boden (rechtlich), sind rechtlich
geht aus dem → Gesamtbesitz mit Zustimmung ohne Bedeutung (vgl. 6:265).
aller Mitbesitzer hervor (sog. ‚soziale Fundierung‘
des Privateigentums). Dass der vereinigte Wille 4 Provisorische und peremtorische Erwerbung
den Gesamtbesitz nicht als Gemeineigentum z. B. Wie schon beim rechtlichen Besitz einer Sache in
am Boden (vgl. zur Mongolei 6:265) zusammen §§ 8 und 9 wird auch bei der Erwerbung in §§ 15
hält, liegt am individualistischen Fundament der und 17 „provisorisch“ und „peremtorisch“ unter
Rechtslehre Kants. Ist Ausgangspunkt des Rechts schieden (6:264). Die Erwerbung im (gedachten)
die äußere Freiheit von jedermann, so muss je Naturzustand ist provisorisch, weil mir das Ei
dermann jede eigentumsfähige Sache in Besitz gentum an einer Sache beliebig bestritten werden
nehmen können, wenn dadurch nicht die Freiheit kann. Rechtssicherheit gibt es erst in einer bür
anderer verletzt wird. Kann dann noch das Privat gerlichen Verfassung, in der der Staat das Privat
eigentum des einen mit dem des/der anderen nach eigentum von jedermann so sichern kann, dass
einem allgemeinen Gesetz der Freiheit kompatibel es peremtorisch ist. Dieser Fortschritt hinsicht
gemacht werden, z. B. durch eine Eigentumsord lich der Sicherheit des freiheitlich begründeten
nung als Freiheitsordnung, ist das Privateigentum Eigentums lässt sogar → Zwang zur Mitwirkung
vorrangig (sog. ‚rationale Fundierung‘ des Privat an der Errichtung einer bürgerlichen Gesellschaft
eigentums, die man auch ‚freiheitstheoretische als berechtigt erscheinen (vgl. 6:264).
Fundierung‘ nennen könnte). Allein der „a priori vereinigte[] Wille[]“ im
bürgerlichen Zustand „bestimmt“, „was recht, was
3 Erwerbung durch Bemächtigung (occupatio) rechtlich und was Rechtens ist“ (6:267). Ob darin
In § 14 wird der rechtliche Akt der Erwerbung einer ein Gestaltungsauftrag für den staatlichen → Ge
bestimmten körperlichen Sache schon in der Über setzgeber hinsichtlich der Ausgestaltung der Ei
schrift als „Bemächtigung (occupatio)“ (6:263) um gentumsordnung gesehen werden kann, wird kon
trovers diskutiert (vgl. Kühl, Von der Art, S. 126). Verwandte Stichworte
Die überwiegende ablehnende Auffassung kann Weltbau; Naturordnung; Organismus (Wesen,
sich auf § 9 berufen, wo es heißt, dass der rechtli organisiertes; Körper, organisierter); Teleologie,
che Zustand der ist, „durch welchen jedem das teleologisch
Seine nur gesichert, eigentlich aber nicht ausge
macht und bestimmt wird“ (6:256). Philosophische Funktion
Seit seinen frühen Schriften ist Kant der Über
Weiterführende Literatur zeugung, dass die Naturwissenschaft erfolgreich
Kersting, Wolfgang: Wohlgeordnete Freiheit, Ber sein kann, wenn sie auf der Grundlage der in
lin u. a.: de Gruyter 1984. der Materie wirkenden Kräfte mechanische Er
Kühl, Kristian: „Von der Art, etwas Äußeres zu klärungen gibt, auch wenn die Natur auf Zweck
erwerben, insbesondere vom Sachenrecht“, in: mäßigkeit hindeutet: „Gebet mir Materie, ich will
Höffe, Otfried (Hg.): Immanuel Kant. Metaphy eine Welt daraus bauen!“ (1:230). Er betont, dass
sische Anfangsgründe der Rechtslehre, Berlin: der mechanischen Erklärung gegenüber der te
Akademie 1999, 117–132. leologischen Erklärung Vorrang zu gewähren ist
Kühnemund, Burkhard: Eigentum und Freiheit. (vgl. 5:411). Für die „erste Erzeugung“ (2:114) von
Ein kritischer Abgleich von Kants Rechtslehre Organismen wird die mechanische Sichtweise
mit den Prinzipien seiner Moralphilosophie, allerdings niemals eine vollständige Erklärung
Kassel University Press 2008. abgeben können (vgl. 5:400; 5:409). Gleichwohl
Ludwig, Bernd: Kants Rechtslehre, Hamburg: Mei fordert Kant, die mechanische Erklärungswei
ner 1988. se soweit wie möglich anzuwenden (vgl. 5:409;
Luf, Gerhard: Freiheit und Gleichheit, Wien u. a.: 5:415; 5:418; 5:429). Der teleologischen Erklärung
Springer 1978. von Organismen kommt Kant zufolge lediglich
Kristian Kühl eine regulative Bedeutung zu, insofern sie die
Funktionsweise der inneren Teile eines Organis
mus und ihre besondere natürliche Wirkung ent
Erzeugung deckt (vgl. 20:236 über den Zweck der „Crystal
Kant verwendet den Ausdruck ‚Erzeugung‘ haupt linse im Auge“). Solche Entdeckungen wären
sächlich mit Bezug auf natürliche Produkte, die kaum möglich, würden Wissenschaftler nicht
→ Zweckmäßigkeit aufweisen. Diese Produkte le nach den Funktionen (‚Zwecken‘) der inneren
gen eine teleologische Erklärung nahe, als natür Teile von Organismen forschen. In konstituti
liche Produkte hingegen erfordern sie zugleich ver Hinsicht aber würde eine teleologische Er
eine mechanische Erklärung. Kant unterscheidet klärung eine unsachgemäße Kausalrelation im
zwischen der „mechanischen und der teleologi plizieren. Teleologie legt nahe, dass eine exter
schen Erzeugungsart“ (5:429) und in gleicher Wei ne intelligente schöpferische Kraft am Werk ist,
se zwischen der „physischen (mechanischen) und die Organismen Form und Organisation verleiht,
der teleologischen (technischen) Erklärungsart“ während Kant der Meinung ist, dass Organismen
(5:389). Kant gebraucht den Begriff Erzeugung sich selbst organisieren (vgl. 5:374). Hierfür steht
auch im Kontext von kosmischer Ordnung, zweck Kants Konzept von Organismen als → Naturzwe
mäßiger geologischer Struktur und Organismen. cken.
Auch die Produktivität des reinen Verstandes und
der transzendentalen Einbildungskraft, die unse Weiterführende Literatur
re Erfahrung ordnet, wird ‚Erzeugung‘ genannt. In Ginsborg, Hannah: „Two kinds of mechanical in
diesem Kontext ist der Begriff gleichbedeutend mit explicabilityin Kant and Aristotle“, in: Journal
→ Synthesis (vgl. KrV A 145 / B 184; vgl. auch KrV of the History of Philosophy 42, 2004, 33–65.
B 115; KrV A 86 / B 118; KrV A 143 / B 183; KrV A 163 / Lenoir, Timothy: The Strategy of Life. Teleology
B 204; KrV A 210 / B 255). Weitere wichtige Stellen: and Mechanics in Nineteenth-Century German
1:227; 1:229; 1:230; 1:238; 1:284; 1:334; 1:341ff.; 2:114; Biology, Chicago: University of Chicago Press
2:128; 2:149; 2:429; 5:348; 5:382; 5:387ff.; 5:395ff.; 1982.
5:400; 5:408; 5:412; 5:413; 5:429; 20:218. McLaughlin, Peter: Kant’s Critique of Teleology in
Biological Explanation: Antinomy and Teleolo stinkt hat und „sich selbst den Plan seines Ver
gy, Lewiston: Mellen 1990. haltens machen“ muss (9:441). Insofern kann der
Alejandro Rosas Mensch „nur Mensch werden durch Erziehung. Er
(Übersetzung: Julia Born) ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht“
(9:443). Das Bedürfnis einer Erziehung betrifft
demnach nicht bloß den einzelnen Menschen,
Erziehung sondern die ganze Menschengattung: Sie „soll
Erziehung bestimmt Kant in Pädagogik als „die die ganze Naturanlage der Menschheit durch ihre
Wartung (Verpflegung, Unterhaltung), Disciplin eigne Bemühung nach und nach von selbst her
(Zucht) und Unterweisung nebst der Bildung“ ausbringen. Eine Generation erzieht die andere“
(9:441). Kant hat aber zugleich die ‚echte‘ Erzie (9:441; vgl. 7:328). Im Allgemeinen gilt, dass „der
hung von Dressur, Abrichtung und mechanischer Mensch nur durch Menschen erzogen wird, durch
Unterweisung abgehoben und angemahnt, „daß Menschen, die ebenfalls erzogen sind“ (9:443).
Kinder denken lernen“, d. h. die Prinzipien zu Diese übergreifende Rolle der Erziehung wird
erfassen suchen, „aus denen alle Handlungen durch Kants Viergliederung ihrer Momente spezi
entspringen“ (9:450). Kant unterscheidet diesbe fiziert. Im viergliedrigen Schema der Erziehungs
züglich „physische Erziehung“ von der „prakti aufgaben macht die Moralisierung das „wichtigste
sche[n]“ Erziehung (9:455): die erstere versteht Stück“ aus (9:450). Auf sie hin sind die anderen
er als „diejenige, die der Mensch mit den Thieren Funktionen entworfen (vgl. Ruhloff, Moralisie
gemein hat, oder die Verpflegung“ (9:455). „Die rung). Die Disziplinierung gehört zum „negati
praktische oder moralische ist diejenige, durch ve[n]“ (9:442), d. h. vorbeugenden und verhüten
die der Mensch soll gebildet werden, damit er wie den Teil der Erziehung. Sie soll verhüten, „daß
ein freihandelndes Wesen leben könne“ (9:455). die Tierheit nicht der Menschheit [. . . ] zum Scha
Kant hat ferner die Fülle der damit verbundenen den gereiche“, weshalb sie „blos Bezähmung der
Aufgaben in das vierteilige normative Schema ge Wildheit“ (9:449) bzw. der „Unabhängigkeit von
bracht: Disziplinierung (→ Disziplin), Kultivierung Gesetzen“ ist (9:442). Dieser „Befreiung des Wil
(→ Kultivieren), → Zivilisierung und → Moralisie lens von dem Despotism der Begierden“ (5:432)
rung (vgl. 9:449f., 7:324; vgl. Funke, Stichwort). geht es positiv um den Erwerb der Fähigkeit, sich
Dabei benutzt er ohne genaue Abgrenzung vom Er an Gesetze halten zu können, wodurch „die Thier
ziehungsbegriff auch den Begriff der Bildung, teil heit in die Menschheit“ umgeändert wird (9:441).
weise sogar, um den Erziehungsbegriff zu erläu Das sichert die Voraussetzung für die anderen
tern, wenn es z. B. von der praktischen Erziehung Erziehungsaufgaben, von denen die Kultivierung
heißt, sie bestehe aus der „scholastisch-mechani die „Belehrung und Unterweisung“ zur „Verschaf
schen Bildung [. . . ], aus der pragmatischen [. . . ], fung der Geschicklichkeit“ betrifft (9:449), d. h.
aus der moralischen“ (9:455; vgl. 6:281). Offenbar zu dem Vermögen, „welches zu allen [. . . ] Zwe
ist hier jeweils an die „Bildung eines Talents“ (KrV cken zureichend ist“ (9:449; vgl. 5:303, 5:432). Die
A 709 / B 737) zu denken, die man jedoch kaum se schulische Unterweisung bzw. „scholastisch-
im umfassenden Sinne als Erziehung bezeich mechanische[] Bildung“ (9:455) liefert ihrerseits
nen kann. Weitere wichtige Stellen: 5:40; 6:281ff.; die Voraussetzung zur „Erreichung aller seiner
6:330; 7:92f.; 7:294; 7:323; 7:328; 8:146; 9:441ff. Zwecke“ (9:455). Um mit dem erworbenen Können
in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, ist neben
Verwandte Stichworte → Geschicklichkeit auch → Klugheit erforderlich,
Bildung; Mündigkeit; Schule; Pädagogik „das Vermögen, seine Geschicklichkeit gut an den
Mann zu bringen“ (9:455). Dieser sozialisierende
Philosophische Funktion Teil der Erziehung ist die Zivilisierung (vgl. 9:450).
1 Kants Systematik der Erziehungsaufgaben Hier geht es darum, „daß der Mensch [. . . ] in die
Kant schreibt der Erziehung eine sehr wichtige menschliche Gesellschaft passe, daß er beliebt
Rolle im menschlichen Leben zu: „Der Mensch ist sei und Einfluß habe“ (9:450), dass er „die bürger
das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß“ liche Gesellschaft zu seine[n] Absichte[n] [zu] len
(9:441), da er anders als die → Tiere keinen → In ken“ (9:455) und sich in sie einzugliedern vermag,
was ihn zum Bürger (lat. civis) qualifiziert. Sie Beurteilung der Lauterkeit ihrer Maximen und vor
kann auch „pragmatische[]“ (9:455) Bildung hei allem die selbstreflexive Frage nach dem Ursprung
ßen (→ pragmatisch). Der pragmatischen Bildung der Gewissheit, Bedürfnissen zugunsten des Ge
schließt sich die „moralische Bildung“ (9:455), setzesgehorsams überlegen zu sein, wodurch das
die Moralisierung (vgl. 9:450) an. Sie fügt zur Ge „Gefühl der Erhabenheit seiner moralischen Be
schicklichkeit und Klugheit die → Sittlichkeit (vgl. stimmung“ rege wird, das vorzügliche „Mittel der
9:455). Sie ist schon von Beginn der Erziehung an Erweckung sittlicher Gesinnungen“ (6:50). Die
zu beobachten, richtet sich dort freilich an den se moralpädagogische Methodik wird neben den
„gemeinen Menschenverstand[]“ (9:455) der Her Ausführungen der Pädagogik zur Charakterbil
anwachsenden, später erst an ihre Vernunft, wo dung (vgl. 9:486ff.) vor allem in den Methoden
bei sie auf Grundsätzen beruht, „die der Mensch lehren der KpV und der MST detailliert entfaltet,
selbst einsehen soll“ (9:455). Aus der Zweck-Mit wobei die MST auch den Aspekt der Tugendex
tel-Relation gedacht, geht es um die Regulation erzitien (→ Asketik, ethische (bzw. moralische))
der Zwecksetzung: „Der Mensch soll nicht blos verfolgt (vgl. Koch, Ethische Didaktik).
zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch
die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute 2 Probleme der Erziehung
Zwecke erwähle“ (9:450). → Moralische Bildung Kant hat das Problem der Vereinigung von → Frei
als Kernaufgabe der Erziehung ist nicht mit Diszi heit und → Zwang in der Erziehung als ein Problem
plin (→ Zucht) zu verwechseln. „Diese verhindert für die Erzieher herausgestellt: „Wie cultivire ich
die Unarten, jene bildet die Denkungsart“ (9:480). die Freiheit bei dem Zwange?“ (9:453; vgl. Cavallar,
Die Trias von Kultivierung, Zivilisierung und Freiheit; Ruhloff, Kultivierung Freiheit).
Moralisierung ist in modernisierter Terminologie Problematisch ist nach Kant auch der Erfolg
als Enkulturation, Sozialisation und Personalisa der Erziehung, hinter der „das große Geheimniß
tion noch heute geläufig (vgl. Wurzbacher, Sozia der Vollkommenheit der menschlichen Natur“ ste
lisation). Kant zählt sie in Abhebung gegen „phy cke (9:444). Nach Kant vermag nicht der Einzelne
sische Erziehung“ zur „praktische[n]“ Erziehung zu dieser „Bestimmung“ zu gelangen, sondern al
(9:455). Praktische Erziehung ist daher Erziehung lein die Gattung im allmählichen Fortschritt zum
„zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handeln Besseren: „Nicht einzelne Menschen, sondern die
den Wesens, das sich selbst erhalten und in der Menschengattung soll dahin gelangen“ (9:445).
Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst Das größte Teilproblem im pädagogischen
aber einen inneren Werth haben kann“ (9:455). Der Fortschrittsprozess ist die Moralisierung. Kant
moralischen Bildung schließt sich die religiöse übernimmt die Rousseausche Skepsis: „Wir sind
Bildung an, weil Religion eine „auf die Erkenntnis im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft
Gottes angewandte Moral“ ist (9:494). Dass hat cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen
den zeitlichen und methodischen Vorrang des Mo [. . . ]. Aber uns für schon moralisirt zu halten, dar
ralunterrichts vor dem theologischen → Unterricht an fehlt noch sehr viel“ (8:26; vgl. 9:451; Refl. 1460,
zur Folge: „Moralität muß also vorhergehen, die 15:641). Trotzdem hat Kant in Pädagogik geglaubt,
Theologie ihr dann folgen, und das heißt Religion“ das Problem durch Erziehung lösen zu können:
(9:495). „Gute Erziehung gerade ist das, woraus alles Gute
Geht man, wie Kant seit Religion von einem in der Welt entspringt“ (9:448; vgl. 27:471). Spä
menschlichen → Hang zum Bösen aus, dann wird ter (in Gemeinspruch und in Fakultäten) siegte
mit der Selbstbesserung des Menschen auch die die Skepsis: durch Bildung der Jugend zum Gu
moralische Erziehung zum Problem. Sie kann ten zu erziehen, sei nicht zu erwarten, mithin
nicht durch allmähliche Reform der → Sitten, son nicht durch den „Gang der Dinge von unten hin
dern nur durch „Revolution in der Gesinnung im auf, sondern den von oben herab“ (7:92; vgl. 8:310).
Menschen“ (6:47) bzw. durch „Umwandlung der Ungelöst bleibe das „Problem der moralischen
Denkungsart“ (6:48) geschehen. Die pädagogi Erziehung für unsere Gattung“, weil der angebo
schen Mittel dazu sind die Belehrung „von der Hei rene „böse[] Hang“ zwar durch die „allgemeine
ligkeit, die in der Idee der Pflicht liegt“ (8:49), das Menschenvernunft getadelt“ und „allenfalls [. . . ]
„Beispiel selbst von guten Menschen“ (6:48) zur gebändigt“, aber dadurch „nicht vertilgt“ werden
könne (7:327). Kants zunehmende Skepsis an den ter, im ausgeführten moralphilosophischen Sys
Möglichkeiten der Erziehung lässt auch seine Ab tem der Metaphysik der Sitten im engeren Sinne
lehnung eines Pädagogischen Seminars an der verstanden. Im weiteren Sinne bezeichnet der
Königsberger Universität im Jahr 1791 vermuten Terminus ‚Ethik‘ die Moralphilosophie als allge
(vgl. Fortsreuter, Pläne). meine Sittenlehre, d. i. die Wissenschaft, die die
→ Gesetze der Freiheit als ihr eigenes Objekt hat.
Weiterführende Literatur Diese Bedeutung des Begriffs stammt aus der grie
Louden, Robert: Kant’s Impure Ethics. From Ra chischen Philosophie, auf die sich Kant in der
tional Beings to Human Beings, New York u. a.: Vorrede zur GMS bezieht, wo Kant selbst diese
Oxford University Press 2002, insbes. 33–61. weitere Bedeutung des Wortes verwendet (vgl.
Roth, Klas / Surprenant, Chris W. (Hg.): Kant and 4:387). Systematisch bedeutsamer ist aber der en
Education: Interpretations and Commentary, gere Ethik-Begriff, der erst in der MS geklärt und
London: Routledge 2011. analysiert wird. In Kenntnis der traditionellen,
Weisskopf, Traugott: Immanuel Kant und die Päd weiteren Bedeutung und in bewusster Abgren
agogik. Beiträge zu einer Monographie, Zürich: zung gegen sie führt Kant in den Vorarbeiten zur
EVZ 1970. MS die engere Bedeutung ein. Diese stützt sich
Lutz Koch auf die Unterscheidung zwischen Moral (d. i. all
gemeine Sittenlehre oder Moralphilosophie) und
Ethik. Ethik ist ‚Tugendlehre‘, als Moral hinge
gen bezeichnet Kant in den Vorarbeiten zur MST
Erziehungskunst, die ganze Sittenlehre, oder Moralphilosophie, die
Erziehungslehre aus Recht und Ethik besteht. Ethik „in besondrer
→ Pädagogik Bedeutung“ macht nur einen Teil derselben aus:
„Die Moral besteht aus der Rechtslehre (doctrina
iusti) und der Tugendlehre (doctrina honesti) jene
Ethik heißt auch ius im allgemeinen Sinne, diese Ethi
Als ‚Ethik‘ bezeichnet Kant in der Metaphysik der ca in besondrer Bedeutung (denn sonst bedeutet
Sitten nicht, wie „in den alten Zeiten“ (und noch auch Ethic die ganze Moral)“ (23:386).
Kant selbst in der GMS), die → Sittenlehre über 1.2 Die Ethik als Tugendlehre hat als Teil des Sys
haupt – oder → Moralphilosophie –, sondern nur tems der praktischen Philosophie, der auf die Kri
einen Teil derselben, nämlich „die Lehre von den tik der praktischen Vernunft folgen muss, eine be
Pflichten, die nicht unter äußeren Gesetzen ste stimmte systematische Stellung und ein bestimm
hen, [. . . ] so daß jetzt das System der allgemeinen tes Verhältnis zur → Rechtslehre als anderem Teil
Pflichtenlehre in das der Rechtslehre (ius), welche a priori des Systems der praktischen Philosophie.
äußerer Gesetze fähig ist, und der Tugendlehre Die Philosophie im materialen Sinne (nicht im for
(Ethica) eingetheilt wird, die deren nicht fähig ist“ malen Sinne, d. h. als → Logik, die nur Prinzipien
(6:379). Da die Ethik oder Tugendlehre sich mit der Form des Denkens überhaupt und ohne Un
den Zwecken beschäftigt, die zugleich Pflichten terschiede der Objekte enthalten kann; vgl. 6:171,
sind, kann sie auch „als das System der Zwecke 4:387–388) soll nämlich in theoretische und prak
der reinen praktischen Vernunft definirt werden“ tische Philosophie eingeteilt werden und dabei
(6:381). Weitere wichtige Stellen: 4:387; 6:379ff. wird eine praktische Philosophie, welche nicht
die Natur, sondern die Freiheit der Willkür zum
Verwandte Stichworte Objekt hat, „eine Metaphysik der Sitten voraus
Moral; Moralphilosophie; Metaphysik der setzen und bedürfen“ (6:216). Unter ‚Metaphysik‘
Sitten; Sittenlehre; Tugendlehre ist ein System der Erkenntnis a priori aus bloßen
Begriffen zu verstehen (vgl. 6:216), dementspre
Philosophische Funktion chend ist die Metaphysik der Sitten der apriorische
1 Entwicklung und systematische Stellung Teil des Systems der praktischen Philosophie als
1.1 Der Begriff ‚Ethik‘ wird von Kant zunächst Moralphilosophie. Es geht dabei um ein System
(und noch in der GMS) im weiteren Sinne, spä von → Pflichten, das vom Philosophen erkannt
und expliziert werden muss, das aber auch jeder Die Metaphysik der Sitten spricht auch in ihrem
Mensch in sich hat, „obzwar gemeiniglich nur ethischen Teil nur von Menschen und von den
auf dunkle Art“ (6:216). Neben der Metaphysik Beziehungen, die sie mit sich selbst und mit den
der Sitten wird die praktische Philosophie auch anderen Menschen haben.
ein „andere[s] Glied“ haben, das aber nur die
subjektiven, sowohl hindernde als begünstigen 2 Ethik und Recht
de Bedingungen der Ausführung der Gesetze der 2.1 Die Unterscheidung zwischen Ethik und
Metaphysik der Sitten enthält: die → moralische → Recht, Tugendlehre und Rechtslehre, gründet
Anthropologie (6:217). Die praktische Philosophie sich: a) auf den verschiedenen ‚Stücken‘ der mo
ist Moralphilosophie (wie aus der Einleitung zur ralischen Gesetzgebung; b) auf den Objekten der
KU, vgl. 5:171–173, hervorgeht und wie in der Ein moralischen Gesetzgebung. Da in aller Gesetzge
leitung zur MSR, vgl. 6:217–218, bestätigt wird), bung „zwei Stücke“ (6:218) enthalten sind: das
d. h. sie ist vor allem eine → praktische Gesetzge Gesetz (besser: das → Gebot) und die Motivation
bung der Vernunft nach dem Freiheitsbegriff (vgl. zur Handlung (was Kant die → Triebfeder nennt),
5:171). Innerhalb der praktischen Gesetzgebung so besteht der große Unterschied zwischen Recht
spielt die Unterscheidung zwischen ethischer und einerseits und Ethik andererseits darin, dass es
juridischer Gesetzgebung die Hauptrolle in der für das Recht – d. i. für die juridische Gesetzge
Bestimmung des Begriffs der Ethik. bung – gleichgültig ist, aus welcher Motivation die
1.3 Neben der Abgrenzung vom Recht will Kant Pflicht erfüllt wird, während sich die Forderungen
die Ethik und die Moralphilosophie überhaupt der Ethik auch auf die Motivation der Handlung
von der Religionslehre trennen. In der GMS be erstrecken: Sie gebietet, → aus Pflicht zu handeln.
hauptet er, dass „selbst der Heilige des Evangelii In Bezug auf das unterschiedliche Verhältnis zwi
[. . . ] zuvor mit unserm Ideal der sittlichen Volkom schen Gesetz und Motivation wird in der MSR die
menheit verglichen werden [muss], ehe man ihn Unterscheidung von Ethik und Recht eingeführt
dafür erkennt“ (4:408). In der KU wird dann die (vgl. 6:218–219). Hinzu tritt die Unterscheidung
These klar vorgestellt, dass eine → Ethikotheologie zwischen Objekten der Gesetzgebungen: Inneres/
(d. h. eine ethisch begründete Theologie) möglich Äußeres. Gleichwohl lassen sich die beiden Unter
ist, eine theologische Ethik hingegen nicht, „weil scheidungen Ethik/Recht und Inneres/Äußeres
Gesetze, die nicht die Vernunft ursprünglich selbst nicht aufeinander abbilden. Das Recht betrifft
giebt, und deren Befolgung sie als reines prakti sicherlich nur die äußere Welt, aber die Ethik be
sches Vermögen auch bewirkt, nicht moralisch trifft nicht nur die innere (siehe auch → Handlung,
sein können“ (5:485). Noch wichtiger ist aber die äußere/innere, und → Freiheit, äußere/innere).
Struktur selbst der MST und der darin enthaltene Erstens, schon die Definition des Ethikbe
‚Beschluß der ganzen Ethik‘ (vgl. 6:486–491), der griffs in der Einleitung zur MST gründet sich auf
dieser Struktur eine eigene Rechtfertigung gibt. das Paar Inneres/Äußeres: die Pflichten, die nur
Während die ganze Tradition der Pflichtenlehre zur Ethik (und nicht auch zum Recht) gehören,
des 18. Jahrhunderts drei Klassen von Pflichten d. h. die → Tugendpflichten als eigentümliche ethi
betrachtete – gegen sich selbst, gegen die anderen sche Pflichten, sind diejenigen, die keiner äußeren
und gegen Gott – handelt die Pflichtenlehre der Gesetzgebung unterworfen sein können, was im
Metaphysik der Sitten nur von den → Pflichten Gegenteil bei den → Rechtspflichten der Fall ist.
gegen sich selbst / gegen andere. Es gibt zwar für Zweitens, da die Tugendpflichten keiner äußeren
Kant auch Pflichten gegen Gott, sie haben aber Gesetzgebung unterworfen sein können, können
nichts mit der „reinen philosophischen Moral“ sie auch nicht erzwungen werden, oder besser:
zu tun: „Religion also, als Lehre der Pflichten ge nicht von einer äußeren → Gewalt erzwungen wer
gen Gott, liegt jenseit aller Grenzen der rein-phi den: „die Tugendpflicht ist von der Rechtspflicht
losophischen Ethik hinaus“ (6:487f.). Und das wesentlich darin unterschieden: daß zu dieser
bedeutet, „daß in der Ethik, als reiner praktischer ein äußerer Zwang moralisch-möglich ist, jene
Philosophie der inneren Gesetzgebung, nur die aber auf dem freien Selbstzwange allein beruht“
moralischen Verhältnisse des Menschen gegen (6:383; vgl. 6:381). Drittens ist die Freiheit, von
den Menschen für uns begreiflich sind“ (6:491). der in der Tugendlehre die Rede ist, die innere
Freiheit, während es in der Rechtslehre um die Rechtspflichten sind und typischerweise in recht
„formale[] Bedingung der äußeren Freiheit“ geht lichen Normsetzungsverfahren generiert werden,
(6:380). Viertens gibt die Ethik oder Tugendlehre gleichwohl ethische Bedeutung, insofern nämlich
„nicht Gesetze für die Handlungen (denn das thut als die Ethik gebietet, sie auch dann zu erfüllen,
das Ius), sondern nur für die Maximen der Hand wenn sie nicht äußerlich erzwungen werden kön
lungen“ (6:388), d. h. für das subjektive Prinzip, nen. Alle die Pflichten, die nicht direkt-ethische
nach welchem man handelt. Pflichten sind, einschließlich aller Rechtspflich
2.2 Worum geht es aber bei diesen → Maximen, ten, sind also indirekt-ethische Pflichten.
die das eigentliche Objekt der ethischen Gesetzge Diese Pflichten haben eine ethische Bedeu
bung sind? Die bloße Verallgemeinerungsfähig tung, obwohl sie im Rahmen des Rechts entstehen:
keit, die in der ersten Formulierung des → kate pacta sunt servanda ist z. B. eine Pflicht, deren
gorischen Imperativs enthalten ist, kann für die Gesetzgebung nicht in der Ethik enthalten ist,
Ethik nur ein negatives Prinzip sein (vgl. 6:381). aber die Ethik gebietet, diese Pflicht zu erfüllen,
In der Ethik geht es in der Tat um → Zwecke, die nur weil diese eine Pflicht ist, auch wenn kein
zugleich Pflichten sind: „Der Begriff eines Zwecks, äußerer Zwang das Individuum zum Einhalten
der zugleich Pflicht ist, welcher der Ethik eigen der Verträge zwingt. Die innere Gesetzgebung der
thümlich zugehört, ist es allein, der ein Gesetz für Ethik gebietet nämlich, dass alle Pflichten (al
die Maximen der Handlungen begründet, indem so auch Rechtspflichten) qua Pflichten um ihres
der subjective Zweck (den jedermann hat) dem Pflichtseins willen zu erfüllen sind. Die Rechts
objectiven (den sich jedermann dazu machen soll) pflichten – und insgesamt alle die Pflichten, die
untergeordnet wird“ (6:389). Die Ethik kann al nicht direkt-ethische Pflichten sind – sind also
so auch „als das System der Zwecke der reinen indirekt-ethische Pflichten. Die direkt-ethischen
praktischen Vernunft definirt werden“ (6:381). Das Pflichten sind dagegen spezifisch ethische Pflich
Recht hat nur mit der Form der Handlungen zu ten, d. h. die Tugendpflichten der Selbstvervoll
tun, die Ethik dagegen mit einer Materie, einem kommnung und der fremden Glückseligkeit: „So
Gegenstand der freien Willkür, der vom objektiven gibt es also zwar viele direct-ethische Pflichten,
Zweck, der zugleich eine Pflicht ist, bestimmt wird. aber die innere Gesetzgebung macht auch die üb
Diese Eigentümlichkeit der Ethik – dass sie als rigen alle und insgesammt zu indirect-ethischen“
ein System der Zwecke verstanden werden kann – (6:221).
erklärt auch, warum die Ethik nicht erzwungen 3.2 Eine Eigentümlichkeit der direkt-ethischen
werden kann: „Nun kann ich zwar zu Handlun Pflichten, d. h. der Tugendpflichten, besteht darin,
gen, die als Mittel auf einen Zweck gerichtet sind, dass sie von weiter, nicht wie die Rechtspflichten
nie aber einen Zweck zu haben von anderen ge von enger Verbindlichkeit sind, „denn wenn das
zwungen werden, sondern ich kann nur selbst mir Gesetz nur die Maxime der Handlungen, nicht
etwas zum Zweck machen“ (6:381). die Handlungen selbst gebieten kann, so ists ein
Zeichen, daß es der Befolgung (Observanz) einen
3 Ethik und Pflicht Spielraum (latitudo) für die freie Willkür überlas
3.1 Was die Beziehung von Ethik zur Pflicht und se, d. i. nicht bestimmt angeben könne, wie und
zur Pflichtenlehre betrifft, so umfasst die Ethik „al wieviel durch die Handlung zu dem Zweck, der
le Pflichten, Recht aber nicht alle“ (27:1338): alle zugleich Pflicht ist, gewirkt werden solle“ (6:390;
Pflichten gehören zur Ethik bloß darum, „weil sie siehe → Pflichten, enge/weite). Kant behauptet,
Pflichten sind“ (6:219). Man muss bei Kant wenig dass dieser Unterschied für die Struktur der Tu
stens drei Klassen von Pflichten unterscheiden: gendlehre eine Rolle spielt: die Ethik als Tugend
die Rechtspflichten, die direkt-ethischen Pflichten lehre muss – anders als die Rechtslehre – in Ele
(d. h. die Tugendpflichten) und die indirekt-ethi mentar- und Methodenlehre eingeteilt werden.
schen Pflichten (d. h. die Rechtspflichten; siehe Kant begründet dies damit, dass nur in der Ethik,
Rechtspflicht/→ Tugendpflicht). Die Rechtspflich und nicht in der Rechtslehre, die → Urteilskraft
ten sind äußere Pflichten, die Gegenstand einer eigens „auszumachen“ habe, „wie eine Maxime in
äußeren Gesetzgebung und äußerlich erzwing besonderen Fällen anzuwenden sei“ (6:411). Die
bar sind. Als Pflichten haben sie, auch wenn sie Methodenlehre der MST wird dann dem Thema
ben gemäß ist“ (Meier, Metaphysik, § 23, Bd. 1, drei begriffliche Neuerungen – gegenüber sämtli
S. 38). chen Publikationen des Autors Immanuel Kant –
Etwas „in metaphysischen Verstande“ (Refl. mobilisiert; es sind dies: „imponderable Mate
4389, 17:529) ist jede positive Eigenschaft oder rie“ (8:322; vgl. 8:323), „chemische[] Gesetze[]“
Realität. Es ist dem nihil privativum oder der → Ne (8:323) und „incoercibel (unsperrbar)“ (8:323). In
gation entgegengesetzt, das heißt den Eigenschaf der Sache beinhalten diese Termini nichts anderes
ten, von denen wir keine Empfindung haben kön als die hypothetische Einführung eines negativ
nen, wie z. B. dunkel zu sein (vgl. KrV A 291 / bestimmten Stoffes, der „indirect“ (8:323) einen
B 347). „Realität ist Etwas, Negation ist Nichts“ Einfluß des Mondes auf Erscheinungen in der Erd
(KrV A 291 / B 347; vgl. 28:543; Refl. 1530, 15:959). atmosphäre ermöglichen kann. (4) Ein Anhang
Alberto Vanzo mit ausdrücklichem Bezug auf eine neuere Ein
sicht des Schweizer Naturforschers → J. A. de Luc
soll wohl dazu dienen, die Naturforschung vor
Etwas über den Einfluß allzuviel Vertrauen in den erreichten Stand der
Kenntnisse über Phänomene der Erdatmosphäre
des Mondes auf die zu warnen.
Witterung Zahlreiche mit Namen oder Titel ausgedrück
Die Schrift ist im Mai-Heft der → Berlinischen Mo te Verweise kennzeichnen die Schrift nicht nur
natsschrift, Bd. 23 von 1794, S. 392–407 erschie als solche, sondern mit diesen wird zugleich der
nen. In der Akademie-Ausgabe ist die Schrift in Bezug auf ein breites empirisches Feld offenge
8:315–324 zu finden. (Vgl. auch die Vorarbeiten in legt. Die chronologische Spanne reicht dabei über
23:145–148; 14:497f. Anm.) Für weitere Editionen rund 40 Jahre: Das Lehrbuch von Johann Lulofs,
siehe: Warda, Druckschriften Kants, S. 152 und (Kenntniß der Erdkugel 1755) lieferte schon dem
Adickes, Kantian Bibliography, S. 80. ersten Teil des 1757/59 abgefassten Konzeptes zur
In Anspielung auf das ‚Dialektik‘ genannte Vorlesung über Physische Geographie die Vorlage
Verfahren in der KrV werden zwei konträre Sätze (vgl. 26.1:VIII); Mitteilungen im 1793 erschiene
über einen möglichen Einfluß des Mondes auf nen Astronomischen Jahrbuch für 1796 (vgl. 8:317,
die Witterung des Planeten Erde erwogen. Die dort als „Astronom. Abhandl.“ betitelt) bilden in
Darlegung geschieht in vier Schritten: (1) Eine äu der ersten Anmerkung eine empirische Basis für
ßerst knappe Exposition mittels einer (im Rahmen eigene Spekulationen über den inneren Aufbau
der Akademie-Ausgabe nicht nachgewiesenen) des Mondes. Etwa in der chronologischen Mitte
Schrift-Stelle des Göttinger Physikers → C. G. Lich zwischen diesen Jahren wird ein aufschlußreiches
tenberg; (2) die Durchführung mit These (A) „[Der Detail sichtbar: Der negativen These (A) stehen
Mond] sollte ihn nicht haben“ (8:317) und Gegen Beobachtungen über einen durch „Mondeseinfluß
these (B) „Der Mond hat gleichwohl einen (theils sehr beschleunigten“ Tod von „Fieberkranken in
am Barometer bemerklichen, theils sonst sichtba Bengalen“ (8:318) entgegen. – Ein dazu passender
ren) Einfluß auf die Witterung“ (8:320). Die negie Hinweis findet sich in einer studentischen Nach
rende These stützt sich auf grundlegende Erkennt schrift der Vorlesung aus der Mitte der 1770er Jah
nisse der neueren Physik (Gravitationsgesetze, re: „Man muß aber wissen, daß es einige Länder
Optik) weder „Licht“ (8:317) noch „Anziehungs gebe, wo der Mond sowohl auf Gewächse als Men
kraft“ (8:318) kommen als nachweisbare Ursachen schen und Witterung einen großen Einfluß hat
für den behaupteten Zusammenhang in Frage. Die und zwar unter dem Pol und unter dem Aequator.
bejahende Meinung stützt sich auf zwei Phäno Lind von den Krankheiten in verschiedenen Welt
mene in der irdischen Atmosphäre: Wind und gegenden sagt, daß in Bengalen, wenn die Fieber
Wetter könnten an den Extrempositionen sowohl eingerißen, das Sterben der Leute sich nach dem
der Jahresbahn des Planeten Erde um die Sonne Monde richtet und besonders in der Fluth sehr
als auch den kürzer (monatlich) wiederkehrenden viele sterben. Dieses kann nicht auf eben dieselbe
Mondphasen bestimmbaren Regeln unterworfen Art als die Ebbe und Fluth erklärt werden, [. . . ]. Es
sein (vgl. 8:320). (3) Für die „Ausgleichung die kann aber ein anderes Flüßige, woraus die Elec
ses Widerstreits“ (8:322) werden nicht weniger als trische Erscheinungen, Metheoren entstehen, die
Erde umgeben. Diese flüßige Heterosphaere kann einfach nicht wissen, welches Verhältnis von Gut
nach verschiedenen Würkungen des Mondes, in und Böse in unserer Anlage vorliegt und welche
dem sie in alle Menschen und Gewächse stark dieser Hypothesen somit die richtige ist (vgl. 7:83).
würkt und einfließt, auch verschiedene Erschei Nach Kant ist die verbreitete → Sympathie und
nungen vorbringen, wir wollen es nicht leugnen, → Hoffnung, die in seiner Zeit durch die franzö
aber auch nicht fest annehmen; [. . . ].“ (Physische sische Revolution veranlasst worden waren, ein
Geographie Kähler, S. 218f). Literarische Quelle Phänomen, das nur durch eine moralische Anlage
ist Linds von Kant gern (vgl. z. B. 8:103; 8:169) her im Menschen erklärt werden kann. Diese Sympa
angezogener Versuch über die Krankheiten. Darin thie konzentrierte sich auf das Recht der → Selbst
heißt es: „Es ist sowohl zu Bengal als zu Bencoo bestimmung und auf das Ziel einer „rechtlich und
len eine gemeine Beobachtung; daß der Mond moralisch-gut[en]“ Verfassung (7:85). Hierin zeig
oder Ebbe und Fluth einen merklichen Einfluß te sich nach Kant eine Tendenz zur Verbesserung
auf die Wechselfieber haben; und es hat mir ein im menschlichen Geschlecht, eine Tendenz, mit
Herr von ungezweifelter Wahrhaftigkeit, und von Bezug auf die man „auch ohne Sehergeist“ voraus
großer Kenntniß in der Arzneywissenschaft, ver sagen könne, dass das menschliche Geschlecht
sichert, daß er zu Bengal dem Patienten die Zeit damit fortfahren werde, sich zu verbessern (7:88).
seines Todes gewiß vorhersagen konnte, welches Die Gewalttätigkeit wird sich vermindern, die Folg
meistentheils um die Stunde, wenn das Wasser samkeit in Ansehung der Gesetze sich vermehren
fiel, zu geschehen pflegte“ (Lind, Versuch über die und darauf sollten ein Mehr an Wohltätigkeit, we
Krankheiten, S. 77). niger „Zank in Processen“ und schließlich der
Werner Stark Friede zwischen den Menschen folgen (7:91).
Robert Johnson
(Übersetzung: Jean Philipp Strepp)
Eudämonie
→ Glück, Glückseligkeit
Euklid
Griechischer Mathematiker (ca. 365 v. Chr.-300
Eudämonismus v. Chr.). Euklids berühmtestes Werk Elemente ist
In Streit der Fakultäten benennt Kant die Auffas die erste wissenschaftliche Zusammenfassung
sung, dass das menschliche Geschlecht sich mora mathematischen Wissens. Mit ihrer axiomati
lisch verbessert, als ‚Eudämonismus‘. Dieser steht schen Methode wurden sie zum Vorbild für die
im Gegensatz sowohl zu der Voraussage, dass es gesamte spätere Mathematik. Auch noch für Kants
sich moralisch verschlechtere (einer „terroristi Philosophie der Mathematik stellen sie die wich
schen Vorstellungsart der Menschengeschichte“, tigste mathematische Bezugsquelle dar (→ Ma
7:81), als auch zu der, dass es in etwa gleich bleibt, thematik). Viele der mathematischen Beispiele
wie es jetzt ist, (einem „Abderitismus“ oder ei und Probleme, die Kant in seinen Schriften disku
ner stillstehenden Vorstellungsart, 7:81). Wichtige tiert, beziehen sich auf die Euklidischen Elemente
Stelle: 7:81–92. (z. B. Kants Diskussion des Parallelenaxioms; vgl.
22:81).
Verwandte Stichworte Elemente bestehen aus den so genannten
Anlage, ursprüngliche moralische; Epikur; planimetrischen und stereometrischen Büchern
Stoiker, stoisch; Misanthrop zur ebenen Geometrie bzw. zur elementaren
Raumlehre. Darüber hinaus enthalten sie die An
Philosophische Funktion fänge der Zahlenlehre. Im 1. Buch stellt Euklid
Ausgangsproblem des Eudämonismus ist, dass Definitionen, Postulate und Axiome an den An
das Verhältnis von Gut und Böse in der menschli fang, aus denen die mathematischen Lehrsätze
chen → Anlage nicht veränderbar ist, die Erwar abzuleiten sind. Auf diesen Aufbau der Mathema
tung einer moralischen Besserung des Menschen tik bezieht sich Kant, wenn er den Unterschied
jedoch eine Vermehrung des Guten zu erfordern zwischen Mathematik und Philosophie in me
scheint. Man könnte der Auffassung sein, dass wir thodischer Hinsicht kenntlich macht (→ Mathe
matik und Philosophie): Allerdings verwendet → Mathematik als auch Schriften zur Astronomie
Kant den Terminus → Axiom in einem von Euklid und Physik.
(bzw. von späteren Übersetzungen) unterschiede Für Kant ist Euler in mehrfacher Hinsicht
nen Sinne. Als eigentlich mathematische Axiome von Bedeutung. In Kants vorkritischen Schriften
gelten Kant die Euklidischen Postulate (Aitema), gibt es eine Reihe von Stellen, in denen sich Kant
also jene Grundsätze, die die Möglichkeit einer direkt auf Euler bezieht. Diese Verweise sprechen
Konstruktion, d. h. die Existenz eines räumlichen zumeist von einer großen Hochachtung gegen
Gebildes gewährleisten sollen, und nicht die in über Euler, so z. B. in Kants vorkritischen Schriften
späteren Übersetzungen als Axiome bezeichneten über die Negativen Größen und die Gegenden, in
logischen Grundsätze, wie z. B: „Was demselben denen Kant zustimmend auf Eulers Refléxions sur
gleich ist, ist auch einander gleich.“ (Euklid, Ele l’espace et le tems (1748) verweist und sie als po
mente, S. 3) Dass die Mathematik und nicht die sitives Beispiel einer mathematisch verfassten
Philosophie in Form einer axiomatisierten Wissen Naturlehre würdigt (vgl. 2:168; 2:378). Die Refléxi
schaft dargestellt werden kann, liegt nach Kant ons sur l’espace et le tems sieht Kant als Beleg
daran, dass man nur mathematische, nicht aber für seine Kritik an der Leibnizschen Raumauffas
philosophische Begriffe konstruieren, d. h. die sung an, nach der der Raum ein bloß begriffliches
ihnen korrespondierende Anschauung a priori Verhältnis der Gegenstände sei. In den MAN be
darstellen kann (→ Konstruktion). Von hierher er zieht sich Kant vor allem auf Eulers Wellentheorie
klärt sich nach Kant, warum man „kein einziges des Lichts. In seinen Ausführungen zum ‚Lehr
Buch“ in der Philosophie „aufzeigen [kann], so satz 8‘ der ‚Metaphysischen Anfangsgründe der
wie man etwa einen Euklid vorzeigt, und sagen: Dynamik‘ schließt sich Kant ausdrücklich Eulers
das ist Metaphysik“ (4:271). Wellentheorie an, weil sie im Unterschied zu New
In der Forschungsliteratur zu Kants Mathe tons Lichttheorie die gleichmäßige Beleuchtung
matikbegriff interessiert unter anderem die Frage, einer Fläche ohne weitere Voraussetzungen erklä
ob und inwiefern sich mit Kants Philosophie der ren kann. Vertraut war Kant mit Eulers Licht- und
Mathematik die Theorie einer nichteuklidischen Wellentheorie durch dessen Nova theoria lucis
Geometrie verbinden lässt (vgl. Schirn, Kants et colorum (1746) (vgl. 4:519f.). Als eine weitere
Theorie der geometrischen Erkenntnis). Schrift, aus der Kant seine Kenntnisse der Euler
schen Physik gewonnen hat, dürfen die Briefe an
Weiterführende Literatur eine deutsche Prinzession (1769/1773) gelten. Hier
Sutherland, Daniel: „Kant’s Philosophy of Mathe gibt Euler nicht nur eine populäre Darstellung der
matics and the Greek Mathematical Tradition“, Physik, sondern behandelt auch philosophisch-
in: The Philosophical Review 113, 2004, 157–202. theologische Probleme der Zeit. Eine detaillier
Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich te Übersicht über die Auseinandersetzung Kants
mit Eulers physikalischen Theorien findet sich
bei Pollok (vgl. Pollok, Kants Metaphysische An
Euler, Leonhard fangsgründe, insbes. S. 113–115; 230–231; 271–274;
Bedeutender schweizer Mathematiker und Physi 321–328).
ker (1707–1783). Unmittelbar nach Abschluss sei Als ungeklärt gilt in der Kant-Forschung, ob
nes Studiums an der Universität Basel wurde Euler Kant durch Lektüre von Eulers mathematischen
1727 – durch Einladung der Zarin Katharina – an Schriften zur Differential- und Integralrechnung:
die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften den Institutiones calculi differentialis (1755) und
berufen. 1741 kam er der Bitte des preußischen Kö den Institutiones calculi integralis (1768–1770) über
nigs Friedrich des Großen nach und wechselte an fundierte Kenntnisse der zeitgenössischen Mathe
die Akademie der Wissenschaften in Berlin, der er matik verfügte. Der Übersetzer J. A. Chr. Michel
von 1744 bis 1765 als Direktor vorstand. Die Aka sen hatte Kant nachweislich ein Exemplar seiner
demietätigkeit bot Euler die Möglichkeit, sich aus deutschen Übersetzung der Eulerschen Lehre zur
schließlich der eigenen Forschungsarbeit widmen Differentialrechnung mit einem Begleitschreiben,
zu können. Eulers umfangreiches Werk umfasst in dem er die Bedeutung der KrV für die Theorie
sowohl Arbeiten zur reinen und angewandten der Mathematik herausstellt, zukommen lassen
(vgl. Büchel, Geometrie und Philosophie, insbes. kritischen Schrift über die Deutlichkeit heraus.
S. 290ff.) Dort heißt es, dass die „philosophische Gewißheit
Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich [. . . ] von anderer Natur als die mathematische“ sei
(2:290), weil die Mathematik „ihre allgemeine Er
kenntniß unter den Zeichen in concreto“ erkenne
Evidenz (2:291). Darum sei ihre Gewissheit „leichter und
Unter Evidenz versteht Kant eine „anschauende einer größern Anschauung theilhaftig“ (2:296).
Gewißheit“ (KrV A 734 / B 762). Nach Kant kann
nur die Mathematik aufgrund ihres apriorischen Weiterführende Literatur
Anschauungsbezuges eine solche Gewissheit be Koriako, Darius: Kants Philosophie der Mathema
anspruchen: „Die mathematische Gewißheit heißt tik. Grundlagen-Voraussetzungen-Probleme,
auch Evidenz, weil ein intuitives Erkenntniß klärer Hamburg: Meiner 1999.
ist als ein discursives“ (9:70). Obwohl mathema Menzel, Alfred: „Die Stellung der Mathematik in
tische und philosophische Gewissheit „an sich Kants vorkritischer Philosophie“, in: Kant-Stu
gleich [. . . ] ist: so ist doch die Art der Gewißheit in dien 16, 1911, 139–213.
beiden verschieden“ (9:71), denn die philosophi Wolff-Metternich, Brigitta-Sophie von: Die Über
sche Erkenntnis ist niemals von intuitiver, son windung des mathematischen Erkenntniside
dern diskursiver Gewissheit. Weitere wichtige Stel als. Kants Grenzbestimmung von Mathematik
len: 2:292; 2:296; 2:298; 2:403; KrV A 87f. / B 120; und Philosophie, Berlin u. a.: de Gruyter 1995.
KrV A 180f. / B 223; KrV A 734 / B 762; KrV A 790 / Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich
B 818; 9:70f.; 16:481.
charakterisiert sie Kant auch als eine „Involuti Frage, „ob die Welt von Ewigkeit her sei, oder ei
onstheorie“ und in diesem Kontext führt er sie erst nen Anfang habe“ (KrV A 481 / B 509), zu ergeben
unter dem Titel „Evolutionstheorie“ ein (5:423). scheint, dass beide Thesen beweisbar bzw. ihre
Schon im Beweisgrund lehnte Kant die „über Gegenthesen widerlegbar sind (vgl. KrV A 426ff. /
natürliche Erzeugung“ als „eine Methode eines B 454ff.). Diese Schwierigkeiten lassen sich laut
unnützen Umschweifs“ (2:115) ab. Auch in der KU Kant nur dann vermeiden, wenn man annimmt,
verwirft er das Präfomationssystem unter dem dass zeitliche Eigenschaften den Dingen nicht
Namen „Evolutionstheorie“ bzw. „individuelle[] an sich selbst zukommen, sondern die Zeit nur
Präformation“ (5:423). eine → Form der Anschauung ist (vgl. 2:392; KrV
Peter McLaughlin A 490ff. / B 518ff.; KrV A 517ff. / B 545ff.; → Antino
mie der reinen Vernunft).
Ewigkeit als unendliche nicht-zeitliche Dau
Ewigkeit er thematisiert Kant einerseits im Kontext von
Ewigkeit versteht Kant als unendliche Dauer. Von Überlegungen zur fortgesetzten Existenz des Men
dieser unendlichen Dauer können wir einen phä schen nach dem Tod, andererseits im Kontext
nomenalen oder einen noumenalen Begriff haben. der Rede von der Ewigkeit als Attribut Gottes. In
„Die Ewigkeit (unendliche Dauer) als ein phaeno Ende aller Dinge schreibt er, der Ausdruck, ein
menon ist die unendliche Zeit“ (Refl. 4269, 17:488) Sterbender „gehe aus der Zeit in die Ewigkeit [. . . ]
bzw. das Immersein („sempiternitas“, 28:570). würde in der That nichts sagen, wenn hier un
Ewig in der Welt der Erscheinungen ist etwas also ter der Ewigkeit eine ins Unendliche fortgehende
dann, wenn es zu allen Zeiten da ist. Dagegen Zeit verstanden werden sollte; [. . . ]. Also muß
ist „[d]ie Ewigkeit, als ein Verstandesbegriff, [. . . ] damit ein Ende aller Zeit bei ununterbrochener
nur eine uneingeschränkte Dauer“ (28:570), aber Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein
„kein Daseyn in aller Zeit [. . . ], sofern es durch Dasein als Größe betrachtet) doch auch als eine
intellectuelle Begriffe betrachtet wird“ (28:326). mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio
Weitere wichtige Stellen: 1:309–322; 2:392f.; KrV Noumenon) gemeint sein, von der wir uns freilich
A 426ff. / B 454ff.; KrV A 517ff. / B 545ff.; 5:483f.; keinen (als bloß negativen) Begriff machen kön
8:327f.; 8:333–336; 14:572f.; 17:429; 17:691; 18:630f.; nen“ (8:327; vgl. 8:328, 8:333–336, 23:151). Dass
20:377; 23:151; 28:1044. das Weiterexistieren der Seele des Menschen –
sollte sie denn unsterblich sein – nach dessen Tod
Verwandte Stichworte nicht als Existieren in der Zeit verstanden werden
Zeit; Antinomie; Unsterblichkeit; Gott kann, ist für Kant auch deswegen naheliegend,
weil die Seele nur als Erscheinung, nicht aber an
Philosophische Funktion sich selbst in der Zeit existiert. Auch wenn wir
Phänomenale Ewigkeit ist für Kant deswegen von von der Ewigkeit Gottes sprechen, dürfen wir uns
philosophischem Interesse, weil er der Meinung diese nur als „Ewigkeit ohne Bedingungen der
ist, dass sie grundlegende Schwierigkeiten auf Zeit“ (KrV A 641 / B 669), d. h. nicht als ein Dasein
wirft, die sich nur im Rahmen seines → transzen zu allen Zeiten vorstellen, denn Gott existiert als
dentalen Idealismus lösen lassen. Schon in De Noumenon schließlich nicht in Raum und Zeit
mundi schreibt er, dass es rätselhaft sei, wie es (→ Noumenon/Phaenomenon). Davon, was unter
eine „unbedingte Ganzheit“ („totalitas absolu einer solchen nicht-zeitlichen, noumenalen Ewig
ta“) einer „niemals endenden Reihe von einander keit zu verstehen ist, können wir uns allerdings
in Ewigkeit folgenden Zuständen des Weltalls“ keinen rechten Begriff machen: „Wenn ich mir
(„statuum universi in aeternum sibi succedentium nun die Ewigkeit als eine Dauer ohne Anfang und
nunquam absolvenda series“; 2:391, Übers. Vf.) Ende vorstelle, welches doch noch die wenigs
geben könne, da sich die Vollständigkeit und die te Erklärung ist, die ich von der Ewigkeit geben
→ Unendlichkeit dieser Reihe zu widersprechen kann; so ist gleichwohl der Begriff der Zeit damit
scheinen. In der KrV taucht eine ähnliche Überle vermischt. Denn Dauer, Anfang, Ende, sind lauter
gung im Rahmen der ersten Antinomie auf. Dort Prädikate, die nur von einem Dinge in der Zeit ge
stellt sich das Problem, dass die Diskussion der dacht werden können. Es ist freilich wahr, daß ich
Anfang und Ende von Gott verneine; aber dadurch Muster etwas Intelligibles, Normatives. Dennoch
gewinne ich nicht viel; denn mein Begriff von der bleibt es philosophisch problematisch, inwiefern
Ewigkeit wird darum nicht um das geringste auf man etwa von einem moralisch gut handelnden
gekläret oder gereiniget. Im Grunde stelle ich mir Menschen ein Beispiel (im Sinne von Exempel)
Gott doch in der Zeit vor, wenn ich gleich Anfang geben kann (vgl. 4:407f.; 6:479f.), doch bewer
und Ende von ihm entferne“ (28:1044; vgl. 5:483f., tet Kant die Rolle von Exempeln im Kontext sei
17:429, 17:691, 18:630f., 28:326). ner Moralphilosophie auch positiv (vgl. 5:154ff.).
Ein Exempel gibt auch ein Künstler, „wenn sein
Weiterführende Literatur Product musterhaft ist, d. i. wenn es verdient
Strawson, Peter F.: The Bounds of Sense. An Essay als Beispiel (exemplar) nachgeahmt zu werden“
on Kant’s ‘Critique of Pure Reason’, London: (7:224).
Methuen 1966, insbes. Teil 3, Kap. III.
Wood, Allen: Kant’s Moral Theology, Ithaca: Cor Weiterführende Literatur
nell University Press 1970. Recki, Birgit: Ästhetik der Sitten, Frankfurt/M.:
Tobias Rosefeldt Klostermann 2001, insbes. 256ff., 306ff.
Cord Friebe
Exempel
„Beispiel, ein deutsches Wort, was man gemei Existenz
niglich für Exempel als gleichgeltend braucht, ist Existenz ist kein Prädikat oder Bestimmung von
mit diesem nicht von einerlei Bedeutung. Woran irgendeinem Ding. Existenz ist die absolute Set
ein Exempel nehmen und zur Verständlichkeit zung des Dinges (lat. positio absoluta). Behaupten
eines Ausdrucks ein Beispiel anführen, sind ganz wir, dass etwas existiert, dann geben wir keine
verschiedene Begriffe. Das Exempel ist ein be inhaltliche Beschreibung eines Dinges, sondern
sonderer Fall von einer praktischen Regel, sofern sagen nur, dass es etwas unserem Begriff Ent
diese die Thunlichkeit oder Unthunlichkeit ei sprechendes gibt. Existenz kann nur synthetisch
ner Handlung vorstellt“ (6:479 Anm.). Entgegen durch Wahrnehmung erkannt werden. Wichtige
dieser terminologischen Festlegung verwendet Stellen: 1:394ff.; 2:72ff.; KrV A 218ff. / B 265ff.; KrV
Kant Exempel zuweilen wie → Beispiel (vgl. 1:452; A 592ff. / B 620ff.; KrV A 597ff. / B 625ff.
9:111) und insbesondere auch Beispiel im Sinne
von Exempel, so vor allem in seinen moralphilo Verwandte Stichworte
sophischen Schriften (vgl. 4:407f.; 6:479f.) und Sein, Dasein; wirklich, Wirklichkeit; Nichtsein;
auch in der Anthropologie, wo es doch gerade Modalität; Kopula
darum geht, Exempel zu statuieren, sich in prag
matischer Absicht (positiv wie negativ) an Vorbil Philosophische Funktion
dern ein Beispiel zu nehmen (vgl. die zahlreichen 1 Ort und Funktion der „ratio existendi“ in der
Vorkommnisse von ‚Beispiel‘ in Band 7 der Aka Nova dilucidatio
demie-Ausgabe, dagegen kommt ‚Exempel‘ nur Innerhalb einer Untersuchung der verschiedenen
einmal erläuternd im Ausdruck „Beispiel (exem Formen von ratio (→ Grund) identifiziert Kant in
plar)“ vor, 7:224). Weitere wichtige Stellen: 4:407f.; Nova dilucidatio die „ratio exsistentiae“ bzw. „ex
6:479 Anm.; 7:224. sistendi“ (Grund der Wirklichkeit der Dinge) mit
der „ratio fiendi“ (Grund des Werdens). Die „ra
Verwandte Stichworte tio exsistendi“ bezeichnet das, was die Ursachen
Beispiel; Symbol, symbolisch; Kasuistik des Daseins einer Sache in sich trägt (1:396f.). Sie
unterscheidet sich sowohl von der „ratio essen
Philosophische Funktion di“ bzw. „ratio veritatis“ (Grund der Wahrheit,
Während ein Beispiel etwas rein Empirisches, der sich auf dem → Satz des Widerspruchs stützt,
bloß → Sensibles ist (vgl. KrV A 283 / B 339 Anm.), 1:393f.), wie auch von jeder Form der „ratio cognos
beinhaltet der terminologischen Festlegung zu cendi“, welche nur die Erkenntnis der Wirklichkeit
folge ein Exempel im Sinne von Vorbild oder betrifft (1:392). Dadurch trennt Kant die Existenz
einer Sache von ihrem begrifflichen Wesen und begrifflichen Definition abgeleitet werden (vgl.
ihrer rationalen Erkennbarkeit. 2:81; Refl. 3533, 17:39; Refl. 3761, 17:286; Refl. 4017,
17:387; Refl. 4729, 17:689f.) und es entsteht kein Wi
Weiter unterscheidet Kant zwischen dem 3 „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“.
Sein als Existenz und dem Sein als logischer Ko Existenz in der KrV
pula in einem → Urteil. Wenn ich sage: ‚Gott ist‘, Im → Ideal der reinen Vernunft (vgl. KrV A 597ff. /
dann sage ich offensichtlich etwas anderes als: B 625ff.) werden die Thesen vom Beweisgrund in
‚Gott ist allmächtig‘. Im zweiten Fall verbleibe neuen, präziseren Worten dargestellt. Der Satz:
ich innerhalb der begrifflichen Bestimmung ei „dieses oder jenes [. . . ] existiert“ (KrV A 597 / B 625)
nes bloß möglichen Dinges. Im ersten Fall erfüllt ist laut Kant ein → synthetisches, kein → analy
das Wort ‚ist‘ keine relative, sondern eine absolu tisches Urteil. Die Existenz kann nicht – das ist
te Funktion. Hier wird kein neues Prädikat zum eine erste Besonderheit dieses Prädikats – zu den
Begriff hinzugefügt, sondern das Subjekt selbst Eigenschaften gerechnet werden, welche zum Be
mit allen seinen Prädikaten. Diese zwei Formen griff oder zur Definition eines Dinges gehören.
des Seins sind nach Kant deutlich zu unterschei Existenzurteile können grundsätzlich nicht ana
den: „Die Beziehungen aller Prädicate zu ihren lytisch sein: „Unser Begriff von einem Gegenstan
Subjecten bezeichnen niemals etwas existieren de mag [. . . ] enthalten, was und wie viel er . . . ,
des, das Subject müsse denn schon als existirend wolle, so müssen wir doch aus ihm herausge
voraus gesetzt werden“ (2:74). Das gilt für alle Ge hen, um diesem die Existenz zu ertheilen“ (KrV
genstände der Metaphysik, der Physik und sogar A 601 / B 629; vgl. KrV A 225 / B 272f.; KrV A 597 /
der Mathematik. In der Aussage: ‚die Triangel ist B 625; KrV A 639 / B 667; Refl. 5230, 18:126; Refl.
dreieckig‘ ist das Prädikat eine notwendige Ei 5767, 18:348; Refl. 6017, 18:424; Refl. 6027, 18:427;
genschaft des Subjekts; aus dieser Notwendigkeit Refl. 6245, 18:524f.; Refl. 6389, 18:700ff.; Refl. 6413,
lässt sich jedoch nicht die Existenz eines Dreiecks 18:708). Existenz ist darüber hinaus ein Prädikat,
ableiten. Unter der Bedingung aber, dass eine Tri welches, obwohl es synthetisch seinem Subjekt
angel existiert (absolute Setzung), können auch zukommt, dasselbe in seinem Begriff gar nicht
die drei Winkel in ihr als notwendige Prädikate vergrößert oder vermehrt: „Wenn ich [. . . ] ein Ding,
gesetzt werden (vgl. 2:75; 1:395). durch welche und wie viel Prädicate ich will,
Existenz ist keine Bestimmung einer Sache (selbst in der durchgängigen Bestimmung) den
und ‚ist existierend‘ gehört nicht zur Liste mögli ke, so kommt dadurch, daß ich noch hinzusetze,
cher → Prädikate, die etwas in ihrem Begriff defi dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge
nieren. Die Existenz ändert mit anderen Worten hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, son
nichts an der Beschaffenheit eines Dinges. Die dern mehr existiren, als ich im Begriffe gedacht
entscheidende Frage, die Kant sich diesbezüglich hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der
stellt, ist die folgende: „Kann ich wohl sagen, dass Gegenstand meines Begriffs existire“ (KrV A 600 /
im Dasein mehr als in der bloßen Möglichkeit sei?“ B 628). Dass das Wirkliche nicht mehr als das bloß
(2:75). Können überhaupt Sein und Nichtsein be Mögliche enthält, das wird von Kant anhand eines
grifflich unterschieden werden? Um die Frage zu berühmt gewordenen Beispiels dargestellt: „Hun
beantworten gelangt Kant zu dem fundamentalen dert wirkliche Thaler enthalten nicht das min
Unterschied zwischen allen Prädikaten, die den deste mehr, als hundert mögliche“ (KrV A 599 /
Inhalt eines Subjektes definieren („was da gesetzt B 627). Kants Grundthese über synthetische Exis
sei“) und der Art, wie das Subjekt selbst gesetzt tenzialurteile ist die folgende: „Sein ist offenbar
wird („wie es gesetzt sei“): „Was das erstere an kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend
langt, so ist in einem wirklichen Dinge nicht mehr etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzu
gesetzt als in einem blos möglichen, denn alle kommen könne“ (KrV A 598 / B 626; vgl. Refl. 5230,
Bestimmungen und Prädicate des wirklichen kön 18:126; Refl. 5255, 18:133; Refl. 5507, 18:202f.; Refl.
nen auch bei der bloßen Möglichkeit desselben 5710, 18:332; Refl. 5716, 18:333; Refl. 5758, 18:345f.;
angetroffen werden, aber das letztere betreffend, Refl. 5759, 18:346; Refl. 5780, 18:353; Refl. 5784
so ist allerdings durch die Wirklichkeit mehr ge 18:354f.; Refl. 5913, 18:383; Refl. 6270, 18:538ff.;
setzt“ (2:75; vgl. Refl. 3706, 17:240ff.; Refl. 4017, Refl. 6297, 18:563f.; Refl. 6320, 18:634ff.; Refl. 6321,
17:387). Kant unterscheidet somit die Realität ei 18:636f.; Refl. 6322, 18:637ff.; Refl. 6324, 18:644ff.;
nes gesetzten Dinges (das ‚was‘) von der Art, die Refl. 6325, 18:648; Refl. 6381, 18:697; Refl. 6328,
diese Setzung jeweils annimmt (das ‚wie‘). 18:698).
Das Nichtsein eines Dinges kann dem der Begriff eines Dinges schon ganz vollständig
entsprechend dem Begriff des Dinges nicht wi ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstan
dersprechen; die Nichtexistenz von etwas lässt de fragen, ob er bloß möglich, oder auch wirk
sich daher immer denken (vgl. 1:394; 2:81; KrV lich, oder, wenn er das letztere ist, ob er gar auch
A 225 / B 272f.; KrV A 592ff. / B 620ff.; KrV A 615 / nothwendig sei?“ (KrV A 219 / B 266). Dasein ist
B 643; Refl. 3725, 17:270; Refl. 3736, 17:276f.; Refl. zunächst und vor allem ein modaler Begriff: eine
4033, 17:391; Refl. 4659, 17:628; Refl. 5505, 18:202; Kategorie der Modalität (vgl. KrV A 80 / B 106). Ur
Refl. 5523, 18:207; Refl. 5761, 18:346f.; Refl. 5776, teilen wir, dass etwas ist bzw. existiert, dann sagen
18:351; Refl. 5783, 18:353f.; Refl. 6389, 18:700ff.; Refl. wir nichts darüber, wie es (inhaltlich) vorgestellt
6408, 18:707; Refl. 6436, 18:716; 20:350; 28:571). wird oder werden sollte. Vielmehr sagen wir, dass
Man kann zwar den Ausdruck „Dasein“ als Prädi es etwas unserem Begriff Entsprechendes gibt.
kat gebrauchen, denn „zum logischen Prädicate Modalsätze sind „synthetisch“, jedoch nicht
kann alles dienen, was man will“ (KrV A 598 / „objektiv“; sie enthalten keine realen Prädika
B 626; vgl. 2:72; Refl. 3706, 17:240ff.; Refl. 4017, te. „Da sie aber gleichwohl doch immer synthe
17:387; Refl. 5858, 18:370). Das Existierende (Reale, tisch sind, so sind sie es nur subjectiv, d. i. sie
Daseiende) kann aber nicht von dem bloß Mögli fügen zu dem Begriffe eines Dinges, (Realen) von
chen durch die Zuschreibung eines weiteren Prä dem sie sonst nichts sagen, die Erkenntnißkraft
dikates unterschieden werden. Sie ist nämlich die hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat“
Setzung selbst (die absolute Position) des Sub (KrV A 233f. / B 286). Die Prädikate der Möglich
jekts mit allen seinen Prädikaten (vgl. KrV A 225 / keit, → Wirklichkeit und → Notwendigkeit drücken
B 272f.; KrV A 598 / B 626). Das wird von Kant in nur ein „Verhältniß zum Erkenntnißvermögen“
einer Reflexion aus den 90er Jahren mit den fol aus (KrV A 219 / B 266). Das ist ihre wichtigste Ei
genden Worten behauptet: „Durch Existenz wird genschaft: „Nicht zu dem Begriffe des Dinges,
kein praedicat zum Dinge hinzu gesetzt, sondern sondern zum Denken überhaupt wird etwas hin
das Ding mit allen seinen Prädicaten außer dem zugethan“ (Refl. 5558, 18:232; vgl. KrV A 76 / B 101;
Begriffe [. . . ] gesetzt“ (Refl. 6382, 18:698; vgl. Refl. KrV A 234 / B 287; KrV A 600 / B 628; Refl. 5716,
5230, 18:126; Refl. 6245, 18:525). 18:333; 20:349). Dadurch lässt sich die zweite Ka
tegorie der Modalität (das Dasein im Sinne von
4 Existenz und Modalität Wirklichkeit) vom → Dasein als erste Kategorie der
Es gibt Kant zufolge synthetische Urteile, die dem → Qualität deutlich unterscheiden. Die Modalität
Subjekt kein Prädikat hinzufügen, sondern nur der Wirklichkeit bringt keine reale, inhaltliche
die Modalität der Position eines Dinges mit allen Bestimmung eines Gegenstandes zum Ausdruck
seinen Prädikaten betreffen: „Die Modalität der (vgl. KrV A 143 / B 182f.; KrV A 166ff. / B 207ff.; KrV
Urtheile ist eine ganz besondere Function dersel A 242 / B 300), sondern nur die Position (Existenz
ben, die das Unterscheidende an sich hat, daß sie bzw. Nichtexistenz) des Gegenstandes selbst in
nichts zum Inhalte des Urtheils beiträgt, (denn allen seinen formalen und materialen Bestimmun
außer Größe, Qualität und Verhältnis ist nichts gen.
mehr, was den Inhalt eines Urtheils ausmachte,) Völlig a priori kann die Existenz eines Dinges
sondern nur den Werth der Copula in Beziehung nicht erkannt werden. Die vollständige Determina
auf das Denken überhaupt angeht“ (KrV A 74 / tion der Möglichkeit gilt vor allem nicht als Zugang
B 99f.). Die Vollständigkeit der Urteilstafel hin zum Begriff der Wirklichkeit. „Ich kan zwar sagen:
sichtlich des Inhalts der Urteile ist mit den ersten alles Wirkliche ist durchgängig determinirt, aber
drei Titeln der Quantität, Qualität und Relation nicht: alles durchgängig determinirte ist wirklich“
gegeben. „Die Existenz, Möglichkeit, Wirklich (Refl. 6384, 18:698). Möglichkeit und Wirklich
keit und Nothwendigkeit sind besondere Arten keit werden in den → Postulaten des empirischen
von Kategorien, die gar nicht Prädicate der Dinge Denkens bloß „in ihrem empirischen Gebrauche“
enthalten, sondern nur modos, die Prädicate der festgelegt, d. h. „ohne den transcendentalen zu
Dinge zu setzen“ (28:554; vgl. Refl. 5523, 18:207; zulassen und zu erlauben“ (KrV A 219 / B 266). Das
Refl. 6331, 18:653). Sie bezeichnen die Art, wie die → Transzendente kann mit anderen Worten nicht
realen Prädikate der Dinge gesetzt werden: „Wenn als „existierend“ oder „wirklich“ beurteilt wer
den. Möglich ist alles, „was mit den formalen Be La Rocca, Claudio: Esistenza e Giudizio, Pisa: ETS
dingungen der Erfahrung (der Anschauung und 1999.
den Begriffen nach) übereinkommt“ (KrV A 218 / Morscher, Edgar: „Ist Existenz ein Prädikat?“, in:
B 265). Die Existenz (Wirklichkeit) der Dinge – so Zeitschrift für Philosophische Forschung 28,
die Hauptthese des zweiten Postulats – kann da 1974, 120–132.
gegen nur synthetisch durch → Wahrnehmung Rosefeldt, Tobias: „Frege, Pünjer, and Kant on
(mithin → Empfindung) erkannt werden: „Was mit Existence“, in: Grazer Philosophische Studien
den materialen Bedingungen der Erfahrung (der 82, 2011, 329–351.
Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich“ (KrV Vick, George R.: „Existence was a predicate for
A 218 / B 266). Die Wahrnehmung ist „der einzi Kant“, in: Kant-Studien 61, 1970, 357–371.
ge Charakter [d. h. Kennzeichen] der Wirklich Young, Michael: „Der Begriff der Existenz bei
keit“ (KrV A 225 / B 273). Nur dadurch kann eine Kant“, in: Ratio 18, 1976, 85–98.
jede Existenz festgestellt werden (vgl. KrV A 234 / Giuseppe Motta
B 286). „Unser Bewusstsein aller Existenz [. . . ] ge
hört ganz und gar zur Einheit der Erfahrung; und
eine Existenz außer diesem Felde [. . . ] ist [. . . ] eine Experiment
Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen Das Wort ‚Experiment‘ wird vom Kant meistens
können“ (KrV A 601 / B 629; vgl. Refl. 5277, 18:141; im neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Sinne
Refl. 5502, 18:201; Refl. 5518, 18:205; Refl. 5526, verwendet (vgl. KrV B XIIf.). Ein Experiment ist
18:208; Refl. 5710, 18:332; Refl. 5718, 18:334; Refl. eine planvoll eingerichtete Herbeiführung von
6270, 18:540; Refl. 6382, 18:698). Phänomenen zum Zwecke wissenschaftlicher Be
Das einzige Beispiel, das Kant im zweiten obachtung. Die Einrichtung des Experiments kann
Postulat zur Erklärung der Wirklichkeit von etwas durch eine relevante Theorie bzw. Hypothese ge
gibt, ist die „magnetische Materie“ (KrV A 226 / leitet sein, um die Theorie bzw. Hypothese zu
B 273), die wir nicht unmittelbar wahrnehmen (da bestätigen oder zu verwerfen bzw. zu verändern.
unsere Sinne zu grob sind), deren Dasein aber aus In „Analogie“ (KrV B XVI) zum naturwissenschaft
anderen Wahrnehmungen und aus den Gesetzen lichen Experiment spricht Kant von einem „Expe
des empirischen Zusammenhanges der Erschei riment der reinen Vernunft“ (KrV B XXI Anm.) und
nungen abgeleitet wird. Man erkennt daher etwas beschreibt damit das Verfahren seiner kritischen
als wirklich nicht bloß durch Empfindung, son Philosophie. Weitere wichtige Stellen: 1:117f.; 1:172;
dern durch die Einordnung des Wahrgenomme 1:176f.; KrV B XII–XXII; KrV B XXXVII–XLI; KrV
nen in einen gesetzmäßigen Zusammenhang: „Wo B XLIV; KrV B XLVIII–XLIX; KrV B XLIV; KrV B 128;
also Wahrnehmung und deren Anhang nach em KrV A 636 / B 664; 4:447f.; 4:533f.; 5:92f.; 7:84f.;
pirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch 8:381f.
unsere Erkenntniß vom Dasein der Dinge“ (KrV
A 226 / B 273). Verwandte Stichworte
Idealismus, transzendentaler; Wissenschaft;
Weiterführende Literatur Galilei, Galileo; Newton, Isaac
Benoist, Jocelyn: „Jugement et existence chez
Kant. Comment des jugements d’existence sont- Philosophische Funktion
ils possibles?“, in: Quaestio 3, 2003, 207–228. Als eine „Revolution der Denkart“ (KrV B XII) sieht
Dryer, Douglas Poole: „The Concept of Existence Kant die Einführung von Experimenten in die
in Kant“, in: The Monist 50, 1966, 17–33. neuzeitliche Naturwissenschaft an. Mit Blick auf
Forgie, J. William: „Kant and the Question Is Exis die von → Galilei, Torricelli und → Stahl durch
tence a Predicate?“, in: Canadian Journal of geführten Experimente schreibt Kant: „so ging
Philosophy 4, 1975, 563–582. allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begrif
Hintikka, Jaakko: „Kant on existence, Predication, fen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie
and the Ontological Argument“, in: Knuutti selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß
la, Simo / Hintikka, Jaakko (Hg.): The Logic of sie mit Prinzipien ihrer Urtheile nach beständi
Being, Dordrecht: Reidel 1986, 249–267. gen Gesetzen vorangehen und die Natur nöthi
gen müsse auf ihre Fragen zu antworten“ (KrV dentalen Ästhetik und der → Transzendentalen
B XIII). Analytik.
Damit ist das Ergebnis jenes „Experiment[s]
1 Die experimentelle Methode der Kritik der der reinen Vernunft“ (KrV B XXI Anm.) noch nicht
reinen Vernunft erschöpft. Mit Blick auf den Anwendungsbereich
Diese „Umänderung der Denkart“ (KrV B XVI) jener Erkenntnisse a priori führt es nicht nur zu
macht Kant zur methodologischen Grundlage einem positiven, sondern auch zu einem negati
seiner kritischen Philosophie und des Lehrbe ven Resultat: Die Erkenntnisse a priori gelten für
griffs des → transzendentalen Idealismus, dem Gegenstände der Erfahrung in → Raum und → Zeit,
zufolge „die oberste Gesetzgebung der Natur in als deren Prinzipien sie bewiesen werden können.
uns selbst, d. i. in unserm Verstande, liegen müs Kants Philosophie ist insofern die Begründung ei
se, und daß wir die allgemeinen Gesetze der ner neuen Metaphysik der Erfahrung. Die Erkennt
selben nicht von der Natur vermittelst der Er nisse a priori gelten aber nicht für Gegenstände,
fahrung, sondern umgekehrt die Natur ihrer all die den Bereich der Erfahrung übersteigen. Das
gemeinen Gesetzmäßigkeit nach blos aus den ist Kants Kritik der traditionellen Metaphysik.
in unserer Sinnlichkeit und dem Verstande lie Mit Blick auf das Verfahren und das Ergebnis
genden Bedingungen der Möglichkeit der Erfah dieses ‚Experiments der reinen Vernunft‘ führt
rung suchen müssen“ (4:319; vgl. KrV A 125 / Kant, auf die These „dass wir [. . . ] von den Din
B 163–165). gen nur das a priori erkennen, was wir selbst in
Mit Bezug auf die Kritik und Neubegründung sie legen“ (KrV B XVIII) und die Analogie zum
der → Metaphysik und deren von → Erfahrung un naturwissenschaftlichen Experiment Bezug neh
abhängigen Prinzipien schlägt Kant vor, dem Mo mend, das Folgende aus: „Diese dem Naturfor
dell des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen scher nachgeahmte Methode besteht also darin:
Experiments zu folgen. In „Analogie“ (KrV B XVI) die Elemente der reinen Vernunft in dem zu su
zur experimentellen naturwissenschaftlichen Er chen, was sich durch ein Experiment bestätigen
kenntnis plädiert Kant für den Versuch, „ob wir oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur Prüfung
nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit bes der Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn
ser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegen sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus
stände müssen sich nach unserem Erkenntniß gewagt werden, kein Experiment mit ihren Objec
richten, welches so schon besser mit der verlang ten machen (wie in der Naturwissenschaft): also
ten Möglichkeit einer Erkenntniß derselben a prio wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die
ri zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe wir a priori annehmen, thunlich sein, indem man
sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll“ sie nämlich so einrichtet, daß dieselben Gegen
(KrV B XVI). Die „veränderte Methode der Den stände einerseits als Gegenstände der Sinne und
kungsart“ (KrV B XVIII) besteht somit in einem des Verstandes für die Erfahrung, andererseits
Verfahren, das zu dem Nachweis führt, „dass wir aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt,
[. . . ] von den Dingen nur das a priori erkennen, allenfalls für die isolirte und über Erfahrungsgren
was wir selbst in sie legen“ (KrV B XVIII). Kants ze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei
KrV stellt dieses „Experiment der reinen Vernunft“ verschiedenen Seiten betrachtet werden können.
(KrV B XXI Anm.) dar. Findet es sich nun, daß, wenn man die Dinge aus
Es „gelingt nach Wunsch“ (KrV B XVIII): jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Ein
„Denn man kann nach dieser Veränderung der stimmung mit dem Princip der reinen Vernunft
Denkart die Möglichkeit einer Erkenntniß a prio stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkte aber ein
ri ganz wohl erklären und, was noch mehr ist, unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich
die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem selbst entspringe, so entscheidet das Experiment
Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung, zum für die Richtigkeit jener Unterscheidung“ (KrV
Grunde liegen, mit ihren genugthuenden Bewei B XVIII Anm.). Das Experiment besteht somit in
sen versehen, welches beides nach der bisherigen der von der kritischen Philosophie getroffenen
Verfahrungsart unmöglich war“ (KrV B XVIIIf.). Unterscheidung zwischen Gegenständen als → Er
Diese Beweise liefert die KrV in der → Transzen scheinungen, als „Gegenstände[n] der Sinne“,
und „Gegenstände[n], die man bloß denkt“ (KrV der Seite der Pflicht ist) abgesondert und gewa
B XVIII Anm.), den „Dinge[n] an sich selbst“ (KrV schen worden, gewogen, um mit der Vernunft
B XXI Anm.), und der in der KrV unternommenen noch wohl in anderen Fällen in Verbindung zu
Prüfung, auf welche Weise apriorische Prinzipien treten, nur nicht wo er dem moralischen Gesetze,
auf eine objektiv gültige Weise begründet werden welches die Vernunft niemals verläßt, sondern
können, ob mit Bezug auf Erscheinungen oder sich innigst damit vereinigt, zuwider sein könnte“
auch mit Bezug auf → Dinge an sich selbst. Diese (5:92f.). Neben der Erinnerung an die Fortschrit
Unterscheidung und den daraus zu gewinnenden te der neuzeitlichen experimentellen Naturwis
Ertrag für die kritische Philosophie und die Mög senschaften (vgl. 5:163) beschließt Kant die KpV
lichkeit von → Metaphysik erläutert Kant noch mit einer Zusammenfassung ihres methodischen
einmal mit Blick auf die Transzendentale Ana Verfahrens. Das geschieht unter Bezug auf „Bei
lytik und das mit der systematischen Funktion spiele der moralisch urtheilenden Vernunft“ und
der Idee des Unbedingten verbundene Resultat die Analyse ihrer „Elementarbegriffe“ mit dem
der → Transzendentalen Dialektik unter Verweis Hinweis auf die Analogie zu dem „der Chemie
auf eine Analogie mit dem experimentellen Ver ähnliche[n] Verfahren“, welches darin besteht,
fahren des Chemikers: „Dieses Experiment der die „Scheidung des Empirischen vom Rationalen,
reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, wel das sich in ihnen vorfinden möchte, in wiederhol
ches sie mannigmal den Versuch der Reduction, ten Versuchen am gemeinen Menschenverstande
im Allgemeinen aber das synthetische Verfahren vorzunehmen“, um auf diese Weise erkennen zu
nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Meta können, „was Jedes für sich allein leisten könne“
physikers schied die reine Erkenntniß a priori in (5:163).
zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die Gelegentlich verwendet Kant das Wort Expe
der Dinge als Erscheinungen und dann der Din riment in einem ebenfalls analogischen Sinn mit
ge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide Blick auf Revolutionen und deren mögliches Ge
wiederum zur Einhelligkeit mit der nothwendigen lingen oder Scheitern (vgl. 7:85). Mit Blick auf die
Vernunftidee des Unbedingten und findet, daß → Erziehung und den Umstand, dass „der Mensch
diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene [. . . ] nur Mensch werden [. . . ] [kann] durch Erzie
Unterscheidung herauskomme, welche also die hung“ (9:443), plädiert Kant für „ein Experiment
wahre ist“ (KrV B XXI Anm.) durch Unterstützung der Großen und durch die
vereinigten Kräfte Vieler“, um zu erreichen, „daß
2 Die Experimentalmethode in der Kritik der die Natur einen Schritt näher zur Vollkommenheit
praktischen Vernunft thue“ (9:444).
Im Kontext der Begründung seiner ethischen
Theorie greift Kant mit Bezug auf die Unterschei Weiterführende Literatur
dung zwischen dem „empirisch afficirten Willen“ Butts, Robert (Hg.): Kant’s Philosophy of Physical
und dem „moralische[n] Gesetz“ (5:92) und deren Science, Dordrecht: Reidel 1986.
moralische Relevanz ebenfalls auf das Verfahren Falkenburg, Brigitte: Kants Kosmologie, Frank
des Chemikers zurück: „Es ist, als ob der Schei furt/M.: Klostermann 2000, insbes. 263–305;
dekünstler der Solution der Kalkerde in Salzgeist 355–385.
Alkali zusetzt; der Salzgeist verläßt sofort den Gehler, Johann Samuel Traugott: „Experimen
Kalk, vereinigt sich mit dem Alkali, und jener wird talphysik, Physica Experimentalis, Physique
zu Boden gestürzt. Eben so haltet dem, der sonst experimentale“, in: Physikalisches Wörter
ein ehrlicher Mann ist [. . . ] das moralische Ge buch, Bd. 2, Leipzig: Schwickert 1790, 109–112;
setz vor, an dem er die Nichtswürdigkeit eines PURL: http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/
Lügners erkennt, sofort verläßt seine praktische cgi-bin/digbib.cgi?PPN343148692.
Vernunft [. . . ] den Vortheil, vereinigt sich mit dem, Hüllinghorst, Andreas: Kants spekulatives Experi
was ihm die Achtung für seine eigene Person er ment, Köln: Dinter 1992.
hält (der Wahrhaftigkeit), und der Vortheil wird Watkins, Eric (Hg.): Kant and the Sciences, Oxford:
nun von jedermann, nachdem er von allem An Oxford University Press 2001.
hängsel der Vernunft (welche nur gänzlich auf Wind, Edgar: Das Experiment und die Metaphysik.
Zur Auflösung der kosmologischen Antinomi und → Ganzes/→ Teil (16:636; vgl. 17:647), die wie
en, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001. derum den → kategorischen, → hypothetischen
Kenneth R. Westphal / Red. und → disjunktiven Urteilen entsprechen.
Weiterführende Literatur
Exponent Schulthess, Peter: Relation und Funktion. Eine
Wenn Kant in philosophischen Zusammenhän systematische und entwicklungsgeschichtli
gen von einem Exponenten spricht, gebraucht che Untersuchung zur theoretischen Philoso
er einen Begriff aus der Mathematik seiner Zeit. phie Kants, Berlin u. a.: de Gruyter 1981, insbes.
Es ist dann nicht die Hochzahl n einer Potenz an 247–254.
gemeint, sondern der Quotient a:b=x, und zwar Hanno Birken-Bertsch
insbesondere als Quotient einer (geometrischen)
Folge. Einem solchen Quotienten entsprechen die
Verhältnisse der → Erscheinungen, wie sie durch Exposition
die → Analogien der Erfahrung bestimmt werden. Die Exposition (lat. expositio) ist neben Explikati
Wichtige Stellen: KrV A 159 / B 198, KrV A 216 / on, Deklaration und → Definition eine der mögli
B 263, KrV A 331 / B 387, 16:636, 16:710, 17:646f., chen Arten der Erklärung eines → Begriffs (vgl. KrV
17:655f., 29:62. A 730 / B 758) bzw. einer → Worterklärung. Kant
verwendet auch den Terminus → Erörterung. So
Verwandte Stichworte heißt es in der KrV: „Ich verstehe aber unter Erör
Exposition; Regel terung (expositio) die deutliche (wenn gleich nicht
ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem
Philosophische Funktion Begriffe gehört“ (KrV B 38). Der kantischen Logik
Der heute geläufige Begriff des Exponenten wird zufolge besteht „das Exponiren eines Begriffs [. . . ]
von → Christian Wolff als „Exponens dignitatis in der an einander hängenden (successiven) Vor
seu potentiae“, d. h. als „Exponente einer Digni stellung seiner Merkmale, so weit dieselben durch
tät“ bezeichnet (Wolff, Mathematisches Lexicon, Analyse gefunden sind“ (9:143). Kant benutzt den
Sp. 610, vgl. Wolff, Elementa matheseos, S. 80), Ausdruck nicht nur in Bezug auf Begriffe, sondern
der für Kant relevante dagegen als „Exponens ra auch auf → Erscheinungen. Weitere wichtige Stel
tionis“, d. h. „Exponente der Verhältnis“ (Wolff, len: KrV A 246 / B 303; KrV A 250; KrV A 415 / B 443;
Mathematisches Lexicon, Sp. 611, vgl. Wolff, Ele KrV A 437 / B 465; KrV A 482 / B 510; KrV A 508 /
menta matheseos, S. 57). In Wolffs Beispiel ist 2 B 536; KrV A 728–730 / B 756–758; 9:140–143; Refl.
der Exponent des Verhältnisses 6 : 3. 2919f., 16:576; Refl. 2925, 16:578; Refl. 2931, 16:580;
Im Duisburgschen Nachlass überträgt Kant Refl. 2950f., 2953, 16:585; Refl. 2955f., 16:586; Refl.
den Begriff des Exponenten auf das „Verhaltnis 2961f., 16:587; Refl. 4674, 17:643; Refl. 4681, 17:667;
aller Warnehmung“ (17:655). Es ist nicht von ei Refl. 4723, 17:688; 24:758.
nem einzelnen Verhältnis, sondern einer Folge
bzw., wie Kant sagt, „Progression“ (1:197; vgl. 1:256; Verwandte Stichworte
28:440; 29:63) oder → Reihe von Verhältnissen aus Definition; Erörterung; Worterklärung; Kon
zugehen (vgl. KrV A 331 / B 387). Der Exponent ist struktion
dann der Exponent einer Regel: „Unsere Analo
gien stellen [. . . ] eigentlich die Natureinheit im Philosophische Funktion
Zusammenhange aller Erscheinungen unter ge In der KrV verwendet Kant den Terminus Expo
wissen Exponenten dar, welche nichts anders aus sition im Kontext der Unterscheidung zwischen
drücken, als das Verhältniß der Zeit [. . . ] zur Ein philosophischen und mathematischen Definitio
heit der Apperception, die nur in der Synthesis nen. So werden „philosophische Definitionen nur
nach Regeln stattfinden kann“ (KrV A 216 / B 263). als Expositionen gegebener, mathematische aber
Ohne Zeitbezug formuliert, ergibt sich der als Constructionen ursprünglich gemachter Be
Exponent aus dem „Verhaltnis der Begriffe“, deren griffe, jene nur analytisch durch Zergliederung
es drei gibt: → Subjekt/Prädikat, → Grund/Folge (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiß
ist), diese synthetisch zu Stande gebracht“ (KrV gegeben ist“, beruht „auf dem Grunde aller relati
A 730 / B 758). Die Exposition kann eine unvoll on und der Verkettung der Vorstellungen“ (Refl.
ständige Analyse sein, ist dann also nur eine An 4674, 17:643). „Die exposition der Erscheinungen
näherung an eine Definition (vgl. 9:143), und fin ist also die Bestimmung des Grundes, worauf der
det bei gegebenen Begriffen statt, die dadurch Zusammenhang der Empfindungen in denselben
deutlich gemacht werden: „sie unterscheidet sich beruht“ (Refl. 4674, 17:643).
dadurch von der Declaration, die eine deutliche Schließlich bedeutet „exponieren“ im ästhe
Vorstellung gemachter Begriffe ist“ (9:143). tischen Bereich „eine Vorstellung der Einbildungs
Kant spricht von Exposition in der KrV aber kraft auf Begriffe bringen“ (5:343). Im Gegensatz
auch in Bezug auf Erscheinungen (vgl. KrV A 437 / dazu ist die → ästhetische Idee als „eine Anschau
B 465; KrV A 482 / B 510; KrV A 508 / B 536; KrV ung (der Einbildungskraft) [. . . ] der niemals ein
A 482 / B 510; KrV A 246 / B 303; KrV A 415 / B 443; Begriff adäquat gefunden werden kann“, „eine
KrV A 250). „[U]nsere reine Verstandeserkenntnis inexponible Vorstellung der Einbildungskraft“ in
se“ sind nichts anders „als Principien der Exposi ihrem freien Spiel (5:342; vgl. 5:343).
tion der Erscheinung“ (KrV A 250); die Grundsätze In einem davon unterschiedenen Sinne redet
des Verstandes „sind bloß Principien der Expositi Kant in der Logik von „exponiblen Urtheile[n]“
on der Erscheinungen“ (KrV B 303). Dieser Begriff bzw. „Sätzen“ (9:109); das sind „Urtheile, in de
wird in der KrV selbst nicht weiter erklärt, kommt nen eine Bejahung und Verneinung zugleich, aber
aber in den Refl. des sogenannten Duisburg’schen versteckter Weise, enthalten ist, so daß die Beja
Nachlasses (17:643–674) an wichtigen Stellen vor hung zwar deutlich, die Verneinung aber versteckt
(vgl. Refl. 4674, 17:643; Refl. 4681, 17:667; Refl. geschieht“ (9:109). So ist in dem Urteil „wenige
4723, 17:688; vgl. auch Refl. 4757, 17:704; Refl. 4759, Menschen sind gelehrt [. . . ], aber auf eine versteck
17:709f.; Refl. 4972, 18:45; Refl. 5109, 18:91; Refl. te Weise, das negative Urtheil: viele Menschen
5637, 18:274). Mit ‚Exposition der Erscheinungen‘ sind nicht gelehrt“ enthalten (9:109; → Urteil, ex
ist zwar (in Bezug auf den logischen und auch den ponibles).
rhetorischen Sinn des Wortes) die Erklärung, die
Auslegung durch Deutlichmachung gemeint; die Weiterführende Literatur
se verwirklicht sich aber in der Bestimmung der Kugelstadt, Manfred: Synthetische Reflexion, Ber
Regel der Verhältnisse unter den Erscheinungen. lin u. a.: de Gruyter 1998, insbes. 85ff.
So gibt die Erfassung der Prinzipien, die das Ver Prauss, Gerold: Erscheinung bei Kant, Berlin u. a.:
hältnis der Erscheinungen regeln, die Prinzipien de Gruyter 1971, insbes. 48.
der Exposition der Erscheinungen (auch „prin Stuhlmann-Laeisz, Rainer: Kants Logik, Berlin
cipia der intellection“ derselben genannt, Refl. u. a.: de Gruyter 1976, insbes. 105ff.
4762, 17:720). Die Exposition „desienigen [. . . ], was Claudio La Rocca