Rotkäpp
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I. Es war einmal ein kleines Mädchen, das mochte jeder gern. Besonders lieb hatte es seine Großmutter. Die lebte in
einem kleinen Haus tief im Wald und das Mädchen besuchte sie oft. Dann saßen sie zusammen im Garten, aßen
Himbeeren und die Großmutter erzählte Geschichten.
Einmal nähte die Großmutter eine rote Samtkappe und schenkte sie dem Mädchen. Das Kind freute sich so sehr
darüber, dass es die Kappe jeden Tag trug. Von da an nannte es jeder nur noch Rotkäppchen.
II. Eines Tages wurde die Großmutter jedoch krank. Rotkäppchens Mutter backte einen Kuchen und packte ihn mit
einer Flasche Saft in einen Korb.
»Rotkäppchen«, sagte sie, »bring der Großmutter den Saft und den Kuchen, das wird sie stärken. Geh aber nicht vom
Weg ab und lauf nicht im Wald umher. Und lass dich von keinem Fremden ansprechen! «
»Ja, ja, ich denk schon an alles«, versprach Rotkäppchen und machte sich auf den Weg.
III. Als Rotkäppchen schon eine Weile unterwegs war, begegnete ihm der Wolf.
»Guten Tag, Rotkäppchen«, sagte der Wolf. »Wohin gehst du so früh am Morgen?«
»Guten Tag«, antwortete Rotkäppchen höflich. Es hatte den Wolf noch nie gesehen. Aber da er freundlich war,
würde die Mutter wohl nichts dagegen haben, wenn es sich ein bisschen mit dem Wolf unterhielt.
IV. »Ich gehe zur Großmutter und bringe ihr Saft und Kuchen«, sagte Rotkäppchen also. »Wo wohnt denn deine
Großmutter?«, wollte der Wolf wissen.
»Ach, du kennst ihr Haus bestimmt«, antwortete Rotkäppchen. »Es liegt am Ende dieses Weges hinter ein paar
Haselnusssträuchern. «
V. Der Wolf trabte ein Weilchen neben Rotkäppchen her und sie unterhielten sich über das schöne Wetter.
»Rotkäppchen«, sagte der Wolf schließlich, »hör doch, wie fröhlich die Vögel zwitschern, und sieh, die vielen
Blumen! Willst du dich nicht ein wenig im Wald umschauen?«
VI. Rotkäppchen blieb stehen. Der Wolf hatte recht. Wie schön es doch im Wald war! Rotkäppchen fing an, für die
Großmutter einen Blumenstrauß zu pflücken. Der Wolf schlich davon, aber das bemerkte Rotkäppchen gar nicht.
VII. Der Wolf lief den Weg entlang zum Haus der Großmutter, wie Rotkäppchen es beschrieben hatte. Er harte großen
Hunger. Zuerst verspeise ich die Großmutter, dachte er, und als Nachspeise dann das Rotkäppchen!
VIII. Der Wolf klopfte an die Tür. »Wer ist da?«, rief die Großmutter. »Rotkäppchen«, antwortete der Wolf mit verstellter
Stimme. »Ich bringe dir Saft und Kuchen!«
»Drück einfach die Klinke herunter«, sagte die Großmutter. »Ich kann nicht aufstehen, ich bin zu schwach.«
IX. Der Wolf drückte auf die Klinke und schlüpfte ins Haus. Oh, wie sein Magen knurrte! Einen richtigen Wolfshunger
hatte er, und der trieb ihn geradewegs auf das Bett zu, in dem die Großmutter lag.
X. Der Wolf stürzte sich auf sie, sperrte sein Maul weit auf und verschlang sie. Zufrieden kroch er in das Bett, setzte
auch noch Großmutters Nachthaube auf und deckte sich bis zur Nasenspitze zu.
XI. Draußen im Wald pflückte Rotkäppchen immer noch Blumen. Endlich war der Strauß so groß, dass Rotkäppchen ihn
fast nicht mehr tragen konnte. Erst jetzt fiel ihm die Großmutter wieder ein. »Nun aber rasch weiter!«, murmelte
Rotkäppchen und machte sich eilig auf den Weg.
XII. Die Tür zu Großmutters Haus stand offen, das fand Rotkäppchen seltsam. Als es in die Stube kam, fühlte es sich
ganz unbehaglich, obwohl es sonst so gern hier war. Irgendetwas war heute anders als sonst!
XIII. »Guten Morgen, Großmutter«, sagte Rotkäppchen und trat an das Bett. Wie seltsam die Großmutter heute aussah!
»Oh, Großmutter, du hast aber große Ohren«, sagte Rotkäppchen erstaunt.
»Ja, damit ich dich besser hören kann!«, antwortete der Wolf mit verstellter Stimme. » Und was hast du nur für große
Augen?«, fragte Rotkäppchen.
»Damit ich dich besser sehen kann!«
»Und so große Hände hast du!«
»Damit ich dich besser packen kann!«
»Und was hast du nur für ein entsetzlich großes Maul!«
»Damit ich dich besser fressen kann!«, knurrte der Wolf, und dann verschlang er Rotkäppchen und schluckte es
gierig hinunter.
XIV. Satt und zufrieden schlief der Wolf ein und schnarchte schrecklich laut. Draußen ging gerade der Jäger vorbei und
hörte das Schnarchen. Kopfschüttelnd blieb er stehen. Das ist doch nicht normal, dass die alte Frau so laut schnarcht!,
dachte er. Ich sehe besser einmal nach, ob ihr etwas fehlt.
XV. Als er in die Stube trat, sah er den Wolf im Bett der Großmutter liegen. »Was machst denn du hier, du Scheusal?«,
rief der Jäger. Er legte sein Gewehr an und wollte den Wolf erschießen, als ihm auffiel, dass die Großmutter nirgends
zu sehen war.
XVI. »Hast du die Großmutter am Ende gefressen?«, fragte der Jäger den schlafenden Wolf. Schnell schnitt er dem Wolf
den Bauch auf. Eine rote Kappe leuchtete ihm entgegen.
»Rotkäppchen!«, rief der Jäger überrascht. »Bin ich froh, dass ich wieder frei bin!«, keuchte Rotkäppchen. »Ich
wollte meine Großmutter besuchen, nun habe ich sie im Wolfsbauch getroffen. Bitte, hol sie schnell heraus!«
XVII. Der Jäger machte noch ein paar Schnitte, dann konnte er auch die Großmutter lebendig aus dem Wolfsbauch
befreien.
XVIII. Rotkäppchen lief hinaus in den Garten und schleppte schwere Steine heran. Die füllten sie in den Bauch des Wolfes,
den die Großmutter mit eiligen Stichen wieder zunähte. Als der Wolf aufwachte, sah er Rotkäppchen und die
Großmutter vor sich stehen. Verwundert rieb er sich die Augen. Träumte er noch? Die beiden sollten doch in seinem
Bauch sein!
XIX. Dann erblickte der Wolf den Jäger und war mit einem Mal hellwach. Blitzschnell sprang er auf und wollte
davonlaufen, doch die schweren Steine in seinem Bauch rumpelten so wild durcheinander, dass er gleich tot hinfiel.
XX. Zum Dank für ihre Rettung lud die Großmutter den Jäger zu Saft und Kuchen ein.
Und Rotkäppchen dachte: Nie wieder lasse ich mich von einem Fremden ansprechen, egal wie freundlich er ist! In
einem Wolfsbauch möchte ich nämlich nicht noch einmal landen! Und dann ließ Rotkäppchen sich den Saft und den
Kuchen schmecken.