ELFEN – oder: gibt es Naturgeister?
Mutter Natur
So wie die Natur eines Landes ist, so sind auch seine
‚Naturgeister‘. Sie sind im Grunde die Personifikation der
Energie, der Atmosphäre, der Eigenart eines Ortes. Ein
sanfter Hügel ist Wohnsitz von Feen, in einem tückischen
Moor hausen natürlich dunkle Moorgeister.
Personifikationen bringen uns die Natur näher: 'Mutter
Erde' klingt anders als 'Erde' oder 'Planet', 'Vater Rhein'
anders als nur ‚der Rhein‘. Mit Sprache entsteht Beziehung,
mit Beziehung Zuneigung oder auch Abneigung. So
wundert es wenig, dass die Geschichten der Menschheit
voll sind von Meerfrauen, Berggeistern, Quellennymphen,
Flussgöttern, Baumfeen u.a.m. Von sich aus ist ein Berg
eben ein Berg. Aber wenn wir in Beziehung zu ihm gehen,
wird er uns zu einem Gegenüber. So ist der Watzmann für
die Bayern mehr als irgendein Berg, Iona für die Schotten
mehr als nur eine Insel, Tara für die Iren mehr als nur ein
Hügel.
Der Wohnsitz der Elfen
Die Elfen sind meistens Bewohner von Hügeln. Sie
personifizieren ein kleines, liebliches Stück Natur. Große,
markante Berge sind Sitz der Götter - kleine, anmutige
Hügel Sitz der Elfen. Die Elfen gehören ursprünglich ebenso
wie die Götter zur himmlischen Welt und waren machtvolle
Lichtwesen. Die Hausfrau brachte ihnen in Skandinavien im
Herbst Opfer dar (das Álfablòt), um die Lebenskraft der
Familie und Fruchtbarkeit des Landes zu erhalten und zu
fördern. Diese Rituale waren streng geheim, woraus man
erkennen kann, wieviel Ehrfurcht man vor diesen Wesen
hatte.
Heute verbinden wir mit Elfen etwas Zartes, Schönes,
Feines. Junge Mädchen verkleiden sich zu Fasching gerne in
eine Elfe und träumen sich in diese Rolle hinein.
Shakespeares Sommernachtstraum hat unsere Vorstellung
von Elfen sehr mitgeprägt als winzige Frauen mit Flügeln –
was sie nie waren. Tolkien schildert sie als menschengroße,
unsterbliche, extrem intelligente, starke und geschickte,
aber nicht makellose Wesen. So mag jede Zeit ihre
Vorstellung von ihnen haben. Doch von den Anfängen her
sind sie die, die den Göttern am nächsten stehen.
Gibt es Elfen?
Es gibt viele Berichte darüber, wie Menschen Naturgeister
und andere Geistwesen erschienen sind. Daran braucht
man nicht zweifeln, auch nicht am Verstand dieser
Menschen. Aber es ist hilfreich zu verstehen, dass dies
nicht im normalen Bewusstseinszustand geschieht. Wer
zum Himmel schaut, sieht einfach Wolken, wer einen Baum
ansieht, sieht nur den Baum. Aber wenn wir unser
Bewusstsein etwas anders ausrichten, sehen wir in den
Wolken vielleicht eine Herde Schafe, im Baum ein Gesicht.
Das ist der Blick des Poeten, aber auch der Blick des
Schamanen. So schauen die Liebenden und so schauen die
Träumenden. Diese Seite unserer Seele ist angesprochen,
wenn wir von solchen Wesen reden. Es ist nicht die Frage,
ob es sie gibt, sondern ob wir die Welt so anschauen und
erleben mögen – und ob wir uns auch wieder davon lösen
können. Denn die Geister, die wir auf diese Weise rufen
und kreieren, können magisch sein und uns in ihren Bann
schlagen. Davon wissen die Märchen viel zu erzählen – und
diese Warnung ist durchaus angebracht. So schön es ist,
ein Dichter zu sein oder ein Schamane – so einseitig ist
dieser Weltzugang letztlich doch. Er kann bezaubern, er
kann sogar heilsam sein und Wunderdinge vollbringen.
Aber wenn wir davon gefangen sind, wird uns die Erde zum
Geisterhaus und wir sind nicht mehr in der Lage, den Berg
einfach so zu sehen, wie er ist. In der Psychologie würde
man sagen: wir erliegen unseren Projektionen.
Die Ursprünge der Elfen
Die ersten Zeugnisse der Elfen haben wir in der nordischen
Mythologie. Dort heißen sie Alben oder Elben, was wohl so
viel bedeutet wie die Weißen, Glänzenden. Im lateinischen
Wort albus – weiß oder im russischen Wort lébed – Schwan
haben wir noch Erinnerungen an diese indogermanische
Wortwurzel *albh. Sie stehen in großer Nähe zu den
Göttern, Asen und Alben konnten in einem Atemzug
genannt werden. So können wir festhalten, dass die Elfen
ursprünglich Lichtgestalten und der himmlischen Welt
zuzurechnen sind – vergleichbar den Engeln unserer
christlichen Kultur. Und so wie den Engeln die Dämonen als
Ausgleich gegenüberstehen, so findet man auch schwarze
Alben im Gegenüber zu den lichten. Sie sind nicht
zwangsweise böse, sie stehen den Zwergen nahe und
verkörpern die dunkle, erdhafte Seite der Natur. Viele
Zwerge tragen das Elbische in ihrem Namen (Alberich, Alfr,
Gandalfr …). Dämonisch wurden die Elfen erst durch die
Christianisierung, in der sie viel von ihrer einstigen Macht
einbüßten, bis sie für uns heute zum Ausdruck des
mädchenhaft Schönen, Leichten und Anmutigen wurden.
Sie ist wie eine Elfe, sagen wir zu einer zarten
Mädchengestalt.
Elfen und Feen
Wir könnten auf Anhieb wahrscheinlich kaum sagen, was
hier der Unterschied ist. Tatsächlich werden im Märchen
„Der Page und sein Silberkelch“ die Bezeichnungen
austauschbar verwendet. Ein neugieriger Bursche wagt sich
in einen ‚Elfenhügel‘ und sieht die ‚Feen‘ aus einem
Wunderkelch trinken, der sich stets von neuem mit Wein
füllt. Er raubt ihn und kann nur mit Mühe dem wütenden
Feenvolk entkommen.
Die Elfe stammt aus germanischer, die Fee (französisch:
fée) aus romanischer Tradition. Es sind nur Nuancen, die
das Elfenhafte vom Feenhaften unterscheiden. Tatsächlich
könnte man manche Feengeschichten wie z.B. die vom
jungen Ritter Tam Lin, der von einer Feenkönigin geraubt
wird, auch problemlos als Elfengeschichte erzählen. Bei
anderen Märchen wie Dornröschen verkörpern die Feen
keine Naturgeister, sondern Nornen, weissagende,
mächtige Frauen, die das Netz des Schicksals mit weben.
Was wir heute unter Feen verstehen, ist im 18. und 19.
Jahrhundert aus der englischen und französischen Literatur
zu uns nach Deutschland gekommen und man muss immer
genau hinschauen, ob damit das fatum/Schicksal
angesprochen wird oder der Naturgeist. Die Brüder Grimm
z.B. veröffentlichten 1826 einen Band irischer fairy tales/
Feenmärchen als Elfenmärchen, in dem Naturgeister
verschiedener Art versammelt sind. Damit ist die
Gleichsetzung praktisch vollzogen, aber leider auch der
Unterschied verwischt.
Elfen am Beispiel der schottischen Volksmärchen
Besonders lebendig sind die Elfen in den keltischen
Traditionen.
Ein verliebter junger Mann aus Nithsdale hörte eines Nachts
wilde und wunderbare Musik und den Klang eines Chores
vermischter Stimmen, schöner als das, was eine sterbliche
Kehle hervorbringen könnte. Er folgte dem Klang und
entdeckte ein großes Bankett der Elfen. Ein grüner Tisch
mit goldenen Füßen war über einen kleinen Wasserlauf
gestellt, auf dem es reichlich Brot und süße Weine gab.
Musikanten spielten auf Schilfrohren und Getreidehalmen.
Er wurde zum Tanz eingeladen und man reichte ihm einen
Becher Wein. Als das Fest vorüber war, erlaubte man ihm,
wieder nach Hause zu gehen. Von da an war er mit dem
‚zweiten Gesicht‘ begabt und konnte Zukünftiges
voraussehen.
Hier zeigt sich sehr schön, was die Elfengeschichten
ausmacht: ein verliebter junger Mann sieht die Welt in
einem veränderten Bewusstseinszustand, er schaut den
Zauber der Natur und der Dinge. In der Regel sehen wir in
einem kleinen Wasserlauf am Waldrand nur ein Rinnsal und
gehen weiter. Ein Kind dagegen kann u.U. Stunden damit
verbringen, an diesem Platz zu spielen. Ein Maler könnte
vielleicht hier ebenfalls lange verweilen, bis er alles
eingefangen hat, was er da an Farben, Formen und
Lichtern sieht. Und ein Verliebter kommt hier in eine
Trance. Es ist ein friedlicher Ort und eine friedliche
Begegnung. Sie kann etwas Wahres über dieses schöne
Plätzchen beinhalten, sie kann auch etwas Wahres über
den jungen Mann sagen. Jedenfalls passiert hier mehr als
ein verliebtes Träumen von einer Frau, mit der man
vielleicht tanzen möchte. Es geht für den jungen Mann hier
eine Tür auf zur geistigen Welt, zum Geist der Natur und
seiner selbst. Früher hat man solche Erlebnisse heilig
gehalten und sie tradiert, heute würde man jemanden
vielleicht eher in die Psychiatrie einweisen, wenn er solche
Gesänge und Stimmen hört und solche Sachen erzählt. Wir
wissen heute, dass wir mit gewissen Substanzen und
Drogen solche veränderten Bewusstseinszustände
herbeiführen können, doch die Gefahren sind uns heute
auch so bewusst, dass wir lieber Abstand dazu halten.
Wenn es spontan geschieht, dass wir die Welt mal anders
erleben, kann es eine Bereicherung sein – es kann auch
mal alptraumhaft sein. Es gibt berühmte Geschichten wie
Thomas, der Wahrhaftige (Thomas the Rhymer), in der die
Liebe einen Menschen in die andere Welt entrückte und er
wieder mit ungewöhnlichen Fähigkeiten in die Normalität
zurückkehrte und mit prophetischen Versen den Menschen
diente. Im Unterschied zu dem jungen Mann aus Nithsdale
kehrt Thomas allerdings am Ende wieder zu den Wesen der
Geistwelt zurück. Ob damit sein Tod, sein Verschwinden
oder eine Geisteskrankheit beschrieben wird, bleibt offen.
Ein anderer Mann, der einmal in die Welt der Elfen
eintauchte, erkannte sein Dorf nicht wieder, als er in seine
Welt zurückkehrte. Die Musik hatte ihn jenseits der Zeit
befördert und so waren 3 Generationen vergangen, als er
wieder heimkam. Als er seine Geschichte erzählte, holte
man einen Priester, der ihm die letzte Ölung gab, so dass
er sterben und zu den Seinen zurückkehren konnte (Der
Mann vom Elfenhügel).
Es gibt viele Geschichten, wo Menschen und Elfen einander
in guter Weise begegnen, sich helfen, und ergänzen. Die
meisten enden dennoch tragisch - die Welten müssen
wieder getrennt werden.
So war ein Elf einem jungen Mädchen zugetan und half
ihm, Torf zu schneiden. Als die Familie sich wunderte,
warum sie in so kurzer Zeit so viel Torf schneidet und dabei
noch so fröhlich ist, schöpfen sie Verdacht, entdecken den
Helfer und schneiden ihm seine Hand ab, so dass er sich
für immer zurückzieht (Die Hand mit dem Messer).
Ein Buckliger fand einmal die Elfen am Tanzen und Singen.
Da sie nur 2 Strophen kannten, trug er eine weitere bei
und wurde zum Dank von seiner Verkrümmung geheilt. Ein
anderer, der es ihm gleichtun wollte und übereifrig seine
Strophe in den Elfenhügel hineinschrie, störte das elfische
Leben so sehr, dass die verärgerten Elfen ihm als
Belohnung den Buckel des ersten gaben (Buckels Lied).
Eine andere Geschichte erzählt von einem Schmied, der in
der Nähe eines Sandhügels wohnte, der von Elfen bewohnt
war. Jeden Abend kam ein Elf und lieh sich einen Kessel
zum Kochen aus. Ein magischer Spruch garantierte, dass
der Kessel am nächsten Morgen auch wieder
zurückgebracht wurde. Doch als die Frau des Schmieds
einmal den Spruch zu sagen vergaß, wurde auch der Kessel
nicht zurückgebraucht. Sie ging zum Hügel, brach dort ein
und holte mit Gewalt den Kessel zurück. Ein Hund verfolgte
sie und nur knapp erreichte sie wieder wohlbehalten das
Haus – „und die Elfen kamen nie wieder, den Kessel zu
leihen“ (Die Elfen und der Kessel).
Etliche Erzählungen enden mit dem Bruch und dem Auszug
der Elfen. So zerstörte ein gedankenloser Bauer eine
Elfenburg, indem er die Steine des Elfenhügels forttrug, um
Pferche für seine Schafe daraus zu bauen. Die Elfen wollten
ihn töten, vermochten es aber nicht und verließen deshalb
den Ort für immer (Die Elfenburg von Dhun Gharsain).
Eine Frau ließ einmal das Elfenvolk in ihre Wohnung und
erfuhr dabei große Hilfe bei der Spinnerei. Allerdings
wollten sie auch genauso gut essen, wie sie gearbeitet
hatten. Letztlich war die Frau völlig überfordert und wurde
nicht mehr Herr der Lage. Als sie ihren Mann wecken
wollte, um ihr zu helfen, wurde dieser nicht mehr wach. So
beschloss sie, einen weisen Mann aufzusuchen, der ihr zu
einer List riet. Mit dem Ruf „Burg Hill brennt!“ lockte sie die
Elfen aus ihrem Haus zurück in ihre eigene Behausung und
verschloss ihr Haus physisch und magisch. So fand sie
wieder zu sich und ihr Mann wachte wieder auf (Die
wackere Hausfrau und ihre nächtlichen Gäste).
Der Wandlung der Elfen im Zuge der
Christianisierung
Je christlicher die europäischen Länder wurden, desto mehr
dämonisierten sie die Geistwesen der alten Traditionen.
Auch die lichtvollen oder erdhaften Elfen wurden zu
dämonischen Wesen, die mit Vorliebe Säuglinge stahlen
oder ihren eigenen ‚Balg‘ mit einem menschlichen
austauschten und den Menschen böse Streiche spielten.
Das taten sie zwar gelegentlich auch schon vorher, um ihre
eigenen Kinder von Menschen erziehen zu lassen, aber eine
grundsätzliche Bosheit war ihnen fern. So wurde auch in
unserer Sprache das Wort elbisch im Mittelalter ein
Synonym für jenseitig und unheimlich:
Ich sehe wol, daz dû elbisch bist;
ein elbische ungehiure!
sprach sie, dû sist verwâzen (verflucht)!
(Ruodiger)
Nur weniges in unserer Sprache erinnert noch an die Elben.
Der Fluss Elbe, lateinisch albis, trägt die Elfe in ihrem
Namen. Ein Traum, der einen in Angstzustände versetzt,
nennt man einen ‚Alb’traum (Alptraum). Hier kommt das
Berückende und Bedrückende am klarsten zum Ausdruck,
das der Christenmensch auf die Geister der Vorfahren
projizierte. In dem oft geschilderten Auszug der Elfen wird
das Schicksal der Elfen besiegelt, die der neuen Religion
ebenso weichen mussten wie die alten Götter und die
anderen Naturwesen.
Was haben uns die Elfen heute zu sagen?
Was diese alten Erzählungen uns heute zu sagen haben,
kann man an der Lebensgemeinschaft Findhorn im
Nordosten Schottlands erahnen. Dort hat man sich den
friedvollen Umgang mit der Natur und untereinander auf
die Fahnen geschrieben. Man sieht die Pflanzen nicht nur
als Nahrungsmittel, sondern als eigene Wesen, mit denen
man sprechen, die man ehren und gut behandeln kann.
Das führte dazu, dass selbst auf ertragsarmen Böden die
Pflanzen sensationell wuchsen und gediehen.
Es sollte heute nicht mehr so sehr darum gehen, ob man
die alten Geschichten glauben soll oder nicht, ob sich das
alles so zugetragen hat oder nicht. Die Elfe steht wie der
Zwerg oder der Riese oder die Fee für einen Aspekt der der
Natur: die Natur ist lichtvoll, sie ist geschickt am Werke,
sie ist riesig und kraftvoll – und an vielen Stellen
zauberhaft. Wenn wir die Natur sehen, können wir sie als
lebendig wahrnehmen und achten. Es ist doch ein und
dasselbe Leben, das auch durch unsere Adern fließt. Wir
sind selbst ein Teil des großen ‚Lebensbaumes‘. Weil wir
auch Natur sind, wundert es nicht mehr so sehr, dass auch
andere Formen des Lebens - wie wir - entstehen, atmen,
sich nähren, kämpfen, arbeiten, sich entwickeln, sich
vermehren, altern und sterben. Pflanzen und Tiere sind
nicht so bewusst wie wir, Hügel und Berge ‚nur‘ Gestein.
Dennoch müssten wir weit im Universum reisen, um auch
nur einen bewachsenen Hügel zu finden. So ist die Elfe ein
durchaus respektabler Repräsentant eines schönen Hügels
in der Landschaft, der unsere Aufmerksamkeit erregt und
unsere Fantasie weckt. Ein Hügel ist weithin sichtbar und
macht einen Ort markant und lebendig. Sie steht sowohl
für seinen lichtvollen als auch für seinen erdigen Aspekt.
Alle Naturgeister sind magische Bilder der Schönheit und
Einzigkeit der Erde. Die Natur hilft uns, wenn wir ihr helfen.
Sie hat ihre Magie und ihre Kraft, aber auch ihren Fluch
und ihr Verderben, wenn wir uns dumm und respektlos
verhalten. Solange sich das Licht noch zauberhaft im Moos
des Waldes spiegeln kann, so lange der Fluss noch in
seinen eigenen Windungen ungetrübt durch die Landschaft
schlängeln darf, solange die Berge noch Berge und die
Hügel noch Hügel sind, besteht noch Hoffnung, auch für
uns Menschen.
Dr. Jürgen Wagner