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Edynamik

Physik II-Elektrodinamik

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PHYSIK

II
ELEKTRO
DYNAM IK

F. HERRMANN
SKRIPTEN ZUR EXPERIMENTALPHYSIK
ABTEILUNG FÜR DIDAKTIK DER PHYSIK
UNIVERSITÄT KARLSRUHE
AUFLAGE 1997
Hergestellt mit RagTime
Druck: Universitätsdruckerei Karlsruhe
Vertrieb: Studentendienst der Universität Karlsruhe
März 1997

Alle Rechte vorbehalten


Inhaltsverzeichnis

A. DIE ELEKTRISCHE LADUNG

1. Die elektrische Ladung und ihr Strom 7

1.1 Die Kontinuitätsgleichung 7


1.2 Der Fluß eines Vektorfeldes - die Stromdichte 8
1.3 Die Divergenz eines Vektorfeldes - der Gaußsche Integralsatz 9
1.4 Die Kontinuitätsgleichung in differentieller Form 11

2. Elektrischer Strom und Energiestrom 13

2.1 Der Zusammenhang zwischen elektrischer Stromstärke und Energiestromstärke 13


2.2 Energiedissipation 15
2.3 Die elektrische Spannung als Antrieb eines elektrischen Stroms 16
2.4 Kennlinien - das Ohmsche Gesetz 16
2.5 Die Differenz der intensiven Variable als Antrieb des Stroms der extensiven 17

3. Elektrischer Strom und Stoffmengenstrom 19

3.1 Das chemische Potential 19


3.2 Stoffe und Teilchen 19
3.3 Das elektrochemische Potential 20
3.4 Die Kontaktspannung 21
3.5 Das Prinzip der galvanischen Zelle 22
3.6 Brennstoffzelle - Elektrolyse 26
3.7 Die Kopplung zwischen Strömen - die Onsager-Beziehung 27
3.8 Die Kopplung zwischen elektrischem Strom und Entropiestrom 29
3.9 Thermoelement und Peltier-Wärmepumpe 32

B. DAS ELEKTROMAGNETISCHE FELD

4. Ladung und Polarisation als Quellen des elektrischen Feldes 34

4.1 Der Zusammenhang zwischen elektrischer Feldstärke und elektrischer Ladung 34


4.2 Der Zusammenhang zwischen elektrischem Potential und elektrischer Feldstärke 35
4.3 Die Kapazität 40
4.4 Dipol, Dipoldichte und Polarisation 41
4.5 Induzierte Polarisation, Influenz 44
4.6 Die Kapazität eines Kondensators, der mit Materie gefüllt ist 45
4.7 Piezo- und pyroelektrischer Effekt 46
4.8 Die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt 46
4.9 Die Energie im Feld des Kondensators 47

5. Energiedichte und mechanische Spannung im elektrostatischen Feld 48

5.1 Die Energiedichte 48


5.2 Die Zugspannung in Richtung der Feldlinien 48
5.3 Die Druckspannung quer zu den Feldlinien 49

6. Die Quellen des magnetischen Feldes 51

6.1 Die magnetische Feldstärke 51


6.2 Die Magnetisierung 52
4
6.3 Das magnetische Potential 54
6.4 Die induzierte Magnetisierung 54
6.5 Ferromagnetismus 56
6.6 Die magnetische Kapazität 58

7. Energiedichte und mechanische Spannung im magnetostatischen Feld 59

8. Die erste und die zweite Maxwellsche Gleichung 60

8.1 Das Ampèresche Gesetz 60


8.2 Berechnung magnetischer Feldstärken 61
8.3 Die erste Maxwellsche Gleichung 63
8.4 Die zweite Maxwellsche Gleichung 64
8.5 Elektrische Leiter im induzierten elektrischen Feld 65
8.6 Die Induktivität 68
8.7 Bezugssysteme 70
8.8. Zusammenfassung der Gleichungen 71

9. Kräfte auf Ströme und bewegte Ladung 72

9.1 Der Druck des Magnetfeldes auf einen elektrischen Strom 72


9.2 Die Lorentzkraft 73
9.3 Beispiele zur Lorentzkraft 74

10. Supraleiter 77

10.1 Die supraleitende Phase 77


10.2 Idealtypen magnetischer Materialien 78

11. Energieströme und Impuls im elektromagnetischen Feld 80

11.1 Die Energiestromdichte im elektromagnetischen Feld 80


11.2 Beispiele für Energieströmungen 81
11.3 Energieübertragung mit magnetischen Verschiebungsströmen 83
11.4 Geschlossene Energiestromkreise im elektromagnetischen Feld 84
11.5 Der Impuls des elektromagnetischen Feldes 84
11.6 Zusammenfassung 85

12. Strukturen in der Elektrodynamik 86

12.1 Die Gibbssche Fundamentalform des elektromagnetischen Feldes 86


12.2 Die Analogie zwischen Ladungsdichte und Stromdichte 87

13. Elektrische Schwingungen - der Wechselstrom 88

13.1 Die Maschenregel in Stromkreisen, die Induktivitäten enthalten 88


13.2 Elektrische Schwingkreise 88
13.3 Wechselstrom und Wechselspannung 90
13.4 Der Wechselstromwiderstand 91
13.5 Die Beschreibung von Wechselstromnetzwerken mit komplexen Größen 95
13.6 Der Transformator 97

14. Elektromagnetische Wellen 100

14.1 Kinematik harmonischer Wellen 100


14.2 Harmonische Wellen als Lösungen der Maxwellgleichungen 101
14.3 Die Abstrahlung elektromagnetischer Wellen - der Hertzsche Oszillator 102
14.4 Bemerkungen Maxwells zur elektromagnetischen Theorie des Lichts 105
Vorwort
Dieses Skriptum gehört zu einer Experimentalphysikvorlesung. Was ist der Unterschied zwischen
Experimentalphysik und theoretischer Physik? Statt diese Frage direkt zu beantworten, geben wir
Maxwell das Wort. Er macht in seinem berühmten "Treatise on Electricity & Magnetism" einige
Bemerkungen über zwei Physiker, von denen man den einen, nämlich Faraday, als typischen Expe-
rimentalphysiker, den anderen, Ampère, als typischen Theoretiker bezeichnen kann:
6

Die Vorlesung gliedert sich in zwei Teile, A und B, von denen der erste etwa ein Drittel, der zweite
zwei Drittel der Zeit in Anspruch nimmt.

Teil A könnte man einfach Elektrizitätslehre nennen. Er befaßt sich mit der elektrischen Ladung
und ihrem Strom. Die Tatsache, daß Ladung nie allein fließen kann, daß ein Ladungsstrom stets
von Strömen anderer Größen begleitet ist, spielt hier eine wichtige Rolle.

Der Gegenstand von Teil B ist ein einziges physikalisches System: das elektromagnetische Feld.
Es werden zunächst spezielle Zustandsklassen dieses Systems behandelt: das elektrostatische und
das magnetostatische Feld. Es zeigt sich, daß die Struktur der Theorien dieser beiden Felder
identisch ist. Danach wird der Zusammenhang zwischen diesen Feldern beschrieben, der durch das
Ampèresche und das Faradaysche Gesetz (1. und 2. Maxwellsche Gleichung) geregelt wird. Die
Behandlung des elektromagnetischen Feldes lehnt sich eng an Maxwells eigene Darstellung seiner
Theorie an. Demzufolge sind die Feldstärken E und H bequeme Hilfsmittel, alle physikalisch
interessanten Größen des Feldes auszudrücken: Energie, Energiestrom, Impuls und Impulsstrom
(oder mechanische Spannung, wie man zu Maxwells Zeit sagte). Alle Kraftgesetze können aus
Maxwells Ausdruck für die Impulsstromdichte hergeleitet werden.

Die Elektrodynamik steckt voller Strukturen und Symmetrien. Je mehr dieser Strukturen man
kennt, desto besser versteht man die Elektrodynamik. Als Anfänger wird man aber nicht alle
Strukturen gleichzeitig zu verstehen versuchen. Diese Vorlesung macht sehr stark von der
Symmetrie Gebrauch, bei der sich die elektrische Feldstärke E und die magnetische Feldstärke H
entsprechen. Sie gestattet ein fast blindes Übersetzen vieler Gesetze der Elektrodynamik in ein
Analogon. Eine weitere Symmetrie, die wir Dualismus nennen, hatten wir bereits in der Mechanik-
Vorlesung kennengelernt: Bei ihr entsprechen sich elektrische Stromstärke und Spannung,
Induktivität und Kapazität, Knoten und Masche usw. Wir treffen sie in diesem Skriptum wieder an.
Die Behandlung einer dritten Symmetrie, bei der sich die Ladungsdichte und die elektrische
Stromdichte entsprechen, überlassen wir der Vorlesung über theoretische Physik.
A. DIE ELEKTRISCHE LADUNG

1. Die elektrische Ladung und ihr Strom

1.1 Die Kontinuitätsgleichung

So wie der Impuls für die Mechanik charakteristisch ist, ist die elektrische Ladung, oder Elek-
trizität, für die Elektrizitätslehre charakteristisch.
Das Symbol der elektrischen Ladung ist Q, die Maßeinheit Coulomb (C).
Wie p, so ist auch Q mengenartig, d.h.
- die Ladung ist einem Raumbereich zugeordnet;
- es gibt eine Ladungsdichte ρQ;
- es gibt eine Ladungsstromstärke IQ (= elektrische Stromstärke);
- es gibt eine Ladungsstromdichte jQ (= elektrische Stromdichte).
Besteht keine Verwechslungsgefahr, so lassen wir den Index Q weg, schreiben also einfach
ρ, I bzw. j. Im Fachjargon nennt man die elektrische Stromstärke auch einfach “Stromstär-
ke”, “elektrischer Strom” oder, noch kürzer, “Strom”. Die Maßeinheit der elektrischen Strom-
stärke ist das Ampere (A).
1 A = 1 C/s.
Man mißt die elektrische Stromstärke mit dem Amperemeter. Dabei geht man so vor wie bei
jeder anderen Stromstärkemessung auch:
- Leitung, in der der Strom fließt, durchtrennen;
- neu entstandene Enden mit den Anschlüssen des Meßgeräts verbinden. Der Strom fließt jetzt
durch das Meßgerät hindurch.
Wie der Impuls, so ist auch die elektrische Ladung eine Erhaltungsgröße. Für einen beliebi-
gen Raumbereich gilt der Erfahrungssatz:
dQ
+ IQ = 0
dt
Dies ist die Kontinuitätsgleichung für die
elektrische Ladung.
Sie bezieht sich auf einen Raumbereich,
Abb. 1.1. dQ/dt ist die zeitliche Änderung
der elektrischen Ladung innerhalb des Be-
reichs, IQ ist die Stärke des elektrischen
Stroms durch die nach außen orientierte Be-
randungsfläche des Bereichs.
Abb. 1.1. Die elektrische Ladung im Innern des Bereichs
(Dieser Schreibweise der Kontinuitätsglei-
kann sich nur dadurch ändern, daß ein Strom durch die
chung liegt die Konvention zugrunde, ge-
Oberfläche des Bereichs fließt.
8
schlossene Flächen nach außen zu
orientieren. In der Mechanik hatten wir
geschlossene Flächen nach innen orientiert.)
Wir werden in den nächsten Abschnitten eine
“lokale” Version der Kontinuitätsgleichung
kennenlernen.
In dem Stromkreis von Abb. 1.2 ist dQ/dt
überall gleich Null (in den Energiequellen ist
zwar dE/dt ≠ 0, aber dQ/dt = 0). Damit
vereinfacht sich die Kontinuitätsgleichung zu
IQ = ∑ IQi = 0 (1.1) Abb. 1.2. Der Gesamtstrom durch die gestrichelt gezeich-
nete Fläche hat die Stärke null.

für jeden geschlossenen Raumbereich, für den dQ/dt = 0 ist. Gleichung (1.1) heißt
“Kirchhoffsche Knotenregel”.
Die physikalische Größe Q kann positive und negative Werte annehmen. Man sagt daher
manchmal leider, es gebe “zwei Arten elektrischer Ladung”, nämlich positive und negative.
(Gibt es auch 2 Arten von Geschwindigkeiten?)

1.2 Der Fluß eines Vektorfeldes - die Stromdichte


Gegeben sei ein Vektorfeld V(r). Man versteht unter dem Fluß des Vektorfeldes durch die
Fläche S das Integral

∫ V (r )dA
S
(1.2)

Man kann sich von dieser Größe leicht eine Anschauung bilden, wenn es sich bei dem
Vektorfeld um eine Stromdichte handelt. Der Fluß eines Stromdichtefeldes ist nämlich
einfach gleich der Stromstärke. Im Fall eines elektrischen Stroms gilt also:
I = ∫ j ( r )dA (1.3)
S

Diese Gleichung gestattet es, die Stärke I des Stroms, der durch die Fläche S hindurchfließt,
aus der Stromdichteverteilung j(r) zu berechnen.
In Abb.1.3 fließt durch die Flächen S1 und S2 derselbe Strom. Wie zu erwarten, liefert das
Integral (1.3) auch für beide Flächen denselben Wert, denn es trägt nur die zu j parallele
Komponente von dA zum Integral bei.
Die Berechnung des Integrals (1.2) in kartesischen Koordinaten geschieht nach der folgenden
Formel

∫∫ VdA = ∫∫ V dydz + ∫∫ V dzdx + ∫∫ V dxdy


S S yz
x
S zx
y
S xy
z

Hier ist Syz die Projektion der Fläche S auf


die y-z-Koordinatenebene. Szx ist die
Projektion auf die z-x- und Sxy die Projektion
auf die x-y-Ebene.
Man kann sich bei manchen Strömungen
vorstellen, daß sich die strömende Größe an
jeder Stelle des Strömungsfeldes mit einer Abb. 1.3. Die Stärke des Stroms durch die Flächen S1 und
eindeutig bestimmten Geschwindigkeit S2 ist dieselbe.
9
bewegt. So hat das Wasser eines Flusses an jeder Stelle des Flusses eine eindeutige
Geschwindigkeit, und wir sagen auch, die Masse des Wassers bewege sich mit dieser
Geschwindigkeit. Es gibt Fälle, in denen es vernünftig ist, der strömenden Größe an einem
festen Ort mehr als eine einzige Geschwindigkeit zuzuordnen. So unterscheidet man im Fall
eines elektrischen Stroms in einem metallischen Leiter zwischen der Geschwindigkeit der
sogenannten beweglichen und der der unbeweglichen Ladungsträger. (Im Bezugssystem des
Leiters ist die Geschwindigkeit der unbeweglichen Ladungsträger Null). Schließlich gibt es
Strömungen bei denen es sinnlos ist, von einer Strömungsgeschwindigkeit zu sprechen,
obwohl die Stromdichte eine eindeutig bestimmte Größe ist.
Existiert eine Strömungsgeschwindigkeit v, so gibt es einen einfachen Zusammenhang
zwischen v und der Stromdichte:
jX = ρX v
Hier ist ρX die Dichte der strömenden Größe X und jX ihre Stromdichte.
Wir erläutern die Beziehung an Hand von
Abb. 1.4. Durch die kleine Fläche A strömt in
der Zeit dt die in dem Raumbereich Adx =
Avdt enthaltene Menge dX = ρX Avdt. Die
Stärke des Stroms ist also
dX
IX = = ρ X Av
dt
Der Betrag der Stromdichte ist jX = IX/A =
ρXv. Da Stromdichtevektor und Strömungs-
geschwindigkeitsvektor parallel sind, ergibt
sich Abb. 1.4. Im Zeitintervall dt strömt die im Volumen Adx
enthaltene Menge durch die Fläche A.
jX = ρX ⋅ v
(1.4)

1.3 Die Divergenz eines Vektorfeldes - der Gaußsche Integralsatz


Die folgende Herleitung gilt für jedes Vektorfeld. Sie ist besonders leicht zu durchschauen,
wenn man sich ein Stromdichtefeld vorstellt: j(x,y,z).
Die Stärke I des Stroms durch die geschlossene Fläche S (Abb. 1.5) ist

I = ∫∫ jdA
S

Wir teilen das von S eingeschlossene Gebiet in zwei Gebiete auf mit den Begrenzungsflächen
S1 und S2. Ein Teil von S1 fällt mit einem Teil von S2 zusammen. Es ist

I = I1 + I2 = ∫∫ jdA + ∫∫ jdA
S1 S2

da sich der Anteil von I1, der durch die S1 und S2 gemeinsame Fläche fließt, gegen den
entsprechenden Anteil von I2 weghebt. Wir teilen das Gebiet weiter auf in immer kleinere
Teilgebiete und erhalten

I = ∑ Ii = ∑ ∫∫ jdA
Si

wo Ii die Stärke des Stroms durch die Oberfläche Si des i-ten Teilbereichs ist. Wir nennen
das Volumen des i-ten Teilbereichs Vi. Für immer kleinere Teilungen werden die Ii immer
10
kleiner, ,der Quotient Ii/Vi dagegen geht ge-
gen einen Grenzwert:

dI 1 
= lim 
dV Vi → 0  Vi ∫∫
Si
jdA = div j


Man nennt diesen Grenzwert die Divergenz


des Feldes j an der Stelle, auf die man das
Volumen zusammenschrumpfen lassen hat.
I = ∫∫ jdA
S

ist ein Maß für die Zahl der Stromlinien, die


in dem durch S begrenzten Bereich beginnen
oder enden, also ein Maß für die “Quellstär-
ke” der Strömung. Man nennt daher div j
auch die Quelldichte des j-Feldes, und zwar
auch dann, wenn das j-Feld gar kein Strö-
mungsfeld ist. Wir schreiben nun die Summe:

∫∫ jdA
I = ∑ Ii = ∑ Vi
Si

Vi

Für Vi → 0 geht die rechte Seite über in

∫∫∫ div jdV


VS

wobei VS der von S eingeschlossene Raum-


bereich ist. Damit wird Abb. 1.5. Der von S eingeschlossene Raumbereich wird

∫∫ jdA = ∫∫∫ div jdV


unterteilt.
(1.5)
S VS

Dieses ist der Gaußsche Integralsatz. In Worten: Die Stärke des Stroms durch die Oberfläche
eines Gebietes ist gleich dem Volumenintegral über die Quelldichte in dem Gebiet. Ist das
Feld j in kartesichen Koordinaten gegeben, so kann das Skalarfeld div j leicht berechnet
werden. Es ist
∂jx ∂jy ∂jz
div j = + +
∂x ∂y ∂z
Zum Beweis berechnen wir die Stärke I des Stroms durch die Wände eines Quaders mit den
Kantenlängen dx, dy und dz (Abb. 1.6): Durch die beiden zur z-Achse senkrechten Flächen
fließt (Achtung: Orientierung der Flächen nach außen):
 ∂j dx ∂jz dy   ∂j dx ∂jz dy 
dIz , unten − dIz , oben = −  jz ( x, y, z ) + z +  dxdy +  jz ( x, y, z + dz ) + z +
∂x 2 ∂y 2 
dxdy
 ∂x 2 ∂y 2  
 ∂j  ∂j
= − jz ( x, y, z ) + jz ( x, y, z ) + z dz  dxdy = z dV
 ∂z  ∂z
Für die beiden zur x-Achse und die beiden zur y-Achse senkrechten Flächen erhält man ent-
sprechende Ausdrücke, so daß sich für den Gesamtstrom durch alle 6 Flächen ergibt:
11

 ∂j ∂j ∂j 
dI =  x + y + z  dV
 ∂x ∂y ∂z 
Mit der Definitionsgleichung der Divergenz
folgt daraus:
∂jx ∂jy ∂jz
div j = + +
∂x ∂y ∂z

Abb. 1.6. Zur Berechnung der Stärke des Stroms durch die
Wände eines Quaders

1.4 Die Kontinuitätsgleichung in differentieller Form


Die Kontinuitätsgleichung für die elektrische Ladung lautet
dQ
+I=0
dt
Wir ersetzen Q durch ∫∫∫ρdV und, mit dem Gaußschen Integralsatz, I = ∫∫jdA durch ∫∫∫ div j
dV:
∂ρ
∫∫∫ ∂t dV + ∫∫∫ div jdV = 0
Da diese Gleichung für jeden beliebigen Raumbereich gilt, muß für die Integranden gelten:
∂ρ
+ div j = 0 (1.6)
∂t
Dies ist die Kontinuitätsgleichung für die elektrische Ladung in differentieller Form. Sie sagt:
Die Quellen des Stromdichtefeldes befinden sich dort, wo sich die Ladungsdichte zeitlich än-
dert. Eine entsprechende Gleichung gilt für jede andere Erhaltungsgröße.
Abb. 1.7 zeigt ein Feld, dessen Divergenz überall ungleich Null ist, und zwar links in Vektor-
pfeildarstellung und rechts in Feldliniendarstellung.
Die Divergenz des Feldes von Abb. 1.8 ist überall gleich Null.
Wir wenden schließlich noch die differentielle Kontinuitätsgleichung auf eine Massenströ-
mung an. Man kann sich den entsprechenden Versuch besonders leicht vorstellen.
In einem Zylinder ist Luft eingesperrt, Abb. 1.9. Der Kolben (Ortskoordinate xK) wird mit
der Geschwindigkeit vK bewegt. (vK muß klein gegen die Schallgeschwindigkeit sein, damit

Abb. 1.7. Vektorpfeil- und Feldliniendarstellung eines Feldes, dessen Divergenz überall ungleich Null ist
12

Abb. 1.8. Vektorpfeil- und Feldliniendarstellung eines Feldes, dessen Divergenz überall gleich Null ist

die Dichte im ganzen Kolben dieselbe ist).


Die Ortskoordinate der Luft ist x, ihre Ge-
schwindigkeit v(x).
Aus
v( x ) x
=
vK xK
erhält man das Geschwindigkeitsfeld:
x
v( x ) = vK
xK
Abb. 1.9. Zur Anwendung der Kontinuitätsgleichung auf
Die Massendichte ist die Masse der Luft im Innern eines Zylinders
m
ρm =
AxK
Mit (1.4) kann man die Massenstromdichte berechnen:
m x m vK
jm = ρ m v = vK = x
AxK xK A xK 2
Daraus ergibt sich die Divergenz zu:
∂jmx ∂jm m vK
div jm = = =
∂x ∂x A xK 2
Andererseits ist
∂ρm m ∂ (1 / xK ) m 1 ∂xK m vK
= =− =−
∂t A ∂t A xK ∂t
2
A xK 2
div jm ist also, wie zu erwarten war, gleich – ∂ρm/∂t.
2. Elektrischer Strom und Energiestrom
2.1 Der Zusammenhang zwischen elektrischer Stromstärke und Energiestromstärke
Von der Batterie zur Lampe in Abb. 2.1 fließt ein Energiestrom. Außerdem fließt in jedem der bei-
den Drähte ein elektrischer Strom, und zwar im oberen von links nach rechts und im unteren von
rechts nach links.

Abb. 2.1. Von links nach rechts fließt ein Energiestrom, und in jedem Draht fließt ein elektrischer Strom.

Legt man zwei Stromkreise so übereinander, daß die Drähte zusammenfallen, so verdoppelt sich
sowohl der Energiestrom, als auch der elektrische Strom in jeder Leitung, Abb. 2.2. Es gilt also
P ∝ I
Da die gesamte elektrische Stromstärke (Hin- und Rückleitung zusammengenommen) den Wert
Null hat, muß die Beziehung zwischen P und I die folgende Form haben:
P = -ϕ1I + ϕ2I
ϕ ist eine Größe, die für einen zusammenhän-
genden Leiter einen bestimmten Wert hat. Für
die beiden Leitungen in Abb. 2.1 muß ϕ ver- a
schiedene Werte haben. Anderenfalls würde
P = 0.
Es ist also

P = (ϕ2 -ϕ1)I (2.1)

ϕ heißt das elektrische Potential. Durch Glei-


chung (2.1) werden nur Potentialdifferenzen
definiert. Der Potentialnullpunkt kann willkür- b
lich festgelegt werden. Man setzt gewöhnlich
das Potential der Erde gleich Null. Die Diffe-
renz U = ϕ2 - ϕ1 heißt elektrische Spannung.
Ihre Maßeinheit ist Volt = Watt/Ampere = Jou-
le/Coulomb.
Die elektrische Spannung zwischen den beiden
Leitungen eines elektrischen Kabels gibt also
an, wie groß der mit Hilfe des Kabels übertrage- c
ne Energiestrom ist, bei fester Stärke des elek-
trischen Stroms. Bildlich kann man diesen
Sachverhalt auch so ausdrücken: Die Elektrizi-
tät “trägt” die Energie. Die elektrische Span- Abb. 2.2. Zwei gleiche Stromkreise (a) werden übereinander-
nung gibt an, wie stark der Träger mit Energie gelegt (b), und die aufeinanderliegenden Drahtstücke werden
“beladen” ist. durch je einen einzigen Draht ersetzt (c).
14
Gleichung (2.1) hat dieselbe Struktur wie die aus der Mechanik bekannte Gleichung

P = (v2 - v1)F (2.2)

Daß die Gleichungen (2.1) und (2.2) dieselbe Form haben ist kein Zufall. Jeder Energietransport
läßt sich nämlich durch eine Gleichung dieses Typs beschreiben:
P = ξ IX (2.3)
Gleichung (2.3) bringt zum Ausdruck, daß ein Energiestrom stets vom Strom einer anderen ex-
tensiven oder mengenartigen Größe X begleitet ist, Abb. 2.3a. Wir nennen die Größe X den Ener-
gieträger. Der Proportionalitätsfaktor ist eine sogenannte intensive Größe.
Viele Energietransporte sind so beschaffen, daß die Trägergröße X in einem geschlossenen
Stromkreis fließt, daß es für X eine Hin- und eine Rückleitung gibt, Abb. 2.3b. Damit ein Netto-
energiestrom resultiert, muß die intensive Größe in Hin- und Rückleitung verschiedene Werte ha-
ben. Die Stärke des Nettoenergiesroms ist dann:
P = (ξ 2 - ξ 1)IX (2.4)
Ein Beispiel hierfür ist der gerade behandelte Energietransport mit einem zweiadrigen elektri-
schen Kabel.
Wir betrachten noch zwei weitere Typen von Energietransporten, d. h. zwei weitere Beispiele für
Gleichungen vom Typ der Gleichung (2.3) oder (2.4).
Wird Energie “in Form von Wärme” übertragen (zum Beispiel durch die Wand eines schlecht iso-
lierten Hauses), so fließt außer der Energie noch Entropie. Der Energieträger X in Gleichung (2.3)
ist also die Entropie S. Die zugehörige intensive Größe ist die absolute Temperatur T. Es ist also

P = T IS (2.5)

Die Maßeinheit der Entropie ist das Carnot (Ct), die der absoluten Temperatur das Kelvin (K).
Aus Gleichung (2.5) folgt daher
K . Ct = J
Wir betrachten schließlich noch ein System, in dem eine chemische Reaktion stationär abläuft,
Abb. 2.4. Durch eine Leitung werden dem Reaktionsraum die Ausgangsstoffe der Reaktion zuge-
führt, durch eine andere werden die Reaktionsprodukte weggeleitet. Durch die Fläche A fließt ein
Energiestrom, und auch dieser ist vom Typ der Gleichung (2.4):
P = (µ2 - µ1)In (2.6)
Hier ist µ das chemische Potential. µ ist eine Größe, die einem Stoff oder einem Stoffgemisch zu-
geordnet ist. n ist der Reaktionsumsatz. Die Maßeinheit von n ist das Mol (mol). Die Maßeinheit
der Umsatzrate In ist daher mol/s. Die Maßeinheit von µ ergibt sich aus Gleichung (2.6) zu Jou-
le/mol. Man kürzt diese Einheit manchmal ab durch Gibbs (G). Es ist also

a b
Abb. 2.3. (a)Neben dem Energiestrom fließt noch ein Ener- Abb. 2.4. Reaktionsbehälter mit Zuleitung für die Ausgangs-
gieträgerstrom. (b) Der Trägerstrom hat eine Rückleitung. stoffe und Wegleitung für die Reaktionsprodukte
15

G . mol = J.
Das chemische Potential eines Stoffes hängt ab
vom Druck, von der Temperatur und vom Ag-
gregatzustand des Stoffes. Falls der Stoff gelöst
vorliegt, hängt es noch ab von der Konzentrati-
on und von der Natur des Lösungsmittels.
Zurück zur Elektrizitätslehre.
Wir legen noch einmal zwei Stromkreise über-
einander. Diesmal aber so, daß sich die Strom-
stärken in zwei der Leitungen zu Null addieren,
Abb. 2.5. Aus Gleichung (2.1) folgt, daß die
Spannung im letzten Teilbild gleich der Summe
der Spannungen im ersten Bild sein muß.
Da in jedem Punkt des Stromkreises das Poten-
tial einen bestimmten Wert hat, gilt die “Ma-
schenregel”
∑U i =0 (2.7)
Die Summe aller Spannungen in einer “Ma-
sche” ist gleich Null. Allen Spannungen inner-
halb einer Masche muß dieselbe Zählrichtung
zugrunde gelegt werden, Abb. 2.6.
Spannungen mißt man mit dem Voltmeter. Man Abb. 2.5. Zwei gleiche Stromkreise werden so zusammenge-
verbindet die beiden Anschlüsse des Voltme- faßt, daß sich die Stromstärken in einer Leitung zu Null addie-
ters mit den beiden Punkten, zwischen denen ren.
die Spannung gemessen werden soll. Die Frage
nach dem Absolutwert des Potentials ist (wahr-
scheinlich) sinnlos, genauso sinnlos wie die
Frage nach dem Absolutwert einer Geschwin-
digkeit (Ein Tachometer hat, genauso wie ein
Voltmeter, zwei Anschlüsse; es mißt die Ge-
schwindigkeitsdifferenz zwischen Auto und
Erde). Genauso wie man zur Angabe einer Ge-
schwindigkeit ein Bezugssystem, d.h. einen
Geschwindigkeitsnullpunkt wählen muß, muß
man zur Angabe eines elektrischen Potentials
das “elektrische Bezugssystem”, d.h. den Po-
tentialnullpunkt, festgelegt haben.
Abb. 2.6. Den Spannungen innerhalb einer Masche muß die-
selbe Zählrichtung zu Grunde gelegt werden.
2.2 Energiedissipation
In das Gerät von Abb. 2.7 fließt Energie elek-
trisch hinein. Diese Energie wird im Gerät voll-
ständig dissipiert. Energie dissipieren heißt,
mit Hilfe der Energie Entropie erzeugen. Es
könnte sich bei dem Gerät handeln um eine
Glühlampe, die Heizspirale eines Bügeleisens
oder einen technischen Widerstand, aber nicht
um einen Elektromotor oder eine Batterie, die
gerade geladen wird. Da in dem Gerät die ganze
ankommende Energie U . I dissipiert wird,
gilt: Abb. 2.7. Die ganze ankommende Energie wird in dem Wi-
derstand dissipiert.
U . I = T . IS
16

Abb. 2.8. Flußdiagramm des elektrischen Widerstandes Abb. 2.9. Die Umkehrung des Vorgangs, der in einem elektri-
schen Widerstand abläuft, ist unmöglich.

IS ist die Stärke des Entropiestroms, der das Gerät verläßt und T die absolute Temperatur des Ge-
räts. Abb. 2.8 zeigt das Flußbild des Vorgangs.
Es ist eine Erfahrungstatsache, daß man Entropie zwar erzeugen, aber nicht vernichten kann. Der
Vorgang von Abb. 2.8 kann daher nicht rückwärts ablaufen, er ist irreversibel, Abb. 2.9.

2.3 Die elektrische Spannung als Antrieb eines


elektrischen Stroms
Von einem System, in dem Energie dissipiert wird,
sagt man, es habe einen Widerstand. Das Wort Wi-
derstand beinhaltet, ebenso wie das Wort Span-
nung, ein Bild. Danach wird das Fließen des Stroms
durch den Widerstand behindert. Daß der Strom
trotz der Behinderung fließt, liegt an der Spannung.
Sie stellt einen “Antrieb” dar, sie ist die “Ursache”
des Stroms. Dieses Bild ist zwar sehr brauchbar, ist
aber reine menschliche Erfindung. Man könnte ge-
nauso gut sagen, der Strom sei die Ursache der
Spannung (man sagt sogar oft, der Strom rufe einen
Spannungs-“Abfall” hervor).

2.4 Kennlinien - das Ohmsche Gesetz


Wir betrachten Gegenstände mit zwei elektrischen
Anschlüssen: Widerstände, Drahtstücke, Dioden
und andere Dinge. Stellt man für einen solchen Ge-
genstand den Zusammenhang zwischen der Stärke
des Stroms, der durch ihn fließt, und der Spannung
zwischen seinen Anschlüssen graphisch dar, so er-
hält man seine Kennlinie, Abb. 2.10.
Für manche Gegenstände gilt unter bestimmten
Voraussetzungen - konstante Temperatur, Strom-
dichte nicht zu hoch - ein besonders einfacher Zu-
sammenhang:
U ∝I.
Man sagt, für den Gegenstand gelte das Ohmsche
Gesetz. Es gilt z.B. für Metalldrähte (bei festgehal-
tener Temperatur). Man nennt in diesem Fall den
Quotienten
R = U/I
den Widerstand des Gegenstandes. Die Maßeinheit
Abb. 2.10. Beispiele für Strom-Spannungs-Kennlinien
17
des Widerstandes ist das Ohm, abgekürzt Ω.
(1Ω = 1 V/A).
Für einen “Ohmschen Leiter” der Länge l mit
konstantem Querschnitt A gilt
l 1 l
R=ρ =
A σ A

ρ heißt spezifischer Widerstand (Achtung:


dasselbe SI-Symbol wie für Massen- und für
Ladungsdichte). Der Kehrwert σ des spezifi-
schen Widerstandes heißt elektrische Leitfä-
higkeit. Abb. 2.11. Zum Zusammenhang zwischen Stromdichte und
Potentialgradient
Das Ohmsche Gesetz macht eine globale Aus-
sage über einen Leiter. Wir wollen daraus eine lokale Beziehung zwischen Stromdichte und Po-
tentialdifferenz herleiten.
Wir betrachten ein rechtwinkliges Volumenelement in einer Strömung, mit der Länge dr (in Strö-
mungsrichtung) und der Querschnittsfläche dA, Abb. 2.11. Die Stärke dI = |j| dA des Stroms
durch diersen Querschnitt ist mit dem Ohmschen Gesetz:
dϕ dϕ
j dA = = dAσ
dR dr
wo dϕ die Potentialdifferenz zwischen den beiden um dr voneinander entfernten Flächen ist.
Hieraus folgt |j| = σ dϕ/dr. Da der Strom in die Richtung fließt, in der ϕ am stärksten abnimmt, ist

j = - σ grad ϕ (2.8)

2.5 Die Differenz der intensiven Variable als Antrieb des Stroms der extensiven
Damit ein elektrischer Strom durch einen elektrischen Widerstand fließt, braucht er einen An-
trieb: eine elektrische Spannung, Abb. 2.12. Manchmal ist I ∝ U bzw. j ∝ grad ϕ (Ohmsches
Gesetz). Im elektrischen Widerstand wird Entropie erzeugt:
T IS,erzeugt = ∆ϕ I
Name des Vorgangs: Erzeugung Joulescher Wärme.
Damit ein Impulsstrom F durch einen mechanischen Widerstand (Stoßdämpfer, viskoses Medi-
um) fließt, braucht er einen Antrieb: eine Geschwindigkeitsdifferenz, Abb. 2.13. Manchmal ist F
= ∆v/Rp. Im mechanischen Widerstand wird Entropie erzeugt:
T IS, erzeugt = ∆v F
Name des Vorgangs: Reibung.
Damit ein Stoffmengenstrom durch einen “chemischen Widerstand” fließt (z.B. gasförmiges
Wasser von einer Stelle eines Zimmers durch die Luft zu einer anderen), braucht er einen Antrieb:
eine Differenz der chemischen Potentiale µ (“chemische Spannung”), Abb. 2.14. Manchmal ist
jn ∝ grad µ (1. Ficksches Gesetz). Bei dem Vorgang wird Entropie erzeugt:
TIS,erzeugt = ∆µIn
Name des Vorgangs: Diffusion.
Damit ein Entropiestrom durch einen Wärmewiderstand (z.B. Hauswand, Kupferstab) fließt,
braucht er einen Antrieb: eine Temperaturdifferenz (“Thermische Spannung”), Abb. 2.15.
18

Abb. 2.12. Elektrische Potentialdifferenz als Antrieb eines Abb. 2.13. Geschwindigkeitsdifferenz als Antrieb eines Im-
elektrischen Stroms pulsstrom

Abb. 2.14. Chemische Potentialdifferenz als Antrieb eines Abb. 2.15. Temperaturdifferenz als Antrieb eines Entropie-
Stoffmengenstroms stroms

Manchmal ist IS ∝ grad T (Wärmeleitungsgleichung). Bei dem Vorgang wird Entropie erzeugt:
TIS,erzeugt = ∆TIS,hinein
Name der Vorgangs: Wärmeleitung.
Wir fassen zusammen: Eine Differenz der intensiven Variablen stellt einen Antrieb für einen
Strom der zugehörigen extensiven Variablen dar.
Die Ströme der extensiven Größen fließen nur solange, wie der Antrieb, d.h. die Differenz der in-
tensiven Größen, von Null verschieden ist. Ist diese Differenz gleich Null, so sagt man es bestehe
Gleichgewicht bezüglich der zugehörigen extensiven Größe, Abb. 2.16 - 2.19.

Abb. 2.16. Elektrisches Gleichgewicht: Es fließt kein Q mehr Abb. [Link]: Es fließt kein L mehr
wenn ϕ1 = ϕ2 wenn ω1 = ω2

Abb. [Link] Gleichgewicht: Es fließt keine Stoff- Abb. 2.19. Thermisches Gleichgewicht: Es fließt kein S mehr
menge mehr wenn µBrot = µKnäckebrot wenn T1 = T2
3. Elektrischer Strom und Stoffmengenstrom
3.1 Das chemische Potential
Wie ein elektrischer Potentialunterschied einen Antrieb für einen Q-Strom darstellt, so stellt eine
Differenz des chemischen Potentials ∆µ, einen Antrieb für einen n-Strom dar. Der Wert des che-
mischen Potentials bezieht sich stets auf einen bestimmten Stoff. Man schreibt daher im Zweifels-
fall den Stoffnamen in Klammern hinter das µ. Um eine qualitative Vorstellung von den Werten
des chemischen Potentials und dem Zusammenhang zwischen µ und anderen physikalischen
Größen zu bekommen, braucht man nur nachzusehen, von wo nach wo Stoffe fließen.
Ein Gas oder eine Flüssigkeit fließt in einem Rohr von Stellen hohen zu Stellen niedrigen Drucks.
Das chemische Potential hängt also vom Druck ab, es wächst mit zunehmendem Druck.
Wasserdampf, der mit Luft vermischt ist, “diffundiert” von Stellen hoher zu Stellen niedriger
Konzentration. Ebenso diffundiert in Wasser gelöstes Salz von Stellen hoher zu Stellen niedriger
Konzentration. µ nimmt also mit der Konzentration zu.
Bei trockener Luft verdunstet eine Wasserpfütze. Das chemische Potential des Wassers in der
Pfütze ist also höher als in der Luft.
Benutzt man Silicagel zum Trocknen der Luft, so ist das chemische Potential des Wassers im Sili-
cagel niedriger als in der Luft. Das chemische Potential eines Stoffes hängt also auch von dem Me-
dium ab, in dem sich der Stoff befindet.

3.2 Stoffe und Teilchen


Kommt es bei einem System nicht auf die Menge an, so spricht man von einem Stoff. 1 g Luft ist
derselbe Stoff wie 1 kg Luft. Um einen Stoff zu charakterisieren, kommt es aber sehr wohl auf den
Zusammenhang der Werte der mengenartigen Größen untereinander an:
Für Wasser z.B. ist m/n = 18 g/mol.
Für freie Elektronen ist m/n = 0,55 mg/mol und Q/m = 1,76 x 1011C/kg.
Für Licht ist E/p = 3 x 108m/s.
Einige der mengenartigen Größen sind quantisiert. Was heißt das? Kann ein System von einer
Größe nichts abgeben oder aufnehmen, so ist der Wert der Größe ein ganzzahliges Vielfaches ei-
nes Elementarquantums z.B.:
Q = l1 ⋅ e e = 1, 60 ⋅ 10 −19 C = Elementarladung
h
L = l2 ⋅ h = 1, 05 ⋅ 10 −34 Js = elementares Drehimpulsquantum ( Planck − Konstante)
2
n = l3 ⋅ τ τ = 1, 66 ⋅ 10 −24 mol = Elementarmenge (1/Avogadrokonstante)
l1 , l2 , l3 = ganze Zahlen

Der Quotient F = e/τ = 0,965.105 C/mol heißt Faraday-Konstante.


Ein System, bei dem die Stoffmenge den Wert n =1τ hat, nennt man ein Teilchen. Unter be-
stimmten Umständen darf man sich darunter ein kleines lokalisierbares Individuum vorstellen,
oft versagt aber diese Vorstellung.
Das Teilchen Elektron z.B. ist ein System mit
n = 1τ , Q = 1e, L = h / 2, E = …, etc.

Teilchen für die Q ≠ 0 ist, nennt man Ladungsträger.


20
Beispiele für Ladungsträger:
freies Elektron
bewegliches Elektron in Halbleiter
Defektelektron in Halbleiter
freies Positron
Cu++-Ion in wäßriger Lösung
Myon
So wie zu einer bestimmten Menge eines Stoffs ein Ensemble der Werte aller mengenartigen Grö-
ßen gehört, so gehört zu einem Stoffstrom ein Ensemble von Strömen der entsprechenden men-
genartigen Größen. So entspricht einem Elektronenstrom ein Ensemble von Strömen bestehend
aus einem elektrischen Strom (Stärke I), einem Massenstrom (Stärke Im), einem Stoffmengen-
strom (Stärke In), einem Entropiestrom (Stärke IS) . . . Die Stromstärken hängen für einen be-
stimmten Stoff wieder auf charakteristische Art zusammen. So ist für einen Strom freier Elektro-
nen I/Im = 1,76 . 1011C/kg.
Die mengenartigen Größen sind mehr oder weniger stark “aneinander gekoppelt”. So ist elektri-
sche Ladung stets fest an Stoffmenge und an Masse gekoppelt. Es gibt keinen elektrischen Strom
ohne Massenstrom und ohne Stoffmengenstrom. Es gibt also keinen rein elektrischen Strom. Dar-
aus folgt, daß man einen Stoff- oder Teilchenstrom auf verschiedene Arten antreiben kann.
So kann man einen Elektronenstrom antreiben:
– indem man einen elektrischen Potentialgradienten erzeugt; dieser Potentialgradient “zieht” an
der Ladung der Elektronen;
– indem man einen Gradienten des chemischen Potentials erzeugt; dieser zieht an der Stoffmenge
der Elektronen;
– indem man einen T-Gradienten erzeugt; dieser zieht an der Entropie der Elektronen.

3.3 Das elektrochemische Potential


Wir betrachten den Strom irgendwelcher Ladungsträger zwischen den Stellen a und b einer Lei-
tung, Abb. 3.1. Haben alle intensiven Variablen bei a und b denselben Wert, bis auf das elektrische
Potential ϕ, ist also Ta=Tb, µa=µb etc. ϕa≠ϕb, so wird der Teilchenstrom durch die elektrische
Spannung U = ϕ1– ϕ2 angetrieben. In der Leitung wird Energie dissipiert gemäß

P = TIS,erzeugt = (ϕa–ϕb)I.

Haben dagegen alle intensiven Variablen außer µ bei a und b denselben Wert, ist also Ta = Tb, ϕa
= ϕb etc. . . . µa ≠ µb, so wird der Teilchenstrom durch die chemische Spannung ∆µ = µa–µb an-
getrieben, und in der Leitung wird Energie dissipiert gemäß P = TIS,erzeugt = (µa -– µb) In.
Haben sowohl ϕ als auch µ bei a und b unterschiedliche Werte, so hat der Strom zwei Antriebe:
∆ϕ und ∆µ. Diese können an den Elektronen in dieselbe oder in die entgegengesetzte Richtung
“ziehen”.
Die dissipierte Energie ist dann
P = TIS,erzeugt = (ϕa -– ϕb) I + (µa – µb) In.
Nun sind I und In aneinander gekoppelt. Ein
Teilchen (n =1τ) trägt eine ganze Zahl z von
Elementarladungen:
Q = ze.
Abb. 3.1. Ein Stoffstrom kann verschiedene Antriebe haben.
Für Elektronen zum Beispiel ist z = -–1.
21
Elektrischer und Stoffmengenstrom hängen also zusammen gemäß
I ze
=
In τ

und mit e/τ = F ( = Faraday-Konstante) folgt


I = zFIn (3.1)
Damit wird die dissipierte Energie
P = [(ϕa – ϕb)zF + (µa -– µb)]In
Man nennt die Größe
η = µ + zFϕ (3.2)
das elektrochemische Potential der Ladungsträger in der entsprechenden Umgebung. Damit wird

P = (ηa - ηb)In (3.3)


Der Gesamtantrieb des Teilchenstroms ist also durch die elektrochemische Spannung
∆η = ηa–ηb gegeben.
Es fließt kein Teilchenstrom, wenn ∆η = 0, wenn also ηa = ηb ist. Das bedeutet, daß

µa – µb = – zF (ϕa – ϕb)
ist. “Stromlosigkeit” heißt also nicht, daß das elektrische, sondern daß das elektrochemische Po-
tential überall gleich ist.

3.4 Die Kontaktspannung


Das chemische Potential der Elektronen ist in unterschiedlichen Leitern verschieden. Es besteht
also für die Elektronen zwischen zwei Metallen eine chemische Potentialdifferenz. Legt man fest,
daß das chemische Potential freier Elektronen im Vakuum den Wert 0 G hat, so gelten die Werte
von Tabelle 3.1.
Zwischen Kupfer und Platin z.B. besteht für Elektronen eine chemische Potentialdifferenz
µ(Cu)-µ(Pt)= 85 kG. Das chemische Potential der Elektronen ist im Cu größer als im Pt. Bringt
man Cu und Pt in Berührung, so fließen zunächst Elektronen, dem chemischen Potentialgefälle
nach, vom Kupfer zum Platin. Dadurch laden sich die beiden Metalle entgegengesetzt auf, und
zwar das Kupfer positiv und das Platin negativ. Das elektrische Potential des Kupfers nimmt dabei
zu, das des Platins ab. Es entsteht also ein elektrischer Antrieb in die dem Stoffmengenstrom ent-
gegengesetzte Richtung. Wenn F∆ϕ = ∆µ, also ∆η = 0 geworden ist, wenn also elektrischer und
chemischer Antrieb entgegengesetzt gleich sind, fließt kein Teilchenstrom mehr. Es herrscht
elektrochemisches Gleichgewicht.
Zwischen zwei Stücken aus verschiedenen Me-
tallen, die sich berühren, besteht also eine elek- Tabelle 3.1. Chemische Potentiale der Elektronen in einigen
trische Spannung, die Kontaktspannung oder Metallen
Voltaspannung. Wir berechnen die Kontakt-
spannung zwischen Kupfer und Platin. Stoff µ (in kG)

Aus η = 0 folgt ∆ϕ = (1/F )∆µ. Ag – 460


Cs – 170
Mit F = 0,965 . 105C/mol und ∆µ = 85 kG er- Cu – 430
hält man Ni – 445
Pt – 515
∆ϕ = ϕ(Cu) -– ϕ(Pt) = 0,88 V. W – 435
22

Abb. 3.2. Elektrisches, chemisches und elektrochemisches Potential eines geschlossenen “Stromkreises”, der nur aus drei
Leitern aus unterschiedlichen Metallen besteht

Trotz (oder besser: wegen) dieser Spannung fließt kein elektrischer Strom.
Baut man aus verschiedenen Metallen einen geschlossenen “Kreis” auf, so fließt natürlich kein
Strom, Abb. 3.2.
Man kann die Kontaktspannung nicht einfach mit einem Voltmeter messen. Abbildung 3.3 zeigt,
warum. Ein Voltmeter zeigt immer die elektrochemische Spannung an. Nur wenn das chemische
Potential in den beiden Punkten, zwischen denen man mißt, dasselbe ist, ist die elektrochemische
mit der elektrischen Spannung identisch.
Wenn man trotzdem so tut, als zeige das Volt-
meter die elektrische Spannung an, so gibt es in
der Regel kein Unglück, denn in vielen Fällen,
in denen man glaubt, man brauche die elektri-
sche Spannung, braucht man tatsächlich die
elektrochemische; etwa zur Berechnung von I
nach dem Ohmschen Gesetz.
Die Messung der elektrischen Potentialdiffe-
renz zwischen zwei Materialien ist sehr schwie- Abb. 3.3. Das Voltmeter mißt nicht die elektrische Spannung
rig. Die Werte von Tabelle 3.1 sind daher mit zwischen Eisen und Silber, sondern die elektrochemische.
großen Unsicherheiten behaftet.

3.5 Das Prinzip der galvanischen Zelle


In der Anordnung, die in Abbildung 3.4 dargestellt ist, fließt ein elektrischer Strom in einem ge-
schlossenen “Kreis”. Sind die beiden Anschlüsse der Batterie aus demselben Material, so ist das
elektrische Potential des Pluspols höher als das
des Minuspols. Außerhalb der Batterie fließt
die elektrische Ladung vom hohen zum niedri-
gen Potential, in der Batterie vom niedrigen
zum hohen. Außerhalb der Batterie wird der
elektrische Strom also durch das elektrische
Potentialgefälle angetrieben. Innerhalb wird er
gehemmt. Wie kommt aber die Elektrizität in
der Batterie den elektrischen Potentialberg hin-
auf?
Abb. 3.4. Akku mit Energieverbraucher
23
Außerhalb der Batterie seien die Ladungsträger Elektronen. Ihr chemisches Potential hat in den
beiden Anschlüssen der Batterie denselben Wert. Ihr elektrochemisches Potential η = µ - Fϕ
nimmt auf dem Weg vom Minus- zum Pluspol ab. Die Elektronen folgen dem elektrochemischen
Potentialgefälle und fließen vom Minus- zum Pluspol. Sie fließen, weil an ihrer Ladung das elek-
trische Potentialgefälle zieht.
In der Batterie können nicht die Elektronen Ladungsträger sein, denn Elektronen müßten ja in der
Batterie den elektrochemischen Potentialberg hinauffließen. In der Batterie wird die Ladung da-
her von einem Stoff getragen, für den es wieder den elektrochemischen Potentialberg hinunter
geht. Da es in der Batterie den elektrischen Berg hinaufgeht, muß für diesen Stoff ein chemischer
Potentialabfall existieren, der die elektrische Potentialdifferenz überkompensiert.
Um einen elektrischen Strom mit einer galvanischen Zelle aufrechtzuerhalten, sind also minde-
stens zwei verschiedene Ladungsträgerarten nötig.
Wir betrachten eine Realisierung einer galvani-
schen Zelle, die zwar praktisch bedeutungslos,
dafür physikalisch aber leicht durchschaubar
ist, Abb. 3.5. Zwei Platinstücke A und C (“Elek-
troden”) sind über die Schwefelsäure B (“Elek-
trolyt”) miteinander verbunden. An den Platin-
elektroden befindet sich je eine Kupferzulei-
tung. Platin hat die Eigenschaft, daß sich Was-
serstoff in ihm sehr gut löst. Der Wasserstoff ist
dabei vollständig ionisiert, d.h. in H+ (Proto- Abb. 3.5. Einfache Realisierung einer galvanischen Zelle
nen) und Elektronen zerfallen.
In den beiden Platinelektroden befinde sich nun unterschiedlich viel H+. Die Schwefelsäure stellt
eine Verbindung zwischen den Elektroden dar, die für H+-Ionen durchlässig und für Elektronen
undurchlässig ist. Im Fachjargon heißt eine solche nur für bestimmte Stoffe durchlässige Verbin-
dung eine Membran.
(Andere Beispiele für Gegenstände, die für bestimmte Ströme durchlässig sind und für andere
nicht: Kupfer läßt Elektronen durch aber keine H+-Ionen; Glas läßt Licht durch aber keine Luft).
Wegen dieser leitenden Verbindung ist das elektrochemische Potential der Protonen in den drei
Bereichen A, B, und C gleich, es herrscht elektrochemisches Gleichgewicht:
ηA(H+) = ηB(H+) = ηC(H+)

Ist die H+-Konzentration, und damit das chemische Potential des H+, in A größer als in C, so muß
das elektrische Potential um den entsprechenden Betrag niedriger sein. Mit z = 1 wird
µA(H+) + FϕΑ = µC(H+) + FϕC ⇒ ∆ϕ = – (1/F) ∆µ (H+).

Da das chemische Potential der Elektronen bei A und C gleich ist, ist ihr elektrochemisches Poten-
tial verschieden.
∆η(e–) = ∆µ(e–) – F∆ϕ = –F∆ϕ = ∆µ(H+)
Zwischen den Anschlüssen herrscht also eine mit dem Voltmeter meßbare (elektrochemische)
Spannung. Unterscheiden sich die Konzentrationen um einen Faktor 50, so ist ∆ϕ ≈ 0,1 V.
Verbindet man nun die beiden Anschlüsse über einen Energieverbraucher, Abb. 3.6, so vermin-
dert man die elektrische Spannung zwischen A und C. Das elektrochemische Gleichgewicht des
H+ wird damit gestört. Die chemische Spannung des H+ zwischen A und C, die das H+ zur gerin-
geren Konzentration treiben möchte, wird durch die elektrische Spannung nicht mehr voll kom-
pensiert, und es fließt ein H+-Strom durch die Säure von A nach C.
Die Stoffmengenstromstärke der Protonen durch den Elektrolyten ist dabei genauso groß wie die
24

der Elektronen im Draht. Das H+ überwindet


den elektrischen Potentialanstieg dadurch, daß
es einen chemischen Potentialberg hinunter-
fließt.
Der Energievorrat dieser Zelle ist erschöpft,
wenn sich die H+-Konzentrationen bei A und C
angeglichen haben. Die Zelle ist dann leerge-
worden. (Das Wort “leer” bezieht sich auf die
verfügbare Energie.) Abb. 3.6. Von A nach C fließen H+- Ionen durch den Elektro-
lyten und Elektronen durch den Verbraucher
Statt die elektrische Spannung, die der chemi-
schen bei offenem Stromkreis das Gleichge-
wicht hielt, zu verringern, kann man sie aber
auch erhöhen, Abb. 3.7. Dann wird das elektro-
chemische Gleichgewicht in der anderen Rich-
tung gestört. Das elektrische Potentialgefälle,
das die H+-Ionen nach A zieht, ist größer als das
chemische, das sie nach C zieht, und es fließt
ein H+-Strom von der niedrigen Konzentration
zur hohen. Die Zelle wird geladen. Abb. 3.7. Die galvanische Zelle wird geladen

In Abbildung 3.8 sind µ(e-), η(e-) µ(H+),


η(H+) und ϕ für die folgenden 3 Fälle dargestellt: 1) elektrochemisches Gleichgewicht für H+, 2)
Entladen der Zelle, 3) Laden der Zelle. Die beiden Cu-Drahtenden rechts und links hat man sich
hinten herum verbunden zu denken.
Man kann nun diese Zelle so modifizieren, daß sie wie eine Brennstoffzelle arbeitet. (Eine Brenn-
stoffzelle ist eine Zelle, die nie leer wird, weil man ihr den “Brennstoff”, d.h. den Stoff, der in ihr
vom hohen zum niedrigen chemischen Potential fließt, kontinuierlich zuführt.)
Man setzt hinter jede Elektrode ein Reservoir mit Wasserstoff und sorgt dafür, daß die Protonen-
konzentrationen in den beiden Elektroden ihre unterschiedlichen Werte beibehalten. Bei ge-
schlossenem Stromkreis, Abb. 3.9, fließt dann Wasserstoff aus dem Reservoir ins Platin A hinein.
Dabei teilt er sich in Protonen und Elektronen. Die Elektronen fließen, dem elektrischen Poten-
tialgefälle nach, durch den Draht und den Energieverbraucher nach C, die Protonen gegen das
elektrische Potentialgefälle, dem chemischen Potentialgefälle nach, durch den Elektrolyten auch
nach C.
Protonen und Elektronen vereinigen sich an der Grenzfläche zwischen C und dem rechten H2-Re-
servoir und gehen in dieses H2-Reservoir auf niedrigem Druck über. Insgesamt hat sich der Was-
serstoff also einfach entspannt.
Verfolgt man die elektrische Ladung auf ihrem geschlossenen Weg im Stromkreis, so erkennt
man, daß eine wichtige Funktion der Elektro-
den darin besteht, daß hier die elektrische La-
dung ihren Träger wechselt.

Abb. 3.9. Der Wasserstoff fließt aus dem linken Behälter in


den rechten
25

Abb. 3.8. Verlauf des elektrischen Potentials, sowie der chemischen und elektrochemischen Potentiale von H+- Ionen und
Elektronen (a) im elektrochemischen Gleichgewicht, (b) beim Entladen und (c) beim Laden der galvanischen Zelle
26
3.6 Brennstoffzelle - Elektrolyse
Ist die chemische Reaktion
A+B ↔ C+D
im Gleichgewicht, so ist die Summe der chemischen Potentiale der linken Seite gleich der der
rechten:
µ(A) + µ(B) = µ(C) + µ(D) .
Für eine Reaktion A + B → C gilt im Gleichgewicht µ(A) + µ(B) = µ(C) und für eine Reaktion
A + B → 2C ist µ(A) + µ(B) = 2µ(C) .
Wir betrachten die Reaktion
2H2 + O2 ↔ 2H2O
Das chemische Potential der rechten Seite ist bei Normaldruck und Zimmertemperatur um
474 kG niedriger als das der linken. Es besteht also ein Antrieb von
∆µ = (2µ(H2) + µ(O2)) – 2 µ(H2O) = 474 kG
Diesen Antrieb nutzt man in der Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle aus, um einen elektri-
schen Strom anzutreiben. Bei der Elektrolyse, d.h. elektrischen Zerlegung von Wasser in Wasser-
stoff und Sauerstoff, muß man diesen Antrieb überwinden.
Abbildung 3.10 zeigt den Aufbau einer Wasser-
stoff-Sauerstoff-Zelle. In jede der porösen
Elektroden kann von der einen Seite das Gas
und von der anderen der Elektrolyt eintreten,
aber weder Gas noch Elektrolyt können auf der
jeweils anderen Seite die Elektrode wieder ver-
lassen. Der Elektrolyt ist für H+-Ionen leitfä-
hig, nicht dagegen für Elektronen und Sauer-
stoffionen.
Abb. 3.10. Wasserstoff-Sauerstoff-Zelle
In den Elektroden herrschen Gleichgewichte,
die durch die folgenden Reaktionsgleichungen beschrieben werden:
Elektrode A Elektrode C
2H2 ↔ 4H+ + 4e- 2H2O ↔ 4H+ + 4e- + O2

2µ(H2) = 4µΑ(H+) + 4µ(e-) 2µ(H2O) = 4µC(H+) + 4µ(e-)+ µ(O2)

Das chemische Potential der Elektronen ist in A und C gleich, da die Elektroden aus demselben
Material bestehen mögen. Das chemische Potential von H+ dagegen ist sehr verschieden, denn
durch die Verbrennung in C wird seine Konzentration in C niedrig gehalten. Wir suchen die elek-
trische Potentialdifferenz zwischen A und C. Wir ziehen dazu die rechte Gleichung von der linken
ab:
(2µ(H2)+ µ(O2)) – 2µ(H2O) = 4µΑ(H+) – 4µC(H+) = 4(ηA(H+) – FϕΑ) – 4(ηC(H+) – FϕC)

Im letzten Gleichungsschritt wurde η = µ + zFϕ verwendet. Da die H+-Ionen zwischen A und C


durch den Elektrolyten hindurch frei hin- und herströmen können, herrscht für H+ zwischen A
und C elektrochemisches Gleichgewicht: ηA(H+) =ηC(H+) . Man erhält also

∆µ = (2µ(H2)+ µ(O2)) – 2µ(H2O) = 4F(ϕC – ϕA) = 4FU


Die elektrische Spannung zwischen A und C ist also:
27

1
U= ∆µ (3.4)
4F
wo ∆µ die chemische Spannung der in der Zelle insgesamt ablaufenden Reaktion ist. Mit ∆µ =
474 kG und F = 96500 C/mol erhält man U = 1,23 V.
Dieser Wert gilt für den Fall, daß für H+ zwischen den Elektroden elektrochemisches Gleichge-
wicht herrscht. Es fließt kein Teilchenstrom und kein elektrischer Strom.
Schließt man den Stromkreis über einen Verbraucher, so ist der chemische Antrieb für die H+-Io-
nen größer als der elektrische, und es fließt ein H+-Strom von A nach C. In der Elektrode C wird
Wasser gebildet (der Elektrolyt wird dadurch vermehrt und verdünnt). Die Zelle arbeitet als
Brennstoffzelle.
Sorgt man dagegen durch eine äußere Energiequelle dafür, daß der elektrische Antrieb der H+-Io-
nen von C nach A größer wird als der chemische von A nach C, so fließt H+ von C nach A, und in
der Elektrode C wird Wasser zersetzt. Die Zelle arbeitet jetzt als Elektrolysezelle.
In technischen Galvanischen Elementen (Bleiakkumulator, Leclanché-Element, Daniell-Ele-
ment, Weston-Element) stellen die Elektroden gleichzeitig das “Brennstoffreservoir” dar. Das
Elektrodenmaterial löst sich im Elektrolyten auf. Es hat, solange es Bestandteil der Elektrode ist,
ein anderes chemisches Potential als in der Lösung. Diese chemische Potentialdifferenz benutzt
man als Antrieb für den elektrischen Strom.

3.7 Die Kopplung zwischen Strömen - die Onsager-Beziehung


Wir wollen den mathematischen Formalismus an einem einfachen Beispiel kennenlernen: an der
bereits behandelten Kopplung zwischen elektrischem Strom und Stoffmengenstrom.
Ein Stoffmengenstrom, der in einer Leitung
fließt, kann auf zwei Arten angetrieben werden,
Abb. 3.11:
– durch ein Gefälle grad µ des chemischen Po-
tentials;
– durch ein Gefälle grad ϕ des elektrischen Po-
tentials, das an der fest an die Stoffmenge ge-
koppelten Ladung zieht.
Entsprechend gilt, daß ein Ladungsstrom ange- Abb. 3.11. Da n an Q gekoppelt ist, kann sowohl der n-
trieben werden kann: Strom als auch der Q-Strom durch einen ϕ- oder einen µ-
Gradienten angetrieben werden.
- durch einen ϕ-Gradienten;
- durch einen µ-Gradienten.
Mathematisch kann man das so ausdrücken:
jn = L11 grad µ + L12 grad ϕ (3.5a)

jQ = L21 grad µ + L22 grad ϕ (3.5b)


jn und jQ sind die Stoffmengen- und die Ladungsstromdichte. Wir betrachten im Folgenden den
Fall, daß die Gradienten von µ und von ϕ parallel zur x-Richtung liegen. Die Gleichungen (3.5a)
und (3.5b) vereinfachen sich dann zu:
28

dµ dϕ
jn = L11 + L12 (3.6a)
dx dx
dµ dϕ
jQ = L21 + L22
dx dx (3.6b)

Da Q fest an n gekoppelt ist, sind die Gleichungen linear abhängig: jQ = zFjn (F = Faradaykon-
stante, z = ganze Zahl). Das Analoge wird nicht mehr der Fall sein, wenn wir andere Ströme wäh-
len, etwa wenn wir statt jn die Entropiestromdichte jS betrachten (Abschnitt 3.8).
Wir interpretieren zunächst die Koeffizienten Lik.
L11 ist ein Maß für die Stärke des n-Stroms, der durch eine gegebenes µ-Gefälle verursacht wird,
für den Fall, daß kein weiterer Antrieb vorhanden ist (dϕ/dx = 0). Es hat die Bedeutung einer
Stoffleitfähigkeit.
L22 ist entsprechend ein Maß für die Stärke des elektrischen Stroms, der durch ein gegebenes ϕ-
Gefälle verursacht wird, solange kein µ-Gefälle vorhanden ist. Für dµ/dx = 0 ist jQ = L22 dϕ/dx.
Der Vergleich mit jQ = – σ dϕ/dx (siehe Gleichung (2.8)) zeigt, daß L22 = – σ ist.
L12 und L21 bringen zum Ausdruck, daß zwischen jn und jQ eine Kopplung besteht. L12 gibt an,
wie stark ein n-Strom durch einen ϕ-Gradienten beeinflußt wird und L21, wie stark ein Q-Strom
durch einen µ-Gradienten angetrieben wird. Es ist einleuchtend, daß, falls L12 groß ist, auch L21
groß sein muß, und umgekehrt. Es gibt ein allgemeines Theorem, das behauptet, daß
L12 = L21 (3.7)
gilt, und zwar immer, wenn sich zwei Ströme in der Form der Gleichungen (3.6a) und (3.6b)
schreiben lassen. Diese Beziehung heißt nach ihrem Entdecker Onsager-Beziehung. Sie kann in
unserem konkreten Fall leicht bewiesen werden.
Der Antrieb eines Teilchenstroms ist durch dη/dx gegeben:
dη d ( µ + zFϕ ) dµ dϕ
jn = L1 = L1 = L1 + L1zF
dx dx dx dx
Aus dem Vergleich der Koeffizienten mit denen in Gleichung (3.6a) folgt:
L11 = L1 und L12 = L1zF
und daraus ergibt sich
L12 = zFL11 .

Mit jQ = zFjn wird, wenn man den Fall mit dϕ/dx = 0 betrachtet, aus Gln. (3.6a) und (3.6b):

jn = L11
dx

jQ = zFjn = L21
dx

Dividiert man durcheinander, so ergibt sich:


L21 = zFL11.
Es ist also L12 = L21 q. e. d.
Dividiert man Gl. (3.6b) durch Gl. (3.6a), nachdem man dµ/dx = 0 gesetzt hat, so erhält man
29
L22 = zFL12

Wir können nun alle 4 Koeffizienten Lik durch die elektrische Leitfähigkeit σ und die Faraday-
konstante F ausdrücken:
σ σ
L22 = −σ L12 = L21 = − L11 = −
zF z F2
2

Wir beschreiben nun die Stärke der Kopplung zwischen Q- und n-Strom durch eine dimensions-
lose Konstante m:
j  j 
m= n ⋅ Q 
 jQ  dµ / dx = 0  jn  dϕ / dx = 0

Der erste Faktor drückt aus, wie stark n von Q mitgenommen wird, wenn für n kein eigener An-
trieb besteht (dµ/dx = 0), der zweite ist entsprechend ein Maß dafür, wie stark Q von n mitge-
nommen wird. Aus Gln. (3.6a) und (3.6b) ergibt sich

L12 L21 L 2
m= ⋅ = 12
L22 L11 L11 L22

Wir setzen die Ausdrücke für L21, L12 und L22 ein:

σ 2 /( zF )2
m= =1
[ ]
−σ /( z 2 F 2 ) ( −σ )

In unserem Fall der festen Kopplung ist m = 1. Bei anderen Strömen erwarten wir kleinere Werte
für m.

3.8 Die Kopplung zwischen elektrischem Strom und Entropiestrom


Die Kopplung zwischen n und Q ist ein trivialer Sonderfall. Man kann Gln. (3.6a) und (3.6b) im
vorigen Abschnitt durch eine einzige Gleichung ersetzen:
σ dη
jn = −
z F 2 dx
2

jQ berechnet man aus jn einfach durch Multiplikation mit zF.


Besteht nun neben dem η-Gefälle noch ein Temperaturgefälle, so können wir auf Gleichungen
vom Typ der Gln. (3.6a) und (3.6b) nicht mehr verzichten:
dη dT
jn = L11 + L12 (3.8a)
dx dx
dη dT
jS = L21 + L22 (3.8b)
dx dx

Die Koeffizienten Lik haben jetzt natürlich andere Bedeutungen als im vorigen Abschnitt. Um die
Gleichungen zu interpretieren, betrachten wir einige Spezialfälle:
1) dT/dx =0, dη/dx ≠0
dT/dx =0 bedeutet: Die Temperatur des Leiters ist überall dieselbe. Gl. (3.8a) sagt, was wir schon
wußten: Ein η-Gradient hat einen Stoffstrom zur Folge, z.B. einen Elektronenstrom. Gl. (3.8b)
sagt nun, daß dieser Stoffstrom einen Entropiestrom mitschleppt.
30
2) dη/dx =0, dT/dx ≠0
Gl. (3.8b) sagt, was wir schon wußten: Ein T-Gradient hat einen S-Strom zur Folge (siehe Ab-
schnitt 2.5). Gl. (3.8a) behauptet, daß ein T-Gradient einen Elektronenstrom antreibt, obwohl
keine elektrochemische (und auch keine elektrische) Potentialdifferenz besteht.
3) jn = 0
Wir verhindern das Fließen eines Teilchenstroms, indem wir den Leiter einfach nicht in einen
Stromkreis einbauen. Aus Gl. (3.8a) folgt:
dη / dx L
= − 12
dT / dx L11

Ein T-Gradient hat also einen Gradienten des elektrochemischen Potentials zur Folge.
Wir suchen nun den Zusammenhang zwischen den Lik und den Materialkonstanten, die man in
Tabellen findet.
Wir vergleichen Gl. (3.8a) für dT/dx = 0 mit der für dT/dx = 0 gültigen Gleichung
σ Q dη
jn = −
z 2 F 2 dx
und erhalten
σQ
L11 = −
z2 F2
(Wir geben hier der elektrischen Leitfähigkeit den Index Q, um sie von der Entropieleitfähigkeit
σS zu unterscheiden).
Die experimentell gefundene Wärmeleitungsgleichung lautet
dT
jS = −σ S
dx
(Siehe auch Abschnitt 2.5).
σS ist die Entropieleitfähigkeit. In den Tabellen wird gewöhnlich die “Wärmeleitfähigkeit”
λ =T σS angegeben.
Vergleich mit Gleichung (3.8b) für dη/dx = 0 liefert
L22 = – σS
Die Größe
1  dη / dx 
α=−   (3.9)
zF  dT / dx  j n = 0

heißt “Thermokraft” oder “Thermospannung”. Sie ist tabelliert und gibt für den stromlosen Zu-
stand die (elektrochemische) Spannung zwischen zwei Punkten pro Temperaturdifferenz zwi-
schen den Punkten an (Maßeinheit V/K). Aus Gleichung (3.8a) folgt:
L12
= −αzF
L11

Wir berechnen noch die Kopplungsstärke m:


31

j  j  L L L 2
m =  n ⋅ S  = 12 ⋅ 21 = 12
 jS  dη / dx = 0  jn  dT / dx = 0 L22 L11 L11 L22

σQ
m = α2
σS
Tabelle 3.2 enthält die Werte von σQ, σS und α für einige Metalle bei Normaltemperatur
(≈ 300 K).
Was bedeutet die Tatsache, daß manche α positiv, manche negativ sind? In Gleichung (3.9) ist
(dη/dx)/(dT/dx) stets negativ, da das Temperaturgefälle ein entgegengesetzt gerichtetes elektro-
chemisches Potentialgefälle aufbaut. α < 0 heißt daher z < 0, d.h. die Ladungsträger sind negativ,
nämlich Elektronen. Ist α > 0, so ist z > 0. Die Ladungsträger sind positiv. Man nennt sie “Defekt-
elektronen”.
Der Quotient σQ/σS (letzte Spalte von Tabelle 3.2) ist annähernd temperaturunabhängig, obwohl
σQ und σS einzeln stark von T abhängen. Außerdem ist σQ/σS für alle Metalle nahezu gleich.
Diese Tatsache heißt das Wiedemann-Franzsche Gesetz. Man erkennt daran, daß die Leitung von
Q und von S durch dieselben Träger bewerkstelligt wird.
Für den Wert von m ergibt sich größenordnungsmäßig:
m ≈ 2,5 ⋅ 10-12 ⋅ 4,5 ⋅ 107 ≈ 10-4
Die Kopplung zwischen Entropie- und Mengenstrom ist also sehr schwach.

Tabelle 3.2. Elektrische Leitfähigkeit, Entropieleitfähigkeit und Thermokraft für einige Metalle

–1
Stoff 10–7 σQ (Ω m–1) σS (JK–2m–1s-–1) 106α (VK–1) 10–7σQ/σS (K2V–2)

Ag 6,29 1,43 +1,5 4,4


Al 3,77 0,79 –1,7 4,8
Cs 0,5 0,12 +0,1 4,2
Cu 6,0 1,34 +1,86 4,5
Fe 1,03 0,27 +16,6 3,8
Hg 0,10 0,028 +8,6 3,6
Mg 2,25 0,52 +4,3 4,3
Na 2,38 0,47 -–8,7 5,0
Ni 1,46 0,303 -–20,0 4,8
Pb 0,48 0,118 –1,26 4,1
Pt 0,94 0,239 –5,13 3,9
32
3.9 Thermoelement und Peltier-Wärme-
pumpe
Zwischen den Enden eines Cu-Drahtes, die sich
auf den unterschiedlichen Temperaturen T1
und T2 befinden, Abb. 3.12, besteht nach Gl.
(3.8a) eine elektrochemische Potentialdiffe-
renz. Ist der Temperaturunterschied nicht zu
groß, so daß man die T-Abhängigkeit von σ
vernachlässigen kann, so ist: Abb. 3.12. Kupferdraht, dessen Enden sich auf verschiedener
Temperatur befinden
∆η dη / dx
= = − zFα
∆T dT / dx a b
Und daraus folgt:
∆η = –zFα∆T
Wir versuchen, ∆η mit dem Voltmeter zu mes-
sen. Es ergibt sich aber ∆η = 0. Aus Abbildung
3.13a geht hervor, warum.
Wir ersetzen nun die zweite Verbindung zwi-
schen der hohen und der niedrigen Temperatur
durch ein anderes Metall, Abb. 3.13b. Es ist
dann
ηA -– ηB = – zFαCu (T1-–T2)
Abb. 3.13. (a) Die Differenz des elektrochemischen Potenti-
und als zwischen den Anschlüssen des Voltmeters ist Null.
(b) Zwischen A und C herrscht eine meßbare Differenz des
ηB – ηC = – zFαAl (T2 –T1) elektrochemischen Potentials.

Daraus folgt
ηA – ηC = (ηA – ηB) + (ηB – ηC)

= – zF (αCu – αAl) (T1 – T2)


Zwischen den Punkten A und C herrscht also eine meßbare elektrochemische Potentialdifferenz.
Eine solche Anordnung von zwei Leitern aus verschiedenem Material heißt Thermoelement. Sie
wird u.a. zur Messung von Temperaturen verwendet.
Man findet dieselbe Spannung, wenn man den
Kreis an irgendeiner anderen Stelle unterbricht, a b
Abb. 3.14a. Entscheidend ist, daß die Kontakt-
stellen zwischen den beiden Metallen die unter-
schiedlichen Temperaturen T1 und T2 haben
müssen.
Schließt man die beiden Metalle zu einem ge-
schlossenen Kreis zusammen, Abb. 3.14b, so
fließt ein Strom. Seine Stärke hängt vom Wi-
derstand, also von Querschnitt und Länge der
Leiter ab.
Schließt man statt des Voltmeters einen elektri-
schen Energieverbraucher an, so arbeitet die
Anordnung als “Energiewandler”. In den Kon-
takt der hohen Temperatur T2 fließt ein Ener- Abb. 3.14. (a) Man findet stets dieselbe Potentialdifferenz,
egal an welcher Stelle man den Stromkreis unterbricht.
giestrom der Stärke T2IS2 hinein. Am Kontakt (b) Kurzgeschlossenes Thermoelement
33
der niedrigen Temperatur fließt ein Energie-
strom T1IS1< T2IS2 heraus. Der Differenzbe-
trag fließt über die Drähte “in Form von elektri-
scher Energie” heraus. Wegen der schwachen
Kopplung zwischen S und n rutscht die Entro-
pie im Wesentlichen den T-Berg hinunter und
erzeugt dabei neue Entropie, statt den elektri-
schen Strom anzutreiben. Thermoelemente
sind also stark irreversible Energiewandler. Ihr
Wirkungsgrad ist viel schlechter als etwa der
von Dampfturbine und Generator.
Man kann das Thermoelement auch umgekehrt Abb. 3.15. Peltier-Wärmepumpe
betreiben: Man pumpt mit einer elektrischen
Energiequelle einen Teilchenstrom durch die beiden Kontakte, Abb. 3.15. Da der Teilchenstrom
in den beiden Materialien die Entropie verschieden gut mitnimmt, kommt ein Nettoentropiestrom
zwischen den beiden Kontakten zustande. Sind die Kontakte gegen die Umgebung thermisch iso-
liert, so erwärmt sich der eine, während sich der andere abkühlt. Diesen Vorgang nennt man Pel-
tier-Effekt. Eine solche Wärmepumpe ist zwar sehr einfach, sie hat aber einen sehr schlechten
Wirkungsgrad.
B. DAS ELEKTROMAGNETISCHE FELD

4. Ladung und Polarisation als Quellen des elektrischen Feldes


4.1 Der Zusammenhang zwischen elektrischer Feldstärke und elektrischer Ladung
An elektrischer Ladung hängt stets ein elektrisches Feld. Das System elektrisches Feld ist er-
kennbar an
– den Kräften, die es auf elektrisch geladene Körper ausübt;
– der Energie, die in ihm enthalten ist.
Das elektrische Feld ist ein Teilsystem des elektromagnetischen Feldes: Seine Zustände bil-
den eine Teilmannigfaltigkeit der Zustände des elektromagnetischen Feldes.
Bringt man in ein gegebenes Feld an eine bestimmte Stelle einen punktförmigen, elektrisch
geladenen Körper, eine sogenannte Punktladung, so wirkt auf die Punktladung eine Kraft
(man erkennt sie daran, daß sich der Impuls des geladenen Punktes ändert). Verdoppelt man
den Wert der Ladung Q, so verdoppelt sich auch der Betrag der Kraft F
F ∝ Q.
Der vektorielle Proportionalitätsfaktor ist also für das Feld ohne die zusätzliche Punktladung
charakteristisch. Man nennt ihn die Stärke des elektrischen Feldes. Das SI-Symbol der elektri-
schen Feldstärke ist E, die Maßeinheit N/C = V/m:
F = EQ (4.1)
Das E-Vektorfeld beschreibt das elektrische Feld eindeutig. Aus E können mechanische
Spannung (Impulsstromdichte) und Energiedichte berechnet werden. Die Energiestromdichte
im rein elektrischen Feld ist Null.
Die E-Feldverteilung einer Punktladung Q folgt aus dem Coulombschen Gesetz:
1 Qr
E= (4.2)
4πε 0 r 2 r
r ist der Abstandsvektor von der Punktladung, und
ε0 = 8,854 . 10–12C/(Vm)

ist die elektrische Feldkonstante. Addiert man zu einer Ladungsverteilung ρ1(r) eine andere
Ladungsverteilung ρ2(r), so addieren sich die dazugehörigen Feldstärkeverteilungen vekto-
riell:
ρ(r) = ρ1(r) + ρ2(r) ⇒ E(r) = E1(r) + E2(r) .
Unter dem Fluß eines beliebigen Vektorfeldes V(r) durch die Fläche S versteht man das In-
tegral

∫∫ V (r )dA
S

Ist V(r) eine Stromdichte, so ist der Fluß die dazugehörige Stromstärke.
35
Wir berechnen den Fluß des E-Feldes einer Punktladung durch eine geschlossene Kugelflä-
che, deren Mittelpunkt am Ort der Punktladung liegt, Abb. 4.1:
Q dA Q 1 Q
∫∫ E(r )dA = 4πε ∫∫
S 0 Kugel-
r 2
=
4πε 0 r 2 ∫∫ dA = ε
Kugel- 0
oberfläche oberfläche

Bei der Rechnung wurde benutzt, daß dA


überall zu r parallel ist.
Der Fluß durch eine beliebig geformte andere
geschlossene Fläche, die um die Punktladung
herumgelegt wird, hat denselben Wert, da au-
ßerhalb der Ladung nirgends Feldlinien be-
ginnen oder enden.
Wir setzen nun ins Innere der geschlossenen
Fläche eine beliebige andere Ladungsvertei- Abb. 4.1. Flächen, die eine Punktladung einschließen
lung und nähern sie durch eine Menge von
Punktladungen an. Da sich die Feldstärken
addieren, wenn man die Ladungen addiert, gilt
1
∫∫ E(r )dA = ε ∑ Q
S 0
i

∑Qi ist die gesamte Ladung, die sich innerhalb der Fläche S befindet. Beschreiben wir nun
die Ladung im Innern der Fläche durch die Ladungsdichteverteilung ρ(r), so ist
1
∫∫ E(r )dA = ε ∫∫∫ ρ(r )dV
S 0
(4.3)

Mit dem Gaußschen Satz

∫∫ E(r )dA = ∫∫∫ div E dV


wird aus (4.3)
1
∫∫∫ div E dV = ε ∫∫∫ ρ dV
0

Da diese Beziehung für jeden beliebigen Raumbereich richtig ist, muß gelten
ρ
div E = (4.4)
ε0
Die Gleichungen (4.3) und (4.4) sind Ausdruck der Tatsache, daß die elektrische Ladung die
Stelle ist, an der das elektrische Feld an der Materie “befestigt” ist.

4.2 Der Zusammenhang zwischen elektrischem Potential und elektrischer Feldstärke


Gegeben sei eine Punktladung. Wir wollen zeigen, daß der Wert des Integrals
B

∫ Edr
A

nur vom Anfangs- und Endpunkt, nicht aber vom Integrationsweg abhängt.
36
Der Beitrag zum Integral auf dem Wegstück
zwischen den Radien r und r', Abb. 4.2, ist
E dr = |E| |dr| cos ϕ .
Es ist aber
r' − r dr
dr = =
cos ϕ cos ϕ
|dr| ist der Betrag des Vektors dr, dr die
Differenz r' -–r der Radien. Der Betrag des
Feldstärkevektors E wird mit |E| bezeichnet,
um Verwechslungen mit der Energie E zu Abb. 4.2. Der Beitrag zum Integral auf dem Wegstück zwi-
vermeiden. schen den Radien r und r' hängt nicht von der Richtung
dieses Wegstücks ab.

Damit wird
E dr = |E| dr .
Der Beitrag hängt also nur von den beiden
Radien r und r' ab, nicht aber von der Rich-
tung des Integrationsweges. Das gesamte In-
tegral setzt sich aus solchen Beiträgen zusam-
men. Sein Wert hängt damit nur vom Abstand
der Punkte A und B von der Punktladung ab.
Insbesondere hat das Integral über den Weg
S' in Abb. 4.3 denselben Wert wie über den
Weg S.
Abb. 4.3. Das Wegintegral über die elektrische Feldstärke
hat auf dem Weg S denselben Wert wie auf dem Weg S'.
Es ist also

Q 1 1
B B' B' rB
Q dr
∫ Edr = ∫ Edr =
A A

A
E dr =
4πε 0 ∫r
rA
2
= −
4πε 0  rA rB 

Man kann sich nun eine beliebige Ladungsverteilung in Punktladungen zerlegt denken. Da
sich die Feldstärken dieser Punktladungen zur Gesamtfeldstärke addieren, gilt:
B

∫ Edr
A
ist unabhängig vom Integrationsweg

Man kann damit eine Potentialfunktion ϕ(r) definieren:


B

∫ Edr = -[ϕ (r ) − ϕ (r )]
A
B A
(4.5)

Hiermit sind allerdings nur ϕ-Differenzen definiert. Der Nullpunkt von ϕ darf noch beliebig
festgelegt werden.
Für eine Punktladung erhält man

Q 1 1
ϕ ( rA ) − ϕ ( rB ) = r − r 
4πε 0 A B

Setzt man ϕ(r = ∞) = 0, so ergibt sich für die Punktladung


1 Q
ϕ (r) = (4.6)
4πε 0 r
37
Die Definitionsgleichung (4.5) hat zur Folge:
E(r) = – grad ϕ(r) (4.7)
Durch ϕ(r) = const wird eine Fläche konstanten Potentials definiert, eine Äquipotentialflä-
che. Die Beziehung E = – grad ϕ sagt uns, daß die E-Feldlinien senkrecht zu den Äquipo-
tentialflächen verlaufen. In Abb. 4.4 sind die E-Feldlinien und die Schnitte der Äquipotenti-
alflächen mit der Zeichenebene für zwei kugelsymmetrische Ladungsverteilungen dargestellt.
Auf ein geladenes Teilchen, das sich im elektrischen Feld der Stärke E anderer Ladungen be-
findet, übt das Feld eine Kraft F = QE aus. Bewegt sich das Teilchen im Feld, so fließt der
Energiestrom P = vF = QvE in das Teilchen hinein. Diese Energie kann man ihm während
der Bewegung abnehmen. Bewegt sich das Teilchen z.B. in einem dissipativen Leiter, so wird
die Energie zur Entropieerzeugung verwendet. Bewegt sich das Teilchen von einer Stelle A
nach einer Stelle B, so beträgt diese Energie
rB rB

∆E = ∫ P dt = ∫ F dr = Q ∫ E dr = Q[ϕ ( rA ) − ϕ ( rB )]
rA rA

Fließt ein ganzer Teilchenstrom, und damit ein elektrischer Strom von A nach B, so wird
ständig der Energiestrom
P = I (ϕ(rA) – ϕ (rB) )
dissipiert. Das hier definierte elektrische Potential ist also mit dem durch Gleichung (2.1) de-
finierten identisch. Wir sehen jetzt aber, daß man nicht nur einem elektrischen Leiter ein Po-
tential zuordnen kann, sondern daß jeder Punkt eines statischen elektrischen Feldes ein Poten-
tial hat.
Mit E = – grad ϕ können wir die Gleichung j = – σ grad ϕ (Ohmsches Gesetz, Gleichung
(2.8)) vereinfachen:
j = σE (4.8)
Das Ohmsche Gesetz gilt in dieser Form
– nur für isotrope Medien, im Allgemeinen ist σ ein Tensor;
– nur, wenn man das elektrochemische Potential durch das elektrische ersetzen darf, also für
Leiter mit konstantem chemischem Potential.
Aus div E = ρ/ε0 und E = – grad ϕ folgt eine Beziehung zwischen ρ und ϕ:
div grad ϕ = –ρ/ε0 .
Den Operator div grad kürzt man ab durch ∆, man nennt ihn den Laplace-Operator. Es ist al-
so
∆ϕ = –ρ/ε0 .
Diese Gleichung heißt Poisson-Gleichung. Der Laplace-Operator ist in kartesischen Koordi-
naten:
∂ 2ϕ ∂ 2ϕ ∂ 2ϕ
∆ϕ = + +
∂x 2 ∂y 2 ∂z 2
Oft ist die Ladungsverteilung ρ(r) bekannt und die Feldstärkeverteilung E(r) gesucht.
Beispiel: Kugelsymmetrische Ladungsverteilung
Das E-Feld ist radialsymmetrisch, Abb. 4.5. Die Feldstärke findet man, indem man Glei-
chung (4.3) auf eine Kugel mit dem Radius r anwendet. Die linke Seite ist

∫∫ EdA = E(r ) 4πr


2
38

Abb. 4.4. Elektrische Feldlinien und Äquipotentialflächen des Feldes von zwei kugelsymmetrisch und entgegengesetzt
gleich geladenen Körpern
39
Die rechte Seite ist die Gesamtladung Q(r)
innerhalb der Kugel vom Radius r. Es ist al-
so
Q(r )
E=
ε 0 4πr 2
Die Feldstärke im Abstand r vom Mittel-
punkt der Verteilung hängt also nur von der
Gesamtladung innerhalb der Kugel vom Ra-
dius r ab, nicht aber davon, wie die Ladungs-
dichte von r abhängt. Auch wenn die ganze
Ladung, die sich in der Kugel befindet, im Abb. 4.5. Kugelsymmetrische Ladungsverteilung
Kugelmittelpunkt vereinigt wäre, wäre die
Feldstärke dieselbe. Die Feldstärke ist also dieselbe wie die einer Punktladung vom Betrag
Q(r), die sich im Mittelpunkt befindet. Ist die Ladungsdichte im Innern der Ladungsvertei-
lung zwischen r = 0 und r = r0 gleich Null, so ist dieser ganze Innenraum feldfrei.
Beispiel: Feld zwischen zwei unendlich ausgedehnten parallelen Metallplatten
Die Ladung pro Fläche ρA sei überall gleich.
Die Ladung der einen Platte habe aber das
entgegengesetzte Vorzeichen der Ladung der
anderen. Für den gestrichelten Bereich in Ab-
bildung 4.6 ist

∫∫ E dA = E ⋅ A
und Abb. 4.6. Ausschnitt aus zwei unendlich ausgedehnten Me-

∫∫∫ ρ dV = ρ
tallplatten
A A

Mit (4.3) folgt daraus


1
E ⋅A= ρA A
ε0
und
1
E= ρA (4.9)
ε0
Das E-Feld zwischen zwei entgegengesetzt geladenen parallelen Metallplatten endlicher
Ausdehnung ist annähernd homogen. Es ist um so homogener, je kleiner der Plattenabstand
gegen die Ausdehnung der Platten ist.
Beispiel: Feld eines Metallkörpers einheitlicher Zusammensetzung
Lädt man einen elektrisch leitenden, gegen
die Umgebung elektrisch isolierten Gegen-
stand auf, so verschiebt sich die Ladung so-
lange, bis elektrochemisches Gleichgewicht
herrscht, d.h. bis η überall denselben Wert
hat. Ist der Gegenstand einheitlich zusam-
mengesetzt, besteht er also z.B. aus einem
einzigen Metall, so hat das chemische Poten-
tial überall denselben Wert und es folgt aus η
= const auch ϕ = const.
Abb. 4.7 Die Oberfläche des Metallkörpers ist eine Äqui-
Alle Punkte des Gegenstandes befinden sich potentialfläche.
40
also auf demselben elektrischen Potential. Insbesondere ist auch seine Oberfläche eine Äqui-
potentialfläche, Abb. 4.7. Bei nicht einheitlicher Zusammensetzung ist die Oberfläche nur
noch eine Fläche konstanten elektrochemischen Potentials. Da die Abweichung der Oberflä-
che von einer Äquipotentialfläche nur einige Volt beträgt, kann man aber, wenn man es mit
hohen Spannungen zu tun hat, die Oberfläche praktisch mit einer Äquipotentialfläche identifi-
zieren.

4.3 Die Kapazität


Wir betrachten einen geladenen, elektrisch leitenden Gegenstand. Sein Potential sei ϕ1. In
seiner Umgebung sollen sich keine anderen Gegenstände oder sonstigen Ladungen befinden.
Für große Entfernungen vom Gegenstand geht die Feldstärke gegen Null, das Potential gegen
einen konstanten Wert: ϕ (r → ∞) = ϕ∞.

Verändert man die Ladungsverteilung auf dem Gegenstand um den Faktor k von ρ0 auf
ρ = k ρ0, so verändert sich
– die Gesamtladung von Q0 auf Q = kQ0;
– die Feldstärke in jedem Punkt des Feldes um denselben Faktor k;
– die elektrische Spannung zwischen zwei beliebigen Punkten um denselben Faktor k.
Die neue Ladungsverteilung ist wieder eine Gleichgewichtsverteilung, denn für den Gegen-
stand ist nach wie vor ϕ = const.
Die Spannung U = ϕ1 –ϕ∞ hat sich auch um den Faktor k verändert. Es ist also
Q/Q0 =U/U0, oder U ∝ Q, oder Q = CU.
Der von Q unabhängige Proportionalitätsfaktor C heißt Kapazität des Gegenstandes. Er
drückt aus, wieviel Ladung bei gegebener Spannung zwischen dem Körper und einem unend-
lich entfernten Punkt auf dem Gegenstand sitzt.
Wir betrachten nun zwei elektrisch leitende Gegenstände, deren Gesamtladung immer Null
ist, Abb. 4.8. Ändert man die Ladung jedes einzelnen Gegenstandes um den Faktor k, so än-
dert sich die Feldstärke überall und die Span-
nung zwischen den Gegenständen auch um
den Faktor k:
Q = CU (4.10)
C heißt die Kapazität der Anordnung. Ist die-
se Kapazität groß gegen die, die die beiden
Gegenstände einzeln haben, so nennt man die
Anordnung einen Kondensator.
Abb. 4.9 zeigt einen sogenannten Plattenkon-
densator. Da sein E-Feld annähernd homo-
gen ist, gilt für ihn
Abb. 4.8. Feld von zwei entgegengesetzt gleich geladenen
Platte 2 Körpern
∫ E dr = E ⋅ d = U
Platte 1

Hier ist d der Plattenabstand. Mit Gleichung


(4.9) wird daraus Q = ε0AU/d, und mit
(4.10) schließlich
ε0 A
C= (4.11)
d Abb. 4.9. Feld des Plattenkondensators
41
4.4 Dipol, Dipoldichte und Polarisation
Eine Anordnung aus zwei punktförmigen
Körpern von entgegengesetzt gleich großer
Ladung heißt Dipol, Abb. 4.10. Man nennt
p = Qa (4.12)
das elektrische Moment, oder das elektrische
Dipolmoment. (Vergleiche: L = ∑ ri × pi(S)
ist das Impulsmoment = Drehimpuls). Ach- Abb. 4.10. Elektrischer Dipol
tung: Die SI-Symbole von Impuls und elektri-
schem Moment sind identisch!
Genauso, wie es mathematisch besonders einfach ist, mit Punktladungen umzugehen, ist es
auch besonders einfach, mit Punkt-Dipolen zu operieren: Man erhält einen Punktdipol aus ei-
nem “echten”, hantelförmigen Dipol, indem man a → 0 gehen läßt, wobei man gleichzeitig
Q so vergrößert, daß p konstant bleibt. Für Abstände, die groß sind gegen den Abstand der
Punktladungen der Hantel, sind die Felder von Hantel- und Punktdipol identisch.
Wir berechnen das Feld eines Punktdipols, indem wir die Felder von zwei Punktladungen
überlagern und den Grenzübergang a → 0 mit p = const durchführen.
Für r → ∞ sei das Potential Null. Mit Glei-
chung (4.6) ergibt sich für das Potential im
Punkt A (Abb. 4.11)
1 Q 1 −Q 1 Q(r2 − r1 )
ϕ= + =
4πε 0 r1 4πε 0 r2 4πε 0 r1r2
Für a → 0 ist r2 – r1 = a cos α und
r1. r2≈ r2, also
1 Qa cos α 1 pr
ϕ= =
4πε 0 r 2
4πε 0 r 3 Abb. 4.11. Zur Berechnung der Potentialverteilung des Fel-
des eines elektrischen Dipols
Die Äquipotentialflächen sind in Abb. 4.12
dargestellt.
So wie in einen punktförmigen Körper der Ladung Q in einem Feld der Stärke E ein Impuls-
strom der Stärke F = QE hineinfließt, so fließt in einen punktförmigen Körper mit dem Di-

Abb. 4.12. Schnitt durch die Äquipotentialflächen eines Punktdipols


42
polmoment p ein Drehimpulsstrom der Stär-
ke
M=p×E
hinein. (Achtung p ist hier das elektrische
Dipolmoment, nicht der Impuls.)
Beweis: Wir stellen uns den Dipol zunächst
ausgedehnt vor, Abb. 4.13. Dann ist

M = ∑ ri × Fi = ∑ ri × Qi E = 2Q( r1 × E)
Abb. 4.13. Das Feld übt auf den Dipol ein Drehmoment aus

1, 2 1, 2

und mit 2r1Q = p


M=p×E (4.13)
Viele Stoffe bestehen aus Molekülen, deren Dipolmoment von Null verschieden ist. Bringt
man nun einen Körper, der aus solchen Molekülen besteht, in ein “äußeres” Feld, so werden
diese Dipole teilweise ausgerichtet. In manchen Stoffen liegen die Dipolmomentvektoren
schon von Natur aus parallel.
Wir untersuchen das Feld eines Stücks solcher polarisierter Materie. Jedes Molekül habe das
Dipolmoment pi. Das Feld eines kleinen Volumenelements entsteht durch Überlagerung der
Felder der n Elementardipole, die sich in ihm befinden. Es ist in hinreichend großer Entfer-
nung dasselbe, welches ein einziger Dipol mit dem Dipolmoment dp = npi hätte. Wir defi-
nieren die Dipolmomentdichte P:
dp = P dV (4.14)
P heißt auch elektrische Polarisation oder kurz Polarisation. P ist einem Punkt eines Körpers
zugeordnet. P(r) ist also ein Vektorfeld.
Wir können die polarisierte Materie im Volu-
menelement dV ersetzen durch nichtpolari-
sierte Materie, die an den beiden Stirnflächen
entgegengesetzt geladen ist, Abb. 4.14.
Setzt man an die Flächen Ladung vom Betrag
|PdA| bzw. –|PdA|, so hat das neue Materi-
eelement dasselbe Feld wie das ursprüngliche
polarisierte Materieelement. Wir bauen nun
aus vielen Volumenelementen einen makro- Abb. 4.14. Das in seinem Innern polarisierte Volumenele-
skopischen Körper zusammen. Das Ergebnis ment ist äquivalent zu einem an den Stirnflächen geladenen
ist ein Körper, der im Innern neutral, dessen Volumenelement.
Grund- und Deckfläche aber geladen ist, Abb.
4.15.
Ein gleichmäßig polarisierter Körper trägt al-
so an seiner Grund- und an seiner Deckfläche
Ladungen, wobei
|QP| = |P|A .
Es ist üblich, diese Polarisationsladung QP
von der gewöhnlichen Ladung Q zu unter-
scheiden. Da sich QP nicht frei bewegen
kann, nennt man sie “gebundene” Ladung,
manchmal auch Scheinladung.
Die letzte Gleichung läßt sich verallgemei-
Abb. 4.15. Ein polarisierter Körper ist im Innern neutral
nern zu (Abb. 4.16): und an der Oberfläche geladen.
43

QP = ∫∫ PdA (4.15)

In dieser Form gilt sie auch dann, wenn die


Dipoldichte nicht mehr räumlich konstant ist.
Die Beziehung |QP| = |P|A ergibt sich daraus
als Sonderfall.
Wir wollen Gleichung (4.15) noch in eine
lokal gültige Beziehung umformen.
Mit
Abb. 4.16. Zum Zusammenhang zwischen Polarisation und
QP = ∫∫∫ ρ P dV Oberflächenladung

(ρP = Dichte der Polarisationsladung) wird aus Gleichung (4.15):

∫∫∫ ρ P dV = – ∫∫ PdA

Wir formen die rechte Seite mit dem Gaußschen Satz um:

∫∫∫ ρ P dV = – ∫∫∫ divPdV

Da diese Gleichung für jeden Raumbereich gilt, ist


ρp = – div P (4.16)

Wir können nun die Gleichung div E = ρ/ε0 (Gleichung 4.4) verallgemeinern. Da man mit
dem Symbol ρ nur die Dichte der freien Ladung meint, da also die Polarisationsladung in ρ
nicht enthalten ist, kommt zur rechten Seite von Gleichung (4.4) im Fall, daß polarisierte
Materie vorhanden ist, noch der Term ρP/ε0 hinzu:
ρ ρP
divE = +
ε0 ε0

Hieraus folgt
ρ 1
divE = – divP (4.17)
ε0 ε0

Befindet sich an einer Stelle keine freie Ladung, so ist dort div E = – (1/ε0) div P. Das
heißt, dort wo das E-Feld Quellen hat, hat das P-Feld Senken und umgekehrt. Es ist üblich,
Gleichung (4.17) noch eine andere Form zu geben. Wir schreiben zunächst
div (ε0 E + P) = ρ
Man kürzt nun die Summe hinter dem div-Zeichen ab:
D = ε0E + P . (4.18)
Die Größe D heißt die elektrische Verschiebung. Damit wird Gleichung (4.17) kürzer und
einprägsamer:
div D = ρ (4.19)
Integration und Anwendung des Gaußschen Integralsatzes liefert schließlich

∫∫ DdA = Q (4.20)
44
4.5 Induzierte Polarisation, Influenz
Wir untersuchen im Folgenden das Verhalten
eines Stücks Materie, das in ein elektrisches
Feld, welches von anderen Körpern herrührt,
gebracht wird. Um eine möglichst
durchsichtige Situation zu erhalten, wählen
wir die Anordnungen stets so, daß homogene
Felder entstehen: Die felderzeugenden
Körper sind zwei unendlich ausgedehnte, Abb. 4.17. Eine Platte aus dem zu untersuchenden Material
entgegengesetzt gleich geladene Platten, befindet sich zwischen den Platten eines Kondensators
deren Ladung pro Fläche einen ein für
allemal festgelegten Wert hat. Das zu
untersuchende Materiestück ist eine
unendlich ausgedehnte Platte, die sich
zwischen den Kondensatorplatten befindet,
Abb. 4.17.
Zwischen den Kondensatorplatten befinde
sich zunächst eine Platte aus polarisierter
Materie, Abb. 4.18. Gesucht ist die
elektrische Feldstärke innerhalb der Materie.
Die elektrische Feldstärke im materiefreien Abb. 4.18. Polarisierte Materie zwischen den Platten eines
Kondensators
Raum zwischen den Kondensatorplatten ist
(Gleichung (4.9)):
1 Q
E=
ε0 A

An der Oberfläche des Materiestücks sitzen Quellen des P-Feldes, aber keine freien
Ladungen. Daher ist div (ε0E + P) = 0. Daraus folgt, daß der Ausdruck ε0E + P auf
beiden Seiten der Oberfläche der Materie, d.h. innerhalb (i) und außerhalb (a), denselben
Wert hat. Da außerhalb P = 0 ist, folgt
1
Ea = Ei + P
ε0

und daraus
1
Ei = Ea – P
ε0

Wir befassen uns nun mit der Frage, wie die Polarisation von Materie zustande kommt.
Polarisierte Materie, wie die, von der wir bisher gesprochen haben, trifft man normalerweise
gar nicht an: die Polarisationsladungen an den Endflächen werden durch die allgegenwärtigen
freien Ladungen kompensiert. Andererseits kann man aber Materie polarisieren, indem man
sie in ein elektrisches Feld bringt, man kann eine Polarisation inkduzieren. Je nach Stoff ge-
schieht das auf verschiedene Weise.
Verschiebungspolarisation: Die positive Ladung innerhalb der Materie wird gegen die
negative unter dem Einfluß des E-Feldes etwas verschoben. Solange E nicht zu groß ist, ist
die Verschiebung, und damit die Polarisation, proportional zur Feldstärke in der Materie.
P = ε0 χeE . (4.22)

Der dimensionslose Faktor χe heißt elektrische Suszeptibilität. Je größer χe ist, desto stärker
ist bei gegebener E-Feldstärke die Polarisation.
45
Orientierungspolarisation: Manche Stoffe bestehen aus Molekülen, die ein von Null verschie-
denes Dipolmoment haben, im Allgemeinen aber ungeordnet durcheinanderliegen, z.B. Was-
ser. Bei Anlegen eines elektrischen Feldes werden diese Dipole teilweise ausgerichtet. Auch
hier gilt näherungsweise Gleichung (4.22).
Verschiebungs- und Orientierungspolarisation können nur in Nichtleitern auftreten. In ihnen ist
die elektrische Feldstärke nicht Null, die Feldlinien laufen, wenn auch abgeschwächt, durch die
Materie hindurch. Nichtleiter heißen deshalb auch “Dielektra” (von δια = durch).
Die Werte von χe liegen für die meisten Nichtleiter in der Gegend zwischen 2 und 10. Der
Wert für Wasser ist ungewöhnlich groß, er beträgt 80. Diese Größe hat ihre Ursache in dem
großen Dipolmoment der Wassermoleküle.
Influenz: Bringt man elektrisch leitende Mate-
rie, d.h. einen Stoff, der frei bewegliche La-
dung enthält, zwischen die Kondensatorplat-
ten, Abb. 4.19, so verschiebt sich die Ladung
solange, bis die Feldstärke in der Materie
gleich Null ist. Obwohl dieser Vorgang dem
Polarisieren eines Nichtleiters sehr ähnlich ist,
bezeichnet man ihn anders. Man nennt den
Vorgang Influenz und beschreibt ihn nicht
durch ein P-Feld. Man sagt vielmehr, an den Abb. 4.19. Elektrisch leitende Materie zwischen den Plat-
Begrenzungsflächen des Materials sitzen echte ten eines Kondensators
Ladungen. Tatsächlich hätte man den Vorgang
genauso beschreiben können wie bei den Nichtleitern: Mit Ei = 0 wird aus (4.21) P = ε0 Ea .
Die Polarisation ist also ungleich [Link] man nun, daß auch hier P mit Ei gemäß
Gleichung (4.22) zusammenhängt, so folgt, da die Feldstärke Null ist, χe = ∞.

4.6 Die Kapazität eines Kondensators, der mit Materie gefüllt ist
Wir machen nun die Platte aus polarisiertem
Material in Abb. 4.18 immer dicker, so daß sie
schließlich den ganzen Raum zwischen den
Kondensatorplatten ausfüllt, Abb. 4.20. Die
Feldstärke in dem jeweils noch nicht von Ma-
terie erfüllten Raum bleibt bei diesem Vor-
gang konstant. Nach Gleichung (4.9) ist dort
immer
1 Q
E=
ε0 A
Nachdem das Gebiet mit Materie gefüllt wor-
den ist, hat dort die Feldstärke auf den durch Abb. 4.20. Durch Einschieben des Dielektrikums wird die
Gleichung (4.21) gegebenen Wert abgenom- Feldstärke vermindert.
men. Wenn wir die Feldstärke an einer Stelle vor dem Einschieben der Materie mit Ev und die
danach mit En bezeichnen, haben wir also:

En = Ev – (1/ε0) P
= Ev – χe En
Hieraus folgt
Ev = En + χe En = (1 + χe) En
Der Faktor
ε = 1 + χe
46
um den die Feldstärke abnimmt, heißt Dielektrizitätskonstante. (Die um 1 vergrößerte Materi-
alkonstante hat einen eigenen Namen und ein eigenes Symbol! Glücklicherweise ist so etwas
sonst in der Physik nicht üblich).
Wegen U = ∫Edr = |E| d nimmt die Spannung um denselben Faktor ab:
Uv = εUn .
Da Q = CU, und da Q konstant bleibt, nimmt die Kapazität um ε zu:
Cn = ε Cv .
Wir können damit Gleichung (4.11), die nur für den materiefreien Kondensator galt, verallge-
meinern:
A
C = εε 0 (4.23)
d
Außerdem wird aus Gleichung (4.9)
ρA = εε0 |E| (4.24)
Schiebt man die Materie in einen Kondensa-
tor, dessen Spannung konstant gehalten wird,
so vergrößert sich, wegen Q = CU seine La-
dung um den Faktor ε, Abb. 4.21: Abb. 4.21. Schiebt man in einen Kondensator bei konstan-
ter Spannung ein Dielektrikum hinein, so vergrößert sich
Qn = ε Qv . die Ladung.

4.7 Piezo- und pyroelektrischer Effekt


Materialien, deren Kristallstruktur hinreichend unsymmetrisch ist, werden polarisiert wenn
sie verformt werden. Durch das Verformen entsteht zwischen zwei gegenüberliegenden Flä-
chen eine elektrische Spannung. Dieser Effekt heißt piezoelektrischer Effekt. Umgekehrt re-
sultiert eine Verformung des Kristalls, wenn man zwischen den entsprechenden Flächen eine
elektrische Spannung anlegt.
Kristalle mit noch niedrigerer Symmetrie zeigen den pyroelektrischen Effekt: Bei Änderung
der Temperatur ändert sich die Polarisation; zwischen zwei gegenüberliegenden Flächen ent-
steht eine elektrische Spannung.

4.8 Die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt
Wir wollen die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt, mit Hilfe von Glei-
chung (4.1) berechnen:
F = QE
Wir betrachten dazu die eine der Platten, Platte A, im Feld der anderen, Platte B. Platte A
trägt die Ladung QA, die Stärke des Feldes
von Platte B ist EB. Ist aber diese Gleichung
hier überhaupt anwendbar? Die Vorausset-
zung dafür, daß Gleichung (4.1) benutzt wer-
den darf, ist, daß wir es mit einem einzigen
Feldstärkewert EB zu tun haben. Und das
heißt, daß die Feldstärke an allen Orten, über
die sich die Ladung QA erstreckt, denselben
Wert hatte, bevor die Ladung dort hin ge- Abb. 4.22. Beitrag einer der beiden Platten eines Konden-
bracht wurde. sators zum Gesamtfeld
47
Dies ist nun bei unserem Kondensator der Fall. Das Feld der linken Platte allein zeigt Abb.
4.22. Überall rechts von dieser Platte hat das Feld die Stärke EB, wobei EB halb so groß ist
wie die Feldstärke E im kompletten Kondensator:
E
EB =
2
Man findet dies unter Verwendung von Gleichung (4.3). Man erhält dann für die Kraft:
E⋅Q
F=
2
Mit Gleichung (4.24) und Q = ρΑA wird daraus

Q2
F= (4.25)
2εε 0 A

4.9 Die Energie im Feld des Kondensators


Man erhält die Energie, indem man eine Plat-
te gegen die andere senkrecht zur Plattenebe-
ne bei konstant gehaltener Ladung verschiebt,
Abb. 4.23. Dabei soll der Raum zwischen den
Platten vollständig mit Materie ausgefüllt
bleiben. Man stellt sich deshalb das Dielektri-
kum am besten als Flüssigkeit vor, in die die
ganze Anordnung eingetaucht ist.
Aus
dE = F dx.
wird mit (4.25)
Abb. 4.23. Zum Verschieben der rechten Platte nach rechts
2 wird Energie gebraucht.
Q
dE = dx
2εε 0 A
Integriert von x = 0 bis x = d wird die gesamte Energie im Feld:

Q2
E= d (4.26)
2εε 0 A
Mit (4.23) erhalten wir schließlich

Q2
E= (4.27)
2C
5. Energiedichte und mechanische Spannung im elektrostatischen Feld

Wir berechnen in diesem Kapitel die lokalen Größen Energiedichte und mechanische Spannung.
Zur Berechnung ziehen wir die einfachste Feldverteilung heran, die es gibt: das homogene Feld.
Da wir den Zusammenhang zwischen Größen berechnen, die sich auf Raumpunkte, und nicht auf
Raumbereiche beziehen, beschränkt sich aber die Gültigkeit unserer Ergebnisse nicht auf homo-
gene Felder.

5.1 Die Energiedichte


Nach Gleichung (4.26) ist die Energie im homogenen Feld eines Kondensators mit dem Platten-
abstand d und der Plattenfläche A

Q2
E= d
2εε 0 A
Wir ersetzen die Ladung Q mit Gleichung (4.24) und mit ρA = Q/A:
εε 0 2
E= E ⋅ A⋅d
2
Da V = A d das felderfüllte Volumen ist, ergibt sich für die Energiedichte
εε 0 2
ρE = E (5.1)
2

5.2 Die Zugspannung in Richtung der Feldlinien


Die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt, ist nach Gleichung (4.25):

Q2
F=
2εε 0 A
Diese Kraft übt nicht nur eine Platte auf die andere aus, sondern auch die eine Platte auf den unmit-
telbar vor ihr liegenden Feldbereich, dieser auf den nächsten usw. Im Feld herrscht demzufolge ei-
ne mechanische Zugspannung in Feldlinienrichtung. Man erhält diese, indem man einfach die
Kraft durch die Fläche A dividiert:

Q2 1
σ || = = ρ A2
2εε 0 A 2
2εε 0
Das positive Vorzeichen bedeutet, daß es sich um eine Zugspannung handelt.
Mit Gl. (4.24) erhalten wir schließlich
εε 0 2
σ || = E (5.2)
2
Aus der Tatsache, daß an Ladungen immer elektrische Feldlinien beginnen oder enden, schließen
wir, daß das elektrische Feld an geladener Materie immer zieht.
Lädt man eine Seifenblase elektrisch auf, so wird sie größer. Das elektrische Feld zieht die Flüs-
sigkeitslamelle nach außen, Abb. 5.1.
49
Wie erklärt sich aber die Abstoßung zwischen
zwei gleichnamig geladenen Körpern? Man
entnimmt Abb. 5.2 die Antwort auf diese Frage.
Wir betrachten den linken Körper: Das Feld
zieht an allen Teilen seiner Oberfläche. Da die
Feldlinien links dichter sind als rechts, zieht es
aber stärker nach links als nach rechts, und es
resultiert eine Nettokraft nach links. Entspre-
chendes gilt für den rechten Körper.
Abb. 5.1. Das elektrische Feld zieht an der Oberfläche der Sei-
Statt “Gleichnamig geladene Körper stoßen fenblase.
sich ab”, wäre es also richtiger zu sagen:
Gleichnamig geladene Körper werden vom elektrischen Feld voneinander weggezogen.
Auf analoge Art interpretieren wir Abb. 5.3. Wieder zieht das Feld am linken Körper nach allen
Richtungen. Diesmal sind aber die Feldlinien rechts vom Körper dichter als links, und es resultiert
eine Nettokraft nach rechts. Statt “die Körper ziehen sich an” sagen wir also richtiger:
Ungleichnamig geladene Körper werden vom elektrischen Feld zueinander hingezogen.

Abb. 5.2. Zwei gleichnamig geladene Körper werden vom Abb. 5.3. Zwei ungleichnamig geladene Körper werden vom
elektrischen Feld voneinander weggezogen. elektrischen Feld zueinander hingezogen.

5.3 Die Druckspannung quer zu den Feldlinien


Wir betrachten zwei entgegengesetzt gleich geladene, punktförmige Körper, Abb. 5.4. Wir den-
ken uns nun eine unendlich ausgedehnte Fläche, die so liegt, daß eine der Punktladungen auf der
einen, die andere auf der anderen Seite der Fläche liegt. Die Nettokraft, die das Feld auf der einen
Seite auf das Feld auf der anderen Seite der Fläche ausübt, muß eine Druckkraft sein. Sie wird sich
aber im Allgemeinen auf komplizierte Art aus den Druck- und Zugspannungsbeiträgen der ver-
schiedenen Flächenelemente unserer Trennfläche zusammensetzen.
Nun gibt es eine Trennfläche bei der die Verhältnisse einfacher sind: die Symmetrieebene zwi-
schen den Punktladungen. Hier liegen alle
Feldstärkevektoren in der Ebene der Fläche, d.
h. senkrecht zur Verbindungsgeraden zwischen
den Punktladungen. Aus der Tatsache, daß
auch in dieser Fläche eine Nettodruckkraft
herrscht, können wir schließen, daß im elektri-
schen Feld quer zu den Feldlinien eine Druck-
spannung herrscht. Wir wollen diese als Funkti-
on der Feldstärke berechnen.
Bei dem Kondensator von Abb. 5.5 lassen sich
die Platten auseinanderziehen, so daß sich ihre
Fläche y0z0 auf y0(z0 + dz0) vergrößert. Da-
Abb. 5.4. In der Symmetrieebene herrscht eine reine Druck-
bei werde die Ladung konstant gehalten. Beim spannung.
50
Auseinanderziehen vermindert sich die Ener-
gie des Feldes.
Aus Gleichung (5.1) folgt für die Energie des
Feldes
εε 0 2
E= E x0 y0 z0 (5.3)
2
(Achtung: E steht für Energie, E für elektri-
sche Feldstärke). Wir wollen nun die Feldstärke
durch die Ladung ausdrücken, denn die Ladung
bleibt bei dem betrachteten Prozeß konstant.
Wir benutzen dazu (4.24): Abb. 5.5. Beim Vergrößern der Plattenflächen gibt das Feld
Energie ab.
Q
= ρ A = εε 0 E
y0 z0
Damit wird aus (5.3):

Q 2 x0
E=
2εε 0 y0 z0
Bei einer Verschiebung dz0 ändert sich die Energie um:
Q 2 x0
dE = − dz0
2εε 0 y0 z0 2
Der Vergleich mit dE = Fzdz0 ergibt die Kraft, die das Feld auf seine Aufhängung, nämlich die
Platten, ausübt:

Q 2 x0 1
Fz = −
2εε 0 y0 z0 2
Wir ersetzen mit Gleichung (4.24) Q wieder durch |E|:
εε 0 2
Fz = − E x0 y0
2
Die mechanische Spannung σ⊥ = Fz/(x0 y0) ergibt sich damit zu
εε 0 2
σ⊥ = − E (5.4)
2
Quer zu den E-Feldlinien herrscht also eine Druckspannung vom Betrag εε0|E|2/2.
6. Die Quellen des magnetischen Feldes

6.1 Die magnetische Feldstärke


Die Erscheinungen der Magnetostatik sind denen der Elektrostatik formal sehr ähnlich. Außer der
strukturellen Übereinstimmung scheint es aber keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden
Erscheinungsbereichen zu geben, solange man sich auf statische Phänomene beschränkt. Ein
praktischer Unterschied zwischen Elektrizität und Magnetismus folgt daraus, daß man bisher kei-
ne isolierten magnetischen Ladungen beobachtet hat. Die Suche danach ist aber nach wie vor ak-
tuell und wird heute mit mehr finanziellem Aufwand betrieben als je zuvor. Praktisch operieren
kann man daher bisher nur mit magnetischen Polarisationsladungen, also dem Analogon zu den
elektrischen gebundenen oder Scheinladungen. Der Umgang mit gebundener magnetischer La-
dung ist allerdings viel bequemer als der mit gebundener elektrischer. Permanente elektrische Di-
pole sind schwer aufzubewahren, weil sie schnell durch freie Ladungen neutralisiert werden. Da
es keine freie magnetische Ladung gibt, kann man permanente Magneten sehr gut aufbewahren.
Magnetische oder magnetisierte Materie besteht aus magnetischen Dipolen, die man nicht in ge-
trennte magnetische Ladungen teilen kann. Hier ist sogar der punktförmige Dipol realisiert: Elek-
tronen z.B. haben ein magnetisches Dipolmoment (= magnetisches Moment) und verhalten sich
manchmal wie punktförmige Teilchen (Elektronen haben auch ein von Null verschiedenes Im-
pulsmoment ohne eine räumlich ausgedehnte Impulsverteilung zu haben. Impulsmomentvektor
und magnetischer Momentvektor liegen antiparallel.)
Wir bezeichnen die magnetische Ladung mit Qm (kein SI-Symbol; die Größe wird auch Polstärke
genannt). Die SI-Maßeinheit ist Weber (Wb), mit 1 Wb = Vs. Die Maßeinheit des magnetischen
Moments m ist demzufolge Wb . m. Daß hier Kombinationen von Maßeinheiten auftreten, mit
denen auch elektrische Größen gemessen werden, können wir erst begründen, wenn der Zusam-
menhang zwischen Elektrizität und Magnetismus behandelt wird. Wir nehmen voraus, daß man
magnetische Einheiten dadurch erhält, daß man in der Einheit der analogen elektrischen Größe
Volt durch Ampere ersetzt und umgekehrt. So ist die Einheit der elektrischen Ladung As (abge-
kürzt Coulomb). Daraus erhält man die der magnetischen Ladung Vs (abgekürzt Weber).
Den magnetisch positiv geladenen Teil eines Magneten (Qm > 0) nennt man Nordpol, den magne-
tisch negativ geladenen (Qm < 0) Südpol. Die magnetische (Schein-)Ladung am Pol eines Perma-
nentmagneten ist größenordnungsmäßig 10-4 Wb, das magnetische Moment eines Elektrons be-
trägt 1,166766 . 10-29 Wb . m.
Bringt man in ein gegebenes Magnetfeld an eine bestimmte Stelle eine magnetische Punktladung
Qm (z.B. das Ende eines sehr langen, dünnen Stabmagneten), so wirkt auf diese eine Kraft,
Abb. 6.1. Verdoppelt man den Wert der Ladung, so verdoppelt sich auch der Wert der Kraft:
F ∝ Qm .
Der vektorielle Proportionalitätsfaktor ist also
für das Feld ohne Punktladung charakteri-
stisch. Man nennt ihn die magnetische Feldstär-
ke H:
F = H Qm (6.1)
Für die Maßeinheit von H ergibt sich A/m.
Coulomb fand nicht nur das nach ihm benannte
Gesetz der Kraftwirkung von elektrischen
Punktladungen aufeinander, sondern auch das
entsprechende magnetische Gesetz: Abb. 6.1. Um die Stärke des Feldes zu bestimmen, mißt man
die Kraft auf die magnetische Probeladung Qm.
52

1 Qm1Qm 2 r
F= (6.2)
4πµ0 r 2 r
Hier ist
µ0 = magnetische Feldkonstante = 4π . 10-7 Vs/Am = 1,2566 . 10-6 Vs/Am
Aus (6.2) folgt die H-Feldverteilung einer magnetischen Punktladung:
1 Qm r
H=
4πµ0 r 2 r
In Analogie zum elektrischen Dipolmoment (Gleichung (4.12)) definieren wir das magnetische
Dipolmoment
m = Qma.
Achtung: Die Definition von m ist in der Literatur nicht einheitlich! Wir folgen ausnahmsweise
nicht der SI-Konvention.
So wie auf einen einzelnen Magnetpol eine Kraft wirkt, wirkt auf einen magnetischen Dipol ein
Drehmoment:
M=m×H
Vergleiche mit Gleichung (4.13).

6.2 Die Magnetisierung


Die atomaren Bausteine mancher Stoffe haben ein von Null verschiedenes magnetisches Mo-
ment. Manchmal sind die magnetischen Dipole so ausgerichtet, daß ihre Dipolmomentvektoren
parallel liegen. Dann hat auch ein makroskopischer Körper ein von Null verschiedenes Dipolmo-
ment. Man nennt einen solchen Körper einen Magneten. Wir definieren die Dichte M des magne-
tischen Dipolmoments (Vergleiche mit Gleichung (4.14)):
dm = M dV (6.3)
M(r) ist ein Vektorfeld und heißt auch Magnetisierung. Die Maßeinheit von M ist das Tesla (T).
Man findet 1 T = 1 Wb/m2.
(Unser M ist das µ0-fache der nach dem SI definierten Magnetisierung, genauso wie unser m das
µ0-fache des nach dem SI definierten magnetischen Dipolmoments ist; verschiedene Bücher be-
nutzen verschiedene Namen für dieselbe Größe, geben verschiedenen Größen denselben Namen
und benutzen verschiedene Symbole für dieselbe Größe; diese Uneinigkeit herrscht nur bei der
magnetischen Polstärke, dem magnetischen Dipolmoment und dessen Dichte; bei den elektri-
schen Feldgrößen, sowie bei H und der noch einzuführenden Größe B ist man sich einig.)
Genauso wie die gebundenen elektrischen Ladungen an den Enden eines elektrisch polarisierten
Körpers Quellen des E-Feldes sind, sind die magnetischen Scheinladungen an den Enden eines
Magneten die Quellen des H-Feldes. Der mathematische Formalismus, der den Zusammenhang
zwischen Quellen und Feld beschreibt, ist in beiden Fällen identisch, und wir können die Glei-
chungen aus Abschnitt 4.4 direkt übernehmen, wobei wir die folgenden Übersetzungsregeln an-
wenden:
ersetze E durch H;
" ε0 " µ0;
" P " M;
" ρ " Null (denn es gibt keine freie magnetische Ladung).
53
Aus Gleichung (4.17) erhalten wir
1
div H = − div M (6.4)
µ0
oder
div (µ0H + M) = 0,
und mit der Abkürzung
B = µ0H + M (6.5)
(in Analogie zu (4.18)) erhalten wir die zu (4.19) analoge Beziehung:
div B = 0 (6.6)
Die Größe B heißt magnetische Induktion oder magnetische Flußdichte. Ihre Maßeinheit ist die-
selbe wie die der Magnetisierung, nämlich Tesla.
Die Gleichungen (6.4) und (6.6) besagen, daß das H-Feld seine Quellen dort hat, wo das M-Feld
seine Senken hat, und [Link] Zuhilfenahme des Gaußschen Satzes verwandeln wir die
lokale Gleichung (6.4) noch in eine integrale Beziehung:
1
∫∫ HdA = − µ ∫∫ MdA
0

Aus (6.6) wird entsprechend

∫∫ BdA = 0 (6.7)
Abbildung 6.2 zeigt das H-Feld eines gleichmäßig magnetisierten Stabes, dessen Länge groß ist
gegen seine seitliche Ausdehnung. Das H-Feld ist näherungsweise dasselbe wie das von zwei
magnetischen Punktladungen, die sich an den Enden des Stabes befinden. Das M-Feld ist auf das
Innere des Stabes beschränkt und ist dort homogen.
Die Ringe in Abbildung 6.3 seien homogen, d.h. gleichmäßig magnetisiert. In Abb. 6.3a ist das
H-Feld praktisch nur im Spalt von Null verschieden. Es ist dort, wie das E-Feld im Plattenkon-
densator, annähernd homogen.

Abb. 6.2. H-Feldlinien eines langen, dünnen Stabmagneten


54

a b
Abb. 6.3. Magnetisierung und magnetische Feldstärke für einen Ringmagneten mit (a) und ohne (b) Spalt

Wendet man Gleichung (6.7) auf die in Abb. 6.3a gestrichelte angedeutete, geschlossene Ober-
fläche an, so erhält man
1
HSpalt = MMaterie
µ0
In Abb. 6.3b ist das H-Feld überall Null.

6.3 Das magnetische Potential


Genauso wie ∫ Edr im elektrostatischen Feld wegunabhängig ist, gilt auch:
B

∫ Hdr
A
ist für statische magnetische Felder unabhängig vom Integrationsweg

Folglich kann man ein magnetisches Potential ϕm(r) definieren (vergleiche Gl. (4.5)):
B

∫ Hdr = -[ϕ
A
m ( rB ) − ϕ m ( rA )] = Um (6.8)

Um ist die magnetische Spannung zwischen A und B. Aus der letzten Gleichung folgt weiter (ver-
gleiche Gl. (4.7)):
H(r) = - grad ϕm(r)
Die Maßeinheit der magnetischen Spannung ist Ampere. Um ist ein SI-Symbol, für das magneti-
sche Potential gibt es kein genormtes Symbol.

6.4 Die induzierte Magnetisierung


Wir untersuchen, wie sich Materie im Magnetfeld verhält. Das Feld sei homogen und habe außer-
halb der Materie einen festen Wert. Ein solches Feld realisiert man zum Beispiel dadurch, daß
man ein plattenförmiges Stück Materie in den schmalen Spalt zwischen den breiten Polen eines
homogen magnetisierten Magneten bringt, Abb. 6.4. Wegen div (µ0H + M) = 0 hat der Aus-
druck µ0H + M auf beiden Seiten der Oberfläche der Materie, d.h. innerhalb (i) und außerhalb
(a), denselben Wert. Da außerhalb M = 0 ist folgt:
1
Ha = Hi + M
µ0
und daraus
55

1
Hi = Ha − M (6.9)
µ0
Ist die Materie nicht selbst ein Magnet, d. h. ist
sie nicht von vornherein magnetisch polarisiert
(= magnetisiert), so findet man, daß sie unter
dem Einfluß eines H-Feldes magnetisiert wird.
Es gilt näherungsweise
M = µ0χmH (6.10)

χm ist die magnetische Suszeptibilität. Damit


Abb. 6.4. Magnetisierbare Materie zwischen den Polen eines
wird aus (6.9)
Magneten
Hi = Ha - χmHi
und
Ha = (1 + χm)Hi
Die Materie soll nun den ganzen Raum zwi-
schen den Magnetpolen ausfüllen, Abb. 6.5.
Vergleicht man die H-Feldstärke vor dem Ein-
schieben der Materie (v) mit der nachher (n), so
ist
Hv = (1 + χm)Hn .
Die Feldstärke wird also durch das Einbringen
der Materie um den Faktor 1 + χm verändert.
Man nennt diesen Faktor µ die Permeabilität Abb. 6.5. Durch Einschieben magnetisierbarer Materie wird
des Materials: die Feldstärke vermindert.

µ = 1 + χm.
Wegen Um = ∫ Hdr ändert sich auch die magnetische Spannung zwischen den beiden Magnetpo-
len um diesen Faktor: Umv = µUmn. Die magnetische Spannung ist weniger gebräuchlich als die
elektrische, da sie schwerer zu messen ist. Alle Voltmeter machen davon Gebrauch, daß es frei
verschiebbare elektrische Ladung gibt. Dank der Verschiebbarkeit von Q kann man einen Poten-
tialwert mit Hilfe von Drähten übertragen. Dagegen ist die magnetische Feldstärke H praktisch
leichter meßbar als die elektrische (etwa mit einer Hall-Sonde).
Wie bei der elektrischen Polarisation gibt es auch bei der magnetischen Polarisation durch ein H-
Feld unterschiedliche Mechanismen. Das Elektron hat ein magnetisches Moment. In vielen Stof-
fen stellen sich die Elektronen jedes Atoms oder Moleküls so ein, daß das Atom bzw. Molekül ins-
gesamt das magnetische Moment Null hat. In anderen Stoffen haben die Moleküle ein resultieren-
des magnetisches Moment. Diese letzteren heißen paramagnetische Stoffe. Bringt man sie in ein
magnetisches Feld, so werden die magnetischen Momente in Feldrichtung orientiert (die para-
magnetische Polarisation im H-Feld entspricht
also der Orientierungspolarisation im E-Feld). Tabelle 6.1. Beispiele für paramagnetische Stoffe
In Tabelle 6.1 sind die Suszeptibilitätswerte ei-
niger paramagnetischer Stoffe aufgeführt. χm

χm nimmt mit abnehmender Temperatur zu. Sauerstoff (unter Normalbedingungen) 0,14.10-6

Die Ausrichtung der magnetischen Momente flüssiger Sauerstoff 360.10-6


ist bei Normaltemperatur weit davon entfernt, Aluminium 1,7.10-6
vollständig zu sein. Mangan 80.10-6

Aber auch die Stoffe, deren Moleküle norma- Natrium 0,5.10-6


lerweise kein resultierendes magnetisches Mo- Platin 19,3.10-6
56
ment haben, werden im H-Feld magnetisch, Tabelle 6.2. Beispiele für diamagnetische Stoffe
nämlich so, daß M und H in die entgegenge-
setzte Richtung weisen, χm ist also negativ. χm
Man nennt diesen Vorgang diamagnetische Po- Blei - 0,12.10-6
larisation. Er tritt auch bei den paramagneti- Gold - 3,1.10-6
schen Stoffen auf, wird dort aber von der para- Kupfer - 0,8.10-6
magnetischen Polarisation überdeckt. Tabelle
- 1,5.10-6
6.2 enthält die χm-Werte einiger diamagneti-
Silber
NaCl - 1.10-6
scher Stoffe.
Wasser - 0,72.10-6
Wismut - 14.10-6

6.5 Ferromagnetismus
Es gibt Stoffe, deren Atome ein resultierendes magnetisches Moment haben, und bei denen sich
die magnetischen Dipole aller Atome von allein parallel einstellen. Bei ihnen ist M ≠ 0, auch
wenn H = 0 ist. Da die Ausrichtung der elementaren magnetischen Momente vollständig ist (im
Gegensatz zu den paramagnetischen Stoffen), ist M sehr groß.
Diese Stoffe heißen ferromagnetisch. Zu ihnen gehören Fe, Ni, Co und Legierungen dieser und
anderer Stoffe.
Daß ein gewöhnliches Stück Eisen kein magnetisches Moment hat, liegt daran, daß die Ausrich-
tung der atomaren Dipole domänenweise geschieht. Diese Domänen heißen Weißsche Bezirke.
Sie sind unterschiedlich orientiert, so daß makroskopisch keine Magnetisierung feststellbar ist.
Bringt man ein Stück Eisen in ein H-Feld, so wachsen die Domänen, die in Feldrichtung liegen,
auf Kosten der Domänen, die in anderen Richtungen liegen.
Abb. 6.6 zeigt die Magnetisierung in Abhängigkeit von der Feldstärke. Wenn man von einem un-
magnetischen Stück Eisen ausgehend die Feldstärke wachsen läßt, bewegt man sich auf dem Kur-
venstück 1. Läßt man dann H abnehmen bis zu negativen Werten, so folgt man dem Kurven-
stück 2. Läßt man darauf H wieder wachsen,
so wird Kurve 3 durchlaufen. Die bei H = 0 zu-
rückbleibende Magnetisierung MR heißt rema-
nente Magnetisierung, die Feldstärke HK, die
notwendig ist, um das Material auf die Magne-
tisierung Null zurückzubringen, heißt Koerzi-
tivfeldstärke.
Die Magnetisierung in einem gegebenen Zeit-
punkt hängt also von der Feldstärke in früheren
Zeitpunkten ab. Das Material hat somit ein
“Gedächtnis”. Man nennt eine solche Erschei-
nung “Hysteresis”. Der Effekt wird bei Ton-
und Videobändern, Computerdisketten etc. zur Abb. 6.6. M-H-Zusammenhang mit Hysteresis
Datenspeicherung benutzt.
Der M-H-Zusammenhang ist für verschiedene ferromagnetische Materialien verschieden. Ab-
bildung 6.7 zeigt zwei Beispiele. Abb. 6.7a entspricht einem magnetisch “harten” Material. Es ist
zur Herstellung von Permanentmagneten geeignet. Man erreicht heute Werte von MR bis über
1 T und von HK bis über 150 kA/m (Alnico; Oxidmagneten). Für einen idealen Permanent-
magneten müßte die Magnetisierung völlig unabhängig von H sein (gestrichelte Linie). Ab-
bildung 6.7b zeigt den M-H-Zusammenhang für ein magnetisch “weiches” Material (Weichei-
sen, µ-Metall). Solange M klein ist gegen die Sättigungsmagnetisierung, gilt hier M = µ0χmH,
wie für diamagnetische und paramagnetische Stoffe. χm ist hier aber viel größer, nämlich einige
Tausend. Bringt man ein solches Material in ein Magnetfeld, das vorher den Wert Hv hatte, so ist
Hv = (1 + χm)Hn ⇒ Hn≈ 1/104 Hv. Die Feldstärke im Material wird also praktisch Null. Ein
Körper aus weichmagnetischem Material verdrängt das Magnetfeld aus seinem Innern.
57
Ein weichmagnetischer Stoff verhält sich dem-
nach im H-Feld analog zu elektrischen Leitern
im elektrischen Feld. Genauso wie die Oberflä-
che eines elektrischen Leiters eine elektrische
Äquipotentialfläche bildet, so ist die Oberflä-
che von Weicheisen nahezu eine Fläche kon-
stanten magnetischen Potentials (vgl. Ab-
schnitt 4.2 und 4.5).
a
Verschiedene ferromagnetische Materialien
stellen also gute Näherungen dar für sehr unter-
schiedliche Idealstoffe, Abb. 6.8:
- magnetisch harte Materialien für den Werk-
stoff idealer Permanentmagnete;
- magnetisch weiche Materialien für ideale
magnetische Leiter. b
Bei einer für jeden ferromagnetischen Stoff
charakteristischen Temperatur, der Curie-
Temperatur, verschwindet der Ferromagnetis- Abb. 6.7. M-H-Zusammenhang für (a) einen hartmagneti-
mus. Der Stoff ist oberhalb dieser Temperatur schen und (b) einen weichmagnetischen Stoff
(bei Eisen 1047 K) ein gewöhnlicher Para-
magnet.
Mit Hilfe von “magnetischen Leitern”, d.h. Tei-
len aus magnetisch weichem Material, kann
man auf bequeme Art das Feld eines Perma-
nentmagneten verändern. Wir stellen uns vor,
Permanentmagnet und magnetischer Leiter be-
stehen aus idealem Material. Abbildung 6.9a
zeigt ein Beispiel, Abbildung 6.9b das elektri-
sche Analogon. Wie in Abbildung 6.9b die Abb. 6.8. M-H-Zusammenhang für ideale magnetische
Drähte auf konstantem elektrischem Potential Werkstoffe
sind, so sind die magnetischen Leiter in Abbil-
dung 6.9a auf nahezu konstantem magneti-
schem Potential. Die elektrische Feldstärke in
den Drähten in Abb. 6.9b ist Null und die
magnetische Feldstärke in den Weicheisentei-
len in Abb. 6.9a ist nahezu Null.
Es ist in Abb. 6.9b
Q Q'

∫ Edr = ∫ Edr
P P'

und in Abb. 6.9a


Q Q' a
∫ Hdr = ∫ Hdr
P P'

Da der Weg PQ viel länger ist als der Weg P'Q'


ist die Feldstärke E bzw. H auf dem Weg P'Q'
viel größer als auf dem Weg PQ. Daher verlau-
fen die meisten Feldlinien zwischen den Flä-
chen A und A', und auf diesen Flächen sitzt da- b
mit der größte Teil der elektrischen Influenzla-
dung bzw. der magnetischen Polarisationsla-
dung. Die Felder zwischen den Flächen A und Abb. 6.9. Zueinander analoge Anordnungen
58
A' sind nahezu homogen, solange der Abstand der Flächen voneinander klein ist gegen ihre seitli-
che Ausdehnung.
Mit Hilfe der Weicheisenstücke haben wir also aus dem ursprünglichen Feld des Stabmagneten
ein homogenes Feld gemacht.

6.6 Die magnetische Kapazität


In Analogie zu C=Q/U könnte man eine magnetische Kapazität definieren: Cm = Qm/Um. Diese
Größe ist allerdings nicht gebräuchlich. Die Maßeinheit der magnetischen Kapazität ist
Wb/A=Henry (H). Wir werden aber später eine Größe derselben Dimension, die Induktivität,
kennenlernen. Daß die magnetische Kapazität durchaus eine sinnvolle Größe ist, sieht man am
Beispiel des Ringmagneten im vorigen Abschnitt. Um einen wohldefinierten Raum hoher
magnetischer Feldstärke zu bekommen, kann man einen magnetischen Kondensator bauen und
über magnetische Leitungen mit einem Permanentmagneten (oder auch Elektromagneten) ver-
binden. Die Kapazität der Leitungen muß dabei klein sein gegenüber der des “Kondensators”. Da
Cm = µ0 A/l ist (analog zu C = ε0 A/l), legt man die Leitungen im großen Bogen zum Kondensa-
tor, d.h. so, daß l möglichst groß ist. Abb. 6.10 zeigt, wie man es nicht machen darf: die (magneti-
sche) Leitungskapazität ist zu groß.

Abb. 6.10. Die Kapazität der Zuleitungen zum magnetischen Kondensator ist zu groß.
7. Energiedichte und mechanische Spannung im magnetostatischen Feld

Wir können die Argumente von Abschnitt 5 fast wörtlich übersetzen. Wir müssen nur ersetzen:
E →H
P →M
χe → χm
ε0 → µ0
Für die Energiedichte erhalten wir, in Analogie zu Gleichung (5.1):
µµ0 2
ρE = H (7.1)
2
Parallel zu den Feldlinien des H-Feldes herrscht eine Zugspannung (vergleiche mit (5.2)):
µµ0 2
σ || = H (7.2)
2
und quer zu den Feldlinien eine Druckspannung (siehe auch (5.4)):
µµ0 2
σ⊥ = − H (7.3)
2
Da an Magnetpolen stets magnetische Feldlinien beginnen oder enden, schließen wir, daß das
magnetische Feld an Magnetpolen immer zieht.
Gleichnamige Magnetpole werden vom Magnetfeld voneinander weggezogen, ungleichnamige
werden zueinander hingezogen.
8. Die erste und die zweite Maxwellsche Gleichung

Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel mit dem Zusammenhang zwischen elektrischen und
magnetischen Erscheinungen.

8.1 Das Ampèresche Gesetz


Oersted entdeckte 1820, daß ein elektrischer Strom auf einen magnetischen Dipol ein Drehmo-
ment ausübt. Ampère beschrieb die Kraftwirkung von Drähten, in denen Elektrizität fließt, durch
eine elegante Theorie. Faraday erkannte, daß
man aus diesen Erscheinungen auf die Existenz
eines Feldes schließen konnte. Maxwell
schließlich verallgemeinerte Ampères und Fa-
radays Gedanken. In moderner Sprache läßt
sich Oersteds Entdeckung folgendermaßen be-
schreiben: Ein Leiter, in dem Elektrizität fließt,
ist von einem Magnetfeld umgeben, dessen H-
Feldlinien geschlossen sind. Dieses H-Feld
hat keine Quellen oder Senken, es ist div H = 0,
Abb. 8.1. Abb. 8.1. Magnetisches Feld eines Drahtes, der von einem
elektrischen Strom durchflossen wird
Aus Ampères Theorie folgt die Beziehung zwi-
schen Stromstärke und H-Feld:

∫ Hdr = I Ampèresches Gesetz (Durchflutungsgesetz) (8.1)


In Worten: Das Integral ∫Hdr über einen ge-
schlossenen Weg ist gleich der Stärke des elek-
trischen Stroms, der durch diese Fläche fließt.
Dieser Gleichung liegt die Konvention zu
Grunde, daß der geschlossene Integrationsweg
zusammen mit der Ebene, auf die sich die
Stromstärke bezieht, eine Rechts-Schraube de-
finiert.
Dies läßt sich auch mit der “Rechte-Hand-Re-
gel” formulieren: Weist der Daumen der rech- Abb. 8.2. Weist der Daumen der rechten Hand in die Richtung
ten Hand in die Richtung des elektrischen des elektrischen Stroms, so zeigen die gekrümmten Finger die
Stroms (= Richtung der Stromdichtevektoren), Richtung der magnetischen Feldstärke an.
so zeigen die gekrümmten Finger den Drehsinn
der magnetischen Feldlinien an, Abb. 8.2.
Mit I = ∫∫ jdA lautet das Ampèresche Gesetz:

∫ Hdr = ∫∫ jdA (8.2)


Achtung: In einem H-Feld, das durch einen elektrischen Strom verursacht wird, ist ∫Hdr nicht
vom Integrationsweg unabhängig. Ein Potential kann deshalb bestenfalls noch in begrenzten Ge-
bieten definiert werden.
61
8.2 Berechnung magnetischer Feldstärken
Der gerade Draht
Man wählt als Integrationsweg einen Kreis
vom Radius r, der senkrecht zur Drahtrichtung
liegt, und dessen Mittelpunkt sich in der Mitte
des Drahtes befindet, Abb. 8.3. Aus Symme-
triegründen ist der Betrag von H auf dem ge-
samten Integrationsweg konstant. Die Rich-
tung von H muß tangential zum Kreis sein, an-
dernfalls hätte das H-Feld am Draht Quellen
oder Senken, was nicht der Fall ist. Es ist also
I
∫ Hdr = H 2πr = I ⇒ = H =
2πr Abb. 8.3. Integrationsweg bei der Berechnung der magneti-
schen Feldstärke in der Umgebung eines geraden Drahts

Die lange Spule


Wir wählen den in Abb. 8.4 gestrichelt gezeich-
neten Weg als Integrationsweg: Im Innern der
Spule folgen wir einer Feldlinie; außerhalb ist
die Feldstärke sehr klein, wir vernachlässigen
ihren Beitrag zum Integral:

∫ Hdr = H ⋅ l = N ⋅ I
N = Zahl der Windungen, die durch den Inte-
grationsweg laufen.
Damit wird Abb. 8.4. Integrationsweg bei der Berechnung der magneti-
schen Feldstärke in einer langen Spule
N⋅I
H=
l
H hängt innerhalb der Spule nicht vom Ort ab, insbesondere nicht davon, welche Stelle innerhalb
eines Spulenquerschnitts man betrachtet. Das H-Feld ist also homogen. Außerdem hängt H
nicht ab vom Querschnitt der Spule, und bei fester Windungszahl pro Länge nicht von der Länge
der Spule.
Die torusförmige Spule
Der Durchmesser R des Rings sei groß gegen
den “Rohrdurchmesser” r, Abb. [Link] ist
das Feld nahezu homogen. Das Feld außerhalb
der Spule ist Null. Für das Innere erhält man
durch Integration über einen im Torusrohr ver-
laufenden Weg der Länge l = 2 π R:
N⋅I
∫ Hdr = H ⋅ l = N ⋅ I ⇒ H=
l

Abb. 8.5. Torusförmige Spule

Der ringförmige Elektromagnet


Der Abstand der ebenen Polflächen sei klein gegen die seitliche Ausdehnung dieser Flächen. Das
H-Feld zwischen den Polen ist also homogen. Abbildung 8.6 zeigt zwei Realisierungen. Wir be-
rechnen die Feldstärke Ha zwischen den Polen und die Feldstärke Hi im Weicheisenkern.
62
Mit Hilfe von Gl. (6.6) erhalten wir
µ0Ha = M + µ0Hi
Mit (6.10) wird daraus
µ0Ha = µ0χmHi + µ0Hi =µ0(1 + χm)Hi
Da χm >> 1 ist, wird

µ0Ha ≈ µ0χmHi ,
also
Ha
Hi =
χm
Wir integrieren über den gestrichelten Weg.
Das Wegstück innerhalb des Eisens habe die
Länge li, die außerhalb la :

Hili + Hala = N . I
Wir vernachlässigen Hi hier nicht gegen Ha,
da vor Hi der Faktor li steht, der groß gegen la Abb. 8.6. Zwei Realisierungen eines Elektromagneten mit
ist. schmalem Spalt

Elimination von Hi mit Hilfe der vorletzten


Gleichung ergibt:
NI
Ha =
li
+ la
χm
Mit Hi = Ha/χm erhält man daraus die Feldstärke im Eisenkern:

NI
Hi =
li + χ mla
Diskussion von zwei Extremfällen:
li NI NI
<< la ⇒ Ha = , Hi =
χm la χ mla
Ist der Spalt nicht zu schmal, so ist das Feld im Spalt gerade so stark, als wäre die gesamte Spule
über der kurzen Länge la aufgewickelt. Im Eisen ist die Feldstärke sehr klein.

li NI NI
>> la ⇒ Ha = χ m , Hi =
χm li li
Die Feldstärke im Eisen ist dieselbe wie in einer Ringspule derselben Windungszahl. Im Spalt ist
H um den Faktor χm größer.
63
Der lange Elektromagnet (Spule mit Eisen-
kern)
Da das Feld inhomogen ist, ist es schwerer zu
berechnen. Der Effekt des Eisenkerns läßt sich
qualitativ so beschreiben, Abb. 8.7: Bei einer
leeren Spule kommt der größte Beitrag zu ∫
Hdr vom Innern der Spule her. Ist die Spule mit
einem weichmagnetischen Material gefüllt, so
wird im Innern H sehr klein. Da ∫Hdr = NI
denselben Wert hat wie vorher, muß jetzt das
Außenfeld einen großen Beitrag liefern. Das
Außenfeld wird also durch den Eisenkern ver- Abb. 8.7. Der Eisenkern verdrängt das magnetische Feld aus
stärkt. der Spule

8.3 Die erste Maxwellsche Gleichung


Das Ampèresche Gesetz ist ein Provisorium,
das nur solange gilt, wie der Stromkreis ge-
schlossen ist. Im Fall von Abbildung 8.8, in
dem eine Leitung durch den leeren Raum zwi-
schen den Platten eines Kondensators unterbro-
chen ist, führt es zu einer Inkonsistenz. Durch
die Leitung fließe ein Strom konstanter Stärke
I, so daß sich der Kondensator auflädt.
Während dieser Strom fließt, hat das Integral
∫Hdr auf dem eingezeichneten Weg einen
wohldefinierten, von Null verschiedenen Wert.
Die rechte Seite des Ampèreschen Gesetzes,
nämlich ∫∫jdA hat aber verschiedene Werte, je
nachdem, wie die Fläche, deren Rand die ge- Abb. 8.8. Zwei Möglichkeiten für die Wahl der Integrations-
strichelte Linie ist, gelegt wird. Schneidet die fläche bei festgehaltener Berandung
Fläche den Draht, so ist ∫∫jdA = I; läuft sie da-
gegen durch den Raum zwischen den Kondensatorplatten, so ist ∫∫jdA = 0. Bei dieser zweiten
Wahl der Fläche kann also ∫Hdr nicht gleich ∫∫jdA sein. Dieses Problem tritt nur auf, wenn der
Stromkreis nicht geschlossen ist, wenn also j Quellen oder Senken hat. Maxwell verallgemeiner-
te deshalb das Ampèresche Gesetz, indem er auf der rechten Seite zu ∫∫jdA zwei Terme hinzufüg-
te:

∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ P˙ dA + ε ∫∫ E˙ dA
Rand von S S S
0
S
(8.3)

Mit Gleichung (4.18) lassen sich die beiden letzten Summanden zusammenfassen:

∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ D˙ dA
Rand von S S S
1. Maxwellsche Gleichung (8.4)

Der gewöhnliche elektrische Strom ∫∫jdA ist ergänzt worden durch zwei weitere Terme, die zum
Magnetfeld beitragen:
1) Ip = dQp/dt = ∫∫(∂P/∂t)dA ist der Strom, der durch die Verschiebung von Polarisationsladun-
gen zustande kommt.
2) Selbst wenn keine polarisierbare Materie vorhanden ist, liefert der Raum zwischen den Kon-
densatorplatten einen Beitrag zum magnetischen Feld; der Term ε0∫∫(∂E/∂t)dA verhält sich,
was das Magnetfeld betrifft, wie ein elektrischer Strom. Dieser Term ist, bis auf den Faktor ε0,
die Zeitableitung des Flusses des E-Feldes durch die Fläche S.
64
Ist damit die oben angesprochene Inkonsistenz beseitigt? Wir berechnen die rechte Seite der
1. Maxwellschen Gleichung für den Fall, daß die Integrationsfläche zwischen den Kondensator-
platten liegt. Da hier j = 0 und ∂P/∂t = 0 ist, bleibt nur der Term ε0∫∫(∂E/∂t)dA.

Mit |E| = Q/(ε0A) und Q = I . t wird


ε 0 ∫∫ EdA
˙ =ε
0 ∫∫ dA = I
ε0 A
Es ist also ∫Hdr = I, in Übereinstimmung mit dem Ergebnis, das man erhält, wenn die Integra-
tionsfläche die Leitung schneidet.
Maxwell interpretierte auch den Beitrag ∫∫(∂D/∂t)dA als elektrischen Strom und nannte ihn Ver-
schiebungsstrom. Die Summe I + ∫(∂D/∂t)dA nannte er den wahren Strom. Nach dieser Vorstel-
lung gibt es überhaupt nur geschlossene Stromkreise. Bezeichnet man mit Maxwell die Strom-
dichte dieses wahren Stroms mit C (Current), so lautet die 1. Maxwellsche Gleichung einfach:

∫ Hdr = ∫∫ CdA
Nach dieser Auffassung ist die Ursache für ∫Hdr immer ein elektrischer Strom.

Wir weisen daraufhin, daß die Rechte-Hand-Regel für alle Beiträge zum Strom in Gleichung (8.3)
gilt.

8.4 Die zweite Maxwellsche Gleichung


Faraday erkannte die strukturellen Gemeinsamkeiten von elektrischen und magnetischen Er-
scheinungen. Diese Erkenntnis führte ihn zur Entdeckung des Induktionsgesetzes. Er hat dieses
Gesetz nicht durch Zufall gefunden, sondern bewußt gesucht. Die Suche hat mehr als 10 Jahre ge-
dauert. Hätte er den Teil des Maxwellschen Formalismus zur Verfügung gehabt, den wir bisher in
der Vorlesung behandelt haben, so wäre seine Suche schneller gegangen. Er hätte das Induktions-
gesetz einfach durch formales Übersetzen der ersten Maxwellschen Gleichung (8.3) finden kön-
nen:

∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ P˙ dA + ε ∫∫ E˙ dA0 1. Maxwellsche Gleichung

noch nicht ganz korrekte Version der


∫ Edr = ∫∫ j m dA + ∫∫ M 0 ∫∫
˙ dA + µ H˙ dA ?? 
2. Maxwellschen Gleichung
Den einzigen Fehler, den man bei dieser formalen Übersetzung macht, ist ein Vorzeichenfehler:
Die erhaltene Gleichung erweist sich als richtig, wenn man vor ∫Edr ein Minuszeichen setzt.
(Wäre das Vorzeichen der elektrischen oder der magnetischen Ladung andersherum festgelegt
worden, so stünde das Minuszeichen in der ersten Maxwellschen Gleichung. In einer der beiden
muß es aber stehen, sonst entsteht ein Konflikt mit dem Energiesatz.)
Da es keine einzelnen magnetischen Ladungen gibt, gibt es auch keinen gewöhnlichen magneti-
schen Strom, wir können deshalb den Term ∫∫jmdA weglassen. (Sobald jemand einen magneti-
schen Monopol entdeckt hat, fügen wir ihn wieder hinzu).
Es bleibt also

− ∫ Edr = ∫∫ M˙ dA + µ ∫∫ H˙ dA
Rand von S S
0
S
(8.5)

Mit Gleichung (6.5) lassen sich die beiden Summanden auf der rechten Seite zusammenfassen:
65

2. Maxwellsche Gleichung


− ∫ Edr = ∫∫ B˙ dA
Rand von S S

(Faradaysches Gesetz, Induktionsgesetz)
(8.6)

Wie die erste Maxwellsche Gleichung macht auch die zweite eine Aussage über eine Fläche, ge-
nauer: über einen Zusammenhang zwischen dem Rand und dem Inneren der Fläche. Das Integral
∫Edr über den Rand kommt zustande durch zwei Beiträge:
- die zeitliche Änderung des Flusses von M durch S
- die zeitliche Änderung des Flusses von H (mal µ0) durch S.
Auch hier kann man die rechte Seite interpretieren als einen Verschiebungsstrom: einen magneti-
schen Verschiebungsstrom. Danach entstehen um einen magnetischen Strom herum geschlosse-
ne elektrische Feldlinien.
Achtung: In einem E-Feld, das durch Induktion verursacht wird, ist ∫Edr nicht vom Integrations-
weg unabhängig. Ein Potential kann deshalb bestenfalls noch in begrenzten Gebieten definiert
werden.
Um die Richtung der elektrischen Feldstärke des induzierten Feldes zu erhalten, kann man wieder
eine Hand-Regel anwenden; wegen des Minuszeichen in den Gleichungen (8.5) und (8.6) aber ei-
ne Linke-Hand-Regel: Weist der Daumen der linken Hand in die Richtung des magnetischen
Stroms (d.h. in die Richtung von ∂B/∂t), so zeigen die gekrümmten Finger den Drehsinn der elek-
trischen Feldlinien an.

8.5 Elektrische Leiter im induzierten elektrischen Feld


Um das durch die 2. Maxwellsche Gleichung beschriebene elektrische Feld nachzuweisen, könn-
te man eine “Probeladung” benutzen. Dieser Nachweis ist aber schwierig, da E, und demzufolge
F = EQ in den üblichen praktischen Anord-
nungen zu klein ist. Wir bringen deshalb in den
zu untersuchenden Raum einen elektrischen
Leiter. Wir erkennen das E-Feld dann indirekt
an einer zwischen den Enden des Leiters auftre-
tenden “Induktionsspannung”, oder an einem
im Leiter fließenden “Induktionsstrom”.
Um eine mathematisch übersichtliche Situation
zu erhalten, betrachten wir ein Magnetfeld Ha
(Abb. 8.9),
– das homogen ist;
Abb. 8.9. Das Feld im Spalt des Elektromagneten sei homo-
– dessen Feldstärke gleichmäßig zunimmt (et- gen und nehme gleichmäßig zu.
wa in einem Elektromagneten, dessen elek-
trische Stromstärke gleichmäßig zunimmt):
∂Ha/∂t = const

Wir betrachten zwei Spezialfälle


a) Kurzschluß
Der Leiter ist ein geschlossener Ring, Abb.
8.10. Wegen des entstehenden E-Feldes fließt
im Leiter ein elektrischer Strom, und dieser ver-
ursacht ein Magnetfeld Hi. Wir setzen die 2.
Maxwellsche Gleichung an:
Abb. 8.10. Kurzgeschlossene Leiterschleife in einem
Magnetfeld, dessen Stärke gleichmäßig zunimmt
66

∫ Edr = − µ ∫∫ H˙ dA = − µ ∫∫ ( H˙
0 0 a + H˙ i )dA
Nun ist Hi zunächst noch unbekannt. Man findet aber leicht eine konsistente Lösung. Wir neh-
men an, daß ∂Hi/∂t = 0, also Hi zeitlich konstant ist. Dann ist auch überall E zeitlich konstant
und mit j = σE auch die Stromstärke im Draht und folglich auch Hi, wie vorausgesetzt. Damit
wird also

∫ Edr = − µ ∫∫ H˙ dA
0 a

Die Gleichung hat also dieselbe Gestalt, als befände sich gar kein Leiter im Magnetfeld. Der Lei-
ter ruft ein zusätzliches zeitlich konstantes Magnetfeld hervor, das aber keinen Einfluß auf den In-
duktionsvorgang hat.

b) Leerlauf
Die Leiterschleife ist unterbrochen, es fließt
kein elektrischer Strom, Abb. 8.11. Daß kein
Strom fließt, hat aber wegen j = σE zur Folge,
daß die elektrische Feldstärke im Draht gleich
Null ist. Wie ist das mit der 2. Maxwellschen
Gleichung zu vereinbaren? An der rechten Sei-
te der Gleichung, d.h. am H-Feld kann es nicht
liegen, denn es fließt ja kein Strom, der das H-
Feld modifizieren könnte.
Im Draht verschieben sich, sobald das Experi-
ment beginnt, Ladungen, und zwar gerade so,
daß die E-Feldstärke im Draht Null wird. Dafür Abb. 8.11. Offene Leiterschleife in einem Magnetfeld, dessen
tritt aber zwischen den offenen Enden der Stärke gleichmäßig zunimmt
Schleife ein E-Feld auf, Abb. 8.12. Dieses ist
gerade so stark, daß das Integral auf dem Weg-
stück S über die offene Stelle zwischen A und B
gleich µ0∫∫(∂H/∂t)dA ist. Bildet man ∫Edr
über den geschlossenen, gestrichelten Weg, so
liefert nur dieses Wegstück S einen Beitrag.
Man nennt dieses Integral Induktionsspannung
Uind.
Die Induktionsspannung kann zwischen den
herausgeführten Drähten mit einem Voltmeter
gemessen werden. In diesem Fall kann man die
2. Maxwellsche Gleichung so formulieren:

Uind = − µ0 ∫∫ ḢdA Abb. 8.12. Im Leiter ist die elektrische Feldstärke Null.

oder allgemeiner, falls χm ≠ 0 ist,

Uind = − ∫∫ ḂdA
Man nennt

Φ = ∫∫ BdA
67
den magnetischen Fluß. Damit wird

Uind = −Φ̇ (8.7)


Die Abbildungen 8.13 bis 8.19 zeigen einige Induktionsversuche.

Abb. 8.13. Der Dauermagnet wird be- Abb. 8.14. Der Dauermagnet wird be- Abb. 8.15. Die Induktionsspannung ist
wegt, der Stromkreis ist offen. wegt, der Stromkreis ist geschlossen. proportional zur Windungszahl.

Abb. 8.16. Die induzierte Spannung kommt durch eine Ände- Abb. 8.17. Die H-Feldänderung kommt durch Schließen ei-
rung der Magnetisierung zustande. nes Stromkreises zustande.

Abb. 8.18. Das Prinzip des Transformators Abb. 8.19. Die Änderung der B-Feldverteilung kommt zu-
stande durch das Verschieben des weichmagnetischen Spu-
lenkerns.

In der Anordnung von Abb. 8.20b wird statt des Magneten die Leiterschleife bewegt. Der Aus-
schlag des Voltmeters ist natürlich derselbe wie in Abb. 8.20a, denn der Unterschied zwischen
rechts und links besteht allein darin, daß zur Beschreibung ein anderes Bezugssystem gewählt
wurde. Während man zur Beschreibung der linken Abbildung die 2. Maxwell-Gleichung heran-
zieht, braucht man zur Beschreibung der rechten, bei der das H-Feld des Permanentmagneten

a b
Abb. 8.20. Je nach Bezugssystem braucht man zur Beschreibung die zweite (a) oder die erste (b) Maxwellsche Gleichung.
68
konstant ist, die 1. Maxwell-Gleichung. Die
Beschreibung mit Hilfe der 2. Maxwell-Glei-
chung ist aber handlicher; man wird daher das
Bezugssystem so wählen, daß die Leiterschlei-
fe ruht.
Auch bei der Anordnung von Abb. 8.21 ist das
H-Feld des Magneten zeitlich konstant. Man
berechnet die Induktionsspannung daher in
dem Bezugssystem, in dem die Leiterschleife Abb. 8.21. Das H-Feld ist zeitlich konstant. Zur Berechnung
ruht und der Magnet rotiert. der Induktionsspannung geht man in das Bezugssystem, in
dem die Leiterschleife ruht.

8.6 Die Induktivität


Die Induktivität ist eine technisch wichtige Größe. Sie charakterisiert einen unverzweigten
Stromkreis, in dem der elektrische Strom keine Quellen oder Senken hat, oder einen Teil eines
solchen Stromkreises. Der Stromkreis definiert eine Fläche S, durch die der Fluß
∫∫BdA = ∫∫(µ0H+M)dA
hindurchtritt.
Nach der 1. Maxwellschen Gleichung ist die Feldstärke an jedem Ort proportional zur elektri-
schen Stromstärke I im Stromkreis. Solange M ∝ H, ist auch M überall proportional zu I. Dar-
aus folgt, daß sowohl der Fluß ∫∫HdA als auch ∫∫MdA proportional zu I ist:

Φ = ∫∫ BdA = ∫∫ ( µ0 H + M )dA ∝ I
S S

Wir schreiben diese Beziehung


Φ = LI (8.8)
Der Proportionalitätsfaktor L heißt die Induktivität des Stromkreises. Die Maßeinheit ist Vs/A =
H (Henry). Da es keine echten magnetischen Ströme gibt, gibt es auch die zu L analoge Größe
nicht.
Mit der 2. Maxwellschen Gleichung (8.6) wird

∫ Edr = – LI˙ (8.9)


Befindet sich im Stromkreis ein großer Wider-
stand, d. h. ein kurzes Teilstück, dessen Wider-
strand groß ist gegen den des Restes der Lei-
tung, Abb. 8.22, so trät nur dieses Teilstück zu
∫Edr bei, und die Spannung zwischen den En-
den dieses Widerstandes ist
Abb. 8.22. Der Widerstand eines kleinen Abschnitts des
Stromkreises ist groß gegen den des Restes.
U = – LI˙ (8.10)
Oft ist ein Stromkreis so in Teile zerlegbar, wie
es Abbildung 8.23 zeigt: in zwei nahezu ge-
schlossene Flächen, bei denen der Fluß, der
durch den einen Teil verursacht wird, nicht
durch den anderen geht. In diesem Fall ist auch
die Induktivität zerlegbar, man kann jedem Teil
seine eigene Induktivität zuordnen.
Bei einer Spule mit N Windungen tritt jede B-
Feldlinie N mal durch ein und dieselbe Fläche Abb. 8.23. Die Induktivität des Stromkreises ist in zwei Teile
zerlegbar.
des Stromkreises hindurch. Sie trägt damit N
69

Abb. 8.24. Die durch den Stromkreis definierte Fläche wird von jeder Feldlinie zweimal durchstoßen.

mal zum Integral ∫∫BdA bei. Abbildung 8.24 zeigt, daß die Leiterfläche von 4 Feldlinien 8 mal
durchstoßen wird: Alle 4 Teilbilder sind topologisch äquivalent.
Wir berechnen die Induktivität einer langen Spule. Im Innern der Spule ist H = (N/l) I. Mit
B = µ0H ist der B-Fluß, der die Gesamtfläche der Spule durchsetzt,

N2A
Φ = µ0 ⋅ N ⋅ A ⋅ H = µ0 I
l
Durch Vergleich mit mit Φ = LI ergibt sich

N2A
L = µ0
l
Bezeichnet man den Fluß durch einen einzigen Spulenquerschnitt A mit Φ', so ist Φ' = Φ/N,
und aus (8.8) wird:
NΦ' = LI
Ist die Spule auf einen geschlossenen Eisenkern gewickelt, so ist (siehe Abschnitt 8.2)
H = (N/l)I, M = µ0χmH und folglich

N N
B = µ0 H + M = µ0 (1 + χ m ) I = µ0 µ I
l l
Damit wird

N2A
L = µµ0 (8.11)
l
Wir berechnen noch den Energieinhalt einer Spule mit geschlossenem Eisenkern. Das Feld befin-
det sich im Wesentlichen im Eisenkern, und damit auch die Energie. Mit Gleichung (7.1), sowie
H = (N/l) I und V = A . l (wobei V das Volumen ist) wird:

µµ0 N 2 2 µµ0 N 2 A 2
E = ρE ⋅ V = I Al = I
2 l2 2 l
Daraus wird, wenn man (8.11) benutzt,
70

L 2
E= I (8.12)
2
Der Gültigkeitsbereich dieser Gleichung ist größer, als es nach unserer Herleitung den Anschein
hat. Sie gilt immer, wenn wir es mit dem Feld eines einzigen unverzweigten Stromkreises zu tun
haben.

8.7 Bezugssysteme
Dieses Thema wird hier nur angerissen. Eine
ausführliche Behandlung würde direkt zur Re-
lativitätstheorie führen.
1. Wir betrachten einen gleichmäßig elektrisch
geladenen Draht, der im Bezugssystem S ruht,
Abb. 8.25. In diesem Bezugssystem stellt man
ein von Null verschiedenes elektrisches Feld
fest, während H überall gleich Null ist. Im Be- Abb. 8.25. In Bezugssystem S ist nur die elektrische, in Be-
zugssystem S' auch die magnetische Feldstärke von Null ver-
zugssystem S', das sich gegen S in Richtung des schieden.
Drahtes bewegt, bewegt sich die Ladung. Es
fließt ein elektrischer Strom und es ist H ≠ 0.
2. Wir betrachten einen Stabmagneten, der im
Bezugssystem S ruht, Abb. 8.26. In S ist H ≠ 0,
aber E ist überall gleich Null. Im Bezugssy-
stem S' ändert sich der H-Fluß durch die Fläche
σ mit der Zeit, es ist also ∫Edr über den Rand
dieser Fläche ungleich Null. In S' ist also die
elektrische Feldstärke von Null verschieden.
Wir sehen an diesen beiden Beispielen, daß E Abb. 8.26. In Bezugssystem S ist nur die magnetische, in Be-
und H nicht nur durch irgendwelche physikali- zugssystem S' auch die elektrische Feldstärke von Null ver-
schen Gesetze miteinander verknüpft sind, et- schieden.
wa wie F und Q im Coulombschen Gesetz. E
und H transformieren sich vielmehr ineinan-
der bei Wechsel des Bezugssystems. Das elek- a
trische und das magnetische Feld stellen nicht
zwei verschiedene physikalische Systeme dar,
sondern ein einziges: das elektromagnetische
Feld. Der Zustand dieses Systems ist abhängig
vom Bezugssystem.
Wir betrachten abschließend noch eine dritte
Situation in zwei verschiedenen Bezugssyste-
men: Eine magnetische Punktladung und eine
elektrische Punktladung bewegen sich relativ b
zueinander, Abb. 8.27. Dabei übt das eine Ob-
jekt auf das andere eine Kraft aus. Die Deutung
ist nun je nach Bezugssystem eine andere.
In Bezugssystem S, Abb. 8.27a, ruht die
magnetische Ladung. Die elektrische Ladung
bewegt sich, bildet also einen elektrischen
Strom. Nach der ersten Maxwellschen Glei-
chung entsteht daher ein zusätzliches magneti-
sches Feld. Dieses überlagert sich mit dem H- Abb. 8.27. Ein punktförmiger Nordpol bewegt sich relativ zu
Feld des Magnetpols. Im unteren Teil von Abb. einer punktförmigen positiven Ladung. In Bezugssystem S
8.27a, bei dem die Geschwindigkeit senkrecht ruht der Magnetpol (a), in Bezugssystem S' ruht die elektri-
zur Zeichenebene steht, sieht man, daß das H- sche Ladung (b).
71
Feld oben verstärkt, unten abgeschwächt wird. Die Druckspannung nimmt oberhalb der elektri-
schen Ladung zu, darunter ab. Die Ladung wird also nach unten gedrückt.
Im Bezugssystem S', Abb. 8.27b, in dem die elektrische Ladung ruht, verursacht der Magnet ein
zeitlich veränderliches magnetisches Feld. Dieses hat nach der zweiten Maxwellschen Glei-
chung ein elektrisches Feld zur Folge.
Im unteren Teil der Abbildung, die die Anordnung wieder in der Aufsicht zeigt, sieht man, daß die
E-Feldstärke oberhalb der elektrischen Ladung abgeschwächt, unterhalb verstärkt werden. Die
elektrische Ladung wird also nach unten gezogen, in Übereinstimmung mit unserer Deutung im
anderen Bezugssystem.
Dieselbe Erscheinung wird also, je nach Bezugssystem, einmal mit der ersten und einmal mit der
zweiten Maxwellschen Gleichung erklärt. Deutet man ein solches Experiment nach der ersten
Maxwellschen Gleichung, so nennt man die auftretende Kraft “Lorentzkraft”.

8.8 Zusammenfassung der Gleichungen


Wir wollen die wichtigsten Gleichungen der Elektrodynamik noch einmal zusammenstellen.
Dies sind an erster Stelle die 1. und die 2. Maxwellsche Gleichung. Hinzu kommen die Gleichun-
gen (4.20) und (6.7), die als 3. bzw. 4. Maxwellsche Gleichung bezeichnet werden. Die vier Max-
wellgleichungen regeln das Zusammenspiel von elektrischen und magnetischen Feldern und de-
ren Quellen.

∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ D˙ dA 1. Maxwellsche Gleichung

-∫ Edr = ∫∫ B˙ dA 2. Maxwellsche Gleichung

∫∫ DdA = ∫∫∫ ρdV 3. Maxwellsche Gleichung

∫∫ BdA = 0 4. Maxwellsche Gleichung

Wir haben hier die Maxwellschen Gleichungen“integral” formuliert. Für die 3. und 4. Maxwell-
sche Gleichung hatten wir schon früher eine lokale oder “differentielle” Formulierung gegeben,
nämlich die Gleichungen (4.19) und (6.6). Man kann auch die 1. und 2. Maxwellsche Gleichung
mit Hilfe des rot-Operators lokal formulieren. Die vier Maxwellgleichungen lauten in differen-
tieller Schreibweise

rot H = j + Ḋ
− rot E = Ḃ
div D = ρ
div B = 0
9. Kräfte auf Ströme und bewegte Ladung

9.1 Der Druck des Magnetfeldes auf einen elektrischen Strom


Ein Feld drückt auf oder zieht an Materie immer dann, wenn das Feld “an der Materie hängt”, das
heißt wenn die Quellen des Feldes auf der Materie sitzen. Wir hatten in den Kapiteln 4 und 6 die
elektrische und magnetische Ladung als Quellen des elektrischen bzw. magnetischen Feldes ken-
nengelernt und in den Kapiteln 5 und 7 gefunden, daß die Felder an elektrisch oder magnetisch ge-
ladener Materie stets ziehen.
Wir haben nun im vorigen Kapitel als weitere Feldquellen Ströme kennengelernt: den elektri-
schen Strom j + ∂D/∂t und den magnetischen ∂B/∂t. Felder müssen also auch auf Ströme oder
auf Materie, durch die Elektrizität fließt, Kräfte
ausüben. Von praktischer Bedeutung sind hier a
allerdings nur diejenigen Kräfte, die auf einen
gewöhnlichen elektrischen Leitungsstrom aus-
geübt werden. Wir beschränken uns daher auf
die Diskussion dieses Falles.
Eine besonders einfache Situation liegt vor,
wenn der elektrische Strom in einem zylindri-
schen Hohlleiter in Richtung der Zylinderachse
fließt, Abb. 9.1a. Das Magnetfeld ist im Innern b
Null. Außen ist es ungleich Null. Die Feldlinien
liegen parallel zur Zylinderoberfläche, die
Äquipotentialflächen stehen senkrecht auf ihr, Abb. 9.1.(a) Von einem elektrischen Strom durchflossener
Abb. 9.1b. Wegen Gleichung (7.3) drückt das Hohlzylinder. (b) Querschnitt mit Feldlinien und Äquipoten-
Feld auf den Leiter. tialflächen
Wir schließen, daß das Magnetfeld auf elektri-
sche Ströme immer drückt.
Die beiden in Abb. 9.2a im Querschnitt gezeig-
ten Drähte “ziehen sich an”. Wir können dieses
Phänomen jetzt klären: Wir betrachten dazu
den oberen Draht. Das Magnetfeld drückt von
allen Seiten auf den Draht. Oben liegen aber die
Feldlinien dichter als unten. Daher resultiert ei-
ne Nettokraft nach unten. Entsprechendes gilt
für den unteren Draht. Auf gleiche Weise erklä-
ren wir, warum sich die Drähte von Abb.9.2b a b
abstoßen. Wieder betrachten wir den oberen
Draht. Das Magnetfeld drückt auf ihn von allen Abb. 9.2. Die beiden Drähte werden vom Magnetfeld zuein-
Seiten, aber von unten stärker als von oben. Es ander hingedrückt (a) bzw. voneinander weggedrückt (b).
resultiert also eine Nettokraft nach oben.
Wir können damit die folgenden Regeln formulieren.
Zwei Drähte, in denen ein elektrischer Strom in dieselbe Richtung fließt, werden vom Magnetfeld
zueinander hingedrückt. Fließen die Ströme in entgegengesetzte Richtungen, so werden die
Drähte vom Feld voneinander weggedrückt.
73
9.2 Die Lorentzkraft
Gleichung (7.3) ist zur Berechnung der Kraft auf einen Leiter nur dann geeignet, wenn die Feld-
verteilung geometrisch einfach ist, wie etwa im Fall von Abb. 9.1. In vielen anderen Fällen kommt
man mit einer anderen Formel leichter zum Ziel. Wir wollen diese andere Formel herleiten.
Wir wählen zunächst noch einmal eine geometrisch sehr einfache Anordnung, Abb. 9.3: eine un-
endlich ausgedehnte, von einem elektrischen Strom mit homogenem Stromdichtefeld durchflos-
sene Platte (Stromdichte in z-Richtung, Strom-
stärke pro Breite = I/b). Wir bringen die Platte
in ein Magnetfeld der Stärke H, dessen Rich-
tung parallel zur Platte und senkrecht zur
Stromrichtung ist. Die Suszeptibilität des Me-
diums, und damit µ, sei auf beiden Seiten der
Platte gleich. Bei dieser Konfiguration sind nur
die x-Komponente von H, die y-Komponente
der Kraft F und die z-Komponente der Strom-
dichte j von Null verschieden. Wir beschrän-
ken uns daher bei der Rechnung auf diese Kom-
ponenten und lassen die Indices x,y und z weg.
Wir berechnen die Kraft, die auf die Platte
wirkt:
F = (σr - σl)A Abb. 9.3. Auf einen ebenen Leiter, durch den ein elektrischer
Strom fließt, wirkt in einem äußeren Magnetfeld eine Kraft.
(“l” bedeutet links, “r” rechts.)
Zur Berechnung von σ = - (µµ0/2) H2 brauchen wir die links und rechts tatsächlich herrschende
Feldstärke. Diese setzt sich zusammen aus der Feldstärke H des “äußeren” Feldes und der Stärke
H' des Feldes, dessen Quelle der elektrische Strom in der Platte ist.
Die von der Platte verursachte Feldstärke H'
berechnen wir mit Hilfe der 1. Maxwellglei-
chung, Abb. 9.4:
H'rbr + H'lbl = (I/b) b
und mit br = b und bl = -b wird H'r - H'l = I/b.
Aus Symmetriegründen ist H'r = -H'l . Es ist al-
so
H'r = I/(2b) und H'l = -(I/2)b. Abb. 9.4. Zur Berechnung des Wegintegrals über die magne-
tische Feldstärke
Damit wird die Gesamtfeldstärke
links Hl = H - I/(2b) und rechts Hr = H + I/(2b).
Hiermit erhält man die Differenz der mechanischen Spannungen
µµ0 µµ 4 HI  = − µµ0 H I
σr − σl = − ( H r 2 − Hl 2 ) = − 0  2b 
2 2 2 b
und mit A = l . b
F = - (σr - σl)A = µµ0IlH
Diese Gleichung ist ein Spezialfall der vektoriellen Beziehung
F = µµ0I(l × H) = I(l × B) (9.1)
Der Vektor l hat dieselbe Richtung wie die elektrische Stromdichte. Gleichung (9.1) gilt nicht
74
nur unter den der Rechnung zu Grunde liegenden einfachen Bedingungen. Sie beschreibt in je-
dem Fall die Kraft, die auf einen Leiter wirkt, in welchem ein elektrischer Strom fließt und der sich
in einem Magnetfeld befindet. Die Feldstärke H, die in die Gleichung einzusetzen ist, ist die Feld-
stärke, die in Abwesenheit des Leiters vorhanden wäre. Man nennt die Kraft, die man mit Glei-
chung (9.1) berechnet, die Lorentzkraft.

9.3 Beispiele zur Lorentzkraft


Kraft auf einen Draht, in dem ein elektrischer Strom fließt (Abb. 9.5)

Abb. 9.5. Das Magnetfeld drückt den Draht nach links. Abb. 9.6. Drehspulgalvanometer

Auf diesem Prinzip beruht das “Drehspulgalvanometer”, Abb. 9.6. Es befindet sich in fast allen
analogen Strom-, Spannungs- und Widerstandsmessern.

Kraft zwischen parallelen Leitern, in denen elektrische Ströme fließen


Wir betrachten Draht 2 im Feld von Draht 1,
Abb. 9.7, und wenden Gleichung (9.1) an. In
unserem Fall ist F = µ0I2lH1. Mit H1 =
I1/(2πr) wird
F µ0 I1 I2
= (9.2)
l 2π r
Ist die Richtung des elektrischen Stroms in den
beiden Drähten dieselbe, so ziehen sich die
Drähte an, andernfalls stoßen sie sich ab.

Abb. 9.7. Draht 2 im Feld von Draht 1

Kraft auf bewegte, elektrisch geladene Teil-


chen
Wir fassen den elektrischen Strom in einem Leiter als Bewegung elektrischer Ladung mit der ein-
heitlichen Geschwindigkeit v auf:
Q Q
I = ρvA = vA = v
V l
Damit wird die Lorentzkraft:
Q
F= v(l × B)
l
Da der Vektor v dieselbe Richtung hat wie l, kann man schreiben
F = Q(v × B) (9.3)
In dieser Gleichung steckt keine geometrische Größe des Leiters mehr. Sie gilt deshalb auch für
einzelne Ladungspakete, und damit auch für Teilchen. Ist das Teilchen ein Elektron, so wird
F = - e(v × B) (9.4)
75
Elektronen im homogenen Magnetfeld
Ein Elektron bewege sich mit der Geschwindigkeit v in einem Magnetfeld, das ohne die Gegen-
wart des Elektrons homogen wäre und die Stärke H hätte. v stehe senkrecht auf H. Auf das Elek-
tron wirkt die Kraft F = - e(v × B) . Das hat eine Impulsänderung zur Folge. Da F senkrecht auf
v steht, ist
dp/dt = - mω2r.
r ist der Krümmungsradius der Bahn des Elektrons, ω die zugehörige Kreisfrequenz.
Mit der Kontinuitätsgleichung für den Impuls
dp/dt = F
wird
-mω2r = - e(v × B)
oder
mω2r = evB
Mit v = ωr erhalten wir schließlich die sogenannte Zyklotron-Frequenz:
e
ω= B
m
Erklärung von Induktionsvorgängen mit Hilfe der Lorentzkraft
Eine Leiterschleife wird in ein Magnetfeld hin-
einbewegt wie es Abb. 9.8 zeigt. Das Magnet-
feld ist zeitlich konstant. Trotzdem tritt eine In-
duktionsspannung auf. Das erkennt man leicht,
wenn man den Vorgang in dem Bezugssystem
betrachtet, in dem die Leiterschleife ruht.
Stattdessen kann man den Vorgang aber auch in
dem Bezugssystem, in dem der Magnet ruht,
mit Hilfe der Lorentzkraft erklären: Wir be-
trachten den Teil PQ der Leiterschleife. Im
Draht befinden sich bewegliche Ladungsträ-
ger. Sie bewegen sich mit der Geschwindigkeit
v im Magnetfeld nach links. Daher wirkt die
Lorentzkraft FL = Q(v × B) auf sie. Hierdurch
werden die Ladungsträger solange verschoben, Abb. 9.8. Im Bezugssystem des Dauermagneten kann die In-
bis FL durch Fel = QE kompensiert wird. Es duktion nicht mit der 2. Maxwellschen Gleichung erklärt wer-
entsteht also ein elektrisches Feld der Stärke: den.

E=v×B
E liegt in Richtung des Leiters.

Der Halleffekt
Ein elektrischer Leiter, der sich in einem
Magnetfeld befindet, werde von einem elektri-
schen Strom durchflossen, Abb. 9.9. Bewegen
sich die Ladungsträger mit der Geschwindig-
keit v, so wirkt auf sie die Lorentzkraft F =
Q(v × B), quer zur Richtung des Leiters. Da in
dieser Richtung kein elektrischer Strom fließen
kann, häuft sich auf den Seiten des Leiters elek- Abb. 9.9. Zum Halleffekt
76
trische Ladung an, und zwar gerade so, daß FL durch Fel = QE kompensiert wird. Die elektri-
sche Spannung zwischen den beiden Seiten des Leiters, die so entsteht, heißt Hall-Spannung UH.
Es gilt:
Q(v × B) = QEH ⇒ EH = v × B oder |E|H = v . B .

Mit v = I/(ρdb) und UH = |E|Hb wird

1 IB
UH = vBb =
ρ d
Durch Messen von I, B, UH und d kann man damit die Dichte der beweglichen Ladung bestim-
men. Insbesondere erhält man so auch das Vorzeichen der beweglichen Ladung.

Kräfte auf induzierte Ströme


Bewegt man eine geschlossene Leiterschleife in ein Magnetfeld hinein, Abb.9.10, so wird in der
Leiterschleife ein Strom induziert. Auf den Draht, in dem jetzt ein elektrischer Strom fließt, wirkt
im Magnetfeld die Lorentzkraft. Sie ist so gerichtet, daß sie die Bewegung der Leiterschleife “zu
hindern versucht”.
Auch wenn man eine volle Metallplatte in das Magnetfeld hineinbewegt, wird ein elektrischer
Strom induziert. Da diesem sein Weg durch die Geometrie des Leiters nicht vorgeschrieben ist,
nennt man ihn Wirbelstrom. Sonst gilt aber dasselbe wie für die Leiterschleife: Auf die Metall-
platte wirkt eine Lorentzkraft, die die Bewegung zu hindern versucht.

a b

Abb. 9.10. Lorentzkraft auf induzierten Strom (a) in Leiterschleife und (b) in Metallplatte
10. Supraleiter

10.1 Die supraleitende Phase


Es gibt Stoffe, die sich in ihren elektromagnetischen Eigenschaften von den bisher betrachteten
deutlich unterscheiden: die Supraleiter. Es gibt zahlreiche Varianten der Supraleitung. Wir be-
schränken uns hier auf die Betrachtung eines einfachen Idealfalls, der realisiert ist durch die soge-
nannten Supraleiter erster Art.
Die Supraleitung ist ein Zustand, der dem betrachteten Stoff nicht unabänderlich anhängt, son-
dern in dem sich der Stoff nur unter bestimmten Bedingungen befindet, ähnlich wie der ferro-
magnetische Zustand, oder der feste, flüssige oder gasige Zustand. Insbesondere darf die Tempe-
ratur einen bestimmten Wert nicht überschreiten; sonst verliert der Stoff seine supraleitende Ei-
genschaft. Genauso, wie ein Stoff nur fest ist, wenn die Temperatur nicht höher als die Schmelz-
temperatur ist, oder ferromagnetisch, solange die Temperatur die Curietemperatur nicht über-
schreitet, so ist ein Material auch nur supraleitend, wenn seine Temperatur nicht höher ist als die
sogenannte Übergangstemperatur. Am Phänomen der Supraleitung nehmen nicht alle Elektronen
teil, die im Normalzustand für die elektrische Leitung verantwortlich sind, sondern im Allgemei-
nen nur ein Teil von ihnen.
Tabelle 10.1. Übergangstemperaturen einiger chemischer
Es gibt sehr viele Stoffe, die eine supraleitende Grundstoffe
Phase haben. In Tabelle 10.1 sind die Über-
gangstemperaturen für einige chemische Übergangstemperatur (K)
Grundstoffe aufgeführt. Es gibt Legierungen
und chemische Verbindungen mit viel höheren Hg 4,15
Übergangstemperaturen. La 4,8
Nb 9,2
Hier die Eigenschaften der Supraleiter: Ta 4,39
Tc 7,8
(1) Ihr elektrischer Widerstand ist Null. Statt V 5,3
der Gleichung
j=σ.E
gilt die 1. Londonsche Gleichung:

djS
Λ⋅ =E
dt
jS ist die elektrische Stromdichte der supraleitenden Ladungsträger, Λ eine Materialkonstante.
Die Gleichung sagt, daß ein elektrisches Feld zeitlich konstanter Stärke nicht einen Strom kon-
stanter Stärke zur Folge hat, sondern einen Strom, dessen Stärke gleichmäßig zunimmt, einen
gleichmäßig beschleunigten Strom sozusagen.
(2) Supraleiter verdrängen aus ihrem Innern magnetische Felder. Diese Eigenschaft nennt man
den Meißner-Ochsenfeld-Effekt. Die Feldverdrängung bewerkstelligt der Supraleiter dadurch,
daß an seiner Oberfläche elektrische Ströme fließen. Das magnetische Feld dieser Ströme ist ge-
rade so, daß es das Gesamtfeld im Innern des Supraleiters zu Null kompensiert. Genauso wie ein
elektrisches Feld in einen Körper mit freien Ladungsträgern bis zu einer gewissen Tiefe eindringt,
falls die Ladungsträgerkonzentration nicht sehr groß ist, so dringt auch das magnetische Feld in
eine dünne Oberflächenschicht eines Supraleiters ein. Die Dicke dieser Schicht läßt sich berech-
nen mit Hilfe der 2. Londonschen Gleichung
Λ rot jS = –B
78
Da Λ von der Konzentration der supraleitenden Ladungsträger abhängt, hängt auch die Dicke
dieser Schicht davon ab.

10.2 Idealtypen magnetischer Materialien


Wir hatten früher zwei Idealformen des Magnetismus kennengelernt: den Magnetismus ideal
weichmagnetischer Stoffe und den ideal hartmagnetischer Stoffe. Mit den Supraleitern haben wir
einen dritten magnetischen Idealstoff kennengelernt. Wir wollen die drei Stoffe miteinander ver-
gleichen.
Alle drei verlieren ihren Magnetismus bei hinreichend großen Temperaturen.
Den weichmagnetischen Stoff kann man auffassen als Idealform des paramagnetischen Stoffs,
den Supraleiter als Idealform des diamagnetischen Stoffs.
Weichmagnetische und supraleitende Stoffe haben gemeinsam, daß sie ein magnetisches Feld in
ihrem Innern nicht zulassen. Sie verhindern aber das Eindringen von Magnetfeldern auf verschie-
dene Art.
Der Weichmagnet kompensiert ein Feld, das eigentlich in seinem Innern sein möchte, dadurch,
daß er an seiner Oberfläche Pole bildet. Der Supraleiter erreicht dasselbe Resultat , indem er an
seiner Oberfläche Ströme fließen läßt. Die Folge für die Feldstärkeverteilung an der Außenseite
ist in den beiden Fällen sehr verschieden.
Abb. 10.1a zeigt die Feldstärkeverteilung, die entsteht, wenn man einen einzelnen Magnetpol der
ebenen Oberfläche eines Weicheisenkörpers nähert. Man erhält außerhalb des Weicheisens die-
selbe Feldstärkeverteilung, wie wenn man das Weicheisen durch eine magnetische “Spiegella-
dung” ersetzt, eine Ladung desselben Betrages wie die erste Punktladung, aber des entgegenge-
setzten Vorzeichens, Abb. 10.1b.
Abb. 10.1c zeigt den Magnetpol vor der ebenen Oberfläche eines Supraleiters. Die Ströme an der
Oberfläche bewirken ein Abbiegen der magnetischen Feldlinien, so daß sie tangential zur Ober-
fläche verlaufen. Man erhält dieselbe Feldstärkeverteilung, wenn man den Supraleiter ersetzt
durch einen Spiegelpol desselben Betrages und desselben Vorzeichens, Abb. 10.1d.

b
a

c d

Abb. 10.1. Ein einzelner Magnetpol befindet sich vor der ebenen Oberfläche eines Weicheisenkörpers (a). Die Feldstärkevertei-
lung bleibt dieselbe, wenn man das Weicheisen durch einen Spiegelpol entgegengesetzten Vorzeichens ersetzt (b). Ein einzelner
Magnetpol befindet sich vor der ebenen Oberfläche eines Supraleiters (c). Die Feldstärkeverteilung bleibt dieselbe, wenn man
den Supraleiter durch einen Spiegelpol desselben Vorzeichens ersetzt (d).
79
Abb. 10.2 zeigt zwei zueinander analoge Versuche. Das Weicheisenstück in Abb. 10.2a hat eine
Temperatur, die über seiner Curietemperatur liegt. Es ist also (fast) unmagnetisch. Man läßt nun
die Temperatur abnehmen. Sobald sie die Curietemperatur unterschreitet, wird das Weicheisen-
stück vom Dauermagneten angezogen, Abb. 10.2b.
Die Temperatur des Supraleiters in Abb. 10.2c ist höher als die Übergangstemperatur. Der “Su-
praleiter” ist also noch nicht supraleitend. Seine Temperatur wird nun abgesenkt. Sobald sie die
Übergangstemperatur unterschreitet, springt der Supraleiter in die Höhe und bleibt über den Dau-
ermagneten in der Schwebe.

a b

d
c

Abb. 10.2. Die Temperatur des Weicheisenstücks liegt über der Curietemperatur (a). Die Temperatur des Weicheisenstücks wur-
de unter die Curietemperatur abgesenkt (b). Die Temperatur des Supraleiters liegt über der Übergangstemperatur (c). Die Tempe-
ratur des Supraleiters wurde unter die Übergangstemperatur abgesenkt (d).
11. Energieströme und Impuls im elektromagnetischen Feld

11.1 Die Energiestromdichte im elektromagnetischen Feld


Wird ein Kondensator geladen, so fließt Energie in den Raum zwischen den Platten. Wird ein
Elektromagnet eingeschaltet, so fließt Energie in den Raum zwischen den Polen. Während ein
Elektromotor läuft, fließt Energie in den Rotor hinein, um durch die Motorwelle wegzufließen.
Beim Generator ist es umgekehrt. In allen diesen Fällen fließt Energie im materiefreien Raum: im
elektromagnetischen Feld. Ist das Feld durch E und H (und P und M) eindeutig beschrieben, so
muß sich auch der Energiestrom aus diesen Größen berechnen lassen. Da E und H lokale Größen
sind, muß sich aus ihnen die lokale Größe Energiestromdichte jE berechnen lassen.
Wir gehen aus von der bekannten Gleichung für die Energiestromstärke
P = UI .
Sie ist gültig für den Fall, daß der Energiestrom
von einem Ladungsstrom begleitet ist. Diese
Gleichung kann prinzipiell keine Aussage über
den Ort machen, an dem die Energie fließt, denn
sie enthält nur nichtlokale Größen. Um diese
durch lokale Größen zu ersetzen, betrachten wir
eine geometrisch besonders einfache Anord-
nung: Der elektrische Strom fließe durch zwei
ebene, parallele Leiter, deren Abstand klein ist
gegen die seitliche Ausdehnung, Abb. 11.1.
Den Zusammenhang zwischen elektrischer
Spannung und elektrischer Feldstärke erhält
man durch Anwendung von Gleichung (4.5): Abb. 11.1. Zur Berechnung der Energiestromdichte

U = |E|d
und den zwischen elektrischer Stromstärke und magnetischer Feldstärke durch Anwendung von
Gleichung (8.1):
I = |H|b (11.1)
Damit wird:
P = |E| . d . |H| . b
und mit |jE| = P/(db)

|jE| = |E| . |H| .


Die Energie fließt senkrecht zu E und zu H, und zwar in der Abbildung nach hinten. Es ist also in
unserem Fall
jE = E × H. (11.2)
Diese Gleichung gilt für jedes elektromagnetische Feld, also nicht nur unter den einfachen Vor-
aussetzungen unserer Rechnung. Die Größe S = E × H nennt man auch den Poyntingvektor.
Gleichung (11.2) enthält nur lokale Größen. Sie macht nicht nur eine Aussage darüber, ob und
wieviel Energie fließt, sie sagt auch, wo sie fließt. jE(r) ist ein Vektorfeld. Die Stromlinien dieses
81
Feldes veranschaulichen die Energieströmung genauso, wie die jQ-Stromlinien die Ladungsströ-
mung veranschaulichen.

11.2 Beispiele für Energieströmungen


Energieübertragung mit Kabeln
Eine galvanische Zelle sei über zwei ideal leitende Drähte mit einem Stück Widerstandsdraht ver-
bunden. Ausgangsstation der Energie ist also die Zelle, Endstation der Widerstandsdraht. Wir be-
schreiben qualitativ den Weg der Energie zwischen diesen beiden Stationen. In Abbildung 11.2
sind E- und H-Feld angedeutet. Die jE-Linien
verlaufen senkrecht zu E und senkrecht zu H.
Drei jE-Linien sind eingezeichnet. Man sieht,
daß ihre Quellen in der Zelle liegen und ihre
Senken im Widerstandsdraht.
Im Widerstand wird die ankommende Energie
dissipiert. Wenn die Zuleitungen nicht den Wi-
derstand Null haben, so hat die elektrische
Feldstärke eine Komponente in Drahtrichtung
und einige jE-Linien münden in die Zuleitungs-
drähte ein.
Die Energieströmung beim Laden eines Kon- Abb. 11.2. Elektrische Feldstärke, magnetische Feldstärke
densators und Energiestromdichte in einem einfachen Stromkreis
Die elektrische Stromdichte nimmt von der
Stelle, an der die Zuleitungen der Kondensator-
platten befestigt sind, ausgehend ab, und zwar
so, daß sie an den Rändern der Platte Null ist, a
Abb. 11.3. Das Magnetfeld nimmt also auch zu
den Rändern hin ab, und damit auch die Ener-
giestromdichte jE. Die Energiestromdichte hat
also zwischen den Kondensatorplatten Senken.
Das muß so sein, denn hier wird ja die Energie
deponiert.
b
Der bewegte Kondensator
Ein Kondensator mit der Ladung pro Fläche
Q/A = ρA werde parallel zu seinen Plattenebe-
Abb. 11.3. (a) Elektrische Feldstärke und Energiestromdich-
nen mit der Geschwindigkeit v bewegt, Abb. te; (b) Ladungsstromdichte
11.4. Gesucht ist das jE-Feld. Dazu müssen E
und H berechnet werden.
Überall zwischen den Platten ist nach Glei-
chung (4.9)
ρA
E=
ε0
und nach Gleichung (11.1)
I
H =
b
Wir berechnen zunächst noch I als Funktion Abb. 11.4. Ein Kondensator wird mitsamt seiner Energie pa-
rallel zur Plattenrichtung bewegt.
82
der bekannten Größen. ρA ist die Ladung pro Fläche, ρAb demzufolge die Ladung pro Länge (in
Bewegungsrichtung). Die Stromstärke ist Ladung pro Länge mal Geschwindigkeit:
I = ρAb v
Damit wird
|H| = ρA v
und mit (11.2) schließlich
ρA 2
jE = v
ε0
Drückt man die Flächenladung durch die elektrische Feldstärke aus, so erhält man
|jE| = ε0 E2 |v|
Dieses Ergebnis ist erstaunlich, denn nimmt man an, daß die Feldenergie des Kondensators ein-
fach mit der Geschwindigkeit v verschoben wird, so erhält man für die Energiestromdichte gera-
de den halben Wert, nämlich
ε0 2
E v
2
Was geschieht mit der anderen Hälfte? Sie fließt mechanisch durch die Platten zurück. Die Platten
stehen unter Zugspannung und bewegen sich. Also fließt in ihnen ein Energiestrom, der sich nach
P = v F berechnen läßt.
Die Energieströmung in Motor und Generator
Die Beschreibung ist je nach Bezugssystem anders. Wir wählen für die Beschreibung das Bezugs-
system, in dem der Magnet ruht und sich der Leiter bewegt.
a) Generator
Der stabförmige Leiter c, Abb. 11.5, wird nach rechts bewegt, so daß er auf den beiden Leitern a
und b gleitet. Der Stromkreis sei zunächst of-
fen. Auf die freien Ladungsträger in c, die wir
uns positiv geladen denken, wirkt die
Lorentz-Kraft und verschiebt sie in die Rich-
tung von Leiter b, so daß das elektrische Poten-
tial von b gegen das von Leiter a ansteigt. Zwi-
schen a und b befindet sich ein elektrisches
Feld. Die Feldlinien laufen von b nach a. Wir
schalten nun einen Energieempfänger ein. Ist
dessen Widerstand groß gegen den restlichen
Widerstand des Stromkreises, so bleibt die
Spannung zwischen a und b unverändert. Durch
c fließt nun ein elektrischer Strom gegen das
elektrische Feld. Abb. 11.5. Leiter c wird nach rechts bewegt; er gleitet dabei
auf den Leitern a und b.
Abbildung 11.6 zeigt qualitativ das E-, das H-
und das jE-Feld. Die Energie fließt aus dem bewegten Stab heraus und durch das elektromagneti-
sche Feld in den Widerstand hinein.
b) Motor
Wir ersetzen den Widerstand durch eine elektrische Energiequelle. Die Quelle sei stromstabili-
siert. Der Strom fließe zuerst durch a, dann durch b und durch a zurück zur Quelle. Auf die beweg-
lichen Ladungsträger in Leiter c wirkt eine Lorentz-Kraft, deren Richtung parallel zu den Leitern
a und b ist. Dadurch beginnt Leiter c, sich nach links zu bewegen. Bewegt sich c, so wirkt auf die
Ladungsträger in c noch eine Lorentzkraft, die parallel zu c nach a gerichtet ist. Diese führt dazu,
83

Abb. 11.6. E-, H- und jE-Feld beim Generator Abb. 11.7. E-, H- und jE-Feld beim Motor

daß ein elektrisches Feld entsteht, dessen Feldlinien von a nach b laufen.
Die resultierenden jE-Feldlinien laufen von der Quelle zum Leiter c, Abb. 11.7.

11.3 Energieübertragung mit magnetischen Verschiebungsströmen


In der Gleichung P = UI müßte statt I eigentlich der gesamte elektrische Strom im Maxwell-
schen Sinn, nämlich I + ∫∫(∂D/∂t)dA, stehen.
Das erkennt man an Hand von Abb. 11.8. Der Energiestrom, der in den gestrichelt umrandeten
Bereich hineinfließt, soll berechnet werden. Wir betrachten den Zeitpunkt kurz nach dem Ein-
schalten, zu dem die Kondensatoren noch nicht geladen sind. Die gesamte Spannung der Quelle
liegt dann noch am Widerstand, und damit
fließt der gesamte Energiestrom, der von der
Quelle kommt, zum Widerstand. Man erhält
seinen Wert mit

P = U ⋅ ∫∫ ḊdA

Man kann Energie auch mit Hilfe magnetischer


Verschiebungsströme übertragen, und es gilt
die analoge Gleichung:
Abb. 11.8. Zur Verallgemeinerung der Gleichung P=UI
P = Um ⋅ ∫∫ ḂdA

Abbildung 11.9a zeigt ein Beispiel. Ein Perma-


nentmagnet bei A influenziert in einem magne-
tischen Leiter (Weicheisen) magnetische La-
dungen. Dreht man den Permanentmagneten,
so fließt im Weicheisen ein magnetischer
Wechsel(verschiebungs-)strom. Dieser führt
dazu, daß der magnetische Kondensator bei B
mit wechselndem Vorzeichen geladen wird. a
Der Permanentmagnet bei B wird dadurch in
Drehung versetzt.
Die Stärke des Energiestroms, der mit Hilfe der
Weicheisenleitungen übertragen wird, ist
durch die oben stehende Gleichung gegeben.
Jede der beiden magnetischen Leitungen befin-
det sich auf räumlich nahezu konstantem
magnetischem Potential. Um ist die Potential- b
differenz zwischen den Leitungen. Da
µ0 ∂H/∂t « ∂M/∂t Abb. 11.9. Energieübertragung mit magnetischen Verschie-
bungsströmen. (a) Magnetische Spannung und magnetische
ist, vereinfacht sich die Gleichung zu Stromstärke; (b) E-, H- und jE-Feld
84

P = Um ⋅ ∫∫ ṀdA
Das Flächenintegral erstreckt sich über eine einzige der beiden Leitungen.
Auch diese Gleichung macht keine Aussage über den Weg, den der Energiestrom nimmt. Dieser
Weg ist wieder durch jE = E × H gegeben. Um jede der beiden Leitungen befinden sich nach der
zweiten Maxwellschen Gleichung geschlossene elektrische Feldlinien. Vom einen zum anderen
Leiter laufen magnetische Feldlinien. Die jE-Linien laufen von A nach B, Abb. 11.9b.

a b
Abb. 11.10. Energieübertragung mit magnetischen Leitern; (a) Elektromotor; (b) Transformator

Ersetzt man einen der beiden Magneten durch eine Spule, durch die ein Wechselstrom fließt, Abb.
11.10a, so erhält man einen Elektromotor. Ersetzt man beide Magneten durch Spulen, Abb.
11.10b, so erhält man einen Transformator. In jedem Fall wird die Energie von links nach rechts
mit Hilfe magnetischer Verschiebungsströme übertragen, und die jE-Stromlinien verlaufen im
Wesentlichen außerhalb der magnetischen Leitungen.

11.4 Geschlossene Energiestromkreise im elektromagnetischen Feld


Eine positive elektrische und eine positive
magnetische Punktladung befinden sich neben-
einander, und zwar in Ruhe, Abb. 11.11. Über- a
all in der Umgebung der beiden Ladungen ist
E ≠ 0 und H ≠ 0, und E und H sind, von der
Verbindungslinie der beiden Ladungen abgese-
hen, nirgends parallel zueinander. Es ist also
überall jE ≠ 0. Die jE-Feldlinien bilden kon-
zentrische Kreise um die Verbindungslinie der
beiden Ladungen herum. Das jE-Feld hat also
keine Quellen oder Senken. Das muß auch so b
sein, denn es gibt kein anderes System, dessen
Energie ab- oder zunimmt.

Abb. 11.11. Elektrische und magnetische Punktladung. (a)


E- und H-Feld in Seitenansicht; (b) jE-Feld perspektivisch

11.5 Der Impuls des elektromagnetischen Feldes


Für einen Energie-Impuls-Transport durch den leeren Raum mit der Geschwindigkeit v gilt:
E
p= v
c2
Daraus folgt für die Dichten ρp und ρE von Energie und Impuls
85

ρE
ρp = v
c2
Wenn sich die Energiestromdichte jE = ρE v schreiben läßt, gilt demnach:

jE
ρp =
c2
Diese Beziehung gilt viel allgemeiner als die Gleichungen, aus denen sie hergeleitet wurde. Oft
kann man einen Energiestrom nicht, wie es die Gleichung jE = ρEv voraussetzt, als mit einer ein-
heitlichen Geschwindigkeit v bewegte Energie beschreiben. Trotzdem gilt auch dann der Zusam-
menhang ρp = jE/c2 zwischen Impulsdichte und Energiestromdichte. Die Allgemeingültigkeit
dieser Beziehung besagt, daß ρp und jE eigentlich gar keine verschiedenen Größen sind, sondern
ein und dieselbe. Man sollte ihnen also eigentlich auch keine verschiedenen Anschauungen zu
Grunde legen. Tatsächlich kann man mit beiden Größen dieselbe Anschauung verbinden. Beide
stellen nämlich das dar, was man umgangssprachlich “Schwung” nennt. Impuls ist Schwung, aber
auch strömende Energie ist Schwung. (Man ist vielleicht eher geneigt zu sagen, strömende Ener-
gie hat Schwung.) Mit jE = E × H folgt für die Impulsdichte des elektromagnetischen Feldes:
E×H
ρp = (11.3)
c2

11.6 Zusammenfassung
Wir haben jetzt Ausdrücke für die Dichten und Stromdichten sowohl für die Energie als auch den
Impuls des elektromagnetischen Feldes. Energiedichte und Energiestromdichte sind durch die
Gleichungen (5.1), (7.1) und (11.2) gegeben. Die Impulsstromdichte ist identisch mit der mecha-
nischen Spannung. Sie wird durch die Gln. (5.2), (5.4), (7.2) und (7.3) beschrieben. Die Impuls-
dichte schließlich berechnet sich nach Gl. (11.3). Wir fassen die Gleichungen noch einmal zusam-
men.
Wir haben damit alle Komponenten des sogenannten Energie-Impuls-Tensors des elektromagne-
tischen Feldes, der in der Relativitätstheorie eine große Rolle spielt.
εε 0 2 µµ0 2
ρE = E ρE = H Energiedichte
2 2
jE = E × H Energiestromdichte
E×H
ρp = Impulsdichte
c2
εε µµ0 2 mechanische Spannung parallel
σ || = 0 E 2 σ || = H 
2 2 zu den Feldlinien
εε 0 2 µµ0 2 mechanische Spannung senkrecht
σ⊥ = − E σ⊥ = − H 
2 2 zu den Feldlinien
12. Strukturen in der Elektrodynamik

12.1 Die Gibbssche Fundamentalform des elektromagnetischen Feldes


Wir betrachten einen Raumbereich vom Volumen V, in dem sich ein homogenes elektromagneti-
sches Feld befindet. Aus der Energiedichte
E ε µ
= ρE = 0 E2 + 0 H 2
V 2 2
erhält man
dE = V(ε0EdE + µ0HdH)
Diese Beziehung gibt an, um welchen Betrag dE sich die Energie ändert, wenn die elektrische
oder magnetische Feldstärke geändert wird.
Wir wollen diese Energieänderung durch nichtlokale Größen ausdrücken und betrachten dazu zu-
nächst den magnetischen Term dE = Vµ0HdH. Ist dE die Änderung der Energie in einer Spule,
so gilt
NI dΦ
dE = Vµ0 HdH = VHdB = V = IdΦ
l NA
Ist dagegen dE die Änderung der Energie in einem magnetischen Kondensator, so ist mit
Um/d = H und Qm/A = µ0H:

Um dQm
dE = V = Um dQm
d A
Allgemein kann man also ersetzen:
Vµ0HdH = I dΦ + UmdQm.
Auf analoge Art kann man den lokalen Ausdruck für die Änderung der Energie des elektrischen
Feldes durch einen nichtlokalen Ausdruck ersetzen.
Vε0EdE = ImdΦel + UdQ ,

wo Φel der Fluß von D ist.


Insgesamt ist also
dE = I dΦ + UmdQm + ImdΦel + UdQ .
Eine Beziehung dieser Art heißt Gibbssche Fundamentalform.
In dieser Beziehung sind zwei Terme nicht wichtig:
UmdQm ist selten von Bedeutung, da magnetische Kondensatoren nicht als technische Bauele-
mente benutzt werden.
ImdΦel ist praktisch gar nicht realisierbar, da es schwierig ist, magnetische Ströme zu erzeugen.
In praktischen Anwendungen bleibt also gewöhnlich nur der Ausdruck
87
dE = I dΦ + UdQ .
Er beschreibt zum Beispiel die Energieänderung in einer Spule (1. Term) und in einem elektri-
schen Kondensator (2. Term). Dieser Ausdruck hat nicht mehr die Symmetrie zwischen elektri-
schen und magnetischen Größen, die wir bisher stets betrachtet haben, denn es fehlt das Analogon
ImdΦel zu IdΦ und das Analogon UmdQm zu UdQ.
Zwischen IdΦ und UdQ besteht aber eine Symmetrie anderer Art. Dies ist genau diejenige Sym-
metrie, die im Physik-I-Kurs ausgenutzt wurde und die wir “Dualismus” genannt hatten (und die
ihr Analogon in der Mechanik hat). Bei dieser Abbildung sind nicht nur Größen durcheinander zu
ersetzen, sondern auch topologische Beziehungen, etwa “Knoten ↔ Masche”, “parallel ↔ hin-
tereinander”. Schließlich sind auch Größen durch ihren Kehrwert zu ersetzen, nämlich “Wider-
stand ↔ Leitwert”, und hieraus folgen die Ersetzungen “Kurzschluß ↔ Leerlauf”, und “Leiter ↔
Nichtleiter”.
Während die Betrachtung der Symmetrie, bei der sich E und H entsprechen, für das Verständnis
der physikalischen Grundlagen besonders hilfreich ist, ist der Dualismus, in dem sich U und I
entsprechen, für das Verständnis technischer Anwendungen sehr nützlich.

12.2 Die Analogie zwischen Ladungsdichte und Stromdichte


In der theoretischen Physik ist eine weitere Analogie sehr beliebt. Sie beruht auf einem Vergleich
zwischen ρQ und jQ. So wie ρQ die Quelle des E-Feldes ist, so ist jQ die Quelle des B-Feldes.
Hier entsprechen sich also E und B. In Analogie zum elektrischen Potential ϕ definiert man das
Vektorpotential A:
B = rot A .
In Analogie zur Poissongleichung
∆ϕ = – ρ/ε0
gilt dann (ohne Beweis)
∆A = – µ0j .
13. Elektrische Schwingungen - der Wechselstrom

13.1 Die Maschenregel in Stromkreisen, die Induktivitäten enthalten


In Stromkreisen, in denen nur Gleichstrom fließt, oder in denen Spannungen, die durch zeitlich
veränderliche Ströme induziert werden, gegen die anderen auftretenden Spannungen vernachläs-
sigt werden können, ist Edr auf jedem geschlossenen Weg, insbesondere entlang jeder “Ma-
sche”, gleich Null. Es kann ein Potential definiert werden, und es gilt die Maschenregel (Glei-
chung (2.7):

∑U i =0
Die Maschenregel gilt aber nicht mehr, sobald
sich Induktivitäten im Stromkreis befinden. In
dem in Abb. 13.1 dargestellten Stromkreis ist
(Gleichung (8.9)):

∫ Edr = − LI˙ ≠ 0
Stromkreis
Abb. 13.1. Stromkreis mit Induktivität

Da aber die Maschenregel sehr praktisch ist, rettet man sie mit Hilfe eines Tricks. Im Stromkreis
von Abb. 13.1 liegt der volle Beitrag zum Integral ∫Edr am Widerstand. Es ist also

− LI˙ = RI
oder

RI + LI˙ = 0
Man tut nun so, als ob es in dem Stromkreis ein Potential gäbe; man tut so, als ob das negative von
(-L∂I/∂t), also L∂I/∂t, eine Spannung sei, die von einem elektrischen Feld in der Spule herrührt.
Man interpretiert also die Gleichung RI + L∂I/∂t = 0 folgendermaßen: Am Widerstand fällt die
Spannung UWid = R I ab, und an der Spule fällt die Spannung USp = L∂I/∂t ab.
Mit dieser Festlegung gilt also wieder

Verallgemeinerte Maschenregel;
∑ Ui = 0 
gilt, wenn USpule = + LI˙ eingesetzt wird

13.2 Elektrische Schwingkreise


Abbildung 13.2 zeigt einen elektrischen
Schwingkreis. Zu seiner rechnerischen Be-
handlung benutzen wir die verallgemeinerte
Maschenregel:
Q
LI˙ + RI + = 0
C
Wir leiten die Gleichung nach der Zeit ab und
benutzen dQ/dt = I (die Beziehung zwischen
Abb. 13.2. Elektrischer Schwingkreis (Serienschwingkreis)
Kondensatorladung und Ladestrom):
89

I
LI˙˙ + RI˙ + = 0
C
Wir dividieren schließlich noch durch L:
R I
I + I˙ +
˙˙ =0
L LC
Dies ist eine Differentialgleichung für gedämpfte Schwingungen. Die Lösung geschieht nach
dem bekannten Rezept.
Für R = 0 sind die Schwingungen ungedämpft, und es ist
1
I = I0 sin ωt mit ω=
LC
Mit U = L∂I/∂t ergibt sich

L
U = U0 cos ωt mit U0 = I0
C
Mit der Beziehung
C 2
EKond = U
2
die man aus (4.10) und (4.27) gewinnt und mit Gleichung (8.12)
L 2
ESpule = I
2
erhält man
C 2 L L 1
EKond = U0 cos2 ωt = I0 2 cos2 ωt = I0 2 (1 − cos 2ωt )
2 2 2 2
und
L 2 2 L 1
ESpule = I0 sin ωt = I0 2 (1 + cos 2ωt )
2 2 2
Die Summe
L 2 C 2
EKond + ESpule = I0 = U0
2 2
ist also zeitlich konstant.
Die Energie fließt mit der Frequenz 2ω zwischen Spule und Kondensator hin und her. Das sieht
man auch am Energiestrom:
1
P = U ⋅ I = I0 ⋅ U0 ⋅ sin ωt ⋅ cos ωt = I0U0 sin 2ωt
2
Für R ≠ 0 ist

1 R2
ω= − 2
LC 4 L
90
Die Amplituden des elektrischen Stroms und der Spannung klingen ab gemäß
R
e– 2 L t
und die des Energiestroms gemäß
R
e− L t
Abbildung 13.3 zeigt den Schwingkreis, den
man durch “duales Übersetzen” erhält: C ↔ L,
R ↔ 1/R parallel ↔ hintereinander. Statt diese
Schaltung mit der zur Maschenregel dualen
Knotenregel zu berechnen, kann man einfach
die Ergebnisse der vorigen Rechnung überset-
zen. So ergibt sich z.B. für die Frequenz:

1 1
ω= −
LC 4 R2 C 2 Abb. 13.3. Parallelschwingkreis

13.3 Wechselstrom und Wechselspannung


Wenn sich die Stromstärke (oder die Spannung) zeitlich gemäß einer Sinusfunktion ändert, wenn
also I(t) = I0 sin (ωt+ϕ) (oder U(t) = U0 sin (ωt+ϕ)) ist, so spricht man von einem Wechsel-
strom (bzw. einer Wechselspannung). Wechselstrom hat aus verschiedenen Gründen eine große
technische Bedeutung.
Man verwendet Wechselstrom hoher Frequenz als Datenträger, und Wechselstrom niedriger Fre-
quenz (meist 50 Hz) als Energieträger.
Die Vorteile des Wechselstroms beruhen zum großen Teil darauf, daß die durch die 1. und 2. Max-
wellsche Gleichung beschriebenen Gesetze wirksam werden, denn in diesen Gleichungen stehen
Zeitableitungen. Da die Zeitableitung einer harmonischen Funktion wieder eine harmonische
Funktion ist, sind die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen elektrischen Größen beson-
ders einfach.
Sind zwei Punkte A und B eines elektrischen Netzwerks durch eine beliebige Anordnung von
Ohmschen Widerständen, Kondensatoren und Spulen miteinander verbunden, Abbildung 13.4,
und liegt zwischen A und B die Wechselspannung U = U0 sin ωt, so fließt durch die Anordnung
ein Wechselstrom derselben Frequenz: I = I0 sin (ωt+ϕ).
Der Strom ist im Allgemeinen gegen die Span-
nung phasenverschoben. Wir werden sehen,
daß I0 zu U0 proportional ist. Der Quotient
U0/I0 heißt der Scheinwiderstand der Anord-
nung. Er wird mit X bezeichnet.
Wir untersuchen im Folgenden den Zusam-
menhang zwischen U(t), I(t) und P(t) für
- einen Ohmschen Widerstand;
- einen Kondensator;
- eine Spule;
- Widerstand, Kondensator und Spule hinter-
einandergeschaltet; Abb. 13.4. Elektrisches Netzwerk mit Spulen, Kondensatoren
- Widerstand, Kondensator und Spule parallel- und Widerständen
geschaltet.
91
13.4 Der Wechselstromwiderstand
a) Ohmscher Widerstand
Für den Ohmschen Widerstand gilt:
U = RI .
Zwischen die Enden des Widerstandes wird die Wechselspannung U(t) = U0 sin ωt gelegt. Die
Konsequenz: Es fließt ein Wechselstrom der Stärke
U0
I (t ) = sin ωt = I0 sin ωt
R
wobei I0 = U0/R ist.
Die Stromstärke der im Widerstand dissipierten Energie ist:

U0 2 2
P(t ) = U (t ) ⋅ I (t ) = U0 I0 sin 2 ωt = sin ωt
R
Der zeitliche Mittelwert von P(t) ist

1 U0 2 1
P( t ) = = U0 I0
2 R 2
Welchen Wert Ueff müßte eine Gleichspannung haben, die dieselbe Dissipation im Widerstand
verursacht?

Ueff 2 1 U0 2 U0
= ⇒ Ueff =
R 2 R 2
Die entsprechende elektrische Stromstärke wäre
Ueff U I
Ieff = = 0 = 0
R 2R 2
Man nennt Ueff und Ieff die Effektivwerte der Wechselspannung bzw. des Wechselstroms.
Wechselstrom- und Wechselspannungsmeßgeräte sind in Effektivwerten von Strom bzw. Span-
nung geeicht. Man kann also mit den gemessenen Werten den mittleren Energiestrom als Produkt
aus (Effektiv-)Spannung und (Effektiv-)Strom nach der Formel P = UI berechnen.
Die 220 V der Steckdose stellen ebenfalls die Effektivspannung dar.

b) Kondensator, kapazitiver Widerstand


Für den Kondensator gilt Gleichung (4.10):
Q = CU .
Ableitung nach der Zeit und Einsetzen von I für ∂Q/∂t ergibt:

I = CU˙
Wir legen die Spannung U(t) = U0 sin ωt an und erhalten einen Strom der Stärke

π π
I (t ) = ωCU0 cos ωt = ωCU0 sin ωt +  = I0 sin ωt + 
 2  2
wobei I0 = ωCU0 ist.
92
Ändert sich die Spannung am Kondensator harmonisch, so ändert sich also auch die Stärke des
Stroms durch den Kondensator harmonisch, I(t) ist aber gegen U(t) um π/2 phasenverschoben:
U(t) liegt gegen I(t) um π/2 zurück.
Den Scheinwiderstand
U0 1
XC = =
I0 ωC
nennt man kapazitiven Widerstand.
Wir berechnen noch den Energiestrom, der in den Kondensator fließt:

U0 2
P(t ) = U (t ) ⋅ I (t ) = ωCU0 2 sin ωt cos ωt = ωC sin 2ωt
2
Es fließt Energie abwechselnd in den Kondensator hinein und aus ihm heraus. Der zeitliche Mit-
telwert der Energiestromstärke ist Null.

c) Spule, induktiver Widerstand


Für die Spule gilt Gleichung:

U = LI˙
Mit I(t) = I0 sin ωt wird

π π
U (t ) = ωLI0 cos ωt = ωLI0 sin ωt +  = U0 sin ωt + 
 2  2
Ändert sich die Stärke des Stroms durch die Spule harmonisch, so ändert sich auch die Spannung
zwischen den Enden der Spule harmonisch, U(t) ist aber gegen I(t) um π/2 phasenverschoben:
I(t) liegt gegen U(t) um π/2 zurück.
Den Scheinwiderstand
U0
XL = = ωL
I0
nennt man induktiven Widerstand.
Der Energiestrom, der in die Spule fließt, ist:
P(t) = U(t) I(t) = ωLI02 sin ωt cos ωt
Es fließt Energie abwechselnd in die Spule hin-
ein und aus ihr heraus. Der zeitliche Mittelwert
der Energiestromstärke ist Null.

d) Ohmscher Widerstand, Spule und Konden-


sator hintereinandergeschaltet, Abb. 13.5
Die elektrische Stromstärke ist in allen drei Ele-
menten dieselbe:
I(t) = I0 sin ωt .
Gesucht ist die Spannung Abb. 13.5. Widerstand, Kondensator und Spule hintereinan-
der geschaltet
93
U(t) = UR(t) + UC(t) + UL(t).
Da U(t) die Summe von drei harmonischen Spannungen derselben Frequenz ist, muß sie die fol-
gende Form haben:
U(t) = U0 sin (ωt - ϕ) .

Wir wollen U0 und ϕ bestimmen.

1
U0 sin(ωt − ϕ ) = U R (t ) + UC (t ) + U L (t ) = RI0 sin ωt − I0 cos ωt + ωLI0 cos ωt
ωC

 
U0 (sin ωt cos ϕ − cos ωt sin ϕ ) = I0  R sin ωt +  ωL −
1 
cos ωt 
  ωC  
Vergleich der Koeffizienten von sinωt und cosωt liefert:
U0 cos ϕ = I0R
und

U0 sin ϕ = I0  − ωL
1
 ωC 
Daraus folgt
1
− ωL
tan ϕ = ωC
R
und

 2

U0 2 = I0 2  R 2 +  − ωL 
1
  ωC  

und schließlich
2
U0 = I0 R 2 +  − ωL
1
 ωC 
Der Scheinwiderstand der Anordnung ist also
2
X = R2 +  − ωL
1
 ωC 
Der gesamte Energiestrom in die Anordnung ergibt sich zu
P(t) = U0sin(ωt - ϕ)I0sinωt = U0I0sinωt (sinωt cosϕ - cosωt sinϕ)
Der zeitliche Mittelwert ist
U0 I0
P( t ) = cos ϕ = Ueff Ieff cos ϕ
2
Der Faktor cosϕ gibt an, welcher Bruchteil des Produkts Ueff Ieff in der Anordnung dissipiert
wird.
94
e) Ohmscher Widerstand, Spule und Konden-
sator parallel geschaltet, Abb. 13.6
Die Spannung an allen drei Elementen ist die-
selbe:
U(t) = U0 sinωt.
Gesucht ist die elektrische Stromstärke
I(t) = IR(t) + IC(t) + IL(t).
Da I(t) die Summe von drei harmonischen
Stromstärken derselben Frequenz ist, muß sie
die folgende Form haben:
I(t) = I0 sin(ωt - ϕ).

Wir wollen I0 und ϕ berechnen.


Abb. 13.6. Widerstand, Kondensator und Spule parallel ge-
schaltet

U0 U
I0 sin(ωt − ϕ ) = I R (t ) + IC (t ) + I L (t ) = sin ωt + ωCU0 cos ωt − 0 cos ωt
R ωL

1 
I0 (sin ωt cos ϕ − cos ωt sin ϕ ) = U0  sin ωt +  ωC −
1 
cos ωt 
R  ωL  
Vergleich der Koeffizienten von sinωt und cosωt liefert:
U0
I0 cos ϕ =
R
und

I0 sin ϕ = U0  − ωC
1
 ωL 
Daraus folgt

tan ϕ =  − ωC R
1
 ωL 
und

1  1 
2

I0 = U0  2 +
2 2
− ωC 
R  ωL  
und schließlich
2
1  1
I0 = U0 + − ωC
R 2  ωL 
Der Scheinwiderstand dieser Anordnung ist also
1
R= 2
1  1
+ − ωC
R2  ωL 
95
Wir hätten uns diese Rechnung sparen können, wenn wir die Ergebnisse von Abschnitt d) dual
übersetzt hätten.
Für den mittleren Energiestrom ergibt sich wieder
U0 I0
P( t ) = cos ϕ = Ueff Ieff cos ϕ
2

13.5 Die Beschreibung von Wechselstromnetzwerken mit komplexen Größen


Ist die Frequenz eines Wechselstromkreises ein für allemal festgelegt, so braucht man zur Cha-
rakterisierung eines Wechselstroms nur noch zwei Werte: die Amplitude und die Phase. Dasselbe
gilt für Wechselspannungen. Die Beschreibung durch die Zeitfunktion I0 cos(ωt + ϕ) ist also un-
nötig umständlich. Die Darstellung von Wechselströmen und Wechselspannungen wird beson-
ders einfach, wenn man komplexe Zahlen verwendet:

I = I0cos(ωt + ϕ) wird dargestellt durch I = I0eiϕ

U = U0cos(ωt + ϕ) wird dargestellt durch U = U0eiϕ


Es ist also

[
I = Re Ie iωt ] und [
U = Re Ue iωt ]
Nun wissen wir, daß sich bei Addition von zwei
komplexen Zahlen Realteile und Imaginärteile
einzeln addieren. Wir erhalten damit ein einfa-
ches Verfahren, Ströme (oder Spannungen),
die gegeneinander phasenverschoben sind, gra-
phisch zu addieren. Wir stellen die Ströme
(oder Spannungen) in der Gaußschen Zahlen-
ebene durch Vektorpfeile dar und addieren sie
nach den Regeln der Vektoraddition, Abb.
13.7.
Auch die Darstellung der zeitlichen Ableitung
einer solchen Größe ist in komplexer Schreib-
weise sehr bequem. Es sei Abb. 13.7. Darstellung der Summe von zwei Wechselstrom-
I(t) = I0cos(ωt + ϕ) stärken in der Gaußschen Zahlenebene

also

I = I0eiϕ
Die zeitliche Ableitung von I ist
π
I˙(t ) = −ωI0 sin(ωt + ϕ ) = ωI0 cos ωt + ϕ + 
 2
Die zeitliche Ableitung in komplexer Schreibweise ist
 π π
İ = ωI0 e i  ϕ + 2  = ωe i 2 I = iω I
Man erhält also die Zeitableitung durch Multiplikation mit iω.
96
Auch der Zusammenhang zwischen Stromstärke und Spannung kann mit komplexen Zahlen be-
schrieben werden. Wir definieren den komplexen elektrischen Widerstand oder die Impedanz Z:
U
Z=
I
Für einen Ohmschen Widerstand ergibt sich
ZR = R

Für einen Kondensator, an dem die Spannung U = U0cosωt liegt, ist


U = U0
und

I = CU˙ = Ciω U = iωCU0


also
1
ZC =
iωC
Für eine Spule, durch die ein Strom der Stärke I = I0cosωt fließt, ist
I = I0
und

U = LI˙ = Liω I = iωLI0


also
ZL = iωL
Sind mehrere Elemente 1,2,3 . . . mit den Impedanzen Z1, Z2, Z3, . . . hintereinandergeschaltet, so
ist die komplexe Gesamtspannung:
U = U1 + U2 + U3 + … = Z1I + Z2I + Z3I + … = (Z1 + Z2 + Z3 + … )I
Die Gesamtimpedanz ist daher
U
Z= = Z1 + Z2 + Z3 + …
I
Die Impedanzen addieren sich also beim Hin-
tereinanderschalten. Auch sie können deshalb
in der komplexen Zahlenebene zusammenge-
setzt werden. So ist beispielsweise die Impe-
danz der Anordnung der Abbildung 13.8:

+ R + iωL = R + i ωL −
1 1 
Z=
iωC  ωC 
Der Betrag der Impedanz einer Anordnung aus
Ohmschen Widerständen, Kondensatoren und
Spulen ist gleich dem Scheinwiderstand der
Anordnung. Für R, C und L hintereinanderge-
schaltet ist zum Beispiel: Abb. 13.8. Addition von Impedanzen in der Gaußschen Zah-
lenebene
97

2
Z = R + i ωL −
1 
= R2 +  ωL −
1 
=X
 ωC   ωC 

13.6 Der Transformator


Wir benutzen die komplexe Darstellung von
Wechselspannungen, Wechselströmen und
Wechselstromwiderständen zur Berechnung
des Transformators. Ein Transformator besteht
aus zwei Spulen, die auf einen gemeinsamen
Eisenkern, Abb. 13.9, gewickelt sind, so daß
der gesamte magnetische Fluß Φ (Fluß des B-
Feldes) der einen Spule durch die andere Spule
läuft, und umgekehrt. Die Induktivität der bei-
den einzelnen Spulen ist (Gleichung (8.11)): Abb. 13.9. Eisenkern eines Transformators

N12
L1 = µµ0 A (13.1)
l

N2 2
L2 = µµ0 A (13.2)
l
Fließt durch Spule 1 ein Strom der Stärke I1, so entsteht auch ein Fluß Φ2 durch Spule 2:

N1
Φ 2 = N2 B1 A = N2 µµ0 I1 A = L12 I1
l
Die Größe
N1 N2
L12 = µµ0 A (13.3)
l
heißt gegenseitige Induktivität.
Fließt ein Strom der Stärke I2 durch Spule 2, so entsteht auch ein Fluß in Spule 1:

Φ1 = L21I2
mit
L21 = L12
Die Induktionsspannungen sind also

an Spule 1 (Primärspule) L1 I˙1 − L12 I˙2


an Spule 2 (Sekundärspule) L I˙ − L I˙
2 2 12 1

Die Spulen haben außer einem induktiven noch


einen Ohmschen Widerstand R1 bzw. R2. Die-
ser verhält sich so, als wäre er zum induktiven
Widerstand in Reihe geschaltet (warum?),
Abb. 13.10. Für die komplexe Spannung an den
beiden Spulen ergibt sich damit:
Abb. 13.10. Ersatzschaltbild des Transformators
98

U 1 = ( R1 + iωL1 ) I 1 − iωL12 I 2 (13.4a)


U 2 = − iωL12 I 1 + ( R2 + iωL2 ) I 2 (13.4b)
Die Primärspule des Transformators sei nun an
eine Quelle angeschlossen, die eine Wechsel-
spannung U1 fester Amplitude (und natürlich
auch fester Frequenz) liefert. An die Sekundär-
spule ist ein rein Ohmscher Verbraucherwider-
stand R angeschlossen, Abb. 13. 11, so daß
U2 = - R I2 (13.5)
Gesucht ist der Zusammenhang zwischen U1
Abb. 13.11. Der Transformator ist mit einer Quelle der Span-
und U2 und zwischen I1 und I2. nung U1 und einem Verbraucherwiderstand R verbunden.

Wir ersetzen U2 in (13.4b) mit (13.5):

0 = - iωL12I1 + (R + R2 + iωL2)I2
und erhalten
I 1 R + R2 + iωL2
= (13.6)
I2 iωL12
Wir fragen nun nach dem Quotienten I1/I2 der Amplituden der Stromstärken. Dieser ist gleich
|I1/I2|, d. h. gleich dem Betrag von (13.6):

I1 R + R2 + iωL2 L R + R2 1
= = 2 −i = ω 2 L2 2 + ( R + R2 )2
I2 iωL12 L12 ωL12 ωL12
Transformatoren sind gewöhnlich so gebaut, daß bei der verwendeten Frequenz gilt:
R1 << ωL1 und R2 << ωL2 (13.7)
(Man erreicht das dadurch, daß man die Windungszahlen hinreichend groß macht. Der Wider-
stand R geht linear, die Induktivität L aber quadratisch mit der Windungszahl.)
Damit wird
I1 1
≈ ω 2 L2 2 + R2
I2 ωL12
Ist auch der Verbraucherwiderstand klein gegen den induktiven Widerstand der Sekundärspule,
ist also
R << ωL2,
so wird
I1 L2 N2
= = (13.8)
I2 L12 N1
Wir eliminieren nun I1 und I2 in (13.4a) mit Hilfe von (13.5) und (13.6):
R + R2 + iωL2
U 1 = ( R1 + iωL1 ) I 2 − iωL12 I 2
iωL12
 R + R2 + iωL2  U
= ( R1 + iωL1 ) − iωL12  − 2 
 iωL12  R 
99

Unter Verwendung von L1L2=L12 2, was aus den Gleichungen (13.1), (13.2) und (13.3) folgt, er-
hält man
U1 ( R + iωL1 )( R + R2 ) + iωL2 R1 L ( R + R2 ) + L2 R2 R ( R + R2 )
=− 1 =− 1 −i 1
U2 iωL12 R L12 R ωL12 R
Wieder fragen wir nach dem Quotienten der Amplituden des Ausdrucks:

[ωL1 ( R + R2 ) + ωL2 R1 ]2 + [ R1 ( R + R2 )]2


U1 1
=
U2 ωL12 R
Mit (13.7) wird daraus näherungsweise:
U1 L1 ( R + R2 ) + L2 R1
=
U2 L12 R
Wenn man die Spulenwiderstände vernachlässigen kann, vereinfacht sich die Beziehung noch
weiter. Dieses Vernachlässigen ist möglich, wenn die beiden folgenden Ungleichungen erfüllt
sind:

L2 N2
R >> R2 und R >> R1 = 22 R1
L1 N1
Unter diesen Voraussetzungen wird:
U1 L N
= 1 = 1 (13.9)
U2 L12 N2
Gleichungen (13.8) und (13.9) gelten gleichzeitig wenn
L2
R2 , R1 << R << ωL2
L1
14. Elektromagnetische Wellen

14.1 Kinematik harmonischer Wellen


Ist der zeitliche Verlauf des Wertes einer physikalischen Größe f an einem beliebigen Ort x der-
selbe wie bei x = 0, jedoch um x/v zeitlich verschoben:
x
f ( x , t ) = f (t − )
v
so spricht man von einer Welle. Ist f eine Sinusfunktion, ist also
f(t,x) = f0 sin [ω(t - x/v)] = f0 sin (ωt - kx),
so bildet die raumzeitliche Verteilung von f eine harmonische Welle.
Betrachtet man einen festen Ort x0, so beschreibt f(t,x0) eine harmonische Schwingung mit der
Kreisfrequenz ω, Abb. 14.1a.
Betrachtet man den Verlauf von f zu einem bestimmten Zeitpunkt t0, Abb. 14.1b, so stellt
f(t0,x) eine sinusförmige Variation von f mit x dar. k = 2π/λ ist die Wellenzahl (nach SI “Kreis-
wellenzahl”), λ die Wellenlänge. Wenn man zwei solche “Momentaufnahmen” kurz hinterein-
ander im zeitlichen Abstand ∆t macht, erhält man denselben Verlauf als Funktion von x, nur in
x –Richtung um ∆x = v∆t verschoben.
Macht man viele Momentaufnahmen nacheinander, so zeigt die Folge dieser Aufnahmen eine
scheinbare Bewegung der Sinusfunktion in x-Richtung mit der Phasengeschwindigkeit:
ω
v=
k

Abb. 14.1 Zur Kinematik einer Sinuswelle


14.2 Harmonische Wellen als Lösungen der Maxwellgleichungen
Die Maxwellgleichungen haben unter anderem harmonische Wellen als Lösung. Wir machen den
Ansatz
E(z,t) = (Ex(z,t),0,0) Ex(z,t) = E0 cos (kz - ωt)

H(z,t) = (0, Hy(z,t),0) Hy(z,t) = H0 cos (kz - ωt)


Wir verifizieren diesen Ansatz durch Einsetzen
in die erste und in die zweite Maxwellglei-
chung. Es wird über die in Abbildung 14.2 ein-
gezeichneten Wege bzw. Flächen integriert. Es
sei jQ = 0 und χe = χm = 0, so daß sich die
Maxwellgleichungen vereinfachen zu

∫ Hdr = ε ∫∫ E˙ dA
0

und

– ∫ Edr = µ0 ∫∫ H˙ dA
Abb. 14.2. Integrationswege und -flächen für die Verifikation
des Wellenansatzes
1. Maxwellsche Gleichung
z2

y0 H0 cos(kz1 − ωt ) − y0 H0 cos(kz2 − ωt ) = ε 0 y0 ∫ ωE0 sin(kz − ωt )dz


z1

1
= ε 0 y0ωE0 [cos(kz − ωt )]zz12
k

ω
H0 = ε 0 E0 (14.1)
k

2. Maxwellsche Gleichung
z2

− x0 E0 cos(kz2 − ωt ) + x0 E0 cos(kz1 − ωt ) = µ0 x0 ∫ ωH0 sin(kz − ωt )dz


z1

1
= µ0 x0ωH0 [cos(kz − ωt )]zz12
k

ω
E0 = µ0 H0 (14.2)
k
Aus (14.1) und (14.2) folgt
ω 1
=
k ε 0 µ0
c = ω/k ist die Phasengeschwindigkeit der Welle.
Außerdem folgt aus (14.1) und (14.2)
ε0E02 = µ0H02 (14.4)
Unser Ansatz erfüllt also die Maxwellgleichungen, d.h. die Maxwellgleichungen haben harmoni-
sche Wellen als Lösung, für die die Zusammenhänge (14.3) und (14.4) gelten. Diese Wellen hei-
ßen elektromagnetische Wellen. Sie bilden eine Klasse von Zuständen des Systems “elektro-
magnetisches Feld”. Wir diskutieren nun diese Lösung der Maxwellgleichungen.

a) Geschwindigkeit
Es zeigt sich, daß der Ausdruck (14.3) gleich der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts ist.
Dies ist der stärkste Hinweis darauf, daß Licht eine elektromagnetische Welle ist. Die Vereini-
gung der Optik mit der Theorie des elektromagnetischen Feldes ist Maxwells Verdienst. Die er-
sten Abschnitte seiner elektromagnetischen Theorie des Lichts sind in Abschnitt 14.4 wiederge-
geben.

b) Phasenbeziehung zwischen E und H, Polarisation


Die elektrische und die magnetische Feldstärke sind in Phase. E und H stehen senkrecht aufein-
ander. Die Welle breitet sich senkrecht zu E und H aus. Man sagt, sie ist “transversal”.

c) Energiedichte, Energiestromdichte, Impulsdichte und Impulsstromdichte


Aus Gleichung (14.4) folgt, daß das elektrische Feld und das magnetische Feld zu gleichen Teilen
zur Energiedichte der Welle beitragen. Auch die Energiedichte bildet eine harmonische Welle, ih-
re Frequenz ist 2ω, die Wellenzahl 2k.
Die Energiestromdichte jE steht senkrecht auf E und H, sie weist in die Ausbreitungsrichtung
der Welle. Die Energie fließt also in dieselbe Richtung, in die sich die Phase der Welle ausbreitet.
Auch jE bildet eine harmonische Welle mit der Frequenz 2ω und der Wellenzahl 2k.

Die Impulsdichte ist bis auf den Faktor 1/c2 mit der Energiestromdichte identisch.
In Ausbreitungsrichtung der Welle fließt ein Impulsstrom. (Benachbarte Bereiche der Welle üben
Kräfte aufeinander aus.) Die zugehörige Stromdichte ist σ = 1/2 (ε0E2 + µ0H2) = µ0H2
= ε0E2. Dieser Impulsstrom entspricht einer Druckspannung; man nennt ihn auch den Licht-
druck.

14.3 Die Abstrahlung elektromagnetischer Wellen - der Hertzsche Oszillator


Es gibt viele Methoden, elektromagnetische Wellen zu erzeugen. Wir beschreiben hier eine Mög-
lichkeit, die physikalisch und technisch besonders wichtig ist. Ihre rechnerische Behandlung ist
aber schwieriger als die anderer Methoden, und wir überlassen die Berechnung der Vorlesung der
theoretischen Physik. Die Methode funktioniert folgendermaßen: Die Punktladungen eines elek-
trischen Dipols werden sinusförmig hin- und herbewegt, so daß das Dipolmoment den zeitlichen
Verlauf
p(t) = p0 sin ωt (14.5)
hat. Man kann sich vorstellen, daß das mit Hilfe einer mechanischen Vorrichtung geschieht, Abb.
14.3a.
103
Äquivalent hierzu kann man auch zwei räum-
lich feststehende kleine Kugeln mit Hilfe eines
Wechselstromnetzgeräts periodisch positiv
und negativ aufladen, Abb. 14.3b. Auch das hat
ein sich harmonisch änderndes Dipolmoment
(14.5) zur Folge.
Heinrich Hertz wies nicht nur die elektro- a b
magnetischen Wellen zum ersten Mal experi-
mentell nach, er berechnete auch die Feldver-
teilung für den schwingenden Dipol Abb. 14.3. Vorrichtungen zur Erzeugung elektrischer Dipol-
([Link]. 36,51,1888). Wir geben hier nur strahlung
ein Teilergebnis seiner Rechnungen wieder:
Wir stellen uns den schwingenden Dipol unendlich klein vor; das ist äquivalent dazu, daß man bei
einem nicht unendlich kleinen Dipol nur nach dem sogenannten Fernfeld fragt. Für das Fernfeld
gilt in Polarkoordinaten (der Dipol liege in z-Richtung):
E = (Er,Eϑ,Eϕ)

Er ≈ 0

ω 2 p0  r 
Eϑ = sin ϑ sin ω  t −  
4πε 0 c r   c 
2

Eϕ = 0

H = (Hr,Hϑ,Hϕ)

Hr = 0

Hϑ = 0

ω 2 p0  r 
Hϕ = sin ϑ sin ω  t −  
4πcr   c 
Wir diskutieren dieses Ergebnis.

a) lokale Eigenschaften
Lokal ist dieses Feld von dem der ebenen Welle
von Abschnitt 14.2 nicht zu unterscheiden: E
und H stehen senkrecht aufeinander, und E
und H stehen beide senkrecht zur Ausbrei-
tungsrichtung. Außerdem gilt überall ε0E2 =
µ0H2.

b) Verteilung von E und H im Raum


Die Phase, d.h. das Argument der Sinusfunkti-
on, hat auf Kugelschalen (Dipol im Kugelmit-
telpunkt) einen konstanten Wert. Die H-Feld- Abb. 14.4. E- und H-Feldverteilung des strahlenden
linien bilden geschlossene “Breitenkreise”, Hertzschen Dipols
104

Abb. 14.5. E-Feldverteilung des strahlenden Hertzschen Dipols

Abb. 14.4. Die E-Feldlinien folgen, außer in Polnähe, “Längenkreisen”, Abb. 14.4 und 14.5. Das
Umkehren der E-Feldlinien geschieht an Stellen schwacher Feldstärke.

c) Verteilung der Energiestromdichte


Die jE-Vektoren weisen radial nach außen. Ihr Betrag ist
ω 4 p0 2  r 
jE = sin 2 ϑ sin 2 ω  t −  
  c 
( 4π ) ε 0 c r
2 3 2 (14.6)

Die Amplitude nimmt nach außen mit 1/r2 ab,


in Übereinstimmung mit dem Energiesatz.
Die ϑ-Abhängigkeit für ein festes r, Abbil-
dung 14.6, ist so, daß | jE| in der Äquatorialebe-
ne maximal ist. In Richtung der Dipolachse ist
|jE| = 0.

Abb. 14. 6. Richtungsabhängigkeit der Energiestromdichte


des Hertzschen Oszillators

d) Die Frequenzabhängigkeit der Energiestromdichte


|jE| ist proportional zu ω4, Gleichung (14.6), d.h. die abgestrahlte Energie wächst sehr stark mit
der Schwingungsfrequenz des Dipols an, oder in anderen Worten: Schwingt der Dipol langsam,
so strahlt er nicht. Ein langsam schwingender Dipol baut einfach das aus der Elektrostatik bekann-
te Dipolfeld auf und wieder ab. Die beim Aufbau in das Feld hineingesteckte Energie bekommt
man beim Abbau wieder heraus. Die Antriebsmaschine in Abbildung 14.3 verbraucht fast keine
Energie. Nimmt die Frequenz zu, so nimmt der Energieverbrauch zu. Die Energie fließt mit der er-
zeugten Welle weg.
Eine genauere Betrachtung zeigt, daß für die Abstrahlung die zweite zeitliche Ableitung des Di-
polmoments zuständig ist. Daraus folgt, daß zur Erzeugung elektromagnetischer Wellen ein har-
monisch schwingendes Dipolmoment nicht nötig ist, sondern daß auch eine gleichmäßig be-
schleunigte Ladung, z.B. ein gleichmäßig beschleunigtes geladenes Teilchen ein elektromagneti-
sches Feld erzeugt, in dem Energie ständig vom Teilchen wegfließt.
105
e) Magnetische Dipolstrahlung
Man kann elektromagnetische Wellen auch mit
einem schwingenden magnetischen Dipol er-
zeugen, etwa mit der Maschine in Abb. 14.7a a
oder einem Ring, der von einem Wechselstrom
durchflossen wird, Abb. 14.7b. Das Feld sieht
genauso aus wie das des elektrischen Dipols,
nur sind elektrische und magnetische Feldstär-
ke gegeneinander vertauscht. Man erkennt also
an der Feldverteilung, ob ein Feld von einem b
elektrischen oder magnetischen Dipol herrührt.
Abb. 14.7. Vorrichtungen zur Erzeugung magnetischer Di-
polstrahlung

14.4 Bemerkungen Maxwells zur elektromagnetischen Theorie des Lichts


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