Edynamik
Edynamik
II
ELEKTRO
DYNAM IK
F. HERRMANN
SKRIPTEN ZUR EXPERIMENTALPHYSIK
ABTEILUNG FÜR DIDAKTIK DER PHYSIK
UNIVERSITÄT KARLSRUHE
AUFLAGE 1997
Hergestellt mit RagTime
Druck: Universitätsdruckerei Karlsruhe
Vertrieb: Studentendienst der Universität Karlsruhe
März 1997
10. Supraleiter 77
Die Vorlesung gliedert sich in zwei Teile, A und B, von denen der erste etwa ein Drittel, der zweite
zwei Drittel der Zeit in Anspruch nimmt.
Teil A könnte man einfach Elektrizitätslehre nennen. Er befaßt sich mit der elektrischen Ladung
und ihrem Strom. Die Tatsache, daß Ladung nie allein fließen kann, daß ein Ladungsstrom stets
von Strömen anderer Größen begleitet ist, spielt hier eine wichtige Rolle.
Der Gegenstand von Teil B ist ein einziges physikalisches System: das elektromagnetische Feld.
Es werden zunächst spezielle Zustandsklassen dieses Systems behandelt: das elektrostatische und
das magnetostatische Feld. Es zeigt sich, daß die Struktur der Theorien dieser beiden Felder
identisch ist. Danach wird der Zusammenhang zwischen diesen Feldern beschrieben, der durch das
Ampèresche und das Faradaysche Gesetz (1. und 2. Maxwellsche Gleichung) geregelt wird. Die
Behandlung des elektromagnetischen Feldes lehnt sich eng an Maxwells eigene Darstellung seiner
Theorie an. Demzufolge sind die Feldstärken E und H bequeme Hilfsmittel, alle physikalisch
interessanten Größen des Feldes auszudrücken: Energie, Energiestrom, Impuls und Impulsstrom
(oder mechanische Spannung, wie man zu Maxwells Zeit sagte). Alle Kraftgesetze können aus
Maxwells Ausdruck für die Impulsstromdichte hergeleitet werden.
Die Elektrodynamik steckt voller Strukturen und Symmetrien. Je mehr dieser Strukturen man
kennt, desto besser versteht man die Elektrodynamik. Als Anfänger wird man aber nicht alle
Strukturen gleichzeitig zu verstehen versuchen. Diese Vorlesung macht sehr stark von der
Symmetrie Gebrauch, bei der sich die elektrische Feldstärke E und die magnetische Feldstärke H
entsprechen. Sie gestattet ein fast blindes Übersetzen vieler Gesetze der Elektrodynamik in ein
Analogon. Eine weitere Symmetrie, die wir Dualismus nennen, hatten wir bereits in der Mechanik-
Vorlesung kennengelernt: Bei ihr entsprechen sich elektrische Stromstärke und Spannung,
Induktivität und Kapazität, Knoten und Masche usw. Wir treffen sie in diesem Skriptum wieder an.
Die Behandlung einer dritten Symmetrie, bei der sich die Ladungsdichte und die elektrische
Stromdichte entsprechen, überlassen wir der Vorlesung über theoretische Physik.
A. DIE ELEKTRISCHE LADUNG
So wie der Impuls für die Mechanik charakteristisch ist, ist die elektrische Ladung, oder Elek-
trizität, für die Elektrizitätslehre charakteristisch.
Das Symbol der elektrischen Ladung ist Q, die Maßeinheit Coulomb (C).
Wie p, so ist auch Q mengenartig, d.h.
- die Ladung ist einem Raumbereich zugeordnet;
- es gibt eine Ladungsdichte ρQ;
- es gibt eine Ladungsstromstärke IQ (= elektrische Stromstärke);
- es gibt eine Ladungsstromdichte jQ (= elektrische Stromdichte).
Besteht keine Verwechslungsgefahr, so lassen wir den Index Q weg, schreiben also einfach
ρ, I bzw. j. Im Fachjargon nennt man die elektrische Stromstärke auch einfach “Stromstär-
ke”, “elektrischer Strom” oder, noch kürzer, “Strom”. Die Maßeinheit der elektrischen Strom-
stärke ist das Ampere (A).
1 A = 1 C/s.
Man mißt die elektrische Stromstärke mit dem Amperemeter. Dabei geht man so vor wie bei
jeder anderen Stromstärkemessung auch:
- Leitung, in der der Strom fließt, durchtrennen;
- neu entstandene Enden mit den Anschlüssen des Meßgeräts verbinden. Der Strom fließt jetzt
durch das Meßgerät hindurch.
Wie der Impuls, so ist auch die elektrische Ladung eine Erhaltungsgröße. Für einen beliebi-
gen Raumbereich gilt der Erfahrungssatz:
dQ
+ IQ = 0
dt
Dies ist die Kontinuitätsgleichung für die
elektrische Ladung.
Sie bezieht sich auf einen Raumbereich,
Abb. 1.1. dQ/dt ist die zeitliche Änderung
der elektrischen Ladung innerhalb des Be-
reichs, IQ ist die Stärke des elektrischen
Stroms durch die nach außen orientierte Be-
randungsfläche des Bereichs.
Abb. 1.1. Die elektrische Ladung im Innern des Bereichs
(Dieser Schreibweise der Kontinuitätsglei-
kann sich nur dadurch ändern, daß ein Strom durch die
chung liegt die Konvention zugrunde, ge-
Oberfläche des Bereichs fließt.
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schlossene Flächen nach außen zu
orientieren. In der Mechanik hatten wir
geschlossene Flächen nach innen orientiert.)
Wir werden in den nächsten Abschnitten eine
“lokale” Version der Kontinuitätsgleichung
kennenlernen.
In dem Stromkreis von Abb. 1.2 ist dQ/dt
überall gleich Null (in den Energiequellen ist
zwar dE/dt ≠ 0, aber dQ/dt = 0). Damit
vereinfacht sich die Kontinuitätsgleichung zu
IQ = ∑ IQi = 0 (1.1) Abb. 1.2. Der Gesamtstrom durch die gestrichelt gezeich-
nete Fläche hat die Stärke null.
für jeden geschlossenen Raumbereich, für den dQ/dt = 0 ist. Gleichung (1.1) heißt
“Kirchhoffsche Knotenregel”.
Die physikalische Größe Q kann positive und negative Werte annehmen. Man sagt daher
manchmal leider, es gebe “zwei Arten elektrischer Ladung”, nämlich positive und negative.
(Gibt es auch 2 Arten von Geschwindigkeiten?)
∫ V (r )dA
S
(1.2)
Man kann sich von dieser Größe leicht eine Anschauung bilden, wenn es sich bei dem
Vektorfeld um eine Stromdichte handelt. Der Fluß eines Stromdichtefeldes ist nämlich
einfach gleich der Stromstärke. Im Fall eines elektrischen Stroms gilt also:
I = ∫ j ( r )dA (1.3)
S
Diese Gleichung gestattet es, die Stärke I des Stroms, der durch die Fläche S hindurchfließt,
aus der Stromdichteverteilung j(r) zu berechnen.
In Abb.1.3 fließt durch die Flächen S1 und S2 derselbe Strom. Wie zu erwarten, liefert das
Integral (1.3) auch für beide Flächen denselben Wert, denn es trägt nur die zu j parallele
Komponente von dA zum Integral bei.
Die Berechnung des Integrals (1.2) in kartesischen Koordinaten geschieht nach der folgenden
Formel
I = ∫∫ jdA
S
Wir teilen das von S eingeschlossene Gebiet in zwei Gebiete auf mit den Begrenzungsflächen
S1 und S2. Ein Teil von S1 fällt mit einem Teil von S2 zusammen. Es ist
I = I1 + I2 = ∫∫ jdA + ∫∫ jdA
S1 S2
da sich der Anteil von I1, der durch die S1 und S2 gemeinsame Fläche fließt, gegen den
entsprechenden Anteil von I2 weghebt. Wir teilen das Gebiet weiter auf in immer kleinere
Teilgebiete und erhalten
I = ∑ Ii = ∑ ∫∫ jdA
Si
wo Ii die Stärke des Stroms durch die Oberfläche Si des i-ten Teilbereichs ist. Wir nennen
das Volumen des i-ten Teilbereichs Vi. Für immer kleinere Teilungen werden die Ii immer
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kleiner, ,der Quotient Ii/Vi dagegen geht ge-
gen einen Grenzwert:
dI 1
= lim
dV Vi → 0 Vi ∫∫
Si
jdA = div j
∫∫ jdA
I = ∑ Ii = ∑ Vi
Si
Vi
Dieses ist der Gaußsche Integralsatz. In Worten: Die Stärke des Stroms durch die Oberfläche
eines Gebietes ist gleich dem Volumenintegral über die Quelldichte in dem Gebiet. Ist das
Feld j in kartesichen Koordinaten gegeben, so kann das Skalarfeld div j leicht berechnet
werden. Es ist
∂jx ∂jy ∂jz
div j = + +
∂x ∂y ∂z
Zum Beweis berechnen wir die Stärke I des Stroms durch die Wände eines Quaders mit den
Kantenlängen dx, dy und dz (Abb. 1.6): Durch die beiden zur z-Achse senkrechten Flächen
fließt (Achtung: Orientierung der Flächen nach außen):
∂j dx ∂jz dy ∂j dx ∂jz dy
dIz , unten − dIz , oben = − jz ( x, y, z ) + z + dxdy + jz ( x, y, z + dz ) + z +
∂x 2 ∂y 2
dxdy
∂x 2 ∂y 2
∂j ∂j
= − jz ( x, y, z ) + jz ( x, y, z ) + z dz dxdy = z dV
∂z ∂z
Für die beiden zur x-Achse und die beiden zur y-Achse senkrechten Flächen erhält man ent-
sprechende Ausdrücke, so daß sich für den Gesamtstrom durch alle 6 Flächen ergibt:
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∂j ∂j ∂j
dI = x + y + z dV
∂x ∂y ∂z
Mit der Definitionsgleichung der Divergenz
folgt daraus:
∂jx ∂jy ∂jz
div j = + +
∂x ∂y ∂z
Abb. 1.6. Zur Berechnung der Stärke des Stroms durch die
Wände eines Quaders
Abb. 1.7. Vektorpfeil- und Feldliniendarstellung eines Feldes, dessen Divergenz überall ungleich Null ist
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Abb. 1.8. Vektorpfeil- und Feldliniendarstellung eines Feldes, dessen Divergenz überall gleich Null ist
Abb. 2.1. Von links nach rechts fließt ein Energiestrom, und in jedem Draht fließt ein elektrischer Strom.
Legt man zwei Stromkreise so übereinander, daß die Drähte zusammenfallen, so verdoppelt sich
sowohl der Energiestrom, als auch der elektrische Strom in jeder Leitung, Abb. 2.2. Es gilt also
P ∝ I
Da die gesamte elektrische Stromstärke (Hin- und Rückleitung zusammengenommen) den Wert
Null hat, muß die Beziehung zwischen P und I die folgende Form haben:
P = -ϕ1I + ϕ2I
ϕ ist eine Größe, die für einen zusammenhän-
genden Leiter einen bestimmten Wert hat. Für
die beiden Leitungen in Abb. 2.1 muß ϕ ver- a
schiedene Werte haben. Anderenfalls würde
P = 0.
Es ist also
Daß die Gleichungen (2.1) und (2.2) dieselbe Form haben ist kein Zufall. Jeder Energietransport
läßt sich nämlich durch eine Gleichung dieses Typs beschreiben:
P = ξ IX (2.3)
Gleichung (2.3) bringt zum Ausdruck, daß ein Energiestrom stets vom Strom einer anderen ex-
tensiven oder mengenartigen Größe X begleitet ist, Abb. 2.3a. Wir nennen die Größe X den Ener-
gieträger. Der Proportionalitätsfaktor ist eine sogenannte intensive Größe.
Viele Energietransporte sind so beschaffen, daß die Trägergröße X in einem geschlossenen
Stromkreis fließt, daß es für X eine Hin- und eine Rückleitung gibt, Abb. 2.3b. Damit ein Netto-
energiestrom resultiert, muß die intensive Größe in Hin- und Rückleitung verschiedene Werte ha-
ben. Die Stärke des Nettoenergiesroms ist dann:
P = (ξ 2 - ξ 1)IX (2.4)
Ein Beispiel hierfür ist der gerade behandelte Energietransport mit einem zweiadrigen elektri-
schen Kabel.
Wir betrachten noch zwei weitere Typen von Energietransporten, d. h. zwei weitere Beispiele für
Gleichungen vom Typ der Gleichung (2.3) oder (2.4).
Wird Energie “in Form von Wärme” übertragen (zum Beispiel durch die Wand eines schlecht iso-
lierten Hauses), so fließt außer der Energie noch Entropie. Der Energieträger X in Gleichung (2.3)
ist also die Entropie S. Die zugehörige intensive Größe ist die absolute Temperatur T. Es ist also
P = T IS (2.5)
Die Maßeinheit der Entropie ist das Carnot (Ct), die der absoluten Temperatur das Kelvin (K).
Aus Gleichung (2.5) folgt daher
K . Ct = J
Wir betrachten schließlich noch ein System, in dem eine chemische Reaktion stationär abläuft,
Abb. 2.4. Durch eine Leitung werden dem Reaktionsraum die Ausgangsstoffe der Reaktion zuge-
führt, durch eine andere werden die Reaktionsprodukte weggeleitet. Durch die Fläche A fließt ein
Energiestrom, und auch dieser ist vom Typ der Gleichung (2.4):
P = (µ2 - µ1)In (2.6)
Hier ist µ das chemische Potential. µ ist eine Größe, die einem Stoff oder einem Stoffgemisch zu-
geordnet ist. n ist der Reaktionsumsatz. Die Maßeinheit von n ist das Mol (mol). Die Maßeinheit
der Umsatzrate In ist daher mol/s. Die Maßeinheit von µ ergibt sich aus Gleichung (2.6) zu Jou-
le/mol. Man kürzt diese Einheit manchmal ab durch Gibbs (G). Es ist also
a b
Abb. 2.3. (a)Neben dem Energiestrom fließt noch ein Ener- Abb. 2.4. Reaktionsbehälter mit Zuleitung für die Ausgangs-
gieträgerstrom. (b) Der Trägerstrom hat eine Rückleitung. stoffe und Wegleitung für die Reaktionsprodukte
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G . mol = J.
Das chemische Potential eines Stoffes hängt ab
vom Druck, von der Temperatur und vom Ag-
gregatzustand des Stoffes. Falls der Stoff gelöst
vorliegt, hängt es noch ab von der Konzentrati-
on und von der Natur des Lösungsmittels.
Zurück zur Elektrizitätslehre.
Wir legen noch einmal zwei Stromkreise über-
einander. Diesmal aber so, daß sich die Strom-
stärken in zwei der Leitungen zu Null addieren,
Abb. 2.5. Aus Gleichung (2.1) folgt, daß die
Spannung im letzten Teilbild gleich der Summe
der Spannungen im ersten Bild sein muß.
Da in jedem Punkt des Stromkreises das Poten-
tial einen bestimmten Wert hat, gilt die “Ma-
schenregel”
∑U i =0 (2.7)
Die Summe aller Spannungen in einer “Ma-
sche” ist gleich Null. Allen Spannungen inner-
halb einer Masche muß dieselbe Zählrichtung
zugrunde gelegt werden, Abb. 2.6.
Spannungen mißt man mit dem Voltmeter. Man Abb. 2.5. Zwei gleiche Stromkreise werden so zusammenge-
verbindet die beiden Anschlüsse des Voltme- faßt, daß sich die Stromstärken in einer Leitung zu Null addie-
ters mit den beiden Punkten, zwischen denen ren.
die Spannung gemessen werden soll. Die Frage
nach dem Absolutwert des Potentials ist (wahr-
scheinlich) sinnlos, genauso sinnlos wie die
Frage nach dem Absolutwert einer Geschwin-
digkeit (Ein Tachometer hat, genauso wie ein
Voltmeter, zwei Anschlüsse; es mißt die Ge-
schwindigkeitsdifferenz zwischen Auto und
Erde). Genauso wie man zur Angabe einer Ge-
schwindigkeit ein Bezugssystem, d.h. einen
Geschwindigkeitsnullpunkt wählen muß, muß
man zur Angabe eines elektrischen Potentials
das “elektrische Bezugssystem”, d.h. den Po-
tentialnullpunkt, festgelegt haben.
Abb. 2.6. Den Spannungen innerhalb einer Masche muß die-
selbe Zählrichtung zu Grunde gelegt werden.
2.2 Energiedissipation
In das Gerät von Abb. 2.7 fließt Energie elek-
trisch hinein. Diese Energie wird im Gerät voll-
ständig dissipiert. Energie dissipieren heißt,
mit Hilfe der Energie Entropie erzeugen. Es
könnte sich bei dem Gerät handeln um eine
Glühlampe, die Heizspirale eines Bügeleisens
oder einen technischen Widerstand, aber nicht
um einen Elektromotor oder eine Batterie, die
gerade geladen wird. Da in dem Gerät die ganze
ankommende Energie U . I dissipiert wird,
gilt: Abb. 2.7. Die ganze ankommende Energie wird in dem Wi-
derstand dissipiert.
U . I = T . IS
16
Abb. 2.8. Flußdiagramm des elektrischen Widerstandes Abb. 2.9. Die Umkehrung des Vorgangs, der in einem elektri-
schen Widerstand abläuft, ist unmöglich.
IS ist die Stärke des Entropiestroms, der das Gerät verläßt und T die absolute Temperatur des Ge-
räts. Abb. 2.8 zeigt das Flußbild des Vorgangs.
Es ist eine Erfahrungstatsache, daß man Entropie zwar erzeugen, aber nicht vernichten kann. Der
Vorgang von Abb. 2.8 kann daher nicht rückwärts ablaufen, er ist irreversibel, Abb. 2.9.
j = - σ grad ϕ (2.8)
2.5 Die Differenz der intensiven Variable als Antrieb des Stroms der extensiven
Damit ein elektrischer Strom durch einen elektrischen Widerstand fließt, braucht er einen An-
trieb: eine elektrische Spannung, Abb. 2.12. Manchmal ist I ∝ U bzw. j ∝ grad ϕ (Ohmsches
Gesetz). Im elektrischen Widerstand wird Entropie erzeugt:
T IS,erzeugt = ∆ϕ I
Name des Vorgangs: Erzeugung Joulescher Wärme.
Damit ein Impulsstrom F durch einen mechanischen Widerstand (Stoßdämpfer, viskoses Medi-
um) fließt, braucht er einen Antrieb: eine Geschwindigkeitsdifferenz, Abb. 2.13. Manchmal ist F
= ∆v/Rp. Im mechanischen Widerstand wird Entropie erzeugt:
T IS, erzeugt = ∆v F
Name des Vorgangs: Reibung.
Damit ein Stoffmengenstrom durch einen “chemischen Widerstand” fließt (z.B. gasförmiges
Wasser von einer Stelle eines Zimmers durch die Luft zu einer anderen), braucht er einen Antrieb:
eine Differenz der chemischen Potentiale µ (“chemische Spannung”), Abb. 2.14. Manchmal ist
jn ∝ grad µ (1. Ficksches Gesetz). Bei dem Vorgang wird Entropie erzeugt:
TIS,erzeugt = ∆µIn
Name des Vorgangs: Diffusion.
Damit ein Entropiestrom durch einen Wärmewiderstand (z.B. Hauswand, Kupferstab) fließt,
braucht er einen Antrieb: eine Temperaturdifferenz (“Thermische Spannung”), Abb. 2.15.
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Abb. 2.12. Elektrische Potentialdifferenz als Antrieb eines Abb. 2.13. Geschwindigkeitsdifferenz als Antrieb eines Im-
elektrischen Stroms pulsstrom
Abb. 2.14. Chemische Potentialdifferenz als Antrieb eines Abb. 2.15. Temperaturdifferenz als Antrieb eines Entropie-
Stoffmengenstroms stroms
Manchmal ist IS ∝ grad T (Wärmeleitungsgleichung). Bei dem Vorgang wird Entropie erzeugt:
TIS,erzeugt = ∆TIS,hinein
Name der Vorgangs: Wärmeleitung.
Wir fassen zusammen: Eine Differenz der intensiven Variablen stellt einen Antrieb für einen
Strom der zugehörigen extensiven Variablen dar.
Die Ströme der extensiven Größen fließen nur solange, wie der Antrieb, d.h. die Differenz der in-
tensiven Größen, von Null verschieden ist. Ist diese Differenz gleich Null, so sagt man es bestehe
Gleichgewicht bezüglich der zugehörigen extensiven Größe, Abb. 2.16 - 2.19.
Abb. 2.16. Elektrisches Gleichgewicht: Es fließt kein Q mehr Abb. [Link]: Es fließt kein L mehr
wenn ϕ1 = ϕ2 wenn ω1 = ω2
Abb. [Link] Gleichgewicht: Es fließt keine Stoff- Abb. 2.19. Thermisches Gleichgewicht: Es fließt kein S mehr
menge mehr wenn µBrot = µKnäckebrot wenn T1 = T2
3. Elektrischer Strom und Stoffmengenstrom
3.1 Das chemische Potential
Wie ein elektrischer Potentialunterschied einen Antrieb für einen Q-Strom darstellt, so stellt eine
Differenz des chemischen Potentials ∆µ, einen Antrieb für einen n-Strom dar. Der Wert des che-
mischen Potentials bezieht sich stets auf einen bestimmten Stoff. Man schreibt daher im Zweifels-
fall den Stoffnamen in Klammern hinter das µ. Um eine qualitative Vorstellung von den Werten
des chemischen Potentials und dem Zusammenhang zwischen µ und anderen physikalischen
Größen zu bekommen, braucht man nur nachzusehen, von wo nach wo Stoffe fließen.
Ein Gas oder eine Flüssigkeit fließt in einem Rohr von Stellen hohen zu Stellen niedrigen Drucks.
Das chemische Potential hängt also vom Druck ab, es wächst mit zunehmendem Druck.
Wasserdampf, der mit Luft vermischt ist, “diffundiert” von Stellen hoher zu Stellen niedriger
Konzentration. Ebenso diffundiert in Wasser gelöstes Salz von Stellen hoher zu Stellen niedriger
Konzentration. µ nimmt also mit der Konzentration zu.
Bei trockener Luft verdunstet eine Wasserpfütze. Das chemische Potential des Wassers in der
Pfütze ist also höher als in der Luft.
Benutzt man Silicagel zum Trocknen der Luft, so ist das chemische Potential des Wassers im Sili-
cagel niedriger als in der Luft. Das chemische Potential eines Stoffes hängt also auch von dem Me-
dium ab, in dem sich der Stoff befindet.
P = TIS,erzeugt = (ϕa–ϕb)I.
Haben dagegen alle intensiven Variablen außer µ bei a und b denselben Wert, ist also Ta = Tb, ϕa
= ϕb etc. . . . µa ≠ µb, so wird der Teilchenstrom durch die chemische Spannung ∆µ = µa–µb an-
getrieben, und in der Leitung wird Energie dissipiert gemäß P = TIS,erzeugt = (µa -– µb) In.
Haben sowohl ϕ als auch µ bei a und b unterschiedliche Werte, so hat der Strom zwei Antriebe:
∆ϕ und ∆µ. Diese können an den Elektronen in dieselbe oder in die entgegengesetzte Richtung
“ziehen”.
Die dissipierte Energie ist dann
P = TIS,erzeugt = (ϕa -– ϕb) I + (µa – µb) In.
Nun sind I und In aneinander gekoppelt. Ein
Teilchen (n =1τ) trägt eine ganze Zahl z von
Elementarladungen:
Q = ze.
Abb. 3.1. Ein Stoffstrom kann verschiedene Antriebe haben.
Für Elektronen zum Beispiel ist z = -–1.
21
Elektrischer und Stoffmengenstrom hängen also zusammen gemäß
I ze
=
In τ
µa – µb = – zF (ϕa – ϕb)
ist. “Stromlosigkeit” heißt also nicht, daß das elektrische, sondern daß das elektrochemische Po-
tential überall gleich ist.
Abb. 3.2. Elektrisches, chemisches und elektrochemisches Potential eines geschlossenen “Stromkreises”, der nur aus drei
Leitern aus unterschiedlichen Metallen besteht
Trotz (oder besser: wegen) dieser Spannung fließt kein elektrischer Strom.
Baut man aus verschiedenen Metallen einen geschlossenen “Kreis” auf, so fließt natürlich kein
Strom, Abb. 3.2.
Man kann die Kontaktspannung nicht einfach mit einem Voltmeter messen. Abbildung 3.3 zeigt,
warum. Ein Voltmeter zeigt immer die elektrochemische Spannung an. Nur wenn das chemische
Potential in den beiden Punkten, zwischen denen man mißt, dasselbe ist, ist die elektrochemische
mit der elektrischen Spannung identisch.
Wenn man trotzdem so tut, als zeige das Volt-
meter die elektrische Spannung an, so gibt es in
der Regel kein Unglück, denn in vielen Fällen,
in denen man glaubt, man brauche die elektri-
sche Spannung, braucht man tatsächlich die
elektrochemische; etwa zur Berechnung von I
nach dem Ohmschen Gesetz.
Die Messung der elektrischen Potentialdiffe-
renz zwischen zwei Materialien ist sehr schwie- Abb. 3.3. Das Voltmeter mißt nicht die elektrische Spannung
rig. Die Werte von Tabelle 3.1 sind daher mit zwischen Eisen und Silber, sondern die elektrochemische.
großen Unsicherheiten behaftet.
Ist die H+-Konzentration, und damit das chemische Potential des H+, in A größer als in C, so muß
das elektrische Potential um den entsprechenden Betrag niedriger sein. Mit z = 1 wird
µA(H+) + FϕΑ = µC(H+) + FϕC ⇒ ∆ϕ = – (1/F) ∆µ (H+).
Da das chemische Potential der Elektronen bei A und C gleich ist, ist ihr elektrochemisches Poten-
tial verschieden.
∆η(e–) = ∆µ(e–) – F∆ϕ = –F∆ϕ = ∆µ(H+)
Zwischen den Anschlüssen herrscht also eine mit dem Voltmeter meßbare (elektrochemische)
Spannung. Unterscheiden sich die Konzentrationen um einen Faktor 50, so ist ∆ϕ ≈ 0,1 V.
Verbindet man nun die beiden Anschlüsse über einen Energieverbraucher, Abb. 3.6, so vermin-
dert man die elektrische Spannung zwischen A und C. Das elektrochemische Gleichgewicht des
H+ wird damit gestört. Die chemische Spannung des H+ zwischen A und C, die das H+ zur gerin-
geren Konzentration treiben möchte, wird durch die elektrische Spannung nicht mehr voll kom-
pensiert, und es fließt ein H+-Strom durch die Säure von A nach C.
Die Stoffmengenstromstärke der Protonen durch den Elektrolyten ist dabei genauso groß wie die
24
Abb. 3.8. Verlauf des elektrischen Potentials, sowie der chemischen und elektrochemischen Potentiale von H+- Ionen und
Elektronen (a) im elektrochemischen Gleichgewicht, (b) beim Entladen und (c) beim Laden der galvanischen Zelle
26
3.6 Brennstoffzelle - Elektrolyse
Ist die chemische Reaktion
A+B ↔ C+D
im Gleichgewicht, so ist die Summe der chemischen Potentiale der linken Seite gleich der der
rechten:
µ(A) + µ(B) = µ(C) + µ(D) .
Für eine Reaktion A + B → C gilt im Gleichgewicht µ(A) + µ(B) = µ(C) und für eine Reaktion
A + B → 2C ist µ(A) + µ(B) = 2µ(C) .
Wir betrachten die Reaktion
2H2 + O2 ↔ 2H2O
Das chemische Potential der rechten Seite ist bei Normaldruck und Zimmertemperatur um
474 kG niedriger als das der linken. Es besteht also ein Antrieb von
∆µ = (2µ(H2) + µ(O2)) – 2 µ(H2O) = 474 kG
Diesen Antrieb nutzt man in der Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle aus, um einen elektri-
schen Strom anzutreiben. Bei der Elektrolyse, d.h. elektrischen Zerlegung von Wasser in Wasser-
stoff und Sauerstoff, muß man diesen Antrieb überwinden.
Abbildung 3.10 zeigt den Aufbau einer Wasser-
stoff-Sauerstoff-Zelle. In jede der porösen
Elektroden kann von der einen Seite das Gas
und von der anderen der Elektrolyt eintreten,
aber weder Gas noch Elektrolyt können auf der
jeweils anderen Seite die Elektrode wieder ver-
lassen. Der Elektrolyt ist für H+-Ionen leitfä-
hig, nicht dagegen für Elektronen und Sauer-
stoffionen.
Abb. 3.10. Wasserstoff-Sauerstoff-Zelle
In den Elektroden herrschen Gleichgewichte,
die durch die folgenden Reaktionsgleichungen beschrieben werden:
Elektrode A Elektrode C
2H2 ↔ 4H+ + 4e- 2H2O ↔ 4H+ + 4e- + O2
Das chemische Potential der Elektronen ist in A und C gleich, da die Elektroden aus demselben
Material bestehen mögen. Das chemische Potential von H+ dagegen ist sehr verschieden, denn
durch die Verbrennung in C wird seine Konzentration in C niedrig gehalten. Wir suchen die elek-
trische Potentialdifferenz zwischen A und C. Wir ziehen dazu die rechte Gleichung von der linken
ab:
(2µ(H2)+ µ(O2)) – 2µ(H2O) = 4µΑ(H+) – 4µC(H+) = 4(ηA(H+) – FϕΑ) – 4(ηC(H+) – FϕC)
1
U= ∆µ (3.4)
4F
wo ∆µ die chemische Spannung der in der Zelle insgesamt ablaufenden Reaktion ist. Mit ∆µ =
474 kG und F = 96500 C/mol erhält man U = 1,23 V.
Dieser Wert gilt für den Fall, daß für H+ zwischen den Elektroden elektrochemisches Gleichge-
wicht herrscht. Es fließt kein Teilchenstrom und kein elektrischer Strom.
Schließt man den Stromkreis über einen Verbraucher, so ist der chemische Antrieb für die H+-Io-
nen größer als der elektrische, und es fließt ein H+-Strom von A nach C. In der Elektrode C wird
Wasser gebildet (der Elektrolyt wird dadurch vermehrt und verdünnt). Die Zelle arbeitet als
Brennstoffzelle.
Sorgt man dagegen durch eine äußere Energiequelle dafür, daß der elektrische Antrieb der H+-Io-
nen von C nach A größer wird als der chemische von A nach C, so fließt H+ von C nach A, und in
der Elektrode C wird Wasser zersetzt. Die Zelle arbeitet jetzt als Elektrolysezelle.
In technischen Galvanischen Elementen (Bleiakkumulator, Leclanché-Element, Daniell-Ele-
ment, Weston-Element) stellen die Elektroden gleichzeitig das “Brennstoffreservoir” dar. Das
Elektrodenmaterial löst sich im Elektrolyten auf. Es hat, solange es Bestandteil der Elektrode ist,
ein anderes chemisches Potential als in der Lösung. Diese chemische Potentialdifferenz benutzt
man als Antrieb für den elektrischen Strom.
dµ dϕ
jn = L11 + L12 (3.6a)
dx dx
dµ dϕ
jQ = L21 + L22
dx dx (3.6b)
Da Q fest an n gekoppelt ist, sind die Gleichungen linear abhängig: jQ = zFjn (F = Faradaykon-
stante, z = ganze Zahl). Das Analoge wird nicht mehr der Fall sein, wenn wir andere Ströme wäh-
len, etwa wenn wir statt jn die Entropiestromdichte jS betrachten (Abschnitt 3.8).
Wir interpretieren zunächst die Koeffizienten Lik.
L11 ist ein Maß für die Stärke des n-Stroms, der durch eine gegebenes µ-Gefälle verursacht wird,
für den Fall, daß kein weiterer Antrieb vorhanden ist (dϕ/dx = 0). Es hat die Bedeutung einer
Stoffleitfähigkeit.
L22 ist entsprechend ein Maß für die Stärke des elektrischen Stroms, der durch ein gegebenes ϕ-
Gefälle verursacht wird, solange kein µ-Gefälle vorhanden ist. Für dµ/dx = 0 ist jQ = L22 dϕ/dx.
Der Vergleich mit jQ = – σ dϕ/dx (siehe Gleichung (2.8)) zeigt, daß L22 = – σ ist.
L12 und L21 bringen zum Ausdruck, daß zwischen jn und jQ eine Kopplung besteht. L12 gibt an,
wie stark ein n-Strom durch einen ϕ-Gradienten beeinflußt wird und L21, wie stark ein Q-Strom
durch einen µ-Gradienten angetrieben wird. Es ist einleuchtend, daß, falls L12 groß ist, auch L21
groß sein muß, und umgekehrt. Es gibt ein allgemeines Theorem, das behauptet, daß
L12 = L21 (3.7)
gilt, und zwar immer, wenn sich zwei Ströme in der Form der Gleichungen (3.6a) und (3.6b)
schreiben lassen. Diese Beziehung heißt nach ihrem Entdecker Onsager-Beziehung. Sie kann in
unserem konkreten Fall leicht bewiesen werden.
Der Antrieb eines Teilchenstroms ist durch dη/dx gegeben:
dη d ( µ + zFϕ ) dµ dϕ
jn = L1 = L1 = L1 + L1zF
dx dx dx dx
Aus dem Vergleich der Koeffizienten mit denen in Gleichung (3.6a) folgt:
L11 = L1 und L12 = L1zF
und daraus ergibt sich
L12 = zFL11 .
Mit jQ = zFjn wird, wenn man den Fall mit dϕ/dx = 0 betrachtet, aus Gln. (3.6a) und (3.6b):
dµ
jn = L11
dx
dµ
jQ = zFjn = L21
dx
Wir können nun alle 4 Koeffizienten Lik durch die elektrische Leitfähigkeit σ und die Faraday-
konstante F ausdrücken:
σ σ
L22 = −σ L12 = L21 = − L11 = −
zF z F2
2
Wir beschreiben nun die Stärke der Kopplung zwischen Q- und n-Strom durch eine dimensions-
lose Konstante m:
j j
m= n ⋅ Q
jQ dµ / dx = 0 jn dϕ / dx = 0
Der erste Faktor drückt aus, wie stark n von Q mitgenommen wird, wenn für n kein eigener An-
trieb besteht (dµ/dx = 0), der zweite ist entsprechend ein Maß dafür, wie stark Q von n mitge-
nommen wird. Aus Gln. (3.6a) und (3.6b) ergibt sich
L12 L21 L 2
m= ⋅ = 12
L22 L11 L11 L22
Wir setzen die Ausdrücke für L21, L12 und L22 ein:
σ 2 /( zF )2
m= =1
[ ]
−σ /( z 2 F 2 ) ( −σ )
In unserem Fall der festen Kopplung ist m = 1. Bei anderen Strömen erwarten wir kleinere Werte
für m.
Die Koeffizienten Lik haben jetzt natürlich andere Bedeutungen als im vorigen Abschnitt. Um die
Gleichungen zu interpretieren, betrachten wir einige Spezialfälle:
1) dT/dx =0, dη/dx ≠0
dT/dx =0 bedeutet: Die Temperatur des Leiters ist überall dieselbe. Gl. (3.8a) sagt, was wir schon
wußten: Ein η-Gradient hat einen Stoffstrom zur Folge, z.B. einen Elektronenstrom. Gl. (3.8b)
sagt nun, daß dieser Stoffstrom einen Entropiestrom mitschleppt.
30
2) dη/dx =0, dT/dx ≠0
Gl. (3.8b) sagt, was wir schon wußten: Ein T-Gradient hat einen S-Strom zur Folge (siehe Ab-
schnitt 2.5). Gl. (3.8a) behauptet, daß ein T-Gradient einen Elektronenstrom antreibt, obwohl
keine elektrochemische (und auch keine elektrische) Potentialdifferenz besteht.
3) jn = 0
Wir verhindern das Fließen eines Teilchenstroms, indem wir den Leiter einfach nicht in einen
Stromkreis einbauen. Aus Gl. (3.8a) folgt:
dη / dx L
= − 12
dT / dx L11
Ein T-Gradient hat also einen Gradienten des elektrochemischen Potentials zur Folge.
Wir suchen nun den Zusammenhang zwischen den Lik und den Materialkonstanten, die man in
Tabellen findet.
Wir vergleichen Gl. (3.8a) für dT/dx = 0 mit der für dT/dx = 0 gültigen Gleichung
σ Q dη
jn = −
z 2 F 2 dx
und erhalten
σQ
L11 = −
z2 F2
(Wir geben hier der elektrischen Leitfähigkeit den Index Q, um sie von der Entropieleitfähigkeit
σS zu unterscheiden).
Die experimentell gefundene Wärmeleitungsgleichung lautet
dT
jS = −σ S
dx
(Siehe auch Abschnitt 2.5).
σS ist die Entropieleitfähigkeit. In den Tabellen wird gewöhnlich die “Wärmeleitfähigkeit”
λ =T σS angegeben.
Vergleich mit Gleichung (3.8b) für dη/dx = 0 liefert
L22 = – σS
Die Größe
1 dη / dx
α=− (3.9)
zF dT / dx j n = 0
heißt “Thermokraft” oder “Thermospannung”. Sie ist tabelliert und gibt für den stromlosen Zu-
stand die (elektrochemische) Spannung zwischen zwei Punkten pro Temperaturdifferenz zwi-
schen den Punkten an (Maßeinheit V/K). Aus Gleichung (3.8a) folgt:
L12
= −αzF
L11
j j L L L 2
m = n ⋅ S = 12 ⋅ 21 = 12
jS dη / dx = 0 jn dT / dx = 0 L22 L11 L11 L22
σQ
m = α2
σS
Tabelle 3.2 enthält die Werte von σQ, σS und α für einige Metalle bei Normaltemperatur
(≈ 300 K).
Was bedeutet die Tatsache, daß manche α positiv, manche negativ sind? In Gleichung (3.9) ist
(dη/dx)/(dT/dx) stets negativ, da das Temperaturgefälle ein entgegengesetzt gerichtetes elektro-
chemisches Potentialgefälle aufbaut. α < 0 heißt daher z < 0, d.h. die Ladungsträger sind negativ,
nämlich Elektronen. Ist α > 0, so ist z > 0. Die Ladungsträger sind positiv. Man nennt sie “Defekt-
elektronen”.
Der Quotient σQ/σS (letzte Spalte von Tabelle 3.2) ist annähernd temperaturunabhängig, obwohl
σQ und σS einzeln stark von T abhängen. Außerdem ist σQ/σS für alle Metalle nahezu gleich.
Diese Tatsache heißt das Wiedemann-Franzsche Gesetz. Man erkennt daran, daß die Leitung von
Q und von S durch dieselben Träger bewerkstelligt wird.
Für den Wert von m ergibt sich größenordnungsmäßig:
m ≈ 2,5 ⋅ 10-12 ⋅ 4,5 ⋅ 107 ≈ 10-4
Die Kopplung zwischen Entropie- und Mengenstrom ist also sehr schwach.
Tabelle 3.2. Elektrische Leitfähigkeit, Entropieleitfähigkeit und Thermokraft für einige Metalle
–1
Stoff 10–7 σQ (Ω m–1) σS (JK–2m–1s-–1) 106α (VK–1) 10–7σQ/σS (K2V–2)
Daraus folgt
ηA – ηC = (ηA – ηB) + (ηB – ηC)
ist die elektrische Feldkonstante. Addiert man zu einer Ladungsverteilung ρ1(r) eine andere
Ladungsverteilung ρ2(r), so addieren sich die dazugehörigen Feldstärkeverteilungen vekto-
riell:
ρ(r) = ρ1(r) + ρ2(r) ⇒ E(r) = E1(r) + E2(r) .
Unter dem Fluß eines beliebigen Vektorfeldes V(r) durch die Fläche S versteht man das In-
tegral
∫∫ V (r )dA
S
Ist V(r) eine Stromdichte, so ist der Fluß die dazugehörige Stromstärke.
35
Wir berechnen den Fluß des E-Feldes einer Punktladung durch eine geschlossene Kugelflä-
che, deren Mittelpunkt am Ort der Punktladung liegt, Abb. 4.1:
Q dA Q 1 Q
∫∫ E(r )dA = 4πε ∫∫
S 0 Kugel-
r 2
=
4πε 0 r 2 ∫∫ dA = ε
Kugel- 0
oberfläche oberfläche
∑Qi ist die gesamte Ladung, die sich innerhalb der Fläche S befindet. Beschreiben wir nun
die Ladung im Innern der Fläche durch die Ladungsdichteverteilung ρ(r), so ist
1
∫∫ E(r )dA = ε ∫∫∫ ρ(r )dV
S 0
(4.3)
Da diese Beziehung für jeden beliebigen Raumbereich richtig ist, muß gelten
ρ
div E = (4.4)
ε0
Die Gleichungen (4.3) und (4.4) sind Ausdruck der Tatsache, daß die elektrische Ladung die
Stelle ist, an der das elektrische Feld an der Materie “befestigt” ist.
∫ Edr
A
nur vom Anfangs- und Endpunkt, nicht aber vom Integrationsweg abhängt.
36
Der Beitrag zum Integral auf dem Wegstück
zwischen den Radien r und r', Abb. 4.2, ist
E dr = |E| |dr| cos ϕ .
Es ist aber
r' − r dr
dr = =
cos ϕ cos ϕ
|dr| ist der Betrag des Vektors dr, dr die
Differenz r' -–r der Radien. Der Betrag des
Feldstärkevektors E wird mit |E| bezeichnet,
um Verwechslungen mit der Energie E zu Abb. 4.2. Der Beitrag zum Integral auf dem Wegstück zwi-
vermeiden. schen den Radien r und r' hängt nicht von der Richtung
dieses Wegstücks ab.
Damit wird
E dr = |E| dr .
Der Beitrag hängt also nur von den beiden
Radien r und r' ab, nicht aber von der Rich-
tung des Integrationsweges. Das gesamte In-
tegral setzt sich aus solchen Beiträgen zusam-
men. Sein Wert hängt damit nur vom Abstand
der Punkte A und B von der Punktladung ab.
Insbesondere hat das Integral über den Weg
S' in Abb. 4.3 denselben Wert wie über den
Weg S.
Abb. 4.3. Das Wegintegral über die elektrische Feldstärke
hat auf dem Weg S denselben Wert wie auf dem Weg S'.
Es ist also
Q 1 1
B B' B' rB
Q dr
∫ Edr = ∫ Edr =
A A
∫
A
E dr =
4πε 0 ∫r
rA
2
= −
4πε 0 rA rB
Man kann sich nun eine beliebige Ladungsverteilung in Punktladungen zerlegt denken. Da
sich die Feldstärken dieser Punktladungen zur Gesamtfeldstärke addieren, gilt:
B
∫ Edr
A
ist unabhängig vom Integrationsweg
∫ Edr = -[ϕ (r ) − ϕ (r )]
A
B A
(4.5)
Hiermit sind allerdings nur ϕ-Differenzen definiert. Der Nullpunkt von ϕ darf noch beliebig
festgelegt werden.
Für eine Punktladung erhält man
Q 1 1
ϕ ( rA ) − ϕ ( rB ) = r − r
4πε 0 A B
∆E = ∫ P dt = ∫ F dr = Q ∫ E dr = Q[ϕ ( rA ) − ϕ ( rB )]
rA rA
Fließt ein ganzer Teilchenstrom, und damit ein elektrischer Strom von A nach B, so wird
ständig der Energiestrom
P = I (ϕ(rA) – ϕ (rB) )
dissipiert. Das hier definierte elektrische Potential ist also mit dem durch Gleichung (2.1) de-
finierten identisch. Wir sehen jetzt aber, daß man nicht nur einem elektrischen Leiter ein Po-
tential zuordnen kann, sondern daß jeder Punkt eines statischen elektrischen Feldes ein Poten-
tial hat.
Mit E = – grad ϕ können wir die Gleichung j = – σ grad ϕ (Ohmsches Gesetz, Gleichung
(2.8)) vereinfachen:
j = σE (4.8)
Das Ohmsche Gesetz gilt in dieser Form
– nur für isotrope Medien, im Allgemeinen ist σ ein Tensor;
– nur, wenn man das elektrochemische Potential durch das elektrische ersetzen darf, also für
Leiter mit konstantem chemischem Potential.
Aus div E = ρ/ε0 und E = – grad ϕ folgt eine Beziehung zwischen ρ und ϕ:
div grad ϕ = –ρ/ε0 .
Den Operator div grad kürzt man ab durch ∆, man nennt ihn den Laplace-Operator. Es ist al-
so
∆ϕ = –ρ/ε0 .
Diese Gleichung heißt Poisson-Gleichung. Der Laplace-Operator ist in kartesischen Koordi-
naten:
∂ 2ϕ ∂ 2ϕ ∂ 2ϕ
∆ϕ = + +
∂x 2 ∂y 2 ∂z 2
Oft ist die Ladungsverteilung ρ(r) bekannt und die Feldstärkeverteilung E(r) gesucht.
Beispiel: Kugelsymmetrische Ladungsverteilung
Das E-Feld ist radialsymmetrisch, Abb. 4.5. Die Feldstärke findet man, indem man Glei-
chung (4.3) auf eine Kugel mit dem Radius r anwendet. Die linke Seite ist
Abb. 4.4. Elektrische Feldlinien und Äquipotentialflächen des Feldes von zwei kugelsymmetrisch und entgegengesetzt
gleich geladenen Körpern
39
Die rechte Seite ist die Gesamtladung Q(r)
innerhalb der Kugel vom Radius r. Es ist al-
so
Q(r )
E=
ε 0 4πr 2
Die Feldstärke im Abstand r vom Mittel-
punkt der Verteilung hängt also nur von der
Gesamtladung innerhalb der Kugel vom Ra-
dius r ab, nicht aber davon, wie die Ladungs-
dichte von r abhängt. Auch wenn die ganze
Ladung, die sich in der Kugel befindet, im Abb. 4.5. Kugelsymmetrische Ladungsverteilung
Kugelmittelpunkt vereinigt wäre, wäre die
Feldstärke dieselbe. Die Feldstärke ist also dieselbe wie die einer Punktladung vom Betrag
Q(r), die sich im Mittelpunkt befindet. Ist die Ladungsdichte im Innern der Ladungsvertei-
lung zwischen r = 0 und r = r0 gleich Null, so ist dieser ganze Innenraum feldfrei.
Beispiel: Feld zwischen zwei unendlich ausgedehnten parallelen Metallplatten
Die Ladung pro Fläche ρA sei überall gleich.
Die Ladung der einen Platte habe aber das
entgegengesetzte Vorzeichen der Ladung der
anderen. Für den gestrichelten Bereich in Ab-
bildung 4.6 ist
∫∫ E dA = E ⋅ A
und Abb. 4.6. Ausschnitt aus zwei unendlich ausgedehnten Me-
∫∫∫ ρ dV = ρ
tallplatten
A A
Verändert man die Ladungsverteilung auf dem Gegenstand um den Faktor k von ρ0 auf
ρ = k ρ0, so verändert sich
– die Gesamtladung von Q0 auf Q = kQ0;
– die Feldstärke in jedem Punkt des Feldes um denselben Faktor k;
– die elektrische Spannung zwischen zwei beliebigen Punkten um denselben Faktor k.
Die neue Ladungsverteilung ist wieder eine Gleichgewichtsverteilung, denn für den Gegen-
stand ist nach wie vor ϕ = const.
Die Spannung U = ϕ1 –ϕ∞ hat sich auch um den Faktor k verändert. Es ist also
Q/Q0 =U/U0, oder U ∝ Q, oder Q = CU.
Der von Q unabhängige Proportionalitätsfaktor C heißt Kapazität des Gegenstandes. Er
drückt aus, wieviel Ladung bei gegebener Spannung zwischen dem Körper und einem unend-
lich entfernten Punkt auf dem Gegenstand sitzt.
Wir betrachten nun zwei elektrisch leitende Gegenstände, deren Gesamtladung immer Null
ist, Abb. 4.8. Ändert man die Ladung jedes einzelnen Gegenstandes um den Faktor k, so än-
dert sich die Feldstärke überall und die Span-
nung zwischen den Gegenständen auch um
den Faktor k:
Q = CU (4.10)
C heißt die Kapazität der Anordnung. Ist die-
se Kapazität groß gegen die, die die beiden
Gegenstände einzeln haben, so nennt man die
Anordnung einen Kondensator.
Abb. 4.9 zeigt einen sogenannten Plattenkon-
densator. Da sein E-Feld annähernd homo-
gen ist, gilt für ihn
Abb. 4.8. Feld von zwei entgegengesetzt gleich geladenen
Platte 2 Körpern
∫ E dr = E ⋅ d = U
Platte 1
M = ∑ ri × Fi = ∑ ri × Qi E = 2Q( r1 × E)
Abb. 4.13. Das Feld übt auf den Dipol ein Drehmoment aus
1, 2 1, 2
QP = ∫∫ PdA (4.15)
∫∫∫ ρ P dV = – ∫∫ PdA
Wir formen die rechte Seite mit dem Gaußschen Satz um:
Wir können nun die Gleichung div E = ρ/ε0 (Gleichung 4.4) verallgemeinern. Da man mit
dem Symbol ρ nur die Dichte der freien Ladung meint, da also die Polarisationsladung in ρ
nicht enthalten ist, kommt zur rechten Seite von Gleichung (4.4) im Fall, daß polarisierte
Materie vorhanden ist, noch der Term ρP/ε0 hinzu:
ρ ρP
divE = +
ε0 ε0
Hieraus folgt
ρ 1
divE = – divP (4.17)
ε0 ε0
Befindet sich an einer Stelle keine freie Ladung, so ist dort div E = – (1/ε0) div P. Das
heißt, dort wo das E-Feld Quellen hat, hat das P-Feld Senken und umgekehrt. Es ist üblich,
Gleichung (4.17) noch eine andere Form zu geben. Wir schreiben zunächst
div (ε0 E + P) = ρ
Man kürzt nun die Summe hinter dem div-Zeichen ab:
D = ε0E + P . (4.18)
Die Größe D heißt die elektrische Verschiebung. Damit wird Gleichung (4.17) kürzer und
einprägsamer:
div D = ρ (4.19)
Integration und Anwendung des Gaußschen Integralsatzes liefert schließlich
∫∫ DdA = Q (4.20)
44
4.5 Induzierte Polarisation, Influenz
Wir untersuchen im Folgenden das Verhalten
eines Stücks Materie, das in ein elektrisches
Feld, welches von anderen Körpern herrührt,
gebracht wird. Um eine möglichst
durchsichtige Situation zu erhalten, wählen
wir die Anordnungen stets so, daß homogene
Felder entstehen: Die felderzeugenden
Körper sind zwei unendlich ausgedehnte, Abb. 4.17. Eine Platte aus dem zu untersuchenden Material
entgegengesetzt gleich geladene Platten, befindet sich zwischen den Platten eines Kondensators
deren Ladung pro Fläche einen ein für
allemal festgelegten Wert hat. Das zu
untersuchende Materiestück ist eine
unendlich ausgedehnte Platte, die sich
zwischen den Kondensatorplatten befindet,
Abb. 4.17.
Zwischen den Kondensatorplatten befinde
sich zunächst eine Platte aus polarisierter
Materie, Abb. 4.18. Gesucht ist die
elektrische Feldstärke innerhalb der Materie.
Die elektrische Feldstärke im materiefreien Abb. 4.18. Polarisierte Materie zwischen den Platten eines
Kondensators
Raum zwischen den Kondensatorplatten ist
(Gleichung (4.9)):
1 Q
E=
ε0 A
An der Oberfläche des Materiestücks sitzen Quellen des P-Feldes, aber keine freien
Ladungen. Daher ist div (ε0E + P) = 0. Daraus folgt, daß der Ausdruck ε0E + P auf
beiden Seiten der Oberfläche der Materie, d.h. innerhalb (i) und außerhalb (a), denselben
Wert hat. Da außerhalb P = 0 ist, folgt
1
Ea = Ei + P
ε0
und daraus
1
Ei = Ea – P
ε0
Wir befassen uns nun mit der Frage, wie die Polarisation von Materie zustande kommt.
Polarisierte Materie, wie die, von der wir bisher gesprochen haben, trifft man normalerweise
gar nicht an: die Polarisationsladungen an den Endflächen werden durch die allgegenwärtigen
freien Ladungen kompensiert. Andererseits kann man aber Materie polarisieren, indem man
sie in ein elektrisches Feld bringt, man kann eine Polarisation inkduzieren. Je nach Stoff ge-
schieht das auf verschiedene Weise.
Verschiebungspolarisation: Die positive Ladung innerhalb der Materie wird gegen die
negative unter dem Einfluß des E-Feldes etwas verschoben. Solange E nicht zu groß ist, ist
die Verschiebung, und damit die Polarisation, proportional zur Feldstärke in der Materie.
P = ε0 χeE . (4.22)
Der dimensionslose Faktor χe heißt elektrische Suszeptibilität. Je größer χe ist, desto stärker
ist bei gegebener E-Feldstärke die Polarisation.
45
Orientierungspolarisation: Manche Stoffe bestehen aus Molekülen, die ein von Null verschie-
denes Dipolmoment haben, im Allgemeinen aber ungeordnet durcheinanderliegen, z.B. Was-
ser. Bei Anlegen eines elektrischen Feldes werden diese Dipole teilweise ausgerichtet. Auch
hier gilt näherungsweise Gleichung (4.22).
Verschiebungs- und Orientierungspolarisation können nur in Nichtleitern auftreten. In ihnen ist
die elektrische Feldstärke nicht Null, die Feldlinien laufen, wenn auch abgeschwächt, durch die
Materie hindurch. Nichtleiter heißen deshalb auch “Dielektra” (von δια = durch).
Die Werte von χe liegen für die meisten Nichtleiter in der Gegend zwischen 2 und 10. Der
Wert für Wasser ist ungewöhnlich groß, er beträgt 80. Diese Größe hat ihre Ursache in dem
großen Dipolmoment der Wassermoleküle.
Influenz: Bringt man elektrisch leitende Mate-
rie, d.h. einen Stoff, der frei bewegliche La-
dung enthält, zwischen die Kondensatorplat-
ten, Abb. 4.19, so verschiebt sich die Ladung
solange, bis die Feldstärke in der Materie
gleich Null ist. Obwohl dieser Vorgang dem
Polarisieren eines Nichtleiters sehr ähnlich ist,
bezeichnet man ihn anders. Man nennt den
Vorgang Influenz und beschreibt ihn nicht
durch ein P-Feld. Man sagt vielmehr, an den Abb. 4.19. Elektrisch leitende Materie zwischen den Plat-
Begrenzungsflächen des Materials sitzen echte ten eines Kondensators
Ladungen. Tatsächlich hätte man den Vorgang
genauso beschreiben können wie bei den Nichtleitern: Mit Ei = 0 wird aus (4.21) P = ε0 Ea .
Die Polarisation ist also ungleich [Link] man nun, daß auch hier P mit Ei gemäß
Gleichung (4.22) zusammenhängt, so folgt, da die Feldstärke Null ist, χe = ∞.
4.6 Die Kapazität eines Kondensators, der mit Materie gefüllt ist
Wir machen nun die Platte aus polarisiertem
Material in Abb. 4.18 immer dicker, so daß sie
schließlich den ganzen Raum zwischen den
Kondensatorplatten ausfüllt, Abb. 4.20. Die
Feldstärke in dem jeweils noch nicht von Ma-
terie erfüllten Raum bleibt bei diesem Vor-
gang konstant. Nach Gleichung (4.9) ist dort
immer
1 Q
E=
ε0 A
Nachdem das Gebiet mit Materie gefüllt wor-
den ist, hat dort die Feldstärke auf den durch Abb. 4.20. Durch Einschieben des Dielektrikums wird die
Gleichung (4.21) gegebenen Wert abgenom- Feldstärke vermindert.
men. Wenn wir die Feldstärke an einer Stelle vor dem Einschieben der Materie mit Ev und die
danach mit En bezeichnen, haben wir also:
En = Ev – (1/ε0) P
= Ev – χe En
Hieraus folgt
Ev = En + χe En = (1 + χe) En
Der Faktor
ε = 1 + χe
46
um den die Feldstärke abnimmt, heißt Dielektrizitätskonstante. (Die um 1 vergrößerte Materi-
alkonstante hat einen eigenen Namen und ein eigenes Symbol! Glücklicherweise ist so etwas
sonst in der Physik nicht üblich).
Wegen U = ∫Edr = |E| d nimmt die Spannung um denselben Faktor ab:
Uv = εUn .
Da Q = CU, und da Q konstant bleibt, nimmt die Kapazität um ε zu:
Cn = ε Cv .
Wir können damit Gleichung (4.11), die nur für den materiefreien Kondensator galt, verallge-
meinern:
A
C = εε 0 (4.23)
d
Außerdem wird aus Gleichung (4.9)
ρA = εε0 |E| (4.24)
Schiebt man die Materie in einen Kondensa-
tor, dessen Spannung konstant gehalten wird,
so vergrößert sich, wegen Q = CU seine La-
dung um den Faktor ε, Abb. 4.21: Abb. 4.21. Schiebt man in einen Kondensator bei konstan-
ter Spannung ein Dielektrikum hinein, so vergrößert sich
Qn = ε Qv . die Ladung.
4.8 Die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt
Wir wollen die Kraft, die eine Kondensatorplatte auf die andere ausübt, mit Hilfe von Glei-
chung (4.1) berechnen:
F = QE
Wir betrachten dazu die eine der Platten, Platte A, im Feld der anderen, Platte B. Platte A
trägt die Ladung QA, die Stärke des Feldes
von Platte B ist EB. Ist aber diese Gleichung
hier überhaupt anwendbar? Die Vorausset-
zung dafür, daß Gleichung (4.1) benutzt wer-
den darf, ist, daß wir es mit einem einzigen
Feldstärkewert EB zu tun haben. Und das
heißt, daß die Feldstärke an allen Orten, über
die sich die Ladung QA erstreckt, denselben
Wert hatte, bevor die Ladung dort hin ge- Abb. 4.22. Beitrag einer der beiden Platten eines Konden-
bracht wurde. sators zum Gesamtfeld
47
Dies ist nun bei unserem Kondensator der Fall. Das Feld der linken Platte allein zeigt Abb.
4.22. Überall rechts von dieser Platte hat das Feld die Stärke EB, wobei EB halb so groß ist
wie die Feldstärke E im kompletten Kondensator:
E
EB =
2
Man findet dies unter Verwendung von Gleichung (4.3). Man erhält dann für die Kraft:
E⋅Q
F=
2
Mit Gleichung (4.24) und Q = ρΑA wird daraus
Q2
F= (4.25)
2εε 0 A
Q2
E= d (4.26)
2εε 0 A
Mit (4.23) erhalten wir schließlich
Q2
E= (4.27)
2C
5. Energiedichte und mechanische Spannung im elektrostatischen Feld
Wir berechnen in diesem Kapitel die lokalen Größen Energiedichte und mechanische Spannung.
Zur Berechnung ziehen wir die einfachste Feldverteilung heran, die es gibt: das homogene Feld.
Da wir den Zusammenhang zwischen Größen berechnen, die sich auf Raumpunkte, und nicht auf
Raumbereiche beziehen, beschränkt sich aber die Gültigkeit unserer Ergebnisse nicht auf homo-
gene Felder.
Q2
E= d
2εε 0 A
Wir ersetzen die Ladung Q mit Gleichung (4.24) und mit ρA = Q/A:
εε 0 2
E= E ⋅ A⋅d
2
Da V = A d das felderfüllte Volumen ist, ergibt sich für die Energiedichte
εε 0 2
ρE = E (5.1)
2
Q2
F=
2εε 0 A
Diese Kraft übt nicht nur eine Platte auf die andere aus, sondern auch die eine Platte auf den unmit-
telbar vor ihr liegenden Feldbereich, dieser auf den nächsten usw. Im Feld herrscht demzufolge ei-
ne mechanische Zugspannung in Feldlinienrichtung. Man erhält diese, indem man einfach die
Kraft durch die Fläche A dividiert:
Q2 1
σ || = = ρ A2
2εε 0 A 2
2εε 0
Das positive Vorzeichen bedeutet, daß es sich um eine Zugspannung handelt.
Mit Gl. (4.24) erhalten wir schließlich
εε 0 2
σ || = E (5.2)
2
Aus der Tatsache, daß an Ladungen immer elektrische Feldlinien beginnen oder enden, schließen
wir, daß das elektrische Feld an geladener Materie immer zieht.
Lädt man eine Seifenblase elektrisch auf, so wird sie größer. Das elektrische Feld zieht die Flüs-
sigkeitslamelle nach außen, Abb. 5.1.
49
Wie erklärt sich aber die Abstoßung zwischen
zwei gleichnamig geladenen Körpern? Man
entnimmt Abb. 5.2 die Antwort auf diese Frage.
Wir betrachten den linken Körper: Das Feld
zieht an allen Teilen seiner Oberfläche. Da die
Feldlinien links dichter sind als rechts, zieht es
aber stärker nach links als nach rechts, und es
resultiert eine Nettokraft nach links. Entspre-
chendes gilt für den rechten Körper.
Abb. 5.1. Das elektrische Feld zieht an der Oberfläche der Sei-
Statt “Gleichnamig geladene Körper stoßen fenblase.
sich ab”, wäre es also richtiger zu sagen:
Gleichnamig geladene Körper werden vom elektrischen Feld voneinander weggezogen.
Auf analoge Art interpretieren wir Abb. 5.3. Wieder zieht das Feld am linken Körper nach allen
Richtungen. Diesmal sind aber die Feldlinien rechts vom Körper dichter als links, und es resultiert
eine Nettokraft nach rechts. Statt “die Körper ziehen sich an” sagen wir also richtiger:
Ungleichnamig geladene Körper werden vom elektrischen Feld zueinander hingezogen.
Abb. 5.2. Zwei gleichnamig geladene Körper werden vom Abb. 5.3. Zwei ungleichnamig geladene Körper werden vom
elektrischen Feld voneinander weggezogen. elektrischen Feld zueinander hingezogen.
Q 2 x0
E=
2εε 0 y0 z0
Bei einer Verschiebung dz0 ändert sich die Energie um:
Q 2 x0
dE = − dz0
2εε 0 y0 z0 2
Der Vergleich mit dE = Fzdz0 ergibt die Kraft, die das Feld auf seine Aufhängung, nämlich die
Platten, ausübt:
Q 2 x0 1
Fz = −
2εε 0 y0 z0 2
Wir ersetzen mit Gleichung (4.24) Q wieder durch |E|:
εε 0 2
Fz = − E x0 y0
2
Die mechanische Spannung σ⊥ = Fz/(x0 y0) ergibt sich damit zu
εε 0 2
σ⊥ = − E (5.4)
2
Quer zu den E-Feldlinien herrscht also eine Druckspannung vom Betrag εε0|E|2/2.
6. Die Quellen des magnetischen Feldes
1 Qm1Qm 2 r
F= (6.2)
4πµ0 r 2 r
Hier ist
µ0 = magnetische Feldkonstante = 4π . 10-7 Vs/Am = 1,2566 . 10-6 Vs/Am
Aus (6.2) folgt die H-Feldverteilung einer magnetischen Punktladung:
1 Qm r
H=
4πµ0 r 2 r
In Analogie zum elektrischen Dipolmoment (Gleichung (4.12)) definieren wir das magnetische
Dipolmoment
m = Qma.
Achtung: Die Definition von m ist in der Literatur nicht einheitlich! Wir folgen ausnahmsweise
nicht der SI-Konvention.
So wie auf einen einzelnen Magnetpol eine Kraft wirkt, wirkt auf einen magnetischen Dipol ein
Drehmoment:
M=m×H
Vergleiche mit Gleichung (4.13).
∫∫ BdA = 0 (6.7)
Abbildung 6.2 zeigt das H-Feld eines gleichmäßig magnetisierten Stabes, dessen Länge groß ist
gegen seine seitliche Ausdehnung. Das H-Feld ist näherungsweise dasselbe wie das von zwei
magnetischen Punktladungen, die sich an den Enden des Stabes befinden. Das M-Feld ist auf das
Innere des Stabes beschränkt und ist dort homogen.
Die Ringe in Abbildung 6.3 seien homogen, d.h. gleichmäßig magnetisiert. In Abb. 6.3a ist das
H-Feld praktisch nur im Spalt von Null verschieden. Es ist dort, wie das E-Feld im Plattenkon-
densator, annähernd homogen.
a b
Abb. 6.3. Magnetisierung und magnetische Feldstärke für einen Ringmagneten mit (a) und ohne (b) Spalt
Wendet man Gleichung (6.7) auf die in Abb. 6.3a gestrichelte angedeutete, geschlossene Ober-
fläche an, so erhält man
1
HSpalt = MMaterie
µ0
In Abb. 6.3b ist das H-Feld überall Null.
∫ Hdr
A
ist für statische magnetische Felder unabhängig vom Integrationsweg
Folglich kann man ein magnetisches Potential ϕm(r) definieren (vergleiche Gl. (4.5)):
B
∫ Hdr = -[ϕ
A
m ( rB ) − ϕ m ( rA )] = Um (6.8)
Um ist die magnetische Spannung zwischen A und B. Aus der letzten Gleichung folgt weiter (ver-
gleiche Gl. (4.7)):
H(r) = - grad ϕm(r)
Die Maßeinheit der magnetischen Spannung ist Ampere. Um ist ein SI-Symbol, für das magneti-
sche Potential gibt es kein genormtes Symbol.
1
Hi = Ha − M (6.9)
µ0
Ist die Materie nicht selbst ein Magnet, d. h. ist
sie nicht von vornherein magnetisch polarisiert
(= magnetisiert), so findet man, daß sie unter
dem Einfluß eines H-Feldes magnetisiert wird.
Es gilt näherungsweise
M = µ0χmH (6.10)
µ = 1 + χm.
Wegen Um = ∫ Hdr ändert sich auch die magnetische Spannung zwischen den beiden Magnetpo-
len um diesen Faktor: Umv = µUmn. Die magnetische Spannung ist weniger gebräuchlich als die
elektrische, da sie schwerer zu messen ist. Alle Voltmeter machen davon Gebrauch, daß es frei
verschiebbare elektrische Ladung gibt. Dank der Verschiebbarkeit von Q kann man einen Poten-
tialwert mit Hilfe von Drähten übertragen. Dagegen ist die magnetische Feldstärke H praktisch
leichter meßbar als die elektrische (etwa mit einer Hall-Sonde).
Wie bei der elektrischen Polarisation gibt es auch bei der magnetischen Polarisation durch ein H-
Feld unterschiedliche Mechanismen. Das Elektron hat ein magnetisches Moment. In vielen Stof-
fen stellen sich die Elektronen jedes Atoms oder Moleküls so ein, daß das Atom bzw. Molekül ins-
gesamt das magnetische Moment Null hat. In anderen Stoffen haben die Moleküle ein resultieren-
des magnetisches Moment. Diese letzteren heißen paramagnetische Stoffe. Bringt man sie in ein
magnetisches Feld, so werden die magnetischen Momente in Feldrichtung orientiert (die para-
magnetische Polarisation im H-Feld entspricht
also der Orientierungspolarisation im E-Feld). Tabelle 6.1. Beispiele für paramagnetische Stoffe
In Tabelle 6.1 sind die Suszeptibilitätswerte ei-
niger paramagnetischer Stoffe aufgeführt. χm
6.5 Ferromagnetismus
Es gibt Stoffe, deren Atome ein resultierendes magnetisches Moment haben, und bei denen sich
die magnetischen Dipole aller Atome von allein parallel einstellen. Bei ihnen ist M ≠ 0, auch
wenn H = 0 ist. Da die Ausrichtung der elementaren magnetischen Momente vollständig ist (im
Gegensatz zu den paramagnetischen Stoffen), ist M sehr groß.
Diese Stoffe heißen ferromagnetisch. Zu ihnen gehören Fe, Ni, Co und Legierungen dieser und
anderer Stoffe.
Daß ein gewöhnliches Stück Eisen kein magnetisches Moment hat, liegt daran, daß die Ausrich-
tung der atomaren Dipole domänenweise geschieht. Diese Domänen heißen Weißsche Bezirke.
Sie sind unterschiedlich orientiert, so daß makroskopisch keine Magnetisierung feststellbar ist.
Bringt man ein Stück Eisen in ein H-Feld, so wachsen die Domänen, die in Feldrichtung liegen,
auf Kosten der Domänen, die in anderen Richtungen liegen.
Abb. 6.6 zeigt die Magnetisierung in Abhängigkeit von der Feldstärke. Wenn man von einem un-
magnetischen Stück Eisen ausgehend die Feldstärke wachsen läßt, bewegt man sich auf dem Kur-
venstück 1. Läßt man dann H abnehmen bis zu negativen Werten, so folgt man dem Kurven-
stück 2. Läßt man darauf H wieder wachsen,
so wird Kurve 3 durchlaufen. Die bei H = 0 zu-
rückbleibende Magnetisierung MR heißt rema-
nente Magnetisierung, die Feldstärke HK, die
notwendig ist, um das Material auf die Magne-
tisierung Null zurückzubringen, heißt Koerzi-
tivfeldstärke.
Die Magnetisierung in einem gegebenen Zeit-
punkt hängt also von der Feldstärke in früheren
Zeitpunkten ab. Das Material hat somit ein
“Gedächtnis”. Man nennt eine solche Erschei-
nung “Hysteresis”. Der Effekt wird bei Ton-
und Videobändern, Computerdisketten etc. zur Abb. 6.6. M-H-Zusammenhang mit Hysteresis
Datenspeicherung benutzt.
Der M-H-Zusammenhang ist für verschiedene ferromagnetische Materialien verschieden. Ab-
bildung 6.7 zeigt zwei Beispiele. Abb. 6.7a entspricht einem magnetisch “harten” Material. Es ist
zur Herstellung von Permanentmagneten geeignet. Man erreicht heute Werte von MR bis über
1 T und von HK bis über 150 kA/m (Alnico; Oxidmagneten). Für einen idealen Permanent-
magneten müßte die Magnetisierung völlig unabhängig von H sein (gestrichelte Linie). Ab-
bildung 6.7b zeigt den M-H-Zusammenhang für ein magnetisch “weiches” Material (Weichei-
sen, µ-Metall). Solange M klein ist gegen die Sättigungsmagnetisierung, gilt hier M = µ0χmH,
wie für diamagnetische und paramagnetische Stoffe. χm ist hier aber viel größer, nämlich einige
Tausend. Bringt man ein solches Material in ein Magnetfeld, das vorher den Wert Hv hatte, so ist
Hv = (1 + χm)Hn ⇒ Hn≈ 1/104 Hv. Die Feldstärke im Material wird also praktisch Null. Ein
Körper aus weichmagnetischem Material verdrängt das Magnetfeld aus seinem Innern.
57
Ein weichmagnetischer Stoff verhält sich dem-
nach im H-Feld analog zu elektrischen Leitern
im elektrischen Feld. Genauso wie die Oberflä-
che eines elektrischen Leiters eine elektrische
Äquipotentialfläche bildet, so ist die Oberflä-
che von Weicheisen nahezu eine Fläche kon-
stanten magnetischen Potentials (vgl. Ab-
schnitt 4.2 und 4.5).
a
Verschiedene ferromagnetische Materialien
stellen also gute Näherungen dar für sehr unter-
schiedliche Idealstoffe, Abb. 6.8:
- magnetisch harte Materialien für den Werk-
stoff idealer Permanentmagnete;
- magnetisch weiche Materialien für ideale
magnetische Leiter. b
Bei einer für jeden ferromagnetischen Stoff
charakteristischen Temperatur, der Curie-
Temperatur, verschwindet der Ferromagnetis- Abb. 6.7. M-H-Zusammenhang für (a) einen hartmagneti-
mus. Der Stoff ist oberhalb dieser Temperatur schen und (b) einen weichmagnetischen Stoff
(bei Eisen 1047 K) ein gewöhnlicher Para-
magnet.
Mit Hilfe von “magnetischen Leitern”, d.h. Tei-
len aus magnetisch weichem Material, kann
man auf bequeme Art das Feld eines Perma-
nentmagneten verändern. Wir stellen uns vor,
Permanentmagnet und magnetischer Leiter be-
stehen aus idealem Material. Abbildung 6.9a
zeigt ein Beispiel, Abbildung 6.9b das elektri-
sche Analogon. Wie in Abbildung 6.9b die Abb. 6.8. M-H-Zusammenhang für ideale magnetische
Drähte auf konstantem elektrischem Potential Werkstoffe
sind, so sind die magnetischen Leiter in Abbil-
dung 6.9a auf nahezu konstantem magneti-
schem Potential. Die elektrische Feldstärke in
den Drähten in Abb. 6.9b ist Null und die
magnetische Feldstärke in den Weicheisentei-
len in Abb. 6.9a ist nahezu Null.
Es ist in Abb. 6.9b
Q Q'
∫ Edr = ∫ Edr
P P'
Abb. 6.10. Die Kapazität der Zuleitungen zum magnetischen Kondensator ist zu groß.
7. Energiedichte und mechanische Spannung im magnetostatischen Feld
Wir können die Argumente von Abschnitt 5 fast wörtlich übersetzen. Wir müssen nur ersetzen:
E →H
P →M
χe → χm
ε0 → µ0
Für die Energiedichte erhalten wir, in Analogie zu Gleichung (5.1):
µµ0 2
ρE = H (7.1)
2
Parallel zu den Feldlinien des H-Feldes herrscht eine Zugspannung (vergleiche mit (5.2)):
µµ0 2
σ || = H (7.2)
2
und quer zu den Feldlinien eine Druckspannung (siehe auch (5.4)):
µµ0 2
σ⊥ = − H (7.3)
2
Da an Magnetpolen stets magnetische Feldlinien beginnen oder enden, schließen wir, daß das
magnetische Feld an Magnetpolen immer zieht.
Gleichnamige Magnetpole werden vom Magnetfeld voneinander weggezogen, ungleichnamige
werden zueinander hingezogen.
8. Die erste und die zweite Maxwellsche Gleichung
Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel mit dem Zusammenhang zwischen elektrischen und
magnetischen Erscheinungen.
∫ Hdr = H ⋅ l = N ⋅ I
N = Zahl der Windungen, die durch den Inte-
grationsweg laufen.
Damit wird Abb. 8.4. Integrationsweg bei der Berechnung der magneti-
schen Feldstärke in einer langen Spule
N⋅I
H=
l
H hängt innerhalb der Spule nicht vom Ort ab, insbesondere nicht davon, welche Stelle innerhalb
eines Spulenquerschnitts man betrachtet. Das H-Feld ist also homogen. Außerdem hängt H
nicht ab vom Querschnitt der Spule, und bei fester Windungszahl pro Länge nicht von der Länge
der Spule.
Die torusförmige Spule
Der Durchmesser R des Rings sei groß gegen
den “Rohrdurchmesser” r, Abb. [Link] ist
das Feld nahezu homogen. Das Feld außerhalb
der Spule ist Null. Für das Innere erhält man
durch Integration über einen im Torusrohr ver-
laufenden Weg der Länge l = 2 π R:
N⋅I
∫ Hdr = H ⋅ l = N ⋅ I ⇒ H=
l
µ0Ha ≈ µ0χmHi ,
also
Ha
Hi =
χm
Wir integrieren über den gestrichelten Weg.
Das Wegstück innerhalb des Eisens habe die
Länge li, die außerhalb la :
Hili + Hala = N . I
Wir vernachlässigen Hi hier nicht gegen Ha,
da vor Hi der Faktor li steht, der groß gegen la Abb. 8.6. Zwei Realisierungen eines Elektromagneten mit
ist. schmalem Spalt
NI
Hi =
li + χ mla
Diskussion von zwei Extremfällen:
li NI NI
<< la ⇒ Ha = , Hi =
χm la χ mla
Ist der Spalt nicht zu schmal, so ist das Feld im Spalt gerade so stark, als wäre die gesamte Spule
über der kurzen Länge la aufgewickelt. Im Eisen ist die Feldstärke sehr klein.
li NI NI
>> la ⇒ Ha = χ m , Hi =
χm li li
Die Feldstärke im Eisen ist dieselbe wie in einer Ringspule derselben Windungszahl. Im Spalt ist
H um den Faktor χm größer.
63
Der lange Elektromagnet (Spule mit Eisen-
kern)
Da das Feld inhomogen ist, ist es schwerer zu
berechnen. Der Effekt des Eisenkerns läßt sich
qualitativ so beschreiben, Abb. 8.7: Bei einer
leeren Spule kommt der größte Beitrag zu ∫
Hdr vom Innern der Spule her. Ist die Spule mit
einem weichmagnetischen Material gefüllt, so
wird im Innern H sehr klein. Da ∫Hdr = NI
denselben Wert hat wie vorher, muß jetzt das
Außenfeld einen großen Beitrag liefern. Das
Außenfeld wird also durch den Eisenkern ver- Abb. 8.7. Der Eisenkern verdrängt das magnetische Feld aus
stärkt. der Spule
∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ P˙ dA + ε ∫∫ E˙ dA
Rand von S S S
0
S
(8.3)
Mit Gleichung (4.18) lassen sich die beiden letzten Summanden zusammenfassen:
∫ Hdr = ∫∫ jdA + ∫∫ D˙ dA
Rand von S S S
1. Maxwellsche Gleichung (8.4)
Der gewöhnliche elektrische Strom ∫∫jdA ist ergänzt worden durch zwei weitere Terme, die zum
Magnetfeld beitragen:
1) Ip = dQp/dt = ∫∫(∂P/∂t)dA ist der Strom, der durch die Verschiebung von Polarisationsladun-
gen zustande kommt.
2) Selbst wenn keine polarisierbare Materie vorhanden ist, liefert der Raum zwischen den Kon-
densatorplatten einen Beitrag zum magnetischen Feld; der Term ε0∫∫(∂E/∂t)dA verhält sich,
was das Magnetfeld betrifft, wie ein elektrischer Strom. Dieser Term ist, bis auf den Faktor ε0,
die Zeitableitung des Flusses des E-Feldes durch die Fläche S.
64
Ist damit die oben angesprochene Inkonsistenz beseitigt? Wir berechnen die rechte Seite der
1. Maxwellschen Gleichung für den Fall, daß die Integrationsfläche zwischen den Kondensator-
platten liegt. Da hier j = 0 und ∂P/∂t = 0 ist, bleibt nur der Term ε0∫∫(∂E/∂t)dA.
Q˙
ε 0 ∫∫ EdA
˙ =ε
0 ∫∫ dA = I
ε0 A
Es ist also ∫Hdr = I, in Übereinstimmung mit dem Ergebnis, das man erhält, wenn die Integra-
tionsfläche die Leitung schneidet.
Maxwell interpretierte auch den Beitrag ∫∫(∂D/∂t)dA als elektrischen Strom und nannte ihn Ver-
schiebungsstrom. Die Summe I + ∫(∂D/∂t)dA nannte er den wahren Strom. Nach dieser Vorstel-
lung gibt es überhaupt nur geschlossene Stromkreise. Bezeichnet man mit Maxwell die Strom-
dichte dieses wahren Stroms mit C (Current), so lautet die 1. Maxwellsche Gleichung einfach:
∫ Hdr = ∫∫ CdA
Nach dieser Auffassung ist die Ursache für ∫Hdr immer ein elektrischer Strom.
Wir weisen daraufhin, daß die Rechte-Hand-Regel für alle Beiträge zum Strom in Gleichung (8.3)
gilt.
− ∫ Edr = ∫∫ M˙ dA + µ ∫∫ H˙ dA
Rand von S S
0
S
(8.5)
Mit Gleichung (6.5) lassen sich die beiden Summanden auf der rechten Seite zusammenfassen:
65
Wie die erste Maxwellsche Gleichung macht auch die zweite eine Aussage über eine Fläche, ge-
nauer: über einen Zusammenhang zwischen dem Rand und dem Inneren der Fläche. Das Integral
∫Edr über den Rand kommt zustande durch zwei Beiträge:
- die zeitliche Änderung des Flusses von M durch S
- die zeitliche Änderung des Flusses von H (mal µ0) durch S.
Auch hier kann man die rechte Seite interpretieren als einen Verschiebungsstrom: einen magneti-
schen Verschiebungsstrom. Danach entstehen um einen magnetischen Strom herum geschlosse-
ne elektrische Feldlinien.
Achtung: In einem E-Feld, das durch Induktion verursacht wird, ist ∫Edr nicht vom Integrations-
weg unabhängig. Ein Potential kann deshalb bestenfalls noch in begrenzten Gebieten definiert
werden.
Um die Richtung der elektrischen Feldstärke des induzierten Feldes zu erhalten, kann man wieder
eine Hand-Regel anwenden; wegen des Minuszeichen in den Gleichungen (8.5) und (8.6) aber ei-
ne Linke-Hand-Regel: Weist der Daumen der linken Hand in die Richtung des magnetischen
Stroms (d.h. in die Richtung von ∂B/∂t), so zeigen die gekrümmten Finger den Drehsinn der elek-
trischen Feldlinien an.
∫ Edr = − µ ∫∫ H˙ dA = − µ ∫∫ ( H˙
0 0 a + H˙ i )dA
Nun ist Hi zunächst noch unbekannt. Man findet aber leicht eine konsistente Lösung. Wir neh-
men an, daß ∂Hi/∂t = 0, also Hi zeitlich konstant ist. Dann ist auch überall E zeitlich konstant
und mit j = σE auch die Stromstärke im Draht und folglich auch Hi, wie vorausgesetzt. Damit
wird also
∫ Edr = − µ ∫∫ H˙ dA
0 a
Die Gleichung hat also dieselbe Gestalt, als befände sich gar kein Leiter im Magnetfeld. Der Lei-
ter ruft ein zusätzliches zeitlich konstantes Magnetfeld hervor, das aber keinen Einfluß auf den In-
duktionsvorgang hat.
b) Leerlauf
Die Leiterschleife ist unterbrochen, es fließt
kein elektrischer Strom, Abb. 8.11. Daß kein
Strom fließt, hat aber wegen j = σE zur Folge,
daß die elektrische Feldstärke im Draht gleich
Null ist. Wie ist das mit der 2. Maxwellschen
Gleichung zu vereinbaren? An der rechten Sei-
te der Gleichung, d.h. am H-Feld kann es nicht
liegen, denn es fließt ja kein Strom, der das H-
Feld modifizieren könnte.
Im Draht verschieben sich, sobald das Experi-
ment beginnt, Ladungen, und zwar gerade so,
daß die E-Feldstärke im Draht Null wird. Dafür Abb. 8.11. Offene Leiterschleife in einem Magnetfeld, dessen
tritt aber zwischen den offenen Enden der Stärke gleichmäßig zunimmt
Schleife ein E-Feld auf, Abb. 8.12. Dieses ist
gerade so stark, daß das Integral auf dem Weg-
stück S über die offene Stelle zwischen A und B
gleich µ0∫∫(∂H/∂t)dA ist. Bildet man ∫Edr
über den geschlossenen, gestrichelten Weg, so
liefert nur dieses Wegstück S einen Beitrag.
Man nennt dieses Integral Induktionsspannung
Uind.
Die Induktionsspannung kann zwischen den
herausgeführten Drähten mit einem Voltmeter
gemessen werden. In diesem Fall kann man die
2. Maxwellsche Gleichung so formulieren:
Uind = − µ0 ∫∫ ḢdA Abb. 8.12. Im Leiter ist die elektrische Feldstärke Null.
Uind = − ∫∫ ḂdA
Man nennt
Φ = ∫∫ BdA
67
den magnetischen Fluß. Damit wird
Abb. 8.13. Der Dauermagnet wird be- Abb. 8.14. Der Dauermagnet wird be- Abb. 8.15. Die Induktionsspannung ist
wegt, der Stromkreis ist offen. wegt, der Stromkreis ist geschlossen. proportional zur Windungszahl.
Abb. 8.16. Die induzierte Spannung kommt durch eine Ände- Abb. 8.17. Die H-Feldänderung kommt durch Schließen ei-
rung der Magnetisierung zustande. nes Stromkreises zustande.
Abb. 8.18. Das Prinzip des Transformators Abb. 8.19. Die Änderung der B-Feldverteilung kommt zu-
stande durch das Verschieben des weichmagnetischen Spu-
lenkerns.
In der Anordnung von Abb. 8.20b wird statt des Magneten die Leiterschleife bewegt. Der Aus-
schlag des Voltmeters ist natürlich derselbe wie in Abb. 8.20a, denn der Unterschied zwischen
rechts und links besteht allein darin, daß zur Beschreibung ein anderes Bezugssystem gewählt
wurde. Während man zur Beschreibung der linken Abbildung die 2. Maxwell-Gleichung heran-
zieht, braucht man zur Beschreibung der rechten, bei der das H-Feld des Permanentmagneten
a b
Abb. 8.20. Je nach Bezugssystem braucht man zur Beschreibung die zweite (a) oder die erste (b) Maxwellsche Gleichung.
68
konstant ist, die 1. Maxwell-Gleichung. Die
Beschreibung mit Hilfe der 2. Maxwell-Glei-
chung ist aber handlicher; man wird daher das
Bezugssystem so wählen, daß die Leiterschlei-
fe ruht.
Auch bei der Anordnung von Abb. 8.21 ist das
H-Feld des Magneten zeitlich konstant. Man
berechnet die Induktionsspannung daher in
dem Bezugssystem, in dem die Leiterschleife Abb. 8.21. Das H-Feld ist zeitlich konstant. Zur Berechnung
ruht und der Magnet rotiert. der Induktionsspannung geht man in das Bezugssystem, in
dem die Leiterschleife ruht.
Φ = ∫∫ BdA = ∫∫ ( µ0 H + M )dA ∝ I
S S
Abb. 8.24. Die durch den Stromkreis definierte Fläche wird von jeder Feldlinie zweimal durchstoßen.
mal zum Integral ∫∫BdA bei. Abbildung 8.24 zeigt, daß die Leiterfläche von 4 Feldlinien 8 mal
durchstoßen wird: Alle 4 Teilbilder sind topologisch äquivalent.
Wir berechnen die Induktivität einer langen Spule. Im Innern der Spule ist H = (N/l) I. Mit
B = µ0H ist der B-Fluß, der die Gesamtfläche der Spule durchsetzt,
N2A
Φ = µ0 ⋅ N ⋅ A ⋅ H = µ0 I
l
Durch Vergleich mit mit Φ = LI ergibt sich
N2A
L = µ0
l
Bezeichnet man den Fluß durch einen einzigen Spulenquerschnitt A mit Φ', so ist Φ' = Φ/N,
und aus (8.8) wird:
NΦ' = LI
Ist die Spule auf einen geschlossenen Eisenkern gewickelt, so ist (siehe Abschnitt 8.2)
H = (N/l)I, M = µ0χmH und folglich
N N
B = µ0 H + M = µ0 (1 + χ m ) I = µ0 µ I
l l
Damit wird
N2A
L = µµ0 (8.11)
l
Wir berechnen noch den Energieinhalt einer Spule mit geschlossenem Eisenkern. Das Feld befin-
det sich im Wesentlichen im Eisenkern, und damit auch die Energie. Mit Gleichung (7.1), sowie
H = (N/l) I und V = A . l (wobei V das Volumen ist) wird:
µµ0 N 2 2 µµ0 N 2 A 2
E = ρE ⋅ V = I Al = I
2 l2 2 l
Daraus wird, wenn man (8.11) benutzt,
70
L 2
E= I (8.12)
2
Der Gültigkeitsbereich dieser Gleichung ist größer, als es nach unserer Herleitung den Anschein
hat. Sie gilt immer, wenn wir es mit dem Feld eines einzigen unverzweigten Stromkreises zu tun
haben.
8.7 Bezugssysteme
Dieses Thema wird hier nur angerissen. Eine
ausführliche Behandlung würde direkt zur Re-
lativitätstheorie führen.
1. Wir betrachten einen gleichmäßig elektrisch
geladenen Draht, der im Bezugssystem S ruht,
Abb. 8.25. In diesem Bezugssystem stellt man
ein von Null verschiedenes elektrisches Feld
fest, während H überall gleich Null ist. Im Be- Abb. 8.25. In Bezugssystem S ist nur die elektrische, in Be-
zugssystem S' auch die magnetische Feldstärke von Null ver-
zugssystem S', das sich gegen S in Richtung des schieden.
Drahtes bewegt, bewegt sich die Ladung. Es
fließt ein elektrischer Strom und es ist H ≠ 0.
2. Wir betrachten einen Stabmagneten, der im
Bezugssystem S ruht, Abb. 8.26. In S ist H ≠ 0,
aber E ist überall gleich Null. Im Bezugssy-
stem S' ändert sich der H-Fluß durch die Fläche
σ mit der Zeit, es ist also ∫Edr über den Rand
dieser Fläche ungleich Null. In S' ist also die
elektrische Feldstärke von Null verschieden.
Wir sehen an diesen beiden Beispielen, daß E Abb. 8.26. In Bezugssystem S ist nur die magnetische, in Be-
und H nicht nur durch irgendwelche physikali- zugssystem S' auch die elektrische Feldstärke von Null ver-
schen Gesetze miteinander verknüpft sind, et- schieden.
wa wie F und Q im Coulombschen Gesetz. E
und H transformieren sich vielmehr ineinan-
der bei Wechsel des Bezugssystems. Das elek- a
trische und das magnetische Feld stellen nicht
zwei verschiedene physikalische Systeme dar,
sondern ein einziges: das elektromagnetische
Feld. Der Zustand dieses Systems ist abhängig
vom Bezugssystem.
Wir betrachten abschließend noch eine dritte
Situation in zwei verschiedenen Bezugssyste-
men: Eine magnetische Punktladung und eine
elektrische Punktladung bewegen sich relativ b
zueinander, Abb. 8.27. Dabei übt das eine Ob-
jekt auf das andere eine Kraft aus. Die Deutung
ist nun je nach Bezugssystem eine andere.
In Bezugssystem S, Abb. 8.27a, ruht die
magnetische Ladung. Die elektrische Ladung
bewegt sich, bildet also einen elektrischen
Strom. Nach der ersten Maxwellschen Glei-
chung entsteht daher ein zusätzliches magneti-
sches Feld. Dieses überlagert sich mit dem H- Abb. 8.27. Ein punktförmiger Nordpol bewegt sich relativ zu
Feld des Magnetpols. Im unteren Teil von Abb. einer punktförmigen positiven Ladung. In Bezugssystem S
8.27a, bei dem die Geschwindigkeit senkrecht ruht der Magnetpol (a), in Bezugssystem S' ruht die elektri-
zur Zeichenebene steht, sieht man, daß das H- sche Ladung (b).
71
Feld oben verstärkt, unten abgeschwächt wird. Die Druckspannung nimmt oberhalb der elektri-
schen Ladung zu, darunter ab. Die Ladung wird also nach unten gedrückt.
Im Bezugssystem S', Abb. 8.27b, in dem die elektrische Ladung ruht, verursacht der Magnet ein
zeitlich veränderliches magnetisches Feld. Dieses hat nach der zweiten Maxwellschen Glei-
chung ein elektrisches Feld zur Folge.
Im unteren Teil der Abbildung, die die Anordnung wieder in der Aufsicht zeigt, sieht man, daß die
E-Feldstärke oberhalb der elektrischen Ladung abgeschwächt, unterhalb verstärkt werden. Die
elektrische Ladung wird also nach unten gezogen, in Übereinstimmung mit unserer Deutung im
anderen Bezugssystem.
Dieselbe Erscheinung wird also, je nach Bezugssystem, einmal mit der ersten und einmal mit der
zweiten Maxwellschen Gleichung erklärt. Deutet man ein solches Experiment nach der ersten
Maxwellschen Gleichung, so nennt man die auftretende Kraft “Lorentzkraft”.
Wir haben hier die Maxwellschen Gleichungen“integral” formuliert. Für die 3. und 4. Maxwell-
sche Gleichung hatten wir schon früher eine lokale oder “differentielle” Formulierung gegeben,
nämlich die Gleichungen (4.19) und (6.6). Man kann auch die 1. und 2. Maxwellsche Gleichung
mit Hilfe des rot-Operators lokal formulieren. Die vier Maxwellgleichungen lauten in differen-
tieller Schreibweise
rot H = j + Ḋ
− rot E = Ḃ
div D = ρ
div B = 0
9. Kräfte auf Ströme und bewegte Ladung
Abb. 9.5. Das Magnetfeld drückt den Draht nach links. Abb. 9.6. Drehspulgalvanometer
Auf diesem Prinzip beruht das “Drehspulgalvanometer”, Abb. 9.6. Es befindet sich in fast allen
analogen Strom-, Spannungs- und Widerstandsmessern.
E=v×B
E liegt in Richtung des Leiters.
Der Halleffekt
Ein elektrischer Leiter, der sich in einem
Magnetfeld befindet, werde von einem elektri-
schen Strom durchflossen, Abb. 9.9. Bewegen
sich die Ladungsträger mit der Geschwindig-
keit v, so wirkt auf sie die Lorentzkraft F =
Q(v × B), quer zur Richtung des Leiters. Da in
dieser Richtung kein elektrischer Strom fließen
kann, häuft sich auf den Seiten des Leiters elek- Abb. 9.9. Zum Halleffekt
76
trische Ladung an, und zwar gerade so, daß FL durch Fel = QE kompensiert wird. Die elektri-
sche Spannung zwischen den beiden Seiten des Leiters, die so entsteht, heißt Hall-Spannung UH.
Es gilt:
Q(v × B) = QEH ⇒ EH = v × B oder |E|H = v . B .
1 IB
UH = vBb =
ρ d
Durch Messen von I, B, UH und d kann man damit die Dichte der beweglichen Ladung bestim-
men. Insbesondere erhält man so auch das Vorzeichen der beweglichen Ladung.
a b
Abb. 9.10. Lorentzkraft auf induzierten Strom (a) in Leiterschleife und (b) in Metallplatte
10. Supraleiter
djS
Λ⋅ =E
dt
jS ist die elektrische Stromdichte der supraleitenden Ladungsträger, Λ eine Materialkonstante.
Die Gleichung sagt, daß ein elektrisches Feld zeitlich konstanter Stärke nicht einen Strom kon-
stanter Stärke zur Folge hat, sondern einen Strom, dessen Stärke gleichmäßig zunimmt, einen
gleichmäßig beschleunigten Strom sozusagen.
(2) Supraleiter verdrängen aus ihrem Innern magnetische Felder. Diese Eigenschaft nennt man
den Meißner-Ochsenfeld-Effekt. Die Feldverdrängung bewerkstelligt der Supraleiter dadurch,
daß an seiner Oberfläche elektrische Ströme fließen. Das magnetische Feld dieser Ströme ist ge-
rade so, daß es das Gesamtfeld im Innern des Supraleiters zu Null kompensiert. Genauso wie ein
elektrisches Feld in einen Körper mit freien Ladungsträgern bis zu einer gewissen Tiefe eindringt,
falls die Ladungsträgerkonzentration nicht sehr groß ist, so dringt auch das magnetische Feld in
eine dünne Oberflächenschicht eines Supraleiters ein. Die Dicke dieser Schicht läßt sich berech-
nen mit Hilfe der 2. Londonschen Gleichung
Λ rot jS = –B
78
Da Λ von der Konzentration der supraleitenden Ladungsträger abhängt, hängt auch die Dicke
dieser Schicht davon ab.
b
a
c d
Abb. 10.1. Ein einzelner Magnetpol befindet sich vor der ebenen Oberfläche eines Weicheisenkörpers (a). Die Feldstärkevertei-
lung bleibt dieselbe, wenn man das Weicheisen durch einen Spiegelpol entgegengesetzten Vorzeichens ersetzt (b). Ein einzelner
Magnetpol befindet sich vor der ebenen Oberfläche eines Supraleiters (c). Die Feldstärkeverteilung bleibt dieselbe, wenn man
den Supraleiter durch einen Spiegelpol desselben Vorzeichens ersetzt (d).
79
Abb. 10.2 zeigt zwei zueinander analoge Versuche. Das Weicheisenstück in Abb. 10.2a hat eine
Temperatur, die über seiner Curietemperatur liegt. Es ist also (fast) unmagnetisch. Man läßt nun
die Temperatur abnehmen. Sobald sie die Curietemperatur unterschreitet, wird das Weicheisen-
stück vom Dauermagneten angezogen, Abb. 10.2b.
Die Temperatur des Supraleiters in Abb. 10.2c ist höher als die Übergangstemperatur. Der “Su-
praleiter” ist also noch nicht supraleitend. Seine Temperatur wird nun abgesenkt. Sobald sie die
Übergangstemperatur unterschreitet, springt der Supraleiter in die Höhe und bleibt über den Dau-
ermagneten in der Schwebe.
a b
d
c
Abb. 10.2. Die Temperatur des Weicheisenstücks liegt über der Curietemperatur (a). Die Temperatur des Weicheisenstücks wur-
de unter die Curietemperatur abgesenkt (b). Die Temperatur des Supraleiters liegt über der Übergangstemperatur (c). Die Tempe-
ratur des Supraleiters wurde unter die Übergangstemperatur abgesenkt (d).
11. Energieströme und Impuls im elektromagnetischen Feld
U = |E|d
und den zwischen elektrischer Stromstärke und magnetischer Feldstärke durch Anwendung von
Gleichung (8.1):
I = |H|b (11.1)
Damit wird:
P = |E| . d . |H| . b
und mit |jE| = P/(db)
Abb. 11.6. E-, H- und jE-Feld beim Generator Abb. 11.7. E-, H- und jE-Feld beim Motor
daß ein elektrisches Feld entsteht, dessen Feldlinien von a nach b laufen.
Die resultierenden jE-Feldlinien laufen von der Quelle zum Leiter c, Abb. 11.7.
P = U ⋅ ∫∫ ḊdA
P = Um ⋅ ∫∫ ṀdA
Das Flächenintegral erstreckt sich über eine einzige der beiden Leitungen.
Auch diese Gleichung macht keine Aussage über den Weg, den der Energiestrom nimmt. Dieser
Weg ist wieder durch jE = E × H gegeben. Um jede der beiden Leitungen befinden sich nach der
zweiten Maxwellschen Gleichung geschlossene elektrische Feldlinien. Vom einen zum anderen
Leiter laufen magnetische Feldlinien. Die jE-Linien laufen von A nach B, Abb. 11.9b.
a b
Abb. 11.10. Energieübertragung mit magnetischen Leitern; (a) Elektromotor; (b) Transformator
Ersetzt man einen der beiden Magneten durch eine Spule, durch die ein Wechselstrom fließt, Abb.
11.10a, so erhält man einen Elektromotor. Ersetzt man beide Magneten durch Spulen, Abb.
11.10b, so erhält man einen Transformator. In jedem Fall wird die Energie von links nach rechts
mit Hilfe magnetischer Verschiebungsströme übertragen, und die jE-Stromlinien verlaufen im
Wesentlichen außerhalb der magnetischen Leitungen.
ρE
ρp = v
c2
Wenn sich die Energiestromdichte jE = ρE v schreiben läßt, gilt demnach:
jE
ρp =
c2
Diese Beziehung gilt viel allgemeiner als die Gleichungen, aus denen sie hergeleitet wurde. Oft
kann man einen Energiestrom nicht, wie es die Gleichung jE = ρEv voraussetzt, als mit einer ein-
heitlichen Geschwindigkeit v bewegte Energie beschreiben. Trotzdem gilt auch dann der Zusam-
menhang ρp = jE/c2 zwischen Impulsdichte und Energiestromdichte. Die Allgemeingültigkeit
dieser Beziehung besagt, daß ρp und jE eigentlich gar keine verschiedenen Größen sind, sondern
ein und dieselbe. Man sollte ihnen also eigentlich auch keine verschiedenen Anschauungen zu
Grunde legen. Tatsächlich kann man mit beiden Größen dieselbe Anschauung verbinden. Beide
stellen nämlich das dar, was man umgangssprachlich “Schwung” nennt. Impuls ist Schwung, aber
auch strömende Energie ist Schwung. (Man ist vielleicht eher geneigt zu sagen, strömende Ener-
gie hat Schwung.) Mit jE = E × H folgt für die Impulsdichte des elektromagnetischen Feldes:
E×H
ρp = (11.3)
c2
11.6 Zusammenfassung
Wir haben jetzt Ausdrücke für die Dichten und Stromdichten sowohl für die Energie als auch den
Impuls des elektromagnetischen Feldes. Energiedichte und Energiestromdichte sind durch die
Gleichungen (5.1), (7.1) und (11.2) gegeben. Die Impulsstromdichte ist identisch mit der mecha-
nischen Spannung. Sie wird durch die Gln. (5.2), (5.4), (7.2) und (7.3) beschrieben. Die Impuls-
dichte schließlich berechnet sich nach Gl. (11.3). Wir fassen die Gleichungen noch einmal zusam-
men.
Wir haben damit alle Komponenten des sogenannten Energie-Impuls-Tensors des elektromagne-
tischen Feldes, der in der Relativitätstheorie eine große Rolle spielt.
εε 0 2 µµ0 2
ρE = E ρE = H Energiedichte
2 2
jE = E × H Energiestromdichte
E×H
ρp = Impulsdichte
c2
εε µµ0 2 mechanische Spannung parallel
σ || = 0 E 2 σ || = H
2 2 zu den Feldlinien
εε 0 2 µµ0 2 mechanische Spannung senkrecht
σ⊥ = − E σ⊥ = − H
2 2 zu den Feldlinien
12. Strukturen in der Elektrodynamik
Um dQm
dE = V = Um dQm
d A
Allgemein kann man also ersetzen:
Vµ0HdH = I dΦ + UmdQm.
Auf analoge Art kann man den lokalen Ausdruck für die Änderung der Energie des elektrischen
Feldes durch einen nichtlokalen Ausdruck ersetzen.
Vε0EdE = ImdΦel + UdQ ,
∑U i =0
Die Maschenregel gilt aber nicht mehr, sobald
sich Induktivitäten im Stromkreis befinden. In
dem in Abb. 13.1 dargestellten Stromkreis ist
(Gleichung (8.9)):
∫ Edr = − LI˙ ≠ 0
Stromkreis
Abb. 13.1. Stromkreis mit Induktivität
Da aber die Maschenregel sehr praktisch ist, rettet man sie mit Hilfe eines Tricks. Im Stromkreis
von Abb. 13.1 liegt der volle Beitrag zum Integral ∫Edr am Widerstand. Es ist also
− LI˙ = RI
oder
RI + LI˙ = 0
Man tut nun so, als ob es in dem Stromkreis ein Potential gäbe; man tut so, als ob das negative von
(-L∂I/∂t), also L∂I/∂t, eine Spannung sei, die von einem elektrischen Feld in der Spule herrührt.
Man interpretiert also die Gleichung RI + L∂I/∂t = 0 folgendermaßen: Am Widerstand fällt die
Spannung UWid = R I ab, und an der Spule fällt die Spannung USp = L∂I/∂t ab.
Mit dieser Festlegung gilt also wieder
Verallgemeinerte Maschenregel;
∑ Ui = 0
gilt, wenn USpule = + LI˙ eingesetzt wird
I
LI˙˙ + RI˙ + = 0
C
Wir dividieren schließlich noch durch L:
R I
I + I˙ +
˙˙ =0
L LC
Dies ist eine Differentialgleichung für gedämpfte Schwingungen. Die Lösung geschieht nach
dem bekannten Rezept.
Für R = 0 sind die Schwingungen ungedämpft, und es ist
1
I = I0 sin ωt mit ω=
LC
Mit U = L∂I/∂t ergibt sich
L
U = U0 cos ωt mit U0 = I0
C
Mit der Beziehung
C 2
EKond = U
2
die man aus (4.10) und (4.27) gewinnt und mit Gleichung (8.12)
L 2
ESpule = I
2
erhält man
C 2 L L 1
EKond = U0 cos2 ωt = I0 2 cos2 ωt = I0 2 (1 − cos 2ωt )
2 2 2 2
und
L 2 2 L 1
ESpule = I0 sin ωt = I0 2 (1 + cos 2ωt )
2 2 2
Die Summe
L 2 C 2
EKond + ESpule = I0 = U0
2 2
ist also zeitlich konstant.
Die Energie fließt mit der Frequenz 2ω zwischen Spule und Kondensator hin und her. Das sieht
man auch am Energiestrom:
1
P = U ⋅ I = I0 ⋅ U0 ⋅ sin ωt ⋅ cos ωt = I0U0 sin 2ωt
2
Für R ≠ 0 ist
1 R2
ω= − 2
LC 4 L
90
Die Amplituden des elektrischen Stroms und der Spannung klingen ab gemäß
R
e– 2 L t
und die des Energiestroms gemäß
R
e− L t
Abbildung 13.3 zeigt den Schwingkreis, den
man durch “duales Übersetzen” erhält: C ↔ L,
R ↔ 1/R parallel ↔ hintereinander. Statt diese
Schaltung mit der zur Maschenregel dualen
Knotenregel zu berechnen, kann man einfach
die Ergebnisse der vorigen Rechnung überset-
zen. So ergibt sich z.B. für die Frequenz:
1 1
ω= −
LC 4 R2 C 2 Abb. 13.3. Parallelschwingkreis
U0 2 2
P(t ) = U (t ) ⋅ I (t ) = U0 I0 sin 2 ωt = sin ωt
R
Der zeitliche Mittelwert von P(t) ist
1 U0 2 1
P( t ) = = U0 I0
2 R 2
Welchen Wert Ueff müßte eine Gleichspannung haben, die dieselbe Dissipation im Widerstand
verursacht?
Ueff 2 1 U0 2 U0
= ⇒ Ueff =
R 2 R 2
Die entsprechende elektrische Stromstärke wäre
Ueff U I
Ieff = = 0 = 0
R 2R 2
Man nennt Ueff und Ieff die Effektivwerte der Wechselspannung bzw. des Wechselstroms.
Wechselstrom- und Wechselspannungsmeßgeräte sind in Effektivwerten von Strom bzw. Span-
nung geeicht. Man kann also mit den gemessenen Werten den mittleren Energiestrom als Produkt
aus (Effektiv-)Spannung und (Effektiv-)Strom nach der Formel P = UI berechnen.
Die 220 V der Steckdose stellen ebenfalls die Effektivspannung dar.
I = CU˙
Wir legen die Spannung U(t) = U0 sin ωt an und erhalten einen Strom der Stärke
π π
I (t ) = ωCU0 cos ωt = ωCU0 sin ωt + = I0 sin ωt +
2 2
wobei I0 = ωCU0 ist.
92
Ändert sich die Spannung am Kondensator harmonisch, so ändert sich also auch die Stärke des
Stroms durch den Kondensator harmonisch, I(t) ist aber gegen U(t) um π/2 phasenverschoben:
U(t) liegt gegen I(t) um π/2 zurück.
Den Scheinwiderstand
U0 1
XC = =
I0 ωC
nennt man kapazitiven Widerstand.
Wir berechnen noch den Energiestrom, der in den Kondensator fließt:
U0 2
P(t ) = U (t ) ⋅ I (t ) = ωCU0 2 sin ωt cos ωt = ωC sin 2ωt
2
Es fließt Energie abwechselnd in den Kondensator hinein und aus ihm heraus. Der zeitliche Mit-
telwert der Energiestromstärke ist Null.
U = LI˙
Mit I(t) = I0 sin ωt wird
π π
U (t ) = ωLI0 cos ωt = ωLI0 sin ωt + = U0 sin ωt +
2 2
Ändert sich die Stärke des Stroms durch die Spule harmonisch, so ändert sich auch die Spannung
zwischen den Enden der Spule harmonisch, U(t) ist aber gegen I(t) um π/2 phasenverschoben:
I(t) liegt gegen U(t) um π/2 zurück.
Den Scheinwiderstand
U0
XL = = ωL
I0
nennt man induktiven Widerstand.
Der Energiestrom, der in die Spule fließt, ist:
P(t) = U(t) I(t) = ωLI02 sin ωt cos ωt
Es fließt Energie abwechselnd in die Spule hin-
ein und aus ihr heraus. Der zeitliche Mittelwert
der Energiestromstärke ist Null.
1
U0 sin(ωt − ϕ ) = U R (t ) + UC (t ) + U L (t ) = RI0 sin ωt − I0 cos ωt + ωLI0 cos ωt
ωC
U0 (sin ωt cos ϕ − cos ωt sin ϕ ) = I0 R sin ωt + ωL −
1
cos ωt
ωC
Vergleich der Koeffizienten von sinωt und cosωt liefert:
U0 cos ϕ = I0R
und
U0 sin ϕ = I0 − ωL
1
ωC
Daraus folgt
1
− ωL
tan ϕ = ωC
R
und
2
U0 2 = I0 2 R 2 + − ωL
1
ωC
und schließlich
2
U0 = I0 R 2 + − ωL
1
ωC
Der Scheinwiderstand der Anordnung ist also
2
X = R2 + − ωL
1
ωC
Der gesamte Energiestrom in die Anordnung ergibt sich zu
P(t) = U0sin(ωt - ϕ)I0sinωt = U0I0sinωt (sinωt cosϕ - cosωt sinϕ)
Der zeitliche Mittelwert ist
U0 I0
P( t ) = cos ϕ = Ueff Ieff cos ϕ
2
Der Faktor cosϕ gibt an, welcher Bruchteil des Produkts Ueff Ieff in der Anordnung dissipiert
wird.
94
e) Ohmscher Widerstand, Spule und Konden-
sator parallel geschaltet, Abb. 13.6
Die Spannung an allen drei Elementen ist die-
selbe:
U(t) = U0 sinωt.
Gesucht ist die elektrische Stromstärke
I(t) = IR(t) + IC(t) + IL(t).
Da I(t) die Summe von drei harmonischen
Stromstärken derselben Frequenz ist, muß sie
die folgende Form haben:
I(t) = I0 sin(ωt - ϕ).
U0 U
I0 sin(ωt − ϕ ) = I R (t ) + IC (t ) + I L (t ) = sin ωt + ωCU0 cos ωt − 0 cos ωt
R ωL
1
I0 (sin ωt cos ϕ − cos ωt sin ϕ ) = U0 sin ωt + ωC −
1
cos ωt
R ωL
Vergleich der Koeffizienten von sinωt und cosωt liefert:
U0
I0 cos ϕ =
R
und
I0 sin ϕ = U0 − ωC
1
ωL
Daraus folgt
tan ϕ = − ωC R
1
ωL
und
1 1
2
I0 = U0 2 +
2 2
− ωC
R ωL
und schließlich
2
1 1
I0 = U0 + − ωC
R 2 ωL
Der Scheinwiderstand dieser Anordnung ist also
1
R= 2
1 1
+ − ωC
R2 ωL
95
Wir hätten uns diese Rechnung sparen können, wenn wir die Ergebnisse von Abschnitt d) dual
übersetzt hätten.
Für den mittleren Energiestrom ergibt sich wieder
U0 I0
P( t ) = cos ϕ = Ueff Ieff cos ϕ
2
[
I = Re Ie iωt ] und [
U = Re Ue iωt ]
Nun wissen wir, daß sich bei Addition von zwei
komplexen Zahlen Realteile und Imaginärteile
einzeln addieren. Wir erhalten damit ein einfa-
ches Verfahren, Ströme (oder Spannungen),
die gegeneinander phasenverschoben sind, gra-
phisch zu addieren. Wir stellen die Ströme
(oder Spannungen) in der Gaußschen Zahlen-
ebene durch Vektorpfeile dar und addieren sie
nach den Regeln der Vektoraddition, Abb.
13.7.
Auch die Darstellung der zeitlichen Ableitung
einer solchen Größe ist in komplexer Schreib-
weise sehr bequem. Es sei Abb. 13.7. Darstellung der Summe von zwei Wechselstrom-
I(t) = I0cos(ωt + ϕ) stärken in der Gaußschen Zahlenebene
also
I = I0eiϕ
Die zeitliche Ableitung von I ist
π
I˙(t ) = −ωI0 sin(ωt + ϕ ) = ωI0 cos ωt + ϕ +
2
Die zeitliche Ableitung in komplexer Schreibweise ist
π π
İ = ωI0 e i ϕ + 2 = ωe i 2 I = iω I
Man erhält also die Zeitableitung durch Multiplikation mit iω.
96
Auch der Zusammenhang zwischen Stromstärke und Spannung kann mit komplexen Zahlen be-
schrieben werden. Wir definieren den komplexen elektrischen Widerstand oder die Impedanz Z:
U
Z=
I
Für einen Ohmschen Widerstand ergibt sich
ZR = R
+ R + iωL = R + i ωL −
1 1
Z=
iωC ωC
Der Betrag der Impedanz einer Anordnung aus
Ohmschen Widerständen, Kondensatoren und
Spulen ist gleich dem Scheinwiderstand der
Anordnung. Für R, C und L hintereinanderge-
schaltet ist zum Beispiel: Abb. 13.8. Addition von Impedanzen in der Gaußschen Zah-
lenebene
97
2
Z = R + i ωL −
1
= R2 + ωL −
1
=X
ωC ωC
N12
L1 = µµ0 A (13.1)
l
N2 2
L2 = µµ0 A (13.2)
l
Fließt durch Spule 1 ein Strom der Stärke I1, so entsteht auch ein Fluß Φ2 durch Spule 2:
N1
Φ 2 = N2 B1 A = N2 µµ0 I1 A = L12 I1
l
Die Größe
N1 N2
L12 = µµ0 A (13.3)
l
heißt gegenseitige Induktivität.
Fließt ein Strom der Stärke I2 durch Spule 2, so entsteht auch ein Fluß in Spule 1:
Φ1 = L21I2
mit
L21 = L12
Die Induktionsspannungen sind also
0 = - iωL12I1 + (R + R2 + iωL2)I2
und erhalten
I 1 R + R2 + iωL2
= (13.6)
I2 iωL12
Wir fragen nun nach dem Quotienten I1/I2 der Amplituden der Stromstärken. Dieser ist gleich
|I1/I2|, d. h. gleich dem Betrag von (13.6):
I1 R + R2 + iωL2 L R + R2 1
= = 2 −i = ω 2 L2 2 + ( R + R2 )2
I2 iωL12 L12 ωL12 ωL12
Transformatoren sind gewöhnlich so gebaut, daß bei der verwendeten Frequenz gilt:
R1 << ωL1 und R2 << ωL2 (13.7)
(Man erreicht das dadurch, daß man die Windungszahlen hinreichend groß macht. Der Wider-
stand R geht linear, die Induktivität L aber quadratisch mit der Windungszahl.)
Damit wird
I1 1
≈ ω 2 L2 2 + R2
I2 ωL12
Ist auch der Verbraucherwiderstand klein gegen den induktiven Widerstand der Sekundärspule,
ist also
R << ωL2,
so wird
I1 L2 N2
= = (13.8)
I2 L12 N1
Wir eliminieren nun I1 und I2 in (13.4a) mit Hilfe von (13.5) und (13.6):
R + R2 + iωL2
U 1 = ( R1 + iωL1 ) I 2 − iωL12 I 2
iωL12
R + R2 + iωL2 U
= ( R1 + iωL1 ) − iωL12 − 2
iωL12 R
99
Unter Verwendung von L1L2=L12 2, was aus den Gleichungen (13.1), (13.2) und (13.3) folgt, er-
hält man
U1 ( R + iωL1 )( R + R2 ) + iωL2 R1 L ( R + R2 ) + L2 R2 R ( R + R2 )
=− 1 =− 1 −i 1
U2 iωL12 R L12 R ωL12 R
Wieder fragen wir nach dem Quotienten der Amplituden des Ausdrucks:
L2 N2
R >> R2 und R >> R1 = 22 R1
L1 N1
Unter diesen Voraussetzungen wird:
U1 L N
= 1 = 1 (13.9)
U2 L12 N2
Gleichungen (13.8) und (13.9) gelten gleichzeitig wenn
L2
R2 , R1 << R << ωL2
L1
14. Elektromagnetische Wellen
∫ Hdr = ε ∫∫ E˙ dA
0
und
– ∫ Edr = µ0 ∫∫ H˙ dA
Abb. 14.2. Integrationswege und -flächen für die Verifikation
des Wellenansatzes
1. Maxwellsche Gleichung
z2
1
= ε 0 y0ωE0 [cos(kz − ωt )]zz12
k
ω
H0 = ε 0 E0 (14.1)
k
2. Maxwellsche Gleichung
z2
1
= µ0 x0ωH0 [cos(kz − ωt )]zz12
k
ω
E0 = µ0 H0 (14.2)
k
Aus (14.1) und (14.2) folgt
ω 1
=
k ε 0 µ0
c = ω/k ist die Phasengeschwindigkeit der Welle.
Außerdem folgt aus (14.1) und (14.2)
ε0E02 = µ0H02 (14.4)
Unser Ansatz erfüllt also die Maxwellgleichungen, d.h. die Maxwellgleichungen haben harmoni-
sche Wellen als Lösung, für die die Zusammenhänge (14.3) und (14.4) gelten. Diese Wellen hei-
ßen elektromagnetische Wellen. Sie bilden eine Klasse von Zuständen des Systems “elektro-
magnetisches Feld”. Wir diskutieren nun diese Lösung der Maxwellgleichungen.
a) Geschwindigkeit
Es zeigt sich, daß der Ausdruck (14.3) gleich der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts ist.
Dies ist der stärkste Hinweis darauf, daß Licht eine elektromagnetische Welle ist. Die Vereini-
gung der Optik mit der Theorie des elektromagnetischen Feldes ist Maxwells Verdienst. Die er-
sten Abschnitte seiner elektromagnetischen Theorie des Lichts sind in Abschnitt 14.4 wiederge-
geben.
Die Impulsdichte ist bis auf den Faktor 1/c2 mit der Energiestromdichte identisch.
In Ausbreitungsrichtung der Welle fließt ein Impulsstrom. (Benachbarte Bereiche der Welle üben
Kräfte aufeinander aus.) Die zugehörige Stromdichte ist σ = 1/2 (ε0E2 + µ0H2) = µ0H2
= ε0E2. Dieser Impulsstrom entspricht einer Druckspannung; man nennt ihn auch den Licht-
druck.
Er ≈ 0
ω 2 p0 r
Eϑ = sin ϑ sin ω t −
4πε 0 c r c
2
Eϕ = 0
H = (Hr,Hϑ,Hϕ)
Hr = 0
Hϑ = 0
ω 2 p0 r
Hϕ = sin ϑ sin ω t −
4πcr c
Wir diskutieren dieses Ergebnis.
a) lokale Eigenschaften
Lokal ist dieses Feld von dem der ebenen Welle
von Abschnitt 14.2 nicht zu unterscheiden: E
und H stehen senkrecht aufeinander, und E
und H stehen beide senkrecht zur Ausbrei-
tungsrichtung. Außerdem gilt überall ε0E2 =
µ0H2.
Abb. 14.4. Die E-Feldlinien folgen, außer in Polnähe, “Längenkreisen”, Abb. 14.4 und 14.5. Das
Umkehren der E-Feldlinien geschieht an Stellen schwacher Feldstärke.