R U D O L F Steiner Gesamtausgabe Vorträge: Vorträgeüberdas Soziale Leben Und Die Dreigliederungdes Sozialenorganismus
R U D O L F Steiner Gesamtausgabe Vorträge: Vorträgeüberdas Soziale Leben Und Die Dreigliederungdes Sozialenorganismus
VORTRÄGE
V O R T R Ä G E ÜBER DAS S O Z I A L E L E B E N
UND D I E D R E I G L I E D E R U N G DES S O Z I A L E N ORGANISMUS
AUFGABEN
EINER N E U E N WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
I
Nationalökonomischer Kurs
II
Nationalökonomisches Seminar
RUDOLF STEINER
Nationalökonomisches Seminar
1986
Bibliographie-Nr. 341
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung Rudolf Steiners
Hinweise 91
Frage: Die «Kernpunkte» erscheinen zwar «logisch in sich geschlossen», aber es ist
das Kriterium «wirklichkeitsgemäß oder nicht» in den «Kernpunkten» nicht zu finden.
Rudolf Steiner: Es wäre gerade gut, wenn die Freunde sich über
diesen Punkt noch etwas deutlicher aussprechen würden. Sie müssen
bedenken, daß die Volkswirtschaftslehre als solche eigentlich ein sehr
junges Denken ist, kaum einige Jahrhunderte alt, und daß auf dem
Gebiete des volkswirtschaftlichen Lebens sich eigentlich bis zu den
großen Utopisten alles mehr oder weniger instinktiv abgespielt hat.
Dennoch waren diese instinktiven Impulse, die man hatte, etwas, was
in die Wirklichkeit übergegangen ist.
Um ein genaueres Verständnis zu gewinnen, bedenken Sie nur das
Folgende. Heute sagen die Leute vielfach: Was wir über das Wirt-
schaftliche denken können, geht eigentlich aus den wirtschaftlichen
Klassengegensätzen hervor, aber auch aus der wirtschaftlichen Ar-
beitsweise und so weiter. Ich will nicht einmal auf das Allerextremste
sehen, wie Marx und seine Anhänger das vertreten. Sondern sogar
schon stark ins Bürgerliche spielende Volkswirtschaftslehrer reden
davon, daß eigentlich alles aus den ökonomischen Grundlagen wie mit
automatischer Notwendigkeit hervorgeht. Dennoch, wenn dann die
Leute die einzelnen konkreten Dinge besprechen, so ist es so, daß die
konkreten Einrichtungen, die in Aktion getreten sind, um das heutige
Wirtschaftsleben hervorzubringen, nichts anderes sind als Ergebnisse
des mittelalterlichen Denkens selbst, gewiß im Zusammenhang mit
den verschiedenen Realitäten. Aber bedenken Sie nur, was der rö-
mische Eigentumsbegriff, also eine rein juristische Kategorie, für eine
Gestaltung hervorgerufen hat und was da wieder entstanden ist an
Wirtschaftlichem durch diesen Begriff. Man sieht, daß diese Dinge
nicht wissenschaftlich behandelt worden sind, daß aber die juri-
stischen, aber auch als juristische schon wirtschaftlich gedachten
Kategorien gestaltend gewirkt haben. Nun sind die Merkantilisten
und so weiter gekommen, die nun keine schöpferischen Menschen
waren, die theoretische Menschen waren. Man kann zum Beispiel
sagen, die Ratgeber des Kaisers Justinian, die den Kodex des Corpus
Juris geschaffen haben, waren viel schöpferischere Menschen als die
späteren Volkswirtschaftslehrer. Diese Leute haben tatsächlich nicht
bloß in unserem heutigen Sinn einen Justinianischen Kodex ge-
schaffen, sondern im weiteren Fortgang der mittelalterlichen Ent-
wicklung sehen wir die gegensätzlichen Impulse gerade auf Grund-
lage dessen sich entwickeln, was in dieser Justinianischen Gesetz-
gebung festgelegt worden ist.
Und so sind wir in die neue Zeit heraufgekommen zu Menschen,
die in ihrem Denken volkswirtschaftlich nicht mehr schöpferisch
sind, sondern nur betrachtend. Diese Betrachtung setzt eigentlich so
recht ein bei Ricardo. Nehmen Sie zum Beispiel das Gesetz vom
sinkenden Bodenertrag. Das ist so recht ein Gesetz, das eben richtig
ist, aber absolut nicht wirklichkeitsgemäß. Denn die Praxis wird fort-
während zeigen, daß zwar, wenn man alle die Faktoren in Betracht
zieht, die Ricardo in Betracht gezogen hat, richtig das folgt, was er
das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag genannt hat, aber in dem
Augenblick, wo auf der anderen Seite technisch intensivere Bewirt-
schaftung auftritt, wird diesem Gesetz ein Strich durch die Rechnung
gemacht. Es bewahrheitet sich nicht in der Wirklichkeit.
Nehmen Sie etwas anderes, etwas, was trivialer ist. Nehmen Sie
das «eherne Lohngesetz» von Lassalk. Ich muß gestehen, ich emp-
finde es als einen gewissen wissenschaftlichen Leichtsinn, daß man
immer noch verzeichnet findet, dieses Gesetz sei «überwunden»,
denn die Dinge bewahrheiten sich nicht. Die Sache ist nämlich so: Es
kann aus der Denkweise des Lassalle heraus und aus der Anschauung,
daß Arbeit bezahlt werden kann, nichts Richtigeres erfolgen als dieses
eherne Lohngesetz. Es ist so logisch streng, daß man sagen kann:
Absolut richtig ist, wenn man so denkt, wie Lassalle denken mußte,
daß niemand ein Interesse hat, dem Arbeiter mehr Lohn zu geben,
als daß gerade noch der Lebensunterhalt des Arbeiters möglich ist.
Er wird ihm nicht mehr geben, selbstverständlich. Gibt er ihm aber
weniger, so wird der Arbeiter verkümmern, und das muß derjenige,
der den Lohn bezahlt, büßen. Es ist im Grunde genommen gar nicht
auszukommen, ohne theoretisch das eherne Lohngesetz zuzugeben.
Schon innerhalb des Proletariats selber sagen die Leute: Das eherne
Lohngesetz ist falsch, denn es ist nicht richtig, daß sich in den
letzten Jahrzehnten der Lohn eben auf einem gewissen Minimum, das
zugleich sein Maximum wäre, erhalten hat. Ja, aber warum ist das
eherne Lohngesetz von Lassalle falsch? Hätten die Verhältnisse fort-
gedauert, unter denen er es aufgestellt hat - ich will also sagen, die
Verhältnisse von 1860 bis 1870 - , hätte man weiter gewirtschaftet
unter der rein liberalistischen Anschauung, so wäre das eherne Lohn-
gesetz mit absoluter Richtigkeit in die Wirklichkeit hineingekommen.
Man hat es nicht getan, man hat eine Umkehr vollzogen von der
liberalistischen Wirtschaft und bessert heute fortwährend das eherne
Lohngesetz aus, indem man Staatsgesetze macht, welche eine Kor-
rektur der Wirklichkeit bewirken, die aus dem Gesetz hervorgegangen
wäre.
Also Sie sehen, ein Gesetz kann richtig sein und doch nicht wirk-
lichkeitsgemäß. Ich kenne keinen Menschen, der ein größerer Denker
war als Lassalle. Er war nur sehr einseitig. Er war schon ein sehr
konsequenter Denker.
Wenn man einem Naturgesetz gegenübersteht, dann konstatiert
man es. Wenn man einem sozialen Gesetz gegenübersteht, dann kann
man es auch konstatieren, aber es ist nur als eine bestimmte Strö-
mung gültig, und man kann es korrigieren. Insofern unsere Wirt-
schaft rein auf freier Konkurrenz beruht - und vieles ist noch da,
das nur auf freier Konkurrenz beruht - , ist das eherne Lohngesetz
gültig. Aber weil es unter diesen Voraussetzungen gültig wäre, muß
man die Korrekturen mit der Sozialgesetzgebung, mit einer bestimm-
ten Arbeitszeit und so weiter geben. Lassen Sie den Unternehmern
vollständig freie Hand, so gilt das eherne Lohngesetz. Daher kann es
in der Volkswirtschaft nicht die rein deduktive Methode geben. Die
induktive hilft erst recht nichts. Sie hat Lujo Brentano befolgt. Wir
können nur die wirtschaftlichen Tatsachen beobachten - sagt sie - und
steigen dann allmählich zu dem Gesetze auf. - Ja, da kommen wir
überhaupt zu keinem schöpferischen Denken. Das ist die sogenannte
neuere Nationalökonomie, die sich die wissenschaftliche nennt. Die
will eigentlich bloß induktiv sein. Aber mit ihr kommen Sie nicht
vorwärts.
In der Volkswirtschaft brauchen Sie durchaus eine charakterisie-
rende Methode, die die Begriffe dadurch zu gewinnen sucht, daß man
von verschiedenen Ausgangspunkten kommt, sie zusammenhält, sie in
Begriffen gipfeln läßt. Dadurch bekommt man einen bestimmten
Begriff. Der wird wahrscheinlich, da man niemals den vollen Umfang
der Tatsachen überschauen kann, sondern nur eine gewisse Summe
von Erfahrungen hat, in gewissem Sinne einseitig sein. Jetzt gehen
Sie mit dem Begriff noch einmal durch die Erscheinungen durch und
versuchen ihn zu verifizieren. Da werden Sie sehen, daß das eigent-
lich ein Modifizieren ist. So kommen Sie, indem Sie charakterisieren,
zu einem Begriff, den Sie verifizierend modifizieren, und Sie be-
kommen dann eine volkswirtschaftliche Anschauung. Nach Anschau-
ungen müssen Sie hinarbeiten.
Eine solche Anschauung möchte ich jetzt in den Vorträgen des
Nationalökonomischen Kurses herausarbeiten, indem ich Ihnen zeige,
was alles immer eingreift in die Preisbildung. Die Methode in der
Volkswirtschaft ist eben eine höchst unbequeme Methode, weil sie in
Wirklichkeit darauf hinausläuft, daß man die Begriffe aus unendlich
vielen Faktoren zusammensetzen muß. Sie müssen auf volkswirt-
schaftliche Imaginationen hinarbeiten! Mit denen erst können Sie vor-
wärtskommen. Wenn Sie sie haben und sie an etwas herankommen,
dann modifizieren sie sich von selber, während es mit dem festen
Begriff nicht leicht ist, ihn zu modifizieren.
Sie kennen das sogenannte Greshamsche Gesetz: Gutes Geld wird
von schlechtem weggejagt. Wenn irgendwo schlechtes, unterwertiges
Geld, unterwertig geprägtes Geld kursiert, so sticht es das Geld mit
gutem Feingehalt aus, und das wandert dann in andere Länder. Auch
dieses Gesetz ist ein induktives Gesetz, es ist ein reines Erfahrungs-
gesetz. Dieses Gesetz ist aber wiederum so, daß man auch sagen
muß: Es hat nur so lange Gültigkeit, so lange man nicht in der Lage
ist, dem Gelde seine Bedeutung zu sichern. In dem Augenblick, wo
Sie durch Unternehmungsgeist in die Lage kämen, dem guten Geld
sein Recht zu sichern, würde es modifiziert werden. Es würde nicht
ganz aussterben. Es gibt kein volkswirtschaftliches Gesetz, das nicht
bis zu einem gewissen Punkt gültig ist; aber sie werden alle modi-
fiziert. Darum brauchen wir die charakterisierende Methode. In der
Naturwissenschaft haben wir die induktive Methode, die höchstens
bis zu Deduktionen kommt. Aber die Deduktionen haben im all-
gemeinen in der Naturwissenschaft viel weniger Bedeutung, als man
denkt. Da hat eigentlich nur die Induktion Bedeutung.
Dann haben Sie die reinen Deduktionen, die etwa in der Juris-
prudenz sind. Will man da induktiv vorgehen, so bringt man etwas in
die Jurisprudenz hinein, was sie vernichtet. Wenn man die psycholo-
gische Methode in die Jurisprudenz hineinbringt, so löst man die
Jurisprudenz auf. Da muß man jeden Menschen für unschuldig erklä-
ren. Es können vielleicht diese Methoden in die Wirklichkeit einge-
führt werden, dann werden sie aber zur Untergrabung der juristischen
Auffassung führen, die da ist. Also es mag schon berechtigt sein,
aber Jurisprudenz ist es dann nicht mehr.
So können Sie in der Volkswirtschaft mit Deduktion und Induktion
nicht zurechtkommen. Sie könnten mit der Deduktion nur zurecht-
kommen, wenn es möglich wäre, allgemeine Maßregeln zu geben, zu
denen die Wirklichkeit selbst die Fälle herausschälen würde. Ich will
nur diejenigen erwähnen, die rein deduktiv vorgehen wollen, aller-
dings mit einer Hauptinduktion, die sie an die Spitze stellen. Oppen-
heimer stellt zum Beispiel eine Hauptinduktion der Geschichte mit
seinen Siedlungsgenossenschaften an die Spitze und deduziert davon
eine ganze soziale Ordnung. Nun, vor vielen Jahren war es, da war
Oppenheimer auch schon der Siedlungsmann und sagte: Jetzt habe
ich das Kapital gekriegt, jetzt werden wir die moderne Kulturkolonie
begründen! - Ich erwiderte ihm: Herr Doktor, wir wollen darüber
reden, wenn sie zugrunde gegangen ist. - Sie mußte zugrunde gehen,
weil es unmöglich ist, innerhalb der allgemeinen Wirtschaft ein kleines
Gebiet zu begründen, das seine Vorzüge durch etwas anderes genießen
würde, so daß es ein Parasit innerhalb des ganzen volkswirtschaft-
lichen Körpers wäre. Immer sind solche Unternehmungen Parasiten.
Bis sie genug von den anderen gefressen haben, bleiben sie - aber dann
gehen sie zugrunde.
Also, in der Volkswirtschaft können Sie nur, indem Sie mit dem
Denken einrücken in die Erscheinungen, charakterisieren. Das kommt
auch aus der Ursache heraus, weil man in der Volkswirtschaft auf
Grundlage der Vergangenheit fortwährend in die Zukunft hinein
arbeiten muß. Und da kommen einem, indem man in die Zukunft
hineinarbeitet, die menschlichen Individualitäten mit ihren Fähig-
keiten hinein, so daß man im Grunde genommen in der Volkswirt-
schaft nichts anderes tun kann, als auf dem Quivive stehen. Soll
man ins Praktische eingreifen, so muß man bereit sein, seine Be-
griffe fortwährend zu modifizieren. Man hat es nicht mit Substanz
zu tun, die man plastisch bilden kann, sondern mit lebendigen
Menschen. Und das ist das, was die Volkswirtschaftslehre zu einer
Wissenschaft besonderer Art macht, weil sie durchdrungen sein muß
von der Wirklichkeit.
Theoretisch werden Sie das leicht einsehen können. Sie werden
sagen: Es ist dann höchst unbequem, in der Volkswirtschaftswissen-
schaft zu arbeiten. Aber auch das möchte ich gar nicht so gelten
lassen. Sie können unter Umständen, solange Sie noch auf dem Stand-
punkt stehen, daß Sie zum Beispiel Dissertationen schreiben wollen,
sehr viel gewinnen, wenn Sie über irgendein Gebiet die einschlägige
Literatur der letzten Zeit verfolgen und wenn Sie die einzelnen An-
sichten vergleichen. Gerade in der Volkswirtschaftslehre gibt es die
unglaublichsten Definitionen. Also versuchen Sie nur einmal nach den
verschiedenen volkswirtschaftlichen Handbüchern oder auch größe-
ren Abhandlungen die Definitionen von Kapital zusammenzustellen!
Versuchen Sie sie - acht, zehn - hintereinander zu stellen! Mir fällt
gerade jetzt eine ein: «Kapital ist die Summe der produzierten Pro-
duktionsmittel.» Ich muß sagen, ich verstehe nicht, was das Adjektiv
dabei will. Das Gegenteil: unproduzierte Produktionsmittel - man
könnte sich ja auch darunter etwas denken, zum Beispiel die Natur,
also den Boden, und das wird der Betreffende auch meinen. Dann
aber ist er natürlich außerstande, irgendwie zu rechtfertigen, wie nun
doch der Boden sich kapitalisieren kann. Er kapitalisiert sich doch.
Also es ist eigentlich nicht herauszukommen, und das beruht darauf,
daß man solche Begriffe hat, die muß man aufsuchen und muß eben
versuchen, sie dann irgendwie etwas reicher zu machen. Die Sachen
sind alle zu eng.
Wenn Sie meinen, das Wirklichkeitsgemäße werde Ihnen schwer
bei diesen Betrachtungen, so möchte ich sagen: Das Wirklichkeits-
gemäße könnte eigentlich gerade leicht werden! Sie sagen: die «Kern-
punkte» sind logisch in sich geschlossen. Das sind sie gar nicht, weder
die «Kernpunkte» noch die anderen Sachen! Wobei ich betone, daß
ich nicht rein volkswirtschaftlich sein wollte, sondern sozial und volks-
wirtschaftlich. Dadurch ist natürlich der ganze Stil und die Haltung
dieser Schriften bedingt, so daß sie nicht durchaus rein volkswirt-
schaftlich bewertet werden können. Das können höchstens einzelne
Aufsätze in den Dreigliederungsschriften. Aber logisch in sich ge-
schlossen finde ich sie schon gar nicht, weil ich doch, vorsichtig
genug, nur Richtlinien angegeben habe und Exempel oder eigent-
lich nur Illustrationen. Ich wollte ein Bewußtsein dafür hervorrufen,
was dadurch erreicht wird, daß jemand ein Produktionsmittel nur so
lange verwaltet, als er dabeisein kann; dann muß es übergehen auf
den, der es selbst wieder verwalten kann. Ich kann mir gut denken,
daß das, was dadurch erreicht werden soll, auf einem anderen Wege
erreicht werden könnte. Ich wollte bloß Richtlinien angeben. Ich
wollte zeigen, daß man einen Ausweg findet, wenn man diese Drei-
gliederung sachgemäß durchführt, wenn man tatsächlich das Geistes-
leben als solches befreit, wenn man das Rechtsleben auf demokratische
Basis stellt, und wenn man das Wirtschaftsleben auf das Sachliche
und Fachliche stellt, was in den Assoziationen vertreten werden
kann. Und ich habe die Überzeugung, daß dann im Wirtschaftlichen
schon das Richtige geschieht.
Ich sage, die Menschen werden das Richtige linden, die in der
Assoziation darin sind. Ich möchte mit Menschen rechnen, und das
ist das Wirklichkeitsgemäße. Eine Abhandlung über den «Begriff
der Arbeit» würde so veranlagt werden müssen, daß Sie den Begriff
der Arbeit nun wirklich finden im volkswirtschaftlichen Sinn. Dieser
Begriff muß von allem befreit werden, was an der Arbeit nicht werte-
schaffend ist, und zwar nicht volkswirtschaftliche Werte schaffend ist.
Das muß man zunächst also ausscheiden. Dadurch kommt man natür-
lieh nur zu einer Charakteristik. Und diese charakterisierende Me-
thode ist es, worauf es ankommt. Man muß das natürlich einmal
methodologisch sagen.
Frage: Inwiefern ist Inspiration für volkswirtschaftliche Erkenntnis notwendig?
Rudolf Steiner: Das ist so gemeint, daß diese Inspiration, wenn man
die Sache ernsthaft nimmt, eigentlich nicht so außerordentlich
schwierig ist. Es handelt sich nicht darum, übersinnliche Tatsachen
zu finden, sondern die Inspiration wirksam zu machen auf volks-
wirtschaftlichem Felde, so daß sie nicht besonders schwierig werden
kann.
Die Art, wie man die Arbeit zu begrenzen hat, würde bedingen,
daß ich davon ausgehe, zu zeigen: der Mensch kann Arbeit verrichten,
ohne daß sie volkswirtschaftlichen Wert hat. Das ist eine Binsen-
wahrheit. Mit dem Reden kann sich einer furchtbar anstrengen, und
es kommt dabei doch kein eigentlicher volkswirtschaftlicher Wert
heraus. Dann würde ich zeigen, wodurch die Arbeit, auch wenn sie
anfängt, eine volkswirtschaftliche Bedeutung zu haben, ihrem Werte
nach modifiziert wird. Nehmen wir an, einer ist Holzhacker und ver-
richtet eine Arbeit, die tatsächlich werteschaffend ist, und einer ist
Baumwollagent, hat also mit dem Holzhacken nichts zu tun, wird
aber gerade unter seiner Arbeit nervös, so daß er jeden Sommer vier-
zehn Tage im Gebirge Holz hackt. Da wird die Sache komplizierter,
denn an sich wird dieser Agent das gehackte Holz durchaus auch ver-
werten können, er wird etwas dafür einnehmen. Aber was er ein-
nimmt, dürfen Sie dennoch nicht so bewerten, wie Sie die Arbeit des
Holzhackers bewerten. Sie müssen unter Umständen annehmen, daß
der Mann, wenn er nicht im Sommer die vierzehn Tage Holz hackt,
im Winter weit weniger arbeiten kann als Agent. Da müssen Sie, von
dieser Arbeit ausgehend, auch die Förderung bei ihm in Betracht
ziehen. Der volkswirtschaftliche Wert des vom Baumwollagenten
gehackten Holzes ist ganz gleich dem Wert des vom Holzhacker ge-
hackten Holzes; aber der volkswirtschaftliche Effekt seiner Arbeit,
der zurückfällt auf seine Tätigkeit, ist nun ein wesentlich anderer.
Wenn beim Agenten das Holzhacken darin seinen Wert hat, daß es
auf seine Agententätigkeit zurückwirkt, dann muß ich untersuchen,
ob es auch stimmt, wo einer sich auf ein Tretrad stellt und von einer
Stufe zur anderen steigt und sich dadurch dünner macht. Das ist für
ihn eine Anstrengung, für die Volkswirtschaft ist aber kein Effekt da.
Es stimmt, aber ich muß hier unterscheiden, ob der Betreffende ein
Rentier oder ein Unternehmer ist. Letzterer wird tüchtiger als volks-
wirtschaftliche Werte Schaffender.
Man muß allmählich charakterisierend die Sache herausarbeiten und
dann, wenn man da immer weiter und weiter geht, bekommt man
eben einen direkten Wert der Arbeit und einen indirekten, einen
rückstrahlenden Wert der Arbeit. Auf diese Weise kommen Sie zu
einer Charakteristik des Arbeitsbegriffes. Damit können Sie wieder
zurückgehen zum gewöhnlichen Holzhacker und vergleichen, was das
Holzhacken des Baumwollagenten im wirtschaftlichen Prozeß bedeu-
tet neben dem des Berufsholzhackers. Man kann sich so immer von
der einen Stufe zur anderen weitertreiben lassen und muß überall
nachschauen, wie die Sache wirkt. Das nenne ich wirklichkeitsgemäß.
Sie müssen zeigen, wie sich die Arbeit in den verschiedensten Lebens-
gebieten auslebt. Wie Goethe beim Begriff der Urpflanze: er hat natür-
lich ein Schema hingezeichnet, hat aber ein fortwährend sich Ver-
änderndes gemeint. Volkswirtschaftliche Begriffe müssen im Leben
fortwährend Metamorphosen unterworfen werden. Das ist es, was ich
meine.
Sie werden natürlich nicht viel Glück mit solchen Begriffen haben.
Die Dozenten lassen das heute nicht gelten, die wollen eine Definition
haben. Aber ich habe nicht gefunden, daß der Arbeitsbegriff in den
Volkswirtschaftslehren scharf erfaßt worden wäre. Man soll charak-
terisieren, nicht fortwährend negativ reden. Ich habe in volkswirt-
schaftlichen Auseinandersetzungen zum Beispiel gefunden, die Arbeit
könne aus dem Grunde nicht maßgebend für den Preis sein, weil sie
bei den einzelnen Personen entsprechend ihrer persönlichen Kraft ver-
schieden ist. Negative Instanzen finden Sie schon verzeichnet. Aber
das Positive fehlt, daß man dazu vorrückt, die Arbeit doch so zu
charakterisieren, daß sie eigentlich ihren ursprünglichen sub-
stantiellen Charakter verliert und ihren Wert bekommt aus anderen
Positionen, in die sie hineingestellt wird. Wenn man so anfängt zu
charakterisieren, dann verliert sich die Substanz; zuletzt bekommt man
etwas, was ganz und gar in der volkswirtschaftlichen Struktur
darinnen spielt.
Arbeit ist das volkswirtschaftliche Element, welches ursprünglich
aus wirklicher menschlicher Anstrengung hervorgeht, das aber in den
volkswirtschaftlichen Prozeß überfließt und dadurch nach den ver-
schiedensten Richtungen hin den verschiedensten volkswirtschaft-
lichen Wert bekommt. Man sollte von den Prozessen sprechen, die
zur Bewertung der Arbeit nach den verschiedensten Richtungen
hinführen.
Die Inspiration beruht darauf, daß man darauf kommt, wie man
von dem einen zum anderen vorrücken muß. Es kommt ein bißchen
auf den Spiritus an, daß man gerade die richtigen Beispiele findet.
Frage: Ist nicht doch ein Oberbegriff notwendig? Auch bei der charakterisierenden
Methode ist doch Gewicht zu legen auf die Ursachen, durch die es zu den beobachteten
Wirkungen gekommen ist?
Rudolf Steiner: Was die Sache mit den Wirkungen betrifft, so bin
ich damit einverstanden, daß man zu den Ursachen zurückkommen
muß. Aber wie es schon auf gewissen Naturgebieten ist, daß man
die Ursachen ja nicht anders findet, als daß man von den Wirkungen
ausgeht, so ist es in höherem Grade auf volkswirtschaftlichem Gebiete
der Fall, daß einem die Erkenntnis der Ursachen nichts hilft, wenn
man sie nicht an den Wirkungen gewonnen hat. Zum Beispiel die
ungeheuren Wirkungen der Kriegswirtschaft, die sind da. Würde man
sie nicht kennen als Wirkungen, so würde man die Ursache dabei
gar nicht bewerten. Es handelt sich also darum, daß man sich einen
gewissen Sinn für die Qualität der Wirkungen aneignet, um zu den
Ursachen aufsteigen zu können. Gewiß, man wird im Praktischen
gerade zu den Ursachen aufsteigen müssen. Darauf beruht aber, was
die Volkswirtschaftslehre für das Praktische will. Man lernt die Wir-
kungen werten, und indem man die Abwege der Wirkungen sieht,
kommt man dazu, die Ursachen kennenzulernen und dann die Ur-
sachen zu verbessern. Man hat nicht viel davon, daß man nur die
Ursachen kennenlernt. Man muß zu den Ursachen so kommen, daß
man sagen kann: Ich kenne sie dadurch, daß ich von den Wirkungen
ausgehe. - Eine Erkenntnis von so ungeheurer Tragweite, wie es das
Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte ist, ist lediglich aus den
Wirkungen her erkannt: Sprache verloren - linke Gehirnhälfte ge-
lähmt. Sie erkennen zuerst die Wirkung. Dann werden Sie dazu
geführt, überhaupt erst die Sache zu untersuchen. So ist diese rekur-
rierende Methode notwendig. ...
Frage: Ich kann nicht alles unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ansehen, was mit
Kunst und Religion oder auch Sport zu tun hat. Davon kann man Teile unter wirt-
schaftlichem Gesichtspunkt betrachten, aber das Ganze doch nicht?
Rudolf Steiner: Ich fahre durch eine Gegend und finde in dieser
Gegend außerordentlich kunstvolle Bauten - ich schildere damit
natürlich eine Utopie. Das ist nicht nur künstlerische Anschauung.
Diese kunstvollen Bauten sind nur auf Grundlage einer ganz be-
stimmten Wirtschaftslage möglich. Wenn ich durch eine Gegend fahre,
wo sehr viele Kunstbauten sind, werde ich sofort ein Bild davon
haben, wie da gewirtschaftet wird. Wenn ich dagegen durch eine
Gegend fahre, wo selbst sogenannte schöne Bauten geschmacklos
sind, so werde ich davon Vorstellungen über die Wirtschaftslage
der betreffenden Gegend bekommen. Und wenn ich sogar nur
Utilitätsbauten finde, werde ich Vorstellungen über die Wirtschafts-
lage der betreffenden Gegend bekommen. Wo ich Kunstbauten finde,
kann ich darauf schließen, daß da höhere Löhne bezahlt werden als
da, wo ich keine Kunstbauten finde. - So kann ich mir nicht vor-
stellen, daß irgend etwas nicht als wirtschaftlich betrachtet werden
kann. Alles bis in die höchsten Gebiete hinauf muß wirtschaftlich
betrachtet werden. Wenn ein Engel heute auf die Welt herunterkäme,
so müßte er entweder bloß im Traum erscheinen, dann würde er
nichts ändern; sobald er aber den Leuten nur im Wachen erscheint,
würde er schon in das Wirtschaftsleben eingreifen. Er kann gar nicht
anders.
Einwand: Ich gebe zu, daß man es unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt betrachten
kann - aber nur kann! Man kann es aber doch auch von anderen Gesichtspunkten aus
betrachten.
Rudolf Steiner: Sie kommen in einen Zirkel hinein. Das ganze, was
man sagen kann, ist dieses: daß man nötig hat, für die Betrachtung
zunächst den wirtschaftlichen Gesichtspunkt zugrunde zu legen. Das
hat nur einen heuristischen Wert, einen Wert des Forschens, des
Untersuchens. Aber wenn Sie erschöpfend eine wirklichkeitsgemäße
Volkswirtschaftslehre finden wollen, werden Sie nicht darum herum-
kommen, die wirtschaftlichen Effekte von allen Seiten her zu charak-
terisieren. Sie müssen charakterisieren, was es für einen Einfluß auf
das Wirtschaftsleben eines Gebietes hat, ob es hundert ausgezeichnete
Maler hat oder nur zehn. Es läßt sich sonst kaum denken, daß das
Wirtschaftsleben umfaßt werden kann. Ich hätte sonst nicht so stark
insistiert auf diesem Herausheben. Gerade dadurch, daß man eben
heraushebt, kommt man immer zu Definitionen, die auf irgendeinem
Gebiete doch im Grunde genommen nicht gelten, oder die man un-
gemein pressen muß. Es ist tatsächlich unmöglich, das Einkommen
zu definieren, das ein Mensch haben sollte, indem man etwa darauf
aufmerksam macht, daß er Anspruch hat auf dasjenige, «was er selber
produziert». Es gibt sogar diese Definition: Jemand hat Anspruch
auf das, was er selber produziert. Es scheint ganz nett zu sein, wenn
man eine solche Definition macht. Auf einem gewissen Felde ist es
richtig. Der Kloakenräumer könnte aber nicht viel damit anfangen.
Es handelt sich darum, daß man bei der Volkswirtschaft nicht etwas
herausheben sollte aus der Summe der Erscheinungen, sondern durch
die ganze Summe durchgehen sollte. Man muß sich bewußt sein: Ich
beginne volkswirtschaftlich zu denken, weil ich da denen helfen kann,
die es nicht können. Aber man muß sich auch bewußt sein, daß das
volkswirtschaftliche Denken gerade den Anspruch erheben muß,
ziemlich total zu sein, ein Denken sehr umfassender Art zu sein.
Juristisch ist viel leichter zu denken. Die meisten Volkswirtschafter
denken stark juristisch.
Frage: Über das «Normale» in der Volkswirtschaft gehen die Meinungen so weit
auseinander, daß man überhaupt nicht weiß, was normal ist?
Rudolf Steiner: Ich lege keinen Wert darauf, mit diesen Auffas-
sungen von «normal» und «abnorm» zu konkurrieren. Es gibt das
Sprichwort: Es gibt nur eine Gesundheit und unzählige Krank-
heiten. - Ich erkenne das nicht an. Jeder Mensch ist auf seine eigene
Art gesund. Leute kommen und sagen: Da ist ein Herzkranker, der
hat diesen und jenen kleinen Fehler, den soll man kurieren. - Ich
habe oft gesagt: Lassen Sie dem Menschen seinen kleinen Fehler. -
Es brachte mir ein Arzt einen Kranken, der hatte das Nasenbein so
unglückselig verletzt, daß er nun einen Nasengang verengt hat und so
wenig Luft bekommt. Der Arzt sagte: Das muß operiert werden, das
ist eine furchtbar leichte Operation. - Ich sagte: Lassen Sie die
Operation! Der hat eine Lunge, die so konstruiert ist, daß er nicht
mehr Luft bekommen darf; es ist ein Glück für ihn, daß er einen
verengten Nasengang hat. So kann er noch zehn Jahre leben. Wenn
er eine normale Nase hätte, dann würde er ganz gewiß in drei Jahren
tot sein. - Ich lege also keinen großen Wert auf «normal» und «nicht
normal». Nur das Trivialste verstehe ich darunter. Ich sage sehr
häufig: ein normaler Bürger, eine normale Bürgerin. Da wird man
schon verstehen, was ich meine.
Rudolf Steiner: Es ist richtig, daß die Statistik sehr viel helfen
kann. Aber die statistische Methode wird heute äußerlich angewendet.
Es stellt einer eine Statistik auf über die Zunahme des Häuserwertes
auf einem gewissen Gebiet und dann über diejenige eines anderen
Gebietes, und stellt sie nebeneinander. Das ist aber nicht gut. Sicher
wird es erst, wenn man die Vorgänge als solche untersucht. Dann
weiß man, wie man eine solche Zahl zu bewerten hat. Denn es kann
irgendeinmal eine Zahlenreihe einfach dadurch etwas Besonderes dar-
stellen, daß ein außerordentliches Ereignis in die Reihe sich ein-
gefügt hat. ...
Rudolf Steiner: Inspiration tritt da auch insofern ein, als Sie, wenn
Sie eine Reihe haben, eine zweite Reihe, eine dritte, dann heraus-
bekommen - jetzt wiederum durch den Spiritus - , welche Tatsachen,
wenn Sie sie qualitativ betrachten, in der ersten Reihe modifiziert
werden durch entsprechende Tatsachen, sagen wir in der dritten
Reihe. Dadurch heben sich vielleicht gewisse Zahlenwerte auf. In der
geschichtlichen Methode nenne ich das die symptomatologische Be-
trachtung. Man muß die Möglichkeit haben, die Sachen zu werten
und eventuell die sich widersprechenden Dinge richtig gegenein-
ander abzuwägen.
Gerade die Volkswirtschaftslehre wird zuweilen in einer überaus
unobjektiven Weise betrieben. Man hat das Gefühl, daß die Statistik
so gehandhabt wird, daß zum Beispiel die Bilanzgestaltung bei den
Finanzministern der verschiedenen Länder unter parteipolitischen
Gesichtspunkten so oder so getroffen wird. Da wo einer eine be-
stimmte Parteirichtung belegen will, wird tatsächlich das Zahlen-
material verwendet, das ebensogut eine andere belegen kann. Es nützt
nichts anderes, als in der Seele unbefangen zu sein. Da kommt wirk-
lich etwas Elementarisches, Ursprüngliches in Betracht. Bei aller
Wissenschaft, die es mit dem Menschlichen zu tun hat - ja schon
wenn Sie eine Wissenschaft aufführen wollen, die dazu führt, daß
Sie Tiere behandeln lernen, zähmen lernen -, da müssen sich Ihre
Begriffe modifikabel erweisen. Und das erst recht in der Volks-
wirtschaft. Da tritt die Inspiration ein. Die muß man schon
haben. Nehmen Sie mir das nicht übel, wenn ich das trocken aus-
spreche.
Ich bin überzeugt davon, es würden viel mehr der heute Studie-
renden diese Inspiration haben - denn sie ist nicht so etwas schreck-
lich in nebulosen mystischen Höhen Schwebendes - , wenn man sie
nicht eigentlich in der Schule grundsätzlich ausgetrieben bekäme,
schon im Gymnasium und in der Realschule. - Wir haben heute die
Aufgabe, wenn wir an der Universität sind, uns zurückzuerinnern
an das, was uns im Gymnasium ausgetrieben worden ist, um in einen
lebendigen Betrieb der Wissenschaft hineinzukommen. Sie wird heute
furchtbar tot betrieben. Mir ist in einem fremden Lande passiert, daß
ich mit einer Anzahl volkswirtschaftlicher Dozenten gesprochen habe.
Die sagten: Wenn wir unsere Fachkollegen in Deutschland besuchen
wollen, so sagen diese: Ja, kommen Sie, aber nur ja nicht in meine
Vorlesung, besuchen Sie mich zu Hause! - Man braucht heute wirk-
lieh einen unbefangenen Einblick in diese Dinge. ... Diese Volks-
wirtschaftslehre ist besonders in letzter Zeit heruntergekommen.
Es hängt wirklich alles damit zusammen, daß die Menschen dieses
Schöpferische des Geistigen verloren haben. Heute muß schon der
Mensch wirklich mit der Nase darauf gestoßen werden, wenn er eine
Tatsache glauben soll.
Man kann jetzt in den Zeitungen Artikel über die geistige Blok-
kade in Deutschland lesen. Selbstverständlich, die hat sich seit langer
Zeit gebildet. Wenn wir heute die Zeitschrift «Das Goetheanum» nach
Deutschland liefern wollen, so müssen wir beim Selbstkostenpreis ein
Exemplar zu achtzehn Mark liefern! Denken Sie an die technischen,
medizinischen Fachzeitschriften! Sie sind unmöglich zu beziehen.
Denken Sie an die Kulturfolgen! Das ist auch eine volkswirtschaft-
liche Frage. Deutschland hat eine geistige Blockade. ... Der Entzug
dieser Zeitschriften ist direkt dasjenige, was zur Verdummung in
Deutschland führen müßte. ... In Deutschland hat es wirtschaftlichen
Charakter, in Rußland hat das schon Staatscharakter angenommen,
da können Sie nichts mehr lesen, was nicht von der Sowjetregierung
selber verkauft wird. Die Menschen werden zum reinsten Abklatsch
des Sowjetsystems. Höchstens können Sie da oder dort ein Buch
einschwindeln.
Frage: Ist es nicht nützlich, bei der Beobachtung der volkswirtschaftlichen Wirkungen
nicht in erster Linie von der Statistik auszugehen, sondern von der Beobachtung der
Tatsachen, die vorliegen?
Frage: Kann der Staat, solange Vermögen da ist, dieses Vermögen durch die Geld-
vermehrung an sich reißen?
Frage: Lebt der Staat nicht vom volkswirtschaftlichen Kapital selbst, das in den
Unternehmungen drinnensteckt?
Rudolf Steiner: Ja, aber von dem, was darin Rente ist.
Frage: Ja, ich meine, er saugt das Kapital heraus. Das Kapital vermindert sich?
Rudolf Steiner: Ich möchte nur eine kleine Anregung geben, indem
ich Herrn Birkigt frage, wie er sich stellen würde, wenn nun, sagen
wir, diese Auseinandersetzungen diskutiert würden und die Frage
kommen würde: Wenn ich in irgendeiner Weise die Arbeit innerhalb
des volkswirtschaftlichen Organismus oder Prozesses mit der physi-
kalischen Erfassung der Arbeit zusammenbringe, wie steht es dann,
wenn man nun genauer eingeht auf den Begriff der physikalischen
Arbeit? - Gewiß, es ist alles richtig, was Sie gesagt haben, aber
der Physiker wird dann, wenn er eine Formel für seine Arbeit auf-
stellt, den MassenbegrifT einführen. Denn die physikalische Arbeit,
eine Energie, ist eine Funktion der Masse und der Geschwindigkeit.
Für letztere werden Sie sehr leicht ein Analogon finden im volks-
wirtschaftlichen Prozeß. Gerade das ist aber das Eigentümliche der
physikalischen Formel für die physikalische Arbeit, daß da der Begriff
der Masse eingeführt wird, die physikalisch bestimmbar ist durch
das Gewicht. Wir haben also im physikalischen ArbeitsbegrifT «Ge-
wicht», das wir nur ersetzen durch «Masse» und «Geschwindigkeit».
Nun würde es sich darum handeln, ob es nötig ist, wenn man bei
Ihrer Analogie bleibt, so etwas wie den Massebegriff oder den
Gewichtsbegriff in die volkswirtschaftliche Betrachtungsweise einzu-
führen. Würden wir das tun, so müßte eben gerade gestrebt werden,
dasjenige aufzusuchen im volkswirtschaftlichen Prozeß, was der Masse
entsprechen würde. Also ich meine, es könnte in der Diskussion diese
Frage aufgeworfen werden.
Einwand: Zum Problem des Wesens der Arbeit gehört Anerkennen von Seiten des
Kaufenden. - Der Unternehmer setzt diesen Gedanken der Anerkenntnis voraus. Die
Tatsache, daß der Kauf irgendeiner Ware zustande kommt, ist Anerkenntnis.
Frage: In welcher Beziehung steht jetzt die Verifikation einer wirtschaftlichen Hand-
lung zur Anerkennung?
Rudolf Steiner: Die «Anerkennung» als solche kann kaum eine volks-
wirtschaftliche Kategorie sein. Das mag daraus hervorgehen, daß die
Anerkennung etwas Subjektives sein muß. Selbstverständlich spielt in
die volkswirtschaftlichen Kategorien schon etwas Subjektives hinein.
Aber man muß dann den Weg zeigen, auf dem es objektiv wird.
Nehmen Sie an, es haben zwei Hausfrauen ganz verschiedene An-
erkennungen von einer Sache, und es kann meinetwillen das Ja zu
einem wirtschaftlichen Erfolg und das Nein zu einem wirtschaft-
lichen Mißerfolg führen. Das Wirtschaftliche würde dort zu finden
sein, wo die Gründe das eine Mal zum Erfolg, das andere Mal zum
Mißerfolg führen, denn die Anerkennung kann nur ein philo-
sophischer Begriff sein. Gewiß, die Anerkennung kann herunter-
rutschen ins [Privat-]Wirtschaftliche, aber sie muß dann doch hinüber-
rutschen ins Volkswirtschaftliche.
Bemerkung eines Teilnehmers: Unter wirtschaftlicher Handlung verstehe ich eine als
Initiative sich darstellende Antizipation der physischen Äußerung einer Verifikation.
Rudolf Steiner: Ich glaube, gerade wenn man ein praktisches volks-
wirtschaftliches Denken herausbekommen will, wird etwas anderes
berücksichtigt werden müssen. Wir wollen, um klarzuwerden, ein
naturwissenschaftliches Analogon nehmen: der Gesamtprozeß im
menschlichen Organismus ist ganz und gar nicht verständlich, wenn
man nur aufsteigende Prozesse betrachtet, Prozesse, die also nach
einer gewissen Richtung hin laufen. Sie bekommen erst ein wirk-
liches Verständnis des totalen Prozesses, wenn Sie auch die Ab-
bauprozesse betrachten. So haben wir zum Beispiel in den Knochen
und im Nervensystem durchaus Abbauprozesse; wir haben im Blut
neben ausgesprochenen Aufbauprozessen auch Abbauprozesse. Wir
können sogar sagen: Wir haben im menschlichen Organismus, von
der Chylusbildung angefangen, durch die Lymphbildung bis zu der
Erzeugung des Venenblutes durchaus Auf bauprozesse. Dann haben
wir die Prozesse, die mit dem Atmen zusammenhängen. Das sind
Prozesse, die eine Art labiles Gleichgewicht darstellen zwischen Auf-
und Abbauprozessen. Und die in den Nerven und Knochen vor sich
gehenden Prozesse sind ausgesprochene Abbauprozesse. Devolu-
tionen im Gegensatz zu Evolutionen! Ein wirkliches Verständnis
gewinnen wir erst, wenn wir unsere Begriffe so einrichten, daß wir
zum Beispiel den Leberprozeß als eine Zusammensetzung von Auf-
und Abbau begreifen. Es kann einer kommen und kann ein bloßes
theoretisches Interesse haben, der substituiert dann auch die Ab-
bauprozesse unter die Aufbauprozesse. Er sagt: Der Mensch ent-
wickelt sich leiblich unter den Aufbauprozessen bis zu einem
gewissen Grade. Dann fängt er an, geistig aufzubauen, also anders.
Nun, dann kommen wir aus einer Sphäre in die andere und behalten
nur das abstrakte Begriffsgewebe bei und lernen dadurch nichts ver-
stehen. Wir lernen erst die Wirksamkeit des Geistes im menschlichen
Organismus verstehen, wenn wir wissen, daß der Geist zu wirken
anfängt, wenn nicht Aufbauprozesse vorhanden sind; wenn man
weiß: da ist nicht Aufbau im Gehirn, sondern Abbau, und im Ab-
bau macht sich erst der Geist geltend. Dann habe ich eine Art von
Begreifen, durch die ich in die Wirklichkeit hineinkomme. Wenn ich
abstrakt Stufe um Stufe rein dialektisch logisch eine BegrifFsrichtung
festhalte, dann komme ich zu keinem praktischen Verständnis.
So ist es notwendig, daß man in der Volkswirtschaft nicht bloß
auf die Wertbildung, sondern auch auf die Entwertung Rücksicht
nimmt; daß man also auch von wirklicher Vernichtung bis zu einem
gewissen Grade spricht. Ich habe das ja getan. Beim Konsum fängt
schon an, aber es ist noch ein geistiger Prozeß vorhanden, wo auch
Entwertung stattfindet.
Sie meinten, wenn ich ein Haus niederreiße, dann ist das auch ein
Wert. Denn an dieser Stelle bedeutet das Abtragen des Hauses, daß
für irgend jemand etwas Produktives geschaffen wird. Gewiß, das kann
man so ansehen, wenn man in der abstrakten Begriffsentwickelung
drinnen bleibt. Aber für die Praxis hat es eine Bedeutung, wo ich
den wirtschaftlichen Prozeß aus Wertentstehung und Entwertung zu-
sammensetze. Und dann muß es natürlich klar sein, daß Arbeit nicht
bloß zur Herstellung von Werten, sondern auch zur Vernichtung von
Werten von Bedeutung ist. Ohne daß ich darauf eingehe, bekomme
ich keinen adäquaten Begriff von Arbeit. Wenn Arbeit nicht auch zur
Vernichtung da wäre, könnte man gar nicht wirtschaften. Das müs-
sen Sie in Ihren Begriff hineinbringen.
Ich glaube, daß es doch selbst für die nächste Zukunft von einer
großen Bedeutung sein wird, zu erkennen, was wirtschaftlich ge-
schehen soll in der Richtung des Werterzeugens und der Wert-
vernichtung. Denn wenn Werte entstehen, die nicht in der ent-
sprechenden Weise vernichtet werden, trotzdem sie zum Vernichten
da sind, entsteht auch eine Störung des wirtschaftlichen Prozesses.
Durch zuviel Produzieren wird der Prozeß gestört. Da ist der Prozeß
einfach dadurch gestört, daß im Magen des Wirtschaftslebens, bild-
lich gesprochen, zuviel drinnen liegt.
Frage: Müssen wir den Begriff Arbeit nicht so fassen, daß Arbeit eine Tätigkeit ist,
die für einen geschlossenen Wirtschaftsorganismus in Betracht kommt?
Rudolf Steiner: Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß die
Unterscheidung in Kopfarbeit und Handarbeit eigentlich nicht be-
rechtigt ist. Wenn man das Ding Kopfarbeit und das Ding Hand-
arbeit versuchen wollte zu definieren, so könnte man nicht recht
etwas anderes finden als einen langsamen Übergang von einem Pol
zu dem anderen, aber keinen eigentlichen Gegensatz. Physiologisch
ist da auch kein eigentlicher Gegensatz. Daß die Dinge falsch be-
trachtet wurden, können Sie daraus ersehen, daß sich die Leute über
die erholende Wirkung des Turnens immer geirrt haben. Heute weiß
man, daß das Turnen nicht jene Erholung darstellt, die man ihm
früher zugeschrieben hat. Der Schüler wird durch sogenannte geistige
Arbeit nicht mehr arbeiten als durch Turnen, welches durch die
gleiche Zeit hin dauert. Es handelt sich natürlich immer darum, daß
man die Dinge volkswirtschaftlich fruchtbar denkt.
Frage nach der Beziehung zwischen volkswirtschaftlichem und biologischem Denken.
Rudolf Steiner: Die Sache kann so liegen. Wenn die Leute nicht
beschäftigt würden, die da beschäftigt sind, so würden diese Men-
schen sich natürlich irgendwo anders beschäftigen müssen. Und wenn
sie sich woanders beschäftigen müßten, so würde unter Umständen
nicht genügend abgeleitet von menschlicher Betätigung. Menschliche
Betätigung muß nämlich, wie Heringseier, auch unter Umständen
abgeleitet werden, und dieses Ableiten hat auch einen volkswirt-
schaftlichen Effekt. Man muß durchaus sagen - was man so sehr
leicht sagt - , Schlafen sei Ruhe, Leben sei Betätigung. Von einem
gewissen Gesichtspunkt aus ist aber zum Leben Schlaf viel not-
wendiger als Wachen. Ebenso ist es mit dieser Betätigung. Sie
können natürlich sagen: Ich will sie auf nützlichere Weise verwenden;
aber es fragt sich, ob es nützlicher ist, wenn es Regenschirme sind,
die zuviel produziert werden. Zunächst sind das Aushilfen, aller-
dings in einem nicht zutreffenden volkswirtschaftlichen Prozeß, um
Arbeit zu beseitigen, die störend wirken würde. Die Sache würde
sich anders herausstellen, wenn man volkswirtschaftlich gesund den-
ken würde. Wenn man volkswirtschaftlich gesund denken würde, so
würde man eine kolossale Gescheitheit dazu aufwenden müssen - da
kommen wir aber jetzt über die gewöhnliche volkswirtschaftliche
Betrachtung hinaus - , um die sich dadurch herausbildende über-
schüssige Arbeitszeit für diejenigen Menschen, die sich nicht selbst
betätigen können, zu verwerten. Also, es ist tatsächlich so: Wenn
man volkswirtschaftlich gesund denken würde, so würde sofort etwas
entstehen, was Sie wahrscheinlich mit Freuden begrüßen würden.
Aber die Menschen können es sich nicht vorstellen, daß man not-
wendig hätte, die Menschen, die sich nicht selbst betätigen können,
nicht selbst ihre Zeit zubringen können, zu lehren, was es heißt,
die Zeit zu ersparen. Denn es wäre kaum notwendig, daß ein
Mensch, der heute acht, neun Stunden arbeitet, länger als drei, vier
Stunden arbeitet. Die Menschen würden ja, wenn vernünftig volks-
wirtschaftlich gedacht würde, ungeheuer viel weniger sich zu betätigen
brauchen in der Art, wie sie sich jetzt betätigen. Und dann würde
einfach in diese Zeit hineinfallen, was den zugrunde gehenden
Heringseiern entspricht. Jetzt verschwenden die Menschen so viel in
die Arbeit, die sowieso wieder zugrunde gehen muß.
Bemerkung: Wenn man vom biologischen Denken spricht, hat man ein bestimmt
begrenztes Wahrnehmungsobjekt, über das man denkt. Beim volkswirtschaftlichen
Denken muß man durch das Denken bezeichnen, worüber man volkswirtschaftlich
nachdenkt.
Frage: Ich weiß eben nicht, wo die Volkswirtschaft anfängt und wo sie aufhört.
Frage: Mir scheint, daß der volkswirtschaftliche Prozeß zustande gekommen ist,
ohne daß das Denken volkswirtschaftlich war; daß das Denken erst volkswirtschaftlich
werden muß. Ob die Volkswirtschaft gesund oder ungesund verläuft, ist gleichgültig.
Ich werde insofern doch auch entsprechend der Naturwissenschaft von einem Objekt
in der Volkswirtschaft sprechen können.
Rudolf Steiner: Herr G. hat recht: der Unterschied besteht, daß man
in der Volkswirtschaft nötig hat, von einem gewissen subjektiven
Erfassen dessen auszugehen, was draußen in der Welt geschieht. Aber
in der Volkswirtschaft ist dieses Subjektive einem wiederum leichter
als in der Biologie. In dieser steht man als Mensch - da man kein
Maikäfer ist, wenn man diesen studiert - natürlich immer außerhalb
und muß außerhalb stehen, während man nur bis zu einem sehr viel
geringeren Grade außerhalb steht, wenn man etwas volkswirtschaft-
lich betrachtet. Man kann immer noch soviel Menschentum auf-
bringen, daß man den Arbeiter gut versteht, daß man auch den Unter-
nehmer versteht. Das ist allgemein menschlicher Anteil, und dieser
ersetzt das, was in der Biologie äußere Anschauung ist. Insofern
hat Herr G. recht. Aber auf der anderen Seite glaube ich, daß zum
Beispiel Goethe deshalb eine so gute Definition der Schattenseiten
des Handelsbegriffes gegeben hat, weil er doch in seiner biologischen
Betrachtungsweise sehr weit gekommen ist. So finden sich bei Goethe
manchmal merkwürdig treffende volkswirtschaftliche Anschauungen.
Es hängt das ein wenig mit seiner morphologisch-biologischen Be-
trachtungsweise zusammen. Die Natur spielt eben in der Biologie die
Rolle eines, der einen stößt, wenn man selber nicht den Spiritus hat.
Bei der Volkswirtschaft muß man schon selber Spiritus aufwenden.
Rudolf Steiner: Er wird sehr bewundert und gilt in Wien bei sehr
gescheiten Menschen als eine besondere Leuchte. Ich habe mich zu-
wenig mit ihm beschäftigt, als daß ich über ihn allzuviel Urteil
habe, aber was die sehr gescheiten Menschen über ihn sagen, hat mir
nicht außerordentlich eingeleuchtet. Es würde aber nur eine geist-
reiche Dialektik sein, zu sagen, es gäbe keine Wirtschaft. Es gibt
ja auch Menschen, die sagen: Es gibt kein Leben, sondern nur
Mechanismus.
Wir sollten nun Spezialbetrachtungen anstellen. Jemand sollte ver-
suchen, mehr im Konkreten zu zeigen, wo volkswirtschaftliche Ver-
wertungs- und Entwertungsprozesse notwendig sind.
DRITTE SEMINARBESPRECHUNG
Bemerkung: Nochmals wird der Begriff der Anerkennung zur Diskussion gestellt und
von Rudolf Steiner wiederum als ungeeignet für die Wirtschaftswissenschaft gekenn-
zeichnet.
Rudolf Steiner: Die Täuschung entsteht nur dadurch, daß die Quote,
die sich durch einen einzigen Anzug bildet, eine außerordentlich
kleine ist und es dadurch auch sehr lange dauern würde, bis in der
Bilanz des Schneiders diese kleine Quote so sichtbar ist, daß er das
tatsächlich als Ausfall empfinden würde. Die Sache beruht darauf, daß
durch die Arbeitsteilung die Produkte de facto verbilligt werden.
Wenn man unter dem Einfluß der Arbeitsteilung für eine Gemein-
schaft arbeitet, so kommen einem auch die eigenen Produkte billiger
zu stehen, als wenn man für sich selber arbeitet. Darin besteht eben
gerade das wirklich Verbilligende der Arbeitsteilung. Durchbricht
man sie an einem gewissen Punkt, dann verteuert man den betref-
fenden Artikel, den man sich selbst zubereitet hat. Nun würde na-
türlich eine einzelne Quote bei einem einzelnen Anzug, den ein
Schneider für sich selbst macht, nicht sehr viel ausmachen. Dagegen
würde es bemerkbar sein, wenn es alle Schneider täten.
Bei weitergehender Arbeitsteilung wird sich kein Mensch mehr
irgend etwas selber bereiten, höchstens in der Landwirtschaft. Wenn
nun tatsächlich ein Schneider sich seinen Anzug macht und er eine
ganz richtige Bilanz für sich aufstellen wollte, dann müßte er sich
einfach in diese Bilanz seinen eigenen Anzug teurer einstellen, als der
Marktpreis ist. Er muß also seine Ausgaben höher einsetzen, als der
Marktpreis ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, den Einzelfall
darnach zu entscheiden, ob er nun den Anzug tatsächlich kauft.
Es ist natürlich die selbstverständliche Voraussetzung, daß es nicht
andere Schneider sind, von denen man die Kleider kauft, sondern
daß es Händler sind. Der Preis, den ein Anzug bei einem Händler
hat, ist billiger - sonst hätte die Teilung in Produktion und Handel
keinen Sinn - , als der Preis betragen könnte, wenn die betreffenden
Schneider ohne Händler arbeiten würden. Also muß der Schneider
den Preis etwas höher einsetzen, wenn er ohne Handel arbeitet, weil
der Händler ihn einfach billiger auf den Markt bringt, als ihn die
Schneider selber in Umsatz bringen. Sie können höchstens noch den
Einwand machen - der wäre unter Umständen berechtigt - , daß Sie
sagen: das wesentlich Billigere der ohne den Händler abgesetzten
Waren bestünde darinnen, daß der Schneider, wenn er sich die Waren
vom Händler holen muß, dann seine Wege mitrechnen muß. Da
würden Sie finden, daß durch das Einfügen des Handels tatsächlich
diese Wege auch billiger kommen. Durch einfaches Vergleichen der
Erzeuger- und Händlerpreise können Sie natürlich nie herausfinden,
ob der Anzug teurer oder billiger ist.
Frage: Der Preis des einen Anzugs soll auf die anderen Anzüge einen Preisdruck
ausüben. Warum würden die anderen Anzüge teurer werden?
Frage: Es ist nun die Frage, ob dieser Preisdruck weniger ausmacht, als der Handels-
weg ihm an Preiserhöhung bringt.
Rudolf Steiner: Das werden Sie nirgends finden. Versuchen Sie ein-
mal, das Problem zu lösen. Das ist eine Aufgabe, die direkt so gestellt
werden kann: Inwiefern wirkt der Handel gegenüber dem eigenen
Verkauf verbilligend? Dieses als Dissertationsaufgabe direkt gestellt,
würde wichtig sein. Sie würden sehen: wenn fünfzig Schneider Wege
machen und sich diese Wege berechnen müssen, kostet es tatsächlich
mehr, als wenn die Händler die Wege machen.
Einwand: Von dem Anzug, den der Schneider für sich selbst behält, sagen Sie: Wenn
er durch den Handel geht, dann tritt eine Verbilligung ein. Nun ist bei dem Anzug, den
er für sich zurückbehält, die ganze Ausgabe des Handels, den Verkehr zu vermitteln,
erspart.
Rudolf Steiner: Das würde etwas ausmachen, wenn eben nicht der
Handel verbilligte. Da aber der Handel verbilligt, so macht das nichts
aus, daß er den Anzug im Hause behält.
Bemerkung: Sagen wir, der Herstellungspreis ist hundert Mark. Nun kommt der
Handel hinzu, und so kommt der Anzug auf hundertzwanzig Mark. Durch den Händler
wird er auf hundertzehn heruntergedrückt. Wenn der Schneider aber seinen eigenen
Anzug gar nicht in den Verkehr bringt, dann spart er auch die zehn Mark.
Rudolf Steiner: Sie müssen aber in diesem Fall als etwas ganz wirt-
schaftlich Reales die gesamte Bilanz betrachten, die aus Händlern und
Schneidern zusammen entsteht. Sie müßten untersuchen, wie sich die-
ser einzelne Posten in der Gesamtbilanz ausnimmt. Durch bloßen Ver-
gleich der Einzelbilanzposten kann man es nicht finden. Man muß es
in der Gesamterscheinung haben. Dann würden Sie sehen: weil wirt-
schaftliche Arbeitsteilung eine Fruktifizierung der Arbeit bedeutet,
schädige ich, wenn ich in einer vollkommenen wirtschaftlich geteilten
Arbeit zu einem früheren Zustande zurückgehe, mit den anderen mich
selbst. Man ist mit ihnen so versponnen, daß man durch ein Zurück-
gehen auf ein früheres Stadium auch sich selbst schädigt. Die Täu-
schung entsteht dadurch, daß es schwer ist, die furchtbar kleine Quote
festzuhalten. Aber ich brauche bloß die Progression aufzustellen:
Wenn Sie denken, alle Schneider machen sich ihre Anzüge selber,
und sie würden nun eine Assoziation bilden, dann würde das, was da
in die Bilanz als gemeinsamer Posten anders eingesetzt werden
müßte, doch schon etwas bedeuten.
Rudolf Steiner: Ganz sicher ist das so. Es ist dann natürlich zu
untersuchen, welche Ursachen da vorliegen. Es wird ein furchtbar
kleiner Posten sein, wenn es sich nur um die Arbeitsteilung zwischen
den Produzenten und dem Händler handelt. Dagegen wird der Posten
schon sehr, sehr beträchtlich, wenn es sich um weitere Arbeitsteilung
handelt, wenn also der Schneider sonst überhaupt nicht mehr ganze
Anzüge fabriziert, sondern nur Teilgebiete. Dann wird er, wenn er
sich einen eigenen Anzug fabrizieren will, ganz wesentlich teurer
kommen, als wenn er sich die Sache irgendwo kauft. Ich sagte ja,
es ist eben ein radikales Beispiel, das nur eine prinzipielle Bedeutung
hat. Aber was später bei weiterer Arbeitsteilung stark hervortritt, das
gilt auch schon ganz am Ausgangspunkt der Arbeitsteilung.
Frage: Warum kann man das nicht auf die Landwirtschaft beziehen?
Rudolf Steiner: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: Es wird
immer weniger, daß heute die Leute für sich selber produzieren, mit
Ausnahme der Landwirtschaft, wo es naheliegt, daß sich der Landwirt
selbst versorgt. In der Landwirtschaft, wo ohnedies so viele Korrek-
turen des allgemeinen wirtschaftlichen Ganges stattfinden, macht es
nun wirklich nicht so viel aus, ob der Bauer sein Krauthapperl aus
Eigenem nimmt oder kauft. Wenn jedoch im Sinne der Dreigliederung
ein reales wirtschaftliches Verhältnis zwischen der Landwirtschaft und
der Nichtlandwirtschaft bestünde, dann käme es auch für die Land-
wirtschaft in Betracht. Die Sache ist heute allerdings so, daß im
Grunde genommen alle möglichen unterirdischen Umlagerungen
stattfinden und dadurch das Verhältnis der Preise zwischen Indu-
strie und Landwirtschaft vollständig untergraben ist. Das kommt noch
in den nächsten Tagen zur Behandlung. Aber wenn man eine Ge-
samtbilanz eines Wirtschaftsgebietes so untersuchen würde, daß man
die Landwirtschaft mit der Industrie gegenseitig ausbilanzierte, dann
würde sich herausstellen, daß unter den heutigen Verhältnissen
Wesentliches von der Landwirtschaft in die Industrie hineinfließt,
einfach auf unterirdischen Wegen. Wenn aber unter dem assoziativen
Wesen genau ebenso viele oder wenigstens annähernd so viele Ar-
beiter in einer Branche arbeiten würden, als es die Preise erlauben,
dann würden wir eine ganz andere Verteilung von Stadt und Land
haben. Man unterschätzt, was es bedeuten würde, wenn das assoziative
Wesen durchgeführt würde. Deshalb ist es nicht sehr leicht, die
Frage zu beantworten: Warum ist der «Kommende Tag» keine As-
soziation? - Einfach weil er nicht mächtig genug ist, um auf den
wirtschaftlichen Gang einen gewissen Einfluß zu haben. Dazu gehört
erst eine bestimmte Größe der Assoziation. Was will der «Kom-
mende Tag» heute zwischen den Unternehmern und den Arbeitern
viel anderes machen, als was sonst auch geschieht? Das wäre nur in
einem Falle möglich - ich habe das auch einmal in einer Betriebs-
versammlung gesagt - , nämlich wenn die Arbeiter des «Kommenden
Tages» sich sämtlich entschließen würden, aus den Gewerkschaften
auszutreten. Dann hätte man den Anfang einer Bewegung, die als
solche allmählich auch von der anderen Seite, der Arbeiterschaft,
die Sache in Gang bringen würde. Solange aber die Arbeiterschaft
einfach in genau derselben Weise an den Streiks teilnimmt wie die
andere Arbeiterschaft, ist es ganz unmöglich, irgendwie so mit der
Arbeiterschaft zu reden, wie es ideal wäre.
Durch das assoziative Wesen würde vor allen Dingen eine ganze
Anzahl Fabriken von der Stadt aufs Land hinauswandern und ähn-
liche Dinge würden sich als notwendige Folge des assoziativen We-
sens ergeben. Sie haben ja nicht umsonst Dörfer, Dorfwirtschaften.
In der primitiven Wirtschaft ist die Dorfwirtschaft die einzige Wirt-
schaftsform. Dann geht es über zu den Märkten. Diese Benennungen
sind volkswirtschaftlich viel richtiger, als man denkt. Solange der
Markt da ist und Dörfer darum herum, so lange bedeutet der Markt,
auch wenn er unter dem Prinzip von Angebot und Nachfrage steht,
etwas wirtschaftlich viel weniger Schädliches - wenn nicht eben
Halunken da sind, was eine persönliche Sache ist - , als wenn die
Stadtwirtschaft dazukommt. Durch diese wird das gesamte Verhältnis
zwischen Produzenten und Konsumenten radikal geändert. Dann
haben wir nicht mehr Dörfer, die von selbst ihren Markt regulieren,
sondern dann haben wir allen Möglichkeiten Tür und Tor geöff-
net, welche bestehen, wenn das Verhältnis zwischen Konsumenten
und Produzenten kein klares mehr ist, wenn es sich vermischt.
Und das ist der Fall, wenn die Menschen in den Städten zusammen-
wohnen.
Das Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten kann nicht
anders überschaut werden, als daß man sich assoziativ gliedert. Dann
ändern sich aber die Verhältnisse, die unter der Verwuselung ent-
standen sind. Denn das assoziative Wesen ist etwas, was nicht nur
organisieren soll, sondern etwas, das wirtschaftet. Es würde sich
unter dem assoziativen Wesen ergeben, daß aus jedem einzelnen
Glied - darauf beruht das Zusammenwirken der drei Glieder des
sozialen Organismus - die Gesundheit des anderen zu gleicher Zeit
hervorgeht.
Im Laufe längerer Zeiträume, aber dennoch nicht allzulanger Zeit-
räume, würde sich ergeben, daß in den Städten im wesentlichen
die Verwaltungsbeamten und die zentralen Schulen und so weiter,
also im wesentlichen Geistesleben und Rechtsleben zusammen sein
würden, während Wirtschaftsleben und Rechtsleben zusammen de-
zentralisiert sein würden. Also das Zusammenleben würde sich auch
räumlich teilen, aber nicht so, daß man nun drei ganz verschiedene
Glieder hätte, sondern so, daß die Städte im wesentlichen ein Durch-
einanderverwobensein des Geisteslebens mit einer zentraleren, einer
größeren horizontischen Verwaltung darstellen würden. Und kleinere
Verwaltungen im Kreise von Wirtschaftsbetrieben würden mehr de-
zentralisiert daliegen. Das würde voraussetzen, daß die Verkehrs-
verhältnisse noch viel wirksamer würden als bisher. Diese sind nur
nicht so weit vorgeschritten, weil man eben den Verkehr nicht nötig
hat für die Produktion, wenn die Produzenten sich in die Städte
zusammensetzen.
Es ist gar nicht so leicht, meine sehr verehrten Anwesenden, über
die Dreigliederung zu reden, weil eben so viel von Anschauung darin
liegt. Wenn man heute jemandem schildert, was da entsteht, so sagt
er: Beweise mir dasl - Ja, kein Mensch kann mir auch theoretisch
beweisen, daß er morgen hungrig sein wird. Dennoch, aus den Er-
fahrungen heraus weiß man, daß er morgen hungrig sein wird. Und
so stellt sich eben mit einem richtigen wirtschaftlichen Denken auch
ein richtiges wirtschaftliches Vorherwissen ein. Sie müssen das als
etwas Reales ansehen, was hier mit dem eigentlichen volkswirtschaft-
lichen Denken gemeint ist, daß man anfängt, ein solches Denken zu
entwickeln, das wirklich selbst auch produktiv ist. Sonst könnte ich
Sie fragen: Welchen volkswirtschaftlichen Wert hat die Volkswirt-
schaftslehre ? - Eine bloß betrachtende hat einen ganz anderen volks-
wirtschaftlichen Wert - sie ist im wesentlichen Konsument -, als eine
real gedachte; die ist im wesentlichen Produzent.
Frage: Schneider drücken den Preis ihres Erzeugnisses, wenn sie sich selbst versorgen
bei Arbeitsteilung. Gilt das auch etwa für einen Knopf oder ein anderes Teilprodukt?
Rudolf Steiner: Ich habe als Junge in einem Dorf gelebt, wo ein
Schuster war - Binder hat er geheißen. Dieser hat jeden Verkehr,
den er nicht selber besorgt hat, zwischen sich und seinen Kunden
abgelehnt. Er hat mir, meinem Vater, meiner Mutter, jedes einzelne
Paar Stiefel, das er gemacht hat, selber gebracht. Woraus besteht
nun das ganze Paar Stiefel? Es besteht in diesem Fall aus den Röhren
- die hatten so lange Röhren -, aus dem, was oben ist, aus dem
Ristteil, aus der Sohle und aus dem Gang des Schusters, den er zu
verrichten hatte bis zu uns. Der gehört dazu. Es ist ganz gleich-
gültig, ob Sie nun von der Röhre oder der Sohle oder diesem Gang
sprechen. Die Arbeitsteilung trat zuerst dadurch ein, daß man das
Stück wegnahm, das den Gang ausmachte. Gerade beim Schneider
ist das am radikalsten, weil man da nicht so leicht sieht, was da alles
dazugehört. Wenn ich die Stiefel angezogen hatte, wußte ich: ich gehe
auf dem Weg, den der Schuster gemacht hat!
Frage: Drückt man bei dem Knopf, wenn ich ihn selber herstelle, auch den Preis?
Rudolf Steiner: Dann kommt die Frage in Betracht, wozu Sie das
Produkt brauchen. Wenn Sie es so verändern - es kann eine kleine
oder große Veränderung sein -, daß es einen Wirklichkeitswert be-
kommt, dann werden Sie vielleicht nichts verlieren.
Bemerkung: Ich brauche es für den Konsum, also zur Vernichtung.
Frage: Wie Hegen die Dinge, wenn bedeutend mehr Händler da sind, als wirtschaftlich
gerechtfertigt sind?
Rudolf Steiner: Bei dem, was ich gesagt habe, ist die Voraussetzung,
daß gerade so viel Händler sind, als wirtschaftlich gerechtfertigt ist.
Wir haben es da nicht mit einer geradlinig gehenden Progression,
sondern mit einer Maximum-Minimum-Richtung zu tun. Bei einem
bestimmten Punkt von Händlerzahl haben wir den günstigsten Ein-
fluß des Händlertums. Darunter und darüber ist er ungünstig.
Frage: Kann man noch von Wert sprechen, wenn ein Ding seinen Zweck erfüllt hat?
Wie verhält es sich, wenn das Ding neu in den volkswirtschaftlichen Prozeß hinein-
kommt? - Bedeutet der Abbruch eines Hauses Entwertung durch menschliche Arbeit?
Hat diese Entwertung irgendeinen Sinn oder nicht? - Kann man nur dann von Ent-
wertung durch menschliche Arbeit sprechen, wenn neue Werte nicht geschaffen werden?
Verschiedene Zwischenfragen.
X: Die Entwertung von Werten durch Arbeit kommt zu dem Zweck vor, nachträg-
lich höhere Werte an den Platz zu stellen (Zwischenwerte).
Rudolf Steiner: Ja, und dann entdecke ich, daß ich das, was da wie
ein Naturprodukt vorliegt, neu verwerten kann. Es muß das Kriterium
vorliegen, daß die menschliche Arbeit notwendig ist, um einen Ent-
wertungsprozeß herbeizuführen.
Das Einschmelzen beim Eisen ist nicht eigentlich ein Abbau-
prozeß. Gewiß, die Dinge können zweifelhaft sein. Man kann etwas
so und so auffassen. Es könnte auch als Entwertungsprodukt auf-
gefaßt werden.
Rudolf Steiner: Für den, der nicht der Sieger ist, ist das eine Ent-
wertung.
Frage: Kann man überhaupt das, was an Kriegsausrüstungen geschieht, als Werte-
schaffung im wirtschaftlichen Sinn ansprechen?
Bemerkung: Was verbraucht wird über den normalen Bedarf hinaus, Kriegsutensilien
und so weiter, ergibt zum Beispiel nach Beendigung des Krieges ein Manko.
Rudolf Steiner: Es ist ins Auge zu fassen, daß der abnorme Ver-
brauch, der da eintritt, eine gewisse Verwandtschaft hat mit dem
Verbrauch der Rentiers in einer wirtschaftlichen Gemeinschaft. Dieser
Verbrauch ist gegeben. Wenn man ihn durchaus rechtfertigen will
- heute wird man ihn bekämpfen - , so gibt es natürlich für alle
Dinge eine gewisse Rechtfertigung. Der Verbrauch der Rentiers ist
zu rechtfertigen, wenn die Bodenproduktion einen größeren Ertrag
liefert, als normalerweise aufgebraucht werden kann von der anderen
Bevölkerung. Zur Herstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes
ist unter Umständen der Verbrauch der Rentiers gut. Und von diesem
Gesichtspunkt aus gibt es eine volkswirtschaftliche Rechtfertigung der
Wehrmacht. Diese Rechtfertigung liegt darin, daß die Leute sagen:
Die Dinge sind da, und man kann sie herstellen. Es wäre kein wirt-
schaftliches Gleichgewicht, es müßten so und so viele arbeitslos blei-
ben, wenn eben nicht die Wehrmacht konsumieren würde, ohne daß
sie eigentlich produziert. Denn sie produziert eigentlich nichts.
Frage: Ist Wehrmacht nicht ähnlich zu betrachten wie beizen des Weizens oder
ähnliches?
Rudolf Steiner: Diese Anschauung ist da: in der Schule von Rod-
bertus. Die Verteidigung wird unter die produktiven Faktoren ge-
rechnet. Es handelt sich dabei darum, ob man sich eine Volkswirt-
schaft denkt unter gewissen Voraussetzungen oder ohne diese Voraus-
setzungen oder mit anderen Voraussetzungen. Wenn man sich also
vorstellen würde, daß die Verteidigung durch eine Wehrmacht nicht
notwendig wäre, so würde sie entfallen. Aber die Feuerlösch-
maschine kann nicht entfallen, weil die einem notwendigen Verbrauch
entspricht wie das Frühstück. Wer die Wehrmacht für absolut not-
wendig hält, der muß sie für einen notwendigen Verbrauch ansehen.
Aber da beginnt die Möglichkeit der Diskussion über die Verbrauchs-
frage. Man kennt Menschen, die das Merkwürdigste für absolut un-
entbehrliche Gebrauchsdinge halten. Da spielen in die Bewertung die
Begriffe des Gebrauchs hinein. Und die sind labil.
Frage: Die mechanische Arbeit an sich verteuert doch nicht die Produkte?
Frage: Wie stellt sich die entwertende Arbeit in den volkswirtschaftlichen Prozeß
hinein?
Frage: Was geschieht denn bei der Entwertungsarbeit? Das ist ja eine Schenkung,
weil ihr kein Gegenwert entspricht.
Rudolf Steiner: Nur die Vorzeichen des Wertes ändern sich. Es ist
überall dasselbe. Haben Sie eine Wertentstehung, die Sie im fort-
laufenden volkswirtschaftlichen Prozeß als positiv ( + ) bezeichnen,
dann müssen Sie die Entwertung negativ (-) bezeichnen, während,
wenn nichts geschieht, Sie null einsetzen.
Bemerkung: Wenn eine neue Maschine einen Prozeß ersetzt, so wird das Produkt
billiger, einfach weil Arbeit gespart wird. Ob wertebildende oder entwertende Arbeit,
das ist ganz gleichgültig.
Rudolf Steiner: Ja, die Sache ist so, daß Sie immer im Effekt das-
selbe herausbringen können. Dafür bleibt es immer noch eine Gliede-
rung in Wertebildung und Entwertung. Es ist selbstverständlich, daß
sich, wenn Sie daraus eine Summe ziehen, eine positive Summe er-
gibt, wenn eine Maschine überhaupt noch gebraucht werden soll. ...
Was sich fragt, ist lediglich dieses, ob man nötig hat, Arbeiten auf-
zuwenden für Auflösungen, also für Entwertungen von Werten, die
schon zustande gekommen waren im volkswirtschaftlichen Prozeß.
Einwand: Ich kann das nicht als Arbeit gelten lassen. Das Kriterium von Arbeit fehlt.
Weitere Bemerkung: Wenn man Nahrung zu sich nimmt, dann schafft man doch erst in
sich die Werte, die imstande sind, weitere Arbeit zu liefern, genau so wie wenn man
Maschinen schafft, die Werte bilden sollen.
Bemerkung: Wenn ein geistiger Arbeiter unterstützt wird mit wirtschaftlichen Werten,
so wird der vorläufige Erfolg sein, daß er essen kann und geistig regsam oder frisch
wird. Die Folge wird zunächst innerhalb seiner Persönlichkeit bleiben; aber es bleibt
nicht dabei. Die Folgen strahlen hinaus in den wirtschaftlichen Prozeß. Das wären die
vom Subjekt ausgehenden Folgen.
Bemerkung: Dadurch daß ich Tee konsumiere, kann in den Kolonien Tee gepflückt
werden. Ich entwerte eigentlich, indem ich die Möglichkeit wieder schaffe, daß neue
wirtschaftliche Werte erzeugt werden.
Bemerkung: Ich möchte die Entwertung, die darin besteht, daß die Tasse Tee getrunken
wird, damit man wieder Arbeit leisten kann, auf dieselbe Stufe stellen wie das Beispiel
vom Arzt und Schuhmacher. Der Teepflücker wendet Arbeit auf. Ich trinke den Tee.
Der Teepflücker dient dazu, mich wieder in die Lage zu setzen, Arbeit zu leisten.
Rudolf Steiner: Wenn wir die Frage so stellen, dann wird beim
Teepflücken aus dem Naturprodukt Tee ein wirtschaftlicher Wert.
Das ist die Entstehung eines wirtschaftlichen Wertes. Wird aber beim
Austrinken des Tees im selben Sinn ein wirtschaftlicher Wert ent-
stehen oder vergehen?
Rudolf Steiner: Ich darf bei der Schenkung von einer Entwertung
sprechen, weil ich, solange ich bloß menschliche Fähigkeiten im Auge
habe, für die ich die Schenkung verwenden kann, noch nicht von
Volkswirtschaft spreche. Zuerst, wenn ich ein Stipendium gebe, lasse
ich diesen Wert verschwinden im volkswirtschaftlichen Prozeß, bis
er wieder heraufkommt.
Rudolf Steiner: Was weiter wirkt, hängt sehr stark von solchen
Faktoren ab, die sich überhaupt jedem Rechnungsansatz absolut ent-
ziehen. Sonst müßten Sie zum Beispiel Fleiß volkswirtschaftlich ein-
setzen. Fleiß würde aber volkswirtschaftlich ein fiktiver Wert sein,
nicht nur ein fiktiver, sondern sogar ein unmöglicher Wert.
Ich würde im moralischen Sinn, wenn ich, sagen wir, eine Werk-
stätte hätte, meine Arbeiter tadeln, wenn sie faul sind; volkswirt-
schaftlich werde ich sie erst tadeln, wenn sie mir nichts hervor-
bringen. Volkswirtschaftlich geht mich nur das an, was sie hervor-
bringen. Moralisch geht mich an, ob sie fleißig oder faul sind.
Frage: Von Arbeit könnte man erst sprechen in einer arbeitsteiligen Wirtschaft?
Rudolf Steiner: Dann könnte man davon sprechen, wenn man ins
Auge faßt, daß der Vater eine gewisse Arbeit tut, daß er konsumiert
und auch seine Frau, seine Söhne, seine Töchter konsumieren, die
Töchter wieder andere Arbeit verrichten und so weiter, also fürein-
ander arbeiten, dann erst.
Frage: Also wie kommt man überhaupt zu einem Begriff der Arbeit?
Rudolf Steiner: Ein Begriff der Arbeit ist sehr leicht zu bilden im
volkswirtschaftlichen Sinn. Er liegt dann vor, wenn man ein Natur-
produkt vor sich hat, das durch menschliche Tätigkeit verändert
worden ist mit dem Zweck, konsumiert zu werden.
Frage: Ob es konsumiert wird, ist gleichgültig?
Frage: Muß man auch dann immer auf das Naturprodukt oder das Objekt schauen,
wenn ein Wert entsteht durch geistige Organisation von Arbeit, oder muß man nach-
sehen, ob ein Objekt da ist, auf das die organisierte Arbeit verwendet worden ist?
Rudolf Steiner: Da können Sie nicht auf ein Objekt schauen, denn
es ist unter Umständen in dem Zusammenhang, mit dem Sie es zu tun
haben, ein bleibendes Objekt nicht da. Der Geist kann aufgewendet
werden lediglich auf Einteilung, Gliederung der Arbeit. Dann hat man
es unter Umständen mit keinem Objekt zu tun.
Rudolf Steiner: Das ist ein sekundärer Begriff. Arbeit ist jene mensch-
liche Tätigkeit, die aufgewendet wird, um ein Naturprodukt konsum-
fähig zu machen. Das ist im volkswirtschaftlichen Sinn die Arbeit.
Diese müssen Sie jetzt als einen Endbegriff auffassen. Nun kann der
Geist darüberkommen und diese Arbeit gliedern. Aber im Verlauf
kann sich dasjenige, was Sie nun fassen wollen als einen zusammen-
hängenden wirtschaftlichen Prozeß, einfach entfernen vom Natur-
produkt. Es kann in bloßer Gliederung, in bloßer Einteilung der
Arbeit bestehen.
Rudolf Steiner: Entwertung ist nur für den Wert negativ. In bezug
auf das Konsumfähigmachen gehen Sie nicht zurück. Sie gehen nur
zurück in bezug auf die Werterteilung.
Bemerkung: In bezug auf das Konsumfähigmachen ist eben doch ein Rückgang von
einem höheren Prozeß zu einem niedrigeren vorhanden.
Rudolf Steiner: Sie wickeln zuerst die Spule auf. Dazu ist Arbeit
nötig. Da haben Sie einen Wert gebildet. Und jetzt wickeln Sie die
Spule ab. Da zerstören Sie den Wert. Wenn Sie aber die Sache be-
trachten, so werden Sie finden, daß ein konsumfähiges Produkt bis
zu der Zerstörung entstanden ist, und nachher ist das Endziel der
Arbeit wieder ein konsumfähiges Produkt. Bei der Arbeit handelt es
sich darum, ein naturgegebenes Ding konsumfähig zu machen. Sie
haben eben nur einen Unterkonsum eingeschaltet. Sie brauchen so
und so viele solcher Vorgänge, um sie von anderen Vorgängen
konsumieren zu lassen. Bei diesem Konsumieren, wo die Entwertung
stattfinden muß, wird eine notwendige Arbeit geleistet.
Bemerkung: Nutzlose Arbeit muß eben als Arbeit bezeichnet werden, weil deren
Produkt bis zur Konsumfähigkeit gebracht worden ist.
Rudolf Steiner: Das ist die Frage. Das ist tatsächlich nicht so einfach
zu beantworten.
X: Aber in die Zukunft hinein ist er der Produzierende. Zu diesem Zweck leistet er
Arbeit.
Bemerkung: Auch bei der Arbeitsleistung strengt sich der eine viel an und erreicht
wenig, der andere strengt sich wenig an und erreicht viel.
Rudolf Steiner: Sie ist entwertend in dem Sinn, daß sie dasjenige,
was auf der einen Seite an Werten gebildet wird, wiederum aufhebt.
Die Römer haben eine sehr feine instinktive Volkswirtschaft gehabt
- nur war das für einen anderen Volkscharakter passend - , indem sie
nicht allein von Brot gesprochen' haben, sondern von Brot und Spie-
len. Und sie haben beides, Brot und Spiele, eingerechnet in das-
jenige, was in den sozialen Organismus hineinkommen soll von ihrem
Standpunkt aus. Sie sagten sich: Ganz genau wie, wenn ich einen
Laib Brot erzeuge, er wiederum verschwinden muß - er muß wirk-
lich verschwinden -, so muß dasjenige, was an Arbeit für die Brot-
erzeugung da ist, tatsächlich im sozialen Prozeß wiederum ver-
schwinden durch das, was an Arbeit verwendet wird, um das Spiel
zu verrichten. Es ist ein gegenseitiges Aufzehren, wie überall, wo
Organismus ist, ein wechselseitiges Auf- und Abbauen ist. So auch
hier. Sie können also tatsächlich sehen, wie die geistige Betätigung,
die auf der anderen Seite geleistet wird, nicht den Prozeß fortsetzt,
sondern ihn zurückführt. Deshalb habe ich es immer als Kreislauf ge-
zeichnet. Natur, Arbeit, Kapital. - Natur, Arbeit, Kapital kehrt wie-
derum in sich zurück und der ganze Prozeß ist aufgehoben, wenn
es wiederum zu der Natur zurückgekommen ist.
Frage: Kann man auch die privatwirtschaftliche Arbeit miteinbegreifen in den volks-
wirtschaftlichen Begriff?
Einwand: Ich meine: ich kann die Privatarbeit nicht in den Begriff der Volkswirt-
schaft einbeziehen.
Rudolf Steiner: Das rührt davon her, daß hier eine Undeutlichkeit
im Wort ist. Es liegt die Undeutlichkeit vor, daß man Volkswirtschaft
schon eine Zusammenfassung von Privatwirtschaften nennt. Man
müßte einen übergeordneten Begriff haben.
Frage: Ist Arbeit nur die Tätigkeit, die auf ein ganz bestimmtes Objekt zu richten ist,
um es konsumfähig zu machen?
Rudolf Steiner: Das ist der Fall. Man hat die Aufgabe, im Volks-
wirtschaftlichen nicht einfach, ich möchte sagen, abstrakt philo-
sophische Definitionen zu bilden. Das ist unter Umständen etwas, was
man sich zum philosophischen Zeitvertreib oder zur Trainierung gut
auferlegen kann. Aber in der Volkswirtschaft handelt es sich nicht
darum, richtige Begriffe zu bilden, sondern Begriffe, die man anwenden
kann. Gerade solche Leute, wie der Nationalökonom Loren^ von Stein,
haben wunderbar scharfsinnige Begriffe gebildet; aber eine ganze
Menge - kann man sagen - interessiert nur den Wirtschaftsphilo-
sophen. Sie haben keine volkswirtschaftliche Anwendung.
FÜNFTE SEMINARBESPRECHUNG
X stellt das Problem der Valuta und ihrer Schwankungen zur Diskussion. Er vermutet,
daß bestimmte Persönlichkeiten dahinterstehen.
Rudolf Steiner: Das gibt es, das gehört zu den Teilursachen. Es ist
sehr schwer zu sagen, daß irgend etwas die Hauptursache ist, weil
sich das zu den verschiedenen Zeiten sehr geändert hat. Aber es
fließen in den Valutazuständen die allerverschiedensten Ursachen zu-
sammen. Die Hauptursache bei den neueren Valutaverlusten ist die
möglich gewordene Diskrepanz zwischen der Gold- und Papier-
währung im eigenen Lande.
Es ist im wesentlichen so, daß die Goldwährungen in den valuta-
schwachen Ländern nicht mehr eine ausschlaggebende Rolle spielen.
Dagegen sind in den Ländern mit guter Währung eben die Deckun-
gen noch da, was natürlich bedingt, daß solche Länder, die Gold-
währungen haben, wesentlich anders in ihren Kreditverhältnissen da-
stehen als die anderen. Zuerst ist die Valutafrage eine Kreditfrage.
Dann natürlich, wenn so etwas auftritt wie die Kreditschädigung
eines Wirtschaftsgebietes, kann man auch wiederum eine solche Ur-
sache benutzen, um weiterzugehen. Man kann börsenmäßig den Kre-
dit wiederum heruntertreiben. Dazu kommen die doch ziemlich sinn-
losen Unternehmungen im eigenen Land. Es ist ganz ohne Frage,
daß gegenwärtig kein Grund vorhanden ist für den Sturz der deut-
schen Mark in dem Umfang, wie er wirklich geschehen ist, sondern
daß da wesentlich mitwirkt die Spekulation des eigenen Landes, das
Verkäufe ins Ausland macht und dadurch auch noch das Seinige hin-
zutut. Das alles bringt dann einmal die Valuta ins abschüssige Rollen.
Dann geht es wie in Österreich. Was in Rußland noch mitgewirkt
hat, ist schwer zu sagen. In Österreich und Deutschland ist die Sache
ausgegangen von der Goldbestandsabnahme, von der Abnahme der
Kreditverhältnisse, von der Spekulation im eigenen Lande. In
Deutschland wird spekuliert auf die Ausfuhr, in Österreich wird
gerade jetzt so spekuliert, daß man den auswärtigen Bestand zurück-
hält, wodurch er noch teurer wird, so daß in Österreich die Krone
durch Franken, Dollar und so weiter, die im eigenen Lande sind,
heruntergedrückt wird. Dieses könnte gar nicht sein, wenn nicht schon
die hochvalutigen Währungen in den Aufstieg gekommen wären.
Dann kann es sogar im eigenen Lande fortgesetzt werden, und da-
durch kann diese Sache ins Unermeßliche gehen. Aber es war der
Anfang zum Übel, daß in so außerordentlich starkem Maße das deut-
sche Gold während des Krieges gesammelt und an den Staat ab-
geführt worden ist, der dafür gesorgt hat, daß das Gold außer Landes
gekommen ist. Unter dem Volk ist gar kein Gold. Das ist das
Wesentliche. Man kann heute den Goldbestand der Reichsbank nur
vergleichen mit dem Gesamtgoldbestand des Volkes vor dem Kriege.
Es sind natürlich andere Momente dazugekommen, aber die sind
gar nicht zu fassen. Es braucht ja nur eine bestimmte Währung in
einem Lande zurückbehalten zu werden, so wirkt das wiederum auf
die Valuta. Je nachdem Valuta im Ausland ist, kann man eine Be-
schleunigung oder Verzögerung einleiten; danach sinkt und fällt die
Valuta des valutaarmen Landes. Von dieser Seite her haben einzelne
Persönlichkeiten ein leichtes Spiel, den anderen Staat zu schädigen.
Wieviel von der eigenen Schuld des Landes herrührt, ist schwer
festzustellen. Es wird eine ganz erkleckliche Summe sein, die da
gespielt hat in der Spekulation einzelner Leute.
Frage: Manche sagen, die Schuld an dem Valutaelend liege in der Veränderung der
Zahlungsbilanz der schlechteren Länder gegenüber den anderen Ländern. Bei Deutsch-
land kämen zu dieser Verschlechterung hauptsächlich die Ausgaben ans Ausland hinzu,
ohne daß Gegenwerte hereinkommen. Da entstehe ein Saldo zugunsten der Entente.
Das sei das maßgebende.
X; Gold wandert eben ins Ausland und wirkt geldentwertend, solange die Gold-
währung besteht.
Frage: Wenn Amerika nach Rußland Anleihen gibt, um Rußland in die Höhe zu
bringen - dadurch, daß Eisenbahnen gebaut werden und so weiter -, so wird die Folge
sein, daß das Geld nach Rußland hineingesteckt ist und daß die Amerikaner einfach den
Titel des Besitztumes haben, ohne es irgendwie zurückzubekommen.
Einwand: Eine Umfrage nach den Ursachen des Valutaelends ergab die wider-
sprechendsten Antworten.
Rudolf Steiner: Die Lösung dieser Frage liegt darin, nicht daß alle
unrecht hatten, sondern alle recht hatten; nämlich alle trafen gewisse
Teilursachen aus ihrem Erfahrungskreis. Das bezeugt Ihnen die Not-
wendigkeit des assoziativen Lebens. Es gibt im wirtschaftlichen Leben
gar nicht die Möglichkeit, daß einer ein umfassendes Urteil abgibt.
Also die Leute haben zumeist recht gehabt. Aber am meisten recht,
indem er auf die tiefste Ursache, allerdings auf moralähnliche Sachen,
hingewiesen hat, scheint mir Edison gehabt zu haben, der ganz wirt-
schaftlich denken kann, und der gesagt hat: Die Hauptsache liegt
darin, nach welchen Prinzipien man die Leute, die man ins Geschäft
hereinnimmt, aufnimmt. Der gewiegte Kaufmann stellt an die ein-
zustellenden Leute Fragen, die gar nicht mit der Geschäftsführung
zusammenhängen. In die Geschäftsführung werden sie sich schon hin-
einfinden, wenn sie nur sonst tüchtig sind: Deshalb stelle ich als
Geschäftsmann an sie solche Fragen, die mir beweisen, ob sie, was
sie zum Beispiel in der Schule gelernt haben, noch wissen oder ver-
schwitzt haben. Sagt mir der Gefragte einen absoluten Unsinn, so ist
mir die Frage so beantwortet, daß ich ihn für einen nicht genug of-
fenen Kopf halte. - Eine ganze Reihe solcher Fragen hat Edison ge-
stellt, wenn er jemand anstellen wollte. Wenn man die Sache so prak-
tisch anfaßt, ist es etwas anderes, ob ich einen Menschen einstelle, der
nicht Weizen vom Roggen unterscheiden kann, und ihn am Büro-
tisch habe, oder einen, der beides unterscheiden kann. Und dieses ist
es, was heute die Leute nicht glauben. Die Leute glauben, man könne
ein ganz tüchtiger Buchhalter sein, ohne daß man weiß, was eine
Sonnenblume ist. Das ist cum grano salis gesprochen. Aber was
Edison da als Anregung gegeben hat, schien mir eine außerordentlich
treffende zu sein. Sie ist wirtschaftlich, sie zeigt, wie weit da der
Geist die Arbeit ergreift.
Rudolf Steiner: Nun, die Namen bleiben. Sehen Sie, es gab ja sogar
eine Zeit, in der man die Moral zu der ökonomischen Wirtschaft ge-
rechnet hat. Im 1., 2. christlichen Jahrhundert, da gehörte zu der
Ökonomie die Moral.
Frage: Ich kann mir die gegenseitige Bewegung Naturprodukt - Arbeit - Kapital
und so weiter nicht zum Verständnis bringen. Das Produktionsmittel hat doch schon
eine Umwandlung durchgemacht.
Rudolf Steiner: Aber die Umkehrung bezieht sich nicht darauf, daß
das Produktionsmittel erzeugt wird, sondern daß es erzeugt. Die Um-
wandlung hat erst eine Bedeutung in dem Moment, wo das Pro-
duktionsmittel aufhört, Ware zu sein. Es bleibt Ware bis zu dem
Moment, wo es übergeführt werden kann, zu produzieren. Wo es
anfängt zu produzieren, ändert sich für das Produktionsmittel der
Strom des nationalökonomischen Geschehens. Es wird von dem Mo-
ment ab herausgehoben aus dem Zusammenhang, in dem es war, wo
es Ware war. In den «Kernpunkten» habe ich angeführt, daß es da
anfängt, der Natur ganz gleichgeartet zu sein, weil es keinen Preis
mehr haben kann. Es steht genau so in den Wirtschaftsprozessen
darin wie die bloße Natur. Es bewegt sich also wiederum zur Natur
zurück.
Rudolf Steiner: Das muß aber nach und nach zur Ungeheuerlich-
keit führen, weil man die Produktionsmittel direkt in Renten über-
leitet, während die Bodenrente erst entsteht, wenn ich das Kapital
hinein investiere.
Rudolf Steiner: Sie dürfen nicht vergessen: Wenn Sie Kapital in eine
Unternehmung hineinstecken, so bedeutet das volkswirtschaftlich we-
sentlich etwas anderes, als wenn Sie das Kapital nicht in der Unter-
nehmung darin haben. Es arbeitet ein ganz anderes Agens, wenn man
es darin hat, als wenn man es nicht darin hat, wobei das Nicht-
darinhaben ja im Grunde genommen auch nur ein Scheingebilde ist.
Es führen die Dinge zu solchen Scheingebilden. Sie können fragen:
Wo sind denn eigentlich die Kapitalien, also sagen wir, die Leih-
kapitalien, die nicht in Unternehmungen darinstecken? Sie sind ja
nur da als Produktion und als Bodenrente, nur da sind sie vorhanden.
Und wenn irgend jemand irgendwelches Geld für sich haben wollte,
so müßte er es ganz aus dem volkswirtschaftlichen Prozeß eine Zeit-
lang herausziehen, dadurch eine Spannung hervorrufen und es bei
einem anderen Werte wieder weggeben. Er würde da zu kurz kom-
men, weil das Geld doch progressiv entwertet wird - denn sonst ist
es nicht denkbar, daß der Prozeß radikal eintritt, und das verschiebt
die Verhältnisse.
Wenn man in gesunder Weise die Wirtschaft in die Hand nehmen
würde, würden sich richtige Verhältnisse ergeben. Heute ist es oft
drollig, in welcher Weise man zum Beispiel die Lohnfrage behan-
delt: man fordert höhere Löhne, es entstehen teurere Produktions-
bedingungen. Dann reichen die Löhne wieder nicht. Man fordert
wieder höhere Löhne, und so geht das, man weiß nicht, wohin. Durch
diese Dinge streuen sich die Leute selber Sand in die Augen. Wäh-
rend einfach - wenn wir den Ausdruck Lohn, der ja nicht stimmt,
beibehalten - in einer assoziativen Wirtschaft diejenigen Löhne ent-
stehen, die entstehen können. Es entstehen nicht falsche Löhne.
Frage: Warum die Löhne «entstehen» müssen?
Rudolf Steiner: Dann kriegen Sie erst die Endwerte. Dann werden
Sie sehen, daß all das herauskommt, was ich gesagt habe. Es müssen
die Pferde nicht fortwährend beim Schwanz aufgezäumt werden. Man
muß die Frage so stellen: Zwei Franken, die lassen wir ihm. Aber
unter welchen Verhältnissen werden zwei Franken ein doppelt so
großer Lohn sein als heute, oder ein dreifacher? Sie müssen von den
dynamischen Verhältnissen ausgehen. Man geht immer aus von den
statischen. Dann will man, daß die ruhenden Dinge Bewegung her-
vorrufen. Es ist tatsächlich: wenn ich fünf Centimes in meine Tasche
stecke, an sich nichts, sondern nur etwas im Verhältnis zur ganzen
Volkswirtschaft.
SECHSTE SEMINARBESPRECHUNG
Frage nach der Abnützung des Geldes: Wird es sich allmählich abnützen? Auch als Kauf-
geld?
Frage: Wie kann das Geld verschieden verwendet werden, wenn es als junges und
altes Geld dieselbe Kaufkraft hat?
Rudolf Steiner: Wenn Sie eine Unternehmung mit jungem Geld be-
ginnen, so sind Sie nun in der Lage, dadurch, daß Sie junges Geld
hineinstecken, diese Unternehmung auf eine lange Frist hin anzulegen;
während Sie mit altem Geld nicht in der gleichen Weise auf lange
Frist hin das Unternehmen anstellen könnten.
Rudolf Steiner: Sie meinen: wenn ich mir einmal meine Produktions-
mittel gekauft habe, dann habe ich statt des Geldes die Produktions-
mittel, und das Geld, das ich jetzt weggebe, das hat dann ein anderer.
Das Geld, das nun einmal in die Produktion hineingegangen ist, muß
natürlich darin bleiben. Aber, es kann sich dieses Geld unter Um-
ständen verwandeln - es würde sich ja nicht verwandeln, insofern
der Betreffende es konsumieren kann - aber was in der Produktion
darin ist, ist eine Frage des Verkehrs. Das wird nicht sehr büro-
kratisch sein, weil durch die Assoziationen dafür gesorgt werden
kann, daß innerhalb der Unternehmungen, die auf gleicher Basis be-
ruhen, nichts anderes verwendet wird als bestimmtaltriges Geld.
Das Geld ist also in Produktionsmitteln aufgegangen. Dem kommt
zu Hilfe die andere Maßregel, daß die Produktionsmittel ihren Wert
verlieren, wenn sie Produktionsmittel geworden sind. Diese zwei
Dinge schließen sich zusammen zu einem. Heute haben Sie es nämlich
auch so, nur kaschiert. Das Geld, das für die Produktion verliehen
ist, geht nicht wiederum zurück, bleibt in der Produktion stecken.
Nur wird es dadurch festgehalten, daß die Produktionsmittel wie-
derum verkauft werden können. Dadurch wird es fortwährend wie-
der jung gemacht. Denken Sie sich aber, die Produktionsmittel kön-
nen nicht verkauft werden, so bleibt das Geld in seinem Alter darin.
Man muß real denken, dann wird die Frage niemals so entstehen:
Wie macht man das, daß das Geld sein Alter da drinnen behält?
Sondern man wird sagen: Das muß geschehen - also muß einfach
die Maßregel geschehen! Das ist eine äußerlich technische Frage.
Natürlich könnten Sie das eine sagen: Es wäre eine gewisse Mög-
lichkeit vorhanden, daß solche Dinge durch die Spekulation um-
gangen würden; aber die Spekulation hätte sicher viel weniger Boden
in einer solchen Gemeinschaft als in derjenigen, die dem Geld einen
unbestimmt langen Wert gibt. In Wirklichkeit nützt sich das Geld ja
doch ab. Sonst könnte jener pommersche Landmann recht haben,
der sich sagt: Wie groß sind die preußischen Staatsschulden? Ich
will ein kleines Kapital auf Zins und Zinseszinsen anlegen, und das
würde nach so und so viel Jahren die preußischen Staatsschulden
decken können. Dies könnte niemals zustande kommen, weil alle die-
jenigen, die nach und nach verpflichtet würden, für diese Summe auf-
zukommen, die doch die entsprechende Deckung brauchte, zugrunde
gehen würden. Auf irgendeine Weise würden die Garanten ver-
schwinden, und der preußische Staat kriegte nach Jahrhunderten nicht
einen Heller davon.
Da sehen Sie, daß es sich doch abnützt, das reine Geld. Es handelt
sich nur darum, daß man diese Dinge in die Vernunft heraufnimmt,
die in Wirklichkeit stattfinden, und die dadurch die Schädigungen
hervorrufen, daß sie nicht in der Vernunft sind. Deshalb kann ich
sagen: Ich betrachte doch nur das Reale, nicht ein agitatorisch Sein-
Sollendes. Weil die Dinge da sind! Es handelt sich darum, daß man
zu fragen hat: Wie saniert man die Weltwirtschaft?
Rudolf Steiner: Durch das, was ich gestern beschrieben habe, würde
eine Reichsbank, eine Staatsbank unmöglich sein. Es würde heraus-
kommen ein Bankinstitut zwischen denjenigen, die Schenkungsgelder
bekommen haben, und denjenigen, die durch Arbeit, namentlich
Bodenarbeit wiederum neue Waren in ihrem Anfang schaffen. Es
würde diese Verjüngung gerade vom Staat auf die Wirtschaft über-
gehen. Und das ist das, was die weitere Notwendigkeit darstellt.
Dadurch, daß sie an die Wirtschaft übergeht, würde diese Maßregel,
das Geld wieder jung zu machen, zusammenhängen mit anderen wirt-
schaftlichen Maßregeln, nicht mit Staatsmaßregeln. Und dadurch
kämen auch ganz andere Wertverhältnisse heraus als jetzt unter dem
fiskalischen Elemente. Wir würden etwas haben, was schon existiert.
Die Dinge werden ja nur dadurch kaschiert, daß sie nicht am rechten
Fleck vor sich gehen. Wir würden eine fiskalische Maßregel in eine
wirtschaftliche übergeführt haben. Der Fiskus würde weniger die
Möglichkeit haben, wirtschaftlich vorzugehen als eine wirtschaftliche
Assoziation.
Rudolf Steiner: Sie würde dadurch geschaffen werden, daß alles das,
was Papiergeld, Geldsurrogat ist, sich sehr ähnlich werden würde.
Die großen Verschiedenheiten von heute sind ja nur durch willkür-
liche Maßregeln hervorgerufen. Also die Staatsbanknoten und alle
anderen Arten von Geldsurrogaten würden einander viel ähnlicher
werden. Man würde ein einheitliches Geld haben, und für dieses
wäre es ziemlich gleichgültig, aus was es bestehen würde; denn es
bekommt dann am Ende seines Prozesses einen rein nominalistischen
Charakter; und indem es wiederum zurückgeführt wird, bekommt es
einen metallistischen Charakter, den es am Anfang haben müßte. Die
Währung würde etwas sein, was im fortwährenden Fluß wäre, die aber
ganz angepaßt wäre der Eigentümlichkeit des volkswirtschaftlichen
Prozesses.
Frage: Haben Sie nicht früher auch einmal die brauchbaren Produktionsmittel als
Währungsgrundlage gepriesen?
Rudolf Steiner: Fragen wir uns: Was gibt denn nun innerhalb eines
solchen Zeitraumes, in dem dieser Umschwung für ein bestimmtes
Geld stattfindet, dafür den Geltungswert? Ihn gibt dasjenige, was an
brauchbaren Produktionsmitteln da ist. Nehmen Sie an, es ist sehr
wenig an brauchbaren Produktionsmitteln da, so wird die Sache sehr
schnell umgesetzt werden müssen. Es wird sich überall Geld stauen,
es wird überall Kaufgeld zurückgehen durch wenige Produktions-
mittel und so weiter. Wenn aber viel brauchbare Produktionsmittel
da sind, so wird der Umlauf ein anderer sein, und es wird dadurch
diesem Geld ein erhöhter Wert anhaften. Auf diese Weise bekommen
wir die Währung heraus durch die brauchbaren Produktionsmittel.
Frage: Müßte etwas Stabiles als Stoff genommen werden wie Gold?
Rudolf Steiner: Das kann nicht der Fall sein, und wenn es der Fall
ist, so übt es sich aus in dieser Buchhaltung selber. Das ist das
Wesentliche, daß der ganze Geldverkehr übergeht in eine Führung
der Buchhaltung. Statt daß Sie einen Posten von der Aktiv-Seite auf
die Passiv-Seite hinübersetzen, geben Sie das Geld hinüber.
Einwand: Es dürfte nicht Gold sein, weil die Entwertung dadurch umgangen werden
könnte, daß zuletzt das Gold zurückbehalten würde.
Rudolf Sfeiner: Wenn ein Käufer für das Gold da ist. Der müßte
da sein, das heißt, es müßte der Kauf vorteilhaft sein. Man würde
dann extra noch die unnötige Kalkulation machen müssen. Ja, die
würde einem nichts helfen. Wenn man zum Beispiel einen Schmuck-
gegenstand daraus machen würde, würde man damit betrügen können.
Diese Dinge muß man nur zum Zweck der Volkswirtschaft selber
bedenken. Sie werden, wenn Sie die Dinge zusammenhalten, werten
können das, was heute wirklich nur auf Grundlage einer partiellen
Beobachtung und einer unzureichenden Spekulation in der Behand-
lung der Volkswirtschaftslehre steht. Es sind immer unzureichende
Methoden und mangelhafte Beobachtungen da.
Rudolf Steiner: Sie meinten, die Schweiz wäre zu früh in die Welt-
wirtschaft übergegangen, denn es hätte sich gezeigt, daß ihr das nicht
gut bekommen wäre? Das kann man nicht sagen, weil die Schweiz
nicht auf naturgemäßem Wege die Probe auf die weltwirtschaftliche
Richtigkeit ihrer Wirtschaft hat machen können. Denn dasjenige, was
Sie jetzt «Wohlwollen» der Nachbarstaaten nennen, ist auf unnatür-
liche Weise durch den Krieg herbeigeführt worden. Hätte sie sich
weiter entwickeln können wie bis zum Jahre 1914, so wäre ihr das
nicht zum Nachteil ausgeschlagen, sondern sie würde sich schon weiter
entwickelt haben. Natürlich würden sich dieselben Schäden ergeben
haben, die sich damals nach und nach zeigten, die dahin tendierten,
daß man auf friedlichem Wege in das Assoziative hätte hineinsegeln
müssen. So wie die Sache jetzt liegt, muß man sagen, kommt ja
außerordentlich wenig auf die Schweiz an. Denn jetzt haben wir es in
der Welt zwar mit der Tendenz zur Weltwirtschaft zu tun, aber mit
ihrer fortwährenden Störung durch die politischen Intentionen der
Volkswirtschaftsgebiete, die sich mit dem nationalen Bestreben ge-
deckt haben. Was heute die Weltwirtschaft stört, sind die politischen
Intentionen. Die Politik hat begonnen, alles wiederum zurück-
schrauben zu wollen auf die Volkswirtschaft. Wir können da nicht
die Schweiz als Illustration benützen, weil sie politisch zu machtlos
ist. Ab und zu gestattet man der Schweiz mitzureden, wenn man
weiß, daß sie das sagen wird, was man gesagt haben will - die
Schweiz sagt auch das, was man gesagt haben will.
Also die Schweiz kann da nicht als Exempel gelten, aber Amerika,
das entschieden hinführt auf eine volkswirtschaftliche Gestaltung und
auf eine Hemmung der weltwirtschaftlichen Gestaltung - es könnte
auch sein, daß es unter Umständen sehr schwer werden würde, diese
Tendenz Amerikas zur volkswirtschaftlichen Gestaltung zu über-
winden. Dagegen würde auf einem solchen Gebiet, das so ein-
gerichtet ist wie England heute, das im Grunde genommen nur eine
Pseudo-Volkswirtschaft, in Wirklichkeit eine Weltwirtschaft hat, die
Tendenz zur Weltwirtschaft sich entfalten können. Denn hier haben
Sie England, drüben Indien, Südafrika, Australien und so weiter. Was
volkswirtschaftlich verbunden ist, das liegt alles im Grunde genom-
men über die ganze Welt hin. Dadurch hat zwar England nicht zu-
gleich die Wirtschaft der ganzen Welt, aber es hat die in der ganzen
Welt notwendigen Wirtschaftsarten, Wirtschaftserfordernisse, die es
synthetisch zusammenfassen muß, in etwas, was qualitativ den Geist
der Weltwirtschaft annehmen muß. Das ist dasjenige, was in dem
Fortgang der wirtschaftlichen Entwickelung ganz notwendig zur
Weltwirtschaft führen muß. Und dem wird sich mit der Zeit auch
die Politik Nordamerikas fügen müssen; denn die Wirtschaft wird
einfach ihre ganz gewaltigen Anforderungen an die harten Köpfe
der Menschen stellen, und sie werden sich der Weltwirtschaft fügen
müssen. England könnte gar nicht vorwärtskommen, wenn es nun
auch fortführe, in dem bloß volkswirtschaftlichen Sinn zu arbeiten.
Sie müssen also den eigentlichen Antagonismus suchen zwischen
England und Amerika. Die Schweiz ist gar nicht maßgebend.
Frage: Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Stein in der Krone von England in
seinem Wert nur durch die menschliche Arbeit, nicht durch seine Seltenheit erklärt
werden könnte.
Einwände werden genannt, die gegen die Dreigliederung erhoben werden: Es sei unmöglich,
die Trennung der drei Glieder durchzuführen. Aufgabe der Dreigliederung könnte es
nicht so sehr sein, aufzubauen, als vielmehr negativ dort, wo schädliche Einwirkungen
der drei Gebiete aufeinander bestehen, diese voneinander zu trennen und darin die
Arbeit bewendet sein zu lassen. Besonders unter den Grenzen der drei Gebiete könnte
man sich gar nichts vorstellen. Das Wirtschaftsleben würde dadurch beschränkt auf
das, was man Technik nennt.
Frage: Das Gewinnstreben wurde im zehnten Vortrag mit der Masse im physikali-
schen Sinne verglichen. Kann man die Analogie so erweitern, daß man die Arbeit eine
Funktion zwischen dem Verkehr und dem Gewinnstreben sein läßt?
Frage: Entspricht der Wert des Steines in der Krone von England der Spannung
zwischen ihm und dem Luxusbedürfnis?
Rudolf Steiner: Sie erklären, nur durch anderen Verlauf der Dinge,
die Sache gerade so: Denn die Spannung, die durch den Konsum
entsteht, ist immer die Spannung zwischen der Bearbeitung von
Naturprodukten und dem Wert, den die Arbeit bekommt durch die
geistige Organisation. Bei so etwas, wie bei dem Stein in der Krone
von England, muß man ja zunächst wirklich nicht einseitig von seinem
Werte sprechen. Ich bitte Sie: was ist der denn eigentlich wert? Er
ist eigentlich nur etwas wert in einer ganz bestimmten, und zwar von
einer bestimmten Geistigkeit durchsetzten Wirtschaftsordnung, durch
die Meinung, das heißt durch den Geist. Man kann gar nicht davon
sprechen, daß er «diesen Wert» an sich hat, sondern nur, daß er etwas
wert ist durch die Meinung, die sich an ihn heftet. Würde man, wenn
man ihn nun kaufte für das, was der Verkäufer verlangt, den Ver-
käufer in die Lage versetzen, soviel bearbeiten zu lassen, als er durch
das, was er bekommt, bearbeiten kann, so wäre durch so etwas, wie
bei einer Lawine, eine ganze Arbeitsorganisation entstanden. So
wenig Sie in der Physik etwas anderes als die gegenseitigen Be-
ziehungen in Rechnung zu ziehen brauchen, wenn Sie von einem
kleinen Schneeball sich eine Lawine formieren lassen - dann brau-
chen Sie die Formel nicht zu ändern -, ebensowenig braucht man die
Formel in der volkswirtschaftlichen Betrachtung dadurch zu ändern,
daß einmal solche besonderen Verhältnisse entstehen, unter denen,
rein äußerlich angesehen, Tatsachen geschaffen werden wie diese, daß
ein Seltenheitsprodukt äquivalent ist einer Riesenarbeitsleistung. Das
ist nur durch den volkswirtschaftlichen Zusammenhang so.
HINWEISE
Textgrundlagen: Die Ausführungen Rudolf Steiners sowie die Fragen und Voten der
Teilnehmer wurden von Georg Klenk, München, mitstenographiert und in Klartext
übertragen. Dieser ist an manchen Stellen lückenhaft. Offensichtliche Lücken sind im Text
durch Punkte gekennzeichnet.
Werke Rudof Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
Zu Seite:
9 Die «Kernpunkte»: Rudolf Steiner «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» (1919), GA Bibl.-Nr. 23.
10 Justinian, 527-565, Kaiser von Ostrom. Schloß die Philosophenschule von Athen
529 und ließ durch eine Reihe hervorragender Juristen das römische Recht kodifi-
zieren, 533/34.
17 wo einer sich auf ein Tretrad stellt: Siehe «Nationalökonomischer Kurs», G A Bibl:-
Nr. 340, 2. Vortrag, S. 31
die Arbeit könne aus dem Grunde nicht maßgebend für den Preis sein: Diese Auffassung
entspringt der Grenznutzenschule, die auch nach ihren Hauptvertretern, Böhm-
Bawerk, Wieser u.a. die österreichische Schule der Nationalökonomie genannt
wird. Sie erklärt alle ökonomischen Prozesse aus der Psychologie des Nutzens nach
dem Ausgleichsgesetz des Grenznutzens, so daß nicht die objektiven Verhältnisse
der Arbeitsbetätigungen, sondern die Nutzenschätzungen der Ergebnisse der
Arbeit für die Befriedigung der Bedürfnisse die Grundlage für die Preise bilden.
20 Hs gibt sogar diese Definition: Derartiges wird vom Gesichtspunkt des antisozialen
Selbstversorgerstandpunktes aus behauptet. Dieser egoistische Anspruch ignoriert
das aller Wirtschaft zugrundeliegende gesellschaftliche Prinzip der Arbeitsteilung.
22 In der geschichtlichen Methode nenne ich das die symptomatologische Betrachtung: Grund-
legend für eine solche Betrachtungsweise sind die Vorträge «Geschichtliche Symp-
tomatologie», G A Bibl.-Nr. 185.
25 Insofern das Kapitel Rentencharakter trägt: Die Bereicherung des Staates durch Geld-
entwertung trägt Rentencharakter. Um dies zu verstehen, muß man davon ausge-
hen, daß eine Rente für den Empfänger ein arbeitsloses Einkommen ist und für
den Zahler derselben ein Opfer, ein Geschenk. Auf die Gesamtvolkswirtschaft
übertragen, ergibt sich im Falle der Geldentwertung, daß der Staat die Beamten
mit einem staatlich geschaffenen Geld bezahlt, seine Schulden mit eben diesem
Geld zurückbezahlt usw. Insofern bezieht der Staat durch den Trick der Geldent-
wertung eine Rente. Sie wird unfreiwillig gezahlt und steht außerhalb der Legitimi-
tät, im Gegensatz zu den Steuern, die man als legitim an den Staat gezahlte Renten
bezeichnen kann.
27 Begriff der physikalischen Arbeit: Die Frage, wie man den Massebegriff oder den
Gewichtsbegriff in die volkswirtschaftliche Betrachtungsweise einführen kann,
beantwortet Rudolf Steiner im Nationalökonomischen Kurs, 10. Vortrag, S. 144 ff.
Es wird dort gezeigt, daß der «Gewinn» im weitesten Sinne das den volkswirt-
schaftlichen Prozeß antreibende Schwergewicht bildet.
34 daß die Unterscheidung in Hand- und Kopfarbeit eigentlich nicht berechtigt ist: Siehe
«Nationalökonomischer Kurs», 2. Vortrag, S. 32; 6. Vortrag, S. 85f.
45 Das kommt noch in den nächsten Tagen %ur Behandlung: Siehe «Nationalökonomischer
Kurs», 13. Vortrag.
75 in welcher Weise man ... die Lohnfrage behandelt: Siehe «Nationalökonomischer Kurs»,
7. Vortrag, S. 96ff.
78 Jubeljahr: Nach dem Mosaischen Gesetz war jedes 7. Jahr ein Sabbathjahr, in dem
das Land brach liegen mußte. Nach Ablauf von 7 Sabathjahren, also nach 49 Jah-
ren, wurde der Anbruch des 50. Jahres jeweils durch Posaunen (hebr. jobel =
Widderhorn, Posaune) verkündet. Siehe 3. Mos. 25,8-16, 23-55; 27,16ff.; 4. Mos.
36,4. Im Jubeljahr wurden alle Schulden erlassen, alle hebräischen Knechte freige-
lassen und veräußerte Grundstücke außerhalb der Städte an den ursprünglichen
Besitzer zurückgegeben. - Abweichend von der hier angegebenen Spanne von
70 Jahren begründet Rudolf Steiner an anderer Stelle den alttestamentlichen
Rhythmus von 49 bzw. 50 Jahren mit dem Bestehen kosmisch-menschlicher
Zusammenhänge; siehe hierzu «Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hinter-
gründe der menschlichen Geschichte», G A Bibl.-Nr. 170, 2. Vortrag.
81 was ich gestern beschrieben habe: Siehe «Nationalökonomischer Kurs», 12. Vortrag.
88 die Gleichung O = g • O: Sie stellt einen Grenzfall dar für den Fall, daß eine Ware
nach ihrer Herstellung nicht sogleich in die Zirkulation übergeht, sondern unmit-
telbar nach der Fertigstellung an einen Käufer abgegeben wird. Der Verkauf ist
der Endpunkt eines zirkulatorischen Weges, der mit einer gewissen Geschwindig-
keit durchlaufen wird. Letztere wird aus den Gewinnimpulsen der Fabrikanten und
Händler aus Gründen der Arbeitsteilung bewirkt. Fällt bei einer Ware diese
Zirkulationszeit aus, dann gibt es keinen Gewinn, denn es wird die Ware ohne
Produktionsumwege hergestellt und ohne Dazwischentreten eines Händlers unmit-
telbar abgesetzt.
PERSONENREGISTER
für Band I (Kurs) und Band II (Seminar)
Die in den Vorträgen bzw. Besprechungen verwendeten Leitbegriffe lassen sich teil-
weise schwer gegeneinander abgrenzen und überschneiden sich vielfach. Dies ist nament-
lich bei den Stichworten Geld u n d Kapital, Boden und Natur, Preis u n d Wert der Fall.
Spezialbezeichnungen wie Bodenertrag, Bodenrente, Leihkapital, Schenkungskapital
usw., sind unter die entsprechenden Hauptbegriffe, also Boden, Kapital usw., auf-
genommen. Die mannigfachen Aussagen über volkswirtschaftliche Begriffsbildung,
Denkmethodik sowie Unzulänglichkeit der konventionellen Volkswirtschaftslehre sind
unter dem Stichwort Wirtschaftswissenschaft zu finden.
Arbeiterschulung I : 80 f.
England I : 9 - 1 2 , 76, 133, 134f., 136, 139, 159f.; I I : 66, 67, 72, 85
wirtschaftliche Verhältnisse im 19. Jahrhundert im Vergleich mit
Deutschland I: 9-12, 133
Kolonien I : 10, 139; I I : 72
Gegensatz zur mitteleuropäischen Wirtschaft I : 12-14
Hypothekargesetzgebung 1: 76
Burenkrieg, Opiumkrieg I : 134 f.
Umwandlung von Handelskapital in Industriekapital I: 133, 136
erzwang Goldwährung I : 159; I I : 66
Schwankungen der Getreidepreise im 1 5 . - 1 6 . Jahrhundert I I : 67
Tendenz zur Weltwirtschaft I I : 85
Erbschaften I : 92 f.
Ernährung I: 166-169
Frankreich I: 131 f.
Geld I: 57-66, 97, 105, 116f., 124, 138, 141-143, 163-165, 171-184, 199-213;
II: 12, 72f., 77-83
Ausdruck für erwirtschafteten Wert 1: 57, 203
Mittel für den Geist, in den volkswirtschaftlichen Organismus einzugreifen I: 58 f.
Geist bestimmt Wert des Geldes I: 63, 176
Divisions Verhältnis von Ware zu Geldwert I: 63-66
dient dem Austausch von Erzeugnissen I: 97, 173 f.
Steigen und Fallen des Geldwertes 1: 105
als Rechtsfaktor I: 116 f.
undurchschaubare Prozesse I: 124
Zirkulation vom Menschen losgelöst I: 138
Entstehung aus der Ware I: 141-143
Notwendigkeit der Abnutzung in Äquivalenz mit den Wirtschaftsgütern I: 163-165
herkömmliche Merkmale I: 171 f.
erhält seinen Wert erst durch die Zirkulation I: 172
unterschiedlicher Wert von Kaufgeld und Leihgeld I: 172-184
Leihgeld geht in Schenkungsgeld über I: 176-178
altes und junges Geld I: 179-184, 199-202; II: 77-80
Geld als Weltbuchhaltung I: 202-209; II: 81-83
Zwischenhandel mit Geld 1: 203
Ausdruck für Summe der gebrauchten Produktionsmittel I: 206, 210; II: 82
Greshamsches Gesetz II: 12
Stoffgeld, Funktionsgeld II: 72f., 82f.
behält als Kaufgeld denselben Wert II: 77
Großbazare II: 50
Gymnasium II: 22
Imperialismus I: 138 f.
Indien I: 10, 13; II: 85
Kernpunkte der sozialen Frage, Die I: 79, 82, 91, 95, 153, 200, 211; II: 9,15, 74
Kriegsindustrie II: 53 f.
Landwirtschaft I: 18f., 100-105, 125£; II: 42, 45, 48f., 73
Randgebiet der Wirtschaftslehre I: 18 f.
Einfluß auf Preistendenz I: 100£, 103
Selbstversorger I: 101, 105; II: 42, 45, 48
scheinbarer Verlust beim Roggen I: 125 f.
Verhältnis zur Industrie II: 45
in landwirtschaftlichen Zusammenhängen hat das Geld die ihm von den Metallisten
zugeschriebene Funktion II: 73
Leihen I: 58-63, 90f.; siehe auch: Kapital
Liberalismus I: 11, 156; II: 11
Heraufkommen in Deutschland 1:11
Unfreiheit des Geisteslebens I: 156
Abkehr von der rein liberalistischen Anschauung II: 11
Merowingerreich I: 156
Natur I : 26ff., 5 3 - 6 5 , 67, 106, 140, 172, 187ff., 205; siehe auch: Boden
Umwandlung durch Arbeit I : 26ff., 67, 106, 187 ff.
Emanzipation des Kapitals von der Naturgrundlage 1: 56
Naturprodukt als solches hat noch keinen Wert I : 29f., 5 3 - 6 5 , 140, 172, 187
alle wirtschaftliche Leistung geht auf die Natur zurück I: 205 f.
Nominalisten I I : 73, 82
Opiumkrieg I: 35
Parlament I I : 87 f.
Patente I : 118
Physiokraten 1: 165f.
Staat I : 80, 134-136, 157, 159, 182; II: 24f., 81; siehe auch: Politik
darf nicht Arbeitseinsatz regeln 1: 80
maskiert Machtpolitik als Recht 134-136
bläht sich auf I: 157, 159
verursacht Wertkonfusion I: 82
rentenbildende Wirkung der Inflation für den Staat II: 24 f.
muß aus dem Geldwesen ausgeschaltet werden II: 81
Statistik II: 21 f., 23f.
Steuer I: 181
Unternehmer I: 98, 102, 105, 107 f., 114, 119; II: 11, 75; siehe auch Kapital, Pro-
duktion, Produzentenzahl
Unternehmergewinn I: 98, 119
Tendenz, das Kapital zu entwerten I: 102
Hineinspielen des freien Willens I: 105
Unternehmerkapital I: 107f.; II: 75
Preisgleichung des Unternehmers I: 114
hätten sie freie Hand, würde das eherne Lohngesetz gelten II: 11
Valutaentwertung I: 14f., 21; II: 24, 64-68, 70; siehe auch Geld, Währung
würde durch Dreigliederung verhindert I: 14f.
bewirkt Umschichtung der Menschen 1: 21
bestimmt durch alte Staatsbegrenzung 1: 21
rentenbildende Wirkung für den Staat II: 24 f.
verschiedene Ursachen II: 64-68
tiefste Ursache geht auf moralische Zusammenhänge zurück II: 70
Währung I: 159, 210f.; II: 66, 80-83; siehe auch Geld, Valutaentwertung
Goldwährung durch England erzwungen I: 159; II: 66
statt Goldwährung Naturwährung I: 210f.
Goldwährung nicht notwendig II: 81-83
Summe der brauchbaren Produktionsmittel als Grundlage II: 80, 82
Wert I: 28-37, 70-76, 97, 106, 185f., 204; II: 18, 30-33, 51-57; siehe auch Preis
entsteht durch Umwandlung des Naturproduktes durch Arbeit I: 28-37, 106. 204;
II: 18, 33
im Kauf und Verkauf Austausch von Werten, nicht von Gütern I: 33-37, 97
Entwertung und wertbildende Spannung I: 70f.; II: 30-32, 51-57
Scheinwert durch Kapitalbindung an den Boden I: 72-76
Umlagerung von Werten durch Spekulation I: 185 f.
Kriegsindustrie zerstört Werte II: 53
Wirtschaftswissenschaft!: 15-22, 25-37, 38-40, 53, 65f., 91 f., 110E, 149-154, 155,
197f., 199-202, 211, 213; II: 9, 11-20, 34-39
bewegliche Begriffe statt Definitionen I: 15-22, 27, 38, 53, 65f.; II: 14, 19f., 34
Analogie mit physikalischem Spektrum I: 17-19, 36
Versagen der konventionellen Volkswirtschaftslehre!: 25ff., 36, 91 f., llOff., 155;
II: 9, 14
sowohl theoretisch wie praktisch 1: 39 f.
bildhafte Vorstellungen I: 149-154, 199f., 211, 213
biologische Analogien I: 151f., 154; II: 34-39
partielles und totales Denken I: 197f.; II: 20
weder rein induktive noch deduktive, sondern charakterisierende Methode II: 11-17,
19f.
rekurrierende Methode II: 18 f.
Begriff der wirtschaftlichen Handlung II: 28-32
«Anerkennung» keine volkswirtschaftliche Kategorie II: 28, 40
Notwendigkeit einer Methodologie II: 29
Zahlen - Leihen - Schenken I: 89-91, 128; siehe auch Geld, Kapital
Zahlungsbilanz II: 65 f.
Zins I: 72f., 84f., 95, 146-148, 200
sinkender Zinsfuß verbilligt Ware, verteuert Boden I: 72 f., 84 f.
hundert Prozent für Bodenbeleihung 1: 84f., 95
Ersatz für Gegenseitigkeit im Leihen I: 146-148
bis zu einem gewissen Grad notwendig 1: 200
Zollschranken II: 68
ANHANG
INHALTSÜBERSICHT
zum Band I
NATIONALÖKONOMISCHER KURS