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Bundestag: Eutscher Lo

Deutscher Bundestag 1958

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D eutscher Bundestag

lo. Sitzung
Bonn, den 12. Februar 1958

Inhalt:

Glückwünsche zu Geburtstagen der Abg. Frage 5 des Abg. Dr. Bucher: Strafverfah-
Diehl, Auge und Geritzmann 423 A ren gegen den Ministerialrat a. D.
Ziebell
Abg. Maucher tritt als Nachfolger des Abg. Dr. Dr. h. c. Erhard, Vizekanzler . . . 427 D
Dr. Brönner in den Bundestag ein . . . 423 A
Dr. Bucher (FDP) 428 B
Zur Tagesordnung:
423 C Frage 6 des Abg. Schmidt (Hamburg) : Be-
Rösing (CDU/CSU)
such des Generals Dr. Speidel im Ham-
burger Rathaus
Fragestunde (Drucksache 187)
Strauß, Bundesminister 428 D
Frage 1 des Abg. Ritzel: Streifen oder 429 B
Schmidt (Hamburg) (SPD)
Flächen an Fahrzeugen
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . 423 D Frage 7 des Abg. Schmidt (Hamburg) : Ein-
Ritzel (SPD) 424 B bau von Fernsehgeräten in Kraftfahr-
zeuge
Frage 2 des Abg. Gewandt: Bau eines Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . . 429 D
Nord-Süd-Kanals
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . . 424 D Frage 8 des Abg. Dewald: Gültigkeit der
Arbeiterwochenkarten
Frage 3 des Abg. Schmidt (Hamburg) :
Waffenhandel der Firma Schlüter, Ham- in Verbindung damit:
burg
Frage 15 des Abg. Ritzel:
Dr. Dr. h. c. Erhard, Bundesminister 426 A
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . 430 B
Schmidt (Hamburg) (SPD) 426 B
Dewald (SPD) 430 C
Frage 4 des Abg. Dewald: Errichtung von
Radarstationen und Raketenabschuß- Frage 9 des Abg. Dr. Ratzel: Beschaffenheit
rampen im Raum Miltenberg eines entwendeten radioaktiven Kupfer-
Strauß, Bundesminister 426 D stabs
Dewald (SPD) 427 B Dr.-Ing. Balke, Bundesminister . . . 430 D
II Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Frage 10 des Abg. Dr. Ratzel: Benutzung Große Anfrage der Fraktion der SPD betr.
radioaktiver Strahlenquellen in der ge- Anhebung der Verkehrstarife (Drucksache
werblichen Wirtschaft 136)
Dr.-Ing. Balke, Bundesminister . . . . 431 B In Verbindung damit:
Frage 11 des Abg. Seither: Wiederaufbau
Antrag der Fraktion der SPD betr. Erhöhung
der Rheinbrücke bei Germersheim
der Tarife im Berufsverkehr und der So-
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . . 432 C zialtarife (Drucksache 141 (neu]),
Frage 12 des Abg. Wittrock: Zulassung
Antrag der Fraktionen CDU/CSU, DP betr.
von Personen, die nach j 26 StGB aus
Verkehrstarife (Drucksache 185)
der Strafhaft entlassen sind, zum Staats-
examen Ritzel (SPD) (zur Geschäftsordnung) . 435 D
Dr. Schröder, Bundesminister . . . 432 D Schmidt (Hamburg) (SPD) 435 D, 468 D, 476 B
Wittrock (SPD) 433 A Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister . . 441 D
Frage 13 des Abg. Meyer (Wanne-Eickel) : Dr. Bleiß (SPD) 450 A, 473 C
Verbesserung des deutschösterreichi-
Brück (CDU/CSU) 456 A
schen Abkommens über Sozialversiche-
rung Junghans (SPD) 459 A
Blank, Bundesminister 433 B Müller-Hermann (CDU/CSU) . 462 C, 478 C
Frage 14 des Abg. Meyer (Wanne-Eickel) : Dr. Elbrächter (DP) 466 B
Rentenzahlungen an Rentnerwitwen Drachsler (CDU/CSU) 469 D
Blank, Bundesminister 433 C Dr. Starke (FDP) 471 C
Frage 16 des Abg. Riedel: Liederbuch für Dr. Bucerius (CDU/CSU) 474 C
die Bundeswehr
Ritzel (SPD) 477 B
Strauß, Bundesminister 434 A
Abstimmungen 477 D, 478 C
Frage 17 des Abg. Regling: Ausschrei-
bungs- und Lieferfristen bei der Bundes-
wehr Nächste Sitzung 478 C
Strauß, Bundesminister 434 C
Anlagen: Liste der beurlaubten Abgeord-
Regling (SPD) 435 B neten, Umdrucke 10 und 11 . . . 479 A, 479 C
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 423

10. Sitzung

Bonn, den 12. Februar 1958

Der Herr Bundesminister der Justiz hat unter dem 10. Februar
Stenographischer Bericht 1958 die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP betreffend
zivilrechtliche Ansprüche gegen Mitglieder diplomatischer Ver-
tretungen — Drucksache 146 — beantwortet. Sein Schreiben
wird als Drucksache 187 verteilt.
Beginn: 14 Uhr. Der Herr Bundesminister der Finanzen hat am 18. Januar 1958
über den Stand der anteiligen Erstattung der Verwaltungs-
kosten nach § 351 Abs. 3 LAG unter Bezug auf die Beratung
des Entschließungsantrags der Fraktion der SPD zur dritten
Lesung des Entwurfs des Haushaltsgesetzes 1957 — Um-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Die Sitzung druck 1153 der 2. Wahlperiode — in der 213. Sitzung des Deut-
schen Bundestags am 29. Mai 1957 berichtet. Sein Schreiben
ist eröffnet. ist als Drucksache 148 verteilt.
Der Vorstand des Personalgutachterausschusses für die Streit-
Meine Damen und Herren, vor Eintritt in die kräfte hat unter dem 6. Dezember 1957 einen Bericht über
Tagesordnung spreche ich Glückwünsche aus dem seine Tätigkeit übersandt, der als Drucksache 109 verteilt ist.
Der Herr Bundesbeauftragte für Wirtschaftlichkeit in der Ver-
Herrn Abgeordneten Diel zum 60. Geburtstag, waltung hat unter dem 20. Januar 1958 im Anschluß an sein
Schreiben vom 29. Dezember 1957 ein weiteres Gutachten über
(Beifall) die Organisation der Deutschen Bundespost, zweiter Teil, Teil-
band 3 ,,Das Sozialamt der Deutschen Bundespost" übersandt,
dem Herrn Abgeordneten Auge zum 60. Geburts- das im Archiv zur Kenntnisnahme ausliegt.

tag Wir treten in die Tagesordnung ein. Dazu hat


(Beifall) der Abgeordnete Rösing das Wort.
und dem Herrn Abgeordneten Geritzmann zum
65. Geburtstag. Rösing (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
(Beifall.) Damen und Herren! Namens der Koalitionsfraktio-
nen bitte ich, den Antrag betreffend Verkehrstarife
Für unseren verstorbenen Kollegen Dr. Brönner — Drucksache 185 — als Punkt 2 c auf die heutige
ist mit Wirkung vom 30. Januar 1958 der Abgeord- Tagesordnung zu setzen.
nete Maucher in den Bundestag eingetreten. Ich be-
grüße den uns ja bekannten und vertrauten Kol-
legen wieder in unserer Mitte und wünsche ihm Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Sie haben
den Antrag gehört. — Das Haus ist einverstanden;
eine gute Mitarbeit.
der Antrag Drucksache 185 ist damit als Punkt 2 c
Die übrigen amtlichen Mitteilungen werden ohne auf die Tagesordnung gesetzt.
Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge-
nommen: Ich rufe Punkt 1 auf:
Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
18. Januar 1958 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Metzger, Fragestunde (Drucksache 178).
Dr. Kopf und Genossen betreffend Zollfreie Einfuhr von Kaffee
und Tee im Reiseverkehr — Drucksache 118 — beantwortet. Frage 1 — des Herrn Abgeordneten Ritzel — be-
Sein Schreiben ist als Drucksache 147 verteilt.
Der Herr Bundesminister des Auswärtigen hat unter dem
treffend Streifen oder Flächen an Fahrzeugen:
20. Januar 1958 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Birkel- Ich frage den Herrn Bundesverkehrsminister, welche Gründe
bach, Frau Dr. h. c. Weber (Essen) und Genossen betreffend der baldigen Einführung lichtreflektierender Streifen oder Flä-
Erleichterung der Reisen von Flüchtlingen — Drucksache 91 — chen an Fahrzeugen aller Art entgegenstehen, deren Anbringung
beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache 161 verteilt. bei sich bewegenden und bei stehenden Fahrzeugen, vor allem
Der Herr Bundesminister des Auswärtigen hat unter dem bei Lastkraftwagen, zu einer wesentlichen Erhöhung der Sicher-
22. Januar 1958 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Frau heit im Straßenverkehr beizutragen vermöchte.
Dr. Rehling, Erler und Genossen betreffend Kulturelle Zusam-
menarbeit im Rahmen des Europarates — Drucksache 93 — be- Zur Beantwortung hat der Herr Bundesminister
antwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache 164 verteilt. für Verkehr das Wort.
Der Herr Bundesminister des Innern hat unter dem 28. Januar
1958 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Erler, Frau Dr. Reh-
ling und Genossen betreffend Kultureller Austausch zwischen
den Mitgliedern des Europarates — Drucksache 89 — beant- Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
-

wortet. Sein Schreiben ist als Drucksache 169 verteilt. Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die
Der Herr Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und
Kriegsgeschädigte hat unter dem 7. Februar 1958 die Kleine Fragen der rückwärtigen Sicherung der Fahrzeuge
Anfrage der Fraktion der SPD betreffend Spätaussiedlung
—Drucksahe79—beantworet.Sin chreibnstalDruck-
werden auf internationaler Ebene beraten und die
sache 179 verteilt. Beratungsergebnisse in unsere Vorschriften über-
Der Herr Bundesminister für Verkehr hat unter dem 9. Februar
1958 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr.-Ing. E. h. Arnold,
nommen, soweit sie nicht für unsere Verhältnisse
Dr. Fritz (Ludwigshafen), Leicht und Genossen betreffend Ver- unpassend sind.
besserung des Berufsverkehrs der Deutschen Bundesbahn im
Zusammenhang mit der Erhöhung der Sozialtarife — Druck-
sache 249 — beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 180
Zur rückwärtigen Sicherung der Fahrzeuge sind
verteilt. Schlußleuchten und Rückstrahler vorgeschrieben.
Der Herr Bundesminister für Verkehr hat unter dem 10. Februar
1958 die Kleine Anfrage der Fraktion der SPD betreffend Aus-
Beide müssen nach § 22 Abs. 3 und Abs. 4 der
bau der deutsch-dänischen Straßen- und Seeverbindung von Straßenverkehrszulassungsordnung in amtlich ge-
Lübeck nadi Laaland (,Vogelfu ine")—Drucksahe15—
beantwortet. Sein Schreiben wird als Drucksache 186 verteilt. nehmigter Bauart ausgeführt und mit einem amtlich
424 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Dr.-Ing. Seebohm
vorgeschriebenen und zugeteilten Prüfzeichen ver- lichen Sicherung dieser Art auszurüsten, statt sich
sehen sein. Schlußleuchten und Rückstrahler in vor- nach der Minderheit zu richten und damit alles in
schriftsmäßiger Beschaffenheit reichen im allge- einem Zustand ungenügenden Schutzes zu belassen?
meinen für die rückwärtige Sicherung der Fahrzeuge Sind Proben unter Verwendung von Materialien —
aus, zumal besonders die Schlußleuchten in den etwa von Emaille oder Lack — gemacht worden,
letzten Jahren wesentlich verbessert worden sind. die die Feststellung erlauben, daß es sich hier
Dennoch ist auf meine Veranlassung auf inter- wirklich um keine nützliche Anregung handelt?
nationaler Ebene in der Arbeitsgruppe Kraftfahr-
zeugtechnik der Wirtschaftskommission für Europa Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
-

in Genf geprüft worden, ob eine zusätzliche rück- Solche Proben werden laufend von dem Lichttechni-
wärtige Sicherung der Kraftfahrzeuge und Anhänger schen Institut in Karlsruhe gemacht, und die Ergeb-
durch rückstrahlende Streifen .oder Flächen an Fahr- nisse sind eben nicht so, Herr Kollege Ritzel, daß
zeugen im Interesse der Verkehrssicherheit anzu- man sagen könnte, die Mittel, die Sie in Ihrer
streben oder wegen der grundsätzlich entgegen- Frage ansprechen, seien ohne weiteres so viel
stehenden unerwünschten Vermehrung von Licht- besser als die Rückstrahler oder Rückleuchten, die
zeichen im Verkehr abzulehnen ist. Die zuständigen wir in den letzten Jahren entwickelt haben. Zwei-
Stellen des Auslandes halten eine zusätzliche rück- fellos ist es so, daß wir uns bemüht haben, die best-
wärtige Kenntlichmachung der Fahrzeuge nicht für mögliche Lösung zu übernehmen. Auf der anderen
erforderlich. Seite sollte man aber nicht zwangsweise Einrich-
tungen schaffen, bei denen die Meinung der Öffent-
Sollte tatsächlich ein Bedürfnis nach einer noch
lichkeit und auch der untersuchenden Institute über
wirksameren rückwärtigen Kenntlichmachung der
die Frage, ob diese Einrichtungen nun wirklich
Fahrzeuge bestehen oder sich in Zukunft ergeben,
besser sind als die bisher verwendeten, noch nicht
so würde in Übereinstimmung mit der internatio-
einheitlich ist.
nalen Auffassung statt einer zusätzlichen Kenntlich-
machung durch rückstrahlende Mittel eine weitere
Verbesserung der schon vorgeschriebenen Einrich- Ritzel (SPD) : Eine letzte Zusatzfrage?
tungen, also der Schlußleuchten und Rückstrahler,
vorzusehen sein. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Letzte Zu-
satzfrage!
Nur bei Nebel ist eine wirksamere rückwärtige
Sicherung der Fahrzeuge dringend erwünscht. Hier Ritzel (SPD) : Sind Sie bereit, Herr Bundesver-
helfen aber weder rückstrahlende Mittel noch die kehrsminister, in dem Fachausschuß für Verkehrs-
üblichen Rückstrahler aus Glas, die ohnehin nur fragen einmal darzulegen, wieviel Unglücksfälle auf
Ersatz für den Fall sind, daß die Schlußleuchten den Zustand zurückzuführen sind, daß Lastkraft-
versagen. wagen von anderen Lastkraftwagen oder von Per-
sonenkraftwagen von hinten gerammt wurden?
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- Sind Sie weiter bereit, dem Verkehrsausschuß dar-
frage! zulegen, welche wirklichen Gründe der Einführung
der vorgeschlagenen Regelung entgegenstehen?
Ritzel (SPD) : Darf ich fragen, Herr Bundesver-
kehrsminister, ob die Meinung des Auslandes, auf
die Sie wiederholt Bezug nehmen, im Hinblick auf Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
-

die Möglichkeit, den Straßenverkehr besser zu Ich bin gerne bereit, im Verkehrsausschuß dazu
sichern, für uns zwingend ist oder ob das Bundes- Rede und Antwort zu stehen. Ich muß allerdings
verkehrsministerium gegebenenfalls auch nach dem bemerken, Herr Kollege Ritzel, daß uns die Unfall-
Beispiel des Auslandes — beispielsweise Frank- statistik leider keine Möglichkeit gibt, diese Frage
reichs — den Mut aufbringen wird, eine eigene in der Form, wie Sie sie in Ihrer ersten Zusatzfrage
Lösung zu entwickeln? gestellt hatten — auf die zweite bin ich ja soeben
eingegangen —, präzise zu beantworten. Leider gibt
Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
-
uns die Statistik nicht den genügenden Aufschluß
Wir scheuen nicht davor zurück, eigene Lösungen darüber.
herbeizuführen, Herr Kollege Ritzel. Aber im all-
gemeinen empfiehlt es sich, Regelungen, die inter- Ritzel (SPD) : Danke sehr.
national gelten, bei uns einzuführen, weil ja auch
zahlreiche ausländische Fahrzeuge auf unseren Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 2 des
Straßen verkehren. Diese Fahrzeuge verwenden Herrn Abgeordneten Gewandt betreffend Bau eines
natürlich nur international vorgeschriebene Einrich- Nord-Süd-Kanals:
tungen. Ist dem Herrn Bundesverkehrsminister bekannt, daß zur Ver-
hinderung einer weiteren Verschlechterung der durch die Spal-
tung Deutschlands beeinträchtigten Hinterlandverbindungen des
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Noch eine Hamburger Hafens der Bau eines Nord-Süd-Kanals von der
Zusatzfrage? Hamburger Wirtschaft angeregt wurde?
Hat das Bundesverkehrsministerium das Nord-Süd-Kanal-
Projekt bereits geprüft?
Ritzel (SPD) : Ist es nicht besser, Herr Bundes- Beabsichtigt das Bundesverkehrsministerium in absehbarer Zeit
verkehrsminister, wenigstens den größten Teil der den Bau des Nord-Süd-Kanals vorzuschlagen?

auf den bundesdeutschen Autobahnen und Land- Die Frage wird vom Bundesminister für Verkehr
straßen verkehrenden Fahrzeuge mit einer zusätz- beantwortet.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 425

Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:


- gültig Stellung zu nehmen. Wir müssen uns viel-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die An- mehr mit genau derselben Aufmerksamkeit auch
regung aus Kreisen der Hamburger Wirtschaft, den anderen Lösungsmöglichkeiten zuwenden. Da-
einen Nord-Süd-Kanal zur Verbindung von Ham- her ist zunächst der Ausbau der Staustufe Geest-
burg mit dem Mittellandkanal und dem Industriege- hacht in Angriff genommen worden, der bis zum
biet von Braunschweig zu bauen, ist seit längerer Jahre 1961 abgeschlossen sein wird. Dieser Ausbau,
Zeit bekannt und Gegenstand lebhafter Ausein- durch den die Elbe in einen Tidefluß und in einen
andersetzungen und Untersuchungen. Eine Reihe Mittellandfluß getrennt wird, ist Voraussetzung für
von Gutachten sind darüber auf Anregung des die Durchführung der drei zuerst genannten Was-
Kanalvereins, der sich gebildet hat, erstattet wor- serstraßenprojekte, also sowohl des Nord-Süd-
den, sowohl nach der verkehrlichen als auch nach Kanals als auch der Elbekanalisierung oder auch
der wasserwirtschaftlichen und landeskulturellen einer etwaigen späteren Kanalverbindung von der
Seite. Die Auffassungen sind jedoch in allen diesen Elbe zur kanalisierten Mittelweser. Erst nach Be-
Fragen keineswegs hinreichend geklärt und abge- endigung der sehr umfangreichen und aufwendigen
stimmt. Zur Zeit werden die Gutachten — wie z. B. Bauvorhaben im Raume von Geesthacht kann also
das bekannte Gutachten, das Professor Dr. Predöhl eines dieser Projekte weiter in Angriff genommen
von der Universität Münster in dieser Frage er- werden.
stattet hat — auf Grund neuerer Überlegungen Bei all diesen Überlegungen bitte ich zu beden-
auch wieder überarbeitet. Alle Vorschläge und ken, daß keine der vorgeschlagenen Wasserstraßen
Denkschriften sind in meinem Hause geprüft wor- verbindungen in der Lage ist, dem Hamburger
den. Aus diesen Prüfungen hat sich folgender Über- Hafen innerhalb kurzer Zeit eine entscheidende
blick ergeben. Hilfe zu gewähren. Der Hamburger Hafen ist durch
Der Anschluß des Hamburger Hafens an das die Zonengrenzziehung von seinem organischen
mitteldeutsche Kanalsystem ist auf verschiedene Hinterland und durch die Abschneidung der Elbe
Weise möglich, nämlich einmal durch den Bau bei Lauenburg von seiner natürlichen Flußverbin-
eines Nord-Süd-Kanals, zum anderen durch eine dung mit diesem Hinterland getrennt. Die Durch-
Kanalisierung der Elbe bis in die Gegend von führung eines der genannten Kanalprojekte wird
Magdeburg oder drittens durch eine Kanalverbin- nicht nur erhebliche Zeit für die Entwicklung der
dung von der Elbe bei Geesthacht nach der inzwi- Baupläne erfordern, sondern vor allem wird der
schen ausgebauten Mittelweser bei Drakenburg. Bau selber mehrere Jahre in Anspruch nehmen,
Auch sind Pläne bekannt, im Zuge der Oste eine selbst wenn die Finanzierung gesichert werden
Verbindung zwischen Unterweser und Unterelbe könnte. Der Bau des aus Kreisen der Hamburger
herzustellen, die dann über den ausgebauten Wirtschaft vorgeschlagenen Nord-Süd-Kanals wird
Küstenkanal eine entsprechende Verbindung zum — einschließlich der Vorbereitung der Baupläne —
ausgebauten Dortmund-Ems-Kanal gewährleisten sicherlich eine Gesamtbauzeit von etwa zehn Jah-
würden. Welche dieser vorgeschlagenen und je ren erfordern. Die dafür notwendigen Investitionen
nach Interessenlage mehr oder weniger nachdrück- in Höhe von mehreren hundert Millionen DM kön-
lich vertretenen Lösungen wirtschafts- -und ver- nen aber wohl nur verantwortet werden, wenn zu-
kehrsmäßig die günstigste ist, bedarf noch weiterer verlässig feststeht, daß auch zu dem Zeitpunkt der
gründlicher Untersuchungen. Beendigung der Arbeiten noch die gleichen wirt-
schaftlichen Voraussetzungen wie bei ihrer Auf-
Für diese Untersuchungen spielen u. a. die Frage nahme für die Amortisation und Verzinsung des
der Energieversorgung, beim Nord-Süd-Kanal die aufgewendeten Baukapitals gegeben sein werden.
Frage der Überquerung der neuentdeckten Erzlager-
stätten im Raume Gifhorn, die Frage der Landwirt- Auf die politischen Rückwirkungen, die sich durch
schaft und die Frage der Wasserwirtschaft eine sehr die Entscheidung für eines der genannten Projekte
wichtige Rolle. Auch sind die Untersuchungen über für das natürliche Hamburger Hinterland ergeben,
die Rentabilität der neuen Wasserstraßenverbin- möchte ich nur hingewiesen haben. Das gilt ins-
dungen und die Möglichkeit, sie zu finanzieren, besondere auch für den Ausbau der Wasserstraßen-
noch keineswegs abgeschlossen. Entscheidend bleibt verbindung zwischen Hamburg und Berlin, die durch
nur, daß nach der Lösung des internationalen Mosel- den Bau des Nord-Süd-Kanals keine Verbesserung
vertrages eindeutig die aufzuwendenden Wege- erfahren würde.
kosten für diesen Schiffahrtsweg von der Schiffahrt
selbst durch Abgaben getragen werden müssen, und Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 3 —
zwar nicht nur die Unterhaltungskosten, sondern des Herrn Abgeordneten Schmidt (Hamburg) — be-
auch die Kosten für Amortisation und Verzinsung trifft den Waffenhandel von Herrn Schlüter in Ham-
des aufgewendeten Kapitals. Dies ist auch im inter- burg:
nationalen Moselvertrag so festgelegt worden.
Hat der Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter seinen Han-
Diese Tatsache ist aber bei den verschiedenen Gut- del mit Handgranaten, Maschinengewehren, Maschinenpistolen
achten nicht hinreichend berücksichtigt worden. und der dazugehörigen Munition mit einer Genehmigung der
Bundesregierung nach Artikel 26 Abs. 2 GG betrieben?
Entsprechen Zeitungsberichte den Tatsachen, wonach Schlüter
Die Vielfalt der hier anfallenden Fragen und ihre für seine Geschäfte die Genehmigung des Bundesamtes für ge-
werbliche Wirtschaft hatte?
noch nicht abgeschlossene Vorklärung durch Gut-
achten und Untersuchungen machen es noch nicht Zur Antwort der Herr Bundesminister für Wirt-
möglich, zum Nord-Süd-Kanal-Projekt jetzt end- schaft.
426 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Dr. Dr. h. C. Erhard, Bundesminister für Wi rt Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine weitere
-schaft:HerPäidn!MDameuHrn! Zusatzfrage? — Bitte!
Ich beantworte die Anfrage wie folgt.
1. Der Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter Schmidt (Hamburg) (SPD) : Wie ich aus Ihren
hat von der Bundesregierung keine Genehmigung Antworten entnehme, Herr Minister, sind Sie an-
gemäß Art. 26 Abs. 2 GG zum Handel mit Hand- scheinend nicht im Besitz einer Ubersicht über das
granaten, Maschinengewehren, Maschinenpistolen Ausmaß des illegalen Handels mit Kriegswaffen
und der dazugehörigen Munition erhalten. Globale in Deutschland, insbesondere in deutschen Handels-
Genehmigungen zum Handel mit Kriegswaffen wer- und Hafenzentralen. Sind Sie oder ist die Bundes-
den nicht erteilt. Nach Art. 26 Abs. 2 GG werden
regierung bereit, dem Ausschuß für Inneres und
bestimmte, genau bezeichnete Einzeltatbestände ge-
dem Ausschuß für Verteidigung schriftlich lückenlos
nehmigt. Der Waffenhändler Otto Schlüter hat der-
Aufschluß darüber zu verschaffen, wem Sie Geneh-
artige Einzelgenehmigungen weder beantragt noch
migungen zum Waffenhandel im Sinne des Art. 26
erhalten.
Abs. 2 des Grundgesetzes erteilt haben?
2. Nach den bei der Bundesregierung vorhan-
denen Unterlagen ist der Firma Otto Schlüter GmbH
am 5. September 1955 von der zuständigen Landes- Dr. Dr. h. c. Erhard, Bundesminister für Wirt-
behörde, dem Amt für Wirtschaft und Verkehr in schaft: Die Bundesregierung wird alles unterneh-
Hamburg, eine Erlaubnis nach dem Waffengesetz men, um illegale Betätigungen zu unterbinden. Aber
vom 18. März 1938 zur Herstellung von Schußwaf- das ist ja das Wesen des Illegalen, daß es sich
fen und Munition sowie zum Handel damit erteilt außerhalb der Öffentlichkeit vollzieht, so daß man
worden. Diese Erlaubnis gilt nicht für Kriegswaffen. im Zweifelsfall von illegalen Vorgängen keine
3. Auf Grund der Devisenbewirtschaftungs- Kenntnis erhält. Die Bundesregierung hat jeden-
gesetze hat das Bundesamt für gewerbliche Wirt- falls nicht die geringste Veranlassung, dem zu-
schaft der Otto Schlüter GmbH Genehmigungen zur ständigen Ausschuß irgend etwas, was sie selber
Ausfuhr folgender Waffen erteilt: a) eine Pistole, weiß, zu verschweigen.
9 mm, nach Tunesien; b) drei Pistolen, Kaliber
6,35 mm und .22, nach Peru; c) 300 000 Pistolenpatro-
nen, 9 mm, nach Lybien. Diese Waffen sind keine Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 4 —
Kriegswaffen. Herr Abgeordneter Dewald — betreffend Errichtung
von Radarstationen und Abschußrampen für Rake-
4. Außerdem hat die Otto Schlüter GmbH 230 ten im Raume Miltenberg:
Militärkarabiner, die zu Jagdbüchsen umgearbeitet Ist der Bundesregierung bekannt, daß auf der Höhe 459 bei
waren, unter dieser Deklarierung ausgeführt. Durch Miltenberg am Main eine Radarstation und eine Abschußrampe
für Raketen errichtet werden soll, zu welchen Anlagen die Stadt
Runderlaß Außenwirtschaft Nr. 39/57 vom 25. Juli Miltenberg 13 Hektar Gelände abtreten soll?
1957 sind die umgearbeiteten Militärwaffen in die Ist der Bundesregierung ferner bekannt, daß der Stadtrat
Rüstungsmaterialliste, Abschnitt a, aufgenommen Miltenberg einstimmig die Errichtung dieser militärischen An-
lagen abgelehnt und seine Zustimmung zur Vermessung des
und damit der Kontrollpflicht des Art. 26 Abs. 2 des angeforderten Geländes verweigert hat?
Grundgesetzes unterworfen worden. Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um diesem ein-
mütig bekundeten Willen der Bevölkerung Miltenbergs Rech-
nung zu tragen? Kann die Bundesregierung die Versicherung
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- abgeben, daß die Errichtung solcher militärischer Anlagen nicht
nur im Raume Miltenberg, sondern auch im dichtbesiedelten
frage? — Bitte! Maintal und im Spessart unterbleibt?

Schmidt (Hamburg) (SPD) : Herr Minister, in der Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für
Annahme, daß Ihnen wie mir bekannt ist, daß der Verteidigung.
Herr Schlüter — offenbar ohne Ihre Genehmigung
— in sehr großem Umfang Kriegswaffen nach
Nordafrika verkauft und verschifft hat, stelle ich die Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Herr
Frage, ob Ihnen bekanntgeworden ist, wer hinter Präsident! Meine Damen und Herren! Ich beant-
den beiden Attentaten vermutet werden darf, die worte die Frage des Abgeordneten Dewald folgen-
in Hamburg auf Schlüter verübt worden sind und zu dermaßen.
dem Ergebnis geführt haben, daß ein Mensch das
Der Bundesregierung ist bekannt, daß die ameri-
Leben verlor und mehrere andere verletzt wurden.
kanischen Streitkräfte die Errichtung einer NIKE-
Ich darf die Frage qualifizieren: Liegen der Bun- Stellung westlich Miltenberg planen. Bei der NIKE-
desregierung Anhaltspunkte dafür vor, daß diese Waffe handelt es sich um eine Verteidigungswaffe,
Attentate in Hamburg auf den Waffenhändler Schlü- die wie die Flakartillerie nur der Flugabwehr dient.
ter ihre Anstifter vielleicht in uns verbündeten aus- Als reine Flugabwehrrakete gehört die NIKE-Rakete
ländischen Staaten finden? nicht zu den Mittelstreckenraketen, die als Boden-
(Oho-Rufe von der CDU/CSU.) Boden-Flugkörper Verwendung finden.
Dr. Dr. h. c. Erhard, Bundesminister für Wi rt Die vorgesehene Flugabwehrstellung bei Milten-
-schaft:IbeizdürknAhaltspue.Ic berg bildet einen Bestandteil des in der Bundes-
bin aber überzeugt, daß das Justizministerium, republik bereits gebauten bzw. in Bau oder in Pla-
wenn es über solche Anhaltspunkte verfügte, das nung befindlichen Flugabwehrnetzes der ameri-
Notwendige veranlaßt hätte. kanischen Streitkräfte.
Deutscher Bundestag - 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 427
Bundesverteidigungsminister Strauß
Da die Stadt Miltenberg und die Gemeinde Main- Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Wir
bullau Eigentümer des für den Bau der Stellung haben bisher weder um die Anlegung von Abschuß-
benötigten Geländes sind, soll von der Inanspruch- basen für Mittelstreckenraketen nachgesucht noch
nahme privater Grundstücke voraussichtlich Ab- sind wir zu Vorschlägen dieser Art aufgefordert
stand genommen werden. worden. Ich halte es deshalb für richtig, daß Re-
Die bisher ablehnende Haltung des Stadtrates von gierung und zuständige Abgeordnete zusammen-
Miltenberg scheint aus einer Verkennung des wirken, um die Bevölkerung so aufzuklären, wie ich
Wesens der NIKE-Flugabwehrrakete und auf einer es hier geschildert habe.
Verwechslung mit Mittelstreckenraketen zu be- (Beifall bei der CDU/CSU.)
ruhen. Ich darf mich in diesem Zusammenhang auf
die Erklärung beziehen, die der Herr bayrische Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine weitere
Ministerpräsident am 28. Januar 1958 vor dem Zusatzfrage?
Bayrischen Landtag abgegeben hat. Danach — ich
zitiere wörtlich — Dewald (SPD) : Herr Bundesverteidigungsminister,
geht aus den Veröffentlichungen über die Sie haben in einer öffentlichen Verlautbarung vor
Sitzung des Stadtrates von Miltenberg her- einiger Zeit gesagt, daß nach Ihrer Überzeugung
vor, daß auch hierbei wieder von Mittel- für den Abschuß von Kurzstreckenraketen mobile
streckenraketen gesprochen wurde, obwohl der Abschußrampen am besten geeignet seien. Sollte
Vertreter der Staatskanzlei in einer Aus- das nicht auch für die Abwehr von Flugzeugangrif-
sprache mit den Bürgermeistern der umliegen- fen zutreffen, und könnte nicht auf diese Weise die
den Gemeinden wiederholt darauf hingewiesen unmittelbare Gefahr für die Nachbarschaft fest-
hatte, daß die Flugabwehrrakete „NIKE" nicht stehender Raketenbasen abgewendet werden?
das geringste mit Mittelstreckenraketen zu tun
habe, sondern nur der Flugabwehr und damit Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Eine
in besonderer Weise dem Schutz der Zivil- sehr umfangreiche Frage. Meine Bemerkung bezog
bevölkerung dient. sich auf Raketen, die vom Boden gegen Bodenziele
Unter diesen Umständen wird von der Bundes- geschossen werden, und auf die Ausstattung der
regierung geprüft werden, ob bei der Inanspruch- Bundeswehr. Hier handelt es sich um die Ausstat-
nahme des für die Stellung benötigten Geländes tung der amerikanischen Streitkräfte. Es ist kein
nach den Bestimmungen des geltenden Landbeschaf- Zweifel, daß wir im Zusammenhang mit der tech-
fungsgesetzes zu verfahren sein wird. Die Zustim- nischen Entwicklung für die Flugabwehr zunächst
mung der Gemeinden zur Landinanspruchnahme ist mobile Abschußstellen vorziehen. Zur Zeit gibt es
nach den Vorschriften dieses Gesetzes nicht erfor- solche Flugabwehrwaffen noch nicht.
derlich; es genügt ihre Anhörung, und diese ist im Ich darf aber mit dieser verlängerten Antwort auf
vorliegenden Falle erfolgt. Ihre Frage wieder darauf hinweisen, daß man nicht
Der Herr bayerische Ministerpräsident hat in der nur die Waffen in den eigenen Händen als eine
vorerwähnten Sitzung des Bayerischen Landtags Gefahr sehen sollte, sondern vor allen Dingen
- gleichwertige Waffen in den Händen eines An
am 28. Januar 1958 schließlich erklärt — ich
zitiere —, die bayerische Staatsregierung sei der greif ers.
Auffassung, daß Einwendungen gegen eine solche (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
nur der Verteidigung und also in erster Linie dem Ferner gibt es in Deutschland so viele Ziele von
Schutz der Zivilbevölkerung dienende militärische strategischer Wichtigkeit, daß es sachlich unrichtig
Anlage nicht geltend gemacht werden können. ist, eine Flugabwehrstellung als ein besonders ge-
Die Bundesregierung kann die erbetene Versiche- fährdendes oder gefährdetes Ziel herauszustellen.
rung, daß die Errichtung der geplanten NIKE-Stel- Die Wahrscheinlichkeiten, daß Flugzeuge "eine
lung im Raume Miltenberg unterbleiben wird, nicht solche Stellung angreifen oder daß sie sie umflie-
abgeben. gen, sind gleich groß.
Im übrigen ist die Errichtung weiterer NIKE-Stel-
lungen durch die amerikanischen Streitkräfte im
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 5 —

Herr Abgeordneter Dr. Bucher — betreffend Straf-


dichtbesiedelten Maintal und im Spessart nicht ge-
verfahren gegen den ehemaligen Ministerialrat
plant. Ziebell:
Auf welche Weise wurde das Strafverfahren gegen den ehe-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zusatzfrage? maligen Ministerialrat Günter Ziebell wegen Verleumdung und
übler Nachrede gegen Bundeskanzler Dr. Adenauer, Botschafter
Blankenhorn und Generalkonsul Reifferscheidt abgeschlossen?
Welches war insbesondere der Inhalt der in der Presse er-
wähnten Ehrenerklärung des Angeklagten?
Dewald (SPD) : Ja. Herr Bundesverteidigungs-
minister, die Bevölkerung der in Frage kommenden Der Herr Stellvertreter des Bundeskanzlers zur
Gebiete ist beunruhigt durch die Vorstellung, daß Antwort.
diese Luftabwehrbasen bei einer entsprechenden
Vorplanung schnellstens in Abschußbasen für Lang- Dr. Dr. h. c. Erhard, Stellvertreter des Bundes-
oder Mittelstreckenraketen umgewandelt werden kanzlers: In Stellvertretung des Herrn Bundeskanz-
können. Können Sie eine Versicherung darüber ab- lers beantworte ich die an ihn gestellte Frage wie
geben, daß das nicht der Fall sein kann? folgt.
428 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Bundeswirtschaftsminister Dr. Dr. h. c. Erhard
In der Strafsache gegen Schmeißer und andere hat Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Weitere Zu-
die Dritte Strafkammer des Landgerichts in Han- satzfrage?
nover in der Sitzung am 28. Dezember 1957 fol-
gendes beschlossen: Dr. Bucher (FDP) : Diese Erklärung würde mich
Das Verfahren wird auch insoweit eingestellt, beruhigen, wenn es sich um Beleidigungen gegen
als es sich gegen den Angeklagten Ziebell einen Privatmann handelte; aber es ist doch — —
richtet ...
Die Kosten des Verfahrens einschließlich der Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Ab-
den Nebenklägern und dem Angeklagten Ziebell geordneter, ich bitte darum, sich auf Fragen zu
erwachsenen notwendigen Auslagen werden beschränken.
diesem Angeklagten auferlegt, soweit sie nicht
durch den Beschluß der Strafkammer vom Dr. Bucher (FDP) : Sind Sie nicht der Ansicht,
14. November 1957 den Angeklagten Schmei- Herr Bundesminister, daß für die Entscheidung, ob
ßer, Mans, Jaene und Augstein auferlegt wor- der Bundeskanzler ein von ihm angekündigtes
den sind. Strafverfahren, das in der Öffentlichkeit abrollen
sollte, außerhalb des Gerichtssaals, also ohne öffent-
Die in der Presse erwähnte Ehrenerklärung des liche Verhandlung, erledigt, andere Maßstäbe
Angeklagten Ziebell hat folgenden Wortlaut: gelten, als wenn das ein Privatmann tut?
Ich habe mich davon überzeugt, daß meine
ehrenrührigen Behauptungen über Dr. Dr. h. c. Erhard, Stellvertreter des Bundes-
1. Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer, kanzlers: Das Strafverfahren sollte einen Tatbestand
2. Herrn Botschafter Blankenhorn, in eindeutiger Weise klären. Dieser Tatbestand ist
durch die Erklärung des Angeklagten tatsächlich
3. Herrn Generalkonsul Reifferscheidt,
und eindeutig geklärt worden.
die u. a. Gegenstand des Strafverfahrens gegen
mich, Schmeißer u. a. bei der Zweiten Großen (Abg. Wittrock: Das ist eine ganz faule
Strafkammer des Landgerichts Hannover . . . Geschichte!)
waren, unzutreffend sind. Ich bin dabei unrich-
tigen Informationen zum Opfer gefallen und Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 6 des
nehme demgemäß die Behauptungen als sach- Herrn Abgeordneten Schmidt (Hamburg) betreffend
lich unrichtig mit dem Ausdruck des Bedauerns den Besuch des Generals Dr. Speidel im Hamburger
ohne Vorbehalt zurück. Rathaus:
Bestanden beim Besuch des Generals Dr. Speidel im Ham-
Ich übernehme die Kosten des Verfahrens burger Rathaus Gründe für die Annahme, daß dieser Besuch
einschließlich der den Nebenklägern erwach- mit einem besonderen persönlichen Risiko verbunden wäre, so
daß militärischer Schutz erforderlich war?
senen notwendigen Auslagen, soweit diese
Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für
nicht durch den Beschluß des Langerichts Han-
Verteidigung!
nover vom 28. März 1957 den übrigen Ange-
klagten auferlegt worden sind. -
Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Herr
Präsident! Meine Damen und Herren! Ich kann die
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zusatzfrage? Frage des Kollegen Schmidt (Hamburg), so wie sie
gestellt ist, nur mit einem einfachen Nein beant-
worten. Es bestanden beim Besuch des Generals
Dr. Bucher (FDP) : Wie verträgt sich diese Be- Dr. Speidel im Hamburger Rathaus am 20. Januar
handlung der Angelegenheit, nämlich daß man sich 1958 keine Gründe für die Annahme — weder be-
mit der Ehrenerklärung eines Mannes zufriedengibt, standen sie auf seiten der Bundesregierung noch
der aus eigener Kenntnis gar nichts von den Dingen auf seiten des NATO-Hauptquartiers —, daß dieser
weiß, mit der Erklärung des Herrn Bundeskanzlers Besuch mit einem besonderen persönlichen Risiko
in der 116. Sitzung des 2. Bundestages am 7. De- verbunden gewesen wäre. Militärischer Schutz war
zember 1955? Damals hat der Herr Bundeskanzler, daher nach menschlicher Voraussicht auch nicht er-
nachdem er mehrmals betont hatte, in dieser Sache forderlich.
sei Herr Ziebell die interessante Figur, am Schluß
gesagt, daß „diejenigen, die eine gerichtliche Fest- Es sei mir aber gestattet, ein paar Worte über
stellung und Aufklärung noch wünschen, eine solche den wirklichen Sachverhalt zu sagen. Der Vorgang
in dem Verfahren gegen Ziebell erhalten werden". hat sich etwas anders abgespielt, als teilweise dar-
über in der Presse berichtet worden ist.
General Dr. Speidel hat in seiner Eigenschaft als
Dr. Dr. h. c. Erhard, Stellvertreter des Bundes- Oberbefehlshaber der NATO-Landstreitkräfte in
kanzlers: Die Rücknahme des Strafantrags war an- Zentraleuropa am 20. Januar 1958 die 3. Panzer
gebracht, weil der Angeklagte Ziebell seine Be- Division der Deutschen Bundeswehr in Hamburg be-
hauptungen als sachlich unrichtig mit dem Ausdruck sucht. Bei dieser Gelegenheit wollte er dem Bürger-
des Bedauerns ohne Vorbehalt zurückgenommen meister der Stadt einen Höflichkeitsbesuch ab-
hat. Eine klarere Erklärung kann nicht abgegeben statten. Die 3. Panzer-Division stellte als Geleit ein
werden. Begleitkommando von einem Stabsunteroffizier und
(Sehr richtig! in der Mitte.) sieben Feldjägern mit zwei Kraftfahrzeugen.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 429
Bundesverteidigungsminister Strauß
General Dr. Speidel betrat das Hamburger Rat- meister Humor bewiesen haben, möchte ich die
haus, begleitet von dem stellvertretenden Divisions- Nachfrage stellen,
kommandeur der 3. Panzer-Division und einem Be- (Zuruf von der CDU/CSU: Beweisen Sie
gleitoffizier. Ohne daß einer dieser Herren davon doch auch Humor!)
wußte und ohne daß ein entsprechender Befehl der
Division vorlag, wies der Kommandoführer der Herr Strauß, ob Sie mit mir der Meinung sind, daß
Feldjäger aus einem gewissen Übereifer heraus der zukünftige Verzicht auf Begleitkommandos in
zwei seiner Soldaten an, als Verbindungsleute vor Stärke von zwei Unteroffizieren und sieben Mann
der Tür des Vorzimmers des Bürgermeisters zu vielleicht solche — wie haben Sie gesagt — „voll-
warten mit dem Auftrag, die Beendigung des Ge- ständigen Pannen" vermeidbar erscheinen lassen
sprächs zwischen General Dr. Speidel und Bürger- und der Ausbildung in der Bundeswehr etwas mehr
meister Brauer zu melden, damit dann die im Hofe Raum geben könnte.
des Rathauses parkenden Kraftfahrzeuge schnell (Heiterkeit.)
und ohne Verkehrsstockung vor das Rathaus ge-
bracht werden konnten. Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Ein
Ein Journalist hat die beiden Feldjäger gebeten, unmittelbarer ursächlicher Zusammenhang, ein Kau-
sich doch rechts und links von der Vorzimmertür salkonnex zwischen der Stärke des Begleitkomman-
des Bürgermeisters als militärische Posten aufzu- dos und der Tatsache der irrtümlichen Posten-
stellen, beziehung vor der Tür des Bürgermeisters besteht
(Lachen bei der SPD) nicht.
(Heiterkeit.)
damit er sie für seine Zeitung photographieren
könne. Es gibt leider — ich sage sogar: leider — ein Ver-
fahren — ich weiß nicht, ob es auf schriftlicher
(Anhaltendes Lachen bei der SPD und in
Grundlage beruht oder auf Usancen zurückgeht, die
der Mitte.)
ja ihrerseits ein großes Gewicht haben —, wonach
Diesem Wunsch sind die Soldaten leider nachge- je nach Preislage Begleitpolizei, Militärpolizei in
kommen, ihrem Umfang verschieden groß ist.
(Lachen im ganzen Hause)
(Zurufe von der SPD.)
haben dort sozusagen Posten bezogen und sich so
— Ich habe in meinem Hause noch wichtigere Pro-
photographieren lassen. Auf den Hinweis eines
bleme zu lösen als diese, Herr Kollege. Aber ich
Senatsbeamten, es sei nicht üblich, daß sich Sol-
bin gern bereit, Ihnen entweder in der nächsten
daten in dem Hamburger Rathaus aufhielten, sind
Fragestunde oder in einer Unterhaltung unter vier
sie zu ihrem Kommandoführer zurückgekehrt.
Augen nach Anhörung des Protokollchefs des Ver-
Der Hamburger Bürgermeister hat nach Kenntnis teidigungsministeriums darüber Auskunft zu er-
der Begleitumstände den Vorfall mit Verständnis teilen.
aufgenommen, von einer Beschwerde abgesehen (Heiterkeit.)
und dem General Müller, dem stellvertretenden
Divisionskommandeur der 3. Panzer-Division, der Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine weitere
sich in Begleitung von General Dr. Speidel befand, Zusatzfrage.
u. a. folgendes geschrieben:
Frage 7, Herr Abgeordneter Schmidt (Hamburg),
Ich war von vornherein der Meinung, daß es betreffend Einbau von Fernsehgeräten in Kraftfahr-
sich hier um eine echte Panne handelt, die man zeuge:
weder überbetonen noch überbewerten sollte. Ist das Bundesverkehrsministerium bereit, gelegentlich der
Als ich zuerst durch Herren meiner Umgebung nächsten Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung den
Einbau von Fernsehgeräten in Kraftfahrzeugen zu untersagen?
darauf aufmerksam gemacht wurde, habe ich
die Geschichte gleich mit den Worten: „Forget Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für
about it!" abgetan, womit ich sagen wollte, daß Verkehr.
ich ihr keinerlei Gewicht beilege. Vielleicht
haben Sie Gelegenheit, auch Herrn General Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
Dr. Speidel von der bei mir bestehenden Auf- Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Ein-
fassung Kenntnis zu geben. bau von Fernsehgeräten in Kraftfahrzeuge ist
zweifellos bedenklich, obwohl man der Auffassung
Mit vorzüglicher Hochachtung sein könnte, daß § 1 der Straßenverkehrsordnung
Max Brauer einen genügenden Schutz gegen Mißbrauch dar-
(Heiterkeit.) stellt. Denn nach dieser Bestimmung gehört es zu
den besonderen Sorgfaltspflichten des Fahrers, sich
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- von der Beobachtung der Fahrbahn nicht ablenken
frage! zu lassen.
Die Frage, ob man zu einem Verbot des Einbaus
Schmidt (Hamburg) (SPD) : In der Annahme, daß von Fernsehgeräten in Kraftfahrzeuge kommen
das Haus mir zustimmt, daß es gleichermaßen er- müsse oder ob es genüge, die Einschaltung von
freulich ist, wenn in dieser Sache sowohl der Frage- Fernsehgeräten während der Fahrt eines Kraftfahr-
steller als auch der Minister als auch der Bürger- zeuges zu verhüten, muß noch geprüft werden. Es
430 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm
ist auch denkbar, daß ein Fernsehgerät in einem tagen bis 8 Uhr früh und ab 18 Uhr abends be-
Kraftwagen so angebracht wird, daß der Bildschirm nutzen. Damit ist auch den Arbeitnehmern, die
vom Fahrersitz aus nicht beobachtet werden kann. nicht etwa auf die unbeschränkt gültige Arbeiter-
Bei einer weiteren Ausdehnung des Fernsehens monatskarte ausweichen wollen, die Möglichkeit
ist zu erwarten, daß für Fahrer, die beruflich lange gegeben, ohne Zuzahlung am Sonntag früh von der
Wartezeiten haben, wie z. B. die Fahrer von Kraft- Schicht heimzukehren und am Sonntag abend wie-
droschken, der Empfang von Fernsehsendungen der zur Schicht zu fahren. Diese Regelung ist mit
während der Wartezeiten gewünscht wird. Hier- den interessierten Stellen, insbesondere mit dem
gegen dürften sicherlich keine Bedenken bestehen. Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, so
Ebensowenig besteht ein zwingender Anlaß, etwa abgesprochen worden.
die Unterhaltung von Omnibusfahrgästen, insbeson-
dere bei Reisegesellschaften, durch Fernsehüber- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zusatzfrage?
tragungen zu verbieten, sofern sichergestellt ist,
daß durch diese Fernsehübertragungen die Auf- Dewald (SPD) : Ja. — Entschuldigen Sie, Herr
merksamkeit des Fahrers nicht abgelenkt wird. Bundesminister, wenn ich in dieser Zusatzfrage
Ich darf sagen, daß mir bisher keine Fälle be- etwas berühre, was in der ersten Frage nicht ent-
kanntgeworden sind, in denen Fernsehgeräte in halten ist. Es handelt sich um den Wegfall der Kurz-
Kraftfahrzeuge eingebaut wurden, die in der Bun- arbeiterwochenkarten, der sich auf die Arbeitneh-
desrepublik zugelassen sind. Eine Zeitschrift hat mer im Kurzarbeitsverhältnis außerordentlich schwer
allerdings kürzlich das Bild eines Personenkraft- auswirkt. Sind Sie bereit, diesem Problem Ihre Auf-
wagens ausländischen Ursprungs mit einem einge- merksamkeit zu widmen mit dem Ziel, die Unzu-
bauten Fernsehgerät gezeigt. länglichkeit der jetzigen Regelung zu beseitigen
und eventuell eine Neuausfertigung von Kurzarbei-
Sie können versichert sein, daß ich Ihre Beden- terwochenkarten zu veranlassen?
ken, Herr Kollege Schmidt, nachdrücklich teile und
daß ich die Entwicklung sehr sorgfältig beobachten
lasse, damit die erforderlichen Maßnahmen notfalls Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
sofort und nicht erst bei einer generellen Änderung Herr Kollege Dewald, wenn die Frage der Kurz-
der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung getroffen arbeiter wirklich wieder einmal größere Bedeutung
werden können. für uns haben wird und sich dann auch auf diejeni-
gen auswirkt, die die Eisenbahn zur Zu- und Ab-
fahrt in größerem Umfang benutzen, dann werden
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zusatzfrage? wir dieser Frage sicher unsere Aufmerksamkeit zu-
— Keine Zusatzfrage. wenden und das Entsprechende veranlassen.
Frage 8, Abgeordneter Dewald, betreffend Gül-
tigkeit der Arbeiterwochenkarten: Dewald (SPD) : Danke sehr.
Ist der Bundesregierung bekannt, daß mit der Einführung der
neuen Bundesbahntarife die Arbeiterwochenkarten sonntags
keine Gültigkeit besitzen? Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 9, Herr
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um diese einseitige,
über die allgemeine Erhöhung der Tarife hinausgehende zusätz-
Abgeordneter Dr. Ratzel, betreffend Beschaffenheit
liche Belastung der Arbeitnehmer, die in vollkontinuierlichen des in Hattingen entwendeten radioaktiven Kupfer-
Betrieben tätig sind, zu beseitigen?
stabes:
Ich verbinde diese Frage mit Frage 15, Abgeord- Welche Beschaffenheit hatte der in Hattingen (Ruhr) entwen-
neter Ritzel, die denselben Gegenstand betrifft: dete radioaktive Kupferstab hinsichtlich des Strahlenmaterials,
der Strahlenart, Energie und Intensität? Waren der Stab, die
Ist der Bundesregierung bekannt, daß durch die Neuregelung Bleikugel und die sonstigen Behältnisse (einschließlich Transport-
der Wochenkarten und durch die Beschränkung der Geltungs- wagen) auch für Laien als besonders gefährlich gekennzeichnet?
dauer der Wochenkarten von sieben auf sechs Tage den Be- Welche Strahlendosis hat der Kraftfahrer empfangen, sind auch
nutzern der Deutschen Bundesbahn erhebliche Nachteile er- genetische Schädigungen zu vermuten? Hat man auch den oder
wachsen? die Diebe aufgefordert, sich der Gesundheitsbehörde zur Unter-
Ist die Bundesregierung bereit, Maßnahmen zu ergreifen, die suchung zu stellen? Wie stellt sich die Rechtslage im Hinblick
diese Nachteile verhindern, nachdem unbestreitbar ist, daß die auf die Entschädigung des Kraftfahrers, insbesondere hinsichtlich
Arbeiter oft gezwungen sind, durch sechs Nachtschichten auto- eventueller genetischer Schädigungen?
matisch einen Sonntag zu berühren, wodurch ihnen die Be-
nutzung der Arbeiter-Wochenkarten unmöglich gemacht wird? Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für
Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für Atomkernenergie.
Verkehr.
Dr.-Ing. Balke, Bundesminister für Atomkern-
energie und Wasserwirtschaft: Herr Präsident!
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: Meine Damen und Herren! Bei dem verlorengegan-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Fra- genen radioaktiven Präparat handelt es sich um ein
gen der Herren Kollegen Dewald und Ritzel behan- Iridium-192-Präparat, nicht, wie wohl irrtümlich an-
deln das gleiche Thema. Ich bitte deshalb die bei- gegeben wurde, um ein Kupfer-Präparat. Radio-
den Herren um die Erlaubnis, die Fragen gemein- aktives Iridium hat in der Hauptsache eine Beta-
sam beantworten zu dürfen, wie der Herr Präsident Strahlung von 0,67 MeV und eine Gamma-Strah-
es soeben angeregt hat. lung von 0,6 MeV. Das Präparat war mit einer
Für die an Sonn- und Feiertagen beschäftigten Kennummer versehen. Es hatte am Tage des Ver-
Arbeitnehmer hat die Deutsche Bundesbahn eine lustes, am 21. Januar 1958, eine Stärke von 750 mC.
Sonderregelung getroffen. Sie können mit ihrer Ar- Die Quelle selbst hat eine Größe von 1 X 1 mm
beiterwochenkarte die Eisenbahnzüge an den Sonn- und kann infolgedessen nicht als solche gekenn-
Deutscher Bundestag - 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 431
Bundesatomminister Dr. Ing. Balke
-

zeichnet werden. Der kugelförmige Transportbehäl- 1. Die Verordnung zum Schutz gegen Schädigun-
ter trägt die Aufschrift „Iridium und Caesium". Sein gen durch Röntgenstrahlen und radioaktive Stoffe
Gewicht beträgt zirka 20 kg, sein Durchmesser in nichtmedizinischen Betrieben vom 7. Februar 1941.
15 cm. Die Angaben der Benutzerfirma über die Nach § 2 dieser Verordnung muß der Betriebsführer
äußerliche Kennzeichnung des Behälters werden alle Strahlengeber für Roh- und Werkstoffbehand-
noch nachgeprüft. lung vor der endgültigen Inbetriebnahme dem Ge-
werbeaufsichtsamt anmelden. Die Aufsicht obliegt
Der Kraftfahrer und sein Begleiter, die das Präpa- also hiernach der Landesbehörde. Die Verordnung
rat in der Bleiverpackung auf der Straße fanden und schreibt unter anderem weiter vor, daß an allen
an sich nahmen, haben keine nennenswerte Strah- radioaktiven Präparaten durch den Hersteller eine
lendosis empfangen. Diese Dosis lag mit Sicherheit Kennummer anzubringen ist und daß außerdem für
unter der nach den internationalen Empfehlungen jede Anlage und jedes Gerät eine Beschreibung
höchstzulässigen Wochendosis von 0,3 r. Nach An- vorhanden sein muß, in der die zum Schutz der
gaben des Kraftfahrers dauerte das Herausschrau- Arbeitnehmer gegen Schädigungen durch ionisie-
ben und Wegwerfen des Stiftes, der das Strahlen- rende Strahlen angebrachten Einrichtungen ange-
präparat enthielt, etwa 20 bis 30 Sekunden. Gene- geben sind. Die Verordnung sieht ferner Vor-
tische Schäden konnten hierbei nicht entstehen. Die schriften über die höchstzulässige Wochendosis und
Fahrer sind in Koblenz ärztlich untersucht worden. ärztliche Untersuchungen und Überwachungen vor.
Einzelheiten ergeben sich aus dem mir vorliegenden
Bericht der Polizeibehörden. Aus Zeitgründen möchte 2. Das AHK-Gesetz Nr. 22 — der früheren Alliier-
ich sie hier nicht vortragen; sie stehen Ihnen auf ten Hohen Kommission — über die Überwachung von
Wunsch natürlich zur Verfügung. Stoffen, Einrichtungen und Ausrüstungen auf dem
Gebiet der Atomenergie vom 2. März 1950. Nach
Nun zum letzten Teil der Anfrage Nr. 9. Wie die diesem Gesetz ist der Umgang mit radioaktiven
Bundesregierung in der Begründung zum Regie- Stoffen, soweit es sich nicht um schwachradioaktive
rungsentwurf des Atomgesetzes ausführte - Seite Substanzen allgemein handelsüblicher Art handelt,
38 der Bundestagsdrucksache 3026 des 2. Bundes- nur mit Genehmigung zulässig. Nach Auflösung des
tages —, können zu Körperschäden, für die Ersatz militärischen Sicherheitsamtes wurden die Befug-
zu leisten ist, bei Anwendung der vom Bundesge- nisse aus diesem Gesetz zunächst vorn Bundeswirt-
richtshof für den Fall der Schädigung einer Leibes- schaftsminister ausgeübt. Dieser hat auch am 15. No-
frucht entwickelten Grundsätze auch die sogenann- vember 1956 der Firma, bei welcher das soeben
ten genetischen Spätschäden gehören, die als Folge erwähnte Iridium verlorenging, eine Genehmigung
der Einwirkung radioaktiver Stoffe auftreten kön- zum Umgang mit solchen radioaktiven Stoffen
nen. Nachdem die von der Bundesregierung vorge- erteilt. Am 1. Januar 1957 sind die Befugnisse aus
schlagenen strengen Haftungsbestimmungen des dem AHK-Gesetz Nr. 22 auf mich übergegangen.
Atomgesetzentwurfs noch nicht Gesetz geworden Das AHK-Gesetz Nr. 22 sieht zwar keine Strahlen-
sind, würde sich gegenwärtig nur eine Haftung nach schutzvorschriften vor, jedoch werden mit den
den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs erteilten Genehmigungen Auflagen zum Schutz Be-
über unerlaubte Handlungen begründen lassen. schäftigter und Dritter verbunden. So ist z. B. allen
- Einführern radioaktiver Stoffe die Auflage erteilt,
dafür zu sorgen, daß geschlossene und offene radio-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine Zu- aktive Präparate bei der Abgabe an Dritte zu kenn-
satzfrage. zeichnen sind. Auch weisen die Einführerfirmen bei
der Abgabe radioaktiver Stoffe an Dritte in ihren
Frage 10 — Abgeordneter Dr. Ratzel — betreffend Vertragsbedingungen in aller Regel auf die ein-
Benutzung radioaktiver Strahlenquellen durch die schlägigen DIN-Normen und Unfallverhütungsvor-
gewerbliche Wirtschaft: schriften, die weitgehende Schutzmaßnahmen als
Auf Grund welcher gesetzlicher Vorschriften wird augenblick- Empfehlungen enthalten, hin.
lich in der Bundesrepublik die Benutzung radioaktiver Strahlen-
quellen für die gewerbliche Wirtschaft zugelassen? Zum letzten Teil Ihrer Frage folgendes. Aus der
Welche Anforderungen werden an das damit beschäftigte Per-
sonal gestellt, und welche Sicherheitsvorkehrungen werden für Sachlage sind einige Folgerungen zu ziehen. Die
den Schutz der Öffentlichkeit getroffen? genannten derzeitigen gesetzlichen Grundlagen
Wäre der Diebstahl des radioaktiven Kupferstabes in Hat reichen nicht aus, eine lückenlose Kontrolle radio-
tingen auch dann so leicht möglich gewesen, wenn das unter
Mitwirkung des Bundeskanzlers zum Scheitern gebrachte Atom- aktiver Stoffe zu gewährleisten. Ganz abgesehen
gesetz in Kraft wäre? von der zweifelhaften Rechtsgrundlage des früheren
Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für Besatzungsrechts, also des AHK-Gesetzes Nr. 22,
Atomkernenergie. hat der Bund zur Zeit jedenfalls nicht die Kompe-
tenzen, den Umgang mit radioaktiven Strahlen
lückenlos zu regeln und zu überwachen. Der Vorfall
Dr. Ing. Balke, Bundesminister für Atomkern-
- mit dem Iridium hat gezeigt, daß auch in den Län-
energie und Wasserwirtschaft: Ich will mich be- dern zur Zeit eine ausreichende Strahlenschutzüber-
mühen, die Einzelfragen in einem logischen Zu- wachung nicht durchgeführt ist.
sammenhang zu beantworten.
Um dieser vor dem Inkrafttreten des Bundesatom-
Für die Zulassung radioaktiver Strahlenquellen gesetzes bestehenden Unsicherheit zu begegnen,
kommen gegenwärtig in der Bundesrepublik als habe ich den Einführern von radioaktiven Stoffen,
gesetzliche Grundlagen in Betracht: die nicht für den medizinischen Bereich bestimmt
432 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Bundesatomminister Dr.-Ing. Balke
sind, mitgeteilt, daß ich der Abgabe solcher Stoffe Frage 11 — des Herrn Abgeordneten Seither —
nicht mehr zustimmen kann, bis in möglichst bal- betreffend Wiederaufbau der Rheinbrücke bei Ger-
diger Abstimmung mit den Ländern durch Auflagen mersheim:
an die Benutzer ausreichende Schutzmaßnahmen Ist die Bundesregierung bereit, die im Krieg zerstörte Rhein-
brücke bei Germersheim in absehbarer Zeit wiederaufzubauen,
sichergestellt sind. Ich bin mir dabei bewußt, Herr und welche Verhandlungen wurden in dieser Angelegenheit
Kollege Ratzel, daß auch in dem medizinischen bereits geführt?
Bereich gegen die jetzige Art und Weise des Um- Das Wort hat der Herr Bundesminister für Ver-
gangs mit radioaktiven Stoffen zum Teil Bedenken kehr zur Beantwortung.
bestehen.
Eine in meinem Hause auf Grund von Vor- Dr. - Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
schlägen der zuständigen Fachgremien der Deut- Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die
schen Atomkommission vorbereitete Erste Strahlen- Frage des Wiederaufbaus der Eisenbahnbrücke über
schutzverordnung sieht ein umfassendes Überwa- den Rhein bei Germersheim wurde zuletzt im Zu-
chungssystem, das jeden Umgang mit radioaktiven sammenhang mit der Eingliederung des Saarlandes
Stoffen, ihre Beförderung, Einfuhr und Ausfuhr geprüft. Dabei wurde erneut festgestellt, daß die
erfaßt, vor und stellt nicht nur den Schutz aller benachbarten Rheinbrücken bei Karlsruhe und
Beschäftigten, sondern auch den Schutz Dritter Mannheim den Eisenbahnverkehr noch ohne Schwie-
sowie der Allgemeinheit. sicher. Der Erlaß dieser rigkeiten bewältigen können. Gleichwohl ist die
vorbereiteten Strahlenschutzvorschriften wird we- Bundesbahn nach wie vor an einer baldigen Wie-
gen dieses notwendig weitgespannten Anwendungs- derherstellung des Rheinüberganges bei Germers-
bereichs gesetzliche Ermächtigungsvorschriften vor- heim interessiert. Sie kann für dieses Projekt aber
aussetzen, die vom Bund nur erlassen werden erst dann Mittel bereitstellen, wenn noch dringen-
können, wenn die durch das Grundgesetz vorge- dere Brückenbauvorhaben durchgeführt sind. Mehr
sehene Gesetzgebungskompetenz des Bundes durch als 20 % der kriegszerstörten Eisenbahnbrücken
das sogenannte Atomgesetz erweitert wird. Der konnten bisher nur provisorisch hergestellt werden.
Entwurf der Strahlenschutzverordnung sieht ins- Diese vorübergehend gefundenen Lösungen müssen
besondere die Pflicht zu einer eindeutigen, auch für aus Gründen der Betriebssicherheit zuerst durch
Laien verständlichen Kennzeichnung aller Behält- endgültige Konstruktionen ersetzt werden. Als Bei-
nisse, in denen radioaktive Stoffe aufbewahrt wer- spiele nenne ich die für den Eisenbahnbetrieb un-
den, sowie geschlossener radioaktiver Präparate bedingt erforderliche zweite Rheinbrücke in Köln
vor. Durch besondere Tatbestände werden emp- und die Rheinbrücke bei Worms, die zur Zeit mit
findliche Sanktionen gegen vorsätzliche oder fahr- einem Kostenaufwand von fast 25 Millionen DM
lässige Verstöße gegen die in der Verordnung ent- wiederaufgebaut werden. Vordringlich ist ferner der
haltenen Schutzvorschriften angedroht. Ersatz der eingleisigen behelfsmäßigen Rheinbrücke
bei Koblenz durch ein zweigleisiges Bauwerk. Erst
Zum letzten Absatz Ihrer Frage bemerke ich — —
im Anschluß daran kann die Bundesbahn daran
(Abg. Wittrock: Eine so lange Antwort denken, die Germersheimer Brücke, die etwa
entspricht aber nicht dem Wesen der Frage 10 Millionen DM kosten wird, wiederaufzubauen.
stunde!) -
Aus diesem Grunde sind bisher noch keine Ver-
— Ich muß die Frage beantworten, Herr Kollege. handlungen über die Finanzierung des Wiederauf-
baus geführt worden.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Ab-
geordneter Wittrock, ich bitte, das jetzt nicht zu Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz-
kritisieren. Wenn schon Fragen gestellt werden, frage? — Keine Zusatzfrage.
müssen sie auch in einer angemessenen Weise be-
Ich rufe Frage 12 auf — Herr Abgeordneter Witt-
antwortet werden. Wenn eine so schwierige Materie rock — betreffend Zulassung von Personen zum
in dieser Form angesprochen wird, muß sie auch Staatsexamen, die nach § 26 des Strafgesetzbuches
nuanciert und diffizil beantwortet werden.
aus der Strafhaft entlassen sind:
(Zustimmung in der Mitte.) Hält die Bundesregierung es für gerechtfertigt, daß nach § 26
StGB aus der Strafhaft entlassene Personen zwar zu einem
Bitte, fahren Sie fort, Herr Minister! Universitätsstudium zugelassen werden können, auch wenn sie
wegen einer politischen Straftat verurteilt sind, daß ihnen aber
die Zulassung zum Staatsexamen wegen dieser Straftat ver-
weigert wird?
Dr. - Ing. Balke, Bundesminister für Atomkern- Ist die Bundesregierung bereit, in Verhandlungen mit den
energie und Wasserwirtschaft: Zum letzten Absatz Ländern auf die Durchsetzung des rechtspolitischen Gedankens
einer Wiedereingliederung von Verurteilten auch auf diesem
Ihrer Frage, Herr Kollege Ratzel, bemerke ich, daß Gebiet hinzuwirken?
auch ein Atomgesetz Diebstähle — im vorliegenden Das Wort hat der Herr Bundesminister des Innern.
Fall handelt es sich nicht um einen Diebstahl —
selbstverständlich nicht absolut verhindern kann, Dr. Schröder, Bundesminister des Innern: Herr
daß aber ein solches Gesetz für schädigende Hand- Präsident! Meine Damen und Herren! Die Antwort
lungen ein wesentlich größeres Hindernis darstellen lautet wie folgt. Für die Zulassung zum Staats-
wird als der derzeitige Zustand. examen sind die Länder zuständig. Die Bundesregie-
rung ist der Auffassung, daß die Wiedereingliede-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- rung von verurteilten Personen in das bürgerliche
frage? — Keine Zusatzfrage. Leben soweit wie möglich gefördert werden muß.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 433
Bundesinnenminister Dr. Schröder
Das gilt auch für die aus politischen Gründen Ver- handlungen sollen nunmehr im Frühjahr dieses
urteilten. Bei diesem Personenkreis werden jedoch Jahres stattfinden. Ob und inwieweit die nach dem
die zuständigen Landesbehörden in besonderem Ersten deutsch-österreichischen Abkommen gewähr-
Maße die Umstände des Einzelfalles, darunter auch ten Rentenleistungen verbessert werden können,
die Sicherheitsgesichtspunkte, zu prüfen haben. Die hängt entscheidend von dem Ergebnis der Verhand-
Bundesregierung ist bereit, in diesem Sinne mit den lungen ab.
Landesregierungen Fühlung zu nehmen.
Präsident Dr. Dr. Gerstenmaier: Keine Zu-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- satzf rage.
frage? Frage 14 — nochmals Herr Abgeordneter Meyer
(Wanne-Eickel) — betreffend Rentenzahlungen an
Wittrock (SPD) : In voller Kenntnis dier Tatsache die Witwen von Rentnern:
— deren Anerkennung sich übrigens auch aus der Welche Erwägungen haben dazu geführt, der Deutschen Bun-
despost Anweisung zu erteilen, beim Tod eines Rentners nicht,
Frage ergibt —, daß die Länder zuständig sind, er- wie in den neuen Rentengesetzen vorgeschrieben, zunächst drei
Monate der hinterbliebenen Witwe die volle Rente zu zahlen,
laube ich mir folgende Zusatzfrage: Sind Sie bereit, sondern jede weitere Zahlung einzustellen?
darauf hinzuwirken, daß Personen, die zum Stu- Ist das daraus entstandene Kuriosum bekannt, daß, wenn der
Rentner vor dem 27. oder 28. des Monats stirbt, keine Rente
dium zugelassen werden, auch die Zulassung zum mehr gezahlt wird, der Rentner jedoch zwischen dem 28. und
Staatsexamen erhalten, insbesondere dann, wenn 31. stirbt, die Witwe die Zahlung für den nächsten Monat erhält?
Sind Untersuchungen darüber angestellt worden, wie dieser
in der Auflage des Gerichts die Aufnahme des Uni- Übelstand abgestellt und ob nicht durch den Rentenempfangs
versitätsstudiums ausdrücklich zur Bedingung ge- schein bestätigt werden kann, zu welchem Zeitpunkt der Rentner
gestorben ist und daß die empfangsberechtigte Witwe noch lebt?
macht wird? Könnte diese Bestätigung nicht auch ausreichen, nach drei Mo-
naten die 60%ige Witwenrente zu gewähren, ohne daß eine
neue Antragstellung und längere Unterbrechung, verbunden mit
größeren Nachzahlungen, erforderlich wird?
Dr. Schröder, Bundesminister des Innern: Herr
Kollege, aus der Zusatzfrage ergibt sich, daß es sich Der Herr Bundesminister für Arbeit zur Beant-
hier um eine sehr diffizile, in die Zuständigkeit der wortung.
Länder gehörende Frage handelt. Sie wissen, daß
wir auf die Rechtsprechung, die Strafvollstreckung Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
und die Ausbildung außerordentlich wenig Einfluß nung: Ich darf diese Frage im Einvernehmen mit
haben. Deswegen läßt sich nicht ohne weiteres sagen, dem Herrn Minister für Post- und Fernmelde-
in welchem Sinn Besprechungen mit den Ländern auf- wesen wie folgt beantworten. Zur Verhütung der
genommen werden sollen. Die Länder sind ja auf Überzahlungen von Renten ist die Post grundsätz-
die Wahrung ihrer Zuständigkeiten sehr bedacht. lich gehalten, die Zahlungen beim Tode eines
Ich bin in der Tat der Meinung, daß der Spezialfall, Rentners einzustellen und dies dem Versicherungs-
den Sie angesprochen haben, besser auf Landes- träger mitzuteilen, weil der Post nicht bekannt sein
ebene geklärt wird. Ich sehe keine rechtliche Mög- kann, ob und in welcher Höhe ein Witwenrenten-
lichkeit für die Bundesregierung, sich in einem anspruch besteht. Die Post kann selbstverständlich
solchen Spezialfall einzuschalten. bei der Auszahlung nur die Umstände berücksich-
-
tigen, die ihr bis zum Abschluß der Vorbereitungen
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine Zusatz- für die monatlichen Auszahlungen bekanntgeworden
frage. sind. Dadurch kann es vorkommen, daß Renten für
Empfänger, die zwischen dem 28. und 31. eines
Frage 13 — Herr Abgeordneter Meyer (Wanne- Monats verstorben sind, noch an Angehörige, die
Eickel) — betreffend Verbesserung des Ersten eine vom Rentenempfänger unterschriebene Emp-
deutschösterreichischen Abkommens über Sozial- fangsbescheinigung vorlegen, für den folgenden
versicherung: Monat gezahlt werden, während bei früherem Tode
Hat das Bundesarbeitsministerium die bereits für den Herbst des Rentners die Einstellung der Renten noch inner-
1957 angekündigten Verhandlungen zwecks Verbesserung des
„Ersten deutsch-österreichischen Abkommens über Sozialversiche- halb der Vorbereitungsarbeiten für die monatliche
rung" geführt und zum Abschluß gebracht?
Auszahlung erfolgt.
Ist in Kürze mit einer fühlbaren Verbesserung der niedrigen
Sozialrenten der durch dieses Abkommen Betroffenen zu rechnen?

Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine Zusatz-
Arbeit. frage.
Frage 15 ist erledigt.
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozial-
ordnung: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Frage 16 — Herr Abgeordneter Riedel — betref-
fend Liederbuch für die Bundeswehr:
Damen und Herren! Ich darf die gestellte Frage wie
fIragedncHBuhsvrtignme,wit
folgt beantworten. Die bereits für den Herbst 1957 sein Haus auf die Gestaltung des Liedgutes der neuen Bundes-
in Aussicht genommenen Verhandlungen zwischen wehr Einfluß nimmt. Ist dem Herrn Bundesverteidigungsminister
bekannt und billigt er, daß das Liederheft „Die Fanfare" dienst-
einer deutschen und einer österreichischen Regie- liche Verwendung bei den Einheiten der Bundeswehr findet?
rungsdelegation über die Revision des Ersten Ist ein eigenes Liederbuch für die Bundeswehr durch das
Ministerium in Vorbereitung, und ist dafür Sorge getragen, daß
deutsch-österreichischen Abkommens über die So- die zur Auswahl stehenden Texte im Einklang mit dem beab-
sichtigten demokratischen Aufbau der Bundeswehr stehen?
zialversicherung mußten auf Wunsch der öster-
reichischen Regierung verschoben werden. Die Ver- Der Herr Bundesminister für Verteidigung!
434 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Herr Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Ich be-
Präsident! Meine Damen und Herren! Ich beant- antworte die Frage 17 folgendermaßen. Die Aus-
worte die Frage des Herrn Kollegen Riedel wie schreibung D I 1 g/30/03446/007 vom 16. Dezember
folgt. Die Unterabteilung Innere Führung im Ver- 1957 betrifft die Beschaffung von Schießstandgerät
teidigungsministerium hat sich seit langem auch mit (Schreibertischen mit aufgesetztem Regendach zum
dem von Ihnen angeführten Problem befaßt. Die Auftragswert von ca. 34 500 DM). Der Beschaffung
Diskussion über Lieder und Singen in der Bundes- lag eine Forderung der Luftwaffe bis März 1958 zu-
wehr ist bewußt von der Schule für innere Führung grunde. Nach Fertigung der technischen Unterlagen
aufgenommen und bearbeitet worden. Den Lehr- erfolgte im Einvernehmen mit der Verbindungs-
gangsteilnehmern sollte damit insbesondere auch stelle des Bundesministeriums für Wirtschaft am
die politische. Bedeutung der Liederauswahl deut- 8. Januar 1958 eine beschränkte Ausschreibung
lich gemacht werden. Daneben haben Vorträge und unter Beteiligung von 18 Firmen — etwa je Land
Aussprachen bei verschiedenen Truppenlehrgängen zwei Firmen —, die 14 Angebote erbrachte. An-
und in kleinem Umfange auch bereits Singleiterlehr- gebotsschlußtermin: 27. Januar 1958. Liefertermin:
gänge stattgefunden. Empfehlungen oder Verbote 25. März 1958. Der Auftrag wird noch in dieser
für bestimmte Lieder sind bisher nicht ausgespro- Woche erteilt werden.
chen worden. Es hat sich gezeigt, daß die Truppen-
vorgesetzten genug Urteilskraft und staatsbürger- Für die Angebotsabgabe standen demnach den
liches Verantwortungsbewußtsein besitzen, um von Firmen drei Wochen zur Verfügung. Das liegt im
sich aus Lieder zu untersagen, die politisch anrüchig, üblichen Rahmen. Da, wie schon gesagt, der Liefer-
aggressiv, von einem falschen Pathos getragen oder termin der 25. März 1958 ist, wird die Lieferfirma
sonstwie unerwünscht sind. für ihre Fertigung sechs Wochen Zeit haben. Diese
Lieferfrist ist angesichts der einfachen Fertigungs-
Das erwähnte Liederbuch „Fanfare" ist auf dem art und des geringen Lieferumfangs angemessen
freien Markt erschienen und hat wie manches an- und ausreichend. Die Firma, die den Auftrag er-
dere frei verkäufliche Liederbuch Eingang in die halten soll, ist ein mittelgroßer Betrieb und bevor-
verschiedenen Truppenteile gefunden. Trotz man- zugter Bewerber im Sinne der Richtlinien der Bun-
cher Bedenken wegen einer Reihe von Mißklängen desregierung vom 7. April 1954.
und „falschen Fanfarenstößen" innerhalb dieser
umfangreichen Stoffsammlung habe ich davon Ab- Die Lieferungen aller Gegenstände aus den Plan-
stand genommen, den Gebrauch dieses Liederbuches begriffen „Schießbahn" und „Schießstandgerät" —
zu untersagen, unabhängig von der Tatsache, daß Positionen 5, 6 und 7 der Beschaffungsanweisung
ein solches Verbot keine einwandfreie Rechtsgrund- Nr. 3446 —, die zu dem gleichen Ausschreibungs-
lage hätte. komplex gehören, sind an Handwerksbetriebe, Ar-
beitsgemeinschaften und Betriebe in Notstands-
Ich habe inzwischen — ein entsprechender Titel gebieten vergeben worden oder werden noch ver-
ist im letzten Haushalt des Ministeriums vorgesehen geben. Es handelt sich im einzelnen um folgendes:
und von dem Hohen Hause genehmigt worden — Anschußtische, Hocker, Kokosmatten, Sandsäcke,
ein Liederbuch der Bundeswehr erarbeiten lassen, Regen- und Sonnenschutzdächer, für die als An-
das vor etwa vierzehn Tagen fertiggestellt worden gebotsfristen, soweit nicht Anschlußaufträge erteilt
ist. Es ist frei von politisch oder ideell untragbaren wurden, in jedem Fall drei Wochen vorgesehen
Liedern. Es ist ebenso — was mir wichtig erscheint waren.
— der Anhebung des musikalischen Geschmacks in
der Bundeswehr förderlich und wahrt die richtige Beschwerden über zu kurze Fristen zur Abgabe
Grenze gegenüber Schnulzen und seichten Senti- der Angebote oder zu kurze Fristen für die Liefe-
mentalitäten. Dieses Liederbuch der Bundeswehr, rung selbst liegen bei den oben erwähnten Aus-
dessen Herausgabe jetzt bevorsteht, entspricht den schreibungen beim Amt für Wehrtechnik und Be-
Anforderungen, die daran gestellt werden müssen. schaffung nicht vor.
Ausschreibungsfrist im Sinne der Anfrage unter
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Frage 17 —
a) ist der Zeitraum, der einem Bieter vom Zeitpunkt
des Herrn Abgeordneten Regling — betreffend Aus- des Eingangs der Angebotsunterlage bis zum An-
schreibungs- und Lieferfristen bei Beschaffung für gebotsschlußtermin zur Abgabe eines Angebots zur
die Bundeswehr: Verfügung steht. Sie beträgt in der Regel drei bis
Welche Gründe hat die Bundesregierung für die große Eile, vier Wochen.
die sie erneut bei der Beschaffung von Unterkunfts- und Büro-
geräten für die Bundeswehr an den Tag legt (vgl. z. B. Aus- Die in b) der Anfrage genannte Lieferfrist ist der
schreibungsnr. D I 1g/30/03446/007 ff.)?
Billigt es die Bundesregierung, daß bei Ausschreibungen so Zeitraum, der einem Bieter vom Zeitpunkt der Auf-
kurze Fristen gesetzt werden, daß die unzureichenden Aus- tragserteilung bis zur Erbringung der Leistung zur
schreibungsfristen Klein- und Mittelbetrieben eine ordnungs-
gemäße Kalkulation nicht ermöglichen und die zu kurzen Liefer- Verfügung steht. Diese Frist ist in der Regel in der
fristen selbst von Großbetrieben allein für die Materialbeschaf-
fung benötigt werden? Beschaffungsanweisung nach den Bedürfnissen der
Hält es die Bundesregierung für fair, wenn außerdem im Fall Truppe vorgeschrieben und je nach Art und Umfang
der Terminüberschreitung zunächst Schadenersatzforderung, Auf-
tragsrücktritt, Vertragsstrafe und Ausscheiden aus der Liste der der Leistung verschieden. Bei der zentralen Be-
„zuverlässigen Bewerber" angedroht werden mit der Wirkung, schaffung von Unterkunfts- und Büromaterial haben
daß die Klein- und Mittelbetriebe vor Abgabe von Angeboten
zurückschrecken, später aber doch die Lieferfristen verlängert die Erfahrungen gezeigt, daß weder Klagen über
werden?
die Fristsetzung zur Angebotsabgabe noch über die
Zur Beantwortung der Herr Bundesminister für Lieferfristen erhoben wurden. Darüber hinaus sind
Verteidigung! Lieferfristen auch nicht überschritten worden. Diese
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 435
Bundesverteidigungsminister Strauß
Fristen sind so bemessen, daß Klein- und Mittel- stellung des Angebotspreises noch Verhandlungen
betriebe sich an den Ausschreibungen beteiligen über Preisnachlässe geführt werden? Stehen dem
können, und sie haben sich mit Erfolg beteiligt. Bundesverteidigungsminister im Gegensatz zu son-
Für die Angebotseinholung kommen entweder stigen öffentlichen Auftraggebern außer der Ver-
Formblatt XI D — 14 — das ist die Regel — oder dingungsordnung für öffentliche Leistungen noch
das Formblatt XI D — 15 a zur Anwendung. Nur das andere Richtlinien und Bestimmungen zur Ver-
zuletzt genannte enthält den Hinweis, daß der Lie- fügung?
fertermin Vertragsbestandteil ist und zur Vermei-
dung von Vertragsstrafen und drohenden Schadens- Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Davon
ersatzansprüchen unter allen Umständen eingehal- ist mir nichts bekannt. Ich bitte auch hier, um den
ten werden muß. Formblatt XI D — 15 a findet aber Fall nachprüfen zu können, um das gleiche Verfah-
nur in Ausnahmefällen Anwendung, d. h. nur dann, ren.
wenn mit Rücksicht auf die Dringlichkeit der mili- (Abg. Regeling: Das werde ich gern tun!)
tärischen Forderung dem Bund erkennbar durch
Verzug erhebliche Nachteile erwachsen würden. Im Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine Zusatz-
übrigen ist eine Vereinbarung über eine Vertrags- frage.
strafe oder über den Rücktritt durchaus handels- Meine Damen und Herren, ich muß die Frage-
üblich und auch im Bürgerlichen Gesetzbuch vor- stunde abbrechen; 60 Minuten sind verstrichen. Die
gesehen. nächste Fragestunde findet am Mittwoch, dem
Anders verhält es sich mit der erwähnten An- 12. März, statt; Sperrfrist für Fragen ist Freitag, der
drohung des Ausschlusses aus der Liste der „zu- 7. März, 12 Uhr. Damit ist Punkt 1 der Tagesord-
verlässigen Bewerber". Davon kann aber das Amt nung erledigt.
für Wehrtechnik und Beschaffung schon deshalb
Ich rufe Punkt 2 der Tagesordnung auf:
keinen Gebrauch machen, weil eine Liste der „zu-
verlässigen Bewerber" nicht geführt wird. Es ist in Große Anfrage der Fraktion der SPD betref-
einzelnen Fällen vorgekommen, daß Aufträge, die fend Anhebung der Verkehrstarife (Druck-
unter diesen Bedingungen erteilt wurden, hinsicht- sache 136)
lich der Liefertermine abgeändert werden mußten, In Verbindung damit:
weil der Zuschlag nicht innerhalb der Angebots-
bindefrist, also in der Regel innerhalb 30 Tagen, er- Antrag der Fraktion der SPD betr. Erhöhung
teilt werden konnte. Diese Änderungen waren be- der Tarife im Berufsverkehr und der Sozial-
dingt durch — um einen Grund zu nennen — ver- tarife (Drucksache 136),
spätete Bereitstellung der Haushaltsmittel. In die- Antrag der Fraktionen der CDU/CSU, DP betr.
sen Fällen wurde stets darauf geachtet, daß die Verkehrstarife (Drucksache 185)
Lieferfrist nicht geändert wurde, d. h., daß den Bie- Ich frage, ob zur Begründung der Großen Anfrage
tern ein gleich großer Lieferzeitraum wie in den das Wort gewünscht wird.
Angebotsunterlagen vorgesehen eingeräumt wurde.
(Abg. Ritzel: Zur Geschäftsordnung!)
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Eine Zusatz- — Zur Geschäftsordnung der Herr Abgeordnete
frage! Ritzel!

Regling (SPD) : Es ist Ihnen und Ihrem Hause Ritzel (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
also nicht bekannt, Herr Minister, daß verschiedene Herren! Bezüglich des ebenfalls auf der Tagesord-
Firmen, insbesondere auch Arbeitsgemeinschaften, nung stehenden Antrags Drucksache 141 (neu) sind
Angebote nicht abgegeben haben, weil die Liefer- im Ältestenrat und im Ausschuß für Geschäftsord-
fristen zu kurz sind? nung Meinungsverschiedenheiten entstanden, ob es
sich um einen Antrag nach § 94 oder nach § 96 (neu)
Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Das ist
der Geschäftsordnung handelt, also um eine Haus-
dem Amt für Wehrtechnik und Beschaffung offen-
haltsvorlage oder um eine Finanzvorlage. Namens
sichtlich nicht bekannt. Mir ist es sicher nicht be-
meiner Fraktion kann ich dazu erklären: Wir sind
kannt, weil ich keine Korrespondenz dieser Art
mit der Behandlung dieses Antrags heute einver-
habe. Wenn Ihnen aber Einzelfälle oder mehrere
standen, ohne irgendwelche geschäftsordnungsmäßi-
Einzelfälle dieser Art bekannt sind, dann bitte ich
gen Schlußfolgerungen aus der Behandlung vorweg
Sie, diese entweder dem Leiter des Amtes, Dr.
zu ziehen.
Stammbach, oder mir in einem an mich persönlich
gerichteten Brief mitzuteilen. Dann werde ich eine
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Haus ist
Überprüfung veranlassen und Ihnen eine individu-
damit einverstanden; es billigt diesen Standpunkt.
elle Auskunft erteilen.
Er ist auch im Ältestenrat so abgesprochen.
(Abg. Regling: Das werde ich gern tun!)
Nun zunächst zur Begründung der Großen An-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Noch eine frage! Das Wort hat Herr Abgeordneter Schmidt
Zusatzfrage! (Hamburg).

Regling (SPD) : Eine weitere Frage, Herr Mi- Schmidt (Hamburg) (SPD) : Herr Präsident! Meine
nister! Ist Ihnen bekannt, daß bei beschränkten und Damen und Herren! Am 1. Februar hat die
auch bei öffentlichen Ausschreibungen nach Fest- Bundesregierung unter Durchbrechung der bishe-
436 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Schmidt (Hamburg)
rigen Verwaltungspraxis im Alleingang eine Tarif- sonenverkehrs ungefähr 245 Millionen, zusammen
erhöhung für die Bundeseisenbahn und für den ge- rund 900 Millionen Mark. Ich bitte das Haus, sich
werblichen Kraftwagenverkehr verfügt. Während diese Zahlen vor Augen zu führen, damit man die
bisher seit Begründung der Bundesrepublik alle der- Größenordnung erkennt, um die es hier geht.
artigen Preiserhöhungen auf dem Verkehrssektor Ich erinnere mich an die große Erregung in der
ausführlich im Bundesrat beraten wurden, dessen Öffentlichkeit und auch an erhitzte Debatten in die-
Zustimmung als erforderlich angesehen wurde, hat sem Hause, als es um die Kohlepreiserhöhung ging.
man diesmal erstmalig darauf verzichtet. Infolge- Aber die Zahl, die ich Ihnen eben vortrug, macht
dessen ist diese Maßnahme verhältnismäßig schnell klar, daß es sich bei diesen Verkehrstariferhöhun-
über die Bühne gegangen. Sie ist nur im Kabinett gen um ein mehr als doppelt so großes Quantum
beschlossen worden. So kommen wir heute leider handelt als bei der Erhöhung des Kohlepreises.
in die Situation, unsere Große Anfrage erst post
festum beraten zu können. Wenn Sie zu diesen 900 Millionen DM, die aus
den bisher vom Kabinett beschlossenen Maßnah-
Ich will im Augenblick nicht auf das waghalsige men an Preiserhöhungen herauskommen, das hinzu-
Interpretationskunststück eingehen, das dazu ge rechnen, was noch vorbereitet wird — nämlich im
führt hat, zum ersten Mal seit 1949 den Bundesrat Nahverkehr, in der Binnenschiffahrt mit je 50 bis
bei der 17. Tarifänderung nicht zu beteiligen, ob- 100 Millionen und womöglich in der Post mit 250
wohl es die bei weitem gewichtigste Tarifänderung oder 400 Millionen; die Angaben schwanken da in
ist, der Presse —, dann kommen Sie dazu, daß Sie
(Abg. Müller-Hermann: Wahrscheinlich allein auf dem Verkehrssektor in diesem Frühjahr
gute Gründe bei der SPD!) eine Preissteigerung um 1 1/2 Milliarden pro anno
— ich komme gleich darauf zurück, Herr Müller annehmen müssen. Es handelt sich übrigens bei
Hermann—, sondern ich möchte zunächst eine preis- diesen Preissteigerungen, bei diesen Tarifänderun-
politische Betrachtung voranstellen. gen tatsächlich um Tarif e rh ö h u n g en, es han-
Es ist bedauerlich, daß wir in diesem Hause im- delt sich nicht etwa um das, wovon der Herr Bun-
mer erst dann zu solchen Fragen sprechen können, desverkehrsminister seit 1950 schwärmerisch so oft
wenn es sich um bereits vollzogene Tatsachen han- gesprochen hat: um eine „organische Tarifreform."
delt. Leider ist das nicht nur auf dem Gebiet der Wir haben ja so unsere Erfahrungen mit diesen
Preispolitik so, sondern es scheint eine allgemeine platonischen organischen Reformen. Es bedurfte
Erscheinung des Regierungsstils hier in Bonn zu erst einer verfassungsgerichtlichen Nachhilfe und
werden, daß man zunächst einmal Tatsachen schafft eines Ministerwechsels, um wenigstens einen An-
und dem Parlament nachher die Möglichkeit läßt, satz zu einer organischen Reform unseres Steuer-
post festum ein wenig darüber zu sprechen. rechts nunmehr demnächst zu verwirklichen. Auf
dem Verkehrsgebiet können wir solche Ansätze
Wir müssen infolgedessen heute den Tenor un- bei den jüngst vom Kabinett beschlossenen Maß-
serer Anfrage ein wenig umgestalten und Sie bitten, nahmen kaum entdecken — ich sage: kaum ent-
z. B. die erste Frage, ob die Bundesregierung diese decken —; das, was an Ansätzen enthalten ist,
beantragten Tariferhöhungen billigt, so zu lesen: scheinen mir eher Konkurrenzmaßnahmen gegen
Wie rechtfertigt die Bundesregierung, was - sie vor
den Kraftwagen zu sein als wirkliche Ansätze zu
einigen Wochen beschlossen hat? einer organischen Tarifreform.
Wenn ich aber eine preispolitische Betrachtung Nun hat ja der Bundesverkehrsminister es in den
anstelle, möchte ich in Erinnerung rufen, daß wir letzten Jahren aufgegeben, dieses Lied von der
im Laufe der letzten vier Monate erst eine Kohle- organischen Tarifreform zu singen. Es ist ihm auch
preisverteuerung erlebt haben, die ungefähr 400 bis nie gelungen, hier einen wirklichen Schritt voran-
500 Millionen DM — aufs Jahr gerechnet — aus- zukommen. Es kommt mir so vor wie mit dem Lied
macht, dann eine Brotpreiserhöhung, dann eine „Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'n"; er
Zuckerpreiserhöhung, vor wenigen Tagen eine Er- ist nie dahin gelangt, und auch die gegenwärtigen
höhung der Gefrierfleischpreise, jetzt diese Tarif- Tarifmaßnahmen tun keinen Schritt in der Richtung
erhöhung für die Eisenbahn, für den Güterfernver- auf dieses gelobte Land.
kehr auf Lastwagen. Demnächst wird eine Preis- Was aber sind die Gründe für jenen Kabinetts-
erhöhung für den Güternahverkehr für Lastwagen, beschluß? Nun, die Gründe liegen klar zutage. Die
für die Binnenschiffahrt und womöglich für die Post Kosten steigen schneller als die Einnahmen, auch
folgen. Wir fragen ja in unserer Frage Nr. 5, wie für die Bundeseisenbahn, ein hundertprozentig staat-
es bei der Post aussieht. Der Herr Bundespostmini- liches Unternehmen. Die Bundesregierung und der
ster hat in der Öffentlichkeit sibyllinische Erklä- Bundeswirtschaftsminister haben häufig Beschwö-
rungen zu diesem Punkt abgegeben. Vielleicht sind rungen an die privaten Unternehmer gerichtet, in
wir heute in der Lage, etwas Näheres zu hören. den Preisen Maß zu halten. Sie haben nicht nur
Im engeren Bereich des Eisenbahnverkehrs und Beschwörungen gerichtet, sie haben auch „brutale
des Lastwagenverkehrs macht die vom Kabinett Maßnahmen" angekündigt für den Fall, daß die
kürzlich beschlossene und am 1. Februar in Kraft Unternehmer in ihrer Preispolitik nicht Maß hielten.
getretene Maßnahme einschließlich der Beförde- Hier, in diesem Fall, gibt die Bundesregierung sel-
rungsteuern — die sich ja auch erhöhen — für den ber zu, daß angesichts unserer inflatorischen Preis-
Benutzer auf der Seite des Güterverkehrs 650 Mil- entwicklung in den letzten fünf, sechs Jahren in
lionen Mark im Jahr aus, auf der Seite des Per- Deutschland — die eine ebenso inflatorische Kosten-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 437
Schmidt (Hamburg)
entwicklung bedeutet — auch ein staatliches Unter- beim industriellen Bau, die Transportkosten einen
nehmen gezwungen ist, seinerseits an der Preis- großen Kostenanteil ausmachen. Auch hier werden
Lohn-Schraube kräftig mitzudrehen; denn darum außerordentlich starke Auswirkungen eintreten
handelt es sich hier. Ich würde — und das an die eben dadurch, daß in Zukunft die Anfuhr von Bau-
Adresse des Bundeswirtschaftsministers gesagt — stoffen aller Art mit Lastwagen ganz wesentlich
in Zukunft etwas vorsichtiger in der Androhung verteuert wird.
brutaler Maßnahmen gegen Privatunternehmer sein, Um noch ein letztes Wort in bezug auf diese
wenn man doch seinem eigenen Unternehmen zu speziellen Auswirkungen zu sagen, darf ich wie-
einer massiven Preiserhöhung verhelfen muß, offen- der den „Volkswirt" zitieren. Er schreibt in einem
bar — wenn ich die Regierung richtig verstehe — längeren Aufsatz unter anderem: Man gelange zu
weil die Kosten völlig weggelaufen sind. ganz anderen Schlußfolgerungen über die Auswir-
(Zurufe von der CDU/CSU: Die Löhne! — Mit kungen dieser Frachtverteuerung, wenn man nur
dem Placet der SPD!) einmal specialiter untersuche, was sie für den
— Ich finde das ganz nett, daß Sie von der Rechten Kohletransport derjenigen Werke ausmache, die
bei solchen Gelegenheiten dem Lohnarbeiter immer Kohle verbrauchten. Dann zeige sich nämlich, daß
die Schuld geben; das macht wenigstens einmal die jetzige Tariferhöhung nur für die Kohle, die
deutlich, auf welcher Seite Sie stehen! diese Werke verbrauchten, bei Transportentfernun-
(Beifall bei der SPD. — Abg. Schüttler: Das gen von 300 km — es ist ja nichts Anormales, daß
war aber sehr dumm!) ein Industriewerk seine Kohle über 300 km be-
ziehen muß — allein 48 % der Kohlepreiserhöhung
— Wie man in den Wald hineinruft, lieber Zwi-
ausmache. Das heißt, auf die damalige Kohlepreis-
schenrufer, so schallt es heraus!
erhöhung kommt jetzt noch einmal fast die Hälfte
(Abg. Müller-Hermann: Aber ein bißchen drauf. Bei Transportentfernungen von 500 km wirke
geistreicher!) sich die Frachtverteuerung für die Kohle mit 63 %
Nun wird der Herr Bundesverkehrsminister gleich der Kohlepreiserhöhung aus, bei 700 und 800 km
sagen, das sei doch ganz unerheblich für das Preis- entsprechend stärker; ich will das nicht weiter vor-
gefüge der bundesrepublikanischen Wirtschaft, eine lesen, weil diese Entfernungen relativ selten vor-
Milliarde oder vielleicht etwas mehr oder etwas kommen. Immerhin, in den entfernten Gebieten,
weniger, das sei doch ganz unerheblich für den ge- oben in Schleswig-Holstein und unten in Bayern,
samten Preisstand. Ich bin überzeugt, er wird das sind gerade die großen Entfernungen für die be-
gleich darlegen, es steht sicher in seinem Manu- troffenen Betriebe durchaus von erheblicher Be-
skript, ich kann es fernsehen. Aber das stimmt eben deutung, wie überhaupt die gesamte Tariferhöhung
nicht! Eine Milliarde ist nicht unerheblich. Die Preis- bestimmte Probleme für die sogenannte randge-
auswirkung, ich sagte es schon, auf das Gefüge legene Industrie, die revierferne Industrie, aufwirft.
der Gesamtwirtschaft ist doppelt so stark wie Ehe ich aber auf diesen Punkt eingehe, zu dem
bei der seinerzeitigen Kohlepreiserhöhung, und im Zusammenhang mit der Begründung unserer Ein-
es gibt insbesondere einige industrielle Berei- zelfragen zu sprechen sein wird, möchte ich die
che, in denen die Gütertariferhöhungen -wirklich Frage der Rechtslage aufwerfen.
sehr zu Buche schlagen. Da ist die eisenschaf- Ich sagte vorhin, daß seit Begründung der Bun-
fende Industrie, da ist z. B. der Bereich der desrepublik der Eisenbahntarif 15mal — ich habe
Zellwolle, der durch die Verteuerung der Trans- es nicht genau im Kopf, es mag auch 16mal sein —
portpreise — insbesondere durch die Verteuerung geändert worden ist. In all den 15 Fällen hat man
ihrer Kohletransportpreise — eine dreimal so hohe dazu dem Bundesrat eine Vorlage gemacht, und der
Belastung erfährt wie seinerzeit bei der Kohle- Bundesrat hat zugestimmt. Es sind einige ehemalige
preiserhöhung. Gleiches gilt für die Chemiefaser- Bundesratsmitglieder hier im Plenum, die sich aus
industrie, gleiches gilt für den Düngemittelbereich, eigener Erfahrung daran erinnern werden. Das
zumal die Binnenschiffahrt — ich denke hier be- heutige Verfahren hat in der Fachpresse folgende
sonders an die Rheinschiffahrt — ihre Tarife um, Qualifizierung gefunden: Es sei zustande gekom-
wie ich annehme, 10 bis 15 % im Schnitt anhebt. men unter Hintansetzung juristischer Bedenken und
Gleiches gilt für gewisse Bereiche der Holzverarbei- unter Berücksichtigung taktischer und politischer
tung. Ich darf einmal zitieren, Herr Präsident, aus Bedürfnisse. Das scheint mir die Situation richtig
der Wirtschafts- und Finanzzeitung „Der Volkswirt" zu qualifizieren.
— Sie wissen, daß dieses Blatt nichts mit der Sozial-
demokratischen Partei zu tun hat —; es schreibt: Wie ist es aber rechtlich möglich gewesen, nun-
Es ergibt sich die Situation, daß der Wett- mehr auf eine Befassung des Bundesrats zu ver-
zichten? Wir haben es hier mit drei verschiedenen
bewerb mit dem Importholz den Sägewerken
Gesetzesmaterialien zu tun, die in dieses Gebiet
kaum eine Abwälzung gestattet. Damit muß
hineinschlagen: Zunächst einmal der Art. 80 Abs. 2
sich die ohnehin prekäre Lage der Sägewerk
des Grundgesetzes; danach bedürfen Rechtsverord-
industrie noch verschärfen.
nungen über die Gebühren der Bundeseisenbahnen
Das ist ein Einzelbeispiel aus einer bestimmten der Zustimmung des Bundesrats. Diese grundgesetz-
Branche. liche Bestimmung hat man sehr leicht dadurch aus-
Ein zweites Beispiel ist — ebenfalls nach dem gehebelt, daß man erstmalig ausnahmsweise keine
„Volkswirt" — der Bausektor. Sie wissen, daß dort, Rechtsverordnung gemacht, sondern dieser wichtig-
und zwar nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch sten Eisenbahntarifmaßnahme seit 1949 den Cha-
438 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Schmidt (Hamburg)
rakter einer Verwaltungsanordnung gegeben hat. Wir haben ja auch mit der Frage 6 die Bundes-
Infolgedessen war man nicht mehr gezwungen, dem regierung gefragt, ob sie sich eigentlich dessen be-
grundgesetzlichen Erfordernis der Zustimmung des wußt ist, daß hier das allgemeine Preisgefüge be-
Bundesrats zu entsprechen. einflußt wird. Ich bin gespannt darauf, ob die Ant-
wort nein lautet. Sie werden dann sicherlich in
Zweitens spielt in dieses Sachgebiet das Bundes-
einigen Tagen eine Reihe von Briefen aus den be-
bahngesetz hinein. Nach § 16 des Bundesbahngeset-
troffenen Industrien und Verbänden bekommen,
zes ist es erlaubt, daß die Bundesbahn eine Reihe
Herr Bundesverkehrsminister oder Herr Bundes-
von Ausführungsbestimmungen zu der Eisenbahn-
wirtschaftsminister, in denen diese darlegen, daß
verkehrsordnung, Änderungen von Nebengebühren,
sie doch sehr erheblich betroffen werden.
Änderungen des Regeltarifs, von Ausnahmetarifen
usw., von sich aus mit Genehmigung des Verkehrs- Damit komme ich zur Frage 2. Hier handelt es
ministers erläßt. So hat man es hier gemacht; man sich um eine andere Kategorie von Betroffenen, die
hat also diese außerordentlich gewichtige Maß- mit Recht schon außerordentlich geklagt haben,
nahme als eine solche auf Grund des § 16 des Bun- nämlich die Menschen, die bisher auf Grund der
desbahngesetzes konstruiert. Tarife im Berufsverkehr oder im Sozialverkehr eine
Das wäre ganz gut, wenn es nicht noch ein drittes Reihe von Begünstigungen, Bevorzugungen im
Gesetz gäbe, das hier eine Rolle spielt und bei den Eisenbahntarif gehabt haben, die bis jetzt in
bisherigen Tarifmaßnahmen der Bundesregierung Deutschland von niemand im Grunde als ungerecht-
auch immer beachtet worden ist, wenn ich nicht irre, fertigt angesehen wurden.
ausdrücklich beachtet worden ist im Introitus zu Die Eisenbahn behauptet nun seit vielen Jahren,
den bisherigen Rechtsverordnungen, die sich mit daß diese Begünstigungstarife im Berufsverkehr
Eisenbahntarifen befaßten. Das ist das allgemeine und im Sozialverkehr ihre Kosten nicht deckten.
Preisrecht. In Art. 1 des Preisgesetzes steht, daß Das mag stimmen. Tatsache aber ist, daß die Bun-
Veränderungen der Preise von Leistungen —darum desbahn bisher weder diesem Hause noch einem
handelt es sich hier —, die eine grundlegende Be- Ausschuß dieses Hauses auch nur ein ganz kleines
deutung für den gesamten Preisstand haben, der Fitzchen von Kostenrechnung vorgelegt hat.
Zustimmung des Wirtschaftsrates bedürfen. Der
Ich benutze die Gelegenheit, um einmal die Bun-
Rechtsnachfolger des Wirtschaftsrates, so hat man
despost zu loben, die nun tatsächlich, wenn auch
dann später konstruiert, war der Bundesrat. In-
unter dem starken Druck ihres Verwaltungsrates,
folgedessen hat der Bundesrat solche Rechtsverord-
aber mit Zustimmung und unter Mitarbeit des Post-
nungen auch immer geprüft und ihnen häufig nicht
ministers — damals Balke und später Lemmer;
zugestimmt, sondern er hat Veränderungen der be-
Herrn Stücklen will ich noch nicht loben, der ist
absichtigten Tarifmaßnahmen herbeigeführt und
noch zu jung in dem Geschäft — einen erheblichen
die Verordnungen dann erst in der geänderten
Anfang mit einer sorgfältigen, betriebswirtschaft-
Form genehmigt.
lich einwandfreien Kostenrechnung gemacht hat.
Das alles hat man diesmal nicht getan. Ich habe Das war gar nicht so ganz leicht. Der jetzige Bun-
den Eindruck, daß man einigen Ländern den Ver- despostminister — jetzt kann ich doch noch ein
zicht auf ihre Beteiligung im Bundesrat abgekauft freundliches Wort für ihn sagen — ist sogar so
hat — das wäre nicht das erstemal —, und zwar weit gegangen, obwohl er vielleicht gar nicht ohne
durch Zugeständnisse auf dem Gebiet der Spezial- weiteres dazu verpflichtet ist, ein erhebliches Er-
tarife, der Ausnahmetarife für bestimmte Industrien, gebnis aus dieser Kostenrechnung dem Ausschuß
an denen bestimmte Landesregierungen Interesse für Verkehr und Post dieses Hauses vorzulegen.
haben, und anderswo.
Wenn man eine Kostenrechnung vorlegt, aufge-
Außerdem liegt liier ein juristischer Trick vor,
gliedert nach verschiedenen Sparten, nach verschie-
mit dem man sich auseinandersetzen muß. Die Ge-
denen Kostenträgern und Kostenbereichen, dann
samttarifmaßnahmen, die, wie ich vorgeführt habe,
wird man vielleicht hier und da gewisse Ände-
rund 900 Millionen ausmachen, hat man durch eine
rungen in den Preisen, in den Gebühren plausibel
entsprechende Formulierung in Einzelanordnungen
machen können. Solange man das nicht tut — wie
zerlegt. Jede Einzelanordnung für sich berührt
z. B. der deutsche Kohlenbergbau oder die Deut-
zweifellos nicht den gesamten Preisstand ; z. B. die
sche Bundesbahn —, wird man immer den Ver-
über den Reichskraftwagentarif ist in sich nicht so
dacht gegen sich gelten lassen müssen, daß das,
gewichtig, daß man behaupten könnte, hier sei das
was man an - angeblichen Ergebnissen aus seiner
gesamte Preisgefüge der Bundesrepublik berührt.
Kostenrechnung der Öffentlichkeit gegenüber be-
Ob man diese Frage auch für die Anordnung auf
hauptet, vielleicht doch ein bißchen frisiert ist.
dem Gebiet des Eisenbahngütertarifs verneinen
kann, die immerhin allein 700 Millionen ausmacht, In den Tarifanträgen der Bundesbahn ist z. B.
scheint mir schon sehr zweifelhaft. Wenn man aber in keiner Weise kostenrechnungsmäßig belegt —
die Summe der Einzelmaßnahmen betrachtet, die oder auch nur der Versuch der Rechtfertigung ge-
das Kabinett innerhalb eines Tagesordnungspunk- macht worden —, daß allein 260 Millionen aus dem
tes als eine zusammengefaßte Maßnahme beschlos- Berufs- und Sozialverkehr an zusätzlichen Einnah-
sen hat, dann gibt es keinen Zweifel, daß sie das men herausgezogen werden sollten. Man hat nur
gesamte Gefüge der Preise außerordentlich berührt gemeint, mit dieser Zahl von 260 Millionen, die
und daß hier nach dem Geiste des Gesetzes das man aus dem Personenverkehr herausholen wollte,
allgemeine Preisrecht Platz greifen müßte. ungefähr die hinsichtlich der Überwindung aller
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 439
Schmidt (Hamburg)
politischen Widerstände richtige Größenordnung zu haben, wird auf den gesamten Berufsverkehr der
treffen. Die größere Hälfte sollte aus dem Güter- Bundesbahn auch ein entsprechender Teil auf den
verkehr genommen werden, kostenmäßig auch nicht Verkehr derjenigen Arbeitnehmer entfallen, die die
gerechtfertigt, auch nicht gestützt. Übrigens hat man Fünf-Tage-Woche haben, und diese Leute sind nun
die Situation bei der Überwindung der politischen allerdings um die bisherigen Vergünstigungen der
Widerstände nicht ganz richtig eingeschätzt. Zwar Kurzarbeiterwochenkarte gebracht. Das muß man
hat die Öffentlichkeit und hat auch das Parlament also schon deutlich sagen.
sich diese Dinge gefallen lassen. Wir kommen wie
Noch schlimmer erscheint mir der Wegfall der
immer ja nur dazu, post festum darüber zu reden.
Tarifvergünstigungen für Lehrlinge. Ich darf hier,
Aber im Kabinett hat sich ein politischer Wider-
Herr Präsident, etwas aus einem Brief vorlesen, den
stand durch den Bundesfamilienminister ergeben;
mir eine Reihe von Lehrlingsvertretern in Hambur-
den hatte man offenbar nicht einkalkuliert. Der hat
ger Maschinenbaufabriken geschrieben haben; es
also dann dafür gesorgt, daß die 260 Millionen aus
sind insgesamt 11 oder 12 Firmen. Diese legen dar,
dem Personenverkehr, die man zusätzlich haben
daß der vom Kabinett beschlossene Wegfall der
wollte, ein wenig verringert wurden.
Lehrlingstarife für Lehrlinge im dritten und vierten
Das ist die erste Gelegenheit in diesem Haus, Lehrjahr ganz außerordentliche Auswirkungen
wo von seiten der Sozialdemokraten die Tätigkeit habe. Es wird hier gesagt, ein Lehrling im dritten
des Bundesfamilienministers anerkannt werden und vierten Lehrjahr muß jetzt denselben Fahrpreis
kann; und ich tue das mit besonderer Freude. bezahlen wie ein erwachsener Erwerbstätiger, ob-
wohl er doch als Erziehungsbeihilfe im Durchschnitt
(Heiterkeit.) nur etwa 75 DM erhält. Das macht natürlich sehr
Vom Bundesverkehrsminister ist im übrigen noch viel aus in einer Stadt wie Hamburg, wo schon
der Beweis zu führen, daß der großstromige Berufs- innerhalb der Grenzen dieser riesenhaften Einheits-
verkehr wirklich nicht rentabel sei. Man muß sich gemeinde entsetzlich große Verkehrswege zu über-
das doch einmal vorstellen. Gehen Sie in einen winden sind und wo über die weitgespannten Gren-
Raum wie Stuttgart oder in einen Großraum wie zen dieser Gemeinde hinaus nun noch jeden Tag
München, da wird die Kapazität der Personenwagen 60 000 oder 80 000 Pendler über 50, 60, 70 km hin-
im Berufsverkehr zu 250 % oder 300 % ausgelastet. und herfahren. Ein typisches Beispiel, das für Ham-
Die Menschen stehen da immer noch dicht gepackt burg die Entfernungen aufzeigt, sind die Pendler,
drin. Da soll mir jemand erzählen, die Kosten die aus Barmstedt oder aus Bad Bramstedt oder
kämen nicht herein! Das kann so global einfach aus Neumünster kommen; das ist noch viel weiter.
nicht stimmen. Bisher hat ein Lehrling, der in Altona in einer der
dortigen großen Fabriken, sagen wir, bei Conz oder
Ich bezweifle nicht, daß es auf der anderen Seite bei den Ottenser Eisenwerken arbeitet und der aus
auch andere Arten des Sozialverkehrs gibt, insbe- Barmstedt kommt, 26 DM im Monat bezahlt. Nun-
sondere bei all diesen besonderen Unterstützungs- mehr zahlt er 56 DM. Das ist mehr als eine
tarifen für sozial besonders schwache Schichten, wo 100%ige Verteuerung; das nimmt ihm schon beinahe
die Rentabilität sicherlich nicht gegeben ist. Aber alles weg, was er als Lehrling verdient. Nehmen
hier muß dann das Prinzip der Erstattung - durch
wir an, er verdient 75 DM; davon zahlt er für die
denjenigen zum Tragen kommen, der für die Sozial- Monatskarte 56 DM. Das ist kein konstruierter
politik zuständig ist. Ich nehme an, daß meine Kol- Fall. Wir können auch innerhalb des Bereichs von
legen hinterher in der Debatte dazu noch etwas Hamburg bleiben. Nehmen wir mal einen, der
Näheres ausführen wollen. innerhalb des Weichbildes, etwa in Ahrensburg,
wohnt und mit der S-Bahn fährt; der hat bisher
Ich möchte einen Punkt aufgreifen, der eben in
13 DM gezahlt und zahlt jetzt 26 DM, eine 100%ige
der Fragestunde eine Rolle gespielt hat. Da hat
Verteuerung. Und es gibt Beispiele von 150%iger
einer der Kollegen gefragt, wie es denn mit der
Kurzarbeiterwochenkarte sei, warum die abge- und von über 200%iger Verteuerung.
schafft würde. Der Herr Bundesverkehrsminister Ich bin dankbar und freue mich darüber, daß
hat geantwortet, wir hätten ja gar keine Kurzarbei- offenbar die Koalitionsparteien — wenn schon nicht
ter mehr, hier sei also praktisch niemand betrof- das Kabinett — diese Kalamität wenigstens in letz-
fen, da brauche man sich also keine Sorge zu ter Minute erkennen und uns heute hier einen Antrag
machen. vorlegen, der auf diesem Gebiet wenigstens ein
wenig abmildern soll, was hier an unverständlichen
Dies ist nun leider Euphemismus, Herr Bundes-
Beschlüssen gefaßt worden ist. Ich bin allerdings
verkehrsminister. Wir haben keine Kurzarbeit, der Meinung — das darf ich für meine Person
nein, aber wir haben bereits 2 Millionen Arbeit- sagen —, daß dieser Antrag nicht weit genug geht.
nehmer in der Bundesrepublik, die in der Fünf-
Tage-Woche arbeiten. Ich schätze, daß von diesen Nun zu unserer dritten Frage: Was gedenkt die
2 Millionen Arbeitnehmern, die in der Fünf-Tage- Bundesregierung zu tun, um zu erwartende wirt-
Woche arbeiten, ungefähr ein Viertel auf die Be- schaftliche Schwierigkeiten in verkehrsfernen Ge-
nutzung der Eisenbahn angewiesen ist. Das ist so bieten zu verhindern? — Da muß man leider ein
über den Daumen gepeilt; es mögen mehr oder auch wenig fachsimpeln, um deutlich zu machen, worum
weniger sein, jedenfalls ist es ein erheblicher Teil. es hier geht.
Wenn von den insgesamt 18 Millionen Arbeitneh- Seit vielen Generationen ist der Eisenbahngüter
mern etwa 2 Millionen eine Fünf-Tage-Woche tarif in Deutschland gestaffelt, und zwar einmal
440 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Schmidt (Hamburg)
nach der Entfernung - mit zunehmender Entfer- die Dauer ein ungeheures zusätzliches Stimulans
nung wird der Tarif, also der Fahrpreis für das zu für eine Erscheinung, die wir bisher schon haben
befördernde Gut, niedriger, das ist die sogenannte bedauern müssen, nämlich für die industrielle und
Entfernungsstaffel —, und zum anderen ist der bevölkerungsmäßige Ballung in dem Gebiet an
Tarif, seit Bismarcks Zeiten übrigens, gestaffelt nach Rhein und Ruhr. Sicher wird es unter allen mög-
dem Wert der Güter, „nach der Belastbarkeit der lichen Aspekten von niemandem befürwortet, daß
Güter", heißt das. Wenn jemand also, nehmen wir sich die Bevölkerung immer stärker hier im Be-
an, in Flensburg ein Industrieunternehmen hat und reich des Westens in den Industriegebieten konzen-
seine Kohle von der Ruhr beziehen muß, dann triert; aber das wird durch diese Verkehrspolitik in
kriegt er diese Kohle verhältnismäßig billig, weil Zukunft noch gesteigert werden.
sie im Werttarif unten eingestuft ist, weil sie eine
niedrige Wertstufe, ja sogar noch einen Ausnahme- Deswegen haben ja auch die randgelegenen Län-
tarif unterhalb der Wertstaffel hat. E r hat also der, wie z. B. Schleswig-Holstein, das keine sozial-
einen verhältnismäßig niedrigen Transportpreis zu demokratische Landesregierung hat, und Bayern,
zahlen. Und dann fabriziert er nun mit Hilfe seiner das ja jetzt leider auch keine sozialdemokratische
übrigen Roh- und Hilfsstoffe irgendein industrielles Landesregierung mehr hat, sich gegen diese Maß-
Produkt, das er absetzen will. Er würde natürlich nahmen ausgesprochen, und mit Recht, ebenso die
schon in seinem engeren Bereich, im Lande Schles- dortigen Verbände, die dortigen Handelskammern
wig-Holstein, auf die Konkurrenz eines gleichge- und die dortige Presse. Deswegen scheint uns die
arteten Unternehmens derselben Branche stoßen, Frage sehr gerechtfertigt zu sein, ob sich die Bun-
das in Oberhausen domiziliert, dort direkt auf der desregierung dieser Sorgen bewußt ist und was sie
Kohle sitzt und gar keine Kosten für den Kohle tun will, um kommende Schwierigkeiten zu ver-
transport aufzuwenden hat, wenn nicht auf der hindern.
anderen Seite die Wertstaffel dafür gesorgt hätte, Damit, meine Damen und Herren, komme ich zur
daß das Fertigfabrikat, das der in Oberhausen ge- letzten unserer Fragen: Wann kommt endlich die
nauso zu verkaufen hat wie der in Flensburg, auf große Verkehrsreform? Ich sagte eingangs, von der
der Eisenbahn mit verhältnismäßig hoher Fracht be- „organischen" Verkehrsreform wird schon nicht
lastet wird. Die Folge davon ist, daß der Mann in mehr gesprochen. Aber das, was wir jetzt vor uns
Flensburg, der seine Kohle billig heranbekommt, sehen, ist überhaupt keine Verkehrsreform, sondern
die Gewähr hat, dafür, daß er am Rande sitzt, nun das ist eine Preiserhöhung, bei der man hier und
doch wenigstens seine Fertigwaren im engeren Um- da ein bißchen am Tarif gebastelt hat, und zwar
kreis seiner Stadt Flensburg besser absetzen zu meistens gebastelt hat, um die Konkurrenzsituation
können als sein Konkurrent in Oberhausen, der zwischen Bahn und Kraftwagen zu Lasten des Kraft-
durch die Nähe zur Kohle begünstigt ist; denn der wagens zu verschlechtern. Ich kann das verstehen,
Oberhausener Konkurrent muß ja noch eine sehr aber insgesamt nicht billigen, weil die ruinöse Kon-
hohe Fracht für das Fertigprodukt drauflegen, wenn kurrenz zwischen Schiene und Straße durch diese
er es etwa in Flensburg verkaufen wollte. Tarifmaßnahmen in keiner Weise aus der Welt ge-
schafft oder auch nur ernsthaft verringert wird.
Dieses Prinzip hat in den vergangenen drei
- Gene-
rationen in Deutschland bei dem dezentralisierten Im übrigen ist es so, daß selbst nach dieser Tarif-
Aufbau unserer verarbeitenden Industrie eine un- erhöhung auch in Zukunft, d. h. im Jahr 1958, die
geheure Rolle gespielt. Dieses Prinzip hat es über- Deutsche Bundesbahn, die immerhin heute noch
haupt nur ermöglicht, daß z. B. in Thüringen und 55 % der gesamten Beförderungsleistung der deut-
Sachsen, die früher schon Ballungsraum für ganze schen Wirtschaft vollbringt, immer noch mit einem
Industrien waren, später, als man zur Kohle und Defizit von über einer halben Milliarde abschlie-
zum Strom überging, diese Industrien dort auch ßen wird und überdies unabhängig davon auch in
konkurrenzfähig gehalten werden konnten. Dieses diesem Jahr aus Haushaltsmitteln wieder 1,3 Mil-
Prinzip hat es überhaupt erst ermöglicht, in Schles- liarden angefordert hat — nebenbei bemerkt, dies
wig-Holstein oder in Bayern — nehmen wir die alles, ohne daß ihre Bilanzen seit 1952 verabschie-
Max-Hütte in Bayern —, also in randgelegenen det werden konnten. Es wird mir von Monat zu
Gebieten Industrien aufzubauen, konkurrenzfähig Monat unverständlicher, wie das Bundeskabinett
zu machen und konkurrenzfähig zu halten gegen- sich mit Finanzmaßnahmen zugunsten der Bahn, mit
über der rohstoffnahen und insofern begünstigten Tarifmaßnahmen zugunsten der Bahn befassen und
Verarbeitungsindustrie an Rhein und Ruhr. Entscheidungen treffen kann, nachdem die beteilig-
ten Instanzen innerhalb des Kabinetts sich über die
Diese Wertstaffel hat sich dadurch ausgezeichnet,
Bilanzierung der Bahn bisher, seit vier, fünf und
daß zwischen der teuersten und der billigsten
sechs Jahren nicht einigen konnten. Obwohl das
Klasse, also z. B. der Kohle, vor dem Kriege ein
Bundesbahngesetz seit 1952 vorschreibt, daß die ge-
Verhältnis von 100 : 30 bestand. Wenn also das
nehmigten Bilanzen der Bahn uns hier vorzulegen
teuerste Produkt, das Fertigprodukt, 100 gekostet
sind, haben wir bisher immer nur Kladde-Bilanzen
hat, dann hat das billigste nur 30 gekostet.
bekommen. Ein endgültiger Abschluß war nicht
Seither ist die Wertstaffel eingeebnet worden, möglich, und nur deshalb, weil verschiedene In-
und sie ist jetzt durch diese Maßnahme erneut ein- stanzen verschiedene Meinungen haben, z. B. über
geebnet worden. Es sind zwei Wertklassen abge- die Abschreibungspolitik, über die Aufmachung der
schafft worden, und es wurde alles auf das Verhält- G- und V-Rechnung und was damit zusammenhängt.
nis 100 : 60 abgestellt. Diese Tarifpolitik bildet auf Trotzdem faßt man so weitreichende Beschlüsse.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 441

Schmidt (Hamburg)
Der entscheidende Mangel bei dieser Tarif- kehrt der Kraftwagen eine relativ proportionale
erhöhung — wenn sie eine verkehrspolitische Be- Kostenentwicklung hat. Man kann das auch anders
deutung im Sinne einer Verminderung des ruinösen ausdrücken: die Eisenbahn hat einen sehr hohen
Wettbewerbs zwischen Schiene und Straße haben Fixkostenanteil, während beim Kraftwagen die
sollte — ist der, daß sie gar nicht den Versuch variablen Kosten vorherrschend sind. Man kann es
macht, auf die völlig verschiedenartigen Kosten noch anders ausdrücken, indem man ganz primitiv
einerseits bei der Bahn, andererseits beim Kraft- sagt: auf kurze Entfernungen sind die Kosten beim
wagen abzustellen. Hier wird wiederum durch den Kraftwagen geringer, und auf weite Entfernungen
Staat für völlig verschiedenartige Kosten der sind die Kosten bei der Eisenbahn geringer. Das
gleiche Preis oktroyiert. Es scheint dem Bundes- weiß inzwischen jedes Kind in Deutschland. Und
kabinett entgangen zu sein, daß der Herr Bundes- deshalb all diese Gutachten und Ausschüsse!
wirtschaftsminister am 7. Januar sich im Bulletin Das Resultat, zu dem man kommen müßte, Herr
zu dieser Frage ausgelassen hat. Er hat da ge- Bundeswirtschaftsminister, wenn eine marktkon-
schrieben, es seien Preisentzerrungen nötig, wört- forme Preispolitik getrieben würde, wäre, daß man
lich: „um der Marktwirtschaft durch die Unterbin- auf kurze Entfernungen die geringeren Kosten des
dung immer neuer Preisverfälschungen wieder zur Kraftwagens ausnutzt, damit der Kunde dadurch
ungestörten Funktion zu verhelfen". Nun, wenn die angereizt wird, sich hier des Kraftwagens zu be-
Marktwirtschaft in der Praxis auch nur ein ganz dienen, weil es volkswirtschaftlich billiger ist. Wenn
klein wenig mehr zum Durchbruch käme — Ich man marktkonforme Preispolitik treiben wollte,
bin kein hundertprozentiger Marktwirtschaftler auf müßte man auf weite Entfernung die Eisenbahn im
dem Sektor des Verkehrs, Herr Bundeswirtschafts Preis billiger machen, damit der Kunde angereizt
minister, aber wenn ein ganz klein wenig markt- wird, seine Kohle von Oberhausen nach München
wirtschaftliches Denken zum Zuge käme bei diesen nicht mit dem Kraftwagen zu befördern, sondern
Maßnahmen, denen Sie im Kabinett ja auch zuge- mit der Eisenbahn. Aber das hat man leider nicht
stimmt haben — — getan. Trotzdem wäre es, meine ich, vielleicht nicht
(Abg. Müller-Hermann: Sind Sie auch für zuviel verlangt, wenn die Bundesregierung, die so
das marktwirtschaftliche Prinzip?) viel und manchmal auch Richtiges und Zustim-
mungswürdiges über marktwirtschaftliche Prinzipien
— Im Prinzip! Da haben Sie bei mir doch noch nie verkündet, sich bei dieser Gelegenheit ein wenig
einen Zweifel gehabt. danach richtete.
(Abg. Müller-Hermann: Und die SPD?)
Zum Schluß spreche ich die Erwartung aus, daß
— Wir sind jetzt nicht mehr im Wahlkampf, Herr der Herr Bundesverkehrsminister in seiner Antwort
Müller-Hermann! auch auf die Frage eingeht, wann denn endlich seine
(Abg. Müller-Hermann: Aber das ist doch Verkehrspolitik oder, sagen wir besser, um nicht
interessant!) ihn allein mit der Verantwortung für dieses
Desaster zu belasten - es gibt eine Reihe von Mit-
Jedenfalls, wenn dieses Prinzip nicht nur für das verantwortlichen —, wann endlich die Verkehrs-
Bulletin und nicht nur für den Wahlkampf Geltung politik der Bundesregierung eine für alle Betei-
-
hat, sondern wenn es in der Tat gelten soll, dann ligten erträgliche Regelung des Wettbewerbs zwi-
müßte man diese völlig verschiedenartigen Kosten schen Schiene und Straße mit sich bringen wird.
berücksichtigen. Das ist übrigens dem Herrn Mini-
ster Seebohm in, was weiß ich, einem, zwei, drei, (Beifall bei der SPD.)
vier, fünf Gutachten klargemacht worden, von
Morgenthaler angefangen vor soundso viel Jahren. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort zur
Jetzt will die CDU eine neue Kommission für die Beantwortung der Großen Anfrage hat der Herr
Bundesbahn einsetzen. Herzliches Beileid, meine Bundesminister für Verkehr.
Damen und Herren! Sie wissen doch, was aus den
ganzen Ausschüssen beim Bundesverkehrsministe- Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
-

rium geworden ist. Ich sehe einige Herren, die mir Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
verständnisinnig zulächeln. Es gab soundso viele Herren! Im Einvernehmen mit dem Herrn Bundes-
Gutachten, es gab soundso viele Ausschüsse. Einige minister für Wirtschaft und mit dem Herrn Bundes-
haben Ergebnisse erarbeitet, keines dieser Ergeb- minister für das Post- und Fernmeldewesen beant-
nisse, die zum Teil sehr einschneidend waren, ist worte ich die Große Anfrage Drucksache 136 na-
wirklich berücksichtigt worden. So gab es z. B. den mens der Bundesregierung:
sogenannten Beyer-Ausschuß, einen Ausschuß, den
Zu Frage 1. Die Bundesregierung hat am 15. Ja-
der Bundesverkehrsminister zu seiner Beratung ein-
nuar 1958 die Anträge der Deutschen Bundesbahn
gesetzt hatte, unter dem Vorsitz des geschäftsfüh-
renden Präsidialmitglieds des Deutschen Industrie- auf Anhebung der Tarife im Güter- und Personen-
und Handelstags. Auch der Beyer-Ausschuß z. B. verkehr zu einem erheblichen Teil, voraussichtlich
in Höhe einer Mehreinnahme von rund 700 Millio-
empfiehlt dem Bundesverkehrsminister, bei seiner
nen DM im Jahr, gebilligt. Die neuen Tarife sind
Preispolitik endlich einmal zu berücksichtigen, daß
am 1. Februar 1958 in Kraft getreten.
die Eisenbahn hinsichtlich ihrer Kosten bei stei-
gender Entfernung eine sehr degressive Kosten- Der Bundesminister für Verkehr hat zur Vorbe-
kurve hat — je weiter man die Kohle transportiert, reitung der Entscheidung der Bundesregierung die
um so billiger wird es pro km — und daß umge Anträge der Bundesbahn mit den Bundesressorts,
442 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm


den Vertretern der Länder, den Verkehrsträgern gelten der vierten Wagenklasse des Jahres 1927
und Vertretern der Wirtschaft und den Gewerk- und sind seit jener Zeit nur einmal, nämlich im
schaften in zahlreichen Besprechungen erörtert. Er Jahre 1951, um 50 % angehoben worden. Seit 1927
hat schließlich den gesamten Sachverhalt mit den sind aber z. B. die Löhne der Arbeiter im Mittel um
Verkehrsministern der Länder abgestimmt. Alle mehr als das Dreifache gestiegen. Die Ermäßigun-
Beteiligten erkannten die Notwendigkeit einer be- gen gegenüber dem Regeltarif betragen im Durch-
schleunigten Anhebung der Eisenbahntarife an. schnitt 62 %. Insbesondere die Geschwisterschüler-
Maßgebend hierfür waren vor allem folgende Über- karte liegt so niedrig, daß sie kaum die Kosten für
legungen: Druck und Verkauf der Fahrkarten deckt; denn die
Die Deutsche Bundesbahn hat seit dem Jahre 1952 Ermäßigung gegenüber dem Regeltarif reicht hier
mit ihren Tarifen stillgehalten. Damals waren ihre bis zu 96,5 %.
laufenden Ausgaben bis auf rund 30 Millionen DM Fast 70 % aller Eisenbahnfahrten werden zu den
durch Einnahmen gedeckt. Inzwischen sind die Per- Sozialtarifen ausgeführt. Diese 70 % erbrachten
sonalausgaben um rund 41 %, die Sachausgaben um aber bisher nur 20 % der Einnahmen der Deutschen
rund 37 % gestiegen. Beide Ausgabearten stellen Bundesbahn aus dem Personenverkehr. Sie werden
aber 60 % bzw 35 % der Kosten der Bundesbahn auch nach dem 1. Februar 1958 tariflich noch so be-
dar. Zwar hat die Deutsche Bundesbahn anerken- günstigt sein, daß sie auch in Zukunft nicht mehr
nenswerte Anstrengungen gemacht, um ihre Aus- als 30 % der Einnahmen der Deutschen Bundesbahn
gaben durch Maßnahmen verschiedener Art, vor im Personenverkehr erbringen werden, obwohl also,
allem durch Rationalisierung, zu senken. Trotzdem wie gesagt, 70 % aller Eisenbahnfahrten zu diesen
werden die laufenden Ausgaben 1958 um 2,4 Mil- Tarifen ausgeführt und damit natürlich auch kosten-
liarden DM höher sein als 1952; sie werden nämlich mäßig ausgebracht werden müssen.
auf 7 670 000 000 DM geschätzt, während sie damals
5 276 000 000 DM betragen haben. Dagegen werden Während sich im Jahre 1956 die Einnahmen und
die Mehreinnahmen gegenüber 1952 ohne die Ta- Ausgaben des Güterverkehrs in etwa deckten, ent-
rifanhöhung voraussichtlich 1360 Millionen DM be- stand im Personenverkehr, und zwar ganz überwie-
tragen. Das Verhältnis ist: geschätzt 6,6 Milliarden gend durch die Ermäßigung bei den Sozialtarifen
DM 1958 zu tatsächlich 5,241 Milliarden DM 1952. und den Tarifen für den Berufsverkehr, eine Unter-
Es verbleibt also trotz der beachtlichen Rationa- deckung von mehr als 600 Millionen DM. Durch die
lisierungserfolge ohne die Tarifanhebung ein Un- Tarifanhebung wird diese außerordentlich hohe
terschied zwischen Einnahmen und Ausgaben von Unterdeckung zwar geringer, aber sie bewegt sich
1070 Millionen DM. immer noch in einer Größenordnung von mindestens
400 Millionen DM, ungerechnet die seit 1956 bei
Durch die Tarifanhöhung von rund 700 Millionen der Deutschen Bundesbahn eingetretenen Kosten-
DM im Jahr ab 1. Februar 1958, also von rund steigerungen, deren genaue Höhe noch nicht er-
650 Millionen DM im Rechnungsjahr 1958, wird mittelt werden konnte.
mithin erreicht werden, daß die laufenden Ausga-
ben bis auf etwa 370 Millionen DM gedeckt werden. Unter diesen Umständen sollten ferner zwei Tat-
Dieser Fehlbetrag ist in erster Linie auf die Unter- sachen besonders anerkannt werden, die auf aus-
deckung der Kosten durch die Entgelte im sozialen drücklichem Beschluß der Bundesregierung beruhen:
Berufsverkehr zurückzuführen. Bei allen beteiligten Bei einer Anzahl dieser Tarife bleiben die bis-
Stellen bestand volles Einverständnis darüber, daß herigen Ermäßigungssätze unverändert, nämlich bei
ein Ausgleich durch weitere Anhebung der Güter- den Schülerzeitkarten, bei den Tarifen für erho-
tarife nicht vorgenommen werden könne. Vielmehr lungsbedürftige Kinder, bei den Tarifen für hilfs-
wird versucht werden müssen, den Ausgleich auf bedürftige Kranke, bei den Tarifen für mittellose
andere Weise zu erreichen, also durch weitere Zöglinge und Pfleglinge sowie bei den Tarifen für
Rationalisierung, durch Stillegung unrentabler Ne- mittellose Blinde, Taubstumme und Schwerhörige.
benstrecken und andere Maßnahmen mehr. Das gilt auch für die Ermäßigung bei dem Besuch
Es bleibt als Auswirkung der Tarifreform festzu- von Kriegsgräbern. Die Lehrlinge können entgegen
stellen, daß durch die Tarifanhebung die für Zwecke dem ursprünglichen Antrag der Bundesbahn im
der Bundesbahn verfügbaren Bundesmittel künftig ersten und zweiten Lehrjahr weiterhin Schülerzeit-
nicht mehr überwiegend als Subventionen bereitge- karten benutzen. Es ist aber beabsichtigt, diese
stellt zu werden brauchen. Sie können vielmehr Frage noch einmal zu prüfen und hier — im Gegen-
hoffentlich in Zukunft überwiegend für vermögens- satz zu den ursprünglichen Vorschlägen der Bundes-
wirksame Investitionen verwandt werden. bahn — die Ausdehnung auf das dritte und vierte
Lehrjahr durchzusetzen.
Zur Frage 2: Wenn man die alten und die neuen
Tarife in ihrer Gesamtheit betrachtet, kann man Unter diesen besonderen Umständen sollte ferner
von einer drastischen Anhebung der Tarife des Be- anerkannt werden, daß die Anhebung der Tarife
rufsverkehrs und der Sozialtarife wohl kaum spre- im Berufsverkehr sehr maßvoll ist, zumal hier noch
chen. Ich bitte, dazu folgende Tatsachen zu berück- folgende Umstände zusätzlich zu beachten sind.
sichtigen:
Bisher konnten neben den Arbeitern nur diejeni-
Auch nach dem 1. Februar 1958 bietet die Deutsche gen Beamten und Angestellten Arbeiterzeitkarten
Bundesbahn der Bevölkerung noch 25 Sozialtarife in Anspruch nehmen, deren monatliches Bruttoein-
an. Die wichtigsten dieser Tarife, nämlich die des kommen 600 DM nicht überstieg. Jetzt ist diese
Berufs- und Schülerverkehrs, beruhen auf den Ent- Einkommensgrenze auf monatlich 1250 DM erhöht
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 443
Bundesverkehrsminister Dr. Ing. Seebohm
-

worden. Der Kreis der hier Begünstigten ist also etwa sich zurückgehalten hätte, hier die Verbes-
erheblich ausgeweitet. Danach können Arbeiterzeit- serungen anzubringen, die sie finanziell überhaupt
karten von 98% aller Reisenden des Berufsverkehrs nur vornehmen konnte. Es liegt ihr sehr daran, auch
benutzt werden. Nur noch 2 % sind auf die teurere den Berufsverkehr in durchaus guter und angemes-
Monatskarte oder Teilmonatskarte angewiesen. sener Weise zu bedienen. Sie weiß, daß das zu ihrer
Die dem Berufsverkehr dienenden Personenzüge gemeinwirtschaftlichen Aufgabe gehört. Sie würde
sind im Mittel zu 40 % ausgelastet. Eine volle Be- das lieber und besser tun, wenn ihr dafür größere
lastung oder Überfüllung ergibt sich in der Regel Mittel zur Verfügung stünden. Die sind aber ange-
nur in der Nähe der Verkehrszentren und zu den sichts der von mir hier vorhin vorgetragenen Zahlen
Hauptzeiten des Berufsverkehrs. naturgemäß nur sehr schwer herauszuholen.
Gestatten Sie mir, zu einer Bemerkung des Herrn Die Kosten im Personenzugverkehr betragen je
Kollegen Schmidt hier gleich etwas zu sagen. Herr Personenkilometer etwa 7 bis 8 Pf; sie hat jedoch im
Kollege Schmidt ist der Meinung, daß der über- Berufsverkehr bisher nur 2,1 Pf je Personenkilo-
füllte Zug, mit dem er morgens z. B. nach Stuttgart meter eingenommen. Auch künftig wird nach der
hereinfährt, doch seine Kosten erbringen müsse. Er Anhebung nur eine durchschnittliche Einnahme von
vergißt dabei offenbar, daß diese Garnitur während 3 Pf je Personenkilometer erzielt werden.
des ganzen Tages nicht wieder ausgenutzt werden Geht man von dem letzten Jahr aus, für das ge-
kann bis zum Abend, wo diese Garnitur ebenso voll naue Zahlen vorliegen, nämlich vom Jahre 1936,
zurückfährt, d. h. die gesamte Garnitur mit allem, so ergibt sich für die Benutzer der Arbeiterwochen-
was dazu gehört, wird in 24 Stunden nur einmal
karte auf die durchschnittliche Entfernung von
bei der Hinfahrt am Morgen und nur einmal bei
14 km folgendes: Für die Wochenkarte waren 1936
der Rückfahrt am Abend voll ausgenützt und weist
drei Arbeitsstunden aufzuwenden, im Januar 1958
in der übrigen Zeit des Tages nicht diesen Aus-
nur noch 1 1/2 Arbeitsstunden. Künftig werden etwa
nützungsfaktor auf. Daraus ergibt sich die 40%ige
2 1 /4 Stunden je Wochenkarte bei dieser durch-
Auslastung, von der ich eben gesprochen habe.
schnittlichen Entfernung aufzuwenden sein, also
eine Dreiviertelstunde weniger als im Jahre 1936.
Ritzel (SPD) : Gestatten Sie mir, Herr Minister, Von 18 bis 19 Millionen unselbständig Beschäf-
eine Frage. Geschieht die Nichtausnützung dieser
tigten benutzen im Berufsverkehr nur 5 bis 5 1 /2%
Garnitur, also der Arbeiterzüge, wegen ihres
dieDutschBnba.Ewirdhenu
miserablen Zustandes, weil sie für andere Zwecke
verhältnismäßig kleiner Teil der unselbständig Be-
nicht gut verwendet werden können?
schäftigten von den Sozialtarifen begünstigt, wäh-
rend alle übrigen diese Begünstigung nicht für sich
Dr. Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
- in Anspruch nehmen können, andererseits aber von
Ich glaube, daß das nicht der Fall ist; denn ich den Auswirkungen der Gesamtverhältnisse der
glaube, daß zahlreiche andere Personenzüge leider Deutschen Bundesbahn steuerlich natürlich betrof-
noch mit ähnlichen Garnituren ausgestattet sind. fen werden.
Wenn Sie sich einmal die normalen Personenzüge Diese Daten zeigen, daß, gemessen an den Auf-
ansehen, Herr Kollege Ritzel — und Sie haben ja wendungen und Leistungen der Deutschen Bundes-
kürzlich gerade für eine bestimmte Strecke auch bahn, die Tarife im Berufsverkehr tatsächlich in
darauf hingewiesen —, dann werden Sie mir zu- maßvoller Weise angehoben worden sind. Sie zei-
geben, daß dort die Garnituren keineswegs besser, gen ferner, daß sich die Anhebung in Grenzen hält,
sondern vielfach schlechter sind. die für die Betroffenen bei der Entwicklung des
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU. — Abg. Realeinkommens tragbar sein dürfte.
Ritzel: Sie sind beinahe so schlecht!) Von 18 bis 19 Millionen unselbständig Beschäf-
Ich darf darauf hinweisen — ich hatte mir erlaubt, könnten sogar Bedenken gegen das geringe Ausmaß
das schon früher in diesem Hohen Hause gelegent- der Anhebung erhoben werden. Der größte Teil des
lich vorzutragen —, daß von den 13 000 Personen- Berufsverkehrs entfällt nämlich nicht auf die Eisen-
wagen, die im Berufsverkehr und entsprechenden bahn, sondern auf die öffentlichen Nahverkehrsbe-
Verkehr eingesetzt sind, bisher 5500 modernisiert triebe, also auf Straßenbahnen, Obusse und Omni-
und umgebaut sind, und zwar so, daß das Publikum buslinien. 1956 wurden auf der Bundesbahn 1 680
durchaus einverstanden ist. Wir setzen diesen Um- Millionen Fahrten, im Nahverkehr mit den Nahver-
bau laufend fort, und wir hoffen, in absehbarer Zeit kehrsmitteln dagegen 4 640 Millionen Fahrten aus-
zu einem Prozentsatz zu kommen, der die bekannten geführt. Die Nahverkehrsbetriebe aber gewähren
Klagen nicht mehr in diesem Maße als berechtigt für Berufsfahrten grundsätzlich nur eine Ermäßi-
erscheinen läßt. Ich darf auch bitten, zu berücksich- gung von 30 % auf den Normalfahrpreis. Die Deut-
tigen, daß die 1500 in den letzten Jahren einge- sche Bundesbahn dagegen räumt ab 1. Februar 1958
setzten Schienenomnibusse gegenüber den alten für die mittlere Entfernung von 14 km bei den
Wagen zweifellos eine wesentliche Verbesserung Arbeiterwochenkarten immer noch rd. 62 % Ermäßi-
in der Bedienung des Berufsreiseverkehrs bedeuten. gung ein, also mehr als das Doppelte ein, als die
Ich darf bemerken, daß die Deutsche Bundesbahn Nahverkehrsbetriebe einräumen.
keineswegs deshalb, weil der Berufsreiseverkehr Zu berücksichtigen ist, daß die Grundpreise bei
die Kosten in einem so geringen Ausmaß deckt, den Nahverkehrsbetrieben seit 1951 ständig ge-
444 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Bundesverkehrsminister Dr. Ing. Seebohm
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stiegen sind, während sie bei der Deutschen Bun- sprünglich von der Bundesbahn beantragt, auf vier,
desbahn bis zum 1. Februar dieses Jahres unver- sondern nur auf fünf Klassen vermindert.
ändert blieben.
Wenn sich trotz aller dieser Maßnahmen in ein-
Das Auseinanderklaffen der Tarife bei den beiden zelnen Ausnahmefällen, insbesondere bei landwirt-
Verkehrsträgern des Personenverkehrs wird beson- schaftlichen Gütern, besondere Härten ergeben
ders deutlich, wo Bundesbahn und Nahverkehrsbe- sollten, ist die Deutsche Bundesbahn nach einer vom
triebe Parallelstrecken betreiben. Ich will nicht ein Vorstand der Deutschen Bundesbahn abgegebenen
Beispiel aus Hamburg bringen, sondern ein Beispiel und von mir gebilligten Erklärung bereit, soweit er-
aus der Nachbarschaft Bonns, das die Siebenge- forderlich, mit gezielten Einzelmaßnahmen, insbe-
birgsbahn im Abschnitt zwischen Beuel und Honnef sondere auf dem Weg über Ausnahmetarife, zu
bietet. Hier kostete bei der Bundesbahn die Schü- helfen. Das ist eine ganz übliche und normale Art,
lerwochenkarte bis zum 31. Januar 1958 2,60 DM solche besonderen Anliegen zu behandeln.
und ab Tarifanhebung 2,90 DM; bei der Siebenge- Ich darf in diesem Zusammenhang noch folgen-
birgsbahn dagegen 4,50 DM. Die Arbeiterwochen- des hinzufügen: Wir sind durch die Entwicklung
karte kostete bis zum 31. Januar 1958 3,60, und sie der Tariffragen im Rahmen der Montanunion ge-
kostet ab 1. Februar 5,50 DM; bei der Siebenge- halten, die Entfernungsstaffel, d. h. ihre Degression,
birgsbahn dagegen 6 DM. Die Folge ist eine starke nicht weiter abzuflachen. Wir können infolgedessen
Abwanderung auf die Personenzüge der Deutschen nicht anders als durch gezielte Einzelmaßnahmen
Bundesbahn, die das notwendige Wagenmaterial in diesen Fällen zu erträglichen Regelungen kom-
zur Aufnahme aller dieser Reisenden für die kurze men.
Strecke zwischen drei oder vier Stationen nur unter
großen Schwierigkeiten bereitzustellen vermag, Ich darf auch bemerken, daß die etwas stärkere
während auf der anderen Seite das Straßenbahn- Anhebung der Nahtarife und die demgegenüber
unternehmen erhebliche Einbußen an Einnahmen nicht so starke Anhebung der Ferntarife mit jenen
erleidet. Vorschlägen für eine Tarifreform zusammenhängt,
die immer und immer wieder gefordert haben, daß
Somit ist die Bundesbahn der ihr nach § 4 des der Flächenverkehr in stärkerem Maße dem Kraft-
Bundesbahngesetzes obliegenden Verpflichtung, wagen, der Fernverkehr auf lange Strecken in stär-
ihre Tarife für den Berufs- und Sozialverkehr ge- kerem Maße der Bundesbahn zuwachsen soll, und
meinwirtschaftlich zu gestalten, in einem Ausmaß zwar durch tarifarische Maßnahmen. Diese Forde-
nachgekommen, daß sie die ihr nach der gleichen rung ist gerade in diesem Hause wiederholt vorge-
Bestimmung obliegende Verpflichtung zur kauf- tragen worden; ihr wird durch diese Maßnahmen
männischen Betriebsführung bei dieser maßvollen Rechnung getragen.
Anhebung zweifellos erheblich vernachlässigt hat.
Sie hat auch, wie das angezogene Beispiel deutlich Zur Frage 4: Die Bundesregierung hat bekannt-
macht, die für sie günstige Konkurrenzlage keines- lich schon in der zweiten Legislaturperiode, und
zwar ausgehend von der Regierungserklärung des
wegs etwa zu Lasten ihrer Benutzer ausgenützt,
sondern hat deren Interessen nachdrücklich Rech- Herrn Bundeskanzlers vom 20. Oktober 1953, ent-
nung getragen. scheidende Maßnahmen zu einer Neuordnung der
Verkehrspolitik ergriffen. Ohne die jetzt erzielten
Zu Frage 3: Die Bundesregierung hat, unterstützt Erfolge wäre es unmöglich gewesen, wie es ge-
durch den Vorstand der Deutschen Bundesbahn und schehen ist, die Tarifanhöhung mit einer Reform
in Abstimmung mit den Verkehrsministern der der Tarife von Schiene und Straße zu verbinden.
Länder, Maßnahmen getroffen, um sicherzustellen, Die Bundesregierung wird entsprechend der Regie-
daß die Anhebung der Gütertarife keine wesent- rungserklärung des Herrn Bundeskanzlers vom
lichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den 28. Oktober 1957 in der dritten Legislaturperiode
revierfernen Gebieten hervorruft. Dabei hat sie vor den beschrittenen Weg konsequent weitergehen.
allem die Lage im Zonenrandgebiet berücksichtigt.
Schon bisher waren die revierfernen Gebiete durch Ich darf die Grundgedanken der Neuordnung der
die Entfernungsstaffel, d. h. die mit zunehmender Verkehrspolitik noch einmal aufzählen:
Entfernung stärkere Abflachung der Frachten, Erstens. Die Wettbewerbsbedingungen der Ver-
gegenüber den näher gelegenen Gebieten tariflich kehrsträger sind so weit wie möglich einander an-
begünstigt. Diese Vorteile bleiben ihnen auch nach zugleichen.
dem 1. Februar 1958 grundsätzlich voll erhalten. Zweitens. Eine volkswirtschaftlich und verkehrs-
Darüber hinaus wurde die Degression der Ent- politisch zweckmäßige Zusammenarbeit und Auf-
fernungsstaffel — zwar nicht durch stärkere Ab- gabenteilung der Verkehrsträger wird gefördert.
flachung — aber tatsächlich noch dadurch verstärkt, Drittens. An den gemeinwirtschaftlichen Auf-
daß die Frachten in den Nahentfernungen zusätzlich gaben der Deutschen Bundesbahn wird grundsätz-
erhöht wurden. Dies findet seine Begründung unter lich festgehalten.
anderem auch in verkehrspolitischen Überlegungen
im Sinne einer Tarifreform. Viertens. Ein freier Preiswettbewerb zwischen
den Verkehrsträgern bleibt weiterhin ausgeschlos-
Vorwiegend im Interesse der revierfernen Ge- sen. Die Tarife müssen jedoch kostennäher gestal-
biete wurden sodann die sieben Wertklassen des tet werden. Ein gesunder Leistungswettbewerb zwi-
Gütertarifs von der Bundesregierung nicht, wie ur- schen den Verkehrsträgern wird gefördert.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 445
Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm
Fünftens. Die Entgelte für die Leistungen der Ver- Neugestaltung des Gütertarifs, des sogenannten
kehrsträger müssen angemessen gestaltet werden. Beyer-Ausschusses, und des Wissenschaftlichen
Beirats des Bundesministers für Verkehr zugrunde.
Sechstens. Die Eigenwirtschaftlichkeit der Ver-
Der Ausschuß der Verkehrsträger, in dem sich be-
kehrswege muß auch weiterhin angestrebt werden,
kanntlich die drei Verkehrsträger Schiene, Straße
d. h. jeder Verkehrsträger muß grundsätzlich für
und Wasserstraße ungezwungen an einem runden
die ihm anlastbaren Wegebau-, Unterhaltungs- und
Tisch zusammenfinden, hat zu diesem Gutachten des
Sicherungskosten aufkommen.
Beyer-Ausschusses Stellung genommen. Es besteht
Die Bundesregierung ist in der vergangenen Übereinstimmung mit allen Beteiligten darüber, daß
Legislaturperiode der Verwirklichung dieser Ziele von einer allgemeinen Gütertarifreform noch abge-
nähergekommen. Sie hat hierbei weitgehend die sehen werden sollte. Das gegenwärtig geltende
Unterstützung des Hohen Hauses gefunden. Dies Tarifsystem der Eisenbahn soll jedoch vor allem in
gilt insbesondere für die Annahme des Verkehrs- folgenden sechs wichtigen Tarifelementen geändert
finanzgesetzes 1955. Durch dieses Gesetz wurden werden.
die zu Lasten der Deutschen Bundesbahn stark ver- Zunächst handelt es sich um die Änderung des
zerrten Wettbewerbsbedingungen im Verhältnis Tarifsockels. Hier steht zuerst die Frage der Abfer-
zum Straßengüterverkehr verbessert. Gleichzeitig tigungsgebühr zur Debatte. Die Abfertigungsgebühr,
wurde durch dieses Gesetz dafür Vorsorge getrof- das Entgelt für alle stationären, d. h. von der
fen, den Werkfernverkehr auf ein verkehrspolitisch Transportweite unabhängigen Leistungen, war bis-
vernünftiges Maß zu beschränken. Ohne diese Maß- her nach dem Wert der Güter und der Transport-
nahme wäre es dem gewerblichen Güterfernverkehr weite unterschiedlich. Dadurch sind die Beförde-
nicht möglich gewesen, in den vergangenen zwei- rungsentgelte im Nahverkehr künstlich niedrig ge-
einhalb bis drei Jahren sein Transportvolumen um halten worden. Die Abfertigungsgebühr soll nun-
annähernd 40 % zu erhöhen. Die Deutsche Bundes- mehr aus den vorhin von mir angedeuteten Grün-
bahn wurde dadurch in die Lage versetzt, ein größe- den, die auch tarifsystematischer Natur sind, verein-
res, wenn auch leider noch nicht ein wirtschaftlich heitlicht und erhöht werden. Dadurch wird gleich-
ausreichendes Verkehrsvolumen zu erreichen. Der zeitig eine den Kosten entsprechende stärkere Er-
früher überscharfe Wettbewerb zwischen Schiene höhung des Beförderungsentgelts in den Nahent-
und Straße konnte auf ein erträgliches Maß zurück- fernungen erreicht und dem Grundsatz: Dem Auto
geführt werden. Der Kampf um das Kilo wird heute den Flächenverkehr, der Eisenbahn den Langstrek-
nicht mehr mit all seinen unerfreulichen Auswir- kenverkehr, stärker Rechnung getragen.
kungen so wie damals geführt. Nur dank dem Ver-
kehrsfinanzgestz war es also möglich, die Tarif- Die Mengenstaffel! Hier ist vor allem die 20-Ton-
anhöhung zum 1. Februar 1958 mit einer Tarifreform nen-Klasse von Bedeutung. Die Bundesbahn hat in
zu verbinden. den letzten Jahren im Zuge der technischen Ratio-
nalisierung ihren Wagenpark um genügend Güter-
Ziele dieser Tarifreform sind: erstens die kosten- wagen mit einem Verladegewicht von über 20 Ton-
nähere Gestaltung der Tarife für Schiene und nen vermehrt. Die bisherigen Gewichtsklassen von
Straße; zweitens: die Förderung einer verkehrspoli-
- 5, 10 und 15 Tonnen sollen daher um eine 20-Ton-
tisch und verkehrswirtschaftlich zweckmäßigen Auf- nen-Klasse als künftige Hauptklasse erweitert wer-
gabenteilung zwischen diesen beiden Verkehrsträ- den. Dagegen sollen die Frachtsätze für die 5-, 10-
gern; und drittens: die Sicherung angemessener Ent- und 15-Tonnen-Klasse in der Weise erhöht werden,
gelte. Der Bundesminister für Verkehr wird in daß die bisherigen Zuschläge in eine größere Über-
enger Fühlungnahme mit allen beteiligten Stellen einstimmung mit den von der Auslastung der
die Auswirkungen dieser tarifpolitischen Neuord- Wagen unabhängigen Selbstkosten gebracht wer-
nung sorgfältig beobachten und weitere geeignete den.
Maßnahmen ergreifen.
Die Wertstaffel! Im Eisenbahntarif sind die Güter
Ich darf in diesem Zusammenhang noch darlegen, entsprechend ihrem Wert zur Zeit in Güteklassen
wie diese Maßnahmen zur Durchführung der Tarif- eingestuft. Die Klassen A bis D sollten künftig die
reform im einzelnen bei der Umgestaltung der gleichen Frachtsätze wie die Klasse D erhalten.
Gütertarife erfolgt sind, da der Herr Kollege Ich habe vorhin darauf hingewiesen, daß wir die-
Schmidt auf diese Frage eingegangen ist. Ich habe sem Vorschlag nicht voll gefolgt sind, sondern noch
mit allen Beteiligten eingehend erörtert, ob mit der eine weitere Stufe gebildet haben. Den Wünschen
Erhöhung der Gütertarife für Schiene und Straße der Binnenschiffahrt und des gewerblichen Güter-
eine allgemeine Gütertarifreform verbunden wer- verkehrs, die Zahl der Wertklassen nur auf 5 und
den sollte. Ich darf ergebenst bemerken, daß ich nicht auf 4 zu verringern, ist damit gleichzeitig
das Wort „organische Tarifreform" in diesem Hause Rechnung getragen worden. Die Änderungen des
wiederholt zurückgewiesen habe, wobei ich darauf Tarifsockels werden in den für den gewerblichen
hingewiesen habe, daß sich hinter diesem Wort Güterfernverkehr geltenden, entsprechend dem
„organisch" im allgemeinen das verbirgt, was man Eisenbahngütertarif aufgebauten Reichskraftwagen
nicht genau definieren kann. Wir sprechen also tarif übernommen.
lieber von einer allgemeinen Gütertarifreform. Nur zur Frage der Auseinanderentwicklung der
Den Überlegungen lagen die mir erstatteten Gut- Tarife zwischen Schiene und Straße im Zuge einer
achten des Sachverständigenausschusses für die Tarifreform! Nach übereinstimmender Auffassung
446 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Bundesverkehrsminister Dr. Ing. Seebohm
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fast aller beteiligten Stellen — nämlich mit Aus- selbst dieser Teilbetrag nur zu Lasten des Ver-
nahme des Straßenverkehrsgewerbes — sollen die kehrshaushalts mit den dann eintretenden, für mich
Tarife nur vorsichtig und zunächst nur bei der Men- wohl kaum annehmbaren Folgen für die übrigen
genstaffel auseinanderentwickelt werden. Damit Verkehrsbereiche und für die Investitionen bei der
würde eine weitere Differenzierung geschaffen, die Bundesbahn, bereitgestellt werden könnte.
über die bereits bestehenden Abweichungen zwi-
schen dem Eisenbahngütertarif und dem Reichs- Zu Frage 5 darf ich im Namen des Herrn Bundes-
kraftwagentarif, die ja nicht unerheblich sind, hin- ministers für das Post- und Fernmeldewesen fol-
ausgeht. gendes ausführen. Wenn in den letzten Wochen
und Monaten häufig über eine bevorstehende Ge-
Die neue 20-Tonnen-Klasse soll vornehmlich aus bührenerhöhung bei der Deutschen Bundespost ge-
verkehrspolitischen, aber auch aus Kostenüber- sprochen und geschrieben worden ist — eine Tat-
legungen nur im Eisenbahngütertarif eingeführt sache, die wohl die Fraktion der SPD veranlaßt
werden. Hierdurch wird die Beförderung von 20 t hat, nach dem Ausmaß dieser Gebührenerhöhung
und mehr im Schienenverkehr begünstigt. Dagegen zu fragen —, so ist dies nicht zuletzt darauf zu-
soll im Reichskraftwagentarif aus Kostengründen rückzuführen, daß die von der Deutschen Bundes-
die 5-Tonnen-Nebenklasse um zehn Staffelpunkte post veröffentlichten Rechnungsergebnisse eine be-
niedrigere Nebenklassenzuschläge erhalten. Hier- sorgniserregende Entwicklung der Finanzlage und
durch wird die Beförderung kleinerer Sendungen der Kapitalstruktur der Deutschen Bundespost auf-
im Straßenverkehr begünstigt. Den Wünschen des gezeigt haben. Der Bundesminister für das Post-
gewerblichen Güterfernverkehrs auf Beibehaltung und Fernmeldewesen hat dem Ausschuß für Ver-
einer völligen Tarifparität bei der Mengenstaffel, kehr, Post- und Fernmeldewesen des Hohen Hauses
mit der praktisch der Beginn auch dieser Tarif- in dessen Sitzungen vom 17. und 30. Januar einen
reform verhindert worden wäre, konnte nicht ge- umfassenden und mit Zahlenmaterial belegten Be-
folgt werden. Die Regelungen, die wir hier durch- richt über die Situation der Deutschen Bundespost
geführt haben, tragen den Wünschen der Wirtschaft erstattet. Namens des Herrn Kollegen Stücklen er-
und den Anregungen der Gutachter auf eine kosten- laube ich mir, Ihnen die wesentlichsten Ergebnisse
nähere Gestaltung des Tarifs Rechnung. Sie liegen dieses Berichtes in einer kurzen Zusammenfassung
gleichzeitig in Richtung einer Annäherung an die darzustellen.
sich auf europäischer Ebene anbahnende tarifpoli-
tische Entwicklung. Ich darf insbesondere darauf Trotz steigender Erträge und dauernder Rationali-
hinweisen, daß die Nichtgewährung der 20-Tonnen- sierungsanstrengungen muß für das Rechnungsjahr
Klasse an den gewerblichen Güterfernverkehr die 1957 mit einem Verlust von etwa 80 bis 90 Millio-
Zustimmung aller beteiligten Kreise der Wirtschaft nen DM und für das Rechnungsjahr 1958 mit einem
gefunden hat. Außer den bevorstehenden Änderun- Verlust von rund 200 Millionen DM gerechnet wer-
gen des tarifpolitischen Systems sind weitere Maß- den. Dies ist in erster Linie auf die erhöhten Per-
nahmen in Aussicht genommen, die als einzelne sonalausgaben zurückzuführen, die von 1,4 Milliar-
und kleinere Maßnahmen die Reform noch ergän- den DM im Jahre 1950 auf 2,9 Milliarden DM im
zen sollen. Jahre 1957 gestiegen sind, sich also mehr als ver-
doppelt haben; sie werden im Jahre 1958 voraus-
Mit der Durchführung dieser Vorschläge wird also sichtlich 3,1 Milliarden DM betragen. Hierbei sind
eine Neuordnung des Tarifsystems in Übereinstim- aber die Auswirkungen noch nicht berücksichtigt,
mung mit allen Beteiligten in Angriff genommen. Auf die die Kündigung der Tarifverträge und die Forde-
Grund der bei ihrer Verwirklichung gewonnenen Er- rungen der Gewerkschaften auf eine weitere,
fahrungen wollen wir zu gegebener Zeit prüfen, ob 10%ige Lohnerhöhung sowie eine eventuelle Ar-
und in welcher Hinsicht weitere Reformmaßnahmen beitszeitverkürzung haben werden. Es ist beson-
getroffen werden sollen. Die vorliegenden Gutach- ders darauf hinzuweisen, daß die Steigerung der
ten werden dabei erneut zu Rate zu ziehen sein. Personalkosten um nahezu 122 % bei einer Vermeh-
Die Bundesregierung sieht nach Darlegung aller rung des Personalbestandes um nur 27 % eingetre-
dieser Grundsätze keinen Anlaß, dem Antrag der ten ist. Es dürfte auch von Interesse sein, daß in
Fraktion der SPD Drucksache 141 zuzustimmen, wo- dem gleichen Zeitraum, in dem sich der Personalbe-
nach die Anhebung der Tarife im Berufsverkehr stand voraussichtlich um 27 % erhöht haben wird,
und der Sozialtarife rückgängig gemacht und der mit einer Steigerung der Verkehrsleistungen von
Bundesbahn zur teilweisen Abgeltung ihrer gemein- über 80 % — bei gleichbleibender wirtschaftlicher
wirtschaftlichen Aufwendungen 130 Millionen DM Entwicklung — gerechnet werden kann.
aus Mitteln des Bundes vergütet werden sollen.
In gleicher Weise besorgniserregend wie die Ent-
Gegen den zweiten Teil des Antrags der SPD- wicklung der Finanzlage ist auch die Entwicklung
Fraktion sprechen folgende Überlegungen: Die der Kapitalstruktur der Deutschen Bundespost.
Unterdeckung im Personenverkehr der Deutschen Auch hierfür nur einige wenige Zahlen: Während
Bundesbahn durch die Mindereinnahmen im Be- der Eigenkapitalanteil der Deutschen Bundespost im
rufs- und Sozialverkehr ist um ein Mehrfaches Jahre 1949 noch 73 % betrug, war er im Jahre 1956
größer als die vorgeschlagene Summe von 130 Mil- bereits auf 41 % abgesunken. Bei der Bundesbahn
lionen DM. Die Bereitstellung nur dieses Betrages betrug er im gleichen Jahr 68 %. Das Jahr 1957 hat
löst daher das Problem nicht. Bei der gegebenen nach den vorläufigen Ergebnissen eine weitere
Haushaltslage muß zudem besorgt werden, daß Verschlechterung des Eigenkapitalanteils der Deut-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 447
Bundesverkehrsminister Dr. Ing. Seebohm
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schen Bundespost auf 37 % ergeben. Nach Ablauf die Auflieferer von Großgut wegen der günstigeren
des Rechnungsjahrs 1958 wird er voraussichtlich Tarifgestaltung in einem erheblichen Umfang von
sogar auf 31 % abgesunken sein. Dabei wird die der Bahn zur Post abwandern. Eine solche Ent-
Situation durch den hohen Anteil der kurzfristigen wicklung würde der Deutschen Bundesbahn zwangs-
Verschuldung bei der Post in Höhe von 1950 Millio- läufig Einnahmeausfälle erbringen und für die
nen DM an der Gesamtverschuldung im Betrage von Deutsche Bundespost zu einem ungesunden Ver-
4,5 Milliarden DM noch besonders erschwert. Welche kehrszuwachs führen, der mit den vorhandenen auf
Belastung im übrigen die steigende Verschuldung die Kleingutbeförderung abgestellten Einrichtungen
bedeutet, ist daraus zu entnehmen, daß die Schul- nur schwer aufzufangen wäre.
dentilgung von 10 Millionen DM im Jahre 1949 auf Ähnlich liegen die Verhältnisse auf dem Gebiet
591 Millionen DM im Rechnungsjahr 1958 und die der Personenbeförderung. Auch hier würde die Er-
Verzinsung der Fremdmittel im gleichen Zeitraum höhung der Fahrpreise im Schienen- und Omnibus-
von 1 Million DM auf 156 Millionen DM gestiegen verkehr der Deutschen Bundesbahn ohne eine An-
sind. hebung der entsprechenden Gebühren im Postreise-
Eine finanzielle Gesundung der Deutschen Bun- dienst zu einer unerwünschten Abwanderung von
despost kann durch eine Verminderung des Investi- der Bahn zur Post führen, zumal beide vielfach
tionsvolumens nicht ereicht werden. Eine Kürzung parallel nebeneinander verkehren.
der Investitionen würde — abgesehen von den be- Aber auch diese beiden Maßnahmen bedürfen
denklichen Folgen für die deutsche Wirtschaft - noch umfassender Überlegungen und Beratungen im
die Ertragslage der Deutschen Bundespost vielmehr Verwaltungsrat der Deutschen Bundespost. Wenn
teilweise sogar noch verschlechtern. Beispielsweise sie verwirklicht werden, wird die Erhöhung bei den
würde ein Unterlassen weiterer Investitionen für Paket- und Postgutgebühren durchschnittlich 18 %
den Ausbau des Selbstwählferndienstes mit Sicher- und bei den Gebühren im Postreisedienst beim Be-
heit dazu führen, daß die Teilnehmer ständig auf rufsverkehr 47 % und beim Schülerverkehr 8 bis
besetzte Leitungen stoßen, wie es schon heute in 10 % betragen.
gewissen Verkehrsbeziehungen der Fall ist, mit der Die Frage, ob und welche Möglichkeiten in die-
Folge, daß die Gespräche überhaupt nicht geführt sem Zusammenhang bestehen oder ob als letzter
werden können, und mit der weiteren Folge, daß Ausweg auf die Erhöhung einiger Gebührensätze
nicht unerhebliche Einnahmeausfälle für die Post zurückgegriffen werden muß, bedarf noch eingehen-
entstehen. Zum anderen sind die Rationalisierungs- der Beratungen der Bundesregierung und des Ver-
bestrebungen in erheblichem Umfang davon abhän- waltungsrates der Deutschen Bundespost. Der Bun-
gig, daß Investitionen vorgenommen werden. Hier- desminister für das Post- und Fernmeldewesen ist
bei wird insbesondere an den personalsparenden daher heute zu seinem Bedauern noch nicht in der
Einsatz von Maschinen wie z. B. Schaltermaschinen, Lage, eine verbindliche Auskunft darüber geben
Briefverteilmaschinen und ähnliche gedacht. zu können, ob mit einer Gebührenerhöhung bei der
Auf eine Abnahme der politischen Lasten wie bei Deutschen Bundespost gerechnet werden muß und
der Bundesbahn, die bei der Bundespost etwa welches Ausmaß eine solche Gebührenerhöhung
164 Millionen DM im Jahr betragen, oder -eine auch gegebenenfalls haben wird.
nur teilweise Zurverfügungstellung der Abliefe- Zu Frage 6: Die Bundesregierung hat die mög-
rungen an den Bund, die im Rechnungsjahr 1958 lichen Auswirkungen der am 1. Februar 1958 in
voraussichtlich 300 Millionen DM betragen werden, Kraft tretenden Tarifmaßnahmen sorgfältig geprüft.
kann die Deutsche Bundespost bei der angespann- Nach dem Ergebnis dieser Prüfungen können die
ten Haushaltslage des Bundes nicht rechnen. Es müs- Tarifmaßnahmen die allgemeine Wirtschafts- und
sen daher andere Mittel und Wege gefunden wer- Preisentwicklung in der Bundesrepublik nicht erheb-
-
den, wobei selbstverständlich weitere Einsparungs lich beeinflussen. Im Bewußtsein ihrer Verantwor-
und Rationalisierungsmaßnahmen im Vordergrund tung hat die Bundesregierung untersucht, welchen
stehen werden. Einfluß die Tarifanhebung auf die allgemeine Wirt-
schafts- und Preisentwicklung ausüben wird. Die
Eine andere Frage ist jedoch, inwieweit die Tarif-
Kostenerhöhungen aus der Tarifneuordnung wer-
erhöhungen bei der Bundesbahn auch bei der Deut-
den die Wirtschaft keinesfalls wesentlich, bei
schen Bundespost Maßnahmen erforderlich machen
vielen, insbesondere bei hochwertigen Gütern so-
oder zumindest als zweckmäßig erscheinen lassen.
gar nur sehr geringfügig belasten. Es muß beachtet
Wie Ihnen bekannt sein dürfte, ist durch das noch
werden, daß in dieser Tarifreform neben den
heute geltende Kleingutübereinkommen zwischen Kostenerhöhungen auch in erheblichem Umfang
Reichspost und Reichsbahn aus dem Jahre 1932 mit
Kostenermäßigungen enthalten sind. Die Bundes-
tariflichen Maßnahmen erreicht worden, daß das
regierung rechnet daher damit, daß bei der zur Zeit
sogenannte „Großgut", nämlich die Sendungen mit
relativ ruhigen Konjunkturlage und wegen des für
einem Gewicht von mehr als 10 kg und die Sen-
die Tarifanhebung gewählten saisonal günstigen
dungen, die sich nach ihrer Verpackung und son-
Zeitpunktes die Marktlage eine Preiserhöhung
stigen Beschaffenheit zur Beförderung durch die
weitgehend erschweren wird.
Post nicht eignen, der Bahn zur Beförderung zuge-
führt wird. Wenn jetzt nach der Erhöhung der Ex Die Richtigkeit einer solchen Beurteilung wird
preßgutfrachtsätze die Paket- und Postgutgebühren- durch die Erfahrungen aus dem Jahre 1953 weit-
sätze auf ihrer derzeitigen Höhe verblieben, würden gehend bestätigt. Damals wurde die für das Preis-
448 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm


gefüge infolge ihrer Breitenwirkung weit empfind- Bundesrat mit der Erhöhung der Tarife befaßt wor-
lichere Erhöhung der Umsatzsteuer durchgeführt. den. Der neugebildete Verwaltungsrat der Deut-
Sie 'wirkte sich aber nicht auf das Preisniveau aus, schen Bundesbahn hat aber dann diese Frage an sich
da sich der Markt in der Nach-Korea-Zeit in einer gezogen. Mit Rücksicht darauf, daß die Probleme
ähnlichen Phase der konjunkturellen Beruhigung bereits in den Ausschüssen des Bundesrates be-
befand und Preissteigerungen auf Grund von handelt wurden, haben wir damals von einer ande-
Kostenerhöhungen gar nicht erlaubte. ren Regelung abgesehen.
Die Mehrkosten, die durch die Tarifmaßnahmen Die Frage, ob die Probleme einer Tarifanhebung
bei der Deutschen Bundesbahn, den nichtbundes- nur durch Rechtsverordnung nach Artikel 80 Abs. 2
eigenen Eisenbahnen und dem gewerblichen Güter- des Grundgesetzes geregelt werden können, ist im
fernverkehr für die Gütererzeugung voraussicht- Rechtsausschuß des Bundesrats eingehend beraten
lich erwachsen, belaufen sich auf 680 Millionen DM, und verneint worden. Der Unterausschuß des Rechts-
und zwar auf rund 655 Millionen DM durch den ausschusses des Bundesrats kam zu der Auffassung,
Güterverkehr und auf 25 Millionen DM durch den Ge- daß die Beantwortung der Frage, ob derartige Ent-
schäftsreiseverkehr. Dieser Mehrbetrag macht etwa scheidungen durch Rechtsverordnungen oder durch
0,4 bis 0,5 % des Wertes der in der Volkswirtschaft Verwaltungsanordnungen zu erfolgen haben, in das
der Bundesrepublik im Jahre 1956 zur Verfügung Ermessen der Bundesregierung gestellt ist und daß
stehenden Güter aus. Auf die privaten Haushaltun- der Weg dazu gesetzlich nicht vorgeschrieben ist.
gen können jedoch nach der Tarifanhebung von die- Wenn also nicht die Form der Rechtsverordnung für
sem Betrag höchstens 320 Millionen DM zukommen, die Tarifänderung gewählt wird, ist die Einschal-
weil 360 Millionen DM Mehrfrachten auf Transporte tung des Bundesrats auch nach Auffassung seines
von Ausfuhrgütern und von Investitionsgütern so- Rechtsausschusses nicht unbedingt erforderlich.
wie von Gütern für den Staatsverbrauch entfallen. Nun hat das Bundesbahngesetz in § 16 eine andere
Die Anhebung der Personenverkehrstarife der Möglichkeit für Tarifänderungen gegeben, nämlich
die Bildung sogenannter Anstaltstarife. Die An-
Deutschen Bundesbahn und der nichtbundeseigenen
Eisenbahnen wird den privaten Verbraucher mit staltstarife können — auch nach Auffassung des
rund 190 Millionen DM belasten. Insgesamt werden Rechtsausschusses des Bundesrates — ohne weite-
sich die zusätzlichen Belastungen der privaten res gebildet werden, sofern nicht das allgemeine
Haushaltungen in diesem Jahr also auf 190 Millio- Preisrecht entgegensteht.
nen DM für Fahrgelder und bis zu 320 Millionen Ich darf darauf hinweisen, daß die Bildung der
DM für Frachten, also insgesamt auf höchstens Anstaltstarife den Wünschen der Wirtschaft und der
510 Millionen DM, belaufen. Je Verbraucher sind beteiligten Kreise, ebenso den im Hohen Hause viel-
das durchschnittlich 3,80 DM für Fahrkosten und bis fach geäußerten Wünschen durchaus entgegenkam;
zu 6,40 DM für Frachtkosten. Das sind 0,2 % bis denn immer wieder ist in der Öffentlichkeit und
maximal 0,5 % des privaten Verbrauchs in Höhe von dieser Stelle betont worden, daß die tarifa-
von rund 113 Milliarden DM im Jahre 1956. Soweit rischen Angleichungen im Verkehr außerordentlich
die offizielle Beantwortung der Großen Anfrage. komplizierte Verfahren voraussetzen und daß da-
her alles geschehen möge, um diese Verfahren ab-
Gestatten Sie mir, daß ich hier noch etwas zu zukürzen und zu vereinfachen. Das ist mit Hilfe
einigen Bemerkungen des Herrn Kollegen Schmidt des § 16 des Bundesbahngesetzes möglich. Daher
ausführe. Er hat sich ganz besonders mit der Frage ist dieser Weg beschritten worden.
der formalen Behandlung der Tarifanhebung be-
Es ist sehr bemerkenswert, daß manche, die
schäftigt. Seine Begründung dazu war nicht ganz zu-
früher nach der Vereinfachung in der Abwicklung
treffend. Wir haben Tarifanhebungen bei der Deut-
solcher Tarifanträge der Deutschen Bundesbahn ge-
schen Bundesbahn und auch beim Güterfernverkehr
rufen haben, nunmehr Bedenken gegen die Anwen-
seit dem Jahre 1951 für den Personen- und seit dem
dung einer Vorschrift haben, die im Bundesbahnge-
Jahre 1952 für den Güterverkehr nicht mehr gehabt.
setz ausdrücklich zu diesem Zweck verankert ist
Ich darf darauf hinweisen, daß zur damaligen Zeit,
und die wir leider 1951 und 1952 aus den von mir
nämlich im Jahre 1951, das Bundesbahngesetz so-
dargelegten Gründen nicht anwenden konnten.
eben erst verabschiedet war, d. h. die neuen Organe
noch nicht gebildet waren und daher bei der Tarif- Die Frage spitzt sich also allein auf die Entschei-
anhebung auch noch nicht nach dem Bundesbahn- dung zu, ob der Artikel 1 des Allgemeinen Preis-
gesetz verfahren werden konnte. Es mußte also gesetzes hier zur Anwendung kommen muß; falls
nach den gesetzlichen Vorschriften verfahren wer- nämlich feststeht, daß grundlegende und erhebliche
den, die aus der Zeit des Zwei-Zonen-Wirtschafts- Veränderungen des Preisstandes herbeigeführt wer-
rats stammten. den, dann ist die Regelung durch eine Rechtsver-
ordnung notwendig.
Im Jahre 1952 waren die Organe der Deutschen
Bundesbahn, als der Tarifanhebungsantrag seitens In meiner Antwort auf die Ziffer 6 der Großen
der Bundesbahn gestellt wurde, gleichfalls noch Anfrage habe ich dargelegt, daß die Bundesregie-
nicht gebildet; dies geschah bekanntlich erst im Mai rung diese Auffassung ausdrücklich verneint hat.
des Jahres 1952. Daher war nach denselben Prinzi- Deshalb war es nicht notwendig, auf Grund des
pien wie 1951, also nach den gesetzlichen Voraus- Preisrechts bei dieser Entscheidung den Bundesrat
setzungen aus der Zeit des Wirtschaftsrates, der einzuschalten. Dieses Problem ist mit den Länder-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 449

Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm


verkehrsministern eingehend und zustimmend be- Schmidt (Hamburg) (SPD) : Ich fragte, ob Sie mir
sprochen worden. Es hat sich ja auch hinterher ge- zustimmen, daß Ihre soeben gemachten Rechtsaus-
zeigt, daß die Länderverkehrsminister im Bundes- führungen, daß Ihre gegenwärtige Tarifmaßnahme
ratsausschuß für Verkehr und Post nach Anhebung der Zustimmung nicht bedürfe, nur dann durch-
der Tarife keinen Anlaß mehr gesehen haben, den schlagend sind, wenn Sie leugnen, daß Ihre heutige
Rechtsausschuß des Bundesrates wegen einer Ent- Tarifmaßnahme Bedeutung für den gesamten Preis-
scheidung anzurufen oder die Frage etwa noch ein- stand hat.
mal in das Plenum des Bundesrats zu bringen.
Sie haben sich also gemeinsam mit der Bundes- Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
regierung für diesen rascheren Weg entschieden, Ich glaube, das habe ich vorhin eingehend ausge-
und zwar auch deshalb, weil der Bundesminister für führt, Herr Kollege Schmidt. Ich hoffe, Sie sind
Verkehr seinen Kollegen in den Ländern ausdrück- meinen Ausführungen gefolgt. Ich habe ausdrücklich
lich erklärt hat, daß er wie bisher auch in Zukunft gesagt, daß die Anstaltstarife nur insoweit gebildet
Tarifänderungen derartigen und anderen Ausmaßes werden können, als sie nicht dem Art. 1 des Preis-
mit ihnen nicht nur beraten, sondern auch abstim- gesetzes widersprechen. Das bedeutet also auch mit
men wird. Damit ist praktisch die Einschaltung der Bezug auf die Antwort, die ich namens der Bundes-
Länder und des Bundesrats gegeben. regierung zu Ziffer 6 erteilt habe, daß wir nicht der
Auffassung sind, daß durch diese Maßnahme grund-
legende und erhebliche Veränderungen des Preis-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- standes eintreten.
minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage? —
Ich darf noch auf einige kleine Fragen antworten,
die Herr Kollege Schmidt gestellt hat. Der Herr
Schmidt (Hamburg) (SPD) : Würden Sie mir, Kollege Schmidt hat den Wunsch nach der Fünf-
Herr Minister, bitte erstens bestätigen, daß der Tage-Karte ausgesprochen. Die Bundesbahn ist be-
Bundesrat bis einschließlich 1957 in einer Unzahl reit, eine Fünf-Tage-Karte einzuführen, sobald ent-
von Fällen Tarifänderungsmaßnahmen durch aus- sprechende Betriebseinsparungen an den Sonn-
drücklichen Beschluß zugestimmt hat, obgleich es abenden eintreten, d. h. sobald wirklich ein entspre-
sich in diesen Fällen zum Teil keineswegs um Maß- chender Anteil der Berufsfahrer auf die Fünf-Tage-
nahmen handelte, die den gesamten Preisstand be- Woche umgestellt ist. Das ist bisher noch nicht in
deutsam beeinflußten, zum Teil nur um Maßnahmen, dem erforderlichen Ausmaße geschehen. Bei allen
die auf eine Verlängerung alter Maßnahmen hinaus- Beratungen ist aber ausdrücklich vorgesehen wor-
liefen? den, daß wir zu dieser Maßnahme kommen werden
und auch kommen müssen, wenn eben die über-
Würden Sie mir zweitens darin zustimmen, daß
wiegende Mehrzahl der entsprechenden Fahrer sich
nach den von Ihnen soeben gemachten Ausfüh-
auf die Fünf-Tage-Woche umgestellt haben.
rungen Ihre heutige Rechtsauffassung nur dann
gerechtfertigt ist, wenn Sie leugnen, daß die gegen- Ich darf hierzu aber noch eines bemerken: Für die
wärtige Tarifmaßnahme eine grundlegende Bedeu- Deutsche Bundesbahn ist es schwer verständlich,
tung für den gesamten Preisstand hat? daß man einerseits sagt, man wolle den sechsten
Tag nicht bezahlen, wenn die Fünf-Tage-Woche
gegeben sei, andererseits aber fordert, daß solche
Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr: Karten für sieben Tage gelten sollen!
Zur Frage 1, Herr Kollege Schmidt, möchte ich dar-
auf aufmerksam machen, daß der Bundesrat mit (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
laufenden Tarifänderungen nicht befaßt worden ist Auf die Frage der Lehrlinge bin ich vorhin schon
(Abg. Schmidt [Hamburg] : Tarifmaßnahmen eingegangen. Ich möchte nur zu gewissen Ausfüh-
habe ich gesagt!) rungen, die der Herr Kollege Schmidt zur Frage der
Abrechnung und ähnlichen Fragen gemacht hat,
— Tarifänderungen nicht befaßt worden ist und daß folgendes sagen:
er nur in den Fällen befragt worden ist, wo es sich
um Verlängerungen von Rechtsverordnungen han- Die Post und die Bahn unterscheiden sich, wie Sie
delte, die von ihm selbst beschlossen worden waren. sehr genau wissen, wesentlich in ihrer gesetzgebe-
Ihn hier zu beteiligen ist eine Frage der Höflichkeit rischen Struktur. Der Herr Bundesminister für das
gegenüber dem Bundesrat gewesen. Post- und Fernmeldewesen ist zugleich der oberste
Chef der ganzen Postverwaltung. Seinen Weisungen
(Zuruf von der SPD: Eine Frage der muß Rechnung getragen werden. Der Bundesminister
Verfassung!) für Verkehr dagegen ist nur eine Aufsichtsinstanz
der Deutschen Bundesbahn, und das Bundesbahn-
Tarifmaßnahmen sind seit dem Jahre 1952 vom
gesetz sieht, wenn ich mich recht erinnere, auf
Bundesrat nicht beschlossen worden; denn seitdem besonderen Wunsch der Mitglieder Ihrer Fraktion
haben wir ja Maßnahmen in diesem Sinne einer
ausdrücklich vor, daß es dem Bundesminister für
Tarifreform oder Tarifänderung nicht getroffen.
Verkehr verboten ist, mit Einzelweisungen in den
Darf ich noch einmal die genaue Formulierung Betrieb der Bundesbahn einzugreifen. Er kann in-
Ihrer zweiten Frage hören, damit ich eine exakte folgedessen Dinge, die der Herr Bundesminister für
Antwort geben kann? das Post- und Fernmeldewesen ohne weiteres durch-
450 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Bundesverkehrsminister Dr.-Ing. Seebohm


setzen kann, leider nicht durchsetzen. Das ist ihm Bundesregierung liegt. Das Tarifgebäude der Bun-
gesetzlich nicht ermöglicht worden. Dieser Zustand desbahn hat den wachsenden Preisdruck nicht aus-
ist sehr stark auf die Stellungnahme Ihrer poli- gehalten. Der Preisdruck ist in den letzten Monaten
tischen Freunde bei der Beratung des Bundesbahn- so stark geworden, daß alle Überlegungen, die man
gesetzes zurückzuführen. um die Mitte des vergangenen Jahres angestellt
hat, um die Defizite der Bundesbahn auszugleichen,
(Zuruf des Abg. Schmidt [Hamburg].)
längst überholt sind. Trotz der Tariferhöhung, Herr
— Verzeihung, entweder Zwischenfragen oder keine Bundesverkehrsminister — und da habe ich Sie
Zwischenfragen, aber nicht Zwischenrufe von solcher eben nicht verstanden, als Sie in Ihren Darlegun-
Länge, daß man sie nicht aufnehmen und beant- gen meinten, der Status sei per 1. Januar 1958 aus-
worten kann. geglichen -, arbeitet die Bundesbahn weiterhin mit
Im übrigen, meine Damen und Herren, bin ich erheblichen Verlusten, die heute schon für das Jahr
fertig. Ich darf nur noch bemerken, daß der Bilanz- 1958 mit etwa 400 Millionen Mark veranschlagt
ausgleich bei der Deutschen Bundesbahn für die Jahre werden, die sehr bald auf 600 und 700 Millionen
1948 bis 1956, also per 1. Januar 1957, durch die Mark anwachsen können.
bekannten Beschlüsse der Bundesregierung über die Bei einer solchen Situation hätte nun die Bundes-
Übernahme betriebsfremder Personallasten, die regierung von sich aus alle Anstrengungen machen
Ihnen, mindestens den Mitgliedern des Verkehrs- müssen, um die gestiegenen Beschaffungskosten
ausschusses ja bekannt sind, herbeigeführt wor- durch Rationalisierungsgewinne so weit wie nur
den ist. irgend möglich zu kompensieren. Das hätte be-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) deutet, eine vernünftige Verkehrspolitik zu trei-
ben. Eine solche vernünftige Verkehrspolitik hätte
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Zunächst hat nach meiner Auffassung zwei wichtige Voraus-
das Wort in der allgemeinen Aussprache zu dem setzungen gehabt: die genaue Beobachtung der ver-
gesamten Tagesordnungspunkt 2 der Herr Abgeord- kehrstechnischen Entwicklung und zweitens die An-
nete Dr. Bleiß. passung der Bundesbahn an eine solche Entwick-
lung.
Beide Voraussetzungen sind aber von der Bundes-
Dr. Bleiß (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen regierung nicht erfüllt worden. Ich glaube, es gibt
und Herren! Wir bedauern es, daß die Große An-
gerade für eine derartige Feststellung keinen bes-
frage von dem Herrn Bundesverkehrsminister im
seren Zeugen als den Ersten Präsidenten der Bun-
Einvernehmen mit dem Herrn Bundespostminister
desbahnverwaltung, Herrn Professor Oeftering.
und dem Herrn Bundeswirtschaftsminister beant-
Herr Professor Oeftering schreibt in der Nr. 23 des
wortet worden ist. Wir hätten es lieber gesehen,
Organs der Hauptverwaltung der Deutschen Bundes-
wenn auch der Herr Bundeswirtschaftsminister zu bahn „Die Deutsche Bundesbahn" — ich darf mit
diesen unseren Fragen Stellung genommen hätte.
Genehmigung des Herrn Präsidenten zitieren —:
Denn die Tariferhöhung ist nicht nur ein verkehrs-
technisches Problem, sie ist in der Hauptsache
- ein Zu einem wesentlichen Teil ist diese finanzielle
zentrales Problem der Preis- und Wirtschaftspolitik. Lage der Bundesbahn aber die Folge einer welt-
Die Verkehrsrate in der Bundesrepublik beläuft weiten Entwicklung, und zwar schon vor einem
sich auf rund 10 % des Bruttosozialprodukts. Wenn halben Jahrhundert einsetzend, die sich aber
die Tarife erheblich erhöht werden, so müssen sich erst nach dem zweiten Weltkrieg in Deutsch-
daraus zwangsläufig Rückwirkungen auf das ge- land in vollem Umfang ausgewirkt hat. Ich
samte Wirtschafts- und Preisgefüge ergeben. meine die durch die Erfindung und technische
Vervollkommnung des Motors ausgelöste Um-
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zu den
wälzung des gesamten Verkehrswesens, die un-
Personalkosten. In der Stellungnahme des Herrn
aufhaltsam voranschreitet und die offensichtlich
Bundesverkehrsministers zu unserer Großen An-
noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat.
frage ist wiederum durchgeklungen, daß die Per-
sonalkosten, d. h. daß also praktisch das Anwachsen Herr Oeftering fährt interessanterweise fort:
der Lohn- und Gehaltskosten unvermeidlich zu einer Die Bundesbahn selbst hat sich mit dem Ver
Erhöhung der Tarife habe führen müssen. Ich bin lust ihrer Monopolstellung längst abgefunden.
der Meinung, daß diese These nicht richtig ist. Mir
scheint, daß eine solche Argumentation Ursache und Er sagt dann:
Wirkung verwechselt. Wir müssen deshalb hier Die Quelle der heutigen finanziellen Schwierig-
noch einmal deutlich festhalten, daß der Wettlauf keiten der Bundesbahn ist weit mehr darin zu
zwischen Preis und Lohn vom Preis ausgegangen finden, daß die soeben von mir skizzierte Um-
ist. Wenn die Preiskurve ständig nach oben geht, wälzung im Verkehrswesen vom Gesetzgeber
dann ergibt sich daraus die zwingende Notwendig-
keit, die Löhne den gestiegenen Preisen anzupassen. — so sagt er vorsichtigerweise; er meint sicher die
Man kann nicht immer wieder versuchen, die Dinge Bundesregierung —
umzudrehen. Deswegen möchte ich an den Anfang weitgehend einfach ignoriert wird und die Bun-
meiner Ausführungen die These stellen, daß die desbahn kraft Gesetzes noch immer insbeson-
Ursache der Tariferhöhung in ;der nach unserer Auf- dere in ihren finanziellen Verhältnissen zum
fassung falschen Preis- und Wirtschaftspolitik der Bund als dem Vermögensträger denselben
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 451
Dr. Bleiß
Spielregeln unterworfen ist, die nur auf ein sich kurzfristig die Mittel zu beschaffen, die sie
Monopolunternehmen passen können. Insbeson- brauchte, um den Haushalt auszugleichen. Jetzt
dere muß noch immer die Bundesbahn als ein machen Sie ihr plötzlich den Vorwurf, daß sie von
Wettbewerbsunternehmen zahlreiche Lasten Subventionen gelebt habe. Ich glaube, der Fehler
tragen, die sie früher als Monopolunternehmen liegt bei der Bundesregierung. Man hätte das eigene
getragen hat und als solches auch tragen Bundesvermögen kapitalmäßig vernünftig ausstat-
konnte. ten müssen. Dann, glaube ich, wäre es auch auf
Subventionen — von denen im übrigen keine Rede
Es ist ein sehr hartes Urteil, das Herr Oeftering
sein kann — nicht angewiesen.
über die Bundesregierung fällt. Aber die von ihm
getroffene Feststellung ist durchaus richtig. Daran Man hat später, als die Entwicklung die Bundes-
ändert auch nichts die Tatsache, daß Herr Oeftering bahn in eine defizitäre Wirtschaft gezwungen hatte,
als früherer Leiter der Haushaltsabteilung im Bun- versucht, der Bundesbahn durch indirekte Maßnah-
desfinanzministerium jahrelang an der Pflege dieser men zu helfen, d. h. durch eine verstärkte Belastung
Ignoranz maßgebend beteiligt war. des Straßenverkehrs. Man hat beide Verkehrsträger
immer mehr mit Lasten belegt und diese beiden
Auch ich bin der Meinung, daß die weltweite Ent-
Verkehrsträger gegeneinander ausgespielt. Diese
wicklung des Motors von der Bundesregierung ent-
von der Bundesregierung geübte Methode hat
weder überhaupt nicht erkannt oder bewußt nicht
zweifellos zu einer Verkrampfung des ganzen Wett-
honoriert worden ist. Denn sonst hätte man sich
bewerbs zwischen Schiene und Straße geführt und
doch seit langem Gedanken darüber machen müssen,
hat die beklagenswerte ruinöse Konkurrenz verur-
wo die Grenzen der Wirtschaftlichkeit in der Ver-
sacht. Das hat auch dazu geführt, daß die Bundes-
kehrsbedienung zwischen Schiene und Straße und
der Binnenschiffahrt liegen, d. h. man hätte durch bahn ihren eigenen DEGT laufend unterbieten
mußte, nur um das Frachtgut an sich zu ziehen.
einen vernünftigen Selbstkostenvergleich innerhalb
dieser drei Verkehrsträger feststellen müssen, auf Mir liegt hier ein Schreiben des Werbedienstes
welchen Strecken und in welchen Gütergruppen der der Bundesbahndirektion Münster vor. In diesem
jeweilige Verkehrsträger am leistungsfähigsten ist. Werbeschreiben, aus dem ich mit Genehmigung des
Eine solche betriebswirtschaftliche Untersuchung hat Herrn Präsidenten zitieren möchte, wird unter an-
natürlich zur Voraussetzung, daß man auch für die derem gesagt:
Bundesbahn echte Wettbewerbsbedingungen schafft,
Unter der Voraussetzung, daß die in Aussicht
daß man sie also mit einer ausreichenden Kapital-
gestellte Verkehrssteigerung im Stückgutver-
ausstattung versieht, die ihr erst einmal eine
sand auf monatlich 100 t erfolgt, wird ein Roll-
Modernisierung ihrer Anlagen ermöglicht.
geldkostenzuschuß in Höhe von 60 Pfennig je
Der Bund — das darf ich in diesem Zusammen- 100 kg gezahlt.
hang erwähnen — hat umfangreiche Mittel für den
Es wird weiter gesagt:
Neubau und für die Modernisierung der Binnen-
und Hochseeschiffahrt und für den Auf- und Aus- Die bereits bestehende Abmachung über die
bau der Lufthansa zur Verfügung gestellt. Das war Erstattung von 50 % der Behältermiete bleibt
richtig, die Maßnahmen sind auch von uns voll unverändert bestehen.
unterstützt worden. Deshalb, meine Damen und
Und weiter heißt es:
Herren, ist es uns aber um so unverständlicher, daß
der Bund seinem eigenen Sondervermögen, der Für die Wagenladungen wird, ausgenommen
Bundesbahn, eine solche wirksame Kapitalausstat- nach der 5-t-Klasse, je nach Gutart und Entfer-
tung verweigert und die Bundesbahn ohne Rück- nung ein Rollgeld- und Umladekostenzuschuß
sicht auf die Entwicklung als einen Monopolbetrieb gezahlt. Die Höhe dieses Zuschusses wird ver-
behandelt hat, auf den man eine Reihe von un- schieden hoch ausfallen. Für Blechladungen von
angenehmen Verpflichtungen abwälzen kann. der Sieg würden z. B. 3 DM je Tonne tragbar
sein, während der Zuschuß für Eisenladungen
In diesem Zusammenhang darf ich kurz auf den von der Ruhr rund 10 % der Fracht ausmachen
Antrag zu sprechen kommen, der von der CDU/CSU würde.
und der DP eingereicht worden ist. Dieser Antrag
hat eine Präambel, in der es u. a. heißt: Meine Damen und Herren, das ist eines von vie-
len Beispielen, sie sind beliebig vermehrbar. Das
Die deutsche Öffentlichkeit erwartet von der
hat dazu geführt, daß die Bundesbahn sich selbst
Erhöhung der Verkehrsentgelte der Deutschen
tarifuntreu wurde, daß sie auf einen Teil ihrer Ein-
Bundesbahn eine Sanierung des Unternehmens
nahmen zwangsläufig verzichtet hat. Es hat dazu
und eine Befreiung des deutschen Steuerzahlers
geführt, daß sie mit einer Vielzahl von Vergün-
von den seit Jahren gestiegenen Subventionen
stigungen und Tarifunterbietungen arbeiten mußte.
aus allgemeinen Steuermitteln.
Man schätzt, daß allein dadurch der Bundesbahn ein
Nun, meine Damen und Herren, was heißt eigent- Ausfall von mindestens 150 Millionen DM jährlich
lich Subventionen? Sie haben jahrelang der Bundes- entsteht. Das sind zweifellos Gelder, die der Steuer-
bahn eine vernünftige Kapitalausstattung verwei- zahler zahlen muß und die praktisch der verladen-
gert. Sie haben sie auf den Weg gewiesen, die Gel- den Wirtschaft zugute kommen. Ich möchte meinen,
der sich irgendwo zusammenzuborgen, wo es nur daß gerade hierin noch Möglichkeiten liegen,
geht, und Sie haben die Bundesbahn gezwungen, Steuergelder zu sparen.
452 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Dr. Bleiß
Ein weiteres trauriges Kapitel, das im Bundestag — als Einzelmaßnahme — unser Preisniveau bisher
wiederholt angesprochen worden ist, ist der Dua- auszuhalten hatte, und man kann nicht durch
lismus zwischen Bahn und Post im Personen und - irgendwelche Rechenkunststücke die eine Milliarde
im Kleingutverkehr. Es ist offengestanden einfach einfach in der Versenkung verschwinden lassen. Sie
nicht zu verstehen, daß zwei große Bundesver- ist da; wir müssen mit dieser einen Milliarde Mehr-
mögen, die Bundesbahn und die Bundespost, sich belastung rechnen. Ich bin der Meinung, daß diese
gegenseitig im Personenverkehr den Fahrgast und Durchschnittsrechnung den Kern der Sache absolut
im Kleingutverkehr das Paket wegschnappen und nicht trifft. Ich bin vielmehr der Überzeugung, daß
daß der Steuerzahler und der Verkehrsteilnehmer die Tariferhöhung eine generelle Preiswelle von
diesen Kompetenzstreit der beiden häufig so feind- erheblicher Bedeutung auslösen wird, und ich
lichen Brüder bezahlen muß. Ich bin der Meinung, möchte Ihnen hierfür einige Beispiele nennen.
auch auf diesem Gebiet liegt eine Vielzahl von
Zunächst scheint es mir bemerkenswert zu sein,
Reserven, die ausschöpfbar sind.
daß die Tariferhöhung nicht einheitlich und nicht
Meine Damen und Herren! Ich habe diese Bei- gleichmäßig erfolgt ist, sondern daß man sich der
spiele gebracht, um darzutun, daß es bei einer ver- jeweiligen Wettbewerbslage angepaßt hat, d. h. daß
nünftigen Verkehrspolitik möglich gewesen wäre, sie eine bewußte Kampfmaßnahme gegen den Stra-
durch Rationalisierung einen erheblichen Teil der ßenverkehr und insbesondere gegen den gewerb-
Kostensteigerungen zu kompensieren, einen erheb- lichen Güterfernverkehr enthält. Überall dort, wo
lichen Teil der Verluste zu verhüten und dadurch der Lkw oder der Omnibus oder der Pkw als Wett-
die Tariferhöhung erträglicher zu machen. Wenn bewerber im Hintergrund steht, hat die Bundesbahn
das nicht geschehen ist, dann liegt die Schuld viel- entweder nur mäßig oder überhaupt nicht die Tarife
leicht noch nicht einmal so sehr bei dem Herrn erhöht. Sie hat die Tarife in solchen Fällen teil-
Bundesverkehrsminister; sie liegt vielmehr bei dem weise sogar noch gesenkt. Aber überall dort, wo
Bundesfinanzminister, der sich bisher unter Voran- man glaubte, mit nur geringem Widerstand rechnen
stellung anderer Ausgabeposten konstant geweigert zu müssen, wurden die Tarife kräftig angezogen:
hat, den Verkehrshaushalt so ausreichend zu dotie- im Güterverkehr bis zu 42 %, im Berufsverkehr bis
ren, daß eine leistungsfähige, in ihren Wettbewerbs- zu 76 % und bei den Sozialtarifen bis zu 300 %. Er-
verhältnissen ausgeglichene Verkehrswirtschaft ihre freulicherweise hat die CDU nunmehr auch den An-
großen volkswirtschaftlichen Aufgaben auch er- trag gestellt, diese ganz grobe Ungerechtigkeit zu
füllen kann. beseitigen.
(Abg. Müller-Hermann: Mehr Geld Die Methode der Tariferhöhung zeigt wenig so-
drucken!?) ziales Verständnis und muß zu einer Vielzahl von
wirtschaftlichen und sozialen Härten führen. Nutz-
— Nein! Mit einer besseren Verteilung der Haus- nießer dieser Methode ist der Großbetrieb, Leid-
haltsausgaben würden wir vielleicht, ohne mehr tragender ist der Klein- und Mittelbetrieb, Leid-
Geld zu drucken, wesentlich bessere volkswirtschaft- tragender ist der Berufsverkehr und Leidtragende
liche Wirkungen erzielen. — Es ist deshalb nicht sind insbesondere die sozial schwachen Schichten
gut, wenn das Schwergewicht der Verkehrspolitik unseres Volkes.
im Bundesfinanzministerium liegt und wenn der
Haushaltsreferent diesen Tatbestand auch äußerlich Die von der Bundesregierung als Kampfmaßnahme
dadurch kennzeichnet, daß er sein Referat in „Ab- gegen den Straßenverkehr verfügte Tarifsockel-
teilung für Verkehrspolitik" umfirmiert hat. änderung — der Herr Bundesverkehrsminister hat
sich ausführlich damit beschäftigt — führt zu einer
Meine Damen und Herren! Diese Fehler der nach Reihe von kuriosen Tarifentwicklungen. Ich möchte
unserer Auffassung falschen Verkehrs- und Finanz- Ihnen hier einmal ein solches Kuriosum vorrech-
politik müssen jetzt Verbraucher und Fahrgast in nen. Bei einer mittleren Versandweite von 200 km
einer Form bezahlen, die mit der Tariferhöhung zahlt ab 1. Februar ein Verlader, der 5 t verlädt,
vom 1. Februar ihren Anfang nimmt. Gerade weil 24 DM mehr Fracht. Wenn er 10 t verlädt, zahlt er
es sich hier um die erste wesentliche Tarifreform nur noch 7 DM mehr Fracht. Wenn er 15 t verlädt,
handelt, möchte ich mich mit den Einzelheiten die- zahlt er 26,50 DM weniger Fracht, und wenn er 20 t
ser Reform noch etwas eingehender auseinander- verlädt, zahlt er 64 DM weniger Fracht. Der Groß-
setzen. Ich bin der Meinung, daß die Bundesbahn betrieb erhält einen Frachtnachlaß von 11 %, der
es sich bei der Abschätzung der wirtschaftlichen mittlere und der Kleinbetrieb müssen eine um 15 %
Auswirkungen verhältnismäßig leicht gemacht hat. erhöhte Fracht zahlen.
Sie vergleicht das mutmaßliche Mehraufkommen
mit dem Bruttosozialprodukt und errechnet sich Diese erheblichen Frachtunterschiede, die von
eine Mehrbelastung von 0,45 %. Sie geht sogar noch den Klein- und Mittelbetrieben getragen werden
weiter — der Herr Bundesverkehrsminister hat vor- müssen und diese Betriebskategorie wesentlich be-
hin auch diese Zahlen angedeutet — und meint, nachteiligen, sind nach meiner Auffassung einer
daß, auf die Lebenshaltungskosten umgelegt, die vernünftigen Mittelstandspolitik diametral ent-
Erhöhung nur 0,08 bis 0,16 % ausmacht. gegengesetzt. Ich hätte gern von den Mittelstands-
politikern der CDU ihre Stellungnahme zu diesen
Mir scheint eine solche Methode etwas zu pri- tarifarischen Maßnahmen der Bundesregierung ge-
mitiv zu sein. Die Tariferhöhung, die in ihrer Ge- hört. Wir halten diese Differenzierungen für ge-
samtheit immerhin 1 Milliarde DM ausmacht, be- fährlich, weil sie den Mittelbetrieb benachteiligen,
deutet doch zweifellos den schwersten Schlag, den weil sie die Wettbewerbsverhältnisse erheblich
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 453
Dr. Bleiß
verschieben und weil sie damit eine zusätzliche Un- die künftig für die Fahrt einige hundert Mark im
ruhe in die Wirtschaft tragen. Jahr mehr ausgeben müssen. Ich glaube, das ist
Noch einen weiteren Beweis für die preis- doch schon eine erhebliche Belastung.
steigernde Wirkung der Tariferhöhung; diesmal Ich kann mich auch nicht mit Ihrer Antwort zu-
nach Warenkategorien. Mein Freund Schmidt hat friedengeben, daß die dem Berufsverkehr dienen-
schon die Tarifentwicklung bei dem Versand von den Personenzüge im Mittel nur zu 40 % aus-
Kohlen aufgezeigt. Er hat darauf hingewiesen, daß gelastet sind. Es ist leider so, daß wir heute noch
sich der Kohlepreis pro Tonne bei einer mittleren über sehr starke Überbesetzungen zu klagen haben.
Versandweite von etwa 300 km um 2,50 DM erhöht. Herr Bundesverkehrsminister, ich verstehe Sie auch
Das ist ungefähr die Hälfte der Kohlenpreis- nicht, wenn Sie sagen: Es mag schon einmal mög-
erhöhung vom Oktober des vergangenen Jahres. lich sein, daß vom Verkehrszentrum aus eine starke
Aber für eine weitere Grundstoffindustrie, für die Belastung eintritt, diese lockert sich nachher aber
Stahlindustrie, ergibt sich pro Jahr eine Fracht- bald auf. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe,
erhöhung von 80 Millionen DM. Das ist eine Mehr- gehen dahin, daß diejenigen, die sich des Berufs
belastung von 4 DM je Tonne Stahl in der ersten verkehrs bedienen, oft lange Zeit in den Gängen
Stufe der Verarbeitung. stehen müssen, um überhaupt an den Arbeitsplatz
Ich möchte Sie weiter darauf hinweisen, daß ins- oder wieder nach Hause zu kommen.
besondere die Steine und Erden, also die Baustoffe, Dann bitte noch eine organisatorische Frage! Sie
von der Tariferhöhung hart betroffen werden. In sagten: Eine solche Zuggarnitur fährt morgens 'rein
dieser Gruppe rechnet man mit einem Anteil der und abends raus oder umgekehrt; d. h. sie wird in
Frachtkosten am Preis bis zu 54 %. Wenn man hier 24 Stunden nur einmal in Bewegung gesetzt. Ich
zu einer 10- oder 15 %igen Tariferhöhung kommt, möchte fragen: was ist das eigentlich für eine Orga-
muß das zwangsläufig preispolitische Auswirkungen nisation, bei der man den Zug nur morgens einmal
haben. hin- und abends zurückfährt? Ich bin der Meinung,
Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen diese daß derartige Verhältnisse doch geradezu nach Re-
Beispiele vorgetragen, um Ihnen darzustellen, daß form schreien. Da liegen doch noch große Möglich-
uns die Tariferhöhung vor ernste preispolitische keiten, um den Betrieb zu vereinfachen und ins-
Probleme stellt und daß es wenig Sinn hat, die besondere, um dafür zu sorgen, daß der Wagenpark
preispolitischen Wirkungen durch einige Global- besser und vernünftiger genutzt wird.
rechnungen zu bagatellisieren. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin
im Gegensatz zu dem Herrn Bundesverkehrsminister
Nun einige Sätze zum Berufsverkehr! Ich möchte und zu der Regierungskoalition der Meinung, daß
nach den Mitteilungen und Zuschriften, die ich be- der Berufsverkehr eine gemeinwirtschaftliche Auf-
kommen habe, sagen, daß die drastischen An- gabe ist, die die Bundesbahn zu erfüllen hat. Wenn
hebungen der Tarife im Berufsverkehr eine große die Bundesbahn diesen gemeinwirtschaftlichen Auf-
Erregung in der Öffentlichkeit ausgelöst haben. Sie wand wegen der völlig veränderten Wettbewerbs-
alle, meine Damen und Herren, werden eine Reihe lage nicht mehr tragen kann, dann muß eben dieser
von Beschwerden von den verschiedenen Betroffe-
- Sozialaufwand vom Bund übernommen werden. Wir
nen, von den Betriebsräten, von den Belegschaften halten die von der Bundesregierung verfügte scharfe
der Firmen, von Angestelltenkammern und von an- Anhebung der Tarife im Berufsverkehr für eine so
deren Institutionen, erhalten haben, in denen je große, in die Lebensverhältnisse des einzelnen
nach der Lage des Betriebes auf die besonderen Berufstätigen so tief eingreifende soziale Härte, daß
Härten hingewiesen worden ist. Ich glaube, Sie wir den Antrag gestellt haben, diese Maßnahme
werden wirklich niemand trösten können, wenn Sie unverzüglich wieder rückgängig zu machen.
sagen, die Bundesbahn sei bisher zu billig gefahren
und müsse nun die Tarife kräftig anheben. Ich darf kurz zusammenfassen: Wir Sozialdemo-
kraten sind der Auffassung, daß die Ursache der
Der Herr Bundesverkehrsminister hat bei der Be- Tariferhöhung in der falschen Preis- und Wirt-
antwortung unserer Großen Anfrage gesagt, von schaftspolitik der Bundesregierung liegt und daß
einer drastischen Anhebung der Tarife des Berufs- die Bundesregierung auch auf verkehrspolitischem
verkehrs und der Sozialtarife könne man doch wohl Gebiet nicht die erforderlichen Maßnahmen ge-
nicht sprechen. Ich möchte Sie, Herr Bundesverkehrs- troffen hat, um die Kostensteigerung durch Ratio-
minister, fragen: was verstehen Sie eigentlich unter nalisierungserfolge zu kompensieren. Wir sind der
„drastischer" Anhebung, wenn 50 bis 76 % noch Meinung, daß die Erhöhung der Tarife nicht gleich-
nicht in diese Kategorie fallen? Ich möchte Sie mäßig und einheitlich erfolgt ist, sondern daß sie
fragen: wo fangen dann bei Ihnen eigentlich die eine gezielte Kampfmaßnahme gegen den Straßen-
„drastischen Anhebungen" an? Sie haben weiter verkehr ist, die als solche den Großbetrieb bevor-
gesagt, daß die Anhebungen der Tarife im Berufs- zugt und bewußt und nachhaltig die mittelständische
verkehr doch „sehr maßvoll" seien. Auch dazu wie- Wirtschaft benachteiligt.
der eine Zahl. Die Mehreinnahmen machen 107 Mil-
(Vizepräsident Dr. Jaeger übernimmt
lionen DM aus. Wir haben etwa 1,5 Millionen Pend-
den Vorsitz.)
ler. Für jeden Pendler ergibt sich im Durchschnitt
eine jährliche Mehrbelastung von 70 DM. Das wäre Wir sind der Meinung, daß die Tariferhöhung eine
schon kein Pappenstiel. Aber nun gibt es große Entfernung vom Prinzip der gemeinwirtschaftlichen
Spannweiten. Es wird viele Familienväter geben, Verkehrsbedienung bedeutet.
454 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Dr. Bleiß
Aus diesen vielerlei Gründen erheben wir unsere Dr. Bleiß (SPD) : Ich komme gleich darauf zu
Bedenken gegen die getroffenen tarifarischen Maß- sprechen. — Sie haben, Herr Kollege Bucerius, im
nahmen. Wir halten eine Erhöhung der Sozialtarife Ausschuß auch kürzlich gehört, daß die Bundespost
und der Tarife des Berufsverkehrs für nicht ver- in diesem Jahr vermutlich einen Verlust von rund
tretbar. Wir haben ihre Aufhebung beantragt. Wir 200 Millionen DM ausweisen wird. Obwohl die
halten es für unvertretbar, daß die Bundesregierung Bundespost einen Verlust ausweist, verlangt die
systematisch dazu übergeht, soziale Einrichtungen Bundesregierung von ihr eine Gewinnabgabe von
immer stärker abzubauen. Wir sind der Meinung, 300 Millionen DM. Diese 300 Millionen DM be-
daß es bei einer vernünftigen Verkehrspolitik, bei deuten nicht eine angemessene Verzinsung des
einer besseren Tariftreue der Bundesbahn, bei etwas Eigenkapitals; der Abführungsbetrag geht über eine
mehr Ordnung der Bundesvermögen im eigenen normale Verzinsung des Eigenkapitals weit hinaus.
Hause durchaus möglich gewesen wäre, die Tarif- Obwohl man also weiß, daß es zu Verlusten führen
erhöhung in ihren Ausmaßen wesentlich zu be- muß, wird die Bundespost finanziell geschwächt.
schränken.
Wir machen dem Bundeswirtschaftsminister den Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter,
Vorwurf, daß er sich um diese Entwicklung nicht in gestatten Sie eine Zwischenfrage?
dem Maße gekümmert hat, wie es im Interesse einer
Stabilität der Preise notwendig gewesen wäre. Jetzt Dr. Bucerius (CDU/CSU) : Welche Umsatzsteuer
ist mit der Tariferhöhung ein weiterer wesentlicher zahlt denn die Bundespost?
Stabilisierungsfaktor unseres Preissystems zusam-
mengebrochen. Die Auswirkungen sind im Moment Dr. Bleiß (SPD) : Sie zahlt keine Umsatzsteuer,
überhaupt noch nicht zu übersehen. Herr Kollege Bucerius, sie hat aber dafür eine
Noch einige Sätze zur Bundespost! Der Herr Bun- Reihe von gemeinwirtschaftlichen Aufgaben zu
desverkehrsminister hat sich in den Fragen der erfüllen; das ist eben ein gewisser Ausgleich da-
Tariferhöhung der Bundespost sehr zurückhaltend für. Wenn jemand gemeinwirtschaftlichen Aufwand
geäußert. Das ist zunächst tröstlich. Wir haben noch zu treiben hat, können Sie ihn natürlich nicht noch
nicht wieder die unliebsame Überraschung, erst post mit allen möglichen Abgaben, Verkehrssteuern usw.
festum darüber beraten zu dürfen. Die Verhältnisse belasten.
sind bei der Post nicht so schwierig wie bei dem (Abg. Müller-Hermann: Wie ist es mit den
größeren Bruder, der Bundesbahn. Trotzdem müssen Konzessionsabgaben?)
wir auch bei der Post feststellen, daß der Bund Ich meine also, Herr Kollege Bucerius, daß es
wenig für den Ausbau des Post- und Fernmelde- vernünftiger wäre, wenn die Post heute einen
wesens getan hat. Er hat die Post ebenfalls auf den finanziell schwachen Status hat, der Post den Ab-
Weg der Fremdfinanzierung gewiesen. Die Bundes- führungsbetrag zu stunden und nicht das Geld noch
post hat es hierbei verhältnismäßig leicht gehabt, herauszuziehen und sie dadurch zwangsläufig in
weil ja die Sammelbecken des Postscheck- und des eine defizitäre Wirtschaft zu bringen.
Postsparkassenwesens zur Verfügung standen. Aber
die Kehrseite der Medaille ist eben die außerordent- (Abg. Dr. Bucerius: Herr Bleiß, würden Sie
lich ungünstige Entwicklung des Verhältnisses von nicht auch etwas dafür bezahlen, wenn Sie
Eigenkapital zu Fremdkapital. Wir müssen heute in Deutschland für die Bundespost ein
konstatieren, daß die Bundespost eine Verschuldung Monopol bekämen?)
von mehr als drei Milliarden DM hat und daß es - Sie können ja bei der Bundespost nicht mehr von
sich dabei um mehr als die Hälfte kurz- oder mittel- einem absoluten Monopol reden. Es handelt sich
fristiges Geld handelt, das in kurzer Zeit abgefor- doch darum, Herr Kollege Bucerius, sich darüber
dert werden kann. klar zu werden, ob eine Tariferhöhung notwendig
Nun, Herr Bundespostminister, auch hier muß wird oder ob man sie verhindern kann.
man fragen: warum ist bei der Bundespost keine
vernünftige Kapitalausstattung möglich? Die Bun- Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
despost hat 1949 eine Million DM Zinsen gezahlt. Dr. Bleiß, die Kollegen drängen sich geradewegs
1956 ist die Zinslast auf 156 Millionen DM ange- dazu, Ihnen Zwischenfragen zu stellen. Gestatten
wachsen. Man belastet also hier ein Bundesvermögen Sie auch dem Herrn Abgeordneten Müller-Hermann
mit immer höheren Zinsen, die bei einer vernünf- eine Frage?
tigen Kapitalausstattung hätten erspart werden
können. Es ist uns gesagt worden, daß die Bundes- Dr. Bleiß (SPD) : Bitte schön!
regierung — —

Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Kollege


-

Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie eine Bleiß, haben Sie in den letzten Jahren eine auch
Frage des Abgeordneten Dr. Bucerius? von der SPD geführte Kommune erlebt, die auf die
Konzessionsabgabe der kommunalen Betriebe ver-
Dr. Bleiß (SPD) : Ja! zichtet hat, — aus den gleichen Gründen, die Sie
hier geltend machen?
Dr. Bucerius (CDU/CSU) : Herr Bleiß, sind Sie
nicht der Meinung, daß das Eigenkapital der Bun- Dr. Bleiß (SPD) : Darf ich fragen, welche Institu-
despost auch verzinst werden müßte? tion Sie meinen?
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 455

Müller-Hermann (CDU/CSU) : Die Kommunen! Wettbewerbsbedingungen; Sie ziehen die Wett-


Die Städte! bewerbsbedingungen immer mehr auseinander und
führen neue Differenzierungen herbei.
Dr. Bleiß (SPD) : Ja, überall da, wo Unterneh- Es heißt in der Antwort der Bundesregierung
mungen nicht finanziell so gefährdet sind, wie es
weiter: „Eine volkswirtschaftlich und verkehrs-
bei der Bundespost der Fall ist. politisch zweckmäßige Zusammenarbeit und Auf-
(Oho-Rufe und Lachen bei der CDU/CSU.) gabenteilung der Verkehrsträger wird gefördert."
Es kommt doch darauf an , Herr Kollege Müller-Her- Durch die Tarifanhebung, insbesondere durch die
mann: Wollen wir nicht alle Möglichkeiten aus- Sockeländerung werden Sie eine solche Zusammen-
schöpfen, um eine Tariferhöhung zu verhindern?! arbeit nicht fördern, sondern Sie werden den Kon-
Sie drängen sich offenbar darum, nach Argumenten kurrenzkampf weiter verschärfen, die ruinöse Kon-
für eine solche Tariferhöhung zu suchen. Darin kurrenz noch stärker fördern.
unterscheiden wir uns, meine Damen und Herren. Es heißt in der Erklärung dec Bundeskanzlers
(Beifall bei der SPD.) weiter: „An den gemeinwirtschaftlichen Aufgaben
der Deutschen Bundesbahn wird grundsätzlich fest-
Ich würde es für sehr gefährlich halten, wenn gehalten." Die Erhöhung der Tarife im Berufsver-
man jetzt der Bundespost einen Abführungsbetrag kehr bedeutet eine deutliche Abwendung von die-
von 300 Millionen DM auferlegte. Ich möchte des- sem gemeinwirtschaftlichen Prinzip.
wegen den dringenden Appell an die Bundesregie-
rung richten, von dem Einzug eines solchen Abfüh- In der zitierten Regierungserklärung heißt es wei-
rungsbetrages Abstand zu nehmen; denn auch die ter: „Ein freier Preiswettbewerb zwischen den Ver-
Bundespost befindet sich in einer außerordentlich kehrsträgern bleibt weiterhin ausgeschlossen." Ich
schwierigen finanziellen Situation. weiß nicht, was das bedeuten soll. Ist der freie
Preiswettbewerb heute dadurch geschaffen, daß man
Die tarifarischen Maßnahmen der Bundesregie- der Bundesbahn bestimmte gesetzlich verankerte
rung haben nicht zu einer Gesundung der Verkehrs- Vorzüge einräumt? Wird dadurch nicht eine ein-
wirtschaft geführt. Es steht heute fest, daß die heitliche Preisbildung verhindert, und ergeben sich
Bundesbahn —ich habe das schon eingangs ge- nicht für einen Verkehrsträger bestimmte Preis-
sagt — auch im laufenden Jahr mit erheblichen vorrechte?
Verlusten arbeitet. Es steht heute fest, daß sich der
ruinöse Wettbewerb zwischen Schiene und Straße Wir verlangen etwas mehr. Wir verlangen eine
verstärkt fortsetzen wird. So, wie sich die Dinge umfassende Verkehrsreform. Nach unserer Vorstel-
entwickeln, besteht durchaus die Gefahr, daß wir lung soll die Verkehrsreform den Zweck verfolgen,
in etwa einem Jahr vor einer neuen Tariferhöhung das Verhältnis der Verkehrsträger zueinander zu
mit allen sich daraus ergebenden preispolitischen ordnen, das Verkehrsvolumen nach der wirtschaft-
Konsequenzen stehen. lichen Leistungsfähigkeit der Verkehrsträger neu
aufzuteilen, die Verkehrswirtschaft zu rationalisie-
Ich bin aber der Meinung, daß es heute noch eine ren, den Dualismus zwischen Bahn und Post auszu-
Reihe von Möglichkeiten gibt, eine solche Entwick- räumen und damit die hohen Kosten, die heute in
lung zu verhindern, wenn sich die Bundesregierung der unrationellen Verkehrswirtschaft liegen, zu be-
dazu versteht, endlich die von uns verlangte Ver- seitigen.
kehrsreform durchzuführen. Der Herr Bundesver-
kehrsminister ist in seiner Antwort auch auf die Eine Voraussetzung für diese Maßnahmen ist die
Frage der Verkehrsreform eingegangen. Aber, Herr Erstellung eines Selbstkostenvergleichs innerhalb
Bundesverkehrsminister, diese Antwort hat uns der drei Verkehrsträger Schiene, Straße und Binnen-
nicht ganz zufriedengestellt. Sie sprachen in Ihrer schiffahrt. Wir haben uns für diesen Selbstkosten-
Stellungnahme nicht mehr von einer Verkehrs- vergleich zu wiederholten Malen im Bundestag ein-
reform, sondern nur noch von einer Tarifreform. gesetzt. Leider haben wir bisher feststellen müssen,
Sie sagten, daß durch die Maßnahmen vom 20. Ok- daß die Erstellung der für eine gesunde Verkehrs-
tober 1953 eine gewisse Neuordnung in der Ver- wirtschaft dringend erforderlichen betriebswirt-
kehrspolitik herbeigeführt werde. Nun, Herr Bun- schaftlichen Unterlagen von der Bundesregierung
desverkehrsminister, die Erhöhung der Verkehr- systematisch verzögert worden ist. Wir nehmen
steuern bedeutet noch keine Verkehrsreform, son- heute den Gedanken wieder auf und stellen den
dern ist eine dirigistische Maßnahme, um Trans- Antrag:
portgut von dem einen Verkehrsträger zu dem an- Der Bundestag wolle beschließen:
deren zu verlagern.
Die Bundesregierung wird ersucht,
Sie haben dann auf die Ausführungen des Herrn unverzüglich einen Selbstkostenvergleich zwi-
Bundeskanzlers in der Regierungserklärung vom schen der Bundesbahn, dem gewerblichen Güter-
29. Oktober vergangenen Jahres Bezug genommen, kraftverkehr und der Binnenschiffahrt zu erstel-
in denen der Herr Bundeskanzler gesagt hat, die len und dem Bundestag bis zum 31. März 1959
Wettbewerbsbedingungen der Verkehrsträger seien den Selbstkostenvergleich vorzulegen.
soweit wie möglich einander anzugleichen. Durch
die Sockeländerung, Herr Bundesverkehrsminister, Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, unserem
gleichen Sie die Wettbewerbsbedingungen nicht an, Antrag Ihre Zustimmung zu geben.
sondern Sie verschärfen die Unterschiede in den (Beifall bei der SPD.)
456 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Es scheint mir richtig zu sein, daß wir uns mit
Abgeordnete Brück. dem Personenverkehr bei der Bundesbahn ein
wenig befassen. Vielleicht sehen wir uns einmal
Brück (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da- die Ergebnisse der letzten Jahre an. Die Einnah-
men und Herren! Ich möchte mich etwas mit den men aus dem Personenverkehr betrugen im Jahre
Ausführungen meiner beiden Herren Vorredner, 1956 rund 1,452 Milliarden DM. Die Einnahmen
des Herrn Kollegen Schmidt und des Herrn Dr. aus ermäßigten Tarifen machten dabei 74,4 % aus,
Bleiß, befassen. das sind 1,081 Milliarden DM. Nur von 7,7 % der
beförderten Personen ist der volle Fahrpreis ge-
Ich darf eingangs einmal folgendes sagen. Wenn
zahlt worden, während 92,3 % in irgendeiner Form
es hier nicht eine Opposition und eine Regierung
zu einem ermäßigten Tarif gefahren sind.
gäbe, würden wir über die zur Zeit beschlossene
und vorgenommene Tarifreform nicht sprechen. Der Herr Bundesverkehrsminister hat darauf hin-
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) gewiesen, daß wir auch in Zukunft noch 25 Fahr-
preisermäßigungen gegenüber bisher 28 haben, die
Dann würden alle einheitlich einsehen, daß die an einen Antrag gebunden sind. Wir haben da-
Maßnahmen im Prinzip notwendig gewesen und zu neben 11 Fahrpreisermäßigungen, die von jedem
Recht angeordnet worden sind. in Anspruch genommen werden können.
(Zuruf von der SPD: Deswegen haben Sie Wir wollen uns nun einmal die Einnahme je km
auch den Antrag Drucksache 185 einge ansehen. Die Normaltarife und die Fahrpreisermäßi-
bracht!) gungen für jedermann erbrachten eine Einnahme
— Bitte schön, kommen Sie nachher auch hierher, von 5,19 Pf pro km, der Berufs- und Schülerverkehr
dann können wir weiter sprechen. 1,89 Pf und die Beförderung zu den sonstigen sozia-
len Personentarifen 2,11 Pf. Das ergibt ein Mittel
Nun ist soeben von Herrn Kollegen Schmidt ge- von 3,89 Pf pro km. Bei Abwägung aller Gesichts-
sagt worden, und auch Herr Dr. Bleiß hat das mehr punkte mußte hier also eine Korrektur vorgenom-
oder weniger hier anklingen lassen, daß gerade men werden.
durch die Anhebung der Güterverkehrstarife ganz
erhebliche Kostensteigerungen eintreten würden. Von beiden Herren wurden einige konkrete Bei-
Sicherlich treten Steigerungen ein. Aber ob sie in spiele genannt und bemerkt, das sei ja doch alles
diesem Umfang eintreten, möchte ich doch mit sehr nicht nötig, man solle die Sache mit einem Bundes-
großem Fragezeichen versehen. Der Herr Bundes- zuschuß ausgleichen. Über die vorgenommene Kor-
verkehrsminister hat ausgeführt, daß sich die zu- rektur wird jetzt geschimpft, weil es sich um die
ständigen Gremien mit der Sache befaßt haben. Ich Bundesbahn handelt. Aber nicht nur bei der Bun-
messe hier insbesondere der Ständigen Tarifkom- desbahn hat seit dem 1. Februar 1958 eine Tarif-
mission eine ganz besondere Bedeutung bei. Darin anhebung stattgefunden, sondern es sind auch
sitzen neben den Vertretern der Deutschen Bundes- anderswo schon in den letzten Jahren oder Mona-
bahn nämlich auch die Vertreter der Industrie, der ten Tarifänderungen eingetreten, und zwar hier
Land- und der Forstwirtschaft und des Handels. speziell im Berufsverkehr. Auf eine Zwischenfrage
Auch der Kraftverkehr ist vertreten, wenn- auch nur wurde darauf bereits in etwa hingewiesen. Ich darf
mit beratender Stimme. Gerade dieses Gremium darauf aufmerksam machen, daß dort, wo Sie, meine
hat der Tarifreform seine einhellige Zustimmung Damen und Herren (zur SPD), die Mehrheit haben,
gegeben. Auch die Vertreter der Gewerkschaften etwa in Bochum und in Gelsenkirchen, der Tarif
haben im Prinzip dieser Tarifreform zugestimmt. für den Berufsverkehr angehoben worden ist,
ebenso in Duisburg und auch in Düsseldorf, wo
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU. — Zurufe
keine CDU-Mehrheit besteht. Es wird keiner be-
von der SPD.)
haupten wollen, daß die CDU in Wuppertal die
— Sie haben gewisse Bedenken angemeldet, aber Mehrheit habe; auch da sind die Tarife speziell für
sie haben die Notwendigkeit der Tarifreform aner- den Berufsverkehr angehoben worden. Dasselbe gilt
kannt. für Hagen und Remscheid. Ich habe nicht feststel-
Diese Gremien sind davon ausgegangen, daß in len können, daß sich dort gegen die Erhöhung der
Wirklichkeit die Preise der Lebensmittel hierdurch Tarife im Berufsverkehr die gleiche Opposition be-
um etwa 0,33 %, die Preise für Halbstoffe um merkbar gemacht hat.
1,10 % und die Preise für Massengüter um etwa (Beifall bei den Regierungsparteien.)
3,30 % angehoben würden.
Wir können auch noch einen anderen Vergleich
Es wird sicherlich Preise geben, die mehr oder anstellen, nämlich den Vergleich zwischen Schiene
weniger angehoben werden müssen. Das liegt in und Parallelverkehr auf der Straße. Der Herr Bun-
der Natur der Sache. Es muß aber auch gesagt wer- desverkehrsminister hat eben zwei Beispiele aus
den, daß sehr stark mit Ausnahmetarifen gearbeitet der Umgebung von Bonn gebracht. Hier könnte der
worden ist; Herr Dr. Bleiß hat hier von Kampfmaß- Einwand gemacht werden: Na ja, da sind unsere
nahmen gesprochen. Leute ja nicht in so starkem Maße mitbestimmend,
Von beiden Herren Rednern sind insbesondere deshalb paßt das Beispiel gerade hier. Ich darf
die Sozialtarife und namentlich die Tarife des Ar- Ihnen einige andere konkrete Beispiele bringen:
beiterberufsverkehrs genannt worden. Überhaupt Von Ennepetal-Milspe nach Wuppertal-Barmen
ist der Personenverkehr angesprochen worden. — 12 km Entfernung — kostet eine Arbeiterwochen-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 457

Brück
karte bei der Bundesbahn 5,10 DM, bei der Straßen- für die Strecke Köln—Porz—Urbach, trat bei der
bahn kostet sie 5,20 DM. Von Ennepetal-Milspe Bundesbahn ein Verlust ein, und zwar von 15,9 %.
nach Wuppertal-Oberbarmen, 10 km, Bundesbahn Für die Strecke von Köln nach Opladen trat ein Ver-
4,60 DM, Straßenbahn 4,80 DM. Ein anderes Bei- lust von 11,1 % und für die Strecke von Köln nach
spiel: Von Schwelm nach Wuppertal-Barmen, 8 km, Schlebusch ein Verlust von 34,4% ein. Im inner-
Bahn 4 DM, Straße 4,40 DM. Oder von Schwelm städtischen Verkehr in Köln ist dagegen folgende
nach Wuppertal-Oberbarmen Bahn 3 DM, Straße Situation eingetreten: z. B. von Köln Hauptbahnhof
4 DM; nach Köln-Ehrenfeld ist beim vollen Fahrpreis eine
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU) Verkehrssteigerung von 118 % und bei den Zeit-
karten sogar von 250 % eingetreten, von Köln
von Wuppertal-Oberbarmen nach Wuppertal-Elber-
Hauptbahnhof nach Kalk beim vollen Fahrpreis von
feld Bahn 3 DM, Straße 4 DM; von Wuppertal-
31 % und bei den Zeitkarten von 380 %. Das kras-
Oberbarmen nach Wuppertal-Unterbarmen Schiene
seste Beispiel ist das von Köln Hauptbahnhof nach
2,50 DM, Straße 3,60 DM; von Wuppertal-Barmen
Köln-Süd. Im innerstädtischen Verkehr hat die
nach Wuppertal-Elberfeld Schiene 2,50 DM, Straße
Deutsche Bundesbahn hier eine Zuwachsrate beim
3 DM; von Wuppertal-Vohwinkel nach Wuppertal
vollen Fahrpreis von 171%, und bei den Zeitkarten
Elberfeld Schiene 3,50 DM, Straße 4 DM oder nach
hat sie einen Gewinn zu verzeichnen von 1261 %.
Wuppertal-Barmen Schiene 4 DM, Straße 4,60 DM.
Was ist das Ergebnis? Die städtischen Verkehrs-
Man kann auch einmal eine andere Stadt nehmen: betriebe schimpfen. Zu Recht schimpfen sie. Sie
Essen. In Essen soll auch nicht gerade eine Mehrheit sagen: das ist im Grunde genommen ein inner-
der Mitte bestehen. Von Essen-Hauptbahnhof nach städtischer Verkehr, der uns gehört! — Auf der
Essen-Steele kostet bei einer Entfernung von 6 km anderen Seite schimpft der Verkehrsbenutzer wie-
die Bundesbahnkarte 3 DM, die Straßenbahnkarte der darüber, daß die Verkehrsmittel der Bundes-
3,20 DM; von Essen-Hauptbahnhof nach Essen-West, bahn nicht in Ordnung seien, daß man in überfüll-
3 km Entfernung, Schiene 2,50 DM, Straße 2,90 DM. ten Zügen sitzen müsse usw.
Für den Schienenparallelverkehr von Essen-Haupt-
bahnhof nach Düsseldorf kostet die Straßenbahn- Deshalb muß man, verehrter Herr Kollege
fahrkarte 12 DM, während die Bundesbahnkarte Dr. Bleiß, die Tarifneuordnung auch im Arbeiter-
10,20 DM kostet. Oder Duisburg! Auch Duisburg berufsverkehr in der Gesamtheit sehen. Die Dinge
hat, glaube ich, keine CDU-Mehrheit. Von Duisburg müssen insgesamt aufeinander abgestellt werden,
Hauptbahnhof nach Angermund kostet die Bundes- damit sie in Ordnung kommen. Jeder Fachmann wird
bahnkarte 5,30 DM, die Straßenbahnkarte 5,50 DM. zugeben müssen, daß sie nicht ganz einfach sind.
Oder Dortmund! Von Dortmund nach Dortmund Die Frage, die Herr Kollege Ritzel an den Herrn
Mengede Schiene 3 DM, Straße 5 DM. Diese Bei- Bundesverkehrsminister gestellt hat, an dessen Aus-
spiele könnte man beliebig fortsetzen. Hier hat man führungen danach wieder Kritik geübt worden ist,
diese großen Proteste in dieser Weise nicht gehört, dürfte, meine ich, für einen Kenner dahin zu beant-
und das löst doch sehr starkes Befremden aus. worten sein, daß tatsächlich der Berufsverkehr sich
abwickelt morgens in der Zeit von 6 etwa bis 1 /29 und
nachmittags von 1 /24 bis nach 1 /27. Sicherlich können
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter,
-
Sie einen Teil des Wagenparks in bestimmten Re-
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
lationen benutzen, aber den gesamten Wagenpark
Dr. Bleiß?
können Sie meistens nicht benutzen, denn auf Grund
gewisser rangiertechnischer und sonstiger Arbeits-
Brück (CDU/CSU) : Bitte schön! vorgänge ist es nicht gut möglich, den ganzen
Wagenpark dann immer so einzusetzen, daß die
Dr. Blei$ (SPD) : Herr Kollege Brück, ist Ihnen Sache von der betriebswirtschaftlichen Seite her
nicht bekannt, daß es sich bei dem Berufsverkehr wirklich interessant wäre.
um Pendler handelt, die sehr lange Strecken zurück-
legen, und daß es sich bei den Tarifen innerhalb Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter,
einer Gemeinde um relativ kurze Fahrstrecken zu gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Ab-
einem geringen Entgelt handelt? Ist der Protest in geordneten Ritzel?
der Öffentlichkeit nicht deswegen entstanden, weil
sich monatliche Mehrbelastungen von 20, 30 und
Brück (CDU/CSU): Bitte schön!
40 DM ergeben?

Ritzel (SPD) : Herr Kollege Brück, wollen Sie da-


Brück (CDU/CSU) : Herr Dr. Bleiß, dazu darf ich mit den vielfach miserablen Zustand der Wagen im
Ihnen folgendes sagen. Wenn Sie alle diese Fälle in
Arbeiterverkehr bestreiten?
Ruhe betrachten, dann können Sie das für die ver-
schiedensten Entfernungen feststellen. Das ist ja von
Fall zu Fall sehr verschieden, das ist nicht einheit- Brück (CDU/CSU): Herr Ritzel, das habe ich ja
lich. Ich bin Ihnen zu einem Teil dankbar für diese wohl nicht bestritten. Ich möchte Ihnen sagen —
Frage. Ich darf Ihnen einmal das Beispiel meiner im übrigen ist Ihnen darauf auch schon geantwortet
Heimatstadt Köln vortragen. Die Kölner Verkehrs- v; orden —: ich bin wahrscheinlich so oft in Arbeiter-
betriebe haben im vorigen Jahr die Tarife erhöht. zügen mitgefahren wie Sie, zumindest durch meine
Was trat ein? Für die weiteren Entfernungen, z. B. Tätigkeit. Aber ich muß Ihnen doch auch sagen,
458 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Brück
Herr Ritzel, daß die Dinge erheblich besser gewor- nicht von ihnen das Odium wegnehmen, daß direkt
den sind. Jetzt drehte es sich lediglich — und so oder indirekt auf sie mit dem Finger gezeigt und
habe ich Sie auch verstanden — um den wirtschaft- der Vorwurf erhoben wird: Ihr bei der Bahn seid
lichen Einsatz des Wagenparkes. Das ist ja be- doch irgendwie nicht so besonders fleißig und aktiv!
stritten worden, nachdem ,der Herr Bundesverkehrs- (Abg. Ritzel: Wer sagt das?)
minister auf diese Dinge eingegangen war. Ich bin
durchaus dafür, Herr Kollege Ritzel, daß das Wagen- — Gehen Sie bitte draußen in die großen Versamm-
material wie überhaupt die ganze Bedienung des lungen, in denen die Transparente zu sehen sind
Arbeiterberufsverkehrs immer mehr verbessert mit der Aufschrift „Die Bundesbahn wird subven-
wird, soweit das irgend möglich ist. Das ist selbst- tioniert".
verständlich. (Zuruf des Abg. Ritzel.)
(Abg. Ritzel: Sehr erfreulich! Dann nutzen — Herr Kollege Ritzel, ich komme nachher zu Ihnen,
Sie mal Ihre Mehrheit! — Zurufe von der dann können wir uns eine ganze Stunde darüber
Mitte.) unterhalten.
— Herr Kollege Ritzel, das hängt auch noch mit (Abg. Ritzel: Nein, hier heißt es Farbe be-
einigen anderen Dingen, nicht nur mit dem guten kennen! — Weitere Zurufe von der SPD.)
Willen zusammen. — Ich komme nachher zu Ihnen. Wir sollten das
Aber nun darf ich noch auf eine andere Frage Odium von diesen Menschen wegnehmen, denn sie
eingehen, die hier aufgeworfen worden ist. Der haben genauso einen Anspruch darauf, — —
Herr Kollege Schmidt hat von der Fünftagekarte (Abg. Schmidt [Hamburg] : Wer hat die
gesprochen, und der Herr Bundesverkehrsminister Transparente gespannt?)
hat darauf geantwortet. Der Herr Kollege Schmidt
hat dann insbesondere die Kurzarbeiterwochenkarte — Entschuldigen Sie, ich habe die Transparente ge-
apostrophiert. Nun, die Kurzarbeiterwochenkarte ist sehen, Herr Kollege Schmidt.
ein Gebilde aus dem Jahre 1923. Damals ist sie ein- (Abg. Schmidt [Hamburg] : Wer hat die
geführt worden, und nach den neuen Tarifmaß- Transparente aufgestellt?)
nahmen ist sie nun weggefallen. Die Untersuchun-
- Ich habe Transparente gesehen in Versammlun-
gen der letzten Zeit hatten nämlich ergeben — und
gen, wo die Bundesbahn sehr anständig apostro-
ich glaube, man muß auch diese Dinge sachlich und
phiert worden ist.
ruhig betrachten —, daß von einer Kurzarbeit in
diesem Sinne nicht mehr gesprochen werden kann (Abg. Schmidt [Hamburg] : Und das hätten
und daß die Kurzarbeiterwochenkarte zum Teil von wir gemacht?)
Leuten in Anspruch genommen worden ist, denen — Das habe ich nicht behauptet.
sie nicht ganz zustand. Man konnte das von der
tariflichen Seite nicht so regeln, wie es eigentlich (Abg. Schmidt [Hamburg] : Dann ist es gut!)
zweckmäßig und nützlich gewesen wäre. Deshalb Nein, Herr Schmidt, das habe ich nicht behauptet.
ist sie weggefallen.
(Abg. Schmücker [zur SPD]: Sie fühlen sich
-
Zu den Wünschen hinsichtlich des übrigen Berufs- bei jedem Angriff getroffen!)
verkehrs oder der Sozialtarife wird ein Kollege von
Herr Schmidt darf uns alle Frechheiten sagen, aber
mir noch Ausführungen machen. Auch wir haben
wir dürfen nichts mehr sagen!
noch einige Wünsche, die offengeblieben sind. Aber
die Dinge können doch im allgemeinen nicht so (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.
schwarz gemalt werden — das wird jeder sagen — Lachen bei der SPD. — Abg. Ritzel mel
müssen —, wie es hier zum Teil geschehen ist. Auch det sich zu einer Zwischenfrage.)
bei der Gestaltung der Tarife sollten wir uns an
jene Zeit vor 10 oder 12 Jahren erinnern, Herr Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Kollege Ritzel, als ein Platz auf der Plattform oder Ritzel, ich glaube, der Redner hat eindeutig kund-
im Bremserhäuschen noch durchaus als gut an- getan, daß er eine Zwischenfrage nicht beantworten
gesehen wurde. Gott sei Dank haben sich die Zeiten will.
geändert. Aber wenn man besser und vornehmer (Abg. Ritzel: Das ist sehr bedauerlich, Herr
reisen will, muß man auch bereit sein, einen ent- Präsident!)
sprechenden Obolus dafür zu leisten.
- Aber es ist sein Recht.
Die beiden Herren hier haben für die 18 Millionen
Arbeitnehmer gesprochen, die die Deutsche Bundes- (Abg. Schmücker [zum Abg. Ritzel] : Sie
bahn benutzen. Darf ich nun umgekehrt auch für die kennen die Geschäftsordnung nicht! — Abg.
Arbeitnehmer ein Wort sagen, die bei der Deut- Wittrock: Der Redner weiß, wie schlecht
seine Position ist!)
schen Bundesbahn beschäftigt sind. Es sind jene über
500 000 Beschäftigte, die Tag und Nacht, bei Wind
und Wetter ihre Pflicht tun, die alle miteinander, Brück (CDU/CSU) : Nein, das weiß ich ganz
vom einfachsten Rangierwärter bis zum Direktions- genau. Es handelt sich hier um ein echtes Anliegen.
präsidenten, bemüht sind, daß alles pünktlich läuft Fragen Sie doch die Leute, die bei der Bahn sind!
und daß wir, Herr Kollege Ritzel, hier pünktlich an- Die Leute sagen: wir wollen nicht immer Bundes-
kommen und fahrplanmäßig abfahren. Sollten wir zuschüsse haben, sondern wir wollen wirklich wie-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 459

Brück
der gesund werden, damit wir nicht immer die aus- stens stehen müssen, wenn sie morgens zu ihren
gesprochenen oder unausgesprochenen Vorwürfe Arbeitsstätten fahren und abends abgearbeitet nach
hinnehmen müssen. Deshalb bitte ich Sie, auch für Hause wollen. Lange Wartezeiten, fahrplanmäßige
diese Situation Verständnis zu haben. und außerfahrplanmäßige, zum Teil auf zugigen
Bahnsteigen, tun ein übriges, um in weiten Kreisen
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Witt
der Bevölkerung, Herr Kollege Brück, das Gefühl
rock: Wer schimpft, hat immer eine
aufkommen zu lassen, daß der technische Fortschritt
schwache Position. — Abg. Schmücker:
eben nicht für alle da ist.
Aber wer Kommentare zur Geschäftsord
nung schreibt, muß sie auch für sich selber Wir würden es sehr lebhaft begrüßen, wenn sich
anwenden!) endlich auch die Deutsche Bundesbahn ihrer Ver-
antwortung für den Berufsverkehr bewußt würde
und nicht zuletzt auch ihren Beitrag zur Lösung der
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Verkehrsprobleme in vielen deutschen Großstädten
Abgeordnete Junghans. leistete.
Das kann man aber nicht durch eine Tarifpolitik
Junghans (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen tun, die eindeutig das Desinteresse der Verantwort-
und Herren! In der Drucksache 141 (neu) liegt lichen der Deutschen Bundesbahn am Berufsverkehr
Ihnen ein Antrag meiner Fraktion vor, die in der bekundet.
Kabinettssitzung vom 15. Januar 1958 beschlossene
Die Verteuerungen durch Wegfall vieler Vergün-
Anhebung der Tarife im Berufsverkehr und der
stigungen im Berufsverkehr, Einkaufsverkehr, Er-
Sozialtarife rückgängig zu machen.
holungsverkehr sowie bei den Sozialtarifen sind
Gestatten Sie mir zunächst einige allgemeine Be- Ihnen allgemein bekannt. Sie liegen zwischen 50
merkungen zu der Tariferhöhung im Berufsverkehr und 300 %, während im normalen Reiseverkehr die
am 1. Februar 1958. Erhöhung 8,7 % beträgt.
Ich möchte zunächst einmal wiederholen: Ausmaß Die ursprüngliche Vorlage sah weit schlimmer
und Ursachen des Defizits im Haushalt der Bundes- aus. Von den angesetzten Mehreinnahmen im ge-
bahn sind die Folgen der seit langem von der Bun- samten Personenverkehr in Höhe von 260 Mil-
desregierung vertretenen Verkehrspolitik. Das De- lionen DM sollten allein durch Erhöhungen im Be-
fizit ist eine Folge der Verzögerung der Verkehrs- rufsverkehr und bei den Sozialtarifen 180 Mil-
reform, insbesondere eine Folge des ruinösen Wett- lionen DM aufgebracht werden. Wir Sozialdemo-
bewerbs zwischen Straße, Schiene und Wasser- kraten haben uns mit aller Schärfe gegen diese Er-
straße, der alle Verkehrsträger zu kostspieligen und höhungen gewandt, sobald die Tendenz erkennbar
unwirtschaftlichen Betriebsweisen zwingt. wurde. Die Tendenz war nämlich, alle sozialen Ver-
Insofern gehen die tarifpolitischen Maßnahmen günstigungen Zug um Zug abzubauen. Zu unserer
der Deutschen Bundesbahn am Kern der Dinge vor- Freude hat die Bundesregierung daraufhin die ur-
bei; sie werden auch in Zukunft die Aushöhlung sprüngliche Vorlage abgemildert, so daß heute ein
eines der größten deutschen Bundesvermögen nicht um etwa 48 Millionen DM verringerter Betrag als
- Mehreinnahme angesetzt ist. Es handelt sich dabei
verhindern.
im wesentlichen um die Erhöhungen, über die der
Darüber hinaus — und das trifft gerade für den Herr Bundesverkehrsminister hier schon vorgetra-
Berufsverkehr zu — erfüllt die Bundesbahn immer gen hat.
weniger ihre gemeinwirtschaftlichen Aufgaben. Dem
Berufsverkehr muß im Rahmen der gemeinwirt- Trotzdem sind heute noch rund eineinhalb Mil-
schaftlichen Aufgaben des größten Verkehrsträgers lionen Menschen mit kleinen und mittleren Ein-
eine überragende Bedeutung zugemessen werden. kommen betroffen. Betroffen sind die Ein- und
Es geht nicht an, daß der Berufsverkehr im Lande Auspendler, die nach dem Kriege an den Stadträn-
des Wirtschaftswunders wie ein Stiefkind behan- dern und in den sogenannten Satellitenstädten wie-
delt wird, das von einer Ecke in die andere ge- der eine Wohnung gefunden haben, von denen sehr
stoßen wird, viele jeden Tag eine längere Fahrzeit in Kauf neh-
men müssen, wenn sie zu ihren endlich gefundenen
(Oh-Rufe und Lachen bei der CDU/CSU) Arbeitsplätzen gelangen wollen. Betroffen sind
das keiner haben will. nicht zuletzt auch die Bewohner von Eigenheimen,
für deren Bau wir uns alle in diesem Hause so sehr
Der Berufsverkehr ist in jeder modernen Wirt-
eingesetzt haben.
schaft und Gesellschaft zwangsläufig. Die Aufgabe
kann daher nur gemeinwirtschaftlich bewältigt wer- Betroffen sind die Lehrlinge im dritten Lehrjahr.
den. Zum anderen ist der Berufsverkehr aber auch In einer Zeit, in der über einen Mangel an geeigne-
eine Frage der Lebenshaltung. Der technische Fort- ten Lehrstellenbewerbern geklagt wird, darf man
schritt darf daran nicht vorbeigehen. Im Zeitalter ihre Beweglichkeit nicht noch künstlich einengen.
der Düsenflugzeuge, des allgemeinen Komforts im Es gibt eben gute, volkswirtschaftlich wertvolle
Verkehr ist es unerträglich, in welchem Ausmaß Ausbildungsstätten leider nur in den Großstädten
der Berufsverkehr vernachlässigt wird. Wagen aus Gleiche Ausbildungschancen für alle jungen Men-
Urgroßmutters Zeiten, im Winter zum Teil unge- schen sind durch das Grundgesetz garantiert. Die
heizt, sind der Aufenthalt für Hunderttausende von neuen Bestimmungen der Bundesbahn stellen die-
Arbeitnehmern, Schülern und Lehrlingen, die mei- ses Grundrecht auf gleiche Ausbildungsmöglichkei-
460 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Junghans
ten völlig in Frage. So schreibt mir ein Lehrling Ich reise seit Jahren täglich und zahle jetzt für
aus Salzgitter-Bad: die gleiche Fahrkarte, wofür ich 1950 etwa
Als Werkzeugmacherlehrling des Hüttenwerks 9 DM gab, genau 22 DM, — also eine Steige-
erhalte ich im dritten Lehrjahr eine Erziehungs- rung von 150 %!
beihilfe von 91 DM. Bisher kostete mich eine (Zurufe in der Mitte und rechts.)
Monatskarte 9,30 DM. Ab 1. 2. bezahle ich Ich bitte Sie, zugleich im Namen der vielen
22,80 DM. Das bedeutet für mich, daß ich jetzt Tausende von freiberuflich Reisenden, doch die
145 % mehr zahlen muß als bisher, meine Er- zuständigen Stellen auf diesen Irrtum aufmerk-
ziehungsbeihilfe jedoch nicht gestiegen ist. sam zu machen.
Durch diese Härtefälle ist eine große Anzahl
meiner Lehrkollegen ebenfalls betroffen. (Unruhe und erneute Zurufe in der
Mitte und rechts.)
Ferner darf ich mit Erlaubnis des Herrn Präsi-
denten aus einer Mitteilung über eine Sitzung der — Ich will Sie nun nicht wie der Herr Kollege Brück
Industrie- und Handelskammer Coburg zitieren. noch weiter mit Zahlen bombardieren. Er hat selber
Dort brachte der Präsident Eduard Schmidt das Bei- gesagt: Man kann je nach Entfernung und je nach
spiel eines in Mitwitz wohnenden Lehrlings, der Zeit die Dinge beliebig variieren. Ich möchte dieses
täglich nach Coburg fahren muß. Bisher habe seine Spiel nicht mehr fortsetzen.
Monatskarte, damals Schülerkarte, 12,60 DM ge- Aber m an kann solche Einwendungen nicht abtun
kostet. Seit dem 1. Februar habe er eine Arbeiter- durch Argumente wie z. B. die des Herrn Bundes-
monatsfahrkarte zum Preise von 33,60 DM zu lösen. verkehrsministers, der sagte, daß der Industriefach-
Es gibt noch eine Reihe besonders hervorstechen- arbeiter 1936 im Durchschnitt für eine Arbeiter-
der Härtefälle. So ist durch den Wegfall der Arbei- wochenkarte von 14 km Reiselänge drei Arbeits-
terteilwochenkarten die Beschäftigung gerade der stunden aufwenden mußte und nach dem 1. Februar
1958 nur noch 2 1/4 Arbeitsstunden.
Bauarbeiter in den Feiertagswochen gefährdet. Fer-
ner sind Schüler und Arbeiter, weil die Schüler- Erstens, Herr Bundesverkehrsminister, betrug die
wochenkarten und Arbeiterwochenkarten an Sonn- durchschnittliche Reiselänge 1936 keine 14 km, son-
tagen nicht mehr gelten, weitgehend vom Besuch dern war erheblich niedriger, so daß der Anteil des
kultureller und kirchlicher Veranstaltungen ausge- Aufwandes für den Berufsverkehr trotzdem gestie-
schlossen. Denken Sie hier z. B. an die Stadt Ham- gen ist.
burg, wo früher sonntags Tausende von Studenten, Zum anderen — und das ist das Wichtigste
Schülern und Arbeitern die Stadtbahn auch zum Be- Wo bleibt dann der gerechte Anteil an der Produk-
such von kulturellen Veranstaltungen benutzt tivität, die immerhin seit 1936 über 200 % gestiegen
haben. ist, wenn immer wieder Preiserhöhungen diesen
Durch zahllose Protestschreiben aller Betroffenen Anteil kompensieren? Wenn ferner die gestiegenen
— ein Teil von Ihnen, meine Damen und Herren Kohlenpreise für die Begründung der Tariferhöhung
von der Regierungskoalition, wird solche Schreiben herhalten müssen, dann kann man nur fragen: Ha-
auch erhalten haben; es wäre sehr nützlich — ist ben das wirklich die Teilnehmer am Berufsverkehr
allgemein erwiesen, daß diese Maßnahme trotz der mit ihren kleinen und mittleren Einkommen zu ver-
Anrede „Lieber Fahrgast" in dem gelben Blättchen treten, oder ist hierfür nicht letztlich die verfehlte
auf völliges Unverständnis in der Bevölkerung ge- Wirtschaftspolitik der Bundesregierung verantwort-
stoßen ist. Ich darf mit Erlaubnis des Herrn Präsi- lich zu machen?
denten noch einige Beispiele zitieren. So schreibt Im übrigen ist es wenig sinnvoll, die Tariferhö-
mir ein Kreisausschuß des Deutschen Gewerk- hungen oder gar allgemein die Tarifpolitik an glo-
schaftsbundes — um Herrn Brück in dieser Be- balen Betriebskennziffern orientieren zu wollen.
ziehung zu beruhigen, darf ich es anführen —: Was soll es heißen, wenn gesagt wird, daß vor dem
Bei uns gehen laufend fernmündlich und schrift- 1. Februar die Einnahmen aus dem Zeitkartenver-
lich Proteste gegen die Fahrpreiserhöhung der kauf für den Berufsverkehr und Schülerverkehr nur
Bundesbahn im Berufsverkehr ein. bei 1,75 Pf je Personenkilometer gelegen hätten
und nach dem 1. Februar bei 2,7 Pf lägen, während
Diese Proteste werden unter Hinweis auf die
der Normaltarif bei 7,5 Pf liege? Das sagt doch
tatsächliche Fahrpreiserhöhung, wie z. B.
über die Wirtschaftlichkeit noch gar nichts aus, da
Arbeitermonatskarten exakte Angaben über die tatsächlichen Selbstkosten,
von Sa.-Lebenstedt früher jetzt über den zu deckenden Anteil der fixen Kosten,
über den sogenannten Mitläuferverkehr völlig feh-
nach Sa.-Watenstedt DM 7,20 — DM 12,—,
len. Meine Fraktion hat eine Selbstkostenrechnung
von Sa.-Thiede-Ost nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten für
nach Sa.-Watenstedt DM 9,70 — DM 16,—, alle Verkehrsträger gefordert. Wie nötig dies ist,
von Salzgitter-Bad zeigt auch das Problem des Berufsverkehrs.
nach Sa.-Watenstedt DM 17,80 — DM 24,60, Ich betone nochmals: die Hauptursachen des Bun-
desbahndefizits liegen in einer verfehlten Verkehrs-
ziemlich massiv erhoben.
politik. Aber es ist auch betriebswirtschaftlich völlig
Nicht zuletzt werden auch die freien Berufe be- unvertretbar, ohne Kostenstellen- und ohne Kosten-
troffen werden. Hier schreibt ein freiberuflich trägerrechnung geeignete Maßnahmen zur Beseiti-
Tätiger: gung von Defiziten zu treffen. In jedem Großunter-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 461
Junghans
nehmen ist es üblich, daß an Hand einer Kosten- daß sie ab einer bestimmten Kilometerzahl durch-
stellen- und Kostenträgerrechnung geprüft wird, wo aus niedriger im Preis liegen als die Bundesbahn.
denn tatsächlich die roten Zahlen sind. Alles andere Andererseits dürfen Sie nicht vergessen, daß in der
ist ein Lotteriespiel. Wer sagt uns z. B., auf Grund Regel die Anmarschwege zu den Haltestellen der
welcher betriebswirtschaftlicher Fakten — „Fakten" Omnibusse erheblich kürzer sind. Ferner bieten die
wohlgemerkt und keiner globalen Betriebskennzif- besseren Fahrpläne, die häufigere Wagenfolge usw.
fern — errechnet wurde, daß nach dem „Schlüssel" mehr Möglichkeiten der Ausnutzung der Zeitkarten,
im Haushaltsjahr 1958/59 bei der Bundesbahn der gar nicht zu reden vom besseren Fahrkomfort.
Personenverkehr 260 Millionen DM und der Güter-
verkehr 450 Millionen DM mehr einzubringen Es ist vorhin von dem Kollegen Brück gesagt wor-
den : Die Kommunalbetriebe erhöhen auch laufend die
haben? Von den 260 Millionen DM im Personen-
verkehr entfallen meines Wissens rund 107 Mil- Fahrpreise. Das mag stimmen. Sie brauchen da nicht
lionen DM auf den Berufsverkehr und rund 30 Mil- nach den Mehrheiten zu sehen. Die Kommunen
lionen DM auf die Sozialtarife. Wie kann m an haben nicht die Verkehrspolitik der Bundesregie-
solcheZanwidrumsglobaeKnzifr rung zu verantworten. Sie sitzen also heute prak-
errechnen? Ich weiß es nicht. Das ist nach meinem tisch in demselben Boot wie die Bundesbahn. Wir
Gefühl mehr als höhere kameralistische Mathematik. bezweifeln gar nicht, daß der Betrieb der Bundes-
Oder besser: ich meine, daß man doch den Weg bahn defizitär ist. Zum anderen habe ich noch
des geringsten Widerstandes gegangen ist. bei keinem Kommunalbetrieb erlebt, daß der Regel-
tarif um 8,7 % und die Berufstarife um 50 % erhöht
Am dubiosesten in diesem Falle ist die Kalku- worden sind.
lation über die überhaupt zu erwartenden Mehr- (Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
einnahmen. Es sollen 107 Millionen DM sein. Eine Mitte.)
Schätzung der von mir bereits erwähnten Abwan-
derung zu anderen Verkehrsmitteln hat man da- Das alles wird meines Erachtens zu einer viel
durch umgangen, daß man mit dem Verkehrsauf- stärkeren als der von der Bundesbahn kalkulierten
kommen von 1955 kalkuliert hat; das heißt, die Abwanderung führen. An einem Beispiel möchte ich
Abwanderungsquote darf nicht größer sein als der Ihnen das erläutern. Ich nehme den Raum, aus dem
Verkehrszuwachs von 1955 zu 1958, wenn die frag- ich komme; das ist hier wohl so üblich. Der Herr
lichen 107 Millionen DM aufkommen sollen. Bundesverkehrsminister sprach von Bonn, der Herr
Kollege Brück von Köln; ich nehme einmal das
Wie groß ist nun der Grenzwert der Abwande- Beispiel Salzgitter. Es fuhren von den rund 10 000
rungsquote, wenn das Geschäft nach dem 1. Februar Belegschaftsmitgliedern des Hüttenwerkes Salzgitter
nicht plus/minus null ausgehen soll? Ich will Ihnen 1957 mit der Eisenbahn 22 %, mit dem Bus 44,3 %,
das an einem Beispiel zu erläutern versuchen. Auf mit dem Rad 13,7 %, mit dem Moped 6,2 %, mit
einer Strecke fahren 100 Berufstätige und Schüler. dem Motorrad 6,0 %, Fußgänger sind 2,7 % und
Die Einnahmen sollen 1957 im Monatsdurchschnitt Pkw-Fahrer 5,1 %.
10 DM pro Person betragen haben; das sind also für
diese Strecke, auf der 100 Personen fahren, 1000 DM Nach dem 1. Februar 1958 verschiebt sich nach
im Monat. Bei einer 50%igen Erhöhung wären das vorläufigen Erhebungen dieses Bild etwa wie folgt:
1500 DM, unter der Voraussetzung, daß alle 100 Eisenbahn statt bisher 22 % der Belegschaft nur
weiter fahren. Fahren nur noch 67 — genau sind es noch 12 %. Den Bus benutzen statt bisher 44,3 %
662/3 —, so sind das bei 15 DM je Arbeitermonats- rund 55 %. Die Benutzung der anderen Verkehrs-
karte wiederum nur 1000 DM. Es ist anzunehmen, mittel ist etwa die gleiche geblieben; wahrscheinlich
daß die Zugförderkosten, die Abfertigungskosten, werden wir erst im Frühjahr eine weitere Umschich-
die Gleisunterhaltungskosten, die allgemeinen Ver- tung erleben. Die Abwanderungsquote beträgt hier-
kehrs- und Betriebsdienstkosten die gleichen sind, nach rund 45 %, meine Damen und Herren! Das ist
ob dieser Zug mit 100 oder mit 67 Personen besetzt mehr als der vorhin so global errechnete Grenz-
ist. Man kann also einen Grenzwert von etwa 35 % wert von 35 %.
errechnen. Es mag sein — wahrscheinlich ist es sogar Sie werden einwenden. daß das als Einzelbeispiel
richtig —, daß diese Rechnung zu global ist, da nicht repräsentativ genug sei. Es zeigt uns aber
noch andere Größen — durchschnittliche Strecken- trotzdem sehr deutlich, in welcher Größenordnung
länge, Auslastungsgrad und dergleichen — Einfluß Mehreinnahmen aus dem Berufsverkehr tatsächlich
darauf haben. Aber die sind mir und auch der Bun- zu erwarten sind. Es wird, so glaube ich, nur ein
desbahn unbekannt; die schlichte Betriebsabrech- Bruchteil dessen sein, was die Bundesbahn kalku-
nung der Bundesbahn bietet hierfür bekanntlich liert hat.
keine Ansatzpunkte. Für eine Erhöhung der Sozialtarife — ich sagte
(Zuruf von der Mitte.) vorhin schon, daß erfreulicherweise eine Anzahl
gerade der größten Härten schon beseitigt ist —
— Bitte, wissen Sie es besser?
gibt es überhaupt keine wirtschaftliche Begründung.
Gegen die Annahme einer erhöhten Abwande- Es handelt sich hier um Verpflichtungen, die man
rung hört man den Einwand — er ist hier zum Teil nicht aus kaufmännischen Erwägungen heraus ab-
angeklungen —, die Omnibusbetriebe hätten auch tun kann. Ich meine hiermit weniger die Bundes-
heute noch höhere Fahrpreise. Das kommt doch auf bahn als vielmehr die Bundesregierung, die schon
die Tarifgestaltung an. Das Argument zieht über- längst diese Lasten hätte übernehmen müssen. Es
haupt nicht. Zum großen Teil fahren nämlich auch ist für uns eine unbestreitbare Tatsache, Herr Brück,
die Omnibusbetriebe heute zu Einheitstarifen, so daß das Personal der Bundesbahn in den Jahren
462 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Junghans
nach dem Krieg seinen Teil zu den Rationalisie- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
rungsmaßnahmen beigetragen und Hervorragendes Abgeordnete Müller-Hermann.
geleistet hat, damit ein wirtschaftlicher Betrieb er-
reicht werden konnte. Wir haben aber die Sorge,
daß diese Anstrengungen ohne eine Verkehrs- Müller Hermann (CDU-CSU) : Herr Präsident!
-

reform nicht hinreichend gewürdigt werden können. Meine Damen und Herren! Bevor ich mich mit den
Ausführungen unserer hochwohllöblichen Oppo-
Meine Damen und Herren, ich habe nicht die Auf- sition beschäftige
gabe, Ihnen unsere Auffassung über eine Verkehrs-
reform zu entwickeln. Das hat mein Freund (Zurufe von der SPD)
Dr. Bleiß schon überzeugend getan. Ich habe Ihnen — immer freundlich, meine Herren! —, möchte ich
an Hand einiger Beispiele die Auswirkungen der ein paar einleitende Worte an die Adresse unserer
Tariferhöhungen im Berufsverkehr und bei den Bundesregierung richten.
Sozialtarifen erläutert.
(Zuruf von der SPD: Die hochwohllöbliche?)
Nun legen die Fraktionen der Koalitionsparteien
in der Drucksache 185 ebenfalls — in Miniaturaus- Im Gegensatz zu den Vorstellungen der SPD, die
gabe — einen Antrag betreffend Tarife im Berufs- meint, daß diese Tarifanhebung überflüssig sei,
verkehr vor. Allerdings ist er erst einen Tag vor möchte ich der Bundesregierung in aller Freund-
dieser Debatte noch schnell eingebracht worden, schaft zurufen: Spät kommt ihr, doch ihr kommt! Ich
offensichtlich also, wie man bei der Bundesbahn glaube, daß die Tarifanhebung, die jetzt durch-
sagt, eine Notbremse. Der Antrag soll dem Kabi- geführt wurde, seit drei oder zwei Jahren zwingend
nettsbeschluß vom 15. Januar 1958 noch einen Gift- notwendig gewesen ist und daß wir heute nur nach-
zahn ziehen. holen, was damals infolge mangelnder Vorberei-
tungen und Vorarbeiten — sie waren noch im
Warum aber — so ist zu fragen — bleibt man Gange — nicht durchgeführt werden konnte.
hierbei stehen? Ich muß sagen: wenn schon, denn
schon! (Zurufe von der SPD: Die Wahlen standen
bevor!)
Im übrigen möchte ich im Namen meiner Fraktion
noch beantragen, daß, falls der Antrag der Koali- Damals, als dieses Thema auftauchte, wurde die
tionsparteien beraten wird, unser Änderungsantrag These vertreten: die Bundesbahn braucht nur mehr
dazu beraten wird, die Lehrlinge im dritten und Verkehr und ihr Defizit wird sich einschränken
vierten Lehrjahr den Schülern gleichzustellen. lassen. Aber es ist völlig klar: wenn man ständig
zu unterbezahlten Tarifen fährt, läßt sich das Defizit
(Abg. Müller-Hermann: Akzeptiert!)
nicht ausgleichen, sondern es steigt dadurch an. Das
— Akzeptiert? Vielen Dank! ist eingetreten.
Es steht außer Zweifel, daß die Tariferhöhungen Zum zweiten müssen wir uns darüber im klaren
im Berufsverkehr und besonders die Erhöhungen sein, daß sich durch den Eintritt in die Europäische
der Sozialtarife eine erhebliche Mehrbelastung für Wirtschaftsgemeinschaft und wegen der Notwendig-
die sozial Schwachen bedeuten. Nach unserer Auf-
- keit, eine gemeinsame europäische Verkehrspolitik
fassung — ich muß das immer wieder sagen — darf zu betreiben, auch für unsere eigene deutsche Ver-
das Defizit der Deutschen Bundesbahn nicht auf den kehrspolitik sehr klare Konsequenzen ergeben
Rücken der sozial Schwachen abgewälzt werden. werden. Ich möchte aus dem vorbereitenden bereits
Deshalb beantragen wir, die Erhöhung der Tarife fertiggestellten Bericht, aus dem sogenannten Kap-
im Berufsverkehr und die Erhöhung der Sozialtarife teyn-Bericht, nur einen einzigen Satz zitieren, der
rückgängig zu machen. Wenn die Bundesbahn diesen sich mit diesem Themenkreis beschäftigt. Herr
Sozialaufwand nicht tragen kann, muß der Bund Kapteyn stellt die These auf:
diese Verpflichtungen übernehmen. Wir haben be-
antragt, in den Einzelplan 12 des Haushaltsplans Eine gute Verkehrspolitik muß davon ausgehen,
1958/59 einen Betrag von 130 Millionen DM ein- daß alle Transporte die ihnen zuzumessenden
zusetzen. Ich darf mitteilen: die „136 Millionen DM" variablen und festen Kosten, die eine Belastung
sind offenbar ein Druckfehler, es soll „130" heißen; für die gesamte Wirtschaft darstellen, auch
es stand so auch in der ursprünglichen Drucksache. tragen.

Damit es zu einer tatsächlich wirksamen Hilfe (Zuruf von der SPD: Das ist eine Binsen
für die Deutsche Bundesbahn bei der Erfüllung ihrer wahrheit!)
gemeinwirtschaftlichen Aufgaben im Berufsverkehr Ich kann also der Bundesregierung nur unsere volle
kommt — jenseits aller dubiosen Maßnahmen, die Unterstützung aussprechen, wenn sie den bisher
letzten Endes die gemeinwirtschaftliche Aufgabe beschrittenen und den hier begonnenen Weg konse-
nicht fördern, sondern Zug um Zug abbauen — und quent fortsetzt,
angesichts der angespannten Preissituation bitte ich
Sie, meine Damen und Herren, dem Antrag meiner (Zuruf von der SPD: Die Preise ständig zu
Fraktion zuzustimmen. Wir beantragen Überwei- erhöhen!)
sung an den Haushaltsausschuß — federführend — den Weg zu einer Anhebung der Tarife im Bereiche
und an den Ausschuß für Verkehr, Post- und Fern- des Verkehrs, die den echten Selbstkosten ent-
meldewesen zur Mitberatung. sprechen.
(Beifall bei der SPD.) (Erneute Zurufe von der SPD.)
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 463
Müller-Hermann
— Ja, ich komme gleich auch zu Ausführungen an Anfrage verweisen, in der besonders von der Schaf-
die Adresse der Freunde von der SPD und werde fung einer ausreichenden Zahl von Sitzplätzen im
ihnen aufzeigen müssen, daß zwischen den Aus- Arbeiterberufsverkehr, der Erneuerung des Wagen-
führungen, die Herr Kollege Schmidt und Herr Dr. parks und der Aufstellung optimaler Fahrpläne mit
Bleiß gemacht haben, eine Diskrepanz klafft, die Sie dem Ziel, die Fahrzeiten zu verkürzen, gesprochen
uns noch erläutern müssen; denn der eine ist für worden ist.
eine Marktwirtschaft im Bereiche des Verkehrs ein-
Nun noch eine Bemerkung zu den Ausführungen
getreten, und der andere ist für eine völlige Negie-
des Herrn Bundesverkehrsministers. Der Herr Bun-
rung aller marktwirtschaftlichen Überlegungen ein-
desverkehrsminister hat mit vollem Recht darauf
getreten.
hingewiesen, die tarifarischen Maßnahmen seien so
(Abg. Schmücker: Seien Sie doch nicht so kompliziert, daß sie nicht en detail im Plenum des
kleinlich, Herr Müller-Hermann!) Bundestages, ja, ich möchte sogar meinen, auch in
Wir sind der Meinung, daß wir auch im Bereich einem Verkehrsausschuß nicht, besprochen werden
der Verkehrspolitik zu einem echten Leistungswett- können. Darin besteht völlige Übereinstimmung der
bewerb auf der Grundlage angenäherter Startbedin- Auffassungen. Aber wir müssen uns auch darüber
gungen zwischen den Verkehrsträgern kommen im klaren sein, daß es sich bei den jetzt durch-
müssen und daß sich auf dem Wege eines echten geführten Tarifreformmaßnahmen und vor allem
Leistungswettbewerbs von selbst sehr viele Pro- bei der noch zu erwartenden Weiterentwicklung
bleme lösen lassen, die uns heute noch unlösbar der Tarifreform, wobei ja auch das Problem der
erscheinen. Auseinanderentwicklung der Tarife für Schiene und
Straße betroffen ist, nicht nur um rein tariftechni-
Wir haben eine weitere Bitte an die Bundes- sche Maßnahmen handelt, sondern um Maßnahmen
regierung, nämlich die, die Erfahrungen, die mit der mit erheblicher verkehrspolitischer und wirtschafts-
jetzigen Tarifreform gemacht werden, sehr sorg- politischer Auswirkung. Mir scheint daher das Ver-
fältig zu beobachten und eventuell zu gewissen langen durchaus berechtigt, daß das Parlament, der
Korrekturen zu kommen. Ich denke insbesondere Bundestag bzw. der zuständige Ausschuß des Bun-
an die verkehrsfernen Gebiete. Wir müssen prüfen, destages, zumindest über die Grundlinien einer
inwieweit sich hier eventuell ungünstige Auswir- Tarifreform, und zwar auch der kommenden Tarif-
kungen ergeben, und was mit gezielten Maßnahmen reform, rechtzeitig informiert wird und daß Ge-
zur Abstellung getan werden kann. Wir werden legenheit gegeben wird, über diese Maßnahmen im
unsere besondere Aufmerksamkeit auch der von einzelnen zu sprechen. Ich muß hier eine gewisse
der SPD dankenswerterweise zur Debatte gestellten Kritik anklingen lassen, daß über die jetzigen
Anregung zuwenden müssen, eine Zusammen- Tarifmaßnahmen auch der Verkehrsausschuß des
ballung der Wohnstätten und in der Industrie- Bundestages nicht rechtzeitig informiert und er da-
ansiedlung zu verhindern. Wir alle wünschen eine zu nicht gehört worden ist.
solche Zusammenballung nicht. Wir müssen auch da
sehen, ob wir andere Wege, neue Wege eventuell, Gestatten Sie mir nun einige Bemerkungen an
beschreiten müssen, um einer Tendenz zu weiterer die Adresse der — ich möchte das Wort von der
Konzentrierung entgegenzuwirken. „hochwohllöblichen" Opposition vermeiden, obwohl
es wirklich im besten Sinne gemeint war —
In diesem Sinne ist auch der Punkt 2 unseres
Freunde der SPD! Da möchte ich in Abwandlung
Antrags Drucksache 185 aufzufassen, in dem wir die
des Wortes, das ich an die Bundesregierung gerich-
Bundesregierung ersuchen, darauf hinzuwirken, daß
tet habe, meinen: Spät tönt ihr, doch ihr tönt! Wir
im Arbeiterberufsverkehr bei der Benutzung ver-
haben ja — hier muß ich auf einiges zurück-
schiedener Verkehrsmittel möglichst ein durch-
kommen, was der Kollege Brück schon gesagt hat —
gehender Tarif angewandt wird, damit bei größe-
im Laufe der letzten Jahre das Thema der Tarife
ren Entfernungen eine Degression des Gesamtfahr-
in fast allen Stadtparlamenten behandelt, bzw. es
preises eintreten kann.
ist wohllöblich aus den Stadtparlamenten heraus-
Im übrigen darf ich zu unserem Antrag bemerken, gehalten worden, nicht zuletzt dort, wo die SPD
daß wir — in Übereinstimmung mit dem von der über eine absolute Mehrheit verfügt hat, weil man
SPD geäußerten Wunsch — die Lehrlinge nicht nur eben weiß: Das ist ein sehr heikles und unbeque-
im dritten, sondern auch im vierten Lehrjahr mes Thema, und man macht es besser hinter den
(Zuruf von der CDU/CSU: Während der Kulissen ab, als darüber allzuviel in der Öffentlich-
ganzen Lehrzeit!) keit zu sprechen.
— während der ganzen Lehrzeit — mit den Schü- Ich komme aus Bremen; da ist die SPD sehr stolz
lern gleichgestellt wissen wollen. darauf, daß sie die absolute Mehrheit hat. Da sind
die Verkehrstarife im Laufe der letzten Jahre mehr-
Schließlich soll nach unserem Antrag die Bundes-
mals angehoben worden, und im letzten Jahr noch
regierung ersucht werden, in Verhandlungen mit
einmal.
der Deutschen Bundesbahn sicherzustellen, daß bei
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
künftigen Investitionen der Bundesbahn eine Ver-
besserung des Arbeiterberufsverkehrs besondere Da habe ich mir böswilligerweise die Bemerkung
Berücksichtigung findet. Ich darf in diesem Zusam- erlaubt, man sollte doch einmal die Frage prüfen,
menhang auf eine bereits vor Anberaumung dieser ob nicht eventuell die Konzessionsabgabe gekürzt
Debatte von einer Reihe von Kollegen eingebrachte werden kann, um dieses Maß der Anhebung zu ver-
464 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Müller-Hermann
meiden. Und was meinen Sie, Herr Kollege Dr. Bleiß, wo das Kind im Brunnen liegt, muß man natürlich
was für eine Antwort ich dort von Ihren Freunden angleichen; aber nicht auf dem Rücken der sozial
bekommen habe! „Das ist eine reine Propaganda- Schwachen!
maßnahme", „völlig unwirtschaftlich gedacht" und
„selbstverständlich muß von einem Monopolunter- Müller-Hermann (CDU/CSU) : Herr Dr. Bleiß,
nehmen auch verlangt werden, daß es an den Staat, ich komme gleich darauf zu sprechen. Aber zunächst
der ja auch die Straßen zur Verfügung stellt, eine wollte ich nur festgestellt wissen,
Abgabe entrichtet". (Abg. Dr. Bucerius: Er stimmt ja doch zu!)
Ich muß hier meinen Einwand berichtigen, Herr daß auch Sie bei einer objektiven Prüfung der
Dr. Bleiß. Es gibt, wie ich mich inzwischen habe be- Situation eine Anhebung der Tarife für erforderlich
lehren lassen, eine Stadt, die auf die Konzessions- halten.
abgabe verzichtet hat, und das ist Köln. Das wollen
wir hier gerechterweise festhalten. Herr Kollege Schmidt hat hier eine Reihe juristi-
scher Bedenken dagegen vorgetragen, daß der Bun-
desrat nicht zugezogen worden ist. Ich teile diese
Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie eine Bedenken durchaus, Herr Kollege Schmidt. Auch ich
Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Bleiß? bin der Auffassung, man hätte bei einer Maßnahme
von solcher Bedeutung die Form der Rechtsverord-
Müller-Hermann (CDU/CSU) : Bitte, gern. nung wählen und damit den Bundesrat in die Ver-
antwortung einbeziehen müssen. Aber das ist ge-
rade der springende Punkt, meine Damen und Her-
Dr. Bleiß (SPD) : Herr Kollege Müller-Hermann, ren, weswegen auch die sozialdemokratisch regier-
ist es richtig, daß auch die CDU im Bremer Senat ten Länder, die im Bundesrat vertreten sind, sehr
vertreten ist gern dem von dem Herrn Bundesverkehrsminister
(Abg. Müller-Hermann: Sicher!) vorgeschlagenen Weg eines Durchführungserlasses
und daß der Verkehrssenator Ihrer Partei angehört? zugestimmt haben: weil sie sich sehr ungern an der
Verantwortung beteiligen wollten, die nun einmal
(Lachen bei der SPD.) gegeben ist, wenn man dieser Tarifreform, die man
innerlich bejaht, auch zustimmt.
Müller-Hermann (CDU/CSU) : Ich bestreite das (Beifall bei der CDU/CSU.)
ja gar nicht, Herr Dr. Bleiß. Ich trete durchaus dafür
ein, daß eine Maßnahme, die notwendig und wirt- Nun kommt immer wieder Ihr Argument: heute
schaftlich sinnvoll ist, auch durchgeführt wird. Ich ist das Kind in den Brunnen gefallen, es ist eben
möchte bloß darauf hinweisen, daß gerade dieser in der Vergangenheit eine falsche Verkehrs- und
Hinweis auf die Konzessionsabgabe, übertragen auf Wirtschaftspolitik betrieben worden! Sie rügen ins-
die Bundesbahn, von Ihrer Seite als nicht stichhaltig besondere die mangelnde Kapitalausstattung der
angesehen worden ist. Verkehrsträger. Ich nehme an, Sie beziehen die
Straßen ein.
Wir wollen in diesem Hause doch auch festhalten,
-
meine sehr verehrten Freunde von der SPD, daß Meine Herren von der SPD, Sie wissen, daß ich
der Bund bereits heute der Bundesbahn eine ganze im letzten Bundestag ein Vorkämpfer dafür ge-
Reihe Abgaben und Steuern gestundet hat, und wesen bin, daß auch der Verkehrssektor endlich zu
zwar in einer Weise, daß es praktisch einer Auf- seinem Recht kommt und genügend mit Kapital und
hebung gleichkommt. Wir wollen uns doch da bitte Bundesmitteln ausgestattet wird. Aber bitte, Herr
nichts vormachen. Dr. Bleiß und meine Freunde von der SPD, wir wol-
len hier doch gerecht bleiben und die Dinge im
Ich darf mich vielleicht wieder einmal auf Sie be- richtigen Licht sehen. Welche Kritik wäre von Ihrer
rufen, Herr Dr. Bleiß. Sie waren so freundlich, Seite — mit Recht — an uns geübt worden, wenn
Radio Bremen am 12. Dezember ein Interview über wir nach einem total verlorenen Krieg zuerst an
die Frage der Tarifreform zu geben. Dabei ist mir Kapitalausstattung gegangen wären, um über das
dieser Satz aufgefallen: „Wenn Sie mich fragen", unbedingt notwendige Maß hinaus die Verkehrs-
sagten Sie dem Frager, „ob die Tariferhöhung er- mittel und Straßen in Ordnung zu bringen, anstatt
forderlich ist, dann muß ich diese Frage im Prinzip Häuser zu bauen und unsere Urproduktion wieder
mit Ja beantworten." Ich hoffe nur, daß Sie auch in G an g zu bringen! Die Dinge muß man einmal im
heute zu diesem Ja im Prinzip stehen. rechten Licht sehen.
(Abg. Dr. Bleiß meldet sich zu einer Zwi (Beifall in der Mitte.)
schenfrage. — Abg. Dr. Bucerius: Er will
es Ihnen gleich bestätigen! — Heiterkeit.) Die jährlichen Einnahmen der Bundesbahn sind
von 1952 bis 1958 von 5,2 auf 6,6 Milliarden DM,
— Sie wollen es bestätigen? Bitte, Herr Dr. Bleiß. d. h. um 25,9 % gestiegen. Die Personalausgaben
haben sich im gleichen Zeitraum um 41,7 % erhöht.
Dr. Bleiß (SPD) : Herr Kollege Müller-Hermann, Die Sachausgaben, insbesondere für Kohle, sind um
ist Ihnen bekannt, daß ich davon gesprochen habe, 57 % angewachsen. Es ist auch nicht ohne Interesse,
daß man die Tariferhöhung hätte vermindern kön- daß in den Gesamtausgaben der Bundesbahn die
nen, wenn die Bundesregierung eine Vielzahl not- Löhne, Gehälter und Pensionen 59 % ausmachen.
wendiger Maßnahmen durchgeführt hätte? Heute, Wir kommen an diesen Tatsachen nicht vorbei.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 465
Müller-Hermann
Wenn wir die Dinge sehr nüchtern sehen, stellt schaftsunternehmen und soll kein Wohlfahrtsunter-
sich uns die Frage, wie wir aus diesen Dilemma nehmen sein. Das heißt, daß wir auch mit dem Ge-
herauskommen. Wollen wir — letzten Endes auf brauch des Begriffes Gemeinwirtschaftlichkeit vor-
Kosten der Steuerzahler, der Allgemeinheit — sichtig sein sollten. Der Herr Bundesverkehrsmini-
ständig Untertarife bestehen lassen, oder wollen ster hat sich dagegen gewandt, daß man das Wort
wir hier endlich einmal begradigen und die Tarife „organische Tarifreform" zuviel gebraucht. Er sagte,
an die gewachsenen Unkosten anpassen? das sei ein sehr nebulöser Begriff. Ja, meine Damen
(Beifall in der Mitte.) und Herren, machen wir uns doch nichts vor! Auch
der Begriff Gemeinwirtschaftlichkeit ist ein sehr
Meines Erachtens gibt es logisch nur eine Lösung: nebulöser Begriff.
wir müssen in den sauren Apfel beißen und eben
auch einmal den Mut zur Unpopularität aufbringen Ich kann nur die Bemühungen innerhalb der
und dem deutschen Volk sagen: Entweder zahlt ihr Leitung der Deutschen Bundesbahn begrüßen, die
die Zeche über die Steuern oder durch angemessene darauf ausgerichtet sind, daß die Bundesbahn ent-
Entgelte für die Beförderungsleistungen. sprechend den Forderungen des Bundesbahnge-
setzes nach kaufmännischen Gesichtspunkten ge-
Ich komme auf das Beispiel zurück, das der Herr führt wird. Wenn vom Staat, vom Parlament Forde-
Bundesverkehrsminister schon erwähnt hat. Also rungen an die Bundesbahnleitung gestellt werden,
bitte, denken Sie daran, daß im Jahre 1936 für eine die im Widerspruch zu einer kaufmännischen Be-
Arbeiterwochenkarte bei einer durchschnittlichen triebsführung stehen, dann müssen meiner Ansicht
Entfernung von 14 km 3 Arbeitsstunden, bis zum nach auch die finanziellen Auswirkungen dieser
31. Januar dieses Jahres 1 1 /2 Arbeitsstunden aufge- Forderungen vom Staat bzw. von dem Organ getra-
wendet werden mußten. Nach der Tarifumstellung gen werden, das diese Forderungen aufstellt. Es
sind es 2 1 /4 Arbeitsstunden. Wir wollen also zu- ist für die Bundesbahn unzumutbar, verpflichtet zu
rückhaltend sein mit der Kritik, das sei eine unzu- sein, nach kaufmännischen Gesichtspunkten zu ar-
mutbare Belastung, und wollen die Kirche im Dorfe beiten, und ständig im Widerspruch dazu Tarife
lassen, Herr Dr. Bleiß. einzugehen oder Lasten zu übernehmen, die mit
Auf die Frage, ob Sie nun bereit sind, marktwirt- einer kaufmännischen Betriebsführung nicht in
schaftliche Prinzipien auch im Bereich des Verkehrs Übereinstimmung stehen.
gelten zu lassen, wie es Herr Kollege Schmidt ge- Ich meine, daß es auch bei der Bundesbahn durch-
sagt hat, werden Sie mir die Antwort gleichfalls aus ein gesundes Gewinnstreben geben sollte. Denn
schuldig bleiben. Gerade nach den vorhergegange- nur dort, wo ein gesundes Gewinnstreben besteht,
nen Ausführungen bin ich der Überzeugung, daß kommen wir letzten Endes auch zu einer rationel-
) Sie sich in Ihren Reihen hier selbst nicht einig sind. len und erfolgreichen Arbeitsweise. Wir werden
Ich nehme an, daß der Kollege Schmidt auch hier, uns in diesem Hause noch sehr eingehend mit die-
wie es in der letzten Zeit bei einem Gutachten der sem Thema der kaufmännischen Betriebsführung
Fall gewesen sein soll, nicht ganz berechtigt war, und den sogenannten gemeinwirtschaftlichen Ver-
im Namen der Fraktion zu sprechen. pflichtungen, den politischen Verpflichtungen, zu be-
(Heiterkeit in der Mitte.) - schäftigen haben. Wir wollen diesem Thema unter
keinen Umständen ausweichen. Wir wollen aber —
und das ist der Sinn unseres Entschließungsantrages
Dr. Bleiß (SPD) : Herr Kollege Müller-Hermann, —, daß die Bundesbahn selbst, die ständig, vielleicht
darf ich Ihren Ausführungen entnehmen, daß Sie
berechtigt, vielleicht zum Teil auch unberechtigt,
den gemeinwirtschaftlichen Verkehr der Bundes-
Forderungen an den Staat stellt, ihre eigenen Kar-
bahn beseitigen wollen?
ten einmal offen auf den Tisch legt. Wir können
natürlich nicht erwarten, daß die Bundesbahn ihre
Müller - Hermann (CDU/CSU) : Sie geben mir Karten offen auf den Tisch legt, damit auch ihre
das Stichwort, Herr Kollege Dr. Bleiß. Wir haben Konkurrenten Einblick nehmen können.
eine Entschließung eingebracht, die praktisch einen
In diesem Zusammenhang fordern wir auch eine
Teil unserer eigenen verkehrspolitischen Gesamt-
Änderung der Funktionen und der Zusammen-
konzeption enthält, abgestellt auf den Bereich der
setzung des Verwaltungsrats, dessen Zusammen-
Bundesbahn, der Schiene. Wir werden in der näch-
setzung heute nach meiner Auffassung — und das
sten Zeit Gelegenheit haben, auch weitere sehr klar
ist auch die Auffassung in unserer Fraktion — nicht
ausgearbeitete Richtlinien für unsere Verkehrspoli-
den Aufgaben entpricht, die dem Aufsichtsorgan
tik, auch in bezug auf die anderen Verkehrsträger,
eines Instituts wie der Bundesbahn zu stellen sind.
auch in bezug auf die mittelständischen Verkehrs-
Nicht nur sitzen die Konkurrenten der Bahn in die-
mittel, hier in diesem Hause vorzulegen.
sem Verwaltungsrat, sondern dieser Verwaltungs
Die verkehrspolitische Ordnung ist nun einmal rat selbst betrachtet sich auch weniger — ich sage
Sache des Parlaments. Wir vertreten die Auffassung das ohne jeden Vorwurf — als eine Repräsentanz
— das soll eine Antwort auf die Frage sein, die Sie der Öffentlichkeit als vielmehr als eine Repräsen-
mir soeben gestellt haben —: auch die Deutsche tanz des Bundesbahnunternehmens selbst. Ich weiß,
Bundesbahn muß, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die daß auch in der Bundesbahnleitung selbst Wünsche
auf uns zukommende Entwicklung innerhalb der in der gleichen Richtung, nämlich nach einer Umge-
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, ein Wirt- staltung des Verwaltungsrats, bestehen.
466 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Müller-Hermann
Wir halten es aber für notwendig, daß eine unab- Aus dieser Unbeliebheit bei allen Schichten unseres
hängige Kommission einmal die Bilanzen der Bahn Volkes kann man natürlich leicht Honig saugen,
sorgfältig prüft und in einem Bericht an den Bun- und das ist hier auch in reichlichem Maße ge-
desverkehrsminister und an den Bundesfinanzmini- schehen. Aber kein Honigsaugen kann an der Tat-
ster, der dann auch dem Bundestag zugeleitet wird, sache vorbeigehen, daß die Entwicklung der Bun-
auch einen Überblick darüber gibt, wie denn nun desbahn seit langem defizitär verläuft. Ich möchte
eigentlich die Vermögenssituation bei der Bahn ist. in diesem Zusammenhang doch einmal Zahlen nen-
Ich weiß, daß gegen die Einsetzung einer Prüfungs- nen, weil mir das, wenn man sich darüber ein klares
kommission gewisse Bedenken bestehen. Man sagt, Bild machen will, unerläßlich erscheint.
es seien bereits vorher soundso viele Prüfungs-
Der Herr Bundesverkehrsminister hat lediglich
kommissionen an der Arbeit gewesen. Nicht nur bei
die Differenz zwischen der Entwicklung der Einnah-
der Bundesbahn, sondern auch in den Ministerien
men und der Ausgaben der letzten Jahre ange-
und in den Ausschüssen des Bundestages liegt sehr
geben. Man muß aber diese Reihe schon bei 1950
viel Makulatur über dieses Thema. Aber es liegt
anfangen. Im Jahre 1950 lag ein Minus von 358 Mil-
bisher kein einwandfreies Material vor, von dem
lionen vor. 1951 war die Bilanz ausgeglichen. 1952
man sagen kann, daß es eine nüchterne, objektive
waren es 35 Millionen. Dann steigt es allmählich.
Prüfung der Situation und der Bilanzen der Bahn
1955 war eine Ruhepause, da betrug das Defizit nur
darstellt mit konkreten Vorschlägen darüber, was
193 Millionen. Im Jahre 1956 waren es dagegen
nun angestrebt und, gegebenenfalls durch Ände-
schon 635 Millionen, im vergangenen Jahr — als
rung von Gesetzen, erreicht werden muß, um die
voraussichtliches Ergebnis — 965 Millionen, und
Bundesbahn mit Hochdruck sanieren zu können.
nach einer Vorschau auf 1958 würde das Defizit
Wir sind uns alle, glaube ich, im klaren darüber, ohne Tariferhöhung 1070 Millionen betragen. Es
daß über die durchaus lobenswerten Anstrengungen geht also kein Weg daran vorbei, daß wir die Bun-
der Bundesbahn in den letzten Jahren hinaus noch desbahn sanieren.
manches geschehen kann, um zu einer innerbetrieb-
lichen Rationalisierung und Modernisierung zu Nun habe ich in der Diskussion bislang einen kon-
kommen, die sicherlich auch Geld kostet. Auch die- kreten Vorschlag dafür vermißt, wie wir dieses Er-
ser Frage werden wir nicht ausweichen können. gebnis erreichen können. Es wäre natürlich schön
Aber ich meine, daß trotzdem noch sehr viel mehr gewesen, wenn wir in früheren Jahren die Kriegs-
geschehen muß, als bisher geschehen ist, um zu schäden, die die Bundesbahn erlitten hat, dadurch
einer durch und durch wohlorganisierten kaufmän- hätten ausgleichen können, daß der Bund ihr aus
nischen Betriebsgestaltung bei der Bundesbahn zu Steuermitteln Kapital ohne Zinsverpflichtung zur
kommen. Ich weiß, daß auch der neue Präsident der Verfügung gestellt hätte. Aber Sie wissen genau —
Deutschen Bundesbahn, Professor Oeftering, mit Herr Müller-Hermann hat darauf hingewiesen —,
aller Konsequenz auf dieses Ziel hinarbeitet, und ich daß wir vordringlichere Aufgaben hatten. Jedenfalls
bin so optimistisch anzunehmen, daß wir es bei ge- haben wir es als vordringlicher betrachtet, zunächst
meinsamen Bemühungen von Parlament, Regierung die Menschen wieder in menschenwürdige Woh-
und Leitung der Bundesbahn in einem verhältnis- nungen zu bringen und in der Industrie die notwen-
mäßig kurzen Zeitraum erreichen werden, daß die digen Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei ist eben, so
Bundesbahn kein Zuschußunternehmen mehr ist, dringlich die Verkehrsfragen auch sind, die Lösung
sondern ein saniertes Unternehmen, das der All- anderer Probleme zurückgeblieben.
gemeinheit dient, ohne den Steuerzahler unnötige Die Tatsache, daß die Defizite so stark angewach-
Gelder zu kosten. sen sind, bringt mich zu einer ganz anderen Folge-
(Beifall bei der CDU/CSU.) rung, nämlich zu der Folgerung, daß wir diese Maß-
nahmen viel zu spät getroffen haben. Deshalb be-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der grüße ich ausdrücklich, daß das Bundesbahngesetz
Abgeordnete Elbrächter. jetzt die Möglichkeit gibt, nicht mehr auf dem sehr
umständlichen Weg der Verordnung mit Zustim-
Dr. Elbrächter (DP) : Herr Präsident! Meine mung des Bundesrats, sondern viel elastischer ein-
Damen! Meine Herren! Preiserhöhungen von die- fach durch eine Verwaltungsanordnung, lediglich
sem Ausmaß sind natürlich unbeliebt, unbeliebt mit Zustimmung des Kabinetts, die Dinge zu berei-
beim Konsumenten sowohl als auch bei uns in die- nigen. Die Mehrbelastung, die sich jetzt, sei es bei
sem Hause. Ich stimme dem Kollegen Schmidt völ- den Gütertarifen, sei es bei den Personentarifen, er-
lig darin zu, daß die Preiserhöhungen der letzten gibt, wäre längst nicht so schmerzlich empfunden
Monate wahrscheinlich die Summe von 1 1 /2 Milliar- worden, wenn wir häufiger kleinere Erhöhungen
den erreichen werden. Ich habe auch volles Ver- hätten vornehmen können. Ich entnehme aus dem
ständnis dafür, daß die Opposition diese Preiser- plötzlichen Sprung, den wir jetzt machen müssen
höhungen zum Anlaß nimmt, die Regierung zu — eine Anhebung um 1 Milliarde DM —, die Not-
attackieren. Nur, es ist natürlich viel leichter, eine wendigkeit, in Zukunft ebenso elastisch zu arbeiten,
Attacke zu reiten, ohne verpflichtet zu sein, zu wie es bei den städtischen oder sonstigen kommu-
sagen, wie man es denn besser machen kann. nalen Verkehrsbetrieben der Fall gewesen ist. Ich
(Zustimmung bei den Regierungsparteien. will gar nicht darauf abheben, wie das hier ge-
— Zurufe von der SPD: Das war aber schehen ist und ob das nun unter irgendwelchen
billig!) politischen Vorzeichen geschehen ist. Ich weiß aus
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 467
Dr. Elbrächter
meiner Tätigkeit als Ratsherr, daß die Kommunal- eigenen Erfahrung —,manchmal kleinere Tonnen
betriebe bankrott gemacht hätten, wenn sie nicht Sätze einzusetzen und etwa zum 5-Tonnen-Satz zu
immer die Tarife angehoben hätten. Das gleiche gilt verladen. Das hängt vom Erzeugnis ab und nicht
für die Bundesbahn, und wir sollten uns damit ab- allein von der Größe des Betriebes. Entgegen den
finden. Regelungen im Ausland hat der Großbetrieb in
Ich komme auf dieses Thema überhaupt nur des- Deutschland neben dem 20-Tonnen-Satz keine
wegen zurück, weil Kollege Bleiß behauptet hat — weitere Vergünstigung. Er hat z. B. keine Sonder-
so habe ich ihn jedenfalls verstanden —, es liege tarife für geschlossene Züge. Er hat lediglich den
ein völliger Zusammenbruch der Tarif- bzw. der Vorzug, daß er, wenn er Bahnanschluß hat, eine
Verkehrspolitik vor. Sondervergünstigung hat. Das ist aber selbstver-
(Abg. Dr. Bleiß: Das habe ich nicht be ständlich und liegt eigentlich auch im allgemeinen
hauptet!) Interesse. Wir wollen ja gerade gewisse Schwer-
lasten von der Straße herunter haben und der Bahn
— Bitte, Herr Kollege Bleiß, Sie haben aber von zuführen. - Ich glaube also nicht, daß man die
einem völligen Zusammenbruch gesprochen. Dieses Dinge so behandeln darf, wie Sie das gemacht
Wort ist gefallen. Ich habe nur nicht mehr verstehen haben.
können, was Sie angeknüpft haben. — Ich glaube,
man kann weder von einem völligen Zusammen- Es ist doch auch mit allem Nachdruck zu betonen,
bruch der Tarifpolitik noch der Verkehrspolitik noch daß die verladende Wirtschaft selber in dieser
von einem völligen Zusammenbruch etwa der Preis- Frachterhöhung keine unzumutbare Last sieht, son-
politik der Regierung sprechen. Vielleicht haben Sie dern die Überzeugung ausgedrückt hat, daß nun-
das letzte gemeint. mehr endlich eine Tarifneugestaltung kommen
müsse, eben zur Gesundung der Bahn. Schließlich
Es scheint mir zweckmäßig zu sein, noch einige ist es für die Wirtschaft besser, die Sache über den
Ergänzungen zu den Auswirkungen zu bringen. Herr gerechten Weg, in Form von Frachterhöhungen, zu
Kollege Bleiß, Sie haben sowohl bei den Personen- finanzieren, als wenn sie es indirekt, über die
tarifen als auch bei den Frachttarifen mit Fleiß Steuern, machen müßte; das liefe doch praktisch
Beispiele herausgesucht, die mir wirklich extreme wieder auf die Wirtschaft zu. Ich glaube also, daß
Beispiele zu sein scheinen. Ich stimme mit Ihnen diese Haltung sehr vernünftig ist.
überein, daß jede Globalberechnung fehlerhaft ist;
darüber herrscht gar keine Meinungsverschieden- Ich will jetzt nicht darauf eingehen, daß selbst-
heit. Aber irgendeine Grundlage müssen wir ja verständlich Wünsche der Kraftverkehrswirtschaft
haben, wenn wir das Ergebnis in Zahlen erfassen offengeblieben sind. Aber da wir in Zukunft die
wollen. Da tut man gut, man geht von den bisheri- Tarife elastischer gestalten können, hoffe ich per-
gen Verkehrsentfernungen und Tonnensätzen aus. sönlich, daß wir Wünschen, die noch offengeblie-
Dann kommt man durchaus zu einigen greifbaren ben sind, später Rechnung tragen können. Es han-
Zahlen. Diese liegen hier vor, und ich nehme an, delt sich jetzt, das hat, glaube ich, auch der Ver-
daß Sie sie genauso gut haben. Dabei stellte ich kehrsminister betont, um den ersten Schritt einer
fest, daß z. B. bei Roggen - um ein landwirtschaft- Tarifneuordnung, und wir tun klug, diesen ersten
-
liches Erzeugnis zu nehmen — 1956 die durchschnitt- Schritt vorsichtig zu machen und nicht gleich alles
liche Fracht bei einer Entfernung von 209 km auf einmal machen zu wollen.
26,90 DM beträgt und in Zukunft 27,40 DM. Das ist Zu den Personentarifen und den Sozialtarifen
prozentual eine Anhebung um 0,1 % der bisherigen noch ein kurzes Wort. Auch wir bedauern natür-
Belastung.
lich, daß unter Umständen gewisse Personen eine,
Ich 'könnte diese Reihe fortsetzen. Sie haben sich ich gebe ruhig zu, fühlbare Erhöhung ihrer Aus-
auf den Stahl bezogen. Ich habe hier nicht die Zah- gaben durch den Berufsverkehr hinnehmen müssen.
len für Stahl als generellen Begriff, ich habe sie nur Aber es ist da, glaube ich, zweierlei zu betrachten.
für Stahlblech und Profileisen vorliegen; das deckt Erstens machen Sie einen Fehler, wenn Sie glauben,
wohl weitgehend diesen Tarif. Da komme ich ge- der Arbeiter gehöre wirklich durchweg zu den so-
genüber früher zu einer Differenz von 1,10 DM je zial schwachen Schichten. Zweitens müssen Sie,
Tonne das entspricht einer Mehrbelastung von wenn Sie die eine Seite, die zusätzlichen Belastun-
etwa 0,2 bis 0,3 % der bisherigen Fracht — und bei gen, angeben — und Sie haben auch da wiederum,
Profileisen ebenfalls nur von 1,40 DM. Das sieht das hat Kollege Müller-Hermann schon klargestellt,
also ganz anders aus als das, was Sie gesagt haben. extreme Fälle angegeben —, dem notwendiger-
Sie haben, glaube ich, einen Satz von 4 DM je weise auch die gestiegenen Stundenverdienste ge-
Tonne genannt. genüberstellen. Dann sieht das Bild ganz anders aus.
Ich möchte eine weitere Bemerkung von Herrn 1952, zur Zeit der letzten Tariferhöhung, betrug der
Kollegen Bleiß richtigstellen. Herr Kollege Bleiß, durchschnittliche Stundenverdienst bei den Männern
Sie haben darauf hingewiesen, daß durch diesen 1,71.2 DM; jetzt beträgt er — Stand vom August
Gütertarif der Großbetrieb begünstigt und der 1957 — 2,38.0 DM. Bei den Frauen betrug er 1952
Kleinbetrieb und Mittelbetrieb schlechtergestellt 1,07.4 DM; jetzt beträgt er 1,47.6 DM. Es liegt also
werde. Ich glaube, da liegt eine Verwechslung vor. eine ganz erhebliche Steigerung des Lohnniveaus
Der Großbetrieb ist keineswegs immer in der Lage, vor, so daß die Sache nicht unzumutbar ist.
die 20-Tonnen-Sätze anzuwenden, sondern er ist Ein Weiteres. Es ist bislang, glaube ich, außer
durchaus genötigt — ich spreche hier aus meiner acht gelassen worden, daß auch der Bewohner der
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Dr. Elbrächter
Großstadt erhebliche Belastungen durch den inner- der Rationalisierung — lies: Elektrifizierung —,
städtischen Verkehr hat; sie sind durchaus den Be- schneller als bisher gelöst werden kann. Das be-
lastungen vergleichbar, die der Arbeiter, der auf deutet einen Milliardenaufwand. Hier zeigt sich
dem Lande wohnt, auf sich nehmen muß. Das sollte wiederum ein Widerspruch, wenn wir billiger fah-
nicht vergessen werden. Ich gebe zu, daß angesichts ren wollen. Es ist ja eine allgemeine Erscheinung
dessen, daß die Konzentration, die sehr starke An- in allen Staaten der Welt, daß zwei Dinge des
sammlung von Arbeitern in den Großstädten uns öffentlichen Lebens nichts mehr kosten sollen: das
unerwünscht erscheint, die Gestaltung der Arbeiter- Wohnen auf der einen Seite und der Verkehr auf
tarife eine politische Bedeutung hat, die wir nicht der anderen Seite. Das muß einmal ganz deutlich
übersehen wollen. Es muß dann aber notwendiger- gesagt werden. Aber das Investitionsproblem der
weise auch hinzugefügt werden, daß die Lebens- Bundesbahn kann doch nur gelöst werden, wenn
haltung auf dem Dorfe hinsichtlich des Wohnens wir ihr selber die Mittel dazu in die Hand geben.
und der Ernährung immer noch billiger ist. Ich Sie muß doch wieder saniert werden, damit sie auch
glaube also nicht, daß wir diesen Menschen allzu an den Kapitalmarkt im Inland oder im Ausland
wehe tun, wenn wir die Tarife jetzt einigermaßen herantreten kann; denn das wird so lange nicht
angehoben haben. möglich sein, als sie noch nicht wieder ein gesun-
des Unternehmen darstellt. Die innere Wirtschafts-
Man kann natürlich sagen: es ist drastisch, was
kraft der Bundesbahn ist bedeutend besser, als es
hier geschehen ist. Die Beispiele sind von Herrn
in den Bilanzziffern zum Ausdruck kommt. Ich
Kollegen Bleiß gebracht worden. Aber der Bundes-
glaube also, daß wir dort eine echte Aufgabe haben;
verkehrsminister hat auch wiederum recht, wenn er
deswegen stimmen meine Freunde auf jeden Fall
sagt: die Tarife sind maßvoll angehoben worden; der Tariferhöhung zu.
maßvoll nämlich im Hinblick darauf, daß praktisch
nur ein Drittel bis höchstens die Hälfte der wirk- Nun ein Zweites. Das wirkliche Dilemma der Bun-
lichen Kosten gedeckt werden. Ich glaube, diese Be- desbahn ist hier, glaube ich, noch nicht angesprochen
trachtungsweise darf nicht vergessen werden. Ich worden. Früher stand die Reichsbahn insofern gün-
möchte also dafür plädieren, daß wir diese Maß- stiger da, als die mittlere Entfernung im Reich
nahme unter keinen Umständen rückgängig machen. etwa 400 km betrug. Heute beträgt sie etwa 250 km.
Meine Fraktion jedenfalls wird den Antrag der Darin liegt das Problem, daß unser Vaterland zu
SPD ablehnen müssen. klein geworden ist. Deshalb auch kann die Vor-
stellung, daß die Bahn die Aufgabe habe, den Lang-
Ich möchte zu den Sozialtarifen noch ein Wort
streckenverkehr zu bedienen, einfach nicht in genü-
sagen. Ich glaube, es ist hier bereits von irgend
gendem Umfang realisiert werden. Da stimme ich
einem der Sprecher zum Ausdruck gebracht worden,
Herrn Kollegen Müller-Hermann vollauf zu: die
und deswegen möchte ich es unterstreichen. Meine
kommende europäische Entwicklung wird hier eine
Fraktion glaubt, daß es richtiger wäre, alle Ver-
Möglichkeit eröffnen, daß der Schiene wieder ein
günstigungen, die in den Sozialtarifen zum Aus-
größeres Arbeitsfeld zuwachsen wird. In dieser Hoff-
druck kommen, nicht der Bundesbahn anzulasten,
nung darf ich meine Ausführungen schließen.
sondern dem Arbeits- und Sozialministerium. Sie
- (Beifall bei der DP und der CDU/CSU.)
sind eben Sozialleistungen, die nicht einem Unter-
nehmen angelastet werden können, sei es der Bun-
desbahn, sei es anderen öffentlichen oder privaten
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Verkehrsbetrieben. Da sollte man eine saubere
Abgeordnete Schmidt (Hamburg).
Auftragsverwaltung und eine Abrechnung durch-
führen, so daß wir durchaus im klaren sind, was
wir eigentlich machen. Es ist jedenfalls ein Wider- Schmidt (Hamburg) (SPD) : Herr Präsident! Meine
spruch in sich, daß wir auf der einen Seite von der Damen und Herren! Einige wenige Bemerkungen
Bundesbahn immer wieder verlangen, sie möge nach der Herren Kollegen Brück und Müller-Hermann
kaufmännischen Gesichtspunkten geführt werden, veranlassen mich, hier heraufzugehen. Herr Kollege
und auf der andern Seite als Gesetzgeber ein übri- Brück, Sie haben uns angedonnert, Sie hätten
ges tun, um ihr diese Aufgabe zu erschweren. aus den großen Versammlungen noch die Transpa-
rente vor Augen, in denen die Bundesbahn ange-
Nun wäre zu diesem Problem noch manches zu
griffen wurde, und erst auf unsern Zuruf haben Sie
sagen; aber ich möchte in Anbetracht dier Zeit jetzt
klargestellt, daß es sich nicht um sozialdemokra-
nicht auf Detailfragen eingehen. Herr Kollege Mül-
tische Versammlungen handelte, sondern offenbar
ler-Hermann hat recht: selbst in einem Ausschuß
um solche von selbständigen Unternehmern. Oder
würden wir die Fragen der unterschiedlichen Tarif-
waren es andere Versammlungen?
gestaltung nur mit Mühe lösen können. Das ist
wirklich ureigene Aufgabe der Bahn selber, wir (Abg. Brück: Ich möchte jetzt nicht den
sollten sie daher ihr überlassen und nur die Aus- Berufszweig nennen! Das können Sie sich
wirkungen kontrollieren. Dazu werden wir dem- ja denken!)
nächst Gelegenheit haben. — Sie möchten den Berufszweig nicht nennen. Schön,
Zum Schluß möchte ich noch auf zwei Probleme ich will ihn auch nicht nennen. Aber ich bin dank-
hinweisen. Das eine ist meine Überzeugung, daß bar, daß Sie jedenfalls auf unsern Zwischenruf klar-
das Problem der Bundesbahn nur dann gelöst wer- gestellt haben, wen Sie eigentlich bei Ihrem Angriff
den wird, wenn die Frage der Investitionen, d. h. meinten.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 469
Schmidt (Hamburg)
Aber dann, Herr Brück, haben Sie sich in einer Aber weil das nun offensichtlich werden mußte, hat
nicht ganz liebenswürdigen Weise mit meinem par- Herr Müller-Hermann — den stört das gar nicht, er
lamentarischen Stil beschäftigt. Der amtierende hat es voll Mut schon vier Jahre lang in dieser
Präsident war offenbar gerade milde gestimmt, als Situation ausgehalten — doch gemeint, ein Gegen-
Sie das gesagt haben. Es könnte reizen, sich in einer gewicht dadurch zu schaffen, daß er auch bei uns
kurzen Erwiderung mit dem parlamentarischen Stil Sozialdemokraten Verschiedenheiten in der Auf-
des Kollegen Brück zu befassen. Er ist von Geburt fassung glaubte feststellen zu können. Nun, ich
und von Weltanschauung ein Eisenbahner; das ehrt glaube, da täuschen Sie sich doch, Herr Müller
ihn. Hermann. Paul Bleiß und ich sind uns völlig einig
(Heiterkeit.) darin, daß hier ein geordneter Wettbewerb unter
Er wird auch dereinst in den Eisenbahnerhimmel der Voraussetzung gleicher Wettbewerbsbedingun-
gen hergestellt werden muß, und wir sind uns auch
eingehen, hoffentlich noch lange, Iange hin, im näch-
einig — und da sind wir uns mit Ihnen uneinig —
sten Jahrhundert.
über das gemeinwirtschaftliche Prinzip, das Gott sei
(Zuruf von der CDU/CSU: Gehört nicht Dank im Gesetz steht und infolgedessen nicht in
hierher! — Unruhe in der Mitte.) Gefahr geraten kann, von einem Kabinettsbeschluß
— Ich bin doch ganz freundlich. Warum sind Sie hinweggefegt zu werden.
denn so boshaft dahinten?! Auch die Eisenbahn ehrt Aber wenn Sie nun schon einmal dabei sind,
ja den Kollegen Brück schon zu Lebzeiten, Meinungsverschiedenheiten zu konstruieren und
(Zuruf von der Mitte: Natürlich!) auch auf irgend so ein Gutachten abheben wollten,
sie honoriert ihn auch. das in der deutschen Presse eine Rolle spielt, so
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist Ihr Stil!) muß ich sagen: Da fühle ich mich daran erinnert,
daß z. B. ihr Fraktionskollege Dr. Seffrin und andere
— Bitte?
bei vielerlei Gelegenheiten immer wieder behauptet
(Abg. Schlick: Das ist Ihr Stil! — Weiterer haben, der Abgeordnete Schmidt täte alles, um den
Zuruf von der CDU/CSU: Faden verloren!) Aufbau der Bundeswehr zu torpedieren. Und nun
— Sie irren sich mit dem Faden. Ich komme genau behaupten der Herr Kollege Müller-Hermann und
auf den Punkt, auf den ich hinwollte. Ich glaube, andere CDU-Abgeordnete, ich setzte mich im Gegen-
daß es kein guter parlamentarischer Stil ist, sich teil dafür ein, daß die Bundeswehr Atombomben
hier in dieser Weise zu engagieren, wie es der Herr bekäme. Es stimmt beides nicht. Vielleicht ist es gut,
Kollege Brück getan hat. Ich will gern darauf ver- beiden CDU-Kollegen nicht zu glauben, die diese
zichten, lieber Kollege Brück, näher auszuführen, Behauptung in die Welt gesetzt haben. Aber trotz
was ich meine, — Sie wissen, was ich meine. dieser von mir nicht ganz als fair empfundenen
(Abg. Schlick: Wenn Sie das für die außen Anzapfung, Herr Müller-Hermann: ich persönlich
politische Debatte auch gelten lassen, sind freue mich, daß Sie wohlbehalten aus Formosa zu-
wir mit der Feststellung zufrieden!) rück sind.
(Lachen in der Mitte. — Zuruf von der
— Das hat mit der außenpolitischen Debatte nichts
zu tun, sondern das hat mit etwas anderem- zu tun. CDU/CSU: Zur Sache!)
Bitte, wenn Sie wollen, daß ich es ausspreche, dann Dort konnte man sicherlich für die deutschen Ver-
sage ich es. Ich finde, es ist eine eigenartige An- kehrsverhältnisse sehr viel lernen.
gelegenheit — sicherlich rechtlich in Ordnung, aber (Heiterkeit bei der SPD. — Abg. Schmücker:
im übrigen parlamentarisch eigenartig —, daß sich Wir sagten schon: man braucht nicht nur
ein Mitglied dieses Hauses fünf Minuten vor dem zu Tito zu reisen!)
Wahlkampf entlassen läßt aus diesem Haus, sein
Vielleicht ergeben sich aus Ihrem Besuch in Formosa
Mandat niederlegt, sich von der Bundesbahn beför-
auch Anregungen, die parlamentarische Demokratie
dern läßt, sich anschließend wiederwählen läßt und
und den Regierungsstil in Bonn zu verbessern.
hier große Reden für die Bundesbahn hält.
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und bei
(Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
Abgeordneten der FDP. — Zurufe von der
CDU/CSU.)
CDU/CSU.)
— Ich habe das nicht aussprechen wollen, Sie haben
Aber da Sie aus Bremen stammen, Herr Müller
mich dazu provoziert.
Hermann,
(Erneute Zurufe von der CDU/CSU.)
(weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Nun, Ihre Fraktion hat eine sehr schöne Arbeits-
bin ich überzeugt, daß S i e jedenfalls keinen Scha-
teilung vorgenommen. Sie haben den Herrn Kol-
den an Ihrer Seele genommen haben.
legen Brück gehabt. Er hat für die Bundesbahn
gesprochen und für den Herrn Bundesverkehrs- (Heiterkeit und Beifall bei der SPD.)
minister, der sich nachher bei ihm bedankt hat. Und
dann Herrn Kollegen Müller-Hermann. Der hat — Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
na, sagen wir einmal — nicht für die Bundesbahn Abgeordnete Drachsler.
gesprochen und auch nicht für den Bundesverkehrs-
minister — der hat sich nachher auch nicht bedankt. Drachsler (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
(Abg. Müller-Hermann: Hundertprozentig Damen und Herren! Der Verlauf der Debatte hat
für die Bundesbahn!) gezeigt, daß die Erhöhung der Verkehrstarife der
470 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Drachsler
Deutschen Bundesbahn zu spät gekommen ist. Sie höhung um zusammen 42 %, in England ebenfalls
wäre schon seit Jahren fällig gewesen. Wäre sie eine zweimalige Erhöhung um insgesamt 14 %, in
früher gekommen, dann hätte Herr Kollege Schmidt Italien ebenfalls eine zweimalige Erhöhung um ins-
nicht Gelegenheit gehabt, sich zweimal zu engagie- gesamt 38 %, in Ö sterreich eine einmalige Erhöhung
ren, und er hätte schon gar nicht Gelegenheit ge- um 25 %, in Schweden eine viermalige Erhöhung
habt, Herrn Kollegen Brück persönlich zu attackie- um insgesamt 31 %. Hätte die Bundesbahn in den
ren und Formosa mit den Verkehrstarifen in einen letzten sechs Jahren parallel zur konjunkturellen
Topf zu werfen. Die Debatte zeigt aber auch, daß Entwicklung rechtzeitig Zug um Zug kostendeckende
es den Mitgliedern dieses Hauses, die in der Öffent- Tariferhöhungen vorgenommen, wäre es nicht zu
lichkeit zu Prügelknaben für diese Tariferhöhung diesem hohen Defizit gekommen.
werden, ohne eigentlich vorher darüber befragt Wir können daher, namentlich vom Standpunkt
worden zu sein, wahrscheinlich nicht erspart bleibt, Bayerns aus, nicht verhehlen, daß gerade wir —
sich einmal grundsätzlich mit dem finanziellen in einem Land, das durch seine besondere Verkehrs-
Status der Bundesbahn und auch mit dem Bundes- lage in allen Fragen der Verkehrstarife sehr emp-
bahngesetz, ja überhaupt mit der deutschen Eisen- findlich ist — über die ursprünglichen Pläne der
bahnpolitik kritisch befassen zu müssen. Bundesbahn bestürzt waren. Diese Pläne ließen
In diesem Hause gibt es sicherlich—das zeigte die nämlich die revier- und seeferne Lage Bayerns ohne
Debatte — keinen Zweifel an den Schwierigkeiten, Berücksichtigung. Wir begrüßen, daß dank dem Be-
in denen sich die Deutsche Bundesbahn befindet, schluß des Bundeskabinetts die größten Mängel
Schwierigkeiten, die nicht zuletzt aus einer ge- dieser Pläne — allerdings erst nach energischen
wissen Zwiespältigkeit der Aufgaben resultieren, Rücksprachen — vor allem auf dem Gebiet der
wie sie der Bundesbahn durch das Bundesbahn- Frachttarife durch das Entgegenkommen der Bun-
gesetz gestellt sind. Auf der einen Seite ist näm- desbahn beseitigt und einschneidende Maßnahmen
lich die Bundesbahn durch ein vom Parlament be- verhütet werden konnten. Wir haben aber auch
schlossenes Gesetz, dem auch die Opposition zu- auf diesem Gebiet noch weitere Wünsche und be-
gestimmt hat, verpflichtet, ihren Betrieb nach kauf- grüßen daher das Versprechen des Vorstandes der
männischen Gesichtspunkten zu führen, d. h. lau- Bundesbahn und auch der Bundesregierung, bei auf-
fende Ausgaben durch laufende Einnahmen zu tretenden Härtefällen Ausnahmetarife für die ver-
decken. Auf der anderen Seite ist man sich aber kehrsfernen, die revierfernen Gebiete zu schaffen.
völlig im klaren — ich glaube, auch die Opposi- Hier kommen namentlich die Gebiete Bayern und
tion —, daß an der Erfüllung der gemeinwirtschaft- Schleswig-Holstein in Frage. Solche Härtefälle wer-
lichen Aufgaben der Bundesbahn unter allen Um- den kommen; hoffentlich kommen auch rechtzeitig
ständen festzuhalten ist. In diesem Zwiespalt der die versprochenen Hilfen und Ausnahmetarife der
Aufgaben hat die Bundesbahn seit dem Jahre 1952, Bundesbahn und der Bundesregierung.
beinahe sieben Jahre zugewartet und ist durch Hier muß auch festgestellt werden, daß Bayern
lohn- und preispolitische Entwicklungen in ein mit der Art und Weise der Behandlung des Antrags
Milliardendefizit gekommen, das bisher auf den der Deutschen Bundesbahn auf Tariferhöhung nicht
Rücken der Steuerzahler abgeladen wurde. - Der Vor- ganz einverstanden sein kann. Es wurde heute
wurf, daß man hier zu lange gewartet hat und die schon angeführt — es ist auch meine Auffassung —,
Dinge schleifen ließ, kann daher nicht erspart blei- daß es der Bundesregierung der Rechtslage nach
ben. Wenn man eine Krankheit erkennt, sollte man nicht eindeutig gestattet gewesen ist
auch mit der Heilung nicht warten, auch wenn eine (Abg. Dr. Hellwig: Da helfen nur noch
Operation nötig ist, die schmerzhaft ist. Es war bayerische Staatsbahnen!)
sicher kein böswilliges Zuwarten, sondern eher ein
Hoffen, daß in der Ara der fetten Jahre die vollen — nein, die bayerische Staatsregierung hat sich erst
Lasten der Gemeinwirtschaftlichkeit der Bundes- nachträglich einschalten können —, den Antrag der
bahn, die sozialen Lasten, ohne weiteres auf den Deutschen Bundesbahn als Anstaltstarif nach § 16
Steuerzahler abwälzbar sind. des Bundesbahngesetzes zu behandeln. Wie schon
zweimal gutachtlich festgestellt worden ist, hätte
Nun, die Zeiten ändern sich. Die Haushaltslage der Bundesrat nach Artikel 80 Absatz 2 des Grund-
des Bundes zwingt die Bundesregierung, konsequent gesetzes in Verbindung mit §§ 1 und 3 des Preis-
einen Abbau der Subventionen zu betreiben. Die gesetzes beteiligt werden müssen. Wir werden
Bundesbahn ist ohne Erhöhung der Verkehrstarife jedenfalls — dazu wird es noch Gelegenheit geben
nicht imstande, das über 1 Milliarde DM be- — auch bei künftigen Tariferhöhungen von diesem
tragende Defizit durch eigene Maßnahmen aufzu- Standpunkt nicht abweichen.
fangen. Im übrigen stehen wir mit der Erhöhung (Abg. Dr. Hellwig: Auch bei Briefmarken?)
der Verkehrstarife nicht allein. Auch im übrigen
Europa und in anderen Ländern der Welt sind in — Auch bei den Briefmarken. Aber Herr Kollege
den letzten sechs Jahren die Tarife auf dem Gebiete Stücklen hat bisher zur vollen Zufriedenheit gewirt-
des Personenverkehrs mehrmals angehoben wor- schaftet. Wir würden uns nur wünschen, daß die
den. So haben wir z. B. in Frankreich eine vier- Bundesbahn ihren Betrieb nach ebenso guten kauf-
malige Anhebung der Personentarife in den Jahren männischen Prinzipien führt wie die Bundespost.
1952 bis 1958 um insgesamt etwa 36 % — die letzte Dann werden sicherlich keine Klagen kommen.
Anhebung erfolgte am 6. Januar dieses Jahres um (Bundespostminister Stücklen: Meine Brief
etwa 8,8 % —, in Finnland eine zweimalige Er- marken werden nicht teurer!)
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 471
Drachsler
— Die Briefmarken werden nicht teurer; aber da- erbauen. Hier hätten die Herren von der Opposi-
mit ist noch nicht gesagt, daß etwas anderes nicht tion Gelegenheit, ihre wahre Einstellung zu zeigen.
teurer wird. Wir sehen in dem Antrag der SPD mehr eine pro-
Ein besonderer Härtefall sind für die industrie- pagandistische als eine realpolitische Angelegen-
armen Gebiete, die Grenz- und Sanierungsgebiete heit; sie verdient jedoch eine eingehende Prüfung
usw. die Anhebungen im Arbeiterberufsverkehr. Sie in den zuständigen Ausschüssen.
sind eine besondere Härte, weil der größte Teil (Beifall bei der CDU/CSU.)
der Arbeiter in unseren industriearmen Gebieten
gezwungen ist, Arbeitsplätze in Entfernungen bis
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
zu 100 km oder darüber hinaus aufzusuchen. Eine
Abgeordnete Dr. Starke.
besondere Härte stellen diese Anhebungen auch
deshalb dar, weil selten die Möglichkeit geboten
ist, daß die Mehrkosten von dem Arbeitgeber über- Dr. Starke (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen
nommen werden. Wir hoffen auch hier, daß das und Herren! Sie werden keine große Sorge zu
letzte Wort über diese Angelegenheit noch nicht ge- haben brauchen, daß ich zu dieser für unsere
sprochen ist. Bräuche doch schon etwas späten Stunde noch eine
große Verkehrsreform-Debatte entfessele. Ich möchte
Wir werden abwarten, wie sich die Dinge nach
mit ganz wenigen Sätzen die Stellungnahme der
der Tariferhöhung nunmehr einspielen, und wer-
Freien Demokraten zu diesem Problem, das heute
den jede Gelegenheit wahrnehmen, auftretende
hier behandelt wird, festlegen. Wir brauchen über
Härtefälle zu beseitigen. Vor allem hoffen wir, daß
die Verkehrsreform im großen heute hier nicht zu
durch die Beibehaltung der Frachthilfen für die
sprechen. Unsere Meinung dazu ist so oft proto-
revierfernen Gebiete Abhilfe geschaffen wird und
kollarisch festgelegt und unsere Kritik an der Bun-
daß durch eine verstärkte regionale Wirtschafts-
desregierung und an dem Herrn Bundesverkehrs-
politik namentlich in den Sanierungsgebieten
minister so oft ausgesprochen worden, daß ich mich
Arbeitsplätze geschaffen werden können.
heute darauf beschränken kann, auf das ganz Spe-
Die eingereichten Anträge werden uns in den zielle dieses Tages einzugehen.
Ausschüssen dieses Hauses die Möglichkeit geben,
Dazu muß ich von vornherein — etwa wie der
diese Fragen eingehend zu erörtern. Daher treten
Kollege Elbrächter — sagen: diese Tarifanhebung
wir für eine Überweisung des Antrags der SPD auf
auf ein kostennahes Niveau ist ein altes Anliegen
Rückgängigmachung der Anhebung der Verkehrs-
der Verkehrskonzeption der Freien Demokratischen
tarife an die zuständigen Ausschüsse ein. Dieser
Partei. Ich könnte mich also dem Wort „Spät kommt
Antrag ist nicht geeignet, die Schwierigkeiten der ihr, doch ihr kommt" anschließen; ich will es nicht
Bundesbahn zu beseitigen. Jede Maßnahme, die für wiederholen, aber es sagt das, was wir hier zu be-
die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit und die merken haben. Wir müssen Bedenken äußern — sie
Stärkung der wirtschaftlichen Kraft der Bundesbahn sind hier auch schon ausgesprochen worden — be-
getroffen werden muß, ist auch eine Maßnahme, die züglich der Aufrechterhaltung der Gemeinwirt-
eine Art sozialer Tat darstellt, weil die wirtschaft- schaftlichkeit der Bundesbahn; darauf darf ich mit
liche Kräftigung der Bundesbahn nicht zuletzt die dem einen oder anderen Satz noch eingehen.
Voraussetzung für die Erhaltung der Existenz von
nahezu 5 % der gesamten Bevölkerung der Bundes- Ich möchte aber zunächst einmal folgendes sagen.
republik bedeutet, die bei der Bundesbahn Arbeit Herr Bundesverkehrsminister, wir sprachen gerade
und Brot finden. darüber, und Sie sagten, Sie hätten im Verkehrs-
ausschuß über die geplante Tarifanhebung - um
Im übrigen — es ist heute schon festgestellt wor- es nicht Tarifreform zu nennen berichtet. Ich
den — sollten die Herren von der Opposition in hatte mich bei einem Herrn erkundigt; der war aber
den Fragen der Anhebung von Verkehrstarifen nicht in der Sitzung gewesen und konnte mir des-
dort, wo sie die Verantwortung tragen, z. B. in den halb nichts sagen, und ich selbst gehöre dem Ver-
Großstädten, uns erst einmal mit gutem Beispiel kehrsausschuß nicht an. Ich meine also: es sollte
vorangehen. Sie haben z. B. in Nürnberg und Er- informandi causa noch etwas mehr getan werden.
langen die Tarife der kommunalen Verkehrs-
betriebe um nahezu 60 % angehoben. Sie wollten (Beifall bei der FDP.)
das gleiche in München durchexerzieren: dort woll- Denn wenn auch das Parlament nicht zuständig ist
ten sie die Trambahntarife von 25 auf 40 Pf an- und wenn es auch nicht um die Frage geht, ob man
heben, also auch um 60 % erhöhen; durch den Ein- an die preisrechtlichen Grundlagen rührt, so sind
spruch der CSU ist es gelungen, diese Anhebung zu doch diese 750 Millionen, die wir bejahen, etwas
verhüten. so Erhebliches, daß man Gelegenheit haben sollte
(Zuruf von der SPD: Das stimmt ja gar - nicht nur als Abgeordneter des Verkehrsaus-
nicht!) schusses —, sich mit Material darüber zu versehen
und sich damit zu befassen.
— Das stimmt ganz genau! In München ist man
jetzt noch nicht zufrieden damit; man versucht im- Das ist eine Bitte, die wir zu äußern haben, und
mer noch, die Tarife anzuheben. Ich habe mir so- ich glaube, sie ist nicht unangebracht angesichts der
gar sagen lassen, daß kein zwingender Grund da- Bedeutung des Gegenstandes. Sie sehen es an der
für vorhanden war; man wollte für 24 Millionen DM Debatte, wie sie hier läuft. Manche Schärfe würde
ein Verwaltungsgebäude für die Verkehrsbetriebe entfallen und es würde der Sachlichkeit dienen,
472 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Dr. Starke
wenn die Unterlagen in den Händen der Abgeord- punkt weniger gravierend und weniger schmerz-
neten wären. Wir bekommen ja so viel Unterlagen lich gewesen.
über kleinere Dinge, dann könnten es auch welche
Einige wenige Worte über die Auseinanderent-
über die großen sein.
wicklung der Tarife! Herr Kollege Bleiß hat die Ein-
Nun aber zu der anderen Seite! Ich glaube nicht, führung der 20-Tonnen-Klasse einseitig als eine
daß man mit einigen meiner Vorredner von einem Sache dargestellt, die dem Großbetrieb und nicht
Zusammenbruch — auf der einen Seite der Ver- dem Kleinbetrieb nützt. Sie wissen, daß ich aus
kehrspolitik, auf der anderen Seite der Preispoli- meinem Beruf heraus sehr subtile Untersuchungen
tik — sprechen kann. Ich möchte hier von meinen darüber anstellen muß. Ich kann mit Herrn Elbräch-
politischen Freunden und mir, von den Freien ter sagen, daß es keineswegs durchgängig so ist.
Demokraten ausdrücklich sagen: wir beobachten die Es gibt auch Auswirkungen, die in eine andere
Wirtschafts- und Preisentwicklung mit ganz großer Richtung gehen. Wir möchten abwarten, wie sich
Sorge. Wir glauben aber nicht, daß man diese die Dinge entwickeln. Auf der andern Seite haben
Tarifanhebung damit in Zusammenhang bringen wir beim Straßenverkehr gegenüber der Bundes-
sollte. Herr Kollege Bleiß, wir dürfen nie verges- bahn die Verbilligung der 5- und 10-Tonnen-Neben-
sen: gerade dieses nahezu verzweifelte Festhalten klasse. Wir wollen also gerade auch in diesem
an allem, was ist, und das Bestreben, an nichts rüt- Punkt abwarten, welche Auswirkungen sich zeigen.
teln zu lassen, führt dazu, daß die Stundenlöhne Es sind vor allem die verkehrsfernen Gebiete, auf
und die meisten anderen Größen sich weiterentwik- die man einzugehen hätte, was ja mein Herr Vor-
keln und nur solche Preise wie die in den öffent- redner aus Bayern schon sehr ausführlich getan hat.
lichen Tarifen enthaltenen festgehalten werden, bis Aber auch hier wird man mit Korrekturen warten
sie, einmal in Bewegung geraten, Veränderungen müssen, bis gewisse Auswirkungen vorliegen. Bei
erfahren, die von dem einzelnen um so härter emp- den verkehrsfernen Gebieten werden in einigen
funden werden, weil der Sprung zu groß ist. Punkten Schwierigkeiten eintreten, wo man wird
Jedenfalls kann keine sonstige Maßnahme die Abhilfe schaffen müssen. Ich bin sehr froh darüber,
Tatsache ändern, daß die Tarife nicht mehr zeit- daß der Herr Bundesverkehrsminister bereits ge-
gemäß und nicht mehr kostengerecht waren. Wir sagt hat, er denke in solchen Fällen an gezielte
billigen daher im ganzen diese Tarifanhebung und Maßnahmen, mit denen man derartigen Dingen bes-
sind nicht der Meinung, daß man von einem Zu- ser zu Leibe gehen kann als mit einem allgemeinen
sammenbruch sprechen könnte. Wir von den Freien Festhalten der Tarife auf dem nicht kostennahen
Demokraten glauben, daß man dieser Maßnahme Niveau, wie es bisher bestand.
I nun erst einmal Zeit zur Auswirkung lassen sollte. Nun zu den Sozialtarifen. Im einzelnen werden
Wir müssen bedenken, daß die 700 bis 750 Millio- die Menschen durch diese erhöhten Ausgaben
nen DM, die diese Maßnahme kostet, keine Kleinig- schmerzlich getroffen, weil man sich eben an die
keit sind; es ist einiges Schöne und einiges weniger niedrigen Tarife gewöhnt hat, die nicht mehr die
Schöne damit verbunden. Nun sollte man einmal Kosten deckten. Sie wurden aus den anderen Be-
sehen, wie sich das auswirken wird. Nur einzelne reichen der Bahn und, wie Sie wissen, mit über
Punkte möchte ich hier berühren. einer Milliarde DM aus dem Bundeshaushalt sub-
ventioniert; denn ob man die Mittel unmittelbar für
Wenn wir diese Tarifanhebung von der allgemei- diese Tarife gibt oder anderes damit bezahlt, weil
nen Preisentwicklung — die wir viel mehr von der dort nicht genügend Einnahmen waren, kommt auf
Lohnentwicklung getragen sehen als Sie, Herr Kol- dasselbe heraus. Ich sage für die Freien Demokra-
lege Bleiß — trennen wollen, so müssen wir auf der ten, daß wir entsprechend unserer Verkehrskonzep-
anderen Seite doch erkennen, daß das Gemeinwirt- tion auch in Erkenntnis der Härten, die eintreten
schaftlichkeitsprinzip bei der Bundesbahn, soweit könnten, auch die Erhöhung der Sozialtarife wollen
es veraltet und überholt ist, aufgegeben werden und daß wir der Bundesregierung bei dieser Erhö-
sollte. Immerhin möchte ich mich hier doch dem hung zustimmen. Durch die verbilligten Tarife fällt
Kollegen Schmidt anschließen: manchmal ist man ein so erheblicher Teil der Einnahmen aus, daß man
ganz froh, daß dieses Prinzip im Gesetz steht und daran nicht vorbeigehen konnte. Es ist schmerzlich,
daß es nicht auf dem Wege eines Erlasses oder aber es ist eine Notwendigkeit, wenn man von dem
einer Durchführungsverordnung aufgehoben wer- Subventionscharakter dieser ganzen Dinge einmal
den kann. wegkommen will.
Nun zu den wenigen Einzelheiten, die ich bringen Nun haben wir — ich sage noch einmal: mit Be-
möchte! dauern — von den Auswirkungen im einzelnen ge-
Wir halten diese Tarifanhebung für erforderlich: hört. Ich selbst habe viele Beispiele dazu. Aber zu
erstens, um mit der Sanierung der Bundesbahn zu dem Plan, das Unternehmen Bundesbahn rentabel
beginnen — ohne diesen Schritt kann man zu einer zu gestalten, gehört auch das, was jetzt — wie wir
Sanierung nicht kommen —, zweitens — und das sagen, zu spät — von ,der Bundesregierung getan
entspricht unserer Grundauffassung — zur Beseiti- worden ist.
gung der aus dem Haushalt zu zahlenden Subven- Ich glaube, daß wir dem Antrag der CDU, die
tionen. Deshalb begrüßen wir, was hier geschehen Lehrlinge im dritten Lehrjahr, die jetzt herausge-
ist. Nur müssen wir natürlich immer sagen, es nommen worden sind, wieder in diese Maßnahmen
kommt sehr spät. Diese Maßnahme wäre, wie schon einzubeziehen, zustimmen können. Die übrigen, die
mehrfach gesagt wurde, zu einem früheren Zeit- ihren Arbeitsplatz und vollen Verdienst haben, wer-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 473
Dr. Starke
den die Erhöhung tragen müssen. Denn wir können wirksam helfen kann. Wir nehmen mit Bedauern
nicht den Verdienst steigen lassen, aber die öffent- zur Kenntnis, daß tatsächlich soziale Belastungen
lichen Tarife unten festhalten, weil das die Sub- eintreten. Dort wird man helfen müssen. Die gene-
ventionen aus dem Bundeshaushalt erfordert, die relle Anhebung, die alle trifft, die ihren vollen Ver-
unserem Wunsch entsprechend abgebaut werden dienst haben, ist nur eine Nachholung dessen, was
sollten. Auch bei den Sozialtarifen bejahen wir die schon mehrfach oder eben doch in einem früheren
Anhebung, die jetzt vorgenommen worden ist; auch Jahr notwendig gewesen wäre.
hier mit dem Ausdruck des Bedauerns für die, die
davon betroffen werden. Damit möchte ich die Stellungnahme, die ich,
glaube ich, sehr deutlich formuliert habe, abschlie-
Wir können uns dem Antrag der SPD nicht an- ßen, ohne jetzt hier noch zu diesem Zeitpunkt auf
schließen, daß diese Anhebung der Sozialtarife rück- Fragen der Verkehrsreform im ganzen einzugehen.
gängig gemacht wird und daß man der Bundesbahn
dafür einen Globalbetrag aus Bundesmitteln zahlt. (Beifall rechts und in der Mitte.)
Ich möchte mich eher dem Kollegen Elbrächter an-
schließen. Man muß dann dort helfen, wo effektive Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Härten bei den Sozialtarifen festgestellt werden, Abgeordnete Dr. Bleiß.
und der Bundesbahn das auf einem sicher etwas
komplizierten Verrechnungsweg erstatten. Man muß
sozusagen die Einzelfälle zusammenrechnen, nicht Dr. Bleiß (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
aber einen Globalbetrag zahlen; denn das wäre und Herren! Ich bin verschiedentlich angesprochen
praktisch nur eine Fortsetzung des Systems der worden und möchte darauf ganz kurz antworten.
Subventionen, von dem wir abkommen wollen. Der Herr Kollege Müller-Hermann — ich sehe
In meinem Heimatbezirk in Kronach ist ein Be- ihn leider nicht im Saale — glaubte Meinungsver-
trieb mit 1700 Beschäftigten, der etwa 1200 davon schiedenheiten zwischen meinem Freund Helmut
von weither aus dem Frankenwald im Pendelver- Schmidt und mir feststellen zu können. Mein Freund
kehr heranholt. Hier wird die Anhebung so erheb- Helmut Schmidt hat ja in der Zwischenzeit klarge-
liche Mehrkosten bringen, daß es bedenklich stimmt; stellt, daß wir in der Verkehrswirtschaft einen ge-
denn es geht um Erhöhungen von 4,70 auf 7,10 DM ordneten Wettbewerb wünschen. Einen solchen
oder von 5,40 auf 8,10 DM. Trotzdem stimmen wir halte auch ich für nützlich und zweckmäßig.
dem grundsätzlich zu. Wir können die Subventio- Aber ich möchte Sie fragen, Herr Kollege Müller
nierung nicht im ganzen durchführen. Man muß an Hermann: Stimmen Sie immer völlig mit Ihrer Frak-
allen Ecken beginnen, damit aufzuräumen. Aber tion überein?
ebenso, wie man bei den verkehrsfernen Gebieten (Abg. Dr. Bucerius: Nein!)
mit gezielten Maßnahmen vorgehen sollte, um die
schlimmsten Auswirkungen abzubiegen oder sie zu Gibt es nicht eine Vielzahl von Anträgen, bei denen
redressieren, so wird man auch hier danach trachten Sie völlig im Gegensatz zu Ihrer Fraktion stehen?
müssen, in solchen Fällen in wirtschaftlich nicht so (Abg. Dr. Bucerius: Natürlich!)
sehr blühenden Gebieten zu helfen.
- Ich glaube, Sie sollten die Unterschiede in der Mei-
Vorhin ist das System der Frachthilfen im Zonen- nungsbildung zunächst in Ihrer eigenen Fraktion
randgebiet angesprochen worden. Auch dieses klären.
System mag etwas dazu beitragen. Ich will aber Sie haben, Herr Kollege Müller-Hermann, davon
diese Dinge absichtlich nicht vertiefen, weil wir, gesprochen, daß Sie an einem vernünftigen Wett-
wie ich sagte, wie im ganzen, so auch im einzelnen bewerb in der Verkehrswirtschaft interessiert seien.
die Entwicklung abwarten müssen, um zu erkennen, Weil wir genau dasselbe wollen, bitte ich Sie:
welche Gesichtspunkte sich dabei ergeben und wie Stimmen Sie dann doch unserem Antrag zu, damit
man dort helfen kann, wo soziale Beeinträchtigun- wir endlich einmal vernünftige Voraussetzungen
gen im Einzelfall oder regionale Beeinträchtigungen für einen solchen Wettbewerb schaffen und uns
vorliegen. Auf keinen Fall — das möchte ich im davon überzeugen, wie denn eigentlich die Wett-
Namen meiner politischen Freunde noch einmal aus- bewerbsverhältnisse liegen! Bisher ist der Selbst-
drücklich erklären — wollen wir bei den regionalen kostenvergleich systematisch verzögert worden. Wir
wie auch bei den sozialen Fällen zu dem System haben uns immer gefragt: Warum wird denn ein
zurück, daß aus der Bundesbahnkasse subventio- solcher Selbstkostenvergleich verzögert, warum will
niert wird. Da würde das Wort von der Gemein- man eine solche freie Wettbewerbswirtschaft nicht
wirtschaftlichkeit der Bundesbahn, für die auch ich in den Grundlagen prüfen?
eintrete, falsch verstanden, wenn man die Beseiti-
gung gewisser sozialer Beeinträchtigungen als eine
Frage der Gemeinwirtschaftlichkeit ansähe. Diese Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Dinge gehören in den Sozialetat. Ausfälle sind der Dr. Bleiß, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Ab-
Bundesbahn aus dem Sozialetat zu erstatten. Das geordneten Dr. Bucerius?
muß ich im Namen meiner politischen Freunde noch
einmal feststellen.
Dr. Bucerius (CDU/CSU) : Herr Dr. Bleiß, zur
Wir bejahen also die Maßnahmen. Wir sehen, Abkürzung: Ist Ihnen noch nicht bekanntgegeben
daß es Schwierigkeiten geben wird, wollen aber die worden, daß wir diesem Antrag Ihrer Fraktion zu-
Auswirkungen abwarten, damit man gezielt und stimmen werden?
474 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Dr. Bleiß (SPD) : Ich bin sehr dankbar dafür; kürzt. Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen
dann kommen wir ein Stück weiter. Theorie und Praxis.
Herr Kollege Müller-Hermann, Sie haben mit (Beifall bei der SPD.)
Ihren Ausführungen den Eindruck erweckt, als ob
die Tariferhöhung vom 1. Februar 1958 den freien Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Wettbewerb schaffen und gleiche oder annähernd Abgeordnete Dr. Bucerius.
gleiche Chancen für die Verkehrsträger bringen
werde. Das nehme ich Ihnen nicht ab; das nimmt Dr. Bucerius (CDU/CSU) : Meine Damen und
Ihnen auch niemand ab, der im Verkehrsgewerbe Herren! Dem Hause liegen vier Anträge vor. Den
steht. Antrag der SPD-Fraktion auf Drucksache 141 bitten
wir dem Haushaltsausschuß zu überweisen. Dem
Antrag der SPD Umdruck 11 wird meine Fraktion
Müller-Hermann (CDU/CSU) : Eine Zwischen- zustimmen. Sie bittet ihrerseits das Haus, den An-
frage! Habe ich nicht eigentlich klar genug gesagt, trägen Umdruck 10 und Drucksache 185 — beides
Herr Dr. Bleiß, daß wir die jetzige Reform nur als Anträge der Koalitionsparteien — zuzustimmen.
einen ersten, sehr vorsichtigen Schritt auf dem
Wege betrachten und die Regierung bitten, daß sie Der Herr Kollege Schmidt hat heute gegen Schluß
auf diesem Wege fortfährt? dieser Sitzung eine persönliche Kontrahage mit dem
Kollegen Brück gehabt. Der Herr Kollege Brück
ist Beamter der Bundesbahn. Er ist gleichzeitig Ab-
Dr. Bleiß (SPD) : Darauf möchte ich antworten, geordneter und deshalb als Beamter im vorläufigen
Herr Müller-Hermann, daß das nicht ein erster Ruhestand. Seine Behörde hat ihn jetzt befördert:
Schritt auf dem Wege zur Entzerrung ist, sondern sie hat ihm den Posten gegeben, der ihm nach Mei-
daß durch diese Tariferhöhung und insbesondere nung der Behörde, nach seiner Laufbahn und seinen
durch die Differenzierung der Wettbewerb weiter Fähigkeiten zusteht.
verzerrt und die ruinöse Konkurrenz weiter ver- Man kann nun darüber streiten, ob es richtig
schärft wird. Ich bin der Meinung, daß diese Tarif- ist, daß Beamte parteipolitisch tätig werden können,
erhöhung genau das Gegenteil von dem bewirkt, und ob es richtig ist, daß Beamte Abgeordnete
was Sie hier von der Rednertribüne aus als Ziel werden können. Ich habe immer den Standpunkt
dargestellt haben. Sie sollten sich einmal unter den vertreten, daß der Beamte dem Staate dient, der
Verkehrsträgern und unter den einschlägigen Be- Abgeordnete ihn kontrolliert — ein Interessen-
trieben umhören. Ich glaube, dort werden Sie meine konflikt! Nicht zuletzt aber sind es die Wünsche der
Ausführungen voll bestätigt finden. Sozialdemokratie gewesen, die die allgemeine Mei-
nung gebildet haben, daß man einen Kompromiß
Herr Kollege Müller-Hermann, man darf nicht suchen müsse und auch dem Beamten Gelegenheit
immer von einer freien Wirtschaft sprechen und geben solle, die allgemeinen Rechte des Staatsbür-
nachher durch eine Billigung der tarifarischen Maß- gers auszuüben, politisch tätig zu sein und auch
nahmen genau das Gegenteil bewirken. Darin sehe Abgeordneter zu werden.
ich eine sehr verhängnisvolle Diskrepanz.
Daß das zu Konflikten führen kann, wird man
Nun möchte ich Herrn Kollegen Brück etwas zugeben müssen, und wenn man in dieser Frage
sagen. Herr Kollege Brück, ich hoffe, Sie unterstel- einen Kompromiß gesucht hat, dann muß man auch
len uns nicht, daß wir die Interessen der Bundes- hinsichtlich der Laufbahn des Beamten-Abgeordneten
bahn nicht genügend berücksichtigen wollen. Ich bereit sein, einen Kompromiß zu suchen. Der Kon-
möchte Sie daran erinnern, daß wir schon sehr früh- flikt ist hier nicht von dem Beamten Brück ent-
zeitig begonnen haben, um Mittel für die Bundes- schieden worden, sondern, wie es die Bedeutung
bahn zu kämpfen, und daß damals unsere Anträge des Falles gebot, vom Vorstand der Deutschen Bun-
von der CDU-Fraktion abgelehnt worden sind. Ich desbahn, der aus vier sehr maßgeblichen Herren
darf Sie daran erinnern, daß wir bei der Übernahme besteht. Diese haben, wie wir hören, einstimmig,
der befriebsfremden Lasten von der Bundesbahn den Kollegen Brück befördert. Zu dem Kreis dieser
auf den Bund auch an dem Widerstand des Finanz- Vier gehört selbstverständlich auch ein Herr aus
ministers gescheitert sind und daß später die Über- dem Kreis der Sozialdemokratie. So reduziert sich
nahme scheibchenweise erfolgt ist. Ich darf Sie diese Frage auf eine Frage allgemeinen Charakters,
daran erinnern, daß der Zehnjahresplan für eine über die wir aber vor Jahren eine Entscheidung
Sanierung der Bundesbahn bisher in der Dotierung getroffen haben. Die Folge dürfen wir heute unter
an dem Widerstand des Bundesfinanzministers keinen Umständen dem Kollegen Brück persönlich
scheiterte. zur Last legen.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Zur Frage der Dikrepanz zwischen Theorie und
Praxis darf ich Ihnen vielleicht auch einmal folgen- Schön und gut, eine sachliche Streitfrage. Aber
des sagen. In dem neuen Haushalt, Herr Kollege dann kommt das, was die Arbeit in diesem Hause
Brück, werden die Ansätze für die Bundesbahn nicht manchmal wirklich fast unerträglich werden läßt.
etwa erhöht, um sie zu sanieren, nicht etwa gleich- Aus den Worten des Herrn Kollegen Schmidt mußte
gehalten, um wenigstens die bisherigen Investitio- man den Eindruck gewinnen, er halte es für möglich,
nen in gleicher Höhe fortzusetzen, sondern die daß der Kollege Brück das, was er heute zum
Haushaltsmittel werden um 450 Millionen DM ge- Thema Bundesbahn gesagt hat, gesagt haben könne,
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 475
Dr. Bucerius
weil er vor geraumer Zeit von der Deutschen Bun- fen sehr, daß dem jahrelangen Aufschub — der,
desbahn befördert worden ist. Meine Damen und wie ich zugebe, nicht immer verschuldet war —
Herren, dieses ewige Unterstellen niedriger Motive endlich ein Ende gemacht wird und wir recht bald
ist auf die Dauer wirklich nicht mehr zu ertragen. die echte Abrechnung über Einnahmen und Aus-
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU. — Zu gaben und über den Vermögensstand der Bundes-
ruf von der CDU/CSU: Das nennt Schmidt bahn erhalten. Das ist der Wunsch, den wir auch
[Hamburg] doch den „neuen Stil" des heute noch einmal dem Herrn Bundesverkehrs-
Parlaments!) minister vortragen, dem Bundesverkehrsminister,
dem wir bei dieser Gelegenheit gern sagen wollen,
Es ist heute im Laufe des Tages vielfach geklagt daß er in dieser Sache wahrlich das Seine getan hat.
worden, daß der Deutschen Bundesbahn von ihrem
Eigentümer, dem Bund, nicht die Kapitalausstattung Herr Kollege Schmidt hat zu einer Bemerkung,
gegeben worden sei, auf die sie Anspruch habe. Ich die aus dem Hause, aus der CDU-Fraktion ihm
glaube, dem liegt ein Irrtum im Grundsatz zugrunde. gegenüber gemacht wurde — nämlich zu der Bemer
Wir haben in der Bundesrepublik tausend und aber kung, daß zu den Tarifsteigerungen auch die erhöh-
tausend Betriebe, deren Eigentümer natürlicher- ten Löhne Anlaß gegeben hätten —, seinerseits er-
weise den Wunsch gehabt hätten, ihren Betrieben klärt, daß sich daraus ja die Stellung der CDU-Frak-
zusätzliches und neues Kapital zuzuführen. Keiner tion zur Arbeitnehmerschaft ergebe. Meine Damen
hat es gekonnt, und keiner hat Anspruch darauf. So und Herren, nichts ist falscher als das.
hat auch die Deutsche Bundesbahn keinen Anspruch (Beifall bei der CDU/CSU.)
gegen irgend jemanden, daß ihr Kapital zugeführt Schließlich sind ja die Lohnerhöhungen der letzten
werde. Die Deutsche Bundesbahn ist aus diesem Kriege zehn Jahre unter einer Regierung zustande gekom-
mit einem Restvermögen hervorgegangen, das sich men, an der die Sozialdemokratie nicht beteiligt ge-
wahrlich sehen lassen konnte. Wir haben ihr nach wesen ist.
dem Kriege ein Verkehrsmonopol gegeben, das sich
ebenfalls sehen lassen konnte. Die Startbedingungen (Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.)
der Bundesbahn waren also wahrlich über jeden Es wäre also sehr sonderbar, zu behaupten, daß
Zweifel erhaben und gaben ihr alle Möglichkeiten diese Lohnerhöhungen, ja diese allgemeinen Er-
vorwärtszukommen, Möglichkeiten, die kein anderer höhungen des Lebensstandards in Deutschland aus-
Bürger je gehabt hat. Deshalb sollte man sich hier gerechnet gegen den Willen unserer Fraktion zu-
nicht über mangelnde Kapitalausstattung beklagen. stande gekommen seien. Wenn wir sie hätten ver-
Wenn wir die Mittel gehabt hätten, hätten wir sie hindern wollen, hätte es Mittel und Wege genug
gern in das bundeseigene Vermögen hineingesteckt. gegeben. Aber ganz im Gegenteil! Das Ziel der
Aber Kapital muß von der Volkswirtschaft erarbeitet sozialen Marktwirtschaft ist die Steigerung des all-
werden, und wo es nicht erarbeitet werden kann gemeinen Lebensniveaus, und kaum je ist in einem
und erarbeitet worden ist, dort kann eben auch kein Land in einer so kurzen Zeit das Lohnniveau der
Vermögen zur Verfügung gestellt werden. Allgemeinheit und ihre Fähigkeit zum Verbrauch
Freilich kommt eines dazu, und da treffen wir uns so angestiegen, wie das bei uns geschehen ist.
-
mit vielem, was heute auch von unseren sozialdemo- (Beifall bei der CDU/CSU.)
kratischen Kollegen gesagt worden ist: In der Tat,
Es wäre aber falsch, bei den Lohnerhöhungen die
es fehlt uns die Möglichkeit, heute überhaupt fest-
notwendige und von uns gewollte Konsequenz
zustellen, ob die Bundesbahn sich das, was ihr viel- — wenn die Ursache gewollt ist, ist auch die Konse-
leicht vom Bund nicht hat gegeben werden können,
quenz gewollt — zu übersehen, nämlich die Konse-
zum Teil genommen hat, indem sie über den Preis,
quenz, daß, wenn wir die Löhne auf breiter Ebene
nämlich den Tarif, und, was nach 1945 noch wichti-
erhöhen, dann auch die Tarife erhöht werden müs-
ger war, durch die ihr reichlich gegebenen Kontin-
sen, die auf diesen Dienstleistungen beruhen.
gente ein beträchtliches Vermögen aufgebaut hat.
Es ist uns berichtet worden, daß Herr Präsident (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
Oeftering neulich gesagt hat, er könne das eigent- Meine Damen und Herren, es ist immer wieder
lich nicht mehr lange mit ansehen, daß das Defizit dasselbe: aus einer einfachen, nüchternen Heraus-
der Bundesbahn immer größer, gleichzeitig aber stellung eines unbestreitbaren volkswirtschaftlichen
auch ihr Vermögen immer größer werde. In der Tat, Zusammenhangs wird uns der Vorwurf der Feind-
eine genaue Abrechnung über das Vermögen der seligkeit gegen breite Massen unseres Volkes
Bundesbahn muß uns beschleunigt gegeben werden. unterstellt. Diese Methode der persönlichen Unter-
Die Post ist hier mit gutem Beispiel vorangegangen. stellung ist es, gegen die wir uns immer und zu
Die Verpflichtung der Post, Rechnung zu legen, ist jeder Stunde zur Wehr setzen.
nicht geringer, aber auch nicht größer als die der
Bundesbahn. Das Bundesbahngesetz befreit die Bun- (Beifall bei der CDU/CSU.)
desbahn zwar von manchen formellen Vorschriften, Es ist denkbar, daß bestimmte Auswirkungen der
nicht aber von der Beachtung des Grundsatzes, dem Tarifneugestaltung jetzt und in den späteren Jah-
deutschen Volk und diesem Haus genau Rechen- ren in gewissen Gebieten zu weiteren Verkehrs-
schaft über ihr Vermögen zu legen. zusammenballungen führen werden. Wenn wir
An der Spitze der Bundesbahn steht heute ein kostenecht werden wollen — Herr Müller-Hermann
Mann, der in anderen bundeseigenen Unternehmen hat schon darauf hingewiesen, daß die Gesetz-
an maßgebender Stelle tätig gewesen ist. Wir hof gebung im Gemeinsamen Markt alle Länder zwingt,
476 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958
Dr. Bucerius
kostenecht zu werden —, wird es auf die Dauer zichtet. Er hätte sicherlich, wenn er die ganze Zeit
mit der Begünstigung sogenannter revierfern oder in seinem Beruf tätig gewesen wäre, einen sehr
verkehrsungünstig gelegener Gebiete schwieriger schönen beruflichen Aufstieg vollzogen. Für den-
werden. Daß wir uns auf diesem Gebiete der natio- jenigen, der in einem freien Beruf oder in der Wirt-
nalen Interessen und der Interessen der in Deutsch- schaft steht und gleichzeitig Parlamentarier ist, ist
land hinter der allgemeinen Entwicklung aus tau- es ja vielfach einfacher; der erhält nicht nur seine
send Gründen zurückgebliebenen Gebiete immer Bezüge wie bisher, er kann auch in der Wirtschaft
mit äußerster Kraft annehmen werden, ist selbst- sich weiterentwickeln. Es ist zwar nicht sehr leicht,
verständlich. Aber wir werden das auf die Dauer weil er im Parlament zeitlich gebunden ist; aber er
nicht mehr mit einer Gesetzgebung und einer Tarif- hat insgesamt eine größere Bewegungsfreiheit als
gestaltung tun, die nicht die echten Kosten berück- derjenige, der aus dem öffentlichen Dienst kommt.
sichtigt. Dann muß eben mit direkten Maßnahmen
geholfen werden. Die deutsche Volkswirtschaft lebt (Zuruf von der CDU/CSU: Nur theoretisch!)
nun einmal nicht in einem abgeschlossenen Para- Darum ging es hier aber nicht. Es ging auch nicht,
dies. Wir sind einem gnadenlosen Wettbewerb der Herr Dr. Bucerius, um die Unterstellung niedri-
anderen europäischen Länder, der anderen west- g e r Motive. Das haben Sie aufgebracht.
lichen Welt, ja einem Wettbewerb der gesamten (Widerspruch bei der CDU/CSU.)
Welt ausgesetzt. Gehen Sie heute einmal über die
Hauptstraßen der deutschen Städte, gehen Sie in — Niedrige Motive zu unterstellen, hat mir
Hamburg einmal über die Mönckebergstraße und ferngelegen, meine Damen und Herren.
stellen Sie einmal fest, welche Fertigprodukte aus (Zurufe von der CDU/CSU.)
allen Ländern der Welt, selbst aus Ostasien, her-
gestellt mit einer Arbeitskraft, die einen Bruchteil Es kommt aber auf folgendes an. Herr Dr. Buce-
von dem kostet, was unsere Arbeitskraft kostet, rius kann nicht wegdisputieren, daß der Vorstand
dort heute schon in allen Läden angeboten werden! der Deutschen Bundesbahn nicht allein gehandelt
Sehen Sie sich einmal an, welch einem Wettbewerb hat, sondern daß der zur Rede stehende Kollege
wir dort ausgesetzt sind! Da werden wir noch etwas seiner Fraktion nur aus eigenem Entschluß sein
erleben, daß uns Hören und Sehen vergehen wird! Bundestagsmandat kurz vor seiner Neuwahl hat
niederlegen können.
(Zustimmung bei der CDU/CSU.)
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Die arbeitsteilige, hochwirksame deutsche Volks- Es wäre ja auch wahrscheinlich gar nicht not-
wirtschaft wird auch mit dem Problem des Wett-
wendig, von dieser Sache zu sprechen, wenn es sich
bewerbs mit den Entwicklungsländern und deren
nur um einen Einzelfall in Ihrer Fraktion handelte.
billiger Arbeitskraft fertig werden; aber unter einer
Herr Dr. Bucerius, es gibt doch sogar in Ihrer
Bedingung: daß wir hier keine Verhältnisse schaf-
eigenen Fraktion, wie Sie wissen, genug Kollegen,
fen, wie sie in einem Treibhause herrschen, daß wir
die über diese eigenartigen Brücken, die man Kol-
hier die frische Luft jedenfalls in dem Maße zu-
legen aus dem öffentlichen Dienst baut, um sie in-
lassen, als der Volkskörper es gegenwärtig ver-
zwischen zu befördern oder zu ernennen, sehr viel
trägt. Wenn wir uns zu sehr einhüllen, dann wer-
Zweifel haben.
den wir früher oder später erleben, daß wir vom
internationalen Wettbewerb ausgeschaltet werden, (Abg. Müller-Hermann: Ausgerechnet die
und all die Segnungen, die wir heute dem deut- SPD muß über Personalpolitik sprechen!)
schen Volk und seiner Arbeiterschaft geben kön- — Einen Moment, Herr Müller-Hermann. Sicherlich
nen, werden dann eines Tages überrannt werden ist die Verkehrsdebatte nicht der richtige Ort, das
im internationalen Wettbewerb. Wir werden gar alles in extenso auszubreiten.
nichts mehr behalten, geschweige denn das Para- (Zuruf von der CDU/CSU: Aber es ist eine
dies, von dem viele glauben, daß wir es uns heute gute Gelegenheit!)
schaffen könnten.
Sie werden sich erinnern, daß ich vorhin, als diese
(Lebhafter Beifall bei den
Sache zur Sprache kam, in einem andeutenden
Regierungsparteien.)
Nebensatz an die Adresse des Kollegen Brück etwas
sagte; und dann kamen aus den Reihen da drüben
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der gewisse Zurufe, ich solle mich gefälligst deutlich
Abgeordnete Schmidt (Hamburg). ausdrücken. Das habe ich dann getan.

Schmidt (Hamburg) (SPD) : Herr Präsident! Meine (Zuruf von der CDU/CSU: Dann bringen
Sie bitte auch den Fall Greve in diese
Damen und Herren! Herr Kollege Dr. Bucerius, ob
der Beamte sich politisch betätigen soll oder nicht, Debatte!)
steht hier nicht zur Debatte. Da kann man ver- — Bitte sehr! Ich bin der Meinung, daß das Parla-
schiedene Meinungen haben. Ich finde die Meinung, ment alle Ursache hat, wenn irgendwo in seinen
die Sie en passant zur Diskussion gestellt haben, Reihen etwas vorkommt, was nicht von allen ge-
durchaus diskutabel; das ist meine persönliche An- billigt werden kann, das deutlich und offen aus-
sicht. Auch ich stamme übrigens aus dem öffent- zusprechen und zu behandeln. Das ist meine per-
lichen Dienst, genau wie der Kollege Brück, und ich sönliche Meinung.
weiß, daß er durch die Tatsache, daß er im Parla- (Beifall bei der SPD. — Zurufe von der
ment tätig ist, auf eine berufliche Entwicklung ver- CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 477
Schmidt (Hamburg)
Ich möchte zum Schluß nur noch auf die Bemer- dung im Rahmen der Bundesbahn möglich gewesen,
kung eingehen, die Herr Dr. Bucerius über die Ein- die heute ein ganz anderes Gesicht hat.
stellung seiner Fraktion gegenüber den lohnpoli- (Zurufe von der CDU/CSU.)
tischen Forderungen oder Errungenschaften, wie ich
— Verehrter Herr Kollege Höcherl, auf diesen Zu-
mit Ihnen freudigerweise sagen möchte, der deut-
ruf habe ich gewartet. Wenn Sie sich einmal be-
schen Arbeiterschaft oder der deutschen Arbeit-
mühten, die Haushalte der vergangenen Jahre und
nehmerschaft überhaupt gemacht hat. Ich bin fest
des noch laufenden Jahres, und zwar die Endsum-
überzeugt, Herr Bucerius, daß Sie das, was Sie hier
men im ordentlichen und im außerordentlichen
gesagt haben, so auch meinen.
Haushalt, zu prüfen, dann würden Sie die inter-
(Abg. Dr. Bucerius: Und praktizieren!) essante Feststellung machen, daß der frühere Herr
— Und auch praktizieren. Ich weiß sogar, daß Sie Bundesfinanzminister es ausgezeichnet verstanden
das praktizieren. Ich bin nicht nur davon überzeugt; hat, außerordentliche Ausgaben Jahr um Jahr dem
ich weiß es! Aber wenn das so ist und wenn wir ordentlichen Haushalt zur Last zu legen, während
beide in diesem Punkt einig sind, dann wäre es in der gleichen Zeit die Kommunen, von denen
vielleicht ganz gut, wenn Sie in Ihrer eigenen Frak- heute so oft und so gern die Rede war, daß sie ihre
tion ein wenig Sympathie für den Standpunkt wer- Tarife anheben würden, in einem weit höheren Aus-
ben könnten, daß es nicht zweckmäßig ist, in preis- maß als der Bund gezwungen waren, Schulden zu
politischen Debatten immer mit Zwischenrufen zu machen, Schulden, die bei vielen Gemeinden schon
kommen, daß die Löhne, die Löhne, die Löhne an die Grenze des Erträglichen überschritten haben.
unserer ganzen Preis-Lohn-Schraube schuld seien. (Beifall bei der SPD.)
(Zurufe von der CDU/CSU.) Ich glaube, es ist nicht nützlich — —
— Sie können ja morgen das Protokoll nachlesen: (Abg. Höcherl: Es hat doch keinen Kapital
diese Zwischenrufe stehen darin; ich habe es schon markt gegeben, Herr Ritzel, das wissen Sie
nachgelesen. Ich meine also, die Glaubwürdigkeit doch selbst!)
der CDU/CSU-Fraktion in lohnpolitischen Fragen — Warum hat es denn für die Kommunen einen
würde steigen, wenn alle sich so ausdrückten wie Kapitalmarkt gegeben? Die haben Schulden machen
Herr Kollege Dr. Bucerius. müssen wie ein Stabsoffizier!
(Beifall bei der SPD. — Abg. Müller-Her (Abg. Höcherl: Leider nicht! Woher?)
mann: Sie erweisen sich einen schlechten — Nein, Herr Kollege Höcherl, die vielen Einzel-
Dienst!) schulden der vielen Einzelkommunen haben den
Betrag, den die Bundesregierung je und je in der
verflossenen Zeit benötigt haben würde, wenn sie
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der an den Kapitalmarkt herangetreten wäre, weit über-
Abgeordnete Ritzel. schritten.
Nun noch eine letzte Bemerkung. Ein Redner
Ritzel (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und meiner Fraktion hat eine Bitte ausgesprochen, die
-
Herren! Nur wenige Bemerkungen zu der finanz- offensichtlich untergegangen ist. Er hat gebeten,
politischen Angelegenheit, die heute hier erörtert den Antrag Drucksache 141 (neu) nicht nur, wie es
worden ist. Aber zuvor eine mehr persönlich ge- vorhin von den Herren der CDU gesagt wurde, dem
meinte Bemerkung. Die ganze Schärfe, die in der Haushaltsausschuß, sondern auch dem Verkehrsaus-
letzten Stunde zum Ausdruck gekommen ist, ist schuß zu überweisen. Ich wollte das in Erinnerung
vielleicht doch auf Herrn Brück und seine Ausfüh- rufen.
rungen zurückzuführen. Ich darf nur daran erinnern, (Abg. Dr. Bucerius: Einverstanden!)
daß Herr Kollege Brück vorhin den Geschmack ge-
habt hat, mir persönlich oder meiner Fraktion oder
meiner Partei zu unterstellen, wir seien Feinde oder
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, die Rednerliste ist erschöpft.
Gegner der Eisenbahner.
Wir kommen nunmehr zur Verabschiedung der
(Widerspruch bei der CDU/CSU. — Abg.
vorliegenden Anträge. Zunächst Umdruck 10 zu
Brück: Das habe ich nicht getan, Herr Kol
Tagesordnungspunkt 2 a). Wie wir soeben gehört
lege Ritzel!)
haben, ist Überweisung an den Haushaltsausschuß
— Das war durchaus in Ihrer Argumentation drin. — federführend — und den Verkehrsausschuß —
(Erneuter Zuruf des Abg. Brück.) mitberatend — beantragt.
(Abg. Schmücker: Wir haben sofortige An
— Ich will dies Thema nicht vertiefen. Ich möchte nahme empfohlen!)
nur dankbar anerkennen, daß Herr Dr. Bucerius
— Also zu Umdruck 10 wird kein Antrag auf Aus-
nach der frischen Luft für die Bundesbahn gerufen
schußüberweisung gestellt. Dann komme ich zur Ab-
hat. Diese frische Luft, Herr Kollege Dr. Bucerius,
stimmung selbst.
wäre schon früher möglich gewesen, nämlich da-
mals, als die Sozialdemokraten hier im Hause sehr Wer dem Antrag zuzustimmen wünscht, den bitte
oft verlangt haben, daß die Bundesbahn von den ich um das Handzeichen. — Ich bitte um die Gegen-
betriebsfremden Lasten entlastet werden solle, die probe. — Ohne Gegenstimmen. Enthaltungen? —
ihr aufgebürdet waren. Dann wäre eine Kapitalbil Bei einigen Enthaltungen angenommen.
478 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Vizepräsident Dr. Jaeger


Ich komme zu Umdruck 11. Antrag auf Ausschuß- — Sofortige Annahme; es ist kein Antrag auf Aus-
überweisung ist nicht gestellt. schußüberweisung gestellt. — Herr Abgeordneter
Müller-Hermann!
Wir kommen zur Abstimmung. Wer dem Antrag
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das Hand- Müller - Hermann (CDU/CSU) : Wir beantragen,
zeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. — Keine in Drucksache 185 den Punkt 1 dahin zu ergänzen,
Gegenstimmen. Enthaltungen? — Ohne Enthaltun- daß die Lehrlinge auch im vierten Lehrjahr den
gen einstimmig angenommen. Schülern gleichgestellt werden.
Wir kommen zu Punkt 2 b), Drucksache 141 (neu).
Hierzu ist ein Antrag auf Überweisung an den Vizepräsident Dr. Jaeger: Sie haben die Er-
Haushaltsausschuß — federführend — und den Ver- gänzung des Antrags gehört. Wir kommen zur Ab-
kehrsausschuß — mitberatend — gestellt. Keine stimmung. Wer zuzustimmen wünscht, den bitte ich
weiteren Anträge? — Widerspruch erfolgt nicht. Es um das Handzeichen. — Ich bitte um die Gegen-
ist so beschlossen. probe. — Enthaltungen? — Einstimmig angenom-
men.
Ich komme dann zu Punkt 2 c), Drucksache 185. Damit stehen wir am Ende der heutigen Sitzung.
Hierzu ist Überweisung an den Ausschuß für Ver- Ich berufe die nächste Sitzung auf Donnerstag, den
kehrswesen beantragt. 13. Februar 1958, 14 Uhr, ein. Die Sitzung ist ge-
(Abg. Schmücker: Nein, Verzicht auf Über schlossen.
weisung! Wir bitten um sofortige An
nahme!) (Schluß der Sitzung: 19 Uhr 58 Minuten.)

-
Deutscher Bundestag - 3. Wahlperiode - 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958 479

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 Frau Dr. Dr. h. c. Lüders 31. 3.


Mellies 8. 3.
Liste der beurlaubten Abgeordneten Dr. Meyers (Aachen) 8. 3.
Dr. Weber (Koblenz) 22. 2.
a) Beurlaubungen
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich
Frau Ackermann 12. 2. Anlage 2
Dr. Barzel 24. 2.
14. 2.
Umdruck 10
Bazille
Dr. Bechert 14. 2. Antrag der Fraktion der CDU/CSU, DP zur Be-
Dr. Becker (Hersfeld) 15. 3. ratung der Großen Anfrage der Fraktion der SPD
Berlin 12. 2. (Drucksache 136) betr. Anhebung der Verkehrs-
Frau Beyer (Frankfurt) 15. 2. tarife.
Blachstein 14. 2.
14. 2. Der Bundestag wolle beschließen:
Dr. Brecht
Frau Döhring (Stuttgart) 14. 2. Die deutsche Öffentlichkeit erwartet von der Er-
Dopatka 15. 2. höhung der Verkehrsentgelte der Deutschen Bun-
Even (Köln) 15. 2. desbahn eine Sanierung des Unternehmens und eine
Faller 7. 3. Befreiung des deutschen Steuerzahlers von den seit
Gerns 14. 2. Jahren gestiegenen Subventionen aus allgemeinen
Freiherr zu Guttenberg 12. 2. Steuermitteln.
Frau Herklotz 12. 2. Aus der Erkenntnis, daß die Erhöhung der Tarife
Kalbitzer 12. 2. allein nicht ausreicht, eine ausgeglichene Betriebs-
Kemmer 14. 2. rechnung bei der Deutschen Bundesbahn herzustel-
Keuning 14. 2.
len, erwartet der Bundestag von der Bundesregie-
Kiesinger 14. 2.
rung, daß sie eine unabhängige, dem Bundesfinanz-
Klausner 12. 2.
minister und dem Bundesverkehrsminister verant-
Köhler 14. 2.
wortliche Prüfungskommission einsetzt, die die Be-
Dr. Kopf 15. 2.
triebsrechnung der Deutschen Bundesbahn in ihren
Kühlthau 14. 2.
Einnahmen und Ausgaben überprüft und deren Auf-
Kunze 15. 2.
gaben sich insbesondere auf folgende Fragen er-
Lenz (Brühl) 14. 2.
strecken:
Dr. Leverkuehn 14. 2.
Dr. Lindenberg 12. 2. 1. Inwieweit kann durch eigene Anstrengungen un-
Mauk 12. 2. nötiger Aufwand vermieden und eine Betriebs-
Mengelkamp 14. 2. führung nach kaufmännischen Gesichtspunkten
Metzger 12. 2. sichergestellt werden?
Muckermann 14. 2. 2. Welche Verkehre weisen Verluste auf, welche
Paul 28. 2. Rationalisierungs- bzw. Modernisierungsmaß-
Pohle 12. 2. nahmen müssen ergriffen werden, um - ge-
Pöhler 12. 2. gebenenfalls unter Lockerung der gemeinwirt-
Dr. Preiß 12. 2. schaftlichen Auflagen der Bundesbahn - zu
Rademacher 12. 2. einer ausgeglichenen Ertragslage zu kommen,
Ramms 14. 2. und inwieweit kann dies Ziel durch Gemein-
Frau Rudoll 12. 2. schaftslösungen mit anderen Verkehrsträgern er-
Schneider (Bremerhaven) 12. 2. reicht werden?
Dr. Schneider (Saarbrücken) 14. 2.
Seidl (Dorfen) 12. 2. 3. Inwieweit bestehen politische Sonderlasten, die
Dr. Steinmetz 12. 2. zu einer kaufmännischen Betriebsführung in
Widerspruch stehen und einen Leistungswettbe-
b) Urlaubsanträge werb der Deutschen Bundesbahn auf der Grund-
lage gleicher Startbedingungen beeinträchtigen?
Abgeordnete(r) bisenchlß
4. Inwieweit fördern die im Bundesbahngesetz fest-
Bauer (Wasserburg) 22. 2.
gelegte Organisation der Bundesbahnverwaltung
Dr. Eckhardt 28. 2.
sowie die Zusammensetzung und Funktion des
Felder 31. 3.
Verwaltungsrates eine kaufmännische Betriebs-
Frau Friese-Korn 28. 2.
führung, und welche Verbesserungen erscheinen
Gedat 22. 2.
geboten?
Dr. Höck 21. 2.
Frau Dr. Hubert 28. 2. Bonn, den 12. Februar 1958
Jacobs 12. 3.
Jürgensen 28. 2. Dr. Krone und Fraktion
Dr. Leiske 22. 2. Frau Kalinke und Fraktion
480 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 10. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 12. Februar 1958

Umdruck 11
Antrag der Fraktion der SPD zur Beratung der
Großen Anfrage der Fraktion der SPD (Druck-
sache 136) betr. Anhebung der Verkehrstarife.

Der Bundestag wolle beschließen:


Die Bundesregierung wird ersucht,
unverzüglich einen Selbstkostenvergleich zwischen
der Bundesbahn, dem gewerblichen Güterkraftver-
kehr und der Binnenschiffahrt zu erstellen und dem
Bundestag bis zum 31. März 1959 den Selbstkosten-
vergleich vorzulegen.

Bonn, den 12. Februar 1958

OlenhaurdFktio

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