0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
57 Ansichten18 Seiten

Sitzung: Bonn, Den 29. Oktober 1957

Adenauer-Deutsche-Einheit-Wiedervereinigung

Hochgeladen von

Fred
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
57 Ansichten18 Seiten

Sitzung: Bonn, Den 29. Oktober 1957

Adenauer-Deutsche-Einheit-Wiedervereinigung

Hochgeladen von

Fred
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29.

Oktober 1957 I

3. Sitzung

Bonn, den 29. Oktober 1957

Inhalt:

Vereidigung des Bundeskanzlers 15 A

Zusammensetzung der Bundesregierung . 15 D

Vereidigung der Bundesminister 16 B

Entgegennahme einer Erklärung der


Bundesregierung
Dr. Adenauer, Bundeskanzler . . . . 17 B

Wahl der deutschen Mitglieder der Gemein-


samen Versammlung der Europäischen Ge-
meinschaft für Kohle und Stahl (Druck-
sache 3) 26 D

Wahl der Mitglieder des Wahlprüfungsaus-


schusses (Drucksache 6) 27 A

Nächste Sitzung 27 C

Anlage: Liste der beurlaubten Abgeordneten 29 A.


Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 15

3. Sitzung

Bonn, den 29. Oktober 1957

Stenographischer Bericht Worten „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe"
zu bekräftigen. Der Eid lautet:
Beginn: 11.01 Uhr Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle
des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen
mehren, Schaden von ihm wenden, das Grund-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Die Sitzung gesetz und die Gesetze des Bundes wahren und
ist eröffnet. verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft er-
füllen und Gerechtigkeit gegen jedermann
Meine Damen und Herren! Ich habe von dem üben werde.
Herrn Bundeskanzler folgendes Schreiben erhalten:
Ich beehre mich, mitzuteilen, daß der Herr Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Ich schwöre es,
Bundespräsident mich am 22. Oktober gemäß so wahr mir Gott helfe.
Art. 63 des Grundgesetzes wiederum zum Bun-
deskanzler ernannt hat.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich stelle fest,
Meine Damen und Herren, ich rufe danach auf daß damit der im Grundgesetz bei der Amtsüber-
Punkt 1 der Tagesordnung: nahme vorgeschriebene Eid vor dem Bundestag
geleistet ist, und spreche dem Herrn Bundeskanzler
Vereidigung des Bundeskanzlers. die Wünsche des Hauses für die Erfüllung seiner
Aufgaben aus.
Ist der Bundeskanzler noch nicht im Saal?
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Unruhe und Zurufe.)
-- Meine Damen und Herren, einen Augenblick! Meine Damen und Herren, Punkt 2 der Tages-
ordnung:
(Zuruf von der SPD: Unerhört! — Wei-
tere Zurufe.) Zusammensetzung der Bundesregierung.
Ich sehe, der Herr Bundeskanzler kommt gerade. Der Herr Bundeskanzler hat mir folgendes
Schreiben übersandt:
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Abg. Dr. Menzel: War wohl verabredet?! Der Herr Bundespräsident hat auf meinen Vor-
Ist doch Theater! — Weitere Zurufe.) schlag gemäß Art. 64. Abs. 1 des Grundgesetzes
zu Bundesministern ernannt:
— Meine Herren, ich bitte, sich zu beruhigen. Mir
ist von Verabredung nichts bekannt. Herrn Dr. Heinrich von Brentano zum
Bundesminister des Auswärtigen,
(Abg. Wehner: Das schließt die Verab
redung nicht aus!) Herrn Dr. Gerhard Schröder zum Bundes
minister des Innern,
— Das wäre möglich, aber ich glaube nicht daran.
Herrn Fritz Schäffer zum Bundesminister
Herr Bundeskanzler, ich habe das Haus soeben der Justiz,
von Ihrem Schreiben an mich in Kenntnis gesetzt,
aus dem zu entnehmen ist, daß der Herr Bundes- (Heiterkeit bei der SPD)
präsident Sie nach Art. 63 des Grundgesetzes wie- Herrn Franz Etzel zum Bundesminister der
derum zum Bundeskanzler ernannt hat. Herr Bun- Finaze,
deskanzler, ich darf bitten, zur Vereidigung zu mir
heranzutreten. Herrn Professor Dr. Dr. h. c. Ludwig Erhard
zum Bundesminister für Wirtschaft,
(Die Abgeordneten erheben sich.)
Herrn Dr. h. c. Heinrich Lübke zum Bundes-
Herr Bundeskanzler, gemäß Art. 64 des Grund- minister für Ernährung, Landwirtschaft und
gesetzes leistet der Bundeskanzler bei der Amts- Forsten,
übernahme vor dem Bundestag den in Art. 56 - des
Grundgesetzes festgelegten Eid. Ich spreche den Herrn Theodor Blank zum Bundesminister
Wortlaut des Eides vor und bitte Sie, ihn mit den für Arbeit und Sozialordnung,
16 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957

Präsident D. Dr. Gerstenmaier


Herrn Franz-Josef Strauß zum Bundesmini- Dr. Schröder, Bundesminister des Innern: Ich
ster für Verteidigung, schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Herrn Dr. Hans-Christoph Seebohm zum Präsident D. Dr. Gerstenmaler: Herr Bundes-
Bundesminister für Verkehr, minister Schäffer!
Herrn Richard Stücklen zum Bundesmini
ster für das Post- und Fernmeldewesen, Schäffer, Bundesminister der Justiz: Ich schwöre
es, so wahr mir Gott helfe.
Herrn Paul Lücke zum Bundesminister für
Wohnungsbau, Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
minister Etzel!
Herrn Professor Dr. Dr. Theodor Oberlän
der zum Bundesminister für Vertriebene, Etzel, Bundesminister der Finanzen: Ich schwöre
Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, es, so wahr mir Gott helfe.
Herrn Ernst Lemmer zum Bundesminister
für gesamtdeutsche Fragen, Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
, minister Dr. Dr. Erhard!
Herrn Dr. Hans-Joachim von Merkatz zum
Bundesminister für Angelegenheiten des Dr. Dr. h. c. Erhard, Bundesminister für Wirt-
Bundesrates und der Länder, schaft: Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Herrn Dr. Franz-Joseph Wuermeling zum
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
Bundesminister für Familien- und Jugend-
minister Dr. Lübke!
fragen,
(Unruhe bei der SPD) Dr. h. c. Lübke, Bundesminister für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten: Ich schwöre es, so
Herrn Professor Dr. Siegfried Balke zum
wahr mir Gott helfe.
Bundesminister für Atomenergie und Was-
serwirtschaft,
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
Herrn Dr. Hermann Lindrath zum Bundes- minister Blank!
minister für den wirtschaftlichen Besitz des
Bundes. Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord-
nung: Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Nach Art. 64 des Grundgesetzes leisten auch die
Bundesminister bei der Amtsübernahme den in Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
Art. 56 des Grundgesetzes vorgesehenen Eid. Ich minister Strauß!
rufe daher Punkt 3 der Tagesordnung auf:
Strauß, Bundesminister für Verteidigung: Ich
Vereidigung der Bundesminister. schwöre es, so wahr mir Gott helfe.

Ich bitte die Herren Bundesminister, einzeln zu mir Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
vorzutreten und den gemäß Art. 64 in Verbindung minister Dr. Seebohm!
mit Art. 56 des Grundgesetzes bei der Übernahme
ihres Amtes vorgeschriebenen Eid zu leisten. Ich Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
werde den Eid einmal vorsprechen und bitte die Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Herren Minister, ihn mit den Worten „Ich schwöre
es, so wahr mir Gott helfe" zu bekräftigen. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
(Die Abgeordneten erheben sich.) minister Stücklen!
Der Eid lautet:
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fe rn
Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle -meldwsn:Ichör,owamiGt
des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen helfe.
mehren, Schaden von ihm wenden, das Grund-
gesetz und die Gesetze des Bundes wahren und Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft er- minister Lücke!
füllen und Gerechtigkeit gegen jedermann
üben werde. Lücke, Bundesminister für Wohnungsbau: Ich
Herr Bundesminister Dr. Heinrich von Brentano! schwöre es, so wahr mir Gott helfe.

Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-


Dr. von Brentano, Bundesminister des Auswär- minister Dr. Oberländer!
tigen: Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.

- Dr. Dr. Oberländer, Bundesminister für Ver-


Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- triebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte: Ich
minister Dr. Schröder! schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 17

Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- Ich hoffe, daß in entscheidenden Fragen, die das
minister Lemmerl Wohl und Wehe des gesamten Volkes berühren,
namentlich auch in Fragen der Außenpolitik, eine
Lemmer, Bundesminister für gesamtdeutsche gemeinsame Arbeit mit den in Opposition stehen-
Fragen: Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe. den Fraktionen sich ermöglichen läßt, weil doch
nach unser aller Überzeugung das Wohl des ge-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- samten Volkes über dem Wohle einer Partei
minister Dr. von Merkatz! steht.
Die kommenden vier Jahre, meine Damen und
Dr. von Merkatz, Bundesminister für Ange-
Herren, werden voraussichtlich auf politischem,
legenheiten des Bundesrates und der Länder: Ich
schwöre es, so wahr mir Gott helfe. insbesondere außenpolitischem wie, auf wirtschaft-
lichem Gebiete schwierige Situationen bringen. Ich
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- will nicht in schwarz malen und insbesondere aus-
minister Dr. Wuermeling! drücklich betonen, daß ich an die Erhaltung des
Friedens glaube. Aber es wird Störungen geben,
Dr. Wuermeling, Bundesminister für Familien- größeren oder geringeren Ausmaßes; und es wird
und Jugendfragen: Ich schwöre es, so wahr mir der ganzen Einigkeit, Geschlossenheit und Stärke
Gott helfe. des Westens bedürfen, um diese Störungen sich
nicht in gefährliche Differenzen auswachsen zu
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- lassen.
minister Dr. Balke! Ein wohl für jeden erkennbares Symptom der
Lage ist das Raketenwettrennen zwischen Sowjet-
Dr.-Ing. Balke, Bundesminister für Atomenergie rußland und den Vereinigten Staaten. Auch bei
und Wasserwirtschaft: Ich schwöre es, so wahr mir dem Entsenden des Erdsatelliten durch Sowjetruß
Gott helfe. land ist zunächst das Funktionieren der Rakete, die
ihn in seine Höhe getragen hat, das Wichtige. Ich
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- hoffe, daß bei dieser Entwicklung, bei diesen Vor-
minister Dr. Lindrath! gängen die Verpönung des Wortes von der Stärke
des Westens, zu der auch wir beitragen müssen,
Dr. Lindrath, Bundesminister für den wirtschaft- verstummt.
lichen Besitz des Bundes: Ich schwöre es, so wahr Die klare Mehrheit der Wähler bei der Bundes-
mir Gott helfe. tagswahl vom 15. September, die, wie ich betonen
möchte, sich durch alle Schichten und Berufe, durch
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich stelle alle Lebensalter hindurchzog, hat bewiesen, daß
fest, daß die Herren Bundesminister damit den im die Wähler, auch wenn sie nicht alle sogenannten
Grundgesetz für die Übernahme ihres Amtes vor- Feinheiten der Politik beherrschen, doch eine klare
geschriebenen Eid vor dem Bundestag geleistet Erkenntnis des Wesentlichen haben. Sie haben sich
haben. — Ich spreche Ihnen die Wünsche des Hau-
gegen die Allmacht des Staates, gegen Kollektivis-
ses für Ihre Arbeit aus. mus ausgesprochen. Sie haben sich ausgesprochen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) für das gesunde Prinzip, daß ein Volk, solange eine
Diesen Wünschen füge ich den Dank des Hauses unmittelbare Bedrohung seiner Freiheit besteht,
an die Mitglieder der vorigen Bundesregierung alle Vorkehrungen treffen muß, damit es seine
hinzu, die nicht Mitglieder des neuen Kabinetts Freiheit und Unabhängigkeit behält
sind. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Mehrheit des 15. September wollte auch eine
Punkt 4 der Tagesordnung: Politik des Maßhaltens in der Wirtschaftspolitik.
Niemand in der Welt kann behaupten, daß es dem
Entgegennahme einer Erklärung der Bun- deutschen Arbeiter schlecht gehe. Im Gegenteil! In
desregierung. meiner Gegenwart hat ein Arbeitnehmer in Reck-
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. linghausen, der dort eine Versammlung leitete,
unter großem Beifall der hauptsächlich aus Arbeit-
nehmern bestehenden Versammlung in seiner An-
Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Herr Präsident! sprache erklärt, es sei den deutschen Arbeitern
Meine Damen und meine -Herren! Das deutsche noch niemals so gut gegangen wie jetzt, sie woll-
Volk hat in der Bundestagswahl am 15. September ten keine Störung der wirtschaftlichen Lage.
dieses Jahres die Grundsätze, nach denen die da-
malige Mehrheit des Bundestages und die vom Ich hoffe, meine Damen und Herren, daß die gröb-
Vertrauen dieser Mehrheit getragene Bundesregie- ste, aber notwendige Arbeit nun hinter uns liegt,
rung die Politik geführt haben, mit klarer Mehr- daß wir in den kommenden vier Jahren in einem
heit gebilligt. Den uns dadurch erteilten Auftrag vernünftigeren Tempo arbeiten können und daß
-
werden wir durchführen, die Koalition im Bundes- wir den Perfektionismus aus unseren Räumen und
tag und die neue Bundesregierung, die soeben den Sälen verbannen.
Eid auf das Grundgesetz abgelegt hat. (Zustimmung in der Mitte.)
18 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Ich hoffe auch, daß der Andrang der Interessen- Zuständigkeiten eines anderen. Das läßt sich nicht
ten und mancher Interessentenverbände auf Sie, vermeiden; denn die zu ordnenden Tatbestände
meine Damen und Herren, und auf uns nachläßt. fragen nun einmal nicht nach der Zuständigkeit
Es wird das nur dem allgemeinen Besten dienen; eines Ministeriums. Aber Überschneidungen der
es wird allen, auch den Interessenten selbst, zu- Zuständigkeit, die Doppelarbeit und Reibung ver-
gute kommen. ursachen, sollten bei der Organisation der Bundes-
regierung auf Grund der bisher gemachten Erfah-
Die neue Bundesregierung wird wie die voran- rungen vermieden werden.
gegangene getragen sein von der Koalition der
CDU/CSU und der Deutschen Partei. Die CDU/CSU Erlauben Sie mir, hier eine vielleicht etwas frei-
hat, eindrucksvoller noch als im vergangenen Bun- mütige allgemeine Bemerkung zu machen. Zu mei-
destag, wieder die absolute Mehrheit erhalten. Wir nem Erstaunen habe ich noch nie einen Minister
freuen uns aber, daß unsere Freunde und Partner gefunden, der gern und freudig aus seinem Ge-
aus der Deutschen Partei, mit denen wir schon seit schäftsbereich an einen anderen Minister etwas
acht Jahren zusammengearbeitet und mit denen wir abgibt.
uns über das Regierungsprogramm der kommenden (Heiterkeit.)
vier Jahre voll verständigt haben, mit uns die Ver-
antwortung teilen. Ich, meine Damen und Herren, gebe wirklich gern
Arbeit ab,
(Beifall bei der CDU/CSU.) (große Heiterkeit)
Die Bundesregierung weiß, daß ihr mit dem Ver- wenn ich annehmen kann, daß sie ein anderer ver
trauensbeweis, den ihr die Mehrheit des deutschen ständig, wenn auch in anderer Weise als ich, macht,
Volkes auf Grund der bisherigen Politik gegeben
hat, eine schwere Verantwortung auferlegt worden (Heiterkeit)
ist. Es ist daher nötig, daß wir uns, soweit das — meine Herren, verstehen Sie wohl: verständig,
überhaupt möglich ist, zu Beginn unserer neuen wenn auch in anderer Weise als ich, macht.
Arbeit Rechenschaft darüber ablegen, wo die
Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit liegen Aber nun ein etwas respektloser Vergleich! Ein
müssen. Ministerium ist ähnlich wie ein Polyp, der sicher
oft gegen die Absichten seines Ministers seine
Ich möchte aber zuvor einige Ausführungen über Polypenarme ausstreckt, um immer mehr zu be-
Änderungen in der Organisation der Bundesregie- kommen.
rung machen. Die Notwendigkeit der organisatori- (Heiterkeit. — Lachen bei der SPD.)
schen Änderungen ergab sich zwangsläufig aus
Änderungen des Arbeitsstoffs. Sie ergab sich fer- Ich habe mir erlaubt, diese langen Ausführungen
ner aus den Erfahrungen, die wir in den vergan- zu machen, weil eine gute Grundorganisation not-
genen acht Jahren gemacht haben. Meines Erach- wendig ist für eine gute, reibungslose und spar-
tens muß ein Bundesministerium für den Bundes- same Arbeit. Ich habe nicht die Überzeugung, daß
minister nicht nur klar überschaubar sein, er muß ich jetzt schon überall das Richtige getroffen habe,
auch das Ministerium mit seiner Auffassung er- und ich muß mir vorbehalten, notfalls weitere or-
füllen. Er trägt gegenüber dem Bundeskanzler die ganisatorische Änderungen vorzunehmen.
Verantwortung. Er muß ferner die Zeit haben, (Lachen und Zurufe von der SPD.)
seine Auffassungen nicht nur vor `dem Kabinett,
dem Parlament und dessen Ausschüssen, sondern — Nun, meine verehrten Damen und Herren, auch
auch vor der Öffentlichkeit zu vertreten. Es gehört Sie nehmen ja organisatorische Änderungen vor,
nicht zu seinen Obliegenheiten, die Bundesregie- (Beifall bei den Regierungsparteien und
rung auf jeder Tagung von Verbänden — oft nur große Heiterkeit)
rein repräsentativ — zu vertreten.
und was dem einen recht ist, ist dem anderen
(Sehr richtig! in der Mitte.) billig.
Hinzu kommt, daß er wegen der immer engeren (Heiterkeit.)
Beziehung der europäischen und der nichteuropä- Einige der vorgenommenen organisatorischen
ischen Staaten untereinander häufiger als früher Änderungen möchte ich Ihnen darlegen.
Auslandsreisen machen muß. Ich halte aber auch
die nahezu regelmäßige Anwesenheit der Bundes- Zweifellos sind die überlastetsten Ministerien
minister in den Kabinettssitzungen für notwendig. das Außenministerium, das Innenministerium, das
Die Kabinettssitzungen müssen die zentrale Stätte Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium.
für die Tätigkeit der Bundesregierung bleiben. Es besteht auch nicht viel Aussicht, daß die Arbeit
Wenn Sie, meine Damen und Herren, mir in dieser dieser Ministerien in den kommenden Jahren ge-
Auffassung von der Stellung und den Pflichten ringer wird. Beim Außenministerium kann man
eines Bundesministers folgen, so werden Sie mir nur durch eine Vermehrung der leitenden Stellen
darin beipflichten, daß die Bundesministerien einen im Amte selbst helfen. Man kann es ferner dadurch,
bestimmten Umfang nicht überschreiten dürfen. daß man den an sich verständlichen Grundsatz, der
insbesondere von der Bürokratie des Auswärtigen
Ein weiteres Moment gehört in diese Ausführun-
- Amts vertreten wird, alle Verhandlungen mit aus-
gen über die Organisation hinein. Die Zuständig- ländischen Stellen müßten durch oder über das
keiten eines Ministeriums berühren vielfach die Auswärtige Amt gehen, nicht zu dogmatisch auffaßt.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 19
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Die Arbeitslast des Innenministeriums kann erschien mir auch wegen der finanziellen und wirt-
einem ernstlich Sorge machen. Obwohl es einen schaftlichen Bedeutung des Bundesbesitzes notwen-
guten Minister und zwei gute Staatssekretäre hat, dig. Das Finanzministerium wird ferner eine erheb-
wird ihm in den kommenden vier Jahren eine so liche Vereinfachung seiner Arbeit vorzunehmen
große Aufgabe gestellt werden, daß es schwer sein haben. Sie wird das Verantwortungsgefühl des
wird, sie zu bewältigen. Eine kleine Entlastung wird Ressortministers auch auf finanziellem Gebiet
es dadurch erfahren, daß die Sorge für die Jugend stärker zum Bewußtsein bringen und zu einer rei-
von ihm auf das Ministerium für Fragen der Fa- bungsloseren Abwicklung der Regierungsgeschäfte
milie übertragen wird. beitragen. Auch die Bauabteilung wird vom Finanz-
(Unruhe bei der SPD.) ministerium auf dieses Ministerium übergehen.
Dieses Arbeitsgebiet gehört auch organisch zu die- Im Wirtschaftsministerium ist eine erhebliche
sem Ministerium. Änderung der Organisation geplant, insbesondere
damit es seiner europäischen Aufgabe gerecht wer-
Außerordentlich stark belastet sind das Finanz- den kann.
ministerium und das Wirtschaftsministerium. Zu
den großen laufenden Arbeiten des Finanzmini- Auf organisatorischem Gebiet möchte ich noch
steriums tritt diesmal noch eine echte Steuer und
-
besonders darauf hinweisen, daß das Arbeitsmini-
Finanzreform hinzu. Unter einer echten Reform sterium einen anderen Namen, „Ministerium für
verstehe ich nicht das Einschieben des einen oder Arbeit und Sozialordnung", und damit eine erheb-
anderen Paragraphen, Litera x, y, z, in ein vor- liche Erweiterung seines Aufgabenbereichs erhal-
handenes Gesetz; meines Erachtens muß auf Grund ten hat. Die soziologische Struktur unseres Volkes
der Entwicklung seit 1949, auf Grund der gemach- hat sich infolge des Verlusts zweier Kriege, der
ten Erfahrungen, auch auf Grund der Erfahrungen, neueren Wirtschaftsmethoden und des technischen
die wir mit unseren Steuergesetzen auf wirtschaft- Fortschritts stark geändert. Weite Schichten der
lichem und soziologischem Gebiet gemacht haben, Bevölkerung, die der Mittelklasse angehören, be-
eine gründliche und in die Tiefe gehende Nachprü- dürfen der Sorge des Staates. Sie sind hinter ande-
fung stattfinden, durch die der Finanzminister und ren Schichten zurückgeblieben. Wir brauchen aus
sein Ministerium stark in Anspruch genommen staatspolitischen und aus kulturpolitischen Grün-
werden. den unbedingt eine gesunde mittlere Schicht.
Auch das Wirtschaftsministerium wird in einzel- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nen Teilen stark überlastet sein. Die Aufrecht- Wir wollen nicht, daß schließlich bei immer größe-
erhaltung der Höhe der Zahl der Beschäftigten, die rer Konzentration der Wirtschaft zu Großbetrieben
durch unüberlegte Lohnforderungen beeinträchtigt das Volk aus einer kleinen Schicht von Herrschern
werden kann, erfordert viel Kraft. Das gleiche gilt über die Wirtschaft und einer großen Klasse von
von dem Kampf um das Preisniveau, dessen Er- Abhängigen besteht.
höhung für alle Beteiligten schwere Nachteile brin-
gen kann. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Wir brauchen unabhängige, mittlere und kleine
Hinzu kommt eine neue Aufgabe, die für die Zu- Existenzen im Handwerk, Handel und Gewerbe.
kunft unseres Volkes entscheidend ist. Ich meine Dafür soll das Wirtschaftsministerium sorgen. Wir
das Überführen und Hineinführen der deutschen brauchen das gleiche in der Landwirtschaft. Für sie
Wirtschaft in die europäische Wirtschaft entspre- soll der Landwirtschaftsminister Sorge tragen. Wir
chend den römischen Verträgen und die Schaffung brauchen die anderen freien Berufe. Wir brauchen
einer Freihandelszone. Ich brauche Ihnen gegen- die Anerkennung und den Aufstieg von Angestell-
über wohl kein Wort darüber zu verlieren, wie ten in den Großbetrieben. Die Wahrung ihrer In-
schwer und wie verantwortungsvoll gerade diese teressen und die Sorge für sie fällt in den Bereich
Aufgabe ist. Man hat mir nahegelegt, für sie einen dieses erweiterten Ministeriums.
besonderen Europaminister zu bestellen. Der zuerst
bestechende Gedanke ist nicht gut. Die deutsche (Beifall bei der CDU/CSU.)
Wirtschaft muß in die europäische Wirtschaft hin- Die vor uns liegende Arbeit, meine Damen und
eingeführt werden. Das kann nur der für das Ge- Herren, ist sehr groß. Aus den einzelnen Ministe-
schick der deutschen Wirtschaft in erster Linie ver- rien, von Verbänden, von Einzelpersonen sind mir
antwortliche Mann, der Wirtschaftsminister, tun. sehr zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung der
Es handelt sich dabei gleichzeitig um eine Aufgabe Lösung dieses oder jenes Problems zugegangen.
der Europapolitik. Ich danke für das dadurch bekundete Interesse.
Wie sollten wir nun Luft schaffen für ein gutes Aber es ist mir unmöglich, alle uns drückenden
Funktionieren des Finanzministeriums und des Fragen und Probleme auch nur annähernd zu er-
Wirtschaftsministeriums? Ich habe zuerst die Ver- wähnen. Ich muß mich vielmehr darauf beschrän-
waltung des wirtschaftlichen Besitzes des Bundes, ken, auf Schwerpunkte unserer kommenden Tätig-
die zum Teil beim Finanzministerium, zum Teil keit hinzuweisen.
beim Wirtschaftsministerium war, von diesen ab- Mit an erster Stelle nenne ich die Schaffung von
getrennt und dem zu einem Ministerium für den Kapital und die Streuung des Besitzes. Schaffung
wirtschaftlichen Besitz des Bundes erweiterten von Kapital, meine Damen und Herren, ist not-
ERP-Ministerium übertragen. Diese Übertragung wendig, um die Produktivität unserer Wirtschaft
20 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Bundeskanzler Dr. Adenauer
zu steigern und sie krisenfest zu machen. Streuung Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und Er-
von Besitz in weitem Umfang ist nötig, um einer höhung des Sozialprodukts müssen miteinander
möglichst großen Zahl von Staatsbürgern Selbst- verbunden bleiben, wenn nicht alle, auch Unterneh-
gefühl und das Gefühl der Zugehörigkeit zum mer und Arbeitnehmer, Schaden leiden sollen. Auf
Volksganzen zu geben. Ohne größere Spartätigkeit diese Zusammenhänge hinzuweisen, auf ihre Be-
sind beide Ziele nicht zu erreichen. Nur Arbeit und achtung hinzuwirken ist eine ernste Aufgabe der
Sparen schafft Kapital und begründet und vermehrt Bundesregierung. Arbeitszeitverkürzung und gleich-
den Besitz. Sparen ist in gleicher Weise wirtschaft- zeitige Lohnerhöhung können eine untragbare Ver-
lich und ethisch notwendig. Wir wollen aber nicht minderung des Sozialprodukts bedeuten.
nur zu einem Feldzug für das Sparen aufrufen, wir Es liegt mir besonders am Herzen, auch auf fol-
wollen das Sparen durch gesetzgeberische Maßnah gendes hinzuweisen. Der Sinn und die Erfüllung
nahmen auch lohnend machen. Die Durchführung des Lebens liegen nicht im übersteigerten Lebens-
des Familienheimgesetzes und die Einführung der standard und übertriebenen Luxus, nicht in Hast
Volksaktie, die sich nicht etwa nur auf Betriebe, und Jagd nach Geld und materiellem Genuß.
die dem Bund gehören, erstrecken soll, sind einige
der geeigneten Mittel, die Spartätigkeit anzuregen. (Abg. Bauer [Würzburg]: Das ist nach der
Wahl gesagt worden! — Weitere Zurufe
Die Bundesregierung erwartet von der Wirtschaft, von der SPD.)
daß sie den Wettbewerb bejaht und mit ihr ge-
— Aber da werden Sie mir doch wohl zustimmen!
meinsam bemüht ist, das Gesetz gegen Wettbe-
werbsbeschränkungen zu einer wirksamen Hilfe (Abg. Wehner: „Keine Experimente"!)
für den Verbraucher werden zu lassen. — Also, sehen Sie, meine Herren, es hat mir ja in
(Beifall bei der CDU/CSU.) der Feder gezuckt, das Wort „Keine Experimente"
anzubringen. Ich habe es mit Rücksicht auf Sie un-
Wettbewerb und freie Preisbildung haben sich bis- terlassen.
her stets als bester Schutz für den Verbraucher er- (Heiterkeit und Beifall bei den Regie
wiesen. Für die Interessen der Verbraucher zu rungsparteien. — Abg. Wehner: Familien
kämpfen, ist die Bundesregierung fest entschlossen.
minister!)
Sie schenkt deshalb der Entwicklung der Preise die
größte Aufmerksamkeit. Der Mensch, seine seelischen Werte, seine Ge-
sundheit und seine Familie müssen in den Mittel-
(Zurufe von der SPD.)
punkt der Betrachtungsweise gestellt werden.
Das Preisniveau ist für die Stabilität unserer Wäh-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
rung, für unsere Möglichkeiten zum Export und da-
mit nicht zuletzt für die Aufrechterhaltung unseres Es ist daher erforderlich, daß der Sonntag wieder
hohen Beschäftigungsstandes von entscheidender ein Tag der Besinnung wird,
Bedeutung. Übersehen wir nicht die Warnzeichen, (lebhafter Beifall bei den Regierungspar
die sich in unserer Wirtschaft hier und da zeigen. teien)
Sie steht auf einer viel zu schwachen Kapital-
grundlage, um einem Sturm gewachsen zu sein. ein Tag, an dem die geistigen und die körperlichen
Kommt es einmal zu Zusammenbrüchen, dann wer- Kräfte wieder erneuert werden, ein Tag auch, an
den beide Teile, meine Damen und Herren, Arbeit- dem die Familie zusammenfindet.
geber und Arbeitnehmer, darunter leiden. (Beifall in der Mitte.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Die Bundesregierung wird Maßnahmen treffen, um
jeder nicht zwingend notwendigen Sonntagsarbeit
Die Freiheit der Sozialpartner bei der Gestaltung
entgegenzuwirken.
der Lohn- und Arbeitszeitfragen hat ihre Grenze in
dem für das Allgemeinwohl wirtschaftlich Trag- (Lebhafter Beifall bei den Regierungspar
baren. teien.)
(Lebhafter Beifall bei den Regierungspar Die Sozialreform wird fortgeführt werden. In er-
teien.) ster Linie wird neben der Korrektur etwa zutage
tretender Mängel in der bisherigen Gesetzgebung
Die Sozialpartner dürfen sich weder bedenkenlos
eine Neuordnung der Krankenversicherung und der
auf Kosten der Konsumenten verständigen
Unfallversicherung in Frage kommen. Die Sozial-
(Beifall bei den Regierungsparteien) reform wird sich jedoch nicht in einer Neuordnung
der Rentenversicherung und im Ausbau solidari-
noch dürfen sie in einem gutgehenden Wirtschafts-
scher Sicherungseinrichtungen erschöpfen können.
zweig Vereinbarungen treffen, die schwächere Be-
Es ist an der Zeit, Folgerungen aus der veränder-
reiche der Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten
ten gesellschaftlichen Struktur unseres Volkes zu
oder gar zum Erliegen bringen.
ziehen. Wir können zu unserer Freude feststellen,
(Sehr gut! in der Mitte.) daß weite Teile der Bevölkerung, die bisher kaum
das Existenzminimum erreichten, in höhere Ein-
Das Gesamtwohl des deutschen Volkes muß im- kommensschichten aufgestiegen sind und damit
mer oberstes Gesetz auch für Unternehmer
- und Ar- weitgehend für sich selbst sorgen können. Die
beitnehmer sein. Bundesregierung ist entschlossen, den Gedanken
(Beifall bei den Regierungsparteien.) , der Selbsthilfe und privaten Initiative in jeder
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 21
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Weise zu fördern und das Abgleiten in einen tota- die Zusammenarbeit zu vertiefen. Durch persön-
len Versorgungsstaat, der früher oder später den liche Fühlungnahme lassen sich erfahrungsgemäß
Wohlstand vernichten würde, zu verhindern. auch schwierigere Probleme lösen. Der ständigen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Verbindung zu den Bundesländern und zum Bun-
desrat dient das Bundesratsministerium.
Die Bundesregierung wird mithelfen bei einer
sinnvollen Gestaltung der Freizeit. Es wird dabei Ausdrücklich möchte ich in diesem Zusammen-
auch daran zu denken sein, daß eine Ausdehnung hang auch sagen, daß die Bundesregierung in der
der Freizeit den Begabten zu einer Ausdehnung kommunalen Selbstverwaltung das Fundament des
ihrer Kenntnisse und zum sozialen Aufstieg ver- demokratischen Staatsaufbaues sieht.
helfen kann. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Es wird eine ihrer vornehmsten Aufgaben sein, zur
Die Bundesregierung wird ferner, wenn genü- Förderung der Gemeinden beizutragen.
gend Erfahrungen über die Auswirkungen des in Die Landwirtschaft wird noch auf Jahre hinaus
der vergangenen Legislaturperiode verabschiede- der Hilfe bedürfen. Die Grundlinien, die im Land-
ten Gesetzes über Lohnfortzahlung im Krankheits- wirtschaftsgesetz und im Grünen Plan festgelegt
fall vorliegen, etwaige Mängel dieses Gesetzes be- sind, haben sich als richtig erwiesen. Die struktu-
seitigen. relle Umwandlung der Landwirtschaft ist eine Auf-
Auf dem Gebiet des Rechtswesens steht in der gabe, die Zeit erfordert. Auch die Ungeduldigsten
kommenden Legislaturperiode an erster Stelle der unter den Landwirten müssen sich das klarmachen.
Abschluß der großen Strafrechtsreform. Sie soll das Sie sollten dem Landwirtschaftsminister und der
in seinem Kern hundert Jahre alte Strafgesetzbuch Bundesregierung zeigen, auf welchen Gebieten eine
durch ein neues Strafrecht ablösen, das der seit- bessere und schnellere Arbeit geleistet werden
her eingetretenen Entwicklung und den Aufgaben kann. Wir wären für guten Rat dankbar; aber,
unserer Zeit gerecht wird. Ferner ist, wie bereits meine Damen und Herren, Kritik um der Kritik wil-
erwähnt, eine Revision des Aktienrechts und des len nutzt niemandem, sondern schadet nur.
Urheberrechts in Aussicht genommen. Als vor- Eine Zusammenarbeit zwischen der Bundesregie-
dringlich sieht die Bundesregierung auch die bal- rung und den bäuerlichen Vereinigungen ist auch
dige Verabschiedung der einheitlichen Rechtsan- nötig, um einen störungsfreien Übergang in den
waltsordnung und der Notarordnung an. Dem Auf- Gemeinsamen Markt zu sichern.
trag des Grundgesetzes folgend wird die Bundes-
regierung auch das Deutsche Richtergesetz dem- Die Landwirtschaft braucht Kapital. Ich habe
nächst vorlegen. Des weiteren scheint es dringend schon über die Notwendigkeit der Regelung des
notwendig, den Schutz der Persönlichkeit g egen Kapitalmarkts gesprochen. Ich hatte dabei auch vor-
Eingriffe in die Privatsphäre und gegen Ehrverlet- nehmlich die Interessen der Landwirtschaft im Auge.
zungen zu verbessern. In stärkerem Maße als bisher muß für die Er-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — leichterung der Arbeit der Landfrau Sorge getragen
Hört! Hört! bei der SPD. — Abg. Heiland: werden.
Auch im Wahlkampf, Herr Dr. Adenauer!) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
— Darauf antworte ich Ihnen später einmal; ich Wenn wir die Menschen im Dorfe festhalten wol
muß jetzt eine Regierungserklärung abgeben. len, so ist das sicher eine Voraussetzung dafür.
(Heiterkeit in der Mitte. — Zurufe von Es wäre weiter dringend wünschenswert, daß die
der SPD.) Industrie kleinere Zubringerbetriebe in manchen
Wir hoffen, daß in dieser Legislaturperiode die Gegenden errichtet, in denen der Bauer seine Ar-
bundeseinheitliche Verwaltungsgerichtsordnung und beitskraft nicht genügend verwerten kann.
das Gesetz zur Neuordnung der Finanzgerichtsbar- (Abg. Niederalt: Sehr richtig! Weitere
keit verabschiedet werden können. Zustimmung in der Mitte.)
Ich habe davon gesprochen, daß eine Reform des Das „Dorf" muß aus allgemeinen Staatsgründen so
Aktienrechtes nötig ist. Wenn wir neue Gesell- gestaltet werden, daß die Menschen, die dort ge-
schaftsschichten am Kapitalmarkt interessieren wol- boren sind, im allgemeinen auch ihren Lebensunter-
len, dann muß die Ertragslage der Gesellschaften halt dort verdienen, daß sie aber auch Erholung
auch der breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht und Abwechslung finden können; sonst werden die
und der Einfluß der Eigentümer — das ist der Ak- Dörfer menschenleer werden und die Menschen
tionäre — auf die Verwaltung und die Gewinnver- sich immer mehr in den Städten zusammenballen.
wendung vergrößert werden. Hier liegt meines Erachtens eine staatspolitische
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Aufgabe erstens Ranges.
Bei ihren Arbeiten erwartet die Bundesregierung Die sittlichen Kräfte der Familie sind entschei-
eine verständnisvolle Unterstützung durch die Bun- dend für Gegenwart und Zukunft eines Volkes.
desländer. Es kommt darauf an, das Spannungsver- Was einem Kind in der Jugend in der Familie nicht
-
hältnis zwischen dem Bund und seinen Gliedern geboten worden ist, bleibt ein dauernder Verlust
fruchtbar zu machen. In regelmäßigen Besprechun- für den Menschen während seines ganzen Lebens.
gen mit den Chefs der Länderregierungen hoffe ich, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
22 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957

Bundeskanzler Dr. Adenauer


Die Bundesregierung wird alles tun, um die Familie Wir werden versuchen, Wege zu finden, um die
gegen schädigende äußere Einflüsse zu schützen im Lastenausgleichsgesetz vorgesehenen Wartezei-
und insbesondere der kinderreichen Familie nach ten zu kürzen.
Möglichkeit zu helfen. Das Ziel der Verkehrspolitik der Bundesregie-
Das Ministerium für den friedlichen Aufbau und rung ist, den Eisenbahn-, Straßen- und Binnen-
die Verwendung der Atomenergie erhält zusätzlich schiffahrtsverkehr sowie den See- und Luftverkehr
zu diesem Aufgabenkreis die Wasserwirtschaft. Die so zu ordnen, daß der größte volkswirtschaftliche
Bedeutung der Wasserwirtschaft in Deutschland, Nutzen mit möglichst geringem Kostenaufwand er-
meine Damen und Herren, wird in der öffentlichen reicht wird. Wir werden auch künftig die Anglei-
Meinung nicht genügend gewürdigt. Es handelt sich chung der Wettbewerbsbedingungen der Verkehrs-
hier um die Fortsetzung der ausgezeichneten Ar- träger sowie eine zweckmäßige Arbeitsregelung
beit, die von dem früheren Bundesminister Kraft und möglichst enge Zusammenarbeit zwischen ih-
seinerzeit begonnen worden ist. Diese Arbeit ist in nen fördern.
gleicher Weise für die Wirtschaft einschließlich der Die Bundesregierung wird weiterhin bemüht sein,
Landwirtschaft wie für den Verkehr und die Men- die Deutsche Bundesbahn von Subventionen unab-
schen selbst von lebenswichtiger Bedeutung. Ich hängiger zu machen und sie vor unwirtschaftlichem
kann Ihnen hier wegen der Kürze der Zeit keine Substanzverzehr zu bewahren. An den gemeinwirt-
Einzelheiten wiedergeben. Ich muß mich darauf be- schaftlichen Aufgaben der Bundesbahn wird grund-
schränken, zu erklären, daß durch die rasende Zu- sätzlich festzuhalten sein. Das Bestreben der See-
nahme des Verbrauchs an Wasser durch die Indu- häfen, der Seeschiffahrt, der Binnenschiffahrt und
strie und durch die damit verbundene Verschmut- der zivilen Luftfahrt, sich der Entwicklung des mo-
zung des Wassers eine gefährliche Lage entstanden dernen Verkehrs anzupassen, findet auch künftig
ist. unsere volle Unterstützung.
Die Kernenergie wird sich im Laufe der Jahre als Die Sorge um die Sicherheit auf den Straßen mit
gleichberechtigter und gleichwertiger Energiefak- ihrem ständig wachsenden Kraftwagenverkehr bleibt
tor neben Kohle, Wasserkraft und 01 stellen, viel- das dringendste Anliegen unserer Verkehrspolitik.
leicht den einen oder anderen Energieträger über- Die Mittel für den Straßenbau werden wir von Jahr
flügeln. Diese Entwicklung soll von dem Ministe- zu Jahr steigern müssen, um die im Straßenbauplan
rium gefördert werden, weil der ständig steigende vorgesehenen Bauarbeiten finanzieren zu können.
Bedarf an Kraft und Wärme die Nutzbarmachung Die Bundesregierung kennt die Verkehrsnot der
neuer Energiequellen fordert. Es ist auch begrüßens- Städte und Gemeinden und wird daher die Straßen-
wert, daß der Wettbewerb unter den Energiequel- baumittel so einsetzen, daß ein in allen Teilen lei-
len durch diese neue gesteigert wird. Endlich ge- stungsfähiges Gesamtnetz entsteht. Wir werden
stattet sie, vielleicht schon in relativ kurzer Zeit, uns, meine Damen und Herren, bei diesen Maßnah-
Energie preiswert auch für verkehrsferne Gebiete men im besonderen Maße von der Sorge um die
zu erzeugen. Dadurch würde sie helfen können, Fußgänger leiten lassen,
wenigstens kleinere Industrien in diesen verkehrs- (Beifall bei den Regierungsparteien - Abg.
fernen Gebieten anzusiedeln, ein Ziel, das wir un- Wehner: Auf der Rennstrecke Rhöndorf!)
bedingt erstreben müssen. Eine enge Verbindung
zwischen dem Ministerium, das die Entwicklung — leider nicht —, obgleich die Fußgänger sich noch
der Kernenergie zu pflegen hat, und dem Wirt nicht zu einem Verband zusammengeschlossen ha-
schaftsministerium, das die Sorge für die elek- ben, der ihre Rechte wahrt.
trische Energie aus Kohle, Wasser und 01 hat, ist (Heiterkeit.)
selbstverständlich notwendig.
Die Deutsche Bundespost braucht für den Ausbau
In den kommenden Jahren wird auch die Frage und die technische Fortentwicklung ihrer Einrich-
der Überführung der Wohnungswirtschaft in die tungen, insbesondere ihres Nachrichtennetzes, sehr
Marktwirtschaft akut werden. In dem Maße, in dem bedeutende Investitionsmittel. Wir hoffen, durch
die Wohnungsnot beseitigt wird, kann die Wohn- wirtschaftliche und finanzpolitische Maßnahmen
raumbewirtschaftung fallen. Ein soziales Mietrecht dazu beitragen zu können, daß diese Mittel der
muß den Schutz berechtigter sozialer Belange ge- Bundespost zur Verfügung gestellt werden.
währleisten. Lassen Sie mich nun, meine Damen und Herren,
über die außenpolitische Situation der Bundesrepu-
Die Sorge für die Vertriebenen, die Flüchtlinge
blik und die daraus zu ziehenden Folgerungen
und die Kriegsgeschädigten ist für die Bundesregie-
sprechen. In den vergangenen vier Jahren — es
rung nicht nur eine soziale Verpflichtung, sondern
war am 5. Mai 1955 — hat die Bundesrepublik ihre
eine Forderung der nationalen Ehre. Unter dem
Souveränität zurückgewonnen. Damit ist ihre
Fortfall einer Partei, die sich zum Ziele gesetzt außenpolitische Bedeutung, aber auch ihre Verant-
hatte, vornehmlich für die Vertriebenen und Flücht- wortung von Jahr zu Jahr größer geworden. Ob-
linge einzutreten, darf die Sorge für diesen Kreis wohl wir nicht zu den Großmächten gehören, ist
von Personen, der sich durch die Flüchtlinge aus die Haltung der Bundesrepublik und sind ihre
der Sowjetzone ständig vergrößert, nicht - nach- außenpolitischen Entscheidungen vielfach von sol-
lassen. chem Gewicht, daß wir diese Entscheidungen nur
(Beifall bei den Regierungsparteien.) nach sehr sorgfältigen Überlegungen im Rahmen
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 23
Bundeskanzler Dr. Adenauer
der Politik der freien westlichen Völker treffen die Erhaltung der staatlichen und der individuellen
dürfen. Freiheit gegenüber. Die Spannung zwischen diesen
Um ein realistisches Bild der außenpolitischen beiden Lagern hat sich in den letzten Jahren nicht
Lage der Bundesrepublik zu zeichnen, ist es not- vermindert, sondern verschärft. Es gibt kaum ein
wendig, es in den umfassenden Rahmen der welt- internationales Problem von Bedeutung, das nicht
politischen Situation zu stellen. von dieser West-Ost-Spannung überschattet wird.

Die Sowjetunion, meine Damen und Herren, Die westliche Welt ist, gemessen an ihrer Men-
feiert in diesem Jahre ihr vierzigjähriges Bestehen. schenzahl, ihrer geistigen Entwicklung, ihrem mili-
Es kann nach allen uns zugegangenen Berichten tärischen und wirtschaftlichen Potential, dem ihr
und Veröffentlichungen kein Zweifel darüber be- gegenüberstehenden Ostblock erheblich überlegen.
stehen, daß es dem sowjetrussischen Totalitarismus Voraussetzung aber für die Aufrechterhaltung und
gelungen ist, einer Bevölkerung von rund 200 Mil- für das Wirksamwerden dieser Uberlegenheit ist
lionen Menschen den eigenen Willen, das Vertrauen allerdings die Zusammenfassung aller Kräfte der
zur eigenen Kraft zu nehmen und sie zu einer freien Welt unter einer energischen und gleichzei-
Masse zu machen, die sich von diktatorischen Kräf- tig ruhigen und weisen Führung. Diese Führung
ten beliebig formen und verwenden läßt. Vierzig kann und muß nach den gegebenen Verhältnissen
Jahre der Gewaltherrschaft haben im russischen in den Händen der Vereinigten Staaten als der
Volk die Fähigkeit einer eigenen Willensbildung weitaus stärksten Macht des Westens liegen. Es
zerstört. Es ist den Machthabern im Kreml gelun- bedarf daher bei allen Völkern, die das Ideal der
gen, diese riesigen Volksmassen auf Ziele auszu- Freiheit zur Grundlage ihrer Politik und ihres indi-
richten, die ebensosehr der kommunistischen Ideo- viduellen Lebens gemacht haben, eines großen
logie wie dem Panslawismus angehören. Das, meine Maßes an Selbstbeschränkung des nationalen Egois-
Damen und Herren, ist eine sehr ernste Tatsache, mus, einer tiefen Einsicht in die Notwendigkeit
an der wir nicht vorbeigehen können. einer einheitlichen westlichen Politik und des Wil-
lens zu großen Opfern.
Seit 1945 hat die Sowjetunion in den osteuropä-
ischen Staaten 100 Millionen Menschen gewaltsam Es fehlt aber, meine Damen und Herren — das
unterworfen, und sie arbeitet mit Zähigkeit daran, möchte ich hier betonen, nachdem ich Ihnen dieses
auch diese Menschen in den Zustand völliger gei- sehr ernste Bild der außenpolitischen Lage gegeben
stiger, militärischer und wirtschaftlicher Entschluß- habe —, auch nicht an hoffnungsvollen Zeichen.
losigkeit zu versetzen. Das vergangene Jahr hat Die Einheit Europas hat durch die Gründung der
durch die Vorgänge in Polen und den heroischen, Westeuropäischen Union, durch den wirtschaft-
aber erfolglosen Freiheitskampf in Ungarn gezeigt, lichen Zusammenschluß in der Montanunion, durch
daß in diesem Teil des sowjetischen Machtbereichs die Unterzeichnung der Verträge über Euratom
zwar noch Menschen leben, für die die Begriffe und den Gemeinsamen Markt und durch die Be-
Freiheit und Selbständigkeit eine lebendige Bedeu- strebungen für die Bildung der großen europäischen
tung besitzen. Es scheint aber der Sowjetunion ge- Freihandelszone erhebliche Fortschritte gemacht.
lungen zu sein, ihre Macht auch im osteuropäischen Darüber hinaus sind im atlantischen Defensiv-
Raum erneut fest zu stabilisieren. Sie benutzt alle bündnis unter Führung der Vereinigten Staaten
sich irgendwo auf der Welt zeigenden Spannungs- 15 Nationen zusammengeschlossen, die auf militä-
herde zur Vergrößerung ihrer Macht und zur Ab- rischem Gebiet zu einer weitgehenden Einheit ge-
lenkung der Aufmerksamkeit des Auslands von langt sind und deren gemeinsames Denken in poli-
ihren eigenen Schwierigkeiten. Sie hat alles getan, tischen Fragen ebenfalls große Fortschritte auf-
um die Krise im Vorderen Orient zu verschärfen weist.
und damit die Welt unter den Druck einer direkten
Kriegsbedrohung zu setzen. Sie hat während der Wenn ich trotzdem heute meine Stimme in ern-
Suez-Krise im Herbst 1956 zum erstenmal seit dem stem Tone erhebe, in dieser Entwicklung ohne Zö-
zweiten Weltkrieg ihren ehemaligen Verbündeten gern mit größter Energie und Zielstrebigkeit fort-
Großbritannien und Frankreich unverblümt mit zuschreiten, dann tue ich das, weil ich von der
dem Einsatz atomarer Waffen gedroht und damit Sorge erfüllt bin, daß die freien Völker dieser Welt
ihren Anspruch angemeldet, bei allen auf der ihre Freiheit verlieren würden, wenn sie den jetzi-
Welt entstehenden internationalen Konflikten mit gen Zustand in der Welt als eine nicht zu ändernde
dem vollen Einsatz machtpolitischer Mittel ein ent- Tatsache hinnehmen und in eine Periode der
scheidendes Wort mitzusprechen. Schwäche und der Uneinheitlichkeit gegenüber der
Betrachtet man die Vorgänge der letzten Jahre, einheitlichen, bedenkenlosen und in reinem Macht-
so geht daraus für den aufmerksamen Beobachter streben befangenen Politik des Ostens abgleiten
der Entwicklung hervor, daß die Sowjetunion nach würden. Ich begrüße und unterstütze daher bereit
wie vor die allein entscheidende politische und willigst alle Maßnahmen, die zu einer engeren po-
militärische aggressive Macht im gesamten Ost- litischen Zusammenarbeit der freien Völker füh-
raum ist. ren, weil diese Zusammenarbeit uns stärkt, den
Gegner aber entmutigt und friedenswillig macht.
Die inneren Machtkämpfe in der führenden
- Die-
Schicht ändern daran bis auf weiteres nichts. (Beifall bei der CDU/CSU.)
sem festgefügten Block im Osten steht die west- Mit großer Genugtuung erfüllt mich die bevor-
liche freie demokratische Welt in ihrem Kampf um stehende Zusammenkunft der NATO-Länder in
24 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957

Bundeskanzler Dr. Adenauer


Paris. Ich bin überzeugt, daß diese Zusammenkunft Voraussetzung für diese Befreiung und die Ein-
ein großer Erfolg der Völker der freien Welt wer- lösung der Viermächteverpflichtung Gesamtdeutsch-
den wird. land gegenüber ist eine allmähliche Minderung und
Die absolute Notwendigkeit eines gemeinsamen schließlich Beseitigung der westöstlichen Spannung.
Die Bundesregierung hat daher die Bemühungen der
Handelns im Westen wird uns aber noch durch ein
Westmächte. mit der Sowjetunion zu einem Ab-
anderes Phänomen vorgeschrieben, das erst im
rüstungsabkommen zu gelangen, mit aller Intensität
letzten Jahrzehnt unserer Geschichte entstanden
unterstützt. Es ist tief zu bedauern, daß sich die So-
ist. Im Gegensatz zu früheren Geschichtsperioden,
wjetunion nicht entschließen konnte, die außer-
in denen die Politik sich der technischen Entwick-
ordentlich großzügigen und weitgehenden Vor-
lung bediente und sie vorantrieb, treibt heute in
schläge für ein umfassendes Abrüstungsabkommen,
rasendem Tempo die Entwicklung der Technik die
die von den Westmächten auf der Konferenz in
Politiker in entscheidender Weise zu Entschlüssen.
London gemacht wurden, anzunehmen oder mit an-
Die Meldung über den Abschuß einer weitrei- nehmbaren Gegenvorschlägen zu beantworten. Wir
chenden Rakete oder die Entsendung eines künst- geben aber die Hoffnung nicht auf, daß das Ziel
lichen Erdtrabanten durch die Sowjetunion beein- einer allgemeinen kontrollierten Abrüstung durch
flußt das Denken und die politischen Entschlüsse Stetigkeit, Konsequenz und Verhandlungsbereit-
der Regierungen in starkem Maße. Dieser gefahr- schaft in den kommenden Jahren erreicht wird.
volle Zustand kann nur überwunden werden, wenn
die westliche Welt immer wieder alle nur denk- Ich stütze diese Hoffnung auf die Überlegung,
baren Anstrengungen macht, um zu keinem Zeit- daß es der westlichen Welt gelingen müßte, die So-
punkt in der Zukunft in der technischen Entwick- wjetunion davon zu überzeugen, daß sie — und
ganz besonders auch wir Deutschen — nicht die Ab-
lung durch die totalitären Staaten überflügelt zu
sicht hat, ihr mit Waffengewalt oder mit politischem
werden, und wenn es gelingt, unter den Völkern
Druck die eigenen politischen und wirtschaftlichen
und Regierungen des Westens eine klare, konse-
Auffassungen aufzuzwingen, ebensowenig wie die
quente gemeinsame Politik zu entwickeln, in die
westliche Welt sich jemals dazu verstehen kann,
sich die waffentechnischen Fortschritte einordnen
dem militärischen, politischen und propagandisti-
lassen. Das ist eine schwere Aufgabe, die zu be-
schen Druck der Sowjetunion nachzugeben. Wenn
wältigen es aller Anspannung der geistigen und
die Sowjetregierung sich von ihrem völlig unbe-
seelischen Kräfte bedarf.
gründeten Mißtrauen gegenüber dem Westen be-
Ich glaube, daß die deutsche außenpolitische Si- freien könnte und wenn sie sieht, daß ihr Streben
tuation nur verstanden werden kann, wenn man sie nach Beherrschung der Welt unrealistisch ist, wird
in diesem Rahmen sieht. Das gilt in erster Linie es möglich sein, auf der Welt einen Zustand zu
für die Wiederherstellung der staatlichen Einheit schaffen, der es allen Völkern erlaubt, frei von
Deutschlands. Wir alle leben in Westdeutschland fremder Unterdrückung und frei von Lebensangst zu
unter der Bedrückung, daß 18 Millionen Menschen existieren.
in der sowjetisch besetzten Zone und in Ostberlin
nicht nur durch eine willkürliche Grenzziehung von Obwohl die Sowjetunion die entscheidende Macht
uns abgetrennt sind, sondern, was noch weit schlim- des Ostens ist, hat die Bundesregierung nicht ver-
mer ist, unter einem entwürdigenden, unmensch- säumt, ihre Aufmerksamkeit auch dem Verhältnis
lichen System der Willens- und Freiheitsberaubung zu den übrigen osteuropäischen Staaten zuzuwen-
leben. den. Der Warenaustausch zwischen der Bundes-
republik und diesen Staaten ist in den Jahren von
(Zustimmung bei den Regierungsparteien 1953 bis 1956 um 195 % gestiegen, und die ersten
und der FDP.) acht Monate des Jahres 1957 haben eine weitere
Die Haltung der Sowjetunion in den vergangenen Steigerung um 21 % gebracht. Ich möchte an dieser
Jahren hat nicht die geringsten Anzeichen dafür Stelle mit allem Nachdruck erklären, daß wir ent-
erkennen lassen, daß man im. Kreml bereit ist, die- schlossen sind, auch mit den osteuropäischen Völ-
sen Deutschen die Freiheit zurückzugeben. Die deut- kern für alle Zukunft in guten nachbarlichen Bezie-
sche Bundesregierung hält daran fest, daß sie allein hungen zu leben und die Fragen, die noch zwischen
die Sprecherin der 18 Millionen Deutschen in der uns offen sind, nur auf friedliche, gerechte und
Sowjetzone ist und daß die Wiederherstellung der menschliche Weise zu lösen.
deutschen Einheit eine Verpflichtung der vier Groß-
mächte ist, aus der sie von dem deutschen Volke (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nicht entlassen werden können, Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang ein
(Beifall bei den Regierungsparteien) Wort über Jugoslawien. Die Vorgänge, die zum
Abbruch der diplomatischen Beziehungen geführt
eine Verpflichtung, die noch im Jahre 1955 auch haben, sind in unserer Note vom 19. Oktober aus-
von Sowjetrußland sowohl in Genf als auch mir führlich dargelegt; ich brauche sie deshalb nicht zu
gegenüber in Moskau ausdrücklich anerkannt wor- wiederholen. Ich möchte nur auf eines hinweisen.
den ist. Nicht formalistisches oder juristisches Denken hat
Es ist unsere Überzeugung, daß nur die Befreiung uns zu diesem Schritt veranlaßt. Entscheidend war
der sowjetisch besetzten Gebiete Deutschlands von für uns, daß durch die diplomatische Anerkennung
der bedrückenden Gewaltherrschaft auf lange Sicht der DDR durch Jugoslawien ein Lebensinteresse un-
gesehen Europa Frieden und Freiheit bringen kann. serer auswärtigen Politik berührt wurde, nämlich
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 25
Bundeskanzler Dr. Adenauer
der auch im Grundgesetz verankerte Anspruch, daß liche Kontakte mit südamerikanischen und asiati-
die deutsche Bundesregierung allein legitimiert ist, schen Staaten. Auch unsere Beziehungen zu den
die deutschen Interessen im Ausland zu vertreten, Staaten des nahöstlichen Raumes sind gut. In den
da nur sie eine demokratisch gewählte Volksver- letzten Jahren hat sich in diesem Raume eine kri-
tretung und Regierung besitzt. Jugoslawien hatte senhafte Situation entwickelt. Wir waren bestrebt
übrigens diesem unserem Standpunkt bei den zu- und wir werden auch in Zukunft bestrebt sein, alle
rückliegenden Vertragsverhandlungen nicht wider- Entwicklungen zu unterstützen, die eine Befriedung
sprochen. Ein Aufgeben dieses Prinzips hätte zu im Nahen Osten herbeiführen können. Wir werden
sehr schwerwiegenden und gerade die Wiederverei- jeden Schritt vermeiden, der zu einer Verschärfung
nigung Deutschlands stark belastenden Folgerungen der Krise beitragen könnte.
führen können. Die Bundesrepublik hat sowohl im Mittleren wie
Ich darf mit Genugtuung feststellen, daß wir den im Fernen Osten als auch in Afrika mit allen Staa-
Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Jugo- ten gute wirtschaftliche und politische Verbindun-
slawien unter dem zustimmenden Verständnis der gen. Wir sind uns dabei der Verpflichtung voll be-
gesamten freien Welt unternommen haben. Es hat wußt — die auch uns obliegt —, den entwicklungs-
sich bei diesem Vorgang innerhalb der NATO ge fähigen Ländern überall dort materielle und kultu-
zeigt, daß über die militärische Einheit hinaus auch relle Hilfe zu leisten, wo der Wille zur Freiheit und
die gemeinsame außenpolitische Übereinstimmung Selbständigkeit lebendig ist. Wir müssen uns dar-
in allen wichtigen Fragen innerhalb der NATO be- über klar sein, daß wir für diese Politik Opfer zu
steht. Ich habe bereits erklärt — und ich möchte bringen haben, die sich vielleicht erst in einer fer-
diese Erklärung an dieser Stelle bei der Darlegung neren Zukunft als fruchtbar erweisen, die aber not-
unserer Außenpolitik nochmals wiederholen — daß , wendig sind, weil nur die Hebung des Lebensstan-
die Bundesregierung entschlossen ist, alle Verpflich- dards auf der ganzen Welt das Fundament für ein
tungen aus ihrer Mitgliedschaft im atlantischen friedliches Miteinanderleben der Völker bilden
Bündnis voll zu erfüllen, sowohl was den Umfang kann.
ihres Beitrags als auch was die Termine, die für die Ich möchte auch bei dieser Gelegenheit noch ein-
Leistungen dieses Beitrags festgesetzt wurden, an- mal feststellen, welche Zustimmung die deutsche
geht. Jeder einzelne in Deutschland muß sich dar- Politik namentlich in der Frage der deutschen Ein-
über Rechenschaft ablegen, daß ihm die Sicherung heit überall bei den Völkern gefunden hat.
der Bundesrepublik, Europas und der westlichen
Wenn wir feststellen müssen, daß unsere Bemü-
Welt große finanzielle und auch persönliche Be-
hungen, mit den Regierungen, die von der Sowjet-
lastungen auferlegt. Erst wenn eine Vereinbarung
union abhängig sind, zu einem Ausgleich der Inter-
über eine kontrollierte Abrüstung vorliegt und
essen zu kommen, bisher erfolglos waren, so dürfen
funktioniert, kann man daran denken, diese Lasten
wir demgegenüber doch mit tiefer Befriedigung
zu erleichtern und die enormen Aufwendungen an
sagen, daß wir uns, was die westlichen Völker an-
menschlicher Kraft, Material und Geld für die all-
belangt, mit ihnen auf allen für Deutschland lebens-
gemeine Wohlfahrt der Völker zu nutzen. Ich darf
wichtigen Gebieten in vollem Einklang befinden.
hier einschieben: wir können zu unserer Freude und
Ich bitte das Hohe Haus, diese Feststellung in ihrer
Genugtuung feststellen, daß unsere Truppen bei den
ganzen Bedeutung zu würdigen. Ich möchte auf die
jüngsten Manövern von der Bevölkerung überall
Vereinbarungen mit Belgien und mit Osterreich aus
mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit aufge-
letzter Vergangenheit hinweisen.
nommen worden sind.
Die Rückkehr der Saar auf Grund freundschaft-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) licher Vereinbarungen mit Frankreich ist ein uns
Wie ich eingangs meiner außenpolitischen Aus- alle beglückender Beweis für die Freundschaft, die
führungen erwähnte, hat sich die politische und zwischen Frankreich und Deutschland besteht.
wirtschaftliche Stellung der Bundesrepublik in den (Beifall bei den Regierungsparteien und
vergangenen Jahren erheblich gefestigt. Unsere der FDP.)
konsequente Politik im Rahmen der westlichen Al-
lianz und im Rahmen der europäischen Einigungs- Ich bin überzeugt, daß es uns in freundschaftlichem
bestrebungen, die wir nach wie vor mit allen unse- Geist gelingen wird, bald auch die noch ausstehen-
ren Kräften fördern wollen, hat dazu geführt, daß den Grenzvereinbarungen mit den Niederlanden zu
die Bundesrepublik Deutschland nicht nur auf ver- treffen.
traglicher, juristischer Basis, sondern in der leben- Unsere im Lager der freien Welt gestärkte poli-
digen Wirklichkeit wieder ein bedeutungsvoller tische Stellung legt uns aber auch die Verpflichtung
Faktor im Kreise der Völker geworden ist. Zu die- auf, an der politischen Willensbildung dieses Teils
ser Entwicklung haben auch nicht weniger unsere der Welt mitzuarbeiten. Wir haben darauf hinzu-
guten Beziehungen zu allen Regierungen geführt, wirken, daß sich die westliche Politik durch Klarheit
mit denen wir nicht im Rahmen von Allianzen, son- und Konsequenz auszeichnet. Ich verstehe darunter
dern im bilateralen Verhältnis stehen. Unsere Be- eine Politik der realistischen Betrachtungsweise der
ziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika, weltpolitischen Vorgänge; ich verstehe darunter
zu Großbritannien, Frankreich und Italien, den Be- eine Politik der Wachsamkeit und des Vertrauens
-
nelux-Staaten und allen westlichen Nachbarstaaten zur eigenen Stärke; ich verstehe darunter eine Poli-
sind.. nicht nur eng, sondern freundschaftlich. Wir tik des Schutzes der Selbständigkeit aller die Frei-
pflegen darüber hinaus politische und wirtschaft heit liebenden Völker. Die westliche Welt ist stark
26 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957

Bundeskanzler Dr. Adenauer


genug, um sich jedem politischen oder militärischen reisen der Landsleute aus Mitteldeutschland wer-
Druck entgegenzustellen, solange sie ihre Einigkeit den weiter gefördert werden, und die Bundesregie-
bewahrt. Sie wird aber niemals — davon bin ich fest rung glaubt dabei der großzügigen Unterstützung
überzeugt, und darauf wird die Außenpolitik der der gesamten Bevölkerung, der Länder, Gemeinden
Bundesregierung ausgerichtet sein — ihre eigene und Hilfsorganisationen wie bisher sicher zu sein.
Stärke mißbrauchen; denn sie hat nirgendwo auf der Je besser die menschlichen Beziehungen zu unseren
Welt den Wunsch, die Freiheit anderer Völker zu Landsleuten jenseits der Zonengrenze sind, um so
unterdrücken und ihnen das Recht einzuschränken, leichter wird es uns werden, auch die bedrohte Ein-
ihr staatliches Leben nach den Wünschen des Vol- heit unseres kulturellen Lebens trotz vieler Ver-
kes zu gestalten. Kein Volk sollte danach streben, bote und Verkehrsbehinderungen der anderen Seite
über andere Völker Herrschaft auszuüben und sie zu erhalten.
unter Druck und Angst vor Katastrophen ihr Leben Ich möchte auch derer gedenken, die noch heute
fristen zu lassen. Die Aufgabe jedes einzelnen, die zu Tausenden unschuldig in den Gefängnissen und
Aufgabe der Parlamente und der Regierungen ist es Zuchthäusern der Sowjetzone in Haft sind. Die
vielmehr, den Völkern eine ruhige und stetige Ent- Bundesregierung fordert erneut die Freilassung die-
wicklung frei von Furcht und Schrecken zu gewähr- ser Menschen und deren Rückkehr zu ihren An-
leisten. Die deutsche Bundesregierung wird unter gehörigen, die sich in größter seelischer und mate-
meiner Führung diesen menschlichen und politischen rieller Not befinden.
Richtlinien folgen und damit ihre ganze Kraft dem
höchsten Ziel politischer Arbeit widmen: der Erhal- (Beifall bei den Regierungsparteien und
tung des Weltfriedens. bei der FDP.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Ein wichtiges Bindeglied zur mittel- und ostdeut-
schen Bevölkerung ist Berlin. Ich habe schon früher
Ich habe die große nationale Aufgabe der deut- erklärt, daß Berlin sich auf die Bundesrepublik ver-
schen Wiedervereinigung in meinen Ausführungen lassen kann, und darf hier erneut feststellen, daß
zur außenpolitischen Lage geschildert und betont, die Bundesregierung auch künftig ihre Verpflich-
daß die vier früheren Besatzungsmächte die Pflicht tungen gegenüber dieser Stadt und ihrer tapferen
haben, die Teilung Deutschlands zu beenden. Wir Bevölkerung nach besten Kräften weiter erfüllen
können nicht zugeben, daß die Sowjetunion ver- wird, um Berlin in den Stand zu setzen, den Auf-
suchen darf, sich ihrer Pflicht zur Wiederherstellung gaben als künftige Hauptstadt Deutschlands gerecht
der deutschen Einheit dadurch zu entziehen, daß sie zu werden.
uns auf Verhandlungen mit dem demokratisch nicht
legitimierten SED-Regime hinweist. Es wird die Auf- (Beifall bei den Regierungsparteien und
gabe der neuen Bundesregierung sein, weiterhin im der FDP.)
Inland und Ausland an der Festigung der Erkennt- Die Zonenrandgebiete sind durch die Abtrennung
nis zu arbeiten, daß ohne die Wiedervereinigung vom mitteldeutschen Raum häufig in eine schwie-
der Frieden Europas und der Welt nicht gesichert rige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage
ist, daß 18 Millionen Deutsche, die ihre Freiheit geraten. Die jährlichen Förderungsprogramme des
haben wollen, eines der wichtigsten Menschenrechte Bundes haben zwar zu einer fühlbaren Erleichte-
nicht beraubt werden dürfen. rung geführt. Die Bundesregierung wird aber ge-
meinsam mit den betroffenen Ländern die wirt-
Die Entwicklung in den getrennten Teilen
schaftliche und kulturelle Förderung dieser Gebiete
Deutschlands werden wir weiter aufmerksam beob-
fortsetzen.
achten, um die Öffentlichkeit des In- und Auslands
über die Verhältnisse zu unterrichten, unter denen Meine Damen und meine Herren, Politik verlangt
unsere Landsleute dort leben müssen. Die Bevölke- Klarheit in der Erkenntnis der Ziele. Politik muß
rung der Bundesrepublik wird damit in ihrem Ver- realistisch sein, d. h. die Möglichkeiten erkennen,
antwortungsgefühl für die Deutschen jenseits der sie muß mutig sein, um die auf ihrem Wege sich
Zonengrenze gestärkt werden und — das ist meine zeigenden Hindernisse zu überwinden. Vor allem
zuversichtliche Hoffnung — wie bisher ihre dan- aber verlangt politische Arbeit Ruhe, Geduld und
kenswerte Hilfsbereitschaft in den zahllosen Fällen Stetigkeit. Nur wenn diese Voraussetzungen vor-
seelischer und materieller Not bekunden. Dabei liegen, kann man auf Erfolg rechnen. Wir bitten
denkt die Bundesregierung auch an diejenigen das Hohe Haus um seine Hilfe.
Deutschen, die jenseits der Oder-Neiße-Linie woh- (Anhaltender lebhafter Beifall bei den
nen. Was in ihrer Macht steht, wird die Bundes- Regierungsparteien.)
regierung tun, um den von uns getrennt lebenden
Landsleuten trotz der widrigen Umstände das Aus-
halten in der angestammten Heimat zu erleichtern. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Da-
men und Herren, Sie haben die Erklärung der Bun-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) desregierung gehört. Nach einer interfraktionellen
Die Bundesregierung wird sich besonders darum Vereinbarung findet die Aussprache über die Re-
bemühen, daß die Deutschen das Bewußtsein ihrer gierungserklärung am 5. und 6. November statt.
Zusammengehörigkeit erhalten und festigen. Neben
- Wir kommen zu Punkt 5 der Tagesordnung:
der brieflichen Verbindung ist die persönliche Be-
gegnung zwischen den Deutschen der getrennten Wahl der deutschen Mitglieder der Gemein
Landesteile von großer Bedeutung. Die Besuchs- samen Versammlung der Europäischen Ge-
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, tienstag, den 29. Oktober 1957 27
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
meinschaft für Kohle und Stahl (Druck- Es liegen noch einige amtliche Mitteilungen vor.
sache 3). Sie werden ohne Verlesung in den Stenographi-
Auf Drucksache 3 liegt Ihnen ein gemeinsamer An schen Bericht aufgenommen:
trag der Fraktionen der CDU/CSU, SPD und FDP Der Herr Bundeskanzler hat unter dem 22. Oktober 1957 ge-
mäß § 30 Abs. 4 des Bundesbahngesetzes vom 13. Dezember
vor. — Eine Aussprache dazu wird nicht gewünscht. 1951 (BGBl. I S. 955) den vom Bundesminister für Verkehr
übersandten Wirtschaftsplan der Deutschen Bundesbahn nebst
Wir kommen zur Abstimmung. Wer dem Antrag Stellenplan und Bautenverzeichnis für das Geschäftsjahr 1957
und den im Einvernehmen mit dem Bundesminister der Finan-
Drucksache 3 zustimmen will, den bitte ich um ein zen ergangenen Genehmigungserlaß des Bundesministers für
Verkehr übermittelt. Der Wirtschaftsplan liegt im Archiv zur
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Einsichtnahme aus.
Bei einer Enthaltung angenommen. Der Herr Präsident der Versammlung der Westeuropäischen
Union hat unter dem 19. Oktober 1957 die Empfehlungen Nr. 18
Punkt 6 der Tagesordnung: und Nr. 21 der Versammlung und die Berichte der Ausschüsse
der 3. Ordentlichen Tagung zur Kenntnisnahme übersandt, die
Wahl der Mitglieder des Wahlprüfungsaus- den Mitgliedern des Hauses unter Drucksache 7 zugehen wer-
den.
schusses (Drucksache 6). Die Fraktion der CDU/CSU hat den Abgeordneten Hübner
mit Wirkung vom 9. Oktober 1957 als Hospitanten in die Frak-
Dazu liegt dem Haus ein gemeinsamer Antrag tion aufgenommen.
aller Fraktionen auf Drucksache 6 vor. Wird eine
Aussprache gewünscht? — Eine Aussprache wird Damit sind wir am Schluß der heutigen Tages-
nicht gewünscht. ordnung. Meine Damen und Herren, ich berufe die
nächste Sitzung des Bundestages ein auf Dienstag,
Wir kommen zur Abstimmung. Wer dem Antrag den 5. November 1957, 10 Uhr. Die Sitzung ist ge-
Drucksache 6 zustimmen will, den bitte ich um ein schlossen.
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
Einstimmig angenommen. (Schluß: 12.31 Uhr.)

-
Deutscher Bundestag - 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, tienstag, den 29. Oktober 1957 29

Anlage zum Stenographischen Bericht

Anlage Krüger 29. 10.


Kühlthau 29. 10.
Liste der beurlaubten Abgeordneten Lenze (Attendorn) 29. 10.
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Ludwig 31. 10.
Mare) 31. 10.
a) Beurlaubungen Frau Dr. Maxsein*) 31. 10.
Frau Albertz 6. 11. Merten 2. 11.
Altmaier*) 31. 10. Frau Meyer-Laule*) 31. 10.
Frau Dr. Diemer-Nicolaus 1. 11. Dr. Mommer*) 31. 10.
Etzenbach 31. 10. Neuburger 29. 10.
Frau Friese-Korn 1. 12. Paul*) 31. 10.
Geiger (Aalen) 29. 10. Pöhler 2. 11.
Gerns*) 31. 10. Rademacher 29. 10.
Günther 29. 10. Rasch 2. 11.
Hilbert 29. 10. Frau Dr. Rehling*) 31. 10.
Höfler*) 31. 10. Ritzel 29. 10.
Illerhaus 31. 10. Scheel 5. 11.
Jacobs*) 31. 10. Dr. Schneider (Saarbrücken) 29. 10.
Jahn (Frankfurt) 29. 10. Seidl (Dorfen)*) 31. 10.
Kalbitzer*) 31. 10. Sträter 29. 10.
Kiesinger*) 31. 10. Theis 31. 10.
Dr. Königswarter 29. 10. Frau Dr. h. c. Weber (Essen)*) 31. 10.
Dr. Kopf*) 31. 10.
Kramel 29. 10. b) Urlaubsanträge
*) für die Teilnahme an der Tagung der Beratenden Ver- Frenzel 10. 11.
sammlung des Europarates. Dr. Seume 16. 11.

Das könnte Ihnen auch gefallen