Sitzung: Bonn, Den 29. Oktober 1957
Sitzung: Bonn, Den 29. Oktober 1957
Oktober 1957 I
3. Sitzung
Inhalt:
Nächste Sitzung 27 C
3. Sitzung
Stenographischer Bericht Worten „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe"
zu bekräftigen. Der Eid lautet:
Beginn: 11.01 Uhr Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle
des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen
mehren, Schaden von ihm wenden, das Grund-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Die Sitzung gesetz und die Gesetze des Bundes wahren und
ist eröffnet. verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft er-
füllen und Gerechtigkeit gegen jedermann
Meine Damen und Herren! Ich habe von dem üben werde.
Herrn Bundeskanzler folgendes Schreiben erhalten:
Ich beehre mich, mitzuteilen, daß der Herr Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Ich schwöre es,
Bundespräsident mich am 22. Oktober gemäß so wahr mir Gott helfe.
Art. 63 des Grundgesetzes wiederum zum Bun-
deskanzler ernannt hat.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich stelle fest,
Meine Damen und Herren, ich rufe danach auf daß damit der im Grundgesetz bei der Amtsüber-
Punkt 1 der Tagesordnung: nahme vorgeschriebene Eid vor dem Bundestag
geleistet ist, und spreche dem Herrn Bundeskanzler
Vereidigung des Bundeskanzlers. die Wünsche des Hauses für die Erfüllung seiner
Aufgaben aus.
Ist der Bundeskanzler noch nicht im Saal?
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Unruhe und Zurufe.)
-- Meine Damen und Herren, einen Augenblick! Meine Damen und Herren, Punkt 2 der Tages-
ordnung:
(Zuruf von der SPD: Unerhört! — Wei-
tere Zurufe.) Zusammensetzung der Bundesregierung.
Ich sehe, der Herr Bundeskanzler kommt gerade. Der Herr Bundeskanzler hat mir folgendes
Schreiben übersandt:
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Abg. Dr. Menzel: War wohl verabredet?! Der Herr Bundespräsident hat auf meinen Vor-
Ist doch Theater! — Weitere Zurufe.) schlag gemäß Art. 64. Abs. 1 des Grundgesetzes
zu Bundesministern ernannt:
— Meine Herren, ich bitte, sich zu beruhigen. Mir
ist von Verabredung nichts bekannt. Herrn Dr. Heinrich von Brentano zum
Bundesminister des Auswärtigen,
(Abg. Wehner: Das schließt die Verab
redung nicht aus!) Herrn Dr. Gerhard Schröder zum Bundes
minister des Innern,
— Das wäre möglich, aber ich glaube nicht daran.
Herrn Fritz Schäffer zum Bundesminister
Herr Bundeskanzler, ich habe das Haus soeben der Justiz,
von Ihrem Schreiben an mich in Kenntnis gesetzt,
aus dem zu entnehmen ist, daß der Herr Bundes- (Heiterkeit bei der SPD)
präsident Sie nach Art. 63 des Grundgesetzes wie- Herrn Franz Etzel zum Bundesminister der
derum zum Bundeskanzler ernannt hat. Herr Bun- Finaze,
deskanzler, ich darf bitten, zur Vereidigung zu mir
heranzutreten. Herrn Professor Dr. Dr. h. c. Ludwig Erhard
zum Bundesminister für Wirtschaft,
(Die Abgeordneten erheben sich.)
Herrn Dr. h. c. Heinrich Lübke zum Bundes-
Herr Bundeskanzler, gemäß Art. 64 des Grund- minister für Ernährung, Landwirtschaft und
gesetzes leistet der Bundeskanzler bei der Amts- Forsten,
übernahme vor dem Bundestag den in Art. 56 - des
Grundgesetzes festgelegten Eid. Ich spreche den Herrn Theodor Blank zum Bundesminister
Wortlaut des Eides vor und bitte Sie, ihn mit den für Arbeit und Sozialordnung,
16 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Ich bitte die Herren Bundesminister, einzeln zu mir Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
vorzutreten und den gemäß Art. 64 in Verbindung minister Dr. Seebohm!
mit Art. 56 des Grundgesetzes bei der Übernahme
ihres Amtes vorgeschriebenen Eid zu leisten. Ich Dr.-Ing. Seebohm, Bundesminister für Verkehr:
werde den Eid einmal vorsprechen und bitte die Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Herren Minister, ihn mit den Worten „Ich schwöre
es, so wahr mir Gott helfe" zu bekräftigen. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
(Die Abgeordneten erheben sich.) minister Stücklen!
Der Eid lautet:
Stücklen, Bundesminister für das Post- und Fe rn
Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle -meldwsn:Ichör,owamiGt
des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen helfe.
mehren, Schaden von ihm wenden, das Grund-
gesetz und die Gesetze des Bundes wahren und Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes-
verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft er- minister Lücke!
füllen und Gerechtigkeit gegen jedermann
üben werde. Lücke, Bundesminister für Wohnungsbau: Ich
Herr Bundesminister Dr. Heinrich von Brentano! schwöre es, so wahr mir Gott helfe.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- Ich hoffe, daß in entscheidenden Fragen, die das
minister Lemmerl Wohl und Wehe des gesamten Volkes berühren,
namentlich auch in Fragen der Außenpolitik, eine
Lemmer, Bundesminister für gesamtdeutsche gemeinsame Arbeit mit den in Opposition stehen-
Fragen: Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe. den Fraktionen sich ermöglichen läßt, weil doch
nach unser aller Überzeugung das Wohl des ge-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- samten Volkes über dem Wohle einer Partei
minister Dr. von Merkatz! steht.
Die kommenden vier Jahre, meine Damen und
Dr. von Merkatz, Bundesminister für Ange-
Herren, werden voraussichtlich auf politischem,
legenheiten des Bundesrates und der Länder: Ich
schwöre es, so wahr mir Gott helfe. insbesondere außenpolitischem wie, auf wirtschaft-
lichem Gebiete schwierige Situationen bringen. Ich
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- will nicht in schwarz malen und insbesondere aus-
minister Dr. Wuermeling! drücklich betonen, daß ich an die Erhaltung des
Friedens glaube. Aber es wird Störungen geben,
Dr. Wuermeling, Bundesminister für Familien- größeren oder geringeren Ausmaßes; und es wird
und Jugendfragen: Ich schwöre es, so wahr mir der ganzen Einigkeit, Geschlossenheit und Stärke
Gott helfe. des Westens bedürfen, um diese Störungen sich
nicht in gefährliche Differenzen auswachsen zu
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- lassen.
minister Dr. Balke! Ein wohl für jeden erkennbares Symptom der
Lage ist das Raketenwettrennen zwischen Sowjet-
Dr.-Ing. Balke, Bundesminister für Atomenergie rußland und den Vereinigten Staaten. Auch bei
und Wasserwirtschaft: Ich schwöre es, so wahr mir dem Entsenden des Erdsatelliten durch Sowjetruß
Gott helfe. land ist zunächst das Funktionieren der Rakete, die
ihn in seine Höhe getragen hat, das Wichtige. Ich
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Bundes- hoffe, daß bei dieser Entwicklung, bei diesen Vor-
minister Dr. Lindrath! gängen die Verpönung des Wortes von der Stärke
des Westens, zu der auch wir beitragen müssen,
Dr. Lindrath, Bundesminister für den wirtschaft- verstummt.
lichen Besitz des Bundes: Ich schwöre es, so wahr Die klare Mehrheit der Wähler bei der Bundes-
mir Gott helfe. tagswahl vom 15. September, die, wie ich betonen
möchte, sich durch alle Schichten und Berufe, durch
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich stelle alle Lebensalter hindurchzog, hat bewiesen, daß
fest, daß die Herren Bundesminister damit den im die Wähler, auch wenn sie nicht alle sogenannten
Grundgesetz für die Übernahme ihres Amtes vor- Feinheiten der Politik beherrschen, doch eine klare
geschriebenen Eid vor dem Bundestag geleistet Erkenntnis des Wesentlichen haben. Sie haben sich
haben. — Ich spreche Ihnen die Wünsche des Hau-
gegen die Allmacht des Staates, gegen Kollektivis-
ses für Ihre Arbeit aus. mus ausgesprochen. Sie haben sich ausgesprochen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) für das gesunde Prinzip, daß ein Volk, solange eine
Diesen Wünschen füge ich den Dank des Hauses unmittelbare Bedrohung seiner Freiheit besteht,
an die Mitglieder der vorigen Bundesregierung alle Vorkehrungen treffen muß, damit es seine
hinzu, die nicht Mitglieder des neuen Kabinetts Freiheit und Unabhängigkeit behält
sind. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Mehrheit des 15. September wollte auch eine
Punkt 4 der Tagesordnung: Politik des Maßhaltens in der Wirtschaftspolitik.
Niemand in der Welt kann behaupten, daß es dem
Entgegennahme einer Erklärung der Bun- deutschen Arbeiter schlecht gehe. Im Gegenteil! In
desregierung. meiner Gegenwart hat ein Arbeitnehmer in Reck-
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. linghausen, der dort eine Versammlung leitete,
unter großem Beifall der hauptsächlich aus Arbeit-
nehmern bestehenden Versammlung in seiner An-
Dr. Adenauer, Bundeskanzler: Herr Präsident! sprache erklärt, es sei den deutschen Arbeitern
Meine Damen und meine -Herren! Das deutsche noch niemals so gut gegangen wie jetzt, sie woll-
Volk hat in der Bundestagswahl am 15. September ten keine Störung der wirtschaftlichen Lage.
dieses Jahres die Grundsätze, nach denen die da-
malige Mehrheit des Bundestages und die vom Ich hoffe, meine Damen und Herren, daß die gröb-
Vertrauen dieser Mehrheit getragene Bundesregie- ste, aber notwendige Arbeit nun hinter uns liegt,
rung die Politik geführt haben, mit klarer Mehr- daß wir in den kommenden vier Jahren in einem
heit gebilligt. Den uns dadurch erteilten Auftrag vernünftigeren Tempo arbeiten können und daß
-
werden wir durchführen, die Koalition im Bundes- wir den Perfektionismus aus unseren Räumen und
tag und die neue Bundesregierung, die soeben den Sälen verbannen.
Eid auf das Grundgesetz abgelegt hat. (Zustimmung in der Mitte.)
18 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Ich hoffe auch, daß der Andrang der Interessen- Zuständigkeiten eines anderen. Das läßt sich nicht
ten und mancher Interessentenverbände auf Sie, vermeiden; denn die zu ordnenden Tatbestände
meine Damen und Herren, und auf uns nachläßt. fragen nun einmal nicht nach der Zuständigkeit
Es wird das nur dem allgemeinen Besten dienen; eines Ministeriums. Aber Überschneidungen der
es wird allen, auch den Interessenten selbst, zu- Zuständigkeit, die Doppelarbeit und Reibung ver-
gute kommen. ursachen, sollten bei der Organisation der Bundes-
regierung auf Grund der bisher gemachten Erfah-
Die neue Bundesregierung wird wie die voran- rungen vermieden werden.
gegangene getragen sein von der Koalition der
CDU/CSU und der Deutschen Partei. Die CDU/CSU Erlauben Sie mir, hier eine vielleicht etwas frei-
hat, eindrucksvoller noch als im vergangenen Bun- mütige allgemeine Bemerkung zu machen. Zu mei-
destag, wieder die absolute Mehrheit erhalten. Wir nem Erstaunen habe ich noch nie einen Minister
freuen uns aber, daß unsere Freunde und Partner gefunden, der gern und freudig aus seinem Ge-
aus der Deutschen Partei, mit denen wir schon seit schäftsbereich an einen anderen Minister etwas
acht Jahren zusammengearbeitet und mit denen wir abgibt.
uns über das Regierungsprogramm der kommenden (Heiterkeit.)
vier Jahre voll verständigt haben, mit uns die Ver-
antwortung teilen. Ich, meine Damen und Herren, gebe wirklich gern
Arbeit ab,
(Beifall bei der CDU/CSU.) (große Heiterkeit)
Die Bundesregierung weiß, daß ihr mit dem Ver- wenn ich annehmen kann, daß sie ein anderer ver
trauensbeweis, den ihr die Mehrheit des deutschen ständig, wenn auch in anderer Weise als ich, macht,
Volkes auf Grund der bisherigen Politik gegeben
hat, eine schwere Verantwortung auferlegt worden (Heiterkeit)
ist. Es ist daher nötig, daß wir uns, soweit das — meine Herren, verstehen Sie wohl: verständig,
überhaupt möglich ist, zu Beginn unserer neuen wenn auch in anderer Weise als ich, macht.
Arbeit Rechenschaft darüber ablegen, wo die
Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit liegen Aber nun ein etwas respektloser Vergleich! Ein
müssen. Ministerium ist ähnlich wie ein Polyp, der sicher
oft gegen die Absichten seines Ministers seine
Ich möchte aber zuvor einige Ausführungen über Polypenarme ausstreckt, um immer mehr zu be-
Änderungen in der Organisation der Bundesregie- kommen.
rung machen. Die Notwendigkeit der organisatori- (Heiterkeit. — Lachen bei der SPD.)
schen Änderungen ergab sich zwangsläufig aus
Änderungen des Arbeitsstoffs. Sie ergab sich fer- Ich habe mir erlaubt, diese langen Ausführungen
ner aus den Erfahrungen, die wir in den vergan- zu machen, weil eine gute Grundorganisation not-
genen acht Jahren gemacht haben. Meines Erach- wendig ist für eine gute, reibungslose und spar-
tens muß ein Bundesministerium für den Bundes- same Arbeit. Ich habe nicht die Überzeugung, daß
minister nicht nur klar überschaubar sein, er muß ich jetzt schon überall das Richtige getroffen habe,
auch das Ministerium mit seiner Auffassung er- und ich muß mir vorbehalten, notfalls weitere or-
füllen. Er trägt gegenüber dem Bundeskanzler die ganisatorische Änderungen vorzunehmen.
Verantwortung. Er muß ferner die Zeit haben, (Lachen und Zurufe von der SPD.)
seine Auffassungen nicht nur vor `dem Kabinett,
dem Parlament und dessen Ausschüssen, sondern — Nun, meine verehrten Damen und Herren, auch
auch vor der Öffentlichkeit zu vertreten. Es gehört Sie nehmen ja organisatorische Änderungen vor,
nicht zu seinen Obliegenheiten, die Bundesregie- (Beifall bei den Regierungsparteien und
rung auf jeder Tagung von Verbänden — oft nur große Heiterkeit)
rein repräsentativ — zu vertreten.
und was dem einen recht ist, ist dem anderen
(Sehr richtig! in der Mitte.) billig.
Hinzu kommt, daß er wegen der immer engeren (Heiterkeit.)
Beziehung der europäischen und der nichteuropä- Einige der vorgenommenen organisatorischen
ischen Staaten untereinander häufiger als früher Änderungen möchte ich Ihnen darlegen.
Auslandsreisen machen muß. Ich halte aber auch
die nahezu regelmäßige Anwesenheit der Bundes- Zweifellos sind die überlastetsten Ministerien
minister in den Kabinettssitzungen für notwendig. das Außenministerium, das Innenministerium, das
Die Kabinettssitzungen müssen die zentrale Stätte Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium.
für die Tätigkeit der Bundesregierung bleiben. Es besteht auch nicht viel Aussicht, daß die Arbeit
Wenn Sie, meine Damen und Herren, mir in dieser dieser Ministerien in den kommenden Jahren ge-
Auffassung von der Stellung und den Pflichten ringer wird. Beim Außenministerium kann man
eines Bundesministers folgen, so werden Sie mir nur durch eine Vermehrung der leitenden Stellen
darin beipflichten, daß die Bundesministerien einen im Amte selbst helfen. Man kann es ferner dadurch,
bestimmten Umfang nicht überschreiten dürfen. daß man den an sich verständlichen Grundsatz, der
insbesondere von der Bürokratie des Auswärtigen
Ein weiteres Moment gehört in diese Ausführun-
- Amts vertreten wird, alle Verhandlungen mit aus-
gen über die Organisation hinein. Die Zuständig- ländischen Stellen müßten durch oder über das
keiten eines Ministeriums berühren vielfach die Auswärtige Amt gehen, nicht zu dogmatisch auffaßt.
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 19
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Die Arbeitslast des Innenministeriums kann erschien mir auch wegen der finanziellen und wirt-
einem ernstlich Sorge machen. Obwohl es einen schaftlichen Bedeutung des Bundesbesitzes notwen-
guten Minister und zwei gute Staatssekretäre hat, dig. Das Finanzministerium wird ferner eine erheb-
wird ihm in den kommenden vier Jahren eine so liche Vereinfachung seiner Arbeit vorzunehmen
große Aufgabe gestellt werden, daß es schwer sein haben. Sie wird das Verantwortungsgefühl des
wird, sie zu bewältigen. Eine kleine Entlastung wird Ressortministers auch auf finanziellem Gebiet
es dadurch erfahren, daß die Sorge für die Jugend stärker zum Bewußtsein bringen und zu einer rei-
von ihm auf das Ministerium für Fragen der Fa- bungsloseren Abwicklung der Regierungsgeschäfte
milie übertragen wird. beitragen. Auch die Bauabteilung wird vom Finanz-
(Unruhe bei der SPD.) ministerium auf dieses Ministerium übergehen.
Dieses Arbeitsgebiet gehört auch organisch zu die- Im Wirtschaftsministerium ist eine erhebliche
sem Ministerium. Änderung der Organisation geplant, insbesondere
damit es seiner europäischen Aufgabe gerecht wer-
Außerordentlich stark belastet sind das Finanz- den kann.
ministerium und das Wirtschaftsministerium. Zu
den großen laufenden Arbeiten des Finanzmini- Auf organisatorischem Gebiet möchte ich noch
steriums tritt diesmal noch eine echte Steuer und
-
besonders darauf hinweisen, daß das Arbeitsmini-
Finanzreform hinzu. Unter einer echten Reform sterium einen anderen Namen, „Ministerium für
verstehe ich nicht das Einschieben des einen oder Arbeit und Sozialordnung", und damit eine erheb-
anderen Paragraphen, Litera x, y, z, in ein vor- liche Erweiterung seines Aufgabenbereichs erhal-
handenes Gesetz; meines Erachtens muß auf Grund ten hat. Die soziologische Struktur unseres Volkes
der Entwicklung seit 1949, auf Grund der gemach- hat sich infolge des Verlusts zweier Kriege, der
ten Erfahrungen, auch auf Grund der Erfahrungen, neueren Wirtschaftsmethoden und des technischen
die wir mit unseren Steuergesetzen auf wirtschaft- Fortschritts stark geändert. Weite Schichten der
lichem und soziologischem Gebiet gemacht haben, Bevölkerung, die der Mittelklasse angehören, be-
eine gründliche und in die Tiefe gehende Nachprü- dürfen der Sorge des Staates. Sie sind hinter ande-
fung stattfinden, durch die der Finanzminister und ren Schichten zurückgeblieben. Wir brauchen aus
sein Ministerium stark in Anspruch genommen staatspolitischen und aus kulturpolitischen Grün-
werden. den unbedingt eine gesunde mittlere Schicht.
Auch das Wirtschaftsministerium wird in einzel- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nen Teilen stark überlastet sein. Die Aufrecht- Wir wollen nicht, daß schließlich bei immer größe-
erhaltung der Höhe der Zahl der Beschäftigten, die rer Konzentration der Wirtschaft zu Großbetrieben
durch unüberlegte Lohnforderungen beeinträchtigt das Volk aus einer kleinen Schicht von Herrschern
werden kann, erfordert viel Kraft. Das gleiche gilt über die Wirtschaft und einer großen Klasse von
von dem Kampf um das Preisniveau, dessen Er- Abhängigen besteht.
höhung für alle Beteiligten schwere Nachteile brin-
gen kann. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Wir brauchen unabhängige, mittlere und kleine
Hinzu kommt eine neue Aufgabe, die für die Zu- Existenzen im Handwerk, Handel und Gewerbe.
kunft unseres Volkes entscheidend ist. Ich meine Dafür soll das Wirtschaftsministerium sorgen. Wir
das Überführen und Hineinführen der deutschen brauchen das gleiche in der Landwirtschaft. Für sie
Wirtschaft in die europäische Wirtschaft entspre- soll der Landwirtschaftsminister Sorge tragen. Wir
chend den römischen Verträgen und die Schaffung brauchen die anderen freien Berufe. Wir brauchen
einer Freihandelszone. Ich brauche Ihnen gegen- die Anerkennung und den Aufstieg von Angestell-
über wohl kein Wort darüber zu verlieren, wie ten in den Großbetrieben. Die Wahrung ihrer In-
schwer und wie verantwortungsvoll gerade diese teressen und die Sorge für sie fällt in den Bereich
Aufgabe ist. Man hat mir nahegelegt, für sie einen dieses erweiterten Ministeriums.
besonderen Europaminister zu bestellen. Der zuerst
bestechende Gedanke ist nicht gut. Die deutsche (Beifall bei der CDU/CSU.)
Wirtschaft muß in die europäische Wirtschaft hin- Die vor uns liegende Arbeit, meine Damen und
eingeführt werden. Das kann nur der für das Ge- Herren, ist sehr groß. Aus den einzelnen Ministe-
schick der deutschen Wirtschaft in erster Linie ver- rien, von Verbänden, von Einzelpersonen sind mir
antwortliche Mann, der Wirtschaftsminister, tun. sehr zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung der
Es handelt sich dabei gleichzeitig um eine Aufgabe Lösung dieses oder jenes Problems zugegangen.
der Europapolitik. Ich danke für das dadurch bekundete Interesse.
Wie sollten wir nun Luft schaffen für ein gutes Aber es ist mir unmöglich, alle uns drückenden
Funktionieren des Finanzministeriums und des Fragen und Probleme auch nur annähernd zu er-
Wirtschaftsministeriums? Ich habe zuerst die Ver- wähnen. Ich muß mich vielmehr darauf beschrän-
waltung des wirtschaftlichen Besitzes des Bundes, ken, auf Schwerpunkte unserer kommenden Tätig-
die zum Teil beim Finanzministerium, zum Teil keit hinzuweisen.
beim Wirtschaftsministerium war, von diesen ab- Mit an erster Stelle nenne ich die Schaffung von
getrennt und dem zu einem Ministerium für den Kapital und die Streuung des Besitzes. Schaffung
wirtschaftlichen Besitz des Bundes erweiterten von Kapital, meine Damen und Herren, ist not-
ERP-Ministerium übertragen. Diese Übertragung wendig, um die Produktivität unserer Wirtschaft
20 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Bundeskanzler Dr. Adenauer
zu steigern und sie krisenfest zu machen. Streuung Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und Er-
von Besitz in weitem Umfang ist nötig, um einer höhung des Sozialprodukts müssen miteinander
möglichst großen Zahl von Staatsbürgern Selbst- verbunden bleiben, wenn nicht alle, auch Unterneh-
gefühl und das Gefühl der Zugehörigkeit zum mer und Arbeitnehmer, Schaden leiden sollen. Auf
Volksganzen zu geben. Ohne größere Spartätigkeit diese Zusammenhänge hinzuweisen, auf ihre Be-
sind beide Ziele nicht zu erreichen. Nur Arbeit und achtung hinzuwirken ist eine ernste Aufgabe der
Sparen schafft Kapital und begründet und vermehrt Bundesregierung. Arbeitszeitverkürzung und gleich-
den Besitz. Sparen ist in gleicher Weise wirtschaft- zeitige Lohnerhöhung können eine untragbare Ver-
lich und ethisch notwendig. Wir wollen aber nicht minderung des Sozialprodukts bedeuten.
nur zu einem Feldzug für das Sparen aufrufen, wir Es liegt mir besonders am Herzen, auch auf fol-
wollen das Sparen durch gesetzgeberische Maßnah gendes hinzuweisen. Der Sinn und die Erfüllung
nahmen auch lohnend machen. Die Durchführung des Lebens liegen nicht im übersteigerten Lebens-
des Familienheimgesetzes und die Einführung der standard und übertriebenen Luxus, nicht in Hast
Volksaktie, die sich nicht etwa nur auf Betriebe, und Jagd nach Geld und materiellem Genuß.
die dem Bund gehören, erstrecken soll, sind einige
der geeigneten Mittel, die Spartätigkeit anzuregen. (Abg. Bauer [Würzburg]: Das ist nach der
Wahl gesagt worden! — Weitere Zurufe
Die Bundesregierung erwartet von der Wirtschaft, von der SPD.)
daß sie den Wettbewerb bejaht und mit ihr ge-
— Aber da werden Sie mir doch wohl zustimmen!
meinsam bemüht ist, das Gesetz gegen Wettbe-
werbsbeschränkungen zu einer wirksamen Hilfe (Abg. Wehner: „Keine Experimente"!)
für den Verbraucher werden zu lassen. — Also, sehen Sie, meine Herren, es hat mir ja in
(Beifall bei der CDU/CSU.) der Feder gezuckt, das Wort „Keine Experimente"
anzubringen. Ich habe es mit Rücksicht auf Sie un-
Wettbewerb und freie Preisbildung haben sich bis- terlassen.
her stets als bester Schutz für den Verbraucher er- (Heiterkeit und Beifall bei den Regie
wiesen. Für die Interessen der Verbraucher zu rungsparteien. — Abg. Wehner: Familien
kämpfen, ist die Bundesregierung fest entschlossen.
minister!)
Sie schenkt deshalb der Entwicklung der Preise die
größte Aufmerksamkeit. Der Mensch, seine seelischen Werte, seine Ge-
sundheit und seine Familie müssen in den Mittel-
(Zurufe von der SPD.)
punkt der Betrachtungsweise gestellt werden.
Das Preisniveau ist für die Stabilität unserer Wäh-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
rung, für unsere Möglichkeiten zum Export und da-
mit nicht zuletzt für die Aufrechterhaltung unseres Es ist daher erforderlich, daß der Sonntag wieder
hohen Beschäftigungsstandes von entscheidender ein Tag der Besinnung wird,
Bedeutung. Übersehen wir nicht die Warnzeichen, (lebhafter Beifall bei den Regierungspar
die sich in unserer Wirtschaft hier und da zeigen. teien)
Sie steht auf einer viel zu schwachen Kapital-
grundlage, um einem Sturm gewachsen zu sein. ein Tag, an dem die geistigen und die körperlichen
Kommt es einmal zu Zusammenbrüchen, dann wer- Kräfte wieder erneuert werden, ein Tag auch, an
den beide Teile, meine Damen und Herren, Arbeit- dem die Familie zusammenfindet.
geber und Arbeitnehmer, darunter leiden. (Beifall in der Mitte.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Die Bundesregierung wird Maßnahmen treffen, um
jeder nicht zwingend notwendigen Sonntagsarbeit
Die Freiheit der Sozialpartner bei der Gestaltung
entgegenzuwirken.
der Lohn- und Arbeitszeitfragen hat ihre Grenze in
dem für das Allgemeinwohl wirtschaftlich Trag- (Lebhafter Beifall bei den Regierungspar
baren. teien.)
(Lebhafter Beifall bei den Regierungspar Die Sozialreform wird fortgeführt werden. In er-
teien.) ster Linie wird neben der Korrektur etwa zutage
tretender Mängel in der bisherigen Gesetzgebung
Die Sozialpartner dürfen sich weder bedenkenlos
eine Neuordnung der Krankenversicherung und der
auf Kosten der Konsumenten verständigen
Unfallversicherung in Frage kommen. Die Sozial-
(Beifall bei den Regierungsparteien) reform wird sich jedoch nicht in einer Neuordnung
der Rentenversicherung und im Ausbau solidari-
noch dürfen sie in einem gutgehenden Wirtschafts-
scher Sicherungseinrichtungen erschöpfen können.
zweig Vereinbarungen treffen, die schwächere Be-
Es ist an der Zeit, Folgerungen aus der veränder-
reiche der Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten
ten gesellschaftlichen Struktur unseres Volkes zu
oder gar zum Erliegen bringen.
ziehen. Wir können zu unserer Freude feststellen,
(Sehr gut! in der Mitte.) daß weite Teile der Bevölkerung, die bisher kaum
das Existenzminimum erreichten, in höhere Ein-
Das Gesamtwohl des deutschen Volkes muß im- kommensschichten aufgestiegen sind und damit
mer oberstes Gesetz auch für Unternehmer
- und Ar- weitgehend für sich selbst sorgen können. Die
beitnehmer sein. Bundesregierung ist entschlossen, den Gedanken
(Beifall bei den Regierungsparteien.) , der Selbsthilfe und privaten Initiative in jeder
Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957 21
Bundeskanzler Dr. Adenauer
Weise zu fördern und das Abgleiten in einen tota- die Zusammenarbeit zu vertiefen. Durch persön-
len Versorgungsstaat, der früher oder später den liche Fühlungnahme lassen sich erfahrungsgemäß
Wohlstand vernichten würde, zu verhindern. auch schwierigere Probleme lösen. Der ständigen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Verbindung zu den Bundesländern und zum Bun-
desrat dient das Bundesratsministerium.
Die Bundesregierung wird mithelfen bei einer
sinnvollen Gestaltung der Freizeit. Es wird dabei Ausdrücklich möchte ich in diesem Zusammen-
auch daran zu denken sein, daß eine Ausdehnung hang auch sagen, daß die Bundesregierung in der
der Freizeit den Begabten zu einer Ausdehnung kommunalen Selbstverwaltung das Fundament des
ihrer Kenntnisse und zum sozialen Aufstieg ver- demokratischen Staatsaufbaues sieht.
helfen kann. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Es wird eine ihrer vornehmsten Aufgaben sein, zur
Die Bundesregierung wird ferner, wenn genü- Förderung der Gemeinden beizutragen.
gend Erfahrungen über die Auswirkungen des in Die Landwirtschaft wird noch auf Jahre hinaus
der vergangenen Legislaturperiode verabschiede- der Hilfe bedürfen. Die Grundlinien, die im Land-
ten Gesetzes über Lohnfortzahlung im Krankheits- wirtschaftsgesetz und im Grünen Plan festgelegt
fall vorliegen, etwaige Mängel dieses Gesetzes be- sind, haben sich als richtig erwiesen. Die struktu-
seitigen. relle Umwandlung der Landwirtschaft ist eine Auf-
Auf dem Gebiet des Rechtswesens steht in der gabe, die Zeit erfordert. Auch die Ungeduldigsten
kommenden Legislaturperiode an erster Stelle der unter den Landwirten müssen sich das klarmachen.
Abschluß der großen Strafrechtsreform. Sie soll das Sie sollten dem Landwirtschaftsminister und der
in seinem Kern hundert Jahre alte Strafgesetzbuch Bundesregierung zeigen, auf welchen Gebieten eine
durch ein neues Strafrecht ablösen, das der seit- bessere und schnellere Arbeit geleistet werden
her eingetretenen Entwicklung und den Aufgaben kann. Wir wären für guten Rat dankbar; aber,
unserer Zeit gerecht wird. Ferner ist, wie bereits meine Damen und Herren, Kritik um der Kritik wil-
erwähnt, eine Revision des Aktienrechts und des len nutzt niemandem, sondern schadet nur.
Urheberrechts in Aussicht genommen. Als vor- Eine Zusammenarbeit zwischen der Bundesregie-
dringlich sieht die Bundesregierung auch die bal- rung und den bäuerlichen Vereinigungen ist auch
dige Verabschiedung der einheitlichen Rechtsan- nötig, um einen störungsfreien Übergang in den
waltsordnung und der Notarordnung an. Dem Auf- Gemeinsamen Markt zu sichern.
trag des Grundgesetzes folgend wird die Bundes-
regierung auch das Deutsche Richtergesetz dem- Die Landwirtschaft braucht Kapital. Ich habe
nächst vorlegen. Des weiteren scheint es dringend schon über die Notwendigkeit der Regelung des
notwendig, den Schutz der Persönlichkeit g egen Kapitalmarkts gesprochen. Ich hatte dabei auch vor-
Eingriffe in die Privatsphäre und gegen Ehrverlet- nehmlich die Interessen der Landwirtschaft im Auge.
zungen zu verbessern. In stärkerem Maße als bisher muß für die Er-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — leichterung der Arbeit der Landfrau Sorge getragen
Hört! Hört! bei der SPD. — Abg. Heiland: werden.
Auch im Wahlkampf, Herr Dr. Adenauer!) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
— Darauf antworte ich Ihnen später einmal; ich Wenn wir die Menschen im Dorfe festhalten wol
muß jetzt eine Regierungserklärung abgeben. len, so ist das sicher eine Voraussetzung dafür.
(Heiterkeit in der Mitte. — Zurufe von Es wäre weiter dringend wünschenswert, daß die
der SPD.) Industrie kleinere Zubringerbetriebe in manchen
Wir hoffen, daß in dieser Legislaturperiode die Gegenden errichtet, in denen der Bauer seine Ar-
bundeseinheitliche Verwaltungsgerichtsordnung und beitskraft nicht genügend verwerten kann.
das Gesetz zur Neuordnung der Finanzgerichtsbar- (Abg. Niederalt: Sehr richtig! Weitere
keit verabschiedet werden können. Zustimmung in der Mitte.)
Ich habe davon gesprochen, daß eine Reform des Das „Dorf" muß aus allgemeinen Staatsgründen so
Aktienrechtes nötig ist. Wenn wir neue Gesell- gestaltet werden, daß die Menschen, die dort ge-
schaftsschichten am Kapitalmarkt interessieren wol- boren sind, im allgemeinen auch ihren Lebensunter-
len, dann muß die Ertragslage der Gesellschaften halt dort verdienen, daß sie aber auch Erholung
auch der breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht und Abwechslung finden können; sonst werden die
und der Einfluß der Eigentümer — das ist der Ak- Dörfer menschenleer werden und die Menschen
tionäre — auf die Verwaltung und die Gewinnver- sich immer mehr in den Städten zusammenballen.
wendung vergrößert werden. Hier liegt meines Erachtens eine staatspolitische
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Aufgabe erstens Ranges.
Bei ihren Arbeiten erwartet die Bundesregierung Die sittlichen Kräfte der Familie sind entschei-
eine verständnisvolle Unterstützung durch die Bun- dend für Gegenwart und Zukunft eines Volkes.
desländer. Es kommt darauf an, das Spannungsver- Was einem Kind in der Jugend in der Familie nicht
-
hältnis zwischen dem Bund und seinen Gliedern geboten worden ist, bleibt ein dauernder Verlust
fruchtbar zu machen. In regelmäßigen Besprechun- für den Menschen während seines ganzen Lebens.
gen mit den Chefs der Länderregierungen hoffe ich, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
22 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode — 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
Die Sowjetunion, meine Damen und Herren, Die westliche Welt ist, gemessen an ihrer Men-
feiert in diesem Jahre ihr vierzigjähriges Bestehen. schenzahl, ihrer geistigen Entwicklung, ihrem mili-
Es kann nach allen uns zugegangenen Berichten tärischen und wirtschaftlichen Potential, dem ihr
und Veröffentlichungen kein Zweifel darüber be- gegenüberstehenden Ostblock erheblich überlegen.
stehen, daß es dem sowjetrussischen Totalitarismus Voraussetzung aber für die Aufrechterhaltung und
gelungen ist, einer Bevölkerung von rund 200 Mil- für das Wirksamwerden dieser Uberlegenheit ist
lionen Menschen den eigenen Willen, das Vertrauen allerdings die Zusammenfassung aller Kräfte der
zur eigenen Kraft zu nehmen und sie zu einer freien Welt unter einer energischen und gleichzei-
Masse zu machen, die sich von diktatorischen Kräf- tig ruhigen und weisen Führung. Diese Führung
ten beliebig formen und verwenden läßt. Vierzig kann und muß nach den gegebenen Verhältnissen
Jahre der Gewaltherrschaft haben im russischen in den Händen der Vereinigten Staaten als der
Volk die Fähigkeit einer eigenen Willensbildung weitaus stärksten Macht des Westens liegen. Es
zerstört. Es ist den Machthabern im Kreml gelun- bedarf daher bei allen Völkern, die das Ideal der
gen, diese riesigen Volksmassen auf Ziele auszu- Freiheit zur Grundlage ihrer Politik und ihres indi-
richten, die ebensosehr der kommunistischen Ideo- viduellen Lebens gemacht haben, eines großen
logie wie dem Panslawismus angehören. Das, meine Maßes an Selbstbeschränkung des nationalen Egois-
Damen und Herren, ist eine sehr ernste Tatsache, mus, einer tiefen Einsicht in die Notwendigkeit
an der wir nicht vorbeigehen können. einer einheitlichen westlichen Politik und des Wil-
lens zu großen Opfern.
Seit 1945 hat die Sowjetunion in den osteuropä-
ischen Staaten 100 Millionen Menschen gewaltsam Es fehlt aber, meine Damen und Herren — das
unterworfen, und sie arbeitet mit Zähigkeit daran, möchte ich hier betonen, nachdem ich Ihnen dieses
auch diese Menschen in den Zustand völliger gei- sehr ernste Bild der außenpolitischen Lage gegeben
stiger, militärischer und wirtschaftlicher Entschluß- habe —, auch nicht an hoffnungsvollen Zeichen.
losigkeit zu versetzen. Das vergangene Jahr hat Die Einheit Europas hat durch die Gründung der
durch die Vorgänge in Polen und den heroischen, Westeuropäischen Union, durch den wirtschaft-
aber erfolglosen Freiheitskampf in Ungarn gezeigt, lichen Zusammenschluß in der Montanunion, durch
daß in diesem Teil des sowjetischen Machtbereichs die Unterzeichnung der Verträge über Euratom
zwar noch Menschen leben, für die die Begriffe und den Gemeinsamen Markt und durch die Be-
Freiheit und Selbständigkeit eine lebendige Bedeu- strebungen für die Bildung der großen europäischen
tung besitzen. Es scheint aber der Sowjetunion ge- Freihandelszone erhebliche Fortschritte gemacht.
lungen zu sein, ihre Macht auch im osteuropäischen Darüber hinaus sind im atlantischen Defensiv-
Raum erneut fest zu stabilisieren. Sie benutzt alle bündnis unter Führung der Vereinigten Staaten
sich irgendwo auf der Welt zeigenden Spannungs- 15 Nationen zusammengeschlossen, die auf militä-
herde zur Vergrößerung ihrer Macht und zur Ab- rischem Gebiet zu einer weitgehenden Einheit ge-
lenkung der Aufmerksamkeit des Auslands von langt sind und deren gemeinsames Denken in poli-
ihren eigenen Schwierigkeiten. Sie hat alles getan, tischen Fragen ebenfalls große Fortschritte auf-
um die Krise im Vorderen Orient zu verschärfen weist.
und damit die Welt unter den Druck einer direkten
Kriegsbedrohung zu setzen. Sie hat während der Wenn ich trotzdem heute meine Stimme in ern-
Suez-Krise im Herbst 1956 zum erstenmal seit dem stem Tone erhebe, in dieser Entwicklung ohne Zö-
zweiten Weltkrieg ihren ehemaligen Verbündeten gern mit größter Energie und Zielstrebigkeit fort-
Großbritannien und Frankreich unverblümt mit zuschreiten, dann tue ich das, weil ich von der
dem Einsatz atomarer Waffen gedroht und damit Sorge erfüllt bin, daß die freien Völker dieser Welt
ihren Anspruch angemeldet, bei allen auf der ihre Freiheit verlieren würden, wenn sie den jetzi-
Welt entstehenden internationalen Konflikten mit gen Zustand in der Welt als eine nicht zu ändernde
dem vollen Einsatz machtpolitischer Mittel ein ent- Tatsache hinnehmen und in eine Periode der
scheidendes Wort mitzusprechen. Schwäche und der Uneinheitlichkeit gegenüber der
Betrachtet man die Vorgänge der letzten Jahre, einheitlichen, bedenkenlosen und in reinem Macht-
so geht daraus für den aufmerksamen Beobachter streben befangenen Politik des Ostens abgleiten
der Entwicklung hervor, daß die Sowjetunion nach würden. Ich begrüße und unterstütze daher bereit
wie vor die allein entscheidende politische und willigst alle Maßnahmen, die zu einer engeren po-
militärische aggressive Macht im gesamten Ost- litischen Zusammenarbeit der freien Völker füh-
raum ist. ren, weil diese Zusammenarbeit uns stärkt, den
Gegner aber entmutigt und friedenswillig macht.
Die inneren Machtkämpfe in der führenden
- Die-
Schicht ändern daran bis auf weiteres nichts. (Beifall bei der CDU/CSU.)
sem festgefügten Block im Osten steht die west- Mit großer Genugtuung erfüllt mich die bevor-
liche freie demokratische Welt in ihrem Kampf um stehende Zusammenkunft der NATO-Länder in
24 Deutscher Bundestag — 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 29. Oktober 1957
-
Deutscher Bundestag - 3. Wahlperiode - 3. Sitzung. Bonn, tienstag, den 29. Oktober 1957 29