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C20 Reflexivum

1. Wortartbezeichnung
2. Kurzdefinition und Verortung in einer Systematik
3. Die Wortart im Deutschen
4. Kontrastive und typologische Aspekte
5. Literatur

1. Wortartbezeichnung

Das Reflexivum sich wird in der Regel in der Gruppe der Prono-
mina oder Pro-Formen verortet, deren gemeinsame Eigenschaft
darin besteht, nominale und teilweise auch andere Satzkonstituenten
zu ersetzen. Für einen Teilbereich seiner Verwendungen, in der die
Form sich Koreferenz mit einer vorausgehenden nominalen Konsti-
tuente ± in der Regel das Subjekt ± anzeigt (Paul verletzte sich mit
dem Messer), wird sich häufig auch als ¸reflexive Anapher bezeich-
net.
Die pronominale Form sich befindet sich unter den zehn bis
fünfzehn häufigsten Wortformen im Deutschen und steht in Hin-
blick auf die Frequenz ihres Auftretens in unmittelbarer Umgebung
zu Wortformen wie der, er, und, sein, werden, von, haben, mit usw.
(Rosengren 1977). Angesichts der geringen phonologischen Substanz
des Reflexivums und der bekannten Zipfschen (negativen) Korrela-
tion zwischen Substanz und Frequenz ist diese Verbreitung erst ein-
mal nicht unerwartet. Der Grund für diese relativ hochfrequente
Verwendung des Reflexivums ist jedoch nicht in der häufigen Be-
schreibung von reflexiven Relationen zu suchen, sondern hat eher
etwas mit der starken Polysemie dieses Ausdrucks zu tun. Neben
seiner Funktion zur Kennzeichnung referentieller Identität von Sub-
jekt- und Objektposition eines transitiven Verbs dient die Wortform
sich ebenfalls zur Markierung reziproker Relationen (Die Kinder be-
warfen sich mit Sand), zur Sättigung bzw. Reduzierung von Argu-
mentstellen eines Verbs in antikausativen und Medialkonstruktionen
(Der Stab bog sich; Dieses Zimmer reinigt sich leicht) ± oft auch als
Reflexivkonverse oder sich-Diathese bezeichnet ± und erscheint wei-
terhin obligatorisch bei einer Reihe sog. inhärent-reflexiver Verben
(Sie freuen sich).
Aus einer funktionalen Perspektive ist demnach die Bezeichnung
¸Reflexivum oder ¸Reflexivpronomen für die überwiegende Mehr-
708 Peter Siemund

heit der Verwendungen dieser Wortform nicht angebracht und nur


über die Form motivierbar. Da sie jedoch etabliert ist und sich
durch die formale Unveränderlichkeit dieser Wortform kaum Miss-
verständnisse ergeben dürften, wird sie im folgenden beibehalten.
Eine Überblicksdarstellung des Reflexivums erfordert die Einbe-
ziehung weiterer Ausdrücke, die semantisch mit der Wortform sich
verwandt oder mit ihr kombiniert werden können und semantisch
interagieren. Zu diesen weiteren Ausdrücken gehören mindestens
selbst, selber, eigen, einander, der / die / das selbe, selbiger sowie ei-
nige andere. Damit ist für die Analyse der Wortform sich nicht nur
die Wortart der Pronomina relevant, sondern auch die der Adjektive,
Adverbien und Partikeln.

2. Kurzdefinition und Verortung


in einer Systematik

In der westlichen Grammatiktradition werden Reflexiva als solche


Ausdrücke definiert, deren (primäre) Funktion es ist, die referen-
tielle oder denotationelle Identität (Koreferenz) von zwei Argu-
mentstellen eines Verbs (oder eines anderen subkategorisierenden
Ausdrucks) herzustellen. Das Reflexivum steht in paradigmatischer
Opposition zu anderen Ausdrücken der Klasse der Pronomina, wo-
bei durch die Substitution des Reflexivums durch diese Ausdrücke
in der Regel die koreferente Lesart mit dem Antezedens (d.h. mit
der vorausgehenden Bezugs-NP) nicht mehr möglich ist und dis-
junkte Referenz ausgelöst wird. Für ein einfaches Beispiel wird die-
ser Zusammenhang in (1) gezeigt.
(1) a. Pauli kritisiert ihnj.
b. Pauli kritisiert sichi.
Im Sinne der von Ehlich (2000) weiterentwickelten Sprachtheorie
Karl Bühlers kann man Reflexiva somit als operative Prozeduren
analysieren und im Operationsfeld verorten. Reflexiva haben die
Funktion, Koreferenz mit einem Antezedens auszudrücken und re-
ferieren somit nicht selbst. Instruktionssemantisch gesehen sind sie
Handlungsanweisungen an den Adressaten, die Referenz des Refle-
xivums über das zugehörige Antezedens herzustellen. Diese Analyse
ist im Prinzip auch auf die reziproke Verwendung des Reflexivums
sich übertragbar.
Reflexivum 709
Neben dieser Funktion zum Ausdruck von Koreferenz hat das
Reflexivum, wie bereits angedeutet, eine Reihe nicht-reflexiver Ver-
wendungen, die statistisch gesehen die Mehrheit der Kontexte von
sich abdecken dürften. Bei den sog. antikausativen Konstruktionen
wie in (2) besteht die Funktion von sich darin, bei einigen transiti-
ven Verben die Argumentstelle des Objekts zu sättigen und die Ver-
ben somit zu intransitivieren. Die in der kausativen Variante mit der
Objektposition assoziierte semantische Rolle wird in der antikausa-
tiven Konstruktion auf das Subjekt projiziert. Damit geraten diese
Beispiele in die Nähe des Passivs, ohne dass das Agens optional rea-
lisierbar wäre.
(2) a. Paul biegt den Stab. / Der Stab biegt sich.
b. Paul löst die Tapete. / Die Tapete löst sich.
b. Paul öffnet die Tür. / Die Tür öffnet sich.
¾hnlich verhält sich das Reflexivum auch in Medialkonstruktionen
wie (3), da auch in diesen Fällen eine Detransitivierung erreicht
wird, das Objekt der transitiven Variante in der intransitiven als
Subjekt erscheint und das Agens nicht realisierbar ist. Allerdings ist
bei solchen Medialkonstruktionen eine adverbiale Angabe obligato-
risch.1 Hinsichtlich ihrer kategorialen Einordnung sind die reflexi-
ven Sätze in (2) und (3) zwischen Aktiv und Passiv anzusiedeln, da
sie semantische Eigenschaften des Passivs aufweisen, aber syntakti-
sche Eigenschaften des Aktivs.
(3) a. Paul liest das Buch./Das Buch liest sich gut.
b. Paul bügelt Leinenhemden./Leinenhemden bügeln sich schwer.
Obwohl die in (2) und (3) gezeigten Konstruktionsmuster gleicher-
maûen eine Einbettung unter das Verb lassen erlauben und somit
zur Bildung der sog. ¸lassen-Diathese führen (4), erhalten sie inner-
halb der lassen-Diathese Eigenschaften, die die Unterscheidung eines
weiteren Konstruktionstyps notwendig machen. So ist bei den fol-
genden Beispielen problemlos der Zusatz einer von-Phrase möglich.2

1 Diese Medialkonstruktionen sind nur bei Verben möglich, deren Aktionsart mit
Vendler (1967) als ¸activities oder ¸accomplishments bezeichnet werden kann;
¸states und ¸achievements sind dagegen nicht möglich: *Dieses Auto besitzt sich
nicht leicht; ??Diese Pilze finden sich leicht.
2 Daneben gibt es weitere Unterschiede zwischen der lassen-Diathese und Me-
dial- / Antikausativkonstruktionen, die ausführlich in Kunze (1996: 648±651) dis-
kutiert werden (z. B. expletives es, Adverbiale usw.)
710 Peter Siemund

(4) a. Der Stab lässt sich (sogar von Kindern) biegen.


b. Das Buch lässt sich (von Kindern) gut lesen.
Reflexive lassen-Konstruktionen erlauben im Wesentlichen drei Les-
arten, von denen nur die in (4) gezeigte eine Form der Diathese ist.
Bei den beiden anderen Verwendungen handelt es sich um AcI-Kons-
truktionen, in denen lassen entweder eine permissive oder eine kau-
sative Bedeutung hat und zudem ein Vollverb ist (5). Kunze (1996:
651) bemerkt dazu, dass in einem Beispiel wie Hans lässt sich rollen
alle drei Lesarten möglich sind.
(5) a. Der Pinguin lässt sich streicheln.
b. Paula lässt sich auf den Berg tragen.
Zum Abschluss dieser kurzen systematischen Einordnung des Refle-
xivums ist noch darauf hinzuweisen, dass die Wortform sich mit ei-
ner Reihe von Verben lexikalisiert ist (6). Bei diesen sog. ¸inhärent-
reflexiven Verben besteht die Möglichkeit der Passivierung, wobei
das Resultat ein subjektloses Reflexivpassiv ist, dessen Besonderheit
ein illokutives Potential ist, das man mit Eisenberg (2004: 131) als
¸energische Aufforderung bezeichnen könnte.
(6) sich beeilen, sich entschlieûen, sich vertragen, sich kümmern,
sich bessern, sich bewerben, sich schämen, sich verkriechen usw.
(7) Jetzt wird sich endlich vertragen. / Hier wird sich nicht ge-
schämt.
Aus den vorangegangenen Erörterungen dürfte ersichtlich geworden
sein, dass das Reflexivum im Deutschen eine beeindruckende Breite
an verschiedenen Verwendungen aufweist, von denen die wohl ur-
sprüngliche zur Kennzeichnung von referentieller Identität von Sub-
jekt und Objekt eines transitiven Verbs nur eine ist, die zudem in
Hinblick auf die Häufigkeit ihres Auftretens sicherlich nur eine un-
tergeordnete Rolle spielt. Im Folgenden sollen einige dieser Verwen-
dungen einer genaueren Analyse unterzogen werden.

3. Die Wortart im Deutschen

Um eine angemessene Verortung des Reflexivums innerhalb einer


Grammatik des Deutschen zu erreichen, ist die Untersuchung ver-
schiedener Parameter notwendig. Dazu gehören in erster Linie die
Reflexivum 711
Kongruenzmerkmale und die paradigmatische Einordnung von sich,
die möglichen Antezedenten des Reflexivums sowie der syntaktische
Bereich, innerhalb dessen das Antezedens gefunden werden muss
(Bindungsdomäne). Weiterhin soll für die Analyse von sich das Ver-
hältnis von Reflexivität und Reziprozität und deren Kodierung he-
rangezogen werden und eine grobe Charakterisierung der nächsten
verwandten Ausdrücke ± insbesondere von selbst ± geliefert werden.
Die systematische Darstellung des Reflexivums wird abschlieûend
durch einige kontrastive und typologische Beobachtungen ergänzt.
Im Zentrum der Erörterungen wird das Reflexivum in seiner Funk-
tion zum Ausdruck von Koferenz stehen. Die nicht-reflexiven Ver-
wendungen von sich werden im Folgenden nur eine untergeordnete
Rolle spielen.3

Kongruenzmerkmale
Hinsichtlich overter Kongruenzmerkmale ist zunächst einmal offen-
sichtlich, dass sich eine nicht-flektierte Wortform ist. Auf Grund von
Beobachtungen zu seiner Distribution kann man jedoch feststellen,
dass sich das Merkmal der 3. Person trägt, allerdings unabhängig
von Singular und Plural und auch unabhängig vom Genus. In der 1.
und 2. Person erscheinen die Formen der Personalpronomina zum
Ausdruck von Koreferenz (8).4
(8) a. Die Frau / der Mann / das Kind kämmt sich. / Die Kinder
kämmen sich.
b. Ich kämme mich. / Du kämmst dich. / Wir kämmen uns. / Ihr
kämmt euch.

3 Der interessierte Leser wird auf die Arbeiten von Kunze (1995, 1996, 1997) ver-
wiesen.
4 Bemerkenswert ist die Tendenz, koordinierte NPn in Subjektposition, die ein
Pronomen der 1. oder 2. Person enthalten, in einer reflexiven Lesart durch die
Form sich wieder aufzunehmen und nicht durch uns oder euch, wie man es ge-
mäû der Kongruenzregeln erwarten würde:
a. Fernab vom Verkehr sonnten sich meine Frau und ich.
b. . . . die Mühe, die sich mein Freund und ich gegeben haben, . . .
Laut Duden (2005: 1015) ist die Verletzung der Kongruenzregel besonders wahr-
scheinlich, wenn das Pronomen vor dem Subjekt steht, wie in den obigen Bei-
spielen. Steht das Subjekt vor dem koreferenten Pronomen, wie in folgendem
Beispiel, wird die Kongruenz eher beachtet. Allerdings tolerieren viele Sprecher
auch das Reflexivpronomen in diesem Kontext.
c. Meine Frau und ich würden uns / sich über ihren Besuch sehr freuen.
712 Peter Siemund

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die in (8b) erscheinenden


pronominalen Formen nicht als Reflexiva analysiert werden können,
da sie ebenfalls in den entsprechenden nicht-koreferentiellen (deik-
tischen) Kontexten auftreten (9).
(9) Paul kämmt mich / dich / uns / euch.
Die Formen in (8b) sind demnach als reflexivisch verwendete Per-
sonalpronomina zu analysieren. Eine weit verbreitete funktionale
Erklärung für das Fehlen der Reflexivpronomina in der 1. und 2. Per-
son ist die fehlende Ambiguität zwischen koreferenter und nicht-
koreferenter Interpretation in der 1. bzw. der nur schwachen Ambi-
guität in der 2. Person, da es ja nur einen Sprecher und oft nur einen
Adressaten gibt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verwendung
der Personalpronomina zum Ausdruck von Reflexivität im Vergleich
zur Verwendung separater Reflexiva als die ökonomischere Strategie.
Obwohl die Wortform sich auch in Hinblick auf Kasusmerkmale
keine formalen Exponenten zeigt, kann man wiederum auf Grund
von distributioneller Evidenz von der Existenz solcher Merkmale
ausgehen. Wie die Beispiele in (10) zeigen, kann das Reflexivum als
Dativ- und Akkusativargument erscheinen. Die Verwendung als Ge-
nitivargument oder im Nominativ in der Position des Subjekts (11)
ist dagegen ausgeschlossen (Eisenberg 1989: 191; Eisenberg 2004:
174).5 Die Verwendung der Genitivform des Personalpronomens der
3. Person in (11 a) führt nun wie erwartet zu einer Ambiguität zwi-
schen koreferenter und nicht-koreferenter Lesart.
(10) a. Er hilft sich. / Er hilft ihm.
b. Er sieht sich. / Er sieht ihn.
(11) a. *Er gedenkt sich. / Er gedenkt seiner.
b. *Sich sieht ihn. / Er sieht ihn.

5 Im Duden (2005: 281) wird die komplexe Form er selbst als Reflexivpronomen
im Nominativ analysiert. Sie erscheint gemäû der dort geäuûerten Auffassung als
Prädikativ: Otto war nicht mehr er selbst. Diese Analyse wird hier nicht über-
nommen, da er selbst, wie weiter unten ausgeführt wird, leicht als komplexer
Ausdruck analysiert werden kann, dessen Bedeutung und Distribution sich aus
dem Personalpronomen und der Form selbst kompositional ergibt.
Reflexivum 713
Eigenschaften des Antezedens und Bindungsdomäne
Weitere wichtige Eigenschaften des Reflexivums werden offensicht-
lich, wenn man die nominalen Bezugskonstituenten (Antezedenten)
betrachtet, mit denen sich koindiziert sein kann, insbesondere deren
Funktion im Satz, und diese mit den grammatischen Eigenschaften
des Reflexivums im Satz in Beziehung setzt. In den bisher bespro-
chenen Beispielen, in denen sich Koreferenz mit einer NP aus-
drückt, war diese NP ausnahmslos das Subjekt des Satzes, während
sich in einer Objektfunktion erscheint. Ein nominales Antezedens in
Subjektsfunktion stellt insofern den unmarkierten Fall dar, als die
überwiegende Mehrzahl der (reflexiven) Verwendungen von sich mit
dem Subjekt koindiziert ist.
Nichtsdestoweniger erlaubt das Reflexivum auch eine Koindizie-
rung mit nominalen Konstituenten in einer anderen Funktion als der
des Subjekts und kann über Akkusativ- und Dativobjekt hinaus
auch in anderen Funktionen erscheinen, wobei die möglichen Bin-
dungsrelationen zwischen Reflexivum und Antezedens durch die
folgenden Prinzipien bzw. deren Zusammenspiel gesteuert werden
(Chomsky 1981: 188; Primus 1989; Reinhart / Reuland 1993; Zifo-
nun et al. 1997: 1357):
1. Das Reflexivum wird durch das Antezedens k-kommandiert
(Chomsky 1981).6
2. Das Antezedens ist gegenüber dem Reflexivum auf der fol-
genden Hierarchie der grammatischen Relationen relativ höher
positioniert: Nominativargument > Akkusativargument > Dativ-
argument > Präpositionalargument > Adverbialargument > Ad-
verbialmodifikator (Primus 1989: 66).
3. Topologisch erscheint das Antezedens in der Regel vor dem Re-
flexivum.
4. Das für Reflexiva am leichtesten zugängliche Antezedens ist das
Subjekt.
5. Das Antezedens ist gegenüber dem Reflexivum auf der Hierar-
chie der thematischen Relationen relativ höher positioniert.
Einige Beispiele sollen diese Zusammenhänge illustrieren, auch wenn
hier nicht auf alle Probleme im Detail eingegangen werden kann.

6 Das bedeutet, dass der erste syntaktische Knoten, der das Antezedens dominiert,
auch das Reflexivum dominiert.
714 Peter Siemund

Die ungrammatischen Beispiele in (12) werden durch die Restriktion


auf das k-Kommando ausgeschlossen.
(12) a. *Sichi sah ihni im Spiegel.
b. *Paulsi Mutter kritisierte sichi.
Die Daten in (13) zeigen verschiedene Antezedenten als Akkusativ-
objekt, wobei das Reflexivum in Funktionen erscheint, die nach der
Hierarchie der grammatischen Relationen darunter rangieren. Wie
erwartet sind diese Beispiele ohne weiteres interpretierbar.
(13) a. Die Eltern überlieûen die Kinderi sichi.
b. Ich konfrontierte den Studenteni mit sichi.
c. Ich schleppte ihni zu sichi nach Hause.
Wird dagegen die relative Position von Antezedens und Reflexivum
auf dieser Hierarchie vertauscht, werden die entsprechenden Bei-
spiele merklich schwerer interpretierbar (14).
(14) a. Du ersparst ihmi sichi.
b. Ich zeigte dem Patienteni sichi im Spiegel.
Neben den möglichen Antezedenten spielt als Beschreibungspara-
meter für das Reflexivum die sog. Bindungsdomäne eine wichtige
Rolle. Mit diesem Parameter lässt sich in etwa die maximale Distanz
zwischen Antezedens und Reflexivum erfassen, obgleich es bei der
in syntaktischen Modellen gegebenen Definition der Bindungsdo-
mäne nicht primär um lineare Distanz geht, sondern um die Positio-
nen von Antezedens und Reflexivum in einem syntaktischen Baum
relativ zueinander. Für das Deutsche gilt im Wesentlichen die Verall-
gemeinerung, dass sich das Reflexivum in demselben Teilsatz wie
das Antezedens befinden muss, um in einer koreferenten Relation
zu dem Antezedens stehen zu können. Diese Beschränkung wird in
(15) gezeigt.
(15) a. Anna sagte zu Paul, dass er mehr an sich denken sollte.
b. Anna sagte zu Paul, dass er mehr an sie / ihn denken sollte.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass
aus AcI-Konstruktionen heraus Koreferenz mit dem übergeordneten
Subjekt sowohl durch ein einfaches Personalpronomen als auch das
Reflexivum erreicht werden kann (Zifonun et al. 1997: 1419 ff.). An-
gesichts der Zwischenposition, die diese Infinitivkonstruktionen
zwischen einfachen Teilsätzen und komplexen Sätzen (d.h. Matrix-
Reflexivum 715
satz plus finiter eingebetteter Satz) einnehmen, ist diese Variation
nicht unerwartet, obwohl sie von gängigen Theorien in der Regel
nicht vorhergesagt wird (16).7
(16) a. Anna hörte Paul über sie / sich reden.
b. Anna sah die Hunde auf sie / sich zurennen.
c. Hans lässt Fritz bei sich wohnen.
Teilweise findet sich Variation zwischen Personalpronomen und Re-
flexivum auch schon innerhalb eines Teilsatzes, wenn das Korefe-
renz auslösende Pronomen innerhalb einer adverbial verwendeten
PP platziert ist (17). Bei Argumentpositionen (Dativ- bzw. Akkusa-
tivobjekt) ist diese Variation jedoch vollkommen ausgeschlossen und
nur das Reflexivum kann Koreferenz im selben Teilsatz anzeigen.
(17) a. Moritz erwartete mich bei sich / ihm im Büro.
b. Bitte klappen Sie den Tisch vor Ihnen / sich vor der Lan-
dung hoch!
Abschlieûend soll hier noch kurz darauf hingewiesen werden, dass
das Reflexivum auch Koreferenz innerhalb von Nominalphrasen
herstellen kann. In dem in (18) gezeigten Beispiel besteht Korefe-
renz zwischen sich und dem Genitivattribut der NP.
(18) Pauls Bemerkungen über sich verblüfften alle.

Reziprozität
Eine überraschende Eigenschaft des Reflexivums sich ist, dass es ne-
ben reflexiven Relationen, also Relationen der Art (A ! A), auch
reziproke Relationen beschreiben kann, die man schematisch verein-
fachend als (A ! B & B ! A) oder auch (A $ B) charakterisieren
könnte. Ein Beispiel für eine solche reziproke Verwendung findet
sich in (19 a), in dem gemeint ist, dass die Kinder sich gegenseitig
mit Sand bewerfen und nicht etwa sich selbst. Eine reflexive Inter-
pretation von (19 b) ist durch den Kontext nahezu ausgeschlossen.
(19) a. Die Kinder bewerfen sich mit Sand.
b. Die Kinder helfen sich bei den Hausaufgaben.
Damit gerät das Reflexivum semantisch in die Nähe von Ausdrü-
cken wie gegenseitig oder einander, und die Frage die sich stellt, ist,
7 Marginal scheint es auch möglich zu sein, sich aus einem zu-Infinitiv an das
übergeordnete Subjekt zu binden: Hans überredete Fritz bei sich zu wohnen.
716 Peter Siemund

warum das Reflexivum ebenfalls solche reziproken Relationen ko-


dieren kann. Die Beantwortung dieser Frage wird dadurch er-
schwert, dass die reziproke Verwendung von sich keineswegs in al-
len syntaktischen Umgebungen möglich ist, in denen reflexives sich
vorkommen kann. Eine in der einschlägigen Literatur oft anzutref-
fenden Einschränkung für die reziproke Verwendung besagt, dass
diese nur verfügbar ist, wenn sich unmittelbares Argument des Verbs
ist, also Akkusativ- bzw. Dativobjekt. Ist sich dagegen in eine Prä-
positionalphrase eingebettet, kann es nur noch reflexiv interpretiert
werden (Zifonun et al. 1997: 1357). (20 a) kann nicht heiûen, dass
Paul und Maria die Schokokekse für einander kauften und (20 b) ist
auf Grund dieser syntaktischen Beschränkung relativ zu unserem
Weltwissen nur sehr schwer zu kontextualisieren.
(20) a. Paul und Maria kauften für sich Schokokekse.
b. Paul und Maria telefonierten mit sich.
Dieser Verallgemeinerung ist jedoch nicht ganz unproblematisch, da
sich in PPn Reziprozität ausdrücken kann, solange die reflexive Les-
art mitverstanden ist. (21 a) kann heiûen, dass sich Paul und Maria
die Fenster gegenseitig putzen, solange sie dabei auch an ihre eige-
nen Fenster Hand anlegen. Ebenso wird in (21 b) ausgedrückt, dass
die beiden Ehepartner sowohl über sich selbst als auch über einan-
der lachen. Die reziproke Lesart ist also nur zusammen mit der re-
flexiven möglich.8
(21) a. Paul und Maria putzen bei sich die Fenster.
b. Nach dem Streit mussten die Ehepartner über sich lachen.
Ein weiteres Problem betrifft den Status der das Reflexivum enthal-
tenden PP, da die reziproke Lesart anscheinend einfacher in präposi-
tional angeschlossenen Objekten möglich ist als in adverbialen PPn
(22a / b). Die Form sich in (22 a) ist ± wenigstens im Idiolekt des
Autors ± relativ leicht in der reziproken Lesart interpretierbar, wäh-
rend die Kontextualisierung von (22 b) in der reziproken Lesart
nicht unproblematisch ist.

8 In Gast / Haas (2006) wird die in diesen Beispielen ausgedrückte semantische Re-
lation als ¸kollektive Reflexivität analysiert und aus dem Bereich der Reziprozi-
tät herausgenommen.
Reflexivum 717
(22) a. Die Ehepartner bemerkten, dass sie immer zum selben Zeit-
punkt an sich dachten.
b. Die getrennt lebenden Ehepartner bemerkten, dass sie im-
mer zum selben Zeitpunkt versuchten, bei sich anzurufen.
Wenn diese Beobachtungen richtig sind, hätte man es hier mit einem
graduellen Phänomen zu tun, das der grammatischen Hierarchie in
(23 a) folgt. Zudem lassen sich die Beispiele in (21) als Evidenz da-
für interpretieren, dass die reziproke Verwendung von Reflexiva
über eine Zwischenstufe der reflexiv-reziproken Verwendung ver-
läuft (23 b).
(23) a. Argument > Präpositionalargument > Adjunkt
b. reflexiv ! reflexiv-reziprok ! reziprok
Das beantwortet natürlich noch nicht die Frage, warum sich über-
haupt reziprok interpretiert werden kann. Gast / Haas (2006) schla-
gen vor, die reziproke Verwendung von sich als Epiphänomen einer
allgemeineren detransitivierenden Funktion des Reflexivums aufzu-
fassen. In Abschnitt 2 oben wurde diese Funktion von sich in anti-
kausativen und Medialkonstruktionen angesprochen, jedoch blieb
dabei auûer Betracht, dass sich auch in Kontexten, die man norma-
lerweise als reflexiv klassifizieren würde, eine detransitivierende
Funktion haben kann. Die Beispiele in (24 a) kann man ± neben der
reflexiven Lesart ± auch als Ereignisse mit nur einem Partizipanten
interpretieren. In Verbindung mit pluralischen Subjekten (24 b) ent-
steht nach Gast / Haas (2006) die reziproke Lesart als Ergebnis kon-
textueller Anreicherung.
(24) a. Paul verletzte sich. / Paul schminkte sich.
b. Die Kinder verletzten sich. / Die Kinder schminkten sich.
Diese Analyse gewinnt ihre Plausibilität hauptsächlich aus der Tat-
sache, dass die reziproke Lesart nur bei unbetontem sich verfügbar
ist ± ebenso wie die detransitivierende Funktion des Reflexivums.
Die Beispiele in (25) können nicht reziprok interpretiert werden,
obwohl diese Möglichkeit in den unfokussierten Kontexten gegeben
ist.
(25) a. Die Kinder verletzten sich.
b. Sich konnten die Spieler nicht leiden.
c. Hans und Martin zitieren nur sich, aber nicht die anderen.
718 Peter Siemund

Verwandte Ausdrücke
Wie am Anfang dieses Aufsatzes erwähnt wurde, gibt es eine Reihe
von Ausdrücken, die semantisch mit dem Reflexivum verwandt sind.
Dazu gehören selbst, selber, eigen, einander, der / die / das selbe, sel-
biger und noch einige andere. Die Wortform selbst bzw. selber kann
mit sich kombiniert werden (sich selbst) und beeinflusst die syntak-
tischen und semantischen Eigenschaften des Reflexivums. Nicht
zuletzt aus diesem Grund ist selbst von den zu sich verwandten Aus-
drücken die Form, für die die detailliertesten Untersuchungen vor-
liegen (Siemund 2000; König / Siemund 2000). Im Folgenden wird
deshalb selbst im Mittelpunkt stehen.
Die Form selbst kann als Apposition zu einer NP auftreten (der
Präsident selbst, er selbst) oder als modifizierendes Element inner-
halb der Verbalphrase (Paul hat den Kuchen selbst gebacken). Diese
beiden Verwendungsweisen werden in der Regel als ¸adnominal
bzw. ¸adverbial bezeichnet. Allein aus der Tatsache, dass selbst in
der adnominalen Verwendung an NPn unabhängig von deren Funk-
tion herantreten kann, wird ersichtlich, dass eine Analyse von er
selbst als nominatives Reflexivum ± wie im Duden (2005: 281) vor-
geschlagen ± nicht haltbar ist.
Die Wortform selbst ist vielfach als Fokuspartikel analysiert wor-
den, die die Bezugs-NP als Fokus nimmt, und das Denotat des Fo-
kus als zentral gegenüber dazu peripheren Alternativen kennzeich-
net (die Kanzlerin selbst im Kontrast zu ihren Ministern). In
Eckhardt (2001) und Gast (2006) wird vorgeschlagen, diesen Bedeu-
tungsbeitrag als Spezialfall einer allgemeineren Semantik von selbst
zu analysieren, gemäû der selbst die Identitätsfunktion bezeichnet,
d.h. den Wert der Bezugs-NP einfach auf sich selbst abbildet.
Die Analyse von selbst als Identitätsfunktion bringt diesen Aus-
druck in semantischer Hinsicht stark in die Nähe des Reflexivums
und hilft dabei, eine Reihe von Phänomenen wenigstens ansatzweise
zu verstehen, wenngleich überzeugende Analysen noch ausstehen.
Zum einen gibt es die übereinzelsprachliche Beobachtung, dass
Ausdrücke wie deutsch selbst in vielen Sprachen vom Reflexivum
formal nicht unterscheidbar sind (z. B. englisch himself). Auf dieses
Phänomen wird im nächsten Abschnitt genauer eingegangen, aber es
ist offensichtlich, dass eine solche Identität im formalen Ausdruck
über unterschiedlichste Sprachen hinweg umso plausibler ist, je bes-
Reflexivum 719
ser man in der Lage ist, eine gemeinsame semantische Basis dieser
Ausdrücke zu finden.
Eine weitere interessante Beobachtung ergibt sich, wenn man die
Bindungsdomäne des Reflexivums in Abhängigkeit des appositiven
Zusatzes von selbst betrachtet. Bei den bereits weiter oben diskutier-
ten Beispielen, bei denen ± in der intendierten Lesart ± das Reflexi-
vum nicht mit dem Subjekt, sondern mit einem Objekt koindiziert
ist, erleichtert der Zusatz von selbst die Bindung von sich mit dem
nicht-prototypischen Antezedens. Mit anderen Worten, adnominales
selbst hat in diesen Fällen den Effekt, die Bindungsdomäne des Re-
flexivums einzuschränken (26).
(26) a. Ich klärte Annai über sichi selbst auf.
b. Die ¾rztin verhalf der Patientini zu sichi selbst zurück.
c. Die Eltern überlieûen die Kinderi sichi selbst.
Einen ähnlichen Effekt kann man bei Beispielen wie in (27) beo-
bachten, in denen auf Grund der distributionellen Beschränkungen
von sich (es gibt keine Genitivform des Reflexivums) die reflexivie-
rende Funktion durch ein anderes Pronomen, in diesem Fall die Ge-
nitivform des Personalpronomen der 3. Person, übernommen wer-
den muss. Der Zusatz von selbst zu seiner in (27 b) schränkt die
Interpretation (27 a) auf die reflexive Lesart ein, d.h. es wird wie-
derum die Bindungsdomäne eingeengt.9
(27) a. Er gedenkt seiner.
b. Er gedenkt seiner selbst.
Eine Analyse von selbst als Identitätsfunktion ist weiterhin erhellend
für Fälle von adverbialem selbst, in denen dieser Ausdruck mit ¸ei-
genständig oder ¸ohne fremde Hilfe paraphrasiert werden kann
(28), da in diesen Fällen durch selbst eine Identität auf der Ebene
der semantischen Rollen hergestellt wird. Ein wichtiger Bedeutungs-
beitrag von selbst in Sätzen wie (28) besteht darin, das Agens zu-
gleich als Benefiziens der Handlung zu charakterisieren.
(28) a. Paul hat das Haus selbst gebaut.
b. Erwin hat die Aufgabe selbst gelöst.

9 Die Form eigen lässt sich als adjektivisches Gegenstück zu selbst analysieren und
hat wie selbst den Effekt, ein referentiell unbestimmtes Pronomen auf die refle-
xive Lesart einzuschränken: Paul fährt mit seinem eigenen Fahrrad.
720 Peter Siemund

Schlieûlich bleibt noch darauf hinzuweisen, dass selbst das reflexivie-


rende Element im Bereich der Nominalkomposition ist, wie Bei-
spiele wie Selbstmord, Selbstmitleid, Selbstbewusstsein, Selbstbefra-
gung, Selbsttäuschung usw. belegen.10

4. Kontrastive und typologische Aspekte

Die in diesem Beitrag gegebene Skizze der grammatischen Eigen-


schaften des deutschen Reflexivums soll abschlieûend durch einige
kontrastive bzw. typologische Beobachtungen abgerundet werden,
die die übereinzelsprachliche Variabilität, aber auch Systematizität
der bisher diskutierten Parameter verdeutlichen. Aus typologischer
Perspektive besonders relevant sind die formale Identität des Re-
flexivums mit Ausdrücken wie deutsch selbst, die morphologischen
Eigenschaften, die Bindungsdomäne sowie die möglichen Anteze-
denten.
Zur formalen Identität bzw. Differenzierung von Reflexiva und
Ausdrücken wie deutsch selbst liegt mit König / Siemund (2005) eine
umfangreiche typologische Untersuchung vor, die zeigt, dass beide
Strategien in etwa mit gleicher Wahrscheinlichkeit in den Sprachen
der Welt anzutreffen sind, wobei die formale Identität beider Aus-
drücke insbesondere im asiatischen Raum verbreitet ist.11 Die Bei-
spiele in (29) und (30) zeigen diese Identität im Madagassischen.12
(29) mahita-tena i Koto
sieht-REFL ART Koto
¸Koto kann sich sehen.
(30) tonga izy tena-ny
ankam er selbst-POSS.3SG
¸Er selbst kam an. (wörtlich: ankam er sein Körper)
Seine Bedeutung erlangt dieser typologische Parameter u. a. daraus,
dass Ausdrücke wie deutsch selbst eine häufige Quelle für die

10 Neben selbst erscheint auch eigen bei der Bildung dieser Komposita (Eigentor,
Eigenanteil, Eigenheim), wobei die Distribution von selbst und eigen bei diesen
Komposita alles andere als geklärt ist.
11 Beispielsweise im Japanischen, Koreanischen, Vietnamesischen, Thailändischen,
Hindi, Malayalam, Mandarin usw.
12 Quelle: Typological Database of Intensifiers and Reflexives (TDIR), http: //
[Link] / ~gast / tdir.
Reflexivum 721
Grammatikalisierung bzw. Erneuerung reflexiver Anaphern sind,
wie z. B. die historische Entwicklung des Englischen verdeutlicht:
him + self ! himself. Beide Arten von Ausdrücken (sich / selbst)
sind zudem oft auf Nomina für Körperteilbezeichnungen zurückzu-
führen (z. B. kashmiri paan ¸Körper, hebräisch etsem ¸Knochen, fu-
lani hoore ¸Kopf).13 Weiterhin gibt es umfangreiche Evidenz dafür,
dass mit Ausdrücken wie deutsch selbst formal identische Reflexiva
nicht zur Ableitung antikausativer Verben oder zur Bildung von
Medialkonstruktionen verwendet werden, d.h. der von deutsch sich
und seinen Entsprechungen in anderen indoeuropäischen Sprachen
abgedeckte Bereich der Detransitivierung kann von diesen Reflexiva
nicht übernommen werden.14 Dieser allgemeine Unterschied lässt
sich gut am Englischen gegenüber dem Deutschen illustrieren, da im
Englischen die reflexiven Formen myself, yourself, himself usw. in
diesen Konstruktionen nicht verwendet werden (31a / b). Bemer-
kenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch, dass die Reflexiva
im Englischen bei Verben der Körperbewegung und Verben der
Körperpflege in der Regel ebenfalls nicht auftreten (31c / d).
(31) a. Die Tür öffnete sich. / The door opened.
b. Dieses Buch liest sich gut. / This book reads well.
c. Karl legte sich hin. / Charles lay down.
d. Karl rasierte sich. / Charles shaved.
Hinsichtlich ihrer morphologischen Eigenschaften lassen sich bei
den Reflexiva mit Faltz (1985) einfache und komplexe Formen un-
terscheiden, die sich wiederum gut am Deutschen und Englischen
illustrieren lassen. Morphologisch einfach heiût dabei nicht notwen-
digerweise monosyllabisch wie im Deutschen und vielen anderen
indoeuropäischen Sprachen (spanisch se, schwedisch seg, niederlän-
disch zich usw.), sondern schlieût Formen wie türkisch kendi, man-
darin ziji, russisch sebja mit ein. Die phonologisch schwereren For-
men sind dabei oftmals identisch zu der Entsprechung zu deutsch
selbst. Vergleichbare Ausdrücke zu deutsch selbst treten ebenfalls bei

13 Grimm (1967) stellt die Hypothese auf, dass ebenfalls deutsch selbst auf eine
Körperteilbezeichnung zurückgeführt werden kann und schlägt als Etymologie
si-liba ¸sein Leib vor. Vor dem Hintergrund der typologischen Evidenz erscheint
diese Hypothese durchaus überzeugend.
14 In König / Siemund (2005: 195) ist dieser Sachverhalt als eine implikationelle
Universalie analysiert worden.
722 Peter Siemund

den morphologisch komplexen Reflexiva mit groûer Regelmäûigkeit


auf (oft in Kombination mit einer pronominalen Form).
Reflexiva können nach Kasus, Numerus, Genus und Person flek-
tieren. (z. B. arabisch nafs im Gegensatz zu unflektiertem sich) und
neben den ungebunden auftretenden nominalen Formen auch als
Affix (in der Regel Suffix) an das Verb herantreten (russisch -sja,
nahuatl mo-). Reflexive Anaphern können auf die 3. Person be-
schränkt sein (deutsch sich), in allen Personen vorkommen (russisch
sebja) oder auch über separate Formen für die 1.±3. Person verfügen
(Englisch, Amharisch). Übereinzelsprachlich gilt die Verallgemeine-
rung, dass das Vorkommen eines Reflexivums in der 1. bzw. 2. Per-
son die Existenz eines Reflexivums in der 3. Person impliziert.15
Wie im Deutschen haben Reflexiva auch übereinzelsprachlich die
Tendenz, mit dem nächsten Subjekt als referenzidentisch interpre-
tiert zu werden, allerdings ist diese Tendenz verschieden stark ausge-
prägt. Während diese Tendenz im Deutschen und anderen indoeuro-
päischen Sprachen sehr stark ist und eine Bindung an eine andere
Konstituente nur marginal möglich ist, sind andere Sprachen in die-
ser Hinsicht toleranter (Mandarin, Japanisch), insbesondere wenn
das Reflexivum formal identisch mit dem entsprechenden Ausdruck
für deutsch selbst ist. Beispiel (32) aus dem Mandarinchinesischen
zeigt, dass in dieser Sprache die Koindizierung des Reflexivums ziji
mit einem vorausgehenden Objekt möglich ist (Huang 2000: 192).
Zudem erscheint das Reflexivum als Subjekt.
(32) Tai ting tongshij shuo zijii / j tishang le jiaoshou
3SG hören Kollegen sagen REFL aufsteigen PERF Professor
¸Eri hat von einem Kollegenj gehört, dass eri / j zum Professor
avanciert ist.
Ein weiterer übereinzelsprachlicher Parameter der Variation ist die
Bindungsdomäne des Reflexivums, die im Deutschen, wie bereits
ausgeführt, den das Reflexivum enthaltenen Teilsatz und teilweise
AcI-Konstruktionen umfasst, sich jedoch nicht über die Grenze
eines finiten Satzes erstrecken kann. Andere, wiederum primär au-
ûereuropäische, Sprachen sind in dieser Hinsicht toleranter. Für das

15 Diese Universalie ist wiederholt damit motiviert worden, dass nur in der 3. Per-
son (teilweise in der 2., aber nie in der 1.) eine Ambiguität zwischen koreferenter
und nicht-koreferenter Interpretation eines Pronomens entstehen kann (vergl.
Bsp. (8) und (9) oben).
Reflexivum 723
Koreanische16 wird das in (33) gezeigt.17 Es ist versucht worden, die
Bindungsdomäne mit den morphologischen Eigenschaften von Re-
flexiva in Verbindung zu bringen, allerdings mit nur mäûigem Erfolg
(Faltz 1985; Huang 2000; Reinhart / Reuland 1993).
(33) John-i [Mary-ka [ney-ka caki salanghantako]
sayngkakhantako] malhayssta
John-NOM [Mary-NOM [you-NOM REFL lieben]
denken] sagte
¸John sagte dass Mary dachte dass du sie / ihn liebst.
Als abschlieûende Beobachtung soll hier noch erwähnt werden, dass
die formalen Eigenschaften der Reflexiva zu einem gewissen Aus-
maû auch von der Bedeutung des Verbs abhängen, als deren Objekt
sie fungieren. So ist festgestellt worden (König / Siemund 2000), dass
in Zusammenhang mit Verben, die Handlungen bezeichnen, die man
normalerweise nicht an sich selbst ausführen würde (töten, quälen,
kritisieren usw.), die Tendenz zur Verwendung einer komplexeren
reflexiven Form besteht als bei Verben, die von ihrer Bedeutung her
eher reflexiv interpretiert werden (z. B. bei Verben der Körper-
pflege).
Aus kontrastiver und typologischer Perspektive lässt sich zusam-
menfassend festhalten, dass das Reflexivum sich des Deutschen von
dem semantisch verwandten Ausdruck selbst formal getrennt ist, im
Gegensatz zu vielen anderen Sprachen. Deutsch sich hat sehr viele
Verwendungen, die mit Reflexivität im engeren Sinne nichts zu tun
haben, sondern die Argumentstruktur eines Verbs modifizieren. Das
Reflexivum sich ist morphologisch nicht komplex, flektiert nicht, hat
nur eine Form in der 3. Person und fungiert als Dativ- bzw. Akku-
sativform. Es ist im Wesentlichen auf das Subjekt als Antezedens
festgelegt und erscheint im selben Teilsatz wie das Antezedens.

16 Quelle: Typological Database of Intensifiers and Reflexives (TDIR), http://


[Link]/~gast/tdir.
17 Innerhalb der europäischen Sprachen ist primär das Isländische als Sprache dis-
kutiert worden, in der sog. ¸long-distance binding der reflexiven Anapher mög-
lich ist:
Jon sag—i šeim a— María elski sig.
John sagte ihm dass Maria liebte REFL
¸Jon sagte ihm, dass Maria ihn liebte.
724 Peter Siemund

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