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2

Hexengeschichte / Hexengeschichten.
Strategien des Erzählens von Hexenverfolgung
in der deutschen Jugendliteratur
des 20. Jahrhunderts

Dissertation
zur Erlangung eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.)
an der Universität Konstanz
Geisteswissenschaftliche Sektion
Fachbereich Literaturwissenschaft

vorgelegt von

Margit-Ute Burkhardt
geschrieben bei
Frau Prof. Dr. Ulrike Landfester

Tag der mündlichen Prüfung: 16. Juli 2004


1. Referent: Frau Prof. Dr. Ulrike Landfester
2. Referent: Frau Prof. Dr. Almut Todorow
1
3

Inhalt Seite

I. EINFÜHRENDES

Prolog 7 - 10
Von Heilkünsten, geheimnisvollen Kräften, Verführung, Folter
und Teufelspakt: das Hexenphänomen. Eine Annäherung an ein
kulturwissenschaftlich-brisantes Thema

1. Historische Jugendliteratur
1.1 Thema und Zielsetzung der Arbeit 11 - 13
1.2 Eingrenzung des Forschungsgegenstandes 14 - 16
1.3 Entwicklungslinien der historischen Jugendliteratur 17 - 21

2. Die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit


als Gegenstand der historischen Jugendliteratur
2.1 Geschichtlicher Exkurs 22 - 26
2.2 Das Textkorpus: ausgewählte historische Jugendliteratur 27
2.2.1 Ingeborg Engelhardt: Hexen in der Stadt 28 - 30
2.2.2 Isolde Heyne: Hexenfeuer 31 - 33
2.2.3 Harald Parigger: Die Hexe von Zeil 34 - 36
2.2.4 Ulrike Haß: Teufelstanz. Eine Geschichte
aus der Zeit der Hexenverfolgungen 37 - 39
2.2.5 Ingeborg Bayer: Der Teufelskreis 40 - 42

3. Kategoriebildung
3.1 Erzählen als fiktionale Gestaltung historischer Prozesse 43 - 45
3.2 Zwischen Fiktion und empirischer Wirklichkeit:
Bedenken und Forderungen seitens der Geschichtsdidaktik 46 - 51
3.3 Kategoriebildung 52 - 53
4

II. HAUPTTEIL: ANALYSE

1. Kategorie der Paratextualität 54 - 55


1.1 Motto und Widmung 56 - 58
1.2 Vor- und Nachwort 59 - 66
1.3 Glossare und Zeittafeln 67

2. Das „Was“ eines Erzähltextes: der vermittelte Inhalt


2.1 Kategorie des Handlungsschemas 68 - 70
2.1.1 Funktion der biographischen Determination 71 - 74
2.1.2 Funktion des beginnenden Verdachtes 75 - 79
2.1.3 Funktion des „tragischen“ Konfliktes 80 - 85
2.1.4 Funktion des „guten“ Ausganges 86 - 91

2.2 Kategorie der Figurenzeichnung 92 - 93


2.2.1 Figurenzeichnung der mittleren Helden 94 - 99
2.2.1.1 Neuralgische Punkte 100-103
2.2.2 Die Nebenfiguren als Helfer und Berater 104-108
2.2.3 Die Nebenfiguren als Widersacher 109-114
2.2.4 Typologisierung 115-116

2.3 Erzählte Welt 117-121

3. Kategorie der Erzählstruktur 122


3.1 Zeit 123-126
3.2 Modus 127-130
3.3 Stimme 131-133

4. Kategorie der Beeinflussung des Lesers 134


4.1 Affektlenkung 135-140
4.2 Irritation 141-150
4.3 Evaluative Lenkung 151-161
5

III. ZUSAMMENFASSUNG

1. Einführendes 162-163

2. Ergebnisse und Thesen der Textanalyse


2.1 Kategorie der Paratextualität 164-166
2.2 Kategorie des Inhaltes 167-177
2.3 Kategorie der Erzählstruktur 178-181
2.4 Kategorie der Beeinflussung des Lesers 182-186

Schlusswort 187-188

Bibliographie 189-199

Eidesstattliche Erklärung 200


6

Vorbemerkung

Alle Amts-, Status-, Funktions- und Berufsbezeichnungen, die in dieser Arbeit in


männlicher Form erscheinen, betreffen gleichermaßen Frauen und Männer und
können auch in der entsprechenden weiblichen Sprachform geführt werden.
7

I. EINFÜHRENDES

Prolog

Von Heilkünsten, geheimnisvollen Kräften, Verführung, Folter und Teufelspakt:


das Hexenphänomen. Eine Annäherung an ein kulturwissenschaftlich-brisantes
Thema

Was und wer sind Hexen?


Handelt es sich etwa um weise, heilende Frauen, die über altüberliefertes Wissen der
Heilkunde verfügen und es verstehen Schmerz und Krankheit zu heilen oder zumindest
zu lindern? Sind sie vielleicht die im Volksmund bezeichneten alten Kräuterweiber, die
dem allgemeinen Verlangen nach Wohlstand, Sicherheit und Erfolg mit
geheimnisvollen Tränken begegnen? Verkörpern sie die raffinierten, von Kindern und
Erwachsenen gleichermaßen gefürchteten Verführerinnen aus den Märchen, die mal
hinterhältig und gemein, mal sinnlich und lasziv in Erscheinung treten oder sind Hexen
die mit unheilvollen Mächten im Bunde stehenden Frauen, die mit ihrem angeblichen
Zauber die Angst der Menschen vor dem Unbekannten schüren und schließlich für das
Leid der Welt zur Verantwortung gezogen werden?
Es gibt kaum ein Phänomen, das kulturhistorisch derart fassettenreich aufgeladen ist
wie das der Hexe. Sein Reiz liegt einerseits in der semantischen Vielfalt, die sich um
diesen Begriff rankt, und andererseits im Mysterium, das dieses Phänomen nach wie vor
umgibt.
Was aber verbirgt sich genau hinter dem Begriff Hexe? Dem Betrachter eröffnet sich
hier ein weites Feld: In der berühmtesten Märchensammlung des 19. Jahrhunderts, die
von den Brüdern Grimm verfasst worden ist, erscheinen Hexen häufig als böse,
hässliche und alte Frauen, die übernatürliche Kräfte besitzen. In „Hänsel und Grethel“
ist die Hexe die verschlagene alte Verführerin, die das hungernde und verwaiste
Geschwisterpaar in ihr Haus lockt, um es zu töten.
Im Volksglauben war (und ist) die Hexe eine Frau, die über Zauberkräfte verfügte und
mit dem Teufel im Bunde stand. Daher wird noch heute der Begriff Hexe
umgangssprachlich analog zu „böses Weib“ gebraucht.
Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes zeigt sich am ehesten anhand seiner
Etymologie:
8

„Hexe (…) [< ahd. hagzissa,. hag(a)zus(a); 1. Teil zu ahd. hag. „Zaun“
(vgl. ahd. zunrita „Zaunreiterin, Hexe“), 2. Teil zu germ. tusjo; zu idg. dhus-
; dhuos- „Dämon].“1

Die Grundbedeutung des Wortes Hexe macht deutlich, dass dem Begriff die Elemente
der Zauberei und des Dämonischen anhaften. Hier wird das Phänomen Hexe
kulturhistorisch erst greifbar, denn seine Spuren ziehen sich leitmotivisch durch die
Geschichte:
Magier und Magierinnen hinterließen bereits ihre Spuren in Höhlenzeichnungen. In der
Antike war Etrurien das Zentrum für magische Künste und die etruskischen Wahrsager
hatten großen Einfluss auf die Römer. Die Zauberin Kirke galt im antiken Griechenland
als Inbegriff für weibliche Verführungskunst. Druiden und Druidinnen, zauberkundige
Männer und Frauen, zelebrierten nackt ihre Gottesdienste und wurden von gallischen
Stammesführern bei politischen Entscheidungen um Rat gefragt.
Die Spuren heidnischer Fruchtbarkeitskulte ziehen sich durch die Geschichte bis ins
christliche späte Mittelalter hindurch. Doch hier kam es zu einer folgenschweren
Veränderung: Die Kirche ließ die heidnischen Götter zu Dämonen erklären, ihre Kulte
zu schändlichen Handlungen. Der kirchlichen Ächtung zum Trotz bestanden einige alte
Fruchtbarkeitskulte fort. Ihre Resistenz liefert ein Erklärungsmodell dafür, dass sich die
Kirche zu Beginn der Neuzeit mit Vehemenz gegen sie zur Wehr setzte. Die
Vorstellung von mächtigen Zauberinnen führte schließlich zur allgemeinen Furcht vor
Hexen. Hilde Schmölzer bemerkt:
„Sie [die Hexe] war das Produkt komplexhafter Verdrängungen und
unausgelebter Triebwünsche. Sie war die Kehrseite der reinen, unberührten
Jungfrau, sie verkörperte die chthonischen, ungezähmten Mächte, die es zu
beherrschen, einzugrenzen, überschaubar zu machen galt. In ihr
konzentrierten sich wie in einem Brennglas die ausgeschlossenen, die nicht
assimilierten, die unterdrückten Kräfte der Natur, aber auch Schuldgefühle,
die sich mit Ängsten paarten. Die Angst des Mannes vor der Rache des
unterdrückten Weibes, die geradezu pathologische und hysterische Formen
angenommen hatte, durchzieht denn auch die gesamte Hexenverfolgung wie
ein roter Faden. Sie zeigt sich grell in den Hexenbüchern der damaligen
Zeit, in den Verhörsprotokollen, im gesamten Gerichtsverfahren. Die Hexe

1
Wahrig 1986, S. 644.
9

war schuld am Übel dieser Welt. Sie galt es daher vor allem auszurotten.
Weshalb auch schätzungsweise 80 Prozent jener Menschen, die damals
ermordet wurden, Frauen waren.“2

Schmölzer stellt das Hexenphänomen in einen feministischen Kontext, indem sie die
Hexenverfolgungen als Angst des Mannes vor der magischen und fremden Sinnlichkeit
der Frau interpretiert.
Folglich kommt dem Hexenphänomen auch eine pikante Schwellenposition zu, die
zwischen der Angst und der Faszination vor unbekannten weiblichen Kräften einerseits
und dem Bedürfnis nach rationaler Aufklärung durch den Mann andererseits angesiedelt
werden kann. Die Angst des Mannes vor der Sinnlichkeit der Frau kommt auch im
„Hexenhammer“, einer Schrift zur Bekämpfung von Hexen (vgl. EINFÜHRENDES
2.1), zum Ausdruck: So wird die Hauptursache für die Verderbtheit der Frau in ihrer
übersteigerten sexuellen Unersättlichkeit gesehen, die nur durch Dämonen befriedigt
werden kann.

Ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist es offenkundig zu einer Renaissance
alter Fruchtbarkeitskulte in Form einer okkulten Ausprägung gekommen. Der Siegeszug
der esoterischen Literatur geht Hand in Hand mit der Tatsache, dass Kartenleger,
Pendler, Astrologen, Kosmobiologen und Hexen ihre Dienste über das Internet oder
über andere Medien anbieten. Das Bedürfnis nach Sinngebung und Transzendenz als
Reaktion auf ein einseitig rationalistisches und nüchternes Weltbild schlägt sich in
dieser Entwicklung immer stärker nieder. Doch hat sie auch eine Kehrseite, bedenkt
man, dass sich gewisse Personen dieser esoterischen Bewegung bedienen, um mit der
Offenheit ihrer Anhänger fragwürdige Geschäfte zu betreiben.
Wirft man einen Blick auf das aktuelle Fernsehprogramm, erhält man schnell einen
Eindruck, dass auch die Programmgestalter der einzelnen Sender seit Beginn der
neunziger Jahre offenkundig festgestellt haben, dass Sendungen mit (pseudo-)okkultem
Inhalt hohe Einschaltquoten erzielen: Den Siegeszug dieser überwiegend
amerikanischen Serienflut hielt „X-files“ bzw. „Akte X. Die unheimlichen Fälle des
FBI“. Daneben halten sich u.a. „Buffy. Im Bann der Dämonen“, „Charmed. Zauberhafte
Hexen“ oder James Camerons „Dark Angel“. Die genannten Serien erfreuen sich
größter Popularität und werden überwiegend von jugendlichen Fernsehzuschauern

2
Schmölzer 1987, S. 8.
10

konsumiert. Sie halten ein extrem hohes Aggressions- und Gewaltpotential bereit.
Angesichts blutrünstiger Dämonen, die mit verführerischen Hexen im Girlie-Look der
späten neunziger Jahre kämpfen, stellt sich die Frage nicht mehr, ob es das
Übernatürliche überhaupt gibt, denn es wird als allgegenwärtig und selbstverständlich
vorausgesetzt. Der Kampf mit dem Teufel wird ungeachtet des multimedialen Zeitalters
im neuen Jahrtausend just dort aufgenommen, wo man ihn noch vor wenigen
Jahrhunderten beendet zu haben glaubte. Es zeichnet sich gegenwärtig die nahezu
schizophrene Entwicklung unter Jugendlichen ab, dass Errungenschaften des
technischen Fortschritts wie Handy, Computer oder Internet Hand in Hand gehen mit
einem Bedürfnis nach dem Magisch-Okkulten. Ein neuer, postmoderner Aberglaube
entsteht und somit auch ein wieder erwachtes Bedürfnis nach Klärung und Aufklärung.

Eine Aufgabe historischer Jugendliteratur, die sich mit den Hexenverfolgungen der
frühen Neuzeit kritisch auseinander setzt, ist es, die Gefahren und Folgen eines blinden
Aberglaubens aufzuzeigen. Dabei stellt sich die Frage, ob Hexen als Produkt
abergläubischer Wahnvorstellungen einer durch und durch verängstigten Zeit abgetan
werden oder ob ihrem Mysterium ein gewisser Bedeutungsspielraum eingeräumt wird.
In dieser Arbeit wird neben inhaltlichen und erzähltheoretischen Aspekten auch die
Frage behandelt, wie die Autoren der ausgewählten historischen Jugendliteratur mit
dem Hexenphänomen umgehen.
11

1. Historische Jugendliteratur

1.1 Thema und Zielsetzung der Arbeit

Wie der Titel „Hexengeschichte / Hexengeschichten. Strategien des Erzählens von


Hexenverfolgungen in der deutschen Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts“ zeigt,
beschäftigt sich diese Arbeit mit einem interdisziplinären Thema, das sowohl
literarästhetische, entwicklungspsychologische, historische als auch
geschichtsdidaktische Kategorien berührt.
Der Begriff literarästhetisch meint hier, dass es sich um ein Schrifttum handelt, das
einen spezifischen Inhalt bzw. spezifische Inhalte mit einer bestimmten Absicht oder
bestimmten Absichten zum Thema hat, die auf unterschiedliche Weise dem Leser
vermittelt wird bzw. vermittelt werden.
Inhalt, Art der Vermittlung und Autorintention werden nicht unerheblich von
entwicklungspsychologischen Kategorien bestimmt. Sie suchen festzulegen, wann ein
Individuum welche geistige Stufe seines Reifeprozesses erreicht hat.
Jugendbuchautoren versuchen daher, die Inhalte und die Sprache ihrer Werke an die
Bedürfnisse und an den allgemein erwarteten geistigen Reifegrad ihrer potentiellen
Leserschaft anzupassen.
Die historische Kategorie ergibt sich aus dem Thema selbst: Die Hexenverfolgungen
der frühen Neuzeit sind ein Forschungsgegenstand, den nach wie vor zahlreiche
Historiker untersuchen.
Die geschichtsdidaktische Kategorie, die sich an der Schnittstelle zwischen
Geschichtswissenschaft und Pädagogik befindet, befasst sich u.a. mit Fragen nach der
Altersangemessenheit des inhaltlichen Gegenstandes, nach der didaktischen Reduktion
oder etwa nach einem möglichen transportierten Geschichtsbild, das dem Leser
vermittelt werden soll.
Dass dieses Thema gleichermaßen spannend wie aktuell ist, zeigen zahlreiche
Untersuchungen, die sich damit auseinandersetzen. So gehören nach Ansicht von
Glasenapps historische Romane und Erzählungen „seit knapp zwei Jahrzehnten zu den
populärsten und erfolgreichsten Textsorten innerhalb der neueren Kinder- und
Jugendliteratur.“3 Erzählen von Geschichte steht demnach wieder hoch im Kurs. Nach
einer Schätzung des Geschichtsdidaktikers von Reeken machen historische Kinder- und

3
Glasenapp von 2001, S. 99.
12

Jugendbücher (fiktionale und Sachbücher) einen beachtlichen Teil der


Neuerscheinungen in der Kinder- und Jugendliteratur aus (ca. 5-10%).4
Das Erzählen von Geschichte ist auch für den Schulunterricht wiederentdeckt worden,
sodass es sowohl Ausgaben von Geschichtserzählungen für den Unterrichtsgebrauch als
auch von Auszügen aus spezieller Kinder- und Jugendliteratur gibt. Alle haben dieselbe
Intention: Das Interesse an Geschichte soll durch anschauliches Erzählen neu erweckt
werden.5
Nun gibt es hinsichtlich historischer Jugendliteratur unterschiedliche Formen des
Erzählens, die anschaulich bei von Borries (1988) oder Sauer (1999) erklärt werden.
Der dieser Arbeit zugrunde liegende Erzählbegriff beinhaltet das „Erzählen“ als
„fiktionale Gestaltung historischer Prozesse.“6
Demzufolge liegt bei dieser Untersuchung der Schwerpunkt nicht auf der Frage, ob und
inwiefern historische Jugendliteratur das Geschichtsbild jugendlicher Leser prägt. Es ist
auch nicht Ziel der Arbeit zu beurteilen, ob das Problem der didaktischen Reduktion
dieses historischen Sachgebietes und der damit zu beachtenden
entwicklungspsychologischen Kriterien für das jugendliche Publikum in angemessener
Form gelöst worden ist. Der Schwerpunkt liegt bei der Untersuchung der
Erzählstrategien deutschsprachiger Texte, die sich mit dem für den Kinder- und
Jugendliteraturbetrieb ergiebigen Thema der frühneuzeitlichen Hexenprozesse befassen.
Die ausgewählte historische Jugendliteratur wird hinsichtlich inhaltlicher,
erzähltheoretischer und evaluativer Kriterien untersucht. Denn die literarische Qualität
ist der eigentliche Garant für eine geglückte kritische Auseinandersetzung oder aber für
eine misslungene, naive und suggestive Identifikation mit einer komplexen
Vergangenheit seitens eines überwiegend jugendlichen Publikums. Der Didaktiker
Hermann Henne bemerkt hierzu:
„Schließlich vermögen Erzählungen aus der Geschichte bei Schülern das
Interesse für die Geschichte zu wecken, wenn in Romanen ferne historische
Epochen in einzelnen Menschen und deren Schicksalen greifbar und somit

4
Vgl. Reeken von 1999, S. 74.
5
Vgl. Sauer 1999.
6
Borries von 1988, S. 27. Daneben unterscheidet von Borries Erzählen als „erkenntnislogische
Struktur aller historischen Aussagen und Sinnbildungen“, Erzählen als den „temporal-kausalen
Aufbau (vieler) geschichtlicher Darstellungen“ und Erzählen als „eine spezifisch pädagogische
Veranstaltung des Geschichtslehrers oder eines ihn ersetzenden Mediums.“
13

dem heutigen Leser zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten geboten


werden. Deshalb sollte bei historischen Jugendromanen mehr als bislang
üblich auf die literarische Qualität geachtet werden, um Schüler erreichen
und eine unterrichtliche Erarbeitung rechtfertigen zu können.“7

Ziel ist es anhand von fünf historischen Jugendromanen zu untersuchen, welcher


Erzählstrategien sich Jugendbuchautoren bedienen, um einerseits der hohen Ansprüche
der Geschichtsdidaktik gerecht zu werden und um andererseits ein geschichtlich eher
desinteressiertes jugendliches Publikum für ein historisches Thema zu gewinnen.

7
Henne 1997, S. 18.
14

1.2 Eingrenzung des Forschungsgegenstandes

In der Forschung werden vielfach die Begriffe Kinder- und Jugendbuch sowie Kinder-
und Jugendliteratur in unreflektierter Weise gebraucht. Dabei gilt es zu beachten, dass
unter dem Terminus Kinder- und Jugendbuch „adressatenspezifische Buchgattungen
verstanden werden, die durch Aufmachung und Illustrierung ein besonderes Gepräge
aufweisen und über eine eigene Geschichte verfügen.“8
Davon zu unterscheiden ist die (intentionale oder spezifische) Kinder- und
Jugendliteratur, deren Textkorpora auch in anderen Medien erscheinen.9
Die Gattung der Kinder- und Jugendliteratur ist, wie Hans-Heino Ewers in seinem
Aufsatz „Was ist Kinder- und Jugendliteratur? Ein Beitrag zu ihrer Definition und zur
Terminologie ihrer wissenschaftlichen Beschreibung“ bemerkt, kein eindeutig zu
definierendes Gegenstandsfeld mit klaren Konturen, sondern man hat es vielmehr „mit
einer Mehrzahl, einer Gruppe kultureller Felder zu tun, die sich zwar in hohem Maße
überlappen, doch jeweils verschiedene Ränder aufweisen.“10
Ewers leitet daher mehrere Definitionen ab, unter denen der Terminus der spezifischen
Kinder- und Jugendliteratur11 von besonderer Bedeutung ist: Sie entwickelt sich im
Laufe des 18. Jahrhunderts als eigens für eine kindliche bzw. jugendliche Leserschaft
verfasste Literatur, die zunehmend an Bedeutung gewinnt und zum Prototyp von
Kinder- und Jugendliteratur avanciert ist.
In diesem Zusammenhang ist auch die historische Kinder- und Jugendliteratur zu sehen,
deren Anfänge ebenfalls im 18. Jahrhundert liegen und die eigens für ein jüngeres
Leserpublikum verfasst wird.
Bleibt noch zu klären, was im engeren Sinne historische Kinder- und Jugendliteratur
ausmacht. Die dieser Arbeit zugrunde liegende Definition basiert auf Dietmar von
Reekens Aufsatz „Das historische Jugendbuch“12: Von Reeken versteht unter
historischer Kinder- und Jugendliteratur diejenige Literatur, welche eigens für Kinder

8
Ewers 2000, S. 9.
9
Vgl. Ewers 2000, S. 9 f.
10
Ewers 2000, S. 2.
11
Vgl. Doderer 1977, S. 162; Brüggemann/Ewers 1982, S. 4 f.; Eckhardt 1987, S. 31; Veit
1997, S. 440 f.
12
Vgl. Reeken von 1999, S. 69.
15

und Jugendliche (wir subsumieren hier das 10. bis 17. Lebensjahr13) verfasst wird. Ihre
Erzählhandlung spielt in einer nahen oder fernen Vergangenheit und meint nicht
Kinder- und Jugendliteratur beliebigen Inhaltes, die in vergangenen Zeiten entstanden
ist. Denn dann wäre nahezu jede Literatur historische Literatur. Die Realität der
jeweiligen Zeit sollte konstitutiv für die Erzählhandlung und die Figuren sein, d.h., dass
in Anlehnung an die Gattung des historischen Gesellschaftsromans14 die handelnden
Figuren aus den Verhältnissen ihrer Zeit heraus charakterisiert werden müssen. Darüber
hinaus sucht die spezielle historische Kinder- und Jugendliteratur Bedingungen für den
gegenwärtigen Zustand einer Gesellschaft aufzuzeigen, die im Rückblick auf die eigene
Geschichte relevant sind. Dies entspricht bei Aust der parabolischen Variante des
historischen Romans, welche er von der rekonstruktiven unterscheidet.15 Aus Gründen
der Handhabbarkeit des Untersuchungsgegenstandes wird im Rahmen dieser
Untersuchung von einem intentionalen Literaturbegriff ausgegangen; daneben gibt es
noch den nichtintentionalen, der sämtliche von Jugendlichen rezipierte Literatur meint.
Des Weiteren unterscheidet Heinrich Pleticha innerhalb der historischen Kinder- und
Jugendliteratur fiktionale (Erzählungen und Romane) von nichtfiktionaler Literatur

13
Eine Aufteilung der unterschiedlichen Lesealter findet sich u.a. bei Bamberger 1976, S. 12 ff.
Das Lesealter hinsichtlich historischer Kinder- und Jugendliteratur ist abhängig von der
Entwicklung des Geschichtsverständnisses. Insgesamt unterscheidet Bamberger fünf Phasen: a)
das Bilderbuch- und Kinderreimalter (2. bis 5./6. Lebensjahr); b) das phantasiebetonte Lesealter
(5. bis 8./9. Lebensjahr); c) das realistische oder das sachbetonte Lesealter (9. bis 11.
Lebensjahr); d) das Abenteueralter: der abenteuerliche Realismus oder die apsychologisch
sensationsgesteuerte Lesephase (11. bis 14./15. Lebensjahr); e) die Reifejahre oder der
literarästhetische Bereich der Leseentwicklung (14. bis 17. Lebensjahr).
14
Vgl. Lukács 1955, der verschiedene Grundformen historischer Romane unterscheidet: a) die
Sacherzählung mit der primären Absicht Geschichtswissen zu vermitteln, wobei kein Bezug
zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt wird; b) der Kostümroman, der ebenfalls
keinen Bezug zur Gegenwart herstellt und bei dem die handelnden Personen keine realen
Gestalten der Vergangenheit darstellen müssen; c) der historische Schlüsselroman, bei dem am
Beispiel einer vergangenen, nicht zwingend realen Gesellschaft gegenwärtige Verhältnisse
aufgeführt werden; d) der historische Gesellschaftsroman, der die Vergangenheit als Ursprung
der Gegenwart sieht. Die handelnden Personen müssen aus den Verhältnissen ihrer Zeit
charakterisiert werden.
15
Vgl. Aust 1994, S. 33: Die rekonstruktive Variante zielt auf eine möglichst genaue
Darstellung historischer Personen oder Epochen ab.
16

(Sachtexte bzw. Sachbücher).16 Als wichtige Kriterien für beide Gruppen legt er
sachliche Richtigkeit, altersgemäße Gestaltung und didaktische wie literarisch-
stilistische Bewältigung des Stoffes zugrunde. Diese Arbeit bezieht sich auf den
fiktionalen Literaturbegriff.
Letztlich bleibt noch die lesealterspezifische Abgrenzung der Kinder- zur
Jugendliteratur sowie die der Jugendliteratur zur Erwachsenenliteratur zu klären.
Baumgärtner17 zieht wie die meisten Literaturwissenschaftler die Grenze zwischen
Kinder- und Jugendliteratur ab dem elften Lebensjahr. Dieser Wechsel beschreibt einen
fließenden Übergang und ist ebenso abhängig von der individuellen
Persönlichkeitsentwicklung wie der Wechsel von der Jugend- zur Erwachsenenliteratur,
der im Allgemeinen mit dem 16. Lebensjahr vollzogen wird.18 Folglich handelt es sich
bei der Primärliteratur, die dieser Arbeit zugrunde liegt, im engeren Sinne nicht um
historische Kinder- und Jugendliteratur, sondern um historische Jugendliteratur, da die
Rezipienten in der Regel nicht jünger als vierzehn Jahre sind.

16
Vgl. Pleticha 2000, S. 446.
17
Vgl. Baumgärtner 1995/96, Teil: Kinder- und Jugendliteratur, S. 1.
18
Vgl. Oskamp 1996, S. 10.
17

1.3 Entwicklungslinien der historischen Jugendliteratur

Die historische Kinder- und Jugendliteraturforschung sieht den Beginn dieser


Literaturgattung in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert.19 In dieser Epoche führt
die „Entdeckung der Kindheit“ zur Hervorbringung neuer Kommunikations- und
Sozialisationsmedien.
Dyrenfurth20 setzt die Anfänge dieser Literatur in enge Beziehung zur Geschichte der
Erziehung, denn der Glaube an die Erziehung des Menschen ist kennzeichnend für das
18. Jahrhundert. Dies wirkt sich auch auf die neue Kinder- und Jugendliteratur aus. Sie
soll ihren Beitrag dazu leisten, das Erziehungsideal der Zeit – „Habe Mut, dich deines
eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant) – zu verwirklichen.
Zunächst gibt es aber noch keine historische fiktionale Kinder- und Jugendliteratur,
sondern nur historische Sachliteratur. In diese Sparte zählt einer der bedeutendsten
Jugendschriftsteller dieser Zeit, J. H. Campe (1746-1818), dessen „Sämtliche Kinder-
und Jugendschriften“ (Ausgabe von 1830) im 12. bis 14. Band über die „Entdeckung
Amerikas“ berichten und die im 15. Band ein „Geschichtliches Bilder-Büchlein oder die
älteste Weltgeschichte“ enthalten.
Im Schatten der beachtlichen Menge an historischer Sachliteratur entwickelt sich
allmählich eine fiktionale historische Literatur. Ein Grund für diese neue Tendenz wird
in der im 19. Jahrhundert starken Verbreitung und Rezeption von Märchen, Sagen und
Heldengeschichten gesehen.21
Pleticha betont aber, dass dabei die Geschichte nur eine nebensächliche Rolle als
„Kulisse für moralische und moralisierende Geschichten“22 spielt. Hierzu gehören u.a.

19
Vgl. Jörchel 1984, S. 8-20; Lange 1987, S. 328-331; Pleticha 1993; Reeken von 1999, S. 72-
74.
20
Vgl. Dyhrenfurth 1967.
21
Vgl. 1806 und 1808: „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens
Brentano,
1807: „Die teutschen Volksbücher“ von Joseph von Görres,
1812 und 1815: „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm,
1816 und 1818: „Deutsche Sagen“ der Brüder Grimm,
1835: „Buch der schönsten Sagen und Geschichten für Alt und Jung“ von Gustav
Schwab.
22
Pleticha 1993, S. 42.
18

die Erzählungen Ch. von Schmids (1768-1854; „Die Ostereier“, „Rosa von
Tannenburg“).
Bis ca. 1870 erscheinen viele heimatgeschichtliche historische Erzählungen, so von G.
Nieritz (1795-1876; „Kreuzturm Dresden“, „Bettelvogt“).
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg bewirkt ein gesteigertes Nationalbewusstsein
das Ende der heimatgeschichtlichen und den Beginn einer nationalbetonten Phase. Dies
zeigt sich exemplarisch an G. Freytags (1816-1895) „Ahnen“, in denen er versucht,
tausend Jahre deutscher Geschichte anhand des Werdeganges einer Familie zu gestalten.
An diesem Werk orientieren sich einige Jugendbuchautoren, so zum Beispiel O. Höcker
(1840-1894; „Das Ahnenschloss“) oder B. Augusti (1839-1917; „Am deutschen Herd“).
In dieser Zeit dominieren thematisch vor allem zwei Epochen: das Mittelalter und die
preußische Geschichte.
Einen guten Einblick in das vermittelte Geschichtsbild dieser Zeit gibt das 1882
erschienene Vorwort von Ludwig Berthold zu der „Geschichte der deutschen
Jugendliteratur“ von Adalbert Merget:
„Namentlich muß solchen Büchern die Jugendbibliothek verschlossen
bleiben, welche politische und soziale Kämpfe in populärer Form
darzustellen suchen. Denn die in ihrer Harmlosigkeit glückliche Jugend soll
wohl für opferfreudige Liebe zum engeren und weiteren Vaterlande und für
treue Anhänglichkeit an das angestammte Fürstenhaus begeistert, aber nicht
in das ihr unverständliche und an sich oft so widerliche Parteitreiben der
Erwachsenen hineingezogen werden.“23

Den Duktus dieser stark ideologisierten historischen Kinder- und Jugendliteratur


verurteilt der Literaturpädagoge und Hauptvertreter der Jugendschriftenbewegung24
Heinrich Wolgast aufs Schärfste, indem er „um die Jahrhundertwende die
Indienstnahme der Literatur durch außerliterarische Zwecke“25 stark kritisiert.
In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts verlagert sich der
Themenschwerpunkt historischer Kinder- und Jugendliteratur auf die Frühgeschichte,

23
Zit. nach Jörchel 1984, S. 10.
24
Die Jugendschriftenbewegung setzt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein. Ihr
neues Ideal, die Pflege der Kräfte des inneren Menschen, wendet sich gegen die vorwiegend
nach außen gerichtete Zeit.
25
Reeken von 1999, S. 73.
19

besonders auf die germanische Geschichte, was nach 1933 besonders begrüßt und
unterstützt wird.
Im ersten Empfehlungsverzeichnis der NS-Lehrerbände (1933) sind „politisch korrekte“
Autoren wie W. Kotzde (Herausgeber der „Mainzer Volks- und Jugendbücher“), K.
Blümlein („Kampf um die Saalburg“), A. Ohorn („Der letzte Staufer“) oder D. von
Liliencron („Kriegsnovellen“) verzeichnet.
Für die Zeit nach 1945 ist festzustellen, dass die Tradition der kulturgeschichtlichen
Themen fortgesetzt wird. Dazu bemerkt Riesenberger, dass „bei der Lektüre dieser
kulturgeschichtlichen Erzählungen oft nicht zu entscheiden ist, welche von ihnen
zwischen 1933 und 1945, welche nach 1945 geschrieben wurden.“26 Kaminski betont
ebenfalls, dass bei der historischen Kinder- und Jugendliteratur nach 1945 zunächst kein
„Neuland betreten wurde“27 und von Glasenapp erweitert diese Aussage, indem sie
betont, dass Neuauflagen älterer historischer Werke „wie etwa die Erzählungen von
Fritz Steuben oder Herbert Kranz eher eine Ausnahmeerscheinung“28 bildeten und für
die historische Nachkriegsliteratur nicht repräsentativ seien. Stattdessen verweist von
Glasenapp auf die zahlreichen Neuauflagen der Romane von Walter Scott, Alexandre
Dumas u.a.
Ab den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeichnet sich eine neue
Entwicklungstendenz bei Autoren wie Ingeborg Engelhardt, Barbara Bartos-Höppner,
Hans Baumann oder Ingeborg Bayer ab, die „eine historisch glaubwürdige und
überzeugende Annäherung an die Vergangenheit“29 versuchen und bei denen häufig
intensive historische Studien die Grundlage ihrer Arbeit bilden. In den meisten Werken,
die in dieser Zeit auf den Markt kommen, wird die Vergangenheit als
Herrschaftsgeschichte, als Ereignisgeschichte großer Männer evoziert.30
Ab den sechziger Jahren kommt es - parallel zum gesellschaftlichen Aufbruch – zu dem
Phänomen, das Dahrendorf den „Einbruch von Politik in eine bis dahin weitgehend

26
Riesenberger 1973, S. 243.
27
Kaminski 1987, S. 15.
28
Glasenapp von 2001, S. 99.
29
Lange 1987, S. 331.
30
Vgl. Peter Zuckmantel: Marco Polo. Abenteuerliche Entdeckungsfahrt nach China, Göttingen
1956; Hans Baumann: Der Sohn des Columbus, Reutlingen 1951; Heinrich Bauer: Cortez
erobert Mexiko, Düsseldorf 1954.
20

unpolitische Literatur“31 nennt: Es entsteht eine eigene Gattung von Jugendliteratur mit
zeitgeschichtlicher Thematik, mit der die Autoren über den Nationalsozialismus
aufklären wollen. Als Folge dieses Aufbruchs wird analog zur fachwissenschaftlichen
Entwicklung die Geschichte „von unten“ entdeckt: Geschichte wird nun nicht mehr
personalisiert, sondern die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge erhalten mehr
Bedeutung.
Parallel zum Aufstieg der zeitgeschichtlichen Kinder- und Jugendliteratur versinkt das
historische Pendant nahezu in der Bedeutungslosigkeit. „Wurden (...) Ende der
sechziger Jahre noch durchschnittlich 15-20 Werke pro Jahr veröffentlicht, so waren es
in den siebziger und frühen achtziger Jahren kaum mehr als fünf Titel“,32 bemerkt von
Glasenapp.
Diese Abwärtstendenz wird in den achtziger Jahren nicht zuletzt durch den Erfolg von
Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1982) gestoppt, der den historischen Roman
wieder salonfähig gemacht hat.
Während bereits in den siebziger Jahren gesellschaftlich Benachteiligte und soziale
Randgruppen Eingang in die sog. problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur
gefunden haben, wird nun diese Hinwendung zu Randgruppen auch in der historischen
Kinder- und Jugendliteratur spürbar: Hexen, Juden, Fremde, Unterdrückte und Sklaven
nehmen hier denjenigen Bedeutungsraum ein, den zuvor „die großen Männer“ der
Geschichte innehatten. Es zeichnet sich auch die Entwicklung ab, dass neben der
unüberschaubaren Zahl von männlichen Protagonisten zunehmend Frauen in den
Blickpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit vordringen.
Ende des 20. Jahrhunderts erscheinen zahlreiche Nacherzählungen biblischer Texte wie
A. Zitelmanns „Jonatan, Prinz von Israel“ (1999). Auch Romanbiographien werden
innerhalb der historischen Kinder- und Jugendliteratur veröffentlicht.33
Der hohe Anteil innerhalb der historischen Kinder- und Jugendliteratur der letzten
beiden Jahrzehnte aus dem anglo-amerikanischen und skandinavischen Raum ist enorm.
Dabei liegen die Schwerpunktthemen in der römischen Antike, der Epoche der
Pharaonen, der Französischen Revolution und in steigendem Maße im europäischen
Mittelalter oder den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit.

31
Dahrendorf 1996, S. 333.
32
Glasenapp von 2001, S. 103.
33
Vgl. Tilman Röhrigs Werke über Robin Hood, Carl Sand, Friedrich II. oder Erik den Roten.
21

Zur gegenwärtigen Situation der historischen Kinder- und Jugendliteratur lassen sich
ohne Anspruch auf exakte Analyse folgende Tendenzen feststellen: Nach Angaben von
von Reeken macht die historische Jugendliteratur (fiktionale und nichtfiktionale
Literatur) auf dem gesamten Markt der Kinder- und Jugendliteratur ca. fünf bis zehn
Prozent aus (Schätzung 1999). Inhaltliche Schwerpunkte liegen bei Themen wie
Vorgeschichte, Römerzeit, Ritter, Entdeckungen und Eroberungen, USA im 19.
Jahrhundert und NS-Zeit.
Während in der Kinder- und Jugendliteratur von Ende der siebziger bis Ende der
achtziger Jahre die Intention zu erkennen ist, reines Geschichtswissen zu vermitteln,
kommt es in den Neunzigern zu einem weiteren Entwicklungsschub, der sich darin
zeigt, dass Autoren versuchen, ihrer Leserschaft die Distanz zur Geschichte zu nehmen,
indem sie ihre Leser in das Geschehen miteinbeziehen (vgl. H. Parigger: Der schwarze
Mönch). „Der Rezipient nimmt nicht die Rolle des Beobachters ein, sondern muß sich
mit den Problemen des Protagonisten auseinandersetzen.“34

34
Bieker 1998, S. 93.
22

2. Die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit als Gegenstand der historischen


Jugendliteratur

2.1 Geschichtlicher Exkurs

Die europäischen Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit ereignen sich hauptsächlich


im Zeitraum von 1550 bis 1650. Dabei handelt es sich um das Zeitalter der Renaissance.
Die Hexenprozesse sind somit primär kein Phänomen des aus humanistischer Sicht
„finsteren“ Mittelalters, sondern der frühen Neuzeit.
Ihre Ursachen werden in der Forschung unterschiedlich diskutiert. Heinemann sieht im
Hexenwahn eine psychologische Krisenreaktion auf die verheerende gesellschaftliche
und wirtschaftliche Gesamtentwicklung Europas während des 15. und zu Beginn des 16.
Jahrhunderts.35 Als mögliche Ursachen führt sie u.a. die schwere Wirtschaftskrise des
16. Jahrhunderts und die daraus resultierende Verarmung der Massen an. Ein weiteres
Übel sieht sie in Epidemien wie Pest, Syphilis und den Pocken, die weite Teile Europas
entvölkerten.
Wisselinck betont, dass es für die Hexenverfolgungen keine einzige Ursache gäbe, sie
spricht vielmehr von einem „Diagramm des Zusammenwirkens“ verschiedener
Gründe.36
Unbestritten ist, dass die Hexenverfolgungen in unmittelbarem Zusammenhang mit der
Inquisition stehen. Bereits 1227 richtet Papst Gregor IX. Inquisitionsgerichte ein, deren
Hauptaufgabe es ist, Ketzer zu überführen und hinzurichten. Im Laufe der Zeit
vermischen sich Zaubereivorstellungen mit Elementen der Ketzerverfolgungen.
Schmölzer bemerkt:
„Die Verbindung von Ketzerei mit Zauberei war naheliegend. Beide
bedeuteten Abfall von der Kirche und damit von Gott, und beide hatten sich
den Dämonen, das heißt dem Teufel verschrieben. Die Theologie erklärte
also die Zauberei zu einem ‚crimen mixtum’, das in jedem Fall von der
kirchlichen Gerichtsbarkeit auf seinen ketzerischen Inhalt hin zu prüfen sei.
Auf diese Art und Weise geriet auch die Zauberei in den
Zuständigkeitsbereich der Inquisition.“37

35
Vgl. Heinemann 1986, S. 22 ff.
36
Wisselinck 1987, S. 16.
37
Schmölzer 1987, S. 40.
23

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts beginnt sich der noch geschlechtsunspezifisch
gebrauchte Hexenbegriff herauszubilden. Mit der Veröffentlichung des
„Hexenhammers“, des „Malleus maleficarum“ im Jahre 1487 in Straßburg, der von den
Inquisitoren Heinrich Institoris und Jakob Sprenger verfasst worden ist38, geraten vor
allem Frauen in den Verfolgungssog. Der „Hexenhammer“ beinhaltet weniger
eigenständige Ideen seiner Verfasser, als vielmehr ein Sammelsurium an bereits
vorhandenen Tendenzen seiner Zeit.39 Das Neue dieser Schrift liegt in der Betonung des
Schadenszaubers und der eindeutigen Konzentration auf die Frau. Der Zweck des
„Hexenhammers“ besteht darin, dass den weltlichen Gerichten, die den Schadenszauber
schon seit langem verfolgen, die rechtliche Grundlage eingeräumt werden soll, die von
der Inquisition verurteilten Hexen auch auf weltlicher Ebene zu verurteilen. Schmölzer
interpretiert diese Veränderung wie folgt:
„Der eigentliche Grund für die Übergabe an die weltlichen Gerichte dürfte
jedoch nicht in der ‚Beschwerlichkeit des Geschäftes’ gelegen sein, sondern
in der Möglichkeit einer effektiveren Verfolgung, weil einzig das weltliche
Gericht in der Lage war, die Todesstrafe auszusprechen.“40

Das lateinische Wort femina (Frau) geben die Verfasser als Zusammensetzung des
spanischen fe (Glaube) und des lateinischen mina (weniger) aus, so entsteht die Frau als
die Weniger-Glaubende.41
Schadenszauber, Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft und die Teilnahme am Hexensabbat
gelten als Hauptanklagepunkte einer theoretischen Begründung des Hexenwesens.
Der Teufelspakt beinhaltet die Vorstellung, dass die Hexe dem Teufel ihr Seelenheil
hingibt und als Gegenleistung von ihm mit übernatürlichen, unheilbringenden Kräften
ausgestattet wird. Das sog. „stigma diabolicum“, das Hexenmal (Warzen, Leberflecke,

38
Neben dieser gängigen Forschungsansicht ist Schmölzer der Meinung, dass der eigentliche
Verfasser des Hexenhammers Heinrich Institoris gewesen sei (vgl. Schmölzer 1986, S. 63).
39
Als Vorbilder dienten wohl das „Directorium inquisitorum“ des aragonischen
Generalinquisitors Nikolaus Eymericus aus dem Jahre 1376, die „Ketzergeißel“ des Inquisitors
Nikolaus Jaquier und der „Formicarus“ des Schweizer Theologen Johannes Nider (geschrieben
zwischen 1435 und 1437).
40
Schmölzer 1987, S. 64 f.
41
Vgl. Schmölzer 1987, S. 67 f.
24

Narben etc.), gilt als sichtbares Zeichen für den Teufelspakt, welches der Teufel der
Hexe bei der ersten Teilnahme am Hexensabbat zufügt.
Die übernatürlichen Kräfte bestehen in den sog. Maleficien, der Kunst des
Wettermachens, der Unfruchtbarkeit und Krankheit bei Mensch und Vieh. Im
„Hexenhammer“ selbst fällt die Konzentration auf Sexuelles ins Auge: So können
Hexen das männliche Glied kastrieren, sodass es „gleichsam gänzlich aus dem Leib
herausgerissen ist“.42
Das Maleficium, der Schadenszauber, wird häufig in Verbindung mit den Hebammen
gesehen. Ihnen wird vorgeworfen Verhütungsmittel anzuwenden, Abtreibungen
durchzuführen und die Säuglinge den teuflischen Mächten zu weihen.
Nach Vorstellung der Hexenverfolger wird der Teufelspakt meistens durch
Geschlechtsverkehr zwischen Teufel und Mensch, der Teufelsbuhlschaft, besiegelt;
dabei kann der Teufel in Männergestalt als Incubus (der Aufliegende) oder in
Frauengestalt als Succubus (der Unterliegende) in Aktion treten. Als Wechselbälger
gelten die aus der Teufelsbuhlschaft entstandenen Kinder. Die Hexen nehmen
schließlich am Hexensabbat auf dem Blocksberg teil, einer Hexenzusammenkunft,
deren Ziel es ist, den Teufelsbund in orgiastischer Manier zu vollziehen und zu feiern.

Um das Verfahren eines Hexenprozesses einleiten zu können, bedarf es der Indizien.


Soldan und Heppe43 beschäftigen sich in ihrer Untersuchung mit der Frage, was genau
als Indizium galt:
„Alles! Übler Ruf, oft begründet durch die vor Jahren aus Haß oder auf der
Folter getanen Aussagen einer Inquisitin, oft nicht einmal durch Zeugen
erhoben, die Angabe eines Mitschuldigen, die Abstammung von einer
wegen Zauberei Hingerichteten, Heimatlosigkeit, ein wüstes und unstetes
Leben, große und schnell erworbene Kenntnisse, eine Drohung, auf die den
Bedrohten ein plötzlicher Schaden traf, die Anwesenheit im Felde kurz vor
einem Hagelschlag – dies alles erscheint noch als etwas ziemlich Einfaches;
(...) Das schrecklichste Indizium war aber die Aussage einer Hexe, die, auf
der Folter nach Genossen befragt, um von der grässlichen Qual befreit zu
werden, irgend jemanden nannte, der dann sofort verhaftet wurde.“44

42
Zit. nach Schmölzer 1987, S. 65.
43
Vgl. Soldan, W.G. und Heppe, H.: Geschichte der Hexenprozesse, München 1912.
44
Zit. nach Heinemann 1986, S. 74.
25

Die von einer unter Folter stehenden Hexe ausgesprochene Denunziation gilt als
vollwertige Zeugenaussage. Die Annahme, dass alle Hexen am Hexensabbat
teilnehmen, veranlasst die Prozessrichter zur noch schärferen Folter, damit die
Beschuldigten ihre Mittäterinnen nennen. Sinn und Zweck der Folter besteht darin, ein
Geständnis zu erhalten und die Namen von Mitschuldigen zu erpressen. Als Zeuge darf
laut „Hexenhammer“ jeder jeden Alters gelten. Dieser Teufelskreis hat zur Folge, dass
auf dem Höhepunkt des Hexenwahns im 17. Jahrhundert praktisch kein Mensch mehr
seines Lebens sicher ist.
Neben den Indizien dienen die Hexenproben als weiteres Gerichtsmittel um zu
erreichen, dass die Folter angewandt werden kann. Bei diesem „Beweismittel“ zeigt
sich in besonders grausamem Maße das kaltblütige Kalkül derjenigen, welche die
Hexenprobe als Mittel des sicheren Todes anwenden: So gibt es die Wasserprobe, die
Nadel- und Wiegenprobe oder die Tränenprobe.
Bei der Wasserprobe werden Hände und Füße der Angeklagten zusammengebunden,
um sie anschließend ins Wasser zu werfen. Schwimmt sie auf dem Wasser, ist sie
schuldig und muss sterben, geht sie unter, ist sie unschuldig und ebenso
unwiederbringlich verloren.
Bei der Nadelprobe sucht man den Körper der Hexe nach Teufelsmalen ab, in die man
schließlich mit Nadeln hineinsticht. Blutet das Mal, ist die Angeklagte unschuldig,
blutet es indes nicht, ist sie nach Überzeugung ihrer Peiniger eine Hexe.
Bei der Tränenprobe, die sehr selten Anwendung findet, gilt es als Schuldindiz, wenn
die Angeklagte trotz Folter keine Träne vergießt.
Den Beginn der Folter schildern Soldan und Heppe wie folgt:
„Man begann die Tortur gewöhnlich mit dem Daumenstock, indem man den
Angeklagten entblößte und anband und dessen Daumen in Schrauben
brachte, diese langsam zuschraubte und so die Daumen quetschte.
Half dieses nichts, so nahm man die Beinschrauben oder spanischen Stiefel,
durch die Schienbein und Waden glatt gepresst wurden, nicht selten bis zur
Zersplitterung der Knochen. Zur Erhöhung der Qual wurde dabei noch
zwischendurch mit dem Hammer auf die Schrauben geschlagen. Um nicht
durch das Jammergeschrei der Gefolterten molestiert zu werden, steckte
26

ihnen der Scharfrichter ein Kapistrum in den Mund, das das Schreien
unmöglich machte.“45

Dennoch gibt es auch Menschen, die sich vom Hexenwahn distanzieren. Die meisten
verharren aus Furcht vor fatalen Konsequenzen in der Anonymität. Einer der
bedeutendsten Kritiker der Hexenprozesse ist Friedrich von Spee, dessen berühmte
„Cautio criminalis“ 1631 anonym erscheint:
„Persönlich kann ich unter Eid bezeugen, daß ich bis jetzt noch keine
verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen begleitet habe, von der ich unter
Berücksichtigung aller Gesichtspunkte hätte sagen können, daß sie wirklich
schuldig sei.“46

Es gibt etliche Erklärungsmodelle für den Hexenwahn: Sie reichen von der sog.
Rauschgifthypothese, über die Fruchtbarkeitskulthypothese, von politischen Ansätzen
zu ökonomisch-soziologischen Ansätzen bis hin zu psychologischen
Erklärungsmodellen.47 Als unbestreitbar gilt, dass Staat und Kirche die Hexenprozesse
nicht zuletzt aus machtpolitischen Gründen in ihren Dienst stellen:
„Für die Ausweitung der Prozesse spielten auch ökonomische Gründe eine
Rolle. Über Vermögenskonfiskation und Prozesskosten verdienten Beamte,
Richter und andere am Prozeß Beteiligte. Auch erleichterten die Prozesse
die Verdrängung der Frauen aus der qualifizierten Arbeit.“48

Bei den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit werden unzählige Menschen –


hauptsächlich Frauen - aus unterschiedlichen Gründen umgebracht. Aus heutiger Sicht
mag das unvorstellbar erscheinen; doch wenn man bedenkt, dass die letzte der Hexerei
bezichtigte Frau in Europa im Jahre 1782 in Glarus gerichtlich verurteilt und nachher
enthauptet worden ist, wird klar, dass die Hexenverfolgungen erst im sog. Jahrhundert
der Aufklärung ihr Ende gefunden haben.

45
Zit. n. Heinemann 1986, S. 79.
46
Zit. n. Schmölzer 1987, S. 141 f.
47
Vgl. Heinemann 1986, Kap. 3.2.
48
Heinemann 1986, S. 134.
27

2.2 Das Textkorpus: ausgewählte historische Jugendliteratur

Die für das Textkorpus ausgewählte Literatur erstreckt sich auf einen
Erscheinungszeitraum ab Ende der sechziger Jahre bis hin zur Gegenwart. Schon vor
diesem Zeitraum sind vereinzelt Werke zu den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit
erschienen. Doch fällt auf, dass sich besonders seit Ingeborg Engelhardts „Hexen in der
Stadt“ Jugendbuchautoren in besonderem Maße mit diesem Thema auseinandersetzen.
Bei der Auswahl wurden folgende selektive Kriterien berücksichtigt:
a) Obgleich es zahlreiche übersetzte Literatur zu diesem Thema gibt, sind aufgrund
von Vorgaben der geisteswissenschaftlichen Sektion des Fachbereichs
germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz ausschließlich
original deutschsprachige Texte berücksichtigt worden.
b) Die historische Basis, die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit, spielt in allen
Werken eine mehr oder weniger zentrale Rolle, sodass die Haupthandlung aus
dem historischen Kontext heraus entwickelt worden und zu verstehen ist.
c) Die ausgewählte Literatur wendet sich an jugendliche Leser ab ca. 14 Jahren.
Die zahlreichen Werke zu diesem Thema, die sich an ein erwachsenes Publikum
richten, sind nicht berücksichtigt worden. Die Primärliteratur beschränkt sich
also auf die historische Jugendliteratur.

Bevor die verschiedenen Untersuchungskategorien näher erläutert werden, sollen im


Folgenden die einzelnen Werke vorgestellt werden.
28

2.2.1 Ingeborg Engelhardt: Hexen in der Stadt

Der Roman „Hexen in der Stadt“ der im Jahre 1990 verstorbenen Autorin Ingeborg
Engelhardt ist 1975 in der Reihe dtv junior erschienen und liegt in zahlreichen Auflagen
vor. Er ist in die Auswahlliste zum Deutschen Jugendbuchpreis aufgenommen worden.
Den historischen Rahmen bilden die Hexenverfolgungen der Jahre 1626 bis 1630 in der
Stadt Würzburg während der Amtszeit des Fürstbischofs Philipp Adolf von Ehrenberg
(1623-1631).
Der Roman ist in sieben Kapitel unterschiedlicher Länge strukturiert, die mit einer
knappen Überschrift versehen sind. Jedes Kapitel fasst das Geschehen von zwei bis drei
Tagen zusammen und ist in Einzelepisoden untergliedert, sodass 38 Erzähleinheiten
entstehen, die einen Wechsel des Schauplatzes und meist auch der Fokalisierung mit
sich bringen.
Die fiktive Familie Reutter steht im Mittelpunkt der historischen Ereignisse und
verkörpert unterschiedliche Formen des Widerstandes gegen den Hexenwahn. Der Figur
Veronika Reutter kommt dabei eine besondere Stellung zu: Sie ist sowohl mit dem
Hauptinitiator der Hexenprozesse, Fürstbischof Philipp Adolf, als auch mit seinem
ärgsten Kritiker und Widersacher, Sebastian Reutter, verbunden.
Einerseits hat sie mit dem Fürstbischof in einer jugendlichen Liebelei ihre Tochter
Jakobe gezeugt, die dasselbe „Mal“ wie der Fürstbischof trägt, andererseits ist sie mit
dem aufgeklärten Arzt Sebastian Reutter verheiratet. Diese ambivalente Position wird
im Romanverlauf geschickt ausgebaut.
Die Familie Reutter lebt nunmehr seit längerer Zeit friedlich in Würzburg. Eines Tages
wird durch einen bischöflichen Erlass der Beginn der Hexenverfolgungen in Würzburg
eingeleitet:
„Nach Gottes unerforschlichem Ratschluss hat sich bei Unserer ohnehin
beschwerlichen und gefahrvollen Regierung das Laster aller Laster, das ist
die Hexerei und Teufelskunst, aus sonderlicher göttlicher Fügung ereignet.
(...) Weil ja die bisher über uns ergangenen Strafen so vielfältiger Kriege,
Hunger, Pestilenz und andere Unfälle so gar nichts gefruchtet, begehren Wir
mit vorgenommener Inquisition dieses Lasters nichts anderes denn
zuvörderst die Rettung der Ehre Gottes, sodann der armen jämmerlich
29

verführten Unmenschen Seelenheil und Seligkeit auch dieselben wiederum


in göttliche Huld und Gnade zu bringen.“49

Veronika Reutter ist ob der Ungerechtigkeit und tödlichen Folgen dieses Erlasses
entsetzt und spricht vergeblich beim Bischof vor, um ihn zur Milde zu bewegen.
Nachdem die ersten Hexen verurteilt und verbrannt worden sind, müssen immer mehr
dasselbe Schicksal erleiden.
Die Gefahr zieht ihre Kreise immer enger um die Familie Reutter. In einem Gespräch
mit Pater Friedrich muss Sebastian eines Tages Folgendes erfahren:
„ ‚Und Eure Frau?’
‚Warum fragt Ihr? Sie war immer eines Sinnes mit mir, meine treueste
Mitkämpferin.’
‚Der Verdacht von damals hat sich niemals wiederholt?’
‚Was denkt Ihr!’ Sebastian lachte auf, stutze dann aber. Sein Gesicht
spannte sich und wurde bleich.
‚Warum fragt Ihr das, Pater? Was wollt Ihr damit sagen?’
Pater Friedrich schüttelte leise den Kopf, seine Stimme war nur noch ein
Hauch: ‚Nicht sie ist in Gefahr. Aber man sagt ja, die Gabe vererbt sich.
Ihren Namen hörte ich nicht in der Folterkammer, aber den Eurer Töchter.
Heißt nicht eine von ihnen Sabine?’ “50

Nachdem Sabine, die jüngste und mutigste Tochter der Reutters, der Hexerei bezichtigt
worden ist, beschließt diese mit ihrer älteren Schwester Katrin zu fliehen.
In dem darauf folgenden Gespräch der Eheleute gesteht Veronika ihrem Mann ihre
magischen Kräfte, welche sie als drittes Kind von ihrer Mutter geerbt zu haben glaubt.
Sebastian, der Vernunft und menschlichen Fortschritt verkörpert und sich gegen alles
Irrationale vehement wehrt, trennt sich entsetzt, enttäuscht und verwirrt von seiner Frau,
um allein auf „wissenschaftliche“ Weise den Kampf gegen den Hexenwahn
fortzuführen.
Damit löst sich die Familie Reutter als Hort der Solidarität im Kampfe gegen
Aberglaube und Verleumdung völlig auf.

49
Engelhardt 1997, S. 20 f.
50
Engelhardt 1997, S. 132 f.
30

Das Ende der Hexenprozesse in der Stadt wird im weiteren Handlungsverlauf nicht vom
aufgeklärten Arzt Sebastian, sondern von dessen Frau Veronika herbeigeführt. Diese
kehrt nach einer einjährigen Absenz, während der sie außerhalb der Stadt vergeblich auf
ihren Mann gewartet hat, zurück nach Würzburg, macht sich bewusst der Hexerei
verdächtig und bezichtigt schließlich unter der Folter den Hauptinitiator der
Hexenprozesse selbst der Hexerei. Als Beweis nennt sie ihren Folterern ein Mal auf der
Schulter des Bischofs, das von der Hexenjustiz als Teufelsmal interpretiert werden
muss.
Veronika stirbt schließlich unter der Folter. Ihre mutige Tat führt dazu, dass der in die
Enge getriebene Fürstbischof die Hexenprozesse einstellen muss.
31

2.2.2 Isolde Heyne: Hexenfeuer

Der Roman „Hexenfeuer“ von Isolde Heyne ist 1990 im Loewe Verlag erschienen. Er
umfasst in der gebundenen Ausgabe mit Nachwort und Zeittafel 241 Seiten und ist in
acht Kapitel von unterschiedlicher Länge unterteilt, welche wiederum in mehrere
Szenen gegliedert sind, sodass insgesamt 56 Erzähleinheiten entstehen.
Erzählt wird die Geschichte der etwa 15 Jahre alten Barbara, die Ende des 15.
Jahrhunderts in der Stadt Tiefenberg in Deutschland der Hexerei verdächtigt wird und
deshalb ihre wohl letzte Nacht im Kerker verbringen muss.
Von dieser Erzählebene ausgehend erfährt der Leser in Analepsen aus Sicht Barbaras,
wie es zu diesem Zustand gekommen ist:
Als angebliches Findelkind wird Barbara im Säuglingsalter von einem Geistlichen
namens Johann von Rinteln in die Obhut des reichen Kaufmannes Heinrich Burger
übergeben. Barbara wächst in dessen Hause auf, führt den Haushalt, pflegt die
kränkliche Ziehmutter Katharina Burger und eignet sich im nahe gelegenen Kloster
unter Anleitung von Schwester Angela wertvolles Wissen der Heilkunde an, wodurch
sie das körperliche Leid vieler Freunde und Bekannte zu lindern versteht.
Dieses arbeitsreiche Leben wird getrübt durch die ständigen Demütigungen und
Schikanen ihres Ziehvaters und vor allem durch dessen Tochter Armgard, ihrer
Ziehschwester, die ebenso alt wie Barbara und von herrischer Natur ist, was in
folgender Szene zum Ausdruck kommt:
„Armgard war unzufrieden. Sie lockte den Falken, doch der blieb sitzen.
Vor Zorn über diesen Ungehorsam riß sie ihn mit ihrer ledergeschützten
Hand von Barbaras Arm. Das Tier hinterließ tiefe Spuren seiner scharfen
Krallen, weil es sich wild gegen die Behandlung wehrte. Es war nicht
gewohnt, so unsanft angefasst zu werden.
Als Armgard die Haube übergestreift hatte, schrie sie Barbara an: ‚Laß die
Hände von meinem Falken! Er gehört mir. Ganz allein mir!’“51

Einen Lichtblick in Barbaras Leben stellen die vereinzelten Besuche Johann von
Rintelns dar, von dem sie schließlich erfährt, dass er ihr leiblicher Vater ist.
Das gespannte Verhältnis der beiden Mädchen beginnt zu eskalieren, als eines Tages
der junge Kaufmannssohn Martin Wieprecht in beider Leben tritt. Heinrich Burger und

51
Heyne 1995, S. 24.
32

Martins Vater streben eine Eheschließung zwischen Martin und Armgard an, zum
Wohle beider Kaufmannshäuser. Doch Martin lernt Barbara kennen und beide verlieben
sich ineinander. Aus Angst davor, dass man ihn zu einer Vernunftehe mit Armgard
zwingt, bereitet Martin alles für eine geheime Eheschließung vor, in die Barbara
kurzerhand einwilligt.
Währenddessen wird sie von ihrer abergläubischen Ziehschwester Armgard immer
wieder dazu genötigt, ihr angebliche Mittel für einen Liebeszauber zu besorgen, um so
ihr Zielobjekt Martin an sich zu binden. Als sie schließlich vom heimlichen Ehebündnis
zwischen Martin und Barbara erfährt, schlägt Armgards einstige Abneigung gegenüber
der Ziehschwester in zügellosen Hass um. Sie will sich nun mit allen Mitteln an ihr
rächen.
In einem Gespräch mit ihrer Dienerin reift in Armgard allmählich ein schauerlicher Plan
heran:
„ ‚Man muß eine Messe lesen lassen’, sagte Berte eines Abends, als die
Armgards dunkles Haar kämmte und für die Nacht vorbereitete. (...)
‚Eine Messe?’ Armgard lachte schallend. ‚Soll ich zu Pater Laurentius
laufen und ihn bitten, daß er mir den jungen Wieprecht zu Füßen legt?’ (...)
‚Nicht so laut. So eine Messe meine ich nicht. Es muß eine Messe für den
Teufel sein.’
(...)
‚Es braucht einen Ort, der abgelegen genug ist’, verriet Berte. ‚Es braucht
ein Kind, das noch ungetauft ist, und es braucht einen Gegenstand von dem,
der gebannt werden soll.’
‚Besorg einen Pfaffen’, befahl Armgard. ‚Für das andere will ich schon
sorgen.’
In ihrem Kopf reiften böse Gedanken.“52

Armgard begibt sich in die Hände von Satansanbetern und bereitet alles für eine
schwarze Messe in der alten Hütte der von ihr als Hexe denunzierten Kräutertrude vor.
Mit diesem Plan beabsichtigt sie Folgendes: Zum Einen will sie Martin Wieprecht
mittels schwarzer Magie doch noch an sich binden, zum Anderen will sie Barbara dort
in eine Falle locken, indem sie von bereits alarmierten Wachleuten auf vermeintlich
frischer Tat der Hexerei überführt werden kann.

52
Heyne 1995, S. 180 f.
33

Die Falle schnappt zu, Barbara wird eingekerkert, gefoltert und das Urteil wird über sie
gesprochen: schuldig der Hexerei!
Erst kurz vor der Hinrichtung wird Barbara durch die vereinte Kraft ihres leiblichen
Vaters und ihres Ehemannes, beide erklärte Gegner des Hexenwahns, aus dem Kerker
befreit.
34

2.2.3 Harald Parigger: Die Hexe von Zeil

„Die Hexe von Zeil“ des Kinder- und Jugendbuchautors Harald Parigger ist 1996 im
Franz Schneider Verlag erschienen. Sie „erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die
der Hexerei beschuldigt und unmenschlichen seelischen und körperlichen Qualen
ausgesetzt wird – eine Geschichte, wie sie sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts
tausendfach abgespielt hat.“53
Die Handlung wird auf zwei Erzählebenen entfaltet: Die Rahmenhandlung spielt im
Jahre 1667 im Kloster der Dominikanerinnen zu Bamberg. Eine alte Nonne, die
Schwester der Protagonistin, schreibt ihre Memoiren über die Geschehnisse des Jahres
1627 nieder.
Hier beginnt die eigentliche Handlung, die in den nun folgenden siebzehn Kapiteln
erzählt wird. Die Ereignisse spielen im Jahre 1627 in den süddeutschen Städten
Bamberg und Zeil. Im Mittelpunkt steht die junge Ursula Lambrecht, deren Mutter vor
kurzem Opfer der im Bistum Bamberg wütenden Hexenverfolgung geworden ist.
Hauptinitiator der Hexenprozesse ist Fürstbischof Johann Georg Fuchs von Dornheim,
durch dessen fanatisches Betreiben auch der Vater Ursulas, Bürgermeisters Johannes
Lambrecht, der Hexerei bezichtigt und in das Malefizhaus zu Bamberg gebracht wird.
Ursula ist von der Unschuld ihres Vaters überzeugt und hofft darauf, dass er bald wieder
auf freien Fuß kommt.
In ihrer Verzweiflung sucht sie Rat und Trost bei ihrer Schwester Barbara, die als
Nonne im nahe gelegenen Dominikanerinnenkloster lebt. Doch diese ist über die gegen
ihren Vater gerichteten Vorwürfe beschämt und glaubt an dessen Schuld.
Währenddessen versucht Ratsherr Wallner, ein enger Freund der Familie, Ursula dazu
zu überreden, so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen, da auch ihr der
Scheiterhaufen droht. Doch Ursula will ihren Vater nicht alleine zurücklassen. Sie
beschließt abzuwarten und etwas über das Schicksal ihres Vater in Erfahrung zu
bringen.
Das Unheil nimmt seinen Lauf als der Witwer Kaspar Vischer, der bereits Ursulas Vater
denunziert hat, Ursula einen erpresserischen Heiratsantrag macht. Als diese sein
Angebot beharrlich abweist, denunziert er aus gekränkter Eitelkeit heraus auch sie als
Hexe. Wenig später wird sie abgeholt, von einem Wächter vergewaltigt und in das
Gefängnis der nahe gelegenen Stadt Zeil in eine dunkle Zelle eingeschlossen.

53
Parigger 1996, S. 7.
35

Dort trifft sie auf die Leidensgenossin Anna Neuberger, die seit Jahren die Folter
überstanden hat, ohne dass ihr Wille zum Widerstand gebrochen worden wäre. Sie ist
nach wie vor von ihrer Unschuld überzeugt und steht Ursula auf ihrem schweren Weg
bei: Die unhygienischen Verhältnisse innerhalb der Kerkerzelle, das erste „gütliche“
Verhör, die erste körperliche und seelische Folter, schließlich das innere Zerbrechen der
Gefolterten und ihr daraus resultierender Glaube an die eigene Schuld, alles wird
detailliert und schonungslos beschrieben. Der folgende Textauszug bringt die Absicht
der Folterer, ihre Opfer nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zu erniedrigen,
exemplarisch zum Ausdruck:
„Widerwillig führte Ursula einen Löffel zum Mund. Sie schmeckte
Erbsenbrei und gebratenen Fisch. Dann fiel ihr Blick auf das, was Anna in
der Hand hielt. Keine Schüssel, nur ein Stück trockenes Brot. ‚Warum
bekommst du nicht dasselbe wie ich?’ fragte sie leise.
‚Sie wollen meinen Willen brechen. Ich habe den Verhören zu lange
widerstanden. Deshalb geben sie mir nur Wasser und Brot.’
Entschlossen schob Ursula ihrer Gefährtin die Schüssel zu. ‚Nimm es! Ich
kann nicht!’
(...) Aber schon stand der Wächter vor ihr und riß ihr die Schüssel aus der
Hand.
‚Du nicht!’ sagte er.
Dann wandte er sich an Ursula. ‚Du hast wohl grad keinen Hunger’, grinste
er. Er ging zu dem Eimer, in den die Gefangenen ihre Notdurft verrichteten.
‚Schau, ich meine es gut mit dir!’ Mit Schwung leerte er den Inhalt der
Schüssel hinein. (...)
‚Du Schweinehund!’ rief Anna, aber er reagierte nicht einmal.“54

Kurz bevor Ursula sich ihren Folterknechten ergeben und sich selbst der Hexerei
bezichtigen will, geschieht das Unfassbare: Sie wird durch den jungen Gerichtsschreiber
Christoph Steiner, der sich in sie verliebt hat, mit Hilfe eines ausgeklügelten Plans ihres
alten Freundes Wallner aus dem Malefizhaus befreit und gerettet.
In Freiheit erfährt sie, dass ihrem Vater Johannes Lambrecht der Prozess gemacht
worden ist.

54
Parigger 1996, S. 108 f.
36

Hier endet die Haupthandlung und geht wieder in die Rahmenhandlung über, die das
Ende des Romans einleitet: Barbara, die als junge Nonne zunächst von der Richtigkeit
der Hexenprozesse ausgegangen ist, gewinnt aus der zeitlichen Distanz des Jahres 1667
heraus eine neue Überzeugung:
„Das Brennen hat gedauert bis zum Jahr 1631, schrieb sie, als die Schweden
vor Bamberg gestanden sind. Der Bischof und alle seine Richter sind
geflohen, und zehn Personen, die noch im Malefizhaus gelegen haben, hat
man freigelassen.
Etliche hundert aber sind hingerichtet und verbrannt worden. Ob ihnen recht
geschehen ist?
Ich bezweifle es, Gott vergebe mir.“55

55
Parigger 1996, S. 247.
37

2.2.4 Ulrike Haß: Teufelstanz. Eine Geschichte aus der Zeit der
Hexenverfolgungen

„Teufelstanz. Eine Geschichte aus der Zeit der Hexenverfolgungen“ der Autorin Ulrike
Haß wurde 1982 im Rowohlt Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Das Werk umfasst 23
Kapitel, die allesamt mit einer Überschrift versehen sind.
Die Geschichte dreht sich um die 13-jährige Marie, die Ende des 16. Jahrhunderts bei
ihrer Tante namens Hindenacherin in Nördlingen aufwächst, weil ihre Mutter wegen
Ehebruchs vor Jahren der Stadt verwiesen worden ist. Maries Tagesablauf ist geprägt
von Pflichten: Sie besorgt den Haushalt ihrer Tante, kümmert sich um deren Kinder und
arbeitet seit kurzem im Wirtshaus „Die Höll“ als Magd.
Als eines Tages die drei jüngsten Kinder der Hindenacherin kurz nacheinander am
Pockenfieber sterben, beginnt das Unglück in Maries Leben seinen Lauf zu nehmen.
Der Hebamme Ursula Haider, die ebenfalls im Hause der Hindenacherin wohnt und alle
erkrankten Kinder gepflegt hat, geschieht ein Missgeschick, das nicht ohne Folgen
bleibt: Als sie im Beisein der Familie, der Nachbarn und der Paten den Leichnam des
jüngsten Kindes in seinem Gewand aus Leinen auf eine Bahre trägt, zeichnet sich am
Kopf des Totenkleides ein pflaumengroßer Blutfleck ab:
„Die Paten sahen es ungläubig mit entsetzten Augen.
‚Mein Gebieter, bewahre mich und dieses tote Kind vor allem Übel’, sagte
Ursula leise. ‚Nimm seine Seele zu dir, die so unschuldig ist wie am ersten
Tag.’
Den Paten gingen die Augen bald über vor Angst. Sie drängten sich noch
enger zusammen, und für Marie, die ihnen gebannt zusah, schmolzen sie zu
einem einzigen Haufen aus dunklen Kleidern und blassen Hauben
zusammen. In einer gemeinsamen Bewegung wich dieser Haufen noch um
einige Fußbreit zurück.“56

Seit diesem Vorfall wird Ursula hinter vorgehaltener Hand als Kindsmörderin und Hexe
bezeichnet, was sich auch auf Marie folgenschwer auswirkt, da sie Ursulas Vertraute ist.
Unterdessen hört man in der Stadt immer mehr von anderen deutschen Städten, in denen
Scheiterhäufen angezündet werden, um „dem Bösen“ Einhalt zu gebieten. Die Angst
vor Hexen geht um und zieht ihre Kreise immer enger um Ursula und Marie. Letztere,

56
Haß 2002, S. 48 f.
38

deren wacher Verstand die Gefahr zu erkennen beginnt, erfährt von Caspar, dem Sohn
des Stadtschreibers, dass wegen der Hexenfrage eine Ratssitzung im Rathaus der Stadt
Nördlingen abgehalten werden soll. Maries Plan, sich im Rathaus zu verstecken, um die
Sitzung belauschen zu können, gelingt. Sie wird Zeugin, wie der ehrgeizige
Bürgermeister und seine Räte tatkräftig gegen das Hexenwesen vorgehen wollen:
„ ‚So kommen wir gleich zur Sache’, fuhr Pferinger fort. ‚Die Hauptschuld
an all diesen Übeln unserer Zeit kommt bekanntlich der Hexerei, Zauberei,
Schwarzseherei, den nachtfahrenden Weibern, allen Teufelsbuhlen zu. Sie
sind die Mittler, mit deren Hilfe sich der Böse die Menschen von innen
erobert. Das aber ist ein Weg voller Hinterlist und Heimtücke. Treuherzig
bauen wir noch heute Stück um Stück unsere Stadtmauer fester und
sicherer, dass das Leben in unserer Stadt friedlich gedeihe. Und wissen
dabei doch nicht, wie viele morgen schon in Buhlschaft mit dem Bösen
umgehen und all unsere Werke zunichte machen.’ “57

Als kurz danach Maries und Ursulas Namen fallen, wird Marie das Ausmaß der Gefahr,
in der sie täglich lebt, erst richtig bewusst. Doch vergeblich versucht sie die alte Ursula
Haider dazu zu bewegen, die Stadt zu verlassen. Ursula, die in ihrer Jugend von einem
sadistischen Mann körperlich gequält und seelisch erniedrigt worden ist, lebt seitdem im
Zweifel, ob der Teufel bei ihr vielleicht nicht doch seine Finger im Spiel hat. Aufgrund
ihrer Selbstzweifel und starken Schuldgefühle weigert sie sich, die Stadt zu verlassen
und bittet Marie darum, sie nicht alleine zurückzulassen:
„Wenn eine Schuld an mir ist, dann muss sie herausgebracht werden, dass
ich frei werde von ihr. Und wenn es sein soll, so muss ich durch die Pein der
Folter gehen, einem reinen Herzen tut nichts weh.“58

Ursulas verwirrter Geisteszustand wird ihr schließlich zum Verhängnis: Als sie sich
eines Abends allein im Hause der Hindenacherin befindet und meint, das Weinen der
drei verstorbenen Kinder im Herbstwind zu vernehmen, flüchtet sie panisch zur
Christin, der Schwester der Hindenacherin, und bezichtigt sich unter
Wahnvorstellungen selbst der Hexerei. Die zutiefst erschrockene Christin zeigt Ursula
vor dem Rat an, woraufhin diese kurz darauf verhaftet und eingesperrt wird.

57
Haß 2002, S. 111 f.
58
Haß 2002, S. 126 f.
39

Noch am Tag der Verhaftung erfährt Marie von ihrer Freundin Bärbel, dass der Rat nun
auch konkrete Verdachtsmomente gegen sie selbst sammelt und sie bald verhaften will.
Marie sieht keinen anderen Ausweg, als aus der Stadt zu fliehen. Sie schließt sich einer
Vagantentruppe an und verlässt Nördlingen.
40

2.2.5 Ingeborg Bayer: Der Teufelskreis

Ingeborg Bayers historischer Jugendroman „Der Teufelskreis“, der auf der Auswahlliste
zum Deutschen Jugendbuchpreis steht, ist erstmals 1968 Im Arena Verlag erschienen
und liegt derzeit in der 14. Auflage vor. Das Werk umfasst vierzehn Kapitel
unterschiedlicher Länge.
Der 16-jährige Hieronymus, der neun Jahre bei Freunden auf Sizilien verbracht hat, lebt
seit kurzer Zeit im Hause seines Onkels Sebastian Veltin, einem Buchdrucker in
Straßburg. Dort wird er zunächst unfreiwillig mit der Vergangenheit seiner aus
Würzburg stammenden Familie konfrontiert, als ihn eines Tages sein Mitschüler Lupus
direkt auf Hexen in seiner Familie anspricht.
Hieronymus erfährt von seinem Onkel, dass vor Jahren sowohl die Mutter als auch die
Schwester in Würzburg als Hexen denunziert und verbrannt worden sind. Sebastian, der
mittels Advokaten versucht hat dagegen vorzugehen, musste nach dem Tod seiner
Schwester Würzburg verlassen und nach Straßburg ziehen. Dass es sich dabei um ein
Tabuthema handelt, zeigt sich im folgenden Dialog zwischen Hieronymus und seinem
Onkel:
„ ‚Ihr hattet mir doch geschrieben, dass meine Mutter und meine Schwester
an einer Seuche gestorben seien’, sagte er leise und wollte fortfahren. Aber
als er sah, wie das Gesicht des Onkels dunkelrot anlief, hielt er inne.
‚Wenn du mir etwa damit sagen willst, dass ich gelogen habe, dann kannst
du das Haus auf der Stelle verlassen. Frag die Barb, ob sie damals etwa
nicht das Gefühl hatte, als seien wir alle an der Pest erkrankt. Lass dir
erzählen, wie sie in den Läden stand und warten musste, bis sie als Letzte
drankam. Wie alle, die wir glaubten als Freunde zu haben, plötzlich in
weitem Bogen auf die andere Straßenseite hinübergingen. Wie niemand
mehr Zeit hatte, uns zu besuchen, und alle plötzlich zu beschäftigt waren,
um uns einzuladen. Schlimmer hätten wir nicht gemieden werden können,
wenn uns alle der schwarze Tod befallen hätte!’ “59

Eines Abends beobachtet der argwöhnische Lupus, wie Hieronymus zu spät zum Singen
erscheint und darüber hinaus noch vom Dekurio Georg gedeckt wird. Dies nutzt Lupus
aus und erpresst die beiden Freunde, indem er ihnen folgenden Handel anbietet: Bei

59
Bayer 2001, S. 22 f.
41

gegenseitigem Stillschweigen über das Vorgefallene will er sich eines Tages einen
bestimmten Gefallen erbitten, den Hieronymus und Georg unbedingt erfüllen müssen.
Beide, erleichtert darüber, dass ihr Vergehen nicht dem Lehrer angezeigt wird, willigen
schließlich ein.
Wochen später entdeckt Hieronymus auf dem Speicher des Hauses Gegenstände, die
seiner Mutter und seiner Schwester gehört haben. Darunter befinden sich auch
verfängliche Aufzeichnungen der Mutter, die sich offenkundig in ihrer Jugend selbst in
den Hexenkünsten versucht hat. Unter den Gegenständen findet er eine wohlduftende
Salbe, deren Geruch ihn stark an seine Mutter erinnert. Voller Sehnsucht und Heimweh
reibt er sich davon etwas auf die Stirn.
Im Laufe der Nacht und des folgenden Tages leidet er als Folgeerscheinung unter
Wahnvorstellungen. Völlig verunsichert wendet er sich hilfesuchend an die alte Magd
Barb, die bereits seine Mutter gekannt hat. Diese erzählt ihm von ihr, wie sie sich nach
dem Tod ihres Mannes dieser Salbe als Rauschmittel bedient hat, um ihrer qualvollen
Gegenwart ein wenig zu entfliehen. Infolgedessen sind Mutter und Tochter als Hexen
denunziert und verurteilt worden.
Eines Tages fordert Lupus den versprochenen Gefallen von Hieronymus ein: Dieser soll
ihn nach Barr begleiten und dort eine ihm unbekannte, der Hexerei bezichtigte Frau
durch seine Aussage zusätzlich belasten. Lupus droht Hieronymus mit Denunziation,
falls dieser sich weigern sollte, ihm Folge zu leisten. Der in die Enge getriebene
Hieronymus gibt schließlich nach in der Hoffnung, ein für allemal Ruhe vor seinem
Widersacher zu haben.
Nachdem beide in Barr angekommen sind, erfährt Hieronymus zu seiner großen
Erleichterung, dass seine Falschaussage nicht mehr notwendig ist, weil die Frau bereits
gestanden hat.
Noch in derselben Nacht, nachdem Hieronymus eine ernüchternde Aussprache mit dem
erzürnten Onkel gehabt hat, beschließt der Junge, nach Sizilien zu seinen Freunden zu
fliehen:
„Irgendwohin weitersteigen können, irgendwo ankommen dürfen, von
irgendjemand erwartet werden. Von jemand, zu dem er aufblicken konnte.
Jemand, der mit erhobenem Haupt aus dem Hof ritt, auch wenn man ihm
soeben alles genommen hatte. Jemand, der stark war und ohne Fehler,
jemand wie Don Alighiero.“60

60
Bayer 2001, S. 127.
42

Hieronymus sehnt sich nach einem starken Erwachsenen, der ihm in allem ein Vorbild
sein kann. Die Erfüllung dieses Wunsches sieht er in seinem einstigen Vormund Don
Alighiero verkörpert.
Doch sein Freund Georg, der ihm einst versprochen hat, bei der Flucht zu helfen, macht
ihm Mut, den Ängsten und Widerständen in Straßburg zu begegnen und seine
Schwierigkeiten zu überwinden.
Hieronymus wird daraufhin klar, dass er stark genug ist, in Straßburg seine neue Heimat
zu finden und beschließt zu bleiben.
43

3. Kategoriebildung

3.1 Erzählen als fiktionale Gestaltung historischer Prozesse

Die dieser Arbeit zugrunde liegenden erzähltheoretischen Termini basieren auf


Martinez’ und Scheffels Überblicksdarstellung „Einführung in die Erzähltheorie“61.
Geht man davon aus, dass der Vorgang des Erzählens bzw. sein Produkt die Erzählung
eine Form des Redens bzw. der Rede darstellt, mittels dessen/derer jemand jemandem
ein Geschehen vergegenwärtigt, so sind dabei der Realitätscharakter von der
Redesituation zu unterscheiden. Mit Realitätscharakter ist gemeint, dass sowohl von
realen als auch von erfundenen Vorgängen erzählt werden kann. Redesituation meint
das Erzählen im Rahmen von alltäglicher, also nichtdichterischer oder dichterischer
Rede. Demzufolge ergeben sich zwei Merkmalspaare –>real vs. fiktiv< und
>dichterisch vs. nichtdichterisch<-, aus denen vier Kombinationsmöglichkeiten
abgeleitet werden können.62
Aufgrund dieser Merkmalsbestimmung gelangen Martinez und Scheffel zu einem
weiteren, übergeordneten Unterscheidungsmerkmal: Sie unterscheiden faktuales63 von
fiktionalem Erzählen.
Faktuale Texte sind „Teil einer realen Kommunikation, in der das reale Schreiben eines
realen Autors einen Text produziert, der aus Sätzen besteht, die von einem realen Leser
gelesen und als tatsächliche Behauptungen des Autors verstanden werden.“64 Zu
faktualen Texten zählen u.a. Zeitungsberichte, historische Abhandlungen, Biographien
etc. Der Autor muss sich persönlich für die Referenzialisierbarkeit, also der
Verankerung seiner produzierten Aussagen in einem empirisch-wirklichen Geschehen,
verantworten. Er läuft damit Gefahr, der Lüge bezichtigt zu werden, sollte sein Text

61
Martinez, Matias und Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie, München 2002.
Martinez und Scheffel geben in diesem Werk eine Überblicksdarstellung der Erzähltheorie/en.
Sie bezieht sich nicht nur auf Literaturwissenschaften, sondern auch auf Beiträge zum
Phänomen des Erzählens aus der Soziolinguistik, der Kognitionspsychologie, der Anthropologie
und der Geschichtswissenschaft.
62
Vgl. Martinez und Scheffel 2002, S. 9 ff.
63
Der Begriff des faktualen Erzählens ist vom Erzähltheoretiker Gérard Genette in seinem Werk
„Fiktion und Diktion“ geprägt worden.
64
Martinez und Scheffel 2002, S. 17.
44

Aussagen beinhalten, die von der empirischen Wirklichkeit mehr oder weniger stark
abweichen.
Die Unterscheidung zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen wird bereits bei
Aristoteles in seiner „Poetik“ im neunten Kapitel reflektiert:
„Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht
dadurch voneinander, dass sich der eine in Versen und der andere in Prosa
mitteilt (...); sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, dass der eine das
wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. (Poetik,
1451b).“65

Für Aristoteles ist also weniger die sprachliche Form von Bedeutung als vielmehr das,
wovon die Dichtung spricht. Sein Beispiel vom Dichter, der mitteilt, was geschehen
könnte, führt uns zum fiktionalen Erzählen.
Fiktionale Texte haben mit faktualen Texten eine gemeinsame Schnittmenge: Auch sie
sind Teil einer realen Kommunikation, bei der ein realer Autor für reale Leser Sätze
produziert. Allerdings unterscheiden sich fiktionale Texte von faktualen, weil sie viel
komplexer sind. Sie weisen neben der realen noch eine imaginäre
Kommunikationssituation auf. Dabei wird zwischen dem Autor und dem Erzähler
unterschieden.
Der Autor produziert zwar reale Sätze, die aber zugleich inauthentisch sind, weil sie
nicht als Behauptungen des Autors selbst, sondern als Behauptungen des fiktiven
Erzählers zu verstehen sind. Auf der Ebene des fiktiven Erzählers sind dieselben Sätze
authentisch und zugleich imaginär, denn sie werden von ihm im Rahmen einer
imaginären Kommunikationssituation behauptet. Daher ist die „fiktionale Erzählung
(...) zugleich Teil einer realen wie einer imaginären Kommunikation und besteht
deshalb je nach Sichtweise aus real-inauthentischen oder aus imaginär-authentischen
Sätzen.“66
Martinez und Scheffel schlussfolgern, dass das Fehlen einer unmittelbaren Einbindung
in einen realen raum-zeitlichen Zusammenhang (wie beim faktualen Erzählen) einen
Freiraum evoziert, dessen Ausgestaltung mittels Sprache, Perspektivierung, Handlung,
Figuren etc. weitgehend der Vorstellungskraft des Autors überlassen bleibt.

65
Zit. nach Martinez und Scheffel 2002, S. 11.
66
Martinez und Scheffel 2002, S. 18.
45

Der Geschichtsdidaktiker von Borries setzt bei historischer Jugendliteratur einen


besonderen Erzählbegriff voraus: Erzählen als fiktionale Gestaltung historischer
Prozesse.67 Folglich beinhaltet dies ein mitunter kompliziertes Mit- und Nebeneinander
aus faktualem und fiktionalem Erzählen.
Die eigentliche Grundlage historischer Jugendliteratur, das Erzählen von historischen
Begebenheiten, Vorgängen und Zusammenhängen, ließe sich demzufolge dem
faktualen Erzählen zuordnen, weil dadurch eine unmittelbare Einbindung in einen
realen raum-zeitlichen Zusammenhang gegeben ist. Hier wird der Autor also persönlich
vom realen Leser für seine produzierten Sätze – für die Richtigkeit der dargebotenen
historischen Fakten - zur Verantwortung gezogen.
Die Ausgestaltung dieses realen, von einem fiktiven Erzähler dargebrachten
Zusammenhangs durch nichthistorische Elemente (Figuren, Handlungsführung etc.)
wäre folglich Aufgabe des fiktionalen Erzählens.
Der Übergang von real-inauthentischer zu real-authentischer Kommunikationssituation
wird mitunter durch Kontextmarkierungen kenntlich gemacht (vgl. HAUPTTEIL 1.)
oder er vollzieht sich unmerklich. Gerade der unmerkliche Übergang von faktualem zu
fiktionalem Erzählen aber birgt eine besondere Gefahr in sich, die auf Seiten der
Geschichtsdidaktik zu interessanten Überlegungen geführt hat, die im folgenden Kapitel
erläutert werden.

67
Vgl. Borries von 1988, S. 27.
46

3.2 Zwischen Fiktion und empirischer Wirklichkeit: Bedenken und Forderungen


seitens der Geschichtsdidaktik

Es ist nicht einfach, „gute“ historische Literatur für Jugendliche zu schreiben!


Zwar begreifen manche Schriftsteller die Historie als reinen „Ideenpool“, welcher
angefüllt mit menschlichen Schicksalen zu sein scheint und darüber hinaus über die
Brisanz des empirisch Wirklichen verfügt. Doch handelt es sich beim Terminus
historische Jugendliteratur weder um Kostümromane, deren handelnde Personen keine
realen Gestalten der Vergangenheit darstellen müssen, noch um historische
Sacherzählungen, deren dargestellte Vergangenheit keinen Bezug zur Gegenwart
aufweisen muss.68
„Gute“ historische Jugendliteratur setzt die quellenkundlich gut erschlossene
Vergangenheit in Bezug zur Gegenwart, indem sie das Gestern als Voraussetzung für
das Heute begreift und nicht umgekehrt. Die handelnden Personen dürfen nicht
willkürlich gezeichnet sein, sondern müssen aus den Verhältnissen ihrer Zeit heraus
charakterisiert werden.
Mit diesen Anforderungen, die Lukács im historischen Gesellschaftsroman erfüllt sieht,
haben sich zahlreiche Didaktiker, Germanisten und Historiker eingehend befasst. Im
Folgenden werden zentrale Positionen dieses Diskurses vorgestellt.

Historiker befürchten nicht zu Unrecht, dass historische Jugendliteratur aufgrund ihres


über weite Strecken hinweg fiktionalen Erzählcharakters69 ein zentrales Problem
aufwirft, das wir unter dem Begriff historische Wissenschaftlichkeit subsumieren
wollen. Hier stellt sich folgende Frage: Lässt sich fiktionales Erzählen in Einklang mit
historischer Wissenschaftlichkeit bringen oder steht sie nicht vielmehr im Widerspruch
zu derselben?
Historiker sehen es häufig mit unguten Gefühlen, wenn sich mitunter fachfremde
Autoren auf historisch aufgearbeitetes Quellenmaterial berufen, um daraus
geschichtliche Erzählungen für Jugendliche zu schreiben. Sie befürchten einen
unsachgemäßen, unwissenschaftlichen Umgang mit historischen, teilweise in der
Forschung umstrittenen Aussagen, wenn Autoren aus Gründen der didaktischen

68
Unterscheidung nach Lukács 1955.
69
Zu den erzähltheoretischen Begriffen fiktionales und faktuales Erzählen vgl. Martinez und
Scheffel 2002, S. 9-19.
47

Reduktion mitunter auf eine lückenlose Darstellung der Ereignisse zu Gunsten einer
überschaubaren Handlungsführung verzichten müssen und Lücken in der Forschung mit
eigenen Vorstellungen überbrücken. In diesem Sinne fordert der Historiker Wolfgang
Schlegel in seinem im Jahre 1962 erschienenen Werk „Forderungen und Wünsche des
Historikers an das geschichtliche Jugendbuch“, dass „das geschichtliche Jugendbuch
geschrieben wird aufgrund gründlicher Geschichtskenntnisse, gewonnen durch eigenes
Quellenstudium oder gesichert durch die Forschungen der wissenschaftlichen
Historiker.“70
Hermann Bertlein, der sich bereits im Jahre 1957 eingehend mit dieser Problematik
befasst hat, versteht unter „einem geschichtlichen Jugendbuch eine literarisch
ausgeglichene historische Erzählung“, welche „einer jeweils empfänglichen jugend-
psychologischen Situation einen wesenhaften historischen Gehalt unter Verwendung
richtiger geschichtlicher Fakten nahe bringt.“71
Neben der historischen Redlichkeit, die für Bertlein Grundvoraussetzung für historische
Jugendliteratur ist, versucht er aber auch die künstlerischen Bedürfnisse der
Jugendbuchautoren zu berücksichtigen:
„Die strengen Historiker bemängeln die allzu große Freiheit, mit der ein
Autor einen geschichtlichen Stoff behandelt. Tatsächlich befindet sich der
Autor eines geschichtlichen Romans in einer schwierigen Lage; denn zuviel
dichterische Phantasie diskreditiert die Objektivität des Dargestellten, zu
wenig ‚imagination’ lässt die Darstellung unkünstlerisch erscheinen, den
Stil einer wissenschaftlichen Beschreibung allzu sehr sich angleichen’ [B.
Rang: Der Roman, kleines Leserhandbuch, Freiburg 1950, S. 77]. Trotz
allem sollte aber bei der Bewertung eines historischen Romans die Frage
nach der künstlerischen Leistung an erster Stelle stehen.“72

Sachliche Richtigkeit, literarische Qualität und Altersangemessenheit sind die


wesentlichen Forderungen Bertleins.

Darüber hinaus werden Vorwürfe anderer Art erhoben, die sich auf die Gefahr einer
naiven, einseitig identifikationsfördernden, harmonisierenden und schlimmstenfalls von

70
Schlegel 1962, S. 102.
71
Bertlein 1957, zit. nach Schlegel 1962.
72
Bertlein 1961, S. 44.
48

der Quellenlage aus betrachtet unhaltbaren Darstellung von Geschichte beziehen73:


Bemängelt wird, wenn beim Leser mittels literarischer und rhetorischer Mittel
überwiegend starke Emotionen wie Trauer oder Empörung ausgelöst werden, da sie die
Bildung einer individuellen Urteilskraft verzögern, sie schlimmstenfalls sogar
verhindern können. Als problematisch erscheinen auch allzu geschlossene Erzählläufe,
die sich mehr an äußeren historischen Ereignissen als an inneren Handlungsmotiven
orientieren, da sie dem Leser die Vorstellung von historischer Eindeutigkeit im Sinne
von „So war es und nicht anders!“ suggerieren. Neben der Gefahr der trügerischen
Gewissheit von der historischen Eindeutigkeit monieren Historiker, wenn einseitige
Darstellungen ein harmonisierendes Geschichtsbild erzeugen. Dies geschieht dann,
wenn etwa bei nationalen bzw. national-kulturellen Themen Konfliktfelder
ausgeblendet werden. Die Personalisierung von Geschichte, die Darstellung vom
Handeln und Wirken der großen Männer und Frauen, birgt die Gefahr, dass jugendliche
Leser Geschichte als die Sache von einzelnen und nicht als multikausales Gefüge
unterschiedlichster Kräfte begreifen.
Mit diesem geschichtstheoretischen Diskurs, der ursprünglich nichts mit Kinder- und
Jugendliteratur zu tun hat, hat sich die Geschichtsdidaktik eingehend befasst.74
Von Borries, der sich mit der Frage beschäftigt hat, ob die Verwendung historischer
Erzählungen im Geschichtsunterricht legitim sei, meint dazu:
„Wägt man ab, so sprechen beachtliche Gründe für die Verwendung von
Auszügen aus ‚guten’ historischen Romanen auch im Geschichtsunterricht,
so Motivation und Spannung, Altersgemäßheit und Sprachgerechtigkeit,
Anschaulichkeit und Elementarisierung, Innensicht und Betroffenheit,
Empathiechance und Imaginationsanreiz. Warum sollte eigentlich die
hypothetische Ausfüllung unvermeidlicher Überlieferungslücken verboten
sein?“75

73
Vgl. Sauer 1999.
74
Dieser geschichtsdidaktische Diskurs wird u.a. ausführlich bei von Borries (1978, 1983, 1988,
1996), von Glasenapp (2001), Ladenthin (1989), Schörken (1993, 1994), Pandel und Veit
(1996) und bei von Reeken (1999) behandelt.
75
Borries von 1988, S. 45.
49

Er betont aber auch Gefahren wie „Fiktionalität unkontrollierter Art, suggestive


Unterschiebung von Deutungsmustern, häufig genug Monoperspektivität, Ersetzung
von exakter Forschung durch heutiges Vorurteil, schließlich Überlänge...“76
Ladenthin weist darauf hin, dass auch Wissenschaftler mit Fiktionen arbeiten. Denn
immer vorhandene Lücken im Quellenmaterial müssen durch die Fantasie des Forschers
überbrückt werden, will er zu einem Gesamtergebnis gelangen. Ladenthin nennt dieses
Phänomen „konkrete Phantasie“.77 Sie ist nicht frei und losgelöst, ihre Besonderheit
liegt in der ständig korrigierten Relation zur historisch erforschten, messbaren
Wirklichkeit. Pandel, der die Frage aufwirft „Wieviel Fiktion verträgt unser
Geschichtsbewusstsein?“78, stellt in diesem Zusammenhang die Behauptung auf, dass
sich unser Geschichtsbewusstsein zunehmend mit Imaginationen auffüllt. Einer der
Gründe sieht er in der ästhetischen Erzählung von Geschichte:
„Die ästhetische Erzählung von Geschichte nimmt künstlerisch erzeugte
Fiktionen und Imaginationen mit auf, die durch die Wissenschaft nicht
gedeckt sind. In dem Maße, in dem sich unsere Geschichtskultur ästhetisiert
und visualisiert, erhöhen sich zugleich ihre fiktiven und imaginativen
Elemente. Jede noch so sehr um historische Treue bemühte Darstellung in
Film, Fernsehen, Theater, Belletristik und jener Geschichtsschreibung, die
literarische Ambitionen besitzt, enthält Fiktionen.“79

Innerhalb dieser „Realismusdebatte“ fordert Veit eine „didaktische Neubewertung des


Fiktiven im Geschichtsunterricht“80 und Schörken gelangt sogar zu der These „Ohne
Imaginationskraft keine Historie!“81 Er argumentiert überzeugend, dass es einer
„Narratio“ bedarf, um „dem Vergangenen den Stachel der zeitlichen Distanz zu
nehmen.“82 Veit sieht demnach in der historischen Imagination eine wichtige Mittlerin
im historischen Verstehensprozess, die den Weg zwischen dem Jetzt des Lesers und
dem Damals der Erzählung ebnet oder wie es Hermann Henne ausdrückt:

76
Borries von 1988, S. 45.
77
Ladenthin 1989, S. 124.
78
Vgl. Pandel 1996.
79
Pandel 1996, S. 17.
80
Veit 1996, S. 9.
81
Schörken 1994, S. 18.
82
Schörken 1994, S. 21.
50

„Im Übrigen liegt der Gewinn des historischen Romans darin, die
Andersartigkeit des Vergangenen kennen zu lernen, um im Kontrast das
Gegenwärtige besser zu verstehen.“83

Von Glasenapp hingegen bezweifelt stark, dass es bei der aktuellen historischen
Jugendliteratur möglich ist, die Andersartigkeit des Vergangenen auch nur annähernd zu
begreifen.84 Sie kritisiert, dass der bereits erwähnte Eingang der Problemorientierung in
die historische Jugendliteratur zur Folge hat, dass aktuelle gesellschaftliche Probleme
nur deshalb in die Vergangenheit transportiert werden, um dort aus der Gegenwart
heraus und somit unhistorisch „gelöst“ zu werden. Nicht selten kommt es dabei zu
einseitigen, ideologisierten Autorenwertungen, die sich über das Gebot der historischen
Distanz hemmungslos hinwegsetzen. Von Glasenapp meint dazu:
„Dabei ist der Leser durchaus aufgerufen, sich auseinanderzusetzen,
nämlich mit der in den Texten dargestellten politischen, gesellschaftlichen
oder sozialen Problematik, weitaus weniger jedoch mit der historischen
Vergangenheit selbst. Ihm wird der Blick auf das Vorhandensein der
historischen Distanz und der daraus resultierenden Andersartigkeit der
Umstände geradezu verstellt. (...) Es ist fast unnötig zu sagen, dass bei einer
solchen Grundkonstante moderner historischer Jugendliteratur (...) der
historische Hintergrund von den Autoren nach Belieben zurechtgebogen
wird.“85

Diese literarische Grundkonstante steht in Opposition zum Gebot der historischen


Wissenschaftlichkeit: Indem falsche Modernisierungen vorgenommen werden,
widerspricht das Verhalten der Figuren dem wahrscheinlichen Verhalten der
historischen Personen. Die Manipulation des geschichtlichen Hintergrundes kann
schlimmstenfalls bewirken, dass die Leser den Eindruck erhalten, die Vergangenheit
unterscheide sich nur durch Äußerlichkeiten von der Gegenwart. Somit entstünde ein
völlig verzerrtes Geschichtsbewusstsein.

83
Henne 1997, S. 18.
84
Vgl. Glasenapp von 2001, S. 108 ff.
85
Glasenapp von 2001, S. 108 f.
51

Nach Ansicht Pandels liegt die große Gefahr für das Geschichtsbewusstsein darin,
zwischen Realität und Fiktion nicht mehr trennen zu können, was ein Kernproblem
innerhalb dieser Debatte und eine didaktische Forderung ersten Ranges darstellt.86
Veit, der das Problem ebenfalls im unkritischen, unreflektierten Eintauchen in die
Vergangenheit sieht, führt als Ausweg den Begriff der Irritation in die didaktische
Diskussion ein:
„Diese ist der Moment, in dem das Subjekt durch die Konfrontation mit dem
Anderen verunsichert wird und sich selbst mitzusehen und infragezustellen
beginnt. An diesem Punkt angelangt, wird historisches Lernen virulent.“87

Während die Imagination den Weg für den historischen Erkenntnisprozess ebnet, wirft
die Irritation Fragen auf, die ein naives, undistanziertes Sich-Einlassen auf die
Vergangenheit verhindern und somit eine kritische, aus der zeitlichen Distanz gesehene
Auseinandersetzung mit dem Damals im Verhältnis zum Heute bewirken sollen.
Autoren historischer Jugendliteratur müssen darauf achten, den Kriterien der
historischen Wissenschaftlichkeit zu genügen. Sie sollten zusätzlich in ansprechender
Weise die jungen Leser dahingehend führen, dass im Gewebe von Fiktion und
historischer Wirklichkeit ein Imaginationsprozess eingeleitet wird, der durch die
Irritation noch in Frage gestellt werden sollte oder anders ausgedrückt: Gute historische
Jugendliteratur muss erreichen, dass historisches Wissen über weite Strecken hinweg
durch eine fiktive Handlung vermittelt wird. Über die Protagonisten sollten einerseits
Identifikationsmöglichkeiten für den Leser bereitgestellt werden, ihr Denken und Tun
sollten aber dennoch dem Gebot der historischen Angemessenheit entsprechen, um
Irritationen zu schaffen, die wiederum zu neuen Fragen an die Vergangenheit
heranführen. Dabei muss die Handlung spannend bleiben, um jugendliche Leser
anzusprechen.
Die Schwierigkeit dieses Unterfangens besteht darin, dass jegliche künstlerische
Spontaneität durch die geschichtsdidaktischen Vorgaben derart in den Hintergrund
geraten muss, dass das literarische Endprodukt auf den kritischen (erwachsenen) Leser
häufig konstruiert und „erzwungen“ wirkt.

86
Vgl. Pandel 1996, S. 16.
87
Veit 1996, S. 11.
52

3.3 Kategoriebildung

Im Hauptteil dieser Arbeit wird das Textkorpus mittels festgelegter literarästhetischer


Kategorien in hermeneutisch-analytischer Methode untersucht.
Dabei wird davon abgesehen, jedes Werk einzeln und nacheinander zu behandeln.
Vielmehr sollen die Einzelwerke in direktem Vergleich zu jeder ästhetischen Kategorie
miteinander in Bezug gesetzt werden, um so zu komparativen Thesen über alle fünf
Werke (vgl. ZUSAMMENFASSUNG) gelangen zu können. Dabei kommt es nicht
darauf an möglichst viele, sondern möglichst zentrale Untersuchungskategorien zu
berücksichtigen, die größtenteils in direktem Zusammenhang mit den sinnvoll
erscheinenden Forderungen der Geschichtsdidaktik an die historische Jugendliteratur
stehen (vgl. HAUPTTEIL 3.2).
Die übergeordneten Kategorien werden zunächst in knapper Form vorgestellt und
anschließend im Hauptteil dieser Arbeit eingehend behandelt. Es lassen sich vier
Hauptkategorien unterscheiden:
a) Die Kategorie der Paratextualität: Sie bezieht sich auf Vor- und Nachworte, auf
Widmungen und Glossare. Hier soll untersucht werden, inwiefern Autoren ihrer
Verantwortung nachkommen, den Lesern die Grenzen zwischen fiktionalem und
faktualem Erzählen aufzuzeigen. Ziel ist es zu ermitteln, ob für den Leser
Hilfestellungen zur Unterscheidung von Fiktion und Historie angeboten werden
und wenn ja, wie exakt diese paratextuellen Lesehilfen sind.
b) Die Kategorie des Inhaltes: Sie befasst sich eingehend mit der inhaltlichen Seite,
mit dem sog. „Was“ (wird vermittelt?) der Erzähltexte.88 Zu dieser
übergeordneten Kategorie zählen die Kategorie der Handlung, welche sich auf
die Handlungsführung bezieht, die Kategorie der Figurenzeichnung, bei der u.a.
die Zeichnung der Protagonisten und Nebenfiguren sowie die Interaktion
zwischen einzelnen Figuren beleuchtet werden soll, und schließlich die
Kategorie der erzählten Welt, die sich auf die Ausgestaltung des
bedeutungsvollen historischen Raum-Zeit-Gefüges bezieht.
c) Davon zu trennen ist die Kategorie der Erzählstruktur, die sich auf die Art und
Weise der Vermittlung, also auf das „Wie“ (wird vermittelt?) eines Textes
bezieht. Ihr sind die Kategorie der Zeit, das Verhältnis zwischen der Zeit der

88
Die Trennung zwischen dem „Was“ und dem „Wie“ eines Erzähltextes wird bei Martinez und
Scheffel unter Punkt 2. Das Erzählen und das Erzählte (S. 20-26) behandelt.
53

Erzählung und der Zeit des Geschehens, die Kategorie des Modus, der Grad an
Mittelbarkeit wie die Perspektivierung des Erzählten, und die Kategorie der
Stimme als Akt des Erzählens, der das Verhältnis von erzählendem Subjekt und
dem Erzählten umfasst, untergeordnet.
d) Die letzte Kategorie betrifft einen Bereich der Kognitionspsychologie und
beschäftigt sich mit der Beeinflussung des Lesers. Hier soll untersucht werden,
inwiefern die Haltung des Lesers zum dargestellten Geschehen über die
Kategorien Affektlenkung, Irritation und evaluative Lenkung gesteuert wird und
ob die Meinung bzw. das Urteil des Lesers sich mehr oder weniger frei
entwickeln kann.
54

II. HAUPTTEIL: ANALYSE

1. Kategorie der Paratextualität

Bei Texten historischer Jugendliteratur handelt es sich um ein mitunter kompliziertes


Geflecht aus fiktionalen und faktualen Erzählsträngen (vgl. EINFÜHRENDES 3.1).
Paratexte haben die Aufgabe, den Leser über den geschichtlich-realen Gehalt eines
Werkes in Kenntnis zu setzten. Auf paratextueller Erzählebene soll untersucht werden,
inwiefern Vor- bzw. Nachworte sowie Glossare, Mottos, Widmungen oder Zeittafeln in
den Werken dafür sorgen, dass der historisch-reale Anteil des Textes für den Leser
kenntlich gemacht wird. Der Einbau dieser Kontextmarkierungen ist im deutschen
Sprachraum aufgrund der nachdrücklichen Forderungen von Historikern und
Geschichtsdidaktikern geradezu ein Muss für Autoren historischer Jugendliteratur.
Ihnen obliegt es, eine klare Trennung zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen,
zwischen Fiktion und empirischer Historie zu ziehen. Damit soll einerseits dem Gebot
der historischen Wissenschaftlichkeit Genüge geleistet und andererseits verhindert
werden, dass beim Leser ein verzerrtes Geschichtsbewusstsein aufgrund unklarer
Trennung verankert wird.
Darüber hinaus müssen sich Autoren historischer Jugendliteratur in besonderem Maße
dafür verantworten, dass sie mit ihrem fundierten historischen Fachwissen
verantwortungsvoll umgehen, da ein geschichtliches Grundwissen beim jugendlichen
Leser normalerweise rudimentär ausgeprägt ist.
Während bei übersetzten Werken wie die von Maj Bylock, Olof Svedelid, Simone von
der Vlugt, Melvin Burgless oder Helen Griffiths89 meistens auf eine paratextuelle
Markierung verzichtet wird, legen Autoren aus dem deutschsprachigen Raum
größtenteils Wert auf die Verwendung von Vor- oder Nachworten, Zeittafeln,

89
Vgl.: Burgless, Melvin: Feuertraum, Dressler Verlag 1997.
Bylock, Maj: Die Hexenprobe, Anrich Verlag 1989.
Bylock, Maj: Die Hexentochter oder: Ylvas Buch, Anrich Verlag 1990.
Griffiths, Helen: Hexentochter, Arena Verlag 1989.
Holmberg, Bo R.: Hexenjunge, Ravensburger Buchverlag 2000.
Svedelid, Olov: Die Hexe von Aggunda, Elefanten Press GmbH 1997.
Vlugt van der, Simone: Das Amulett aus den Flammen, Bertelsmann Jugendbuchverlag
1998.
55

Glossaren, Mottos und Widmungen, um gleichermaßen die historische wie aktuelle


Aussage ihrer Arbeit zu unterstreichen. Da es sich hierbei um reale Aussagen realer
Autoren handelt, müssen sie sich für die Richtigkeit der Fakten und für eventuelle
Wertungen bezüglich des historischen Gegenstandes verantworten.
Die Forderungen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik nach Transparenz
hinsichtlich der Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit lassen sich insbesondere
durch die zum Teil sorgfältig ausformulierten Vor- oder Nachworte deutlich erkennen.
56

1.1 Motto und Widmung

Der aus dem Vulgärlateinischen stammende Begriff Motto bezeichnet einen in der
Regel vorangestellten Denk-, Wahl- bzw. Leitspruch, der als literarisches Leitmotiv
einen narrativen Text ergänzt. Ein Motto ist als Versuch zu verstehen, den Leser auf das
literarisch Kommende einzustimmen, ihn gewissermaßen die erste Pforte zu einer bisher
verschlossenen und unbekannten Welt aufzutun.

Die Autorin Ingeborg Engelhardt stellt ihrem Werk ein Motto voran. Dabei greift sie
auf historisches Quellenmaterial zurück, was sich angesichts des inhaltlichen
Gegenstandes anbietet. Engelhardt zitiert aus der berühmten „Cautio Criminalis“ (zu
deutsch: „Kennst du den Grund?“) des Jesuitenpaters Friedrich von Spee, dem wohl
bekanntesten Kritiker der Hexenprozesse:
„Ich will nun etwas sagen, das alle hören sollen, die
Ohren haben zu hören. Man erfinde absichtlich irgendein
grässliches Verbrechen, von dem das Volk Schaden
befürchtet. Man verbreite ein Gerücht darüber und lasse
die Gerichte dagegen einschreiten mit denselben Mitteln,
wie sie jetzt gegen das Hexenunwesen angewandt werden.
Ich verspreche, dass ich mich der allerhöchsten Obrigkeit
stellen und lebend ins Feuer geworfen werden will, wenn
es nach kurzer Zeit in Deutschland nicht ebenso viele
dieses Verbrechens Schuldige geben sollte, wie es jetzt der
Magie Schuldige gibt.
Friedrich von Spee
>Cautio criminalis<
1631“90

Dieses Motto ist multifunktional: Einerseits unterstreicht Engelhardt aufgrund der


Kenntlichmachung der historischen Quelle als solche den geschichtlichen Gehalt ihres
Werkes. Andererseits nimmt sie wesentliche inhaltliche Aspekte ihres Werkes, die im
Motto anklingen, vorweg. Friedrich von Spee bezieht sich auf die verheerenden
Auswirkungen, die der Teufelskreis der Denunziation bewirkt: Die weitverbreitete

90
Engelhardt 1997, S. 5
57

irrationale Angst vor Schadenszauber führt zu Verleumdungen; Denunziationen


bewirken Verhaftungen und unter der Folter erpresste Geständnisse, die schließlich
neue Verhaftungen nach sich ziehen.
Engelhardt beschränkt sich bei ihrem Motto auf die Aussagekraft des Quellenauszuges
und hält ihre persönliche Meinung zurück. Dennoch erfolgt aufgrund der Auswahl des
Textauszuges durch die Autorin eine erste wertende Aussage hinsichtlich des
historischen Gegenstandes.

Neben dem Motto stellen einige Autoren ihrem Werk eine Widmung voran oder fügen
diese am Ende des Romans hinzu. Sie kann eine persönlich-private oder historisch-
politische Aussage enthalten. Letztere findet sich im Roman von Harald Parigger, der
seinen Jugendroman mit einer Widmung beginnt:

Für Johannes, Anna, Babel


und die vielen tausend anderen, die unschuldig
gestorben und bis heute von keinem kirchlichen oder welt-
lichen Gericht rehabilitiert worden sind.91

Parigger erreicht durch seine Widmung, dass dem Leser im anschließenden


Lektüreprozess bewusst wird, dass es sich bei den Figuren Johannes, Anna und Babel
um historische Personen handelt. Damit wäre eine erste Trennung zwischen Fiktion und
Wirklichkeit erreicht. Des Weiteren verbindet Parigger den historischen Gehalt mit der
indirekten politischen Forderung nach Rehabilitation der Opfer. Er erzeugt somit
implizit eine wertende Anklage gegen kirchliche und weltliche Gerichte, die des Autors
persönliche Haltung gegenüber dem Damals (und dem Heute) erkennen lässt und somit
auch dessen Intention eindeutig zum Ausdruck bringt.

Ähnlich verfährt die Autorin Isolde Heyne, die ihrem Nachwort folgende Widmung
anfügt:
„Ich habe mein Buch ‚Hexenfeuer’ im Gedenken an unzählige
Frauen und Männer geschrieben, die durch Haß und Fanatismus,

91
Parigger 1996, S. 5.
58

durch Habgier, Aberglaube und Verleumdung unschuldig den


Tod fanden.“92

Hier schwingen inhaltliche Aspekte, Anklage und Autorintention gleichermaßen mit.


Heyne bewirkt durch die Polarisierung zwischen Hass, Fanatismus, Habgier,
Aberglaube wie Verleumdung seitens der Täter einerseits und der Betonung der
Unschuld der Opfer andererseits eine klare Wertung zu den historischen Vorfällen, bei
der die Täter mit Nachdruck verurteilt und die Opfer rehabilitiert werden.
Neben den historisch-politischen Widmungen gibt es noch Widmungen persönlicher
Art, die in diesem Zusammenhang jedoch unbedeutend sind.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch Paratexte in Form von Motto und
Widmung in aller Kürze eine erste inhaltliche Annäherung an den historischen
Romangehalt erreicht wird wie das bei Ingeborg Engelhardt, Harald Parigger und Isolde
Heyne der Fall ist. Dabei wird durch inhaltlich prägnante Aussagen eine gewisse
Erwartungshaltung beim Leser evoziert.
Im Motto klingt bereits eine indirekte (vgl. Engelhardt) oder direkte Wertung (vgl.
Parigger und Heyne) der Autoren an, die sich dann leitmotivisch durch den gesamten
Roman zieht und den Leser direkt oder indirekt in seiner Wertehaltung beeinflusst.
Die im Allgemeinen umstrittene Frage nach einer möglichen Autorintention stellt sich
weder bei Ingeborg Engelhardt, noch bei Isolde Heyne oder Harald Parigger, die
aufgrund eines Mottos oder einer Widmung dem Leser ihre Erziehungs- und
Belehrungsabsicht offen darlegen.

92
Heyne 1995, S. 239.
59

1.2 Vor- und Nachwort

Die Forderungen der Historiker und Geschichtsdidaktiker nach klarer Differenzierung


zwischen Fiktion und Historie (vgl. EINLEITENDES 3.2) schlagen sich in der
deutschsprachigen historischen Jugendliteratur überwiegend in Form von Vor- und
Nachworten nieder. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Leser darauf hinzuweisen, dass
bestimmte Teile des Erzählinhaltes historischer oder fiktiver Natur sind. Dem
jugendlichen Leser soll transparent gemacht werden, dass nicht alles, was ihm
präsentiert wird, wirklich so geschehen ist bzw. sich so ereignet haben muss. Innerhalb
der ausgewählten Literatur bedienen sich alle Autoren mehr oder weniger sorgfältig
dieser Form der Kontextmarkierung.
Wenden wir uns zunächst dem Vorwort zu, das seit Walter Scott zum festen
Formbestand des historischen Romans gehört.
Das Vorwort in Pariggers „Die Hexe von Zeil“ titelt mit „Über den Autor und sein
Buch“ und geht nach einer kurzen Vorstellung des Autors in einen Basissatz über:
„Die Hexe von Zeil erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die der
Hexerei beschuldigt und unmenschlichen seelischen und körperlichen
Qualen ausgesetzt wird – eine Geschichte, wie sie sich zu Beginn des 17.
Jahrhunderts tausendfach abgespielt hat.“93

Diesem Hinweis auf den historischen Erzählgehalt folgt eine knappe Beschreibung des
vor allem in den süddeutschen Bistümern um sich greifenden Hexenwahns:
„In dieser Zeit nahm die Verfolgung von Menschen, die sich angeblich dem
Teufel verschworen hatten, vor allem in den süddeutschen Bistümern
unvorstellbare Ausmaße an.“94
Die Verwendung des Adverbs „angeblich“ zeigt die innere Haltung des Autors, der sich
dadurch von den Anklagepunkten moralisch distanziert. Diese Distanzierung geht durch
die Akkumulation von Adjektiven in eine eindeutige moralische Wertung über, wenn
Parigger bemerkt:
“Machtbesessene Kirchenfürsten, fanatische Theologen und pflichtbewusste
Beamte bekämpften gnadenlos ein Verbrechen, dessen Existenz auch
damals unter den Gelehrten schon umstritten war.“95

93
Parigger 1996, S. 7.
94
Parigger 1996, S. 7.
60

Eine klare Trennung zwischen Fiktion und Historie bleibt zu Gunsten des moralischen
Appells des Autors auf der Strecke. Zwar wird betont, dass es die meisten Personen der
Handlung wie die Verhöre und Folterungen wirklich gegeben habe, es wird jedoch nicht
erwähnt, welche Figuren fiktiv sind und auf welche Quellen sich „Die Hexe von Zeil“
stützt. Das Vorwort endet mit einem finalen Appell an die Leserschaft:
„Sie [Hilfsbereitschaft, Tapferkeit und Zivilcourage] können uns
den Mut machen, rechtzeitig gegen Verfolgung, Mißhandlung
und Rechtsbeugung zu protestieren. Denn die sind noch lange
nicht aus unserer Welt verschwunden.“96

Parigger verbindet hier den historischen Gehalt mit einem politischen Appell an die
Gegenwart und weist in problemorientierter Manier auf den sog. Gegenwartsbezug
dieses historischen Phänomens hin.

Engelhardt räumt in ihrer „Einführung“ mit dem weitverbreiteten Vorurteil auf, es


handle sich bei den Hexenprozessen um ein Phänomen des sog. finsteren Mittelalters.
Sie beginnt ihr Vorwort mit einer chronologischen Einordnung des inhaltlichen
Gegenstandes, wenn sie schreibt:
„Hexenprozesse von der Art, wie sie in diesem Buch geschildert werden,
gab es im Mittelalter noch nicht. Sie kamen seltsamerweise erst zu Beginn
der Neuzeit auf, steigerten sich an Umfang und Furchtbarkeit und erreichten
ihren Höhepunkt im 17. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit entwickelte sich die
moderne Naturwissenschaft, lehrte die Aufklärung die Menschen eine ganz
neue Art zu denken. Wie war ein solcher Zwiespalt möglich?“97

Engelhardt verweist auf die Ambivalenz zwischen Hexenwahn und beginnender


Aufklärung. Im Gegensatz zu Parigger legt sie größeren Wert auf eine detailliertere
Beschreibung der historischen Zusammenhänge. Das Bemühen um wissenschaftliche
Redlichkeit ist deutlich zu erkennen, wenn die jugendlichen Leser in die Ambivalenz
von Hexenwahn und beginnender Neuzeit, in die Kausalität von archaischem

95
Parigger 1996, S. 7.
96
Parigger 1996, S. 8.
97
Engelhardt 1997, S.7.
61

Hexenglauben und der Veröffentlichung des „Malleus maleficarum“ eingeführt werden.


Anschließend verweist Engelhardt auf den historischen Gehalt ihres Romans:
„Die Ereignisse selbst, Schauplätze, Daten und viele der Personen sind
historisch.“98

Ähnlich wie Parigger verzichtet Engelhardt auf paratextueller Ebene auf eine exakte
Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Allerdings kann sich der Leser – was zu
einem späteren Zeitpunkt genauer erläutert werden soll - im Laufe des Romans
aufgrund geschickten Einbaus absichernder historischer Dokumente die Trennung selbst
erschließen.
Würzburg, als historischen Schauplatz der Handlung, nennt die Autorin nicht, um damit
wohl den Charakter des Überregionalen zu unterstreichen.
Engelhardt verweist auf die verwendeten und im Buch wörtlich zitierten historischen
Quellen: ein „Verzeichnis der Hexenleut, so mit dem Schwert gerichtet und hernacher
verbrannt worden“, das im Buch nahezu vollständig in der „Chronik des
Malefizschreibers“ wiedergegeben wird und die „Cautio criminalis“ des Friedrich von
Spee, welche die Autorin wörtlich in die Abschnitte „Aus dem Gewissensbuch des Pater
Friedrich“ einfließen lässt.
Die Autorin schließt wie Harald Parigger ihr Vorwort mit einem aktuellen moralischen
Appell:
„Denn die letzte Hexe Europas wurde erst 1782 in Glarus
gerichtlich verurteilt und enthauptet. Noch vor einem
Menschenalter hat man mitten unter uns Tausende von
Männern, Frauen und Kindern einem anderen Massenwahn
geopfert. Hat sich wirklich so viel geändert in dreihundert
Jahren? Die Notwendigkeit zu offenem Bekenntnis und
mutigem Kampf gegen Unmenschlichkeit ist immer noch die
gleiche.“99

Ebenso wie Parigger stellt Engelhardt ihr Werk in den erziehenden Dienst moralischer
Aufklärung jugendlicher Leser. Forderungen der Geschichtsdidaktik der siebziger Jahre
nach aktuellem Problemgehalt historischer Prozesse werden hier deutlich. Engelhardt

98
Engelhardt 1997, S. 8.
99
Engelhardt 1997, S. 9 f.
62

geht noch einen Schritt weiter und will einen inneren Zusammenhang zwischen den
historischen Phänomenen des Hexenwahns und des Holocausts sehen.

Manche Autoren kommen ihrer persönlichen Verantwortung gegenüber dem


Rezipienten in einem Nachwort nach.
Ulrike Haß listet im Anschluss an ihre Erzählung in „Was das Protokoll berichtet“
diejenigen historischen Personen auf, die als Figuren in ihrem Jugendroman
„Teufelstanz“ eine Rolle spielen:
„Ursula Haider wurde am 8. November 1589 im Auftrag des Rats verhaftet
und am 15. Mai 1590 in Nördlingen verbrannt.
Margaretha Getzler <<die Getzlerin>>, von der es heißt, dass <<sie schon
lange als Hexe verschrien>> war, wurde am 3. Dezember 1589
<<eingezogen>>, wie man damals sagte, und ebenfalls am 15. Mai 1590
verbrannt.
Maria Marb <<die Marbin>>, die als Hausiererin viel über Land ging und
im Ruf des Wettermachens stand, wurde ebenfalls am 3. Dezember
eingezogen und mit Ursula Haider und der Getzlerin verbrannt.“100

Insgesamt beschreibt Haß in aller Kürze das Schicksal von zehn historischen Personen,
darunter neun Frauen, die bei den Hexenprozessen tatsächlich umgekommen sind.
Diese Kontextmarkierung ermöglicht ohne weitere Erklärungen einen Anhaltspunkt
darüber, wer, wann und warum tatsächlich auf dem Scheiterhaufen den Tod gefunden
hat. Dem Leser erschließt sich ohne Probleme die Trennung zwischen realen und
fiktiven Personen.
Im Anschluss folgt bei Haß das eigentliche Nachwort „Die große Angst“, in dem sie
versucht den locus communis der Hexenverfolgungen, die frühneuzeitliche Stadt am
Beispiel Nördlingens als Ort vieler innovativer Entwicklungsschübe zu Beginn der
frühen Neuzeit, mittels Beschreibungen und einer historischen Karte zu skizzieren:
„Nördlingen war eine Stadt, wie es sie in Deutschland am Ende des 16.
Jahrhunderts, der Zeit, zu der diese Geschichte spielt, viele gab. Hohe
Mauern, Befestigungsanlagen mit Wehrgängen, Türmen und Toren, die
noch einmal gesondert durch Vorwerke gesichert waren, schützten die in ihr
lebenden Bürger, ihr Handwerk und ihren Handel. Die Märkte bildeten das

100
Haß 2002, S. 175.
63

eigentliche Zentrum dieser Städte. In Nördlingen gab es fast an jeder Ecke


einen: den Viehmarkt, den Fischmarkt, den Krautmarkt, den Rübenmarkt...
dazu die alljährliche Pfingstmesse, zu der Kaufleute aus der ganzen
damaligen Handelswelt kamen.“101

Haß entfaltet in anschaulicher Weise das für ihren Roman bedeutungsvolle historische
Raum-Zeit-Gefüge.
Darüber hinaus gewährt sie auch Einblicke in historische Prozesse überregionaler
Bedeutung wie den Entwicklungsschüben in der Mathematik (Kopernikus), der Medizin
(das Sezieren von Leichen) oder der Reformation, die auch in ihrem Roman Anklang
finden. Sie versucht das Phänomen der Hexenverfolgungen in einen multikausalen
Erklärungszusammenhang für den jugendlichen Leser einzuordnen.
Im Gegensatz zu Parigger oder Engelhardt unterstreicht Haß den feministischen Aspekt
ihres Romans auch im Nachwort, indem sie gesondert auf die soziale Stellung der
Frauen eingeht:
„Am Ende dieser Entwicklung, (...) stand die Frau als Dienerin des Mannes.
Ohne Mann galt sie nichts. Sie führte <<seinen>> Haushalt, gebar und
erzog <<seine>> Kinder. (...)
Jede Schlacht hat ihren Preis. Den Preis der neuzeitlichen Schlacht der
Bürger gegen das bodenständige, altüberlieferte Leben und Denken, der
Städte gegen das Land, des <<männlichen>> Geistes gegen die <<Lust des
Fleisches>> zahlten die Frauen. (...) Sie wurden nicht vom Land, vom so
genannten ‚finsteren Mittelalter’ verbrannt, sondern in den Städten. Ihre
Verfolgung wurde von den ‚Büroetagen’ der Neuzeitler aus unternommen:
den Räten der Stadt, der Geistlichkeit, den tüchtigen Geschäfts- und
Handelsherren, den neuen Rechtsgelehrten und Doktoren. (...) Nach außen
konnten sich die Städte mit ihren Festungen abriegeln. Was aber, wenn das
Böse unter der Maske ganz normaler alltäglicher Mitbürgerinnen eindrang
und die ganze Festung womöglich von innen aufweichte?
Das war die große Angst an der Schwelle zwischen der alten Ordnung des
Mittelalters und der Neuzeit – von dieser Angst erzählt dieses Buch.“102

101
Haß 2002, S. 179.
102
Haß 2002, S. 187-189.
64

Ähnliche feministische Interpretationsansätze finden sich bei der Historikerin Hilde


Schmölzer (vgl. EINFÜHRENDES 2.1).
Haß verzichtet darauf, anhand der historischen Vorfälle einen Gegenwartsbezug
herzustellen und beschränkt sich auf das historische Phänomen der Hexenverfolgungen
unter besonderer Berücksichtigung der Opferrolle der Frau.

Ingeborg Bayer beginnt ihr Nachwort mit einem Zitat aus Friedrich von Spees „Cautio
criminalis“, dem kurze allgemeine Erklärungen zum Hexenwahn folgen. Doch dann
kommt es zu folgender Aussage, die überaus unglücklich formuliert ist:
„Es gab eine Welt, die Welt der Hexen, in der alles als Wirklichkeit
angesehen wurde, was heute unvorstellbar erscheint. Wirklich war der Bund
mit dem Teufel, wirklich der Sabbat, wirklich auch jene unglaublichen
Untaten, deren Frauen, Männer und Kinder ohne Ansehen des Standes und
des Alters verdächtigt wurden.“103

Durch die Art der Formulierung ist der Gehalt dieser Aussage insbesondere für den
jugendlichen Leser unklar und führt schnell zu falschen Interpretationen: Gemeint ist
hier sicherlich, dass insbesondere Frauen, die sich häufig mit der Wirkung von Kräutern
auskannten, Naturkulte pflegten. Dabei wurden auch Kräuteressenzen eingesetzt, die
mitunter zu rauschähnlichen Zuständen führen können wie das beispielsweise beim
Bilsenkraut der Fall ist. Doch aufgrund Bayers Formulierung kann der Leser schnell zur
falschen Einsicht gelangen, dass es den Bund mit dem Teufel „wirklich“ gab, zumal
diese Komponente in Bayers Werk eine zentrale Rolle spielt.
Ähnlich wie Ingeborg Engelhardt lässt Ingeborg Bayer den moralisierenden Blick auf
die Gegenwart nicht aus:
„Und wie ist es heute? Sind die Scheiterhaufen für immer erloschen? Gehört
jener Massenwahn endgültig der Vergangenheit an? (...) Auch heute noch,
Jahr für Jahr, finden Prozesse statt: in Dörfern, die den Sprung in die
Neuzeit noch nicht vollzogen haben, in Städten, von denen man annehmen
sollte, der Aberglaube habe keinen Raum mehr in ihnen. Doch ein
Unterschied gegenüber vergangenen Jahrhunderten besteht: Es sind nicht

103
Bayer 2001, S. 140.
65

mehr die Hexen, die als Angeklagte vor den Schranken des Gerichts stehen,
sonder deren Verfolger.“104

Bayer beendet ihr Nachwort mit einer persönlichen wertenden Aussage, die gegen die
Verfolger und für die Angeklagten spricht.

Isolde Heyne beginnt ihr Nachwort mit einem knappen Überblick über die Entwicklung
des Hexenbegriffes:
„Die Vorstellung von bösen Geistern und Wesen mit magischen Kräften ist
sehr alt. Im Verlauf des Mittelalters nahm speziell der Glaube an Hexerei
mehr und mehr zu. Als Hexen galten Personen – insbesondere Frauen - ,
von denen man annahm, daß sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen
hätten, um anderen mittels Zauberei Schaden zuzufügen. In der Zeit von
1230 bis 1430 kam es im christlichen Abendland zu Ketzerverfolgungen,
denen auch ‚Hexen’ zum Opfer fielen. Der Hexenbegriff erfuhr seine
‚wissenschaftliche’ Definition.“105

Es folgt ein Überblick über den historischen Verlauf der Hexenverfolgungen und über
die Funktion der Denunziation, wobei allzu leicht der falsche Eindruck entstehen kann,
dass die Hexenverfolgungen primär ein Phänomen des Mittelalters und nicht der frühen
Neuzeit sind. Des Weiteren lässt die Autorin ihre eigene Haltung zum historischen
Gegenstand einfließen, wenn sie die Unschuld der Opfer unterstreicht.
Heyne verzichtet geflissentlich auf jegliche Trennung zwischen Fiktion und Historie.
Aus ihrem Nachwort geht nicht hervor, ob Figuren und Handlungen historischer Natur
sind oder ob die Historie nur der Aufhänger für ihren Roman bildet. Die Autorin
beendet ihr Nachwort mit einer moralisch-wertenden Widmung (vgl. HAUPTTEIL 1.1).

Alle Autoren der untersuchten Jugendliteratur bedienen sich eines Vor- oder
Nachwortes. Die Entscheidung, ob eine Kontextmarkierung vor oder nach dem Roman
vorgenommen wird, bleibt dem Autor überlassen.

104
Bayer 2001, S. 141.
105
Heyne 1995, S. 237.
66

Für das Vorwort spricht, dass der Leser gleich zu Beginn der Lektüre ein manchmal
hilfreiches Erklärungsraster erhält, eine Art Lesebrille, mit der er während der Lektüre
ihm Unverständliches in einen größeren Sinnzusammenhang einordnen kann.
Für das Nachwort spricht eher die Tatsache, dass sich die Lektüre zunächst einmal
„uninterpretiert“ dem Leser darbietet, wodurch sich dessen persönliche Urteilskraft
vordergründig ohne den moralischen Zeigefinger des Autors entfalten kann.
Bei deutschsprachiger historischer Jugendliteratur handelt es sich immer um belehrende
Literatur, welche auf den geistig-moralischen Reifeprozess der Rezipienten abgestimmt
ist. Aber gerade der allgegenwärtige moralisierende Wink mit dem Zeigefinger kann
schnell zu einer ahistorischen Sicht geschichtlicher Prozesse führen wie das
beispielsweise in Ingeborg Engelhardts Vorwort der Fall ist: Natürlich gibt es
psychologische Analogien zwischen Denunziationskreisläufen der frühen Neuzeit und
denen des Dritten Reiches. Es wäre jedoch völlig falsch evozieren zu wollen, dass es
sich bei den Hexenverfolgungen um dasselbe historische Phänomen wie das der
Judenverfolgungen handelt. Doch genau diese Einsicht kann aufkommen, wenn man um
jeden Preis den Bezug zur Gegenwart schlagen will, um im Dienste der moralischen
Erziehung zu stehen. Die Herausbildung eines starren, sich wiederholenden
Verständnisses von Geschichte wäre die Folge.
Bei allen untersuchten Vor- bzw. Nachworten entsteht der Eindruck, dass die Autoren
durchaus versuchen, dem Leser wichtige historische Informationen zu liefern. Die
exakte Trennung zwischen Fiktion und Historie erfolgt aber nur bei Ulrike Haß. Die
anderen Autoren legen stattdessen größeren Wert auf eine Moralisierung.
67

1.3 Glossare und Zeittafeln

Glossare und Zeittafeln haben ähnlich wie Vor- oder Nachworte eine erläuternde
Funktion. Erstere sind vor allem dann notwendig, wenn die Autoren Fachlexik (Häresie,
Denunziation, Mandat, Petition etc.), Archaismen (Mühlsteinkragen, Goldgrübler etc.),
Dialektismen (Druden bzw. Truden etc.) und andere Jugendlichen meist unbekannte
termini technici (Peststrahlen-Theorie, Hexensabbat, Hexenschmiere etc.) erläutern
wollen. Autoren sind darum bestrebt ihren historischen Jugendromanen ganz im Sinne
Walter Scotts auf sprachlicher Ebene eine authentischere „Klangfarbe“ zu verleihen.
Eigens aufgeführte, an die Erzählung angehängte Glossare finden sich bei Ingeborg
Bayers „Der Teufelskreis“ und bei Harald Pariggers „Die Hexe von Zeil“.
Isolde Heyne beschränkt sich in „Hexenfeuer“ auf zwei Fußnoten, um die Begriffe
„Malleus maleficarum“ (Hexenhammer) und Autodafé (portugiesisch
Ketzerverbrennung) zu übersetzen.
Bei den angehängten Glossaren handelt es sich um mehrere Seiten umfassende
alphabetische Verzeichnisse. Sie sind für den Verstehensprozess historischer
Jugendliteratur von großem Vorteil, da Unbekanntes ohne Aufwand direkt
nachgeschlagen werden kann.

Zeittafeln in historischen Jugendbüchern werden vor allem von Lehrkräften begrüßt, da


sie im Gegensatz zu erklärenden Vor- oder Nachworten eine sehr übersichtliche und
rasche chronologische Einordnung bieten und darüber hinaus für den
fächerverbindenden Unterricht (z.B. Deutsch und Geschichte) genutzt werden können.
Isolde Heyne fügt innerhalb der zu untersuchenden Literatur als einzige eine Zeittafel
im Anschluss an ihren Roman an und gewährt so einen übersichtlichen Einblick in
wichtige „Eckdaten“ der Geschichte der Hexenverfolgung.
68

2. Das „Was“ eines Erzähltextes: der vermittelte Inhalt

2.1 Kategorie des Handlungsschemas

Begreifen wie die Handlung eines literarischen Werkes als „Gesamtheit der
handlungsfunktionalen Elemente der dargestellten Welt“106, so lassen sich vier
Elemente ableiten, die von Martinez und Scheffel auf Basis der wichtigsten
Terminologien zusammengestellt worden sind:107 Wir unterscheiden demnach Ereignis
bzw. Motiv, Geschehen, Geschichte und Handlungsschema eines Textes.
Das Ereignis bzw. das Motiv gilt als elementare Einheit eines narrativen Textes, wobei
sich zwischen dynamischem (verändert die Situation), statischem (verändert die
Situation nicht), verknüpftem (ist für den Fortgang der Haupthandlung kausal
notwendig) oder freiem Ereignis (ist für den Fortgang der Haupthandlung nicht kausal
notwendig) differenzieren lässt.108
Chronologisch aufeinanderfolgende Ereignisse bilden zusammen ein Geschehen. Eine
Ebene darüber liegt die Geschichte, bei der die Ereignisse nicht nur aufeinander,
sondern auseinander folgen, wenn sie also einen kausalen Zusammenhang aufweisen.
E.M. Forster beschreibt den Unterschied zwischen dem Geschehen, das er story nennt,
und der Geschichte, die er plot nennt, folgendermaßen:
„We have defined a story as a narrative of events arranged in their time-
sequence. A plot is also a narrative of events, the emphasis falling on
causality.
<The king died and then the queen died>, is a story. <The king died, and
then the queen died of grief>, is a plot. The time-sequence is preserved, but
the sense of causality overshadows it. (…) If it is in a story we say <and
then?> If it is in a plot we ask <why?>.”109

Wenn ein typischer, also mehreren narrativen Texten gemeinsamer Handlungsverlauf


vorliegt (z. B. bei Texten einer Gattung), so sprechen wir von einem Handlungsschema.

106
Martinez und Scheffel 2002, S. 24.
107
Vgl. Martinez und Scheffel 2002, S. 25 f.
108
Vgl. Martinez und Scheffel 2002, S. 108 f.
109
Forster 1974, S. 93 f.
69

In der aristotelischen „Poetik“ findet sich bereits die Erkenntnis, dass die
Handlungsstruktur narrativer Texte durch allgemeine Schemata bestimmt ist:
„Die gelungene poetische Darstellung menschlicher Handlungen
(<mythos>) solle nicht nur ein Ganzes mit Anfang, Mitte und Ende bilden,
sondern zusätzlich auch durch Komplikationen (<désis>), Wendepunkte
(<peripeteia>, <metabolé>, <metábasis>) und Lösungen (<lysis>)
strukturiert sein.“110

Vor allem die Untersuchungen zur Handlungsstruktur folkloristischer Texte des Russen
Vladimir Propp111 sind in diesem Zusammenhang bahnbrechend: Propp stellt bei seiner
Untersuchung fest, dass in vielen Textpassagen seines Märchenkorpus dieselbe
narrative Struktur bzw. Teilstruktur vorliegt. In seiner Terminologie unterscheidet er
daher zwischen der Funktion und dem Handlungskreis.
Die grundlegende narrative Einheit nennt Propp die Funktion112, als „Aktion einer
handelnden Person (...), die unter dem Aspekt ihrer Bedeutung für den Gang der
Handlung definiert wird.“113
Die Funktionen fasst Propp schließlich zu Handlungskreisen zusammen, die einem
bestimmten „Aktanten“ (dieser Begriff stammt von A.J. Greimas) zugeordnet werden,
etwa dem Gegenspieler, dem Helfer, dem Helden etc.
Zwar entsprechen die dieser Untersuchung zugrunde liegenden narrativen Texte in ihrer
Struktur nicht jenen, die Propp untersucht hat, dennoch orientieren wir uns bei dieser
Untersuchung am Begriff der Funktion, der hier aber nicht identisch mit Propps
Definition zu sehen ist.

110
Aristoteles: Poetik, Stuttgart 1986, 1450a-b, 1455b; zit. nach Martinez und Scheffel 2002, S.
135.
111
Vgl. Propp, Vladimir: Morphologie des Märchens, Frankfurt/Main 1975.
112
Funktionsbeispiel nach Propp:
1. Der Zar gibt dem Burschen einen Adler. Dieser bringt den Burschen in ein anderes
Reich.
2. Der Großvater gibt Sucenko ein Pferd. Das Pferd bringt Sucenko in ein anderes Reich.
3. Der Zauberer gibt Ivan ein kleines Boot. Das Boot bringt Ivan in ein anderes Reich.
4. Die Zarentochter gibt Ivan einen Ring. Die Burschen, die in dem Ring stecken, bringen
Ivan in das fremde Zarenreich. (Vgl. Propp 1975, S. 25.)
113
Martinez und Scheffel 2002, S. 138.
70

Der Begriff der Funktion wird wie folgt definiert: Unter einer Funktion verstehen wir
eine deckungsgleiche, kausalmotivierte Handlungseinheit, die für den weiteren
Handlungsverlauf der Haupthandlung entscheidend ist.
Im Folgenden werden vier Funktionen vorgestellt, die bei allen untersuchten narrativen
Texten vorkommen: die Funktion der biographischen Determination, die Funktion des
beginnenden Verdachtes, die Funktion des „tragischen“ Konfliktes und die Funktion des
„guten“ Ausganges.
71

2.1.1 Funktion der biographischen Determination

Diese Funktion kann ebenso der Kategorie der Figurenzeichnung zugerechnet werden,
da sie in unserem Falle aber sämtliche Haupthandlungen kausal motiviert, ordnen wir
sie der Kategorie des Handlungsschemas zu.
Das Wesen der Funktion der biographischen Determination besteht darin, dass allen
Protagonisten eine belastende familiäre Vorgeschichte anhaftet. Diese Eigenschaft
unterscheidet sie zum Einen von ihrer Umwelt und wird zum Anderen dadurch zur
Funktion, dass sie für alle Protagonisten nahezu fatale Folgen hat.

Hieronymus (Bayer: Der Teufelskreis), Ursula (Parigger: Die Hexe von Zeil) und
Veronika (Engelhardt: Hexen in der Stadt) stammen aus Familien, die direkt mit dem
Verdacht der Hexerei konfrontiert worden sind. Barbara (Heyne: Hexenfeuer) und
Marie (Haß: Teufelstanz) sind aufgrund der „moralischen“ Entgleisungen ihrer Mütter
in den Augen ihrer Umwelt Gezeichnete, die mit Argwohn bedacht werden.
Hieronymus, nachdem er von seinem Widersacher Lupus durch düstere Andeutungen
und Drohungen in die Enge getrieben worden ist, stellt seinen Onkel in Straßburg zur
Rede und erfährt eine für ihn erschreckende und folgenschwere Tatsache:
„Ja, in unserer Familie hatte jemand etwas mit Hexen zu tun, nämlich deine
Mutter und deine Schwester. Sie wurden vor sechs Jahren mit etlichen
anderen zusammen vor den Toren unserer Vaterstadt Würzburg verbrannt.
Ich habe fast vier Jahre lang einen Prozess geführt, dreimal den Advokaten
gewechselt und zum Schluss doch verloren. Dann hat man mich gezwungen
die Stadt zu verlassen, und ich habe es getan. Ich habe in Straßburg von
neuem begonnen und ich möchte hier in Frieden leben können. Das ist alles,
was du darüber zu wissen brauchst. Ich möchte nicht, dass auch noch ein
einziges Wort in unserem Haus über diese Sache gesprochen wird. Ich
hoffe, du hast mich verstanden!“114

Die Tabuisierung dieses gefährlichen Gesprächsstoffes und die damit beginnende


soziale Isolierung machen es für Hieronymus im Laufe der Handlung doppelt schwer,
nähere Umstände über die Geschehnisse der Vergangenheit zu erfahren.

114
Bayer 2001, S. 22.
72

Ähnlich verhält es sich mit Ursula Lambrecht, der Heldin aus Harald Pariggers „Die
Hexe von Zeil“, deren Mutter Anna in Bamberg als Hexe gerichtet worden ist. Dies
erfährt der Leser in einem Gespräch zwischen dem Ratsherrn Wallner und Ursulas
Vater, dem Bürgermeister Lambrecht:
„Er blieb stehen und starrte vor sich hin. ‚Anna [seine Frau und Ursulas
Mutter], (...) niemals werde ich glauben, daß sie eine Hexe war. Nachdem
die Büttel sie ins Malefizhaus gebracht haben, habe ich sie nie wieder
gesehen. Sie haben Wäsche für sie geholt und Essen und Trinken,
monatelang. Durch nichts als ein paar Straßen und ein paar Mauern war sie
getrennt von mir, und doch war’s so weit, als hätten hundert Meilen
zwischen uns gelegen. Wenn sie unter der Marter vor Schmerzen
gewimmert hat, ich hab es nicht gehört. Wenn sie Angst vor dem Tod
gehabt hat, ich hab es nicht bemerkt. Dann sind sie eines Tages gekommen
und haben gesagt, daß sie gestorben sei für ihre Sünden, daß sie bereut habe
und daß ihr Eigengut der Kasse des Bischofs verfallen sei. Es hat Gerüchte
gegeben, was sie für Ungeheuerlichkeiten gestanden haben soll. Aber mir
hat sie es nicht sagen können, daß sie mit dem Teufel Unzucht getrieben,
daß sie Hostien geschändet und unschuldige Menschen getötet hat. Und
deshalb glaub ich’s auch nicht! Eher glaube ich, daß das verfluchte
Pfaffengesindel und seine bestechlichen Richter...’
‚Hört endlich auf!’ Wallner schrie, aber man merkte ihm an, daß er es
weniger aus Zorn als aus Sorge tat.“115

Kurz darauf wird auch Ursulas Vater aufgrund seines offenen verbalen Widerstandes
verhaftet und ins Malefizhaus zur Folter gebracht.

Bei Veronika Reutters Vorgeschichte in Ingeborg Engelhardts „Hexen in der Stadt“


wird der Leser mit geheimnisvollen Kräften der Protagonistin konfrontiert. Auf den
modernen Leser mag es zunächst befremdend wirken, wenn sie ihrem Mann aus tiefster
Verzweiflung über ihre scheinbar ausweglose Situation folgendes Geständnis macht:
„ ‚Es gibt nun einmal Menschen, Frauen zumeist, die können mehr als
andere.’
‚Und du bist eine davon?’

115
Parigger 1996, S. 19 f.
73

‚Ja, Sebastian – spotte nicht! Das hab’ ich geglaubt bis heut.’
‚Wenn du solche Macht hättest, dann hätte dein Leben, mein’ ich, wohl
etwas glücklicher verlaufen müssen.’
‚Ich bin glücklich gewesen, Sebastian, bis gestern Abend. Nicht spotten!
Von meiner Mutter hab’ ich die Gabe geerbt und sie von der ihren. Immer
ist’s die Jüngste von drei Töchtern, auf die es übergeht. (...) Mich nahm die
Mutter in die Schule. Sie lehrte mich die Gabe zum Guten anzuwenden,
Kräuter zu kennen, Tränke zu brauen, auch die Kräfte der Seele zu
gebrauchen, Entfernte herbeizuziehen, Schmerzen zu stillen, Schlaf zu
spenden – aber auch den Tod.’ “116

Diese geheimnisvolle Gabe hat sich auch auf Veronikas jüngste Tochter Sabine vererbt,
wodurch die Handlung zu dramatischen Höhepunkten gelangt.

Im Unterschied zu Hieronymus, Ursula und Veronika haben Marie und Barbara zwar
keine Mütter, die als Hexen bezichtigt worden sind, sie haben sich aber dennoch aus
Sicht ihres sozialen Umfeldes auffällig gemacht. Daher erleiden beide ein ähnliches
Schicksal: Sie können nicht bei ihren leiblichen Eltern leben und werden als Ziehkinder
in bekannten bzw. verwandten Familien geduldet.
So wird Marie von ihrer Tante zu einem züchtigen und wohlgefälligen Betragen
angehalten, wenn diese ihr rät:
„Halt dich nur in Tugend, Marie. Du hast das lose Blut meiner Schwester in
den Adern. Du wirst es nicht leicht haben. Eine Gezeichnete bist du, von
Anfang an.“117

Der Leser erfährt kurz darauf, dass Maries verwitwete Mutter im Jahre 1585 vom
Nördlinger Rat wegen Ehebruchs mit einem verheirateten Mann mit Spott und Schande
der Stadt verwiesen worden ist.118 Daher wird Marie von ihrer Umwelt argwöhnisch
beäugt.
Auch die Heldin Barbara aus Isolde Heynes „Hexenfeuer“ wird in einem fremden
Haushalt geduldet und steht unter ständiger misstrauischer Beobachtung ihrer

116
Engelhardt 1997, S. 155.
117
Haß 2002, S. 10.
118
Vgl. Haß 2002, S. 11.
74

Ziehschwester Armgard und deren Vater Heinrich Burger. Im Laufe der Handlung
erfährt Barbara die Identität ihrer Eltern: Ihr Vater, der mächtige Kirchenmann Johann
von Rinteln hat sich vor Jahren in eine im Kloster lebende Schülerin namens Beatrice
verliebt, die schließlich mit Barbara schwanger wurde und bei ihrer Geburt starb.
Aufgrund der Unvereinbarkeit von Vaterschaft mit geistlichem Amt war Rinteln
gezwungen, Barbara als angebliches Findelkind ausgerechnet in die Obhut seines
Erzrivalen Heinrich Burger zu übergeben.119
Daher lastet auch auf der Figur Barbara eine schwerwiegende und folgenreiche
familiäre Vorgeschichte, die sie gleichsam zur Gezeichneten und zum Zielpunkt vieler
Anschuldigungen ihrer Ziehschwester Armgard macht.

Alle fünf Figuren sind so angelegt, dass sie im Handlungsverlauf nicht zufällig in den
Sog der Hexenverfolgungen geraten. Die Funktion der biographischen Determination
bewirkt gleichsam den Anstoß und die Beschleunigung des Verdächtigungsprozesses, in
den die Protagonisten unverschuldet hineingeraten, was sich an der nächsten Funktion
zeigt.

119
Vgl. Heyne 1995, S. 145-154.
75

2.1.2 Funktion des beginnenden Verdachtes

Den Figuren Veronika wie ihrer Tochter Sabine, Marie, Hieronymus, Barbara und
Ursula ist weiterhin gemeinsam, dass sie sehr bald von ihrer Umwelt mit gefährlichen
Verdächtigungen und Anschuldigungen behaftet werden, welche die Brisanz ihrer
persönlichen Situation noch verschärft.
Dies kann auf zweierlei Weisen geschehen: durch vage Andeutungen, die schließlich in
offene Drohungen übergehen wie bei Marie und Veronika Reutter oder durch sofort
einsetzende Beschuldigungen wie bei Hieronymus, Ursula und Barbara.

Marie, an ihrem ersten Arbeitstag im Wirtshaus „Die Höll“, bringt durch ihre liebliche
äußere Erscheinung einen Bäcker dazu, dass er ihr seine Wecken schenkt, anstatt mit
der Wirtin Apollonia weiter um den Preis zu feilschen. Die Folgen dieses
zweischneidigen Erfolgs zeichnen sich in folgendem Textauszug ab:
„ ‚Wie zum Teufel hast du das gemacht, Marie?’, lachte Apollonia. ‚Jetzt
haben wir einen Korb knuspriger Wecken und keinen einzigen Kreuzer
dafür bezahlen müssen. (...) Und euch geb ich sie heute um einen halben
Kreuzer’, sagte Apollonia zu den Burschen am Tisch. Die langten kräftig
zu. ‚Es wird schon eine Teufelsbraut sein, die du da in deinen Dienst
genommen hast’, rief einer der sauflustigen Burschen und blickte Marie
lange an.“120

Mit „Teufelsbraut“, wie Marie von jenem jungen Mann belanglos bezeichnet wird, ist in
diesem Stadium noch ihre äußere Erscheinung gemeint. Doch bald wird dieser
scheinbar harmlose Vorfall zum Anlass für üble Verdächtigungen, die für Marie
schließlich zur Gefahr werden.

Auch in Engelhardts „Hexen in der Stadt“ kommt es um die Figur Veronika zunächst
nur zu Andeutungen, als diese den mutigen und unerhörten Entschluss fasst, vor den
Bischof zu treten und um Gnade für die der Hexerei bezichtigten Frauen zu bitten:
„Die Tür ging auf und die Frau [Veronika] trat ein. (...) Was war Besonderes
an ihr, dass der Bischof sie erst nicht hatte vorlassen wollen und es jetzt
doch tat? Warum starrte er sie so an? Aber Seine Fürstlichen Gnaden hatten

120
Haß 2002, S. 15.
76

sich schon gefasst und fragten huldvoll nach dem Doktor Reutter, dem die
Stadt während der Pestzeit so viel zu danken gehabt habe.
‚Und Sie, Reutterin, soll ihm ja brav zur Hand gegangen sein. Hat Sie denn
keine Angst vor der Ansteckung gehabt?’ (...) Sie lachte ein wenig und fuhr
fort: Angst vor Ansteckung habe sie nicht gehabt. Ihr Mann sage immer, das
sei der sicherste Weg krank zu werden. Auch habe er gute Mittel dagegen
gewusst.
Da hörte man’s wieder! Der Diener Mathias versuchte einen viel sagenden
Blick mit dem Kanzler zu tauschen, aber das gelang ihm nicht.“121

In der Gedankenrede des Dieners wird dem Leser vorgeführt, dass jedes noch so
harmlose Wort der Protagonistin mit Verdächtigungen einer argwöhnischen und
verängstigten Umwelt bedacht wird.
Im Verlauf des Streitgesprächs zischen Bischof Philipp Adolf und Veronika kommt es
zu einer zwar indirekten, aber eindeutigen Drohung, wenn Philipp Adolf ihr scheinbar
ungerührt mitteilt:
„ ‚Hör Sie! Wenn Sie deshalb gekommen ist – Sie hat nichts zu fürchten,
auch nicht für die Ihren -, bei meiner Ehre!’
Da schnellte sie kerzengerade auf aus der demütigen Haltung. Ihre Antwort
kam rasch und scharf, ein Gertenschlag: ‚Ergebenen Dank, Fürstliche
Gnaden! Aber wir haben nichts zu fürchten.’ Und war hinaus.“122

Im weiteren Handlungsverlauf zeigt sich, dass Philipp Adolf keineswegs vorhat, ihre
Familie zu schonen. Doch kurz bevor Veronikas Töchter Sabine und Katrin verhaftet
werden sollen, gelingt ihnen die Flucht.

Auch in „Teufelstanz“ von Ulrike Haß werden aus vermeintlich harmlosen


Bemerkungen indirekte Anschuldigungen, was in folgender Szene zum Ausdruck
kommt, wenn Marie in der Sonntagsschule die Comoedia vom verlorenen Sohn probt
und dabei einen folgenschweren Fehler begeht:
„Sie [Marie] erhob sich, ging aber nicht an der Matrone vorbei aus der
Kirchenbank, um so die Mädchen richtig herum in den Kreuzweg zu führen,

121
Engelhardt 1997, S. 16 f.
122
Engelhardt 1997, S. 19.
77

sondern wandte sich zur anderen Seite und zwängte sich zwischen der
vorderen Bank und den Knien der Mädchen hindurch. (...) Immer noch in
Gedanken bei Ursula, merkte Marie jedoch nicht, dass sie die Mädchen
nicht wie sonst von rechts, sondern von der anderen, der falschen Seite her
in den Kreuzweg geführt hatte. (...) Währenddessen sangen alle: ‚Und wenn
die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns
nicht so sehr, es soll uns doch gelingen...’. (...)
‚Sie hat die Mädchen falsch herum in den Kreuzweg geführt’, flüsterte die
Matrone als erste in die Stille hinein. (...) ‚Verkehrt herum’, raunten die
Jungen auf der anderen Seite. ‚Verkehrt herum’, sagte jetzt auch der Rector
mit einer Schärfe in der Stimme, die wohl Glas schneiden konnte. ‚Im
Verkehrten gewinnt der Böse seine Macht! Verkehrt herum reitet die Hexe
auf ihrem Besen zum Sabbat!’ ‚Das kommt, weil sie mit einer alten Hexe
[Ursula] unter einem Dach wohnt’, flüsterten die Jungen untereinander.“123

Andeutungen werden zu Vorwürfen, Vorwürfe werden zu Verleumdungen und bald zu


offenen Denunziationen. Marie, die einige Zeit nach diesem Vorfall nach einer
belauschten Ratssitzung inkognito den Ratsherren das Essen serviert, wird schließlich
Zeugin, wie sie vom Bürgermeister denunziert wird.124 Hier wird ihr die Gefahr, in der
sie sich befindet, erst richtig bewusst. Sie gedenkt zunächst mit ihrer Vertrauten Ursula
aus Nördlingen zu fliehen.

Während die Funktion des beginnenden Verdachtes bei Marie und Veronika erst
langsam einsetzt, bewirkt sie bei Barbara, Hieronymus und Ursula hingegen, dass jene
mit direkten Anschuldigungen und Drohungen schnell konfrontiert werden.
Hieronymus wird bereits während seines ersten Schultages in Straßburg von seinem
Mitschüler Lupus ins Kreuzverhör genommen:
„ ‚Du kommst also aus Sizilien’, stellte der Lupus fest und schnippte mit
dem Fingernagel ein winziges Stäubchen von seinem blauen Tuchmantel.
‚Woher weißt du denn das?’, fragte Hieronymus verwundert. ‚Das braucht
dich nicht zu interessieren’, gab der Lupus kühl zurück. ‚Jetzt frage ich erst
einmal. Leben deine Eltern noch?’ Hieronymus schüttelte eingeschüchtert

123
Haß 2002, S. 77 f.
124
Vgl. Haß 2002, S. 123 f.
78

den Kopf. ‚Wann sind sie denn gestorben?’ ‚Meine Mutter und meine
Schwester vor sechs Jahren und mein Vater schon früher, an der Pest.’
‚Dein Vater interessiert mich nicht’, gab der Lupus zurück. ‚Woran starben
deine Mutter und deine Schwester?’ ‚An – an einer Seuche’, sagte
Hieronymus langsam. Der Lupus trat einen Schritt näher. ‚Warum lügst
du?’ (...) ‚Dass du es weißt, eine Teufelsbrut dulden wir in unserer Klasse
nicht. Wir sind hier in Straßburg und nicht in Würzburg. Merk dir das am
besten gleich heute am ersten Tag!’ Hieronymus begannen die Knie zu
zittern. ‚Was meinst du denn mit Teufelsbrut?’, fragte er schließlich zaghaft,
als er sah, dass der Kreis noch enger wurde.“125

Hieronymus wird bereits im ersten Gespräch mit Lupus beschuldigt. Von nun an
beginnt für den Neuankömmling eine wahre Hetzjagd, bei der ihm die Vergangenheit
seiner Familie beinahe zum Verhängnis wird.

Barbara wird von ihrer herrischen Ziehschwester Armgard mit Hexenbezichtigungen


seit frühster Kindheit drangsaliert. Isolde Heyne baut in ihren Roman folgende Episode
ein, um die schwache soziale Stellung Barbaras und die damit einhergehenden
Demütigungen, denen sie ständig ausgesetzt ist, exemplarisch darzustellen:
„ ‚Versuche es auch!’ befahl sie [Armgard].
Barbara wickelte den Riemen um ihr Handgelenk und tat, was sie schon
viele Male bei Armgard beobachtet hatte. Aber der Falke dachte gar nicht
daran, zu gehorchen. Als ob er des Spiels überdrüssig sei, flog er ihr ein
paar Mal dicht über den Kopf und setzte sich dann auf ihren ausgestreckten
Arm. Barbara zuckte zusammen, als sie die scharfen Krallen auf der nackten
Haut spürte. (…)
Als sie [Barbara] am Abend in der Küche bei der Vorbereitung des Essens
half, stürzte Armgard herein. ‚Was hast du mit dem Falken gemacht?’ schrie
sie. ‚Du hast ihn verhext!’ (...) Ihr Lieblingsfalke saß reglos da, und sosehr
Armgard sich bemühte, seine Aufmerksamkeit zu erregen, er blieb
teilnahmslos. ‚Befreie ihn von seiner Krankheit!’ befahl Armgard. ‚Du hast
ihn behext, also befreie ihn wieder davon!’ “126

125
Bayer 2001, S. 16 f.
126
Heyne 1995, S. 24 f.
79

Noch denkt sich Armgard nichts dabei, wenn sie Barbara als Hexe bezeichnet. Doch
schon bald wird sie sich der Gefahr bewusst, die diese Anklage für Barbara mit sich
bringt. Armgard wird schließlich alles daran setzten, Barbara als Hexe auf den
Scheiterhaufen zu bringen.

Bei Ursula Lambrecht liegt das Verdachtsmoment klar auf der Hand: Nachdem ihre
Mutter als Hexe gerichtet und ihr Vater als Verdächtiger ins Malefizhaus gebracht
worden ist, bedarf es nur noch eines geringfügigen Zwischenfalls bis auch sie
schließlich verhaftet wird. So kommt es bei einer Hausdurchsuchung zwischen ihr und
Dr. Georg Einwag, einem Mitglied der Malefizkommission, zu einem folgenschweren
Wortwechsel, der die enorme Gefahr aufzeigt, in der sich Ursula befindet:
„ ‚Ach so, Herr Doktor’, sagte sie mit leiser, schneidender Stimme. ‚Das ist
also Euer Motiv für Verhaftung und Folter. Ihr wollt die Leute um ihr Hab
und Gut bringen. Was wollt ihr Euch von meines Vaters Geld kaufen? Ein
Haus am Markt? Dazu eine goldene Scheide für Euren Degen vielleicht und
ein schönes Pferd?’ Verächtlich sah sie auf den Kommissär herab, der eine
gute halbe Spanne kleiner war als sie. ‚Nein, ein Pferd wohl nicht’, höhnte
sie, ‚es ist Euch sicher zu umständlich, beim Reiten immer eine Leiter
dabeihaben zu müssen.’ Für einen Moment verlor das Gesicht des Doktors
seine Reglosigkeit und verzerrte sich zu einer Maske äußerster Wut. Dann
glättete es sich wieder. ‚Ihr habt ungewöhnliche Augen, Mädchen’, meinte
Einwag gleichmütig, ‚schwarz ... Ich habe dergleichen schon gesehen ...,
allerdings nicht bei guten Christenmenschen!’ “127

Kurze Zeit später wird Ursula vom Büttel verhaftet.

Die Textbelege zeigen, dass die Funktion des beginnenden Verdachtes alle Helden
unaufhaltsam in den Sog von Verdächtigung, Denunziation und Verhaftung
hineingeraten lässt. Dieser Teufelskreis führt schließlich alle Protagonisten in einen
Konflikt, der anhand der folgenden Funktion erklärt wird.

127
Parigger 1996, S. 50.
80

2.1.3 Funktion des „tragischen“ Konfliktes

Die im vorigen Kapitel erläuterte Funktion des „beginnenden Verdachtes“ führt also
dazu, dass die Protagonisten sich ständig gegenüber einer überwiegend argwöhnischen
Umgebung zur Wehr setzen und rechtfertigen müssen. Sie geraten durch eine
zunehmend feindselige Haltung ihrer Umwelt in eine defensive Position, die für die
Helden zwei Auswege offen lässt: Resignation und Untergang oder aktive
Konfliktlösungen verbunden mit dem Versuch der Gegenwehr.
Der Konflikt, in den die Protagonisten hineingeraten, stellt in seinem tödlichen Ausmaß
eine Form des tragischen Konfliktes dar, wobei wir diesen terminus technicus aufgrund
der speziellen kontextuellen Bedingungen als Konflikt definieren, dessen Lösung für
alle handelnden Figuren als nahezu unlösbar erscheint, da jeder von ihnen gewählte
Ausweg zugleich auch immense persönliche Verluste und Defizite mit sich brächte.

Die Heldinnen Marie und Ursula Lambrecht erkennen beide ab einem bestimmten
Zeitpunkt im Handlungsverlauf, dass sie sich in extremer Gefahr befinden. In „Die
Hexe von Zeil“ fleht der väterliche Freund und Ratsherr Wallner Ursula inständig an,
die Stadt zu verlassen, nachdem ihr Vater ins Malefizhaus gebracht worden ist:
„Leise sprach er während des Gehens auf sie ein. ‚Ihr müßt fort, ich
beschwöre Euch! Geht am besten auf eine Wallfahrt. So könnt Ihr den
Schein wahren und vielleicht eines Tages zurückkehren. Nur fort, fort,
fort!’« 128

Doch Ursula Lambrecht, die sich an jeden Strohhalm der Hoffnung klammert und
immer noch an göttliche Gerechtigkeit glauben mag, entscheidet sich wie folgt:
„Ich danke Euch, auch im Namen meines Vaters. Euren Rat will ich
befolgen – aber noch nicht morgen. Solange noch ein winziges Fünkchen
Hoffnung für ihn besteht, werde ich meinen Vater nicht im Stich lassen. (...)
Ihr vergeßt, daß nicht der Bischof die Geschicke dieser Stadt bestimmt,
sondern Gott!“129

128
Parigger 1996, S. 31.
129
Parigger 1996, S. 35 f.
81

Ursulas ungebrochene Loyalität zu ihrem Vater wird ihr zwei Wochen später zum
Verhängnis. Sie wird von den Bütteln der Stadt abgeholt, vergewaltigt, eingesperrt und
gefoltert.

Auch Marie, die sich der Gefahr, in der sie sich befindet, wohl bewusst ist, hat die
Möglichkeit mit ihrer engsten und einzigen Freundin Ursula zu fliehen:
„ ‚Ursula, hör zu’, sagte Marie, ‚wir müssen fort aus der Stadt. Wir müssen
fliehen. Es gibt keinen anderen Weg mehr.’ ‚Ich will nicht’, widersprach
Ursula. ‚Es geht um dein Leben’, drängte Marie weiter, ‚die Herren sind
ohne Erbarmen. Ich habe den Pferinger reden hören. (...) Er ist ohne
Erbarmen, denn es geht ihm nur um sich selbst und seinen Namen. Wir
müssen aus der Stadt fliehen, Ursula.’ “130

Doch die verwirrte Ursula, die selbst daran glaubt, dass das Böse Macht über sie hat,
will um keinen Preis die Stadt verlassen. Für sie muss es sich in der Stadt beweisen, ob
sie schuldig ist oder nicht. Sie stellt es Marie jedoch frei, ohne sie zu gehen und diese
entscheidet sich wie folgt:
„ ‚Allein?’ Marie hielt mit einem heftigen Ruck in ihrem Schritt inne.
‚Allein? Ich lass dich nicht allein in dieser Gefahr, Ursula. So wie ich nicht
allein war in meiner Traurigkeit, als mich meine Freundinnen verlassen
hatten. Du bist die Einzige, die mich lieb hat und meinen Rücken mit
Balsam einreibt, wenn er zerschrammt ist, und mir Geschichten erzählt,
wenn ich traurig bin. Ich will bei dir bleiben in der Gefahr.’ “131

In diesem Konflikt haben die Heldinnen Marie und Ursula zwei Möglichkeiten zu
reagieren: Entweder sie entscheiden sich zur Flucht mit der Konsequenz absoluter
Unsicherheit und Einsamkeit, denn sie verlören damit die Menschen, die ihnen am
meisten bedeuten, oder sie bleiben in der Stadt und riskieren selbst verhaftet zu werden.
Beide Möglichkeiten beinhalten eine große Belastung und ein hohes Risiko, das die
jugendlichen Protagonistinnen in dieser Situation überfordert.

130
Haß 2002, S. 126.
131
Haß 2002, S. 127.
82

Barbara und Hieronymus hingegen geraten durch Erpressung ihrer Gegenspieler in


einen folgenschweren Konflikt.
Hieronymus wird von seinem Erzrivalen Lupus dabei beobachtet, wie er zu spät zur
Singstunde kommt. Doch sein Fehlverhalten bleibt zunächst allgemein unbemerkt, weil
ihn sein Freund Georg, der Dekurio, nicht verrät. Tage später kommt es zu folgendem
Gespräch:
„ ‚Ich habe euch zwei Tage Zeit gelassen’, sagte er [Lupus], während er die
beiden freundlich anlächelte, ‚zwei ganze Tage.’ (...) Georg blickte betreten
zu Boden. ‚Warum hast du uns dann nicht gleich gemeldet, wenn du
gemerkt hast, dass Hieronymus zu spät kam?’(...) ‚Ich bin dafür, dass wir
jetzt gemeinsam zu Holdermann gehen’, schlug Hieronymus vor. ‚So hat
das keinen Sinn. Er wird uns schon nicht den Kopf herunterreißen.’ ‚Nein,
das wird er ganz sicher nicht’, lachte der Lupus. ‚Den braucht er ja noch, um
dir den Asinus umzuhängen.’ Hieronymus dachte an seinen Onkel und
daran, dass dieser es ganz sicher nicht nett finden würde. ‚Was willst du
denn von uns?’, versuchte er daher einzulenken. (...) ‚Ich will eine kleine
Gegenleistung, sonst nichts. Und ich will sie nicht mal jetzt, sondern
später.’“132

Hieronymus, der seinem gereizten Onkel unter keinen Umständen missfallen will,
willigt schließlich in den Handel ein, was im weiteren Handlungsverlauf dazu führt,
dass er sich seinem Widersacher ausliefert: Lupus zwingt ihn, eine unbekannte Frau als
Hexe zu denunzieren.

Auch Barbara hat ein Geheimnis: Ihr Vater ist der mächtige Kirchenmann Johann von
Rinteln, der sie mit teuren Geschenken ausstattet:
„Sie öffnete die Truhe, in der sie ihre Habe verwahrte. Ihr Vater war stets
großzügig mit Geschenken gewesen. (...) ‚Du wirst es später einmal
brauchen können, Barbara.’ ‚Ich kann davon nichts tragen. In meinem
Stande ist das nicht erlaubt’, hatte sie zögernd geantwortet. ‚Du wirst einmal
einem Stand angehören, der dir gebietet, dich so zu kleiden.’ (...) Aber
niemand durfte von ihrem Reichtum erfahren. Als uneheliches Kind, noch

132
Bayer 2001, S. 34 f.
83

dazu als Findelkind, war sie im niedersten Stand. Sie war geduldet in einem
Haus, dessen Tochter sich jeden Mann aussuchen konnte.“133

Barbara wähnt sich unbeobachtet und entnimmt ihrer Truhe die kostbaren Edelsteine,
die der Vater ihr geschenkt hat. Es kommt, wie es kommen muss: Sie wird von
Armgard überrascht, welche die Situation sofort erfasst und Barbara erpresst:
„Sie [Barbara] erschrak, als sie eine Bewegung an der Tür wahrnahm. Es
gelang ihr nicht mehr, den Lederbeutel zu verbergen. Zu schnell war
Armgard bei ihr und schnappte sich das Säckchen, wobei die Schnur sich
löste und die Steine auf den Boden fielen.
‚Woher hast du das? Sag schon! Wer hat dir das gegeben?’ Mit einem Blick
in die noch offene Truhe hatte Armgard auch alles andere entdeckt. (...)
‚Nur schade, daß du nichts davon verwenden kannst’, sagte Armgard
schadenfroh. ‚Aber es wird für immer unser Geheimnis bleiben, wenn du
mir auch einen Gefallen tust.’ (...) ‚Warum sollte ich daraus ein Geheimnis
machen?’ fragte sie [Barbara]. Sie wollte, daß es nebensächlich klingt, aber
die andere vernahm die Angst in ihrer Stimme. ‚Weil es nicht erlaubt ist für
ein Mädchen deines Standes.’ Armgard genoß einmal mehr die
Überlegenheit und ließ es Barbara deutlich spüren. Dann entsann sie sich,
warum sie hierhergekommen war. ‚Ich verrate dich nicht, wenn du mir dafür
etwas verschaffst.’ “134

Armgard verlangt, dass Barbara ihr einen Liebestrank herstellt, weil sie glaubt, Martin
auf diese Weise an sich binden zu können.
Barbara bleiben nun zwei Handlungsmöglichkeiten, die beide für sie sehr unangenehme
Konsequenzen nach sich ziehen können: Verwehrt sie Armgard ihren Willen, gibt diese
ihr Geheimnis preis und bringt Barbara so in die Gefahr der sozialen Ächtung. Kommt
sie Armgards Forderung nach, so liefert sie sich ihrer Widersacherin ebenfalls schutzlos
aus, da diese hinfort den angeblichen Beweis dafür erbringen kann, dass Barbara eine
Hexe ist. Barbara entscheidet sich Armgards Forderung mit einer List zu begegnen, was
sich im weiteren Handlungsverlauf als verhängnisvoll erweisen wird, da Barbara immer
mehr Armgards Hass und Aberglauben ausgeliefert ist.

133
Heyne 1995, S. 50.
134
Heyne 1995, S. 50 f.
84

Etwas komplexer gestaltet sich dagegen der Konflikt, in den Veronika Reutter in
„Hexen in der Stadt“ gerät. Kurz nachdem das Ehepaar Reutter erfahren hat, dass
Sabine, die jüngste der Töchter denunziert worden ist, beraten die Eheleute, wie es
weitergehen soll. Dabei sind sie unterschiedlicher Meinung. Veronika, die überzeugt ist,
ihre Familie durch ihre Kräfte schützen zu können, ist gegen eine Flucht. Sebastian, der
nichts von ihren Kräften ahnt, möchte auf jeden Fall, dass sie mit den Töchtern
zusammen die Stadt verlässt. Der sich anbahnende Konflikt zeichnet sich in folgendem
Dialog ab:
„Veronika schüttelte den Kopf. ‚Sie sind nicht in Gefahr, nicht, solange sie
bei mir sind, wir zusammen sind. Ich weiß es! Ach, wenn du mir doch
glauben wolltest!’
‚Du weißt es, du weißt es! Woher denn? Wie kann ich dir etwas glauben,
das jeder Vernunft und Erfahrung widerspricht!’
Sie lächelte bitter. Wenn sie ihm jetzt die Wahrheit sagte, wie würde er sie
aufnehmen? Würde nicht alles noch schwieriger werden?“135

Was die Eltern nicht wissen ist, dass die Töchter Sabine und Katrin ihr Gespräch
belauschen und in derselben Nacht beschließen alleine zu fliehen. Am nächsten Morgen
entdecken die Eltern die Flucht, kurz bevor die Büttel mit dem Haftbefehl für Sabine
und Katrin erscheinen. Veronikas innerer Konflikt nimmt zu:
„Sie stand bleich an die Wand gelehnt und sagte mit fremder Stimme: ‚Ich
bin schuld, heute musst du es endlich wissen.’
Er hielt ihr die Hand vor den Mund, führte sie von der Haustür weg in seine
Stube, drängte sie auf einen Sessel, mischte eine Arznei für sie und hielt ihr
das Glas an die Lippen. Sie aber schob seine Hand fort und blickte ihn aus
wilden Augen an.
‚Nein, du musst es wissen, jetzt, wo es fast zu spät ist. Ich hab’ dich immer
belogen.’“136

Veronika gesteht ihrem Mann, dass sie über geheimnisvolle Kräfte verfügt, mit denen
sie geglaubt hat, ihre Familie beschützen zu können. Nun, da sie ihren Irrtum einsieht,

135
Engelhardt 1997, S. 138.
136
Engelhardt 1997, S. 145.
85

macht sie sich schuldig für das Vorgefallene. Daraufhin kommt es zum Bruch zwischen
den Eheleuten, weil in Sebastians rational aufgeklärtem Weltbild kein Platz für
derartige Dinge ist, gegen die er sein ganzes Leben vehement angekämpft hat. Er fühlt
sich von seiner eigenen Frau missverstanden und verraten. Seine Wut und Enttäuschung
gipfeln darin, dass er Veronikas Selbstvorwürfe noch vermehrt:
„ ‚Du hast mir da viel Unsinn erzählt, nichts, was sich nicht auf natürliche
Weise erklären ließe. Was übrig bleibt, ist Altweibergewäsch, der gleiche
Wahnsinn, gegen den ich mein Leben lang gekämpft habe – allein, wie ich
jetzt weiß. Damit muss ich fertig werden. Es ist schon besseren Männern so
gegangen. Ich könnte es vergessen. Wenn aber den Kindern etwas zustößt –
du hast sie hineingerissen, du bist schuld, dass sie hier geblieben sind, in der
Gefahr -, das könnte ich dir nie verzeihen.’
Das Letzte sagte er leise und stockend, es fiel ihm schwer, aber er konnte
nicht anders.“137

Damit ist der Bruch der Familie besiegelt, die Eheleute können nicht mehr zueinander
finden. Veronikas Konflikt ist insofern tragisch, als dass ihre Familie in jedem Falle
auseinander bricht, ob sie nun gesteht oder nicht. Die Schuldzuweisung ihres Mannes
verstärkt hingegen ihren inneren Konflikt: Ihre Schulgefühle zwingen sie im
Handlungsverlauf dazu, ihr eigenes Leben zu opfern.

Sämtliche Konflikte, in die alle Protagonisten geraten, führen auf einen Wendepunkt im
Handlungsverlauf hin, der zur Funktion des „guten“ Ausganges führt.

137
Engelhardt 1997, S. 159 f.
86

2.1.4 Funktion des „guten“ Ausganges

Alle Handlungsverläufe nehmen ein mehr oder weniger gutes Ende. Die Autoren
kommen hier einem allgemeinen entwicklungspsychologischen Bedürfnis ihrer
jugendlichen Leser nach, die sich weit mehr als Erwachsene nach dem Sieg des Guten
sehnen. Ein positives Grundvertrauen in die Welt soll dadurch vermittelt und gestärkt
werden.

Alle Protagonisten befinden sich in äußerst unangenehmen, scheinbar hoffnungslosen,


ja peinvollen Situationen: Veronika Reutter verweilt in großer Einsamkeit seit fünfzehn
Monaten in einer Weinberghütte außerhalb des Machtbereichs des sog. Hexenbischofs
Philipp Adolf und wartet vergeblich auf ihren Mann. Hieronymus, entsetzt darüber, dass
er um ein Haar einen Menschen denunziert hätte, sehnt sich nach der Unkompliziertheit
seines früheren Lebens auf Sizilien zurück. Marie steht voller Angst und Verzweiflung
alleine da, nachdem ihre Freundin Ursula verhaftet worden ist. Ursula Lambrecht und
Barbara liegen gefoltert und vergewaltigt in ihren Kerkerzellen und warten auf ihre
Hinrichtung.
Würde allesamt der Tod ereilen, würde dies einerseits einer Erwartungshaltung seitens
der Leser entsprechen, andererseits aber dem Bedürfnis nach Spannung und Rettung
entgegenlaufen. Für welchen Ausgang entscheiden sich nun die Autoren?

Marie, Ursula und Barbara gelingt die Flucht.


In „Teufelstanz“ von Ulrike Haß befreit sich die couragierte und selbstbewusste junge
Heldin selbst: Marie wagt den Schritt in die ungewisse Freiheit und schließt sich einer
Vagantentruppe an. Kurz außerhalb der Stadt trifft sie ein letztes Mal ihren alten Freund
Bartel. In der Verabschiedung klingen gleichermaßen Verzweiflung und Wehmut mit:
„ ‚Grüß mir das Nördlingen, in dem ich leben wollte’, sagte Marie.
‚Gott schütze dich’, antwortete Bartel, und aus seinem hässlichen Gesicht
fielen dicke Tränen.
‚Grüß Bärbel, ich durfte sie nicht mehr sehen’, bat Marie.
‚Ich werde es tun’, sagte Bartel, ‚Gott schütze dich.’
‚Und bete für Ursula, ich konnte nichts mehr für sie tun’, fügte Marie hinzu
und hielt nur mit Mühe die Tränen zurück.
87

‚Gott schützt uns alle auf seine geheimnisvolle Weise’, sagte Bartel, dem
die Tränen übers Gesicht rannen, als Marie ihn ein letztes Mal küsste. Dann
ging Marie und drehte sich nicht mehr um. Sie ging mit den Vaganten, und
niemand weiß wohin.“138

Haß betont in dieser Kehrtwende den feministischen Ansatz ihres Romans: Die Heldin
ergibt sich nicht der Verzweiflung und Depression. Sie glaubt nicht an eine höhere
Gerechtigkeit, sondern erkennt die Gefahr, in der sie sich nach der Verhaftung ihrer
Vertrauten Ursula befindet und zieht daraus ihre Konsequenzen. Damit entscheidet sie
sich gegen den Tod und für ein neues Leben voller Gefahren und Ungewissheiten.

Ursula Lambrecht und Barbara sind trotz der offenkundigen Gefahr nicht geflohen und
liegen daher gefangen im Kerker. Beide werden aber von treuen Freunden bzw.
Verwandten auf abenteuerliche Weise befreit; Barbara hauptsächlich durch ihren Mann
Martin Wieprecht und ihren Vater Johann von Rinteln, Ursula durch den
Gerichtsschreiber Christoph, ihren väterlichen Freund Wallner und durch die aktive
Mithilfe eines älteren Schusterehepaares, dessen Tochter ebenfalls bei den
Hexenprozessen ermordet worden ist. Bei beiden Handlungsausgängen steht die Frage
nach dem Wohin im Vordergrund.
Isolde Heynes Roman „Hexenfeuer“ endet wie folgt:
„Als sie nach eiligem Abschied den Schutz der Stadtmauer verließen, kam
bereits der Tag. Martin nahm Barbaras Zügel in seine Hand, denn er fühlte,
wie erschöpft sie war. (...)
‚Es ist so vieles ungesagt geblieben’, klagte Barbara.
‚Und über so vieles mache ich mir Sorgen. Ich möchte nicht, daß
meinetwegen anderen Leid geschieht.’
Martin streichelte ihren kahlgeschorenen Kopf. ‚Vertraue deinem Vater.
Vertraue den Menschen, die alles getan haben, dein Leben zu retten. Sie
sind nicht voller Rache. Gerechtigkeit ist es, die ihnen heilig ist. Und sie
werden unterscheiden zwischen denen, die Böses taten, und denen, die nur
in die Irre gingen.’
‚Armgard?’ fragte Barbara leise.

138
Haß 2002, S. 173 f.
88

‚Ja, auch Armgard ging in die Irre. Sie wird ihren Weg allein wiederfinden
müssen.’
‚Wohin bringst du mich, Martin?’
‚Nach Hause.’
‚Wo ist das?’
‚Dort, wo Menschen sind, die einander achten und lieben, Barbara.’
Nach kurzer Rast brachen sie wieder auf. Es war ein heißer Sommertag
geworden. Sie hatten einen weiten Weg vor sich.“139

In der Rede Martin Wieprechts schwingt folgende Wertung deutlich mit: Nicht Rache
ist es, welche die Opfer rehabilitiert, sondern Gerechtigkeit.

Das Schicksal Ursulas in „Die Hexe von Zeil“ nimmt einen ähnlichen Ausgang wie das
von Barbara. Nach einer spannenden Flucht muss sich Ursula von ihrem Retter Wallner
verabschieden:
„ ‚Ich danke Euch für alles, Wallner’, sagte sie schließlich, ‚doch um eines
bitte ich Euch noch: Laßt meine Schwester den Brief lesen.’ Und so leise,
daß er sie kaum verstehen konnte, fügte sie hinzu: ‚Sagt ihr, auch was im
Namen Gottes geschieht, wird doch von Menschen gemacht, und sie soll
lernen zu zweifeln.’
Eines der Pferde schnaubte und scharrte ungeduldig mit den Hufen: ‚Ihr
sollt jetzt fahren’, sagte Wallner.
Fahren wohin? Ein Windstoß fuhr durch die Fackeln und ließ Funken
sprühen und tanzen, eine kleine Weile, bis sie verglühten.“140

Ebenso wie bei Heyne endet auch bei Parigger der Roman in einer Moralisierung: im
Appell zum kritischen Hinterfragen aller Glaubens- und Rechtsfragen.

Im Handlungsverlauf von „Der Teufelskreis“ und „Hexen in der Stadt“ spielt die
Fluchtkomponente zwar auch eine Rolle, aber sie steht nicht am Ende und ist somit
nicht final. Die Helden Hieronymus und Veronika Reutter stellen sich beide – wenn

139
Heyne 1995, S. 235 f.
140
Parigger 1996, S. 244 f.
89

auch auf völlig unterschiedliche Weise – ihren Problemen und versuchen so gut wie
möglich damit fertig zu werden.
Hieronymus wird durch seinen Freund Georg davon abgebracht nach Sizilien zu
fliehen. Stattdessen beschließt er, seinem Rivalen Lupus die Stirn zu bieten und
Straßburg als seine neue Heimat anzunehmen.141 Der folgende Textauszug zeigt den
inneren Konflikt des Helden, der sich nach einem starken männlichen Vorbild sehnt und
dem zugleich bewusst wird, dass er die Vergangenheit zu sehr idealisiert hat:
„Georg fiel ihm wieder ein und ihr Gespräch von heute Nacht: warum er
nicht zurechtkam und warum er Sizilien nicht vergessen konnte. Und er
wusste plötzlich, dass Georg Recht hatte.
Auch der Onkel hatte Recht, und es war seine Schuld, dass er ihn zu einem
Riesen gemacht hatte, der er nicht war. Konnte man überhaupt jemandem
vorwerfen, dass er schwach war und kein Vorbild? War Ehrlichkeit nicht
auch Stärke? Konnte nicht auch ein Zwerg unter Zwergen jemand sein, den
man lieben lernte? Es war vielleicht kein gutes Gespräch gewesen, und der
Onkel hatte es mit ihm geführt wie mit seinesgleichen. Es war ein Gespräch
von Mann zu Mann gewesen, und er war sicher, dass der Onkel mit der
Tante nie ein solches geführt hatte.
War es nicht widersinnig, trotzdem gehen zu wollen?“142

Hieronymus beschließt zu bleiben und sich seinen Problemen zu stellen.

Das Ende der Haupthandlung von „Hexen in der Stadt“ ist das wohl überraschendste
wie ungewöhnlichste innerhalb der untersuchten Literatur und wird folgendermaßen
eingeleitet: Die Heldin Veronika Reutter wird in ihrem Exil außerhalb der Stadt von
ihrer ältesten Tochter Jakobe aufgesucht, die sie um Hilfe anfleht, weil man ihre beiden
Töchter ins Malefizhaus gebracht hat. Das Mal auf der Schulter ihrer jüngsten Tochter,
das in den Augen der Verfolger als Hexenmal gilt, ist entdeckt worden.143 Jakobe fleht
ihre Mutter an:
„ ‚Hilf uns, Mutter! Nur du kannst es noch, aber du kannst es, das weiß ich.’
‚Warum’, fragte Veronika leise, ‚glaubst du das?’ Da fuhr die Tochter in

141
Vgl. Bayer 2001, S. 134 – 139.
142
Bayer 2001, S. 139.
143
Vgl. Engelhardt 1997, S. 209 ff.
90

wildem Zorn auf sie los: ‚Verstell dich doch nicht! Ich weiß Bescheid,
schon lange. Du hast immer mehr gewusst und mehr gekonnt als erlaubt
ist.’“144

Veronika weiß tatsächlich mehr als alle anderen. Sie stellt sich ihrem schweren
Schicksal, um ihre bedrängte Familie zu retten und geht in die Stadt zurück. Dort lässt
sie sich bewusst verhaften und denunziert beim peinlichen Verhör Bischof Philipp
Adolf selbst. Als angeblichen Beweis, dass auch er am Hexensabbat teilgenommen hat,
nennt sie sein behaartes Mal auf der Schulter, das sie von einer lang zurückliegenden
gemeinsamen Liebesnacht her kennt. Der unter Zugzwang stehende Bischof eilt
höchstpersönlich in den Kerker, kann aber in der bereits verstorbenen Anklägerin die
einstige Geliebte nicht erkennen:
„ ‚Nein, sie ist es nicht.’
Als er dies hörte, ging dem Kanzler Johannes Brandt mit einem Male der
Sinn dieser ungewöhnlichen Unternehmung auf. Er hätte längst begriffen,
wäre er eben nicht doch schon sehr alt gewesen und dazu, seit dem
Hexenverhör am Morgen, zuinnerst verstört umhergegangen. In diesem
Augenblick aber sah und hörte er so klar wie nur je, und was er wahrnahm,
war vernichtend für alles, was er in seinem langen Leben in den Diensten
dreier Bischöfe für rechtens gehalten hatte.“145

Der späten Erkenntnis des Handlangers Brandt folgt das Einstellen der Hexenprozesse.
Jakobes Kinder werden aus dem Malefizhaus entlassen, doch das wiederhergestellte
Familienglück ist nur von kurzer Dauer, da der Krieg vor den Toren der Stadt nicht Halt
macht.

Veronika stirbt als wahre Heldin; durch ihren Tod sind die Prozesse eingestellt worden.
Hieronymus nimmt den Kampf mit Lupus auf, Marie flieht aus Nördlingen, Ursula und
Barbara sind gerettet worden.
Alle fünf Helden haben auf unterschiedliche Weise ihr Schicksal nicht einfach
hingenommen, sondern haben auf ihre Art für ihre Überzeugung gekämpft. Bis auf

144
Engelhardt 1997, S. 211.
145
Engelhardt 1997, S. 226 f.
91

Veronika kommen alle mit dem Leben davon, wobei alle fünf Handlungsläufe mit
einem offenen Schluss enden, der nach Belieben des Lesers fortgeführt werden kann.
Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Haupthandlungen der analysierten
Werke in nahezu identischen Bahnen verlaufen. Ereignisse, Geschehen und Geschichte
differieren stark. Dennoch weisen alle fünf Werke große Gemeinsamkeiten im
Handlungsschema auf, welche auf die sich häufig ähnelnden historischen Vorgänge, die
durch Quellen belegt sind, zurückzuführen sind: Verängstigung, Denunziation,
Verhaftung, Verhör, Folter, falsches Geständnis, Hinrichtung, manchmal aber auch
Hilfsbereitschaft, Widerstand und Flucht.
92

2.2 Kategorie der Figurenzeichnung

Die Kategorie der Figurenzeichnung befasst sich mit den „kompositorischen


Mosaiksteinen“, aus denen die Gesamtheit einer Figur modelliert wird. Details wie die
äußere Erscheinung, das Auftreten und Verhalten sowie bestimmte
Charaktereigenschaften gilt es zu untersuchen und festzustellen, ob es innerhalb der
ausgewählten Literatur zu Analogien der figuralen Komposition kommt. Damit sind
beispielsweise Eigenschafts- oder Verhaltensschemata bei bestimmten
romanübergreifenden Figurentypen gemeint wie etwa beim mittleren Helden.
In Anlehnung an die historischen Romane Scotts wird zunächst die Figurenzeichnung
der mittleren Helden analysiert.146
Da in dieser Arbeit auch die Forderungen der Geschichtsdidaktik (vgl.
EINFÜHRENDES 3.2) im Hinblick auf die Figurenzeichnung berücksichtigt werden,
kommt es bei der Untersuchung zu folgenden Fragestellungen: Mit welchen
Schlüsselreizen werden die mittleren Helden ausgestattet? Verkörpern sie das wahrhaft
Heldenhafte oder haben sie etwa einen eher „durchschnittlichen“ Charakter, der
genügend Raum für Stärken und Schwächen bereitstellt? Inwiefern sind die
Protagonisten auf ein jugendliches Leserpublikum hin angelegt? Bieten sie etwa
genügend Identifikationsmöglichkeiten, die es dem Leser erleichtern, in eine
fremdartige Vergangenheit einzutauchen? Ist ihr Alter dem der Leserschaft angeglichen
und verfügen sie außerdem über einen hohen Reifegrad, der es ihnen erst ermöglicht,
schwierige Entscheidungen zu fällen und sich in scheinbar auswegslosen Situationen zu
behaupten?
Neben der Zeichnung bestimmter Figuren wird in dieser Kategorie auch die Gestaltung
der Figurenkonstellationen innerhalb der einzelnen Werke untersucht. So kommen
bestimmte Eigenschaften der mittleren Helden durch ein mitunter ausgeklügeltes
Konstellationssystem weiterer Nebenfiguren erst richtig zum Vorschein.
Gleichsam gilt es die Funktion bestimmter Nebenfiguren für den Handlungsverlauf zu
hinterfragen. Werden beispielsweise den jugendlichen Protagonisten ratgebende
Erwachsene zur Seite gestellt, welche den Handlungsverlauf entscheidend beeinflussen?
Aus welchen sozialen Verhältnissen stammen die Figuren? Wird durch sie eine sog.
multiperspektivische Darstellung erreicht?

146
Die Merkmale des mittleren Helden bei Scott werden anschaulich bei Hugo Aust: Der
historische Roman, Stuttgart 1994, S. 65 f. erläutert.
93

Abschließend soll geklärt werden, ob es innerhalb der ausgewählten Literatur zu jenem


Phänomen kommt, welches die Geschichtsdidaktik als Typologisierung bezeichnet.
Typologisierung meint, dass bestimmte Personengruppen, Berufs- oder
Gesellschaftsgruppen, mit bestimmten typischen Merkmalen behaftet werden. Wäre
dies der Fall, so entstünden leicht pauschalisierende, wertende Vorstellungen.
94

2.2.1 Figurenzeichnung der mittleren Helden

Alle Helden innerhalb der ausgewählten historischen Jugendliteratur sind mit


bestimmten Schlüsselreizen versehen, die in ihrer Gesamtheit alle dasselbe Ziel
verfolgen: Dem Leser sollen zunächst genügend Möglichkeiten dargeboten werden, um
sich mit der Figur des mittleren Helden ausreichend identifizieren zu können.
Dabei ist festzustellen, dass die mittleren Helden überwiegend mit analogen
identifikationsfördernden Reizen ausgestattet sind. Eine Ausnahme bildet die
erwachsene Protagonistin in „Hexen in der Stadt“ von Ingeborg Engelhardt, die ihre
Heldin auf speziellere Weise ausstattet.

Ein elementarer Schlüsselreiz der mittleren Helden ist die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Schicht. So stammen alle Protagonisten mit Ausnahme von
Veronika Reutter aus dem bürgerlichen Volk: Marie, die Heldin aus „Teufelstanz“ von
Ulrike Haß, wächst im Hause ihrer Tante Hindenacherin auf und muss sich ihren
Lebensunterhalt im Haushalt der Tante und als Magd in einer Wirtschaft verdienen.147
Ursula, die Tochter des Bürgermeisters Lambrecht, führt ihrem verwitweten Vater den
Haushalt und hat aus diesem Grund bislang auf eine Heirat verzichtet.148 Barbara lebt
als angebliches Findelkind im Hause des reichen Kaufmannes Heinrich Burger und
führt ihm, seiner siechen Frau und seiner Tochter Armgard ebenfalls den Haushalt.149
Hieronymus lebt seit kurzem bei seinem Onkel in Straßburg und geht dort zur Schule150
und Veronika, die eigentlich adliger Abstammung ist, lebt seit langer Zeit in
bürgerlichen Verhältnissen mit ihrer Familie in Würzburg und hilft ihrem Mann, dem
Arzt Doktor Sebastian Reutter.151
Die Autoren kommen hier der geschichtsdidaktischen Forderung nach einer sog.
Darstellung der „Geschichte von unten“ nach, die sich ab den späten sechziger Jahren in
der historischen Jugendliteratur abzeichnet. Demzufolge soll Geschichte nicht
personalisiert, d.h. nicht lediglich anhand der „großen“ Repräsentanten einer Epoche
aufgezeigt und erklärt werden. Die Hinwendung zum Volk ermöglicht es, dass zuweilen

147
Vgl. Haß 2002, S. 7-17.
148
Vgl. Parigger 1996, S. 16 f.
149
Vgl. Heyne 1995, S. 26 ff.
150
Vgl. Bayer 2001, S. 5-10.
151
Vgl. Engelhardt 1997, S. 17 und 128-131.
95

dessen Alltags- und Lebensbedingungen eingehend beschrieben werden (vgl.


HAUPTTEIL 2.3). Diese Entwicklung hat ebenso zur Folge, dass bedeutende
historische Figuren in den Hintergrund geraten und wenn überhaupt, nur als
Nebenfiguren in Erscheinung treten wie etwa Fürstbischof Philipp Adolf in „Hexen in
der Stadt“.

Des Weiteren befinden sich mit Ausnahme von Veronika Reutter, einer Frau von
„unbestimmtem Alter“152, die Helden im jugendlichen Alter zwischen dreizehn und
neunzehn Jahren. So wird ein Bezug zwischen dem Lesealter des Jugendlichen und dem
Alter des Helden hergestellt, der den Identifikations- und Imitationsprozess des Lesers
unterstützt. Denn einem Neunjährigen wird es schwer fallen, sich in einen
fünfzehnjährigen Helden hineinzuversetzen, ebenso wie es einem jugendlichen Leser
Probleme bereitet, sich in einer kindlichen Figur wiederzufinden.

Ein weiterer zentraler Schlüsselreiz der jugendlichen Helden liegt in ihrer


charakterlichen Mittelmäßigkeit. Sie sind weitgehend mit einem durchschnittlichen
Charakter ausgestattet, der sowohl Tugenden als auch Schwächen aufweist.
In Bezug auf die Tugenden ist allen fünf Protagonisten gemeinsam, dass sie, wenn auch
in unterschiedlich ausgeprägtem Maße, über eine gewisse moralische Festigkeit
verfügen, die sich in Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Loyalität und Aufrichtigkeit zeigt.
Die Hilfsbereitschaft ist in Isolde Heynes „Hexenfeuer“ bei Barbara und bei Marie in
„Teufelstanz“ von Ulrike Haß in besonderem Maße ausgeprägt: Während Barbara
unermüdlich Kräuter in einem nahe gelegenen Klostergarten sammelt, um Kranken bei
ihrer Genesung zu helfen,153 macht sich Marie bei ihrer Tante dienstbar, wo immer sie
kann.154 Ursula und Hieronymus tun, was in ihren Kräften steht, um dem Vater bzw.
dem Onkel das Leben so angenehm wie möglich zu machen.155 Veronika unterstützt als
erwachsene Frau ihren Mann so gut sie kann, wenn es darum geht, Kranke zu heilen
und Verfolgten zu helfen.156

152
Engelhardt 1997, S. 17.
153
Vgl. Heyne 1995, S. 26 ff.
154
Vgl. Haß 2002, S. 29 ff.
155
Vgl. Bayer 2001, S. 29 f. und Parigger 1996, S. 52.
156
Vgl. Engelhardt 1997, S. 35.
96

Das Charaktermerkmal der Hilfsbereitschaft verbindet sich mit der Eigenschaft des
Mitgefühls, die besonders bei den Heldinnen ausgeprägt ist, während sie bei
Hieronymus weitgehend ausgeblendet wird, weil er immerzu mit sich selbst beschäftigt
ist.
Ursulas Mitgefühl gilt vor allem dem Vater, der unschuldig verhaftet worden ist. Marie
weint und leidet mit ihrer Tante um die am Fieber verstorbenen Kinder. Barbara
empfindet für die Gerbersfrau echtes Mitleid, die etliche Totgeburten hinter sich
bringen musste und Veronikas Mitgefühl gilt den zukünftigen Opfern der
Hexenverfolgungen, wenn sie mutig vor ihren Rivalen Bischof Philipp Adolf tritt und
bittet:
„Erbarmen, Fürstliche Gnaden, für die armen Hexen in dieser Stadt! (...)
Denn das sind doch gar keine Hexen. Sehen Fürstliche Gnaden sich doch
die armen Weiber an, die da eingefangen werden, alt und gebrechlich die
meisten, viele wohl auch dumm oder boshaft, wie das Leben nun einmal die
Menschen macht. Aber Gewalt, das Böse zu tun? Keine hat mehr davon, als
ihre beiden Hände reichen oder eher noch die Zunge.“157

Die starke Tugendhaftigkeit der mittleren Helden beweist sich auch in Eigenschaften
wie Loyalität und Aufrichtigkeit gegenüber ihren Freunden und Verwandten. Vor allem
die Heldinnen halten eisern zu ihren Vertrauten, auch dann, wenn ihnen daraus
persönliche Nachteile entstehen. So wartet Engelhardts Heldin Veronika fünfzehn
Monate vergeblich in einer Hütte auf ihren Mann, der sie verlassen hat und den sie
dennoch nicht aufgeben will.158 Barbara pflegt ihre kränkliche Ziehmutter Katharina
Burger mit großer Hingabe weiter, obwohl sie weiß, dass jene die Vermählung
zwischen ihrer Tochter Armgard und Barbaras heimlicher Liebe Martin wünscht.159
Ursula hält selbst unter der Folter zu ihrem Vater und leugnet, dass er im Bunde mit
dem Satan stehen soll.160 Marie verlässt Nördlingen nicht, damit ihre Freundin Ursula
nicht allein bleiben muss, obwohl sie die drohende Gefahr erkennt, in der sie
schwebt.161 Bei Hieronymus wird die Eigenschaft der Loyalität zunächst nur

157
Engelhardt 1997, S. 18.
158
Vgl. Engelhardt 1997, S. 203-206.
159
Vgl. Heyne 1995, S. 55 f.
160
Vgl. Parigger 1996, S. 116 ff.
161
Vgl. Haß 2002, S. 126.
97

angedeutet, indem er ständig darum bemüht ist, nicht unangenehm aufzufallen. Doch
am Ende seines Entwicklungsprozesses beschließt er seinen Onkel mit seinen
Schwächen und Stärken anzunehmen und bei ihm zu bleiben.162

Ein weiterer Schlüsselreiz der vorgestellten mittleren Helden ist ihre moralische
Festigkeit, die sich in einer vorbildlichen Zivilcourage manifestiert. Sie bewirkt, dass in
ihnen ihre Stärken die Oberhand über ihre Schwächen behalten.
Veronika stirbt dabei als einzige Heldin einen heldenhaften Tod, da sie sich freiwillig
der Folter ausliefert um die Prozesse zu stoppen.163 Hieronymus beschließt, in Straßburg
zu bleiben und den Kampf gegen Lupus aufzunehmen.164 Die an Leib und Seele
gebrochene Ursula erfährt neue Willenskraft durch die kleine Kati, sodass sie
schließlich erneut von ihrer Unschuld überzeugt ist und in die von langer Hand geplante
Flucht einwilligt.165 Barbara pflegt die geächtete Ava weiter und ist sich der Gefahr
wohl bewusst, die davon ausgeht166 und Marie verteidigt ihre der Hexerei verdächtige
Freundin Ursula trotz der für sie dadurch entstehenden Verleumdungen.167
Die erkennbare Reife der mittleren Helden zeigt sich in dieser Zivilcourage, die sich
sowohl in einem für ihr Alter recht sicheren Auftreten als auch in einem hohen Grad an
Konfliktfähigkeit manifestiert. Diese Charaktereigenschaften lassen sie über weite
Strecken hinweg nicht wie Jugendliche, sondern wie kleine Erwachsene wirken. Das
mag zum Einen daran liegen, dass der Begriff Kindheit wie wir ihn heute kennen, für
die damalige Zeit kaum eine Rolle gespielt hat. Zum Anderen ermöglicht erst die
persönliche Reife der Protagonisten eine glaubhafte Darstellung aktiver Teilnahme in
das historische Geschehen aufgrund ihrer umfassenden Handlungskompetenz.

Des Weiteren sind die untersuchten mittleren Helden mit bestimmten Schwächen
ausgestattet, die sie für den Leser umso menschlicher erscheinen lassen. Auf diese
Weise bleibt ihr Handeln für ihn nachvollziehbar und ist nicht auf eine unerreichbare
heldenhafte Ebene entrückt. Die charakterliche Mittelmäßigkeit der mittleren Helden

162
Vgl. Bayer 2001, S. 139 ff.
163
Vgl. Engelhardt 1997, S. 222 ff.
164
Vgl. Bayer 2001, S. 138 ff.
165
Vgl. Parigger 1996, S. 210 ff.
166
Vgl. Heyne 1995, S. 97 ff.
167
Vgl. Haß 2002, S. S. 151.
98

bietet dem Leser die Chance der Empathie und des Urteilens. Darum handelt es sich bis
auf die Figur Veronika nie um heldenhafte, sondern um mittlere Helden mit Stärken und
Schwächen.
Maries und Ursulas Schwäche liegt vor allem in ihrem überschäumenden Temperament,
wodurch sie in den Augen ihrer verängstigten Mitwelt sofort mit Argwohn bedacht
werden. So lässt sich Marie bei einer Festlichkeit dazu hinreißen, ihrer Freude in
ungewöhnlicher Form Ausdruck zu verleihen:
„Marie wollte nicht warten, bis sie gefragt wurde. Sie nahm sich selbst bei
der Hand und stürmte auf den Tanzplatz. In großen Sprüngen hopste sie um
die anderen herum. Die Flöte mit ihren Trillern und die Drehleier brachten
sie darauf, sich zu drehen. Und Marie drehte sich um sich selbst, dass ihr
Rock im hohen Bogen flog. Die anderen hörten nach und nach auf zu tanzen
und sahen ihr verwundert zu. (...) Marie brauchte Platz für ihre großen
Schritte, für ihre weiten Bogen, sie sah und hörte nichts. Die Arme, die sie
bis dahin ängstlich nah am Körper gehalten hatte, wurden ihr leicht. Sie bog
den Kopf nach hinten und lachte. Ihre Röcke bauschten sich, der
Abendwind erfrischte sie mit seinem kühlen Hauch. Marie war schön wie
sonst nie. Aber Ursula hörte, was die Leute untereinander sprachen. ‚Das ist
ja ein Tanz völlig außer der Regel!’ ‚Die ist ja nicht mehr bei Sinnen!’ ‚Die
tanzt ja allein wie ein Hurenweib!’ ‚Nein, wie eine Teufelsbraut’, sagte ein
anderer. (...) ‚Das Ende dieser Teufelsbraut ist schon gekommen’, erwiderte
Pferinger und verzog den schmalen Mund zu einem hässlichen Lachen.“168

Die mittlere Heldin Ursula ist ebenso unfähig, ihre Gefühle in Zaum zu halten. Sie
beleidigt den Rat Doktor Einwag,169 der sie später foltern lässt und stößt einem
Henkersknecht ihr Knie in den Unterleib,170 der sie aus Rache im Gefängnis
vergewaltigt. Beide Figuren sind zudem mit der Fähigkeit ausgestattet, Hass zu
empfinden.171
Barbara hingegen, die Heldin aus Heynes „Hexenfeuer“, kennt keine Hassgefühle. Ihre
einzige Schwäche besteht in einer gewissen Naivität und Gutgläubigkeit, was von ihrer

168
Haß 2002, S. 156 f.
169
Vgl. Parigger 1996, S. 50.
170
Vgl. Parigger 1996, S. 81.
171
Vgl. Parigger 1996, S. 42 und Haß 2002, S. 10.
99

Ziehschwester, die sie letztendlich in einen Hinterhalt lockt,172 erbarmungslos


ausgenutzt wird. Hieronymus’ Schwäche zeigt sich darin, dass er sich seinem
Widersacher Lupus bedingungslos ausliefert, um seine Ruhe vor ihm zu haben173 und
Veronika wird es zum Verhängnis, dass sie ihre Macht, die sie über die Menschen zu
haben glaubt, überschätzt, wodurch ihre gesamte Familie in Gefahr gerät.174

Trotz der genannten Parallelen sind alle der Untersuchung zugrunde liegenden Helden
Individuen mit individuellen Charakterzügen. Als Figuren fungieren sie als eine Art
Vermittlungsglied zwischen extremen Positionen, die durch ihr Aufeinandertreffen eine
Krise in der Gesellschaft auslösen. Zur Zeit der Hexenverfolgung wären das
beispielsweise die anbrechende Neuzeit einerseits und die daraus resultierende
Unsicherheit vor Neuerungen andererseits.
Die erzielte Wirkung der menschlichen Helden ist, dass dem Leser zwischen
Vergangenheit und Gegenwart eine Brücke des Verständnisses geschlagen werden soll,
auf der er sich einerseits durch den geförderten Identifikationsprozess wiedererkennen
kann, andererseits aber auch auf Fremdartiges stößt, das es zu hinterfragen gilt. Lukács
stellt in Bezug auf die gattungsbegründende Eigenart des Scottschen mittleren Helden
Folgendes fest:
„Ebenso wie der einzelne sich im Alltag als Mittelpunkt seiner Welt
empfindet, wird ihm im historischen Roman die Welt aus dem point of view
von einzelnen Personen geschildert; immer ist ein Mittelpunkt da, um den
herum sich die Lebenswelt anordnet.“175

Bis auf Ingeborg Engelhardt verzichten alle Autoren der ausgewählten historischen
Jugendliteratur auf heldenhafte Heroen, sondern bevorzugen Protagonisten im Sinne
von „Menschen wie du und ich“. Sie wollen nach dem Vorbild Scotts Geschichte nicht
einfach nacherzählen, sondern dem Leser das möglich Menschliche und die
gesellschaftlichen Beweggründe der Zeit aufzeigen.

172
Vgl. Heyne 1995, S. 203-211.
173
Vgl. Bayer 2001, S. 34 ff.
174
Vgl. Engelhardt 1997, S. 153 ff.
175
Lukács 1955, S. 43.
100

2.2.1.1 Neuralgische Punkte

Trotz der bereitgestellten Identifikationsmöglichkeiten und menschlichen


Darstellungsweise der Figurenzeichnung der mittleren Helden kommt es stellenweise zu
neuralgischen Punkten, die einen Identifikationsprozess infrage stellen können.

Mit Veronika Reutter entwirft Ingeborg Engelhardt in ihrem Werk eine Heldin mit einer
komplizierten, vielschichtigen und sublimen Persönlichkeit, die über jeden Verdacht der
menschlichen Mittelmäßigkeit erhaben ist. Bei dieser außergewöhnlichen Heldin wird
es dem jugendlichen Leser nicht immer leicht fallen, sich mit ihr zu identifizieren. Die
Heldin Veronika Reutter ist nicht nur eine erwachsene Frau, die bereit ist, für andere zu
sterben, sie wird darüber hinaus noch mit übernatürlichen Fähigkeiten versehen, die im
Text häufig nur angedeutet werden, sodass eine Konkretisierung durch den schnell
überforderten Leser stattfinden muss.
Dieser Effekt dient zunächst der Irritation, d.h., der Identifikationsprozess wird gestört
und damit eine aus der zeitlichen Distanz heraus kritische Auseinandersetzung mit dem
historischen Inhalt gefördert. Wird das Werk im Unterricht gelesen, davon gehen die
meisten Jugendbuchautoren aus, kann dieser Irritationseffekt problemlos thematisiert
und weitgehend geklärt werden. Ohne didaktischen Rahmen aber wird der Leser mit der
Heldin leicht überfordert und das Interesse für den Romaninhalt lässt rasch nach.
Engelhardt mildert diese Gefahr etwas, indem sie ihrer Protagonistin mit Sabine eine
Juniorheldin zur Seite stellt.

Problematisch ist auch, wenn bei der Figurenzeichnung ein einseitiges, extremes
„Eigenschaftsraster“ angelegt wird. Dies ist in „Hexenfeuer“ von Isolde Heyne der Fall,
die fast alle Figuren in exzentrischer Schwarz-Weiß-Malerei präsentiert. Die Autorin
versieht ihre Heldin Barbara nur mit guten Eigenschaften: Sie empfindet nichts als
nachsichtige Güte für ihre Feinde, jedoch niemals Abneigung oder gar Hass. Dabei
opfert sich Barbara noch für sie auf und hat stets Mitleid mit deren blinden
Aberglauben, der die Heldin beinahe auf den Scheiterhaufen bringt. In folgender
Gedankenrede der sich im Kerker befindenden Heldin kommt ihre extreme moralische
Überlegenheit stark zum Ausdruck:
„Barbara war froh, wieder allein zu sein. Die Stunden, die ihr noch blieben,
wollte sie für sich haben. Die abergläubische Furcht Armgards, geboren aus
101

ihrem schlechten Gewissen, belustigte sie jetzt beinahe. Doch sie wurde
schnell wieder ernst, als die daran dachte, welche Verbrechen der
Aberglaube zum Gefährten hatte.“176

Barbara klagt Armgard nicht an: Die Tatsache, dass ihre Ziehschwester durch ein
geschickt eingefädeltes Komplott Barbara eine Falle gestellt und sie damit in den
Kerker gebracht hat, kommentiert die Heldin in Gedanken folgendermaßen:
„Auch dieses Geheimnis werde ich morgen mit auf den Scheiterhaufen
nehmen, dachte Barbara. Ich habe nicht gesprochen, selbst unter der Folter
nicht.
War es das wert gewesen? Zumindest hätte es ihr Los nicht geändert, wenn
sie versucht hätte, sich vor dem Tribunal der Inquisitoren durch Preisgabe
ihrer Geheimnisse zu verteidigen.
Vor Gott konnte sie verantworten, was sie den Menschen verschwiegen
hatte.“177

Barbara empfindet keine Rachegelüste und überantwortet ihr Schicksal und das ihrer
Widersacherin in die Hände Gottes. Damit kreiert Heyne eine Art Jeanne d’Arc, deren
bedingungslose Nächstenliebe und altruistische Aufopferungsbereitschaft den Boden für
eine überzogene moralische Perfektion bereiten.
Diametral zur ehrenhaften Heldin ist die Ziehschwester Armgard angeordnet, die
bösartig, neidisch und rachsüchtig ist. Heyne behält dieses Prinzip der
Gegensätzlichkeit auch bei den Nebenfiguren bei: Dem ehrenwerten Johann von Rinteln
wird der habgierige Heinrich Burger und diesem wiederum der treue und loyale Konrad
Burger entgegengesetzt. Alle Figuren im Roman befinden sich entweder im Lager der
menschlich Guten oder Schlechten. Ein Dazwischen gibt es nicht. Diese extreme
Polarität kristallisiert sich innerhalb der Figur Armgard:
„Durch Bestechung gelang es ihr dann schließlich, bis in Barbaras Kerker
vorzudringen. Es grauste sie, als sie sah, was aus der Ziehschwester
geworden war. Die Kerkerhaft und die Folter hatten ihre Spuren
hinterlassen. Fast kam in ihr ein wenig Mitleid für das Mädchen auf, das so
viele Jahre mit ihr unter einem Dach gewohnt hatte. Und plötzlich wurde

176
Heyne 1995, S. 13.
177
Heyne 1995, S. 14.
102

sich Armgard bewußt, daß sie Barbara geliebt hatte. Geliebt und gehaßt zur
gleichen Zeit. Die Angst, die Ziehschwester könnte auch die Zuneigung
Heinrich Burgers, ihres Vaters, erringen, so wie bereits die ihrer Mutter,
hatte den Haß stärker sein lassen als das Gefühl der Liebe.“178

Eine derart einseitige Darstellung fördert beim Leser durch eine im Text angelegte
affektmodellierte Überformung eine emotionale Kategorisierung statt einer kritischen
Reflexion; er wird dazu verleitet vorschnell zu urteilen statt zu hinterfragen.
Während Parigger und Bayer ihre Helden durchaus an ihrer Unschuld zweifeln lassen,
ist es für Barbara trotz Einsamkeit und Folter immer eindeutig, dass sie von jeder
Schuld frei ist und dass nur der Aberglaube ihrer einfältigen Umgebung Schuld an
ihrem Dilemma trägt. Der moralische Zeigefinger wird in folgendem Monolog Barbaras
nur allzu deutlich:
„Hexerei? Bitter lachte Barbara auf. Jeder konnte jeden der Hexerei
bezichtigen, wenn er genügend Grund hatte, den anderen aus dem Wege zu
räumen. ‚Mein Gott!’ stöhnte Barbara. ‚Mach diesem Wahnsinn ein Ende.
Gib ein Zeichen, das ihnen Einhalt gebietet. Sie wissen nicht, was sie tun.
Und sie denken noch, sie tun es in deinem Namen!’ “179

Der intertextuelle Bezug zum Neuen Testament ist unübersehbar: Die Heldin Barbara
erscheint als Lamm Gottes, das sich für die Sünden anderer opfert. Darüber hinaus
personifiziert sie das Licht der anbrechenden Vernunft, das selbst dann nicht zu flackern
beginnt, wenn ihre Vertraute, die Kräutertrude, ihr gesamtes Wissen der weißen und
schwarzen Magie im Kerker an Barbara weitergibt. Zwar lässt sich die Abscheu vor
allem Abergläubischen teilweise durch die Gespräche mit ihrem aufgeklärten Vater
Johann von Rinteln erklären, doch die im Roman angelegte Disposition dieser Figur
widerspricht dieser von jedem Zweifel freien moralischen Erhabenheit. Denn Heinrich
Burger erteilt seiner Frau Katharina für den Säugling Barbara folgenden
Erziehungsauftrag:
„Hör zu! Rinteln hat mir dieses Kind da gebracht. Es soll mit unserer
Tochter erzogen werden. (...) Sie [Armgard] wird so erzogen werden, daß

178
Heyne 1995, S. 226.
179
Heyne 1995, S. 47.
103

mir der Sohn nicht fehlt. Aus dem anderen Kind [Barbara] machst du ein
fügsames Weib.“180

Doch diese anerzogene Fügsamkeit widerspricht in allen Punkten Barbaras moralischer


Überlegenheit. Hier stehen modernes emanzipiertes Handeln und Denken im Gegensatz
zur im Roman angelegten historischen Lebenswelt der Figur.

180
Heyne 1995, S. 20 f.
104

2.2.2 Die Nebenfiguren als Helfer und Berater

Den jugendlichen Protagonisten werden meistens Erwachsene oder reifere Jugendliche


zur Seite gestellt, die den mittleren Helden ein Vorbild sind, sie beraten und ihnen
helfen.
In „Die Hexe von Zeil“ von Harald Parigger trifft die Protagonistin Ursula Lambrecht
im Kerker auf die erwachsene Gefangene Anna Neuberger. Sie ist für Ursula eine
wertvolle seelische und moralische Stütze, die ihr die Folterstrategien erklärt und ihr
Mut macht durchzuhalten. Die historische Figur Anna Neuberger verkörpert im Roman
Kraft, Hoffnung und vor allem Widerstand:
„ ‚Hör mir gut zu!’ Anna trat wieder neben Ursula und redete leise und
hastig auf sie ein. ‚Ich weiß nicht, wann sie dich holen lassen. Mal geht es
ganz schnell, mal lassen sie dich stundenlang warten. So gehen sie in allen
Dingen vor: Du sollst nie wissen, woran du bist. Damit wollen sie dich
unsicher machen und deine Angst steigern. (...) Sie werden dich nicht
peinigen heute. Heute werden sie sich damit begnügen, dich
einzuschüchtern und zu demütigen. (...) Sie werden dir dann das Kleid vom
Leib ziehen lassen, so daß du nackt vor ihnen stehst. Damit wollen sie dich
demütigen, denn welche ehrbare Frau schämt sich nicht, wenn sie sich so
vor Männern zeigen muß? Doch du mußt dir deinen Stolz bewahren! Stell
dir vor, die Haut wäre dein Kleid, sag dir, daß du dich nicht freiwillig zur
Schau stellst. (...) Und noch etwas: Glaub ihnen nicht, wenn sie dir Leben
und Freiheit versprechen. Auch das tun sie nur, damit du bekennst; hinterher
werden sie dir lächelnd sagen, daß sie an ihr Versprechen nicht gebunden
sind, weil du eine Hexe bist und damit den Anspruch auf ein gerechtes
Verfahren verwirkt hast. Niemals darfst du dich schuldig bekennen, denn
dann bist du so gut wie tot!’ “181

Der Textauszug zeigt eine zentrale Funktion der beratenden Nebenfiguren: Sie
komplettieren das eingeschränkte Sichtfeld und Urteilsvermögen des mittleren Helden
und machen die fremde Realität der Vergangenheit für den Leser und den Helden
transparenter. Meist gründet diese Fähigkeit auf ein höheres Lebensalter mit mehr
Erfahrung und Kenntnissen.

181
Parigger 1996, S. 111 ff.
105

In Isolde Heynes „Hexenfeuer“ sind es Figuren wie Angela oder die Kräutertrude, die
der Heldin Barbara wertvolles Wissen der Heilkunde vermitteln und die sie auf die
Gefahren aufmerksam machen, welche im Hause Burger auf Barbara lauern.182
Bei Ulrike Haß in „Teufelstanz“ übernimmt diese Funktion die Figur des Judendoktors,
der Marie in die Kausalität von Neid und Denunziation, Krankheit und
Hexenverfolgung einweiht.183
Für Hieronymus in „Der Teufelskreis“ ist es vor allem der gleichaltrige und sehr
welterfahrene Georg, der ihm beratend zur Seite steht.184

Nebenfiguren obliegt eine weitere wichtige Aufgabe: Sie vervollständigen häufig die
Biographie des Protagonisten. Diese Funktion rückt dann in den Vordergrund, wenn die
jugendlichen Hauptfiguren einen Selbstfindungsprozess durchmachen, zu dessen
Optimierung ihnen aber aus unterschiedlichen Gründen wichtige biographische
Detailinformationen vorenthalten worden sind.
Bei Hieronymus, der sich an seine Mutter kaum erinnern kann, ist es die alte Magd
Barb, die ihn über ihr Schicksal informiert.185
Barbara, die sich als Findelkind wähnt, erfährt durch die Figuren Johann von Rinteln
und Angela, wer ihre eigentlichen Eltern sind bzw. waren.186
Barbara wie Hieronymus gewinnen durch diese wichtigen Informationen an
Selbstbewusstsein und Widerstandskraft im Kampf gegen ihre Widersacher.

Das soziale Umfeld des mittleren Helden ist häufig so angeordnet, dass gewisse
Charaktereigenschaften des Protagonisten durch Kontrastierung verstärkt werden. Nicht
selten wird durch die diametrale Positionierung von Held und Nebenfigur die
Hauptfigur zum Objekt der Identifizierung wie in „Hexenfeuer“, wenn die edelmütige
Barbara in besonders extremen Kontrast zur herrschsüchtigen, neidischen und boshaften
Ziehschwester Armgard gesetzt wird.
Dasselbe Prinzip findet sich in „Der Teufelskreis“ von Ingeborg Bayer: Sie polarisiert
zwischen der guten Hauptfigur Hieronymus und der niederträchtigen Nebenfigur Lupus,

182
Vgl. Heyne 1995, S. 27 f.
183
Vgl. Haß 2002, S. 103 ff.
184
Vgl. Bayer 2001, S. 42 ff.
185
Vgl. Bayer 2001, S. 75 ff.
186
Vgl. Heyne 1995, S. 42 f.
106

der als bösartiger „Antiheld“ auf den Plan tritt. Erst durch die Machenschaften von
Lupus wird Hieronymus gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit und Gegenwart
eingehend zu beschäftigen und sich gegen Anschuldigungen zu behaupten.
Bei Ingeborg Engelhardt wird das gezielte Nebeneinander von guter Hauptfigur und
böser Nebenfigur in folgendem inneren Monolog besonders deutlich:
„Ihr habt nichts zu fürchten, dachte sie [Veronika]. Das weiß ich besser als
du, Sebastian. Er [Philipp Adolf] wird sein Wort halten. (...) Du hättest ihn
zwingen können, hättest alles abwenden können, für alle, wärest du nur
allein gewesen mit ihm. Der junge Pater, der war harmlos, ohne Arg wie
ohne Ahnung. Aber der Alte, der Doktor, der ist böse – der Böse -, die
Gegenkraft.“187

Darüber hinaus wird die Heldin Veronika von der Figur Sebastian Reutter, ihrem
Ehemann flankiert. Auch bei dieser Figurenkonstellation wird mit Kontrastierung
gearbeitet: Während Sebastian Vernunft, aufgeklärten Rationalismus und Empirismus
verkörpert, kommt in Veronika die Eigenschaft der „weißen Magie“ zum Ausdruck. Die
Polarität zwischen Sebastian und Veronika birgt die Einheit von rationalistischem und
magischem Weltbild in sich, deren Bruch den Untergang für beide Figuren einleitet.

Nebenfiguren sind auch deshalb notwendig, weil durch sie ein zentraler Schlüsselreiz
der Hauptfigur entfaltet werden kann, nämlich die Freundschaft. Sie ist häufig die
sittliche Bühne, auf der die Tugenden des mittleren Helden ihren Auftritt haben.
Gute Eigenschaften wie Loyalität und Empathie kämen bei den Heldinnen Marie und
Ursula Lambrecht nicht ohne die Nebenfiguren Ursula und Bürgermeister Lambrecht
zum Vorschein. Erst durch die Freundschaft zwischen Freundinnen und die
freundschaftliche Verbundenheit zwischen Vater und Tochter wird bei den
Hauptfiguren die Bereitschaft entfaltet, sich für jemanden einzusetzen und öffentlich
Partei zu ergreifen. Ohne Nebenfiguren wäre es den mittleren Heldinnen unmöglich, als
wahre Kameradinnen zu brillieren.

Durch die unterschiedliche soziale Herkunft der Nebenfiguren kommt es weiterhin zur
sog. multiperspektivischen Darstellung (vgl. HAUPTTEIL 3.), die im Sinne Scotts zu
einer Wechselwirkung zwischen den jeweiligen Gesellschaftsschichten führt.

187
Engelhardt 1997, S. 27.
107

Sei es durch die genaue Beschreibung eines Stadtbildes, durch die Einführung alter
Berufsgruppen, durch das Schildern einer Mahlzeit, durch die Beschreibung von
Kleider- und Zunftordnungen oder durch die Einweisung in das Pökeln von Speck, die
Verschiedenartigkeit der sozialen Herkunft ermöglicht es, dass der Leser durch
Nebenfiguren einen zuweilen detaillierten Einblick in das Alltagsgeschehen erhält (vgl.
HAUPTTEIL 2.3).

Die historischen wie nichthistorischen Nebenfiguren sind es, mit denen die
ausgewählten Autoren ihr geschichtliches Gesamtbild und Gesamtverständnis in Szene
setzen, während der mittlere Held sich mitten im historischen Umbruch befindet und
dem sich im Jetzt befindlichen Leser meist durch Identifikation die Brücke zum Damals
schlägt.
Die Nebenfiguren bringen dem Leser geschichtliches Detailwissen näher und
repräsentieren das soziale Umfeld in der Vergangenheit. Besonders stark kommt diese
Komponente in der Nebenfigur Barb in Ingeborg Bayers „Der Teufelskreis“ zum
Vorschein, die dem Helden Hieronymus über die Kausalität von Geißlerbewegung und
Hexenverfolgung Folgendes mitteilt:
„Bei uns zu Hause in der Stube hing an der Wand eine alte Geißel, und ich
wusste lange nicht, wozu sie diente, bis mir mein Vater eines Tages die
Geschichte dazu erzählte. Du weißt, vor 300 Jahren etwa ging der schwarze
Tod um in Europa. (...)Als alles Beten nichts mehr half, nahm man an, dass
die Juden die Brunnen vergiftet hätten. Und man zog hinaus am St.-
Valentins-Tag und verbrannte 1000 Juden. Aber der schwarze Tod
kümmerte sich nicht darum. Er holte sich weiterhin seine Opfer, und jetzt
erschienen die Geißler. Sie zogen schmutzig und struppig und im
Büßerhemd auf die Metzgerau hinaus, um sich und die Stadt wieder rein zu
waschen von der großen Sünde, die sie begangen hatten mit der
Verbrennung der Juden.“188

Oftmals werden bedeutende historische Figuren wie Philipp Adolf von Ehrenberg in
„Hexen in der Stadt“ oder Bürgermeister Pferinger in „Teufelstanz“ in das Geschehen

188
Bayer 2001, S. 80.
108

eingebaut. Es kommt aber auch vor, dass sie völlig fehlen oder wie in „Hexenfeuer“
lediglich erwähnt werden.
109

2.2.3 Die Nebenfiguren als Widersacher

Bestünde die Figurenkonstellation nur aus mittleren Helden und deren wohlwollenden
Freunden, würde der Handlung gewissermaßen der dramatische Ductus fehlen, denn es
käme auf der Ebene des Handlungsschemas weder zur Funktion des beginnenden
Verdachtes, noch zur Funktion des „tragischen“ Konfliktes, geschweige denn zur
Funktion des „guten“ Ausganges. Daher bauen Autoren Widersacher ein.
Ihnen obliegt es, diejenigen gesellschaftlichen Kräfte zu personalisieren, die den
mittleren Helden gefährlich werden können, weil sie ihre Welt bedrohen. Dadurch wird
innerhalb der Handlung eine mehr oder weniger historische Auseinandersetzung
entfacht, die den Leseprozess dahingehend steuern sollte, dass eine kritische
Auseinandersetzung des Lesers mit der dargestellten Vergangenheit evoziert wird.
Innerhalb der untersuchten Primärliteratur zeichnen sich fünf Figurentypen ab, die
untereinander einen kleinsten gemeinsamen Nenner haben: Sie agieren als Widersacher
zu den mittleren Helden.

Der Typus des mächtigen Fanatikers zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: Er
verfügt zum Einen über eine große weltliche oder geistliche Macht und ist zum Anderen
aus unterschiedlichen Gründen von der Vorstellung besessen, die vermeintlichen Hexen
mit aller Gewalt ausrotten zu müssen. Dieser Typus wird in der untersuchten
Jugendliteratur immer durch historische Figuren verkörpert.
Bei Ingeborg Engelhardt erscheint er als Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg, der
als sog. „Hexenbischof“ in die Geschichte eingegangen ist.
Ulrike Haß bezieht sich in ihrem Roman auf den historischen Bürgermeister Pferinger
der Stadt Nördlingen.
Harald Parigger greift auf historische Figuren wie den Weihbischof Friedrich Förner
oder den Fürstbischof Johann Georg Fuchs von Dornheim zurück. Der Autor verleiht
der Figur Förner in einem sachlichen Erzählerbericht besonders klare Konturen,
wodurch ihre Härte, Zielstrebigkeit und Unerbittlichkeit ohne Pathos in Szene gesetzt
werden:
„Denn Friedrich Förner hatte vor niemandem auf der Welt Angst, er lebte
nur für eine einzige Aufgabe: den fanatischen und unerbittlichen Kampf für
die Stärke der katholischen Kirche. Unnachsichtig ahndete er jede
Nachlässigkeit, und seine Predigten ließen im kältesten Winter die Hitze des
110

Höllenfeuers durch das Kirchenschiff wabern. Die Gläubigen nannten


seinen Namen nur im Flüsterton, die Geistlichen im ganzen Hochstift
zitterten vor ihm.
Ein vorwitziger Domherr hatte einmal geäußert, Gottesfurcht bedeute, was
Förner betreffe, nicht die Furcht vor Gott, sondern tatsächlich Gottes Furcht
vor Förner, weil nicht einmal der Allmächtige vor dessen Glaubensstrenge
bestehen könne.
Wenn etwas noch größer war als des Weihbischofs religiöser Eifer, so war
es sein Haß auf Ketzer und Hexen.“189

Während in dieser Textpassage vor allem die Glaubensstrenge und der mit ihr
einhergehende Hass auf mögliche Glaubensgegner als mögliches Motiv für die
Hexenverfolgungen genannt werden, sind es bei Bürgermeister Pferinger in
„Teufelstanz“ vor allem die Sucht nach Ruhm und Erfolg, die diese Figur zum
mächtigen Fanatiker werden lassen:
„Die Hauptschuld an all diesen Übeln unserer Zeit kommt bekanntlich der
Hexerei, Zauberei, Schwarzseherei, den nachtfahrenden Weibern, allen
Teufelsbuhlen zu. Sie sind die Mittler, mit deren Hilfe sich der Böse die
Menschen von innen erobert. Das aber ist ein Weg voller Hinterlist und
Heimtücke. Treuherzig bauen wir noch heute Stück um Stück unsere
Stadtmauer fester und sicherer, dass das Leben in unserer Stadt friedlich
gedeihe. Und wissen dabei doch nicht, wie viele morgen schon in
Buhlschaft mit dem Bösen umgehen und all unsere Werke zunichte machen.
(...) Denn der Teufel ist zu dieser Zeit ganz und gar ausgelassen und wütet
allerorten. Nur in Nördlingen ist von diesem Eifer bisher keine Spur. Es hat
offensichtlich an den richtigen Köpfen gefehlt, die Sache anzugreifen. (...)
Nun, so will ich dann den Anfang setzen, sobald ich Bürgermeister bin, und
unserer Stadt zu größerer Blüte denn je verhelfen. Dafür soll mein Name
stehen.“190

189
Parigger 1996, S. 67 f.
190
Haß 2002, S. 111 f.
111

Ingeborg Engelhardt betont in „Hexen in der Stadt“ die Tatsache, dass sich Fürstbischof
Philipp Adolf durch die Hexenprozesse pekuniär bereichert, wenn dieser durch einen
Erlass verfügt, dass
„Seine Fürstlichen Gnaden dahin gemüßigt worden [sind], neben der
ordentlichen Verwirkung Leibes und Lebens auch alle deroselben Hab und
Güter einzuziehen und Dero Fisco zuzueignen befugt wären, sintemalen uff
diesen Prozess, seiner Schwere und Weitläufigkeit halber, weit ein Mehres
dann uff die Bestrafung anderer Übeltäter ufflaufen tut, welche Unkosten
Seine Fürstichen Gnaden weder Deroselben Untertanen, noch weniger aber
Dero Kammern und Ämtern uffzulegen wissen.191

Die Beispiele machen deutlich, dass dem Typus des mächtigen Fanatikers daran
gelegen ist, seinen Namen durch das gnadenlose Vorgehen gegen Hexen in die
Geschichte eingehen zu lassen.

Neben dem mächtigen Fanatiker gibt es den Typus des dienenden Vollstreckers, der als
beratendes und ausführendes Organ seines Herrn über große Machtbefugnisse verfügt,
die auf seiner juristischen Funktion innerhalb der Hexenprozesse gründen. Seine
hervorstechenden Eigenschaften sind juristische Sachkenntnis, bedingungsloser
Gehorsam gegenüber seinem Herrn, übersteigertes Pflichtbewusstsein und die
Überzeugung von der Richtigkeit seines Tuns.
Dieses Persönlichkeitsprofil kommt deutlich in der historischen Figur des
fürstbischöflichen Rates Dr. Johannes Dürr in „Hexen in der Stadt“ zur Geltung:
„Die Leute grüßten ihn scheu, denn obgleich noch jung, war er als Richter
gefürchtet um seiner gnadenlosen Strenge willen. Er kannte nichts als seine
Pflicht. Niemals hätte er auch nur den geringsten Teil seiner Obliegenheiten
vernachlässigt, zu denen jetzt eben auch die Hexenjustiz gehörte, gewiss
nicht angenehm, aber notwendig.“192

Dürr befindet sich in einem schweren Konflikt, da seine eigene Mutter unter der Folter
als Hexe bezichtigt worden ist:

191
Engelhardt 1997, S. 21.
192
Engelhardt 1997, S. 63.
112

„Einen Augenblick lang, heute Mittag auf dem Heimweg, hatte er, schwach
geworden, mit dem Gedanken gespielt sie zu warnen, vielleicht sogar
fortzuschicken. Nicht weil er sie für schuldlos hielt! Der Gedanke konnte
ihm nicht kommen. Es war ja seines Amtes jedes Geständnis, jede Besagung
für Wahrheit zu nehmen.“193

In einem Streitgespräch zwischen Dürr und Sebastian Reutter kommt schließlich die
verheerende Tragweite seines Gehorsams und seiner Überzeugung zum Ausdruck:
„ ‚Aber vielleicht habt Ihr Eure Mutter schon gewarnt und in Sicherheit
gebracht’, setzte er [Sebastian] mit schwacher Hoffnung hinzu.
‚Was traut Ihr mir zu!’, erwiderte Dürr mit einer Ruhe, die den Arzt
entsetzte. ‚Wie stände ich denn da vor meinem fürstlichen Herrn und vor
meinem eigenen Gewissen? Außerdem ist sie ja schuldig, des vierfachen
Mordes, so bitter das zu sagen ist für mich, ihren Sohn.’ “194

Der Richter Johannes Dürr opfert schließlich seiner Überzeugung und seines
bedingungslosen Gehorsams willen die eigene Mutter.
Der Typus des dienenden Vollstreckers findet sich des Weiteren in der Figur des Dr.
Johannes Brandt (Engelhardt), des Dr. Graf (Haß), des Dr. Georg Einwag und des Dr.
Schwarzkonz (Parigger) wieder.

Der Typus des willigen Handlangers steht innerhalb der sozialen Hierarchie weit
unterhalb des dienenden Vollstreckers. Seine Aufgabe ist es, die von oben angeordneten
Befehle ohne Murren und Skrupel auszuführen. Hierzu gehören alle Büttel,
Gefängniswärter oder Gerichtsschreiber, die in allen untersuchten Werken vorkommen.
Harald Parigger, dessen Figuren weitgehend historisch sind, zeichnet folgenden
Handlangertypus:

„Er nahm eine der Ölfunzeln vom Tisch und schleppte das Mädchen mit
sich, in den Gang hinaus, eine steile Treppe hinauf.

193
Engelhardt 1997, S. 67.
194
Engelhardt 1997, S. 73.
113

Oben bückte er sich, ohne ihr Haar loszulassen, daß sie sich zu ihm
hinunterbeugen mußte, und stellte die Lampe ab. Dann drückte er sie mit
einer raschen Bewegung zu Boden.
‚Du hast mir zwei Gulden gegeben, weißt du noch?’ flüsterte er und atmete
heftig. ‚Dafür bin ich dir noch was schuldig, und das werd ich dir jetzt mit
Zinsen zurückzahlen.’ Er schob ihr das Kleid hoch und warf sich über sie.
Das Licht flackerte und zuckte, und der Schatten des Mannes sprang
schwarz und drohend aus der Wand wie der Teufel in seiner wahren
Gestalt.“195

Parigger beschreibt in dieser Szene den skrupellosen Vergewaltiger, der sich als
Gefängnisaufseher an seinen wehrlosen und entrechteten weiblichen Opfern vergeht.

Während die Typen des mächtigen Fanatikers, des dienenden Vollstreckers und des
willigen Handlangers eine Funktion innerhalb des Hexenprozessapparates innehaben,
gibt es zwei Typen, die außerhalb des inneren Machtapparates stehen: der Typus des
abergläubisch Verängstigten und der des gezielt Denunzierenden.
Der Typus des abergläubisch Verängstigten zeichnet sich dadurch aus, dass er zunächst
als unbeteiligter Beobachter nichts mit den Hexenprozessen zu tun hat, sich aber vor der
angeblichen Macht der Hexen fürchtet. Er tritt dann auf, wenn sich jemand – meistens
der mittlere Held – auffällig verhält oder wenn in dessen Umfeld etwas Unerklärliches
bzw. Außergewöhnliches geschieht.
Figuren wie die Götzin in der Deutschschule, der aufgeklärte und wissbegierige Caspar,
der weitgereiste Schwarze Jörg (Haß: Teufelstanz) oder wie die Advokatentochter
Christina (Bayer: Der Teufelskreis) verkörpern exemplarisch die Anfälligkeit für
Abergläubisches, die alle Gesellschaftsschichten durchzieht und die einer tiefen
Unsicherheit gegenüber allem Unbekannten entspringt.
Ulrike Haß beschreibt besonders bildhaft die allgemeine Furcht vor Unbekanntem im
Kapitel „Das Blutzeichen“. Nachdem die Paten einen Blutfleck am Leichentuch des
verstorbenen Kindes der Hindenacherin entdeckt haben, kommt es zu folgender Szene:
„Den Paten gingen die Augen bald über vor Angst. Sie drängten sich noch
enger zusammen, und für Marie, die ihnen gebannt zusah, schmolzen sie zu
einem einzigen Haufen aus dunklen Kleidern und blassen Hauben

195
Parigger 1996, S. 95 f.
114

zusammen. In einer gemeinsamen Bewegung wich dieser Haufen noch um


einige Fußbreit zurück.“196

Hier wird der Leser aus dem Blickwinkel der Protagonistin Marie Zeuge einer
kollektiven Verängstigung, die aufgrund des allgemeinen Aberglaubens dazu führt, dass
die Patin des verstorbenen Kindes, die Hebamme Ursula vor dem Rat denunziert.

Die Figuren Armgard und Heinrich Burger (Heyne: Hexenfeuer), Kaspar Vischer
(Parigger: Die Hexe von Zeil) und Lupus (Bayer: Der Teufelskreis) verkörpern
hingegen weniger den abergläubischen Typus als vielmehr den Typus des gezielt
Denunzierenden, der sich von der Denunziation persönliche Vorteile verspricht oder
von ihrer moralischen Rechtsgrundlage überzeugt ist.
Lupus sieht als Sohn eines an den Prozessen gut verdienenden Hexenjägers in „Der
Teufelskreis“ seine Pflicht darin, für „Ordnung“ zu sorgen und jeden Verdächtigen zu
denunzieren.
Der Witwer Kaspar Vischer, in „Die Hexe von Zeil“, macht sich die Denunziation zu
Nutze, um Ursulas unbequemen Vater ins Malefizhaus zu bringen, damit der Weg für
sein Werben um Ursula frei wird.
Heinrich und Armgard Burger sehen in Barbara einen störenden Eindringling, der durch
Denunziation aus dem Weg geräumt werden kann.

Die verschiedenen Typen von Widersachern sind durch zahlreiche historische


Prozessakten belegt. Die Autoren haben sich bei ihrer Figurenzeichnung an den sich
häufig ähnelnden Denunziationsvorfällen orientiert.

196
Haß 2002, S. 49.
115

2.2.4 Typologisierung

Geschichtsdidaktiker fordern, dass es innerhalb historischer Kinder- und Jugendliteratur


zu keinen Typologisierungen kommen sollte.
Der Begriff Typologisierung meint hier, dass bestimmte Personengruppen mit
bestimmten typischen Merkmalen behaftet werden. Dies wäre dann der Fall, wenn etwa
eine Berufsgruppe gänzlich mit negativen Charaktermerkmalen bedacht würde. Bei
einem solchen Vorgehen käme es zur Suggestion historischer Eindeutigkeit und
schlimmstenfalls zum Ersetzen exakter Forschung durch Vorurteile des Autors. Ein
harmonisierendes Geschichtsbild mit der Überzeugung, dass bestimmte soziale Gruppen
eindeutig die Guten und andere eindeutig die Bösen waren und sind, wäre dann
unvermeidlich. Der Leser würde vorschnell Pauschalisierungen vornehmen, die
aufgrund der Forschungslage unhaltbar erscheinen.

Im Falle der ausgewählten historischen Jugendliteratur, die sich mit den


Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit befasst, sind die Autoren darum bemüht
Typologisierungen zu vermeiden. Zwar werden bestimmte Typen gezeichnet, doch
kommt es zu keiner eindeutigen sozialen Zuordnung.
Im Folgenden soll dies anhand möglicher Typologisierungsraster erläutert werden.
- Typologisierungsraster: Alle Geistlichen sind fanatische Hexenverfolger.
Ingeborg Engelhardt beginnt ihren Roman „Hexen in der Stadt“ mit dem Erlass des
Fürstbischofs Philipp Adolf von Ehrenberg, der als erklärter Hexenverfolger in die
Geschichte eingegangen ist. Doch kommt es bei ihr zu keiner Typologisierung, da ihr
Roman damit endet, dass sie die Figur Johann Philipp I. von Schönborn am Ende ihres
Romans auftreten lässt. Der historische Johann Philipp I. war zwar wie sein Vorgänger
ebenfalls ein Geistlicher, aber im Gegensatz zu diesem ein erklärter Gegner der
Hexenprozesse, der durch seine neue Kirchenordnung die Hexenprozesse im Hochstift
Würzburg endgültig abgeschafft hat.
In Isolde Heynes „Hexenfeuer“ kommt es zwar zu stark negativen Wertungen
hinsichtlich Geistlicher wie Heinrich Institoris oder Papst Alexander,197 doch spielt auch
die Figur des aufgeklärten Kirchenmannes und erklärten Gegners der Hexenprozesse
Johann von Rinteln in ihrem Roman eine zentrale Rolle. Er setzt alles daran, seine
Tochter vor dem Scheiterhaufen zu bewahren.

197
Vgl. Heyne 1995, S. 37, 44 f. und 61.
116

In „Die Hexe von Zeil“ von Harald Parigger spielt eine Geistliche eine zentrale Rolle:
Sie ist die Schwester der Protagonistin, die sich in ein Kloster zurückgezogen hat und
zunächst von der Gerechtigkeit der weltlichen und kirchlichen Gerichte überzeugt ist.
Doch der Roman endet damit, dass auch sie im hochbetagten Alter an der Unfehlbarkeit
der Verantwortlichen zweifelt.198

Die Tatsache, dass bei den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit überwiegend Frauen
ermordet worden sind, könnte zu einem weiteren Typologisierungsraster mit
feministischem Ansatz führen:
- Typologisierungsraster: Allen Männern ist daran gelegen, die Frauen auf den
Scheiterhaufen zu bringen.
In keinem der analysierten Romane kommt es zu dieser Typologisierung. Auch Ulrike
Haß, die in „Teufelstanz“ zwar die weibliche Opferrolle hervorhebt, zeichnet den Typus
des gezielt Denunzierenden beiderlei Geschlechts.
Ingeborg Bayer geht sogar so weit, dass sie dem Leser die Denkweise eines gezielt
Denunzierenden wie Lupus transparent macht, nicht um seine grausamen
Gedankengänge zu entschuldigen, sondern um sie für den Leser nachvollziehbarer zu
machen.

Die ausgewählten Autoren folgen auch in diesem Punkt den Forderungen der
Geschichtsdidaktik, die Typologisierungen ablehnt.

198
Vgl. Parigger 1996, S. 9 ff. und S. 246 f.
117

2.3 Erzählte Welt

Von historischer Kinder- und Jugendliteratur kann man im eigentlichen Sinne nur dann
sprechen, wenn die Geschichte zum fundamentalen Bedeutungsträger einer Erzählung
wird, wenn innere und äußere Handlung erst durch die geschichtlichen Umstände in
einen größeren Sinnzusammenhang gebracht werden.
Um die jugendlichen Leser mit einer vergangenen und daher fremden Welt vertraut zu
machen, greifen die Autoren von Jugendliteratur, ähnlich wie Autoren von historischer
Literatur für Erwachsene, auf eine detaillierte Beschreibung der historischen Welt
zurück, indem sie die Stadt als geschichtlich bedeutungsvolles Raumgefüge der
Hexenverfolgungen mit viel Aufmerksamkeit bedenken.

Im zweiten Kapitel von „Der Teufelstanz“ wird genau der Weg beschrieben, den Marie
täglich von ihrem Zuhause zu ihrer neuen Arbeit im Nördlingen des ausgehenden 16.
Jahrhunderts zu gehen hat:
„Marie ging mit großen Schritten durch die Straßen, kam über den weiten
Viehmarkt. Am Nachmittag wurde es im Schatten der steilen Häuser und
der mächtigen Pfarrkirche St. Georg schon kühl wie in einem klaren
Oktober. (...) Am Ende des Höllgässleins, das sich schmal und demütig um
den Wendelstein, den riesenhaften Turm von St. Georg, herumwand und das
so dunkel wie kein zweites Gässchen in ganz Nördlingen war, führte ein
hohes Haus das Schild Zum Goldenen Stern. Das war die Gastwirtschaft, die
kurzerhand auch <<die Höll>> genannt wurde.199

Auch im weiteren Handlungsverlauf legt Ulrike Haß großen Wert auf eine realistische
Darstellung der erzählten Welt. Durch die detailgetreue Einführung in historische
Örtlichkeiten und durch die Akkumulation von Realitätseffekten, sog. effets de réel200 ,
wird eine „atmosphärische Dichte“ erzeugt, welche die Orientierung in einer
vergangenen Welt erleichtert.
Mit besonderer Sorgfalt betont Ulrike Bayer in „Der Teufelskreis“ diesen
kompositorischen bzw. ästhetischen Zugang, wenn sie das Alltagsleben in der

199
Haß 2002, S. 13.
200
Vgl. Barthes, Roland: L’Effet de Réel [1968], in : Ders. : Œuvres complètes. Tome 2 : 1966-
1973, Paris 1994, S. 479-484.
118

frühneuzeitlichen Stadt Straßburg durch die Erklärungen der Figur Sebastian Veltin und
aus Sicht von Hieronymus vergegenwärtigt:
„ ‚Jede Zunft hat nun einmal ein ganz bestimmtes Stadttor zu öffnen und zu
schließen. Wir von der Zunft zur Steltz sind für das Speyrtor, das
Kronenburgertor und das Steinstraßentor verantwortlich.’ (...) Sie waren
inzwischen am Burggraben angekommen. Vom Münster her erklang das
Morgengeläut und eine kleine Glocke am anderen Ende der Stadt
antwortete. ‚Das ist der Wächter vom Metzgerturm’, erklärte der Onkel. ‚Er
gibt das Läuten weiter. Wenn wir uns beeilen, kommen wir beim
Kronenburgertor gerade noch zurecht.’ (...) Während der Onkel sich
inzwischen angeregt mit dem Offizier unterhielt, hatte Hieronymus Zeit,
sich die Befestigung näher anzuschauen. Er sah auf den breiten
Wassergraben hinab, der das Tor von der runden Wehr trennte, und auf die
zweite Brücke, die überschritten werden musste, um zu der Wehr zu
gelangen. Er blickte das Bollwerk entlang und sah mit Erde und Steinen
beladene Karren, die man offenbar für den weiteren Ausbau der Befestigung
brauchte. Er sah die Leute – die meisten von ihnen müde und verdrossen -,
die vor dem Tor warteten, um in die Stadt Einlass zu erhalten: Soldaten,
Handwerksburschen, Frauen mit Kindern an den Rockschößen, Bettler,
Händler. Es war das gleiche Bild, das er in den vergangenen Wochen schon
dutzend Mal erlebt hatte, nur mit dem Unterschied, dass er dabei immer auf
der anderen Seite des Tores gestanden hatte.“201

Die ausführliche Beschreibung, das ausdrückliche Erwähnen der vielen räumlichen


Details, ist scheinbar disfunktional für die erzählerische Ökonomie. Durch die Sicht des
neu in Straßburg angekommenen Protagonisten wird der Leser auf wenigen Seiten
geradezu überhäuft mit Informationen zum Stadtbild und zur Zunftordnung.
Diese fast schon überfrachtete historische Szenerie ist Ausdruck der Resistenz des
historisch Faktischen und bereitet dem historischen Roman die Bühne für die nun
einsetzende Handlung.
Ingeborg Engelhardt beschreibt in „Hexen in der Stadt“ ebenfalls die historischen
Örtlichkeiten. Im Gegensatz zu den anderen ausgewählten Autoren verzichtet sie darauf
zu erwähnen, dass es sich dabei um die Stadt Würzburg handelt. Auf diese Weise löst

201
Bayer 2001, S. 7 ff.
119

sie ihre Geschichte von einem bestimmten Ort und verleiht ihr etwas Überregionales
und Allgemeingültiges.

Erwähnenswert ist, dass die erzählte Welt vor allem durch das Beschreiben von
Alltagsgeschichte in Szene gesetzt wird. So finden sich Schilderungen über das Pökeln
von Speck202 oder Einführungen in die fremde frühneuzeitliche Esskultur, bei denen der
moderne Leser seltsame Speisen kennen lernt wie geröstete Hahnenkämmchen, einen
mit einem Kräutersträußchen gedünsteten Kalbskopf, Singvögel und Wachteln in
Weinblätter203 oder Kalbsfleisch mit Feigenmus.204
Der Leser erhält des Weiteren interessante Einblicke in die strenge Zucht und Ordnung
einer Stadtschule in Straßburg, er wird informiert über Zunft-, Polizei-, Markt-, Münz-
oder Kleiderordnungen205 oder ihm wird die ganze Grausamkeit der Foltermethoden vor
Augen geführt, die Parigger in schonungsloser Detailtreue beschreibt.206
Detailtreue ist es auch, die folgenden Textauzug auszeichnet:
„Von seinem Platz aus konnte Caspar einen ganz mit steinernen Fliesen
ausgelegten Raum einsehen, in dem ein Metzger und seine Gehilfen dabei
waren, einem Hammel sowie einigen Schafen den Garaus zu machen.
Ein Gehilfe hängte das gerade erstochene Schaf kopfunter an einen Haken,
weitete ihm das Loch in der Halsschlagader mit einem breiteren Messer und
fing das Blut in einer darunter stehenden Schüssel auf. Dann zog er dem
Tier mit wenigen Handgriffen kunstfertig das Fell über die Ohren. (...) Der
Metzger nahm jetzt ein Messer von besonderer Schärfe und Länge, setzte es
dem gerade entkleideten, kopfunter hängenden Tier auf der Bauchseite, kurz
unterhalb des Darms an und zog es mit einer einzigen schnellen
Armbewegung hinunter. (...) Der rasche Schnitt des Metzgers hatte dem
Tier augenblicklich Magenhöhle und Brustkorb geöffnet, und das Innere fiel
in einen großen, dafür bereitgehaltenen hölzernen Trog. Darmschlingen,
dicke und dünne, erkannte Caspar, eine recht prall gefüllte Harnblase, eine

202
Vgl. Haß 2002, S. 94 f.
203
Vgl. Haß 2002, S. 120 f.
204
Vgl. Parigger 1996, S. 67.
205
Vgl. Bayer 2001, S. 29 ff. und S. 39 ff.
206
Vgl. Parigger 1996, S. 145-156.
120

grün-giftige Spur dazwischen. Die Galle, dachte Caspar und reckte sich auf
die Fußspitzen, um nichts zu versäumen.“207

Die scheinbar nebensächliche Beschreibung des Metzgerhandwerks erhält hier eine


metaphorische Bedeutung: Caspars rationaler Wissensdurst geht einher mit dem Geist
der anbrechenden Neuzeit.

Im Gegensatz zur Alltagsgeschichte spielt die Ereignisgeschichte eine untergeordnete


Rolle. So wird in „Hexen in der Stadt“ auf die Kausalität von Missernten, beginnender
Verfolgung und Konfiszierung der Güter hingewiesen. In „Hexenfeuer“ wird die
Bedeutung der von Papst Innozenz III. erlassenen „Summis desiderantes“ für die
einsetzenden Hexenverfolgungen dargelegt, Parigger lässt die Möglichkeit der
Supplikation an das Reichskammergericht in Speyer zur schriftlichen Tadelung des
Bischofs einfließen, Haß erwähnt die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls und
Bayer verweist auf Regionalgeschichtliches, als die Reichsstadt Hagenau eine
Gesandtschaft nach Würzburg zu Philipp Adolf von Ehrenberg schickte, um sich bei
ihm über Foltermethoden zu informieren.
Doch bilden diese Informationen bloße Eckpfeiler der Handlung und sind nicht mehr als
eine historische Orientierungshilfe, die durch Eigenrecherche oder unterrichtliche
Behandlung fundiert werden muss.
Es kommt nicht auf das bloße Nacherzählen von Ereignisgeschichte an, sondern der
Leser soll nachvollziehen können, aus welchen menschlichen und gesellschaftlichen
Beweggründen heraus die Menschen gehandelt und gedacht haben.

Die zum Teil mit großer Sorgfalt bedachte Darstellung der erzählten Welt hat mehrere
Gründe: Zum Einen kommt es durch die realistische Darstellungsweise des
bedeutungsvollen Raum-Zeit-Gefüges zu zahlreichen Realitätseffekten, die das
„Eintauchen“ des Lesers in eine fremde Umgebung erleichtern und ihm darüber hinaus
Wissen über eine vergangene Welt vermitteln können. Zum Anderen steht in guten
historischen Jugendromanen die erzählte Welt in sinnhaftem historischen Bezug zu
ihren handelnden Figuren. Sie sollten aus ihrer Zeit heraus und nicht allein aus der
Gegenwart des Lesers agieren. So bemerkt Lukács zur Gestaltung des Protagonisten in
Scotts historischen Romanen:

207
Haß 2002, S. 99 f.
121

„Er schafft in diesem Sinn nie exzentrische Figuren, Figuren, die ihrer
Psychologie nach aus der Atmosphäre der Zeit herausfallen.“208

Die erzählte historische Welt darf innerhalb der historischen Jugendliteratur nicht den
Stellenwert einer bloßen Kulisse haben. Sobald Geschichte lediglich als historisches
Kostüm gebraucht wird, wenn die Figuren nicht aus ihren historischen Gegebenheiten
heraus denken, fühlen und handeln, wird ein als historischer Jugendroman angelegtes
Werk schnell zum bloßen Erziehungsroman, bei dem nicht die spannende Vermittlung
vom historischen Wirken sozialer und politischer Kräfte, sondern die Thematisierung
jugendlicher Identitätsfindung im Vordergrund steht.

208
Lukács 1955, S. 43.
122

3. Kategorie der Erzählstruktur

Wie bereits erwähnt, orientiert sich diese Arbeit hinsichtlich der erzähltheoretischen
Terminologie an Martinez und Scheffel, die zwischen der Inhalts- und der
Darstellungsseite narrativer Texte unterscheiden. Die Kategorie der Erzählstruktur
befasst sich mit der Art und Weise der Darstellung eines Geschehens, also mit der
Erzählstruktur und ihren unterschiedlichen Präsentationsverfahren.
Hierbei unterscheiden Martinez und Scheffel209 zwischen folgenden drei
Unterkategorien.
Die Kategorie Zeit beinhaltet mögliche Formen des Verhältnisses zwischen der Zeit des
Geschehens und der Zeit der Erzählung. Sie umfasst die Parameter Ordnung, Dauer und
Frequenz.
Die Kategorie Modus befasst sich mit dem Grad an Mittelbarkeit, der Distanz, und der
Perspektivierung, der Fokalisierung eines Geschehens.
Davon unterscheidet sich die Kategorie Stimme, die den pragmatischen Akt des
Erzählens hinsichtlich des Verhältnisses von erzählendem Subjekt und Erzähltem sowie
des Verhältnisses von erzählendem Subjekt und Leser umfasst.
Im Folgenden werden diejenigen Punkte des detaillierten Beschreibungsmodells
vorgestellt, die in direktem Bezug zur Analyse stehen.

209
Vgl. Martinez und Scheffel 2002, S. 27 – 89.
123

3.1 Zeit

Die Kategorie Zeit ist insofern interessant, als dass sie Fragen hinsichtlich der
Reihenfolge, in der ein Geschehen in einer Erzählung vermittelt wird, aufwirft.
Martinez und Scheffel übernehmen für dieses Darstellungsphänomen analog zum
Erzähltheoretiker Genette210 den Begriff der Ordnung.
Die häufige Dissonanz zwischen der Chronologie des Geschehens und der Chronologie
der Erzählung führt zu einer narrativen Anachronie, zu einer Umstellung der
chronologischen Ordnung einer Ereignisfolge. Demzufolge kann ein Ereignis
nachträglich dargestellt werden, da es zu einem früheren Zeitpunkt als dem, den die
Erzählung bereits erreicht hat, stattgefunden hat. Der Erzähltheoretiker Lämmert spricht
in diesem Zusammenhang von einer Rückwendung, Genette von einer Analepse.
Diametral dazu verhält sich die Vorausdeutung (Lämmert) bzw. die Prolepse (Genette),
wenn ein noch in der Zukunft liegendes Ereignis vorweggenommen wird.
Anachronien sind dabei immer an die Perspektive einer Figur oder an die des Erzählers
gebunden.
Des Weiteren nimmt Lämmert eine Differenzierung hinsichtlich der Funktionen von
Anachronien vor:
Bei der aufbauenden Rückwendung wird eine Art Exposition nachgereicht, wodurch die
Hintergründe einer zunächst unvermittelt präsentierten Situation entwickelt werden.
Die auflösende Rückwendung steht häufig am Ende einer Erzählung und dient der
Erweiterung des Verstehenshorizontes.
Wenn der Erzähler aus einem größeren zeitlichen Abstand heraus erzählt und den Leser
zum Mitwisser der Zukunft macht, dann sprechen wir von einer zukunftsgewissen
Vorausdeutung.
Ist der Erzähler aber auf den begrenzten Wahrnehmungshorizont einer in das Geschehen
verwickelten Figur beschränkt, so kommt es zur zukunftsungewissen Vorausdeutung
(Prophezeiungen, zukunftsweisende Träume, Wünsche und Ängste).
Hinsichtlich der ausgewählten historischen Jugendliteratur, die dieser Untersuchung
zugrunde liegt, ist festzustellen, dass die Chronologie der Ereignisfolge zunächst für den

210
Vgl. Genette 1994. Genette differenziert zwischen der Ordnung als Reihenfolge, in der das
Geschehen in einer Erzählung vermittelt wird, zwischen der Dauer, welche die Darstellung
eines Geschehens beansprucht, und zwischen der Frequenz mit der ein Geschehen in einer
Erzählung präsentiert wird.
124

jugendlichen Leser gewahrt und überschaubar bleibt. Dies ist für Autoren historischer
Jugendliteratur ein Muss, da geschichtliche Prozesse der Zeit unterliegen. Ihre
Unbestechlichkeit besteht im chronologischen, unaufhaltsamen Voranschreiten.
Zwischen den Parametern Zeit und historischer Wandel herrscht eine enge, kausal
motivierte Relation, die sich innerhalb der untersuchten Literatur in einer überwiegend
chronologischen Darstellung im narrativen Zeitgerüst niederschlägt.

Die erzählten Hexenprozesse in Ingeborg Engelhardts „Hexen in der Stadt“ beginnen im


Mai des Jahres 1627 und enden um die Weihnachtszeit des Jahres 1629. Innerhalb
dieses Zeitraums entfaltet die Autorin die Haupthandlung und die davon abgeleiteten
episodenhaften Nebenerzählstränge.
Danach kommt es zu zwei Zeitsprüngen: Beim ersten erfolgt eine Raffung von einigen
Jahren, mitten in die Wirren des 30-jährigen Krieges, dem sich ein zweiter raffender
Zeitsprung in die Zeit nach Kriegsende anschließt. Auf der Inhaltsseite handelt es sich
bei beiden Raffungen um eine abschließende Reflexion und Beurteilung der Vorgänge
zwischen den Jahren 1627 und 1629 aus unterschiedlicher Perspektive.
Die Ereignisse in Ingeborg Bayers „Der Teufelskreis“ umfassen einen Zeitraum von
zehn Monaten und zweiundzwanzig Tagen, wobei die Autorin auf konkrete
Jahreszahlen verzichtet.
Das Geschehen in „Teufelstanz“ von Ulrike Haß erstreckt sich auf die Zeit zwischen
September und November des Jahres 1589.
Innerhalb der übergeordneten chronologischen Ordnung kommt es jedoch bei allen drei
Werken zu narrativen Anachronien in Form von Ana- und Prolepsen.
Dabei haben die Analepsen, also die Rückwendungen, meist eine aufbauende Funktion.
Sie erweitern das Leserverständnis, indem sie wichtige Einzelheiten aus der Biographie
der Protagonisten und deren Begleiter dem Leser nachreichen.
Während Ingeborg Engelhardt und Ingeborg Bayer vorwiegend Analepsen in ihr
Zeitgerüst einbauen, verwendet Ulrike Haß auch zahlreiche Prolepsen in Funktion von
zukunftsungewissen Vorausdeutungen (meist Visionen und Träume von Figuren). Sie
dienen der Spannungssteigerung und Irritation des Lesers (vgl. HAUPTTEIL 4.).
Das Zeitgerüst in Isolde Heynes „Hexenfeuer“ und in Harald Pariggers „Die Hexe von
Zeil“ gestaltet sich dagegen etwas komplizierter.
Isolde Heyne entfaltet ihren Roman auf zwei zunächst differierenden Zeitebenen, die
am Schluss zusammengeführt werden. Die Erzählgegenwart, während der Barbara im
125

Kerker ihr bisheriges Leben im Geiste vorbeiziehen lässt, erstreckt sich auf wenige
Stunden vor ihrer Hinrichtung. Darin eingebettet verläuft die zweite Zeitebene in Form
einer kompletten Analepse, die lückenlos die Gründe aufzeigt, die zur Verhaftung
Barbaras führten. Die zweite Zeitebene, auf der zentrale Erlebnisse aus dem Leben der
Heldin nachgereicht werden, umfasst eine Dauer von rund zwanzig Jahren.
Auf beiden Zeitebenen werden die Ereignisse in ihrer chronologischen Reihenfolge
dargestellt. Während auf der zweiten Zeitebene stark raffend erzählt wird, wird die erste
Zeitebene stark gedehnt, um so die unendliche Länge der verzweifelten letzten Stunden
vor dem Tod zu unterstreichen.
Im Romanverlauf nähert sich die zweite Zeitebene der ersten immer mehr an, bis sie
schließlich mit ihr zu dem Zeitpunkt verschmilzt, als Barbara aus dem Kerker befreit
wird:
„Ein Licht kam in die Dunkelheit des Kerkers. Der es trug, war Pater
Laurentius. Er hielt es vor sich und suchte zu erkennen, wo Barbara sich
verkrochen hatte. (...) Doch der Pater drängte zur Eile. ‚Komm, Barbara. Es
sind viele, die deinen Tod nicht wollen. Freunde und auch Feinde. Eile dich,
bevor es zu spät ist.’ “211

An dieser Stelle dringen die dynamischen Ereignisse der zweiten Zeitebene förmlich in
die Lethargie der ersten Zeitebene des Kerkers ein, verschmelzen miteinander und
führen die Handlung chronologisch ihrem Ende entgegen.
In der kompletten Analepse sind wiederum kleinere Ana- und Prolepsen eingebaut, die
entweder biographische Details oder zukunftsungewisse Vorausdeutungen beinhalten.

In ähnlicher Weise verfährt Harald Parigger in „Die Hexe von Zeil“, die ebenfalls auf
zwei Zeitebenen spielt. Die chronologisch dargestellte Binnenhandlung umfasst eine
unbestimmt lange Zeitspanne im Jahre 1627 und wird durch historisch exakte Daten, die
der Autor seinen Quellen entnommen hat, näher bestimmt. Darin eingebaut sind einige
Analepsen mit aufbauender Funktion, die die Biographie der Figuren ergänzen.
Die Binnenhandlung wird von einer wenige Seiten umspannenden Rahmenhandlung
umfasst, die lediglich am Beginn und am Ende des Romans auftaucht. Sie spielt sich auf
einer späteren Zeitebene im Jahre 1667 ab und umfasst maximal ein paar Stunden. Wie

211
Heyne 1995, S. 234.
126

bei Ingeborg Engelhardt findet hier im Rückblick auf die Ereignisse der zweiten
Zeitebene eine Bewertung der Vorgänge aus Sicht der Schwester der Protagonistin statt.

Alle untersuchten narrativen Texte weisen eine einfache und überschaubar gestaltete
zeitliche Ordnung mit zahlreichen Analepsen und einigen Prolepsen auf, welche die
Chronologie der Ereignisfolge nachreichen oder vorwegnehmen, ohne dabei ihre
Gesamtordnung infrage zu stellen.
127

3.2 Modus

Die zweite Kategorie des Beschreibungsmodells von Martinez und Scheffel heißt nach
Genette Modus. Sie umfasst zum Einen den Grad an Mittelbarkeit des Dargestellten und
zum Anderen die Perspektivierung.
Der Grad an Mittelbarkeit, von Genette mit Distanz bezeichnet, bezieht sich auf die
Unterscheidung zwischen der Erzählung von Worten (alles, was eine Figur im Rahmen
der erzählten Geschichte spricht oder denkt)212 und der Erzählung von Ereignissen
(Erzählerbeschreibungen, Erzählerbericht etc.).
Die Distanz leitet sich vom jeweiligen Modus ab: Liegt ein narrativer Modus vor, so
wird das Erzählte mit einer relativ großen Distanz zum Leser präsentiert wie beim
Gesprächsbericht. Beim dramatischen Modus wird das Erzählte unmittelbarer
dargereicht, etwa bei einer szenischen Darstellung in Form der direkten Figurenrede.
Die Perspektivierung, von Genette mit Fokalisierung bezeichnet, bezieht sich auf die
verschiedenen Blickwinkel, aus denen das Erzählte vermittelt wird. Sie sind mehr oder
weniger eng an die Wahrnehmung einer erlebenden Figur gekoppelt. Nach Genette sind
drei Fokalisierungstypen zu unterscheiden:
Bei der Nullfokalisierung hat der Erzähler die Übersicht und weiß oder sagt mehr, als
jede Figur sagt oder wahrnimmt. Sie entspricht am ehesten Stanzels auktorialer
Erzählsituation.213
Wenn der Erzähler nicht mehr sagt, als die Figur weiß, liegt eine Mitsicht, eine interne
Fokalisierung vor. Hier ist die variable interne (die Wahrnehmung wechselt zwischen
verschiedenen Figuren) von der multiplen internen Fokalisierung (dasselbe Geschehen
wird aus Sicht vieler Figuren vermittelt) zu unterscheiden. Beide Fokalisierungstypen
lassen sich unter den von Stanzel gebildeten Oberbegriff multiperspektivisches
Erzählen214 subsumieren.
Bei der externen Fokalisierung sagt der Erzähler aus der Außensicht heraus weniger, als
die Figur weiß, diese spielt allerdings bei den behandelten Werken keine Rolle.

212
Es handelt sich hier um die Präsentationsformen von gesprochener Rede (direkte oder
indirekte Rede etc.) und um die Präsentationsformen von Gedankenrede (Bewusstseinsbericht
etc.).
213
Vgl. Stanzel 1964, S. 16.
214
Vgl. Stanzel 1964, S. 38.
128

Der Fokalisierungstyp kann innerhalb einer Erzählung wechseln. Daher kommt es bei
einer variablen Fokalisierung darauf an, die vorherrschende Tendenz zu erfassen.

Ingeborg Engelhardts Werk „Hexen in der Stadt“ nimmt innerhalb der analysierten
Primärliteratur eine herausragende Stellung aufgrund der kunstvollen Komposition ihres
Romans ein. Hier resultiert die multiple interne Fokalisierung aus dem collageartigen
Einsatz unterschiedlicher Textsorten. So baut die Autorin eine überlieferte
handschriftliche Chronik, in der ein „Verzeichnis der Hexen-Leut, so mit dem Schwert
gerichtet und hernacher verbrannt worden“ überliefert ist, strukturbildend in ihr Werk
ein und dokumentiert damit die Aufhebung ständisch-hierarchischer Unterschiede durch
die weltliche und bischöfliche Justiz. Das Verzeichnis ist fast vollständig in der fiktiven
„Chronik des Malefizschreibers“ abgedruckt. Dieses Dokument zeigt die Prozesse aus
Sicht einer unpersönlichen, positivistisch-offiziellen Geschichtsschreibung. Engelhardt
greift daraus einige exemplarische Fälle heraus und schildert in Episoden die
menschlichen Tragödien, wie sie sich möglicherweise abgespielt haben könnten.
Daneben wird der Text durch ein weiteres historisches Dokument strukturiert. Es ist die
„Cautio criminalis“ des Jesuiten Friedrich von Spee, die in den fiktiven Briefen des
Pater Friedrich verarbeitet worden ist. Die Textabschnitte „Aus dem Gewissensbuch des
Paters Friedrich“ sind wörtlich daraus entnommen. Beide Dokumente sind mit dem
Handlungsstrang der fiktiven Familie Reutter verbunden, sodass das Geschehen in
mehrfacher Brechung gespiegelt wird. So kommt es hinsichtlich der Distanz zu einem
regen Wechsel zwischen Erzählerbericht, szenischer Darstellung, persönlichem Brief
und Chronik, was der Erzählung eine besondere sprachliche Vielfalt verleiht.
Durch den Wechsel zwischen Nullfokalisierung und multipler interner Fokalisierung
entsteht eine echte Multiperspektivität, die durch den Einbau der verschiedenen
Textsorten unterstützt wird. Engelhardt erfüllt damit beispielhaft die Forderung der
Geschichtsdidaktik nach multiperspektivischer Darstellung.

Bei Ulrike Haß dominiert die variable interne Fokalisierung, durchsetzt mit
nullfokalisierten Zügen oder in Stanzels Terminologie geprochen: Die personale
Erzählsituation wird mit auktorialen Elementen erweitert.
Haß schildert das Geschehen hauptsächlich aus dem Blickwinkel der Figur Marie, was
besonders im Kapitel „Die belauschten Ratsherren“ zur Geltung kommt, bei der die
Protagonistin geheime Zeugin einer folgenschweren Ratssitzung wird.
129

Daneben wird das Geschehen aus der Sicht weiterer Figuren wie Barbara oder Ursula
dargestellt, wobei stellenweise diese variablen internen Blickwinkel durch eingestreute
Nullfokalisierungen in Form von knappen Erzählerkommentaren erweitert werden, was
im folgenden Textauszug besonders deutlich wird:
„Barbara hatte lange gewartet und war dann langsam durch die dunklen
Straßen zurückgegangen, immer noch in der Hoffnung, Marie würde ihr
gleich entgegenkommen.
Nur zur Sicherheit und weil es für sie derselbe Weg war, wollte sie noch
einmal beim Sternwirt vorbeischauen. Barbara öffnete vorsichtig die
Wirtsstubentür und sah, woran sie nicht hatte glauben wollen: An einem
Tisch, an dem viel gelesen und gesoffen worden war, zog ein junger Geselle
Marie zu sich herab, und Marie sprach vertraut mit ihm. Barbara bebte
augenblicklich vor Zorn. ‚Da ist dir deine Bärbel wohl nichts mehr wert!’,
rief sie laut durch die Wirtsstube. ‚Nie mehr will ich dein Bärchen sein.’
Dann lief Barbara im Zorn davon. In Windeseile war sie am Weinmarkt, lief
nach Hause. Da erst überfiel sie Traurigkeit.“215

Das Geschehen, das bislang aus dem Blickwinkel der Figur Barbara erzählt worden ist,
wird nun durch einen nullfokalisierten Erzählerkommentar für den Leser ergänzt:
„So konnte sie nicht wissen, wie Marie überall auf der Straße nach ihr
gesucht und gerufen hatte und schließlich in die Küche der Sternwirtin
zurückgekehrt war, das blasse Gesicht noch einmal ganz aufgelöst in
Tränen.“216

Ingeborg Bayer schildert die Ereignisse in „Der Teufelskreis“ rein aus Sicht ihres
Protagonisten Hieronymus. Ähnlich wie bei Ulrike Haß wird die interne Fokalisierung
durch vereinzelte Nullfokalisierungen durchbrochen.

Ein deutlich erkennbarer Wechsel zwischen Nullfokalisierung und interner


Fokalisierung findet sich dagegen bei Isolde Heyne und Harald Parigger. Beide erzählen
auf zwei Handlungsebenen mit unterschiedlicher Fokalisierung.

215
Haß 2002, S. 22 f.
216
Haß 2002, S. 23.
130

Während in „Hexenfeuer“ und in „Die Hexe von Zeil“ die Rahmenhandlung aus dem
Blickwinkel der in die Vergangenheit zurückblickenden Figuren erzählt wird, behält der
Erzähler innerhalb der Binnenhandlung die Übersicht.

Die Autoren haben in ihren Werken alle mehrere Fokalisierungstypen eingebaut. Dabei
ist zu beobachten, dass sich hinter der vordergründig internen Fokalisierung meistens
eine Nullfokalisierung verbirgt, die nur stellenweise zum Vorschein kommt.
Hinsichtlich der Distanz ist häufig ein rasanter Wechsel zwischen berichtenden
Passagen, Reflexionen und ein hoher Anteil an Dialogen festzustellen.
131

3.3 Stimme

Unter der Kategorie Stimme werden die Probleme zusammengefasst, die den Akt des
Erzählens und das Verhältnis von Erzähler und Erzähltem sowie von Erzähler und Leser
betreffen. Martinez und Scheffel unterscheiden innerhalb dieser Kategorie weitere
Unterkategorien,217 von denen zwei für diese Untersuchung zentral sind: der Ort des
Erzählens und die Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen.

Das Kriterium des Erzählortes bezieht sich auf die Frage nach der Ebene, auf der erzählt
wird. Für unsere Betrachtung sind vor allem das extradiegetische, das intradiegetische
sowie das metadiegetische Erzählen von Bedeutung,218 welche indirekt bereits unter der
Kategorie Modus angeklungen sind.
Alle Werke werden von unterschiedlichen Erzählorten aus erzählt. Exemplarisch soll
dieses Phänomen anhand Harald Pariggers „Die Hexe von Zeil“ erläutert werden, der
seinen Roman auf mehreren Zeitebenen mit unterschiedlichen Erzählorten entfaltet.
Die Rahmenhandlung wird auf einer extradiegetischen Ebene erzählt und beginnt
folgendermaßen:
„1667, im Kloster der Dominikanerinnen zu Bamberg
Die kleine Flamme des Talglichts warf einen matten Schein auf die dunkle
Tischplatte, das Tintenglas, den gefalteten Bogen Papier und die Hand mit
der Schreibfeder. Rasch und ohne zu stocken, kratzte die Feder über das
Papier.“219

Diese extradiegetische Erzählebene führt sogleich über in eine intradiegetische, wenn


aus einem Tagebucheintrag, der auf extradiegetischer Ebene geschrieben wird, zitiert
wird:

217
Kriterien nach Martinez und Scheffel, S. 67-89: 1. Zeitpunkt des Erzählens, 2. Ort des
Erzählens, 3. Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen, 4. Subjekt und Adressat des
Erzählens.
218
Terminologie nach Genette: Er unterscheidet primär vier Erzählebenen: extradiegetisch
(Erzählen), intradiegetisch (erzähltes Erzählen), metadiegetisch (erzähltes erzähltes Erzählen)
und metametadiegetisch (erzähltes erzähltes erzähltes Erzählen).
219
Parigger 1996, S. 9.
132

„Im 1627. Jahr nach der Geburt unseres Herrn wurde das Brennen ärger
als je zuvor. Denn überall sah der Bischof das Böse am Werk; jedes
Hagelwetter, jede kranke Kuh und jeden verdorrten Halm hielt er für eine
Untat der verfluchten Hexensekte.
Seine Ratgeber – Gott allein weiß, ob es gute Ratgeber waren – nährten die
Glut seines Zorns, bis sie zur lodernden Flamme wurde, die überall im Land
die Scheiterhaufen entzündete. Nirgends aber brannten so viele wie in
Bamberg und Zeil.“220

Die Ereignisse, welche die Figur Barbara, die Schwester der Protagonistin,
niederschreibt, beziehen sich auf ihre Vergangenheit und nehmen einen weiteren,
tieferen Ort des Erzählens ein: Sie befinden sich auf der intradiegetischen Erzählebene.
Die Binnenhandlung befindet sich auf einer metadiegetischen Erzählebene und führt zu
noch differenzierteren Erzählorten. Zwischen allen Erzählebenen besteht dabei eine
korrelative Verknüpfung.
Eine ähnliche Anordnung unterschiedlicher Erzählorte findet sich auch in Isolde Heynes
Roman „Hexenfeuer“, bei der sich die Heldin Barbara im Kerker an verschiedene
Stationen ihres Lebens erinnert.

Das Kriterium der Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen berührt die Frage
nach dem Involviertsein des Erzählers in das Geschehen. Mit Susan Sniader Lanser221
werden folgende Möglichkeiten unterschieden:
Der Erzähler ist keine Figur der erzählten Welt und somit völlig unbeteiligt. Diesen
Erzählertypus bezeichnet Lanser als heterodiegetischen Erzähler, der in der dritten
Person berichtet. Ingeborg Bayer, Ulrike Haß und Isolde Heyne verwenden
ausschließlich diesen Erzählertypus, der dem Leser den Eindruck von erzählerischer
Objektivität vermitteln soll.
Auch Harald Parigger baut in seinem Werk fast ausschließlich auf einen sachlichen,
unbeteiligten Erzähler. Allerdings beginnt und endet er seinen Roman mit einem

220
Parigger 1996, S. 9.
221
Vgl. Lanser, Susan Sniader: The Narrative Act. Point of View in Prose Fiction, Princeton
1981, S. 160.
133

Bekenntnis, das von der Figur der Nonne Barbara im Kloster in der ersten Person
verfasst wird.
„Zu den ersten, die der Bischof im neuen Hexenhaus verwahren ließ, zählte
Anna, die Ehefrau des Bürgermeisters Johannes Lambrecht, meine Mutter.
(...) Wir alle haben es nicht glauben wollen. Denn meine Mutter war eine
gottesfürchtige Frau, die die Gebote der heiligen Kirche achtete, den Armen
reichlich gab und meinem Vater eine treue und gehorsame Hausfrau
war.“222

Somit tauscht Parigger für kurze Zeit seinen heterodiegetischen Erzähler durch eine
homodiegetische Erzählerin aus, die eine Figur der erzählten Welt ist.
Innerhalb der Kategorie des homodiegetischen Erzählens unterscheidet Lanser je nach
Grad der Beteiligung am Geschehen zwischen dem Erzähler als unbeteiligten
Beobachter, als beteiligten Beobachter, als Nebenfigur, als einer der Hauptfiguren oder
als die Hauptfigur (autodiegetischer Erzähler). Im Falle der Nonne Barbara handelt es
sich um eine beteiligte Beobachterin.

Ingeborg Engelhardt, die durch den Einsatz verschiedener Textsorten die Fokalisierung
variiert, setzt innerhalb des fiktiven Handlungsstranges um die Familie Reutter wie in
den auf historischen Begebenheiten basierenden Episoden einen heterodiegetischen
Erzähler ein. Innerhalb der Briefe des Friedrich Spee wird die Sichtweise aber durch
einen homodiegetischen Erzähler gebrochen, der als eine der Hauptfiguren in
Erscheinung tritt. Somit erfährt der Leser das Geschehen durch die unterschiedliche
Distanz der verschiedenen Erzähler facettenreich.

Keiner der behandelten Autoren verwendet einen autodiegetischen Erzähler, da sie die
enge Wahrnehmung durch eine Hauptfigur des Geschehens vermeiden wollen. Eine
vordergründig variierende Sichtweise aus mehreren Blickwinkeln wäre verhindert und
es entstünde für Geschichtsdidaktiker das Problem der subjektiven Deutung. Der in
allen Werken bevorzugte heterodiegetische Erzähler genießt hingegen den Vorteil des
unbeteiligten Beobachters und evoziert somit eine – wenn auch häufig nur scheinbare –
Objektivität.

222
Parigger 1996, S. 10 f.
134

4. Kategorie der Beeinflussung des Lesers

Narrative Texte für jugendliche Leser sind meistens so beschaffen, dass sie neben einer
narrativen auch eine psychologische Struktur aufweisen, die bestimmte Reaktionen
beim Leser auslöst.
Innerhalb der untersuchten historischen Jugendliteratur spaltet sich diese
psychologische Struktur in folgende Teilbereiche auf: Affektlenkung, Irritation und
evaluative Lenkung. Sie sind für das Erzeugen einer interessierten Erwartungshaltung
und einer gesteuerten Wertehaltung des Lesers gegenüber dem dargestellten
historischen Gegenstand verantwortlich.
135

4.1 Affektlenkung

Die emotionale Leserführung wird beim behandelten Textkorpus durch Erzählschemata


gesteuert, die affektive Reaktionen auslösen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um
drei Typen von Affektstrukturen: Neugier, Überraschung und Spannung.
Alle drei unterscheiden sich durch ihre spezielle Anordnung der dargestellten
Ereignisfolge.

So versuchen alle ausgewählten Autoren, den „Leserappetit“ durch Andeutungen


anzuregen. Kognitionspsychologisch betrachtet handelt es sich hier um die
Affektstruktur der Neugier, deren erzähltechnische Beschaffenheit darauf abzielt, den
Leser für die einsetzende bzw. bereits stattfindende Handlung zu interessieren. Dabei
muss sich der Rezipient immer in einem Zustand der „Ahnungslosigkeit“ und
„Arglosigkeit“ befinden, damit eine affektive Steuerung von Neugier mittels vager
Andeutungen ermöglicht werden kann.
Im Folgenden wird dieses Phänomen anhand der Werke von Isolde Heyne und Ingeborg
Engelhardt exemplarisch erläutert.

In Isolde Heynes „Hexenfeuer“ werden bereits zahlreiche Andeutungen im ersten


Kapitel gemacht, wenn die Ziehschwester Armgard die im Kerker sitzende Barbara
verzweifelt aufsucht:
„ ‚Nimm den Fluch von mir, du Hexe!’ Armgard stellte die flackernde
Kerze auf einem Sims ab. (...) ‚Du hast mich verflucht. Nur du kannst es
gewesen sein. Und jetzt fault mein Leib. (...) Wenn du morgen auf dem
Scheiterhaufen brennst und der Fluch ist nicht von mir genommen, dann ...’
(...)
Entsetzt wich Barbara zurück. Von den Brüsten bis über den Nabel hinweg
war die Haut durch eitrige Geschwüre entstellt. (...)
‚Seit wann hast du diesen Ausschlag?’ fragte sie. (...)
‚Du Hexe!’ fauchte Armgard. ‚Du weißt ganz genau, daß es seit der Nacht
der schwarzen Messe...’ “223

223
Heyne 1995, S. 9 f.
136

Auf den ersten beiden Seiten des Romans finden sich bereits drei Andeutungen, die auf
Seiten des Lesers Fragen evozieren: Um welchen Fluch handelt es sich? Weshalb hat
Armgard diesen eitrigen Ausschlag? Was hat eine schwarze Messe damit zu tun?
Heyne lässt es damit nicht auf sich beruhen:
„Doch es drängte sie [Barbara] die Wahrheit zu erfahren. ‚Warum die
schwarze Messe? Warum, Armgard?’
‚Martin – er sah nur dich. Aber ich will ihn haben. (...) Der Pfaffe sagte, das
Ritual sei das einzige Mittel, einen Mann zu binden. Und es mußte das Blut
eines ungetauften Kindes sein.’“224

Die angedeutete Liebesbeziehung und der Hinweis auf eine grauenvolle Bluttat geben
ausreichend Stoff für Spekulationen und schüren so das Leserinteresse.

Weniger dramatisch, dafür aber umso sublimer werden in „Hexen in der Stadt“
Andeutungen hinsichtlich der Heldin Veronika Reutter gemacht:
„Die Tür ging auf und die Frau trat ein. Sie verneigte sich tief mit
rauschenden Röcken, nahe an der Tür und dann noch einmal vor dem
Bischof, als sie den gnädig dargereichten Ringe küsste. (...) Was war
Besonderes an ihr, dass der Bischof sie erst nicht hatte vorlassen wollen und
es jetzt doch tat? Warum starrte er sie so an?“225

Das Andeuten der geheimnisvollen Macht von Veronika wird im weiteren


Handlungsverlauf multiperspektivisch fortgeführt und aufgrund der Häufung
intensiviert:
„Inzwischen streifte Veronika der Jüngeren das Hemdchen ab. Da griff die
ringgeschmückte Hand der Mutter herüber und berührte einen dunklen,
behaarten Fleck auf dem kleinen Rücken. Oben am Schulterblatt schien der
zarten Haut das Fellchen einer Maus angeklebt zu sein, nicht größer als
einen Mannes Daumenabdruck. Jakobe streichelte es und blickte die Mutter
kummervoll an. ‚Kann denn der Vater wirklich nichts tun, es ausschneiden
oder ausbrennen?’ (...) ‚Und – Ihr könnt auch nichts tun, Mutter?’ (...)

224
Heyne 1995, S. 11 f.
225
Engelhardt 1997, S. 16 f.
137

War jetzt nicht der rechte Augenblick die Mutter auszufragen nach den
Geheimnissen, die sie hütete, nach ihrer Abkunft, die vornehm sein sollte,
nach ihren wunderbaren Kräften, die Jakobe ahnte?“226

Die geheimnisvolle Kraft der Mutter ist es, welche die Handlung zu Höhe- und
Wendepunkten führt. Die diesbezüglichen Andeutungen suggerieren dem Leser
permanent, dass es eine ganz besondere Bewandtnis um die Figur Veronika haben
muss, deren Enthüllung ein Schlüsselelement der Handlung darstellt.
Das Erzählschema zur Erzeugung von Leserneugier ist in allen fünf Werken dasselbe:
Die Handlung muss ein zentrales, dem Leser unbekanntes Initialereignis haben, welches
ihm mehr oder weniger häufig durch Andeutungen suggeriert wird.

Die Neugier mündet nicht selten in die Affektstruktur des Überraschungseffektes, bei
dem der Autor dem Leser ein wichtiges Detail für das Verständnis des Geschehens
vorenthält. Wenn dieses fehlende Detail nachgereicht wird, kommt es beim Leser zum
Überraschungseffekt wie etwa in Engelhardts „Hexen in der Stadt“, wenn der Leser
erfährt, wer der wahre Vater von Veronikas ältester Tochter Jakobe ist:
„Veronika erwiderte leise: ‚Ich schämte mich. Es war eine Torheit gewesen,
ein dummer Streich, zu dem ich meine Gabe missbrauchte. Wir hatten oft
Gäste im Haus zur Jagd und zur Weinlese. Einmal war ein Junker dabei, ein
Neffe des Bischofs, kaum älter als ich, aber weit gereist, keck, ein junger
Weltmann, wie es mir schien. Er machte mir ein wenig den Hof. Da reizte
es mich, an ihm meine Macht zu erproben, zu sehen, wie weit ich ihn mir
gefügig machen konnte. Ein paar Tage lang war das ein spannendes Spiel.
Dann aber, eines Nachts, ging es weiter, als ich gewollt hatte, und so kam
es.’ (...)
‚Und wer war er?’
Sie blickte ihren Mann groß an, voll Verwunderung, dass er noch fragte. Da
begriff er endlich und presste die Lippen zusammen. Das also war das ganze
Geheimnis um den zauberischen Einfluss auf Seine Fürstlichen Gnaden. Am
Ende ließ sich alles so erklären.“227

226
Engelhardt 1997, S. 43 f.
227
Engelhardt 1997, S. 158 f.
138

Hier wird dem Leser klar, dass Veronikas einstiger Liebhaber ihr und ihres Mannes
Erzrivale ist.
Neben Ingeborg Engelhardt nutzt vor allem Isolde Heyne den Überraschungseffekt,
wenn es darum geht, Informationslücken des Lesers im Laufe der Erzählung zu
schließen. So wird der Leser erst zu einem recht späten Zeitpunkt in Kenntnis darüber
gesetzt, wer Barbaras Mutter war und auf welche Weise sie und ihr Vater Johann von
Rinteln sich kennen gelernt haben.228

Während Affektstrukturen wie Neugier oder Überraschung vor allem von Ingeborg
Engelhardt und Isolde Heyne genutzt werden, findet sich die emotionale Lenkung durch
Spannungseffekte in jedem der Untersuchung zugrunde liegenden Werk.
Spannung wird dann erzeugt, wenn die Handlung ein Ereignis aufweist, dessen Folgen
sich für den Protagonisten besonders gut oder besonders schlecht auswirken können.
Beim Leser werden dadurch die Fragen evoziert, welche Folgen das Ereignis haben
kann und wann bzw. inwiefern sich diese Folgen auf den Protagonisten auswirken.
Ein Paradebeispiel für Hochspannung liefert Harald Pariggers „Die Hexe von Zeil“, in
der die Flucht aus dem Kerker mit zusätzlichen Retardierungseffekten versehen ist:
„ ‚Wir können gehen’, sagte sie kurz und faßte Kathi bei der Hand.
Vorsichtig tappten sie durch die Finsternis zur Tür. Da blieb Ursula
plötzlich stehen. Sie wollte sich noch einmal umdrehen, noch einmal
drängen: ‚Bleib nicht allein, Anna! Geh mit uns!’ Heftig stieß sie mit Kathi
zusammen, die dichtauf an ihrer Hand folgte, wollte ausweichen, stolperte
über die Schwelle und fiel gegen die halbgeöffnete Tür, die mit lautem
Krachen gegen die Wand schlug.
‚Bleibt stehen und rührt euch nicht!’ stieß Christoph hervor. Angespannt
und mit fliegendem Atem horchten sie in die Dunkelheit.
Einige Augenblicke blieb alles still, dann wurde es in der Wachstube
lebendig. Halblaute Rufe ertönten, dann trat jemand in den Gang hinaus. (...)
‚Schnell, wieder hinein!’ Christoph schob die Mädchen in die Kammer,
faßte nach der Tür und zog sie herum. Er wollte gerade den Riegel
vorschieben, als ihn der Schein einer Laterne blendete.

228
Vgl. Heyne 1995, S. 145-154.
139

‚Hab ich dich, Bürschchen’, lallte der Wächter und kam näher. ‚Ich wußte
doch, daß bei dir was faul ist, so faul, daß es stinkt!’ “229

Hier erreicht die Flucht einen ersten Höhepunkt: Ist das Eintreffen des Wachmanns
zugleich das Ende der Fliehenden oder gelingt es ihnen, den Betrunkenen zu
überrumpeln?
„(...) Christoph machte sich zum Sprung bereit. Da öffnete sich die Tür,
Anna trat geräuschlos hinter den Wächter, mit beiden Händen hob sie eine
Flasche über den Kopf und schlug zu. Das Glas zersplitterte auf dem
Schädel des Mannes, mit einem erstickten Schrei brach er zusammen.“230

Die erste Hürde wäre genommen. Barbara, Kathi und Christoph setzen zur Flucht an
und rennen hinaus in die Freiheit. Doch die scheint noch in weiter Ferne zu sein, wenn
es kurz darauf zu folgendem Vorfall kommt:
„ ‚Da!’ Entsetzt deutete Kathi nach hinten. Die beiden Wächter kamen aus
dem Haus, sahen sie und torkelten mit triumphierendem Geschrei auf sie zu.
Christoph legte Ursula einen Arm um den Leib. ‚Laß die Kleine los, sie
kann besser laufen als du’, stieß er hervor und zog sie mit sich, mühsam
tasteten sie sich durch eine Gasse hindurch, bogen in die nächste ein.
Weiter, weiter!
Mit einem pfeifenden Atemzug blieb Ursula endlich stehen. ‚Ich kann nicht
mehr’, keuchte sie, ‚lauf weiter mit dem Kind!’
Der Lärm der Wächter rückte näher, gleich würde der fahle Schein ihrer
Laternen an der Ecke sichtbar werden. Verdammt, so nah vor dem Ziel!
Christoph ballte die Fäuste. Seine Gedanken rasten. Sie hier zurücklassen?
Niemals! Vielleicht wurde er mit den Wächtern fertig, sie waren betrunken
und vom Mohnsaft noch wirr im Kopf. Sie angreifen und aufhalten, damit
die beiden davonkamen, notfalls mußten sie kriechen. Aber sie kannten den
Weg nicht! Entschlossen bückte er sich, schlang die Arme um Ursulas
Gesäß, wollte sie hochheben, sich über die Schulter legen, als er in der
Bewegung erstarrte.

229
Parigger 1996, S. 218 f.
230
Parigger 1996, S. 219 f.
140

‚Hier hinein! Macht schnell!’ sagte eine leise Stimme. Ohne nachzudenken
stolperten die drei durch die Tür, die sich vor ihnen auftat und sofort wieder
schloß.
Leer lag die Gasse vor den Wächtern, als sie wenige Augenblicke später im
Licht ihrer schwankenden Laternen hindurchtaumelten.“231

Der dramatische Modus unterstreicht durch den hohen Anteil an direkter Figurenrede
und Bewusstseinsbericht die Panik der Flucht.
Zahlreiche Spannungseffekte finden sich auch bei Ulrike Hass, Ingeborg Bayer, Isolde
Heyne und Ingeborg Engelhardt. Meistens dreht es sich um die zentrale Frage, ob die
Protagonisten verhaftet werden oder ob ihnen die Flucht gelingt.

231
Parigger 1996, S. 220 f.
141

4.2 Irritation

Im einführenden Teil dieser Arbeit wurde der von Veit in die Forschung eingeführte
Begriff der Irritation erläutert (vgl. EINFÜHRENDES 3.2). Sie soll verhindern, dass der
Leser sich unkritisch auf die dargestellte Vergangenheit einlässt, ohne die Chance zu
bekommen, die Andersartigkeit des Vergangenen zu erkennen. Durch Irritation soll ein
ungestörter Identifikationsprozess verhindert werden. Sie soll bewirken, dass sich der
Rezipient Fragen zu stellen beginnt und die dargestellte Welt als eine sich von der
eigenen Lebenswelt stark unterscheidende begreift.
Demzufolge wirft das Problem der Irritation zentrale Fragen auf, die im Laufe dieses
Kapitels beantwortet werden sollen: Findet überhaupt eine Reizung, d.h. ein
Verunsichern des Lesers bei allen angesprochenen Werken statt? Wenn ja, worauf
basiert die Irritation, wodurch wird sie erzeugt? Wird der Leseprozess durch diese
partielle Verwirrung des Lesers bereichert oder eher gestört? Wird der
Verstehensprozess durch Irritation gefährdet und leidet darunter die Lesemotivation?

Fakt ist, dass alle fünf Autoren mehr oder weniger stark ihre Leser mit Unebenheiten
konfrontieren, welche diese wahrscheinlich nicht sogleich verstehen können, weil sie
tatsächlich in der Andersartigkeit der Vergangenheit begründet liegen. Spannend aber
bleibt, worauf diese Irritationen beruhen: Sie gründen nicht etwa auf den unbekannten
Lebensumständen der Menschen der frühen Neuzeit, nicht auf andersartige
Machtstrukturen innerhalb der Gesellschaftsordnung und nicht auf die allgemeine
Verunsicherung vor Neuerungen jeglicher Art, die in allen Werken thematisiert wird.
Irritationen werden durch die Konfrontation mit dem Hexenphänomen an sich erzeugt,
was als sehr sinnvoll erscheint, da die Mehrheit der jugendlichen Leser sich genau für
diese Geheimnisse interessiert.

Ingeborg Bayer, Harald Parigger und Ulrike Haß thematisieren in ihren Romanen das
Phänomen des sog. Hexensabbats oder des sog. Hexenflugs, indem sie ihre
Protagonisten dieses Phänomen halluzinativ oder träumend erleben lassen.
In Pariggers „Die Hexe von Zeil“ durchlebt die Heldin Ursula im Traum den sog.
Hexensabbat:
142

„Zufrieden betrachtete sie ihren nackten Körper. Da war keine Stelle, die
nicht vom Fett der Salbe glänzte. Jetzt konnte sie ausfahren. (...) Während
sie noch versuchte, durch die Dunkelheit zu spähen, fühlte sie etwas
Weiches an ihrer Seite. Als sie hinuntersah, erkannte sie die Umrisse eines
mächtigen, schwarzen Hundes. Lautlos beugte er den Rücken, und sie stieg
auf. (...) Lange Zeit flog sie durch die Nacht und hörte nichts als das Sausen
des Windes, bis plötzlich Fetzen von Musik an ihr Ohr drangen. Sie
lauschte. Zuerst waren es nur einzelne Töne, dumpfe und helle, dann
vernahm sie den stetigen Rhythmus von unzähligen Trommeln, über den
sich eine ausgelassene Flötenmelodie erhob.
Neugierig öffnete sie die Augen. Weit vor ihr schien der Horizont zu
glühen. Bald wurde die Musik lauter, das Licht stärker. Dann erblickte sie
unter sich die Kuppe eines Berges, auf der Flamme neben Flamme brannte,
so hell, daß sie geblendet wurde. (...)
Aber alle richteten ihre Aufmerksamkeit ehrfürchtig auf den einen, der
ihnen gegenüber auf einem Thron saß, schrecklich und ernst, ein riesiger,
schwarzer Ziegenbock – der Teufel. Er war ganz in golddurchwirkte
Gewänder gehüllt, ein hoher, goldener Kragen, geformt wie eine
Bischofsmütze, wölbte sich über dem gehörnten Kopf. Sein Gesicht, obwohl
es wie das eines Tieres aussah und von dichtem Fell bedeckt war, glich doch
auf seltsame Weise dem eines Menschen, eines uralten Mannes. Sein Blick
war weder böse noch freundlich, sondern forschend und so eindringlich, daß
Ursula glaubte, er sei bis in ihre Seele gerichtet, obwohl sie doch jenseits
der Feuer im Dunkeln stand. (...)
Dann erhob sich der Teufel und zelebrierte mit seinen Gehilfen die Messe.
Ganz genau folgten sie dem Ritus, und Ursula sprach, sang und betete mit,
ohne ein einziges Mal zu stocken. (...)
‚Erzählt jetzt eure Missetaten!’
Die Stimme schien von überall her zu kommen und die ganze Luft zu
erfüllen. Unwillkürlich sah Ursula zu der mächtigen Bocksgestalt hinüber,
die immer noch bewegungslos wie eine Statue auf ihrem Sitz thronte. Der
Teufel – hatte er selbst gesprochen?
Was sollte sie erzählen? Sie hatte ja nichts getan!
Aber da trat schon der erste vor: ‚Ich habe zwei Kinder getötet!’
143

Die Menge jubelte.


Die zweite: ‚Ich habe Hostien geschändet und in der Kirche Unzucht
getrieben!’
Der dritte: ‚Ich habe mit Sturm und Hagel die Ernte meines Dorfes
vernichtet!’
‚Ich habe dem Pfaffen das Vieh beschworen, bis alles krepiert ist!’
‚Ich habe meinem Nachbarn die Manneskraft genommen!’
‚Ich habe den Brunnen vergiftet, und sechs sind daran gestorben!’ (...)
Ursula schwieg. Leise knisterten die Flammen. Alle Blicke waren
erwartungsvoll auf sie gerichtet.
‚Rede jetzt!’ zischte der junge Mann neben ihr böse.
Vernichten, vergiften, krankmachen, töten. Sie hatte niemals eine solche Tat
begangen.
‚Ich habe nichts getan, Gott ist mein Zeuge!’
Ein Sturm der Entrüstung brach los. (...) Dann trafen sie die ersten
Rutenhiebe. Sie krümmte sich unter den Schlägen und sank in die Knie. (...)
Endlich, als sie schon nicht mehr zusammenzuckte, wenn die Rute auf ihren
Körper traf, war es plötzlich vorbei. Benommen und mit letzter Kraft
richtete sie sich auf. Sie war allein auf dem Hügel. Nur der Geruch von
verkohltem Holz hing noch in der Luft.“232

Ganz im Sinne von Freuds Verdrängungstheorie erscheinen im Traum an Stelle


der realen Folterer beim peinlichen Verhör der Teufel und seine Komparsen.

Ebenso wie Harald Parigger lässt auch Ulrike Hass ihre Heldin Marie einen Flug
durch die Nacht im Traum erleben, allerdings nicht als Flug auf den
Blocksberg.233
Die Figur Hieronymus in Ingeborg Bayers „Der Teufelskreis“ erlebt am
helllichten Tag im Beisein seiner Mitschüler den Hexensabbat als Halluzination,
was ihn in eine besonders gefährliche Situation bringt, da sein Rivale Lupus dabei
ist.234

232
Parigger 1996, S. 167-176.
233
Vgl. Hass 2002, S. 94 und S. 132-134.
234
Vgl. Bayer 2001, S. 68-72.
144

Neben dem Phänomen des sog. Hexenflugs bzw. des sog. Hexensabbats werden
Irritationen durch den Hinweis auf angebliche übernatürliche (Heil-)Kräfte
erzeugt wie bei Isolde Heyne,235 Ingeborg Engelhardt236 oder Ulrike Haß. Letztere
thematisiert in ihrem Roman die angebliche Kraft der Alraune und alte
Fruchtbarkeitsriten:
„Endlich kam die Vogelbäurin zurück. Sie trug ein kleines ledernes
Säckchen, um das sie geheimnisvoll die Hände gelegt hatte.
‚Es sind die stärksten Mittel darin, die ich kenne, Ursula’, sagte sie,
‚sie sollen dir helfen. Nur eines fehlt noch dabei, das müsst ihr selber
besorgen. Das ist die Alraunwurzel, wie man sie nur im Zeichen des
Orion, bevor dieser vor dem Skorpion flieht, bei Vollmond finden
kann. Das aber ist in wenigen Tagen, und ihr könnt die Wurzel ohne
großes Aufheben dazutun.’
Dann sprach sie wunderschöne Worte, die klangen in Maries Ohren
wie ein Gebet, jedenfalls faltete sie die Hände.
‚Herrlich sprossend Reis! Da die Zeit kam, da du in deinen Zweigen
blühen solltest, klinge dir Gruß und Gruß entgegen, weil Sonnenglut
wie Balsamgeruch in dir kochte. Denn in dir blühte die Wunderlampe
empor, die allen Gewürzen Duft gab, allen die vertrocknet waren. (...)
Und darum, süße Jungfrau, hört in dir die Freude nimmer auf. Darum
sei Preis dem Allerhöchsten.’“237

Einer weiteren Irritationsvariante bedienen sich Isolde Heyne und Ulrike Haß,
wenn sie ihre Nebenfiguren mit Visionen und Prophezeiungen behaften.
Die Heldin Marie wird in „Der Teufelstanz“ Zeugin einer
zukunftsvoraussagenden Vision ihres Freundes Bartel:
„So versuchte Marie, Bartel zum Widerspruch zu reizen, doch er
rührte sich nicht, und sie sah ihn ratlos an.
Dann sprach Bartel mit einer hohen, zarten Stimme, wie Marie sie
noch nie von ihm gehört hatte: ‚Das Feuer – ich habe es gesehen. Es
rollt über Land wie eine Kugel, ein Feuerball – wird immer größer –

235
Vgl. Heyne 1995, S. 159.
236
Vgl. Engelhardt 1997, S. 154 f.
237
Haß 2002, S. 131 f.
145

(...) Das Feuer frisst keine Häuser, keinen Baum – es steht als Kugel
vor dem Stadttor. Ein Schwein trägt Purpur, und ein Fuchs spielt das
Krummhorn dazu – ich habe es gehört. Eine Frau hetzt durch die
Straßen, sie ist ganz nackt, es ist Ursula in ihrer Not – ich habe es
gesehen. Ich bete zu Gott und Saturn, doch der Himmel ist leer.
Alraune vertrocknet – alles umsonst. (...) Alles umsonst’, fuhr Bartel
mit derselben unwirklichen Stimme fort, ‚der Sensenmann sitzt auf
dem Kutscherbock, daneben sein treuer Knecht: der gelehrte Doktor
mit den toten Augen – Kröte und Fisch hält er leblos im Arm. Und auf
dem Wagen fahren sie die Toten aus der Stadt – mit schrecklichem
Klirren – bald jede Nacht, bald jedes Weib. Hüte dich, feines
Kind!’“238

In dieser Vision werden zentrale Ereignisse der Handlung vorweggenommen, die der
Leser noch nicht kennt.
Ähnlich verhält es sich mit der Figur Angela in Isolde Heynes „Hexenfeuer“, wenn sie
im Beisein der Protagonistin Barbara eine prophetische Ahnung befällt:
„Barbara hatte wieder das Gefühl, das sie schon so oft in Gegenwart der
Nonne bekommen hatte: Sie fühlte sich wie benommen, und ihr schien, daß
Angela ohne Bewußtsein sprach.
‚Du wirst leiden und verzweifeln, Barbara. Viele Menschen werden in ein
Feuer schauen, in ein Licht, das sie vernichtet. Aber am Ende steht ein
Licht, das dich führen wird. Und wir werden uns wiedersehen.’
Barbara erschrak, als Angela plötzlich wieder ganz gegenwärtig war, als sie
sich erhob und sich umdrehte.“239

Ob zukunftsweisende Vision, übernatürliche Kraft oder Teilnahme am sog.


Hexensabbat, bei allen drei Irritationsphänomenen muss sich der in aller Regel
aufgeklärte jugendliche Leser die Frage stellen, ob es diese Dinge wirklich gibt, und
wenn ja, welche Bewandtnis es mit ihnen hat. Es entsteht ein Bedürfnis nach Klärung.
Dabei kommt es entscheidend auf die Rahmenbedingungen des Lektüreprozesses an:
Wird die Lektüre im schulischen Rahmen, im Deutsch- oder Geschichtsunterricht

238
Haß 2002, S. 27 f.
239
Heyne 1995, S. 175.
146

behandelt, können die Verständnisfragen von einer kompetenten Lehrkraft thematisiert,


strukturiert, vertieft, und größtenteils geklärt werden. Findet die Lektüre aber privat und
aus reinem Leserinteresse statt, läuft der Leser Gefahr, durch den Irritationseffekt
überfordert zu werden. Unverständnis und sinkende Lesemotivation wären die Folgen.
Daher ist es interessant zu klären, ob die Autoren in ihren Werken Erklärungsansätze
liefern oder ob sie den Lesenden mit seinen Fragen sich selbst überlassen.

Kehren wir daher zurück zum Irritationseffekt des sog. Hexenflugs und der Teilnahme
am sog. Hexensabbat. Außer dem Hinweis, dass sich im „Teufelstanz“ Ursula vor ihrem
Flug mit einem Balsam einreibt, bis ihr „durch und durch wohlig wurde davon“,240
verzichtet Ulrike Haß auf weitere Erläuterungen, die den Flug Ursulas in einen
Erklärungszusammenhang stellen.
Ähnlich verfährt Harald Parigger in „Die Hexe von Zeil“, in der die Heldin Ursula
mehrmals träumt, auf den sog. Hexensabbat zu gehen. Vor ihrem letzten Traum wird
aber erwähnt, dass sie sich mit einer Salbe einreiben lässt, die ihr Retter Christoph in
den Kerker hat schmuggeln lassen. Doch auf weitere Erklärungen verzichtet Parigger
und es bedarf der Konkretisierung, die teilweise durch den Leser geleistet werden kann.
Sowohl bei Haß als auch bei Parigger geht aus der Handlung hervor, dass es sich bei
den Flügen um Träume handelt. Der sog. Hexenflug als Alptraum wäre daher ein
mögliches Erklärungsmodell, das sich der Leser leicht erschließen kann. Was die
meisten jugendlichen (und erwachsenen) Leser nicht wissen (können), ist die
umstrittene Bedeutung der Salbe bzw. der sog. Schmier. Sie wird in „Der Teufelskreis“
sowohl im Roman selbst als auch auf paratextueller Ebene ansatzweise erklärt:
„Hexensalbe
Die Hexensalbe – in den alten Protokollen >>Die Schmier<< genannt –
diente den Hexen dazu, um sich, wie man annahm, auf den Flug zum
Hexentanzplatz zu begeben.
Versuche in neuerer Zeit haben gezeigt, dass es mithilfe dieser Salbe – zu
der u.a. stark giftige oder narkotisierende Bestandteile wie Tollkirsche,
Bilsenkraut, Stechapfel und Akonit gehörten – wirklich möglich war,
Tierverwandlungen und Flugträume zu erleben.“ 241

240
Haß 2002, S. 94.
241
Bayer 2001, S. 144.
147

Dieses Erklärungsmodell wurde erstmals im Jahre 1882 von einem Gymnasiallehrer


namens Mejer in Umlauf gebracht. Seine These ist im Laufe der Zeit zwar mehrfach
angezweifelt worden, hat aber auch heute viele Befürworter242 und ist für jugendliche
Leser ein nachvollziehbarer Erklärungsansatz.

Was die übernatürlichen Kräfte anlangt, die vor allem bei Engelhardt und Heyne eine
Rolle spielen, ist ein Erklärungsversuch schon schwieriger. In beiden Werken ist die
Fähigkeit zu besonderen Kräften an Figuren gebunden, die in der weißen Magie, also
der Heilkunst bewandert sind: Sowohl Veronika Reutter in „Hexen in der Stadt“ als
auch die Kräutertrude in „Hexenfeuer“ kennen sich bestens im Umgang mit Kräutern
und Krankheiten aus.
Isolde Heyne ist daran gelegen, angeblichen magischen Kräften eine rationale Erklärung
entgegenzusetzen. Die umstrittene Zauberwirkung der Alraunewurzel, dem sog. Hexen-
und Zauberkraut, wird dem Leser erklärt:243
„ ‚Hast du deiner Ziehschwester die Alraune gegeben? Was macht sie
damit?’
‚Ich habe sie ihr gegeben,’ erwiderte Barbara. ‚Aber es fiel mir nicht leicht.
Es war mir, als ob doch Leben in der Wurzel gewesen sei. Bist du sicher,
daß sie nicht mehr wirkt?’
‚Ganz sicher.’ Die Alte nickte. ‚Das kannst du leicht nachprüfen. Hier,
nimm den Holzlöffel, und schließe deine Hand ganz fest darum. Nach einer
Weile wirst du denken, sein Herz schlägt. Aber es ist deins.’ “ 244

Hier wird über die Figur der Kräutertrude eine logische Erklärung geliefert, die dem
Glauben an die magischen Kräfte der menschenähnlichen Alraune eine rationale
Komponente verleiht.
In Heynes „Hexenfeuer“ gibt es eine Szene, bei der die Kräutertrude ihrem Schützling
Barbara im Kerker ihr gesamtes Wissen anvertraut, das sich auf die Heilkunst, auf
Zaubersprüche und auf das Herbeirufen von Tod und Verderben über andere erstreckt.

242
Näheres zu medizinischen Erklärungsansätzen findet sich bei Heinemann 1986, S. 84 f.
243
Die Alraune ist die Wurzel des Nachtschattengewächses Mandragora. Vorwiegend in
Nordeuropa wurde sie neben der Tollkirsche, dem Stechapfel, dem schwarzen Bilsenkraut und
dem blauen Sturmhut zur Verarbeitung von Salben mit berauschender Wirkung benutzt.
244
Heyne 1995, S. 143.
148

Der Leser erhält folgende Erklärung:


„Dann flüsterte sie Barbara Dinge zu, die diese staunen und schaudern
ließen. Aber auch zweifeln. Das besonders. (...) Barbara wußte nicht, ob die
Alte bei klarem Verstande war, wenn sie mit hektisch geröteten Wangen
und fahrigen Bewegungen ihrer knochigen Hände beschrieb, wie sie sich
gute und böse Geister nutzbar machen konnte.
Aberglaube, dachte Barbara. Die Trude will mich ablenken, damit ich nicht
wahnsinnig werde in der Einsamkeit dieses Kerkers, wenn man sie als letzte
vor mir abgeholt hat. Deshalb fragte sie zweifelnd: ‚Und du? Warum rettest
du dich nicht selbst? Warum erduldest du das alles?’
‚Meine Zeit ist abgelaufen.’ Mehr sagte die Trude dazu nicht.“245

Der Leser erhält über die Identifikationsfigur Barbara eine simple Erklärung für alles
angeblich Übernatürliche: nichts als Aberglaube.

Ingeborg Engelhardt dagegen liefert in „Hexen in der Stadt“ über die Figur Sabine in
einem Gespräch zwischen ihr und ihrer Schwester Jakobe ein komplexeres
Erklärungsmodell hinsichtlich der Fähigkeiten der Mutter:
„ ‚Aber das hätte sie doch nicht nötig gehabt!’, rief Jakobe kindlich
verwundert. ‚Sie hätte doch nur die Hand auszustrecken brauchen und einen
Spruch zu sagen und alles wäre nach ihrem Willen gegangen.’
Sabine lachte auf. ‚Ach, du hast auch daran geglaubt? Sie hat ja ihr Leben
lang auf ihre übernatürlichen Kräfte vertraut, sogar gemeint, sie könnte eine
Hexe sein. Wenn sie nur wollte. Auch mir hat sie’s einzureden versucht:
Weil ich die dritte bin, hätt’ ich’s geerbt von ihr und den Urahnen her. Fast
hätt’ ich’s selbst geglaubt. Aber dann hab’ ich’s anders lernen müssen. Was
mir geholfen hat, war einzig der Mut – ja, keine Furcht zu haben, vor nichts
und niemandem – oder sie wenigstens nie zu zeigen. Damit bist du denen
über, die welche haben, und das sind fast alle, ja, auch Soldaten. (...) Sie
[Veronika] hatte viel mehr noch: Güte und Klugheit und großes Wissen, vor
allem Macht über Menschen, mehr als andere, als ich. Aber zaubern konnte

245
Heyne 1995, S. 160.
149

sie nicht und eine Hexe hätte sie niemals sein können. Denn das Böse war
nicht in ihr.“246

Während in „Hexenfeuer“ alles Ungewöhnliche als Aberglauben bewertet wird, entsteht


in „Hexen in der Stadt“ ein kausaler Zusammenhang zwischen Eigenschaften wie Güte,
Intelligenz, Mut und den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Heldin Veronika. Darüber
hinaus bleibt noch genügend Raum zur Spekulation: Die angesprochene „Macht über
Menschen“, die Sabine ihrer Mutter zuspricht, wird im Roman leitmotivisch dargestellt
und von Sabine nicht näher kommentiert. Dadurch lässt Engelhardt Raum für ein
weiteres, im Roman implizit thematisiertes Erklärungsmodell der weisen Frau, das in
Hilde Schmölzers Untersuchung zum „Phänomen Hexe: Wahn und Wirklichkeit im
Laufe der Jahrhunderte“ näher beschrieben wird:
„Die weise Frau, die neuerdings in etlichen Veröffentlichungen eine
vielbeachtete Auferstehung feiert, ist wahrscheinlich die letzte Bewahrerin
alten, magisch-heidnischen Wissens gewesen, bevor Rationalismus und
Wissenschaft diese Restbestände matristischer Lebensformen aus dem
menschlichen Bewußtsein verdrängt, wenn auch nie ganz ausgelöscht
haben. (...) Wahrscheinlich lebte sie in jeder Frau, sie war die Nachbarin,
die bei Geburten Hilfe leistete, die Mutter oder Großmutter, die bei
Krankheiten in der Großfamilie und Sippe half, sie war die Bäuerin,
Leibeigene, die Einsiedlerin irgendwo am Rand des Dorfes, die
Kräuterkundige, Zauberkundige mit dem magischen Wissen. (...) Sie konnte
sich wohl Achtung schaffen damit, manchmal erzeugte sie auch Furcht und
sicherlich gebrauchte sie gelegentlich Flüche, böse Bannsprüche, mit denen
sie sich rächen oder Unrecht vergelten wollte.“247

Das Bewahren von altem, überlieferten Wissen und der Glaube in die eigenen heilenden
Kräfte sind in der Figur Veronika verankert. Das rationalistische Weltbild hingegen
verkörpert ihr Ehemann Sebastian.

Das Phänomen der zukunftsvoraussagenden Vision, das von Isolde Heyne und Ulrike
Haß zur Erzeugung einer wissbegierigen Erwartungshaltung genutzt wird, findet in den

246
Engelhardt 1997, S. 235 f.
247
Schmölzer 1987, S. 84.
150

Werken selbst wie auch in der wissenschaftlichen Diskussion keine plausible Erklärung.
In den Romanen haben diese Visionen die Funktion einer Prolepse. Es bleibt jedoch
dem Leser überlassen, wie er dieses Phänomen deutet.

In allen untersuchten Werken werden bewusst Irritationseffekte eingebaut, die in


unterschiedlicher Form um das Phänomen Hexe kreisen. Erlebnisse vom sog.
Hexensabbat und sog. Hexenflug, außergewöhnliche Kräfte und Visionen stellen den
Leser vor ungeklärte Fragen, die der Schlüssel zu einer Vergangenheit sind, deren
Geheimnisse häufig durch logische Erklärungen erfasst werden können. Die Irritationen
haben den Effekt, dass der Leser teilweise das Vergangene als etwas Andersartiges,
Fremdes begreift, das er auf Anhieb nicht verstehen kann. Dabei geben die Autoren, die
wahrscheinlich von einer Behandlung im Unterricht ausgehen, textimmanente
Erklärungsansätze, die aber noch konkretisiert werden können. In keinem der Romane
ist die Irritationsschwelle allerdings so hoch angesetzt, dass ein globales
Leseverständnis gänzlich in Frage gestellt würde. Stets kommt es zu einer absichernden
Bewertung des Geschehens, was im nächsten Kapitel erläutert werden soll.
151

4.3 Evaluative Lenkung

Deutschsprachige historische Kinder- und Jugendliteratur ist immer auch didaktisch


aufbereitete Literatur, die einen ausgeprägten erzieherischen Anspruch hat. Den meisten
Autoren geht es in erster Linie darum, die Gefährdung und das Verteidigen
überzeitlicher moralischer Grundsätze und Normen in vergangenen Zeiten darzustellen.
Ihre Werke haben immer einen sog. Gegenwartsbezug, der sich in einer Art
übergeordneter Autorintention zeigt. Der Leser soll dahingehend geleitet werden, dass
er gegenwärtige moralische Grundwerte wie Toleranz, Meinungsfreiheit,
Gleichberechtigung oder soziale Gerechtigkeit nicht als etwas Selbstverständliches
ansieht, sondern als Werte begreift, die im Lauf der Geschichte hart erkämpft werden
mussten und die es daher auch in der Gegenwart zu verteidigen gilt.
Manche Autoren weisen ihre Leser darauf bereits in einem Vor- oder Nachwort hin
(vgl. HAUPTTEIL 1.) und machen ihre erzieherische Absicht von vornherein
transparent, andere nehmen sich als Autoren eher zurück und bauen auf die moralische
Aussagekraft der historischen Begebenheiten. Allen gemeinsam ist, dass sie in ihren
Romanen auf unterschiedliche Weise moralische Wertungen vornehmen, die den Leser
mehr oder weniger stark in seinem Urteil beeinflussen.
Es stellt sich daher die Frage, ob der Leser zu einer kritischen, selbstständigen und
weitgehend persönlichen Beurteilung gelangen kann oder ob er durch evaluative
Suggestionen stark beeinflusst und in seinem persönlichen Urteil eingeschränkt wird.
Von Borries, der sich mit der geschichtsdidaktischen Aufbereitung von historischer
Kinder- und Jugendliteratur eingehend beschäftigt hat, hat Hinweise zur Gestaltung von
Lehrererzählungen gegeben, die aber ebenso auf die Gestaltung von historischer
Jugendliteratur übertragen werden können:
„(...) Suggeriere nicht, appelliere nicht an Emotionen, sei nicht tendenziös,
mache die Beurteilung zur Aufgabe, nicht zur Selbstverständlichkeit!
Kontrastiere, stelle Positionen gegenüber, laß Tatsachen, Standpunkte,
Interessensgegensätze, Werturteile begründen und bezweifeln, laß
Entscheidungssituationen offen und Kontroversen austragen!“248

Von Borries bringt hier die Forderungen vieler Geschichtsdidaktiker an historische


Kinder- und Jugendliteratur auf den Punkt (vgl. EINFÜHRENDES 3.2): Der Autor soll

248
Borries von 1988, S. 47.
152

dem Leser genügend Freiraum für einen individuellen Meinungsbildungsprozess lassen


und diesen keinesfalls durch Suggestion von Deutungsmustern beeinflussen.
Die Untersuchung der Primärliteratur hinsichtlich einer möglichen evaluativen Lenkung
orientiert sich daher an drei zentralen Fragen:
1. Wie kommt es zu welchen Wertungen?
2. Werden diese begründet und/oder bezweifelt?
3. Werden Wertungen relativiert, indem verschiedene Positionen gegenübergestellt
werden?
Die Beantwortung dieser Fragen stützt sich auf allgemeine Tendenzen innerhalb der
Primärliteratur, sie beinhaltet daher nicht alle Unterschiede en detail.

Bei Ingeborg Bayer, Ingeborg Engelhardt, Ulrike Haß, Isolde Heyne und Harald
Parigger finden sich – unterschiedlich stark ausgeprägt - moralische Bewertungen zu
folgenden inhaltlichen Schwerpunkten: Aberglaube, Hexenbild – dieser Aspekt wurde
bereits im Kapitel Irritation behandelt und wird deshalb an dieser Stelle nicht mehr
eigens aufgeführt -, Denunziantentum, Hexenverfolger und Schuldfrage.
Alle fünf Schwerpunkte stehen in einem kausalen Verhältnis: Der weitverbreitete
Aberglaube schafft den Nährboden für ein bestimmtes Hexenbild, dessen Verzerrung
allgemeine Furcht und Ablehnung erzeugt. Die kollektive Verängstigung führt zur
Denunziation, die ein erster Anhaltspunkt für die weltlichen und geistlichen
Hexenverfolger sind. Ihre Methoden sorgen dann dafür, dass der Denunziationskreislauf
immer weiter geht, da unter der Folter Geständnisse erpresst werden, die als klare
Schuldbeweise gewertet werden. Die Schuldfrage schließlich bezieht sich auf Täter und
passive Mitläufer gleichermaßen.

Engelhardt, Haß und Heyne gehen auf das Phänomen Aberglaube ausführlich ein. Dabei
wird eine Polarisierung zwischen Aberglaube und Vernunft vorgenommen.
Vor allem bei Heyne und Engelhardt wird aufgezeigt, dass Aberglaube das Produkt von
Unwissenheit, Not und Zukunftsangst sein kann. Bei Engelhardt werden beide
Erklärungsmodelle über die Figuren Sebastian Reutter und Pater Friedrich angeführt:

„Die großen Heerstraßen wimmelten von Kriegsvölkern, so dass wir unsern


Weg abseits durch Dörfer und kleine Städte suchten. Aber was wir dort
antrafen, war kaum weniger schlimm als die Grausamkeiten der Soldateska.
153

Hunger und Pest haben überall gehaust und die Menschen mit Argwohn und
Hass gegeneinander erfüllt. Ist es ein Wunder, wenn sie in zwei Missernten
und so viel andern Heimsuchungen ein Werk des Satans und seiner
Genossen sehen?“249

Im Brief des Pater Friedrich wird die Kausalität von Krieg, Verwüstung, Missernten,
Krankheit und dem Aufkeimen der Suche nach einem Sündenbock dargelegt. Der
Sündenbock wird in den Hexen gesehen, die angeblich das Land mit ihrem
Schadenszauber überziehen, was in einem späteren Brief des Paters zum Ausdruck
kommt:
„Ja, das ist es: Ihr wisst nicht genug, nicht aus eigener Anschauung, wie es
in einer Stadt zugeht, die ganz und gar dem Hexenglauben verfallen ist. Ich
wähle mit Bedacht das Wort >>verfallen<<, ich könnte auch sagen: befallen
oder verseucht. Denn nicht anders kommt es mir vor: Eine Krankheit des
Geistes und Gemüts hat diese Menschen hier ergriffen, dass sie in allem,
was sie nicht verstehen – und das ist vieles! -, ein Werk des Teufels sehen
und in jedem Menschen, der ihnen missfällt, einen Teufelsgenossen.“250

Die gefährlichen Konsequenzen, die der Aberglaube mit sich bringen kann, wird in
allen behandelten Romanen direkt oder indirekt thematisiert.

Neben berichtenden Passagen wird vor allem der Dialog genutzt, wenn es darum geht,
zu einem Themenschwerpunkt verschiedene Standpunkte zu präsentieren.
Im Streitgespräch werden unterschiedliche Wertungen über die Figuren aufgeführt, die
sie zunächst begründen und gegenseitig hinterfragen. Dies ist in folgendem Auszug aus
„Hexen in der Stadt“ der Fall, wenn der aufgeklärte Arzt Sebastian Reutter mit dem
Hexenrichter Dr. Johannes Dürr ein Streitgespräch führt:

„ ‚Ihr habt es nicht gewusst’, fuhr Sebastian milder fort, von Mitleid erfüllt.
(...)
‚Der Aberglaube, in dessen Diensten Ihr steht, hat Euch im eigenen Haus
besiegt.’

249
Engelhardt 1997, S. 29.
250
Engelhardt 1997, S. 118.
154

‚Was wollt Ihr damit sagen?’


‚Nichts weiter, als dass Ihr immer zu viel an Hexen geglaubt habt, an den
Schaden wie an den Nutzen, den sie bringen können. Das hat sich nun
gerächt, an Eurem Weib und Euren Kindern.’
‚Also sind’s doch die Hexen gewesen, ich wusste es ja!’
‚Unsinn!’, vergaß sich Sebastian. ‚Begreift doch! Euer Weib ist nicht durch
Zauberei krank geworden, sondern weil die Leute, die Ihr zu Rate gezogen
habt, nichts von der Heilkunde verstanden, weil sie Kurpfuscher und
Betrüger waren, nicht Hexen.’
‚Was versteht Ihr davon!’ Der Richter war auf vertautem Gebiet und schlug
einen andern Ton an. ‚Wollt Ihr etwa behaupten, die Hexen vermögen so
etwas nicht? Es ist sogar bewiesen, dass sie hier die Schuld haben, sie allein
– vielmehr eine.’ Er flüsterte, nahe am Ohr des Arztes: ‚Mit eigenen Ohren
hab’ ich sie besagen gehört, im peinlichen Verhör: meine Mutter.’“251

Letztlich gewinnt die Überzeugung, dass der Aberglaube keine berechtigte Form des
empirischen Wissens ist, verständlicherweise immer die Oberhand. Zu diesem Zwecke
werden angebliche Zaubereien rational erklärt:
„Es war ein in Lumpen gehüllter Bettler, der wild tanzte und sich verrenkte,
bis er Schaum vor den Mund bekam und zu Boden fiel, wo er sich in
Krämpfen wand.
‚Es ist der Veitstanz!’ sagte jemand, und das Wort machte die Runde unter
den Zuschauern.
‚Es ist einer aus dem Rheinischen!’ wußte ein anderer. ‚Dort tanzen sie zu
Hunderten und sind wie besessen. Das ist Teufelswerk!’
‚Der hat den Teufel im Leib!’ war dann zu hören, und alle wichen
erschrocken zurück.“252

Diese Szene aus Isolde Heynes „Hexenfeuer“ wird von der Heldin Barbara beobachtet,
die sich anschließend Gedanken über den Vorfall macht. Im Bewusstseinsbericht wird
der Leser über die wahren Hintergründe dieser Begebenheit aufgeklärt:

251
Engelhardt 1998, S. 72 f.
252
Heyne 1995, S. 92 f.
155

„Ihr ging der Mann nicht aus dem Kopf, der sich mit Schaum vor dem
Mund in Krämpfen gewunden hatte. Er hätte ihrer Hilfe bedurft. Sie hatte
solche Anfälle schon mehrmals miterlebt, weil eine der Nonnen im Kloster
an der gleichen Krankheit litt. Man mußte ihr ein Stöckchen zwischen die
Zähne schieben, damit sie sich nicht die Zunge verletzte. Und wenn der
Anfall vorüber war, verabreichte man ihr etwas, was sie beruhigte.“253

Hier entpuppt sich der angebliche Veitstanz dem Leser als epileptischer Anfall. Ihm
wird es aus der zeitlichen Distanz heraus leichter fallen, vordergründig Übernatürliches
zu enträtseln.

Das Denunziantentum wird ebenfalls negativ bewertet. Der schleichende Prozess, der
von stiller Antipathie zum Rachegedanken und schließlich zur Denunziation führt, wird
in „Hexen in der Stadt“ in einem Erzählerkommentar beschrieben, nachdem der
bischöfliche Erlass zur Hexenausrottung bekannt gemacht worden ist:
„Das hörte man überall und von jedem. Nur wenige – wenn auch nicht so
wenige, dass es unbemerkt geblieben wäre -, schielten beim Reden scheu
nach rechts und links, ob irgendjemand sie scharf anblickte. Alle aber, ob
Bürgersfrau oder Hökerin, Ratsherr oder Handwerker, hatten irgendjemand
im Sinn, einen Nachbarn, eine gute Freundin, von denen sie hofften, dass
ihre Bosheit bei dieser Gelegenheit die rechte Strafe finden werde. Aber wer
mochte dergleichen Gedanken auf offener Straße merken lassen! So blieb es
bei der scheinbaren Eintracht im Abscheu gegen das Hexengelichter.“254

Diese Textstelle markiert den Beginn einer kollektiven Verängstigung innerhalb der
Stadt.

Harald Parigger führt die Figur Kaspar Vischer in seine Handlung ein. An ihr
manifestiert sich die Kausalität von persönlichen Interessen verbunden mit bösartiger
Verleumdung: Vischer will Ursula zur Frau. Er denunziert deswegen den ihm
unbequemen Vater und schließlich Ursula selbst, nachdem sie ihm eine Abfuhr erteilt
hat. Aufgrund des abstoßenden Verhaltens Vischers und seiner Beurteilung durch die

253
Heyne 1995, S. 94.
254
Engelhardt 1997, S. 34.
156

Identifikationsfigur Ursula wird auch der Leser das Verhalten Vischers als moralisch
verwerflich bewerten.255

In „Teufelstanz“ kommt kein Zweifel darüber auf, welche Worte einem Denunzianten
gebühren, wenn die Heldin Marie, die von ihrem einstigen Gefährten Caspar und von
seinen Freunden in aller Öffentlichkeit als Hexe denunziert wird, die Worte „Lügner!
Dreckskerle! Wichser! Tränensäcke! Verräter!“ und „Pisser“256 gebraucht. Da die in
dieser Szene aufgebrachte Marie als Identifikationsfigur für den Leser fungiert, wird
auch er emotional tangiert und übernimmt diese Haltung.

In „Der Teufelskreis“ werden dagegen zwei Standpunkte in folgendem Gespräch


zwischen Lupus und Georg präsentiert:
„ ‚Dein Vater jagt Hexen, weil er es muss und weil es sein Beruf ist’; hörte
er Georg jetzt sagen, ‚und du offenbar, weil es dir Spaß macht.’
‚Es macht mir keinen Spaß, ich sehe es nur als meine Pflicht an, das Volk
vom Teufel zu befreien. Und wir alle’, der Lupus machte eine weit
ausholende Gebärde, ‚sind dazu aufgerufen, mitzuhelfen, dass der Satan uns
nicht verschlingt. Nur die Flamme kann alles Böse verbrennen. (...) Mein
Vater dagegen verfolgt auch den geringsten Fingerzeig, den man ihm gibt.
Er stöbert alle auf, und wenn sie sich noch so fromm gebärden.’ (...)
‚Und außerdem bekommt er pro Kopf einer verurteilten Hexe zehn Gulden’,
wagte ein anderer jetzt einzuwerfen.
‚Na und? Wird nicht jeder Bäckermeister, jeder Druckereibesitzer und jeder
Bauer für seine Arbeit bezahlt? Warum sollte ausgerechnet ein Hexentreiber
keinen Lohn für seine Arbeit bekommen? Der Nachrichter bekommt ja auch
sein Geld.’
‚Es kommt immer noch darauf an, welche Arbeit man leistet’, sagte Georg
ruhig. ‚Andere Menschen anzuzeigen, halte ich nicht für eine ehrliche
Arbeit.’ (...)
‚Jeder von euch, die ihr hier so tapfer steht, würde aussagen, wenn es gälte,
sich selber zu retten.’“257

255
Vgl. Parigger 1996, S. 58-66.
256
Haß 2002, S. 151.
257
Bayer 2001, S. 71 f.
157

Von einer direkten Verurteilung des Denunzianten wird abgesehen. Es bleibt dem Leser
überlassen, sein eigenes Urteil zu finden. Allerdings wird auch hier dessen
Meinungsbildung stark von der Tatsache beeinflusst, dass es sich bei der Figur Lupus
um den Widersacher der Identifikationsfigur Hieronymus handelt, zu deren Gunsten der
Leser entscheiden wird.

Das Thema Hexenverfolgung umfasst folgende Bewertungsschwerpunkte: die


Beurteilung der nach heutigen Maßstäben nicht existierenden Rechtsgrundlage des
Prozessverfahrens sowie die Methoden der weltlichen und geistlichen Justiz.
In allen Werken manifestiert sich die Überzeugung, dass die Hexenprozesse nichts mit
der heutigen Vorstellung von Recht und Gesetz gemein haben, sondern dass es sich
dabei um einen wohldurchdachten Akt verbrecherischer Willkür handelt, zu dessen
Durchführung es keinerlei triftiger Beweise bedarf.
Das Kapitel „Die offene Frage“ in Ingeborg Engelhardts „Hexen in der Stadt“ endet mit
einer endgültigen Bewertung der Hexenverfolgungen durch den neuen Bischof:
„ ‚Und die Hexen?’
‚Ich – möchte mich nicht vermessen zu behaupten, es gäbe sie oder gäbe sie
nicht. Eins aber weiß ich: Unter den Neunhundert, die in diesem Lande
verbrannt worden sind, ist nicht eine gewesen. Ich habe die Prozessakten
gründlich studiert und keinen einzigen wirklichen Schuldbeweis
gefunden.’“258

Die Frage, ob es Hexen gibt oder nicht, bleibt offen. Das Urteil über die maßlose
Ungerechtigkeit der Justiz wird außer durch Pater Friedrich, Veronika und Sebastian
Reutter nun auch durch den neuen Bischof eindeutig gefällt.

In Isolde Heynes „Hexenfeuer“ kommt kein Zweifel darüber auf, dass es sich bei den
weltlichen und geistlichen Gerichten um „Handlanger des Aberglaubens“ und um die
wahren Teufel handelt.259 Diese Überzeugung wird dem Leser nicht über den Erzähler,
sondern in einem Bewusstseinsbericht des Johann von Rinteln näher gebracht.

258
Engelhardt 1997, S. 253.
259
Vgl. Heyne 1995, S. 65.
158

Eindeutig ist auch das Urteil, das die Figur Anna in direkter Rede über die Justiz in „Die
Hexe von Zeil“ fällt:
„Wer fragt noch nach Recht und Unrecht und Gottes Gebot? Es gibt nur ein
Ziel: alle Hexen und Zauberer zu vernichten. Sie glauben, damit können sie
Hunger und Armut, Krankheit und Leid unter den Menschen mindern und
Zweifel an Gott, an der Kirche und der Obrigkeit. Für dieses Ziel ist ihnen
jedes Mittel recht, auch wenn es noch so grausam ist und die Liebe Gottes
beleidigt und mißachtet. Die Hexen sind nicht mehr die wichtigsten
Werkzeuge des Teufels. O nein, der Bischof und seine Richter sind es. Sie
leben in dem Wahn, die Herrschaft Gottes zu festigen, aber sie haben längst
die Herrschaft des Bösen errichtet.“260

In dieser Rede ist die dem gesamten Roman zugrunde liegende Moral nicht zu
überhören.
In „Teufelstanz“ und „Der Teufelskreis“ kommt es zu derselben Bewertung, allerdings
bleibt dem Leser ein größerer Entscheidungsspielraum, da er sich zwischen
unterschiedlichen Standpunkten entscheiden kann.261

Auch die Bewertung der Methoden der Justiz fällt in allen Werken eindeutig aus. So
wird die Folter als Mittel bezeichnet, das die Hexen erst hervorbringt, da durch sie
falsche Geständnisse erpresst werden.262
Die Güterkonfiskation der Angeklagten wird als ungesetzliches Mittel zur Enteignung
und Selbstbereicherung der Justiz bewertet.263

Bleibt die Frage nach der Verantwortung der stummen Mehrheit für das Geschehene zu
klären. Inwiefern wird die Schuld nicht nur den federführenden Tätern zugewiesen,
sondern auch jenen, die keinen Widerstand geleistet und sich eher passiv verhalten
haben?
In „Der Teufelskreis“ von Ingeborg Bayer wird auf ein allzu hartes Urteil über die
Mitläufer verzichtet. Hieronymus wird angesichts der Rettung der eigenen Haut

260
Parigger 1996, S. 160 f.
261
Vgl. Haß 2002, S. 89 f. und Bayer 2001, S. 43 f.
262
Vgl. Bayer 2001, S. 123–127; Parigger 1996, S. 228 f.; Engelhardt 1997, S. 56 f.
263
Vgl. Engelhardt 1997, S. 22; Bayer 2001, S. 36; Parigger 1996, S. 20.
159

schwach und ist dazu bereit, eine Falschaussage abzugeben, um seine Ruhe vor Lupus
zu haben. Nur aus reinem Zufall entgeht er dieser schwerwiegenden Anzeige.
Hieronymus wird dabei nicht frei von jeglicher Schuld gesprochen. Die Anklage wird
durch seinen Onkel erhoben, wenn dieser die Frage stellt:
„Meinst du, dass ein Unrecht etwa dadurch kleiner wird, wenn man es nur
aus Versehen nicht tut?“264

Es obliegt dem Leser, über diese Frage zu urteilen.

In folgendem Dialog aus „Die Hexe von Zeil“ kommt es ebenfalls zu einer maßvollen
Beurteilung:
„ ‚Ihr seid kein Feigling’, erwiderte Ursula. ‚Ihr habt getan, was Ihr konntet,
und wenn das wenig ist, so ist das nicht Eure Schuld. Ihr seid ein wirklicher
Freund, ganz im Gegenteil zu all den andern, die mich jetzt nicht einmal
mehr grüßen mögen. Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie sie meinem Vater
ihre Dienste angetragen haben? Wie sie sich verrenkt haben, um die Gunst
des Bürgermeisters zu erringen? Jetzt tun sie so, als ob sie seinen Namen
noch nie gehört hätten!’
‚Ihr dürft sie nicht zu hart beurteilen’, seufzte Wallner. ‚In dieser Stadt
regiert die Angst, und wie anders könnten sie sie ertragen als in dumpfer
Ergebung und indem sie sich gegen jeden verschließen, der erleidet, was
auch sie schon morgen erleiden können. Nichts wissen, nichts hören, nichts
sehen und vor allem: nichts sagen, das, glauben sie, könnte sie retten.’“265

Der Leser erhält hier kein fertiges Urteil. Der Anklage Ursulas folgt die Erklärung für
das Verhalten vieler stummer Mitläufer durch die Figur Wallner. Seine Rede nimmt
dem Impuls des Lesers, allzu schnell und hart zu urteilen, die Schärfe und ermöglicht
sogar gewisse Empathiechancen für diejenigen, die sich zweifelsohne mitschuldig
gemacht haben. Statt einer pauschalen Verurteilung der Mitläufer wird dem Leser die
Möglichkeit eröffnet darüber nachzudenken, wie er sich in einer ähnlichen, wenn auch
gegenwärtigen Situation, verhalten würde.

264
Bayer 2001, S. 118.
265
Parigger 1996, S. 83.
160

Bei Ingeborg Engelhardt wird ein eindeutiges Urteil auf die Frage nach der Mitschuld
der passiven Mitläufer gefällt. In der Rede des alten Chorherrn, der angesichts der
Verurteilung unschuldiger Kinder entsetzt ist, kommt es zu folgender Bewertung:
„Der Vikar legte den Kopf in die Hände. Immer noch hatte er einen Rest
von Zuversicht gehegt, es könnte doch vielleicht nach Recht und Gesetz
zugehen und er freigesprochen werden. Dieser Rest verging vor der harten
Einsicht: Auch andere sind schuldlos gestorben.
‚Schuldlos an diesem Verbrechen’, hörte er die uralte, tonlose Stimme, ‚aber
nicht ohne Schuld an dem, was nun auch über uns kommt. Das haben wir
uns selbst zugezogen durch unsere Feigheit, unsere Zufriedenheit, solange
wir sicher waren. Dafür büßen wir jetzt und darum, seht Ihr, will ich
diesmal standhalten.’“266

Der Bezug zur Schuldfrage der passiven Mittäterschaft im Dritten Reich ist
unübersehbar und wird durch die Gedanken des neuen Bischofs noch vertieft:
„Der Bischof blickte finster auf die Tür, die sich hinter dem Stadtschreiber
geschlossen hatte. Was fragte er noch, wie diese Welle des Wahnsinns hatte
über das Land hereinbrechen können! Dieser Schreiber da mit seinem
Verhalten gab die ganze Antwort darauf: mitgemacht, als es befohlen
wurde, allzu leichtgläubig, blind gehorsam, ohne auch nur einen Versuch
der Besinnung – und als es vorbei war, beflissenes Vergessen und
Verleugnen.“267

Der gesellschaftliche Aufbruch der späten sechziger Jahre kommt hier zum Ausdruck.
Die Täter, ihre Handlanger und die passiven Beobachter tragen bei Ingeborg Engelhardt
gleichermaßen eine schwere Schuld.

In allen der Untersuchung zugrunde liegenden Werke wird wertend Einfluss auf die
Urteilsbildung des Lesers genommen, indem Bewertungen zu verschiedenen Themen
auf unterschiedliche Weise vorgenommen werden.

266
Engelhardt 1997, S. 194.
267
Engelhardt 1997, S. 248.
161

Evaluative Aussagen erfolgen zu folgenden Themenschwerpunkten: Bei Ingeborg


Bayer in „Der Teufelskreis“ wird vor allem die Frage thematisiert, inwiefern Täter und
Mitläufer gleichermaßen die Schuld an den Prozessen tragen. In „Die Hexe von Zeil“
von Harald Parigger erfolgt eine Schwerpunktsetzung auf die Grausamkeiten der Justiz
und ihrer Handlanger. Die Folgen von blindem Aberglauben werden primär in Isolde
Heynes Roman aufgezeigt. Bei Ulrike Haß in „Teufelstanz“ wird der feministische
Aspekt der Hexenverfolgungen, bei denen hauptsächlich Frauen in den
Denunziationskreislauf gerieten, mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Die
Bewertung des Hexenbildes und die Schuldfrage wird in Ingeborg Engelhardts „Hexen
in der Stadt“ eingehend behandelt.
Bei allen Romanen ist festzustellen, dass Urteile meistens nicht über den Erzähler,
sondern über Identifikationsfiguren mittels direkter Rede oder Bewusstseinsbericht
gefällt, begründet und meistens hinterfragt werden.
Darüber hinaus lassen die Autoren zu einem Thema mehr oder weniger häufig
verschiedene Ansichten anklingen, die es dem Leser scheinbar ermöglichen, sein
eigenes Urteil zu fällen. Bei Ingeborg Engelhardt, Ulrike Haß, Harald Parigger und
Ingeborg Bayer werden unterschiedliche Standpunkte in Dialogen präsentiert, wodurch
der Leser einen gewissen Raum zur Meinungsbildung erhält.
Diese Methode findet sich auch bei Isolde Heyne. Bei ihr kommt es allerdings zu einer
extremen Schwarz-Weiß-Bewertung: Zwischen absoluter Schuld und Unschuld findet
sich kaum eine erklärende oder mäßigende Nuancierung menschlicher
Verhaltensweisen. Heynes Figuren verkörpern entweder das Heldenhafte oder das
moralisch Verwerfliche.
Die eigentliche evaluative Lenkung des Lesers vollzieht sich aber überwiegend über die
Urteile, die die Identifikationsfiguren Hieronymus, Barbara, Ursula, Marie, Veronika
und Sabine fällen.
Bei allen Autoren ist ein starkes Bemühen zu erkennen, ihre Literatur in den Dienst der
Moralerziehung zu stellen.
162

III. ZUSAMMENFASSUNG

Die Zusammenfassung dieser Arbeit beginnt mit einer Einleitung, die zentrale
Überlegungen resümiert, auf denen der Analyseteil aufbaut. Anschließend werden die
Ergebnisse der einzelnen Untersuchungskategorien vorgestellt und darüber hinaus durch
die Ableitung von Thesen erweitert.

1. Einführendes

Zahlreiche Veröffentlichungen belegen, dass das Phänomen der Hexenverfolgungen der


frühen Neuzeit innerhalb des Jugendliteraturmarktes Autoren inspiriert und veranlasst
hat, dieses geschichtliche Thema für junge Leser literarisch zu bearbeiten.
Der dieser Arbeit zugrunde liegende Terminus historische Jugendliteratur umfasst
diejenige Literatur, die für Jugendliche im Alter von ca. vierzehn bis sechzehn Jahren
verfasst worden ist und deren Erzählhandlung in einer nahen oder fernen Vergangenheit
spielt, die Hauptbestandteil der Handlung sein sollte. Bei der Untersuchung wurde
ausschließlich fiktionale historische Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts berücksichtigt
(vgl. EINFÜHRENDES 1.2).
Der interdisziplinäre Charakter dieses Forschungsgegenstandes bedingt ein „weites
Feld“ an Untersuchungsmöglichkeiten, die eine Schwerpunktsetzung erfordern: In
dieser Arbeit wurden die Erzählstrategien deutschsprachiger historischer Jugendliteratur
zum Thema Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit untersucht.268
Die Textanalyse orientierte sich an einem besonderen, vom Geschichtsdidaktiker Bodo
von Borries in die Forschung eingeführten Erzählbegriff, der „Erzählen als fiktionale
Gestaltung historischer Prozesse“269 definiert. Diese Definition umschließt die
Ambiguität von faktualem (Erzählen von historischen Begebenheiten) und fiktionalem
Erzählen (fiktionale Ausgestaltung des historisch bedeutungsvollen Raum-Zeit-Gefüges
durch Handlung, Figuren etc.; vgl. EINFÜHRENDES 3.1). Sie hat zwischen

268
Das Textkorpus umfasst folgende Werke: „Der Teufelskreis“ von Ingeborg Bayer, „Hexen in
der Stadt“ von Ingeborg Engelhardt, „Teufelstanz“ von Ulrike Haß, „Hexenfeuer“ von Isolde
Heyne und „Die Hexe von Zeil“ von Harald Parigger.
269
Borries von 1988, S. 27.
163

Geschichtsdidaktikern und Historikern zu einer Debatte geführt, die sich hauptsächlich


mit dem Problem der Trennung zwischen real-inauthentischer und real-authentischer
Kommunikationssituation bzw. zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen
beschäftigt (vgl. EINFÜHRENDES 3.2).
Der spezielle Erzählbegriff und die Forderungen von Historikern und
Geschichtsdidaktikern an die historische Jugendliteratur wurden bei der
Kategoriebildung zur Textanalyse berücksichtigt, die folgende Kategorien umfasst: die
Kategorie der Paratextualiät, die Kategorie des Inhaltes, die Kategorie der
Erzählstruktur und die Kategorie der Beeinflussung des Lesers (vgl. EINFÜHRENDES
3.3).
164

2. Ergebnisse und Thesen der Textanalyse

2.1 Kategorie der Paratextualität

Die Kategorie der Paratextualität beschäftigt sich mit dem Problem der Trennung
zwischen Fiktion und Historie. Kontextmarkierungen wie Vor- und Nachworte,
Glossare, Mottos, Widmungen oder Zeittafeln obliegt es, eine klare Trennung zwischen
fiktionalem und faktualem Erzählen für den jugendlichen Leser zu ziehen (vgl.
HAUPTTEIL 1.). Die Autoren richten sich innerhalb der untersuchten Literatur auf
paratextueller Ebene unmittelbar an ihre Leser.

Motto und Widmung

Ingeborg Engelhardt stellt ihrem Werk ein Motto in Form eines Zitates aus der „Cautio
Criminalis“ des Jesuitenpaters Friedrich von Spee voran, der als eine der Hauptfiguren
in ihrem Roman „Hexen in der Stadt“ in Erscheinung tritt. Dadurch kommt es zu einer
ersten Annäherung an den Inhalt des Romans, der sich mit der Kausalität von
wirtschaftlicher Not, Angst, Denunziation und Hexenverfolgung auseinander setzt.
Obgleich sich Ingeborg Engelhardt als Autorin in ihrem Motto nicht zu erkennen gibt,
kommt es durch die Textauswahl zu einer ersten evaluativen Aussage hinsichtlich des
historischen Gegenstandes.

Isolde Heyne und Harald Parigger versehen ihr Werk mit einer Widmung, die sich an
die Opfer der Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit richtet.
Parigger stellt die Widmung seinem Roman voran, während Heyne sie ihrem Nachwort
folgen lässt.
Beide Autoren verbinden den historischen Gehalt ihrer Widmungen mit der indirekten
politischen Forderung nach Rehabilitation der Opfer. Somit erzeugen sie implizit eine
wertende Anklage gegen kirchliche und weltliche Gerichte.
165

Vor- und Nachwort

Die ausgewählten Autoren bedienen sich alle eines Vor- bzw. Nachwortes, um
gleichsam den historischen und moralischen Gehalt ihrer Werke zu betonen.
Für ein Vorwort spricht, dass der Leser vor der eigentlichen Romanlektüre hilfreiche
Hinweise über die im Roman bedeutungsvolle fremde Vergangenheit erhält.
Bei einem Nachwort wird diese paratextuelle Orientierungshilfe dem Leser
nachgereicht, wodurch dessen Lektüreprozess zunächst nicht durch das didaktische
Postulat des Autors beeinflusst wird.
Des Weiteren sollte nach Forderungen von Historikern und Geschichtsdidaktikern ein
Vor- bzw. Nachwort den Leser über den historisch-realen und den fiktionalen Gehalt
des Romans in Kenntnis setzen.

Ein Vorwort findet sich bei Ingeborg Engelhardt in „Hexen in der Stadt“ und bei Harald
Parigger in „Die Hexe von Zeil“.
Ulrike Haß, Ingeborg Bayer und Isolde Heyne haben sich für ein Nachwort entschieden.
Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Fiktion und Historie ist festzustellen, dass
Isolde Heyne, Ingeborg Bayer, Harald Parigger und Ingeborg Engelhardt keine exakte
Trennung vornehmen. Allerdings ist der Roman „Hexen in der Stadt“ so strukturiert,
dass sich der Leser während der Lektüre die Trennung selbst erschließen kann.
Allein Ulrike Haß, die auf paratextueller Ebene alle Schicksale derjenigen historischen
Figuren auflistet, die in ihrem Roman auftreten, erfüllt die Forderung nach Transparenz.

Die untersuchten Vor- und Nachworte haben zwei Hauptfunktionen mit


unterschiedlicher Priorität: Vordergründig soll der Leser durchaus in die Komplexität
des historischen Romangehaltes eingeführt werden. Hauptsächlich werden paratextuelle
Markierungen aber dazu gebraucht, um die persönliche Haltung des Autors zum
historischen Gegenstand in den Blickwinkel des Lesers zu rücken.
Die umstrittene Frage nach einer möglichen Autorintention stellt sich daher bei der
untersuchten historischen Jugendliteratur nicht, denn die ausgewählten Autoren lassen
aufgrund ihres moralischen Bekenntnisses auf paratextueller Ebene keinen Zweifel
darüber, dass sie ihre Literatur in den Dienst der moralischen Belehrung stellen.
Sie versuchen anhand des historischen Gehaltes ihrer Werke, dem Leser einen sog.
Aktualitätsbezug aufzuzeigen, wodurch geschichtliche Prozesse nach modernen
166

Wertmaßstäben beurteilt werden. Daher wird beim Leser die Vorstellung begünstigt,
dass Geschichte etwas sei, dass sich ständig wiederholt.
Aufgrund der erzieherischen Direktive der Autoren bleibt es auf paratextueller Ebene
dem Leser verwehrt, sich ein eigenes Urteil über den historischen Gegenstand bilden zu
können.

Glossare und Zeittafeln

Autoren erweitern die Sprache ihrer historischen Jugendromane häufig durch


Dialektismen, Archaismen oder Fachlexik, wodurch sich auch auf sprachlicher Ebene
der geschichtliche Romangehalt manifestiert. Um den Lektüreprozess nicht zu
gefährden, greifen sie auf Glossare zurück, die eine rein erläuternde Funktion haben.

Eigens aufgeführte, an den Roman angefügte Glossare finden sich bei Ingeborg Bayer
und Harald Parigger.
Isolde Heyne beschränkt sich auf zwei Fußnoten, um die Begriffe „Malleus
maleficarum“ (Hexenhammer) und „Autodafé“ (portugiesisch: Ketzerverbrennung) zu
übersetzen.

Eine Zeittafel, die einen raschen chronologischen Überblick ermöglicht, findet sich bei
Isolde Heyne.
167

2.2 Kategorie des Inhaltes

In dieser Kategorie wurde die Inhaltsseite der ausgewählten Literatur hinsichtlich der
Handlung, der Figurenzeichnung und der erzählten Welt untersucht.

Kategorie des Handlungsschemas

Alle der Untersuchung zugrunde liegenden narrativen Texte weisen ein gemeinsames
Handlungsschema auf, das auf folgenden vier Hauptfunktionen basiert: die Funktion der
biographischen Determination, die Funktion des beginnenden Verdachtes, die Funktion
des „tragischen“ Konfliktes und die Funktion des „guten“ Ausganges.
Unter einer Funktion verstehen wir eine deckungsgleiche, kausalmotivierte
Handlungseinheit, die für den weiteren Handlungsverlauf der Haupthandlung
entscheidend ist (vgl. HAUPTTEIL 2.).

Die Funktion der biographischen Determination gründet auf der Tatsache, dass allen
Protagonisten eine ungewöhnliche familiäre Vorgeschichte anhaftet, die sie in das
Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit einer argwöhnischen Umgebung rückt.
Barbara („Hexenfeuer“) und Marie („Teufelstanz“) werden von ihrer sozialen
Umgebung mit Misstrauen bedacht, weil sie aufgrund moralischer „Fehltritte“ ihrer
Eltern bei fremden Familien aufwachsen müssen. Hieronymus („Der Teufelskreis“),
Veronika („Hexen in der Stadt“) und Ursula Lambrecht („Die Hexe von Zeil“) stammen
aus Familien, die direkt mit dem Verdacht der Hexerei konfrontiert worden sind.
Als Folge der biographischen Determination aller Protagonisten kommt es zur Funktion
des beginnenden Verdachtes, bei der die Helden ungewollt in den Sog gefährlicher
Verdächtigungen und Verleumdungen geraten.
168

Aus Argwohn entstehen Verdächtigungen, die dazu führen, dass Marie, Hieronymus,
Barbara, Ursula und Veronikas Tochter Sabine denunziert werden. Es kommt zur
Funktion des „tragischen“ Konfliktes. 270
Der „tragische“ Konflikt in seinem lebensbedrohlichen Ausmaß droht alle Protagonisten
zu überfordern, da er ihnen ein hohes Maß an Entscheidungskompetenz und
Verantwortungsvermögen abverlangt.
Barbara und Ursula befinden sich im Kerker und stehen kurz vor ihrer Hinrichtung,
Veronikas Familie, Marie und Hieronymus droht die „Einziehung“ in das Malefizhaus
durch die Büttel der Stadt. Letztlich führt die Funktion des „tragischen“ Konfliktes in
allen fünf historischen Jugendromanen zu einem Wendepunkt, der die letzte Funktion
einleitet.
Die Funktion des „guten“ Ausganges lässt die Handlung aller Romane ein mehr oder
weniger gutes Ende nehmen.
Ursula und Barbara werden aus dem Kerker befreit, Hieronymus stellt sich seinem
Rivalen Lupus, Marie flieht aus Nördlingen und Veronika opfert ihr Leben, wodurch
die Prozesse eingestellt werden müssen.
Allen Helden ist gemein, dass sie sich ihrem Schicksal nicht ergeben, sondern auf
unterschiedliche Weise für ihre Überzeugung kämpfen.

Der Aufbau des Handlungsschemas der ausgewählten Literatur gleicht dem des
klassischen Dramas: Einem expositorischen Teil (mit der Einführung der Personen, der
Konflikte und ihrer Voraussetzungen) schließt sich ein steigender Handlungsabschnitt
an (mit Verwicklungen und sich anbahnenden Konflikten). Dieser führt zu einem ersten
Höhepunkt (Verhaftung) und gipfelt schließlich in ein retardierendes Moment
(glückliches Ende durch Flucht oder Rettung?), dem die Auflösung (gutes Ende) folgt.
Allerdings endet die Auflösung nicht wie bei einem typischen Drama im Tod, sondern
in der Rettung.
Die Funktion des „guten“ Ausganges ist Ausdruck eines spezifischen Geschichtsbildes
der Autoren: Sie präsentieren Geschichte nicht als eine absolute, unveränderliche, rein
von Mächtigen geprägte Größe, sondern weisen auf „das Spiel unterschiedlicher

270
Der Terminus tragischer Konflikt wird in diesem Zusammenhang als Konflikt definiert,
dessen Bewältigung für alle handelnden Figuren als kaum möglich erscheint, da jeder Ausweg
auch mit hohen persönlichen Verlusten für die Protagonisten verbunden ist.
169

historischer Kräfte“ hin, bei dem der Einzelne als handlungsfähiges Korrektiv aktiven
Anteil nehmen kann.

Figurenzeichnung des mittleren Helden

Die Helden der ausgewählten historischen Jugendliteratur sind mit Ausnahme von
Veronika Reutter keine heroenhaften, sondern mittlere Helden mit Stärken und
Schwächen. Die Untersuchung ergab, dass die Protagonisten mit bestimmten analogen
Schlüsselreizen versehen sind, die das Ziel der Identifikation beim Leser forcieren.

Alle jugendlichen mittleren Helden stammen aus dem Volk. Veronika Reutter
entstammt zwar einer adligen Familie, seit ihrer Heirat mit dem Arzt Sebastian Reutter
lebt sie aber als Bürgerliche in der Stadt.
Die Protagonisten, mit Ausnahme von Veronika Reutter, einer Frau von
„unbestimmtem Alter“271, befinden sich im jugendlichen Alter zwischen dreizehn und
neunzehn Jahren, was ungefähr dem adressatenspezifischen Lesealter der ausgewählten
historischen Jugendliteratur entspricht.
Als mittlere Helden weisen Ursula, Hieronymus und Marie „durchschnittliche“
Charaktereigenschaften mit Tugenden und Schwächen auf, wodurch sie umso
menschlicher erscheinen.
Die moralische Festigkeit der Protagonisten zeigt sich in ihrer Zivilcourage, die auf
Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Loyalität und Aufrichtigkeit gründet.
Aufgrund ihres überwiegend selbstbewussten Auftretens und ihres hohen Maßes an
Konfliktfähigkeit wirken die jugendlichen mittleren Helden über weite Strecken hinweg
wie kleine Erwachsene.
Trotz analoger Schlüsselreize handelt es sich bei den mittleren Helden der ausgewählten
historischen Jugendliteratur um Individuen mit unterschiedlichen Charaktermerkmalen.

Alle fünf Protagonisten erfüllen dieselbe Funktion: Sie fungieren als Vermittlungsglied
zwischen extremen Positionen, deren Aufeinandertreffen zu krisenhaften Spannungen in
der Gesellschaft führt. Hinsichtlich der historischen Jugendliteratur, die sich mit den

271
Engelhardt 1997, S. 17.
170

Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit befasst, handelt es sich dabei primär um das
Zusammentreffen zwischen der anbrechenden Neuzeit einerseits und der allgemeinen
Furcht vor Unbekanntem andererseits. Die menschlichen Helden sind so ausgestattet,
dass sie für den Leser als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart agieren.

Aufgrund der zahlreichen identifikationsfördernden Schlüsselreize der jugendlichen


mittleren Helden Marie, Ursula Lambrecht, Hieronymus und Barbara kommt es zu einer
modernen Überzeichnung ihrer im Roman angelegten historischen Lebenswelt.
Ihr aufbegehrendes, emanzipiertes Denken und Handeln sind weniger aus der
historischen Lebenswelt heraus entwickelt, als vielmehr Ausdruck einer
moralisierenden Erziehungsabsicht.
171

Neuralgische Punkte

Die Untersuchung der Protagonisten führte u.a. zu dem Ergebnis, dass die Heldinnen
von Isolde Heyne und Ingeborg Engelhardt aufgrund bestimmter Charaktermerkmale
neuralgische Punkte aufweisen, die den Identifikationsprozess des Leser gefährden
können (vgl. HAUPTTEIL 2.2.1.1).

Ingeborg Engelhardts Heldin Veronika Reutter fügt sich aufgrund ihrer


außergewöhnlichen figuralen Disposition nicht in das Raster des mittleren Helden ein.
Aufgrund ihrer im Text häufig nur angedeuteten geheimnisvollen Fähigkeiten und ihrer
verantwortungsvollen Rolle als Ehefrau und Mutter wird der jugendliche Leser
Schwierigkeiten haben, sich mit dieser erwachsenen Figur zu identifizieren.
Allerdings birgt dieser neuralgische Punkt auch eine immense Chance für den Leser:
Denn Ingeborg Engelhardt ist es gelungen, in ihrer Heldin Veronika Reutter eine Figur
zu kreieren, über die der Leser die Vergangenheit als etwas Fremdartiges begreifen
kann. Ihr Denken und Handeln widersprechen weitgehend einer „modernen“ Logik und
verhindern einerseits einen reibungslosen Identifikationsprozess. Andererseits wird
durch die ungewöhnliche wie fremdartige Ausgestaltung dieser Figur, durch Leerstellen
in der Oberflächenstruktur des Textes mittels Andeutungen für den Leser ein
weitgehend unkommentierter Raum geschaffen, der ihn zu Spekulationen verleitet, die
er zu hinterfragen beginnt.

Isolde Heyne versieht ihre Heldin Barbara nur mit guten Eigenschaften wie
bedingungsloser Nächstenliebe und altruistischer Aufopferungsbereitschaft. Die Autorin
bereitet dadurch den Boden für eine moralische Perfektion, die der Leser nur schwer
nachvollziehen kann.
Heynes mittlere Heldin Barbara ist in sich nicht stringent: Ihre anerzogene Fügsamkeit
und Demut widersprechen in allen Punkten Barbaras moralischer Überlegenheit und
Erhabenheit. Hier stehen emanzipiertes Handeln und Denken der Gegenwart im
Gegensatz zur im Roman angelegten historischen Lebenswelt der Figur.
Durch die diametrale Anordnung aller Figuren in Isolde Heynes Roman, die entweder
gut oder böse sind, wird der Leser emotional überwältigt, sodass statt einer erhofften
kritischen Reflexion eine unreflektierte, emotionale Urteilsbildung gefördert wird.
172

Die Nebenfiguren als Helfer und Berater

Die Nebenfiguren als Helfer und Berater stehen den mittleren Helden in schweren
Situationen bei und erfüllen innerhalb der Figurenkonstellation zentrale Aufgaben.

Eine zentrale Funktion beratender Nebenfiguren der ausgewählten Literatur ist es,
mittels historischer Überblicksdarstellungen das eingeschränkte Sichtfeld des mittleren
Helden und das des Lesers zu komplettieren. Sie erklären ihm die historischen
Zusammenhänge der dargestellten Welt.
Meistens handelt es sich dabei um erwachsene Figuren wie die alte Barb in „Der
Teufelskreis“ oder wie der Judendoktor in „Teufelstanz“.
Neben historischen kausalen Zusammenhängen erhält der Leser innerhalb der
ausgewählten historischen Literatur über beratende und helfende Nebenfiguren einen
detaillierten Einblick in die Alltagsgeschichte. Sie sind es, die ihm die Bedeutung alter
Berufe wie die des Druckers oder der Hebamme vor Augen führen. Durch sie erhält er
Einblicke in fremde Zunft-, Markt-, Münz- oder Kleiderordnungen der frühen Neuzeit.
Nebenfiguren obliegt es außerdem, fehlende biographische Details des Protagonisten zu
ergänzen. Dies ist dann von Bedeutung, wenn Hauptfiguren wie Hieronymus oder
Barbara an einem Stadium ihrer Identitätssuche angelangt sind, zu deren
Komplettierung ihnen aber aus unterschiedlichen Gründen wichtige familiäre
Informationen vorenthalten worden sind.
Die Anordnung von beratenden und helfenden Nebenfiguren innerhalb der
Figurenkonstellation bedingt, dass durch ihre Beziehung zum mittleren Helden seine
positiven Charaktereigenschaften erst richtig zur Geltung kommen können. Durch die
„strategische“ Positionierung von mittlerem Held und helfender bzw. beratender
Nebenfigur wird ein zentraler Schlüsselreiz des Protagonisten entfaltet: die
Freundschaft. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der mittlere Held durch
Charaktereigenschaften wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit brillieren kann.
Dadurch wird er zum Objekt der Identifizierung.

Über beratende und helfende Nebenfiguren, die geschichtliche Zusammenhänge


bewerten und beurteilen, setzten die untersuchten Autoren ihr historisches Gesamtbild
in Szene, das Ausdruck ihres individuellen Geschichtsverständnisses ist.
173

Die Urteilskraft des Lesers wird durch das Geschichtsverständnis des Autors stark
beeinflusst.
174

Die Nebenfiguren als Widersacher

Innerhalb der untersuchten historischen Jugendliteratur werden durch die Nebenfiguren


als Widersacher auf der Ebene des Handlungsschemas die entscheidenden
handlungsrelevanten Progressionen eingeleitet: Durch sie gelangen alle Helden von der
Funktion der biographischen Determination über die Funktion des beginnenden
Verdachtes zur Funktion des „tragischen“ Konfliktes, der schließlich zur Funktion des
„guten“ Ausganges führt.
Nebenfiguren als Widersacher stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Protagonisten
dar und führen die Handlung zu spannenden Höhepunkten.
Sie personalisieren diejenigen historischen Kräfte, die den Protagonisten aus der
Balance und in gefährliche Situationen bringen.
Die Untersuchung ergab folgende Figurentypen: der Typus des mächtigen Fanatikers,
der Typus des dienenden Vollstreckers, der Typus des willigen Handlangers, der Typus
des abergläubisch Verängstigten und der Typus des gezielt Denunzierenden.

Der Typus des mächtigen Fanatikers zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: Er
verfügt zum Einen über eine große weltliche oder geistliche Macht und ist zum Anderen
aus unterschiedlichen Gründen von der Vorstellung besessen, die vermeintlichen Hexen
mit aller Gewalt ausrotten zu müssen.
Dieser Typus wird von historische Figuren wie Fürstbischof Philipp Adolf in „Hexen in
der Stadt“, Bürgermeister Pferinger in „Teufelstanz“, Fürstbischof Johann Georg Fuchs
von Dornheim oder Weihbischof Friedrich Förner in „Die Hexe von Zeil“ verkörpert.

Der Typus des dienenden Vollstreckers verfügt als beratendes und ausführendes Organ
seines Herrn über weitreichende Machtbefugnisse, die auf seiner juristischen Funktion
innerhalb des Machtapparates gründen.
Seine hervorstechenden Eigenschaften sind juristische Sachkenntnis, bedingungsloser
Gehorsam gegenüber seinem Herrn, übersteigertes Pflichtbewusstsein und die
Überzeugung von der Richtigkeit seines Tuns. Dieser Typus wird immer durch
Rechtsgelehrte wie Richter Dürr in „Hexen in der Stadt“ oder Doktor Einwag in „Die
Hexe von Zeil“ dargestellt.
175

Der Typus des willigen Handlangers steht innerhalb der sozialen Hierarchie weit
unterhalb des Typus des dienenden Vollstreckers. Seine Aufgabe ist es, die von oben
angeordneten Befehle bedingungslos auszuführen. Hierzu gehören alle Büttel,
Gefängniswärter oder Gerichtsschreiber wie sie in allen fünf Werken auftauchen.

Der Typus des abergläubisch Verängstigten zeichnet sich dadurch aus, dass er zunächst
als unbeteiligter Beobachter nichts mit den Hexenprozessen zu tun hat, sich aber vor der
angeblichen Macht der Hexen fürchtet.
Er kommt dann auf den Plan, wenn sich jemand – meistens der mittlere Held – auffällig
verhält oder wenn etwas Unerklärliches oder Außergewöhnliches im Umfeld des
Protagonisten passiert.

Der Typus des gezielt Denunzierenden verspricht sich von der Denunziation persönliche
Vorteile oder ist von ihrer moralischen Rechtsgrundlage überzeugt. Dieser Typus wird
beispielhaft durch die Figur Kaspar Vischer verkörpert, der in Pariggers „Die Hexe von
Zeil“ dafür sorgt, dass Ursulas Vater ins Malefizhaus gebracht wird.
176

Erzählte Welt

Es ist die spezifische Eigenschaft historischer Jugendliteratur, dass es eine Relation


zwischen der erzählten Welt und der inneren wie äußeren Handlung gibt. Diese Relation
bestimmt, ob Geschichte nur als schmückendes Beiwerk fungiert oder ob sie
fundamentaler Bedeutungsträger ist, der Handlung und Figuren gleichermaßen prägt.

Alle Autoren der untersuchten Literatur verwenden viel Aufmerksamkeit darauf, die
Stadt als historischen locus communis der Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit
detailliert zu beschreiben.
Insbesondere Ingeborg Engelhardt, Ulrike Haß, Harald Parigger und Ingeborg Bayer
erzeugen durch die Akkumulation von historischen Details Realitätseffekte, wodurch
dem Leser ein sehr lebendiges und anschauliches Stadtbild der frühen Neuzeit vermittelt
wird. Auf diese Weise entsteht eine atmosphärische Dichte, die es ihm erleichtert, sich
auf eine fremde Welt einzulassen.

Neben der Inszenierung der Stadt ist es vor allem die realistische Darstellung der
Alltagsgeschichte, über die die dargestellte historische Welt entfaltet wird.
Ob Esskultur („Teufelstanz“), Foltermethoden („Die Hexe von Zeil“), Schul-, Münz-
oder Kleiderordnung („Der Teufelskreis“), die Autoren bedenken die Alltagsgeschichte
mit viel Aufmerksamkeit.
Die Ereignisgeschichte spielt innerhalb der ausgewählten Primärliteratur eine
untergeordnete Rolle. Sie dient eher als historische Orientierungshilfe für die in den
Romanen dargestellten menschlichen Schicksale.

Bei Ingeborg Engelhardt und Ulrike Haß verbindet sich die detaillierte Beschreibung
der erzählten historischen Welt häufig mit einer metaphorischen Funktion, wodurch die
rein äußere Darstellungsweise der historischen Welt eine tiefere, innere
Erklärungsdimension erhält.
Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn bei Ulrike Haß im Kapitel „Das neue Kleid“
Maries steife Frauenkleidung beschrieben wird, die sie hinfort als junge Frau tragen
muss. Die Unbequemlichkeit des Kleides, der schwere Stoff, der ihren Bewegungsdrang
einengt, ist Ausdruck dafür, dass Marie als Frau nicht mehr dieselben Freiheiten genießt
wie zuvor als Kind.
177

Bei Isolde Heyne erhält die Darstellung der erzählten historischen Welt nur wenig
Raum: Das historisch bedeutungsvolle Raum-Zeit-Gefüge erscheint bei Heyne als
schmückendes Beiwerk, das als Hintergrund für die dramatische Inszenierung des
Selbstfindungsprozesses der extrem ahistorisch gezeichneten Protagonistin dient.
Daher kann „Hexenfeuer“ von Isolde Heyne nicht der historischen Jugendliteratur im
engeren Sinne zugerechnet werden.
178

2.3 Kategorie der Erzählstruktur

Die Kategorie der Erzählstruktur befasst sich mit der Art und Weise der Darstellung
eines Geschehens. Nach Martinez und Scheffel272 werden zwischen folgenden drei
Unterkategorien unterschieden: Die Kategorie Zeit beinhaltet mögliche Formen des
Verhältnisses zwischen der Zeit des Geschehens und der Zeit der Erzählung. Sie
umfasst die Parameter Ordnung, Dauer und Frequenz. Die Kategorie Modus befasst
sich mit dem Grad an Mittelbarkeit, also der Distanz, und der Perspektivierung bzw. der
Fokalisierung des Geschehens. Davon unterscheidet sich die Kategorie Stimme, die den
pragmatischen Akt des Erzählens hinsichtlich des Verhältnisses von erzählendem
Subjekt und Erzähltem sowie des Verhältnisses von erzählendem Subjekt und Leser
umfasst (vgl. HAUPTTEIL 3.).

Zeit

Innerhalb der analysierten Literatur bleibt die chronologische Ordnung der


Ereignisfolge für den Leser überschaubar. Die Autoren unterstreichen dadurch die
Kausalität zwischen chronologisch voranschreitender Zeit und historischem Wandel
(vgl. HAUPTTEIL 3.1).
Ingeborg Engelhardt, Ingeborg Bayer und Ulrike Haß bauen in die übergeordnete
Chronologie narrative Anachronien in Form von Ana- und Prolepsen ein.
Die Analepsen haben meistens eine aufbauende Funktion, da sie das Leserverständnis
erweitern, indem sie biographische Details der Protagonisten nachreichen.
Prolepsen finden sich vor allem bei Ulrike Haß und haben die Funktion von
zukunftsungewissen Vorausdeutungen in Form von Visionen und Träumen.
Das Zeitgerüst in Isolde Heynes „Hexenfeuer“ und in Harald Pariggers „Die Hexe von
Zeil“ entfaltet sich auf zwei zunächst differierenden Zeitebenen, die am Schluss
zusammengeführt werden.
Bei beiden Zeitebenen werden die Ereignisse innerhalb ihrer chronologischen
Reihenfolge dargestellt.

272
Vgl. Martinez und Scheffel 2002, S. 27 – 89.
179

Modus

Die Untersuchung der Kategorie Modus, die nach Martinez und Scheffel den Grad an
Mittelbarkeit (Distanz) und die Perspektivierung (Fokalisierung) eines Geschehens
umfasst, führte zu folgenden Ergebnissen (vgl. HAUPTTEIL 3.2):

Bei Ingeborg Engelhardt resultiert die variable Fokalisierung aus dem collageartigen
Einsatz unterschiedlicher Textsorten. Die Autorin erweitert ihren Roman durch zwei
historische Quellen („Verzeichnis der Hexen-Leut, so mit dem Schwert gerichtet und
hernacher verbrannt worden“ und „Cautio criminalis“), die sie strukturbildend in den
Text einbaut. Durch den collageartigen Einsatz unterschiedlicher Textsorten wird das
Geschehen in mehrfacher Brechung gespiegelt, sodass es hinsichtlich der Distanz zu
einem regen Wechsel zwischen Erzählerbericht, szenischer Darstellung, persönlichem
Brief und Chronik kommt.
Durch den Wechsel zwischen Nullfokalisierung und multipler interner Fokalisierung
entsteht eine echte Multiperspektivität.
Bei Ulrike Haß dominiert die variable interne Fokalisierung, durchsetzt mit
nullfokalisierten Zügen. Das Geschehen wird hauptsächlich aus dem Blickwinkel der
Protagonistin Marie erzählt.
In „Der Teufelskreis“ von Ingeborg Bayer werden die Ereignisse rein aus Sicht des
mittleren Helden Hieronymus dargestellt. Dabei wird die interne Fokalisierung durch
vereinzelte Nullfokalisierungen durchbrochen.
Bei Isolde Heyne und Harald Parigger findet sich ein deutlicher Wechsel zwischen
Nullfokalisierung und interner Fokalisierung, bedingt durch den Wechsel verschiedener
Handlungsebenen.

Ingeborg Engelhardts Roman „Hexen in der Stadt“ ist innerhalb des Textkorpus der
einzige historische Jugendroman, der für jugendliche Leser eine literarische
Herausforderung darstellt: Durch den collageartigen Einsatz unterschiedlicher
Textsorten, die zum Teil den Inhalt historischer Dokumente unterschiedlicher Verfasser
wiedergeben, wird das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, wodurch
es zu einer echten multiperspektivischen Darstellung kommt.
180

Bei Ingeborg Bayer, Ulrike Haß, Isolde Heyne und Harald Parigger handelt es sich
dagegen um eine „pseudomultiperspektivische“ Darstellung: Ihr Ziel, ein Geschehen
aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, um unterschiedliche Standpunkte
mit verschiedenen Deutungsmöglichkeiten zuzulassen, wird negiert. Denn hinter der
variablen internen Fokalisierung verbirgt sich immer der moralisierende Zeigefinger des
Erzählers, der meist mit einer latenten Nullfokalisierung einhergeht.

Stimme

Innerhalb der Kategorie Stimme unterscheiden Martinez und Scheffel den Ort des
Erzählens und die Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen.
Das Kriterium des Erzählortes bezieht sich auf die Frage nach der Ebene, auf der erzählt
wird. Das Kriterium der Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen berührt die
Frage nach dem Involviertsein des Erzählers in das Geschehen (vgl. HAUPTTEIL 3.3).

Ingeborg Bayer, Ulrike Haß und Isolde Heyne verwenden ausschließlich einen
heterodiegetischen Erzähler, der dem Leser den Eindruck von erzählerischer
Objektivität vermitteln soll.
Bei Harald Parigger wechselt der Erzählertypus mit den verschiedenen Erzählebenen:
Während der Autor auf der ersten Erzählebene eine homodiegetische Erzählerin
einsetzt, dominiert auf der zweiten Erzählebene ein heterodiegetischer Erzähler.
Die Ereignisse des fiktiven Handlungsstranges um die Familie Reutter sowie die auf
historischen Begebenheiten basierenden Episoden werden bei Ingeborg Engelhardt von
einem heterodiegetischen Erzähler berichtet.
Innerhalb der Briefe des Friedrich Spee wird die Sichtweise aber durch einen
homodiegetischen Erzähler gebrochen, der als eine der Hauptfiguren in Erscheinung
tritt.

Alle Autoren richten sich bei der Auswahl verschiedener Erzählertypen nach den
Vorgaben der Geschichtsdidaktik, die einen allmächtigen autodiegetischen Erzähler
weitgehend ablehnt. Damit erfüllen sie nur scheinbar die Forderung der
Geschichtsdidaktik nach objektiver Darstellung.
181

Der in allen Werken bevorzugte heterodiegetische Erzähler als unbeteiligter Beobachter


evoziert hingegen eine nur vordergründige Objektivität, da mit seiner Erzählweise
immer bestimmte Wertungen verbunden sind.
182

2.4 Kategorie der Beeinflussung des Lesers

Texte historischer Jugendliteratur haben neben einer narrativen auch eine


psychologische Struktur, deren Beschaffenheit durch Affektlenkung, Irritation und
evaluative Lenkung geprägt ist. Durch sie werden Lesemotivation, Reflexion und
Bewertungen durch den Leser gegenüber dem dargestellten historischen Gegenstand
gesteuert (vgl. HAUPTTEIL 4.).

Affektlenkung

Die emotionale Leserführung durch Affektlenkung geschieht über drei


Affektstrukturtypen: Neugier, Überraschung und Spannung.
Alle Autoren versuchen durch Andeutungen die Neugier des Lesers zu entfachen. Das
Erzählschema zur Erzeugung dieser Affektstruktur ist innerhalb der untersuchten
Literatur deckungsgleich: Die Handlung muss ein zentrales, dem Leser unbekanntes
Initialereignis enthalten, auf welches er durch Andeutungen aufmerksam gemacht wird.

Ingeborg Engelhardt und Isolde Heyne bauen in besonderem Maße


Überraschungseffekte in ihre Romane ein, indem sie dem Leser zunächst wichtige
Details, die für das Verstehen der Handlung wichtig sind, vorenthalten und erst später
nachreichen. So wird der Leser in „Hexenfeuer“ dadurch überrascht, indem er zu einem
bestimmten Zeitpunkt erfährt, wer die wahren Eltern der Protagonistin Barbara sind.

Die emotionale Leserlenkung durch Spannungseffekte ist zentraler Bestandteil in jedem


der Untersuchung zugrunde liegenden Werke: Die Autoren bauen in ihre historischen
Jugendromane zahlreiche Spannungseffekte ein, bei denen die drohende Verhaftung
bzw. die Rettung der Protagonisten im Vordergrund steht.
183

Irritation

Durch die vom Geschichtsdidaktiker Veit geforderte Irritation soll ein ungestörter
Identifikationsprozess des Lesers mit dem Protagonisten und seiner Umwelt verhindert
werden. Sie soll bewirken, dass sich der Leser Fragen zu stellen beginnt, weil er
begreifen soll, dass die dargestellte Vergangenheit sich grundlegend von seiner eigenen
Lebenswelt unterscheidet (vgl. EINFÜHRENDES 3.2).

Alle fünf Autoren bauen in ihre historischen Jugendromane Irritationen ein, die durch
die Konfrontation mit dem Hexenphänomen erzeugt werden.
Ingeborg Bayer, Harald Parigger und Ulrike Haß beziehen sich in ihren Werken auf den
sog. Hexensabbat oder den sog. Hexenflug, indem sie ihre Protagonisten diese
Phänomene halluzinativ bzw. träumend erleben lassen.
Ulrike Haß, Isolde Heyne und Ingeborg Engelhardt erzeugen Irritationen durch
Andeutungen hinsichtlich der Existenz übernatürlicher Kräfte.
Isolde Heyne und Ulrike Haß setzen auf Irritationseffekte mittels Visionen und
Prophezeiungen.

Innerhalb dieser Kategorie wurde des Weiteren untersucht, ob sich innerhalb der
ausgewählten Werke Erklärungsansätze für die thematisierten Phänomene finden oder
ob der Leser mit seinen Fragen sich selbst überlassen bleibt.
Ulrike Haß und Harald Parigger bieten für das Phänomen Hexenflug dem Leser ein
leicht erschließbares Erklärungsmodell, da sie ihre Protagonisten dieses Phänomen im
Traum erleben lassen.
Die Bedeutung der sog. Schmier als Salbe, die aufgrund ihrer Beschaffenheit zu
halluzinativen Zuständen führen kann, wird bei Ingeborg Bayer auf paratextueller
Ebene erläutert.273
In „Hexenfeuer“ von Isolde Heyne wird das Geheimnis um angeblich übernatürliche
Kräfte hauptsächlich über die Heldin Barbara erklärt, die rationale Gründe für
Übernatürliches sucht und die angebliche Existenz des Übernatürlichen als Folge
abergläubischer Verängstigung interpretiert.

273
Vgl. Bayer 2001, S. 144.
184

In Ingeborg Engelhardts „Hexen in der Stadt“ wird Übernatürliches über komplexe


Erklärungsmodelle zu erklären versucht: Über die Figur Sabine wird die Kausalität
zwischen Eigenschaften wie Güte, Intelligenz, Mut und den außergewöhnlichen
Fähigkeiten der Heldin Veronika erklärt. Darüber hinaus bleibt durch Andeutungen
genügend Raum zur Spekulation des Lesers. In Engelhardts historischem Jugendroman
wird das Erklärungsmodell der weisen Frau thematisiert, das in Hilde Schmölzers
Untersuchung zum „Phänomen Hexe: Wahn und Wirklichkeit im Laufe der
Jahrhunderte“ näher beschrieben wird.
Das Phänomen der zukunftsvoraussagenden Vision, das von Isolde Heyne und Ulrike
Haß zur Erzeugung einer wissbegierigen Erwartungshaltung genutzt wird, findet in den
Werken selbst wie auch in der wissenschaftlichen Diskussion keine plausible Erklärung.
Insgesamt ist festzustellen, dass in keinem der ausgewählten historischen Jugendromane
die Irritationsschwelle ein globales Leseverständnis verhindert. Meistens kommt es zu
einer absichernden Bewertung des Geschehens durch den Erzähler.

Irritationen verhindern zwar einen ungestörten Identifikationsprozess, bei Ingeborg


Bayer, Ulrike Haß, Isolde Heyne und Harald Parigger wird es aber dem Leser durch
zahlreiche moderne Erklärungsansätze verwehrt, das Vergangene als etwas wahrhaft
Fremdartiges zu begreifen.
Allein Ingeborg Engelhardt gelingt es durch gezielt eingebaute Leerstellen in der
Oberflächenstruktur ihres historischen Jugendromans hinsichtlich der
außergewöhnlichen Fähigkeiten ihrer Heldin, dass der Leser das Fremdartige des
Vergangenen erahnen kann.
185

Evaluative Lenkung

Deutschsprachige historische Jugendliteratur ist immer auch didaktisch aufbereitete


Literatur, die einen ausgeprägten erzieherischen Anspruch hat. Den meisten Autoren
geht es in erster Linie darum, die Gefährdung und das Verteidigen moralisch aktueller
Grundsätze und Normen in vergangenen Zeiten darzustellen. Ihre Werke haben somit
immer einen sog. Gegenwartsbezug, der sich in einer Art übergeordneter Autorintention
nicht nur auf paratextueller Ebene zeigt.
In allen untersuchten Werken werden moralische Wertungen vorgenommen, die den
Leser mehr oder weniger stark in seinem Urteil beeinflussen.
In dieser Kategorie wurde untersucht, ob der Leser zu einer kritischen, selbstständigen
und weitgehend persönlichen Beurteilung gelangen kann oder ob er durch den
sichtbaren bzw. unsichtbaren moralischen Zeigefinger des Autors stark beeinflusst wird.
Die Textanalyse der Primärliteratur hinsichtlich möglicher evaluativer Lenkungen
orientierte sich daher an drei zentralen Fragen:
1. Wie kommt es zu welchen Wertungen?
2. Werden diese begründet und/oder bezweifelt?
3. Werden Wertungen relativiert, indem verschiedene Positionen gegenübergestellt
werden?

In allen Werken wird Einfluss auf die Urteilsbildung des Lesers genommen, indem
Bewertungen zu verschiedenen Themen über die handelnden Figuren vorgenommen
werden. Dabei werden folgende Themen besonders berücksichtigt:
Ingeborg Bayer geht sehr stark auf die Frage ein, inwiefern Täter und Mitläufer
gleichermaßen die Schuld an den Prozessen tragen.
Harald Parigger konzentriert sich auf die Grausamkeiten der Justiz und ihrer
Handlanger.
Isolde Heyne zeigt die Folgen von blindem Aberglauben auf.
Ulrike Haß unterstreicht den feministischen Aspekt der Hexenverfolgungen, bei denen
hauptsächlich Frauen in den Denunziationskreislauf gerieten.
Ingeborg Engelhardt konzentriert sich auf die Bewertung des Hexenbildes und auf die
Schuldfrage.
186

Innerhalb der untersuchten historischen Jugendliteratur werden Wertungen meistens


über Identifikationsfiguren mittels direkter Rede oder Bewusstseinsbericht
vorgenommen. Dabei erfolgt überwiegend eine Hinterfragung und Begründung der
Beurteilung.
In allen Werken finden sich zu einem Thema mehr oder weniger häufig verschiedene
Ansichten, die es dem Leser scheinbar ermöglichen, sein eigenes Urteil zu fällen.
Bei Ingeborg Engelhardt, Ulrike Haß, Harald Parigger und Ingeborg Bayer werden
unterschiedliche Standpunkte in Dialogen präsentiert, die von den Figuren gegenseitig
hinterfragt und begründet werden.
In „Hexenfeuer“ von Isolde Heyne kommt es zwischen absoluter Schuld und Unschuld
kaum zu einer erklärenden Nuancierung menschlicher Verhaltensweisen. Ihre Figuren
verkörpern entweder das ehrbar Heldenhafte oder das moralisch Verwerfliche.
Die eigentliche evaluative Lenkung des Lesers wird überwiegend über die Urteile
gesteuert, welche die Identifikationsfiguren Hieronymus, Barbara, Ursula, Marie,
Veronika und Sabine fällen.

Bei allen ausgewählten Werken überdeckt die erziehende Belehrungsabsicht die


historische Aussage: Das Vergangene wird zwar hinsichtlich differierender
Gesellschaftsordnungen und Machtbefugnisse als sich von der Gegenwart
unterscheidend dargestellt, allerdings erhält der Leser den falschen Eindruck,
Vergangenes mittels „modernem“ Denken vollständig dechiffrieren und „historisch
korrekt“ bewerten zu können.
Die moralische Wertelenkung ist in allen Werken übermächtig und zugleich ahistorisch:
Vordergründig werden dem Leser zwar verschiedene Standpunkte präsentiert, über die
er „individuell“ urteilen kann, doch das „Endurteil“ über historische Ereignisse wird
meistens von der Identifikationsfigur nach moralischen Wertmaßstäben des späten 20.
Jahrhunderts gefällt.
187

Schlusswort

Kehren wir zum Ausgangspunkt dieser Arbeit zurück, deren Ziel es ist, anhand von fünf
ausgewählten historischen Jugendromanen zu untersuchen, welcher Erzählstrategien
sich Autoren historischer Jugendliteratur bedienen, um Jugendlichen den historischen
Gegenstand der Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit zu veranschaulichen.
Dabei ist festzustellen, dass sich die Autoren bei der literarischen Gestaltung stark an
den Ansprüchen orientieren, welche die deutschsprachige Geschichtsdidaktik an
historische Jugendliteratur im Allgemeinen stellt. Daraus folgt, dass die Untersuchung
zu Ergebnissen geführt hat, die alle fünf Werke ähnlich konstruiert erscheinen lassen.
Diese über weite Strecken hinweg deckungsgleiche literarische Konstruktionsweise ist
das Resultat zweier grundlegender Intentionen: Zum Einen will man das Interesse
jugendlicher Leser an Geschichte wecken und vertiefen, indem man sie in fremdartige
historische Welten einführt. Zum Anderen sind die Autoren darum bemüht, den
erzieherischen Gegenwartsbezug ihrer Werke für den jugendlichen Leser exemplarisch
herauszuarbeiten, was sich in Form von zahlreichen Wertungen auf narrativer und
paratextueller Ebene niederschlägt.
Dieses Bemühen ist nichts Neues und erscheint aufgrund des historischen Gegenstandes
auch gerechtfertigt. Auch bei historischen Romanen für erwachsene Leser wie „Die
Jüdin von Toledo“ von Lion Feuchtwanger oder „Heinrich IV.“ von Heinrich Mann
zeigt sich immer das Bestreben des Autors, gesellschaftliche und moralische
Gefährdungen der Vergangenheit in Bezug zur Gegenwart des Autors zu setzen. Der
Unterschied zur deutschsprachigen historischen Jugendliteratur des späten 20.
Jahrhunderts liegt aber in einem übersteigerten und teilweise politisch-ideologisierten
Erziehungsanspruch, den insbesondere deutschsprachige Jugendbuchautoren an sich
stellen. Schlimmstenfalls kann das zu einer modernen moralischen Überformung und
Verzerrung des historischen Gegenstandes führen wie dies bei Isolde Heynes
„Hexenfeuer“ der Fall ist.
Lesen als gelenktes Schaffen unterliegt immer einer gewissen evaluativen Kontrolle.
Doch im Falle der ausgewählten historischen Jugendliteratur ist die moralisierende
Aussagekraft der historisch gesicherten Fakten so groß, dass sich die Autoren mehr auf
das Gebot der historischen Angemessenheit und weniger auf den problemorientierten
Erziehungsanspruch hätten konzentrieren können. Die ausgewählte deutschsprachige
historische Jugendliteratur kann daher nicht als „autonome“ Literatur bezeichnet
188

werden. Es steht vielmehr das Bestreben nach Erfüllung geläufiger


geschichtsdidaktischer und pädagogischer Anforderungen im Vordergrund.
189

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Eidesstattliche Erklärung

Ich erkläre, dass ich die Arbeit selbstständig und nur mit den angegebenen Hilfsmitteln
angefertigt habe und dass alle Stellen, die dem Wortlaut oder dem Sinne nach anderen
Werken entnommen sind, durch Angabe der Quellen als Entlehnungen kenntlich
gemacht worden sind.

Konstanz, 10. Oktober 2003

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