3. Semester Differentielle u. Persönlichkeitspsych.
SoSe 2024
Methodische Herausforderungen der DPP
Ü BERSICHT
- Klassifikation von Personen
- Messung von Eigenschaften
- Persönlichkeitsfaktoren
- Persönlichkeitsprofile und -typen
Literatur: Neyer & Asendorpf, Kapitel 3
Klassifikation von Personen
G RUNDLAGEN
- Klassifikation = Nominalskalenniveau
- nicht immer so einfach, wie man denkt! (z.B. Geschlecht) => erfordert klare Zuordnungsregeln
- Gute Klassifikation = hohe intersubjektive Objektivität oder ,,Inter-Rater-Reliabilität’’
- hohe Übereinstimmung unabhängiger, trainierter Beurteiler
- Berechnung durch Cohens k (kappa) - Bewertung der tatsächlichen Übereinstimmung unter
Berücksichtigung zufälliger Übereinstimmung
B ERECHNUNG VON C OHENS K APPA (1)
- beobachtete Übereinstimmung p0: (17+19) / 50 = 72%
- erwartete (zufällige) Übereinstimmung pe: Summe aus den Produkten der jeweiligen Quoten für ,,nicht
depressiv’’ bzw. ,,depressiv’’ für jeden der Beurteilenden:
- nicht depressiv: Beurteiler 1 = 23 Personen (von insgesamt 50) = 46%, Beurteiler 2 = 25 von 50 = 50%
Wahrscheinlichkeit, dass beide ,,nicht depressiv’’ sagen, ist 0,46 * 0,50 = 0,23
- depressiv: Beurteiler 1 = 27 von 50 = 0,54, Beurteiler 2 = 25 von 50 = 0,50
Wahrscheinlichtkeit, dass beide ,,depressiv’’ sagen, ist 0,54 * 0,50 = 0,27
- gesamte erwartete Übereinstimmung: Summe der beiden Teil-Zufallsübereinstimmungen = 0,23 + 0,27
= 0,50
B ERECHNUNG VON C OHENS K APPA (2)
Ein Wert von k = .6 gilt als ausreichende
Übereinstimmung, ab .8 ist die Übereinstimmung
als gut zu bezeichnen.
Die Übereinstimmung hier ist also nicht
ausreichend!
3. Methoden 1 von 8
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Ü BUNGSAUFGABE
Berechnen Sie Cohens Kappa und
beurteilen Sie die Qualität der
Beurteilerübereinstimmung!
Messung von Eigenschaften
P ERSÖNLICHKEITSMERKMALE (T RAITS )
- relativ stabil über mittlere bis längere Zeiträume, auch in unterschiedlichen Situationen
- bedeutungsvoll, in der Sprache verankert
Unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit:
- beobachtbare vs. verborgene Anteile (vgl. SOKA-Modell), bewusste und unbewusste Aspekte (explizit vs.
implizit)
- private vs. öffentliche Persönlichkeit
Lewin’sche Verhaltensformel: V = f (P, S)
- genetische Veranlagung
- Umwelt/ Situation
- Gen-Umwelt-Interaktion
Was erfasst man bei der Messung von Persönlichkeit? (vgl. Diagnostik)
- typische Performance, z.B. Fragebögen zur Persönlichkeit
- maximale Performance, z.B. Intelligenztests, Leistungstest
- das ,,Wie’’ (durch qualitative Methoden wie Interview, Verhaltensbeobachtung, projektive Verfahren…)
Wichtig: Motivation der Auftraggeber, ethische Prinzipien der Tests
M ESSUNG VON P ERSÖNLICHKEITSMERKMALEN (T RAITS )
3. Methoden 2 von 8
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G ÜTEKRITERIEN
Klassische Testgütekriterien:
- Objektivität (Unabhängigkeit von den Umständen)
- Reliabilität (Messgenauigkeit)
- Validität (erfasst der Test das, was er erfassen soll?)
Nebengütekriterien:
- aktuelle Normierung
- Fairness
- Unverfälschbarkeit
- Zumutbarkeit
- Nützlichkeit
- Ökonomie
H IERARCHIE VON T ESTS
- einzelne ,,Frage’’ =Item (in der Regel
intervallskaliert)
- mehrere Items bilden eine Skala
- mehrere Skalen bilden einen Test
- mehrere Tests bilden eine Testbatterie
Beispiel: TAP - Testbatterie zur
Aufmerksamkeitsprüfung
E IGENSCHAFTSBEURTEILUNG : B RUNSWIKS L INSENMODELL
- Andere Menschen nehmen distale Merkmale (Persönlichkeitseigenschaften) wahr, indem sie sie aus
proximalen Hinweisreizen (beobachtbar!) erschließen
- Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung = akkurates Urteil
- Linsenmodell ist nützlich, um herauszufinden, an welchen Merkmalen Menschen ihr Urteil festmachen.
3. Methoden 3 von 8
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Persönlichkeitsfaktoren
G RUNDGEDANKEN
- Oft ist es sinnvoll, weite Bereiche der Persönlichkeit statt nur einzelner Eigenschaft zu erfassen, z.B.,
wenn bei der Personalauswahl die Anforderungen einer Stelle unklar sind.
- Um weite Bereiche der Persönlichkeit sparsam zu erfassen, wird ein Beschreibungssystem aus möglichst
wenigen Eigenschaften benötigt.
E YSENCKS E-N-M ODELL
- Die vier Temperamente der Antike sind
prototypische Kombinationen zweier
grundlegender Dimensionen:
- Extraversion
- Neurotizismus
W EITERENTWICKLUNG ZUM PEN-
M ODELL
Persönlichkeitsfaktoren nach Eysenck:
- Psychotizismus vs. Impulskontrolle
- Extraversion vs. Introversion
- Neurotizismus vs. emotionale Stabilität
Psychopathiefaktor (Stemmler et al., 2016):
„umfasst nach Eysenck ein Kontinuum von
normalem und angepasstem über kriminelles
und psychopathisches Verhalten bis hin zu
psychotischen Erkrankungen (u.a. Schizophrenie) mit Realitätsverlust und starken Störungen im Denken,
Fühlen und im Verhalten. Angewandt auf Personen ohne eine psychiatrische Diagnose beschreibt
Psychotizismus somit unsozialisiertes, ungewöhnliches, wenig kontrolliertes und ,,seltsames’’ verhalten.“
W IE GEWINNT MAN SIE ? - L EXIKALISCHER A NSATZ
- Im lexikalischen Ansatz wird der gesamte Wortschatz einer Sprache nach Eigenschaftsworten
durchforstet. Ungebräuchliche Wörter werden weggelassen, und von Wörtern sehr ähnlicher Bedeutung
wird nur eines behalten.
- Wenn so eine überschaubare Menge entstanden ist, wird eine große Gruppe von Personen gebeten, sich
selbst oder andere bzgl. all dieser Eigenschaftsworte zu beurteilen (z.B. mit Hilfe von Likert-Skalen).
Jedem Wort entspricht also eine Eigenschaftsvariable.
- Diese Eigenschaftsvariablen werden dann mit Hilfe der Faktorenanalyse (eines statistischen Verfahrens)
auf möglichst wenige Faktoren reduziert. Sie beschreiben auf effiziente Weise alltagspsychologische
wahrnehmbare Persönlichkeitsunterschiede.
Allport & Odbert (1936) identifizierten 18.000 englischsprachige Eigenschaftsworte entnommen und
reduzierten diese auf 100. Mithilfe von Faktorenanalysen wurden daraus fünf Hauptfaktoren der
Persönlichkeit (Big Five) lexikalisch abgeleitet.
3. Methoden 4 von 8
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D IE BIG FIVE
Die Big Five (OCEAN) enthalten Eysencks Temperamentdimensionen Extraversion und Neurotizismus.
G ENERALISIERBARKEIT DER BIG FIVE
- für den deutschen Wortschatz replizierbar
- Erfassung:
- z.B. NEO-FFI, BFI, IPIP
- NEO-PI-R: erfasst nicht nur die Big Five, sondern auch sechs Facetten jedes Faktors. Es ermöglicht
eine besonders differenzierte Persönlichkeitsbeschreibung, ist aber entsprechend lang (240 Items!).
- In nicht-germanischen Sprachen ergaben lexikalische Analysen gelegentlich andere Faktoren als die Big
Five (vgl. Studien von van der Vijver und Kolleg:innen aus Südafrika).
- Dennoch eignen sich die Big Five auch für kulturvergleichende Studien (zur geographischen Verteilung
der Big Five über 56 Nationen vgl. Schmitt, Allik, McCrae, 2007 - internetlink: Folie)
- Aktuelle Bewertung der Big Five: DeYoung, C. G. (2020). The Big Five model remains a good choice for
personality theory and research. European Journal of
Personality,…
Persönlichkeitsprofile und -Typen
G RUNDLEGENDES
- Definition: Ein Persönlichkeitsprofil besteht aus den
Werten derselben Person in vielen verschiedenen
Eigenschaften, die mit der gleichen Antwortskala
gemessen wurden.
- Persönlichkeitsprofile lassen sich in Diagrammen
grafisch veranschaulichen.
- Das Profilniveau ist der Mittelwert des Profils über alle
Eigenschaftswerte der Person.
3. Methoden 5 von 8
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B EISPIEL FÜR EIN A NFORDERUNGSPROFIL ( MIT K ENNZEICHNUNG DES T OLERANZBEREICHS )
S TATISTISCHE E RMITTLUNG VON T YPEN
- Mittels Clusteranalyse (alt) oder latenter Klassenanalyse (modern) lassen sich Persönlichkeitstypen mit
einem jeweils prototypischen Profil bilden => nutzbar zur Klassifikation von Personen genutzt, indem
diese dem Typ mit dem ähnlichsten Profil zugeordnet werden
- Solche ,,Typologien’’ sollten auf ausreichend großen Stichproben (mehrere Hundert Personen) beruhen -
sonst sind die Analysen oft wenig robust!
- Auf der Basis von Big-Five-Profilen können drei Persönlichkeitstypen unterschieden werden:
- unterkontrolliert
- überkontrolliert
- resilient
B IG F IVE -T YPEN UND IHRE P ROTOTYPISCHEN B IG F IVE -P ROFILE
3. Methoden 6 von 8
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F AZIT ZU P ERSÖNLICHKEITSTYPEN
- Persönlichkeitstypen sind Vereinfachungen graduell variierender Persönlichkeitsunterschiede.
- Persönlichkeitsprofile können in der Praxis oder als Grundlage für empirisch fundierte
Persönlichkeitstypen genutzt werden.
- Gefahr: Die ,,personzentrierte Typenklassifikation’’ ist oft wenig differenziert => Schubladendenken
Z USATZMATERIALIEN
- Erklärfilm zur Traittheorie und ihrer Geschichte einschließlich einiger Theoretiker: siehe Folie
- Ein undergraduate paper: siehe Folie
- MBTI online: siehe Folie
Hausaufgabe
W IE SIEHT IHRE P ERSÖNLICHKEIT AUS ? & A USWERTUNG
- Im OLAT finden Sie den Fragebogen „IPIP 40“. Bearbeiten Sie diesen!
Auswertung:
- Zählen Sie die Punkte für jede Skala zusammen.
- Wichtig: Bitte umgekehrt codierte Items (mit
„(-)“ gekennzeichnet) beachten!
- Berechnen Sie den Mittelwert für jede Skala.
3. Methoden 7 von 8
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Zusammenfassung
D IE WICHTIGSTEN E RKENNTNISSE
- In der DPP gibt es zwei grundsätzliche Ansätze: die Klassifikation (personzentriert) und die
Eigenschaftsmessung (variablenzentriert).
- Diese spiegeln sich in den typologischen (Persönlichkeitstypen) vs. dimensionalen
(Persönlichkeitsfaktoren) Ansätzen.
- Items bilden die Grundlage der Eigenschaftsmessung. Sie lassen sich in Skalen vereinen, Skalen
wiederum in Tests, Tests wiederum in Testbatterien.
- Die „Big Five“ bilden ein solides Modell der Persönlichkeit. Es gibt jedoch auch andere Ansätze.
W ICHTIGE F ACHBEGRIFFE
- Inter-Rater-Reliabilität
- Cohens k und seine Berechnung
- typische vs. maximale Performance
- Testgütekriterien
- Item, Skala, Test, Testbatterie
- Brunswik’sches Linsenmodell
- Temperament
- Eysenck’s E-N- und PEN-Modell
- lexikalischer Ansatz
- Faktorenanalyse
- Facetten
- kulturvergleichende Studien
- Persönlichkeitsprofil
- Profilniveau
- Persönlichkeitstypen
- Clusteranalyse
- latente Klassenanalyse
3. Methoden 8 von 8