Nora
Nora
Ein Puppenheim
Übersetzt von Marie von Borch
Personen
Helmer, Advokat
Nora, seine Frau
Doktor Rank
Frau Linde
Krogstad, Anwalt
Die drei kleinen Kinder Helmers
Anne-Marie, Kinderfrau
Ein Hausmädchen bei Helmers
Ein Dienstmann 1
Erster Akt
(Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer.
Rechts im Hintergrund führt eine Tür in das Vorzimmer; eine zweite Tür links
im Hintergrund führt in Helmers Arbeitszimmer. Zwischen diesen beiden Tü-
5 ren ein Pianino. Links in der Mitte der Wand eine Tür und weiter nach vorn ein
Fenster. Nahe am Fenster ein runder Tisch mit Lehnstühlen und einem kleinen
Sofa. Rechts an der Seitenwand weiter zurück eine Tür und an derselben Wand
weiter nach vorn ein Kachelofen, vor dem ein paar Lehnstühle und ein Schau-
kelstuhl stehen. Zwischen Ofen und Seitentür ein kleiner Tisch. An den Wänden
10 Kupferstiche. Eine Etagere mit Porzellan und anderen künstlerischen Nippes-
sachen; ein kleiner Bücherschrank mit Büchern in Prachteinbänden; Teppich
durchs ganze Zimmer. Im Ofen ein Feuer. Wintertag.)
(Im Vorzimmer klingelt es; gleich darauf hört man, wie geöffnet wird. Nora tritt ver-
gnügt trällernd ins Zimmer; sie hat den Hut auf und den Mantel an und trägt eine
15 Menge Pakete, die sie rechts auf den Tisch niederlegt. Sie läßt die Tür zum Vorzimmer
hinter sich offen, und man gewahrt draußen einen Dienstmann, der einen Tannen-
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baum und einen Korb trägt; er übergibt beides dem Hausmädchen, das ihnen geöffnet
hat.)
NORA. Tu den Tannenbaum gut weg, Helene. Die Kinder dürfen ihn jedenfalls erst
20 heut abend sehen, wenn er geputzt ist. (Zum Dienstmann, indem sie ihr Portemon-
naie hervorzieht.) Wieviel -?
DIENSTMANN. Fünfzig Öre.
NORA. Da ist eine Krone. Nein - behalten Sie den Rest. (Der Dienstmann dankt und
geht. Nora schließt die Tür. Sie lacht noch immer stillvergnügt vor sich hin, während
25 sie den Hut und Mantel ablegt. Sie zieht eine Tüte mit Makronen aus der Tasche und
ißt ein paar; dann geht sie vorsichtig an die Tür ihres Mannes und lauscht.) Ja, er ist
zu Hause. (Trällert wieder leise vor sich hin, indem sie rechts an den Tisch tritt.)
HELMER (in seinem Zimmer.) Zwitschert da draußen die Lerche?
NORA, (während sie einige Pakete öffnet.) Ja, das tut sie!
30 HELMER. Poltert da das Eichhörnchen herum?
NORA. Ja!
HELMER. Wann ist das Eichhörnchen nach Hause gekommen?
NORA. Diesen Augenblick. (Steckt die Makronentüte in die Tasche und wischt sich
den Mund ab.) Komm, Torvald, und sieh Dir mal meine Einkäufe an.
35 HELMER. Nicht stören! (Bald darauf öffnet er die Tür und sieht herein, mit der Feder
in der Hand.) Einkäufe, sagst Du? Diese vielen Sachen? Ist das lockere Zeisiglein
wieder ausgewesen und hat Geld verschwendet?
NORA. Aber Torvald, dies Jahr dürfen wir doch wirklich ein bißchen über die
Stränge schlagen. Sind es doch die ersten Weihnachten, wo wir nicht zu sparen
40 brauchen.
HELMER. Hör' mal, Du, Luxus dürfen wir auch nicht treiben.
NORA. Doch, Torvald, wir dürfen jetzt schon ein bißchen Luxus treiben. Nicht
wahr? Nur ein ganz, ganz klein bißchen. Du bekommst ja nun ein großes Gehalt
und wirst viel, viel Geld verdienen.
45 HELMER. Ja, von Neujahr ab. Aber dann vergeht noch ein ganzes Quartal, bis das 2
Gehalt fällig ist.
NORA. Bah! Bis dahin können wir ja borgen.
HELMER. Nora! (Geht hin zu ihr und zupft sie scherzhaft am Ohr.) Geht schon wie-
der der Leichtsinn mit Dir durch? Gesetzt den Fall, ich borgte mir heute tausend
50 Kronen, und Du brächtest sie in der Weihnachtswoche durch, und am Sylvester-
abend fiele mir ein Ziegelstein auf den Kopf, und ich läge da -
NORA (hält ihm den Mund zu.)
Pfui, laß die garstigen Reden!
HELMER. Ja, nimm mal an, daß so was passierte, - was dann?
55 NORA. Wenn so was Gräßliches passierte, dann wär' es mir ganz gleichgültig, ob
ich Schulden hätte oder nicht.
HELMER. Und die Leute, von denen ich das Geld geliehen hätte?
NORA. Die? Wen gingen die was an? Das sind ja Fremde.
HELMER. Nora, Nora, Du bist ein Weib! Aber im Ernst, Nora: Du weißt, wie ich in
60 diesem Punkt denke. Keine Schulden! Niemals borgen! Es kommt etwas Unfreies
und damit auch etwas Unschönes über ein Hauswesen, das auf eine Borgwirtschaft
gegründet ist. Bis auf den heutigen Tag haben wir beide tapfer ausgehalten, und
das wollen wir nun auch noch die kurze Zeit tun, wo es nötig ist.
NORA (geht zum Ofen hin.) Na ja; wie Du willst, Torvald.
65 HELMER (geht hinter ihr her.) Ei, nun darf aber die kleine Lerche auch nicht die
Flügel hängen lassen. Wie? Das Eichhörnchen steht und mault? - (Zieht das Porte-
monnaie.) Nora, was mag ich da wohl haben?
NORA (wendet sich schnell um.) Geld!
HELMER. Da nimm! (Gibt ihr einige Banknoten.) Du lieber Gott, ich weiß, daß zu
70 Weihnachten im Hause eine ganze Menge draufgeht.
NORA (zählt.) Zehn, - zwanzig, - dreißig, - vierzig. Schönen Dank, Torvald, schönen
Dank; damit behelfe ich mich lange.
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130 HELMER. Hat das Leckermäulchen ganz gewiß keinen Abstecher in die Konditorei
gemacht?
NORA. Nein, Torvald, ich versichere Dir -
HELMER. Nicht ein wenig Konfitüren geschleckt?
NORA. Nein, wahrhaftig nicht!
135 HELMER. Auch nicht ein paar Makronen probiert?
NORA. Nein, Torvald, ich versichere Dir wirklich -
HELMER. Na, na, na - es ist ja natürlich nur im Scherz gemeint -
NORA (geht rechts an den Tisch.)
Es würde mir doch nie einfallen, gegen Deinen Wunsch zu handeln.
140 HELMER. Nein, das weiß ich ja wohl. - Und dann hast Du mir ja Dein Wort gegeben
- (Geht zu ihr.) Behalt Deine kleinen Weihnachtsüberraschungen nur für Dich, mein
Herz. Heut abend, wenn der Baum brennt, werden sie schon ans Licht kommen,
davon bin ich überzeugt.
NORA. Hast Du auch nicht vergessen, Rank einzuladen?
145 HELMER. Nein. Aber das ist ja gar nicht nötig. Es versteht sich von selbst, daß er
mit uns speist. Übrigens werde ich ihn einladen, wenn er heut vormittag her-
kommt. Guten Wein habe ich schon bestellt. Nora, Du glaubst gar nicht, wie ich
mich auf den heutigen Abend freue.
NORA. Ich mich auch. Und wie die Kinder erst jubeln werden, Torvald!
150 HELMER. Ach, es ist doch ein herrlicher Gedanke, eine feste gesicherte Stellung,
sein reichliches Auskommen zu haben. Nicht wahr! Der Gedanke ist ein Hochge-
nuß!
NORA. Ach, es ist wunderbar!
HELMER. Denkst Du noch an vorige Weihnachten? Drei liebe lange Wochen vorher
155 hast Du Dich Abend für Abend bis in die tiefe Nacht hinein eingeschlossen, um wie arm sie war!
Blumen für den Baum und die vielen andern Herrlichkeiten anzufertigen, womit
wir überrascht werden sollten. Uh, das war die ödeste Zeit, die ich je erlebt habe.
NORA. Ich habe mich dabei gar nicht gelangweilt. 4
HELMER (lächelnd.)Aber das Ergebnis war doch recht dürftig, Nora!
160 NORA. Neckst Du mich schon wieder damit! Was konnte ich dafür, daß die Katze
kam und mir alles kaputt machte.
HELMER. Nein, mein armes Norachen, dafür konntest Du freilich nichts. Du hattest
den besten Willen, uns alle zu beglücken, und das ist die Hauptsache. Aber gut ist
es doch, daß die knappen Zeiten vorüber sind.
165 NORA. Ja, es ist wirklich wunderbar!
HELMER. Nun brauche ich hier nicht allein herumzusitzen und mich zu öden. Und
Du brauchst Deine lieben Augen und Deine zarten, feinen Händchen nicht anzu-
strengen -
NORA (klatscht in die Hände.) Nein, nicht wahr, Torvald, das brauchen wir nun
170 nicht mehr!? O, wie wunderbar schön sich das anhört. (Nimmt seinen Arm.) Nun
paß mal auf, Torvald, wie ich mir unsere künftige Einrichtung gedacht habe. Sobald
Weihnachten vorbei ist - (es läutet im Vorzimmer.) Ach, da läutet es! (Räumt schnell
ein wenig im Zimmer auf.) Es kommt gewiß jemand. Wie dumm!
HELMER. Für Besuche bin ich nicht zu Hause, vergiß das nicht.
175 HAUSMÄDCHEN (in der Vorzimmertür.) Gnädige Frau - eine fremde Dame - -
NORA. Ich bitte.
HAUSMÄDCHEN (zu Helmer.) Der Herr Doktor ist auch da.
HELMER. Er ist wohl gleich zu mir hineingegangen?
HAUSMÄDCHEN. Ja, das ist er. (Helmer ab in sein Zimmer; das Hausmädchen führt
180 Frau Linde, die im Reiseanzug ist, ins Zimmer und schließt dann die Tür hinter ihr.)
FRAU LINDE (zaghaft und ein wenig zögernd.) Guten Tag, Nora.
NORA (unsicher.) Guten Tag -
FRAU LINDE. Du kennst mich wohl nicht mehr -?
NORA. Nein, ich weiß nicht -; doch, ja, - ich glaube - (aufjubelnd.) Wie - Christine!
185 Bist Du's wirklich?!
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NORA (lächelt still.) Ja, das sagt Torvald heutigentags noch. (Droht mit dem Finger.)
Aber "Nora, Nora" ist nicht so dumm, wie Ihr denkt. - Uns ist es wahrhaftig nicht so
245 ergangen, daß ich hätte verschwenden können. Wir haben beide arbeiten müssen.
FRAU LINDE. Du auch?
NORA. Ja, Kleinigkeiten -, Handarbeiten, Häkeleien, Stickereien und dergleichen, -
(leichthin) - und auch noch andere Sachen. Du weißt doch, daß Torvald aus dem
Ministerialdienst ausgetreten ist, als wir heirateten? In seinem Rayon war keine
250 Aussicht auf Beförderung, und er mußte doch mehr Geld verdienen als früher. Im
ersten Jahr überarbeitete er sich aber ganz gräßlich. Er war, wie Du Dir denken
kannst, auf allerhand Nebenverdienste angewiesen und mußte von früh bis spät
schaffen. Das konnte er nicht vertragen, und so wurde er totkrank. Die Ärzte er-
klärten es für notwendig, daß er nach dem Süden ginge.
255 FRAU LINDE. Ach ja, Ihr wart ja ein ganzes Jahr in Italien.
NORA. Ja, gewiß. Glaub' mir, es war nicht leicht wegzukommen. Ivar war eben ge-
boren. Doch weg mußten wir auf jeden Fall. Ach, es war eine wunderbar schöne
Reise, und sie hat Torvald das Leben gerettet. Aber eine schwere Menge Geld hat
sie gekostet, Christine.
260 FRAU LINDE. Das kann ich mir schon denken.
NORA. Zwölfhundert Taler hat sie gekostet. Viertausendachthundert Kronen. Du,
das ist viel Geld.
FRAU LINDE. Aber in solcher Lage ist es jedenfalls doch ein großes Glück, wenn
man es hat.
265 NORA. Ich will Dir was sagen, wir kriegten es von Papa.
FRAU LINDE. Ach so. Gerade um jene Zeit starb ja wohl Dein Vater.
NORA. Ja, Christine, gerade damals. Und denk nur, ich konnte nicht zu ihm reisen
und ihn pflegen. Ich erwartete ja täglich die Geburt meines kleinen Ivar. Und dann
mußte ich ja auch meinen armen totkranken Torvald pflegen. Der liebe, gute Papa!
270 Ich habe ihn nicht mehr gesehen, Christine. Ach! das ist das Schwerste, was ich seit
meiner Verheiratung erlebt habe. 6
FRAU LINDE. Ich weiß, Du hast ihn sehr lieb gehabt. Und dann seid Ihr also nach
Italien gereist?
NORA. Jawohl - da hatten wir ja das Geld, und die Ärzte drangen darauf. Einen Mo-
275 nat später sind wir gereist.
FRAU LINDE. Und Dein Mann kam ganz geheilt zurück?
NORA. Munter wie ein Fisch im Wasser.
FRAU LINDE. Aber - der Doktor?
NORA. Wieso?
280 FRAU LINDE. Ich glaubte das Mädchen so verstanden zu haben, der Herr, der zu-
gleich mit mir eintrat, sei der Doktor.
NORA. Das war Doktor Rank. Der kommt aber nicht als Arzt zu uns. Das ist unser
bester Freund und läßt sich hier bei uns täglich wenigstens einmal sehen. Nein,
Torvald ist auch noch nicht eine Stunde wieder krank gewesen. Und die Kinder
285 sind munter und gesund, und ich auch. (Springt auf und klatscht in die Hände.) Gott,
o Gott, Christine, es ist doch wunderbar schön, zu leben und glücklich zu sein! - -
Ach, aber es ist abscheulich von mir -; ich spreche immer nur von meinen eigenen
Sachen. (Setzt sich dicht neben sie auf einen Schemel und legt die Hände auf Frau
Lindes Schoß.) Ach, Du mußt mir nicht böse sein! - Sag' mal, ist es wirklich wahr,
290 daß Du Deinen Mann nicht geliebt hast? Warum hast Du ihn denn genommen?
FRAU LINDE. Meine Mutter lebte noch und war bettlägerig und ohne Mittel. Und
auch für meine beiden jüngeren Brüder hatte ich zu sorgen. Es schien mir unver-
antwortlich, seinen Antrag zurückzuweisen.
NORA. Nein, nein, das ist ganz richtig. Er war also damals reich?
295 FRAU LINDE. Er war recht wohlhabend, glaube ich. Aber es waren unsichere Ge-
schäfte, Nora. Als er starb, kam der Zusammenbruch, und nichts blieb übrig.
NORA. Und dann -?
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FRAU LINDE. Dann mußte ich mich mit einem kleinen Kramladen und einer klei-
nen Schule und allem Möglichen durchschlagen. Die letzten drei Jahre sind ein
300 einziger langer, ruheloser Arbeitstag für mich gewesen. Jetzt ist er zu Ende, Nora.
Meine arme Mutter braucht mich nicht mehr, - sie ist gestorben. Und die Jungen
auch nicht, - sie haben jetzt Stellungen und können für sich selber sorgen.
NORA. Wie leicht Du Dich fühlen mußt -
FRAU LINDE. Nein, Du, - nur so unsagbar leer. Niemand mehr, für den ich leben
305 kann. (Steht unruhig auf.) Deshalb hielt ich es da in dem entlegenen Nest nicht
mehr aus. Hier muß man doch leichter etwas finden können, das einen in Anspruch
nimmt und die Gedanken beschäftigt. Wenn es mir nur gelänge, eine feste Stellung
zu finden, ein wenig Bureauarbeit -
NORA. Aber Christine, das ist ja entsetzlich anstrengend und Du siehst ohnehin
310 schon so angegriffen aus. Es wäre viel besser für Dich, wenn Du eine Badereise
machen könntest!
FRAU LINDE (geht ans Fenster.) Ich habe keinen Vater, der mir das Reisegeld
schenken könnte, Nora.
NORA (steht auf.) Ach, sei mir nicht böse!
315 FRAU LINDE (geht zu ihr.) Liebe Nora, sei Du mir nicht böse. Das ist das Schlimms-
te bei Verhältnissen wie den meinigen, daß sie so das Gemüt verbittern. Man hat
für niemand zu arbeiten, und doch muß man fortwährend tätig sein. Denn man
muß doch leben, und so wird man Egoist. Als Du mir von der glücklichen Verände-
rung in Eurer Lebenslage erzähltest - wirst Du mir glauben, da freute ich mich
320 nicht so sehr um Deinet-, wie um meinetwillen.
NORA. Wie das? Ach ja - ich verstehe Dich. Du meinst, daß Torvald etwas für Dich
tun könnte.
FRAU LINDE. Ja, das dachte ich mir.
NORA. Das soll er auch, Christine. Überlaß das nur mir; ich werde es schon so fein
325 einfädeln, so fein, - etwas recht Liebenswürdiges aushecken, das bei ihm verfängt.
Ach, ich möchte Dir so furchtbar gern helfen. 7
FRAU LINDE. Wie schön von Dir, Nora, daß Du so für meine Sache eintrittst - dop-
pelt schön von Dir, die Du selbst die Last und Mühsal des Lebens so gar nicht
kennst.
330 NORA. Ich -? Ich kenne nicht -?
FRAU LINDE (lächelnd.) Du lieber Gott, das bißchen Handarbeit und dergleichen -.
Du bist ein Kind, Nora.
NORA (wirft den Kopf zurück und geht durchs Zimmer.) Das solltest Du nicht mit
solcher Überlegenheit sagen.
335 FRAU LINDE. So?
NORA. Du bist wie die andern. Alle glaubt Ihr, daß ich zu etwas wirklich Ernstem
nicht tauge -
FRAU LINDE. Na, na - -
NORA. - daß ich nichts geleistet habe in diesem schweren Dasein.
340 FRAU LINDE. Liebe Nora, Du hast mir ja eben all Dein Ungemach erzählt.
NORA. Ach was, - die Bagatellen! - (Leise.) Das Große, das habe ich Dir nicht erzählt.
FRAU LINDE. Das Große? Was meinst Du damit?
NORA. Du unterschätzt mich durchaus, Christine; aber das solltest Du nicht tun. Du
bist stolz darauf, daß Du so lange und so schwer für Deine Mutter geschafft hast.
345 FRAU LINDE. Ich unterschätze gewiß niemanden. Aber eins ist wahr: ich bin stolz
und glücklich in dem Gedanken, daß es mir vergönnt gewesen ist, meiner Mutter
die letzten Lebenstage einigermaßen sorgenfrei zu gestalten.
NORA. Und Du bist auch stolz in dem Gedanken, was Du für Deine Brüder getan
hast.
350 FRAU LINDE. Ich glaube ein Recht dazu zu haben.
NORA. Das glaube ich auch. Aber nun sollst Du etwas erfahren, Christine. Auch ich
habe was, das mich stolz und glücklich macht.
FRAU LINDE. Daran zweifle ich nicht. Aber wie meinst Du das?
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NORA. Sprich leise. Bedenk, wenn Torvald es hörte! Um keinen Preis der Welt darf
355 er -; niemand darf es erfahren, außer Dir niemand, Christine.
FRAU LINDE. Was ist es denn nur?
NORA. Komm her. (Zieht sie neben sich auf das Sofa.) Ja, Du, - ich habe auch etwas,
das mich stolz und glücklich macht: ich habe Torvald das Leben gerettet
FRAU LINDE. Gerettet -? Wieso gerettet?
360 NORA. Ich habe Dir doch von der Reise nach Italien erzählt. Wenn Torvald nicht
dorthin gekommen wäre, so wäre er draufgegangen.
FRAU LINDE. Na ja, Dein Vater hat Euch ja die nötigen Mittel gegeben -
NORA (lächelt.) Ja, das glaubt Torvald, und das glauben alle andern; aber -
FRAU LINDE. Aber -?
365 NORA. Papa hat uns keinen Heller gegeben. Ich habe das Geld geschafft.
FRAU LINDE.
Du? Die ganze große Summe?
NORA. Zwölfhundert Taler. Viertausendachthundert Kronen. Was sagst Du nun?
FRAU LINDE. Ja aber, Nora, wie war Dir das möglich? Hattest Du in der Lotterie
370 gewonnen?
NORA (verächtlich.) In der Lotterie? (Geringschätzig.) Was wäre denn das für eine
Kunst gewesen?
FRAU LINDE. Wo hast Du es denn herbekommen?
NORA (trällert und lächelt geheimnisvoll.) Hm, tralalala!
375 FRAU LINDE. Borgen konntest Du es Dir doch nicht?
NORA. So? Warum denn nicht?
FRAU LINDE. Nein, eine Frau kann ohne die Einwilligung ihres Gatten kein Darlehn
aufnehmen.
NORA (wirft den Kopf zurück.)
380 So -? Wenn es eine Frau ist, die einige Geschäftskenntnis hat -, eine Frau, die sich
klug zu benehmen weiß, - dann -
FRAU LINDE. Aber, Nora, ich verstehe kein Wort - 8
NORA. Ist auch gar nicht nötig. Es ist ja gar nicht gesagt, daß ich mir das Geld ge-
borgt habe. Ich kann es mir ja auf andere Weise verschafft haben. (Wirft sich ins
385 Sofa zurück.) Ich kann es ja von irgend einem Verehrer bekommen haben. Wenn
man leidlich hübsch aussieht, wie ich -
FRAU LINDE. Du bist eine Närrin.
NORA. Jetzt bist Du gewiß grenzenlos neugierig, Christine.
FRAU LINDE. Hör' mal an, liebe Nora, - hast Du auch keine Unbesonnenheit began-
390 gen?
NORA (richtet sich wieder auf.) Ist es eine Unbesonnenheit, seinem Mann das Leben
zu retten?
FRAU LINDE. Ich finde, es war eine Unbesonnenheit, daß Du ohne sein Wissen -
NORA. Aber er durfte ja doch nichts wissen! Herrgott, kannst Du denn das nicht
395 begreifen? Er durfte nicht einmal wissen, wie schlimm es um ihn stand. Zu mir
kamen die Ärzte und sagten, es wäre Gefahr für sein Leben, und nur ein Aufenthalt
im Süden könnte ihn retten. Meinst Du denn, ich hätte nicht zunächst auf andere
Weise versucht, aus der Verlegenheit zu kommen? Ich sprach mit ihm darüber, wie
nett ich es finden würde, mal wie andere junge Frauen ins Ausland reisen zu kön-
400 nen. Ich weinte und ich flehte; ich sagte ihm, er sollte doch daran denken, in wel-
chen Umständen ich mich befände, er sollte doch gut sein und mir nachgeben, und
dann deutete ich an, er könnte ja wohl ein Darlehn aufnehmen. Aber da wurde er
beinahe böse, Christine. Er sagte, ich wäre leichtsinnig, und es wäre seine Pflicht
als Ehemann, meinen Mucken und Launen - so nannte er es, glaube ich - nicht
405 nachzugeben. Nun wohl, dachte ich bei mir, gerettet mußt Du werden; und da ver-
fiel ich auf diesen Ausweg -
FRAU LINDE. Hat Dein Mann denn nicht von Deinem Vater erfahren, daß das Geld
nicht von ihm kam?
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NORA. Nein, niemals. Papa starb gerade in jenen Tagen. Ich hatte vor, ihn in die
410 Sache einzuweihen und ihn zu bitten, daß er nichts verriete. Weil er nun aber so
krank darniederlag -. Leider wurde es nicht mehr nötig.
FRAU LINDE. Und später hast Du Dich Deinem Manne nie anvertraut?
NORA. Nein, um des Himmelswillen, was fällt Dir ein? Ihn, der in diesen Dingen so
streng ist! Und außerdem - Torvald mit seinem männlichen Selbstgefühl, - wie
415 peinlich und demütigend wäre ihm das Bewußtsein, mir etwas zu verdanken. Das
würde unser gegenseitiges Verhältnis vollständig verschieben. Unser schönes,
glückliches Heim wäre nicht mehr, was es jetzt ist.
FRAU LINDE. Wirst Du es ihm niemals sagen?
NORA (nachdenklich, mit halbem Lächeln.) Doch, - vielleicht später einmal; - nach
420 vielen Jahren, wenn ich nicht mehr so hübsch bin wie jetzt. Du darfst darüber nicht
lachen. Ich meine ja nur: wenn Torvald sich nicht mehr so viel aus mir macht wie
jetzt; wenn es ihm keine Freude mehr gewährt, daß ich ihm etwas vortanze und
mich verkleide und deklamiere. Dann ist es vielleicht gut, etwas in der Reserve zu
haben -. (Abbrechend.) Ach Unsinn, Unsinn, Unsinn! Die Zeit kommt nie. - Na, aber
425 was sagst Du zu meinem großen Geheimnis, Christine? Tauge ich nicht doch zu
etwas? - Du darfst mir übrigens glauben, die Sache hat mir viel Kummer bereitet.
Es ist mir wahrhaftig nicht leicht geworden, meinen Verpflichtungen immer zur
rechten Zeit nachzukommen. Du mußt nämlich wissen, im Geschäftsleben gibt es
etwas, das man Quartalszinsen nennt, und noch etwas, das Abzahlung heißt; und
430 die Gelder sind immer so entsetzlich schwer zu beschaffen. Da habe ich denn an
allen Ecken und Enden sparen müssen, wo ich nur konnte, siehst Du. Vom Wirt-
schaftsgelde konnte ich so gut wie nichts erübrigen, denn Torvald mußte ja gut
leben. Die Kinder konnte ich doch auch nicht in schlechter Kleidung umhergehen
lassen; was ich für sie bekam, dachte ich, das müßte ich auch für sie verbrauchen.
435 Die süßen, herzigen Kleinen!
FRAU LINDE. Da mußten denn wohl Deine eigenen Bedürfnisse herhalten, arme
Nora? 9
NORA. Ja, natürlich. Ich war ja auch die Nächste dazu. Jedesmal, wenn Torvald mir
Geld zu neuen Kleidern und dergleichen gab, verwandte ich nie mehr als die Hälfte
440 darauf; ich kaufte stets vom Billigsten und Einfachsten. Ein wahres Glück, daß mir
alles so gut steht, und Torvald also nichts merkte. Manchmal ist es mir aber recht
schwer geworden, Christine, denn es ist doch himmlisch, fein gekleidet zu gehen.
Nicht wahr?
FRAU LINDE. Ja, freilich.
445 NORA. Na, und dann hatte ich ja auch noch andere Einnahmequellen. Im vorigen
Winter hatte ich das Glück, eine Menge Schreibarbeit zu bekommen. Da schloß ich
mich ein und schrieb jeden Abend bis tief in die Nacht hinein. Ach, zuweilen war
ich so müde, so müde. Aber es war trotzdem riesig unterhaltend, so zu arbeiten
und Geld zu verdienen. Ich kam mir beinahe wie ein Mann vor.
450 FRAU LINDE. Wie viel hast Du denn nun auf die Weise abzahlen können?
NORA. Ja, das kann ich nicht so genau sagen. Weißt Du, es ist sehr schwierig, sich in
solchen Geschäften zurecht zu finden. Ich weiß bloß, daß ich bezahlt habe, was ich
nur zusammenkratzen konnte. Gar manches Mal habe ich mir keinen Rat gewußt.
(Lächelt.) Dann saß ich da und stellte mir vor, es hätte sich ein reicher, alter Herr in
455 mich verliebt -
FRAU LINDE. Wie? Was für ein Herr?
NORA. Ach Unsinn! - und daß er stürbe, und als man sein Testament öffnete, stand
mit großen Buchstaben darin: "Alle meine Gelder sollen der liebenswürdigen Frau
Nora Helmer sofort bar ausbezahlt werden."
460 FRAU LINDE. Aber liebe Nora, - was war das für ein Herr?
NORA. Herrgott, begreifst Du denn nicht? Der alte Herr existierte ja gar nicht; das
habe ich mir ja nur vorphantasiert - immer und immer wieder, wenn ich nicht aus
noch ein wußte, um Geld zu beschaffen. Aber das ist nun alles eins; der alte lang-
weilige Mensch kann meinetwegen bleiben, wo er ist; ich mache mir weder aus
465 ihm noch aus seinem Testament etwas, denn jetzt bin ich die Sorgen los. (Springt
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auf.) Gott, o Gott, Christine, es ist doch ein himmlischer Gedanke! Sorgenfrei! Sor-
genfrei zu sein, ganz sorgenfrei; mit den Kindern spielen und sich tummeln zu
können; es hübsch und nett im Hause zu haben, ganz so, wie Torvald es liebt! Und
denk, nun kommt bald der Frühling mit seinem weiten, blauen Himmel! Vielleicht
470 können wir dann eine kleine Reise machen. Und ich darf vielleicht das Meer wie-
dersehen! Ach ja, ja! Wie wunderbar, zu leben und glücklich zu sein! (Man hört die
Glocke im Vorzimmer.)
FRAU LINDE (steht auf.) Es klingelt; es ist vielleicht das beste, ich gehe.
NORA. Nein, bleib nur; zu mir kommt gewiß kein Besuch; es wird wohl jemand zu
475 Torvald -
HAUSMÄDCHEN (in der Vorzimmertür.) Verzeihung, gnädige Frau; - da ist ein Herr,
- der den Herrn Advokaten sprechen will.
NORA. - - den Herrn Bankdirektor, meinst Du wohl.
HAUSMÄDCHEN. Ja, den Herrn Bankdirektor; ich wußte aber nicht recht, - weil
480 doch der Herr Doktor drin ist -
NORA. Wer ist der Herr?
KROGSTAD (in der Vorzimmertür.) Ich bin's, gnädige Frau.
(Frau Linde stutzt, fährt zusammem und wendet sich dem Fenster zu.)
NORA (geht ihm einen Schritt entgegen, gespannt, mit halber Stimme.) Sie? Was soll
485 das heißen? Über was haben Sie mit meinem Mann zu reden?
KROGSTAD. Über Bankangelegenheiten; - sozusagen. Ich habe einen kleinen Pos-
ten an der Aktienbank, und wie ich höre, wird Ihr Mann jetzt unser Chef -
NORA. Es sind also -
KROGSTAD. - nur trockene Geschäfte, gnädige Frau; absolut nichts andres.
490 NORA. Ja, dann haben Sie wohl die Güte, sich ins Bureau zu bemühen. (Grüßt
gleichgültig, indem sie die Tür zum Vorzimmer schließt; darauf geht sie an den Ofen
und sieht nach dem Feuer.)
FRAU LINDE. Nora, - wer war der Mann?
NORA. Das war ein gewisser Krogstad. 10
495 FRAU LINDE. Er war es also wirklich.
NORA. Kennst Du den Menschen?
FRAU LINDE. Ich habe ihn gekannt - es ist sehr lange her. Er war eine Zeitlang Ver-
treter des Rechtsanwalts in unserer Gegend.
NORA. Ganz richtig.
500 FRAU LINDE. Wie er sich verändert hat.
NORA. Er ist wohl sehr unglücklich verheiratet gewesen.
FRAU LINDE. Jetzt ist er ja Witwer.
NORA. Mit vielen Kindern. - So - nun brennt das Feuer. (Sie schließt die Ofentür und
schiebt den Schaukelstuhl ein wenig beiseite.)
505 FRAU LINDE. Es heißt, er betreibe mancherlei Art Geschäfte?
NORA. So? Das kann schon sein! Ich weiß es wirklich nicht -. Aber laß uns nicht an
Geschäfte denken. Das ist so öde.
(Doktor Rank kommt aus Helmers Zimmer.)
DOKTOR RANK (noch in der Tür.) Nein, nein, lieber Freund, ich mag nicht stören;
510 ich will lieber ein bißchen zu Deiner Frau hineingehen. (Schließt die Tür hinter sich
und bemerkt Frau Linde.) O, - ich bitte um Vergebung; hier stör' ich am Ende auch?
NORA. Durchaus nicht. (Stellt vor.) Doktor Rank - Frau Linde.
RANK. Ah! Ein Name, der hier im Hause oft genannt wird. Ich glaube, ich ging auf
der Treppe an Ihnen vorbei, als ich kam.
515 FRAU LINDE. Ja, ich steige Treppen sehr langsam; ich kann es nicht gut vertragen.
RANK. Aha! Ein kleiner innerer Schaden?
FRAU LINDE. Eigentlich mehr eine Überanstrengung.
RANK. Sonst nichts? Dann sind Sie wohl in die Stadt gekommen, um sich bei den
vielen Fêten ein wenig zu erholen?
520 FRAU LINDE. Ich bin gekommen, um Arbeit zu suchen.
RANK. Ist Arbeit ein probates Mittel gegen Überanstrengung?
Dieses Werk (Nora (Ein Puppenheim)), von Henrik Ibsen, das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde,
unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
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HELMER. Kommen Sie, Frau Linde. Nun ist's hier nicht mehr auszuhalten für Leute,
635 die keine Mütter sind!
(Rank, Helmer und Frau Linde gehen die Treppe hinunter, die Kinderfrau geht mit
den Kindern ins Zimmer. Nora ebenfalls, indem sie die Tür zum Vorzimmer schließt.)
NORA. Wie frisch und fröhlich Ihr ausseht. Und die roten Backen, die Ihr mitbringt.
Wie Äpfel und Rosen. (Die Kinder sprechen während des Folgenden durcheinander
640 mit ihr.) Habt Ihr Euch gut unterhalten? Das ist ja herrlich. Ach - Du hast Emmy und
Bob Schlitten gefahren? - Denk mal an! Ja, Du bist ein fixer Kerl, Ivar. Gib sie mir ein
bißchen, Anne-Marie. Mein süßes, kleines Puppenkind! (Nimmt der Kinderfrau das
Kleinste ab und tanzt mit ihm.) Ja, ja! Mama wird mit Bob auch tanzen. Was? Ihr
habt Euch geschneeballt? Oh, da hätte ich mit dabei sein mögen! Laß nur, ich will
645 sie selbst ausziehen, Anne-Marie. Laß mich doch; ich tu's so gerne. Geh so lange in
die Kinderstube. Du siehst so verfroren aus. Auf dem Ofen steht heißer Kaffee für
Dich.
(Die Kinderfrau geht in das Zimmer zur Linken. Nora nimmt den Kindern die Mäntel
und Hüte ab und wirft alles umher; inzwischen läßt sie sie durcheinander reden.)
650 NORA. Ach was! Ein großer Hund ist Euch nachgelaufen? Aber gebissen hat er Euch
nicht? Nein, solche kleine nette Püppchen beißen die Hunde nicht. Nicht in die
Pakete gucken, Ivar! Was das ist? Ja, wenn Ihr das wüßtet! Ach nein, nein, da ist
etwas Garstiges drin. So? Spielen möchtet Ihr? Was wollen wir spielen? Verstecken.
Ja. Spielen wir Verstecken. Bob soll sich zuerst verstecken. Ich? Na ja, dann verste-
655 cke ich mich zuerst.
(Sie und die Kinder spielen unter Jubel und Lachen im Zimmer und in dem anstoßen-
den Raume zur Rechten. Zuletzt versteckt Nora sich unter dem Tisch. Die Kinder
stürmen herein, suchen, können sie aber nicht finden. Dann hören sie ihr unterdrück-
tes Lachen, stürzen an den Tisch, heben die Decke auf und sehen sie. Stürmischer
660 Jubel. Sie kriecht hervor, als wolle sie sie schrecken. Neuer Jubel. Inzwischen hat es an
der Eingangstür geklopft; niemand hat es beachtet. Jetzt wird die Tür halb geöffnet
und Krogstad wird sichtbar. Er wartet ein wenig; das Spiel nimmt seinen Fortgang.) 13
KROGSTAD. Entschuldigen Sie, Frau Helmer -
NORA (mit einem unterdrückten Schrei, dreht sich um und springt halb in die Höhe.)
665 Ah! Was wollen Sie?
KROGSTAD. Entschuldigen Sie; - die Stiegentür war nur angelehnt; es muß jemand
vergessen haben, sie zuzumachen.
NORA (steht auf.) Mein Mann ist nicht zu Hause, Herr Krogstad.
KROGSTAD. Das weiß ich.
670 NORA. So - was wollen Sie denn hier?
KROGSTAD. Ein Wort mit Ihnen reden.
NORA. Mit - (Leise zu den Kindern.) Geht hinein zu Anne-Marie. Was? Nein, der
fremde Herr will Mama nichts zu leide tun. Wenn er fort ist, spielen wir weiter. (Sie
führt die Kinder in das Zimmer links und schließt die Tür hinter ihnen.)
675 NORA (unruhig, gespannt.) Sie wollen mit mir sprechen?
KROGSTAD. Allerdings.
NORA. Heut - aber es ist doch noch nicht der Erste?
KROGSTAD. Nein, heut ist Heiligabend. Von Ihnen selbst wird es abhängen, welche
Bescherung Sie haben werden!
680 NORA. Was wollen Sie? Heut kann ich absolut nicht -
KROGSTAD. Davon reden wir vorläufig nicht. Es handelt sich um etwas andres. Sie
haben doch wohl einen Augenblick Zeit?
NORA. O ja, gewiß, Zeit habe ich wohl, obgleich -
KROGSTAD. Gut. Ich saß im Restaurant Olsen und sah Ihren Mann über die Straße
685 gehen -
NORA. Jawohl.
KROGSTAD. - mit einer Dame.
NORA. Und was weiter?
KROGSTAD. Darf ich mir die Frage erlauben: war die Dame eine Frau Linde?
690 NORA. Ja.
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heraus. Meine Söhne wachsen heran; um ihretwillen muß ich versuchen, mir so
viel bürgerliche Achtung wie möglich wieder zu erringen. Der Posten bei der Bank
war sozusagen die erste Stufe für mich. Und nun will Ihr Mann mich mit einem
750 Fußtritt von der Treppe hinunterstoßen, so daß ich wieder in den Schmutz zu lie-
gen komme.
NORA. Aber um Gottes willen, Herr Krogstad, es liegt absolut nicht in meiner
Macht, Ihnen zu helfen.
KROGSTAD. Weil Sie nicht den guten Willen haben. Ich habe aber Mittel, Sie zu
755 zwingen.
NORA. Sie wollen meinem Manne doch wohl nicht sagen, daß ich Ihnen Geld schul-
dig bin?
KROGSTAD. Hm - und wenn ich es ihm nun sagte?
NORA. Das wäre schändlich von Ihnen. (Die Tränen sind ihr nahe.) Dieses Geheim-
760 nis, das meine Freude und mein Stolz ist -, er sollte es auf so häßliche und plumpe
Art erfahren? Von Ihnen es erfahren? Sie würden mich den schrecklichsten Unan-
nehmlichkeiten aussetzen -
KROGSTAD. Nur Unannehmlichkeiten?
NORA (heftig.) Aber tun Sie es nur! Sie selbst werden den größten Schaden davon
765 haben; dann wird mein Mann erst sehen, was für ein schlechter Mensch Sie sind.
Und Sie werden Ihren Posten erst recht nicht behalten!
KROGSTAD. Ich fragte, ob Sie nur häusliche Unannehmlichkeiten befürchten?
NORA. Erfährt mein Mann davon, so wird er die Restsumme natürlich sofort bezah-
len. Und dann haben wir nichts mehr mit Ihnen zu schaffen.
770 KROGSTAD (einen Schritt näher.) Hören Sie, Frau Helmer; - entweder haben Sie
kein gutes Gedächtnis, oder Sie haben keine Ahnung von Geschäften. Ich muß
Ihnen die Sache wohl etwas gründlicher auseinandersetzen.
NORA. Wie das?
KROGSTAD. Als Ihr Mann krank war, kamen Sie zu mir, um zwölfhundert Taler zu
775 leihen. 15
NORA. Ich habe sonst niemand gewußt.
KROGSTAD. Ich versprach, Ihnen das Geld zu verschaffen -
NORA. Sie haben es mir ja auch verschafft.
KROGSTAD. Ich versprach, Ihnen die Summe unter gewissen Bedingungen zu ver-
780 schaffen. Sie waren damals von der Krankheit Ihres Mannes so in Anspruch ge-
nommen und so eifrig darauf aus, das Reisegeld zu bekommen, daß Sie für alle
Nebenumstände wohl keine Gedanken hatten. Es ist daher sehr angebracht, Sie
daran zu erinnern. Nun denn, - ich versprach, Ihnen das Geld gegen einen Schuld-
schein zu verschaffen, den ich aufsetzte.
785 NORA. Und den ich unterschrieben habe.
KROGSTAD. Gut. Aber dem fügte ich unten noch einige Zeilen hinzu, worin Ihr Va-
ter die Bürgschaft für die Schuld übernahm. Diese Zeilen sollte Ihr Vater unter-
schreiben.
NORA. Sollte -? Er hat ja unterschrieben.
790 KROGSTAD. Ich hatte das Datum in blanko gelassen; das heißt, Ihr Vater selbst
sollte den Tag angeben, an dem er das Papier unterschrieb. Erinnern Sie sich, gnä-
dige Frau?
NORA. Ja, ich glaube wohl -
KROGSTAD. Darauf übergab ich Ihnen den Schuldschein, damit Sie ihn mit der Post
795 an Ihren Vater schickten. War das nicht so?
NORA. Ja.
KROGSTAD. Und das haben Sie natürlich auch sofort getan, denn schon nach fünf
oder sechs Tagen brachten Sie mir das Papier mit der Unterschrift Ihres Vaters
zurück. Darauf bekamen Sie den Betrag ausgezahlt.
800 NORA. Nun ja. Habe ich denn nicht prompt abbezahlt?
KROGSTAD. So ziemlich. Aber - um auf das zurückzukommen, wovon wir gespro-
chen haben, - das war damals wohl eine schwere Zeit für Sie, gnädige Frau.
NORA. Ja, das war es.
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KROGSTAD. Schlecht oder nicht, - wenn ich dies Stück Papier dem Gericht vorlege,
860 so werden Sie nach den Gesetzen verurteilt.
NORA. Das glaube ich nun und nimmermehr! Eine Tochter sollte nicht das Recht
haben, ihrem alten, todkranken Vater Angst und Kummer zu ersparen? Eine Frau
sollte nicht das Recht haben, ihrem Manne das Leben zu retten? Ich kenne die Ge-
setze nicht so genau, aber ich bin überzeugt, irgendwo muß darin stehen, daß so
865 etwas erlaubt ist. Und darüber wissen Sie nicht Bescheid, Sie, ein Anwalt? Sie müs-
sen ein schlechter Jurist sein, Herr Krogstad.
KROGSTAD. Mag sein. Aber nicht wahr, auf Geschäfte, - auf solche Geschäfte, wie
wir sie miteinander haben, auf die verstehe ich mich doch wohl? Gut. Tun Sie jetzt,
was Ihnen beliebt. Aber das sage ich Ihnen: werde ich zum zweiten Male ausgesto-
870 ßen, so sollen Sie mir Gesellschaft leisten. (Er grüßt und geht durchs Vorzimmer
ab.)
NORA (eine Weile nachdenklich, wirft dann den Kopf in den Nacken.) Ach was! - Er
will mir Angst machen! So einfältig bin ich denn doch nicht. (Fängt an, die Mäntel
der Kinder zusammenzulegen, hält bald damit inne.) Aber -? - - Nein, das ist ja doch
875 unmöglich! Ich habe es doch aus Liebe getan.
DIE KINDER (links in der Tür.) Mama, eben ist der fremde Mann aus dem Haus
gegangen.
NORA. Ja, ja, ich weiß. Aber sagt keinem etwas von dem fremden Mann. Hört Ihr?
Auch nicht Papa.
880 DIE KINDER. Nein, Mama. Willst Du jetzt wieder mit uns spielen?
NORA. Nein, nein, nicht jetzt.
DIE KINDER. Aber Mama, Du hast es doch versprochen!
NORA. Ja, aber ich kann jetzt nicht! Geht hinein, ich habe zu viel zu tun. Hinein,
hinein mit Euch, meine lieben, süßen Kinder. (Sie nötigt sie liebevoll in das ansto-
885 ßende Zimmer, schließt die Tür hinter ihnen und setzt sich aufs Sofa; sie nimmt eine
Stickerei und macht einige Stiche, hält jedoch bald wieder inne.) Nein! (Wirft die
Stickerei hin, steht auf, geht an die Vorzimmertür und ruft hinaus:) Helene! Den 17
Tannenbaum! (Geht links an den Tisch und öffnet die Schieblade, hält wieder inne.)
Nein, - aber das ist ja ganz unmöglich!
890 HAUSMÄDCHEN (mit dem Tannenbaum.) Wo soll er hin, gnädige Frau?
NORA. Dorthin, mitten ins Zimmer.
HAUSMÄDCHEN. Soll ich sonst noch etwas bringen?
NORA. Nein, danke, ich habe alles, was ich brauche. (Das Mädchen hat den Baum
hingestellt und geht wieder hinaus. Nora beginnt den Baum zu putzen.) Hier kom-
895 men Lichter hin, - und da Blumen. - Der abscheuliche Mensch! Unsinn! Unsinn!
Unsinn! Es ist alles in Ordnung. Der Weihnachtsbaum soll schön werden. Alles will
ich tun, was Dir Freude macht, Torvald; - ich will Dir etwas vorsingen, - vortanzen -
HELMER (kommt, einen Stoß Schriftstücke unter dem Arm, von draußen.)
NORA. Ah, - kommst Du schon wieder?
900 HELMER. Ja. Ist wer hier gewesen?
NORA. Hier? Nein.
HELMER. Sonderbar! Ich sah, wie Krogstad das Haus verließ.
NORA. So -? Ach richtig, Krogstad - der war einen Augenblick hier.
HELMER. Nora, ich sehe Dir's an: er ist hier gewesen und hat Dich gebeten, ein
905 gutes Wort für ihn einzulegen.
NORA. Ja.
HELMER. Und das solltest Du wie aus eigenem Antriebe tun. Du solltest mir ver-
schweigen, daß er hier gewesen war. Hat er Dich nicht auch darum gebeten?
NORA. Ja, Torvald; aber -
910 HELMER. Nora, Nora, und darauf konntest Du Dich einlassen? Mit einem solchen
Menschen eine Unterhaltung führen und ihm noch Versprechungen machen? Und
mir obendrein die Unwahrheit sagen!
NORA. Die Unwahrheit -?
HELMER. Sagtest Du nicht, es wäre niemand hier gewesen? (Droht mit dem Finger.)
915 Das darf mein Singvögelchen nie wieder tun. Ein Singvogel darf nur mit reinem
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Schnäbelchen zwitschern, - keine falschen Töne! (Faßt sie um die Taille.) Muß es
nicht so sein? Ja - ich wußte es wohl. (Läßt sie los.) Und nun nichts mehr davon.
(Setzt sich vor den Ofen.) Ah, wie warm und gemütlich es hier ist. (Blättert in den
Papieren.)
920 NORA (mit dem Tannenbaum beschäftigt, nach kurzer Pause.) Torvald!
HELMER. Ja?!
NORA. Ich freue mich grenzenlos auf den Kostümball übermorgen bei Stenborgs.
HELMER. Und ich bin grenzenlos neugierig, womit Du mich überraschen wirst.
NORA. Ach, es ist zu dumm!
925 HELMER. Was?
NORA. Mir fällt gar nichts Ordentliches ein; es ist alles so albern, so nichtssagend.
HELMER. Ist Norachen zu der Erkenntnis gekommen?
NORA (hinter seinem Stuhl, die Arme auf der Stuhllehne.) Hast Du sehr viel zu tun,
Torvald?
930 HELMER. Ach -
NORA. Was sind das für Papiere?
HELMER. Bankangelegenheiten.
NORA. Schon?
HELMER. Ich habe mir von der abtretenden Direktion Vollmacht geben lassen, die
935 nötigen Veränderungen im Personal und im Geschäftsplan vornehmen zu dürfen.
Dazu muß ich die Weihnachtswoche benutzen. Ich will bis Neujahr alles in Ord-
nung haben.
NORA. Deshalb also war der arme Krogstad -
HELMER. Hm.
940 NORA (lehnt sich noch immer auf die Stuhllehne, kraut ihn langsam im Nacken-
haar.) Wenn Du nicht so viel zu tun hättest, so würde ich Dich um einen sehr gro-
ßen Gefallen bitten, Torvald.
HELMER. Laß hören. Was sollte das sein?
NORA. Keiner hat ja einen so feinen Geschmack wie Du. Nun möchte ich gern recht 18
945 hübsch aussehen auf dem Kostümball. Torvald, kannst Du mir nicht helfen und
bestimmen, als was ich gehen, und wie mein Anzug gemacht sein soll?
HELMER. Aha, der kleine Eigensinn ist auf der Suche nach einem rettenden Engel?
NORA. Ja, Torvald, ohne Deinen Beistand bringe ich es nicht fertig.
HELMER. Na schön; ich werde mir die Sache überlegen; wir werden schon etwas
950 ausfindig machen.
NORA. Ach, das ist reizend von Dir. (Geht wieder an den Weihnachtsbaum; Pause.)
Wie hübsch die roten Blumen sich machen. - Sag' einmal, ist das wirklich so
schlimm, was dieser Krogstad verbrochen hat?
HELMER. Er hat Unterschriften gefälscht. Hast Du einen Begriff davon, was das
955 heißen will?
NORA. Kann er es nicht aus Not getan haben?
HELMER. Ja, oder - wie so mancher andere - aus Leichtsinn. Ich bin nicht so herz-
los, daß ich einen Menschen um einer solchen vereinzelten Handlung willen unbe-
dingt verurteilen würde.
960 NORA. Nein, - nicht wahr, Torvald?
HELMER. Manch einer kann sich moralisch wieder aufrichten, wenn er sein Verge-
hen offen bekennt und seine Strafe abbüßt.
NORA. Strafe -?
HELMER. Den Weg aber hat Krogstad nicht betreten. Mit Kniffen und Schlichen
965 schwindelte er sich durch; und eben das hat ihn moralisch ruiniert.
NORA. Glaubst Du, daß -?
HELMER. Nun denke Dir, wie solch ein schuldbewußter Mensch nach allen Seiten
hin lügen und heucheln und sich verstellen muß; wie er vor seinen Allernächsten,
ja selbst vor seiner eigenen Frau und seinen Kindern eine Maske tragen muß. Vor
970 den Kindern, Nora, das ist gerade das Entsetzlichste.
NORA. Weshalb?
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HELMER. Weil ein solcher Dunstkreis von Lüge in die ganze Familie Ansteckungs-
und Krankheitsstoff bringt. Jeder Atemzug, den die Kinder in einem solchen Hause
tun, ist erfüllt von Keimen irgend einer bösen Tat.
975 NORA (näher hinter ihm.) Bist Du dessen sicher?
HELMER. Mein Schatz, das habe ich als Advokat oft genug erfahren. Fast alle früh
verdorbenen Menschen haben lügenhafte Mütter gehabt.
NORA. Warum gerade - Mütter?
HELMER. Am häufigsten kommt es von den Müttern her. Aber Väter wirken natür-
980 lich in derselben Richtung. Das ist jedem Juristen sehr wohl bekannt. Und doch ist
dieser Krogstad Jahre hindurch imstande gewesen, seine eigenen Kinder durch
Lüge und Verstellung zu vergiften; und deshalb nenne ich ihn moralisch verkom-
men. (Streckt ihr die Hände entgegen.) Darum muß meine herzige kleine Nora mir
versprechen, nicht seine Partei zu ergreifen. Hand darauf? Nun, nun. Was ist das?
985 Gib mir die Hand. So. Abgemacht also. Ich versichere Dir, es wäre mir unmöglich,
mit ihm zusammen zu arbeiten. Mich überkommt in der Nähe solcher Menschen
buchstäblich ein körperliches Unbehagen.
NORA (entzieht ihm ihre Hand und geht an die andere Seite des Tannenbaums hin-
über.) Wie heiß es hier ist. Und ich habe so viel zu tun.
990 HELMER (steht auf und nimmt seine Papiere zusammen.) Ja, ich muß auch vor Tisch
hiervon noch einiges durchlesen. Und auch an Dein Kostüm muß ich denken. Viel-
leicht habe ich sogar etwas auf Lager, das man in Goldpapier an den Weihnachts-
baum hängen könnte. (Legt die Hand auf ihren Kopf.) O, Du mein geliebtes Singvö-
gelchen! (Er geht in sein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.)
995 NORA (leise, nach kurzer Pause.) Ach was! Es kann nicht sein. Es ist unmöglich. Es
muß unmöglich sein.
KINDERFRAU (links in der Tür.) Die Kleinen bitten so schön, zur Mama herein zu
dürfen.
NORA. Nein, nein, nein! Nicht zu mir herein! Bleib Du bei ihnen, Anne-Marie.
1000 KINDERFRAU. Ja, ja, gnädige Frau. (Schließt die Tür.) 19
NORA (bleich vor Schrecken.) Ich meine Kleinen verderben -! Das Heim vergiften?
(Kurze Pause; hebt den Kopf.) Das ist nicht wahr. Das ist in alle Ewigkeit nicht wahr!
Zweiter Akt
(Dasselbe Zimmer. Oben in der Ecke beim Klavier steht der Weihnachtsbaum,
1005 geplündert, zerzaust und mit herabgebrannten Lichtern; Noras Hut und Man-
tel liegen auf dem Sofa.)
(Nora ist allein im Zimmer, sie geht unruhig auf und ab; schließlich bleibt sie am Sofa
stehen und nimmt ihren Mantel.)
NORA (läßt den Mantel wieder fallen.) Da ist wer! (Geht an die Tür, lauscht.) Nein, -
1010 niemand. Natürlich - heut am ersten Weihnachtstag kommt niemand, - und morgen
auch nicht. - Aber vielleicht - (Öffnet die Tür und sieht hinaus.) Nein, nichts im
Briefkasten. Ganz leer. (Geht durchs Zimmer.) Ach Unsinn! Er macht natürlich nicht
ernst! So etwas kann doch nicht geschehen. Es ist unmöglich. Ich habe ja drei klei-
ne Kinder.
1015 (Die Kinderfrau kommt mit einer großen Pappschachtel aus dem Zimmer links.)
KINDERFRAU. Endlich habe ich die Schachtel mit dem Maskenanzug gefunden.
NORA. Schön. Stell' sie auf den Tisch
KINDERFRAU (tut es.) Er ist aber arg in Unordnung.
NORA. Wenn ich ihn nur in hunderttausend Stücke zerreißen könnte!
1020 KINDERFRAU. Aber nein! Man kann ihn sehr gut wieder herrichten; nur ein biß-
chen Geduld!
NORA. Ja, ich will hin und Frau Linde holen, daß sie mir hilft.
KINDERFRAU. Schon wieder aus? In diesem garstigen Wetter? Frau Nora, Sie wer-
den sich erkälten, - krank werden.
1025 NORA. Das wäre noch nicht das Schlimmste. - Was machen die Kinder?
KINDERFRAU. Die armen Würmerchen spielen mit ihren Weihnachtsgeschenken.
Aber -
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FRAU LINDE. Und Du nicht minder, sollte ich meinen. Umsonst bist Du doch nicht
die Tochter Deines Vaters. Aber sag' mir, ist der Herr Doktor Rank immer so ver-
stimmt wie gestern?
1085 NORA. Nein, - gestern war es sehr auffallend. Übrigens hat er eine sehr gefährliche
Krankheit. Der Ärmste hat die Rückenmarkschwindsucht. Du mußt nämlich wis-
sen, sein Vater war ein ganz widerwärtiger Mensch, der sich Weiber hielt, und so
weiter -; und daher, verstehst Du wohl, war der Sohn von Kindheit an schon krank.
FRAU LINDE (läßt die Näharbeit in den Schoß fallen.) Aber liebste, beste Nora, wo-
1090 her weißt Du solche Sachen?
NORA (spaziert hin und her.) Pah, - wenn man drei Kinder hat, so bekommt man
zuweilen Besuch von - von Frauen, die so gewissermaßen halbe Doktoren sind;
und die erzählen einem ja dies und das.
FRAU LINDE (näht wieder; kurze Pause.) Kommt Herr Doktor Rank täglich zu Euch
1095 ins Haus?
NORA. Jeden lieben Tag. Er ist ja Torvalds bester Jugendfreund. Und mein guter
Freund ist er auch. Der Doktor gehört sozusagen zur Familie.
FRAU LINDE. Aber sag' mir mal: ist der Mann ganz aufrichtig? Ich meine, sagt er
den Leuten nicht gern Komplimente?
1100 NORA. Ganz im Gegenteil. Wie kommst Du darauf?
FRAU LINDE. Als Du mich ihm gestern vorstelltest, versicherte er, daß er meinen
Namen hier im Hause oft gehört habe. Doch später merkte ich, daß Dein Mann
keine Ahnung hatte, wer ich eigentlich bin. Wie konnte denn Herr Rank -?
NORA. Ja, das ist ganz richtig, Christine. Torvald hat mich so unbeschreiblich lieb,
1105 und deshalb will er mich ganz allein für sich haben, wie er sagt. In der ersten Zeit
wurde er fast eifersüchtig, wenn ich die lieben Menschen zu Hause auch nur er-
wähnte. Da unterließ ich es natürlich. Aber mit dem Doktor spreche ich oft von so
etwas; denn siehst Du, er hört das gern mit an.
FRAU LINDE. Hör' mal, Nora, in vielen Dingen bist Du noch ein Kind. Ich bin ja
1110 manches Jahr älter als Du und habe etwas mehr Erfahrung. Ich will Dir etwas sa- 21
gen: trachte der Geschichte mit dem Doktor Rank ein Ende zu machen.
NORA. Ein Ende zu machen - welcher Geschichte?
FRAU LINDE. Na, überhaupt, meine ich. Gestern plappertest Du von einem reichen
Anbeter, der Dir Geld verschaffen sollte -
1115 NORA. Ja, von einem, der gar nicht existiert, - leider. Was weiter?
FRAU LINDE. Hat Doktor Rank Vermögen?
NORA. Ja, das hat er.
FRAU LINDE. Und niemand, für den er zu sorgen hat?
NORA. Niemand. Aber -?
1120 FRAU LINDE. Und er kommt täglich zu Euch ins Haus?
NORA. Du hörst es ja.
FRAU LINDE. Wie kann dieser feine Mann nur so aufdringlich sein?
NORA. Ich verstehe Dich absolut nicht.
FRAU LINDE. Verstell' Dich nicht, Nora. Glaubst Du etwa, ich erriete nicht, von wem
1125 Du die zwölfhundert Taler geborgt hast?
NORA. Bist Du ganz von Sinnen? Wie kannst Du so etwas glauben? Ein Freund uns-
res Hauses, der uns jeden einzigen Tag besucht. - Welch eine fürchterlich peinliche
Lage wäre das!
FRAU LINDE. Also er ist es wirklich nicht?
1130 NORA. Nein, wahrhaftig nicht. Auch nicht einen Augenblick ist mir der Gedanke
gekommen -. Damals hatte er auch noch gar kein Geld zum Verleihen; er hat erst
später geerbt.
FRAU LINDE. Na, ich glaube, das war ein Glück für Dich, meine liebe Nora.
NORA. Nein; den Doktor zu bitten, - das konnte mir doch nie im Leben einfallen -.
1135 Übrigens bin ich fest überzeugt, wenn ich ihn bäte, so -
FRAU LINDE. Das wirst Du natürlich nicht tun.
NORA. Natürlich nicht. Ich kann nicht glauben, kann mir nicht denken, daß es nötig
würde. Aber ich bin ganz sicher: wenn ich mit dem Doktor spräche, so -
Dieses Werk (Nora (Ein Puppenheim)), von Henrik Ibsen, das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde,
unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
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NORA. Ja, ja, Du mußt mir den Gefallen tun. Du mußt Krogstad seinen Posten an
1195 der Bank lassen.
HELMER. Meine liebe Nora, seine Stelle habe ich für Frau Linde bestimmt.
NORA. Das ist unendlich gut von Dir. Aber Du brauchst ja nur einen anderen Komp-
toiristen an Krogstads Stelle zu entlassen.
HELMER. Das ist mir doch ein unglaublicher Eigensinn! Weil Du das leichtsinnige
1200 Versprechen gegeben hast, ein gutes Wort für ihn einzulegen, sollte ich -!
NORA. Nicht deshalb, Torvald. Um Deiner selbst willen. Dieser Mensch schreibt ja
für die schmutzigsten Zeitungen; Du selber hast mir das gesagt. Er kann Dir unsäg-
lich viel Schaden tun. Ich habe eine Todesangst vor ihm - -
HELMER. Aha, ich verstehe, - alte Erinnerungen schrecken Dich.
1205 NORA. Was meinst Du damit?
HELMER. Du denkst natürlich an Deinen Vater!
NORA. Ja, jawohl. Erinnere Dich nur, wie boshafte Menschen über Papa in die Zei-
tungen schrieben, und wie greulich sie ihn verleumdeten. Ich glaube, sie hätten es
dahin gebracht, daß man ihn absetzte, wenn die Regierung Dich nicht hingeschickt
1210 hätte, um die Sache zu untersuchen. Und wenn Du ihn nicht so wohlwollend und
nachsichtig behandelt hättest.
HELMER. Meine kleine Nora, zwischen Deinem Vater und mir ist ein bedeutender
Unterschied. Dein Vater war als Beamter nicht unantastbar. Doch ich bin es. Und
ich hoffe es auch zu bleiben, solange ich in meiner Stellung bin.
1215 NORA. Ach, man kann nie wissen, worauf böse Menschen verfallen. Jetzt könnten
wir so nett, so ruhig und so glücklich in unserm friedlichen, von Sorgen verschon-
ten Heim leben, - Du und ich und die Kinder, Torvald! Deshalb bitte ich Dich in-
ständig -
HELMER. Und gerade durch Deine Fürbitte machst Du es mir unmöglich, ihn zu
1220 behalten. Es ist in der Bank schon bekannt geworden, daß ich Krogstad kündigen
will. Wenn es nun hieße, der neue Direktor hätte sich von seiner Frau umstimmen
lassen - 23
NORA. Nun, was dann -?
HELMER. Na natürlich, - wenn mein kleiner Eigensinn nur seinen Willen bekommt
1225 -. Lächerlich würde ich mich machen, vor dem ganzen Personal, - würde die Leute
auf den Gedanken bringen, daß ich von allen möglichen fremden Einflüssen abhän-
gig sei. Glaub' nur, ich würde die Folgen bald zu spüren haben! Und außerdem, - es
gibt noch einen Umstand, der Krogstad ganz unmöglich bei der Bank macht, solan-
ge ich Direktor bin.
1230 NORA. Und der wäre?
HELMER. Seine moralischen Mängel hätte ich im Notfall noch übersehen können -
NORA. Ja, nicht wahr, Torvald?
HELMER. Ich höre auch, daß er ganz brauchbar sein soll. Aber er ist ein Jugendbe-
kannter von mir. Das ist so eine jener übereilten Bekanntschaften, die einen später
1235 im Leben so oft genieren. Ich kann es Dir ja offen gestehen: wir duzen uns. Und
dieser taktlose Mensch macht durchaus kein Hehl daraus, wenn andere zugegen
sind. Im Gegenteil, - er glaubt, daß ihn das zu einem familiären Ton mir gegenüber
berechtigt; und so spielt er jeden Augenblick seinen Trumpf aus, mit seinem: Du,
Du Helmer. Ich versichere Dir, das berührt mich im höchsten Grade peinlich. Er
1240 würde mir meine Stellung bei der Bank unerträglich machen.
NORA. Torvald, das alles kann nicht Dein Ernst sein.
HELMER. So? Weshalb nicht?
NORA. Nein, - denn das da sind nur kleinliche Rücksichten.
HELMER. Was sagst Du da? Kleinliche Rücksichten? Du hältst mich für kleinlich?
1245 NORA. Im Gegenteil, lieber Torvald. Und gerade deshalb -
HELMER. Gleichviel; Du nennst meine Beweggründe kleinlich; dann muß ich wohl
auch kleinlich sein. Kleinlich! Sieh mal an! Na wahrhaftig, dem soll ein Ende ge-
macht werden. (Geht an die Tür des Vorzimmers und ruft:) Helene!
NORA. Was willst Du?
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1250 HELMER (sucht zwischen den Papieren.) Schluß will ich machen! (Das Hausmäd-
chen tritt ein.) Da, nehmen Sie den Brief und gehen Sie gleich damit hinunter. Las-
sen Sie ihn durch einen Dienstmann besorgen. Aber schnell! Die Adresse steht
drauf. Da ist Geld.
HAUSMÄDCHEN. Schön. (Mit dem Brief ab. Helmer legt die Papiere zusammen.)
1255 HELMER. So, mein kleiner Trotzkopf.
NORA (atemlos.) Torvald, - was war das für ein Brief?
HELMER. Krogstads Kündigung.
NORA. Nimm ihn zurück, Torvald! Noch ist es Zeit. Ach, Torvald, nimm ihn zurück,
tu's mir zuliebe; - Dir zuliebe, den Kindern zuliebe! Hörst Du, Torvald, tu es. Du
1260 weißt nicht, was diese Kündigung über uns alle bringen kann.
HELMER. Zu spät.
NORA. Ja, - zu spät.
HELMER. Liebe Nora, ich verzeihe Dir diese Angst, obgleich sie eigentlich eine Be-
leidigung für mich ist. Ja, das ist sie! Oder ist es vielleicht keine Beleidigung, wenn
1265 Du glaubst, daß ich die Rache eines verkommenen Winkelschreibers zu fürchten
hätte? Aber ich verzeihe Dir trotzdem, weil Du mir damit ein so schönes Zeugnis
Deiner großen Liebe gibst. (Schließt sie in seine Arme.) Es muß nun einmal sein,
meine heißgeliebte Nora. Mag da geschehen, was will. Glaub' mir, wenn es drauf
ankommt, habe ich Mut und Kraft. Du sollst sehen, ich bin der Mann, der alles auf
1270 sich nimmt.
NORA (schreckensstarr.) Was meinst Du damit?
HELMER. Alles, sage ich -
NORA (gefaßt.) Das sollst Du nie und nimmermehr.
HELMER. Gut; dann teilen wir, Nora, - als Mann und Frau. Es ist, wie es sein soll.
1275 (Liebkost sie.) Bist Du jetzt zufrieden? So - so - so -; nicht diese erschrockenen Tau-
benaugen. Das alles ist ja nichts andres als leere Einbildungen. - Du solltest jetzt die
Tarantella noch einmal durchspielen und Dich auf dem Tamburin üben. Ich setze
mich in das mittlere Bureau und schließe die Zwischentür, dann höre ich nichts; Du 24
kannst so viel Lärm machen, wie Du willst. (Dreht sich in der Tür um.) Und wenn
1280 Rank kommt, so sag' ihm, wo ich zu finden bin. (Er nickt ihr zu, geht mit seinen Pa-
pieren in sein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.)
NORA (verwirrt vor Angst, steht wie festgewurzelt und flüstert:) Er wäre imstande,
es zu tun. Er tut es, der ganzen Welt zum Trotz. - Nein, - Das nicht - in alle Ewigkeit
nicht! Alles, nur das nicht! Rettung -! Ein Ausweg - (Es klingelt im Vorzimmer.) Der
1285 Doktor! - Alles, nur das nicht! Alles andere eher, - was es auch sei!
(Sie streicht sich über das Gesicht, sucht sich zu fassen und öffnet die Tür zum Vor-
zimmer. Draußen steht Doktor Rank und hängt seinen Pelz an den Riegel. Während
des Folgenden beginnt es zu dunkeln.)
NORA. Guten Tag, Doktor. Ich habe Sie am Klingeln erkannt. Aber gehen Sie doch
1290 nicht zu Torvald hinein; denn ich glaube, er ist beschäftigt.
RANK. Und Sie?
NORA, (indem er ins Zimmer tritt und sie die Tür hinter ihm schließt.) Ach, Sie wis-
sen ganz gut, - für Sie habe ich immer etwas Zeit übrig.
RANK. Ich danke Ihnen. Ich werde davon Gebrauch machen, solange ich noch kann.
1295 NORA. Was wollen Sie damit sagen? Solange Sie können?
RANK. Na ja, erschreckt Sie das?
NORA. Es ist ein so wunderlicher Ausdruck. Wird denn irgend etwas geschehen?
RANK. Es wird das geschehen, worauf ich lange vorbereitet gewesen bin. Ich habe
nun allerdings nicht geglaubt, daß es so bald kommen würde.
1300 NORA (faßt seinen Arm.) Über was haben Sie Gewißheit erlangt? Doktor, Sie müs-
sen es mir sagen.
RANK (setzt sich an den Ofen.) Es geht bergab mit mir. Daran ist nichts zu ändern.
NORA (atmet erleichtert auf.) Sie reden von sich -
RANK. Von wem sonst? Was nützt es, sich selbst zu belügen? Ich bin der elendeste
1305 von allen meinen Patienten, Frau Helmer. An diesen Tagen habe ich die Bilanz
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meines inneren Status gezogen. Bankerott! Noch einen Monat, und ich liege gewiß
schon auf dem Kirchhof und modere.
NORA. Pfui, wie häßlich Sie reden.
RANK. Die Geschichte ist auch verflucht häßlich. Doch das Schlimmste ist, daß so
1310 viel andres Häßliches vorausgehen wird. Mir bleibt nur noch eine einzige Untersu-
chung übrig; bin ich damit fertig, so weiß ich ungefähr, wann die Auflösung be-
ginnt. Ich möchte Ihnen etwas sagen. Helmer, mit seiner feinen Natur, hegt einen
so ausgeprägten Widerwillen gegen alles, was häßlich ist. Ich will ihn nicht in mei-
nem Krankenzimmer haben -
1315 NORA. Aber, Doktor -
RANK. Ich will ihn nicht da haben. Unter keiner Bedingung. Ich verschließe ihm
meine Tür. - Sobald ich volle Gewißheit über das Schlimmste habe, schicke ich
Ihnen meine Visitenkarte mit einem schwarzen Kreuz darauf, und dann wissen Sie,
daß die Scheußlichkeit der Zerstörung begonnen hat.
1320 NORA. Nein, heut sind Sie aber abgeschmackt. Und ich hätte Sie doch so gern in
guter Laune gesehen!
RANK. Mit dem Tod im Herzen? - Büßen zu müssen für die Schuld eines andern! Ist
darin Gerechtigkeit? Und über jeder Familie hängt in irgend einer Art solch eine
unerbittliche Vergeltung -
1325 NORA (hält sich die Ohren zu.) Unsinn! Lustig, lustig!
RANK. Meiner Seel', die ganze Geschichte ist eigentlich auch nur zum Lachen. Mein
armes unschuldiges Rückgrat muß für die lustigen Leutnantstage meines Vaters
büßen.
NORA (links am Tisch.) Er soll ja auf Spargel und Gänseleberpastete so erpicht ge-
1330 wesen sein. War's nicht so?
RANK. Ja, auch auf Trüffeln.
NORA. Auch auf Trüffeln. Und auf Austern auch, wenn ich nicht irre.
RANK. Auf Austern, selbstverständlich auch auf Austern.
NORA. Und dazu der Portwein und Champagner. Es ist traurig, daß all diese le- 25
1335 ckern Sachen sich auf die Knochen schlagen.
RANK. Zumal wenn sie sich auf die unglücklichen Knochen schlagen, die nicht das
Mindeste davon gehabt haben.
NORA.´Freilich, das ist das Allertraurigste.
RANK (sieht sie forschend an.) Hm - - -
1340 NORA (gleich darauf.) Warum lächelten Sie.
RANK. Sie lachten ja.
NORA. Nein, Doktor, Sie lächelten!
RANK (steht auf.) Sie sind doch ein größerer Schelm, als ich gedacht habe.
NORA. Ich bin heut so aufgelegt zu Schelmenstreichen.
1345 RANK. Scheint so.
NORA (legt beide Hände auf seine Schultern.) Lieber, lieber Doktor, Sie dürfen Tor-
vald und mir nicht wegsterben!
RANK. Ach, den Kummer würden Sie leicht verwinden. Die Heimgegangenen wer-
den schnell vergessen.
1350 NORA (sieht ihn ängstlich an.) Glauben Sie das?
RANK. Man schließt neue Verbindungen, und dann -
NORA. Wer schließt neue Verbindungen?
RANK. Das werden Sie beide tun, wenn ich weg bin. Es scheint mir, Sie sind schon
auf dem besten Wege. Was sollte hier gestern abend diese Frau Linde?
1355 NORA. Aha, - Sie sind wohl gar eifersüchtig auf die arme Christine?
RANK. Gewiß bin ich das. Sie wird hier im Hause meine Nachfolgerin sein. Wenn
ich abgetan bin, wird dieses Frauenzimmer vielleicht -
NORA. Pst - sprechen Sie nicht so laut. Sie ist da drin.
RANK. Heute schon wieder? Sehen Sie wohl!
1360 NORA. Nur, um mein Kostüm zu nähen. Herrgott, wie abgeschmackt Sie sind. (Setzt
sich aufs Sofa.) Seien Sie gut, Doktor. Morgen werden Sie auch sehen, wie hübsch
ich tanze. Und dann müssen Sie sich vorstellen, daß ich es nur Ihnen zuliebe tue, -
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natürlich für Torvald auch - versteht sich. (Nimmt verschiedene Gegenstände aus
dem Karton.) Doktor, kommen Sie, setzen Sie sich her, - ich will Ihnen was zeigen.
1365 RANK (setzt sich.) Was denn?
NORA. Schauen Sie mal her.
RANK. Seidene Strümpfe.
NORA. Fleischfarbene. Sind die nicht wunderschön? Jetzt ist's hier so dunkel. Aber
morgen - nein, nein, nein, Sie dürfen nur das Fußblatt sehen. Na, Sie können mei-
1370 netwegen auch den oberen Teil sehen.
RANK. Hm - -
NORA. Weshalb sehen Sie so kritisch drein? Glauben Sie vielleicht, daß sie nicht
passen?
RANK. Darüber kann ich unmöglich eine begründete Ansicht haben.
1375 NORA (sieht ihn einen Augenblick an.) Pfui, schämen Sie sich! (Schlägt ihn mit den
Strümpfen leicht ums Ohr. ) So, da haben Sie was dafür! (Packt sie wieder ein.)
RANK. Was kriege ich noch für Herrlichkeiten zu sehen?
NORA. Nicht ein bißchen kriegen Sie mehr zu sehen, denn Sie sind unartig. (Sie
trällert leise und kramt zwischen den Sachen.)
1380 RANK (nach kurzer Pause.) Wenn ich hier so in aller Vertraulichkeit mit Ihnen sitze,
so begreife ich nicht, - nein, ich fasse es nicht, was aus mir geworden wäre, wenn
ich Ihr Haus nie betreten hätte.
NORA (lächelt.) Im Grunde fühlen Sie sich, mein' ich, auch ganz behaglich bei uns.
RANK (leiser, sieht vor sich hin.) Und das alles nun verlassen zu müssen -
1385 NORA. Unsinn! Sie bleiben da!
RANK (wie zuvor.) - und nicht einmal ein armseliges Zeichen des Dankes hinterlas-
sen zu können; kaum ein flüchtiges Vermissen, - nur einen leeren Platz, den der
erste beste ausfüllen kann.
NORA. Und wenn ich Sie nun bäte, um -? Nein -
1390 RANK. Um was?
NORA. Um einen großen Freundschaftsbeweis - 26
RANK. Ja, ja!
NORA. Nein, ich meine, - um einen riesig großen Dienst -
RANK. Also wollen Sie mich doch wenigstens ein einziges Mal glücklich machen?
1395 NORA. Ach, Sie wissen ja noch gar nicht, um was es sich handelt.
RANK. Nun gut, so sagen Sie's.
NORA. Nein, ich kann nicht, Doktor; es ist so unerhört viel - Rat - und Beistand und
ein Dienst -
RANK. Je mehr, desto besser. Ich kann mir zwar nicht denken, was Sie meinen.
1400 Aber so sprechen Sie doch. Habe ich denn nicht Ihr Vertrauen?
NORA. Ja, mehr als irgend ein anderer. Sie sind mein treuester und bester Freund,
das weiß ich wohl. Deshalb will ich es Ihnen auch sagen. Also hören Sie, Doktor: Sie
müssen mir helfen, etwas zu verhindern. Sie wissen, wie warm, wie unbeschreib-
lich tief Torvald mich liebt; er würde sich nicht einen Augenblick besinnen, sein
1405 Leben für mich hinzugeben.
RANK (beugt sich zu ihr.) Nora, - glauben Sie denn, er wäre der einzige, der -?
NORA (zuckt leicht zusammen.) Der -?
RANK. - der sein Leben freudig für Sie hingeben würde.
NORA (traurig.) Ja so.
1410 RANK. Ich hatte mir geschworen, Sie sollten es vor meinem Ende erfahren. Eine
bessere Gelegenheit würde sich nie wieder finden. - Ja, Nora, nun wissen Sie es.
Und nun wissen Sie also auch, daß Sie mir vertrauen können wie keinem andern.
NORA (steht auf, ruhig und einfach.) Lassen Sie mich durch.
RANK (macht ihr Platz, bleibt aber sitzen.) Nora -
1415 NORA (in der Tür zum Vorzimmer.) Helene, bringen Sie die Lampe. (Geht an den
Ofen.) Ach, lieber Doktor, das war in der Tat abscheulich von Ihnen.
RANK (steht auf.) Daß ich Sie ebenso innig geliebt habe wie ein anderer? War das
abscheulich?
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NORA. Nein, aber daß Sie es mir sagen. Es war ja gar nicht nötig -
1420 RANK. Was soll das heißen? Haben Sie denn gewußt -? (Das Hausmädchen kommt
mit der Lampe, stellt sie auf den Tisch und geht wieder hinaus.) Nora, - Frau Helmer -
, ich frage Sie, haben Sie etwas gewußt?
NORA. Ach, was weiß ich, ob ich es gewußt oder nicht gewußt habe? Ich kann es
Ihnen wirklich nicht sagen -. Daß Sie nur so plump sein konnten, Doktor! Es war
1425 doch alles so schön!
RANK. Na, wenigstens haben Sie nun Gewißheit, daß ich Ihnen mit Leib und Seele
ergeben bin. Reden Sie jetzt.
NORA (sieht ihn an.) Jetzt noch?
RANK. Bitte,- darf ich erfahren, um was es sich handelt.
1430 NORA. Nichts sollen Sie jetzt erfahren.
RANK. Doch, doch! So dürfen Sie mich nicht strafen. Vergönnen Sie es mir, und ich
will für Sie tun, was in menschlicher Macht steht!
NORA. Nun können Sie nichts für mich tun. - Übrigens werde ich wohl keine Hilfe
nötig haben. Sie sollen sehen, es ist alles nur Einbildung. Ganz gewiß. Natürlich!
1435 (Setzt sich in den Schaukelstuhl, sieht ihn an und lacht.) Sie sind mir wirklich ein
netter Herr, mein lieber Doktor! Nun schämen Sie sich wohl, wo die Lampe da ist?
RANK. Nein, eigentlich nicht! Aber ich soll wohl gehen, - für immer?
NORA. Nein, das dürfen Sie denn doch nicht! Sie kommen selbstverständlich nach
wie vor zu uns. Sie wissen ja, daß Torvald Sie nicht entbehren kann.
1440 RANK. Und Sie?
NORA. Ach, - ich finde, es wird immer so riesig unterhaltend hier, wenn Sie kom-
men.
RANK. Das gerade hat mich auf eine falsche Fährte gelockt. Sie sind mir ein Rätsel.
Oftmals war es mir, als ob Sie ebenso gern mit mir zusammen wären wie mit Hel-
1445 mer.
NORA. Ja, sehen Sie, es gibt Menschen, die man über alles liebt, und Menschen, mit
denen man am liebsten zusammen ist. 27
RANK. O ja, daran ist etwas.
NORA. Als ich noch zu Hause war, liebte ich natürlich Papa über alles. Doch fand
1450 ich es immer außerordentlich amüsant, wenn ich mich zu den Dienstboten hinun-
ter stehlen konnte; denn die hofmeisterten mich nie, und dann erzählten sie sich
immer so vergnügliche Dinge.
RANK. Aha, die habe ich also abgelöst!
NORA (springt auf und geht zu ihm.) Liebster, bester Doktor, so habe ich das ja
1455 doch nicht gemeint. Aber sehen Sie, mit Torvald ist es gerade so wie mit Papa -
(Das Hausmädchen kommt aus dem Vorzimmer.)
HAUSMÄDCHEN. Gnädige Frau! (Flüstert etwas und reicht ihr eine Karte.)
NORA (wirft einen Blick auf die Karte.) Ah! (Steckt sie in die Tasche.)
RANK. Etwas Unangenehmes?
1460 NORA. Nein, nein, durchaus nicht; nur - mein neues Kostüm -
RANK. Wie? Das liegt ja da.
NORA. Ach ja! das! Aber es handelt sich um ein anderes; ich habe es bestellt, - Tor-
vald darf es nicht wissen -
RANK. Aha, das ist also das große Geheimnis!
1465 NORA. Ja, gewiß. Gehen Sie nur zu ihm hinein; er sitzt im mittleren Zimmer, halten
Sie ihn so lange auf -
RANK.
Seien Sie unbesorgt; er soll mir nicht heraus. (Er geht in Helmers Zimmer.)
NORA (zum Mädchen.) Und er steht in der Küche und wartet?
1470 HAUSMÄDCHEN. Ja, er ist die Hintertreppe herauf gekommen -
NORA. Aber hast Du ihm denn nicht gesagt, daß niemand zu Hause ist?
HAUSMÄDCHEN. Ja, aber es hat nichts genützt.
NORA. Er wollte nicht wieder gehen?
HAUSMÄDCHEN. Nicht eher, als bis er mit der gnädigen Frau gesprochen hätte.
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1475 NORA. So laß ihn herein, aber leise. Du darfst niemand etwas davon sagen, Helene;
es ist eine Überraschung für meinen Mann.
HAUSMÄDCHEN. Ja, ja, ich verstehe schon - (Ab.)
NORA. Das Entsetzliche geschieht. Es kommt trotz alledem. Nein, nein, nein, es
kann nicht geschehen; es darf nicht geschehen!
1480 (Geht und schiebt an Helmers Tür den Riegel vor. Das Hausmädchen öffnet die Vor-
zimmertür, läßt Krogstad ein und schließt die Tür wieder hinter ihm. Er trägt Reise-
pelz, Pelzstiefel und Pelzmütze.)
NORA (geht auf ihn zu.) Sprechen Sie leise: mein Mann ist zu Hause.
KROGSTAD. Na, meinetwegen.
1485 NORA. Was wollen Sie von mir?
KROGSTAD. Mir einen Bescheid holen.
NORA. Also schnell. Was gibt es?
KROGSTAD. Sie wissen wohl, daß ich meine Kündigung bekommen habe.
NORA. Ich konnte es nicht verhindern, Herr Krogstad. Ich habe für Ihre Sache bis
1490 zum äußersten gekämpft. Aber es hat nichts geholfen.
KROGSTAD. Hat Ihr Mann so wenig Liebe zu Ihnen? Er weiß, welchen Dingen ich
Sie aussetzen kann, und doch wagt er -
NORA. Wie können Sie glauben, daß er darum weiß!
KROGSTAD. Ja freilich, hab's mir schon gedacht. Es sähe meinem guten Torvald
1495 Helmer auch nicht ähnlich, soviel Mannesmut zu zeigen -
NORA. Herr Krogstad, ich verlange Respekt vor meinem Mann.
KROGSTAD. O gewiß! Allen schuldigen Respekt. Da Sie die Sache aber so ängstlich
geheim halten, gnädige Frau, so darf ich wohl auch annehmen, daß Sie heut etwas
besser als gestern über das unterrichtet sind, was Sie eigentlich getan haben?
1500 NORA. Besser, als Sie's mich jemals lehren könnten!
KROGSTAD. Freilich, ein so schlechter Jurist wie ich -
NORA. Was wollen Sie von mir?
KROGSTAD. Nur sehen, wie es Ihnen geht, Frau Helmer. Ich habe den ganzen Tag 28
an Sie gedacht. Ein Geldagent, ein Winkelschreiber, ein - na, kurz und gut, so ein
1505 Mensch wie ich hat auch ein Herz sozusagen.
NORA. So beweisen Sie es; denken Sie an meine kleinen Kinder.
KROGSTAD. Haben Sie und Ihr Mann an meine Kinder gedacht? Doch, das ist ja
jetzt gleichgültig! Sie brauchen die Sache nicht zu ernst zu nehmen, - das nur wollt'
ich Ihnen sagen. Vorläufig werde ich meinerseits die Geschichte nicht zur Anzeige
1510 bringen.
NORA. Nein, nicht wahr? Ich wußte es wohl.
KROGSTAD. Die ganze Sache läßt sich in aller Güte ordnen; sie braucht gar nicht
unter die Leute zu kommen; sie bleibt unter uns dreien.
NORA. Mein Mann darf nie etwas davon erfahren.
1515 KROGSTAD. Wie wollen Sie das verhindern? Können Sie den Rest vielleicht bezah-
len? NORA.
Nein, im Augenblicke nicht.
KROGSTAD. Oder haben Sie ein Mittel, das Geld in den nächsten Tagen zu beschaf-
fen?
1520 NORA. Wenigstens keines, von dem ich Gebrauch machen will.
KROGSTAD.
Es würde Ihnen auch nichts genützt haben. Und wenn Sie hier mit noch so viel
Bargeld in der Hand vor mir ständen, so bekämen Sie Ihren Schuldschein doch
nicht zurück.
1525 NORA. So erklären Sie, was Sie damit anfangen wollen.
KROGSTAD. Ich will ihn nur behalten, - ihn in Händen haben. Kein Unbeteiligter
wird etwas davon erfahren. Wenn Sie sich also irgendwie mit einem verzweifelten
Entschluß tragen sollten -
NORA. Das tue ich.
1530 KROGSTAD. - wenn Sie beabsichtigen sollten, Haus und Familie zu verlassen -
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weiter.) Was ist das? Er bleibt draußen stehen. Geht nicht die Treppe hinunter.
Besinnt er sich? Sollte er -? (Es fällt ein Brief in den Briefkasten; darauf hört man
1590 Krogstads Schritte, die sich die Treppe hinunter verlieren. Mit einem unterdrückten
Aufschrei läuft Nora durchs Zimmer bis an den Sofatisch; kurze Pause.) Im Briefkas-
ten. (Schleicht sich scheu an die Vorzimmertür.) Da liegt er. - Torvald, Torvald, - jetzt
sind wir rettungslos verloren!
FRAU LINDE (kommt mit dem Kostüm aus dem Zimmer links.) So, - weiter wüßte ich
1595 nichts daran zu ändern. Wollen wir es einmal anprobieren -?
NORA (heiser und leise.) Christine, komm her.
FRAU LINDE (wirft den Anzug aufs Sofa.) Was fehlt Dir? Du siehst ja ganz verstört
aus.
NORA. Komm her. Siehst Du den Brief? Da, - schau' hin durch die Briefkastenschei-
1600 be.
FRAU LINDE. Ja, ja, ich sehe ihn.
NORA. Der Brief ist von Krogstad -
FRAU LINDE. Nora, - Krogstad hat Dir das Geld geborgt!
NORA. Ja; und nun wird Torvald alles erfahren.
1605 FRAU LINDE. Ach glaub' mir, Nora, das ist das Beste für Euch beide.
NORA. Du weißt noch nicht alles. Ich habe eine Unterschrift gefälscht.
FRAU LINDE. Gerechter Gott -
NORA. Eins will ich Dir nur sagen, Christine: Du mußt mein Zeuge sein.
FRAU LINDE. Wieso Zeuge? Was soll ich -?
1610 NORA. Wenn ich den Verstand verlieren sollte - und das könnte ja leicht geschehen
-
FRAU LINDE. Nora!
[Link] wenn mir etwas anderes zustoßen sollte, - derart, daß ich nicht hier
zur Stelle sein könnte, wenn -
1615 FRAU LINDE. Nora, Nora, Du bist ja rein wie von Sinnen!
NORA. Wenn dann einer alles auf sich nehmen will, - die ganze Schuld, - Du ver- 30
stehst -
FRAU LINDE. Ja, ja. Aber wie kannst Du nur denken -?
NORA. Dann sollst Du bezeugen, daß es nicht wahr ist, Christine. Ich bin gar nicht
1620 von Sinnen; ich habe noch meinen vollen Verstand, und ich sage Dir: kein anderer
hat darum gewußt; ich allein habe alles getan. Vergiß das nicht.
FRAU LINDE. Gewiß nicht. Aber ich verstehe das alles nicht.
NORA. Wie solltest Du's auch verstehen können! Jetzt wird ja das Wunderbare
geschehen!
1625 FRAU LINDE. Das Wunderbare?
NORA. Ja, das Wunderbare. Aber es ist so fürchterlich, Christine, - es darf nicht
geschehen - um keinen Preis der Welt.
FRAU LINDE. Ich werde gleich zu Krogstad gehen und mit ihm reden.
NORA. Geh nicht zu ihm! Er wird Dir ein Leids antun!
1630 FRAU LINDE. Es gab einst eine Zeit, da er mir zuliebe gern alles getan hätte, was es
auch sei.
NORA. Er?
FRAU LINDE. Wo wohnt er?
NORA. Ach, was weiß ich -? Doch, - (greift in die Tasche) - hier ist seine Karte. Aber
1635 der Brief, der Brief -!
HELMER (in seinem Zimmer, klopft an die Tür.) Nora!
NORA (schreit voll Angst auf.) Was gibt's? Was willst Du von mir?!
HELMER. Na, na, - erschrick nur nicht. Wir können ja nicht hinein. Du hast die Tür
verriegelt. Du probierst wohl an?
1640 NORA. Ja, ja; ich probiere an. Hübsch werde ich aussehen, Torvald.
FRAU LINDE (hat die Karte gelesen.) Er wohnt gleich um die Ecke.
NORA. Ja - aber es nützt doch nichts. Wir sind rettungslos verloren. Der Brief liegt
ja im Kasten.
Dieses Werk (Nora (Ein Puppenheim)), von Henrik Ibsen, das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde,
unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
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teachSam-OER 2014
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1700 fällt auf die Schultern herab; sie kehrt sich nicht daran, sondern fährt fort zu tanzen.
Frau Linde tritt ein.)
FRAU LINDE (steht wie versteinert an der Tür.) Ah -!
NORA (während des Tanzens.) Hier geht's lustig zu, Christine.
HELMER. Aber liebste, beste Nora, Du tanzest ja, als ginge es Dir ans Leben.
1705 NORA. Das tut es ja auch.
HELMER. Rank, hör' auf; das ist ja der reine Wahnsinn. Hör' auf, sag' ich Dir! (Rank
hört auf zu spielen und Nora hält plötzlich inne. Helmer geht zu ihr.) Das hätte ich
doch nie für möglich gehalten; Du hast ja alles vergessen, was ich Dir beigebracht
habe.
1710 NORA (wirft das Tamburin von sich.) Da siehst Du selbst.
HELMER. Na, hier ist wirklich noch Unterricht nötig.
NORA. Nun siehst Du, wie notwendig es ist. Du mußt noch bis zum letzten Augen-
blick mit mir üben. Versprichst Du mir das, Torvald?
HELMER. Verlaß Dich drauf.
1715 NORA. Du darfst heute und morgen für nichts anderes Gedanken haben als für
mich; Du darfst keinen Brief öffnen -, nicht den Briefkasten aufmachen -
HELMER. Aha, das ist noch immer die Angst vor diesem Menschen -.
NORA. O ja, ja, - das auch!
HELMER. Nora, ich sehe es Dir an, es liegt schon ein Brief von ihm drin.
1720 NORA. Ich weiß nicht; ich glaube; Du darfst so etwas aber jetzt nicht lesen. Es darf
nichts Häßliches zwischen uns treten, ehe alles vorüber ist.
RANK (leise zu Helmer.) Widersprich ihr nicht.
HELMER (legt den Arm um sie.) Das Kind soll seinen Willen haben. Aber morgen
abend, wenn Du getanzt hast -
1725 NORA. Dann bist Du frei.
HAUSMÄDCHEN (an der Tür rechts.) Gnädige Frau, es ist angerichtet.
NORA. Bring Champagner, Helene.
HAUSMÄDCHEN. Schön, gnädige Frau. (Ab.) 32
HELMER. Ei, ei - also ein großes Gelage?
1730 NORA. Champagnergelage bis in den hellen Morgen. (Ruft hinaus.) Und auch Mak-
ronen, Helene, viele - nur dies eine Mal.
HELMER (faßt ihre Hände.) So - so - so, - nicht dieses ängstliche Ungestüm! Sei nun
wieder meine liebe, kleine Lerche wie sonst.
NORA. Ach ja, das will ich auch. Aber geh nur hinein; Sie auch, Doktor. Christine, Du
1735 mußt mir das Haar wieder aufstecken.
RANK, (indem er und Helmer abgehen.) Da ist wohl etwas - etwas unterwegs?
HELMER. Kein Gedanke, lieber Freund, es ist nur diese kindische Furcht, von der
ich Dir erzählt habe. (Beide rechts ab.)
NORA. Nun!?
1740 FRAU LINDE. Verreist - über Land.
NORA. Ich habe es Dir angesehen.
FRAU LINDE. Er kommt morgen abend zurück. Ich habe ihm einige Zeilen hinter-
lassen.
NORA. Das hättest Du nicht tun sollen. Du sollst nichts verhindern. Im Grunde ist es
1745 doch eine Seligkeit, auf das Wunderbare zu warten.
FRAU LINDE. Worauf wartest Du?
NORA. Ach, das kannst Du nicht verstehen. Geh hinein zu ihnen; ich komme gleich
nach. (Frau Linde geht ins Speisezimmer. Nora steht einen Augenblick, wie um sich zu
sammeln, dann sieht sie auf ihre Uhr.) Fünf Uhr. Sieben Stunden bis Mitternacht.
1750 Dann noch vierundzwanzig Stunden bis nächste Mitternacht. Dann ist die Tarantel-
la aus. Vierundzwanzig und sieben? Noch einunddreißig Stunden zu leben.
HELMER (rechts in der Tür.) Aber wo bleibt denn meine kleine Lerche?
NORA (fliegt ihm mit offenen Armen entgegen.) Da ist die Lerche.
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FRAU LINDE. Ich verstehe wohl, wozu die Verzweiflung einen Mann wie Sie treiben
kann.
1870 KROGSTAD. Ach, wenn ich das doch ungeschehen machen könnte!
FRAU LINDE. Das können Sie schon; denn Ihr Brief liegt noch im Kasten.
KROGSTAD. Wissen Sie das bestimmt?
FRAU LINDE. Ganz bestimmt; aber -
KROGSTAD (blickt sie forschend an.) Sollte es so zu verstehen sein? Sie wollen Ihre
1875 Freundin um jeden Preis retten. Sagen Sie es gerade heraus. Ist es so?
FRAU LINDE. Krogstad, wer sich um anderer willen einmal verkauft hat, der tut es
nicht zum zweiten Male.
KROGSTAD. Ich werde meinen Brief zurückverlangen.
FRAU LINDE. Nein, nein.
1880 KROGSTAD. Ja natürlich; ich warte hier, bis Helmer herunter kommt; ich sage ihm,
daß er mir meinen Brief zurückgeben müsse, - daß dieser Brief nur von meiner
Entlassung handle, - daß er ihn nicht lesen solle -
FRAU LINDE. Nein, Krogstad, Sie sollen den Brief nicht zurückverlangen.
KROGSTAD. Aber sagen Sie mir: Sie haben mich doch nur deswegen herbestellt?
1885 FRAU LINDE. Ja, im ersten Schreck; aber dazwischen liegen jetzt vierundzwanzig
Stunden, und seitdem bin ich hier im Hause Zeuge unglaublicher Dinge gewesen.
Helmer muß alles erfahren; dieses unglückselige Geheimnis muß an den Tag, es
muß zwischen den beiden zu einer offenen Aussprache kommen; es kann unmög-
lich so fortgehen mit den Vertuschungen und Ausflüchten!
1890 KROGSTAD. Nun wohl; - wenn Sie es denn wagen -. Aber eins kann ich auf jeden
Fall tun, und das soll sofort geschehen -
FRAU LINDE (lauscht.) Eilen Sie! Gehen Sie! Gehen Sie! Der Tanz ist aus; wir sind
keinen Augenblick mehr sicher.
KROGSTAD. Ich warte unten auf Sie.
1895 FRAU LINDE. Ja, tun Sie das; Sie dürfen mich bis an die Haustür begleiten.
KROGSTAD. So unsagbar glücklich bin ich nie gewesen. (Er geht durch die Treppen- 35
tür ab; die Tür zwischen den Zimmern und dem Vorzimmer bleibt offen.)
FRAU LINDE (räumt ein wenig auf und legt ihren Mantel und Hut zurecht.) Welch
eine Wendung! Ja, welch eine Wendung! Menschen, für die ich arbeiten, - für die
1900 ich leben kann; ein Heim, in das ich Glück und Behagen bringen darf. Da heißt es
allerdings fest anpacken -. Wenn sie nur bald kämen - (horcht.) Aha, da sind sie
schon. Wo sind meine Sachen! (Nimmt Hut und Mantel.)
(Draußen hört man Helmers und Noras Stimmen, ein Schlüssel wird im Schloß umge-
dreht, und Helmer führt Nora fast mit Gewalt ins Vorzimmer. Sie hat das italienische
1905 Kostüm an mit einem großen, schwarzen Schal darüber; Helmer ist in Gesellschafts-
anzug und trägt einen offenen schwarzen Domino darüber.)
NORA (noch in der Tür, widerstrebend.) Nein, nein, nein; nicht nach Haus! Ich will
wieder hinauf. Ich mag noch nicht so früh weg.
HELMER. Aber liebste Nora -
1910 NORA. Ach, ich bitte Dich flehentlich, Torvald; ich bitte Dich von ganzem Herzen, -
nur eine Stunde noch.
HELMER. Nicht eine Minute länger, meine süße Nora. Du weißt, so war es verabre-
det! So -! Hinein ins Zimmer; Du erkältest Dich hier nur. (Trotz ihres Widerstandes
führt er sie sanft ins Zimmer.)
1915 FRAU LINDE. Guten Abend.
NORA. Christine!
HELMER. Wie, Frau Linde, Sie noch so spät hier?
FRAU LINDE.
Ja, verzeihen Sie, ich wollte Nora so gern in ihrem Staat sehen.
1920 NORA. Hast Du die ganze Zeit auf mich gewartet?
FRAU LINDE. Ja. Ich bin leider zu spät gekommen. Du warst schon oben, und da
wollte ich nicht wieder weggehen, bevor ich Dich gesehen hätte.
HELMER (nimmt Nora den Schal ab.) Ja schauen Sie sie nur ordentlich an. Ich sollte
meinen, sie ist das Ansehen wert. Ist sie nicht reizend, Frau Linde?
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RANK. Hast Du das auch gefunden? Unglaublich, wieviel ich hinunterspülen konn-
te!
2040 NORA. Torvald hat heut abend auch viel Champagner getrunken.
RANK. So?
NORA. Ja, und danach ist er immer so gut aufgelegt.
RANK. Weshalb soll man sich denn nicht auch einen vergnügten Abend machen
nach einem gut angewendeten Tage?
2045 HELMER. Gut angewendeter Tag! Dessen darf ich mich leider nicht rühmen.
RANK (schlägt ihn auf die Schulter.) Aber siehst Du, ich darf es.
NORA. Sie haben heut gewiß eine wissenschaftliche Untersuchung vorgenommen,
Doktor?
RANK. Allerdings.
2050 HELMER. Ei, ei, unsere kleine Nora redet von wissenschaftlichen Untersuchungen!
NORA. Und darf man Ihnen Glück wünschen zu dem Ergebnis?
RANK. Das dürfen Sie getrost.
NORA. Das Ergebnis war also gut?
RANK. Das denkbar beste für den Arzt wie für den Patienten, - Gewißheit.
2055 NORA (schnell und forschend.) Gewißheit?
RANK. Volle Gewißheit. Konnte ich mir daraufhin nicht einen vergnügten Abend
machen?
NORA. Ja, daran haben Sie recht getan, Doktor.
HELMER. Das sage ich auch; wenn Du nur nicht morgen dafür büßen mußt.
2060 RANK. Na, für umsonst ist ja nichts auf der Welt.
NORA. Doktor, - Maskeraden machen Ihnen wohl großes Vergnügen?
RANK. Ja, wenn recht viel komische Masken da sind -
NORA. Hören Sie, als was wollen wir beide gehen auf der nächsten Maskerade?
HELMER. Du kleiner Leichtsinn, - denkst Du jetzt schon an die nächste?
2065 RANK. Wir beide? Das will ich Ihnen sagen: Sie kommen als Glückskind -
HELMER. Ja, aber mach' ein Kostüm ausfindig, das dafür bezeichnend ist. 38
RANK. Laß Deine Frau nur kommen, wie sie geht und steht in der Welt -
HELMER. Das war wirklich treffend gesagt. Aber weißt Du schon, was Du selber
vorstellen wirst?
2070 RANK. Mein lieber Freund, darüber bin ich mit mir vollkommen im reinen.
HELMER. Nun?
RANK. Auf der nächsten Maskerade werde ich unsichtbar sein.
HELMER. Das ist mir ein ulkiger Einfall.
RANK. Es gibt eine große schwarze Kappe -; hast Du noch nie von der Tarnkappe
2075 gehört? Die setzt man sich auf, und dann wird man von keinem gesehen.
HELMER (mit unterdrücktem Lächeln.) Jawohl, - sehr richtig!
RANK. Aber ich vergesse ganz, weshalb ich gekommen bin. Helmer, gib mir eine
Zigarre, eine von Deinen dunklen Havannas.
HELMER. Mit dem größten Vergnügen. (Reicht ihm sein Zigarrenetui hin.)
2080 RANK (nimmt eine und schneidet die Spitze ab.) Danke!
NORA (streicht ein Wachszündhölzchen an.) Ich will Ihnen Feuer geben.
RANK. Danke schön. (Sie hält das Zündholz hin, er raucht die Zigarre an.) Und nun
Adieu.
HELMER. Adieu, adieu, lieber Freund!
2085 NORA. Schlafen Sie wohl, Doktor!
RANK. Vielen Dank für diesen Wunsch.
NORA. Wünschen Sie mir dasselbe.
RANK. Ihnen? Na ja, wenn Sie wollen -. Schlafen Sie wohl. Und Dank für das Feuer.
(Er nickt beiden zu und geht.)
2090 HELMER (mit gedämpfter Stimme.) Er hat schwer getrunken.
NORA (wie geistesabwesend.) Mag sein. (Helmer nimmt seinen Schlüsselbund aus der
Tasche und geht ins Vorzimmer.) Torvald - was willst Du da?
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HELMER. Ich muß den Briefkasten leeren; er ist ganz voll; sonst ist morgen früh
kein Platz für die Zeitungen -
2095 NORA. Willst Du heute nacht noch arbeiten?
HELMER. Nein, das weißt Du ja schon. - Was ist das? Da ist jemand am Schloß ge-
wesen.
NORA. Am Schloß -?
HELMER. Allerdings. Was soll das heißen? Ich will doch nicht hoffen, daß die Mäd-
2100 chen -? Hier liegt eine abgebrochene Haarnadel. Nora, das ist Deine -
NORA (schnell.) Dann müssen es die Kinder gewesen sein -
HELMER. Das mußt Du ihnen aber wirklich abgewöhnen. Hm, hm; - na, nun habe
ich ihn doch noch aufbekommen. (Nimmt den Inhalt heraus und ruft in die Küche
hinein:) Helene! - Helene, machen Sie die Lampe aus im Flur. (Kommt wieder ins
2105 Zimmer und schließt die Tür zum Vorzimmer.)
HELMER (mit den Briefen in der Hand.) Sieh mal, sieh mal, wie sich das angesam-
melt hat. (Blättert darin.) Was ist das?
NORA (am Fenster.) Der Brief! - Ach, nein, nein, Torvald!
HELMER. Zwei Visitenkarten - von Rank.
2110 NORA. Vom Doktor?
HELMER (sieht sich die Karten an.) Doctor medicinae Rank. Sie lagen obenauf; er
muß sie beim Weggehen hineingesteckt haben.
NORA. Steht etwas darauf?
HELMER. Es steht ein schwarzes Kreuz über dem Namen. Sieh mal her. Das ist
2115 doch ein unheimlicher Einfall! Gerade als ob er seinen eigenen Tod anzeigte.
NORA. Das tut er auch.
HELMER. Wie? Weißt Du etwas? Hat er Dir etwas gesagt?
NORA. Ja. Mit diesen Karten hat er Abschied von uns genommen. Er will sich ein-
schließen und sterben.
2120 HELMER. Armer Freund! Ich wußte wohl, daß ich ihn nicht lange mehr haben wür-
de. Aber so bald -. Und nun verbirgt er sich wie ein verwundetes Tier. 39
NORA. Wenn es schon sein muß, dann ist es am besten, daß es ohne Worte ge-
schieht. Nicht wahr, Torvald?
HELMER. Er war so mit uns verwachsen. Ich kann mir unser Leben gar nicht ohne
2125 ihn denken. Er, mit seinen Leiden und mit seiner Vereinsamung, gab gewisserma-
ßen den wolkigen Hintergrund ab für unser sonnenhelles Glück. Na, es ist vielleicht
am besten so. Für ihn wenigstens. - (Bleibt stehen.) Und am Ende auch für uns, No-
ra. Jetzt sind wir beide nur auf uns allein angewiesen. (Umarmt sie.) O du mein
geliebtes Weib; mir ist, als könnte ich Dich nicht fest genug halten. Weißt Du, Nora
2130 - manchmal wünsche ich, es möchte Dir eine unmittelbare Gefahr drohen, auf daß
ich Gut und Blut und alles, alles für Dich aufs Spiel setzen könnte.
NORA (reißt sich los und sagt fest und entschlossen:) Jetzt sollst Du Deine Briefe
lesen, Torvald!
HELMER. Nein, nein, jetzt nicht mehr. Ich will bei Dir sein, geliebtes Weib.
2135 NORA. Mit dem Gedanken an den Tod Deines Freundes -?
HELMER. Du hast recht. Das hat uns beide erschüttert. Es ist etwas Unschönes
zwischen uns getreten; der Gedanke an Tod und Auflösung. Wir müssen Befreiung
davon suchen. Bis dahin -. Wir wollen jedes auf sein Zimmer gehen.
NORA (an seinem Hals.) Torvald, - gute Nacht! Gute Nacht!
2140 HELMER (küßt sie auf die Stirn.) Gute Nacht, mein Singvögelchen; schlaf' wohl,
Nora. Jetzt lese ich die Briefe. (Er geht mit der Korrespondenz in sein Zimmer und
schließt die Tür hinter sich.)
NORA, (mit irren Blicken, tastet umher, faßt Helmers Domino, wirft ihn sich um und
flüstert schnell, heiser und abgerissen:) Ihn niemals wiedersehen. Niemals. Niemals.
2145 Niemals. (Wirft sich den Schal über den Kopf.) Und auch die Kinder nicht. Auch die
nicht. Niemals; niemals. - O! Das eiskalte, schwarze Wasser. O die bodenlose Tiefe -;
diese -. Wenn es nur erst vorüber wäre. - Jetzt hat er den Brief; jetzt liest er ihn.
Nein, nein, noch nicht! Torvald, leb' wohl - Du und die Kinder! (Sie will durchs Vor-
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zimmer hinausstürzen. In demselben Augenblick reißt Helmer seine Tür auf und steht
2150 mit dem offenen Brief in der Hand da.)
HELMER. Nora!
NORA (schreit laut auf.) Ah -!
HELMER. Was ist das? Weißt Du, was in diesem Briefe steht?
NORA. Ja, ich weiß es. Laß mich gehen! Laß mich hinaus!
2155 HELMER (hält sie zurück.) Wo willst Du hin?
NORA (versucht sich loszureißen.) Du darfst mich nicht retten, Torvald!
HELMER (taumelt zurück.) Wahr also? Ist es wahr, was er schreibt? Entsetzlich!
Nein, nein, es kann und kann nicht wahr sein!
NORA. Es ist wahr. Über alles in der Welt habe ich Dich geliebt!
2160 HELMER. Komm mir nicht mit elenden Ausflüchten!
NORA (macht einen Schritt auf ihn zu.) Torvald -!
HELMER. Du Unglückselige, - was hast Du getan?!
NORA. Laß mich fort! Du sollst nicht für mich büßen. Du sollst es nicht auf Dich
nehmen.
2165 HELMER. Kein Komödienspiel. (Schließt das Vorzimmer ab.) Hier bleibst Du und
stehst mir Rede. Hast Du einen Begriff davon, was Du getan hast? Antworte mir!
Hast Du einen Begriff davon?
NORA (blickt ihn unverwandt an und spricht mit erstarrendem Ausdruck.) Ja, jetzt
fange ich an, gründlich zu begreifen.
2170 HELMER (geht im Zimmer umher.) Oh, welch ein furchtbares Erwachen. In diesen
ganzen acht Jahren, - sie, die meine Lust und mein Stolz gewesen ist, - eine Heuch-
lerin, eine Lügnerin, - schlimmer, noch schlimmer - eine Verbrecherin! - Ach, die
bodenlose Abscheulichkeit, die in all dem liegt! Pfui, pfui!
NORA (schweigt und sieht ihn immer noch unverwandt an.)
2175 HELMER (bleibt vor ihr stehen.) Ich hätte auf so etwas vorher gefaßt sein müssen.
Ich hätte es voraussehen müssen. Die leichtsinnigen Grundsätze Deines Vaters -.
Schweig! Die leichtsinnigen Grundsätze Deines Vaters hast Du geerbt. Keine Religi- 40
on, keine Moral, kein Pflichtgefühl -. O, wie bin ich dafür bestraft, daß ich ihm
durch die Finger gesehen habe. Um Deinetwillen habe ich es getan. Und so dankst
2180 Du mir dafür!
NORA. Ja - so.
HELMER. Mein ganzes Glück hast Du zerstört. Meine ganze Zukunft hast Du mir
vernichtet. Ach, entsetzlich, nur daran zu denken. Ich bin in der Gewalt eines ge-
wissenlosen Menschen; er kann mit mir machen, was er will; von mir verlangen,
2185 was ihm einfällt; über mich gebieten, mir befehlen nach seinem Belieben; - ich darf
nicht mucksen. Und so jammervoll muß ich sinken und zugrunde gehen um eines
leichtsinnigen Weibes willen!
NORA. Wenn ich aus der Welt bin, so bist Du frei.
HELMER. Laß die Possen! Solche Redensarten hatte Dein Vater auch immer bereit.
2190 Was würde mir das nützen, wenn Du aus der Welt wärest, wie Du sagst. Nicht das
geringste würde mir es nützen. Er kann die Sache trotzdem bekannt machen; und
tut er es, so komme ich vielleicht in den Verdacht, daß ich um Deine verbrecheri-
sche Tat gewußt habe. Man wird vielleicht glauben, ich hätte dahinter gesteckt, -
ich hätte Dich dazu verführt! Und das alles habe ich Dir zu danken, Dir, die ich
2195 während unserer ganzen Ehe auf Händen getragen habe. Begreifst Du nun, was Du
mir angetan hast?
NORA (mit kalter Ruhe.) Ja.
HELMER. Es ist so unglaublich, daß ich es noch immer nicht fassen kann. Aber wir
müssen sehen, wie wir da heraus kommen! Den Schal herunter! Herunter, sage ich!
2200 Ich muß den Mann auf irgend eine Weise zu befriedigen suchen. Die Sache muß um
jeden Preis vertuscht werden. - Und was Dich und mich betrifft, so muß es ausse-
hen, als sei alles zwischen uns wie bisher. Aber natürlich nur vor den Augen der
Welt. Du bleibst also nach wie vor im Hause; das ist selbstverständlich. Aber die
Kinder darfst Du mir nicht erziehen; die wage ich Dir nicht anzuvertrauen -. O! Das
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2205 der Frau sagen zu müssen, der Frau, die ich so innig geliebt, und die ich noch -! Na,
das muß ein Ende haben. Von heut ab handelt es sich nicht mehr ums Glück; es gilt
nur noch die Trümmer zu retten, die Überbleibsel, den Schein - (Es läutet im Vor-
zimmer. Helmer schrickt zusammen.) Was ist das? So spät noch? Sollte das Entsetz-
lichste -! Sollte er -? Versteck' Dich, Nora! Sag', Du bist krank. (Nora bleibt unbe-
2210 weglich stehen. Helmer geht und öffnet die Tür zum Vorzimmer.)
DAS HAUSMÄDCHEN (halb angekleidet im Vorzimmer.) Ein Brief für die gnädige
Frau.
HELMER. Geben Sie her. (Nimmt den Brief und schließt die Tür.) Ja, - von ihm. Du
bekommst ihn nicht. Ich werde ihn selbst lesen.
2215 NORA. So lies.
HELMER (an der Lampe.) Ich habe kaum den Mut dazu. Vielleicht sind wir verloren,
Du und ich. Doch - ich muß es wissen. (Reißt den Brief auf, durchfliegt einige Zeilen,
blickt auf ein beigelegtes Papier; ein Freudenschrei:) Nora!
NORA (sieht ihn fragend an.)
2220 HELMER. Nora! - Nein! Ich muß es noch einmal lesen. - Ja, ja; es ist so. Ich bin geret-
tet. Nora, ich bin gerettet.
NORA. Und ich?
HELMER.
Du auch, - natürlich; wir sind beide gerettet; Du und ich. Sieh her. Er schickt Dir
2225 Deinen Schuldschein zurück. Er schreibt, daß er bedauert und bereut -; daß eine
glückliche Wendung in seinem Leben -. Aber was er schreibt, das ist ja ganz gleich-
gültig. Wir sind gerettet, Nora! Keiner kann Dir was anhaben. Ach Nora, Nora -;
doch zuerst weg mit den abscheulichen Sachen hier. Laß mich sehen - (Wirft einen
Blick auf die Schuldverschreibung.) Nein, ich will es nicht sehen; die ganze Ge-
2230 schichte soll für mich nichts andres sein als ein Traum. (Reißt den Schein und beide
Briefe in Stücke, wirft alles in den Ofen und sieht zu, wie es brennt.) So, nun existiert
es nicht mehr. - Er schrieb, daß Du seit dem heiligen Abend -. O, das müssen drei
furchtbare Tage für Dich gewesen sein, Nora! 41
NORA. Ich habe in diesen drei Tagen einen harten Kampf gekämpft.
2235 HELMER. Und Du hast gelitten und keinen anderen Ausweg gesehen als -. Doch wir
wollen alle die häßlichen Dinge begraben. Wir wollen nur jubeln und wiederholen:
es ist vorbei, es ist vorbei! So hör' mich doch an, Nora. Du scheinst es noch nicht zu
fassen: es ist vorbei. Aber was ist das - diese starren Mienen? Ach, meine arme,
kleine Nora, ich verstehe schon, Du willst noch nicht daran glauben, daß ich Dir
2240 verziehen habe. Aber das habe ich. Nora, ich schwöre Dir, ich habe Dir alles verzie-
hen. Ich weiß ja, was Du getan hast, das hast Du aus Liebe zu mir getan.
NORA. Das ist wahr.
HELMER. Du hast mich geliebt, wie eine Frau ihren Mann lieben soll. Es fehlte Dir
nur an der nötigen Einsicht zur Beurteilung der Mittel. Aber glaubst Du, daß Du
2245 mir weniger teuer bist, weil Du nicht selbständig zu handeln verstehst? Nein, nein,
stütz' Dich nur auf mich, ich will Dir Berater, will Dir Führer sein. Ich müßte kein
Mann sein, wenn nicht gerade diese weibliche Hilflosigkeit Dich doppelt anziehend
in meinen Augen machte. Kehr' Dich nicht an die harten Worte, die ich im ersten
Schrecken sprach, in einem Augenblicke, da ich meinte, alles müßte über mir zu-
2250 sammenstürzen. Ich habe Dir verziehen, Nora; ich schwöre Dir zu, ich habe Dir
verziehen.
NORA. Ich danke Dir für Deine Verzeihung. (Geht rechts durch die Tür ab.)
HELMER. So bleib doch -. (Sieht hinein.) Was willst Du da im Alkoven?
NORA (drinnen.) Das Maskenzeug heruntertun.
2255 HELMER (an der offenen Tür.) Recht so, suche Dich zu fassen und das Gleichge-
wicht Deiner Seele wieder zu erlangen, Du mein kleines, verschüchtertes Singvö-
gelchen! Ruh' Dich getrost aus; ich werde Dich mit meinen starken Flügeln decken.
(Geht in der Nähe der Tür umher.) O wie behaglich und schön unser Haus ist, Nora.
Hier bist Du geborgen; ich will Dich halten wie eine verfolgte Taube, die ich den
2260 mörderischen Krallen des Habichts entrissen habe; ich werde Dein armes, pochen-
des Herz schon zur Ruhe bringen. Nach und nach, Nora, - glaub' mir das. Schon
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morgen wirst Du alles mit ganz anderen Augen ansehen; bald wird alles wieder
beim alten sein. Ich werde Dir nicht mehr oft zu wiederholen brauchen, daß ich Dir
verziehen habe; Du selbst wirst untrüglich fühlen, daß es so ist. Wie bist Du auf den
2265 Gedanken gekommen, ich könnte Dich verstoßen oder Dir auch nur einen Vorwurf
machen? O Nora, Du kennst das Herz eines wirklichen Mannes nicht. Für den Mann
liegt etwas unbeschreiblich Holdes und Befriedigendes in dem Bewußtsein, seiner
Frau vergeben zu haben, - ihr aus vollem, aufrichtigem Herzen vergeben zu haben.
Ist sie doch gewissermaßen in doppeltem Sinne dadurch sein Eigen geworden; als
2270 hätte er sie zum zweiten Male in die Welt gesetzt. Sie ist sozusagen sein Weib und
sein Kind zugleich geworden. Das sollst Du mir fortan sein, Du ratloses, hilfloses
Persönchen. Fürchte nichts, Nora; sei nur offenherzig gegen mich, dann werde ich
Dein Wille und auch Dein Gewissen sein. - Was ist das? Du gehst nicht zu Bett? Du
hast Dich umgekleidet?
2275 NORA (in ihrem Alltagskleide.) Ja, Torvald, ich habe mich umgekleidet.
HELMER. Aber warum denn? Jetzt? So spät -?
NORA. Diese Nacht werde ich nicht schlafen.
HELMER. Aber, liebe Nora -
NORA (sieht auf ihre Uhr.) Es ist noch nicht allzu spät. Nimm Platz, Torvald; wir
2280 zwei haben viel miteinander zu reden. (Setzt sich an die eine Seite des Tisches.)
HELMER. Nora, - was soll das heißen? Diese starre Miene -.
NORA. Setz' Dich. Es dauert lange. Ich habe mit Dir über vieles zu reden.
HELMER (setzt sich ihr gegenüber an den Tisch.) Du machst mir Angst, Nora. Und
ich verstehe Dich nicht.
2285 NORA. Ja, das ist es eben. Du verstehst mich nicht. Und ich habe Dich ebenfalls
nicht verstanden - bis zu dieser Stunde. Bitte, unterbrich mich nicht. Du sollst mir
nur zuhören. - Es ist eine Abrechnung, Torvald.
HELMER. Wie meinst Du das?
NORA (nach kurzem Schweigen.) Wie wir so dasitzen, - fällt Dir gar nichts daran
2290 auf? 42
HELMER. Was sollte das sein?
NORA. Wir sind jetzt acht Jahre verheiratet. Fällt es Dir nicht auf, daß wir - Du und
ich, Mann und Frau - heute zum ersten Male ein ernstes Gespräch miteinander
führen?
2295 HELMER. Ein ernstes Gespräch, - was heißt das?
NORA. Acht ganze Jahre - und länger noch, - vom ersten Tage unserer Bekannt-
schaft an haben wir nie ein ernstes Wort über ernste Dinge gewechselt.
HELMER. Hätte ich Dich etwa beständig einweihen sollen in Widerwärtigkeiten,
die Du doch nicht mit mir hättest teilen können?
2300 NORA. Ich spreche nicht von Widerwärtigkeiten. Ich sage nur, daß wir niemals
ernst beieinandergesessen haben, um etwas gründlich zu überlegen.
HELMER. Aber liebste Nora, das wäre doch nichts für Dich gewesen.
NORA. Da sind wir bei der Sache. Du hast mich nie verstanden. - Ihr habt viel an
mir gesündigt, Torvald. Zuerst Papa, dann Du.
2305 HELMER. Was? Wir beide -? Wir beide, die wir Dich über alles in der Welt geliebt
haben?
NORA (schüttelt den Kopf.) Ihr habt mich nie geliebt. Euch machte es nur Spaß, in
mich verliebt zu sein.
HELMER. Aber, Nora, was sind das für Worte!
2310 NORA. Ja, es ist so, Torvald. Als ich zu Hause war bei Papa, teilte er mir alle seine
Ansichten mit, und so hatte ich dieselben Ansichten. War ich aber einmal anderer
Meinung, dann verheimlichte ich das; denn es wäre ihm nicht recht gewesen. Er
nannte mich sein Puppenkind, und spielte mit mir, wie ich mit meinen Puppen
spielte. Dann kam ich zu Dir ins Haus -
2315 HELMER. Was für einen Ausdruck gebrauchst Du da von unserer Ehe?
NORA (unbeirrt.) Ich meine, dann ging ich aus Papas Händen in Deine über. Du
richtetest alles nach Deinem Geschmack ein, und so bekam ich denselben Ge-
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schmack wie Du; aber ich tat nur so: ich weiß es nicht mehr recht - vielleicht war
es auch beides: bald so und bald so. Wenn ich jetzt zurückblicke, so ist mir, als
2320 hätte ich hier wie ein Bettler gelebt, - nur von der Hand in den Mund. Ich lebte
davon, daß ich Dir Kunststücke vormachte, Torvald. Aber Du wolltest es ja so ha-
ben. Du und Papa, Ihr habt Euch schwer an mir versündigt. Ihr seid schuld daran,
daß nichts aus mir geworden ist.
HELMER. Wie lächerlich und wie undankbar, Nora! Bist Du hier nicht glücklich
2325 gewesen?
NORA. Nein. Das bin ich nie gewesen. Ich habe es geglaubt, aber ich bin es nie ge-
wesen.
HELMER. Nicht - nicht glücklich?
NORA. Nein, - nur lustig. Und Du warst immer so lieb zu mir. Aber unser Heim ist
2330 nichts anderes als eine Spielstube gewesen. Hier bin ich Deine Puppenfrau gewe-
sen, wie ich zu Hause Papas Puppenkind war. Und die Kinder, die waren wiederum
meine Puppen. Wenn Du mich nahmst und mit mir spieltest, so machte mir das
gerade solchen Spaß, wie es den Kindern Spaß machte, wenn ich sie nahm und mit
ihnen spielte. Das ist unsere Ehe gewesen, Torvald.
2335 HELMER. Etwas Wahres liegt in Deinen Worten, - so übertrieben und überspannt
sie auch sind. Aber von jetzt an soll es anders werden. Die Tage des Spiels sind nun
vorüber; jetzt kommt die Zeit der Erziehung.
NORA. Wessen Erziehung? Meine oder die der Kinder?
HELMER. Sowohl Deine wie die der Kinder, meine geliebte Nora.
2340 NORA. Ach, Torvald, Du bist nicht der Mann, mich zu einer richtigen Frau für Dich
zu erziehen.
HELMER. Und das sagst Du so?
NORA. Und ich, - bin ich denn für die Aufgabe gerüstet, die Kinder zu erziehen?
HELMER. Nora!
2345 NORA. Hast Du vorhin nicht selber gesagt, - Du dürftest mir diese Aufgabe nicht
anvertrauen? 43
HELMER. Im Moment der Erregung! Wie kannst Du darauf etwas geben?
NORA. Doch. Du hattest sehr recht. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen. Das ist
eine andere Aufgabe, die ich zuvor lösen muß. Ich muß trachten, mich selbst zu
2350 erziehen. Und Du bist nicht der Mann, mir dabei zu helfen. Das muß ich allein voll-
bringen. Und darum verlasse ich Dich jetzt.
HELMER (springt auf.) Was sagst Du da?
NORA. Ich muß ganz allein stehen, wenn ich mich mit mir selbst und mit der Au-
ßenwelt zurechtfinden soll! Deshalb kann ich nicht länger bei Dir bleiben.
2355 HELMER. Nora! Nora!
NORA. Ich verlasse Dich sofort. Christine wird mich für diese eine Nacht aufneh-
men -
HELMER. Du bist von Sinnen! Das darfst Du nicht! Ich verbiete es Dir!
NORA. Es hat fortan keinen Zweck mehr, mir etwas zu verbieten. Ich nehme mit,
2360 was mir gehört. Von Dir will ich nichts haben, - nicht heut, noch später.
HELMER. Welcher Wahnsinn!
NORA. Morgen reise ich nach Hause - das heißt: in meine alte Heimat. Dort wird es
mir am leichtesten sein, irgend etwas anzufangen.
HELMER. O Du verblendetes, unerfahrenes Geschöpf!
2365 NORA. Ich muß trachten, mir Erfahrung zu erwerben, Torvald.
HELMER. Deine Häuslichkeit, Deinen Mann und Deine Kinder zu verlassen! Beden-
ke: was werden die Leute sagen!
NORA. Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich weiß nur, daß es für mich
notwendig ist.
2370 HELMER. O, das ist empörend. So entziehst Du Dich Deinen heiligsten Pflichten?
NORA. Was verstehst Du unter meinen heiligsten Pflichten?
HELMER. Das muß ich Dir erst sagen! Sind es nicht die Pflichten gegen Deinen
Mann und gegen Deine Kinder?
NORA. Ich habe andere Pflichten, die ebenso heilig sind.
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2375 HELMER. Das hast Du nicht. Was für Pflichten könnten das wohl sein!
NORA. Die Pflichten gegen mich selbst.
HELMER. In erster Linie bist Du Gattin und Mutter.
NORA. Das glaube ich nicht mehr. Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin,
so gut wie Du, - oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden. Ich weiß wohl,
2380 daß die Welt Dir Recht geben wird, Torvald, und daß etwas ähnliches in den Bü-
chern steht. Aber was die Welt sagt und was in den Büchern steht, das kann nicht
länger maßgebend für mich sein. Ich muß selbst nachdenken, um in den Dingen
Klarheit zu erlangen.
HELMER. Du solltest Dir nicht klar sein über Deine Stellung in der eigenen Familie?
2385 Hast Du in solchen Sachen nicht einen untrüglichen Führer? Hast Du nicht die Reli-
gion?
NORA. Ach, Torvald, was Religion ist, das weiß ich ja gar nicht einmal genau.
HELMER. Was sagst Du da?
NORA. Ich weiß ja nur, was Pastor Hansen sagte, als ich zur Konfirmationsstunde
2390 ging. Er trug vor, dies sei Religion und das. Wenn ich erst aus meinen gegenwärti-
gen Verhältnissen heraus und auf mich allein angewiesen bin, dann werde ich auch
dies zu ergründen suchen. Ich will sehen, ob das, was Pastor Hansen gesagt hat,
richtig war, oder vielmehr, ob es für mich richtig ist.
HELMER. Ah, - das ist doch unerhört im Munde einer jungen Frau! Aber wenn die
2395 Religion Dir eine Führerin nicht sein kann, so laß mich wenigstens Dein Gewissen
aufrütteln. Denn moralisches Gefühl, das hast Du doch? Oder, antworte mir, - hast
Du es vielleicht nicht?
NORA. Ja, Torvald, es ist nicht leicht, Dir darauf zu antworten, Torvald. Ich weiß es
ja absolut nicht. Ich bin gänzlich irre daran geworden. Ich weiß nur, daß ich von
2400 dergleichen eine durchaus andere Anschauung habe als Du. Daß die Gesetze an-
ders sind, als ich gedacht hatte, höre ich jetzt ja auch; daß sie aber richtig sind, -
das will mir durchaus nicht in den Kopf. Eine Frau sollte also nicht das Recht ha-
ben, ihren alten sterbenden Vater zu schonen oder das Leben ihres Mannes zu 44
retten! So etwas glaube ich nicht!
2405 HELMER. Du sprichst wie ein Kind. Du verstehst die Gesellschaft nicht, in der Du
lebst.
NORA. Ich verstehe sie nicht - allerdings. Aber jetzt will ich sie mir näher ansehen.
Ich muß dahinter kommen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich.
HELMER. Du bist krank, Nora; Du hast Fieber; ich glaube gar, Du bist von Sinnen.
2410 NORA. Ich habe noch nie so klar und sicher empfunden, wie jetzt.
HELMER. Und klar und sicher gehst Du von Deinem Gatten und Deinen Kindern?
NORA. Ja, das tue ich.
HELMER. Dann ist nur noch eine Erklärung möglich.
NORA. Welche?
2415 HELMER. Du liebst mich nicht mehr.
NORA. Ja, das ist es eben.
HELMER. Nora! - Und das sagst Du so?!
NORA. Es tut mir bitter weh, Torvald; denn Du bist immer so gut zu mir gewesen.
Aber was ist da zu machen?! Ich liebe Dich nicht mehr.
2420 HELMER (mit mühsam erkämpfter Fassung.) Ist das auch eine klare und sichere
Überzeugung?
NORA. Eine ganz klare und sichere Überzeugung. Das ist der Grund, warum ich
nicht länger hier bleiben will.
HELMER. Und kannst Du mir auch erklären, wodurch ich Deine Liebe verscherzt
2425 habe?
NORA. Ja, das kann ich. Es war heut abend, als das Wunderbare nicht kam; und da
sah ich, daß Du nicht der Mann bist, für den ich Dich gehalten hatte.
HELMER. Sei deutlicher; ich verstehe Dich nicht.
NORA. Acht Jahre lang habe ich geduldig gewartet; denn, du lieber Gott, ich sah ja
2430 ein, daß das Wunderbare nicht wie ein Alltägliches kommen könne. Dann brach
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das Verderben über mich herein; und nun war ich unerschütterlich fest davon
überzeugt: jetzt kommt das Wunderbare. Als Krogstads Brief draußen lag, - da
dachte ich auch nicht einen Augenblick, Du könntest Dich den Bedingungen dieses
Menschen fügen. Ich war fest überzeugt, daß Du ihm entgegnen würdest: tu es nur
2435 der ganzen Welt kund! Und wenn das geschehen -
HELMER. Nun, und -? Wenn ich meine eigene Frau dem Schimpf und der Schande
preisgegeben hätte -?
NORA. Wenn das geschehen wäre, so glaubte ich felsenfest - dann würdest Du her-
vortreten und alles auf Dich nehmen und sagen: ich bin der Schuldige.
2440 HELMER. Nora -!
NORA. Du meinst, ich hätte ein solches Opfer niemals von Dir angenommen? Na-
türlich nicht. Aber was hätten meine Versicherungen gegenüber den Deinen gegol-
ten? - Das war das Wunderbare, worauf ich in Angst und Bangen gehofft habe. Und
um das zu verhindern, hätte ich meinem Leben ein Ende gemacht.
2445 HELMER. Mit Freuden würde ich Tag und Nacht für Dich arbeiten, Nora, - für Dich
Kummer und Sorge ertragen. Aber es opfert keiner seine Ehre denen, die er liebt!
NORA. Das haben hunderttausend Frauen getan!
HELMER. Ach, Du denkst und sprichst wie ein unvernünftiges Kind.
NORA. Mag sein. Aber Du, Du denkst weder, noch sprichst Du wie der Mann, an den
2450 ich mich anschließen könnte. Als sie vorüber war, - Deine Angst - nicht vor dem,
was mir drohte, sondern vor dem, was Dich selber treffen könnte, als alle Gefahr
vorbei war, - da tatest Du, als ob nichts geschehen wäre. Genau so wie sonst war
ich wieder Deine kleine Lerche, Deine Puppe, die Du fortan doppelt vorsichtig auf
Händen tragen wolltest, weil sie so schwach und zerbrechlich wäre. (Steht auf.)
2455 Torvald, in dem Augenblick kam ich zu der Erkenntnis, daß ich hier acht Jahre lang
mit einem fremden Manne zusammen gehaust, und daß ich drei Kinder mit ihm
gehabt hatte -. O, nicht daran denken darf ich! In tausend Stücke könnte ich mich
zerreißen.
HELMER (schwermütig.) Ich sehe, ich sehe. In der Tat, - zwischen uns hat sich ein 45
2460 Abgrund aufgetan. - Aber, Nora, sollte er sich nicht überbrücken lassen?
NORA. So wie ich jetzt bin, bin ich keine Frau für Dich.
HELMER. Ich habe die Kraft, ein anderer zu werden.
NORA. Vielleicht, - wenn Dir die Puppe genommen wird.
HELMER. Eine Trennung - eine Trennung von Dir! Nein, nein, Nora, - den Gedanken
2465 kann ich nicht fassen.
NORA (geht rechts hinein.) Um so entschiedener muß es geschehen. (Sie kommt mit
Hut und Mantel zurück und trägt eine kleine Reisetasche, die sie auf den Stuhl am
Tische stellt.)
HELMER. Nora, Nora, nicht jetzt! Warte bis morgen.
2470 NORA (nimmt den Mantel um.) Ich kann in der Wohnung eines fremden Mannes
nicht die Nacht über bleiben.
HELMER. Aber könnten wir nicht hier hausen wie Bruder und Schwester -?
NORA (setzt den Hut auf.) Du weißt ganz gut, daß das nicht von langer Dauer wäre -
. (Hüllt sich in den Schal ein.) Leb' wohl, Torvald; die Kleinen will ich nicht sehen.
2475 Ich weiß, sie sind in besseren Händen als bei mir. So wie ich jetzt bin, kann ich
ihnen nichts sein.
HELMER. Doch später einmal, Nora, - später?
NORA. Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja gar nicht, was aus mir wird.
HELMER. Aber Du bist mein Weib, jetzt und in Zukunft.
2480 NORA. Hör' zu, Torvald; - wenn eine Frau das Haus ihres Mannes verläßt, wie ich
jetzt tue, so entbindet ihn meines Wissens das Gesetz aller Verpflichtungen gegen
sie. Wenigstens entbinde ich Dich jedweder Verpflichtung. Du sollst durch nichts
gefesselt sein, ebensowenig wie ich es sein will. Auf beiden Seiten muß volle Frei-
heit herrschen. So, - da hast Du Deinen Ring zurück. Gib mir den meinen.
2485 HELMER. Auch das noch?
NORA. Auch das.
HELMER. Hier ist er.
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NORA. So. Nun ist es also aus. Da lege ich die Schlüssel hin. Die Mädchen wissen in
der Wirtschaft genau Bescheid - besser als ich. Morgen, wenn ich abgereist bin,
2490 wird Christine kommen, um die Sachen zusammenzupacken, die von Haus aus
mein Eigentum sind. Sie sollen mir nachgeschickt werden.
HELMER. Aus?! Aus?! Nora, wirst Du nie mehr an mich denken?
NORA. Ich werde gewiß oft an Dich und die Kinder und dies Haus denken müssen.
HELMER. Darf ich Dir schreiben, Nora?
2495 NORA. Nein, - niemals. Das verbiete ich Dir.
HELMER. Aber schicken darf ich Dir doch - -
NORA. Nichts; nichts.
HELMER. - Dir helfen, wenn Du Hilfe brauchst.
NORA. Nein, sage ich. Ich nehme nichts von Fremden an.
2500 HELMER. Nora, - werde ich Dir niemals wieder mehr als ein Fremder sein können?
NORA (nimmt die Reisetasche.) Ach, Torvald, dann müßte das Wunderbarste ge-
schehen -.
HELMER. Nenn es mir, dieses Wunderbarste!
NORA. Dann müßte mit uns beiden, mit Dir und mir, eine solche Wandlung vorge-
2505 hen, daß -. Ach, Torvald, ich glaube an keine Wunder mehr.
HELMER. Aber ich will daran glauben. Sprich zu Ende. Eine solche Wandlung, daß -
?
NORA. - daß unser Zusammenleben eine Ehe werden könnte. Leb' wohl! (Geht
durch das Vorzimmer ab.)
2510 HELMER (sinkt auf einen Stuhl neben der Tür zusammen und birgt das Gesicht in den
Händen.) Nora! Nora! (Sieht sich um und steht auf.) Leer. Sie ist fort! (Eine Hoffnung
steigt in ihm auf.) Das Wunderbarste -?
(Man hört, wie unten die Haustür dröhnend ins Schloß fällt.)
(aus: Henrik Ibsen, Volksausgabe in fünf Bänden, Bd. 4. Berlin: S. Fischer Verlag 1907,
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