Dissertation / Doctoral Thesis: Das Identitäts-Und Gedächtnisbildende Potenzial Russlanddeutscher Literatur Ab 1991"
Dissertation / Doctoral Thesis: Das Identitäts-Und Gedächtnisbildende Potenzial Russlanddeutscher Literatur Ab 1991"
angestrebter akademischer Grad / in partial fulfilment of the requirements for the degree of
Doktorin der Philosophie (Dr. phil.)
Bei näherer Beschäftigung mit jener literaturwissenschaftlichen „Nische“ wird sich zusehends
der Eindruck einstellen, dass das Netz aus Texten gerade dies möchte: über sich selbst hinaus-
wachsend endlich klar und deutlich gehört werden in seinem Erzählen, das von teils tragischen
Schicksalen berichtend marginalisierte Vergangenheitsversionen aufdeckt und dabei in ständigem
Wandel begriffene Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit, welche sich über verschiedene
Kontinente, Sprachen und Kulturen erstrecken, beschreibt bzw. selbst mit beeinflusst. In einer
1
Hummel, Eleonora u. Artur Rosenstern: Das Schlüsselloch im Suppenteller (Einführung). In: Deutsche
Autoren aus Russland. Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang 13 (2016), S. 9.
2
Ebda., S. 7.
5
Vielzahl an Texten entwickeln die Figuren, die sich selbst in gesellschaftlichen Außenseiterposi-
tionen erleben und sich aufgrund dessen einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sehen, dabei das
dringende Bedürfnis, sich ihren Mitmenschen zu „erklären“. Daraus entsteht der Eindruck eines
Ringens um Verständnis und Anerkennung.
Noch eine bei weitem grundlegendere Dimension eines solchen Verstehensanspruches offenbart
ein Blick auf die historischen Entwicklungen: Die gewaltsame Auflösung der seit dem 18. Jahr-
hundert (als die von Katharina II. angeworbenen deutschen Siedler/innen sich dauerhaft im rus-
sischen Zarenreich niederließen) bestehenden geschlossenen Sprachinseln in den 1930er- und
1940er-Jahren, das anschließende langjährige Verbot, die „Sprache der Feinde“ in der Öffentlich-
keit zu sprechen, nachhaltig gesunkenes Sprachprestige sowie fortschreitende Assimilierung ha-
ben das Schwinden deutscher Sprachkenntnisse unter russlanddeutschen Minderheitsangehörigen
bedingt bzw. empfindlich beschleunigt. Das allmähliche und durch scharfe Zensur kontrollierte
Wiederaufleben deutschsprachiger Literatur seit den 1950er-Jahren auf dem Gebiet der damaligen
Sowjetunion hat diese dereinst vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Mit der Verlagerung
des russlanddeutschen Literaturbetriebs aufgrund großer Auswanderungsbewegungen in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den binnendeutschen Raum stehen Betroffene häufig er-
neut nicht nur vor einem sprachlichen Dilemma, und der russlanddeutschen Literatursprache fällt
es schwer, ästhetisch-stilistischen Ansprüchen der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft in
den Auswanderungsländern zu „genügen“.
Die Auffassung jedoch, diese Literatur würde im Allgemeinen nur eine „rußlanddeutsche Leser-
schaft im Auge“3 haben, wie etwa Viktor Heinz es für die im Lyrikband „Es eilen die Tage“
gesammelten und großteils von der Dichterin Nelly Wacker noch in Kasachstan abgefassten Texte
beschreibt, ist vor allem für die neueren Werke der Minderheitenliteratur4 kaum noch geltend zu
machen, ohne Unterstellung zu sein. Zwar mögen zahlreiche Werke auch jüngerer Autor/inn/en
auf eine Leserschaft, die gewohnt ist, literarische Qualität in weiten Teilen nach deren Grad an
Innovation und Originalität zu bemessen, einen überholten und konventionellen Eindruck erwe-
cken. Doch haben sich nicht zuletzt durch die Auswanderungsbewegungen neue Perspektiven,
Aufgaben und Ziele für die Literatur aufgetan. In diesem Sinn gibt es ganz gegenteilige Einschät-
zungen, wonach Werke von (relativ) bekannten russlanddeutschen Gegenwartsautor/inn/en, zu
denen die Germanistin Natalia Shchyhlevska etwa Nelly Däs 5 , Eleonora Hummel, Wendelin
Mangold, Alexander Reiser und Ilona Wagner zählt, einen nicht wegzudenkenden Teil der
3
Heinz, Viktor: Vorwort. In: Wacker, Nelly: Es eilen die Tage. Stuttgart: Landsmannschaft der Deut-
schen aus Rußland e. V. 1998, S. 7.
4
Die Verwendung des Begriffs „Minderheitenliteratur“ wird in dieser Arbeit als heuristische Abkürzung
für die Bezeichnung von literarischen Texten, die nicht als Teil der Mehrheits- oder dominanten Kul-
tur(en) angesehen werden, gebraucht.
5
Die Erzählung „Das Mädchen vom Fährhaus“ von Nelly Däs, die bereits im Jahr 1943 nach Deutschland
geflüchtet war, wurde 1996 unter dem Titel „Nadja – Heimkehr in die Fremde“ für das ZDF verfilmt.
6
deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bilden und mit neuen thematischen Schwerpunkten die
Literaturszene auf inhaltlicher und sprachlich-stilistischer Ebene prägen.6
Als charakteristisch für neuere russlanddeutsche Literatur sind die wiederkehrenden Diskursfel-
der und gruppenkonstitutiven Narrative zu sehen, denen sich zahlreiche Werke widmen. Sie
schreiben sich auf diese Weise gleichsam in ein spezifisch russlanddeutsches literarisches Ge-
dächtnis ein. Genreübergreifend werden die traumatischen Erfahrungen von Deportation, Verfol-
gung und Diskriminierung im vergangenen Jahrhundert in Texten der letzten Jahrzehnte thema-
tisiert. Immer wieder kommt es im Zuge dessen zu Neuaushandlugen betreffend vieldiskutierter
Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit bzw. Fremdheit. Als eine wesentliche Funktion der russland-
deutschen Literatur nach der Rehabilitierung der auf dem Gebiet der Sowjetunion lebenden Deut-
schen kann also die schrittweise Aufarbeitung traumatischer Kriegs- und Nachkriegserfahrungen
der Minderheitsgruppe geltend gemacht werden, insofern russlanddeutsche Schriftsteller/innen
schrittweise das kollektive Mehrheitsgedächtnis um jene marginalisierten Vergangenheitsversio-
nen anzureichern suchen. Identitätsvorstellungen und -konstruktionen auf Grundlage von Eigen-
und Fremdzuschreibungen sowie gruppenkonstitutive Narrative bilden Gegenstand der vorliegen-
den Untersuchung.
Ziel der Arbeit soll es einerseits sein, ein umfassendes Bild der Entwicklungen russlanddeutscher
Literatur zu zeichnen, welches veranschaulicht, wie sich die deutschsprachige Produktion bzw.
Rezeption der Minderheitenliteratur seit den großen Auswanderungswellen Ende des 20. Jahr-
hunderts verlagert hat bzw. inwiefern sich die durch fortschreitenden Sprachschwund, Assimila-
tion und Verstreutheit von Autor/inn/en wie Rezipient/inn/en geprägte gegenwärtige Situation
beschreiben lässt. Dabei muss gesagt sein, dass vielfach das Ende dieser Literatur prognostiziert
und die Frage, von wem und für wen eigentlich noch geschrieben werde, im Zuge wissenschaft-
licher Auseinandersetzungen gestellt wurde. Die konstatierte Auslauffrist7 macht es noch dring-
licher, jetzt einen genauen Blick auf das Phänomen in all seiner Komplexität zu werfen.
Im Anschluss an die Einleitung, welche an erster Stelle eine kritische Diskussion der Begriffe
„russlanddeutsch“ bzw. „Russlanddeutsche“ bieten muss, schafft ein bewusst kurz gehaltener ge-
schichtlicher Rückblick bessere Einsicht in historische Zusammenhänge. Das Wissen um die
„Ausgangslage“, d. h. Entstehungs- und Wirkbedingungen der literarischen Werke, ist für die
Zielsetzungen der Untersuchung sowie das tiefere Verständnis russlanddeutscher Literatur ab
1991 unabdingbar. Nicht zuletzt verweisen die Texte selbst immer wieder auf die geschichtlichen
Kontexte.
6
Vgl. Shchyhlevska, Natalia: Historizität und Interkulturalität im Roman „Die Fische von Berlin“ von
Eleonora Hummel. In: Germanica (online) 51 (2012). [Link]
(22.06.2021).
7
Vgl. dazu den Periodisierungsversuch in Kapitel 1.2.
7
Schon die erwähnten Bezeichnungen wie „Erinnerungs-“ bzw. „Memoirenliteratur“ haben auf
eine wesentliche Dimension russlanddeutscher Literatur hingewiesen, wenn auch nicht der Fehler
gemacht werden darf, ihre „Aufgabe“ in diesen Funktionen erschöpft zu sehen. Wie kaum ein
anderes kulturwissenschaftliches Gebiet hat die Gedächtnisforschung die Zusammenarbeit der
verschiedenen Fächer angeregt. Und gerade die russlanddeutsche Literatur des ausgehenden
20. und beginnenden 21. Jahrhunderts erweist sich als besonders fruchtbar für eine gedächtnis-
theoretische Literaturanalyse. War es in der Vergangenheit oft schon das Aufleben der deutschen
Sprache selbst, so ist es nach den tragischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der jahr-
zehntelangen Unterdrückung des Sowjetregimes vor allem die Aufarbeitung der Traumata und
das „Sich-zu-Gehör-Bringen“ der eigenen Geschichtsversionen, worin ein enormes gedächtnis-
und identitätsbildendes Potenzial begründet liegt, das literarische Texte auf unterschiedliche Wei-
sen nutzen. Eine theoretische Zusammenschau von kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Kon-
zepten, die das dritte Kapitel der Arbeit bietet, ist als Grundlage für die eingehende Analyse ein-
zelner Werke der letzten drei Jahrzehnte daher sinnvoll. Besonderes Augenmerk liegt im Zuge
dessen auf dem von Michel Foucault geprägten Begriff des Gegengedächtnisses sowie der Frage
nach der Rolle von Literatur für die Gedächtnisbildung. Die Berücksichtigung interkultureller
Aspekte (zumal russlanddeutsche Literatur seit ihrer Verlagerung in den binnendeutschen Raum
mitunter als „Migrationsliteratur“8 verhandelt wird) darf in einer solchen Auseinandersetzung
nicht fehlen. Als besondere russlanddeutsche Phänomene können in diesem Sinn die deutsch-
russische Doppelidentität, die Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit sowie die ambivalente Vorstellung
von Heimat genannt werden.9
8
Das Konzept der „Migrationsliteratur“ ist anders als jenes der „Migrantenliteratur“ prinzipiell losgelöst
von der Biografie und Staatsangehörigkeit der Autor/inn/en zu sehen. Der Begriff „Migration“ ist im Dis-
kurs interkultureller Literatur auch kein Synonym für Arbeitsmigration (mehr), „sondern sehr viel weiter
zu fassen als Migration zwischen Systemen, Zeiten, Kulturen, Religionen und Kontinenten. Gemeint ist
nicht mehr eine Literatur von Migranten bzw. Minderheiten oder [eine Literatur] über Arbeits-, System-
und andere Migrationen […].“ [Rösch, Heidi: Migrationsliteratur im interkulturellen Diskurs.
[Link]
(22.06.2021).] Die Migrationsliteratur entwickelt vielmehr neue, im Zeichen der Transkulturalität ste-
hende, ästhetische Paradigmen rund um Austausch, Verschmelzung, Wanderschaft. [Vgl. Hausbacher,
Eva: Schreiben MigrantInnen anders? Überlegungen zu einer Poetik der Migration. In: Migrationsliteratu-
ren in Europa. Hrsg. v. Binder, Eva u. Birgit Mertz-Baumgartner. Innsbruck: innsbruck university press
2012, S. 172.]
9
Vgl. Kurilo, Olga: Russlanddeutsche als kulturelle Hybride. Schicksal einer Mischkultur im 21. Jahr-
hundert. In: Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eura-
sien. Hrsg. v. Kaiser, Markus u. Michael Schönhuth. Bielefeld: transcript 2015, S. 66.
8
über Gemeinsamkeiten zu definieren. Vielmehr soll versucht werden, sie über ihre Orientierung
an spezifischen Diskursen zu fassen, die oft sehr unterschiedlich literarisiert werden, und auf diese
Weise die Knotenpunkte eines spezifisch russlanddeutschen Gedächtnisses der Literatur zu um-
reißen. Die herausgearbeiteten Themenkomplexe behandeln u. a. den Umgang mit bzw. die Dar-
stellung von (Mutter-)Sprache(n), Raum- und Heimatvorstellungen, Formen und Funktionen des
Schweigens, Schuldaushandlungen bzw. Opferbekenntnissen sowie Stigmatisierungen über Na-
men.
Noch vor der eingehenden Beschäftigung mit russlanddeutscher Literatur, ihrer Entwicklung und
ihren bevorzugten Themen muss zumindest in groben Zügen umrissen sein, was denn das Attribut
„russlanddeutsch“ meint, wer die „Russlanddeutschen“ entsprechend dieser Auffassung sind und
ob bzw. warum sich diese Kategorisierungen als sinnvoll erweisen. Wie sich zeigen wird, handelt
es sich bei einem derartigen Definitionsversuch in Wahrheit um eine Problematisierung der Be-
grifflichkeiten, so – dies sei vorweggenommen – ein allseits zufriedenstellendes Ergebnis aus-
bleibt.
Viele Schwierigkeiten, die sich bei der Definition und dem Gebrauch des Terminus „russland-
deutsch“ ergeben, bestehen in ähnlicher Weise auch für andere Minderheiten der Welt. Der Be-
griff „Russlanddeutsche“ ist heute als Sammelbegriff für alle einst auf dem Gebiet des ehemaligen
russischen Zarenreiches angesiedelten deutschen Auswanderer und Auswanderinnen bzw. deren
Nachfahr/inn/en in Verwendung. Daneben sind Bezeichnungen wie beispielsweise „wolhynien-
deutsch“, „kasachstandeutsch“ oder „schwabendeutsch“ gebräuchlich, die jeweils spezifische be-
sondere Merkmale wie die räumlichen Siedlungsgebiete, nationalstaatliche Zugehörigkeit oder
sprachliche Besonderheiten bestimmter Gruppen betonen. Auch heute in der „historischen Hei-
mat“ lebende so genannte „Aussiedler/innen“ bzw. „Spätaussiedler/innen“11, die nunmehr in den
10
Heinz, Viktor: In der Sackgasse. Aufzeichnungen eines „Außenseiters“ in Rußland. Stuttgart: Lands-
mannschaft der Deutschen aus Rußland e. V. 1996, S. 176.
11
Der Begriff „Aussiedler/in“ wurde in den frühen 1950er-Jahren geprägt, als der Zustrom „deutscher
Volkszugehöriger“ aus Ostmittel- und Südosteuropa sowie der Sowjetunion nicht abriss. Die Zuwande-
rungsbedingungen für diese Gruppe wurden durch das Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) von 1953
geregelt. Eine wesentliche Änderung des BVFG in Zusammenhang mit dem Kriegsfolgenbereinigungsge-
setz von 1993 führte zu einer Änderung der Terminologie. Seit dieser Zeit heißen deutsche Einwanderer
und Einwanderinnen aus Ostmittel- und Südosteuropa sowie aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion
9
Ländern ihrer einstigen Vorfahr/inn/en ihren Lebensmittelpunkt haben, greifen zum Teil als Ei-
genbezeichnung auf diese Begrifflichkeiten zurück – wahrscheinlich in stärkerem Ausmaß noch
als in postsowjetischen Staaten verbliebene Bekannte oder Angehörige, die sich häufig „nur“ auf
das Attribut „deutsch“12 berufen, wobei unklar bleibt, ob sie sich damit auf Abstammung, Spra-
che, Nationalität oder Staatsangehörigkeit beziehen. Auch in der einschlägigen Forschungslitera-
tur haben sich diese Begriffe durchgesetzt. Vor deren unreflektierten Verwendung in gesell-
schaftspolitischen und institutionellen Kontexten, aber auch im privaten Rahmen, warnt beispiels-
weise der russlanddeutsche Schriftsteller Johann Warkentin, wenn er kritisiert, „[d]aß wir Ruß-
landdeutschen samt und sonders in den WOLGA-Topf gesteckt werden – Südukraine, Krim und
Kaukasus etc.“13 Doch selbst den Definitionen von kulturellen Zusammenschlüssen wie der Ver-
einigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ folgend bleiben diesbezüglich Unklarheiten
bestehen; einmal ist in Bezug auf Minderheitsangehörige im eigenen Land von der Entwicklung
„der deutschen ethnischen Gemeinde“ und an anderer Stelle von „Bürgern deutscher Nationalität“
die Rede.14 Die in Stuttgart 1950 gegründete Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die
„sich als Interessenvertretung, Hilfsorganisation und Kulturverein aller Russlanddeutschen in der
ganzen Welt [versteht]“,15 verwendet die Begriffe „Russlanddeutsche“ bzw. „Deutsche aus Russ-
land“ synonym; „[d]azu zählen auch die Deutschen, die in der ehemaligen Sowjetunion leben und
denen eine nationale Vertretung verwehrt ist.“16
An dieser Stelle sei ferner erwähnt, dass die im Englischen gängige Übersetzung als „Russian-
German“ im Gegensatz zu den von der Landsmannschaft verwendeten deutschen Bezeichnungen
„Russlanddeutsche“ oder „Deutsche aus Russland“ die Bindestrichstruktur reproduziert, wie sie
für andere deutsche Gruppen mit Migrationshintergrund üblich ist, beispielsweise „Türkisch-
Deutsche“.17 Deborah Van den Brande zeigt auf, dass das englische „Russian-German“ daher
nicht mit dem deutschen „Russisch-Deutsch“ verwechselt werden dürfe, da der letztere Begriff
für russische Migrant/inn/en gelte, die in Deutschland oder Österreich leben (oft mit jüdischem
„Spätaussiedler/innen“ (späte ethnische Repatriierte). In dieser Arbeit wird jedoch der ursprüngliche Be-
griff „Aussiedler/innen“ verwendet, der hier in seiner Bedeutung als beide Gruppen umfassend gedacht
ist. [Vgl. Dietz, Barbara: Aussiedler/Spätaussiedler in Germany since 1950. In: The Encyclopedia of Eu-
ropean Migration and Minorities: From the Seventeenth Century to the Present. Hrsg. v. Bade, Klaus J.,
Pieter C. Emmer u. a. New York: Cambridge University Press 2011, S. 245.]
12
Russ. „nemec”
13
Warkentin, Johann: IV. Jenseits des Urals. In: Rußlanddeutsche Berlin-Sonette. Stuttgart: Landsmann-
schaft der Deutschen aus Rußland e. V. 1996, S. 47.
14
Vgl. Gesellschaftliche Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans ,Wiedergeburt‘ “: Satzung.
Protokoll Nr. 1 der Mitgliederversammlung vom 03.10.2017. [Link]
ads/2018/12/[Link] (08.07.2021), S. 1 f.
15
Was ist und was macht die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland? [Link]
(07.01.2021).
16
Ebda.
17
Vgl. Van den Brande, Deborah: „Aber dort leben, wo andere sind wie ich, das möchte ich gern.“ Rus-
sian-German Migration, Exclusion and Identities in Eleonora Hummel’s Novels. In: German Life and
Letters 68/2 (2015), S. 155.
10
Hintergrund), jedoch ohne eine direkte historische Verbindung zu den russlanddeutschen Min-
derheiten in Russland aufzuweisen, von denen die Mehrheit Nachfahr/inn/en der unter Zarin Ka-
tharina II. systematisch angeworbenen deutschen Bauern- und Handwerksfamilien sind. Diese
wurden ursprünglich großteils im Wolga- und Schwarzmeergebiet angesiedelt. Das aus dem Eng-
lischen abgeleitete „Russisch-Deutsche“ kann somit nur als Oberbegriff für beide Minderheiten
dienen.
Die deutschen Auswanderungswellen waren zwar zu Zeiten des zaristischen Russischen Reiches
erfolgt, die russlanddeutsche Literatur jedoch stammt hauptsächlich aus der Zeit der Sowjetunion
und danach. Um 1927/28 wurde der Begriff „sowjetdeutsch“ eingeführt. Doch während sich
„Sowjetdeutsche“ über Jahrzehnte im russischen wie im deutschen Sprachgebrauch als Bezeich-
nung für Deutsche in der Sowjetunion etablierte,18 entwickelte sich der Terminus in der Literatur
schnell zu einem ideologischen.19 In der heutigen Forschung verweisen die Attribute „russland-
deutsch“ und „sowjetdeutsch“ auf die unterschiedlichen Entstehungsorte bzw. -zeitpunkte der je-
weiligen Texte. Von sowjetdeutscher Literatur ist die Rede in Bezug auf Werke, die in der ehe-
maligen UdSSR im Zeitraum zwischen 1917 und 1991 aus einem Zugehörigkeitsbewusstsein zur
deutschen Herkunftskultur und in deutscher Sprache verfasst und veröffentlicht wurden, während
der als „neutraler“ geltende Begriff „russlanddeutsch“ den Bogen weiter spannt und die literari-
sche Textproduktion von Deutschstämmigen vor der Oktoberrevolution sowie nach dem Zerfall
des Sowjetreiches miteinbezieht20 – auch die zwischen 1917 und 1991 entstandenen Texte wer-
den hier folglich unter „russlanddeutscher Literatur“ subsumiert.
Bei allen Argumenten für die sinnvolle Einigung auf einen Sammelbegriff für eine heterogene
Gruppe, wie sie jene der Russlanddeutschen zweifelsohne darstellt, besteht doch das grundle-
gende Problem genau darin – nämlich in der Tendenz zur vereinfachenden Pauschalisierung: Eine
unreflektierte Verwendung der Begrifflichkeiten kann leicht dahingehend interpretiert werden,
dass es eine homogene Gruppe mit gemeinsamer Abstammungsgeschichte gebe, was jedoch ei-
18
Vgl. Paulsen, Nina: Erinnerung als Traumabewältigung in der Literatur der Russlanddeutschen: Einbli-
cke in die Vergangenheit und Gegenwart der Literatur der Russlanddeutschen. In: Literatur der Russland-
deutschen und Erinnerung. Hrsg. v. Gansel, Carsten. Berlin: Okapi 2018 (Edition Gegenwart – Beiträge
zur neuesten deutschsprachigen Literatur und Kultur 2), S. 38.
19
Viele Texte aus der Anfangszeit russlanddeutscher Siedlungsgeschichte im Zarenreich bis zu den An-
fängen des 20. Jahrhunderts wurden später aufgrund deren religiöser und zarentreuer Färbung den ideolo-
gischen Vorgaben des Sowjetregimes entsprechend als „Pfaffen- und Kulakenliteratur“ abgetan.
20
Vgl. Mevissen, Sofie Friederike: Russlanddeutsche Literatur (29.10.2018). [Link]
schaft/migration/russlanddeutsche/276948/russlanddeutsche-literatur (15.05.2021).
11
nem Trugbild gleichkommt, dem die zum Teil äußerst heterogenen Gemeinschaften in ihrer kul-
turellen Vielfalt nicht entsprechen.21 Der einschlägig spezialisierte Historiker Alfred Eisfeld plä-
diert für die Verwendung des Begriffs „Russlanddeutsche“, da er „die gemeinsame Herkunft von
den deutschen Kolonisten des Russischen Reiches“22 am besten abbilden würde. Nach wie vor
besteht bei dieser und ähnlichen Definitionen jedoch die Gefahr, die unterschiedlichen Siedlungs-
gruppen unter dem Konstrukt einer homogenen Identität zu vereinen, die es in historischer Hin-
sicht nicht gegeben hat. Denn zu keinem Zeitpunkt in ihrer langjährigen Geschichte bildeten
Deutsche auf dem Gebiet des russischen Zarenreiches (später in der Sowjetunion bzw. in post-
sowjetischen Staaten) eine homogene Gruppe und gerade die Herkunft der Vorfahr/inn/en aus
bestimmten Teilen Deutschlands, aber auch bestimmte Dialektmerkmale oder die Religionszuge-
hörigkeit waren lange Zeit (und bilden zum Teil noch heute) für Russlanddeutsche wesentli-
che, sie von anderen Russlanddeutschen unterscheidende Eigenschaften zur individuellen Identi-
tätskonstruktion. Unterschiedliche Herkunft, Zerstreutheit und das Minderheitsdasein machten
die Entwicklung eines politischen Zusammengehörigkeitsgefühls der deutschen Kolonist/inn/en23
unmöglich. Zu stark mischen sich noch heute territoriale, politische, religiöse, sprachliche sowie
soziale Merkmale.
Bei der Bezeichnung oder Kategorisierung „russlanddeutsch“ handelt es sich folglich viel eher
um ein nachträgliches und zum Teil übergestülptes Konstrukt, nicht zuletzt gefestigt durch die als
über Grenzen hinweg verbindend empfundenen Erinnerungen Deutschstämmiger an die von
ihnen oder ihren Nächsten erlebten tragischen Umbrüche im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Die
geteilten Erfahrungen von Verfolgung, Deportation, Trudarmee24, Diskriminierung und Kom-
mandantur wurden auch in der Literatur ab den 1950/60er-Jahren verarbeitet (zunächst im Gehei-
men bzw. sehr zögerlich und erst seit den 80er-Jahren in der Öffentlichkeit), was die Formung
eines kollektiven Gedächtnisses vorantrieb. Setzen manche Forscher/innen die Herausbildung ei-
21
Vgl. Born, Joachim u. Sylvia Dickgießer: Deutschsprachige Minderheiten. Ein Überblick über den
Stand der Forschung für 27 Länder. Mannheim: Institut für deutsche Sprache im Auftrag des Auswärtigen
Amtes 1989, S. 11.
22
Eisfeld, Alfred: Bleiben die Sowjetuniondeutschen deutsch? In: Die Deutschen im Russischen Reich
und im Sowjetstaat. Hrsg. v. Kappeler, Andreas, Boris Meissner u. a. Köln: Markus 1987 (Nationalitäten-
und Regionalprobleme in Osteuropa 1), S. 169.
23
Behördlicherseits wurden die Immigrant/inn/en seit der von 1801 bis 1825 währenden Regierungszeit
Alexanders I. (1777–1825), als „Kolonist/inn/en“ erfasst, die von den angeworbenen Einwanderinnen und
Einwanderern gegründeten Orte hießen „Kolonien“. Auch die Siedler/innen bezeichneten sich selbst als
„Kolonist/inn/en“ bzw. (in Abgrenzung zu anderen Einwanderergruppen) als „deutsche Kolonist/inn/en“.
24
Russ. „Trudarmija“ (von „Trudowaja armija“) ist ein euphemistischer Begriff für eine besondere mili-
tarisierte Form der Zwangsarbeit, von der Russlanddeutsche in den Jahren 1941-46 in besonderem Aus-
maß betroffen waren. Unter GULag-Bedingungen wurden Männer und Frauen, vor allem Angehörige na-
tionaler Minderheiten, in Lagern (meist in Sibirien) eingesperrt und mussten schwerste körperliche Arbei-
ten im Bergbau oder bei der Holzgewinnung verrichten. Zur Gründung der Trudarmee war es bereits im
Jahr 1920 gekommen.
12
nes übergreifenden national-kulturellen Bewusstseins, welches regionale oder religiöse Zuord-
nungen überschrieb bzw. erweiterte, spätestens zu Beginn des Ersten Weltkriegs an, so sind an-
dere Stimmen davon überzeugt, dass von Russlanddeutschen als „einer Volksgruppe“ in diesem
Sinn überhaupt erst seit 1941 gesprochen werden kann. Die exzeptionellen historischen Strapazen
hätten entscheidend zum Zusammenschluss der dispers Lebenden beigetragen. Das Gemein-
schaftsgefühl entsteht jedenfalls in der Abgrenzung von anderen und in der gleichzeitigen Fin-
dung von verbindenden gruppenkonstitutiven Narrativen. Stefan Senders verweist hierzu auf eine
russisch-deutsche kollektive Identität, die sich auf der Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft
und eines gemeinsamen Narratives, welches zu großem Teil eine Geschichte des Leids darstellt,
stütze.25 Ähnlicher Auffassung ist Svetlana Kiel und nennt als konstitutiv bei der Identitätsbildung
vor allem die verbindende Erfahrung der Opferrolle. Nach Kiel finden die Erinnerungen an die
tragischen Schicksale, die viele Russlanddeutsche aufgrund ihrer Abstammung erleiden mussten,
als „ein zentrales Element der ethnischen Identität“26 Eingang in ein „gemeinsames“ Opfer-Ge-
dächtnis. In dieser Art begründen ebenso Gabriele Rosenthal, Viola Stephan und Niklas Raden-
bach den Zusammenhalt dieser „Wir-Gruppe“: „Die staatliche Verfolgung wie auch das erlittene
Leid ließen eine Wir-Gruppe entstehen, die nun auch versuchte, sich ein gemeinsames kollektives
Gedächtnis anzueignen.“27
Vorstellungen von Zugehörigkeit und Identität gehören sicher zu den zentralen Einstellungen, die
unbewusst zwischen Generationen vermittelt werden und das eigene, wohl gemerkt in stetigem
Wandel befindliche, Weltbild mitprägen. Neben unbewussten Tradierungsvorgängen laufen
ebenfalls bewusste Prozesse der Aneignung bzw. Vermittlung ab. „Allein aufgrund des Migrati-
onshintergrunds und der (möglichen) Erfahrung, Angehöriger einer Minderheit zu sein, werden
Zugehörigkeitsvorstellungen in russlanddeutschen Familien vermutlich von reflexiven Prozessen
begleitet.“28 Auch die Forschung (und Aushandlung der verwendeten Termini), juridische und
öffentliche Diskurse sowie ganz allgemein soziale Zuschreibungsprozesse wirken auf Identitäts-
und Zugehörigkeitsskripts: „Die Statusentwicklung der rußlanddeutschen Minderheit ist eine Ge-
25
Vgl. Senders, Stefan: Jus Sanguinis or Jus Mimesis? Rethinking “Ethnic German” Repatriation. In:
Coming home to Germany? The integration of ethnic Germans from Central and Eastern Europe in the
Federal Republic. Hrsg. v. Rock, David u. Stefan Wolff. New York u. Oxford: Berghahn Books 2002,
S. 89.
26
Kiel, Svetlana: Risiko oder Chance? Identitätsbildung in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien. In:
Hier die Russen – dort die Deutschen. Über die Integrationsprobleme russlanddeutscher Jugendlicher 250
Jahre nach dem Einladungsmanifest von Katharina II. Hrsg. v. Hermann, Michael C. u. Rainer Öhlschlä-
ger. Baden-Baden: Nomos 2013, S. 41.
27
Rosenthal, Gabriele, Viola Stephan u. a.: Ethnische Deutsche im zaristischen Russland und in der Sow-
jetunion: Vergangenheiten und gegenwärtige Diskurse. In: Brüchige Zugehörigkeiten. Wie sich Familien
von „Russlanddeutschen“ ihre Geschichten erzählen. Hrsg. v. Rosenthal, Gabriele, Viola Stephan u. a.
Frankfurt a. M.: Campus 2011, S. 43 f.
28
Griese, Birgit: Zwei Generationen erzählen. Narrative Identität in autobiographischen Erzählungen
Russlanddeutscher. Frankfurt a. M.: Ampus 2006, S. 84.
13
schichte der Fremdzuweisungen. Neben juristischen Stati wirken ethnonationale Fremd- (Ruß-
landdeutsche, Russen, Kasachstan-Deutsche) und Selbstbezeichnungen (kolonial, sprachlich,
konfessionell).“29 Hiermit betont Klaus Brake, dass auch fremdzugewiesene Kategorien wesent-
lich auf die selbstdefinierte Identität wirken können. Im Wechselschluss ist ebenso Fremdheit
nicht durch sich selbst zu beschreiben; sie bezieht sich nicht nur auf eine Wirklichkeit außerhalb
der Grenzen der eigenen Identität, sondern bildet eine relationale Größe, bezeichnet eine Diffe-
renzrelation: „Das Selbstverstehen ist zugleich Produkt interpersonaler und interkultureller Kom-
munikation.“30
Der Begriff „russlanddeutsch“ ist und bleibt ein Kompromiss oder ein Modell, zumal es unmög-
lich scheint, eine Bezeichnung zu finden, die alle divergierenden Aspekte berücksichtigt. Das
Problem, dass Bezeichnungen Zuordnungen vornehmen, kann nicht gelöst werden. Die Slawistin
und ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet russlanddeutscher Geschichte und Literatur Annelore
Engel-Braunschmidt leitet ihren Vortrag im Zuge einer vom Landesverband Bayern der Lands-
mannschaft der Deutschen aus Russland organisierten Fachtagung für russlanddeutsche Au-
tor/inn/en pointiert ein und beschreibt den Konflikt von affektiv aufgeladenen und problemati-
schen Eigen- und Fremdbezeichnungen:
Anfang der 90er war zu hören: „Wer sind die?“ Sowjetdeutsche? Deutschstämmige? Das erste woll-
ten SIE nicht sein, weil Sie aus einem Staat kamen, der Ihnen verhasst war / und uns auch nicht
sonderlich sympathisch. Uns hingegen schmeckte Deutschstämmig nicht, weil es Assoziationen zu
‚Blut und Boden‘ hatte. Mit der Auflösung der Sowjetunion erledigte sich Sowjetdeutsch von selbst
und [sic!] blieb Russlanddeutsch übrig, obwohl die erste Worthälfte auch wieder kontaminiert war,
dieses Mal mit stiernackigen Türstehern und mafiosen Strukturen, aber es war ein gangbarer Mittel-
weg, und er beförderte die Besinnung auf die ältere Geschichte. 31
In der vorliegenden Arbeit wird die Bezeichnung „Russlanddeutsche“ aus den dargelegten Grün-
den vorzugsweise herangezogen (und in der Folge ohne visuelle Hervorhebung im Fließtext ver-
wendet). Angesichts historischer Zeiträume und regionaler Bezüge wird an der ein oder anderen
Stelle jedoch auch auf Termini zurückgegriffen, welche die jeweils verhandelten Gruppen, Regi-
onen oder politischen Ereignisse besser und differenzierter zu beschreiben in der Lage sind. Die
Schwierigkeiten sind in jedem Fall bezeichnend für die Heterogenität und Fluidität von Identi-
tätskonzepten, die die hier umrissenen Begrifflichkeiten nicht widerspiegeln können. Die Schwä-
29
Brake, Klaus: Sind Rußlanddeutsche Deutsche? Eine tagespolitische Marginalie. In: Jahrbuch für deut-
sche und osteuropäische Volkskunde 39 (1996), S. 11 f.
30
Dascălu, Bogdan Mihai: Held und Welt in Herta Müllers Erzählungen. Hamburg: Dr. Kovač 2004 (Stu-
dien zur Germanistik 6), S. 24.
31
Engel-Braunschmidt, Annelore: RDL und ihre Entwicklung im gegenwärtigen literarischen Kontext
(im Kontext der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart). Vortrag im Rahmen von „Feder-Kuli-Tasta-
tur 3“ – Fachtagung für schreibende Kreative (23.-25.06.2017) in Nürnberg. [Link]
[Link]/download/[Link] (22.06.2021).
14
chen, die sich in der kontroversen Diskussion um Eigen- oder Fremdbezeichnungen auftun, wer-
den sich in der Konfrontation mit den literarischen Texten, die das Phänomen „russlanddeutsche
Literatur“ eigentlich ausmachen, nach und nach ausdifferenzieren lassen.32
Die Literatur der Russlanddeutschen, deren Geschichte gut zweihundertfünfzig Jahre zurück-
reicht und sich zwischen mehreren Kontinenten aufspannt, wurde von der Literaturwissenschaft
erst Ende des 20. Jahrhunderts näher beleuchtet. Dabei stellte sich unter anderem auch die grund-
legende Frage, ob man denn mit Blick auf die von einstigen deutschen Auswanderern und Aus-
wanderinnen ins russische Zarenreich und deren Nachkommen verfassten Texte überhaupt von
„Literatur“ sprechen solle und nicht lediglich von einem „Schrifttum“. Damit wäre ein ästheti-
scher Wert der schriftlichen Zeugnisse negiert. Richtig ist, dass sich die zeitgenössische russland-
deutsche Literatur einst aus dem Beitrag des Schrifttums der Deutschen auf dem Gebiet des za-
ristischen Russischen Reiches heraus entwickelt hat.33 Wurde zwar einerseits aufgrund konsta-
tierter mangelhafter Kenntnisse der deutschen Hochsprache und Inhaltsarmut oder Realitätsver-
leugnung zur Sowjetzeit eine mögliche Bedeutung dieser Werke abgetan, so wurde auf der ande-
ren Seite „von der Existenz der literarischen Texte ausgehend, behauptet, daß die Literatur für
einen bestimmten Kreis der Leser dennoch ihren moralischen oder auch ästhetischen Wert hat.“34
Dies bestätigend betonten Wissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen selbst wiederholt eine
selbstbewusstseinsbildende Funktion der Minderheitenliteratur.
1. Danach hat der jeweilige Autor bzw. die Autorin einen Großteil seines/ihres Lebens in Russland
bzw. der Sowjetunion verbracht.
2. Die entstandenen Texte sind bevorzugt in deutscher Sprache publiziert worden.
32
Vgl. Tudorică, Christina: Rumäniendeutsche Literatur (1970-1990). Die letzte Epoche einer Minderhei-
tenliteratur. Tübingen: A. Francke 1997, S. 9.
33
Somit sind die Anfänge russlanddeutscher Literatur im Umfeld der beginnenden Einwanderungsbewe-
gungen im 18. Jahrhundert zu verorten, nachdem Katharina II. mit dem Einladungsmanifest 1763 um die
Ansiedlung deutscher, vorwiegend bäuerlicher, Migrant/inn/en geworben hatte, um die wenig besiedelten
Steppengebiete in Südrussland und der Ukraine nutzbar zu machen und abzusichern.
34
Kirjuchina, Ljubow: Sowjetdeutsche Lyrik (1941-1989) zu den Themen „Muttersprache“ und „Heimat“
als narrativer Identitätsakt. Wiesbaden: Harrassowitz 2000 (Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa
an der Universität Dortmund 29), S. 58.
15
3. In den Texten kommen russlanddeutsche Probleme, Erfahrungen, Erinnerungen zur Spra-
che. […]35
Die oben angeführten drei Kriterien sollen an dieser Stelle von hinten aufgerollt bzw. problema-
tisiert werden. So betont Gansel, dass insbesondere der zuletzt angeführte Aspekt, wonach spezi-
fisch russlanddeutsche Probleme, Erfahrungen und Erinnerungen thematische Schwerpunkte der
Texte bilden, nicht als verbindlich gesehen werden könne. 36 Doch auch von anderen For-
scher/inne/n sind inhaltliche Merkmale immer wieder als Definitionskriterium für russlanddeut-
sche Literatur herangezogen worden. In einem Online-Beitrag, der einen guten Überblick bietet,
fasst etwa Sofie Friederike Mevissen unter „russlanddeutsche Literatur“ jene literarischen Texte,
„die thematisch auf Aspekte der russlanddeutschen Geschichte vor der Kolonisierung im 18. Jahr-
hundert bis zur Aussiedlung in die Bundesrepublik in den 1990er Jahren Bezug nehmen und deren
Autorinnen und Autoren sich dem Kollektiv der Russlanddeutschen zugehörig fühlen.“37 Als in-
haltliche Schwerpunkte nennt sie in der Folge bestimmte gruppenkonstitutive Narrative, die also
kollektivgeschichtliche Erfahrungen der russlanddeutschen Bevölkerungsgruppen widerspiegeln,
wie beispielsweise die Ansiedlung in den zaristischen Gebieten unter der Herrschaft Katharinas
II. und die Alltagswelt der ländlichen Bevölkerung; mit Blick auf das 20. Jahrhundert hingegen
vor allem die Deportations- und Diskriminierungserfahrungen während und nach dem Zweiten
Weltkrieg sowie die verstärkte Auseinandersetzung mit interkulturellen Aspekten der Herkunfts-
und Aufnahmegesellschaften nach erfolgter Auswanderung.38 In zahlreichen Texten werden da-
bei Bezüge zur eigenen Biografie bzw. der Familiengeschichte hergestellt. Allein jedoch die
simple Frage, ob es möglich ist, das Werk einer Autorin bzw. eines Autors demnach nur in Teilen
(einzelne Werke mit entsprechender Thematik und andere nicht) russlanddeutscher Literatur zu-
zurechnen, macht die einem solchen Definitionsversuch inhärente Problematik deutlich. Wird der
enge thematische Rahmen einerseits als Inhaltsarmut ausgelegt kritisiert, scheint es doch ande-
rerseits gerade dieses von außen getroffene, eng begrenzte System der Kategorisierung zu sein,
durch das die Werke überhaupt erst als zur russlanddeutschen Literatur zugehörig definiert wer-
den. Diese Widersprüchlichkeit kann an dem Punkt nur aufgezeigt, jedoch nicht ad hoc durch
Einführung eines entscheidend weiter gefassten Begriffes russlanddeutscher Literatur ersetzt bzw.
umgangen werden. Umso schlagkräftiger erscheint aber der von Mevissen noch im selben (zitier-
ten) Satz angeschnittene zweite Aspekt, nämlich das persönliche Zugehörigkeitsgefühl. Insofern
35
Gansel, Carsten: Das Vergangene erinnern – Russlanddeutsche Literatur vor und nach 1989 (Einlei-
tung). In: Literatur der Russlanddeutschen und Erinnerung. Hrsg. v. Gansel, Carsten. Berlin: Okapi 2018
(Edition Gegenwart – Beiträge zur neuesten deutschsprachigen Literatur und Kultur 2), S. 24.
36
Vgl. ebda.
37
Mevissen (2018).
38
Vgl. ebda.
16
wurde für die Auswahl der im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Werke vor allem das Selbst-
verständnis der Schreibenden, d. h. die von ihnen bekannte Zugehörigkeit zu einer russlanddeut-
schen Minderheit, als ausschlaggebend angenommen.
Mit dem zweiten angeführten Kriterium – der Bevorzugung von in deutscher Sprache verfassten
Werken – klammert Gansel darüber hinaus (vorerst) einen von vielen Forscher/inne/n als wesent-
lich gesehenen Teil der russlanddeutschen Literatur aus und damit beispielsweise die aus Kara-
ganda stammende russlanddeutsche Literaturwissenschaftlerin Elena Seifert, die selbst auch lite-
rarische Texte verfasst und sich im russlanddeutschen Literaturbetrieb aktiv engagiert. Ihre Werke
veröffentlicht die Autorin nämlich überwiegend in russischer Sprache und ist damit kein Einzel-
fall: Schriftsteller/innen mit deutschen Vorfahr/inn/en, die wie Seifert heute in postsowjetischen
Staaten leben, publizieren fast ausschließlich in russischer Sprache bzw. der jeweiligen National-
sprache und fallen somit durch Gansels Kriterienraster. Dies ist keine neue Entwicklung, so auch
Autor/inn/en älterer Generation, wie zum Beispiel Nelly Wacker oder Johann Warkentin, als sie
noch in der Sowjetunion beheimatet waren, neben deutschen Texten zudem russisch schrieben.
Da sich jedoch die Mehrheit der russlanddeutschen Bevölkerung im 20. Jahrhundert einer Aus-
wanderungswelle angeschlossen hat, bilden diese Gruppen heute die Minderheit unter russland-
deutschen Schriftsteller/inne/n. Eben in dieser Verlagerung der Literaturproduktion und mit ihr
auch der Leserschaft in den binnendeutschen Sprachraum besteht die Berechtigung einer derarti-
gen Eingrenzung, wie Gansel sie vornimmt. Hinzu kommt, dass im Gegensatz zu Schriftstel-
ler/inne/n früherer Auswanderungsbewegungen, welche oft weiterhin in russischer Sprache
schrieben und das Lesepublikum in Russland bzw. in der ehemaligen Sowjetunion vor Augen
hatten,39 auffallend viele Autor/inn/en, die im auslaufenden 20. Jahrhundert nach Deutschland
gekommen sind, einen Sprachwechsel vollzogen haben und auf Deutsch schreiben.40 Zwar gibt
es einige russlanddeutsche Autor/inn/en, die im Auswanderungsland die russische Sprache für
ihre Werke wählen. Als Medium für das durchgängig spürbare Bestreben, eine breite Leserschaft,
sprich die Mehrheitsgesellschaft im Auswanderungsland, zu erreichen, scheint die deutsche Spra-
39
In der Forschung werden mehrere Wellen unterschieden. Der letzten großen Ausreisebewegung der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren bereits mehrere vorausgegangen: Die erste, durch die Oktober-
revolution 1917 und den anschließenden Bürgerkrieg ausgelöste Welle erreichte 1920 ihren Höhepunkt.
Emigrant/inn/en der zweiten Welle verließen die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges oder un-
mittelbar danach. Für viele ergab sich die Chance, im Schutze der deutschen Truppen 1943/44 die UdSSR
zu verlassen. Die dritte Emigration, welche ihren Höhepunkt in den 1970er-Jahren hatte, war eine Folge
der Enttäuschung über „die Kurzfristigkeit des ‚Tauwetters‘ nach Stalins Tod (1953-1965), die rückläu-
fige Entwicklung der liberalen Ansätze […].“ [Kasack, Wolfgang: Die russische Schriftsteller-Emigration
im 20. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte, den Autoren und ihren Werken. München: Otto Sagner
1996, S. 11.]
40
Vgl. Blum-Barth, Natalia: Deutsch-russische Literatur nach dem Mauerfall. Versuch einer Bestandsauf-
nahme. Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz 2014. [Link]
[Link]/id/20072 (13.05.2021).
17
che jedoch am besten geeignet, auch weil sie nicht zuletzt als Identitätsmerkmal und somit Zei-
chen der Zugehörigkeit instrumentalisiert wird. Fraglich ist ferner, ob bzw. inwieweit die im Aus-
wanderungsland publizierten Werke in den Herkunftsländern der Russlanddeutschen rezipiert
werden und umgekehrt.
Vor diesen Hintergründen wurde eine (wenn auch erneut von Widersprüchlichkeit nicht
freie) vorrangige Begrenzung des Interesses für diese Arbeit bei der Sprache gezogen. Eine be-
wusst gewählte Ausnahme im Textkorpus bildet aber Herold Belgers Roman „Das Haus des Hei-
matlosen“. Bei dem im Jahr 2009 in der ersten Auflage im Hans Schiler Verlag erschienenen
Roman handelt es sich um eine Übersetzung von Kristiane Lichtenfeld. Die Originalfassung41
war von dem Autor, der selbst in kasachischer, russischer und deutscher Sprache schrieb und auch
als Übersetzer tätig war, in Russisch abgefasst worden und 2003 in Kasachstan erschienen. Bei
dem Werk, das Elena Seifert als „Kultwerk der russlanddeutschen Literatur“ einstuft, handelt es
sich um eines der wenigen Werke, das über die Grenzen des Entstehungslandes sowie des rus-
sischsprachigen Literaturmarktes hinausreichend sogar in den Auswanderungsländern von einem
breiteren Kreis rezipiert wurde. Schon deswegen ist die Miteinbeziehung dieses Textes lohnens-
wert. Darüber hinaus wird anhand des Beispiels aber vor allem sehr eindrücklich die Problematik
deutlich, die sich mit der Einschränkung wissenschaftlicher Untersuchung auf nur eine Sprache
ergibt bei einer Literatur, die sich gerade durch ihre verstreuten Entstehungsorte und -sprachen
auszeichnet. Die Miteinbeziehung und Reflexion des Verhältnisses zwischen Entstehungssprache
bzw. -ort und Übersetzungskontexten, insbesondere den Einsatz von Mehrsprachigkeit im litera-
rischen Text betreffend, birgt in sich zudem die Chance auf einen Perspektivenwechsel, der an-
sonsten in der Untersuchung nicht geboten werden könnte. Damit kann gleichzeitig gezeigt wer-
den, warum Gansel in seinem zweiten Definitionskriterium von „bevorzugt in deutscher Sprache“
erschienenen Werken spricht und letztlich anderssprachige Werke doch nicht ausschließt. Dar-
über hinaus gilt für alle untersuchten Werke Eines: Egal in welcher Sprache muss die Analyse
stets andere Sprachen mitberücksichtigen. Die Literatur bzw. der Schreibprozess vieler russland-
deutscher Autor/inn/en konstituiere sich gerade aus dem Wechselspiel von zwei oder drei Spra-
chen, denn die Latenz einer je anderen Sprache schlage sich in der Literatursprache der Werke
nieder, merkt Natalia Blum-Barth an und weist außerdem darauf hin, dass eben dieses Phänomen
in der Forschung bisher kaum berücksichtigt worden sei.42
Bei Einbezug des von Gansel erstgenannten Kriteriums, wonach die Autor/inn/en einen Großteil
ihres Lebens in Russland bzw. der Sowjetunion verbracht haben müssen, scheint es legitim, in
der Gegenwart die „letzte Phase“ der russlanddeutschen Literatur anzusetzen, haben doch die
41
Russ. Originaltitel „Dom skitalca”
42
Vgl. Blum-Barth (2014).
18
meisten Minderheitsangehörigen im Lauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Sowjet-
union bzw. deren Nachfolgestaaten dauerhaft verlassen. Was auf einige Schriftsteller/innen unter
den so genannten Aussiedler/inne/n noch zutreffen mag – die Tatsache, dass sie selbst einen
(wenn auch oft nicht den „Großteil“, wie Gansel schreibt) prägenden Teil des Lebens in Russland
bzw. (post-)sowjetischen Staaten zugebracht haben –, ist für deren Nachfolgegeneration in fast
allen Fällen nicht zutreffend: „Einigkeit herrscht in der Forschung […] darüber, dass Autoren, die
zwar in Russland geboren wurden, aber ihre Sozialisation in Deutschland erfuhren (etwa Andreas-
Salomé oder Henry von Heiseler), nicht zur russlanddeutschen Literatur zählen.“43
Die Aufstellung Alexander Ritters, der in seiner 1974 in der Bundesrepublik erschienenen An-
thologie drei literaturgeschichtliche Phasen unterscheidet, könnte in diesem Sinn zusammenge-
fasst und schließlich ergänzt werden:44 Die erste Phase umfasst den Zeitraum von 1763 bis zur
Oktoberrevolution 1917. In den ersten gut hundert Jahren seit der maßgeblichen Einwanderungs-
welle Deutscher ins russische Zarenreich unter Katharina der Großen entstand so gut wie keine
Literatur, verfasst wurden hauptsächlich Gebrauchstexte mit religiösem, landwirtschaftlichem
oder pädagogischem Auftrag. Die spätere literarische Textproduktion der vorsowjetischen Zeit
umfasst vorwiegend Reise- und Lebensberichte der Kolonist/inn/en sowie Formen der geistlichen
Literatur, die allerdings in weiten Teilen mündlich überliefert wurde. Die zweite Phase setzt Ritter
für einen Zeitraum an, für den Nina Paulsen diese Worte findet: „Das Fundament für dieses Phä-
nomen – die deutschsprachige Literatur und Literaturszene in der Sowjetunion der Nachkriegs-
zeit – wurde vor allem in der Zwischenkriegszeit von 1917 bis 1941 gelegt.“45 Zunehmend poli-
tischer werdend bezeugen die in diesen Jahren entstandenen Texte häufig eine positive Grundhal-
tung gegenüber der Sowjetunion. Nach dem fast völligen Erliegen der Textproduktion in den
Jahren 1941 bis 1955 – eine Zeit, die in der Forschung häufig mit dem Euphemismus „Zeit des
Schweigens“ betitelt wurde46 –, bedingt durch das Verbot deutschsprachige Texte zu veröffentli-
chen sowie die Deportations- und Internierungserfahrungen zu thematisieren, ist der Beginn der
folgenden Phase mit dem erneuten Wiederaufleben der Literatur anzusetzen. Vorerst blieben die
Texte weitestgehend ideologisch dem Sozialismus verpflichtet. Im Zuge der schrittweisen Reha-
bilitierung wurden bzw. konnten neben regimetreuen Texten ab den 1960er-Jahren auch allmäh-
lich, anfangs nur vereinzelt und subtil, die traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen an die
Kriegs- und Nachkriegszeit aufgearbeitet und enttabuisiert werden. Literarische Beiträge erschie-
nen dabei in großem Maß in Zeitungen bzw. Zeitschriften und Almanachen.
43
Gansel (2018), S. 24.
44
Vgl. Ritter, Alexander: Nachrichten aus Kasachstan: Deutsche Dichtung in der Sowjetunion. Hildes-
heim: Georg Olms 1974, S. IX ff.
45
Paulsen (2018), S. 35.
46
Vgl. Engel-Braunschmidt, Annelore: Literatur der Rußlanddeutschen. In: Interkulturelle Literatur in
Deutschland. Ein Handbuch. Hrsg. v. Chiellino, Carmine. Stuttgart u. Weimar: J. B. Metzler 2007,
S. 154.
19
Der Beginn der hier veranschlagten „letzten“ Phase russlanddeutscher Literaturgeschichte könnte
nunmehr Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre angesetzt werden, d. h. im Spannungs-
feld von Perestroika und Glasnost, den Ereignissen rund um die Deutsche Wiedervereinigung und
den Zerfall der Sowjetunion. Der Großteil der russlanddeutschen Minderheiten in den (post-)sow-
jetischen Gebieten übersiedelte in diesen Jahren nach Deutschland, darunter namhafte Schriftstel-
ler/innen der älteren Generation. Das kommt einer nachhaltigen Verschiebung bzw. Verlagerung
des Zentrums russlanddeutscher Literatur gleich. Annelore Engel-Braunschmidt konstatiert dies-
bezüglich, die 1990er-Jahre seien von äußeren und inneren Veränderungen für die Betroffenen so
erfüllt, dass noch einige Zeit vergehen werde, ehe die Ankunft sprachlich und psychologisch voll-
zogen sei: „Es scheint aber, daß die rußlanddeutsche Literatur sich hier im selben Maße konsoli-
diert wie sie in der GUS schwindet, auch wenn die Aussiedlerzahlen zurückgehen. Die Assimila-
tion dort wie hier ist unaufhaltsam.“47 Noch gibt es sie, die russlanddeutsche Literatur und damit
Neuerscheinungen, die nach obig ausgeführten Definitionskriterien spezifisch russlanddeutsche
Ereignishorizonte wachrufen (womit das inhaltliche Kriterium erfüllt wäre), so beispielsweise der
2019 erschienene Roman „Die Wandelbaren“ der Autorin Eleonora Hummel.48
Wenn hier also, und dies mag durchaus provokant anmuten, von der letzten Phase russlanddeut-
scher Literatur die Rede ist, deren Beginn symbolisch mit dem Jahr 1991 und dem Zerfall der
Sowjetunion angesetzt ist, so verweist diese Formulierung im Grunde auf die eng abgesteckte
Definition. Mag die russlanddeutsche Literatur zwar in der Lage sein, über sich selbst inhaltlich
wie formal hinauszuwachsen, so geschieht dies um den Preis der Infragestellung bzw. Aufgabe
vielbehandelter Narrative und Themen, die ihr Gedächtnis bis dato dominieren. Auf der anderen
Seite droht, was auch russlanddeutsche Schriftsteller/innen selbst befürchten – die Assimilation.
Eleonora Hummel und Artur Rosenstern beschreiben das gegenwärtige Dilemma so:
Schriftsteller der älteren Generation, die teils schon in der Sowjetunion ihre literarischen Werke
souverän auf Deutsch verfasst haben, sterben aus, ohne dass sie wirklich Zeit gehabt hätten, ihr Œvre
in Deutschland bekannt zu machen. Auf der anderen Seite wachsen junge Autoren heran, die
Deutsch genauso stilsicher beherrschen wie ihre bundesdeutschen Kollegen. Doch viele von ihnen
streben die Verschmelzung mit der gesamtdeutschen Literatur an. Dies kann zur Folge haben, dass
die für uns relevanten Themen vernachlässigt werden und diese Literatur quasi gänzlich ausstirbt. 49
Die Angst vor einem solchen „Aussterben“, einem unwiederbringlichen Verlust, ist somit Reali-
tät. Große politische Umwälzungen, fortschreitender Sprachschwund unter den Minderheitsange-
47
Engel-Braunschmidt (2007), S. 158.
48
Hummel zeichnet in diesem Roman die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des „Deutschen
Theaters“ in Kasachstan nach und sagt selbst darüber, es sei ihr auf Inhaltsebene vorrangig um den Ver-
lust der Muttersprache gegangen. [Vgl. Hummel, Eleonora in einem kurzen Video-Statement über „Die
Wandelbaren“ (Salzburg u. Wien: müry salzmann 2019): [Link]
844791958 (22.06.2021).]
49
Hummel u. Rosenstern (2016), S. 9.
20
hörigen in den Herkunftsländern (Deutsch) bzw. im Auswanderungsland (Russisch), Assimilati-
onsprozesse und die für die Erhaltung bzw. Weiterentwicklung der Literaturproduktion hemmend
wirkende Verstreutheit von Autor/inn/en wie Rezipient/inn/en prägen diese Zeit. Dazu kommen
Prozesse der Formung eines spezifischen Minderheitsgedächtnisses zur Identitätsbildung bei
gleichzeitiger Verunsicherung des eigenen Selbstbildes, welche wiederum häufig eine intensive
Auseinandersetzung mit der eigenen Identität (nicht zuletzt in der Literatur) erst auslöst. All das
sind Elemente, die diese „Phase“ bestimmen, deren Anfang mit dem Jahr 1991 wie gesagt ein
symbolisches ist und deren Ende nicht vorhergesagt werden kann.
Mit Sicherheit soll diese Perspektive nicht, wie von Carmine Chiellino mit Blick auf interkultu-
relle Literatur (unter diesem Oberbegriff lässt sich auch russlanddeutsche Literatur fassen) ange-
merkt, eine monokulturelle Denkweise durchsetzen: „Die […] Vorstellung, daß es sich um eine
zeitbefristete ,kleine Literatur‘ handelt, die sich mit der dritten Einwanderergeneration auflösen
wird, ist eine irreführende Hoffnung, hinter der sich der Wunsch verbirgt, weiter monokulturell
denken zu können.“50 Vielmehr soll die Phasenbezeichnung zum Nachdenken über Definitions-
kriterien russlanddeutscher Literatur anregen. Gleichzeitig wird für eine Berücksichtigung der
Hybridität von Identitäten und kulturellen Zugehörigkeiten im russlanddeutschen Forschungsdis-
kurs plädiert, die sich in der Literatur in der steten Bedeutungsverschiebung bis hin zu einer Lö-
sung von der strikten Dichotomie aus „hier“ und „dort“ sowie „eigen“ und „fremd“ widerspiegelt.
Dementsprechend scheint in der jüngeren Generation russlanddeutscher Aussiedler/innen wie
auch Russlanddeutscher, die sich gegen eine Migration entschieden haben, der Unterschied zwi-
schen „Deutschen“ und „Russen“ und somit das Wir-Gefühl einer russlanddeutschen Minder-
heitsgruppe in den Hintergrund zu rücken, d. h. die Zugehörigkeit zu einer Nationalität als ethni-
scher Grenzmarker wird im Alltag unbedeutender.51
Bevor im nächsten Unterkapitel der Arbeit das ausgewählte Textkorpus für die literaturanalyti-
sche Untersuchung vorgestellt wird, sollen hier lediglich noch ein paar allgemeine Anmerkungen
zu der forschungswissenschaftlichen Berücksichtigung russlanddeutscher Literatur gemacht sein.
Tatsächlich fand nämlich die Reflexion deutschsprachiger Literatur im nicht-deutschsprachigen
Ausland lange keinen angemessenen Platz in der germanistischen Forschung. Das änderte sich
erst, die nationalsozialistische Perspektiveneinengung überwindend, im Laufe des 20. Jahrhun-
derts. In den 1950er- und 60er-Jahren nahm die Philologie außerhalb der deutschsprachigen Staa-
ten Fahrt auf. Mit dem Erscheinen des Bandes „Nachrichten aus Kasachstan“52 1974 wurde auch
50
Chiellino, Carmine: Einleitung: Eine Literatur des Konsens und der Autonomie – Für eine Topographie
der Stimmen. In: Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Hrsg. v. Chiellino, Carmine.
Stuttgart: Springer 2007, S. 62.
51
Vgl. Schönhuth, Michael: Heimat? Ethnische Identität und Beheimatungsstrategien einer entbetteten
„Volksgruppe“ im translokalen Raum. In: Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und
Deutschland. Hrsg. v. Ipsen-Peitzmeier, Sabine u. Markus Kaiser. Bielefeld: transcript 2006, S. 368.
52
Vgl. Ritter (1974).
21
die sowjetdeutsche Literatur in die germanistische Forschung einbezogen. Unter Mitwirkung von
Wissenschaftler/inne/n aus den USA wurde Mitte der 1980er-Jahre ein erstes groß angelegtes
Forschungsprojekt „Deutsche in der Sowjetgesellschaft“ realisiert und seither fand das Thema
rund um russlanddeutsche Geschichte stärker als vorher in der Wissenschaft Beachtung.53 Des
Weiteren lenkten Probleme bei der Integration von Aussiedler/inne/n den Blick auf die Herkunfts-
länder der Migrant/inn/en. In diese Zeit fallen auch Versuche von Konstantin Ehrlich, Victor
Klein, Emil Kontschak oder Johann Warkentin, die Analysen bzw. Periodisierungen der Ge-
schichte der russlanddeutschen Literatur vorzunehmen gedachten. Eines der Projekte ist dem russ-
landdeutschen Literaturhistoriker Woldemar Ekkert zuzuschreiben. Er veröffentlichte einschlä-
gige Beiträge in Almanachen und Periodika, wie etwa seine Abhandlung „Bis zum Oktober. Zur
Geschichte der Literatur der Rußlanddeutschen“54. Ein umfassendes bio-bibliografisches Lexikon
zu erstellen, hatte er sich schon Anfang der 1980er-Jahre vorgenommen, doch die Publikation
kam nicht zustande. Sein Manuskript bildete für den Schriftsteller und Übersetzer Herold Belger
dann aber die Grundlage für die Zeitungsfolgen „Rußlanddeutsche Autoren“, welche 1999 ge-
sammelt im Werk „Rußlanddeutsche Schriftsteller – Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ im
Verlag edition ost in Berlin veröffentlicht wurden und 2010 in überarbeiteter Form erschienen.
Auffällig dabei ist, dass auch diese vergleichsweise neue Sammlung rein alphabetisch aufgebaut
ist, eine Zuordnung nach Epochen- oder Stilmerkmalen der Autor/inn/en nicht erfolgt und es
kaum Querverweise zwischen den Personen gibt.55 Zudem ist aus einigen Beiträgen nach wie vor
eine einschlägige ideologische Prägung herauszulesen. Dennoch haben, wie in der Vorbemerkung
des Werkes erwähnt, „diese Bücher den Anstoß zu einer ganzen Reihe ähnlicher Publikationen
gegeben“,56 darunter etwa das 2004 im Klartext Verlag erschienene „Lexikon der rußlanddeut-
schen Literatur“57 mit einem Vorwort von Annelore Engel-Braunschmidt. Schon 1977 hatte die
Slawistin von der Universität Kiel den Weg mit dem wichtigen Thema „Russisches und Deut-
sches bei den Sovetdeutschen“58 gebahnt. Dem Vorhaben, Autor/inn/en und Texte der russland-
deutschen Literatur vorzustellen, widmeten sich Engel-Braunschmidt, Clemens Heithus und Meir
53
Vgl. Hilkes, Peter: Die Rußlanddeutschen in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. In: Deutsche
in Rußland. Hrsg. v. Rothe, Hans. Köln, Wien u. a.: Böhlau 1996 (Studien zum Deutschtum im Osten 27),
S. 151.
54
Vgl. Ekkert, Woldemar: Bis zum Oktober. Zur Geschichte der Literatur der Rußlanddeutschen. In: Hei-
matliche Weiten 2 (1986), S. 243-244.
55
Vgl. Podelo, Julia: Russlanddeutsche Literatur. Eine Perspektive für den interkulturellen Literaturunter-
richt? [Link] (17.01.2021), S. 132.
56
Belger, Herold: Russlanddeutsche Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Biografien und
Werkübersichten. Ins Deutsche übers. u. erg. v. Voigt, Erika u. Irina Leinonen. Berlin: NORA Verlagsge-
meinschaft Dyck & Westerheide 22010, S. 7.
57
Vgl. Moritz, Annette: Lexikon der rußlanddeutschen Literatur. Essen: Klartext 2004 (Forschungen zur
Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen 12).
58
Vgl. Engel-Braunschmidt, Annelore: Russisches und Deutsches bei den Sovetdeutschen. In: Korres-
pondenzen. Festschrift für Dietrich Gerhardt aus Anlaß des 65. Geburtstages. Hrsg. v. Engel-Braun-
schmidt, Annelore u. Alois Schmücker. Gießen: Wilhelm Schmitz 1977 (Marburger Abhandlungen zur
Geschichte und Kultur Osteuropas 14), S. 139-166.
22
Buchsweiler schließlich in den 80er- und 90er-Jahren und gaben eine zweiteilige Bibliografie59
heraus, die „die in der Sowjetunion in bibliographisch selbstständiger Form erschienenen bellet-
ristischen Werke rußland- bzw. sowjetdeutscher Verfasser sowie Schullesebücher“60 erfasst.
Als problematisch für die genannten Projekte sowie die allgemeine Erforschung der Literatur
stellt sich nicht zuletzt die Tatsache dar, dass für sie erstens kein Archiv im klassischen Sinne
existiert (denn die Texte sind nur in Ausnahmen dokumentiert und bibliografisch erfasst, was
dadurch erklärbar ist, dass die Autor/inn/en über verschiedene Unionsrepubliken der früheren
UdSSR verstreut waren); zweitens sind große Teile der ursprünglich in Privatarchiven gesammel-
ten Primärliteratur der Russlanddeutschen verloren gegangen.61 Konkrete Schwierigkeiten bei der
Erforschung russlanddeutscher Geschichte im Allgemeinen – hier den Blick noch gar nicht auf
deren Literaturgeschichte fokussiert – benennen beispielsweise Detlef Brandes, der auf die prob-
lematische Quellenlage bezüglich der Geschichte der deutschen Siedler/innen in Neurussland hin-
weist,62 Vladimir Kabuzan, der auf statistische Unklarheiten hinsichtlich der geografischen Ver-
teilung aufmerksam macht,63 oder Herbert Wiens, der die Schwierigkeit der historischen Rekon-
struktion der Situation in den Tochterkolonien aufzeigt.64 In diesem Zusammenhang wird ferner
immer wieder auf den lange Zeit erschwerten Zugriff auf osteuropäische Archive verwiesen. Die
russlanddeutsche Autorenszene, die sich in Deutschland hauptsächlich über die Landsmannschaft
der Deutschen aus Russland organisiert und sich in Vereinen wie etwa dem Literaturkreis der
Deutschen aus Russland zusammengeschlossen hat, publiziert zudem häufig in Almanachen und
Anthologien. Ein Beispiel ist das jährlich herausgegebene Heimatbuch. Publikationen wie diese
bleiben vom deutschen Literaturbetrieb weitgehend unbeachtet, weil sie in einem Raum hermeti-
scher Geschlossenheit erscheinen.65 Russlanddeutsche Literatur erzeuge, so Nora Isterheld, auch
59
Vgl. Engel-Braunschmidt, Annelore u. Clemens Heithus: Bibliographie der sowjetdeutschen Literatur
1960 – 1985. Ein Verzeichnis der in Buchform erschienenen sowjetdeutschen Publikationen. Köln:
Böhlau 1987; Engel-Braunschmidt, Annelore, Meir Buchsweiler u. a.: Bibliographie der sowjetdeutschen
Literatur von den Anfängen bis 1941. Ein Verzeichnis der in Buchform erschienenen sowjetdeutschen
Publikationen. Köln: Böhlau 1990.
60
Engel-Braunschmidt, Buchsweiler u. a. (1990), S. 23.
61
Vgl. Gansel (2018), S. 23.
62
Vgl. Brandes, Detlef: Von den Zaren adoptiert. Die deutschen Kolonisten und die Balkansiedler in
Neurussland und Bessarabien 1751-1914. München: R. Oldenbourg 1993 (Schriften des Bundesinstituts
für Ostdeutsche Kultur und Geschichte 2), S. 1-10.
63
Vgl. Kabuzan, Vladimir: Die deutsche Bevölkerung im Russischen Reich (1798-1917). Zusammenset-
zung, Verteilung, Bevölkerungsanteil. In: Die Deutschen in der UdSSR in Geschichte und Gegenwart.
Ein internationaler Beitrag zur deutsch-sowjetischen Verständigung. Hrsg. v. Fleischhauer, Ingeborg u.
Hugo Jedig. Baden-Baden: Nomos 1990, S. 63.
64
Vgl. Wiens, Herbert: Binnenwanderung, Gründung von Tochterkolonien. In: 200 Jahre Mennoniten in
Rußland. Aufsätze zu ihrer Geschichte und Kultur. Hrsg. v. Verein zur Erforschung und Pflege des Kul-
turerbes rußlanddeutschen Mennonitentums. Boladen-Weierhof 2000, S. 153 f.
65
Vgl. Isterheld, Nora: In der Zugluft Europas. Zur deutschsprachigen Literatur russischstämmiger Auto-
rInnen. University of Bamberg Press: Bamberg 2017 (Bamberger Studien zu Literatur, Kultur und Me-
dien 18), S. 19.
23
in der Wissenschaft oft Ratlosigkeit, zum einen aufgrund der unklaren Zuständigkeit von Germa-
nistik und Slawistik, zum anderen weil ästhetische Qualität und Zielgruppenrelevanz angezwei-
felt würden: „Sie wird daher als Nischenthema behandelt, dem sich vor allem Wissenschaftler
und Verlage russlanddeutscher Provenienz annehmen, was wiederum eine eher eingeschränkte,
gruppeninterne Rezeption zur Folge hat.“66
Trotz des Fortbestehens oben ausgeführter Schwierigkeiten lässt sich seit dem Beginn der 1990er-
Jahre ein steigendes Interesse an der Geschichte der russlanddeutschen Minderheiten registrieren,
was wie gesagt nicht zuletzt dadurch zu erklären ist, dass gerade zum Ende des 20. Jahrhunderts
viele Russlanddeutsche die GUS-Länder hinter sich lassend vorwiegend nach Deutschland über-
siedelten und ihre Geschichten in ihre neue Nachbarschaft und die ansässige Bevölkerung trugen.
Doch der Zusammenbruch der Sowjetunion und die (schon vorher einsetzenden) Auswanderungs-
bewegungen der Russlanddeutschen machen auch die Erforschung nur bedingt einfacher. Als
vielbeachtetes Werk gilt u. a. die von Alfred Eisfeld 1992 veröffentlichte grundlegende Mono-
grafie „Die Rußlanddeutschen“67 mit Beiträgen von Detlef Brandes und Wilhelm Kahle. Auf
Seite der russischen Germanistik seien an dieser Stelle noch die Arbeiten von Elena Seifert68 her-
vorgehoben, die sich allerdings auf die in Russland lebenden Autor/inn/en beschränken. Die ak-
tuelle europäische Forschung zu russlanddeutschen Thematiken ist allgemein in weiten Teilen
geschichts-, sozial- bzw. kulturwissenschaftlich ausgerichtet, während die Zahl an groß angeleg-
ten Arbeiten zur Untersuchung russlanddeutscher Literatur eher überschaubar ist. Neben einigen
Aufsätzen, etwa von Hartmut Fröschle zur Wolgathematik69 oder Deborah Van den Brande, die
zwei Romane der russlanddeutschen Autorin Eleonora Hummel analysiert,70 und universitären
Abschlussarbeiten 71 der letzten Jahre, ist 2000 der umfangreiche Band „Sowjetdeutsche Ly-
rik (1941-1989)“72 von Ljubow Kirjuchina erschienen, in dem die Verfasserin die Themen Hei-
mat und Muttersprache in der Literatur im Kontext der russlanddeutschen Selbstidentifizierungen
66
Isterheld (2017), S. 19.
67
Vgl. die 2. erw. u. aktual. Ausgabe aus dem Jahr 1999: Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen. Bonn:
Langen Müller 21999 (Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat 2).
68
Ihre Doktorarbeit an der Moskauer Lomonossow-Universität über Genreprozessen in der Poesie der
Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts ist 2009 in russi-
scher Originalsprache im BMV Robert Burau erschienen. Vgl. Seifert, Elena (Zejfert, Elena Ivanovna):
Žanr i ėtničeskajakartinamira v poėzii rossijskich nemcev v toroj poloviny XX – načala XXI vv (Genre-
Prozesse in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des XX. und dem Beginn des XXI.
Jahrhunderts). Lage-Hörste: BMV Robert Burau 2009.
69
Vgl. Fröschle, Hartmut: Die Wolga-Thematik in der rußlanddeutschen Literatur der letzten Jahrzehnte:
Von Victor Klein und Dominik Hollmann zu Viktor Heinz. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 1
(2009), S. 77-99.
70
Vgl. Van den Brande (2015), S. 154-170.
71
Vgl. etwa Nicoletti, Daniel: Die erlernte Identität. Russlanddeutsche Jugendliche in Tomsk zwischen
tradierter Geschichte und Selbstpositionierung. Masterarbeit. Europauniv. Viadrina Frankfurt a. d. Oder
2011.
72
Vgl. Kirjuchina (2000).
24
untersucht. Dazu analysiert sie semantische Komponenten wie Elternhaus, Geburtsort, Heimat-
dorf oder heimische Natur. Dennoch: Den Eindruck, dass diese Literatur häufig nicht in ihrer
maßgeblichen Bedeutung für russlanddeutsche Minderheiten berücksichtigt wird, nähren um-
fangreiche Geschichtsdarstellungen wie etwa György Dalos’ 2014 erschienene „Geschichte der
Russlanddeutschen – Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart“73, für die auch Gansel an-
merkt, dass darin russlanddeutsche Literatur nur eine nebensächliche Rolle spielt.74 Große litera-
turwissenschaftliche Arbeiten, die sich Werken von (unter russlanddeutschen Minderheitsange-
hörigen) zentralen Persönlichkeiten widmen, sind immer noch rar gesät. Mit einer kritischen Ana-
lyse ausgewählter Werke der russlanddeutschen Literatur ab 1991, unter besonderer Berücksich-
tigung des identitäts- und gedächtnisstiftenden Potenzials, möchte die vorliegende Arbeit ihren
Beitrag zur wissenschaftlichen Vertiefung auf diesem Gebiet leisten.
Im Vorfeld der Beschreibung des Textkorpus muss noch einmal auf das allgemeine Problem der
Zugänglichkeit zu russlanddeutscher Literatur bzw. auf aktuelle Veröffentlichungsmöglichkeiten
zurückgekommen werden. Die schlagkräftige Rolle, die kulturelle Verbände, Organisationen und
Institutionen in Herkunfts- wie Auswanderungsländern für die Entwicklung russlanddeutscher
Gegenwartsliteratur spielen – nicht zuletzt da jene durch Fördermaßnahmen und Öffentlichkeits-
arbeit mitprägen, was als russlanddeutsche Literatur gelten darf und wie sie rezipiert wird –, fällt
schon bei einem ersten Blick auf Herausgeberschaften bzw. Verlage auf, unter deren Namen eine
Vielzahl an Werken erscheinen. Drei der für diese Untersuchung ausgewählten Werke wurden so
etwa von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland mit Vereinssitz in Stuttgart heraus-
gegeben, welche die größte Interessensvertretung von aus postsowjetischen Staaten nach
Deutschland übersiedelten Russlanddeutschen in Deutschland bildet. Viele Autor/inn/en publi-
zieren in dieser „geschlossenen“ Gruppe der Landsmannschaft. Von ihr abgesehen veröffentli-
chen Verlagshäuser, die in ihrem Programm einen Schwerpunkt auf osteuropäische Themen bzw.
Sprachen legen, sowie von russlanddeutschen Literat/inn/en selbst gegründete, kleinere Verlage
73
Vgl. Gansel (2018), S. 18.
74
Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart.
Übers. v. Elsbeth Zylla. München: C. H. Beck 2014.
25
regelmäßig (wenn auch in bescheidenem Ausmaß) Werke russlanddeutscher Autor/inn/en oder
allgemein Bücher, die sich mit russlanddeutschen Fragestellungen auseinandersetzen. Dass sol-
che Werke in Verlagen mit großer Bekanntheit erscheinen, ist dagegen die Ausnahme. Literari-
sche Beiträge finden sich ferner in deutscher und russischer Sprache in Almanachen und Zeit-
schriften. Beispiele für Periodika, die heute regelmäßig erscheinen, sind das „Heimatbuch der
Deutschen aus Russland“ und die Verbandszeitschrift „Volk auf dem Weg“, die von der Lands-
mannschaft herausgegeben werden und neben literarischen Texten auch Biografien, Memoiren,
Berichte und essayistische Texte enthalten. Daneben gibt der aktuell über sechzig Mitglieder zäh-
lende75 Literaturverein „Literaturkreis der Deutschen aus Russland“ fast jedes Jahr einen deutsch-
und einen russischsprachigen Almanach heraus. Gegründet wurde der Verein im Oktober 1995
mit dem Anspruch, die ausgewanderten Autor/inn/en zu fördern und sie in den deutschen Litera-
turbetrieb zu integrieren. Hat er sich zwar der Aufgabe angenommen, nach außen hin aufgeschlos-
sener und zugänglicher aufzutreten und insbesondere bei der jüngeren Generation Interesse zu
wecken, ist dieses Ziel kein einfach zu erreichendes. Die Befürchtung, eine dezidierte Betitelung
der Werke als „russlanddeutsch“ stehe den Schreibenden bei diesen Anliegen eher hinderlich im
Weg, scheint nicht unberechtigt. Den Kampf der russlanddeutschen Literatur um mehr Geltung
beschreiben Artur Rosenstern und Eleonora Hummel in der Einführung zur Sammlung „Deutsche
Autoren aus Russland“ aus dem Jahr 2016, aus der eingangs bereits zitiert wurde, und vermitteln
ein Bild davon, wie überschaubar das jährliche Programm tatsächlich ist: „Die Bestseller eines
Jahres kann man vermutlich an einer Hand abzählen, ebenso wie ihre Verfasser. Das Bild des
Künstlers, der am Subventionstropf hängt, um zu überleben, ist real.“76
Die Situation des russlanddeutschen Literaturbetriebs ist unübersichtlich, vor allem mit Blick auf
Werke, die in den postsowjetischen Herkunftsländern erscheinen, zumal auch dort der Großteil
der überwiegend russischsprachigen Texte in Periodika und Sammelbänden erscheint. Die Lands-
mannschaft in Stuttgart möchte zwar eine internationale Brückenfunktion einnehmen sowie die
„Förderung der sprachlichen, kulturell-ethnischen und religiösen Identität der Deutschen in den
ehemaligen Sowjetrepubliken“77 bewirken. Dass bzw. inwiefern aber beispielsweise die von ihr
herausgegebenen literarischen Werke abseits Mitteleuropas Wahrnehmung finden, ist zweifel-
haft. Wie die Landsmannschaft oder der Literaturkreis der Deutschen aus Russland in Deutsch-
land, so fungieren in postsowjetischen Ländern kulturelle Vereinigungen und Vereine als Anlauf-
stellen für Minderheitsangehörige. Anzuführen wären hier etwa die Assoziation der Deutschen
75
Vgl. Mass, Larissa: Verarbeitung von Schicksalsschlägen und Integration (27.02.2020). [Link]
[Link]/de/kk-magazin/8116-verarbeitung-von-schicksalsschlaegen-und-integration (13.05.2021).
76
Hummel u. Rosenstern (2016), S. 8 f.
77
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V.: Satzung. [Link]
(22.06.2021).
26
der Ukraine, die Gesellschaftliche Stiftung der Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wieder-
geburt“ oder der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK), der in dem „Deutsch-
Russischen Haus“ in Moskau seinen Sitz hat. Er bildet das größte Organ, das die Arbeit der Be-
gegnungszentren im postsowjetischen Raum koordiniert.78 Die Vereine bzw. Begegnungszentren
bieten Bildungsmöglichkeiten (Sprachkurse), Bibliotheken, organisierte Feierlichkeiten, richten
Projekte aus, halten kulturelle Veranstaltungen ab und koordinieren die internationale Zusam-
menarbeit. Als Örtlichkeiten der Zusammenkunft und des Austausches von Vergangenheitsver-
sionen formen sie dabei die Ausgestaltung gruppenspezifischer Erinnerungs- und Identitätskon-
struktionen mit. Gleichzeitig sind sie um die Förderung der literarischen Tätigkeit bemüht. Es
werden Literaturclubs organisiert wie zum Beispiel „Mir wnutri slowa“79 unter der Leitung der
Autorin Elena Seifert.80 Beispiele für weitere Publikationsorgane sind neben wenigen Sonderaus-
gaben81 das Magazin „Amanat“, die zweisprachig erscheinende „Deutsche Allgemeine Zeitung“
in Almaty, der literarische Sammelband „Golosa Sibiri“82 mit Sitz in Kemerowo in Russland so-
wie Internetportale von Begegnungszentren, wie das 2003 erstellte Informationszentrum „Rus-
Deutsch“83, die über Aktivitäten der jeweiligen Gemeinden und über neue literarische Werke in-
formieren.84 Daneben erscheinen immer wieder Werke einzelner Autor/inn/en wie Elena Seifert,
Nora Pfeffer oder Max Schatz.
Die Auswahl des untersuchten Textkorpus ist anhand verschiedener Kriterien erfolgt. So ist zuerst
zu betonen, dass es sich bei den Autor/inn/en um Minderheitsangehörige mit weitreichender Be-
kanntheit (zum Teil auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaften) handelt, die in ihrem Wirken auf
gesellschaftlicher, künstlerischer und/oder politischer Ebene zur Bewahrung oder Bildung von
russlanddeutschen Identitätskonzepten beigetragen haben. Neben Veröffentlichungen in zahlrei-
chen Periodika haben sie auch selbstständige Werke in deutscher (mehrere zudem in russischer
und kasachischer) Sprache veröffentlicht. Mögen einem unter dem Schlagwort „russisch-deutsche
Migrationsliteratur“ aber schnell die Namen bekannt gewordener Autor/inn/en wie Alina
Bronsky, Olga Martynova, Vladimir Vertlib, Julya Rabinowich oder Wladimir Kaminer in den
78
Vgl. Sekacheva, Marina: Russlanddeutsche und ihre Identität in der Lyrik seit den 1990er Jahren. Mas-
terarbeit. Johannes-Gutenberg-Univ. Mainz 2014, S. 20.
79
„Die Welt im Wort“
80
Die Förderin russlanddeutscher Literatur lebt und arbeitet in Moskau, ist Mitglied des IVDK sowie
Chefredakteurin des Almanachs, der jährlich literarische Beiträge überwiegend russlanddeutscher Au-
tor/inn/en herausbringt.
81
Zum Beispiel der Sammelband „Zwischen ,Kirgisen-Michel‘ und ‚Wolga, Wiege unserer Hoff-
nung‘ – Lesebuch zur rußlanddeutschen Literatur“, der 1998 in Slawgorod als eine Sonderausgabe der
Wochenschrift „Zeitung für Dich“ herausgegeben wurde, oder der von der „Deutschen Allgemeinen Zei-
tung“ in Almaty 2014 herausgegebene und online abrufbare „Poesie-Sammelband“, dessen Ideengeber
der russlanddeutsche Schriftsteller Herold Belger war.
82
„Stimmen Sibiriens“
83
Vgl. RusDeutsch. Informationszentrum der Russlanddeutschen. [Link] (05.07.2021).
84
Vgl. Sekacheva (2014), S. 22.
27
Sinn kommen, so sind sie bzw. deren Werke eben nicht Teil der Untersuchung, insofern die Au-
tor/inn/en herkunftsgeschichtlich sowie dem eigenen Selbstverständnis nach nicht einer russland-
deutschen Minderheit angehören.
Russlanddeutsche Literatur wird, wie in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt, unter anderem
über die thematische Ausrichtung auf Aspekte der russlanddeutschen Geschichte von der Kolo-
nisierung im 18. Jahrhundert bis zur Aussiedlung im ausgehenden 20. Jahrhundert nach Mittel-
europa definiert. Die kollektivgeschichtlichen Erfahrungen der russlanddeutschen Bevölkerungs-
gruppen werden dabei in einer Vielfalt an Gattungen reflektiert. Diese Vielfalt widerspiegelnd
enthält das Spektrum der hier getroffenen Textauswahl schmale Sammlungen lyrischer Texte
bzw. Kurzprosa und Romane. Letztgenannte stellen eine Gattung dar, die in der russlanddeut-
schen Literaturgeschichte eher als Phänomen der letzten Jahrzehnte angesehen werden kann ne-
ben den nach wie vor stark repräsentierten „kleinen Formen“. Während Lyrik und Kurzprosa also
noch in der aktuellen russlanddeutschen Literatur eine dominierende Rolle einnehmen, bezeichnet
Engel-Braunschmidt das Drama und die Satire als „Stiefkinder“ in der Szene, ebenso den Roman,
„dessen Stelle von Erinnerungsliteratur besetzt ist“,85 wobei sie mit jener Zuschreibung eine The-
orie aufstellt, die – wie sich bei näherer Auseinandersetzung mit den Werken noch zeigen
wird – mit Recht hinterfragt werden kann.
Die aus den Biografien der russlanddeutschen Schriftsteller/innen bzw. die aus dem Vergleich der
einzelnen Lebensläufe schon deutlich werdende Heterogenität ist darüber hinaus prototypisch für
den sich einer russlanddeutschen Minderheit zugehörig fühlenden Personenkreis. Dies ist umso
wichtiger zu erwähnen, als biografisches Schreiben als eine der größten verbindenden Gemein-
samkeiten der Werke angesehen werden kann. Umso interessanter erscheinen diesbezüglich die
inhaltlichen Schnittstellen bzw. die auf unterschiedliche Weisen von allen Werken aufgegriffenen
Narrative, an denen entlang sich trotz der verschiedenen Erfahrungshorizonte der Autor/inn/en
kollektive Identitätsvorstellungen entwickeln. Auch die Wahl der Themen in zeitgenössischen
Texten belegt den großen Stellenwert, der dem Ausloten der individuellen Identität vor dem Hin-
tergrund der spezifischen Kollektivgeschichte zukommt.86
Hinsichtlich der lebensgeschichtlichen Vergangenheit russlanddeutscher Autor/inn/en und
sprachlicher Eigenschaften ihrer Werke zieht Sofie Friederike Mevissen einige Parallelen. Sie
unterscheidet für das 20. Jahrhundert drei Generationen russlanddeutscher Autor/inn/en, bei de-
nen die Wahl ihrer jeweiligen Arbeits- und Schreibsprache in enger Verbindung zur gesellschafts-
politischen Teilhabe und dem nationalen Selbstverständnis steht.87 Da die im Zuge dieser Arbeit
85
Engel-Braunschmidt (2007), S. 158.
86
Vgl. Hummel u. Rosenstern (2016), S. 6.
87
Vgl. Mevissen (2018).
28
untersuchten Texte von Autor/inn/en stammen, die nach Mevissen jenen drei verschiedenen Ge-
nerationen angehören, soll ihre Aufstellung hier kurz erläutert sein. Zu der ersten Generation zählt
Mevissen dabei Schreibende, die wie Nelly Wacker oder Johann Warkentin im ersten Drittel des
20. Jahrhunderts geboren wurden und in ihren Werken als Zeitzeug/inn/en die Oktoberrevolution,
die Gründung der Wolgarepublik sowie die unter der Herrschaft Stalins massiv einsetzenden Re-
pressionen behandeln. Das Deutsche als Muttersprache88 sowie Elemente von Mundarten stellen
für jene Autor/inn/en dabei die primäre Schreib- und Arbeitssprache dar. Die zweite Generation
umfasst nach Mevissen Autor/inn/en wie beispielsweise Viktor Heinz, die in den 1930er- bis
1950er-Jahren in der Sowjetunion auf die Welt kamen und ihre Werke häufig bilingual in russi-
scher und deutscher Sprache veröffentlichen. Die 1970 in Kasachstan geborene Eleonora Hummel
hingegen führt Mevissen als Beispiel für eine Schriftstellerin der dritten Generation an, die in
Deutschland lebend ihre Werke ausschließlich in deutscher Sprache veröffentlicht. Allerdings
thematisieren auch Texte dieser dritten Generation oft Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit oder
binden vereinzelt russische Wörter oder Phrasen mit ein. Neben dem Fokus auf die Migrations-
und Deportationshistorie stellt die sprachliche Pluralität somit klar einen Schwerpunkt der russ-
landdeutschen Literatur dar. Mevissens Ausdifferenzierung dieser drei Generationen gibt aber nur
eine ungefähre Richtschnur für die Verortung russlanddeutscher Schriftsteller/innen des 20. Jahr-
hunderts und deren Schaffen vor, denn weder auf sprachlicher, formaler oder inhaltlicher Ebene
lassen sie sich stets eindeutig einordnen.
Was alle Autor/inn/en, deren Werke im Textkorpus vertreten sind, eint, ist die Tatsache, dass sie
einen prägenden Teil ihres Lebens in der Sowjetunion verbracht haben – auch wenn es sich dabei
für die jüngste Autorin (Eleonora Hummel) nur um die ersten sechs Jahre ihrer Kindheit handelt.
Herold Belger ausgenommen, der als Beispiel für einen mehrsprachig publizierenden Autor bis
88
Der Begriff „Muttersprache“ gilt in der Sprachwissenschaft als überholt und wird durch „L1“ oder
„Erstsprache“ ersetzt. Mit der Mutter-Kind-Metaphorik werde erstens ein problematisches Bild einer „na-
türlichen“ bzw. „biologischen“ Sprachaneignungssituation erzeugt, das außerdem eine Verknüpfung von
Sprache und Geburtsort suggeriere, und zweites gehe der Status „Muttersprachler/in“ mit der Vorstellung
von Perfektion einher, so Magdalena Knappik. [Vgl. Knappik, Magdalena: Disinventing „Muttersprache“.
Zur Dekonstruktion der Verknüpfung von Sprache, Nation und ,Perfektion‘. In: Pädagogisches Können in
der Migrationsgesellschaft. Hrsg. v. Doğmuş, Aysun, Yasemin Karakaşoğlu u. a. Wiesbaden: Springer
2016, S. 221-240.] Im Kontext der Debatte literaturwissenschaftlicher Fragestellungen wird in dieser Ar-
beit der Begriff „Muttersprache“ jedoch bevorzugt und ohne visuelle Hervorhebung gebraucht, womit wir
uns der Begriffswelt der russlanddeutschen Literatur selbst annähern. In Zeiten fortschreitenden Sprach-
schwunds spielte für Minderheitsangehörige gerade der (im Begriff metaphorisch angelegte) Bereich des
Familiären eine besondere Rolle, da in diesem Umfeld die jahrelang verbotene und unterdrückte Sprache
oft am längsten bewahrt werden konnte. Gleichzeitig aber könnte die Sprachsituation russlanddeutscher
Minderheitsangehöriger die erwähnten Vorstellungen, die mit „Muttersprache“ aufgerufen werden, kaum
deutlicher konterkarieren. So handelt es sich etwa bei den in deutscher Sprache primärsozialisierten Russ-
landdeutschen in postsowjetischen Staaten nicht um Muttersprachler/innen mit Sprachkenntnissen, die als
„perfekt“ imaginiert werden können. Auch die Vorstellung einer „logischen“ Verknüpfung zwischen Ge-
burtsort und Sprache ist in völliger Schwebe, weil gänzlich unbestimmbar.
29
zu seinem Lebensende in Kasachstan lebte, sind die Autor/inn/en zu unterschiedlichen Zeitpunk-
ten in ihrem Leben nach Deutschland übersiedelt. Sie haben somit Erfahrungen der Auswande-
rung gemacht, die sie auch in verschiedener Weise in den Werken reflektieren. Zwar ist ersicht-
lich, dass gerade Fragen der Integration in die deutsche Gesellschaft ein Problemfeld bilden, dem
sich insbesondere Texte einer vergleichsweise jüngeren Autorengeneration widmen. Doch auch
Literat/inn/en wie der 1920 geborene Johann Warkentin behandeln u. a. diese Thematik. Bemer-
kenswert ist vor allem, dass in sämtlichen der ausgewählten Werke die Erfahrungen von Depor-
tation, Zwangsarbeit und stalinistischen Repressionen eine Rolle spielen, obwohl sie nicht zum
unmittelbar persönlich-biografischen Erfahrungsschatz aller Schreibenden zählen. Hinsichtlich
der Textauswahl wurde darauf geachtet, dass zu gleichen Teilen Schriftsteller/innen, welche vor
dem „Schicksalsjahr“ 1941 bzw. danach geboren sind, berücksichtigt werden, insofern sich diese
„Generationenfrage“ in Hinblick auf die Konstruktion von Identitätskonzepten als nicht unerheb-
lich erweisen könnte.89
Die acht exemplarischen Werke, die das Textkorpus für diese Untersuchung bilden und auf die
bzw. auf deren Autor/inn/en bis dato bloß vage verwiesen wurde, werden in der Folge in gebote-
ner Kürze inhaltlich umrissen. Ergänzt werden die Darstellungen durch wichtige biografische
Eckdaten der Schriftsteller/innen.
In dem Gedichtband „Scherben“ des mehrfach ausgezeichneten Autors Waldemar Weber schafft
das Prinzip der Lücke bzw. literarischen Leerstelle großen interpretativen Spielraum. Die freien
Verse der oft titellosen Gedichte, welche nie über eine Seite hinausragen, sind reich an Meta-
phern. Die poetische Bildsprache beschwört persönliche Erinnerungsorte, die jedoch in ihrer All-
gemeingültigkeit großen Eindruck erzeugen. Bei einigen dieser zum Epigramm neigenden Texte
dürfte es sich um Selbstübersetzungen des 1944 in Westsibirien geborenen Autors handeln, der
auch in russischer Sprache publiziert. Webers Übersetzungen deutscher, österreichischer, schwei-
zerischer und rumäniendeutscher Dichter/innen sind in mehr als fünfzig Büchern und Antholo-
gien in Moskau und St. Petersburg erschienen.90 Gleichzeitig überträgt der freie Journalist, Her-
ausgeber und Übersetzer, der in der Vergangenheit Gastprofessuren an Universitäten in Graz,
Innsbruck und Wien innehatte sowie von 1999 bis 2004 als Lehrbeauftragter an der Universität
Passau tätig war, Texte russlanddeutscher Autor/inn/en aus dem Russischen ins Deutsche. Nach
seiner Übersiedlung nach Augsburg in den 1990er-Jahren gründete Weber zwei eigene Verlage,
89
Olga Kurilo spricht diesbezüglich von drei Umbrüchen: Oktoberrevolution, Zweiter Weltkrieg, Perest-
roika. [Vgl. Kurilo, Olga: Die Lebenswelt der Russlanddeutschen (1917-1991). Ein Beitrag zur kulturel-
len Mobilität und zum Identitätswandel. Essen: Klartext 2010.]
90
Vgl. Berg, Erna: Kulturvermittler über die Grenzen. In: Zeitung für Dich 9 (2019), S. 9.
30
die unter anderem Bücher über die russlanddeutsche Geschichte sowie russlanddeutsche bellet-
ristische Werke herausbringen.
Über vierhundert Seiten stark ist im Gegensatz zu Webers schmalem Lyrikband das groß ange-
legte epische Werk „Das Haus des Heimatlosen“ des kasachstandeutschen 2015 verstorbenen Au-
tors Herold Belger, der in der russlanddeutschen Szene nicht zuletzt wegen seines gesellschafts-
politischen Engagements einiges Ansehen erlangt hat und Träger mehrerer Ehrentitel, Orden und
Preise ist. Der Roman des 1934 in Engels an der Wolga geborenen Schriftstellers, der selbst im
Alter von sechs Jahren die Deportation in ein kasachisches Aul erlebte, setzt mit dem Erlass des
Obersten Sowjets über die „Übersiedlung der Deutschen“ 1941 ein und zeigt die Lebensentwürfe
dreier Russlanddeutscher. Die Geschichte kreist um die zwei erwachsenen Brüder David und
Christian, die vom Schicksal in verschiedener Härte getroffen werden, und den in der Verbannung
aufwachsenden Schüler namens Harry Walter. Letzterer kämpft vor allem gegen die Benachteili-
gung im Bildungsbereich, wobei sich hier starke Parallelen zur Biografie des Verfassers erkennen
lassen. Belger blieb ein Studium nach dem Abschluss einer kasachischen Mittelschule nämlich
zunächst verwehrt. Nachdem er es schließlich doch schaffte, in Alma-Ata (heute Almaty) das
Studium der Russischen Philologie zu absolvieren, arbeitete er als Lehrer, ehe er seit 1964 als
freier Schriftsteller und Übersetzer tätig wurde. Der Mitbegründer des kasachischen PEN-Ver-
bands war ab 1993 stellvertretender Chefredakteur des deutschsprachigen Almanachs „Phönix“
und 1994 bis 1995 sogar kurzzeitig Abgeordneter im kasachischen Parlament. Sein umfangrei-
ches Werk umfasst mehr als vierzig Bücher, etliche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zei-
tungen und über zweihundert Übersetzungen.
Der ebenfalls autobiografische Roman „In der Sackgasse“ von dem 1937 im Gebiet Omsk gebo-
renen und im Jahr 2013 in Göttingen verstorbenen Germanisten und Schriftsteller Viktor Heinz
ist anders angelegt. In dem auf zwei Ebenen spielenden Werk, das „großen Widerhall unter den
rußlanddeutschen Lesern fand“,91 leistet Hochschuldozent Willi Werner, der in einem Moskauer
Krankenhaus das Bett hüten muss, Erinnerungsarbeit, indem er seine Lebensstationen (in der drit-
ten Person) niederschreibt. Er arbeitet an seinen Aufzeichnungen, während draußen vor den Fens-
tern in den Straßen Moskaus die Perestroika eine Neugestaltung des sowjetischen politischen
Systems vorantreibt. Der Roman endet mit dem Augustputsch gegen Michail Gorbatschow und
der Regierungsübernahme des sogenannten Staatskomitees für den Ausnahmezustand sowie einer
unbestimmten Zukunft des kranken Willis. Wie der Protagonist seines Romans war Viktor Heinz,
dessen Eltern ins Arbeitslager verschleppt worden waren, bei seiner Großmutter in Westsibirien
aufgewachsen und studierte später Germanistik in Nowosibirsk. Nach seiner Promotion mit einer
91
Moritz (2004), S. 59.
31
Arbeit über deutsche Dialekte in Sibirien am Pädagogischen Institut in Omsk war er Lehrbeauf-
tragter am Pädagogischen Institut in Petropawlowsk in Kasachstan, schrieb für russlanddeutsche
Zeitschriften und veröffentlichte literarische Texte in deutscher Sprache. Auch in Deutschland,
wohin er 1992 übersiedelte, förderte er russlanddeutsche Nachwuchsautor/inn/en und zählte au-
ßerdem zu den Mitbegründer/inne/n des Literaturkreises der Deutschen aus Russland.
Neben der Lyrik und „klassischen“ Romanen wie den oben beschriebenen von Belger und Heinz
lassen sich diverse Zwischenformen beobachten, beispielsweise die 2018 erschienene literarische
Gegenüberstellung zweier „Kindheiten in Deutschland und Russland“ von Monika J. Mannel und
der russlanddeutschen Autorin Agnes Gossen92. Das Buch ist in zwei Teile geteilt, die aus den
jeweiligen Kindheitserinnerungen der Autorinnen bestehen, jedoch keinen direkteren Bezug zu-
einander nehmen, als durch die vage Klammer des Klappentextes evoziert: „Kindheiten in Syste-
men, wie sie nicht unterschiedlicher hätten sein können […]. Verliefen Kindheiten dadurch wirk-
lich so unterschiedlich oder gibt es auch Gemeinsamkeiten?“93 Im Familien- und Bekanntenkreis
der 1953 in einem von deutschen Mennonit/inn/en gegründeten Dorf südlich des Urals geborenen
Agnes Gossen war plattdeutscher Dialekt die tägliche Umgangssprache. Der Dialekt spielt auch
in der Kindheitsbeschreibung eine große Rolle. Nach dem Abschluss ihres Slawistikstudiums in
Orenburg arbeitete Gossen als Lehrerin und Journalistin und setzte diese Tätigkeiten in der Au-
tonomen Sowjetrepublik Kabardino-Balkarien im Kaukasus fort, wohin sie 1974 übersiedelte.
Nach der Ausreise war sie als Bibliothekarin und Russischlehrerin in Bonn tätig. Neben Viktor
Heinz gilt Gossen als maßgebliche Förderin russlanddeutscher Literatur in Deutschland. Sie war
von 1995 bis 2007 Leiterin des von ihr mitbegründeten Literaturkreises der Deutschen aus Russ-
land, veröffentlicht selbst Lyrik und Kurzprosa in deutscher Sprache und ist Redaktionsmitglied
beim vom Autorenkreis der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland jährlich herausgege-
benen Almanach „Wir selbst“.94
Aktiv an der Neubelebung der deutschsprachigen Nachkriegspresse und der deutschen Literatur
in der Sowjetunion nach 1956 beteiligt war ebenfalls der 1920 auf der Krim geborene Johann
92
Eigentl. Agnes Giesbrecht. Literarische Werke sind jedoch auch unter ihrem Mädchennamen Gossen
bzw. Gossen-Giesbrecht oder nur Giesbrecht erschienen.
93
Gossen, Agnes u. Monika J. Mannel: Kindheiten in Deutschland und Russland (Klappentext). Geest:
Vechta 22018.
94
„Wir selbst“ ist auch der Titel des Ende der 1930er-Jahre von dem russlanddeutschen Schriftsteller
Gerhard Sawatzky fertiggestellten Gesellschaftsromans, in dem die Lebensbedingungen der Wolgadeut-
schen der 1920er- und 30er-Jahre geschildert werden. Sawazky (geb. 1901) starb 1944 im GULag in Soli-
kamsk, seiner Frau gelang es, das Urmanuskript bei der Deportation zu retten. Der zu Lebzeiten unveröf-
fentlichte Text wurde 1984-88 stark bearbeitet im Almanach „Heimatliche Weiten“ (hrsg. von Hugo
Wormsbecher) abgedruckt. Im Jahr 2020 ist der Roman (nun tatsächlich in Form der geretteten Urfas-
sung) im Verlag Galiani in Berlin erschienen, herausgegeben und mit einem umfangreichen Nachwort
versehen von Literaturwissenschaftler Carsten Gansel, der den Roman als „bedeutendsten Text der sow-
jet- bzw. russlanddeutschen Literatur aus der Zeit nach der Oktoberrevolution 1917“ einstuft. [Gansel,
Carsten: Dokumentarischer Anhang über die Wolgadeutsche Republik und ihre Literatur. In: Sawatzky,
Gerhard: Wir selbst. Hrsg. v. Gansel, Carsten. Berlin: Galiani 2020, S. 899.]
32
Warkentin. Nach der Übersiedlung nach Ost-Berlin legte Warkentin 1996 den Band „Rußland-
deutsche Berlin-Sonette“ vor. Ungewöhnlich ist nicht nur die von ihm gewählte Form des So-
netts,95 die Gedichte kreisen auch keineswegs – wie der Titel nahelegen mag – nur um die Haupt-
stadt der Bundesrepublik, vielmehr rollt der Autor, von seinem gegenwärtigen Erfahrungsschatz
und Lebensstand ausgehend, die Vergangenheit auf und tut dies in einem oft spöttisch-humorvol-
len, mitunter aber auch sehr bitteren, zynischen Ton. Einige Texte kreisen etwa um den geschei-
terten Plan der Wiederherstellung der Autonomie der Wolgarepublik, für den sich der 2012 ver-
storbene Autor leidenschaftlich einsetzte. Nachdem sein Vater 1938 verhaftet worden war, wurde
er selbst im Winter 1941/42 in die ostsibirische Taiga deportiert, wo er vier Jahre Zwangsarbeit
verrichten musste. Sein unterbrochenes Studium konnte er 1948 abschließen. Danach arbeitete er
als Lehrer und Inspektor an Schulen in Barnaul und gehörte von 1955 bis 1957 zur Redaktion der
ersten deutschsprachigen Zeitung der Nachkriegszeit „Arbeit“. Neben Veröffentlichungen in der
deutschsprachigen Presse übersetzte er sowjetische Dichtung ins Deutsche, schrieb Artikel und
Essays und stellte Lehrbücher und Sammelbände russlanddeutscher Literatur zusammen.96 Die
ideologische Vereinnahmung und die langsame Lösung von sowjetischen Doktrinen lassen sich
dabei anhand seiner Arbeiten nachempfinden. In den Jahren bis zu seiner Pensionierung und der
Emigration nach Ostberlin leitete Warkentin die Literaturabteilung der Wochenzeitung „Neues
Leben“ in Moskau. Der unter russlanddeutschen Literat/inn/en selbst nicht unumstrittene Autor
verfolgte die gesellschaftlichen und politischen Bewegungen in Deutschland bis zu seinem Tod
sehr aufmerksam: „Um W. ist es nicht, wie um so viele rußlanddeutsche Autoren seiner Genera-
tion, stiller geworden. Er mischt sich energisch ein, spröde, sprachgewandt, direkt […].“97
Diesem bisweilen angriffigen Ton Warkentins gegenüber stehen versöhnliche Töne einer sie-
benundzwanzig Jahre jüngeren, in der Kirgisischen SSR geborenen Lore Reimer, die wie
Warkentin ebenfalls aus einer mennonitischen Familie stammt. Nach ihrem Germanistikstudium
in Nowosibirsk war sie fünf Jahre lang Redaktionsmitglied in der russlanddeutschen Zeitung
„Neues Leben“ in Moskau. Nach Reimers Übersiedlung 1974 in die Bundesrepublik Deutschland
absolvierte sie ein Lehramtsstudium in den Fächern Germanistik und Evangelische Theologie und
verfasst nach einer längeren Schreibpause seit den 1990er-Jahren wieder Gedichte und Kurzprosa
in deutscher Sprache, teilweise auch in plattdeutschem Dialekt. Der Übergang von Lyrik zu Prosa
ist dabei fließend, Reimers kurze Erzählungen sind sujetlos und legen eine allegorische Lesart
nahe. All ihre Texte haben starken Symbolcharakter. Über ihr literarisches Schaffen merkt
Warkentin mit Blick auf die weiter abnehmenden Deutschkenntnisse Russlanddeutscher in der
Sowjetunion an, dass „einzig im Elternhaus von Lore Reimer, hoch in den Kirgisischen Bergen,
95
Allerdings folgt Warkentin mitunter auch italienischen und englischen Formen und arbeitet sogar mit
gänzlichen freien Versen.
96
Vgl. Belger (2010), S. 220.
97
Moritz (2004), S. 189.
33
[…] Deutsch auch über die Kriegszeit hinaus das bestgehütete Gut [war]. Und wie sich das aus-
gezahlt hat!“98 Im Unterschied zu den anderen Werken dieses Textkorpus, in denen religiöse The-
men häufig in Form einer Reminiszenz an frühere Lebensentwürfe in russlanddeutschen Fami-
lien- bzw. Dorfgemeinschaften anklingen, spielt Religiosität in Reimers im Jahr 2000 erschiene-
nen Band mit dem Titel „Senfkorn“ eine bedeutendere Rolle. Anhand religiöser Motive und Nar-
rative inszeniert sie in Gedichten und höchst poetischer Kurzprosa eine Heilung von Leid bzw.
Erlösungsgedanken, die zwar an eine sowjetische Vergangenheit rückgebunden scheinen, aber
auch in offener Weise vor anderen Hintergründen lesbar sind.
98
Warkentin, Johann über Lore Reimer. In: Wir selbst. Rußlanddeutsche Literaturblätter (Jb.). Stuttgart:
Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e. V. 1997, S. 16.
99
Vgl. Moritz (2004), S. 181.
100
Vgl. Brantsch, Ingmar: Wacker, Nelly. [Link]
[Link]/biographien/wacker-nelly-2 (20.06.2021).
34
Bleibt zuletzt noch ein Roman zu erwähnen, der sich von den oben angeführten Büchern in min-
destens einem Punkt maßgeblich unterscheidet: Die im Feuilleton beachtete und vielfach ausge-
zeichnete Eleonora Hummel101 steht insofern am Rand der russlanddeutschen Literaturszene. Auf
der einen Seite hat sie eben das erreicht, wonach diese Minderheitenliteratur zu streben scheint,
nämlich Wahrnehmung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft bzw. deren Literaturbetriebs. Auf der
anderen Seite stellt sich im selben Atemzug die Frage, ob eben dies erst möglich war durch ein
stückweites Entsagen der Gemeinschaft dieser „eingeschworenen“ Szene. 1970 wurde Hummel
in Zelinograd (heute die Hauptstadt Kasachstans Nur-Sultan) geboren und übersiedelte 1980 in
den Nordkaukasus, zwei Jahre später in die damalige DDR. Auf ihrer Homepage heißt es dazu:
„Es schloss sich eine kreative Schaffenspause von mehreren Jahren an, die unter anderem dem
Erlernen der deutschen Sprache geschuldet war.“102 Für ihren 2005 erschienenen Debütroman
„Die Fische von Berlin“ wurde Hummel mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis geehrt. Im
Buch schildert sie die verlustreichen Wanderwege einer Familie, wiedergegeben durch die kind-
liche diegetische (d. h. zur erzählten Welt gehörende) Erzählerin Alina. Deren Selbstverortung
speist sich einerseits aus den Erzählungen über die Vergangenheit des Großvaters, der (wie sich
im Laufe der Geschichte herausstellt) gar nicht der ist, für den sie ihn hält,103 und andererseits aus
den Auswanderungsplänen bzw. den Hoffnungen der Eltern. Die Geschichte entspinnt sich im
Zusammenspiel aus Vergangenheitsebene, d. h. der Großvatergeschichte, und Gegenwart. Beson-
ders eindrücklich sind die Passagen, in denen der Großvater über Deportation und Zwangsarbeit
berichtet und das Schicksal der Russlanddeutschen beschreibt, aber gleichzeitig klar macht, dass
die konkreten Schilderungen „nur“ seine persönliche Erfahrung wiedergeben.
Bei dem hier in aller Kürze skizzierten Korpus handelt es sich um ein Konglomerat unterschied-
lichster Texte, die formal wie stilistisch eine große Bandbreite aufweisen, jedoch auch einige
unübersehbare Gemeinsamkeiten haben. Weder ist es Ziel der Arbeit, die Qualität der ausgewähl-
ten Werke zu beurteilen, noch soll eine homogene Poetik russlanddeutscher Autor/inn/en kon-
struiert werden. Vielmehr geht es darum, diese Literatur in ihrer Vielschichtigkeit zu begreifen,
wiederkehrende Diskurslinien zu identifizieren sowie bisweilen auch stark divergierende inhalt-
liche und stilistische Merkmale herauszuarbeiten. Im Zuge dessen wird sich auch die Frage be-
antworten lassen, inwieweit deutschsprachige Gegenwartsliteratur durch russlanddeutsche Texte
101
Hummel erhielt u. a. den Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg für Literatur
2002, den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2006 für „Die Fische von Berlin“, den Hohenemser Lite-
raturpreis für deutschsprachige Autor/inn/en nichtdeutscher Muttersprache 2011 für einen Auszug aus „In
guten Händen, in einem schönen Land“ sowie den Schwäbischen Literaturpreis 2017.
102
Eleonora Hummel. Autorin. [Link] (16.05.2021).
103
Der Mann, den Alina seit jeher als ihren Großvater ansieht, ist in Wahrheit der Bruder ihres verschol-
lenen Großvaters. Nach dem Dienst in der Trudarmee hat er an des Bruders Stelle mit dessen Frau und
Tochter gelebt. Dieses Familiengeheimnis war Alina nicht bekannt. Da sie ihren Großonkel aber auch
nach dieser Enthüllung unverändert mit „Großvater“ anspricht, wird dieser Begriff ohne weitere Markie-
rung in der vorliegenden Arbeit verwendet.
35
und den Transfer von kulturspezifischem Wissen aus dem russischsprachigen Raum eine thema-
tische und ästhetische Erweiterung erfährt. Die acht genannten Werke, die das untersuchte Text-
korpus bilden, sind hier zur besseren Übersicht noch einmal unter Anführung der Lebensdaten
der Autor/inn/en (und nach jenen chronologisch gereiht) gelistet:
Das Haus des Heimatlosen (Roman). Aus dem Russischen übersetzt von Lichtenfeld, Kristiane.
2. Aufl.104 Kasachische Bibliothek. Berlin: Hans Schiler 2014.
104
1. Auflage aus dem Jahr 2009
105
1. Auflage ebenso 2018
36
tungsweise hinaus, denn literarische Texte sind nicht nur Inszenierungs- und „Verewigungsme-
dium“106, sprich Repräsentation, sondern wirken gleichzeitig als Medium der Refiguration auch
auf die Erinnerungskultur zurück. Dieser Prozess lässt sich als Aushandlung von Erinnerungs-
konkurrenzen beschreiben. Bei der Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen Identität, Erin-
nerung und Literatur augenscheinlich wird auf diese Weise die Notwendigkeit der Vernetzung
literatur- und kulturwissenschaftlicher Ansätze. Die Arbeit weist daher ein interdisziplinäres Pro-
fil auf und beleuchtet die Begriffe Erinnerung und Identität immer unter dem Gesichtspunkt der
Literatur als kulturellen Kristallisationspunkt in verschiedenen Zusammenhängen und als konsti-
tutiven Teil der Erinnerungskultur.
Zeitgeschichtliche Entwicklungen bzw. Zäsuren, die bis hierhin schon angeklungen sind, aber
noch nicht zum Gesamtbild eines russlanddeutschen Vergangenheitshorizonts zusammengesetzt
werden können, stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels dieser Arbeit. Diese Einordnung ist
wichtig, weil die ausgewählten Werke vor ihrem historischen Bezugsrahmen sichtbar werden sol-
len. Im Sinne eines intertextuellen Ansatzes werden die Texte zu späterem Zeitpunkt auch nicht
als isolierte Einheiten, sondern im Kontext ihrer kulturellen und literarischen Beziehungen unter-
sucht. Dies ist fast selbstverständlich, so die unterschiedlichen Konstruktionen (kultureller bzw.
kollektiver) Identität(en) sich zentral auf intertextuelle Bezüge sowie auf Verweise auf historische
Ereignisse der faktischen Wirklichkeit stützen.
106
Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. Mün-
chen: C. H. Beck Paperback 2018, S. 184.
107
Vgl. Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Kultur und Gedächtnis. Hrsg.
v. Assmann, Jan u. Tonio Hölscher. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, S. 12.
37
eignisse der Vergangenheit russlanddeutscher Minderheiten, fanden jedoch bis heute keinen Ein-
gang in das Gedächtnis der Mehrheitsgesellschaft. Anhand des Konzepts des „Gegengedächtnis-
ses“ nach Michel Foucault werden literarische Ansprüche der Anerkennung der eigenen Vergan-
genheitsversion im öffentlichen Diskurs untersucht. Und ein derartiges Potenzial dieser Minder-
heitenliteratur ist nicht zu leugnen: Sie erweitert das thematische und motivische Spektrum der
deutschen Gegenwartsliteratur, füllt Lücken im kollektiven Gedächtnis und ermöglicht u. a. einen
neuen Blick auf die Sowjetunion. Der Diskurs über die Rolle der (russlanddeutschen) Literatur in
diesen kulturellen und gedächtnistheoretischen Prozessen erfordert allenfalls noch die Einbezie-
hung weiterer theoretischer Überlegungen, wie im Folgenden umrissen.
Mit Blick auf die zeitgeschichtliche Verortung der Werke wurde weiter oben bereits auf intertex-
tuelle Relationen hingewiesen, die als Gedächtnisarbeit gesehen werden könnten. Dabei werden
intertextuelle Verweisstrukturen nicht auf eine Beschreibung innerliterarischer Faktoren redu-
ziert, vielmehr rückt der Text in ein kulturelles Bezugsfeld von Prätexten: Mit Renate Lachmann
konstituiert sich das kulturelle Gedächtnis der Literatur, indem der Text selbst als Schaltstelle
zwischen Texten und erinnerungshistorischen Kontexten fungiert.108 Wie in kürzeren universitä-
ren Arbeiten109 und wenigen umfangreicheren Literaturstudien110 in der jungen Vergangenheit
bereits herausgestrichen und untersucht, geraten bei der Frage nach identitätsschaffenden Mo-
menten in russlanddeutscher Literatur immer wieder die schon von dem russlanddeutschen
Schriftsteller Johann Warkentin selbst als bedeutend klassifizierten Aspekte in den Fokus; dabei
handelt es sich u. a. um „Glaube“ bzw. „Religion“ sowie den „Gefühlskomplex Heimat-Mutter-
sprache“111, aber auch und vor allem um das Narrativ des „Schweigens“. Letzteres weist schon
auf einen weiteren wesentlichen Bereich im identitätsstiftenden Potenzial der Minderheitenlitera-
tur voraus, nämlich auf die Darstellung einer leidvollen Vergangenheit – mehr als das: Es geht
um traumatische Erlebnisse, über die lange Zeit nicht gesprochen werden konnte. All diese ange-
sprochenen Referenzen bilden Arten von Erkennungszeichen der Menschen mit ähnlichen Erfah-
rungshorizonten und damit wiederum in ihrer Gesamtheit einen spezifischen kultur- bzw. menta-
litätsgeschichtlichen Archivbestand ab, den es einzuordnen gilt.
Dieses Vorhaben bedingt nicht zuletzt auch eine Beschäftigung mit inter- bzw. transkulturellen
Ansätzen. Zwar führten verschiedene „Cultural Turns“ in den Literaturwissenschaften zu einer
Öffnung nationalphilologischer Betrachtungsweisen, woraufhin „kleinen“ Minderheitenliteratu-
ren ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit zuteil ward, doch wurden trotz einhelliger „Befürwor-
tung kulturwissenschaftlicher Perspektiven […] die Terminologiediskussionen nicht selten mit
108
Vgl. Lachmann, Renate: Gedächtnis und Literatur: Intertextualität in der russischen Moderne. Frank-
furt a. M.: Suhrkamp 1990.
109
Vgl. etwa Sekacheva (2014).
110
Vgl. etwa Kirjuchina (2000).
111
Vgl. Warkentin, Johann: Kulturgeschichtliche Traditionen in der russlanddeutschen Literatur: Allge-
meine Betrachtungen. In: Heimatbuch der Deutschen aus Russland (2001/2002), S. 151.
38
dem Anspruch wechselseitiger Ausschließlichkeit geführt, vor allem wenn es um die Bezeich-
nung vermeintlich grundverschiedener Kulturkonzepte (wie Inter- und Transkulturalität) ging o-
der die Etikettierung des Untersuchungsgegenstandes als ,Ausländer-‘oder ,Migranten-Literatur‘,
[…], ,Inter-‘ oder ,Transkulturelle Literatur‘ usw.“, 112 konstatiert Nora Isterheld. Nach ei-
ner – wegen genannter Problematik nötigen, aber bewusst kurz gehaltenen – Begriffsbestimmung
soll es im Hauptteil der Arbeit jedoch in erster Linie um literarische Darstellungsformen dieser
kulturellen Begegnungszonen und Reibungspunkte oder Überlappungen gehen und im Zuge des-
sen auch um die Inszenierung des Raums in einer Zweiteilung aus „hier“ und „dort“ bzw. die
Schaffung eines dritten Bereiches des „Dazwischen“.
Mit derartigen Raumvorstellungen, die rein imaginativer, bisweilen transzendentaler Natur sein
können, aber ebenfalls rückgebunden an reelle geografische Orte erscheinen und häufig Migrati-
onswege nachzeichnen, gehen meist auch Veränderungen der Rahmenbedingungen von Kommu-
nikation einher. Mitunter gilt es, Sprachbarrieren zu überwinden, die sogar zu einem gänzlichen
Verstummen führen können. Dass sich das schon erwähnte literarische Motiv des Schweigens in
russlanddeutscher Literatur aber über weit tiefere Ebenen erstreckt, insofern es als posttraumati-
sches Symptom und Gedächtnisbedrohung auftritt, wird das letzte Kapitel dieses dritten Teils der
Arbeit zeigen.
Im textanalytischen Hauptteil werden im Zuge der exemplarischen Analysen zum einen die fikti-
onalen Erfahrungswelten untersucht, zum anderen ihre Bezüge zu den kulturellen Archiven auf-
gezeigt, aus denen sie sich speisen. Nach Aleida Assmann wird von der zentralen Rolle von Me-
dien (hier der Literatur), d. h. „externer Speichermedien und kultureller Praktiken“113, als Träger
des kulturellen Gedächtnisses ausgegangen, wobei diese Perspektive zwar die Les- und Be-
schreibbarkeit kultureller Praxis betont, jedoch ohne dabei den Eigenwert der Literatur zu ver-
nachlässigen. Die Analysen sind somit einerseits an textuellen Eigenschaften orientiert, anderer-
seits binden sie die Wechselwirkungen zwischen Zeitgeschichte, Kultur und Literatur in den Dis-
kurs ein. Mithin geht der Analyseteil somit über eine rein textimmanente Lektüre hinaus und
Themenkomplexe werden in werkübergreifender Weise anhand meist mehrerer Texte aufgezeigt
und interpretiert, um dem Gedanken eines kulturellen Gedächtnisses bzw. dem Gedächtnis von
Literatur im Sinne ihrer Intertextualität Rechnung zu tragen und vielfältige Vernetzungen aufzu-
zeigen. Eine mögliche Gefahr, die sich hierbei auftut, besteht darin, die Texte rein auf ihre mög-
liche Funktion der kollektiven Gedächtnisbildung „herunterzurechnen“ und etwa Gegenwartsbe-
züge und autorenspezifische Unterschiede zu vernachlässigen.
Die im Anschluss in Unterkapiteln behandelten Themen orientieren sich an den Motiven und
Narrativen, die in den Werken (qualitativ und quantitativ) als besonders relevant erscheinen. Vor
112
Vgl. Isterheld (2017), S. 58.
113
Assmann, A. (2018), S. 19.
39
allem die Komplexe um Sprache und Heimat spielen eine entscheidende Rolle bei der Konstruk-
tion von Identitäten im Allgemeinen und sind auch in russlanddeutscher Literatur vordergründig.
Wenn es dabei um Mehrsprachigkeit, Raumvorstellungen und kulturspezifisches Wissen geht,
bieten sich verschiedene Möglichkeiten, wie für eine angenommene Leserschaft, welche nicht
über den Erfahrungshorizont verfügt, der für das Verständnis bestimmter Inhalte wesentlich ist,
und diesen somit nicht in die Lektüre einbringen kann, entsprechende Informationen bereitgestellt
werden. Gefragt wird also nach der Art und Weise, wie unbekannte Schauplätze, Themen und
Ereignisse in die Erzählstruktur eingebaut und dargestellt werden, um sie der Mehrheitsgesell-
schaft „verständlich“ und begreifbar zu machen, denn dies wird von der Erzähl- bzw. Sprechin-
stanz meist klar gewünscht. Nicht zuletzt spielt für die Autor/inn/en dabei der Eindruck von
Glaubwürdigkeit eine bedeutende Rolle, der durch den autobiografischen Bezug vieler Texte mit
erzeugt wird. Letzterer ist als solcher einmal mehr und einmal weniger stark gekennzeichnet,
womit sich folglich die Positionierung im offenen Grenzbereich zwischen Fakt und Fiktion stär-
ker in die eine oder in die andere Richtung verschiebt. Die Analyse widmet sich ferner der litera-
rischen Darstellung traumatischer Geschehnisse und somit der Frage danach, wie Erfahrungen
von Grenzüberschreitungen versprachlicht bzw. nicht versprachlicht oder als Schweigen thema-
tisiert werden. Außerdem wird untersucht und an den Texten gezeigt, wie die gruppenkonstituti-
ven Narrative zu einer Herausbildung eines einenden Opfernarrativs potenziell beitragen. Täter-
Opfer-Konstellationen und Schuldaushandlungen spielen nämlich eine wesentliche Rolle bei der
Konstruktion russlanddeutscher Identität im Symbolsystem Literatur. Kulturell codierte Stereo-
type, die Problematik der Stigmatisierung durch Namen, Geschichtsnarrative einer Dichotomie
aus „hier“ und „dort“ sowie die Konstruktion eines interkulturellen Raumes „zwischen den Stüh-
len“ bzw. einer Außenseiterposition sind nicht zuletzt Teil der Untersuchung.
Zusammengefasst soll im Laufe dieser Arbeit russlanddeutsche Literatur ab 1991 im Netz ihrer
Bezüge verortet werden. Die Befragung der exemplarischen Texte macht es schrittweise möglich,
einen Eindruck von den Tendenzen aktueller russlanddeutscher Literaturgeschichte zu bekom-
men. Die Bedeutung immer wiederkehrender Topoi und Narrative, die auf verschiedene Weisen
Eingang in die Texte gefunden haben und zum Inventar eines bestimmten russlanddeutschen
Symbolsystems bzw. (Minderheits-)Gedächtnisses zählen, wurde bereits vorweggenommen. So
literarische Texte Gegenstand der kulturellen Selbstwahrnehmung und -thematisierung und durch
ein hohes Maß an Selbstreflexion charakterisiert sind, soll über die Textanalyse sowie deren Ein-
bettung in einen gedächtnistheoretischen Rahmen eine über das bloße Aufzeigen von wichtigen
Merkmalen hinausreichende Theorie über das zur Gedächtnisbildung beitragenden Potenzial der
Minderheitenliteratur für die Rezipient/inn/en entwickelt werden.
40
Den Abschluss der Untersuchung bildet ein Ausblick in weitere spannende Themenbereiche. Fra-
gen nach gegenwärtigen Rezeptionsvorgängen russlanddeutscher Literatur sowie unterschiedli-
chen gesellschaftlichen Funktionen, die diese als Medium des kulturellen Gedächtnisses überneh-
men kann, müssen etwa zukünftig durch empirische Feldforschung erschlossen werden.
41
2 Ethnografisch-historische Sensibilisierung
Ohne Kenntnis der historisch-gesellschaftlichen Hintergründe lässt sich eine Vielzahl an Werken
russlanddeutscher Literatur nicht auf all ihren Bedeutungsebenen verstehen. Die ausführliche
Thematisierung nimmt ausschweifende Exkurse im Rahmen der Textanalysen vorweg. Eine Ein-
grenzung der (literatur-)geschichtlichen Rückschau auf die letzten Jahrzehnte – der zeitlichen
Einschränkung der Werkauswahl folgend – wäre hierbei nicht sinnvoll, sind es doch weiter zu-
rückliegende, generationenübergreifend tradierte Erinnerungsorte, die in der Gegenwartsliteratur
von großer Bedeutung sind. Die Geschichte der Russlanddeutschen wird in diesem Kapitel daher
vom Zeitpunkt der Auswanderung, angesetzt mit dem 18. Jahrhundert, bis zur Gegenwart veran-
schaulicht.
Ziel ist eine ganzheitliche Darstellung, die die Verknüpfungen zwischen Zeitgeschichte, kulturel-
lem Gedächtnis und literarischen Erinnerungsorten erkennbar macht. Identitätsbegriffe und -kon-
strukte werden im Zuge des historischen Abrisses mitverhandelt. Doch ist Geschichtsdarstellung
stets mit begrifflichen Schwierigkeiten konfrontiert. Allein die Entscheidung für die Verwendung
bestimmter Termini erzeugt Identitäten und Zugehörigkeiten. Nach Brake werde innerhalb der
Russlanddeutschenforschung das Vorhandensein einer ethnischen Identität „deutsch“ eher kon-
statiert, denn als zu erforschendendes Phänomen behandelt.114 Auf die Ungenauigkeit des Be-
griffskomplexes „Russlanddeutsche/russlanddeutsch“ wurde bereits an anderer Stelle eingegan-
gen. Hier soll nur erwähnt sein, dass sich im Kontext historischer Entwicklungen auf einer wei-
teren Ebene Schwierigkeiten ergeben, da zwischen Deutschbalten, der deutschen Stadtbevölke-
rung sowie einer ländlichen Bevölkerung differenziert werden muss.115 Weil die in ruralen Ge-
bieten lebenden Deutschen geschichtlich betrachtet die Mehrheit der Russlanddeutschen bilden,
werden die historischen Entwicklungen dieser Gruppen vordergründig behandelt.
Berücksichtigung erfahren hingegen die differenten Verläufe, die in den 1930er-Jahren einsetz-
ten, d. h. die Geschichte von Vertrags- und Administrativumsiedler/inne/n, die im Gegensatz zu
den am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Deportierten temporär in deutscher Einflusssphäre leb-
ten. Eine unabhängige und reflektierte Herangehensweise bedingt den weitgehenden Verzicht auf
ideologische Formulierungen. In Fällen wie dem nationalsozialistische Ideologeme enthaltenden
Begriffskomplex „Volksdeutsche/volksdeutsch“, welchem im Kontext deutscher Besatzung je-
doch zentrale Bedeutung zukommt, werden die Bezeichnungen visuell über die Setzung unter
Anführungszeichen hervorgehoben.
114
Vgl. Brake (1996), S. 10.
115
Vgl. Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München:
C. H. Beck 2001, S. 243.
43
In Bezug auf die Literaturlage muss angemerkt werden, dass nur wenige Publikationen zur Situ-
ation in deutschen Siedlungsgebieten vor Beginn und im Verlauf des Zweiten Weltkrieges vor-
liegen. Auch gegenwärtig wird in einschlägiger Forschungsliteratur immer wieder auf Unklarhei-
ten und variierende Angaben bezüglich russlanddeutscher Kolonien und Tochterkolonien hinge-
wiesen.116 Birgit Griese betont ferner die unbefriedigende Anzahl an Publikationen zu den Reak-
tionen der in Südrussland bzw. in den an deutsches Territorium grenzenden Gebieten lebenden
Russlanddeutschen während des Zweiten Weltkrieges. Themen wie die Integration in (para-)mi-
litärische deutsche Verbände oder Aufgaben, die in den deutschen Verwaltungen der besetzten
Gebiete übernommen wurden, würden in geschichtlichen Darstellungen oft nur flüchtig oder gar
nicht behandelt:117
Dass die Mitgliedschaft in NS-Formationen und die Teilnahme an weltanschaulich motivierten Aktio-
nen in landsmannschaftlichen, aber auch in wissenschaftlichen Abhandlungen ignoriert werden, ist
mehr als bedauerlich. Die „Leerstelle“ hängt mit einer Form der Opferinszenierung zusammen, die im
bundesrepublikanischen kollektiven Gedächtnis seit den fünfziger Jahren ebenso wie im juristischen
Regelwerk verankert ist.118
Wie von Griese angesprochen nähern sich insbesondere landsmannschaftliche oder von anderen
russlanddeutschen Verbänden herausgegebene Abhandlungen oft auf einseitige Weise der Ver-
gangenheit: Revanchismus, Aufrechnung, Verdrängung, Gleichsetzung von Kommunismus mit
Nationalsozialismus sind Bestandteil einzelner Publikationen, Bündnisse mit neofaschistischen
Gruppierungen in einigen Fällen Ergebnis praktischer Politik der Verbände.119 Auf der anderen
Seite gibt es bisweilen gegenläufige Tendenzen und extreme Positionierungen, die die Leidenser-
fahrungen der Deutschen als logische und gerechtfertigte Konsequenz des durch den Nationalso-
zialismus verursachten Unrechts sehen.
Abschließend bleibt darauf hinzuweisen, dass die Anfänge deutscher Einwanderung in das russi-
sche Zarenreich nicht erst mit der gezielten Anwerbung deutscher Bauern und Bäuerinnen unter
Katharina der Großen anzusetzen sind, sondern bereits ins frühe Mittelalter datieren. Diese ersten
Einwanderungsbewegungen sind allerdings eher als Vorgeschichte zu werten, wanderten doch
zahlenmäßig vergleichsweise wenige Deutsche in russische Städte ein, von denen sich wiederum
116
Vgl. Brandes (1993), S. 1-10; Wiens (2000), S. 153 f.
117
Vgl. Griese (2006), S. 94-96.
118
Ebda., S. 95. (Das „juristische Regelwerk“ bezieht sich auf das Bundesvertriebenen- und Kriegsfol-
genbereinigungsgesetz, demzufolge Aussiedler/innen auf der Basis des historischen Kontextes, d. h.
zwangsweisem Verlust des Wohnsitzes, materiellen und sozialen Verlusten im Zweiten Weltkrieg, beson-
derem rechtsstaatlichen Schutz unterstehen.)
119
Vgl. Hirsch, Helga: Flucht und Vertreibung. Kollektive Erinnerung im Wandel. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte 40-41 (2003). [Link]
bung/554-1001084-kollektive-erinnerungen-im-wandel (05.03.2020), S. 11.
44
nur ein Teil dauerhaft dort niederließ: Schon zu Zeiten des Kiewer Rus120 bestanden im Nordost-
seegebiet zahlreiche Handelsverbindungen, um 1200 hatten deutsche Kaufleute ein Hansekontor
in der Stadtrepublik Nowgorod gegründet. Mit der Unterwerfung der Stadt im Jahr 1478 unter
Iwan III. und Eingliederung in das Moskowiter Reich kamen deutsche Handwerker/innen, Kauf-
leute, Ärzte, Architekten, Söldner und Offiziere vermehrt ins neue Machtzentrum Moskau. Iwan
III. war der erste in einer ganzen Reihe von Zar/inn/en, die ausländische Fachleute gezielt anwar-
ben, doch erst die Expansions- und Modernisierungsbestrebungen Peters I. eröffneten den Einge-
wanderten neue Aufstiegschancen und Verdienstmöglichkeiten – unter ihm gelangten insbeson-
dere viele Baltendeutsche, die aus der Zeit des Deutschen Ordens hervorgegangen waren, ins
Land. Schon seit der Reformation hatten Deutsche in St. Petersburg und Moskau die Möglichkeit,
Gottesdienste in evangelischen und katholischen Kirchen zu besuchen, ihre Kinder auf die Ge-
meinde- oder auf deutsche Privatschulen zu schicken, sich in Vereinen zu versammeln oder The-
aterstücke in deutscher Sprache zu sehen.121 1727 wurde die St. Petersburgische Zeitung, die äl-
teste deutschsprachige Auslandszeitung gegründet.
Die Anwerbung kann als Teil eines bevölkerungspolitischen Gesamtkonzepts gesehen werden.
Die kaum besiedelten Steppengebiete besonders in den neu erworbenen Regionen in Südrussland
120
Der Kiewer Rus war ein mittelalterliches Großreich, gegründet in der ersten Hälfte des 9. Jahrhun-
derts, und wird als Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland angesehen.
121
Vgl. Eberbach, Götz: Woher? Wohin? Die Wanderungen der Rußlanddeutschen gestern und heute.
Wien: Österreichische Landsmannschaft 2003, S. 7.
122
Vgl. Brandes (1993), S. 20.
123
Vgl. Eisfeld (1999), S. 16.
124
Vgl. ebda., S. 18 f.
45
und der Ukraine, weite Gebiete mit geringer Bevölkerungszahl, sollten durch die Ansiedlung
deutscher Handwerker/innen und Bauernfamilien, welche außerdem moderne landwirtschaftliche
Methoden kannten, gestärkt und abgesichert werden. Die Regierung stellte Einwanderungswilli-
gen bestimmte Privilegien in Aussicht. Als Lockmittel dienten unter anderem das Versprechen
freier Religionsausübung, die Befreiung von Militär- und Zivildienst (von besonderer Bedeutung
war das für Mennonit/inn/en, die außerdem wegen ihrer Kompetenzen im landwirtschaftlichen
Bereich besonders geschätzt wurden), Steuer- und Dienstleistungsbefreiung für bis zu dreißig
Jahre sowie kostenlos staatliches Land. Vor allem wirtschaftliche Motive (Bevölkerungswachs-
tum, Landmangel, Hungersnöte und Kriegsfolgen) sowie religiöse und politische Gründe moti-
vierten die Auswanderung.125
Jene Ausreisenden, die die Strapazen der beschwerlichen Reise zu ihrem neuen Wohnort über-
standen, siedelten vor allem im Schwarzmeergebiet und an der Wolga bei Saratow, wie aus Plänen
des russischen Senats vom März 1764 hervorgeht. Erst „1774 verlagerte sich das Schwergewicht
des Regierungsprogramms zur Ausländersiedlung vom Wolgagebiet auf die Südukraine.“126 Zu-
wanderung, Bevölkerungswachstum, Agrarordnung sowie das Verbot der Erbteilung (im Regel-
fall sollte nur der jüngste Sohn den elterlichen Besitz erben) führten bald zu einem Mangel an zu
bewirtschaftendem Land. Staats- bzw. Kronland war eine Strategie diesem Problem zu begegnen;
in neu gegründeten Tochterkolonien, welche verstärkt Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, fan-
den alte und neu eingewanderte Siedler/innen ein Auskommen.127 Nicht alle Tochterkolonien be-
fanden sich dabei in unmittelbarer Nähe zu den Mutterkolonien, zahlreiche Niederlassungen ent-
standen in Sibirien, Turkestan (zentralasiatische Länder im Norden des modernen Persiens und
Afghanistans) und Kasachstan.
In der schwierigen Anfangszeit war das Schrifttum der Deutschen in Russland hauptsächlich
durch das Schaffen von Pastoren und Lehrer/inne/n, durch kleinformatige, größtenteils mündlich
verbreitete Folkloredichtungen wie Schwänke, Lieder oder Kalendergeschichten vertreten.128 Zu
den ältesten überlieferten Texten der Russlanddeutschen gehört die 1766/67 in Versform verfasste
„Reisebeschreibung der Kolonisten, wie auch Lebensart der Rußen“ des pommerschen Offiziers
Bernhard Ludwig von Platen. Engel-Braunschmidt stellt aber klar, dass es ein Fehlschluss wäre,
125
Vgl. Griese (2006), S. 98.
126
Bartlett, Rodger: Die Einwanderung von Ausländern und die staatlichen Urbanisierungspläne im 18.
und frühen 19. Jahrhundert. In: Die Deutschen in der UdSSR in Geschichte und Gegenwart. Ein internati-
onaler Beitrag zur deutsch-sowjetischen Verständigung. Hrsg. v. Fleischhauer, Ingeborg u. Hugo Jedig.
Baden-Baden: Nomos 1990, S. 49.
127
Vgl. Griese (2006), S. 100.
128
Vgl. Wormsbecher, Hugo: Mit dem Volk durch alle Härten gegangen. Notizen über sowjetdeutsche
Literatur. In: Heimatliche Weiten 1 (1989). [Link]
(28.06.2021).
46
die russlanddeutsche Literaturgeschichte mit diesem Werk beginnen zu lassen, denn „[s]o an-
schaulich von Platens Verse auch rußlanddeutsches Kolonistenleben in seinen Anfängen schil-
dern“,129 sei das Gedicht über hundert Jahre die einzige deutsche Dichtung der Region geblieben
und somit entwicklungsgeschichtlich folgenlos. Insgesamt seien in den ersten gut hundert Jahren
seit der Einwanderung (bis 1870) nur vierunddreißig Bücher und dreiundzwanzig journalistische
Artikel erschienen.130 In der von Engel-Braunschmidt herausgegebenen Sammlung „Siedlernot
und Dorfidyll – Kanonische Texte der Rußlanddeutschen“ sind neben Platens „Einwandererlied“
und „Volkskundlichem“, wie Sprichwörtern, kurzen Gedichten und Erzählungen, zwei Versdich-
tungen abgedruckt: „Der Kirgisenmichel“ (bekannt war die Erzählung in den Kolonien in münd-
licher Überlieferung schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts) und das erst 1914 zum Gründungsju-
biläum von Dobrinka auf der Bergseite, dem ersten wolgadeutschen Dorf, verfasste „Lied vom
Küster Deis“ von Pastor David Kufeld. Im Vorwort betont Engel-Braunschmidt den großen Stel-
lenwert solcher Texte noch in der Gegenwart:
Es gibt bis heute – neben Liedern, Sprüchen, Schwänken – bei den Rußlanddeutschen einige wenige
erzählende Texte, in Vers oder Prosa, die nicht nur die Generationen miteinander verbinden, sondern
auch die über Kasachstan, Rußland, die Ukraine und andere Gebiete der ehemaligen Sowjetunion-
verstreut lebenden Deutschen.131
Im Gestus der Glorifizierung alter Zeiten schildert Kufeld im „Lied vom Küster Dies“ neben den
Leiden der „Väter“ in den ersten Jahren nach der Ankunft an der Wolga und dem Alltagsleben in
den Dörfern auch die (historisch belegten) Überfälle 1776 in Mariental und 1841 in Neuruslan.
Denn nicht eingelöste Versprechen der Regierung zählten genauso zu den Erschwernissen des
Lebens der ersten Kolonist/inn/en wie raubartige Überfälle. Gegen einen solchen drohenden
Überfall der „Kirgisen“– bei den Russlanddeutschen damals die allgemeine Bezeichnung für ver-
schiedene nomadisierende Steppenvölker – hat Küster132 Deis die Dorfbewohner/innen im Schul-
haus bei Gesang und Gebet versammelt:
129
Engel-Braunschmidt, Annelore: Rußlanddeutsche Literatur: Konsolidierung und Auflösung. In: Deut-
sche in Rußland. Hrsg. v. Rothe, Hans. Köln, Wien u. a.: Böhlau 1996 (Studien zum Deutschtum im Os-
ten 27), S. 53.
130
Vgl. ebda.
131
Engel-Braunschmidt, Annelore: Vorwort. In: Siedlernot und Dorfidyll. Kanonische Texte der Ruß-
landdeutschen. Hrsg. v. Engel-Braunschmidt, Annelore. Berlin u. Bonn: Westkreuz 1993, S. 5.
132
Der Küster als örtlicher und „volksnaher“ Stellvertreter des Pastors fungierte in vielen russlanddeut-
schen Dörfern auch als Leiter der Elementarschule.
133
Das Verspoem wurde in den 1980er-Jahren in der Zeitung „Neues Leben“ [Nr. 27 (1987)] in der „Pub-
likationsreihe von Werken aus der Folklore der Deutschen im vorrevolutionären Rußland sowie der Sow-
jetdeutschen“ stark verändert nachgedruckt: Achtzehn Strophen wurden getilgt, der Begriff „Kirgisen“ im
Zeichen der staatlich verordneten Völkerfreundschaft durch „Barbaren“ ersetzt.
47
Von der Macht der schönen Lieder!
Höflich gingen alle wieder
Sachtig naus und machten zu
Leise hinter sich die Türen,
Ließen Neuruslan in Ruh’.134
Den religiös-nationalistischen Ton des Liedes relativiert Woldemar Ekkert später in der 1981
herausgegebenen „Anthologie der sowjetdeutschen Literatur“ im Zeichen sowjetischer Propa-
ganda (Völkerfreundschaft und Atheismus), indem er das Vorhandensein „bürgerlich-demokrati-
scher Tendenzen“135 konstatiert, gleichzeitig verkennt er die humorige und satirische Charakte-
ristik des Textes.136
Unter dem Zaren Alexander I. wurden unter anderem die Hafenstädte Odessa und Taganrog aus-
gebaut. Ziele der damit einhergehenden Anwerbung deutscher Kolonist/inn/en waren die Versor-
gung der Städte und die Belebung des Seehandels. Doch wie an der Wolga produzierte die russi-
sche Agrarordnung (Mir-System) im Schwarzmeerraum Probleme, infolge derer es zu starker so-
zialer Differenzierung und einer hohen Anzahl Landloser kam.137 Pacht, Kauf und Zuweisung
von Kronland bildeten auch hier die Lösungsansätze. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts bemühte
sich die Regierung gleichzeitig um eine stärkere Regulierung von Zu- bzw. Abwanderung. In
einem Ukas von 1804 erließ Alexander I. neue Richtlinien, denen zufolge nur einer bestimmten
Anzahl an Familien, die ferner ein gewisses Vermögen vorweisen mussten, jährlich die Einwan-
derung gestattet werden sollte. Mennonit/inn/en blieben von Beschränkungen ausgenommen –
auch als 1819 die staatliche Ansiedlungspolitik zum Ende kam.
Wanderbewegungen innerhalb Russlands gingen von den bestehenden Kolonien aus. 1830 be-
gann die Ansiedlung in Wolhynien, einem im Norden der Ukraine gelegenen Areal, durch Neu-
und Altkolonist/inn/en. Tochterkolonien entstanden ferner im Gebiet von Samara an der Wolga
nördlich des bisherigen Siedlungsgebietes, in der Gegend von St. Petersburg, aber auch in Tur-
kestan und Zentralasien. In Sibirien wurden (Tochter-)Kolonien mit Schwerpunkt Ende des 19.
bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet, denn auch nach Abschaffung bzw. Einschränkung
der Privilegien im Rahmen der Reformen Alexanders II. wurden dortigen Siedler/inne/n ökono-
mische Vorteile eingeräumt; im Zuge der Stolypinischen Agrarreformen war Boden in Sibirien
134
Kufeld, David: Das Lied vom Küster Deis. In: Siedlernot und Dorfidyll. Kanonische Texte der Ruß-
landdeutschen. Hrsg. v. Engel-Braunschmidt, Annelore. Berlin u. Bonn: Westkreuz 1993, S. 58. (Dieser
Nachdruck folgt der Ausgabe: David Kufeld: Das Lied vom Küster Deis. Beitrag zu unserem 150-jähri-
gen Jubiläum 1764-1914. Saratow 1914.)
135
Vgl. Ekkert, Woldemar: Die Literatur der Russlanddeutschen bis 1917 und der Sowjetdeutschen von
1917 bis 1957. In: Anthologie der sowjetdeutschen Literatur 1. Alma-Ata: Kasachstan 1981, S. 17.
136
Vgl. Engel-Braunschmidt: Küster Deis. In: Siedlernot und Dorfidyll. Kanonische Texte der Rußland-
deutschen. Hrsg. v. Engel-Braunschmidt, Annelore. Berlin u. Bonn: Westkreuz 1993, S. 47.
137
Vgl. Griese (2006), S. 102.
48
und Kasachstan unentgeltlich vergeben worden. Missernten und Hungersnöte im Wolgagebiet
forcierten Binnenwanderungen außerdem.
Anfang des 19. Jahrhunderts waren zahlreiche Siedler/innen nach wie vor nicht in der Lage, ohne
staatliche Hilfeleistungen auszukommen. Oft bestand Mangel an Holz, Geräten, Saatgut, saube-
rem Wasser und Vieh, aber auch an medizinischer und geistlicher Betreuung. Schlechte Witte-
rungsbedingungen und Seuchen dezimierten Menschen und Viehbestände. In den meisten Fällen
gelang es den Kolonist/inn/en jedoch, sich mit der Zeit einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten.
„Als wirtschaftlich besonders erfolgreich erwiesen sich die Angehörigen der Freikirchen der
Herrnhuter, Hutterer und Mennoniten. Durch ihre sittlich strenge Lebensführung, Einstellung zur
Arbeit und kirchlich-soziale Organisation hoben sie sich von der zusammengewürfelten Gesell-
schaft, besonders der Wolga-Deutschen ab“,138 betont Eisfeld. 1830 war das Innenministerium
der Meinung, die Verwaltung der Kolonien könne nun vereinfacht werden, da jene wirtschaftlich
gefestigt, die Staatsschulden festgestellt und Einwanderungen eingestellt seien – ab 1833 standen
alsdann alle Kolonist/inn/en unter einheitlicher Verwaltung des weisungsbefugten „Fürsorgeko-
mitees“ in Odessa.139
Weltliche und religiöse Belange waren in den Kolonien Neurusslands und im Wolgagebiet eng
ineinander verzahnt. 1840 führte das Fürsorgekomitee in den Kolonien die Schulpflicht ein. Die
Leitung der konfessionell geprägten Schulen oblag Schulmeistern, die in protestantischen Ge-
meinden meist zugleich das Amt des Küsters oder Kantors ausübten und dem Pfarrer unterstan-
den. Fürsorgeeinrichtungen wie Hospitale oder Heime wurden ebenfalls von Geistlichen ge-
führt.140 Die durch Kirche und Schule vermittelte Bildung hatte zunächst eine im Vergleich zu
anderen Bevölkerungsgruppen hohe Alphabetisierungsquote zur Folge, der durchschnittliche Bil-
dungsgrad ist aber nicht zu hoch einzuschätzen, sollte der Unterricht doch hauptsächlich auf die
Konfirmation vorbereiten. Die Säkularisierung schulischer Bildung und die Aufstockung und
Ausbildung pädagogischen Personals kamen nur langsam voran. Neben den Kirchenschulen als
Elementarschulen und Zentralschulen als Lehrerbildungsstätten gab es weiterführende Schulen
zuerst nur in Moskau und Petersburg, erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Hochschulen auch
in Odessa, Saratow, Tiflis, Charkow, Kiew und Helenendorf eröffnet. Mit der Ausdifferenzierung
des Schulsystems wuchs das Bedürfnis nach einem eigenen Schrifttum in den Kolonien, 1863
wurde die in Südrussland führende „Odessaer Zeitung“ gegründet, ein Jahr später die erste wolga-
deutsche Zeitung „Saratowsche deutsche Volkszeitung“. Die Presse förderte (wenn auch in be-
scheidenem Ausmaß) die Literaturentwicklung; Kurzerzählungen, Verse, Familienchroniken und
138
Eisfeld (1999), S. 31.
139
Vgl. Brandes (1993), S. 150.
140
Vgl. Griese (2006), S. 104.
49
Essays fanden ihren Platz in den verschiedenen Publikationen.141 Carl Ferdinand Emanuel von
Wahlberg (1847-1920), Peter Sinner (1879-1930er-Jahre), August Lonsinger (1881-1953) und
Georg Samuel Löbsack (1893-1936) zählt Nina Paulsen etwa zu den bekanntesten Autoren der
Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg.142
Mit Blick auf russlanddeutsche Identitätskonstruktionen schreiben Pinkus und Fleischhauer, dass
„[v]on Anfang der Einbürgerungszeit an […] die Pflicht der Unterhaltung der Geistlichen, des
Baus von Kirchen und Schulen und der Ausbildung und Anstellung von Lehre und Schulmeistern
bei den deutschen Gemeinden selbst [lag].“143 Dieses Reglement habe sich für die Erhaltung und
Stärkung der nationalen und religiösen Identität als durchaus förderlich erwiesen. Auch sprach-
wissenschaftlich gesehen handelt es sich bei den Orten oder Rayons mit überwiegend deutscher
Bevölkerung um geschlossene Sprachinseln. Von der anbrechenden Industrialisierung und Mo-
dernisierung beeinflusst stieg zunächst die soziale und räumliche Mobilität der Bevölkerung in
städtischen Arealen, insgesamt veränderten sich die sozio-ethnischen Strukturen des Vielvölker-
reichs Russlands aber nur langsam, die ländlich-bäuerliche Produktion dominierte bis weit ins 20.
Jahrhundert die gesamtgesellschaftliche Formation.144 Die Kolonist/inn/en lebten weiterhin größ-
tenteils in Isolation zu umliegenden ethnisch und religiös abweichend strukturierten Siedlungen.
Ethnisch-konfessionelle Unterschiede wirkten sogar zwischen deutschen Siedlungen, wie Brake
anschaulich beschreibt:
Die einzelnen Kolonien waren konfessionell und oft auch herkunftsregional getrennt. So gab es oft
nebeneinander ein mennonitisches Dorf, in dem Plattdeutsch gesprochen wurde, ein katholisches, in
dem Bayrisch, ein lutherisches, in dem Schwäbisch gesprochen wurde usw. Die Sprachbarrieren
zwischen diesen Dörfern waren kaum geringer als zu jenen, in denen russisch und – im Schwarz-
meergebiet – jiddisch, polnisch, schwedisch, bulgarisch gesprochen wurde. Gemeinsam mit der
durch das Erbrecht begünstigten Endogamie innerhalb der Dörfer und der mangelnden Mobilität der
bäuerlichen Bevölkerung […] bildete sich durch diese Segregation eine relative Kontinuität in Spra-
che und Kultur, die bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts fortdauerte.145
Russlanddeutsche stellten zu keiner Zeit eine homogene Gruppe dar,146 von einem Bewusstsein,
einer einheitlichen, nationalen Volksgruppe anzugehören, kann aufgrund der unterschiedlichen
Sozialstrukturen (Stadt/Land), Sprachen bzw. Dialekten, Religionszugehörigkeiten und Sied-
lungsgeschichten bis Ende des 19. Jahrhunderts schon gar nicht ausgegangen werden.
141
Vgl. Paulsen (2018), S. 37.
142
Vgl. ebda., S. 36.
143
Pinkus, Bernhard u. Ingeborg Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion. Baden-Baden: Nomos
1987 (Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert Osteuropa und der internationale Kom-
munismus 17), S. 44.
144
Vgl. Kappeler (2001), S. 249.
145
Brake, Klaus: Lebenserinnerungen rußlanddeutscher Einwanderer. Zeitgeschichte und Narrativik. Ber-
lin u. Hamburg: Dietrich Reimer 1998 (Lebensformen 9), S. 64.
146
Vgl. Armborst, Kerstin: Die Ablösung der Sowjetunion. Die Emigrationsbewegung der Juden und
Deutschen vor 1987. Münster: LIT 2001, S. 36.
50
2.3 Reformen und Völkerfrühling
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die bisherigen Formen gemeinschaftlichen Zusammen-
lebens allerdings brüchig, „sei es aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen, angesichts mo-
difizierter Nationalitätenpolitik, notwendiger Agrarreformen oder rechtlicher Gleichstellung der
Kolonist/inn/en.“147 In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in Russland
der Panslawismus, die Entwicklungen standen im Zeichen der nach der Niederlage im Krim-Krieg
eingeleiteten Reformen auf den verschiedensten Gebieten von Wirtschaft, Politik und Gesell-
schaft. Die deutschen Siedler/innen entwickelten sich innen- wie außenpolitisch immer mehr zu
einem Problemfall. Ihre vor allem in den westlichen Gouvernements Wolhynien, Podolien und
Kiew rasch ansteigende Zahl in den 1860er-Jahren führte zu Konflikten. Nach Gründung des
Deutschen Reiches 1871 wurden die deutschen Kolonist/inn/en zudem in wachsendem Ausmaß
als nationale Einheit gesehen. Russland müsse den Russ/inn/en gehören, avancierte zum Motto
des Zaren Alexander III. Die Slawophilen gewannen an Einfluss, in der Presse las man immer
wieder von der drohenden Germanisierung, Ausbeutung und Verdrängung der russischen Bau-
ern/Bäuerinnen in Wolhynien. Die Zustände führten zu einer Auswanderungswelle Russlanddeut-
scher, die mit Unterbrechungen bis zum Ersten Weltkrieg andauerte und „bezeichnenderweise
nicht nach Deutschland, sondern in die Überseestaaten [führte]. Dort konnte er [ein deutschstäm-
miger Siedler] Land billig erwerben bzw. pachten und die gewohnte Lebensweise auch in Zukunft
pflegen.“148
Durch das Gesetz vom 16. Juni 1871 wurde die Selbstverwaltung der Kolonien nach einer kurzen
Übergangszeit aufgehoben und der allgemeinen Verwaltung unterstellt. Die Änderungen reichten
ferner von der Einführung des Russischen als Amtssprache – auch auf Dorfebene – bis hin zur
Aufsichtsbefugnis über die Kolonien seitens der aus anderen Nationalitäten bestehenden Behör-
den auf der Ebene des Bezirks und des Gouvernements. Die geplante Aufhebung der Befreiung
vom Wehrdienst veranlasste etwa ein Drittel aller Mennonit/inn/en zur Auswanderung auf den
amerikanischen Kontinent, obwohl die Regierung um die Schaffung waffenfreier Ersatzdienste
bemüht war.149 Rechtlich wurden 1881 sämtliche Kolonistenschulen unter Verwaltung des Mi-
nisteriums für Volksbildung gestellt. Zentralschulen erkannte man die Berechtigung zur Lehrer-
147
Griese (2006), S. 105.
148
Krieger, Viktor: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft. Historische Schlüsselerfahrungen und kol-
lektives Gedächtnis. Münster: LIT 2013 (Geschichte, Kultur und Lebensweisen der Russlanddeut-
schen 1), S. 176.
149
Vgl. Hildebrandt, Gerhard: Die Wehrlosigkeit der Mennoniten in Rußland. In: 200 Jahre Mennoniten
in Rußland. Aufsätze zu ihrer Geschichte und Kultur. Hrsg. v. Verein zur Erforschung und Pflege des
Kulturerbes rußlanddeutschen Mennonitentums. Boladen-Weierhof: Mennonitischer Geschichtsverein
2000, S. 171.
51
ausbildung ab, in den Kirchenschulen durften nur noch Lehrer/innen unterrichten, die das russi-
sche Lehrerexamen ablegten. Auf diese Regelungen folgte die Einführung des Russischen als
Unterrichtssprache.150
Die Konflikte zwischen Staatsmacht und Siedler/inne/n förderten nun jedoch gleichzeitig die
Ausbildung einer gemeinsamen national-kulturellen Identität.151 Der Ausbau des Pressewesens,
überregionale Vereinsgründungen, die Institutionalisierung kirchlicher Verwaltung auf Reichs-
ebene, was auch zur Vereinheitlichung der Sprachen bzw. Dialekte beitrug,152 lagen dieser Ent-
wicklung zugrunde. In dem Zusammenhang muss ferner auf alldeutsche Kreise hingewiesen wer-
den, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Propaganda und Publikationen entsprechender
Positionen mit praktischer Politik begannen. Deutsche Vereine wurden in Estland, Livland, Kur-
land, Riga, Moskau sowie in den urbanen Arealen des Wolga- und Schwarzmeergebietes gegrün-
det und schlossen sich dem alldeutschen Netzwerk an. Griese betont allerdings, dass hier zwi-
schen traditionsorientierten, kultur- oder bildungspolitisch versierten und nationalistisch ausge-
richteten Institutionen unterschieden werden müsse.153 Einerseits mag das differenzierte Vereins-
wesen zur Formierung eines nationalen Bewusstseins beigetragen haben, doch bei genauerer Be-
trachtung wird deutlich: Der Gedanke einer Sammelbewegung war wenig verbreitet, im Jahr 1908
gab es in Odessa zehn deutsche Vereine.
Die Situation verschärfte sich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Zu Staatsfeind/inn/en erklärt
wurden Russlanddeutsche zunehmend für Kriegsniederlagen verantwortlich gemacht,154 der Spi-
onage, feindseligen Stimmung und Bereitschaft zum Verrat bezichtigt. Der Erlass vom 18. August
1914 verbot die Verwendung der deutschen Sprache in öffentlichen Institutionen, ausgenommen
waren nur die Kirchen. Die Liquidationsgesetze im Folgejahr sahen die Enteignung deutschen
Landbesitzes und Vermögens in einem hundert bis hundertfünfzig Kilometer breiten Grenzgürtel
vor; in den Monaten Juli und August 1915 wurden etwa sechzig Prozent der deutschen Bevölke-
rung Wolhyniens zwangsumgesiedelt.155 Die Maßnahmen am Vorabend und im Verlauf des Ers-
ten Weltkrieges fanden eine ideologische Basis in allrussischen, nationalistischen Diskursen, wo-
bei alldeutsche Politik zu Spannungen beitrug, „obwohl Russlanddeutsche ihre Verbundenheit zu
Russland öffentlichkeitswirksam, zum Beispiel durch Bekanntmachung in eigenen Presseorga-
nen, inszenierten und sich im Krieg vielfach auf russische Seite stellten.“156 Auch Forscher/innen
150
Die Revolution von 1905 brachte es mit sich, dass der Unterricht in den ersten vier Jahrgangsstufen
wieder in Deutsch abgehalten werden durfte.
151
Vgl. Griese (2006), S. 108.
152
Vgl. Pinkus u. Fleischhauer (1987), S. 47.
153
Vgl. Griese (2006), S. 111.
154
Vgl. Armborst (2001), S. 37.
155
Vgl. Eisfeld (1999), S. 72.
156
Griese (2006), S. 113 f.
52
wie Armborst konstatieren, dass der Zuspruch für Regierung bzw. Herrscherhaus unter dem Groß-
teil der russlanddeutschen Bevölkerung bis zum Ersten Weltkrieg bestehen blieb. Reaktionen zum
Kriegsgeschehen fielen dennoch unterschiedlich aus: Während sich die Bevölkerung im Baltikum
aktiv zur Wehr setzte, reagierten Kolonist/inn/en zögerlich. Vereinzelt mögen Deutsche den Vor-
marsch deutscher Truppen begrüßt haben, die Mehrheit reagierte allerdings mit Loyalitätsbekun-
dungen und aktiver Kriegsbeteiligung auf russischer Seite.157 Die dessen ungeachtet antideutsche
Stimmung am Ende des Russischen Reiches, die Betroffene in eine ethnische Außenseiterrolle
drängte, machte eine Teilhabe an einem kollektiven „Wir-Bewusstsein“ im Russischen Reich je-
doch schwer realisierbar.158
Mitte 1918 entzogen sich die Ukraine, Weißrussland, Aserbaidschan, Estland, Lettland, Litauen,
Georgien und Armenien russischem Einfluss. Unabhängigkeitserklärungen, Besetzungen durch
deutsche Truppen in der Ukraine, Machtbereiche der Menschewiki, Krieg und Bürgerkrieg sorg-
ten zunächst für verschiedene Verwaltungs- und Einflussbereiche. 159 Der Bürgerkrieg (1917-
1920 bzw. 1922) ging in der Ukrainischen Volksrepublik erst mit der Eroberung durch die Rote
Armee zu Ende. Unterschiedliche Einschätzungen gibt es darüber, auf welcher Seite die Russ-
landdeutschen im Bürgerkrieg standen, aufgrund ihrer sozialen Lage als Bauern/Bäuerinen und
Gutsbesitzer/innen scheint eine Sympathie für die Weißgardist/inn/en aber naheliegend.160 Fest
steht, dass sie hohe Verluste an Menschenleben und Besitz verkraften mussten. Durch den kriegs-
bedingten Rückgang an Viehbestand und Saatfläche zeichnete sich 1920 ein Hungerjahr voraus,
157
Vgl. Griese (2006), S. 111 f.
158
Vgl. Römhild, Regina: Die Macht des Ethnischen: Grenzfall Russlanddeutsche. Frankfurt a. M.: Peter
Lang 1998 (Perspektiven einer politischen Anthropologie 2), S. 84.
159
Vgl. Griese (2006), S. 116.
160
Vgl. Gansel (2020), S. 949.
53
der Moskauer Plan der Getreidebeschaffung nahm darauf aber keinerlei Rücksicht. Bauernunru-
hen in zahlreichen Gouvernements Russlands wurden zwar niedergeschlagen, bewirkten jedoch
eine Kursänderung. Die auf dem zehnten Parteitag von Lenin eingeleitete „Neue Ökonomische
Politik“ (NÖP) sollte die wirtschaftliche Erholung des Landes ermöglichen. Statt der Requisition
der Lebensmittel sollten die Bäuerinnen und Bauern eine Naturalsteuer entrichten, die sich bei
steigender Produktion ermäßigte. Überschüsse konnten wieder auf den Markt gebracht werden.
Die deutschen Kolonien an der Wolga und in der Ukraine konnten 1921 keinen Nutzen daraus
ziehen – trotz ausländischer Hilfsmaßnahmen ging die Bevölkerungszahl durch Hungertod und
Abwanderung während dieser Jahre massiv zurück. Erst die Jahre 1925-27 gingen als Entspan-
nungsjahre in die Geschichte ein. Der gesellschaftliche Wandel, der Aufbau des Sozialismus,
machte auch in den deutschen Kolonien rasche Fortschritte. Ausschlaggebend war eine zuneh-
mende Effizienz eines stabiler werdenden Staatswesens, die wirtschaftliche Erholung im Zeichen
der NÖP und eine Nationalitätenpolitik, die zum Abbau nationaler Diskriminierung beitrug.161
Eine Folge dieses Wandels bestand in einem Presseaufschwung, wobei die veränderten gesell-
schaftspolitischen Bedingungen eine grundlegende Umgestaltung der deutschsprachigen Presse-
landschaft einleiteten. Bis in die 1930er-Jahre – soviel sei schon vorweggenommen – gab es in
der Sowjetunion über siebzig deutschsprachige, überregionale Zeitungen, allein in Saratow exis-
tierten vor dem Zweiten Weltkrieg vier deutsche Verlage.162 Innerhalb des russlanddeutschen Li-
teraturbetriebs nahmen literarische Periodika eine bedeutsame Stellung ein. Blätter wie „Sturm-
schritt“ (Charkow, 1930-35) oder „Der Kämpfer“ (Engels, 1932-38) boten Autor/inn/en eine
Plattform zur Veröffentlichung ihrer Werke und Diskussion literaturpolitischer Themen. Die
deutschsprachige Literatur wurde dabei schnell Teil der kommunistischen Ideologie und Politik,
es kam zur Ausbildung eines spezifischen literarischen Handlungssystems, für das zunehmend
ideologische Prinzipien galten – wie es typisch ist für geschlossene Gesellschaften bzw. Diktatu-
ren.163 Andersdenkende oder -schreibende hatten kaum Chancen, am neuen literarischen Prozess
teilzunehmen. Das vorrevolutionäre Schrifttum der Russlanddeutschen, das von Religiosität,
Staatstreue und Heimatliebe geprägt war, wurde von der neuen Macht als „Pfaffen- und Kulaken-
literatur“164 mit bürgerlich-klerikaler Richtung abgewertet. Engel-Braunschmidt merkt an: „Die
161
Vgl. Eisfeld (1999), S. 102.
162
Vgl. Paulsen (2018), S. 37.
163
Vgl. Gansel (2018), S. 25.
164
Vgl. Engel-Braunschmidt, Annelore: „Kaiser, Pfaffe und Kulak“ – zur sogenannten Pfaffen- und Kula-
kenliteratur der Russlanddeutschen. In: Kirche im Osten. Göttingen: V&R 1986 (Studien zur osteuropäi-
schen Kirchengeschichte und Kirchenkunde 29), S. 38-68.
54
gesamte atheistische Agitationsdichtung kommt nicht umhin, sich ständig auf die Bibel zu beru-
fen. Sie kann nur denunzieren, neue Formen aber findet sie nicht.“165 Für Literatur zählten nun-
mehr ein politischer Gebrauchswert und praktische Nützlichkeit, biblische Geschichte sei hinge-
gen Unsinn, wie etwa aus den agitatorischen Versen Franz Bachs (1885-1942) hervorgeht:
Trotz dieses Bemühens, sich in Übereinstimmung mit der Literaturdoktrin zu bringen, geriet der
überwiegende Teil russlanddeutscher Autor/inn/en schon Jahre zuvor in den Fokus des NKWD;
ab den 1930er-Jahren fielen dann zahlreiche Literat/inn/en den stalinistischen „Säuberungen“
zum Opfer und verschwanden über Jahre in den GULags, unter ihnen auch Franz Bach.
2.4 Von der Gründung der UdSSR bis zum Zweiten Weltkrieg
Die im Dezember 1922 ausgerufene Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) ver-
fügte über einen eigenen politischen Apparat, jenem folgte die Entscheidungs- und Verwaltungs-
ebene der Unions- und Autonomen Republiken, welche wiederum Rayons, autonomen Kreisen
sowie freien Städten übergeordnet war. In einigen Regionen konnten sich deutsche Verwaltungs-
einheiten etablieren. In Anbetracht der Unruhen in Deutschland, die die Hoffnungen auf den Sieg
der dortigen sozialistischen Revolution wiederaufleben ließen, wurde das Autonome Gebiet der
Wolgadeutschen auf dem XI. Sowjetkongress im Jänner 1924 zu einer Autonomen Sozialisti-
schen Sowjetrepublik erhoben. Zu Beginn der 30er-Jahre wurden in der Ukraine acht deutsche
Rayons gezählt, sechs in der RSFSR sowie je ein deutscher Rayon in Georgien und in Aserbaid-
schan. Zwar konnten Russlanddeutsche innerhalb dieser Einheiten Verwaltungs-, Bildungs- und
Kultureinrichtungen mitgestalten, die zugestandene Autonomie besaß jedoch eher symbolischen
Wert, da sich die mit der Gründung deutscher Dorfsowjets und Rayons eingeführte Amtssprache
Deutsch in vielen Fällen nicht durchsetzte. Die Reichweite rechtlicher Befugnisse war einge-
schränkt, russlanddeutsche Mitglieder blieben in Parteien und politischen Gremien sowie Behör-
den unterrepräsentiert.167
Trotz eingeschränkter politischer Partizipation entwickelte sich in den Zwanzigerjahren ein reges
Kulturleben, allen voran in der „Wolgarepublik“. Ein Bildungswesen in deutscher Sprache wurde
etabliert und ein deutscher Staatsverlag („Nemgosizdat“) aufgebaut, zudem entstand ein deut-
165
Engel-Braunschmidt (1996), S. 56.
166
Bach, Franz: Starker Glaube. In: Sammlung sowjetdeutscher Dichtung. Hrsg. v. Schellenberg, David.
Charkow 1931; Reprint: Hildesheim: Olms 1990 (Auslandsdeutsche Literatur der Gegenwart 22), S. 53.
167
Vgl. Eisfeld (1999), S. 104.
55
sches Nationaltheater und eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Von den Bil-
dungseinrichtungen und dem Staatsverlag profitierten ebenfalls andere deutsche Siedlungsge-
biete, die aus der Wolgarepublik einen Teil der Lehrwerke und Lehrpersonen bezogen. Auch die
wissenschaftliche Erforschung russlanddeutscher Dialekte machte Fortschritte unter Dialektfor-
scher/inn/en der 1920er-Jahre wie Peter Sinner, Georg Dinges und Viktor Schirmunski. Der selbst
in Spat auf der Krim geborene und 1981 in die DDR übersiedelte Schriftsteller Johann Warkentin
betont den überregionalen Stellenwert der Wolgarepublik: „Erst viel später [nach der Auflösung
der Gebietsautonomie 1941] ging uns Nicht-Wolgaern auf, dämmerte uns, was wir alle an diesem
bescheidenen Kulturzentrum gehabt haben.“168
Die große Hungersnot nach dem Bürgerkrieg wurde übertroffen von der durch Zwangskollekti-
vierung ausgelösten Hungersnot Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre, die am meisten Todes-
opfer in der Ukrainischen SSR kostete, aber auch in Russland, unter anderem an der Wolga, im
Nordkaukasus oder in Teilen Sibiriens, zahlreiche Menschenleben forderte. Formen der Kollek-
tivierung existierten schon seit 1917, doch verschärfte sich die Situation mit der Rede Stalins vom
27. Dezember 1929, in der er zur Liquidierung der „Kulak/inn/en“ als Klasse aufrief.169 Tausende
von deutschen Bäuerinnen und Bauern, unter ihnen viele Mennonit/inn/en, zogen damals nach
Moskau, um die Ausreise zu erzwingen. Zunächst wurde ihr Ansuchen durch den Vertrag von
Brest-Litowsk gestützt, dann aber von sowjetischen Stellen gebremst. Gleichzeitig ging die Kol-
lektivierung der Bauern schnell voran. Die im Kontext von Kollektivierung und Hungersnot aus-
brechenden Aufstände (überhöhte Abgabenforderungen konnten die zu Kulak/inn/en erklärten
Landwirt/inn/e/n nicht erfüllen) führten zu Verhaftungen, Verurteilungen und Deportationen. Den
gewaltsamen Maßnahmen setzten die Betroffenen dabei oft passiven Widerstand entgegen. Die
Zahl der Deutschen im Schwarzmeergebiet schrumpfte durch Hungerstod und Deportationen von
655 000 auf 355 000, etwa sechstausend gelang es, nach Amerika auszuwandern, tausende andere
wurden verhaftet und in die Verbannung geschickt.170
Die innenpolitische Lage für die deutsche Bevölkerung wurde Mitte der 1930er-Jahre zunehmend
bedrohlich. Nationalsozialistische Propaganda hinsichtlich der „Volks- und Auslandsdeutschen“
ließ verstärkt Zweifel an der Loyalität der Russlanddeutschen aufkommen. Neben der „Entkula-
kisierung“ wurde 1934 eine Direktive an alle Parteikomitees der Nationalen Republiken, Regio-
nen und Gebiete über die Bekämpfung der konterrevolutionären „faschistischen Elemente“ in den
deutschen Kolonien erlassen. Es begann eine landesweite Verfolgung von Deutschen, die Hilfs-
168
Warkentin, Johann: Rußlanddeutsche – Woher? Wohin? Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag 1992,
S. 149.
169
Vgl. Griese (2006), S. 120.
170
Vgl. Eberbach (2003), S. 27.
56
sendungen aus Deutschland empfangen hatten. 1935 wurde der deutsche Rayon Pulin in Wolhy-
nien aufgelöst und die deutsche Bevölkerung in andere Gebiete ausgewiesen, was an die Vertrei-
bungen von 1915/16 erinnert. Zu Deportationen und Verhaftungen kam es aber in sämtlichen
Landesteilen; aus den Kolonien Helenendorf und Annenfeld in Aserbaidschan wurden etwa
sechshundert Menschen nach Karelien deportiert, in Georgien massenhaft Männer verurteilt. Die-
ser Verhaftungswelle fielen auch viele führende Funktionäre der Wolgarepublik und der nationa-
len Landkreise zum Opfer. Verstärkt zwischen 1936 und 1938 wurden Geistliche und Lehrer/in-
nen entrechtet, ihrer Ämter enthoben, verhaftet, deportiert oder hingerichtet; Schriftsteller/innen,
Verleger/innen, Lehrer/innen sowie Ärzt/inn/e/n oder Ingenieure konnte dieses Schicksal ebenso
treffen.171 Mitte der 1930er-Jahre wurden die letzten deutschen Kirchen geschlossen und zerstört
bzw. umfunktioniert. 1938 folgten weitere Einschränkungen der Rechte der Russlanddeutschen:
die Aufhebung der deutschen Schulen in der Ukraine bzw. der Ersatz der deutschen Unterrichts-
sprache durch das Ukrainische oder Russische, die Liquidierung der deutschen Rayons. Die
ASSR der Wolgadeutschen blieb als einzige deutsche Verwaltungseinheit in der SU bis zum Aus-
bruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges bestehen.
Der Aufbau des Bildungswesens der Wolgarepublik hatte noch bis 1938 Fortschritte erzielen kön-
nen, neben dem Ausbau des Hochschulwesens war auch die Verlagstätigkeit des 1923 gegründe-
ten wolgadeutschen Staatsverlages stark angestiegen. In den Jahren 1933 bis 1935 brachte er 555
Titel, darunter 176 Schulbücher, teils in beträchtlichen Auflagen auf den Markt. Werke des Be-
reichs Marxismus-Leninismus hatten 1936 bereits den zweitgrößten Anteil. Im Zuge der Vorbe-
reitung zum I. Allunionskongress der Sowjetschriftsteller, der im August 1934 in Moskau statt-
fand und eine deutliche ideologische Richtung festschrieb (diskutiert wurde vor allem über die
Grundsätze des sozialistischen Realismus), war es landesweit zu Debatten und Konferenzen ge-
kommen, auch unter deutschen Literat/inn/en. Beim Kongress waren sie vertreten durch Franz
Bach, Andreas Saks, Gerhard Sawatzky, Gottlieb Fichtner und Johannes R. Becher, der sich im
Exil in der Sowjetunion befand. Von Beginn an wurde die „sowjetdeutsche“ Literatur zu einem
„Zweig eines großen Baumes“ der Dichtung der Sowjetunion stilisiert. 172 Die deutschen Au-
tor/inn/en organisierten sich um die städtischen Zentren Engels (Wolga), Odessa und Charkow
(Ukraine) und verfassten vorwiegend literarische Kurzformen wie Gedichte und Kurzerzählun-
gen, die hauptsächlich in Zeitungen bzw. Zeitschriften, Bauernkalendern und Sammelbänden er-
schienen.
171
Vgl. Armborst (2001), S. 38.
172
Diese Metapher wurde wiederholt aufgegriffen, siehe etwa den Band „Zweig eines großen Bau-
mes – Werdegang der sowjetdeutschen Literatur“ (Hrsg. v. Herold Belger. Alma-Ata: Kasachstan 1974)
oder Konstantin Ehrlichs literaturwissenschaftlichen Beitrag „Zweig eines großen Baumes. Seiten aus der
Geschichte der Literatur der Rußlanddeutschen bzw. Sowjetdeutschen“, erschienen 1987 in der Zeitung
„Freundschaft“ (Nr. 169, 174, 179, 184).
57
Neben der Verlagerung der thematischen Schwerpunkte bedingt durch die innenpolitischen Um-
wälzungen wurde nach 1933 noch eine außenpolitische Komponente wirksam. Nach der Macht-
ergreifung Hitlers gingen zahlreiche Schriftsteller/innen, Künstler/innen und kommunistische
Funktionär/inn/e/n in die Sowjetunion ins Exil. So kam es, dass die belletristische Literatur der
Wolgarepublik und der Ukraine Mitte der 1930er-Jahre zu großem Teil aus Werken „reichsdeut-
scher“ Emigrant/inn/en wie Johannes R. Becher, Klara Blum, Friedrich Wolf oder Willi Bredel
stammte, während russlanddeutsche Autor/inn/en immer seltener verlegt wurden – entscheidend
für diesen Verdrängungsprozess war vermutlich die Prioritätenänderung: Die Nutzung von Kunst
und Literatur als Erziehungsmittel im Inneren und als Kampfmittel gegen den Nationalsozialis-
mus im Rahmen der Komintern nach außen.173 Die durch Repressionen erwirkten Leerstellen im
Literaturbetrieb waren und bleiben derweil offenkundig:
Blättert man in der dreibändigen „Anthologie der sowjetdeutschen Literatur“, die 1981/82 in Alma-
Ata/Kasachstan erschienen ist und die Biographien und Werke von über 90 Autoren vorstellt, fällt es
unweigerlich auf, dass ein Großteil der Autoren bereits in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren ver-
starb – die meisten wurden verhaftet und erschossen oder kam [sic!] in den Gefängnissen zu Tode. Mehr
als drei Viertel der insgesamt 22 Autoren der älteren Generation (vorgestellt im ersten Band) sind im
Zuge der politischen Repressionen der 1920er und 1930er Jahre ausgelöscht worden. 174
Der euphemistisch als „Zeit des Schweigens“ titulierte Abschnitt der Geschichte kann später nur
langsam gesellschaftlich wie literarisch aufgearbeitet werden, die russlanddeutsche Literatur, die
nicht auf ihre eigene Entwicklungsgeschichte zurückgreifen konnte bzw. kann, da viele Au-
tor/inn/en der älteren Generation gestorben bzw. frühere Werke verloren gegangen sind, musste
einen Neuanfang versuchen.
Bereits am ersten Tag nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 begann
das Innenministerium der UdSSR (NKWD) mit der Internierung von deutschen Staatsangehöri-
gen in Moskau. Am 28. August unterzeichneten die Regierung und das Zentralkomitee der
VKP(B) den Ukas „Über die Umsiedlung aller Deutschen aus der Republik der Wolgadeutschen,
der Gebiete Saratow und Stalingrad in andere Regionen und Gebiete“. In den östlich des Dnepr
gelegenen Gebieten wurde die deutsche Bevölkerung Ende August teilweise, je weiter nach Osten
umso systematischer, in östliche Landesteile deportiert. In den westlich des Dnepr gelegenen Ko-
lonien – Gebiete in denen die Aussiedlung durch den deutschen Vormarsch erschwert war – de-
portierten die zuständigen Stellen hauptsächlich die männliche Bevölkerung im Alter zwischen
sechzehn und sechzig Jahren, während Frauen und Mädchen zum Bau militärischer Anlagen oder
zur Erntearbeit verpflichtet und später deportiert wurden.175 Aufgrund des schnellen Vormarsches
173
Vgl. Eisfeld (1999), S. 111.
174
Paulsen (2018), S. 40.
175
Vgl. Fleischhauer, Ingeborg: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion. Stuttgart: Deut-
sche Verlags-Anstalt 1983 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 46), S. 104.
58
deutscher Militäreinheiten konnte die totale Aussiedlung in diesen Regionen nicht realisiert wer-
den. Nach Schätzungen Werths waren insgesamt zweiundachtzig Prozent der verstreut lebenden
Russlanddeutschen von Zwangsumsiedlung und Deportation in Richtung Zentralasien oder Sibi-
rien betroffen,176 in der ersten Phase der Deportationen waren es zwischen 640 000 und 700 000
Personen.177 Behörden taxierten und übernahmen gegen Quittung Wohnhäuser, Wirtschaftsge-
bäude und Inventar im Heimatort. Auf dem meist mehrwöchigen Transport durfte nur eine ge-
wisse Menge an Lebensmitteln und Kleidern mitgeführt werden. Die Wahl der Deportationsorte
unterlag ökonomischen Interessen. Nach der Ankunft am Bestimmungsort wurden die pauschal
der „Kollaboration mit dem Feind“ beschuldigten Russlanddeutschen unter Aufsicht des NKWD
gestellt. Das Gebiet der Wolgarepublik wurde einstweilen unter den benachbarten Gebieten Sa-
ratow und Stalingrad aufgeteilt, festgeschrieben wurde die Auflösung der ASSRdWD jedoch erst
durch eine Verfassungsänderung vom 25. Februar 1947.
In den Monaten Oktober 1941 bis Februar 1942 erfolgte die Einberufung von russlanddeutschen
Männern im wehrfähigen Alter und Frauen ohne Kindern bis zum dritten Lebensjahr in die „Ar-
beitsarmee“ („Trudarmee“); unter ihnen auch deutsche Soldaten und Offiziere der Roten Armee,
die von der Front abgezogen worden waren. Beim Aufbau von Industrieanlagen, im Berg-, Stra-
ßen- und Bahnbau sowie in der Forst- und Landwirtschaft mussten sie unter oft lebensbedrohli-
chen Bedingungen und ständiger Bewachung schwere körperliche Arbeit verrichten, meist vier-
zehn bis sechzehn Stunden täglich. Unzureichende Lebensmittelrationen, Krankheiten und Be-
triebsunfälle kosteten zehntausenden das Leben. Zwei Briefe, die einen authentischen Eindruck
der Lebensumstände vermitteln, hat Viktor Krieger in „Bundesbürger russlanddeutscher Her-
kunft“ (2013) transkribiert. Es handelt sich dabei um die Nachrichten des ursprünglich aus Geor-
gien stammenden und 1942 in das Arbeitslager Tawdinlag im Ural überführten Wilhelm Krohner,
der bereits ein Jahr später verstarb. Der erste Brief vom 29. Juli 1942 dürfte wohl aus dem Lager
geschmuggelt worden sein; „darauf weist das Fehlen jeglicher behördlicher Vermerke [,von der
Militärzensur geprüft‘], aber vor allem seine ungewöhnlich offene Ausdrucksweise hin.“178 Die
176
Vgl. Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjet-
union. In: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Hrsg. v. Cour-
tois, Stephane, Nicolas Werth u. a. München u. Zürich: Piper 22000, S. 242.
177
Pinkus und Fleischhauer unterscheiden drei Phasen der Deportationen: In der zweiten Phase wurden in
den Jahren 1942 bis 1944 etwa 50 000 Deutsche aus dem Raum Leningrad, aus dem Südkaukasus und
kleineren Siedlungsgruppen in Frontnähe nach Sibirien und Mittelasien gebracht. Die letzte Phase der De-
portation begann mit dem Erreichen des Territoriums der deutschen Ostgebiete und des Warthegaus durch
die Rote Armee. Bei Kriegsende wurden rund 200 000 Russlanddeutsche von der Roten Armee „befreit“
und in die Sowjetunion „repatriiert“. [Vgl. Pinkus u. Fleischhauer (1987), S. 311.]
178
Krieger (2013), S. 82.
59
Schreiben des zwanzigjährigen Mannes zeichnen neben einem authentischen Bild der Sprach-
kompetenzen seiner Generation179 vor allem dasjenige eines unpolitischen und verunsicherten
Mannes, der sich von Entrechtung und Krankheit gezeichnet nach Familie und Heimat sehnt.180
In späteren sowjetischen Publikationen wurde über den Einsatz in der Trudarmee nur andeutungs-
weise in Leserbriefen an die Zeitungen „Neues Leben“ und „Freundschaft“ berichtet, das Gesche-
hene deutete man in der Öffentlichkeit ansonsten als „Beitrag zum Sieg über den Hitlerfaschis-
mus“ oder „Heldentaten unserer Väter“ um. Etwas lebensnäher sind die Geschehnisse erst im
Jänner 1987 geschildert worden. Über das Leben von Georg Brim war etwa folgende Mitteilung
zu lesen:
Er wurde in der Siedlung Kirowka, wenige Kilometer von der Ortschaft der aserbaishanischen Win-
zer Akstafa entfernt, geboren. Nach dem Einfall der Hitlerfaschisten in unser Land, wurde seine
Familie nach Predgorninsk in Nordkasachstan umgesiedelt. Bald danach kam sein Vater in eine
Grube im Gebiet Tscheljabinsk, wo er gegen Kriegsende bei einem Grubenunfall den Tod fand.
Seine Mutter kam an die Arbeitsfront in Sysran. Georg befand sich in dieser Zeit mit seinem Bruder
bei Verwandten. Die Familie Brim kam dann erst 1946 in Krasnowodsk, Turkmenistan, wieder zu-
sammen, wohin seine Mutter versetzt worden war. Praktisch erst dort konnte der elfjährige Georg
regelmäßig eine Schule besuchen.181
Die Tatsache, dass sich die Tragik solcher Schicksale lange weder in Berichten noch literarischen
Texten widerspiegelte, kritisiert Waldemar Weber in seinem Essay „Wozu sich abkapseln?“:
Schlichte Schilderungen der schweren Arbeiten, die von den Eltern verrichtet werden mussten,
können, so heißt es da, „heute niemanden befriedigen. Und schon ganz und gar schlimm ist, daß
einige Kollegen all die Ungerechtigkeiten mit dem Sprichwort ,Wo gehobelt wird, fallen auch
Späne‘ rechtfertigen möchten. Falsches Pathos und Zweckoptimismus füllten in Massen die Li-
teraturseiten unserer Periodika.“182 So dauerte die als „Zeit des Schweigens“ bezeichnete Zäsur
von 1941 bis 1956 in Wahrheit länger. In den Werken des ausgehenden 20. Jahrhunderts bean-
spruchten die tragischen Erinnerungen der Überlebenden an die Zustände in Kriegs- und Nach-
kriegszeit nur langsam und zögerlich Raum: „Heut fordert Vaters Stimme immerfort: / ,Sag du
die Wahrheit über mich, / Kind, bitte du ums Wort … ‘ “183, beginnt das 1988 erstmals veröffent-
lichte Gedicht der Autorin Nelly Wacker, die selbst beide Elternteile und vier Geschwister verlo-
ren hatte. Zu den sehr seltenen und darum besonders wertvollen literarischen Zeugnissen aus der
Zeit der Zeit der Deportation und der Arbeitsarmee zählt ein Gedicht aus dem Jahr 1943 von Rosa
Pflug. Die Lyrikerin, die 1994 nach Deutschland auswanderte, war in der Arbeitsarmee in der
179
In den Briefen finden sich Mischformen aus kyrillischen und lateinischen Buchstaben, Dialektismen
und Russizismen sowie zahlreiche grammatikalische und orthografische „Fehler“.
180
Vgl. Krohmer, Wilhelm: Brief Nr. 1 (29.07.1942). In: Krieger (2013), S. 83 f.
181
Tschernyschew, W.: Georg Brim im Theater und im Leben. In: Neues Leben 3 (1987).
182
Weber, Waldemar: Wozu sich abkapseln? In: Tränen sind Linsen. Lyrik und Essays. Moskau: Raduga
1992, S. 120.
183
Wacker, Nelly: Ich bitte ums Wort! Meinem Vater Reinhold Bäuerle. In: Wacker (1998), S. 32.
60
Oblast Archangelsk beim Bau eines Zellulose- und Papierkombinats eingesetzt. Das Gedicht „Is-
torija powsednewnosti, ili Tretij barak“ („Alltagsgeschichte oder Die dritte Baracke“) beginnt sie
wie folgt:
Die Geschichte der bis in die frühen Vierzigerjahre deportierten Russlanddeutschen unterschied
sich von der Geschichte derjenigen, die aufgrund von Umsiedlungsaktionen oder Besatzung zeit-
weilig in deutscher Einflusssphäre lebten, den sogenannten Vertrags- und Administrativumsied-
ler/inne/n. 185 Vertragsumsiedlung betraf Menschen aus den baltischen Staaten, Bessarabien,
Transnistrien, Wolhynien, der Schwarzmeerregion und Deutsche aus den ehemaligen polnischen
Gebieten. Diese Gruppen wurden (auf Basis völkerrechtlicher Verträge) in das Deutsche Reich,
den Warthegau, nach Danzig-Westpreußen oder in eigens geschaffene Siedlungsareale über-
führt.186 Davon abzugrenzen sind Administrativumsiedler/innen, auch wenn es sich ebenfalls um
die „Rückführung Volksdeutscher“ 187 handelte: „Diese Gruppe setzte sich aus Ukraine-,
Transnistrien- und Wolhyniendeutschen zusammen, die angesichts der Kriegsereignisse 1943-44
Richtung Ostdeutschland in seinen damaligen Grenzen oder Warthegau ,evakuiert‘ wurden.“188
Sowjetische Truppen holten viele Administrativumsiedler/innen allerdings schon während der
184
Pflug, Rosa: Istorija powsednewnosti, ili Tretij barak. In: Neues Leben (1991). Zitiert nach Vaškau,
Nina: Die Russlanddeutschen und der Krieg: Erinnerungen und Empathie. In: Erinnerung an Diktatur und
Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945. Hrsg.
v. Wirsching, Andreas, Jürgen Zarusky u. a. Berlin u. Boston: Walter de Gruyter 2015 (Quellen und Dar-
stellungen zur Zeitgeschichte 107), S. 195.
185
Vgl. Griese (2006), S. 125
186
Vgl. Schlögel, Karl: Völkerkarussel Mitteleuropa. In: Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen
aus dem Osten. Hrsg. v. Aust, Stefan u. Stephan Burgdorff. Hamburg: Deutscher Taschenbuch Verlag
2003, S. 180.
187
Das Reichsbürgergesetz von 1935 regelte Staatszugehörigkeit nach dem „Ius sanguinis“. „Reichsbür-
ger/innen“ wurden als „Staatsangehörige deutschen und artverwandten Blutes“ definiert, die Kategorien
Rasse, Blut und Gesinnung hatten Einzug in juristische Festlegungen gehalten. Als „Volksdeutsche“ gal-
ten außerhalb des Deutschen Reiches und Österreichs lebende Personen deutscher Volkszugehörigkeit
und nichtdeutscher Staatsangehörigkeit. Nur „Volksdeutsche“ hatten die Option, „Reichsbürger/innen“ zu
werden. Sonderkommandos der SS kontrollierten die „Deutschblütigkeit“ in den Gemeinden. „Volksdeut-
sche“ deren nichtarische Abstammung über fünfundzwanzig Prozent lag, konnten nicht an Umsiedlungen
teilnehmen. Rassisch-ideologische Prüfung konnte neben Ausschluss von Umsiedlungen, Einweisung in
Umerziehungslager bis hin zum Ausschluss aus dem deutschen „Volkskörper“ und somit zum Tode füh-
ren.
188
Griese (2006), S. 129.
61
Evakuierung ein und deportierten sie.189 Der Warthegau bildete das größte Sammelbecken, in dem
sich um die Jahreswende 1944/45 etwa 200 000 Deutsche aus der Sowjetunion befanden. Die
nach ideologischen und rassischen Kriterien selektierten „Volksdeutschen“ gehörten zu den von
den Nationalsozialist/inn/en privilegierten Gruppen. Sie sollten das von vertriebenen und teils
systematisch ermordeten Pol/inn/en und Juden/Jüdinnen „befreite Eigentum“ übernehmen bzw.
bewirtschaften. Teile der Umsiedler/innen werteten die Entrechtung und Enteignung der ansässi-
gen Bevölkerung als Unrecht und riskierten die Verhaftung oder Einweisung in ein Konzentrati-
onslager. Andere identifizierten sich mit der Position des „Herrenmenschen“, die Landzuteilung
wurde wohl auch als Ersatz für zurückgelassenen eigenen Besitz betrachtet. Als weitere Gründe,
am Umsiedlungsprojekt teilzunehmen, führt Griese Angst vor dem Kommunismus, der Expan-
sion des sowjetischen Machtbereichs sowie ein idealisiertes Deutschlandbild an.190
Die Reaktionen Russlanddeutscher auf die heranrückende Armee und die deutsche Besatzung
werden in der Forschungsliteratur kontroversiell diskutiert, wahrscheinlich ist aber, dass
diese – wie schon angedeutet – sehr unterschiedlich ausgefallen sein dürften, von Freude bis
Angst reichten und nicht eindeutig an Bedingungen wie die geografische Nähe zum Deutschen
Reich festgemacht werden können. Die Mehrheit der Russlanddeutschen arbeitete in unterschied-
lichem Ausmaß mit der Besatzungsmacht zusammen. Zögerliche Haltungen einerseits gründen in
der Möglichkeit eines neuerlichen Machtwechsels und sowjetischen Repressalien. Andererseits
brachten die Erlaubnis offener Religionsausübung sowie Pläne zur Wiederherstellung der Selbst-
verwaltung und Kulturautonomie Sympathien ein. Sicher ist, dass die Herkunft von Zuwendun-
gen wie beispielsweise Kleidung – getarnt als Spenden des Deutschen Reiches – nicht dauerhaft
vor den Russlanddeutschen verborgen bleiben konnte. Reaktionen zur Judenvernichtung betref-
fend schätzt Fleischhauer die Zahl der Kollaborateur/inn/e/n und freiwillig Aktiven als sehr gering
ein, Passivität sei eine typische Reaktion gewesen, selbst wenn Vernichtungsaktionen missbilligt
worden seien.191 Russlanddeutsche waren aber auch an (para-)militärischen Aktionen beteiligt:
Deutsche Einsatzgruppen regten die Bildung eines „volksdeutschen“ Selbstschutzes an, welcher
in militärischen und ideologisch-politischen Ausbildungslagern geschult wurde.192 Sicherheits-
dienst, Wegkontrollen, Patrouillen, aber auch Hausdurchsuchungen, der Einsatz als orts- und
sprachkundige Führer/innen im Rahmen militärischer Operationen und Anti-Partisanen-Einsätze
gehörten zu den Aufgabengebieten. Angesichts des drohenden Scheiterns des Krieges nahm die
zwangsweise Integration in militärische Verbände wie die Waffen-SS oder Wehrmacht zu.
189
Vgl. Hilkes, Peter: Migrationsverläufe: Aussiedlerzuwanderung aus der Ukraine. In: Aussiedler: Deut-
sche Einwanderer aus Osteuropa. Hrsg. v. Bade, Klaus u. Jochen Oltmer. Osnabrück: Universitätsverlag
Rasch 1999, S. 64.
190
Vgl. Griese (2006), S. 131.
191
Vgl. Fleischhauer (1983), S. 113 f.
192
Vgl. Griese (2006), S. 135.
62
Mit Kriegsende vereint sich die Geschichte der Administrativ- und Vertragsumsiedler, der unter
deutscher Besatzung lebenden Russlanddeutschen mit der Geschichte derjenigen, die im Zuge der
Entkulakisierung, politischen „Säuberung“ oder Zwangsdeportation in Lager und Sondersiedlungen
eingeliefert wurden.193
Der Vormarsch der Roten Armee und Partisanengruppen erzwang schließlich die Aufgabe des
Projekts vom „neuen deutschen Dorf“ im Warthegau, das bis 1944 verfolgt worden war. Nach
der Niederlage bei Stalingrad begann der Rückzug der deutschen Truppen und der Zivilverwal-
tung aus den besetzten Gebieten. Zwar sollten alle „Volksdeutschen“ evakuiert werden, der Ab-
marschbefehl kam allerdings oft so spät, dass nur noch unorganisierte, individuelle Flucht mög-
lich war. Zahlreiche Menschen zogen in endlosen Trecks nach Westen, darunter im November
der sogenannte „Große Treck“ aus Transnistrien. Mehrere tausend Russlanddeutsche wurden
sowjetischen Repatriierungsmaßnahmen unterworfen. Auch diejenigen Deutschen aus der Sow-
jetunion, denen die Flucht gelang, wurden bei Bekanntwerden ihrer Identität Nachkriegsabkom-
men entsprechend von den Westalliierten an die Sowjetmacht ausgeliefert. Rund zehntausend
Mennonit/inn/en gelang es, mithilfe der „International Refugee Organisation“ der Auslieferung
zu entgehen und später nach Nord- und Südamerika auszuwandern, und etwa siebzig- bis acht-
zigtausend Russlanddeutsche schafften es, in den westlichen Besatzungszonen unterzutauchen.194
Vor allem bedeuteten diese Umwälzungen auch das Ende des russlanddeutschen Schrifttums –
für gut fünfzehn Jahre. Dass die mit den Massendeportationen 1941 und der Auflösung der Wol-
garepublik angesetzte und bis Mitte der Fünfzigerjahre andauernde Zeitspanne häufig als „großes
Schweigen“ bezeichnet wird, wurde schon erwähnt. Praktisch begann das Schweigen aber schon
früher, zahlreiche Russlanddeutsche fielen bereits vor dem nationalsozialistischen Angriffskrieg
den „Säuberungen“ zum Opfer, obwohl sie nicht selten der Kommunistischen Partei angehörten
und die Oktoberrevolution unterstützten, andere kamen kurz nach der Deportation in der Verban-
nung in Sibirien oder Kasachstan ums Leben – unter ihnen viele Schriftsteller/innen.
Bestandteile der neuen Lebenswelt, des neuen Ereignishorizonts und Erfahrungsschatzes der
Russlanddeutschen waren nunmehr Entrechtung, Deportation, das Leben in Trudarmee, Lager
und Sondersiedlungen und strukturelle Diskriminierung – Ereignisse, die Biografie und Zugehö-
rigkeitsvorstellungen nachhaltig und generationenübergreifend präg(t)en. Einstige Gemeinschaf-
ten und Familienbande konnten in den meisten Fällen nicht aufrechterhalten werden.195 Dennoch
oder gerade deswegen gehen unter anderen Hilkes und Stricker davon aus, die Identität „Russ-
landdeutsch“ habe sich erst im Kontext dieser einschneidenden Erfahrungen konstituiert; „davor
193
Griese (2006), S. 138.
194
Vgl. Eisfeld (1999), S. 127.
195
Vgl. Armborst (2001), S. 41.
63
hatte man sich eher als Wolgadeutscher, als Schwarzmeerdeutscher oder […] Mennonit verstan-
den.“196
Nach Kriegsende änderte sich für die Russlanddeutschen wenig: Primitive Unterkünfte, Hunger,
Zwangsarbeit, Terror durch Wachmannschaften oder Zivilbevölkerung waren für das Leben bis
Mitte der 1950er-Jahre bezeichnend. Deutsche blieben interniert bzw. wurden in Kolchosen ein-
gegliedert und dem Regime der Sondersiedlung unterstellt, sie standen unter Kommandantur-
Meldepflicht.197 Arbeitslager existierten teils noch bis Ende 1946, danach mussten sich die Trud-
armist/inn/en eine Unterkunft außerhalb des Lagers suchen, den Arbeitsplatz aber durften sie nicht
verlassen. Der Zusammenzug von Familien wurde genehmigt, doch meist lebten Angehörige
nicht im selben Ort und die Kommandantur-Meldepflicht bestand dessen ungeachtet weiterhin.
Am 26. November 1948 wurde per Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR das
Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte aberkannt und somit die Verbannung auf
„ewige Zeiten“ festgelegt. Erwähnenswert ist nicht nur, dass fast sämtliche Aufenthaltsorte Russ-
landdeutscher nach den Deportationen in Mittelasien, Kasachstan und Sibirien lagen (so siedelte
beispielsweise nur noch ein Prozent der Deutschen in der Ukraine). Verschoben hatte sich eben-
falls die Relation Stadt-Land. Knapp die Hälfte der Betroffenen lebte nunmehr in Städten, wäh-
rend es im Jahr 1926 einst lediglich fünfzehn Prozent gewesen waren.198 Auch das Verbot, öffent-
lich Deutsch zu sprechen und eigenes kulturelles Leben aufzubauen, wurde aufrechterhalten, der
Zugang zu Bildungseinrichtungen war nur eingeschränkt möglich. Trotz zahlreicher Aufstände
setzten weitreichende Umgestaltungen erst nach dem Tod Stalins ein.
Zwischen 1955 und 1964 wurden mehrere behördliche Anordnungen verabschiedet. Am 15. Jän-
ner 1955 erklärte die Sowjetunion den Kriegszustand mit Deutschland für beendet und strebte die
Aufnahme von diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen an. Nachdem Bundeskanzler
Konrad Adenauer im September die Sowjetunion besuchte, nahmen die Regierungen Verhand-
lungen über die Rückführung der deutschen Staatsangehörigen (Kriegsgefangene und Zivi-
list/inn/en) auf. Das Dekret vom 13.12.1955 eröffnete Russlanddeutschen formal die Möglichkeit,
Sondersiedlungen zu verlassen und einen neuen Wohnort zu wählen. Die Rückkehr in die Her-
kunftsgebiete blieb allerdings bis 1972 verboten und auch Entschädigungen für Enteignungen
waren nicht vorgesehen. Im Dekret vom 29. August 1964 wurde schließlich der Kollektivvorwurf
der Kollaboration mit „dem faschistischen Feind“ zurückgenommen. Zur Publikation gelangten
diese Beschlüsse allerdings erst auf Drängen russlanddeutscher Delegationen in Moskau.199 Zwar
196
Hilkes, Peter u. Gerd Stricker: Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Deutsche Geschichte im
Osten Europas: Rußland. Hrsg. v. Stricker, Gerd. Berlin: Siedler Verlag 1997, S. 224.
197
Vgl. Griese (2006), S. 139 f.
198
Vgl. Böttger, Christian, Idmar Biereigel u. a.: Lexikon der Russlanddeutschen. Teil 1. Zur Geschichte
und Kultur. Berlin: Bildungsverein für Volkskunde in Deutschland – Die Linde 2003, S. 54 f.
199
Vgl. Eisfeld (1999), S. 135.
64
wurden Russlanddeutsche nun schrittweise in formaler Hinsicht den übrigen Sowjetbürger/inne/n
gleichgestellt, dennoch herrschten weiter soziale Ungleichheit, Diskriminierung und einge-
schränkte Zugangsmöglichkeiten zu sozialen Gütern.
Was die kulturelle Situation betrifft, weist Griese darauf hin, dass bis in die Fünfzigerjahre kaum
Einrichtungen zur Pflege deutschen Kulturguts existierten.200 Die Kinder besuchten russische Bil-
dungseinrichtungen, die Pflege deutscher Sprache und kultureller Praxen war nahezu unmöglich,
religiöse Aktivität untersagt.201 Eisfeld schildert die Situation drastischer und betont, dass ein gro-
ßer Teil der deutschen Kinder und Jugendlichen im Verlauf von sechzehn Jahren keine Möglich-
keit hatte, eine Schule zu besuchen, wodurch der allgemeine Bildungsstand auf ein außeror-
dentlich niedriges Niveau abgesunken sei.202 Ab 1957/58 wurde in einigen Regionen mit hohem
deutschen Bevölkerungsanteil die Option muttersprachlichen Unterrichts eingeräumt, der ekla-
tante Mangel an Lehrpersonal und Mitteln war jedoch auch in den Folgejahren nicht auszuglei-
chen. Daraus ergibt sich nicht zuletzt die Frage, welche Perspektiven sich in dieser prekären Lage
überhaupt noch für eine neue Generation russlanddeutscher Literat/inn/en boten? „Der sprach-
kundige Nachwuchs reihte sich erst in den 1970er und 1980er Jahren ein, als die Absolventen der
deutschen Abteilungen bei Victor Klein (1909-1975) oder Hugo Jedig203 (1920-1991) in Omsk
und Tomsk selbst zur Feder griffen,“204 schreibt Nina Paulsen. Tatsächlich zeigten sich im Lite-
raturbetrieb die Auswirkungen der Umwälzungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beson-
ders deutlich. Dem Großteil der „erwachsenen“ Generation deutscher Schriftsteller/innen war
man verlustig gegangen. Schreiben konnten nur diejenigen, die noch in der Vorkriegszeit eine
deutsche Ausbildung absolviert und folglich deutsche Schulen oder Universitäten besucht hatten.
In den 50er Jahren hat die Literatur praktisch beim Nullpunkt begonnen. Sie tat das durch die An-
strengung der Generation, die nicht die Zeit hatte, in den 30er Jahren von sich reden zu machen, der
diese Möglichkeit auch in den 40er Jahren fehlte, durch die Anstrengung von Menschen also, die
mehr als zehn Jahre kein einziges deutsches Buch, keine einzige deutsche Zeitung in den Händen
hielten, und die gezwungen waren, in ihrem produktivsten Alter zu schweigen. 205
Die Anfänge der Konsolidierung fanden zu Beginn im Verborgenen statt. In den Regionen Altai
und Krasnojarsk bildeten sich die ersten Standorte einer bescheidenen Literaturbewegung mit
200
Vgl. Griese (2006), S. 142 f.
201
Vgl. Jedig, Hugo: Die deutsche Sprachkultur in der Sowjetunion. In: Die Deutschen in der UdSSR in
Geschichte und Gegenwart. Ein internationaler Beitrag zur deutsch-sowjetischen Verständigung. Hrsg. v.
Fleischhauer, Ingeborg u. Hugo Jedig. Baden-Baden: Nomos 1990, S. 213.
202
Vgl. Eisfeld (1999), S. 137.
203
Professor Hugo Jedig (1920-1991), Sprachforscher und Leiter des Lehrstuhls für deutsche Sprache am
Omsker Pädagogischen Institut, förderte die wissenschaftliche Erforschung der Variationen der deutschen
Dialekte in der Sowjetunion der Nachkriegszeit maßgeblich und gründete eine Schule der deutschen Dia-
lektologie in Omsk.
204
Paulsen (2018), S. 43 f.
205
Weber, Waldemar: Gedanken über die sowjetdeutsche Literatur von heute und morgen. In: Weber
(1992), S. 204.
65
Veranstaltungen wie Konferenzen und Lesungen in deutscher Sprache, die den Moskauer Schrift-
stellerseminaren der 1970er- und 1980er-Jahre vorausgingen. Maßgebend dafür war vor allem die
Gründung deutschsprachiger Zeitungen in den Fünfzigerjahren. Als erstes wurde im Verwal-
tungszentrum der Region Altai, in Barnaul, eine deutschsprachige Zeitung mit dem Titel „Arbeit“
gegründet, die im Juni 1957 von der „Roten Fahne“ im westsibirischen Slawgorod (Altairegion)
abgelöst wurde. Wichtiger als dieses Lokalblatt war die ebenfalls seit 1957 im Moskauer Prawda-
Verlag herausgegebene Wochenzeitung „Neues Leben“, die sich als Allunionspresseorgan zum
ersten überregionalen Kommunikationsmittel entwickelte. Die Literaturseiten der drei deutsch-
sprachigen Zeitungen „Rote Fahne“, „Neues Leben“ und „Freundschaft“ (letztere wurde 1966 in
Alma-Ata gegründet) waren für Dutzende deutsche Schriftsteller/innen lange Zeit die einzige
Möglichkeit, ihre Werke an die Leser/innen zu bringen. Das Interesse der Bevölkerung blieb je-
doch eher gering. Victor Klein kritisiert in einem Schreiben an die Redaktion Ende der Fünfzi-
gerjahre ein fehlendes „nationales Antlitz“206 der Zeitung: „So wie die Zeitung heute erscheint,
könnte sie auch für die Udmurten, die Komi oder Nenzen erscheinen, nur müßte sie in die ent-
sprechende Sprache übersetzt werden.“207 Neben dem Wiedererscheinen deutschsprachiger Zei-
tungen wurde 1957 die erste deutsche Rundfunksendung von Radio Alma-Ata ausgestrahlt, später
folgten deutschsprachige Sendungen von Radio Omsk und Radio Barnaul, Chöre und Theater-
gruppen entstanden, von denen einige sogar in Rundfunk- und Fernsehsendungen auftraten. Doch
all das zu welchem Preis? Erste Versuche, Themen wie Deportationen und Zwangsrekrutierun-
gen, denen Russlanddeutsche unterworfen gewesen waren, literarisch zu gestalten, blieben (noch)
unter Verschluss oder konnten nur „beiläufig in die Texte ,eingeschmuggelt‘ werden.“208 „Umla-
gert von Tabus und Restriktionen, jubilierten wir drauflos!“, kommentiert Johann Warkentin die
allgemeine Umschiffung heikler Themen, aber als Alternative zu einem solchen Kurs hätte sich
nur das gänzliche Verstummen geboten:
Und so manch ein Autor löckte verbissen wider den Stachel. In dem Versteckspiel, das alsbald be-
gann, ließen die zentralbestallten, wetterkundigen Herren Redakteure auch immer wieder mal au-
genzwinkernd eine Anspielung, ein Tarnwort passieren, und daß „Wiesenseite“ für „Wolgarepub-
lik“ stand, war offenes Geheimnis. Heute, da – noch! – coram publico über alles und jedes gestritten
und gerauft wird, zum Beispiel, ob Autonomie an der Wolga oder in Königsberg oder den Krempel
hinschmeißen und nichts wie raus! – heute sind die Scharadespielchen von damals kaum noch nach-
vollziehbar.209
206
Klein, Victor: Meine Meinung über unsere Zeitung. In: Neues Leben 4 (1988), S. 9.
207
Ebda.
208
Gansel (2020), S. 1061.
209
Warkentin, Johann: Notizen zur sowjetdeutschen Literatur. In: Unerkannt und (un)bekannt. Deutsche
Literatur in Mittel- und Osteuropa. Hrsg. v. Gottzmann, Carola L. Tübingen: Francke 1991, S. 353 f.
66
abweisende Haltung von Partei und Regierung in Moskau den Delegationen gegenüber, die um
Autonomie ansuchten, führte in weiten Teilen der Bevölkerung zu Resignation. Die lange Ver-
weigerung vollständiger Rehabilitierung der Russlanddeutschen und der sogar noch im postsow-
jetischen Russland beschworene Kult des „Großen Vaterländischen Krieges“ führten dazu, dass
Schattenseiten, die nicht ins glorreiche Szenario passten, an den Rand der gesellschaftlichen
Wahrnehmung rückten.210 Dies führe nach Krieger teils soweit, dass „die nach wie vor ausgeblie-
bene Wiederherstellung der Wolgarepublik nicht selten als handfeste Bestätigung ihrer vermeint-
lichen Schuld gedeutet wird.“211
Wie schon angedeutet wird mit Blick auf russlanddeutsche Identitätskonstrukte gelegentlich kon-
statiert, dass es seit den späten 1960er-Jahren zum „nationalen Erwachen“ gekommen sei. Bestre-
bungen, deutsche Identität zu bewahren, seien ebenso zu verzeichnen wie „Neuentdeckungen na-
210
Vgl. Krieger (2013), S. 223 f.
211
Ebda., S. 224.
212
Vgl. Griese (2006), S. 144.
213
Weber, Waldemar: Die Perestroika als Chance für die Russlanddeutschen. In: Weber (1992), S. 142.
67
tionalen Selbstbewußtseins“ in jüngeren Generationen, auch gesellschaftlich integrierte Men-
schen „suchten erneut nach ihren ethnischen Wurzeln.“214 Das gesteigerte Nationalgefühl Russ-
landdeutscher ging mit einer fortschreitenden Institutionalisierung der Autonomie-Bewegung
einher. Im Juni 1979 sollte auf Weisung der Moskauer Regierung im Gebiet Zelinograd215 ein
deutscher Rayon mit dem Zentrum in der Kreisstadt Ermentau geschaffen werden. Das Vorhaben
scheiterte jedoch an massiven Widerständen der kasachischen Bevölkerung. Neun Jahre später
schreibt der Schriftsteller Herold Belger über dieses Ereignis: „Der mißlungene Versuch, in Ka-
sachstan ein autonomes Gebiet zu schaffen, und die danach folgenden schändlichen und beschä-
menden Ereignisse 1979 in Zelinograd, zu denen die Sowjetdeutschen keinerlei Bezug hatten,
versetzten erneut viele Menschen in Erregung und lenkten schroff die allgemeine Aufmerksam-
keit auf diese aktuelle Frage.“216 Auch auf dem Gebiet der Literatur wurden Versuche unternom-
men, das Selbstbewusstsein und gleichzeitig ein Gemeinschaftsgefühl unter Minderheitsangehö-
rigen zu stärken. Im Jahr 1981 erschien im Prawda Verlag erstmals der Almanach „Heimatliche
Weiten“ (bis 1990), in dem neben Poesie und Prosa deutschsprachiger Schriftsteller/innen Bei-
träge zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen veröffentlicht wurden. Bis in die späten
1980er-Jahre blieb russlanddeutsche Geschichte in der Öffentlichkeit aber trotz allem so gut wie
gar nicht thematisiert. Während einige Autor/inn/en diese gesellschaftliche Verdrängungsleistung
als Impuls für das „nationale Erwachen“ werten,217 konstatieren andere für diese Zeit den „fort-
schreitenden Verlust an nationaler und kultureller Identität.“218
Die 1980er-Jahre zeigten in aller Deutlichkeit die Abhängigkeit der Ausreisezahlen vom Stand
der politischen Lage. Zuerst gab es einen Rückgang zeitgleich mit der sich verstärkenden Polemik
gegen den NATO-Doppelbeschluss, dann stiegen die Auswanderungszahlen mit dem Amtsantritt
Gorbatschows und der Liberalisierung und Öffnung des „Ostblocks“ rapide an. Glasnost, Perest-
roika und Demokratizacija wurden zu Schlagwörtern im In- und Ausland. Die auf eine Erhöhung
der Effizienz von Wirtschaft und Verwaltung gerichtete Politik führte auch zu einer Verbesserung
der internationalen Beziehungen. Die deutsche Politik reagierte mit einer Modifikation der Ein-
reisebestimmungen, dem Aussiedleraufnahmegesetz 1990 und der Einführung einer Jahresquote,
die die jährliche Einwanderung auf 200 000 bis 250 000 Personen festlegte. Von Ausreisewilligen
214
Armborst (2001), S. 410.
215
Das Gebiet liegt im Zentrum Kasachstans bzw. der damaligen Kasachischen SSR und ist nach seinem
Zentrum benannt. Die Stadt Zelinograd wurde 1991 in Akmola umbenannt, heißt heute Nursultan und ist
die Hauptstadt Kasachstans.
216
Belger, Herold: Zeit zum Überlegen und Handeln. Gedanken zu einem freien Thema. In: Neues Le-
ben 13 (1988), S. 9.
217
Vgl. Armborst (2001), S. 409.
218
Hecker, Hans: Die Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten.
Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1994, S. 37.
68
wurden, trotz weiterer Zugeständnisse der sowjetischen Regierung, ethnische, familiäre, politi-
sche und wirtschaftliche Gründe als Motive ihres Emigrationswunsches genannt.219
Die Auflösung der geschlossenen Siedlungsgebiete, die allgemeine Abnahme deutscher Sprach-
kompetenzen und deren gesunkenes Prestige, Eheschließungen mit nicht-deutschen Part-
ner/inne/n, die Verlagerung traditioneller kultureller Lebenspraxen in den Bereich des Privaten
bzw. Familiären führten zu einer fortschreitenden Assimilation, vor allem zur Russifizierung.
Während bei der Volkszählung 1926 noch fünfundneunzig Prozent der Russlanddeutschen
Deutsch als ihre Muttersprache angaben, ging dieser Anteil 1959 auf fünfundsiebzig, 1970 auf
knapp siebenundsechzig und 1979 auf unter sechzig Prozent zurück: „Mit dem Verlust der Mut-
tersprache geht auch der Verlust des kulturellen Erbes, vor allem der mündlichen Überlieferung
einher.“220 Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verbot, das deutschsprachige Publikationen
noch bis 1955 untersagt hatte, kam es für deutsche Minderheitsgruppen vorrangig darauf an, die
deutsche Sprache überhaupt wach zu halten. Waldemar Weber findet für die prekäre Situation
den Begriff „Halbsprache“221. Dieser „einfache“ Anspruch, die Muttersprache nicht vergessen zu
lassen, hatte auch Folgen für die literarische Darstellung.
1960 war im Moskauer Verlag für fremdsprachige Literatur unter dem Titel „Hand in Hand“222
der erste Nachkriegssammelband in deutscher Sprache erschienen, in dem fünfzig deutsche Au-
tor/inn/en vertreten sind. Allerdings wird im Sammelband nirgendwo erwähnt, woher diese Au-
tor/inn/en kamen und wo sie sich bis 1960 aufhielten. Die Gedichtauswahl im Buch gab den
Schriftsteller/inne/n eine ideologische Richtung für die Zukunft vor. In dem 1996 erschienen Ro-
man „In der Sackgasse“ lässt Viktor Heinz die Figur des Schriftstellers und Pädagogen Victor
Klein den erwähnten Sammelband so kommentieren:
Wir haben auch ohnehin zu lange schweigen müssen. Ja, wir können und müssen in die Schublade
schreiben, aber wir müssen auch gedruckt werden. Jetzt und nicht später. Auch wenn es nur Halbwahr-
heiten sind … Allein das deutsche Wort ist schon wichtig für unsere Leser. Schweigen wäre Verrat an
unserer Volksgruppe. Schweigen dürfen wir auf keinen Fall. Wir müssen die Leute wissen lassen, daß
wir noch da sind, daß wir noch nicht auf [sic!] dem letzten Loch pfeifen … daß man uns nicht totschwei-
gen kann …223
Nach Angaben der „Bibliographie der russlanddeutschen Literatur 1960 bis 1985“ von Annelore
Engel-Braunschmidt und Clemens Heithus sind innerhalb dieser fünfundzwanzig Jahre in der
219
Vgl. Dietz, Barbara u. Peter Hilkes: Rußlanddeutsche. Unbekannte im Osten. Geschichte, Situation,
Zukunftsperspektiven. München: Olzog 1993, S. 116
220
Eisfeld (1999), S. 151.
221
Weber, Waldemar: Gedanken über die sowjetdeutsche Literatur von heute und morgen. In: Weber
(1992), S. 190.
222
Vgl. Hand in Hand. Gedichte und Erzählungen. Moskau: Verlag für Fremdsprachige Literatur 1960.
223
Heinz (1996), S. 109.
69
Sowjetunion knapp dreihundert in Buchform erschienene Werke zu verzeichnen.224 Die Aufla-
genhöhe betrug oft nur tausend bis zweitausend Stück. Alexander Ritter berechnete die Versor-
gung der knapp zwei Millionen Russlanddeutschen und kommt auf einen Durchschnittswert von
0,38 Büchern pro Kopf – das ist weit weniger als die hundertzwanzig Bücher pro Kopf der deut-
schen Bevölkerung der ASSR der Wolgadeutschen im Jahre 1935.225 Die traumatischen Themen
aus der Lebenswelt der Russlanddeutschen blieben dabei bis Ende der 1980er- und Anfang der
90er-Jahre tabuisiert.
Von 1981 bis 1990 hatten die Autor/inn/en nicht nur die Möglichkeit, ihre Texte in den deutsch-
sprachigen Zeitungen zu veröffentlichen, sondern zudem in dem zweimal jährlich erscheinenden
Literaturalmanach „Heimatliche Weiten“ für Prosa, Poesie und Publizistik. Die neunzehn Hefte
der „Heimatlichen Weiten“, die in zehn Jahren herausgegeben wurden, vermitteln einen umfas-
senden Eindruck der aktivsten Periode der russlanddeutschen Nachkriegsliteratur. Die Themen
näherten sich langsam der Geschichte und den Problemen der Russlanddeutschen an. Nicht nur
das 20. Jahrhundert rückte dabei ins Zentrum, es erschienen auch Werke über die einstige Kolo-
nialzeit, Klassenkämpfe usw.
Die Erinnerungen an die grauenhaften Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten auch
dazu geführt, dass manche Autor/inn/en es vollständig unterließen, in die Schublade zu schreiben.
Andere demonstrierten ihr oppositionelles Denken nicht öffentlich, akzeptierten die festgelegte
Ordnung, um weiter schreiben und sicher leben zu können.
Und im Gegensatz zu Warkentin lässt Weber es eben „nicht gelten“ und findet strengere Worte;
„die Deutschen in der SU wußten immer wieder der Partei für die Fürsorge zu danken. Das be-
deutet, daß sie moralisch völlig am Boden lagen, ihr Selbstbewußtsein war nun völlig vernich-
tet.“227 Doch allein die deutsche Sprache an sich wird von einigen als Symbol von Auflehnung
und Protest gesehen, Nina Paulsen bezeichnet sie als „Rückgrat der Identität“ und Literatur als
„einer der Wege, sie zu fördern.“228 Auch Autor/inn/en wie Rosa Pflug (1919-2016) und Nelly
Wacker (1919-2006) oder Andreas Kramer (1920-2010) betonten später selbst, dass die russland-
deutschen Autor/inn/en sicher keine Revoluzzer/innen waren, es aber wohl keine russlanddeut-
sche Literatur gäbe, wenn sie nicht konform mit der Macht gegangen wäre: „Wer bei diesem
224
Vgl. Engel-Braunschmidt u. Heithus (1987).
225
Vgl. Ritter, Alexander: Zur Problematik der Medien bei den deutschsprachigen Medien. Anmerkungen
zur Situation in der UdSSR und in Frankreich (Elsaß). In: Germanistische Mitteilungen 22 (1985), S. 7.
226
Warkentin, Johann: Sender Jerewan: „Im Prinzip ja, aber …“ In: Warkentin (1996), S. 73.
227
Weber, Waldemar: Die Perestroika als Chance für die Russlanddeutschen. In: Weber (1992), S. 155.
228
Paulsen (2018), S. 51.
70
System überleben wollte, musste untertan sein […].“229 Möglichkeiten zur freien Selbstverwirk-
lichung und Potenzialentfaltung gab es nicht. Doch wenn auch „verstümmelt“, so der russland-
deutsche Schriftsteller Johann Warkentin, „schrieben [sie] an gegen den nationalen Identitätsver-
lust“ und den „erschreckenden Sprachverfall“.230
Die fatale Lage, in die unsere Literatur während des deutsch-sowjetischen Krieges und bei ihren weite-
ren Etappen […] geraten war, sollte sie zu einer Fiktion verkümmern lassen, hat sie aber in ein Phäno-
men verwandelt. Das sowjetische Dogma hat die Literatur der Sowjetdeutschen zwar nicht vernichtet
(zum Glück!), aber doch entschieden verstümmelt.231
Zu den bedeutendsten Publikationen über die tragischen Ereignisse in der russlanddeutschen Ge-
schichte aus der Zeit vor und nach der Wende in der Sowjetunion bzw. in Russland und Deutsch-
land zählen neben anderen Werken „Abschnitt Taiga“ (Waldemar Spar), „Wolga – Wiege unserer
Hoffnung“ (Woldemar Herdt), „Wir sind nicht Staub im Wind“ (Hermann Arnhold), „Ich bitte
ums Wort“ (Nelly Wacker), „Aber die Heimat winkte in der Ferne“ (Artur Hörmann), „Den Kelch
bis zur Neige geleert“ (Jakob Schmal), „Deinen Namen gibt der Sieg dir wieder“ (Hugo Worms-
becher).
In den 1970er-Jahren gab der bundesdeutsche Literaturwissenschaftler Alexander Ritter erstmals
in der BRD den Sammelband „Nachrichten aus Kasachstan. Deutsche Dichtung in der Sowjet-
union“ heraus. Doch damals wie heute bleibt die Literatur der russlanddeutschen Autor/inn/en,
die sich mit der Vergangenheit der Volksgruppe beschäftigt, dem mehrheitsgesellschaftlichen Le-
sepublikum in Mitteleuropa weitgehend unbekannt. In den Folgejahren erschienen weitere Sam-
melbände wie zum Beispiel die Anthologie „Zehn sowjetdeutsche Erzähler“ von 1982 in der
DDR, die Prosawerke von Alex Debolski, Viktor Heinz, Dominik Hollmann, Rudolf Jacquemien,
Heinrich Kämpf, Victor Klein, Erst Kontschak, Alexander Reimgen, Gerhard Sawatzky und
Hugo Wormsbecher enthält, oder die 1990 in Hildesheim herausgegebene „Sammlung sowjet-
deutscher Dichtung“ (ein Nachdruck der Sammlung von 1931, Auswahl von David Schellenberg,
mit einem Vorwort von Annelore Engel-Braunschmidt). Drei Jahre später veröffentlichte der Ver-
ein für das Deutschtum im Ausland den Band „Barfuß liefen meine Kinderträume. Deutsche Stim-
men aus Kasachstan“. Mit Blick auf die Erscheinungsorte zeichnet sich hier bereits klar eine Ver-
lagerung der deutschsprachigen Literaturszene ab: Mit Beginn der 1990er-Jahre wanderten fast
alle russlanddeutschen Autor/inn/en aus.
229
Wacker, Nelly: Unübersichtlich geworden. In: Volk auf dem Weg 10 (1994), S. 16.
230
Warkentin (1991), S. 353.
231
Paulsen, Nina u. Elena Seifert: Interview mit Dr. Elena Seifert (2012). [Link]
fert/ (20.11.2019). Urspr. erschienen in: Volk auf dem Weg 4 (2012).
71
2.7 Entwicklungen seit 1991
Im Frühjahr 1991 verabschiedete der Oberste Sowjet ein Gesetz über die Rehabilitierung der re-
pressierten Völker. Das Gesetz sah unter anderem die Wiederherstellung der während des Zwei-
ten Weltkrieges aufgelösten Autonomen Republiken und Gebiete vor. Doch wieder zögerte man
die Umsetzung der ausgearbeiteten Gesetzesentwürfe hinaus. Im selben Jahr wurde zwar der 1938
liquidierte deutsche Rayon im Altai wiederbegründet und auch im Gebiet Saratow ein deutscher
nationaler Rayon ins Leben gerufen. Das Hauptziel der Wiederherstellung der Autonomen Re-
publik an der Wolga, das von Mitgliedern der 1989 gegründeten Gesellschaft „Wiedergeburt“
angestrebt wurde, blieb jedoch unverwirklicht. Es soll zu Protesten der ansässigen russischen Be-
völkerung gegen das Vorhaben gekommen sein. Bei den Deutschen, die einem zunehmenden
Verdrängungsdruck ausgesetzt waren, machte sich endgültig Resignation breit. Der Ökonom und
Unterstützer der Autonomiebewegung Rudolf Heinz, der selbst das Gebiet der einstigen Wolga-
republik bereiste, schreibt über seine Eindrücke:
Engels hat sich zu einem bedeutenden Industriezentrum entwickelt. Es gibt aber in der Stadt viele
ungelöste sozialökonomische Probleme. Sie macht den Eindruck einer gewissen Vernachlässigung.
Auf der von mir genannten Reiseroute [Saratov – Volgograd] sah ich auch einige sehr vernachläs-
sigte Dörfer. Die Holzhäuser, die früher den Sowjetdeutschen gehörten, und die während des Krie-
ges nicht abgebrannt wurden, zerfallen heute endgültig, da bisher nichts zu ihrer Erhaltung getan
worden ist. Neubauten sind fast keine zu sehen.232
Der Zerfall der Sowjetunion löste große Wanderungs- und Fluchtbewegungen aus. Grund dafür
war vor allem der wirtschaftliche Niedergang. In den ehemaligen mittelasiatischen Unionsrepub-
liken, in Kasachstan und in der Ukraine wurden die Migrationsbewegungen noch durch den Auf-
bau von Nationalstaaten potenziert, denn die Stärkung der Titularnation hatte häufig einen gestei-
gerten Druck auf Angehörige anderer ethnischer Gruppen zur Folge. Auch die Russlanddeutschen
wurden Teil der Migrationsströme. Die neu entstehenden Staaten versuchten jeder auf seine Art,
Lösungen für die Frage der deutschen Minderheitsangehörigen zu finden. Insgesamt stieg die
Aussiedlerzahl Russlanddeutscher aus (post-)sowjetischen Ländern in den Jahren 1990 und 1991
auf über 147 000 Personen jährlich. Im Zeitraum 1989 bis 1992 verloren einige Dörfer nahezu
achtzig Prozent der deutschen Einwohner/innen durch Auswanderung, wie Klaube am Beispiel
Polewoje illustriert.233 Im gesamten Zeitraum von 1950 bis 2001 sind über zwei Millionen Russ-
landdeutsche aus Staaten der Sowjetunion ausgewandert.234 Die Tendenz ist danach keineswegs
zu einem Stillstand gekommen: „Die […] Gruppe, die seit Ende der 80er Jahre das Gros der Ein-
wanderer ausmacht, hat eine Ausreise ursprünglich gar nicht erwogen, sondern ist im Zuge der
232
Heinz, Rudolf: Eine Reise an die Wolga mit der Exkursion in die Geschichte. In: Neues Leben 20
(1988), S. 13.
233
Vgl. Klaube, Manfred: Polewoje – ein westsibirisches Dorf im Umbruch und ein Neubeginn der ehe-
maligen Bewohner in Deutschland. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 42. Marburg: N. G. Elwert
Verlag 1999, S. 235-262.
234
Vgl. Eberbach (2003), S. 14.
72
Ausreisewelle ,auf den fahrenden Zug gesprungen‘.“235 Zwischen Antrag und Ausreiseerlaubnis
der deutschen Spätaussiedler/innen lagen dabei oft Monate oder Jahre.
Seit der Unterzeichnung des „Vertrags über gute Nachbarschaft mit der UdSSR“ 1990 und der
„Gemeinsamen Erklärung über die Grundlagen der Beziehungen mit der Russischen Föderation“
im Folgejahr war die Bonner Diplomatie darum bemüht, mit allen Staaten Ostmitteleuropas und
der GUS ähnliche Verträge bzw. Erklärungen über die Grundlagen der Beziehungen abzuschlie-
ßen. Darin wurden auch die besonderen Interessen der deutschen Bevölkerung anerkannt und
Minderheitenrechte sowie die Betreuung der jeweiligen Minderheit auf der Grundlage der Ge-
genseitigkeit zugesichert. Vertragliche Vereinbarungen dieser Art wurden in den Jahren 1992 und
1993 unter anderem mit der Tschechoslowakei, Kirgistan, Kasachstan, Lettland, Estland, der Uk-
raine, Georgien und Belarus geschlossen. Die Unterstützungsmaßnahmen der deutschen Bundes-
regierung für die Russlanddeutschen in der Russischen Föderation liefen unter dem Schlagwort
„Hilfe zur Selbsthilfe“ und konzentrierten sich vor allem auf die Landkreise Halbstadt und Azowo
sowie auf das traditionelle Siedlungsgebiet der Deutschen an der Wolga und St. Petersburg. Der
deutsche Rayon Halbstadt war am 1. Juli 1991 durch den Zusammenschluss von sechzehn Dör-
fern mit insgesamt 18 600 Deutschen erreicht worden. Das Bemühen der Regierungen zur Auf-
nahme von Deutschen aus anderen Regionen (vor allem aus Kasachstan und den mittelasiatischen
Republiken) in die deutschen Rayons konnte die Auswanderungsbewegung nach Deutschland
allerdings nicht stoppen. Auch wirtschaftlich ging es trotz der finanziellen Unterstützung bergab.
Voraussetzungen für den Aufbau einer Infrastruktur fehlten, Umsiedler/innen mussten nicht sel-
ten in provisorisch aufgestellten Wohncontainern untergebracht werden und Arbeitsplätze waren
nicht genügend vorhanden. 1992 bot weiters der damalige Präsident der Ukraine Leonid
Krawtschuk Russlanddeutschen (besonders jenen, die selbst früher in der Ukraine gelebt hatten
oder deren Verwandte von dort stammten) an, in die dünnbesiedelten Gebiete der Südukraine
umzuziehen, doch nur etwa zweitausend Menschen folgen dem Aufruf.236
Der Versuch, die Einheit der Russlanddeutschen auf dem postsowjetischen Gebiet zu erreichen
und eine zwischenstaatliche Vereinigung zu schaffen, war lange vor allem am fehlendem Willen
zur Zusammenarbeit der einzelnen nationalen bzw. regionalen Vereinigungen selbst gescheitert.
Erst Mitte der 1990er-Jahre schaffte man es, einen Volkstag zu schaffen, der im Namen der Russ-
landdeutschen mit Regierungen verhandeln konnte. Eisfeld schreibt: „Die Ende 1997 gegründete
,Föderale Nationale Kulturautonomie‘ hat die in sie gesetzten Erwartungen bislang nicht erfüllen
235
Hilkes u. Stricker (1997), S. 257.
236
Vgl. Hilkes (1996), S. 159.
73
können. Sie vermochte nicht die verschiedenen Gruppierungen der Rußlanddeutschen unter ei-
nem Dach zusammenzuführen.“237 Die ohnehin dünne deutsche Bildungsschicht ist durch Aus-
wanderung entscheidend geschwächt, selbst Führungskräfte der zu Beginn der 1990er-Jahre ge-
gründeten russlanddeutschen Vereine sind mehrheitlich nach Deutschland oder in ein anderes
mitteleuropäisches Land übersiedelt:
In der Ukraine, in Kyrgyzstan, in Uzbekistan, in Moldova sind nur noch Reste der ehemals in die
Hunderttausende gehenden deutschen Bevölkerung übriggeblieben. Ähnlich ist die Entwicklung in
Estland, Lettland, Georgien, Azerbajdžan und Tadžikistan. Wir wurden im zu Ende gehenden Jahr-
zehnt Zeugen eines unaufhaltsam herannahenden Endes der jahrhundertealten, facettenreichen deut-
schen Geschichte und Kultur im Osten Europas.238
237
Eisfeld (1999), S. 173.
238
Ebda., S. 174.
239
Vgl. Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen der BRD und der
UdSSR, 09.11.1990. In: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 133 (1990), S. 1379-1382.
[Link]
zusammenarbeit-zwischen-der-brd-und-der-udssr-9-november-1990 (11.04.2021).
240
Der 1908 als Schulverein gegründete und mehrmals umbenannte Verein war 1938 nationalsozialistisch
„gleichgeschaltet“ (schon vorher soll er sich der NS-Ideologie angenähert haben) und nach Kriegsende
verboten worden, bis er 1955 unter dem Namen „Verein für das Deutschtum im Ausland“ wiedergegrün-
det wurde. 1998 erfolgte die Umbenennung in „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland“
(VDA). Nach dem Vorwurf der Veruntreuung von Staatsgeldern in den späten 1990er-Jahren, sinkenden
Mitgliederzahlen sowie einer größer werdenden Schuldenlast stellte der Verein 2019 seine Tätigkeit auf
Bundesebene ein.
241
Der 1952 in Bonn gegründete Verein bestand bis zum Jahr 2000, ehe er mit dem „Goethe Institut“ fu-
sionierte, das von 2001 bis 2003 „Goethe-Institut Inter Nationes“ hieß.
242
Vgl. Hilkes (1996), S. 163.
74
zugehörig fühlenden Menschen, welche sich nicht einer der großen Auswanderungswellen spä-
testens gegen Ende des 20. oder beginnenden 21. Jahrhunderts angeschlossen haben (freiwillig
oder unfreiwillig), beherrschen die Sprache der vorangegangenen Generationen zumeist kaum
noch. Die nicht erfolgte Weitergabe der deutschen Sprachvarietäten an die heute schon mittlere
Generation, große Auswanderungswellen in die „Ursprungsländer“ und fehlende bzw. verfehlte
Fördermaßnahmen setzen dem öffentlichen kulturellen Leben wie auch dem Literaturbetrieb zu.
Als einen „Aderlass“ bezeichnet Annelore Engel-Braunschmidt den Beginn der 1990er-Jahre, als
kurz nacheinander Vertreter/innen der älteren Generation starben und ihr Tod das noch verblie-
bene literarische Leben lähmte, hinzu komme die Auswanderung vieler Schriftsteller/innen.243
Weber konstatiert in einem 1989 im Salzburger Literaturforum „Leselampe“ vorgetragenen Es-
say, dass die „moderne sowjetdeutsche Literatur etwa 50 Autoren (insgesamt sind es, die Journa-
listen, Publizisten und Historiker miteinbezogen, etwa 100) [zählt].“244 Schwierigkeiten für die
aktuelle russlanddeutsche Literatur sehen Katharina Boldt und Ilpo Tapani Piirainen nicht nur in
der kulturellen Isolierung der deutschen Bevölkerung in postsowjetischen Gebieten und dem da-
mit zusammenhängenden Mangel an Austausch und Kritik seitens Westeuropas, sondern auch im
Fehlen einer Organisationsform, sprich eines überregionalen, administrativen Zentrums.245 Au-
tor/inn/en, die heute noch vorwiegend in Russland, Kasachstan oder der Ukraine leben, bedienen
sich nur selten der deutschen Sprache. Wenn Schriftsteller/innen wie Waldemar Weber in der
Vergangenheit für eine intensive Auseinandersetzung mit all dem, „was in den deutschsprachigen
Literaturen geschieht [gemeint ist der Literaturbetrieb im binnendeutschen Raum]“246 plädieren
und dem Fortbestand der russlanddeutschen Literatur andernfalls ein düsteres Schicksal voraus-
zeichnen, dann entsteht der Eindruck, die ausgewanderten Schriftsteller/innen hätten sich und ihre
künstlerische Existenz in gewisser Weise nach Deutschland „hinübergerettet“, gleichzeitig verla-
gerte sich ja auch deren Leserschaft mit den Migrationsströmen. Paulsen bestätigt, dass das
„größte seelische Trauma der Volksgruppe in der alten Heimat nie wirklich verarbeitet und auf-
gearbeitet werden [konnte]. Aber umso mehr in der neuen Heimat Deutschland.“247 Als ein Bei-
spiel für die Geschichtsdokumentation der Russlanddeutschen können hierzu etwa die „Heimat-
bücher“ der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland genannt werden.
Gerade der 1996 unter dem Dach der Landsmannschaft gegründete Autorenkreis mit Johann
Warkentin, Viktor Heinz, Wendelin Mangold, Nora Pfeffer, Lore Reimer und Agnes Giesbrecht
243
Vgl. Engel-Braunschmidt (1996), S. 51.
244
Weber, Waldemar: Gedanken über die sowjetdeutsche Literatur von heute und morgen. In: Weber
(1992), S. 209.
245
Vgl. Boldt, Katharina u. Ilpo Tapani Piirainen: Literatur der Rußlanddeutschen. Essen: Die blaue Eule
1997 (Kultur der Deutschen im Ausland 4), S. 53 f.
246
Weber, Waldemar: Gedanken über die sowjetdeutsche Literatur von heute und morgen. In: Weber
(1992), S. 201.
247
Paulsen (2018), S. 57.
75
(Gossen) unternahm immer wieder Versuche, die russlanddeutschen Autor/inn/en zu sammeln
und durch Lesungen und Veröffentlichungen zu fördern. So bedauert etwa die Autorin Nelly Wa-
cker, welche 1993 nach Deutschland übersiedelte, dass sie keine Schriftstellervereinigung wie in
der Sowjetunion vorgefunden habe; gleichzeitig verweist sie im Zuge eines Interviews auf eben-
den erwähnten neu entstandenen Verein – die junge Generation müsse also nicht so isoliert arbei-
ten wie die alten „Verseschmieder.“248 Abgesehen von der Landsmannschaft, die eine bedeutende
Rolle in Deutschland für die Publikationen russlanddeutscher Autor/inn/en spielt und Almanache,
Sammel- und Einzelbände sowie Literaturkalender herausgibt, sind auch zahlreiche Werke in an-
deren deutschen Verlagen, bei kirchlichen Einrichtungen oder im Eigenverlag erschienen. Der
1995 gegründete Literaturkreis der Deutschen aus Russland hat zuletzt den Almanach „Zwischen-
Heimaten“249 in Kooperation mit dem Bayrischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland
herausgegeben. Einige Verleger/innen haben sich zudem auf die Herausgabe russlanddeutscher
Literatur spezialisiert; etwa der Arzt Robert Burau mit dem BMV Verlag Robert Burau, Walde-
mar Weber, der den nach ihm benannten Verlag Waldemar Weber in Augsburg ins Leben rief,
und Walter Bähr, Inhaber des Lichtzeichen Verlags.
In der Literatur spiegeln sich die Erfahrungen der Repatriierten wider, die nicht selten eine dop-
pelte Ausgrenzung erlebten, so ihnen die Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung abgesprochen
wurde (teils immer noch wird), sie also erneut die Erfahrung mach(t)en, durch Fremdzuschrei-
bung „Ausländer/innen“ zu sein und nicht zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören. In der UdSSR
noch als „nemec“ bzw. „deutsch“ kategorisiert, führten die Barrieren nun dazu, dass die Aussied-
ler/innen mit der in abwertender Weise gebrauchten Benennung „Russe“ konfrontiert wurden. So
entstand ein Rechtfertigungsdruck, die Einwanderung nach Deutschland zu „erklären“ und das
Gefühl, weder hier noch dort am rechten Platz zu sein. Diese schwer einzuordnende „Herkunfts-
kultur“ unterscheide die Gruppe der Russlanddeutschen maßgeblich von anderen Migrantengrup-
pen in Deutschland, so Kiel.250 Der Rechtfertigungsdruck, die eigene Identität vor anderen immer
wieder herleiten zu müssen (was sich allein schon als ungemein schwierig ausnimmt, da doch
viele Aussiedler/innen über schlechte Deutschkenntnisse verfügen), und ein daraus resultierendes
Gefühl der Verdrossenheit sprechen aus Johann Warkentins Gedicht „Wer den Schaden hat …“.
Gleichzeitig schafft die Beschuldigung, „daß uns der DEUTSCHE KRIEG die Sprache stahl“,
selbst eine Distanz zwischen der eigenen (Opfer-)Identität und den Angeklagten, die dem als
russlanddeutsch auftretenden Sprecher (hier in Plural „wir“) die Zugehörigkeit verweigern:
248
Vgl. Kampen, Johann: Aus Vergangenheit und Gegenwart russlanddeutscher Literatur: Nelly Wacker
zum 85sten. In: Volk auf dem Weg 10 (2004), S. 19.
249
Vgl. ZwischenHeimaten. Sammelband des Literaturkreises der Deutschen aus Russland. Herford: ost-
books 2019.
250
Vgl. Kiel (2013), S. 34.
76
wird uns hier ohne Rücksicht angekreidet,
daß wir, wie einst in Rußland, wieder stumm sind.
Vor allem mangelnde Sprachkenntnisse verschärften den Sozialneid. Die unterstellte gemeinsame
Identität der Aussiedler/innen und Binnendeutschen erwies sich in den überwiegenden Fällen als
nicht haltbar. Marit Cremer beschreibt gut, wie sich bestimmte Erfahrungsmuster für Spätaus-
siedler/innen wiederholen, insofern deutsche Ämter beispielsweise Abschlüsse an Bildungsein-
richtungen des Herkunftslandes nicht anerkennen:
Die Erfahrung knüpft unmittelbar an die Diskriminierungserfahrungen in der Sowjetunion an, als
der Zugang zu bestimmten Studiengängen oder zu Tätigkeiten mit hohem Prestige aufgrund der
Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit abgelehnt wurde. Das Gefühl, gegenüber der Mehrheitsge-
sellschaft ungenügend zu sein, wiederholt sich in Deutschland und erzeugt häufig Frustration und
Widerspruch, aber auch Rückzug, Enttäuschung und Verunsicherung. 252
Viele Russlanddeutsche fanden sich seit den Achtzigerjahren außerdem in Arbeitslosigkeit wie-
der. Gemeinschaftlich organisierter Rückhalt, enge familiäre Bindungen und religiöser Zusam-
menhalt sowie ein ausgeprägtes Nationalgefühl und Nationalstolz führen auf Seiten Einheimi-
scher zudem wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit zu Irritationen. Arbeitskreise und
Bürgerinitiativen, aber vor allem lokale Aussiedlerbeiräte und auf Bundesebene die Landsmann-
schaften sowie der Bund der Vertriebenen woll(t)en den Integrationsprozess in die deutsche Ge-
sellschaft erleichtern und weck(t)en doch gleichzeitig Misstrauen.
251
Warkentin, Johann: Wer den Schaden hat … In: Warkentin (1996), S. 68.
252
Cremer, Marit: „Ich wollte unbedingt, dass es meine Heimat ist!“ Identitäten von Kindern deportierter
Russlanddeutscher in Deutschland. Berlin: Memorial Deutschland. [Link]
[Link]/joomla/images/Broschuere_Russlanddeutsche.pdf (23.06.2021), S. 33.
253
Vgl. Griese (2006), S. 152-157.
77
Eine mögliche Form der Konstruktion personaler oder kollektiver Identität, die auf die Anfänge
der West-Ost-Migration Bezug nimmt, ist das Konzept des bzw. der „deutschen Kolonisten/Ko-
lonistin“ bzw. „Siedlers/Siedlerin“. Kollektive Identitätskonstruktionen, die auf die starke lebens-
weltliche Orientierung mit kleinräumigem geografischen Bezug bis in das 20. Jahrhundert fokus-
sieren und räumliche wie kulturelle Grenzen und Differenzen auch zwischen Gruppierungen von
Russlanddeutschen betonen, operieren mit Begriffen wie „wolgadeutsch“, „schwarzmeer-
deutsch“, „kaukasusdeutsch“ und sind immer wieder Teil mnemonischer Konzepte in neuerer
russlanddeutscher Literatur. Als wesentliches gruppenbildendes Zugehörigkeitsmerkmal kann in
diesem Zusammenhang ebenfalls die Religiosität fungieren, die einst ein zentrales Ausreisemotiv
der Vorfahr/inn/en darstellte:
Aufgrund der herausragenden Bedeutung der Religion in der Geschichte der Russlanddeutschen, in ih-
rer Eigenschaft als sinnstiftender und gemeinschaftsbildender kultureller Referenzrahmen, sind Kon-
struktionen wie Baptist, Lutheraner, Mennonit, Katholik möglich. Diese wiederum können mit Referenz
auf Familie, räumlich-lebensweltliche Aspekte (Dorfgemeinschaften) oder Institutionen (Schulen, Zei-
tungen) präsentiert werden.254
Effekte der Nationalisierung sind zwar zu berücksichtigen, doch auch die untersuchten literari-
schen Werke unterstreichen die These, dass nationale Identitätskonstruktionen als meist fraglos
gegeben hingenommen werden und darum ein Rekurs auf die Nationalstaatenbildung häufig ent-
fällt. Wesentlich ist, dass es im Zuge der Nationalstaatenbildung (Deutsches Reich, Weimarer
Republik, „Drittes Reich“, DDR, BRD; Russisches Reich, konstitutionelle Monarchie, Provisori-
sche Regierung, UdSSR, Russland und unabhängige postsowjetische Staaten) auf unterschiedli-
che Weise zur Etablierung nationaler Konstruktionen kam wie „deutsch“, „sowjetdeutsch“,
„Deutsche in Russland“ oder „Kirgistandeutsche“, „Kasachstandeutsche“ usw.
Erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs kann von der Bildung eines übergreifenden national-kul-
turellen Bewusstseins ausgegangen werden. Die Ereignisse im Verlauf von Erstem und Zweitem
Weltkrieg (Entkulakisierung, Zwangskollektivierung, politische „Säuberung“, Deportation, Tru-
darmee) führten zu einer Konsolidierung der Skripts „deutsch“ bzw. „russlanddeutsch“, die neben
positiv konnotierten Selbst- auch negative Fremdzuschreibungen artikulieren. Die Zugehörigkeit
„deutsch“ avancierte insbesondere im Kontext des Zweiten Weltkrieges zu einer von außen zu-
gewiesenen Kategorie, die an weitere negative Identitäten wie „Kollaborateur/in“, „Faschist/in“,
„Vaterlandsverräter/in“ oder „Saboteur/in“ gekoppelt werden konnte; in den 40er-Jahren verfes-
tigten sich weitere (Fremd-)Kategorien wie „Sondersiedler/in“ oder „Trudarmist/in“.255
254
Griese (2006), S. 153 f.
255
Vgl. ebda., S. 155.
78
Russlanddeutsche, die ursprünglich an der Wolga lebend („wolgadeutsch“) nach Sibirien depor-
tiert wurden („sibiriendeutsch“) und später nach Kasachstan („kasachstandeutsch“) übersiedelten.
So lüftet beispielsweise Alinas Großvater in Eleonora Hummels Roman „Die Fische von Berlin“
gegenüber seiner Enkelin das Geheimnis seiner Lebensstationen: Aufgewachsen in einem Dorf
im Gebiet Stalino256 wurde seiner Familie ein Brief des nach Kanada ausgewanderten Bruders
zum Verhängnis. „Zu oft ahnte man bei der Verhaftung gar nichts von den Gründen. Man erfuhr
sie erst später, beim Verhör, wenn sie sie einem vorlasen, und sie lauteten immer gleich: Feind
des Volkes, Konterrevolutionär, Verräter.“257 Nach wochenlanger Untersuchungshaft kam Alinas
Großvater jedoch wieder frei und konnte mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in sein mittler-
weile von deutschen Soldaten besetztes Heimatdorf fliehen. Als die Rote Armee das Gebiet zu-
rückeroberte, floh er mit der Wehrmacht nach Berlin. Nach Kriegsende seiner „wahren Identität“
entlarvt, wurde er von Sowjettruppen aufgegriffen und zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.
Erst 1957 kam er in sein Dorf zurück und blieb bei der Frau seines Bruders, Alinas Großmutter.
Und dies ist immer noch nicht die letzte Station, denn für eine bessere Chance auf einen bewil-
ligten Ausreiseantrag übersiedelte die gesamte Familie später in den Nordkaukasus, wo der Name
„Schmidt“ den Behörden noch unbekannt war: „Großvater hatte Verwandte in Stawroposkij Kraj,
am anderen Ende der Welt. […] Wenn der Schnee geschmolzen war, sollte Mutter vorausfliegen,
um uns ein neues Haus zu kaufen, dort, wo nur auf den Bergkuppen Schnee lag.“258 Die Ge-
schichte endet mit der Auswanderung nach Deutschland und der Trennung der Familie, die Groß-
eltern bleiben zurück.
256
Von 1924 bis 1961 hieß das ostukrainische Gebiet Donezk „zu Ehren des großen Diktators“ Stalino.
257
Hummel, Eleonora: Die Fische von Berlin. Göttingen: Steidl 2005, S. 86.
258
Ebda., S. 32.
259
Friedmann, Jan: Rechtsruck in „Klein-Moskau“. Russlanddeutsche in der AfD. In: Der Spiegel
(09.09.2017). [Link]
[Link] (21.03.2020).
79
Akzeptanz (gefördert durch soziale Fremdzuschreibungen, die Minderheitsangehörigen eine „rus-
sische“ Identität unterstellen) werden auch von Dichter/inn/en verarbeitet:
Gedankensplitter
Dem verhassten Herkunftsland
entkamen wir mühevoll und
splitternackt –
in Deutschland
werden wir des Letzten
beraubt:
der Menschenwürde.260
Im Rahmen der Textanalysen werden die Darstellung von Mehrfachzugehörigkeit und verwen-
dete Begrifflichkeiten, die auch aus sozial- und zeitgeschichtlichen Entwicklungen resultieren
und an Geschichtsschreibung gekoppelt sind, berücksichtigt. Ziel ist es nicht, sämtliche in diesem
Kapitel dargelegte historische Ereignisse und Entwicklungen, die in Identitätskonstruktionen eine
Rolle spielen, in einzelnen literarischen Werken aufzuzeigen bzw. nachzuweisen. Es geht viel-
mehr darum, dominante Identitätsskripts zu rekonstruieren, die durch das Aufrufen spezifischer,
als verbindend erlebter Erinnerungsorte ein kollektives Gedächtnis mit zu schaffen in der Lage
sind. Die zuvor verkürzt dargelegten historischen Ereignisse oder Phasen bieten Anknüpfungs-
punkte, um kollektive Identität mit geteiltem Sinn auszustatten.
260
Mangold, Wendelin: Gedankensplitter. In: Heimatbuch der Deutschen aus Russland 2020. Hrsg. v. der
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. Stuttgart: Landsmannschaft der Deutschen aus Russ-
land e. V. 2020, S. 85.
80
3 Kulturelles Gedächtnis, Identität und die Rolle der Literatur
Das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit setzt die theoretische Beschäftigung mit Iden-
titätskonstruktionen voraus. Im Folgenden werden daher generelle Aspekte bzw. Konzepte von
Identität diskutiert; genauer individuelle/personale, kollektive und hybride Identitäten. Grund-
sätzlich umfasst das Konstrukt Identität das Selbstverständnis eines Menschen sowie dessen ge-
sellschaftliche Verortung. Mit anderen Worten basiert Identität also auf einem selbstreflexiven
Prozess eines Individuums bedingt durch wechselseitige Selbst- und Fremdinterpretation zum
Zweck der Lebensorientierung.261 Es gibt folglich zwei bestimmende Größen für Identität – ei-
nerseits das Individuum selbst und andererseits die es umgebenden Gemeinschaften. Insofern hier
Identifizierung bzw. Identifikation als Sozialisationstechniken zur Entstehung von Identität ge-
fasst wird, ist nicht nur Selbsterfahrung maßgeblich für die Entwicklung individueller Identität,
sondern auch die soziale Bestimmung der eigenen Person. Die Ausbildung der eigenen Identität,
d. h. individuelle Identitätsprozesse, ist also wesentlich an Kollektive und Kulturen gebunden.
Bei dem Konzept individueller bzw. personaler Identität als „Einheit und Nämlichkeit einer Per-
son“262 handelt es sich um Eigenschaften wie körperliche und geistige Antriebe, Fähigkeiten und
Erfahrungen. Wie Straub betont, garantiert personale Identität die Kontinuität und Kohärenz der
Lebenspraxis des Ichs in den verschiedenen, sich teilweise widersprechenden Rollensystemen.263
Daraus entspringt das Gefühl, heute wie gestern dieselbe – wenn auch sich verändernde – Person
zu sein. Identität als selbstreflexiver Prozess ist, wie hier bereits angedeutet, somit nie etwas Sta-
tisches, sondern im Gegenteil eine diskursive Konstruktion, zumal über ständige Aushandlungs-
prozesse zu der Auffassung gelangt wird, ein individuiertes Selbst mit bestimmten Eigenschaften
zu sein. Die verschiedenen Ebenen stehen in ständiger Wechselwirkung, Zugehörigkeiten werden
permanent neu „ausverhandelt“. Identitätskonzepte unterliegen also einem andauernden Verän-
derungsprozess – auf individueller wie auch auf kollektiver Ebene. Eine Abgrenzung persona-
ler/individueller und kollektiver Identitätskonstruktionen auf analytischer Ebene zieht Peter Wag-
ner wie folgt:
Als „Selbstidentität“ oder „personale Identität“ bezeichnet er [der Identitätsbegriff] das Bewußtsein ei-
nes Menschen von seiner eigenen Kontinuität über die Zeit hinweg und die Vorstellung einer gewissen
Kohärenz seiner Person. Mit ,sozialer‘ oder ‚kollektiver Identität‘ hingegen werden ‚Identifizierungen‘
von Menschen untereinander benannt, also eine Vorstellung von Gleichheit mit anderen.264
261
Vgl. Gredinger, Gerald: Wo zuhause? Wo fremd? Die Russlanddeutschen zwischen National- und
Kulturgrenzen. Dissertation. Univ. Trier 2016, S. 17.
262
Vgl. Straub, Jürgen: Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. In:
Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität 3. Hrsg. v. Assmann, Aleida u. Heidrun Friese. Frankfurt a.
M.: Suhrkamp 21999, S. 75.
263
Vgl. ebda.
264
Wagner, Peter: Fest-Feststellungen. Beobachtungen zur sozialwissenschaftlichen Diskussion über
Identität. In: Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität (1998), S. 45.
81
Identität kann daher als Aufgabe des psychischen Systems interpretiert werden, synchron und
diachron eine Person zu sein, die auch von anderen als dieselbe Person wahrgenommen werden
kann. Weil dabei Aspekte der Innenperspektive wie der Außenperspektive berücksichtigt werden
müssen, werden dabei permanent Differenzerfahrungen integriert und eine Balance zwischen
Selbstbildern und Fremdzuschreibungen hergestellt. Das Bewusstsein eines Sinnzusammenhangs
der Entwicklung der eigenen Person „über die Zeit hinweg“ – um mit Wagner zu spre-
chen – scheint jedenfalls nur möglich anhand einer fortlaufenden In-Beziehung-Setzung der Ver-
gangenheit. So werden über hochgradig subjektive und selektive Erinnerungen bzw. Rekonstruk-
tionen, die in Abhängigkeit zur Abrufsituation stehen, sowie die Aushandlung von Vergangen-
heitsversionen Identitätskonzepte entwickelt. Ein ähnlicher Erlebnis- bzw. Gedächtnishorizont –
für russlanddeutsche Minderheiten etwa markante geschichtlich-politische Ereignisse und per-
sönliche Erfahrungen von Verfolgung und Emigration im 20. Jahrhundert – kann dabei zum Trä-
ger kollektiver Identitätskonstrukte für eine bestimmte Gruppe werden, insofern hier eine
„Gleichheit mit anderen“ empfunden wird. Das bedeutet im Umkehrschluss: „Eine zentrale Funk-
tion des Vergangenheitsbezugs im Rahmen kollektiver Gedächtnisse ist Identitätsbildung.“ 265
Nur ein Teil der individuellen, privaten Erinnerungen überlappt sich jedoch mit den kollektiven
Erinnerungen einer Gesellschaft bzw. lässt sich annähernd widerspruchsfrei in sie einbinden,
während andere Teile sich hingegen mit öffentlich sanktionierten Erinnerungspraktiken decken
können. Diese Konstruiertheit und Selektivität kollektiver Identität bleibt allerdings denjenigen,
die sie für sich in Anspruch nehmen, häufig verborgen.
Im Gegensatz zur personalen Identität, bei der die Biografie zur Vergewisserung des eigenen
Selbst rekonstruiert wird, rückt das Konzept sozialer Identität das gesellschaftliche Umfeld eines
Menschen in den Vordergrund. Es geht dabei um die Beziehung eines Individuums zu Gruppen,
denen es sich zugehörig fühlt. Und hier wird auch die Kontextabhängigkeit von Identität ersicht-
lich, denn ein Individuum kann natürlich mehrere Identitäten besitzen (sich verschiedenen Be-
zugsgruppen zugehörig fühlen), die es in unterschiedlichen Situationen aktiviert. Auch Konzepte
kollektiver Identität haben jeweils soziale Gruppen bzw. Gemeinschaften im Blick und dienen
der Beschreibung von gefühlten/gedachten Zugehörigkeiten zu möglichen Arten von sozialen
Gruppen oder Kollektiven.266
In der Forschung gibt es bei Systematisierungsversuchen zu Aspekten von Identität verschiedene
Herangehensweisen. Statt „nur“ zwischen personaler bzw. individueller und kollektiver Identität
zu unterscheiden, könnten wir noch eine weitere Ausdifferenzierung der letzteren vornehmen,
265
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. In: Konzepte der Kulturwissenschaften.
Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven. Hrsg. v. Nünning, Ansgar u. Vera Nünning. Stuttgart
u. Weimar: J. B. Metzler 2003, S. 160.
266
Vgl. Straub (1999), S. 20.
82
indem wir jene in soziale und kulturelle Identität267 aufgliedern. Denn kollektive Identitätskon-
strukte sind an verschiedene Eigenschaften gekoppelt. Aus räumlichen Vorstellungen können
etwa globale, trans- bzw. supranationale, nationale und regionale Identitätskonstruktionen her-
vorgehen, während im scheinbaren Gegensatz dazu kulturelle Aspekte in den Vordergrund ge-
stellt werden können. Immer geht es dabei allerdings um Wir-Gruppenformationen bzw. Wir-
Konstruktionen. Auch bei kulturellen Identitätskonzepten handelt es sich im Grunde um soziale
Konstruktionen – Eigengruppen werden in Abgrenzung zu Gruppen, zu denen man sich selbst
nicht zählt (Fremdgruppen), imaginiert. Beide Teile eines Selbstkonzeptes fallen unter Vorstel-
lungen einzelner Personen, die sie über Kollektive anstellen. Festzuhalten ist: Wenn in der Folge
von kollektiven Identitätskonstruktionen die Rede ist, dann nicht, um über die Identität einer Per-
son zu sprechen, sondern um auf Vorstellungen einer bestimmten „Wir-Identität“ einer Gruppe
zu referieren. Und wenn wir über soziale bzw. kulturelle Identität sprechen, ist folglich ein Be-
reich des Selbstkonzepts einer Person gemeint.
- Sprache, Herkunft, Abstammung, Religion oder kulturelle Handlungspraxen in Form von Brauch-
tum bzw. Tradition […] bei der Darstellung von Identität als vergemeinschaftende Elemente oder
gemeinsame, exklusive (Handlungs-)Praxis ausgewiesen werden,
267
Gerade im politischen Diskurs geht es bei der Frage nach der kulturellen Identität meistens um Ängste
der Gefährdung einer angeblichen Gruppenidentität, also letztlich um Gruppenstabilisierung und -abgren-
zung. Gruppenidentitäten werden diesem Ziel dienlich als einheitlich unterstellt. Das politische Konzept
von kultureller Identität operiert also mit der Idee einer homogenen Kollektivkultur und unterstellt damit
eine nationale bzw. ethnische Einheit, die als höchst problematisch bewertet werden muss.
268
Im Allgemeinen sind mit dem Ausdruck Mischformen gemeint, die kultureller, religiöser oder traditio-
neller Art sein können.
269
Vgl. Griese (2006), S. 57.
270
Vgl. ebda., S. 60.
83
- phänotypische, biologische Differenzen – diese Form der Konstruktion tendiert in Richtung Ras-
sismus – zur Konstruktion des Eigenen und Fremden eingeführt werden,
- auf eine spezifische (Sozial- oder Zeit-)Geschichte Bezug genommen wird […].271
Auf ähnliche Kriterien wie Armborst verweist auch Bernhard Giesen implizit, wenn er zwischen
drei Konstruktionstypen bzw. -prinzipien kollektiver Identität differenziert:272 Im ersten Punkt
schaffen primordiale Codierungen exklusive Grenzen, die schwer passierbar sind, weil sie auf
zumeist körperliche Merkmale wie Abstammung, Geschlecht, Rasse und Ethnizität verweisen.
Zwar wird in den neueren Werken russlanddeutscher Literatur immer wieder auf die Vor-
fahr/inn/en, die Eltern- oder Großelterngeneration oder aber noch weiter auf die einstigen deut-
schen Kolonist/inn/en hingewiesen – eine „Vorwelt“ wird also ganz deutlich skizziert und ano-
nyme und idealisierte Vorfahr/inn/en sind Elemente der Erzählungen. Doch diese mythischen
Bilder werden schrittweise abgelöst durch Codierungen, deren Verständnis die Vertrautheit mit
den impliziten Regeln einer bestimmten Lebenswelt erfordern. So unterscheidet Giesen zweitens
traditionale Konstruktionen, die von Gemeinschaftlichkeit und lokalen Lebenswelten ausgehen,
die sich gegen außen durch diffuse Horizonte und Grenzen der Verständlichkeit unterscheiden.
Die Homogenität einer Gemeinschaft wird nicht durch die Vorstellung einer „natürlichen“
Gleichheit der Angehörigen geschaffen, sondern durch die Vertrautheit mit den impliziten Regeln
einer lokalen Lebenswelt oder die Übernahme einer gemeinsamen geschichtlichen Tradition. Im
dritten Typus wird die Grenze zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“ durch von der Gruppe her-
vorgebrachte Ideen und Weltanschauungen markiert, die als „Wahrheiten“ empfunden werden.
„Andersgläubige“, sprich Außenseiter/innen, erscheinen als identitätsschwache Wesen, die zum
richtigen Bekenntnis bekehrt werden sollten. Das Prinzip des Auserwähltseins mag im religiösen
Bereich offenkundig sein, ist aber auch auf das Gebiet der Wissenschaft oder Politik übertragbar.
Ist für die individuelle Identität und somit das Bewusstseins eines diachronen Entwicklungspro-
zesses der eigenen Person das autobiografische Gedächtnis von größter Wichtigkeit, so stellt sich,
wenn wir den Bereich kollektiver Identitätskonstruktionen in den Blick nehmen, die Frage nach
einem wie auch immer gearteten kollektiven Gedächtnis, auf dessen Grundlage Zugehörigkeits-
oder Abgrenzungsvorstellungen in Bezug auf eine Gruppe erst angestellt werden. Denn „[d]ie
spezifische Prägung, die der Mensch durch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft
und deren Kultur erfährt, erhält sich durch die Generationen hindurch nicht als eine Sache der
phylogenetischen Evolution, sondern der Sozialisation und Überlieferung.“273 Jan Assmann weist
mit der Betonung der „Überlieferung“ schon auf einen wesentlichen Aspekt seines Konzepts eines
271
Griese (2006), S. 60.
272
Vgl. Giesen, Bernhard: Identität und Versachlichung. Unterschiedliche Theorieperspektiven auf kol-
lektive Identität. In: Identität und Moderne. Hrsg. v. Willems, Herbert u. Alois Hahn. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp 1990, S. 397 f.
273
Assmann, J. (1988), S. 9.
84
kulturellen Gedächtnisses voraus, welches die Rolle medialer Repräsentationen für den Erinne-
rungsprozess und die Konstruktion von Gruppenidentitäten betont, die uns letztlich auch auf die
Rolle der Literatur aufmerksam werden lassen.
Auf den Diskurs über kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen haben sich die Erkennt-
nisse mehrerer Forschungsbereiche maßgeblich ausgewirkt. Ob „memoria“, „soziales Gedächt-
nis“, „kulturelles“ und „kommunikatives Gedächtnis“, „invented traditions“, „cultural memory“
oder „lieux de mémoire“ – diese begrifflichen Modifikationen beruhen auf einigen gemeinsamen
Grundannahmen. Sie alle betonen die Perspektivität und Konstruktivität individueller wie auch
kollektiver Erinnerungen: Diese sind keine objektiven Abbilder vergangener Realität, sondern
eminent selektive und standortgebundene Vergangenheitsversionen. 274 Die heutige Forschung
zum kollektiven Gedächtnis ist im Wesentlichen zwei Traditionssträngen, die in die 1920er-Jahre
zurückreichen, verpflichtet; Maurice Halbwachs soziologischen Studien zur „mémoire collec-
tive“ und Aby Warburgs kulturhistorischer Beschäftigung mit einem in bildhafter Symbolik grün-
denden „sozialen Gedächtnis“. Erinnern beinhaltet in ihren Augen immer eine aktive gedankliche
Arbeit der Rekonstruktion, die Halbwachs an einer Stelle als „Umbildungsarbeit an der Vergan-
genheit“275 beschreibt. Diese Rekonstruktion ist notgedrungen durch den Kontext geprägt, in dem
sie geschieht, dem sozialen Rahmen. Durch den Homogenitätsdruck des Kollektivs, der auf Her-
stellung von Kohärenz und Kontinuität abzielt, ist das kollektive Gedächtnis außerdem notwen-
digerweise selektiv. Es spart aus, „was die einzelnen voneinander trennen, die Gruppen vonei-
nander entfernen könnte“ und „manipuliert […] ihre Erinnerung in jeder Epoche“ 276 entspre-
chend. Die Gruppe, die ihre Identität auf Gemeinsamkeiten stützt, leitet ihre Mitglieder immer
wieder dazu an, jene durch die (Re-)Konstruktion einer gemeinsamen Geschichte zu realisieren.
274
Vgl. Neumann, Birgit: Literatur als Medium (der Inszenierung) kollektiver Erinnerungen und Identitä-
ten. In: Literatur – Erinnerung – Identität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Hrsg. v. Erll, Astrid, Ma-
rion Gymnich u. a. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2003, S. 50.
275
Vgl. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Übers. v. Geldsetzer,
Lutz. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985, S. 156.
276
Ebda., S. 382.
85
haben Jan und Aleida Assmann die Gedächtnisforschung von Anfang an auf eine medientheore-
tische Basis gestellt.
In Erinnerungskulturen ist eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Medien anzutreffen. Das indi-
viduelle Gedächtnis ist in hohem Maße von medialen Phänomenen geprägt, hierzu können bei-
spielhaft die Erzählungen der Großeltern, also Kommunikation im Familienkreis, die Bedeutung
von Fotos, Videos oder Tonaufnahmen für eine mediengeleitete Rekonstruktion der eigenen Ver-
gangenheit oder der Einfluss von Massenmedien bei der Herausbildung von Narrationsmustern
und Schemata für die Codierung von Lebenserfahrung genannt werden. Auch in den literarischen
Texten spielen die verschiedenen Formen medialer Vermittlung von Erinnerungen eine Rolle. In
Eleonora Hummels Roman, den Natalia Shchyhlevska „durchaus als historisch-dokumentari-
sche[n] Roman“277 bezeichnet, ist es der Großvater, der sein Schweigen bricht und erzählt, was
in keinem sowjetischen Geschichtsbuch nachlesbar ist. Die Autorin knüpft damit an die Tradition
der mündlichen Überlieferung an. Das Modell, wonach die Lebensgeschichte des Großvaters aus
der Perspektive und Wahrnehmung des Kindes wiedergegeben wird, demonstriert die Aneignung
des historisch-kulturellen Gedächtnisses besonders deutlich.
Die Konstruktion und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in
sozialen und kulturellen Kontexten – das (metaphorisch so genannte) „Gedächtnis“ auf kollektiver
Ebene also – wird überhaupt erst durch Medien ermöglicht: durch Mündlichkeit und Schriftlichkeit
als uralte Basismedien zur Speicherung fundierender Mythen für nachfolgende Generationen, durch
Buchdruck, Radio, Fernsehen und Internet zur Dissemination von Versionen gemeinschaftlicher
Vergangenheit in weiten Kreisen der Gesellschaft und schließlich durch symbolträchtige Medien
wie Denkmäler als Anlässe des kollektiven, oft ritualisierten Erinnerns. 278
Wie für Alina in „Die Fische von Berlin“, die sich die Vergangenheit hauptsächlich anhand von
Erzählungen (auch eine alte Fotografie entdeckt sie) erschließt, ist das Gedächtnis der nicht-mit-
erlebten Geschichte ausschließlich medial vermittelt. Denkmäler, Geschichtsbücher, Fotos, Inter-
net, Filme usw. versorgen die Menschen mit Vorstellungen über die Vergangenheit. Aber auch
das episodische Gedächtnis, in dessen Rahmen sich an die eigene Lebenserfahrung erinnert wird,
erweist sich als medial geprägt – Astrid Erll unterstreicht dies mit drei Argumenten:279 Erstens
werden kulturspezifische Schemata, die die Encodierung, Deutung und den Abruf von Lebenser-
fahrung in bestimmte Bahnen lenken, über mediale Repräsentationen vermittelt. Alltagserzählun-
gen, literarische Texte und Filme seien die Lieferanten jener Muster, die unserer eigenen Erfah-
rung Kohärenz verleihen. Zweitens handle es sich bei „cues“280 – Abrufhinweisen, die die Erin-
nerung an bestimmte Ereignisse und Episoden unseres Lebens nicht selten erst auslösen – oft um
277
Shchyhlevska (2012), S. 6.
278
Erll, Astrid: Medien und Gedächtnis. Aspekte interdisziplinärer Forschung. In: Arbeit am Gedächtnis.
Hrsg. v. Frank, Michael C. u. Gabriele Ripp. München: Wilhelm Fink 2007, S. 89 f.
279
Vgl. ebda., S. 94 f.
280
Nach Erll können Medien, bezieht man Erkenntnisse der psychologischen Gedächtnisforschung ein,
wie etwa literarische Texte, bestimmte Gedächtnisorte oder Familienfotos, Abrufhinweise enthalten, die
86
Medien. Und drittens können mediale Repräsentationen unsere Erinnerung auch nachträglich
noch überformen, indem sie sich mit bestehenden Erinnerungsbildern verknüpfen.
Diese Miteinbeziehung der Medialität gründet in dem zweiten erwähnten Ansatz der 1920er-Jahre
von Aby Warburg, der im Gegensatz zu Halbwachs in seiner Theorie des kollektiven Bildge-
dächtnisses die materiale Dimension der Kultur in den Fokus rückt – und somit auch literarische
Texte (für Halbwachs fallen diese unter „Zeitgeschichte“). In der Literaturwissenschaft ist analog
zu der von ihm beobachteten Wiederkehr der Formen – im Sinne eines Rückgriffs auf altherge-
brachte Muster und Motive als Einzeltext- oder Gattungsreferenzen – von Intertextualität die
Rede. Astrid Erll und Ansgar Nünning treffen hier allerdings eine grundlegende Unterscheidung
dreier Forschungsstränge einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft in „Ge-
dächtnis der Literatur“, „Gedächtnis in der Literatur“ und „Literatur als Medium des Gedächtnis-
ses“.281 Die Intertextualität, d. h. die Bezugnahme eines Textes auf einen oder mehrere vorherge-
gangene, bildet ihnen zufolge das „Gedächtnis der Literatur“. Der erste ist von dem dritten Punkt
der Aufgliederung allerdings nur schwer zu trennen. Darum wird in der Folge lediglich zwischen
der Thematisierung des individuellen und kollektiven Gedächtnisses in der Literatur einerseits
und der Rolle literarischer Texte als Träger von Gedächtnis andererseits unterschieden. Denn
wenn das Gedächtnis der Literatur deren Intertextualität ist, so wird Literatur aufgrund ihres
Rückgriffes auf vorangegangene Texte und Gattungen automatisch zu einem Medium des kultu-
rellen Gedächtnisses. Diesen Aspekt zeigt Renate Lachmanns auf, indem sie Literatur als „mne-
monische Kunst par excellence“ beschreibt, die „das Gedächtnis für eine Kultur stiftet“ und
gleichzeitig „das Gedächtnis einer Kultur aufzeichnet; Gedächtnishandlung ist; sich in einen Ge-
dächtnisraum einschreibt, der aus Texten besteht; einen Gedächtnisraum entwirft, in den die vor-
gängigen Texte über Stufen der Transformation aufgenommen werden.“ 282 Literarische Texte
sind diesem Ansatz folgend nicht als isolierte Einheiten zu analysieren, sondern als Knotenpunkte
in einem Netz kultureller und literarischer Beziehungen.283
Neben nicht-fiktionalen Texten, Riten und Denkmälern bilden literarische Texte also ein zentrales
Medium der Ausbildung, Weiterführung und Tradierung kollektiv relevanter Erfahrungen. Das
Prozesse des Erinnerns zu initiieren in der Lage sind, und zwar nicht nur bei einzelnen Rezipient/inn/en,
sondern auch innerhalb kollektiver Gemeinschaften. [Vgl. Erll, Astrid: Literatur als Medium des kol-
lektiven Gedächtnisses. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und
Anwendungsperspektiven. Hrsg. v. Erll, Astrid u. Ansgar Nünning. Berlin: Walter de Gruyter 2005,
S. 255 f.]
281
Vgl. Erll, Astrid u. Ansgar Nünning: Literaturwissenschaftliche Konzepte von Gedächtnis. Ein einfüh-
render Überblick. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und An-
wendungsperspektiven. Hrsg. v. Erll, Astrid u. Ansgar Nünning. Berlin u. New York: Walter de Gruyter
2005, S. 1-9.
282
Lachmann (1990), S. 36.
283
Vgl. Scheiding, Oliver: Intertextualität. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft (2005),
S. 54.
87
externe Speichermedium der Schrift erweist sich allerdings nicht per se als Garant kultureller
Kontinuität, denn textuelle Kohärenz bedarf der „Herstellung eines Beziehungshorizontes über
[den] der Schriftlichkeit inhärenten Bruch hinweg, eines Horizonts, innerhalb dessen Texte über
die Jahrtausende hinweg präsent, wirksam und anschlußfähig bleiben“,284 auf diese Herausforde-
rungslage reagieren Kommentar, Imitation und Kritik als kulturelle Techniken der Sinnpflege,
die in beständig sich verändernden Erfahrungshorizonten eine stets neue Aneignung der fundie-
renden Texte vollziehen.285 Dieses Wiederaufgreifen und Aktualisieren bestimmter Topoi, findet
auch innerhalb literarischer Texte statt, die an Narrative bzw. Motive der älteren Generation, wie
zum Beispiel das der „verlorenen Heimat“ anknüpfen. Richtet man die Aufmerksamkeit in der
literarischen Analyse auf diese intertextuellen Verfahren, wird der Text als Netzwerk oder Ge-
webe aus zahlreichen anderen Texten begreifbar. Jüngere Werke russlanddeutscher Autor/inn/en
schreiben tradierte Muster in einer sich wandelnden Diskursumwelt dabei häufig nicht bruchlos
fort; sie werden durch neue, bisher weitestgehend ausgesparte oder ignorierte Erfahrungen,
Schauplätze und Ereignisse ergänzt und modifiziert, ebenso wie sich neue Erfahrungen in das
Gedächtnis einschreiben.286
Auch für Aleida und Jan Assmann, Begründerin und Begründer eines der meistdiskutierten Kon-
zepte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, manifestiert sich kollektive Sinnbil-
dung, wie gezeigt, in medial stabilisierten Formen des kulturellen Gedächtnisses wie Literatur.
Die Frage nach der „konnektiven Struktur“287 einer Gesellschaft liegt der Studie „Das kulturelle
Gedächtnis“288, die das Selbstverständnis einer Kultur aus ihrem Umgang mit der Vergangenheit
erschließt, zugrunde. Vergangenheit wird als soziale und gruppenbezogene Konstruktion gese-
hen, deren Ausgestaltung sich aus gegenwärtigen Bezugsrahmen und Sinnbedürfnissen ergibt.
Als selektive, hochgradig subjektive Akte der (Re-)Konstruktion vergangener Ereignisse unter den
Prämissen der interpretierenden Gegenwart partizipieren individuelle Erinnerungen mithin an der
interessensgeleiteten Ausbildung, Produktion und Verfestigung kollektiver Versionen der Vergan-
genheit, die als Kontinuitätsfiktionen das Selbstbild einer Gruppe im Bruch zwischen Gestern, Heute
und Morgen stützen.289
284
Assmann, J. (2000), S. 101.
285
Vgl. Beck, Sandra: Jan Assmann (*1938), Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politi-
sche Identität in frühen Hochkulturen (1992). In: KulturPoetik 11/2 (2011). Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht 2011, S. 262.
286
Vgl. Bingel-Jones, Hanna: „Erinnern ist eine Art zu vergessen.“ Erzählen und Erinnern zwischen Hei-
matlosigkeit und Neuverortung in Julia Schochs Nachwenderoman „Mit der Geschwindigkeit des Som-
mers.“ In: Realistisches Erzählen als Diagnose von Gesellschaft. Hrsg. v. Gansel, Carsten u. Manuel Mal-
donado-Alemán. Berlin: Okapi 2018 (Edition Gegenwart – Beiträge zur neuesten deutschsprachigen Lite-
ratur und Kultur 2), S. 385.
287
Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hoch-
kulturen. München: Beck 2000, S. 18.
288
Vgl. Assmann, J. (2000), Erstauflage 1992.
289
Beck (2011), S. 259 f.
88
Das Assmann’sche Konzept basiert auf der Unterscheidung zwischen zwei Formen des kol-
lektiven Gedächtnisses – dem kommunikativen Gedächtnis, der Alltagsform des sich durch Un-
geformtheit und Beliebigkeit auszeichnenden kollektiven Gedächtnisses, welches höchstens drei
Generationen zurückreicht und dann auf eine „Vergessensschwelle“ trifft, sowie dem kulturellen
Gedächtnis, dem organisierten Vergangenheitsbezug in Texten und anderen symbolischen For-
men. Das kulturelle Gedächtnis archiviert im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis nach
der klassischen Definition Assmanns „den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen
Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten […], in deren ,Pflege‘ sie ihr Selbstbild
stabilisiert und vermittelt, ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich)
über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtstein von Einheit und Eigenart stützt.“290
Während das kommunikative Gedächtnis sich durch Alltagsnähe auszeichnet, ist das kulturelle
Gedächtnis durch Alltagsferne gekennzeichnet. Letzteres stützt sich auf Fixpunkte, die gerade
nicht mit der Gegenwart mitwandern, sondern als schicksalhaft und bedeutsam sowie durch
Texte, Riten, Denkmäler und Gedenkveranstaltungen markiert werden. Kulturelles und kommu-
nikatives Gedächtnis sind allerdings nur analytisch strikt zu trennen, in der Erinnerungspraxis der
Individuen und sozialen Gruppen hängen ihre Formen und Praktiken miteinander zusammen.
290
Assmann, J. (1988), S. 15.
291
Vgl. Assmann, J. (2000), S. 139.
292
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart u. Weimar:
Metzler 2001, S. 120 (Anm. 9).
89
des Leitkriteriums der Zeitstruktur differenziert werden; an seine Stelle tritt die Entscheidung für
die Verortung eines Ereignisses im alltagsweltlichen „Nahhorizont“ des kommunikativen Ge-
dächtnisses bzw. im „Fernhorizont“ des kulturellen Gedächtnisses über das Zeitbewusstsein.293
Das bedeutet, daß in einem gegebenen historischen Kontext dasselbe Ereignis zugleich Gegenstand
des kulturellen und des kommunikativen Gedächtnisses sein kann. Bei einem solchen Szenario han-
delt es sich nicht um Grenzfälle, sondern um ein wiederkehrendes Merkmal bestimmter kultureller
Konstellationen. In Gesellschaften, die in jüngster Zeit einschneidende Veränderungen erlebt haben,
ist es ein Regelfall: So waren beispielsweise die Französische Revolution um 1800 und der Erste
Weltkrieg in den 1920er Jahren Gegenstände sowohl des kulturellen als auch des kommunikativen
Gedächtnisses. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind es bis heute. 294
Einschneidende Ereignisse wie die Repressionen gegen Russlanddeutsche können somit schon
nach einer relativ kurzen Zeit als „fundiertes“ Geschehen wahrgenommen werden und Eingang
in den „Fernhorizont“ des kulturellen Gedächtnisses finden. Bei dem von Assmann angedeuteten
„Fernhorizont“ des kulturellen Gedächtnisses könne es sich im Sinne der historisch-chronologi-
schen Zeit also auch um „eine äußere Nähe handeln“,295 so Erll. Da die in dieser Arbeit unter-
suchten Werke russlanddeutscher Autor/inn/en Zäsuren einer nahen Vergangenheit aufgreifen,
stellt sich von dieser Beobachtung ausgehend die Frage, welche Gedächtnis-Rahmen im Zuge der
Texte inszeniert werden und welcher Erinnerungsmodus bei den geschilderten Erinnerungspro-
zessen überwiegt. Werden geschichtliche Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts eher als Ge-
genstände kommunikativer Generationengedächtnisse geschildert oder eher im Rahmen eines
kulturellen Fernhorizonts inszeniert?
Neben ritueller und textueller Kohärenz als zwei differente Formen der „konnektiven Struktur“
unterscheidet Assmann mit der „heißen“ und der „kalten Erinnerung“ zwei gedächtnispolitische
Strategien des kulturellen Gedächtnisses im Umgang mit Geschichte. Im Gegensatz zu dem Be-
mühen, das Gewordensein in einer mythischen Urzeit in das Zentrum der Erinnerung zu rücken
mittels „kalter“ Erinnerung an das zyklisch Wiederkehrende, können Gesellschaften andererseits
aus der „heißen“ Erinnerung an die historische Vergangenheit handlungsleitende Entwicklungs-
impulse ableiten. Die Mythen „heißer Kulturen“ wiederum können sowohl in „fundierend[er]“
als auch in „kontrapräsentisch[er]“296 Funktion aktualisiert werden. Während der Mythos einer-
seits fundierende Motorik entfaltet, wenn das bestehende System in Bezug auf die gemeinsame
Geschichte als „sinnvoll, gottgewollt, notwendig und unabänderlich“ legitimiert wird, kontrastiert
der Mythos in seiner kontrapräsentischen Funktion andererseits die „Defizienz-Erfahrungen der
293
Vgl. Erll (2001), S. 114-118.
294
Erll, Astrid: Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deut-
scher Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren. Trier: WVT 2003, S. 48.
295
Ebda., S. 49.
296
Vgl. Assmann, J. (2000), S. 79.
90
Gegenwart“ mit der Erinnerung an eine einstige, bessere Zeit, sodass an die Stelle der Kontinui-
tätserfahrung das Bewusstsein eines Bruchs und eines Verlusts tritt.297
Gerade diese Perspektive, die es erlaubt, in den zentralen Themen der russlanddeutschen Litera-
tur, Verfolgung und Emigration, (zumindest im Ansatz) eine solche kontrapräsentische Schaffung
des Bewusstsein eines Bruchs zu erkennen, rückt ein zentrales Thema kulturwissenschaftlicher
Debatten in den Fokus, nämlich die Frage nach der Tradierung traumatischer Erinnerungen. Mit
der Annahme eines kollektiven Gedächtnisses kann auch von kollektiven Traumata gesprochen
werden. Der oft als mühsam, aber als dringlich erlebte Aneignungsprozess der nicht selbst erleb-
ten Vergangenheit, der einer Spurensuche gleichkommt, insbesondere wenn traumatische Erfah-
rungen ein intergenerationelles Schweigen befördert haben, wird immer wieder in den Werken
russlanddeutscher Autor/inn/en behandelt.
So gestaltet sich etwa der Roman „Die Fische von Berlin“ als tiefschürfendes Gespräch mit der
Vergangenheit. Die Fragen, welche die kindliche diegetische Erzählerin Alina beschäftigen, zeu-
gen nicht nur von Leerstellen, Widersprüchlichkeiten und Tabus in der Vergangenheitstradierung,
sondern verweisen in der Folge auf die als lückenhaft wahrgenommene Konstruktion der indivi-
duellen Identität der Ich-Erzählerin. Die Aufdeckung des Nie-Erzählten ist jedoch kein einfaches
Unterfangen, muss sie doch den Großvater erst dazu zu bringen, das Familiengeheimnis zu lüften.
Gerade die Wahrnehmung der Konflikte und Diskrepanzen innerhalb der Familie und in ihrem
Umfeld sind es, die den Wissensdurst forcieren: „Ihre Rede war so durchsetzt von ,Sch-sch!‘ und
,Psst!‘, daß ich zeitweise glaubte, sie litten an einem kollektiven Sprachfehler.“298 Der Großvater
als Zeitzeuge offenbart der jungen Erzählerin aus zwei Gründen seine Geschichte; zum einen ist
da seine angeschlagene Gesundheit und die Vorahnung des baldigen Todes, zum anderen weiß
er, dass die Ausreise der Familie kurz bevorsteht und er möchte die unbeantworteten Fragen nicht
zu einem (Identitäts-)Konflikt ausufern lassen. Wenn er weiterhin schweigt, ist davon auszuge-
hen, dass seine (individuelle) Geschichte in Vergessenheit gerät. Zwei Symbole sind es, die zum
persönlichen Erinnerungsträger des Großvaters geworden sind – der Fisch und ein altes Taschen-
messer seines toten Bruders –, die nun helfen, Anknüpfungspunkte zu finden für das Erzählen.
Allerdings können auch traumatische Erfahrungen, über die nicht gesprochen wird, durch habitu-
elle, gestische, rituelle oder über ausbleibende Thematisierungen an Nachfolgegenerationen wei-
tergegeben werden – an Menschen, denen weder die historische Erfahrung noch eine Erinnerung
daran verfügbar ist. Die Weitergabe so genannter „deep memories“299 kann über unterschiedliche
297
Vgl. Assmann, J. (2000), S. 79.
298
Hummel (2005), S. 24.
299
Der Begriff wurde geprägt von Saul Friedländer und bezeichnet die nicht oder kaum verbalisierbare
Erinnerung eines Menschen, der zutiefst traumatisiert und durch die weder vollständig zugängliche noch
mit anderen teilbare Erinnerung lebenslang geprägt wurde. [Vgl. Friedländer, Saul: Nachdenken über den
Holocaust. München: C. H. Beck 2007, S. 141.]
91
mediale Kanäle vonstattengehen. Warum aber das Brechen des Schweigens und „Erzählen des
Unerzählbaren“ für eine gesellschaftliche Minderheit so wichtig für die Bildung und Modifizie-
rung kollektiver Identitätskonstrukte ist, wird in den nächsten Kapiteln gezeigt.
Auf kollektive Traumata bezieht sich auch Olga Kurilo, wenn sie als Folge der Auflösung der
deutschen Siedlungen von einer „Entwurzelung und Marginalisierung der deutschen Bevölke-
rung“300 schreibt. Gleichzeitig konstatiert sie, dass die Enkel der entwurzelten Generation diese
Traumata nicht kennen, seien sie doch „russisch erzogen“ worden.301 Genau diese, von Kurilo
angenommene Leerstelle aufgrund fehlender Tradierung bzw. Erziehung, die in der Familie oder
vonseiten institutioneller Einrichtungen durch Nicht-Thematisierung erzeugt wurde bzw. wird, ist
Literatur zu füllen in der Lage, die selbst nicht nur wesentliches Mittel zur Präsentation, sondern
auch Medium der Konstruktion von Erinnerung und Identität darstellt.
Von der Untersuchung literarischer Texte ausgehend können einerseits Rückschlüsse auf die
Identitätsdiskurse deren Entstehungszeit gezogen werden; andererseits ist davon auszugehen, dass
Literatur selbst Diskurse über Erinnerung und Identität anstößt, insofern ihr das Potenzial inne-
wohnt, Selbstbilder und Vergangenheitsversionen darzustellen, zu reflektieren oder problemati-
sieren. Anhand eingehender Literaturanalyse kann gezeigt werden, dass es „gemeinsame Erinne-
rungsorte“ für die verstreut lebenden Russlanddeutschen gibt. Nicht nur im gemeinsamen Sich-
Erinnern im Gespräch oder im Zuge von Bräuchen, sondern auch in fixierten Texten werden so
Aspekte der Vergangenheit vergegenwärtigt, welche Grundlage eines Wir-Gruppen-Verständnis-
ses bilden. Dem Gedächtniskonzept zugrunde liegt die Annahme eines sich in einzelnen Texten
manifestierenden Gedächtnisses des Symbolsystems Literatur, das über sich selbst hinausrei-
chend in Rezipient/inn/en Konzepte von Identität beeinflusst.
Erinnern kann im Wesentlichen als Rekonstruktionsleistung bzw. als Erzählen von subjektiven,
ausgehandelten oder auch nicht akzeptierten Wahrheiten gesehen werden. Literarische Werke
sind Träger von Erinnerungen. Literarisches und gesellschaftlich akzeptiertes Erinnern können
dabei auseinanderklaffen – das große Potenzial der Literatur besteht darin, dass sie die privaten
Geschichten und Erfahrungen des oder der Einzelnen im Lichte der großen Geschichte der Ge-
sellschaft zu reflektieren vermag und somit die Spannungen auf eine differenzierte und komplexe
Weise zur Sprache bringt.302 Die Autor/inn/en versuchen meist nicht, den Leser/inne/n ein allge-
300
Kurilo (2015), S. 67.
301
Vgl. ebda.
302
Vgl. Nagy, Hajnalka u. Werner Wintersteiner: Erinnerungskulturen im Umbruch? Eine Einführung. In:
Erinnern – Erzählen – Europa. Das Gedächtnis der Literatur. Hrsg. v. Nagy, Hajnalka u. Werner Winter-
steiner. Innsbruck: Studienverlag 2015, S. 20.
92
meingültiges „objektives“ Geschichtsbild aufzudrängen, sondern „begnügen“ sich stattdessen da-
mit, in einer bewusst gewählten Sprache ihre eigenen, widersprüchlichen, schmerzhaften Erinne-
rungen zu reflektieren und unmittelbar wiederzugeben, und machen so auch die Konstruiertheit
von Erinnerungen bewusst. Literarische Texte, die selbst als Erinnerungsorte fungieren, schreiben
sich in eine zeitlich und räumlich ausdehnbare Textur des Erinnerns ein, die die Leser/innen über
Grenzen, Epochen und Generationen hinweg mit ihrer eigenen Erinnerungsarbeit mitgestalten.
Während es für Dichter/innen wie etwa Paul Celan nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs
unmöglich erschien, in der Sprache der deutschen Täter/innen weiterzuschreiben, sehen russland-
deutsche Autor/inn/en nach der „Zeit des Schweigens“ die Chance, in der unterdrückten eigenen
Muttersprache bzw. der Sprache ihrer Vorfahr/inn/en wieder „heimisch“ zu werden. Andererseits
kann diese Reaktion auch ausgelegt werden als eine bewusste Negation der Sprache der sowjeti-
schen Täter/innen, die vielen Russlanddeutschen großes Leid angetan haben, – die deutsche Spra-
che als Symbol des bewussten Bekennens zur eigenen Herkunft, d. h. die Sprache als offensicht-
liches Identitätsmerkmal, verwendend. Jedenfalls kommen im Fall der Russlanddeutschen an-
fangs allein schon die Verwendung der sanktionierten Sprache und die Sich-Kenntlichmachung
als Minderheitsangehörige/r (später das Erzählen und Schreiben über die bislang verschwiegenen
Verbrechen der Kriegs- und Nachkriegszeit) einem Tabubruch gleich. Engel-Braunschmidt kon-
kretisiert die Aufarbeitungsfunktion:
Den Verfassern von Erlebnisberichten über die Kriegs- und Nachkriegszeit, die für die rußlanddeut-
sche Literatur von ähnlicher Bedeutung ist wie die Holocaust-Literatur für die deutsche (bei nicht
vergleichbarer Opfer-Täter-Konstellation), wird allmählich das Interesse entzogen. Noch aber haben
sie das Bedürfnis, über ihre Vergangenheit zu sprechen […]. 303
303
Engel-Braunschmidt (2007), S. 157.
304
Vgl. Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Von der Subversion des Wissens.
Hrsg. u. übers. v. Seitter, Walter. Frankfurt a. M.: Fischer 1987, S. 85.
93
schaften und beschreibt die Herausbildung eines „Gedächtnisses einer Gruppe“, in dem als wich-
tige Identitätsfaktoren angesehene Aspekte wie Konfession oder Sprache wiederaufleben in der
geteilten Erinnerung nach jahrelanger Unterdrückung:
Die Zugehörigkeit zur evangelischen oder katholischen Gemeinde und die deutsche Sprache, die im 19. Jahrhundert
wichtige Faktoren für die Bewahrung der deutschen Identität waren, spielten keine Rolle in der sowjetischen Ge-
sellschaft, in der Kirchen und deutsche Schulen geschlossen wurden und die Beziehungen mit Deutschland abge-
brochen wurden. Sie bewahrten ihre Identität während des Zweiten Weltkrieges nicht durch traditionelle deutsche
Institutionen, sondern durch ihre Erinnerungen und ihre Fremdheitserfahrungen. Die Erinnerungen der Einzelnen
verdichten sich zum Gedächtnis der Gruppe, für die derselbe Zusammenhang gilt. 305
Über die Darstellung von gesellschaftlich Vergessenem oder Verdrängtem kann das Symbolsys-
tem Literatur diese Erfahrungen erinnerbar machen und ist unter Umständen auch dazu in der
Lage, das gesellschaftlich dominante Kollektivgedächtnis mit alternativen (Gegen-)Gedächtnis-
sen minoritärer Erinnerungsgemeinschaften zusammenzuführen. Auf diese Weise hat russland-
deutsche Literatur (in russischer und deutscher Sprache) durch das Aufgreifen traumatischer Er-
fahrungen zu deren Aussprechbarkeit und Enttabuisierung beigetragen.
Gerade als Medien konkurrierender Geschichtsentwürfe sind literarische Texte imstande, den ge-
meinsamen Erinnerungsraum in seiner Vielfalt zu konstituieren:
Während das politische Erinnerungsnarrativ auf die Vereinfachung der Heterogenität, die Eineb-
nung der Unterschiedlichkeit der Diskurse sowie auf die Hierarchisierung der Erinnerungen aus ist,
um eine einheitliche Identität anhand einer (normierten) Meistererzählung zu schaffen, widerspie-
geln literarische Narrative die Komplexität eines polyphonen und widersprüchlichen Feldes. Damit
ermöglichen sie ihren LeserInnen, zu den einzelnen Stimmen und Gegenstimmen sowohl Nähe als
auch kritische Distanz aufzubauen.307
305
Kurilo (2010), S. 351.
306
Vgl. Gansel (2018), S. 23.
307
Nagy u. Wintersteiner (2015), S. 21.
94
Denn was in einer Gesellschaft öffentlich und offiziell erinnert wird, ist immer auch politisch
bestimmt. Zur Neuverhandlung kann neben der Literatur und der Kunst allgemein, ebenso die
Wissenschaft beitragen. Die Aufdeckung vergessener Erinnerungen führt mitunter dazu, dass die
Geschichte und die Erinnerungskultur eines Landes neu zu schreiben wären, vor allem dort, wo
aus dem offiziellen Geschichtsnarrativ ganz bewusst durch Zensur bestimmte Erzählungen her-
ausgefiltert und entfernt wurden. Was durch staatliche Feiertage, politische Reden, Museen, Er-
innerungstafeln, Denkmäler, Gedenkstätten usw. „offiziell“ fixiert wurde, trifft immer wieder auf
solche „Gegenerzählungen“, die die von oben „sanktionierten“ Meistererzählungen unterlaufen,
hinterfragen und versuchen, „die Homogenisierungs- und Naturalisierungstendenzen des domi-
nanten, kollektiv-semantischen Gedächtnisses durch das Zugehörbringen alternativer Erinne-
rungsversionen zu unterminieren.“308
In ihrem Aufsatz „Was sind kulturelle Texte?“309 gliedert Aleida Assmann die soziale Funktion
literarischer Texte genauer aus und rückt dabei das Rezeptionsverhalten in den Vordergrund. Ein-
zelne Texte konstituieren sich ihrer Rezeptionsrahmen gemäß entweder als literarische oder als
kulturelle. Erstere ordnet sie dem gesellschaftlichen Speichergedächtnis, dem „unbewohnten Ge-
dächtnis“ zu, welches das „obsolet und fremd Gewordene, das neutrale, identitäts-abstrakte Sach-
wissen“310 enthält. Kulturelle Texte gehören hingegen dem „bewohnten Gedächtnis“ an, das iden-
titätskonstitutive Wissensbestände einer Kultur umfasst. Gedächtnistheoretisch kann folglich da-
von gesprochen werden, dass im Rahmen einer Anreicherung des Mehrheitsgedächtnisses mit
marginalisierten Gegenerzählungen ein Umbau des Funktionsgedächtnisses stattgefunden hat,
weil eine Neuaufnahme bzw. Neubewertung erfolgt – es gelangen nunmehr auch jene Vorgänge,
Ereignisse, Themen ins „lebendige Gedächtnis“, die über einen längeren historischen Zeitraum
ausgeblendet, ausgemustert oder gar verworfen waren: Flucht, Vertreibung, Hunger, Enteignung,
Deportation, Verbannung, GULag und Tod.311 In dem Maße, wie die Generation ausstirbt, die
den mit Nationalsozialismus und Krieg verbundenen Zivilisationsbruch noch selbst erlebt hat,
versiegt die Möglichkeit mündlicher Überlieferung. Anders als bei der deutschen Literatur über
den Zweiten Weltkrieg, Holocaust, Flucht und Vertreibung ist die Geschichte der Russlanddeut-
schen jedoch weitgehend verdrängt und nicht bzw. erst spät erzählt worden: „Nachdem ein staat-
lich sanktioniertes ,hegemoniales Kollektivgedächtnis‘ seine Dominanz verloren hat, besteht
überhaupt erst die Möglichkeit, dass vielfältige Erinnerungsgemeinschaften zu Wort kommen und
die Chance haben, ihre ,Erzählungen‘ in die Erinnerungskultur einzuspeisen“,312 merkt Gansel an.
308
Neumann (2003), S. 65.
309
Vgl. Assmann, Aleida: Was sind kulturelle Texte? In: Literaturkanon – Medienereignis – kultureller
Text. Formen interkultureller Kommunikation und Übersetzung. Hrsg. v. Poltermann, Andreas. Berlin:
Erich Schmidt 1995, S. 232-244.
310
Assmann, A. (2018), S. 137.
311
Vgl. Gansel (2018), S. 19 f.
312
Ebda., S. 21.
95
Dass es russlanddeutschen Schriftsteller/inne/n ein großes Anliegen ist, ihre Geschichte und Kul-
tur der Mehrheitsgesellschaft zugänglich zu machen, geht auch aus einem Interview mit Viktor
Heinz zu dessen Sachbuch „Der eine spricht, der andre schwätzt, der dritte babbelt – Einiges über
die Mundarten der Deutschen aus Russland“313 aus dem Jahr 2008 hervor, im Zuge dessen er als
Motivation für das Verfassen dieses Buches das Anliegen nennt, durch die Beschreibung der Ent-
wicklung der russlanddeutschen Dialekte seine „Landsleute“ der deutschen Öffentlichkeit näher
zu bringen.314 Ganz diesem prinzipiellen Ansinnen der Weitergabe und Offenlegung der unbe-
kannten Geschichte entsprechend reflektiert auch der Protagonist und Hochschuldozent Willi
Werner in Heinz’ Roman „In der Sackgasse – Aufzeichnungen eines ,Außenseiters‘ in Rußland“
die Zeit der Stagnation und zeichnet seine Erinnerungen auf, denn „[v]ielleicht wird sich mal
später jemand dafür interessieren. Vielleicht unsere Kinder oder Kindeskinder, die hoffentlich in
besseren Zeiten leben werden. Vielleicht werden sie sich sogar wundern, daß es solche Verhält-
nisse [die Repressalien gegen Russlanddeutsche] überhaupt jemals gegeben hat.“315 Auch wenn
dieser Anspruch der Weitergabe einer bestimmten Vergangenheitsauslegung hauptsächlich auf
Minderheitsangehörige abzielt, wie das Zitat hier nahelegt, so wird (wie in den Folgekapiteln
noch gezeigt) stets eine Mehrheitsgesellschaft mitgedacht, für die kulturspezifisches Hintergrund-
wissen gleichsam aufbereitet wird, um die Texte anschlussfähig zu machen. Im Gefühl des Wahr-
genommen- und Verstanden-Werdens scheint somit klar ein zentrales Anliegen russlanddeut-
schen Literaturbetriebs zu bestehen.
313
Vgl. Heinz, Viktor: Der eine spricht, der andre schwätzt, der dritte babbelt. Einiges über die Mundar-
ten der Deutschen aus Russland. Augsburg: Waldemar Weber Verlag 2008.
314
Vgl. Runde, Nadja u. Viktor Heinz: „Ein einzigartiges Labor der Sprachen.“ Viktor Heinz ergründet
die Dialekte der Russlanddeutschen (Interview mit Viktor Heinz). [Link]
les/runde__nadja_-_interview_mit_viktor_heinz.pdf (23.06.2021).
315
Heinz (1996), S. 9.
316
Griese (2006), S. 51.
96
kollektive Identität, je kleinräumiger, lebensweltlicher, narrativer und leibbezogener die Erzäh-
lung, desto eher entsteht beim Rezipienten der Eindruck personaler Identität.“317 Beispielsweise
operieren die lyrischen Werke von Nelly Wacker, Waldemar Weber, Johann Warkentin oder Lore
Reimer großteils mit einem lyrischen Ich oder simulieren eine/n neutrale/n Sprecher/in und ver-
mitteln in weiten Teilen den Eindruck einer personalen Inszenierung. Gedichte, in denen jedoch
ein lyrisches Wir auftritt, scheinen weniger persönlich. Sie behandeln größere, gesamtgesell-
schaftliche Zusammenhänge bzw. in diesem Fall verbindende Aspekte einer Wir-Gruppenidenti-
tät der Russlanddeutschen. Dabei werden die als verbindend erlebten Erfahrungsschätze abstrakt
oder sehr konkret besprochen, der Blick wird aber nicht auf ein Einzelschicksal gelenkt. In diesem
Sinn ruft die dritte Strophe in Warkentins Sonett „Übung im aufrechten Gang“ die kollektiven
Traumata als Hintergrund der nach Deutschland übersiedelten Aussiedler/innen ins Gedächtnis:
Bei Lore Reimer verschmilzt das Wir einer Gruppe von Russlanddeutschen mit dem Wir, das die
Menschheit im Allgemeinen umfasst. Darauf weist schon der kurze Klappentext hin: „Das Motiv
der Selbstfindung durch Auswanderung aus sich selbst oder als Exodus einer ganzen Volksgruppe
aus dem Herkunftsland ist auf diesen Seiten nicht zu überhören.“319 Die Lyrik und Kurzprosa von
Reimer bildet damit insofern eine Ausnahme, als die Verse und Kurzgeschichten im Stil lyrischer
Prosa in ihrer Offenheit für die Rezipient/inn/en mehr Raum für die Interpretation anhand indivi-
dueller Erfahrungen lassen. So sind die behandelten Topoi, die für Angehörige einer russland-
deutschen Minderheit mit bestimmten Bedeutungen aufgeladen sind, auch für Leser/innen mit
abweichenden Erfahrungsschätzen und abweichenden Weltwissensbeständen anknüpffähig bzw.
Identifizierungsangebot. Eine große Rolle spielt in der Lyrik der Autorin, die ihre Kindheit und
Schulzeit in dem mennonitisch-plattdeutschen Dorf Leninpol in Kirgistan, verbrachte und 1974
nach Deutschland übersiedelte, die Religion. Das der Textsammlung ihren Namen gebende
„Senfkorn“ in seiner Bildlichkeit als unscheinbarer Samen wird als Symbol für die durch den
Verlust geprägten und leicht gewordenen Menschenseelen wieder aufgegriffen. Es entsteht eine
Wir-Identität, die sich vor allem an der Ausrichtung auf die Erlösung durch göttliche Hand geriert:
„wiege uns / mit unseren verlusten / vielleicht sind wir / zu leicht geworden / spreu im wind“.320
Die „Spreu im Wind“ spielt auf die über mehrere Kontinente verstreut lebenden russlanddeut-
schen Minderheitsangehörigen und deren Suche nach Heimat an, doch in der Dezentralisierung
ist heute – im Zeitalter der Globalisierung – längst nicht nur ein Spezifikum russlanddeutscher
317
Griese (2006), S. 62.
318
Warkentin, Johann: Übung im aufrechten Gang. In: Warkentin (1996), S. 71.
319
Reimer, Lore: Senfkorn. Lage-Hörste: BMV Robert Burau 2000, Klappentext.
320
Reimer, Lore: wiege uns. In: Reimer (2000), S. 146.
97
zeitgeschichtlicher Entwicklungen zu sehen. Erinnern passiert in einer Zeit der globalen Zirkula-
tion von Zeichen, Informationen und kulturellen Produkten unter veränderten Rahmenbedingun-
gen. Propagierte Bilder scheinbar homogener Nationen sind zunehmend in Auflösung begriffen,
die Vervielfältigung von Lebensformen, Erfahrungen und Milieus führen zur Neukonzipierung
als hybride Kulturen und gehen ebenfalls mit einer Pluralisierung der Erinnerungsformen
und -praktiken einher: „Immer mehr Menschen in unserer Umgebung verfügen über ganz andere
Erfahrungen oder vielleicht sogar gegensätzliche Geschichtsbilder von derselben Vergangenheit,
oder sie halten auch ganz andere historische Ereignisse für erinnerungswürdig, weil sie mit ande-
ren Geschichtsnarrativen und ursprünglich in einer anderen Erinnerungsgemeinschaft sozialisiert
worden sind.“321 Nagy und Wintersteiner beschreiben weiter, dass die Globalisierung und die da-
mit einhergehende Schwächung der Nationalstaaten zwei gegenläufige Bewegungen ausgelöst
habe; einerseits gewinnen lokale Geschichten und Erzählungen, die für eine kleinere Gemein-
schaft identitätsstiftend und sinnbildend seien, immer mehr an Relevanz, andererseits sei auch die
„Transkulturalisierung“ der Erinnerung und der Identitäten zu verzeichnen, bei der sich die Gren-
zen zwischen eigenen und fremden Erinnerungen zusehends verwischen.322
Durch die Speicherung des Wissensbestands einer Kultur in Texten bieten sich ungeheure quan-
titative Möglichkeiten, es besteht aber ebenso die Gefahr, dass Wissen in Texten abgelagert und
dann vergessen wird.323 Dies wird verhindert durch einen „kulturellen Transformator“, der eine
kontinuierliche Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellt und Wissensmo-
mente, Orientierungspunkte und -legenden einer Kultur beständig neu in die gesellschaftliche
Diskussion einbringt.324 Diese Rolle spricht Assmann der Intertextualität zu.325 Die Auffassung
vom Text als kulturelles Speicher- und Transformationsmedium vertritt auch Renate Lachmann.
Beruhend auf ihrer Forschung zu mnemonischen Konzepten auf individueller und kultureller
Ebene definiert sie den Intertext als einen Gedächtnisort bzw. Gedächtnisraum, der sich zwischen
den Texten entwickelt:
Der Raum zwischen den Texten und der Raum in den Texten, der aus der Erfahrung desjenigen
zwischen den Texten entsteht, ergibt jene Spannung zwischen extratextuell-intertextuell und in-
tratextuell, die der Leser „auszuhalten“ hat. Der Gedächtnisraum ist auf dieselbe Weise in den Text
eingeschrieben, wie sich dieser in den Gedächtnisraum einschreibt. Das Gedächtnis des Textes ist
seine Intertextualität.326
321
Nagy u. Wintersteiner (2015), S. 18.
322
Vgl. ebda.
323
Vgl. Ternès, Anabel: Intertextualität. Der Text als Collage. Wiesbaden: Springer VS 2016, S. 28.
324
Vgl. ebda.
325
Vgl. Assmann, J. (1988), S. 15.
326
Lachmann (1990), S. 35.
98
Unter dem Phänomen der Intertextualität, im ersten Zug unstrittig definierbar als Bezugnahme
eines Textes auf einen oder mehrere vorhergegangene, versammelt sich jedoch eine Reihe teil-
weise sehr unterschiedlicher theoretischer und methodischer Ansätze, die auf verschiedene kul-
turell-gesellschaftliche Bereiche anwendbar sind. Am Anfang der relativ jungen Begriffsge-
schichte der Intertextualität steht der russische Literatur- und Sprachwissenschaftler Michail
Bachtin. Auf sein Konzept der „Dialogizität“ – die „innere“ Mehrstimmigkeit eines Wortes oder
einer Äußerung – nimmt Julia Kristeva, als sie in den späten 1960er-Jahren den Begriff „inter-
texte“ das erste Mal verwendet, explizit Bezug.327 Die von ihm propagierte Dynamisierung des
Textbegriffs, d. h. die Lenkung des Blicks auf die spannungsgeladene dialogische Sphäre aus
Wechselbeziehungen, Wertungen und Akzenten, in die jedes auf seinen Gegenstand gerichtete
Wort eingeht, das „Prinzip der Relativierung von Positionen“, machte ihn zum „Überwinder eines
statischen Strukturalismus der klassifikatorischen Schemata“, der „gegen die fortschreitende Er-
starrung der nachrevolutionären sowjetischen Kulturpolitik und die Kanonisierung des sozialisti-
schen Realismus [anschrieb].“328 Während Bachtins Konzept jedoch vor allem auf den Dialog der
Stimmen innerhalb eines einzelnen Textes abzielt, somit dominant intratextuell ist, 329 sind im
Rahmen der Intertextualitätsdiskussion die Verweise auf (individuelle) Prätexte vordergründig.
Kristevas Vorstellung ist generalisierender als die Bachtins, insofern sich für sie jeder Text als
„mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte“330 darstellt,
eingebettet in den allgemeinen Kulturkontext, alle Formen kultureller Zeichensysteme umfas-
send. Diese radikale Position, Grundvorstellungen des Poststrukturalismus und Dekonstruktivis-
mus folgend, unterscheidet nicht zwischen der Wirklichkeit von Geschichte und Gesellschaft ei-
nerseits und den Wörtern, der Rede und Sprache andererseits. Weiterführende Ansätze, die ein
ähnliches Verständnis von einem universalen Intertexts haben, richten sich nicht zuletzt gegen
die traditionelle Auffassung des Autors bzw. der Autorin als autonomes Subjekt, welches als Ein-
heit mit dem von ihm geschaffenen, geschlossenen Werk auftritt: „Der Autor eines Textes wird
damit zum bloßen Projektionsraum des intertextuellen Spiels, während die Produktivität auf den
Text selber übergeht.“331
Die Gegenposition zu diesem „universalen Intertext“ ist der moderate Standpunkt, den Pfister als
„spezifische Intertextualität“ 332 bezeichnet. Während Vertreter/innen der ersten Position unter
dem Motto der Auflösung und Entgrenzung dazu tendieren, den Text als abgeschlossene Einheit
327
Vgl. Kristeva, Julia: Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman. In: Critique 23 (1967), S. 438-465.
328
Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität. In: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische
Fallstudien. Hrsg. v. Broich, Ulrich u. Manfred Pfister. Tübingen: Max Niemeyer 1985 (Konzepte der
Sprach- und Literaturwissenschaft 35), S. 5 f.
329
Vgl. ebda., S. 4.
330
Kristeva (1967), S. 440 f.
331
Pfister (1985), S. 8.
332
Vgl. ebda., S. 11.
99
und Identität aufzulösen, steht die Untersuchung und Systematisierung von Beziehungen zwi-
schen konkreten Texten im Fokus der zweiten Position, welche besonders fruchtbar für Aspekte
der praktischen Literaturanalyse ist.
Damit wird Intertextualität zum Oberbegriff für jene Verfahren eines mehr oder weniger bewußten
und im Text selbst auch in irgendeiner Weise konkret greifbaren Bezugs auf einzelne Prätexte, Grup-
pen von Prätexten oder diesen zugrundeliegenden Codes und Sinnsystemen, wie sie die Literatur-
wissenschaft unter Begriffen wie Quellen und Einfluß, Zitat und Anspielung, Parodie und Travestie,
Imitation, Übersetzung und Adaption bisher schon behandelt hat und wie sie nun innerhalb des
neuen systematischen Rahmens prägnanter und stringenter definiert und kategorisiert werden sol-
len.333
Es ist eben dieses Konzept, das den meisten praktischen Studien zur Intertextualität zugrunde
liegt. Gerade das von Gérard Genette in „Palimpsestes: La littérature au second degré“334 vorge-
schlagene Klassifizierungsmodell, mit welchem er versucht, die Relationen verschiedener Texte
zueinander zu systematisieren, hat sich für Analysen bewährt. Unter seinem Oberbegriff der
Transtextualität sind fünf Formen textübergreifender Beziehungen zusammengefasst,335 welche
sich jeweils in weitere Untergruppen splitten. Mit anderen Worten, so erweitert Peter Stocker
Genettes Ansatz, sei ein literarischer Text dann intertextuell, wenn er auf Zitieren, Thematisieren,
Imitieren oder Demonstrieren von poetischen Mustern beruhe.336 Diese Techniken schaffen be-
stimmte Verflechtungsstrukturen, im Zuge derer sich reiche Bedeutungs- und Assoziationsfelder
auftun.
Intertextuelle Bezüge erscheinen dabei keinesfalls immer klar gekennzeichnet, sind oft versteckt,
können gar auch vom/von der Autor/in unbewusst hergestellt und erst im Rezeptionsvorgang
durch Lektürekenntnisse bzw. Vorwissen der Leser/innen identifiziert werden. In diesem Fall
verlagert sich in der Forschung der Schwerpunkt von der Autor-Text-Beziehung hin zur Text-
Leser-Beziehung; im Einklang mit der Rezeptionsästhetik gehen poststrukturalistische Konzepte
von Intertextualität eher vom Leser bzw. der Leserin als vom Autor bzw. der Autorin aus und
betonen die Unbewusstheit des Intertexts, während strukturalistische und hermeneutische Ansätze
dazu tendieren, den Begriff der Intertextualität nur auf den gegenteiligen Typ einzuengen. Prä-
texte sind letzterer Auffassung nach nur solche Texte, die ein/e Autor/in bewusst, intentional und
pointiert anspielt und von denen er oder sie möchte, dass sie von den Leser/inne/n erkannt und als
zusätzliche Ebene der Sinnkonstitution erschlossen werden.
333
Pfister (1985), S. 15.
334
Genette, Gerard: Palimpsestes: La littérature au second degré? Paris: Éditions du Seuil 1982.
335
(1) Intertextualität als die Kopräsenz zweier oder mehrerer Texte (Zitat, Allusion, Plagiat usw.),
(2) Paratextualität, d. h. die Bezüge zwischen einem Text und seinem Titel, Vorwort, Nachwort etc.,
(3) die Metatextualität als den kommentierenden und oft kritischen Verweis eines Textes auf einen Prä-
text, (4) die Hypertextualität, die einen Text zur Folie für einen anderen macht (Parodie, Adaption, Fort-
setzung usw.) und (5) die Architextualität als Gattungsbezüge eines Textes.
336
Vgl. Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre. Modelle und Fallstudien. Paderborn: Ferdi-
nand Schöningh 1998, S. 50.
100
Um zwischen den zwei rivalisierenden Grundauffassungen, dem „globale[n] Modell des Post-
strukturalismus, in dem jeder Text als Teil eines universalen Intertexts erscheint […] und präg-
nanteren strukturalistischen oder hermeneutischen Modellen, in denen der Begriff der Intertextu-
alität auf bewußte, intendierte und markierte Bezüge zwischen einem Text und vorliegenden Tex-
ten oder Textgruppen eingeengt wird“,337 zu vermitteln, entwirft Manfred Pfister ein Modell zur
möglichen Skalierung von intertextuellen Verweisen. Er setzt hierzu sechs qualitative Kriterien
an: (1) Referentialität: Eine Beziehung zwischen Texten ist umso intensiver intertextuell, je mehr
der eine Text den anderen thematisiert, seine Eigenart bloßlegt; (2) Kommunikativität: Der Grad
der Bewusstheit des intertextuellen Bezugs bei Autor/in und Rezipient/in, der Intentionalität und
der Deutlichkeit der Markierung; (3) Autoreflexivität: Reflexion über die intertextuelle Bedingt-
heit und Bezogenheit des Textes im Text selbst; (4) Strukturalität: Die syntagmatische Integration
der Prätexte in den Text; (5) Selektivität: Der Grad der Prägnanz bzw. Pointierung der intertextu-
ellen Verweisung; (6) Dialogizität: Die Spannung, in der der ursprüngliche und der neue Zusam-
menhang semantisch und ideologisch zueinander stehen. Als sekundär in der Analyse der Bedeu-
tung von Intertextualität in einzelnen Werken benennt Pfister darüber hinaus zwei quantitative
Faktoren – einerseits die Dichte und Häufigkeit der intertextuellen Bezüge, andererseits die Zahl
und Streubreite der eingeführten Prätexte.
Die Beschäftigung mit Intertextualität in Werken russlanddeutscher Literatur bedingt eine Ausei-
nandersetzung mit interkulturellen Themen, spätestens wenn klar wird, dass stark markierte Prä-
texte aus unterschiedlichen Literaturen, verschiedenen Kulturräumen, ja verschiedenen Sprachen,
stammen und als solche gelesen werden „wollen“ (wie zum Beispiel erläuternde Fußnotenver-
merke nahelegen). Die heute in Deutschland oder anderen Auswanderungsländern erscheinenden
Bücher russlanddeutscher Autor/inn/en tragen häufig das Etikett interkultureller Literatur. Das
literarische Phänomen „interkulturelle Literatur“ sei jedoch so alt wie die deutsche Literatur
selbst, denn nie habe es jene als reine „Monokultur“ gegeben, so Carmine Chiellino in der Ein-
leitung des Handbuchs „Interkulturelle Literatur in Deutschland“.338 Für die Interkulturalitätsfor-
schung kann das also bedeuten, dass entscheidend ist, welches Verhältnis von Kulturen im kon-
kreten Fall im Mittelpunkt der Untersuchung stehen soll. Gerade Werke russlanddeutscher Lite-
ratur bewegen sich sehr häufig im kulturellen Spannungsfeld zwischen heterogenen kultur-ethni-
schen Minderheiten und monokulturell imaginierter Mehrheit, wobei sie sich in der Komplexität
der Strukturen von anderen interkulturellen Stimmen im deutschsprachigen Raum unterscheiden,
337
Pfister (1985), S. 25.
338
Vgl. Chiellino (2007), S. 51.
101
was auch Annelore Engel-Braunschmidt im Zuge ihres Beitrags im oben genannten Band hervor-
hebt. Doch was ist überhaupt gemeint mit dem allbekannten Begriff „Interkulturalität“ bzw. „in-
terkulturell“?
Seit ihrer Entstehung wird Interkulturalität im Kontext verschiedener Disziplinen thematisiert und
unter mannigfaltigen Voraussetzungen betrachtet. Bedingung für „Interkulturelles“ ist dabei im-
mer zuallererst die Wahrnehmung kultureller Differenz – selbst jedoch entspricht diese keinem
objektiven Merkmal, sondern einer, ausgehend von der subjektiven Wahrnehmung, vorgenom-
menen Zuschreibung von Subjekten. Auf diese Weise entsteht eine Dialektik der Interdependenz
zwischen „Gleichheit“ und „Differenz“, wie sie auch wesentlich für Identitätskonstruktionen sind.
In einer „interkulturellen“ Begegnungszone treffen also unterschiedliche Formen des Wahrneh-
mens und Bewertens aufeinander. Hamid Reza Yousefi und Ina Braun definieren in einer inter-
disziplinären Einführung in die Interkulturalität das Adjektiv „interkulturell“ als eine Bezeich-
nung für „einen Raum, in dem ein Austauschprozess stattfindet, durch den Menschen mit unter-
schiedlichem kulturellem Hintergrund miteinander in Kontakt treten.“ 339 Interkulturalitätsfor-
schung interessiere sich also für das „Verhältnis aller Kulturen und der Menschen als deren Träger
auf der Grundlage ihrer völligen Gleichwertigkeit“340 und schließe dabei die Grundannahme eines
offenen Kulturbegriffs, der Kultur als ein dynamisch-veränderbares Sinn- und Orientierungssys-
tem versteht, nicht aus.
In Abgrenzung von dem Begriff der Interkulturalität und als Folge der Globalisierung werden seit
den 1980er-Jahren verstärkt die Begriffe „Multikulturalität“ und „Transkulturalität“ betont. In
Gesellschaften existieren Gruppen unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser und natio-
naler Herkunft nebeneinander bzw. in enger Verschränkung. Diesen Umstand wollen die ver-
schiedenen Konzepte von Multikulturalität berücksichtigen, wobei sich bei den meisten gewähl-
ten Zugängen laut Yousefi und Braun ein zentrales Problem abzeichnet, welches darin bestehe,
dass der Kulturbegriff ins Politische übersetzt und dabei unter den vorgegebenen Bedingungen
ethnisch definiert werde,341 ferner bestehe die Gefahr, Menschen auf eine bestimmte kulturelle
Identität zu fixieren. 342 Ein anderer Ansatz, der eben diesen hybriden Übergängen kultureller
Identitäten gerecht werden will, und ein Denken von Kulturen als in sich geschlossene Entitäten
überwinden will, ist die Transkulturalität. Wolfgang Welsch, der als einer ihrer Hauptvertreter
genannt werden kann, sieht Multikulturalität und Interkulturalität als geprägt von der Vorstellung
339
Yousefi, Hamid Reza u. Ina Braun: Interkulturalität. Eine interdisziplinäre Einführung. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011, S. 29.
340
Ebda.
341
Vgl. ebda., S. 106.
342
Vgl. Peplow, Ronnie M.: Interkultureller Dialog. In: Verstehen und Verständigung. Ethnologie, Xeno-
logie, interkulturelle Philosophie. Hrsg. v. Schmid-Kowarzik, Wolfdietrich. Würzburg: Königshau-
sen & Neumann 2002, S. 62.
102
von Kulturen als separaten Einheiten – und das obwohl Kulturen heutzutage doch in extremer
Weise miteinander verbunden und verworren seien. Von nun an gebe es nichts absolut Fremdes
mehr, so Welsch,343 und weiter: „We are cultural hybrids. Today’s writers, for example, empha-
size that they’re shaped not by a single homeland, but by differing reference countries, by Russian,
German, South and North American or Japanese literature. [...] Of course, a cultural identity of
this type is not to be equated with national identity.“344 Die radikale Vermischung der Kulturen
unterstellt gleichzeitig die Aufhebung kultureller Grenzen innerhalb einer transkulturellen Ge-
sellschaft, doch läuft dabei Gefahr, unaufhebbare Differenzen zu übersehen – nicht nur bei inter-
individuellen Begegnungen, sondern auch bei Begegnungen zwischen Gruppen von Menschen,
die aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten zueinander gefunden haben – und geht daher im
Grunde von einem Ideal der Homogenisierung aus.345
Von der Bedeutung der Wahrnehmung von Differenzen, einer immer wieder neuen Aushandlung
von „eigen“ und „fremd“ für die Lebenswelten russlanddeutscher Schriftsteller/innen wie auch
für die Textwelten ihrer Werke ausgehend, soll dementsprechend ein vergleichender interkultu-
reller Ansatz für die Literaturanalyse fruchtbar gemacht werden. Gerade die literarischen Werke
jüngerer russlanddeutscher Literatur scheinen nämlich in besonderer Art und Weise in der Lage,
den vielschichten Konstruktionscharakter interkultureller Begegnungen herauszuarbeiten.
343
Vgl. Welsch, Wolfgang: Transculturality – the Puzzling Form of Cultures Today. In: Spaces of Cul-
ture. City, Nation, World. Hrsg. v. Featherstone, Mike u. Scott Lash. London: Sage 1999.
[Link] PDF/Readings/Welsch_Transculturality.pdf (21.05.2020), S. 197 f.
344
Ebda., S. 198.
345
Vgl. Yousefi u. Braun (2011), S. 109.
346
Vgl. Chiellino (2007), S. 52.
347
Vgl. Müller-Richter, Klaus: Einleitung. In: Imaginäre Topografien. Migration und Verortung. Hrsg. v.
Müller-Richter, Klaus u. Ramona Uritescu-Lombard. Bielefeld: transcript 2007, S. 12.
103
Da Vergangenheit und Zukunft unterschiedlichen Kulturräumen zugeordnet werden, geraten Raum
und Zeit aus dem Gleichgewicht und erhalten unterschiedliche Stellenwerte. Während die Aufnah-
megesellschaft die Priorität des Ortes hervorhebt, negiert sie die mitgebrachte Vergangenheit der
Ankommenden. Dem gegenüber setzen die Ankommenden die Kontinuität ihrer Vorgeschichte,
d. h. die Priorität der Zeit.348
Diese Diskrepanz erweist sich als besonders ausschlaggebend bei der Gestaltung literarischer
Werke sowie bei deren Rezeption innerhalb der Aufnahmegesellschaft. Dabei ist es aber oftmals
gerade so, dass bei Werken der Migrationsliteratur etwa Zeitstrukturen vorzufinden sind, die eine
lineare Zeitkonzeption aufbrechen. Gegenwart und Erinnerungen überlagern sich, die Zeit wird
das tragende Thema, die Vergangenheit ist nicht wirklich vergangen, sondern durchdringt die
Gegenwart; es entsteht eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Das „Aufheben der Er-
zählchronologie ebenso wie die Durchdringung von Vergangenem und Gegenwärtigem“349 führt
Eva Hausbacher u. a. als ein Kennzeichen migratorischen Schreiben an. Als ein Beispiel für eine
solche Erzählweise ist hier etwa der Band „Kindheiten in Deutschland und Russland“ von Monika
J. Mannel und der russlanddeutschen Schriftstellerin Agnes Gossen zu nennen, der schon durch
seine Form und die Titelgebung interkulturelle Fragen geradezu forciert. Eine chronologische
Wiedergabe der Kindheitserinnerungen wird insbesondere im zweiten, von Agnes Gossen ver-
fassten Teil systematisch aufgebrochen mit dem als „Historische Fakten“ übertitelten Einschub
im Kapitel „Meine Großeltern“, der plötzlich weit in die Vergangenheit (bis zum Ersten Welt-
krieg) ausholt und die damaligen Geschehnisse sogar mit wissenschaftlichen Zitaten unterfüt-
tert.350 Obwohl diese Geschehnisse eben nicht (wie vom Titel proklamiert) Teil der eigenen Kind-
heit sein können, werden sie von der Autorin für das autobiografische Werk herangezogen, womit
sie eine wesentliche Identitätskonstruktion auszumachen scheinen. Auf das ambivalente Verhält-
nis zwischen Fakt und Fiktion, worauf der intertextuelle Verweis auf Fachliteratur in einem lite-
rarisch angelegten Werk hier schon vorausweist, soll noch in einem eigenen Kapitel351 zu spre-
chen gekommen werden. Wie in „Kindheiten in Deutschland und Russland“ wird auch in dem
schon mehrmals erwähnten Roman „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel die zeitliche
Chronologie aufgebrochen. Die Erinnerungen des Großvaters bilden eine Geschichte in der Ge-
schichte, die immer wieder wachgerufen wird und je nach Abrufsituation an anderen Punkten
ansetzt. Solche und andere Beispiele für das „Aufheben der Erzählchronologie“ und die „Durch-
dringung von Vergangenem und Gegenwärtigem“352 wie sie für interkulturelles, bzw. nach Haus-
bacher migratorisches Schreiben, evident sind und darum oben erwähnt wurden, lassen sich in
Werken russlanddeutscher Literatur zuhauf finden.
348
Chiellino (2007), S. 53.
349
Hausbacher (2012), S. 178.
350
Agnes Gossen zitiert an dieser Stelle aus „Die Russlanddeutschen“ von Alfred Eisfeld (1999), der den
Bürgerkrieg in der Ukraine beschreibt. [Vgl. Gossen u. Mannel (2018), S. 126 ff.]
351
Vgl. Kapitel 4.8 Zwischen Fakt und Fiktion: Die Frage nach Glaubwürdigkeit.
352
Hausbacher (2012), S. 178.
104
Chiellino spricht sich im Zuge des germanistischen Diskurses über interkulturelle Literatur für
die stärkere Berücksichtigung von Werken und Autor/inn/en jenseits der bundesdeutschen Gren-
zen aus, die in anderen literarischen Kontexten entstanden sind (hierunter fallen Werke russland-
deutscher Autor/inn/en, die sich den Auswanderungsbewegungen nicht angeschlossen haben),
und entwirft dazu ein Modell einer „Topografie der Stimmen“.353 Im Zuge dessen versucht er, die
möglichen Erscheinungsformen interkultureller Literatur zu ordnen und dazu beizutragen, die äu-
ßeren Merkmale dieser interkulturellen Literaturbewegungen zu beschreiben. Chiellino stellt kul-
turgeschichtliche Auslöser und inhaltliche Schwerpunkte in den Vordergrund und verliert vor al-
lem nicht die jeweilig verwendeten Sprachen aus dem Blick. Denn bislang sei vor allem der
deutschsprachige Teil dieser Literatur in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Russland-
deutschen Autor/inn/en ordnet er eine eigene – nach seinem Modell die neunte354 – Stimme zu:
Sie setzt sich aus Sprachen zusammen, die russlanddeutsche Schriftsteller/innen bei ihrer Repat-
riierung mitgebracht haben: Deutsch und Russisch. Je nach Autor/in können die beiden Sprachen
getrennt oder zusammen auftreten und in besonderen Fällen, wie bei dem Schriftsteller und Über-
setzer Waldemar Weber, liegt eine operative Zweisprachigkeit vor. Vor allem sei das Russische
die Sprache, in die ihre Werke am meisten übersetzt worden sind, und es sei auch die Sprache des
interkulturellen Austausches vor und nach der Repatriierung, betont Chiellino.355 Doch wie etwa
Herold Belgers Roman „Das Haus des Heimatlosen“ und Eleonora Hummels „Die Fische von
Berlin“ zeigen, muss der an russlanddeutscher Literatur anzusetzende Rahmen noch erweitert
werden. Die interkulturellen Diskurse als Spannungsfeld reichen über eine Konstellation der In-
Beziehung-Setzung von Herkunftskultur(en) und Aufnahmegesellschaft(en) weit hinaus. Und
353
Vgl. Chiellino (2007), S. 53-57.
354
Für die Zusammenführung der räumlichen und zeitlichen Dimension der interkulturellen Literatur in
Deutschland hat Chiellino das Modell einer „Topografie der Stimmen“ vorgeschlagen und unterscheidet:
(1) die polyphone Stimme, die sich aus den nationalen Sprachen der kultur-ethnischen Minderheiten zu-
sammensetzt, und von Autor/inn/en stammt, die seit 1955 eingewandert sind; (2) die Stimme aller Au-
tor/inn/en aus den Minderheiten, die sich für die deutsche Sprache als Mittel ihrer Kreativität entschieden
haben; (3) die deutsche Stimme jener jüngeren Autor/inn/en, die aufgrund ihrer Sozialisation Deutsch als
Muttersprache in der Schule wie im sozialen Umfeld sprechen, jedoch nicht in der Familie; (4) die
Stimme von Autor/inn/en, die sich in Kontexten anderer nationaler Literaturen entfalten (das sind z. B.
Autor/inn/en, die zwar Deutschland, aber nicht die thematische Zugehörigkeit zur Einwanderung aufgege-
ben haben); (5) die polyphone Stimme von Autor/inn/en, die in Deutschland politisches Asyl suchen;
(6) die Stimme von Autor/inn/en klassischer Auswanderungsländer wie Griechenland, Spanien, Protugal
und Türkei, mit Werken, in denen die Grenze zwischen Arbeitsemigration und Exil aufgehoben ist;
(7) die Stimme jener Autor/inn/en, die weder zu den politischen Flüchtlingen noch zu den klassischen
Einwanderern/Einwanderinnen gehören; (8) die Stimme aus dem schwarzafrikanischen Kulturraum, die
per se vielsprachig ist, weil in den Herkunftsländern neben den National- oder Regionalsprachen infolge
der politischen Landesvergangenheit auch Eglisch, Französisch oder Portugiesisch geschrieben wird;
(9) die Stimme, welche sich aus den Sprachen zusammensetzt, die russlanddeutsche Schriftsteller/innen
bei ihrer Repatriierung mitgebracht haben. [Vgl. Chiellino (2007), S. 53-57.]
355
Vgl. ebda., S. 56.
105
auch weitere, in die Werke einfließende Sprachen, wie das Kasachische bzw. Dialekte oder zu-
mindest dialektal gefärbte Ausdrücke des Deutschen, sind mehr als nur bewusst eingesetzte Stil-
mittel.
Wenn Chiellino die Zweisprachigkeit russlanddeutscher Literatur betont (richtiger wäre es, wie
angemerkt, von Mehrsprachigkeit zu sprechen), so unterscheidet sich die Situation russlanddeut-
scher Minderheiten besonders in dieser Hinsicht von anderen Migrationsliteraturen im deutsch-
sprachigen Raum. So wurde doch ein ästhetischer Wert der russlanddeutschen (deutschsprachi-
gen) Minderheitenliteratur negiert mit dem Hinweis auf fehlende Sprach- und Literaturkenntnis
sowie ein tendenziell niedriges Bildungsniveau der Bevölkerung. Annelore Engel-Braunschmidt
schickt etwa in ihrem Aufsatz voraus, „daß an diese Literatur nicht mit hohen Erwartungen an
ästhetische Qualitäten herangegangen werden sollte.“356 Der Sprachschwund bildet dabei selbst
ein häufig bearbeitetes Thema innerhalb der Prosa und Lyrik. Der Großteil der russlanddeutschen
Autor/inn/en ist im Gegensatz zu Herold Belger, dem einzigen der in dieser Arbeit berücksichti-
gen Autor/inn/en, der bis zu seinem Tod in Kasachstan gelebt hat, Ende des 20. Jahrhundert nach
Deutschland (oder in ein anderes europäisches Land) ausgewandert bzw. repatriiert, wo als Kon-
sequenz auch der Großteil russlanddeutscher Literatur heutzutage erscheint. Im Unterschied zu
anderen Minderheiten hätten es Russlanddeutsche schwer, so Annelore Engel-Braunschmidt, „in
Rußland Deutsche, in Deutschland dem Selbstgefühl nach auch Deutsche, als solche jedoch von
der einheimischen Bevölkerung nicht wahrgenommen.“357 Die problematischen Befindlichkeiten
seien vor allem auf die Sprache zurückzuführen. Für die mittlere und junge Generation der Aus-
siedler/innen ist „die Umgangssprache das Russische und das Deutsche (noch) das
,Fremde‘ […].“358 Während die Autorin Eleonora Hummel (geb. 1970) ihre Romane in deutscher
Sprache verfasst, schreiben andere ausgewanderte Autor/inn/en wie Agnes Gossen, Waldemar
Hermann oder Waldemar Weber russisch und deutsch. Wie schon erwähnt, spielen die Werke auf
beiden Seiten häufig mit der Aufnahme jeweils anderssprachlicher Elemente. Engel-Braun-
schmidt wirft den Blick auch in die Zukunft und stellt damit wieder die Frage nach einer Defini-
tion russlanddeutscher Literatur:
Ob die heute in Deutschland russisch schreibenden Autoren einst der russischen oder der deutschen
Literatur zugerechnet werden, wird sich zeigen. Ein Oleg Kling in Rußland (geb. 1953), Prosa-
schriftsteller und Literaturwissenschaftler, und ein Alexander Schmidt in Kasachstan (geb. 1949),
Lyriker, die beide deutscher Herkunft sind und auch rußlanddeutsche Themen behandeln, schreiben
ausschließlich russisch und betrachten sich als russische Autoren.359
356
Engel-Braunschmidt (2007), S. 155.
357
Ebda., S. 153.
358
Ebda., S. 156.
359
Ebda., S. 157.
106
Für die Mehrheit der in dieser Arbeit untersuchten Autor/inn/en gilt, dass sie nach ihrer Ausreise
nach Deutschland vorwiegend Texte in deutscher Sprache veröffentlicht haben. Durch das Werk
der Sprachwechsler/innen scheint die deutsche Sprache in den untersuchten Werken zur dialogi-
schen Sprache befähigt, sie erlangt die notwendige Sensibilität, um die grenz- und kulturüber-
schreitenden Erfahrungen ausdrücken zu können.360 Um dies sprachlich und ästhetisch umzuset-
zen, verwenden Autor/inn/en „parole vissute“ und Sprachlatenzen, was Chiellino als eine „Tech-
nik interkulturellen Schreibens“361 bezeichnet. Die dem deutschen kulturhistorischen Gedächtnis
unbekannten Inhalte werden durch russische Wörter bzw. ihre Übersetzung in der deutschen Li-
teratursprache verortet: Begriffe wie der „Schwarze Rabe“, die „Großen Säuberungen“, die
„Bande“, das „Brudergrab“ werden nach Shchyhlevska in diesem Sinn zu „Verdichtungen des
anderen kulturhistorischen Gedächtnisses“362. Der Großvater in Hummels Roman „Die Fische
von Berlin“ verwendet Wörter, die aufgrund seiner Erlebnisse geprägt und kodifiziert sind;363 mit
dem deutschsprachigen Roman trägt die Autorin die Ereignisse in ein anderes sprachlich-kultu-
relles System. In anderen Worten werden die kulturhistorisch codierten Begriffe erst aus dem
Russischen in eine andere Sprache, das Deutsche, transferiert, in der das tabuisierte geschichtliche
Gedächtnis aufgebrochen werden kann. Sie kommen in Waldemar Webers Lyrikband „Scherben“
sogar mit nüchterner paratextueller Erklärung daher, bei Hummel eher als Wink, werden bereit-
gestellt für das Mehrheitsgedächtnis einer Aufnahmegesellschaft, in dem es zur Geschichte der
Russlanddeutschen keinen oder nur unzureichende Einträge gibt. Die interkulturelle dialogische
Sprache als literarisches Verfahren ist in Hummels „Die Fische von Berlin“ selbst wiederum in
den großen Dialog zwischen der diegetischen Erzählstimme Alina und ihrem Großvater einge-
bettet. Letzterer wird eingeführt als wissender Zeuge, was ihn legitimiert, selbst als Ich-Erzähler
aufzutreten in sich über viele Romanseiten erstreckenden Monologen.
Hinsichtlich ihrer Themen widmen sich Werke russlanddeutscher Literatur der letzten Jahr-
zehnte (und decken sich hierbei mit Tendenzen der interkulturellen Literaturbewegung in
Deutschland, hervorgegangen aus soziokulturellen, wirtschaftlichen und politischen Prozes-
sen) verstärkt u. a. den folgenden Themen: Auseinandersetzung mit der persönlichen Vorge-
schichte, die zu Auswanderung, Exil oder Repatriierung geführt hat; Reise in die Fremde; Begeg-
nung mit einer fremden Kultur, Gesellschaft und Sprache; Entwicklung neuer Identitätskonzepte;
Eingliederung in die Arbeitswelt und in den Alltag des Aufnahmelandes bzw. der alten und neuen
360
Vgl. Shchyhlevska (2012), S. 9.
361
Chiellino, Gino: Christina Alziati. Einführung. In: Als Dichter in Deutschland. Scrivere poesia in Ger-
mania. Hrsg. v. Chiellino, Gino. Dresden: Thelem 2011, S. 18.
362
Shchyhlevska (2012), S. 11.
363
Vgl. auch Kapitel 4.2 bzw. den von Christian in Belgers Roman „Das Haus des Heimatlosen“ verwen-
deten Begriff „Dochodjaga“, der erst vor dem Hintergrund des Arbeitslagers in seiner Bedeutung für das
Selbstverständnis der Figur, die sich damit benennt, klar wird.
107
Heimat; Auseinandersetzung mit der politischen Entwicklung im Herkunftsland.364 Narrative der
individuellen Zerrissenheit, eines gespaltenen Ich werden dabei abgelöst durch den Entwurf kont-
roverser Lebensläufe, Wahrnehmungen und Einstellungen, mit denen auch unterschiedliche Iden-
titätskonzepte bzw. -strategien einhergehen, oder einzelner selbstbewusster Stimmen wie die der
jungen Alina in Hummels Roman. Während die 1970 aus der Sowjetunion nach Deutschland
ausgewanderte Autorin in dem Buch die Lebensumstände und Auswanderungspläne einer russ-
landdeutschen Familie in der Sowjetunion und die Lebenserinnerungen von Alinas Großvater
thematisiert, widmet sie sich in dem vier Jahre später erschienenen Buch „Die Venus im Fenster“,
das die Fortsetzung der Geschichte darstellt, dem Neuanfang der Familie nach der Ausreise in die
DDR, mit dem wegen unvorhergesehener Schwierigkeiten vor allem eine große Desillusionierung
einhergeht.
Nun können aufgrund der Herkunft bzw. „Abstammung“ der Autorin und, was noch wichtiger
ist, der in ihrem Werk präsenten Diskussion über Migrationsprozesse sowie deren Auswirkungen
auf die Identitätskonstruktionen der Figuren Hummels Romane als zur deutschen Migrations- und
Minderheitenliteratur gehörend angesehen werden.365 Norbert Mecklenburg sieht „Minderheiten-
literaturen“ als Oberbegriff für die „Migrations-“ bzw. die „Auslandsdeutsche und Ausländerli-
teratur“:
Beide lassen sich literatursoziologisch als literarische Subkulturen auffassen, die eine in anders-
sprachlicher Umgebung, die andere mit anderssprachlicher Herkunft. Beide sind Literaturen unter
Bedingungen kultureller Überlagerung. Beiden liegt das Problem von Identität und Alterität, von
Eingrenzung, Ausgrenzung, Grenzüberschreitung besonders nahe. Beide bewegen sich in interkul-
turellen, interlingualen, interliterarischen Kommunikationsräumen. 366
Nach Mecklenburg liegen die die zentralen Themen dieser Literaturen in der Darstellung der
Überlappung verschiedener Kulturen und unterschiedlicher Sprachen. Er betont ferner den Stel-
lenwert von Sprachgemeinschaften und literarischen Traditionen. Ähnlich lassen sich die zentra-
len Themen moderner russlanddeutscher Literatur unter den Komplexen Heimat, Migration, Spra-
che, Familie, Identität, Vorurteile, die Spannung zwischen Assimilierung und Exklusion sowie
die Dichotomie zwischen Erwartungen und Desillusionierung fassen. Gerade jenen Kontroversen
widmet sich auch Eleonora Hummel in ihren Romanen; während sie in „Die Fische von Berlin“
das Spannungsfeld einer russlanddeutschen Familie in Kasachstan bzw. nach der Übersiedlung
im Kaukasus vergegenwärtigt, stellt sie im Folgeroman vor allem die Enttäuschungen nach der
lange ersehnten, endlich verwirklichten Auswanderung dar. Besonders die Kontinuität bzw. ge-
rade auch die Brüche in der Vorgeschichte bzw. in deren Narration spielen im ersten Teil die
364
Vgl. Chiellino (2007), S. 58.
365
Vgl. Van den Brande (2015), S. 158.
366
Mecklenburg, Norbert: Eingrenzung, Ausgrenzung, Grenzüberschreitung. Grundprobleme deutscher
Literatur von Minderheiten. In: Die andere deutsche Literatur: Istanbuler Vorträge. Hrsg. v. Durzak, Man-
fred u. Nilüfer Kuruyazıcı. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S. 24.
108
tragende Rolle. Es sind die Erzählungen des Großvaters, die für die Enkelin identitäts- und ge-
dächtnisbildende Festhaltepunkte liefern, die sie selbst aktiv erfragt und für sich nutzt und die
auch die Orte (imaginativ) miteinander verbinden.
Einerseits ist, wie das obige Beispiel erneut illustriert, wohl die Heimat bzw. der Heimatverlust
eines der präsentesten Themen russlanddeutscher Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg – und
dennoch: Manchmal wird dieser starke Binarität zwischen Heimat und Fremde, wobei sich hier
nicht auf spezifische Orte festgelegt werden muss, aufgebrochen zugunsten der radikalen Neu-
konzeptionierung einer Heimatauffassung. Aktueller russlanddeutscher Literatur gelingt es zum
Teil, die durch Deportation und Auswanderung ausgelösten vielfältigen Raum-, Zeit- und Erin-
nerungsbrüche in ein positives Verständnis transkultureller Kondition zu transformieren. Das
transkulturelle Potenzial zwischenkultureller Literatur speise sich dabei maßgeblich aus der bio-
grafisch bedingten Mobilität der Autor/inn/en, so Eva Hausbacher.367 Sie nutzen das Potenzial der
kulturellen Differenz ihrer Lebenswirklichkeit für ihr Schreiben. Die Werke werden zu hybriden
Überlappungsräumen, Spiel- und Konflikträumen der Aushandlung von Interpretationen. Doch
diese im Zeitalter der Globalisierung zunehmenden (aber auch schon davor dagewesenen) Diffe-
renzen nicht nur zwischen, sondern innerhalb der Gesellschaften bleiben ein in ihrem Potenzial
nicht vollständig ausgeschöpftes Thema innerhalb russlanddeutscher literarischer Werke. Denn
bis heute ist in den Werken nicht selten ein stark verhaftetes Denken in nationalen Kategorien zu
bemerken, gleichzeitig gelingt es einzelnen Autor/inn/en auch immer wieder, „nicht das Zwischen
oder das Nebeneinander, sondern das über das Kulturelle Hinausgehende, Grenzüberschreitende
und somit wieder Verbindende und Gemeinsame ins Zentrum [zu stellen].“368
Von Fragen nach inhaltlichen Thematiken abgesehen weist Chiellino gerade die Eigenheit inter-
kultureller Literatur aus, der zufolge sich die Autor/inn/en (abgesehen von den muttersprachlichen
Exilautor/inn/en) an Leser/innen aus der deutschen Mehrheit wenden, „die die verbindliche Rolle
eines Gesprächspartners erhalten. In diesem unausweichlichen Drang nach einer Zwiesprache mit
dem Leser, um sich als Autor konstruktiv an der Zukunft der Republik zu beteiligen, liegt das
Hauptmerkmal einer interkulturell engagierten Literatur.“ 369 Dieser „Gesprächspartner“ wird
nicht explizit vom Text benannt, ist meist kein offenkundiger. In vielen russlanddeutschen litera-
rischen Werken, die nicht in einem deutschsprachigen Land erschienen sind, wie Belgers Roman
„Das Haus des Heimatlosen“, welcher erst sechs Jahre nach der Veröffentlichung in Kasachstan
in deutscher Übersetzung in Berlin verlegt wurde, spielt die deutsche Mehrheitsgesellschaft auf
367
Vgl. Hausbacher (2012), S. 171.
368
Domenig, Dagmar: Das Konzept der transkulturellen Kompetenz. In: Transkulturelle Kompetenz.
Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Hrsg. v. Domenig, Dagmar. Bern: Huber 22007,
S. 172.
369
Chiellino (2007), S. 59.
109
den ersten Blick keine Rolle. Und trotzdem wird jene auch in diesen Fällen unter der Oberfläche
stets mitgedacht, sind die Figuren doch in ihrer Diskriminierung permanent konfrontiert mit Kon-
zepten „deutscher“ Identität, die den fragenden Blick in Richtung „Abstammungsgeschichte“ len-
ken und damit über den Umweg der Vergangenheit auch auf das in der diegetischen Welt gegen-
wärtige Deutschlandbild und dessen imaginierte Mehrheitsgesellschaft. Dieser Bezug entspricht
aber nicht dem impliziten Gesprächspartner im Sinne Chiellinos. Es gibt jedoch darüber hinaus
eine vom Autor Herold Belger mitgedachte Instanz – wie schon im Zuge der Intertextualitätsde-
batte angedeutet wurde –, für die so manche „Interna“ russlanddeutscher Geschichte und Kultur
kontextualisiert werden. Diese oft weit ausholenden Kommentare stehen im Fließtext. Intendiert
ist damit nicht nur die identitätsbildende Festigung eines kollektiven Minderheitsgedächtnisses
bzw. -wissensschatzes für den kleinen, sich zur Gruppe der Russlanddeutschen zugehörig fühlen-
den Personenkreis, sondern auch die Anreicherung des Mehrheitsgedächtnisses, d. h. die Aner-
kennung und Aufnahme einer wenig bekannten Vergangenheitsversion.
Abschließend soll im Diskurs über interkulturelle Literatur noch einmal auf die Gefahr zum ver-
einfachenden Auseinanderdividieren in „eigen“ und „fremd“, in Kultur A und Kultur B, gewarnt
werden, mit denen Werke russlanddeutscher Literatur allerdings nicht selten selbst verfahren. Auf
bestimmte vorgefertigte Bilder einer Gruppe zurückzugreifen, mag eine menschliche Strategie
für Begegnungen mit dem Fremden sein, doch können solche Stereotype, welche auch die meisten
interkulturellen Begegnungen beeinflussen, mitunter sehr problematisch sein. Ursprünglich ein
Fachausdruck der Drucktechnik bezeichnet Stereotypie die Anfertigung von Druckplatten (Mat-
rizen), mittels derer ein Massendruck mit den immergleichen Platten möglich wurde. Stereotype
waren also wiederholte, vorgefertigte Drucktexte. Entsprechend weist der Begriff schon darauf
hin, dass mit dem Stereotyp eine differenzierte Wahrnehmung der Kultur des Gegenübers be-
trächtlich erschwert oder sogar verhindert werden kann und die Berücksichtigung dessen Multi-
kulturalität schon gar nicht erfolgt.
Zum Stereotypisierungsprozess gehören nach Scheitza und Leenen drei Schritte:
1. Eine Gruppenkategorie wird gebildet oder benutzt („die Russen“, „die Lehrer“);
2. Dieser Gruppe von Personen werden stark vereinfachende Eigenschaften zugeschrieben („trinken
gern Schnaps“ oder „sind faul“)
3. Diese Gruppenkennzeichnung wird unzulässig verallgemeinert, also auf jeden übertragen, der zu
dieser Gruppe gerechnet werden kann370
370
Vgl. Scheitza, Alexander u. Rainer Leenen: Kulturelle Identität, Stereotypen und Vorurteile. In: Semi-
narreihe „Interkulturell sensible Berufsorientierung“ – LEHRBRIEFE. Kölner Institut für interkulturelle
Kompetenz e. V. [Link]
brief%206%20%20Kulturelle%20Identit%C3%A4t%20Stereotype%20und%20Vorurteile_BARRIERE-
[Link] (04.01.2021), S. 6.
110
In der Anschauung des oder der Einen verliert in der Folge der oder die Andere seine/ihre indivi-
duellen Züge und wird als Vertreter/in einer bestimmten Gruppe oder der Herkunftskultur wahr-
genommen. Besonders in der Anfangsphase des Austausches kann das Handeln beider Seiten in
wesentlichem Ausmaß von solchen verallgemeinerten Fremdbildern geleitet sein. Quellen der
Fremdbilder sind dabei vielfältig, werden häufig unbewusst vermittelt bzw. übernommen und
können auch von literarischen Texten (re)produziert werden. Ein Blick auf die Auswanderungs-
bedingungen russlanddeutscher Aussiedler/innen nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigt besser,
wie es zur Bildung von vereinfachenden Vorstellungen kommen kann, die sich zwar häufig auf
kulturelle Unterschiede berufen, jedoch in der Wirklichkeit vielmehr die Zugehörigkeit zu einer
Nationalität als allesbestimmende Kategorie heranziehen.
Nach der Wiedervereinigung wies das Deutschlandbild unter Russlanddeutschen große Lücken
auf; denn fühlten sie sich vorher vermittels der sowjetischen Medien noch eng mit der DDR ver-
bunden, lassen sich später „viele unrealistische und durch Generationen überlieferte Vorstellun-
gen feststellen, die mit der Realität in der Bundesrepublik meist wenig zu tun haben.“ 371 Die
Schulen seien aufgrund fehlender finanzieller Mittel, eines Mangels an modernen Lehrmaterialien
und hinreichend ausgebildeten Lehrpersonals teilweise immer noch nicht dazu in der Lage, das
entstandene Vakuum aufzufüllen, das stattdessen Nährboden für Stereotype und Fehlinformation
biete. Das positive Deutschlandbild in Russland stütze sich hauptsächlich auf Berichte von aus-
gesiedelten Verwandten oder Bekannten, so Michael Schönhuth.372 Wie schon beschrieben haben
diese nach der Ausreise vielfach zu enttäuschten Erwartungen unter Russlanddeutschen geführt.
Stereotype Vorstellungen, die sich auch in der Literatur finden, haben allerdings noch einen an-
deren Ursprung. Aufgrund von Zuschreibungen des/der „üblen Deutschen“ („Faschist/in“) durch
die sowjetische Mehrheitsgesellschaft wurde in der Gruppe als Gegenkonzept das Selbstkonzept
des/der sich an alten positiven deutschen Werten orientierenden „guten Deutschen“ entwickelt.373
Im Zuge dieser Konstruktleistung wird bei dem „Deutschsein“ von einigen tatsächlichen Gemein-
samkeiten ausgegangen, vor allem aber richtet sie sich auf die Vorstellung einer Gemeinschaft
mit der Mehrheitsbevölkerung in Deutschland. Zu einer Art kulturellen Schock nach der Auswan-
derung kommt es also auch insofern, als die Gesellschaft auf der einen Seite vor dem Hintergrund
der imaginierten Gemeinschaft als „degeneriert“ vor den stereotypen Idealvorstellungen er-
scheint, auf der anderen Seite erleben die Aussiedler/innen, dass ihr in der Diaspora entworfenes
Selbstkonzept als „Deutsche“ von der deutschen Mehrheitsgesellschaft angezweifelt werden
kann, sie selbst unter der Kategorie „Russen“ stereotypisiert werden.374
371
Hilkes (1996), S. 162.
372
Vgl. Schönhuth (2006), S. 368.
373
Vgl. Kiel, Svetlana: Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Eine empirische Studie zur ethnisch-kultu-
rellen Identität in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien. Münster: Waxmann 2009, S. 181.
374
Vgl. Kiel (2009), S. 181.
111
Der Gedichtband „Rußlanddeutsche Berlin-Sonette“ von Johann Warkentin beleuchtet die nach
der Auswanderung notwendig gewordene Neuverhandlung von Zugehörigkeits- und Identitäts-
vorstellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gerade mit dem in manchen Texten offenkun-
dig satirischen (ja fast zynischen) Ton gelingt es, stereotype Vorstellungen zu entlarven und sie
infrage zu stellen, gleichzeitig sind viele Texte auch anders lesbar und scheinen auf ebensolchen
vereinfachenden Konstrukten um jeden Preis beharren zu wollen.
Stereotype rein als gefährliche Keimzelle von Vorurteilen und Diskriminierung zu fassen und
daher ihre Eliminierung durchzusetzen, wie von kritischen Stimmen in der sozialwissenschaftli-
chen Diskussion der 1950er- und 60er-Jahre gefordert, wird von der neueren sozialpsychologi-
schen Forschung als überzogen und unrealistisch gewertet. Unter einem kognitionspsychologi-
schem Aspekt wird Stereotypen nämlich eine wichtige (mitunter natürlich problematische) Funk-
tion in der Vereinfachung sozialer Wahrnehmungsprozesse zugeschrieben.375 Stereotype müssen
jedenfalls nicht per definitionem negativ sein; verallgemeinernde Vorstellungen können auch ge-
genüber der eigenen Gruppe entwickelt werden, Autostereotype genannt. Das Herausstellen von
Besonderheiten und Unterschieden im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft hat für Angehörige
einer Minderheit oft die Funktion, die eigene Einzigartigkeit zu betonen. In ihrer Studie zur Iden-
titätsbildung in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien beobachtet Kiel insofern, dass das innere
Bild der Deutschen von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und deren inhaltlicher Ausgestaltung
manchmal elitäre Züge aufweist. Im Rückblick auf ihre Herkunft und im Vergleich zur russischen
Kultur ordnen die Familien „ihrer Kultur“ ausschließlich positive Elemente zu. In Abgrenzung
zur „bundesdeutschen Kultur“ verlaufen die Zuschreibungen nicht mehr so statisch; hier werden
erstmals auch Elemente der eigenen Kultur kritisch betrachtet, auch wenn im Bereich der sozialen
Werte vorrangig die negativen Gegensätze als bundesdeutsche Charakteristika genannt werden.376
In Johann Warkentins Berlin-Sonetten wird diese Einschätzung bestätigt. Das Selbstbild weist
keine elitären Züge mehr auf, da es nicht mehr nur mit positiven Inhalten besetzt wird, in gleichem
Maße erscheint der eigene Opferstatus abgeschwächt.
Eine wichtigste Frage bleibt jene nach dem Umgang mit Generalisierungen über Gruppen. Geben
Stereotype zwar Orientierung in einem neuen Umfeld, ermöglichen die Erklärung unbekannten
oder unklaren Verhaltens und/oder stützen die Identität,377 so können sie doch gleichzeitig inter-
kulturelle Begegnungen gefährden, weil sie verzerrte Bilder darstellen und unter Umständen blind
machen für die wahren Problemursachen in einer Begegnungssituation, was wiederum Missver-
ständnisse und Ungerechtigkeit zur Folge hat. Die Grenze vom Stereotyp zum Vorurteil muss
sich an deren Qualität und Quantität berechnen. Während Stereotype sich als unzureichende oder
375
Vgl. Scheitza u. Leenen, S. 7.
376
Vgl. Kiel (2013), S. 39.
377
Scheitza u. Leenen, S. 7 f.
112
falsche Annahmen herausstellen können, äußern sich in Vorurteilen nicht mehr nur einzelne Glau-
benssätze, sondern unumstößliche und verallgemeinerte Haltungen oder Einstellungen, die nur
schwer zu korrigieren sind und meist ein ganzes Set von Glaubenssätzen beinhalten. 378 Nun
könnte man annehmen, dass ein schwaches Selbstbewusstsein begünstigend wirkt für die Bildung
von Vorurteilen. Um das eigene Ich gegen innere und äußere Bedrohungen zu verteidigen, greifen
Menschen insofern – meist unbewusst – auf Mechanismen wie Projektion und Verschiebung zu-
rück. Die Abwertung einer bestimmten Gruppe dient in einem solchen Szenario der Stabilisierung
des eigenen (evtl. „beschädigten“) Selbstwertes.
Die metasprachliche Diskussion ist Werken russlanddeutscher Literatur immanent. Immer wieder
geht es um die Bedeutung von Sprache als Marker für Identität, noch vor anderen Faktoren bildet
sie somit in vielen Fällen das ausschlaggebende Kriterium für Eigen- und Fremdzuschreibungen,
für eine kulturelle und gesellschaftliche Verortung. Die Sprache bzw. das Handeln in einer oder
mehreren Sprachen stehen als identitätsbildendes Merkmal zwar im Vordergrund, mit Blick auf
russlanddeutsche Minderheiten rücken dabei jedoch gerade Situationen bzw. Fälle ins Zentrum
der Aufmerksamkeit, in denen die Kommunikation nicht reibungslos verläuft bzw. im Nachhinein
über Missverständnisse, Diskriminierung oder das aus unterschiedlichen Gründen eintretende
„Verstummen“ reflektiert wird. In der Literatur bildet vor allem diese letztgenannte Reaktion des
Verstummens bzw. Schweigens ein Schlüsselmotiv; immer wieder führen die Texte etwa den
kulturhistorisch codierten Begriff „nemzy“ ins Feld,379 der von der russischen Bevölkerung im
Zarenreich einst als Bezeichnung für deutsche Kolonist/inn/en, aber auch Fremdsprachige anderer
Herkunft gebräuchlich war, die über keine oder sehr eingeschränkte Kenntnisse einer slawischen
Sprache verfügten und sich nicht oder nur schlecht außerhalb ihrer Gruppe verständigen konnten.
Damit ist im Wesentlichen schon die Definition so genannter „Sprachinseln“ gegeben, insofern
sich die metaphorische Insellage bestimmt über die Konstitution einer Sprechergruppe mit einer
abgrenzbaren Sprache gegenüber einer anderen Umgebungssprache sowie über die Vorstellung
von isolierter Lage und der Trennung von einem sprachlichen „Festland“ (dem binnendeutschen
Sprachraum), was die Art der sprachlichen Identität sichert.380
378
Vgl. Scheitza u. Leenen, S. 13
379
Vgl. etwa folgende Textstellen: Belger, Herold: Das Haus des Heimatlosen. Übers. v. Lichtenfeld,
Kristiane. Berlin: Hans Schiler 22014, S. 221; Warkentin, Johann: Wie lange noch heimatlos? In:
Warkentin (1996), S. 64; Wacker, Nelly: Geiseln jenes Krieges. In: Wacker (1998), S. 13.
380
Vgl. Eichinger, Ludwig M.: Deutsch in weiter Ferne. Die Verbreitung der deutschen Sprache außer-
halb des zusammenhängenden deutschen Sprachgebiets: Deutsche Minderheiten. In: Varietäten des Deut-
schen Regional- und Umgangssprachen. Hrsg. v. Stickel, Gerhard. Berlin: Walter de Gruyter & Co. 1997,
S. 159.
113
Die mit dem Begriff „Nemzy“ verbundenen und über Generationen hinweg tradierten Erinnerun-
gen an ein unfreiwilliges Verstummen aufgrund eines Mangels haben nun in der jüngsten Ge-
schichte für russlanddeutsche Aussiedler/innen nach der Ausreise in den binnendeutschen Sprach-
raum eine Aktualisierung erfahren, die auch in den literarischen Werken verarbeitet wird. Bei der
Betrachtung der sprachlichen Ausgangsbasis russlanddeutscher Aussiedler/innen ergibt sich aber
ein sehr heterogenes Bild. Wenn auch die meisten „mit zwei Herkunftssprachen“ einwandern (der
Landessprache des Auswanderungslandes bzw. Russisch) und der „koethnischen Sprache“ des
Ziel- bzw. Einwanderungslandes, so könnten vor allem bei letzterer die individuellen Vorausset-
zungen kaum unterschiedlicher sein, reichen die Sprachkenntnisse doch von als Erst- bzw. Mut-
tersprache erworbenen Dialekten bis hin zu institutionell erworbenen Kenntnissen einer deut-
schen Standardvarietät als Fremdsprache.
Es hat sich gezeigt, dass trotz der häufig vorhandenen Dialektkenntnisse russlanddeutsche Zuwan-
derer der Einwanderungsgeneration gerade wegen sprachlich-regionaler Andersartigkeit und wegen
mangelnder Hochdeutschkenntnisse Schwierigkeiten im Alltag ausgesetzt waren, die nicht nur und
nicht ausschließlich auf Sprachschwierigkeiten zurückzuführen sind (im Sinne von Kommunikati-
onsbarrieren wegen fehlender Deutschkenntnisse), sondern auch und gerade mit grundsätzlichen
Fragen der Identität sowie Selbst- und Fremdwahrnehmung zusammenhängen. 381
Entscheidend für das beschriebene Nicht-Gelingen der positiven Nutzung vorhandener Sprach-
kompetenzen sei, so schlussfolgert Nina Berend, dass es sich bei den Herkunftsdialekten der
Russlanddeutschen um substandardsprachliche Dialektvarietäten handle, die in Deutschland nicht
den Status „richtiges Deutsch“ aufweisen.382 Die enttäuschten Erwartungen (nicht allein ob aus-
bleibender sprachlicher Anerkennung) bei Betroffenen haben dann häufig einen Rückzug in die
Eigengruppe zur Folge, innerhalb derer sie sich unter der Verwendung der gemeinsamen Her-
kunftssprache (Russisch) ohne Verständigungsprobleme unterhalten können. Mit Blick auf das
Streben nach mehrheitsgesellschaftlicher Wahrnehmung in öffentlichen Diskursen um Ge-
schichte, Gedächtnis und Identität, d. h. die Einspeisung des Gegengedächtnisses, scheint eine
solche Reaktion aber kontraproduktiv. Zwar gibt es nach wie vor viele ausgewanderte Au-
tor/inn/en, welche in russischer Sprache publizieren bzw. Werke in mehreren Sprachen veröffent-
lichen. Wir erinnern uns hierzu aber an Natalia Blum-Barths Beobachtung, wonach auffallend
viele Schriftsteller/innen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland ge-
kommen sind, einen Sprachwechsel vollzogen haben und heute vornehmlich auf Deutsch publi-
zieren.383 Nicht selten entspricht die literarische Zweisprachigkeit dabei einer Art Übergangs-
phase. Für Agnes Gossen etwa hält Annette Moritz im „Lexikon der rußlanddeutschen Literatur“
fest: „Auch schrieb und publizierte G. zunächst in russischer Sprache. Nach ihrer Aussiedlung
381
Berend, Nina: Russlanddeutsche Aussiedler in Deutschland: Ein Überblick. In: Deutsche Sprache.
Zeitschrift für Theorie, Praxis, Dokumentation 42/3 (2014). Berlin: Erich Schmidt 2014, S. 195.
382
Vgl. ebda.
383
Vgl. Blum-Barth (2014).
114
1989 mußte sie die deutsche Sprache erst wieder erlernen und veröffentlichte zunächst zweispra-
chig.“384 Bei anderen Autor/inn/en lassen sich nach der Übersiedlung gar „literarische Schweige-
jahre“ beobachten, in denen kaum Texte (weder in russischer noch in deutscher Sprache) veröf-
fentlicht wurden. Natürlich müssten die Ursachen eines solchen Verstummens für jeden einzelnen
Fall untersucht werden, dennoch sei an dieser Stelle auf den nicht zu vernachlässigenden Mecha-
nismus hingewiesen, wonach das Nicht-Sprechen einer „verlernten“ bzw. als unvollständig emp-
fundenen Sprache ebenso aus Angst vor dem Fehlerhaften bzw. aus Scham geschehen kann. Zu
Schweigen statt zu sprechen (oder zu schreiben), bewahrt mitunter davor, „erkannt“ zu werden
und gesellschaftliche Sanktionen einzufahren. Zusammenfassend kann auf jeden Fall festgehalten
sein, dass die Wahl der jeweiligen Arbeits- und Schreibsprache in enger Verbindung zur gesell-
schaftspolitischen Teilhabe und dem eigenen (nationalen oder kulturellen) Selbstverständnis
steht.385
384
Moritz (2004), S. 50.
385
Vgl. Mevissen (2018).
386
Mittels „Sprachlatenz“ und „parole vissute“ können dabei Teile eines kulturellen Gedächtnisses krea-
tiv in eine andere Literatursprache importiert werden: Diese „gelebten Worte[ ] schließen Phasen des Le-
bens in sich ein, deren Komplexität verlorenginge, wenn sie in Worten wiedergegeben würden, die sich
von denen unterscheiden, worin sie sich abgespielt haben.“ [Chiellino (2011), S. 18.] Siehe dazu Kapi-
tel 4.2.
115
per se, solange sich andere Ausdrucksmöglichkeiten für den Austausch mit anderen Individuen
bieten.
Das gänzliche Ausbleiben von Sprache bedeutet also keineswegs automatisch ein Ausbleiben von
Kommunikation. Gerade die deutsche Sprache gibt uns für letzteres noch weitere Begriffe an die
Hand wie „Stille“ bzw. „Ruhe“, die das Ausbleiben von Geräuschen und Tönen bezeichnen.
Schweigen aber lässt sich nicht nur ohne Worte, sondern ebenso gut mit vielen Worten. Ja, kei-
nesfalls impliziere das Schweigen immer Redeverzicht, so Alois Hahn, im Gegenteil sei der be-
vorzugte Ort des Verschweigens die Rede.387 Nämlich indem man das, was eigentlich hätte gesagt
werden müssen, nicht thematisiert, übergeht, unter den Tisch fallen lässt – und das absichtlich.
So wird nicht direkt die Unwahrheit gesagt wie bei einer Lüge, das Resultat aber ist dasselbe.
Roland Barthes bezeichnet diese zwei Arten des Schweigens, nämlich das Nichtssagen und das
Etwas-nicht-Sagen, als „generelles (ein wenig gesprächiger, ,diskreter‘ Mensch)“ Schweigen auf
der einen Seite und „topisches (über etwas schweigen, eventuell indem man über etwas anderes
spricht)“ 388 Schweigen auf der anderen Seite.
Diese Unterscheidung für sich genommen ist jedoch noch nicht hinreichend zur Beschreibung der
möglichen Formen und Strategien des Schweigens. Statt zwischen einem generellen und einem
topischen Schweigen zu unterscheiden, soll hier der Ansatz einer Dichotomie zwischen (nicht-
)artikulierbar und (nicht-)kommunizierbar erläutert werden. Der Raum der Sprache, des Sagba-
ren, ist nach Jan Assmann doppelt begrenzt: „Jenseits des Horizonts des Kommunizierbaren, der
in jedem Fall sozial konstruiert ist, müssen wir einen Horizont des Artikulierbaren ansetzen
[…].“389 Im Anschluss präzisiert Assmann diese Unterscheidung weiter. Demnach bestimme sich
die Grenze des Kommunizierbaren durch soziale Konvention und Konstruktion, die Grenze des
Artikulierbaren dagegen durch die menschliche Natur. Über Dinge, die außerhalb des Bereichs
des Artikulierbaren liegen, müsse man nicht schweigen, weil die Möglichkeit, davon zu reden,
kategorisch ausgeschlossen sei.390 Diese Differenzierung kann als Analogie zur Unterscheidung
zwischen Unausgesprochenem, also etwas sehr wohl Benennbarem, das nur im präsenten Fall
387
Vgl. Hahn, Alois: Schweigen, Verschweigen, Wegschauen und Verhüllen. In: Schweigen. Archäologie
der literarischen Kommunikation XI. Hrsg. v. Assmann, Aleida u. Jan Assmann. München: Wilhelm Fink
2013, S. 44.
388
Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France, 1977-1978. Hrsg. v. Marty, Éric.
Texterstellung, Anmerkungen und Vorwort von Thomas Clerc. Übers. v. Brühmann, Horst. Frankfurt a.
M.: Suhrkamp 2005, S. 58.
389
Assmann, Jan: Einführung. In: Schweigen. Archäologie der literarischen Kommunikation XI (2013),
S. 9.
390
Vgl. ebda., S. 10.
116
nicht zur Sprache gebracht werden darf, und Unaussprechlichem, wie Alois Hahn sie trifft, gel-
ten.391 Nach dieser Auffassung gibt es in logischer Konsequenz auch zwei Arten von Geheimnis-
sen, nämlich einerseits solche, die man nicht verraten darf, und solche, die man nicht verraten
kann.
Um den Raum des Schweigens genauer zu kartieren, unterscheidet Aleida Assmann auf Ebene
des Kommunizierbaren zwischen bedeutungsvollem Schweigen und strategischem Schweigen.
Das erste will wortlos etwas mitteilen – hierfür führt sie zustimmendes, inniges, trotziges, feiges
bzw. hilfloses Schweigen als Beispiele an; das andere will etwas erreichen – Gründe für ein sol-
ches strategisches Schweigen wären Takt, Diskretion, Tabu, Opportunismus („Wegschauen“)
bzw. handelt es sich um repressives, komplizitäres und transformatives Schweigen.392 Im Fall des
strategischen Schweigens soll dem bzw. der Kommunikationspartner/in im Gegensatz zum be-
deutungsvollen Schweigen nichts zu verstehen gegeben werden, hier ist das Ziel im Gegenteil
umso erfolgreicher erreicht, je weniger die Absichten dem Gegenüber erschließbar sind. Carl F.
Graumann betont, dass gerade die Strategien bzw. Gründe hinter dem Ver- bzw. Beschweigen393
bestimmter Dinge von besonderem Forschungsinteresse sind:
Das, worüber immer wieder geredet wird, ist psychologisch oft weniger aufschlussreich als das,
worüber „hartnäckig“ geschwiegen wird. Die dem Schweigen und dem Nichtantworten oft bereit-
willig beigefügte „Erklärung“, sich nicht erinnern zu können oder das kritische Ereignis „vergessen“
zu haben, verweist weniger auf ein „schlechtes Gedächtnis“ als auf Motive und Gründe, bestimmte
Themen zu vermeiden.394
Graumann bringt hier die Rolle des Gedächtnisses ins Spiel. Während Reden mit Erinnern in
Verbindung gebracht wird, so geht Schweigen der allgemeinen Auffassung nach mit Vergessen
einher – beides Funktionen des Gedächtnisses. Für Inhalte, die beispielsweise aus psychischem
Selbstschutz heraus vergessen werden, wird häufig die Bezeichnung „Verdrängtes“ ins Feld ge-
führt und damit auf Sigmund Freud verwiesen, der in diesem Zusammenhang vom einem Ab-
wehrmechanismus etwa gegenüber traumatischen Erinnerungen oder tabuisierten Wünschen
spricht, die so bedrohlich für die Psyche eines Menschen sind, dass sie aus seinem Bewusstsein
verbannt werden.395 Bei Prozessen des Beschweigens, so merkt Nina A. Frieß an, handle es sich
391
Hahn (2013), S. 36.
392
Vgl. Assmann, Aleida: Formen des Schweigens. In: Schweigen. Archäologie der literarischen Kom-
munikation XI (2013), S. 52-68.
393
Während „Verschweigen“ eine strategische Absicht impliziert, dient „Beschweigen“ hier als „neutra-
ler“ Begriff für ein symptomatisches Schweigen als Folge eines Traumas.
394
Graumann, Carl F.: Phänomenologische Gedanken zur psychologischen Gedächtnisforschung. In:
Kontexte und Kulturen des Erinnerns: Maurice Halbwachs und das Paradigma des kollektiven Gedächt-
nisses. Hrsg. v. Echterhoff, Gerald u. Martin Saar. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2002, S. 70.
395
Das erste Mal verwendete Sigmund Freud den Begriff der Verdrängung 1895 in den „Studien über
Hysterie“. [Vgl. Freud, Sigmund u. Josef Breuer: Studien über Hysterie. Leipzig u. Wien: Franz Deuticke
1895.]
117
aber häufig nur um eine erste Phase, die der eigentlichen Auseinandersetzung mit dem Erinne-
rungsobjekt vorausgehe. Schweigen sei damit weniger endgültig als es das Vergessen sei.396 Beim
Schweigen handelt es sich also nicht immer um „unbewusst Verdrängtes“, sondern häufig um ein
vorgegebenes und demzufolge durchaus „bewusstes“ Vergessen. Aleida Assmann betont hierbei
die Zeit als entscheidenden Faktor, insofern es sich meist um einen Zeitraum von etwa fünfzehn
bis dreißig Jahren handle, in denen die Vergangenheit „unter Verschluss gehalten [wird], um die
Entwicklung eines neuen Lebens und einer neuen Identität nicht zu gefährden.“397
Die Frage nach möglichen Gründen für die erwähnten Arten von Schweigen, die entweder eine
Grenze des Nicht-Kommunizierbaren oder des Nicht-Artikulierbaren markieren, lässt sich unter
Berücksichtigung historisch-politischer Aspekte beantworten. Hierbei rücken neben dem Trauma
bzw. damit einhergehend vor allem die Themen Schmerz, Scham und Schuld in den Blick, und
das Schweigen unter diesen Prämissen bekommt den Charakter des Ver- oder Beschweigens.
Schweigen kann hier beides sein: Strategie oder Symptom. Als Strategie ist es, wie schon erwähnt,
definitiv eine Frage der Kommunikation, nicht der Artikulation. Das Verschwiegene steht im
Blick, ist sprachlicher Darstellung zugänglich, nur wird es nicht zur Sprache gebracht aus Angst
vor Desintegration (Zurückweisung, Ausschluss, Exkommunikation, Strafverfolgung).398 Hierzu
zählt etwa das Schweigen der Täter/innen im nationalsozialistischen Kontext wie das Schweigen
von Mitläufer/inne/n, die ihre Schuld nicht bekennen wollen. Und an Situationen, in denen
Schweigen einfacher ist als Reden und ein „mutiges“ Wort zu ergreifen, wo es notwendig, aber
unangenehm wäre, gibt es zahlreiche; so wird geschwiegen, um eigene Fehler nicht eingestehen
oder gar ein Verbrechen nicht bekennen zu müssen. Schweigen kann auf diese Weise zum Ver-
säumnis und gar zur Schuld und Last werden.399
Auf der anderen Seite steht das Schweigen als Symptom eines Traumas, das symptomatische
Schweigen der Opfer. Letzteres rückte in der Nachgeschichte des Holocaust in den 1980er-Jahren
in den Mittelpunkt der Diskussion um die sogenannte transgenerationelle Traumatisierung in ein-
schlägigen Forschungen. Als Symptom eines (Kriegs-)Traumas kann das Schweigen noch „tie-
fer“ reichen, d. h. in den Bereich des Nicht-Artikulierbaren hineinragen. Es betrifft dann Erfah-
rungen und Ereignisse, für die es keine vorgeprägten kulturellen Muster der Verarbeitung gibt.
396
Vgl. Frieß, Nina A.: Nichts ist vergessen, niemand ist vergessen? Erinnerungskultur und kollektives
Gedächtnis im heutigen Russland. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam 2008, S. 48.
397
Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik.
Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2007, S. 98 f.
398
Vgl. Assmann, J. (2013), S. 18.
399
An der Stelle muss angemerkt sein, dass unter Umständen und innerhalb eines engen Rahmens dem
Schweigen eine gewisse positive Konnotation zukommen kann, wenn politische Schweigegebote etwa
konstruktiv sind und die Wende zu einem neuen, besseren Zustand einleiten, so sie etwa durch Verbote,
an alten Wunden zu rühren, eine erneute Mobilisierung von Gewalt verhindern. [Vgl. Assmann, A.
(2013), S. 62.]
118
Bei solchen Fällen des Schweigens als Symptom eines Traumas bewegen wir uns in einem Zwi-
schenbereich zwischen dem Artikulierbaren und dem Kommunizierbaren, es handelt sich um
strukturelles Schweigen im Gegensatz zum strategischen:
Strukturelles Schweigen bezieht sich auf Dinge, die aus der Natur der Sache heraus nicht zur Sprache
kommen können (weil es dafür keine Sprache, keine diskursiven Traditionen oder kein Interesse
gibt), strategisches Schweigen dagegen betrifft die Dinge, die zur Sprache zu bringen schädlich
wäre: für den Redenden, den Hörer oder die Sache selbst.400
Anne Fuchs hat für plötzliche und überwältigende „historische Ereignisse, die auf spektakuläre
Weise die materielle und symbolische Welt, die wir bewohnen, zerschlagen“401 und strukturelles
Schweigen hervorrufen können, den Begriff „impact event“ geprägt. Die Deportation und die
Verfolgung Russlanddeutscher im stalinistischen Russland wären Beispiele für solche Ereignisse,
die „mit tiefgreifenden und anhaltenden Nachwirkungen in der materiellen Kultur und dem kol-
lektiven Bewusstsein verbunden“402 sind. Aus Angst um Leib und Leben wurde die eigene Iden-
tität von Betroffenen oft verschwiegen, geleugnet, verschleiert. Und die Geschichte ist reich an
Beispielen für, wie Aleida Assmann es nennt, repressives Schweigen: „Sie reichen von der Ver-
folgung von Minderheiten und dem Mundtot-Machen der Gegenstimmen bis hin zu Formen
,struktureller Gewalt‘ bzw. ,strukturellen Vergessens‘. Dazu zählen auch unterschwellige Formen
der Zensur sowie Zugangsbeschränkungen zu gesellschaftlichen und kulturellen Ressourcen.“403
Im Zusammenhang mit der strukturellen Amnesie, jahrelanger Tabuisierung und struktureller Ge-
walt leiden die Betroffenen häufig unter der Zwangsidee, sich anpassen zu müssen. In ihrer Arbeit
schlussfolgert Frieß, dass das Vergessen und das Schweigen – wie in diesem Fall von der sowje-
tischen Regierung unter den Minderheitsangehörigen forciert – nicht nur keine Optionen für die
Etablierung eines kollektiven Gedächtnisses seien, sondern sie meist sogar darauf ausgerichtet
seien, die Entstehung eines solchen zu unterdrücken: „Anstelle eines kollektiven Gedächtnisses
kommt es zu einer strukturellen oder sozialen Amnesie.“404 Diese „Grenzen des Sagbaren“, wie
auch Michael Pollak sie nennt,405 zu überwinden, wird durch die Androhung von Sanktionen bei
abweichendem Verhalten, d. h. dem Brechen des Schweigegelübdes, schwierig bis unmöglich
gemacht.
Nina Vaškau beginnt ihren Aufsatz über Kriegserinnerungen der Russlanddeutschen mit der Ge-
genüberstellung zweier Dokumente, dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 28.
400
Assmann, J. (2013), S. 12.
401
Fuchs, Anne: After the Dresden Bombing. Pathways of Memory 1945 to the Present. Basingstoke:
Palgrave MacMillan 2011, S. 12.
402
Ebda.
403
Assmann, A. (2013), S. 61.
404
Vgl. Frieß (2008), S. 48 f.
405
Vgl. Pollak, Michael: Die Grenzen des Sagbaren. Lebensgeschichten von KZ-Überlebenden als Au-
genzeugenberichte und als Identitätsarbeit. Frankfurt a. M. u. New York: Campus Verlag 1988.
119
August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ und dem
Erlass des Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow „Über die Verleihung der Medaille ,Für
heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945‘ an in Arbeitskolonnen mobi-
lisierte Sowjetbürger“. Sie schreibt: „Zwischen diesen beiden Dokumenten liegen genau fünfzig
Jahre – ein halbes Jahrhundert der Erinnerung und des Schmerzes. Das Gedächtnis war im Milieu
der Russlanddeutschen, die diese Zeit erlebt hatten, über die Jahrzehnte latent vorhanden.“406 Die
ältere Generation und die Generation der umgesiedelten Kinder seien durch das Schweigegelübde
gebunden gewesen, wie es der Großvater in Hummels Roman „Die Fische von Berlin“ der Enke-
lin erzählt:
[…] Bei meiner Entlassung habe ich wie viele andere eine Schweigeverpflichtung vorgelegt bekom-
men. Ich unterschrieb sie, wie so viele andere Papiere zuvor, danach war es vergessen, es hatte keine
Bedeutung. Und dennoch, drei Jahrzehnte lang habe ich mich daran gehalten, weil niemand Fragen
gestellt hat. Niemand wollte etwas wissen. 407
Die Verpflichtung zur Geheimhaltung hatten alle erwachsenen Sonderumsiedler/innen bei den
Kommandanturen abgegeben. Weil sie an ihre Kinder und Enkelkinder keine Erinnerungen an
das Erlebte weitergegeben und es nicht bewertet haben, sei die Erinnerung zwischen den Gene-
rationen (vorerst) zerrissen, so Vaškau.408 Das Zitat aus Hummels Roman zeigt darüber hinaus,
dass vor allem auch die (aufkommende) Bereitschaft und das Interesse anderer, die Geschichten
der Betroffenen zu hören, zu einem Bruch des Schweigens beitragen.
Dass die Erinnerung in zahlreichen Fällen letztlich jedoch nicht „vergessen“ oder zwischen den
Generationen „zerrissen“ ist, wird deutlich beim Blick auf die literarischen Werke jüngerer Au-
tor/inn/en. Bei dem bereits weiter oben erwähnten Phänomen der transgenerationellen Traumati-
sierung handelt es sich um psychologische Prozesse auf Seiten der Opfer und Täter/innen, in de-
nen das Trauma der ersten Generation, die dieses nicht verarbeitet hat bzw. verarbeiten konnte,
an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird.409 Davon ausgehend, dass Kinder die
Traumatisierungen der Eltern maßgeblich unbewusst erfassen und in ihren dazu gebildeten Fan-
tasien bzw. Hypothesen nach außen tragen, entspinnt sich ihr Leben „in zwei Wirklichkeiten, der
eigenen und der, die der traumatischen Geschichte der Eltern angehört“410. Dieser Zusammenhang
zeichne sich auch durch ein Verschwimmen der Generationsgrenzen aus, einer Vermischung von
406
Vaškau (2015), S. 191.
407
Hummel (2005), S. 214 f.
408
Vgl. Vaškau (2015), S. 191.
409
Vgl. Hane, Reika: Gewalt des Schweigens. Verletzendes Nichtsprechen bei Thomas Bernhard, Kōbō
Abe, Ingeborg Bachmann und Kenzaburō Ōe. Berlin u. Boston: Walter de Gruyter 2014 (Communica-
tio – Studien zur europäischen Literatur- und Kulturgeschichte 46), S. 38.
410
Bohleber, Werner: Wege und Inhalte transgenerationaler Weitergabe. In: Transgenerationale Weiter-
gabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen
über vier Generationen. Hrsg. v. Radebold, Hartmut, Werner Bohleber u. a. Weinheim u. München: Ju-
venta 2008, S. 110.
120
Gegenwart und Vergangenheit und einem veränderten Zeiterleben der Kinder.411 Wie Nora Grohs
in einer Arbeit über „Das beredte Schweigen der Literatur in Diktaturen – Christa Wolf und Herta
Müller“ anmerkt, ist es außerdem so, dass betroffene Personen nicht gänzlich verstummen; die
Wahrnehmung einer Person teile alles ihr Erinnerliche in „erzählbare“ und „nicht erzählbare“
Geschichten ein. 412 „Erzählbare Geschichten sind offenbar diejenigen, die mit einem Rest an
Handlungsmöglichkeiten verbunden waren, während die nicht erzählbaren auf Erfahrungen be-
zogen sind, die nur erlitten, passiv und aussichtslos ertragen werden mussten“,413 schreibt Fried-
helm Boll. Erst zeitlich versetzt, resümiert Grohs diesbezüglich, keime das Bedürfnis in psychisch
traumatisierten Menschen auf, doch über ihre problematischen Erlebnisse zu sprechen, was aber
häufig aus Gründen der Scham sowie der Angst vor Unverständnis Nicht-Beteiligter oder aus
dem Grund eigener psychischer Belastung vermieden werde.414
Während beim Trauma, einer lebens- und identitätsbedrohenden Erfahrung einer überwältigen-
den Gewalt, und bei tiefem Schmerz schlicht die Worte fehlen, mangelt es bei Schuld und Scham
eher am Willen zur Thematisierung. Erneut kann die Unterscheidung zwischen einem überwälti-
genden Schweigen des Opfers, das keine geeigneten Narrative für das Zur-Sprache-Bringen des
Erlebten und einem defensiven Schweigen des Täters bzw. der Täterin unterschieden werden,415
wobei auch letzteres unter Umständen in den Bereich des Nicht-Artikulierbaren ragen mag. Zum
defensiven Schweigen gehören darüber hinaus die Verleugnung, die Lüge und die Rechtfertigung.
Immer wieder, so Assmann, sei in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass sich nach 1945
das Schweigen auf beiden Seiten, nämlich auf der der jüdischen Opfer und jener der NS-Täter/in-
nen ausbreitete, doch werde dabei häufig ein wesentlicher Punkt unterschlagen:
Selten wird jedoch hinzugefügt, dass dieses Schweigen einen gegensätzlichen Charakter hat. Das
Schweigen der Opfer kann durch soziale Anerkennung, Empathie, persönliches Vertrauen und For-
men politischer Solidarisierung gebrochen werden. Nachdem ein solcher sozialer Kommunikations-
und Gedächtnisrahmen eingerichtet ist, […] sind diese in aller Regel bereit, ihr Schweigen zu bre-
chen. […] Es gibt kein vergleichbares Archiv [an Holocaust-Video-Zeugnissen] für die Stimmen
der Täter. Sie haben ihr Schweigen nie gebrochen und ihre Geschichten mit ins Grab genommen. 416
Wenn es kein mögliches, kulturell akzeptiertes Narrativ gibt, in dem die Erfahrungen erzählt wer-
den können, kann das Schweigen auch nicht einfach gebrochen werden, das Widerfahrene bleibt
„unerzählbar“. Gerade hier scheint sich aber mit dem Schreiben ein Raum zwischen Reden und
Schweigen zu öffnen. Immer schon entwickelt sich die Literatur in einem engen Verhältnis zu
411
Vgl. Bohleber (2008), S. 112.
412
Vgl. Grohs, Nora: Das beredte Schweigen der Literatur in Diktaturen. Christa Wolf und Herta Müller.
Magisterarbeit. Univ. Wien 2012, S. 45 f.
413
Boll, Friedhelm: Sprechen als Last und Befreiung. Holocaust-Überlebende und politisch Verfolgte
zweier Diktaturen. Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2001, S. 207.
414
Vgl. Grohs (2012), S. 45.
415
Vgl. Assmann, A. (2013), S. 57.
416
Ebda., S. 57 f.
121
dem, was noch nicht aufgezeichnet, nicht bezeugt worden ist,417 legt die Finger in die „Wunden“,
die Leerstellen der Kommunikation, und somit auf Scham, Schuld oder Schmerz. „Hier geht es
um die Weisen, in denen die Literatur und Kunst sich den sozialen Tabus und Schweigenormen
der Gesellschaft entzieht, den kommunikativen Haushalt stört und neue Ordnungen des Redens
und Schweigens vorbereitet.“418 Der Verdienst der Literatur kann es darüber hinaus sein, mithilfe
hermetischer Bilder gleichsam dem Unaussprechlichen, dem mystischen Schweigen über das,
„wovon man nicht reden kann“, 419 Ausdruck zu verleihen. So kommt ihr die besondere Aufgabe
zu, über den Horizont des Kommunizierbaren hinaus in neue Räume des Artikulierbaren vorsto-
ßen. Die Kulturgeschichte ist reich an Leerstellen, für deren Aufarbeitung die Literatur von we-
sentlicher Bedeutung war und ist. Im „Jahrhundert der Gewalt“, so Aleida Assmann, seien der
Literatur neue Funktionen zugewachsen (neben der Fiktion), dazu zählen die Zeugenschaft (wenn
die Archive und Historiker/innen schweigen) sowie die individuelle und kollektive Trauma-The-
rapie.420 Ob jene Funktionen erst mit den Weltkriegen in die Welt gekommen sind, sei dahinge-
stellt, wahrscheinlicher ist es aber, dass sie nur eine andere Gewichtung erhalten haben. Jedenfalls
liegt gerade in der Kunst ein enormes Potenzial, das Schweigen selbst aufzudecken, wahrnehmbar
zu machen, oder es zu brechen. „Möchte ein Schriftsteller nicht vielmehr helfen, nach den verlo-
renen Worten zu suchen, um Sprachlosigkeit zu überwinden?“, fragen Eleonora Hummel und
Artur Rosenstern in diesem Sinn und bringen weiters die Dringlichkeit auf den Punkt, wenn sie
das „Aussterben“ russlanddeutscher Literatur als „Schweigen“ deutend eine akute Gedächtnisbe-
drohung annehmen: „Kurzum: Wer soll noch davon erzählen, wenn nicht die Betroffenen selbst?
Also wir. Die russlanddeutschen Autoren.“421
417
Vgl. Assmann, A. (2013), S. 63.
418
Assmann, J. (2013), S. 20.
419
Vgl. den vielzitierten Satz Ludwig Wittgensteins im letzten Abschnitt des „Tractatus logico-philoso-
phicus“ (erstmals erschienen 1921; als offizielle Fassung gilt jedoch die zweisprachige Fassung von 1922,
erschienen bei Kegan Paul, Trench, Trubner & Co. in London): „Wovon man nicht sprechen kann, dar-
über muss man schweigen.“
420
Vgl. Assmann, A. (2013), S. 63 f.
421
Hummel u. Rosenstern (2016), S. 8.
122
4 Untersuchungen zum gedächtnis- und identitätsbildenden Potenzial
russlanddeutscher Literatur
Eine Vielzahl an Texten, die der russlanddeutschen Literatur zugeordnet werden können, bieten
literarische Rückblicke auf markante historische Bezugspunkte, die als konstitutiv für russland-
deutsche Identitätskonstrukte gelten können. Mit der „Re-Migration“422, wie Deborah Van den
Brande die großen Übersiedlungswellen Russlanddeutscher nach Mitteleuropa im ausgehenden
20. Jahrhundert nennt, erhielt die Literatur einen zusätzlichen Impuls: Werke, die den Verlust der
russischen „Heimat“ beklagten, stehen neben Texten, die sich kritisch mit dem Leben im heutigen
Großstadtdeutschland auseinandersetzen. Mit Bestimmtheit lassen sich dabei zwischen russland-
deutscher Literatur und anderen Migrationsliteraturen Parallelen ziehen, die Spezifität dieser
Minderheitenliteratur erfordert aber eine genaue sozio-historische Lektüre. Ausgehend von iden-
titäts- und gedächtnistheoretischen Einsichten und interkulturellen Theorien sowie historische
Entwicklungen berücksichtigend analysieren die folgenden Abschnitte, wie sich das Selbstver-
ständnis von Erzähl- bzw. Sprechinstanzen sowie Figuren vor den Kontexten verschiedener Kul-
turen und Sprachen und als Reaktion auf bestimmte Ereignisse in den Geschichten formt bzw.
verändert, anhand welcher häufig aufgegriffener Themen und Narrative ein spezifisch russland-
deutsches Gedächtnis der Literatur sich konstituiert und in welcher Beziehung die Inhalte zu der
extra-textuellen Wirklichkeit von Geschichte und Gegenwart stehen.
Wir haben gesehen, dass intertextuelle Relationen in der Literatur – mit anderen Worten Bezug-
nahmen eines Textes auf einen oder mehrere vorangegangene Prätexte – Gedächtnisarbeit leisten,
insofern wir den Intertextualitätsbegriff mit Lachmann als das Gedächtnis der Literatur begrei-
fen.423 Der Text selbst fungiert so als Schaltstelle zwischen anderen Texten und erinnerungshis-
torischen Kontexten, und intertextuelle Verweise werden in diesem Gedächtniskonzept im wei-
testen Sinne als „Erinnerungsakte“ begriffen. Diese treten dabei mitnichten immer stark markiert
auf, sondern können auch versteckt oder von dem/der Verfasser/in gar unbewusst hergestellt wer-
den. So kann das wiederholte Aufgreifen bestimmter Themen und Narrative in verschiedenen
Werken, die sich auf diese Weise als Erinnerungsorte in das Gedächtnis der russlanddeutschen
Literatur einschreiben, als intertextuelles Verfahren gesehen werden. Gleichzeitig schließt diese
Beobachtung (zuvor auf eine weit gefasste thematische Ebene bezogen) die Analyse von stark
markierten intertextuellen Verweisen in Einzeltexten nicht aus, deren Funktionen mitunter sehr
spezifisch sind. Bei der Beantwortung von Fragen nach Intertextualität als bewusstes Mittel der
Bezugnahme auf Prätexte und kulturelle Erinnerungsorte innerhalb aktueller russlanddeutscher
422
Van den Brande (2015), S. 158.
423
Vgl. Lachmann (1990), S. 35.
123
Literatur sind neben Aspekten der Selektion bestimmter Prätexte vor allem der genaue Blick auf
die Einbettung der Bezugnahmen in der diegetischen Wirklichkeit oder auch die Markierung und
Verortung der Intertexte für Leser/innen mit unterschiedlichem Vorwissen von Interesse.
Zwar sind quantitative Faktoren wie die Dichte und Häufigkeit der intertextuellen Bezüge sowie
die Zahl und Streubreite der eingeführten Prätexte nach Pfister für die Analyse der Bedeutung
von Intertextualität in einzelnen Werken sekundär (stattdessen fußt sein Modell zur Skalierung
intertextueller Verweise auf den Kriterien Referentialität, Kommunikativität, Autoreflexivität,
Strukturalität, Selektivität, Dialogizität). 424 Bei einer eingehenden Lektüre des Romans „Das
Haus des Heimatlosen“ von Herold Belger jedoch wird der/die Leser/in schon schlicht ob der
großen Anzahl intertextueller Verweise an der Frage nach deren Bedeutungen nicht umhinkom-
men, weswegen besagtes Werk zur exemplarischen Analyse besonders geeignet scheint.
An diesem Punkt muss aber vorweggenommen sein, dass explizit markierte Zitate und Verweise,
wie in Belgers Roman, mitnichten eine Ausnahmeerscheinung in Werken russlanddeutscher Li-
teratur darstellen, sondern im Gegenteil in großer, geradezu auffälliger Häufigkeit anzutreffen
sind. Das zeigt beispielsweise schon ein schneller Blick in den Roman „In der Sackgasse“ von
Viktor Heinz, der unmittelbar mit einem Goethe-Zitat seinen Anfang nimmt. Auch in den Kind-
heitserinnerungen von Agnes Gossen im Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ ist der
Einsatz von stark markierten Prätext-Verweisen bemerkenswert, wenn mit behördlichen, literari-
schen und sogar geschichtswissenschaftlichen Verweisen an Stellen verfahren wird, wo die wie-
dergegebene Geschichte – nämlich die Biografien der Großeltern und die Geschehnisse von Bür-
gerkrieg, Kollektivierung und Deportation – über die persönlichen Erfahrungen der Erzählinstanz
hinausreicht.425 In geringerer Häufigkeit finden sich stark markierte intertextuelle Verweise aber
auch in der Lyrik, so stellt etwa Lore Reimer ihren Texten einmal ein Bibelzitat und ein andermal
Zitate von Nelly Sachs oder Paul Celan voran und Nelly Wacker flicht in ihre Gedichte die Verse
deutscher Volks- und Kinderlieder ein. Für jeden einzelnen Fall wäre es interessant, die Wirkme-
chanismen und Funktionen intertextueller Bezüge zu untersuchen und sich die Fragen zu stellen,
welche Auswirkungen sie auf den Rezeptionsprozess haben und in welches Bezugssystem die
Texte sich darüber einzuschreiben gedenken, sofern dies denn überhaupt von Text oder Autor/in
„intendiert“ oder beeinflusst werden kann.
424
Vgl. Pfister (1985).
425
Über zweieinhalb Buchseiten erstreckt sich eine lange und durch Kursivsetzung hervorgehobene Pas-
sage über den Bürgerkrieg in der Ukraine aus Alfred Eisfelds „Die Russlanddeutschen“ (1999) [Vgl. Gos-
sen u. Mannel (2018), S. 126 ff.]. Bei der Beschreibung der Hungersnot fügt sich – ebenfalls deutlich
kenntlich gemacht – der Auszug einer „Geschichte, die ein halbes Jahrhundert später von dem berühmten
russischen Schriftsteller Juri Tendrjakow veröffentlicht wurde“ [ebda., S. 136] in den Text. Als Beweis
der Unschuld des Großvaters schließlich dient eine behördliche und in Klammern gesetzte Bezugnahme
auf den „Ukas vom Jahr 1921 über die Amnestie der Soldaten der weißen Garde und Bauernfamilien, die
während des Bürgerkrieges ins nahe Ausland geflohen waren“. [Ebda., S. 138.]
124
Auf den ersten Blick – und jene in bestimmter Hinsicht zusammengehörigen intertextuellen Ver-
weise bilden wohl die offenkundigste Gruppe von Prätexten in Herold Belgers Werk „Das Haus
des Heimatlosen“ – operiert der Roman, um den es jetzt gehen soll, mit stark markierten, d. h. in
Form von Zitaten eindeutig ausgewiesenen, intertextuellen Verweisen zu Beginn einzelner Kapi-
tel. Wohlgemerkt haben wir es bei dieser ersten Gruppe an Verweisen nicht mit literarischen Prä-
texten zu tun, sondern mit historischen Gesetzestexten. Auf den zweiten Blick machen zahlreiche
weitere intertextuelle Bezugnahmen auf Prätexte ganz unterschiedlicher Art, welche zudem ver-
schiedenen Kulturräumen, Literaturen und Sprachen entstammen, das Werk in seiner Gesamtheit
zu einem intertextuell-interkulturellen Konglomerat, einer Mischung und Verbindung verschie-
dener Stimmen, Sprechweisen und Sprachen selbst. Diese besondere und vor allem stark hervor-
gehobene Verflochtenheit kann als ein wesentliches Merkmal russlanddeutscher Literatur gese-
hen werden, wenn sie auch in einzelnen Werken von geringerer Bedeutung sein mag.
Bei den anfangs erwähnten Zitaten zu Beginn vieler Kapitel in „Das Haus des Heimatlosen“ han-
delt es sich um Auszüge aus zum Teil geheimen Weisungen von Institutionen der UdSSR aus den
Jahren 1941 bis 1945, welche Grundlage für die Entrechtung und Diskriminierung von Angehö-
rigen der deutschen Minderheit bildeten. Im Roman sind es die drei Protagonisten David, Chris-
tian und Harry, die die Auswirkungen der von der sowjetischen Regierung verabschiedeten Er-
lässe und Verordnungen in unterschiedlichem Maß treffen. Die Aufteilung des Romans in drei
Teile folgt den Protagonisten: Nach der Deportation und Trennung von seiner russischen Frau
und dem gemeinsamen Kind arbeitet David Pawlowitsch Ehrlich als Landarzt in der kasachischen
Steppe, wo er sich mittels Fleiß und Bescheidenheit den Respekt der ansässigen Bevölkerung
verdient. Sein Bruder Christian muss hingegen in der Trudarmee dienen und stirbt nach der Ent-
lassung aus dem Arbeitslager und der Wiedervereinigung mit David völlig ausgezehrt und ent-
kräftet in dessen Hütte. Die dritte zentrale Figur, den jungen, klugen Harry, belasten vor allem
die Kommandantur-Meldepflicht und die Ungerechtigkeiten der Beschränkungen für Sondersied-
ler/innen im Bildungssektor. Er kämpft für ein neues Selbstbewusstsein, will studieren, es seinen
Klassenkamerad/inn/en gleichtun, doch wird von autoritätshörigen Funktionären wieder und wie-
der abgewiesen und so am Fortkommen gehindert.
Indem Belger Kapiteln Zitate aus behördlichen Weisungen der außerliterarischen Wirklichkeit
voranstellt, macht er den historisch-faktischen Hintergrund der fiktiven Erzählung vordergrün-
dig:426 die Deportation der Deutschen nach dem Überfall Hitlerdeutschlands 1941 auf die UdSSR
und die Entrechtung der Minderheitsangehörigen, die auch 1956 noch andauerte. In diesem Jahr
endet die Romanhandlung, die mit dem folgenden Zitat ihren Anfang genommen hat:
426
Siehe dazu auch Kapitel 4.8.
125
Gemäß dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Union der SSR vom 28. August 1941
wird vom Staatlichen Komitee für Landesverteidigung der folgende Plan für die Übersiedlung der
Deutschen in die Kasachische SSR vorgegeben:
6. September 1941 – 163 000 Personen
21. September 1941 – 142 000 Personen
September 1941 – 142 000 Personen
Insgesamt 415 600 Personen
(Angaben zum Bedarf an Wohnungsbau und wirtschaftlicher Wiedereinrichtung für die Übersiedler.
Nicht vor dem 2. Oktober 1941)427
Mit diesem behördlichen Zitat zu Beginn des Buches wird auf den Deportationserlass des Präsi-
diums des Obersten Sowjets verwiesen, über dessen Verabschiedungsdatum Engel-Braunschmidt
im von Carmine Chiellino herausgegebenen Handbuch „Interkulturelle Literatur in Deutschland“
anmerkt, dass dieser Tag wohl als russlanddeutscher nationaler Gedenktag gelten könne, auch
wenn es einen solchen offiziell nicht gebe.428 Damit unterstreicht sie den Stellenwert des am 28.
August 1941 verabschiedeten Erlasses „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-
Rayons leben“ als kulturellen Erinnerungsort, mit dem gleichsam das als über die großen Diskre-
panzen innerhalb der heterogenen Gruppe der Russlanddeutschen hinweg als verbindend erlebte
Trauma beginnt. 429 Mit diesem Ausgangspunkt wird auch die Rolle des Protagonisten David
Pawlowitsch Ehrlich, der ursprünglich in Mannheim in der ASSR der Wolgadeutschen lebte, als
titelgebender „Heimatloser“ festgelegt. Er erinnert sich daran, wie er von der Verordnung erfah-
ren hat: „Gar nicht zu glauben, bis er es mit eigenen Augen in den Zeitungen las – auf Russisch
im ,Bolschewik‘ und auf Deutsch in den ,Nachrichten‘, am schwarzen Donnerstag, dem 30. Au-
gust 1941.“430 Und noch Monate später „kam ihm der beleidigende Wortlaut des Erlasses in den
Sinn, schwere Hammerschläge waren das und schallende Ohrfeigen, es hieß darin von Tausenden
und aber Tausenden Diversanten und Spionen unter der friedlichen deutschen Bevölkerung der
Wolgarepublik, von Strafmaßnahmen laut den Gesetzen der Kriegszeit im Falle eines Blutvergie-
ßens, und immer wieder dachte er: Ist das wirklich so?“431 Der Wortlaut dieses Erlasses hat sich
in seinem Kopf festgesetzt, die mehrmalige explizite Bezugnahme auf den Prätext und dessen
durch das Prisma des Gedächtnisses David Pawlowitsch Ehrlichs gebrochene (an anderen Stellen
auch innerhalb der Erzählerrede zu verortende) Wiedergabe im Roman schaffen beides: ein Ge-
dächtnis in der Literatur durch die Thematisierung der individuellen Erinnerungsprozesse der Fi-
guren, gleichzeitig entwirft der literarische Text selbst einen kulturellen „Gedächtnisraum“, in
den er die vorgängigen Texte transformiert, aktualisiert bzw. fiktionalisiert einschreibt.
427
Belger (2014), S. 7.
428
Vgl. Engel-Braunschmidt (2007), S. 154.
429
Die Verfolgungen der Minderheiten haben schon weitaus früher begonnen, siehe die Beschreibung der
Entwicklungen zur Jahrhundertwende in Kapitel 4.3 und 4.4.
430
Belger (2014), S. 11.
431
Ebda., S. 91.
126
Weitere, ihrer Reihung nach der Chronologie der historischen Ereignisse folgende, behördliche
Zitate in Belgers Roman beziehen sich auf die Ansiedlung der Deutschen in den Kolchosen, das
„Ausmerzen“ von den der Sowjetmacht feindlich gesinnten „Elementen“, die Mobilisierung russ-
landdeutscher deportierter Männer und Frauen in „Arbeitskolonnen“ (Trudarmee) und rechtliche
Einschränkungen der Sonderübersiedler/innen (Sonderkommandantur). Folgt man Manfred Pfis-
ters Modell, artikuliert sich die Intertextualität dabei besonders stark auf der Ebene der Kommu-
nikativität, beschreibt diese doch den Grad der Bewusstheit des intertextuellen Bezugs bei Au-
tor/in wie Leser/in, den Grad der Intentionalität und Deutlichkeit der Markierung im Text selbst.
Und deutlicher könnten die Zitate auch im Folgetext, der aufgrund seines kommentierenden, per-
spektivierenden und interpretierenden Gestus gleichzeitig zum Metatext wird,432 kaum hervortre-
ten, selbst dort, wo nicht direkt bzw. nur einzelne Wörter zitiert werden.
Eines Tages verlas Kommandant Wolobujew unter dem Siegel der Verschwiegenheit den bedrohli-
chen Ukas darüber, dass Deutsche, Tschetschenen, Inguschen, Finnen und sonstige unzuverlässige
Elemente AUF EWIG ausgesiedelt seien und eine eigenmächtige Verletzung der Beschränkungs-
vorschriften mit Zwangsarbeit von bis zu ZWANZIG Jahren geahndet werden würde. 433
Während Pfister unter dem Kriterium der Kommunikativität anmerkt, dass bei starken intertextu-
ellen Bezügen vor allem die kanonisierten Texte der Weltliteratur infrage kommen, weil der/die
Autor/in davon ausgehen könne, dass der Prätext auch dem Rezipienten bzw. der Rezipientin
bekannt sei,434 so handelt es sich in Belgers Roman vorwiegend um Elemente eines spezifisch
russlanddeutschen Gedächtnisses mit historischen, kulturellen und literarischen Erinnerungsor-
ten, die ob ihrer relativen Unbekanntheit innerhalb des Mehrheitsgesellschaft wiederum ohne
starke Markierung und Kommentierung nicht von einem breiten Lesepublikum verstanden bzw.
wahrgenommen würden. Dies ist bemerkenswert, weil sich daraus gleichzeitig eine mögliche
Antwort auf die Frage nach dem Grund der starken Kommunikativität abzeichnet. Die hervorge-
hobenen behördlichen Zitate bilden einerseits Prämissen für die Lebensumstände der Romanfi-
guren, andererseits werden diese Prätexte selbst durch den Fortlauf der Geschichte „erklärt“.
Der im ersten der drei Teile des Romans im Zentrum stehende David Pawlowitsch Ehrlich, der
sich im Verlauf der Handlung abwechselnd mit seinem russischen oder deutschen Nachnamen
vorstellt und trotz Mitgliedschaft in der KPdSU kurz vor Kriegsausbruch aus dem Militärdienst
entlassen wird, muss im Zuge der Deportation seine Familie zurücklassen – eigentlich ist es seine
russische Frau, die nicht bereit ist, sein Schicksal zu teilen. In Kasachstan wird dem verbannten
Wolgadeutschen dann eine Sanitätsstelle für mehrere Siedlungen übertragen, er kann sich im dor-
tigen heruntergekommenen „Medpunkt“435, einer Holzhütte, einrichten und entgeht dem Dienst
432
Vgl. Pfister (1985), S. 26 f.
433
Belger (2014), S. 275.
434
Vgl. Pfister (1985), S. 27.
435
Bezeichnung für ein medizinisches Zentrum
127
in der Trudarmee. Besonders dieses deutsche Lied ist es, dass ihn durch die schwierige Zeit, be-
gleitet: „ ,Sieben Jahr, trüb und klar, Hänschen in der Fremde war …‘ “436 In der Geschichte fin-
det das bekannte Kinderlied „Hänschen klein“ noch mehrmals in Form von direkten Zitaten des
Liedtextes oder Anspielungen Eingang, wobei David sich mit der titelgebenden Figur, die sym-
bolisch als „Wanderer“ oder eben „Heimatloser“ gesehen werden kann, identifiziert:
Kleinhänschen ließ ihn ja gar nicht mehr los. Wo hatte das Kind bloß hingewollt? Welches Missge-
schick hatte es in die weite Welt hinausgetrieben? Und wohin verschwand Hänschen dann für ganze
sieben Jahr? Sollte es etwa auch ihm, David Ehrlich, bestimmt sein, sieben Jahre lang durch die
Fremde zu irren?437
Wie andere Zitate (deutsche Volkslieder, literarische und biblische Texte) und bestimmte Äuße-
rungen in Figurenreden (kurze Chunks wie mitunter dialektal gefärbte Begrüßungs-, Dankesfor-
meln oder Ausrufe, Namen für bestimmte Speisen sowie emotional stark aufgeladene Begriffe)
sind die „Hänschen-klein“-Zitate auch in der russischen Originalfassung des Romans in deutscher
Sprache wiedergegeben. Die deutschsprachigen Intertexte können in der russischsprachigen Erst-
fassung im Sinne Pfisters als hochgradige Pointierung gesehen werden, insofern es sich um wort-
wörtliche Zitate in der Originalsprache der Prätexte handelt, die innerhalb einer anderssprachigen
Romanumgebung erscheinen. In der deutschen Romanübersetzung wiederum sind jene Textpas-
sagen zur Kenntlichmachung ebendieses Umstands kursiv gesetzt. Abgesehen von derartigen in-
tertextuellen Bezugnahmen auf bestimmte Kinderlieder oder Verse deutschsprachiger Au-
tor/inn/en tut sich die Frage nach der Funktion deutschsprachiger – bzw. allgemein andersspra-
chiger – Ausdrücke in direkten Figurenreden auf. Auf diesen Punkt soll weiter unten noch einmal
eingegangen werden, klar ist aber, dass die Zitate verschiedener deutschsprachiger Prätexte, die
nicht übersetzt und eins zu eins wiedergegeben werden, einen sprachlichen Erinnerungs- und
Festhaltepunkt für die unter großem Assimilierungsdruck stehenden Minderheitsangehörigen und
somit ihrer Identitäts- und Zugehörigkeitsvorstellungen bilden.
Kommen wir vorerst aber zurück zu den Liedern selbst, die insbesondere im zweiten Teil des
Romans, als Davids jüngerer Bruder Christian aus einem sibirischen Arbeitslager entlassen wird,
eine große Rolle spielen. Mehr tot als lebendig schafft jener es in Davids Verbannungsort. Krank
und unterernährt ist Christian kaum wiederzuerkennen, als der Bruder ihn in seiner Hütte auf-
nimmt und vergebens versucht ihn wiederaufzupäppeln. Christians Kenntnisse über die Ge-
schichte, Bräuche und Traditionen der Russlanddeutschen, vor allem auch sein vorauseilender
Gedanke, dieses Wissen für spätere Generationen zu bewahren, machen ihn zur Symbolfigur für
eine aussterbende Kultur und gleichzeitig zu einem Kumulationspunkt intertextueller Strukturen
436
Belger (2014), S. 10.
437
Ebda., S. 12.
128
mit „seinen bruchstückhaften Erzählungen, seinen überraschenden, dem Bewusstsein entschwun-
denen Wörtchen und Redensarten, seinen nebenher geäußerten Ansichten […].“438 Um seinen
Bruder aufzumuntern, holt David eines Abends seine Geige aus dem Kasten; was folgt, ist ein
Liederabend im Umfang eines kleinen Konzerts. Auf deutsche Volkslieder wie „Ich ging emal
spaziere“, „Oh, Susanna!“, „Annemarie“, „Mein Mädel hat einen Rosenmund“ oder das bekannte
Liebeslied „Du, du liegst mir im Herzen“ „und noch ein paar unter den Wolgadeutschen verbrei-
tete Lieder“439 folgen russische Arbeiterlieder. Außerdem erinnert Christian sich an ein deutsches
Lied, das ein wolgadeutscher Trudarmist in der Baracke zur Melodie des russischen Volkslieds
„Stenka rasin“ gesungen hat. Diese musikalischen Verweise und Textzitate treten im Roman an
entscheidenden Stellen auf. Zum einen spannen sie für die Figuren einen Bogen zur erinnerten
Heimat und der vertrauten Muttersprache, zum anderen bilden sie eine Möglichkeit zur Verge-
meinschaftung der ausgesiedelten Russlanddeutschen, die sich an ein und denselben Text zusam-
men erinnern, ihrem Gedächtnis gegenseitig auf die Sprünge helfen und durch die auswendig
memorierten Texte auch zu einer gemeinsamen Sprache der Vergangenheit finden: „[Olkje]
,Schon lange hab ich nicht mehr so richtig deutsch reden hören. Schade bloß, dass Harry nicht
dabei ist. Es würde ihm gut tun.‘ [Johannes] ,Der plappert viel leichter kasachisch. Was hätte er
schon verstanden?‘ “440 Aber es ist nicht nur ein Erinnern an die Sprache und die Texte. Der Pro-
zess ermöglicht gar ein Rekapitulieren und eine Neuaushandlung der Geschichte. Christian me-
moriert das von seinem einstigen Lehrer früher immer und immer wieder rezitierte, unter Russ-
landdeutschen bekannte „Lied vom Küster Deis“:
Während die Figuren an dieser Stelle in einem Dialog die Kontextualisierung des kulturspezifi-
schen Minderheitsgedächtnisses bzw. -wissens vornehmen, den zitierten Text inhaltlich wie ent-
stehungsgeschichtlich einordnen, übernimmt dies in Fällen, in denen die geschichtlichen oder
kulturellen Hintergründe für die Figuren als unfragwürdig erscheinen, sie dieses Wissen bei ihren
Gesprächspartner/inne/n also voraussetzen, die Erzählinstanz – für die Leser/innen. So wird ein
438
Belger (2014), S. 192.
439
Ebda., S. 146.
440
Ebda., S. 234.
441
Ebda., S. 220.
129
Verweis auf den Prätext „Küster Deis“ schon rund vierzig Seiten früher zum ersten Mal ange-
bracht und die Hintergründe werden aus narratorialer Perspektive442 grob umrissen:
Der Feldscher und Sonderübersiedler war im Aul allseits als Helfer gefragt. Man hörte nur immer:
„Dauke, Daut-agha, Perschil, Erlik!“ Christian nannte den Bruder schon im Scherz „Küster Deis“.
Bei den Deutschen an der Wolga gab es so eine allbekannte Geschichte von einem Kirchendiener
namens Deis, der hatte sich in der Frühzeit der Ansiedlung gemäß dem Manifest von Kaiserin Müt-
terchen Katharina in der Kolonie als Meister in allen Dingen hervorgetan – war zugleich Messdiener,
Kantor, Lehrer, Organist, Schriftführer, Glöckner, Archivar, Feldscher, Chorsänger und Gott weiß
was noch gewesen.443
Die Leserschaft wird damit auf den gleichen Wissensstand gebracht wie der Protagonist David,
der sich im Vergleich zum Bruder stärker an das russische bzw. eigentlich kasachische kulturelle
Umfeld angepasst und sich nie sonderlich für die russlanddeutsche Geschichte und das Brauchtum
interessiert hat. Immer wieder richtet sich der Blick so in die Vergangenheit. In dem weiter oben
wiedergegebenen kurzen Dialog zwischen Olkje und Johannes, ebenfalls deutsche Sonderüber-
siedler/innen im kasachischen Aul, zeichnet sich aber ferner eine weitere Perspektive ab, die die
Frage nach der Weitergabe und Vermittlung der Texte an die nächste Generation aufwirft. Als
David eines Tages nachhause kommt, sitzt der Bruder in eine Decke gewickelt am Tisch und
fertigt eine Skizze des früheren Gehöfts in Mannheim an der Wolga an. Auf Davids Frage, wozu
er das brauche, verweist Christian auf die Funktion der Aufzeichnung als Medium des Gedächt-
nisses:
„Wieso, wozu? Ich zeichne alles, wie es gewesen ist. Das hänge ich mir ans Kopfende, so kann ich
es mir ansehen und mich erinnern. Es wärmt das Herz, tut einfach gut. Vielleicht ist es sogar noch
jemandem nütze.“
„Wem, meinst du?“
„Zum Beispiel Harry. Später mal.“
Christian möchte sich nicht nur selbst eine mediale Fixierung seiner Erinnerung schaffen, darüber
hinaus ist es der Wunsch des belesenen Bruders, die Vergangenheit „sichtbar“ zu machen, allen-
falls für die Nachwelt zu konservieren, wenn sie, die Betroffenen, schon im Hier und Jetzt zum
Schweigen verurteilt sind.
„Die Karte einer Heimat, die es nicht mehr gibt“, sprach Christian leise, und seine Augen wurden
feucht. „Du solltest sie an sichtbarer Stelle aufhängen.“
„Du hast Ideen! Das braucht nur einer zu sehen und zu melden, da bleibt man nicht ungeschoren.
[…]“
„Heb sie unbedingt auf. Das ist ein solches Andenken. Was bleibt uns sonst außer der Erinne-
rung? […]“444
442
Nach Wolf Schmid hat der/die Erzähler/in grundsätzlich zwei Möglichkeiten, ein Geschehen darzu-
stellen, entweder er/sie erzählt aus seiner/ihrer eigenen, der narratorialen, Perspektive oder er/sie über-
nimmt einen figuralen Standpunkt, erzählt also aus der Perspektive einer oder mehrerer der erzählten Fi-
guren. [Vgl. Schmid, Wolf: Elemente der Narratologie. Berlin u. Boston: Walter de Gruyter 32014,
S. 127.]
443
Belger (2014), S. 179.
444
Ebda., S. 226.
130
Abgelöst wird der in die Vergangenheit orientierte Blick Christians im Roman durch den einer
neuen Generation. Der junge Harry Walter, der schließlich Davids Schwager wird und mit besten
Ergebnissen die kasachische Grundschule abgeschlossen hat, stößt gegen all die Barrieren, die
den Sonderübersiedler/inne/n höhere Bildung verwehren. Die Mittelschule schließt er ohne die
verdiente Auszeichnung, d. h. ohne Medaille,445 ab und erst 1956 gelingt die Zulassung zum Stu-
dium in der damaligen Hauptstadt Alma-Ata. Harrys Bildungshorizont wird dabei im Roman in
hohem Maße über intertextuelle Verweise dargestellt, wobei besonders russische und kasachische
Schriftsteller/innen als mnemonische Fixpunkte markiert sind, während Bezugnahmen auf die in
den ersten beiden Teilen des Romans noch sehr präsenten Zitate deutschsprachiger Volkslieder
oder einzelner Gedichte durch die Figuren David und Christian im dritten Teil deutlich zurück-
treten. Anders als für Vertreter/innen der älteren Generation scheint für Harry die Rückbindung
an die Heimat außerhalb Kasachstans deutlich schwächer: „Tatsächlich, was hatte es in seiner
Vergangenheit gegeben? Bruchstücke kindlicher Erinnerungen, vage wie der Nebel über dem Is-
chim zur Frühlingszeit, irgendwelche Streiche, Vergnügungen mit der Kinderkorona im fernen
deutschen Dorf an der Wolga […]. Was noch? […] Lauter Kleinkram, unbedeutend.“446
An seinem Rückzugsort am Heuboden des Kuhstalls bewahrt Harry in einem Koffer Bücher,
Hefte und Notizblöcke mit Gedichten und eigenen literarischen Schreibversuchen auf. In einem
Gefühl der Verlorenheit murmelt er „die ihm penetrant durchs Hirn kreisenden Verse“ des be-
kannten russischen Dichters Michail Lermontow vor sich hin, aber „[s]chon kam ihm der Dichter
Abai in den Sinn: ,Shelssis tunde sharyk ai‘ – ,Mondlicht überglänzt die Nacht‘ […].“447 Und in
der Wiese neben seiner Jugendliebe Bagira liegend „flüsterte [er] auf Russisch die ganz von selbst
im Gedächtnis aufblitzende Puschkin’sche Zeile: ,Ich denk des Augenblicks, des einen …‘ “448
Bei den Aufnahmeprüfungen an der russisch-kasachischen Abteilung der Pädagogischen Hoch-
schule in Alma-Ata kann er mit eben solchen Kenntnissen der russischen und kasachischen Lite-
ratur zwar glänzen – und stellt damit zudem seinen Integrations- bzw. Assimilationsgrad unter
Beweis. Dennoch scheitert er ehedem auch hier und wird als Student abgelehnt. Erst nach erneu-
tem schikanierendem Abklappern der entscheidungstragenden Instanzen erhält er schlussendlich
eine Zulassung. Doch könnte sein endlich in Erfüllung gegangener Wunsch jäh ein bitteres Ende
nehmen, denn Harry bricht das Gesetz, meldet sich über drei Monate lang nicht bei der Komman-
dantur in Alma-Ata. Mit einer perfekt auf Kasachisch vorgetragenen Beschwichtigung gelingt es
ihm allerdings, den Kommandanten derart zu beeindrucken und von seiner „hybriden Identität“
zu überzeugen, dass dieser von einer Strafe absehend sogar den Antrag auf einen Pass für Harry
445
Schüler/innen in der UdSSR mit ausgezeichneten Leistungen konnten seit dem Schuljahr 1945/55 an-
lässlich der Abschlussprüfung an Schulen als besondere Anerkennung Silber- oder Goldmedaillen erlan-
gen, die eine Zulassung zum Studium meist erheblich erleichterten.
446
Belger (2014), S. 273.
447
Ebda., S. 272.
448
Ebda., S. 297.
131
freigibt: „ ,Also, Folgendes: merk dir, wir haben dich auf die Liste gesetzt. Unter Berücksichti-
gung aller Umstände und insbesondere dessen, dass du, obwohl Deutscher, trotzdem so gut wie
ein Kasache bist …‘ “449
Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass intertextuelle Verweise auf individuelle Prätexte
tiefere Einblicke in die kulturellen Gedächtnisräume der Figuren und deren fluide, sie umgeben-
den bzw. von ihnen verinnerlichte Identitätskonzepte geben. Findet David Pawlowitsch Ehrlich
noch in „Hänschen klein“ eine Identifikationsfigur, so wird Harry von seinem älteren Freund Ni-
kolaus Wagner ironisch als „Mowgli“ bezeichnet: „Lies Kipling, dann verstehst du!“450 Mag die
Geschichte des in einer fremden Umgebung (im Dschungel) aufwachsenden Buben auch wiede-
rum das Narrativ des Heimatverlustes und des Wanderers in der Fremde bzw. am Rande der Ge-
sellschaft bedienen, so geschieht dies nicht mehr anhand des volkstümlichen Zitates eines deut-
schen Liedtextes, den Harry vielleicht gar nicht (mehr) kennt, sondern über einen Text, der von
diesen inhaltlichen Aspekten abgesehen keinerlei offenkundige historische, kulturelle oder
sprachliche Bezüge mehr zu einer russlanddeutschen Identität aufweist. Nachdem Harry die Zu-
schreibung seines Freundes entschieden ablehnt mit dem Hinweis, er fühle sich nicht wie ein
Menschenkind unter wilden Tieren, korrigiert Walter Harrys Auffassung des Bildes, indem er
klar macht, dass vielmehr er, Harry, es sei, der in seinem „Menschsein“ aufgrund seiner deutschen
bzw. „wölfischen“ Herkunft nicht von seinem Umfeld anerkannt werde: „Du willst lernen, stu-
dieren, aber sie umzingeln dich wie einen Wolf. Du sagst, du bist Komsomolze, in Wahrheit aber
machen sie dir auf Schritt und Tritt klar, dass du nichts weiter bist als ein rechtloser Sonderüber-
siedler.“451
Mit Harrys Biografie schließt sich auch der Kreis der suggerierten faktischen Fundierung des
Romans, der in hohem Maß auf die Prätext-Bezugnahmen zurückzuführen ist. Während die volks-
tümlichen und literarischen Verweise entscheidend dazu beitragen, die Figuren vor dem Hinter-
grund ihrer vielfältigen kulturellen Einflüsse zu zeigen, erscheinen die eingangs erwähnten be-
hördlichen Verweise und Zitate – in ihrer markiertesten Erscheinungsform mit Quellenangabe
und Jahreszahl versehen – noch in stärkerem Maße als Indizien für die Rückbindung der Ge-
schichte an faktische historische Hintergründe. Die so suggerierte „Glaubwürdigkeit“ wird noch
gefördert durch die starken autobiografischen Züge, mit denen Harry im Roman ausgestattet ist.452
Auch innerhalb der Fiktion vermittelt Belger, selbst in der Hauptstadt der Wolgadeutschen Re-
publik Engels geboren und als Sechsjähriger an der Seite des Vaters in einen kasachischen Aul
449
Belger (2014), S. 408.
450
Ebda., S. 280.
451
Ebda., S. 315.
452
Siehe dazu auch Kapitel 4.8.
132
verschlagen, die Ereignisse als historisch fundiert.453 Die Vielzahl an dem Roman eingeschriebe-
nen Prätexten, die ihren Ursprung in verschiedenen Kulturen und Sprachen haben, spiegelt zu-
gleich die vom Autor, der als Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Nationalrats-
mitglied und Mitbegründer des Kasachischen PEN-Clubs in Kasachstan weitreichende Bekannt-
heit erlangt hat und als „Brückenbauer zwischen Völkern“ bezeichnet wird, gelebte Mehrspra-
chigkeit wider – nicht nur im Sinne der tatsächlichen Polyphonie im Zusammenklang zahlreicher
Ausdrücke dreier Sprachen, die in die Geschichte einfließen und oft in Fußnoten erläutert werden
bzw. sogar in einem abschließenden Glossars nachschlagbar sind.454
Als 1955, nachdem gut fünfzehn Jahre lang kein deutschsprachiges Werk in der Sowjetunion
erschienen war, Publikationsmöglichkeiten wieder gewährt wurden und sich russlanddeutsche
Autor/inn/en zu Wort meldeten, erhoben „ihre Texte keinen ästhetischen Anspruch“,455 schreibt
Annelore Engel-Braunschmidt im Geleitwort des 2004 erschienenen „Lexikon der rußlanddeut-
schen Literatur“. Dass viele Schriftsteller/innen sich mit Blick auf die vergleichsweise kurze russ-
landdeutsche Literaturgeschichte und die einschneidende Zäsur einer gewissen „Schlichtheit“ in
Ausdruck und Erzählweise bewusst waren und sind, zeigen etwa die kritischen Essays Waldemar
Webers,456 aber auch das von Viktor Heinz verfasste Vorwort in Wackers Lyrikband „Es eilen
die Tage“,457 aus dem ganz zu Beginn der Arbeit schon zitiert wurde. Häufig standen schwindende
Sprachkompetenzen und der fehlende literarische Austausch mit dem Westen am Weg zur Erlan-
gung größerer künstlerischer Komplexität im Weg. Sprachliche und stilistische Defizite werden
auch in der Sekundärliteratur immer wieder konstatiert. Die auf der einen Seite kritisierten – mehr
oder weniger „handwerklichen“ und ästhetischen – Mängel sind aber nur eine Seite der Medaille.
Denn wendet man das Blatt, so wird man sprachlichen Attributen gewahr, die kaum eine andere
Literatur in solch einer Verflechtung bieten kann; so mag sich der/die Leser/in plötzlich mit
fremdsprachlichen Begriffen konfrontiert sehen (neben offensichtlichen lexikalischen Entleh-
nung können zudem unter der Oberfläche russischer Satzbau, Melodie und Idiomatik mitschwin-
gen), aber auch dialektale und/oder archaische Begriffe deutscher Sprache tauchen in den Texten
auf. Solche und andere Eigentümlichkeiten der russlanddeutschen Sprachvarietäten bilden Ab-
weichungen von der Norm, die Außenstehenden „falsch“ oder „seltsam“ anmuten können.
453
Vgl. Belger (2014), Klappentext.
454
Siehe dazu auch Kapitel 3.3. Nach Genettes „Palimpsestes“ fallen die Fußnoten selbst unter die Kate-
gorie Paratexutalität.
455
Engel-Braunschmidt, Annelore: Rußlanddeutsche Literatur im Lexikon. In: Moritz (2004), S. 8.
456
Vgl. „Wozu sich abkapseln“ (S. 113-122), „Die Perestroika als Chance für die Russlanddeutschen“
(S. 138-164) oder „Gedanken über die sowjetische Literatur von heute und morgen“ (S. 189-211). In:
Weber (1992).
457
Vgl. Heinz, Viktor: Vorwort. In: Wacker (1998), S. 3-8.
133
Auf die „polyphone“ Stimme im Sinne ihrer Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit, als solche Chiellino
die Literatur russlanddeutscher Schriftsteller/innen zusammenfassend umreißt, ist u. a. in der vo-
rangegangenen Beschäftigung mit intertextuellen Verweisen bereits zu sprechen gekommen. Am
augenscheinlichsten ist dabei mit Bestimmtheit die viele Werke prägende Zweisprachigkeit
Deutsch-Russisch oder wie in Belgers Roman sogar der Gebrauch dreier Sprachen. Zählte man
auch Dialekte unter diesem Gesichtspunkt als eigene Sprachen, so würde sich das Spektrum ferner
beträchtlich erweitern. Die Polyphonie könnte demnach als Konstruktionsprinzip einzelner
Werke bezeichnet werden. Die russlanddeutsche Literatur, im Sinne Chiellinos als Gesamtkom-
plex betrachtet, ist folglich ebenfalls polyphon, wobei davon ausgegangen werden kann, dass Au-
tor/inn/en sich beim Schreibprozess zuallererst bewusst für die eine oder andere Erzählsprache
entscheiden. Darüber hinaus gibt es Schriftsteller/innen, die nur in Deutsch oder nur in Russisch
oder wechselnd in beiden (oder noch anderen) Sprachen Texte veröffentlichen.
Ein Beispiel für einen Schriftsteller, der den literarischen „Sprachwechsel“ trotz der Auswande-
rung in ein deutschsprachiges Land nicht derart konsequent wie etwa Eleonora Hummel, die aus-
schließlich in deutscher Sprache schreibt, vollzogen hat, ist Waldemar Weber. Der seit 2002 in
Augsburg ansässige Herausgeber und Nachdichter westeuropäischer vorwiegend deutschsprachi-
ger Lyrik und Prosa ins Russische verfasst eigene Texte, darunter Gedichte und Essays, auf Rus-
sisch und Deutsch, die unter anderem in österreichischen und deutschen Periodika erscheinen.
Für den Lyrikband „Scherben“, veröffentlicht 2006 im selbst gegründeten Waldemar Weber Ver-
lag, wurde er mit dem Literaturpreis des PEN-Clubs von Liechtenstein ausgezeichnet. Eigene
freie Nachdichtungen aus der einen in die andere Sprache dürften dabei ebenfalls Teil dieses
Werks bilden. Wenn es auch in dem schmalen Band keinen expliziten Hinweis darauf gibt, dass
es sich bei den Texten um Übersetzungen handelt, sind offenbar dennoch einige Gedichte aus
dem russischen Band „Tscherepki“458 enthalten. Es seien nur formal Selbstübersetzungen, kon-
statiert Natalia Blum-Barth diesbezüglich in einer Rezension: „Der dichterische Prozess findet in
zwei Sprachen statt und zwar nicht parallel, unabhängig voneinander, sondern mittelbar, in direk-
tem Zusammenhang. So entstanden manche russischen Gedichte aus dem deutschen Entwurf, und
die meisten deutschen Gedichte haben einen russischen ,Zwilling‘.“459
Obwohl also im Schreibprozess die Entscheidung für die eine oder andere Sprache als Erzähl-
sprache getroffen wurde, bedeutet dies nicht, wie auch anhand der Betrachtungen zum Roman
„Das Haus des Heimatlosen“ offenbar wurde, dass darin nicht mit anderssprachigen Elementen
verfahren wird. Wie Blum-Barth den dichterischen Prozess Webers beschreibt, fließen in den
Texten Erfahrungen aus mehreren Sprachen und Kulturen zusammen, werden auf unterschiedli-
che Weisen von den Autor/inn/en verdichtet. Zudem handelt es sich bei den anderssprachigen
458
„Scherben“
459
Blum-Barth (2014).
134
Elementen in Einzeltexten dabei häufig um Verweise auf Prätexte.460 Der sprachlichen Pluralität
in ihrer Komplexität ansatzweise gerecht zu werden, erfordert eine Betrachtung sprachlicher
Merkmale russlanddeutscher Literatur auf verschiedenen Ebenen.
Ebenfalls aus der Beschäftigung mit intertextuellen Verweisstrukturen ist schon hervorgegangen,
dass Textreferenzen oft im Rahmen interkultureller Diskurse zu verorten sind, was mit der Spra-
che erst einmal nicht unbedingt zu tun haben muss. Insbesondere die Markiertheit dieser Ver-
weise, vor allem auf Ebene der Kommunikativität, kann dabei als Charakteristikum der untersu-
chen Werke russlanddeutscher Literatur gewertet werden. Sie dient dazu, eine bestimmte Lesart
sicherzustellen, davon ausgehend, dass Leser/innen über unterschiedliche Erfahrungsschätze,
Weltwissen – und Sprachwissen! – verfügen. Derartige Beobachtungen machen auf das interkul-
turelle Potenzial der Texte aufmerksam. Nach Chiellino inszenieren interkulturelle Romane ein
interkulturelles Gedächtnis, thematisieren typisch interkulturelle psychologische Konflikte und
arbeiten vor allem auch mit einer rhetorischen Durchkreuzung von Sprachen im Text und denje-
nigen Sprachen, die die kulturelle Zugehörigkeit der Autorin bzw. des Autors bestimmen (Sprach-
latenz).461 Vor diesem Hintergrund zeigt sich umso deutlicher, dass die Einschreibungen verschie-
dener interkultureller Prätexte in die einzelnen Werke russlanddeutscher Literatur erneut vor dem
Problem stehen, durch ihre bestimmte kulturelle Codierung nur von einem kleinen Kreis „Mit-
wissender“ „verstanden“ zu werden. Daher hat Chiellino für „interkulturell engagierte Literatur“
die „verbindliche Rolle eines Gesprächspartners“462 herausgestrichen. Eine solche mitgedachte
Instanz, für die so manche „Interna“ russlanddeutscher Geschichte und Kultur kontextualisiert
werden, haben wir auch in „Das Haus des Heimatlosen“ von Belger bemerkt. Einerseits bilden
die interkulturellen und gegebenenfalls anders- bzw. mehrsprachigen Intertexte Erinnerungsorte
für eine kleine, sich zu einer russlanddeutschen Minderheit zählende Gruppe, andererseits schei-
nen sie durch erhöhte Kommunikativität die Anreicherung des Mehrheitsgedächtnisses gerade-
wegs zu forcieren.
460
Siehe auch das vorhergehende Kapitel 4.1.
461
Vgl. Chiellino, Carmine: Der interkulturelle Roman. In: Migration und Interkulturalität in neueren lite-
rarischen Texten. Hrsg. v. Blioumi, Aglaia. München: Iudicum 2002, S. 41-54.
462
Chiellino (2007), S. 59.
135
Kommunikationsräumen“463 in Kasachstan bzw. postsowjetischen Ländern wie auch in Mitteleu-
ropa, was wiederum für einen Großteil russlanddeutscher literarischer Werke gelten kann. Gerade
weil sich in der deutschen Übersetzung hierbei jedoch die Lesepositionen verschieben, eignet er
sich für eine Analyse dieser perspektivischen Ausrichtung. So hält das „Haus des Heimatlosen“464
für die Leserschaft zahlreiche Anmerkungen der Übersetzerin Lichtenfeld bereit, die in der Über-
setzung beibehaltene anderssprachige, d. h. russische und kasachische, Begriffe erklärt bzw. erst
in der Fußnote übersetzt. Das Buch weist aus: „Mit Anmerkungen der Übersetzerin und Worter-
klärungen im Anhang.“ Die Anmerkungen in Fußnoten führen postwendend auch eine klare gra-
fische Unterscheidung ein zwischen denjenigen Leser/inne/n, die den Haupttext „ohne Hilfestel-
lung“ einordnen können, und denjenigen, deren Position weit von der erwarteten Verstehenspo-
sition entfernt ist – verdeutlichen sie doch, dass sie auf die Ergänzungen angewiesen sind. Dies
entspricht einer Neuausrichtung auf eine nicht-russisch- und nicht-kasachischsprachige Leser-
schaft (wo es sich nur um Sprachspezifika handelt) bzw. eine nicht-russlanddeutsche mehrheits-
gesellschaftliche Leserschaft (wo kulturspezifisches Wissen angenommen wird), welche gleich-
sam zum „sekundären Gesprächspartner“ wird. Brigitte Rath fasst das Phänomen wie folgt zu-
sammen und betont den Eindruck größerer Authentizität als Folge der Verschiebung.
Und da die primären (gefühlt sekundären) LeserInnen scheinbar nachträglich hinzugefügte Ver-
ständnishilfen benötigen, erhöht sich die gefühlte Authentizität des so implizit „enthaltenen“ kultur-
spezifischen Wissens: […] Gerade dass die LeserInnen Fußnoten brauchen, weiteres kulturspezifi-
sches Wissen erschließen müssen und den Text potentiell dennoch nicht ganz verstehen, verstärkt
die ,Authentizität‘ des kulturspezifischen Wissens, das die primären (gefühlt sekundären) LeserIn-
nen auf die von ihnen imaginierten primären LeserInnen projizieren, und der entsprechend imagi-
nierten Kultur, in der diese leben.465
Anderssprachige Elemente im Text erscheinen dabei häufig innerhalb direkter Reden; Wörter,
Namen und Begriffe in russischer und kasachischer Sprache sind gleichsam einzelnen Figuren in
den Mund gelegt und können als Markierungen dafür gesehen werden, dass diese Figuren eigent-
lich russisch bzw. kasachisch miteinander sprechen. Umgekehrt können derartige deutsche Ein-
schübe in der Originalfassung also für die eigensprachigen (hier die russischsprachige Leser-
schaft) ein bewusst eingesetztes Mittel für den Eindruck der (deutschen) Anderssprachigkeit der
Figurenreden sein. In der deutschen Translation entsprechen die russischen Akzentuierungen
Markierungen der Übersetzerin, während die in der Originalfassung deutschen Einschübe von ihr
durch Kursivsetzung optisch hervorgehoben sind. Den Prozess, dass anhand einer eigensprachli-
chen Äußerung eine anderssprachige Äußerung evoziert wird, die nur durch eine eigensprachige
zugänglich ist, bezeichnet Rath als „Pseudoübersetzung“.466 Im Endeffekt bleiben die Leser/innen
463
Mecklenburg (2004), S. 24.
464
Russ. Originaltitel „Dom skitalca“, erschienen in Astana: Audarma baspasy 2003.
465
Rath, Brigitte: Doppelte Rede und Antwort. Pseudoübersetzungsphänomene in „La fille d’un héros de
l’Union soviétique“ und „Le testament français von Andreï Makine“. In: Migrationsliteraturen in Europa.
Hrsg. v. Binder, Eva u. Birgit Mertz-Baumgartner. Innsbruck: innsbruck university press 2012, S. 189.
466
Vgl. ebda., S. 201.
136
aber doch im Unklaren darüber, wann genau die russlanddeutschen Protagonist/inn/en, die mit
mehreren Sprachen ausgestattet sind, welche Sprache in ihren Äußerungen verwenden. So ist die
Vermutung nicht abwegig, dass die verhältnismäßig nur einen kleinen Teil ihrer Reden ausma-
chenden deutschen Wörter in der Originalfassung von Belgers Roman ein außerliterarisch realis-
tisches (und damit wieder an der faktischen Wirklichkeit orientiertes) Bild nachempfinden und
den voranschreitenden Sprachschwund anzeigen.
Während bestimmte Wörter und Phrasen also beispielsweise unübersetzt bleiben können aus dem
Grund, die Anderssprachigkeit von Figuren zu kennzeichnen, gibt es andere Fälle, in denen sich
bestimmte fremdsprachliche und kulturspezifische Wörter einer Übersetzung schlichtweg „ent-
ziehen“. Es ist eine der sehr eindringlich geschilderten Szenen im Buch, als David seinen verlo-
renen Bruder Christian, der Jahre im Arbeitslager verbringen musste, wiedersieht. Letzterem
dient ein bestimmtes russisches Wort zur Selbstbeschreibung, das aus mehreren Gründen nicht
ins Deutsche übertragen werden konnte:
Ihm fielen Christians erste Worte ein, als er ihn auf der Station abgeholt hatte: „Erschrick nicht,
David, ich bin am Ende, bin ein Dochodjaga.“* Das unbekannte Wort sprach er mit derart hölzerner,
toter Stimme aus, dass David im ersten Augenblick bestürzt war. In dem dürren, ausgemergelten
Etwas mit der langen Nase und den tief eingesunkenen, erloschenen Augen, welches da in schmut-
ziges Gelump gehüllt vor ihm stand, ließ sich nur schwer der früher vor Gesundheit strotzende
nächste Verwandte wiedererkennen.467
Der russischsprachige Begriff, der sogar David nicht bekannt ist, wird wiederum durch eine Fuß-
note erklärt: „* Russ. für ,restlos ausgemergelter, elender, hinfälliger Mensch‘, im Sprachge-
brauch des Lagers so viel wie ,unrettbarer (und unbrauchbarer) Todeskandidat‘.“468 Schon inner-
halb der imaginierten russischen Äußerung Christians ist das Wort hybrid, heißt es doch wörtlich
übersetzt so viel wie „der Dahingehende“ und ist gleichzeitig vereinnahmt von der leidvollen
Welt hinter den Wachtürmen – einer Welt, die nicht nur den Leser/inne/n unbekannt ist, sondern
auch dem zwar Russisch sprechenden Bruder David, der selbst aber dem Dienst im Arbeitslager
aufgrund der Fürsprache der kasachischen Bevölkerung entgangen ist. Eine treffende Überset-
zung hätte Lichtenfeld nicht gegeben können, weder mit Wörtern wie „Krepierling“ oder „Ver-
recker“ 469 noch durch die Überführung in Nazijargon in deutschen Konzentrationslagern mit
„Muselmann“. In der Unkenntnis des Begriffs rücken Leser/innen näher an den Protagonisten
David und dessen Perspektive heran. Das Wort wird als etwas völlig Fremdes eingeführt, wie es
die Lagerszene ist. Trotz dieser Annäherung bleibt evident, dass die sekundäre Leseposition eine
Art Sicherheitsdistanz bietet und damit gleichzeitig auch einen potenziell objektiveren Überblick.
467
Belger (2014), S. 137 f.
468
Ebda., S. 137.
469
Vgl. Ratzel, Wolfgang: Kann man mit der Haut schreiben? Über die Sagbarkeit des Unsagbaren. War-
lam Schalamow überlebte 18 Jahre GULag – jetzt wird sein Werk in Deutschland entdeckt.
[Link] (18.05.2020).
137
In der Verarbeitung und Darstellung sprachlichen bzw. kulturellen Pluralismus unterscheiden sich
die Werke russlanddeutscher Autor/inn/en teilweise stark voneinander. Anders als bei Herold
Belger und Texten anderer russlanddeutscher Autor/inn/en fehlen etwa bei Eleonora Hummel pa-
ratextuelle Verweise wie Fußnoten, in denen (fremdes) kulturspezifisches Wissen, für eine be-
stimmte angenommene Leserschaft bereitgestellt wird, dennoch wird jenes auch in ihren Texten
gleichsam für einen Gesprächspartner aufbereitet. In dem in „Die Fische von Berlin“ entwickelten
interkulturellen Symbolhaushalt sind die Bilder für den Tod besonders eindringlich. Der Großva-
ter der jungen diegetischen Erzählerin Alina ist ihm selbst mehrmals entronnen und dennoch oft
so nahe gewesen, dass sein Leben am seidenen Faden hing. Er kann noch heute schlecht einschla-
fen, hat Angst vor der Dunkelheit, weswegen er von dem Rest der Familie als „krank“ bezeichnet
wird. „Es ist keine ernsthafte Krankheit, wenn man im Dunkeln schlecht einschlafen kann“,470
erklärt er Alina selbst beruhigend. Zu seinen vielen Aufgaben im Norillag, wohin er einst verbannt
wurde, gehörte etwa der Einsatz als Leichenträger. Seine Schilderung seiner Vergangenheit aber
beginnt weit früher in dem Ort Timofewka im Gebiet Stalino, wo er aufgewachsen ist:
Bevor ich lesen und schreiben lernte, hörte ich die Alten von den guten Jahren reden, wenn sie sich
draußen auf der Bank vor ihren Häusern auf einen Schwatz trafen, später nicht mehr. Es begann
nicht erst 1937, und es war danach nicht plötzlich zu Ende, das, was man die Großen Säuberungen
nannte. Vielleicht wurde in diesem Jahr am gründlichsten gesäubert. Die Bänke vor den Häusern
blieben lange leer.471
Das heraufziehende Unheil zeichnet sich hier schon ab in dem ausbleibenden „Schwatz“, in dem
Schweigen der alten Frauen und Männer. Nach den „Großen Säuberungen“ bleiben die Bänke
leer, die Abwesenheit dominiert das Bild. Der Begriff für die stalinistischen Verfolgungen selbst
erscheint dabei im Fließtext augenfällig markiert über Großschreibung und Kursivsetzung und
verdeutlicht auf diesem Weg die Verweisfunktion auf dessen außerhalb der unmittelbaren Hand-
lung an bestimmte Gedächtnisinhalte bzw. an historische Ereignisse der faktischen Wirklichkeit
rückgebundene Dimension. Der Großvater schildert weiters die im Zuge des „Großen Terrors“ in
der Bevölkerung umgehende Angst, abgeholt, gefoltert und bestraft zu werden, als schieren
Wahnsinn:
Ich tastete die Angst mit den Händen, wenn ich mir über die geschlossenen Augen fuhr. Sie fühlte
sich an wie eine Maske, die zu fest an der Haut klebte, um sie herunterreißen zu können. Ich wollte
nicht in mein Spiegelbild sehen. Mutter hatte unseren einzigen Spiegel umgedreht. So blieb er ste-
hen, mit dem Gesicht zur Wand, bis zum Ende. 472
Der umgedrehte Spiegel ist kein literarisch erfundenes Symbol – noch heute ist es in Russland
und in der Ukraine üblich, die Spiegel im Hause von Verstorbenen mit dunklen Stoffen zu ver-
hängen oder umzudrehen. Der umgedrehte Spiegel im Haus des Großvaters sei Sinnbild für den
470
Hummel (2005), S. 55.
471
Ebda., S. 83.
472
Ebda., S. 84.
138
nahen Tod, dem man sich ausgeliefert bzw. geweiht fühle, meint Shchyhlevska in einer Analyse
von Hummels Roman unter den Gesichtspunkten „Historizität und Interkulturalität“,473 und ist in
dieser Symbolfunktion auch ohne metasprachliche Kontextualisierung verständlich. Ein anderes
Symbol für den Tod drückt sich in der volkstümlichen Bezeichnung des Fahrzeuges (einem ge-
schlossenen Lastwagen mit schmalen Bänken an den Längsseiten) aus, mit dem die „Volks-
feinde“ abgeholt wurden, dem „Tschjornyj woron“474: „Sie kamen in der Zeit zwischen Sonnen-
untergang und Sonnenaufgang, in einem Schwarzen Raben, der nicht schwarz war.“475 Erneut
behilft sich der Text an dieser Stelle durch die optische Markierung über Großschreibung und
Kursivsetzung, wodurch deutlich wird, dass es sich nicht um eine literarische Neuschöpfung han-
delt, sondern um einen (für eine bestimmte Leserschaft) bekannten Ausdruck. Die Bezeichnung
für das unheilbringende Fahrzeug, die ursprünglich auf das Volkslied der russischen Donkosaken
oder auf ein verwandtes ukrainisches Volkslied zurückzuführen sein könnte,476 möglicherweise
aber auch dem in verschiedenen Kulturen verbreiteten Aberglauben entspringt, der Tod erscheine
in Gestalt eines Raben,477 wird weiter nicht kommentiert oder erklärt. Die kindliche Erzählerin
Alina unterbricht die Erzählung des Großvaters an dieser Stelle auch nicht, um nachzufragen, und
dass sie sich dies im Gespräch mit dem Großvater sehr wohl getraut hätte, beweist nicht zuletzt
die selbstbewusste Ansage Alinas zu Beginn jener langen großväterlichen Erzählsequenz: „ ,Aber
jetzt frage ich. Du darfst also antworten‘, sagte ich großzügig.“478
Der „Schwarze Rabe“ ist ebenso Element anderer Werke russlanddeutscher Autor/inn/en und
wird etwa in einem Gedicht Waldemar Webers – hier wiederum in einer Fußnote des Autors – un-
missverständlich als „Dienstfahrzeug des NKWD“ ausgewiesen. Gleichzeitig thematisiert der
Text in dem schmalen Lyrikband selbst die kindliche Verwirrung ob der von den Eltern geflüs-
terten Metapher für Unheil und Tod, „als man den Nachbarn holte“479: „Ich lag im Dunkeln /
konnte es nicht fassen / warum ,gekommen‘ / und nicht ,geflogen‘ / der Rabe hat es wohl verlernt
zu fliegen …“,480 so der/die kindliche Sprecher/in in der zweiten Strophe, bevor er/sie zum Fens-
ter schleicht und in die Dunkelheit hinausspäht.
Shchyhlevska sieht in dem „Schwarzen Raben“ Träger jener Erfahrungen, die Carmine Chiellino
als „parole vissute“ einführt: „Autoren, die in einer anderen Sprache schreiben als in der, worin
473
Vgl. Shchyhlevska (2012), S. 7.
474
„Schwarzer Rabe“
475
Hummel (2005), S. 83.
476
Das russische Lied lautet gleichlautend im Titel „Tschornyy woron“, das ukrainische Volkslied „Oj na
hori tschornij woron krjatsche“ („Oh, auf dem Berg kräht ein schwarzer Rabe“).
477
Es gibt viele slawische Sprichwörter, in denen der Rabe als Unglücksbringer auftaucht; laut Überliefe-
rung wurde er vom Teufel geschaffen, deshalb wird „schwarz“ in der Bedeutung von „böse“ verwendet.
478
Hummel (2005), S. 83.
479
Weber, Waldemar: Der schwarze Rabe ist gekommen. In: Scherben. Augsburg: Verlag a. d. Wertach
2006, S. 9.
480
Vgl. ebda.
139
sie ihren sozialen Alltag leben, sind sprachlichen Erfahrungen ausgesetzt, die sich, manchmal mit
Gewalt, ihrer Sprache aufzwingen. Solche Erfahrungen werden mit ,parole vissute‘ (gelebten
Worten) ausgedrückt.“481 Die Komplexität des mit „parole vissute“ Bezeichneten ginge verloren,
wenn diese Phasen des Lebens in anderen Worten wiedergegeben würden, die sich von denen
unterscheiden, worin sie sich abgespielt haben, so Gino482 Chiellino weiter.483 Nun ist es insbe-
sondere bei mehrsprachigen Autor/inn/en ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dass sie in ih-
ren Werken kulturhistorisch codierte Wörter, „parole vissute“ und Sprachlatenz, verwenden.
Chiellinos Theorie zufolge tragen russlanddeutsche Schriftsteller/innen auf diese Weise das tabu-
isierte geschichtliche Gedächtnis, das sich in der russischen Sprache herausgebildet hat, in die
„neue“ deutsche Sprache ihrer Werke: „Dadurch erhält die neue Sprache des Autors einen Zugang
zu einer Lebensvergangenheit, die sich als Gedächtnis in einer anderen Sprache herausgebildet
hat. Im Werk selbst offenbart sich die Sprache des Autors immer mehr als Trägerin eines inter-
kulturellen Gedächtnisses.“484
Im Roman „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel trifft so gesehen auf Ebene der Hand-
lung das Russische, die Sprache des Umfelds, auf das Deutsche, die Sprache der Erzählung. Die
deutsche Sprache ihrer literarischen Werke kann bei vielen russlanddeutschen Autor/inn/en nach
der „Zeit des Schweigens“ als die Sprache angesehen werden, in der die Enttabuisierung ansetzt,
insofern der/die Autor/in „die in der russischen Sprache stattgefundenen Ereignisse zu einem
deutschsprachigen Roman gerinnen lässt“, denn „da die russische Sprache tabuisiert ist, kann sie
nicht als Instanz, die über ästhetische Qualität und Wahrhaftigkeit der Inhalte im Werk wacht,
fungieren.“485 Es ist die einst aus der Öffentlichkeit verbannte, den Minderheitsangehörigen zu
sprechen verbotene Muttersprache bzw. Sprache ihrer Vorfahr/inn/en, die jetzt selbst am besten
dazu befähig scheint, von dem angetanen Leid zu erzählen. Diese Funktion übernimmt in „Die
Fische von Berlin“ die neue Sprache, die gleichzeitig die alte ist, und erzählt eine Vier-Generati-
onen-Biografie. Dazu scheint sie insbesondere auch deswegen in der Lage, zumal alle vier Gene-
rationen über die „neue alte Sprache“ bzw. eigentlich über ihr augenfälliges Fehlen, das Verges-
sen, das Schweigen und Verdrängen, also gerade über Zeichen ihrer Stigmatisierung und ihres
letztlichen Schwundes bzw. Verlustes miteinander verbunden sind. Außerdem kann die Wahl der
Erzählsprache als Akt eines sich entwickelnden neuen Selbstbewusstseins interpretiert werden.
481
Chiellino (2011), S. 18.
482
Der Literaturwissenschaftler Carmine Chiellino verwendet hier, wie meist für literarische Werke, den
Namen Gino Chiellino.
483
Vgl. Chiellino (2011), S. 18.
484
Chiellino, Gino: Ich in Dresden. Eine Poetikdozentur. Dresdner Chamisso-Poetikvorlesungen 2001.
Dresden: Thelem 2003, S. 50.
485
Shchyhelvska (2012), S. 11.
140
Die Entscheidung für das Deutsche als Erzählsprache hat natürlich auch pragmatische Gründe.
Zweisprachige Autorinnen, die heute in einem deutschsprachigen Land publizieren, wollen ein
größeres Lesepublikum erreichen und an der deutschsprachigen Literaturszene vor Ort teilneh-
men. Im Gegensatz zu anderen russlanddeutschen Autor/inn/en ist es Eleonora Hummel dabei
gelungen, Bekanntheit über die Grenzen der russlanddeutschen Gemeinschaft hinaus zu erlangen.
Ihr Roman „Die Fische von Berlin“ beispielsweise ist nicht in einem spezialisierten russlanddeut-
schen Verlag erschienen, sondern im Programm des Steidl Verlags mit Sitz in Göttingen, was
zudem eine größere Reichweite der Publikation garantiert.
Auf der Ebene der Form wie auf inhaltlicher Ebene wird immer wieder die Sprache zu einem
Leitmotiv in russlanddeutscher Literatur. Einige Aspekte dieses weiten Themenfelds, nämlich die
Mehrsprachigkeit von Autor/inn/en selbst und der bewusste Einsatz verschiedener Sprachen in
ihren Werken sowie damit einhergehende interkulturelle Momente, wurden angesprochen. Der
Diskurs muss aber noch um eine weitere, nicht so sehr auf die formalen Aspekte des Textes bzw.
den Rezeptionsprozess fokussierende Ebene bereichert werden. In diesem Kapitel soll es dement-
sprechend um die tieferen psychologischen Bedeutungsebenen von Sprache(n) für die Figuren
innerhalb der diegetischen Welt gehen. Eine besondere Rolle spielt dabei das Narrativ der Mut-
tersprache. Dies ist insofern interessant, als über sprachliche Merkmale in hohem Maße Vorstel-
lungen von Zugehörigkeit bzw. Fremdheit konstruiert bzw. beeinflusst werden.
Die Themenfelder, die sich hier auftun, könnten kaum vielfältiger sein: Mehrere Sprachen zu
beherrschen kann als Reichtum und Qualifikation gesehen werden, Anderssprachigkeit ist aber
auch Grund für Missverständnisse, gesunkenes Prestige einer Sprache und Exklusionsprozesse
führen zu Sprachschwund oder sogar -verlust, Traumata486 können sprachlos machen. In Belgers
Roman „Das Haus des Heimatlosen“ sind, wie schon gezeigt, die Erzählinstanz und die Figuren
sogar mit drei Sprachen ausgestattet; Deutsch, Russisch, Kasachisch – drei Sprachen, die für die
drei Protagonisten David, Christian und Harry jeweils einen anderen Stellenwert einnehmen. Da-
mit öffnet sich der Blick auf die tieferen Bedeutungsstrukturen auf inhaltlicher Ebene: Die deut-
sche Sprache und mitunter bestimmte deutsche Dialekte, die auch explizit benannt werden, bilden
für den einen Instrument der Rückbesinnung und Erinnerung an die Kindheit und beherbergen
das Gefühl von Heimat und Verwurzelung, während sie für den anderen, hier den jungen Harry,
ein im Schwinden begriffenes, als negativ und belastend empfundenes Vermächtnis der
Ahn/inn/en darstellen; Russisch wird als die Sprache des alltäglichen Lebens, aber manchmal
486
Zum Phänomen posttraumatischen Schweigens siehe Kapitel 3.5 und 4.6.
141
auch als Symbol der Unterdrückung wahrgenommen; Kasachisch als die fremde Sprache der Ver-
bannung oder aber als wirkmächtiger Schlüssel zu gesellschaftlicher Anerkennung.
Derartige Momente, die einer Entlarvung aufgrund einer abweichenden Erstsprache gleichkom-
men, bilden ein immer wieder aufgegriffenes Narrativ und somit fixen Bestandteil des Gedächt-
nisses, mit anderen Worten einen literarischen Erinnerungsort dieser Minderheitenliteratur. Die
Figuren, die Erfahrungen der Ausgrenzung aufgrund sprachlicher Merkmale machen müssen,
sind oft eingeschüchtert, ziehen sich zurück und stellen die eigene Identität zunehmend infrage.
Fremdzuschreibungen auf Grundlage eines vom Standard der jeweiligen Sprache abweichenden
Akzentes oder anderer „Mängel“ widerfahren den Figuren dabei sowohl in ihrem Heimat- als
auch im Auswanderungsland. Als Reaktion kann dies soweit führen, dass die Sprache, die als
Angriffspunkt gegenüber Außenstehenden (weil Marker für die vermeintliche Herkunft bzw. Ab-
stammung) erlebt wird, Schamgefühl verursacht und in der Öffentlichkeit nicht mehr gesprochen
wird. Dies illustrierend wird die neue Schülerin Tanja Hirsekorn, die eines Tages in Alinas Klasse
kommt, als extrem schüchtern und schweigsam beschrieben. Die anderen Kinder machen sich
über sie lustig. Im Gegensatz zu Alina hat Tanja große Probleme im Russischunterricht. Im Ge-
spräch stellt sich heraus, dass das russlanddeutsche Mädchen mit seiner Familie nach Deutschland
487
Hummel (2005), S. 178.
488
Ebda.
489
Vgl. ebda., S. 180.
142
übersiedelt, aber mit der Mutter nach kurzer Zeit wieder zurückgekommen ist. Tanja hat somit
die Erfahrung sprachlicher Ausgrenzung womöglich dreimal durchlebt, zuerst in der Sowjet-
union, dann in Deutschland und jetzt wieder zurück im Kaukasus: „ ,Daß ich zurückgekommen
bin? Daß ich zwei Jahre in Deutschland gelebt habe? Das wissen doch alle! Alle ziehen mich
damit auf! Nach einem Jahr hatte ich schon alles Russisch vergessen. Jetzt bin ich älter und muß
es neu lernen. […]‘ “490
Wie sich Beispiele für Fremdzuschreibungen, getroffen über das Merkmal Sprache, zuhauf in
Werken russlanddeutscher Literatur finden, in gleichem Teil erwachsen aus diesen Ausgren-
zungs- und Diskriminierungserfahrungen auch unterschiedliche Strategien für deren Überwin-
dung. Während die negativen Erfahrungen teils in einer defizitären Sichtweise auf die eigene
Identität absorbiert werden und Scham- und Minderwertigkeitsgefühle entstehen, so gibt es noch
andere Möglichkeiten des Umgangs. Eine davon besteht in der Strategie eines expliziten Bekennt-
nisses zur deutschen Sprache und den damit verbundenen Vorstellungen von Herkunft und Zuge-
hörigkeit. Die Verschiedenartigkeit wird diesem Verständnis nach zu einer positiv bewerteten
Besonderheit umgedeutet. Mitunter wird in den Texten auch ein Entwicklungsprozess von der
Nicht-Existenz hin zur Findung neuen Selbstbewusstseins beschrieben.
Eine Strategie der (teilweisen) Überwindung von Diskriminierung innerhalb der anderssprachi-
gen Mehrheitsgesellschaft und Versöhnung mit dem eigenen Schicksal scheint also gerade in dem
eindringlichen Bekenntnis zur deutschen Sprache zu bestehen. Und dies entspricht in neuerer Li-
teratur einer Reaktion der allgemeinen Entwicklung zum Trotz: Denn Deutsch als Muttersprache
verlor für die Russlanddeutschen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich an Re-
levanz: Während 1926 noch fünfundneunzig Prozent der Deutschen in der Sowjetunion Deutsch
als ihre Muttersprache angegeben haben, waren es 1989 nicht einmal mehr neunundvierzig Pro-
zent.491 Der von anderen, wie etwa Alinas Lehrerin, oder sich selbst gegenüber der Mehrheitsge-
sellschaft attestierte „Nachteil“, die deutsche Sprache als erste Sprache noch vor Russisch erlernt
zu haben, wird im Zuge dieser Strategie zu einer wertvollen Besonderheit, einer Auszeichnung
und einem überindividuellen identitätsstiftenden Symbol. Man ist bemüht, die Stigmatisierung
der Minderheitssprache abzuschütteln und stattdessen positive Konnotationen zu schaffen. Eine
dahingehende Intention hat auch die an die gleichnamige historische Persönlichkeit Victor Klein
490
Hummel (2005), S. 180.
491
Vgl. Rosenberg, Peter: Die Sprache der Deutschen in Rußland. In: Deutsche Geschichte im Osten Eu-
ropas: Russland. Hrsg. v. Stricker, Gerd. Berlin: Siedler 1997, S. 586.
Wie aus den auf Englisch vorliegenden Ergebnissen der Volkszählung des Jahres 2009 in Kasachstan er-
sichtlich, gaben nur noch siebzehn Prozent der ethnisch Deutschen in Kasachstan Deutsch als ihre Mutter-
sprache an; in Zahlen heißt das, dass lediglich 36 108 Kasachstandeutsche Deutsch als erste Sprache ge-
lernt haben. [Vgl. The Agency on Statistics of the Republic of Kazakhstan: Results of the 2009 national
population census of the republic of Kazakhstan. Analytical Report. Astana 2011. [Link]
[Link]/fileadmin/user_upload/oeffentlich/Kasachstan/40_gesellschaft/Kaz2009_Analytical_report.pdf
(25.09.2020), S. 21.]
143
angelehnte Figur in Heinz’ Roman „In der Sackgasse“, als sie das erste Mal vor die neuen Stu-
dent/inn/en der Pädagogischen Hochschule in Nowosibirsk tritt. In Kleins Vorstellungsrede
schwört der Hochschullehrer seine Zuhörerschaft gleich zu Beginn auf den großen Wert der deut-
schen, ja, ihrer Muttersprache, ein, kämpft um eine Neubewertung dieser Sprache, deren Prestige
in den vorangegangenen Jahrzehnten derart gelitten habe:
Die deutschen Nationalsozialisten, beginnt er mit finsterer Miene seine Einleitungsrede, hatten es
mit ihren Greueltaten so weit gebracht, daß sich viele Deutsche ihrer Volkszugehörigkeit und sogar
ihrer Sprache zu schämen begannen. Das ist eine falsche Scham. Die deutsche Sprache ist nicht die
Sprache der deutschen Hitlerfaschisten, sie ist die Sprache von Goethe und Schiller, von Kant und
Hegel, von Becher und Weinert, von Marx und Engels … Sie ist kurzum die Sprache der Dichter
der Denker [sic!] und nicht die der Richter und Henker. Und sie ist unsere Muttersprache …492
In der Folge untermauert Professor Klein seine Rede mit einem Zitat von Friedrich Logau sowie
Auszügen aus Werken von Goethe, Schiller und Heine. Diese Affinität zur deutschen Sprache
und Literatur, die auch Antriebskraft des Protagonisten und Sprachwissenschaftlers Willi Werner
in dem Roman bildet, zieht sich als Leitmotiv durch die gesamte Erzählung.
Welchen Veränderungen die Konstrukte Identität und Mutter(sprache) im Zuge der politischen
und gesellschaftlichen Umbrüche dereinst unterworfen waren und immer noch sind, kann im Fol-
genden am Beispiel zweier Gedichte Nelly Wackers veranschaulicht werden. Diese sind von der
492
Heinz (1996), S. 93.
493
Vgl. Paulsen (2018), S. 54.
144
Autorin in einem zeitlichen Abstand von dreizehn Jahren494 verfasst worden. Der ältere Text er-
schien in einem 1972 in Moskau veröffentlichten Almanach sowjetdeutscher Lyrik und trägt den
Titel „Zwei Muttersprachen“. Es handelt sich bei dem Gedicht wahrscheinlich um ihr bekanntes-
tes, insofern es später in Deutschlesebüchern und Anthologien der Sowjetunion aufgenommen
wurde. In dem kurzen Text greift die Autorin ein geläufiges „sowjetisches Stilmittel“ auf und
stellt die eigene Muttersprache neben die Landessprache Russisch, zwar mit anderer Rollenzu-
weisung, aber scheinbar gleichberechtigt. Die Neuheit und damit auch ein gewisser Mut der Au-
torin bestehen darin, dieses gegenseitige Aufwiegen mit der deutschen – als einer von Stalin „be-
straften“ – Sprache zu unternehmen.
Die im strengen Jambus und Paarreim abgefassten Verse sind einfach und schlicht, und in letzte-
rer Eigenschaft bezeichnend für Wackers lyrisches Gesamtwerk. Bedingt ist dieser Eindruck vor-
nehmlich durch die konventionelle Sprache, das Fehlen von Metaphern und außergewöhnlichen
Bildern. Neben Gedichten, in denen die Natur im Mittelpunkt der Betrachtung steht, zählen zum
Werk der Autorin lyrische Texte reich an Sentenzen und moralisch-belehrenden Inhalts sowie
politische, teils parolenhafte Gedichte wie jenes, aus dem hier zitiert wurde. Von Werken wie
diesen hat sich die 1993 aus Kasachstan ausgewanderte Autorin später distanziert. Auf eine Re-
zension von Ingmar Brantsch, der angesichts besagten Textes von einer „Gleichstellung“ der bei-
den Sprachen berichtet,496 antwortet Wacker in einem offenen Brief: „Nein, es war keine Gleich-
stellung der beiden Sprachen, die Russlanddeutschen fühlten das. […] Es ist lange nicht dasselbe:
die eine (die erste!), in deren Klängen uns die Liebe der toten Eltern verblieben war, und die
andere (die zweite), die wir alle mit viel Mühe erlernen mussten, wenn wir leben und arbeiten
wollten – die Vaterlandssprache.“497 Diese nachdrückliche „Richtigstellung“ Wackers, die unter-
schiedliche Bewertung von „erster“ und „zweiter“ Sprache (die im Gedicht selbst so nicht ange-
legt ist), kann zuerst als Distanzierung von ihren eigenen, sowjetischen Doktrinen folgeleistenden
Arbeiten gesehen werden, gleichzeitig führt sie eine Art „eingeweihte Leserschaft“ ein, die in der
Lage dazu sei, die unterschiedliche Gewichtung der Sprachen in dem Text zu „fühlen“ aufgrund
494
Diese Angabe ergibt sich aus dem Veröffentlichungsjahr des ersten Gedichtes 1972 und der dem jün-
geren Gedicht, erschienen in „Es eilen die Tage“ (1998), nachgestellten Jahreszahl 1985 als Angabe der
Entstehungszeit. Rechnet man bei Letzterem ebenfalls mit dem Veröffentlichungsjahr des Bandes, ergibt
sich ein zeitlicher Abstand von sechsundzwanzig Jahren.
495
Wacker, Nelly: Zwei Muttersprachen. In: Wacker, Nelly. Gesammeltes in vier Bänden 1. Lage-Hörste:
BMV Robert Burau 2004, S. 44.
496
Vgl. Brantsch, Ingmar: Wacker, Nelly. [Link]
[Link]/biographien/wacker-nelly-2 (25.06.2021).
497
Wacker, Nelly: In eigener Sache (an Dr. Ingmar Brantsch). Köln, 1999. In: Wacker, Nelly: Publizis-
tik – Echo. Gesammeltes in vier Bänden 4. Lage-Hörste: BMV Robert Burau 2005, S. 259.
145
ihrer, sie als Gruppe auszeichnenden und auf diese Weise zusammenschweißenden Vergangen-
heit, eines kollektiven Erfahrungsschatzes. Dabei ist die Situation, die Wacker in ihrer Antwort
beschreibt, natürlich eine spezifische, nämlich diejenige einer bestimmten – ihrer – Generation,
so doch in vielen Fällen für die nachkommenden Generationen das Russische eben die Erst- bzw.
Muttersprache bildete, Deutsch dagegen die (häufig nicht-weitergegebene) Sprache der Eltern
und Großeltern.
498
Kahl, Thede: Überlegungen zum Prozess des Sprachsterbens, unter besonderer Berücksichtigung der
Balkanromania. In: Români majoritari/Români minoritari: interferenţe şi coabitări lingvistice, literare şi
etnologice. Hrsg. v. Borcea, Nicoleta, Luminiţa Botoşineanu u. a. Iaşi, S. 159.
499
Wacker, Nelly: Zwei Muttersprachen. In: Wacker (2004), Bd. 1, S. 44.
146
der im Jahr 1998 fünf Jahre nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland erschienen ist, ist nicht
mehr von zwei Sprachen, sondern nur noch von einer Muttersprache die Rede. Diese wird von
Beginn an personifiziert: Sie ist die „Nabelschnur, die mich mit meinem Volk verband / und heute
noch vertrauensvoll bindet“.500 Der Text liest sich als Hymne bzw. Anrufung:
Wenn wir, wie hier geschehen, von der deutschen Sprache als Muttersprache Russlanddeutscher
sprechen, dann muss in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung eines immer mitbedacht sein;
nämlich, dass es für die Russlanddeutschen eine siedlungs- bzw. kolonienübergreifende Stan-
dardvarietät des Deutschen in der Vergangenheit so nie gab. Es müsste vielmehr stets von
„Sprachvarietäten“ die Rede sein. Denn aufgrund der verschiedenen Herkunftsgebiete zeigten die
Kolonien an Wolga, Schwarzmeer, im Kaukasus, Sibirien und Mittelasien seit jeher eine große
Vielfalt dialektaler Varietäten. Zwar trafen in zahlreichen Siedlungen mehrere von ihnen aufei-
nander, was zur Folge hatte, dass sprachliche Ausgleichsprozesse stattfanden und dörfliche
Mischvarietäten entstanden, doch weder entwickelte sich ein einheitliches „Russlanddeutsch“
noch eine (oder mehrere) großräumige Umgangssprache(n).502 Abgesehen von dem Prozess des
Sprachwechsels hin zum Russischen nach der Auflösung der geschlossenen deutschen Sprachin-
seln bildeten die verschiedenen deutschen Varietäten davor wie nach diesem großen Einschnitt
Grundlage für die Abgrenzung zu anderen Siedlungsgruppen mit russlanddeutschen Einwoh-
ner/inne/n, wenn auch schon eine allgemeine Annäherung zu Standardvarietäten beobachtbar war.
Erinnern wir uns an dieser Stelle noch einmal an die den Wert der deutschen Sprache im Allge-
meinen beschwichtigende Einleitungsrede des Hochschulprofessors und Schriftstellers Victor
Klein in dem Roman „In der Sackgasse“ von Viktor Heinz. Um seine Student/inn/en näher ken-
nenzulernen, möchte er an diesem ersten Unterrichtstag in der Pädagogischen Hochschule in
Nowosibirsk umgehend von ihnen wissen, „[v]on wo sie herstammen und wo sie ihre Kindheit
verbracht haben. Er will wissen, welche Mundart im Elternhaus gesprochen oder ob in der Familie
überhaupt noch deutsch gesprochen wird. Deswegen hat jeder einige Sätze zu sagen, aber so wie
ihm ,der Schnabel gewachsen ist‘.“503
Dies vor Augen habend kann festgestellt werden, dass die „Liebe der toten Eltern“, wie Wacker
in dem weiter oben zitierten Brief schreibt, für die 2006 verstorbene Autorin selbst wahrscheinlich
in den Klängen schwäbischen Dialekts verblieb, insofern sie die Nachfahrin württembergischer
500
Wacker, Nelly: Muttersprache. In: Wacker (1998), S. 15.
501
Ebda.
502
Vgl. Rosenberg, Peter: Vergleichende Sprachinselforschung: Sprachwandel in deutschen Sprachinseln
in Russland und Brasilien. In: Linguistik Online 13/1 (2003). [Link]
(08.07.2021), S. 281.
503
Heinz (1996), S. 92.
147
Schwab/inn/en war, die 1804 in die Südukraine, das damalige Neurussland,504 ausgewandert wa-
ren. Dass eine derartige genauere sprachliche bzw. geografische Verortung von großer Bedeutung
für die individuellen Identitätskonstruktionen vieler Russlanddeutscher sein kann, zeigen die li-
terarischen Werke selbst. Während in Wackers Dichtung wenig bis gar keine Dialektmerkmale
zu identifizieren sind, werden in Texten von anderen Autor/inn/en ganz bewusst dialektale Aus-
drücke verarbeitet, um Selbstbilder näher zu bestimmen. Die Spanne reicht von der unthemati-
sierten Verwendung einzelner Wörter im Text, wie „Deitschland“505 statt „Deutschland“ in „Die
Fische von Berlin“, bis zu sehr spezifischen Herleitungen der eigenen Herkunft etwa bei Agnes
Gossen in „Kindheiten in Deutschland und Russland“:
Damals, als Kleinkind, spielte ich oft mit meinem Vater das bekannte Fingerspiel: „Jret kocke, ollen
jewe und dem latzen, den fühlen Finja, aufrriete, wajchschmiete.“ Es war die Sprache meiner Kind-
heit, meine Muttersprache, Plautdietsch, was in Hochdeutsch, das meine Oma mit dem Vater sprach,
bedeutete: „Grütze kochen, umrühren, allen Fingern etwas geben, und den letzten, den faulen Finger,
den Daumen, der beim Umrühren nicht geholfen hatte, abreißen, wegschmeißen …“ 506
Neben dem Einsatz von Sprache als Marker für Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in-
nerhalb der russlanddeutschen Minderheit – als solche erscheinen etwa auch Angaben um geo-
grafische Herkunft und Konfession – wird manches Mal darüber hinaus die Funktion als Geheim-
sprache thematisiert, womit nun schließlich der letzte von Kahl angeführte Punkt nachgewiesen
ist. Die Figur des Dialektforschers Hugo Jedig erzählt Will Werner im Roman „In der Sackgasse“
beispielsweise von einem Treffen mit einem Sprachwissenschaftler aus Hamburg in einem Oms-
ker Café. Als Jedig merkt, dass sie vom Geheimdienst bespitzelt werden, verwendet er den platt-
deutschen Dialekt gezielt als Geheimsprache:
Wälle wi nich platdütsch rede? frage ich den Professor. Der Mann sieht mich verständnislos an. Er
weiß ja nicht, was los ist. Dann sagt er: Warom ok nich? Und wir haben angefangen, auf Plattdeutsch
zu palavern. Auf einen Schlag hat sich alles geändert. Die Ohren strengen sich noch mal an. Machen
noch mal einen verzweifelten Versuch, aus unserem ingweonischen Kauderwelsch etwas herauszu-
kriegen.507
Anhand bestimmter Sprachkenntnisse, die also zu einer Art Geheimnis in Abgrenzung zu anders-
sprachigen Gruppen werden können, lässt sich zudem schnell auf eine andere Ebene der Intimität
unter „Mitwissenden“ springen. Das veranschaulicht das erste Kennenlernen zwischen David und
seiner späteren (nach der gescheiterten Ehe mit Lida zweiten) Ehefrau in Belgers „Das Haus des
Heimatlosen“. Die beiden sich in der Verbannung kennenlernenden Wolgadeutschen sprechen
ganz offenbar Russisch miteinander, doch:
504
Unter Neurussland fasste man ab 1764 ein Gebiet, aus dem unter Katharina II. das Osmanische Reich
und dessen Vasallenstaat Krimkhanat zurückgedrängt werden konnte.
505
Das Wort ist im Roman durch Kursivsetzung hervorgehoben. Vgl. Hummel (2005), S. 25.
506
Gossen u. Mannel (2018), S. 84.
507
Heinz (1996), S. 222.
148
„Ja.“ Das Mädchen zuckte zusammen und errötete. „Warum?“
„Ach, nur so.“ Er lächelte ihr zu. „Ich dachte es mir. Aus welcher Gegend hat’s dich hergeweht?“
„Von der Wolga.“
„Ich hab’s an der Aussprache gemerkt. […]“508
Der deutsche Akzent ist also nicht nur ein sprachliches Merkmal, aufgrund dessen die Minder-
heitsangehörigen Ausgrenzung erfahren, sondern wird umgekehrt auch aktiv innerhalb der Eigen-
gruppe als verbindende Eigenschaft betont. Wir haben somit gesehen, dass in russlanddeutscher
Literatur der letzten Jahrzehnte zahlreiche Funktionen von (Minderheits-)Sprachen beschrieben
werden. Einerseits nimmt sich die Literatur hier einer Art Konservierungsarbeit an, insofern als
sie die aussterbenden russlanddeutschen Dialekte zum Bestandteil bzw. zur Sprache ihrer Erzäh-
lungen macht, andererseits konstruiert sie die Muttersprache als kollektiven Erinnerungsort – de-
finiert weniger durch die spezifischen Merkmale der Sprache selbst, da jene in Varietäten wie
beschrieben voneinander abweichen können, sondern vielmehr durch die erläuterten Rahmenbe-
dingungen für ihren Gebrauch und deren Bedeutung für Selbst- und Fremdbilder.
Wie es für die Biografie vieler russlanddeutscher Schriftsteller/inn/en bezeichnend scheint, haben
sich auch Heinz und Wacker, aus deren Werken oben u. a. zitiert wurde, für den Erhalt der deut-
schen Sprache bzw. die Erforschung der russlanddeutschen Varietäten in ihrer Heimat aktiv ein-
gesetzt,509 was allerdings zur Voraussetzung hatte, dass beide Autor/inn/en selbst mit der deut-
schen Sprache bestens vertraut waren. Eine derartige germanistische Expertise jedoch, wie sie
Nelly Wacker oder Viktor Heinz nicht zuletzt aufgrund ihres Studiums und der beruflichen Tä-
tigkeit bei ihrer Ausreise in ein deutschsprachiges Land mitbrachten, war für den Großteil der
russlanddeutschen Aussiedler/innen nicht vorhanden. Vielmehr war und ist das Gegenteil der
Fall.
508
Belger (2014), S. 62.
509
Nelly Wacker besuchte, wie auch die russlanddeutschen Autoren Alexander Reimgen, Artur Hörmann
und Harald Redekop, einst die deutsche Internatsschule zu Spat, wo sie den Vorsitzenden des Schriftstel-
lerverbandes der Wolgadeutschen Republik Gerhard Sawatzky kennenlernte. Von 1937 bis 1939 studierte
sie an der Pädagogischen Hochschule in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, konnte ihr
Studium allerdings erst nach der Deportation in den 1960er-Jahren wiederaufnehmen. Vor ihrer Übersied-
lung nach Deutschland arbeitete sie als Lehrerin in Kasachstan.
Der bei seiner Großmutter ist Westsibirien aufgewachsene Viktor Heinz hingegen schlug eine universi-
täre Laufbahn ein, nachdem er 1959 ebenfalls ein Studium der Germanistik an der Pädagogischen Hoch-
schule in Nowosibirsk aufgenommen hatte – was ihn übrigens mit der Hauptfigur in seinem Roman „In
der Sackgasse“ (1996) verbindet. In Omsk promovierte er 1971 mit einer Arbeit über deutsche Dialekte in
Sibirien. Neben seiner eigenen schriftstellerischen Tätigkeit förderte Heinz, der 1992 nach Deutschland
übersiedelte und dort (u. a. neben der Autorin Agnes Gossen) Mitbegründer des Literaturkreises der Deut-
schen aus Russland wurde, russlanddeutsche Nachwuchsautor/inn/en in postsowjetischen Staaten.
149
Laß Güte vor Buchstabenrecht ergehen,
mein Land, schick den verlornen Sohn nicht fort! 510
Diese Verse Johann Warkentins, der übrigens selbst im öffentlichen Diskurs nur die in deutscher
Sprache verfasste Literatur als russlanddeutsche gelten lassen wollte,511 nehmen Bezug auf die
schlechten sprachlichen Voraussetzungen der Mehrzahl russlanddeutscher Minderheitsangehöri-
ger bei der oft lang ersehnten Ausreise in ein deutschsprachiges Land. „Um Einlass gefleht“ wer-
den muss vor allem deswegen, weil eine Aufnahme an die deutsche Sprachfertigkeit als Bedin-
gung geknüpft ist. Das für die Einreise notwendige Bekenntnis zur deutschen „Volkszugehörig-
keit“ muss nicht zuletzt dadurch bestätigt werden, dass der/die Betroffene noch zur Zeit der Aus-
siedlung ein einfaches Gespräch auf Deutsch bzw. in einem russlanddeutschen Dialekt führen
kann. Nur wenn u. a. diese Voraussetzungen erfüllt ist, wird ein Aufnahmebescheid erteilt.512
Welch große Hürde diese Bedingung darstellen kann, wird in dem Gedicht eindrücklich darge-
stellt. Dabei ist es das „eigene“ Land, das angefleht und besänftigt werden muss, mit dem sich
der/die Sprecher/in bereits eindeutig identifiziert, wenn es da unter Verwendung des Possessiv-
pronomens heißt: „mein Land, schick den verlornen Sohn nicht fort!“ Die von vielen Mig-
rant/inn/en in das Aufnahmeland mitgebrachten Kenntnisse der deutschen Sprache bezeichnet
Warkentin an anderer Stelle vielsagend als „Splitterdeutsch“513, das von sprachlichen Standards
bzw. Normen, dem „Buchstabenrecht“514, stark abweicht.
An diesem Punkt bietet sich ein kurzer Exkurs zu den Forschungserkenntnissen Peter Hilkes hin-
sichtlich russlanddeutscher Bildungseinrichtungen an. Fragen nach der „eigentlichen“ Mutter-
sprache sorgen ihm zufolge immer wieder für Diskussionsstoff.515 Unterschieden werden muss
dabei zwischen dem subjektiven Bekenntnis zur deutschen Sprache und der tatsächlichen Sprach-
kompetenz, denn von den in Untersuchungen Befragten, welche sich in vergleichsweise hohem
Maße zu Deutsch als Muttersprache bekannten, beherrschten nur wenige elementare Sprach-
kenntnisse. Ferner ist festzuhalten, dass die Zahl der Dialektsprecher/innen nicht zuletzt durch die
Verstädterung kontinuierlich abgenommen hat. Entstanden sind Ausgleichsdialekte und im Rah-
men institutioneller Deutschkurse wird deutsche Standardsprache gelehrt. In seinem im Jahr 1996
erschienenen Aufsatz führt Hilkes am Beispiel des deutschen Rayons Halbstadt in Sibirien aus,
welche Schwierigkeiten die Schulrealität vor Ort bestimmen. Waren demzufolge bis vor einigen
Jahren noch viele Schüler/innen dazu in der Lage, sich in einem russlanddeutschen Dialekt zu
510
Warkentin, Johann: Nachhilfe-Unterricht in Geschichte. In: Warkentin (1996), S. 12.
511
Vgl. Moritz (2004), S. 189.
512
Vgl. Polestschuk, Karina: Spätaussiedler und ihre Integration in die Bundesrepublik Deutschland. Ba-
chelorarbeit. Hochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege (FH) Meißen 2018.
[Link]
[Link] (25.06.2021), S. 18.
513
Warkentin, Johann: Tribut an die Pathetik. In: Warkentin (1996), S. 15.
514
Warkentin, Johann: Nachhilfe-Unterricht in Geschichte. In: Warkentin (1996), S. 12.
515
Vgl. Hilkes (1996), S. 161.
150
verständigen oder ihn zumindest zu verstehen, sei dies nun seltener geworden. Zudem seien
durchwegs sehr heterogene Lerngruppen entstanden, die Unterscheidung zwischen Deutsch als
Muttersprache bzw. Fremdsprache sei fadenscheinig, wobei es eine prinzipielle Tendenz zu letz-
terem gebe.516 Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse können etwa die Sprachkenntnisse
Alinas in Eleonora Hummels Roman „Die Fische von Berlin“ als ein durchaus „realistisch“ ge-
zeichnetes Bild gewertet werden. Das zwölfjährige Mädchen Alina besitzt zwar deutsche Kinder-
bücher, die der Vater ihr kauft (wohl auch als Vorbereitung für die Auswanderung), das Kind
schaut sich darin jedoch nur die Bilder an, denn die Sprache hat es nie gelernt.517
516
Vgl. Hilkes (1996), S. 161.
517
Vgl. Hummel (2005), S. 180.
518
Wacker, Nelly: Muttersprache. In: Wacker (1998), S. 15.
151
Sie war ein Notbehelf und war das Dach
Für alle Hundert, die der Zwang verbunden.
Und jeder hielt sein Volksempfinden wach,
egal wie schlimm der Muttersprache Schwund war. 519
Werden die verlorenen Sprachkompetenzen in dem Text gleichsam als Mangel eingestanden, so
ist in anderen Sonetten von diesem Punkt ausgehend der Versuch, die „ungenügenden“ Sprach-
kenntnisse gegenüber der Aufnahmegesellschaft zu erklären, angelegt. Die Sprechinstanz beklagt
hier das Unverständnis für die Situation der Migrant/inn/en unter der bundesdeutschen Bevölke-
rung: „Begreift er wirklich nicht, der Neunmal-Kluge / daß grade jenen, die am schwersten tru-
gen, / der Luxus Muttersprache blieb versagt?“520 Warkentins angriffiger Schreibweise – bzw. in
den Worten Engel-Braunschmidts seiner „fröhlichen Respektlosigkeit“521 – wird durch die for-
male Strenge und inhaltliche Geschlossenheit seines lyrischen Spätwerks eine zusätzliche Schärfe
verliehen. In mehreren Texten schwingt, die abnehmenden deutschen Sprachkompetenzen der
„Unsrigen“522 vor Augen, die Sorge eines erneuten „Verstummens“ und Ausschlusses aus der
Teilhabe an mehrheitsgesellschaftlichen Diskursen mit. Dieses Verstummen reicht in kollektiven
Identitätskonstruktionen weit in die Vergangenheit zurück bis an den Anfang deutscher Besiede-
lung im russischen Zarenreich:
Die Anführungszeichen für die „Stummen“ verweisen in diesem Ausschnitt des Textes, welcher
wie viele Gedichte Warkentins mit Endreimen und Assonanzen verfährt, auf den faktischen Hin-
tergrund des Begriffs: „Die [Russen] nannten sie [die westlichen Völker] einfach alle ,nemzy‘
und Schluss, obgleich es sich um Dänen, Schweden, Italiener, Holländer handelte. Die waren für
sie ,nemyje‘ – Stumme, Sprachlose, und Punkt“,524 erklärt Christian in „Das Haus des Heimatlo-
sen“ seinem Bruder David den Begriff „nemzy“, welcher immer wieder in Werken russlanddeut-
scher Literatur als kulturhistorisch codierter Begriff auftaucht. So begegnen wir ihm auch in dem
Gedicht „Geiseln jenes Krieges“ von Nelly Wacker. Das Wort, auf das schon in Kapitel 3.5 dieser
Arbeit eingegangen wurde, dürfte ursprünglich auf das urslawische němъ für „stumm“ (mit Suffix
-ьcь) zurückgehen und wurde von der russischen Bevölkerung als Bezeichnung nicht nur für
deutsche Kolonist/inn/en, sondern für Fremdsprachige unterschiedlicher Herkunft, die sich mit
den Slaw/inn/en nicht verständigen konnten (weil jene in den ersten Generationen oft nur über
519
Warkentin, Johann: Wer den Schaden hat. In: Warkentin (1996), S. 68.
520
Warkentin, Johann: Wenn ich fragen dürfte … In: Warkentin (1996), S. 69.
521
Engel-Braunschmidt (2007), S. 163.
522
Warkentin, Johann: V. Diesseits der Oder. In: Warkentin (1996), S. 63
523
Warkentin, Johann: Wie lange noch heimatlos? In: Warkentin (1996), S. 64.
524
Belger (2014), S. 221.
152
geringe Russischkenntnisse verfügten), gebraucht. Die dramatische Wende nach dem Kriegsge-
schehen im 20. Jahrhundert hin zum Verstummen in der Muttersprache beschreibt NellyWacker
in einer Antithese:
Die Identifizierung als „Nemzy“ zeugt hier von dem Unverständnis, das Mitglieder der Mehr-
heitsgesellschaft einer scheinbar benachteiligten Gruppe entgegenbringen. Die Erfahrung des Un-
erwünscht-Seins wiederholt sich nach der Auswanderung für die Betroffenen. In der Sekundärli-
teratur hat sich für dieses Erleben der Begriff „doppelte Fremdheit“526 etabliert. In der dritten und
letzten Strophe formuliert der/die Sprecher/in in Wackers Text schließlich den existenziellen
Wunsch „Wir wollen endlich Deutsche unter Deutschen sein!“527 und bezeichnet als die „wahren
Stummen“ jene Kinder, denen die deutsche Sprache eben nicht mehr schulisch oder vonseiten der
Familie vermittelt worden war: „Daß viele Kinder heut zu wahren ,Stummen‘ wurden, – / dafür
sind weder sie noch wir so hart zu strafen.“528 An diesem Punkt setzt auch Warkentins Gedicht
„Wenn ich fragen dürfte …“ an, wenn die lyrische Sprechinstanz die verschärften Bedingungen
wie Sprachtests für Russlanddeutsche, die (noch) einer Ausreise nach Deutschland harren, kriti-
siert. Aus den Texten Warkentins, der selbst als Sprachlehrer im Altai und in Kasachstan tätig
war, ist allerdings nicht nur Gram ob des Schwunds der einstigen deutschen Muttersprache her-
auszuhören, sondern ebenso das Bedauern ob des Vergessens des Russischen unter den mit ihren
Eltern ausgewanderten Kindern. Für sie ist mit „Muttersprache“ nicht Deutsch, sondern Russisch
gemeint: „Bald flutscht das Deutsche, doch bedrohlich stockt / die Muttersprache und wird zuge-
schüttet …“529 Der titelgebende Gedanke des Textes „Der Idealfall wären Zwitter“ wird in der
letzten Strophe zu Ende geführt. Die Verse, die sich zu einem durch Enjambements aufgeteilten
Satz fügen könnten, sind geteilt durch ein Ausrufezeichen, das den zweiten Teil bzw. die dritte
Verszeile gleichsam zu einer nüchternen Beantwortung einer unrealistischen Hoffnung gerinnen
lässt:
525
Wacker, Nelly: Geiseln jenes Krieges. In: Wacker (1998), S. 13.
526
Vgl. zum Beispiel: Podelo, S. 133.
527
Wacker, Nelly: Geiseln jenes Krieges. In: Wacker (1998), S. 13.
528
Ebda.
529
Warkentin, Johann: Der Idealfall wären Zwitter. In: Warkentin (1996), S. 74.
530
Ebda.
153
Während Wacker in ihren Texten die Erlösung im Ablegen einer der beiden Sprachen und in der
Rückbesinnung auf die eine Muttersprache konstruiert, entwirft Warkentin also das Idealbild in
der nebeneinander existierenden „Vollkommenheit“ beider Sprachen. In letzterem Fall scheint es
nicht erstrebenswert, eine Seite zum Vorteil der anderen aufzugeben. Erstaunlich dabei ist, dass
in Warkentins Text – zumal die Besonderheit russlanddeutscher Sprachvarietäten eben in der
Verwobenheit von Elementen aus mehreren Sprachen besteht – eine „Vermischung“ nicht als
wünschenswert inszeniert wird. Vielleicht ist aber das abschließende Postulat „Doch gibt’s nor-
malerweise keine Zwitter“ gerade als Anspielung auf ebendiesen Umstand der Hybridität zu le-
sen: Damit wird – wenn auch nicht die Möglichkeit – so aber zumindest die Wahrscheinlichkeit
des Eintretens dieses Zwitter-Zustands negiert und hiermit ebenso die Konstruktion eines voll-
kommenen Nebeneinanders, eines perfekten Code-Switchings bzw. einer voneinander abgetrenn-
ten und nach Bedarf abrufbaren russischen bzw. deutschen Identität.
In den theoretischen Betrachtungen haben wir bis jetzt besonders zeitliche Aspekte neuerer russ-
landdeutscher Literatur bzw. Migrationsliteratur berücksichtigt. Diese Perspektive soll nun durch
einen Diskurs über Räume bzw. Räumlichkeit und deren Darstellungsweisen bzw. Funktionen
ergänzt werden. Mit dem Begriff „Raumblindheit“531 weist Klaus Müller-Richter auf die klassi-
sche Migrationsforschung hin, die erst seit kurzem erweitert wurde durch Fragen nach den Raum-
formen, in denen Migration stattfindet, Raumlogiken, auf deren Basis sie imaginiert werden, so-
wie Typen von Mobilität. Denn obwohl nach Chiellino die Mehrheits- bzw. Aufnahmegesell-
schaft eher zu einer Betonung des Räumlichen im Gegensatz zur Kontinuität des Zeitlichen ten-
diere, sind das dynamische Bedeutungsnetz, in dem Räume, Raumlogiken und migratorische Mo-
bilitätsformen entstehen, sowie Praktiken der Verortung in Literatur nicht hinreichend untersucht.
Die Motive und Narrative in russlanddeutschen lyrischen wie erzählenden Texten sind, nicht an-
ders als an die Zeit, stark an Konzepte von Raum gebunden; eine Gewichtung zugunsten einer
Betonung von Zeit oder Raum, wie von Chiellino angedeutet, ist dabei nicht herauszulesen.532
Gerade aus vielen russlanddeutschen Texten wird eine Raumimagination permanenter Migration
erkennbar, die sich einerseits aus den individuellen familiären, hoch komplizierten Migrationser-
fahrungen speist, andererseits durch die überlieferten kollektiven Deportations- bzw. Verban-
nungstraumata bedingt sind. So beginnt, um an dieser Stelle die Theorie mit einem Beispiel zu
unterfüttern, das neunte Kapitel in Viktor Heinz’ Roman „In der Sackgasse“, als Willi und sein
531
Müller-Richter (2007), S. 14.
532
Johann Warkentin formuliert in seinem „Rechtfertigungsversuch“, der den „Rußlanddeutschen Berlin-
Sonetten“ gleich einem Vorwort vorangestellt ist: „Etliche Sonette passen überhaupt nicht ins Raster,
manche könnten ebensogut in einer anderen Sparte stehen – vor allem jene, die einst und jetzt verglei-
chen; für uns Kollerdisteln ist das ja zugleich eine Gegenüberstellung von dort und hier.“ [Warkentin, Jo-
hann: Rechtfertigungsversuch. In: Warkentin (1996), S. 9.]
154
Freund Hugo von Nowosibirsk nach Omsk übersiedeln, um an der dortigen Fremdsprachenhoch-
schule ihre Lehrstellen anzutreten, mit der Imagination steter Bewegung:
Solch ein Lied sangen Willis Großeltern, als sie an der Jahrhundertwende von der Wolga nach Sibi-
rien gekommen waren. Und so sangen auch später nach Kriegsausbruch die vielen Sonderumsiedler,
die von der Wolga nach Sibirien deportiert wurden. Doch gab es kein Zurück mehr. Weder für die
freiwilligen Umsiedler noch für die Zwangsumsiedler. 533
Nun ist der konkrete Umzug des Protagonisten Willi von Nowosibirsk nach Omsk in diesem Fall
schlecht als Migration im klassischen Sinne zu interpretieren, interessant ist allerdings, dass diese
Bewegung mit den historischen Übersiedlungen der Vorfahr/inn/en in Verbindung gebracht wird,
man sich gleichsam mit diesen identifiziert. Während die eigenen Großeltern bereits zur Jahrhun-
dertwende freiwillig nach Sibirien gekommen waren, gedenkt Willi im selben Satz auch dem
Schicksal der wolgadeutschen Sonderübersiedler/innen, welche später dorthin deportiert worden
waren. Die Orte werden also rückgebunden an die familiäre, individuelle Familiengeschichte (und
damit das kommunikative Gedächtnis) sowie an eine abstraktere Kollektivgeschichte (dem kul-
turellen Gedächtnishorizont).
Es entspreche einer Art Paradox der Migration, dass jene eine Bewegung darstelle, zum Ziel aber
eine Ankunft habe, die mit der geografischen Übersiedlung in einen anderen Raum nicht abge-
schlossen sei – dies erkläre, warum die Antizipation und Reflexion, die Bewertung und Narration
von Migrationen auf das Engste mit der Imagination von Verortung und gelingender Lokalisie-
rung verbunden sei, so Müller-Richter.534 Raum müsse in diesem Sinn begriffen werden als ein
komplexes Produkt kultureller, sozialer und diskursiver Praktiken (in der Zeit). Aus dem prinzi-
piell unendlichen Repertoire an Unterschieden wird je nachdem eine Auswahl getroffen, die dann
für Unterscheidungen bzw. Einteilungen herangezogen werden kann:
Mithin rekurriert der Begriff der Migration immer und notwendig auf diskursive Konstruktionen
und – mit Foucault gesprochen – Dispositive, die aus einem prinzipiell offenen Archiv an Differen-
zen ein Subensemble von Unterschieden auswählen und sodann geografisch der Herkunft und Ziel-
region zuordnen: Erst auf diese Weise wird aus einem einfachen Umzug eine Migration. 535
533
Heinz (1996), S. 117.
534
Vgl. Müller-Richter (2007), S. 29.
535
Ebda., S. 12.
536
Vgl. ebda., S. 11.
155
zu extrahieren und erklären versuchen, fragwürdig. Die in vielen Texten veranschaulichte Dicho-
tomie zwischen einem „Hier“ und einem „Dort“ fußt auf der Annahme einer kategorialen, quali-
tativen Differenz, die oft an unterschiedlichen Nationalitäten bzw. am Überschreiten territorialer,
nationalstaatlicher Grenzen festgemacht wird. Die Begriffe des Nationalen oder des nationalstaat-
lichen Territoriums fungieren dabei recht besehen implizit als Sammelbegriff für wenig eindeu-
tige kulturelle, ethnische oder auch rassische Konzepte.537
Klar ist jedenfalls, dass Konzepte von Identität nicht unabhängig von diskursiven Systemen an-
derer Identitäten gebildet werden können, die für eine Selbsteinschätzung als Vergleichskontext
relevant sind. Diese Einschätzungen beeinflussen auch die Raumvorstellung der eigenen „Hei-
mat“, die Entscheidung für oder gegen eine Migration oder führen gar zum Entschluss der Rück-
kehr oder zumindest zur Aufrechterhaltung der Verbindung zu dem Ort, den man hinter sich ge-
lassen hat. Die Suche nach Orten, die selbst wiederum nur eine Zwischenstation bilden sollen für
die endgültige Ausreise nach Deutschland, wird für Alinas Eltern in „Die Fische von Berlin“ zu
einem wahnwitzigen Spiel, das von Schwester Irma, die anderen Raum- und Zugehörigkeitsvisi-
onen nachhängt, gleichsam entlarvt wird:
Abends beugten wir uns über eine Karte und lasen uns gegenseitig Städtenamen vor. Das Land war
groß, unsere Auswahl nicht. […] Irgendwo mußte es einen Ort geben, wo die Bande [gemeint sind
hier die Beamten der örtlichen Behörde] unter südlicher Sonne milder gestimmt war und sich keiner
dafür interessierte, wie viele Ausreiseanträge Vater in den letzten zwanzig Jahren gestellt hatte, seit
ein Traum von einem schönen fernen Land sein Leben bestimmte.
Die einzige, die sich nicht an unserem Spiel beteiligte, war Irma. […] Sie stand im Türrahmen, hielt
einen Teller in der Hand und biß in einen gefüllten Pfannkuchen. „Glaubt ihr ernsthaft, dort wartet
jemand auf euch?“538
Im Hummels Roman „Die Venus im Fenster“, der schließlich die Geschichte nach der herbeige-
sehnten Ausreise weitererzählt, dreht sich alles um den Neuanfang der Familie in Deutschland.
Dieser geht schließlich mit einer schrittweisen Änderung der imaginären Raumvorstellungen, mit
individuell unterschiedlichen gesellschaftlichen Verortungen der Protagonist/inn/en und der
Wandlung von Heimatbildern einher. Aber bereits lange Zeit vor der besagten Ausreise schreibt
sich der spätere Lebensmittelpunkt– oder besser gesagt eine Erinnerung bzw. Vorstellung von
diesem fernen Ort – in die Erzählung ein. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Imagination des
Auswanderungslandes bzw. -ortes (als Vorstellung eines zukünftigen Raumes) in russlanddeut-
schen Werken mit Vorstellungen einer „Urheimat“ der Vorfahr/inn/en überschrieben wird, also
gleichzeitig eine in der Zeit entgegengesetzte Perspektive in die Vergangenheit öffnet. Das „Über-
einanderlegen“ verschiedener Zeitebenen ist auch im zitierten Textausschnitt aus „In der Sack-
gasse“ weiter oben angelegt, sofern mit aktuellen oder bevorstehenden Ortswechseln die Migra-
537
Vgl. Müller-Richter (2007), S. 12.
538
Hummel (2005), S. 30 ff.
156
tionsgeschichte(n) der Vorfahr/inn/en mitgedacht wird bzw. werden. Gerade durch die Viel-
schichtigkeit der Bezüge können die Orte trotz ihrer wiederholten – und sich dabei wandeln-
den – Bestimmungsversuche als Ausdruck einer Orientierungslosigkeit bzw. Heimatlosigkeit in-
terpretiert werden.
Beschreibungen von Räumlichkeiten, gebrochen durch die Perspektiven von Erzählinstanz, Figu-
ren bzw. Sprechinstanz eines Gedichts, erscheinen dabei häufig stark emotional aufgeladen. Mit
„Topografie des Seelischen“ bezeichnet Bingel-Jones die durch eine enge Verknüpfung zwischen
Figur und den vom Verfall betroffenen Orten, Schauplätzen und Landschaften der Vergangenheit
entstehende subjektive Semantisierung der Raumdarstellung: Die Orte werden zur Projektions-
fläche eines bestimmten Gefühls der Figur bzw. der Erzählinstanz.539 In einem verräumlichten
Korrelat wird dem emotionalen Zustand symbolhaft Ausdruck verliehen; man könnte von einem
affektivem Zugang zu einer Landschaft sprechen. Nach Jan Assmanns These der „Erinnerungs-
landschaften“ haften Erinnerungen insbesondere an Orten und Landschaften, Raum bildet für ihn
den bedeutendsten Faktor für die Erinnerungspraxis, in ihm wird die „erlebte Zeit“540 verankert.
Diese gedächtnisbildende Funktion topografisch akzentuierter Texte finden wir besonders ausge-
prägt auch in Werken russlanddeutscher Literatur. Die Räume können dabei entweder „nur“ abs-
trakt bzw. psychisch verortet und in ihrer Ausgestaltung schemenhaft umrissen erscheinen oder
aber es werden (zusätzlich) ganz konkrete geografische Angaben gemacht. Bezieht man die von
Bingel-Jones eingeführte „Topografie des Seelischen“ nicht nur auf Orte und Schauplätze der
Vergangenheit, die „von Verfall“ geprägt sind, sondern berücksichtigt jegliche engen Verknüp-
fungen zwischen Figuren und Orten – wobei letztere durch den spezifischen Erfahrungshinter-
grund der Figuren eine besondere Semantisierung erfahren –, so entsteht für die Raum-Motivik
russlanddeutscher Literatur ein einzigartiges „Landschaftsbild“, dem meist eine zentrale Frage
innewohnt: Es ist die Frage nach der Heimat. Mit ihr ist häufig die Sehnsucht bzw. der Wunsch
nach eindeutiger Zugehörigkeit zu einer Gruppe verbunden.
Die literarischen Schauplätze bilden somit stark emotional aufgeladene Gedächtnisbilder, die
Identifikationspotenziale bereitstellen wie verschiedene Handhabungen entlang eines Kletterpar-
cours – sie bieten sich an wie die Griffe unterschiedlicher möglicher Routen. Zu den mit beson-
derer Häufigkeit und Intensität behandelten Komplexen zählen neben großteils vage gehaltenen
Imaginationen einer „Urheimat“ der einst aus Europa ausgewanderten Vorfahr/inn/en die erin-
nerte Landschaft der ursprünglichen Siedlungsgebiete russlanddeutscher Kolonist/inn/en in Russ-
land vor der Deportation (vielfach der Wolgastrand und das Schwarze Meer), die Kälte und Karg-
539
Vgl. Bingel-Jones (2018), S. 393.
540
Assmann, J. (2000), S. 38.
157
heit der Steppe – die Landschaft der Verbannung bzw. Kommandantur – sowie die zumeist städ-
tische Umgebung im Auswanderungsland. Präsentationen dieser Orte in den literarischen Werken
erheben einerseits Anspruch auf ihre reelle Wirklichkeit in der faktischen Welt, aber nicht nur: In
Nelly Wackers Lyrik stehen etwa Namen, die auf bestimmte geografische Orte der Wirklichkeit
außerhalb des Textes verweisen, neben Beschreibungen namenloser Landschaften, die zu schein-
bar allgemeingültigen Seelenbildern – und bei Kenntnis der russlanddeutschen Geschichte gleich-
zeitig zu Gedächtnisbildern – mutieren. Schon dieser Gedichttitel und die damit aufgetane Dicho-
tomie zwischen „Meer und Steppe“ öffnet beispielsweise zwei endlose imaginäre Räume und
beschwört trotzdem ein Geheimnis. Durch eine Formulierung, wonach nur Personen, die xy erlebt
haben, dazu in der Lage sind, xy zu verstehen, entsteht ein exkludierender Gestus. Der in zwei
Strophen zu je vier Zeilen gegliederte Text beschwört eine seelische Verbindung bzw. Verwandt-
schaft zu den beiden ausgesetzten Schauplätzen, dem Meer und der Steppe, wobei die Strophen
als Parallelismus aufgebaut mit einer Anapher beginnen. Dazwischen bleibt der Ortswechsel
selbst unthematisiert. (Einer lebensgeschichtlichen Interpretation folgend könnte diese Leerzeile
als Sinnbild für die Zwangsumsiedlung und Verbannung gelesen werden.) Das Gefühl des Aus-
gesetztseins ist dabei nicht an das Alleinsein gebunden, insofern Letzteres in der zweiten Strophe
ersetzt wird durch eine kleine Gemeinschaft ums Feuer Sitzender, die einander einmal mehr
(„Flut“) und einmal weniger bzw. nichts541 („Ebbe“) zu sagen haben.
Einerseits bildet die Weite des Meeres eine verbindende Analogie zur Ungeschütztheit in karger
Steppenlandschaft, andererseits spannt sich in dem Text eine drastische Dichotomie zwischen
„hier“ und „dort“ auf, die gleichzeitig mit einer Dualität zwischen „altem“ und „neuem“ Lebens-
mittelpunkt in Verbindung gebracht werden kann, zumal die auf der Krim geborene Autorin in
einer Vielzahl anderer Gedichte explizit auf das Schwarze Meer als Kindheitsort referiert. Umge-
kehrt werden auch Orte in Kasachstan in zahlreichen Texten Wackers nicht nur eindeutig nament-
lich bestimmt – so etwa Landschaften wie Borowoje, die Kasachische Schweiz oder der Bukpa-
Berg nahe der Stadt Kokshetau –, sondern zudem über Flora und Fauna verortet.543 Was dieses
541
Das Schweigen ist zentrales Motiv in russlanddeutscher Literatur; vgl. Kapitel 3.5 und 4.6.
542
Wacker, Nelly: Meer und Steppe. In: Wacker (1998), S. 62 f.
543
Prominentestes Beispiel hierfür ist ihr 1976 in Alma-Ata erschienenes Kinderbuch „Blumenmärchen“,
in dem Pflanzen über die ihnen zugeschriebenen und aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammenden
Legenden berichten. „Die Blume Erika“, heißt es in dem 2002 im Lage-Hörste erschienenen, adaptierten
Text, „ist eine mutige Blume. Sie blüht auch dort, wo nichts anderes wachsen kann. Darum und weil du
158
Gedicht von anderen unterscheidet, ist nicht nur die starke Symbolik, die durch das Weglassen
von Ortsnamen potenziert wird, sondern auch die ausbleibende Bewertung der Räume bzw. Zei-
ten. Während die Sprechinstanz am „freien“ Meer noch „allein“ und „schweigend“ mit sich „ins
Gericht“ geht, findet sie sich in der Steppe in einer kleinen Gemeinschaft mit „seelennahen Men-
schen“ wieder. Der Text beleuchtet auf diese Weise zwei unterschiedliche Aspekte einer Heimat-
vorstellung, die eine territoriale und eine soziale Seite hat.544 Das Ende mit der Metapher von
„Flut und Ebbe“ der Mitteilsamkeit versetzt den/die Rezipient/in gleichsam zurück an den Anfang
des Textes und damit an die Küste bzw. das Meer, das in der Fremde zum gemeinsamen Erinne-
rungs- und Sehnsuchtsort geronnen ist (und dennoch für jeden eine unterschiedliche Bedeutung
bewahren kann).
Diese hier schon angelegte Dualität wird in anderen Texten der Autorin geradewegs zu einer noch
eindringlicheren Zweiteilung zwischen „neuer“ und „alter Heimat“ gesteigert – dort hingegen im
Sinne des Herkunftslandes (Kasachstan) und des Ausreiselandes (Deutschland) zu verstehen. Oft
scheint sich diese Zweiteilung in Texten wie „Dort … hier …“ allerdings zu nichts mehr als zu
einer Art Aufzählung der Verbesserungen seit der Verlagerung des Lebensmittelpunktes in die
„neue Heimat“ aufschwingen zu können – so würde man zumindest meinen, wäre da nicht die
letzte Strophe des besagten Gedichts, die die einst verschütteten Perspektiven bzw. Sehnsüchte
der „alten Heimat“ noch einmal aufleben lässt in einer schlichten Prägnanz, die die emotionale
Rückbindung an den früheren Lebensmittelpunkt verdeutlicht. Doch die drastische Zäsur macht
die Abkehr von dem zurückgelassenen Ort endgültig und die „alte“ wird darum folgerichtig zur
„falschen Heimat“ stilisiert:
Anhand dieser Spurensuche in Wackers Gedichten wird eines ganz deutlich: Wenn hier Bilder
von Heimat, die für russlanddeutsche Literatur von derartiger Relevanz sind, verhandelt werden,
dann mag dies zwar häufig mittels der Inszenierung von Dichotomien zwischen „hier“ und „dort“
oder „neu“ und „alt“ geschehen, doch werden diese Kategorien immer wieder auf verschiedene
Räume angewendet: So sind bei Wacker unschuldige Kindheitsbilder in einer Landschaft verortet,
die sich zwar durch Erinnerungen an real Verlorengegangenes konstituiert, trotzdem aber gänz-
lich „entrückt“ und „unfassbar“ erscheinen. Denn während in dem zuletzt zitierten Text die „alte“
bzw. „falsche“ Heimat sich in dem mit der Auswanderung freiwillig zurückgelassenen Ort bzw.
so heißt, ist sie meine Lieblingsblume.“ [Zitiert nach Brantsch, Ingmar: Wacker, Nelly. [Link]
[Link]/web/20150712150147/http:/[Link]/biographien/wacker-nelly-2 (29.06.2021).]
544
Vgl. das folgende Kapitel 4.5 Das Narrativ der verlorenen Heimat.
545
Wacker, Nelly: Dort … hier … In: Wacker (1998), S. 12.
159
dem „alten Leben“ konstituiert, entwirft das lyrische Ich etwa in dem Zyklus „Reisebilder – Som-
merferien – Wiedersehen mit der Krim“ Zwiegespräche mit weiter zurückliegenden Orten der
eigenen Kindheit und Jugend. Es stellt Fragen wie: „Konnte jemand ahnen, daß in Stunden nur /
eines unmenschlichen Krieges Wüten / hier verwischen sollte jede Spur / von dem Heim, wo
unsre Jugend blühte?“546 Die Heimat vor der Zäsur 1941 wird so zur „unschuldigen“ Heimat, aber
auch einer verlorenen Heimat, die nur noch durch Erinnerung oder Narration (vgl. „am kleinen
Feuer in der Steppe […] mit seelennahen Menschen“547) zugänglich ist. Dies schmälert aber kei-
neswegs die Vorstellung tiefster innerer Verbundenheit, die sich nach Müller-Richter in ihrer
Übersteigerung zu einer Phantasmagorie, einem Traumbild der identitätsstiftenden Erinnerung,
auswachsen kann:
Besitzt im Migrationskontext Heimat bereits stets den dialektischen Bezug auf ein real Verlorenes
(in der Vergangenheit); und wird Heimat im Verlust übersteigert als Phantasmagorie einer Verbun-
denheit mit dem unschuldigen Ort der eigenen Kindheit oder Jugend, so fragmentiert sich diese
Heimat weiter, wo sie Ausgang und Auslöser millionenfacher Vertreibung und Vernichtung gewe-
sen ist.548
Diese „Fragmentierung“, die anhand der hier angeführten Textausschnitte der Autorin Nelly Wa-
cker zu umreißen versucht wurde, spiegelt sich wieder in der kontinuierlichen Neuaushandlung
des Heimatbegriffs in russlanddeutschen Werken. Schon die Autorenbiografien sind gleichsam
Marker für die sich in den (häufig autobiografischen) Texten widerspiegelnde Verstreutheit und
Heterogenität der Heimat-, Zugehörigkeits- und Identifizierungsangebote.549 Stellte man sich die
Raum- und Lagebeschreibungen in den Texten bildlich als Reliefkarte vor, so könnten die Straßen
und Wege, die sich durch die verschiedenen Formationen ziehen und diese miteinander verbin-
den, die individuellen Erinnerungswege der Menschen sein, die sich zwar immer wieder kreuzen,
doch aber jeweils einen anderen Blick auf die Landschaften und die mit ihnen assoziierten (weil
in ihnen erlebten oder mit Gefühlen verknüpften) Erfahrungen offenbaren.
Gerade in Texten, die nicht mit einem lyrischen Ich, sondern dem größere Zusammenhänge ver-
deutlichenden Wir operieren, werden jedoch gerade die verbindenden Knotenpunkte einer Wir-
Gruppenidentität betont. Der Blick wird dabei nicht auf ein Einzelschicksal gelenkt. Das wider-
fahrene Leid und der Schmerz müssen nicht ausdifferenziert werden, sie sind überindividuell.
546
Wacker, Nelly: Salgir. In: Wacker (1998), S. 69.
547
Wacker, Nelly: Meer und Steppe. In: Wacker (1998), S. 62 f.
548
Müller-Richter (2007), S. 26 f.
549
Nelly Wacker, die selbst als Lehrerin für Deutsch und Russisch im Kaukasus und später in Kasachstan
gearbeitet hatte und 1993 im Alter von dreiundsiebzig Jahren nach Deutschland übersiedelte, beschreibt
in „Wermut. Eine Familienchronik“ das Schicksal ihrer Familie, in der alle sechs Kinder durch die Wirren
der Geschichte wie „Späne auseinandergeweht“ wurden. Die Metaphorik hinter den auseinandergewehten
bzw. losen kleinen Teilchen ist in russlanddeutscher Literatur omnipräsent – ob es sich nun um „Senfkör-
ner“ [Vgl. Reimer (2000).], „Sandkörnchen“ [Vgl. Belger (2014), S. 63], „Späne“ [Vgl. Belger (2014), S.
126.], „Scherben“ [Weber (2006).] oder „Kollerdisteln“ [Vgl. Warkentin (1996), S. 64.] handelt.
160
Auch die in einer Vielzahl von russlanddeutschen Texten wiederholt mit dem Gefühl der Ausge-
setztheit und Vereinsamung konnotierte Beschreibung von Kälte und Ödnis der Steppe, also von
dem Raum der Verbannung, kann so zum Instrument der Wir-Gruppen-Formation werden:
Der hier zitierte Ausschnitt aus Wackers wohl bekanntestem Gedicht (neben dem Text „Zwei
Muttersprachen) mit dem Titel „Ich bitte ums Wort“ äußert darüber hinaus den dringenden
Wunsch, den Opfern ein „ewigleuchtendes und lichtes / millionenfach benamtes DENKMAL [zu]
bauen“551. An Denkmälern, d. h. medial fixierten Erinnerungsorten des kulturellen Gedächtnisses,
oder aber an ihrem Fehlen entzünden sich immer wieder Konflikte;552 auch die russlanddeutsche
Bevölkerung moniert seit Jahrzehnten den Mangel an Erinnerungszeichen für die Opfer des Sta-
linismus, die Unterdrückten des Terrorregimes, und fordert die Eingliederung marginalisierter
Vergangenheitsversionen, ihres Gegengedächtnisses, in das Mehrheitsgedächtnis, d. h. in die of-
fizielle bzw. kanonisierte Geschichtsschreibung, sowie die Sichtbarmachung im öffentlichen
Raum. Die Leerstelle wird nicht nur offenbar im Fehlen entsprechender Einträge in Geschichts-
büchern oder in Museen, Denkmälern im Stadt- und Landschaftsbild usw. – das ist der große ge-
sellschaftliche Rahmen –, sondern auch im Fehlen von Gräbern der eigenen Ahn/inn/en:
Die Unbestimmbarkeit der Gräber der Vorfahr/inn/en, diese „räumliche Unsicherheit“ der bio-
grafischen Vorgeschichte, gehört zum festen Symbolhaushalt russlanddeutscher Literatur. Denk-
mäler als „dingliche Verifikation[en]“553 der Gedächtnis-Topografie, die die Aufgabe haben, die
wundergleichen Ereignisse der Vergangenheit mit der realen Welt der Gegenwart zu verbinden,
550
Wacker, Nelly: Ich bitte ums Wort! Meinem Vater Reinhold Bäuerle. In: Wacker (1998), S. 36.
551
Ebda., S. 37.
552
Vgl. Uhl, Heidemarie: Warum Gesellschaften sich erinnern. In: Erinnerungskulturen. Hrsg. v. Forum
Politische Bildung. Innsbruck, Wien u. a. 2010 (Informationen zur Politischen Bildung 32).
[Link] (08.07.2020), S. 11.
553
Assmann, A. (2018), S. 57.
161
sind unterrepräsentiert. Dieses Defizit versucht die Literatur zu kompensieren, indem sie im his-
torischen Erzählen wiederholt spezifisch russlanddeutsche Vergangenheitsversionen inszeniert.
Russlanddeutsche kollektive Identitätskonzepte basieren wesentlich auf dieser Wahrnehmung ei-
nes Mangels, einer Entwurzelung und eines Außenseitertums unabhängig vom Ort des Lebens-
mittelpunktes (ob freiwillig gewählt oder unfreiwillig dort festgehalten) sowie dem Ringen um
Anerkennung und Glaubwürdigkeit – denn ohne Orte und Gegenstände, die diese Beglaubigungs-
funktion in der Mehrheitsgesellschaft erfüllen, ist dieser Wahrnehmungsgrad schwer zu erzielen.
„Heimat“ bezeichnet Michael Schönhuth in seinem Aufsatz mit dem Titel „Heimat? Ethnische
Identität und Beheimatungsstrategien einer entbetteten ,Volksgruppe‘ im translokalen Raum“ als
einen „unmöglich gewordenen Begriff“554 und bezieht sich damit auf dessen wechselvolle und
ideologiebehaftete Geschichte, die auch zur weitgehenden Diskreditierung des Heimatbegriffs im
wissenschaftlichen und politischen Diskurs in Deutschland geführt habe. Seit dem 19. Jahrhun-
dert hat sich der Begriff zu einer emotional gefassten und politisch aufgeladenen Bezeichnung
entwickelt; so haben ihn die deutsche Romantik und Volkstümelei für ihre Zwecke vereinnahmt,
doch besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hat „Heimat“ als politisch instrumentalisierte
Vorstellung vom kulturell und territorial „Eigenen“ neue Brisanz erhalten.555 In Österreich hin-
gegen, merkt Schönhuth an, werde der Heimat-Begriff nach wie vor mit großer Selbstverständ-
lichkeit benutzt,556 aber auch andernorts gibt es Plädoyers für die „Rehabilitierung“ des Begriffs,
der sich, wie in der Forschungsliteratur immer wieder angemerkt, mit seinem großen Bedeutungs-
spektrum, der emotionalen Aufladung und Suggestionskraft nur schwer in andere Sprachen über-
setzen lässt.557
„In den Kultur- und Sozialwissenschaften wird Heimat heute mehrheitlich als ein vages, durch
intakte Sozialbeziehungen im Raum symbolisiertes Selbst- und Repräsentationskonzept von In-
dividuen verstanden“,558 konstatiert Schönhuth, doch ein Blick auf die Geschichte zeige die Viel-
zahl möglicher Zugänge. Die Verwendung des Begriffs war nie einheitlich, zwar wurde er als
Gegenbegriff zur Fremde gebraucht, aber schon die räumliche Erstreckung reicht seit jeher von
der Vorstellung Nationalgrenzen überschreitender Gebiete bis hin zur Vorstellung der eigenen,
nur wenige Quadratmeter großen Wohnung. Vom germanischen „Heim“ abgeleitet bedeutete das
Wort in seiner Entstehungszeit um das Jahr 1000 „Haus“ oder „Wohnort“. Die Begriffsbildung
554
Schönhuth (2006), S. 365.
555
Vgl. Dogramaci, Burcu: Heimat. Eine künstlerische Spurensuche. Köln, Weimar u. a.: Böhlau 2016,
S. 10.
556
Vgl. Schönhuth (2006), S. 369.
557
Vgl. zum Beispiel: Türcke, Christoph: Heimat. Eine Rehabilitierung. Springe: zu Klampen 2014.
558
Schönhuth (2006), S. 373.
162
korrespondiere also mit der Sesshaftigkeit, schlussfolgert Dogramaci.559 Im bäuerlichen Kontext
bezeichnete Heimat einst den Besitz, das väterliche Erbe, und damit rechtliche Bezüge. Das ma-
terielle Heimatrecht, das bis weit ins 19. Jahrhundert einen Versorgungsanspruch der ursprünglich
im Dorf Beheimateten gewährleistete, wonach sie im Alter und bei Bedürftigkeit mitversorgt
wurden, entsprach den Prinzipien einer stationären Gesellschaft, wurde aber mit dem Fortschrei-
ten der Industrialisierung unbrauchbar. Im Laufe des 19. Jahrhunderts vervielfältigten sich die
Konnotationen von Heimat und bewegten sich weg von einer konkreten ortsbezogenen Kategorie,
stattdessen kommt es zur semantischen Diffusion:
Heimat wird im Zeitalter der zunehmenden Mobilität und Industrialisierung, der Verstädterung und
Verbürgerlichung ein emotional gefasster Begriff und zur ideellen Alternative einer modernen In-
dustrialisierung und Urbanisierung. […] Zugleich gewinnt reale Landschaft als heimatliche Topo-
grafie und als Bezugsraum an Bedeutung: In Liedern und Gedichten wird auf die unbestimmte Na-
turlandschaft das Bild der Heimat und der Sehnsucht danach projiziert: […]560
Das Konzept von Heimat als Sehnsuchtsmetapher in Reaktion auf fehlende Geborgenheit in einer
immer mobiler werdenden Gesellschaft entwickelte sich seit Ende des 18. Jahrhun-
derts – aber: Die dem deutschen Heimat-Begriff innewohnende „Innigkeit“, Ortsgebundenheit
und Primordialität könne nach Schönhuth als „deutsche Sonderentwicklung des 19. Jahrhun-
derts“561 gesehen werden. Ausdruck der Heimatverbundenheit kann vielerlei sein; der gemein-
same Ort, Bräuche, Kleidung und natürlich die Sprache (Sprachraum wird zur Heimat). Dem sich
verbreitenden Nationalismus einhergehend wurde der Heimatbegriff schließlich radikal an das
neue Identifikationsobjekt von Nation angebunden: „Volksgemeinschaft“, „Rasse“, „Vaterland“,
„Heimholung ins Reich“ – das Element des „Völkischen“ vereinnahmte den Heimatbegriff voll-
ends für das rassische Vokabular des Nationalsozialismus. Die zum Kampfbegriff mutierte Hei-
mat wurde zum Raum, den es gegen potenzielle Bedrohungen von außen und gegen die inneren
Feind/inn/e/n zu verteidigen galt. Der Zweite Weltkrieg beeinflusst das Verständnis von Heimat
nach 1945; die umfassenden Menschenbewegungen auf deutschem Territorium, aber auch abseits
dessen (etwa in Russland), waren Indiz von oftmals unwiederbringlichem Heimatverlust.562 Der
Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der in seinem Buch „Die große Wanderung – Dreiund-
dreißig Markierungen“ Stellung zu den Themen Migration und Fremdenfeindlichkeit bezieht, be-
schreibt die kriegsbedingten Verschleppungen bzw. Fluchtbewegungen in diesem Sinn als „kata-
strophale Bewegungen”563.
559
Vgl. Dogramaci (2016), S. 8.
560
Ebda., S. 8 f.
561
Schönhuth (2006), S. 370.
562
Vgl. Dogramaci (2016), S. 10.
563
Enzensberger, Hans Magnus: Die Große Wanderung. Dreiunddreißig Markierungen. Mit einer Fuß-
note „Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd“. Frankfurt a. M. Suhrkamp 1993, S. 49.
163
Im Bundesvertriebenengesetz wurde den Heimatvertriebenen, zu denen auch die Russlanddeut-
schen gerechnet werden, nach dem Krieg ein „Recht auf Heimat“ zugestanden. Dabei setzt „deut-
sche Volkszugehörigkeit“ für vor dem 31.12.1923 geborene Personen voraus, dass diese sich in
ihrer Herkunftsheimat zum deutschen Volkstum bekannt haben und dieses Bekenntnis durch
Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung oder Kultur bestätigt wird.564 Und nur an der
damit einhergehenden Wendung des Begriffs Heimat im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes
hatten die Russlanddeutschen direkt teil. Zwar waren einige auch mit der politischen Ideologisie-
rung infolge von Hitlers Heimholungsszenarien in Berührung gekommen, doch feststeht, dass ein
großer Teil der Begriffsgeschichte und Bedeutungswandlung hin zur Diskreditierung an den
Russlanddeutschen vorbeiging:
Es ist daher nicht verwunderlich, dass für die ältere Generation der in den Osten vertriebenen Russ-
landdeutschen der Heimatbegriff noch ganz selbstverständlich eine zentrale Bestimmungsgröße per-
sönlichen Schicksals und eigener Migrationsentscheidungen ist. Heimat im ursprünglichen Sinne
als Heimatrecht war für Russlanddeutsche schon immer ein prekäres Gut – von Katharina großzügig
gewährt, aber schon bald ausgehöhlt. Zum spezifisch deutschen, romantischen und ideologisch
missbrauchten Heimatdiskurs hatten die Deutschen in Russland keinen Bezug. Sie heute damit zu
identifizieren, wird ihren spezifischen Erfahrungen nicht gerecht. 565
Diese Einschätzung von Michael Schönhuth läuft Gefahr, eine völlige Abgeschottetheit russland-
deutscher Siedlungen in der Sowjetunion von „reichsdeutschen“ Prozessen in den 1930er- und
40er-Jahren zu suggerieren. Für einen Großteil der russlanddeutschen Bevölkerung mag die be-
schriebene Situation zutreffend gewesen sein, dennoch stellt sie eine Vereinfachung dar. In den
von deutschen Truppen besetzten Gebieten kam es durchaus zu Kollaborationen, und deutsche
Einsatztruppen regten die Bildung volksdeutschen Selbstschutzes an, für die es eigene militäri-
sche und ideologisch-politische Ausbildungslager gab.566 Richtig aber ist, dass die Mehrheit der
Russlanddeutschen in gewissem Sinne jedoch erst wieder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts „aktiv“ an der deutschen Begriffsgeschichte teilnahm. Der Heimat-Begriff rückt dabei in
den 1970ern erneut als problematische Idee von emotionaler Bindung an einen Ort, seine Ge-
schichte und Kultur in den Fokus. Die Bedrohungen werden diesmal in Umweltzerstörung, Kal-
tem Krieg und Einwanderung gesehen. Dank des Bundesvertriebenengesetzes zwar ihrer „Volks-
zugehörigkeit“ versichert, erleb(t)en Aussiedler/innen am neuen räumlichen Lebensmittelpunkt
davon ungeachtet oft Ablehnung, die mit der Furcht der Ansässigen vor einer kulturellen „Unter-
wanderung“ bzw. der Angst vor einem Heimatverlust einhergeht, wo sich die russlanddeutschen
Aussiedler/innen paradoxerweise das Gegenteil erhoff(t)en.
564
Für Personen, die nach dem 31.12.1923 geboren sind, gilt §6 Abs. 2 BVFG. Demnach ist deutscher
Volkszugehöriger, wer „von einem deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen ab-
stammt und sich bis zum Verlassen der Aussiedlungsgebiete durch eine entsprechende Nationalitätener-
klärung oder auf andere Weise zum deutschen Volkstum bekannt oder nach dem Recht des Herkunfts-
staates zur deutschen Nationalität gehört hat“.
565
Schönhuth (2006), S. 371.
566
Vgl. Griese (2006), S. 135.
164
Klar ist, dass die „Heimat“ eine machtvolle, auf Raumvorstellungen basierende Metapher dar-
stellt, mit der zwischen „hier“ und „dort“ und folglich etwa zwischen Ziel- und Herkunftsländern
unterschieden wird. Neben dieser räumlichen Bestimmung des Begriffs muss aber natürlich eine
soziale unterschieden werden. Die komplexen räumlichen und sozialen Kategorien unterzieht An-
drea Bastian in ihrer begriffsgeschichtlichen Untersuchung einer Reduzierung auf die Faktoren
„Territorium“ und „Gemeinschaft“,567 die sich im Diskurs über russlanddeutsche Literatur eben-
falls anbietet. 568 Die Kontexte von Heimatkonstruktionen bzw. Beheimatungsstrategien und
Funktionsbereichen sind dabei zahlreich: Der Heimat-Begriff begegnet uns in alltäglichen Wen-
dungen (die oft nicht weiter hinterfragt werden und doch ein Spektrum von Bedeutungen zulas-
sen), aber auch im institutionellen Rahmen, in Politik, Naturwissenschaft, Religion und nicht zu-
letzt in der Literatur.
567
Situative und zeitliche Faktoren sind ebenfalls von Bedeutung für die „Gemeinschaft“. Von Bastian
werden sie jedoch nicht als gesonderte Kategorie aufgefasst, weil „beispielsweise Sozialisationsfaktoren
sowie gemeinschaftsstiftende Aspekte (Traditionen, Bräuche) nur im Zusammenhang des situativen und
zeitlichen Gefüges eines individuellen Lebenslaufs bzw. durch die Einordnung in größere Zusammen-
hänge der kulturgeschichtlichen Entwicklung einen Sinn ergeben.“ [Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff:
Eine Begriffsgeschichtliche Untersuchung in verschiedenen Funktionsbereichen der Deutschen Sprache.
Tübingen: Max Niemeyer 1995 (Germanistische Linguistik 159), S. 25.]
568
Vgl. das Gedicht „Meer und Steppe“ der Autorin Nelly Wacker (1998, S. 62 f.), welches im vorigen
Kapitel thematisiert wurde.
569
Vgl. Schönhuth (2006), S. 365.
165
Es mag diesbezüglich nicht verwundern, dass die „Heimat“ insbesondere bei Autor/inn/en, die
zur „Erlebnisgeneration“570 zu zählen sind, eine bedeutende Rolle spielt, zumal sie die einschnei-
dende Erfahrung gemacht haben, ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen zu müssen. Doch
bemerkenswert ist, dass auch jüngere russlanddeutsche Autor/inn/en und Werke, die erst in den
letzten Jahren auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind, an diesem Narrativ antizipieren, es
gleichsam fortschreiben, aktualisieren oder um neue Bedeutungsebenen erweitern. Gleichzeitig
stellt die intensive Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Heimat auch ein typisches Merk-
mal von Migrationsliteratur im Allgemeinen dar. Oft setzen diese Werke sich mit dem Gefühl
auseinander, in mehreren Kulturen „zu Hause“ zu sein oder nicht in der Lage zu sein bzw. es gar
nicht für nötig zu halten, sich zu einer der Kulturen zu bekennen.571 Vereinfachende Gegenüber-
stellungen zwischen „hier“ und „dort“ bzw. Heimat und Fremde werden den Lebensrealitäten
russlanddeutscher Minderheitsangehöriger dabei nicht gerecht, eben weil sich die Kategorien auf
verschiedene Bezugsgrößen hin konstituieren. Statt also eine rein geografische, territoriale Ver-
ortung der Heimatauffassungen zu versuchen, muss vor allem nach der (sozialen) Rolle des
Selbst- und Fremdkonzepts „Heimat“ für die Bestimmung eigener Identität gefragt werden.572
Unzweifelhaft ist die Geschichte der Russlanddeutschen eine Migrationsgeschichte. Die Auswan-
derung ins Russische Reich im 18. und 19. Jahrhundert, Wanderbewegungen innerhalb Asiens im
19. und 20. Jahrhundert, Zwangsmigration in der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges und
schließlich die Rückwanderung in den Westen vorwiegend seit der zweiten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts bis heute sind Teil der Geschichte des „Volkes auf dem Weg“ 573. Auf diesem „Weg“
war die Entstehung kultureller Mischformen das Ergebnis verschiedener Anpassungsprozesse an
fremde Milieus, 574 auch die Konzepte von Heimat und Zugehörigkeit mussten immer wieder
überarbeitet werden. Lore Reimer beschreibt die wiederholten Erfahrungen von Fremdheit, die
einem jeweils „nahe geworden“ ist bzw. in der man sich „beheimatet“ hat, bildlich als
570
Der Begriff „Erlebnisgeneration“ wird hier als Bezeichnung für Angehörige der russlanddeutschen
Minderheit eingeführt, die den traumatischen Zivilisationsbruch in den Jahren vor bzw. während des
Zweiten Weltkrieges selbst miterlebt haben.
571
Für dieses unter Russlanddeutschen verbreitete Phänomen greift Olga Kurilo auf das Konzept der kul-
turellen Hybridität oder hybriden Identität zurück. [Vgl. Kurilo (2015).]
572
Heimat als erkenntnisleitendes oder analytisches Konzept in transnationalen Räumen einer globalisier-
ten Welt, die gekennzeichnet sind durch translokale Prozesse und multiple Identifikationsorte, zu behan-
deln, mag nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen sinnvoll erscheinen. [Vgl. Schönhuth (2006),
S. 377 f.] Aufgrund der aktuell ungebrochenen Bedeutung, die der Thematik in russlanddeutschen Dis-
kursen zukommen, ist eine nähere Auseinandersetzung in diesem Fall jedoch von größter Wichtigkeit.
573
„Volk auf dem Weg“ heißt die Verbandszeitschrift der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland,
die im Gründungsjahr der Vereinigung 1950 zum ersten Mal in Stuttgart herausgegeben wurde.
574
Vgl. Kurilo (2015), S. 56.
166
„Häute“ – eine Metapher, die ebenso Waldemar Weber in seinem Text „Wirf die Münzen nicht
in den Brunnen“575 aufgreift.
Die verschiedenen sich über die Zeit wandelnden Heimatauffassungen Russlanddeutscher sollen
im Folgenden zum besseren Verständnis in Kategorien bzw. Phasen unterteilt werden. Wie die
Heimatbilder der einzelnen Phasen auf Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit wirken
(bzw. umgekehrt), wird anhand literarischer Beispiele deutlich. In ihrer volkskundlichen Studie
„Sehnsucht nach Heimat“ zur Situation der Russlanddeutschen im Landkreis Cloppenburg unter-
scheidet Heike Pfister-Heckmann drei Abschnitte der Heimaterfahrung unter russlanddeutschen
Minderheitsangehörigen:577 In der ersten Phase war die Heimat eher pragmatisch auf den gegen-
wärtigen Lebensraum bezogen. Kennzeichnend für die zweite Phase war die Vertreibungserfah-
rung im Zweiten Weltkrieg. Die dritte Phase, die sie ansetzt mit Kriegsende bis in die 1980er-
Jahre des 20. Jahrhunderts war durch den Rückzug aufs Familiäre geprägt. Die einstigen Sied-
lungsgebiete wurden zwar noch als Heimat betrachtet, ihre Wiedererlangung war aber schon un-
575
In Webers Text heißt es: „Nichts findest du dort / außer Dingen / denen die Seele davongeflogen / au-
ßer abgeworfener Haut“ [Weber, Waldemar: Wirf die Münzen nicht in den Brunnen. In: Weber (2006),
S. 4.]
576
Reimer, Lore: Was wir erleben müssen. In: Reimer (2000), S. 15.
577
Vgl. Pfister-Heckmann, Heike: Sehnsucht Heimat? Die Rußlanddeutschen im niedersächsischen Land-
kreis Cloppenburg. Münster, New York u. a.: Waxmann 1998.
167
realistisch. Das Stigma des Deutschseins schien nur durch Ausreise in ein Akzeptiertwerden um-
wandelbar zu sein.578 Damit gewannen auch Vorstellungen der „Urheimat“, also der Herkunfts-
gebiete der einst ins Russische Reich ausgewanderten Vorfahr/inn/en, an Bedeutung.
Nun mag es nicht verwunderlich sein, dass in der russlanddeutschen Literatur der letzten Jahr-
zehnte Heimatkonzepte, die in dem Modell der ersten Phase zugerechnet werden, d. h. pragmati-
sche Bezüge auf den gegenwärtigen Lebensraum (grob der Zeit von der Etablierung der deutschen
Kolonien im Russischen Reich bis zum Zweiten Weltkrieg zugeordnet), vergleichsweise unterre-
präsentiert sind. In der russlanddeutschen Gegenwartsliteratur werden derartige Heimatkonzepte
nur implizit bzw. in einer Art Rückschau thematisiert an Stellen, wo es aber vordergründig um
den Verlust dieses „ersten Lebensraumes“ geht. In Viktor Heinz’ Roman „In der Sackgasse“ wird
etwa das Treffen von Kanzler Konrad Adenauer mit Nikita Chruschtschow 1955 in Moskau kri-
tisch reflektiert. Die „Sowjetbürger deutscher Abstammung“ identifizieren sich auf Grundlage
ihrer einstigen Siedlungsgebiete vor den Umwälzungen im Zuge des Zweiten Weltkrieges:
Offensichtlich hatte man sich damals daran erinnert, daß es in der Sowjetunion auch noch andere
Deutsche gibt, die man Sowjetbürger deutscher Abstammung zu nennen pflegte. Selbst jedoch nann-
ten sie sich Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Krimdeutsche, Kaukasusdeutsche oder Wolhy-
niendeutsche, denn sie hatten ihre Heimat, aus der sie der Georgier nach Sibirien und Kasachstan
vertrieben hatte, trotz aller Bemühungen der Landesherren nicht vergessen.579
Dieser Textausschnitt suggeriert, dass die Siedler/innen vor der Zwangsaussiedlung ihre Heimat –
gemäß der ersten Phase nach Pfister-Heckmann – pragmatisch auf den gegenwärtigen Lebens-
raum, also etwa Wolgagebiet, Schwarzmeergebiet oder Krim, bezogen haben mögen. Gleichzeitig
ist festzustellen, dass gerade durch die Erfahrungen von Enteignung und Vertreibung die Heimat-
bilder in der Literatur konkret wie nie zuvor, d. h. eindeutig räumlich-geografisch, verortet wur-
den in ebenjenen zurückgelassenen, verlorenen (nunmehr erinnerten) Räumen.
Die zweite Phase wird zu einer Zeit des Wartens auf Rückkehr. Die Endgültigkeit der Entwurze-
lung wird den Figuren hierbei unterschiedlich rasch bewusst. Gleich bei der Ankunft an seinem
neuen Bestimmungsort denkt David Pawlowitsch Ehrlich in „Das Haus des Heimatlosen“ an sei-
nen Dienst als Leiter der Gesundheitsabteilung im Kanton Gnadenflur an der Wolga zurück, wo-
bei ihm unmittelbar klar wird: „Keine Spur würde mehr bleiben von einem Mannheim, Marien-
burg oder Sichelberg. Höchstens auf alten Landkarten.“580 Mit diesem schicksalhaften Einschnitt
setzt die Identifizierung als „Heimatloser“ bzw. „Wanderer“ (außerdem durch das vielzitierte
Lied „Hänschen klein“ beschworen) ein und damit auch die Metapher vom „Volk auf dem Weg“:
578
Vgl. Pfister-Heckmann (1998), S. 205.
579
Heinz (1996), S. 88.
580
Belger (2014), S. 8.
168
„Vor sich hin schmunzelnd dachte er: He, Unglücksrabe du, Wanderer, Pilger, deutscher Son-
derübersiedler, Laufdistel, Ferschal-Perschil, wohin hat’s dich geweht? Wohin! Hänschen klein
ging allein in die weite Welt hinein …“581 David, der der Trudarmee entgeht und stattdessen als
Feldscher im kasachischen Aul Kysyl-tu tätig wird, gelingt es, sich die Anerkennung der ansäs-
sigen Bevölkerung zu verdienen und sich mit den neuen Lebensumständen Schritt für Schritt zu
arrangieren. Er baut sich in dem Dorf ein Haus, das titelgebende „Haus des Heimatlosen“, und
doch ist aus der Entscheidung für den Hausbau schon die Erkenntnis ablesbar, dass eine Rückkehr
in das einstige Siedlungsgebiet, das zwar noch als Heimat betrachtet wird, längst unrealistisch
geworden ist. Umso wichtiger scheint es für David und dessen neue russlanddeutsche Frau (ehe-
mals war er mit einer Russin verheiratet, die ihn im Stich gelassen hat) zu sein, sich ein Haus nach
eigenen Vorstellungen zu errichten. Dennoch bleibt der selbstgeschaffene Ort hinter den Wänden
des eigenen Hauses trotz guter Integration in die neue Gesellschaft, sozialer Anerkennung und
sogar neu gewachsener Familienbande immer ein intimer Raum wie eine persönliche Insel inmit-
ten der Fremde. Die Heimat sieht David weiterhin in dem verlassenen Gebiet an den Ufern der
unteren Wolga. Existenzieller noch als bei ihm gestaltet sich die Sehnsucht bei seinem Bruder
Christian, dem „Dochodjaga“, der von der Trudarmee heimgekehrt nicht mehr lange zu leben hat.
Jetzt aber, im Gespräch mit Christian am andern Ende der Welt, wo alles Leben anders war, ent-
deckte er [David] für sich voll Staunen, erlebte, erfühlte gleichsam ganz neu jene Zeiten, die sie
nunmehr mit den Worten „damals“, „zu Hause“ benannten. Dieses „damals“ und „zu Hause“ erhielt
dabei einen besonders kostbaren, sehnsuchtsvollen, magischen Sinn, und jede Kleinigkeit, jeder
Nachklang JENES Lebens fanden ein geheimes Echo in der verwirrten, verlorenen Seele, bewegten
das Herz, und Christian, der die unverwindbare Trauer über das verlassene Zuhause, das bittere Leid
der genommenen Heimat in sich trug, wurde hier im kasachischen Aul für David zum bleibenden
Denkmal für das Ureigene, Ferne und – nach allem zu urteilen – Unwiederbringliche.582
Bilder dieser „ersten Heimat“, den „angestammten“ Siedlungsgebieten der Kolonist/inn/en, sind
auch in neuerer russlanddeutscher Literatur präsent – und dies häufig in Form stark romantischer
Stilisierungen. Es werden beispielsweise Orte der Kindheit, wie in Nelly Wackers lyrischem Zyk-
lus „Reisebilder – Sommerferien – Wiedersehen mit der Krim“, heraufbeschworen und als „alte
Heimat“ bezeichnet. Die Sprechinstanz eines dieser Gedichte betont aber auch, dass es „viel Blät-
ter“, die als Lebensstationen interpretiert werden können, auf dem großen Baum gebe, der wie-
derum als Metapher für das Leben gelesen werden kann: „Heimat Krim, du bist das goldne
Blatt / an dem Baum, der so viel Blätter hat.“583 Orte wie die Stadt Simferopol oder das Dorf
Puschkino, der Fluss Salgir und das Schwarze Meer werden von den Sprecher/inne/n der Gedichte
Wackers nach langer Trennung wieder besucht und gleichsam nach Erinnerungen abge-
sucht – nach Dingen und Menschen, die die Geschichte von „damals“, „zu Hause“ erzählen, wie
581
Belger (2014), S. 45.
582
Ebda., S. 192.
583
Wacker, Nelly: Heimat meiner Kindheit. In: Wacker (1998), S. 67.
169
Christian es gegenüber seinem Bruder versucht, der Christian, der da für David selbst schon zu
einem „Denkmal“ geworden ist.
Diese „alten“ Heimatbilder erscheinen jedoch für die folgende Generation, die in der Verbannung
bzw. in der dritten Phase aufwächst, – gerade auch durch derartige literarische Spurensu-
chen – entrückt. Sie entsprechen nicht mehr Vergegenwärtigungen realer Orte, sondern sind zu
kollektiven Erinnerungsorten geworden, die aus zunehmender Entfernung differenzierter betrach-
tet und dargestellt werden. Für diese neue Generation, zu der beispielsweise der in Sibirien auf-
wachsende junge Willi in dem Buch „In der Sackgasse“ zu zählen ist,584 werden stattdessen die
Räume nach der Deportation zu Orten ihrer Kindheit. „Für Willi wurde diese Waldsteppe das
vertraute Land seiner Kindheit, seiner freudlosen Kindheit in den harten Kriegs- und Nachkriegs-
jahren“,585 heißt es in dem autobiografischen Roman von Viktor Heinz etwa. Kindheitsorte der
Eltern, die nur noch aus Erzählungen bekannt sind, gehören stattdessen zur verlorenen Heimat
zweiter Generation, der Verlust ist ein überlieferter.
Auch wenn sich die Vorstellungen von Heimat auf diese Weisen wandeln und „verschieben“, so
ist nicht zuletzt in der fortwährenden Stigmatisierung und Diskriminierung innerhalb der Mehr-
heitsgesellschaft der Grund dafür zu sehen, dass Heimatauffassungen unter den Russlanddeut-
schen weiterhin und ständig neu bearbeitet werden müssen. Schönhuth zählt zu den Schwierig-
keiten der Beheimatung die fehlende Möglichkeit zur öffentlichen Selbstrepräsentation, wieder-
aufkommende Ressentiments in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und nicht zuletzt die fehl-
geschlagene „Option Wolgarepublik“, d. h. die Rückgabe der einstigen Heimat, des eigenen Ter-
ritoriums.586 Eine Rückwanderung in die im Zweiten Weltkrieg „verlorenen“ Gebiete im Westen
des Reiches ist somit keine Option mehr und auch die in sehr seltenen Fällen noch vorhandenen
geschlossenen Siedlungsgemeinschaften sind zunehmend in Auflösung begriffen. In dem Kapitel
„Jenseits des Urals“ veranschaulicht Johann Warkentin, der sich selbst ab 1956 in der Autonomie-
Bewegung für die Wiederherstellung der Wolgadeutschen Republik in der UdSSR engagiert
hatte, in seinen „Rußlanddeutschen Berlin-Sonetten“ die Querelen und Widrigkeiten, die das Vor-
haben letztlich scheitern ließen, und konstatiert: „Die Schicksalsfrage REPUBLIK ODER RAUS,
584
Das Schicksal Willis in Heinz’ „In der Sackgasse“ ist insofern ein besonderer Fall, als seine Familie
der Deportation entging: Die Großeltern hatten sich schon im Jahre 1906 „auf diesen gefährlichen Weg
gemacht, um in den gottverlassenen Weiten ein neues Eldorado zu finden“, sie gründeten bzw. übersie-
delten aus einem Dorf an der Wolga in eine Tochterkolonie in Zentralasien. [Heinz (1996), S. 23.]
585
Heinz (1996), S. 23. Dieser Umstand schlägt eine Brücke zur Biografie des Verfassers des Buches
selbst, dem Germanisten und Schriftsteller Viktor Heinz, der 1937 im Dorf Nowoskatowka bei Omsk als
Sohn eines Dorfschullehrers geboren wurde und – da beide Elternteile in Arbeitslager verschleppt worden
waren, bei seiner Großmutter aufwuchs.
586
Vgl. Schönhuth (2006), S. 376.
170
so meine ich und reime ich, ist längst und endgültig entschieden.“587 Der einzige Ausweg wird in
der Auswanderung nach Deutschland gesehen:
Vielenorts haben die deportierten Schwarzmeerdeutschen ihre Sprache eingebüßt, die gewohnten
Sitten und Gebräuche in dem fremden Umfeld verloren, die traditionellen Berufe aufgegeben, die
besonderen Formen des Zusammenlebens verlernt; und die Sehnsucht nach Heimkehr, sie galt bei
ihnen bald weniger den Gebieten am Schwarzen Meer als dem mythischen Mutterland, von dem
einst die Vorfahren aufgebrochen waren: Nicht heim in die Kutschurganer oder Beresaner Kolonien,
nicht zurück nach Odessa wollten die allermeisten, sondern nach Deutschland, wo einst die Ahnen
bittere Not litten und sie selbst jetzt dieser endlich für immer entrinnen würden. 589
Die Arbeit an so etwas wie einem nationalen Kulturkanon in deutschen Kulturzentren auf post-
sowjetischem Gebiet scheint keine Alternative mehr zu sein, da sich doch der Souverän in zuneh-
mendem Tempo ebenfalls nach Deutschland verlagert, emigriert, während die russlanddeutschen
Netzwerke in den Herkunftsgebieten an Bedeutung verlieren.590 Es sind vorwiegend Angehörige
der jüngsten Generationen, die heute in postsowjetischen Staaten aufwachsen und nicht mit Vor-
stellungen und Sehnsüchten nach einer in der Ferne liegenden bzw. verlorenen Heimat beschäftigt
sind.
Das Narrativ der verlorenen Heimat wird vorerst zurückgedrängt, wenn die Suche nach einem
neuen Zuhause unter „Seinesgleichen“ in den Vordergrund rückt. Die damit verbundenen häufig
sehr unrealistischen Vorstellungen an das Auswanderungsland und die Naivität der Überzeugung,
dort endlich vollständig sozial „akzeptiert“ zu sein, deckt Irma in Hummels Roman „Die Fische
von Berlin“ in einer Diskussion mit ihrer jüngeren Schwester Alina auf. Im Gegensatz zu Alina
587
Warkentin, Johann: Jenseits des Urals. In: Warkentin (1996), S. 47.
588
Warkentin, Johann: „Es ist Zeit!“ In: Warkentin (1996), S. 90.
589
Gauß, Karl-Markus: Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am
Schwarzen Meer. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008, S. 176.
590
Vgl. Schönhuth (2006), 376.
171
und ihren Eltern sieht Irma, die sich selbst Irina nennt, für sich keine glückliche Zukunft in
Deutschland:
[Alina:] „Ans Paradies glaube ich auch nicht. Aber dort leben, wo andere sind wie ich, das möchte
ich gern.“ […] Irma sah mich mit einem schiefen Lächeln an. „Was bist du noch für ein Kind. Hast
du schon mal darüber nachgedacht, wieviel einfacher es wäre, wenn du wärst wie andere, statt von
einem Ort zu träumen, wo andere sind wie du? Diesen Ort wirst du niemals finden, weil es ihn nicht
gibt.“591
Während Irma auf Assimilierung als Lösung für die Identitätskrise pocht, teilt Alina die Sehn-
sucht ihrer Eltern nach „Gleichheit“ im Glauben, dies könnte (mehr oder weniger „automatisch“)
durch die Auswanderung erreicht werden. Dabei wird stillschweigend angenommen, dass kultu-
relle Anpassungsleistungen in Deutschland nicht nötig sein werden, da sie selbst ja „Deutsche“
seien, die endlich „nachhause“ kommen. Die Heimatvorstellung des Großvaters, die an die Ufer
eines idyllischen Sees in der Nähe Berlins gebunden ist, wo er einst kurze Zeit als Flüchtling
gelebt und seine erste Liebe gefunden hat, mag die Sehnsucht nach dieser „Heimat der Vorväter“
noch verstärken. So einen Ort der Selbstgewissheit wünscht er sich auch für seine Enkelin und
macht doch gleichzeitig mit dem Wort „irgendwann“ die Schwierigkeiten auf diesem Weg deut-
lich:
„Jeder sollte wissen, wo seine Heimat ist und woran er sie erkennen kann. Daß du das auch irgend-
wann weißt, das wünsche ich dir, Wnutschka 592.“ – Ich mußte lange über seine Worte nachdenken.
[…] Daß ich etwas suchen mußte, das andere ungefragt in die Wiege gelegt bekamen, erschien mir
nicht gerecht. Groll gegenüber meinen Eltern regte sich, die es versäumt hatten, ihren Kindern etwas
derart Elementares wie das Wissen um die Heimat mit auf den Weg zu geben …593
Doch auch die Heimat des Großvaters ist in Wahrheit nicht klar bestimmbar. Im Zuge eines ge-
meinsamen Angelausfluges gelangen der Großvater und Alina in der kasachischen Steppe zu ei-
nem See inmitten eines gepflanzten Wäldchens. In Anbetracht des Gewässers kommt der Groß-
vater erst auf die Fische in Sibirien zu sprechen, die er aber nur „aus der Ferne gesehen“ habe.
Der See verwandelt sich in ein Symbol des Schweigens und Wartens, auch der Ruhe vor dem
Sturm, wenn der Großvater noch einen Schritt weiter zurückgeht in seiner Erinnerung und zum
nostalgisch verklärten Bild des Sees in Berlin gelangt, an dem er einst gesessen ist, bevor
„sie“ (die „Sowjetorgane“, die „Jagd auf Sowjetbürger, ehemalige/gewesene oder auch nicht“594
machten) den nach Berlin Geflüchteten holten:
Das Essen war knapp, und der See schien reich an Fischen. Mit bloßen Händen hätte ich sie fangen
können. Nur die Stiefel hätte ich ausziehen müssen und die Hosenbeine hochkrempeln, und der
Hunger hätte schon für Geschicklichkeit gesorgt. Es gab da noch jemanden, der hungrig zu Hause
auf mich wartete. Ich hätte einen Fisch für uns gefangen, das weiß ich. Irgendwie hätte ich ihn ge-
fangen, wenn sie nicht gekommen wären. Sie entschieden, daß ich an einen Ort gehöre, der weniger
591
Hummel (2005), S. 64.
592
Der Großvater nennt Alina (russ.) „Wnutschka“ („Enkelin“).
593
Hummel (2005), S. 82.
594
Ebda., S. 174.
172
schön war. Ich hätte nicht gedacht, daß sie mich finden, denn ich hatte bis dahin Glück. Man sah
mir nicht an, was ich für einer war. Das dachte ich. 595
Durch die Verflechtung dieser drei Räume, d. h. den See in der Steppe in Kasachstan, den See in
Sibirien und jenen in Berlin, entstehen – verglichen mit einem kontinuierlichen Raumbild der
Geografie – sehr eigenwillige, deformierte, verzerrte, fragmentierte imaginäre Topografien, mit
denen wiederum Heimatbilder verbunden sind. Diese gehorchen keineswegs der Logik nationaler
Eindeutigkeit und der Form disjunktiver, kontiguitiver Territorien, sie ermöglichen im Gegenteil
nicht-lineare Bewegungsformen und hybride Zustände.596
Die komplexen Strukturen verdeutlichen die Tatsache, dass grundsätzlich – und insbesondere in
heterogenen Gesellschaften – von der Überlagerung verschiedenster Räume (am gleichen Ort)
ausgegangen werden muss. Verortung und Lokalisierung bedeuten eine dynamische Inbesitz-
nahme und Semantisierung eines bestehenden Raumes und vor allem auch seine Konstitution.
Topografien entsprechen einem Blick auf einen bestimmten Raum, der für den/die Betrachter/in
immer schon da gewesen zu sein scheint, bevor er/sie ihn betreten hat, aber in Wahrheit ist er ein
Palimpsest seiner Deutungen.597 Die Deutungen sind nicht nur individuell unterschiedlich, son-
dern wandeln sich zudem mit der Zeit. So wird der vom Großvater erinnerte See, auf den schon
der Romantitel „Die Fische von Berlin“ verweist, für ihn zu einem Ort der Möglichkeit eines
besseren Lebens, das ihm zu führen verwehrt geblieben ist. Der Berliner See – ein lange „ver-
schlossener“ (Gedächtnis-)Raum, der wegen Alinas Wissensdurst wieder „geöffnet“ wird, fließt
in die Narration der eigenen Vergangenheit ein und wird letztlich zum tradierten Erinnerungsort
und somit einem möglichen Konzept von Heimat.
Alinas Eltern gelingt nach jahrelangem Warten die Auswanderung nach Deutschland, ihr Antrag
wird von den Behörden endlich bewilligt. Die Enkelin muss sich von ihrem Großvater verab-
schieden, der verspricht nachzukommen, sobald die Genehmigung da sei. Er ruft ihr nach, sie
solle ihm schreiben, wenn sie in Berlin einen See mit Kastanienbäumen finde.598 Der Epilog verrät
aber den Tod des Großvaters im Kaukasus. Nachdem Alina diese traurige Nachricht erhalten hat,
gelangt sie ausgerechnet auf der Suche nach einem Reisebüro zu einem kleinen See inmitten eines
Parks in der deutschen Hauptstadt:
Keine Kastanienbäume, nur Linden und Eichen und eine einzelne Trauerweide am Ufer, deren
Zweige ins Wasser hingen. […] Zwei Angler saßen auf Klapphockern einträchtig nebeneinander.
[…] Ich blieb stehen, das Bild erinnerte mich an ein anderes, das viel älter war. Ich versuchte mich
zu erinnern, was mir Großvater über das Angeln erzählt hatte, […]. Viel war nicht hängen geblieben,
und fragen konnte ich ihn nicht mehr … […]
Vielleicht war es nicht der richtige See. Aber die Fische, die mußten es sein. 599
595
Hummel (2005), S. 55 f.
596
Vgl. Müller-Richter (2007), S. 15.
597
Vgl. ebda., S. 26.
598
Vgl. Hummel (2005), S. 216 f.
599
Ebda., S. 222 f.
173
Der Prozess der Tradierung von Erinnerungsorten ist zentrales Motiv in Hummels Roman. Selbst
wenn es sich bei dem See um eben jenen handelte, an dem der Großvater einst gesessen war,
bevor er nach Sibirien deportiert und in die Arbeitsarmee zwangsrekrutiert wurde, so bliebe es
doch ein anderer für Alina – ein Knotenpunkt, von dem aus sich Verbindungslinien zur eigenen
Herkunft und Kindheit in der Steppe Zentralasiens sowie zur Familiengeschichte ziehen lassen,
ein Hinweis auf die Heimat, denn „[j]eder sollte wissen, wo seine Heimat ist und woran er sie
erkennen kann.“600
Diese Suche nach der Heimat endet für Alinas Eltern mit der erfolgreichen Ausreise nach
Deutschland, zumindest in diesem Buch. Der schon erwähnte, als Fortsetzung der Geschichte
konzipierte Roman „Die Venus im Fenster“ zeigt, dass es sich nur um ein vorläufiges Ende han-
delt, denn schon bald machen sie die Erfahrung, auch nach der Ausreise in Deutschland nicht die
„neue alte Heimat“ gefunden zu haben. An einem solchen Punkt ließe sich der Beginn einer letz-
ten Phase russlanddeutscher Heimatkonzepte ansetzten, womit die von Heike Pfister-Heckmann
entworfene Systematik russlanddeutscher Heimaterfahrungen um einen Abschnitt erweitert wäre.
Das Gefühl des Fremd- bzw. Andersseins bleibt auch an dem neuen Lebensmittelpunkt präsent,
erneut kommt es zu Vergleichen zwischen „dort“ und „hier“, doch verschwimmen diese Katego-
rien zunehmend, werden aufgelöst, fließen ineinander. Russlanddeutsche Heimatkonzepte entfal-
ten sich als Folge zunehmend in einem hybriden (Gedächtnis-)Raum, den aktuelle russlanddeut-
sche literarische Werke reflektieren bzw. mit konstruieren. Reelle räumliche Konstellationen sind
zwar nach wie vor bedeutsam, der lokale Schauplatz wird aber überwiegend durch Nichtanwe-
sende strukturiert.601
Das Besondere ist dabei im Gegensatz zu anderen Migrationsbewegungen darin zu sehen, dass
diese Gefühle für die Betroffenen zumeist wider Erwarten eintreten. Zwar wird das Ziel der Be-
heimatung602 durch Ausreise von Aussiedler/inne/n der Erlebnisgeneration trotz mancher ent-
täuschter Erwartung meist als erreicht gesehen (obwohl die Heimat womöglich als befremdlich
wahrgenommen wird): „In der Mehrzahl Rentenanwärter, müssen sich die Angehörigen der Er-
lebnisgeneration in der deutschen Leistungsgesellschaft nicht mehr behaupten […] und vor allem
keine weitere Vertreibung mehr befürchten.“ 603 Für die Nachkriegsgenerationen russlanddeut-
scher Migrant/inn/en, die etwa Russland oder Kasachstan als die „erste Heimat“ kennen, ist die
Beheimatung nach erfolgter Ausreise in der Mehrzahl der Fälle jedoch deutlich schwieriger. Von
ihnen für typisch „deutsch“ gehaltene, allerdings längst überkommene Werte oder Eigenschaften
600
Hummel (2005), S. 82.
601
Vgl. Schönhuth (2006), S. 375.
602
Während Integration als die Anpassungsleistung an die Mehrheitsgesellschaft verstanden wird, betont
Beheimatung „die Relevanz einer aktiven Aneignung und Neugestaltung des ,neuen‘ Lebensraumes durch
die russlanddeutschen Zuwanderer.“ [Vgl. Schönhuth (2006), S. 378.]
603
Ebda., S. 373.
174
stoßen in der Bundesrepublik auf Befremden, häufig sind sie mit Sozialneid auf einem immer
stärker von Konkurrenzdenken geprägten Arbeitsmarkt konfrontiert.604 Die „Berlin-Sonette“ von
Johann Warkentin beschreiben beispielsweise in zynischem Ton Vorwürfe, mit denen sich Aus-
siedler/innen auseinandersetzen müssen. Allein die im Text aus mehrheitsgesellschaftlicher Per-
spektive heraus wiedergegebene Bezeichnung „Russis“ unterstellt den „Heimatsuchenden“ eben
das Gegenteil ihrer naiven Vorstellung, nämlich dass sie ihre Heimat durch die Aussiedlung (aus
Russland) doch vielmehr erneut zurückgelassen und sie hier (in Deutschland) eben nicht gefunden
haben. Auf der anderen Seite steht die durch diese Eindrücke durchkreuzte, ursprünglich gleich-
sam unschuldige, ja, einer Art „Gottvertrauen“ gleichkommende Naivität, an dem neuen Ort end-
lich „zuhause“ und „akzeptiert“ zu sein:
604
Vgl. Schönhuth (2006), S. 373.
605
Warkentin, Johann: Diese Dazugelaufenen! In: Warkentin (1996), S. 67.
606
Vgl. Mitzscherlich, Beate: Was ist Heimat heute? Eine psychologische Perspektive auf die Möglich-
keit von Beheimatung in einer globalisierten Welt. In: Ausgewählte Beiträge zur Tagung „Heimat im 21.
Jahrhundert – Moderne, Mobilität, Missbrauch und Utopie“. Tagung der Evangelischen Akademie zu
Berlin in Kooperation mit der Westsächsischen Hochschule Zwickau, 07.-09.05.2010. [Link]
[Link]/nachlese/dokumentationen/2010-33-heimat-im-21-jahrhundert/[Link], S. 11.
607
Vgl. Schönhuth (2006), S. 376 f.
608
Vgl. Kapitel 4.7 Opferinszenierung und Schuldverhandlung.
175
matung durch netzwerkliche Neuorientierung und -einbettung in einen translokalen soziokultu-
rellen Raum an. Dazu zählen Kulturaustauschprogramme, zivilgesellschaftliches Engagement o-
der Begegnungshäuser. So vielversprechend diese Lösung scheint, müsse aber in Zweifel gezogen
werden, ob die Vision von zwischen den Kulturräumen vermittelnden „kulturellen Hybriden“609
auch jenseits einer akademischen und ökonomischen Elite Realität werden könne, so der Ethno-
loge.610
Wie die Minderheitenliteratur rezipiert und etwa durch Verbände und Institutionen für „russland-
deutsche Identitätspolitik“, wie Schönhuth es nennt, instrumentalisiert wird, müsste empirisch
überprüft werden und fällt nicht in den Untersuchungsbereich dieser Arbeit. Stattdessen richtet
die Untersuchung die Aufmerksamkeit darauf, inwieweit literarische Texte selbst einerseits Kon-
zepte von Zugehörigkeit verhandeln und andererseits im Sinne ihrer Funktion als Medien eines
kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnisses Strategien der Beheimatung, Selbstverortung und so-
mit Identitätsbildung zur Verfügung stellen. Gerade die Literatur, die über die sich wandelnden
und teils divergierenden Heimatbilder unter Russlanddeutschen reflektiert, bildet für ihre Le-
ser/innen eine Art (medialen) Rückzugsort. Es ergibt sich dabei dieses Bild: Die auf dem deutsch-
sprachigen Buchmarkt ansonsten unterrepräsentierten Werke, versetzen ihre verhältnismäßig
kleine Leserschaft anhand immer wiederkehrender russlanddeutscher Thematiken in einen inti-
men Raum des Verstehens, eine „Heimat in der Literatur“.
Bereits in der Vergangenheit hat das Minderheitsbewusstsein früh dazu geführt, dass zumeist ge-
bildete Küster bzw. Lehrkräfte damit begannen, Zeugnisse der eigenen Kultur zu sammeln. Die
einschneidenden Geschehnisse im Laufe des 19. Jahrhunderts stellten insofern nicht nur den Ver-
lust der Heimat als räumliche, gesellschaftliche und familiäre Entwurzelung dar, sondern beding-
ten ebenso das schmerzhafte Abhandenkommen dieser Sammlungen jedweder medialen Zeug-
nisse des Lebens in den Kolonien, darunter literarische Werke. In „Das Haus des Heimatlosen“
erinnert sich Feldscher David in diesem Sinn an das überstürzte Aufbrechen der wolgadeutschen
Siedler/innen im Jahr 1941, die ihr Eigentum zurücklassen mussten, schon in der Vorahnung,
dieser Verlust könne ein endgültiger sein:
Der Lehrer der Siebenklassenschule, der Mennonit Freese, hatte ein besonderes Problem. Sein Le-
ben lang hatte er Volkskundliches der Russlanddeutschen gesammelt: Bücher, Handschriften zur
Geschichte der Kolonisten, literarische Ausgaben, Zeitschriften, Almanache, Zeitungen, altertümli-
che Exponate, die nahezu sein ganzes Haus füllten. Beim besten Willen konnte er nicht einmal den
kleinsten Teil dieses Reichtums mitnehmen, daher bestürmte er die örtlichen Behörden, […] aber
davon wollte jetzt niemand etwas wissen.
„Wovon reden Sie da, Lehrer Fräse!“
„Die Geschickte des Landes stehen auf dem Spiel, und Sie sorgen sich um irgendwelchen Kram!“
„Das ist kein Kram. Das ist Kultur, nationales Gut. Unschätzbare Dinge!“ 611
609
Vgl. Kurilo (2015), S. 53.
610
Vgl. Schönhuth (2006), S. 377.
611
Belger (2014), S. 100 f.
176
Mit in diesem Verlust ist ein Grund dafür zu sehen, dass heutige russlanddeutsche Texte noch
immer Erinnerungsarbeit leisten und historisch fundiert immense zeitliche Bögen spannen, denn
auf authentische Zeugnisse der Anfänge ihrer Kultur kann kaum zurückgegriffen werden.
Die zahlreichen verschiedenen Funktionen bzw. Formen des Schweigens, wie in Kapitel 3.5 the-
oretisch ergründet, werden auch in der Literatur verhandelt. Gerade in Werken russlanddeutscher
Autor/inn/en erscheint das Schweigen als tragendes Schlüsselmotiv. Unter Einbeziehung des his-
torisch-politischen Aspekts, also mit Blick auf die russlanddeutsche Geschichte bzw. Literatur-
geschichte selbst, wird aber vor allem das in deren Mitte klaffende Loch als plötzliches von außen
erzwungenes Verstummen offenbar. Auch als russlanddeutsche Autor/inn/en wieder Publikati-
onsmöglichkeiten fanden, wurde der staatlich verordneten Schweigepflicht Folge leistend die
leidvolle Geschichte der vergangenen Jahre in weiten Teilen ausgeklammert. Lange beschwiegen
gelangte die Vergangenheit innerfamiliär wie gesellschaftlich erst spät zur Aufarbeitung. Die
Gründe dafür sind aber weder allein in den ideologischen Richtlinien noch in der nachwirkenden
Traumatisierung zu sehen, sondern entwickelten sich aus einem Zusammenspiel mehrerer Bedin-
gungen bzw. Motive. Statt also Reden und Schweigen zu analysieren als handle es sich um „un-
schuldige Varianten von Kommunikation“612, kann man die Formen und Funktionen bzw. Strate-
gien miteinbeziehen, die sich mit den jeweiligen Optionen verbinden. Klar ist, dass gesellschaft-
liche Normen und institutionelle Ordnungen, Logiken von Macht und Einfluss, das Reden oder
Schweigen entscheidend vorstrukturieren.613
In dem Roman „Das Haus des Heimatlosen“ von Herold Belger wird das Schweigen aus bloßer
Fassungslosigkeit beschrieben, als David Pawlowitsch Ehrlich sich an die Züge von Menschen
erinnert, die im August 1941 ihre Dörfer verlassen mussten. Der Zivilisationsbruch ist von einem
allumfassenden Schweigen getragen, die existenzielle Erfahrung liegt dabei außerhalb der Grenze
des Artikulierbaren, kann gar nicht erst versprachlicht werden. Das leidvolle Geschehen ist noch
nicht begreifbar, kann nicht in Begriffe gefasst werden. Die grausame Endgültigkeit der Depor-
tation und damit die weitreichenden Folgen scheinen von den Betroffenen aber schon erkannt
bzw. vorausgeahnt:
Es schwiegen die Greise, während sie mit Tränen in den Augen dorthin blickten, wo das verlassene
Heimatdorf zurückgeblieben war, wo als unsichtbare Schatten die Geister der Vorfahren westen, es
schwiegen die Kinder, die nicht begriffen, was vorging, die der Kummer der Eltern bedrückte; es
schwiegen die Männer, die von ihrer gewohnten, durch Härte geheiligten Arbeit fortgerissenen, von
612
Vgl. Hahn (2013), S. 47.
613
Vgl. ebda.
177
ihren Häusern, von allem Gewohnten und anscheinend doch Unerschütterlichen, was den Sinn ihres
Lebens ausgemacht hatte.614
Aber nicht nur die Menschen schweigen. Die Unfähigkeit zur Äußerung wird hier sogar auf die
Tiere übertragen, so denn selbst die Pferde keinen Lauf von sich geben: „Auch die Pferde wie-
herten nicht, sie gingen wie Verurteilte.“615 Der Nomadenzug ist eine vor Leid und Kränkung
stumme Schweigeprozession. Ähnlich wie die Erzählinstanz hier Greise, Kinder und Eltern auf-
zählt und anhand dessen, was sie verloren haben, ihren Kummer erklärt (Heimat, Arbeit, Fami-
lienglück) unterscheidet Nina Vaškau zwischen verschiedenen Ebenen der Erinnerung – einem
„Männergedächtnis“, dem „Frauengedächtnis“ und dem „Kindergedächtnis“, für die sie jeweils
unterschiedliche Gewichtungen des Gedächtnishorizonts beschreibt.616 Eine solche Differenzie-
rung muss aber trotz nicht zu leugnender Unterschiede in den Lebensrealitäten dieser Gruppen
kritisch gesehen werden.
Die Erinnerungen an die Zeit nach der Deportation trennen auch die Brüder David und Christian
in Belgers Roman voneinander. Angekommen in dem kasachischen Aul, wo David als Landarzt
schwer arbeitet und ein einsames Leben führt, stellt er sich selbst immer wieder die Frage nach
den Gründen für die Verbannung. Der jüngere Bruder Christian bringt in späteren Gesprächen
mit David zwar die Erinnerungen an das frühere Leben und die den Wolgadeutschen widerfahre-
nen Ungerechtigkeiten zur Sprache, aber die intimsten und leidvollsten persönlichen Erfahrungen,
werden auch von ihm nicht ausgesprochen, sind nicht artikulierbar. In der unten angeführten
Stelle werden sie als elliptische Aufzählung dargestellt, die im Stocken der Sprache fehlende Nar-
rationsmuster deutlich macht. Kein einziger ganzer Satz steht in dieser fragmentarischen Verge-
genwärtigung der Eindrücke aus dem Lager. Christian wünscht sich zu vergessen:
Schneesturm. Frost. Das Knarren der Zweige unterm kalten, tiefhängenden Himmel. Das Kreischen
der Säge. Das Ächzen der sterbenden Kiefer, die unwillig in die tiefen Schneewehen stürzt und alles
ringsum mit ihrem Todesdonner betäubt. Die schweigenden Schatten am Lagerfeuer. Die muffige
Baracke. Der spitzig gesträubte Stacheldraht. Die Wachtürme. Die höhnischen Witzeleien. […]
Könnte man diesen Alptraum doch von sich abschütteln. All diese zudringlichen, schauerlichen Vi-
sionen aus dem Bewusstsein, aus der Seele tilgen. Ein für allemal vergessen …617
Für die Operationen des Nicht-Zeigens und Nicht-Erzählens, die Wegschaffung ins Schweigen,
hat Sigmund Freud den Begriff der Verdrängung eingeführt.618 Umgelegt in die soziale Ökonomie
entspricht sie einem Bedürfnis nach Anpassung, folgt dem gemeinsamen Einverständnis, be-
stimmte Gegenstände und Sachverhalte konsequent aus der Kommunikation herauszuhalten.619
Inzwischen wisse man auch, so Carsten Gansel, dass dass Erfahren von traumatischen Ereignissen
614
Belger (2014), S. 97.
615
Ebda.
616
Vgl. Vaškau (2015), S. 192.
617
Belger (2014), S. 165.
618
Vgl. Freud u. Breuer (1895).
619
Vgl. Assmann, A. (2013), S. 59.
178
häufig eine posttraumatische Belastungsstörung zur Folge habe. Das Erleben eines Traumas löse
in solchen Fällen einen Reiz aus, der zu unwillkürlichen und belastenden Erinnerungen führe,
welche wiederum zum Selbstschutz durch einen Mechanismus abgeschaltet werden können.620
Für die Russlanddeutschen kommt noch die Angst vor Sanktionen, wenn die Erinnerungen „ans
Tageslicht“ oder „zur Sprache“ kommen, hinzu. Wie tief Ängste dabei sitzen können, wird auch
in Heinz’ Roman „In der Sackgasse“ angedeutet, als Student Willi Recherche für seine Abschluss-
arbeit betreibt und ein ums andere Mal feststellen muss, dass viele Publikationen zum „Sperrge-
biet“621 gehören. Nur wenige Russlanddeutsche, die wissenschaftlich tätig gewesen sind, haben
die Zeit im Arbeitslager überlebt: „Eine beklemmende Angst saß ihnen [den Arbeitsarmee-Über-
lebenden] in den Knochen, und sie schwiegen sich aus, wenn man sie über vergangene Ereignisse
ausfragen wollte.“ 622 Die Formulierung „in den Knochen“ evoziert ein körperliches Bild der
Angst und des Schweigens, aus dem Betroffene nicht auszubrechen vermögen, ohne sich selbst
entzwei zu schlagen und in viele „Scherben“623 zu zerfallen.
Das oft lang andauernde Schweigen der Opfer kann sich auf diese Weise sogar zu einem interge-
nerationellen Schweigen entwickeln. In Waldemar Webers Texten wächst das Verschwiegene zu
ungeahnter Größe an, reicht über mehrere Generationen hinaus, wird gleichsam „vererbbar“: „Für
Kinder reicht es und Kindeskinder“624. Immer wieder wird in der Literatur, wie exemplarisch in
Webers unten angeführtem Gedicht, die Frage nach der Sichtbarmachung marginalisierter Ver-
gangenheitsversionen gestellt. Gerade dieses auffällige Nicht-Existieren innerhalb einer breiten
Geschichtsdarstellung, diese Stille als das Fehlen unterdrückter Stimmen, die Stille, die dann erst
als Schweigen erkennbar wird, soll endlich wahrgenommen werden:
Wohin damit
Wie es in Stille verwandeln
Die von allen zu hören ist625
Im dem interpunktionslosen Gedicht von Weber mit den zwei eindringlichen rhetorischen Fragen
erscheint das Schweigen als Symptom eines Traumas – was zu sagen wäre, kann nicht gesagt
werden, weil es außerhalb der Grenze des Artikulierbaren liegt. Doch wurde schon angemerkt,
dass auch diese Grenze sich mit der Zeit verschieben kann. „Ich habe schon keine Angst mehr!“,
620
Vgl. Gansel (2020), S. 917.
621
Heinz (1996), S. 168.
622
Ebda.
623
Vgl. den Titel „Scherben“ des Lyrikbandes von Waldemar Weber (2006).
624
Weber, Waldemar: Viel zusammen geschwiegen. In: Weber (2006), S. 15.
625
Ebda.
179
zitiert Vaškau in ihrer Arbeit etwa die Worte einer Zeitzeugin, die über Kriegserlebnisse berichtet,
und kommentiert anschließend: „Einige Erinnerungen sind so schrecklich, dass man sie gar nicht
glauben möchte …“626 Eine generelle Unaussprechbarkeit kann nämlich unter Umständen auch
mit dem Vorhandensein von Kommunikationsbarrieren verwechselt werden. In diesen Fällen
liegt das Verschwiegene in Wahrheit im Bereich des An-sich-Sagbaren, nur findet kein Gehör,
keinen Platz in der Gesellschaft. Wohl aber in einer kleinen Gemeinschaft aus Mitwissenden bzw.
„Mitschweigenden“, wonach folglich die Einung im Schweigen eine gruppenkonstitutive Wir-
kung haben kann. Die von einer bestimmten Gruppe beschwiegenen individuellen Vergangen-
heitsversion erscheinen gleichsam geeint durch ihre Unaussprechbarkeit, was im selben Zug die
Vorstellung des Gegenteils evoziert, namentlich die Vorstellung einer Stimme, die durch ihr Er-
klingen die Zäsur beenden wird. Gerade diese Gemeinschaft im repressiven Schweigen kann we-
sentlich zur Konstruktion von kollektiver Identität beitragen. Es darf hier Folgendes nicht verges-
sen werden: Die Soziologie des Verschweigens und die Soziologie des Geheimnisses berühren
sich an dieser Stelle, so Alois Hahn.627 Geheimnisse, die aus selektiven Mitteilungsverboten be-
stehen, müssen außerdem innerhalb nämlicher Gruppen, in deren kommunikativem Besitz sie sich
befinden, häufig keineswegs verschwiegen werden. „Die Gruppen definieren sich oft gerade
dadurch, dass die Grenze der Verschwiegenheitspflicht ihre Identität konstituiert.“ 628 Die Ge-
heimnisse sind somit Bindemittel in der Konstruktion des Sozialen und fördern den sozialen Zu-
sammenhalt innerhalb der Gruppe. Wenn der/die Sprecher/in in Webers oben angeführtem Text
danach fragt, „Wie es [das Schweigen] in Stille verwandeln / Die von allen zu hören ist“, dann
könnte eine Antwort in dem Bruch dieses Schweigens nach „außen“, d. h. gegenüber der Mehr-
heitsgesellschaft, liegen. Erst nach diesem Akt kann das Schweigen sich in „Stille“ im Sinne der
schlichten Abwesenheit von Gesprochenem verwandeln, in eine Stille nun, mit der auch Ruhe
bzw. ein „Beruhigt-sein“ einhergeht, weil die Vergangenheitsversionen aufgedeckt sind und zu-
mindest dem Gefühl nach endlich „alle Bescheid wissen“.
Die traumatische Vergangenheit wird in Hummels „Die Fische von Berlin“ erst in Form der Er-
innerungen von Alinas Großvaters, der ihren neugierigen Fragen nachgibt und erstmals sein
Schweigen bricht, wieder kommuniziert. Alina gehört zur Generation, die ohne eigene Familien-
geschichte aufgewachsen ist – „im Gegensatz zu den anderen Bürgern des Landes, die den Krieg
auf die eine oder andere Weise überstanden hatten und stolz darauf waren, an ihm an der Front
oder im Hinterland teilgenommen zu haben“.629 Auch hier liegt das Verschwiegene im Bereich
des An-sich-Sagbaren, nur findet kein Gehör, weder einen Platz in der Gesellschaft noch in der
626
Vaškau (2015), S. 193.
627
Vgl. Hahn (2013), S. 45.
628
Ebda.
629
Vaškau (2015), S. 192.
180
eigenen Familie. Das bisherige Schweigen des Großvaters wird selbst gar erst seit Alinas neugie-
rigem Nachfragen offenbar. Denn erst dann, wenn der Zuhörende noch dann im Stummsein ver-
harrt, wenn es an ihm wäre, am Gespräch teilzunehmen, wird er als Schweigender sichtbar. Und
dass er nicht gebeten wurde, vom Krieg zu erzählen, bis Alina ein Referat in der Schule halten
soll, wird schon deutlich an der Aussage der Mutter, die zugibt, sich nie dafür interessiert zu
haben. Da Alina den Großvater jetzt offen nach seinen schmerzlichen Erlebnissen fragt, hat er
mehrere Optionen; er kann etwa zum Antwortverweigerer werden oder ausweichend antworten.
Denn das Schweigen passiert häufig im Dienste einer neuen Identität oder der Aufrechterhaltung
der offiziellen Identität gegenüber einer geheimen zweiten, aber gleichzeitigen Alternatividenti-
tät.630 Anstatt aber über das Schweigen – denn auch dazu ist es in der Lage – Distanz und den
Mechanismus zum Schutz für das tiefste Innere, diese persönliche Identität, aufrechtzuerhalten,
entschließt er sich dazu, Alina die Wahrheit zu berichten, ihr zu erklären, warum sie nie eine
Heldengeschichte über ihn in der Schule noch sonst wo erzählen werde können, und ihr auch zu
beichten, dass er nicht ihr wahrer Großvater ist.
Der anfängliche Unwille, über diese leid- und teilweise schambehaftete Vergangenheit zu spre-
chen, der sich in dem Zögern des Großvaters in „Die Fische von Berlin“ ausdrückt, liegt auch in
der Angst begründet, etwas Verbotenes zu sagen und dafür sanktioniert zu werden, alte Konflikte
wiederaufleben zu lassen oder eben eine im Verborgenen liegende Identität bloßzulegen und als
Konsequenz den erfolgreichen Grad an Assimilation bzw. Integration aufs Spiel zu setzen. Dass
solche Ängste von den Betroffenen auch nach dem Zerfall der Sowjetunion bzw. nach der Aus-
wanderung nicht von heute auf morgen abzulegen waren und sind, zeigt Lore Reimer eindrücklich
in ihren Gedichten. Im folgenden Gedicht wird in mehreren Zeilenenjambements der Vergleich
von „einst“ und „jetzt“ entwickelt:
Das Sprechen über die Vergangenheit und das erlebte Trauma bleiben schmerzlich, obwohl es
nun „unter der freien Sonne“ passiert. Die Stimme ist heiser, wie nach einer schweren Erkrankung
nie wieder ganz genesen. Die abschließenden zwei Verszeilen stellen schließlich die Diagnose
630
Vgl. Hahn (2013), S. 45.
631
Reimer, Lore: Damals unter dem roten Stern. In: Reimer (2000), S. 181.
181
einer chronischen Erkrankung. Das Schweigen der Opfer als Symptom des widerfahrenen Trau-
mas und die Spätfolgen könnten eindrücklicher nicht beschrieben sein. Das Gedicht ist im Werk
Lore Reimers, die viele Texte sehr offen anlegt und nicht spezifisch an einen russlanddeutschen
Erfahrungshorizont rückbindet, insofern einzigartig, als sie ihm gleichsam eines Prologs oder ei-
ner Regieanweisung in einem Theaterstück den Vermerk „Im Wartezimmer beim Arzt flüstern
Aussiedler in ihrem unsicheren Deutsch“ voranstellt und damit gleichzeitig schon die Krankheits-
metapher einleitet. Auch in Hummels „Die Fische von Berlin“ werden Eigenarten des Großva-
ters – und damit ist nicht etwa sein lahmes Bein gemeint, sondern die Angst vor der Dunkelheit
und der hohe Stellenwert, den er einem alten Taschenmesser beimisst, das, wie sich herausstellen
soll, ein Andenken an den verschollenen Bruder ist – von Alinas Großmutter als „Krankheit“ ge-
genüber ihrer Enkelin erklärt. Auf die Frage, welche Krankheit, das denn sei, an der Großvater
leide, weiß die Großmutter keine Antwort, dafür schaltet sich Alinas ältere Schwester ins Ge-
spräch ein: „ ,Frag ihn doch selbst. Aber ich glaube, seine Krankheit hat keinen Namen‘, sagte
Irma […].“632 Als der Großvater Alina das Taschenmesser eines Tages schenkt, erzählt sie Irma
davon. Diese kann es kaum glauben, bringt Alina aber auf den Gedanken, dass ihre offenen Ge-
spräche mit dem Großvater vielleicht helfen, sein Leiden zu mildern. Das Sprechen über Ver-
schwiegenes würde damit therapeutischen Zwecken dienen.
„Dir?!“
„Ja. Aber er sagt nicht, warum. Er braucht es [das Taschenmesser] doch, gegen seine Krankheit.“
„Vielleicht, weil es ihm jetzt besser geht?“
Irmas dahingesagte Vermutung setzte sich in meinem Kopf fest. Vielleicht war Schweigen doch
nicht soviel Gold wert, wie Großmutter immer behauptete. 633
Dass die russlanddeutsche Literatur oder besser gesagt die Autor/inn/en der Erlebnisgeneration
so lange brauchten, um ihr Schweigen zu brechen und mit kritischen Texten an die Öffentlichkeit
zu treten, dass sie stattdessen Texte verfassten, die ideologisch dem Sozialismus verpflichtet keine
Kritik übten bzw. die an den Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert begangenen Verbrechen
„übersahen“, wird ihnen noch immer vorgeworfen. Zwar meldeten sich nach der als „Zeit des
Schweigens“ betitelten Zäsur von 1941 bis Mitte der 50er-Jahre Russlanddeutsche in dünnen Zei-
tungsblättern wie der „Arbeit“ aus Barnaul wieder zu Wort, doch wurden nur sehr zögerlich Ver-
suche in Richtung Aufarbeitung der tragischen Vergangenheit gemacht. Diesbezüglich diskutie-
ren die Kommilitonen Willi und Hugo in Viktor Heinz’ Roman „In der Sackgasse“ mit dem Pro-
fessor Victor Klein über die Sinn- und Zweckhaftigkeit des Schreibens und Veröffentlichens unter
strenger Zensur. Zum Ausgangspunkt der Debatte wird der erste nach dem Krieg erschienene
deutschsprachige Sammelband „Hand in Hand“, welcher 1960 von der Redaktion der Zeitung
632
Hummel (2005), S. 19.
633
Ebda., S. 128 f.
182
„Neues Leben“ in Moskau herausgegeben wurde und Erzählungen und Gedichte russlanddeut-
scher Autor/inn/en enthält. Willi, der ihn zweimal gelesen hat, fragt sich, wo die eigentliche
Wahrheit über das Schicksal der Rußlanddeutschen bleibe: „Warum wird darüber nicht geschrie-
ben, was wirklich geschehen war: über Deportation, Zwangsarbeit und Sonderaufsicht?“634 Klein
schweigt eine Weile, ehe er antwortet:
Wenn wir für die Zeitung oder einen Verlag die ganze Wahrheit schreiben, werden wir überhaupt
nie gedruckt. Aber paßt auf, Jungs, die Zeiten ändern sich. Es kann nicht immer so bleiben …
Dann wäre es vielleicht besser, vorläufig überhaupt nichts zu drucken, wirft Willi unschlüssig ein.
[…]
Nein und nochmals nein! Kleins Worte klingen schroff und ungeduldig, Das dürfen wir auf keinen
Fall! Wir haben ohnehin viel zu lange schweigen müssen. 635
Der Hochschullehrer Klein redet sich in Rage, betont die Wichtigkeit, nach außen hin „sichtbar“
zu werden. In dem Brechen dieses Schweigens in der Öffentlichkeit, in der Literatur und vor allem
auch in der lange verbotenen deutschen Sprache selbst sieht er, so ist zu vermuten, einen ersten
wesentlichen Schritt zum Aufbau eines neuen Selbstbewusstseins unter den zerrütteten Minder-
heitsangehörigen der Nachkriegszeit. Mit dem Hinweis darauf, dass sich „die Zeiten ändern“,
suggeriert er außerdem, dass die „Wahrheit“ früher oder später ans Licht kommen werde, sobald
schließlich auch das Schweigen auf inhaltlicher Ebene gebrochen sei. In Kriegs- und Nachkriegs-
zeit aber bleiben aus Angst vor politischer Verfolgung die heiklen von Willi angesprochenen
Themen unbehandelt. Tatsächlich können sie erst spät in voller Tragweite zur Sprache gebracht
werden.
Die Möglichkeit, der Last des Erlebten (zuerst noch aussparend oder verharmlosend, dann präg-
nanter) Ausdruck zu verleihen, ergab sich zunächst auf den Seiten der angesprochenen Zeitung
„Neues Leben“ sowie in den Jahren 1985 und 1987 in zwei Ausgaben des Almanachs „Heimatli-
che Weiten“.636 Aber erst Anfang der 1990er-Jahre erhielt das Gedächtnis der Russlanddeutschen
die Möglichkeit, sich mit staatlicher Unterstützung zu artikulieren: Es wurden behördliche An-
ordnungen zur Rehabilitierung herausgegeben und gesellschaftspolitische Bewegungen wie die
Vereinigung „Wiedergeburt“ gegründet. Wie groß das Bedürfnis der Opfer war, sich zu artikulie-
ren und endlich ihre Versionen der Vergangenheit zu erzählen, zeigt das Werk des russlanddeut-
schen Schriftstellers Gerhard Wolter, der die berührenden und nicht selten erschütternden Le-
bensgeschichten der Nachwelt zu erhalten bestrebt war und nach dem Zusammenbruch der Sow-
jetunion das erste Buch über das Schicksal der russlanddeutschen Trudarmist/inn/en mit dem Titel
„Zona polnogo pokoja“637 verfasste. Im Vorwort des erweiterten und im Jahr 2003 schließlich auf
Deutsch im Waldemar Weber Verlag erschienenen Bandes „Die Zone der totalen Ruhe“ schreibt
634
Heinz (1996), S. 108.
635
Ebda., S. 109.
636
Vgl. Vaškau (2015), S. 194.
637
„Zone der totalen Ruhe“
183
Alexander Heiser in Rückbesinnung auf die erste Ausgabe: „Nach dem Erscheinen dieses Buches
erhielt der Autor Hunderte von Briefen, in denen das Martyrium von vielen Hunderttausenden
Rußlanddeutscher dokumentiert wurde. Das Material dieser Briefe bildete die Grundlage für die
nächste Ausgabe.“638
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der folgenden politischen und ökonomi-
schen Transformation sind nicht nur die alten Ordnungen, sondern auch die tradierten Vorstellun-
gen von einer kollektiven sowjetischen Identität obsolet geworden.639 Politische, ebenso wie mo-
ralische und geistige Orientierungspunkte wurden neu gesetzt. In der Neuverhandlung identitäts-
stiftender Ideen spielten Schriftsteller/innen eine besondere Rolle und folgten dem Beispiel
Gerhard Wolters, sahen sie doch endlich ihre Zeit gekommen, nicht mehr wie in Zeiten des Sozi-
alismus zu subversiven Mitteln der politischen Kritik greifen zu müssen bzw. sich zum Schweigen
oder der Entstellung ihrer Werke verurteilt zu sehen. Der Bruch dieses Schweigens in der Litera-
tur bringt nicht nur endlich das Unrecht zur Sprache, sondern auch die Last des langen erzwun-
genen Schweigen-Müssens selbst, endlich scheint die Zeit reif, „die Wahrheit zu sagen“. Nelly
Wackers appellatives, an ein lyrisches Du gerichtetes Gedicht mit dem vielsagenden Titel liest
sich als Mahnung für die Zukunft, die Erinnerungen an die Vergangenheit in den Gedächtnissen
der Menschen wach zu halten:
Die als Folge der Vernichtung und der noch lange fortdauernden Zensur entstandenen Leerstel-
len werden außerdem von russlanddeutschen Schriftsteller/inne/n selbst kritisiert. So beschreibt
etwa Waldemar Weber die langsame Aufarbeitung als „Unvermögen, sein eigenes Schicksal, das
Schicksal seines Volkes zum Gegenstand der Literatur zu machen.“641 Gerade in der Selbstkritik,
„aus der Distanz zu den schlimmen Jahren des stalinistischen Totalitarismus“, wie auch Ingmar
Brantsch in seinem Online-Porträt zur Autorin Nelly Wacker und ihrem Schaffen anmerkt, liege
638
Heiser, Alexander: Die unruhige Stimme der „Zone der totalen Ruhe“ (Vorwort). In: Wolter, Gerhard:
Die Zone der totalen Ruhe. Die Rußlanddeutschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Berichte von
Augenzeugen. Übers. v. Flick, Verena. Augsburg: Waldemar Weber Verlag 2003, S. 6.
639
Vgl. Smyhliaeva, Maria: Literatur auf Identitätssuche. Konzepte nationaler Identität nach der Perestro-
ika. In: Berliner Debatte Initial 23/2 (2012), S. 91.
640
Wacker, Nelly: Sag die Wahrheit. In: Wacker (1998), S. 28.
641
Weber, Waldemar: Gedanken über die sowjetdeutsche Literatur von heute und morgen. In: Weber
(1992), S. 202.
184
aber „eine der großen Chancen der russlanddeutschen Autoren. Sie mussten ideologischen Tribut
zahlen, wollten sie als russlanddeutsche Autoren überleben. Und sie haben ihn bezahlt. In Oden,
Hymnen und Idyllen an ihre Verbannungsheimat.“642 Nun aber sei die Zeit gekommen für einen
reflektierten Umgang mit der Vergangenheit. In diesem Sinn übt Nelly Wacker in ihren jüngeren
Werken Selbstkritik. Das lyrische Ich tritt an diesen Stellen als mit dem Autorinnen-Ich ident auf,
wie etwa in dem Text „Meine Beichte“, erstmals erschienen in den Texten der russlanddeutschen
Autorentage II in Alma-Ata im Juni 1992. In dem Text wendet sie sich explizit an ihre Leser/innen
und bittet um Verzeihung: „Auch das war Sünde: / So manches Mal schrieb’ ich Gedichte – auf
Bestellung / zu irgendeinem roten Feiertag und pries darin, / was kaum zu loben war, viel weniger
noch zu bewundern, / viel eher zu beanstanden und zu verneinen … / Ich lebte eben in der sow-
verdrehten Welt – wie alle! / Verzeiht mir, meine Leser!“643
Spannend wird es zwar vor allem immer dann, wenn das Schweigen gebrochen wird und das
Verschweigen als solches denunziert wird. Doch schon davor gilt: In dem Umfang wie die ver-
streichende Zeit (und damit das Warten auf einen passenden Moment zu sprechen, sofern die
Aufdeckung prinzipiell angestrebt ist) die eigene Unfähigkeit zu diesem Schritt der oder dem
Schweigenden immer bewusster macht, wächst der Druck und häufig auch ein Scham- bzw.
Schuldgefühl. Leichter wird es erst, wenn ein anderer aus der Gruppe der Mitwissenden den
Schritt wagt, ohne sich schwerwiegende Sanktionierungen einzuhandeln, oder man ein kollekti-
ves Brechen des Schweigens organisieren kann. Alois Hahn fällt in diesem Zusammenhang die
Rede Chrustschows auf dem 20. Parteitag der KPDSU ein:
Als er die Verbrechen Stalins und das kollektive Verschweigen dessen, was viele wussten, ange-
prangert hatte, kam aus dem Publikum die Frage: „Und Sie Genosse Chrustschov, warum haben Sie
so lange verschwiegen, was Sie wussten?“ Der nunmehr mächtige Gefragte donnerte zurück: „Wer
war das!?“ Der Rest war Schweigen. Erst einmal. Dann aber soll der Parteivorsitzende gesagt haben:
„Aus dem gleichen Grunde wie dem, dass Sie sich jetzt nicht melden.“644
Die russische Schuldgeschichte trifft wie alle nationalen Schuldgeschichten auf zwei entgegen-
gesetzte Reaktionen, die Anerkennung und Aufarbeitung der Schuld einerseits und Leugnung der
(eigenen) Schuld andererseits. Der sowjetische Totalitarismus, die stalinistischen „Säuberungen“,
der Große Terror, der GULag werden zum Gegenstand der auf Initiative von Andrej Sacharow
Ende der 1980er-Jahre gegründeten Menschenrechtsorganisation „Memorial“, der es um Doku-
mentation und um die Aufdeckung des Systems der sowjetischen Zwangslager geht. Ein Gegen-
beispiel ist die etwa zeitgleich entstandene Gruppe „Pamjat‘“, die mit unverhülltem, aggressivem
642
Brantsch, Ingmar: Wacker, Nelly. [Link]
[Link]/biographien/wacker-nelly-2 (25.06.2021).
643
Wacker, Nelly: Meine Beichte. In: Texte der rußlanddeutschen Autorentage II. Alma-Ata, Juni 1992,
S. 39-43. Zitiert nach Moritz (2004), S. 182.
644
Hahn (2013), S. 47.
185
Antisemitismus auftrat und die Schuldenlast der Vergangenheit den russischen Juden und Jüdin-
nen aufbürdete.645 Wie gezeigt, ist es also nicht nur das Erlittene, das den Bruch hervorruft, son-
dern auch die Schuld. Dem aktiven oder passiven Verleugnen einer schuldig gewordenen Ver-
gangenheit treten die Versuche entgegen, diese darzustellen, sie sagbar zu machen. Die Literatur
kann eine Sprache für das Ver- bzw. Beschwiegene anbieten, indem sie „die Zuschauer und Leser
in einen öffentlichen Resonanzraum hereinholt und ihnen aber auch Modelle für die Verarbeitung
eigener Erfahrungen ermöglicht [werden].“646
Viele russlanddeutsche Autor/inn/en haben erst nach der Auswanderung ihr Schweigen beendet,
die in diesem Fall als Übersiedlung in eine Kultur des Redens gedeutet werden kann. Dort graben
sie die verschwiegenen Geschichten ihrer Herkunftswelt aus, brechen das strukturelle, aber auch
das familiäre Schweigen, das viele noch in der zweiten Generation heimsucht. Doch die Erinne-
rung an das Schicksal der Russlanddeutschen sei auch ganz aktuell bei der russlanddeutschen
Jugend in Russland gefragt, konstatiert Vaškau.647 Die Student/inn/en der Wolgograder Univer-
sität nahmen an Zeitzeugengesprächen teil und wirkten bei dem Projekt zur Herausgabe der Listen
der Deportierten mit, das vom Forschungszentrum für Deutsche Geschichte der Universität Wol-
gograd realisiert wurde. Außerdem nutzten die Forscher/innen die lokalen Internetseiten, um sich
zu informieren, und Vaškau resümiert: „Diese Art der Wissensvermittlung – der Vermittlung des
Gedächtnisses – von der älteren an die jüngere Generation, geht bereits von der Jugend aus, was
die Hoffnung auf die Weitergabe der Erinnerung an die künftigen Generationen nährt.“648 Die
Frage, ob ein ähnliches Interesse für die Beschäftigung mit russlanddeutscher Literatur unter ei-
nem jungen Kreis von Leser/inne/n besteht, könnte das Ziel weiterer empirischer Forschungen
sein.
In dem vorhergehenden Kapitel wurde gezeigt, dass Schuld und Scham auf der einen Seite sowie
Leid und das Fehlen von Narrativen auf der anderen Seite zum Schweigen führen können. Aleida
Assmann hat darauf hingewiesen, dass Täter/innen häufig nicht bereit sind, ihr Schweigen zu
brechen, während das Schweigen auf der Seite der Opfer durch die Schaffung geeigneter Kom-
munikations- und Gedächtnisrahmen gebrochen werden kann.649 Bei Opfer-Täter-Konstellatio-
nen stellt sich zuallererst jedoch die Frage, wer sich wann, wo und warum als Opfer oder eben als
645
Aus „Pamjat“ („Erinnerung“) heraus haben sich eine Reihe anderer radikaler Gruppierungen entwi-
ckelt, die Organisation selbst löste sich jedoch aufgrund innerer Zerwürfnisse in den 1990er-Jahren wie-
der auf.
646
Assmann, A. (2013), S. 64.
647
Vgl. Vaškau (2015), S. 197.
648
Ebda.
649
Vgl. Assmann, A. (2013), S. 57 f.
186
Täter/in sieht bzw. von anderen als solche/r gesehen wird. Russlanddeutsche Literatur greift diese
Aushandlung der Rollen auf.
Vorausgeschickt sei, dass empirische Studien mehrfach zu dem Ergebnis gekommen sind, dass
die Betonung einer Opferrolle unter Russlanddeutschen eng mit der Identifizierung als Deutsche
verbunden und somit ein zentrales Element russlanddeutscher Identitätsvorstellungen sei. Svet-
lana Kiel zieht dahingehend den Schluss: „Allen Russlanddeutschen dieser Studie gemeinsam ist
die Wahrnehmung eines Status als Opfer.“650 Das Trauma als Element des kollektiven Gedächt-
nisses wird über Generationen tradiert – nicht nur als Teil des kulturellen, sondern ebenfalls als
Teil des kommunikativen Gedächtnisses. Nach Halbwachs kann davon ausgegangen werden, dass
gemeinsame Familienerinnerungen zur Reproduktion der Vergangenheit dienen und gleichzeitig
dazu beitragen, die familiäre Gegenwart zu definieren;651 ein ursprünglich die Großeltern und/o-
der Eltern betreffender Status als Opfer betrifft somit in abgeschwächter Form auch noch die
Kinder, die ihn neu konstruieren. Davon abgesehen formt die russlanddeutsche Literatur das kul-
turelle Gedächtnis mit – als Raum der unendlichen Möglichkeiten werden Prozesse der Neuver-
handlung von Identität in allen möglichen Facetten thematisiert –, sie selbst stellt damit ein Me-
dium der Selbstverortung für die Rezipient/inn/en dar.
Die den Angehörigen einer deutschen Minderheit im Zweiten Weltkrieg pauschal unterstellte
Kollektivschuld entbehrte jeder Begründbarkeit. Sich als Angehörige des „Sowjetvolkes“ fühlend
hatten viele ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Hitlerdeutschland mit Anträgen, in die Rote
Armee aufgenommen zu werden, demonstriert. Dessen ungeachtet waren sie plötzlich per Erlass
zu Feind/inn/en im eigenen Land gemacht worden, zu Helfershelfer/inne/n des Faschismus. Die
Frage nach dem großen Warum wird den Wolgadeutschen David Pawlowitsch Ehrlich in Herold
Belgers Roman „Das Haus des Heimatlosen“ noch Jahre später beschäftigen. Er identifiziert sich
eindeutig als Opfer, hinzukommt für ihn noch die kränkende Einsicht, dass seine in der Heimat
gebliebene russische Frau ihn – wie er durch einen Brief des Schwiegervaters erfährt – verlassen
und einen neuen Partner gefunden hat, er möglicherweise auch seinen Sohn nie wieder sehen
wird: „Demnach war er das Opfer. Er wurde verlassen. Verraten. Alleingelassen. Im vierten Le-
bensjahrzehnt war ihm alles genommen. Weder Haus noch Hof, weder Frau noch Sohn. Mutter-
seelenallein war er. Ein Sonderübersiedler, ein Ausgestoßener.“ 652 Hier steht das individuelle
Schicksal im Vordergrund, an vielen anderen Stellen im Text geht es jedoch um ein Kollektiv.
Während der nur kurz andauernden Wiedervereinigung mit Christian fragt jener seinen älteren
Bruder – und bezieht sich mit dem Pronomen „wir“ nicht nur auf die eigene Familie: „David,
650
Kiel (2013), S. 41.
651
Vgl. Halbwachs (1985), S. 120 ff.
652
Belger (2014), S. 135.
187
weißt du, weshalb sie uns das antun? Was haben wir verschuldet?“653 Die große Erklärung kann
nicht gegeben werden, stattdessen wird im Roman ein perfides Bild gezeichnet, wo sich die De-
portationsvorbereitungen in Davids Erinnerung zu einer Art Stockholm-Syndrom verdichten:
So geschieht es von jeher: Der Henker verrichtet sein schurkisches Werk mit Hilfe des Opfers. Mehr
noch, dem ausgefuchsten Henker gehen die Opfer nicht nur freiwillig zur Hand, sie erleichtern nicht
nur sein blutiges Tun und tragen zur Ausführung seiner infamen Absicht bei, sondern sie danken
obendrein noch demütig für ihr Leiden und Verderben. […] Genauso verhielt es sich bei der Aus-
siedlung der Russlanddeutschen.654
Während der Feldscher zumindest sein eigenes Gewissen in Unschuld waschen kann, so räumt er
in seinen Überlegungen über den Deportationserlass sehr wohl die Möglichkeit der Existenz von
einzelnen „Abtrünnigen“ ein, die sich schuldig gemacht haben. Vorwiegend betont er jedoch die
Ungeheuerlichkeit der kollektiven Schuldzuweisung von oberster Stelle, die auch das Bild der
Russlanddeutschen innerhalb der Gesellschaft prägen sollte: „Die Verurteilung nicht eines Men-
schen, nicht einer Gruppe von Abtrünnigen, nicht einer Bande von Verrätern, falls es denn solche
gab, sondern einer ganzen Nation, eines ganzen Volkes, niemand ausgenommen, weder unver-
ständige Kinder noch altersschwache Greise!“655
Es war die verzweifelte Wut all dieser Menschen, daß es ihnen nicht gelungen war, die Welt von
ihrem Leid, von dem Unrecht, das sie erlitten hatten, in Kenntnis zu setzen und vor einer mächtigen
Instanz, der Uno, der Europäischen Union, der Weltöffentlichkeit, der Geschichte selbst, als Opfer,
als das wahre Opfer in der opfervollen Geschichte des 20. Jahrhunderts anerkannt zu werden.657
653
Belger (2014), S. 149.
654
Ebda., S. 95.
655
Ebda., S. 92.
656
Als Wolfskinder werden laut dem Wolfskinder-Geschichtsverein e. V. „anhanglose deutsche Kinder
und Jugendliche, die im Frühjahr 1947 dem drohenden Hungertod im nördlichen Ostpreußen zu entgehen
versuchten, aus diesem Grund in Litauen in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten und infolgedessen
ihre Herkunft zeitweise oder mit Hilfe einer neuen Identität gar dauerhaft verschleiern mussten“ bezeich-
net. [Wolfskinder-Geschichtsverein e. V.: Wolfskinder. Definition. [Link]
[Link]/definition-wolfskinder (25.06.2021).]
657
Gauß (2008), S. 27.
188
Ein wesentlicher Grund für die langsame Aufarbeitung des Traumas ist in dem äußerst zögerli-
chen Rehabilitierungsprozess zu sehen. Denn über die Unschuld der Russlanddeutschen an ihrem
Schicksal war ein Großteil der sowjetischen Bevölkerung nicht unterrichtet worden. Als die Fa-
milie Walter, ebenfalls deportiere Wolgadeutsche, schließlich in demselben kasachischen Aul
eintrifft, in dem David Pawlowitsch Ehrlich schon knapp zwei Jahre lebt und arbeitet, entbrennt
unter den Aulbewohner/inne/n eine bezeichnende Diskussion über deren Identität. Während Sa-
lim, der Sohn des Baskarma658, die ankommende Familie zwar zuerst als „Nemisse“, also „Deut-
sche“, vorstellt, aber schon im nächsten Satz den Grund für ihr Kommen nennt und das voraus-
gehende Familienoberhaupt als „Schmied“ vorstellt, wird diese letztere Information für die Rings-
umstehenden schnell sekundär. Viel wichtiger – und verstörender – für die neugierigen Zuhö-
rer/innen scheint der Umstand, dass es so etwas wie „sowjetische Deutsche“ geben soll, die jedoch
keine „Faschist/inn/en“ bzw. „Gefangenen“ sind:
Nach der Stalinära ist der Rehabilitierungsprozess in der Tat nur sehr langsam vonstattengegan-
gen. Die Machthaber haben nicht nur nicht anerkennen, sondern nicht einmal begreifen wollen,
dass alle sowjetischen Repressionen nicht zu rechtfertigende Gesetzlosigkeiten und Verbrechen
gegen das Volk waren, berichtet Nikita Petrov. Die Mehrheit derer, die unter Stalin habe leiden
müssen, habe weiterhin als schuldig gegolten.660 In der Konsequenz blieb auch die einst so plötz-
lich ausgelöste Verunsicherung unter der russlanddeutschen Bevölkerung bestehen, waren die
Betroffenen doch nach wie vor in ihrem Alltag Anfeindungen ausgesetzt und rechtlich nicht der
Mehrheitsgesellschaft gleichgestellt. Die Tatsache, dass sie mit Misstrauen und Schuldvorwürfen
konfrontiert blieben, hat mit großer Wahrscheinlichkeit den Druck, ihren Status als Opfer zu pro-
klamieren, noch verstärkt – vorerst nur nach innen gerichtet, gleichsam sich selbst und innerhalb
der Gruppe aus Mitwissenden versichernd, dann auch in der Öffentlichkeit.
658
Kasach. für „Leiter“, „Chef“; hier: „Kolchosvorsitzender“. Vgl. den entsprechenden Eintrag im ab-
schließenden Glossar des Romans [Belger (2014), S. 419.].
659
Belger (2014), S. 118.
660
Vgl. Petrov, Nikita: Die Bewältigung der stalinistischen Vergangenheit am Beispiel der Rehabilitie-
rung der Opfer der politischen Repressionen. In: Stalin und die Deutschen. Hrsg. v. Zarusky, Jürgen.
München: R. Oldenbourg 2006, S. 218.
189
Nach dem Sturz Chruschtschows kam der Prozess der Rehabilitierung fast gänzlich zum Still-
stand, während der Breschnew-Periode wurden die stalinistischen Verbrechen systematisch ver-
schwiegen. Erst Gorbatschows Perestrojka förderte eine Neubewertung der gesamten sowjeti-
schen Geschichte, wobei der Begriff „Stalinismus“ fest in der Propaganda verankert wurde. Ende
der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre wurden mehrere Verordnungen zur „Wiederherstellung
der Gerechtigkeit der Opfer der Repressionen“ erlassen. Die Verordnung des Obersten Sowjets
der UdSSR vom 14.11.1989 hob alle normativen Akte über die Deportation auf und verpflichtete
die Staatsorgane der UdSSR, bis Ende 1991 zur Wiederherstellung der gesetzlichen Rechte der
repressierten Völker. „Die Verordnung wurde nicht in vollem Umfang ausgeführt; bis heute ist
die Gerechtigkeit für die Rußlanddeutschen und die Krimtataren nicht wiederhergestellt“,661 kon-
statiert Petrov aber noch im Jahr 2006. Und Vaškau verdeutlicht, warum auch diese Prozesse
allein noch lange keine gesellschaftliche Gleichstellung bedeuteten und welches Misstrauen und
insgeheime Schuldvorwürfe es nach wie vor gibt:
Die Diskussion Anfang der 1990er-Jahre über den Status der ehemaligen Angehörigen der Arbeits-
armee und ihre Gleichstellung mit den Kriegsveteranen […] stieß bei der älteren Generation oft auf
Unverständnis. Denn die Gesellschaft hatte keine Kenntnis von den Ereignissen der Jahre 1941 bis
1956 und wusste auch nicht, dass das Volk als Ganzes an den im Umsiedlungserlass angeführten
Taten keine Schuld trug.662
Die kollektiven Schuldvorwürfe hatten dazu geführt, dass „[d]ie Deutschen in der Sowjetunion
,Verlierer‘ und ,Täter‘ in einem [waren], und mithin waren sie sozusagen mit einem ,Verlierer‘-
und ‚Tätergedächtnis‘ konfrontiert“.663 Auch in dem „unschuldigen“ Kinderspiel hat sich die Ka-
tegorie „Faschist/in“ verfestigt – in „Die Fische von Berlin“ reproduziert das Spiel von Lena und
ihrem Bruder mit der kindlichen Protagonistin und Erzählerin Alina die Vorurteile und hierarchi-
schen Strukturen sowie die Spannungen zwischen Täter- und Opferperspektive, die den Alltag
der russlanddeutschen Minderheit in der Sowjetunion der 1970er- bzw. 1980er-Jahre, in denen
die Handlung der Geschichte angesiedelt ist, latent bestimmen. Die Rollen stehen bereits fest und
werden nach bekannten Regeln verteilt, obwohl die tieferen Zusammenhänge den Agierenden
nicht geläufig sind. Das Kinderspiel verliert hier seine Unschuld (die es vielleicht nie gegeben
hat), wenn die gesellschaftlichen Strukturen sichtbar werden – am deutlichsten im Lächeln des
Großvaters und Kriegsveteranen der kleinen Lena, der über das Kriegsspiel wacht:
Lena und ihr Bruder spielten gerne Krieg, und ich mußte die Rolle der Besiegten übernehmen. Ich
wollte keinen Krieg spielen. Wenn ich mich weigerte, riefen sie „Faschistin, Faschistin!“ und ihr
Großvater betrachtete seine spielenden Enkel mit wohlwollendem Lächeln. Ich wollte keine Fa-
661
Petrov (2006), S. 220.
662
Vaškau (2015), S. 193.
663
Gansel (2020), S. 917.
190
schistin sein. Wenn ich ging, stand bald Lena vor unserer Tür und nannte mich eine Spielverderbe-
rin. Und dann spielten wir etwas anderes, Stadt-Land-Fluß, Vater-Mutter-Kind oder Stille Post, bis
zum nächsten Mal Krieg.664
Da Alina das Spiel verweigert und nachhause geht, tritt sie gleichsam eine Flucht an, doch die
Worte „bis zum nächsten Mal Krieg“ verweisen schon auf die durch Wiederholung immer wieder
aufs neue ausgegebenen, aber von vorn herein in ihrer Verteilung feststehenden Rollen von Sie-
ger/in und Verlierer/in. Und Verliererin ist Alina als Minderheitsangehörige hier in doppelter
Hinsicht: Der Rollenzuschreibung des Spiels kann sie sich nicht entziehen, zumal jene auch von
erwachsenen Autoritätspersonen wie dem Großvater Lenas, der doch darüber hinaus selbst ein
altgedienter Soldat ist, abgenickt bzw. „abgelächelt“ werden. Weil sie innerhalb des Spiels als die
besiegte Täterin imaginiert wird, kann erst recht keine Neuverhandlung stattfinden. Nur durch
den fortschreitenden Rehabilitierungsprozess und eine breite Überarbeitung und Anreicherung
des kollektiven Mehrheitsgedächtnisses durch marginalisierte Vergangenheitsversionen kommt
es schrittweise zur Verbesserung für Betroffene, weil sich diese Zuschreibungen verändern bzw.
Vorurteile abgebaut werden können.
So schien es zunächst, als könnten nach dem Sturz der kommunistischen Macht 1991 keinerlei
Hindernisse mehr für den Prozess der Wiederherstellung des Ansehens der Minderheiten beste-
hen. Allerdings enthielt auch das am 18. Oktober verabschiedete neue Gesetz wiederum Ein-
schränkungen, die eine Überprüfung der Fälle von „Landesverräter/inne/n“ und „Spion/inn/en“
verhinderte. Für die Durchführung der Rehabilitierung der aus politischen Gründen auf administ-
rativem Wege, d. h. durch Umsiedlung, Verbannung und Deportation, repressierten Menschen
verantwortlich war das Ministerium für Innere Angelegenheiten (MVD) der Russischen Födera-
tion. Zumindest in diesen administrativen Fällen (was man für die anderen Kategorien der auf
gerichtlichem und außergerichtlichem Wege Repressierten nicht behaupten kann) sei der Prozess
der Rehabilitierung in den 90er-Jahren großteils erfolgreich verlaufen, was sich vor allem aus der
„Unstrittigkeit“ dieser Fälle im heutigen Verständnis erkläre, so Petrov.665 Allerdings bemerkt der
russische Historiker, der sich auf Verbrechen der sowjetischen Geheimdienste während der Sta-
linzeit spezialisiert hat, mit Blick auf das heutige Russland auch, dass staatliche Stellen die Mas-
senrepressionen und die Gesetzlosigkeit der sowjetischen Ära zwar verurteilen, doch gleichzeitig
immer wieder den freien Zugang zu Archiv- und Strafakten für historische Untersuchungen ver-
hindert würden und es gesellschaftliche Stimmungen gäbe, die man als Phänomene der Nostalgie
für die „ruhmreiche“ sowjetische Vergangenheit werten müsse.666 Natürlich tadle die Mehrheit
der Bevölkerung Stalin für seine Bluttaten, doch rechtfertige ihn sogleich, indem sie erkläre, dass
664
Hummel (2005), S. 49.
665
Vgl. Petrov (2006), S. 221.
666
Vgl. ebda., S. 223 f.
191
das für die Sache des staatlichen Aufbaus unabdingbar gewesen sei: „Heute legen russische His-
toriker allen Ernstes Dissertationen über den großen Beitrag des GULag zum Sieg im Krieg von
1941-1945 vor.“667
Die meisten [Stücke] klingen herb, manche auch bitter, doch eindeutig müßte aus dieser Tonart das
Bekenntnis zu Deutschland, die Liebe zur Muttersprache herauszuhören sein. Freilich kenne ich
welche, die sind auf diesem Ohr taub und werden das Ganze genüßlich fehldeuten!
[…]
Kritikern wird es ein leichtes sein, Inkonsequenzen, auch Widersprüche aufzuspießen. Viel Spaß!
Doch wollen die Gestrengen bitte gütigst bedenken: Ein Schnappschuß ist kein politisches Pro-
gramm.670
667
Petrov (2006), S. 224.
668
Kiel (2013), S. 36.
669
Vgl. ebda., S. 41 f.
670
Warkentin, Johann: Rechtfertigungsversuch. In: Warkentin (1996), S. 9 f.
192
Den Stimmen missverstehender Leser/innen bzw. den Urteilen von Kritiker/inne/n ist ein Platz
noch vor den eigentlichen Sonetten im Werk eingeräumt, sie sind von vornherein im Werk mit-
gedacht. Eine feindselige Gegenposition ist oft noch in den Gedichten omnipräsent, wobei hier
die Akteur/inn/e/n und Perspektiven wechseln: Da sind es Werte wie Geselligkeit und Gemein-
schaftsgeist unter DDR-Bürger/inne/n, die gemeinhin verkannt werden; Russlanddeutsche, die als
Brandstifter/innen geächtet nach Sibirien verbannt werden; es ist die Republikidee, die von obers-
ter Stelle, dem Kreml, zurückgewiesen wird; „Feindlich-Fremdes“671, das in die verlassenen Häu-
ser und Dörfer der ausgesiedelten Russlanddeutschen einzieht, und der Alltag, der den Familien
die gequälte Muttersprache stiehlt. Der Grundton der Sonette ist ein gekränkter, teils bitterer, wie
Warkentin selbst anmerkt, aber gleichzeitig ein analytisch-scharfer. Die Sprechinstanzen in den
Texten kreiden an, schimpfen und nehmen sich kein Blatt vor den Mund, auch und vor allem nicht
dann, wenn es sich um selbstkritisch angelegte Gedichte handelt. Warkentin, der selbst als Lite-
raturkritiker tätig war und sich den Ruf des „zornigen alten Mannes der russlanddeutschen Lite-
ratur“672 einhandelte, hatte sich zu Lebzeiten für die Rehabilitierung der Russlanddeutschen ein-
gesetzt, stand etwa in vorderster Reihe der Autonomiebewegung und erlebte Enttäuschungen und
Niederlagen am eigenen Leib. In einem Beitrag der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ bezeichnet
Nina Paulsen den ehemaligen Sprachlehrer zu Ehren seines hundertsten Geburtstages darüber
hinaus als „streitbaren Verfechter der deutschen Sprache“, der die Entwicklung der russlanddeut-
schen Presse und Literatur der Nachkriegszeit maßgebend mitgeprägt habe,673 während der Autor
selbst von sich als einen „der verliebt war in unsere schöne Sprache, bei der Spröden indes nicht
auf ebenso stürmische Gegenliebe stieß“674 spricht. Diese Positionierung als letztlich zurückge-
wiesener Werber bildet in ganz ähnlicher Weise oft die Conclusio im „streitbaren“ Grundton von
Warkentins Prosa wie Lyrik. Das übergreifende Thema der teils satirisch angelegten Texte ist der
Konflikt, eine Aushandlung von Wahrheit in Fragen der Vergangenheit und Gegenwart, von Ver-
antwortung, Schuld bzw. Unschuld von Täter/inne/n und Opfern. Immer wieder steht zuletzt aber
die Einsicht, das lang Erhoffte und Umkämpfte nicht (in vollem Umfang) erreicht zu haben. Mit-
unter ist es auch das Eingeständnis eigener Schwäche oder Mangelhaftigkeit, fast immer jedoch
eine Positionierung als Außenseiter: „Und dämmerst hin, vergessen und vergessend / ein mor-
sches Treibholzstück am Uferrand.“675
Auf diese Weise entwirft Warkentin in differenzierter und durchaus selbstkritischer Weise in den
„Rußlanddeutschen Berlin-Sonetten“ das Selbstbild eines Opfers der Grenzen, gegen die ein/e
671
Warkentin, Johann: Es ist vorbei. In: Warkentin (1996), S. 59.
672
Paulsen, Nina: In Erinnerung an einen streitbaren Verfechter der deutschen Sprache (11.05.2020).
[Link] (05.03.2021).
673
Vgl. ebda.
674
Vgl. Warkentin, Johann: Rechtfertigungsversuch. In: Warkentin (1996), S. 10.
675
Warkentin, Johann: Angeschwemmt. In: Warkentin (1996), S. 82.
193
Gescheiterte/r angerannt ist. Ist der Autor im Vorwort zwar scheinbar bemüht, die große Subjek-
tivität der aus den Gedichten sprechenden Ansichten zu betonen, scheint sich der Anspruch, als
Sprachrohr für eine Gruppe von russlanddeutschen Minderheitsangehörigen zu fungieren, trotz-
dem allein schon in der häufigen Verwendung der ersten Person Plural und der kollektiven Selbst-
beschreibung in der „Kollerdisteln“-Metapher auszukristallisieren. In dem Text „Kollerdisteln im
Wind“ wird eine Reise zwischen mehreren Welten entworfen, die so ihren Anfang nimmt: „Wir
wuchsen auf in einer Inselwelt, / die war schon todgeweiht, eh wir es ahnten.“ Und endet mit:
„Dort [im Land der Väter] läßt der Wind uns liegen – wenig später / geht uns dann auf, daß wir
entwurzelt sind.“676 Die zum festen Narrativinventar russlanddeutscher Literatur zählende „Ent-
wurzelung“ wird – obwohl die Aussiedlung doch aus eigenem Entschluss angetreten wird – pas-
siv empfunden, der „Hoffnungswind“ als eine Art „Rausch“ übersetzt. Er ist es, der als Konse-
quenz des „Scheiterns naiver Träume“ aufkommend die Samen verweht und an immer neue Orte
trägt, aber ihnen nicht die Heimat zurückgibt.
Klingt in Warkentins Texten zwar die wiederholte Wahrnehmung eines Opferstatus an, ist es
dennoch keine rein defensive Haltung, die dabei beschrieben wird. Seine Gedichte finden eben-
falls klare Worte für eine Überstrapazierung des Narrativs im Sinne einer fortwährenden, um mit
Kiel zu sprechen, negativen Selbstdefinition in der Rolle des oder der Benachteiligten. Richtig
gelesen sei das Sonett „Schiefe Dialektik“ die „langersehnte emanzipatorische Aufklärung über
die Notwendigkeit einer individuellen Schicksalbetrachtung“,677 so Ingmar Brantsch. Da heißt es:
„Na klar wird nach der Ankunft übertrieben, / wird jede Schweinerei, was es auch sei / (Schikane,
Nachbarsneid – ganz einerlei), / dem Regiment im Kreml zugeschrieben.“678 In dem schweren
Anfang kann zwar die Chance eines Neubeginns gesehen werden. Die Gefahr aber, die stattdessen
in der Abstreitung jedweder persönlichen Verantwortung für das eigene Schicksal bzw. die eigene
Lebenssituation besteht, wird umgehend veranschaulicht: „Wenn ich für all’ und jeden Willkür-
akt / der mir dort widerfuhr, den Staat verklag, / weil er das Unrecht achtlos hat geduldet, // –
dann glaub ich bald, daß Vater Staat auch hier / an allem, was im Alltag mir passiert / egal, ob
Neid oder Schikane, schuld ist.“679 Das Abwälzen der Schuld wird durch die Personifikation „Va-
ter Staat“ einerseits auf eine persönlichere Ebene gehoben, andererseits spielt die Formulierung
auf das viel propagierte „Vaterland“ an.
Warkentin, der selbst noch auf der Krim in deutschsprachigem Umfeld geboren wurde und die
Schrecken von Deportation und Zwangsarbeit miterlebte, wäre nach der von Kiel im Zuge ihrer
Studie unter russlanddeutschen Aussiedlerfamilien vorgenommenen Einteilung zur Generation
676
Warkentin, Johann: Kollerdisteln im Wind. In: Warkentin (1996), S. 64.
677
Brantsch, Ingmar: Warkentin, Johann. [Link]
(11.02.2021).
678
Warkentin, Johann: Schiefe Dialektik. In: Warkentin (1996), S. 67.
679
Ebda.
194
der Großeltern zu zählen, für die sie das Empfinden eines Opferstatus’ als zentrales Element der
Selbstwahrnehmung als Deutsche beschreibt. Durch Ablehnung und Stigmatisierung seien diese
Menschen erneut zu einer negativen Selbstverortung und Opferwahrnehmung gekommen.680 Ob
sich sinnvolle Kategorien so leicht an Lebensdaten und persönlichem Erfahrungshorizont festma-
chen lassen, sei dahingestellt, und auch, dass Johann Warkentins Literatur eine solche negative
Selbstverortung nachzeichnet, ist nicht gesagt. Gerade die nähere Untersuchung seiner „Berlin-
Sonette“ fördert Verweise und Anstöße in Richtung anderer Identitätskonzepte zutage. Die von
Kiel ausgearbeiteten prototypischen Selbstbilder können dennoch als guter Behelf für ein besseres
Verständnis der gegenwärtigen Situation russlanddeutscher Aussiedler/innen und das mitunter
fortbestehende Narrativ einer Opferidentität dienen, die eben nicht nur durch Tradierung erlebter
Traumata neu konstruiert wird, sondern sich auch aus gegenwärtigen Erlebnissen der Minder-
heitsangehörigen speist.
Während Olga Kurilo zwischen drei Identitätsauffassungen unter den Russlanddeutschen681 un-
terscheidet („Deutsche in Russland“, „Russische Deutsche“ und „Deutsche Russen“), 682 be-
schreibt Svetlana Kiel in ihrer Studie fünf unterschiedlich ausgestaltete Selbstwahrnehmungen
russlanddeutscher Aussiedler/innen. Diese können, in Beziehung zu Kurilos Kategorisierung ge-
setzt, als mögliche Ausdifferenzierung ihrer Selbstbilder gelesen werden und sollen folgend in
Stichworten wiedergegeben sein:
1. „Nicht richtige Deutsche“: einheitliches Selbstbild der Generation der Großeltern, anhaltende
Entwurzelung, starkes Empfinden eines Opferstatus, negative Selbstdefinition;
2. Die „wahren Deutschen“: das Selbstbild der religiösen Russlanddeutschen, Herausbildung ei-
nes positiven Selbstbildes;
3. „Deutsche mit russischem Glanz“: kulturelle Zusatzkomponente als Bereicherung für Russ-
landdeutsche aus akademischem Milieu, positive kulturelle Selbstverortung;
680
Vgl. Kiel (2013), S. 43.
681
„Russlanddeutsche“ verwendet Olga Kurilo als Überbegriff für alle Zugehörigen der von ihr unter-
schiedenen Gruppen (siehe unten).
682
(1) „Deutsche in Russland“: Migrant/inn/en, die nicht lange in kultureller Isolation in Russland lebten
und kulturell und kognitiv Deutsche blieben. Dazu zählen so heterogene Gruppen wie die Bewohner/in-
nen der deutschen Vorstadt Moskaus im 16. Jahrhundert, die ersten Kolonist/inn/en an der Wolga im 18.
Jahrhundert, Kriegsgefangene, Arbeitnehmer/innen, Diplomant/inn/en, Geschäftsleute und Pastoren, die
nach Russland auswanderten.
(2) „Deutsche Russen“: Sie fühlen sich eher als Russ/inn/en und haben zum Deutschen ein mehr oder we-
niger formales Verhältnis. Zu dieser Gruppe gehören „assimilierte Deutsche“, die sich von Russ/inn/en
nicht stark unterscheiden, jedoch Erinnerungen an die deutsche Herkunft bewahren. Vor allem Russland-
deutsche, die in jungen Jahren nach Deutschland kommen und noch nicht lange dort leben, identifizieren
sich kaum mit deutschen Traditionen.
(3) „Russische Deutsche“: Sie haben sich von der Kultur Russlands stark beeinflusst und sich in unter-
schiedlichem Maß von ihrem „deutsch“ geprägten Milieu entfernt. Die Gruppe, die die größte Gruppe un-
ter den Russlanddeutschen bildet, zeichnet sich durch das Gefühl, sich in „zwei Kulturen“ zu bewegen,
aus. Sie unterscheiden sich von zahlreichen Russ/inn/en durch ihre Herkunft, ihre doppelte/hybride Iden-
titätsauffassung, die sich in der Selbstidentifizierung als „Russlanddeutsche“ widerspiegelt, sowie partiell
im Glaubensbekenntnis, der Sprache sowie Denk- und Verhaltensweisen. [Vgl. Kurilo (2015), S. 61-65.]
195
4. „Deutsche mit Makel“: kulturelle Andersartigkeit als anhaftendes Stigma für Russlanddeutsche
aus nicht-akademischem Milieu, ungewollte kulturelle Andersartigkeit, Opferstatus als dominie-
rendes Element des Selbstbilds;
5. Die „sowjetischen Leute“: das Selbstbild der ethnisch gemischten Familien, keine Verunsiche-
rung durch die Konfrontation mit der bundesdeuten Gesellschaft.683
Nach der Auswanderung – und von dieser Situation geht Kiel in ihrer Studie aus – wurde die
Täter-Opfer-Diskussion um die Jahrtausendwende noch einmal verschärft. Denn seit Beginn der
1990er-Jahre gelten Russlanddeutsche als problematische Zuwanderungsgruppe, auch in den fol-
genden Jahrzehnten wurde immer wieder über mangelnde Integrationsbereitschaft, gewaltbereite
Jugendliche und sich abschottende religiöse Gemeinschaften und nicht zuletzt über ihre Sympa-
thie zu rechten Parteien wie der AFD diskutiert.684 Auch wenn Kiel beschreibt, dass die Rückbe-
sinnung auf eine Prägung durch die russische Kultur in akademischen Familien als kulturelle Zu-
satzkomponente positiv in das kulturelle Selbstbild einbezogen werden kann, d. h. als Bereiche-
rung empfunden wird, erzielen ihren Beobachtungen gemäß nicht-akademische Familien häufig
ein anderes Resultat: Die nicht gewollte kulturelle Andersartigkeit führe zum Status als „Deutsche
mit Makel“ und im Rahmen der Auseinandersetzung mit der kulturellen Orientierung trete die
Wahrnehmung eines Opferstatus in Deutschland als ein dominierendes Element auf. Durch die
verstärkte Identifizierung in einer Opferrolle werden auf der anderen Seite eine Ausgrenzung von
der bundesdeutschen Gesellschaft und ein Rückzug in die Eigengruppe vorgenommen.685 Kamen
Russlanddeutsche zwar ursprünglich mit der Erwartung ins Land, aufgrund ihrer Abstammung
eine Zugehörigkeit zur „bundesdeutschen Kultur“ und Gesellschaft zu besitzen, nehmen sie nun
also häufig eine klare Abgrenzung zur Gruppe der Mehrheitsgesellschaft vor und betonen ihren
Status als Angehörige einer Minderheit.686
In Bezug zu Kiels Kategorisierung gesetzt entwerfen beispielsweise viele von Johann Warkentins
Gedichten am ehesten ein Selbstbild „nicht richtiger Deutscher“, welches sich maßgeblich über
eine negative Bewertung von Außenstehenden (also über Fremdzuschreibungen) zu konstituieren
scheint. In dem Gleit zum fünften Kapitel im Band „Rußlanddeutsche Berlin-Sonette“ richtet die
Erzählinstanz sich mit mahnenden Worten an die Leser/innen:
683
Vgl. Kiel (2013), S. 42-46.
684
Vgl. ebda., S. 33.
685
Vgl. ebda., S. 46 f.
686
Vgl. ebda., S. 37.
196
3. Seit Deutschland abrutscht, findet Vater Staat uns immer unerfreulicher, sehr eindrucksvoll ver-
deutlicht das der Fiskus.687
„Die Unsrigen, die noch in Rußland (auf den Koffern) sitzen“, würden besser bleiben, folgert
der/die Erzähler/in weiter, sie sollten „normale Russen werden, die sie fast schon sind.“688 Eine,
wenn nicht die, wesentliche Voraussetzung für das Gelingen eines Neuanfangs wird zwar in der
Sprache gesehen, doch stellt der Text auch hier ein negatives Zeugnis aus:
Bis sie normale Deutsche sind, wird’s schmerzlich lange dauern, denn eines gilt nicht nur für uns,
das lehrt uns die Diaspora auch anderswo:
Von allen Lebensgütern gibt der Deutsche am leichtesten die Sprache auf, und er erwirbt sie wieder,
falls überhaupt, zuallerletzt.689
Immer wieder beschreiben auch die Texte der anderen Autor/inn/en Sprache als wesentliches
Identitätsmerkmal. Dabei macht gerade Warkentin sie mit diesen Zeilen bei genauerem Hinsehen
zu einem sekundären (nicht primären) Aspekt der Selbstverortung bei der Frage nach „deutsch“
oder „russisch“. Ganz anders klingt das beispielsweise in dem Gedicht „München“ von Nelly
Wacker zu dieser Thematik, welches den Schwierigkeiten zum Trotz eine freundliche Aufnahme
in die neue Gesellschaft und einen zuversichtlichen Blick auf Gegenwart und Zukunft nach der
Auswanderung beschreibt. Wie anhand ihres Textes „Muttersprache“ (1985) bereits gezeigt, wird
die deutsche Sprache in ihrer Dichtung dabei als die („wahre“) Muttersprache inszeniert und dem-
entsprechend in ihrer Wichtigkeit für die Entwicklung eines positiven Selbstbildes als bedeutsa-
mer gegenüber den anderen, „sekundären“ Sprachen gewertet.
Russlanddeutsche Aussiedler/innen sehen sich nach der Ankunft aber nicht nur mit den, ihnen
unmittelbar entgegengebrachten Fremdzuschreibungen – zum Beispiel aus dem Grund mangeln-
der Deutschkenntnisse – konfrontiert, sondern werden immer wieder auch zum Mittelpunkt me-
dialer Berichterstattung. In ihrem Aufsatz „Kriminelle, junge Spätaussiedler – Opfer oder Täter?
Zur Ethnisierung des Sozialen“ beschreibt Sabine Zinn-Thomas die oft einseitige mediale Be-
richterstattung, in der die jungen Aussiedler/innen als Verlierer/innen der Zuwanderung darge-
stellt werden, als Opfer der Umstände: „Angekommen am ,Ort ihrer Hoffnung‘ fänden die Eltern
keine Arbeit, der Vater tröste sich oftmals mit Wodka, die Kinder seien weit weg von allen Freun-
den und zutiefst verunsichert, und da läge die Versuchung nahe, auf illegale Weise am Konsum
teilzuhaben.“690 Durch derartige Narrative werden erneut Schuld und Unschuld bzw. Täter- und
Opferrollen konstruiert:
687
Warkentin, Johann: V. Diesseits der Oder. In: Warkentin (1996), S. 63.
688
Ebda.
689
Ebda.
690
Zinn-Thomas, Sabine: Kriminelle, junge Spätaussiedler – Opfer oder Täter? Zur Ethnisierung des So-
zialen. In: Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland. Hrsg. v. Ipsen-Peitz-
meier, Sabine u. Markus Kaiser. Bielefeld: transcript 2006, S. 307.
197
Kulturelle Zuschreibungen hinsichtlich Gewaltbereitschaft und Suchtverhalten sprechen ihnen zu-
dem jegliche Eigenverantwortung ab. Keine Frage, dass sich die Aussiedler selber nicht nur als Op-
fer der Umstände sehen, sondern auch als Opfer einer Medienkampagne. Auch die Einheimischen
sehen sich als Opfer, etwa aufgrund der staatlichen Zuwanderungspolitik oder ganz konkret durch
Überfälle oder Diebstähle.691
Die vorhandenen Studien lassen jedoch keine endgültigen Schlussfolgerungen zur Kriminalitäts-
belastung durch die jungen Aussiedler/innen zu.692 In Mediendarstellungen693 wird die Krimina-
lität jugendlicher Migrant/inn/en dessen ungeachtet auf mangelnde Integrationsfähigkeit zurück-
geführt und diese wiederum auf deren kulturelles Anderssein. Die Ursache würde demnach in
einer ethnischen Disposition liegen. Doch in Wahrheit handle es sich hier weniger um Probleme,
die sich auf kulturelle Differenzen zurückführen lassen, als vielmehr um Folgen sozialer Un-
gleichheit, resümiert Zinn-Thomas. Die Kriminalität hänge also mit dem Sozialprofil zusammen,
d. h. Defiziten an Berufs- und Lebenschancen.694 Jugendliche Spätaussiedler/innen können Opfer
und Täter/innen zugleich sein – sie erfahren Fremdenangst und -feindlichkeit in den Konstrukti-
onen des „Anderen“ und werden zu Täter/inne/n, die im Spannungsfeld von sozialer Herkunft
und Stellung sowie kulturellen Zuschreibungsprozessen straffällig werden.695 Die Mehrdimensi-
onalität des Kulturkonflikts mag im Generationenverlauf sicherlich eine Abschwächung erfahren.
Doch allgemein werden in Politik, Medien und Wissenschaft immer wieder Kategorien und Pa-
radigmen aufgestellt, die auf binären Identitätkonstruktionen fußen und einem nationalstaatlichen
Profil entsprechen. Der statische Kulturbegriff, der homogene Entitäten impliziert, negiert was
längst bekannt ist; dass kulturelle Differenzen nicht nur zwischen, sondern ebenso innerhalb ge-
sellschaftlicher Gruppen bestehen. Kulturvermittler/innen müssen dazu beitragen, „dass in der
heutigen mobilen und globalen Welt sich die historisch früher konstruierten Grenzen zwischen
dem Eigenen und Fremden auflösen, ineinander übergehen und solcherart die alte, im national-
staatlichen Rahmen konzipierte Frage, wer bzw. was fremd in einer Gesellschaft sei, (zumindest)
aus ethnologischer Perspektive sinnlos wird.“696
691
Zinn-Thomas (2006), S. 316.
692
Haug, Sonja, Tatjana Baraulina u. a.: Kriminalität von Aussiedlern: Eine Bestandsaufnahme. Working
Paper / Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Forschungszentrum Migration, Integration
und Asyl (FZ) 12 (2018), Nürnberg. [Link]
(25.11.2020), S. 23.
693
Für einen Überblick siehe: Klimeniouk, Nikolai: Fleißige deutsche Opfer, frustrierte russische Täter.
Russlanddeutsche in den bundesdeutschen Medien (11.10.2018). [Link]
tion/russlanddeutsche/276854/fleissige-deutsche-opfer-frustrierte-russische-taeter (23.07.2021).
694
Vgl. Zinn-Thomas (2006), S. 314 f.
695
Vgl. ebda., S. 318.
696
Niedermüller, Peter: Europäische Ethnologie. Deutungen, Optionen, Alternativen. In: Die Wende als
Wende? Orientierungen Europäischer Ethnologien nach 1989. Hrsg. v. Köstlin, Konrad, Peter Niedermül-
ler u. a. Wien: Verlag des Instituts für Europäische Ethnologie 2002, S. 58.
198
Familien, in denen Ressourcen wie ein hohes Bildungsniveau oder eine persönliche Religiosität
vorhanden sind, ist es jedoch angesichts dieser Problematiken leichter möglich, Strategien zu ei-
ner erfolgreichen Bewältigung zu entwickeln. 697 Besonders religiöse Familien bilden dabei
gleichsam eine Sonderrolle für Kiel, insofern das Empfinden einer Opferrolle trotz einer positiven
kulturellen Selbstverortung dominiere. Die Religiosität stelle eine die Migration überdauernde
Konstante mit stabilisierender Wirkung dar und die wahrgenommenen Unterschiede zur Mehr-
heitsgesellschaft im Auswanderungsland führen zu der Überzeugung, im Vergleich zu den Ein-
heimischen die eigentlich „wahren Deutschen“ zu sein – basierend auf der Kritik mangelnder
Frömmigkeit oder auch fehlenden Patriotismus.698
Sucht man nach Spuren religiöser Identitätskonstruktionen in der aktuellen russlanddeutschen Li-
teratur von Aussiedler/inne/n, wird man sich früher oder später mit der Lyrik Lore Reimers aus-
einandersetzen müssen. Die bis in die Gegenwart hineinreichenden Folgen einer traumatischen
Vergangenheit sind in ihren, an Metaphern und Wortschöpfungen reichen Gedichten und Erzäh-
lungen omnipräsent. Statt des Bildes der Scherben oder der Kollerdisteln ist es hier das Senfkorn,
das für die Einzelschicksale innerhalb der russlanddeutschen Gemeinschaft steht – leicht und vom
Wind verweht: Ein „totes samenkorn“ ist eines, „das sich nicht erinnern kann / das schweigt“.699
Das Leben, diesen schicksalhaft vorgeschriebenen Weg aus Hindernissen, gilt es, als solchen an-
zunehmen; auch den Schmerz anzunehmen: „Steine und Sand. / Es ist dir vorgeschrieben, / in
dünner Luft / zu wandern.“700 Mit dem Glauben an ein Schicksal geht entsprechend eine gewisse
Passivität einher, die auch das schweigsame Samenkorn als solches zu einem unschuldigen macht,
das der Lüge „preisgegeben“ ist:
vielleicht ist es
falsch gelagert worden
nicht ver-wahrt das
wahre in ihm
preisgegeben
der lüge des totseins701
697
Vgl. Kiel (2013), S. 46.
698
Vgl. ebda., S. 42 ff.
699
Reimer, Lore: leben im kern. In: Reimer (2000), S. 147.
700
Reimer, Lore: Steine und Sand. In: Reimer (2000), S. 49.
701
Reimer, Lore: leben im kern. In: Reimer (2000), S. 147.
199
Eine Ausnahme bildet auf den ersten Blick der Text „Eigene Schicksale“, der das Bild eines völlig
Ungeschützten entwirft: „[…] ein Robinson ist nicht jeder / nicht jeder macht die Erde untertan /
vielleicht bleibt einer Opfer“702. Letzteres aber gleicht hier einem, das – sich freiwillig aufop-
fernd – das eigene Schicksal in Kauf nimmt, sich damit abfindet, in „ungastlichen Gegenden“
keine „Hütte“ und kein „Feuer bei Anbruch / der Dämmerung“703 zu finden, und in dieser Haltung
gleichsam dem Göttlichen schon näher steht als der Rest der Menschen. Auch hier liegt auf diese
Weise eine große Zuversicht begründet in der Annahme des individuellen Leidensweges, wird
jener doch als zum Schicksal der „Auserwählten“ gehörend imaginiert und hingenommen im
Wissen, zu den (im Wortlaut Kiels) „wahren Deutschen“ zu gehören. Die derartige Zuversicht
wächst aus der tiefen Religiosität empor. In dem Gedicht „Der Schmerz“ wendet die Sprechin-
stanz sich direkt und fragend an den Allmächtigen, der „uns mit dem Schmerz gemacht“ hat:
Gott ist es, der die falschen Gewichtungen verschiebt und als (wohlwollender) Walter über Recht
und Unrecht, Schuld und Unschuld auftritt: „fülle das leichte auf / hauche das schwere an / sage
uns / das wort / das uns ins rechte maß hebt“.705 Zur Trauma-Therapie, um die einem im Leben
widerfahrene Ungerechtigkeit zu überstehen und um das, wie etwa von Warkentin mehrfach be-
schriebene, Nicht-Erreichte zu verkraften und darob nicht zu verbittern, wird eine Heilung nach
innen durch Besinnung beschrieben. Reimer entwirft dazu Zwiegespräche mit Gott. „Aushalten,
sagte er, / auf eigenes Recht / oder Selbstverwirklichung / verzichten, / wenn’s sein muß, / bis in
den Tod.“706 Und darob betonen die Verse die Kraft, die aus der Annahme des eigenen Schicksals
erwächst. In dem Text „Ausgereist aus Pharaos Händen“ wird dieser Gedanke gar mit dem Exo-
dus, der Geschichte vom Auszug der Israelit/inn/en aus Ägypten, in Verbindung gebracht. Wieder
ist es das russlanddeutsche Narrativ vom „Volk auf dem Weg“, in das Lore Reimer sich ein-
schreibt – mit der biblischen Analogie einerseits und einem stark markierten intertextuellen Ver-
weis, nämlich einem vorangestellten Zitat Hölderlins, andererseits. Durch Letzteres schließt sich
eine inhaltliche Klammer, wenn schlussendlich doch eine Stätte „zu ruhn“ gefunden wird, die
allerdings nicht als physischer Ort verstanden werden darf. So lässt Reimer die Wir-Gruppe
gleichsam zum auserwählten Volk werden, das im Glauben und Vertrauen auf Gott (und sich
selbst) ins Paradies einzieht:
702
Reimer, Lore: Eigene Schicksale. In: Reimer (2000), S. 165.
703
Ebda.
704
Reimer, Lore: Der Schmerz. In: Reimer (2000), S. 51.
705
Reimer, Lore: wiege uns. In: Reimer (2000), S. 146.
706
Reimer, Lore: Aushalten sagte er. In: Reimer (2000), S. 99.
200
Uns aber ist gegeben
an keiner Stätte zu ruhn
Hölderlin
Schätze Ägyptens
auch der Erstgeborene
dir zu Füßen Herr
ascheversengt
doch uns
ist eine Knospe aufgegangen
mitten in der Wüste der Asche
Einerseits reiht sich die Autorin mit den Texten in eine Tradition russlanddeutscher Literatur ein,
die sich zu nicht unwesentlichem Teil durch ihre Religiosität auszeichnet. Andererseits stellt die
starke Bildlichkeit und Symbolik ihrer Lyrik und Prosa unter Verwendung freier Versformen eine
Besonderheit bzw. moderne Entwicklung in der russlanddeutschen Literaturgeschichte dar. Die
symbolisch aufgeladene Bilderwelt der Gedichte erinnere gar an Paul Celan, konstatiert Annette
Moritz.708 Farben und Pflanzen in den Texten, für die zudem auffällt, dass sie einmal mit strenger
Kleinschreibung, dann wieder mit Groß- und Kleinschreibung verfahren, werden häufig nicht
gegenständlichen Begriffen zugeordnet. Grün ist die Knospe, die Erlösung oder die neue Heimat,
die dem ausgereisten Volk in der Wüste aufgeht als „Stätte zu ruhn“. Dieses zunächst pflanzliche
Grün als Kontrast zur imaginierten Wüste wächst auch in Reimers Prosatext „Rückkehr“ ganz
zum Ende des Buches über sich selbst hinaus in ähnlicher Bedeutung. Kurze Hauptsätze und El-
lipsen geben den prosaischen Texten Reimers dabei eine besondere Rhythmik, welche die Sym-
bolkraft noch verstärkt: „Die Blätter waren grün. Die Rückkehr war grün und warmgrau und dun-
kelschwarz darüber. Die Welt war das Zuhause. Manchmal hinausschreiten. Unversehens.“709
Von der Farbsymbolik abgesehen sind es besonders auch die Hände, die in den Texten symbolisch
aufgeladen werden: In ihnen zeigt sich das Wesen der Menschen, sie sind zentraler Handlungs-
träger – machen sich einerseits als Täter und Leidverursachende schuldig wie jene Hände des
Pharaos, andererseits sind sie Empfangende, die wiederum von „göttlicher Hand“ Heilung erfah-
ren („Wenn du uns warm darüberstreichst“710).
707
Reimer, Lore: Ausgereist aus Pharaos Händen. In: Reimer (2000), S. 187.
708
Vgl. Moritz (2004), S. 152.
709
Reimer, Lore: Rückkehr. In: Reimer (2000), S. 192.
710
Reimer, Lore: Der Schmerz. In: Reimer (2000), S. 51.
201
Die an freien und an poetischen Stilfiguren reichen Verse und Erzählungen Reimers missbilligend
fällt Herold Belger in seinem bio-bibliografischen Lexikon ein vorwurfsvolles Urteil, das der anti-
ästhetischen Position der Stagnationszeit entspricht. Er bemerkt: „[…] da sie die dichterischen
Wurzeln ihres russlanddeutschen Volkes verloren hat, schreibt sie nun im Rahmen der zeitgenös-
sischen Dichtung strukturell-spekulativ, kompliziert, abstrahiert-besinnlich.“711 Und das obwohl
Belger selbst (nachdem sein Schaffen bis Mitte der 1980er-Jahre systemkonform ging) durchaus
monierte, dass die künstlerische Form bei russlanddeutschen Schriftsteller/inne/n häufig nicht
modern genug sei.712 Er übersieht damit außerdem die von Plumpheit und funktionaler Erbaulich-
keit freie Religiosität in Reimers Werken. Bibel, Gesangbuch, Gebet und Predigt haben außerdem
gerade in der Sowjetära entscheidenden Beitrag zum Erhalt der deutschen Sprache geleistet, hat-
ten also eine Art „Ankerfunktion“, und Annelore Engel-Braunschmidt fügt hinzu: „[…] Religio-
sität ist eines der Merkmale rußlanddeutscher Mentalität“,713 ist es doch so, dass ein Teil der Deut-
schen im 19. Jahrhundert sich stärker als verfolgte Christ/inn/en, denn als diskriminierte Deutsche
identifiziert haben mag und die Konfession auch innerhalb der deutschen Minderheitsgruppen als
unterscheidendes Merkmal angesehen wurde.714 Insofern ist es ganz und gar nicht verwunderlich,
dass die Religion einen festen (wenn auch gegenwärtig schwindenden) Stellenwert in literari-
schen Werken einnimmt. Lore Reimer beschreibt die Slawistin Engel-Braunschmidt darüber hin-
aus als „eine eminent poetische Begabung, die durch die Ausreise 1974 – da war sie noch keine
dreißig – keine politischen Zugeständnisse zu machen brauchte und nach langer Pause wieder
Gedichte schreibt, uneindeutige Gedichte, in denen das einzelne Wort schwer wiegt.“715
Die Religiosität bzw. ein wie auch immer geartetes Gottvertrauen scheint nicht nur eine Möglich-
keit zur Überwindung traumatischer Erfahrungen zu sein, sondern ebenfalls einen Ausweg zu
bieten aus Schuldzuweisungen und einem Sinnen nach Strafe für die Täter/innen, das als so lange
wie das Opferbewusstsein fortdauernd angenommen werden müsste. Doch ist diese Annahme nur
bedingt richtig: Bemerkenswert ist nämlich, dass die Figuren in den literarischen Werken (wie
die russlanddeutschen Schriftsteller/innen selbst) ihre eigene Rolle für die Geschichte des Landes
häufig nicht direkt bewerten. Sie erzählen von jenen Seiten der Ereignisse, die in der offiziellen
Dokumentation entweder nicht aufscheinen bzw. lange und zum Teil bis heute nicht untersucht
und erforscht werden konnten, da sie den Wissenschaftler/inne/n nicht zugänglich waren.716 Sie
sparen auch die leidvollen Erfahrungen nicht länger aus und schildern diese in all ihrer Tragik,
artikulieren – und konstruieren damit ein russlanddeutsches Wir-Bewusstsein entscheidend
711
Belger (2010), S. 168.
712
Vgl. Moritz (2004), S. 24 f.
713
Engel-Braunschmidt (2007), S. 165.
714
Vgl. Cremer, S. 19.
715
Engel-Braunschmidt (2007), S. 165.
716
Vgl. Vaškau (2015), S. 195.
202
mit – immer wieder das Bedürfnis, vollständig rehabilitiert, wahrgenommen und anerkannt zu
werden. Klare Schuldzuweisungen fehlen jedoch.
In gewisser Weise als Gegenbeispiel zu der oben beschriebenen allgemeinen Tendenz kann etwa
der Roman „In der Sackgasse“ von Viktor Heinz begriffen werden. In dem autobiografisch ange-
legten Werk reflektiert der in einem Moskauer Krankenhaus liegende Willi über seinen persönlich
wie beruflich schwierigen Werdegang als Germanist und Schriftsteller in der Sowjetunion. Schon
gleich zu Beginn fragt er sich, welche Rolle die Minderheitsangehörigen bzw. er selbst in der
Geschichte einnehmen: „Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob wir nicht selber daran mit-
schuldig sind, daß dieses Gewissen uns so lange gewissenlos ausgebeutet hatte.“718 Die letzte
Rückblende im Roman erzählt schließlich von seiner Verhaftung durch den KGB, doch erst in
den Halluzinationen des Kranken ganz am Ende erfährt er den Grund für die Festnahme: „Uns ist
bekannt geworden, daß Sie an einem Roman arbeiten, worin Sie unsere Partei und unsere Sow-
jetmacht aufs schlimmste verleumden.“719 Nach diesem Ereignis entlädt sich der angestaute Frust.
Die ihm selbst jahrelang begleitenden Beschimpfungen kann Willi endlich denen an den Kopf
werfen, die es „wirklich verdient haben“. Jene unterscheidet er von den Mitläufern, die „mit
Blindheit geschlagen“ sind. An dieser Stelle ist es Willi ein Bedürfnis, Gleiches mit Gleichem zu
vergelten, doch tut er all dies – wenn auch zum tugendhaften Helden stilisiert – erneut aus einer
reellen Opferposition heraus, insofern er gegen seine Arretierung nichts ausrichten kann:
Die Bluthunde aus Ihrem KZ, sagt Willi. Richtige Faschisten sind’s! Und er wundert sich selbst, wie
ihm das Wort Faschisten entschlüpft ist. Wurde er früher doch selbst oft mit dieser berüchtigten
Vokabel beschimpft. Ohne Grund natürlich. Das wurde einfach so dahingesagt, ohne sich in die
Bedeutung des Wortes hineinzudenken. Nur weil er einen deutschen Namen trug. Nun hat er die
717
Hummel (2005), S. 83.
718
Heinz (1996), S. 9.
719
Ebda., S. 293.
203
Gelegenheit, es mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Aber nicht denjenigen, die mit Blindheit ge-
schlagen waren, sondern solchen, die es wirklich verdient haben. 720
Zwar ist er innerlich ein Kritiker des Systems, aber offenkundigen Widerstand hat Willi Zeit sei-
nes Lebens nicht geleistet. Er urteilt hart über seine eigenen Verfehlungen, sich nicht aktiv gegen
die Ungerechtigkeiten und gegen das System aufgelehnt zu haben, wie schon in der anfangs zi-
tierten Fragestellung erkennbar geworden. Der junge Lehrende am Pädagogischen Institut spart
aber auch nicht mit Schuldzuweisungen einzelnen Personen gegenüber, die ihm Unrecht angetan
haben. Menschen, die ihn verraten haben, verzeiht er jedoch schließlich, sich selbst erneut ins
Gewissen nehmend, ob er denn jemals selbst öffentlich die Stimme erhoben habe. Darin impliziert
ist die Frage, ob er denn überhaupt einen Deut besser war als die anderen. Er kommt zu dem
Schluss:
Es staut sich nur manchmal etwas auf der Seele an und bedrückt dich. Und du mußt dir dann Luft
machen. […] Sonst aber gehst du immer brav mit – wie ein frommes Lamm, das am Strick geführt
wird. Und sei es zum Schlachthof. […] Auch diejenigen, die durch den Fleischwolf der Konzentra-
tionslager gedreht wurden, auch die klatschen Beifall, stimmen zu, sagen ja und amen zu jedem
Regierungsprojekt […].721
Mit der unverhohlenen Selbstreflexion, dieser nicht beschönigenden Bilanz, die Willi zieht, ent-
hebt er sich gleichsam selbst der Opferrolle, indem er ein eigenes Verschulden eingesteht. Wenn
er in der Folge über die Menschen, „eine Handvoll Waghalsiger“, nachdenkt, die am Roten Platz
in ihre Megafone schreiend gehört werden wollen „von dem gesamten Sowjetvolk“, werden diese
„Rufer in der Wüste“ für ihn nun zu den wahren tragischen „Helden“, die zwar selbst scheitern,
aber ihren Nachkommen die Arbeit entscheidend erleichtern: „Sie sind Helden, weil sie um der
Gerechtigkeit willen dem zerstörenden Sturm die Stirn bieten. Denn … selig sind, die da hungern
und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind, die um der Gerech-
tigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.“722 Dem Kampf zwischen Gut und
Böse und mit ihm der möglichen Positionierung im Märtyrer-Dasein wird hier sogar durch ein
biblisches Zitat Ausdruck verliehen, was wiederum an die Lyrik Reimers erinnert. Im Roman
werden aber durchaus verschiedene Schattierungen sichtbar und damit die Komplexität dieses
Kampfes. Ingmar Brantsch konstatiert in diesem Sinn:
So endet dieser großangelegte Schicksalsroman über die Russlanddeutschen der Vorwendezeit letzt-
lich selbstkritisch und glaubwürdig. Hier liegen vielleicht die Chancen der russlanddeutschen Lite-
ratur, die Komplexität der Verhältnisse nicht zu vereinfachen und sich auf eine allgemeine Opfer-
haltung zurückzuziehen, sondern im ehrlichen Eingeständnis der mehr oder minder starken Verstri-
ckung in die Mechanismen eines totalitären Regimes mit einem perfektionierten Überwachungsap-
parat.723
720
Heinz (1996), S. 282.
721
Ebda., S. 284.
722
Ebda., S. 285.
723
Brantsch, Ingmar: Klein, Viktor. In: [Link]
(15.12.2020).
204
Wie der Protagonist Willi im Werk „In der Sackgasse“ entzog sich auch der Autor Viktor Heinz,
der die Weiterentwicklung russlanddeutscher Literatur und die Förderung junger Autor/inn/en zu
seiner persönlichen Aufgabe machte und 1995 zusammen mit Agnes Gossen und zwölf weiteren
Autor/inn/en den Literaturkreis der Deutschen aus Russland gründete, der passiven Opferrolle.
Es scheint noch heute ein lohnenswertes Ziel der jungen Generation russlanddeutscher Schrift-
steller/inne/n, die lange vorherrschende Opferhaltung bzw. -inszenierung weiter zu hinterfragen
und neue Perspektiven auf die Vergangenheit zu öffnen. Wenn das Fehlen dieser Aspekte auch in
vielen bisherigen Werken kritisiert wurde, so wäre es doch ein Fehler, russlanddeutsche Literatur
nach dem Zweiten Weltkrieg als Mittel zur Tradierung eines identitätsstiftenden Opfermythos zu
sehen. Eine solche Auffassung würde ihrem Potenzial zur Selbstreflexion und dem Willen zur
aktiven Weiterentwicklung schlicht nicht gerecht.
Was den Figuren aber in all den angeführten Fällen gemein ist, ist das Moment der Unsicherheit,
das bestehen bleibt, selbst wenn ein neues Selbstbewusstsein nach den erlebten Brüchen und Ent-
täuschungen erfolgreich wieder aufgebaut werden konnte. In den Geschichten und Gedichten ler-
nen wir Charaktere kennen, die häufig und auf verschiedenste Weisen von der Vergangenheit
eingeholt werden und mitunter verbittert, pessimistisch oder unsicher, aber auch neugierig, hoff-
nungsvoll und selbstbewusst ihr Leben führen. Die Therapie des Kriegstraumas kann in der Er-
lernung eines neuen Weltverständnisses bestehen. Für die Russlanddeutschen, deren kulturelle
Traditionen und deren persönliche Identitäten durch die Geschichte der Enteignung und Vernich-
tung empfindlich belangt wurden, bedeutet das eben auch, eine Perspektive zurückzugewinnen,
die sie ein Stück weit aus der passiven Opferrolle befreit.724 Das neue Selbstbewusstsein wird
nicht auf Macht gegründet, sondern auf Sinn. Am Ende steht die Einsicht, dass die Betroffenen
bestrebt sind, die Geschichte des Unrechts lebendig zu halten und damit ihre eigene Identität in
Ehrlichkeit (auch gegenüber sich selbst) aufzubauen: „Der Heilungsprozess wird als Suchen und
(Er-)Finden von Identität inszeniert […]. Die Erneuerung dieser Identität ist gekoppelt an die
Beziehung zum Land, das nicht durch Eroberung wieder zurückzugewinnen ist, wohl aber durch
Erzählung und Erinnerung.“725 Und gerade diese Funktion obliegt zu wesentlichem Teil der Lite-
ratur als Medium des kulturellen Gedächtnisses.
Wir haben gesehen, dass eine Vielzahl an literarischen Texten russlanddeutscher Autor/inn/en als
„autobiografisch“ bezeichnet werden kann, dass sich in den Werken Geschichten rund um die
Lebensumstände im Herkunftsland und/oder die Hürden am neuen Wohnort bzw. in der neuen
724
Vgl. Assmann, A. (2018), S. 296.
725
Ebda., S. 297.
205
Heimat entspinnen. Der gesellschaftliche und politische Wandel ist in unterschiedlicher Gewich-
tung ebenso Bestandteil aller untersuchten Bücher. Wie in etlichen literarischen Werken von
Exilant/inn/en bzw. Migrant/inn/en werden in der Minderheitenliteratur einerseits Erfahrungen
wie der Verlust bekannter Orte und Traditionen, die ambivalente Beziehung zum originären Platz
der Herkunft, ein Gefühl des Fremd- oder Andersseins in einer als unbefriedigt empfundenen
Gegenwart kommuniziert.726 Diesbezüglich streicht Hausbacher hervor:
Was diese migratorischen Verfahren von einer sehr viel allgemeineren modernistischen, avantgar-
distischen oder postmodernen Ästhetik unterscheidet, sind die Rückbindungen an die lebensge-
schichtliche Realität: das Einst und Jetzt, das Hier und Dort ist prägender als im postmodernen Spiel
mit kulturellen Traditionen.727
Besonders ist vor allem, dass viele russlanddeutsche Werke neben (auto-)biografischen Zügen die
Tendenz zu historischer bzw. dokumentarischer Literatur aufweisen. Zu den wichtigsten, weil am
häufigsten und ausführlichsten thematisierten, historischen Geschehnissen gehören die stalinisti-
schen „Säuberungen“, die massenhafte Inkriminierung Deutschstämmiger und deren Verurteilun-
gen zur Zwangsarbeit, politische und gesellschaftliche Diskriminierung, die Auswanderung sowie
Integrationsprozesse. Wesentlich für diese Texte ist also der hergestellte Geschichtsbezug und
somit die Rückbindung an bestimmte faktische Ereignisse, die in der Vergangenheit stattgefunden
haben. So bestätige etwa der von der Presse vielbeachtete Roman „Die Fische von Berlin“ von
Eleonora Hummel die Beobachtung, dass der Erstling fast jeder Autorin und jeden Autors, die/der
in der „neuen“ Sprache, d. h. in der Sprache des Migrationslandes, schreibt, sehr starke autobio-
grafische Züge aufweise, bemerkt Shchyhlevska. 728 Die Bezüge zur Autobiografie, aber auch
viele beschriebene Ereignisse sind historisch fundiert und ließen sich wohl mithilfe eines Hand-
buchs zur Geschichte der Sowjetunion bis ins Detail verifizieren. Daten,729 Ortsnamen730 und Per-
sonennamen,731 aber auch Rechtsparagrafen732 oder literarische Zitate und Liedtexte733 machen
die Werke zu historisch-dokumentarischen. Das Ineinandergreifen von Fiktion und Dokumenta-
tion folgt dabei jeweils unterschiedlichen Prinzipien von Historizität. Letztere meint im Rahmen
726
Vgl. Bingel-Jones (2018), S. 381.
727
Hausbacher (2012), S. 174.
728
Vgl. Shchyhlevska (2012), S. 2.
729
Vgl. zum Beispiel den beschriebenen Aufstand Ende Mai 1953 im Gorlag und die Schließung der
Norillags 1956 in „Die Fische von Berlin“ von Hummel (2005).
730
Etwa Orte wie Dudinka, Igarka, Stalino in „Die Fische von Berlin“ von Hummel (2005).
731
Vgl. Figuren wie Victor Klein, Sepp Österreicher oder Andreas Dulson im Roman „In der Sackgasse“
von Heinz (1996).
732
Zitierte Erlässe der sowjetischen Regierung in „Das Haus des Heimatlosen“ von Belger (2014) oder
Bezugnahmen in Hummels „Die Fische von Berlin“ (2005) wie beispielsweise die Frage eines Häftlings
an den Großvater: „Und sag, wie steht’s mit dir? Laß mich raten: 58 Punkt eins, drei oder vier?“ [Hum-
mel (2005), S. 194.]
733
Siehe etwa die zahlreichen intertextuellen Bezüge in Form direkter Zitate in Belgers „Das Haus des
Heimatlosen“ (2014).
206
dieser Arbeit, dass die behandelten Texte sich teilweise auf „individuelle, unwiederholbare Er-
eignisse“734 und zeitgeschichtliche Fakten beziehen, diese in die Erzählung einfließen lassen und
so die Protagonist/inn/en an einen mit faktischen Elementen gespickten Hintergrund gebunden
erscheinen lassen. In anderen Worten referenzieren sie immer wieder auf die außersprachliche
Welt, auf die Geschichte.735
Der Begriff „Geschichte“ als ein Prozess der Selektion und Kombination von historisch belegten
Ereignissen falle, wie Beatrix van Dam betont, allerdings keineswegs zusammen mit der Vergan-
genheit. Er definiere sich vielmehr durch den Bezug auf Vergangenheit als unterstellte referenti-
elle Größe einer vergangenen Wirklichkeit, die nur indirekt über Erinnerungen oder Quellen er-
fasst werden könne.736 Erzählungen wie „In der Sackgasse“ von Viktor Heinz oder Hummels „Die
Fische von Berlin“ beziehen sich auf eine nicht mehr anwesende Wirklichkeit bzw. erheben den
Anspruch, Analogien zu historischen Ereignissen herzustellen und sind doch offensichtlich – und
gleichzeitig – eines, nämlich fiktional; sie verweisen also auf die besondere Verfassung der Welt
in einem Kunstwerk (Inferenz). Eine strikte Grenzziehung zwischen faktualem und fiktionalem
Erzählen ist schwierig oder gar unmöglich. Van Dam vertritt die begründete Ansicht, Erzählen
als grundlegender sprachlicher Vorgang der Wissensorganisation und -vermittlung könne durch
die Unterscheidung von Faktualität und Fiktionalität zwar kommunikativ eingeordnet, aber nicht
in grundsätzlich unterschiedliche Erzählvorgänge gespalten werden. Vielmehr würden jeweils
bestimmte Funktionen des Erzählens – einerseits Weltbezug (Referenz) beim faktualen und
Selbstbezug (Inferenz) beim fiktionalen Erzählen – hervorgehoben.737 Diese sprachpragmatische
Auffassung betont die Einbettung der Zeichen oder der Zeichenkomplexe in eine (Meta-)Kom-
munikation, in der die Kontextualisierungsmöglichkeiten des Zeichens verhandelt werden – auf
Seiten von Autor/in und Leser/in. Beansprucht etwa der/die Autor/in einer Erzählung, mit dersel-
bigen eine korrekte Aussage über die außersprachliche Wirklichkeit zu machen, ist dies für die
Rezeption von kommunikativem Wert; diese vorgeschlagene faktuale Lesart muss in der Lektüre
jedoch nicht übernommen werden.738 Gerade russlanddeutsche Autor/inn/en arbeiten allerdings
häufig mit bestimmten Signalen und sehr spezifischen Verweisen auf eine außersprachliche Wirk-
lichkeit, die als Versuche interpretiert werden können, eine entsprechende Lesart sicherzustellen.
Dem hier beschriebenen Ansatz einer Vereinbarkeit von faktionalem und fiktionalem Erzählen
stehen autonomistische Ansätze gegenüber, die eine solche Kombination ausschließen und die
734
In Anlehnung an Michel Foucault; vgl. Kabatek, Johannes: Zur Historizität von Texten.
[Link] (23.07.2021).
735
Vgl. Shchyhlevska (2012), S. 3.
736
Vgl. Dam, Beatrix van: Geschichte erzählen. Repräsentation von Vergangenheit in deutschen und nie-
derländischen Texten der Gegenwart. Berlin u. Boston: Walter de Gruyter 2016 (Studien zur deutschen
Literatur 211), S. 25.
737
Vgl. ebda., S. 26.
738
Vgl. ebda., S. 33.
207
Gattung des historischen Romans als eine rein fiktive werten. Doch so viel scheint offensichtlich:
Eine historische Figur wie die Stalins suggeriert zumindest eine Beziehbarkeit auf die Wirklich-
keit, sie existiert im fiktionalen Erzählzusammenhang aber auch in faktualen Kontexten der au-
ßersprachlichen Welt. Sehr wohl kann also von einem gültigen Wirklichkeitsbezug des histori-
schen Erzählens ausgegangen werden.
In seiner Studie „Fiktion und Diktion“ (1992) bezieht Gerard Genette drei Ebenen zur Einstufung
des Erzählens als fiktional oder faktional ein. Signale, die als typisch für die eine oder andere
Erzählweise ins Feld geführt werden, entsprechen jedoch keinen eindeutigen Kriterien, sondern
legen lediglich eine Lesart nahe. Die erste Ebene bei Genette ist jene des Erzählens (erzählerische
Spezifika), es folgen das Erzählte (thematische Elemente) und der Kontext der Erzählung (para-
textuelle Elemente). Auf thematischer Ebene kann zwar grob zwischen wahrscheinlichen und un-
wahrscheinlichen Elementen differenziert werden, aber diese Unterscheidung ist nicht eindeutig
und auch nicht ausschlaggebend. Thematische Hinweise auf Fiktionalität sind stark kontextge-
bunden und hängen vom jeweiligen Alltags- und Expertenwissen einer Produktions- und Rezep-
tionssituation ab. Würde etwa der „schwarze Rabe“ in dem titellosem Gedicht Waldemar Webers
in dessen Lyrikband „Scherben“ nicht durch die vom Autor hinzugefügte Fußnote kontextualisiert
und als „Dienstfahrzeug des NKWD“739 ausgewiesen, dann blieben viele Leser/innen ebenso rat-
los ob der Metapher wie die Sprechinstanz im dem kurzen Text, wenn sie auf ihre Kindheit zu-
rückblickt. Denn eines ist evident: Die Einordnung von erzählten Elementen als faktisch basiert
nicht direkt auf einem Bezug zur Wirklichkeit, sondern zum Wissen über die Wirklichkeit. Le-
sende entscheiden während der Lektüre einer fiktionalen Erzählung aufgrund ihres Weltwissens
oder auf „Vertrauensbasis“ in das Expertenwissen anderer, ob sie ein Element als faktisch oder
fiktiv einordnen. Damit bleibt uns noch, die beiden anderen von Genette vorgeschlagenen Ebenen
näher zu beleuchten.
Auf textueller, narrativer Ebene und im Bereich paratextueller Merkmale scheint eine genauere
Bestimmung des Faktizitätsanspruches eher möglich. In Paratexten wie dem Titel, Klappentext
oder eben Fußnoten wird die grundlegende Kommunikationssituation für die Einordnung einer
Erzählung etabliert. Das ambivalente Setting vieler russlanddeutscher Werke spiegelt sich bei-
spielsweise schon in dem Klappentext zu Belgers „Das Haus des Heimatlosen“ wider, wenn es
heißt:
Der große Roman über die Deportation der Wolgadeutschen und ihre Entrechtung nach dem Über-
fall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR 1941. Selbst als Sechsjähriger in den Strudel der Ereignisse
gerissen und mit dem Vater in einen kasachischen Aul verschlagen, vermittelt Belger dem Leser die
Vorgänge auch innerhalb der Fiktion als authentisch.740
739
Weber, Waldemar: Der schwarze Rabe ist gekommen. In: Weber (2006), S. 9.
740
Belger (2014), Klappentext.
208
Einerseits, wie auch der Untertitel des Werkes ausweist, handelt es sich um einen Roman und
damit um eine fiktionale Erzählung, gleichzeitig wird der Autor klar als Experte für die im selben
Satz angeführten faktischen Elemente der vergangenen außersprachlichen Wirklichkeit, auf die
im Buch verwiesen wird, kenntlich gemacht. Und zu guter Letzt stellt sich die Frage, was mit
einer „authentischen Vermittlung innerhalb der Fiktion“ gemeint sein könnte. Eine mögliche Er-
klärung kann über diesen Umweg erschlossen werden: Fiktionale Texte über traumatische Erfah-
rungen stehen schnell unter dem Verdacht moralischer Unangemessenheit. Der Anspruch auf
emotionale und paradigmatische Authentizität der fiktiven Ereignisse bringt die Frage danach mit
sich, ob „das wirklich so war“. Vielleicht aus diesem Grund zeichnen sich Texte mit dem An-
spruch, Erinnern und Erzählen über das Trauma zu ermöglichen, häufig durch ihren besonderen
Umgang mit fiktiven und faktischen Elementen aus. Dabei verliert die Fiktion trotz Einbeziehung
der faktischen Geschehnisse nicht ihre Legitimation. Obwohl die erfundene Erzählinstanz einem
Ausschlusskriterium faktionalen Erzählens gleichkommt, erweckt sie den Eindruck, nachprüfbare
Wirklichkeitsaussagen hervorzubringen – besonders dann, wenn die Leser/innen auf die Paralle-
len zwischen der Autorenbiografie und der Erzählung bzw. auf den Expertenstatus des Verfassers
bzw. der Verfasserin aufmerksam gemacht werden.
Das Zuschalten eines außerhalb der Welt der Erzählung angesiedelten Kontextes im Zuge von
faktualen Erzählstrategien, wie im Folgenden näher untersucht, macht die fiktionale Erzählung
nicht zu einer faktualen, etabliert aber einen Wirklichkeitsbezug in einer Erzählung, die diesen
nicht zwingend braucht. Denn während die ernsthafte Erzählhaltung im faktualen Erzählen die
Integration fiktiver Elemente nicht duldet, kann jedoch umgekehrt der Verweis auf die außer-
sprachliche Wirklichkeit im Kontext der Fiktion sogar dazu genutzt werden, das Erzähluniversum
noch dichter und überzeugender zu gestalten.741 Van Dam spricht hierbei von einer „Unernsthaf-
tigkeit“ des historischen Erzählens:
Der bloße Umstand, dass im fiktionalen Erzählen erkennbar faktische Elemente neben Elemente
gestellt werden, deren Wirklichkeitsstatus schwer bestimmbar ist oder auch zurückgewiesen werden
kann, kennzeichnet eine „Unernsthaftigkeit“, die im historischen Erzählen als faktualem Erzählen
nicht möglich wäre. Historisches Erzählen im fiktionalen Erzählen ist also ein Erzählen mit Wirk-
lichkeitsbezug im spielerischen Kontext, der Bezugnahme zur Wirklichkeit nicht ausschließt, aber
auch nicht stringent verfolgt und demnach zwar auf die Wirklichkeit verweisen kann, nicht aber das
Kriterium faktualen Erzählens erfüllt, die Erzählung dieser Wirklichkeit entsprechen lassen zu wol-
len.742
Eine in russlanddeutschen Werken gebräuchliche Erzählstrategie führt uns noch einmal zu Ge-
nettes Ansatz zurück, der weitere Unterscheidungsmerkmale zwischen faktualem und fiktionalem
741
Vgl. Dam (2016), S. 65 f.
742
Ebda., S. 63.
209
Erzählen kennt: Im Bereich des Modus743 gebe es für ersteres ein wesentlich niedrigeres Maß an
Subjektivierungsstrategien, ablesbar vor allem an der fehlenden internen Fokalisierung744 von Fi-
guren.745 Diese Beschränkung kann etwa als Mittel der faktualen Erzählung gewertet werden, um
eine Verbindung zwischen Erzählinstanz der Geschichte und Autor/in und damit Glaubwürdig-
keit herzustellen. Ferner verbiete im Bereich der „Stimme“, so Genette, die faktuale (insbesondere
die historische) Erzählung „einen allzu massiven Gebrauch der Narration zweiten Grades: Ein
Historiker […], der es einer seiner ,Personen‘ überließe, einen wichtigen Teil der Erzählung vor-
zutragen ist schwer vorstellbar.“746 Wie auch van Dam anmerkt, bleibt in Hinblick auf das histo-
rische Erzählen aber äußerst fraglich, ob intradiegetisches Erzählen als Fiktionalitätssignal gelten
kann, wird doch gerade durch das Zitieren von Augenzeug/inn/en und Quellen höhere Glaubwür-
digkeit erzeugt.747 Beispielsweise wird dieses hohe Maß an Glaubwürdigkeit in „Die Fische von
Berlin“ gerade dadurch hervorgerufen, dass man es einerseits mit einer autobiografisch gezeich-
neten homodiegetischen Erzählerin Alina zu tun hat und zudem ein intradiegetisch-homodiegeti-
scher Erzähler zweiter Ebene (ihr Großvater) als Zeitzeuge Bericht über ein tabuisiertes Trauma
erstattet, das noch zwei Generationen später die Familie belastet, obwohl (oder gerade weil) nicht
darüber gesprochen worden ist. Dies entspricht nämlich der Einbindung einer als faktual konven-
tionalisierten Erzählstrategie (Zeitzeugen- bzw. Augenzeugenbericht) und kann als ein Signal der
Herstellung des Wirklichkeitsbezugs gesehen werden.
Selbstreflexive Aussagen und Elemente in den Erzählungen, die die produktiv-sinnstiftende Di-
mension wie auch die Konstrukthaftigkeit von Erinnerung unterstreichen, verstärken dabei sogar
noch diesen Eindruck der Authentizität. In „Die Fische von Berlin“ werden ganz in diesem Sinn
die narrativen Verfahren selbst zur Debatte gestellt. „ ,Weißt du, ich stelle fest, daß ich beginne,
Dinge zu vergessen, die gestern geschehen sind. Aber die Vergangenheit, die Jahrzehnte zurück-
liegt, ist noch klar in meinem Kopf. Ich muß nur den Anfang finden‘ “,748 sagt Alinas Großvater
zu seiner Enkelin, da sie nicht davon ablässt, ihm Fragen zu seiner Vergangenheit zu stellen. Das
Erzählte wird nicht – wie im konventionellen Realismus üblich – als zuverlässiges Abbild einer
außerliterarischen Welt präsentiert, stattdessen werden die Erinnerungsprozesse selbst themati-
siert bzw. durch metanarrative und -mnemonische Kommentare akzentuiert, was die Konstrukt-
haftigkeit der Vergangenheitsversionen aufdeckt. Der Großvater erzählt:
Später, als sie wieder draußen auf ihren Bänken saßen, sagten die Nachbarn, meine erstaunliche
Freilassung hinge mit der neuen Freundschaft zwischen Stalin und Hitler zusammen. Der eine wollte
743
Nach der strukturalistischen Erzähltheorie von Gerard Genette können erzählende Texte hinsichtlich
der Kategorien Zeit, Modus der Erzählung und Stimme des Erzählers bzw. der Erzählerin analysiert wer-
den.
744
Die Fokalisierung beschreibt das Verhältnis der Wissenshorizonte von Erzähler/in und Figuren.
745
Vgl. Genette, Gerard: Fiktion und Diktion. Übers v. Jatho, Heinz. München: Fink 1992, S. 75-79.
746
Ebda., S. 79.
747
Vgl. Dam (2016), S. 39.
748
Hummel (2005), S. 82.
210
den anderen nicht verprellen, und so ließen die Organe kleine Fische wieder laufen. Man habe keine
Staatsaffäre aus der Verhaftung deutscher Bauerntölpel machen wollen, es könne ja bis nach
Deutschland durchsickern, und schließlich gebe es genug andere zu holen. So kann es gewesen sein,
aber ich glaube es nicht. Zu kurz währte jene Freundschaft, um viele zu retten. 749
Für seine Freilassung aus der Haft Ende der 1930er-Jahre führt Alinas Großvater die damaligen
Erklärungsversuche seiner Nachbarn ins Feld, deutlich markiert durch die Wiedergabe im ersten
Konjunktiv, und negiert deren Deutung der Geschehnisse durch die Formulierung: „So kann es
gewesen sein, aber ich glaube es nicht.“ Er distanziert sich damit von der Vergangenheit, bewertet
die Einschätzungen der Nachbarn mit zeitlichem Abstand, ohne dieser These bzw. anderen Wirk-
lichkeitsauslegung prinzipiell ihre Berechtigung abzusprechen. Der im Zweifeln begriffene Groß-
vater liefert seiner Enkelin in solcher Art keinen reinen Tatsachen-Bericht der Vergangenheit,
sondern reflektiert verschiedene mögliche Auslegungen der (historischen) Geschehnisse. Den
Brief des nach Amerika ausgewanderten Bruders, der einst zu seiner Verhaftung geführt hat,
kommentiert er an anderer Stelle und tritt auch hier in Zwiesprache mit sich selbst und seinem
Gedächtnis, der Auslegung der Vergangenheit: „Wir hätten diesen Brief verbrennen sollen. Ihn
wenigstens wegschließen, vergraben, verstecken, in Stücke reißen. Aber wozu. Gewiß, es hätte
nichts genützt.“750 Wie in neueren erzähltheoretischen Studien dargelegt, müssen also derartige
selbstreflexive Verfahren, wie oben als Beispiel angeführt, nicht per se die erzählerische Illusion
untergraben, im Gegenteil können sie wirkmächtige Realismuseffekte erzeugen.
Michael Basseler und Dorothee Birke haben mit der „Mimesis des Erinnerns“751 ein Konzept dar-
gelegt, mit dem sich die verschiedenen Erzählverfahren beschreiben lassen, mit denen Erinne-
rungsprozesse in einem Text, etwa durch die Zeit- oder Raumstruktur, literarisch inszeniert wer-
den und quasi „Authentizität“ nachahmen. Metanarrative und metamnemonische Elemente, d. h.
explizite Kommentare und Reflexionen einer Erzählinstanz, die sich auf den eigenen Erzähl- und
Erinnerungsvorgang beziehen oder mit denen das Erinnern als Schreibvorgang inszeniert wird,
nehmen demnach eine die Mimesis des Erinnerns unterstützende Funktion ein. Andererseits ver-
leiht ein ausgeprägtes Zur-Schau-Stellen des Erzählens und Erinnerns auf der extradiegetischen
Ebene, d. h. in der Rahmenhandlung, ein hohes Maß an ästhetischer Selbstreflexivität und vermag
es gleichzeitig, beim Leser bzw. bei der Leserin Assoziationen lebensweltlicher Erfahrungen zu
wecken.752 „Authentisch“ inszeniert wird auf diese Weise die Ebene des narrativen Vermittlungs-
prozesses, die als Zeitzeugenbericht bei Hummel einer faktualen Erzählstrategie innerhalb des
Romans entspricht. Denn von Bedeutung für den Erzählvorgang – aber auch für die Rezeption –
749
Hummel (2005), S. 98.
750
Ebda., S. 88.
751
Basseler, Michael u. Dorothee Birke: Mimesis des Erinnerns. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwis-
senschaft. Theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Hrsg. v. Erll, Astrid u. Ansgar Nün-
ning. Berlin u. New York: Walter de Gruyter 2005, S. 123-147.
752
Vgl. Bingel-Jones (2018), S. 384.
211
ist nicht nur das „Was“ der Erinnerung, sondern ebenso das „Wie“: Wie erfolgt die rückblickende
Auseinandersetzung, wie wird sie ästhetisch vermittelt und welcher Realitätsbezug wird in der
narrativen Ausgestaltung der vergangenheitsorientierten Suche ausgedrückt?
Als weitere Möglichkeit, um die Bezüge zur faktischen Wirklichkeit im Erzählten zu unterstrei-
chen, kann der Verweis auf Quellen oder Sekundärliteratur gelten. Diesbezüglich wurde bereits
der mit „Historische Fakten“ übertitelte Kapiteleinschub im autobiografischen Werk „Kindheiten
in Deutschland und Russland“ von Agnes Gossen erwähnt, der mit nachvollziehbaren (wenn auch
unter unvollständiger Quellenangabe) wissenschaftlichen Textzitaten operiert. Auch in Belgers
Roman „Das Haus des Heimatlosen“ spielen historische Quellen wie die behördlichen Verord-
nungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, aus welchen mehrmals zu Beginn einzelner Kapitel zitiert
wird, eine bedeutende Rolle. Doch abgesehen von diesen genannten ließen sich hierzu noch zahl-
reiche weitere Beispiele in dem untersuchten Textkorpus anführen. An der Stelle soll allerdings
nur noch und in gebotener Kürze auf die Erzählweisen im Roman „In der Sackgasse“ von Viktor
Heinz eingegangen werden.
Der Konstruktionscharakter der Erinnerung wird auch in Heinz’ Roman bloßgelegt. Der Hoch-
schuldozent Willi Werner zeichnet seine Erinnerungen aus der Zeit der Stagnation auf. Ehe er
damit beginnt, durchsucht er sein Gedächtnis, gesteht sich im Zuge dessen selbst Erinnerungslü-
cken bzw. -verzerrungen ein: „Schade, daß ich kein Tagebuch geführt habe, das würde mir jetzt
sehr zuspaß kommen. Manche Geschehnisse haben sich mit der Zeit in meiner Erinnerung ver-
wischt und stehen nur als verschwommene Konturen vor meinem inneren Auge.“753 Im Anschluss
berichtet Willi Werner von seinen Studienjahren bei Victor Klein am Pädagogischen Institut in
Nowosibirsk, von den Bekanntschaften mit Sepp Österreicher und Sprachforscher Andreas Dul-
son – Namen bekannter Persönlichkeiten russlanddeutscher Geschichte, die sich einst für die Er-
haltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion eingesetzt hatten. Nicht nur durch
Miteinbeziehen von Quellen und Literatur, sondern vor allem und meistens durch die Nennung
von Namen wird also innerhalb der Erzählung auf die Verankerung des Erzählten im intersubjek-
tiv geteilten Erfahrungs- und Wissensvorrat verwiesen; die Namen stehen für die Glaubwürdig-
keit des Realitätsbezuges ein.754 In dieser Weise treten im Fortlauf der Geschichte neben Figuren
wie Stalin, Gorbatschow oder Breschnew, deren Bekanntheit auch im Mehrheitsgedächtnis des
Aussiedlungslandes vorausgesetzt werden kann, wie gesagt zudem Persönlichkeiten wie Hugo
Jedig, Sepp Österreicher oder Andreas Dulson auf, die wohl nur eine kleine Minderheit ad hoc
als Rückbindungen an reale Personen erkannte, würde eine entsprechende Lesart nicht von der
spezifischen Erzählweise nahegelegt. Der Fall von Victor Klein ist dabei in mehrfacher Hinsicht
753
Heinz (1996), S. 12 f.
754
Vgl. Dam (2016), S. 38.
212
interessant – auch mit Blick auf die Intertextualitätsdebatte, wie Annette Moritz im „Lexikon der
rußlanddeutschen Literatur“ bemerkt:
Kleins berühmte Erzählung „Der letzte Grabhügel“ erfährt durch den Roman gewissermaßen eine
Fortführung und nimmt Elemente der Erzählung auf. So beginnen beide Werke am Krankenbett.
Am Anfang des Romans und der Erzählung von Victor Klein teilt nur eine Fliege das Zimmer mit
dem Kranken, der die Vergangenheit noch einmal an sich vorbeiziehen läßt. Und am Ende des Ro-
mans (S. 265-268) greift der Erzähler das Schicksal von Victor Kleins literarischen [sic!] Nachlass
nochmals auf.755
Gerade dann, wenn sich Unsicherheiten in der Rezeption hinsichtlich der Interpretation zwischen
Fakt und Fiktion ergeben, erleben wir bei Werken russlanddeutscher Literatur, wie oben schon
angeklungen, oft eine explizite Auszeichnung dieses Wirklichkeitsbezugs und zwar über den Um-
weg der Bereitstellung des nötigen – und offenbar bei der Leserschaft weitgehend als nicht-vor-
handenen vorausgesetzten – kulturspezifischen Wissens: Aus diesem Grund wird der „Schwarze
Rabe“ bei Hummel und bei Weber erklärungsbedürftig, deshalb zitiert Gossen in Anbetracht der,
über die selbst erlebte Vergangenheit hinausreichende Geschichte der Großeltern den Historiker
Alfred Eisfeld, und Heinz reiht der Einführung der Figur Hugo Jedigs, eines russlanddeutschen
Dialektforschers, eine ganze Aufzählung an Namen nach, die sonst keinerlei tragende Elemente
der Geschichte bilden, sondern scheinbar einzig und allein genannt werden zum Zweck, die wich-
tigsten historischen Persönlichkeiten in diesem Gebiet, die es „wirklich“ gegeben hat, aufzuzäh-
len und so auch die Figur Jedigs rückzubinden an Faktizität: „Er wollte nach den vielen Schwei-
gejahren die Forschungen der Professoren Viktor Schirmunski, Alfred Ström und Georg Dinges
fortsetzen. Sein wissenschaftlicher Betreuer, Professor Andreas Dulson, […], war […] gezwun-
gen, die Erforschung der deutschen Mundarten aufzugeben […].“756
Während implizite Verweise auf Ereignisse der faktischen Wirklichkeit im fiktionalen Erzählen
prinzipiell weiter verbreitet sind, arbeiten russlanddeutsche Werke häufig mit expliziten Signalen
wie der Nennung von Jahreszahlen im historischen Zusammenhang. Eine wichtige Rolle spielen
dabei Jahreszahlen, mit denen besondere Einschnitte bzw. Umbrüche markiert werden, so eine
Jahreszahl ist zum Beispiel die selbst zum kulturellen Gedächtnisort gewordene Jahreszahl 1953,
das Todesjahr Stalins, an das sich Alinas Großvater in „Die Fische von Berlin“ erinnert:
„Hm, im Februar 1953 wurde ich achtzehn, hatte gerade meinen Berufsabschluß gemacht, als
Schneider. Das weiß ich noch ganz genau, weil ein paar Wochen später, Anfang März, Stalin starb.
Drei Tage lang hat man seinen Tod verheimlicht, aus Angst, was denn mit dem Land ohne ihn, den
Übervater, werden soll. […] So ein Jahr vergißt man nicht.“ 757
Auch „In der Sackgasse“ wird dieses historische Ereignis in die Erzählung eingebunden. Besagter
sonniger Märztag 1953 und die Nachricht vom Tod Stalins bilden sogar den Ausgangspunkt der
755
Moritz (2004), S. 59.
756
Heinz (1996), S. 159.
757
Hummel (2005), S. 47.
213
Memoiren des schreibenden Protagonisten: „Ein kleines, scheinbar unbedeutendes Ereignis hat
sich in Willis Gedächtnis verfangen und läßt sich nicht mehr wegwischen.“758 In dieser ersten
Rückblende (die Erzählstimme berichtet fortan in der dritten Person und in der Gegenwartsform
von ihrem früheren Ich) erinnert der Kranke sich an ein ganz bestimmtes Foto:
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch (Eß- und
Schreibtisch zugleich), über dem in einem großen Rahmen ohne Glas (Glas war damals schwer auf-
zutreiben) ein Bild von Stalin hängt: akkurat zurückgekämmtes Haar, schwarzer Schnurrbart, heller
Waffenrock, eine Pfeife in der Hand – es fehlt nur noch der Heiligenschein. Und das ist durchaus
nichts Außergewöhnliches, solche „Heiligenbilder“ hängen nicht nur in allen Dienststellen, sondern
auch in vielen Privathäusern, besonders in den Häusern der Dorfintelligenz. Und Willis Vater ist
Lehrer von Beruf, also einer von denen, die ständig überwacht werden, weil sie alles im Dorf zu
verantworten haben, weil sie die Treibriemen der bolschewistischen Propaganda sind. 759
Das hier beschriebene Bildnis Stalins wird zur historischen Quelle, dargestellt durch eine kurze
Beschreibung von Material und Abbild, in der (erst) nur direkt Wahrnehmbares wiedergegeben
wird – der Rahmen ohne Glas, die ordentliche Frisur des Porträtierten, der Schnurrbart, der helle
Waffenrock, die Pfeife in der Hand. Kommentare der Erzählinstanz wie „Glas war damals schwer
aufzutreiben“ oder die Erklärung, wonach derartige Bilder in vielen Häusern zu finden gewesen
seien, verstärken den Eindruck faktualer Rückbindung enorm. Die starke Orientierung auf die
Quelle signalisiert Referenz; die Quelle als Zeugnis außerhalb des Textes bürgt scheinbar für
einen verlässlichen Bezug zur Vergangenheit. Gleichzeitig ist die noch relativ neutrale Beschrei-
bungsebene keineswegs lückenlos, sondern schlägt – ohne sich deutlich vom scheinbar faktualen
Erzählen zu distanzieren in die Imaginierung über: „[…] – es fehlt nur noch der Heiligenschein“.
Im Fortlauf der Geschichte wird das Foto weiter kontextualisiert und nicht nur mit einem Ort,
sondern auch mit einem Zeitpunkt – Stalins Tod – im Zuge einer Anekdote verknüpft:
Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift
mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht
leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.
Wohin wollt Ihr’s hänge? Willi läßt nicht mal den Gedanken zu, daß man das Porträt einfach zum
alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt’s doch net rausschmeiße?
Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?!
Es kommt in die Abstellkammer. Sag’s aber keinem weiter!
Sag’s aber keinem weiter … Vor wem hat Vater Angst?760
Wirklichkeitsbezug und Persönliches verbinden sich in dem Exkurs zum Bildnis Stalins und wer-
den den Lesenden zugänglich. Der (kaschierte) Verlust der referentiellen Glaubwürdigkeit werde
dadurch ausgeglichen, dass er eine Nähe zum Geschehen ermögliche, erklärt Beatrix van Dam
das Phänomen. Ein Angebot zur Identifikation, wie es hier exerziert wird, könnte rein faktuales
758
Heinz (1996), S. 21.
759
Ebda., S. 21.
760
Ebda., S. 21 f.
214
Erzählen in dieser Form nicht bieten. Auf Ebene des interkulturellen Mehrwerts beschreibt Bri-
gitte Rath diesen Vorgang wie folgt:
Zur Authentizität der Kultur kommen hier konkrete, individuelle, fiktive Ereignisse hinzu, die des-
halb plausibel sind, weil sie ein Paradigma etablieren, das etwa aus Kriegsberichterstattungen be-
kannt ist. Und während Dinge, Institutionen und Bräuche gerade durch ihre residuale Fremdheit
Authentizität gewinnen, sind diese Ereignisse glaubhaft, weil der Schrecken, die Grausamkeit kul-
turunspezifisch verständlich ist.761
Die faktischen Elemente sind trotz der intendiert vermittelten Glaubwürdigkeit – und dies machen
die behandelten Romane auch transparent – nicht dokumentierte Vergangenheit, sondern die
nachträglich geformte Imagination einer Erzählinstanz. Dennoch wird eine faktuale Rezeption
einzelner Elemente, wie gezeigt wurde, auf verschiedenen Wegen bewusst forciert. In einer sol-
chen Lesart ist eine tatsächliche Überprüfung der Richtigkeit der als faktual angenommenen Aus-
sagen nicht zwingend nötig und schon gar nicht immer möglich. Im Vertrauen auf ein textuell
verbürgtes Expertenwissen werden auch Aussagen als faktual akzeptiert, die nicht aus eigener
Erfahrung oder Alltagswirklichkeit nachvollzogen werden können. Stillschweigend wird in einer
solchen Kommunikationssituation von der Verifizierbarkeit des Erzählten ausgegangen. Dies ent-
spricht einem Anspruch, der bei rein fiktionalem Erzählen nicht gegeben ist.
Nun tun sich bei dieser Lesart Gefahren auf: So können semi-fiktionale Texte über traumatische
Erfahrungen einen einseitigen und ideologisch geprägten Blick auf die Vergangenheit konstruie-
ren; die gleichzeitige Rückbindung an faktische Ereignisse der außerliterarischen Welt kann zu
einem unreflektierten „naiven“ Rezeptionsprozess führen, der in bestimmter Weise ideologisch
voreingenommene Berichte nicht als solche wahrnimmt. Als „geschichtliche Nostalgie“ bezeich-
net Stuart Hall etwa die Neigung im Erzählen, kollektive Identitäten als essentieller, homogener
und weniger widersprüchlich zu rekonstruieren, als sie es in Wahrheit sind.762 Die subjektive Zu-
gehörigkeit zu Gruppen erlaubt die Ableitung positiver Bewertungen für die eigene Identität auf-
grund der gesellschaftlichen Sicht auf die jeweilige Gruppe. Das Streben nach positiver Distinkt-
heit führt in diesem Prozess häufig dazu, die eigene(n) Gruppe(n) im Vergleich mit anderen Grup-
pen hervorzuheben/abzugrenzen und zu idealisieren, und die positive Darstellung der eigenen
marginalisierten Minderheitsgruppe entwickelt sich wiederum schnell zu einer eindimensionalen
Rechtfertigungsaktion. Mittels Mythen und geschichtlicher Nostalgie wird zudem eine Erinne-
rung an eine einstige, bessere und vor allem auch gerechtere Zeit wachgehalten, und mit ihr statt
Kontinuitätserfahrung das Bewusstsein eines Bruchs und eines Verlusts.763
761
Rath (2012), S. 190.
762
Vgl. Hall, Stuart: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument
1994, S. 71.
763
Vgl. Assmann, J. (2000), S. 79.
215
Das literarische Gedächtnis als Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Gruppe kann auch (un)be-
wusst als Medium der Selbstvergewisserung im Produktions- und Rezeptionsprozess fungieren.
Zwar wird die Biografie bzw. lebensgeschichtliche Vergangenheit764 durch Lebenserfahrungen
geprägt, wobei Erfahrungen nicht auf induktivem Weg gewonnen werden, sondern exemplarisch
sind. Jedoch weisen Oskar Negt und Alexander Kluge unter anderem darauf hin, dass in unsere
aktuellen Erfahrungen ebenfalls jene der Vorfahr/inn/en, vermittelt als gattungsgeschichtliche Er-
fahrungen, mit eingehen:
Alles, was wirkliche Erfahrung ist, die auch von anderen vernünftigen Subjekten nachgeprüft und
wiederholt werden kann, ist Ausdruck eines Produktionsvorgangs, der nicht auf isolierte Individuen
gestützt ist, sondern die Tätigkeit eines kollektiven gesellschaftlichen Gesamtsubjekts bezeichnet,
in das alle Tätigkeiten der Auseinandersetzung mit der äußeren und inneren Natur hineingezogen
werden. Erfahrung ist in einem strengen Sinne gleichzeitig Produktionsvorgang und Rezeption ge-
sellschaftlicher Vereinbarungen über die Erscheinungsform oder Gesetzmäßigkeit der Gegen-
stände.765
So ließe sich etwa formulieren, dass gerade die verbindenden Elemente russlanddeutscher Lite-
ratur Ausdruck eines kollektiven gesellschaftlichen Gesamtsubjekts darstellen, weil sie sich so
gleichsam als „nachprüfbar“ ausnehmen. Begriffe, Kategorien und Problemstellungen, in denen
der/die Einzelne die historische Wirklichkeit denkt, entsprechen dabei Teilausschnitten aus jenen
historisch gewordenen Erfahrungszusammenhängen: „Diese Erfahrungszusammenhänge sind
aber ihrerseits nichts anderes als Ergebnisse der vorangegangenen Versuche, welche die am his-
torischen Werden engagierten kollektiven Gruppenkräfte angestellt haben, um sich in der Welt
der sich stets wandelnden sozialen und geistigen Wirklichkeit zu orientieren.“766 Die Literatur
unternimmt einen solchen Orientierungsversuch und entfaltet auf diese Weise ihr gedächtnis- und
identitätsbildendes Potenzial. Fragwürdig wird es dann, wenn Werke in fast didaktischem Gestus
ideologisch geprägte Blicke auf die Vergangenheit werfen, letztere dabei nostalgisch verklären
und nationale Stereotype bedienen – die Seriosität gleichzeitig stets unterstreichend durch die An-
bindung an faktische geschichtliche Ereignisse. Mit Blick auf die russlanddeutsche Literatur wur-
den immer wieder eine gewisse Typik, Schwarz-Weiß-Zeichnungen und unreflektierte Darstel-
lungen bemängelt; das gilt für ältere Werke des 20. Jahrhunderts, die im Fahrwasser des sozialis-
tischen Realismus entstanden, aber auch für jüngere Werke, die sich von ideologischen Zwängen
764
Hoernings Schema zur „Ausprägung biografischer Vergangenheit“ kann Anhaltspunkte für die Unter-
suchung von gedächtnis- und identitätsbildenden Narrativen in literarischen Texten liefern, wenn unter-
sucht wird, ob Gesellschafts-, Sozial-, Zeitgeschichte oder Lebenswelt als dominanter Modus gewählt
werden, und um zwischen individuellen bzw. personalen und kollektiven Identitäten zu differenzieren.
Sie unterscheidet individuell lebensgeschichtliche Vergangenheit, intergenerationale lebensgeschichtliche
Vergangenheit und historisch-kollektive Vergangenheit. [Vgl. Hoerning, Erika: Erfahrungen als biogra-
phische Ressourcen. In: Biographisches Wissen. Beiträge zu einer Theorie lebensgeschichtlicher Erfah-
rung. Hrsg. v. Alheit, Peter u. Erika Hoerning. Frankfurt a. M. u. New York: Campus 1989, S. 153.]
765
Negt, Oskar u. Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung: zur Organisationsanalyse von bürgerli-
cher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, S. 23.
766
Mannheim, Karl: Das konservative Denken. Soziologische Beiträge zum Werden des politisch-histori-
schen Denkens in Deutschland. In: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Hrsg. v. Wolff, Kurt H.
Berlin u. Neuwied: Luchterhand 1964, S. 409.
216
befreit haben, sich aber zuweilen auf sehr einseitige Weise der Vergangenheit widmen. Im Gro-
ßen und Ganzen scheinen Autor/inn/en der letzten Jahrzehnte jedoch anderen Pfaden zu folgen.
In den Gedichten, Geschichten bzw. Romanen werden tradierte Muster nicht einfach bruchlos
fortgeschrieben, sondern in die sich wandelnde Diskursumwelt eingebettet und durch neue, bis in
die 1980er-Jahre vergessene, verdrängte oder ausgesparte Erfahrungen, Schauplätze und Ereig-
nisse ergänzt und modifiziert. Ein Beispiel für die neue Haltung gegenüber der Vergangenheit
und der eigenen Identität bzw. dem Prozess der Selbstfindung ist die Figur der selbstbewussten
jungen Alina in dem Roman „Die Fische von Berlin“. Als weitere Besonderheit in diesem Werk
von Eleonora Hummel kann die Tatsache gesehen werden, dass der Großvater auch seinen kurz-
weiligen Dienst als Starosta767 im von deutschen Truppen besetzten Timofewka thematisiert und
damit den Pfad des Opfernarrativs verlässt.
„… ich sage dir, wer du bist“ nennt der deutsche Pädagoge Joachim Schaffer-Suchomel sein 2010
erschienenes Buch, in dem er die „Prägung und Wirkungskraft“ von fünfhundert Vornamen an-
hand ihrer Herkunft, vermittelter Wortbilder und vor allem ihrer Lautgestalt durchdekliniert und
so unbewusste Assoziationen, die mit Namen wachgerufen werden, aufzeigt.768 Wohlgemerkt er-
hebt das Buch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Kürzer auf den Punkt gebracht, was durch
ein Projekt wie dasselbige veranschaulicht bzw. infrage gestellt werden soll: nomen est omen. Es
geht also um die Beziehung zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem, in dieser Untersuchung
aber in Wahrheit vielmehr um Akte der Benennung bzw. Benannt-werdens. Die Verbindungen
zwischen der Form, dem Gebrauch und der Wirkung von Namen sind vielfältig. In russlanddeut-
scher Literatur sind die Vor- bzw. Nachnamen von Figuren oft ein erster Anstoß für das Vorneh-
men von ganz bestimmten Eigen- und Fremdzuschreibungen, sie bilden Marker für die Zugehö-
rigkeit bzw. Andersartigkeit und geben daher auch Anlass für einen essentiellen Diskurs rund um
Identitätkonstruktionen. Eine Auffälligkeit des Namens, die im „harmlosen“ Fall nur ein gewisses
Aufmerken beim Gegenüber auslöst, kann zur Stigmatisierung führen. Namen von Figuren wer-
den dann bewertet, abgeändert, verdeckt, verschwiegen oder durch neue Namen – das können
auch Spitznamen sein, oder gänzlich andere Bezeichnungen – ersetzt. Dabei stellt sich die Frage,
welche Folgen sich daraus für die Konstruktion der individuellen Identität ergeben, wenn eine
Konstante wie der eigene Name sich durch solcherlei Prozesse verändert.
„Next to national stereotypes, the interconnectedness between names, identity and nationality also
proves to be an important factor contributing to the Schmidts’ outsider position before and after
767
Slawischer Begriff; hier für „Verwalter“ bzw. „Bürgermeister“
768
Vgl. Schaffer-Suchomel, Joachim: Sage mir deinen Namen und ich sage dir wer du bist. Die Bedeu-
tung der 500 wichtigsten Vornamen. München: Goldmann Verlag 2010.
217
the remigration”,769 beschreibt Van den Brande die Bedeutung von Namen für die russlanddeut-
sche Familie Schmidt in Hummels „Die Fische von Berlin“. „In Mutters Paß stand Hilda als Vor-
name über der Zeile, in die als Nationalität Nemka, Deutsche, eingetragen war. Aber die Leute
sagten Galina, Galja, Galjuscha zu ihr, weil Hilda zu fremdländisch klang. Der graustoppelige
Nachbar hatte sie gefragt, ob das nicht ein Hundename sei.“770 Alina beschreibt die Russifizierung
des Vornamens ihrer Mutter in neutralem Ton, erzählt von dem herablassenden Vergleich mit
dem Namen für ein Tier. In der Gleichsetzung des „fremdländisch“ anmutenden Vornamens mit
einem Hundenamen ist ein Angriff auf die Identität und, wegen der Art des Vergleichs noch tief-
greifender, auf die Kategorie „Mensch“ zu sehen. Aus dem dezidierten Grund, eine solche Infra-
gestellung im Alltag zu umgehen (und nicht etwa, weil das Wort schwer auszusprechen wäre),
wird von den Bekannten kurzerhand ein neuer Name eingeführt. Eine Zustimmung Hildas ist
dafür nicht nötig. In der Akzeptanz der neuen Namensgebung reproduziert sich erneut eine Op-
ferrolle. Auch Alina selbst erfährt die ungefragte Abänderung ihres Namens durch andere schon
bei der ersten Begegnung mit ihren neuen Nachbarn im Kaukasus: „[Nachbar:] ,Wie heißt du
denn, Mädchen?‘ [Alina:] ,Alina.‘ Der Nachbar kratzte sich am Kopf, als krame er in seinem
Gedächtnis nach diesem Namen. [Nachbar:] ,Aljona, sag deinen Eltern, sie sollen sich besser um
den Garten kümmern.‘ “771 Alinas eigentlicher Name wird – obwohl ausgesprochen – doch gleich
vom Gegenüber getilgt, ohne dass ein akustisches Missverständnis angedeutet wäre, dass als
Grund für diese Handlung herhalten könnte. Der Name wird ohne Diskussion ersetzt in einem
Gestus, als könne es schlicht nicht geben, was nicht bekannt ist oder nicht an diesen Ort und in
das Alltagsleben der anderen zu passen scheint.
Mag für den Vornamen zwar eine unauffällige Variante „gefunden“ worden sein, so bleibt noch
Alinas Nachname „Schmidt“, der bei Bekanntwerden im Alltag direkt zur Entlarvung der „deut-
schen Identität“ führt. Im gemeinsamen Spiel mit Schulkollegin Lena und deren Bruder ist ihre
Rolle deswegen von vorn herein festgelegt als „Faschistin“ 772 und Verliererin. Die negative
Fremdzuschreibung weiß die junge Erzählerin ebenso wenig wie ihre gleichaltrigen Spielkame-
rad/inn/en zu verorten, vielmehr scheint eine schlicht „gegebene“ Verbindung zwischen jener und
Alinas deutschem Nachnamen „Schmidt“ zu existieren und damit ein gesellschaftlich vermitteltes
Deutungs- und Handlungsmuster, in dem sie sich bewegen.
Als Assja, eine ihrer Mitschüler/innen in der neuen Schule, Alina aufgrund ihres Nachnamens
fragt, ob sie denn auch Deutsche sei – es gebe nämlich schon einen Viktor Schmidt in der Klasse –
, stockt dem Mädchen der Atem: „Ich fühlte mich durchschaut und entlarvt, mit dem Rücken zur
769
Van den Brande (2015), S. 164.
770
Hummel (2005), S. 71.
771
Ebda., S. 70.
772
Ebda., S. 49.
218
Wand gestellt, und das gleich am ersten Tag.“773 Sie reagiert mit Negation, leugnet eine wie auch
immer geartete deutsche Zugehörigkeit, Schmidt sei ein ganz gewöhnlicher Name, jeder könne
so heißen. Assja gibt sich mit dieser Antwort zufrieden, zuckt daraufhin nur mit den Schultern.
Im nächsten Satz allerdings nennt auch sie Alina bereits bei einem abgewandelten Vornamen.
Gleichsam als Bestätigung und ohne dies mit böser Absicht zu tun, spricht sie das Mädchen mit
Aljona an. Am Ende des ersten Unterrichtstages, als alle Kinder sich auf den Nachhauseweg ma-
chen, ist es allerdings plötzlich Assja, die als einzige in der Klasse zurückbleibt und Alinas Inte-
resse weckt. Auf deren Frage, warum es denn noch da sei, erklärt das Mädchen, dass es noch
muttersprachlichen Unterricht habe, es lerne Balkarisch. „Ich kannte diese Sprache nicht. In Ass-
jas Gesicht regte sich kein Muskel. Jetzt sah ich, daß sie Sommersprossen hatte. Nicht so viele
wie ich. Ihre konnte man an den Fingern abzählen“,774 berichtet die diegetische Erzählerin. Sym-
bolisch werden die Sommersprossen gleichsam zum Zeichen der Andersartigkeit und darüber zu
einem Alina und Assja verbindenden Merkmal.
Doch unmittelbar präsent vor Augen habend und aus eigener Erfahrung wissend, was es zur Folge
haben kann, seine Identität offenzulegen, geht Alina Konfrontationen weiterhin aus dem Weg. Ihr
russlanddeutscher Mitschüler, der ebenfalls den Nachnamen „Schmidt“ hat, fordert sie auf, ihr
Versteckspiel sein zu lassen:
Auf dem Gang, in der Pause zwischen Mathe und Physik, riefen Jungen meinem Namensvetter im
grünen Pullover „Faschist! Faschist!“ hinterher. Unsere Blicke trafen sich. Seine Augen zwinkerten
mir verschwörerisch zu. „Na, das gilt doch auch für dich? Gib’s endlich zu! Dann sind wir schon
zwei!“ Aber ich schüttelte nur schweigend den Kopf und lief weg. 775
Wenn über Alina getuschelt wird, dann tut sie, als wäre sie taub. Eines Tages kommt noch eine
neue Schülerin namens Tatjana Hirsekorn in ihre Klasse, die ebenfalls zwölf Jahre alt ist, aber
sehr schlecht Russisch spricht, weil sie zwei Jahre in Deutschland gelebt hat, danach aber mit
ihrer Mutter (ihr Vater blieb im Ausland) wieder zurückgekommen ist. Sie wird als sehr schweig-
sam beschrieben und Alina stellt fest, dass ihrer beider Rollen – obwohl sie vorerst nicht mitei-
nander sprechen – sich in sonderbarer Solidarität darauf beschränken, dem zuzuhören, was die
anderen Mädchen tuschelten.776
Ihren deutschen Namen als Störfaktor, weil er sie bei Bekanntwerden zu einer Außenseiterin wer-
den lässt, erlebt auch Alinas ältere Schwester Irma. Sie jedoch wartet nicht auf eine Umbenennung
von fremder Hand, sondern nennt sich selbst Irina und setzt diesen Namen aktiv durch, nicht nur
gegenüber ihren Freund/inn/en, sondern selbst innerhalb der Familie. Eingeführt wird Irma bzw.
Irina von der Erzählerin so: „Meiner Schwester Irma sah man nicht an, daß sie Schmidt hieß. Von
773
Hummel (2005), S. 116.
774
Ebda., S. 117.
775
Ebda., S. 127.
776
Vgl. ebda., S. 176.
219
ihren Freundinnen ließ sie sich Irina rufen. Sie drehte sich manchmal gar nicht um, wenn ich Irma
sagte.“777 Der Name Irina hat hier nichts von einem Spitznamen, der meist nicht selbst gewählt
ist. Zwar ist der Name Irina in diesem Fall für die Schwester nicht von offiziellem Charakter, da
er nur mündlich tradiert wird, doch würde auch eine amtlich fixierte Namensänderung bzw. -ab-
wandlung unter russlanddeutschen Minderheitsangehörigen letztlich alles andere als eine Aus-
nahme darstellen.778 Und schließlich erreicht sie durch die Hochzeit mit einem russischen Mann
eben das für ihren Nachnamen: „Irma erhob sich, irgendwie erleichtert und stolz, etwas Bedeu-
tendes vollbracht zu haben. ,Endlich bin ich ihn los‘, flüsterte sie mir im Vorübergehen zu. Erst
wußte ich nicht, wen sie meinte, aber dann ging mir auf, sie meinte den Namen, ihren, unseren,
Schmidt.“779 Allerdings wird auch Irma, die seit ihrer Verheiratung mit einem Russen den Nach-
namen Posdnjakow trägt, letztendlich von ihrer Vergangenheit eingeholt. Nachdem ihr Mann aus
dem Afghanistankrieg heimgekehrt ist, scheitert die Ehe und sie möchte dem Rest ihrer Familie
ins Ausland folgen. Ergeben und in der Rolle einer Verliererin wie einst Alina im Spiel mit ihren
Freund/inn/en wird sie beschrieben: „Irgendwann hatte Irma sich wie alle anderen in der Schlange
vor der Deutschen Botschaft wiedergefunden, wo ihr neuer alter Name ein ganz gewöhnlicher
war, und sie wartete, geduldig und bescheiden.“780
Wie es auch die Auszüge russlanddeutscher Werke nahelegen, waren deutsche Namen noch lange
nach dem Krieg im allgemeinen Sprachbewusstsein mit einer negativen Bewertung hinterlegt, sie
bildeten immer noch eine Barriere gegen die vollständige Integration. Eine Art Namensghetto
war entstanden, aus dem der Ausbruch je nach Intensität des Stigmas und individueller Lebens-
situation sehr wichtig sein konnte: Der eigene Name war zum Hindernis im öffentlichen Leben
geworden in persönlicher wie professioneller Hinsicht. Gebrandmarkt durch den Namen sind
auch die Studenten Harry Walter in Belgers „Das Haus des Heimatlosen“ und Willi Werner im
Roman „In der Sackgasse“ von Viktor Heinz. Die Namen werden als Mittel zur realen zukunfts-
beschränkenden Diskriminierung missbraucht, so die beiden um ihre Zulassung zum Hochschul-
studium bangen müssen. Willi erhält nach Abschluss der kasachischen Mittelschule folgendes
Schreiben:
Leider können wir Sie nicht zu den Aufnahmeprüfungen zulassen. Wegen des allzu großen Zustroms
von Abiturienten sind wir gezwungen, Bewerbungen aus anderen Gebieten abzulehnen.
Willi ist wie vor den Kopf geschlagen. Er muß sich mit Richard beraten. Er kann es nicht begreifen,
was es mit diesem Schreiben auf sich hat. Kann so etwas überhaupt sein?
777
Hummel (2005), S. 33.
778
Hierbei muss angemerkt werden, dass sich Tendenzen der Russifizierung insbesondere von Eigenna-
men unter Russlanddeutschen bereits früh beobachten ließen und schon in den Kolonien relativ verbreitet
waren; dies betraf vorwiegend ans Russische angepasste Vatersnamen, aber auch Vornamen.
779
Hummel (2005), S. 111.
780
Ebda., S. 220.
220
Quatsch, sagt Richard. Ein leerer Wisch ist das. Eine faule Ausrede. Du hast ihnen bloß mit deinem
deutschen Namen Angst eingejagt.781
In beiden Romanen schaffen es die Protagonisten jedoch nach mehr oder weniger langem und
nervenaufreibendem Kampf, ein Studium zu beginnen. Vaškau erklärt hinsichtlich solcher wie-
derholt erfahrenen Enttäuschungen eindrücklich, dass sich in der Annahme der Namen von Ehe-
partner/inne/n sowie im Pass eingetragenen Änderungen der Nationalität nicht nur die Angst vor
einer Benachteiligung im täglichen Leben widerspiegelte, sondern dass sie darüber hinaus oft eine
Folge der Resignation darstellte.782 Die Verbundenheit mit der eigenen Geschichte, mit der – be-
reits als „nicht wiederherstellbar“ erlebten – Heimat, war nach außen hin höchstens noch für wei-
tere Diskriminierung im „neuen“ Leben verantwortlich und wurde häufig als schädlich empfun-
den. Eine Namensänderung erscheint auch in den literarischen Texten mitunter als die logische
Konsequenz, die mit dem posttraumatischen Schweigen einhergeht. Und wenn das Schweigen
über das Erlebte gebrochen werden soll, so aus eigenmächtigem Antrieb und nicht durch die Ent-
larvung anhand eines „fremdländischen“ Namens.
Die Einsicht, dass es unmöglich war, an den früheren Wohnort zurückzukehren […] fand ihren Aus-
druck in einer für eine ethnische Minderheit beispiellosen Anzahl von Ehen zwischen den Nationa-
litäten, in der Annahme nicht-deutscher Familiennamen bei der Eintragung der Eheschließung, im
Wechsel der Nationalität bei Erhalt eines Reisepasses und in der fehlenden Bereitschaft, die deut-
sche Sprache als Muttersprache zu erlernen. All diese tagtäglich bekundeten Festlegungen sprachen
keineswegs für die feste Absicht, die jeweilige Familiengeschichte von Generation zu Generation
weiterzugeben.783
Irma nennt sich in „Die Fische von Berlin“ Irina, auch weil sie im Gegensatz zu ihrer Mutter oder
Schwester Alina (scheinbar) selbstbestimmt über ihre Identität entscheiden will – das ist die eine
Lesart. Die andere legt nahe, dass es sich bei dem Namen Irina um einen bewusst gewählten
Decknamen handelt, der also weniger Ausdruck des eigenen Selbstverständnisses einer neuen
Identität ist, sondern eher ein Tarnmantel, der die junge Frau nach außen hin vor Konflikten
schützt, ohne dass sie in reflexiven Prozessen mit sich selbst eine neue Identität verhandeln muss.
So wäre ihre Position von den Haltungen ihrer Mutter Hilde alias „Galina“ und der Schwester
Alina alias „Aljona“ gar nicht so verschieden; sie haben ihre von anderen eingeführten Namen
zumindest akzeptiert, stellen jedoch nicht die Identität als Hilda und Alina gegenüber sich selbst
und innerhalb der Familie infrage. Letzteres versucht Irma allerdings, vermutlich um den Zwie-
spalt zwischen sozialen und familiären Identitätskonstruktionen vorzubeugen. Die verschiedenen
Einstellungen gegenüber dem eigenen Namen und darauf fußenden Vorstellungen von Zugehö-
rigkeit gehen außerdem einher mit der konkreten Vorstellung des eigenen zukünftigen Lebens.
Zwar ist die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Verhältnisse vor dem Zweiten Weltkrieg
für die Familie Schmidt nicht gegeben, so aber zumindest jene auf einen Neubeginn im Ausland
781
Heinz (1996), S. 56.
782
Vgl. Vaškau (2015), S. 193 f.
783
Ebda., S. 193.
221
nach erfolgreicher Ausreise. Irma hingegen, die sich mit einem russischen Mann zu verheiraten
gedenkt, will zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte von einem Neubeginn in einem anderen Land
nichts wissen.
Im Zuge der Auswanderung stellte sich für viele alsdenn nämlich erneut die Frage nach dem
eigenen Namen bzw. den Namen der Kinder. Als Anfang der 1990er-Jahre Millionen Aussied-
ler/innen nach Deutschland zogen, rieten deutsche Beamt/inn/e/n den Eltern, die Namen der Kin-
der einzudeutschen. Die Maßnahme sollte die Integration in das neue Umfeld erleichtern. Wie die
„fremdländisch“ klingenden Namen in der Sowjetunion Signal und Auslöser für irrationale
Ängste vor Kollaborateur/inn/en mit der faschistischen feindlichen Kriegsmacht bildeten, so sind
es nun russisch klingende Namen von Aussiedler/inne/n, die in der deutschen Mehrheitsgesell-
schaft Ängste der Überfremdung hervorrufen oder an latente Minderwertigkeitsgefühle appellie-
ren können. Namen sind auf diese Weise durchaus in der Lage, das Ressentiment gegen die „an-
deren“ wachzuhalten. Auf der Webseite des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Mig-
ration Baden-Württemberg wird über die Möglichkeiten einer Namenserklärung für Vertriebene
und Spätaussiedler/innen sowie deren Ehepartner/innen und Abkömmlinge, die die Rechtsstel-
lung einer oder eines Deutschen erworben haben, informiert. Demnach könne man:
• Bestandteile des Namens ablegen, die im deutschen Namensrecht nicht vorgesehen sind,
• die ursprüngliche Form eines nach dem Geschlecht oder dem Verwandtschaftsverhältnis abge-
wandelten Namens annehmen,
• eine deutschsprachige Form des Familiennamens annehmen,
• eine deutschsprachige Form des Vornamens annehmen – gibt es keine solche Form des Vorna-
mens, können neue Vornamen angenommen werden,
• im Falle der Führung eines gemeinsamen Familiennamens durch Ehegatten einen Ehenamen
nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch bestimmen und durch eine Erklärung einen Begleitnamen
voranstellen oder anfügen,
• den Familiennamen in einer deutschen Übersetzung annehmen, wenn die Übersetzung einen im
deutschen Sprachraum in Betracht kommenden Familiennamen ergibt. 784
In deutschen Amtsstuben wurde so tausendfach aus Wladimir Waldemar, aus Ljubow Luise und
aus Jewgenij Eugen, so Benjamin Bidder.785 In einem von Bidder mit dem 1987 im heutigen Ka-
sachstan und seit 1993 in Deutschland lebenden Fotografen Eugen Litwinow geführten Interview
beschreibt Letzterer die Beweggründe für sein Projekt „Mein Name ist Eugen“, eine Fotoserie, in
der er eine Generation junger Männer mit russischen Wurzeln und einem seltenen deutschen Na-
men porträtiert. Da im Zuge der Ausstellung neuer Urkunden ohnehin alle Namen aus dem Ky-
784
Service-Portal Baden-Württemberg: Namenserklärung von Spätaussiedlern (Text vom deutschen In-
nenministerium am 28.12.2020 freigegeben). [Link]
rung+von+Spaetaussiedlern-5001471-lebenslage-0 (22.07.2021).
785
Vgl. Bidder, Benjamin u. Litwinow, Eugen: Du heißt jetzt übrigens Eugen (Interview mit Eugen Lit-
winow). In: Der Spiegel (24.11.2013). [Link]
[Link] (22.12.2020).
222
rillischen in lateinische Buchstaben übertragen werden müssen, war und ist der Weg zum Stan-
desamt für die Auswanderinnen und Auswanderer obligatorisch. Daniela Ohrmann, die in ihrer
Magisterarbeit auf „auffällige Familiennamen unter besonderer Berücksichtigung namenpragma-
tischer Aspekte“786 eingeht, berücksichtigt in ihrer Untersuchung auch Anträge auf Namensände-
rung. Ihre Beobachtungen zu Beweggründen für solche Anpassungen unter russlanddeutschen
Migrant/inn/en fasst Volker Schulte wie folgt zusammen:
Innerhalb der Gruppe „Integration von Spätaussiedlern oder (eingebürgerten) Ausländern stechen
die Russlanddeutschen mit 75 von 80 bewilligten Änderungen heraus. „Man stößt auf Ablehnung
oder Misstrauen, sobald man seinen (russischen) Namen nennt“, beschreibt ein Antragsteller. Ein
zweiter hofft auf „eine unauffällige Eingliederung in die Gesellschaft und damit in unsere neue Hei-
mat“. Ein dritter wiederum stellt fest: „Kollegen stolpern jedes Mal über meinen Namen, jeder
spricht ihn auf seine Weise aus.“787
Es waren sehr ähnliche Gründe, die die Eltern des Fotografen Litwinow dazu bewogen haben,
ihren Sohn als Eugen statt Jewgenij eintragen zu lassen. „Mir klang immer ein Satz meines Vaters
in den Ohren. Er hat gesagt, dass ich mich damals mit der Namensänderung stark verändert habe.
Das hat mich interessiert: Ist Eugen ein anderer Mensch, als Jewgenij es gewesen wäre?“,788 fragt
der Sohn sich viele Jahre später. Zwar vor dem „fremdländisch“ klingenden Namen bewahrt, fühlt
er sich immer noch in der Position eines Außenseiters: „Als Eugen denkt man immer, dass dieser
Name einen verrät. Aber wenn ich deutschen Freunden gegenüber dieses Fass aufmache, dann
sind sie extrem überrascht. Von denen kommt keiner auf die Idee, dass dieser etwas seltsame
Name etwas mit Russland zu tun hat.“789
Wichtig ist zu erwähnen, dass auch die Umkehrung der Rollen eintreten kann, die in neuer russ-
landdeutscher Literatur aber vergleichsweise selten thematisiert wird. Ein Beispiel findet sich in
„Das Haus des Heimatlosen“ von Herold Belger. Lida, die russische Gattin David Ehrlichs, trifft
im deutschen Dorf ihres Mannes auf dessen Mutter, die ihr mit Misstrauen begegnet.
Diese nannte die Schwiegertochter wer weiß warum beharrlich nicht bei ihrem Namen, sagte nur
„die Russe-Matschka“, und darin schwang unüberhörbarer Spott, dennoch versicherte ihr David
wieder und wieder, es bedeute nichts weiter als „russisches Mütterchen“ und dass man in den deut-
schen Dörfern an der Wolga alle russischen Frauen so nenne. 790
In diesem Fall ist es nun also die Frau des Sohnes, die in dem Dorf mit überwiegend deutschstäm-
miger Bevölkerung nicht akzeptiert wird, deren Name unausgesprochen bleibt. Lida, die als pro-
786
Vgl. Ohrmann, Daniela: Auffällige Familiennamen unter besonderer Berücksichtigung namenpragma-
tischer Aspekte. Magisterarbeit. Univ. Leipzig 2003.
787
Schulte, Volker: Nomen est omen? – Auffällige Familiennamen. Pressemitteilung der Universität
Leipzig 182 (19.05.2004). [Link]
miliennamen-2004-05-19/ (31.12.2020).
788
Bidder u. Litwinow (2013).
789
Ebda.
790
Belger (2014), S. 40.
223
totypische moderne, russische „Frau von Welt“ gegenüber der deutschen Landbevölkerung skiz-
ziert wird, demonstriert aber guten Willen, von dem fremden Umfeld akzeptiert zu werden, lernt
zum „Gaudi der Dörfler“791 sogar einige deutsche Sätze sprechen. Sogar dem gemeinsamen Sohn
gibt sie, „der Laune von Mann und Schwiegermutter“792 nachgebend, den deutschen Namen Arno
bzw. Arnold. Dennoch wird sie weiterhin von den anderen Dorfbewohner/inne/n nur „Russe-
Matschka“ genannt – eine Bezeichnung, die von ihr einerseits als irritierend und brandmarkend
wahrgenommen wird, wenn sie den spöttischen Unterton heraushört. Andererseits schwingt „in
diesem Spitznamen […] für sie stets eine nahezu unverhohlene (lieber Gott, worauf gegründete!)
Überlegenheit seitens all dieser Landeier Amalie, Lisbeth, Katrina oder Margarete mit.“793 Die
Ausgrenzung über einen Namen bzw. die Nicht-Nennung eines Namens kann also (hier im Ge-
gensatz zu den Stellen, die noch weitaus zahlreicher als bereits geschehen angeführt werden könn-
ten und negative Erfahrungen ob eines deutschen Namens für Russlanddeutsche thematisieren)
von der derart „markierten“ Person auch als positiv empfunden werden. Die Erzählstimme kriti-
siert dieses Gefühl von Überlegenheit im selben Satz als himmelschreiend. In der Tat scheint es,
wie in der Folge weiter ausgeführt wird, Lida sogar lieber zu sein, bei dem russischen Spitznamen
genannt zu werden – obwohl es doch ein eindeutiges Mittel spöttischer Ausgrenzung ist. Mit dem
Fortlauf der Geschichte zeigt sich besser, warum sie so empfindet. Ihr Mann willigt ihr zuliebe
ein, als Sanitätsarzt in das Dorf Soljanka umzuziehen, wo hauptsächlich Russ/inn/en, Ukrainer/in-
nen und Tatar/inn/en leben: „Aber auch dort gefiel es ihr nicht: Es war ungemütlich, nichts los,
öde, ärmlich. Hier nannte sie niemand ,Russe-Matschka‘ im Gegenteil, hier war sie ,Frau Ehrlich‘,
was sie noch mehr in Rage brachte.“794
Über die Namen werden an diesen Stellen in eindringlicher Art und Weise Eigen- und Fremdzu-
schreibungen thematisiert und somit zu wesentlichem Maß Auffassungen von Identitäten verhan-
delt. Die Leser/innen erfahren so, dass Davids Frau Lida sich über eine „russische“ Identität und
ihren russischen Namen von der russlanddeutschen Bevölkerung und letztlich sogar von ihrem
eigenen Mann abgrenzen will und es dafür auch in Kauf nimmt, unter den „Seinesgleichen“ selbst
ausgeschlossen zu werden.
Als David dann jedoch das erste Mal selbst die Bezeichnung „Russe-Matschka“ für seine Frau
Lida in den Mund nimmt, geschieht dies in tiefster Kränkung. Denn als im August 1941 die russ-
landdeutsche Bevölkerung ausgesiedelt wird, stellt sie ihren Mann vor vollendete Tatsachen. Man
bekommt den Eindruck, die Front verlaufe geradewegs zwischen Lida und David, die zur perso-
nifizierten Stellvertreterin bzw. zum Stellvertreter einer Nationalität werden: Sie werde ihn nicht
791
Belger (2014), S. 41.
792
Ebda.
793
Ebda.
794
Ebda., S. 43.
224
begleiten, so „eine russische Ehefrau berechtigt ist, nicht mit ihrem deutschen Mann mitzuge-
hen“,795 beharrt Lida. Auch Sohn Arno, von dem der Feldscher sich nicht einmal verabschieden
soll, werde hierbleiben. Immer wieder betont sie darüber hinaus, dass David ja mit „seinen Leu-
ten“ ginge, es würde ihm sicherlich wohler sein „[o]hne lästigen Anhang“796. Dieser Punkt in der
Geschichte markiert einen tiefen innerlichen Bruch zwischen den Eheleuten, die Nationalitäten-
frage wird zum Vehikel der Aufdeckung ihrer empfundenen Grundverschiedenheit. „ ,Leb wohl,
Russe-Matschka‘, sagte er, tief gekränkt. Lida erbleichte. Aus seinem Munde hörte sie das zum
ersten Mal.“797
Die völlige Entfremdung von der eigenen zurückgelassenen Familie und dem Leben an der Wolga
vollzieht sich für David aber erst in der Verbannung in Kasachstan. Dort erhält er endlich Post
aus Engels, genauer ein Schreiben seines Schwiegervaters, auf welchem auch Lida unterzeichnet
hat. Darin erklärt der Geschichtelehrer in knappen Worten und nüchternem Tonfall, dass seine
Tochter sich in einen Artilleriemajor verliebt habe und mit ihm an die Front gehe. Dem Enkel
gehe es gut, er komme im Herbst einwandfrei vorbereitet in die Schule und würde „in hohem
patriotischem Geiste“798 erzogen. David ist erneut der Gekränkte und die vom Großvater des Kin-
des vorgenommene Russifizierung des Namens entwickelt in der Reflexion eine starke Symbol-
kraft:
Nicht nur die herzlose Anrede „Genosse“ traf ihn tief, sondern auch, dass der Schwiegervater seinen
Enkel, den er immer Arnold oder Arnoschka genannt hatte, auf einmal zu Aljoscha machte, und
natürlich war das kein zufälliger Verschreiber: In seinem patriotischen Überschwang oder vielleicht
nur, weil er auf der Hut war, hielt es der Schwiegervater offenkundig für nicht möglich, in diesen
harten Zeiten des Kampfes gegen den deutschen Okkupanten seinen Enkel bei einem nichtrussischen
Namen zu nennen.799
Hier führt die außergewöhnliche Perspektive auf Namensänderungen wieder zu dem in russland-
deutscher Literatur sehr präsenten und immer wieder aufgegriffenen Narrativ der Russifizierung
deutscher Namen zurück, die aus verschiedenen Gründen vorgenommen wurde, meist aber um
einer Form der Ausgrenzung oder einer anderen Art von Benachteiligung zu entgehen. Diese Be-
weggründe beschäftigen den ehemaligen Trudarmisten Christian, Davids kranken Bruder, der
sich an die Zeit im Lager mit Schrecken erinnert:
Auch dort in Sibirien, beim Holzeinschlag, war ihm aufgefallen, dass die deutschen Trudarmisten
nach und nach und unmerklich ihre urdeutschen Vornamen gegen russisch klingende vertauschten.
Er verstand nicht gleich, wozu das nötig war: Ging es darum, sich von allem Deutschen loszusagen,
es zu verleugnen, um ja nicht unnütz diese Patrioten zu reizen, oder geschah es instinktiv, um sich
vor beleidigenden Spitznamen und Spötteleien seitens der Wachleute und sonstiger Lagerobrigkeit
795
Belger (2014), S. 44.
796
Ebda., S. 45.
797
Ebda.
798
Ebda., S. 130.
799
Ebda.
225
zu schützen? […] Mit Namen wie Fritz oder Adolf durfte man sich schon gar nirgends blicken las-
sen. Dietrich wurde zu Dmitri gemacht, Fritz zu Fjodor, Heinz zu Gena, […]. Manch einer ging
soweit seinen Nachnamen zu ändern: Schacht wurde zu Schachtow, Ammon zu Amonow, […].
Christian berührte das unangenehm, sein ganzes Wesen empörte sich gegen diese Art von Opportu-
nismus. Er selbst ließ seinen Namen unverändert, mehr noch, geradezu mit Nachdruck und unmiss-
verständlich betonte er, eben Christian Ehrlich zu sein und nicht irgendein Grischa Podtykailo oder
sonstwer.800
Deutsche Namen wurden nicht nur gezielt zur Diffamierung benutzt, Personennamen erhielten
darüber hinaus eine unübliche Funktion, indem sie nicht mehr zur Bezeichnung von Einzelmen-
schen verwendet wurden, sondern verächtliche „Menschentypen“ und Charaktereigenschaften
bezeichneten. Christian, den der Bruder den Bewohner/inne/n im kasachischen Aul als Grischa
vorstellt, „weil er meinte, dies sei für sie einfacher und verständlicher“,801 hat es selbst vorher
unbedingt vermeiden wollen, seinen Namen abgewandelt zu sehen oder ihn gar gegen einen an-
deren einzutauschen. Grischa bzw. Grigori wird von den Einheimischen aber noch einmal abge-
wandelt, wird damit unwillkürlich zu „Gyrischa“. Nun hat der damit Bezeichnete aber einen Punkt
erreicht, an dem er todkrank zu schwach ist, um eine Form des Einspruchs zu erheben. Doch stellt
für Christian das Bekenntnis zu seinem Namen weniger eine Kampfansage dar, als vielmehr ein
Zeichen des Wunsches nach Bewahrung alter Verhältnisse allen äußerlichen Versuchen, mit
ihnen auch das Selbstbewusstsein der Unterdrückten zu zerstören, zum Trotz, welches sich aus
der Kontinuität der eigenen Identität speist – einer komplexen Konstruktion, die sich hinter dem
eigenen Namen verbirgt.
Gerade Menschen, die sich stark über ihr gleichzeitiges Angehören und ihre Bewegung in meh-
reren verschiedenen kulturellen Räumen identifizieren, ziehen Abgrenzungen nicht nur mittels
traditioneller Kulturelemente wie beispielsweise Sprache und Religion, sondern auch durch Kul-
turmuster, die symbolische Bedeutung haben und sich in Imaginationen von Heimat oder Vor-
stellungen über die Vergangenheit und Gegenwart äußern. 802 Dass russlanddeutsche Literatur
häufig in abqualifizierendem Gestus als „Erinnerungsliteratur“ begriffen wird, liegt einerseits be-
gründet in der Vielzahl an Werken, die historische Inhalte verhandeln, bzw. (auto-)biografischen
Texten, die oft eine chronologische oder in freien Rückblenden geschilderte Aufrollung der Fa-
miliengeschichte bieten. Andererseits ergibt sich dieser Umstand schon durch die Definitionsver-
suche russlanddeutscher Literatur selbst, insofern jene eben gerade mit den biografischen Hinter-
gründen der Autor/inn/en und den Themen und Inhalten ihrer Werke operieren, wobei beide Kri-
terien erfüllt sein müssen. Russlanddeutsche Literatur ist so gesehen per definitionem Erinne-
800
Belger (2014), S. 167.
801
Ebda.
802
Vgl. Kurilo (2015), S. 65 f.
226
rungsliteratur, was weiter nicht unbedingt problematisch wäre, würde nicht eben diese „Be-
schränktheit“ immer wieder zum Anlass für – in diesem Fall ungerechtfertigte – Kritik. Klar ist:
Wenn es um die Diskussion von Heimat- und Zugehörigkeitsvorstellungen geht, auf denen (russ-
landdeutsche) Identitätsvorstellungen maßgeblich beruhen, ist die Blickrichtung zurück in die
Vergangenheit jedenfalls evident.
Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese, durch das kollektive Gedächt-
nis transportierte Rückschau einer erfolgreichen Integration in die Mehrheitsgesellschaft hinder-
lich sein bzw. einem sozialen Aufstieg im Weg stehen kann. Denn nach Erika Hoerning erfordert
ein solches Unterfangen, sprich der Schritt auf eine höhere Stufe gesellschaftlicher Anerkennung
bzw. Anerkennung in einer größeren Gruppe, zumindest auf individueller Ebene das Sich-Los-
reißen von der eigenen Vergangenheit, „aber gleichzeitig muss man sich Ressourcen (Eintritts-
karten in die nächst höhere Schicht) schaffen, die für den Aufstieg unerläßlich sind und die das
fehlende soziale, kulturelle und ökonomische Kapital der Herkunftsklasse ersetzen“.803 Und Ho-
erning fügt hinzu: „Wenn man aufsteigen will, muß man mit der Vergangenheit brechen, um über
den Bruch eine neue Einstellung zur Zukunft zu erreichen.“804 Einen solchen „Bruch“ als totale
Abkapselung anzunehmen, geht aber an der Lebensrealität vorbei; dadurch würden Konstruktio-
nen personaler Identität gefährdet bis hin zum Orientierungsverlust.
Eine teilweise bewusste, persönliche Abkehr von der Vergangenheit und damit das Ziel eines
Neuanfangs ist aber nicht nur eine Strategie für den sozialen Aufstieg in der Mehrheitsgesellschaft
des Auswanderungslandes, die Hoerning beschreibt, sondern kann aus unterschiedlichen Motiven
erfolgen. Die russlanddeutsche Literatur gibt Aufschluss über diese möglichen Gründe.
So appelliert die Sprechinstanz in Nelly Wackers Gedicht mit dem vielsagenden Titel „Laß
schwinden, was dahin“ an das imaginierte Gegenüber – oder an sich selbst. Der Sinn des Lebens
803
Hoerning (1989), S. 159.
804
Ebda.
805
Fischer, Wolfram: Affirmative und transformative Erfahrungsverarbeitung: Beiträge der Sektions- und
Ad-hoc-Gruppen. In: Technik und sozialer Wandel. 23. Deutscher Soziologentag 1986: Sektions- und
Ad-hoc-Gruppen. Hrsg. v. Friedrichs, Jürgen. Opladen: Westdt. Verlag 1987, S. 467 f.
806
Wacker, Nelly: Laß schwinden, was dahin. In: Wacker (1998), S. 22.
227
wird hier zwar radikal in der Blickrichtung auf Zukünftiges gesehen, doch gerade die eindringli-
che Aufforderung, nicht an alten Wunden („Sorgen, Spott und Hohn“) zu rühren, impliziert, dass
eben dies bis jetzt, im „wohlbeschützten Alter“, nicht zustande gebracht wurde, obwohl es eine
persönliche und das Leben durch Verdrängung leichter machende Maxime dargestellt haben mag.
Gerade die Auslassungspunkte, die die Aposiopese am Ende der zweiten Verszeile erst erzeugen,
verschieben den Fokus gen Vergangenheit und Erinnerungsarbeit.
Dass das Wühlen in der Vergangenheit aber nicht nur ein persönliches Laster sein kann, sondern
gerade in der Nachkriegszeit ein reelles, sehr gefährliches Unterfangen war, geht aus Heinz’ Ro-
man „In der Sackgasse“ hervor, wenn Professor Dulson gegenüber dem jungen Hochschullekt-
oren Willi, welcher an russlanddeutschen Mundarten forscht, eine eindringliche Warnung aus-
spricht. Willi möchte sich soeben in Dulsons Hausbibliothek Bücher ausborgen, doch unter den
gewählten Favoriten befindet sich eine der ersten Geschichtsdarstellungen der Wolgadeutschen,
die der Hochschullehrer seinem Besucher nicht aushändigen will: „Sie wollen über deutsche
Mundarten schreiben, nicht wahr? Professor Dulson ist die Ruhe selbst. Dabei bleiben Se auch.
Die Geschichte der Rußlanddeutschen sollten Se lieber aus dem Spiel lassen.“807 Und als Willi
von seinem Standpunkt der Wichtigkeit der Kenntnisse der Anfänge der Geschichte nicht abrü-
cken möchte, fügt der Professor hinzu: „Sie mögen ja recht haben, aber es ist auch für Sie besser,
wenn Se von dieser Geschichte Abstand nehmen. Sie werden sich dadurch nur Schwierigkeiten
machen.“808 Hier geht es um die bewusste Abkehr von der Vergangenheit zum Zwecke des Selbst-
schutzes. Und Willi soll noch am eigenen Leib erfahren, wie gefährlich es ist, vor Spitzeln der
sowjetischen Geheimpolizei ein falsches Wort zu sagen. Und trotzdem: Eine derartige bewusste
Zurückweisung eines bestimmten Teils der Geschichte, der für das individuelle bzw. kollektive
Identitätsgefühl als besonders wichtig erachtet wird, wird nicht nur als diskriminierend erlebt,
sondern setzt in Willis Fall sogar Aggressionen frei.
Aber nicht nur aufgrund politischer Zwänge kann ein bewusstes Vergessen bzw. Verdrängen for-
ciert werden. So erhält das Nachdenken über die Vergangenheit für Alinas Mutter und Schwester
in „Die Fische von Berlin“ das Prädikat „unnütz“, es trage im Leben nicht zum Fortkommen bei.
Als Alina der Mutter davon erzählt, dass sie in der Schule einen Vortrag halten müsse und dazu
gerne Großvater über den Krieg ausfragen wolle, quittiert diese das Vorhaben der Tochter so:
„ ,Ein seltsamer Wunsch. Ich wollte es niemals wissen. Wozu auch? Dieses Wissen ist unnütz.
Halt lieber einen Vortrag über die Erfolge der sozialistischen Kinderbekleidungsindustrie. Dazu
kann ich dir eine Menge erzählen.‘ “809 Alinas Eltern geben sich der Sehnsucht nach einem Neu-
anfang nach der Auswanderung hin, der in der Utopie als frei von allen belastenden Sorgen, die
807
Heinz (1996), S. 172.
808
Ebda., S. 173.
809
Hummel (2005), S. 39.
228
aus der Vergangenheit herrühren, imaginiert wird. Sie wollen nicht wie Alina – oder auch Willi
im Roman „In der Sackgasse“ – die Geschichte ihrer Vorfahr/inn/en erkunden und so ihre Her-
kunft rekonstruieren, sondern setzen all ihre Hoffnung in den Neuanfang und den endgültigen
Bruch mit der Vergangenheit, als würde sich in Deutschland ihre „wahre“ Identität automatisch
entfalten und dies umso einfacher, je weniger Altlasten sie mit sich führen.
Nicht zuletzt Alinas Forschergeist führt dazu, dass es ihr vorkommt, als sei sie selbst innerhalb
der Familie eine Fremde, als sei sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder, der wie der Protagonist
in Heinz’ Roman ebenfalls Willi heißt und ihr ähnlichsieht, adoptiert worden. Doch weder er noch
Alinas ältere Schwester Irma interessieren sich für die Familiengeschichte: „Willi hatte sich nur
vielsagend an die Stirn getippt, als ich es wagte, ihm von meinen Phantasien zu erzählen. Er
kümmerte sich nicht um die Vergangenheit. Sie war wie sie war; unnütz, darüber nachzuden-
ken.“810 Alina hingegen sehnt sich nach einer Erklärung dafür, warum sie sich an dem Ort ihrer
Kindheit nicht uneingeschränkt „zuhause“ bzw. „heimisch“ fühlen kann. Die Spurensuche führt
zum Großvater und seinen Berichten über Erlebnisse aus der Vergangenheit. Den wie gezeigt
bringen die Eltern den Bestrebungen ihrer Tochter nur Unverständnis entgegen und auch Alinas
Geschwister erleben die Vergangenheit als „unnütz“. Dies jedoch nicht aus dem gleichen Motiv,
nämlich der Hoffnung auf den Neuanfang, heraus. Einen solchen empfindet Schwester Irma etwa
gar nicht als notwendig, da sie bereits erfolgreich Strategien entwickelt hat, um die – sie von den
Mitschüler/inne/n unterscheidenden – Merkmale ihrer russlanddeutschen Identität im Alltagsle-
ben zu verschleiern und somit keinen Angriffspunkt mehr zu bieten.
In der aktuellen russlanddeutschen Literatur ist das Narrativ des Sich-Losreißen-Wollens von
Vergangenem, wie nicht zuletzt diese Beispiele zeigen, stark präsent, doch werden die Figuren
mindestens genauso häufig von ihrer persönlichen Vergangenheit, ihrer Biografie, und der Ge-
schichte ihrer „Volksgruppe“ gleichsam eingeholt – wenn dies auch „nur“ gewissermaßen von
außen erzwungen und anhand ihres von Großeltern und Eltern vererbten Namens geschehen
mag.811 Es können ferner alltägliche und harmlose Bilder sein, die an bestimmte traumatische
Szenen der Vergangenheit angekettet scheinen und diese schließlich in ihrer ursprünglichen
Wucht präsentieren.
In „Zwei Kindheiten in Deutschland und Russland“ in dem Kapitel mit dem Titel „Sonntagsge-
bäck“ kommt die Erinnerung aber ganz friedlich daher: Die Erzählinstanz beschreibt, wie sie in
einer neu eröffneten Patisserie in den Straßen Bonns ein ganz bestimmtes Gebäck entdeckt, das
sie aus ihren Kindheitstagen im Ural kennt und „das wir auf Plattdeutsch Tweeback nannten“.812
810
Hummel (2005), S. 37 f.
811
Vgl. das vorangegangene Kapitel 4.9 Die ewige Außenseiterposition: „Sage mir deinen Namen
und …“
812
Gossen u. Mannel (2018), S. 163.
229
Anders als die in Bonn geborene Autorin Monika Mannel, deren Kindheitserinnerungen den ers-
ten Teil des 2018 im Geest-Verlag erschienen Buches bilden, zieht Agnes Gossen öfters Verglei-
che zwischen „einst“ und „jetzt“, aber nicht nur das – sie stürzt förmlich von der Gegenwart in
die Vergangenheit, von den eigenen Erinnerungsbildern in die ihr selbst nur aus Berichten zu-
gängliche Vergangenheit der Großeltern oder gar weiter noch in der Zeit zurück:
Das Buch stellt zwei „Kindheitsverläufe in Systemen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können,
dort das stalinistische und nachstalinistische Sowjetregime und hier das Nachkriegsdeutschland
unter Adenauer“814 nebeneinander. Sodann eröffnet der Klappentext die an die Rezipient/inn/en
gerichtete Frage, ob diese Kindheiten wirklich so unterschiedlich verliefen oder es vielleicht doch
Gemeinsamkeiten gab, und schafft damit die große Klammer, unter der die beiden Texte (sich
selbst wiederum aus je siebzehn kleineren Geschichten bzw. Kindheitsepisoden zusammenset-
zend) vereint sind. Ansonsten nehmen sie keinen expliziten Bezug aufeinander, was beinahe ein
bisschen verwundert, bedenkt man, dass die Autorinnen sich seit langen Jahren kennen und ge-
meinsam in verschiedenen Organisationen engagieren. 815 Gemeinsame Ausgangspunkte der
Texte bilden die Nachkriegszeit, die Armut, die ländliche Umgebung (beide Autorinnen wachsen
in den 1950er-Jahren auf, Mannel bei Bonn, Gossen in einem Dorf im Gebiet Orenburg), der
Kampf ums Überleben in kalten Wintern und zahlreiche Entbehrungen wie auch Ungerechtigkei-
ten. Ferner schafft die Hervorhebung des jeweiligen Dialekts, der in den Familien gesprochen
wurde, eine gewisse Verbindung. Doch „[w]ährend Monika Mannel kleine Episoden schildert,
die aus ihrer damaligen Mädchenperspektive eine überschaubare Kinderwelt zeigen, und alle Be-
teiligten im breitesten Bönnsch parlieren lässt, gehen die Geschichten von Agnes Gossen immer
wieder über sie als Person hinaus“,816 bemerkt eine Leserin über das Buch in einem Online-Blog-
Beitrag und trifft damit den entscheidenden Unterschied. Die Stellen, die die sonst durchweg ein-
fach konstruierten episodischen Schilderungen aufbrechen, bedingen dabei sogar bisweilen einen
kurzen Orientierungsverlust im Fortgang der Handlung. Denn um die eigene Identität ins rechte
Licht zu setzen, muss die Erzählinstanz gleichsam einen ganzen Stammbaum rekonstruieren – die
rechtzeitig vor Kriegsbeginn nach Kanada ausgewanderten Großtanten, die Anzahl der Männer
in der Familie, die verbannt oder ermordet wurden, bilden ihren Bezugsrahmen. Geschichten, die
sich lange vor der eigenen Geburt abgespielt haben und teilweise von Leuten handeln, die sie
813
Gossen u. Mannel (2018), S. 167.
814
Ebda., Klappentext.
815
Vgl. Steinmark, Rose: Als ich klein war … (12.04.2018). [Link]
[Link]/2018/04/kindheit-deutschland_russland-mannel-gossen/ (22.02.2021).
816
Hier und Dort. Zwei Kindheiten (19.12.2018). [Link]
[Link]/2018/12/19/hier-und-dort-zwei-kindheiten/ (22.02.2021).
230
selbst nie kennengelernt hat, sind neben eigens durchlebten Streichen und Anekdoten ganz selbst-
verständlicher Teil der Kindheit. So gibt etwa die Mutter der Erzählerin eines Tages beim Dorf-
schreiner einen Puppengeschirrschrank für ihre Töchter in Auftrag, wobei als Vorlage für jenen
ein Foto der Mutter mit ihrer Schwester und deren einstigen Puppenspielsachen dient. Damals
waren die „Kinder eines Volksfeindes“ ihm verlustig gegangen, nachdem der Vater „auf Nim-
merwiedersehen“817 verschwunden war:
Besonders schlimm und unbegreiflich war für die Mädchen, dass zwei Männer aus ihrem deutschen
Dorf in der Orenburgschen Steppe, die als Zeugen bei der Festnahme dabei waren, nicht nur später
seine Stiefel trugen, sondern auch ihren Puppengeschirrschrank und den Puppenwagen für ihre ei-
genen Kinder mitnahmen.818
Daraus erklärt sich, warum sich die Mutter noch mehr über den fertigen Puppengeschirrschrank
zu freuen scheint als ihre zwei Töchter. Diese generationenübergreifende Perspektive hat auch
eine psychologische Dimension. Die Verflechtung der eigenen und fremden Lebensrealitäten
ebenso wie die Bezugnahme auf die den Eltern widerfahrenen Traumata, die deren Verhalten und
Charaktereigenschaften beeinflussen, begünstigen den Eindruck einer gewissen Harmonie, wie
sie etwa in den Kindheitsschilderungen Mannels nicht aufkommt. Zwar werden auch bei Gossen
Kinderstreiche thematisiert, doch ein Infragestellen der Eltern wie bei Mannel gibt es nicht, im-
mer steht das schwere, generationenübergreifende Schicksal im Raum. Eine Abnabelung von der
Vergangenheit (und damit ein Heraustreten aus dem Opfernarrativ) dagegen wird nicht ange-
dacht, zumindest werden dahingehende Bestrebungen in den geschilderten Kindheitsepisoden
Gossens nicht spürbar. Bei Mannel hingegen ist die Haltung der Kinder den Erwachsenen gegen-
über, die „an uns Kindern ,rumerziehen‘ “,819 im Allgemeinen angespannter. Die Beziehung zur
strengen Mutter ist geprägt von Gewalt und Gefühlskälte.
Wenn Mutter uns dabei erwischte, wie wir hinter Tante Cordulas Rücken lachten, dann gab es ein
paar Ohrfeigen. Also hielten wir Kinder uns im Beisein der Erwachsenen zurück.
War Tante Cordula aber abends auf dem Heimweg, so überlegten Hans, Lisa und ich, wie lange es
noch dauern würde, bis sie platzte und das Fett aus ihr herauslaufen würde. Er war eine schaurig
schöne Vorstellung.820
Freche Kindergedanken wie diese fehlen bei Gossen, die auf psychologischer Ebene keine Brüche
mit der älteren Generation beschreibt, Konflikte werden nicht offen ausgetragen, es gibt kein
„Wir-gegen-sie“. Stattdessen werden die Gedanken der Eltern weitergesponnen, Konflikte wer-
den nicht geschürt und gegenwärtige Ereignisse wie Situationen bilden häufiger als bei Mannel
Anlass für einen langen und genauen Blick in die Vergangenheit, scheinbar stets auf der Suche
817
Gossen u. Mannel (2018), S. 118 f.
818
Ebda., S. 119.
819
Ebda., S. 11.
820
Ebda., S. 67.
231
nach einer Erklärung für das Hier und Jetzt. Die Trennlinien zwischen Gut und Böse jedoch er-
scheinen dabei stets klar gezogen.
Die „große Erklärung“ sucht die Sprechinstanz in der Vergangenheit. Die Frage nach dem Warum
für die persönliche und oft als benachteiligend erlebte Lebenssituation mag zwar in erster Linie
in der individuellen Biografie ihre Beantwortung finden, doch in zweiter Instanz bezieht sich die
821
Vgl. Engel-Braunschmidt (2007), S. 159.
822
Weber, Waldemar: Mir träumt ich schlafe. In: Weber (2006), S. 3.
823
Ebda.
232
drängende Frage auch auf die universelle Zerstörung zum Leidwesen all jener Menschen, zu de-
nen eine Gruppenzugehörigkeit empfunden wird. Denn es scheint, eine existenzielle Erklärung
sein zu müssen, die in der Lage ist, „alles“ erklären zu können, ein Bemühen des kulturellen
Gedächtnisses. Gleichsam als Mahnung, sich nicht in der Erinnerung zu verlieren, kann aber das
anschließende Gedicht interpretiert werden. Es sei nicht ratsam, in das Erlebte zurückzukehren,
sich wieder in eine alte „Haut“ zu zwängen, der man schon entwachsen ist, wie die Metapher es
verbildlicht:824
Ganz gegenläufig zeichnet der Großteil der in „Scherben“ versammelten Texte gerade den Ver-
such nach, einen verlorenen Schlüssel zu finden, der die eigenen und fremden Erinnerungen ent-
sperrt. Einmal ist es der „verlorene Schlüssel zur Kindheit“, der auf der Straße im Schnee liegt
und sich für die Sprechinstanz im pfeifenden Wind bemerkbar macht: „Ich suche und suche / kann
ihn nicht finden / er pfeift mir von überallher“.826 So ist der Blick in die Vergangenheit zwar keine
Flucht – davor wird gewarnt –, doch scheint allem voran im Gegenteil, nämlich im Vergessen,
eine Bedrohung zu liegen. Die Erinnerungen werden mit Fortschreiten der Zeit und dem erzwun-
genen wie dem natürlichen Vergessen hermetischer und schwerer rekonstruier- bzw. interpretier-
bar, was das Bedürfnis nach einer „großen Erklärung“ noch verstärkt.
Überhaupt schafft die Anordnung der reimlosen und ohne Interpunktion827 auskommenden Ge-
dichte in Webers Gedichtband eine Metaebene der Lektüre und bildet auf diese Weise eine über-
geordnete Narration. Der Rückgriff auf das Präteritum bei zahlreichen Texten verdeutlicht die
Distanz zu dem Zurückliegenden, dem Erinnerten, und verstärkt den erzählenden Ton in der Ly-
rik. Eine Geheimsprache, die mit Begriffen wie „der schwarze Rabe“ operiert, wird zwar stellen-
weise aufgebrochen durch bewusste Erklärungen in Fußnoten – hier etwa als „Dienstfahrzeug des
NKWD“828 identifiziert –, doch bricht diese knappe Erklärung als Hilfestellung für Leser/innen
824
Haut als Sinnbild für geleistete, aber obsolet gewordene Anpassungsleistungen bzw. schlicht als Meta-
pher für bestimmte Lebensphasen ist uns bereits in dem Text „Was wir erleben müssen“ von Lore Reimer
(2000) begegnet [S. 15].
825
Weber, Waldemar: Wirf die Münzen nicht in den Brunnen. In: Weber (2006), S. 4.
826
Weber, Waldemar: Draußen auf der Straße. In: Weber (2006), S. 5.
827
Ausgenommen Auslassungspunkte, die in Webers Texten häufig anzutreffen sind. Prinzipiell muss da-
bei konstatiert werden, dass in den untersuchten lyrischen wie prosaischen Werken Aposiopesen gehäuft
auftreten, welche wiederum häufig gar nicht als solche bezeichnet werden können, weil Aussagen nicht
immer vor einem „entscheidenden“ Punkt abbrechen, sondern Gedanken an zahlreichen Stellen schlicht
mit drei Punkten ausklingen, verstummen.
828
Weber, Waldemar: Der schwarze Rabe ist gekommen. In: Weber (2006), S. 9.
233
mit abweichendem Erfahrungshorizont nicht den Grundton der Scherbenbilder, in denen „[j]eder
Ort / ein geheimnisvolles Zeichen“ ist, „mit jeder Stunde / geheimnisvoller“.829
Die „Codierung“ in den Werken des Autors, der selbst stark von der deutschen Poesie des
20. Jahrhunderts beeinflusst ist, besteht auf mehreren Ebenen; auf Ebene der Kultur, der Zeit und
der durch diese Aspekte beeinflussten Metaphorik. Wohlgemerkt hat sich Webers spätere litera-
rische Stimme innerhalb der russlanddeutschen Literaturszene selbst als progressiv und modern
hervorgetan.830 Sein literarisches Schaffen hat insofern in eine vielversprechende neue Richtung
in russlanddeutscher Literatur gestoßen, als der Autor Fragen nach der Vergangenheit, dem Ge-
dächtnis und russlanddeutschen Identitäten in moderne literarische Formen fasst. Seine traditio-
nellen Darstellungsmodi entsagenden Verse eröffnen häufig große Interpretationsspielräume. So
treten auch die in „Scherben“ versammelten, in ihrer Rhythmik freien und manchmal titellosen
Texte mit eigentümlicher Bildlichkeit und Dichte auf und entfalten eine literarisch-ästhetische
Qualität, die die der russlanddeutschen Literatur anhaftende Kritik der bloßen „Erinnerungslite-
ratur einer Volksgruppe“ negiert. Bereits in den 1980er-Jahren forderte Waldemar Weber die Ori-
entierung an der deutschsprachigen Literatur des Westens im 20. Jahrhundert im Essay „Wozu
sich abkapseln?“831, erstmals erschienen am 1. Juni 1988 in der Zeitung „Neues Leben“. Im Ge-
folge ideologischer Vorgaben hatte es Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben, ob Literatur
allgemeinverständlich sein und pädagogisch-didaktischen Zwecken dienen müsse oder wie weit
sie formal-ästhetische Ziele verfolgen dürfe bzw. solle – womit auch ihre Themen und Formen in
Zusammenhang standen: traditionelle Metren und Reime oder freier Vers und neue Formen.832
Weber, der 1962 bis 1968 an der Universität für Fremdsprachen in Moskau Germanistik und Sla-
wistik studierte, beschäftigte sich u. a. mit der Herausgabe und Übertragung klassischer und mo-
derner Poesie aus dem Deutschen und Niederländischen und lieferte insbesondere in seinen Es-
says der 90er-Jahre (über die geistige Situation in Russland nach dem Zusammenbruch der Union)
klare Analysen alter und neuer Mythen sowie eines Systems, das die „Verwahrlosung des Alltags
und der zwischenmenschlichen Beziehungen“833 zu verantworten habe.834
829
Weber, Waldemar: Karten von Orten. In: Weber (2006), S. 28.
830
Auf der Website der „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ wird Waldemar Webers älterer Bru-
der Robert, der ebenfalls durch sein literarisches Schaffen bekannt geworden ist, als „der ,modernste‘ un-
ter den russlanddeutschen Poeten und als eine der letzten Hoffnungen der nicht ausgewanderten russland-
deutschen Literatur – neben Hugo Wormsbecher, seinem gleichaltrigen Moskauer Schriftstellerkollegen,
und Herold Belger, seinem um vier Jahre älteren Kollegen aus Alma-Ata“ bezeichnet. [Vgl. Weber, Ro-
bert. Biographie. [Link] (25.06.2021).] Im Jahr 2000 wan-
derte auch Robert Weber nach Deutschland aus und folgte somit seinem Bruder Waldemar nach.
831
Weber, Waldemar: Wozu sich abkapseln? In: Weber (1992), S. 113-122.
832
Vgl. Engel-Braunschmidt (2007), S. 159.
833
Weber, Waldemar: Gen Osten – gen Westen? Zur Lage der russischen Kultur. In: Kursbuch 103.
Rußland verstehen. Berlin: Rowohlt 1991, S. 115.
834
In einigen seiner Essays, etwa „Wozu sich abkapseln?“ [Weber (1992), S. 113-122.] widmet er sich im
Besonderen russlanddeutschen Problemen und hat auch zu deren Bekanntmachung in Österreich und
Deutschland aktiv beigetragen. Als Gastprofessor kam Weber 1994 an die österreichische Karl-Franzens-
234
Wenn die Bezüge zur Vergangenheit von Folgegenerationen, aber auch Angehörigen der Erleb-
nisgeneration selbst erst mühsam wiederhergestellt werden müssen, wie es nach einem langen
Schweigen als Symptom eines Traumas erfolgen kann, und in der Konsequenz, wie es in Webers
Text heißt, „jeder Ort ein geheimnisvolles Zeichen“ wird, dann stellt sich natürlich auch die Frage,
warum und für wen die Geschichtsversionen von Bedeutung sind: „Vergangenheit codiert / für
wen?“835 Auch im Versuch des erklärenden Akts des Erzählens, der mit dem Erinnern und der
Weitergabe der eigenen Erfahrungen an die nächsten Generationen verbunden ist und den Weber
in einem Gedicht zu zwei kurzen Strophen aufgreift, bleibt die Vergangenheit verschlüsselt. Am
eindringlichsten hervorgehoben wird hier erneut – nicht zuletzt über die den hürdenreichen
„Volkslauf“ näher beschreibenden Anaphern („ohne …“) – das Fehlende:
DU fragst
wie es war
Ein Volkslauf
mit Hürden aus Stacheldraht
ohne Ziel
ohne Lust zu überholen
ohne die Möglichkeit aufzugeben836
Die Vieldeutigkeit von Geschichtserfahrung sowie das Problem der Verzerrung von Erinnerung
bzw. deren Verlust durch Vergessen, insofern die vergangene Realität von Traumbildern nicht
mehr klar unterscheidbar scheint, bilden ein immer wieder aufgegriffenes Motiv in den Gedich-
ten. Auf die Frage, welche Funktion die Vergangenheitsauslegung für das Selbstverständnis der
Menschen hat, antwortet die Sprechinstanz im lyrischen Text „Im Kaukasus“ gleichsam mit den
Schlagworten: „Zuviel Geschichte / zumeist erfunden / Mixtur aus Trauer / Kitsch Le-
gende / Glaube Stolz Hoffnung / Heiligkeit der Steine / mit unlesbarer Schrift“.837 Erneut wirft
die Schrift den/die potenzielle/n Leser/in auf seine/ihre Ahnungslosigkeit und Unwissenheit zu-
rück, denn die Spuren der Vergangenheit sind von der Zeit selbst bereits verwischt worden und
unlesbar. Oder wird die „alte“ Sprache nur nicht mehr beherrscht? Stattdessen rückt der Rekon-
struktionscharakter von Erinnerung und folglich von Vergangenheitsversionen in den Vorder-
grund; und schon der Titel des schmalen Lyrikbandes „Scherben“ verweist einmal mehr darauf,
Universität in Graz und die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. In den Folgejahren war er Gastpro-
fessor an den Universitäten Wien und Innsbruck. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Chefredakteur der
zweisprachigen „Deutsch-Russischen Zeitung“ in München gründete er im Jahr 2000 den Waldemar We-
ber Verlag, zwei Jahre später den Verlag an der Wertach, der unter derselben Adresse firmiert. Seitdem
wurden etwa dreißig Bücher in deutscher und russischer Sprache verlegt. Über das Programm ist auf der
Verlagswebsite zu lesen: „Der Verlag veröffentlicht Sachbücher über die Geschichte der Deutschen in
Russland, über die menschlichen Schicksale der Russlanddeutschen in Russland, der SU und Deutsch-
land, über historische und kulturelle Wechselbeziehungen zwischen Deutschland und Russland.“ [Walde-
mar Weber Verlag. Über den Verlag. [Link] (08.07.2021).] Neben Sachbü-
chern werden aber auch belletristische Prosa und Lyrik auf Russisch und Deutsch herausgegeben.
835
Weber, Waldemar: Karten von Orten. In: Weber (2006), S. 28.
836
Weber, Waldemar: Du fragst. In: Weber (2006), S. 12.
837
Weber, Waldemar: Im Kaukasus. In: Weber (2006), S. 38.
235
dass hierbei nur Splitter zusammengetragen sind und die Zusammensetzung des vollständigen
Bildes vielleicht nicht mehr möglich ist: „Verse / Scherben des Gefäßes / Lassen das Ganze / nur
erahnen“.838
Auch bei Weber taucht allerdings die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Bewahrung des Gedächt-
nisses, des Konservieren-Wollens von Vergangenem, auf. Für den Verlust bzw. die Verklärung
von Erinnertem verwendet er etwa das Bild eines Gewässers als Metapher. Dieses mag einst klar
gewesen sein, doch nun ist es bedroht, wird seichter: „SEE des Traumes verschilft / See der Er-
innerung verschlammt“. In der zweiten Strophe jenes Gedichtes, welches mit einer Widmung an
Sergei Awerinzew versehen ist, wird der Versuch, dem Vergessensprozess gegenzusteuern posi-
tiv gewertet: „Hier und da ein paar Stellen noch frei / halten sich tapfer“.839 Ein radikaler Neuan-
fang im Sinne einer „Gedächtnisbereinigung“ ist, in der Bildsprache bleibend, zwar einerseits frei
von Schmutz und undurchsichtigen Stellen und somit besser für die gezielte zukünftige Nutzung
geeignet, wird allerdings durch seine Grenzen definiert: „Der See hier / rechteckiges Wasserbe-
cken / einfach zu nutzen / ohne Algen und Entengrütze“.840
Die Erinnerung erscheint in Webers Texten als Schlüssel zu einer Erklärung und einem allgemei-
nen Verstehen. In dem Text „Autoschlüssel“ wird der/die Sprecherin von dem Gegenüber, dem
„Ermittler“, zurechtgewiesen, nicht so ungeduldig zu sein, denn angespannt klimpert die Sprech-
instanz mit den Schlüsseln des gestohlenen Fahrzeugs. „Warum kommst du so oft, warum bist du
so ungeduldig, das sind letzten Endes bloß Schlüssel von einem verrosteten Wagen! … Denk da-
ran, wie viel Menschen auf Erden Schlüssel von Häusern haben, die es nicht mehr gibt, Schlüssel
von den Welten, die nicht mehr vorhanden …“841 Die russlanddeutsche Literatur selbst, so könnte
man sagen, hat ebenfalls eine Art Schlüsselfunktion, sie zeigt mögliche Auslegungen vergange-
ner, verlorener, unbekannter Welten bzw. Geschichtsverläufe an, gibt Hinweise darauf, wie sich
jene Welten für einzelne Individuen dargestellt haben mögen.
Das Vergangene
scheint ein Entwurf zu sein
Es mißlang mir bis jetzt
ihn ins Reine zu schreiben842
Waldemar Weber betont die Prozesshaftigkeit von Vergangenheitskonstruktion und das damit
einhergehende Fehlen einer absoluten Wahrheit. Das Vergangene kann nicht „ins Reine“ ge-
schrieben werden, bleibt immer ein „Entwurf“. Persönliche Vorstellungen über das Zurücklie-
gende können nur scheinbar abgeschlossen werden, sind stets der Möglichkeit einer Neuaushand-
838
Weber, Waldemar: Scherben. In: Weber (2006), S. 66.
839
Weber, Waldemar: See des Traumes. Für Sergei Awerinzew. In: Weber (2006), S. 39.
840
Ebda.
841
Weber: Autoschlüssel. In: Weber (2006), S. 67.
842
Weber: Das Vergangene. In: Weber (2006), S. 71.
236
lung preisgegeben, müssen gleichsam immer wieder aktualisiert werden – wie es auch für Identi-
tätsvorstellungen, die sich wesentlich aus Gedächtnisinhalten speisen, gilt. Neuanfänge ohne ei-
nen Blick zurück sind darum in Identitätskonstruktionen russlanddeutscher Literatur nicht anzu-
treffen.
Wir haben gesehen, dass eine Auseinandersetzung mit Identitätsvorstellungen immer einen Blick
auf Vergangenes bedingt. Geschichtliche Ereignisse des vorigen Jahrhunderts werden in den ein-
zelnen literarischen Texten als Gegenstände kommunikativer Generationengedächtnisse (wenn
etwa der Großvater in „Die Fische von Berlin“ von seinen Erlebnissen berichtet) und im Rahmen
eines kulturellen Fernhorizonts inszeniert (wenn beispielsweise Christian und David in „Das Haus
des Heimatlosen“ die Ursprünge des Deutschtums in Russland rekonstruieren). Die untersuchten
Romane und Gedichtbände leisten damit „Erinnerungsarbeit“ auf mehreren Ebenen: Sie verhan-
deln (häufig biografische) Ereignisse, die zwar in den fiktionalen Rahmen der Erzählung einge-
bunden werden, deren Bezüge auf die faktische Wirklichkeit aber deutlich markiert sind. Gleich-
zeitig thematisieren sie immer wieder Prozesse des Erinnerns und akzentuieren bisweilen durch
metanarrative bzw. -mnemonische Kommentare den narrativen Vermittlungsprozess und somit
die Konstrukthaftigkeit der Vergangenheitsversionen. „Manche Geschehnisse haben sich mit der
Zeit in meiner Erinnerung verwischt und stehen nur als verschwommene Konturen vor meinem
inneren Auge“,843 gesteht sich etwa der kranke Protagonist in Viktor Heinz’ Roman „In der Sack-
gasse“ ein, bevor er von seinem Leben, beginnend mit der Kindheit in Sibirien, Bericht erstattet.
Verlassen wir die Ebene der Einzeltexte und nehmen die Literatur als Ganzes in den Blick, kann
konstatiert werden, dass sich durch das wiederholte Aufgreifen bestimmter Narrative und Motive,
auf die in den einzelnen Kapiteln näher eingegangen wurde, „Erinnerungsknotenpunkte“ im Ge-
dächtnis der russlanddeutschen Literatur selbst bilden. Auf das darin begründete Potenzial für die
individuelle und kollektive Identitäts- und Gedächtnisbildung für die Rezipient/inn/en deutet auch
eine Beobachtung von Marit Cremer hin, die im Zuge von biografisch-narrativen Interviews mit
Spätaussiedler/inne/n verzeichnet, dass jene über das Leben ihrer Familie vor der Deportation
zumeist erstaunlich wenig informiert seien. Die „typischen“ Deportationsnarrative hingegen seien
bekannt; als solche nennt sie „den Befehl zur Deportation, die Vertreibung binnen weniger Stun-
den, die Entbehrungen während des wochen-, zum Teil monatelangen Transports in Viehwag-
gons, Hunger, Kälte und Todesopfer. Dem schlossen sich Narrative über die Erdhöhlen in den
ersten Jahren in Kasachstan an, über die so genannte Trudarmija und den täglichen mühsamen
843
Heinz (1996), S. 12 f.
237
Kampf um das nackte Überleben.“844 Die Übertragung dieser kulturhistorischen Erzählungen auf
die lückenhafte Überlieferung der eigenen, persönlichen Familiengeschichte beschreibt sie so:
Aus der Art des Erzählens lassen sich die tatsächlich von den Eltern erfahrenen konkreten Ereignisse
von den Narrativen, die zur allgemeinen Deportationsgeschichte der Russlanddeutschen gehören,
unterscheiden. Diese institutionalisierten Deportationsnarrative werden als individuelles Erleben der
Eltern wiedergegeben, weil die Kinder aufgrund der Häufigkeit der sich gleichenden Erzählungen
davon ausgehen, dass dieses Geschehen auch auf die eigene Familie zutrifft und eine Belegerzäh-
lung nicht angeführt werden muss. 845
Cremer beschreibt damit die Tendenzen zur kollektiven Identitätsbildung und Kanonisierung von
Erfahrungen, die zu – als verpflichtend empfundenen – Bestandteilen des Minderheitsgedächt-
nisses geworden sind. Darüber hinaus bestätigt sie die Annahme, dass es vor den traumatischen
Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts, welche einen Großteil (aber nicht alle) der in der
Sowjetunion lebenden deutschen Kolonist/inn/en betrafen, so etwas wie ein (in seiner Potenziali-
tät) all die verschiedenen Gruppierungen einendes Zugehörigkeitsempfinden nicht gegeben hat.
Auch in Bezug auf den russlanddeutschen Literaturbetrieb Anfang des 20. Jahrhunderts weist
Nina Paulsen darauf hin, dass frühere Bemühungen einzelner Vertreter/innen von Autor/inn/en
der Zwischenkriegszeit, die eine Annäherung der literarischen Szenen und Literaturbewegungen
der deutschen Autor/inn/en an der Wolga und in der Ukraine zu erwirken suchten, durch interne
Prozesse und die politischen Ereignisse der 1930er-Jahre scheiterten:
Erst das gemeinsam erlebte Schicksal mit Deportation, Zwangsarbeit und Sondersiedlung bewegte
die deutschen Literaturschaffenden, die zerstreut in Sibirien, Kasachstan oder Mittelasien lebten,
eine Zusammengehörigkeit anzustreben. Das war diesmal überlebenswichtig.846
Die Bedeutung der Literatur bei diesen einsetzenden Neuaushandlungen von Identitäts- und Zu-
gehörigkeitskonzepten ist eine nicht zu unterschätzende. Nachdem sich die Minderheitenliteratur
Ende des vorigen Jahrhunderts durch das Wegfallen innerer (was hinter der Grenze des Artiku-
lierbaren lag, rückte in das Feld des Sagbaren; vgl. das posttraumatische Schweigen nach Ass-
mann) wie äußerer (Rehabilitierung der Russlanddeutschen, Perestroika, Zerfall der Sowjetunion)
Hemmnisse den im Zitat genannten Themenbereichen annehmen konnte, erfüllt sie seitdem eine
wesentliche Rolle bei der Konstruktion einender kollektiver Identitätsvorstellungen und als Be-
standteil des kulturellen Gedächtnisses der Minderheitsangehörigen und wird auch von Instituti-
onen in dieser Weise instrumentalisiert. Die Texte verorten sich selbst im Rahmen ihrer Bezüge
durch intertextuelle Verweise, „vergewissern“ sich auf diese Art gleichzeitig der von ihnen immer
wieder aufgegriffenen und so maßgeblich mit konstruierten bzw. stets aktualisierten gruppenkon-
stitutiven Narrative und Motive und so ihres eigenen „literarischen Gedächtnisses“.
844
Cremer, S. 14.
845
Ebda.
846
Paulsen (2018), S. 41.
238
Dieses in ihr bereitgehaltene Potenzial der Gedächtnisbildung kann auch unabhängig der persön-
lichen Vergangenheit, d. h. der eigenen Familiengeschichte, für individuelle Identitätsbildung
nutzbar gemacht werden. Bezeichnend ist, dass nicht nur Autor/inn/en der älteren Generation wie
Nelly Wacker, Johann Warkentin, Herold Belger oder Viktor Heinz, die den Zivilisationsbruch
selbst miterlebt haben, sondern ebenso jüngere Autor/inn/en in ihren Werken jene traumatischen
Erfahrungen zentral behandeln – auch wenn die Figuren, gleichsam Vertreter/innen derselben
Generation wie die Verfasser/innen der Texte, selbst die Erfahrungen von Zwangsenteignung und
Deportation nicht gemacht haben. Sie werden über verschiedene Kanäle an diese traumatischen
Erfahrungen rückgebunden, ihre Heimat und mit ihr wesentliche Identitätskonstruktionen als be-
stehend in eben diesen Narrativen inszeniert. Auf Textebene können die Ereignisträger/innen da-
bei als Figuren mit individuellen Eigenschaften auftreten, wie etwa der Großvater in Eleonora
Hummels Roman „Die Fische von Berlin“, oder als abstrakte und idealisierte Vorfahr/inn/en bzw.
Zeitgenoss/inn/en, wie es zum Teil in der Beschreibung der Großeltern in „Zwei Kindheiten in
Deutschland und Russland“ von Agnes Gossen angelegt ist. Einerseits mag sich mit zunehmender
zeitlicher Distanz und Medialität der Überlieferung zu dem im 20. Jahrhundert erfahrenen, trau-
matischen Bruch mit allen bisherigen Verhältnissen zwar die Tendenz zu geschichtlicher Nostal-
gie verstärken.847 Andererseits scheint im zeitlichen Abstand ebenso die Chance einer stärkeren
Objektivierung der Schilderungen und ein entscheidendes Potenzial für die russlanddeutsche Li-
teraturentwicklung zu bestehen, insofern der Wegfall autobiografischer Werke eine andere Aus-
einandersetzung mit dem Vergangenen nötig macht.
Die Analysen haben verdeutlicht, was ganz zu Beginn der Untersuchung festgestellt wurde; dass
Werke russlanddeutscher Texte schwer einordenbar sind. Sie werden nicht nur als „Erinnerungs-
literatur“, sondern auch unter den Schlagwörtern „Migrationsliteratur“ und „interkulturelle Lite-
ratur“ verhandelt. Tatsächlich entwickeln sich die Geschichten auf inhaltlicher und formaler bzw.
entstehungsgeschichtlicher Ebene zwischen mehreren Kontinenten, Sprachen und Kulturen.
Diese vielfältigen Einflüsse, vor deren Hintergründen die Figuren handeln, werden in den Werken
dabei häufig über intertextuelle Verweisstrukturen dargestellt. Denn intertextuelle Verweise las-
sen sich nicht nur auffassen in dem Sinne, als durch das Wiederaufgreifen bestimmter Narrative
und Topoi ein spezifisches Gedächtnisinventar russlanddeutscher Literatur entsteht. In die unter-
suchten literarischen Werke sind ferner Verweise (häufig in Form von Zitaten) auf ganz konkrete
Einzeltexte eingebunden. Zur Veranschaulichung der Funktionen einer bewussten Einbindung
von Prätexten verschiedener Art wurde Herold Belgers Roman „Das Haus des Heimatlosen“ her-
angezogen, in dem aus behördlichen Verordnungen, literarischen Werken und volkstümlichen
Liedern, die aus mehreren Kulturkreisen und Sprachen stammen, zitiert wird. Aufgrund unter-
847
Vgl. Hall (1994), S. 71.
239
schiedlicher Gewichtungen dieser Verweise wird so jede Figur an ein individuelles textuelles Ge-
dächtnis rückgebunden, wobei die Überschneidungspunkte die jeweiligen gruppenkonstituieren-
den Gedächtnisinhalte widerspiegeln. Auffällig mit Blick auf die intertextuellen Verweise ist be-
sonders die starke Markierung auf der Ebene der Kommunikativität,848 die ebenso in den anderen
Werken des untersuchten Korpus auffällt und wesentlich zu dem Eindruck historischer „Glaub-
würdigkeit“ beiträgt. Auch sprachlich bzw. kulturhistorisch codiertes Wissen wird auf ähnliche
Weise für eine imaginierte mehrheitsgesellschaftliche Leserschaft – bzw. für einen verbindlichen
„Gesprächspartner“849 wie Chiellino ihn als typisch für interkulturelle Literatur beschreibt – ein-
deutig kenntlich gemacht bzw. „aufbereitet“. Der als spezifisch „russlanddeutsch“ empfundene
Erfahrungs- bzw. Wissensschatz wird dabei in unterschiedlichem Grad der Explizitheit vor seinen
faktischen Hintergründen sichtbar. Erinnern wir uns dazu nur an die mehrmals erwähnten Fußno-
tenvermerke in Romanen, aber auch Lyrikbänden, an visuelle Hervorhebungen von Begriffen
bzw. narratoriale oder figurale Exkurse in erklärendem Gestus zu geschichtlichen Ereignissen.
Hinsichtlich der oben angesprochenen „faktischen Fundierung“ vieler Werke ist der Schwerpunkt
auf biografischen Hintergründen der Autor/inn/en herauszustreichen. Diese Eigenschaft wird u. a.
als Merkmal von Migrationsliteraturen eingestuft und steht auch nicht in Widerspruch zur Fikti-
onalität des Erzählten, verstehen sich die in den Texten wiedergegebenen Geschichten doch selbst
als Vergangenheitsversionen – als „Scherben“ (wie im gleichlautenden Titel von Waldemar We-
bers Gedichtband) eines Ganzen, das nicht rekonstruiert werden kann. Als solche geht ihr An-
spruch aber noch weiter. Wie die Erzähl- und Sprechinstanzen bzw. die Figuren bestrebt sind,
ihre marginalisierten Geschichtsversionen zu Gehör zu bringen, so entsteht der Eindruck, dass die
Werke in ihrer Zusammenschau eines zum Ziel haben; nämlich das Mehrheitsgedächtnis um die
unbekannten, einst gewaltsam unterdrückten, die ver- und beschwiegenen bzw. die vergessenen
Geschichten, d. h. um ihr „Gegengedächtnis“850, zu erweitern. Eben dieser Anspruch spiegelt sich
auf textueller Ebene nicht zuletzt in der erwähnten hohen Kommunikativität bzw. starken Mar-
kierung der intertextuellen (interkulturellen wie historischen) Verweisstrukturen wider. Das Zu-
schalten eines faktualen Kontextes über bestimmte Signale – auch das Ausweisen des „Experten-
status“ der Autorin bzw. des Autors ist so ein Signal – macht die fiktionale Schilderung nicht zu
einer faktualen, etabliert aber einen Wirklichkeitsbezug, auf den Leser/inne/n „vertrauen“. Und
gerade Werke, die traumatische Erlebnisse behandeln, stehen häufig unter dem Verdacht der Un-
angemessenheit, der dieserart zurückgewiesen werden kann.
Doch wie lassen sich die „großen“ Themen russlanddeutscher Literatur ab 1991 nun zusammen-
fassen? Die von der Literaturwissenschaftlerin Elena Seifert aus ihren Analysen literarischer und
848
Vgl. Konzepte der Intertextualität nach Pfister (1985).
849
Vgl. Chiellino (2007), S. 59.
850
Vgl. Foucault (1987), S. 85.
240
historischer Quellen extrahierten grundlegenden Elemente des „ethnischen Weltbilds der Russ-
landdeutschen“851 finden sich auch in den hier untersuchten literarischen Werken. Anders ausge-
drückt lassen sich durch die Zusammenschau der literarischen Werke Schlüsse über ein spezifi-
sches kulturelles Gedächtnisinventar ziehen, dessen Elemente in den Texten jeweils unterschied-
lich in Erscheinung treten; darunter „die Erkenntnis, von einer fremden Umgebung umgeben zu
sein; die Existenz mitten in einer anderen Ethnie; das Streben nach Autonomie und Absonderung;
[…] das Gefühl, ,nirgendwo in der Heimat‘ zu sein oder ,überall eine Heimat‘ zu haben; die […]
Angst vor der Vertreibung; der Zustand einer dauerhaften Verwundbarkeit und Anfechtbarkeit;
die Angst, aus dem Mittelmaß herauszuragen; ein erhöhtes Interesse an der pflanzlichen Symbolik
(schwache Pflanzen, Pflanzen ohne Wurzeln); ein zugespitzter Wunsch nach einer gerechten Be-
handlung sowie einem gerechten Verhalten gegenüber der eigenen Ethnie; das Bestreben, die
Eigenart/Besonderheit der eigenen Ethnie hervorzuheben; der Wunsch nach Integration innerhalb
der eigenen Ethnie.“852
Als grundlegend und verbindend für die in diesem Kapitel untersuchten Werke scheint also alle-
mal die – auch von Seifert auf mehrerlei Ebenen angedeutete – besondere Positionierung der Fi-
guren innerhalb der sozialen Welt (der Erzählung). Dabei spielen die viel beschriebenen Erfah-
rungen der „doppelten Exklusion“ bzw. „doppelten Fremdheit“ (Deutsche in Russland,
Russ/inn/en in Deutschland) eine entscheidende Rolle. Alle Protagonist/inn/en gehören dem Ty-
pus des Randständigen oder sogar des Außenseiters an, sie sind nie Teil des Kernmilieus, verfü-
gen sie doch aus verschiedenen Gründen über weniger Kapital, um problemlos „dazuzugehören“.
Als russlanddeutsch gezeichnete Figuren stehen am Rand der Gesellschaft und somit an der
Grenze zur (Nicht-)Teilhabe bzw. (Nicht-)Anerkennung innerhalb jener.
Sie erleben immer wieder, wie sie im gesellschaftlichen Diskurs, aber auch in ihren eigenen, in-
dividuellen Auseinandersetzungen mit Vergangenheit und Gegenwart zum Streitpunkt von Zuge-
hörigkeit werden. Im Regelfall äußern sie auf gesellschaftlicher Ebene ihr Bedürfnis, stärker in-
tegriert zu sein, und berichten von meist erfolglosen Bemühungen. Anhand dieser sozialen
Schicksale lassen sich besonders genau milieutypische Exklusions- und Inklusionsmechanismen
identifizieren. Der/die Leser/in erfährt, wie das Milieu „funktioniert“. Von den Betroffenen wer-
den die persönlichen und kollektiven Identitätskonzepte einerseits als Reaktion auf Fremdzu-
schreibungen entwickelt oder durch Selbstthematisierung. Mitunter können dabei prototypische
851
Für den Ethnien-Begriff ergibt sich eine ähnliche Problematik wie auch für den Terminus „Kultur“,
wenn er in einer Art und Weise gebraucht wird, dass der Eindruck entsteht, mithilfe der durch ihn auf-
spannbaren Kategorien ließen sich abgeschlossene Gruppen von Menschen präzise von anderen Gruppen
aufgrund bestimmbarer Merkmale unterscheiden.
852
Seifert, Elena: Das ethnische Weltbild in der Literatur der Russlanddeutschen von der zweiten Hälfte
des 20. bis Anfang des 21. Jahrhunderts. In: Literatur der Russlanddeutschen und Erinnerung. Hrsg. v.
Gansel, Carsten. Berlin: Okapi 2018 (Edition Gegenwart – Beiträge zur neuesten deutschsprachigen Lite-
ratur und Kultur 2), S. 95.
241
bzw. klischeehafte Darstellungen als Formvorlagen für den Prozess der Abgrenzung und Distan-
zierung oder Integration bzw. auch Assimilation herangezogen werden. Die Figuren fügen sich
in die gesellschaftlichen und politischen Diskurse entweder passiv als Opfer oder aber beteiligen
sich aktiv daran. In ersterem Fall werden sie vornehmlich über Fremdzuschreibungen dargestellt,
die das Fehlen bestimmter Eigenschaften charakterisieren – also „nicht russisch“, „nicht deutsch“
oder einfach „nicht normal“. Manchmal bilden die prosaischen, aber auch die lyrischen Texte
eine Entwicklung ab – die Protagonist/inn/en können ihren Status als Außenseiter/in teilweise ab-
legen, indem sie ihre (milieufremden) Haltungen, sozialen Orientierungen und ihr Verhalten dem
Milieu annähern, wie etwa Familie Schmidt in Hummels Roman „Die Fische von Berlin“. Es
bleibt aber in den literarischen Beispielen immer bei einer Annäherung, die vollständige Anpas-
sung wird nicht erreicht (nicht einmal von dem jungen Harry in Belgers „Das Haus des Heimat-
losen“) und häufig auch nicht angestrebt.
Die Exklusionserfahrungen nähren zwar das Bedürfnis nach eindeutiger Zugehörigkeit zu einem
gesellschaftlichen Kollektiv, welches aber ebenfalls im Zuge gegenseitiger Selbstvergewisserung
innerhalb der Minderheitsgruppe befriedigt werden kann. „Die Russlanddeutschen streben nach
dem Zusammenschluss in ihren ethnischen Rahmen“, schreibt Seifert. „Ihre Eigenart verlieren sie
jedoch weder in russischer noch in bundesdeutscher Umgebung.“853 Viele Gedichte operieren mit
„Solidaritätscodes“, anderssprachigen Elementen, kulturhistorisch codiertem Wissen bzw. mit
dem Pronomen „Wir“, das den dahingehenden Eindruck eines vertrauensvollen Kollektivs bzw.
einer bestimmten (kleinen) Gruppe in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft schafft. Was inner-
halb der Minderheitsgruppe unfragwürdig ist, muss für andere erst über Erklärungen zugänglich
gemacht werden. Während zum Beispiel der Dichter Johann Warkentin in seinen „Rußlanddeut-
schen Berlin-Sonetten“ eine Art gegenseitige Selbstvergewisserung innerhalb dieser „Außensei-
tergruppe“ literarisch inszeniert, entwirft Lore Reimer in ihren Gedichten das Annehmen des ei-
genen schweren Schicksals und die Befriedigung des Zugehörigkeitsgefühls durch das Vertrauen
auf göttliche Bestimmung. Die Wir-Gruppenformationen in ihren Texten sind geeint durch das
Leid, das sie gleichsam zum „auserwählten“ Volk werden lässt.
Den gesellschaftspolitischen Anspruch der aktuellen russlanddeutschen Literatur als einen selbst-
losen zu interpretieren, würde einen wichtigen Aspekt für die gegenwärtige Situation Russland-
deutscher außer Acht lassen. Die viel thematisierte Außenseiterrolle (bzw. auch Opferrolle) vieler
Minderheitsangehöriger in der Gesellschaft verursacht einen Rechtfertigungsdruck, der es förm-
lich nötig macht, sich selbst immer wieder zu erklären und den Aushandlungsprozess der persön-
lichen wie kollektiven Identität in einem Ausmaß zu forcieren, das nicht vergleichbar scheint mit
853
Seifert (2018), S. 74.
242
mehrheitsgesellschaftlichen Diskursen dieser Art. Eine (fragwürdige und unrealistische) „vollen-
dete“ Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft im Herkunftsland bzw. an die Aufnahmegesell-
schaft nach der Auswanderung würde diesen Druck der Rechtfertigung theoretisch von den Schul-
tern der Betroffenen nehmen und wird in den untersuchten Werken auch von verschiedenen Fi-
guren angestrebt, ja, gleichsam als Lösungsstrategie verfolgt – so etwa von Alinas Schwester
Irma in Hummels Roman „Die Fische von Berlin“. Sie nennt sich selbst Irina und ordnet damit
sogar ihren Namen diesem Ziel unter. Dies ist besonders hervorzuheben, da Vor- und Nachnamen
immer wieder Anstoß zu Eigen- und Fremdzuschreibungen geben und Zugehörigkeit oder An-
dersartigkeit markieren. Während Irma ihren Namen eigenständig verändert, kämpfen andere Fi-
guren, wie etwa der ehemalige Trudarmist Christian in „Das Haus des Heimatlosen“ von Herold
Belger aktiv gegen die Russifizierung ihres Namens, aus dessen Kontinuität sie ihr Selbstbewusst-
sein schöpfen. Irmas Eltern, die alltägliche „Umbenennungen“ (Hilda wird etwa zu Galina) ein-
fach über sich ergehen lassen, hoffen auf der anderen Seite darauf, dass sie nach der Auswande-
rung in der DDR unter „ihresgleichen“ angekommen sein, d. h. eine neue Heimat bzw. gar die
„wahre“ Heimat, gefunden haben werden. Wie Hummels als Fortsetzung der Geschichte ange-
legter Roman „Die Venus im Fenster“ jedoch offenbart, erfüllen sich diese Vorstellungen weder
auf der einen noch auf der anderen Seite. Die Eltern erleben sich in Dresden erneut in der Außen-
seiterrolle, müssen ihre Existenz rechtfertigen und immer wieder erklären. Der Vater tritt sogar
die Rückreise an, während Alinas geschiedene Schwester Irina im Kaukasus ihre Ideale über Bord
werfend wiederum den Weg ins nunmehr geeinte Deutschland antritt.
Nun stellt sich auch die Frage danach, worin die Gründe dafür zu sehen sind, dass der Außensei-
terstatus nicht abgelegt werden kann. Zum eindeutigen – und offensichtlichen – Erkennungs-
merkmal und Grund der sozialen Exklusion geraten in all diesen Situationen an den verschiedenen
Orten nicht nur die Namen der Figuren, sondern auch die Sprache(n). In dem 1998 veröffentlich-
ten Gedicht der Autorin Nelly Wacker mit dem vielsagenden Titel „Muttersprache“ wird jene
beschworen als „trautes angebornes Wort“ und „Nabelschnur, die mich mit meinem Volk ver-
band / und heute noch vertrauensvoll bindet“.854 Häufig berücksichtigen die Texte im Diskurs um
die (deutsche) Muttersprache die verschiedenen russlanddeutschen Sprachvarietäten, die sich
durch Dialektismen, Archaismen, Lehnwörter und Interferenzen aus dem Russischen auszeichnen
und teilweise stark von deutschen Standardvarietäten abweichen. Die unterschiedlichen Varietä-
ten, welche die kleinen Gemeinschaften in noch kleinere parzellieren würden, werden aber min-
destens ebenso oft vereinfachend unter dem Konstrukt „deutsche Sprache“ zusammengefasst,
wenn es darum geht, sich unter Berufung auf sprachliche Merkmale von der russischen Mehr-
heitsgesellschaft abzugrenzen. Dies dient dem Abrufen einer kollektiven Identitätsvorstellung
854
Wacker, Nelly: Muttersprache. In: Wacker (1998), S. 15.
243
und kann der Minderheitsstimme in gesamtgesellschaftlichen Debatten mehr Gewicht verleihen.
Außerdem sind die Eigenheiten russlanddeutscher Sprachvarietäten seit Langem, zuletzt be-
schleunigt durch die großen Auswanderungsbewegungen zur Jahrhundertwende, im Schwinden
begriffen. Die Gemeinschaften in postsowjetischen Staaten stehen unter zunehmendem Assimi-
lationsdruck und die jüngste Generation lernt (wenn überhaupt) Deutsch nur noch als Fremdspra-
che in der Schule bzw. in deutschen Kulturzentren. In den untersuchten lyrischen wie prosaischen
Werken wird immer wieder auf diese Entwicklungen eingegangen, die einst insbesondere durch
die Geschehnisse in den 1930er- bis 50er-Jahren, als geschlossene Siedlungsgebiete (und Sprach-
inseln) aufgelöst wurden und ein Verbot für die „feindliche“ Sprache bestand, dramatisch ver-
schärft wurden. Autor/inn/en widmen sich in ihren Texten dem Schwinden und dem Verlust der
deutschen Sprachkompetenz unter Minderheitsangehörigen dabei fast immer in einem bedauern-
den Tonfall. Besonders in den „Rußlanddeutschen Berlin-Sonetten“ Johann Warkentins nimmt
hier die Sprechinstanz oftmals in paternalistischer Weise die russlanddeutschen Aussiedler/innen
in Schutz, indem sie die als Widerpart inszenierte Instanz der deutschen Mehrheitsgesellschaft
angesichts der mangelhaften Deutschkenntnisse der Migrant/inn/en erklärend auf die geschicht-
lichen Entwicklungen hinweist. Gleichzeitig wird in einigen der Texte mit Blick auf spätere Ge-
nerationen, die in Deutschland sozialisiert wurden, umgekehrt der Verlust der russischen Sprach-
kompetenz bedauert.
Als Trägerin kulturspezifischen Wissens eröffnen die Sprachen in den literarischen Werken viel-
fältige Funktionen, bilden die verschiedenen kulturellen Handlungs- und Gedächtnisräume, in
denen sich die Figuren bewegen bzw. mithilfe derer sie ihre Identität verorten, anhand von Be-
griffen ab. In den Texten fließen die Erfahrungen aus mehreren Sprachen zusammen. Dabei rü-
cken auch Übersetzungsphänomene ins Zentrum der Aufmerksamkeit sowie die Frage danach,
was sich Übersetzungen entzieht oder umgekehrt, was erst in der „neuen“ Sprache sagbar wird.
Denn auch wenn im Schreibprozess für den bzw. die Autor/in die Entscheidung für die eine oder
andere Sprache als Erzählsprache gefallen ist, heißt dies noch lange nicht, dass in dem Text nicht
ebenso mit anderssprachigen Elementen verfahren wird. Schon der erste Blick in Herold Belgers
Roman „Das Haus des Heimatlosen“ offenbart dessen Polyphonie. Aber auch in den anderen
Werken fallen immer wieder Begriffe und Formulierungen auf, die – einmal eindeutig und sofort
erkennbar, ein anderes Mal latent – aus einer anderen Sprache stammen.
Carmine Chiellino prägt diesbezüglich den Begriff der „Sprachlatenz“ und geht dabei von seiner
eigenen Migration nach Deutschland aus. Das Land könne man zurücklassen, die inneren Kon-
flikte bleiben aber im Gedächtnis bestehen. Die neue Sprache, die nicht unmittelbar Trägerin der
dieser Spannungen sei, biete sich ihm zufolge als „unbeteiligte Sonde“ an, um die alten Konflikte
zu erforschen: „Dabei stellt sich folgendes dialogisches Vorgehen zwischen den Sprachen ein:
244
Die Information oder das Gedächtnis einer Sprache wird durch die andere ausgelegt, ruhig gehal-
ten, neu gedacht, neu definiert.“855 In den untersuchten Werken offenbart sich die Sprache auf
diese Weise immer als Trägerin eines interkulturellen Gedächtnisses. Wenn man, wie von
Chiellino proklamiert, zwischen „bisheriger“ und „neuer“ Sprache unterscheidet, müssen aller-
dings die besonderen und individuell zum Teil sehr verschiedenen Ausgangssituationen russland-
deutscher Schriftsteller/innen mitbedacht werden. Für die in der Arbeit behandelten älteren Au-
tor/inn/en stellt Deutsch keine „neue Sprache“ dar – auf eine deutsche Sprachvarietät wird in den
Texten vielmehr geradewegs referenziert als (wie in Wackers weiter oben erwähntem Gedicht)
die eigentliche „Muttersprache“, die in der Lebenswirklichkeit in der Sowjetunion marginalisiert
worden war. Die einer jüngeren Generation angehörende Eleonora Hummel wiederum erlernte
Deutsch nicht (mehr) innerhalb der Familie, sondern nach der Auswanderung in einer Dresdner
Schule. Eine weitere Gefahr solcher Konzepte von Interkulturalität und Chiellinos „Dialogizität“
besteht in der oftmals suggerierten Zweipoligkeit, die den behandelten literarischen Werken nicht
gerecht wird, in welchen sich, wie etwa anhand von Belgers Roman „Das Haus des Heimatlosen“
gezeigt, Diskurse zwischen mehr als zwei Kulturen und mehr als zwei Sprachen entfalten. Vorerst
erscheinen die Grenzen zwar auf begrifflicher Ebene klar gezogen, werden auf Handlungsebene
jedoch inkonsistent und fließend.
Es wäre anzunehmen, dass ein solches Neu-Denken, Neu-Auslegen und/oder Neu-Definieren der
Vergangenheit in der „neuen alten“ Sprache mit Blick auf die einschneidenden Erfahrungen des
20. Jahrhunderts auch eine Neuverhandlung der Frage nach Schuld und Unschuld nach sich zieht.
Doch bevor es dazu überhaupt kommen konnte, musste ein Sprechen (unabhängig von der dafür
gewählten Sprache) über das Erlebte überhaupt erst möglich werden. Hierzu wurde festgehalten,
dass es nach den großen Schicksalsschlägen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts
noch lange Zeit dauerte, bis sich eine literarische Auseinandersetzung mit dem erfahrenden Leid
innerhalb der Minderheitsbevölkerung entspann. Das lässt sich vorrangig mit der Angst vor den
fortbestehenden Repressionen, der sowjetischen Zensur und der späten Rehabilitierung der Be-
troffenen begründen. In dem Roman „In der Sackgasse“ von Viktor Heinz werden die inneren
Konflikte des Protagonisten Willi angesichts der andauernden „Verschwiegenheit“ in Bezug auf
die stalinistischen Verbrechen besonders eindrücklich dargestellt. Bei derartigen Beweggründen,
wie etwa der Vermeidung von Bestrafungen, handelt es sich nach Assmann eher um strategisches
als um strukturelles Schweigen, da es Dinge betrifft, die zur Sprache zu bringen für den/die Re-
dende/n (bzw. Schreibende/n) schädlich wäre.856 Die Verbote, aber auch das gesunkene Sprach-
prestige etc. stellen Kommunikationsbarrieren dar.
855
Vgl. Chiellino (2003), S. 99.
856
Vgl. Assmann, J. (2013), S. 12.
245
Im Zuge der Untersuchung ist aber klar geworden, dass das Schweigen aufseiten der russland-
deutschen Opfer hier auch als ein strukturelles, symptomatisches zu verstehen ist, insofern es im
Zwischenbereich zwischen dem Artikulierbaren und dem Kommunizierbaren verortet werden
kann und Erfahrungen und Ereignisse betrifft, für die es keine vorgeprägten kulturellen Muster
der Verarbeitung gab. Die sowjetische Regierung dürfte zudem das Schweigen und Vergessen
auf Täter- wie Opferseite forciert haben, einerseits zwecks Vertuschung, andererseits um die Ent-
stehung eines kollektiven Gedächtnisses unter den Minderheitsangehörigen zu verhindern. Wäh-
rend ein Großteil der Bevölkerung gar nicht über das tragische, unverschuldete Schicksal der
Russlanddeutschen informiert war, mag aber gerade die Gemeinschaft der Minderheitsangehöri-
gen (als eine Gruppe von „Mitwissenden“) im repressiven Schweigen zur Konstruktion von kol-
lektiver Identität beigetragen haben. Konnte das Schweigen aufseiten der Opfer zuerst also nur
vereinzelt und in intimsten Kreisen gebrochen werden, wo allmählich Narrationsmuster geschaf-
fen wurden, brach Ende des 20. Jahrhunderts schließlich auch die Zeit für die intensive öffentli-
che – und damit für die literarische – Aufarbeitung an. Die lang unter Verschluss gehaltene leid-
volle Vergangenheit, also das Verschwiegene, wird zum Inhalt der Geschichten und Gedichte.
Gleichzeitig bildet das Schweigen als (meist unfreiwillige) Handlung selbst ein bedeutendes Mo-
tiv in sämtlichen der hier untersuchten Werke. Häufig wird in den Texten ferner durch Ausspa-
rungen angezeigt, dass eben nach wie vor nicht (bzw. nie) alles gesagt werden kann, wenn die
Auswirkungen des (intergenerationellen) Traumas bis in den Bereich des Nicht-Artikulierbaren
reichen. Lore Reimer entwickelt in ihrem Text „Damals unter dem roten Stern“ für diese Art des
Schweigens die Allegorie einer chronischen Krankheit und deren langwieriger Behandlung. Eine
ähnliche Krankheitsmetapher wird auch für den Großvater bzw. dessen traumabedingte Eigenar-
ten in „Die Fische von Berlin“ aufgebaut.
Während die Figuren in den Texten nun, da sie das Schweigen gebrochen haben, angesichts der
tragischen Vergangenheit häufig die eigene Unschuld klar herleiten und die gegen die Gesamtheit
der Russlanddeutschen gerichteten, von oberster Stelle verordneten Ungerechtigkeiten darlegen,
sind eindeutige Schuldzuweisungen hingegen selten. Die Perspektive richtet sich mehr auf das
innere Leid, hat nach außen hin allgemeine Anerkennung und Rehabilitierung zum Ziel sowie die
Einschreibung der marginalisierten Geschichtsversionen in die Mehrheitsgedächtnisse, was nur
mithilfe staatlicher Initiativen erreichbar scheint, und nicht über die aktive Schaffung einer ge-
sellschaftlichen Abgrenzung von einer schuldtragenden Gegenseite. Während die Figuren also in
diesem Sinne um Integration bemüht sind, machen sie, wie schon beschrieben, dennoch immer
wieder Erfahrungen der Ausgrenzung: In den Texten wird die aus Exklusionsprozessen resultie-
rende Außenseiterposition dabei von den Betroffenen stets als negativ erlebt. Diese Rolle ist dann
keine aktiv von den Minderheitsangehörigen forcierte, sondern eine, in die sich die Figuren ge-
drängt fühlen. Vielfach wurde diesbezüglich die Wahrnehmung eines Opferstatus als zentrales
246
Element russlanddeutscher Identitätsvorstellungen betont. Auch die Auswanderung nach
Deutschland bzw. allgemein in ein anderes Land, die mit teils irrationalen Hoffnungen verbunden
war und ist, hat vielfach zu einer erneuten Verunsicherung des eigenen Selbstbildes und somit zur
wiederholten Wahrnehmung als Opfer geführt.
Gerade in Werken der jüngeren Generation russlanddeutscher Autor/inn/en werden passive (Op-
fer-)Rollen aber zunehmend durch selbstkritische (wie jene von Hochschullektor Willi Werner in
Heinz’ Buch „In der Sackgasse) und selbstbewusste Stimmen (wie die der jungen Alina in „Die
Fische von Berlin“ von Hummel) aufgebrochen zugunsten der Darstellung von Konstrukt- und
Prozesshaftigkeit individueller Identitäts- wie komplexer (statt eindimensionaler, ideologisch ge-
prägter) Vergangenheitskonstruktionen. Auch auf andere Weisen gelingt eine positive Selbstde-
finition, die gleichzeitig als Strategie der „Beheimatung“857 interpretiert werden kann: In Gedich-
ten von Nelly Wacker im Band „Es eilen die Tage“ gelangt das lyrische Ich immer wieder zu
einem positiven Selbstbild, weil die interkulturellen Hintergründe als Bereicherung und Beson-
derheit empfunden werden. Die Verse der Dichterin Lore Reimer hingegen inszenieren die zu-
versichtliche Annahme des eigenen Schicksals ob göttlicher Auserwählung. In all den erwähnten
Fällen bleibt jedoch stets ein Moment der Unsicherheit zurück, das sich gleichsam aus der Ver-
gangenheit speisend in Gegenwärtiges und Zukünftiges einschreibt und die Figuren zur bewuss-
ten Hinterfragung ihrer eigenen Identität anregt.
Auf Ebene der individuell lebensgeschichtlichen Vergangenheit, die für die Identitätskonstrukti-
onen von maßgeblicher Bedeutung ist, sind besonders Kindheitsdarstellungen herauszustreichen,
auch wenn dieses Faktum nicht als Spezifikum russlanddeutscher Werke eingestuft werden
kann.858 Vielmehr besteht die Besonderheit in deren einflussreichen Gewichtung auf der Waag-
schale einer Dichotomie zwischen „eigen“ und „fremd“, „hier“ und „dort“, Heimat und Fremde,
wobei das letzte Begriffspaar, wie schon gezeigt, aufgrund der wechselnden Zuschreibungen (die
zudem als Ausdruck einer Orientierungslosigkeit gelesen werden können) eigentlich als „Hei-
mat/Fremde – Fremde/Heimat“ benannt werden müsste, die Begrifflichkeiten also in ihrer Vag-
heit und individuellen Bedeutungsauslegung entlarvend. Das immer wieder aufgegriffene Narra-
tiv vom „Volk auf dem Weg“ ist vor dem geschichtlichen Hintergrund der Entwurzelung durch
die Deportationen und der Auflösung der Wolgarepublik zu verstehen. Kreisten literarische Texte
schon in den Anfängen russlanddeutscher Siedlungsgeschichte um Fragen der sozialen wie geo-
grafischen Verortung und damit um Beheimatungsstrategien, so bekam dieser Themenkomplex
in der späteren russlanddeutschen Literatur, die nach der Stalinära quasi von Null beginnen
857
Vgl. russlanddeutsche Beheimatungsstrategien nach Schönhuth (2006).
858
Siehe dazu etwa folgende Anthologie, die Erzählungen und Erinnerungen russlanddeutscher Verfas-
ser/innen über ihre Kindheit versammelt: Kindheit in Russland. Erzählungen und Erinnerungen russland-
deutscher Autoren. Hrsg. vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland. Zusammengestellt von Gies-
brecht, Agnes. Vechta-Langförden: Geest-Verlag 2005.
247
musste, eine ganz neue Dimension. Im Allgemein sind die Motive und Narrative in erzählenden
und lyrischen Texten stark an die Zeit, aber ebenso stark an Konzepte von Raum gebunden. Hin-
sichtlich der letztgenannten entwerfen die untersuchten Werke komplexe Landschaftsbilder, die
an konkrete geografische Orte außerhalb der diegetischen Welt rückgebunden erscheinen o-
der/und imaginäre Seelen- bzw. Sehnsuchtsbilder darstellen, welche abstrakten, imaginierten o-
der transzendentalen Ursprungs sind.
Die Frage, die in der Reflexion imaginärer Topografien immer wieder aufkommt, ist diejenige
nach der Heimat. Schönhuth betont die Brisanz der Heimaterfahrungen für individuelle und kol-
lektive Konstruktionen von Identität wie folgt: „Russlanddeutsche Identifikations- und Aneig-
nungsstrategien sind, in ihrer Bewegung zwischen Identitätspolitik, Rückzug und Neuorientie-
rung, vor dem Hintergrund prekärer Heimaterfahrungen im translokalen Spannungsfeld zu be-
greifen.“859 Motive des Heims oder der Heimat fand auch Elena Seifert im Zuge ihrer Gedicht-
Analysen bei jedem und jeder der vierhundertsechs von ihr untersuchten Autor/inn/en.860 Als Hei-
mat fungiert in den einzelnen Werken dabei einmal Russland, dann Deutschland und ein andermal
Kasachstan oder das Wolga-Gebiet,861 oder es ist eine Heimat, die im religiösen Sinn nur im Glau-
ben an Gott und dieser Zuversicht besteht. Und auch die (oft unauffindbaren) Ahnengräber kön-
nen Sinnbild für die verlorene Heimat sein, denn mit deren Unbestimmbarkeit geht ein Gefühl
von Verlust einher. Genauer lassen sich die unterschiedlichen Heimatvorstellungen etwa anhand
des Werkes „Das Haus des Heimatlosen“ fassen: Während beispielsweise Christian in Herold
Belgers Roman die Heimat eindeutig in der aufgelösten Wolgarepublik verortet und aus dem
Wissen um die damaligen Lebensumstände bis zu seinem Tod sein Selbstbild konstituiert, arran-
giert sich der privilegierte, weil nicht in die Trudarmee eingerückte, Bruder David mit der neuen
Umgebung in der kasachischen Steppe. Die Wiedererlangung der einstigen Siedlungsgebiete,
welche auch er zwar noch als Heimat betrachtet, aber insgeheim schon aufgegeben hat, erscheint
ihm unrealistisch. Diese negativen Aussichten zur Zeit der Kommandantur-Meldepflicht begüns-
tigen schließlich ein idealisiertes, naives Bild der „Urheimat“ bzw. des Landes der „Vorväter“,
womit die Herkunftsgebiete der einst ins Russische Reich ausgewanderten Vorfahr/inn/en ge-
meint sind. Doch auch (oder gerade) im Fall erfolgter Auswanderung bzw. Repatriierung müssen
Heimatvorstellungen von Aussiedler/inne/n neu ausverhandelt werden. Die Literatur schafft auf
eindringliche Weise die Verflechtung der angesprochenen Räume und erweitert das eindeutige
Raumbild der Geografie um individuelle, fragmentierte imaginäre Topografien, in denen sich
859
Schönhuth (2006), S. 378.
860
Vgl. Seifert (2018), S. 84.
861
Gerade die Wolga erscheint immer wieder als geografische Bezugsgröße für die Rückbindung der ei-
genen Lebensgeschichte, darüber hinaus ist sie zentrale Metapher für Heimat und referiert auf gesell-
schaftspolitischer Ebene auf einen vergangenen Zustand und den Wunsch nach autonomer Selbstbestim-
mung. [Vgl. Mevissen (2018).]
248
verschiedene (Gedächtnis-)Räume an ein und demselben Ort überlagern können und Behei-
matungsstrategien auf manchen dieser Ebenen erfolgreich verlaufen, auf anderen scheitern. Letz-
terer Fall kann mitunter eintreten, wenn sich ein Schuldgefühl gegenüber der früheren Heimat
herausbildet, welche nicht wiederbelebt, sondern verlassen wurde bzw. werden musste.
Im Allgemeinen ist aber eine positive symbolische Mythenbildung über die Heimatvorstellungen
festzustellen. Dem beipflichtend streicht Elena Seifert im Zuge ihrer Analysen vier Themenblö-
cke heraus, in denen Heimat und Heim sich in russlanddeutschen Gedichten manifestieren:
1. Utopische Heimat; 2. Heimatlosigkeit; 3. Heimatsuche; 4. Appell an die Heimat.862 Damit ein-
herzugehen scheint auch die Angst vor dem Ortswechsel sowie erneut die Furcht, sich aus der
Menge als fremd oder andersartig, ergo als Außenseiter/in, hervorzuheben – nicht nur im gesell-
schaftlichen Umfeld innerhalb postsowjetischer Länder, sondern ebenso im jeweiligen Auswan-
derungsland. Diese Tatsache widerspiegelnd wird der Begriff „Verbannung“ einerseits als Begriff
für Deportation und Kommandantur gebraucht, andererseits für die spätere Emigration, 863 im
Sinne eines Gefühls des Eingekreist-Seins durch Fremde, der Existenz inmitten eines „Anderen“.
Die in russlanddeutschen Werken gezeichneten Raumvorstellungen und -symboliken bilden diese
Ambivalenz scheinbar für jeden einzelnen Ort ab: Zum Beispiel wecken die weiten und zu gro-
ßem Teil flachen Landschaften Zentralasiens einerseits die Angst vor unbekannten Weiten, der
Ödnis und Ausgesetztheit, andererseits sind sie ein Symbol für Freiheit und Zusammenhalt; sie
bilden ferner den Ort der Verbannung und gleichzeitig den Ort der Kindheit und werden nach der
Auswanderung wiederum zum Herkunftsort und zur möglichen „wahren“ Heimat. Aufgrund der
vielfältigen erlebten (nicht nur räumlichen) Beschränkungen wird Freiheit zum Wunschtraum.
Der Freiheitsgedanke im Sinne des angestrebten Ausbrechens aus diesen Beschränkungen, aus
Zwängen und Vorurteilen, kann, wie wir gesehen haben, in russlanddeutschem Kontext jedoch
nicht im Sinne von räumlicher und zeitlicher Ungebundenheit ausgelegt werden, sondern schließt
ganz deutlich das Verlangen nach „festen Wurzeln“ sowie das Gefühl, akzeptiert zu werden, ein.
Bilder der Entwurzelung und Verstreutheit, die hingegen als negativ und schmerzlich erlebt wer-
den, ziehen sich durch Lyrik und Prosa wie ein roter Faden. „Heimweh ist ein heftiger Schmerz
– / Wie das rasende Weh einer lebenden, / frisch aus der Erde gerissenen Wurzel“,864 heißt es bei
Nelly Wacker etwa. Nicht zuletzt wegen Bildern der Entwurzelung wie in diesem Zitat macht
Elena Seifert ferner die Beobachtung, dass Pflanzensymbolik eine große Rolle in russlanddeut-
schen Werken spiele – stärker und offenkundiger noch in der Lyrik, aber ebenfalls in der Prosa:
„[…] in allen Genres und in genreneutralen Versen wird den zarten, gebrechlichen Pflanzen […]
oder den Pflanzen, die ihre Wurzeln verloren haben, viel Beachtung gewidmet.“865 Aber nicht nur
862
Vgl. Seifert (2018), S. 87.
863
Vgl. ebda., S. 91 f.
864
Wacker, Nelly: Heimweh. In: Wacker (1998), S. 21.
865
Seifert (2018), S. 70.
249
die Thematisierung pflanzlicher Zustände und Prozesse als Symbole für menschliche Existenzen
oder auch in einer Art Marker-Funktion für bestimmte seelische oder ganz konkrete geografische
Orte sind tragende Elemente in russlanddeutscher Literatur. Naturdarstellungen im Allgemeinen
können in diesen Funktionen erscheinen.
Sind die Raumvorstellungen somit geprägt von einer Diskontinuität, hier metaphorisch als Ent-
wurzelung inszeniert, so scheint die Kontinuität bei der zeitlichen Überlieferung von Identitäts-
konzepten von Generation zu Generation – die Generationsverbindung – von umso größerer Be-
deutung. Die Zeit als Motiv wird dementsprechend mit der Zeit der Trennung, mit hoffnungsloser
Erwartung der Befreiung, aber auch mit der Anpassung an die neue Umgebung verbunden, einem
Wieder-Aufkeimen an anderer Stelle.
Wenn es in den untersuchten Werken russlanddeutscher Literatur ab 1991 um Identitäts- und Zu-
gehörigkeitsvorstellungen geht, dann ist der Blick auf die – häufig über die eigene Lebensge-
schichte von Figur bzw. Sprech- und Erzählinstanz hinausgehende – Vergangenheit evident. Der
zurückgelegte Weg des vom Wind verwehten „Senfkorns“ (vgl. den gleichlautenden Titel von
Reimers Lyrikband) bzw. der angeflogenen „Kollerdistel“866 will erforscht, „geschichtlich“ her-
geleitet sein. Doch diese Rückschau kann auch kontraproduktiv sein, sie kann die erfolgreiche
Integration und einen sozialen Aufstieg oder die „Heilung“ von posttraumatischen Leiden bedro-
hen. Aus diesen Gründen empfindet Alinas Mutter in „Die Fische von Berlin“ das Vorhaben ihrer
Tochter, den Großvater zu befragen, schlicht als „unnütz“867. In Viktor Heinz’ Roman „In der
Sackgasse“ ist das Wiederhervorholen von Vergangenem dagegen sogar ein unmittelbar gefähr-
liches Unterfangen, wenn der KGB dem Hochschullektoren Willi Werner bei seinen Recherchen
nachstellt. Bildet zwar folglich das Sich-Losreißen-Wollen von Vergangenem ein häufig aufge-
griffenes Motiv in den Werken, so werden die Figuren doch immer wieder von der Geschichte,
von ihren persönlichen und gruppenkonstitutiven Narrativen, eingeholt. Die Erinnerung kann da-
bei friedlich und versöhnlich daherkommen wie in Agnes Gossens „Zwei Kindheiten in Deutsch-
land und Russland“, wo sich die nunmehr in Deutschland befindliche Erzählinstanz etwa an das
Gebäck ihrer Kindheit zurückerinnert. Aber dabei bleibt es nicht – denn um sich selbst ins
rechte Licht zu rücken, muss sie noch viel weiter zurückgehen, muss gleichsam ihren gesamten
Stammbaum rekonstruieren. Und ein etwa von Nelly Wacker im Gedicht „Laß verschwinden,
was dahin“868 gewünschter Neuanfang bzw. das Zurücklassen der „Altlasten“ wird zwar mehr-
mals in den verschiedenen Texten beschworen, ist aber letztlich keine Möglichkeit. Das Nachfor-
schen, wie in dem zuvor erwähnten Text von Gossen, bildet einen essentiellen Bestandteil aller
Texte.
866
Vgl. Warkentin, Johann: Kollerdisteln im Wind. In: Warkentin (1996), S. 64.
867
Hummel (2005), S. 39.
868
Wacker, Nelly: Laß verschwinden, was dahin. In: Wacker (1998), S. 22.
250
Auch in Waldemar Webers Gedichten befinden sich die Sprechinstanzen auf einer fortwährenden
Suche nach einer „großen Erklärung“ für die Gegenwart und das eigene Ich. „Vergangenheit co-
diert / für wen?“,869 heißt es in einem seiner höchst poetischen und bildreichen Gedichte, die ei-
nerseits die Vieldeutigkeit von Geschichtserfahrung, die Verzerrung durch den Erinnerungspro-
zess und den Verlust durch Vergessen beschreiben. Andererseits fragen sie nach der Sinnhaf-
tigkeit der Bewahrung des Gedächtnisses, beschäftigen sich damit, für wen sie selbst, die Texte,
und die von ihnen behandelten Themen in Zukunft noch von Bedeutung sein werden. Fest steht je-
denfalls – womit eine Beantwortung der Frage versucht sei –, dass in ihnen ein enormes Potenzial
zur individuellen und kollektiven Identitäts- und Gedächtnisbildung begründet ist. Dies ist nicht
nur nutzbar für selbstreflexive Prozesse innerhalb einer Minderheitsgesellschaft. Friederike Me-
vissen resümiert in ihrem Aufsatz über russlanddeutsche Literatur diesbezüglich, dass jene als
essentieller Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Bundesrepublik (und über die Grenzen
derselbigen hinaus) begriffen werden müsse, „insofern sie thematisch einen bedeutsamen Teil der
die Weltkriege und die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts reflektierenden Erinnerungsliteratur
darstellt.“ 870 Klar ist außerdem, dass der Prozess des Aushandelns von Gedächtnisinhalten
bzw. -versionen potenziell nie abgeschlossen ist, dass Diskurse permanent verändert und umge-
schrieben werden und somit auch die Vergangenheit – wie es in einem von Webers Gedichten for-
muliert wird – nicht „ins Reine“ geschrieben werden kann, sondern immer „Entwurf“871 bleibt.
869
Weber, Waldemar: Karten von Orten. In: Weber (2006), S. 28.
870
Mevissen (2018).
871
Weber, Waldemar: Das Vergangene. In: Weber (2006), S. 71.
251
5 Schlussbemerkungen und Ausblick
Will man sich, wie hier geschehen, mit Identitätskonstruktionen in russlanddeutscher Literatur
der postsowjetischen Zeit beschäftigen, ist der Miteinbezug historischer, gesellschaftlich-sozialer
Faktoren unabdingbar. So kann zusammenfassend für die anhand von acht exemplarischen Wer-
ken untersuchte Literaturepoche gesagt werden, dass die mit dem Zusammenbruch der Sowjet-
union und der einhergehenden Dekonstruktion von traditionellen politisch-kulturellen Normen
und Vorgaben angestoßene Neuverhandlung von Identitäten keineswegs widerspruchsfrei ver-
lief.872 Neben Tendenzen, die kollektive Identitätskonstruktionen unter den häufig traumatisier-
ten, verstreut lebenden Minderheitsangehörigen befördern, spiegelt die Zusammenschau der lite-
rarischen Werke gleichzeitig die Heterogenität der Minderheitsgemeinschaften wider. In diesem
Sinn stellt auch die Bezeichnung „Russlanddeutsche“ bzw. „russlanddeutsch“ ein sich spät bzw.
erst im Nachhinein entwickeltes Konstrukt dar, das sich als Eigenbezeichnung wie im wissen-
schaftlichen Kontext etabliert hat, mit dem sich jedoch nicht alle Betroffenen angesprochen füh-
len. Als „russlanddeutsche Literatur“ aufgefasst und in der Textauswahl berücksichtigt wurden
daher nur Werke von Autor/inn/en, die den besagten Terminus tatsächlich zur Selbstverortung,
d. h. als Eigenbezeichnung, und auch in ihren Texten verwenden. Die Ergebnisse der Analyse
jener Werke wurden im vorhergehenden Kapitel schließlich rekapituliert und sollen an dieser
Stelle nicht noch einmal wiederholt werden. Stattdessen seien nur noch einige Bemerkungen zur
allgemeinen gesellschaftlichen bzw. gesellschaftspolitischen Dimension des aktuellen russland-
deutschen Literaturbetriebs angebracht. Daran schließt auch die ganz zu Beginn der Arbeit ge-
stellte Frage nach der Berechtigung der Veranschlagung einer „letzten Phase“ dieser Minderhei-
tenliteratur an. Zuletzt sollen noch konkrete Beispiele für aktuelle Themen bzw. Fragestellungen
erwähnt sein, die sich – nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse dieser Arbeit – als relevant für die
weiterführende einschlägige Forschung erweisen.
Heute brauchen Russlanddeutsche dringend eine Möglichkeit, die Erfahrungen, die sie in ihrem ei-
genen Leben gemacht haben, in die fortlaufende Textur des historischen Gedächtnisses einzuwe-
ben – und nicht nur im Rahmen des Familiengedächtnisses. Sie sollten eine öffentliche Tribüne und
872
Vgl. Smyshliaeva (2012), S. 91.
253
die Chance erhalten, einem möglichst großen Kreis von Menschen von jenen Ereignissen zu erzäh-
len, deren Zeugen und Opfer sie waren.873
Wie wichtig die Erlebnisse des 20. Jahrhunderts und deren Aufarbeitung für Minderheitsangehö-
rige sind, zeigt auch die Folgerung, zu der Marit Cremer im Rahmen der Auswertung einer qua-
litativen Interviewstudie mit russlanddeutschen Spätaussiedler/inne/n in Deutschland gelangt.
Deren Auseinandersetzung mit dem Trauma der unter Stalin deportierten Eltern und ihrer Ge-
schichte als Deutsche in der Sowjetunion bilde die Grundlage für ihr Selbstverständnis in unter-
schiedlichen Phasen ihres Lebenslaufs, so Cremer.874 Diese Beobachtung bestätigend finden die
traumatischen Erfahrungen von Deportation, Verfolgung, Ermordungen und Unterdrückung auf
unterschiedliche Weise Eingang in alle untersuchten Texte. Auch Autor/inn/en jüngerer Genera-
tionen wie Eleonora Hummel, die selbst schon im Kindesalter die Sowjetunion verlassen haben,
greifen die Themen auf oder machen sie sogar zum Zentrum ihrer Erzählungen oder Gedichte.
Unweigerlich jedoch rücken nach der langen „Zeit des Schweigens“ und mit dem allmählichen
Wegfall der Erlebnisgeneration, für deren Kinder und Kindeskinder die Vergangenheitsversionen
nur noch medial überlieferte sind, die Erinnerungen in zunehmend größere Distanz. Dies bedingt
zwar weniger unmittelbare Eindrücke, lässt aber gleichzeitig eine offenere – und bei kritischer
Reflexion der Narrationsmuster zudem objektivere – Schilderung zu und bietet Potenzial für die
russlanddeutsche Literaturentwicklung, die auch eine teilweise (nie eine volle) Loslösung von der
historischen Vergangenheit darstellen kann.
In Zukunft wird sich unweigerlich erneut die Frage nach den Definitionskriterien für die sich
dermaßen verändernde russlanddeutsche Literatur stellen und gleich dahinter der Gedanke einrei-
hen, ob russlanddeutsche Literatur, wie sie üblicherweise und auch in dieser Arbeit angenommen
anhand der Biografie sowie inhaltlicher und formaler bzw. sprachlicher Aspekte der Werke um-
rissen wird, sich gegenwärtig in ihrer letzten Phase vor einer „Auflösung“ befindet bzw. ob sie
über die engen Grenzziehungen und somit diese Art der Definition hinauswächst. Mit Blick auf
die nächsten Jahrzehnte ist eine dahingehende Entwicklung als wahrscheinlich anzunehmen und
insofern scheint es legitim, eine Verortung der russlanddeutschen Literatur ab 1991 als Teil einer
solchen „letzten“ literaturgeschichtlichen Phase anzunehmen. Die Historikerin und Ethnologin
Olga Kurilo beobachtet diesbezüglich auf gesellschaftlicher Ebene Prozesse, die zur Nivellierung
der Mischkultur durch die weitere Assimilation in Russland und Deutschland führen.875 Für die
Entwicklung einer modernen Hybridkultur fehle es an finanziellen, menschlichen und kulturellen
Voraussetzungen, die Akzeptanz der Hybridität in der Gesellschaft schaffen. Nun existiere kein
873
Vaškau (2015), S. 196.
874
Vgl. Cremer, S. 9.
875
Vgl. Kurilo (2015), S. 67.
254
„eigener Lebensraum“ mehr wie einst die Wolgadeutsche Republik und auch die später gegrün-
deten nationalen deutschen Rayons in Russland können die Erwartungen als Inseln deutscher
Kultur nicht erfüllen.876
Kulturelle Mobilität kann nicht nur zur Entstehung von Neuem, zur Wiedergeburt von Traditionel-
lem, sondern auch zur Auflösung einer existierenden Kultur führen. Wanderungen in russischen und
deutschen kulturellen Landschaften haben diese Gruppe mit ihrer spezifischen Kultur geschaffen,
deren Identität in Zukunft jedoch verloren gehen kann. Das wird geschehen, wenn die Russland-
deutschen ihre Lebenspraxis auf nur ein kulturelles Milieu – das russische oder deutsche – beschrän-
ken und sich nicht mehr zwischen beiden Kulturen bewegen. 877
Kurilo vertritt damit einen geschlossenen Kulturbegriff, der in der vorliegenden Arbeit kritisiert
und zugunsten einer offenen Auslegung des Begriffs unter Betonung wechselnder Zuordnungs-
prozesse von Individuen und Gruppen verworfen wurde.878 Dennoch trifft sie mit ihrer Aussage
einen „wunden Punkt“ in russlanddeutschen Diskursen, wo die Texte Verlust- und Vergessens-
ängste artikulieren. Die positive Wahrnehmung der Hybridität stellt bis heute oft eine Herausfor-
derung dar. Erinnern wir uns hierzu nur an Warkentins sprach- und kulturpessimistische Aussage,
wonach es normalerweise „keine Zwitter“879 gäbe, in der die Sorge nach einem verlustig gehen-
den Teil der Identität mitschwingt. Befürchtet wird die Unterschlagung bzw. Verdrängung be-
stimmter Gedächtnisinhalte. Gleichzeitig konstatiert Kurilo jedoch eine Entwicklung in Deutsch-
land, die in die Richtung einer gesellschaftlichen Akzeptanz kultureller Hybridität gehe.880 Um
einen neuen Platz als eine moderne Minderheit in Europa zu gewinnen, müsse eine Stärkung des
kollektiven Bewusstseins der Russlanddeutschen als europäische Minderheit erfolgen, die u. a.
mit der Aufarbeitung der historischen Traumata verbunden sei.881 Die Literatur hat hierzu – und
tut dies weiterhin – einen entscheidenden Beitrag geleistet. Eine Trauma-Therapie entspinnt sich
gleichsam als Suche nach angefeindeten, dem Versuch der Auslöschung zum Opfer gefallenen,
verlorenen bzw. wiederheraufbeschworenen und neukonstruierten russlanddeutschen Identitäts-
vorstellungen. Zerstörte individuelle Identitäten bzw. verunsicherte Selbstbilder können so me-
dial an ein kulturelles Gedächtnis angebunden werden.
Neben den traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts sind aber noch weitere (teilweise
durch jene bedingte) Themenkomplexe Teil dieses durch die Literatur entscheidend mitgeprägten
kulturellen Gedächtnisses. Durch die Textanalysen konnte ein gutes Bild der einenden wie der
trennenden Aspekte russlanddeutscher Werke ab 1991 gezeichnet werden, das die verschiedenen
876
Vgl. Kurilo (2015), S. 67.
877
Ebda., S. 68.
878
Der Begriff „Kultur“ als ein machtvolles Instrument zur Vergemeinschaftung und Entindividualisie-
rung sowie als Werkzeug für gewollt vereinfachende, pauschalisierende Inklusions- und Exklusionsme-
chanismen, als welches er zweifelsfrei bisweilen dient bzw. dazu missbraucht wurde und wird, muss aus
diesen Gründen stets mit äußerster Vorsicht verwendet werden.
879
Vgl. Warkentin: Der Idealfall wären Zwitter. In: Warkentin (1996), S. 74.
880
Vgl. Kurilo (2015), S. 55.
881
Vgl. ebda., S. 68.
255
identitäts- und gedächtnisbildenden Potenziale reflektiert. Das eine Buch, das man nur aus der
Tasche zu ziehen und darauf zu zeigen braucht, um zu verdeutlichen, wer man sei (oder was
russlanddeutsche Literatur sei), gibt es nicht. Plädiert werden muss daher für ein analytisch-de-
skriptives Herangehen an russlanddeutsche Literatur, das auf Programmatik verzichtet und keine
bestimmten Merkmale russlanddeutschen Schreibens absolut setzt, sondern diese immer anhand
der empirischen Untersuchung von Einzeltexten beschreibt. Russlanddeutsche Literatur stammt
von Autor/inn/en mit vielfältigen internationalen Biografien und bildet selbst Orte der sprachli-
chen und kulturellen Symbiosen und Konflikte, der Aushandlung von Vergangenheitsversionen
und Identitätskonstruktionen entlang bestimmter thematischer Schwerpunkte.
Zwar muss es im Zuge einer Analyse auch um den Einbezug der lebensweltlichen Erfahrung der
Autor/inn/en gehen, jedoch ohne dabei einen biografistischen Zugang zu rehabilitieren, „[v]iel-
mehr erschließt sich aus einem Verständnis von Schreiben als Handlung, die an bestimmte le-
bensreale Erfahrungen anschließt, die performative Dimension migratorischen Schreibens“, 882
betont Hausbacher. So wird gerade in vielen Werken russlanddeutscher Literatur eine innere/in-
terne Differenz zum Zentrum einer (bzw. mehrerer) Kultur(en) erlebbar, die als vermeintlich „ei-
gene“ angenommen wurde(n) – die Romanfiguren leben außerhalb des Normsystems der Sowjet-
union wie die russlanddeutschen Autor/inn/en selbst und auch nach der Aussiedlung erleben viele
erneut eine Verunsicherung, fühlen sich fremd, unerwünscht, nicht zugehörig. Dabei könnte die
Position von Schriftsteller/inne/n noch eine grundlegendere sein, wie die bekannte russische Au-
torin Olga Martynova in einem Interview anmerkt und damit freilich eine sehr persönliche Mei-
nung ausdrückt, die darum jedoch nicht weniger Berechtigung hat im Zuge der Auseinanderset-
zung mit Migrationsliteraturen:
Ein Schriftsteller ist in jeder Gesellschaft nur bedingt ,integriert‘. Das klingt zwar stark nach einer
romantischen Auffassung von der Stellung des Dichters in der Gesellschaft. Aber es ist wahr. Wenn
man immer beobachtet und sich überlegt, in welcher Form die Welt aufgefasst und wiedergegeben
werden kann, steht man automatisch etwas abseits. Ich habe mich in Deutschland keine Sekunde
fremder gefühlt als in Russland.883
Die moderne deutschsprachige russlanddeutsche Literatur hat ihr Zentrum wie beschrieben im
Zuge der großen Auswanderungsbewegungen nach Mitteleuropa verlagert. Aktuell ist in ihren
Werken auch eine Tendenz der Rückkehr zum Privaten, Individuellen zu verzeichnen. Die Frage
nach Identität wird zunehmend nicht mit der Suche nach einer zentralen Idee oder den Wurzeln
verbunden, die Suche wird vielmehr als „Weg und Entwicklung“, als etwas „Prozesshaftes und
Vielfältiges“ geschildert.884 Zudem werden Konstrukthaftigkeit und Selektivität von Erinnerungs-
882
Hausbacher (2012), S. 174.
883
Martynova, Olga zitiert nach Ridlmaier, Sylvia: Migration – Erinnerung – Identität. Olga Martynovas
„Sogar Papageien überleben uns“. Diplomarbeit. Univ. Salzburg 2011, S. 115.
884
Vgl. Engel, Christine: Vom Tauwetter zur postsozialistischen Ära (1953-2000). In: Russische Litera-
turgeschichten. Hrsg. v. Städke, Klaus. Stuttgart u. Weimar: J. B. Metzler 2000, S. 400 f.
256
prozessen selbst zum Thema, wenn auch noch in moderatem Maße. Literarische Rückblicke ins-
besondere der jüngeren Generation fallen also sehr unterschiedlich aus, die Tendenz zeigt aber
weg von einer dokumentarisch und vorrangig autobiografisch orientierten Zeitzeugenliteratur,
stattdessen setzen Texte zunehmend auf eine Literarisierung, Fiktionalisierung und Individuali-
sierung des russlanddeutschen Erfahrungshorizonts. Während einige Texte in der Beschwörung
geschlossener kollektiver Identitäten verharren, schaffen andere Gegenentwürfe, die sich durch
Pluralität von Identitäten auszeichnen.
Das in der vorliegenden Arbeit auf diese Weise untersuchte „Potenzial“ russlanddeutscher litera-
rischer Werke müsste in weiterer Folge, um zu Erkenntnissen über die tatsächliche „Nutzung“
und Funktion innerhalb russlanddeutscher Gemeinschaften zu gelangen, empirisch erforscht wer-
den. Es stellt sich die Frage nach der Rezeption sowie nach der Instrumentalisierung. Letztere
geschieht vorwiegend durch russlanddeutsche Institutionen wie den Landsmannschaften in Aus-
wanderungsländern oder etwa den so genannten „Deutschen Häusern“ und Organisationen wie
der „Wiedergeburt“ in postsowjetischen Staaten. Ganz zu Beginn dieser Arbeit wurde danach
gefragt, von wem und für wen diese Literatur geschrieben wird, und darauf hingewiesen, dass sie
aus mehreren Gründen bis heute keine breite Öffentlichkeit erreicht hat. Dazu kommt, dass anzu-
nehmen ist, dass bei Weitem nicht alle Minderheitsangehörigen sich für neue russlanddeutsche
Literatur interessieren bzw. überhaupt von Neuerscheinungen in diesem Bereich erfahren. Solche
werden meist in Zeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht oder von einschlägigen kleinen
Verlagen bzw. der Landsmannschaft in Stuttgart herausgegeben und laufen Gefahr, nur Menschen
zu erreichen, die selbst in entsprechenden Strukturen tätig sind bzw. sich zum Kreis der Mitglieder
der Vereinigungen zählen.
Vor der Perestroika und den einsetzenden großen Auswanderungswellen war russlanddeutsche
Literatur im mitteleuropäischen Raum nur einzelnen (meist selbst betroffenen) Personen und For-
scher/inne/n ein Begriff. So fragt Nelly Wacker in einem Beitrag in „Volk auf dem Weg“ noch
im Jahr 1994, „[o]b überhaupt und wie die Russlanddeutsche Literatur in der deutschen Uhrhei-
mat anerkannt wird? Es gab doch eine Zeit, da ihr Bestehen verneint wurde.“885 Auch neuere
literarische Texte selbst thematisieren die Schwierigkeit für Autor/inn/en, Anerkennung für ihr
Werk zu erreichen. In Eleonora Hummels „Die Fische von Berlin“ unterhält die junge Alina sich
mit der neuen Klassenkameradin Tanja, die mit ihren Eltern bereits nach Deutschland ausgereist,
aber mit der Mutter nach kurzer Zeit wieder zurück in ihr Herkunftsland gekommen ist:
Ich [Alina] begriff noch nicht. „Zurückgekommen? Hast du dort Urlaub gemacht?“
Tanja wurde ungeduldig. „Nein! Ich habe dort gelebt. Und ich wollte nicht zurück. Meine Mutter
hat es so beschlossen.“
„Und dein Vater?“
885
Wacker (1994), S. 16.
257
Ist in Deutschland geblieben. Sie sind geschieden. Er war dort glücklich – und ist es immer noch,
glaube ich –, aber sie vermißte etwas, was weiß ich, was. Sie hat es mir nie gesagt. Sie ist Dichte-
rin, und dort wollte ihre Verse keiner lesen. Schließlich packte sie ihre Koffer und kam zurück.
Mit mir.“886
Unklar bleibt hier zwar, in welcher Sprache Tanjas Mutter „ihre Verse“ abgefasst hat und eben-
falls, welche Inhalte in ihnen verhandelt werden, doch der Eindruck der Schreibenden könnte sich
schon (eine genaue Jahreszahl zur Einordnung der Geschichte wird nicht genannt) wenige Jahre
später mit den großen Auswanderungswellen erneut geändert haben, als mit der russlanddeut-
schen Bevölkerung auch der Großteil von Autor/inn/en und Rezipient/inn/en russlanddeutscher
Literatur die postsowjetischen Länder dauerhaft verließ.
Die Öffentlichkeitsarbeit kultureller Vereinigungen, Bibliotheken oder Bildungseinrichtungen
hier wie dort beeinflussen dabei nicht nur Rezeptionsvorgang und Wirkungsweise der Minder-
heitenliteratur aktiv, sondern prägen selbst mit, was überhaupt als „russlanddeutsche Literatur“
bezeichnet wird. Umfassende Auseinandersetzungen mit russlanddeutscher Literatur der Gegen-
wart müssen also stets auch über die Bedingungen der Möglichkeit von Literatur reflektieren.
In der Literaturgeschichte geht es immer um die Beziehung zwischen den Bedingungen, die das
literarische Werk für diejenigen, die es schufen, möglich machten, und den Bedingungen, die es
für uns selbst möglich machen. Insofern ist Literaturgeschichte immer die Geschichte der Mög-
lichkeit von Literatur.887
Auf die soziale Dimension literarischer Texte fokussiert auch Aleida Assmann, wenn sie nach
den Funktionen literarischer Texte fragt und dabei nicht von textimmanenten Merkmalen ausgeht.
Die von ihr getroffene Unterscheidung zwischen „literarischen“ und „kulturellen“ Texten ist be-
dingt durch deren jeweilige Rezeptionsrahmen. Während sie erstgenannte dem gesellschaftlichen
„unbewohnten“ Speichergedächtnis zuordnet, das „identitäts-abstrakte[s] Sachwissen“888 enthält,
gehören kulturelle Texte hingegen dem „bewohnten Gedächtnis“ an, das identitätskonstitutive
Wissensbestände einer Kultur umfasst. Aufgrund des gedächtnis- und identitätsbildenden Poten-
zials der russlanddeutschen Werke, die in dieser Arbeit untersucht wurden, kann festgehalten
werden, dass jene in diesem Sinn auch als Teil des „bewohnten Gedächtnisses“ gelten können.
Was diese Arbeit nicht leisten konnte, ist das tatsächliche „Ausloten“ dieses Potenzials für die
einzelnen (Gruppen von) Rezipient/inn/en. Durch empirische Forschung mittels Befragungen und
Interviews könnte für die untersuchte russlanddeutsche Literatur entsprechend genauer beschreib-
bar werden, wie das Sozialsystem Literatur den gesellschaftlichen Kampf um Erinnerungen mit-
gestaltet. Eine empirische Prüfung, inwieweit sich die Texte, um mit Assmann zu sprechen, ihrer
Rezeptionsrahmen gemäß als kulturelle Texte konstituieren und zu bedeutsamen Medien kollek-
886
Hummel (2005), S. 180 f.
887
Greenblatt, Stephen: Was ist Literaturgeschichte? Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (Erbschaft unserer
Zeit, Vorträge über den Wissensstand der Epoche 9), S. 29.
888
Assmann, A. (2018), S. 137.
258
tiver Erinnerung und Identität werden, sei daher empfohlen. Fest steht, dass auch die Rezeptions-
vorgänge „von literarischen Texten vor dem Hintergrund kultur- und epochenspezifischer Wirk-
lichkeitsmodelle und Wertevorstellungen visualisiert werden [müssen]. Erst diese Historisierung
und Kontextualisierung sowohl der Produktion als auch der Rezeption verdeutlichen, welch un-
terschiedliche gesellschaftliche Funktionen Literatur als Medium der Inszenierung von kollekti-
ver Erinnerung und Identität übernehmen kann.“889
Wurde in der vorliegenden Arbeit nun das ausgewählte Textkorpus nach Wirkungspotenzialen
befragt, so könnte es also ein weiterer Schritt sein, Angehörige von russlanddeutschen Minder-
heiten bzw. Mitglieder kultureller Organisationen, Institutionen und Bildungseinrichtungen (auch
in der Mehrheitsgesellschaft) als Rezipient/inn/en bzw. Distributor/innen dieser Texte selbst zu
Wort kommen zu lassen und somit die Frage zu beantworten, wie sich der Beitrag, den aktuelle
russlanddeutsche Literatur zur extraliterarischen Erinnerungskultur leistet, d. h. ihre gesellschaft-
liche Wirksamkeit, beschreiben lässt. Im Zuge dieses Vorhabens müssen der gesellschaftliche
Gebrauchswert und die Funktionen, die literarische Texte für die Modellierung, Veränderung und
Destruktion von Erinnerungs- und Identitätskonzepten russlanddeutscher Rezipient/innen haben,
dargelegt werden.
Als ein konkretes Beispiel für das weite Feld sei hier etwa auf die Didaktik hingewiesen, genauer
auf den Teilbereich des Sprach- und Literaturunterrichts. Wie Julia Podelo in ihrer Arbeit „Russ-
landdeutsche Literatur – Eine Perspektive für den interkulturellen Literaturunterricht?“ postuliert,
sei die russlanddeutsche im Unterschied zur rumäniendeutschen Literatur, die in den 1980er-Jah-
ren „entdeckt“ wurde, noch weitestgehend unberücksichtigt im schulischen Kanon. 890 Dabei
scheint gerade die Vielzahl an Texten, die sich mit Themenkomplexen wie der Konstruktionen
von Identitäten durch Vorstellungen von Heimat, Kultur, Religion und Geschichte bzw. deren
Wandel auseinandersetzen, für den Unterricht besonders lohnenswert. Während Podelo sich in
ihrer Arbeit auf den Literatureinsatz als interkulturelle, fächerübergreifende Erweiterung im
Deutsch- beziehungsweise Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht an deutschen Schulen kon-
zentriert, verändert sich das „didaktische“ Interesse noch einmal maßgeblich, wenn der Fokus
wissenschaftlicher empirischer Untersuchung auf Bildungsangebote (wie den Sprachunterricht)
und den Einsatz von russlanddeutscher aktueller Literatur u. a. in Russland, Kasachstan und der
Ukraine für Angehörige einer russlanddeutschen Minderheit gelenkt wird. Grundlegende Unter-
suchungen in diesem Gebiet stehen noch aus, wären für Betroffene aber auch als wichtiges Zei-
chen gesamtgesellschaftlicher bzw. internationaler Wahrnehmung zu lesen.
889
Neumann (2003), S. 72 f.
890
Vgl. Podelo, S. 127 f.
259
Fehlende Wahrnehmung russlanddeutscher Diskurse (nicht zuletzt im Bereich der Wissenschaft)
wird außerdem von Autor/inn/en selbst als akute Bedrohung für den Fortbestand russlanddeut-
scher Literatur im deutschen Sprachraum erlebt. So zeigen sich die Schriftsteller/innen bemüht
und mahnen, dass es nun „die Unterstützung aller Beteiligten [brauche], um mit öffentlichkeits-
wirksamen Mitteln erfolgreich für die russlanddeutsche Literatur zu werben und ihr mehr Geltung
zu verschaffen. Ihre Themen sind als literarischer Stoff einzigartig, und in ihrer Tiefe und Viel-
schichtigkeit unerschöpflich. […] Sie hütet einen Erfahrungsschatz, den sonst niemand hat. Keine
Geschichte soll unerzählt bleiben, weil dafür die Worte fehlen.“891 Die Worte aber fehlen schon
seit einiger Zeit nicht mehr, viel eher fehlt es (noch) an einem Gegenüber, das diese zu hören und
zu verstehen bereit ist.
891
Hummel u. Rosenstern (2016), S. 9.
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Abstract
Von der germanistischen Literaturwissenschaft sowie der Literaturkritik lange Zeit unbeachtet
hält die russlanddeutsche Literatur für eine bestimmte Leserschaft ein besonderes gedächtnis- und
identitätsbildendes Potenzial bereit und ist bestrebt, mehrheitsgesellschaftliche Diskurse um die
in den Texten behandelten marginalisierten Vergangenheitsversionen zu erweitern. Davon aus-
gehend, dass literarische Texte (kollektive und individuelle) Identitätsvorstellungen bzw. das kul-
turelle Gedächtnis aktiv mitprägen, ist für den Fall der russlanddeutschen Literatur ferner die
mögliche Funktion als Gegengedächtnis gegenüber einem gesellschaftlich etablierten Erinne-
rungshorizont hervorzuheben. In der Untersuchung wird in diesem Sinn anhand von acht exemp-
larischen Werken neuerer russlanddeutscher Literatur ab 1991, unter Miteinbeziehung ihrer Ent-
stehungs- und Wirkbedingungen, nach dem Potenzial für die Modellierung von spezifisch „russ-
landdeutschen“ Identitätskonzepten gefragt. Dieses entwickelt sich entlang wiederkehrender Mo-
tive und Narrative rund um Komplexe wie Sprache, Heimat und Erinnerung. Die Bedeutung der
Literatur für die Traumabewältigung bzw. Aufarbeitung der von Russlanddeutschen im Lauf des
20. Jahrhunderts gemachten leidvollen Erfahrungen von Deportation, Zwangsarbeit und Diskri-
minierung ist evident. Russlanddeutsche Literatur als reine Memoiren- bzw. Erinnerungsliteratur
abzutun und ihren ästhetischen Wert zu negieren, ist aber ein Trugschluss.
Long neglected by German literary studies and literary criticism, Russian-German literature pos-
sesses a special memory- and identity-building potential for a certain readership. Furthermore, it
strives to expand the discourses of majority society by the marginalized versions of the past dealt
with in the texts. Based on the assumption that literary texts actively shape (collective and indi-
vidual) notions of identity and cultural memory, the possible function of Russian-German litera-
ture as a counter-memory to a socially established memory horizon should be emphasized. With
this in mind, the study examines the potential for modelling specifically "Russian-German" con-
cepts of identity on the basis of eight exemplary works of recent Russian-German literature from
1991 onward, considering their conditions of origin and effect. It develops along recurring motifs
and narratives around complexes such as language, homeland and memory. The importance of
literature for coping with trauma and dealing with the painful experiences of deportation, forced
labor and discrimination made by Russian-Germans in the course of the 20th century is evident.
To dismiss Russian-German literature as pure memoirs or commemorative literature and to negate
its aesthetic value however is a fallacy.
279