2.demografie Skript
2.demografie Skript
Bevölkerungsgeografie
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Geografie 2. GF
Bevölkerungsgeografie
1. Einführung
Auftrag 1: Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohnern wäre...
• Natturräumliche Aspekte
- Bodenfruchtbarkeit, Verfügbarkeit von
Wasser, Klima, Rohstoffe
• Wirtschaftliche Aspekte
-Zugang zu Gewässern für
Transportwege, Arbeitsplätze,
Azsbildungsmöglichkeiten, Infrastruktur
• Soziale Aspekte
Geburtenrate
Lebenserwartung
Abb. 1: Bevölkerungsverteilung 2018. The scale is from 1 (white) to 10,000 or more (red) people per square kilometre.
Problem: An manchen Orten viel dichter besiedelt als andere, weil manche Flächen nicht
bewohnbar-> Physiologische Bevölkerungsdichte:
2 Nur besiedelt und genutzte Areale
berücksichtigt
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Auftrag 3: Vergleich die Karte aus Aufgabe 2 mit diesem Satellitenbild. Was fällt dir auf? Und wie
erklärst du dir das?
50% der Schweiz nicht besiedelbar (Berge, Seen, Gesetzlich geschützt) 188 Einwohner pro
km². Im Mittelland 426 Einwohner pro km² (Sehr hoch)
▪ eine schrumpfende Anzahl von Ländern mit zum Teil stark wachsender Bevölkerung,
▪ eine wachsende Anzahl von Ländern mit schrumpfender Bevölkerung.
Auftrag 4:
a) Beschreibe die historische Entwicklung der Weltbevölkerung mit Hilfe der Abb.3.
b) Wie erklärst du dir den Rückgang der jährlichen Zuwachszahlen Ende der 1980 er in Abb.3.
c) Vergleiche die Prognose der Populationsgrösse in Abb.4 von Italien und der Schweiz. Warum der Unterschied?
d) Vergleiche die Prognose der Populationsgrösse in Abb.4 von China und Indien. Was bedeutet der Unterschied für die
Rangliste der bevölkerungsreichsten Länder?
e) Nenne Faktoren welche die Bevölkerungsentwicklung steuern.
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Prognose: Stabilisation bei 10 Miliarden
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Bevölkerung zum Zeitpunkt t1 = Bevölkerung zum Zeitpunkt t0 + (Zahl der Geburten – Zahl der Todesfälle +
Einwanderung – Auswanderung) zwischen t0 und t1.
Gesteuert wird die Bevölkerungsentwicklung durch verschiedene Faktoren:
Das natürliche Bevölkerungswachstum setzt sich aus der Fruchtbarkeit (Fertilität) und der Sterblichkeit (Mortali-
tät) einer Bevölkerung zusammen. Geburten- und Sterbeziffern beschreiben als wichtige Indikatoren auch den
Entwicklungsstand einer Region.
Auftrag 5:
a) Was ist die Fertilitätsrate?
b) Was ist die Geburtenrate?
c) Was ist die Sterberate?
d) Was ist die Säuglingssterblichkeit?
e) Wie viele Kinder muss eine Frau haben, damit die Bevölkerung konstant bleibt? Begründe deine Angabe.
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Die Geburtenrate berechnet sich aus Zahl der lebend Geborenen in einem Jahr pro 1000 Menschen einer Regi-
on. Aussagekräftiger ist Fertilitätsrate. Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau im gebärfähigen Alter (zwischen 15
und 49 Jahren) durchschnittlich zur Welt bringt, und erlaubt daher Rückschlüsse auf die Wertvorstellung und
den gesellschaftlichen Wandel einer Bevölkerung.
Seit 1970 hat sich die Zahl der Kinder pro Frau nahezu halbiert. Eine Frau
bekommt 2021 im weltweiten Durchschnitt 2.3 Kinder (Abb.6). Dabei
bringen die Frauen in Industriestaaten im Schnitt 1,6 Kinder zur Welt,
während Frauen in Entwicklungsländern durchschnittlich 2.6 Kinder und
in den ärmsten Länder 4.3 Kinder bekommen. Um die Bevölkerungszahl
einer entwickelten Gesellschaft (Industrieländer) stabil zu halten, muss
die Kinderzahl pro Frau bei 2,1 liegen.
Abb.6: Fertilitätsrate weltweit
Entsprechend der Geburtenrate lässt sich die Sterblichkeit über die Sterberate beschreiben. Dabei wird die Zahl
der Todesfälle in einem Jahr pro 1000 Menschen einer Region ermittelt. Als Entwicklungsindikator wird etwa die
Säuglingssterblichkeit angegeben Sie gibt an, wie viele Kleinkinder auf 1000 Neugeborene vor dem ersten Ge-
burtstag sterben.
Aus der Differenz zwischen Geburten- und Sterberate lässt sich die natürliche Zuwachs- oder Wachstumsrate pro
tausend Einwohner berechnen. Unter Anwendung folgender Formel lässt sich bei natürlicher Bevölkerungsent-
wicklung (geschlossenes, regionales System) der Bevölkerungszuwachs wie folgt ableiten:
Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländer
Im Unterschied zu vielen Industrieländern, bei denen das Bevölkerungswachstum rückläufig ist, weisen viele
Entwicklungsländer eine hohe Geburtenrate auf. Die Ursachen sind vielfältig, beispielsweise fehlende Bildung
und Aufklärung, Armut (Kinder dienen der Altersvorsorge), regional vorkommende Bevorzugung von Söhnen
oder fehlende Möglichkeiten der Empfängnisverhütung. Letzteres führt auch zu häufigen Schwangerschaften
von sehr jungen Frauen. Während in der Schweiz bei Erstschwangerschaften das durchschnittliche Alter bei 29,8
Jahren liegt, sind die schwangeren Frauen in vielen Ländern Afrikas oder Asiens deutlich jünger. In Afrika beträgt
der Anteil jugendlicher Mütter unter 19 Jahren etwa 12 Prozent, in einzelnen Staaten wie Liberia oder Niger sind
es sogar doppelt so viele. Weltweit betrachtet werden jährlich etwa 14 Millionen Mädchen im Teenageralter
schwanger. Viele von ihnen müssen die Schule oder Ausbildung abbrechen und stehen vor Armut und Existenz-
problemen.
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Massnahmen zur Senkung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit und bessere Bildungs- und Beschäftigungsmög-
lichkeiten für Frauen können die gewünschte Kinderzahl deutlich beeinflussen. Gezielte Sexualaufklärung und
Zugang zu Verhütungsmitteln für Jugendliche, die Verzögerung der ersten Geburt durch mehr Bildungschancen
für Mädchen sowie eine Erhöhung des Heiratsalters können den Altersstruktureffekt abschwächen.
Quelle: BFS
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Die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen sind fliessend. In den Bevölkerungsdiagrammen spiegeln
sich einschneidende Ereignisse zurückliegender Jahre wie Kriege, Naturkatastrophen oder auch gezielte bevölke-
rungspolitische Massnahmen wider. Aber auch Ausblicke auf die Zukunft sind möglich.
Aufgabe 6: Wähle eine der 6 Grundformen aus und suche ein Land, welches als typisches Beispiel ausgewählt
werden kann. Erkläre deinen Mitschülern:
a. Die generelle Form (Form, Ist-Zustand, Entwicklungsstand….)
b. Auffälligkeiten (Ereignisse in der Vergangenheit)?
c. Zukünftige Entwicklung?
Hilfsmittel: https://www.populationpyramid.net/world/2019/
Aufgabe 7:
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Als demografischer Übergang oder demografische Transformation wird ein Modell bezeichnet, das die Verände-
rungen der Geburten- und Sterberate beschreibt, die den Übergang von der traditionellen Agrargesellschaft
über den Industriestaat zur modernen Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft begleiten.
Im Modell lassen sich fünf Transformationsphasen unterscheiden:
Auftrag 8a Zeichne anhand der Beschreibungen, für die einzelnen Phasen im Kästchen den Verlauf der GEBURTENRATE,
STERBERATE und WACHSTUMSRATE ein. Am Ende erhältst du das fertige Modell des DEMOGRAPHISCHEN ÜBERGANGS.
I) Prätransformative Phase: _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Eine hohe Geburtenrate ist notwendig, um die hohe Sterberate, verursacht durch das weitgehende Fehlen einer
medizinischen Versorgung, auszugleichen. Epidemien und Seuchen (z.B. die Pest), aber auch Kriege reduzieren
die Lebenserwartung zusätzlich und führen zu grossen Schwankungen in der Gesamtbevölkerungszahl, die aber
über grössere Zeiträume aufgrund etwa gleich hoher Geburten- und Sterberate weitgehend konstant bleibt.
V) Posttransformative Phase: : _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Die Geburtenrate pendelt sich auf niedrigem Niveau im Bereich der Sterberate ein und kann diese sogar unter-
schreiten. Die Bevölkerungszahl stabilisiert sich und könnte mittelfristig sogar abnehmen.
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Das Modell orientiert sich am Verlauf der Bevölkerungsentwicklung in Europa, Nordamerika und Japan. Ob es für
die Dritte Welt auch zutreffen wird, ist zurzeit noch offen. Für die Transformationsstaaten Mittel- und Osteuro-
pas (ehemaliger Ostblock) kann das Modell kaum angewandt werden, da sich dort aufgrund der gesellschaftli-
chen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung bei sehr niedriger Geburtenrate ein Ansteigen der Sterberate
einstellt. Damit sind auch die Grenzen des Modells aufgezeigt: Es liefert Erklärungsansätze, die aber durch die
Untersuchung der Altersstruktur, der Geschlechterverteilung und des gesellschaftlichen Wandels noch zu vertie-
fen sind. Für Prognoseaussagen eignet sich das Modell daher nur bedingt.
Auftrag 8b: Ordne jeder Phase einen der folgenden Begriffe zu:
Auftrag 8c Das Modell der Demografischen Transformation gilt für die Industrieländer. Wie
könnte das Modell für ein Entwicklungsland aussehen? Zeichne die mögliche
Entwicklung in die Grafik ein.
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7. Welternährung
Nicht alle Menschen haben Zugang zu genügend Nahrungsmitteln. 2019 litten rund 690 Millionen Menschen an
Hunger. Wohl gelten Hunger und Unterernährung heute nicht als Folge einer grundsätzlich zu kleinen weltwei-
ten Nahrungsmittelproduktion. Gleichwohl sinkt die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf, während die Welt-
bevölkerung weiter ansteigt. Wird es einmal so weit kommen, dass die Erde ihre Bewohnerinnen und Bewohner
nicht mehr ernähren kann?
Heute schätzen Wissenschaftler, dass sich die Weltbevölkerung bei knapp 10 Milliarden Menschen stabilisieren
könnte, eine Zahl, bei der die Ernährung der Menschheit noch möglich sein könnte, allerdings mit grossen regio-
nalen Unterschieden.
Frage: Wenn die weltweite Nahrungsmittelproduktion heute nicht das Problem für Hunger und Unterernährung
ist, was ist es dann?
Auftrag 1: Diskutiert zu zweit: Wie werden 10 Milliarden Menschen satt? Was muss sich in der landwirtschaftli-
chen Produktion ändern damit dies möglich ist? Gibt es allenfalls neue Ernährungstrends?
(1) Saatgut
a. Mit welchen Methoden versucht die Agrarindustrie die Produktivität von Pflanzen zu steigern?
b. Beschreibe am Beispiel der Reispflanze, die in diesem Kapitel im Mittelpunkt steht, die Vor- und Nachtei-
le des Einsatzes von Hybridsaatgut.
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(2) Kunstdünger
«Wenn man mehr Ernte in der Landwirtschaft möchte, kann man doch einfach mehr düngen, damit die
Pflanzen schneller wachsen und grösser werden.» Diese Aussage wirkt auf den ersten Blick logisch. Weshalb
ist aber der Kunstdünger nicht die beste Lösung? Erläutere.
b. Weshalb ist die Kleedüngung besser als der Dünger mit künstlichem Stickstoff?
(4) Futtermittel
(5) Pflanzenfabriken
a. Die japanischen Pflanzenfabriken verzichten vollständig auf Erde. Erde sei „kein kontrollierbares Medi-
um“, sagt einer der japanischen Wissenschaftler. Wie wachsen die Pflanzen in diesen Fabriken auf und
was sind die Vorteile?
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Da zur Lösung des Welternährungsproblems nicht nur genügend Lebensmittel gebraucht werden, sondern vor
allem „Lebensmittel, die sich die Menschen leisten können“, beschäftigt sich Regisseur Valentin Thurn nächsten
Themenblock mit den ökonomischen Grundlagen der Landwirtschaft:
b. Welche Rolle spielt die Anzahl der unterschiedlichen Kulturen auf dem eigenen Feld?
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Synthese 1: Welche der im Film vorgestellten Lösungsstrategie ist deiner Ansicht am besten und welche am
schlechtesten, um die Ernährung der Menschheit zu sichern? Beschreibe sie kurz und erkläre, weshalb gerade
diese Lösungsstrategie die beste oder schlechteste ist. Oder gibt es gar keine eindeutige Lösungsstrategie?
Synthese 2: Lies das Fazit des Regisseurs: Teilst du die gleiche Meinung oder nicht? Begründe deine Meinung mit
schlagkräftigen Argumenten.
Fazit des Regisseurs
Auftrag 3: Nahrungsmittelverbrauch
Bisher war die Nahrungsmittelproduktion im Fokus. Was können wir beim Nahrungsmittelverbrauch verändern,
damit die Nahrungsmittel für 10 Milliarden Menschen ausreichen?
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a. Provinzen
b. Autonome Gebiete
c. Sonderverwaltungszonen
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Wie ist die Bevölkerung in China verteilt? Stelle mit Hilfe der Informationen aus den Abbildungen Hypothesen auf.
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8.3 Bevölkerungspolitik
Mao Zedong, Gründer und 1. Präsident der VR China, sah es als eine ausgezeichnete Sache
an, dass China eine grosse Bevölkerung hat. Er glaubte, dass „Produktion und Revolution" die
Probleme aus dem Bevölkerungsanstieg lösen würden. Maos Einschätzung war jedoch ver-
hängnisvoll, zielte sie doch nur auf eine zunehmende Zahl von Arbeitskräften ab, die für die
Produktion von Sachgütern und Dienstleistungen notwendig erschien, damit durch Wachs-
tum die wirtschaftliche Entwicklung voran kommen sollte. Nicht vorausgesehen wurde Fol-
gendes: Die Bevölkerung hat sich seit der Gründung der Volksrepublik 1949 bis zum Jahr
2012 von ca. 563 Mio. auf 1,35 Mrd. mehr als verdoppelt. Damit wuchs sie im Durchschnitt
der letzten 60 Jahre jährlich um mehr als 12,5 Mio., allerdings seit 2000 nur noch um knapp
8 Mio. pro Jahr. Trotzdem bedeutet dies eine schwer lösbare Aufgabe im Hinblick auf zusätz-
lich erforderliche Nahrungsmittel, Wohnungen und Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze. In den
1950er-Jahren lag die Geburtenrate zeitweise noch über 35 Promille. Schon damals traten
massive Versorgungsprobleme auf, die durch sozialistische Experimente noch verstärkt wur-
den. Deshalb wurden in den 1960er- Jahren erste Massnahmen zur Geburtenkontrolle ergrif-
fen. So gründete man Beratungsstellen für Familienplanung. Ab 1971 wurden als Idealbild
die Zwei-Kind-Familie und die Spätehe propagiert, letztere, um den Generationenabstand zu
vergrössern.
Nach Maos Tod 1976 beschlossen seine Nachfolger um die Auswirkungen des extremen Be-
völkerungsanstiegs in den Griff zu bekommen - ein repressives Programm zur Eindämmung
der hohen Geburtenrate. Dieses wurde ab 1979 unter dem Stichwort „Ein-Kind-Politik" be-
kannt.
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Bevölkerungsgeografie
b.
e. Wird die neu eingeführte Zwei-Kind-Politik zu einem enormen Anstieg der Neugeburten führen? Begründe. Beant-
worte diese Frage mit Hilfe des Zeitungsartikels unten.
29. Oktober 2015, 12:05 Uhr Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, dpa
Li Yan gehört zu einer der ersten Frauen in China, die eine offizielle Erlaubnis für ein zweites Kind erhalten hat.
China hat offiziell das Ende seiner umstrittenen Ein-Kind-Politik verkündet. Von nun an dürften alle Paare
mit staatlicher Erlaubnis zwei Kinder bekommen, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Der
Beschluss wurde bei einem viertägigen Treffen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei gefasst.
Bereits vor zwei Jahren hatte das Regime die umstrittene Familienpolitik gelockert. Seitdem durften Paare
zwei Kinder bekommen, wenn einer der beiden Elternteile selbst Einzelkind ist. Nun wird die Ein-Kind-
Regel komplett aufgehoben, um die schädlichen Auswirkungen auf die älter werdende Gesellschaft zu
beheben und die gezielte Abtreibung weiblicher Föten zu reduzieren.
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Denn die weltweit einzigartige Familienpolitik hat auch zu gefährlichen demografischen Problemen geführt. Vor allem
auf dem Land sind viele Orte völlig überaltert, weil alle jungen Menschen abgewandert sind. Zudem müssen in China
immer weniger Menschen für immer mehr Rentner aufkommen.
Als Antwort auf diese Probleme hatte die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften die Zwei-Kind-Lösung vorge-
schlagen. Für eine stabile Bevölkerung ist eine Quote von 2,1 Kindern pro Frau nötig. Eine Chinesin bekommt heute im
Durchschnitt jedoch weniger als 1,6 Kinder. Aber: Bereits die Lockerung der Ein-Kind-Politik hat nicht zu einem massiven
Anstieg der Geburtenrate geführt. Viele Eltern können sich bei den stark gestiegenen Preisen für Wohnraum und Aus-
bildung schlicht kein zweites Kind leisten. Das wird sich auch mit dem Ende der Ein-Kind-Politik nicht ändern.
Das Regime in China hatte die Ein-Kind-Regel 1979 eingeführt, um zu verhindern, dass die Bevölkerung zu schnell
wächst. Die Regierung wollte so die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen und gleichzeitig Ressourcen schonen.
Ohne die strikte Familienpolitik würden heute in China vermutlich etwa 300 Millionen Menschen mehr leben.
Die Generation der nach 1980 in China Geborenen unterscheidet sich dadurch deutlich von der ihnen vorhergehenden.
18 Prozent der "Generation Y" besuchten eine Hochschule, unter den in den fünfziger Jahren Geborenen waren es nur
1,71 Prozent. Die meisten der 1980 Geborenen wuchsen in einem Land mit sagenhaftem wirtschaftlichen Aufschwung
auf – viele davon bei ihren Grosseltern, weil ihre Eltern als Wanderarbeiter beschäftigt waren.
Im Jahr 2011 veröffentlichte die chinesische Akademie für Sozialwissenschaften ein Blaubuch der nach 1980 Geborenen.
Ihr zufolge sind diese gebildet und konsumfreudig und haben einen ausgeprägten Anspruch an ihren Arbeitsplatz. Im
Gegensatz zu früheren Generationen seien sie jedoch weniger bereit, sich anzustrengen, und hielten weniger Härten
und Bitterkeit aus – im chinesischen Vergleich. Die Eltern der Nach-1980-Geborenen investierten viel in ihren Nach-
wuchs, setzten ihn dadurch aber auch hohem Druck aus. Heirat und Familie sind in China wichtige Ideale, aber nur
schwer zu realisieren – auch, weil die finanziellen Ansprüche bei Verheiratungen steigen.
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Die offizielle Wohnsitzkontrolle ist bekannt dafür, dass sie die Landbe-
völkerung im Zeitalter der Urbanisierung vor grosse Probleme stellt.
Doch warum gibt es das Hukou-System überhaupt noch?
Das heutige Hukou-System basiert auf den sogenannten Hukou-Büchern – das sind Familienregister, die es in China schon
vor über 4.000 Jahren während der Xia Dynastie gab. Sie dienten vor allem der Kontrolle der Bevölkerung. Mit ihrer Hilfe
liessen sich zum Beispiel Steuern eintreiben oder der Wehrdienst organisieren.
Die KP nutzte das System unter Mao schliesslich zur Wohnsitzkontrolle. Durch den Hukou konnte eine Person den ihr zuge-
ordneten Wohnort nicht mehr verlassen. Um arbeiten zu können und Essen oder andere Güter erhalten zu können, muss-
ten die Chinesen an ihrem Bestimmungsort bleiben.
Auf diese Weise konnte die KP zwar die Überbevölkerung der Städte und die Bildung von Slums in den Vorstädten verhin-
dern, allerdings wuchsen durch das Hukou-System auch die sozialen Unterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern.
Reformen unter Deng Xiaoping (führte die Volksrepublik China von 1979 bis 1997) lockerten schliesslich das Hukou-System,
um den Bedarf an Arbeitskräften in den sich rapide entwickelnden Küstenstädten decken zu können.
Während es damals nur manchen Bürgern gestattet war, inoffiziell umzuziehen, leben heute 150 bis 200 Millionen Chinesen
nicht an ihrem offiziellen Wohnort. Doch weil sich diese Menschen in den Grossstädten nicht offiziell melden können, wer-
den sie von städtischen Privilegien ausgeschlossen. Dazu zählen unter anderem der freie Zugang zu Schulen und Universitä-
ten oder die Inanspruchnahme von Sozialleistungen. Auch die ländliche Krankenversicherung greift nicht in den Städten,
weil sie nur für Behandlungen am offiziellen Wohnort aufkommt.
Die Wanderarbeiter werden also wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Und auch ihre Arbeitgeber zeigen sich wenig barm-
herzig: Meistens müssen die Wanderarbeiter für billiges Geld ohne Arbeitsvertrag schuften und wohnen in notdürftigen
Baracken oder übernachten gar im Freien. Hunderte Kilometer von ihren Familien entfernt, versorgen sie mit dem hart
verdienten Lohn die Verwandten in der Heimat.
Läuft es jedoch gut für einen Wanderarbeiter in der Stadt, zieht immer häufiger die Familie nach. Das hat vor allem für die
Kinder schwerwiegende Folgen. In den städtischen Schulen werden mittlerweile über 20 Millionen Kinder von Wanderarbei-
tern benachteiligt. Sie dürfen nicht an Prüfungen teilnehmen und teilweise wird ihnen der Zutritt zu den Schulen sogar ganz
verwehrt.
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Bevölkerungsgeografie
Dennoch lässt sich das Hukou-System weder einfach reformieren noch ganz abschaffen. Man befürchtet Massenmigratio-
nen, die zum Zusammenbruch der Sozialsysteme in den Städten führen könnten. Und die ohnehin unterentwickelten ländli-
chen Regionen würden den Städten dann noch mehr hinterherhinken.
Zwar gibt es Städte wie Guangzhou, Shenyang oder Chengdu, wo die Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung
bereits aufgehoben wurden. Doch landesweite Reformen drohen auch an den Interessen der Bauern zu scheitern. Ihnen
bringt der Land-Hukou teilweise mehr als ein Stadt-Hukou, zum Beispiel wenn sie Landbesitzer sind. Nur mit einem Land-
Hukou erhalten sie weiterhin Agrarsubventionen und können auf ihrem Grundstück in der Heimat bauen. Zudem fallen mit
einem Land-Hukou umfangreiche Entschädigungszahlungen an, sollten die Bauern ihr Land einmal an den Staat abgeben
müssen.
Die chinesische Regierung sieht trotz allem Handlungsbedarf. 2013 wurden umfassende Reformen angekündigt. Seitdem
wird in China heiss darüber diskutiert, wie die Reformen umgesetzt werden könnten, um möglichst viele Chinesen von den
Änderungen profitieren zu lassen.
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Quellen
▪ Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (2021): Weltbevölkerung, www.weltbevölkerung.de
▪ Bähr (1997): Bevölkerungsgeographie, www.klett.de
▪ Egli, Hasler (Hrsg.) (2016): Geografie. Wissen und verstehen. Ein Handbuch für die Sekundarstufe II.
▪ Thurn Valentin (2015): 10 Milliarden – Wie werden wir alle statt? https://www.thurnfilm.de/10-milliarden-wie-werden-wir-alle-satt/
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8. Die Bevölkerungswanderungen
Räumliche Bevölkerungsbewegungen werden als Wanderung oder, wenn sie grenzüberschreitend und dauer-
haft vollzogen werden, als Migration (lat. «migrare» = übersiedeln) bezeichnet. Millionen von Menschen sind
jährlich auf der Suche nach einem neuen Wohnort unterwegs. Bei vielen geschieht dies freiwillig und wird durch
den Wechsel des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes bedingt. Verheerende Naturereignisse, ökologische Katastro-
phen, politische Konflikte und Kriege lösen aber immer wieder unfreiwillige Wanderungsbewegungen, Flücht-
lingsströme aus, häufig über Landesgrenzen hinweg.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich weltweit aber auch eine verstärkte Binnenmigration in die
Stadtregionen beobachten. Als Push-Faktoren (Faktoren, die zur Landflucht führen) werden die schlechten Le-
bensbedingungen und hemmende Sozialstrukturen (Druck der Grossfamilie auf junge Menschen, Kastenwesen),
aber auch das geringe Preisniveau auf dem Weltmarkt für Agrarprodukte und das Fehlen qualitativ hochstehen-
der Arbeitsplätze genannt. Umgekehrt gelten Städte als Orte, die gerade jungen Menschen viele Möglichkeiten
und Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten, aber auch mit einem breiten kulturellen Angebot und vielfältigen
Möglichkeiten der Freizeitgestaltung locken. Der Zugang zu einem breiten Warenangebot zählt ebenfalls zu
den Pull-Faktoren (Faktoren, die die Stadt attraktiv machen).
Jedes Jahr wechseln viele Menschen den Wohnort von einem Land in ein anderes, Internationale Migration. Die
Auswanderung wird als Emigration, die Einwanderung als Immigration bezeichnet. In den Industrieländern,
wie z.B. der Europäischen Union, ist eine ständige berufsbedingte Umlagerung zu beobachten. Die Nachfrage
nach Arbeitskräften und hohe Sozialleistungen steuern die Zuwanderung, während die hohe Arbeitslosigkeit in
den Randregionen die Abwanderung fördert. Andererseits ziehen sich Menschen, die altersbedingt aus dem
Arbeitsprozess ausscheiden, häufig in ihre alten Herkunftsgebiete oder in landschaftlich attraktive Regionen
zurück. Mit der Anwendung von qualifizierenden Einwanderungskontrollen über ein Punktesystem, wie es zum
Beispiel Australien anwendet, stellen Industrieländer sicher, dass junge, hoch qualifizierte Berufsleute vorrangig
aufgenommen werden. So haben aus Staaten der Dritten Welt nur sehr gut ausgebildete Fachkräfte überhaupt
eine Chance, dort eine Niederlassungsbewilligung zu erhalten. Das hohe Lohnniveau und die guten Anstellungs-
bedingungen bewirken dann meist eine rasche Integration der ganzen Familie in die Mittelschicht des Aufnah-
melandes, wodurch eine Rückkehr meist nicht in Betracht gezogen wird. Neben der Aufnahme von Familien-
nachzüglern, Flüchtlingen und Arbeitsmigranten vergeben die Vereinigten Staaten zusätzliche Einwanderungs-
bewilligungen über eine Lotterie (sogenannte «Green Cards»).
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Bevölkerungsgeografie
Aufgabe: - Sucht zu zweit im Internet nach Beispielen die eine Migration beschreiben.
- Nenne Pull- und Pushfaktoren für Emigranten und ordne diese den folgenden
Migrationsfaktoren zu.
Gesellschaftlich in-
duzierte Migration
Ökonomisch
induzierte Migration
Ökologisch induzier-
te Migration
Demografisch indu-
zierte Migration
- Zähle positive und negative Folgen der Migration für das Herkunftsland und für das
Zielland auf.
- Finde heraus wie hoch der Anteil an Ausländischer Bevölkerung in der Schweiz ist?
- Was denkst du woher kommen die meisten Ausländer, die in der Schweiz
wohnen?
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7. Flüchtlinge
Grössere Naturkatastrophen, wirtschaftliche Krisen oder Umweltzerstörung, vor allem aber auch Armut, be-
waffnete Konflikte und Menschenrechtsverletzungen zwingen Menschen zur Migration. Sie sind
als Flüchtlinge auf der Suche nach einem sicheren Wohn- und Arbeitsort unterwegs und sehen, da sie überall als
Belastung empfunden werden, einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Genfer Flüchtlingskonvention fasst den
Flüchtlingsbegriff enger und anerkennt als Flüchtling eine Person, die «… aus der begründeten Furcht vor Verfol-
gung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen
ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und
den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch
nehmen will…». Damit steht diesen Menschen eigentlich das Aufenthaltsrecht in einem sicheren Staat zu, falls
ihnen der Nachweis der Verfolgung gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention gelingt.
Die Integration von Flüchtlingen gestaltet sich gerade in den reichen Industrieländern nicht immer einfach. Sie
gelten bei der einheimischen Bevölkerung als soziale Belastung, ihre Bewegungsfreiheit wird durch spezielle
Ausweise oft eingeschränkt, und sie dürfen längere Zeit keine Arbeit annehmen. Flüchtlinge werden häufig aus-
gegrenzt, grössere Flüchtlingsgruppen etwa in Lagern zusammengefasst und von der Uno oder vom Roten Kreuz
betreut. Illegal in ein Land eingereiste Flüchtlinge tauchen unter und leben in ständiger Angst, entdeckt zu wer-
den. Sie verfügen bei Krankheit oder Unfall über keinen Versicherungsschutz, ihre Kinder sind vom Schulbesuch
ausgeschlossen. Ihnen droht die Ausschaffung, falls sie aufgegriffen werden und ihre Identität und Nationalität
festgestellt werden kann.
Das Flüchtlingshilfswerk der UNO (UNHCR, U.N. High Commissioner for Refugees) verzeichnete Ende 2017 68,5
Millionen Menschen, die sich auf der Flucht befanden. 40 Millionen Menschen befanden sich
als Binnenvertriebene innerhalb des eigenen Landes auf der Flucht, 28,5 Millionen Menschen haben ihre Heimat
als Flüchtlinge verlassen.
Eine Bedrohung Europas durch Flüchtlinge wird in den Massenmedien oft publikumswirksam aufgemacht. Die
aktuelle Diskussion darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade im 19. Jahrhundert viele Menschen in
Europa – auch in der Schweiz – aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen waren auszuwandern, um sich in Osteu-
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ropa, Nord- oder Südamerika oder Australien eine neue Existenz aufzubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf
dann die Nachkriegs-Hochkonjunktur in Westeuropa ein hohes Arbeitsplatzangebot, sodass Fremdarbeiter mithel-
fen mussten, den Mangel an Erwerbstätigen zu überwinden. Dabei wanderten in die Schweiz nicht nur Arbeits-
kräfte, zuerst meist aus Italien, ein, sondern wenig später wurde oftmals die ganze Familie nachgezogen. Auf eine
Rückwanderung nach dem Erreichen des Ruhestandes wurde häufig verzichtet, da sich die Kinder, die zweite
Generation (heute als «Secondos» bezeichnet), durch den Schulbesuch und die berufliche Ausbildung bereits
weitgehend integriert hatten und sich nur noch locker mit dem ursprünglichen Heimatland verbunden sahen.
Aufgabe: - Warum mussten im 19. Jahrhundert viele Walliser ihre Heimat verlassen?
- Hast du Auswanderer in deiner Familie, die zu dieser Zeit die Heimat verlassen
mussten? Informiere dich auch bei deinen Eltern.
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