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Lektion 1

Das Dokument beschreibt den Status und die Varietäten der deutschen Sprache in verschiedenen Ländern. Deutsch ist Amtssprache in sieben Staaten, wobei der Status und die Verwendung in den einzelnen Staaten unterschiedlich ist. Aufgrund regionaler Unterschiede wird Deutsch als plurizentrische und pluriregionale Sprache bezeichnet.

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Lektion 1

Das Dokument beschreibt den Status und die Varietäten der deutschen Sprache in verschiedenen Ländern. Deutsch ist Amtssprache in sieben Staaten, wobei der Status und die Verwendung in den einzelnen Staaten unterschiedlich ist. Aufgrund regionaler Unterschiede wird Deutsch als plurizentrische und pluriregionale Sprache bezeichnet.

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Thema 1.

Die deutsche Sprache und die deutschsprachigen Länder

Deutsch als staatliche Amtssprache und die deutschsprachigen Staaten

Deutsch ist staatliche Amtssprache in insgesamt sieben Staaten. Damit ist gemeint, dass
Deutsch zumindest in der staatlichen Regierung oder Verwaltung verwendet wird. Amtssprachen
haben aber nicht immer den gleichen Status. Zunächst ist nach Ammon (1991: 54 f.) zu
unterscheiden zwischen offiziell deklarierten Amtssprachen, die in der Verfassung eines Staates
oder durch besondere Rechtsakte als solche festgelegt sind, und faktischen Amtssprachen, die
zwar nicht offiziell als solche deklariert wurden, aber de facto erstreckt sich die Verwendung des
Deutschen auch auf andere gesellschaftliche Domänen wie Justiz, Schule, religiöses Leben,
Militär, Medien und andere. Man unterscheidet daher zwischen amtlichem Status und amtlicher
Funktion. Deutsch ist deklarierte Amtssprache in Österreich und in Schweiz, aber nur faktische
Amtssprache mit amtlicher Funktion in Deutschland, wo es nicht gesetzlich verankert wurde.

Dennoch ist die Stellung des Deutschen in den sieben Staaten recht unterschiedlich. In
manchen ist Deutsch die einzige Amtssprache auf nationaler Ebene, wird also in den zentralen
Staatsorganen verwendet und auch in den Außenkontakten des Staates (solo-offiziell). In
anderen Fällen ist Deutsch nationale Amtssprache zusammen mit anderen Sprachen (ko-
offiziell). Eine deutlichere Statuseinschränkung besteht dann, wenn Deutsch nicht auf nationaler,
sondern nur auf regionaler Ebene staatliche Amtssprache ist.
Nationale Amtssprache
Solo-offiziell Ko-offiziell
BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND SCHWEIZ (Deutsch neben Französisch, Italienisch und
ÖSTERREICH Rätoromanisch) LUXEMBURG (Deutsch neben
LIECHTENSTEIN Französisch und Letzeburgisch)
Regionale Amtssprache
Deutschsprachige Gemeinschaft in BELGIEN (nur Deutsch - bei subsidiärer Verwendung von Französisch)
Autonome Provinz BOZEN-SÜDTIROL in ITALIEN (Deutsch neben Italienisch und gebietsweise auch
Ladinisch)
Abb. 1 Staaten mit Deutsch als Amtssprache und jeweiliger Status

In Deutschland, Österreich und Liechtenstein ist die deutsche Sprache solo-offizielle


Amtssprache auf nationaler Ebene, da sie im Gesamtgebiet dieser Staaten jeweils alleinige
Amtssprache ist. Ferner ist sie in Luxemburg nationale Amtssprache, denn auch dort gilt sie im
gesamten Staatsgebiet. Allerdings ist sie ko-offiziell, denn Französisch und Letzeburgisch, die
Muttersprache der meisten Luxemburger, sind ebenfalls nationale Amtssprachen. In der Schweiz
gibt es vier ko-offizielle, nationale Amtssprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Räto-
romanisch. Schweizer dürfen sich in jeder dieser Sprachen an ihre Bundesbehörden wenden.
Eine Sonderstellung nimmt das Rätoromanische ein, denn es übernimmt nur für Muttersprachler
die amtliche Funktion. Auf kantonaler und lokaler Ebene sind die vier o. g. Sprachen nicht
automatisch Amtssprachen, denn dort greift das sogenannte Territorialprinzip, nach dem jeder
Kanton selbst festlegen kann, in welcher der vier Sprachen die behördliche Kommunikation
stattfinden soll. Hier müssen sich die Bürger also an die kantonale Regelung halten.
In Italien ist Deutsch regionale Amtssprache, denn es gilt nicht im gesamten Territorium,
sondern nur in der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol (kurz: Südtirol), wo es gemeinsam mit
Italienisch ko-offizielle Amtssprache ist. Außerdem ist es regionale, solo-offizielle Amtssprache
in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Ostbelgien.
Bis zum Jahr 1990 war Deutsch übrigens regionale Amtssprache auch in Namibia, dem
früheren Deutsch-Südwestafrika; jedoch hat es diesen Status mit der Unabhängigkeit Namibias
1990 verloren.
Übrigens gibt es in allen Staaten, in denen Deutsch Amtssprache ist, auch sprachliche
Besonderheiten des Standarddeutschen. Man nennt diese einzelnen nationsspezifischen
Sprachformen nationale Varianten des Deutschen. Sie sind besonders auffällig im Wortschatz
(Abitur „allgemeine Hochschulreife“ D, Matur CH, Matura A CH; Doktorand „Person, die an
einer Dissertation schreibt“ CH D, Promovend D, Dissertant A), in der Pragmatik (guten Tag! D,
Grüß Gott! A (auch süddt.), Grüezi! CH; Tag! „familiärer Begegnungsgruß“, Servus! A,
Grüezi/Salü! CH), existieren aber zum Teil auch in der Grammatik, vor allem in Wortbildung
und Flexion, der Aussprache. Nur die Satzsyntax im engeren Sinn scheint so gut wie nicht
betroffen und die Orthographie aufgrund gezielter Koordination zwischen den deutschsprachigen
Ländern nur in sehr geringem Maße (kein ß in der Schweiz, vereinzelte spezifische
Wortschreibungen in Österreich, z.B. Kücken statt Küken oder Buffet statt Büfett). Das
Standarddeutsch jedes dieser Staaten, das eine spezifische Ausprägung hat, nennt man auch eine

nationale Varietät des Deutschen d.h. sie umfasst ganze Sprachsysteme inklusive Lautung,
Wortschatz, Grammatik etc.
Alle Staaten oder Teile von Staaten, in denen Deutsch staatliche Amtssprache ist, bilden
zusammengenommen die Amtssprachregion des Deutschen. Die Amtssprachregion des
Deutschen ist nicht identisch mit der Region, in der Deutsch als Muttersprache gesprochen wird.
Einerseits gehört zu dieser Muttersprachregion nicht Luxemburg, für dessen Bevölkerung das
Letzeburgische Muttersprache ist, die aus einem Dialekt des Deutschen durch Kultivierung und
Standardisierung hervorgegangen ist; andererseits erstreckt sich die Muttersprachregion des
Deutschen über seine Amtssprachregion hinaus auf viele geographisch nicht zusammenhängende
Gebiete, in denen deutschsprachige Minderheiten leben, deren Muttersprache an Ort und Stelle
keinen amtlichen Status hat. In vielen Staaten genießen sie spezielle Minderheitenrechte zur
Pflege ihrer Muttersprache: in Argentinien, Australien, Belize, Bolivien, Brasilien, Chile,
Dänemark, Eckuador, Frankreich, Israel, Kanada, Kolumbien, Mexiko, Namibia, Paraguay, Peru,
Polen, Rumänien, Russland, der Ukraine, Kasachstan, Südafrika, Tschechien, der Slowakei,
Ungarn, Uruguay, den USA und Venezuela.
Der Terminus deutschsprachige Länder bezieht sich zumeist auf diejenigen vier Staaten,
in denen die Muttersprachler des Deutschen die Bevölkerungsmehrheit bilden und in denen
aufgrund dessen Deutsch auch staatliche Amtssprache auf nationaler Ebene ist: die
Bundesrepublik Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein.
Abb. 2 Amtsspracheregion des Deutschen

Plurizentrizität, Pluriregionalität und Plurinationalität der deutschen Sprache

Obwohl keine Ozeane zwischen den deutschsprachigen Ländern liegen, haben sich
Unterschiede in ihren Standardvarietäten herausgebildet, die es rechtfertigen, Deutsch als eine
plurizentrische Sprache zu bezeichnen. Was heißt plurizentrische Sprache? Sprachen mit nur
einem Sprachzentrum, genauer: einem Vollzentrum, nennt man unizentrisch; im Falle von
mehreren Zentren (mehr als einem) spricht man von einer plurizentrischen Sprache wie das
Englische, Spanische oder Französische, für die ebenfalls in verschiedenen Staaten
unterschiedliche nationale Standards existieren. Die entsprechenden Eigenschaften einer Sprache
nennt man Unizentrizität bzw. Plurizentrizität.

Das Deutsche weist auch Unterschiede innerhalb einzelner Staaten auf, so dass man auch
von Pluriregionalität des Deutschen sprechen kann. So gibt es Wortschatzunterschiede zwischen
Ost- und Westösterreich (z.B. Obers-Rahm „Sahne“, Fleischhacker/Fleischhauer-Metzger
„Fleischer“), wie auch zwischen Nord- und Süddeutschland (Sonnabend-Samstag, Apfelsine-
Orange), wo außerdem Unterschiede bestehen in der Wortgrammatik (z.B. ich habe gestanden –
ich bin gestanden), der Pragmatik (Begegnungsgruß Guten Tag – Grüß Gott) sowie der
Aussprache im Gebrauchsstandard. Die sprachlichen Unterschiede zwischen den Staaten sind
jedoch größer (z. B. Aprikose in Deutschland und der Schweiz – Marille in Österreich).

Die nationalen Unterschiede im Standarddeutschen sind gewichtiger als die bloß


regionalen wegen ihrer politischen Symbolik und Funktion. Vor allen in Österreich haben sich
patriotisch gesonnene Intellektuelle – Sprachwissenschaftler, Autoren und Politiker – für
nationale standardsprachliche Besonderheiten engagiert. Beispiele dafür sind:

 Die Institutionalisierung eines Österreichischen Wörterbuchs, das die nationalen


Varianten des Landes enthält;

 die gezielte Bereicherung der nationalen Standardvarietät durch Einbeziehung bislang


umgangssprachlicher und dialektaler Varianten;

 nationalvarietäts-puristische Bestrebungen, die sich insbesondere gegen das Eindringen


von Sprachformen aus Deutschland richten;

 die vertragliche Absicherung beim Beitritt zur Europäischen Union (EU), dass spezifisch
österreichische Sprachvarianten – bislang 23 an der Zahl (Erdäpfel, Paradeiser, Fisolen,
Karfiol, Ribisel, Powidl, Topfen u.a.) – in Amtstexten der EU neben den Varianten
Deutschlands genannt werden müssen.

Diese Bemühungen lassen sich kaum anders erklären, als dass die österreichischen
Sprachvarianten als die Nationalsymbole dienen, vor allem zur Demonstration nationaler
Selbständigkeit gegenüber Deutschland. Demgegenüber fungieren die kaum weniger zahlreichen
Besonderheiten des Standarddeutschen der Schweiz nur als sekundäre Nationalsymbole. Zur
Demonstration nationaler Eigenständigkeit dient der deutschsprachigen Schweiz vor allem der
Dialekt (Schwyzerdüütsch – variierende Schreibung), der in Diglossie mit dem eigenen
Standarddeutsch (Schweizerhochdeutsch) gepflegt und „rein“ erhalten wird (Dialektpurismus).
Die Besonderheiten des Standarddeutschen in Deutschland haben keinerlei bewusst gepflegte
national-symbolische Funktion, auch keine nachgeordnete. Allerdings fungieren sie als
unwillkürliche charakteristische Merkmale, an denen die anderen deutschsprachigen Nationen
die Bewohner Deutschlands erkennen.

Die Plurinationalität der deutschen Sprache ist geprägt von der unterschiedlichen Größe
der beteiligten Länder (Deutschland 82, Österreich 8.5, deutschsprachiger Teil der Schweiz 5
Mio. Einwohner). Adjektiv deutsch bezieht sich sowohl auf „Deutschland“ als auch die deutsche
Sprache. Österreichs Nationalvarianten werden Austriazismen und die der Schweiz Helvetismen
genannt, während die Nationalvarianten Deutschlands Teutonismen oder Deutschlandismen
genannt werden. Außer der unterschiedlichen Größe hat das aggressive Verhalten Deutschlands
dazu beigetragen, dass die nationalen Sprachbesonderheiten Österreichs und der Schweiz
hauptsächlich zur Distanzierung von Deutschland dienen.

Im Gegensatz zu Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz verfügen


Luxemburg, Lichtenstein, die deutschsprachige Gemeinschaft in Ostbelgien und die Provinz
Bozen-Südtirol in Norditalien nur über Wortschatz-Besonderheiten ihres jeweiligen
Standarddeutschs. Sie haben außerdem keine eigenen Nachschlagewerke, keinen eigenen
Sprachkodex. Dagegen ist der Sprachkodex Deutschlands sehr umfangreich (mehrere große
Wörterbücher), darunter ein 10-bändiges des autoritativen Dudenverlags (1999), die Dudenreihe
in 12 Bänden und vieles mehr. Auch Österreich verfügt über ein Wörterbuch mittlerer
Größenordnung (Österreichisches Wörterbuch) und die Schweiz immerhin über eigene
Schülerwörterbücher. Aufgrund des Mangels eigenen Kodexes geringeren Autonomie der
eigenen Nationalvarietät sowie der weit begrenzten Zahl spezifischer Varianten spricht man im
Falle von Luxemburg, Liechtenstein, Ostbelgien und Norditalien nur von nationalen
Halbzentren der deutschen Sprache, im Falle von Deutschland, Österreich und der
deutschsprachigen Schweiz dagegen von nationalen Vollzentren.

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