Klima Buch 1
Klima Buch 1
Wissenschaftliche Auswertungen
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E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE KLIMAPROBLEM
INHALT Seite
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Unser veränderliches Klima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Ursachen von Klimaänderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Einfluß des Klimas auf die Geschichte der Menschheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Folgen der Intensivierung des El Niño- und La Niña-Phänomens . . . . . . . . 7
Der Mensch beeinflußt das Klima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Der anthropogene Treibhauseffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Hauptquellen der Emissionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Emissionen nach Ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Das Klima des 21. Jahrhunderts – Änderungen und Folgen . . . . . . . . . . . 12
Entwicklung der globalen bodennahen Lufttemperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Regionale Änderung der Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Änderung der großen Eisschilde und Rückgang der Gebirgsgletscher . . . . . . . . . . . . . 14
Meeresspiegelentwicklung und Gefährdung von Küstenregionen . . . . . . . 15
Gefährdung von Pflanzen und Tieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Folgen für die Landwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Zunahme der Desertifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Intensivierung des Wasserkreislaufes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Wasserverfügbarkeit und Wasserknappheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Das Beispiel Afrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Wann gibt es den Beweis für eine Klimaänderung?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Betroffen sind oft nicht die Verursacher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Kioto-Protokoll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Veränderung der globalen Vegetation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Volkswirtschaftliche Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Einfluß auf die Gesundheit des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Aus der Buchreihe Warnsignale: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Sprache: Deutsch
Bestellung (kostenlos): Senden Sie bitte einen mit EUR 2,- frankierten Briefumschlag (DIN A4)
an das Büro: »Wissenschaftliche Auswertungen«
Dr. J. L. Lozán, Imbekstieg 12, 22527 Hamburg
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GLOBALE KLIMAPROBLEM
Aufgrund des großen Interesses erscheint die vorliegende Broschüre zum [Link] Vo r w o r t
ergänzt und aktualisert. Aus Anlass der Informationstage »Das Klima des 21.
Jahrhunderts« vom 22. bis 24.9.1998 erschien sie zum ersten Mal und war nach
kurzer Zeit vergriffen. Später für EXPO 2000 in Hannover wurde eine neue größe-
re Auflage in englischer, spanischer und französischer Sprache gedruckt. Eine
[Link] Auflage auf englisch wurde im Jahre 2001 im Rahmen der Fortset-
zung der [Link] zur Rahmenkonvention über Klimaänderun-
gen verteilt.
Das Heft enthält in knapper und leicht verständlicher Form Informationen über
das Klima der Gegenwart und vergangener Zeiten, dessen Beeinflussung durch den
Menschen und seine Bedeutung für Gesellschaft und Natur. Ein wesentlicher Teil
befasst sich mit dem Klima der Zukunft. Viele seit den 1980er Jahren für das 21.
Jahrhundert prognostizierte Änderungen sind bereits deutlich zu erkennen: Anstieg
der mittleren Temperatur an der Erdoberfläche, Verschiebung der Niederschlags-
zonen, Anstieg des Meeresspiegels, Schrumpfung der Gebirgsgletscher u.a.
Mit dieser Broschüre und der Herausgabe des Buches »Warnsignal Klima«
(1998 in deutscher Sprache, 2001 in englischer Sprache) soll ein Beitrag zur
breiten öffentlichen Diskussion über unseren Umgang mit Atmosphäre und Erd-
oberfläche und zur Meinungsbildung über die Notwendigkeit von Klimaschutz
geleistet werden. Das Ziel ist die Verminderung des Risikos für kommende Gene-
rationen. Es ist allgemein bekannt, daß die klimatischen Bedingungen eine existen-
tielle Bedeutung für die Menschheit haben.
Die Risiken der Klimaveränderungen wurden vor längerer Zeit erkannt. Auf
Vorschlag von UNEP und WMO - beide UN-Organisationen -wurde 1988 das
»Intergovernmental Panel on Climate Change« (IPCC) ins Leben gerufen. Das
IPCC ist ein Gremium von über 2000 Wissenschaftlern aus aller Welt, die die
Forschungsergebnisse zu den Ursachen und Folgen des anthropogen verstärkten
Treibhauseffekts bewerten.
Am meisten durch den verstärkten Treibhauseffekt betroffen werden Länder wie
Mosambik oder Äthiopen mit einem Jahreseinkommen von weniger als 200 $ pro
Kopf, also arme Länder, die kaum Treibhausgase emittieren. Beispielsweise beträgt
die CO2-Emission afrikanischer Länder nur 3,2% der globalen Emissionen, wäh-
rend die G7-Länder mit einem Jahreseinkommen von knapp 20.000 $ pro Kopf
über 40% der globalen Emissionen verursachen. UNEP-Direktor Klaus Töpfer
sprach in diesem Zusammenhang im deutschen Fernsehen am 16.4.2000 von einem
Akt ökologischer Agression der Industrieländer.
Für den Klimaschutz sind nicht nur die Politiker verantwortlich, die die natio-
nalen und internationalen Rahmenbedingungen festlegen, sondern auch jeder
einzelne Mensch. Mit der Forderung an die Politiker, mehr für den Klimaschutz zu
tun, soll sich auch jeder gleichzeitig selbst verpflichten, verantwortungsbewusst zu
handeln und für die Klimaschutzziele einzutreten.
In der beigefügten Einlage sind Maßnahmen aufgelistet, die zu geringerem
Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen führen. Der Klima-
schutz muß zu Hause durch eine geänderte Lebensweise in der Familie anfangen.
Wenn alle Bürger die einfachen Grundsätze befolgen würden, wäre ein erheblicher
Teil des Klimaproblems gelöst und keineswegs die Lebensqualität gemindert.
Diese Broschüre soll den in der Presse zu lesenden »Horrormeldungen« über
die Klimaentwicklung aber auch der Verharmlosung des Klimaproblems entgegen-
wirken.
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GLOBALE KLIMAPROBLEM
J EDER WEISS , DASS DIE A TMOSPHÄRE MIT IHREN HÄUFIG BEEINDRUCKENDEN W ETTERABLÄUFEN ZU
DEN ENTSCHEIDENDEN U MWELTFAKTOREN DES M ENSCHEN GEHÖRT. D IE HEUTIGE A TMOSPHÄRE HAT
SICH ÜBER HUNDERTE M ILLIONEN J AHRE HINWEG ENTWICKELT , WOBEI DIE Z UNAHME DES S AUER -
STOFFANTEILS ALS V ORAUSSETZUNG FÜR DIE E NTWICKLUNG DES L EBENS AUF DER FESTEN E RDE VON
ENTSCHEIDENDER B EDEUTUNG WAR. D AMIT AUFS ENGSTE VERBUNDEN WAR DIE H ERAUSBILDUNG DER
STRATOSPHÄRISCHEN O ZONSCHICHT , DIE BEKANNTLICH ALS F ILTER FÜR DIE SCHÄDLICHEN KURZWELLI -
GEN A NTEILE DER UV-STRAHLUNG DIENT . D ER JEDEM VERTRAUTE B EGRIFF »WETTER« BEZEICHNET
STRENG GENOMMEN DEN AUGENBLICKLICHEN Z USTAND DER A TMOSPHÄRE , IST ABER AUCH DER S AMMEL-
BEGRIFF FÜR ATMOSPHÄRISCHE P ROZESSE , DIE SICH INNERHALB VON MAXIMAL WENIGEN W OCHEN
ABSPIELEN UND DIE DER VON EINEM GEMESSENEN A NFANGSZUSTAND AUSGEHENDEN W ETTERVORHERSA -
GE PRINZIPIELL ZUGÄNGLICH SIND . P ROZESSE LÄNGERER Z EITSKALEN RECHNET MAN DEM K LIMA ZU .
NACH DER MODERNEN AUFFASSUNG KÖNNEN WIR KLIMA ALS DIE SYNTHESE DES WETTTERS ÜBER EINEN
ZEITRAUM AUFFASSEN, DER LANG GENUG IST, UM DIE STATISTISCHEN EIGENSCHAFTEN WIE MITTELWERT,
STREUUNG UND EXTREMWERTE DER DEN ZUSTAND DER ATMOSPHÄRE BESCHREIBENDEN GRÖSSEN
BESTIMMEN ODER ZUMINDEST ABSCHÄTZEN ZU KÖNNEN. W ICHTIG IST , DASS K LIMA AUF KEINEN F ALL
NUR MIT DEM M ITTELWERT GLEICHGESETZT WERDEN DARF .
D
as Klimasystem der Erde umfasst die großen Naturbereiche Atmosphäre, Hydro-
sphäre (vor allem den Ozean), Kryosphäre (Eis und Schnee), Lithosphäre
(Gesteinshülle) und Biosphäre, die untereinander und auf äußere Einflüsse zeitlich ganz
unterschiedlich reagieren (Abb. 1). Der entscheidende Antrieb dieses Systems ist die Energie von
der Sonne. Die ungleichmäßige Verteilung der Wärmequelle und auch der Wärmesenken (Erwär-
mung in den Tropen, Abkühlung in den Polargebieten) treibt die globale Zirkulation in Atmosphä-
re und Ozean an und schafft die verschiedenen Klimate. Die mittlere Oberflächentemperatur von
etwa 15 °C ist dem natürlichen Treibhauseffekt zu verdanken, der aus der starken Absorption der
von der Erdoberfläche ausgehenden Wärmestrahlung durch Wasserdampf, Kohlendioxyd und
andere drei- und mehratomige Spurengase in der Atmosphäre folgt (Abb. 6). Ohne Treibhauseffekt
läge diese Temperatur um ca. 33 °C niedriger als beobachtet.
Die Hauptursache des Klimaproblems unserer Zeit ist die seit über 100 Jahren steigende
Emission von Kohlendioxyd, Methan und anderen Treibhausgasen, wodurch der Treibhauseffekt
erhöht wird. Dieser zusätzliche Treibhauseffekt wird zusammen mit Rückkoppelungen innerhalb
des Klimasystems zu einer weiteren mittleren globalen Erwärmung und damit zu einem regional
sehr unterschiedlichen Klimawandel führen.
Innerhalb des Klimasystems ist das Meer von großer Bedeutung. Die hohe Wärmekapazität des
Meerwassers und die Besonderheiten seines Wärmehaushaltes wie die Durchmischung der oberen
Schichten dämpfen den Jahresgang der Temperatur. Auch zum Wärmeausgleich zwischen den
höheren und niederen Breiten trägt neben der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre die des
Ozeans zu etwa gleichen Teilen bei. Gelangt wärmeres Wasser in die kalten Gebiete höherer Breiten,
kühlt sich das Wasser durch starke Wärmeabgabe an die Atmosphäre so weit ab, dass es dichter als
Abb. 1:
Das Klimasystem mit
seinen verschiedenen
Systemteilen
(Quelle: DKRZ/MPI-
Hamburg)
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diejenige in tieferen Schichten werden kann und dann absinkt. Diese Konvektion ist umso tief-
reichender, je stärker die Abkühlung ist. Auf diese Weise wird besonders im hohen Nordatlantik
neues Tiefenwasser gebildet, das eine globale Tiefenzirkulation antreibt. Es entsteht ein riesiger
ozeanischer Kreislauf in der Art eines »Förderbandes« (»oceanic conveyor belt«, Abb. 3), dessen
Umlaufperiode bis zu ca.1000 Jahre beträgt. Störungen der Anregung dieses Kreislaufes, vor allem
im Nordatlantik, führen je nach ihrer Stärke und Dauer zu nachhaltigen Klimaschwankungen in
großen Gebieten. Der Ozean wirkt aber nicht nur thermisch auf das Klima, sondern auch als Teil
großer biogeochemischer Kreisläufe, insbesondere des Kohlenstoffs.
O
hne Kenntnis der Klimageschichte ist ein realistischer Ausblick in die Klimazukunft kaum Ursachen von
möglich. Die Eigenschaften vergangener Klimate sind u.a. in den terrestrischen und marinen K l i m a ä n d e r u n g e n
Sedimenten, in den großen Eisschilden der Antarktis und Grönlands, in biosphärischen
Spuren wie Pollen, Baumringen, Korallenriffen, alten Naturgrenzen sowie für die jüngste Geschichte
auch in menschlichen Zeugnissen gespeichert. Besonders gut erforscht ist das quartäre Eiszeitalter
der letzten 1,5 Mio. Jahre mit seiner Abfolge von Warm- und Kaltzeiten. Diese Klimawechsel
hängen ursächlich mit den langfristigen Änderungen der Bahnparameter der Erde um die Sonne
zusammen, die die Sonnenenergie auf der Erde umverteilen. Als weitere Ursachen lang- und
kurzfristiger Schwankungen des Klimas kommen auch Änderungen der Strahlungsintensität der
Sonne selbst in Betracht. Bekanntester Ausdruck der veränderlichen Solaraktivität ist die Anzahl der
Sonnenflecken, die schon seit Jahrhunderten beobachtet werden. Die der gegenwärtigen Erwärmung
seit Mitte des 19. Jh. vorausgehende Klimaphase war die »Kleine Eiszeit« seit Mitte des 16. Jh., die
durch Zeitabschnitte erniedrigter Sonnenfleckenzahl gekennzeichnet war. Man erkennt Schwankun-
gen des Strahlungsflusses von der Sonne von max. 5 Watt/m² (Abb. 2). Aufgrund der Kugelgestalt
der Erde (sie bescheint nur den Querschnitt der Erde – das ist ein Viertel ihrer Oberfläche) und
wegen der Reflexion durch Atmosphäre und Erdboden reduziert sich diese auf nur 0,8 Watt/m². Der
Effekt durch die anthropogenen Treibhausgase hat dagegen ca. 2,4 Watt/m² erreicht (Abb. 8). Die
Änderung der Sonnenstrahlung kann daher nur den kleineren Teil der beobachteten Erwärmung
von 0,6°C im 20. Jh. verursacht haben.
Starke Vulkanausbrüche wie der des [Link] 1991 beeinflussen heute wie früher das
regionale und globale Klima, allerdings nur vorübergehend für einige Jahre. Die Ursache dafür ist
eine im wesentlichen aus Schwefelsäuretröpfchen bestehende Aerosolschicht in der Stratosphäre, die
sich aus dem Schwefeldioxid in der Gasfahne des Vulkans bildet. Diese Schicht ändert den
Strahlungshaushalt der Atmosphäre in der Weise, daß im Mittel im Bereich der Aerosolschicht eine
Erwärmung und an der Erdoberfläche eine Abkühlung erfolgt. Eine durch die innere Wechselwir-
kung verursachte kurzfristige und unregelmäßige Klimaschwankung ist das El Niño-/La Niña-
Phänomen (siehe dazu Seite 7).
Abb. 2:
Geschätzte Veränderung des
Strahlungsflusses von der Sonne
und ihre Temperaturwirkung
(Quelle: DKRZ/MPI-Hamburg).
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(Quelle: DKRZ/MPI-
Hamburg)
AT
Warme Oberflächen-
0° strömung 0°
LA
P A Z I FI K
NT
K Kalte Tiefen-
I
30°S strömung 30°S
INDISCHER
OZEAN
60°S 60°S
90°S 90°S
M
Einfluß des an kann die Zeit vor etwa 12.000 Jahren als Beginn der menschlichen Gesellschaft ansehen.
Klimas auf die Damals ging die letzte Kaltzeit (Weichsel-Kaltzeit) zu Ende, und der Mensch begann damit,
Geschichte
seine eigene Geschichte anhand von Höhlenmalereien zu beschreiben. Da eine grössere
der Menschheit
Wassermenge in Form von Eis als heute in polnahen Gebieten fixiert war, lag der Meeresspiegel etwa
120 m tiefer als heute, so dass es Landverbindungen beispielsweise zwischen Sibirien und Alaska oder
zwischen Mitteleuropa und England gab, was Wanderungen von Menschen und Tieren zwischen diesen
Regionen ermöglichte. Seit Beginn der bis heute andauernden Warmzeit des Holozäns stieg der Mee-
resspiegel an, und die Küstenlinien wichen weltweit zurück. Die Erwärmung setzte sich bis rund 5.000
Jahre vor heute (Abb. 4) fort und im sogenanten Atlantikum (zwischen 9.000 und 7.000 Jahre vor heu-
te) war die Lufttemperatur wahrscheinlich höher als heute. Die Erde war damals dünn besiedelt. Durch
Migration konnten Gebiete mit ungünstigem Klima vermieden werden. Damals reichte der Nieder-
schlag in der Sahara, die heute die größte Wüste der Welt ist, zur Savannenbildung aus. Wie Felszeich-
nungen aus dieser Zeit belegen, lebten dort damals Elefanten, Nashörner, Nilpferde und andere tropi-
sche Tierarten. Dem Atlantikum folgte wieder eine Phase der leichten Abkühlung und des Vorrückens
der Gletscher. So ist das Holozän generell durch die Folge von wärmeren und kälteren Klima-
abschnitten gekennzeichnet. Um 870 gelang es den Wikingern, begünstigt durch den Rückgang des
Eises, erst Island, dann Grönland zu besiedeln und auch später Amerika zu erreichen. Als das Eis im
15. Jh. wieder vorrückte, vermochten sie sich im Gegensatz zu den Innuit in Grönland nicht dem kälte-
ren Klima anzupassen. Die Wärmephase im Mittelalter war die Zeit der sich ausweitenden Landwirt-
schaft und eines großen Bevölkerungswachstums. In diese Periode fallen bedeutende technische und
landwirtschaftliche Fortschritte. In der darauffolgenden »Kleinen Eiszeit« war das Klima in Mittel- und
Nordeuropa durch häufig auftretende kalte Winter und nasse Sommer geprägt, die wirtschaftlichen
Niedergang auslösten. Die wirtschaftliche Entwicklung und die Zunahme der Weltbevölkerung im Zeit-
alter der Industrialisierung beruht nicht nur auf dem technischen Fortschritt, sondern auch auf den
vorherrschenden günstigen klimatischen Verhältnissen in den mittleren Breiten.
Abb. 4:
Rekonstruierte Schwankung
der mittleren Oberflächen-
temperatur während der
letzten 14.000 Jahre
(Quelle: Climate of the 21st
Century: Changes and
Risks – Scientific Facts)
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atürliche Klimaschwankungen treten in zahlreichen Formen und Ausprägungen auf. Es gibt
des »El Niño«- und
viele Jahrtausende anhaltende tiefgreifende Änderungen des Klimas und kürzere, die nur
»La Niña«-Phänomens
wenige Jahre dauern. Räumlich können die ganze Erde oder nur Teile davon betroffen sein. Zu
den kürzesten Phänomenen dieser Art gehören auch die bekannten El Niño-Ereignisse. Unter El-Niño
versteht man die in unregelmäßigem Abstand (etwa alle vier Jahre im Mittel) auftretende, ca. 1 Jahr
anhaltende großflächige Erwärmung des äquatorialen Ostpazifik. Im Normalfall befindet sich vor der
tropischen Westküste Südamerikas kühles Auftriebwasser. Meistens tritt nach Beendigung eines El
Niño-Ereignisses eine überdurchschnittliche Abkühlung des Wassers dieser Region auf. Dieser Zustand
wird als La Niña bezeichnet. Kontinuierliche Messungen der Ozeanoberflächentemperatur im
äquatorialen Pazifik sind in Abb. 5 dargestellt. Daraus gewinnt man den Eindruck, dass die aufeinander-
folgenden positiven und negativen Anomalien (Abweichung vom Mittelwert) stärker und häufiger
werden. Aber erst die Zukunft wird zeigen, ob hier ein Trend in Zusammenhang mit dem anthropoge-
nen Klimawandel vorliegt.
Die mit El Niño und La Niña zusammenhängenden auffälligen Erscheinungen sind Teil eines
weltumspannenden, vor allem aber die tropischen und subtropischen Gebiete umfassenden Zyklus in
Atmosphäre und Ozean. Es hat den Anschein, daß dieser Kreislauf im Klimasystem selbst entsteht, es
sind aber auch schon äußere Einflüsse diskutiert worden, die den Zyklus anregen. Die auffälligste
korrespondierende Erscheinung in der Atmosphäre ist ein Hin- und Hertransport von Luftmassen
zwischen dem subtropischen Hochdruckgebiet im Südostpazifik und dem Indonesischen äquatorialen
Tiefdruckgebiet.
Der mit El Niño eng gekoppelte Effekt, daß der Luftdruck über dem Ostpazifik mit dem Luftdruck
im östlichen Indischen Ozean verbunden ist, wird als Südliche Oszillation, der kombinierte Effekt als
ENSO (El Niño/Südliche Oszillation) bezeichnet. Dem Wesen nach tritt je nach ENSO-Phase eine
Veränderung der Einspeisung von Wärmeenergie vom Ozean in die Atmosphäre ein, wobei Verteilung
und Art der Umwandlung dieser Energie in der Atmosphäre entscheidend ist. So kommt es zu Ände-
rungen der großen Windsysteme. Mit der atmosphärischen Zirkulation ist aber aufs engste der Wetter-
ablauf in einem Gebiet verbunden, je nach dem, ob kühlere oder wärmere, feuchtere oder trockenere
Luftmassen vorherrschen. So überrascht es nicht, daß in Zusammenhang mit ENSO in weiten Teilen
der Welt anhaltende Witterungsanomalien beobachtet werden, die im Extremfall auch zu Katastrophen
wie Hitze- und Kältewellen, Dürre oder Überschwemmungen führen können.
Die groben Muster der Anomalien sind bekannt, viele Probleme sind jedoch noch zu lösen. In den
letzten Jahren ist es den Klimatologen gelungen, Elemente des ENSO-Zyklus bis zu einem Jahr
vorauszusehen. So konnte El Niño 1997/98 vorhergesagt und die betroffenen Länder von den zu
erwartenden Folgen gewarnt werden. Noch unsicher ist dagegen die Frage zu beantworten, wie sich
ENSO unter den Bedingungen ei- Abb. 5: Abweichungen der
nes anthropogenen Klimawandels Oberflächentemperatur vom
gestalten wird. Erste Modell- Mittelwert 1951–1980 im
ergebnisse deuten darauf hin, daß Referenzgebiet (s.u.) im Juli
eines jeden Jahres seit 1903.
der El Niño-Status bei allgemein Man beachte die Zunahme
steigenden Meeresoberflächen- der Intensität und der Zahl
temperaturen in Zukunft häufiger der Ereignisse mit ∆ T > 0,5
eintritt als bisher beobachtet. Da- °C und ∆ T >1,0 °C in den
mit würden sich auch die El Niño- letzten Jahrzehnten (SHUKLA,
typischen Folgen im Witterungs- pers. Mit. ergänzt.)
geschehen häufiger einstellen, ein-
schließlich der Extremfälle. Man
erkennt, wie natürliche und an-
thropogene Vorgänge im Klima-
system miteinander verknüpft
sind. Beachtet werden muß auch, Referenzgebiet:
daß nicht jedes Wetterextrem und 5 °N–5 °S, 150 °W–90 °W
genannt Niño3-Gebiet im
nicht alle Witterungsanomalien äquatorialen Pazifik
auf ENSO zurückgehen, da es vie-
le weitere klimabildende Prozesse
gibt, die eine entsprechende Ver-
änderlichkeit der meteorologi-
schen Größen hervorrufen.
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D
ank weltweit gesammelter Wetterdaten können wir die globale Klimaentwicklung seit der
Mitte des 19. Jh. recht zuverlässig beurteilen (Abb. 12). Sie ist dadurch gekennzeichnet,
dass die mittlere jährliche globale Lufttemperatur in Bodennähe seit Anfang des 20. Jh. unter
Schwankungen ansteigt. Die Erwärmung erreichte in den 1940er Jahren einen ersten Höhepunkt. Nach
einer Phase des Gleichbleibens und eines leichten Rückgangs der Lufttemperatur steigt die Kurve
seit den 1970er Jahren weiter an. Seit den 1980er Jahren liegen die Werte zunehmend über dem
Mittel des Referenzzeitraumes 1961/90 (Abb. 12). Im 20. Jh. betrug die Temperaturzunahme 0,6 °C.
Dieser Befund gilt nicht nur für die Jahresmittelwerte, sondern auch für die einzelnen Monate. Das
bisher wärmste Jahr seit Vorliegen von Beobachtungen war 1998 (ca. 0,59 °C über dem globalen
Bezugswert) und die bisher neuen wärmsten Jahre wurden seit 1990 beobachtet. Diese sind in
abnehmender Reihenfolge: 1998, 1997, 2001, 1995, 1990, 1999, 2000, 1991, 1994. Die dabei
fehlenden Jahre 1992/93 und 1995 wurden von diesen Jahren übertroffen, weil der Ausbruch des
Vulkans Pinatubo 1991 und La Niña 1995/96 leicht abkühlten.
Die in Abb. 10 dargestellte Kurve darf nicht zu der Schlußfolgerung verleiten, daß die Tempera-
turänderung räumlich homogen ist. Nur die hemisphärischen Entwicklungen sind ähnlich und von
gleicher Größenordnung. Die höchsten Erwärmungsbeträge werden im Breitengürtel zwischen 40°
und 70° N (zwischen Mittelspanien und Nordnorwegen) über den Kontinenten im Winter und Frühjahr
beobachtet. Es besteht die Tendenz, dass die Erwärmungsbeträge im Winter höher als im Sommer sind.
Abkühlungsgebiete wurden im nordwestlichen Atlantik und in den mittleren Breiten des Nordpazifiks
gefunden. Die Auswertung der Höhensondierungen, die jedoch erst seit Ende der 1950er Jahre in
befriedigender Genauigkeit und räumlicher Dichte vorliegen, ergibt, dass die ganze Troposphäre von
der Erwärmung betroffen ist. In der darüberliegenden unteren Stratosphäre zeigen die Messungen
jedoch eine Abkühlung. Das ist ein Befund, der bei einer Verstärkung des Treibhauseffekts der Atmo-
sphäre und einer dortigen Abnahme des Ozongehalts auftreten sollte.
Mit verschiedenen Methoden konnte man zeigen, daß die Zunahme der globalen Mitteltemperatur
in Bodennähe nicht nur auf natürliche Ursachen, sondern in entscheidendem Umfang auch auf die
anthropogene Veränderung der Zusammensetzung der Atmosphäre zurückzuführen ist. Weitere
Ursachen der beobachteten Entwicklung sind erhöhte Abstrahlung der Sonne, Vulkanausbrüche und
interne klimatische Effekte wie El Niño, die in ihren Beiträgen zur seit einigen Jahrzehnten beobachte-
ten Entwicklung aber gegenüber dem anthropogenen Einfluß zurücktreten. In diesem Sinne lautet auch
die Schlussfolgerung des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaänderungen in seinem dritten
bewertenden Bericht (IPCC 2001): Es gibt neue und starke Anzeichen, dass der grösste Teil der
beobachteten Erwärmung in den letzten 50 Jahren auf menschlichen Einfluss zurückzuführen ist.
Abb. 6:
Mittlere globale Energie-
bilanz. Mit Zunahme der
Treibhausgase wird
mehr Wärmestrahlung
zur Erdoberfläche
zurückgestrahlt
(Quelle: Climate of the 21st
Century: Changes and Risks –
Scientific Facts - geändert)
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I m Schema der globalen Energiebilanz (Abb. 6) sind die Strahlungsflüsse zwischen Erde und
Atmosphäre zu sehen. Auffällig sind die hohen Werte der Wärmestrahlungsflüsse, die von der
Erdoberfläche und von der Atmosphäre ausgehen. Der als Folge der Strahlung der Treibhausgase
zur Erdoberfläche gerichtete Wärmestrahlungsfluss (Gegenstrahlung der Atmosphäre) hat weitreichende
Der anthropogene
Treibhauseffekt
Folgen für das Klima. Lediglich die kleine Differenz der beiden Wärmestrahlungsflüsse geht unmittelbar
in den Weltraum verloren. Um ein Gleichgewicht zwischen Absorption von Sonnenstrahlung und Emis-
sion von Wärmestrahlung im Langzeitmittel herzustellen, muss die Oberfläche (und damit die untere
Atmosphäre) wärmer werden. Zu diesem natürlichen Treibhauseffekt von ca. 33 °C tragen die Treibhaus-
gase Wasserdampf mit ca. 20,6 °C, das Kohlendioxid (CO2) mit 7,2 °C, das Ozon (O3) mit 2,4 °C,
das Distickstoffoxid (N2O) mit 1,4 °C, das
Methan (CH4) mit 0,8 °C und die restlichen Abb. 7:
Zunahme der
Treibhausgase mit 0,6 °C bei. Alle Gase zu- Konzentration von CO 2,
sammen machen nur etwa 3 Promille der CH4 und N2O und deren
Masse der Atmosphäre aus, sie sind dennoch Effekt für die Energiebi-
für unser Klima hochwirksam. Mit Ausnah- lanz der Erde seit
me des stratosphärischen Ozons nahmen alle Beginn der Industrialisie-
rung (IPCC 2001).
Gase seit Beginn der Industrialisierung vor ca.
130 Jahren drastisch zu (CO2: 280 → 370
ppm; CH4: 0,7 → 1,75 ppm; N2O: 0,275 →
0,314 ppm). Allein der mittlere Volumenanteil
des Kohlendioxids der Atmosphäre zeigt eine
Zunahme von 31,4% (Abb. 7). Hauptursache
dafür ist die Nutzung fossiler Brennstoffe,
durch die gegenwärtig ca. 6,3 Gt Kohlenstoff
pro Jahr emittiert werden. Der Verbrauch
fossiler Brennstoffe nimmt trotz mancher
Klimaschutzbemühungen immer noch um ca.
1% jährlich zu. Neue Treibhausgase wie die
Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sind
im Laufe der technischen Entwicklung
hinzugekommen (Tab. 1). Alle langlebigen
Treibhausgase zusammen stören die
Strahlungsbilanz bereits um 2,4 Watt/m²
(Abb. 9), davon trägt das CO2 ca. 60%.
Abb. 8:
Der mittlere Effekt ver-
schiedener Faktoren in
der Strahlungsbilanz der
Erde von 1750 bis 2000
(Quelle: IPCC 2001).
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GLOBALE KLIMAPROBLEM
H
Hauptquellen der auptursache für die beobachtete Störung des Strahlungshaushaltes der Erde ist mit 50% die
Emissionen Nutzung fossiler Brennstoffe (Abb. 9). Eine weitere wichtige Störung ist die zunehmend
intensiver betriebene Landwirtschaft mit 15%. Die Vernichtung der Wälder trägt mit
weiteren 15% bei. Aus der Chemieproduktion stammen 20% des gesamten weltweiten Antriebes.
Hier handelt es sich vor allem um neue Treibhausgase, wie die sehr langlebigen Fluorchlorkohlen-
wasserstoffe (FCKW) (Tab. 1)
Die Landwirtschaft und die intensive Viehhaltung sind wichtige Quellen von CO2, CH4 und N2O.
Da die Nahrungsproduktion aufgrund der Wachstumsrate der Weltbevölkerung entsprechend
ansteigen wird, ist hier eine weitere Zunahme der Emissionen fast unvermeidbar. Methan entsteht
mikrobiell nicht nur in den Böden, Feuchtgebieten und Flachgewässern, sondern auch im Pansen
der Wiederkäuer. Die Rinderzucht hat sich im letzten Jahrhundert vervierfacht und die Schafhaltung
verdoppelt. Man schätzt bis zum Jahr 2100 noch eine Verdopplung der Anzahl der Tiere in der
Viehhaltung. Auch bei der Lagerung der Tierexkremente (Gülle) entsteht Methan. Aus den gleichen
Gründen wie für Feuchtgebiete und Flachgewässer trägt der Reisanbau ebenfalls erheblich zur
Methanfreisetzung bei. In den letzten 40 Jahren nahm die Fläche zwar nur um 17%, aber der Ertrag
auf Grund der technischen Verbesserungen um 41% zu. Das Lachgas (N 2O, Distickstoffoxid)
ensteht als Zwischenprodukt bei der mikrobiellen Umsetzung von anorganischen Stickstoffverbin-
dungen in Gewässern und vor allem in Böden. Auch bei Verbrennung organischen Materials (wie
Brandrodung und Savannenbrände) bildet sich Lachgas. Ein Teil davon gelangt in die Atmosphäre,
wo es im Mittel ca. 110 Jahre verbleibt. Obwohl es noch viele offene Fragen über die Bildung von
N2O aus den verschiedenen Stickstoffverbindungen gibt, ist eine proportionale Abhängigkeit
zwischen dem N2O-Anstieg und der starken Düngung erkannt. Mit der weltweiten Intensivierung
der Landwirtschaft ist daher auch mit einer weiteren Zunahme von N2O zu rechnen.
Die Wälder wurden schon seit Einführung von Landwirtschaft und Viehzucht im großen Stil
gerodet, um Siedlungsraum zu schaffen und Holz als Baustoff zu gewinnen. Vorher dürfte etwa ein
Drittel der Landflächen der Erde, etwa 46 Mio. km2, bewaldet gewesen sein, heute sind noch etwa
36 Mio. km2 mit zum Teil geschädigtem Wald bedeckt. Während auf der einen Seite die Wälder
klimaabhängig sind, wirken sie auf der anderen Seite vielfältig auf das Klima zurück, nicht zuletzt
als Speicher für Kohlenstoff. Nach Angaben der FAO (1997) nahm zwischen 1990 und 1995 die
Tropenwaldfläche in Afrika um 0,7% (-18,5 Mio ha) in Asien um 1,1% (-15,3 Mio ha) und in
Amerika um 1,3% (-28,5 Mio. ha) ab. Durch die Vernichtung der Wälder verschwinden nicht nur
die Bäume, sondern auch die gesamte restliche Vegetation zersetzt sich teilweise. Feuchtgebiete
werden trockengelegt. Das im Boden gebundene organische Material (z.B. Humus) wird zumindest
teilweise abgebaut. Alle diese Prozesse setzen CO 2 und CH4 frei. Seit 1850 wurden auf diese Weise
etwa 120 Mrd. t C gegenüber 210 Mrd. t C aus den Nutzungen fossiler Energien freigesetzt. Das
sind ca. 20% des weltweit früher in der Vegetation gebundenen Kohlenstoffs. Gleichzeitig gingen
wertvolle CO2-Senken wie Feuchtgebiete verloren.
Abb. 9:
Hauptquellen der
global emittierten
Treibhausgase
(Quelle:
Climate of the 21st
Century: Changes and
Risks – Scientific Facts)
CO2, NOx, CO, CH4 FCKW, CO2 und andere Düngung: N2O, Reisanbau:
FKW, SF6 Spurengase CH4, Rinderhaltung: CH4
10
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
Im Laufe der technischen Entwicklung werden neue Substanzen durch die Chemieindustrie
hergestellt, die in die Atmosphäre gelangen. Viele von ihnen haben ein sehr starkes Treibhaus-
potential und zerstören gleichzeitig die Ozonschicht der Stratosphäre. Aus diesen Gründen wurde
1987 im Ergebnis einer internationalen Konferenz in Montreal (und von Folgekonferenzen) die
Produktion einiger dieser Substanzen weltweit verboten. Wie aus Tab. 1 ersichtlich, haben diese
diese Substanzen eine Verweilzeit in der Atmosphäre von Jahrzehnten bis Jahrhunderten gar
Jahrtausenden. Somit wird die Ozonschicht noch über mehrere Jahrzehnte trotz Verbot der verur-
sachenden Gase verdünnt bleiben. Die Vereinbarung von Montreal zeigt, dass ein Schutz unserer
Umwelt möglich ist, wenn die Politiker durch die öffentliche Meinung bewegt werden.
Tab. 1
Chemische Atmosphärische Spezifisches Treibhauspotential bezogen auf CO2 Einige klimarelevante
Formel Verweilzeit bei Zeithorizonten von
[Jahre] 20 Jahre 100 Jahre 500 Jahre Substanzen aus der
Chemieindustrie.
CO2 5-200 1 1 1
CFCl3* 50 5000 4000 1400 Angegeben wird ihre mittlere
CF2Cl2* 102 7900 8500 4200 Verweilzeit in der Atmosphäre und
C2F3Cl3* 85 5000 5000 2300 ihr spezifisches Treibhaus-
CCl4* 42 2000 1400 500 potential bezogen auf CO 2
CH3CCl3* 5,4 360 110 35 (Quelle: IPCC 2001)
CHF3+ 260 9400 12000 10000
CH2F2 5,0 1800 550 170
CH3F 2,6 330 97 30 * sehr langsam abnehmend durch
CHF2CFc 29 5900 3400 1100 das Verbot aufgrund des
CHF2CHF2 9,6 3200 1100 330 Montreal-Protokolls und
SF6 3200 15100 22200 32400 ergänzender Vereinbarungen
+
CF4 50000 3900 5700 8900 Die teilhalogenierten HFCKW
C2F6 10000 8000 11900 18000 und HFKW wie CHF3 nehmen
C6F14 3200 6100 9000 13200 zu, da sie weiter wie früher und
CH3OCH3 0,015 1 1 <<1 ferner als Ersatzstoff für die
CF3OCHF2 150 12900 14900 9200 verbotenen FCKW verwendet
CH3OCF3 26,2 10500 6100 2000
werden.
E
twa drei Viertel der Emission kommt zur Zeit noch von den Industrieländern, in denen D i e E m i s s i o n e n
aber nur 25% der Weltbevölkerung leben (Abb. 10). Mit der Beschleunigung des wirt- n a c h L ä n d e r n
schaftlichen Wachstums wird jedoch der Anteil der Entwicklungsländer in den nächsten Jahr-
zehnten zunehmen.
11
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE KLIMAPROBLEM
Das Klima der Zukunft vorherzusagen, stellt eine der größten Herausforderungen für die Wissenschaft
dar. Dafür wurden globale Klimamodelle entwickelt, die in der Lage sind, das Klimasystem in seinen
wesentlichen Teilen realistisch zu simulieren (Abb. 11). Die aus Gründen der Rechenkapazität begrenzte
horizontale und vertikale Auflösung solcher Modelle sowie notwendige Vereinfachungen in der mathe-
matischen Beschreibung komplizierter atmosphärischer und ozeanischer Prozesse bringen unvermeidli-
che Fehler und Ungenauigkeiten mit sich. Um zu einer Klimaprognose zu kommen, müssen die äußeren
Einflussgrößen für den Prognosezeitraum vorgegeben werden. Bei diesen handelt es sich insbesondere
um die Annahme der künftigen Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre, die ihrerseits von der
Entwicklung der Weltwirtschaft sowie Erfolg oder Misserfolg der Klimapolitik abhängt. Zahlreiche von
den Modellen für das 21. Jh. prognostizierte Änderungen sind bereits angelaufen, wie die mittlere Erwär-
mung, die Verschiebung der Niederschläge, der Anstieg des Meeresspiegels und die Schrumpfung der
Gletscher. So ist die Masse der Gletscher in den Alpen seit 1850 um mehr als die Hälfte zurückgegangen,
und der Meeresspiegel steigt jährlich um etwa 2 mm an. Beobachtete und modellierte Befunde, die durch
die im IPCC mitarbeitenden Wissenschaftler regelmäßig eingeschätzt werden, haben zur internationalen
Klimapolitik geführt. Diese verfolgt das Ziel, die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf
einem Niveau zu stabilisieren, auf dem eine gefährliche Störung des Klimasystems verhindert wird. Das
muß in einer Zeit erreicht werden, die ausreicht, damit sich die Ökosysteme auf natürliche Weise der
Klimaschwankung anpassen können, die Nahrungsmittelproduktion nicht bedroht wird und die wirt-
schaftliche Entwicklung auf nachhaltige Weise fortgeführt werden kann.
Abb. 11
Das verwendete Klima-
modell für die Simulation
der globalen Temperatur-
änderung
Die Berücksichtigung
anthropogener
Einflussfaktoren liefert eine
plausible Erklärung des
wesentlichen Anteils der
beobachteten Erwärmung.
Die beste Anpassung erhält
man in c) bei Berücksichti-
gung der natürlichen und
anthropogenen
Einflussfaktoren.
12
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
Abb. 12 zeigt die globale Erwärmung im 20. Jh., die aufgrund der direkten Messungen an vielen E n t w i c k l u n g d e r
Orten festgestellt wurde. Sie betrug im 20 Jh. 0,6°C. In Abb. 13 wird die Rekonstruktion der bodenna- g l o b a l e b o d e n n a h e n
hen Lufttemperatur in der nördlichen Erdhälfte während der letzten 1000 Jahre aufgrund von Proxy- L u f t t e m p e r a t u r
Daten (terrestrischen und marinen Sedimentdaten, Baumringen, Pollen, Eiskernen etc.) und direkten Mes-
sungen gezeigt. Danach war das 20. Jh. das wärmste Jahrhundert seit mindestens 1000 Jahren und in
keinem Jahrhundert ist eine so rasche Änderung der Temperatur aufgetreten.
Besorgniserregend ist die Tatsache, dass sich die Erwärmung im 21. Jh weiter beschleunigen wird, so
dass die Menschheit in einem Warmklima leben wird, wie sie es bisher noch nicht erlebt hat. Die Folgen
für Natur und Gesellschaft sind vielfältig und bisher erst unvollkommen absehbar.
Nach IPCC (2001) wird die Erwärmung je nach Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft und
Klimaschutz zwischen 1,4 und 5,8°C betragen (Abb. 14). Das heisst, es ist eine Erwärmung von ca.
1,4°C nicht mehr zu vermeiden und das ist bereits der optimistische Fall, wenn die Emissionen in den
nächsten Jahrzehnten drastisch reduziert werden.
Abb. 12:
Entwicklung der globalen
bodennahen (2 m) Luft-
temperatur in Form von Abwei-
chungen vom Mittelwert 1961/90.
Die stark ausgezogene Linie ist
5jährig übergreifend geglättet
(Quelle: Climate of the 21st
Century: Changes and Risks –
Scientific Facts, IPCC 2001)
Abb. 13:
Rekonstruktion der bodennahen
Lufttemperatur der letzten 1000
Jahre in der nördlichen Erdhälfte
(Quelle: IPCC 2001)
Abb. 14:
Entwicklung der globalen
Lufttemperatur für das [Link]
aufgrund sechs verschiedener
Szenarien. Danach wird die Er-
wärmung bis Ende des [Link]
zwischen 1,4 und 5,8°C je nach
Entwicklung der Emissionen der
Treibhausgase betragen.
(Quelle:IPCC 2001)
13
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
D
Regionale Änderung ie beobachtete Änderung der Temperatur ist nicht überall gleichmäßig. Im nordwestli-
d e r Te m p e r a t u r chen Atlantik und in den mittleren Breiten des Nordpazifiks wird eine Abkühlung
beobachtet. In einigen Regionen, wie in Nordwestkanada, Siberien, aber auch in den Alpen, ist
die Erwärmung stärker als die mittlere globale Erwärmung. Sie erreicht in den Alpen im Mittel
nahezu 1 °C (Abb. 15) und fast 2 °C für einzelne Stationen. Untersuchungen in Österreich und Süd-
deutschland ergeben ähnliche Ergebnisse.
Abb. 15:
Erwärmung in den Alpen
im Vergleich zur globalen
Erwärmung. Beide Linien sind
fünfjährig übergreifend geglättet
(Quelle: Climate of the 21st
Century: Changes and Risks –
Scientific Facts)
D
Änderung der ie Eisschilde der Antarktis und Grönlands haben großen Einfluss auf das Weltklima. Im
großen Eisschilde Fall einer allgemeinen Erwärmung könnte es in der Antarktis sogar mehr schneien und
und dadurch das Inlandeis zunehmen. In Grönland herrscht auf Grund seiner geographischen Lage
R ü c k g a n g d e r eine um 10–15 °C höhere Lufttemperatur als in der Antarktis. Man rechnet daher bei fortschreitender
G e b i r g s g l e t s c h e r Erwärmung der Nordhalbkugel mit einem Massendefizit Grönlands. Das Schmelzen wird gegenüber
der Eisbildung überwiegen. Die Gebirgsgletscher reagieren im Gegensatz zu den großen Eisschilden
recht rasch auf die Klimadynamik, sie sind repräsentative Indikatoren veränderter Energiebilanzen. Der
fast weltweite Rückzug der Gletscher gehört denn auch zu den sichersten Anzeichen, dass sich das
Klima der Erde seit dem Ende der »Kleinen Eiszeit« bereits markant verändert hat. Neben den Alpen-
gletschern erlitten die der Anden und der Rocky Mountains besonders hohe Verluste, während manche
Gletscher Norwegens infolge vermehrter Winterniederschläge massive Gewinne aufweisen. Der Verlust
in den Alpen betrug zwischen etwa 1850 und den 1970er Jahren bereits ein Drittel ihrer Fläche und die
Hälfte der Masse (vgl. Abb. 16). Seit 1980 sind nochmals ca. 10–20% der Fläche verloren gegangen.
Es wird angenommen, dass es bereits im ersten Drittel des 21. Jh. zu einem markant beschleunigten
Eiszerfall in den Alpen kommen wird. Insgesamt dürften um 2035 etwa die Hälfte und nach der Mitte
des Jahrhunderts bereits Dreiviertel der heutigen Gletscher verschwunden sein.
Abb. 16:
Der Morteratschgletscher
(Berninagebiet, Schweiz). Der
größte und längste
Gletscher der Region
weist seit 1850 eine
längenmässige Schrumpfung
um 2 km (25%) auf. Die
Markierungen zeigen seinen
Stand im Jahre 1870 - Foto:
M. Maisch.
14
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
Meeresspiegel-
A
ls Folge der globalen Erwärmung wird in den nächsten Jahrzehnten eine Erhöhung des
mittleren Meeresspiegels um etwa 5 mm/Jahr vorhergesagt. Bei einer langsamen entwicklung
und Gefährdung von
Zunahme des Volumens des antarktischen Eises und einer etwas schneller vor sich gehenden Küstenregionen
Volumenabnahme des grönländischen Eisschildes soll nach IPCC die thermische Ausdehnung der
Deckschicht des Ozeans und das Schmelzwasser der Gebirgsgletscher hauptsächlich den Meeres-
spiegelanstieg bewirken (Abb. 17). In den Küstengebieten befinden sich nicht nur wertvolle Ökosyste-
me, sondern dort leben auch über 50% der Weltbevölkerung, die den natürlichen Risiken, wie Stürmen,
Überflutung, Küstenerosion und Versalzung ausgesetzt sind. Bis zum Jahr 2100 wird ein allgemeiner
Meeresspiegelanstieg von 50 cm gegenüber heute als mittlere Schätzung erwartet. Nicht alle Küsten-
und Inselländer werden in der Lage sein, ihr Küstengebiet wirksam zu schützen.
Abb. 17:
Meeresspiegelanstieg
(Quelle: IPCC 2001)
inige Änderung in der biologischen Aktivität von Pflanzen und Tieren infolge der Klimaänderung G e f ä h r d u n g v o n
E stellen die frühere Erbrütung oder Ankunft wandernder Vogelarten, das frühere Erscheinen
von Schmetterlingen oder erstsingenden Vogelarten oder der frühere Chorgesang von Amphibien
sowie der frühere Beginn der Vegetationsperiode und der Blühte von Pflanzen dar. Im allgemeinen
Pflanzen und Tieren
fangen die Frühjahraktivitäten bei mehreren Arten seit den 1960er Jahren fortschreitend eher an. Es gibt
auch Anzeichen, dass sich einige phänologische Ereignisse ebenfalls im Herbst verschoben haben.
Diese Änderungen sind jedoch recht heterogen und weniger ausgeprägt als im Frühjahr. Die Tatsache,
dass diese biologischen Verschiebungen nicht bei allen taxonomischen Gruppen synchron ablaufen,
kann gravierende ökologische Folgen haben. Der frühere Beginn der Vegetationsperiode bewirkt eine
längere Wachstumsphase, aber gleichzeitig nehmen die Risiken bei den Spätfrösten zu.
D
er klimaempfindlichste Wirtschaftsbereich ist die Landwirtschaft. Die schon zahlreich Folgen für die
vorliegenden Untersuchungen zeigen, dass sowohl die Erträge der verschiedenen Landwirtschaft
landwirtschaftlichen Kulturen als auch das Ertragsrisiko im Falle klimatischer Veränderungen
regional und lokal stark variieren wird. Verschiebungen der Klima- und Vegetationszonen nach höheren
Breiten und in höhere Lagen bedingen aber besonders in den Übergangsbereichen starke regionale
Effekte. In den Trockengebieten der Erde wird voraussichtlich das Risiko für Unterernährung zunehmen,
da die Erfordernisse für eine Anpassung (Änderung der eingesetzten Sorten, wasserwirtschaftliche
Maßnahmen, Bodenverbesserung) im allgemeinen nicht aufgebracht werden können. In den bisherigen
Untersuchungen wird in der Regel der wachstumsfördernde Effekt eines höheren Kohlendioxidgehaltes
der Luft berücksichtigt. Kaum zu erfassen sind bisher künftige Erfordernisse in der Schädlings- und
Pflanzenkrankheitsbekämpfung, die ebenfalls eine klimaabhängige Komponente haben. Die Ernteerträge
hängen aber nicht nur von den mittleren Klimabedingungen eines Standortes ab, sondern vor allem von
dem charakteristischen Witterungsablauf in der Vegetationsperiode. Die Wachstumsperioden für einige
Kulturen werden sich um 3–4 Wochen verkürzen, an anderen Stellen aber auch verlängern, wobei nicht
nur die Erntezeit, sondern auch die Entwicklungsstadien der Pflanzen betroffen sind. In fast allen bisheri-
gen Untersuchungen fehlt die Betrachtung der in Zukunft häufiger oder neu auftretenden Wetterextreme.
Aus einer vermeintlich ungefährdeten Landwirtschaft könnte dadurch eine stark betroffene werden.
15
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
B
Zunahme der ereits bis zu 20 Mio. km2 der Festlandsfläche sind von der Wüstenbildung erfasst, die auf
Desertifikation falsche landwirtschaftliche und wasserwirtschaftliche Praktiken und Klimaänderung zurückzu-
führen ist. Das ist eine Fläche so groß wie USA und Kanada zusammen. Zurückhaltendere
Schätzungen gehen von ca. 10 Mio. km2 aus. Die jährliche Ausbreitungsrate beträgt in Mittelasien,
Nordwestchina, Nordafrika und in der Sahelzone 0,5–0,7%. Bei 0,5% wird jährlich eine Fläche von
80.000 km2 erfasst, was etwa der halben Größe Tunesiens entspricht. Verläuft die Entwicklung weiter
ungebremst, so können im 21. Jh. nahezu alle Böden im ariden und semi-ariden Bereich betroffen sein.
Der betroffenen Bevölkerung – ca. 1 Mrd. Menschen – wird dadurch die Grundlage ihrer Existenz
entzogen. Die voraussichtliche künftige Klimaentwicklung wird die Desertifikation durch Stagnation
oder Abnahme der Bodenfeuchte bei erhöhter Temperatur in vielen Trockengebieten noch verstärken.
Intensivierung des
M
ittlere Verdunstung und mittlerer Niederschlag werden im globalen Mittel dagegen um
Wa s s e r k r e i s l a u f e s
mindestens einige Prozent ansteigen, was zu einer erheblichen Intensivierung des Wasser-
Wa s s e r v e r f ü g -
kreislaufes führt. Die Niederschlagszunahme wird nach den Modellbefunden jedoch regional
barkeit und äußerst unterschiedlich sein. Der Verstärkungseffekt wird vorwiegend in Gebieten der inneren Tropen
Wa s s e r k n a p p h e i t und der hohen Breiten erwartet, in denen teilweise ohnehin schon ausreichend Niederschlag beobach-
tet wird. In anderen Gebieten, so in einigen subtropischen Trockengebieten, wird der Niederschlag eher
abnehmen, wodurch sich die Gegensätze zwischen trockenen und feuchten Klimaregionen verstärken.
In weiten Teilen Europas kann mehr Niederschlag im Winter und weniger Niederschlag im Sommer
erwartet werden. Die Häufigkeit von Starkniederschlägen soll ebenso wie die von Trockentagen in
Europa zunehmen. Gleichzeitig steigt die Häufigkeit von einzelnenen extremen Niederschlags-
ereignissen. Die Auswirkungen lassen sich bis jetzt nicht für bestimmte Regionen abschätzen. In
einigen Gebieten leiden die Menschen bereits heute unter akuter Wasserknappheit, die sich durch den
Klimawandel in vielen Gebieten weiter verschärfen wird. Mehr als 20% der Weltbevölkerung haben
schon heute keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dadurch sind die Nahrungsmittel-
versorgung und die Volksgesundheit gefährdet. Das kann politische Krisen nach sich ziehen und eine
Massenflucht aus Krisengebieten bewirken.
I
Das Beispiel m Februar und März 2000 wurden Mosambik (Jahreseinkommen pro Kopf ca. 80 US $) wie
Afrika auch Madagaskar (ca. 230 US $) von einem lange anhaltenden großräumigen Hochwasser
heimgesucht, das viele Opfer an Menschen und Sachgütern forderte sowie schwer zu reparierende
Schäden in Natur und Infrastruktur hervorrief. Nach schon vorher starkem Niederschlag über Land
wurde durch die sintflutartigen Regenfälle eines vom Indischen Ozean heranziehenden starken tropi-
schen Wirbelsturms vollends die Flutkatastrophe ausgelöst. Entgegengesetzt kulmininierte wenig später
die Hungerkatastrophe im nordostafrikanischen Äthiopien (ca. 120 US $), wo eine ungewöhnliche
Dürre schon seit einigen Jahren anhält. In weiteren afrikanischen Ländern schreiten die ökologischen
Zerstörungen voran. So nimmt in Mauretanien (ca. 500 US $) die Wüstenbildung stark zu. Ist in Afrika
der Klimawechsel schon Tatsache geworden? Wir können es noch nicht eindeutig bejahen, obwohl es
viele Hinweise dafür gibt.
D
Wa n n g i b t e s d e n ie genannten und weitere wetter- bzw. klimabedingte Katastrophen sind nicht nur auf lokales
Beweis für eine Fehlverhalten sondern auch auf ausgedehnte und länger anhaltende Klima- und Witterungsanoma-
Klimaänderung? lien zurückzuführen, die Bestandteil der Klimavariabilität sind. So wirken sich die starken
El Niño- und La Niña-Ereignisse im Pazifik über Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation der
Tropen und Subtropen auf die Temperaturverhältnisse, aber vor allem auch auf die Häufigkeit und
Intensität der Niederschläge an Land aus. Das Gebiet, in dem die Winde des Nordostpassates und die des
Südostpassates aufeinander treffen, das man als innertropische Konvergenzzone bezeichnet, gehört zu den
niederschlagsreichsten der Erde. Es liegt in Mittel etwas nördlich des Äquators und pendelt im Normalfall
im Laufe des Jahres über einige Breitengrade hin und her. Ist dieser Rhythmus jedoch gestört und verla-
gert sich diese Zone unter dem Einfluss der großräumig veränderten Luftströmungen, dann können sich
Gebiete mit tropischen Regenklimaten längere Zeit in Trockenzonen wandeln, während andere Gebiete
demgegenüber einen nicht verkraftbaren Niederschlagsüberschuss erhalten. Je nach der Häufigkeit des
Auftretens solcher Umstellungen kommt es in den betroffenen Gebieten zu neuen klimatologischen
Normalwerten und damit zu einer Veränderung des Klimas. Bis wir allerdings feststellen können, dass dies
schon jetzt der Fall ist, muss Jahrzehnte sorgfältig beobachtet werden. Diesem Dilemma der Klimatologen
kann nur mit dem Vorsorgeprinzip bei Klimaschutzmaßnahmen begegnet werden.
16
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE K L I M A P R O B L E M
Betroffen sind
D
as oben Geschilderte ist aber nur ein Teil des afrikanischen Problems. Afrika mit nur ca.
oft nicht die
14% der Weltbevölkerung trägt nur mit 3,2% zum globalen CO 2-Ausstoss bei. Der Ve r u r s a c h e r
Exekutiv-Direktor von UNEP, Klaus Töpfer sagte am 18.3.2000 in Berlin, dass die wahren
Ursachen der afrikanischen Katastrophen bei den Industrieländern lägen, die den Löwenanteil der
Emission von Treibhausgasen verursachen. Er nennt dies »ökologische Agression«. Die Folgen der
klimatischen Anomalien, die sich in der Zukunft möglicherweise weiter verstärken, sind vielfach
so gravierend, weil weitere gesellschaftliche und ökonomische Probleme hinzukommen. Es
existiert nach wie vor eine teilweise noch wachsende Ungleichheit in den Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den Entwicklungsländern und den Industrieländern, die das allgemeine Niveau der
meisten Länder Afrikas niedrig halten und so ökologisch falschen Bewirtschaftungsweisen Vor-
schub leisten. Ein Bevölkerungswachstum, das Forschritte in der Landwirtschaft wieder auffrisst,
die Vermittlung einer angemessenen Bildung für alle erschwert und nicht zuletzt die Zurückdrän-
gung der Ausbreitung der Immunschwächekrankheit AIDS so gut wie unmöglich macht, ist zum
Teil Folge dieses Ungleichgewichts. Die fortschreitende Abholzung des tropischen Regenwaldes
und die Verschlechterung der Böden sind weitere gravierende Probleme. Eine der kaum kontrol-
lierbaren Folgen ist das Aufflackern von Kriegen und Völkermord, wodurch Ökologie und
Wirtschaft weiter entscheidend geschwächt und Hilfeleistungen von außen sehr erschwert werden.
Am Beispiel Afrikas erkennt man, wie kompliziert es ist, die Folgen eines Klimawandels abzu-
schätzen und Maßnahmen zu treffen, die Schäden vermeiden oder zumindest mildern. Es kommt
auch darauf an, wissenschaftliche Einrichtungen in den betroffenen Ländern nach Zahl und
Qualität so einzurichten, dass, heute schon verfügbare Langfristprognosen über das Eintreten
klimatischer Anomalien effektiv genutzt und unter Berücksichtigung der besonderen Bedingunen
des jeweiligen Landes präzisiert werden können. Ähnliche gravierende Probleme wie in Afrika
existieren auch in anderen Regionen der Welt, z.B. in Teilen Mittel- und Südamerikas.
D
ie Erfolge der Klimapolitik sind bisher sehr bescheiden geblieben. Mit dem Protokoll von Kioto-Protokoll
Kioto ist jedoch seit Dezember 1997 eine erste nach Ratifikation bindende Vereinbarung
von den Vertragsstaaten der Klimakonvention gezeichnet worden. Seine Ratifikation durch
mindestens 55 Staaten ist zwar jetzt erreicht, noch nicht aber die 55 Prozentschwelle der CO 2-
Emissionen des Jahres 1990 durch die ratifizierenden Staaten. Es fehlt zur Zeit (Juli 2002) nur
noch Russland, das bei der [Link] in Marrakasch im November 2001 eine
Ratifizierung in Aussicht stellte. Dass die USA nicht mitmachen, ist schade, kann aber die völker-
rechtliche Verbindlichkeit nicht torpedieren. Im Kioto-Protokoll verpflichten sich die Industrielän-
der die Emissionen ihrer Treibhausgase (CO 2, CH4, N2O, HFC, PFCs und SF6) bis zum Zeitraum
2008 bis 2012 im Mittel um mindestens 5% unter das Niveau von 1990 zu drücken.
T
iefgreifende Klimaschwankungen haben immer wieder zur Verschiebung vonVegetations- Ve r ä n d e r u n g
zonen geführt, so die Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten im Pleistozän. Erste Abschät- d e r g l o b a l e n
zungen darüber, welche Pflanzengesellschaften in welchen Regionen von einer Klima- Ve g e t a t i o n
änderung betroffen sein können, liefern Biosphärenmodelle. So folgt aus entsprechenden Modell-
rechnungen, daß sich bei der Verdoppelung des CO2-Gehaltes der Atmosphäre die Tundra, die
Taiga, die warmgemäßigten sommergrünen Wälder und die warmtemperierten immergrünen
Wälder möglicherweise um bis zu 600 km polwärts verlagern werden. Die tropischen Regen-
wälder könnten sich ausdehnen. Diese Änderungen wären jedoch dann nur in den Regionen
möglich, wo die Vegetation ungestört auf Klimaänderungen reagieren kann.
Unklar bleibt, wie sich die Vegetation in den betroffenen Regionen tatsächlich anpassen wird.
Wenn sich die Vegetationszonen wegen der beschleunigt eintretenden Erwärmung zu schnell
verschieben würden, dann würde die Anpassungsfähigkeit vieler Pflanzen überfordert, was
wiederum mit einer Änderung der Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften verbunden wäre.
Zu beachten ist auch, dass der zunehmende CO 2-Gehalt der Atmosphäre direkt auf die Pflanzen
einwirkt. So ist die Klimawirkung auf die Pflanze sehr komplex. Dazu gehört auch, dass sich der
Abbau von organischem Material im Boden ebenso erhöhen wird wie die Evapotranspiration, d.h.
die Gesamtverdunstung von Boden und Pflanze.
17
E I N F Ü H R U N G I N D AS
GLOBALE KLIMAPROBLEM
H
Vo l k s w i r t s c h a f t - äufigkeit und Schadenausmaß großer wetterbedingter Katastrophen haben in den letzten
liche Folgen Jahrzehnten weltweit dramatisch zugenommen. So sind ihre Anzahl in den 1990er Jahren
gegenüber den 1960er Jahren auf das Dreifache, die volkswirtschaftlichen Schäden –
inflationsbereinigt – auf das Achtfache und die versicherten Schäden sogar auf das Sechszehnfache
angestiegen. Es mehren sich die Indizien, dass die globale Erwärmung und der damit verbundene
Anstieg des Meeresspiegels sowie die Intensivierung der Niederschlagsprozesse bereits heute merklich
zu dem Katastrophentrend beitragen (neben anderen wichtigen Faktoren wie Bevölkerungs- und
allgemeine Wertezunahme, Urbanisierung in Hochwassergebieten und wachsender Verwundbarkeit
moderner Zivilisationen) und ihn in der Zukunft weiter verschärfen werden. Insgesamt werden die
volkswirtschaftlichen Auswirkungen der erwarteten Klimaveränderungen bei einer Verdoppelung der
Kohlendioxid-Konzentration auf mehrere hundert Mrd. US $ pro Jahr geschätzt, d.h. auf etwa 1–2 %
des jährlichen Bruttosozialprodukts (BSP); sie können aber in einzelnen Ländern – z.B. in vom
Meeresspiegelanstieg bedrohten Insel- und Küstenländern – über 10 % BSP hinausgehen. Die Versiche-
rungswirtschaft muss sich im eigenen Interesse maßgeblich an den Vorsorgemaßnahmen beteiligen, also
u.a. Klimaschutzaspekte bei ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen sowie auch die vom
eigenen Geschäftsbetrieb und Grundbesitz ausgehenden schädlichen Umwelteinflüsse verringern.
Außerdem kann sie durch eine geeignete Gestaltung der Versicherungsprodukte ihre Kunden, aber auch
die Behörden, zu mehr Schadenvorsorge motivieren und gleichzeitig ihre eigenen Schadenpotentiale
begrenzen. Nur so wird es gelingen, die Deckungsangebote gegen sogenannte Naturgefahren im
gegenwärtigen Umfang zu akzeptablen Preisen aufrecht zu erhalten.
E i n f l u s s a u f d i e Es wird befürchtet, dass Klimaänderungen über Störungen der globalen Umweltbedingungen einen be-
G e s u n d h e i t d e s deutsamen, überwiegend negativen Einfluss auf die Gesundheit der Menschheit haben werden. Häufige-
M e n s c h e n re und intensivere Hitzewellen, zusätzlich verschärft durch den urbanen Wärmeinseleffekts in den un-
kontrolliert wachsenden Megacities, sowie Wetterextreme werden sich direkt in einer Zunahme der To-
desfälle abbilden. Auf Grund der Klimaabhängigkeit bei der Verteilung zahlreicher, insbesondere tropi-
scher Infektionskrankheiten wie etwa der Malaria wird der Zusammenhang zur Klimaänderung beson-
ders deutlich. Bereits jetzt leben etwa 45% der Weltbevölkerung in Malariagebieten. Bis 2080 sollen
260–320 Millionen durch die Ausweitung der Verbreitungsgebiete dazukommen. In Mitteleuropa könn-
ten durch Zecken übertragene Infektionskrankheiten zu einem größeren Problem werden. Die Verwund-
barkeit der Bevölkerungen – dies beschreibt sowohl die Empfindlichkeit gegenüber Klimaänderungen
wie auch die Fähigkeit zur Anpassung (vorsorglich oder reaktiv) – ist in den Ländern sehr unterschied-
lich ausgeprägt. Sie hängt stark von sozioökonomischen Bedingungen ab. Im Sinne des Vorsorgeprinzips
müssen trotz existierender Unsicherheiten Gegenmaßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden.
D
IESE BEISPIELE MÖGEN GENÜGEN, UM DEUTLICH ZU MACHEN, DASS DER TIEFGREIFENDE KLIMAWAN-
DEL IN DIESEM BEGINNENDEN JAHRHUNDERT DAS UMWELTPROBLEM NR. 1 IN DER WELT WERDEN
WIRD. DIE KLIMAFORSCHUNG MUSS MIT VERBESSERTEM VERSTÄNDNIS DES KLIMASYSTEMS UND
SEINER UMFASSENDEN MODELLIERUNG DAZU BEITRAGEN, DASS DIE KONTUREN DIESES KLIMAWANDELS
ZUSEHENDS KLARER WERDEN. ES SOLL HIER KEINESWEGS VON EINER KLIMAKATASTROPHE GESPROCHEN
WERDEN. DIE FOLGEN WERDEN IN EINIGEN REGIONEN ZWAR KATASTROPHAL SEIN, IN ANDEREN WERDEN SIE
EHER VERKRAFTBAR UND IN ANDEREN FÜR BESTIMMTE SEKTOREN SOGAR POSITIV SEIN. DAS BEDROHLICHSTE
IST INDES, DASS DER MENSCH DIE ZUSAMMENSETZUNG DER ATMOSPHÄRE GESTERN WIE HEUTE OHNE
BERÜCKSICHTIGUNG DER FOLGEN FÜR NATUR UND GESELLSCHAFT VERÄNDERT. ES IST DAS UNBESTREITBARE
VERDIENST DER KLIMAFORSCHUNG, DIE MENSCHGEMACHTE GLOBALE KLIMAÄNDERUNG DER BREITEN
ÖFFENTLICHKEIT BEWUSST GEMACHT ZU HABEN. EINE REAKTION WAR DIE ETABLIERUNG DER KLIMAPOLITIK,
DIE DEM HEMMUNGSLOSEN MISSBRAUCH DER ATMOSPHÄRE EINHALT ZU GEBIETEN SUCHT. EINSCHRÄNKUNG
DER EMISSIONEN, KLIMASCHÜTZENDER UMGANG MIT DEN WÄLDERN, WEITERE ENTWICKLUNG DER KLIMA-
FORSCHUNG, STUDIUM DER MÖGLICHEN FOLGEN DES KLIMAWANDELS UND TRAINING VON ANPASSUNG – DAS
SIND EINIGE HAUPTLINIEN ZUR ERFÜLLUNG DER KLIMAKONVENTION UND DAMIT ZUR ANNÄHERUNG AN EINE
NACHHALTIGE ENTWICKLUNG.
Die hier nur angerissenen Probleme sind von führenden Wissenschaftlern im Buch »CLIMATE OF THE 21ST CENTURY: CHANGES AND
RISKS – Scientific Facts« (siehe S.19) ausführlicher dargelegt worden.
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BUCHREIHE WARNSIGNALE
Warnsignale aus Nordsee & Wattenmeer (2003) ca. 400 S. mit ca.150 Abb. EUR 25,-*
Hrsg.: José L. Lozán / Eike Rachor / Karsten Reise / Jürgen Sündermann / Hein v. Westernhagen
Warnsignale aus der Ostsee (1996) 385 S. mit 210 Abb., 15 Tafeln und 47 Tab. EUR 21,- EUR 15,-
Hrsg.: José L. Lozán / Reinhard Lampe / Wolfgang Matthäus / Eike Rachor / Heye Rumohr / Hein v. Westernhagen
Warnsignale aus Flüssen und Ästuaren (1996) 398 S. mit 160 Abb., 4 Tafeln und 60 Tab. EUR 21,- EUR 15,-
Hrsg.: José L. Lozán / Hartmut Kausch
Warnsignale aus dem Wattenmeer (1994). 387 S. mit 205 Abb., 4 Tafeln und 41 Tab. vergriffen.
Hrsg.: José L. Lozán / Eike Rachor / Karsten Reise /Hein v. Westernhagen / Walter Lenz
Warnsignale aus der Nordsee (1990) 428 S. mit 186 Abb., 4 Tafeln und 54 Tab. EUR 20,- EUR 15,-
Hrsg.: José L. Lozán / Walter Lenz / Eike Rachor / Burkard Watermann / Hein v. Westernhagen
(* 20% Rabatt leichte fehlerhafte Exemplare)
Die Darstellungen in den o.g. Büchern vermitteln dem Leser eine umfassende Beschreibung der wichtigsten aquatischen
Lebensräume Europas. Die Nordsee und das Wattenmeer sowie die Flüsse: Donau, Elbe, Rhein, Weser – umgeben von
dicht besiedelten und hochindustrialisierten Regionen – werden vielfältig genutzt. Die Ostsee ist das größte Brackwasser-
meer der Erde. Aufgrund ihres geringen Wasseraustausches mit der Nordsee und einer Besiedlungsdichte von ca. 85 mill.
Menschen ist stark gefährdet. Der Schutz dieser Gewässer ist eine echte Herausforderung unserer Gesellschaft.
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WISSENSCHAFTLER INFORMIEREN DIREKT
(Ein Beitrag zum globalen Klimaschutz)
M i t freundlicher U n t e r s t ü t z u n g v o n :
Forschungszentrum Jülich
[Link]
WWF Deutschland
[Link] Das Reportage-Magazin
[Link]
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