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Gesund am Marathon ist nicht der Marathon
Schon die Legende endete tragisch: Als das Heer der Athener die Übermacht der
Perser bei Marathon besiegt hatte, wurde der Bote Eukles losgeschickt. Er sollte die
Nachricht vom glorreichen Sieg nach Athen tragen. Nach einem Lauf von 42
Kilometern konnte er sie gerade noch verkünden, bevor er tot zusammenbrach.
Eukles ist seit 2495 Jahren tot. Aber der Mythos lebt. Die großen Marathonläufe
finden immer mehr Teilnehmer. 40.000 Läufer waren es 2018 in London, 39.000 in
Chicago, 36.000 in New York und 39.000 in Berlin. Die Zahl der deutschen
Marathonläufer zu schätzen ist unmöglich. Aber es werden Hunderttausende sein.
Nicht alle sind jung. Nicht alle sind gesund. Und nicht alle erreichen das Ziel.
Immer wieder gibt es Marathon-Läufe, bei denen junge, scheinbar kerngesunde
Läufer mitten im Wettkampf tot zusammenbrechen. Natürlich nicht immer so
spektakulär wie bei jenem 19jährigen, der beim Hamburg-Marathon auf der
Zielgeraden zusammenbrach und tot liegen blieb. Sein Tod war in doppelter Hinsicht
unverständlich: Erste Hilfe war sofort zur Stelle, aber alle Wiederbelebungsversuche
blieben vergeblich. Und der junge Mann war ein geübter Sportler, der regelmäßig
trainierte.
Todesfälle beim Sport sind nicht gerade selten. Jedes Jahr sterben etwa 900
Deutsche während des Sports. Aber dieser Sekundenherztod trifft die Sportler nicht
aus heiterem Himmel. „Ein gesundes Herz können Sie durch einen Marathon nicht
umbringen”, sagt Harald Beitat vom Deutschen Zentrum für Präventivmedizin. Nach
Auswertung von Untersuchungen an 286 verstorbenen jungen Wettkampfsportlern
kommt er zu dem Schluss, dass praktisch alle Betroffenen eine erkennbare
Herzschädigung hatten, auch wenn sie nichts davon merkten und äußerlich gesund
wirkten und sich gut fühlten.
In fast allen Fällen hätte man es aber wissen können - vorausgesetzt, die Sportler
hätten sich untersuchen lassen, Infektionen ernst genommen und gegebenenfalls
rechtzeitig mit dem Laufen aufgehört. Häufig nehmen die Läufer während des
Marathons aber auch Schmerzmittel ein, um die zwangsläufig eintretenden
Beschwerden in den Beinen oder am Rücken zu mildern. Und Aufhören fällt schwer,
wenn der Läufer auf der ganzen Strecke von Zuschauern angefeuert wird. Vor dieser
großen Kulisse kann er seinen Lauf nicht abbrechen und aufgeben, ohne dass es
bemerkt würde. „Außerdem werden beim Laufen Endorphine ausgeschüttet, die
eigenen Grenzen werden nicht mehr eindeutig spürbar, die Schmerzgrenze wird
leicht überschritten”, sagt Harald Beitat.
Wer sicher sein will, dass er fit für den Marathonlauf ist, der muss vor allem zwei
Dinge beachten. Erstens sollte er - zumindest vor seinem ersten Marathon - eine
eingehende körperliche Untersuchung durch einen Arzt vornehmen lassen. Und
zweitens sollte er nach jeder Art von Infektion, nach Schnupfen oder Fieber,
zumindest für die nächsten zwei bis drei Wochen pausieren, auch wenn das nach
monatelangem Training sehr schwer fällt.
Als medizinische Vorbereitung empfiehlt Willi Heepe, Internist und seit Jahren
ehrenamtlicher medizinischer Leiter des Berlin-Marathons, mindestens ein
Elektrokardiogramm (EKG) in Ruhe und unter Belastung, eine Ultraschallaufnahme
des Herzens, eine Lungenfunktionsdiagnose sowie eine Blutanalyse. Aber eine
medizinische Untersuchung Monate vor dem Lauf kann nur vorübergehend
Sicherheit geben. Die Berliner bieten deshalb verunsicherten Läufern zusätzlich eine
medizinische Untersuchung unmittelbar vor dem Marathon an, die sogenannte „Pre-
Marathon-Clinic”. „800 Läufer ließen sich auch wirklich kurz vor dem Start
untersuchen, bei 170 Personen wurde ein unverbindliches Startverbot erteilt, und alle
haben sich tatsächlich daran gehalten”, sagt Jürgen Lock, sportmedizinischer
Direktor des Berlin-Marathons.
Während des Marathons gibt es mittlerweile auch schon eine medizinische
Notfallversorgung. Am Straßenrand stehen nicht nur Hobbysanitäter mit
Verbandszeug bereit, dort sind vielmehr eine ganze Reihe von speziellen
Notmaßnahmen möglich bis hin zur Elektroschocktherapie des Herzens. Mehr als
vierzig Elektroschockgeräte waren beim jüngsten Berlin-Marathon im Einsatz -
diesmal allerdings, ohne dass eines davon gebraucht werden musste.
Aber beim Marathon wird nicht nur das Herz maximal belastet. Für das Immunsystem
wirkt ein solcher Härtetest wie eine schwere akute Entzündung. Die Zahl der weißen
Blutkörperchen kann auf mehr als das Vierfache ansteigen, ohne dass eine Infektion
vorliegt. Die Mediziner sind sich fast ausnahmslos einig: Das Gesunde am Marathon
ist die Vorbereitung darauf - und nicht der Marathon selbst. Eine mittlere sportliche
Belastung im Training stärkt das Immunsystem. Aber eine extreme Belastung wie
beim Marathon schwächt das Immunsystem. Diese Schwächung nach einer
maximalen Belastung wie dem Marathon hält aber vermutlich nicht länger als drei
Tage an.
Wenn man alles richtig macht, dann erholen sich auch die Gelenke von dem langen
Laufen auf Asphalt recht schnell. Dieter Lagerström von der Sporthochschule Köln
sagt: „Nicht das Laufen auf Asphalt per se ist schlecht. Man muss dann nur vorher
auch auf Asphalt trainieren.” Allzu weiche Schuhe, wie sie gerne für die Straße
gewählt werden, vermindern allerdings den Halt und schaffen orthopädische
Probleme.
Egal ob es um Herz, Immunsystem oder Gelenke geht: Das Problem bei großen
Laufereignissen wie dem Marathon ist, daß sich auch schlechte Läufer von der
eigenen Begeisterung täuschen lassen und die eigenen Grenzen nicht mehr
erkennen. Das sieht man spätestens im Ziel. Dort kann man, so meint Marathon-
Spezialist Willi Heepe, vier Gruppen unterscheiden: „Vorne laufen die Spitzenläufer,
dann kommen die Neurotiker, dahinter die Gesellschaftsläufer und einsam und
verbissen am Schluss dann die, die eigentlich besser schon früher aufgehört hätten.“
Aber das Hochgefühl beim Erreichen der Ziellinie lässt alle Anstrengungen
vergessen. Wie schwach man auch am Ende ankommt: man hat es geschafft und ist
bis zuletzt dabei gewesen.