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Beispielfall A

Das Dokument beschreibt den Erstkontakt einer 57-jährigen Patientin in einer Psychotherapie. Es enthält biografische Informationen über ihre Kindheit und Jugend sowie ihren psychischen Befund. Die Patientin macht sich Sorgen um ihren 20-jährigen Sohn und möchte ihre Angst und ihren Alkoholkonsum besser in den Griff bekommen.

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Das Dokument beschreibt den Erstkontakt einer 57-jährigen Patientin in einer Psychotherapie. Es enthält biografische Informationen über ihre Kindheit und Jugend sowie ihren psychischen Befund. Die Patientin macht sich Sorgen um ihren 20-jährigen Sohn und möchte ihre Angst und ihren Alkoholkonsum besser in den Griff bekommen.

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Beispielfall A Einführung in die klinische Psychologie

Erstkontakt
1. Die 57-jährige Patientin kommt aus eigenem Antrieb auf Vermittlung ihres Hausarztes
Anfang Juli zum Erstgespräch. Sie komme aufgrund „übertriebener Sorgen“, die sie sich über
ihren einzigen Sohn mache zu einer Einzeltherapie. Sie habe in der Kindheit als
alleinerziehende Mutter viele Probleme mit diesem gehabt. Nun stehe er ausbildungsbedingt
vor dem Auszug. Sie sehe ihn als noch nicht reif genug für diesen Schritt, frage sich aber auch,
ob sie selbst das Alleinsein fürchte. Aufgrund resultierender Konzentrationsprobleme leide
auch ihr Beruf. Sie sei allerdings niedergeschlagen, den „Traum eine Familie zu haben“
aufgegeben zu haben. Eine langjährige, vor dem Sohn allerdings geheim gehaltene
Partnerschaft mit einem verheirateten Mann sei Anfang 2015 zu Ende gegangen. Ihr Partner
sei auf eine Selbstfindungsreise gegangen und habe sich seitdem nicht mehr gemeldet. Auf
Nachfrage seien Schlaf, Sexualität, Stimmung und Appetit „alles gut“. Sie habe inzwischen
wieder mit zwei neuen Partnern sexuelle Begegnungen gehabt (in den letzten Wochen).
Anlass ihres Kommens sei der unerwartete Besuch ihrer Mutter und ihres Stiefvaters im März
dieses Jahres. Danach habe sie, die trockene Alkoholikerin sei, eine halbe Flasche Wodka
getrunken, sei seitdem aber wieder abstinent. Deshalb wolle sie zum einen an ihrer Angst um
ihren einzigen, jetzt 20-jährigen, Sohn arbeiten und zum anderen besser mit schwierigen
Situationen umgehen lernen, in denen sie „den Drang nach Alkohol“ verspüre. Sie wäre
zusätzlich gerne in der Lage sich auf Beziehungen zu unverheirateten Männern einzulassen.
Biographie
Die Patientin wächst als Einzelkind junger Eltern (Mutter 17, Vater 19) auf. Sie habe sich schon
immer ungewollt gefühlt. Im Alter von 3 Jahren habe ihr Vater auf sie und ihre Mutter
geschossen. Die Patientin habe keinerlei Erinnerungen an den Vorfall. Der Vater habe
daraufhin die Familie verlassen und kurze Zeit später Suizid mittels Tabletten begangen. Die
Patientin habe in den folgenden Jahren häufig Albträume gehabt. Sie sei anschließend bei
ihrer Groß- und Urgroßmutter aufgewachsen. Ihre Mutter habe zwar im gleichen Haus
gewohnt, sei allerdings nicht für sie da gewesen. Nachdem die Mutter einen neuen Partner
(+16) fand, seien sie mit den Stiefgroßeltern, Großmutter und Urgroßmutter alle zusammen
in ein Haus gezogen. Die Stiefgroßeltern waren für die Patientin da und wurden von ihr als
Bezugspersonen wahrgenommen, die sich im Krankheitsfall kümmerten.
Die Patientin habe im Alter von 4 Jahren eine Essstörung entwickelt und musste zur Kur „um
wieder zuzunehmen“. In der Grundschule zeigte die Patientin gute Leistungen und fühlte sich
wohl. Im Alter von 7-8 Jahren erfuhr die Patientin (bei Arztbesuch liest die Patientin ihren
Geburtsnamen auf einem Dokument), dass der Stiefvater nicht ihr biologischer Vater sei. Der
Tod der Großeltern sei für die Patientin sehr schwierig gewesen. Im Jugendalter der Patientin
kam es zu sexuellen Übergriffen (Küssen, Entkleiden) durch den Stiefvater, die von der Mutter
unterstützt wurden. In dieser Zeit habe die Patientin erneut „Schwierigkeiten mit dem Essen
gehabt“ und habe häufig erbrochen. Sie sei dann wieder auf Kur geschickt worden. Im
Gymnasium habe die Patientin erneut gute Leistungen erbracht und die Schule mit dem Abitur
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Beispielfall A Einführung in die klinische Psychologie

abgeschlossen. Zum Ende der Schulzeit habe ihr Freund ihr einen Heiratsantrag gemacht, den
die Patientin abgelehnt habe. Im Verlauf des Bauingenieur-Studiums habe sie einen zweiten
und später einen dritten Heiratsantrag von späteren Beziehungspartnern abgelehnt. Erst
nachdem die Patientin mit Mitte Zwanzig schwanger wurde, wollte sie ihren damaligen
Partner heiraten. Dieser sei zum damaligen Zeitpunkt allerdings bereits verheiratet gewesen.
Er habe das Heiratsversprechen an sie erst sechs Jahre später eingelöst. Die Geburt ihres
Sohnes sei unauffällig verlaufen. In der Kindheit ihres Sohnes sei der Vater des Kindes,
wiewohl gemeinsam mit der Patientin und dem gemeinsamen Sohn lebend, viel auf
Dienstreisen und ihr Sohn häufig krank gewesen. Als der Sohn im Alter von 5-6 Jahren die
Diagnose Tourette-Syndrom bekam, aufgrund ausgeprägter Tics beim Gehen, habe die
Patientin einen gemeinsamen Suizid (Mutter und Kind) in Erwägung gezogen. Insbesondere
durch viel Sport und Tauchunterricht ging es dem Sohn in den nächsten Jahren immer besser.
Die Patientin habe in dieser Zeit mehr und mehr Alkohol getrunken, um die Besuche ihres
Mannes zu überstehen, welcher sie nur gedemütigt und kritisiert habe. Nachdem ihr Mann
letztendlich nach China gezogen sei, habe sie sich getrennt (2009-2011) und sei seit ihrem
Entzug im Jahre 2011 trocken. Der einzige Rückfall ereignete sich im März dieses Jahres, als
ihre Mutter und ihr Stiefvater überraschend zu Besuch kamen. Vor 3 Jahren habe die Patientin
anfallartig Übelkeit und Schwindel sowie kurze dissoziative Zustände gehabt, welche
allerdings seitdem nicht mehr aufträten. Die Patientin hatte seit ihrer Ehe mehrere
Beziehungen zu verheirateten Männern, die letzte mit einer Dauer von acht Jahren endete im
Frühjahr 2015. Sie arbeite in ihrem Traumberuf als Architektin in leitender Position an
unterschiedlichen Projekten.
In der Familie der Patientin besteht eine Vorgeschichte depressiver Erkrankungen
(Großmutter väterlicherseits und Vater der Patientin). Die Patientin selbst war im Rahmen des
Entzugs und der Rehabilitation in stationärer Psychotherapie (vor circa 4 Jahren).
Psychischer Befund
Die Patientin ist eine 53-jährige attraktive Frau mit gepflegtem Äußeren. Sie ist klein und
schlank gebaut. Während die Patientin ihre Stimmung als „alles gut“ beschreibt, wirkt sie in
den Gesprächen gedrückt und wenig schwingungsfähig. Sie ist im Verlauf häufig und
unvermittelt den Tränen nahe, deren Ausbruch ihr deutlich unangenehm ist. Bereits von
Beginn des Erstgesprächs an nimmt die Patientin Blickkontakt auf und zeigt die Fähigkeit zur
Kontaktaufnahme. Auf der Sachebene berichtet sie bereitwillig von sich selbst, auf der
emotionalen Ebene wirkt sie jedoch zurückhaltend und kontrolliert. Im Antrieb angespannt
und müde, psychomotorisch unruhig wirkend. Ihr Gedankengang wirkt über weite Strecken
flüssig und schlüssig, bei auftretenden Affekten jedoch sprunghaft und thematisch auf das
Ergehen des Sohnes ausweichend. Kein Hinweis auf Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-
Störungen. Kein Anhalt auf Suizidalität.

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