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Prinzipien Hurrelmann

Hurrelmann

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— [ED Prinzipien Estes Prinzip zum Verhaltnis von innerer ‘und auBlerer Realitit Personlichkeitsentwicklung wird im ersten Prin- zip verstanden als produktive Verarbeitung. der inmeren Realitit von kinperlichen und psychi- schen Dispositionen und der auieren Realitat aus sorialer und physisch-riumlicher Umwelt. Der Prozess der Verarbeitung ist produktiv, weil es sich hietbei nicht um einen passiven Vorgang, + sondern um eine dynamische und aktive Form von Tatigkeit handelt, auch wenn sie im Bewusst- sein eines Menschen nicht immer prasent ist. Die innere und auBere Realitit reprasentieren unter- schiedlche Beziige auf das Subjekt und die umge- «benden sozialen Strukturen, wobet sie sich analy- tisch trennen lassen, in der Praxis aber miteinan- der verwoben sind. {1 Die ative, dauerhafte und individuelle Ausei andersetzung mit der inneren und auseren Realitat «win in diesem ersten Prinzip als Verarbeitung” be- zeichnet. Der Begriff driiekt nicht nur die permanen- te, zumeist unbewusste Person-Umuelt-Interaktion, sondern auch die tandige, ein Leben lang ankalten de Arbeit an der eigenen Person aus. Der Aspekt der » Nerarbeitung” betont die permanente Eigenleistung des Menschen beim Aufbau seiner Bigenschaften tnd Merkmale sowie bei der Auswahl und Festi rung seiner sozialen Handlungen (worauf das zweite Prinip besonders hinveist). » In die subjektive Wahrmehmung geht die Vorstellung, canes Menschen von seinem KOrper, seiner Psyche und seiner sozialen und physischen Umwelt ein. Jede YVorstellang von der inneren und auBeren Realitit kann deshalb nur eine individuell gefarbte sein. ® Gleichzeitig sind auch die individuellen Moglichkei ten, eine jeweilige ,Farbung” der Wahmehinung der Auferen Realitat vorzunchmen, an den Aufbau des Wahrnehmungs- und Denkapparates gebunden. Hie ‘aus feitet sich eine vorherige »Pragung” durch die ‘© auere Realitt ab, die den Moglichkeitsraum fir die Kategorien offnet, die spater wieder dem Individuumn 4ur Verarbeitung der Realitat zur Verfugung stehen. Eine solche innige Verwobenbeit der inneren mit der ‘uleren Realitat kann man auch als dauerhaftes Ver~ “hiltns des Austausches, also der Interaktion 2! ‘chen beiden Einheiten bezeichnen. Das Besondere Erriehungswissenschafliche Grundlepung 205 im Modell der produktiven Realitatsverarbeitung, ist, dass diese Verwobenheit keinen Anfang und kein Ende kennt, Was als Prozess der produktiven Verar beitung von innerer und auBerer Realitat beschrie ‘ben werden kann, ist eine analytische Abstraktion. ‘Tatsichlich ist die innere mit der auBeren Realitat uuntrennbar verbunden. Die auBere Re: liert bereits Fahigkeiten, mit denen das Individwurn aus seiner inneren Realitit auf die aubere zugreift. Gleichzeitig ist die auBere Realitat abhangig davon, » wie sie von der inneren Realitat wahrgenommen und konstruiert wird. (. Zweites Prinzip zur Produktion der eigenen Personlichkeit ‘Menschen sind Produzentinnen und Produzenten ihrer eigenen Entwicklung, De sch entwickelnde Personlichkeit ist in diesem Prozess nicht passiv coder abwartend, sondern als schopferischer Kon- strukteur aktiv an der Gestaltung ihrer Biografie beteiligt. Der BegrfT produktive Verarbeitung” © drickt aus, dass es sich bei der Auseinanderset- fzimg mit der inneren und aufleren Realitat um cinen aktiven Prozess handelt, in dem der einzel- ne Mensch eine individuelle, den eigenen Voraus- fetzungen und Bedirfnissen angemessene Form waht. Viele Ansatze [..] betonen bereits, wie individuell sich jeder einzelne Mensch mit den individuellen “Anlagen und den je spedifischen Umrelterfahrungen fuseinandersetz. Mit dieser Ausrichtung wird die Hauptaussage des zweiten Prinzips des MpR berthet. Sie besagt, dass in den heutigen hoch entvickelten Gesellschaften ein besonders hoher Freiheitszrad fur die Eigengestaltung der Personlichkeit gegeben ist, ‘vel traitionelle Vorgaben hinsichtlch sozialer Ro Jen und kultureller Normen relativiert wurden und hherdurch den allermeisten Menschen ein erweiterter Spielraum far individuelle Pofilerungen zur Verf- gung steht, (..] Die menschliche Persbnlichkeit formt sich von der frihesten Entwicklung als Siug: Jing und als Kleinkind an aber das Jugendalter und das Erwachsenenalter hinweg bis ins hohe Alter in der Interaktion zwischen verfagbaren und erworbe- tien individuellen Meriamalen sowie der materiellen, jovialen und symbolischen Ausstattung der Umwelt Standig weiter Die Verarbeitung ist ,produktiv” weil g i x 206. 4.1 wie kann Erichung sie Herauslorderungen des Jgendaltersuntersttrent by | ste sich aus der jeweils individuell besonderen Auset- nandersetzung mit den inneren und auBeten Bedin- sgungen ergibt. Das Wort .produiktiv® sagt aber noch % nichts daruber aus, ob es sich um eine erfolgreiche Verarbeitung handelt, die Vorteile fir die weitere keitsentwicklung mit sich bringt, ob es a: so 2u einer Bewaltigung von Problemen oder Krisen in der Personlichkeitsentwicklung kommt oder nicht. \ «Produktiv wird also nicht als wertender, sondern als beschreibender Begriff verwendet. Realititsverarbeitung beschreibt [..] die Fahigkeit, sich durch eigene Aktivitat Realitat anzueignen. Da~ tmit ist die Tatigkeit des Individuums gemeint, die ve auBere Realitat vor dem Hintergeund der bereits er- worbenen Erfahrungen wahrzunehmen, zu bewerten und innerpsychisch new einzuordnen. Dieser Er- enntnisakt setzt vor dem reaktiven oder aktiven Handeln ein, Umweltereignisse gehen in das Ord= ve nungssystem und die Interpretationsmuster eines In- dividuums ein, werden dort bewertet und zur Grund- lage spaterer Handlungsorientierungen.(..) Drittes Prinzip zur Bewaltigung lebenslauf- sperifischer Anforderungen der Realitits- vs verarbeitung Das dritte Princip fokussiert darauf, dass in jedem Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbei- tung der Realitat vorhanden sind. Diese sind ge- sellschaftlich mehrheitlch akzeptiert und gelten als Normen der Entwicklung. Im Lebenslaut kommt es damit 2u einer standigen Konfrontation ‘mit neuen Situationen, die jeweils mit angemes- senen Formen des Handelns bewaltigt werden t [4] In jedem Lebensabschnitt ergeben sich aus der korperlichen und psychischen Entwicklung sowie aus der sozialen Umwelt stammende Erwartungen an die Verarbeitung der Realitit. Diese Erwartungen werden in einer alleren Theoriesprache als. ,Ent- »» wicklungsaufgaben” bezeichnet. Sie beschreiben die far ein Kind, einen Jugendlichen, einen Erwachsenen, ‘oder einen Senior als .Norm” erachteten Handlungs- lund Bewaltigungsherausforderungen. Sie sind von jedem Menschen auf seine eigene Weise zu definie, vs ren, in das eigene Handlungsrepertoire 2u ibersetzen und 2u bewaltigen, Im Lebenslauf kommt es zu einer standigen Konfron- tation mit neuen Situationen, die jeweils mit ange- messenen Formen des Handelns bewalig massen, Immer wieder ~ besondetszuge cinschneidenden sozialen oder wirtschafiy sen oder bei biografischen Umbriichen und iy. wwaltigungsfahigkeiten 2u aktivieren(..) Durch alle [..] Anforderungen der Lebensbey gag, die mehr oder weniger krisenfomie ni werden, zcht sich die Herausforderung de pers che Individuation mit der sozialen Integration» vermiteln. Individvation und Integration sexs wahrend des gesamten Lebenslaufs in einem sans | gen Spannungsverhaltnis zueinander. Zur dns ation’ gehoren der Aufbau einer individuellen sénlichkeitsstruktur mit unverwechselbaren kiges | Ree pape sao Glaen Senses ee das subjektive Erleben als einzigattge und eine Persdnlichkeit. Zur Integration" gehoren de x pektierung der gesellschaftlichen Werte, Noma und. Verhaltensstandards, die Ubernahme seh schafllicher Mitgliedstollen (also die [J Rolled Berufsttiger, Familiengriinder, Konsument undp tischer Burger) sowie die Eingliederung in die sos Jen Strukturen der Gesellschaft [..] Natirlich kann es sich bei Entwicklungsaueee hriemals um universae, also tberall und in allen torischen Epochen gleichbleibende Herausordns 4 gen handeln. Im Gegenteil sogar, wie deutch les Inufspecifische Anforderungen der Realitatsevit ung einem Zeitkern unterworfen sind, zit allenthalben, Far Lebensbedingungen, die den ws ren in technisch hochentwickelten, demokrati kapitalistischen und gleichzeitig individualists Konkurrenzorientierten,Gesellschaften enlspres konnen wir sehr allgemein Far die Lebensphases terscheiden i © In der frahen Kindheit geht es darum. deer Jegenden sensorischen und motorischen Fes!” {en zu entwickeln, die Bindungen 2u den pss! Bezugspersonen aufzubauen, anschlieiené 6 Kontakte 2u Gleichaltrigen mu knupfen ut 7 | che und Wahrnehmung zu schulen. Inder st schulzeit werden dann intellektuelle Lest und das Einhalten sozialer Ungangstoe® © langt. lm Jugendalter ist die Verandrung det WP chen Gestalt zu akzepticren, eine Gest ‘demttat zu entwickeln, die schulische Les fahigkeit 2u starken und eine Ablosung \°" Eltern einzuleiten. AuBerdem geht es darum, Be siehungen 2 Gleichaltrigen und spater auch inti me Paarbezichungen einzugehen, wirtschaftich zu handeln und mit Konsum- und Medienangeboten tumgehen 2u lernen, ein eigenes Wertsystem sowie cine politische Handlungstahigkeit aufzubauen. ‘6 Im Erwachsenenalter wird in der Regel die Auf- w» nahme einer Berufstitigkeit erwartet, ebenso die Grundung eines eigenen Haushalts mit selbststan: diger Bewirtschaftung, die Etablierung einer eige- nen Familie mit Kinder und deren Versorgung, und Betreuung, die Pflege von Freundschaften, = und sozialen Kontakten und die Ubernahme von ‘erantwortung als Staatsbiirger. «Im Seniorenalter geht es darum, sich auf die Ver- anderung der korperlichen und kognitiven Leis tungsfahigkeit einzustellen, den Austrit aus dem m Erwerbsleben zu gestalten, die Beziehungen zur Gesamtfamilie weiterzufilhren, eine neue Rolle im sozialen Netzwerk von Freunden und Bekannten au finden, die Rolle als Wirischafts- und Staats- burger fortaufihren und sich auf das Lebensende « vorzubereiten.(..] Viertes Prinzip zur Bildung der Ieh-Identitit Das verte Prinzip verstirkt die Orientierung auf die Bewaltigung lebenslaufspezifischer Anforde- rungen der Realititsverarbeitung. Es fokussiert arauf, dass die Fahigkeit eines Individuums er- wartet wird, den Ausgleich der Spannungen 2wi- schen personlicher Individuation und sozialer In- tegration vorzunehmen. Werden lebenslaufspezi- fische Anforderungen der Realititsverarbeitung © nicht bewaltig, ist der Aufbau der Ich-Identitat gefhndet oder sogar unmoglich (..1Das vierte Prinzip des MpR ist eng mit den Span- ungen verbunden, denen ein Mensch im Prozesse der Bildung von Bewusst- und Sebstbewusstseins- “ strukturen ausgesetzt ist. (..] Die Verbindung von Persdnlicher individuation und sozialer Integration ‘ind bereits m der Theorie der psyehosovialen Ent- Wicklung von Erik H. Erikson (...] thematisiert. Das ‘ubjektive Empfinden von Individuation und Inte ® eration macht einem Menschen bewusst, wie unter- “chiedlich die Anforderungen von Kérper und Psy~ ‘he auf der einen sowie sozialer und physischer Unvelt auf der anderen Seite sind. Ganz besonders "Wusst und iiuBerst sensibel wird dieses Span- 207 rungsverhalinis von den meisten Menschen in der » Pubertat, also beim Eintritt in die Lebensphase Ju fend empfunden [..J| Zum ersten Mal im Lebenstauf ist zu diesem Entwicklungszeitpunkt die Pahigkeit ‘gegeben, fiber sich selbst, den eigenen Korper, die Psyche und die Umwelt nachzudenken und wahrau- 2° rnchmen, dass auch andere Menschen diese Fahigkeit besitzen. [1 Das Austarieren von Individuation und Integration als zwei sich widersprechenden, weil jeweils in eine andere Richtung zielenden, Anforderungen und Er- 20 ‘wartungen kann fr einen Menschen zu einem an- strengenden und qualenden Erlebnis werden, Die Kluft zwischen personlicher Einzigartigkeit und soai- alr Interdependens (als das Geflecht der gegenseit- gen Abhangigheiten, in die wir sozial verflochten »» sind) kann ein dissoziatives Erleben der eigenen Rea- Tat bedeuten. Hierdurch wird mitunter die Bildung einer stabilen ,Jch-Identitit” verzdgert oder blo- ckiert, Auch kann der operative Modus der produkti- vven Realititsverarbeitung vor die Situation gestelt = werden, Auswege (wie etwa aggressives Verhalten, depressive Verstimmung, oder Flucht in den Drogen kkonsum) zu finden, die dem obligatorischen Weg der ‘erwarteten Losung oder Bewaltigung lebenslauspe- nifischer Anforderungen entgegensteht, [..] ~ Von der leb-Identitat eines Menschen ist 2u spre- chen, wenn iiber verschiedene Entwicklungs- und Lebensphasen hinweg eine Kontinuitat des Selbster- lebens existiert. Im ginstigen Fall erfolgt dies aut der Grundlage eines postiv gefarbten Selbstwertgefuhls 2s und des Empfindens einer hohen Selbstwirksamkeit. [im ungiinstigen Fall betonen Negativ- und Unterle- ‘genheitserfahrungen die Erfahrung des Selbst.{.] Risikowege des Aufbaus einer Ich-Idemtitat {..] [Bet der Fokussierung auf Problemverhalten im Kindes- und Jugendalter} steht im Mittelpunkt, wie der Bewaltigungsdruck wirkt, ob und wie lange er ertragen werden kann und welche Folgen die ,Nicht- Bewiltigung” normierter Anforderungen auf den ‘Aufbau einer Ich-Identitat hat, Typischerweise wind 2 in dieser Hinsicht von drei Risikowegen bet der .Nicht-Bewaltigung” ausgegangen: dem nach auBen, nach innen und auf Ausweichen gerichteten Risiko- weg © Von einer nach aufen gerichteten, .externalisi renden* Variante der unzureichenden Bewalti- gung kann gesprochen werden, wenn ein Mensch 208 4.1 Wie kann Erziehung die auf den entstandenen Druck mit Ageressionen Be gen andere reagiert, Der starken Beeintrachtigung as des Selbstwertgefils, die aus der unzureichenden 5, wird mit Aggression na Bewaltigung resul aubien begegnet. © Bet der nach innen gerichteten, den” Variante des Bewaltigungsverhaltens reagiert seein Mensch durch Ruckzug und Isolation, Desinte- resse und Apathie, psychosomatische Storungen und depressive Stimmungen. Typischerweise wird her von der Aggression nach innen gesprochen © Die dritte Variante eines Risikoweges bei der Be- — waltigung ist durch ein Ausweichen eharakteri- siert, was als ,evadierende” Variante im Fachdis- kkurs verhandelt wird. Dieses aus dem Lateinischen ‘wortlich ubersetzte ,Aus-dem-Feld-Gehen’ driickt sich in fluchtformigen Verhaltensweisen, in unste se ten, wechselhaften sozialen Bezichungsmustern und in suchtgefahrdetem Verhalten aus, etwa dem unkontrollierten Konsum legaler wie illegaler Drogen, von Nahrungsmitteln und der exzessiven Natzung von elektronischen Medien (vor allem im o» Spiele- und Unterhaltungsbereich). ‘Wenn Anforderungen an die Verarbeitung der inne~ ren und auSeren Realitat bewaltigt werden, sind da- mit positive Erfahrungen (Wohlbefinden, Lebens- freude) verbunden. Mit dem Woblbefinden ist eine Vielzahl von Mustern assoziert, die Emihrung, Be- wegung, Konsum, Freizeittatigkeit, soziales Engay ‘ment, politische Partizipation, Berufstatigkeit, Bi dungsfahigkeit, Liebe und Sexualitat umfassen (..) Zu den Komponenten einer die Gesundheit direkt betreffenden Lebensfuheung zihlen © die optimistische Einstellung zur Meisterung der alltaglichen Herausforderungen, © die Akzeptanz des eigenen Korpers und der psy- chischen Merkimale der Optimismus, dem eigenen Leben Sinn 2u ver- leihen, © die Vorstellung von der Becinflussbarkeit der fur dlc eigene Lebensfuhrung wichtigen Parameter und © eine auf Zuversicht aufgebaute Erwartung an die vw Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt La nternalisieren- Funftes Prinzip zur Persénlichkeitsentwicke- Jung im Lebenslauf Das finfte Prnzip hebtdaraut ab, dass sich in je- vw» dem Lebensabschnitt unterschiedliche Anforde, ———————— Herausforderungen des Jugendalters unterstitzeng rrungen an die Verarbeitung der Reality die an die Veranderungen der inneren unig ten Realitat gekoppelt sind. Durch die rung der Lebensdauer und die heute typische forderung der individualisierten Lebensijy.” stehen steigende biografische Freiheitgrade 12 Individuierungsewangen gegentber Des. ist die PersOnlichkeitsentwicklung trotz de. mentaren Fundierung, die sie in Kindheit ur) tendalter erfabrt, nie abgeschlossen, [..] Der Identitatsbildungsprozess {stellt} dur permanente Austarieren zwischen Anforderin tn die individuation und Integration 2u jeden zu punkt der eigenen Lebensgeschichte eine Hera derung auf individueller Ebene [dar]. Diese | lange Relevanz der Identitatsbildung ist vies nicht selbstverstaindlich. Historisch gesehen is se das Ergebnis der gestiegenen sozialen und geo schen Mobilitat der Menschen. [..] In jeder emi nen Lebensphase stellt sich die Aufgabe, die vores ander abgegrenzten sozialen Lebenswellen Jugendlichen zum Beispiel Schule und Eleméus die Gleichaltrigengruppe, der Sportverein okt de vielfltige Einbindung in digitale Netawerke) t= ren spezifisehen organisatorischen Anforlerine: 4 zu koordinieren und sich dennoch in diesen vess= denen Lebenswelten als ,dentisch’ zu eseben Aus diesen Anforderungen an das Biografiemsss™ ‘ment konnen Belastungen entstehen, die au et dysfunktionalen Bewaltigungsverhalten filren (Mt 4 gression, Depression, Drogenkonsum etc). Die Vel der Anforderungen kann aber auch 20 einer Eve rung von Optionen fuhren, die Variabiltit wal 8! von selbstbestimmten Handlungen zur Folee bl 3 Vor allem durch die Verlingerung, der Leber aber auch die gewandelten sozialen und akon! Bedingungen einer Gesellschaft hat sich det ls! des Lebenslaufs und die Taktung der cinzeloet bensphasen dynamisiert. Die Lebensplise Kn erweekt den Bindruck, kitrzer zu werden, wel Jegendaler durch die immer fer emel eral immer weiter nach vorn verlager. 202", Tanger sich ~ zurindest auf den ersten Bk gendalter durch cine ausgedchnte scbull® berufliche Bildung. Qualifikationszeiten 2" 2eitlich in die Lange, die Ubernahme det BW" tnilien-, Konsumenten- und Burgerrlls, ‘wachsenenstatus kenn2eichnen, verscieht °° — Ermichungswissenschaftiche Geundiegung 209, pis in das 19, Jahrhundert hinein gab es die Abgren: ve nung awischen den Lebensphasen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter nicht. Fir Kinder kannte man in der Gesellschaft keinen sozialen und psychischen Schonraum, der ausschlieBtich ihrer Erziehung und Bildung diente. Sie lebten vielmehr schon nach weni ws gen Jahren ahnlich wie die Erwachsenen im meist famaliiren Bereich (oder Betrieb), trugen die gleichen Kleider, verrichteten die gleichen Arbeiten, sahen und harten die gleichen Dinge wie die Erwachsenen Sie wurden wie kleine Erwachsene” wahrgenom: men und behandelt. Finen Schutz fir ihre besonde- ren kindlichen Bedirfnisse gab es in der Regel nicht Sehr viele Kinder mussten groSe Belastungen, Aus- Deutung und Missbrauch ertragen Erst im 19, Jahrhundert anderte sich diese Ausgangs- lage, indem sich im Verlauf der Industralisierung Arbeits- und Familienwelten immer weiter vonein: ander trennten. Kinder lebten jetzt in Familien, die von der wirtschaftlichen Produktion abgeschirmt waren und sich als Erziehungsinstanzen verstanden, © Untersttat wurden sie durch Kindergarten, Schulen und andere offentliche Buldungseinrichtungen, die ihre Aufgabe darin sahen, die Personlichkeitsent- wicklung des gesellschaftlichen Nachwuchses zu be- sleiten und Kinder und Jugendliche auf das Leben in ‘« der Gesellschaft vorzubereiten. thr Einfluss ist in den letaten Jahrochnten immer groBer geworden [..] Gleichzeitig ist die Lebensphase Kindheit wegen der sehr fruh einsetzenden Pubertat karzer geworden. Entsprechend driingen sich die Anforderungen fir ‘die Verarbeitung der inneren und der auBeren Real lat in einem kurzen Zeitraum. [..) Sechstes Prinzip zur Bedeutung der Familie fur die Sozialisation Als primarer und wichtigster Sozialisationskon- text fungieren in den meisten Kulturkreisen die Familien. Sie agieren seit Jahshunderten als die Cinflussteichsten Vermittler der duferen Realitat lund werden oft als .primare Sovialisationsins- tanz"bezeichnet, da sie fir die meisten Menschen die erste und wichtigste soziale Umwelt bilden. ‘Wie in einem Mikrokosmos spiegeln sich in einer Familie von frither Kindheit an soziale, kulturelle und okonomische Lebensbedingungen, die auf die Personlichkeitsentwicklung einwirken und [rahe Formen der Realititsverarbeitung bedingen- Familien sind der erste und vielleicht der wichtigste Or der Sozialisation (.] Allgemein formuliert iste ne Familie durch das dauerhafte Zusammenleben von Angehorigen mehrerer Generationen gekenn zeichnet, die in der Regel voneinander abstammen s» (aber nicht missen) und in einem Sorge- oder Erzie- hungsverhaltnss2ucinander stehen. Welche konkrete soziale Form die Famulie hat, hangt maBeblich von den wirtschaftlichen und kulturelen Rahmenbedin gungen einer Gesellschat ab. (.] « Fin Hauptmerkmal der gesllschaftichen Verande rrungen seit dem 19, Jahrhundert ist die Aulgliede- rung, eines urspriinglich zusammenhangenden, wm fassenden_sozialen Systems mit_verschiedensten Aufgaben in verschicdene neue, funktional speziali- sierte Systeme. Vor und wahrend der Industralisie rung waren Familien okonomische und praktische ‘Zweckbiandnisse, die ihren Mitglieder alle Lebens: fanktionen bis hin zu Sicherheit und Schutz boten. In den vergangenen Jahrzchnten entsteht eine breite « Vielfalt verschiedener Auspragungen und Formen ‘yon Familien. Diese recht von der Ein-Eltern-Familie aber die Familie mit 2wei berufstatigen Eltera, neu zusannengesetzten Familienteilen bis hin zur Fami- hie mit homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die « Erzichungsstile mehrheitich demokratsier, obwokl immer noch eine grofe Spannbreite zwischen auto: ritiren* nd ,Laisse2-fate"-Erzichungsmentalitaten ausgemacht werden kann {..] Familien (sind) heute eine sensible Gemein- o schaf, die die emotionalen Bedirinisse der Zugeho- rigkeit, Anerkennung und Zowendung belriedigt Dic Familie ist 2u einem System mit sehr starker Per- sonenorientierung und mit groBer Privatheit und In- timitat geworden, Sie ist heutzutage bei den erwach- «0 senen Partnerinnen und Partnern ganz aberwiegend aut die Erfullung der Bedisfnisse nach Glick und personlicher Bestatigung im Sinne von Liebe, Nabe, Emotionalitat, Entspannung und Ruckzug ausgerich- tet, bei den Kindern auf Erziehung und Personlich- « keitsbildung, wihrend specifischere Aufgaben wie die formale Bildung und die Vorbereitung auf den Beruf aus der Familie ausgelagert sind {..J- Zuge- spitat last sich sagen: Die Familie ist 2u einer reinen Sorialisationsinstanz geworden, die nur noch in wes «~ nigen Restbestanden andere gesellschafliche Funkti- conen als die der Erziehung und Betrewung des gesell- schaftlichen Nachwuchses wahrnimmnt.[.] Eine Familie ist eine private Lebensform, die durch Si eS 210 4.1 Wiekann Erne! «das dauethafte Zusammenteben von mindestens et nem Elternteil und einem Kind in enger personlicher Verbundenheit, solidarischer Beziehung und verkiss- licher Betreuung charakterisiert ist. Die wichtigsten Funktionen der Familie liegen in der Herstellung. ner dauerhaften Beziehung von Menschen verschie dener Generationen, die fureinander einstehen, der Erziehung und Sozialisation der Kinder und der ge- genseitigen Berticksichtigung der Bedtrfnisse aller ihrer Mitglieder. Die Familie bietet als Sozialisations: » instanz den Kindern deshalb wertvolle Rahmenbe- ddingungen und Erfahrungen, weil sie trotz ihrer ge. ingen Groe eine reiche Vielfat von sozialen und emotionalen Interaktionen ermglicht Siebtes Prinzip zur Bedeutung der Bildungs- ~~ institutionen Das siebte Prinzip fokussirt auf die Ebene der se- ‘kundaren Sozialisationsinstanzen, die als Institu- tionen des Erzichungs- und Bildungssystems zum ‘einen eine Qualifikationsfunktion, zum anderen ‘seine Selektions- (Auslese) und Allokationsfunk- tion (Statuszuweisung) einnehmen. Durch sekun- dire Sorialisationsinstanzen werden die Erfah- rungsraume erweitert und es werden erstmals verlassliche Interaktionsraume auberhalb der Fa- smile geschaffen, Schiilerinnen und Schiler bau- en ein Selbstkonzept auf, das auf den Bewertun- zen von Bildungsinstitutionen basiert. [ol Aufgaben von Erziehung und Bildung (haben sich] in den letzten Jahrzehnten Schritt fir Schritt ve: aus den Familien ausgelagert tnd sind in spezialisier- te Institutionen ubergegangen. Auf diese Weise ist cin ausdifferenziertes Erzichungs- und Bildungssys- tem von den Kinderkrippen uber Grundschulen bis hin zu Hochschulen entstanden, das sich seit der In- sv dustrialisierung und besonders stark seit der Einfih- rung der allgemeinen Schulpflicht um 1900 zeitlich ‘und sozial immer weiter ausgedehnt hat. [..] Zu den sekundaren Sozialisationsinstanzen gchoren sffenti ‘che Erzichungs- und Bildungsinstitutionen wie Kin- so dertagesstatten, Horte, Schulen, Ausbildungseineich- tungen, Hochschulen, sozialpadagogische Institutto nen sowie Einrichtungen der berullichen Aus- und Weiterbildung. Wahtend in der Sozialisationsinstang Famille Motter und Vater als Laieneraicher”tatig sx sind, arbeiten im Erzichungs- und Bildungssystem professionell ausgebildete Berulsgruppen. [. ] es sderungen des Jugendalters unterst hung die Hecaustorderunge es min ‘us den ursprnlich Menem und thera, palette von Erzichung, st dhngsaufgaben beauftagten olkschageet heute hochprofessonelle Institutionen gear vom Kleinkindalter an bis in das Erwachen hinein speziele Angebote fir Erziehung yu” Weitrbildung und Fortbildung machen se ft scheiden sich vor allem danach, welche Alters.” son Kinder, Jogendlichen und Erwacheen 7 sprechen und als Mitglieder einbezichen fp. sich die folgenden Teilsysteme unterscheiden ¢ Erzichungseinsichtungen flir Kinder im Vo alter: Kinderkrippen, Kindergarten, Kindy, statten, Kinderhorte, Heime, Kinderrnses richtungen: 1 @ Schulen fir die sechs bis sechzehn Jah ah Kinder und Jugendlichen: Grundschulen fs sechs bis zehn Jahre alten Kinder, anach see fuhrende Schulen bis zum qualifiretten miles. Schulabschluss nach neun oder zehn Scbulhirs © Oberstufen des Schulsystems mit der Qulsx rung 2um Abitur als Hochschulzugangser= gung, in der Regel fir die twa sibach-by neunzehnjahrigen Jugendlichen; q ‘© Berufsbildung: Berufsschulen in Kombinatin ni betricblicher Ausbildung (Duales System) snr Vollzetberufsschulen fiir die etwa Zang Dreiundewanzigjahrigen: © Hochschulen: Duale Hochschulen, chock Jen und Universitaten fir die etwa Zana ts Siebenundzwanzigjahrigen; © Fort- und Weiterbildungseinrichtungen: Yes hhochschulen, beruflche Bildungsstatten vel Be rufsakademien fir alle Altersgruppen, vr ali die im Erwachsenen- un Seniorenaltet 1] Die Schule bt ihre Bildungs- nd Sons fanktion auf vier verschiedenen Ebenen aus 1) Direkte Petson-zu-Person-Beriehung 2h Lehrkrften, Schilerinnen und Sehilern: Pihs® 9 nen und Padagogen interagieren mit den Kin und Jugendlichen der jeweiligen Schulklase Wissen, die Einstellungen und die Verhaltens tionen 2u beeinflussen j 2) Bezichung wischen Lehrkeiften und de £ ten Kollektiv der Schiilerinnen und Schiller bee kerafte massen immer die Inteessen und Beli der gesamten Gruppe berticksichtigen. Eestaltende Rolle beibehalten wollen. Dara sich Grenzen fur die Intenstat der pers" mit einer breiten sung 2u einzelnen Sehillerinnen und Schilern 3) schiler“innenschaft untereinander: Die Sozialisa tion in einer Schule ist nicht nur durch die jeweiligen vonlichen Eigenschaften und Vethaltensweisen idler der Schller“innenschaft beeinfluss. Das Kol- Iektiv der Schiller‘innenschaft bt Sozialisations- fanktionen aus. Der Anpassungsdruck der Mitschiler ve als ditekte ,peers” (den meist gleichaltrigen Bezugs jruppen) kann in manchen Phasen des Schullebens muehr Einfluss ausiben, als es die von den Lehrkraf- ten ausgehenden Impulse vermogen, 4) Organisationsstruktur: Die Bildungseinrichtung we Schule ist eine gro8e und komplexe Organisation mit formal festgelegten Zustandigkeiten und Verant- ‘wortlichkeiten, Diese Organisationssteuktur wirkt auf die Verhaltensweisen aller Menschen ein, die sich in der Schule aufhalten. Sie schafft bestimmte Ver- v haltensspielriume fur die Padagoginnen und Pida- gogen und ebenso fir die Schilerinnen und Schiler und legt damit Einstellungen und Normen fest, die sich in Spannung oder sogar Widerspruch 2u denen tefinden konnen, die vom Padagogen in der direkten Beziehung angestrebt werden. Kurz: Die Schule als Institution erzicht, Auf diesen vier Ebenen ubt die Schule als Bildungsinstitution thre Sozilisations- finktionen aus. (..] Achtes Prinzip zur Bedeutung der alltagli- © chen Lebenswelt Informelle Kontexte wie die intime Partnerschaft, der Freundes- und Bekanntenkreis oder die Nut- ‘ung analoger und digitaler Medien bilden den Alltag der Menschen ab und sind gerade dadurch, dass se nicht auf Sozialisationseffekte ziclen, so- uialisationswirksam. Menschen leiten aus ihren lebensweltichen Erfahrungen Handlungswissen 4b. Dadurch wird Gewissheit uber das erzeugt, Was als Selbstverstindlichkeit der Lebensfuhrung, orausgesetat wind. Es werden Lebensstile ge~ formt, Motivationsstrukturen und Gruppenbil- rozesse beeinflusst. Nachdem in den beiden vorangegangenen Prinzipien “um MpR Familien und Bildungsinstitutionen als die Primaren “und sekundiren Sozialisationsinstanzen Gbsier wurden, richtet sich nun der Blick aut sol- * soriaen Systeme, die nicht ausdriicklich mit dem wungswissenschaftliche Grandlegung 211 Ziel der Beeinflussung der Personlichkeitsentwick lung ihrer Mitglieder etabliert wurden, aber dennoch von groBer Relevanz fur die Sozialisation sind. Es « hhandelt sich hierbet um Erfahrungen in der alltigh chen Lebenswelt, die als .tertiare Sozialisationsin- stanzen” fungieren Familien sind die ,primaren Sozialisationsinstanzen’, weil sie die Grundstrukturen der Personlichkeit eines Menschen prigen und den Aufbau der Fahigkeit zur Verarbeitung der inneren und der auBeren Realitit unterstitzen. Offentliche Erzichungs- und Bildungs- cinrichtungen sind ,sekundare Sozialisationsinstan- zen’, weil sie auf der Sozialisations- und Erziehungs- v» arbeit der Familien aufbauend auf systematische Weise die fir das gesellschafiliche und berufliche Leben wichtigen Sozial- und Leistungskompetenzen vermitteln, Die .tertiaren Sozialisationsinstanzen* ‘wurden in dieser Logik lange Zeit ibersehen. Sie ha- os ben in den komplexen und stark differenzierten Ge- sellschaften der Gegenwart eine grolie Bedeutung erlangt und sind eng mit den primaren und sekun- daren Sozialisationsinstanzen verflochten. Zum Bei- spiel wirkt die berufliche Erwerbsarbeit von Eltern s ebenso wie die gemeinsame Nutzung der Massenme- dien in Familien direkt und indirekt auf die Sozialisa- tion der Familie cin und stellt fir diese einen gesell- schaftlichen Kontext dar- Die Sozialisationseinflisse sind deshalb auch im Einzelnen oft gar nicht vonein- s: ander 2u unterscheiden. Auch die Rolle digitaler Me- dien ist ein Beispiel, das zeigt, wie schnell sich Ent wicklungen Bahn brechen und Lebensbereiche verdndern. Die jungeren Altersgruppen wachsen heute selbstverstandlich mit der Nutzung der digita- Jen Medien auf Sie verbringen 2umeist mehr Zeit vor einem Bildschirm (Smartphone, Tablet) als in der Schule. Der Verzicht auf diese Medien, den ,Erwach- sene" haufig verlangen, bedeutet fur sie den Verzicht auf eine Lebenswelt, die fiir sie so natitrlich ist wie us fur eine dltere Generation der Rekurs auf eine analo- ge Erfahrungswelt, Damit ist eine weitere Kernannahme des MpR in der Sovialisationstheorie umschrieben, Das achte Prinzip der Bedeutung der alltaglichen Lebenswelt hebt da- raul ab, dass neben den primiren und sekundiren Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von so- zialen Systemen existiert, deren wesentliche gesell- schaflliche Funktion nicht in Erziehung, Bildung und Qualfizierung besteht. In das Spektrum der tertidren ws Instanzen gehoren neben der beruflichen Erwerbsar- 212.41 Wie kann Eraeh bit, dem Freundes- und Bekanntenkreis, dem Kon sum und Freizetsektor, den Medien auch die reli aids gepragten Vergemeinschaftungs- und die politi sehen Beteiligungsformen. Sie alle sind 7ur alltaglichen Lebenswelt eines Menschen au zahlen Lund ben jeweils auf andere Weise einen etheblichen Einfluss auf die Personlichkeitsentwicklung aus. (.-] Neuntes Prinzip zur Bedeutung intersektio- © naler Ungleichheiten Auch hochentwickelte Wohistandsgesllshaflen sind durch ein uroGes Ausma® an okonomischer, sozialer und kulturell-symbolischer Ungleichheit fgekennzeichnet. Dadurch kommt es 20 Unter~ © schieden in den Sozialsationsprozessen der Be~ volkerungsgruppen. Existierende Ungleichheiten bedingen die Tendens zur Reproduklion von ei- ner Generation zur nichsten durch das Zusam- ‘menspiel von Praktiken der Selbst- und Fremd> ©: eliminierung ..] Die Lebensbedingungen in der Familie, die Be- deutung der Herkunftsressourcen, der Einfluss der ‘Wohnumwelt, das okonomische, kulturelle und sozi- ale Kapital der Eltern mussen in cinem Orchester der o» unterschiedlichen Kontexteinflisse geschen werden, In Zeiten der schichtspecifischen Sozialsationsfor- schung vor rund 50 Jahren dominiert hier die Frage nach den Einflussen der sozialen Schicht auf die Le- benschancen von Kindern und Jugendlichen, wobei = unter Lebenschancen meistens die Bildungschancen verstanden warden. Heute sind die Zugange der For: schung oder ~ wenn man so will ~ die Orchesterar- rangements komplexer geworden. Es wird schon lan- ge nicht mehr nur auf die Auswirkungen der sozialen vw Ungleichheit im Bildungsbereich geschaut Genauso meint Ungleichheit keineswegs nur die so- ziale Herkunft der Eltern einer Familie (wobei auch nicht mehr nur auf den Beruf des Vaters geschaut wird), Heute wird auf ,Flugbahnen” einer Familie fo- ‘» kussiert (steigt die Familie sozial ab oder steigt sie aul), auf die erweiterten milieuspezifischen Lebens- bedingungen, temporire oder dauerhafte Erwerbslo- sigkeit, Eltern- und Geschwisterkonstellationen, Wohnumfelder, besondere Belastungen in der Fami- wo lie durch Krankheit, Scheidung oder Tod eines Fami- lienmitgliedes, Diskriminierungs-, Flucht- oder Mi. srationserfahrungen (wobei dann auch wieder die soziale Herkunfi im vorherigen Lebenskontext eine vung die Heausforderungen des Jugendaitersunterstitzend Role sped geschlechliche Ungleichhetn, py at wim. Insofern ist anch dhe Kenta coviale Unglichheit .mehrdimension hen - Der Fachbegriff der InterseKtionalitt (ergy, die Uberschneidung von unterschiedichn on teiligungs- oder Diskriminierungsformen He ee apn sr Biaepreraee kaultuelle und geschlechlliche Heterogeni sg het, dass beispielsweise Manner auch am ot ethnisch diskeiminiert sein kénnen, Fauey op auch einer weifien Mehrheit angehérend uni ya hhabend, Ungleichheiten sich also auselichex ie auch verstarkt werden konnen wie im Fale ne Frauen aus ethnisch diskriminierten Gruppen wenigen okonomischen, Kulturellen oder snd Ressoureen.[..] 3 Aktuell vergroBern sich die Unterschiede wish Familie, die ihren Kindern sehr gute mateebe bensbedingungen, eine gute Ausstattung an Vie nung und Kleidung, reichhaltige Freizeit un 8 dungsimpulse, gesunde Emihrung und ce gis Erichung auf der Basis einer sicheren Bindu be ten konnen, und Familien, di in allen diesen Be chen Einschrankungen haben. Diese Untershie der Auspragung der sozialen Ressourcen in dea ‘maren Sozialisationsinstanzen werden in de pol tive Verarbeitung der auleren Realtat emtesse und wirken sich auf die Persbnlichkeitsentwids der Kinder aus. Kinder aus sozial privilegierten Familin sae diese Weise mit ungleich besseren Vorausetsis* fiir die Bewaltigung der lebenslaufspezisces rausforderungen als die aus sozial bensctei@ Fanilien, Es kann also nicht genau gesegt ¥t wie Ungleichheiten wirken, weil die individu schung unterschiedlicher Erfahrungen mit Und” hit und dem dazugehdrigen Modus der pros Realititsverarbeitung, det auch den Umgarg™ 4 Jastungen reguliert, nicht voll verstanden st 45" ner Perspektive, die nicht auf das einzelne Int lum, sondern auf die groflen Zablen det So schaut, lassen sich dagegen Folgerunge® in ren, Hiemnach ist deutlich, dass im weit", des Lebens die Startunterschiede fur die Fe. keitsentwicklung nur in den seltensten Pale alichen werden, Bei der Mehrheit der Kine, ¢s vielmehr zu einer Verstetigung und stam starkung des einmal eingeschlagenen Pia suis 4 ° B sonlichkeitsentwicklung. Den sekunditen Sozialisa- onsinstanzen gelingt es nur be inem Kleinen T. der Kinder aus den sozial benachteilgten Familen, the Weichenstellungen des Elternhauses so zu verane dem, dass die fehlende Nahe zum kulturellen Kapi tal, was sich als Rickstande in der Leistings- und Kompetenzentwicklung bemerkbar macht, in der ~ Forderang ausgeglichen werden kann ‘Auch die teriaren Sozialisationsinstanzen verstir. en in der Regel die bereits vorhandenen Ungleich hate, weil ~ urn nur ein Beispiel zu nennen ~ Fei zeit und Medienangebote mit den bereits durch die Familie geformten Einstellungs-, Wahmehmungs- und Fahigkeitsunterschieden und damit zusammen hingenden. Verhaltenserwartungen aulgenommen werden, Der .soziale Habitus” ist mithin mest schon so stark ausgebildet, dass er sich gewissermafen im- ve mer wieder selbst reproduzirt.[..] liminierung ist ein analytischer Begriff der soziolo- ‘usch gepragten Ungleichheitsforschung, uber den versucht wird zu beschreiben, wie bestimmte Grup- pen in bestimmen Institutionen, zum Beispiel im Bil- vs dungswesen, aussortiert werden. Die Kernfrage ist wie ,uberleben” bestimmte Gruppen den Konkur- renzkampf und uber welche Mechanismen werden andere selektiert”, Die Bedeutung des Eliminie- rungsbegriffes ist dabei eine doppelte: zum einen » ,Fremdeliminierung”, also Aussortierung durch An- dere, zum anderen ,Selbsteliminierung” als Form des Aussortierens durch eigenen Verzicht. Und genau hierfr gibt die Sprachcodeforschung viele Beispiele Ein bestimmter Code, cine bestimmte Art des Aus- ducks (sch*, .Ey Alter) wird fremdeliminiert. Wer so spricht, wird abgewertet, das kommt in den Insti: lutionen der Bildungsvermittlung nicht an. Gena homplementar aber funktioniert der Mechanisrmus dec .Selbsteliminierung”. Wenn man mit seiner Spra- che nicht ankommt, wachst die Wabrscheinlichkett, dass man sich zuriickzieht. Also auch ohne Fremdur tel, als Ergebnis einer eigenen Entscheidung, als Entschluss, der fur alle weiteren Handlungen ver~ ‘meiden will, dass ein Gefithl von Nicht-Anschlusst& ® higkeit, von Unpassend-Sein, des Ausgesondert-Wer- dens oder von Scham auftritt. Die Mechanismen bei- det Formen der Eliminierung bewirken, dass die -Eliminirten* ihre Selektion als sebst- und nicht als fremdverschuldet wahrnehmen. Es ist cin Prozess © det sanften oder der schmeralosen Eliminierung, der Richt erst des generellen Ausschlusses der Unterpr- Erzichungsissenschattiche Grunategung 213 vilegierten aus dem Bildungswesen bedarf. Er repro- ‘duziert jedoch mit der gleichen Wirksamkeit Sozial: hierarchien, obwoh! das Prinzip formaler Chancen: Bleichheit existiert.[.] Zehntes Prinzip zur Bewaltigung gesell- Selfish? Hace hcreigia al ee Das zehnte Prinzip hebt darauf ab, dass alle Men- schen in der Gesellschaft von wirtschafilichen, ‘okologischen und politischen Herausforderungen lobal betroffen sind. Die Auseinandersetzung ‘it der realen und medial vermittelten Krisen- ‘wahmehmung ist zu einem festen Bestandtetl der Entwicklung der Personlichkeit geworden, woz auch Phanomene der Opposition und Abwehr ge- hhoren, mit denen Praktiken der wirtschaflichen, ‘kologischen und politischen Nachhaltgkeit ab- leh werden, (..] Es it auffallig, dass Kinder und Jugendliche ein slobales Krisenbewusstsein bereits ausgebildet ha: o» ben und sich dieses auch artikultert. Dabei ist nicht entscheidend, dass Krisenphinomene heute zum Grund fiir eine imtensivere Auseinandersetzung mit politischer Gestaltungsfahigheit geworden sind (die vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr eindricklich, «= ‘weil das Interesse fir Politik in der jngeren Genera: tion immer starker zunimmt). Mitunter it auch das Gegenteil, der Rickzug und die Opposition, der Hang zu Populismus und einer Politik der starken Hand, cin Beispiel fr die aunehmende Bedeutung »« {lobaler Krisenphanomene in den Erfahrungswelten tiner heranwachsenden Generation, Die jee Rea Iitat ist jetzt nicht nur Herausforderung der produk- tiven Realititsverarbeitung auf einer sndividuellen, sondern auch auf der gesellschafllichen Ebene, Hie~ ruber sind sich junge Menschen im Klaren. Einige brechen bereits mit eingespielten Routinen, sie ste Jen Bildung, Ausbildung und den starren Takt von ‘Okonomie und Arbeitsteben infrage Das zehnte Princip geht explizit auf die Walrneh- mung und Verarbeitung. gesellschafticher Krisen- phanomene cin Inder Soziasationsfrschung sied immer deutlicher, dass die nachwachsende Genera- tion normierte Lebenslaufentscheidungen (Qualifika- tion, Job, Familie) immer mehr infrage stellt. Viel strkere Prioritit bekommt, wie gesellschaftliche [Normen wahrgenommen und bewertet werden, Was iber awei bis drei Generationen hinweg als selbst~ rl 214 41 Wieken verstindliche Abfolge im Lebenslauf anerkannt wur- sw de, gilt vielen darum heute nicht als Teil der Losung, sondern als Teil des Problems. [1 Heute sind die Exfahrungen einer Generation eng a" den technologischen Fortschritt, die sozialen Bedin- und glabale Veleehtungen gekoppel: Na ste um gun ‘= Wrlich ist keine Generation ohne ihre Kon gesellschaftichen Ausgangsbedingungen hen. Far die heutigen Lebensbedingungen ist aber cntscheidend, dass das Ausma® globaer Interdepen: denzbeziehungen augenommen hat. Okonomische, ‘ soziale und okologische Herausforderungen. abet auch gesundheitliche Krisen wie Pandemien zeigen diesen Charakter der vielaltigen Verflechtungen an. Ll Die Brechungen von gesellschaftichen Standards vm rungsprozessen sind vilfaltig, Zumeist sind sie mit dlem Exhalt von lokalen Gewohnkeiten gegen Prozes- se der Hyperglobalisierung oder mit poltischen Wi- derstandigkeiten gegen Tendenzen der internationa~ len Verflechtungen verbunden. Manchmal greifen sie ‘auf traditionelle Muster der Lebensfuhrung zurick, ‘manchmal konstruieren sie aber auch ,authentische™ IMentititen, die in eine Widerstandshaltung eingehen sollen. Die Exfahrungen der Generation Greta” spiegein Lebenslaufspezifische Anforderungen der Realitatsverarbeitung Die vier Gruppen von Entwicklungsaufgaben Schon mit dem Ursprungskonzept der Entwicklungs- aufgaben fallen typische Herausforderungen der Le- bensbewaltigung auf, die zu der Periodisierung des + Lebenslaufs homolog verlaufen. Das heift, dass die Entwicklungsaufgaben der verschiedenen Lebens- phasen nicht nur aufeinander aufbauen, sondern uch in jeder Phase Anforderungen stellen, die eine Neuorganisation der personalen und sozialen Res- ve sourcen verlangen. Diese Neorganisation erfalgt so- wohl auf der biologisch-korperlichen und psycholo- gischen Ebene, also der Verarbeitung der inneren Realitit, als auch auf der sozialen und kulturellen Ebene, also der Verarbeitung der auBeren Realitat. ws Die einzelnen Entwicklungsaufgaben lassen sich in vier Bereiche mit jeweils aber den gesamten Lebens- lauf hinweg recht gleichartigen Anforderungen 2u- oordnen [..) 1. Qualifizieren: Hier geht e5 um die Entwicklung » der Kompetenzen, die notwendig sind, um den Leis. cienang die Herastorderungen des Jupendallers Unterstiteng Weltweit existent diese Heterogeri fe neu politsiete junge Generation, dhe if cher ist, wie sie global Poitk- oder Gays ie losen sol, die aber dhren Unmut dey? Gesellschaften erleben eine unruhige Gener fhe Bildung nor noch Ausbdng aoe Vorbereitung auf den Beruf geschen wied ty neration kennt frihen Konkurrenz- und tga ruck, reagert aber nicht stromliientirmi santerweise sind junge Menschen gerade ns erfolgreichsten Okonomien heute nicht mee, ihre gesamte Lebenszelt Karriere und Beruf ye andnen. Es gibt Suchbewegungen, de rc eqn an die Orientierungen anschlieBen, die vop fo temgeneration vorgelebt werden. Es existing lare Grundiberzeugungen, de direkt neben dey ie servativen Werten stehen. Es. gibt Forme i politischen Beteiligung, die als moderat und iim freudig exscheinen. Daneben wachsen rade gentendenzen, die sich mit demokratischen (rut wwerten nicht einverstanden erklaren wollea[.) (Ulrich Bauer, Klas Hurrelmann:Einfuhrungin ieSosinn theori. Das Model der produktiven Realtatsverabei Bet Veriag, Weinheim und Basal, 14, vellsandig uence ‘ull 2021, 5. 134-308) und um die Aufgabe, Kompetenzen fu schaftliche Mitgledsrolle ines akti¥ zuerwerben. Dazu sollen im Kindes- und ¥® solche kognitiven und sozialen Fibshelt Fachkenntnisse angeeignet werden. 85 Toe Lebenslauf gesellschaftich relevante Bev en ibernommen werden konnen. Wink

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