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[ED Prinzipien
Estes Prinzip zum Verhaltnis von innerer
‘und auBlerer Realitit
Personlichkeitsentwicklung wird im ersten Prin-
zip verstanden als produktive Verarbeitung. der
inmeren Realitit von kinperlichen und psychi-
schen Dispositionen und der auieren Realitat aus
sorialer und physisch-riumlicher Umwelt. Der
Prozess der Verarbeitung ist produktiv, weil es
sich hietbei nicht um einen passiven Vorgang,
+ sondern um eine dynamische und aktive Form
von Tatigkeit handelt, auch wenn sie im Bewusst-
sein eines Menschen nicht immer prasent ist. Die
innere und auBere Realitit reprasentieren unter-
schiedlche Beziige auf das Subjekt und die umge-
«benden sozialen Strukturen, wobet sie sich analy-
tisch trennen lassen, in der Praxis aber miteinan-
der verwoben sind.
{1 Die ative, dauerhafte und individuelle Ausei
andersetzung mit der inneren und auseren Realitat
«win in diesem ersten Prinzip als Verarbeitung” be-
zeichnet. Der Begriff driiekt nicht nur die permanen-
te, zumeist unbewusste Person-Umuelt-Interaktion,
sondern auch die tandige, ein Leben lang ankalten
de Arbeit an der eigenen Person aus. Der Aspekt der
» Nerarbeitung” betont die permanente Eigenleistung
des Menschen beim Aufbau seiner Bigenschaften
tnd Merkmale sowie bei der Auswahl und Festi
rung seiner sozialen Handlungen (worauf das zweite
Prinip besonders hinveist).
» In die subjektive Wahrmehmung geht die Vorstellung,
canes Menschen von seinem KOrper, seiner Psyche
und seiner sozialen und physischen Umwelt ein. Jede
YVorstellang von der inneren und auBeren Realitit
kann deshalb nur eine individuell gefarbte sein.
® Gleichzeitig sind auch die individuellen Moglichkei
ten, eine jeweilige ,Farbung” der Wahmehinung der
Auferen Realitat vorzunchmen, an den Aufbau des
Wahrnehmungs- und Denkapparates gebunden. Hie
‘aus feitet sich eine vorherige »Pragung” durch die
‘© auere Realitt ab, die den Moglichkeitsraum fir die
Kategorien offnet, die spater wieder dem Individuumn
4ur Verarbeitung der Realitat zur Verfugung stehen.
Eine solche innige Verwobenbeit der inneren mit der
‘uleren Realitat kann man auch als dauerhaftes Ver~
“hiltns des Austausches, also der Interaktion 2!
‘chen beiden Einheiten bezeichnen. Das Besondere
Erriehungswissenschafliche Grundlepung 205
im Modell der produktiven Realitatsverarbeitung,
ist, dass diese Verwobenheit keinen Anfang und kein
Ende kennt, Was als Prozess der produktiven Verar
beitung von innerer und auBerer Realitat beschrie
‘ben werden kann, ist eine analytische Abstraktion.
‘Tatsichlich ist die innere mit der auBeren Realitat
uuntrennbar verbunden. Die auBere Re:
liert bereits Fahigkeiten, mit denen das Individwurn
aus seiner inneren Realitit auf die aubere zugreift.
Gleichzeitig ist die auBere Realitat abhangig davon, »
wie sie von der inneren Realitat wahrgenommen und
konstruiert wird. (.
Zweites Prinzip zur Produktion der eigenen
Personlichkeit
‘Menschen sind Produzentinnen und Produzenten
ihrer eigenen Entwicklung, De sch entwickelnde
Personlichkeit ist in diesem Prozess nicht passiv
coder abwartend, sondern als schopferischer Kon-
strukteur aktiv an der Gestaltung ihrer Biografie
beteiligt. Der BegrfT produktive Verarbeitung” ©
drickt aus, dass es sich bei der Auseinanderset-
fzimg mit der inneren und aufleren Realitat um
cinen aktiven Prozess handelt, in dem der einzel-
ne Mensch eine individuelle, den eigenen Voraus-
fetzungen und Bedirfnissen angemessene Form
waht.
Viele Ansatze [..] betonen bereits, wie individuell
sich jeder einzelne Mensch mit den individuellen
“Anlagen und den je spedifischen Umrelterfahrungen
fuseinandersetz. Mit dieser Ausrichtung wird die
Hauptaussage des zweiten Prinzips des MpR berthet.
Sie besagt, dass in den heutigen hoch entvickelten
Gesellschaften ein besonders hoher Freiheitszrad fur
die Eigengestaltung der Personlichkeit gegeben ist,
‘vel traitionelle Vorgaben hinsichtlch sozialer Ro
Jen und kultureller Normen relativiert wurden und
hherdurch den allermeisten Menschen ein erweiterter
Spielraum far individuelle Pofilerungen zur Verf-
gung steht, (..] Die menschliche Persbnlichkeit
formt sich von der frihesten Entwicklung als Siug:
Jing und als Kleinkind an aber das Jugendalter und
das Erwachsenenalter hinweg bis ins hohe Alter in
der Interaktion zwischen verfagbaren und erworbe-
tien individuellen Meriamalen sowie der materiellen,
jovialen und symbolischen Ausstattung der Umwelt
Standig weiter Die Verarbeitung ist ,produktiv” weil
g
ix
206. 4.1 wie kann Erichung sie Herauslorderungen des Jgendaltersuntersttrent by |
ste sich aus der jeweils individuell besonderen Auset-
nandersetzung mit den inneren und auBeten Bedin-
sgungen ergibt. Das Wort .produiktiv® sagt aber noch
% nichts daruber aus, ob es sich um eine erfolgreiche
Verarbeitung handelt, die Vorteile fir die weitere
keitsentwicklung mit sich bringt, ob es a:
so 2u einer Bewaltigung von Problemen oder Krisen
in der Personlichkeitsentwicklung kommt oder nicht.
\ «Produktiv wird also nicht als wertender, sondern
als beschreibender Begriff verwendet.
Realititsverarbeitung beschreibt [..] die Fahigkeit,
sich durch eigene Aktivitat Realitat anzueignen. Da~
tmit ist die Tatigkeit des Individuums gemeint, die
ve auBere Realitat vor dem Hintergeund der bereits er-
worbenen Erfahrungen wahrzunehmen, zu bewerten
und innerpsychisch new einzuordnen. Dieser Er-
enntnisakt setzt vor dem reaktiven oder aktiven
Handeln ein, Umweltereignisse gehen in das Ord=
ve nungssystem und die Interpretationsmuster eines In-
dividuums ein, werden dort bewertet und zur Grund-
lage spaterer Handlungsorientierungen.(..)
Drittes Prinzip zur Bewaltigung lebenslauf-
sperifischer Anforderungen der Realitits-
vs verarbeitung
Das dritte Princip fokussiert darauf, dass in jedem
Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbei-
tung der Realitat vorhanden sind. Diese sind ge-
sellschaftlich mehrheitlch akzeptiert und gelten
als Normen der Entwicklung. Im Lebenslaut
kommt es damit 2u einer standigen Konfrontation
‘mit neuen Situationen, die jeweils mit angemes-
senen Formen des Handelns bewaltigt werden
t [4] In jedem Lebensabschnitt ergeben sich aus der
korperlichen und psychischen Entwicklung sowie
aus der sozialen Umwelt stammende Erwartungen
an die Verarbeitung der Realitit. Diese Erwartungen
werden in einer alleren Theoriesprache als. ,Ent-
»» wicklungsaufgaben” bezeichnet. Sie beschreiben die
far ein Kind, einen Jugendlichen, einen Erwachsenen,
‘oder einen Senior als .Norm” erachteten Handlungs-
lund Bewaltigungsherausforderungen. Sie sind von
jedem Menschen auf seine eigene Weise zu definie,
vs ren, in das eigene Handlungsrepertoire 2u ibersetzen
und 2u bewaltigen,
Im Lebenslauf kommt es zu einer standigen Konfron-
tation mit neuen Situationen, die jeweils mit ange-
messenen Formen des Handelns bewalig
massen, Immer wieder ~ besondetszuge
cinschneidenden sozialen oder wirtschafiy
sen oder bei biografischen Umbriichen und iy.
wwaltigungsfahigkeiten 2u aktivieren(..)
Durch alle [..] Anforderungen der Lebensbey
gag, die mehr oder weniger krisenfomie ni
werden, zcht sich die Herausforderung de pers
che Individuation mit der sozialen Integration»
vermiteln. Individvation und Integration sexs
wahrend des gesamten Lebenslaufs in einem sans |
gen Spannungsverhaltnis zueinander. Zur dns
ation’ gehoren der Aufbau einer individuellen
sénlichkeitsstruktur mit unverwechselbaren kiges |
Ree pape sao Glaen Senses ee
das subjektive Erleben als einzigattge und eine
Persdnlichkeit. Zur Integration" gehoren de x
pektierung der gesellschaftlichen Werte, Noma
und. Verhaltensstandards, die Ubernahme seh
schafllicher Mitgliedstollen (also die [J Rolled
Berufsttiger, Familiengriinder, Konsument undp
tischer Burger) sowie die Eingliederung in die sos
Jen Strukturen der Gesellschaft [..]
Natirlich kann es sich bei Entwicklungsaueee
hriemals um universae, also tberall und in allen
torischen Epochen gleichbleibende Herausordns 4
gen handeln. Im Gegenteil sogar, wie deutch les
Inufspecifische Anforderungen der Realitatsevit
ung einem Zeitkern unterworfen sind, zit
allenthalben, Far Lebensbedingungen, die den ws
ren in technisch hochentwickelten, demokrati
kapitalistischen und gleichzeitig individualists
Konkurrenzorientierten,Gesellschaften enlspres
konnen wir sehr allgemein Far die Lebensphases
terscheiden i
© In der frahen Kindheit geht es darum. deer
Jegenden sensorischen und motorischen Fes!”
{en zu entwickeln, die Bindungen 2u den pss!
Bezugspersonen aufzubauen, anschlieiené 6
Kontakte 2u Gleichaltrigen mu knupfen ut 7 |
che und Wahrnehmung zu schulen. Inder st
schulzeit werden dann intellektuelle Lest
und das Einhalten sozialer Ungangstoe® ©
langt.
lm Jugendalter ist die Verandrung det WP
chen Gestalt zu akzepticren, eine Gest
‘demttat zu entwickeln, die schulische Les
fahigkeit 2u starken und eine Ablosung \°"Eltern einzuleiten. AuBerdem geht es darum, Be
siehungen 2 Gleichaltrigen und spater auch inti
me Paarbezichungen einzugehen, wirtschaftich zu
handeln und mit Konsum- und Medienangeboten
tumgehen 2u lernen, ein eigenes Wertsystem sowie
cine politische Handlungstahigkeit aufzubauen.
‘6 Im Erwachsenenalter wird in der Regel die Auf-
w» nahme einer Berufstitigkeit erwartet, ebenso die
Grundung eines eigenen Haushalts mit selbststan:
diger Bewirtschaftung, die Etablierung einer eige-
nen Familie mit Kinder und deren Versorgung,
und Betreuung, die Pflege von Freundschaften,
= und sozialen Kontakten und die Ubernahme von
‘erantwortung als Staatsbiirger.
«Im Seniorenalter geht es darum, sich auf die Ver-
anderung der korperlichen und kognitiven Leis
tungsfahigkeit einzustellen, den Austrit aus dem
m Erwerbsleben zu gestalten, die Beziehungen zur
Gesamtfamilie weiterzufilhren, eine neue Rolle im
sozialen Netzwerk von Freunden und Bekannten
au finden, die Rolle als Wirischafts- und Staats-
burger fortaufihren und sich auf das Lebensende
« vorzubereiten.(..]
Viertes Prinzip zur Bildung der Ieh-Identitit
Das verte Prinzip verstirkt die Orientierung auf
die Bewaltigung lebenslaufspezifischer Anforde-
rungen der Realititsverarbeitung. Es fokussiert
arauf, dass die Fahigkeit eines Individuums er-
wartet wird, den Ausgleich der Spannungen 2wi-
schen personlicher Individuation und sozialer In-
tegration vorzunehmen. Werden lebenslaufspezi-
fische Anforderungen der Realititsverarbeitung
© nicht bewaltig, ist der Aufbau der Ich-Identitat
gefhndet oder sogar unmoglich
(..1Das vierte Prinzip des MpR ist eng mit den Span-
ungen verbunden, denen ein Mensch im Prozesse
der Bildung von Bewusst- und Sebstbewusstseins-
“ strukturen ausgesetzt ist. (..] Die Verbindung von
Persdnlicher individuation und sozialer Integration
‘ind bereits m der Theorie der psyehosovialen Ent-
Wicklung von Erik H. Erikson (...] thematisiert. Das
‘ubjektive Empfinden von Individuation und Inte
® eration macht einem Menschen bewusst, wie unter-
“chiedlich die Anforderungen von Kérper und Psy~
‘he auf der einen sowie sozialer und physischer
Unvelt auf der anderen Seite sind. Ganz besonders
"Wusst und iiuBerst sensibel wird dieses Span-
207
rungsverhalinis von den meisten Menschen in der »
Pubertat, also beim Eintritt in die Lebensphase Ju
fend empfunden [..J| Zum ersten Mal im Lebenstauf
ist zu diesem Entwicklungszeitpunkt die Pahigkeit
‘gegeben, fiber sich selbst, den eigenen Korper, die
Psyche und die Umwelt nachzudenken und wahrau- 2°
rnchmen, dass auch andere Menschen diese Fahigkeit
besitzen. [1
Das Austarieren von Individuation und Integration
als zwei sich widersprechenden, weil jeweils in eine
andere Richtung zielenden, Anforderungen und Er- 20
‘wartungen kann fr einen Menschen zu einem an-
strengenden und qualenden Erlebnis werden, Die
Kluft zwischen personlicher Einzigartigkeit und soai-
alr Interdependens (als das Geflecht der gegenseit-
gen Abhangigheiten, in die wir sozial verflochten »»
sind) kann ein dissoziatives Erleben der eigenen Rea-
Tat bedeuten. Hierdurch wird mitunter die Bildung
einer stabilen ,Jch-Identitit” verzdgert oder blo-
ckiert, Auch kann der operative Modus der produkti-
vven Realititsverarbeitung vor die Situation gestelt =
werden, Auswege (wie etwa aggressives Verhalten,
depressive Verstimmung, oder Flucht in den Drogen
kkonsum) zu finden, die dem obligatorischen Weg der
‘erwarteten Losung oder Bewaltigung lebenslauspe-
nifischer Anforderungen entgegensteht, [..] ~
Von der leb-Identitat eines Menschen ist 2u spre-
chen, wenn iiber verschiedene Entwicklungs- und
Lebensphasen hinweg eine Kontinuitat des Selbster-
lebens existiert. Im ginstigen Fall erfolgt dies aut der
Grundlage eines postiv gefarbten Selbstwertgefuhls 2s
und des Empfindens einer hohen Selbstwirksamkeit.
[im ungiinstigen Fall betonen Negativ- und Unterle-
‘genheitserfahrungen die Erfahrung des Selbst.{.]
Risikowege des Aufbaus einer Ich-Idemtitat
{..] [Bet der Fokussierung auf Problemverhalten im
Kindes- und Jugendalter} steht im Mittelpunkt, wie
der Bewaltigungsdruck wirkt, ob und wie lange er
ertragen werden kann und welche Folgen die ,Nicht-
Bewiltigung” normierter Anforderungen auf den
‘Aufbau einer Ich-Identitat hat, Typischerweise wind 2
in dieser Hinsicht von drei Risikowegen bet der
.Nicht-Bewaltigung” ausgegangen: dem nach auBen,
nach innen und auf Ausweichen gerichteten Risiko-
weg
© Von einer nach aufen gerichteten, .externalisi
renden* Variante der unzureichenden Bewalti-
gung kann gesprochen werden, wenn ein Mensch208 4.1 Wie kann Erziehung die
auf den entstandenen Druck mit Ageressionen Be
gen andere reagiert, Der starken Beeintrachtigung
as des Selbstwertgefils, die aus der unzureichenden
5, wird mit Aggression na
Bewaltigung resul
aubien begegnet.
© Bet der nach innen gerichteten,
den” Variante des Bewaltigungsverhaltens reagiert
seein Mensch durch Ruckzug und Isolation, Desinte-
resse und Apathie, psychosomatische Storungen
und depressive Stimmungen. Typischerweise wird
her von der Aggression nach innen gesprochen
© Die dritte Variante eines Risikoweges bei der Be-
— waltigung ist durch ein Ausweichen eharakteri-
siert, was als ,evadierende” Variante im Fachdis-
kkurs verhandelt wird. Dieses aus dem Lateinischen
‘wortlich ubersetzte ,Aus-dem-Feld-Gehen’ driickt
sich in fluchtformigen Verhaltensweisen, in unste
se ten, wechselhaften sozialen Bezichungsmustern
und in suchtgefahrdetem Verhalten aus, etwa dem
unkontrollierten Konsum legaler wie illegaler
Drogen, von Nahrungsmitteln und der exzessiven
Natzung von elektronischen Medien (vor allem im
o» Spiele- und Unterhaltungsbereich).
‘Wenn Anforderungen an die Verarbeitung der inne~
ren und auSeren Realitat bewaltigt werden, sind da-
mit positive Erfahrungen (Wohlbefinden, Lebens-
freude) verbunden. Mit dem Woblbefinden ist eine
Vielzahl von Mustern assoziert, die Emihrung, Be-
wegung, Konsum, Freizeittatigkeit, soziales Engay
‘ment, politische Partizipation, Berufstatigkeit, Bi
dungsfahigkeit, Liebe und Sexualitat umfassen (..)
Zu den Komponenten einer die Gesundheit direkt
betreffenden Lebensfuheung zihlen
© die optimistische Einstellung zur Meisterung der
alltaglichen Herausforderungen,
© die Akzeptanz des eigenen Korpers und der psy-
chischen Merkimale
der Optimismus, dem eigenen Leben Sinn 2u ver-
leihen,
© die Vorstellung von der Becinflussbarkeit der fur
dlc eigene Lebensfuhrung wichtigen Parameter und
© eine auf Zuversicht aufgebaute Erwartung an die
vw Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt
La
nternalisieren-
Funftes Prinzip zur Persénlichkeitsentwicke-
Jung im Lebenslauf
Das finfte Prnzip hebtdaraut ab, dass sich in je-
vw» dem Lebensabschnitt unterschiedliche Anforde,
————————
Herausforderungen des Jugendalters unterstitzeng
rrungen an die Verarbeitung der Reality
die an die Veranderungen der inneren unig
ten Realitat gekoppelt sind. Durch die
rung der Lebensdauer und die heute typische
forderung der individualisierten Lebensijy.”
stehen steigende biografische Freiheitgrade 12
Individuierungsewangen gegentber Des.
ist die PersOnlichkeitsentwicklung trotz de.
mentaren Fundierung, die sie in Kindheit ur)
tendalter erfabrt, nie abgeschlossen,
[..] Der Identitatsbildungsprozess {stellt} dur
permanente Austarieren zwischen Anforderin
tn die individuation und Integration 2u jeden zu
punkt der eigenen Lebensgeschichte eine Hera
derung auf individueller Ebene [dar]. Diese |
lange Relevanz der Identitatsbildung ist vies
nicht selbstverstaindlich. Historisch gesehen is se
das Ergebnis der gestiegenen sozialen und geo
schen Mobilitat der Menschen. [..] In jeder emi
nen Lebensphase stellt sich die Aufgabe, die vores
ander abgegrenzten sozialen Lebenswellen
Jugendlichen zum Beispiel Schule und Eleméus
die Gleichaltrigengruppe, der Sportverein okt de
vielfltige Einbindung in digitale Netawerke) t=
ren spezifisehen organisatorischen Anforlerine: 4
zu koordinieren und sich dennoch in diesen vess=
denen Lebenswelten als ,dentisch’ zu eseben
Aus diesen Anforderungen an das Biografiemsss™
‘ment konnen Belastungen entstehen, die au et
dysfunktionalen Bewaltigungsverhalten filren (Mt 4
gression, Depression, Drogenkonsum etc). Die Vel
der Anforderungen kann aber auch 20 einer Eve
rung von Optionen fuhren, die Variabiltit wal 8!
von selbstbestimmten Handlungen zur Folee bl 3
Vor allem durch die Verlingerung, der Leber
aber auch die gewandelten sozialen und akon!
Bedingungen einer Gesellschaft hat sich det ls!
des Lebenslaufs und die Taktung der cinzeloet
bensphasen dynamisiert. Die Lebensplise Kn
erweekt den Bindruck, kitrzer zu werden, wel
Jegendaler durch die immer fer emel
eral immer weiter nach vorn verlager. 202",
Tanger sich ~ zurindest auf den ersten Bk
gendalter durch cine ausgedchnte scbull®
berufliche Bildung. Qualifikationszeiten 2"
2eitlich in die Lange, die Ubernahme det BW"
tnilien-, Konsumenten- und Burgerrlls,
‘wachsenenstatus kenn2eichnen, verscieht °°—
Ermichungswissenschaftiche Geundiegung 209,
pis in das 19, Jahrhundert hinein gab es die Abgren:
ve nung awischen den Lebensphasen Kindheit, Jugend
und Erwachsenenalter nicht. Fir Kinder kannte man
in der Gesellschaft keinen sozialen und psychischen
Schonraum, der ausschlieBtich ihrer Erziehung und
Bildung diente. Sie lebten vielmehr schon nach weni
ws gen Jahren ahnlich wie die Erwachsenen im meist
famaliiren Bereich (oder Betrieb), trugen die gleichen
Kleider, verrichteten die gleichen Arbeiten, sahen
und harten die gleichen Dinge wie die Erwachsenen
Sie wurden wie kleine Erwachsene” wahrgenom:
men und behandelt. Finen Schutz fir ihre besonde-
ren kindlichen Bedirfnisse gab es in der Regel nicht
Sehr viele Kinder mussten groSe Belastungen, Aus-
Deutung und Missbrauch ertragen
Erst im 19, Jahrhundert anderte sich diese Ausgangs-
lage, indem sich im Verlauf der Industralisierung
Arbeits- und Familienwelten immer weiter vonein:
ander trennten. Kinder lebten jetzt in Familien, die
von der wirtschaftlichen Produktion abgeschirmt
waren und sich als Erziehungsinstanzen verstanden,
© Untersttat wurden sie durch Kindergarten, Schulen
und andere offentliche Buldungseinrichtungen, die
ihre Aufgabe darin sahen, die Personlichkeitsent-
wicklung des gesellschaftlichen Nachwuchses zu be-
sleiten und Kinder und Jugendliche auf das Leben in
‘« der Gesellschaft vorzubereiten. thr Einfluss ist in den
letaten Jahrochnten immer groBer geworden [..]
Gleichzeitig ist die Lebensphase Kindheit wegen der
sehr fruh einsetzenden Pubertat karzer geworden.
Entsprechend driingen sich die Anforderungen fir
‘die Verarbeitung der inneren und der auBeren Real
lat in einem kurzen Zeitraum. [..)
Sechstes Prinzip zur Bedeutung der Familie
fur die Sozialisation
Als primarer und wichtigster Sozialisationskon-
text fungieren in den meisten Kulturkreisen die
Familien. Sie agieren seit Jahshunderten als die
Cinflussteichsten Vermittler der duferen Realitat
lund werden oft als .primare Sovialisationsins-
tanz"bezeichnet, da sie fir die meisten Menschen
die erste und wichtigste soziale Umwelt bilden.
‘Wie in einem Mikrokosmos spiegeln sich in einer
Familie von frither Kindheit an soziale, kulturelle
und okonomische Lebensbedingungen, die auf die
Personlichkeitsentwicklung einwirken und [rahe
Formen der Realititsverarbeitung bedingen-
Familien sind der erste und vielleicht der wichtigste
Or der Sozialisation (.] Allgemein formuliert iste
ne Familie durch das dauerhafte Zusammenleben
von Angehorigen mehrerer Generationen gekenn
zeichnet, die in der Regel voneinander abstammen s»
(aber nicht missen) und in einem Sorge- oder Erzie-
hungsverhaltnss2ucinander stehen. Welche konkrete
soziale Form die Famulie hat, hangt maBeblich von
den wirtschaftlichen und kulturelen Rahmenbedin
gungen einer Gesellschat ab. (.] «
Fin Hauptmerkmal der gesllschaftichen Verande
rrungen seit dem 19, Jahrhundert ist die Aulgliede-
rung, eines urspriinglich zusammenhangenden, wm
fassenden_sozialen Systems mit_verschiedensten
Aufgaben in verschicdene neue, funktional speziali-
sierte Systeme. Vor und wahrend der Industralisie
rung waren Familien okonomische und praktische
‘Zweckbiandnisse, die ihren Mitglieder alle Lebens:
fanktionen bis hin zu Sicherheit und Schutz boten. In
den vergangenen Jahrzchnten entsteht eine breite «
Vielfalt verschiedener Auspragungen und Formen
‘yon Familien. Diese recht von der Ein-Eltern-Familie
aber die Familie mit 2wei berufstatigen Eltera, neu
zusannengesetzten Familienteilen bis hin zur Fami-
hie mit homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die «
Erzichungsstile mehrheitich demokratsier, obwokl
immer noch eine grofe Spannbreite zwischen auto:
ritiren* nd ,Laisse2-fate"-Erzichungsmentalitaten
ausgemacht werden kann
{..] Familien (sind) heute eine sensible Gemein- o
schaf, die die emotionalen Bedirinisse der Zugeho-
rigkeit, Anerkennung und Zowendung belriedigt
Dic Familie ist 2u einem System mit sehr starker Per-
sonenorientierung und mit groBer Privatheit und In-
timitat geworden, Sie ist heutzutage bei den erwach- «0
senen Partnerinnen und Partnern ganz aberwiegend
aut die Erfullung der Bedisfnisse nach Glick und
personlicher Bestatigung im Sinne von Liebe, Nabe,
Emotionalitat, Entspannung und Ruckzug ausgerich-
tet, bei den Kindern auf Erziehung und Personlich- «
keitsbildung, wihrend specifischere Aufgaben wie
die formale Bildung und die Vorbereitung auf den
Beruf aus der Familie ausgelagert sind {..J- Zuge-
spitat last sich sagen: Die Familie ist 2u einer reinen
Sorialisationsinstanz geworden, die nur noch in wes «~
nigen Restbestanden andere gesellschafliche Funkti-
conen als die der Erziehung und Betrewung des gesell-
schaftlichen Nachwuchses wahrnimmnt.[.]
Eine Familie ist eine private Lebensform, die durch
Si eS210 4.1 Wiekann Erne!
«das dauethafte Zusammenteben von mindestens et
nem Elternteil und einem Kind in enger personlicher
Verbundenheit, solidarischer Beziehung und verkiss-
licher Betreuung charakterisiert ist. Die wichtigsten
Funktionen der Familie liegen in der Herstellung.
ner dauerhaften Beziehung von Menschen verschie
dener Generationen, die fureinander einstehen, der
Erziehung und Sozialisation der Kinder und der ge-
genseitigen Berticksichtigung der Bedtrfnisse aller
ihrer Mitglieder. Die Familie bietet als Sozialisations:
» instanz den Kindern deshalb wertvolle Rahmenbe-
ddingungen und Erfahrungen, weil sie trotz ihrer ge.
ingen Groe eine reiche Vielfat von sozialen und
emotionalen Interaktionen ermglicht
Siebtes Prinzip zur Bedeutung der Bildungs-
~~ institutionen
Das siebte Prinzip fokussirt auf die Ebene der se-
‘kundaren Sozialisationsinstanzen, die als Institu-
tionen des Erzichungs- und Bildungssystems zum
‘einen eine Qualifikationsfunktion, zum anderen
‘seine Selektions- (Auslese) und Allokationsfunk-
tion (Statuszuweisung) einnehmen. Durch sekun-
dire Sorialisationsinstanzen werden die Erfah-
rungsraume erweitert und es werden erstmals
verlassliche Interaktionsraume auberhalb der Fa-
smile geschaffen, Schiilerinnen und Schiler bau-
en ein Selbstkonzept auf, das auf den Bewertun-
zen von Bildungsinstitutionen basiert.
[ol Aufgaben von Erziehung und Bildung (haben
sich] in den letzten Jahrzehnten Schritt fir Schritt
ve: aus den Familien ausgelagert tnd sind in spezialisier-
te Institutionen ubergegangen. Auf diese Weise ist
cin ausdifferenziertes Erzichungs- und Bildungssys-
tem von den Kinderkrippen uber Grundschulen bis
hin zu Hochschulen entstanden, das sich seit der In-
sv dustrialisierung und besonders stark seit der Einfih-
rung der allgemeinen Schulpflicht um 1900 zeitlich
‘und sozial immer weiter ausgedehnt hat. [..] Zu den
sekundaren Sozialisationsinstanzen gchoren sffenti
‘che Erzichungs- und Bildungsinstitutionen wie Kin-
so dertagesstatten, Horte, Schulen, Ausbildungseineich-
tungen, Hochschulen, sozialpadagogische Institutto
nen sowie Einrichtungen der berullichen Aus- und
Weiterbildung. Wahtend in der Sozialisationsinstang
Famille Motter und Vater als Laieneraicher”tatig
sx sind, arbeiten im Erzichungs- und Bildungssystem
professionell ausgebildete Berulsgruppen. [. ]
es
sderungen des Jugendalters unterst
hung die Hecaustorderunge es min
‘us den ursprnlich Menem und thera,
palette von Erzichung, st
dhngsaufgaben beauftagten olkschageet
heute hochprofessonelle Institutionen gear
vom Kleinkindalter an bis in das Erwachen
hinein speziele Angebote fir Erziehung yu”
Weitrbildung und Fortbildung machen se ft
scheiden sich vor allem danach, welche Alters.”
son Kinder, Jogendlichen und Erwacheen 7
sprechen und als Mitglieder einbezichen fp.
sich die folgenden Teilsysteme unterscheiden
¢ Erzichungseinsichtungen flir Kinder im Vo
alter: Kinderkrippen, Kindergarten, Kindy,
statten, Kinderhorte, Heime, Kinderrnses
richtungen: 1
@ Schulen fir die sechs bis sechzehn Jah ah
Kinder und Jugendlichen: Grundschulen fs
sechs bis zehn Jahre alten Kinder, anach see
fuhrende Schulen bis zum qualifiretten miles.
Schulabschluss nach neun oder zehn Scbulhirs
© Oberstufen des Schulsystems mit der Qulsx
rung 2um Abitur als Hochschulzugangser=
gung, in der Regel fir die twa sibach-by
neunzehnjahrigen Jugendlichen; q
‘© Berufsbildung: Berufsschulen in Kombinatin ni
betricblicher Ausbildung (Duales System) snr
Vollzetberufsschulen fiir die etwa Zang
Dreiundewanzigjahrigen:
© Hochschulen: Duale Hochschulen, chock
Jen und Universitaten fir die etwa Zana ts
Siebenundzwanzigjahrigen;
© Fort- und Weiterbildungseinrichtungen: Yes
hhochschulen, beruflche Bildungsstatten vel Be
rufsakademien fir alle Altersgruppen, vr ali
die im Erwachsenen- un Seniorenaltet 1]
Die Schule bt ihre Bildungs- nd Sons
fanktion auf vier verschiedenen Ebenen aus
1) Direkte Petson-zu-Person-Beriehung 2h
Lehrkrften, Schilerinnen und Sehilern: Pihs® 9
nen und Padagogen interagieren mit den Kin
und Jugendlichen der jeweiligen Schulklase
Wissen, die Einstellungen und die Verhaltens
tionen 2u beeinflussen j
2) Bezichung wischen Lehrkeiften und de £
ten Kollektiv der Schiilerinnen und Schiller bee
kerafte massen immer die Inteessen und Beli
der gesamten Gruppe berticksichtigen.
Eestaltende Rolle beibehalten wollen. Dara
sich Grenzen fur die Intenstat der pers"
mit einer breitensung 2u einzelnen Sehillerinnen und Schilern
3) schiler“innenschaft untereinander: Die Sozialisa
tion in einer Schule ist nicht nur durch die jeweiligen
vonlichen Eigenschaften und Vethaltensweisen
idler der Schller“innenschaft beeinfluss. Das Kol-
Iektiv der Schiller‘innenschaft bt Sozialisations-
fanktionen aus. Der Anpassungsdruck der Mitschiler
ve als ditekte ,peers” (den meist gleichaltrigen Bezugs
jruppen) kann in manchen Phasen des Schullebens
muehr Einfluss ausiben, als es die von den Lehrkraf-
ten ausgehenden Impulse vermogen,
4) Organisationsstruktur: Die Bildungseinrichtung
we Schule ist eine gro8e und komplexe Organisation mit
formal festgelegten Zustandigkeiten und Verant-
‘wortlichkeiten, Diese Organisationssteuktur wirkt
auf die Verhaltensweisen aller Menschen ein, die sich
in der Schule aufhalten. Sie schafft bestimmte Ver-
v haltensspielriume fur die Padagoginnen und Pida-
gogen und ebenso fir die Schilerinnen und Schiler
und legt damit Einstellungen und Normen fest, die
sich in Spannung oder sogar Widerspruch 2u denen
tefinden konnen, die vom Padagogen in der direkten
Beziehung angestrebt werden. Kurz: Die Schule als
Institution erzicht, Auf diesen vier Ebenen ubt die
Schule als Bildungsinstitution thre Sozilisations-
finktionen aus. (..]
Achtes Prinzip zur Bedeutung der alltagli-
© chen Lebenswelt
Informelle Kontexte wie die intime Partnerschaft,
der Freundes- und Bekanntenkreis oder die Nut-
‘ung analoger und digitaler Medien bilden den
Alltag der Menschen ab und sind gerade dadurch,
dass se nicht auf Sozialisationseffekte ziclen, so-
uialisationswirksam. Menschen leiten aus ihren
lebensweltichen Erfahrungen Handlungswissen
4b. Dadurch wird Gewissheit uber das erzeugt,
Was als Selbstverstindlichkeit der Lebensfuhrung,
orausgesetat wind. Es werden Lebensstile ge~
formt, Motivationsstrukturen und Gruppenbil-
rozesse beeinflusst.
Nachdem in den beiden vorangegangenen Prinzipien
“um MpR Familien und Bildungsinstitutionen als die
Primaren “und sekundiren Sozialisationsinstanzen
Gbsier wurden, richtet sich nun der Blick aut sol-
* soriaen Systeme, die nicht ausdriicklich mit dem
wungswissenschaftliche Grandlegung 211
Ziel der Beeinflussung der Personlichkeitsentwick
lung ihrer Mitglieder etabliert wurden, aber dennoch
von groBer Relevanz fur die Sozialisation sind. Es «
hhandelt sich hierbet um Erfahrungen in der alltigh
chen Lebenswelt, die als .tertiare Sozialisationsin-
stanzen” fungieren
Familien sind die ,primaren Sozialisationsinstanzen’,
weil sie die Grundstrukturen der Personlichkeit eines
Menschen prigen und den Aufbau der Fahigkeit zur
Verarbeitung der inneren und der auBeren Realitit
unterstitzen. Offentliche Erzichungs- und Bildungs-
cinrichtungen sind ,sekundare Sozialisationsinstan-
zen’, weil sie auf der Sozialisations- und Erziehungs- v»
arbeit der Familien aufbauend auf systematische
Weise die fir das gesellschafiliche und berufliche
Leben wichtigen Sozial- und Leistungskompetenzen
vermitteln, Die .tertiaren Sozialisationsinstanzen*
‘wurden in dieser Logik lange Zeit ibersehen. Sie ha- os
ben in den komplexen und stark differenzierten Ge-
sellschaften der Gegenwart eine grolie Bedeutung
erlangt und sind eng mit den primaren und sekun-
daren Sozialisationsinstanzen verflochten. Zum Bei-
spiel wirkt die berufliche Erwerbsarbeit von Eltern s
ebenso wie die gemeinsame Nutzung der Massenme-
dien in Familien direkt und indirekt auf die Sozialisa-
tion der Familie cin und stellt fir diese einen gesell-
schaftlichen Kontext dar- Die Sozialisationseinflisse
sind deshalb auch im Einzelnen oft gar nicht vonein- s:
ander 2u unterscheiden. Auch die Rolle digitaler Me-
dien ist ein Beispiel, das zeigt, wie schnell sich Ent
wicklungen Bahn brechen und Lebensbereiche
verdndern. Die jungeren Altersgruppen wachsen
heute selbstverstandlich mit der Nutzung der digita-
Jen Medien auf Sie verbringen 2umeist mehr Zeit vor
einem Bildschirm (Smartphone, Tablet) als in der
Schule. Der Verzicht auf diese Medien, den ,Erwach-
sene" haufig verlangen, bedeutet fur sie den Verzicht
auf eine Lebenswelt, die fiir sie so natitrlich ist wie us
fur eine dltere Generation der Rekurs auf eine analo-
ge Erfahrungswelt,
Damit ist eine weitere Kernannahme des MpR in der
Sovialisationstheorie umschrieben, Das achte Prinzip
der Bedeutung der alltaglichen Lebenswelt hebt da-
raul ab, dass neben den primiren und sekundiren
Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von so-
zialen Systemen existiert, deren wesentliche gesell-
schaflliche Funktion nicht in Erziehung, Bildung und
Qualfizierung besteht. In das Spektrum der tertidren ws
Instanzen gehoren neben der beruflichen Erwerbsar-212.41 Wie kann Eraeh
bit, dem Freundes- und Bekanntenkreis, dem Kon
sum und Freizetsektor, den Medien auch die reli
aids gepragten Vergemeinschaftungs- und die politi
sehen Beteiligungsformen. Sie alle sind 7ur
alltaglichen Lebenswelt eines Menschen au zahlen
Lund ben jeweils auf andere Weise einen etheblichen
Einfluss auf die Personlichkeitsentwicklung aus. (.-]
Neuntes Prinzip zur Bedeutung intersektio-
© naler Ungleichheiten
Auch hochentwickelte Wohistandsgesllshaflen
sind durch ein uroGes Ausma® an okonomischer,
sozialer und kulturell-symbolischer Ungleichheit
fgekennzeichnet. Dadurch kommt es 20 Unter~
© schieden in den Sozialsationsprozessen der Be~
volkerungsgruppen. Existierende Ungleichheiten
bedingen die Tendens zur Reproduklion von ei-
ner Generation zur nichsten durch das Zusam-
‘menspiel von Praktiken der Selbst- und Fremd>
©: eliminierung
..] Die Lebensbedingungen in der Familie, die Be-
deutung der Herkunftsressourcen, der Einfluss der
‘Wohnumwelt, das okonomische, kulturelle und sozi-
ale Kapital der Eltern mussen in cinem Orchester der
o» unterschiedlichen Kontexteinflisse geschen werden,
In Zeiten der schichtspecifischen Sozialsationsfor-
schung vor rund 50 Jahren dominiert hier die Frage
nach den Einflussen der sozialen Schicht auf die Le-
benschancen von Kindern und Jugendlichen, wobei
= unter Lebenschancen meistens die Bildungschancen
verstanden warden. Heute sind die Zugange der For:
schung oder ~ wenn man so will ~ die Orchesterar-
rangements komplexer geworden. Es wird schon lan-
ge nicht mehr nur auf die Auswirkungen der sozialen
vw Ungleichheit im Bildungsbereich geschaut
Genauso meint Ungleichheit keineswegs nur die so-
ziale Herkunft der Eltern einer Familie (wobei auch
nicht mehr nur auf den Beruf des Vaters geschaut
wird), Heute wird auf ,Flugbahnen” einer Familie fo-
‘» kussiert (steigt die Familie sozial ab oder steigt sie
aul), auf die erweiterten milieuspezifischen Lebens-
bedingungen, temporire oder dauerhafte Erwerbslo-
sigkeit, Eltern- und Geschwisterkonstellationen,
Wohnumfelder, besondere Belastungen in der Fami-
wo lie durch Krankheit, Scheidung oder Tod eines Fami-
lienmitgliedes, Diskriminierungs-, Flucht- oder Mi.
srationserfahrungen (wobei dann auch wieder die
soziale Herkunfi im vorherigen Lebenskontext eine
vung die Heausforderungen des Jugendaitersunterstitzend
Role sped geschlechliche Ungleichhetn, py
at wim. Insofern ist anch dhe Kenta
coviale Unglichheit .mehrdimension
hen -
Der Fachbegriff der InterseKtionalitt (ergy,
die Uberschneidung von unterschiedichn on
teiligungs- oder Diskriminierungsformen He
ee apn sr Biaepreraee
kaultuelle und geschlechlliche Heterogeni sg
het, dass beispielsweise Manner auch am ot
ethnisch diskeiminiert sein kénnen, Fauey op
auch einer weifien Mehrheit angehérend uni ya
hhabend, Ungleichheiten sich also auselichex ie
auch verstarkt werden konnen wie im Fale ne
Frauen aus ethnisch diskriminierten Gruppen
wenigen okonomischen, Kulturellen oder snd
Ressoureen.[..] 3
Aktuell vergroBern sich die Unterschiede wish
Familie, die ihren Kindern sehr gute mateebe
bensbedingungen, eine gute Ausstattung an Vie
nung und Kleidung, reichhaltige Freizeit un 8
dungsimpulse, gesunde Emihrung und ce gis
Erichung auf der Basis einer sicheren Bindu be
ten konnen, und Familien, di in allen diesen Be
chen Einschrankungen haben. Diese Untershie
der Auspragung der sozialen Ressourcen in dea
‘maren Sozialisationsinstanzen werden in de pol
tive Verarbeitung der auleren Realtat emtesse
und wirken sich auf die Persbnlichkeitsentwids
der Kinder aus.
Kinder aus sozial privilegierten Familin sae
diese Weise mit ungleich besseren Vorausetsis*
fiir die Bewaltigung der lebenslaufspezisces
rausforderungen als die aus sozial bensctei@
Fanilien, Es kann also nicht genau gesegt ¥t
wie Ungleichheiten wirken, weil die individu
schung unterschiedlicher Erfahrungen mit Und”
hit und dem dazugehdrigen Modus der pros
Realititsverarbeitung, det auch den Umgarg™ 4
Jastungen reguliert, nicht voll verstanden st 45"
ner Perspektive, die nicht auf das einzelne Int
lum, sondern auf die groflen Zablen det So
schaut, lassen sich dagegen Folgerunge® in
ren, Hiemnach ist deutlich, dass im weit",
des Lebens die Startunterschiede fur die Fe.
keitsentwicklung nur in den seltensten Pale
alichen werden, Bei der Mehrheit der Kine,
¢s vielmehr zu einer Verstetigung und stam
starkung des einmal eingeschlagenen Pia
suis 4
°B
sonlichkeitsentwicklung. Den sekunditen Sozialisa-
onsinstanzen gelingt es nur be
inem Kleinen T.
der Kinder aus den sozial benachteilgten Familen,
the Weichenstellungen des Elternhauses so zu verane
dem, dass die fehlende Nahe zum kulturellen Kapi
tal, was sich als Rickstande in der Leistings- und
Kompetenzentwicklung bemerkbar macht, in der
~ Forderang ausgeglichen werden kann
‘Auch die teriaren Sozialisationsinstanzen verstir.
en in der Regel die bereits vorhandenen Ungleich
hate, weil ~ urn nur ein Beispiel zu nennen ~ Fei
zeit und Medienangebote mit den bereits durch die
Familie geformten Einstellungs-, Wahmehmungs-
und Fahigkeitsunterschieden und damit zusammen
hingenden. Verhaltenserwartungen aulgenommen
werden, Der .soziale Habitus” ist mithin mest schon
so stark ausgebildet, dass er sich gewissermafen im-
ve mer wieder selbst reproduzirt.[..]
liminierung ist ein analytischer Begriff der soziolo-
‘usch gepragten Ungleichheitsforschung, uber den
versucht wird zu beschreiben, wie bestimmte Grup-
pen in bestimmen Institutionen, zum Beispiel im Bil-
vs dungswesen, aussortiert werden. Die Kernfrage ist
wie ,uberleben” bestimmte Gruppen den Konkur-
renzkampf und uber welche Mechanismen werden
andere selektiert”, Die Bedeutung des Eliminie-
rungsbegriffes ist dabei eine doppelte: zum einen
» ,Fremdeliminierung”, also Aussortierung durch An-
dere, zum anderen ,Selbsteliminierung” als Form des
Aussortierens durch eigenen Verzicht. Und genau
hierfr gibt die Sprachcodeforschung viele Beispiele
Ein bestimmter Code, cine bestimmte Art des Aus-
ducks (sch*, .Ey Alter) wird fremdeliminiert. Wer
so spricht, wird abgewertet, das kommt in den Insti:
lutionen der Bildungsvermittlung nicht an. Gena
homplementar aber funktioniert der Mechanisrmus
dec .Selbsteliminierung”. Wenn man mit seiner Spra-
che nicht ankommt, wachst die Wabrscheinlichkett,
dass man sich zuriickzieht. Also auch ohne Fremdur
tel, als Ergebnis einer eigenen Entscheidung, als
Entschluss, der fur alle weiteren Handlungen ver~
‘meiden will, dass ein Gefithl von Nicht-Anschlusst&
® higkeit, von Unpassend-Sein, des Ausgesondert-Wer-
dens oder von Scham auftritt. Die Mechanismen bei-
det Formen der Eliminierung bewirken, dass die
-Eliminirten* ihre Selektion als sebst- und nicht als
fremdverschuldet wahrnehmen. Es ist cin Prozess
© det sanften oder der schmeralosen Eliminierung, der
Richt erst des generellen Ausschlusses der Unterpr-
Erzichungsissenschattiche Grunategung 213
vilegierten aus dem Bildungswesen bedarf. Er repro-
‘duziert jedoch mit der gleichen Wirksamkeit Sozial:
hierarchien, obwoh! das Prinzip formaler Chancen:
Bleichheit existiert.[.]
Zehntes Prinzip zur Bewaltigung gesell-
Selfish? Hace hcreigia al ee
Das zehnte Prinzip hebt darauf ab, dass alle Men-
schen in der Gesellschaft von wirtschafilichen,
‘okologischen und politischen Herausforderungen
lobal betroffen sind. Die Auseinandersetzung
‘it der realen und medial vermittelten Krisen-
‘wahmehmung ist zu einem festen Bestandtetl der
Entwicklung der Personlichkeit geworden, woz
auch Phanomene der Opposition und Abwehr ge-
hhoren, mit denen Praktiken der wirtschaflichen,
‘kologischen und politischen Nachhaltgkeit ab-
leh werden,
(..] Es it auffallig, dass Kinder und Jugendliche ein
slobales Krisenbewusstsein bereits ausgebildet ha: o»
ben und sich dieses auch artikultert. Dabei ist nicht
entscheidend, dass Krisenphinomene heute zum
Grund fiir eine imtensivere Auseinandersetzung mit
politischer Gestaltungsfahigheit geworden sind (die
vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr eindricklich, «=
‘weil das Interesse fir Politik in der jngeren Genera:
tion immer starker zunimmt). Mitunter it auch das
Gegenteil, der Rickzug und die Opposition, der
Hang zu Populismus und einer Politik der starken
Hand, cin Beispiel fr die aunehmende Bedeutung »«
{lobaler Krisenphanomene in den Erfahrungswelten
tiner heranwachsenden Generation, Die jee Rea
Iitat ist jetzt nicht nur Herausforderung der produk-
tiven Realititsverarbeitung auf einer sndividuellen,
sondern auch auf der gesellschafllichen Ebene, Hie~
ruber sind sich junge Menschen im Klaren. Einige
brechen bereits mit eingespielten Routinen, sie ste
Jen Bildung, Ausbildung und den starren Takt von
‘Okonomie und Arbeitsteben infrage
Das zehnte Princip geht explizit auf die Walrneh-
mung und Verarbeitung. gesellschafticher Krisen-
phanomene cin Inder Soziasationsfrschung sied
immer deutlicher, dass die nachwachsende Genera-
tion normierte Lebenslaufentscheidungen (Qualifika-
tion, Job, Familie) immer mehr infrage stellt. Viel
strkere Prioritit bekommt, wie gesellschaftliche
[Normen wahrgenommen und bewertet werden, Was
iber awei bis drei Generationen hinweg als selbst~
rl214 41 Wieken
verstindliche Abfolge im Lebenslauf anerkannt wur-
sw de, gilt vielen darum heute nicht als Teil der Losung,
sondern als Teil des Problems. [1
Heute sind die Exfahrungen einer Generation eng a"
den technologischen Fortschritt, die sozialen Bedin-
und glabale Veleehtungen gekoppel: Na
ste um
gun
‘= Wrlich ist keine Generation ohne ihre Kon
gesellschaftichen Ausgangsbedingungen
hen. Far die heutigen Lebensbedingungen ist aber
cntscheidend, dass das Ausma® globaer Interdepen:
denzbeziehungen augenommen hat. Okonomische,
‘ soziale und okologische Herausforderungen. abet
auch gesundheitliche Krisen wie Pandemien zeigen
diesen Charakter der vielaltigen Verflechtungen an.
Ll
Die Brechungen von gesellschaftichen Standards
vm rungsprozessen sind vilfaltig, Zumeist sind sie mit
dlem Exhalt von lokalen Gewohnkeiten gegen Prozes-
se der Hyperglobalisierung oder mit poltischen Wi-
derstandigkeiten gegen Tendenzen der internationa~
len Verflechtungen verbunden. Manchmal greifen sie
‘auf traditionelle Muster der Lebensfuhrung zurick,
‘manchmal konstruieren sie aber auch ,authentische™
IMentititen, die in eine Widerstandshaltung eingehen
sollen.
Die Exfahrungen der Generation Greta” spiegein
Lebenslaufspezifische Anforderungen der Realitatsverarbeitung
Die vier Gruppen von Entwicklungsaufgaben
Schon mit dem Ursprungskonzept der Entwicklungs-
aufgaben fallen typische Herausforderungen der Le-
bensbewaltigung auf, die zu der Periodisierung des
+ Lebenslaufs homolog verlaufen. Das heift, dass die
Entwicklungsaufgaben der verschiedenen Lebens-
phasen nicht nur aufeinander aufbauen, sondern
uch in jeder Phase Anforderungen stellen, die eine
Neuorganisation der personalen und sozialen Res-
ve sourcen verlangen. Diese Neorganisation erfalgt so-
wohl auf der biologisch-korperlichen und psycholo-
gischen Ebene, also der Verarbeitung der inneren
Realitit, als auch auf der sozialen und kulturellen
Ebene, also der Verarbeitung der auBeren Realitat.
ws Die einzelnen Entwicklungsaufgaben lassen sich in
vier Bereiche mit jeweils aber den gesamten Lebens-
lauf hinweg recht gleichartigen Anforderungen 2u-
oordnen [..)
1. Qualifizieren: Hier geht e5 um die Entwicklung
» der Kompetenzen, die notwendig sind, um den Leis.
cienang die Herastorderungen des Jupendallers Unterstiteng
Weltweit existent
diese Heterogeri fe
neu politsiete junge Generation, dhe if
cher ist, wie sie global Poitk- oder Gays
ie losen sol, die aber dhren Unmut dey?
Gesellschaften erleben eine unruhige Gener
fhe Bildung nor noch Ausbdng aoe
Vorbereitung auf den Beruf geschen wied ty
neration kennt frihen Konkurrenz- und tga
ruck, reagert aber nicht stromliientirmi
santerweise sind junge Menschen gerade ns
erfolgreichsten Okonomien heute nicht mee,
ihre gesamte Lebenszelt Karriere und Beruf ye
andnen. Es gibt Suchbewegungen, de rc eqn
an die Orientierungen anschlieBen, die vop fo
temgeneration vorgelebt werden. Es existing
lare Grundiberzeugungen, de direkt neben dey ie
servativen Werten stehen. Es. gibt Forme i
politischen Beteiligung, die als moderat und iim
freudig exscheinen. Daneben wachsen rade
gentendenzen, die sich mit demokratischen (rut
wwerten nicht einverstanden erklaren wollea[.)
(Ulrich Bauer, Klas Hurrelmann:Einfuhrungin ieSosinn
theori. Das Model der produktiven Realtatsverabei
Bet Veriag, Weinheim und Basal, 14, vellsandig uence
‘ull 2021, 5. 134-308)
und um die Aufgabe, Kompetenzen fu
schaftliche Mitgledsrolle ines akti¥
zuerwerben. Dazu sollen im Kindes- und ¥®
solche kognitiven und sozialen Fibshelt
Fachkenntnisse angeeignet werden. 85 Toe
Lebenslauf gesellschaftich relevante Bev
en ibernommen werden konnen. Wink
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