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Allgemeine Ethik

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UNIVERSITÄT ROSTOCK

Christian Thies

Allgemeine Ethik

Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung in Studium und Weiterbildung
Christian Thies

Allgemeine Ethik

Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung in Studium und Weiterbildung
Impressum
Copyright by Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung
in Studium und Weiterbildung
2006

Erarbeitet von:

Christian Thies
??? Strasse
????? Ort
mail@???

Herstellung: Universitätsdruckerei 000-06

Bezugsmöglichkeiten:

Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung
in Studium und Weiterbildung
Universitätsplatz 1, 18051 Rostock
Tel. +49 381 498 12??
[email protected]
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ..................................................................................................5

1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen ...............................................9


1.1 Was ist überhaupt Ethik? ........................................................................... 9
1.1.1 Was ist Philosophie? ...................................................................... 9
1.1.2 Was ist Praktische Philosophie? .................................................. 12
1.1.3 Was ist Allgemeine Ethik? ............................................................ 13
1.1.4 Was ist Moralphilosophie? ........................................................... 15
1.2 Die Sprache der Moral ............................................................................ 17
1.2.1 Vokabulare ................................................................................... 17
1.2.2 Aussagetypen .............................................................................. 20
1.2.3 Begründungsformen .................................................................... 22

2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände ................................................33


2.1 Allgemeine Grundzüge der modernen Moral ........................................... 33
2.2 Das Relativismusproblem ........................................................................ 36
2.2.1 Was ist Relativismus? .................................................................. 36
2.2.2 Argumente gegen den deskriptiven Relativismus ........................ 38
2.2.3 Argumente gegen den normativen Relativismus ......................... 41
2.3 Recht statt Moral? .................................................................................... 47
2.3.1 Was ist Rechtspositivismus? ........................................................ 47
2.3.2 Von der Kritik am Anarchismus zur Legitimation des Staates ..... 49
2.3.3 Argumente gegen den Rechtspositivismus .................................. 51

3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie ..............59


3.1 Utilitarismus ............................................................................................ 61
3.1.1 Was ist Utilitarismus? ................................................................... 61
3.1.2 Interne Kritik am utilitaristischen Grundprinzip ............................. 63
3.1.3 Externe Kritik am utilitaristischen Grundprinzip ............................ 67
3.2 Deontologismus ....................................................................................... 70
3.2.1 Was ist Deontologismus? ............................................................. 70
3.2.2 Erläuterungen zum deontologischen Grundprinzip ...................... 72
3.2.3 Einwände gegen den Deontologismus ......................................... 76

III
Inhaltsverzeichnis

3.3 Zwei kombinierte Ansätze ........................................................................79


3.3.1 John Rawls ...................................................................................79
3.3.2 Jürgen Habermas .........................................................................80

4 Vierter Teil: Offene Fragen .....................................................................85


4.1 Das Motivationsproblem ...........................................................................85
4.1.1 Die Kluft zwischen Gründen und Motiven .....................................85
4.1.2 Die Irrationalität des Egoismus .....................................................88
4.1.3 Nicht-egoistische Motiv .................................................................91
4.2 Die Risiko des moralischen Handelns ......................................................96

5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme ......................................................101


5.1 Von der Allgemeinen zur Angewandten Ethik ........................................101
5.2 Was kann Ethik leisten? .........................................................................105

Literaturverzeichnis ...............................................................................107

Personenregister ...................................................................................113

Stichwortverzeichnis .............................................................................115

IV
Einleitung

Einleitung

Die Einleitung gibt einige kurze Hinweise, was in diesem Lehrbrief dar-
gestellt wird und wie man mit diesem am besten arbeiten kann.

Dass Moral etwas ist, mit dem bloß unser sexuelles Verhalten regle- Vorurteile
mentiert werden soll, oder dass Ethik eine weltfremde Beschäftigung
mit Fragen ist, die ohnehin niemanden betreffen, meinen wohl nur noch
wenige Zeitgenossen. Vielmehr ist moralisches Denken und Handeln in
allen Lebensbereichen gefordert: im Alltag, in der Politik, in der Wirt-
schaft, in der Medizin, in der Wissenschaft usw. Das dürften nicht zu-
letzt die vielen öffentlichen Debatten der letzten Jahre gezeigt haben,
etwa über Werte in der Erziehung, die Legitimität militärischer Inter-
ventionen und den Umgang mit menschlichen Stammzellen; sogar ei-
nen Nationalen Ethikrat gibt es schon. Die Frage „Was soll ich tun?”
bewegt uns heutzutage vielleicht mehr als je zuvor; immer öfter wird
zudem verlangt, dass man seine Überzeugungen und Verhaltensweisen
hinreichend begründet. Ethik ist also gefragt, manchmal bloß als Legi-
timation dessen, was ohnehin geschieht, häufig als hilfloser Einspruch
gegen übermächtige globale Tendenzen, aber ebenso oft als ernsthaftes
Nachdenken darüber, wie und warum wir so und nicht anders handeln
sollten. Wer sich mit diesen Fragen gründlich beschäftigen will, sollte
sich an die Instanz wenden, die sich seit nunmehr knapp 2500 Jahren
auf moralische Grundlagenfragen spezialisiert hat: die Philosophie.

Dieser Lehrbrief soll auf ungefähr hundert Seiten in möglichst allge- Systematische
meinverständlicher Sprache und ohne überflüssiges wissenschaftliches Einführung
Beiwerk in die zentralen Probleme der Allgemeinen Ethik einführen.
Meine Darstellungsweise ist nicht historisch, sondern systematisch.
Obwohl historisches Wissen immer wieder einfließt, wird nicht die Ge-
schichte der Ethik dargestellt, auch keine Zusammenfassung der klassi-
schen Bücher geboten. Zudem habe ich mich bemüht, so wenig wie
möglich zu zitieren; nur einige längere Zitate dienen dazu, auch einmal
einige Autoren im Originalton kennenzulernen. Den Schwerpunkt bil-
den vielmehr Gedanken und Argumente, die für gegenwärtige und wohl
auch zukünftige moralische Debatten zentral sind. Weil man keinen
philosophischen Text schreiben kann, ohne zu den behandelten Proble-
men Position zu beziehen, musste ich durchgehend meine eigenen Auf-
fassungen offen legen und begründen. Wenn ich an vielen Stellen „wir”
schreibe, so ist das kein pluralis majestatis, sondern ein pluralis concor-
diae: Ich gehe davon aus, dass wir uns in dem dargestellten Punkt einig
sind. Durchgängig sollen sich die Leser und Leserinnen herausgefordert
fühlen, ihre eigenen Vormeinungen zu überprüfen, in einsamer Reflexi-
on oder in der Diskussion mit anderen.

5
Einleitung

Aufbau des Lehrbriefs Inhaltlich ist der Lehrbrief in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil wird
erläutert, was überhaupt Ethik ist und mit welchen Methoden man in
dieser philosophischen Disziplin wissenschaftlich arbeitet. Diese Kapi-
tel mögen, weil der Lernstoff relativ abstrakt ist, zu den schwierigeren
gehören. Die Grundkonzeption einer modernen Moralphilosophie, die
zu Beginn des zweiten Teils skizziert wird, ruft immer wieder bestimm-
te Einwände hervor; zu den wichtigsten gehören die Behauptungen,
dass Moral immer nur relativ sei und dass man in einer demokratisch le-
gitimierten Rechtsordnung auf Moral verzichten könnte. Beide Kritik-
punkte möchte ich entkräften. Im Mittelpunkt universitärer Ethik-Ein-
führungen stehen meist die moralphilosophischen Grundpositionen, die
ich im dritten Teil vorstelle: der Utilitarismus und der auf KANT zurück-
gehende Deontologismus. Der vierte Teil widmet sich offenen Fragen.
Im Unterschied zu den Einwänden des zweiten Teils handelt es sich hier
nicht um Kritikpunkte, die man zurückweisen muss, um überhaupt mit
ethischen Diskussionen beginnen zu können, sondern um Probleme, die
nicht in der Philosophie gelöst werden können, sondern nur im realen
Leben: das Motivationsproblem und das mit moralischem Handeln ver-
bundene Risiko. Der fünfte Teil wirft einen kurzen Blick auf Anwen-
dungsprobleme und soll so zur Weiterarbeit mit anderen Lehrbriefen
anregen. Im Unterschied zu vergleichbaren Einführungen widme ich
mich insgesamt stärker der Hinführung zu den moralphilosophischen
Kernfragen und einigen Folgeproblemen.

Zielgruppe Denn dieser Lehrbrief wendet sich nicht primär an Personen, die sich an
Universitäten oder Akademien wissenschaftlich mit Ethik beschäftigen
wollen. Zur Zielgruppe rechne ich vielmehr jeden, der sich für morali-
sche Probleme interessiert und sein eigenes Urteil kritisch überprüfen
möchte. Spezielles Vorwissen ist nicht erforderlich, aber sehr wohl die
Bereitschaft, sich mit abstrakten Gedankengängen zu beschäftigen. Da-
bei kann die Allgemeine Ethik zur Vorbereitung und/oder Begleitung
der Beschäftigung mit einer Spezialethik (etwa Umwelt- oder Mediene-
thik) dienen, aber auch allein für sich studiert werden.

Lernziele und Lernziele sind weniger der Erwerb von Faktenwissen (obwohl dies auch
Arbeitsweise nützlich sein mag), sondern in erster Linie die Fähigkeit, moralisch zu
denken, ethische Probleme angemessen zu analysieren und selbständig
ein begründetes Urteil zu fällen. Letzteres kann dem Leser nicht abge-
nommen werden. Ob etwa die gegen den Relativismus vorgebrachten
Argumente überzeugend sind, muss jeder selbst entscheiden; Entspre-
chendes gilt für den Vergleich zwischen Utilitarismus und Deontologis-
mus. Nutzen Sie die am Ende jedes Teils gestellten Aufgaben zur
Selbstkontrolle und zur Vorbereitung auf die Modulprüfung. Einige der
Aufgaben lassen sich nicht allein bearbeiten; suchen Sie sich Diskussi-
onspartner unter Freunden und Kommilitonen. Prinzipiell lernt man ge-
meinsam besser und auch das Philosophieren macht dann mehr Spaß.
Wer den Lernstoff vertiefen und erweitern möchte, sollte auf jeden Fall

6
Einleitung

weitere Bücher heranziehen; nur dann können auch die Besonderheiten


meiner Herangehensweise deutlich werden. Empfehlenswert ist in er-
ster Linie eine der vielen verfügbaren guten Einführungen in die Ethik.
Wer genügend Zeit und Kraft besitzt, sollte eine von diesen schon par-
allel zum Studium dieses Lehrbriefs lesen. Im zweiten Schritt kann man
sich an einen Klassiker der Ethik heranwagen, möglichst mit Hilfe wei-
terer Sekundärliteratur oder einer philosophiegeschichtlichen Darstel-
lung. Die notwendigen Literaturhinweise finden sich am Ende des
Lehrbriefs.

Beim Schreiben habe ich mich auf Erfahrungen gestützt, die ich erwer-
ben konnte in Ethik-Einführungskursen an verschiedenen Einrichtun-
gen, unter anderem an Fach- und Volkshochschulen, in der
Lehrernachqualifikation des Landes Mecklenburg-Vorpommern sowie
an der Universität Rostock. Gedankt sei an dieser Stelle aus verschiede-
nen Gründen Beatrix Gotthold, Heiner HASTEDT, Ulrike SCHULZ und
Ellen Sommer.

Aufgaben zur vorangehenden Selbstverständigung

1. Legen Sie dar, welche Erwartungen Sie an einen Lehrbrief


zur Allgemeinen Ethik haben.

2. Verständigen Sie sich darüber, was Sie bereits über Philoso-


phie und Ethik wissen.

3. Was verstehen Sie unter dem Wort „Wissen”?

4. Geben Sie eine Definition des Begriffs „Moral” (möglichst


in ganzen Sätzen).

5. Wenn Sie unsicher sind, wie sie sich in einer schwierigen


Situation moralisch entscheiden sollen: Woran orientieren
Sie sich?

6. Wenn Sie mit einer anderen Person in einer moralischen


Frage uneinig sind: Wie lösen Sie dann diesen Konflikt?

7
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

Zu Beginn sind die Voraussetzungen zu schaffen, um überhaupt sinn-


voll über Moral sprechen zu können. Im ersten Kapitel wird die Allge-
meine Ethik (bzw. deren Kernbereich, die Moralphilosophie) in das
Ganze der Philosophie eingeordnet. Das zweite Kapitel beschäftigt sich
mit der „Sprache” der Moral, d.h. mit den in der Ethik verwendeten Be-
griffen, Aussageformen und Begründungstypen.

1.1 Was ist überhaupt Ethik?

1.1.1 Was ist Philosophie?

Auf die Frage, was eigentlich unter Allgemeiner Ethik zu verstehen sei,
kann man antworten:

Die Allgemeine Ethik ist ein Teilgebiet der Philosophie.

Eine solche Klassifikation ruft sofort die nächste Frage auf: Und was ist
Philosophie? Eine ausführliche Antwort ist an dieser Stelle nicht mög-
lich; wir wollen uns begnügen mit einigen Bemerkungen darüber, wie
in der Philosophie gearbeitet wird. Denn diese methodischen Maßstäbe
gelten auch für die Allgemeine Ethik.

Das Wort „Philosophie” stammt aus dem alten Griechisch und lässt sich Philosophie
mit „Streben nach Weisheit” übersetzen. Obwohl solche etymologi-
schen (wortgeschichtlichen) Erläuterungen nicht immer treffend sind,
kann man in diesem Fall doch zwei Aspekte benennen, die auch heute
noch die Philosophie kennzeichnen.

Der erste knüpft an den Begriff des Strebens an: Zwar gelangt die Phi-
losophie auch zu Ergebnissen und im Laufe ihrer langen Geschichte hat
sich sogar eine gewaltige Menge an Wissen angesammelt. Dennoch ist
Philosophie weniger ein lehrbarer Bestand an Wissen als vielmehr die
engagierte Suche nach Einsichten und Erkenntnissen, eine Suche, die
immer wieder neu begonnen werden muss und die sich nicht beenden
lässt. Kurz gesagt: Philosophie ist eher ein Prozess als ein Resultat.
Dass Philosophieren dabei als geistige Tätigkeit verstanden wird, als
Denken, ist allgemein bekannt. Denken ist nicht das Warten auf spon-
tane Einfälle oder das willkürliche Phantasieren, schon gar nicht ein
stummes Nachvollziehen der Gedanken anderer. Es ist vielmehr eine

9
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

systematische Anstrengung, mit der man alles das, was selbstverständ-


lich erscheint, in Frage stellt. Sowohl im Zweifeln wie im Aufstellen
neuer Behauptungen folgt man dem besseren Argument, einer mög-
lichst für alle überzeugenden Begründung.

Den zweiten Aspekt unseres Philosophieverständnisses kann man vom


Begriff der Weisheit ableiten. Denn darunter verstehen wir normaler-
weise eine besonders herausragende menschliche Fähigkeit, die sich auf
das Wesentliche in unserem Leben bezieht. Die Philosophie beschäftigt
sich, so lässt sich daraus schließen, nicht mit Detailproblemen, sondern
mit den großen Fragen des menschlichen Daseins. Diese spiegeln sich
wider in den Begriffen, um die sich die Geschichte der Philosophie seit
Anbeginn dreht und von denen einige hier aufgezählt seien: Wahrheit,
Gerechtigkeit, Schönheit, Vernunft, Leben, Tod, Sinn, Gott und
Mensch. Wir gelangen damit zu der folgenden Begriffsbestimmung:

Philosophie ist das systematische Nachdenken über zentrale Proble-


me des menschlichen Lebens.

Selbstdenken Da uns niemand unser Leben abnehmen kann und sich alle über dieses
manchmal Gedanken machen, kann man sagen, dass im Grunde jeder
Mensch beizeiten philosophiert. Tatsächlich kann es nicht Sinn der Phi-
losophie sein, sich von bedeutenden Denkern der Vergangenheit etwas
über das Wahre und das Gute erzählen zu lassen. Solche Theorien, so
großartig sie sein mögen, sind vielmehr als Expertenäußerungen zu be-
trachten, die wir heranziehen wie ein Gerichtshof das Gutachten eines
Sachverständigen. Denken und vor allem urteilen müssen wir aber im-
mer selbst. Es ist also nicht möglich, vor dem Beginn des Philosophie-
rens sich selbst gleichsam an der Garderobe abzugeben. Das gilt für die
Fragen der Allgemeinen Ethik noch mehr als in anderen philosophi-
schen Teildisziplinen.

Wissenschaftliches Zu diesem Anspruch steht in einem gewissen Spannungsverhältnis,


Wissen dass Philosophie heute eine Wissenschaft ist wie jede andere auch. Sie
muss sich, allein um ihren Platz an den Universitäten und Akademien
zu rechtfertigen, an den anerkannten Kriterien wissenschaftlichen Ar-
beitens orientieren. Solche Maßstäbe führen dazu, dass nach allgemei-
ner Auffassung die Astronomie als Wissenschaft gilt, die Astrologie
aber nicht, dass DARWINs Evolutionstheorie als weitgehend bestätigt
gelten kann usw. Zwei der Kriterien seien hervorgehoben: Erstens müs-
sen wissenschaftliche Aussagen prinzipiell so formuliert sein, dass sie
für jeden Interessierten verständlich sind. Das erfordert vor allem die
ausreichende Klärung der verwendeten Begriffe. Zweitens müssen wis-
senschaftliche Aussagen auf nachvollziehbare Weise begründet sein.
Nach einer klassischen Bestimmung kann man nur wahre und begrün-

10
1.1 Was ist überhaupt Ethik?

dete Überzeugungen als Wissen bezeichnen; dadurch unterscheidet sich


Wissen von Meinen oder Glauben. Wissenschaftliches Wissen ist die
institutionalisierte Form solcher wahren und begründeten Überzeugun-
gen.

Allerdings handelt es sich in der Philosophie um einen besonderen Typ Wissen zweiter
von Wissen. Die anderen Wissenschaften zielen nämlich meistens auf Ordnung
eine Vermehrung unseres Faktenwissens. Philosophische Erkenntnisse
sind jedoch eher ein Wissen über unser Wissen. Dieses Wissen zweiter
Ordnung richtet sich etwa auf die Voraussetzungen und Grenzen des
Wissens erster Ordnung. Während die Physik herausbekommen möch-
te, welchen Gesetzen die Planeten auf ihren Bewegungen um die Sonne
folgen, möchte der Philosoph wissen, wie ein solches Wissen überhaupt
möglich ist. Im Alltag benutzen wir ständig Begriffe wie „Freiheit“ oder
„Glück“; jeder scheint zu wissen, was es damit auf sich hat - die Aufga-
be der Philosophie ist es, diese und viele andere Begriffe grundlegend
zu klären.

Dieses Wissen zweiter Ordnung kann sich kritisch auf das gewöhnliche
Wissen beziehen und bisher kaum bezweifelte Auffassungen erschüt-
tern. Das Ergebnis einer philosophischen Anstrengung ist deshalb häu-
fig, dass man weniger weiß als vorher; auf der Meta-Ebene des Wissens
zweiter Ordnung ist dies selbstverständlich dennoch als Fortschritt zu
bewerten. Besonders abschreckend für jemanden, dem es nur um Wis-
sensvermehrung geht, ist jedoch, dass auch dieses Wissen zweiter Ord-
nung niemals sicher ist - als Philosophen streben wir ja nur nach ihm;
„todsichere” Erkenntnisse sind also von der Philosophie überhaupt
nicht zu erwarten. Alles ist strittig, jedoch nichts beliebig, denn die Ver-
fechter jedweder Auffassung müssen Gründe beibringen können.

Zu dem gewöhnlichen Wissen, das in der Philosophie kritisch reflek-


tiert wird, gehört aber nicht nur unser alltägliches oder wissenschaftli-
ches Faktenwissen, sondern auch unser Handlungswissen. Damit meine
ich die Absichten und Zwecke, die Werte und Normen, nach denen wir
handeln, oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir wissen etwa, dass wir
eine uns persönlich bekannte Person grüßen sollten; wir wissen, dass es
besser ist, einem anderen Menschen zu helfen als ihm zu schaden; wir
wissen, dass Geldscheine nicht gefälscht werden dürfen usw. Die Auf-
gabe der Philosophie ist es nicht, das gesamte, unserem Handeln zu-
grunde liegende Wissen zusammenzutragen; das tun eher Soziologen
und Juristen. Die philosophische Frage ist vielmehr, ob dieses Wissen
berechtigt ist oder nicht, welchen Normen wir folgen sollten und wel-
chen nicht.

11
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

1.1.2 Was ist Praktische Philosophie?

Einteilung der In der Philosophie wird also Wissen kritisch reflektiert, entweder Fak-
Philosophie tenwissen oder Handlungswissen. Damit gewinnen wir ein Kriterium,
um die Gesamtheit der Philosophie in zwei Großbereiche zu gliedern,
die Theoretische Philosophie und die Praktische Philosophie. Wie bei
diesen selbstbezüglichen Einteilungen geht es bei philosophischen Dif-
ferenzierungen generell nicht darum, Verschiedenes zu trennen, son-
dern zu unterscheiden. (Sie können gern meinen Kopf von meinem
Rumpf unterscheiden; ich bitte Sie jedoch darum, sie nicht voneinander
zu trennen.) In den meisten Fällen sind die unterschiedenen Dinge in
der Realität miteinander verwoben und vermischt; die Differenzierung
dient nur einem besseren Verständnis. Theoretische und Praktische Phi-
losophie lassen sich also oft nicht eindeutig auseinanderdividieren.

Praktische Die Allgemeine Ethik gehört zur Praktischen Philosophie. Diese ist
Philosophie nicht etwa, wie ein Missverständnis nahe legen könnte, eine praktisch
gewordene Philosophie und somit nicht selbst ein Handeln. Man darf
die Praktische Philosophie nicht mit ihrem Gegenstand verwechseln.
Sie ist auch nicht wichtiger für das menschliche Leben als die Theore-
tische Philosophie. Besonders wirkungsmächtige Philosophen waren
etwa Francis BACON und René DESCARTES, zwei Denker, deren Lei-
stungen eher in der Theoretischen Philosophie liegen; beide haben näm-
lich maßgeblich beigetragen zur Entstehung der modernen Wissen-
schaften, die heute unser Leben bestimmen. Praktische Philosophie ist
genauso theoretisch wie die Theoretische Philosophie, sie hat bloß ei-
nen anderen Gegenstand, nämlich unser Handlungswissen. Dieses be-
zieht sich übrigens nicht nur auf unser Tun, sondern auch auf das Un-
terlassen von Handlungen und die Produkte von Handlungen.
Wiederum geht es nicht um Detailprobleme, sondern um die großen
Fragen, die Grundlagen und Endzwecke menschlichen Handelns über-
haupt.

Praktische Philosophie ist das systematische Nachdenken über zen-


trale Probleme des menschlichen Handelns.

Zur Praktischen Philosophie gehören mehrere Disziplinen, die kurz auf-


gezählt werden sollen:

• Die Rechtsphilosophie beschäftigt sich mit dem Begriff und


den Grundlagen des Rechts, also den Vorschriften, die meist
in geschriebener Form vorliegen und für eine bestimmte
soziale Gruppe verbindlich sind.
• Die Politische Philosophie beschäftigt sich mit dem Begriff
und den Grundlagen des Politischen in allen Dimensionen

12
1.1 Was ist überhaupt Ethik?

(individuelles und kollektives politisches Handeln, politi-


sches Bewusstsein und politische Ideen, politische Einrich-
tungen und Strukturen u. a.).
• Die Anthropologie beschäftigt sich mit dem „Wesen” des
Menschen. Es handelt sich um ein philosophisches Teilge-
biet an der Grenze zu den Humanwissenschaften (Human-
biologie, Psychologie usw.).
• Die Sozialphilosophie beschäftigt sich mit den Strukturen
des zwischenmenschlichen Zusammenlebens in kleinen und
großen Gruppen. Es handelt sich um ein philosophisches
Teilgebiet an der Grenze zu den Sozialwissenschaften
(Soziologie, Wirtschaftswissenschaften u. a.).

Die Relevanz dieser Disziplinen für die Ethik wird noch deutlich wer-
den. Am Ende des Lehrbriefes werden wir zudem eine weitere Disziplin
der Praktischen Philosophie kennenlernen: die Angewandte Ethik.

1.1.3 Was ist Allgemeine Ethik?

Der Kernbereich bzw. das Fundament der Praktischen Philosophie ist


aber die Allgemeine Ethik. Diese oft auch kurz als „Ethik” bezeichnete
Disziplin zielt auf die Beantwortung der grundsätzlich gestellten Frage
„Was soll ich tun?”. Hier geht es, so kann man sagen, ums Prinzip, um
die Grundlagen des Handelns, von Handlungsnormen und Handlungs-
begründungen.

Allgemeine Ethik ist das systematische Nachdenken über die Prinzi-


pien des menschlichen Handelns.

Leider gibt es in der Philosophie keine einheitliche Terminologie. (Man


sagt sogar, dass zwei Philosophen lieber eine Zahnbürste gemeinsam
benutzen würden als einen Begriff.) Was hier als „(Allgemeine) Ethik”
bezeichnet wird, nennen andere „Moralphilosophie”. Früher waren
auch Titel wie „Sittenlehre” und „Tugendlehre” gebräuchlich.

Tatsächlich besteht zwischen den genannten Begriffen ein Zusammen- Etymologie


hang, der sich wortgeschichtlich erhellen lässt. Im Griechischen gibt es
zwei Ausdrücke, für die als deutsche Transkription ethos stehen kann:

• ethos (mit dem griechischen Buchstaben Epsilon, einem


kurzen „e”) = Gewohnheit, Brauch, eingelebte Lebens-
weise; die beste deutsche Übersetzung ist wohl „Sitte”;

13
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

• ethos (mit dem griechischen Buchstaben Eta, einem langen


„e” oder „äh”) = Charakter, Charaktereigenschaft, Haltung;
die beste deutsche Übersetzung ist wohl „Tugend”.

Das entsprechende Wort im Lateinischen ist mos (Plural: mores), das


sich ebenfalls mit „Sitte” übersetzen lässt und, wie unschwer zu erken-
nen ist, den Ursprung unseres deutschen Wortes „Moral” bildet. Dieses
kann aber auch die Bedeutung von „Tugend” annehmen: Wenn man da-
von spricht, dass jemand in einer Situation Moral bewiesen habe, so ist
damit oft nur gemeint, er sei charakterfest und willensstark gewesen.
Das kann eine im eigentlichen ethischen Sinne gute und gebotene
Handlung gewesen sein, muss es aber nicht, denn es gibt auch charak-
terfeste und willensstarke Verbrecher.

SOKRATES Aus den etwas altmodischen Übersetzungen „Sitte” und „Tugend”


könnte man schließen, die Ethik sei eine Disziplin, der es vor allem um
die Rekonstruktion und Legitimation der in einer Kultur verbreiteten
Sitten oder eines Katalogs von Tugenden gehe. Das ist aber nicht der
Fall, wie man allein mit dem Hinweis auf den Begründer der philoso-
phischen Disziplin der Ethik zeigen kann: SOKRATES wurde 399 v. u. Z.
von seinen Mitbürgern zum Tode verurteilt wurde, weil er die geltenden
Traditionen und Meinungen in Frage gestellt hatte. Die Ethik ist also ei-
ne kritische Disziplin, die sich gegen die unbegründete Übernahme der
faktisch herrschenden Sitten wendet; ihr Bemühen richtet sich darauf,
mit Gründen zu unterscheiden zwischen den Handlungsweisen, die man
fallenlassen sollte, und denen, die gerechtfertigt sind. (Das Wort „kri-
tisch” kommt vom altgriechischen Verb „krinein”, das „unterscheiden”
oder „auswählen” bedeutet.) Auch SOKRATES wollte keineswegs die al-
te Ordnung zerstören; er wollte diese nur messen an den moralischen
Idealen, die sich im Gespräch vernünftig begründen lassen. Zudem
zeichnete er sich dadurch aus, dass er (so weit wir wissen) nie intolerant,
Zweifel an seinen Auffassungen immer zuließ und ein humorvoller
Mensch war; vor allem aber gab es bei ihm keinen Unterschied zwi-
schen Worten und Taten. Deshalb blieb SOKRATES bis heute Vorbild für
Weisheit und Moralität.

Moral Man macht nichts falsch, wenn man sagt, die Allgemeine Ethik habe
das Moralische zum Gegenstand, Ethik sei die philosophische Theorie
der Moral. Diese Bestimmung ist jedoch nicht klar, weil, wie schon an-
gedeutet, das Wort „Moral” doppeldeutig ist, nämlich Handlungsnor-
men (soziale Regeln) und eine psychische Disposition bezeichnen kann.
Tatsächlich hat der Begriff der Moral aus philosophischer Sicht sogar
drei Bedeutungen:

• Erstens bezeichnet der Begriff der Moral einen Ausschnitt aus


dem Gesamtbereich sozialer Regeln oder Handlungsnormen. Zu
diesen gehören nämlich außerdem Konventionen (Höflichkeitsre-

14
1.1 Was ist überhaupt Ethik?

geln, spezifische Normen innerhalb einer Institution), lokale oder


regionale Sitten, Spielregeln und pragmatische Ratschläge, vor
allem aber die Rechtsnormen. Zu allen diesen, vor allem zu den
juristischen oder, wie man in der Philosophie manchmal sagt, juri-
dischen Normen, werden moralische Normen häufig ausdrücklich
als Gegenstück betrachtet. Beispielsweise gibt es für das Verhal-
ten von Ehepartnern zueinander eine Fülle von Regeln; einige von
diesen sind bloße Konventionen oder bestimmt durch partikulare
Traditionen, andere haben sich im geschriebenen Recht niederge-
schlagen. Ein Ehebruch hat in modernen Gesellschaften keine
(straf)rechtlichen Konsequenzen; es mag aber sein, dass wir ihn
als Verstoß gegen eine moralische Norm betrachten und deshalb
als besonders verwerflich.
• Die zweite Verwendungsweise bezieht sich auf Moral als psychi-
sche Disposition. Aus philosophischer Sicht ist damit aber nicht
Charakterfestigkeit oder Willensstärke gemeint, sondern die posi-
tive innere Einstellung einer Person zum gesamten Bereich der
berechtigten sozialen Werte und Normen. KANT hat dafür den
Begriff der Moralität eingeführt. Sein (missverständlicher)
Gegenbegriff ist „Legalität”, der sich aber nicht nur auf rechtliche,
sondern auch auf moralische Normen bezieht. Eine Person handelt
für KANT aus Legalität (bzw. bloß „pflichtgemäß”), wenn sie den
legitimen sozialen Normen nur deshalb folgt, weil es eben ver-
langt wird und man sonst Nachteile befürchten müsste. Wer
jedoch aus voller Überzeugung das Richtige tut, verkörpert die
innere Einstellung der Moralität und handelt (in KANTs Begriff-
lichkeit) „aus Pflicht”.
• In seiner dritten Bedeutung meinen wir mit Moral die Grundlage
sowohl der moralischen wie der rechtlichen Normen, die morali-
schen Prinzipien. Aus ihnen kann man neue Normen ableiten oder
sie als Kriterium benutzen, um bestehende Gesetze auf ihre Legi-
timität zu überprüfen. Beispiele dafür sind die Zehn Gebote aus
dem Alten Testament und der Artikel 1 des Grundgesetzes der
Bundesrepublik Deutschland, das Grundprinzip des Utilitarismus
und der Kategorische Imperativ von KANTs Moralphilosophie
(vgl. Kapitel 3, S.59). Sie bilden das Fundament unseres Zusam-
menlebens. Da es in der Ethik um die Prinzipien des menschlichen
Handelns geht, ist die dritte Bedeutung von Moral in der Allge-
meinen Ethik am wichtigsten.

1.1.4 Was ist Moralphilosophie?

Vielfach werden die Ausdrücke „Ethik” und „Moralphilosophie” syn-


onym benutzt. Weil damit eine interessante Differenzierungsmöglich-

15
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

keit verschenkt wird, schlage ich vor, den Begriff „Allgemeine Ethik”
als Oberbegriff für zwei Subdisziplinen zu verwenden: die Philosophie
der Lebenskunst und die Moralphilosophie.

Lebenskunst Auch die Philosophie der Lebenskunst fragt: Was soll ich tun? Aber sie
richtet diese Frage auf ein Ziel, das wir in irgendeiner Weise alle haben:
glücklich zu sein. Die Frage lautet also eigentlich: Was soll ich tun, um
glücklich zu werden? Wie sollten wir leben, wenn wir glücklich werden
wollen? Wie man an diesen Formulierungen sehen kann, wird die Ant-
wort (mit KANT gesprochen) ein hypothetischer Imperativ sein: Wenn
du glücklich sein willst, dann solltest du x tun. Die Antworten, die auf
diese Frage(n) gegeben werden könnten, sollen zwar gut begründet
sein, sie sind jedoch eher als Ratschläge zu verstehen. Es handelt sich
also um eine mehr oder weniger wissenschaftlich begründete Anleitung
zum Glücklichsein. Wer diesen Ratschlägen nicht folgt, dem ist nichts
vorzuwerfen, es sei denn, dass man ihm zeigen kann, dass er nicht in
seinem ureigensten Interesse handelt, nämlich Glückschancen verpasst
hat.

Moralphilosophie Die Moralphilosophie hingegen stellt die Frage „Was soll ich tun?”
ohne Einschränkungen und Vorgaben - und seien diese noch so univer-
sal-menschlich wie das Glück. Sie fragt, wie ich auf jeden Fall handeln
sollte, egal ob es meinem Glück dient oder nicht. Die Antworten, die sie
gibt, sind insofern kategorischer Art; KANT meinte sogar, es würde nur
einen einzigen Kategorischen Imperativ geben, allerdings in verschie-
denen Formulierungen und mit möglichen Erweiterungen (vgl. Kapitel
3.2.2, S.72). Die Antworten der Moralphilosophie sind jedenfalls nicht
als Ratschläge oder als hypothetische Urteile zu verstehen, sondern als
unbedingte Gebote und absolute Wertungen. Im Gegensatz zur Philoso-
phie der Lebenskunst, die oft zugesteht, dass ihre Aussagen nicht für al-
le gelten, weil in den Begriff des Glücks historische und kulturspezifi-
sche Elemente eingehen, tritt die Moralphilosophie mit dem Anspruch
auf strenge Allgemeingültigkeit auf. Die Gründe, die für die normativen
Aussagen der Moralphilosophie gegeben werden, müssen prinzipiell
für jeden Menschen guten Willens nachvollziehbar und überzeugend
sein.

Moralphilosophie ist das systematische Nachdenken über allgemein


gültige Prinzipien des menschlichen Handelns.

Antike Ethik Historisch waren die beiden Themen bis zur frühen Neuzeit nicht ge-
trennt. Es gab in der klassischen Antike zwar sehr unterschiedliche ethi-
sche Konzeptionen; aber die Überzeugung, dass ein glückliches und ein
moralisches Leben zusammenfallen, wurde von fast allen geteilt; her-
ausragende Beispiele solcher zugleich glücks- und moralorientierten

16
1.2 Die Sprache der Moral

Lehren sind die Ethiken von ARISTOTELES, von EPIKUR und von den
Stoikern. In der frühen Neuzeit versuchte man eine Wiederbelebung
dieser Konzeptionen, aber bald setzen sich zwei grundlegende Einsich-
ten durch: Es gibt erstens so unterschiedliche Ideen eines glücklichen
Lebens, dass man sich darüber nicht rational einigen kann. Vor allem
aber kann zweitens des einen Weg zum Glück für den anderen der Weg
ins Unglück sein. Menschen können ihrem Glücksstreben miteinander
in Konflikt geraten. Zudem muss man sich wohl mit der Tatsache abfin-
den, dass es Menschen gibt, die ihr Glück darin finden, anderen Men-
schen zu schaden. Das individuelle Glück und die allgemeine Moral
fallen also auseinander. Wie genau das Verhältnis von Glück und Moral
zu bestimmen ist, kann übrigens als ein Thema der Ethik gelten, das sich
keiner der beiden Subdisziplinen zuordnen lässt. Thema dieses Lehr-
briefes ist jedoch in erster Linie die Moralphilosophie.

1.2 Die Sprache der Moral

In diesem Kapitel geht es um die wichtigsten „Werkzeuge” der Allge-


meinen Ethik. In der klassischen Philosophie wurde zwischen Begrif-
fen, Urteilen und Schlüssen unterschieden; wir schließen uns dieser
Einteilung an und behandeln im Folgenden nacheinander das ethische
Vokabular, die in der Ethik verwendeten Aussageformen (und damit
verbundenen grundsätzlichen Ebenen moralischen Denkens) sowie
mögliche Typen moralischer Begründungen.

1.2.1 Vokabulare

In der Ethik gibt es zwei Typen von Grundbegriffen, die sich zwar nicht Präskriptive Begriffe
ausschließen, aber doch deutlich voneinander unterscheiden. Das erste
Vokabular ist präskriptiv. Das Wort „präskriptiv” kommt vom lateini-
schen Verb „praescribere”, das man mit „vorschreiben” oder „verord-
nen” übersetzen kann. In der präskriptiven Sprache der Ethik gibt es
deshalb Gebote und Verbote. Zwischen dem Gebotenen und dem Ver-
botenen gibt es noch den Bereich des Erlaubten: Man darf es tun, aber
man ist dazu nicht verpflichtet. (Eigentlich müsste man zwischen dem
Erlaubten im engeren und im weiteren Sinne unterscheiden; denn auch
das Gebotene ist selbstverständlich erlaubt. Gemeint ist also das Erlaub-
te im engeren Sinne.) Nach Auffassung vieler Sozialphilosophen zeich-
net sich die moderne Welt dadurch aus, dass sich der Bereich des
Erlaubten stark ausgedehnt hat: Während beispielsweise noch im 18.
Jahrhundert eine Kleiderordnung mit strengen Geboten und Verboten
für die unterschiedlichen Stände galt, ist inzwischen fast alles erlaubt,
kaum etwas verboten oder geboten. Schließlich gibt es noch dasjenige,

17
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

was über das Gebotene hinausgeht, was man in der philosophischen


Fachsprache als supererogatorisch bezeichnet (von dem lateinischen
Verb „supererogare”, zu deutsch: darüber hinaus auszahlen). Eine supe-
rerogatorische Handlung ist etwa der selbstlose Einsatz in einer Hilfs-
organisation; zwar ist die Unterstützung von Schwächeren sehr wohl
geboten, aber niemand kann zu der Mitarbeit in einer wohltätigen Ver-
einigung verpflichtet werden. Diese vier Grundbegriffe kann man auf
einer Skala eintragen:

verboten erlaubt geboten mehr als geboten

Evaluative Begriffe Das zweite Vokabular ist die evaluative Sprache (von lat. valere, das
auch mit „gelten” übersetzt werden kann). Eine Evaluation ist eine Be-
wertung. Grundbegriff aller Bewertungen ist der Ausdruck „gut”. Der
Gegenbegriff zu „gut” ist normalerweise „schlecht”. Zwischen dem Gu-
ten und dem Schlechten liegt der Bereich des Indifferenten. In der mo-
ralischen Sprache kann darüber hinaus der Gegensatz zu „gut”
verschärft werden, nämlich mit dem Begriff „böse”. Man kann folgende
Begriffsbestimmungen verwenden: Gut ist eine Handlung, die nicht pri-
mär dem eigenen Wohl, sondern dem Wohl des Anderen dient (wobei
der Andere eine einzelne Person sein kann, aber auch eine Gruppe oder
sogar die gesamte Menschheit). Solche Handlungen bezeichnen wir
auch als altruistisch. Schlecht ist eine Handlung, die dem eigenen Wohl
auf Kosten des anderen Wohls dient; dann sprechen wir auch von Ego-
ismus. Nach verbreiteter Auffassung sind wir Menschen in unseren Ein-
stellungen und Handlungsweisen sehr stark egoistisch orientiert; wir
werden darauf zurückkommen (vgl. Kapitel 4.1, S.85). Als böse können
wir nach dieser begrifflichen Logik eine Handlung bezeichnen, die
fremdes Leid um seiner selbst willen verursacht: Es geht nicht einmal
um den eigenen Vorteil, vielmehr schadet man sich sogar oft selbst, im
Extremfall bis zur Selbsttötung. Wenn man die bisherigen Begriffe wei-
ter denkt, müsste es auch in der evaluativen Sprache eine Steigerung des
Guten geben; es würde hier das Streben nach dem eigenen Leid um sei-
ner selbst willen sein. Beispiele dafür finden wir etwa bei religiös mo-
tivierten Handlungen von Asketen, Schamanen und Fakiren. Da solche
Handlungen aber nichts mit dem Verhalten gegenüber anderen zu tun
haben, fallen sie aus dem Bereich des Moralischen heraus. Zudem be-
nötigen wir auch deshalb keinen Begriff jenseits des Guten, weil wir
„gut” selbst steigern können, zu „besser” und „am besten” (komparative
Begriffe). Entsprechendes gilt für „schlecht” und „böse”. Trotz gele-
gentlicher Bemühungen ist es allerdings bisher nicht gelungen, die eva-
luative Sprache zu überführen in metrische Begriffe, die eine
Quantifizierung des Guten erlauben würden, wie es etwa der Ökonomie
mit der ‚Sprache’ des Geldes gelungen ist. Die Grundskala der evalua-
tiven Sprache sieht also folgendermaßen aus:

18
1.2 Die Sprache der Moral

böse schlecht indifferent gut

Während der historische Ursprung der präskriptiven Begrifflichkeit in Nichtmoralische


der jüdisch-christlichen Tradition zu suchen ist (man denke an die Zehn Anwendungen
Gebote im Alten Testament), hat sich die evaluative Terminologie aus
der antiken griechischen Philosophie entwickelt, in der vor allem bei
PLATON und ARISTOTELES der Begriff des Guten im Mittelpunkt stand.
Beide Sprachen sind nicht auf den Bereich des Moralischen beschränkt.
In beiden Vokabularen müsste man dem jeweiligen Grundbegriff ei-
gentlich das Adjektiv „moralisch” hinzufügen, also vom moralisch Ge-
botenen bzw. moralisch Guten sprechen.

Die präskriptiven Begriffe finden überall dort Anwendung, wo es sozia-


le Regeln gibt. Nicht alle sozialen Regeln sind aber moralischer Art.
Beispielsweise gibt es auch bei der Anwendung von Maschinen und im
Rahmen von Spielen Gebote und Verbote. Beispielsweise sollte man
beim Autofahren nicht direkt vom ersten in den vierten Gang schalten
Im Schachspiel darf man den Turm nicht diagonal ziehen; erlaubt sind
nur horizontale und vertikale Züge. Die evaluative Sprache ist sogar
jenseits der soziokulturellen Welt verwendbar, also auf den Bereich der
Natur. Der grundlegende evaluative Begriff „gut” kann auf so gut wie
alles bezogen werden: Wir sprechen auch von einem „guten Messer”,
einem „guten Symbol”, einem „guten Dieb”, einem „guten Arbeitstag”,
einem „guten Wetter” usw. Entsprechendes gilt für den Begriff
„schlecht”, nicht jedoch für den Begriff „böse”, der nur im moralischen
Bereich sinnvoll ist. Wenn wir von „bösen Tieren” oder einem „bösen
Unfall” reden, so ist das bloß metaphorisch gemeint, im übertragenen
Sinne.

Die moralische Verwendungsweise unterscheidet sich aber in beiden Hypothetisch/


Vokabularen von der nicht-moralischen dadurch, dass sie keine Ein- kategorisch
schränkungen aufweist. Im präskriptiven Vokabular wird, wie oben
schon beim Vergleich zwischen Philosophie der Lebenskunst und Mo-
ralphilosophie erwähnt, zwischen kategorischen und hypothetischen
Imperativen differenziert. Spielregeln, Kochrezepte, Gebrauchsanwei-
sungen usw. sind zwar in präskriptiver Sprache abgefasste Gebote, aber
diese gelten nur, wenn ich mich auf den entsprechenden Handlungsbe-
reich einlasse. Wer nicht Schach spielen möchte und nur zum Zeitver-
treib die Figuren über das Brett schiebt, muss sich nicht an die Gebote
halten. Das ist im Bereich des Moralischen anders: Die moralischen Ge-
bote und Verbote gelten kategorisch; ihre Befolgung kann nicht von
weiteren Bedingungen abhängig gemacht werden. Das ‚Spiel’ der Mo-
ral ist gewissermaßen das Leben selbst, aus dem man nicht ohne weite-
res aussteigen kann.

19
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

extrinsisch/intrinsisch Im evaluativen Vokabular kann man unterscheiden zwischen „gut als


Mittel“ und „gut an sich“. Die Fähigkeit, mit einem Messer umzugehen,
kann als Mittel gut sein, als Mittel zu verschiedenen Zwecken, beim
Kochen oder beim Töten. Die Fähigkeit jedoch, anderen Menschen zu
helfen, ist in jedem Fall gut, an sich gut. In philosophischer Terminolo-
gie spricht man im ersten Fall vom extrinsisch Guten, das nur einen in-
strumentellen Wert hat. Das Gegenstück ist das intrinsische Gute, das
an sich einen Wert besitzt, eventuell sogar einen absoluten.

Vergleich Ein Vorteil der evaluativen Sprache ist, dass sie die präskriptive Spra-
che integrieren kann: Alle präskriptiven Aussagen lassen sich evaluativ
formulieren. Das gilt aber nicht umgekehrt, denn die positive Bewer-
tung von Gegenständen und Naturphänomenen lässt sich nicht als Ge-
bot formulieren. Der Vorteil der präskriptiven Sprache ist demgegen-
über, dass sie in Sollensaussagen überführbar ist, sich also mit der
Grundfrage der Praktischen Philosophie verbinden lässt: Was verboten
ist, darf man nicht tun; was erlaubt ist, darf man tun; was man tun soll,
ist das, was geboten ist. Hingegen fehlt dieser verpflichtende Charakter
bei der evaluativen Sprache: Etwas kann gut sein, ohne dass es für uns
obligatorisch wäre; deshalb bleiben viele öffentliche Diskussionen über
moralische so unergiebig.

Darüber hinaus sind die beiden Sprachen nicht streng parallel aufge-
baut. Das Gebotene ist nicht immer das Gute. Wenn man beispielsweise
nur die Wahl zwischen zwei schlechten Handlungen hat, die eine aber
noch schlechter ist als die andere, ist im Zweifelsfall die letztere mora-
lisch geboten. Allerdings kann man problemlos beide Vokabulare be-
nutzen. Wenn dies nicht der Fall wäre, hätte ich dieses Kapitel gar nicht
schreiben können.

1.2.2 Aussagetypen

Drei Ebenen Es lassen sich drei Arten von Aussagen unterscheiden, die in der Allge-
meinen Ethik (und in der Moralphilosophie) eine Rolle spielen. Diese
Unterscheidung bezieht sich nicht auf die Gegenstände der Ethik, son-
dern auf die Art und Weise, wie diese thematisiert werden:
(a) metatheoretische Aussagen
(b) deskriptive Aussagen
(c) normative Aussagen

Wenn jemand eine ethische Behauptung aufstellt, sich aber nicht klar
ausdrückt, kann man oft zurückfragen: Wie meinst du das: metatheore-
tisch, deskriptiv oder normativ? Wir können auch von drei Ebenen spre-
chen, auf denen man in der Ethik denkt und forscht:

20
1.2 Die Sprache der Moral

Auf der metatheoretischen Ebene geht es generell um Vorklärungen, Metaethik


die uns vor Unklarheiten, Irrtümern und Fehlern bewahren sollen. Des-
halb stehen sie normalerweise am Anfang ethischen Denkens. Abkür-
zend spricht man einfach auch von „Metaethik”. Metatheoretische
Aussagen richten sich also nicht auf die Gegenstände selbst (auf das
moralische Handeln, die moralischen Regeln usw.), sondern auf unsere
Begriffe von diesen Gegenständen, die Zugangsweisen zu diesen, die
Art und Weise, wie in der Ethik argumentiert wird usw. Der erste Teil
dieses Lehrbriefs behandelt metaethische Fragen.

Die beiden anderen Aussagetypen stehen in einem Gegensatz zueinan- deskriptiv/normativ


der. „Deskriptiv” (von lat. describere) heißt beschreibend. Mit deskrip-
tiven Aussagen (Seinssätzen) werden Tatsachen (oder Beziehungen
zwischen Tatsachen) festgestellt, in beschreibender Form oder auch mit
Erklärungen dafür, warum sich die Dinge so verhalten. Sie antworten
also auf die Frage, wie wir handeln und warum wir dies tun. Von Be-
schreibungen und Erklärungen sind Beurteilungen zu unterscheiden,
normative Aussagen (von lat. norma = die Regel, die Richtschnur). Nor-
mative Aussagen sind keine Seins-, sondern Sollenssätze bzw. Bewer-
tungen. Mit ihnen werden Handlungen also nicht beschrieben oder
erklärt, sondern sie werden daraufhin überprüft, ob sie so sind, wie sie
sein sollten bzw. ob sie gut sind. Ich benutze hier „normativ” als Ober-
begriff für „evaluativ” und „präskriptiv”. Wenn ich im Folgenden von
normativen Prinzipien spreche, so sind damit sowohl die grundlegenden
moralischen Ge- und Verbote als auch die fundamentalen moralischen
Werte gemeint.

Den für die Ethik zentralen Unterschied von metatheoretischen, de- Beispiel Lüge
skriptiven und normativen Aussagen wollen wir an einem Beispiel er-
läutern: dem Lügen. Eine wichtige metatheoretische Frage lautet: Was
ist überhaupt eine Lüge? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beant-
worten. Lügen sind von Irrtümern und Höflichkeitskonventionen, von
Scherzen und fingierten Sprechakten zu unterscheiden. Folgende Be-
griffsbestimmung könnte zustimmungsfähig sein: Lügen sind erstens
reale sprachliche Handlungen (Sprechakte), ob in mündlicher oder
schriftlicher Form, die sich einem Sprecher zuordnen lassen müssen.
Weder gefärbte Haare noch Aussagen eines Ich-Erzählers in einem Ro-
man sind Lügen. Dieser Sprecher behauptet zweitens etwas, von dem er
meint, dass es falsch ist. Zufälligerweise könnte es doch wahr sein;
trotzdem bleibt es eine Lüge. Drittens tut er dies in einer bestimmten
Absicht, also bewusst: Die anderen sollen etwas für wahr halten, von
dem er selbst annimmt, dass es falsch ist. Diese Differenz zwischen
sprachlicher Äußerung und innerem Fürwahrhalten muss der Sprecher
verbergen. Die Lüge wird viertens für einen bestimmten Zweck einge-
setzt, ist also Teil einer strategischen Handlung. Die vorgelegte Bestim-
mung der Lüge ist „wertfrei”, d.h. noch ohne normative Beurteilung
ihres moralischen Status.

21
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

Auf deskriptiven Ebene stellt man sich folgende Fragen: Wie oft lügen
Menschen? Warum lügen sie und über welche Gegenstände? Wodurch
zeichnen sich erfolgreiche Lügen aus? Wäre es möglich, unter be-
stimmten Bedingungen die Anzahl der Lügen zu reduzieren oder ihren
Erfolg zu verbessern? Haben Menschen früher öfter gelogen? Können
auch Tiere lügen? usw. - Auf der normativen Ebene geht es hingegen
um die ethische Beurteilung von Lügen: Sind Lügen generell abzuleh-
nen? Welche Gründe sprechen für die moralische Verwerflichkeit von
Lügen? Welche Zwecksetzungen könnten Lügen legitimieren?

Hierarchie der Ebenen Aus dem Beispiel sollte deutlich geworden sein, dass die normative
Ebene in der Ethik am wichtigsten ist. Allerdings wird man nicht auf die
anderen beiden Ebenen verzichten können. Metatheoretische Vorklä-
rungen sind nötig, um den Gegenstand überhaupt richtig erfassen zu
können. Die deskriptive Ebene ist am unwichtigsten; hier ist das Betä-
tigungsfeld für andere, empirisch verfahrende Wissenschaften: Sozio-
logie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Biologie usw. Ethik ist so-
mit streng zu unterscheiden von Moralsoziologie, Moralpsychologie
usw. Allerdings kann das Wissen, das in diesen Disziplinen erworben
wird, in die Ethik hineinwirken, vor allem über dessen Verarbeitung in
der Anthropologie und in der Sozialphilosophie, die wir oben als Rand-
disziplinen der Praktischen Philosophie bestimmt haben. Wenn nämlich
eine normative Aussage angemessen sein soll, setzt sie korrekte Be-
schreibungen voraus. Das Verhältnis von deskriptiven und normativen
Aussagen gleicht dem von Nachricht und Kommentar in den Medien:
Wenn eine Nachricht nicht die ganze Wahrheit wiedergibt, muss auch
der beste Kommentar dazu korrigiert werden.

1.2.3 Begründungsformen

Eine weitere Aufgabe der Metaethik ist die Analyse von Begründungen
(Argumenten), die in der Ethik vorgebracht werden oder vorgebracht
werden könnten. Argumente sind entweder konstruktiv oder kritisch;
sie dienen entweder der Erzeugung unterstützender Gründe oder der
Entwicklung vorn Einwänden.

Warum An dieser Stelle könnte ein grundlegender Einwand auftauchen: War-


argumentieren? um beschäftigen wir uns überhaupt mit Argumentationsmustern? Ist
Moral nicht eine Sache der Sozialisation, des Gefühls oder der sponta-
nen Entscheidung in einer bestimmten Situation? Führt die Suche nach
Begründungen nicht zu einer Rationalisierung, die letztlich jegliches
Handeln verunsichert oder sogar verhindert? Ist das moralische Argu-
mentieren vielleicht sogar bloß eine Ausweichstrategie von Intellektu-
ellen, die sich auf diese Weise wichtig tun und vom konkreten Handeln

22
1.2 Die Sprache der Moral

entlasten wollen? Diese Fragen zielen ins Herz der Allgemeinen Ethik,
ja der Philosophie überhaupt. Deshalb bedürfen sie einer Widerlegung.

Erstens ist festzuhalten, dass es in der Allgemeinen Ethik nicht um die


Begründung jeder nur möglichen Handlung oder Handlungsnorm geht,
sondern, wie ausdrücklich festgestellt, um die Prinzipien unseres Han-
delns. Viele Handlungen, ja ganze Lebensbereiche sind moralisch indif-
ferent; sie unterliegen nicht Ge- oder Verboten. Die kritischen Reflexio-
nen der Moralphilosophie sind nur erforderlich, wenn es konfligierende
Prinzipien gibt bzw. eine neue Situation eine Regelung verlangt.

Zweitens erfolgt moralisches Handeln sicherlich oft unbegründet; auch


Veränderungen unserer moralischen Einstellungen sind meistens nicht
durch Argumente, sondern andere Einflüsse bedingt. Aber wenn man
unsicher ist, welche Handlung oder Norm in einer bestimmten Situation
normativ richtig ist, wird unter den Beteiligten und Betroffenen oft dar-
über diskutiert. Die Debatten, die im Alltag, in der Politik oder in der
medialen Öffentlichkeit geführt werden, sind nicht vorbildlich, oft von
strategischen Interessen bestimmt und nicht herrschaftsfrei; aber es gibt
immerhin Ansätze für vernünftige moralische Gespräche (Diskurse,
vgl. Kapitel 3.3.2, S.80).

Drittens kann man nach der Alternative fragen: Wie soll man sich in
Konfliktfällen und bei bisher unbekannten Problemen denn sonst auf ei-
ne moralische Norm einigen? Mögliche Alternativen wie die Entschei-
dung des Mächtigsten oder die gewaltsame Auseinandersetzung sind
nicht besonders attraktiv. Es gilt das, was CHURCHILL einmal für die
Demokratie formulierte: Die Argumentation ist ein beschwerlicher,
voraussetzungsreicher und unsicherer Weg zur Klärung moralischer
Fragen, aber immer noch besser als alle anderen.

Viertens ist die Argumentation zumindest im Wissenschaftsbetrieb un-


hintergehbar. Denn auch der Zweifel daran, ob man argumentieren soll,
muss ja schon mit Argumenten vorgetragen werden. Die letzten Absät-
ze sind dafür ein Beleg. Die philosophischen Gegner der Argumentati-
on verfahren selbstwidersprüchlich: Sie argumentieren gegen das
Vorbringen von Argumenten.

Nachdem also der Gebrauch von Argumenten grundsätzlich verteidigt Sein-Sollens-


wurde, möchte ich nun verschiedene Typen von Argumenten vorstellen Fehlschluss
und auf ihre Tauglichkeit für die Moralphilosophie überprüfen, vor al-
lem für die Begründung normativer Prinzipien. Leider ist die Philoso-
phie hier im Negativen viel besser als im Positiven; wir wissen viel
besser, was nicht geht, als wie es gehen könnte. Deshalb beginne ich mit
einer im Alltag oft benutzten, aber leider unzulässigen Begründungs-
form.

23
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

Es handelt sich um die empirische Begründung. David HUME zeigte


1740, dass ein solches Argument nicht korrekt ist; heute spricht man
von einem Sein-Sollens-Fehlschluss. Nachdem man dies längere Zeit,
vor allem im 19. Jahrhundert, wieder vergessen hatte, hat zu Beginn des
20. Jahrhunderts ein anderer britischer Philosoph, George Edward
MOORE, einen ähnlichen Fehler in einflussreichen Moralbegründungen
aufdecken können, den sog. naturalistischen Fehlschluss. Wir werden
uns an dieser Stelle auf den ursprünglicheren Fall konzentrieren. HUME
schreibt:

Ich kann nicht umhin, diesen Betrachtungen eine Bemerkung hinzuzufügen, der
man vielleicht einige Wichtigkeit nicht absprechen wird. In jedem Moralsystem,
das mir bisher vorkam, habe ich immer bemerkt, daß der Verfasser eine Zeitlang
in der gewöhnlichen Betrachtungsweise vorgeht, das Dasein Gottes feststellt oder
Beobachtungen über menschliche Dinge vorbringt. Plötzlich werde ich damit
überrascht, daß mir anstatt der üblichen Verbindungen von Wörtern mit „ist” und
„ist nicht” kein Satz mehr begegnet, in dem nicht ein „sollte” oder „sollte nicht”
sich fände. Dieser Wechsel vollzieht sich unmerklich; aber er ist von größter
Wichtigkeit. Dies „sollte” oder „sollte nicht” drückt eine neue Beziehung oder
Behauptung aus, muß also notwendigerweise beachtet und erklärt werden.
Gleichzeitig muß ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbe-
greiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden
kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind. Da die Schriftsteller diese
Vorsicht meist nicht gebrauchen, so erlaube ich mir, sie meinen Lesern zu emp-
fehlen; ich bin überzeugt, daß dieser kleine Akt der Aufmerksamkeit alle
gewöhnlichen Moralsysteme umwerfen und zeigen würde, daß die Unterschei-
dung von Laster und Tugend nicht in der bloßen Beziehung der Gegenstände
begründet ist ... (David HUME: Ein Traktat über die menschliche Natur, 3. Buch:
Über Moral, 1. Teil, 1. Abschnitt, letzter Absatz, 1739/1740, zitiert nach der
Übersetzung von Th. LIPPS, Hamburg 1978, 2. Bd., S. 211f.)

Die Unterscheidung, die HUME trifft, haben wir schon kennengelernt:


Es gibt deskriptive und normative Aussagen. Was HUME erkennt, ist die
Unmöglichkeit, normative Aussagen durch deskriptive zu begründen
(oder zu kritisieren). Da deskriptive Aussagen in den Wissenschaften in
der Regel empirische Aussagen sind, kann man auch sagen, dass somit
empirische Moralbegründungen unmöglich sind. Wohlgemerkt: HUME
sagt nichts dazu, wie eine Moralbegründung korrekterweise aussehen
sollte und beschränkt sich zumindest in dem Buch, aus dem zitiert wur-
de, auf deskriptive Aussagen über das Moralische.

Dazu müssen zwei Anmerkungen gemacht werden: Erstens ist die Un-
terscheidung von deskriptiven und normativen Aussagen eine sehr star-
ke Vereinfachung unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. Welche Aus-
drücke in welchen Zusammenhängen deskriptiv oder normativ
verwendet werden, ist keineswegs immer eindeutig zu entscheiden.
Zweitens gibt es normative Aussagen auch außerhalb der Ethik. Sowohl
die präskriptive wie die evaluative Sprache reichen, wie schon erwähnt,
über den Bereich des Moralischen hinaus. Interessante Beispiele für

24
1.2 Die Sprache der Moral

normative Aussagen nicht-moralischer Art gibt es auch in der Ästhetik,


bei der Bewertung von Kunstwerken oder Naturphänomenen. Nur am
Rande sei erwähnt, dass es selbstverständlich auch den umgekehrten
Fehler gibt: Aus dem Wunsch, dass etwas auf eine bestimmte Weise
sein soll, wird unbewusst und fälschlicherweise abgeleitet, dass es auch
so sei. Umgangssprachlich bezeichnet man das als „Wunschdenken”.

Die Auswirkungen von HUMEs Verbot sind gewaltig. Man muss nur
daran denken, dass sämtliche Aussagen der Natur-, Sozial- und Ge-
schichtswissenschaften deskriptiv sind. Wissenschaftliche Theorien
mögen sich noch so gut bewährt haben; es wäre ein Fehler, sie zur di-
rekten Begründung von Moral heranzuziehen. Das folgende Beispiel
bezieht sich auf die von DARWIN begründete Evolutionstheorie:

1. Im Laufe der letzten Jahrmillionen sind immer komplexere


Lebewesen entstanden.
2. Das komplexeste Lebewesen ist der Mensch.
Æ Deshalb sollte menschliches Leben höher geachtet werden
als dasjenige von Tieren.

Die ersten beiden Sätze (die beiden Prämissen) sind deskriptive Aussa-
gen; die Schlussfolgerung (Konklusion) ist jedoch eine normative Aus-
sage, die immer in einen Satz mit dem Verb „sollen” umformuliert
werden kann. Der Schluss ist also falsch. Weiterhin werden alle moral-
philosophischen Begründungen hinfällig, mit denen man sich auf die
Prinzipien bezieht, die faktisch in der Gesellschaft in Kraft sind, in dem
man lebt. Ich gebe folgendes Beispiel:

1. In dieser Gesellschaft gelten Spaß und Geld als höchste


Ziele.
2. Ich gehöre zu dieser Gesellschaft.
Æ Deshalb sollte es auch mein höchstes Ziel sein, nach Spaß
und Geld zu streben.

Wiederum sind die beiden Prämissen deskriptiv; die Konklusion ist je-
doch normativ und kann nicht aus den Vordersätzen abgeleitet werden;
das Argument ist also nicht korrekt.

Aus HUMEs Verbot folgt jedoch nicht, dass deskriptive Aussagen in der Gemischter
Ethik überhaupt keine Rolle spielen. Wir haben oben bereits gesagt, Syllogismus
dass deskriptive Aussagen über die Anthropologie und die Sozialphilo-
sophie in die Praktische Philosophie einfließen können. Man kann sie
mit normativen Aussagen in ein korrektes Ableitungsverhältnis brin-
gen, wenn man einen gemischten Syllogismus bildet. Ein Syllogismus
ist ein korrekter (deduktiver) Schluss, bestehend aus drei Aussagen,

25
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

nämlich mindestens zwei Prämissen und der Konklusion. Die letzten


beiden Beispiele waren bereits nach diesem Schema aufgebaut. In ei-
nem gemischten Syllogismus können nämlich deskriptive Aussagen als
zweite Prämisse (Untersatz) fungieren. Man betrachte folgendes Bei-
spiel:

1. Lebensformen sollten entsprechend des Grades ihrer Kom-


plexität geachtet werden.
2. Das komplexeste Lebewesen ist der Mensch.
Æ Deshalb sollte menschliches Leben höher geachtet werden
als dasjenige von Tieren.

In dieser Formulierung ist der Schluss, im Gegensatz zum obigen Bei-


spiel, korrekt. Die erste Prämisse (der Obersatz) ist eine allgemeine nor-
mative Aussage; die zweite Prämisse ist eine deskriptive Aussage, die
empirisches Wissen voraussetzt. Aus beiden Sätzen lässt sich dann der
normative Schlusssatz ableiten. Ein weiteres Beispiel ist:

1. Gesetze, die korrekt zustande gekommen sind, sollten


befolgt werden.
2. Die Steuergesetze sind korrekt zustande gekommen.
Æ Deshalb sollten die Steuergesetze befolgt werden.

Das Problem der beiden Beispielsätze und überhaupt des gemischten


Syllogismus ist aber die Begründung der ersten Prämisse, des Obersat-
zes. HUMEs Verbot bleibt in Kraft, weil dieser selbst nicht empirisch be-
gründet werden kann. Welche Möglichkeiten einer korrekten Begrün-
dung gibt es denn? Ich skizziere im Folgenden einige Möglichkeiten
verschiedener Typen von Begründungen.

Deduktion Die klassische Begründungsform der Logik ist die Deduktion (deducere
- lat. wegführen, herleiten). Wir kennen sie schon, denn sie liegt den
verschiedenen Syllogismen zugrunde. Bei einer deduktiven Begrün-
dung schließt man vom Allgemeinen auf das Besondere. Beispielsweise
kann man aus dem allgemeinen normativen Satz „Es darf keine Lager
geben, in denen Menschen ohne korrekte Gerichtsverfahren festgehal-
ten werden” deduktiv schließen, dass die Nazi-KZs ebenso wie das Ar-
chipel Gulag und das US-Militärgefängnis Guantanamo abzulehnen
sind.

Münchhausen- Deduktive Argumente sind zweifellos formal korrekt, aber die Begrün-
Trilemma dung des Obersatzes kann nicht gelingen. Bei einem entsprechenden
Versuch verwickelt man sich nämlich in das sog. Münchhausen-Trilem-
ma, das schon die antiken Skeptiker, wenn auch nicht unter diesem Na-
men, aufdeckten und im 20. Jahrhundert durch den Kritischen

26
1.2 Die Sprache der Moral

Rationalismus erneuert wurde. Man bezieht sich dabei auf die berühmte
Geschichte des Lügenbarons, der sich am eigenen Schopfe aus dem
Sumpf gezogen hatte. Bei jedem Versuch der deduktiven Begründung
eines moralischen Prinzips gelangt man in eine der drei folgenden Sack-
gassen:

(a) logischer Zirkel (circulus vitiosus): Man begründet das normative


Prinzip mit einer Aussage, die selbst wiederum nur durch das zu be-
gründende Prinzip gestützt wird. Man bewegt sich also im Kreis bzw.
hat das, was man begründen möchte, selbst vorausgesetzt. Deshalb
spricht man auch von einer petitio principii, der vorgängigen Inan-
spruchnahme des Prinzips, das man eigentlich erst begründen möchte.
Das folgende Beispiel ist erstmals von DESCARTES („Meditationen über
die Grundlagen der Philosophie”, Widmung) angeführt worden; ich ha-
be es in einen kleinen Dialog umformuliert:

A: Wir sollten den Zehn Geboten folgen.


B: Wie begründest du diese allgemeine normative Aussage?
A: Wir sollten den Zehn Geboten, weil sie in der Bibel stehen.
B: Nach dieser Begründung stellt sich die Frage: Warum sollte die
Bibel für uns verbindlich sein?
A: Weil sie Gottes Wort wiedergibt, ja von Gott stammt.
B: Warum sollte Gottes Wort für uns verbindlich sein?
A: Weil die Bibel uns dies so gebietet.

Das ist ein klassischer Zirkelschluss: Der Glaube an Gott und die Bibel
stützen sich also gegenseitig. Die Heiligkeit der Aussagen der Bibel
wird mit dem Glauben an Gott begründet, der Glaube an Gott mit der
Heiligkeit der Aussagen der Bibel.

Wenn man einen solchen Zirkelschluss vermeiden möchte, kann man


(b) in eine unendliche Abfolge weiterer Gründe geraten (regressus ad
infinitum, Rückgang ins Unendliche): Es wird immer ein weiterer
Grund hinzugefügt, der selbst wieder einen Grund verlangt usw. Es ist
wie in dem mythischen Weltbild, in dem die Erde eine Scheibe ist, die
von einem Elefanten getragen wird. Auf die Frage, worauf der Elefant
steht, antworteten die Anhänger dieses Weltbildes: auf einer Schildkrö-
te. Auf die folgende Frage, worauf denn die Schildkröte stehe, muss ei-
ne weitere Schildkröte angenommen werden - es folgen Schildkröten
ohne Ende.

Das einzige, was dem Deduktivisten in dieser Situation bleibt, ist (c) der
dogmatische Abbruch. Er ist gezwungen, an irgendeiner Stelle zu sa-
gen: Bis hierher und nicht weiter. Irgendeine Aussage wird festgehalten

27
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

als Dogma, d.h. als nicht weiter hinterfragbare Wahrheit. Wahrschein-


lich wird es sich um eine Aussage handeln, die besonders plausibel und
allgemein anerkannt ist. Wenn man zugibt, dass man mit irgendeinem
nicht begründbaren Obersatz anfangen muss und einen solchen mög-
lichst allgemeinverständlich formuliert, bezeichnet man diesen als Axi-
om und spricht auch von axiomatischen Begründungen. In den meisten
Fällen kann man damit zufrieden sein - aber nicht aus philosophischer
Sicht, denn eine der Hauptaufgaben der Moralphilosophie ist und bleibt
die Begründung der Prinzipien.

Dennoch spielen Deduktionen in der Ethik eine Rolle, zwar nicht für die
Begründung der normativen Grundprinzipien, aber für die Ableitung
von speziellen Normen oder die Transformation normativer Aussagen
ineinander. Die korrekten gemischten Syllogismen waren Beispiele für
solche deduktiven Begründungen. Ein anderes Beispiel bezieht sich auf
die oben eingeführten präskriptiven Grundbegriffe:

1. Es ist nicht verboten, H zu tun.


2. Es ist nicht geboten, H zu tun.
Æ Es ist erlaubt, H zu tun.

Zwischen den Begriffen „verboten“; „geboten“, und „erlaubt“ bestehen


Beziehungen, die solche Schlussfolgerungen ermöglichen. Damit be-
schäftigt sich eine eigene Subdisziplin der (deduktiven) Logik.

Induktion Eine zweite Begründungsform ist die Induktion (inducere - lat. hinein-
führen). Diese ist die Umkehrung der Deduktion: Man schließt vom Be-
sonderen auf das Allgemeine. So verfahren wir in der Regel im Alltag.
Wenn wir mehrere Male beobachtet haben, dass nach einem Abendrot
am nächsten Tag schönes Wetter ist, schließen wir auf die allgemeine
Regel, ein Naturgesetz: Nach einem Abendrot folgt am nächsten Tag
schönes Wetter. Dieses Verfahren lässt sich auf die Moralphilosophie
übertragen. Ausgangspunkt ist also ein Einzelfall, eine besondere
Handlung oder Situation, zu der wir ein klares moralisches Urteil ha-
ben. Von diesem Einzelfall und weiteren folgenden Einzelfällen schlie-
ßen wir auf ein allgemeines normatives Prinzip. Ein einfaches Beispiel
ist die schreckliche Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, der von
Deutschland angezettelt wurde und fast ganz Europa in Schutt und
Asche legte. Diese Erfahrung wurde ergänzt durch ähnliche Beobach-
tungen: das Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan mit dem Abwurf
zweier Atombomben, die brutalen Kriege in Algerien, Vietnam, Afgha-
nistan usw. Daraus schlossen die meisten Deutschen und viele Europäer
nach 1945, dass jede militärische Handlung moralisch verwerflich und
abzulehnen sei. Der induktive Schluss funktioniert demnach folgender-
maßen:

28
1.2 Die Sprache der Moral

Krieg A ist schlecht, Krieg B ist schlecht, Krieg C ist


schlecht usw.
Æ Jeder Krieg ist schlecht.

Auf diese Weise wurde ein genereller Pazifismus moralisch begründet;


in den 1990er Jahren spielten solche Argumente in der Diskussion über
mögliche militärische Aktionen der Bundeswehr tatsächlich eine große
Rolle.

Es mag sein, dass sich allgemeine moralische Einstellungen auf diese


Weise herausbilden; exemplarische Erfahrungen in Schlüsselsituatio-
nen befördern sicherlich die moralische Entwicklung des Einzelnen.
Aus argumentationstheoretischer Sicht handelt es sich aber um einen
Fehlschluss. Es war wiederum David HUME, der in derselben oben
schon erwähnten Schrift zeigen konnte, dass induktive Schlüsse (außer
in der Mathematik) logisch nicht korrekt sind: Aus einer noch so großen
Zahl einzelner Erfahrungen kann man keine allgemeine Aussage ablei-
ten; durch induktive Schlüsse gelangt man bestenfalls zu Wahrschein-
lichkeitsaussagen. In der Theoretischen wie in der Praktischen Philoso-
phie können Gesetzesaussagen nicht durch Einzelfälle legitimiert
werden. (Man beachte: Es geht hier allein um die argumentative Struk-
tur des Beispiels; die inhaltlichen Aussagen selbst stehen nicht zur De-
batte.) Dennoch werden wir wohl im Alltag nicht um induktive Schlüs-
se herumkommen, vor allem bei der Anwendung moralischer Normen:
Wenn wir wissen, dass man in Situation A nach der Norm N handeln
sollte, ebenso in den ähnlichen Situationen B und C, dann wird diese
wohl auch der vergleichbaren Situation D angemessen sein.

Das Hauptproblem bleibt aber die Begründung der Prinzipien. Ein Vor- Intuition
schlag lautet, diese intuitiv zu begründen (intuitio - lat. Anschauung).
Eine Intuition ist eine unmittelbare Einsicht, die das Wesen eines Phä-
nomens erfasst. So halten die meisten Menschen eine Vergewaltigung
für moralisch illegitim. Als Begründung wird oft nur gesagt, dass das
doch jedem intuitiv klar sein müsse, unmittelbar einleuchtend (evident).
(Ein anderes, historisches Beispiel gebe ich in Kapitel 2.3.1, S.47) Wir
können jedoch froh sein, dass uns unsere moralischen Intuitionen in den
meisten Fällen nicht trügen. Zudem sind Evidenzen wandelbar; was
lange als intuitiv einsichtig gilt, ist inzwischen längst widerlegt, etwa
die Ablehnung der Homosexualität. Schließlich kann es konträre Evi-
denzen geben. Nehmen wir wieder das obige Beispiel der Erfahrung des
Zweiten Weltkriegs. Mit diesem schrecklichen Ereignis verbanden sich
für viele Deutsche zwei moralische Intuitionen: „Nie wieder Krieg” und
„Nie wieder Auschwitz”. Was ist aber, wenn die beiden Intuitionen in
einen Konflikt miteinander geraten? Das war beim Kosovo-Krieg 1999
der Fall. Die einen argumentierten als Pazifisten gegen jede militärische
Aktion. Die anderen argumentierten, dass nur eine militärische Aktion

29
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

Lager, Vertreibung und Vergewaltigung verhindern könnte. In beiden


Lagern gab es Personen, die sich auf ihre intuitive Einsicht beriefen.

Kohärentismus Eine weitere, nunmehr vierte Begründungsform wird als Kohärentis-


mus bezeichnet (kohärent = zusammenhängend). Es handelt sich um ei-
ne Schrumpfform der spekulativen Begründungen, wie wir sie vor
allem bei HEGEL finden. Nach HEGEL sind nicht einzelne Aussagen zu-
treffend, sondern nur das Ganze, das philosophische System, das aus
zahllosen Aussagen besteht. Die heutigen Kohärentisten behaupten,
dass wir nicht ein moralisches Prinzip besitzen (einen axiomatischen
Obersatz), sondern mehrere, vielleicht sogar sehr viele. Diese stehen al-
le in einem engen Zusammenhang, der nach Meinung einiger Kohären-
tisten sogar über den Bereich der normativen Aussagen hinausreicht
und auch deskriptive Aussagen, die Grundgesetze des logischen Den-
kens usw. umfasst. Die Aufgabe der Moralphilosophie ist es also nicht,
ein Prinzip zu begründen, sondern das Ganze unserer Überzeugungen
zu rekonstruieren und in diese eine neue Aussage einzufügen.

Tatsächlich ist es ja so, dass moralische Diskussionen durch neue Pro-


blemlagen ausgelöst werden. Ist das reproduktive Klonieren, das viel-
leicht bald technisch möglich sein wird, moralisch legitim? Normaler-
weise suchen wir jetzt nicht nach einem moralischen Prinzip, um diese
Frage zu entscheiden. Wir fragen uns vielmehr, ob das reproduktive
Klonieren mit den moralischen Überzeugungen, die wir besitzen, ver-
einbar ist. Im Einzelfall, gerade im Bereich der Angewandten Ethik,
mag der Kohärentismus eine nützliche Begründungsform sein. Stren-
gen philosophischen Ansprüchen kann er jedoch nicht genügen. Denn
das Ganze wird unhinterfragt vorausgesetzt; dieses könnte aber sehr
wohl falsch sein. Darüber hinaus erfordern neue Möglichkeiten viel-
leicht auch neue moralische Überzeugungen.

Reflexive Argumente Fünftens sind reflexive Begründungen möglich (reflektieren - lat. zu-
rückbeugen). Diese beziehen sich auf das, was man immer schon aner-
kannt hat und will. Mit einer reflexiven Begründung operiert implizit
die berühmte Goldene Regel. Darunter versteht man den bekannten
Spruch „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem an-
deren zu”. Wer andere darauf hinweist, dass sie die Goldene Regel be-
achten sollen, argumentiert nämlich so: Um zu wissen, was in dieser Si-
tuation moralisch richtig ist, brauchst du dich nicht an irgendwelchen
äußeren Anhaltspunkten zu orientieren; du solltest dich vielmehr zu-
rückbeugen (reflektieren) auf das, was du selbst ohnehin schon aner-
kannt hast. Du willst beispielsweise nicht, dass man dich beleidigt - also
solltest du auch andere nicht beleidigen. Das Problem der Goldenen Re-
gel ist aber, dass sie nur dann funktioniert, wenn die beteiligten Perso-
nen über ähnliche Bedürfnisse und Hintergrundüberzeugungen verfü-
gen, wie es in kleinen und stabilen Gemeinschaften der Fall ist. In
komplexen Gesellschaften ist das, was die Individuen jeweils wollen, so

30
1.2 Die Sprache der Moral

unterschiedlich, dass die Goldene Regel nicht mehr zu tragfähigen mo-


ralischen Schlüssen führt.

Eine Steigerung der reflexiven Begründungen (und damit der sechste Transzendentale
Typ) sind transzendentale Argumente. „Transzendental” ist ein philo- Argumente
sophischer Fachausdruck, der sich auf Voraussetzungen (Präsupposi-
tionen) bezieht, die wir nicht zufälligerweise machen, sondern die für
uns unhintergehbar und unausweichlich sind. Transzendentale Präsup-
positionen kann keiner bestreiten, ohne sich selbst zu widersprechen.
Zwei Kandidaten für transzendentale Präsuppositionen seien genannt:
Der erste ist das Prinzip der Widerspruchsfreiheit, als Regel formuliert:
„Du sollst dir nicht widersprechen.” Das transzendentale Argument lau-
tet, dass wir, wenn wir das Prinzip der Widerspruchsfreiheit nicht ak-
zeptieren würden, überhaupt kein sinnvolles Gespräch miteinander
führen könnten. Wir wüssten ja nicht, ob der Andere jetzt genau das Ge-
genteil von dem meint, was er vorhin behauptet hatte. Ein zweites Prin-
zip ist nach Meinung vieler Transzendentalphilosophen das Prinzip der
Freiheit. Wenn wir nicht uns selbst und allen anderen unterstellen wür-
den, dass wir freie Wesen wären, müssten wir uns gegenseitig wie Din-
ge oder bestenfalls wie vernunftlose Lebewesen behandeln; dann wäre
es beispielsweise sinnlos, für eine bestimmte moralische Auffassung zu
argumentieren. - Die Tragweite reflexiver und transzendentaler Argu-
mente ist sehr umstritten. Selbst wenn sie für die Begründung von Prin-
zipien verwendbar sind, ist es fraglich, ob man aus ihnen etwas ableiten
kann.

Das muss an dieser Stelle genügen. Ich habe verschiedene Begrün- Fazit
dungstypen vorgestellt, die alle in der Moralphilosophie eine mehr oder
weniger große Rolle spielen. Inhaltliche Aussagen zu den moralischen
Prinzipien wurden noch nicht erörtert. Der gesamte erste Teil hatte die
Aufgabe, die Voraussetzungen moralischen Denkens und Urteilens zu
klären. Die Diskussion über die Grundprinzipien der Moral kann jetzt
beginnen.

Aufgaben zum ersten Teil

1. Schlagen Sie in verschiedenen Wörterbüchern und Lexika


nach, wie dort „Philosophie” und „Ethik” bestimmt werden.
Benutzen Sie möglichst Nachschlagewerke aus unterschied-
lichen Epochen oder Ländern.
2. Zeichnen Sie eine Skizze der hier vorgeschlagenen Eintei-
lung der Philosophie in Großbereiche und Teilgebiete.
3. Schlagen Sie in verschiedenen Wörterbüchern und Lexika
nach, wie dort „Moral” bestimmt wird. Beachten Sie, dass
es in diesem Teil noch nicht darum geht, was moralisch gut

31
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen

oder schlecht ist, sondern allein um die Bedeutung des


Begriffs der Moral.
4. Erläutern Sie die folgenden Fragen und begründen Sie,
warum diese nicht Thema der Moralphilosophie sind:
• Wie werde ich glücklich?
• Was ist der Sinn des Lebens?
• An welchen Werten und Normen orientieren sich Men-
schen normalerweise?
• Wie sollte ich denken?
5. Stellen Sie die Unterschiede zwischen der präskriptiven und
der evaluativen Sprache dar, möglichst mit eigenen Beispie-
len.
6. Wodurch unterscheidet sich in den beiden Vokabularen die
moralische Verwendungsweise von nicht-moralischen?
7. Analysieren Sie, ob es sich bei den folgenden Sätzen um
deskriptive oder um normative Aussagen handelt:
• „Du sollst nicht lügen.”
• „Die Würde des Menschen ist unantastbar.”
• Im Grundgesetz, Art. 1, steht, dass die Würde des Men-
schen unantastbar ist.
• Ich darf nicht so viel Süßigkeiten essen.
• Es ist gut, dass heute endlich wieder einmal die Sonne
scheint.
• Es ist gut, dass du heute endlich einmal die Wahrheit
gesagt hast.
8. Diskutieren Sie über die Rolle von Argumenten in Bezug
auf moralische Fragen.
9. Welche Form der Begründung benutzen Sie selbst am häu-
figsten?

10. Welche Form der Begründung erscheint Ihnen für die Allge-
meine Ethik und die Moralphilosophie am überzeugendsten
zu sein?

32
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

In den folgenden beiden Kapiteln werden zwei grundsätzliche Einwän-


de gegen die moderne Moralphilosophie diskutiert: Der Relativismus
bezweifelt ihren universalistischen Charakter; der Rechtspositivismus
will Moral vollständig durch Recht ersetzen. Beide Einwände sollen zu-
rückgewiesen werden. Zunächst aber wird kurz dargestellt, wogegen
sich die Einwände richten: gegen das Konzept einer modernen univer-
salistischen Moral.

2.1 Allgemeine Grundzüge der modernen Moral

Es gibt kein menschliches Zusammenleben ohne soziale Normen, in de-


nen sich moralische Prinzipien niederschlagen. Das haben Soziologen
und Kulturanthropologen immer wieder betont. Unzählige Generatio-
nen dürften sich über die Werte und Normen, nach denen sie lebten, kei-
ne Gedanken gemacht haben. Aber mit allen großen Kulturschwellen
sind auch Umbrüche im moralischen Denken verbunden. Eine Reihe
von Aufklärungsschritten hat dann zu den moralischen Prinzipien ge-
führt, die heute als verbindlich angesehen werden. Es sind vor allem
vier Aspekte, die das Konzept einer modernen Moral auszeichnen. (Ich
erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit; andere Ethiker haben ab-
weichende Listen erstellt und andere Begriffe benutzt.) Dennoch sind
sich die gegenwärtig diskutierten Positionen, von denen im dritten Teil
die beiden wichtigsten vorzustellen sind, in dieser Hinsicht weitgehend
einig.

• Kognitivismus (von lat. cognoscere = erkennen, untersuchen): In


moralischen Aussagen wird eine Form von Wissen ausgedrückt.
Als Wissen bezeichnet man, wie bereits erwähnt, wahre und
begründete Überzeugungen. Beide Aspekte sind wichtig: Erstens
ist mit dem Kognitivismus die Auffassung verbunden, dass mora-
lische Aussagen nicht beliebig sind (wie etwa individuelle Vorlie-
ben oder emotionale Äußerungen), sondern mit einem Geltungs-
anspruch auftreten. Um normative Aussagen von deskriptiven
abzugrenzen, spricht man aber besser nicht von der Wahrheit, son-
dern der normativen Richtigkeit moralischer Aussagen. Wer
behauptet, dass Foltern unzulässig sei, stellt keine Tatsachenbe-
hauptung auf, sondern macht eine Aussage über die allgemeine
Verbindlichkeit eines Verbots. Zweitens können normative Aussa-
gen (wie andere Behauptungen mit einem Geltungsanspruch)
begründet bzw. kritisch überprüft werden. Über die verschiedenen
Begründungsformen, die die Moralphilosophie kennt, wurde
schon gesprochen. Ergänzt werden sollte an dieser Stelle nur, dass

33
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

viele andere Begründungen, die früher üblich waren, aus moral-


philosophischer Sicht heute nicht mehr in Betracht kommen. Reli-
gion und Weltanschauungen haben als Begründungsinstanzen
zwar nicht faktisch ausgedient (manchmal scheint sogar das
Gegenteil der Fall zu sein). Aus philosophischer Sicht sind aber
sowohl die Berufung auf transzendente Instanzen (Gott, Weltge-
setz o. ä.) als auch diejenige auf nicht hinterfragte Autoritäten
(Vater, Staat, Lenin usw.) nicht zulässig. Es kommen (in einem
weiten Sinne) nur rationale Begründungen in Frage.
• Moralabsolutismus: Es gibt, wie wir bereits feststellten, nicht nur
moralische, sondern auch pragmatische, theoretische, ästhetische
oder religiöse Werte; genannt seien nur Erfolg, Wahrheit, Schön-
heit und Heiligkeit. Als höchster Wert (bzw. als grundlegende
Norm) kommt aber nur ein moralisches Prinzip in Frage. Werte
wie Gerechtigkeit oder Menschenwürde können durch Werte
anderer Art nicht ausgehebelt werden. Diese Kraft wurde früher
religiösen Prinzipien zugestanden, aber auch der Staatsräson oder
manchmal ästhetischen Werten. Wenn dies jedoch der Fall wäre,
könnte man jedes Unrecht und jede Schandtat legitimieren. Das
moralische Prinzip ist der Kreuz Bube, der in einem normalen
Skatspiel alle anderen Karten übertrumpfen kann. Sicherlich gibt
es viele Situationen, in denen wir den höchsten Wert nicht aus-
spielen müssen, weil sie moralisch indifferent sind; dann können
etwa ästhetische Werte zum Zuge kommen. Wenn es aber um das
Ganze geht, gewissermaßen um Leben und Tod, muss man der
Moral den Vorzug geben; es kann beispielsweise nicht angehen,
dass für religiöse Traditionen, wissenschaftlichen Erkenntnisge-
winn oder ästhetische Erfahrungen das Leben eines Menschen
geopfert wird.
• Individualismus: Der Bezugspunkt für moralische Werte und Nor-
men ist prinzipiell der einzelne Mensch. Rechte und Pflichten
kommen nicht sozialen Gruppen zu, sondern den Individuen.
Zwar mag es ergänzend zu den individuellen Rechten auch Rechte
von Gemeinschaften geben, aber diese können durch erstere
immer übertrumpft werden. Beispielsweise wird diskutiert, ob
einer Minderheitskultur im Rahmen einer Gesellschaft ein
Bestandsrecht zugestanden bekommen sollte. Dies könnte man
sichern durch den Schutz der Sprache und bestimmter Traditio-
nen, Quotenregelungen in politischen Einrichtungen usw. Die
Konsequenz darf aber auf keinen Fall sein, die Mitglieder der
Minderheitsgemeinschaft zum Verbleib in ihrer Gruppe zu zwin-
gen; die Freiheit des Individuums, auch sein Recht auf Mobilität
und freie Wahl der Zugehörigkeitsgruppe, steht höher als das Exi-
stenzrecht einer Kultur. Der normative Individualismus der
modernen Moral findet seinen Ausdruck vor allem in den Men-
schenrechten. Diese unterscheiden sich von Bürgerrechten, die

34
2.1 Allgemeine Grundzüge der modernen Moral

nur in einer abgegrenzten politischen Gemeinschaft gelten, und


können als Grundrechte, wie in Deutschland, in positives Recht
überführt werden. Über Begründung und Status der Menschen-
rechte herrscht keine Einigkeit, auch nicht über ihren Umfang.
Meistens werden drei Gruppen von individuell zurechenbaren
Menschenrechten unterschieden, die auch deren historische Ent-
wicklung widerspiegeln. Die erste Gruppe bilden die negativen
Freiheitsrechte, d.h. das Recht auf Leben, das Recht auf Religi-
ons- und Meinungsfreiheit usw. Die zweite Gruppe sind die demo-
kratischen Mitwirkungsrechte, also das Recht auf politische Parti-
zipation, in welcher Form auch immer. Die dritte Gruppe sind
soziale Leistungsrechte, mit denen die Individuen Ansprüche auf
die Befriedigung ihrer materiellen Grundbedürfnisse gewinnen.
• Universalismus: Moralische Werte und Normen sind allgemein
bzw. universal gültig, sie gelten prinzipiell für alle Betroffenen. In
der globalisierten Welt der Gegenwart bedeutet dies, dass eine
moderne Moral sich an alle Menschen richtet und einen weltwei-
ten Anwendungsbereich hat. Die moderne Moral kann nichts
anderes sein als eine globale Ethik. Diese Aussage ist vor zwei
Missverständnissen zu schützen: Erstens schließt der moralphilo-
sophische Universalismus nicht aus, dass es partikulare Anforde-
rungen gibt, die nur für Eltern, nur für Ärzte, nur für Politiker usw.
gelten. Aber auch diese müssen universal formuliert sein, etwa in
der folgenden Form: „Jede Person, die die Rolle einer Mutter oder
eines Vaters einnimmt, hat prinzipiell die folgenden moralischen
Anforderungen zu erfüllen.” Gruppenspezifische Verpflichtungen
sind also sehr wohl innerhalb einer universalistischen Moralphilo-
sophie möglich. Zweitens folgt aus dem Universalismus nicht
unbedingt ein materialer Egalitarismus, also die Gleichheit aller
Individuen in jeder Hinsicht. Zwar ist im Universalismus das
Gleichheitsideal implizit enthalten, aber man muss verschiedene
Stufen der Universalisierung unterscheiden: Auf der ersten Stufe
ist gefordert, alle Betroffenen zu berücksichtigen. Der moralisch
Urteilende muss sich selbst als einen unter allen behandeln und
darf sich nicht von allgemeinen moralischen Normen ausschlie-
ßen. Wie aber der Einzelne einbezogen wird, ist nicht vorgegeben.
Auf der zweiten Stufe werden alle Betroffenen gleichermaßen
berücksichtigt; insbesondere darf niemand wegen seiner Zugehö-
rigkeit zu einer bestimmten Gruppe, sei dies ein Geschlecht, eine
Rasse, Klasse oder religiöse Gemeinschaft, bevorzugt oder
benachteiligt werden. Das schließt eine Ungleichbehandlung der
Individuen aus anderen Gründen nicht aus; so kann ein Staat rei-
chen Personen einen höheren Steuersatz auferlegen oder Behin-
derte auf besondere Weise fördern. Erst auf der dritten Stufe wird
aber verlangt, alle als Gleiche zu behandeln, also die Bedürfnisse
und Interessen jedes Einzelnen gleich zu gewichten.

35
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

Ideale, nicht faktische Es sei noch einmal betont, dass die vier genannten Merkmale der mo-
Geltung dernen Moral sich auf die normative Ebene beziehen; ihnen wird ideale,
nicht faktische Geltung zugesprochen: So soll es sein; es wäre gut, wenn
es so wäre. Jeder weiß, dass auf der deskriptiven Ebene ständig der Ko-
gnitivismus, Moralabsolutismus, Individualismus und Universalismus
verletzt werden, dass also soziale Normen nicht begründet und morali-
sche Werte durch religiöse ausgestochen werden, dass viele Individuen
keine Rechte besitzen und moralische Prinzipien nicht für alle Men-
schen gelten. Aber die Verletzung eines Prinzips, auch sein möglicher
Missbrauch, ist allein kein Argument gegen dessen ideale Geltung.
Dennoch gibt es mehrere sehr ernst zu nehmende Einwände gegen das
Projekt der modernen Moralphilosophie. Zwei dieser Kritikpunkte sei-
en jetzt erörtert.

2.2 Das Relativismusproblem

2.2.1 Was ist Relativismus?

Das Wort „relativ” kennen wir vor allem als Adverb: ein Kind ist relativ
groß, Rostock liegt relativ nahe an der Ostsee usw. Alle diese Beispiel-
sätze drücken implizit eine Beziehung aus, ein Verhältnis zwischen
zwei Entitäten: Das Kind ist relativ groß im Vergleich zur Mehrzahl sei-
ner Altersgenossen; Rostock liegt näher an der Ostsee als Güstrow usw.
Der entsprechende Gegenbegriff ist „absolut” (unbedingt); insofern
scheint der Relativismus die Gegenposition zum Absolutismus zu sein.
Tatsächlich aber wendet er sich nicht primär gegen den eben erwähnten
Moralabsolutismus. Der Hauptkritikpunkt der Relativisten ist ebenfalls
nicht der Kognitivismus. Allerdings meinen einige Moralphilosophen,
gegen die relativistische Herausforderung helfe nur die absolute Legiti-
mation normativer Prinzipien, also ihre unwiderlegbare und sichere
Rechtfertigung; diese Idee einer Letztbegründung wird jedoch nur von
wenigen vertreten. Vielmehr richten sich die relativistischen Einwände
vor allem gegen den Universalismus der modernen Moral; „Partikula-
rismus” wäre deshalb der treffendere Ausdruck. Der Relativismus be-
hauptet, dass alle Werte und Normen immer in einem konkreten Bezug
gesehen werden müssen zu einer Epoche, einer Gesellschaft, einer so-
zialen Gemeinschaft oder sogar einem Individuum. Wie ich in meinen
Ethik-Kursen öfter zu hören bekam: „Moral ist jedem seine eigene Sa-
che.” Dieser Superindividualismus ist sicherlich übertrieben. Aber ist
Moral nicht doch relativ auf eine soziale Gruppe, ob Geschlecht, Reli-
gion, Kulturkreis oder Sprachfamilie? Dieser sehr ernsten Herausforde-
rung muss sich die Moralphilosophie stellen.

36
2.2 Das Relativismusproblem

Der Relativismus begleitet die Philosophiegeschichte wie ein Schatten. Geschichte


Als SOKRATES die Ethik begründete, richteten sich seine Bemühungen
zu einem großen Teil gegen den Relativismus, der ihm im damaligen
Athen in Gestalt der Sophisten begegnete. (Die andere Position, die SO-
KRATES bekämpfte, war der Dogmatismus, das unbegründete Festhal-
ten an unreflektierten, meist unbefragt übernommenen traditionellen
Auffassungen.) Urtyp des Relativisten ist der Sophist PROTAGORAS,
von dem die These stammt, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei.
Dieser humanistisch klingende Satz kann nämlich so ausgelegt werden,
dass jeder seine eigenen Kriterien hat, auch im Moralischen. Im 20.
Jahrhundert wurde der Relativismus zunächst vor allem von Histori-
kern, Soziologen und Ethnologen vertreten, die die Unterschiede zwi-
schen Epochen, Gesellschaften und Kulturen betonten. Gegenwärtig
gibt es sehr unterschiedliche Varianten des Relativismus: Ein radikaler
Feminismus vermutet hinter der modernen Moral nichts anderes als
männliche Machtansprüche und Denkweisen. Einige Vertreter des sog.
Kommunitarismus (vor allem Alasdair MACINTYRE) behaupten, dass
Werte und Tugenden immer nur in dem konkreten Umfeld einer be-
stimmten Gesellschaft gelebt werden können. Postmoderne Philoso-
phen (etwa Richard RORTY) haben generell den Universalitätsanspruch
der abendländischen Wissenschaft und Philosophie zurückgewiesen.
Direkte Bekenntnisse zum Relativismus gibt es jedoch unter Moralphi-
losophen selten. Das ist aber verständlich, denn ein solches müsste ei-
gentlich dazu führen, sich nicht weiter mit Moralphilosophie zu
beschäftigen.

Man kann den Relativismus, entsprechend den drei Ebenen der Ethiken, 3 Varianten
in drei Formen vertreten:

Der metatheoretische Relativismus behauptet, dass es keine allge-


mein gültigen (universalen) Voraussetzungen des Sprechens über
Moral gibt. Beispielsweise sei die Argumentation ein kulturspezifi-
sches Sprachspiel, gleichsam eine abendländische Tradition.
Der deskriptive Relativismus behauptet, dass es keine universal gel-
tenden moralischen Prinzipien gibt. Es gilt also der Spruch „Andere
Länder, andere Sitten” oder eine entsprechende Variante.
Der normative Relativismus behauptet, dass es keine universal gel-
tenden moralischen Prinzipien geben sollte. Was für einen Kultur-
kreis oder eine Epoche gut ist, ist es nicht für eine andere; globale
moralische Normen kann es nicht geben.

Mit dem metatheoretischen Relativismus müssen wir uns nicht mehr


ausführlich beschäftigen. Denn implizit war der Teil 1.2, S.17 dieses
Lehrbriefes, in dem wir allgemeine Voraussetzungen des Sprechens
über Moral rekonstruiert haben, eine Widerlegung des metatheoreti-

37
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

schen Relativismus. Das gilt insbesondere für die Verteidigung des Ar-
gumentierens in der Ethik. - Unsere Aufmerksamkeit richtet sich im
Folgenden also auf die anderen beiden Varianten, die meisten gekoppelt
auftreten.

2.2.2 Argumente gegen den deskriptiven Relativismus

Dass der normative Relativismus, um den es moralphilosophisch vor al-


lem geht, nicht direkt oder allein mit dem deskriptiven Relativismus be-
gründet werden kann, müsste jedem Leser dieses Lehrbriefes
inzwischen klar sein. Das wäre nämlich ein Sein-Sollens-Fehlschluss.
Der deskriptive Relativismus kann bestenfalls eine Aussage sein, die in
einem gemischten Syllogismus bzw. einer anderen komplexeren Argu-
mentation für den normativen Relativismus angeführt wird. Dennoch
verleiht die Auffassung, dass es in allen Kulturkreisen oder Gesell-
schaften sehr unterschiedliche Moralvorstellungen gebe, dem normati-
ven Relativismus eine gewisse Plausibilität. Als Beispiel angeführt wird
oft der Gegensatz zwischen westlicher und islamischer Kultur, der nach
Meinung einiger Autoren sogar zu einem mörderischen Zusammenstoß
führen könnte. Dennoch zeigt sich, dass der deskriptive Relativismus
nicht so unbezweifelbar ist, wie es scheinen mag.

Vielfalt als Prämisse Zunächst einmal ist der historische Hinweis angebracht, dass die Ethik
die Vielfältigkeit menschlicher Lebensformen nie ignoriert, sondern
immer vorausgesetzt hat. Die Einsicht, dass die Menschen in anderen
Kulturen andere Sitten haben, ist sicherlich ein bedeutsamer Erkennt-
nisfortschritt. Aber er ereignete sich nicht nach, sondern vor der Entste-
hung der philosophischen Ethik. HERODOT, der die unterschiedlichen
Gesellschaften der alten Welt beschrieb, lebte vor PLATON; die Diskus-
sionen um den edlen Wilden und den weisen Chinesen erlebten ihren
Höhepunkt im 18. Jahrhundert, vor der Begründung der universalisti-
schen Moral durch BENTHAM und KANT; in den letzten Jahren haben
die Irak-Kriege 1991 und 2003 die philosophischen Debatten über uni-
versale Konfliktregelungsmechanismen stark vorangetrieben. Nicht nur
die historische, auch die argumentative Voraussetzung der Ethik ist
nicht die Einheit, sondern die Vielfalt: Gerade weil die Menschen so un-
terschiedlich sind, bedarf es sozialer Normen, die ihr Zusammenleben
regeln. Moral sollte kein Instrument sein, Vielfalt zu unterdrücken, son-
dern diese zu ermöglichen, allerdings in Grenzen: Denn derjenige, der
die Vielfalt zerstören will, darf nicht von den Prinzipien, die diese för-
dern wollen, profitieren.

Kampf der Kulturen? Sodann ist das Bild, das der deskriptive Relativismus von der Welt
zeichnet, viel zu schlicht: Es gibt nicht einfach die europäisch-nordame-
rikanische Kultur mit ihren abendländischen Prinzipien, die islami-

38
2.2 Das Relativismusproblem

schen Länder mit ihren sich auf den Koran beziehenden Normen, Indien
mit seinen spezifischen indischen Weltsicht usw. Erstens ist dies eine
idealistische Sicht der Dinge, die die oft sehr viel stärkeren geopoliti-
schen und ökonomischen Bedingungen unterschätzt. In vielen großen
Kriegen der Vergangenheit entsprach die Frontbildung nicht den kultu-
rellen Grenzen; ein Beleg dafür ist die Konstellation des Zweiten Welt-
kriegs. Auch heute ist eine Blockbildung allein nach kulturellen Werten
noch nicht erkennbar. Ebenfalls unterschätzt werden zweitens die inter-
nen Differenzen in den jeweiligen Kulturkreisen. In jeder Gesellschaft
gibt es große Unterschiede, und zwar auf Grund von ökonomischer
Klassenlage, Geschlecht, Altersgruppe, Bildungsgrad, regionalen Dis-
krepanzen (etwa der berühmte Stadt-Land-Gegensatz), religiöser bzw.
konfessioneller Zugehörigkeit usw. Quer zu den kulturellen Unterschie-
den gibt es deshalb manchmal große Gemeinsamkeiten zwischen diesen
Teilgruppen aus verschiedenen Gesellschaften; man denke etwa an ähn-
liche Interessen und Lebensstile der Jugendlichen in ganz verschiede-
nen Ländern der Welt. Die intra-kulturellen Feindseligkeiten sind, wie
die Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten belegen, oft sogar größer
als die inter-kulturellen. Drittens stehen sich die Kulturkreise nicht wie
monolithische Blöcke gegenüber. Überall gibt es Ränder, an denen sie
sich überlappen; allerorten sind wechselseitige Einflüsse zu spüren.
Beispielsweise gehören zur islamischen Welt so unterschiedliche Län-
der wie die Türkei, Saudi-Arabien, Pakistan und Indonesien. Islami-
sche, westliche und originär-nationale Faktoren haben in diesen
Ländern ganz unterschiedliches Gewicht. Schließlich leben wir alle, ob
wir wollen oder nicht, in einer Welt, mit Risiken, die alle bedrohen
(Atomkrieg, Treibhauseffekt, ökonomische Krisen usw.). Es gibt be-
reits die Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Men-
schenrechte sowie viele andere Institutionen und Deklarationen.

Schließlich fragt sich, ob die Unterschiede, die man zwischen Kulturen Kulturelle
feststellt, nicht doch eher ein Oberflächenphänomen sind, das wenig- Universalien?
stens teilweise auf fundamentalen Gemeinsamkeiten beruht. Dem Besu-
cher eines anderen Landes fallen zunächst die Unterschiede auf; nach
längerem Aufenthalt bemerkt man aber auch grundlegende Gemein-
samkeiten, die sich nur in anderer Form ausdrücken. Sicherlich unter-
scheiden sich soziale Gemeinschaften in vielen konkreten moralischen
Normen, etwa in der Sexualmoral, in den Erziehungsmethoden usw.
Die Rangfolge der unterschiedlichen moralischen Werte unterscheidet
sich; in manchen Kulturen haben Pünktlichkeit und Höflichkeit einen
sehr hohen Wert, in anderen nicht. Aber sind dies nicht nur abgeleitete
Normen bzw. sekundäre Tugenden? Sind die Unterschiede im Bereich
der moralischen Prinzipien, um die es der Philosophie vor allem gilt,
wirklich ebenfalls so groß? Viele Unterschiede lassen sich durch ökolo-
gische und ökonomische Rahmenbedingungen erklären. Ein Beispiel ist
der Umgang mit alten, nicht mehr arbeitsfähigen Personen: Diese wer-
den in einigen Kulturen getötet, in anderen leben sie hoch verehrt im Fa-

39
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

milienkreis, in wieder anderen werden sie in separate Einrichtungen


gebracht. In allen Fällen liegt diesen Verhaltensweisen jedoch das Prin-
zip der Pietät zugrunde, der Achtung vor den alten Menschen; unter-
schiedlich sind aber die gesellschaftlichen Umstände: In krassen
Knappheitssituationen ist ein schneller Tod besser als ein langes Dahin-
siechen; in statischen Gemeinschaften sind alte Menschen wegen ihrer
angesammelten Erfahrung als Ratgeber unentbehrlich; in modernen Ge-
sellschaften werden viele so alt, dass eine professionelle Pflege für sie
am besten ist. Es seien einige moralische Universalien genannt, also
Prinzipien, die in allen bekannten Hochkulturen mehr oder weniger an-
erkannt waren, zwar keine faktische, aber doch eine ideale Geltung be-
saßen:

• die Bevorzugung der Regelbefolgung gegenüber dem


Regelverstoß,
• die Bevorzugung des Lebens und der Gesundheit vor Tod
und Krankheit,
• der hohe Wert von Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Aufrich-
tigkeit,
• die Anerkennung von Handlungen, mit denen der Einzelne
sich für andere einsetzt, beispielsweise der Tapferkeit (in
welcher Form auch immer),
• Prinzipien, mit denen interne soziale Konflikte geregelt
wurden und die die Grundlage des Rechtssystems bilden
(Verhältnismäßigkeit der Mittel, Anhörung der Beteiligten,
unparteiische und nicht-willkürliche Entscheidung u. a.).

Goldene Regel Ein Beispiel sei etwas ausführlicher dargestellt, nämlich die universale
Verbreitung der Goldenen Regel. Deren negative Formulierung lautet,
wie bereits erwähnt (vgl. Kapitel 1.2.3, S.22), „Was du nicht willst, das
man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”. Als solche finden wir sie
in allen menschlichen Hochkulturen. Ethnologen haben das erklärt mit
dem anthropologisch tief verankerten Prinzip der Gegenseitigkeit (Re-
ziprozität, vgl. Kapitel 4.1.2, S.88). Dieses ist die Grundlage vieler
menschlicher Einrichtungen, etwa der ökonomischen Institution des
Tausches, der juristischen Institution des Vertrags, des strafrechtliches
Prinzips „Auge um Auge, Zahn um Zahn”, der religiösen Praxis des Op-
fers (für das man ja von den Göttern eine Gegenleistung erwartet), der
Idee der Gastfreundschaft (wenn du bei mir willkommen bist, wirst du
auch mich oder meine Angehörigen beherbergen) usw. Die Goldene
Regel kann als eine Weiterentwicklung solcher Gegenseitigkeitsregeln
zu einem moralischen Prinzip angesehen werden.

Aus dem alten Ägypten stammt die folgende Weisheit, die die Goldene
Regel pragmatisch begründet: „Tue niemandem etwas Böses an, um

40
2.2 Das Relativismusproblem

nicht heraufzubeschwören, daß ein anderer es dir antue.” (HÖFFE, Hg.:


Lesebuch zur Ethik, 33). Im indischen Nationalepos „Mahabharata”
gibt es mehrere Hinweise auf die Goldene Regel; eine Textstelle lautet:
„Was ein Mensch sich nicht von anderen angetan wünscht, das füge er
auch nicht anderen zu, da er an sich selbst erfahren hat, was unange-
nehm ist.” (ebd., 49). Die objektiv-idealistischen Lehren der indischen
Philosophie neigen sogar zu einer Übersteigerung dieser Lehre im Sin-
ne des „tat twam asi”, das SCHOPENHAUER immer wieder zitiert: Man
soll nicht nur nicht tun, was einem selbst nicht angetan werden möchte
- man ist sogar mit dem anderen identisch; alles ist eins. Oft wird die
Goldene Regel sogar als oberstes Prinzip genannt. Eine besonders rei-
che Quelle sind die „Gespräche” (Lun-yu) des KONFUZIUS. An einer
Stelle wird dort der folgende kurze Dialog wiedergegeben:

Zi Gong fragte den KONFUZIUS: „Gibt es ein Wort, das ein ganzes Leben lang als
Richtschnur des Handelns dienen kann?”
KONFUZIUS antwortete: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme’. Was man dir
nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.” (ebd., 53; vgl.
KONFUZIUS: Gespräche (Lun-yu), übs. von R. MORITZ. Stuttgart 1998, XV, 24;
vgl. dort V, 12 u. XII, 2)

Erstaunlicherweise sind alle diese Beispiele negative Formulierungen


der Goldenen Regel. Eine positive Formulierung finden wir meines
Wissens nur im Neuen Testament, in der Bergpredigt, wenn JESUS die
Überwindung des Vergeltungsprinzips durch die Nächstenliebe fordert:
„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut ihnen auch!
Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matth. 7 : 12; etwas anders bei
Lukas 6 : 31)

Die meisten Vertreter der gegenwärtigen Moralphilosophie behaupten


zwar, dass die Goldene Regel als moralisches Prinzip nicht ausreicht.
Aber man kann doch festhalten, dass wir in ihr eine universal verbreitete
Stütze für die Grundideen der modernen Moral finden.

2.2.3 Argumente gegen den normativen Relativismus

Mit der Widerlegung des deskriptiven Relativismus ist dem normativen Kritik am normativen
Relativismus bereits eines seiner wichtigsten Argumente entwunden Relativismus
worden. Auch andere Begründungen für diesen sind nicht überzeugend;
oft beruhen sie schlichtweg auf Missverständnissen, die im Folgenden
korrigiert werden sollen.

• Viele Relativisten unterscheiden nicht hinreichend zwischen


moralischen Normen und Werten auf der einen Seite sowie
Glücksvorstellungen, Lebensidealen, metaphysischen Sinnpostu-
laten oder ähnlichem auf der anderen. Dadurch kommt es, kurz

41
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

gesagt, zu einer Verwechslung von Lebenskunst und Moral. Was


Menschen glücklich macht und worin sie ihren Lebenssinn sehen,
ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Dass in diesen Dingen kein
inhaltliches Einverständnis erzielt werden kann, war die große
Einsicht der Philosophie der frühen Neuzeit; nach den Erfahrun-
gen der Konfessionskriege in Europa und der Begegnungen mit
außereuropäischen Kulturen kamen die Aufklärer zu dem Schluss,
dass jeder nach seiner eigenen Facon glücklich und selig werden
soll - sofern er andere nicht in ihrem Glücksstreben und der Aus-
übung seiner Religion behindert. Aber das Aufstellen universaler
moralischer Prinzipien soll gerade ein gedeihliches Zusammenle-
ben ermöglichen.
• Der Relativismus beruht manchmal auf einem genetischen Fehl-
schluss. So bezeichnet man den Fehler, aus der Entstehung
(Genese) der moralischen Normen und Werte auf deren Legitimi-
tät zu schließen. Wer ein moralisches Prinzip begründen will,
kann dies nicht dadurch machen, dass er dessen Ursprung und
Entwicklung darstellt. Dieser Fehler lässt sich vielleicht am besten
an einem Beispiel verdeutlichen: Es mag sein, dass die Idee der
Menschenrechte (im Gegensatz zur Goldenen Regel) in einem
bestimmten Kulturkreis entstanden ist, nämlich dem europäi-
schen. Daraus kann man aber nicht schließen, dass diese Idee nur
für diesen Kulturkreis gelten sollte. Eine Analogie spitzt dieses
Argument zu: Aus der Tatsache, dass die Pockenschutzimpfung in
Europa entwikkelt wurde, kann man ja auch nicht schließen, dass
diese nicht in Asien eingeführt werden sollte.
• Der Relativist hat eine falsche Vorstellung von Argumentation.
Sicherlich lassen sich moralische Prinzipien nicht so überzeugend
darlegen wie der Satz des Pythagoras. Deshalb spricht man in der
Logik und in der Mathematik von Beweisen, in der Philosophie
von Begründungen. Das Vorbild für die Methode der Moralphilo-
sophie ist nicht die Fehlerlosigkeit eines elektronischen Rechners
und nicht die Forschungsaktivität der Naturwissenschaften, son-
dern eher das Verfahren bei einem Gerichtsprozess, selbstver-
ständlich in idealisierter Form. Es gibt eine These (Anklage-
schrift), die begründet werden muss (Aufgabe der Staatsanwalt-
schaft) und die scharfer Kritik zu unterwerfen ist (Aufgabe der
Verteidigung); es können Klassiker der Philosophiegeschichte
(Sachverständige) hinzugezogen werden. Am Ende muss unter
Abwägung aller Pro- und Contra-Argumente eine Entscheidung
gefällt werden (Aufgabe des Gerichtshofs); aber Revisionen sind
möglich. Zudem würde kein Universalist behaupten, dass es ihm
hätte gelingen können, Adolf HITLER oder Benito MUSSOLINI (der
sich übrigens ausdrücklich zum Relativismus bekannte) mit sei-
nen Argumenten zu überzeugen.

42
2.2 Das Relativismusproblem

• Der Relativismus ist selbstwidersprüchlich. Seine These lautet ja


„Alles ist relativ”. Das ist eine Behauptung mit universalistischem
Anspruch. Wenn sie stimmen würde, müsste sie, da sie ausdrück-
lich für alles gelten soll, auch auf sich selbst anwendbar sein - mit
der logischen Konsequenz, dass der Satz „Alles ist relativ” selbst
relativ ist, also nicht universal gilt und sich somit gewissermaßen
selbst widerlegt. Zudem könnte der Relativist der Behauptung des
Universalisten, dass nicht alles relativ ist, eigentlich gar nichts
entgegensetzen. Er müsste beide Aussagen gelten lassen. Es kön-
nen aber nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, gleicher-
maßen zutreffen.
• Sehr viel fataler als diese argumentative Inkonsistenz des Relati-
vismus ist aber, dass dieser sich auch faktisch tendenziell selbst
zerstört. Angenommen, es gäbe zwei Kulturen und in beiden gel-
ten nur partikulare normative Prinzipien. Aber die erste Kultur
kennt das Gebot, andere Kulturen zu achten, die zweite hingegen
das Gebot, andere Kulturen der eigenen mit Gewalt einzuverlei-
ben. Wenn die zweite Kultur eine feindliche Übernahme der ersten
anstrebt, hat diese keine moralischen Argumente, dies abzulehnen,
ja sie muss ein solches Bestreben sogar moralisch befürworten.
Ein entsprechendes Problem hatte die Weimarer Republik: Der
Freiheitsspielraum, den die Weimarer Reichsverfassung ließ, war
so groß, dass auch ihre radikalen Feinde sich ungehindert betäti-
gen konnten. Daraus hat man gelernt und das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland an normative Prinzipien gebunden,
die unter anderem das Verbot verfassungsfeindlicher Organisatio-
nen zulassen.
• Der normative Relativismus führt zu einigen moralisch absurden
Konsequenzen. Er schlägt uns nämlich die Argumente aus der
Hand, die gegen schlimmste Verbrechen in vergangenen und
fremden Gesellschaften sprechen. Wenn normative Prinzipien
nicht trans-temporär und trans-kulturell sein können, ist es bei-
spielsweise nicht möglich, die Abschaffung der Sklaverei als Fort-
schritt bezeichnen. Wir könnten bestenfalls sagen: Damals war
Sklaverei in Ordnung, heute nicht mehr. Entsprechendes gilt für
Klitoris-Beschneidungen und andere Praktiken in fremden Kultu-
ren, die wir aus moralischen Gründen ablehnen. Menschenrechts-
organisationen wie „amnesty international“, die „Gesellschaft für
bedrohte Völker“ oder „Human Rights Watch“ wären sinnlos,
wenn die Ideale, für die sich ihre Vertreter einsetzen, nicht univer-
salisierbar wären.
• Schließlich könnte ein letztes Missverständnis vorliegen, die Ver-
wechslung des gedanklichen Gehalts des Universalismus mit der
konkreten Politik derjenigen, die sich ihn auf ihre Fahnen
geschrieben haben. So wie man das Christentum nicht (allein)

43
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

nach den Kreuzzügen und die MARXsche Kapitalismuskritik nicht


(allein) nach STALINs Terror-Regime beurteilen kann, darf auch
die Idee der universalen Menschenrechte nicht mit der Politik
irgendeiner US-Regierung identifiziert werden. Alles kann
missbraucht werden. Aber um einen Missbrauch festzustellen,
braucht man wiederum universalistische Maßstäbe. Darüber hin-
aus darf man nicht vergessen, dass es auch einen ideologischen
Missbrauch des Relativismus gibt: Diejenigen, die in Asien am
lautesten verkünden, dass man gegen westliche und für asiatische
Werte sei, sind die Herrschenden in den nicht-demokratischen
Ländern - im Gegensatz zu den Studenten, die im Mai 1989
gewaltlos auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens für
die universalen Menschenrechte demonstrierten.

Die vorgebrachten Argumente müssten ausreichen, um den normativen


Relativismus zu widerlegen.

Exkurs zur Entwicklung des moralischen Urteils

Sind das Festhalten an partikularen Werten und der Relativismus viel-


leicht Zwischenstufen auf dem Weg zum Universalismus? Zur morali-
schen Entwicklung der Menschheit gibt es kaum bewährte Theorien.
Stattdessen können wir aber an dieser Stelle die Theorie der individuel-
len moralischen Entwicklung betrachten, die von dem US-amerikani-
schen Psychologen Lawrence KOHLBERG stammt. Sicherlich handelt es
sich um eine empirische Theorie, aus der man gemäß HUMEs Verbot
keine normativen Schlussfolgerungen ziehen kann. Darüber hinaus hat
KOHLBERG seine Konzeption im Laufe der Jahre mehrfach revidiert und
sie lässt sich auch unterschiedlich deuten. Vor allem aber wird immer
wieder bezweifelt, dass sich diese Theorie empirisch bestätigen lasse.
Dennoch vermittelt das von KOHLBERG entwickelte Stufenschema ei-
nen lehrreichen Überblick, wie moralische Entwicklung ablaufen könn-
te. Denn sie kulminiert nach Überwindung von Partikularismus und
Relativismus auf einem universalistischen Niveau.

Die KOHLBERG unterscheidet drei Niveaus mit jeweils zwei Stufen, also
Entwicklungssequenz insgesamt sechs Phasen der moralischen Entwicklung. Seine These ist,
dass diese Phasen nacheinander durchlaufen werden müssen; wir müs-
sen als Kinder gleichsam unten beginnen und können uns nur Schritt für
Schritt nach oben durcharbeiten. Das Überspringen von Stufen ist nicht
möglich; gewiss gibt es Rückfälle, aber was einmal gelernt wurde (so
KOHLBERG) kann nicht völlig in Vergessenheit geraten. Allerdings ge-
langen die meisten Menschen nicht auf die höchsten Stufen. Wichtig ist
aber, dass es nicht das moralische Handeln selbst ist, dessen Entwick-
lung KOHLBERG beschreiben möchte, sondern unser moralisches Be-
wusstsein bzw. unsere Fähigkeit (Kompetenz) zu moralischen Urteilen.

44
2.2 Das Relativismusproblem

Dabei sollen alle Inhalte, also auch moralische Werte und konkrete Nor-
men, ausgeklammert werden; es geht nur um die Form des moralischen
Urteils, die sich mit kleinen Sprüngen „nach oben” entwickelt.

Man kann zwei miteinander verkoppelte Entwicklungsdimensionen un- Drei Niveaus


terscheiden. Die eine bezieht sich auf den Struktur des moralischen Ur-
teils: Auf dem ersten Niveau wird jede einzelne Handlung für sich
bewertet; man bezeichnet es deshalb als präkonventionell (frei über-
setzt: vor-regelhaft). Auf dem zweiten, dem konventionellen Niveau,
das uns am besten vertraut ist, orientiert man sich an sozialen Normen.
Dies sind, auf der dritten Stufe, solche, die für einen begrenzten Perso-
nenkreis gelten, etwa die Familie, den Freundeskreis oder eine andere
soziale Gemeinschaft, in der man prinzipiell jedes andere Mitglied
kennt (mikrosoziale Ebene). Dann, auf der vierten Stufe, tritt an deren
Stelle die Gesellschaft mit ihren rechtlich verankerten Normen (makro-
soziale Ebene). Auf dem postkonventionellen Niveau sind die Grundla-
ge des moralischen Urteils sind nicht mehr konkrete Normen, sondern
abstrakte Prinzipien. KOHLBERG hat noch eine Differenzierung zwi-
schen fünfter und sechster Stufe vorgeschlagen, die wir aber hier igno-
rieren wollen.

Die zweite Entwicklungsdimension ist die Erweiterung unseres sozia- Dezentrierung


len Horizonts. Dieser besteht nicht einfach in der Ausdehnung des Per-
sonenkreises, der in die eigenen moralischen Überlegungen einbezogen
wird. Entscheidend ist vielmehr die Dezentrierung des eigenen Stand-
punkts. Diese wird dadurch ermöglicht, dass man lernt, sich in die Rol-
len anderer Personen hineinzuversetzen und die Welt mit deren Augen
zu betrachten. Auf der ersten Stufe bezieht man zwar andere Menschen
in seine Überlegungen ein, bleibt aber seinem eigenen, dem egozentri-
schen Standpunkt verhaftet. Erst auf der zweiten Stufe kann man sich in
den Anderen hineinversetzen und damit die Welt nicht nur aus der eige-
nen Perspektive betrachten, sondern auch aus der Sicht des Du. Gradu-
elle Fortschritte auf dieser Stufe beruhen darauf, dass man sich in
immer mehr Personen einfühlen kann. Wenn die verschiedenen indivi-
duellen Standpunkte nicht mehr vereinbar sind, ist eine höhere Ebene zu
etablieren. Dies geschieht durch die Herausbildung eines verallgemei-
nerten Standpunkts, von dem aus es eine soziale Welt gibt, in der ich
selbst und die anderen Mitglieder sind. Da dieser Beobachterstandpunkt
an die bestehenden sozialen Gruppen gebunden bleibt, handelt es sich
um eine soziozentrische Perspektive. Dieses Niveau wird überwunden
durch die Herausbildung eines unparteiischen Standpunkts, eines uni-
versalistischen moral point of view. Da dieser nicht mehr an eine be-
stimmte Lebenswelt gebunden ist, kann man nun alle Menschen
einbeziehen, eventuell sogar künftige (und vergangene) Generationen.

45
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

Struktur des
Niveau Stufe Sozialer Horizont
Urteils

präkonventionell konkrete 1 egozentrisch (Ich-Perspektive)


Handlungen
2 dyadisch (Ich-Du-Perspektive)

konventionell soziale Nor- 3 soziozentrisch


men (mikrosoziale Perspektive)

4 soziozentrisch
(makrosoziale Perspektive)

postkonventionell moralische 5 universalistisch


Prinzipien (Menschheit)
6

4½ Für die Relativismusdiskussion sehr interessant sind die Überlegungen,


die KOHLBERG über die Zwischenstufe 4½ anstellt, eine potentielle
Übergangsphase zwischen dem konventionellen und dem postkonven-
tionellen Niveau. In einer bestimmten Lebensphase kann man sich der
Tatsache bewusst werden, dass die eigene Gesellschaft nur eine von
vielen ist und deren Normen sich historisch aufgrund kontingenter Um-
stände entwickelt haben. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass
es überhaupt keine moralischen Werte und Normen gibt, die sich uni-
versal rechtfertigen ließen. Die bisherige moralische Orientierung ist al-
so erschüttert, ohne durch eine übergreifende neue ersetzt zu werden.
Deshalb sympathisiert man auf KOHLBERGs Stufe 4½ mit dem morali-
schen Relativismus, oft kommt es zur Regression auf den egozentri-
schen oder dyadischen Standpunkt der ersten Niveaus. Entwicklungs-
psychologisch ist diese Phase oft mit der Adoleszenzkrise verbunden.

Relevanz für die Was kann man aus KOHLBERGs Theorie der moralischen Entwicklung
Moralphilosophie für die normative Moralphilosophie lernen? Erstens erscheint bei ihm
die universalistische Ausrichtung der modernen Moral als das konse-
quente Ergebnis der individuellen Entwicklung, die bereits in der Kind-
heit beginnt. Dass auch nach KOHLBERGs eigener Deutung nicht alle
Menschen über das konventionelle Niveau hinauskommen, ist kein Ein-
wand gegen den Universalismus. Auch in anderen Entwicklungsdimen-
sionen, etwa im mathematischen Denken, erreichen nicht alle
Menschen das höchste Niveau, ohne dass damit die Geltung der moder-
nen Mathematik außer Kraft gesetzt wird. Zweitens bietet KOHLBERG
eine entwicklungspsychologische Erklärung an, warum in einer be-
stimmten Lebensphase relativistische Einstellungen in den Vorder-
grund treten. Aber er zeigt auch, dass diese einer Zwischenstufe
angehören, die auf ihre Überwindung wartet.

46
2.3 Recht statt Moral?

2.3 Recht statt Moral?

2.3.1 Was ist Rechtspositivismus?

Der zweite Einwand gegen die normative Moralphilosophie kommt von


einer ganz anderen Seite. Ist die Moral (oder besser: der moralische
Mensch) angesichts der Herausforderungen, vor denen wir in modernen
Gesellschaften stehen, nicht völlig überfordert? Stattdessen wird auf ei-
ne andere Instanz verwiesen, die die Aufgaben der Konfliktregulierung
und Freiheitssicherung übernehmen könnte: das an den modernen Staat
gebundene positive Recht. An die Stelle der Ethik könnte die Rechts-
philosophie treten. Das ist die Position des Rechtspositivismus.

Mit „Recht” sind hier nicht die subjektiven Rechte (engl. rights) ge- Recht
meint, die Individuen für sich beanspruchen können, bis hin zu den er-
wähnten Bürger-, Grund- und Menschenrechten. Diese entspringen
oder sind zumindest erst einklagbar im System des objektiven Rechts
(engl. law), der Gesamtheit der Regeln, die meist in schriftlicher Form
vorliegen und in demokratischen Gesellschaften durch genau festgeleg-
te Verfahren in Kraft gesetzt werden. Dieses gegebene, von Menschen
gesetzte, faktisch vorhandene Recht wird als positives Recht bezeich-
net. „Positiv“ ist hier also nicht der Gegenbegriff zu „negativ“; das po-
sitive Recht steht vielmehr im Gegensatz zu den idealen Prinzipien der
Moral.

Rechtspositivistische Positionen gibt es wohl seitdem es rechtliche Nor- Geschichte


men gibt. Zum Rechtspositivismus tendierten einige Strömungen in der
christlichen Theologie, nämlich diejenigen, die strikt zwischen dem
himmlischen Reich Gottes und der irdischen oder weltlichen Obrigkeit
unterschieden, in Anlehnung an die Worte Jesu „So gebet dem Kaiser,
was das Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist” (Markus-Evangelium
12 : 17). Als wichtiger Vorläufer des Rechtspositivismus gilt Thomas
HOBBES. Er machte den Satz „auctoritas non veritas facit legem” be-
rühmt; frei übersetzt: Das Recht entspringt nicht der Wahrheit (d.h. ei-
ner begründeten normativen Richtigkeit), sondern der Autorität,
nämlich der Autorität des Staates, der mit einem Gewaltmonopol verse-
hen ist.

Die klassische Gegenposition zum Rechtspositivismus ist das Natur- Naturrecht


recht. Darunter versteht man die Überzeugung, dass es jenseits der kul-
turell erzeugten und insofern faktisch gegebenen (positiven) Rechtsnor-
men noch normative Prinzipien gebe, die allein durch Vernunft
ausfindig gemacht werden können. Verankert sind diese Prinzipien in
der Natur, die entweder als zweckhafte Hierarchie alles Seienden oder
als göttlich fundierte Ordnung verstanden wurde. Die besten Beispiele

47
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

stammen aus dem Jahr 1776. In der Virginia Bill of Rights vom
12.6.1776 heißt es im Artikel 1: “all men are by nature equally free and
independent, and have certain inherent rights”. In der Unabhängigkeit-
serklärung der USA vom 4.7.1776 steht: “We hold these truths to be
self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by
their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life,
Liberty and the pursuit of Happiness.“ Die unveräußerlichen Men-
schenrechte werden also im ersten Fall „by nature“ begründet, im zwei-
ten Fall durch göttliche Schöpfung. Eine solche Auffassung, so schön
sie auch klingt und so wirkungsmächtig sie auch war, hält den moral-
philosophischen Ansprüchen heutiger Zeiten nicht mehr stand. Erstens
beruft man sich auf Wahrheiten, die selbst-evident, d.h. für alle unmit-
telbar einsichtig sein sollen. Intuitive Begründungen dieser Art sind
aber keineswegs über jeden Zweifel erhaben (vgl. Kapitel 1.2.3, S.22).
Zweitens ist aus unserem heutigen, empirisch-wissenschaftlich gepräg-
ten Naturverständnis nicht mehr ableitbar, dass alle Menschen über an-
geborene Rechte verfügen; das wäre zudem ein Sein-Sollens-Fehl-
schluss. Drittens kann man sich nicht ohne weiteres auf eine
transzendente Autorität wie den göttlichen Schöpfer berufen. Der mög-
liche Ausweg, einen normativ gehaltvollen Begriff von Natur zu ent-
wickeln, ist wohl versperrt.

Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sich seit dem 19. Jahrhundert der
Rechtspositivismus auf breiter Front durchsetzte, nicht nur in den
Rechtswissenschaften. Seine Grundlage ist die Trennungsthese, d.h. die
Abkopplung juristischer und rechtstheoretischer Überlegungen von
moralphilosophischen. Letztlich kann jeder beliebige Inhalt Recht sein,
solange er von einem allgemein anerkannten Souverän (etwa dem sich
eine demokratische Verfassung gebenden Volk) oder einer Grundnorm
(als Ersatz für das moralische Prinzip) abgeleitet wird. Pointiert sagt der
Rechtspositivist: „Recht ist Recht und Gesetz ist Gesetz”.

Sowohl das Begründungs- wie das Motivationsproblem (vgl. Kapitel


4.1, S.85), mit dem die Moralphilosophie zu kämpfen hat, werden damit
auf einfache Weise gelöst. Begründet sind die juridischen Normen für
den Rechtspositivisten dadurch, dass sie durch ein anerkanntes Verfah-
ren auf korrekte Weise in Kraft gesetzt wurden; das nennt man Legiti-
mation durch Verfahren. Das in der westlichen Welt anerkannte
Verfahren sind die Gesetzgebungsprozesse in einer parlamentarischen
Parteiendemokratie mit Gewaltenteilung. Das Motivationsproblem
wird dadurch gelöst, dass die Einhaltung der wichtigsten Rechtsnormen
von dem mit einem Gewaltmonopol ausgestatteten Staat erzwungen
werden darf. Im vierten Teil des Lehrbriefs werden wir uns ausführlich
mit dem Motivationsproblem beschäftigen; an dieser Stelle muss aber
zugegeben werden, dass die extrinsische Motivation durch eine drohen-
de Strafe sicherlich eine der wirkungsmächtigsten Triebkräfte für norm-
konformes Verhalten ist. Daraus wird folgende Konsequenz gezogen:

48
2.3 Recht statt Moral?

These des Rechtspositivismus:


Wir brauchen keine normativen moralischen Prinzipien. Was wir
vielmehr benötigen, ist ein gutes Rechtssystem in einem demokra-
tisch verfassten modernen Staat.

Bevor wir den ersten Satz und damit den Rechtspositivismus widerle-
gen wollen, soll zunächst der zweite Satz betrachtet werden. Er wird
zwar von den meisten Moralphilosophen nicht bestritten, sehr wohl
aber von einer anderen Denkrichtung, der wir uns kurz zuwenden wol-
len.

2.3.2 Von der Kritik am Anarchismus zur Legitimation des


Staates

Anarchismus ist die Auffassung, dass das menschliche Zusammenleben Anarchismus


freier, friedlicher und produktiver wäre, wenn es überhaupt keine Herr-
schaft geben würde. Herrschaft (im Unterschied zu Macht) verkörpert
sich in Institutionen, vor allem im Staat. Da aber das Rechtssystem in
der modernen Welt mit dem Staat eng verknüpft ist, lehnen Anarchisten
den zweiten Satz der obigen These ab; ihr Ziel ist die Aufhebung aller
politisch-rechtlichen Institutionen. Selbstverständlich meine ich nicht
den Anarchismus, dem es nur um die Zerstörung des Bestehenden geht,
sondern einen moralisch begründeten Anarchismus, wie er etwa von
KROPOTKIN und dem späten TOLSTOI vertreten wurde.

Gegen den Anarchismus sprechen aber mindestens zwei Argumente, Anthropologie


ein anthropologisches und ein technisch-ökonomisches. Erstens setzt
der Anarchismus ein außerordentlich optimistisches Menschenbild vor-
aus. Zwar wissen die Anarchisten, dass die gegenwärtigen Menschen
sich oft nicht moralisch verhalten, aber sie sind der Ansicht, dass dies
eben durch die bestehenden Herrschaftssysteme bedingt ist. Würden
diese wegfallen, könnte man die Menschen dazu bringen, ihre Angele-
genheiten ohne Institutionen zu regeln. Die Menschen sind an sich gut
und werden sich prosozial verhalten, wenn die Verhältnisse ihnen dies
ermöglichen. Man kann also sagen, dass die Anarchisten der menschli-
chen Moralität sehr viel zutrauen und deshalb auf das positive Recht zu
verzichten bereit sind.

Gegen den Anarchismus lässt sich ein Argument vorbringen, das zuerst
HOBBES in Form eines Gedankenexperiments entwickelte: Nehmen wir
an, alle sozialen Institutionen fielen weg - wie würde in einem solchen
„Naturzustand” das menschliche Leben aussehen? HOBBES hat wahr-
scheinlich Recht, dass es sich kaum um ein erstrebenswertes Dasein

49
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

handeln würde. Unser Leben wäre von Furcht geprägt und dem Bestre-
ben, unsere eigene Machtposition zu sichern; ständig läge ein Krieg al-
ler gegen alle in der Luft. Legitim ist aus diesem Grund die moderne
Institution des Staates.

Wohlstandssicherung Zweitens scheint das Leben in der modernen Welt ohne leistungsfähige
Institutionen gar nicht möglich zu sein; enorme Wohlstandsverluste wä-
ren die Folge. Anarchisten sind tendenziell Romantiker, die sich zu ein-
fachen Lebensformen zurücksehnen. Abgesehen davon, dass es höchst
fraglich ist, ob die Menschen in früheren Epochen, etwa vor dem Über-
gang zur Sesshaftigkeit oder vor den hochkulturellen Gesellschaften,
friedlicher und moralischer waren, ist es einfach klar, dass heutzutage
nur wenige auf die Errungenschaften der technischen Revolutionen der
Neuzeit verzichten möchten. Um diese jedoch zu ermöglichen und zu
sichern (man denke nur an die Infrastruktur und Versorgungsunterneh-
men, an das Erziehungs- und Gesundheitssystem), kann man wohl auf
staatliche Institutionen nicht verzichten.

Für Recht und Staat Aus dieser Widerlegung des Anarchismus ergibt sich also eine Legiti-
mation von Recht und Staat. Sowohl zur Abwehr äußerer Gefahren und
zum Schutz der konfliktbereiten Menschen voreinander und als auch
zur Koordinierung ihrer Kooperation bedarf es starker Institutionen.
Selbst moralische Menschen wären ohne Recht und Staat überfordert;
wir sind nun einmal endliche und fehlbare Wesen. Vor allem müssen
wir an die einfache, aber gerade im Kreis von Philosophen doch erwäh-
nenswerte Tatsache erinnern, dass die noch so gut begründeten morali-
schen Normen damit noch nicht in der Welt in Kraft gesetzt sind:
„Indem wir Normen begründen, sichern wir ihre sachliche oder, was
den Ableitungszusammenhang der sie begründenden Sätze anbelangt,
ihre logische Geltung. Erst in Normendurchsetzungsverfahren erlangen
die Normen ihre soziale, speziell gesetzliche Geltung.” (Hermann LÜB-
BE: Praxis der Philosophie, Praktische Philosophie, Geschichtstheorie.
Stuttgart 1978. S. 75) Wohlgemerkt: An dieser Stelle behaupten wir
noch nicht, dass das Moralische (wie die Rechtspositivisten meinen)
überflüssig sei. Unsere Argumentation läuft an dieser Stelle nur darauf
hinaus, dass Recht und Staat notwendig und sinnvoll sind, und zwar als
Ergänzung des Moralischen.

Entwicklung des Mit der Entstehung des Staates sind aber auch neue Gefahren verbun-
Staates den: Der Staat ist eine Macht zum Guten und zum Bösen. Die politische
Philosophie entwirft deshalb normative Modelle eines zustimmungsfä-
higen Staates. Dabei sind seit dem 17. Jahrhundert mehrere, aufeinan-
der aufbauende Staatsideale formuliert worden, die zum Glück zumin-
dest in Europa ansatzweise verwirklicht werden konnten. Die erste
Stufe bildet die von HOBBES geleistete Begründung des Gewaltmono-
pols, mit dem sich der moderne Staat aus der Vielzahl der mit Hoheits-
rechten ausgestatteten Instanzen (etwa adeligen und kirchlichen) her-

50
2.3 Recht statt Moral?

aushebt. Ein solcher absolutistischer Staat sichert zwar das Überleben


und friedliche Zusammenleben der Individuen, bedroht aber deren Pri-
vatsphäre und Freiheitsspielraum. Die große Errungenschaft der zwei-
ten Stufe sind deshalb zum einen die negativen Abwehrrechte des klas-
sischen Liberalismus; zum anderen ist die Gewaltenteilung wichtig,
horizontal zwischen verschiedenen politischen Institutionen (Legislati-
ve, Exekutive, Jurisdiktion), vertikal in föderativer Art durch eine ge-
wisse Eigenständigkeit der Kommunen, Regionen und Bundesländer.
Typisch für diese Phase ist die konstitutionelle Monarchie, an der nur
wenige mitwirken können; dagegen wird auf der dritten Stufe das Prin-
zip der Volkssouveränität eingeklagt, das jedem Bürger demokratische
Mitwirkungsrechte garantiert. Es gibt verschiedene Modelle von De-
mokratie; gegen den von ROUSSEAU favorisierten plebiszitären Weg
und gegen radikale Ideen einer Basisdemokratie hat sich die repräsen-
tative Demokratie mit Parteien, Parlamentarismus und Mehrheitsprin-
zip durchgesetzt. Ungelöst bleiben die sozialen Probleme, auf Grund
derer MARX sogar die radikale Überwindung der bisherigen Staatsform
forderte. Eine sehr viel bessere Lösung ist aber der Sozialstaat, den wir
als die vierte Stufe der Staatsentwicklung ansehen können; in ihm wer-
den die sozialen Leistungsrechte der Staatsbürger anerkannt. Im letzten
Drittel des 20. Jahrhunderts taucht mit den ökologischen Problemen ei-
ne neue Herausforderung auf, die nach Ansicht einiger Staatstheoretiker
den Übergang zu einer fünften Stufe erzwingen. Ökologische Probleme
sind in den Grenzen der Nationalstaaten jedoch nicht mehr zu lösen.
Auch mit mehreren anderen Problemen der globalisierten Welt ist das
im neuzeitlichen Europa entwickelte Staatsmodell überfordert. Ob sich
als sechste Stufe übernationale Staatenbünde wie die Europäische Uni-
on und als siebte Stufe eventuell sogar eine föderative Weltrepublik als
normatives Leitideal empfehlen, müssen wir an dieser Stelle offen las-
sen. In diesem Abschnitt sollte nur gezeigt werden, dass ein an norma-
tive Prinzipien gebundener Staat eine angemessene Ergänzung zur Mo-
ral ist.

2.3.3 Argumente gegen den Rechtspositivismus

Könnte man jetzt nicht einen Schritt weitergehen und sogar auf das Mo- BÖCKENFÖRDE-Doktrin
ralische verzichten? Tatsächlich meint der Rechtspositivismus sich er-
folgreich von Moral und Ethik abgekoppelt zu haben. Sind diese nicht
tatsächlich in der modernen Welt überfordert und ohnmächtig? Gegen
diese Auffassung berufe ich mich auf den folgenden Satz: „Der freiheit-
liche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht
garantieren kann.” (Ernst-Wolfgang BÖCKENFÖRDE: Staat, Gesell-
schaft, Freiheit. Frankfurt a. M. 1976. S. 60) Diese Aussage des ehema-
ligen Verfassungsrichters wird als BÖCKENFÖRDE-Doktrin bezeichnet.
Sie richtet sich implizit gegen einen Satz KANTs, der behauptet hatte,

51
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

dass auch ein Volk von Teufeln einen Staat bilden könne. BÖCKENFÖR-
DE selbst wollte darauf hinaus, dass der Staat trotz seiner Emanzipation
von der Religion auf diese angewiesen bleibe. Tatsächlich scheint mir
seine viel diskutierte These auf das Moralische zuzutreffen, und zwar
auf das Moralische in den drei oben unterschiedenen Bedeutungen (vgl.
Kapitel 1.1.3, S.13). Daraus ergeben sich drei Einwände gegen den
Rechtspositivismus.

Moralische Normen Das erste Argument gegen den Rechtspositivismus stützt sich auf unse-
re obige Unterscheidung zwischen moralischen und rechtlichen Nor-
men. Nicht alles, was in einer Gesellschaft normativ geregelt werden
muss, kann und sollte rechtlich geregelt werden. Es ist sogar einer der
großen Fortschritte in der Neuzeit, dass Grenzen dessen festgelegt wor-
den sind, wofür der Staat (und damit das Rechtssystem) zuständig ist.
Zum einen sind die meisten wichtigen rechtlichen Bestimmungen nega-
tiv formuliert: Man darf bestimmte Sachen nicht machen; für das, was
man tun soll, bleibt jedem Bürger ein Spielraum. Zum anderen gibt es
Bereiche, die weitgehend staatlich-rechtlicher Normierung entzogen
sind, vor allem die Privatsphäre. So steht etwa die Lüge, außer in beson-
deren Situationen wie vor Gericht (wo deshalb ein Eid abzulegen ist),
nicht unter Strafe. Dennoch sind wir zu Recht moralisch empört, wenn
wir von einer vertrauten Person angelogen werden. Würden wir in einer
Welt leben wollen, in der sich Menschen nur an die Regeln halten, die
als Gesetze verbindlich sind und deren Überschreitung mit Strafen ge-
ahndet werden kann? Ich denke, dass dies nicht der Fall ist: Wir sind
froh, dass es neben dem Rechtssystem noch moralische Normen gibt.
Wahrscheinlich könnten soziale Systeme, die nur über rechtliche Nor-
men verfügen, nicht stabil bleiben.

Moralisches Zweitens ist das Rechtssystem kein starres Gebilde und keines, dessen
Bewusstsein Umsetzung sich von sich regelt. Für die Anwendung der Rechtsnormen,
für ihr Verständnis und ihre Weiterentwicklung bedarf es eines morali-
schen Bewusstseins der Bürger, das über ihr Bewusstsein als Rechtsper-
sonen hinausgeht. Das gilt für den Richter, der moralische Sensibilität
braucht, um Recht zu sprechen; das gilt für die Bürger, von denen wohl
die wenigsten ein Gesetzbuch gelesen haben und die dennoch rechts-
konform handeln sollen; das gilt für die Institutionen der Legislative
(also in unserem Staat den Bundestag und den Bundesrat), die für neue
Gesetze zuständig sind. Gerade in Zeiten, in denen sich die Welt in ra-
sendem Tempo ändert, wird man nicht verzichten können auf ein mora-
lisches Bewusstsein, das Anwendungsprobleme und neue Konflikte
vorherzusehen vermag.

Ohne moralische Bürger würde der Staat an einem Problem zugrunde


gehen, das in den Sozialwissenschaften als Schwarzfahrerproblem be-
zeichnet wird: Der Typus des Schwarzfahrers nimmt öffentliche Lei-
stungen in Anspruch, ohne für diese zu bezahlen, obwohl die

52
2.3 Recht statt Moral?

Leistungen selbst nur möglich sind, wenn genügend Menschen sie fi-
nanziell ermöglichen. Er denkt sich also: Wenn alle anderen ihre Ver-
pflichtungen erfüllen, ist dies in der Regel ausreichend, um die
notwendigen sozialen Institutionen aufrecht zu erhalten; ich selbst kann
deshalb sorglos meinen eigenen Vorteil suchen. Der Staat hat ohnehin
nicht die Mittel, alle kleineren Regelverstöße zu verfolgen. Dagegen ist
zu sagen: Wenn die Anzahl der Personen, die auf diese Weise gegen das
Gemeinwohl handelt, eine bestimmte Prozentzahl überschreitet, droht
dem ganzen System der Kollaps. Deshalb ist auch ein Rechtssystem auf
moralische Bürger angewiesen.

Das entscheidende Argument bezieht sich aber auf den dritten Begriff Moralische Prinzipien
von Moral, die moralischen Prinzipien. Bereits der Kirchenvater Augu-
stinus hatte festgestellt, dass es prinzipiell keinen Unterschied zwischen
Staaten (Systemen positiven Rechts) und organisierten Räuberbanden
gebe. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass dieser pro-
vozierende Vergleich noch viel zu harmlos ist. Vor allem der national-
sozialistische Staat, mehr oder weniger legal aus dem demokratischen
System der Weimarer Republik hervorgegangen, hat uns diese Erkennt-
nis aufgezwungen. Man braucht also Kriterien, um zwischen legitimen
und nicht legitimen Rechtssystemen zu unterscheiden. Diese Einsicht
hat dazu geführt, dass einige Denker, die in den zwanziger Jahren dem
Rechtspositivismus zuneigten, sich später von diesem abwandten.

Das Paradebeispiel ist Gustav RADBRUCH. 1946 schreibt dieser bekann- RADBRUCH
te Politiker und Jurist, dass sich das positive Recht an drei Maßstäben
zu orientieren habe: Nützlichkeit (oder besser: Gemeinwohl), Rechtssi-
cherheit und Gerechtigkeit. Das erste Kriterium ist typisch für den Uti-
litarismus, der im dritten Teil behandelt wird; das zweite Kriterium
kann als Markenzeichen des Rechtspositivismus gelten; das dritte Kri-
terium entstammt dem Naturrecht, wir können es aber auch bei KANT
finden. Es sei sehr schwer, diese drei Werte harmonisch zu vereinigen.
RADBRUCH spricht sich dann für folgende Rangordnung aus: An unter-
ster Stelle steht das Gemeinwohl; Recht ist nicht das, was dem Volke
nützt, sondern dem Volke nützt es, wenn es ein Rechtssystem gibt.
Rechtssicherheit wird von RADBRUCH als hoher Wert betrachtet; gegen
den Anarchismus behauptet er, ein schlechtes Gesetz sei fast immer
besser als gar keines, weil es das größere Übel, das rechtlose Chaos,
verhindere. Das gelte aber doch nur „in den meisten Fällen”; es kann
auch Fälle geben, wo Gerechtigkeit den Vorrang bekommen müsse.
Weiter schreibt RADBRUCH:

„Wo ein Widerstreit zwischen Rechtssicherheit und Gerechtigkeit, zwischen


einem inhaltlich anfechtbaren, aber positiven Gesetz und zwischen einem gerech-
ten, aber nicht in Gesetzesform gegossenen Recht entsteht, liegt in Wahrheit ein
Konflikt der Gerechtigkeit mit sich selbst, ein Konflikt zwischen scheinbarer und
wirklicher Gerechtigkeit vor. ... Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der
Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, daß das positive, durch Satzung und

53
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht
und unzweckmäßig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes
zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als ‘unrichti-
ges Recht’ der Gerechtigkeit zu weichen hat. Es ist unmöglich, eine schärfere
Linie zu ziehen zwischen den Fällen des gesetzlichen Unrechts und den trotz
unrichtigen Inhalts dennoch geltenden Gesetzen, eine andere Grenzziehung aber
kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: wo Gerechtigkeit nicht einmal
angestrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei
der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht
etwa nur ‘unrichtiges Recht’, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur.
Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren denn als
eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinn nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit
zu dienen.” (Gustav RADBRUCH: Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches
Recht, 1946, in: N. HOERSTER, Hg., Recht und Moral. Texte zur Rechtsphiloso-
phie. München ²1980. S. 42-45, hier 44)

Der Bundesgerichtshof hat sich mehrfach auf diese Formulierungen ge-


stützt, sowohl 1951 bei der Aufarbeitung eines Nazi-Verbrechens wie
auch in den neunziger Jahren, als es um die Frage ging, ob DDR-Solda-
ten dafür strafrechtlich belangt werden können, dass sie an der inner-
deutschen Grenze „Republikflüchtlinge” erschossen haben. Aus der
RADBRUCHschen Formel ergibt sich, dass in krassen, eindeutigen Fällen
das positive Recht nicht verbindlich ist; die normalerweise legitime
Pflicht zum Rechtsgehorsam kann dann unter Berufung auf solche über-
positive Instanzen außer Kraft gesetzt werden. Im Grundgesetz ist die
Bindung des Rechts an über-rechtliche Instanzen, nämlich die Würde
des Menschen, sogar ausdrücklich anerkannt. Diese ist damit selbst po-
sitives Recht geworden.

Legalität und Nicht jedes einzelne Gesetz (das wäre Gesetzesmoralismus), aber doch
Legitimität das Rechtssystem insgesamt muss moralisch legitimiert werden. Diese
moderne Gegenposition zum Rechtspositivismus, die an die Stelle des
klassischen Naturrechts tritt, bezeichnet man als Rechtsmoralismus.
Auf der Grundlage des Rechtsmoralismus, also der moralischen Fun-
dierung des Rechtssystems, kann zwischen Legalität und Legitimität
unterschieden werden. Dem Rechtspositivismus geht es allein um Le-
galität; der Rechtsmoralismus fordert zusätzlich die Legitimität von Ge-
setzen und politischen Entscheidungen. Darüber hinaus ermöglicht er
auch die Limitation des positiven Rechts: Er liefert die Kriterien, um
das positive Recht zu begrenzen, also die Allmacht und Allzuständig-
keit des Staates zu verhindern. Nur auf dieser Grundlage kann es legiti-
me Formen des Rechtsbruchs geben. Dabei sollte man noch einmal
zwischen zivilem Ungehorsam und Widerstand unterscheiden.

Ziviler Ungehorsam Ziviler Ungehorsam richtet sich gegen einzelne, aber wichtige Bestand-
und Widerstand teile des Rechtssystems. Dabei beruft man sich in der Regel auf dessen
eigene Prinzipien. Historisches Vorbild ist der amerikanische Denker
Henry David THOREAU (1817-1862), der sich weigerte, einem Staat
Steuern zu bezahlen, der die Sklaverei gutheißt. In den 1980er berief

54
2.3 Recht statt Moral?

man sich in Westdeutschland bei Protestaktionen gegen die atomare


Hochrüstung der NATO auf das Recht zum zivilen Ungehorsam. Aller-
dings ist dieses an mehrere Bedingungen geknüpft: Erstens müssen alle
anderen legalen Möglichkeiten ausgeschöpft sein (parlamentarische
Verfahren, Rechtswege, öffentliche Proteste usw.). Zweitens sollte der
zivile Ungehorsam gewaltlos erfolgen und den allgemeinen Grundsatz
der Verhältnismäßigkeit der Mittel beachten. Drittens kann das Ziel der
Aktionen nur sein, die korrekt zustande gekommenen Beschlüsse und
Gesetze noch einmal zu überdenken; wenn Demonstranten für dieses
Ziel persönliche Nachteile in Kauf nehmen, kann das Regierung und
Öffentlichkeit umso mehr beeindrucken.

Das Widerstandsrecht geht einen Schritt weiter; es richtet sich gegen


das gesamte System des positiven Rechts, das aus moralischer Sicht für
illegitim gehalten wird. Davon sollte man nur in extremen Fällen spre-
chen, bei Aktionen in totalitären Staaten, beim Kampf gegen eine Ko-
lonialmacht oder einen Aggressor. Gute Beispiele für legitimen Wider-
stand sind etwa die Abspaltung der amerikanischen Staaten von
England und die gewaltfreien Aktionen, die 1968 in der Tschechoslo-
wakei nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes statt-
fanden. Im Extremfall kann es sogar ein moralisches Recht zur Revolu-
tion geben, zum gewaltsamen Umsturz der positiv-rechtlich
verankerten politischen Verhältnisse.

Welche moralischen Prinzipien sollten aber dem Rechtssystem zugrun-


de liegen und wie könnte man diese begründen? Darauf gibt es ver-
schiedene Antworten, mit denen wir uns im dritten Teil beschäftigen
werden.

Aufgaben zum zweiten Teil

1. Erläutern Sie (möglichst in eigenen Worten und mit ganzen


Sätzen) die folgenden Begriffe:
• Relativismus
• Partikularismus
• Universalismus
• Rechtspositivismus
• Naturrecht
• Rechtsmoralismus

2. Informieren Sie sich über die moralischen Vorstellungen


einer fremden Gesellschaft, möglichst einer Gesellschaft,
die nicht durch den abendländischen Kulturkreis geprägt
wurde.

55
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände

3. Besorgen Sie sich die Allgemeine Erklärung der Menschen-


rechte von 1948. Welche der aufgezählten Rechte sind ver-
wirklicht, welche nicht?

4. Was versteht man unter der Goldenen Regel? Geben Sie


Beispiele für deren Anwendbarkeit im Alltag!

5. Diskutieren Sie die Argumente gegen den deskriptiven und


gegen den normativen Relativismus.

6. Lawrence KOHLBERG hat bei seinen empirischen Untersu-


chungen mit Beispielgeschichten gearbeitet. Im Folgenden
finden Sie zwei Geschichten, zu denen Sie Stellung nehmen
sollten. Am wichtigsten sind Ihre Begründungen!
Geschichte 1
Folgende Geschichte ereignete sich vor kurzem irgendwo in
Europa: Eine Frau lag wegen einer schweren Krankheit,
einer besonderen Art Krebs, im Sterben. Es gab ein einziges
Medikament, eine Form von Radium, von dem die Ärzte
sich Hilfe versprachen. Der Apotheker, der dieses Medika-
ment gerade entwickelt hatte, verlangte den zehnfachen
Betrag seiner Herstellungskosten. Der Ehemann der Kran-
ken, Heinz, suchte alle Leute auf, von denen er glaubte, das
Geld borgen zu können, doch bekam er nur die Hälfte des
erforderlichen Betrags zusammen. Er erzählte dem Apothe-
ker, dass seine Frau im Sterben liege, und fragte ihn, ob er
ihm das Medikament billiger verkaufen könne oder ob er es
später bezahlen dürfe. Doch die antwort hieß: „Nein; ich
habe das Medikament entdeckt und werde damit Geld
machen.“ Heinz geriet in Verzweiflung, brach in die Apo-
theke ein und stahl das Medikament für seine Frau.
Hätte Heinz dies tun sollen? Ja oder nein? Warum?
Geschichte 2
In Indien gab es die Sitte, die Witwe mit ihrem verstorbenen
Gatten auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen.
Nachdem die Engländer ins Land gekommen waren, verbo-
ten sie 1829 diesen Brauch.
Hatten die Engländer das Recht einzugreifen - oder hat jedes
Volk das Recht, nach seinen eigenen Bräuchen zu leben?
Begründen Sie Ihre Auffassung!

7. Gibt es Ihrer Auffassung nach Handlungsweisen, die unmo-


ralisch sind, obwohl sie in unserem Rechtssystem nicht als
verboten gelten? Erläutern Sie Ihre Auffassung.

56
2.3 Recht statt Moral?

8. Wann wäre für Sie der Punkt erreicht, an dem man gegen die
korrekt zustande gekommenen Gesetze zivilen Ungehorsam
oder sogar gegen ein ganzes Rechtssystem Widerstand lei-
sten sollte?

9. Informieren Sie sich über den Aufbau des deutschen Rechts-


systems.

10. Studieren Sie die ersten zwanzig Paragraphen des deutschen


Grundgesetzes und vergleichen Sie diese mit der Weimarer
Verfassung.

57
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen


Moralphilosophie

In diesem Teil des Lehrbriefs stelle ich die beiden wichtigsten Konzep-
tionen einer Allgemeinen Ethik vor, genauer: die grundlegenden Posi-
tionen auf der normativen Ebene der modernen Moralphilosophie. Es
handelt sich um den Utilitarismus (Hauptvertreter: John Stuart MILL)
und den Deontologismus (Hauptvertreter: Immanuel KANT). Vorzüge
und Nachteile beider Positionen sollen deutlich werden.

Es gibt eine Vielzahl moralphilosophischer Konzeptionen und ständig Utilitarismus und


kommen neue Varianten hinzu. Dennoch haben sich in den intensiven Deontologismus
Debatten der letzten Jahrzehnte zwei Grundpositionen herausgeschält:
der Utilitarismus und der Deontologismus. Diese beiden Ansätze domi-
nieren immer noch in den Ländern, in denen sie einmal entwickelt wur-
den. Tonangebend im angelsächsischen Raum (in Großbritannien mehr
noch als in den USA) ist weiterhin der Utilitarismus, als dessen Begrün-
der britische Autoren wie BENTHAM und MILL gelten. In Deutschland
und darüber hinaus in der kontinentaleuropäischen Philosophie bevor-
zugt man meistens den Deontologismus, der größtenteils auf KANT zu-
rückgeht. Die beiden Positionen passen zu den unterschiedlichen Stilen
des Philosophierens in diesen Ländern: Der Utilitarismus will eine
praktikable Lösung für Detailprobleme des gesellschaftlichen Lebens,
vor allem der Ökonomie, anbieten; Vertreter des Deontologismus be-
mühen sich stärker um eine möglichst sichere Fundierung moralphilo-
sophischer Aussagen. Inzwischen gibt es mehrere aussichtsreiche
Versuche, die beiden Ansätze zu verbinden; darauf werden wir im drit-
ten Abschnitt eingehen. Um besser verstehen zu können, worum es
geht, sollte man aber vorher die Unterschiede kennen lernen.

Zwei der wichtigsten inhaltlichen Differenzen seien zur besseren Orien- Konsequentialismus
tierung vorweg erwähnt. Erstens ist der Utilitarismus konsequentiali- oder Intentionalismus
stisch, die deontologische Moralphilosophie hingegen intentionali-
stisch. Damit ist Folgendes gemeint: Zu jeder Handlung, auch einer
moralischen, gibt es normalerweise eine Absicht, die subjektive Inten-
tion der handelnden Person; und jede Handlung verändert etwas in der
Welt, zeitigt Konsequenzen, von denen einige beabsichtigt sind (Fol-
gen), andere unbeabsichtigt (Nebenwirkungen).

Intention Handlung selbst Konsequenzen


(subjektive Absicht (Folgen und Neben-
des Handelnden) wirkungen)

59
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

Die utilitaristische Ethik bewertet nun menschliche Handlungen nach


den Folgen und Nebenwirkungen, die diese in der realen Welt hervor-
rufen könnten. Je mehr zu begrüßende Konsequenzen zu erwarten sei-
en, umso moralischer ist die Handlung. Diese Orientierung lehnt der
Deontologe ab; wir würden damit die moralische Beurteilung von äuße-
ren Faktoren abhängig machen, die nicht völlig in unserer Macht liegen.
Demgegenüber müssten wir die Handlungen selbst normativ beurteilen;
um im strengen Sinne zu einer moralischen Bewertung zu kommen, sei
sogar die subjektive Absicht des Handelnden ausschlaggebend. Neh-
men wir als Beispiel die moralische Tugend der Ehrlichkeit. Der Utili-
tarist unterstützt das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten”: Wir
sollten ehrlich sein, weil das für alle Beteiligten (sogar für mich selbst)
am zweckmäßigsten ist; wenn sich Ehrlichkeit nicht als förderlich er-
weise, sei es erlaubt oder sogar geboten, auf sie zu verzichten. Der
Deontologe setzt dagegen, dass wir eine Person, die aus Nützlichkeits-
gründen ehrlich ist (eben weil es am längsten währt), nicht wirklich
schätzen; moralisch gut sei vielmehr die Person, die ehrlich handele,
ohne dies wegen möglicher positiver Konsequenzen zu tun. Kurz ge-
sagt: Der Utilitarismus achtet auf den äußeren Wert einer Handlung, ih-
re Folgen und Nebenwirkungen; der Deontologismus achtet auf den
inneren Wert einer Handlung, die Absichten, die ihr zugrunde liegen.

Gemeinwohl oder Zweitens orientiert sich der Utilitarismus am Gemeinwohl, die deonto-
Gerechtigkeit logische Moralphilosophie an Gerechtigkeit. Dass jeweils diese Werte
bevorzugt werden, ist nicht zufällig. Wer auf die Konsequenzen einer
Handlung achtet, wird eher deren positive Effekte für das Wohlergehen
der Betroffenen berücksichtigen; Gerechtigkeit hingegen ist unabhän-
gig von den Folgen und Nebenwirkungen, eine Handlung selbst ist ge-
recht oder nicht. Der universalistische Charakter der beiden
Grundkonzeptionen kommt aber in diesem Gegensatz schön zum Aus-
druck; beide beziehen alle potentiell Betroffenen ein. Aber der Utilita-
rismus will deren Glück vermehren; wer dies tue, so wird behauptet, sei
damit auch gerecht. Der Deontologe ist bereit, am Glück aller Abstriche
vorzunehmen, wenn dies die Gerechtigkeit fordert. Es sei noch erwähnt,
dass der Utilitarismus das Gemeinwohl ausdrücklich als Summe der
‚Einzelwohle’ versteht. Das ist gegen holistische (ganzheitliche) Kon-
zeptionen des Gemeinwohls gerichtet. Eine solche findet sich bei
ROUSSEAU, wenn dieser über den Willen aller (volonté de tous) den Ge-
meinwillen (volonté générale) stellt; auch demokratische Mehrheitsent-
scheidungen, so kann man ROUSSEAU verstehen, selbst einstimmige
Beschlüsse, müssten zumindest in Grundsatzfragen hinter dem von der
Vernunft gebotenen Gemeinwillen zurücktreten. Das Ganze sei wichti-
ger als die Summe der individuellen Interessen. Genau das wird von den
Utilitaristen abgelehnt: Nur die Summe der einzelnen Vorlieben ist aus-
schlaggebend.

60
3.1 Utilitarismus

3.1 Utilitarismus

3.1.1 Was ist Utilitarismus?

Das Wort „Utilitarismus” ist ein philosophischer Fachausdruck, der Nützlichkeit


sich Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein durchsetzte. Er ist abgeleitet
vom lateinischen Wort „utilis”, das mit „nützlich” übersetzt werden
kann. „Nützlichkeitsmoral” war jedoch eher ein abwertender Ausdruck
der Gegner des Utilitarismus, der sogar als „Schweinephilosophie” ver-
spottet wurde, weil allein die Lustbefriedigung das moralische Kriteri-
um zu sein schien. So einfach kann man es sich allerdings nicht machen.
Solchen Angriffen gegen den Utilitarismus liegen zwei Missverständ-
nisse zugrunde. Erstens ist der Begriff des Nutzens oder der Nützlich-
keit nicht im einfachen technischen oder ökonomischen Sinn zu
verstehen. Oberstes Prinzip des Utilitarismus ist es nicht, die Welt effi-
zienter zu gestalten oder möglichst viele Güter anzuhäufen. Dies mag
sinnvoll sein, muss sich aber an dem messen, was als das eigentliche
oberste Prinzip des Utilitarismus gilt: das größte Glück der größten
Zahl.

Zweitens darf der Utilitarismus nicht mit dem Hedonismus verwechselt Kein Hedonismus
werden. Die antiken Positionen des Hedonismus, vor allem die von EPI-
KUR, beziehen sich nur auf das glückliche Leben des Einzelnen bzw.
kleiner Gemeinschaften. Wenn EPIKUR also empfiehlt, sich den höhe-
ren Freuden des Philosophierens zu widmen, die langfristig von größe-
rem Nutzen sind als die unmittelbaren Freuden des sinnlichen
Genusses, so ist dies ausdrücklich nicht als universalistische Position zu
verstehen, sondern nach unserer Terminologie als ein Beitrag zur Phi-
losophie der Lebenskunst.

Man muss den Utilitarismus deshalb drittens auch scharf vom rationa- Kein rationaler
len Egoismus unterscheiden. Dessen Vertreter, etwa HOBBES, aber auch Egoismus
die Apologeten einer reinen Marktwirtschaft, sind der Ansicht, dass es
letztlich für alle am besten sei, wenn jeder strikt seine eigenen Interes-
sen verfolge, wobei allerdings die langfristige Nutzenkalkulation ge-
genüber der kurzsichtigen Lustmaximierung zu bevorzugen sei. Dem
widerspricht der Utilitarismus: Der rationale Egoismus ist gewisserma-
ßen zu schön, um wahr zu sein. Der Einzelne, so die richtige Einsicht,
muss bisweilen erhebliche Abstriche an seinem individuellen Glück
vornehmen, um das allgemeine Wohlergehen zu fördern. (Zur Irrationa-
lität des rationalen Egoismus vgl. Kapitel 4.1.2, S.88) In die utilitaristi-
sche Gesamtbilanz geht zwar auch das eigene Glück ein, aber nur als ein
Posten in der Summe aller individuellen Glückszustände. Damit ver-
langt der Utilitarismus sogar mehr von den Individuen als die deontolo-
gische Moralphilosophie. Denn das Leben eines Menschen hat für den

61
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

Deontologen einen absoluten Wert, während der Utilitarist es in eine


Gesamtbilanz einbeziehen will.

Geschichte Der Utilitarismus als moralphilosophische Position wurde im 18. Jahr-


hundert etwa zeitgleich von französischen und britischen Aufklärern
begründet; bei diesen findet sich bereits die erwähnte Formel vom
„größten Glück der größten Zahl”. Ihr Ziel war eine radikale Kritik an
der Macht von Adel und Klerus, die nur diesen diente, aber nicht dem
Gemeinwohl. Als erste ausgereifte Theorie gilt die „Einführung in die
Prinzipien von Moral und Gesetzgebung” (1780, ²1789) von Jeremy
BENTHAM,. Der zweite bedeutende Theoretiker, auf den ich etwas näher
eingehen möchte, ist John Stuart MILL. Seine kleine Schrift „Der Utili-
tarismus” erschien zum ersten Mal 1861. MILL war nicht nur Philosoph,
sondern in erster Linie Politiker, einer der wichtigsten Vertreter des bri-
tischen Liberalismus im viktorianischen Zeitalter; Dokument dafür ist
„On Liberty” von 1859. Bemerkenswert sind vor allem die Ideen, die er
beeinflusst durch seine Frau, für die Emanzipation der Frauen entwik-
kelt. Trotz seiner politischen Tätigkeit beschäftigte er sich mit allen
wichtigen philosophischen Themen; außerhalb seiner Heimat ist er aber
in erster Linie als Ethiker bekannt, der den von BENTHAM begründeten
Utilitarismus weiterentwickelte. Sein Vater, der mit BENTHAM befreun-
dete James MILL, hatte ihn während seiner Kindheit von allen äußeren
Einflüssen abgeschirmt und ihn so zu fördern gewusst, dass er bereits
mit drei Jahren Altgriechisch lernte und mit zwölf Jahren Nationalöko-
nomie studierte. Die Kehrseite war eine emotionale Verkümmerung; als
John Stuart MILL sich als Zwanzigjähriger bewusst wurde, dass sein ge-
samtes bisheriges Leben ausschließlich der intellektuellen Entwicklung
galt, fiel er in eine tiefe Depression. So ist es kein Wunder, dass er be-
strebt war, den einseitig rationalistischen Charakter von BENTHAMs An-
satz zu überwinden. Im 20. Jahrhundert hat sich der Utilitarismus in
eine breite Strömung verwandelt, mit bedeutenden Auswirkungen vor
allem auf die Nationalökonomie. Dabei entstanden unterschiedliche
Varianten, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Erwähnt sei
nur, dass einer der wichtigsten Vordenker der Angewandten Ethik, der
australische Philosoph Peter SINGER, sich eindeutig in diese Tradition
stellt (vgl. Kapitel 5.1, S.101).

Grundprinzip Meine Behandlung des Utilitarismus erfolgt in zwei Schritten. Zuerst


werde ich vier interne Probleme nennen, die im Rahmen dieser moral-
philosophischen Konzeption gelöst werden können. Dann erläutere ich
vier Schwierigkeiten, die generell mit dem utilitaristischen Standpunkt
verbunden sind und sich deshalb nicht ohne weiteres beseitigen lassen.
Ausgangspunkt das Grundprinzip des Utilitarismus, das ich folgender-
maßen formuliere:

62
3.1 Utilitarismus

Utilitaristisches Grundprinzip:
„Moralisch richtig sind unsere Handlungen, wenn ihre Folgen und
Nebenwirkungen zum größten Glück der größten Zahl beitragen.”

3.1.2 Interne Kritik am utilitaristischen Grundprinzip

Das erste Problem rührt daher, dass im utilitaristischen Grundprinzip Handlungen


von „Handlungen” die Rede ist. Deshalb wird die Standardtheorie auch
als Handlungs- oder Akt-Utilitarismus bezeichnet. Gegen diese Aus-
richtung an Handlungen sprechen aber mindestens zwei Argumente.
Erstens würde es das utilitaristische Grundprinzip erfordern, dass jedes
Individuum nahezu permanent sein gesamtes Leben auf seine Folgen
und Nebenwirkungen überprüft. Das ist offensichtlich eine intellektuel-
le Überforderung. Nicht nur fällt es gerade in modernen Gesellschaften
immer schwerer, die Folgen und Nebenwirkungen von Handlungen zu
überblicken. Nehmen wir als Beispiel den Einkauf in einem Super-
markt: Fast jedes Produkt wurde in mehreren Arbeitsvorgängen herge-
stellt, an denen viele unterschiedliche Personengruppen in verschiede-
nen Ländern beteiligt waren. Meine Entscheidung, diese Tafel
Schokolade und nicht jene zu kaufen, beeinflusst also, wenn auch auf
minimale Weise, das Schicksal vieler Menschen (vom Arbeiter auf der
Kakaoplantage bis zum Marketingexperten des Genussmittelkonzerns),
ohne dass ich diese Konsequenzen wirklich überblicken könnte. Das
ständige moralische Reflektieren würde wahrscheinlich bewirken, dass
wir gar nicht mehr handeln könnten. Denn statt des Kaufs einer Tafel
Schokolade gibt es für mich unzählige andere Handlungsmöglichkei-
ten, die abgewogen werden müssten. Zweitens führt das Grundprinzip
eines radikalen Handlungsutilitarismus dazu, dass man sich auf nichts
mehr verlassen kann. Selbst Gebote, die intuitiv wohl für fast alle Men-
schen von größter Überzeugungskraft sind, wie das Gebot, gegebene
Versprechen und abgeschlossene Verträge einzuhalten (lat. pacta sunt
servanda), stünden ständig zur Disposition. Zwar würde die moralische
Reflexion in den meisten Fällen sicherlich ergeben, dass es besser ist,
Versprechen und Verträge zu halten; aber das elementare Vertrauen in
diese Institutionen wäre doch zerstört. Das utilitaristische Grundprinzip
scheint das menschliche Zusammenleben nicht moralisch zu verbes-
sern, sondern es eher zu untergraben.

Aus diesen beiden Argumenten haben einige Philosophen geschlossen, Regel- statt
dass das utilitaristische Grundprinzip sich nicht auf Handlungen, son- Handlungs-
dern auf soziale Normen beziehen sollte (Regelutilitarismus). Da es utilitarismus
sehr viel weniger Normen als Handlungen gibt, werden moralische Ab-
wägungsprozesse erheblich erleichtert. Institutionen, die sich als nütz-

63
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

lich erwiesen haben, müssen nicht ständig in Frage gestellt werden. Die
richtige Einsicht des Aktutilitarismus, dass es manchmal doch auf die
einzelne Handlung ankommt, muss auf andere Weise berücksichtigt
werden. Dem diente schon in der klassischen antiken Ethik das Prinzip
der Billigkeit; dieses hebt nicht die generelle Normenorientierung auf,
sondern verlangt in außergewöhnlichen und nicht vorhersehbaren Si-
tuationen über diese hinauszugehen. So ist es zwar normalerweise nor-
mativ richtig, alle Betroffenen gleich zu behandeln; im Einzelfall kann
aber eine bestimmte Person bevorzugt werden, wenn die Konsequenzen
für alle positiv sein werden. Deshalb lautet eine bekannte Redewen-
dung, dass etwas „gerecht und billig“ sein sollte.

Folgen und Das zweite Problem betrifft die generelle Orientierung an Folgen und
Nebenwirkungen Nebenwirkungen. Was ist damit überhaupt gemeint? Der Ausdruck
„Folgen” bezieht sich auf das, was der Handelnde bewirken wollte; wir
wissen aber, dass jede Handlung weitere Konsequenzen nach sich zieht,
eben Nebenwirkungen, die nicht beabsichtigt wurden. Wenn ich mit
dem Auto fahre, will ich in der Regel bequem und schnell von einem
Ort zu einem anderen kommen; dabei werden aber auch zahlreiche Ne-
benwirkungen verursacht: Verbrauch von Benzin; Ausstoß von Gasen,
die den Treibhauseffekt verstärken; Erzeugung von Lärm; Abrieb von
Reifen usw. Übrigens bezieht der Utilitarismus auch den Aufwand ein,
den eine Handlung für den Handelnden selbst hat; die Kosten-Nutzen-
Analyse kann ergeben, dass der moralische Ertrag selbst für eine sehr
aufwändige Handlung so gering ist, das man sie lieber bleiben lassen
sollte.

Gemeint sind nicht die tatsächlichen Konsequenzen. Denn sonst müsste


man, um etwa politische Entscheidungen moralisch beurteilen zu kön-
nen, bis zum Ende aller Zeiten warten. Es geht auch nicht um die Erwar-
tungen, die eine Person faktisch an eine Handlung knüpft. Wer
blauäugig immer nur das Beste von seinen Handlungen erwartet, ist kei-
neswegs am moralischsten. Vielmehr setzt der Utilitarismus ein Indivi-
duum voraus, ein rationales Subjekt, das über alle notwendigen
Informationen verfügt und nach deren wohlüberlegter Gewichtung zu
einem begründeten Handlungsplan kommt. Worauf sich die utilitaristi-
schen Abwägungsprozesse also beziehen, sind die absehbaren oder
wahrscheinlichen Konsequenzen einer Handlung bzw. einer Hand-
lungsnorm.

Größtes Glück Das dritte Problem bezieht sich auf den ersten Teil der utilitaristischen
Standardformel, das „größte Glück”. Wie soll das berechnet und be-
stimmt werden? BENTHAM wollte tatsächlich das individuelle Glück
quantifizieren, und zwar nach folgenden Kriterien: Intensität, Dauer,
Gewissheit des Eintretens, Nähe des Eintreffens, Folgenträchtigkeit,
Reinheit. Als siebentes Kriterium kommt die Zahl der Betroffenen hin-
zu. Dagegen kann man einwenden, dass eine solche Glückskalkulation

64
3.1 Utilitarismus

wohl unmöglich ist. Bewusstseinszustände wie Glück, Lust, Zufrieden-


heit, Vergnügen lassen sich nicht ohne weiteres quantifizieren, schon
gar nicht im inter-individuellen Vergleich. John Stuart MILL hat deshalb
wieder qualitative Aspekte eingeführt. Er unterscheidet zwischen höhe-
ren und niederen Freuden. In diesem Zusammenhang schreibt MILL:
„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes
Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.”
(MILL, Der Utilitarismus, S. 18) Unter einem „Sokrates” versteht MILL
einen Menschen, der qualitativ wertvollen Bedürfnissen und Interessen
nachgeht; ein „Narr” ist jemand, der Chancen für hochwertige Erfüllun-
gen verschenkt; ein „Schwein” ist schließlich derjenige, der nur auf kör-
perliche Lustzustände aus ist. Da alle drei Typen zufrieden oder
unzufrieden sein können, lässt sich aus dem kurzen Zitat ableiten, dass
MILL prinzipiell sechs Qualitätsstufen kennt, die von oben nach unten
folgendermaßen angeordnet werden können:

1. ein zufriedener Sokrates,


2. ein unzufriedener Sokrates,
3. ein zufriedener Narr,
4. ein unzufriedener Narr,
5. ein zufriedenes Schwein,
6. ein unzufriedenes Schwein.

MILL geht es aber nicht um Lebenskunst, sondern um Ethik. Zwar ist er


sehr wohl der Auffassung, dass wir klug beraten sind, uns an SOKRATES
zu orientieren; der entscheidende Punkt ist aber, dass die höheren Freu-
den (also diejenigen, die ein Sokrates erstreben würde) auch für die All-
gemeinheit insgesamt nützlicher sind und deshalb deren Verfolgung
moralisch gefordert. Damit will MILL den Vorwurf ausräumen, das uti-
litaristische Grundprinzip sei erfüllt, wenn alle Menschen in Saus und
Braus leben. Man kann das am Beispiel von Fernsehprogrammen erläu-
tern: BENTHAM hat ausdrücklich betont, dass alle Vergnügungen
gleichwertig seien; „quantity of pleasure being equal, pushpin (Kegeln)
is as good as poetry”. Aus moralischer Sicht wären somit alle Fernseh-
programme gleichwertig, wenn sie der Mehrheit der Menschen nur Be-
friedigung verschaffen. Nach MILLs qualitativen Abstufungen sind
jedoch Bildungsprogramme und Informationssendungen besser als Un-
terhaltung und Krimis. Wie aber können solche Bewertungen philoso-
phisch begründet werden? MILL meint, dass diejenigen entscheiden
müssten, die beide (oder alle) Seiten kennen, letztlich eine Elite von Ge-
bildeten, die sich aber vom Volk nicht distanziert - eine aus meiner
Sicht problematische Auffassung.

65
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

Problematisch ist weiterhin, dass aus dem Utilitarismus die moralische


Notwendigkeit folgen müsste, den materiellen Wohlstand immer weiter
zu erhöhen. Wenn Millionäre luxurierende Bedürfnisse haben, die kei-
nem anderen schaden, müsste sich der Utilitarismus dafür einsetzen,
dass sie sich diese Wünsche erfüllen dürfen, auch wenn es noch so viele
arme Menschen gibt, die prinzipiell mit ihrer Lage zufrieden sind.

Negativer Einige Philosophen haben aus diesen und anderen Gründen gefolgert,
Utilitarismus dass der Utilitarismus gar nicht (positiv) zum größten Glück, sondern
besser (negativ) zum geringsten möglichen Leiden aller beitragen sollte.
Andeutungen in diese Richtung finden sich schon bei den Gründervä-
tern; so behauptete J.S. MILL in seiner Schrift „On liberty”, dass der
Staat nur für die Vermeidung von Unglück sorgen sollte. Eine ver-
gleichbare Ausrichtung finden wir schon im antiken Hedonismus: Auch
EPIKUR ging es, den seit Jahrtausenden in Umlauf befindlichen Vorur-
teilen zum Trotz, nicht um die Vergrößerung der Lust, sondern um die
Verringerung der Unlust, die Vermeidung von Schmerz und Leid.

Größte Zahl Das vierte Problem betrifft die Formulierung von der „größten Zahl”.
Erstens legt dies nahe, dass man eine kleine Zahl, eine Minderheit, bei
der utilitaristischen Bewertung vernachlässigen darf. Wenn man bei-
spielsweise 10 % der Bevölkerung als Sklaven für die große Mehrheit
arbeiten lässt, könnte es dieser so gut gehen, dass das Leiden der Min-
derheit rechnerisch aufgehoben ist. Das ist aber sicherlich moralisch
nicht richtig und auch von den meisten Utilitaristen nie beabsichtigt
worden; besser ist es also, vom „größten Glück aller” zu sprechen.

Zweitens könnte man das Grundprinzip so verstehen, dass die Anzahl


der Personen und Lebewesen erhöht werden sollte. Tatsächlich wird
diese Auffassung vertreten und als Nutzensummenutilitarismus be-
zeichnet. In einer extremen Auslegung und unter bestimmten Bedin-
gungen wären wir dann moralisch verpflichtet, Kinder in die Welt zu
setzen, um die Anzahl der potentiellen „Glücksbehälter“ zu erhöhen.
BENTHAM hielt deshalb nicht nur Suizid und Zölibat, sondern auch
Empfängnisverhütung für unmoralisch. Die Gegenposition ist der
Durchschnittsnutzenutilitarismus, für den eine kleine Zahl sehr glückli-
cher Menschen erstrebenswert ist. Diese Variante hätte aber die missli-
che Konsequenz, dass man eine naturbedingte Hungersnot, eine
verheerende Epidemie oder die Ausbreitung des AIDS-Virus, die einen
großen Teil der armen (und deshalb, so wollen wir unterstellen, un-
glücklichen) Bevölkerung Afrikas dahinrafft, moralisch begrüßen müs-
ste. Zudem ignoriert der Durchschnittsnutzenutilitarismus, dass auch
das individuelle Glück gerade durch das Glück anderer, etwa eine ge-
meinsame Freude, vergrößert werden könnte. Deshalb vertritt die
Mehrheit der Utilitaristen inzwischen die Auffassung, dass man einfach
die vorhandene Anzahl der Personen akzeptieren sollte. Ziel eines
wohlverstandenen Utilitarismus sei es nicht, glückliche Menschen zu

66
3.1 Utilitarismus

machen, sondern Menschen glücklich zu machen. Dagegen spricht je-


doch, dass demographische Probleme erhebliche moralische Konse-
quenzen haben und deshalb bevölkerungspolitische Maßnahmen
durchaus unter normativen Gesichtspunkten diskutierenswert sind.

Eine Stärke des Utilitarismus ist es übrigens, dass die Zahl der Betrof- Tiere
fenen problemlos über den Kreis der Menschheit ausgedehnt werden
kann. Das ergibt sich schon daraus, dass im utilitaristischen Grundprin-
zip nicht von „Menschen”, sondern der „größten Zahl” bzw. von „allen”
die Rede ist. Schon BENTHAM schrieb: „Die Frage ist nicht: Können sie
denken? Können sie sprechen? Sondern: können sie leiden?” Nach ge-
sicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen können alle Lebewe-
sen aus dem Stamm der Wirbeltiere auf Grund ihrer physischen Konsti-
tution (zentrales Nervensystem, Leitungsbahnen, Gewebe) Schmerz
empfinden und deshalb leiden. Nicht nur Säugetiere, sondern auch Fi-
sche, Vögel und Reptilien wären deshalb in unsere moralischen Abwä-
gungen einzubeziehen.

Durch die vier Korrekturen kommen wir jetzt zu folgender Formulie-


rung:

Verbessertes utilitaristisches Grundprinzip:


„Moralisch richtig sind die sozialen Normen, deren Folgen und Ne-
benwirkungen zum geringsten möglichen Leiden aller führen.”

3.1.3 Externe Kritik am utilitaristischen Grundprinzip

Selbst nachdem diese Verbesserungen am utilitaristischen Grundprin- Prinzipielle Einwände


zip vorgenommen wurden, bleiben aber größere Probleme, die sich
nicht durch kleinere Revisionen beheben lassen, weil sie mit dem Kern
der utilitaristischen Moralphilosophie zusammenhängen. Es handelt
sich um Einwände, die von Anhängern konkurrierender Konzeptionen
immer wieder erhoben werden.

Erstens ist der Utilitarismus konsequentialistisch, aber in der modernen Unabsehbarkeit der
Welt des 21. Jahrhunderts können wir oft gar nicht wissen, welche Fol- Konsequenzen
gen und Nebenwirkungen unsere Handlungen haben. Für die Entschei-
dungsfindung ist das utilitaristische Grundprinzip deshalb keine große
Hilfe. Ein Beispiel ist die Diskussion über Stammzellforschung. Viele
ihrer Gegner argumentieren deontologisch: Sie sehen beispielsweise im
„Verbrauch” menschlicher Stammzellen die Menschenwürde verletzt.
Die Befürworter argumentieren dagegen utilitaristisch: In einiger Zeit
könnten die Forschungsergebnisse der Stammzellforschung dazu die-

67
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

nen, schwere Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson wirkungsvoll


zu bekämpfen. Aber ist das wirklich so? Das kann im Moment keiner
sagen. Sollen wir schwerwiegende moralische Entscheidungen auf un-
sichere Prognosen, eventuell leere oder interessenbedingte Verspre-
chungen stützen? Ein anderes Beispiel bezieht sich auf die modernen
Massenmedien: Fernsehsendungen, Kinofilme, Internetseiten und
Computerspiele sind voller Gewaltdarstellungen. Welche Auswirkun-
gen hat das auf Kinder und Jugendliche, die damit tagtäglich Umgang
haben? Die einen befürchten einen Nachahmungseffekt (Mimesis-
Theorie); andere meinen, dass hier aggressive Bedürfnisse ohne negati-
ve Auswirkungen ausgelebt werden (Katharsis-Theorie); dritte halten
den Einfluss für unbedeutend. Die Komplexität von Sozialisationspro-
zessen ist so groß, dass keine dieser Thesen eindeutig bestätigt werden
kann. Nach welchen Kriterien sollte man dann Maßnahmen zum Ju-
gendschutz ergreifen? Anhänger konsequentialistischer Positionen ha-
ben deshalb eine Umkehr der Begründungslast vorgeschlagen: Wer ein
neue medizinische Technologie einführen möchte, wer ein neues Pro-
dukt auf den Markt bringt oder ein neues Sendeformat plant, sollte
nachweisen, dass es keine schädlichen Konsequenzen hat. Eine solche
Regelung erscheint aber kaum praktikabel: Die Marktwirtschaft würde
zu einer Planwirtschaft werden, Innovation wären kaum noch möglich -
eben weil sich Folgen und Nebenwirkungen so schwer abschätzen las-
sen.

Unmoralische Zweitens ist es ein Grundproblem des Utilitarismus, dass Absichten und
Präferenzen Bedürfnisse, die fast jeder intuitiv als unmoralisch betrachtet, genauso
in die Folgenkalkulation einbezogen werden müssen wie moralische.
BENTHAM sah in der Ausschaltung aller üblichen, traditionellen Bewer-
tungen einen großen Vorteil; John Stuart MILL wollte zwar die Hierar-
chie von höheren und niederen Freuden wieder herstellen, aber nur mit
der Begründung, dass letztere weniger zum Gemeinwohl beitragen als
erstere. Kann man aber sadistisches Handeln genauso neutral nach sei-
nen Konsequenzen beurteilen wie karitatives Engagement? Gibt es
nicht doch Handlungen, die an sich schlecht sind? Gegen einen Verein
von Päderasten, der sich an Kindern und Jugendlichen vergeht, die da-
mit einverstanden sind, kann ein Utilitarist wenig vorbringen, weil alle
Betroffenen zufrieden sind und keiner Person Nachteile erwachsen.

Nichtberücksichtigung Drittens unterscheidet der Utilitarismus nicht zwischen moralischem


der Motive und Handeln aus Überzeugung und bloß moralkonformem Handeln, also (in
Intentionen KANTischen Begriffen) nicht zwischen Moralität und Legalität. Motive
und Intentionen bleiben generell unberücksichtig. Eine Person, die aus
zweckrationalen Gründen (höheres Ansehen, Furcht vor Strafe o.ä.) den
utilitaristischen Normen folgt, wird nicht anders bewertet als eine Per-
son, die von den utilitaristischen Normen innerlich überzeugt ist. Ein
Gedankenexperiment kann das verdeutlichen: Nehmen wir eine Person,
deren moralisches Handeln außer Zweifel steht, etwa das von Albert

68
3.1 Utilitarismus

Schweitzer in Lambarene. Im Nachhinein finden wir seine privaten Ta-


gebücher, aus denen deutlich hervorgeht, dass er nur durch das Streben
nach Ruhm motiviert und tatsächlich extrem rassistisch eingestellt war.
Der Utilitarist müsste diese inneren Einstellungen ignorieren; denn aus-
schlaggebend sind allein die Konsequenzen der Handlungen. Würden
wir aber nicht doch unsere moralische Beurteilung der Person Schweit-
zers ändern? Für die Bewertung wohlfahrtsökonomischer und sozial-
staatlicher Normen mag das Absehen von Intentionen kein Problem
sein; bei moralischen Grundsatzüberlegungen und in alltagsethischen
Fragen möchten wir diese Dimension nicht ausklammern.

Viertens will der Utilitarismus alles aus dem Prinzip der Nützlichkeit Keine strukturellen
ableiten. Nützlichkeit erweist sich an der Summe der Wohltaten, von Werte
denen die betroffenen Individuen profitieren. Sind aber klassische mo-
ralische Werte wie Gerechtigkeit oder Solidarität oder ein politisches
Organisationsprinzip wie Demokratie wirklich in diesem Sinne nütz-
lich? MILL hat im fünften Kapitel von „Der Utilitarismus“ nachzuwei-
sen versucht, dass sich Gerechtigkeit aus dem Nützlichkeitsprinzip
ableiten lasse. Handelt es sich aber nicht doch um einen über-individu-
ellen, einen strukturellen Wert, der sich nicht auf das Gemeinwohl zu-
rückführen lässt, diesem sogar manchmal zuwiderläuft? Wenn sich
erweisen würde, dass ein guter Diktator mehr für das Glück (oder zur
Leidensfreiheit) seiner Untertanen tun könnte als dies in einer demokra-
tischen Ordnung möglich wäre, müsste man aus utilitaristischer Sicht
für das autoritäre Regime plädieren.

Ein weiterer Bereich, in dem sich absurde Konsequenzen ergeben könn- Strafrecht
ten, ist das Strafrecht. Strafe muss nach utilitaristischer Auffassung
nützlich sein im oben präzisierten Sinne. Deshalb sind Utilitaristen ge-
gen die Idee der gerechten Strafe nach einem Vergeltungsprinzip; sie
bevorzugen die Idee der Abschreckung als Spezial- und vor allem als
Generalprävention. Nun ist es aber so, dass sich schwere Verbrechen
wie terroristische Anschläge kaum durch Abschreckung unterbinden
lassen, während dies bei leichten Vergehen, z. B. Schwarzfahren und
Ladendiebstahl, sehr wohl der Fall ist. Die kontraintuitive, also unseren
moralischen Vormeinungen zuwiderlaufende Konsequenz des Utilita-
rismus ist also, letztere Vergehen sehr viel härter und strenger als erstere
zu bestrafen. Wenn man beispielsweise an der ersten Person, die aus ei-
ner Bibliothek ein Buch mitgehen lässt, ein abschreckendes Exempel
statuieren würde, hätte man in Zukunft wahrscheinlich weniger Verlu-
ste.

Schließlich ist noch auf das Problem hinzuweisen, das der Utilitarismus Tötung
mit der Tötung von Menschen hat. Wenn eine solche schmerzlos ge-
schieht und niemandem Angst einflößt, wäre sie aus utilitaristischer
Sicht moralisch akzeptabel. Denn tote Menschen haben keine Interes-
sen mehr, die verletzt werden könnten. Der Tod unglücklicher Individu-

69
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

en würde sogar die Gesamtbilanz verbessern. Wenn ich extrem


depressiv bin und radikaler Utilitarist, wäre es dann für mich moralisch
geboten, Selbstmord zu begehen?

Aus diesen Einwänden kann man folgern, dass der Utilitarismus seine
Schwächen hat; endgültig widerlegt ist er damit selbstverständlich
nicht. Denn es ist die Frage, ob es eine bessere Konzeption gibt. Mit die-
sem Anspruch tritt allerdings der Deontologismus auf.

3.2 Deontologismus

3.2.1 Was ist Deontologismus?

Wort Das Wort „deontologisch” ist, wie „utilitaristisch”, ein philosophischer


Fachausdruck; abgeleitet wurde es von dem lateinischen Wort „deon”,
auf Deutsch: das Erforderliche, die Pflicht, das Obligatorische. Wichtig
ist der Gegensatz zu einem anderen Ausdruck, mit dem der grundlegen-
de Unterschied von deskriptiven und normativen Aussagen widerge-
spiegelt wird: Das Ontologische ist das Seiende, das, was ist; das
Deontologische ist das, was sein soll, das Seinsollende.

Immanuel KANT Begründer des modernen Deontologismus ist Immanuel KANT (1724-
1804). Zu den geistesgeschichtlichen Vorläufern seiner Moralphiloso-
phie gehören die jüdisch-christliche Ethik, die Philosophie der Stoiker,
CICERO und seine einflussreiche Schrift „De officiis” (übersetzt: „Über
die Pflichten”) sowie die oben erwähnte Tradition des rationalen Natur-
rechts. Von besonderem Einfluss auf KANT war zudem Jean-Jacques
ROUSSEAU; nach eigener Aussage wurde ihm durch ROUSSEAU klar,
dass moralisches Handeln keine Sache der Klugheit ist, sondern etwas,
wozu jeder Mensch prinzipiell in der Lage ist. Über KANTs Leben kur-
sieren viele Anekdoten. Tatsächlich aber führte er das typische Leben
eines Gelehrten der Aufklärungszeit in Deutschland; er blieb unverhei-
ratet und legte viel Wert auf einen geregelten Tagesablauf. Die Stadt
Königsberg und ihre nähere Umgebung hat er nie verlassen. Dennoch
war er durch Freundschaften und Korrespondenzen über die Entwick-
lung der Naturwissenschaften und wichtige politische Ereignisse gut in-
formiert. Sein Werk bildet den Auftakt für die Blütezeit der deutschen
Philosophie, deren spätere Vertreter ihn zeitweise in den Schatten stell-
ten; aus heutiger Sicht, insbesondere im Hinblick auf seine weltweite
Wirkung, bleibt er aber der wichtigste deutsche Denker. In allen Berei-
chen der Philosophie hat KANT, übrigens erst in relativ hohem Alter,
großartige Leistungen vollbracht. Selbst von seinen Kritikern wird die
überragende Bedeutung seiner Schriften zur Ethik nicht bestritten. Lei-
der sind diese, wie alle seine Bücher sehr schwer zu lesen. Das hat ver-

70
3.2 Deontologismus

schiedene Gründe: Erstens ist KANTs Stil geprägt durch die deutsche
Wissenschaftssprache der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die gerade
erst das Lateinische ersetzt hatte; von dem reiferen Deutsch der Goethe-
Zeit wurde KANT nicht mehr beeinflusst. Zweitens hat KANT seine
handschriftlichen Manuskripte, wie man an den wenigen erhaltenen
Originalen gut erkennen kann, immer wieder verbessert, leider durch
Hinzufügung neuer Satzteile und Nebensätze zu ohnehin schon kom-
plexen grammatischen Konstruktionen. Drittens aber denkt KANT tat-
sächlich weiter, differenzierter und aspektreicher als die meisten
anderen; populäre Einführungen und ästhetisch elegante Darstellungen
seiner Philosophie wollte er anderen überlassen.

Da es sich um eine deontologische Ethik handelt, stehen Ge- und Ver- Kritik am
bote (also Imperative) im Mittelpunkt. KANT unterscheidet prinzipiell Glücksprinzip
zwischen zwei Typen von Imperativen: Hypothetische Imperative ha-
ben die Form „wenn ..., dann ...”, ausführlicher: „Wenn du x willst,
dann solltest du y tun”. Allerdings gibt es etwas, das alle Menschen wol-
len: Glück. Dieser besondere hypothetische Imperativ hat also die
Form: „Wenn du glücklich sein willst (und das will jeder Mensch), dann
solltest du y tun.” Glück kann für KANT nicht Prinzip der Moralphilo-
sophie sein. Dafür nennt er verschiedene Gründe. Erstens ist das, was
wir jeweils unter Glück verstehen, empirisch bedingt und kann deshalb
nicht absolut verpflichtend sein. Zweitens ist das Streben nach Glück ei-
ne Sache der Klugheit, der intelligenten und zweckrationalen Wahl der
richtigen Mittel. Drittens unterscheiden sich die individuellen Glücks-
vorstellungen zu sehr; KANT bringt an einer Stelle das schöne Beispiel
von den beiden Kriegsherrn, deren widerstreitende Glückskonzepte
sich gerade darin ausdrücken, das beide das Gleiche wollen, nämlich
die Eroberung einer bestimmten Stadt. Viertens täuschen wir uns allzu
oft über das, was uns glücklich machen könnte.

Moralische Gebote müssen hingegen kategorisch formuliert: „Handle Kategorischer


so und so!” KANT selbst hat es als seine Leistung angesehen, eine For- Imperativ
mel gefunden zu haben, aus der sich, wie er meint, alle legitimen mora-
lischen Normen ableiten lassen. Auch die Zehn Gebote aus dem alten
Testament sind negativ-deontologisch formuliert: „Du sollst nicht …”.
Abgesehen davon, dass es sich beim Dekalog nur um eine Liste handelt,
deren Begründung und Zusammenhang nicht einsichtig ist, werden in-
haltliche Normen aufgezählt. Diese können nach KANTs Auffassung
immer nur kultur- und zeitgebunden sind; er selbst will seine Ethik von
allen materialen Gehalten ablösen und allein die Form angeben, der jede
legitime Moral genügen müsste. Grundprinzip ist der Kategorische Im-
perativ, von dem es in KANTs Werk mehrere Formulierungen gibt. Eine
sei zitiert: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zu-
gleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”
(KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1. Teil, 1. Buch, 1. Hauptstück,
§ 7).

71
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

Maximen Auffällig ist der Begriff der Maxime: Eine Maxime ist eine subjektive
Regel, die unserem Handeln zugrunde liegt. In der Frage, die zu einer
Spaltung des Utilitarismus führte, ob man sich auf konkrete Handlun-
gen oder soziale Regeln konzentrieren sollte, plädiert KANT also für die
zweite Fraktion, betont aber, dass eigentlich allen unseren Handlungen
Regeln zugrunde liegen, weil wir rationale Wesen sind und das Wesen
der Vernunft darin besteht, solche Regeln zu entwickeln und nach ihnen
zu handeln. Maximen liegen auf einer mittleren Ebene zwischen grund-
sätzlichen Lebenseinstellungen und spezifischen Handlungsregeln. Ein
Beispiel für ersteres ist die klassische Unterscheidung zwischen vita ac-
tiva und vita contemplativa, also zwischen einem der Aktivität gewid-
meten und einem eher passiven, der Beschaulichkeit gewidmeten
Leben. Ein Beispiel für spezifische Handlungsregeln ist das Vorhaben,
nach dem Aufstehen zehn Liegestütze zu machen. Maximen beziehen
sich zudem immer auf andere Personen (oder eventuell auch Tiere);
Beispiele sind etwa „Sei immer freundlich“, „Hilf allen, die es nötig ha-
ben“ oder „Versprich nie etwas, was du nicht halten kannst“.

Um eine bessere Vergleichbarkeit mit dem Grundprinzip des Utilitaris-


mus herzustellen, ändern wir KANTs Formulierung des Kategorischen
Imperativs etwas ab:

Deontologisches Grundprinzip:
„Moralisch richtig ist die Handlung, deren Maxime auch als allge-
meines Gesetz gelten könnte.”

3.2.2 Erläuterungen zum deontologischen Grundprinzip

Aussieben Der Kategorische Imperativ ist eine Art Testverfahren, das vorhandene
unmoralischer Maximen daraufhin überprüft, ob sie als allgemein gültige anerkannt
Maximen werden können oder nicht. Jedoch ist immer wieder bezweifelt worden,
dass ein solches Universalisierungsprinzip auf zuverlässige Weise mo-
ralische Maximen auszeichnet. Tatsächlich sind zunächst zwei Ein-
schränkungen zu machen. Erstens funktioniert der Kategorische Impe-
rativ wohl nur negativ. Er scheidet die Maximen aus, die sich nicht
verallgemeinern lassen. Aber er eignet sich nicht dazu, positiv die Ma-
ximen zu bestimmen, die wir befolgen sollten. Insofern ist der Katego-
rische Imperativ in seinem Status vergleichbar mit dem Satz vom ver-
botenen Widerspruch: Wenn beispielsweise ein Richter einem Zeugen
in seinen Aussagen einen Widerspruch nachweist, weiß er, dass dieser
nicht die ganze Wahrheit sagt; aber er weiß damit noch lange nicht, was
denn nun stimmt.

72
3.2 Deontologismus

Zweitens empfiehlt es sich, immer einen zweifachen Test zu machen, Doppelter Test
nämlich mit der zur Diskussion stehenden Maxime und ihrer Vernei-
nung. Wenn sich beide subjektiven Grundsätze problemlos verallge-
meinern lassen, handelt es sich um eine Maxime, die gar nicht zum
moralischen Bereich gehört. Nehmen wir folgendes Beispiel: „Ich fahre
mit dem Auto auf öffentlichen Straßen immer auf der rechten Seite” ist
verallgemeinerbar. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass es sich
hierbei um ein moralisches Gebot handelt. Denn der gegenteilige Satz
„Ich fahre mit dem Auto auf öffentlichen Straßen immer auf der linken
Seite” kann ebenfalls universalisiert werden. Aus moralischer Sicht ist
es offensichtlich irrelevant, ob in einer Gesellschaft Links- oder Rechts-
verkehr vorgeschrieben ist. Hingegen ist die Maxime „Ich halte mich im
Straßenverkehr überhaupt nicht an irgendwelche Regeln” nicht verall-
gemeinerbar. Denn unter der Annahme, dass sich alle so verhalten wür-
den, wäre es wohl für alle besser, gar kein Verkehrsteilnehmer zu sein;
damit würde es überhaupt keinen Straßenverkehr geben, dessen Regeln
man missachten könnte.

Wie lässt sich das Misslingen des Verallgemeinerungstests genauer be-


stimmen? KANT unterscheidet verschiedene Möglichkeiten. Über die
ersten beiden äußert er sich in folgendem Zitat:

„Man muß wollen können, daß eine Maxime unserer Handlung ein allgemeines
Gesetz werde: dies ist der Kanon der moralischen Beurteilung derselben über-
haupt. Einige Handlungen sind so beschaffen, daß ihre Maxime ohne Wider-
spruch nicht einmal als allgemeines Naturgesetz gedacht werden kann; weit
gefehlt, daß man noch wollen könne, es [sie (die Maxime)?, C.T.] sollte ein sol-
ches werden. Bei anderen ist zwar jene innere Unmöglichkeit nicht anzutreffen,
aber es ist doch unmöglich zu wollen, daß ihre Maxime zur Allgemeinheit eines
Naturgesetzes erhoben werden, weil ein solcher Wille sich selbst widersprechen
würde. Man sieht leicht: daß die erstere der strengen oder engeren (unnachlaßli-
chen) Pflicht, die zweite nur der weiteren (verdienstlichen) Pflicht widerstreite,
und so alle Pflichten, was die Art der Verbindlichkeit (nicht das Objekt ihrer
Handlung) betrifft, durch diese Beispiele in ihrer Abhängigkeit von dem einigen
Prinzip [nämlich allein dem kategorischen Imperativ] vollständig aufgestellt wer-
den.” (KANT, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe S. 424
= Weischedel-Ausgabe S. 57)

Bereits vorher bietet KANT eine alternative Formulierung des Kategori-


schen Imperativs an, gleichsam eine dritte Variante mit anderen argu-
mentativen Schlussfolgerungen: „handle so, als ob die Maxime deiner
Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden
sollte” (KANT, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-
Ausgabe S. 421/Weischedel-Ausgabe S. 52).

Man kann diese drei Formeln so interpretieren, dass sie drei unter- Drei Arten des
schiedliche strenge Testverfahren anbieten. Eine Maxime kann auf drei- Scheiterns
fache Weise scheitern:

73
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

1. Eine Maxime lässt sich nicht als allgemein gültiges morali-


sches Gesetz denken.
2. Eine Maxime kann nicht als allgemein gültiges moralisches
Gesetz gewollt werden.
3. Eine Verallgemeinerung der Maxime ist aus naturgesetzli-
chen Gründen nicht möglich.

In allen drei Fällen geht es um einen Widerspruch (im weiten Sinn), im


ersten Fall um einen logischen Widerspruch im Denken, im zweiten
Fall um einen Widerstreit in unserem Wollen, im dritten Fall um den
Gegensatz zwischen naturgesetzlich bedingten und durch unser Han-
deln hervorgerufene Umstände. Zur Erläuterung seien einige Beispiele
angeführt. Im ersten Fall wäre es beispielsweise widersprüchlich, die
moralische Forderung aufzustellen, dass jeder Mensch alle anderen lie-
ben solle, wenn man zugleich unter Liebe die bedingungslose Zuwen-
dung zu einer bestimmten Person versteht. Ähnliches gilt für eine an
NIETZSCHE angelehnte Maxime: „Ich als Übermensch darf neue Werte
schaffen.” Diese Maxime kann man nicht verallgemeinert denken, denn
der Begriff „Übermensch” setzt voraus, dass es außer ihm noch (norma-
le) Menschen und wohl auch „Untermenschen” gibt.

Der zweite Fall ist derjenige, für den sich KANT am stärksten interes-
siert. Unser Wollen gerät bei einer Verallgemeinerung mit sich selbst in
Widerspruch. Eigentlich zielen alle Beispiele KANTs auf diesen Fall ab.
Betrachten wir die Maxime: „Ich will ein abgegebenes Versprechen
brechen, wenn es für mich von Vorteil ist.” Zwar ist eine Welt denkbar,
in der alle Menschen ihre Versprechen brechen. Aber keiner von uns
kann eine solche Gesellschaft wollen. Selbst derjenige, der Versprechen
aus egoistischen Motiven bricht, will die Institution des Versprechens
beibehalten, nur sich selbst davon ausnehmen, was nach deontologi-
scher Auffassung moralisch unzulässig ist.

Für den dritten Fall sei folgendes Beispiel konstruiert: Auf der ganzen
Erde werden jährlich (im Jahr 2000) ca. 3,5 Milliarden Tonnen Erdöl
gefördert. Die Weltreserven betragen wahrscheinlich 140 Milliarden
Tonnen (ohne Mineralöl in Sanden und Schiefern), reichen also bei
gleich bleibendem Verbrauch noch ungefähr 40 Jahre. In Deutschland
werden jährlich etwa 130 Millionen Tonnen Erdöl verbraucht, d.h. pro
Kopf der Bevölkerung über 1,6 Tonnen im Jahr. In den USA werden so-
gar 875 Millionen Tonnen verbraucht, somit pro Einwohner weit mehr
als 3 Tonnen. Auf der Erde leben aber über 6 Milliarden Menschen. Wir
können uns eine Welt denken, in der, sagen wir, jede Person jährlich 2
Tonnen Erdöl zur Verfügung hat; wir können eine solche Welt auch
wollen. Aber die logische Folge wäre, dass dann 12 Milliarden Tonnen
gefördert werden müssten, also mehr als das Dreifache der jetzigen Pro-
duktion. Das wäre technisch gar nicht möglich. Zudem würden die Vor-

74
3.2 Deontologismus

räte unter diesen Voraussetzungen nur 12 Jahre reichen. Insofern kann


man feststellen, dass die Maxime, jährlich 2 Tonnen Erdöl zu verbrau-
chen, mit den naturgesetzlich gegebenen Bedingungen der menschli-
chen Existenzweise nicht im Einklang steht.

Der Kategorische Imperativ, das Grundprinzip von KANTs deontologi- Zwei Erweiterungen
scher Moralphilosophie, wird heute meistens als Universalisierungsge-
bot aufgefasst. Wenn dies aber alles ist, so muss man zugeben, dass er
allein keine tragfähige Basis für ein komplexes System moralischer
Normen abgibt. Das Testverfahren des kategorischen Imperativs ist viel
zu offen. Beispielsweise ist gegen eine Gesellschaft, in der alle Men-
schen sich gegenseitig instrumentalisieren, mit einem Verallgemeine-
rungsverfahren nichts einzuwenden. Allerdings ist dieser Formalismus-
Vorwurf unberechtigt, denn KANTs Moralphilosophie endet nicht mit
der Aufstellung des Universalisierungsprinzips in seinen verschiedenen
Varianten. Durch transzendentale Reflexionen kommt er zu zwei inhalt-
lich sehr viel reicheren Formulierungen des Kategorischen Imperativs,
die (wohl entgegen KANTs eigener Auffassung) nicht mehr mit dem
Universalisierungsgebot deckungsgleich sind, sondern inhaltliche Er-
weiterungen darstellen.

Die erste Reflexion fragt nach den individuellen Bedingungen der Mög- Mensch-als-Zweck-
lichkeit des Kategorischen Imperativs. Der Universalisierungstest er- Formel
fordert ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, einen solchen Test
durchzuführen. Das setzt die Kompetenz einer allgemeinen Vernunft
voraus, die nicht nur Widersprüche im Denken, sondern auch solche im
Wollen erkennen kann. Jedes Wollen ist zweckgerichtet; ein universa-
lisierbares Wollen geht also auf allgemeine Zwecke, in die jeder ein-
stimmen können muss. In der Natur gibt es keine allgemeinen Zwecke,
alles ist vielmehr naturgesetzlich durch Ursache-Wirkungszusammen-
hänge bestimmt. Bedingung der Möglichkeit allgemeiner Zweckset-
zungen ist also ein Wesen, das zu solchen Zwecksetzungen in der Lage
ist, das sich sogar selbst als Zweck betrachten muss. So kommt KANT zu
der zweiten Formulierung des Kategorischen Imperativs: „Handle so,
daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines
jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel
brauchst.” (KANT, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-
Ausgabe S. 429 = Weischedel-Ausgabe S. 66f.) Dieser berühmte Satz
ist moralphilosophisch sehr viel aussagekräftiger als das Universalisie-
rungsgebot. Wer nämlich andere Menschen als Zweck behandelt, muss
sie als autonome Wesen ansehen, ihre Zwecksetzungen respektieren
und ihre Würde achten. Eine gegenseitige Instrumentalisierung ist nicht
zulässig. Man beachte übrigens, dass KANT realistisch genug ist, nicht
zu fordern, dass man andere Menschen gar nicht instrumentalisieren
darf; wahrscheinlich baut jede arbeitsteilige Gesellschaft darauf auf,
dass Menschen sich gegenseitig als Mittel ansehen, aber dies ist mora-

75
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

lisch nur zulässig, wenn sie sich „jederzeit zugleich als Zweck“ behan-
deln.

Reich-der-Zwecke- Die zweite Reflexion fragt nach den gesellschaftlichen Bedingungen


Formel der Möglichkeit des Kategorischen Imperativs. Ein Handeln nach die-
sem setzt voraus, dass eine Gesellschaft existiert, in der die Moral sich
nicht selbst zerstört: Wenn nämlich die moralisch Handelnden sich so
sehr aufopfern müssen, dass sie ihre soziale Existenz oder sogar ihr Le-
ben riskieren, kann irgendwann keiner mehr den Kategorischen Impe-
rativ denken oder ihm folgen (vgl. Kapitel 4.2, S.96). BRECHT hat diese
Gefahr in mehreren Dramen, vor allem in „Der gute Mensch von Sezu-
an“, trefflich dargestellt. Deshalb ergibt sich die moralische Forderung,
eine Gesellschaft herzustellen, in der jeder moralisch handeln kann,
ohne seinen eigenen Untergang heraufzubeschwören. Eine solche Ge-
sellschaft nennt KANT in der dritten Formulierung des Kategorischen
Imperativs eine „moralische Welt” oder ein „Reich der Zwecke”. Ein
Individuum allein kann eine soziale Ordnung dieser Art niemals errich-
ten; die Forderungen der praktischen Vernunft, so KANT, sind auf lange
Sicht nur durch die menschliche Gattung zu verwirklichen. Konkretes
Ziel ist ein weltbürgerlicher Zustand, den sich KANT als Bund republi-
kanischer Staaten vorstellt, und vor allem die Abschaffung des Krieges,
ein „ewiger Friede”. Die Pflicht, dieses „Reich der Zwecke” zu errich-
ten, ist keine individuelle, sondern eine gemeinschaftliche Aufgabe.
Das Moralische wird sich erst durchsetzen können in einer Gesellschaft
mit guten Gesetzen, deren Errichtung deshalb unser aller Pflicht ist.
Trotzdem, so KANT, müsse der einzelne jederzeit so handeln, als ob al-
les auf ihn allein ankomme.

3.2.3 Einwände gegen den Deontologismus

Wie oben beim utilitaristischen Grundprinzip haben wir den Kategori-


schen Imperativ gleichsam mit Bordmitteln verbessert (und auf diese
Weise schon den Formalismus-Vorwurf ausgeräumt). Dennoch geben
sich die KANT-Kritiker nicht so leicht geschlagen; es bleiben mehrere
starke Einwände gegen den Deontologismus, von denen ich aber hier
nur drei behandeln möchte. Alle drei sehen in KANT und damit auch in
der von ihm begründeten deontologischen Moralphilosophie einen
Ausdruck von protestantischer Innerlichkeit und preußischer Härte.

Gesinnungsethik Der erste Vorwurf richtet sich gegen die intentionalistische Ausrichtung
von KANTs Ethik, gegen die Vernachlässigung einer Abwägung der
Konsequenzen von Handlungen. Max WEBER hat diese Kritik in seiner
wirkungsmächtigen Rede „Politik als Beruf“ zugespitzt: Eine intentio-
nalistische Moral sei eine Gesinnungsethik, der er die konsequentialisti-
sche Verantwortungsethik gegenüberstellt. Der Gesinnungsethiker ha-

76
3.2 Deontologismus

be den alten Satz „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott
anheim“ bloß säkularisiert, weil ihm die Folgen und Nebenwirklungen
seiner Handlungen gleichgültig seien. Um sein Gewissen rein zu halten,
lehne es der KANTianer ab, Kompromisse mit der schlechten Wirklich-
keit zu machen; eine intentionalistische Moral sei insofern eine ver-
kappte Form des Egoismus. Tatsächlich beginnt KANTs „Grundlegung
zur Metaphysik der Sitten“ mit dem berühmten Satz: „Es ist überall
nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken mög-
lich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein
ein guter Wille.“ Auf der nächsten Seite stellt KANT aber klar, dass ein
guter Wille zu verstehen sei „nicht etwa als ein bloßer Versuch, sondern
als die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind“. Der
gute Wille verharrt nicht in der Innerlichkeit, sondern strebt nach Ver-
wirklichung - sonst wäre ein kein Wille (bzw. keine Intention), sondern
ein leerer Wunsch. Richtig ist aber, dass KANT nur das zur moralischen
Beurteilung heranziehen möchte, was in unserer Macht steht. Deshalb
bleiben die Folgen und Nebenwirkungen (im Gegensatz zum konse-
quentialistischen Utilitarismus) außer Betracht. Wenn eine Hilfsaktion
aus äußeren oder inneren Ursachen misslingt, wegen ungünstiger Wit-
terungsbedingungen oder eigener körperlicher Schwäche, ist sie mora-
lisch nicht weniger wertvoll als eine gelungene.

Der zweite Kritikpunkt betrifft den von KANT herausgestellten Gegen- Kalte Pflicht
satz von Pflicht und Neigung. Unsere Neigungen, so meint er, zielen im-
mer auf unser Glück; die Pflicht gebietet hingegen, moralisch zu
handeln. Was ist mit „Pflicht“ gemeint? In Siegfried LENZ’ Roman „Die
Deutschstunde” (1968) werden zwei falsche Begriffe von Pflicht ge-
genüber gestellt: der positivistische Rechtsgehorsam des Vaters in der
Nazi-Zeit, durch den er sich verpflichtet fühlt, das Berufsverbot gegen
einen Maler durchzusetzen, und die innere Nötigung des Sohnes, das
Werk des Malers zu retten, auch als gar keine Gefahr mehr besteht.
KANT meint aber weder die faktischen Pflichten, die eine Gesellschaft
von ihren Mitgliedern verlangt, noch innere Verpflichtungsgefühle, die
durch Erziehung und Sozialisation entstanden sind. Vielmehr geht es
KANT um die durch praktische Vernunft bestimmbaren idealen Pflich-
ten. Zudem muss bei KANT unterschieden werden zwischen Pflichten
im Plural und der Pflicht im Singular. Moralisch im strengen Sinne ist,
wer nicht nur pflichtgemäß handelt (das wäre bloß „Legalität“ oder
Normenkonformität), sondern zusätzlich aus innerer Überzeugung von
der Richtigkeit des Moralischen, also (in KANTs Worten) „aus Pflicht“.
Nach einer ersten Lektüre von KANTs Schriften drängt sich der Ein-
druck auf, dass Neigung und Pflicht niemals konvergieren, weil Nei-
gungen immer empirisch bedingte, also sinnliche Triebkräfte mit
egoistischer Zielsetzung sind. Nur wer sich völlig von seinen Neigun-
gen distanzieren könne, handele aus Pflicht und somit moralisch. Fried-
rich SCHILLER, im Grunde ein großer Verehrer KANTs, hat diese Kritik
auf den Punkt gebracht, unter der Überschrift „Gewissensskrupel“:

77
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

„Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin.“

Wer im KANTischen Sinne moralisch sein will, müsse deshalb, so meint


SCHILLER, die absurde Schlussfolgerung ziehen, seine Freunde, denen
man so gern helfen möchte, zu verachten; deshalb lautet SCHILLERs
„Entscheidung“:

„Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen sie zu verachten,


Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut (= gebietet).“

KANT ist aber keineswegs der Auffassung, dass eine kalte Pflicht sich
immer gegen unsere warmen Gefühle durchsetzen müsse. An dem ent-
sprechenden Missverständnis ist er selbst jedoch nicht unschuldig. Um
besonders klar herauszustellen, was eine Handlung aus Pflicht ist, wählt
er meistens Beispiele, bei denen tatsächlich die Neigungen zurückge-
stellt oder überwunden werden müssen. Es gibt aber auch Neigungen,
die das moralische Handeln unterstützen bzw. mit ihm parallel laufen.
Zudem kann Moralität selbst zur Neigung werden, bei einzelnen durch
gelungene Erziehungsprozesse und unter günstigen gesellschaftlichen
Bedingungen, für alle erst nach menschheitsgeschichtlichen Verände-
rungen. Dennoch besteht, wie übrigens auch im Utilitarismus, eine Dis-
sonanz zwischen individuellen Neigungen und Moral; das ist ja der
Grund, warum die Ethik in eine Philosophie der Lebenskunst und die
Moralphilosophie auseinander gefallen ist. KANT ist, um diesen Punkt
zusammenzufassen, gegen eine Moralphilosophie, die sich am Glück
orientiert; er fordert für den Konfliktfall die Zurückstellung der indivi-
duellen Neigungen zugunsten der Moral; aber er richtet sich nicht gene-
rell gegen unser menschlichen Triebe und Gefühle.

Rigorismusvorwurf Drittens wird KANT Rigorismus vorgeworfen. Er beharre viel zu strikt


auf der unbedingten Einhaltung der Pflichten. Gibt es nicht viele kleine
Situationen im Alltag, in denen man Pflicht auch mal Pflicht und die
Fünf auch mal gerade sein lassen darf? Sicherlich sind wir als Fußgän-
ger verpflichtet, wenn die Ampel auf Rot steht, am Straßenrand stehen-
zubleiben - aber müssen wir das auch, wenn weit und breit kein anderes
Fahrzeug und niemand anderes zu sehen ist? Gibt es darüber hinaus
nicht auch Situationen, in denen sogar wichtige Regeln außer Kraft ge-
setzt werden sollten? Der späte KANT hat das bestritten. In der kleinen
Schrift „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ disku-
tiert er folgendes Gedankenexperiment: Ein Mörder erscheint an meiner
Haustür und fragt nach der Person, die er töten möchte, einem Freund,
den ich beherberge. Muss ich dem Mörder die Wahrheit sagen oder darf
ich ihn anlügen? KANT vertritt die Auffassung, dass Lügen immer und
unter allen Umständen verboten sei. Wie aber das Gedankenexperiment
zeigt, kann es Situationen geben, in denen Lügen moralisch zulässig
sind. Denn wir alle würden wohl sagen, dass in diesem Fall, nämlich zur

78
3.3 Zwei kombinierte Ansätze

Rettung eines Menschenlebens, gelogen werden dürfe. Auch gegenüber


Todkranken, kleinen Kindern und politischen Feinden gilt die Wahr-
heitspflicht nicht uneingeschränkt. KANT kann sich nicht vorstellen,
dass zwei Pflichten (im Beispielfall: die Pflicht, nicht zu lügen, und die
Pflicht, ein Menschenleben zu schützen) miteinander in Konflikt gera-
ten. Zwar sind Pflichtenkollisionen nicht der Normalfall, aber sie kom-
men doch hin und wieder vor, manchmal sogar mit dramatischen
Konsequenzen (vgl. Kapitel 4.2, S.96).

3.3 Zwei kombinierte Ansätze

Viele der gegenwärtig in der Moralphilosophie diskutierten Positionen


kombinieren Gedanken des Utilitarismus und des Deontologismus. Das
soll kurz an zwei der wichtigsten Denker der Praktischen Philosophie
aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts demonstriert werden, ei-
nem Amerikaner, der den utilitaristischen Rahmen sprengte, und einem
Deutschen, der KANTs Moralphilosophie weiterentwickelte. Übrigens
findet bei beiden die Moralphilosophie ihre Vollendung in einer politi-
schen Philosophie.

3.3.1 John RAWLS

1971 veröffentlichte John RAWLS sein epochemachendes Buch „A Urzustand


Theory of Justice”. Berühmt wurde das folgende Gedankenexperiment:
Wir haben die Möglichkeit, eine Gesellschaftsordnung völlig frei fest-
zulegen - allerdings ohne zu wissen, welche Position wir in dieser Welt
einnehmen werden. RAWLS nennt dies den Urzustand, in dem wir hinter
einem Schleier des Nichtwissens zu entscheiden hätten. Dieses Verfah-
ren lässt sich in einer ersten Annäherung an einem einfachen Beispiel
verdeutlichen: Eine Mutter hat für ihre Kinder einen Kuchen gebacken,
von dem alle gern ein großes Stück essen würden. Würde die Mutter
selbst den Kuchen verteilen, hätten wir eine paternalistische (in diesem
Fall korrekter: eine maternalistische) Lösung, die die Kinder ablehnen.
Wie soll man denn vorgehen? Zu einer gerechten Verteilung wird es
kommen, wenn eines der Kinder den Kuchen verteilt, aber selbst als
letztes sich ein Stück nehmen darf. Das verteilende Kind wird peinlich
darauf achten, gleich große Stücke zu schneiden, weil es nicht weiß,
welches am Ende übrig bleibt. Das Beispiel ist jedoch keine exakte
Analogie zu RAWLS’ Gedankenexperiment; treffender ist eine Situati-
on, die auch das Kuchenbacken einschließt. Man müsste also die Auf-
gaben so verteilen, dass für alle der größte Kuchen entsteht und verteilt
werden kann.

79
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

Gerechtigkeits- Nach welchen Prinzipien würden wir diese Gesellschaft gestalten?


grundsätze RAWLS behauptet zu Recht, dass wir uns in einer solchen Situation,
pointiert gesagt, nicht für eine reiche, sondern für eine gerechte Gesell-
schaft entscheiden würden (also nicht für einen möglichst großen Ku-
chen, sondern für einen möglichst gut verteilten). Eine reiche Gesell-
schaft zeichnet sich nämlich oft durch große soziale Unterschiede aus
und hinter dem Schleier des Nichtwissens können wir nicht ahnen, ob
wir zur Oberschicht oder zum Lumpenproletariat gehören werden (also
vielleicht nur wenige Krümel eines ansonsten großen Kuchens abbe-
kommen). Aus Sicht des Utilitarismus, der sich zumindest in seiner po-
sitiven Variante, am Gemeinwohl orientiert, spricht jedoch wenig ge-
gen eine solche Gesellschaftsordnung; deshalb richtet sich RAWLS in
erster Linie gegen ihn und dessen wohlfahrtsökonomischen Fortsetzun-
gen. Nach einer Reihe weiterer Überlegungen kommt RAWLS zu dem
Ergebnis, dass man sich auf folgende Grundsätze einigen würde:

„Erster Grundsatz:
Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher
Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.
Zweiter Grundsatz:
Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen
sein:
a) sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am
wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und
b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer
Chancengleichheit offen stehen.” (RAWLS, Eine Theorie der Gerechtigkeit,
Frankfurt a. M. 1979, S. 336)

Darüber hinaus formuliert RAWLS Vorrangregeln, aus denen hervor-


geht, dass der erste Grundsatz nicht zugunsten des zweiten aufgehoben
werden darf. Denn im ersten Grundsatz sind die Menschenrechte ent-
halten, deren Einschränkung auch nicht mit einem noch so großen
Wohlstand begründet werden darf. Der Hinweis auf einen gerechten
Spargrundsatz bezieht sich übrigens auf Gerechtigkeit gegenüber zu-
künftigen Generationen: Wir sind nicht berechtigt, die uns verfügbaren
Ressourcen so stark auszubeuten, dass die nachfolgenden Generationen
keine Rohstoffe mehr besitzen. Mit seiner Gerechtigkeitstheorie hat
RAWLS eine Renaissance der Politischen Philosophie ausgelöst, viel
Zustimmung, aber auch viel Widerspruch gefunden.

3.3.2 Jürgen HABERMAS

Diskurs Jürgen HABERMAS hat (zusammen mit seinem Mitstreiter Karl-Otto


APEL) den KANTischen Ansatz transformiert. Wie KANT will HABER-
MAS nicht inhaltlich bestimmte moralische Normen oder Werte aus-
zeichnen, sondern nur das Verfahren, mit dem sie gefunden werden

80
3.3 Zwei kombinierte Ansätze

können. Wie KANT vertraut er dabei der praktischen Vernunft, die die
Maximen bzw. Normen auf ihre Allgemeingültigkeit überprüfen soll.
Während aber für KANT die Vernunft ein individuelles Vermögen ist,
ist sie bei HABERMAS immer an inter-individuelle bzw. intersubjektive
Strukturen gebunden. Man spricht deshalb auch von einer kommunika-
tionstheoretischen Transformation des KANTischen Ansatzes. Bei
KANT führt jeder Mensch die Maximenüberprüfung allein durch; bei
HABERMAS kann dies nur gemeinsam mit allen Betroffenen geschehen,
und zwar in einer voraussetzungsreichen Form der Kommunikation, die
von Zeit- wie Handlungszwängen entlastet ist und in der allein die bes-
seren Argumente zählen. HABERMAS nennt eine solche anspruchsvolle
Gesprächsform Diskurs, im speziellen Fall einen praktischen Diskurs.
Das Prinzip von HABERMAS’ Moralphilosophie (von ihm „D” genannt)
lautet also: Es sind nur die Normen legitim, die in einem praktischen
Diskurs die Zustimmung aller Betroffenen finden oder finden könnten.
Er bezeichnet seinen Ansatz deshalb als Diskursethik oder, genauer, als
Diskurstheorie der Moral.

HABERMAS hat mehrere starke Gründe für seinen diskurstheoretischen Gründe für die
Ansatz. Erstens müssen legitime moralische Normen auf alle Betroffe- Diskurstheorie
nen Rücksicht nehmen. Ein allein urteilendes Subjekt wird aber niemals
die Bedürfnisse und Interessen der anderen Menschen kennen. Es reicht
jedenfalls nicht aus, sich bloß gedanklich in diese hineinzuversetzen;
wir sollten sie besser selbst befragen. Zweitens behauptet HABERMAS,
dass der Diskurs eine notwendige Weiterentwicklung unseres alltägli-
chen kommunikativen Handelns ist. Wenn wir uns über eine Situations-
deutung oder einen gemeinsamen Handlungsplan nicht einig sind,
würden wir immer zu dem Koordinations- und Konfliktlösungsmecha-
nismus des Diskurses greifen. Menschliches Zusammenleben sei gar
nicht möglich ohne solche Verständigungsformen. Drittens könne man
nicht ernsthaft gegen einen Diskurs sein. Denn auch Einwände gegen
einen Diskurs können nur in einem solchen vorgetragen werden. Wer
also den Diskurs ablehnt, verwickle sich in einen Widerspruch (vgl. Ka-
pitel 1.2.3, S.22).

Viertens beruht ein Diskurs auf bestimmten Voraussetzungen, die jeder,


der in einen solchen eintritt (und das muss, wie gesagt, jeder, auch der-
jenige, der gegen Diskurse ist), implizit akzeptieren muss. Diese Regeln
sind keine moralischen Normen, besitzen aber doch einen normativen
Gehalt, der die Entscheidungen, die in einem praktischen Diskurs fal-
len, nicht unbeeinflusst lassen wird. Es handelt sich um die folgenden
Argumentationsvoraussetzungen:

1. Niemand darf von der Teilnahme am Diskurs ausgeschlos-


sen werden.
2. Alle Teilnehmer des Diskurses sind gleichberechtigt.

81
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie

3. Jeder Sprecher muss sich ehrlich und authentisch verhalten,


also meinen, was er sagt.
4. Auf niemanden darf irgendeine Art von Zwang ausgeübt
werden. Ausschlaggebend für die Entscheidungsfindung ist
allein die Kraft des besseren Arguments.

Universalisierung Was bei KANT der Kategorische Imperativ war, wird bei HABERMAS zu
einer Argumentationsregel, die die Teilnehmer innerhalb des prakti-
schen Diskurses verwenden. Auch HABERMAS versteht diese als Uni-
versalisierungsgrundsatz und bezeichnet sie abkürzend als „U”. Die
Formulierung lautet:

„Jede gültige Norm muß der Bedingung genügen, daß die Folgen und Nebenwir-
kungen, die sich aus ihrer allgemeinen Befolgung für die Befriedigung der Inter-
essen jedes Einzelnen voraussichtlich ergeben, von allen Betroffenen zwanglos
akzeptiert werden können.“ (HABERMAS, Moralbewußtsein und kommunikatives
Handeln, Frankfurt a. M. 1983, S. 131, vgl. ebd. S. 75 u. 103)

Diese Formel ist wohlüberlegt und wird von HABERMAS in allen Einzel-
heiten erläutert. Ich möchte an dieser Stelle nur auf einen Aspekt hin-
weisen: HABERMAS spricht von den voraussichtlichen „Folgen und
Nebenwirkungen”, akzeptiert also den Konsequentialismus, den wir
beim Utilitarismus kennengelernt haben.

Es dürfte unmittelbar einleuchten, dass beide Konzeptionen, würden sie


denn verwirklicht, zu enormen Umwälzungen der regionalen und glo-
balen Verhältnisse in Politik und Ökonomie führen müssten. Mehr kann
an dieser Stelle über die Gedanken von RAWLS und HABERMAS nicht
ausgeführt werden, allein schon deshalb nicht, weil beide ihre Konzep-
tionen im Laufe der Jahre modifiziert und weiterentwickelt haben.

Aufgaben zum dritten Teil

1. Stellen Sie möglichst in eigenen Worten und in ganzen Sät-


zen die Grundidee des Utilitarismus dar.

2. Erläutern Sie den Unterschied zwischen Handlungs- und


Regelutilitarismus.

3. Erläutern Sie den Unterschied zwischen positivem und


negativem Utilitarismus.

4. Erläutern Sie den Unterschied zwischen Nutzensummen-


und Durchschnittsnutzenutilitarismus.

5. Diskutieren Sie die vorgebrachten prinzipiellen Einwände


gegen den Utilitarismus. Überlegen Sie sich dabei möglichst
eigene Beispiele.

82
3.3 Zwei kombinierte Ansätze

6. Stellen Sie möglichst in eigenen Worten und in ganzen Sät-


zen die Grundidee des Deontologismus dar.

7. Nach den gängigen Interpretationen des Kategorischen


Imperativs scheitern die folgenden Maximen beim Verallge-
meinerungstest. Führen Sie die entsprechende Verallgemei-
nerung gedanklich durch und begründen Sie, warum die
Maximen bei diesem Test durchfallen.
a) Bald werde ich das Gebäude nutzen können, das unser
Verein gerade errichtet. Bisher ist es mir gut gelungen,
mich vor der Mitarbeit zu drükken ...
b) Demokratie ist gut, aber zur Wahl gehe ich nie.
c) In Indien sind viele Eltern der Ansicht, dass weibliche
Embryos abgetrieben werden sollten. Mädchen kosten
bloß Geld und Mitgift. Nur Jungen sind als Nachkom-
men erwünscht.
d) Ich darf anderen Menschen ihr Eigentum wegnehmen.
e) Ich spiele gern Skat, weil es mir durch mein Schummeln
immer gelingt, die anderen zu besiegen.
f) Die Idee der „Kettenbriefe” soll dazu führen, dass man
in kurzer Zeit reich wird: Jeder zahlt einen bestimmten
Geldbetrag an den vorangehenden Briefschreiber und
schickt zugleich den Brief an mehrere andere Personen
weiter. Diese werden ihm dann Geld überweisen und
ihrerseits den Brief weiterschicken.

8. Erläutern Sie, welche Funktion bei RAWLS die Idee des


Urzustands und des Schleiers des Nichtwissens hat.

9. Diskutieren Sie die Grundprinzipien von RAWLS’ Theorie


der Gerechtigkeit.

10. Stellen Sie dar, welche Ideen der Diskursethik von HABER-
MAS zugrunde liegen.

11. Nehmen wir an, es gebe eine Gesellschaft aus drei Personen,
die unterschiedliche Mengen an Gütern erwirtschaften. Wel-
che Güterverteilung ist moralisch am besten? (Die folgen-
den Zahlen geben die Gütermengen an.) Diskutieren Sie die
Frage vom Standpunkt des Utilitarismus und des Deontolo-
gismus.
(a) 1 - 1 - 1 (b) 3 - 3 - 3
(c) 8 - 8 - 1 (d) 7 - 5 - 3

12. Inszenieren Sie als Rollenspiel eine Debatte zwischen einem


Utilitaristen und einem Deontologen.

83
4 Vierter Teil: Offene Fragen

4 Vierter Teil: Offene Fragen

Auf der Tagesordnung stehen nun zwei Probleme, die unabhängig da-
von sind, welcher normativen Grundposition man sich anschließen
möchte. Zum einen reicht, damit moralisch gehandelt wird, eine über-
zeugende Begründung häufig nicht aus; es müssen Beweggründe oder
Triebkräfte hinzukommen (Motivationsproblem). Zum anderen ist mo-
ralisches Handeln aus verschiedenen Gründen oft ein Wagnis oder Ri-
siko. Im Unterschied zu den im zweiten Teil behandelten prinzipiellen
Einwänden kann die Philosophie diese beiden Probleme nur analysie-
ren, aber nicht selbst lösen, weil sie die Realisierung des Moralischen in
der Welt betreffen.

4.1 Das Motivationsproblem

4.1.1 Die Kluft zwischen Gründen und Motiven

Sollen setzt Können voraus; niemand kann zu etwas verpflichtet wer-


den, was ihm gar nicht möglich ist (lat. ultra posse nemo obligatur).
Deshalb erfordert die Allgemeine Ethik, dass wir in einem grundsätzli-
chen Sinne frei sind, also unsere bisherigen Einstellungen und Hand-
lungsweisen ändern können. Ob diese Voraussetzung zutrifft oder ob
wir total durch kausale Ursachen bestimmt sind, ist das Thema der klas-
sischen Debatte über Freiheit und Determinismus, auf die ich hier nicht
eingehen kann. Darüber hinaus darf es keine moralischen Normen ge-
ben, die die menschlichen Fähigkeiten prinzipiell überfordern. So kann
niemand dazu verpflichtet werden, sein gesamtes Hab und Gut den Ar-
men zu schenken - das wäre eine supererogatorische Handlung (vgl.
Kapitel 1.2.1, S.17).

Aber ist nicht vielleicht in einem gewissen Sinne die gesamte Moral für
uns Menschen eine Überforderung? Die Alltagserfahrung zeigt uns,
dass man oft nicht so handelt, wie es die moralischen Überzeugungen
eigentlich verlangen. Es gibt eine Kluft zwischen Theorie und Praxis,
zwischen dem, was man eigentlich weiß, und dem, was man dann tut.
Diese Lücke wird als Motivationsproblem bezeichnet.

Das Problem der moralischen Motivation:


Welche Motive können Menschen bewegen, moralisch zu handeln?

85
4 Vierter Teil: Offene Fragen

Ein Motivationsproblem gibt es offensichtlich nicht nur bei morali-


schen Fragen, sondern beispielsweise auch in Bezug auf Leistungen
und Gesundheit. Alle wissen, dass es besser wäre, mehr Zeit in Prü-
fungsvorbereitungen zu investieren, aber oft kann man sich dazu nicht
überwinden. Alle wissen, dass es gut wäre, sich körperlich mehr zu be-
wegen und vor allem nicht zu rauchen - aber viele tun es dennoch nicht,
weil andere Triebkräfte stärker sind.

Gründe und Motive Wir müssen zwischen Gründen und Motiven unterscheiden. Den Be-
griff „Grund” beziehe ich in unserem Rahmen auf rationale Argumente
für oder gegen bestimmte moralische Aussagen. Jeder von uns kennt
Gründe, kann sich Gründe anhören und zu ihnen Stellung beziehen.
Gründe führen zu Überzeugungen. Motive sind hingegen Beweggründe
oder Triebkräfte, durch die Handlungen in Gang gesetzt werden. Wenn
ich motiviert bin, etwas für meine Gesundheit zu tun, könnte ich bei-
spielsweise meine Ernährung ändern. Wenn Wissen hinzukommt (also
wahre begründete Überzeugungen), kann dies auf die richtige Weise
geschehen. Das lässt sich auf das moralische Handeln übertragen: Kari-
tative Handlungen, etwa für arme Kinder in Afrika, müssen sowohl mo-
tiviert als auch durch Wissen gelenkt sein, damit sie ihren Zweck
erreichen. In manchen Fällen mögen Gründe als Motive wirken; oft
aber müssen wohl Motive zu den Gründen hinzutreten.

Innere und äußere Man unterscheidet generell zwischen von außen und von innen kom-
Motive menden Motiven, extrinsischer und intrinsischer Motivation. Die äuße-
ren Beweggründe können negativer oder positiver Art sein. Der
bekannte Fall negativer extrinsischer Motivation ist die Furcht vor Stra-
fe. Es kann nicht in Frage stehen, dass eine Motivation dieser Art die
stärkste und verlässlichste ist. Das ist einer der Gründe, warum es sinn-
voll ist, die moralischen Normen zu ergänzen durch ein System von
rechtlichen Normen, zu deren Befolgung man sogar durch eine mit dem
Gewaltmonopol versehene Institution gezwungen werden kann (vgl.
Kapitel 2.3, S.47). Etwas schwächer sind informelle Sanktionen wie
Missachtung, Kommunikationsabbruch, Einkommenseinbußen usw.
Positive äußere Motive sind die Aussicht auf eine Gratifikation, eine
Belohnung materieller oder immaterieller Art: Geld, Macht, Ruhm, Eh-
re usw. Übrigens können sich sowohl negative wie positive äußere Mo-
tive auf transzendente Instanzen richten; man denke an die Angst vor
Höllenstrafen und die Hoffnung auf ein ewiges Leben. Wer aus äußeren
Motiven normenkonform handelt, handelt aus der Sicht KANTs nicht im
eigentlichen Sinne moralisch bzw. wertrational, sondern klug bzw.
zweckrational. Besser wäre es in jedem Fall, wenn moralisches Handeln
auch intrinsisch motiviert ist, durch innere Beweggründe - so lautete
auch eines unserer Argumente gegen den Rechtspositivismus (vgl. Ka-
pitel 2.3.3, S.51).

86
4.1 Das Motivationsproblem

Das Problem der moralischen Motivation stellt sich auf mindestens drei 3 Ebenen
Ebenen. Auf der untersten, grundlegenden Stufe muss es eine Motivati-
on geben, sich überhaupt moralisch zu verstehen. Welche Motive sollte
ich haben, mich überhaupt als Angehöriger einer moralischen Gemein-
schaft zu sehen und nicht als radikaler Egoist? Auch wenn ich von den
Gründen, die gegen den Nihilismus und Amoralismus angeführt wer-
den, überzeugt bin, könnte es mir an Motiven mangeln, auch dement-
sprechend zu handeln. Auf der mittleren Ebene geht es um die unter-
schiedlichen normativen Positionen der Ethik. Auch wenn ich von den
Gründen für eine bestimmte moralphilosophische Auffassung über-
zeugt sein sollte, könnte es mir an Motiven mangeln, dementsprechend
zu handeln. Normalerweise wird man in einer bestimmten Weise mora-
lisch sozialisiert; vor allem in vormodernen Gesellschaften wird man
kaum einmal mit Alternativen zur faktisch geltenden Moral konfrontiert
worden sein. Man ist entweder Katholik oder Protestant, Moslem oder
Konfuzianer usw. Welche Motive könnten mich bewegen, meine mora-
lische Gemeinschaft zu verlassen, entgegen meiner moralischen Sozia-
lisation zu handeln, die sich doch in der Regel (bei stabilen Gemein-
schaften) als erfolgreich bewährt haben wird? Das kann man auf die
oben dargestellten philosophischen Konzeptionen übertragen: Gibt es
nicht auch Motive, die einfach dazu führen, dass man entweder Utilita-
rist oder Deontologe ist? Schließlich stellt sich auf der dritten Ebene die
Frage, welche Motive mich in einer bestimmten Situation zum morali-
schen Handeln antreiben. Oft muss man sich schnell entschließen; mei-
stens orientiert man sich einfach an dem, was man immer getan hat oder
was andere in derselben Situation machen. Auch wenn es für mich gute
Gründe für eine bestimmte Handlungsweise geben mag, müssen nicht
doch Motive hinzukommen, die diese Gründe wirksam werden lassen?
Deshalb ist die Motivationslücke bei neuen Problemlagen besonders
groß, beispielsweise bei den Herausforderungen durch die ökologische
Krise.

Die motivationalen Anforderungen für moralisches Handeln sind also Anthropologische


enorm. Viele neigen deshalb zu einer skeptischen Sicht des Motivati- Skepsis
onsproblems, die anthropologisch begründet wird: Normative Prinzipi-
en mögen noch so gut begründet sein, letztlich handelt doch jeder nur in
seinem eigenen Interesse. Der Mensch ist nun einmal ein geborener
Egoist. Man könnte schon froh sein, wenn es ein aufgeklärter oder ra-
tionaler Egoismus ist, also eine langfristige statt einer kurzfristigen Nut-
zenkalkulation. Ob diese Behauptung zutrifft, ist schwer zu überprüfen.
Verschiedene Wissenschaften (von der Biologie über die Psychologie
bis zur Soziologie) beschäftigen sich mit diesem Thema; es gibt keine
anerkannte Theorie moralischer Motivation, die alle Faktoren berück-
sichtigen würde (vgl. Christian THIES: Einführung in die philosophische
Anthropologie. Darmstadt 2004. S. 124-137). Dennoch möchte ich im
Folgenden einige Indizien zusammentragen, die gegen den anthropolo-
gisch verankerten Egoismus sprechen.

87
4 Vierter Teil: Offene Fragen

These: Menschliches Handeln ist nicht nur egoistisch motiviert.

4.1.2 Die Irrationalität des Egoismus

Gefangenendilemma Die erste Überlegung stellt die Rationalität des Egoismus in Frage. Wer
meint, dass Menschen normalerweise egoistisch handeln, hält ein sol-
ches Verhalten meistens auch für strategisch geboten, um die eigenen
Ziele zu erreichen. Daran sind aber massive Zweifel möglich. Die Irra-
tionalität des Egoismus soll ein Gedankenexperiment nachweisen, das
in den letzten Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften für großes Auf-
sehen gesorgt hat. Es ist das berühmte Gefangenendilemma (vgl. zu die-
sem Thema: Robert AXELROD: Die Evolution der Kooperation.
München 52000).

In einer totalitären Gesellschaft werden zwei Personen, A und B, ver-


haftet. Von ihnen sind regime-kritische Äußerungen dokumentiert, auf
die ein Jahr Gefängnis stehen. A und B werden in getrennte Zellen ge-
steckt und einzeln verhört. Man macht ihnen den unberechtigten Vor-
wurf eines Umsturzversuchs, der mit zehn Jahren Gefängnis bestraft
wird. Es gibt jedoch eine Kronzeugenregelung: Wer ein vollständiges
Geständnis ablegt und die Komplizen benennt, kann straffrei ausgehen.
Wenn beide gestehen, entfällt die Kronzeugenregelung und das Ge-
ständnis führt nur zu einer Abminderung der Höchststrafe von zehn auf
acht Jahre. Es gibt also für jeden der beiden Inhaftierten vier Möglich-
keiten, abgestuft nach ihrem „Nutzen”:

• Straffreiheit, wenn man Kronzeuge wird,


• ein Jahr Haft wegen regime-kritischer Äußerungen,
• acht Jahre, wenn beide Beschuldigten gestehen,
• zehn Jahre Haft wegen eines Umsturzversuchs.
• Entscheidungstheoretisch sieht die Situation so aus:

Gefangenendilemma

B
Schweigen Lügen
A Schweigen 1/1 10 / 0
Lügen 0 / 10 8/8

88
4.1 Das Motivationsproblem

Aus kollektiver Sicht ergeben sich drei Möglichkeiten:

1. Die beste Lösung wäre, dass beide Personen schweigen


(zusammen zwei Jahre Haft).
2. Die zweitbeste Lösung ist, dass einer schweigt, der andere
lügt, also die Kronzeugenregelung für sich herausholt
(zusammen zehn Jahre Haft),
3. Die schlechteste Lösung ist, dass beide lügen bzw. beide
nach dem individuellen Nutzenkalkül handeln und den
anderen belasten (zusammen sechzehn Jahre Haft).

Die gesamte Konstruktion hat zwei Pointen: Die erste Pointe ist, dass
die egoistischen Nutzenkalküle in ihrer Addition zur kollektiv schlech-
testen Lösung führen, also dem Gemeinwohl am abträglichsten sind.
Denn wenn beide für sich das Beste herausholen wollen, die Kronzeu-
genregelung, kommt es zu sechzehn Jahren Haft. Das Gegenteil von
dem, was beabsichtigt wurde, träte ein. Die zweite Pointe ist die, dass
die kollektiv beste Lösung auch diejenige ist, die sich aus moralischer
Sicht ergibt. Denn moralisch am besten ist es zweifellos, wenn beide In-
haftierten die Wahrheit sagen, also nicht lügen und nicht unberechtigt
den Anderen belasten. Moralisches Handeln mindert also nicht das Ge-
meinwohl, sondern fördert es.

Warum habe ich dieses Gedankenexperiment so ausführlich darge-


stellt? Weil viele meinen, dass mit ihm die normale Handlungssituation
in komplexen Gesellschaften auf einfache Weise beschrieben ist. Es
lässt sich etwa auf die ökologische Problematik übertragen, wie folgen-
des Beispiel zeigen soll: Wir können unsere Milch in Einweg- oder in
Mehrwegflaschen kaufen. Wenn jeder Einwegflaschen bevorzugt,
wächst der gemeinschaftliche Müllberg immer weiter. Letztlich würde
es sich also für alle empfehlen, Mehrwegflaschen zu verwenden. Den-
noch wird der Einzelne Einwegflaschen bevorzugen, weil das erheblich
bequemer ist und ihm der anwachsende Müllberg nicht ständig vor Au-
gen steht. Wer dennoch zur Minderheit der Mehrwegflaschenbenutzer
gehört, hat somit finanzielle Nachteile und einen größeren zeitlichen
Aufwand. Auch hier gibt es also aus kollektiver Sicht drei Möglichkei-
ten:

1. Die beste Lösung für alle wäre, wenn jeder sich für Mehr-
wegflaschen entscheiden würde.
2. Die zweitbeste Lösung ist, wenn es sowohl Mehrweg- wie
Einwegflaschenbenutzer gibt; aber auf der individuellen
Ebene haben jene, die sich für Mehrwegflaschen entschei-
den, das Nachsehen.

89
4 Vierter Teil: Offene Fragen

3. Die kollektiv schlechteste Lösung ergibt sich aus der Addi-


tion der egoistischen Nutzenkalküle, dem Kauf von Einweg-
flaschen.

Aus moralphilosophischer Sicht zeigt dieses Gedankenexperiment,


dass es folgendes Dilemma gibt: Wenn jeder egoistisch handelt, haben
alle Nachteile. Wenn nur einzelne Personen moralisch handeln, schaden
diese sich selbst. Sowohl der Egoist als auch der moralische Einzel-
kämpfer sind also schlecht beraten. Die beste Lösung sind deshalb mo-
ralische Normen, an denen sich alle orientieren.

Gegenseitigkeit Allerdings ist unser menschliches Zusammenleben kein einmaliges,


sondern ein fortgesetztes (iteriertes) Gefangenendilemma. Wir kom-
men immer wieder in Situationen, in denen wir vor der Alternative ste-
hen: Kooperation oder Schädigung, moralisches oder egoistisches
Handeln. Wie soll ich mich gegenüber Arbeitskollegen, Nachbarn, Ge-
schäftspartnern usw. verhalten, denen ich regelmäßig begegne, auf die
ich in gewisser Weise angewiesen bin, die sich an mich erinnern und die
wie ich keinen konkreten übergeordneten Zwangsnormen unterworfen
sind? In Computersimulationen hat man nachweisen können, dass eine
sehr einfache Strategie am erfolgreichsten ist; man nennt sie tit for tat
(engl. „wie du mir, so ich dir”). Ihre Grundlage ist das oben bereits er-
wähnte Prinzip der Gegenseitigkeit. „Tit for tat“ besteht aus wenigen
einfachen Maximen:

1. Freundlichkeit: Wenn du einer unbekannten Person begeg-


nest, mache immer zuerst ein Kooperationsangebot. Wenn
der Andere auch kooperiert, bleibe konstant freundlich.
2. Zurückschlagen: Reagiert der Andere unfreundlich (also mit
dem Versuch einer Schädigung), dann zögere nicht und
schlage sofort zurück - sonst wirst du ausgebeutet und die
Egoisten breiten sich aus. Aber dein Zurückschlagen muss
exakt dieselbe Stärke haben wie das des Anderen, um spä-
tere Versöhnung zu ermöglichen.
3. Nachsicht: Wenn der Andere daraufhin seine Strategie
ändert und selbst ein Kooperationsangebot macht, zeige
dich nachsichtig und gehe darauf ein.
4. Verständlichkeit: Sei nicht zu kompliziert und zeige immer
deutlich, dass du an der tit-for-tat-Strategie festhalten willst.

Entscheidend für unsere Fragestellung ist, dass eine solche Verhaltens-


strategie der Gegenseitigkeit erfolgreicher ist als egoistische Ansätze.
„Tit for tat“ erbringt auf längere Sicht größere Erträge als brutaler Ego-
ismus (dauerndes Zuschlagen) oder raffinierter Egoismus (geschickte
Ausnutzung). Der Hauptgrund dafür ist, dass menschliches Zusammen-

90
4.1 Das Motivationsproblem

leben kein Nullsummenspiel ist. Schach ist ein Nullsummenspiel: Wenn


einer gewinnt, verliert der andere. Aber in unserer Gesellschaft können
beide Seiten gewinnen, vor allem durch Kooperation. Hingegen wird
derjenige, der egoistisch nur auf den eigenen Erfolg oder seine Überle-
genheit bedacht ist, letztlich hinter anderen zurückstehen oder sich so-
gar selbst schaden. Wenn man die Kooperation sucht, besteht jedoch die
Gefahr, dass man ausgenutzt wird. Deshalb muss man eine Strategie an-
wenden, die Egoisten und Schmarotzer ausgrenzt. Dem dient die zweite
Regel. Mit der dritten Regel werden lernfähige Ex-Egoisten wieder in
die Gemeinschaft aufgenommen; die vierte Regel sorgt dafür, dass sich
die Kooperationswilligen erkennen.

Wer „tit for tat” spielt, ist kein moralischer Held, aber immerhin ein gu-
ter Kooperationspartner und als solcher in einer individualisierten Ge-
sellschaft offensichtlich nicht dem Untergang geweiht. Das ist wenig,
aber besser als gar nichts. Der Egoismus hingegen erweist sich sowohl
im einmaligen wie im fortgesetzten Gefangenendilemma als subopti-
male Lösung.

4.1.3 Nicht-egoistische Motiv

Mit einer zweiten Überlegung wollen wir auf die nicht-egoistischen Po-
tentiale hinweisen, die in jedem Menschen stecken und die ihn, auch
ohne Belehrung über die Irrationalität des Egoismus, zu moralischen
Handlungsweisen motivieren könnten.

Erstens gibt es genügend Beispiele für altruistisches Handeln, also den Altruismus
selbstlosen Einsatz zugunsten anderer oder der Allgemeinheit. Am au-
genfälligsten ist immer wieder der Einsatz von Müttern (oder auch Vä-
tern) für ihre Kinder. Soziobiologen haben nachgewiesen, dass es
solche Verhaltensweisen schon im Tierreich gibt, und zwar als evolu-
tionär bedingte genetische Anlage. Die Pointe der soziobiologischen
Theorie moralischer Motivation ist allerdings, dass ein solcher Altruis-
mus immer näheren Verwandten zugute kommt, weil nur auf diesem
Wege die Weitergabe der Gene gesichert wird. Diese These kann man
allerdings für menschliches Handeln nicht aufrechterhalten, denn unei-
gennütziges Verhalten gibt es auch zugunsten von Personen, mit denen
man nicht verwandt ist. Sicherlich wird nicht jeder begünstigt. Die ent-
scheidende Voraussetzung für einen starken Altruismus, für Hilfs- und
Opferbereitschaft, scheint auch in der menschlichen Welt die Zugehö-
rigkeit zur selben sozialen Gruppe zu sein. Aber an die Stelle der Fami-
lie bzw. der engeren Verwandten können auch Gemeinschaften wie
Nachbarschaften, militärische Einheiten oder religiöse Sekten treten.
Altruistisch handeln darüber hinaus auch die Personen, die sich poli-
tisch für ihre Gesellschaft engagieren, obwohl dies für sie selbst mit

91
4 Vierter Teil: Offene Fragen

persönlichen Nachteilen verbunden sein könnte. Erinnert sei an die Bür-


gerrechtler, die im Herbst 1989 in der DDR gegen das SED-Regime
protestierten. Ohne ein solches politisches Engagement hätte es in der
Menschheitsgeschichte überhaupt keinen Fortschritt gegeben. Dass
sich der soziale Horizont im Laufe der individuellen Entwicklung aus-
weitet, wurde oben schon als eine These der KOHLBERGschen Konzep-
tion dargestellt (Exkurs zu Kapitel 2, S.33). Warum sollte es eine solche
Erweiterung nicht auch in der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung
geben? Noch vor hundert Jahren hat sich jedenfalls in Mitteleuropa
kaum jemand für Seebebenopfer in China, Hungernde in Afrika oder
kriegsbedingtes Leiden in Vorderasien interessiert. Dafür sind nicht nur
die engeren ökonomischen, technischen und organisatorischen Vernet-
zungen verantwortlich, sondern wohl auch das wachsende Bewusstsein,
zu einer Menschheit zu gehören.

Motivloses Handeln Zweitens gibt es kulturell erworbene Verhaltensweisen, die uns im Lau-
fe des Sozialisationsprozesses so in Fleisch und Blut übergegangen
sind, dass sie gleichsam motivlos ablaufen. Wir tun es einfach, ohne
darüber nachzudenken. Beispiele dafür sind bestimmte Automatismen
im Haushalt oder beim Autofahren sowie ein Handeln gemäß gängiger
Höflichkeitsformeln. Auch im moralischen Bereich gibt es solche Ver-
haltensweisen, etwa Handlungen aus Tradition, aus Gewohnheit oder
als standardmäßiges Rollenverhalten innerhalb einer Institution. Neh-
men wir als Beispiel die Hilfe für kranke und alte Personen: Nicht alle,
die sich auf diese Weise engagieren, tun es auf Grund einer rationalen
moralischen Überlegung. In vielen Gesellschaften ist es selbstverständ-
lich, dass man sich auf diese Weise um Familienmitglieder kümmert;
bei anderen ist es anfangs eine bewusste Entscheidung gewesen, die
dann abgesunken ist zu einer Gewohnheit; für dritte ist es schlicht ihr
Beruf.

Tugenden Auf der Seite des Subjekts, gleichsam im Inneren, entspricht solchen
Verhaltensweisen eine charakterliche Disposition, eine Tugend, die uns
von selbst so handeln lässt. Tugendhaftes Handeln ist, wie man heute
auch sagt, habitualisiert (zur Gewohnheit geworden). In früheren Zeiten
gab es ausgearbeitete Kataloge von Tugenden. So kannte die klassische
antike Ethik vier Kardinaltugenden: Weisheit, Besonnenheit, Tapfer-
keit und Gerechtigkeit. Die kurze Liste zeigt, dass es nicht nur morali-
sche Tugenden gibt: Weisheit umfasst mehr als Moral. Besonnenheit ist
eine Tugend vormoralischer Art, denn nicht nur der ethisch inspirierte
Politiker, sondern auch ein Taschendieb muss besonnen vorgehen,
wenn er erfolgreich sein will. Tapferkeit ist ebenfalls eine Sekundärtu-
gend, bei der es darauf ankommt, wofür man sich mutig einsetzt. Wei-
tere typische Sekundärtugenden sind Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und
Zuverlässigkeit. Allein die letzte der vier klassischen Kardinaltugen-
den, Gerechtigkeit, ist eindeutig moralischer Art. Im vierten Buch sei-
ner „Nikomachischen Ethik” hat ARISTOTELES eine Reihe weiterer

92
4.1 Das Motivationsproblem

interessanter Tugenden aufgezählt, unter anderem Freigiebigkeit, Groß-


gesinntheit, Liebenswürdigkeit und Aufrichtigkeit.

Tugenden erwirbt man im Prozess der Sozialisation, durch Gewöhnung


und Übung. Eine wichtige Rolle spielen konkrete Vorbilder, deren Ver-
haltensweisen man unbewusst nachahmt und verinnerlicht (internali-
siert). Tugenden sind vor allem in überschaubaren und stabilen
Gemeinschaften wichtig. Wenn sich eine Gesellschaft jedoch ständig
ändert, wie es in der Moderne der Fall ist, muss man kritisch prüfen,
welche Verhaltensweisen übernommen werden können und welche
nicht. Habitualisiertes Handeln kann zudem oft den Sinn einer konkre-
ten Situation verfehlen; eine Person, der wir prinzipiell die Tugend der
Gerechtigkeit zusprechen würden, kann dennoch im Einzelfall sehr un-
gerecht handeln. Schließlich braucht man Kriterien, um zum einen zwi-
schen moralischen und nicht-moralischen Tugenden, zum anderen
zwischen Tugenden und ihrem Gegensatz, den Lastern, zu unterschei-
den. Ein besonderes Problem stellen Situationen dar, in denen zwei Tu-
genden, etwa Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, in Konflikt geraten.
Das sind einige der Gründe, die dagegen sprechen, die Moralphiloso-
phie (wie es ARISTOTELES tat und in letzter Zeit wieder öfter verlangt
wird) auf den Begriff der Tugend zu stützen. Als Ergänzung zum Utili-
tarismus und Deontologismus ist eine Tugendethik jedoch willkom-
men.

Das dritte Indiz gegen den anthropologischen Egoismus sind morali- Emotionen
sche Affekte. Darunter sind Gefühle zu verstehen, die mit moralischen
Wertungen verbunden sind und soziales Handeln motivieren können.
Sie unterscheiden sich je nach Situation und Rolle: Wenn ich selbst der-
jenige bin, der unmoralisch gehandelt hat, treten bei einer gelungenen
moralischen Sozialisation Gefühle der Schuld und/oder Scham auf.
Wenn ich der Leidtragende der unmoralischen Handlung eines anderen
bin, entsteht Groll auf den Verursacher. Wenn ich eine moralische Si-
tuation als Außenstehender beobachte, regt sich gegenüber dem unmo-
ralisch Handelnden Empörung, für den Betroffenen Mitleid. Insbeson-
dere dieses letzte Gefühl wurde von vielen Philosophen als das
wichtigste Motiv moralischen Handelns betrachtet. Tatsächlich weist
das Mitleid einige interessante Aspekte auf. Zunächst einmal ist es of-
fensichtlich ein spezifisch menschliches Gefühl, denn bei Tieren findet
man es gar nicht, selbst bei den großen Affen nur in Ansätzen. Sodann
überschreitet es den Kreis der Zugehörigkeitsgruppe, ja sogar die Art-
grenze. Ein weinendes Kind muss, um unsere Hilfstätigkeit zu motivie-
ren, nicht mit uns verwandt sein; wir empfinden Mitleid sogar mit Tie-
ren. Schließlich kann das Mitleid sich mit immer mehr Komponenten
anreichern: Die schwächste Form ist kaum mehr als ein kognitives Zur-
Kenntnis-Nehmen fremden Leids, ein distanziertes Bedauern. Dann
kommt die emotionale Anteilnahme. Schließlich tritt zur affektiven
Komponente noch eine motivierende hinzu; man richtet sich nicht nur

93
4 Vierter Teil: Offene Fragen

auf das Leid eines anderen, sondern strebt auch nach dessen Beseiti-
gung. In der vom Christentum propagierten Tugend der Barmherzigkeit
ist das Mitleid habitualisiert. Wie die anderen moralischen Affekte
weist das Mitleid aber einige Schwächen auf: Erstens fungiert es gewis-
sermaßen nur auf Sichtweite. Leiden, das wir nicht sinnlich wahrneh-
men, löst kein Mitleid aus. Zweitens sind Affekte nur begrenzt beein-
fluss- und veränderbar. Denn auch Mitleid vermag Schaden
anzurichten, wenn es nicht rational korrigiert wird: Übertriebenes Mit-
leid kann den Hilfsbedürftigen erniedrigen oder von eigenständigem
Handeln abhalten; zudem richtet es sich manchmal auf den Falschen.
Drittens können wir niemanden zu Mitleid verpflichten; entweder man
spürt es oder nicht. Dennoch ist es für eine moralische Kultur unver-
zichtbar und wohl das stärkste nicht-egoistische Motiv.

Vernunft Viertens ist die praktische Vernunft zu nennen. Im Unterschied zur


egoistischen Zweck-Mittel-Planung, der Zweckrationalität, kann man
auch von Wertrationalität sprechen, der rationalen Orientierung an mo-
ralischen Prinzipien. Die großen Philosophen sind sich über die hand-
lungsmotivierende Kraft der Vernunft uneinig. Die eine Extremposition
vertritt SOKRATES: Er vertraute ganz auf unseren Intellekt: Wer weiß,
was wirklich gut (oder gerecht oder tapfer usw.) ist, wird auch gut (oder
gerecht oder tapfer usw.) handeln. Dabei scheint er jedoch das Phäno-
men der Willensschwäche zu ignorieren. Das beste Beispiel ist der
Süchtige, der genau weiß, was er nicht tun sollte, aber gegen seine Sucht
nicht ankommt. Im Bereich des moralischen Handelns lassen sich leicht
ähnliche Fälle finden. Die andere Extremposition vertritt David HUME,
der einmal schrieb, dass die Vernunft immer nur eine Sklavin unserer
Affekte und Leidenschaften sein könne. Bestenfalls diene sie zur Wahl
der geeigneten Mittel für die Realisierung einer moralischen Handlung.
Psychotherapeuten wissen, dass Vernunftgründe oft nur vorgeschoben
sind. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund FREUD, war jedoch
nicht ganz so skeptisch:

„Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Ver-
gleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch
etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie
ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wieder-
holten Anweisungen, findet sie es doch.” (Sigmund FREUD: Die Zukunft einer
Illusion, 1930. In: ders.: Studienausgabe, Bd. IX, hg. von A. Mitscherlich u.a.
Frankfurt a. M. 1974. S. 135-189, hier 186)

Gewissen Die begrenzte Kraft der praktischen Vernunft zeigt sich an der Rolle des
Gewissens. Das Gewissen ist so etwas wie ein innerer Gerichtshof.
FREUD spricht zu Recht vom Über-Ich, in dem wir äußere Ansprüche,
die vor allem in der frühkindlichen Sozialisation auf uns wirkten, verin-
nerlicht haben. Allerdings ist das Gewissen niemals der bloße Wider-
schein äußerer Zwänge; die Herausbildung des Gewissens im Laufe der
kindlichen Sozialisation erfolgt als Ausgleich zwischen inneren An-

94
4.1 Das Motivationsproblem

sprüchen und äußeren Anforderungen. Auf mindestens zweifache Wei-


se kann die Gewissensbildung misslingen: Entweder ist das Gewissen
so stark, dass man sich selbst und seine eigene Identität völlig aufgibt;
ein solcher moralischer Masochismus wird im Laufe der Jahre notwen-
dig zu Enttäuschungen und Verbitterungen führen. Oder die Anforde-
rungen des Gewissens werden ständig als Überforderungen erlebt, de-
nen man nicht gerecht werden kann; das führt zu Schuldgefühlen, die
ebenfalls die eigene Identität bedrohen. Für unsere Fragestellung ist
wichtig, dass das Gewissen eher als Prüfinstanz (meist negativer Art),
nicht als Triebkraft fungiert. Manchmal ist es aber doch das schlechte
Gewissen, das uns dazu treibt, ein früheres Vergehen wieder gut zu ma-
chen.

Damit ist die Problematik der moralischen Motivation noch nicht aus- Selbstkonzept
geschöpft. Es mag sein, dass jemand über ausreichende Triebkräfte für
moralisches Handeln verfügt. Aber diese kommen nicht zum Zuge, weil
es andere Motive gibt, die sich immer wieder in den Vordergrund drän-
gen. Damit sind gar nicht a- oder anti-moralische Beweggründe ge-
meint, sondern vielmehr Motive aus ganz anderen Bereichen, etwa das
Interesse an der Verwirklichung der eigenen sportlichen, technischen,
kognitiven oder ästhetischen Fähigkeiten. Leistungssportler verletzen
die bestehenden Dopingregeln oder verhalten sich gegenüber Konkur-
renten unfair; Ingenieure und Wissenschaftler riskieren für vermeintli-
che Erkenntnisgewinne das Leben anderer; große Künstler kümmern
sich überhaupt nicht um ihre Mitmenschen oder nutzen sie bloß aus.
Dies alles kann trotz gelungener moralischer Sozialisation passieren.
Zusätzlich ist es also erforderlich, dass die moralischen Motive einen
hohen Stellenwert im komplexen Gefüge der Ich-Identität einer Person
besitzen. Der Moralabsolutismus, von dem oben gesprochen wurde
(vgl. Kapitel 2.1, S.33), muss sich also im Selbstkonzept des Subjekts
widerspiegeln. Es sei wiederholt, dass damit kein lebens- und glücks-
feindlicher Moralismus gepredigt wird. Dass die moralischen Prinzipi-
en gegen andere Ideale ausgespielt werden müssen, wird zum Glück in
stabilen demokratischen Rechtsstaaten selten nötig sein. Es sollte aber
der Fall sein, wenn es um Konflikte und Entscheidungssituationen geht.

Welchen Schluss können wir aus diesen Überlegungen ziehen? Wir Fazit
richteten sie gegen die Auffassung, dass menschliches Handeln prinzi-
piell egoistisch ausgerichtet ist. Dem dienten die Hinweise auf einen
biologisch verankerten Altruismus, habitualisierte Verhaltensweisen,
moralische Affekte und die praktische Vernunft. Dem diente auch der
Nachweis, dass sich egoistisches Verhalten in vielen Situationen, näm-
lich denen analog zum Gefangenendilemma, als unzweckmäßig er-
weist. Trotzdem bleibt die Diskrepanz zwischen moralischen Anforde-
rungen und unserem üblichen Handeln bestehen. Das aber ist sogar ein
Merkmal der Moral: Eine Pflicht wäre keine Pflicht, wenn wir ohnehin
so handeln würden. Sein und Sollen sind nicht identisch. Aber sie klaf-

95
4 Vierter Teil: Offene Fragen

fen auch nicht so weit auseinander, dass das Sollen unerfüllbar ist. Den-
noch wird man realistischerweise wohl zwischen zwei Typen von Nor-
men unterscheiden müssen: Idealnormen, die moralisch gefordert, aber
in unserer Welt nicht zu verwirklichen sind (etwa die Feindesliebe und
andere Gebote aus Jesu Bergpredigt), und Praxisnormen, die für uns
Menschen immer noch schwer genug sind (etwa die Nächstenliebe).

4.2 Die Risiko des moralischen Handelns

Wenn wir moralisch handeln, ist dann alles in Ordnung? Viele Ethiker
waren dieser Ansicht. Tatsächlich aber ist dies keineswegs der Fall.

These:
Moralisches Handeln ist in mehrfacher Hinsicht riskant und unsicher.

Wirklich moralisch? Erstens besteht für niemanden die Sicherheit, tatsächlich in einem mo-
ralischen Sinne richtig gehandelt zu haben. Jedes noch so gut begründe-
te moralische Urteil ist fehlbar; es könnte falsch sein. Das wäre nur
anders, wenn sich moralische Prinzipien, soziale Normen oder konkrete
Handlungen mit absoluter Gewissheit rechtfertigen ließen. Einige Mo-
ralphilosophen halten dies für gegeben, die Mehrheit jedoch nicht. Es
mag eindeutige Fälle geben: Dass man beispielsweise einen anderen
Menschen nicht töten darf, ist zweifellos normativ richtig. Doch selbst
das Tötungsverbot kennt Grenzfälle (Abtreibung und Sterbehilfe) so-
wie Ausnahmen: Notwehr und Nothilfe, Tyrannenmord, legitime poli-
zeiliche und militärische Aktionen usw. Immerhin dürfte Einigkeit
darüber herrschen, dass die Steigerung des bewussten und geplanten
Tötens, der Massenmord, moralisch unzulässig ist. Es gibt wohl kein
Argument, mit dem man ein in Kriegszeiten begangenes Massaker an
der Zivilbevölkerung, etwa die deutschen Verbrechen während des
Zweiten Weltkriegs, rechtfertigen könnte. Umgekehrt ist Hilfe für mög-
liche Opfer solcher Verbrechen moralisch lobenswert und absolut gebo-
ten.

Allerdings stellt sich hier noch ein anderes Problem: Eine solche Hilfe-
leistung ist normativ richtig - aber wissen wir, aus welchen Motiven sie
geschah? War es wirklich, wie KANT verlangen würde, eine Handlung
aus Pflicht - oder handelte der noble Retter vielleicht doch aus zweck-
rationalen Erwägungen bzw. im eigenen Interesse? Von außen lässt sich
das sehr schwer entscheiden. Und auch nicht von innen: Spätestens die
Tiefenpsychologie hat uns darüber belehrt, dass wir uns unserer eigenen
Handlungsmotive nicht gewiss sein können; unser Bewusstsein ist nicht
so transparent, dass wir mit Sicherheit wüssten, ob eine moralische

96
4.2 Die Risiko des moralischen Handelns

Handlung bloß pflichtgemäß (Legalität) oder aus Pflicht (Moralität) ge-


schah.

Zweitens ist nicht auszuschließen, dass wir in moralische Dilemmata Moralische Dilemmata
geraten können. Es mag Fälle geben, in denen beide Seiten gleich gute
Argumente für ihr Urteil vorbringen können. Ein solcher Fall könnte
vielleicht die Abtreibungsproblematik sein. Das Dilemma verschärft
sich, wenn nicht nur über solche strittigen Fälle diskutiert wird, sondern
man bereits auf der Ebene des Handelns angekommen ist. Beispielswei-
se ist in einem Land die Forschung mit embryonalen Stammzellen
(strikt oder weniger strikt) verboten, in einem Nachbarland erlaubt. Die
eine Seite muss sich vorwerfen lassen, nicht genug für schwer leidende
alte Menschen zu tun; die andere Seite muss sich vorwerfen lassen,
sorglos mit menschlichem Leben in einem frühen Entwicklungsstadium
umzugehen. Besonders dramatisch ist es, wenn solche Pflichtenkolli-
sionen in einer Person zusammentreffen. Berühmt ist das von SARTRE
gegebene Beispiel: In der Zeit der deutschen Besetzung steht ein junger
Mann vor der Alternative, sich entweder dem französischen Widerstand
anzuschließen oder die schwerkranke Mutter zu pflegen. Schließlich er-
geben sich moralische Dilemmata für alle diejenigen, die in einer unmo-
ralischen Welt moralisch handeln müssen. Wer etwa in einer totalitären
Gesellschaft lebt, kommt oft nicht darum herum, sich anzupassen, klei-
ne und große Kompromisse zu machen, im Kampf gegen die Herr-
schenden selbst unlautere Methoden anzuwenden usw. Entsprechendes
gilt für die politische Auseinandersetzung mit Feinden, die keine Scheu
haben, Gewalt als Mittel einzusetzen.

Darüber hinaus kann es sogar zu tragischen Situationen kommen. Das Tragische


Selbstverständlich erhebe ich in diesem Rahmen nicht den Anspruch,
den äußerst schwierigen Begriff des Tragischen ausreichend klären zu
können; schon gar nicht geht es um die Literaturgattung der Tragödie,
die allerdings der beste ästhetische Ausdruck des Tragischen ist. Statt-
dessen sei kurz skizziert, inwiefern tragische Situationen eine Steige-
rung moralischer Dilemmata sind. Zunächst einmal ist das Tragische
ein moralisches Phänomen. Eine naturwissenschaftliche Weltsicht, in
der für Werte kein Platz ist, würde es eliminieren; es verschwindet in ei-
nem Kosmos ohne moralische Menschen. Das Tragische gibt es auch
nicht im christlichen Denken, sofern dieses voraussetzt, dass letztlich
das Gute siegt und im Jenseits belohnt wird. Das Tragische muss so-
dann vom Traurigen unterschieden werden. Dass ein junger Mensch
durch einen Verkehrsunfall oder eine Krankheit stirbt, ist traurig. Man
mag darüber hinaus traurig nennen, dass das menschliche Leben über-
haupt endlich und vergänglich ist. Der Verzicht auf Glück zugunsten
der Moral ist noch nicht tragisch, sondern einfach oft erforderlich, also
eine Pflicht. Eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung
für das Tragische ist jedoch das Scheitern einer Person in einem zentra-
len Aspekt ihres Lebens. Nicht jedes Scheitern ist tragisch: nicht die Er-

97
4 Vierter Teil: Offene Fragen

folglosigkeit einer zweckrationalen Handlung, nicht das Misslingen


einer unmoralischen Handlung (über das man sich ja freut), auch nicht
das Scheitern einer moralischen Tat, etwa einer Rettungsaktion. Tra-
gisch ist es jedoch, wenn eine Person bei einer moralischen Handlung
umkommt. Im strengen Sinne tragisch ist ein solcher Untergang jedoch
erst, wenn er bedingt ist durch die Konfrontation mit einer anderen mo-
ralischen Orientierung, die ebenfalls in sich berechtigt ist. Das Parade-
beispiel eines solchen Kampfes zweier Wertordnungen findet sich in
der „Antigone” des SOPHOKLES, im Konflikt zwischen menschlichem
und göttlichem Gesetz, zwischen Gemeinwesen und Familie. Am Ende
kommt es zum Untergang mindestens einer Seite, in den die andere
schuldhaft verstrickt ist. Tragisch ist also allein der notwendige und un-
auflösliche Antagonismus zweier berechtigter moralischer Orientierun-
gen, der zur Zerstörung mindestens einer Seite führt. Abzulehnen ist
allerdings ein Pantragismus, der in allen Handlungssituationen unauf-
lösbare und zerstörerische moralische Konflikte sieht. Das Tragische ist
zum Glück nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme.

Erfolglosigkeit Drittens gibt es keine Garantie dafür, dass moralisches Handeln erfolg-
reich ist. Es gibt genügend schlechte und böse Menschen; die meisten
politischen Systeme entsprechen nicht den Anforderungen, die ein
Rechtsmoralismus stellt (vgl. Kapitel 2.2, S.36). Dementsprechend ist
die menschliche Geschichte voller Niederlagen für das Moralische;
Beispiele für den Sieg des Bösen kann ich mir hier ersparen. Falsch wä-
re aber auch der Umkehrschluss, generell vom Misserfolg des Morali-
schen zu sprechen. In der Regel sind sowohl Optimismus wie
Pessimismus einseitige Sichtweisen. Oft mag man an einer Welt ver-
zweifeln, die das Gute unterliegen lässt; man kann aber auch viele Er-
eignisse aufzählen, in denen dies nicht der Fall war. Insbesondere das
20. Jahrhundert war ein Zeitalter der Extreme, mit allerschlimmsten
Verbrechen, aber auch einigen bedeutsamen Fortschritten: das fast völ-
lige Verschwinden totalitärer Ideologien wie Faschismus und Bolsche-
wismus, die Ausbreitung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (auch
wenn diese kaum irgendwo durchgängig verwirklicht sind), die Eman-
zipation der Frauen, die zunehmende Ächtung von Todesstrafe und Fol-
ter usw. Leider gilt das meiste nur für Europa und wir können von Glück
sprechen, hier und jetzt zu leben. Die Aufgabe für das 21. Jahrhundert
ist es, entsprechende Fortschritte auch in anderen Regionen der Welt
voranzutreiben. Eine Erfolgsgarantie, das war hier der Punkt, kann es
dafür aber nicht geben.

Moral und Glück Das Moralische erweist sich nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene
oft als erfolglos; dies gilt auch für die individuelle Ebene. Das zeigt sich
am Verhältnis von Moral und Glück. Wir haben oben bereits erwähnt
(vgl. Kapitel 1.1.4, S.15), dass die meisten antiken Ethiker der Auffas-
sung waren, moralisches Handeln und Glückseligkeit würden zusam-
menfallen: Der Tugendhafte ist glücklich, der Glückliche ist tugend-

98
4.2 Die Risiko des moralischen Handelns

haft. Diese Zuversicht haben wir lange verloren. Der Weltlauf erweist
sich immer wieder als mitleidlos und ungerecht. Die Guten sind un-
glücklich und unterliegen, die Schlechten (oder gar die Bösen) sind
glücklich und behalten die Oberhand. Der Ehrliche ist nicht immer, aber
oft der Dumme.

Ich habe eine Reihe von Gründen aufgezählt, aus denen moralisches Was darf ich hoffen?
Handeln riskant ist. KANT hat zwar nicht alle der aufgezählten Proble-
me gesehen; beispielsweise wurde von ihm bestritten, dass es Pflichten-
kollisionen geben könne (vgl. Kapitel 3.2.2, S.72). Aber insbesondere
aus dem letzten Problem, dem Missverhältnis von Glück und Moral im
Weltlauf, zog er den Schluss, dass mit der Ethik zwar der höchste Punkt
der Philosophie erreicht sei, aber nicht ihr Ende. Absoluter als der Ka-
tegorische Imperativ könne nichts sein; dennoch sei „Was soll ich tun?”
nicht die letzte philosophische Frage. Es folge noch „Was darf ich hof-
fen?”. Diese Frage ist so zu verstehen: Wenn ich mich immer moralisch
verhalte, darf ich dann hoffen, dass das Gute siegt und auch ich glück-
lich werde? Nach KANTs Auffassung werden wir allein durch morali-
sches Handeln glückswürdig; nur der Moralische hat es verdient,
glücklich zu sein. Aber führt Glückswürdigkeit auch zur Glückselig-
keit? Traditionell wurde auf diese Frage eine religionsphilosophische
Antwort gegeben und noch KANT versucht einen moralischen Gottesbe-
weis. Außerweltliche Hoffnungen sind in der Moderne jedoch nicht
mehr universalisierbar. Es bleiben die innerweltlichen Hoffnungen, die
uns an die Geschichtsphilosophie verweisen: Darf ich hoffen, dass die
Menschheit zum Besseren voranschreitet? KANT war der Auffassung,
dass wir hoffen dürfen auf einen Fortschritt in den Rechtsverhältnissen,
nämlich hin zu einem weltbürgerlichen Zustand, einem Bund von de-
mokratischen Staaten, zwischen denen irgendwann ein „ewiger Frie-
den” möglich sein könnte (vgl. Kapitel 3.2.2, S.72). Hoffentlich sind
dann auch die Individuen glücklicher.

Aufgaben zum vierten Teil

1. Kennen Sie die folgende Situation? Sie wissen, dass Sie auf
eine bestimmte Weise handeln sollten, tun es dann aber doch
nicht. Beschreiben Sie, wie Sie eine solche Situation, einen
solchen Zwiespalt erleben.

2. Konstruieren Sie eine möglichst realistische Situation, die


dem Gefangenendilemma (in seiner einmaligen oder fortge-
setzten Variante) entspricht.

3. Listen Sie alle Faktoren auf, die für ein richtiges morali-
sches Handeln relevant sein könnten.

99
4 Vierter Teil: Offene Fragen

4. Diskutieren Sie, was die grundlegenden Antriebskräfte


menschlichen Handelns sind. Welche Motive halten Sie für
die stärksten?

5. Informieren Sie sich über die soziobiologischen Ansichten


zu Egoismus und Altruismus.

6. Diskutieren Sie die Probleme, die im zweiten Kapitel darge-


stellt wurden. Was kann man tun, damit der moralische
Mensch nicht so oft der Dumme ist?

7. Beschreiben Sie eine tragische Situation, die Ihnen aus der


Literatur (Drama, Roman o.a.) bekannt ist, oder konstruie-
ren Sie selbst eine.

8. Wie ist aus heutiger Sicht die Hoffnung KANTs auf einen
Fortschritt in den Rechtsverhältnissen zu beurteilen?

100
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme

5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme

Der letzte Teil des Lehrbriefs gibt einen kurzen Ausblick auf die Ange-
wandte Ethik und auf einige ihrer Teilprobleme, die Thema anderer
Lehrbriefe sind. Zum Abschluss wird gefragt, was Ethik überhaupt lei-
sten kann.

5.1 Von der Allgemeinen zur Angewandten Ethik

Ein moralisches Urteil allein ist niemals ausreichend. Wir müssen, wie
im vierten Teil ausführlich dargestellt, auch motiviert sein, dementspre-
chend zu handeln. Darüber hinaus gibt es aber noch ein weiteres Pro-
blem: Jedes moralische Handeln findet in einer spezifischen und oft
unübersichtlichen Lebenssituation statt. Wann ist welches moralische
Handeln angemessen? Auf welche Weise können allgemeine morali-
sche Urteile auf besondere Handlungssituationen angewendet werden?
Außer dem Begründungs- und dem Motivationsproblem stellt sich also
in der Moralphilosophie noch das Anwendungsproblem.

Der Begriff der Anwendung kann man auf unterschiedliche Weise ver- Anwendung
stehen. Die erste Weise der Anwendung ist ein theoretischer Akt, den
ich Subsumtion nenne. Darunter versteht man die Unterordnung eines
Einzelfalls unter ein allgemeines Gesetz. Dies geschieht etwa, wenn wir
überlegen, ob wir einen menschlichen Embryo als Lebewesen mit
menschlicher Würde betrachten sollen oder nicht. Eine solche Subsum-
tion liegt im Vorfeld des Handelns und nützt uns für die konkrete prak-
tische Umsetzung wenig. Diese erfordert vielmehr den zweiten Typ der
Anwendung, die ich als Applikation bezeichne; diese betrifft das oben
angesprochene Problem, eine allgemeine Norm in einer besonderen
Handlungssituation zu verwirklichen. Dazu benötigen wir eine beson-
dere Art der praktischen Klugheit, eine praktische Urteilskraft, die nicht
theoretisch erworben werden kann, sondern nur durch Erfahrung und
Übung. In vielen Fällen wird es erforderlich sein, Applikationsproble-
me gesondert zu diskutieren. Nach dem Diskurs, in dem die beste Norm
gefunden und begründet werden soll, muss man also einen weiteren
Diskurs führen, der die angemessene Umsetzung in die Praxis themati-
siert.

Es gibt aber noch eine dritte Weise der Anwendung, die Spezifizierung Angewandte Ethik
allgemein-ethischer oder moralphilosophischer Urteile, die noch vor
der Applikation notwendig ist und also in gewisser Weise zwischen
(allgemeiner) Theorie und (konkreter) Praxis vermittelt. Davon können
wir sprechen, wenn es um moralische Probleme in einem bestimmten
gesellschaftlichen Teilbereich geht, etwa in Politik oder Wirtschaft,

101
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme

Medien oder Bildung, in Medizin und Wissenschaft und im Umgang


mit der Natur oder mit Tieren. Diese Problemfelder sind so komplex,
dass für die entsprechenden Diskussionen eine neue philosophische
Teildisziplin geschaffen wurde. Die Bezeichnungen waren zuerst nicht
einheitlich: Praktische Ethik, anwendungsorientierte Philosophie, pro-
blemorientierte Moralphilosophie, spezielle Ethik und andere Namen
wurden vorgeschlagen. Mit Bezug auf die in den USA unter dem Titel
„Applied Ethics” geführten Debatten hat sich auch im deutschen
Sprachraum schließlich der Ausdruck „Angewandte Ethik” durchge-
setzt.

Geschichte Im Grunde gab es immer schon Angewandte Ethik. Die Klassiker der
Ethik, von ARISTOTELES bis KANT und MILL, haben sich nicht nur mit
Grundlegungsfragen, sondern immer auch mit konkreten Problemen
moralischen Handelns beschäftigt. Wie bei RAWLS und HABERMAS ste-
hen dabei meist Fragen der Politik, des politischen Handelns und der
politischen Ordnung im Vordergrund. Eine gewisse Vorläuferrolle für
die Angewandte Ethik hat die Kasuistik (abgeleitet von lat. casus = der
Fall; ein „casus conscientiae” ist ein ‚Gewissensfall’, der Fall für eine
Gewissensentscheidung). Bereits in der Antike, auch in anderen Hoch-
kulturen gab es solche Erörterungen von problematischen Einzelfällen.
Ihre Blütezeit erlebte die Kasuistik in der katholischen Welt der frühen
Neuzeit. Allerdings warf man ihr bald prinzipienlose Spitzfindigkeiten
vor. Noch KANT hielt jedoch die Kasuistik für notwendig, nicht im Rah-
men der Rechtslehre und bezogen auf die vollkommenen Pflichten, die
uns keinerlei Spielraum lassen, aber bezogen auf die unvollkommenen
Pflichten der Tugendlehre, bei denen es zu Anwendungsproblemen
kommen kann.

Anlässe für die Dennoch hat sich die Angewandte Ethik erst in den letzten zwanzig Jah-
Angewandte Ethik ren als philosophische Teildisziplin etablieren können. Dies ist zum ei-
nen das Ergebnis eines Spezialisierungs- und Differenzierungsprozes-
ses, den wir in allen Wissenschaften beobachten können. Zum anderen
ist es aber auch eine Reaktion auf eine veränderte Welt. Es seien nur
drei Phänomene erwähnt: erstens die Zündung der ersten Atombomben
1945, zweitens die enormen Fortschritte der Biowissenschaften (Ent-
deckung der DNS-Doppelhelix, Entzifferung des menschlichen Ge-
noms usw.) mit ihren möglichen medizinischen Anwendungen und drit-
tens die Diskussionen über prinzipielle Grenzen des ökonomischen
Wachstums, ausgelöst durch den berühmten Bericht an den „Club of
Rome” aus dem Jahr 1972. Interessanterweise hatten Philosophen auf
diese epochalen neuen Phänomene zunächst nicht mit ethischen Über-
legungen reagiert, sondern mit allgemeinen metaphysischen und ge-
schichtsphilosophischen Reflexionen sowie sehr pauschalen, entweder
positiven oder negativen Urteilen zur modernen Technik.

102
5.1 Von der Allgemeinen zur Angewandten Ethik

Wenn man die Entstehung der Angewandten Ethik auf ein Jahr festle- SINGER und JONAS
gen müsste, so würden wir auf das Jahr 1979 stoßen. In diesem Jahr er-
schienen zwei sehr unterschiedliche Bücher, die aber beide schon im
Titel bzw. Untertitel signalisieren, dass sie über die bisherigen Diskus-
sionen der Allgemeinen Ethik hinausgehen. Es sind dies zum einen
„Practical Ethics” (Praktische Ethik) von Peter SINGER und zum ande-
ren „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technolo-
gische Zivilisation” von Hans JONAS. Beide Werke lösten große
Kontroversen aus. SINGERs Thesen wurden auch außerhalb der akade-
mischen Öffentlichkeit heftig diskutiert, denn aus seinem utilitaristi-
schen Grundprinzip zog er beispielsweise radikale Schlussfolgerungen
für unseren Umgang mit Tieren, mit Sterbenskranken und mit schwer
behinderten Neugeborenen. JONAS behauptete, dass für die Lösung der
Probleme einer technischen Zivilisation die Rückkehr zu metaphysi-
schen Fragen und eine Wiederbelebung der aristotelischen Ethik erfor-
derlich seien.

SINGER und JONAS wollten mehrere sehr unterschiedliche Themen der Subdisziplinen der
Angewandten Ethik in einem Buch behandeln. Inzwischen sind jedoch Angewandten Ethik
die Probleme so komplex geworden und die Diskussionen haben sich so
stark verzweigt, dass es gar keine allgemeine Angewandte Ethik mehr
gibt, sondern nur noch deren Subdisziplinen, die sich auf jeweils einen
gesellschaftlichen Bereich beziehen. Im Folgenden seien exemplarisch
einige Themenfelder vorgestellt, insbesondere die, zu denen es im Rah-
men des Fernstudiums an der Universität Rostock eigene Module und
Lehrbriefe gibt.

Einige Subdisziplinen der Angewandten Ethik:


• Umweltethik
• Medienethik
• Wirtschaftsethik

Wir Menschen leben immer mit der Natur, in der Natur und von der Na- Natur
tur. Eine außer-natürliche Existenzweise für Menschen ist unmöglich.
Eine besondere Rolle spielten in diesem Zusammenhang immer die Tie-
re, die als natürliche Feinde bekämpft wurden, die mit den Menschen
lebten oder von denen sie sich ernährten. Moralische Überlegungen
zum menschlichen Verhalten gegenüber Tieren gibt es schon lange; seit
einigen Jahrzehnten hat sich die Tierethik als eigene Subdisziplin er-
folgreich etabliert. Darüber hinaus müssen wir uns aber auch zur Natur
insgesamt verhalten, auch gegenüber der anorganischen Materie. Diese
bilden unsere Umwelt. Grundlegende Fragen der Umweltethik sind:
Welchen moralischen Wert haben Tiere, Pflanzen und die unbelebte
Natur? Wie sollen wir Menschen uns gegenüber einzelnen Lebewesen,

103
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme

gegenüber Populationen und Arten verhalten, aber auch gegenüber öko-


logischen Systemen und der gesamten Biosphäre?

Medien So wie Menschen stets in einer Beziehung zur Natur stehen, gab es in ei-
nem weiten Sinne immer auch schon Medien (Mittler) zwischen uns
Menschen. Das elementarste Medium ist die menschliche Sprache; im
Laufe der Geschichte kamen künstliche Medien hinzu, vor allem die
Schrift und der Buchdruck. Im 20. Jahrhundert haben dann die elektro-
nischen Informations- und Kommunikationsmedien einen unglaubli-
chen Siegeszug angetreten. Dadurch stellen sich neue Probleme des
moralischen Handelns, nicht zuletzt für die Produzenten im Bereich der
Medien. Im Mittelpunkt der Medienethik stehen vor allem Fernsehen,
Rundfunk und Presse, seit einigen Jahren auch das Internet. Dabei geht
die Medienethik über eine deskriptive Medienwirkungs- oder Medien-
nutzungsforschung hinaus. Welche spezifischen moralischen Erforder-
nisse ergeben sich im medienvermittelten Handeln in der modernen
Welt? Nach welchen Normen und Werten sollten Journalisten handeln?
Gibt es auch moralische Prinzipien für die Nutzung von Massenmedi-
en?

Wirtschaft Menschen müssen arbeiten, um sich am Leben zu erhalten; eine Gesell-


schaft ohne Ökonomie kann man sich nicht vorstellen. Allerdings dien-
te wirtschaftliches Handeln immer auch weiterreichenden Zwecken: der
Befriedigung von Luxusbedürfnissen, der politischen Macht, der Her-
stellung einer menschenwürdigeren Welt usw. In vormodernen Zeiten
war alles ökonomische Handeln bestimmt durch die traditionellen
Strukturen von Verwandtschaft, Kultur, Religion und Politik. Erst mit
der Entstehung des modernen kapitalistischen Wirtschaftssystems kop-
pelt sich der ökonomische Sektor von anderen gesellschaftlichen Teil-
bereichen ab; damit verbunden ist oft die Auffassung, diesen als einen
Bereich normfreier Sozialität anzusehen. Seit langem sind wir aber
auch mit den zweifelhaften Konsequenzen der ökonomischen Eigendy-
namik konfrontiert: schweren Wirtschaftskrisen, der Vergrößerung so-
zialer Ungleichheiten, der Zerstörung gewachsener Lebenswelten und
der natürlichen Umwelt, der Monetarisierung aller Handlungsbereiche
usw. Nachdem die Hoffnungen verflogen sind, für diese Probleme eine
gleichsam ökonomie-interne Lösung zu finden, etwa durch sozialisti-
sche Planwirtschaft, haben die Forderungen zugenommen, den Wirt-
schaftssektor unter moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen und
eventuell zu regulieren. Dabei wird oft, wie generell in den Wirtschafts-
wissenschaften, zwischen einer Makro- und einer Mikroebene unter-
schieden, also einer allgemeinen Wirtschaftsethik, die sich auf die
gesamte Volkswirtschaft oder gar die globalisierte Welt richtet, und der
Unternehmensethik. Einige der gestellten moralischen Fragen sind:
Nach welchen normativen Prinzipien sollte das moderne Wirtschaftssy-
stem strukturiert sein? An welche moralischen Prinzipien muss man
sich als Teilnehmer am modernen Wirtschaftsleben halten? Welche

104
5.2 Was kann Ethik leisten?

spezifischen Verpflichtungen habe ich als Unternehmer bzw. als Ar-


beitnehmer sowie als Konsument?

Mehr soll an dieser Stelle zu den einzelnen Themenfeldern und den spe-
zifischen moralischen Problemen, die in ihnen auftreten, nicht gesagt
werden. Das ist Aufgabe anderer Lehrbriefe.

5.2 Was kann Ethik leisten?

Unsere letzte Frage ist, was man überhaupt von einer (Allgemeinen
und/oder Angewandten) Ethik erwarten kann. Wie in anderen Lebens-
bereichen empfiehlt sich auch hier eine realistische Einschätzung zwi-
schen Schwärmerei und Hoffnungslosigkeit, in diesem Fall zwischen
den beiden Extrempositionen, dass durch Ethik die Welt (moralisch)
gut werde oder dass Ethik ohnehin nichts verändern könne. Der Einfluss
der Ethik und der Ethiker mag gering sein, man braucht ihn aber auch
nicht ganz zu leugnen.

Wie schon zu Beginn des Lehrbriefs festgestellt, ist es nicht die Aufga- Aufklärung
be der Allgemeinen Ethik, unser Faktenwissen zu vermehren. Auch
strategisches Handlungswissen wird durch ethische Reflexionen eher
gestört. Die Effekte der Allgemeinen Ethik, wenn man überhaupt so
sprechen darf, liegen auf einer anderen Ebene. Ihr erstes Ziel ist Aufklä-
rung. Das bezieht sich sowohl auf die Objekt- wie die Subjekt-Seite.
Auf der Objekt-Seite geht es um die moralischen Probleme selbst. Die
Ethik kann dazu beitragen, dass wir diese besser analysieren können
oder dass man in bestimmten Handlungssituationen das moralische Pro-
blem als solches überhaupt erst wahrnimmt. Beispielsweise ist es ein
Verdienst der umweltethischen Debatten, viele unsere Verhaltenswei-
sen im Hinblick auf ihre ökologischen Folgen und Nebenwirkungen
problematisiert zu haben; Autofahren und Wasserverbrauch sind mora-
lisch nicht so unschuldig, wie man früher unterstellte. Wer die Welt mit
differenziertem moralischen Blick betrachtet, sieht vieles anders als
vorher. Auf der Subjekt-Seite bedeutet Aufklärung, dass wir uns unsere
eigenen moralischen Einstellungen bewusst machen und diese kritisch
weiterentwickeln. Zu wichtigen allgemein-ethischen Fragen hat wahr-
scheinlich jeder Mensch eine Vormeinung, an die sich eine gründliche
und systematische philosophische Behandlung anschließen lässt. Wenn
man andere moralische Positionen kennenlernt, kann man sich zudem
besser in der Welt orientieren.

Bereits vor über zweihundert Jahren verfasste KANT eine Schrift gegen Praxis
den „Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber
nicht in der Praxis”. Wie in den Naturwissenschaften mag es ein weiter
Weg sein von der Grundlagenforschung bis zu einer möglichen Umset-

105
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme

zung; würde eine solche jedoch gar nicht möglich sein, wäre dies, wie
KANT sagt, ein Skandal. Gerade in demokratischen Gesellschaften mit
einer intakten politischen Öffentlichkeit kann die Allgemeine Ethik si-
cherlich die Entscheidungsfindung bei moralischen Problemen beein-
flussen. Die Diskussionen der letzten Jahre, über die Legitimität
verschiedener militärischer Interventionen, die Chancen und Risiken
der Gentechnik oder einen angemessenen Umgang mit kollektiven Ver-
brechen der Vergangenheit, haben das gezeigt. Schließlich darf man
aber nicht vergessen, dass es eigentlich nicht auf das Denken und Dis-
kutieren ankommt, sondern das Handeln. In diesem Sinne bleibt auch
die berühmte 11. Feuerbach-These von MARX weiter richtig: „Die Phi-
losophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf
an, sie zu verändern.” Konkreter wäre folgende Umformulierung: „Die
Ethiker haben die Welt nur nach verschiedenen Prinzipien moralisch
beurteilt, es kömmt drauf an, moralisch zu handeln.” Glaubwürdig ist
dabei nur derjenige, der so lebt, wie es seinen wohlbegründeten morali-
schen Überzeugungen entspricht. Insofern sind diejenigen, die sich mit
Ethik beschäftigen, als erste selbst verpflichtet, ihren kleinen Beitrag zu
erbringen, um die Welt in moralischer Hinsicht zu verbessern.

Aufgaben zum fünften Teil

1. Stellen Sie dar, welche Probleme es generell bei der Anwen-


dung moralischer Urteile gibt. Denken Sie dabei an die hier
vorgeschlagene Differenzierung zwischen Subsumtion,
Applikation und Spezifizierung.

2. Informieren Sie sich über die drei folgenden Subdisziplinen


der Angewandten Ethik: Umweltethik, Medienethik, Wirt-
schaftsethik.

3. Diskutieren Sie die Einflussmöglichkeiten der Ethik auf


reale gesellschaftliche Prozesse.

4. Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie ein moralisches Anlie-


gen durchsetzen möchten?

106
Anhang - Literaturverzeichnis

Literaturverzeichnis
Mit den Büchern, die in den letzten Jahren zur Ethik erschienen sind,
kann man mehrere Schränke füllen; in allen großen Verlage gibt es Ein-
führungen und Überblicksdarstellungen zur Moralphilosophie, viele
davon in immer neuen Auflagen. Andere sind vergriffen, aber in Biblio-
theken greifbar oder antiquarisch zu erwerben. Aus meiner Sicht sind
die folgenden (deutschsprachigen oder übersetzten) Bücher besonders
geeignet.

Nachschlagewerke und Sammelbände


BIRNBACHER, D./HOERSTER, N. (Hg.): Texte zur Ethik. München 1976 u.ö. (sehr gute
Zusammenstellung von Auszügen aus grundlegenden Werken der Ethik)

DÜWELL, M./HÜBENTHAL, C./WERNER, M. (Hg.): Handbuch Ethik. Stuttgart/Weimar


2002 u.ö. (teuer, aber nahezu vollständiger Überblick über alle Themen der
Ethik)

GREWENDORF, G./MEGGLE, G. (Hg.): Seminar: Sprache und Ethik. Zur Entwicklung


der Metaethik. Frankfurt a. M. 1974 (nur zur Metaethik, anspruchsvoll)

HASTEDT, H./MARTENS, E. (Hg.): Ethik. Ein Grundkurs. Reinbek 1994 u.ö. (guter
Überblick über verschiedene Themen)

HOERSTER, N. (Hg.): Recht und Moral. Texte zur Rechtsphilosophie. Stuttgart 1987
(nur zur Rechtsphilosophie)

HÖFFE, O. (Hg.): Lexikon der Ethik. München 1977 u.ö. (preiswertes Taschenbuch,
geeignet zur ersten Orientierung)

Einführungen in die Moralphilosophie


BIRNBACHER, Dieter: Analytische Einführung in die Ethik. Berlin/New York 2003
(sehr gut, insgesamt die beste Einführung)

FISCHER, Peter: Einführung in die Ethik. München 2003 (mit Kapiteln zur Angewand-
ten Ethik, zu Glück und Sinn)

FRANKENA, William K.: Analytische Ethik. Eine Einführung (engl. 1963, dt. von N.
HOERSTER). München 1972 u.ö. (sehr gut, ein inzwischen fast klassisches
Buch)

HELLER, Bruno: Glück. Ein philosophischer Streifzug. Darmstadt 2004 (sehr guter
Überblick zur Philosophie der Lebenskunst)

LEIST, Anton: Die gute Handlung. Eine Einführung in die Ethik. Berlin 2000

OTT, Konrad: Moralbegründungen zur Einführung. Hamburg 2001 (verständliche


Einführung in die normativen Grundpositionen, ausführlich zur Diskursethik)

PATZIG, Günther: Ethik ohne Metaphysik. Göttingen 1971

107
Anhang - Literaturverzeichnis

PAUER-STUDER, Herlinde: Einführung in die Ethik. Wien 2003 (mit Kapiteln zur fe-
ministischen Ethik und zu NIETZSCHEs Immoralismus)

PIEPER, Annemarie: Einführung in die Ethik. Tübingen ²1991 (sehr differenziert und
inhaltsreich)

QUANTE, Michael: Einführung in die Allgemeine Ethik. Darmstadt 2003 (anspruchs-


voll, Schwerpunkt: metaethische Probleme)

RICKEN, Friedo: Allgemeine Ethik. Stuttgart u.a. 1983 (anspruchsvoll und inhalts-
reich)

SCHULZ, Walter: Grundprobleme der Ethik. Pfullingen 1989

SCHWEPPENHÄUSER, Gerhard: Grundbegriffe der Ethik zur Einführung. Hamburg


²2006 (preiswert und gut)

SPAEMANN, Robert: Moralische Grundbegriffe. München 1982 u.ö. (hervorgegangen


aus improvisierten Rundfunkvorträgen)

WEHOWSKY, Stephan: Gespräche über Ethik. München 1995 (niveauvolles Geplauder


mit namhaften deutschen Ethikern)

WOLF, Jean-Claude/SCHABER, Peter: Analytische Moralphilosophie. Freiburg/Mün-


chen 1998

Zur Geschichte der Ethik


HAUSKELLER, Michael: Geschichte der Ethik, 2 Bde. München 1997ff.

HÖFFE, O. (Hg.): Lesebuch zur Ethik. Philosophische Texte von der Antike bis zur
Gegenwart. München ²1999 (sehr empfehlenswert)

MACINTYRE, Alasdair: Geschichte der Ethik im Überblick. Vom Zeitalter Homers bis
zum 20. Jahrhundert (engl. 1966, dt. von H.-J. MÜLLER). Frankfurt a. M. 1991

PFÜRTNER, S. u.a. (Hg.): Ethik in der europäischen Geschichte, 2 Bde. Stuttgart 1988

PIEPER, A. (Hg.): Geschichte der neueren Ethik, 2 Bde. Tübingen 1992

ROHLS, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen ²1999

SCHMID Noerr, Gunzelin: Geschichte der Ethik. Leipzig 2006

SPAEMANN, R. (Hg.): Ethik-Lesebuch. Von Platon bis heute. München 1987

Grundlegende Texte der gegenwärtigen moralphilosophischen


Diskussionen (in chronologischer Reihenfolge)
ARISTOTELES: Nikomachische Ethik (erhältlich in verschiedenen Ausgaben, beson-
ders empfehlenswert ist die Übersetzung von O. GIGON. München 1972 u.ö.)

108
Anhang - Literaturverzeichnis

EPIKUR: Von der Überwindung der Furcht. Katechismen, Lehrbriefe, Spruchsamm-


lung, Fragmente. München 1983 u.ö.

HOBBES, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bür-
gerlichen Staates (engl. 1651, dt. von W. EUCHNER). Frankfurt a. M. 1984 u.ö.

HÖFFE, O. (Hg.): Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössi-


sche Texte. Tübingen ²1992 (mit Texten von Jeremy BENTHAM, John Stuart
MILL, Henry SIDGWICK, John RAWLS u.a.)

HUME, David: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral (engl. 1751, dt. von
G. STREMINGER). Stuttgart 1984

SMITH, Adam: Theorie der ethischen Gefühle (engl. 1759, dt. von W. ECKSTEIN).
Hamburg 2004

KANT, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785, erhältlich in ver-
schiedenen Ausgaben)

KANT, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft (1788, erhältlich in verschiedenen


Ausgaben)

KANT, Immanuel: Metaphysik der Sitten (1797, erhältlich in verschiedenen Ausga-


ben)

SCHOPENHAUER, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik: Ueber die Freiheit des
menschlichen Willens/Ueber das Fundament der Moral (1839/40, erhältlich in
verschiedenen Ausgaben)

MILL, John Stuart: Über die Freiheit (engl. 1859, dt. von B. LEMKE). Stuttgart 1974
u.ö.

MILL, John Stuart: Der Utilitarismus (engl. 1861, dt. von D. BIRNBACHER). Stuttgart
1976 u.ö.

NIETZSCHE, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse/Zur Genealogie der Moral (1886/
87, jetzt als Bd. 5 der Kritischen Studienausgabe, München 1999)

MOORE, George Edward: Principia Ethica (engl. 1903, dt. von B. WISSER). Stuttgart
1996

SCHELER, Max: Der Formalismus der Ethik und die materiale Wertethik. Neuer Ver-
such der Grundlegung eines ethischen Personalismus (1916, jetzt als Bd. 2 der
Gesammelten Werke, Bern 1966 u.ö.)

WEBER, Max: Politik als Beruf (1919, erhältlich in verschiedenen Ausgaben)

HARTMANN, Nicolai: Ethik. Berlin/Leipzig 1926 u.ö.

HARE, Richard M.: Die Sprache der Moral (engl. 1952, dt. von P. V. MORSTEIN).
Frankfurt a. M. 1972 u.ö.

GERT, Bernard: Die moralischen Regeln. Eine neue rationale Begründung der Moral
(engl. 1966, dt. von W. ROSENTHAL). Frankfurt a. M. 1983 u.ö.

109
Anhang - Literaturverzeichnis

RAWLS, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit (engl. 1971, dt. von H. VETTER). Frank-
furt a. M. 1979 u.ö.

MACKIE, John Leslie: Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen
(engl. 1977, dt. von R. GINTERS). Stuttgart 1981 u.ö.

KUTSCHERA, Franz von: Grundlagen der Ethik. Berlin/New York 1982/²1999

HABERMAS, Jürgen: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt a. M.


1983 (bes. der Aufsatz „Diskursethik - Notizen zu einem Begründungspro-
gramm“, S. 53-125)

APEL, Karl-Otto: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur post-
konventionellen Moral. Frankfurt a. M. 1987

HÖFFE, Otfried: Politische Gerechtigkeit. Grundlegung einer kritischen Philosophie


von Recht und Staat. Frankfurt a. M. 1987 u.ö.

KRÄMER, Hans: Integrative Ethik. Frankfurt a. M. 1992

TUGENDHAT, Ernst: Vorlesungen über Ethik. Frankfurt a. M. 1993

KOHLBERG, Lawrence: Die Psychologie der Moralentwicklung (engl. 1968 bis 1984,
dt. von W. ALTHOF). Frankfurt a. M. 1996

HÖSLE, Vittorio: Moral und Politik. Grundlegung einer politischen Ethik für das 21.
Jahrhundert. München 1997

RIPPE, K. P./SCHABER, P. (Hg.): Tugendethik. Stuttgart 1998 (mit Texten von Philippa
FOOT, Alasdair MACINTYRE, Martha NUSSBAUM u.a.)

Allgemeine Literatur zur Angewandten Ethik


BAYERTZ, K. (Hg.): Praktische Philosophie. Grundorientierungen angewandter Ethik.
Reinbek 1991

JONAS, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische
Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979

JONAS, Hans: Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung.
Frankfurt a. M. ³1990

KETTNER, M. (Hg.): Angewandte Ethik als Politikum. Frankfurt a. M. 2000

PIEPER, A./THURNHERR, U. (Hg.): Angewandte Ethik. Eine Einführung. München


1998

NIDA-RÜMELIN, J. (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoreti-


sche Fundierung. Ein Handbuch. Stuttgart 1996/²2005

PATZIG, Günther: Angewandte Ethik. Gesammelte Schriften, Bd. 2. Göttingen 1993

SINGER, Peter: Praktische Ethik (engl. 1979/²1993, dt. von O. BISCHOFF u.a.). Stutt-
gart ²1994

110
Anhang - Literaturverzeichnis

THURNHERR, Urs: Angewandte Ethik zur Einführung. Hamburg 2000

VIETH, Andreas: Einführung in die Angewandte Ethik. Darmstadt 2006.

Didaktisches
BAURMANN, M./KLIEMT, H. (Hg.): Glück und Moral. Arbeitstexte für den Unterricht,
Sek. II. Stuttgart 1987

ROHBECK, J. (Hg.): Praktische Philosophie. Praxishandbücher Philosophie/Ethik, Bd.


2. Hannover 2003

SÄNGER, M. (Hg.): Verantwortung. Arbeitstexte für den Unterricht, Sek. II. Stuttgart
1991

SANDVOSS, E. (Hg.): Ethik. Arbeitstexte für den Unterricht, Sek. II. Stuttgart 1981

Literaturempfehlung
Siehe Literaturverzeichnis

111
Anhang - Personenregister

Personenregister L
Lenz, Siegfried (*1926) 77
A M
Apel, Karl-Otto (*1922) 80
MacIntyre, Alasdair (*1929) 37
Aristoteles (384-322 v.u.Z.) 17, 19, 92, 93, 102
Marx, Karl (1818-1883) 51, 106
Augustinus, Aurelius (354-430) 53
Mill 59
Mill, James (1773-1836) 62
B Mill, John Stuart (1806-1873) 59, 62, 65, 68
Bacon, Francis (1561-1626) 12 Moore, George Edward (1873-1958) 24
Bentham, Jeremy (1748-1832) 38, 59, 62, 64, Mussolini, Benito (1883-1945) 42
65, 66, 67, 68
Böckenförde, Ernst-Wolfgang (*1930) 51, 52 N
Brecht, Bertolt (1898-1956) 76
Nietzsche, Friedrich (1844-1900) 74
C
P
Churchill, Winston (1874-1965) 23
Cicero, Marcus Tullius (106-43 v.u.Z.) 70 Platon (ca. 428-348 v.u.Z.) 19, 38
Protagoras (ca. 490-410 v.u.Z.) 37

D R
Darwin, Charles (1809-1882) 10, 25
Radbruch, Gustav (1878-1949) 53, 54
Descartes, René (1596-1650) 12, 27
Rawls, John (1921-2002) 79, 102
Rorty, Richard (*1931) 37
E Rousseau, Jean-Jacques (1712-1778) 51, 60,
Epikur (ca. 341-271 v.u.Z.) 17, 61, 66 70

F S
Freud, Sigmund (1856-1939) 94 Sartre, Jean-Paul (1905-1980) 97
Schiller, Friedrich (1759-1805) 77, 78
H Schopenhauer, Arthur (1788-1860) 41
Sokrates (ca. 470-399 v.u.Z.) 14, 37, 65, 94
Habermas, Jürgen (*1929) 80, 81, 82, 83, 102
Sophokles (ca. 496-406 v.u.Z.) 98
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770-1831) 30
Stalin, Jossif (1879-1953) 44
Herodot (ca. 490-425 v.u.Z.) 38
Hitler, Adolf (1889-1945) 42
Hobbes, Thomas (1588-1679) 47, 49, 50, 61 T
Hume, David (1711-1776) 24, 25, 26, 29, 44, Thoreau, Henry David (1817-1862) 54
94 Tolstoi, Leo (1828-1910) 49

J W
Jesus von Nazareth (gest. ca. 30 n.u.Z.) 41 Weber, Max (1864-1920) 76
Jonas, Hans (1903-1993) 103

K
Kant, Immanuel (1724-1804) 6, 15, 16, 38, 51,
53, 59, 68, 70, 96, 105
Kohlberg, Lawrence (1927-1987) 44, 46, 56, 92
Konfuzius (Kong Fu Tse) (ca. 551-479 v.u.Z.) 41
Kropotkin, Peter A. (1842-1921) 49

113
Anhang - Stichwortverzeichnis

Stichwortverzeichnis Lüge 21, 52, 78

M
A Maxime 71, 72, 81, 90
Altruismus 91, 95, 100 Menschenrechte 34, 42, 47, 80
Anarchismus 49, 53 Metaethik 21
Angewandte Ethik 13, 101, 102 Moralität 14, 49, 68, 78, 97
Motivation 6, 48, 85, 86, 91, 95
B Münchhausen-Trilemma 26
böse 18, 98
N
D Naturrecht 47, 53, 70
normativ 16, 20, 21, 37, 41, 47, 59
Deontologismus 6, 59, 70, 76, 79, 83, 93
deskriptiv 20, 21, 24, 32, 37, 41, 56, 70, 104
Dezentrierung 45 P
Diskurs 80, 101 Partikularismus 36, 44
Pflicht(en) 34, 70, 77, 97
E Praktische Philosophie 12, 50
präskriptiv 17, 19
Egoismus 18, 61, 77, 87, 88, 90, 100
evaluativ 18
extrinsisch 20, 48, 86 R
Rechtsmoralismus 54, 98
F Rechtspositivismus 33, 47, 49, 51
Relativismus 6, 33, 36, 37, 41
feministisch 37, 108

G S
Sein-Sollens-Fehlschluss 23, 38, 48
Gefangenendilemma 88, 95
Sitte, Sittlichkeit 13, 37
Gegenseitigkeit 40, 90
Staat 34, 47, 49, 50
Gerechtigkeit 10, 34, 53, 60, 80, 92
supererogatorisch 18, 85
Gesinnungsethik 76
Gewissen 77, 94
Goldene Regel 30, 40 T
transzendental 31, 75
H Tugend 14, 37, 39, 60, 92
Hedonismus 61, 66
hypothetischer Imperativ 16 U
Universalismus, Universalisierung, universali-
I stisch 35, 43, 72, 82
Intentionalismus 59
intrinsisch 20, 86 V
Verantwortungsethik 76
K
kategorischer Imperativ 71 W
Konsequentialismus 59, 82 Widerstand 54, 55, 97

L Z
Lebenskunst 16, 42, 61, 78 ziviler Ungehorsam 54
Legalität 15, 54, 68, 77, 97
Letztbegründung 36

115

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