Allgemeine Ethik
Allgemeine Ethik
Christian Thies
Allgemeine Ethik
Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung in Studium und Weiterbildung
Christian Thies
Allgemeine Ethik
Universität Rostock
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Copyright by Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung
in Studium und Weiterbildung
2006
Erarbeitet von:
Christian Thies
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Universität Rostock
Zentrum für Qualitätssicherung
in Studium und Weiterbildung
Universitätsplatz 1, 18051 Rostock
Tel. +49 381 498 12??
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ..................................................................................................5
III
Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis ...............................................................................107
Personenregister ...................................................................................113
Stichwortverzeichnis .............................................................................115
IV
Einleitung
Einleitung
Die Einleitung gibt einige kurze Hinweise, was in diesem Lehrbrief dar-
gestellt wird und wie man mit diesem am besten arbeiten kann.
Dass Moral etwas ist, mit dem bloß unser sexuelles Verhalten regle- Vorurteile
mentiert werden soll, oder dass Ethik eine weltfremde Beschäftigung
mit Fragen ist, die ohnehin niemanden betreffen, meinen wohl nur noch
wenige Zeitgenossen. Vielmehr ist moralisches Denken und Handeln in
allen Lebensbereichen gefordert: im Alltag, in der Politik, in der Wirt-
schaft, in der Medizin, in der Wissenschaft usw. Das dürften nicht zu-
letzt die vielen öffentlichen Debatten der letzten Jahre gezeigt haben,
etwa über Werte in der Erziehung, die Legitimität militärischer Inter-
ventionen und den Umgang mit menschlichen Stammzellen; sogar ei-
nen Nationalen Ethikrat gibt es schon. Die Frage „Was soll ich tun?”
bewegt uns heutzutage vielleicht mehr als je zuvor; immer öfter wird
zudem verlangt, dass man seine Überzeugungen und Verhaltensweisen
hinreichend begründet. Ethik ist also gefragt, manchmal bloß als Legi-
timation dessen, was ohnehin geschieht, häufig als hilfloser Einspruch
gegen übermächtige globale Tendenzen, aber ebenso oft als ernsthaftes
Nachdenken darüber, wie und warum wir so und nicht anders handeln
sollten. Wer sich mit diesen Fragen gründlich beschäftigen will, sollte
sich an die Instanz wenden, die sich seit nunmehr knapp 2500 Jahren
auf moralische Grundlagenfragen spezialisiert hat: die Philosophie.
Dieser Lehrbrief soll auf ungefähr hundert Seiten in möglichst allge- Systematische
meinverständlicher Sprache und ohne überflüssiges wissenschaftliches Einführung
Beiwerk in die zentralen Probleme der Allgemeinen Ethik einführen.
Meine Darstellungsweise ist nicht historisch, sondern systematisch.
Obwohl historisches Wissen immer wieder einfließt, wird nicht die Ge-
schichte der Ethik dargestellt, auch keine Zusammenfassung der klassi-
schen Bücher geboten. Zudem habe ich mich bemüht, so wenig wie
möglich zu zitieren; nur einige längere Zitate dienen dazu, auch einmal
einige Autoren im Originalton kennenzulernen. Den Schwerpunkt bil-
den vielmehr Gedanken und Argumente, die für gegenwärtige und wohl
auch zukünftige moralische Debatten zentral sind. Weil man keinen
philosophischen Text schreiben kann, ohne zu den behandelten Proble-
men Position zu beziehen, musste ich durchgehend meine eigenen Auf-
fassungen offen legen und begründen. Wenn ich an vielen Stellen „wir”
schreibe, so ist das kein pluralis majestatis, sondern ein pluralis concor-
diae: Ich gehe davon aus, dass wir uns in dem dargestellten Punkt einig
sind. Durchgängig sollen sich die Leser und Leserinnen herausgefordert
fühlen, ihre eigenen Vormeinungen zu überprüfen, in einsamer Reflexi-
on oder in der Diskussion mit anderen.
5
Einleitung
Aufbau des Lehrbriefs Inhaltlich ist der Lehrbrief in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil wird
erläutert, was überhaupt Ethik ist und mit welchen Methoden man in
dieser philosophischen Disziplin wissenschaftlich arbeitet. Diese Kapi-
tel mögen, weil der Lernstoff relativ abstrakt ist, zu den schwierigeren
gehören. Die Grundkonzeption einer modernen Moralphilosophie, die
zu Beginn des zweiten Teils skizziert wird, ruft immer wieder bestimm-
te Einwände hervor; zu den wichtigsten gehören die Behauptungen,
dass Moral immer nur relativ sei und dass man in einer demokratisch le-
gitimierten Rechtsordnung auf Moral verzichten könnte. Beide Kritik-
punkte möchte ich entkräften. Im Mittelpunkt universitärer Ethik-Ein-
führungen stehen meist die moralphilosophischen Grundpositionen, die
ich im dritten Teil vorstelle: der Utilitarismus und der auf KANT zurück-
gehende Deontologismus. Der vierte Teil widmet sich offenen Fragen.
Im Unterschied zu den Einwänden des zweiten Teils handelt es sich hier
nicht um Kritikpunkte, die man zurückweisen muss, um überhaupt mit
ethischen Diskussionen beginnen zu können, sondern um Probleme, die
nicht in der Philosophie gelöst werden können, sondern nur im realen
Leben: das Motivationsproblem und das mit moralischem Handeln ver-
bundene Risiko. Der fünfte Teil wirft einen kurzen Blick auf Anwen-
dungsprobleme und soll so zur Weiterarbeit mit anderen Lehrbriefen
anregen. Im Unterschied zu vergleichbaren Einführungen widme ich
mich insgesamt stärker der Hinführung zu den moralphilosophischen
Kernfragen und einigen Folgeproblemen.
Zielgruppe Denn dieser Lehrbrief wendet sich nicht primär an Personen, die sich an
Universitäten oder Akademien wissenschaftlich mit Ethik beschäftigen
wollen. Zur Zielgruppe rechne ich vielmehr jeden, der sich für morali-
sche Probleme interessiert und sein eigenes Urteil kritisch überprüfen
möchte. Spezielles Vorwissen ist nicht erforderlich, aber sehr wohl die
Bereitschaft, sich mit abstrakten Gedankengängen zu beschäftigen. Da-
bei kann die Allgemeine Ethik zur Vorbereitung und/oder Begleitung
der Beschäftigung mit einer Spezialethik (etwa Umwelt- oder Mediene-
thik) dienen, aber auch allein für sich studiert werden.
Lernziele und Lernziele sind weniger der Erwerb von Faktenwissen (obwohl dies auch
Arbeitsweise nützlich sein mag), sondern in erster Linie die Fähigkeit, moralisch zu
denken, ethische Probleme angemessen zu analysieren und selbständig
ein begründetes Urteil zu fällen. Letzteres kann dem Leser nicht abge-
nommen werden. Ob etwa die gegen den Relativismus vorgebrachten
Argumente überzeugend sind, muss jeder selbst entscheiden; Entspre-
chendes gilt für den Vergleich zwischen Utilitarismus und Deontologis-
mus. Nutzen Sie die am Ende jedes Teils gestellten Aufgaben zur
Selbstkontrolle und zur Vorbereitung auf die Modulprüfung. Einige der
Aufgaben lassen sich nicht allein bearbeiten; suchen Sie sich Diskussi-
onspartner unter Freunden und Kommilitonen. Prinzipiell lernt man ge-
meinsam besser und auch das Philosophieren macht dann mehr Spaß.
Wer den Lernstoff vertiefen und erweitern möchte, sollte auf jeden Fall
6
Einleitung
Beim Schreiben habe ich mich auf Erfahrungen gestützt, die ich erwer-
ben konnte in Ethik-Einführungskursen an verschiedenen Einrichtun-
gen, unter anderem an Fach- und Volkshochschulen, in der
Lehrernachqualifikation des Landes Mecklenburg-Vorpommern sowie
an der Universität Rostock. Gedankt sei an dieser Stelle aus verschiede-
nen Gründen Beatrix Gotthold, Heiner HASTEDT, Ulrike SCHULZ und
Ellen Sommer.
7
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Auf die Frage, was eigentlich unter Allgemeiner Ethik zu verstehen sei,
kann man antworten:
Eine solche Klassifikation ruft sofort die nächste Frage auf: Und was ist
Philosophie? Eine ausführliche Antwort ist an dieser Stelle nicht mög-
lich; wir wollen uns begnügen mit einigen Bemerkungen darüber, wie
in der Philosophie gearbeitet wird. Denn diese methodischen Maßstäbe
gelten auch für die Allgemeine Ethik.
Das Wort „Philosophie” stammt aus dem alten Griechisch und lässt sich Philosophie
mit „Streben nach Weisheit” übersetzen. Obwohl solche etymologi-
schen (wortgeschichtlichen) Erläuterungen nicht immer treffend sind,
kann man in diesem Fall doch zwei Aspekte benennen, die auch heute
noch die Philosophie kennzeichnen.
Der erste knüpft an den Begriff des Strebens an: Zwar gelangt die Phi-
losophie auch zu Ergebnissen und im Laufe ihrer langen Geschichte hat
sich sogar eine gewaltige Menge an Wissen angesammelt. Dennoch ist
Philosophie weniger ein lehrbarer Bestand an Wissen als vielmehr die
engagierte Suche nach Einsichten und Erkenntnissen, eine Suche, die
immer wieder neu begonnen werden muss und die sich nicht beenden
lässt. Kurz gesagt: Philosophie ist eher ein Prozess als ein Resultat.
Dass Philosophieren dabei als geistige Tätigkeit verstanden wird, als
Denken, ist allgemein bekannt. Denken ist nicht das Warten auf spon-
tane Einfälle oder das willkürliche Phantasieren, schon gar nicht ein
stummes Nachvollziehen der Gedanken anderer. Es ist vielmehr eine
9
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Selbstdenken Da uns niemand unser Leben abnehmen kann und sich alle über dieses
manchmal Gedanken machen, kann man sagen, dass im Grunde jeder
Mensch beizeiten philosophiert. Tatsächlich kann es nicht Sinn der Phi-
losophie sein, sich von bedeutenden Denkern der Vergangenheit etwas
über das Wahre und das Gute erzählen zu lassen. Solche Theorien, so
großartig sie sein mögen, sind vielmehr als Expertenäußerungen zu be-
trachten, die wir heranziehen wie ein Gerichtshof das Gutachten eines
Sachverständigen. Denken und vor allem urteilen müssen wir aber im-
mer selbst. Es ist also nicht möglich, vor dem Beginn des Philosophie-
rens sich selbst gleichsam an der Garderobe abzugeben. Das gilt für die
Fragen der Allgemeinen Ethik noch mehr als in anderen philosophi-
schen Teildisziplinen.
10
1.1 Was ist überhaupt Ethik?
Allerdings handelt es sich in der Philosophie um einen besonderen Typ Wissen zweiter
von Wissen. Die anderen Wissenschaften zielen nämlich meistens auf Ordnung
eine Vermehrung unseres Faktenwissens. Philosophische Erkenntnisse
sind jedoch eher ein Wissen über unser Wissen. Dieses Wissen zweiter
Ordnung richtet sich etwa auf die Voraussetzungen und Grenzen des
Wissens erster Ordnung. Während die Physik herausbekommen möch-
te, welchen Gesetzen die Planeten auf ihren Bewegungen um die Sonne
folgen, möchte der Philosoph wissen, wie ein solches Wissen überhaupt
möglich ist. Im Alltag benutzen wir ständig Begriffe wie „Freiheit“ oder
„Glück“; jeder scheint zu wissen, was es damit auf sich hat - die Aufga-
be der Philosophie ist es, diese und viele andere Begriffe grundlegend
zu klären.
Dieses Wissen zweiter Ordnung kann sich kritisch auf das gewöhnliche
Wissen beziehen und bisher kaum bezweifelte Auffassungen erschüt-
tern. Das Ergebnis einer philosophischen Anstrengung ist deshalb häu-
fig, dass man weniger weiß als vorher; auf der Meta-Ebene des Wissens
zweiter Ordnung ist dies selbstverständlich dennoch als Fortschritt zu
bewerten. Besonders abschreckend für jemanden, dem es nur um Wis-
sensvermehrung geht, ist jedoch, dass auch dieses Wissen zweiter Ord-
nung niemals sicher ist - als Philosophen streben wir ja nur nach ihm;
„todsichere” Erkenntnisse sind also von der Philosophie überhaupt
nicht zu erwarten. Alles ist strittig, jedoch nichts beliebig, denn die Ver-
fechter jedweder Auffassung müssen Gründe beibringen können.
11
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Einteilung der In der Philosophie wird also Wissen kritisch reflektiert, entweder Fak-
Philosophie tenwissen oder Handlungswissen. Damit gewinnen wir ein Kriterium,
um die Gesamtheit der Philosophie in zwei Großbereiche zu gliedern,
die Theoretische Philosophie und die Praktische Philosophie. Wie bei
diesen selbstbezüglichen Einteilungen geht es bei philosophischen Dif-
ferenzierungen generell nicht darum, Verschiedenes zu trennen, son-
dern zu unterscheiden. (Sie können gern meinen Kopf von meinem
Rumpf unterscheiden; ich bitte Sie jedoch darum, sie nicht voneinander
zu trennen.) In den meisten Fällen sind die unterschiedenen Dinge in
der Realität miteinander verwoben und vermischt; die Differenzierung
dient nur einem besseren Verständnis. Theoretische und Praktische Phi-
losophie lassen sich also oft nicht eindeutig auseinanderdividieren.
Praktische Die Allgemeine Ethik gehört zur Praktischen Philosophie. Diese ist
Philosophie nicht etwa, wie ein Missverständnis nahe legen könnte, eine praktisch
gewordene Philosophie und somit nicht selbst ein Handeln. Man darf
die Praktische Philosophie nicht mit ihrem Gegenstand verwechseln.
Sie ist auch nicht wichtiger für das menschliche Leben als die Theore-
tische Philosophie. Besonders wirkungsmächtige Philosophen waren
etwa Francis BACON und René DESCARTES, zwei Denker, deren Lei-
stungen eher in der Theoretischen Philosophie liegen; beide haben näm-
lich maßgeblich beigetragen zur Entstehung der modernen Wissen-
schaften, die heute unser Leben bestimmen. Praktische Philosophie ist
genauso theoretisch wie die Theoretische Philosophie, sie hat bloß ei-
nen anderen Gegenstand, nämlich unser Handlungswissen. Dieses be-
zieht sich übrigens nicht nur auf unser Tun, sondern auch auf das Un-
terlassen von Handlungen und die Produkte von Handlungen.
Wiederum geht es nicht um Detailprobleme, sondern um die großen
Fragen, die Grundlagen und Endzwecke menschlichen Handelns über-
haupt.
12
1.1 Was ist überhaupt Ethik?
Die Relevanz dieser Disziplinen für die Ethik wird noch deutlich wer-
den. Am Ende des Lehrbriefes werden wir zudem eine weitere Disziplin
der Praktischen Philosophie kennenlernen: die Angewandte Ethik.
13
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Moral Man macht nichts falsch, wenn man sagt, die Allgemeine Ethik habe
das Moralische zum Gegenstand, Ethik sei die philosophische Theorie
der Moral. Diese Bestimmung ist jedoch nicht klar, weil, wie schon an-
gedeutet, das Wort „Moral” doppeldeutig ist, nämlich Handlungsnor-
men (soziale Regeln) und eine psychische Disposition bezeichnen kann.
Tatsächlich hat der Begriff der Moral aus philosophischer Sicht sogar
drei Bedeutungen:
14
1.1 Was ist überhaupt Ethik?
15
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
keit verschenkt wird, schlage ich vor, den Begriff „Allgemeine Ethik”
als Oberbegriff für zwei Subdisziplinen zu verwenden: die Philosophie
der Lebenskunst und die Moralphilosophie.
Lebenskunst Auch die Philosophie der Lebenskunst fragt: Was soll ich tun? Aber sie
richtet diese Frage auf ein Ziel, das wir in irgendeiner Weise alle haben:
glücklich zu sein. Die Frage lautet also eigentlich: Was soll ich tun, um
glücklich zu werden? Wie sollten wir leben, wenn wir glücklich werden
wollen? Wie man an diesen Formulierungen sehen kann, wird die Ant-
wort (mit KANT gesprochen) ein hypothetischer Imperativ sein: Wenn
du glücklich sein willst, dann solltest du x tun. Die Antworten, die auf
diese Frage(n) gegeben werden könnten, sollen zwar gut begründet
sein, sie sind jedoch eher als Ratschläge zu verstehen. Es handelt sich
also um eine mehr oder weniger wissenschaftlich begründete Anleitung
zum Glücklichsein. Wer diesen Ratschlägen nicht folgt, dem ist nichts
vorzuwerfen, es sei denn, dass man ihm zeigen kann, dass er nicht in
seinem ureigensten Interesse handelt, nämlich Glückschancen verpasst
hat.
Moralphilosophie Die Moralphilosophie hingegen stellt die Frage „Was soll ich tun?”
ohne Einschränkungen und Vorgaben - und seien diese noch so univer-
sal-menschlich wie das Glück. Sie fragt, wie ich auf jeden Fall handeln
sollte, egal ob es meinem Glück dient oder nicht. Die Antworten, die sie
gibt, sind insofern kategorischer Art; KANT meinte sogar, es würde nur
einen einzigen Kategorischen Imperativ geben, allerdings in verschie-
denen Formulierungen und mit möglichen Erweiterungen (vgl. Kapitel
3.2.2, S.72). Die Antworten der Moralphilosophie sind jedenfalls nicht
als Ratschläge oder als hypothetische Urteile zu verstehen, sondern als
unbedingte Gebote und absolute Wertungen. Im Gegensatz zur Philoso-
phie der Lebenskunst, die oft zugesteht, dass ihre Aussagen nicht für al-
le gelten, weil in den Begriff des Glücks historische und kulturspezifi-
sche Elemente eingehen, tritt die Moralphilosophie mit dem Anspruch
auf strenge Allgemeingültigkeit auf. Die Gründe, die für die normativen
Aussagen der Moralphilosophie gegeben werden, müssen prinzipiell
für jeden Menschen guten Willens nachvollziehbar und überzeugend
sein.
Antike Ethik Historisch waren die beiden Themen bis zur frühen Neuzeit nicht ge-
trennt. Es gab in der klassischen Antike zwar sehr unterschiedliche ethi-
sche Konzeptionen; aber die Überzeugung, dass ein glückliches und ein
moralisches Leben zusammenfallen, wurde von fast allen geteilt; her-
ausragende Beispiele solcher zugleich glücks- und moralorientierten
16
1.2 Die Sprache der Moral
Lehren sind die Ethiken von ARISTOTELES, von EPIKUR und von den
Stoikern. In der frühen Neuzeit versuchte man eine Wiederbelebung
dieser Konzeptionen, aber bald setzen sich zwei grundlegende Einsich-
ten durch: Es gibt erstens so unterschiedliche Ideen eines glücklichen
Lebens, dass man sich darüber nicht rational einigen kann. Vor allem
aber kann zweitens des einen Weg zum Glück für den anderen der Weg
ins Unglück sein. Menschen können ihrem Glücksstreben miteinander
in Konflikt geraten. Zudem muss man sich wohl mit der Tatsache abfin-
den, dass es Menschen gibt, die ihr Glück darin finden, anderen Men-
schen zu schaden. Das individuelle Glück und die allgemeine Moral
fallen also auseinander. Wie genau das Verhältnis von Glück und Moral
zu bestimmen ist, kann übrigens als ein Thema der Ethik gelten, das sich
keiner der beiden Subdisziplinen zuordnen lässt. Thema dieses Lehr-
briefes ist jedoch in erster Linie die Moralphilosophie.
1.2.1 Vokabulare
In der Ethik gibt es zwei Typen von Grundbegriffen, die sich zwar nicht Präskriptive Begriffe
ausschließen, aber doch deutlich voneinander unterscheiden. Das erste
Vokabular ist präskriptiv. Das Wort „präskriptiv” kommt vom lateini-
schen Verb „praescribere”, das man mit „vorschreiben” oder „verord-
nen” übersetzen kann. In der präskriptiven Sprache der Ethik gibt es
deshalb Gebote und Verbote. Zwischen dem Gebotenen und dem Ver-
botenen gibt es noch den Bereich des Erlaubten: Man darf es tun, aber
man ist dazu nicht verpflichtet. (Eigentlich müsste man zwischen dem
Erlaubten im engeren und im weiteren Sinne unterscheiden; denn auch
das Gebotene ist selbstverständlich erlaubt. Gemeint ist also das Erlaub-
te im engeren Sinne.) Nach Auffassung vieler Sozialphilosophen zeich-
net sich die moderne Welt dadurch aus, dass sich der Bereich des
Erlaubten stark ausgedehnt hat: Während beispielsweise noch im 18.
Jahrhundert eine Kleiderordnung mit strengen Geboten und Verboten
für die unterschiedlichen Stände galt, ist inzwischen fast alles erlaubt,
kaum etwas verboten oder geboten. Schließlich gibt es noch dasjenige,
17
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Evaluative Begriffe Das zweite Vokabular ist die evaluative Sprache (von lat. valere, das
auch mit „gelten” übersetzt werden kann). Eine Evaluation ist eine Be-
wertung. Grundbegriff aller Bewertungen ist der Ausdruck „gut”. Der
Gegenbegriff zu „gut” ist normalerweise „schlecht”. Zwischen dem Gu-
ten und dem Schlechten liegt der Bereich des Indifferenten. In der mo-
ralischen Sprache kann darüber hinaus der Gegensatz zu „gut”
verschärft werden, nämlich mit dem Begriff „böse”. Man kann folgende
Begriffsbestimmungen verwenden: Gut ist eine Handlung, die nicht pri-
mär dem eigenen Wohl, sondern dem Wohl des Anderen dient (wobei
der Andere eine einzelne Person sein kann, aber auch eine Gruppe oder
sogar die gesamte Menschheit). Solche Handlungen bezeichnen wir
auch als altruistisch. Schlecht ist eine Handlung, die dem eigenen Wohl
auf Kosten des anderen Wohls dient; dann sprechen wir auch von Ego-
ismus. Nach verbreiteter Auffassung sind wir Menschen in unseren Ein-
stellungen und Handlungsweisen sehr stark egoistisch orientiert; wir
werden darauf zurückkommen (vgl. Kapitel 4.1, S.85). Als böse können
wir nach dieser begrifflichen Logik eine Handlung bezeichnen, die
fremdes Leid um seiner selbst willen verursacht: Es geht nicht einmal
um den eigenen Vorteil, vielmehr schadet man sich sogar oft selbst, im
Extremfall bis zur Selbsttötung. Wenn man die bisherigen Begriffe wei-
ter denkt, müsste es auch in der evaluativen Sprache eine Steigerung des
Guten geben; es würde hier das Streben nach dem eigenen Leid um sei-
ner selbst willen sein. Beispiele dafür finden wir etwa bei religiös mo-
tivierten Handlungen von Asketen, Schamanen und Fakiren. Da solche
Handlungen aber nichts mit dem Verhalten gegenüber anderen zu tun
haben, fallen sie aus dem Bereich des Moralischen heraus. Zudem be-
nötigen wir auch deshalb keinen Begriff jenseits des Guten, weil wir
„gut” selbst steigern können, zu „besser” und „am besten” (komparative
Begriffe). Entsprechendes gilt für „schlecht” und „böse”. Trotz gele-
gentlicher Bemühungen ist es allerdings bisher nicht gelungen, die eva-
luative Sprache zu überführen in metrische Begriffe, die eine
Quantifizierung des Guten erlauben würden, wie es etwa der Ökonomie
mit der ‚Sprache’ des Geldes gelungen ist. Die Grundskala der evalua-
tiven Sprache sieht also folgendermaßen aus:
18
1.2 Die Sprache der Moral
19
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Vergleich Ein Vorteil der evaluativen Sprache ist, dass sie die präskriptive Spra-
che integrieren kann: Alle präskriptiven Aussagen lassen sich evaluativ
formulieren. Das gilt aber nicht umgekehrt, denn die positive Bewer-
tung von Gegenständen und Naturphänomenen lässt sich nicht als Ge-
bot formulieren. Der Vorteil der präskriptiven Sprache ist demgegen-
über, dass sie in Sollensaussagen überführbar ist, sich also mit der
Grundfrage der Praktischen Philosophie verbinden lässt: Was verboten
ist, darf man nicht tun; was erlaubt ist, darf man tun; was man tun soll,
ist das, was geboten ist. Hingegen fehlt dieser verpflichtende Charakter
bei der evaluativen Sprache: Etwas kann gut sein, ohne dass es für uns
obligatorisch wäre; deshalb bleiben viele öffentliche Diskussionen über
moralische so unergiebig.
Darüber hinaus sind die beiden Sprachen nicht streng parallel aufge-
baut. Das Gebotene ist nicht immer das Gute. Wenn man beispielsweise
nur die Wahl zwischen zwei schlechten Handlungen hat, die eine aber
noch schlechter ist als die andere, ist im Zweifelsfall die letztere mora-
lisch geboten. Allerdings kann man problemlos beide Vokabulare be-
nutzen. Wenn dies nicht der Fall wäre, hätte ich dieses Kapitel gar nicht
schreiben können.
1.2.2 Aussagetypen
Drei Ebenen Es lassen sich drei Arten von Aussagen unterscheiden, die in der Allge-
meinen Ethik (und in der Moralphilosophie) eine Rolle spielen. Diese
Unterscheidung bezieht sich nicht auf die Gegenstände der Ethik, son-
dern auf die Art und Weise, wie diese thematisiert werden:
(a) metatheoretische Aussagen
(b) deskriptive Aussagen
(c) normative Aussagen
Wenn jemand eine ethische Behauptung aufstellt, sich aber nicht klar
ausdrückt, kann man oft zurückfragen: Wie meinst du das: metatheore-
tisch, deskriptiv oder normativ? Wir können auch von drei Ebenen spre-
chen, auf denen man in der Ethik denkt und forscht:
20
1.2 Die Sprache der Moral
Den für die Ethik zentralen Unterschied von metatheoretischen, de- Beispiel Lüge
skriptiven und normativen Aussagen wollen wir an einem Beispiel er-
läutern: dem Lügen. Eine wichtige metatheoretische Frage lautet: Was
ist überhaupt eine Lüge? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beant-
worten. Lügen sind von Irrtümern und Höflichkeitskonventionen, von
Scherzen und fingierten Sprechakten zu unterscheiden. Folgende Be-
griffsbestimmung könnte zustimmungsfähig sein: Lügen sind erstens
reale sprachliche Handlungen (Sprechakte), ob in mündlicher oder
schriftlicher Form, die sich einem Sprecher zuordnen lassen müssen.
Weder gefärbte Haare noch Aussagen eines Ich-Erzählers in einem Ro-
man sind Lügen. Dieser Sprecher behauptet zweitens etwas, von dem er
meint, dass es falsch ist. Zufälligerweise könnte es doch wahr sein;
trotzdem bleibt es eine Lüge. Drittens tut er dies in einer bestimmten
Absicht, also bewusst: Die anderen sollen etwas für wahr halten, von
dem er selbst annimmt, dass es falsch ist. Diese Differenz zwischen
sprachlicher Äußerung und innerem Fürwahrhalten muss der Sprecher
verbergen. Die Lüge wird viertens für einen bestimmten Zweck einge-
setzt, ist also Teil einer strategischen Handlung. Die vorgelegte Bestim-
mung der Lüge ist „wertfrei”, d.h. noch ohne normative Beurteilung
ihres moralischen Status.
21
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Auf deskriptiven Ebene stellt man sich folgende Fragen: Wie oft lügen
Menschen? Warum lügen sie und über welche Gegenstände? Wodurch
zeichnen sich erfolgreiche Lügen aus? Wäre es möglich, unter be-
stimmten Bedingungen die Anzahl der Lügen zu reduzieren oder ihren
Erfolg zu verbessern? Haben Menschen früher öfter gelogen? Können
auch Tiere lügen? usw. - Auf der normativen Ebene geht es hingegen
um die ethische Beurteilung von Lügen: Sind Lügen generell abzuleh-
nen? Welche Gründe sprechen für die moralische Verwerflichkeit von
Lügen? Welche Zwecksetzungen könnten Lügen legitimieren?
Hierarchie der Ebenen Aus dem Beispiel sollte deutlich geworden sein, dass die normative
Ebene in der Ethik am wichtigsten ist. Allerdings wird man nicht auf die
anderen beiden Ebenen verzichten können. Metatheoretische Vorklä-
rungen sind nötig, um den Gegenstand überhaupt richtig erfassen zu
können. Die deskriptive Ebene ist am unwichtigsten; hier ist das Betä-
tigungsfeld für andere, empirisch verfahrende Wissenschaften: Sozio-
logie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Biologie usw. Ethik ist so-
mit streng zu unterscheiden von Moralsoziologie, Moralpsychologie
usw. Allerdings kann das Wissen, das in diesen Disziplinen erworben
wird, in die Ethik hineinwirken, vor allem über dessen Verarbeitung in
der Anthropologie und in der Sozialphilosophie, die wir oben als Rand-
disziplinen der Praktischen Philosophie bestimmt haben. Wenn nämlich
eine normative Aussage angemessen sein soll, setzt sie korrekte Be-
schreibungen voraus. Das Verhältnis von deskriptiven und normativen
Aussagen gleicht dem von Nachricht und Kommentar in den Medien:
Wenn eine Nachricht nicht die ganze Wahrheit wiedergibt, muss auch
der beste Kommentar dazu korrigiert werden.
1.2.3 Begründungsformen
Eine weitere Aufgabe der Metaethik ist die Analyse von Begründungen
(Argumenten), die in der Ethik vorgebracht werden oder vorgebracht
werden könnten. Argumente sind entweder konstruktiv oder kritisch;
sie dienen entweder der Erzeugung unterstützender Gründe oder der
Entwicklung vorn Einwänden.
22
1.2 Die Sprache der Moral
entlasten wollen? Diese Fragen zielen ins Herz der Allgemeinen Ethik,
ja der Philosophie überhaupt. Deshalb bedürfen sie einer Widerlegung.
Drittens kann man nach der Alternative fragen: Wie soll man sich in
Konfliktfällen und bei bisher unbekannten Problemen denn sonst auf ei-
ne moralische Norm einigen? Mögliche Alternativen wie die Entschei-
dung des Mächtigsten oder die gewaltsame Auseinandersetzung sind
nicht besonders attraktiv. Es gilt das, was CHURCHILL einmal für die
Demokratie formulierte: Die Argumentation ist ein beschwerlicher,
voraussetzungsreicher und unsicherer Weg zur Klärung moralischer
Fragen, aber immer noch besser als alle anderen.
23
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Ich kann nicht umhin, diesen Betrachtungen eine Bemerkung hinzuzufügen, der
man vielleicht einige Wichtigkeit nicht absprechen wird. In jedem Moralsystem,
das mir bisher vorkam, habe ich immer bemerkt, daß der Verfasser eine Zeitlang
in der gewöhnlichen Betrachtungsweise vorgeht, das Dasein Gottes feststellt oder
Beobachtungen über menschliche Dinge vorbringt. Plötzlich werde ich damit
überrascht, daß mir anstatt der üblichen Verbindungen von Wörtern mit „ist” und
„ist nicht” kein Satz mehr begegnet, in dem nicht ein „sollte” oder „sollte nicht”
sich fände. Dieser Wechsel vollzieht sich unmerklich; aber er ist von größter
Wichtigkeit. Dies „sollte” oder „sollte nicht” drückt eine neue Beziehung oder
Behauptung aus, muß also notwendigerweise beachtet und erklärt werden.
Gleichzeitig muß ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbe-
greiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden
kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind. Da die Schriftsteller diese
Vorsicht meist nicht gebrauchen, so erlaube ich mir, sie meinen Lesern zu emp-
fehlen; ich bin überzeugt, daß dieser kleine Akt der Aufmerksamkeit alle
gewöhnlichen Moralsysteme umwerfen und zeigen würde, daß die Unterschei-
dung von Laster und Tugend nicht in der bloßen Beziehung der Gegenstände
begründet ist ... (David HUME: Ein Traktat über die menschliche Natur, 3. Buch:
Über Moral, 1. Teil, 1. Abschnitt, letzter Absatz, 1739/1740, zitiert nach der
Übersetzung von Th. LIPPS, Hamburg 1978, 2. Bd., S. 211f.)
Dazu müssen zwei Anmerkungen gemacht werden: Erstens ist die Un-
terscheidung von deskriptiven und normativen Aussagen eine sehr star-
ke Vereinfachung unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. Welche Aus-
drücke in welchen Zusammenhängen deskriptiv oder normativ
verwendet werden, ist keineswegs immer eindeutig zu entscheiden.
Zweitens gibt es normative Aussagen auch außerhalb der Ethik. Sowohl
die präskriptive wie die evaluative Sprache reichen, wie schon erwähnt,
über den Bereich des Moralischen hinaus. Interessante Beispiele für
24
1.2 Die Sprache der Moral
Die Auswirkungen von HUMEs Verbot sind gewaltig. Man muss nur
daran denken, dass sämtliche Aussagen der Natur-, Sozial- und Ge-
schichtswissenschaften deskriptiv sind. Wissenschaftliche Theorien
mögen sich noch so gut bewährt haben; es wäre ein Fehler, sie zur di-
rekten Begründung von Moral heranzuziehen. Das folgende Beispiel
bezieht sich auf die von DARWIN begründete Evolutionstheorie:
Die ersten beiden Sätze (die beiden Prämissen) sind deskriptive Aussa-
gen; die Schlussfolgerung (Konklusion) ist jedoch eine normative Aus-
sage, die immer in einen Satz mit dem Verb „sollen” umformuliert
werden kann. Der Schluss ist also falsch. Weiterhin werden alle moral-
philosophischen Begründungen hinfällig, mit denen man sich auf die
Prinzipien bezieht, die faktisch in der Gesellschaft in Kraft sind, in dem
man lebt. Ich gebe folgendes Beispiel:
Wiederum sind die beiden Prämissen deskriptiv; die Konklusion ist je-
doch normativ und kann nicht aus den Vordersätzen abgeleitet werden;
das Argument ist also nicht korrekt.
Aus HUMEs Verbot folgt jedoch nicht, dass deskriptive Aussagen in der Gemischter
Ethik überhaupt keine Rolle spielen. Wir haben oben bereits gesagt, Syllogismus
dass deskriptive Aussagen über die Anthropologie und die Sozialphilo-
sophie in die Praktische Philosophie einfließen können. Man kann sie
mit normativen Aussagen in ein korrektes Ableitungsverhältnis brin-
gen, wenn man einen gemischten Syllogismus bildet. Ein Syllogismus
ist ein korrekter (deduktiver) Schluss, bestehend aus drei Aussagen,
25
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Deduktion Die klassische Begründungsform der Logik ist die Deduktion (deducere
- lat. wegführen, herleiten). Wir kennen sie schon, denn sie liegt den
verschiedenen Syllogismen zugrunde. Bei einer deduktiven Begrün-
dung schließt man vom Allgemeinen auf das Besondere. Beispielsweise
kann man aus dem allgemeinen normativen Satz „Es darf keine Lager
geben, in denen Menschen ohne korrekte Gerichtsverfahren festgehal-
ten werden” deduktiv schließen, dass die Nazi-KZs ebenso wie das Ar-
chipel Gulag und das US-Militärgefängnis Guantanamo abzulehnen
sind.
Münchhausen- Deduktive Argumente sind zweifellos formal korrekt, aber die Begrün-
Trilemma dung des Obersatzes kann nicht gelingen. Bei einem entsprechenden
Versuch verwickelt man sich nämlich in das sog. Münchhausen-Trilem-
ma, das schon die antiken Skeptiker, wenn auch nicht unter diesem Na-
men, aufdeckten und im 20. Jahrhundert durch den Kritischen
26
1.2 Die Sprache der Moral
Rationalismus erneuert wurde. Man bezieht sich dabei auf die berühmte
Geschichte des Lügenbarons, der sich am eigenen Schopfe aus dem
Sumpf gezogen hatte. Bei jedem Versuch der deduktiven Begründung
eines moralischen Prinzips gelangt man in eine der drei folgenden Sack-
gassen:
Das ist ein klassischer Zirkelschluss: Der Glaube an Gott und die Bibel
stützen sich also gegenseitig. Die Heiligkeit der Aussagen der Bibel
wird mit dem Glauben an Gott begründet, der Glaube an Gott mit der
Heiligkeit der Aussagen der Bibel.
Das einzige, was dem Deduktivisten in dieser Situation bleibt, ist (c) der
dogmatische Abbruch. Er ist gezwungen, an irgendeiner Stelle zu sa-
gen: Bis hierher und nicht weiter. Irgendeine Aussage wird festgehalten
27
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Dennoch spielen Deduktionen in der Ethik eine Rolle, zwar nicht für die
Begründung der normativen Grundprinzipien, aber für die Ableitung
von speziellen Normen oder die Transformation normativer Aussagen
ineinander. Die korrekten gemischten Syllogismen waren Beispiele für
solche deduktiven Begründungen. Ein anderes Beispiel bezieht sich auf
die oben eingeführten präskriptiven Grundbegriffe:
Induktion Eine zweite Begründungsform ist die Induktion (inducere - lat. hinein-
führen). Diese ist die Umkehrung der Deduktion: Man schließt vom Be-
sonderen auf das Allgemeine. So verfahren wir in der Regel im Alltag.
Wenn wir mehrere Male beobachtet haben, dass nach einem Abendrot
am nächsten Tag schönes Wetter ist, schließen wir auf die allgemeine
Regel, ein Naturgesetz: Nach einem Abendrot folgt am nächsten Tag
schönes Wetter. Dieses Verfahren lässt sich auf die Moralphilosophie
übertragen. Ausgangspunkt ist also ein Einzelfall, eine besondere
Handlung oder Situation, zu der wir ein klares moralisches Urteil ha-
ben. Von diesem Einzelfall und weiteren folgenden Einzelfällen schlie-
ßen wir auf ein allgemeines normatives Prinzip. Ein einfaches Beispiel
ist die schreckliche Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, der von
Deutschland angezettelt wurde und fast ganz Europa in Schutt und
Asche legte. Diese Erfahrung wurde ergänzt durch ähnliche Beobach-
tungen: das Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan mit dem Abwurf
zweier Atombomben, die brutalen Kriege in Algerien, Vietnam, Afgha-
nistan usw. Daraus schlossen die meisten Deutschen und viele Europäer
nach 1945, dass jede militärische Handlung moralisch verwerflich und
abzulehnen sei. Der induktive Schluss funktioniert demnach folgender-
maßen:
28
1.2 Die Sprache der Moral
Das Hauptproblem bleibt aber die Begründung der Prinzipien. Ein Vor- Intuition
schlag lautet, diese intuitiv zu begründen (intuitio - lat. Anschauung).
Eine Intuition ist eine unmittelbare Einsicht, die das Wesen eines Phä-
nomens erfasst. So halten die meisten Menschen eine Vergewaltigung
für moralisch illegitim. Als Begründung wird oft nur gesagt, dass das
doch jedem intuitiv klar sein müsse, unmittelbar einleuchtend (evident).
(Ein anderes, historisches Beispiel gebe ich in Kapitel 2.3.1, S.47) Wir
können jedoch froh sein, dass uns unsere moralischen Intuitionen in den
meisten Fällen nicht trügen. Zudem sind Evidenzen wandelbar; was
lange als intuitiv einsichtig gilt, ist inzwischen längst widerlegt, etwa
die Ablehnung der Homosexualität. Schließlich kann es konträre Evi-
denzen geben. Nehmen wir wieder das obige Beispiel der Erfahrung des
Zweiten Weltkriegs. Mit diesem schrecklichen Ereignis verbanden sich
für viele Deutsche zwei moralische Intuitionen: „Nie wieder Krieg” und
„Nie wieder Auschwitz”. Was ist aber, wenn die beiden Intuitionen in
einen Konflikt miteinander geraten? Das war beim Kosovo-Krieg 1999
der Fall. Die einen argumentierten als Pazifisten gegen jede militärische
Aktion. Die anderen argumentierten, dass nur eine militärische Aktion
29
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
Reflexive Argumente Fünftens sind reflexive Begründungen möglich (reflektieren - lat. zu-
rückbeugen). Diese beziehen sich auf das, was man immer schon aner-
kannt hat und will. Mit einer reflexiven Begründung operiert implizit
die berühmte Goldene Regel. Darunter versteht man den bekannten
Spruch „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem an-
deren zu”. Wer andere darauf hinweist, dass sie die Goldene Regel be-
achten sollen, argumentiert nämlich so: Um zu wissen, was in dieser Si-
tuation moralisch richtig ist, brauchst du dich nicht an irgendwelchen
äußeren Anhaltspunkten zu orientieren; du solltest dich vielmehr zu-
rückbeugen (reflektieren) auf das, was du selbst ohnehin schon aner-
kannt hast. Du willst beispielsweise nicht, dass man dich beleidigt - also
solltest du auch andere nicht beleidigen. Das Problem der Goldenen Re-
gel ist aber, dass sie nur dann funktioniert, wenn die beteiligten Perso-
nen über ähnliche Bedürfnisse und Hintergrundüberzeugungen verfü-
gen, wie es in kleinen und stabilen Gemeinschaften der Fall ist. In
komplexen Gesellschaften ist das, was die Individuen jeweils wollen, so
30
1.2 Die Sprache der Moral
Eine Steigerung der reflexiven Begründungen (und damit der sechste Transzendentale
Typ) sind transzendentale Argumente. „Transzendental” ist ein philo- Argumente
sophischer Fachausdruck, der sich auf Voraussetzungen (Präsupposi-
tionen) bezieht, die wir nicht zufälligerweise machen, sondern die für
uns unhintergehbar und unausweichlich sind. Transzendentale Präsup-
positionen kann keiner bestreiten, ohne sich selbst zu widersprechen.
Zwei Kandidaten für transzendentale Präsuppositionen seien genannt:
Der erste ist das Prinzip der Widerspruchsfreiheit, als Regel formuliert:
„Du sollst dir nicht widersprechen.” Das transzendentale Argument lau-
tet, dass wir, wenn wir das Prinzip der Widerspruchsfreiheit nicht ak-
zeptieren würden, überhaupt kein sinnvolles Gespräch miteinander
führen könnten. Wir wüssten ja nicht, ob der Andere jetzt genau das Ge-
genteil von dem meint, was er vorhin behauptet hatte. Ein zweites Prin-
zip ist nach Meinung vieler Transzendentalphilosophen das Prinzip der
Freiheit. Wenn wir nicht uns selbst und allen anderen unterstellen wür-
den, dass wir freie Wesen wären, müssten wir uns gegenseitig wie Din-
ge oder bestenfalls wie vernunftlose Lebewesen behandeln; dann wäre
es beispielsweise sinnlos, für eine bestimmte moralische Auffassung zu
argumentieren. - Die Tragweite reflexiver und transzendentaler Argu-
mente ist sehr umstritten. Selbst wenn sie für die Begründung von Prin-
zipien verwendbar sind, ist es fraglich, ob man aus ihnen etwas ableiten
kann.
Das muss an dieser Stelle genügen. Ich habe verschiedene Begrün- Fazit
dungstypen vorgestellt, die alle in der Moralphilosophie eine mehr oder
weniger große Rolle spielen. Inhaltliche Aussagen zu den moralischen
Prinzipien wurden noch nicht erörtert. Der gesamte erste Teil hatte die
Aufgabe, die Voraussetzungen moralischen Denkens und Urteilens zu
klären. Die Diskussion über die Grundprinzipien der Moral kann jetzt
beginnen.
31
1 Erster Teil: Einteilungen und Vorklärungen
10. Welche Form der Begründung erscheint Ihnen für die Allge-
meine Ethik und die Moralphilosophie am überzeugendsten
zu sein?
32
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
33
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
34
2.1 Allgemeine Grundzüge der modernen Moral
35
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
Ideale, nicht faktische Es sei noch einmal betont, dass die vier genannten Merkmale der mo-
Geltung dernen Moral sich auf die normative Ebene beziehen; ihnen wird ideale,
nicht faktische Geltung zugesprochen: So soll es sein; es wäre gut, wenn
es so wäre. Jeder weiß, dass auf der deskriptiven Ebene ständig der Ko-
gnitivismus, Moralabsolutismus, Individualismus und Universalismus
verletzt werden, dass also soziale Normen nicht begründet und morali-
sche Werte durch religiöse ausgestochen werden, dass viele Individuen
keine Rechte besitzen und moralische Prinzipien nicht für alle Men-
schen gelten. Aber die Verletzung eines Prinzips, auch sein möglicher
Missbrauch, ist allein kein Argument gegen dessen ideale Geltung.
Dennoch gibt es mehrere sehr ernst zu nehmende Einwände gegen das
Projekt der modernen Moralphilosophie. Zwei dieser Kritikpunkte sei-
en jetzt erörtert.
Das Wort „relativ” kennen wir vor allem als Adverb: ein Kind ist relativ
groß, Rostock liegt relativ nahe an der Ostsee usw. Alle diese Beispiel-
sätze drücken implizit eine Beziehung aus, ein Verhältnis zwischen
zwei Entitäten: Das Kind ist relativ groß im Vergleich zur Mehrzahl sei-
ner Altersgenossen; Rostock liegt näher an der Ostsee als Güstrow usw.
Der entsprechende Gegenbegriff ist „absolut” (unbedingt); insofern
scheint der Relativismus die Gegenposition zum Absolutismus zu sein.
Tatsächlich aber wendet er sich nicht primär gegen den eben erwähnten
Moralabsolutismus. Der Hauptkritikpunkt der Relativisten ist ebenfalls
nicht der Kognitivismus. Allerdings meinen einige Moralphilosophen,
gegen die relativistische Herausforderung helfe nur die absolute Legiti-
mation normativer Prinzipien, also ihre unwiderlegbare und sichere
Rechtfertigung; diese Idee einer Letztbegründung wird jedoch nur von
wenigen vertreten. Vielmehr richten sich die relativistischen Einwände
vor allem gegen den Universalismus der modernen Moral; „Partikula-
rismus” wäre deshalb der treffendere Ausdruck. Der Relativismus be-
hauptet, dass alle Werte und Normen immer in einem konkreten Bezug
gesehen werden müssen zu einer Epoche, einer Gesellschaft, einer so-
zialen Gemeinschaft oder sogar einem Individuum. Wie ich in meinen
Ethik-Kursen öfter zu hören bekam: „Moral ist jedem seine eigene Sa-
che.” Dieser Superindividualismus ist sicherlich übertrieben. Aber ist
Moral nicht doch relativ auf eine soziale Gruppe, ob Geschlecht, Reli-
gion, Kulturkreis oder Sprachfamilie? Dieser sehr ernsten Herausforde-
rung muss sich die Moralphilosophie stellen.
36
2.2 Das Relativismusproblem
Man kann den Relativismus, entsprechend den drei Ebenen der Ethiken, 3 Varianten
in drei Formen vertreten:
37
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
schen Relativismus. Das gilt insbesondere für die Verteidigung des Ar-
gumentierens in der Ethik. - Unsere Aufmerksamkeit richtet sich im
Folgenden also auf die anderen beiden Varianten, die meisten gekoppelt
auftreten.
Vielfalt als Prämisse Zunächst einmal ist der historische Hinweis angebracht, dass die Ethik
die Vielfältigkeit menschlicher Lebensformen nie ignoriert, sondern
immer vorausgesetzt hat. Die Einsicht, dass die Menschen in anderen
Kulturen andere Sitten haben, ist sicherlich ein bedeutsamer Erkennt-
nisfortschritt. Aber er ereignete sich nicht nach, sondern vor der Entste-
hung der philosophischen Ethik. HERODOT, der die unterschiedlichen
Gesellschaften der alten Welt beschrieb, lebte vor PLATON; die Diskus-
sionen um den edlen Wilden und den weisen Chinesen erlebten ihren
Höhepunkt im 18. Jahrhundert, vor der Begründung der universalisti-
schen Moral durch BENTHAM und KANT; in den letzten Jahren haben
die Irak-Kriege 1991 und 2003 die philosophischen Debatten über uni-
versale Konfliktregelungsmechanismen stark vorangetrieben. Nicht nur
die historische, auch die argumentative Voraussetzung der Ethik ist
nicht die Einheit, sondern die Vielfalt: Gerade weil die Menschen so un-
terschiedlich sind, bedarf es sozialer Normen, die ihr Zusammenleben
regeln. Moral sollte kein Instrument sein, Vielfalt zu unterdrücken, son-
dern diese zu ermöglichen, allerdings in Grenzen: Denn derjenige, der
die Vielfalt zerstören will, darf nicht von den Prinzipien, die diese för-
dern wollen, profitieren.
Kampf der Kulturen? Sodann ist das Bild, das der deskriptive Relativismus von der Welt
zeichnet, viel zu schlicht: Es gibt nicht einfach die europäisch-nordame-
rikanische Kultur mit ihren abendländischen Prinzipien, die islami-
38
2.2 Das Relativismusproblem
schen Länder mit ihren sich auf den Koran beziehenden Normen, Indien
mit seinen spezifischen indischen Weltsicht usw. Erstens ist dies eine
idealistische Sicht der Dinge, die die oft sehr viel stärkeren geopoliti-
schen und ökonomischen Bedingungen unterschätzt. In vielen großen
Kriegen der Vergangenheit entsprach die Frontbildung nicht den kultu-
rellen Grenzen; ein Beleg dafür ist die Konstellation des Zweiten Welt-
kriegs. Auch heute ist eine Blockbildung allein nach kulturellen Werten
noch nicht erkennbar. Ebenfalls unterschätzt werden zweitens die inter-
nen Differenzen in den jeweiligen Kulturkreisen. In jeder Gesellschaft
gibt es große Unterschiede, und zwar auf Grund von ökonomischer
Klassenlage, Geschlecht, Altersgruppe, Bildungsgrad, regionalen Dis-
krepanzen (etwa der berühmte Stadt-Land-Gegensatz), religiöser bzw.
konfessioneller Zugehörigkeit usw. Quer zu den kulturellen Unterschie-
den gibt es deshalb manchmal große Gemeinsamkeiten zwischen diesen
Teilgruppen aus verschiedenen Gesellschaften; man denke etwa an ähn-
liche Interessen und Lebensstile der Jugendlichen in ganz verschiede-
nen Ländern der Welt. Die intra-kulturellen Feindseligkeiten sind, wie
die Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten belegen, oft sogar größer
als die inter-kulturellen. Drittens stehen sich die Kulturkreise nicht wie
monolithische Blöcke gegenüber. Überall gibt es Ränder, an denen sie
sich überlappen; allerorten sind wechselseitige Einflüsse zu spüren.
Beispielsweise gehören zur islamischen Welt so unterschiedliche Län-
der wie die Türkei, Saudi-Arabien, Pakistan und Indonesien. Islami-
sche, westliche und originär-nationale Faktoren haben in diesen
Ländern ganz unterschiedliches Gewicht. Schließlich leben wir alle, ob
wir wollen oder nicht, in einer Welt, mit Risiken, die alle bedrohen
(Atomkrieg, Treibhauseffekt, ökonomische Krisen usw.). Es gibt be-
reits die Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Men-
schenrechte sowie viele andere Institutionen und Deklarationen.
Schließlich fragt sich, ob die Unterschiede, die man zwischen Kulturen Kulturelle
feststellt, nicht doch eher ein Oberflächenphänomen sind, das wenig- Universalien?
stens teilweise auf fundamentalen Gemeinsamkeiten beruht. Dem Besu-
cher eines anderen Landes fallen zunächst die Unterschiede auf; nach
längerem Aufenthalt bemerkt man aber auch grundlegende Gemein-
samkeiten, die sich nur in anderer Form ausdrücken. Sicherlich unter-
scheiden sich soziale Gemeinschaften in vielen konkreten moralischen
Normen, etwa in der Sexualmoral, in den Erziehungsmethoden usw.
Die Rangfolge der unterschiedlichen moralischen Werte unterscheidet
sich; in manchen Kulturen haben Pünktlichkeit und Höflichkeit einen
sehr hohen Wert, in anderen nicht. Aber sind dies nicht nur abgeleitete
Normen bzw. sekundäre Tugenden? Sind die Unterschiede im Bereich
der moralischen Prinzipien, um die es der Philosophie vor allem gilt,
wirklich ebenfalls so groß? Viele Unterschiede lassen sich durch ökolo-
gische und ökonomische Rahmenbedingungen erklären. Ein Beispiel ist
der Umgang mit alten, nicht mehr arbeitsfähigen Personen: Diese wer-
den in einigen Kulturen getötet, in anderen leben sie hoch verehrt im Fa-
39
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
Goldene Regel Ein Beispiel sei etwas ausführlicher dargestellt, nämlich die universale
Verbreitung der Goldenen Regel. Deren negative Formulierung lautet,
wie bereits erwähnt (vgl. Kapitel 1.2.3, S.22), „Was du nicht willst, das
man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”. Als solche finden wir sie
in allen menschlichen Hochkulturen. Ethnologen haben das erklärt mit
dem anthropologisch tief verankerten Prinzip der Gegenseitigkeit (Re-
ziprozität, vgl. Kapitel 4.1.2, S.88). Dieses ist die Grundlage vieler
menschlicher Einrichtungen, etwa der ökonomischen Institution des
Tausches, der juristischen Institution des Vertrags, des strafrechtliches
Prinzips „Auge um Auge, Zahn um Zahn”, der religiösen Praxis des Op-
fers (für das man ja von den Göttern eine Gegenleistung erwartet), der
Idee der Gastfreundschaft (wenn du bei mir willkommen bist, wirst du
auch mich oder meine Angehörigen beherbergen) usw. Die Goldene
Regel kann als eine Weiterentwicklung solcher Gegenseitigkeitsregeln
zu einem moralischen Prinzip angesehen werden.
Aus dem alten Ägypten stammt die folgende Weisheit, die die Goldene
Regel pragmatisch begründet: „Tue niemandem etwas Böses an, um
40
2.2 Das Relativismusproblem
Zi Gong fragte den KONFUZIUS: „Gibt es ein Wort, das ein ganzes Leben lang als
Richtschnur des Handelns dienen kann?”
KONFUZIUS antwortete: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme’. Was man dir
nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.” (ebd., 53; vgl.
KONFUZIUS: Gespräche (Lun-yu), übs. von R. MORITZ. Stuttgart 1998, XV, 24;
vgl. dort V, 12 u. XII, 2)
Mit der Widerlegung des deskriptiven Relativismus ist dem normativen Kritik am normativen
Relativismus bereits eines seiner wichtigsten Argumente entwunden Relativismus
worden. Auch andere Begründungen für diesen sind nicht überzeugend;
oft beruhen sie schlichtweg auf Missverständnissen, die im Folgenden
korrigiert werden sollen.
41
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
42
2.2 Das Relativismusproblem
43
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
Die KOHLBERG unterscheidet drei Niveaus mit jeweils zwei Stufen, also
Entwicklungssequenz insgesamt sechs Phasen der moralischen Entwicklung. Seine These ist,
dass diese Phasen nacheinander durchlaufen werden müssen; wir müs-
sen als Kinder gleichsam unten beginnen und können uns nur Schritt für
Schritt nach oben durcharbeiten. Das Überspringen von Stufen ist nicht
möglich; gewiss gibt es Rückfälle, aber was einmal gelernt wurde (so
KOHLBERG) kann nicht völlig in Vergessenheit geraten. Allerdings ge-
langen die meisten Menschen nicht auf die höchsten Stufen. Wichtig ist
aber, dass es nicht das moralische Handeln selbst ist, dessen Entwick-
lung KOHLBERG beschreiben möchte, sondern unser moralisches Be-
wusstsein bzw. unsere Fähigkeit (Kompetenz) zu moralischen Urteilen.
44
2.2 Das Relativismusproblem
Dabei sollen alle Inhalte, also auch moralische Werte und konkrete Nor-
men, ausgeklammert werden; es geht nur um die Form des moralischen
Urteils, die sich mit kleinen Sprüngen „nach oben” entwickelt.
45
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
Struktur des
Niveau Stufe Sozialer Horizont
Urteils
4 soziozentrisch
(makrosoziale Perspektive)
Relevanz für die Was kann man aus KOHLBERGs Theorie der moralischen Entwicklung
Moralphilosophie für die normative Moralphilosophie lernen? Erstens erscheint bei ihm
die universalistische Ausrichtung der modernen Moral als das konse-
quente Ergebnis der individuellen Entwicklung, die bereits in der Kind-
heit beginnt. Dass auch nach KOHLBERGs eigener Deutung nicht alle
Menschen über das konventionelle Niveau hinauskommen, ist kein Ein-
wand gegen den Universalismus. Auch in anderen Entwicklungsdimen-
sionen, etwa im mathematischen Denken, erreichen nicht alle
Menschen das höchste Niveau, ohne dass damit die Geltung der moder-
nen Mathematik außer Kraft gesetzt wird. Zweitens bietet KOHLBERG
eine entwicklungspsychologische Erklärung an, warum in einer be-
stimmten Lebensphase relativistische Einstellungen in den Vorder-
grund treten. Aber er zeigt auch, dass diese einer Zwischenstufe
angehören, die auf ihre Überwindung wartet.
46
2.3 Recht statt Moral?
Mit „Recht” sind hier nicht die subjektiven Rechte (engl. rights) ge- Recht
meint, die Individuen für sich beanspruchen können, bis hin zu den er-
wähnten Bürger-, Grund- und Menschenrechten. Diese entspringen
oder sind zumindest erst einklagbar im System des objektiven Rechts
(engl. law), der Gesamtheit der Regeln, die meist in schriftlicher Form
vorliegen und in demokratischen Gesellschaften durch genau festgeleg-
te Verfahren in Kraft gesetzt werden. Dieses gegebene, von Menschen
gesetzte, faktisch vorhandene Recht wird als positives Recht bezeich-
net. „Positiv“ ist hier also nicht der Gegenbegriff zu „negativ“; das po-
sitive Recht steht vielmehr im Gegensatz zu den idealen Prinzipien der
Moral.
47
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
stammen aus dem Jahr 1776. In der Virginia Bill of Rights vom
12.6.1776 heißt es im Artikel 1: “all men are by nature equally free and
independent, and have certain inherent rights”. In der Unabhängigkeit-
serklärung der USA vom 4.7.1776 steht: “We hold these truths to be
self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by
their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life,
Liberty and the pursuit of Happiness.“ Die unveräußerlichen Men-
schenrechte werden also im ersten Fall „by nature“ begründet, im zwei-
ten Fall durch göttliche Schöpfung. Eine solche Auffassung, so schön
sie auch klingt und so wirkungsmächtig sie auch war, hält den moral-
philosophischen Ansprüchen heutiger Zeiten nicht mehr stand. Erstens
beruft man sich auf Wahrheiten, die selbst-evident, d.h. für alle unmit-
telbar einsichtig sein sollen. Intuitive Begründungen dieser Art sind
aber keineswegs über jeden Zweifel erhaben (vgl. Kapitel 1.2.3, S.22).
Zweitens ist aus unserem heutigen, empirisch-wissenschaftlich gepräg-
ten Naturverständnis nicht mehr ableitbar, dass alle Menschen über an-
geborene Rechte verfügen; das wäre zudem ein Sein-Sollens-Fehl-
schluss. Drittens kann man sich nicht ohne weiteres auf eine
transzendente Autorität wie den göttlichen Schöpfer berufen. Der mög-
liche Ausweg, einen normativ gehaltvollen Begriff von Natur zu ent-
wickeln, ist wohl versperrt.
Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sich seit dem 19. Jahrhundert der
Rechtspositivismus auf breiter Front durchsetzte, nicht nur in den
Rechtswissenschaften. Seine Grundlage ist die Trennungsthese, d.h. die
Abkopplung juristischer und rechtstheoretischer Überlegungen von
moralphilosophischen. Letztlich kann jeder beliebige Inhalt Recht sein,
solange er von einem allgemein anerkannten Souverän (etwa dem sich
eine demokratische Verfassung gebenden Volk) oder einer Grundnorm
(als Ersatz für das moralische Prinzip) abgeleitet wird. Pointiert sagt der
Rechtspositivist: „Recht ist Recht und Gesetz ist Gesetz”.
48
2.3 Recht statt Moral?
Bevor wir den ersten Satz und damit den Rechtspositivismus widerle-
gen wollen, soll zunächst der zweite Satz betrachtet werden. Er wird
zwar von den meisten Moralphilosophen nicht bestritten, sehr wohl
aber von einer anderen Denkrichtung, der wir uns kurz zuwenden wol-
len.
Gegen den Anarchismus lässt sich ein Argument vorbringen, das zuerst
HOBBES in Form eines Gedankenexperiments entwickelte: Nehmen wir
an, alle sozialen Institutionen fielen weg - wie würde in einem solchen
„Naturzustand” das menschliche Leben aussehen? HOBBES hat wahr-
scheinlich Recht, dass es sich kaum um ein erstrebenswertes Dasein
49
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
handeln würde. Unser Leben wäre von Furcht geprägt und dem Bestre-
ben, unsere eigene Machtposition zu sichern; ständig läge ein Krieg al-
ler gegen alle in der Luft. Legitim ist aus diesem Grund die moderne
Institution des Staates.
Wohlstandssicherung Zweitens scheint das Leben in der modernen Welt ohne leistungsfähige
Institutionen gar nicht möglich zu sein; enorme Wohlstandsverluste wä-
ren die Folge. Anarchisten sind tendenziell Romantiker, die sich zu ein-
fachen Lebensformen zurücksehnen. Abgesehen davon, dass es höchst
fraglich ist, ob die Menschen in früheren Epochen, etwa vor dem Über-
gang zur Sesshaftigkeit oder vor den hochkulturellen Gesellschaften,
friedlicher und moralischer waren, ist es einfach klar, dass heutzutage
nur wenige auf die Errungenschaften der technischen Revolutionen der
Neuzeit verzichten möchten. Um diese jedoch zu ermöglichen und zu
sichern (man denke nur an die Infrastruktur und Versorgungsunterneh-
men, an das Erziehungs- und Gesundheitssystem), kann man wohl auf
staatliche Institutionen nicht verzichten.
Für Recht und Staat Aus dieser Widerlegung des Anarchismus ergibt sich also eine Legiti-
mation von Recht und Staat. Sowohl zur Abwehr äußerer Gefahren und
zum Schutz der konfliktbereiten Menschen voreinander und als auch
zur Koordinierung ihrer Kooperation bedarf es starker Institutionen.
Selbst moralische Menschen wären ohne Recht und Staat überfordert;
wir sind nun einmal endliche und fehlbare Wesen. Vor allem müssen
wir an die einfache, aber gerade im Kreis von Philosophen doch erwäh-
nenswerte Tatsache erinnern, dass die noch so gut begründeten morali-
schen Normen damit noch nicht in der Welt in Kraft gesetzt sind:
„Indem wir Normen begründen, sichern wir ihre sachliche oder, was
den Ableitungszusammenhang der sie begründenden Sätze anbelangt,
ihre logische Geltung. Erst in Normendurchsetzungsverfahren erlangen
die Normen ihre soziale, speziell gesetzliche Geltung.” (Hermann LÜB-
BE: Praxis der Philosophie, Praktische Philosophie, Geschichtstheorie.
Stuttgart 1978. S. 75) Wohlgemerkt: An dieser Stelle behaupten wir
noch nicht, dass das Moralische (wie die Rechtspositivisten meinen)
überflüssig sei. Unsere Argumentation läuft an dieser Stelle nur darauf
hinaus, dass Recht und Staat notwendig und sinnvoll sind, und zwar als
Ergänzung des Moralischen.
Entwicklung des Mit der Entstehung des Staates sind aber auch neue Gefahren verbun-
Staates den: Der Staat ist eine Macht zum Guten und zum Bösen. Die politische
Philosophie entwirft deshalb normative Modelle eines zustimmungsfä-
higen Staates. Dabei sind seit dem 17. Jahrhundert mehrere, aufeinan-
der aufbauende Staatsideale formuliert worden, die zum Glück zumin-
dest in Europa ansatzweise verwirklicht werden konnten. Die erste
Stufe bildet die von HOBBES geleistete Begründung des Gewaltmono-
pols, mit dem sich der moderne Staat aus der Vielzahl der mit Hoheits-
rechten ausgestatteten Instanzen (etwa adeligen und kirchlichen) her-
50
2.3 Recht statt Moral?
Könnte man jetzt nicht einen Schritt weitergehen und sogar auf das Mo- BÖCKENFÖRDE-Doktrin
ralische verzichten? Tatsächlich meint der Rechtspositivismus sich er-
folgreich von Moral und Ethik abgekoppelt zu haben. Sind diese nicht
tatsächlich in der modernen Welt überfordert und ohnmächtig? Gegen
diese Auffassung berufe ich mich auf den folgenden Satz: „Der freiheit-
liche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht
garantieren kann.” (Ernst-Wolfgang BÖCKENFÖRDE: Staat, Gesell-
schaft, Freiheit. Frankfurt a. M. 1976. S. 60) Diese Aussage des ehema-
ligen Verfassungsrichters wird als BÖCKENFÖRDE-Doktrin bezeichnet.
Sie richtet sich implizit gegen einen Satz KANTs, der behauptet hatte,
51
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
dass auch ein Volk von Teufeln einen Staat bilden könne. BÖCKENFÖR-
DE selbst wollte darauf hinaus, dass der Staat trotz seiner Emanzipation
von der Religion auf diese angewiesen bleibe. Tatsächlich scheint mir
seine viel diskutierte These auf das Moralische zuzutreffen, und zwar
auf das Moralische in den drei oben unterschiedenen Bedeutungen (vgl.
Kapitel 1.1.3, S.13). Daraus ergeben sich drei Einwände gegen den
Rechtspositivismus.
Moralische Normen Das erste Argument gegen den Rechtspositivismus stützt sich auf unse-
re obige Unterscheidung zwischen moralischen und rechtlichen Nor-
men. Nicht alles, was in einer Gesellschaft normativ geregelt werden
muss, kann und sollte rechtlich geregelt werden. Es ist sogar einer der
großen Fortschritte in der Neuzeit, dass Grenzen dessen festgelegt wor-
den sind, wofür der Staat (und damit das Rechtssystem) zuständig ist.
Zum einen sind die meisten wichtigen rechtlichen Bestimmungen nega-
tiv formuliert: Man darf bestimmte Sachen nicht machen; für das, was
man tun soll, bleibt jedem Bürger ein Spielraum. Zum anderen gibt es
Bereiche, die weitgehend staatlich-rechtlicher Normierung entzogen
sind, vor allem die Privatsphäre. So steht etwa die Lüge, außer in beson-
deren Situationen wie vor Gericht (wo deshalb ein Eid abzulegen ist),
nicht unter Strafe. Dennoch sind wir zu Recht moralisch empört, wenn
wir von einer vertrauten Person angelogen werden. Würden wir in einer
Welt leben wollen, in der sich Menschen nur an die Regeln halten, die
als Gesetze verbindlich sind und deren Überschreitung mit Strafen ge-
ahndet werden kann? Ich denke, dass dies nicht der Fall ist: Wir sind
froh, dass es neben dem Rechtssystem noch moralische Normen gibt.
Wahrscheinlich könnten soziale Systeme, die nur über rechtliche Nor-
men verfügen, nicht stabil bleiben.
Moralisches Zweitens ist das Rechtssystem kein starres Gebilde und keines, dessen
Bewusstsein Umsetzung sich von sich regelt. Für die Anwendung der Rechtsnormen,
für ihr Verständnis und ihre Weiterentwicklung bedarf es eines morali-
schen Bewusstseins der Bürger, das über ihr Bewusstsein als Rechtsper-
sonen hinausgeht. Das gilt für den Richter, der moralische Sensibilität
braucht, um Recht zu sprechen; das gilt für die Bürger, von denen wohl
die wenigsten ein Gesetzbuch gelesen haben und die dennoch rechts-
konform handeln sollen; das gilt für die Institutionen der Legislative
(also in unserem Staat den Bundestag und den Bundesrat), die für neue
Gesetze zuständig sind. Gerade in Zeiten, in denen sich die Welt in ra-
sendem Tempo ändert, wird man nicht verzichten können auf ein mora-
lisches Bewusstsein, das Anwendungsprobleme und neue Konflikte
vorherzusehen vermag.
52
2.3 Recht statt Moral?
Leistungen selbst nur möglich sind, wenn genügend Menschen sie fi-
nanziell ermöglichen. Er denkt sich also: Wenn alle anderen ihre Ver-
pflichtungen erfüllen, ist dies in der Regel ausreichend, um die
notwendigen sozialen Institutionen aufrecht zu erhalten; ich selbst kann
deshalb sorglos meinen eigenen Vorteil suchen. Der Staat hat ohnehin
nicht die Mittel, alle kleineren Regelverstöße zu verfolgen. Dagegen ist
zu sagen: Wenn die Anzahl der Personen, die auf diese Weise gegen das
Gemeinwohl handelt, eine bestimmte Prozentzahl überschreitet, droht
dem ganzen System der Kollaps. Deshalb ist auch ein Rechtssystem auf
moralische Bürger angewiesen.
Das entscheidende Argument bezieht sich aber auf den dritten Begriff Moralische Prinzipien
von Moral, die moralischen Prinzipien. Bereits der Kirchenvater Augu-
stinus hatte festgestellt, dass es prinzipiell keinen Unterschied zwischen
Staaten (Systemen positiven Rechts) und organisierten Räuberbanden
gebe. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass dieser pro-
vozierende Vergleich noch viel zu harmlos ist. Vor allem der national-
sozialistische Staat, mehr oder weniger legal aus dem demokratischen
System der Weimarer Republik hervorgegangen, hat uns diese Erkennt-
nis aufgezwungen. Man braucht also Kriterien, um zwischen legitimen
und nicht legitimen Rechtssystemen zu unterscheiden. Diese Einsicht
hat dazu geführt, dass einige Denker, die in den zwanziger Jahren dem
Rechtspositivismus zuneigten, sich später von diesem abwandten.
Das Paradebeispiel ist Gustav RADBRUCH. 1946 schreibt dieser bekann- RADBRUCH
te Politiker und Jurist, dass sich das positive Recht an drei Maßstäben
zu orientieren habe: Nützlichkeit (oder besser: Gemeinwohl), Rechtssi-
cherheit und Gerechtigkeit. Das erste Kriterium ist typisch für den Uti-
litarismus, der im dritten Teil behandelt wird; das zweite Kriterium
kann als Markenzeichen des Rechtspositivismus gelten; das dritte Kri-
terium entstammt dem Naturrecht, wir können es aber auch bei KANT
finden. Es sei sehr schwer, diese drei Werte harmonisch zu vereinigen.
RADBRUCH spricht sich dann für folgende Rangordnung aus: An unter-
ster Stelle steht das Gemeinwohl; Recht ist nicht das, was dem Volke
nützt, sondern dem Volke nützt es, wenn es ein Rechtssystem gibt.
Rechtssicherheit wird von RADBRUCH als hoher Wert betrachtet; gegen
den Anarchismus behauptet er, ein schlechtes Gesetz sei fast immer
besser als gar keines, weil es das größere Übel, das rechtlose Chaos,
verhindere. Das gelte aber doch nur „in den meisten Fällen”; es kann
auch Fälle geben, wo Gerechtigkeit den Vorrang bekommen müsse.
Weiter schreibt RADBRUCH:
53
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht
und unzweckmäßig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes
zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als ‘unrichti-
ges Recht’ der Gerechtigkeit zu weichen hat. Es ist unmöglich, eine schärfere
Linie zu ziehen zwischen den Fällen des gesetzlichen Unrechts und den trotz
unrichtigen Inhalts dennoch geltenden Gesetzen, eine andere Grenzziehung aber
kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: wo Gerechtigkeit nicht einmal
angestrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei
der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht
etwa nur ‘unrichtiges Recht’, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur.
Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren denn als
eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinn nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit
zu dienen.” (Gustav RADBRUCH: Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches
Recht, 1946, in: N. HOERSTER, Hg., Recht und Moral. Texte zur Rechtsphiloso-
phie. München ²1980. S. 42-45, hier 44)
Legalität und Nicht jedes einzelne Gesetz (das wäre Gesetzesmoralismus), aber doch
Legitimität das Rechtssystem insgesamt muss moralisch legitimiert werden. Diese
moderne Gegenposition zum Rechtspositivismus, die an die Stelle des
klassischen Naturrechts tritt, bezeichnet man als Rechtsmoralismus.
Auf der Grundlage des Rechtsmoralismus, also der moralischen Fun-
dierung des Rechtssystems, kann zwischen Legalität und Legitimität
unterschieden werden. Dem Rechtspositivismus geht es allein um Le-
galität; der Rechtsmoralismus fordert zusätzlich die Legitimität von Ge-
setzen und politischen Entscheidungen. Darüber hinaus ermöglicht er
auch die Limitation des positiven Rechts: Er liefert die Kriterien, um
das positive Recht zu begrenzen, also die Allmacht und Allzuständig-
keit des Staates zu verhindern. Nur auf dieser Grundlage kann es legiti-
me Formen des Rechtsbruchs geben. Dabei sollte man noch einmal
zwischen zivilem Ungehorsam und Widerstand unterscheiden.
Ziviler Ungehorsam Ziviler Ungehorsam richtet sich gegen einzelne, aber wichtige Bestand-
und Widerstand teile des Rechtssystems. Dabei beruft man sich in der Regel auf dessen
eigene Prinzipien. Historisches Vorbild ist der amerikanische Denker
Henry David THOREAU (1817-1862), der sich weigerte, einem Staat
Steuern zu bezahlen, der die Sklaverei gutheißt. In den 1980er berief
54
2.3 Recht statt Moral?
55
2 Zweiter Teil: Zwei prinzipielle Einwände
56
2.3 Recht statt Moral?
8. Wann wäre für Sie der Punkt erreicht, an dem man gegen die
korrekt zustande gekommenen Gesetze zivilen Ungehorsam
oder sogar gegen ein ganzes Rechtssystem Widerstand lei-
sten sollte?
57
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
In diesem Teil des Lehrbriefs stelle ich die beiden wichtigsten Konzep-
tionen einer Allgemeinen Ethik vor, genauer: die grundlegenden Posi-
tionen auf der normativen Ebene der modernen Moralphilosophie. Es
handelt sich um den Utilitarismus (Hauptvertreter: John Stuart MILL)
und den Deontologismus (Hauptvertreter: Immanuel KANT). Vorzüge
und Nachteile beider Positionen sollen deutlich werden.
Zwei der wichtigsten inhaltlichen Differenzen seien zur besseren Orien- Konsequentialismus
tierung vorweg erwähnt. Erstens ist der Utilitarismus konsequentiali- oder Intentionalismus
stisch, die deontologische Moralphilosophie hingegen intentionali-
stisch. Damit ist Folgendes gemeint: Zu jeder Handlung, auch einer
moralischen, gibt es normalerweise eine Absicht, die subjektive Inten-
tion der handelnden Person; und jede Handlung verändert etwas in der
Welt, zeitigt Konsequenzen, von denen einige beabsichtigt sind (Fol-
gen), andere unbeabsichtigt (Nebenwirkungen).
59
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Gemeinwohl oder Zweitens orientiert sich der Utilitarismus am Gemeinwohl, die deonto-
Gerechtigkeit logische Moralphilosophie an Gerechtigkeit. Dass jeweils diese Werte
bevorzugt werden, ist nicht zufällig. Wer auf die Konsequenzen einer
Handlung achtet, wird eher deren positive Effekte für das Wohlergehen
der Betroffenen berücksichtigen; Gerechtigkeit hingegen ist unabhän-
gig von den Folgen und Nebenwirkungen, eine Handlung selbst ist ge-
recht oder nicht. Der universalistische Charakter der beiden
Grundkonzeptionen kommt aber in diesem Gegensatz schön zum Aus-
druck; beide beziehen alle potentiell Betroffenen ein. Aber der Utilita-
rismus will deren Glück vermehren; wer dies tue, so wird behauptet, sei
damit auch gerecht. Der Deontologe ist bereit, am Glück aller Abstriche
vorzunehmen, wenn dies die Gerechtigkeit fordert. Es sei noch erwähnt,
dass der Utilitarismus das Gemeinwohl ausdrücklich als Summe der
‚Einzelwohle’ versteht. Das ist gegen holistische (ganzheitliche) Kon-
zeptionen des Gemeinwohls gerichtet. Eine solche findet sich bei
ROUSSEAU, wenn dieser über den Willen aller (volonté de tous) den Ge-
meinwillen (volonté générale) stellt; auch demokratische Mehrheitsent-
scheidungen, so kann man ROUSSEAU verstehen, selbst einstimmige
Beschlüsse, müssten zumindest in Grundsatzfragen hinter dem von der
Vernunft gebotenen Gemeinwillen zurücktreten. Das Ganze sei wichti-
ger als die Summe der individuellen Interessen. Genau das wird von den
Utilitaristen abgelehnt: Nur die Summe der einzelnen Vorlieben ist aus-
schlaggebend.
60
3.1 Utilitarismus
3.1 Utilitarismus
Zweitens darf der Utilitarismus nicht mit dem Hedonismus verwechselt Kein Hedonismus
werden. Die antiken Positionen des Hedonismus, vor allem die von EPI-
KUR, beziehen sich nur auf das glückliche Leben des Einzelnen bzw.
kleiner Gemeinschaften. Wenn EPIKUR also empfiehlt, sich den höhe-
ren Freuden des Philosophierens zu widmen, die langfristig von größe-
rem Nutzen sind als die unmittelbaren Freuden des sinnlichen
Genusses, so ist dies ausdrücklich nicht als universalistische Position zu
verstehen, sondern nach unserer Terminologie als ein Beitrag zur Phi-
losophie der Lebenskunst.
Man muss den Utilitarismus deshalb drittens auch scharf vom rationa- Kein rationaler
len Egoismus unterscheiden. Dessen Vertreter, etwa HOBBES, aber auch Egoismus
die Apologeten einer reinen Marktwirtschaft, sind der Ansicht, dass es
letztlich für alle am besten sei, wenn jeder strikt seine eigenen Interes-
sen verfolge, wobei allerdings die langfristige Nutzenkalkulation ge-
genüber der kurzsichtigen Lustmaximierung zu bevorzugen sei. Dem
widerspricht der Utilitarismus: Der rationale Egoismus ist gewisserma-
ßen zu schön, um wahr zu sein. Der Einzelne, so die richtige Einsicht,
muss bisweilen erhebliche Abstriche an seinem individuellen Glück
vornehmen, um das allgemeine Wohlergehen zu fördern. (Zur Irrationa-
lität des rationalen Egoismus vgl. Kapitel 4.1.2, S.88) In die utilitaristi-
sche Gesamtbilanz geht zwar auch das eigene Glück ein, aber nur als ein
Posten in der Summe aller individuellen Glückszustände. Damit ver-
langt der Utilitarismus sogar mehr von den Individuen als die deontolo-
gische Moralphilosophie. Denn das Leben eines Menschen hat für den
61
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
62
3.1 Utilitarismus
Utilitaristisches Grundprinzip:
„Moralisch richtig sind unsere Handlungen, wenn ihre Folgen und
Nebenwirkungen zum größten Glück der größten Zahl beitragen.”
Aus diesen beiden Argumenten haben einige Philosophen geschlossen, Regel- statt
dass das utilitaristische Grundprinzip sich nicht auf Handlungen, son- Handlungs-
dern auf soziale Normen beziehen sollte (Regelutilitarismus). Da es utilitarismus
sehr viel weniger Normen als Handlungen gibt, werden moralische Ab-
wägungsprozesse erheblich erleichtert. Institutionen, die sich als nütz-
63
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
lich erwiesen haben, müssen nicht ständig in Frage gestellt werden. Die
richtige Einsicht des Aktutilitarismus, dass es manchmal doch auf die
einzelne Handlung ankommt, muss auf andere Weise berücksichtigt
werden. Dem diente schon in der klassischen antiken Ethik das Prinzip
der Billigkeit; dieses hebt nicht die generelle Normenorientierung auf,
sondern verlangt in außergewöhnlichen und nicht vorhersehbaren Si-
tuationen über diese hinauszugehen. So ist es zwar normalerweise nor-
mativ richtig, alle Betroffenen gleich zu behandeln; im Einzelfall kann
aber eine bestimmte Person bevorzugt werden, wenn die Konsequenzen
für alle positiv sein werden. Deshalb lautet eine bekannte Redewen-
dung, dass etwas „gerecht und billig“ sein sollte.
Folgen und Das zweite Problem betrifft die generelle Orientierung an Folgen und
Nebenwirkungen Nebenwirkungen. Was ist damit überhaupt gemeint? Der Ausdruck
„Folgen” bezieht sich auf das, was der Handelnde bewirken wollte; wir
wissen aber, dass jede Handlung weitere Konsequenzen nach sich zieht,
eben Nebenwirkungen, die nicht beabsichtigt wurden. Wenn ich mit
dem Auto fahre, will ich in der Regel bequem und schnell von einem
Ort zu einem anderen kommen; dabei werden aber auch zahlreiche Ne-
benwirkungen verursacht: Verbrauch von Benzin; Ausstoß von Gasen,
die den Treibhauseffekt verstärken; Erzeugung von Lärm; Abrieb von
Reifen usw. Übrigens bezieht der Utilitarismus auch den Aufwand ein,
den eine Handlung für den Handelnden selbst hat; die Kosten-Nutzen-
Analyse kann ergeben, dass der moralische Ertrag selbst für eine sehr
aufwändige Handlung so gering ist, das man sie lieber bleiben lassen
sollte.
Größtes Glück Das dritte Problem bezieht sich auf den ersten Teil der utilitaristischen
Standardformel, das „größte Glück”. Wie soll das berechnet und be-
stimmt werden? BENTHAM wollte tatsächlich das individuelle Glück
quantifizieren, und zwar nach folgenden Kriterien: Intensität, Dauer,
Gewissheit des Eintretens, Nähe des Eintreffens, Folgenträchtigkeit,
Reinheit. Als siebentes Kriterium kommt die Zahl der Betroffenen hin-
zu. Dagegen kann man einwenden, dass eine solche Glückskalkulation
64
3.1 Utilitarismus
65
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Negativer Einige Philosophen haben aus diesen und anderen Gründen gefolgert,
Utilitarismus dass der Utilitarismus gar nicht (positiv) zum größten Glück, sondern
besser (negativ) zum geringsten möglichen Leiden aller beitragen sollte.
Andeutungen in diese Richtung finden sich schon bei den Gründervä-
tern; so behauptete J.S. MILL in seiner Schrift „On liberty”, dass der
Staat nur für die Vermeidung von Unglück sorgen sollte. Eine ver-
gleichbare Ausrichtung finden wir schon im antiken Hedonismus: Auch
EPIKUR ging es, den seit Jahrtausenden in Umlauf befindlichen Vorur-
teilen zum Trotz, nicht um die Vergrößerung der Lust, sondern um die
Verringerung der Unlust, die Vermeidung von Schmerz und Leid.
Größte Zahl Das vierte Problem betrifft die Formulierung von der „größten Zahl”.
Erstens legt dies nahe, dass man eine kleine Zahl, eine Minderheit, bei
der utilitaristischen Bewertung vernachlässigen darf. Wenn man bei-
spielsweise 10 % der Bevölkerung als Sklaven für die große Mehrheit
arbeiten lässt, könnte es dieser so gut gehen, dass das Leiden der Min-
derheit rechnerisch aufgehoben ist. Das ist aber sicherlich moralisch
nicht richtig und auch von den meisten Utilitaristen nie beabsichtigt
worden; besser ist es also, vom „größten Glück aller” zu sprechen.
66
3.1 Utilitarismus
Eine Stärke des Utilitarismus ist es übrigens, dass die Zahl der Betrof- Tiere
fenen problemlos über den Kreis der Menschheit ausgedehnt werden
kann. Das ergibt sich schon daraus, dass im utilitaristischen Grundprin-
zip nicht von „Menschen”, sondern der „größten Zahl” bzw. von „allen”
die Rede ist. Schon BENTHAM schrieb: „Die Frage ist nicht: Können sie
denken? Können sie sprechen? Sondern: können sie leiden?” Nach ge-
sicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen können alle Lebewe-
sen aus dem Stamm der Wirbeltiere auf Grund ihrer physischen Konsti-
tution (zentrales Nervensystem, Leitungsbahnen, Gewebe) Schmerz
empfinden und deshalb leiden. Nicht nur Säugetiere, sondern auch Fi-
sche, Vögel und Reptilien wären deshalb in unsere moralischen Abwä-
gungen einzubeziehen.
Erstens ist der Utilitarismus konsequentialistisch, aber in der modernen Unabsehbarkeit der
Welt des 21. Jahrhunderts können wir oft gar nicht wissen, welche Fol- Konsequenzen
gen und Nebenwirkungen unsere Handlungen haben. Für die Entschei-
dungsfindung ist das utilitaristische Grundprinzip deshalb keine große
Hilfe. Ein Beispiel ist die Diskussion über Stammzellforschung. Viele
ihrer Gegner argumentieren deontologisch: Sie sehen beispielsweise im
„Verbrauch” menschlicher Stammzellen die Menschenwürde verletzt.
Die Befürworter argumentieren dagegen utilitaristisch: In einiger Zeit
könnten die Forschungsergebnisse der Stammzellforschung dazu die-
67
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Unmoralische Zweitens ist es ein Grundproblem des Utilitarismus, dass Absichten und
Präferenzen Bedürfnisse, die fast jeder intuitiv als unmoralisch betrachtet, genauso
in die Folgenkalkulation einbezogen werden müssen wie moralische.
BENTHAM sah in der Ausschaltung aller üblichen, traditionellen Bewer-
tungen einen großen Vorteil; John Stuart MILL wollte zwar die Hierar-
chie von höheren und niederen Freuden wieder herstellen, aber nur mit
der Begründung, dass letztere weniger zum Gemeinwohl beitragen als
erstere. Kann man aber sadistisches Handeln genauso neutral nach sei-
nen Konsequenzen beurteilen wie karitatives Engagement? Gibt es
nicht doch Handlungen, die an sich schlecht sind? Gegen einen Verein
von Päderasten, der sich an Kindern und Jugendlichen vergeht, die da-
mit einverstanden sind, kann ein Utilitarist wenig vorbringen, weil alle
Betroffenen zufrieden sind und keiner Person Nachteile erwachsen.
68
3.1 Utilitarismus
Viertens will der Utilitarismus alles aus dem Prinzip der Nützlichkeit Keine strukturellen
ableiten. Nützlichkeit erweist sich an der Summe der Wohltaten, von Werte
denen die betroffenen Individuen profitieren. Sind aber klassische mo-
ralische Werte wie Gerechtigkeit oder Solidarität oder ein politisches
Organisationsprinzip wie Demokratie wirklich in diesem Sinne nütz-
lich? MILL hat im fünften Kapitel von „Der Utilitarismus“ nachzuwei-
sen versucht, dass sich Gerechtigkeit aus dem Nützlichkeitsprinzip
ableiten lasse. Handelt es sich aber nicht doch um einen über-individu-
ellen, einen strukturellen Wert, der sich nicht auf das Gemeinwohl zu-
rückführen lässt, diesem sogar manchmal zuwiderläuft? Wenn sich
erweisen würde, dass ein guter Diktator mehr für das Glück (oder zur
Leidensfreiheit) seiner Untertanen tun könnte als dies in einer demokra-
tischen Ordnung möglich wäre, müsste man aus utilitaristischer Sicht
für das autoritäre Regime plädieren.
Ein weiterer Bereich, in dem sich absurde Konsequenzen ergeben könn- Strafrecht
ten, ist das Strafrecht. Strafe muss nach utilitaristischer Auffassung
nützlich sein im oben präzisierten Sinne. Deshalb sind Utilitaristen ge-
gen die Idee der gerechten Strafe nach einem Vergeltungsprinzip; sie
bevorzugen die Idee der Abschreckung als Spezial- und vor allem als
Generalprävention. Nun ist es aber so, dass sich schwere Verbrechen
wie terroristische Anschläge kaum durch Abschreckung unterbinden
lassen, während dies bei leichten Vergehen, z. B. Schwarzfahren und
Ladendiebstahl, sehr wohl der Fall ist. Die kontraintuitive, also unseren
moralischen Vormeinungen zuwiderlaufende Konsequenz des Utilita-
rismus ist also, letztere Vergehen sehr viel härter und strenger als erstere
zu bestrafen. Wenn man beispielsweise an der ersten Person, die aus ei-
ner Bibliothek ein Buch mitgehen lässt, ein abschreckendes Exempel
statuieren würde, hätte man in Zukunft wahrscheinlich weniger Verlu-
ste.
Schließlich ist noch auf das Problem hinzuweisen, das der Utilitarismus Tötung
mit der Tötung von Menschen hat. Wenn eine solche schmerzlos ge-
schieht und niemandem Angst einflößt, wäre sie aus utilitaristischer
Sicht moralisch akzeptabel. Denn tote Menschen haben keine Interes-
sen mehr, die verletzt werden könnten. Der Tod unglücklicher Individu-
69
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Aus diesen Einwänden kann man folgern, dass der Utilitarismus seine
Schwächen hat; endgültig widerlegt ist er damit selbstverständlich
nicht. Denn es ist die Frage, ob es eine bessere Konzeption gibt. Mit die-
sem Anspruch tritt allerdings der Deontologismus auf.
3.2 Deontologismus
Immanuel KANT Begründer des modernen Deontologismus ist Immanuel KANT (1724-
1804). Zu den geistesgeschichtlichen Vorläufern seiner Moralphiloso-
phie gehören die jüdisch-christliche Ethik, die Philosophie der Stoiker,
CICERO und seine einflussreiche Schrift „De officiis” (übersetzt: „Über
die Pflichten”) sowie die oben erwähnte Tradition des rationalen Natur-
rechts. Von besonderem Einfluss auf KANT war zudem Jean-Jacques
ROUSSEAU; nach eigener Aussage wurde ihm durch ROUSSEAU klar,
dass moralisches Handeln keine Sache der Klugheit ist, sondern etwas,
wozu jeder Mensch prinzipiell in der Lage ist. Über KANTs Leben kur-
sieren viele Anekdoten. Tatsächlich aber führte er das typische Leben
eines Gelehrten der Aufklärungszeit in Deutschland; er blieb unverhei-
ratet und legte viel Wert auf einen geregelten Tagesablauf. Die Stadt
Königsberg und ihre nähere Umgebung hat er nie verlassen. Dennoch
war er durch Freundschaften und Korrespondenzen über die Entwick-
lung der Naturwissenschaften und wichtige politische Ereignisse gut in-
formiert. Sein Werk bildet den Auftakt für die Blütezeit der deutschen
Philosophie, deren spätere Vertreter ihn zeitweise in den Schatten stell-
ten; aus heutiger Sicht, insbesondere im Hinblick auf seine weltweite
Wirkung, bleibt er aber der wichtigste deutsche Denker. In allen Berei-
chen der Philosophie hat KANT, übrigens erst in relativ hohem Alter,
großartige Leistungen vollbracht. Selbst von seinen Kritikern wird die
überragende Bedeutung seiner Schriften zur Ethik nicht bestritten. Lei-
der sind diese, wie alle seine Bücher sehr schwer zu lesen. Das hat ver-
70
3.2 Deontologismus
schiedene Gründe: Erstens ist KANTs Stil geprägt durch die deutsche
Wissenschaftssprache der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die gerade
erst das Lateinische ersetzt hatte; von dem reiferen Deutsch der Goethe-
Zeit wurde KANT nicht mehr beeinflusst. Zweitens hat KANT seine
handschriftlichen Manuskripte, wie man an den wenigen erhaltenen
Originalen gut erkennen kann, immer wieder verbessert, leider durch
Hinzufügung neuer Satzteile und Nebensätze zu ohnehin schon kom-
plexen grammatischen Konstruktionen. Drittens aber denkt KANT tat-
sächlich weiter, differenzierter und aspektreicher als die meisten
anderen; populäre Einführungen und ästhetisch elegante Darstellungen
seiner Philosophie wollte er anderen überlassen.
Da es sich um eine deontologische Ethik handelt, stehen Ge- und Ver- Kritik am
bote (also Imperative) im Mittelpunkt. KANT unterscheidet prinzipiell Glücksprinzip
zwischen zwei Typen von Imperativen: Hypothetische Imperative ha-
ben die Form „wenn ..., dann ...”, ausführlicher: „Wenn du x willst,
dann solltest du y tun”. Allerdings gibt es etwas, das alle Menschen wol-
len: Glück. Dieser besondere hypothetische Imperativ hat also die
Form: „Wenn du glücklich sein willst (und das will jeder Mensch), dann
solltest du y tun.” Glück kann für KANT nicht Prinzip der Moralphilo-
sophie sein. Dafür nennt er verschiedene Gründe. Erstens ist das, was
wir jeweils unter Glück verstehen, empirisch bedingt und kann deshalb
nicht absolut verpflichtend sein. Zweitens ist das Streben nach Glück ei-
ne Sache der Klugheit, der intelligenten und zweckrationalen Wahl der
richtigen Mittel. Drittens unterscheiden sich die individuellen Glücks-
vorstellungen zu sehr; KANT bringt an einer Stelle das schöne Beispiel
von den beiden Kriegsherrn, deren widerstreitende Glückskonzepte
sich gerade darin ausdrücken, das beide das Gleiche wollen, nämlich
die Eroberung einer bestimmten Stadt. Viertens täuschen wir uns allzu
oft über das, was uns glücklich machen könnte.
71
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Maximen Auffällig ist der Begriff der Maxime: Eine Maxime ist eine subjektive
Regel, die unserem Handeln zugrunde liegt. In der Frage, die zu einer
Spaltung des Utilitarismus führte, ob man sich auf konkrete Handlun-
gen oder soziale Regeln konzentrieren sollte, plädiert KANT also für die
zweite Fraktion, betont aber, dass eigentlich allen unseren Handlungen
Regeln zugrunde liegen, weil wir rationale Wesen sind und das Wesen
der Vernunft darin besteht, solche Regeln zu entwickeln und nach ihnen
zu handeln. Maximen liegen auf einer mittleren Ebene zwischen grund-
sätzlichen Lebenseinstellungen und spezifischen Handlungsregeln. Ein
Beispiel für ersteres ist die klassische Unterscheidung zwischen vita ac-
tiva und vita contemplativa, also zwischen einem der Aktivität gewid-
meten und einem eher passiven, der Beschaulichkeit gewidmeten
Leben. Ein Beispiel für spezifische Handlungsregeln ist das Vorhaben,
nach dem Aufstehen zehn Liegestütze zu machen. Maximen beziehen
sich zudem immer auf andere Personen (oder eventuell auch Tiere);
Beispiele sind etwa „Sei immer freundlich“, „Hilf allen, die es nötig ha-
ben“ oder „Versprich nie etwas, was du nicht halten kannst“.
Deontologisches Grundprinzip:
„Moralisch richtig ist die Handlung, deren Maxime auch als allge-
meines Gesetz gelten könnte.”
Aussieben Der Kategorische Imperativ ist eine Art Testverfahren, das vorhandene
unmoralischer Maximen daraufhin überprüft, ob sie als allgemein gültige anerkannt
Maximen werden können oder nicht. Jedoch ist immer wieder bezweifelt worden,
dass ein solches Universalisierungsprinzip auf zuverlässige Weise mo-
ralische Maximen auszeichnet. Tatsächlich sind zunächst zwei Ein-
schränkungen zu machen. Erstens funktioniert der Kategorische Impe-
rativ wohl nur negativ. Er scheidet die Maximen aus, die sich nicht
verallgemeinern lassen. Aber er eignet sich nicht dazu, positiv die Ma-
ximen zu bestimmen, die wir befolgen sollten. Insofern ist der Katego-
rische Imperativ in seinem Status vergleichbar mit dem Satz vom ver-
botenen Widerspruch: Wenn beispielsweise ein Richter einem Zeugen
in seinen Aussagen einen Widerspruch nachweist, weiß er, dass dieser
nicht die ganze Wahrheit sagt; aber er weiß damit noch lange nicht, was
denn nun stimmt.
72
3.2 Deontologismus
Zweitens empfiehlt es sich, immer einen zweifachen Test zu machen, Doppelter Test
nämlich mit der zur Diskussion stehenden Maxime und ihrer Vernei-
nung. Wenn sich beide subjektiven Grundsätze problemlos verallge-
meinern lassen, handelt es sich um eine Maxime, die gar nicht zum
moralischen Bereich gehört. Nehmen wir folgendes Beispiel: „Ich fahre
mit dem Auto auf öffentlichen Straßen immer auf der rechten Seite” ist
verallgemeinerbar. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass es sich
hierbei um ein moralisches Gebot handelt. Denn der gegenteilige Satz
„Ich fahre mit dem Auto auf öffentlichen Straßen immer auf der linken
Seite” kann ebenfalls universalisiert werden. Aus moralischer Sicht ist
es offensichtlich irrelevant, ob in einer Gesellschaft Links- oder Rechts-
verkehr vorgeschrieben ist. Hingegen ist die Maxime „Ich halte mich im
Straßenverkehr überhaupt nicht an irgendwelche Regeln” nicht verall-
gemeinerbar. Denn unter der Annahme, dass sich alle so verhalten wür-
den, wäre es wohl für alle besser, gar kein Verkehrsteilnehmer zu sein;
damit würde es überhaupt keinen Straßenverkehr geben, dessen Regeln
man missachten könnte.
„Man muß wollen können, daß eine Maxime unserer Handlung ein allgemeines
Gesetz werde: dies ist der Kanon der moralischen Beurteilung derselben über-
haupt. Einige Handlungen sind so beschaffen, daß ihre Maxime ohne Wider-
spruch nicht einmal als allgemeines Naturgesetz gedacht werden kann; weit
gefehlt, daß man noch wollen könne, es [sie (die Maxime)?, C.T.] sollte ein sol-
ches werden. Bei anderen ist zwar jene innere Unmöglichkeit nicht anzutreffen,
aber es ist doch unmöglich zu wollen, daß ihre Maxime zur Allgemeinheit eines
Naturgesetzes erhoben werden, weil ein solcher Wille sich selbst widersprechen
würde. Man sieht leicht: daß die erstere der strengen oder engeren (unnachlaßli-
chen) Pflicht, die zweite nur der weiteren (verdienstlichen) Pflicht widerstreite,
und so alle Pflichten, was die Art der Verbindlichkeit (nicht das Objekt ihrer
Handlung) betrifft, durch diese Beispiele in ihrer Abhängigkeit von dem einigen
Prinzip [nämlich allein dem kategorischen Imperativ] vollständig aufgestellt wer-
den.” (KANT, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe S. 424
= Weischedel-Ausgabe S. 57)
Man kann diese drei Formeln so interpretieren, dass sie drei unter- Drei Arten des
schiedliche strenge Testverfahren anbieten. Eine Maxime kann auf drei- Scheiterns
fache Weise scheitern:
73
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Der zweite Fall ist derjenige, für den sich KANT am stärksten interes-
siert. Unser Wollen gerät bei einer Verallgemeinerung mit sich selbst in
Widerspruch. Eigentlich zielen alle Beispiele KANTs auf diesen Fall ab.
Betrachten wir die Maxime: „Ich will ein abgegebenes Versprechen
brechen, wenn es für mich von Vorteil ist.” Zwar ist eine Welt denkbar,
in der alle Menschen ihre Versprechen brechen. Aber keiner von uns
kann eine solche Gesellschaft wollen. Selbst derjenige, der Versprechen
aus egoistischen Motiven bricht, will die Institution des Versprechens
beibehalten, nur sich selbst davon ausnehmen, was nach deontologi-
scher Auffassung moralisch unzulässig ist.
Für den dritten Fall sei folgendes Beispiel konstruiert: Auf der ganzen
Erde werden jährlich (im Jahr 2000) ca. 3,5 Milliarden Tonnen Erdöl
gefördert. Die Weltreserven betragen wahrscheinlich 140 Milliarden
Tonnen (ohne Mineralöl in Sanden und Schiefern), reichen also bei
gleich bleibendem Verbrauch noch ungefähr 40 Jahre. In Deutschland
werden jährlich etwa 130 Millionen Tonnen Erdöl verbraucht, d.h. pro
Kopf der Bevölkerung über 1,6 Tonnen im Jahr. In den USA werden so-
gar 875 Millionen Tonnen verbraucht, somit pro Einwohner weit mehr
als 3 Tonnen. Auf der Erde leben aber über 6 Milliarden Menschen. Wir
können uns eine Welt denken, in der, sagen wir, jede Person jährlich 2
Tonnen Erdöl zur Verfügung hat; wir können eine solche Welt auch
wollen. Aber die logische Folge wäre, dass dann 12 Milliarden Tonnen
gefördert werden müssten, also mehr als das Dreifache der jetzigen Pro-
duktion. Das wäre technisch gar nicht möglich. Zudem würden die Vor-
74
3.2 Deontologismus
Der Kategorische Imperativ, das Grundprinzip von KANTs deontologi- Zwei Erweiterungen
scher Moralphilosophie, wird heute meistens als Universalisierungsge-
bot aufgefasst. Wenn dies aber alles ist, so muss man zugeben, dass er
allein keine tragfähige Basis für ein komplexes System moralischer
Normen abgibt. Das Testverfahren des kategorischen Imperativs ist viel
zu offen. Beispielsweise ist gegen eine Gesellschaft, in der alle Men-
schen sich gegenseitig instrumentalisieren, mit einem Verallgemeine-
rungsverfahren nichts einzuwenden. Allerdings ist dieser Formalismus-
Vorwurf unberechtigt, denn KANTs Moralphilosophie endet nicht mit
der Aufstellung des Universalisierungsprinzips in seinen verschiedenen
Varianten. Durch transzendentale Reflexionen kommt er zu zwei inhalt-
lich sehr viel reicheren Formulierungen des Kategorischen Imperativs,
die (wohl entgegen KANTs eigener Auffassung) nicht mehr mit dem
Universalisierungsgebot deckungsgleich sind, sondern inhaltliche Er-
weiterungen darstellen.
Die erste Reflexion fragt nach den individuellen Bedingungen der Mög- Mensch-als-Zweck-
lichkeit des Kategorischen Imperativs. Der Universalisierungstest er- Formel
fordert ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, einen solchen Test
durchzuführen. Das setzt die Kompetenz einer allgemeinen Vernunft
voraus, die nicht nur Widersprüche im Denken, sondern auch solche im
Wollen erkennen kann. Jedes Wollen ist zweckgerichtet; ein universa-
lisierbares Wollen geht also auf allgemeine Zwecke, in die jeder ein-
stimmen können muss. In der Natur gibt es keine allgemeinen Zwecke,
alles ist vielmehr naturgesetzlich durch Ursache-Wirkungszusammen-
hänge bestimmt. Bedingung der Möglichkeit allgemeiner Zweckset-
zungen ist also ein Wesen, das zu solchen Zwecksetzungen in der Lage
ist, das sich sogar selbst als Zweck betrachten muss. So kommt KANT zu
der zweiten Formulierung des Kategorischen Imperativs: „Handle so,
daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines
jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel
brauchst.” (KANT, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-
Ausgabe S. 429 = Weischedel-Ausgabe S. 66f.) Dieser berühmte Satz
ist moralphilosophisch sehr viel aussagekräftiger als das Universalisie-
rungsgebot. Wer nämlich andere Menschen als Zweck behandelt, muss
sie als autonome Wesen ansehen, ihre Zwecksetzungen respektieren
und ihre Würde achten. Eine gegenseitige Instrumentalisierung ist nicht
zulässig. Man beachte übrigens, dass KANT realistisch genug ist, nicht
zu fordern, dass man andere Menschen gar nicht instrumentalisieren
darf; wahrscheinlich baut jede arbeitsteilige Gesellschaft darauf auf,
dass Menschen sich gegenseitig als Mittel ansehen, aber dies ist mora-
75
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
lisch nur zulässig, wenn sie sich „jederzeit zugleich als Zweck“ behan-
deln.
Gesinnungsethik Der erste Vorwurf richtet sich gegen die intentionalistische Ausrichtung
von KANTs Ethik, gegen die Vernachlässigung einer Abwägung der
Konsequenzen von Handlungen. Max WEBER hat diese Kritik in seiner
wirkungsmächtigen Rede „Politik als Beruf“ zugespitzt: Eine intentio-
nalistische Moral sei eine Gesinnungsethik, der er die konsequentialisti-
sche Verantwortungsethik gegenüberstellt. Der Gesinnungsethiker ha-
76
3.2 Deontologismus
be den alten Satz „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott
anheim“ bloß säkularisiert, weil ihm die Folgen und Nebenwirklungen
seiner Handlungen gleichgültig seien. Um sein Gewissen rein zu halten,
lehne es der KANTianer ab, Kompromisse mit der schlechten Wirklich-
keit zu machen; eine intentionalistische Moral sei insofern eine ver-
kappte Form des Egoismus. Tatsächlich beginnt KANTs „Grundlegung
zur Metaphysik der Sitten“ mit dem berühmten Satz: „Es ist überall
nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken mög-
lich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein
ein guter Wille.“ Auf der nächsten Seite stellt KANT aber klar, dass ein
guter Wille zu verstehen sei „nicht etwa als ein bloßer Versuch, sondern
als die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind“. Der
gute Wille verharrt nicht in der Innerlichkeit, sondern strebt nach Ver-
wirklichung - sonst wäre ein kein Wille (bzw. keine Intention), sondern
ein leerer Wunsch. Richtig ist aber, dass KANT nur das zur moralischen
Beurteilung heranziehen möchte, was in unserer Macht steht. Deshalb
bleiben die Folgen und Nebenwirkungen (im Gegensatz zum konse-
quentialistischen Utilitarismus) außer Betracht. Wenn eine Hilfsaktion
aus äußeren oder inneren Ursachen misslingt, wegen ungünstiger Wit-
terungsbedingungen oder eigener körperlicher Schwäche, ist sie mora-
lisch nicht weniger wertvoll als eine gelungene.
Der zweite Kritikpunkt betrifft den von KANT herausgestellten Gegen- Kalte Pflicht
satz von Pflicht und Neigung. Unsere Neigungen, so meint er, zielen im-
mer auf unser Glück; die Pflicht gebietet hingegen, moralisch zu
handeln. Was ist mit „Pflicht“ gemeint? In Siegfried LENZ’ Roman „Die
Deutschstunde” (1968) werden zwei falsche Begriffe von Pflicht ge-
genüber gestellt: der positivistische Rechtsgehorsam des Vaters in der
Nazi-Zeit, durch den er sich verpflichtet fühlt, das Berufsverbot gegen
einen Maler durchzusetzen, und die innere Nötigung des Sohnes, das
Werk des Malers zu retten, auch als gar keine Gefahr mehr besteht.
KANT meint aber weder die faktischen Pflichten, die eine Gesellschaft
von ihren Mitgliedern verlangt, noch innere Verpflichtungsgefühle, die
durch Erziehung und Sozialisation entstanden sind. Vielmehr geht es
KANT um die durch praktische Vernunft bestimmbaren idealen Pflich-
ten. Zudem muss bei KANT unterschieden werden zwischen Pflichten
im Plural und der Pflicht im Singular. Moralisch im strengen Sinne ist,
wer nicht nur pflichtgemäß handelt (das wäre bloß „Legalität“ oder
Normenkonformität), sondern zusätzlich aus innerer Überzeugung von
der Richtigkeit des Moralischen, also (in KANTs Worten) „aus Pflicht“.
Nach einer ersten Lektüre von KANTs Schriften drängt sich der Ein-
druck auf, dass Neigung und Pflicht niemals konvergieren, weil Nei-
gungen immer empirisch bedingte, also sinnliche Triebkräfte mit
egoistischer Zielsetzung sind. Nur wer sich völlig von seinen Neigun-
gen distanzieren könne, handele aus Pflicht und somit moralisch. Fried-
rich SCHILLER, im Grunde ein großer Verehrer KANTs, hat diese Kritik
auf den Punkt gebracht, unter der Überschrift „Gewissensskrupel“:
77
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
„Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin.“
KANT ist aber keineswegs der Auffassung, dass eine kalte Pflicht sich
immer gegen unsere warmen Gefühle durchsetzen müsse. An dem ent-
sprechenden Missverständnis ist er selbst jedoch nicht unschuldig. Um
besonders klar herauszustellen, was eine Handlung aus Pflicht ist, wählt
er meistens Beispiele, bei denen tatsächlich die Neigungen zurückge-
stellt oder überwunden werden müssen. Es gibt aber auch Neigungen,
die das moralische Handeln unterstützen bzw. mit ihm parallel laufen.
Zudem kann Moralität selbst zur Neigung werden, bei einzelnen durch
gelungene Erziehungsprozesse und unter günstigen gesellschaftlichen
Bedingungen, für alle erst nach menschheitsgeschichtlichen Verände-
rungen. Dennoch besteht, wie übrigens auch im Utilitarismus, eine Dis-
sonanz zwischen individuellen Neigungen und Moral; das ist ja der
Grund, warum die Ethik in eine Philosophie der Lebenskunst und die
Moralphilosophie auseinander gefallen ist. KANT ist, um diesen Punkt
zusammenzufassen, gegen eine Moralphilosophie, die sich am Glück
orientiert; er fordert für den Konfliktfall die Zurückstellung der indivi-
duellen Neigungen zugunsten der Moral; aber er richtet sich nicht gene-
rell gegen unser menschlichen Triebe und Gefühle.
78
3.3 Zwei kombinierte Ansätze
79
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
„Erster Grundsatz:
Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher
Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.
Zweiter Grundsatz:
Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen
sein:
a) sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am
wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und
b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer
Chancengleichheit offen stehen.” (RAWLS, Eine Theorie der Gerechtigkeit,
Frankfurt a. M. 1979, S. 336)
80
3.3 Zwei kombinierte Ansätze
können. Wie KANT vertraut er dabei der praktischen Vernunft, die die
Maximen bzw. Normen auf ihre Allgemeingültigkeit überprüfen soll.
Während aber für KANT die Vernunft ein individuelles Vermögen ist,
ist sie bei HABERMAS immer an inter-individuelle bzw. intersubjektive
Strukturen gebunden. Man spricht deshalb auch von einer kommunika-
tionstheoretischen Transformation des KANTischen Ansatzes. Bei
KANT führt jeder Mensch die Maximenüberprüfung allein durch; bei
HABERMAS kann dies nur gemeinsam mit allen Betroffenen geschehen,
und zwar in einer voraussetzungsreichen Form der Kommunikation, die
von Zeit- wie Handlungszwängen entlastet ist und in der allein die bes-
seren Argumente zählen. HABERMAS nennt eine solche anspruchsvolle
Gesprächsform Diskurs, im speziellen Fall einen praktischen Diskurs.
Das Prinzip von HABERMAS’ Moralphilosophie (von ihm „D” genannt)
lautet also: Es sind nur die Normen legitim, die in einem praktischen
Diskurs die Zustimmung aller Betroffenen finden oder finden könnten.
Er bezeichnet seinen Ansatz deshalb als Diskursethik oder, genauer, als
Diskurstheorie der Moral.
HABERMAS hat mehrere starke Gründe für seinen diskurstheoretischen Gründe für die
Ansatz. Erstens müssen legitime moralische Normen auf alle Betroffe- Diskurstheorie
nen Rücksicht nehmen. Ein allein urteilendes Subjekt wird aber niemals
die Bedürfnisse und Interessen der anderen Menschen kennen. Es reicht
jedenfalls nicht aus, sich bloß gedanklich in diese hineinzuversetzen;
wir sollten sie besser selbst befragen. Zweitens behauptet HABERMAS,
dass der Diskurs eine notwendige Weiterentwicklung unseres alltägli-
chen kommunikativen Handelns ist. Wenn wir uns über eine Situations-
deutung oder einen gemeinsamen Handlungsplan nicht einig sind,
würden wir immer zu dem Koordinations- und Konfliktlösungsmecha-
nismus des Diskurses greifen. Menschliches Zusammenleben sei gar
nicht möglich ohne solche Verständigungsformen. Drittens könne man
nicht ernsthaft gegen einen Diskurs sein. Denn auch Einwände gegen
einen Diskurs können nur in einem solchen vorgetragen werden. Wer
also den Diskurs ablehnt, verwickle sich in einen Widerspruch (vgl. Ka-
pitel 1.2.3, S.22).
81
3 Dritter Teil: Grundpositionen der normativen Moralphilosophie
Universalisierung Was bei KANT der Kategorische Imperativ war, wird bei HABERMAS zu
einer Argumentationsregel, die die Teilnehmer innerhalb des prakti-
schen Diskurses verwenden. Auch HABERMAS versteht diese als Uni-
versalisierungsgrundsatz und bezeichnet sie abkürzend als „U”. Die
Formulierung lautet:
„Jede gültige Norm muß der Bedingung genügen, daß die Folgen und Nebenwir-
kungen, die sich aus ihrer allgemeinen Befolgung für die Befriedigung der Inter-
essen jedes Einzelnen voraussichtlich ergeben, von allen Betroffenen zwanglos
akzeptiert werden können.“ (HABERMAS, Moralbewußtsein und kommunikatives
Handeln, Frankfurt a. M. 1983, S. 131, vgl. ebd. S. 75 u. 103)
Diese Formel ist wohlüberlegt und wird von HABERMAS in allen Einzel-
heiten erläutert. Ich möchte an dieser Stelle nur auf einen Aspekt hin-
weisen: HABERMAS spricht von den voraussichtlichen „Folgen und
Nebenwirkungen”, akzeptiert also den Konsequentialismus, den wir
beim Utilitarismus kennengelernt haben.
82
3.3 Zwei kombinierte Ansätze
10. Stellen Sie dar, welche Ideen der Diskursethik von HABER-
MAS zugrunde liegen.
11. Nehmen wir an, es gebe eine Gesellschaft aus drei Personen,
die unterschiedliche Mengen an Gütern erwirtschaften. Wel-
che Güterverteilung ist moralisch am besten? (Die folgen-
den Zahlen geben die Gütermengen an.) Diskutieren Sie die
Frage vom Standpunkt des Utilitarismus und des Deontolo-
gismus.
(a) 1 - 1 - 1 (b) 3 - 3 - 3
(c) 8 - 8 - 1 (d) 7 - 5 - 3
83
4 Vierter Teil: Offene Fragen
Auf der Tagesordnung stehen nun zwei Probleme, die unabhängig da-
von sind, welcher normativen Grundposition man sich anschließen
möchte. Zum einen reicht, damit moralisch gehandelt wird, eine über-
zeugende Begründung häufig nicht aus; es müssen Beweggründe oder
Triebkräfte hinzukommen (Motivationsproblem). Zum anderen ist mo-
ralisches Handeln aus verschiedenen Gründen oft ein Wagnis oder Ri-
siko. Im Unterschied zu den im zweiten Teil behandelten prinzipiellen
Einwänden kann die Philosophie diese beiden Probleme nur analysie-
ren, aber nicht selbst lösen, weil sie die Realisierung des Moralischen in
der Welt betreffen.
Aber ist nicht vielleicht in einem gewissen Sinne die gesamte Moral für
uns Menschen eine Überforderung? Die Alltagserfahrung zeigt uns,
dass man oft nicht so handelt, wie es die moralischen Überzeugungen
eigentlich verlangen. Es gibt eine Kluft zwischen Theorie und Praxis,
zwischen dem, was man eigentlich weiß, und dem, was man dann tut.
Diese Lücke wird als Motivationsproblem bezeichnet.
85
4 Vierter Teil: Offene Fragen
Gründe und Motive Wir müssen zwischen Gründen und Motiven unterscheiden. Den Be-
griff „Grund” beziehe ich in unserem Rahmen auf rationale Argumente
für oder gegen bestimmte moralische Aussagen. Jeder von uns kennt
Gründe, kann sich Gründe anhören und zu ihnen Stellung beziehen.
Gründe führen zu Überzeugungen. Motive sind hingegen Beweggründe
oder Triebkräfte, durch die Handlungen in Gang gesetzt werden. Wenn
ich motiviert bin, etwas für meine Gesundheit zu tun, könnte ich bei-
spielsweise meine Ernährung ändern. Wenn Wissen hinzukommt (also
wahre begründete Überzeugungen), kann dies auf die richtige Weise
geschehen. Das lässt sich auf das moralische Handeln übertragen: Kari-
tative Handlungen, etwa für arme Kinder in Afrika, müssen sowohl mo-
tiviert als auch durch Wissen gelenkt sein, damit sie ihren Zweck
erreichen. In manchen Fällen mögen Gründe als Motive wirken; oft
aber müssen wohl Motive zu den Gründen hinzutreten.
Innere und äußere Man unterscheidet generell zwischen von außen und von innen kom-
Motive menden Motiven, extrinsischer und intrinsischer Motivation. Die äuße-
ren Beweggründe können negativer oder positiver Art sein. Der
bekannte Fall negativer extrinsischer Motivation ist die Furcht vor Stra-
fe. Es kann nicht in Frage stehen, dass eine Motivation dieser Art die
stärkste und verlässlichste ist. Das ist einer der Gründe, warum es sinn-
voll ist, die moralischen Normen zu ergänzen durch ein System von
rechtlichen Normen, zu deren Befolgung man sogar durch eine mit dem
Gewaltmonopol versehene Institution gezwungen werden kann (vgl.
Kapitel 2.3, S.47). Etwas schwächer sind informelle Sanktionen wie
Missachtung, Kommunikationsabbruch, Einkommenseinbußen usw.
Positive äußere Motive sind die Aussicht auf eine Gratifikation, eine
Belohnung materieller oder immaterieller Art: Geld, Macht, Ruhm, Eh-
re usw. Übrigens können sich sowohl negative wie positive äußere Mo-
tive auf transzendente Instanzen richten; man denke an die Angst vor
Höllenstrafen und die Hoffnung auf ein ewiges Leben. Wer aus äußeren
Motiven normenkonform handelt, handelt aus der Sicht KANTs nicht im
eigentlichen Sinne moralisch bzw. wertrational, sondern klug bzw.
zweckrational. Besser wäre es in jedem Fall, wenn moralisches Handeln
auch intrinsisch motiviert ist, durch innere Beweggründe - so lautete
auch eines unserer Argumente gegen den Rechtspositivismus (vgl. Ka-
pitel 2.3.3, S.51).
86
4.1 Das Motivationsproblem
Das Problem der moralischen Motivation stellt sich auf mindestens drei 3 Ebenen
Ebenen. Auf der untersten, grundlegenden Stufe muss es eine Motivati-
on geben, sich überhaupt moralisch zu verstehen. Welche Motive sollte
ich haben, mich überhaupt als Angehöriger einer moralischen Gemein-
schaft zu sehen und nicht als radikaler Egoist? Auch wenn ich von den
Gründen, die gegen den Nihilismus und Amoralismus angeführt wer-
den, überzeugt bin, könnte es mir an Motiven mangeln, auch dement-
sprechend zu handeln. Auf der mittleren Ebene geht es um die unter-
schiedlichen normativen Positionen der Ethik. Auch wenn ich von den
Gründen für eine bestimmte moralphilosophische Auffassung über-
zeugt sein sollte, könnte es mir an Motiven mangeln, dementsprechend
zu handeln. Normalerweise wird man in einer bestimmten Weise mora-
lisch sozialisiert; vor allem in vormodernen Gesellschaften wird man
kaum einmal mit Alternativen zur faktisch geltenden Moral konfrontiert
worden sein. Man ist entweder Katholik oder Protestant, Moslem oder
Konfuzianer usw. Welche Motive könnten mich bewegen, meine mora-
lische Gemeinschaft zu verlassen, entgegen meiner moralischen Sozia-
lisation zu handeln, die sich doch in der Regel (bei stabilen Gemein-
schaften) als erfolgreich bewährt haben wird? Das kann man auf die
oben dargestellten philosophischen Konzeptionen übertragen: Gibt es
nicht auch Motive, die einfach dazu führen, dass man entweder Utilita-
rist oder Deontologe ist? Schließlich stellt sich auf der dritten Ebene die
Frage, welche Motive mich in einer bestimmten Situation zum morali-
schen Handeln antreiben. Oft muss man sich schnell entschließen; mei-
stens orientiert man sich einfach an dem, was man immer getan hat oder
was andere in derselben Situation machen. Auch wenn es für mich gute
Gründe für eine bestimmte Handlungsweise geben mag, müssen nicht
doch Motive hinzukommen, die diese Gründe wirksam werden lassen?
Deshalb ist die Motivationslücke bei neuen Problemlagen besonders
groß, beispielsweise bei den Herausforderungen durch die ökologische
Krise.
87
4 Vierter Teil: Offene Fragen
Gefangenendilemma Die erste Überlegung stellt die Rationalität des Egoismus in Frage. Wer
meint, dass Menschen normalerweise egoistisch handeln, hält ein sol-
ches Verhalten meistens auch für strategisch geboten, um die eigenen
Ziele zu erreichen. Daran sind aber massive Zweifel möglich. Die Irra-
tionalität des Egoismus soll ein Gedankenexperiment nachweisen, das
in den letzten Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften für großes Auf-
sehen gesorgt hat. Es ist das berühmte Gefangenendilemma (vgl. zu die-
sem Thema: Robert AXELROD: Die Evolution der Kooperation.
München 52000).
Gefangenendilemma
B
Schweigen Lügen
A Schweigen 1/1 10 / 0
Lügen 0 / 10 8/8
88
4.1 Das Motivationsproblem
Die gesamte Konstruktion hat zwei Pointen: Die erste Pointe ist, dass
die egoistischen Nutzenkalküle in ihrer Addition zur kollektiv schlech-
testen Lösung führen, also dem Gemeinwohl am abträglichsten sind.
Denn wenn beide für sich das Beste herausholen wollen, die Kronzeu-
genregelung, kommt es zu sechzehn Jahren Haft. Das Gegenteil von
dem, was beabsichtigt wurde, träte ein. Die zweite Pointe ist die, dass
die kollektiv beste Lösung auch diejenige ist, die sich aus moralischer
Sicht ergibt. Denn moralisch am besten ist es zweifellos, wenn beide In-
haftierten die Wahrheit sagen, also nicht lügen und nicht unberechtigt
den Anderen belasten. Moralisches Handeln mindert also nicht das Ge-
meinwohl, sondern fördert es.
1. Die beste Lösung für alle wäre, wenn jeder sich für Mehr-
wegflaschen entscheiden würde.
2. Die zweitbeste Lösung ist, wenn es sowohl Mehrweg- wie
Einwegflaschenbenutzer gibt; aber auf der individuellen
Ebene haben jene, die sich für Mehrwegflaschen entschei-
den, das Nachsehen.
89
4 Vierter Teil: Offene Fragen
90
4.1 Das Motivationsproblem
Wer „tit for tat” spielt, ist kein moralischer Held, aber immerhin ein gu-
ter Kooperationspartner und als solcher in einer individualisierten Ge-
sellschaft offensichtlich nicht dem Untergang geweiht. Das ist wenig,
aber besser als gar nichts. Der Egoismus hingegen erweist sich sowohl
im einmaligen wie im fortgesetzten Gefangenendilemma als subopti-
male Lösung.
Mit einer zweiten Überlegung wollen wir auf die nicht-egoistischen Po-
tentiale hinweisen, die in jedem Menschen stecken und die ihn, auch
ohne Belehrung über die Irrationalität des Egoismus, zu moralischen
Handlungsweisen motivieren könnten.
Erstens gibt es genügend Beispiele für altruistisches Handeln, also den Altruismus
selbstlosen Einsatz zugunsten anderer oder der Allgemeinheit. Am au-
genfälligsten ist immer wieder der Einsatz von Müttern (oder auch Vä-
tern) für ihre Kinder. Soziobiologen haben nachgewiesen, dass es
solche Verhaltensweisen schon im Tierreich gibt, und zwar als evolu-
tionär bedingte genetische Anlage. Die Pointe der soziobiologischen
Theorie moralischer Motivation ist allerdings, dass ein solcher Altruis-
mus immer näheren Verwandten zugute kommt, weil nur auf diesem
Wege die Weitergabe der Gene gesichert wird. Diese These kann man
allerdings für menschliches Handeln nicht aufrechterhalten, denn unei-
gennütziges Verhalten gibt es auch zugunsten von Personen, mit denen
man nicht verwandt ist. Sicherlich wird nicht jeder begünstigt. Die ent-
scheidende Voraussetzung für einen starken Altruismus, für Hilfs- und
Opferbereitschaft, scheint auch in der menschlichen Welt die Zugehö-
rigkeit zur selben sozialen Gruppe zu sein. Aber an die Stelle der Fami-
lie bzw. der engeren Verwandten können auch Gemeinschaften wie
Nachbarschaften, militärische Einheiten oder religiöse Sekten treten.
Altruistisch handeln darüber hinaus auch die Personen, die sich poli-
tisch für ihre Gesellschaft engagieren, obwohl dies für sie selbst mit
91
4 Vierter Teil: Offene Fragen
Motivloses Handeln Zweitens gibt es kulturell erworbene Verhaltensweisen, die uns im Lau-
fe des Sozialisationsprozesses so in Fleisch und Blut übergegangen
sind, dass sie gleichsam motivlos ablaufen. Wir tun es einfach, ohne
darüber nachzudenken. Beispiele dafür sind bestimmte Automatismen
im Haushalt oder beim Autofahren sowie ein Handeln gemäß gängiger
Höflichkeitsformeln. Auch im moralischen Bereich gibt es solche Ver-
haltensweisen, etwa Handlungen aus Tradition, aus Gewohnheit oder
als standardmäßiges Rollenverhalten innerhalb einer Institution. Neh-
men wir als Beispiel die Hilfe für kranke und alte Personen: Nicht alle,
die sich auf diese Weise engagieren, tun es auf Grund einer rationalen
moralischen Überlegung. In vielen Gesellschaften ist es selbstverständ-
lich, dass man sich auf diese Weise um Familienmitglieder kümmert;
bei anderen ist es anfangs eine bewusste Entscheidung gewesen, die
dann abgesunken ist zu einer Gewohnheit; für dritte ist es schlicht ihr
Beruf.
Tugenden Auf der Seite des Subjekts, gleichsam im Inneren, entspricht solchen
Verhaltensweisen eine charakterliche Disposition, eine Tugend, die uns
von selbst so handeln lässt. Tugendhaftes Handeln ist, wie man heute
auch sagt, habitualisiert (zur Gewohnheit geworden). In früheren Zeiten
gab es ausgearbeitete Kataloge von Tugenden. So kannte die klassische
antike Ethik vier Kardinaltugenden: Weisheit, Besonnenheit, Tapfer-
keit und Gerechtigkeit. Die kurze Liste zeigt, dass es nicht nur morali-
sche Tugenden gibt: Weisheit umfasst mehr als Moral. Besonnenheit ist
eine Tugend vormoralischer Art, denn nicht nur der ethisch inspirierte
Politiker, sondern auch ein Taschendieb muss besonnen vorgehen,
wenn er erfolgreich sein will. Tapferkeit ist ebenfalls eine Sekundärtu-
gend, bei der es darauf ankommt, wofür man sich mutig einsetzt. Wei-
tere typische Sekundärtugenden sind Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und
Zuverlässigkeit. Allein die letzte der vier klassischen Kardinaltugen-
den, Gerechtigkeit, ist eindeutig moralischer Art. Im vierten Buch sei-
ner „Nikomachischen Ethik” hat ARISTOTELES eine Reihe weiterer
92
4.1 Das Motivationsproblem
Das dritte Indiz gegen den anthropologischen Egoismus sind morali- Emotionen
sche Affekte. Darunter sind Gefühle zu verstehen, die mit moralischen
Wertungen verbunden sind und soziales Handeln motivieren können.
Sie unterscheiden sich je nach Situation und Rolle: Wenn ich selbst der-
jenige bin, der unmoralisch gehandelt hat, treten bei einer gelungenen
moralischen Sozialisation Gefühle der Schuld und/oder Scham auf.
Wenn ich der Leidtragende der unmoralischen Handlung eines anderen
bin, entsteht Groll auf den Verursacher. Wenn ich eine moralische Si-
tuation als Außenstehender beobachte, regt sich gegenüber dem unmo-
ralisch Handelnden Empörung, für den Betroffenen Mitleid. Insbeson-
dere dieses letzte Gefühl wurde von vielen Philosophen als das
wichtigste Motiv moralischen Handelns betrachtet. Tatsächlich weist
das Mitleid einige interessante Aspekte auf. Zunächst einmal ist es of-
fensichtlich ein spezifisch menschliches Gefühl, denn bei Tieren findet
man es gar nicht, selbst bei den großen Affen nur in Ansätzen. Sodann
überschreitet es den Kreis der Zugehörigkeitsgruppe, ja sogar die Art-
grenze. Ein weinendes Kind muss, um unsere Hilfstätigkeit zu motivie-
ren, nicht mit uns verwandt sein; wir empfinden Mitleid sogar mit Tie-
ren. Schließlich kann das Mitleid sich mit immer mehr Komponenten
anreichern: Die schwächste Form ist kaum mehr als ein kognitives Zur-
Kenntnis-Nehmen fremden Leids, ein distanziertes Bedauern. Dann
kommt die emotionale Anteilnahme. Schließlich tritt zur affektiven
Komponente noch eine motivierende hinzu; man richtet sich nicht nur
93
4 Vierter Teil: Offene Fragen
auf das Leid eines anderen, sondern strebt auch nach dessen Beseiti-
gung. In der vom Christentum propagierten Tugend der Barmherzigkeit
ist das Mitleid habitualisiert. Wie die anderen moralischen Affekte
weist das Mitleid aber einige Schwächen auf: Erstens fungiert es gewis-
sermaßen nur auf Sichtweite. Leiden, das wir nicht sinnlich wahrneh-
men, löst kein Mitleid aus. Zweitens sind Affekte nur begrenzt beein-
fluss- und veränderbar. Denn auch Mitleid vermag Schaden
anzurichten, wenn es nicht rational korrigiert wird: Übertriebenes Mit-
leid kann den Hilfsbedürftigen erniedrigen oder von eigenständigem
Handeln abhalten; zudem richtet es sich manchmal auf den Falschen.
Drittens können wir niemanden zu Mitleid verpflichten; entweder man
spürt es oder nicht. Dennoch ist es für eine moralische Kultur unver-
zichtbar und wohl das stärkste nicht-egoistische Motiv.
„Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Ver-
gleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch
etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie
ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wieder-
holten Anweisungen, findet sie es doch.” (Sigmund FREUD: Die Zukunft einer
Illusion, 1930. In: ders.: Studienausgabe, Bd. IX, hg. von A. Mitscherlich u.a.
Frankfurt a. M. 1974. S. 135-189, hier 186)
Gewissen Die begrenzte Kraft der praktischen Vernunft zeigt sich an der Rolle des
Gewissens. Das Gewissen ist so etwas wie ein innerer Gerichtshof.
FREUD spricht zu Recht vom Über-Ich, in dem wir äußere Ansprüche,
die vor allem in der frühkindlichen Sozialisation auf uns wirkten, verin-
nerlicht haben. Allerdings ist das Gewissen niemals der bloße Wider-
schein äußerer Zwänge; die Herausbildung des Gewissens im Laufe der
kindlichen Sozialisation erfolgt als Ausgleich zwischen inneren An-
94
4.1 Das Motivationsproblem
Damit ist die Problematik der moralischen Motivation noch nicht aus- Selbstkonzept
geschöpft. Es mag sein, dass jemand über ausreichende Triebkräfte für
moralisches Handeln verfügt. Aber diese kommen nicht zum Zuge, weil
es andere Motive gibt, die sich immer wieder in den Vordergrund drän-
gen. Damit sind gar nicht a- oder anti-moralische Beweggründe ge-
meint, sondern vielmehr Motive aus ganz anderen Bereichen, etwa das
Interesse an der Verwirklichung der eigenen sportlichen, technischen,
kognitiven oder ästhetischen Fähigkeiten. Leistungssportler verletzen
die bestehenden Dopingregeln oder verhalten sich gegenüber Konkur-
renten unfair; Ingenieure und Wissenschaftler riskieren für vermeintli-
che Erkenntnisgewinne das Leben anderer; große Künstler kümmern
sich überhaupt nicht um ihre Mitmenschen oder nutzen sie bloß aus.
Dies alles kann trotz gelungener moralischer Sozialisation passieren.
Zusätzlich ist es also erforderlich, dass die moralischen Motive einen
hohen Stellenwert im komplexen Gefüge der Ich-Identität einer Person
besitzen. Der Moralabsolutismus, von dem oben gesprochen wurde
(vgl. Kapitel 2.1, S.33), muss sich also im Selbstkonzept des Subjekts
widerspiegeln. Es sei wiederholt, dass damit kein lebens- und glücks-
feindlicher Moralismus gepredigt wird. Dass die moralischen Prinzipi-
en gegen andere Ideale ausgespielt werden müssen, wird zum Glück in
stabilen demokratischen Rechtsstaaten selten nötig sein. Es sollte aber
der Fall sein, wenn es um Konflikte und Entscheidungssituationen geht.
Welchen Schluss können wir aus diesen Überlegungen ziehen? Wir Fazit
richteten sie gegen die Auffassung, dass menschliches Handeln prinzi-
piell egoistisch ausgerichtet ist. Dem dienten die Hinweise auf einen
biologisch verankerten Altruismus, habitualisierte Verhaltensweisen,
moralische Affekte und die praktische Vernunft. Dem diente auch der
Nachweis, dass sich egoistisches Verhalten in vielen Situationen, näm-
lich denen analog zum Gefangenendilemma, als unzweckmäßig er-
weist. Trotzdem bleibt die Diskrepanz zwischen moralischen Anforde-
rungen und unserem üblichen Handeln bestehen. Das aber ist sogar ein
Merkmal der Moral: Eine Pflicht wäre keine Pflicht, wenn wir ohnehin
so handeln würden. Sein und Sollen sind nicht identisch. Aber sie klaf-
95
4 Vierter Teil: Offene Fragen
fen auch nicht so weit auseinander, dass das Sollen unerfüllbar ist. Den-
noch wird man realistischerweise wohl zwischen zwei Typen von Nor-
men unterscheiden müssen: Idealnormen, die moralisch gefordert, aber
in unserer Welt nicht zu verwirklichen sind (etwa die Feindesliebe und
andere Gebote aus Jesu Bergpredigt), und Praxisnormen, die für uns
Menschen immer noch schwer genug sind (etwa die Nächstenliebe).
Wenn wir moralisch handeln, ist dann alles in Ordnung? Viele Ethiker
waren dieser Ansicht. Tatsächlich aber ist dies keineswegs der Fall.
These:
Moralisches Handeln ist in mehrfacher Hinsicht riskant und unsicher.
Wirklich moralisch? Erstens besteht für niemanden die Sicherheit, tatsächlich in einem mo-
ralischen Sinne richtig gehandelt zu haben. Jedes noch so gut begründe-
te moralische Urteil ist fehlbar; es könnte falsch sein. Das wäre nur
anders, wenn sich moralische Prinzipien, soziale Normen oder konkrete
Handlungen mit absoluter Gewissheit rechtfertigen ließen. Einige Mo-
ralphilosophen halten dies für gegeben, die Mehrheit jedoch nicht. Es
mag eindeutige Fälle geben: Dass man beispielsweise einen anderen
Menschen nicht töten darf, ist zweifellos normativ richtig. Doch selbst
das Tötungsverbot kennt Grenzfälle (Abtreibung und Sterbehilfe) so-
wie Ausnahmen: Notwehr und Nothilfe, Tyrannenmord, legitime poli-
zeiliche und militärische Aktionen usw. Immerhin dürfte Einigkeit
darüber herrschen, dass die Steigerung des bewussten und geplanten
Tötens, der Massenmord, moralisch unzulässig ist. Es gibt wohl kein
Argument, mit dem man ein in Kriegszeiten begangenes Massaker an
der Zivilbevölkerung, etwa die deutschen Verbrechen während des
Zweiten Weltkriegs, rechtfertigen könnte. Umgekehrt ist Hilfe für mög-
liche Opfer solcher Verbrechen moralisch lobenswert und absolut gebo-
ten.
Allerdings stellt sich hier noch ein anderes Problem: Eine solche Hilfe-
leistung ist normativ richtig - aber wissen wir, aus welchen Motiven sie
geschah? War es wirklich, wie KANT verlangen würde, eine Handlung
aus Pflicht - oder handelte der noble Retter vielleicht doch aus zweck-
rationalen Erwägungen bzw. im eigenen Interesse? Von außen lässt sich
das sehr schwer entscheiden. Und auch nicht von innen: Spätestens die
Tiefenpsychologie hat uns darüber belehrt, dass wir uns unserer eigenen
Handlungsmotive nicht gewiss sein können; unser Bewusstsein ist nicht
so transparent, dass wir mit Sicherheit wüssten, ob eine moralische
96
4.2 Die Risiko des moralischen Handelns
Zweitens ist nicht auszuschließen, dass wir in moralische Dilemmata Moralische Dilemmata
geraten können. Es mag Fälle geben, in denen beide Seiten gleich gute
Argumente für ihr Urteil vorbringen können. Ein solcher Fall könnte
vielleicht die Abtreibungsproblematik sein. Das Dilemma verschärft
sich, wenn nicht nur über solche strittigen Fälle diskutiert wird, sondern
man bereits auf der Ebene des Handelns angekommen ist. Beispielswei-
se ist in einem Land die Forschung mit embryonalen Stammzellen
(strikt oder weniger strikt) verboten, in einem Nachbarland erlaubt. Die
eine Seite muss sich vorwerfen lassen, nicht genug für schwer leidende
alte Menschen zu tun; die andere Seite muss sich vorwerfen lassen,
sorglos mit menschlichem Leben in einem frühen Entwicklungsstadium
umzugehen. Besonders dramatisch ist es, wenn solche Pflichtenkolli-
sionen in einer Person zusammentreffen. Berühmt ist das von SARTRE
gegebene Beispiel: In der Zeit der deutschen Besetzung steht ein junger
Mann vor der Alternative, sich entweder dem französischen Widerstand
anzuschließen oder die schwerkranke Mutter zu pflegen. Schließlich er-
geben sich moralische Dilemmata für alle diejenigen, die in einer unmo-
ralischen Welt moralisch handeln müssen. Wer etwa in einer totalitären
Gesellschaft lebt, kommt oft nicht darum herum, sich anzupassen, klei-
ne und große Kompromisse zu machen, im Kampf gegen die Herr-
schenden selbst unlautere Methoden anzuwenden usw. Entsprechendes
gilt für die politische Auseinandersetzung mit Feinden, die keine Scheu
haben, Gewalt als Mittel einzusetzen.
97
4 Vierter Teil: Offene Fragen
Erfolglosigkeit Drittens gibt es keine Garantie dafür, dass moralisches Handeln erfolg-
reich ist. Es gibt genügend schlechte und böse Menschen; die meisten
politischen Systeme entsprechen nicht den Anforderungen, die ein
Rechtsmoralismus stellt (vgl. Kapitel 2.2, S.36). Dementsprechend ist
die menschliche Geschichte voller Niederlagen für das Moralische;
Beispiele für den Sieg des Bösen kann ich mir hier ersparen. Falsch wä-
re aber auch der Umkehrschluss, generell vom Misserfolg des Morali-
schen zu sprechen. In der Regel sind sowohl Optimismus wie
Pessimismus einseitige Sichtweisen. Oft mag man an einer Welt ver-
zweifeln, die das Gute unterliegen lässt; man kann aber auch viele Er-
eignisse aufzählen, in denen dies nicht der Fall war. Insbesondere das
20. Jahrhundert war ein Zeitalter der Extreme, mit allerschlimmsten
Verbrechen, aber auch einigen bedeutsamen Fortschritten: das fast völ-
lige Verschwinden totalitärer Ideologien wie Faschismus und Bolsche-
wismus, die Ausbreitung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (auch
wenn diese kaum irgendwo durchgängig verwirklicht sind), die Eman-
zipation der Frauen, die zunehmende Ächtung von Todesstrafe und Fol-
ter usw. Leider gilt das meiste nur für Europa und wir können von Glück
sprechen, hier und jetzt zu leben. Die Aufgabe für das 21. Jahrhundert
ist es, entsprechende Fortschritte auch in anderen Regionen der Welt
voranzutreiben. Eine Erfolgsgarantie, das war hier der Punkt, kann es
dafür aber nicht geben.
Moral und Glück Das Moralische erweist sich nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene
oft als erfolglos; dies gilt auch für die individuelle Ebene. Das zeigt sich
am Verhältnis von Moral und Glück. Wir haben oben bereits erwähnt
(vgl. Kapitel 1.1.4, S.15), dass die meisten antiken Ethiker der Auffas-
sung waren, moralisches Handeln und Glückseligkeit würden zusam-
menfallen: Der Tugendhafte ist glücklich, der Glückliche ist tugend-
98
4.2 Die Risiko des moralischen Handelns
haft. Diese Zuversicht haben wir lange verloren. Der Weltlauf erweist
sich immer wieder als mitleidlos und ungerecht. Die Guten sind un-
glücklich und unterliegen, die Schlechten (oder gar die Bösen) sind
glücklich und behalten die Oberhand. Der Ehrliche ist nicht immer, aber
oft der Dumme.
Ich habe eine Reihe von Gründen aufgezählt, aus denen moralisches Was darf ich hoffen?
Handeln riskant ist. KANT hat zwar nicht alle der aufgezählten Proble-
me gesehen; beispielsweise wurde von ihm bestritten, dass es Pflichten-
kollisionen geben könne (vgl. Kapitel 3.2.2, S.72). Aber insbesondere
aus dem letzten Problem, dem Missverhältnis von Glück und Moral im
Weltlauf, zog er den Schluss, dass mit der Ethik zwar der höchste Punkt
der Philosophie erreicht sei, aber nicht ihr Ende. Absoluter als der Ka-
tegorische Imperativ könne nichts sein; dennoch sei „Was soll ich tun?”
nicht die letzte philosophische Frage. Es folge noch „Was darf ich hof-
fen?”. Diese Frage ist so zu verstehen: Wenn ich mich immer moralisch
verhalte, darf ich dann hoffen, dass das Gute siegt und auch ich glück-
lich werde? Nach KANTs Auffassung werden wir allein durch morali-
sches Handeln glückswürdig; nur der Moralische hat es verdient,
glücklich zu sein. Aber führt Glückswürdigkeit auch zur Glückselig-
keit? Traditionell wurde auf diese Frage eine religionsphilosophische
Antwort gegeben und noch KANT versucht einen moralischen Gottesbe-
weis. Außerweltliche Hoffnungen sind in der Moderne jedoch nicht
mehr universalisierbar. Es bleiben die innerweltlichen Hoffnungen, die
uns an die Geschichtsphilosophie verweisen: Darf ich hoffen, dass die
Menschheit zum Besseren voranschreitet? KANT war der Auffassung,
dass wir hoffen dürfen auf einen Fortschritt in den Rechtsverhältnissen,
nämlich hin zu einem weltbürgerlichen Zustand, einem Bund von de-
mokratischen Staaten, zwischen denen irgendwann ein „ewiger Frie-
den” möglich sein könnte (vgl. Kapitel 3.2.2, S.72). Hoffentlich sind
dann auch die Individuen glücklicher.
1. Kennen Sie die folgende Situation? Sie wissen, dass Sie auf
eine bestimmte Weise handeln sollten, tun es dann aber doch
nicht. Beschreiben Sie, wie Sie eine solche Situation, einen
solchen Zwiespalt erleben.
3. Listen Sie alle Faktoren auf, die für ein richtiges morali-
sches Handeln relevant sein könnten.
99
4 Vierter Teil: Offene Fragen
8. Wie ist aus heutiger Sicht die Hoffnung KANTs auf einen
Fortschritt in den Rechtsverhältnissen zu beurteilen?
100
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme
Der letzte Teil des Lehrbriefs gibt einen kurzen Ausblick auf die Ange-
wandte Ethik und auf einige ihrer Teilprobleme, die Thema anderer
Lehrbriefe sind. Zum Abschluss wird gefragt, was Ethik überhaupt lei-
sten kann.
Ein moralisches Urteil allein ist niemals ausreichend. Wir müssen, wie
im vierten Teil ausführlich dargestellt, auch motiviert sein, dementspre-
chend zu handeln. Darüber hinaus gibt es aber noch ein weiteres Pro-
blem: Jedes moralische Handeln findet in einer spezifischen und oft
unübersichtlichen Lebenssituation statt. Wann ist welches moralische
Handeln angemessen? Auf welche Weise können allgemeine morali-
sche Urteile auf besondere Handlungssituationen angewendet werden?
Außer dem Begründungs- und dem Motivationsproblem stellt sich also
in der Moralphilosophie noch das Anwendungsproblem.
Der Begriff der Anwendung kann man auf unterschiedliche Weise ver- Anwendung
stehen. Die erste Weise der Anwendung ist ein theoretischer Akt, den
ich Subsumtion nenne. Darunter versteht man die Unterordnung eines
Einzelfalls unter ein allgemeines Gesetz. Dies geschieht etwa, wenn wir
überlegen, ob wir einen menschlichen Embryo als Lebewesen mit
menschlicher Würde betrachten sollen oder nicht. Eine solche Subsum-
tion liegt im Vorfeld des Handelns und nützt uns für die konkrete prak-
tische Umsetzung wenig. Diese erfordert vielmehr den zweiten Typ der
Anwendung, die ich als Applikation bezeichne; diese betrifft das oben
angesprochene Problem, eine allgemeine Norm in einer besonderen
Handlungssituation zu verwirklichen. Dazu benötigen wir eine beson-
dere Art der praktischen Klugheit, eine praktische Urteilskraft, die nicht
theoretisch erworben werden kann, sondern nur durch Erfahrung und
Übung. In vielen Fällen wird es erforderlich sein, Applikationsproble-
me gesondert zu diskutieren. Nach dem Diskurs, in dem die beste Norm
gefunden und begründet werden soll, muss man also einen weiteren
Diskurs führen, der die angemessene Umsetzung in die Praxis themati-
siert.
Es gibt aber noch eine dritte Weise der Anwendung, die Spezifizierung Angewandte Ethik
allgemein-ethischer oder moralphilosophischer Urteile, die noch vor
der Applikation notwendig ist und also in gewisser Weise zwischen
(allgemeiner) Theorie und (konkreter) Praxis vermittelt. Davon können
wir sprechen, wenn es um moralische Probleme in einem bestimmten
gesellschaftlichen Teilbereich geht, etwa in Politik oder Wirtschaft,
101
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme
Geschichte Im Grunde gab es immer schon Angewandte Ethik. Die Klassiker der
Ethik, von ARISTOTELES bis KANT und MILL, haben sich nicht nur mit
Grundlegungsfragen, sondern immer auch mit konkreten Problemen
moralischen Handelns beschäftigt. Wie bei RAWLS und HABERMAS ste-
hen dabei meist Fragen der Politik, des politischen Handelns und der
politischen Ordnung im Vordergrund. Eine gewisse Vorläuferrolle für
die Angewandte Ethik hat die Kasuistik (abgeleitet von lat. casus = der
Fall; ein „casus conscientiae” ist ein ‚Gewissensfall’, der Fall für eine
Gewissensentscheidung). Bereits in der Antike, auch in anderen Hoch-
kulturen gab es solche Erörterungen von problematischen Einzelfällen.
Ihre Blütezeit erlebte die Kasuistik in der katholischen Welt der frühen
Neuzeit. Allerdings warf man ihr bald prinzipienlose Spitzfindigkeiten
vor. Noch KANT hielt jedoch die Kasuistik für notwendig, nicht im Rah-
men der Rechtslehre und bezogen auf die vollkommenen Pflichten, die
uns keinerlei Spielraum lassen, aber bezogen auf die unvollkommenen
Pflichten der Tugendlehre, bei denen es zu Anwendungsproblemen
kommen kann.
Anlässe für die Dennoch hat sich die Angewandte Ethik erst in den letzten zwanzig Jah-
Angewandte Ethik ren als philosophische Teildisziplin etablieren können. Dies ist zum ei-
nen das Ergebnis eines Spezialisierungs- und Differenzierungsprozes-
ses, den wir in allen Wissenschaften beobachten können. Zum anderen
ist es aber auch eine Reaktion auf eine veränderte Welt. Es seien nur
drei Phänomene erwähnt: erstens die Zündung der ersten Atombomben
1945, zweitens die enormen Fortschritte der Biowissenschaften (Ent-
deckung der DNS-Doppelhelix, Entzifferung des menschlichen Ge-
noms usw.) mit ihren möglichen medizinischen Anwendungen und drit-
tens die Diskussionen über prinzipielle Grenzen des ökonomischen
Wachstums, ausgelöst durch den berühmten Bericht an den „Club of
Rome” aus dem Jahr 1972. Interessanterweise hatten Philosophen auf
diese epochalen neuen Phänomene zunächst nicht mit ethischen Über-
legungen reagiert, sondern mit allgemeinen metaphysischen und ge-
schichtsphilosophischen Reflexionen sowie sehr pauschalen, entweder
positiven oder negativen Urteilen zur modernen Technik.
102
5.1 Von der Allgemeinen zur Angewandten Ethik
Wenn man die Entstehung der Angewandten Ethik auf ein Jahr festle- SINGER und JONAS
gen müsste, so würden wir auf das Jahr 1979 stoßen. In diesem Jahr er-
schienen zwei sehr unterschiedliche Bücher, die aber beide schon im
Titel bzw. Untertitel signalisieren, dass sie über die bisherigen Diskus-
sionen der Allgemeinen Ethik hinausgehen. Es sind dies zum einen
„Practical Ethics” (Praktische Ethik) von Peter SINGER und zum ande-
ren „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technolo-
gische Zivilisation” von Hans JONAS. Beide Werke lösten große
Kontroversen aus. SINGERs Thesen wurden auch außerhalb der akade-
mischen Öffentlichkeit heftig diskutiert, denn aus seinem utilitaristi-
schen Grundprinzip zog er beispielsweise radikale Schlussfolgerungen
für unseren Umgang mit Tieren, mit Sterbenskranken und mit schwer
behinderten Neugeborenen. JONAS behauptete, dass für die Lösung der
Probleme einer technischen Zivilisation die Rückkehr zu metaphysi-
schen Fragen und eine Wiederbelebung der aristotelischen Ethik erfor-
derlich seien.
SINGER und JONAS wollten mehrere sehr unterschiedliche Themen der Subdisziplinen der
Angewandten Ethik in einem Buch behandeln. Inzwischen sind jedoch Angewandten Ethik
die Probleme so komplex geworden und die Diskussionen haben sich so
stark verzweigt, dass es gar keine allgemeine Angewandte Ethik mehr
gibt, sondern nur noch deren Subdisziplinen, die sich auf jeweils einen
gesellschaftlichen Bereich beziehen. Im Folgenden seien exemplarisch
einige Themenfelder vorgestellt, insbesondere die, zu denen es im Rah-
men des Fernstudiums an der Universität Rostock eigene Module und
Lehrbriefe gibt.
Wir Menschen leben immer mit der Natur, in der Natur und von der Na- Natur
tur. Eine außer-natürliche Existenzweise für Menschen ist unmöglich.
Eine besondere Rolle spielten in diesem Zusammenhang immer die Tie-
re, die als natürliche Feinde bekämpft wurden, die mit den Menschen
lebten oder von denen sie sich ernährten. Moralische Überlegungen
zum menschlichen Verhalten gegenüber Tieren gibt es schon lange; seit
einigen Jahrzehnten hat sich die Tierethik als eigene Subdisziplin er-
folgreich etabliert. Darüber hinaus müssen wir uns aber auch zur Natur
insgesamt verhalten, auch gegenüber der anorganischen Materie. Diese
bilden unsere Umwelt. Grundlegende Fragen der Umweltethik sind:
Welchen moralischen Wert haben Tiere, Pflanzen und die unbelebte
Natur? Wie sollen wir Menschen uns gegenüber einzelnen Lebewesen,
103
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme
Medien So wie Menschen stets in einer Beziehung zur Natur stehen, gab es in ei-
nem weiten Sinne immer auch schon Medien (Mittler) zwischen uns
Menschen. Das elementarste Medium ist die menschliche Sprache; im
Laufe der Geschichte kamen künstliche Medien hinzu, vor allem die
Schrift und der Buchdruck. Im 20. Jahrhundert haben dann die elektro-
nischen Informations- und Kommunikationsmedien einen unglaubli-
chen Siegeszug angetreten. Dadurch stellen sich neue Probleme des
moralischen Handelns, nicht zuletzt für die Produzenten im Bereich der
Medien. Im Mittelpunkt der Medienethik stehen vor allem Fernsehen,
Rundfunk und Presse, seit einigen Jahren auch das Internet. Dabei geht
die Medienethik über eine deskriptive Medienwirkungs- oder Medien-
nutzungsforschung hinaus. Welche spezifischen moralischen Erforder-
nisse ergeben sich im medienvermittelten Handeln in der modernen
Welt? Nach welchen Normen und Werten sollten Journalisten handeln?
Gibt es auch moralische Prinzipien für die Nutzung von Massenmedi-
en?
104
5.2 Was kann Ethik leisten?
Mehr soll an dieser Stelle zu den einzelnen Themenfeldern und den spe-
zifischen moralischen Problemen, die in ihnen auftreten, nicht gesagt
werden. Das ist Aufgabe anderer Lehrbriefe.
Unsere letzte Frage ist, was man überhaupt von einer (Allgemeinen
und/oder Angewandten) Ethik erwarten kann. Wie in anderen Lebens-
bereichen empfiehlt sich auch hier eine realistische Einschätzung zwi-
schen Schwärmerei und Hoffnungslosigkeit, in diesem Fall zwischen
den beiden Extrempositionen, dass durch Ethik die Welt (moralisch)
gut werde oder dass Ethik ohnehin nichts verändern könne. Der Einfluss
der Ethik und der Ethiker mag gering sein, man braucht ihn aber auch
nicht ganz zu leugnen.
Wie schon zu Beginn des Lehrbriefs festgestellt, ist es nicht die Aufga- Aufklärung
be der Allgemeinen Ethik, unser Faktenwissen zu vermehren. Auch
strategisches Handlungswissen wird durch ethische Reflexionen eher
gestört. Die Effekte der Allgemeinen Ethik, wenn man überhaupt so
sprechen darf, liegen auf einer anderen Ebene. Ihr erstes Ziel ist Aufklä-
rung. Das bezieht sich sowohl auf die Objekt- wie die Subjekt-Seite.
Auf der Objekt-Seite geht es um die moralischen Probleme selbst. Die
Ethik kann dazu beitragen, dass wir diese besser analysieren können
oder dass man in bestimmten Handlungssituationen das moralische Pro-
blem als solches überhaupt erst wahrnimmt. Beispielsweise ist es ein
Verdienst der umweltethischen Debatten, viele unsere Verhaltenswei-
sen im Hinblick auf ihre ökologischen Folgen und Nebenwirkungen
problematisiert zu haben; Autofahren und Wasserverbrauch sind mora-
lisch nicht so unschuldig, wie man früher unterstellte. Wer die Welt mit
differenziertem moralischen Blick betrachtet, sieht vieles anders als
vorher. Auf der Subjekt-Seite bedeutet Aufklärung, dass wir uns unsere
eigenen moralischen Einstellungen bewusst machen und diese kritisch
weiterentwickeln. Zu wichtigen allgemein-ethischen Fragen hat wahr-
scheinlich jeder Mensch eine Vormeinung, an die sich eine gründliche
und systematische philosophische Behandlung anschließen lässt. Wenn
man andere moralische Positionen kennenlernt, kann man sich zudem
besser in der Welt orientieren.
Bereits vor über zweihundert Jahren verfasste KANT eine Schrift gegen Praxis
den „Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber
nicht in der Praxis”. Wie in den Naturwissenschaften mag es ein weiter
Weg sein von der Grundlagenforschung bis zu einer möglichen Umset-
105
5 Fünfter Teil: Anwendungsprobleme
zung; würde eine solche jedoch gar nicht möglich sein, wäre dies, wie
KANT sagt, ein Skandal. Gerade in demokratischen Gesellschaften mit
einer intakten politischen Öffentlichkeit kann die Allgemeine Ethik si-
cherlich die Entscheidungsfindung bei moralischen Problemen beein-
flussen. Die Diskussionen der letzten Jahre, über die Legitimität
verschiedener militärischer Interventionen, die Chancen und Risiken
der Gentechnik oder einen angemessenen Umgang mit kollektiven Ver-
brechen der Vergangenheit, haben das gezeigt. Schließlich darf man
aber nicht vergessen, dass es eigentlich nicht auf das Denken und Dis-
kutieren ankommt, sondern das Handeln. In diesem Sinne bleibt auch
die berühmte 11. Feuerbach-These von MARX weiter richtig: „Die Phi-
losophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf
an, sie zu verändern.” Konkreter wäre folgende Umformulierung: „Die
Ethiker haben die Welt nur nach verschiedenen Prinzipien moralisch
beurteilt, es kömmt drauf an, moralisch zu handeln.” Glaubwürdig ist
dabei nur derjenige, der so lebt, wie es seinen wohlbegründeten morali-
schen Überzeugungen entspricht. Insofern sind diejenigen, die sich mit
Ethik beschäftigen, als erste selbst verpflichtet, ihren kleinen Beitrag zu
erbringen, um die Welt in moralischer Hinsicht zu verbessern.
106
Anhang - Literaturverzeichnis
Literaturverzeichnis
Mit den Büchern, die in den letzten Jahren zur Ethik erschienen sind,
kann man mehrere Schränke füllen; in allen großen Verlage gibt es Ein-
führungen und Überblicksdarstellungen zur Moralphilosophie, viele
davon in immer neuen Auflagen. Andere sind vergriffen, aber in Biblio-
theken greifbar oder antiquarisch zu erwerben. Aus meiner Sicht sind
die folgenden (deutschsprachigen oder übersetzten) Bücher besonders
geeignet.
HASTEDT, H./MARTENS, E. (Hg.): Ethik. Ein Grundkurs. Reinbek 1994 u.ö. (guter
Überblick über verschiedene Themen)
HOERSTER, N. (Hg.): Recht und Moral. Texte zur Rechtsphilosophie. Stuttgart 1987
(nur zur Rechtsphilosophie)
HÖFFE, O. (Hg.): Lexikon der Ethik. München 1977 u.ö. (preiswertes Taschenbuch,
geeignet zur ersten Orientierung)
FISCHER, Peter: Einführung in die Ethik. München 2003 (mit Kapiteln zur Angewand-
ten Ethik, zu Glück und Sinn)
FRANKENA, William K.: Analytische Ethik. Eine Einführung (engl. 1963, dt. von N.
HOERSTER). München 1972 u.ö. (sehr gut, ein inzwischen fast klassisches
Buch)
HELLER, Bruno: Glück. Ein philosophischer Streifzug. Darmstadt 2004 (sehr guter
Überblick zur Philosophie der Lebenskunst)
LEIST, Anton: Die gute Handlung. Eine Einführung in die Ethik. Berlin 2000
107
Anhang - Literaturverzeichnis
PAUER-STUDER, Herlinde: Einführung in die Ethik. Wien 2003 (mit Kapiteln zur fe-
ministischen Ethik und zu NIETZSCHEs Immoralismus)
PIEPER, Annemarie: Einführung in die Ethik. Tübingen ²1991 (sehr differenziert und
inhaltsreich)
RICKEN, Friedo: Allgemeine Ethik. Stuttgart u.a. 1983 (anspruchsvoll und inhalts-
reich)
HÖFFE, O. (Hg.): Lesebuch zur Ethik. Philosophische Texte von der Antike bis zur
Gegenwart. München ²1999 (sehr empfehlenswert)
MACINTYRE, Alasdair: Geschichte der Ethik im Überblick. Vom Zeitalter Homers bis
zum 20. Jahrhundert (engl. 1966, dt. von H.-J. MÜLLER). Frankfurt a. M. 1991
PFÜRTNER, S. u.a. (Hg.): Ethik in der europäischen Geschichte, 2 Bde. Stuttgart 1988
108
Anhang - Literaturverzeichnis
HOBBES, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bür-
gerlichen Staates (engl. 1651, dt. von W. EUCHNER). Frankfurt a. M. 1984 u.ö.
HUME, David: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral (engl. 1751, dt. von
G. STREMINGER). Stuttgart 1984
SMITH, Adam: Theorie der ethischen Gefühle (engl. 1759, dt. von W. ECKSTEIN).
Hamburg 2004
KANT, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785, erhältlich in ver-
schiedenen Ausgaben)
SCHOPENHAUER, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik: Ueber die Freiheit des
menschlichen Willens/Ueber das Fundament der Moral (1839/40, erhältlich in
verschiedenen Ausgaben)
MILL, John Stuart: Über die Freiheit (engl. 1859, dt. von B. LEMKE). Stuttgart 1974
u.ö.
MILL, John Stuart: Der Utilitarismus (engl. 1861, dt. von D. BIRNBACHER). Stuttgart
1976 u.ö.
NIETZSCHE, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse/Zur Genealogie der Moral (1886/
87, jetzt als Bd. 5 der Kritischen Studienausgabe, München 1999)
MOORE, George Edward: Principia Ethica (engl. 1903, dt. von B. WISSER). Stuttgart
1996
SCHELER, Max: Der Formalismus der Ethik und die materiale Wertethik. Neuer Ver-
such der Grundlegung eines ethischen Personalismus (1916, jetzt als Bd. 2 der
Gesammelten Werke, Bern 1966 u.ö.)
HARE, Richard M.: Die Sprache der Moral (engl. 1952, dt. von P. V. MORSTEIN).
Frankfurt a. M. 1972 u.ö.
GERT, Bernard: Die moralischen Regeln. Eine neue rationale Begründung der Moral
(engl. 1966, dt. von W. ROSENTHAL). Frankfurt a. M. 1983 u.ö.
109
Anhang - Literaturverzeichnis
RAWLS, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit (engl. 1971, dt. von H. VETTER). Frank-
furt a. M. 1979 u.ö.
MACKIE, John Leslie: Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen
(engl. 1977, dt. von R. GINTERS). Stuttgart 1981 u.ö.
APEL, Karl-Otto: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur post-
konventionellen Moral. Frankfurt a. M. 1987
KOHLBERG, Lawrence: Die Psychologie der Moralentwicklung (engl. 1968 bis 1984,
dt. von W. ALTHOF). Frankfurt a. M. 1996
HÖSLE, Vittorio: Moral und Politik. Grundlegung einer politischen Ethik für das 21.
Jahrhundert. München 1997
RIPPE, K. P./SCHABER, P. (Hg.): Tugendethik. Stuttgart 1998 (mit Texten von Philippa
FOOT, Alasdair MACINTYRE, Martha NUSSBAUM u.a.)
JONAS, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische
Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979
JONAS, Hans: Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung.
Frankfurt a. M. ³1990
SINGER, Peter: Praktische Ethik (engl. 1979/²1993, dt. von O. BISCHOFF u.a.). Stutt-
gart ²1994
110
Anhang - Literaturverzeichnis
Didaktisches
BAURMANN, M./KLIEMT, H. (Hg.): Glück und Moral. Arbeitstexte für den Unterricht,
Sek. II. Stuttgart 1987
SÄNGER, M. (Hg.): Verantwortung. Arbeitstexte für den Unterricht, Sek. II. Stuttgart
1991
SANDVOSS, E. (Hg.): Ethik. Arbeitstexte für den Unterricht, Sek. II. Stuttgart 1981
Literaturempfehlung
Siehe Literaturverzeichnis
111
Anhang - Personenregister
Personenregister L
Lenz, Siegfried (*1926) 77
A M
Apel, Karl-Otto (*1922) 80
MacIntyre, Alasdair (*1929) 37
Aristoteles (384-322 v.u.Z.) 17, 19, 92, 93, 102
Marx, Karl (1818-1883) 51, 106
Augustinus, Aurelius (354-430) 53
Mill 59
Mill, James (1773-1836) 62
B Mill, John Stuart (1806-1873) 59, 62, 65, 68
Bacon, Francis (1561-1626) 12 Moore, George Edward (1873-1958) 24
Bentham, Jeremy (1748-1832) 38, 59, 62, 64, Mussolini, Benito (1883-1945) 42
65, 66, 67, 68
Böckenförde, Ernst-Wolfgang (*1930) 51, 52 N
Brecht, Bertolt (1898-1956) 76
Nietzsche, Friedrich (1844-1900) 74
C
P
Churchill, Winston (1874-1965) 23
Cicero, Marcus Tullius (106-43 v.u.Z.) 70 Platon (ca. 428-348 v.u.Z.) 19, 38
Protagoras (ca. 490-410 v.u.Z.) 37
D R
Darwin, Charles (1809-1882) 10, 25
Radbruch, Gustav (1878-1949) 53, 54
Descartes, René (1596-1650) 12, 27
Rawls, John (1921-2002) 79, 102
Rorty, Richard (*1931) 37
E Rousseau, Jean-Jacques (1712-1778) 51, 60,
Epikur (ca. 341-271 v.u.Z.) 17, 61, 66 70
F S
Freud, Sigmund (1856-1939) 94 Sartre, Jean-Paul (1905-1980) 97
Schiller, Friedrich (1759-1805) 77, 78
H Schopenhauer, Arthur (1788-1860) 41
Sokrates (ca. 470-399 v.u.Z.) 14, 37, 65, 94
Habermas, Jürgen (*1929) 80, 81, 82, 83, 102
Sophokles (ca. 496-406 v.u.Z.) 98
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770-1831) 30
Stalin, Jossif (1879-1953) 44
Herodot (ca. 490-425 v.u.Z.) 38
Hitler, Adolf (1889-1945) 42
Hobbes, Thomas (1588-1679) 47, 49, 50, 61 T
Hume, David (1711-1776) 24, 25, 26, 29, 44, Thoreau, Henry David (1817-1862) 54
94 Tolstoi, Leo (1828-1910) 49
J W
Jesus von Nazareth (gest. ca. 30 n.u.Z.) 41 Weber, Max (1864-1920) 76
Jonas, Hans (1903-1993) 103
K
Kant, Immanuel (1724-1804) 6, 15, 16, 38, 51,
53, 59, 68, 70, 96, 105
Kohlberg, Lawrence (1927-1987) 44, 46, 56, 92
Konfuzius (Kong Fu Tse) (ca. 551-479 v.u.Z.) 41
Kropotkin, Peter A. (1842-1921) 49
113
Anhang - Stichwortverzeichnis
M
A Maxime 71, 72, 81, 90
Altruismus 91, 95, 100 Menschenrechte 34, 42, 47, 80
Anarchismus 49, 53 Metaethik 21
Angewandte Ethik 13, 101, 102 Moralität 14, 49, 68, 78, 97
Motivation 6, 48, 85, 86, 91, 95
B Münchhausen-Trilemma 26
böse 18, 98
N
D Naturrecht 47, 53, 70
normativ 16, 20, 21, 37, 41, 47, 59
Deontologismus 6, 59, 70, 76, 79, 83, 93
deskriptiv 20, 21, 24, 32, 37, 41, 56, 70, 104
Dezentrierung 45 P
Diskurs 80, 101 Partikularismus 36, 44
Pflicht(en) 34, 70, 77, 97
E Praktische Philosophie 12, 50
präskriptiv 17, 19
Egoismus 18, 61, 77, 87, 88, 90, 100
evaluativ 18
extrinsisch 20, 48, 86 R
Rechtsmoralismus 54, 98
F Rechtspositivismus 33, 47, 49, 51
Relativismus 6, 33, 36, 37, 41
feministisch 37, 108
G S
Sein-Sollens-Fehlschluss 23, 38, 48
Gefangenendilemma 88, 95
Sitte, Sittlichkeit 13, 37
Gegenseitigkeit 40, 90
Staat 34, 47, 49, 50
Gerechtigkeit 10, 34, 53, 60, 80, 92
supererogatorisch 18, 85
Gesinnungsethik 76
Gewissen 77, 94
Goldene Regel 30, 40 T
transzendental 31, 75
H Tugend 14, 37, 39, 60, 92
Hedonismus 61, 66
hypothetischer Imperativ 16 U
Universalismus, Universalisierung, universali-
I stisch 35, 43, 72, 82
Intentionalismus 59
intrinsisch 20, 86 V
Verantwortungsethik 76
K
kategorischer Imperativ 71 W
Konsequentialismus 59, 82 Widerstand 54, 55, 97
L Z
Lebenskunst 16, 42, 61, 78 ziviler Ungehorsam 54
Legalität 15, 54, 68, 77, 97
Letztbegründung 36
115