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Balkanlaender

Das Dokument beschreibt die Geschichte der Balkanländer vom Altertum bis zur slawischen Landnahme. Es behandelt Themen wie die Vorindoeuropäer, die Indoeuropäer, die Illyrer, Griechen und Römer in diesem Gebiet und ihre Wechselwirkungen über die Jahrhunderte.

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Balkanlaender

Das Dokument beschreibt die Geschichte der Balkanländer vom Altertum bis zur slawischen Landnahme. Es behandelt Themen wie die Vorindoeuropäer, die Indoeuropäer, die Illyrer, Griechen und Römer in diesem Gebiet und ihre Wechselwirkungen über die Jahrhunderte.

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Volkshochschule Karlsruhe 172-24042 2.

Semester 2017 Hansjörg Frommer

Geschichte der Balkanländer I


im Altertum bis zur slawischen Landnahme
Themen und Termine:
So wurden die antiken Illyrer, die autochthonen Bewohner dieser Gebiete, neben Thrakern und
Hellenen zu jenem <Hauptvolk>, wie es Johann Gottfried Herder bezeichnete, das seit dem zweiten
Jahrtausend v. Chr. in Kultur und Geschichte bemerkenswerte Spuren hinterlassen hat. Es scheint
verwunderlich, wenn nicht gar unverständlich, warum dieses alte Kulturland seit der Neuzeit
gewissermaßen als <Europas vergessenes Land> zu gelten begann.
(Aleks Buda in der Einleitung zum Katalog der Hildesheimer Ausstellung ‚Albanien 1988)

Dienstag, 7. 11. 17 :
Vorindoeuropäische Bevölkerung – Pelasger. Das Problem der Indoeuropäer, Herkunft,
Wanderungen, Verwandtschaft, indoeuropäische Sprachwissenschaft. Griechen, Illyrer und Thraker.
Kelten und Römer/Italiker.

Dienstag, 14. 11. 17 :


Illyrer und Makedonen. Die Latinisierung der antiken Welt. Pyrrhussiege, illyrische und makedonische
Kriege, Griechenland. Die Bedeutung des Griechischen in der römischen Mittelmeerwelt. Die Via
Egnatia.

Dienstag, 21. 11. 17 :


Caesars Bellum Gallicum, die Eroberung Galliens für das Römische Reich. Agrippa. Die Erschließung
des nördlichen Illyrien bis zur Donau durch Augustus. Die römische Provinz Dacia unter Kaiser Titus
(106 n. C.)

Dienstag, 28. 11. 17 :


Soldatenkaiser und illyrische Kaiser. Die Einführung des Christentums und die Gründung von
Konstantinopel.
.
Dienstag, 5. 12. 17 :
Das Vordringen der Germanen, die Völkerwanderung. Theoderich in Italien, Kaiser Justinian und der
Kampf um Rom 534 – 552. Die slawische Landnahme bis 600.

Die mögliche
Wanderung
der Indoeuropäer
(Kurgan-Hypothese)

Wanderung
zwischen
4400
und 2200
Die Pelasger
Es gab eine europäische Urbevölkerung, ob einheitlich oder eher differenziert, von der wir wenig
wissen und nur einige steinzeitliche Spuren haben, so etwa in der 1980 im Badischen Landes-
museum gezeigten Ausstellung der <Kunst Sardiniens> oder in der (auch in Karlsruhe gezeigten)
minoischen Kultur. Sprachliche Reste vermuten die Wissenschaftler in alten Berg- und
Gewässernamen. Bei Homer finden wir für eine vorgriechische Bevölkerung in Griechenland den
Namen Pelasger. Aber wir wissen nicht, wie ausgedehnt das Siedlungsgebiet der Pelasger war.

Die Indoeuropäer
Im Jahr 1816 veröffentlichte der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp sein grundlegendes
Werk Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechi-
schen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, in dem er aufzeigte, dass die Mehrheit
der europäischen Sprachen, das Persische und das Sanskrit urverwandt sind, in Strukturfragen wie
der Konjugation, aber auch im Wortschatz eine gemeinsame Basis haben. Bopp wählte für diese

Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen


Familie den Begriff indoeuropäisch, die deutschen Forscher bevorzugten später den Begriff
indogermanisch. In der Folgezeit wurden die Sprachen analysiert, Unterfamilien identifiziert und über
eine indoeuropäische Ursprache nachgedacht. Der Stammbaum zeigt, wie man sich die Aus-
differenzierung der indoeuropäischen Sprachen vorstellt, aber auch wie viele Sprachen zu der
Gesamtfamilie gehören.

Die Sprachfamilien sind entstanden, indem sich zuwandernde Völker mit der vorhandenen Bevölke-
rung vermischten. Als Urheimat der Indoeuropäer gilt das Steppengebiet zwischen Ural und Ukraine.
Die Worte Pflug, Rad, Wagen, Achse, Joch, Deichsel, aber auch Gold, Silber, Kupfer, finden sich in
so vielen Sprachen, dass man von einer gemeinsamen Grundlage ausgeht. Daraus schließt man,
dass sie den Wagen als Transportmittel kannten, dass sie mehr Viehzüchter als Ackerbauern waren,
dass sie Pferde hatten und reiten konnten. Die Indoeuropäer waren Halbnomaden. Wichtig ist, dass
sie sich zwar mit der ansässigen Bevölkerung vermischten und auch Wörter übernahmen, aber im
Grundsatz doch ihre Sprachstruktur beibehielten und durchsetzten. Die indoeuropäische Sprach-
wissenschaft ist ungeheuer interessant, aber sie beruht auf intensiven vergleichenden Forschungen,
nicht auf historisch gesicherten Ergebnissen. Die geschichtliche (schriftliche) Überlieferung im
nördlichen Mittelmeerraum setzt dann zuerst nach 800 in Griechenland ein, als diese Vorgänge längst
abgeschlossen waren.

Das erste indoeuropäische Großreich ist das Reich der Hethiter in Kleinasien, etwa 1400 – 1100, das
mit Ramses II. von Ägypten Krieg führte und 1274 den ersten schriftlich erhaltenen Friedensvertrag
abschloss. Für Griechenland kennen wir die Chronologie etwas besser. Auf Kreta haben wir die
vorindoeuropäische minoische Kultur mit Funden zwischen 2600 und 1600. Die Minoer hatten eine
aus dem Osten übernommene Schrift Linear A, und die Texte sind in einer altmediterranen Sprache
geschrieben. Zwischen 1700 und 1200 kennen wir die mykenische Kultur (nach dem wichtigsten
Fundort Mykene auf der Peloponnes). Sie hat uns Texte in der Schrift Linear B hinterlassen, und
diese Texte sind eindeutig indoeuropäisch-vorgriechisch. Die Funde zeigen das Leben einer feudalen
Oberschicht. Zu den Funden gehört die von Schliemann ausgegrabene Goldmaske eines Herrschers,
die Goldmaske des Agamemnon. Etwas später haben wir die Stadtgründungen der Jonier an der
griechischen Ostküste (Attika) und der kleinasiatischen Westküste (in alten Schulbüchern die jonische
Wanderung). Später, zwischen 1100 und 900, drangen die Dorer von Norden auf die Peloponnes.
Nach älterer Ansicht überrannten sie die mykenische Kultur, aber heute ist man der Meinung, ihr
Eindringen sei langsamer und weniger kriegerisch-brutal gewesen. Die griechische Schrift ist um 800
aus der phönizischen Schrift weiterentwickelt worden und ist die erste echte Alphabetschrift mit 24
Zeichen, auch für die Vokale. In den vor 700 aufgezeichneten Werken Homers, der Ilias und der
Odyssee, sind viele sagenhafte Elemente für die frühere Zeit enthalten.

Nördlich von Griechenland ist es schwie-


riger. Die Makedonen wurden von den
Griechen für nicht zugehörig gehalten, nur
ihre Könige. Ähnlich war es mit dem Epirus,
heute Nordwestgriechenland und
Südalbanien. Nördlich davon lebten die
Illyrer, ein Bündel von Stämmen, deren
Namen uns von griechischen Schrift-
stellern, vor allem Herodot, überliefert sind,
aber wohl mit einer gemeinsamen Sprache
und einem Zusammengehörigkeitsgefühl
ähnlich wie Olympia bei den Griechen. Der
deutsche Prähistoriker Gustav Kosinna sah
die Illyrer als Indogermanen, die aus
Schlesien kamen und erst im Schatten der
Dorer auf den Balkan vorgedrungen waren.
Die heutige albanische archäologische
Forschung hat für ein spätes und
gewaltsames Eindringen keine Belege
gefunden und hält die Illyrer für <autochthon>, aber das Albanische als Nachfolgesprache des
Illyrischen ist eindeutig indoeuropäisch. Es muss also nach unserer heutigen Kenntnis ein Eindringen
und eine indoeuropäische Überlagerung gegeben haben, aber vielleicht viel früher, also schon nach
1700.

Die Illyrer
Die Illyrer waren keine direkten Nachbarn der Griechen, dazwischen lag Makedonien und der Epirus.
Trotzdem haben wir ab etwa 430 kontinuierliche Nachrichten in griechischen Quellen. Das hängt mit
den Griechenstädten an der Adria zusammen, mit Apollonia und Epidamnos-Dyrrhachium. Mit dem
Streit um Epidamnos lässt Thukydides den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta
beginnen. Im folgenden Jahrhundert stieg Makedonien zur führenden Macht auf, und das vor allem im
Kampf mit den Illyrern. Philipp von Makedonien wurde 359 nach einer schweren Niederlage gegen
die Illyrer König und musste eine illyrische Prinzessin heiraten. Makedonien wie der Epirus waren
dem illyrischen König Bardylis tributpflichtig.

Aber die Illyrer hatten noch an einer weiteren Front zu kämpfen. Eine neue indoeuropäische Welle
war über den nördlichen Mittelmeerraum hereingebrochen, die Kelten. Sie eroberten Gallien und
drangen über die Alpen in die Poebene vor. 387 bedrohten sie Rom. Seit etwa 400 zogen sie der
Donau entlang nach Osten und stießen dabei auf die Illyrer. Die Kämpfe sind nicht dokumentiert, aber
die Galater sind ein keltischer Stamm, der 278 auf Einladung des Königs von Bithynien nach
Kleinasien übersetzte. Gleichzeit schlugen und töteten andere Kelten den makedonischen König und
drangen bis nach Delphi vor.
Philipp von Makedonien nutzte 359, dass der illyrische König im Norden gebunden war und baute
sein Heer neu auf (die makedonische Phalanx). So konnte er 358 die Illyrer schlagen und mit den
Makedonen zur stärksten Militärmacht aufsteigen. Sein Sohn Alexander zerschlug und übernahm
das persische Großreich, Mesopotamien und Ägypten. Die südlichen Illyrerstämme waren ebenso wie
der Epirus von dem neuen Großreich abhängig, nach dem Auseinanderbrechen des Alexanderreichs
in Diadochenreiche von Makedonien. Nach 300 zerfiel die illyrische Einheit. An der Donau bildete sich
ein Königreich der Dardanen und im Südwesten das Königreich der Taulantier mit den Griechen-
städten Dyrrhachium und Apollonia, aber auch mit eigenen Städten und einer wirtschaftlichen Blüte.
Für den Handel in der Adria hatten die Taulantier einen beweglichen Schiffstyp, die Lembe, einen
Schnellruderer, der ebenso für den Handel wie für die Seeräuberei eingesetzt werden konnte. Die
Grenzen waren da fließend. König der Taulantier war seit 250 Agron, nach seinem Tod 230 seine
Frau, die Königin Teuta (gesprochen Te-uta), für den Sohn Pinnes.

Der Schatten Roms : Der erste illyrische Krieg


Auch in Italien waren in vorhistorischer Zeit Indoeuropäer eingedrungen und hatten mit der
vorhandenen Bevölkerung die Italiker gebildet, mit indoeuropäischen Sprachen, der italischen
Sprachfamilie. Dazu kam das nicht indoeuropäische Etruskische und durch die griechische
Einwanderung das Griechische. Zwischen 500 und 300 hatte Rom die Führungsrolle in Italien
übernommen, und danach griff es nach überitalienischen Zielen, so mit dem Krieg und Sieg gegen
König Pyrrhus von Epirus, der zwar die Römer in Italien in Bedrängnis brachte, aber 275 seine
Niederlage anerkennen musste, oder im Ersten Punischen Krieg gegen Karthago 264 – 241. Die
Beschwerden über die Seeräuberei in der Adria waren für die Römer ein Anlass, um 229 eine
Gesandtschaft zu Teuta zu schicken. Teuta weigerte sich, Maßnahmen zu ergreifen, die
Gesandtschaft wurde auf dem Rückweg überfallen und umgebracht, und der Senat erklärte den Krieg
und setzte eine Flotte von 200 Großschiffen und 20 000 Soldaten unter beiden Konsuln in Marsch.
Das zwang Teuta zu Friedensverhandlungen. Die Städte an der Küste, vor allem Dyrrhachium und
Apolllonia, wurden römisches Schutzgebiet, die weitere Küste erhielt Demetrios von Pharos als
Herrschaftsgebiet und als römischer Wachhund, und Teuta musste zugunsten ihres Sohnes Pinnes
zurücktreten. Damit war Rom auch in der Adria zur bestimmenden Macht geworden.

Zwischenakt: Hannibal und der zweite punische Krieg


Der Aufstieg Roms wurde noch einmal gefährdet durch den zweiten punischen Krieg, den Angriff
Hannibals von seiner Machtbasis Spanien aus. Als Hannibal 219/218 Sagunt belagerte und eroberte,
sahen die Römer eine längere Auseinandersetzung voraus und beschlossen im Vorfeld eine
Flurbereinigung im Osten, den zweiten illyrischen Krieg gegen Demetrios von Pharos, den
Wachhund, der zu selbstständig geworden war und deshalb 219 von überlegenen römischen Kräften,
wieder unter zwei Konsuln, niedergerungen wurde. Nachdem Hannibal 218/217 zwei römische Heere
geschlagen und schließlich 216 bei Cannae 8 Legionen und 80 000 Mann eingekesselt und vernichtet
hatte, wuchs auch jenseits der Adria die Hoffnung, das römische Joch noch einmal abschütteln zu
können. Hannibal nahm Kontakt zu den möglichen Gegnern Roms auf. Philipp V. von Makedonien
verbündete sich mit ihm, aber mit seinem Verbündeten Demetrios von Pharos versuchte er zuerst, die
illyrische Küste unter seine Kontrolle zu bringen. Als sich seit 210 abzeichnete, dass Hannibal für
einen endgültigen Sieg zu schwach war und die Initiative verloren hatte, stagnierte die Hilfe aus dem
Osten.

Die Unterwerfung: der zweite und der dritte makedonische Krieg (200 – 167)
Hannibal war 201 bei Zama endgültig geschlagen worden, und schon 200 wollten die Römer mit
gewaltigem Aufwand die Verhältnisse auf dem Balkan endgültig regeln. 197 wurde Philipp V. von
Makedonien geschlagen und musste auf die indirekte Herrschaft über Griechenland verzichten,
Illyrien auf die Küsten an der Adria und damit auch auf die wirtschaftlich starken Städte und den
Handel. 196 verkündete der Konsul Flaminius bei den Isthmischen Spielen in Korinth die Freiheit aller
Helenen, was aber nur die direkte Abhängigkeit von Rom bedeutete. Doch der Friede hielt nicht
lange. Der neue makedonische König Perseus bereitete sich auf die Verteidigung seiner
Unabhängigkeit vor, und so kam es 170 zum dritten makedonischen Krieg, mit dem die illyrische und
die makedonische Monarchie abgeschafft wurden. Makedonien und Illyrien wurden in „freie“ Zonen
eingeteilt, die von römischem Militär kontrolliert wurden und denen der wirtschaftliche und politische
Verkehr untereinander verboten war. Die Zonen waren der römischen Verwaltung tributpflichtig, sie
waren keine Staaten und hatten keine zentrale Autorität. Dafür förderte Rom die Unabhängigkeit und
Selbstverwaltung der Städte und der kleinen Aristokraten.

Roms Verhältnis zu Griechenland


Griechenland war seit Alexander dem Großen von Makedonien aus regiert worden. Dabei war aber
die Kleinteiligkeit der politischen Einheiten, der Stadtstaaten und Landschaften geschont und ihre
Selbstständigkeit geachtet worden. Als der Konsul Flaminius 196 die Freiheit aller Hellenen
verkündete, blieb es bei dieser vorsichtigen Behandlung. Denn die Griechen fühlten sich als große
Kulturnation, die Politik und Demokratie erfunden hatte, als das A&O der neuen Mittelmeerwelt,
Griechisch war die Sprache der Wahl in der hellenistischen Welt der Nach-Alexanderzeit, griechische
Baukunst wurde überall im Osten nachgeahmt, die Eliten wurden in griechischen Schulen und auf der
Basis der griechischen Philosophie ausgebildet. Im Stolz auf ihre führende Stellung hatten die
Griechen nicht realisiert, dass die große Politik an Griechenland vorbeiging, dass die Diadochen-
reiche, die Ptolemäer in Ägypten wie die Seleukiden in Persien, Kleinasien und Mesopotamien sich
weit von der griechischen Basis entfernt hatten. Die Makedonen waren der kleinste und schwächste
der Diadochenstaaten. Dass ihre Monarchie jetzt von den Römern vernichtet wurde, änderte nichts
an der Lage im hellenistischen Osten. Doch Griechenland wurde jetzt von Rom aus regiert, aber
vorsichtig und unter Schonung der griechischen Empfindlichkeiten.

Rom galt auch den Römern als Machtstaat, der seine Erfolge einer überlegenen Militärmaschinerie
verdankte, der mit dem Machtzuwachs keine Sendung verband, für den die eroberten Gebiete vor
allem der Ausbeutung, dem wachsenden Reichtum der Führungsschicht diente. Das Latein galt als
Bauernsprache, mit dem feine und differenzierende Unterscheidungen nicht ausgedrückt werden
konnten, und noch weniger kulturelle Inhalte. Die römische Elite, die Söhne des Senatsadels wurden
von griechischen Freigelassenen in Schulen oder im Privatunterricht in Griechisch und Rhetorik
ausgebildet. Homers Ilias und Odyssee waren – auf griechisch – wichtiger klassischer Lehrstoff, den
man auswendig zu deklamieren lernte, für die praktische Ausbildung war Rhetorik sehr wichtig, und
dafür griff man auf griechische Philosophie und Sophistik zurück, auf Argumentationsmuster und
Zitate. Auch die Welt des Theaters war griechisch, Aischylos, Aristophanes und Sophokles waren die
meistgespielten Autoren. Zum Abschluss der Ausbildung gehörte ein Studienjahr vorzugsweise in
Athen. Ein vornehmer Römer legte sich eine Bibliothek zu, Schreibwerkstätten zum Kopieren von
Büchern hatten Konjunktur, und alles war griechisch geschrieben. Die römische Elite wurde also
zweisprachig erzogen, und Griechisch war die Sprache der Bildung und der Kultur. Wir wissen das,
weil etwa Marcus Porcius Cato später gegen die Vorherrschaft des Griechischen wütete. Die Römer
hatten gegenüber den Griechen ein gewisses Unterlegenheitsgefühl, Griechenland war die geistige
Heimat, die Verbindung nach Griechenland war wichtig, und die griechische Empfindlichkeit wurde
geschont, die Besonderheit anerkannt. Für die römische Führung wurde der problemlose Kontakt
nach Griechenland immer wichtiger.

Die Via Egnatia

Die nächste und schnellste Verbindung nach Griechenland war die Via Egnatia, um 146 von Gnaeus
Egnatius angelegt. Per Schiff war Brindisium mit Dyrrhachium oder Apollonia verbunden, den alten
Griechenstädten, und von dort führte die Straße über das bergige Grenzgebiet zwischen Illyrien,
Makedonien und Nordgriechenland nach Thessaloniki und weiter bis Byzanz. Wie wichtig die
Verbindung war, zeigt sich auch noch heute an den zahlreichen baulichen Spuren. Die Straße war
von Anfang an eine Verkehrsader, auf ihr verfolgte Caesar Pompeius, bevor er ihn im August 48 bei
Pharsalos schlug, aber sie war auch noch später für das Oströmisch-byzantinische Reich wichtig.

Das griechische Hinterland in der späten Republik


Griechenland wurde geschont, aber die Gebiete von Makedonien und Illyrien waren vernachlässigt
und ausgebeutet. So konnte in Makedonien ein gewisser Andriskos 151 als Sohn des Perseus
auftreten und einen gefährlichen Aufstand auslösen, der nur mühsam unterdrückt wurde. Danach
änderte der Senat seine Politik. Makedonien, Illyrien und der Epirus wurden zu einer neuen Provinz
zusammengefasst, seit Sulla von einem Prokonsul regiert. Die Städte und die kleinen Aristokraten
wurden von Rom gefördert und hatten eine gewisse Selbstständigkeit. Die Provinzverwaltung war
zwar parteiisch und korrupt, aber immerhin gehörte die Provinz offiziell zum Römischen Reich, sie
war in die Pax Romana eingeschlossen, und das bedeutete die Teilnahme am Handel, wirtschaft-
lichen Austausch und damit eine langsame wirtschaftliche Erholung. Darüber hinaus war die neue
Provinz ein wichtiger Militärstützpunkt, der die Lage in Griechenland stabilisieren sollte und dazu nach
Norden in einen ständigen Kleinkrieg verwickelt war. Denn die illyrischen Stammesbünde der
Dardaner (im heutigen Serbien) und der Dalmaten (heute noch namensgebend für Dalmatien) waren
nicht unterworfen, auch wenn Rom jetzt das Gebiet bis zur Donau als römisches Einflussgebiet
ansah. Der schmale Küstenstreifen bis nach Aquileja wurde erobert und romanisiert, weil für größere
Truppenbewegungen der Landweg wichtig war. Er gehörte zur Gallia Cisalpina.

149 bis 146 wurde im Dritten Punischen Krieg Karthago als Konkurrenz endgültig ausgeschaltet und
zerstört. Im gleichen Jahr 146 wurde aber auch Korinth zerstört, nachdem der Achaische Bund sich
gegen die römische Oberherrschaft gewendet hatte. Korinth gehörte zu den wichtigen und schöneren
griechischen Städten. Es wurde exemplarisch zerstört und wie Karthago zum ager publicus, zum
öffentlichen landwirtschaftlichen Besitz erklärt. Die Kunstwerke wurden nach Rom geschafft und dort
in die Villen der vornehmen Römer verkauft, ebenso die Einwohner als Sklaven. Die Zerstörung
Korinths war eine Warnung an das übrige Griechenland, was passieren würde, wenn man sich mit
der bescheidenen Scheinselbstständigkeit nicht zufrieden gäbe. Diese wurde immer weiter
eingeschränkt, bis Augustus 27 v. Chr. das ganze Griechenland in der senatorischen Provinz Achaia
zusammenfasste.

Rom beherrschte zwar inzwischen den westlichen und den mittleren Mittelmeerraum, aber es sah die
neuen Provinzen als Privatbesitz Roms, und Rom wurde repräsentiert durch den senatorischen Adel,
die Oberschicht, die sich die Posten in der Provinzverwaltung gegenseitig zuschob und sich dabei
schamlos und straflos bereicherte. Der römische Schriftsteller Sallust hat das in seiner Schrift zum
Jugurthinischen Krieg im Detail geschildert. In Spanien hatte die Praxis im ersten Jahrhundert zu
einem Daueraufstand geführt. Trotzdem wuchs das Reich allmählich zusammen. In Italien war nach
dem Bundesgenossenkrieg 91 – 88 das römische Bürgerrecht auf die italischen Städte ausgedehnt
worden, und in den Provinzen wurde es verdienten Parteigängern verliehen. Das Bürgerrecht war ein
starker Schutz, ein echtes Privileg, weil römische Bürger nicht willkürlich verhaftet und nicht
hingerichtet werden durften. Der Jude Paulus sprach als Muttersprache griechisch und fühlte sich als
römischer Bürger. Es gab also eine wenn auch langsam fortschreitende Romanisierung.

Gleichzeitig wurde in Rom die Lage der kleinen Leute, der Plebejer, immer schwieriger, weil die
Konkurrenz der sklavenbetriebenen Großlandwirtschaften (Latifundien) und Wirtschaftsbetriebe die
kleine Landwirtschaft und das kleine Handwerk zum Erliegen brachten. Immer mehr Plebejer in Rom
waren auf Getreidespenden und auf Geldzuwendungen angewiesen, und zu ihrer Ruhestellung
wurden immer aufwendigere Spiele durchgeführt (die Politik von <Brot und Spiele>). Einsichtigen
Politikern wie den Gracchen war es klar, dass die Bedingungen in Rom wie das Verhältnis zu den
Provinzen grundlegend neu geordnet werden mussten, aber sie scheiterten an der Senatsaristokratie.
Sulla konnte 80 v. Chr. die Herrschaft des Senats noch einmal absichern und zementieren. Sulla
selbst und später Pompeius unterwarfen den hellenistischen Osten, das nicht reformierte Rom
herrschte jetzt über den ganzen Mittelmeerraum, neue Reichtümer und Einflüsse strömten nach Rom,
und Griechenland, Makedonien und Illyrien waren nicht mehr der Ostrand des römischen Reiches,
sondern die Mitte, sowohl geographisch als auch geistig-ideologisch als Brücke zwischen der
hochdifferenzierten hellenistischen Welt des Ostens und dem gleichzeitig mächtigen und
unbedeutenden Rom.

Gaius Julius Caesar


Caesar, Spross der Julier, einer der ältesten Senatsfamilien, aber verarmt, sah die Probleme und
steuerte deshalb auf eine Reform des Staates hin, einer Republik, die von einer kleinen Schicht
aristokratisch-autokratisch regiert wurde. Um ihre Macht einzuschränken, benutzte er die
demokratische Volksversammlung, die immer mehr Kompetenzen an sich zog und ihn in hohe Ämter
berief, so 63 zum Pontifex Maximus, 61 zum Prätor in Spanien, 60 zum Konsul und 59 als Prokonsul
für fünf Jahre für die Provinz Gallia Cisalpina und Transalpina und 55 die Verlängerung um weitere
fünf Jahre. Als Amtsträger konnte er für seine Amtsführung nicht angeklagt werden, was seine
Gegner im Senat gern gemacht hätten. Cäsar sah aber auch das Römische Reich als Ganzes, die
Provinzen nicht nur als Anhängsel. Deshalb nutzte er die Statthalterschaft, um ganz Gallien zu
unterwerfen, denn zu Spanien und zur Herrschaft über das Mittelmeer gehörte Gallien dazu. Doch
dabei gab es anklagewürdige Vorgehensweisen, und seine Gegner wollten ihn nach Ablauf der
Amtszeit vor Gericht bringen. Caesar sah die Gefahr und bot dem Senat als Kompromiss an, ihn
sofort mit einem neuen fünfjährigen Kommando über Illyrien zu betrauen. Es entsprach seinem
strategischen Denken, nach Gallien nun auch den Balkan bis zur Donau zu unterwerfen und zu
befrieden (lat. pacificare, für den zukünftigen Frieden erobern und unterwerfen).

Die caesarfeindliche Mehrheit lehnte ab und forderte Caesar auf, nach Ablauf seines Kommandos
nach Rom zurückzukehren und sich den Anklagen zu stellen. Caesar kam, aber nicht allein, sondern
mit einer Legion. Als er den Rubikon überschritt, beging er einen weiteren Rechtsbruch, denn Italien
und Rom durften nicht mit Truppen betreten werden. Er marschierte zügig auf Rom, seine Gegner
konnten so schnell keine Gegenwehr organisieren und flohen in die Provinzen. Caesar wurde in Rom
von den verbliebenen Senatoren und durch die Volksversammlung zum Diktator gewählt, eigentlich
ein Amt für den Notfall und für nur sechs Monate.

Sein gefährlichster Gegner war Pompeius, der als größter Feldherr Roms galt. Pompeius war nach
Illyrien geflohen und sammelte dort Truppen. Caesar, der sich verstärkt hatte, belagerte ihn in
Dyrrhachium, aber er war zu schwach und die Belagerten zu gut versorgt. So musste er die
Belagerung abbrechen. Pompeius verstärkte sich mit Truppen aus Makedonien, Cäsar mit seinen
bewährten Legionen aus Gallien. Pompeius, der seinen gemischten Truppen nicht traute, wich einer
Schlacht immer wieder aus, aber schließlich kam es bei Pharsalos am 9. August 48 zur
Entscheidungsschlacht. Caesar konnte das doppelt so starke Heer des Pompeius mit geringen
eigenen Verlusten besiegen, Pompeius floh weiter bis nach Ägypten, wo er von Untergegebenen des
Pharao Ptolemaios XIII umgebracht wurde. Pharsalos war die Entscheidung, auch wenn der
Bürgerkrieg noch bis 45 weiterging. Caesar nahm die besiegten Senatoren wieder in den Senat auf
(Caesars clementia), und an den Iden des März 44 wurde Cäsar von einer verschworenen Minder-
heit im Senat mit Dolchstichen getötet, weil er gegen die Republik gearbeitet und nach der Krone
gestrebt haben sollte. Aber Caesars Feldherr Marcus Antonius konnte als faktischer Erbe die Macht
in Rom übernehmen und die Caesarmörder vertreiben.

Octavianus und Agrippa


Caesars ältere Schwester Julia hatte Marcus Atius geheiratet, deren Tochter Atia Gaius Octavius, der
63 geborene Sohn Octavian war also ein Großneffe Caesars. Nach dem frühen Tod des Vaters 58
kümmerte sich seine Großmutter Julia um seine Erziehung und sein Weiterkommen, und dann
natürlich Caesar, dessen einziger männlicher Verwandter Octavian war. Er begleitete Caesar 45 auf
seinem Feldzug nach Spanien. Dabei wurde ihm vermutlich von Caesar ein vielversprechender
junger Offizier beigeordnet, der gleich alte Marcus Vipsanius Agrippa (mit den Füßen voraus geboren)
aus einer unbedeutenden Familie unklarer Herkunft. Es spricht aber alles dafür, dass es sich um eine
früh zum Bürgerrecht aufgestiegene Familie aus dem romanisierten illyrischen Küstenstreifen handelt.
Dem späteren Kaiser Caligula war dieser Großvater mit seiner obskuren Herkunft so peinlich, dass er
ihn durch eine göttliche Zeugung ersetzte. Octavian und Agrippa sollten Caesar bei seinem Feldzug
nach Persien begleiten. Sie wurden nach Apollonia vorausgeschickt, um dort an Rhetorikkursen
teilzunehmen, also zum Studium. Dort erreichte sie die Nachricht von Caesars Ermordung. Freunde
rieten dazu, sich in der unklaren Situation lieber zu verstecken, aber Octavian kehrte mit Agrippa
nach Rom zurück, um sein Erbe zu beanspruchen. Denn Caesar hatte Octavian in seinem Testament
adoptiert und als Haupterben eingesetzt. Er nannte sich fortan Gajus Julius Caesar und heißt in
damaligen Quellen der Junge Caesar, aber man hat sich später darauf geeinigt, ihn für diese frühe
Zeit als Octavian zu bezeichnen.

Als Octavian nach Rom kam, war Marcus Antonius der Mitkonsul Caesars und so der tatsächliche
Machthaber, der politische Erbe Caesars, und die Caesarmörder wurden gnadenlos verfolgt und
waren in die Provinz geflohen. Er verweigerte dem plötzlich auftretenden Erben das Privatvermögen,
aber Octavian, um den sich Berater Cäsars ebenso scharten wie der Republikaner Cicero oder
Freunde wie Maecenas und Agrippa, zahlte aus seinem eigenen Vermögen die Legate für Veteranen
wie für den populus Romanus aus und schuf sich so eine Anhängerschaft. Während Marcus Antonius
in Gallien gegen Decimus Brutus kämpfte, stellte Octavian in Italien ein Heer mit caesarianischen
Veteranen auf, und Cicero, der eine Armee gegen Marcus Antonius wollte, legitimierte dieses
Vorgehen im Senat, machte den 20-Jährigen zum Senator und verschaffte ihm ein offizielles
Kommando. Octavian schlug Marcus Antonius 43 in der Schlacht von Mutina-Modena, und weil ihn
der Senat nicht zum Konsul machen wollte, besetzte er Rom und erzwang seine Ernennung. Dann
schloss er sich mit Marcus Antonius und dem General Lepidus zum zweiten Triumvirat zusammen,
die drei übernahmen für zweimal fünf Jahre unkontrolliert die Macht, und ihre Gegner wurden mit
Proskriptionen gejagt und umgebracht, so auch Cicero. Im Jahr 42 besiegten Octavian und Marcus
Antonius gemeinsam in der Schlacht von Philippi an der Via Egnatia die Caesarmörder Brutus und
Longinus und entschieden so das Ende der Republik.

An der Seite Octavians stand als Berater und als Organisator immer Agrippa, im militärischen wie im
administrativen Bereich. 39/38 war er für ein Jahr in Gallien, stellte dort die Ruhe wieder her, die unter
dem Bürgerkrieg gelitten hatte, überquerte erstmals seit Caesar den Rhein, gründete dazu Köln
(später nach seiner Enkelin Colonia Claudia Ara Agrippinensum benannt) und ließ das Straßennetz
ausbauen und erweitern. 37 wurde Agrippa Konsul und mit dem Aufbau einer neuen stärkeren Flotte
betraut, mit der er 36 Sextus Pompeius besiegte. 35 – 33 führten Octavian und Agrippa einen
schweren und blutigen Feldzug in Illyrien, die Unterwerfung bis zur Donau, die Caesar vorgeschwebt
hatte. Es war ein undankbarer Krieg, denn die Dalmater und Dardaner hatten der römischen
Militärmaschinerie nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen, es gab keine großen Siege zu feiern,
aber Dorf für Dorf und Siedlung für Siedlung mussten erobert und meistens zerstört werden. Der
Feldzug war erfolgreich, aber das so eroberte Land war zerstört und weitgehend unbewohnbar, die
verbliebene Bevölkerung verarmt und verbittert. Vermutlich war Caesar beim Krieg in Gallien sehr viel
vorsichtiger und diplomatischer vorgegangen, aber der Bürgerkrieg mit seinen Grausamkeiten hatte
vielleicht die Grenzen verschoben. Danach kehrte Agrippa nach Rom zurück und arbeitete dort für
die Verbesserung der Infrastruktur, Straßen, Wasserleitungen, Großbauten, Parks und vor allem eine
Abwasserleitung, die Cloaca Maxima. Im Jahr 31 kam es zum Endkampf mit Marcus Antonius.
Octavian konnte das Heer des Marcus Antonius am Ambrakischen Golf in der Adria einschließen.
Marcus Antonius wollte seine Leute mit der Flotte befreien, wurde aber in der Seeschlacht von Actium
von Agrippas Flotte geschlagen. Er floh nach Ägypten und endete dort wie seine Geliebte Kleopatra
durch Selbstmord. Damit war Octavian mit 32 Jahren Alleinherrscher, und Agrippa war sein
Stellvertreter.

Der Prinzipat des Augustus


Octavian strebte nicht nach der Königskrone, er gab sich bewusst republikanisch, der Senat war das
oberste Entscheidungsorgan (allerdings hauptsächlich mit neu ernannten Senatoren, also Partei-
gängern). Octavian gab sich ostentativ als Privatmann, der dem Staat beim Regieren half. Die
Diktatur wurde abgeschafft, aber er behielt den Oberbefehl über die Truppen, das imperium, er hatte
eine eigene Leibwache, die in Rom stationiert war, die Prätorianergarde mit 10 000 Mann. Er ver-
mied den Titel rex, sein Familienname war Caesar, der Senat verlieh ihm zur Beendigung des
Bürgerkriegs 27 den Titel Augustus, und er war princeps senatus. Princeps, Imperator, Caesar und
Augustus wurden die neuen Herrschaftstitel. Augustus hatte ein Büro, er und vor allem seine dritte
Frau Livia kümmerten sich um die laufenden Geschäfte, der Senat bestätigte die vorgegebenen
sachlichen und personellen Entscheidungen. Ein wichtiger Punkt war die Versorgung der Soldaten.
Am Ende des Bürgerkriegs gab es 61 Legionen, für die Veteranen brauchte es Land und Geld. Dafür
wurden Städte gegründet, etwa Basel, aber auch Vaison-la-Romaine in Südfrankreich.

Eine wichtige Reform war die Neueinteilung der Provinzen. Die Reichsgrenze waren der Rhein und
die Donau. Die Provinzen wurden nun nach einheitlichen Richtlinien von ernannten Beamten ver-
waltet, die für ihre Tätigkeit verantwortlich waren und kontrolliert wurden. Das neue Römische Reich
war eine große Wirtschaftsgemeinschaft, der Handel unter den Provinzen und über das Mittelmeer
wurde gefördert. Ein wichtiges praktisches Problem war die Getreideversorgung von Rom, denn
Brotknappheit konnte zu Unruhen und Aufständen in der Hauptstadt führen. Die neuen etwa gleichen
Provinzen waren eingeteilt in senatorische und kaiserliche (in der Karte gelb). Die senatorischen, in
der Regel mit wenig Militär, wurden vom Senat verwaltet und besetzt, die kaiserlichen von Augustus.
Das waren vor allem die Provinzen am Rhein und an der Donau mit starker Militärpräsenz. Einen
Sonderstatus hatte Ägypten. Es galt als Privatbesitz von Augustus, und Senatoren durften sich dort
nur mit kaiserlicher Genehmigung aufhalten.
Zur Augustuszeit gehört auch das Erstarken des Lateins als Literatursprache. Caesar, Sallust, Livius,
Tacitus waren glänzende Autoren, Cicero wurde mit seinen Reden zum Modell für die Rhetorik-
Ausbildung, Terenz und Plautus schrieben lateinische Theaterstücke, Horaz, Virgil und Ovid galten
als glänzende Poeten, auch wenn Ovid 8 n. Chr. von Augustus an die Schwarzmeerküste verbannt
wurde, vermutlich, weil er in die Sexspiele der jüngeren Julia verwickelt war.

Die Nachfolge des Augustus


Augustus war zwar gutaussehend, aber von schwacher Kondition und wohl auch hypochondrisch. Er
fürchtete sich vor Erkältungen und physischen Anstrengungen, er vertrug keine Seereisen und reiste
lieber langsam über Land. Aktiv handeln, Pläne machen und durchführen, Krieg führen, alles das
überließ er lieber seinem Umfeld und hatte dafür eine glückliche Hand. Wegen seiner schwachen
Gesundheit rechnete er mit einem frühen Tod und sorgte sich deshalb um seine Nachfolge. Im
Zentrum dieser Überlegungen stand sein einziges Kind, seine 39 geborene Tochter Julia. Er
verheiratete sie 25 (mit vierzehn) mit Marcellus, dem Sohn seiner Schwester Octavia, und er sah wohl
in dem seinen geborenen Nachfolger. Aber das Paar hatte keine Kinder, und Marcellus starb 23,
ohne dass er vorher bedeutende Leistungen gezeigt hätte. Für Augustus war Agrippa sein Freund,
sein Feldherrn und sein zuverlässiger und unentbehrlicher Helfer, und er entschloss sich, ihn zu
seinem gleichberechtigten Vertreter und Nachfolger zu machen. Agrippa war von 23 bis 21 im Osten.
Nach seiner Rückkehr musste er sich von Marcella, der Nichte des Augustus und Schwester von
Marcellus, scheiden lassen und Julia heiraten. 20 und 17 wurden die Söhne Gaius und Lucius
geboren, 18 die Tochter Julia und 14 die Tochter Agrippina (die ältere). Aber Agrippa, der starke und
unentbehrliche, der in Illyrien Krieg gegen aufständische Stämme führte, kehrte krank zurück und
starb im März 12. Seine Frau Julia war schwanger und brachte erst nach dem Tod des Vaters den
Sohn Agrippa Postumus zur Welt.

Putz-
ger
Jubilä
ums-
aus-
gabe
86.
Aufl.

Das
Römi-
sche
Welt-
reich
seit
Augus
-tus

Aus-
schnitt
Augustus adoptierte die Söhne Gaius und Lucius und kümmerte sich um ihre Erziehung. Aber seine
Frau Livia drängte darauf, ihre beiden Söhne Tiberius und Drusus, die das militärische Handwerk bei
Agrippa gelernt hatten, stärker in die Familie und die Nachfolge einzubinden. Der ältere Tiberius
musste sich von Vipsania, einer Tochter Agrippas aus erster Ehe, scheiden lassen und Julia hei-
raten. Der jüngere Drusus war mit Antonia, der Tochter des Marcus Antonius mit Octavia, verhei-
ratet. Augustus wollte also die Familie durch diese Heiraten eng miteinander verschränken. Die Ehe
von Tiberius mit Julia war unglücklich, das einzige Kind starb nach der Geburt, und Tiberius, den
Augustus für den Schuldigen an den Zerwürfnissen ansah, zog sich aus dem aktiven Leben zurück
ins freiwillige Exil nach Rhodos, während Julia zunehmend unvorsichtig ein freies Liebesleben in Rom
führte. 2 [Link]. griff der sittenstrenge Augustus durch, verbannte Julia auf die Insel Pandataria,
enterbte sie und ließ einige ihrer Liebhaber beseitigen. Tiberius durfte 2 [Link]. als Privatmann zu-
rückkehren, aber dann starb Lucius und 4 [Link]. auch Gaius, und damit war die Nachfolge wieder
offen. Drusus war schon 9 [Link]. gestorben, sein 15 geborener Sohn Germanicus zeigte vielver-
sprechende Ansätze. Augustus adoptierte Tiberius, und Tiberius musste Germanicus adoptieren.
Damit schien die Nachfolge geregelt.

Der illyrische Aufstand


In den Jahren 6-9 kam es in Illyrien zu einem großen Aufstand. Sueton beschreibt ihn in seiner
Biographie des Tiberius (Tiberius 16/17):
Auf die Nachricht vom Abfall Illyriens hin übernahm er den Oberbefehl über diesen neuen Krieg, den
schwersten aller auswärtigen Kriege nach den Punischen. Mit fünfzehn Legionen und der gleichen
Anzahl Hilfstruppen führte er ihn trotz größter Schwierigkeiten aller Art und stärkster Lebensmittel-
knappheit während dreier Jahre. Obgleich er mehrfach zurückberufen wurde, hielt er dennoch durch,
da er fürchtete, dass bei einem Rückzug ein so starker Feind, dazu noch in der Nähe Italiens, ihnen
weiter gefährlich sein würde. Seine Ausdauer trug denn auch in reichem Maß Früchte, da Illyrien in
seiner ganzen Ausdehnung von Italien bis zum Königreich Noricum, Thrakien und Makedonien, von
der Donau bis zur Adria bezwungen und unter die Gewalt der Römer gebracht wurde. Aber was
seinen Ruhm noch erhöhte, war der Zeitpunkt seines Erfolges, denn fast zur gleichen Zeit ging
Quintus Varus mit drei Legionen in Germanien jämmerlich zugrunde, und niemand konnte darüber im
Zweifel sein, dass die siegreichen Germanen sich mit den Pannoniern verbunden hätten, wenn nicht
vorher Illyrien auf die Knie gezwungen worden wäre.

Tiberius war ein guter Feldherr, aber auch ein hervorragender Administrator. Die Lage der
Provinzen südlich der Donau, die die Karte zeigt, geht auf seine Entscheidungen zurück. Aus
dem nördlichen Illyrien wurde die Provinz Pannonien, östlich davon wurde entlang der Donau die
Provinz Moesia (nach dem thrakischen Stamm der Moesier) eingerichtet. Südlich davon war das
thrakische Königreich der Odrysen, ein Klientelkönigreich, das 44 unter Kaiser Claudius als
Provinz Thrakia übernommen würde. Die Thraker waren auch Indoeuropäer, ihre Unterwerfung
und Eingliederung ins Römische Reich machte aber keine Schlagzeilen. Das südliche Illyrien
erhielt den Namen Dalmatia, man wollte vielleicht den Namen Illyrien vermeiden. Tiberius
beseitigte einige Unzulänglichkeiten der römischen Verwaltung, aber vor allem baute er die
Donaugrenze militärisch aus mit Garnisonen und mit Straßen entlang der Donau, aber auch an
die Adria. Sein Wirken war erfolgreich, denn im folgenden Jahrhundert gab es keine Unruhen
mehr, das Land blühte auf. Das Albanische als Nachfolgesprache des Illyrischen weist eine
Menge Lehnwörter aus dem Lateinischen auf, vor allem aus den Bereichen Großlandwirtschaft
und Bau. Kultur und Bildung wurden latinisiert, doch die Volkssprache wurde nicht (wie in Gallien)
verdrängt.

Die Kaiserzeit bis 230


Mit den Reformen des Augustus waren die Grenzen gefallen, das Römische Reich nahm einen
unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung, den wir heute im Mittelmeerraum noch an den
Ruinen von zahlreichen Großbauten sehen können, Straßen, Wasserleitungen, Amphitheater
etwa in Arles und Nîmes, Theater wie in Orange. Wir finden sie auch auf dem Balkan, die Reste
eines riesigen Amphitheaters in Durrës, das Theater in Butrint oder die Palastanlage in Spoleto /
Split. Das Land war also bis zur Donau eingegliedert, und weil die Römer und Italier keinen
Wehrdienst mehr leisten wollten, wurden immer häufiger Truppen aus den Provinzen ausgeho-
ben, auch aus Illyrien, und für Abkömmlinge aus besseren Familien war die Karriere als Offizier
interessant. Unter Kaiser Vespasian und seinen Söhnen wurde die Grenze in der Ecke zwischen
Rhein und Donau noch erschlossen, die kürzere Militärstraße von Augsburg nach Mainz. Und
Kaiser Trajan überschritt die Donau an der Schwarzmeerküste die Donau, unterwarf die Daker
und richtete 106 die Provinz Dacia ein, die ausgedünnte Bevölkerung wurde durch landlose
Siedler aus Süditalien und durch Veteranen ersetzt, das Dakische durch Latein verdrängt, eine
vollständige Romanisierung, die die Stürme der folgenden Jahrhunderte überdauert hat, das
heutige Rumänisch. Für Sprachforscher besonders interessant ist der Vergleich mit dem Albani-
schen, denn das Albanische ist voll von lateinischen Lehnwörtern aus dem ersten Jahrhundert,
das Rumänische ist Latein um 100, aber mit dakischen Einflüssen. Zum Beispiel wird im
Rumänischen wie im Albanischen der Artikel nachgestellt.

Das zweite Jahrhundert, die Zeit der Ädoptivkaiser, gilt als Silbernes Zeitalter (nach dem Golde-
nen unter Augustus), Hadrian und Antoninus Pius führten keine Krieg, aber Mark Aurel kämpfte
fast seine ganze Regierungszeit über an der Donau gegen eindringende Germanen und starb
180 in Wien. Danach wurde die Kaiserwahl immer stärker von der Armee übernommen, man
spricht von Soldatenkaisern, aber seit 250 lag die Regierung faktisch bei einem Rat aus Gene-
rälen, die einen der ihren zum Kaiser bestimmten, und diese Generalität war illyrisch. Auch
Diokletian, der 285 Kaiser wurde und das Reich reformierte, war Illyrer, ebenso der von ihm
ausgesuchte Nachfolger Constantius und dessen Sohn Constantin, der dem Reich eine zweite
Hauptstadt Konstantinopel bescherte und damit den Balkan als Verbindung von Ost und West
noch mehr in die Mitte rückte.

Diokletian hat die Verwaltung reformiert, die Provinzen verkleinert und zu Diözesen zusammen-
gefasst. Dabei wurde der Balkan geteilt. Illyrien gehörte zu Italien, die andere Hälfte zu Mazedo-
nien. Entlang dieser Grenze wurde dann auch 395 zwischen Westrom und Ostrom geteilt.
Konstantin hat auch das Christentum als
Religion zugelassen und gefördert, und
unter seinen Nachfolgern wurde es zur
Staatsreligion. Jede Stadt hatte einen
Bischof, die Provinz einen Oberbischof,
die Diözese einen Patriarchen. Sie waren
kirchliche Würdenträger, aber auch in
staatlichem Auftrag tätig und dem Kaiser
zum Gehorsam verpflichtet. Die Sprache
der Christen war griechisch, aber der Bi-
schof von Rom und Patriarch förderte das
Latein als Kirchensprache und damit seine
Unabhängigkeit.

Die germanische Bedrohung


Als das Reich 395 unter die Söhne des
Theodosius geteilt wurde, war der Druck
auf die Donaugrenze schon sehr groß. Die
Germanen, eine andere indoeuropäische
Völkerfamilie, waren wohl ursprünglich aus
Skandinavien und Dänemark gekommen,
aber schon seit 400 [Link]. gewandert, die
Sueben an die Elbe, die Langobarden
nach Niederösterreich, die Vandalen nach
Schlesien, die Goten in die Ukraine und
auf die Krim. Aber um 200 geriet das alles
in Bewegung, die germanischen Stämme
drängten ins Römische Reich, aber gleich-
zeitig brauchte die Armee Soldaten zur
Abwehr und warb Germanen einzeln und
in Verbänden an. So war der oberste General des Theodosius, Stilicho, ein Römer mit Migra-
tionshintergrund, ein Germane vandalischer Herkunft, und er kämpfte mit einem weitgehend
germanischen Heer gegen eindringende Rugier und Westgoten. Beliebter Angriffspunkt für die
Germanen war die Donaugrenze. Man konnte in den Balkan eindringen und sich dann immer
noch für Westen oder Osten entscheiden. Stilicho wurde 408 von „echten“ Römern ermordet, und
410 zog der Westgotenkönig Alarich ungehindert durch Italien. Schon 271 wurde Dacien wegen
der gotischen Bedrohung von Rom geräumt. 378 wurde der Kaiser Valens in der Schlacht von
Adrianopel (vor den Toren von Konstantinopel) von den Westgoten vernichtend geschlagen und
im Kampf getötet. Dazu kamen Einfälle an der Rheingrenze, etwa in der Neujahrsnacht 406
Vandalen, Sueben und Burgunder. Die schnelle Verbindungsstraße von Mainz nach Augsburg
war schon seit 260 verloren. Das Reich wehrte sich, indem es ganze Provinzen einem Germa-
nenstamm gegen Kriegsdienste überließ, etwa den Westgoten Südwestfrankreich. In der
Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 siegte der „letzte“ Römer Aëtius über den
Hunnenkönig Attila, aber sein größtes Truppenkontingent waren die Westgoten, die kämpfende
Infanterie Attilas waren Ostgoten.
Danach bedrohten die Ostgoten Byzanz, und der Kaiser Zeno lenkte sie ab, indem er ihnen die
Präfektur Italien übertrug. Dort regierte der Germane Odoaker, der den letzten Kaiser in Pension
geschickt hatte. Die Ostgoten unter ihrem König Theoderich durchzogen (mit Mann und Frau und
Wagen) den Balkan und konnten 495 Italien erobern. Theoderich regierte die Präfektur Italien
von 495 bis 525 als Friedenskönig, aber auch als kaiserlicher Vertreter, und zu seinem Regie-
rungsbereich gehörte auch der westliche lateinische Balkan. Nach seinem Tod fühlte sich der
oströmische Kaiser Justinian nicht mehr an die Zusagen seines Vorgängers Zeno gebunden und
wollte Italien zurückerobern. Der Krieg dauerte über zwanzig Jahre. Die Ostgoten wurden
vertrieben, aber Italien war durch den Krieg verwüstet und erholte sich nicht mehr davon, der
Balkan wurde jetzt ganz von Byzanz aus regiert, aber er hatte auch schwer gelitten und war der
brutalen kaiserlichen Steuerpolitik nicht gewachsen, denn Justinian hatte seine letzten Reserven
in den Kampf stecken müssen.

Die slawische Landnahme


Die letzte große indoeuropäische Sprachgruppe sind die Slawen, eine Sprachfamilie, die noch
sehr nah beieinander ist und eine gemeinsame Wurzel im Altkirchenslawisch hat. Ihre Urheimat
vermutet man in der Ukraine, vielleicht sind die Goten auf ihren Druck hin von dort nach Westen
gewandert. Wie immer ist es unbegreiflich, wie in relativ kurzer Zeit so viele verschiedene
Stämme in verschiedene Richtungen nach neuen Räumen gesucht haben. Die Wenden und
Sorben sind bis an die Elbe vorgedrungen, Polen, Böhmen und Mähren wurde slawisch be-
siedelt, das Gebiet um Kiew und weiter an den Ural, und dann der Balkan. Das Vordringen der
Slawen wurde von Byzanz lange nicht wahrgenommen, zu sehr war man dort auf den Krieg in
Italien fixiert. Immerhin finden wir im Gotenkrieg des Prokop (III,14) eine Beschreibung:
Sie wohnen in dürftigen Zelten,
weit voneinander getrennt, und
die einzelnen wechseln oft ihre
Wohnsitze. Ins Feld rücken die
meisten zu Fuß mit kleinen Schil-
den und Wurfspießen. Panzer
tragen sie nicht, manche haben
sogar weder Ober- noch Unter-
gewand, sondern gehen dem
Feind entgegen, indem sie nur
die Hosen bei einem Schurz um
die Lenden hinaufziehen. Sie
sprechen ein und dieselbe furcht-
bar barbarische Sprache und un-
terscheiden sich auch im Äuße-
ren nicht voneinander. Alle sind
sie sehr groß und stark, ihre
Haut- und Haarfarbe ist weder
weiß noch blond, auch nicht gerade schwarz, sondern sie sind ganz und gar rötlich. Wie die
Massageten leben sie in Roheit und Dürftigkeit und starren wie jene von Schmutz. Dabei sind sie
durchaus nicht schlecht oder bösartig, sondern kommen auch in der Einfachheit der Lebensweise
den Hunnen gleich.
Nach Prokop hatten die Slawen keinen König und keine Aristokraten, sondern lebten in kleinen
Gemeinschaften. Zur Zeit Kaiser Justinians (527-565) drangen die Slawen auf dem Balkan vor.
545 überrannten sie Thrakien, 547/8 verheerten sie Dalmatien, 551 besiegten sie ein römisches
Heer bei Adrianopel, 559 eroberten sie Thessaloniki. Eine slawische Legende sieht sogar in
Justinian ihren Förderer. Nach seinem Tod wurde es noch schlimmer. 577/78 gab es einen
großen Plünderungszug (angeblich 100 000 Slawen) durch Griechenland, und 581 belagerten die
Slawen Konstantinopel.

Gleichzeitig mit den Slawen tauchten die Awaren auf, nach vorherrschender Meinung ein mongo-
lischer Stamm, der sich mit den übriggebliebenen Hunnen Attilas verband und in Pannonien ein-
drang und siedelte. Sie führten Raubzüge bis nach Konstantinopel, nach Italien und ins Fränki-
sche Reich und forderten entprechende Gegenmaßnahmen heraus. Sie hatten auch ein Problem
mit den Slawen, die gleichzeitig mit ihnen in den Raum eindrangen, von ihnen versklavt wurden
und sich in Aufständen gegen ihre Herren wehrten. Um 700 umfasste das awarische Reich im
Wesentlichen das heutige Österreich, die Slowakei, Slowenien, Ungarn und Rumänien. Byzanz
wehrte sich gegen das Vordringen der Awaren, aber vor allem das Frankenreich unter den
Karolingern kämpfte gegen sie. 795/6 führte ein Angriff König Pippins, des Sohnes Karls des
Großen, zur Erstürmung der awarischen Hauptfestung (bei Budapest), und der überreiche
Awarenschatz fiel in die Hände der Franken. Er wurde nach Aachen gebracht und dort unter die
Großen verteilt. Danach zerfiel das Awarenreich, die unterdrückten Slawen setzten sich durch,
vor allem Serben, Kroaten und Slowenen.

Insgesamt wissen wir über die slawische Landnahme sehr wenig. Sie waren in Stämme geglie-
dert, aber ob sie sich vor oder nach der Wanderung trennten, ist nicht klar. Die Stämme waren
eine Großorganisation, aber kein staatlicher Zusammenhalt, keine gemeinsame Autorität, keine
Monarchie, nicht einmal eine Verteidigungsgemeinschaft. Wie stark die vorhandene Bevölkerung
war und wie mit ihr umgegangen wurde, ist nicht bekannt. Allerdings setzte sich überall die
slawische Sprache durch, außer in Rumänien, wo sich das ländliche Latein erhielt. Die Slawen
waren wohl ursprünglich schlechte Landwirte, deshalb hatten sie gewaltigen Landhunger, und
(nach Prokop) lebten die einzelnen Sippen in großem Abstand voneinander. Noch weniger im
Fokus ist die andere Seite ihrer Ausdehnung in den großen russischen Raum bis zu den Karpa-
ten. Zeitlich wird die slawische Landnahme auf die Zeit zwischen 500 und 700 datiert. Versuche
etwa der polnischen Forschung in der kommunistischen Zeit, die Polen zu einer autochthonen
Urbevölkerung zu erklären, die schon immer dort gewohnt hat, haben sich nicht durchgesetzt.

Kyrill und Method und die Slawenmission


Kyrill und Method waren wirkliche Brüder und Ordensbrüder aus Thessaloniki. Der Vater war
griechisch, die Mutter slawisch. Method war Beamter und wurde 845 Mönch. Kyrill war Theologe
und Gelehrter, er wurde erst kurz vor seinem Tod Ordensbruder. Die Brüder sprachen slawisch
und machten sich Gedanken über die Christianisierung der Slawen.
Rastislav war seit 846 Fürst von Großmähren, einem slawischen Fürstentum, das unter starkem
Druck der deutschen Karolinger stand, Ludwigs des Deutschen und seines Sohnes Karlmann,
die Mähren unterwerfen und christianisieren wollten, und zwar von Mainz aus und lateinisch-
deutsch. Rastislav wollte zwar christlich werden, aber nicht von Mainz abhängig. Ein Schreiben
an den Papst wurde nicht beantwortet, deshalb schrieb er an den Kaiser von Byzanz:
Unser Volk hat das Heidentum bereits verworfen und hält sich an die christlichen Gesetze; aber
wir haben keine Lehrer, die uns in unserer Sprache im rechten christlichen Glauben unterweisen
können, damit auch andere Völker, wenn sie es sehen, uns nacheifern; so sende uns, Herr,
einen Bischof und Lehrer. Denn von euch breitet sich ein gutes Gesetz in alle Länder aus.
Der Kaiser und der Patriarch von Konstantinopel suchten für diese Aufgabe die beiden Brüder
aus. Die entwickelten noch in Thessaloniki eine Schrift, die von der griechischen abgeleitet war,
aber eine Reihe neuer und anderer Zeichen enthielt, die der slawischen Sprache entsprachen,
also eine slawische Lautschrift, die
Glagolitza, eine neue eigenständige
Buchstabenschrift.. Damit kamen
sie 863 nach Mähren, gründeten
eine Schule und begannen, das
Evangelium und kirchliche Texte ins
Slawische zu übertragen. Ihr Auf-
treten passte den Deutschen gar
nicht, sie erreichten, dass die Brü-
der 867 nach Rom gerufen wurden.
Der Papst Hadrian II. erkannte die
Bedeutung der Slawenmission und
bestätigte die slawischen liturgi-
schen Bücher. Aber Kyrill wurde
krank und starb 869 in Rom.
Method wurde zum Bischof ernannt
und kehrte nach Mähren zurück.
Dort hatte aber Svatopluk im Bünd-
nis mit den Deutschen seinen Onkel
von der Macht verdrängt. Method
wurde 870 von den Deutschen ab-
gesetzt und in einem Kloster in
Deutschland gefangen gehalten,
vielleicht auf der Reichenau. Dann
wurde er in Rom wegen Ketzerei
angeklagt. Doch 880 entschied
Papst Johannes VIII, dass die sla-
wische Liturgie benutzt werden
dürfe, aber nur, wenn die Texte
vorher auf lateinisch gelesen wür-
den. Method kam 883 wieder frei
und kehrte nach Thessaloniki zu-
rück. 884 wurde er vom Kaiser von
Byzanz eingeladen und überreichte
ihm seine slawischen Texte. Da-
nach kehrte er doch nach Mähren
zurück und starb dort 885, nachdem
er die Bibelübersetzung noch fertig-
gestellt hatte. Nach seinem Tod
erreichte der Mainzer Klerus in Rom Kyrill und Method von Jan Mateika 1885
das Verbot der slawischen Liturgie.

Das glagolitische (später kyrillische) Alphabet war wie ein Maßanzug für das Slawische. Während
in der lateinischen Kirche mit der Festlegung auf das „heilige“ Latein die Volkssprachen ausge-
schaltet wurden, öffnete das „Altkirchenslawisch“ den Weg zu einer volkstümlichen Religion, zu
Vertrauen in die und Heimat in der christlichen Verkündigung. Darüber hinaus hat das Altkirchen-
slawische eine ungeheure Bedeutung für die Schriftlichkeit im slawischen Raum, für die Alphabe-
tisierung und Literarisierung erhalten. Nicht umsonst steht das Studium des Altkirchenslawischen
bis heute am Anfang jeder slawistischen Philologie. Die Ausgliederung der slawischen Sprachen
erfolgte auf dieser gemeinsamen Basis. Deshalb sind Kyrill und Method die „Slawenapostel“,
auch wenn ihr unmittelbarer Wirkungskreis eingeschränkt war und durch die lateinisch-deutsche
Kirche abgewürgt wurde.

Edgar Hösch: Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Beck 1999
Volkshochschule Karlsruhe 181-24042 1. Semester 2018 Hansjörg Frommer

Geschichte der Balkanländer II :


Mittelalter und Türkenzeit
Themen und Termine:
Keine andere Gestalt der südosteuropäischen Geschichte hat als Individuum über Jahrhunderte
hinweg eine derartige Beachtung erfahren wie dieser mittelalbanische Adlige. Sein Leben zwischen
orthodoxem Christentum, Islam und dem katholischen Glauben und sein fünfundzwanzig Jahre
dauernder Aufstand gegen die osmanischen Sultane hatten die europäische Öffentlichkeit in einem
Zeitalter gefesselt, das die Osmanen und deren islamische Religion als elementare Bedrohung
empfand und angesichts der zahlreichen militärischen Rückschläge das Beispiel eines erfolgreichen
christlichen Heerführers als Ermutigung und Trost benötigte.
(Oliver Jens Schmitt, Skanderbeg, Pustet Regensburg 2009, Einleitung, S. 7)

Dienstag, 20. 2. 2018 :


Die erste slawische Staatenbildung war das Großbulgarische Reich seit 679. Simeon (864 – 927)
übernahm das slawisch-kyrillische Christentum und 913 den Titel Zar. Großbulgarien reichte vom
Schwarzen Meer bis zur Adria und war eine Bedrohung für Byzanz. Von dort wurde es in langen
Kriegen bis 1018 wieder unterworfen.

Dienstag, 27. 2. 2018 :


Entstehung des seldschukischen Reiches in Kleinasien, das nach der Schlacht von Mantzikert 1071
an die Türken verlorenging. Serbien, Kroatien, Ungarn. Seit 1095 durchquerten die Kreuzzüge den
Balkan und Kleinasien, und 1204 wurde Byzanz von lateinischen Kreuzfahrern erobert und aufgeteilt.

Dienstag, 6. 3. 2018 :
1261 war Byzanz wieder Hauptstadt des (nur noch balkanischen) oströmischen Reiches, aber mit der
Zeit ging das ganze Umland an die Türken verloren. Von 1368 an war Adrianopel – Edirne die Haupt-
stadt der osmanischen Türkei. 1453 wurde Byzanz erobert und unter dem Namen Istanbul Haupt-
stadt. Die Flüchtlinge aus Byzanz lösten im lateinischen Westen einen Entwicklungsschub aus.

Dienstag, 13. 3. 2018 :


Vor und nach dem Fall von Byzanz versuchte
die osmanische Türkei die Balkanländer zu
übernehmen, vor allem gegen Albaner und
Serben, so in der Schlacht auf dem Amselfeld
1389. Der albanische Adlige Skanderbeg
führte zwischen 1443 und 1468 einen
Kleinkrieg gegen die Türkei und erhielt dafür
von Papst Calixt den Ehrentitel Athleta
Christi. Matthias Corvinus von Ungarn.
.
Dienstag, 20. 3. 2018 :
Unter Süleyman dem Prächtigen (1496 –
1566) erlebte die osmanische Türkei ihre
größte Ausdehnung. 1526 wurde Ungarn
erobert, und 1529 standen die Türken vor
Wien. Die Habsburger erbten den Anspruch
auf Ungarn und kämpften lange Jahre um
Randgebiete. 1683 standen die Türken zum
zweiten Mal vor Wien, danach wurden sie von
Österreich zurückgedrängt (Türkenlouis und
Prinz Eugen).
Süleyman der Prächtige
Das bulgarische Reich
Die Bulgaren sind ein Turkvolk, das aus dem Osten kam, sich zwischen Don und Wolga ansiedelte
und mit der dortigen Bevölkerung vermischte. Von dort wanderte ein Teil nach Italien und siedelte bei
Benevent. Ein anderer Teil unter Khan Asparuch zog auf den Balkan und gründete ein Reich nördlich
der Donau. Um 680 überschritten sie die Donau und unterwarfen verschiedene slawische Stämme.
Die Slawen hatten kleinteilig gesiedelt und keine größeren Verbände gebildet. Die Bulgaren bildeten
so den ersten slawischen Staat und übernahmen in kurzer Zeit die slawische Sprache. Sie siegten
unter Asparuch bei Schlachten im Donaudelta gegen Byzanz, das den Bulgaren tributpflichtig wurde.
Im achten Jahrhundert bauten sie ihren Staat weiter aus. Der Khan Krum , der von 803 bis 814
herrschte, dehnte das Reich bis vor die Tore von Konstantinopel aus und besaß angeblich eine
Trinkschale aus dem Schädel des Kaisers Nikephoros I., der 811 von Krum besiegt worden war.
Serdica-Sofia wurde bulgarisch. Krums Sohn Omurtag schloss mit Kaiser Leo einen Friedensvertrag,
der die bulgarischen Eroberungen anerkannte. Khan Krum war auch ein Gesetzgeber, der die
Gleichheit von Slawen und Bulgaren festlegte und die staatliche Ordnung stärkte.

Der Knjas (slawisch, nicht mehr Khan) Boris, der von 852 bis 890 regierte, wollte das Christentum
einführen und verhandelte mit Rom wie mit Byzanz. Beide schickten Missionare, standen sich im Weg
und bannten sich gegenseitig. Weil ihm der Papst ein eigenes Patriarchat verweigerte, nahm Boris
863 das byzantinische Christentum und zu Ehren des Kaisers den Taufnamen Michael an. Daraufhin
unterstützte König Ludwig der Deutsche eine heidnische Revolte, die aber von Boris blutig niederge-
schlagen wurde. Boris trat 890 zurück und ging ins Kloster, aber als sein Sohn das Heidentum wieder
einführen wollte, kam er 893 zurück, setzte den Sohn ab und übernahm noch einmal die Regierung.
Jetzt empfing er die Schüler von Kyrill und Method, Kliment , Naum und Angelarius und brachte sie
dazu, bei der Verbreitung der christliche-slawischen Botschaft im bulgarischen Reich mitzuwirken.
Kliment stammte aus Ohrid, und am Ohrid-See ließen sich die Slawenapostel nieder. Kliment wurde
893 Bischof von Ohrid, und das wurde so zum religiösen Zentrum. Ein Konzil führte 893 das Alt-
kirchenslawische als Sprache und Schrift ein. Die Slawenapostel bauten Schulen und Klöster, sie
gründeten eine Universität in Ohrid, ihre Schüler verbreiteten das kyrillische Alphabet, Lesen und
Schreiben und die Lektüre der kirchlichen und geistlichen Schriften in slawischer Sprache. Das ist der
Anfang der slawischen Sprach- und Literaturgeschichte. Als Russland unter Großfürst Wladimir 988
das Christentum annahm, wurde auch für die russisch-orthodoxe Kirche das Altkirchenslawische
übernommen.

Boris übertrug die Nachfolge auf seinen


jüngeren, 864 geborenen Sohn Simeon,
der das bulgarische Reich von 893 bis 927
regierte. Simeon war als Geisel in Byzanz
aufgewachsen, hatte dort Theologie stu-
diert und galt als „Halbgrieche“. Nach
seiner Rückkehr 886 trat er in ein Kloster
ein und wurde 893 von seinem Vater für
die Nachfolge zurückgeholt. Gegenüber
dem neuen jungen Herrscher versuchte
Byzanz, die wirtschaftlichen Beziehungen
für die Bulgaren zu verschlechtern. So kam
es zu mehreren Kriegen. Byzanz gelang
es, die nördlich der Donau wandernden
Magyaren zu einem Einfall nach Bulgarien
zu gewinnen, aber schließlich konnte Si-
meon sich durchsetzen, die Magyaren
zogen weiter nördlich in das heutige
Ungarn, und 896 musste Byzanz nach
mehreren Niederlagen aufgeben, die
Handelsbeschränkungen aufheben und
wieder Tribut an die Bulgaren zahlen.
Großer Historischer Weltatlas II, S. 91
Danach unterwarf Simeon Albanien, den alten illyrisch-römischen Sprachrest, und auch das slawi-
sche Serbien, das sich mit Byzanz verbündet hatte, wurde locker in seinen Machtbereich eingeglie-
dert. 917 nahm Simeon den Titel „Zar“ an, der sprachlich auf „Caesar“ zurückgeht, und mit dem er
sich dem byzantinischen Kaiser gleichstellte. 918 erklärte Simeon die bulgarisch-orthodoxe Kirche für
autokephal, von Byzanz unabhängig, und erklärte Ohrid zum Patriarchat. Das war die geistige
Unabhängigkeitserklärung gegenüber Byzanz. 927 wurde beides von Byzanz anerkannt.

Die erste Hauptstadt Bulgariens war seit Asparuch Pliska, im Nordwesten, aber südlich der Donau, in
der Nähe der Stadt Varna, heute eine große archäologische Ausgrabungsstätte, die von der Bau-
kultur der frühen Bulgaren zeugt. Simeon baute eine neue Hauptstadt in Preslaw, etwas weiter west-
lich, vielleicht weil in Pliska die heidnische Reaktion im alten Adel zuhause war. Die neue Hauptstadt
mit ihren Palästen, Adelshäusern und einem Patriarchenpalast wurde vor allem als geistiges Zentrum
bedeutend, denn Simeon gründete dort Schulen und Hochschulen zur Förderung des Altkirchensla-
wischen, des eigenen Christentums und der neuen slawischen Schriftkultur. Simeon trägt den
Beinamen „der Große“, weil er sein Reich nicht nur gegen Byzanz groß und unabhängig gemacht hat,
sondern auch wegen seiner Förderung des Christentums und des geistigen Lebens. Aber bei seinem
Tod 927 war das Reich durch die andauernden Kriege geschwächt, die Landwirtschaft litt unter dem
Entzug von Arbeitskraft und Erträgen für die Armee, es gab Versorgungsengpässe und Hungersnöte.
Deshalb handelte sein Sohn Peter als neuer Zar einen langfristigen Frieden aus und heiratete eine
Kaiserenkelin. Peter gilt eigentlich als schwacher Herrscher, er hatte immer wieder Probleme mit der
Familie, aber er regierte über vierzig Jahre und hielt das Reich einigermaßen zusammen, nur das
halbunabhängige Serbien ging verloren. Den geistig-christlichen Aufbau führte er weiter. Peter starb
969. Unter seinem Sohn Boris II. nahmen die inneren Schwierigkeiten zu. Der Nordosten des Reiches
wurde von Swjatoslaw von Kiew überrannt. Der Kaiser von Byzanz, Johannes Tsimiskes, konnte 971
die Russen zurückwerfen, die Hauptstadt Preslaw plündern und den Zaren als Gefangenen nach By-
zanz bringen. Bei der Flucht kam Boris 977 uns Leben, sein Bruder Roman folgte ihm als Zar.

Basileios II., der „Bulgarentöter“


In Byzanz war 963 Kaiser Romanos III. gestorben und hatte das Reich zwei unmündigen Söhnen
hinterlassen, dem 958 geborenen Basileios und dem 960 geborenen Konstantin VIII. Die Witwe
Theophanu machte den General Nikephoros Phokas zum Mitkaiser, der sich große Erfolge bei der
Zurückdrängung der Araber erwarb (Zypern, Kilikien, Tarsus). 969 ließ sie ihn beseitigen und erhob
den Armenier Johannes Tsimiskes zum neuen Mitkaiser, der 971 gegen Bulgarien sehr erfolgreich
war. Tsimiskes starb 976. Basileios und sein jüngerer Bruder waren immer noch Mitkaiser, inzwi-
schen aber junge Männer, die keine Nebenkaiser mehr haben wollten. Sie hatten zunächst mit Re-
volten der Militäraristokratie, den Phokas und den Skleros zu kämpfen, aber 985 übernahm Basileios
endgültig die Macht. Seinem leichtlebigen und vergnügungsfrohen Bruder Konstantin überließ er die
Präsenz in der Hauptstadt, doch Basileios war der verantwortliche Kaiser, der alle Entscheidungen
traf. Bei der Festigung seiner Macht arbeitete er mit Großfürst Wladimir zusammen, der 988 zum
orthodoxen Christentum übertrat und Basileios‘ Schwester Anna heiratete. Wladimir stellte Basileios
eine Warägergarde, die blind zu ihm hielt und ihm die Macht in Konstantinopel sicherte.

Basileios war nominell Kaiser von 963 bis 1025, tatsächlich seit 985, also immer noch vierzig Jahre.
Während seiner Regierungszeit konzentrierte er sich ganz auf den Kampf gegen die Bulgaren. Zu-
nächst reformierte er die Armee, die zu unbeweglich und der Partisanentaktik der Bulgaren nicht ge-
wachsen war. Basileios lebte bei der Armee und für die Armee, er liebte Byzanz nicht und nicht den
luxuriösen Lebensstil der Oberschicht. Er war der letzte Herrscher von Byzanz, dem eine Sicherung
und Ausweitung der kaiserlichen Herrschaft gelang, aber er hat im geistig-kulturellen Bereich keine
Spuren hinterlassen. Seit 989 kämpfte er mit der Armee an der bulgarischen Grenze. Und in einem
fünfzehnjährigen blutigen Krieg verschob er die Grenze immer weiter nach Norden und verschärfte
dadurch die Herrschaftskrise in Bulgarien. 1014 besiegte Basileios mit seinem Heer den bulgari-
schen Zaren Samuel. Die angeblich 14 000 Gefangenen ließ er blenden. Die bulgarische Hauptstadt
wurde nach Ohrid verlegt, und 1018 konnte Basileios Ohrid einnehmen, damit auch den bulgarischen
Königsschatz und die Zarenfamilie. Der bulgarische Staat wurde unterworfen und wieder in die
byzantinische Verwaltung eingegliedert. Zentral dafür war Ohrid, das von Basileios zum einzigen
Zentrum einer autokephalen bulgarisch-orthodoxen Kirche gemacht wurde. Der Erzbischof von Ohrid
wurde von Basileios ernannt. Basileios behielt also eine gewisse bulgarisch-slawische Autonomie im
kirchlichen und geistigen Bereich bei, sei es, dass ihm das nicht so wichtig war, oder in der klugen
Einsicht, dass die Herrschaft über einen großen slawischen Bereich leichter war, wenn man den
Slawen religiös und kulturell eine gewisse Selbstständigkeit ließ.

Großer Historischer Weltatlas, [Link], S. 74/75: um 1000


Die Themenverfassung
Im byzantinischen Bereich hatte seit dem 7. Jahrhundert die Themenverfassung die alte römische
Provinzialordnung abgelöst. Ein Thema war ein Militärbezirk, der eine gewisse Autonomie besaß. Der
Gouverneur des Themas war militärischer und politischer Chef. Der militärische Schutz wurde
dadurch erreicht, dass man Wehrbauern ansiedelte, die im Ernstfall als Stratioten Kriegsdienst leiste-
ten. Dadurch konnte die professionelle (und sehr teure) Armee wesentlich verkleinert werden. Im
Thema wurde auch die Steuerbelastung verändert. Die Bauern konnten die Steuer in Naturalien
entrichten, das heißt, der Geldkreislauf schrumpfte auch im byzantinischen Bereich, nicht nur in
Westeuropa. Die Themenverfassung wurde nun von Basileios auch für das ehemalige Bulgarien
eingeführt, ein Thema Bulgarien mit dem Zentrum Ohrid, zwei Themen Dyrrhachium und Dalmatien
an der Adriaküste, zwei Themen Sirmium und Paristrion an der Donau und ein Thema Makedonien.
Die byzantinische Herrschaft über den ganzen Balkan südlich von Donau und Drawe war wieder
hergestellt. In seinen letzten Jahren kümmerte sich Basileios um die Ostgrenze. Er unterwarf 1020
Armenien und dehnte auch hier den Machtbereich von Byzanz aus. Beim Tod des Kaisers Basileios
II. stand Byzanz also größer und stärker da als je seit dem Beginn der arabischen Eroberungen.
Nachfolger war sein unfähiger Bruder Konstantin VIII. Ein wichtiges Problem war die weitere Nach-
folge, denn Basileios war kinderlos gestorben, und Konstantin hatte nur zwei ältliche Töchter, Zoe
und Theodora. Auf dem Sterbebett verheiratete Konstantin Zoe mit dem Eparchen (Gouverneur) von
Byzanz, der dann nach dem Tod Konstantins als Romanos III. Kaiser wurde. Der nahm die finanzielle
Entlastung der Bauern zurück, weil sie zu Lasten der Großgrundbesitzer gegangen war, zu denen er
selber gehörte. Der Schutz der Kleinbauern durch den Staat entfiel, und das zwang sie oft zum
Verkauf ihres Landes an die landhungrigen Großgrundbesitzer. Aber die Themenverfassung beruhte
auf dem Kleinbauernstand, der auch das Rückgrat der Wehrverfassung darstellte.

Die alternde Kaiserin Zoe fühlte sich vernachlässigt, der Kaiser Romanos III. starb 1034 im Bad, und
am gleichen Tag heiratete Zoe ihren Liebhaber und machte ihn zum neuen Kaiser Michael IV. Der
wahre Herrscher war dessen Bruder, der Eunuch Orphanotrophos. Der verschärfte die Steuererhe-
bung bei den Kleinbauern, und das führte im slawischen Bereich zu einem Bauernaufstand. Michael
bekämpfte den Aufstand und kam 1041 todkrank zurück. Die Kaiserin Zoe adoptierte einen Neffen
Michael, der als Michael V. Kaiser wurde, seinen Onkel verdrängte und die Kaiserin Zoe internierte.
Das führte zu einem Aufstand, und jetzt sollten Zoe und Theodora, die Überlebenden der Makedoni-
schen Dynastie, die Herrschaft übernehmen. Zoes dritter Ehemann übernahm als Konstantin IX.
Monomachos das Kaisertum. Er stammte aus dem Beamtenadel, und er war unfähig, und die Staats-
autorität verfiel weiter. Die Themenverfassung war am Ende, und Armee und Staatsverwaltung
funktionierten nicht mehr. 1054 kam es zum endgültigen Schisma zwischen der orthodoxen und der
selbstbewusst gewordenen römischen Kirche. Nach dem Tod Konstantins übernahm die überlebende
Theodora für ein Jahr die Kaiserwürde. Auf dem Totenbett adoptierte sie einen Vertreter der
Beamtenschaft, Michael VI. Der förderte und belohnte die Beamten, die Führer der Armee empfing er
nicht einmal. Dagegen erhob sich die Armee. Der Patriarch entschied sich für den Militärführer,
Michael wurde ins Kloster geschickt, der neue Kaiser war Isaak Komnenos. Doch er wurde schon
nach zwei Jahren gestürzt, weil sich der Patriarch wieder auf die Seite der Beamtenaristokratie
gestellt hatte. Weil sich die militärische Lage des Reiches ständig verschlechterte, wurde 1068 wieder
ein tüchtiger und erfolgreicher Feldherr, Romanos IV. Diogenes, Kaiser.

Die seldschukische Bedrohung


Für das byzantinische Chaos war es günstig, dass auch das islamische Kalifat seine aggressive Kraft
verloren hatte und um seinen Zusammenhalt kämpfte. Der Kalif von Bagdad hatte viel von seiner
Führungsstellung verloren, selbst der Kalifentitel wurde ihm von Abdur Rahman in Spanien und von
den Fatimiden in Ägypten streitig gemacht. Im Osten hatten sich Teile des Turkvolks der halbnoma-
dischen Oghuzen in das dortige Machtgefüge eingemischt. Ein Stammesführer, der legendäre
Seldschuk, war vor 1000 in Buchara mit seinen Leuten zum Islam übergetreten. 1055 übernahmen
Seldschuken in Bagdad die weltliche Macht, dem Kalifen blieb nur eine religiöse Funktion. Ein ande-
rer Zweig der Seldschuken griff seit 1045 den byzantinischen Besitz in Armenien und Ostanatolien
an, und das byzantinische Chaos öffnete ihnen den Weg. Führer der Seldschuken war seit 1063 Alp
Arslan, mutiger Löwe, der das Sultanat über alle seldschukischen Bereiche anstrebte, also Persien
und Bagdad. Er wurde abgelenkt durch den neuen byzantinischen Kaiser Romanos IV., der Alp
Arslan einen Friedensvertrag anbot, damit der gegen die Fatimiden in Ägypten vorgehen konnte. Als
Alp Arslan mit seinem Hauptheer nach Ägypten unterwegs war, brach Romanos mit seiner Armee
den Frieden und wollte Armenien zurückerobern. Alp Arslan kehrte eilig zurück, und die beiden
Armeen stießen bei Manzikert (nördlich des Van-Sees) aufeinander. Die zahlenmäßig unterlegenen
Seldschuken erzielten einen großen Sieg, der Kaiser wurde gefangengenommen. Alp Arslan ließ ihn
nach kurzer Zeit gegen gewisse Versprechungen frei, er kehrte nach Byzanz zurück, aber dort hatte
inzwischen die Gegenpartei wieder die Macht übernommen, Romanos wurde gefangengenommen,
geblendet und starb an den Verletzungen. Damit waren die Absprachen mit Alp Arslan hinfällig, der
byzantinische Staat war zu keiner Gegenwehr mehr fähig, und der größere Teil von Kleinasien, dem
bis dahin sicheren Hinterland von Byzanz, fiel in den folgenden Jahren an die Seldschuken. 1077
nannten sie sich unter ihrem Sultan Süleyman die „Rum-Seldschuken“, die Seldschuken als Nach-
folger Roms. Ihr Sieg führte in den nächsten hundert Jahren zur Einwanderung von über einer Million
Türken, die hier sesshaft wurden. Nur an der Westküste hielt sich die griechisch-byzantinische Be-
völkerung, aber auch sie geriet unter seldschukische Herrschaft (Smyrna 1087). Damit hatte Byzanz
seine wichtigsten Provinzen verloren. Gleichzeitig ging Süditalien an die Normannen, die auch
Sizilien von den Arabern zurückeroberten. Und die byzantinische Herrschaft in den balkanischen
Gebieten war wegen der Dauerkrise in der Regierung bedroht. Dazu kam das neue Selbstbewusst-
sein Westeuropas, das sich nicht nur im Schisma von 1054 bemerkbar machte.
Serbien, Kroatien und Ungarn
Kroatien und Serbien gehörten zu Byzanz
und wurden im 6./7. Jahrhundert slawisch
besiedelt. Der Name Serben geht auf einen
slawischen Stammesnamen zurück. Es
gab wohl keinen zentralen Staat, sondern
verschiedene kleinere Fürstentümer, die
unter Zar Simeon von Bulgarien abhängig
wurden und da wohl auch das slawisch-
orthodoxe Christentum annahmen. Unter
Basileios gerieten die serbischen Fürsten
wieder unter byzantinische Oberherrschaft.
Die Herkunft des Namens Kroaten ist
ungeklärt, aber er ist nicht slawisch. Nach
dem legendenhaften Bericht des byzanti-
nischen Kaisers Konstantins VII. wurden
die Kroaten von Kaiser Heraklios dort als
Grenzschutz angesiedelt. Sie waren näher
an Italien und unter römischem Einfluss.
879 wurde Fürst Bradimir von Papst Jo-
hannes VIII. als dux Croatorum ange-
schrieben, zu der Zeit waren die Kroaten
wohl schon lateinisch-christlich. 925 erkannte Papst Johannes X. Tomislav als rex Croatorum, als
König der Kroaten an. Petar Krešimir war König von 1058 bis 1074 und gilt in der alten kroatischen
Geschichte als der Große. Er reformierte die kroatische Kirche nach römischem Ritus (das war wohl
nach dem Schisma von 1054 nötig). Er vergrößerte sein Reich und baute die zentrale Verwaltung
aus. Er unterstützte die bulgarischen Bojaren bei ihrem Kampf gegen Byzanz, und er verteidigte sein
Reich auch gegen die Normannen, die von Süditalien aus über die Adria angriffen. Mit Petar erlosch
die alte kroatische Dynastie, unter den folgenden Herrschern ging der Zusammenhalt verloren.

Ins Donautiefland, römisch Pannonien siedelten im achten Jahrhundert die Awaren, ein Reitervolk
aus dem Fernen Osten, die in Pannonien ihr Machtzentrum hatten, die Slawen in Mähren und in der
Slowakei unterwarfen und ins Karolingerreich einfielen und plünderten. Deshalb führte Karl der Große
Krieg gegen die Awaren, und 796 erstürmte der Unterkönig Pippin von Italien die awarische Ring-
burg, das Zentrum der awarischen Macht. Einen großen Teil der reichen Beute ging an den Papst.
Danach verfiel die awarische Macht. Im leeren Donauraum siedelten seit der Mitte des 9. Jahrhun-
derts die Magyaren, ein Reitervolk von jenseits des Ural, aus einer nicht slawischen und nicht indo-
europäischen Sprachfamilie, ein Reitervolk, das um 900 von Einfällen und Raubzügen nach Bayern,
Schwaben, Sachsen und über den Rhein lebte. In Bayern und Schwaben entstand in der Abwehr
gegen die Ungarn das jüngere Stammesherzogtum, und König Heinrich festigte seine Macht durch
den Sieg gegen die Ungarn. 955 besiegte Otto der Große auf dem Lechfeld mit dem Reichsheer die
Ungarn, und danach hörten sie mit den Raubzügen auf und wurden an der Donau sesshaft. Ihr
Fürstengeschlecht waren die Arpaden, und die nahmen wegen der Neuordnung der Verhältnisse
Kontakt zu Deutschland und zu Rom auf, und 985 trat Fürst Geza mit seinem Enkel zum lateinischen
Christentum über. Der Enkel nahm den Taufnamen Stephan an und heiratete 995 die bayrische
Herzogstochter Gisela. Stephan wurde 997 nach dem Tod seines Großvaters Großfürst der Ungarn.
Er bat Papst Silvester II. schriftlich um die Gewährung der Königswurde und wurde im August 1000 in
Esztergom-Gran von einem päpstlichen Legaten zum König gekrönt. Ungarn wurde ein selbststän-
diges Königreich mit einer gefestigten christlichen Landeskirche, deren Oberhaupt der Erzbischof von
Esztergom-Gran war (parallel zu den Vorgängen in Polen, das gleichzeitig zum lateinischen Christen-
tum übertrat, ein Königreich wurde und in Gnesen sein eigenes Erzbistum bekam). Stephan regierte
bis 1038, er baute mit deutscher Hilfe sein Königreich aus und förderte das Christentum. Er gilt als
Gründer Ungarns, er war der erste Träger der Stephanskrone und er wurde 1083 heiliggesprochen.
Da das Königtum in Kroatien schwächelte, wurde König Koloman von Ungarn 1106 auch König von
Kroatien. Seither war das Königreich Kroatien mit der Krone Ungarns verbunden.
Die Kreuzzüge
Die lateinische Kirche konzentrierte sich im 11. Jahrhundert ganz auf ihr neues Selbstbewusst-
sein, die Erfindung einer übergeordneten priesterlichen Rasse, die durch die Sukzession des
priesterlichen Segens von Petrus über die Päpste an die Priester entstand und nicht durch
fleischliche Kontakte mit Frauen entweiht werden durfte. Die Priester stellten sich damit nicht nur
über die Frauen, sondern auch über die weltlichen Laien, über Adlige und Könige. Der Bruch mit
der Ostkirche 1054 erfolgte, weil diese nicht bereit war, die Superiorität des Papstes anzuerken-
nen. Die Niederlage von Mantzikert zeigte nach päpstlicher Ansicht nur die Strafe Gottes für die
Ostkirche. Die Kirche war für ein frommes, zurückgezogenes und friedfertiges Leben aller
Christenmenschen, aber die adligen Herren waren voller Lebenslust, sie pflegten die ritterlichen
Tugenden und das Abenteuer, und das hieß immer wieder Kampf oder wenigstens Turnierkampf,
schöne Frauen und Liebe. Insbesondere in Südfrankreich entwickelte sich dieses weltliche adlige
Lebensgefühl, dort gedieh auch die weltliche Troubadourlyrik. Die Kirche bekämpfte die Folgen
dieses Lebensgefühls mit der Gottesfriedensbewegung, der zeitlichen oder regionalen Einschrän-
kung dieser Kämpfe und Fehden, aber ohne viel Erfolg.

Im November 1095 rief Papst Urban II. nach einem Konzil in Clermont die Öffentlichkeit zum
Kreuzzug auf, zum Kampf gegen die islamischen Herrscher auf, die das Heilige Land besetzt
hielten und dort die christlichen Brüder unterdrückten (was nicht wahr war): Das gottlose Volk der
Sarazenen drückt die heiligen Orte, die von den Füßen des Herrn betreten worden sind, schon
seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die
Hunde sind ins Heiligtum gekommen, und das Allerheiligste ist entweiht.
Mit dem Aufruf zum Kreuzzug stellte sich der Papst an die Spitze der Christenheit, auch als ober-
ster Kriegsherr. Vermutlich haben die weltlichen Herrscher diesen Anspruch als Übergriff ange-
sehen, denn beim ersten Kreuzzug war kein König und kein Kaiser dabei. Gleichzeitig löste der
Papst damit aber auch das Problem der unbeschäftigten und kampflustigen Adligen:
Kein Besitz, keine Haussorge soll euch fesseln. Denn dieses Land, in dem ihr wohnt, ist
allenthalben von Meeren und Gebirgszügen umschlossen und von euch beängstigend dicht
bevölkert. Es fließt nicht vor Fülle und Wohlstand über und liefert seinen Bauern kaum die bloße
Nahrung. Daher kommt es, dass ihr euch gegenseitig beißt und bekämpft, gegeneinander Krieg
führt und euch meist gegenseitig verletzt und tötet. … Tretet den Weg zum Heiligen Grab an,
nehmt das Land dort dem gottlosen Volk, macht es euch untertan! … Diese Königsstadt
Jerusalem also, in der Erdmitte gelegen, wird jetzt von ihren Feinden gefangen gehalten und von
denen, die Gott nicht kennen, dem Heidentum versklavt. Sie erbittet und ersehnt Befreiung, sie
erfleht unablässig eure Hilfe. Vornehmlich von euch fordert sie Unterstützung, denn euch verlieh
Gott, wie wir schon sagten, vor allen Völkern ausgezeichneten Waffenruhm. Schlagt also diesen
Weg ein zur Vergebung eurer Sünden; nie verwelkender Ruhm ist euch im Himmelreich gewiss.
Dieser Aufruf hatte eine ungeheure Wirkung. Schon 1096 kam es unter dem Prediger Peter von
Amiens zu einem wenig organisierten „Volkskreuzzug“ von kleinen Leuten. Er sammelte sich in
Ostfrankreich, schon in Worms, Mainz und Köln kam es zu schrecklichen Pogromen gegen die
jüdische Bevölkerung, zu Plünderungen, Mord und Totschlag. Über 30 000 Menschen zogen in
zwei Abteilungen über Österreich und Ungarn. Sie überfielen und plünderten Belgrad und Niš. In
Sofia wurden sie von byzantinischem Militär erwartet und an Konstantinopel vorbei über den
Bosporus gebracht. Dort fielen die Kreuzfahrer in einen Hinterhalt der Seldschuken. Nur 3000
konnten sich nach Konstantinopel retten.

Eine längere Vorbereitungszeit brauchte der eigentliche adlige Kreuzzug. Die großen Führer
waren Robert von der Normandie, Gottfried von Bouillon, Bohemund von Tarent, Raimund von
Toulouse, der geistliche Führer und Legat war Bischof Adhemar von Puy. Teilnehmer waren etwa
7000 Ritter vor allem aus Frankreich und Lothringen und Normannen aus der Normandie und aus
Italien. Dazu kamen 22 000 Kämpfer, insgesamt waren es bis zu 60 000. Die Normannen und
Provenzalen reisten übers Meer, das Gros zog wieder über die Balkanroute. Sie passierten
Konstantinopel zwischen November 1096 und April 1097. Nur die Führer durften nach Konstanti-
nopel und dem Kaiser ihre Aufwartung machen. Sie versprachen ihm, alle Eroberungen an ihn zu
übergeben. Sie durchquerten das Gebiet der Seldschuken ohne größere Verluste und eroberten
zwischen 1097 und 1099 die Mittelmeerküste von Edessa bis Jerusalem, sie gründeten dort
Fürstentümer und Grafschaften, zum Schluss das
Königreich Jerusalem, und sie dachten natürlich nicht
daran, dem Kaiser von Byzanz irgend etwas zurück zu-
geben. Für die Balkanroute bedeuteten die Kreuzfah-
rer eine ständige Belastung, denn neben den offiziellen
Kreuzzügen gab es einen ständigen Durchzug von
Ersatz und Nachschub. Der zweite Kreuzzug 1147 –
1149 war ein großer Reinfall, 1187 fiel Jerusalem an
Sultan Saladin, auch der dritte Kreuzzug, 1189 zu-
nächst unter Kaiser Barbarossa, brachte nichts, und
der vierte Kreuzzug, der von Venedig aus und auf der
venezianischen Flotte aufbrach, kam nicht bis Jerusa-
lem, sondern wurde vom Dogen Enrico Dandolo nach
Konstantinopel umgeleitet. 1204 wurde Konstantinopel
von den Kreuzfahrern erobert und geplündert. Sie be-
schlossen, das byzantinische Gebiet unter sich aufzu-
teilen und sich hier neue Fürstentümer einzurichten.
Erster lateinscher Kaiser in Byzanz wurde Balduin von
Flandern. Es gab ein Königreich Epirus, ein Fürsten-
tum Achaia, ein Herzogtum Athen, und die neuen
Herren waren westeuropäische Adlige mit ihrem An-
hang, ohne Sprach- und Landeskenntnis, denen es
nur um die Erhaltung ihrer Herrschaft ging. Ein byzantinischer Kaiser hielt sich in Trapezunt und in
Nicäa. Byzanz war erledigt, und die wirtschaftlichen Erben war Venedig und später Genua, die
die Handelsrouten übernahmen. Hist. Weltatlas II : Der Balkan nach 1205
Zweites bulgarisches Reich
Mit der nachlassenden Kraft des byzantinischen Kaiserreichs seit 1040 kämpften bulgarische Adlige,
die Bojaren, um ihre Unabhängigkeit. 1072 ließ sich Konstantin Bodin in Prizren zum bulgarischen
Zaren krönen, aber er konnte sich nicht durchsetzen, Die Bulgaren gehörten weiterhin zu Byzanz,
auch wenn die einzelnen Adligen sehr unabhängig waren. Erst 1185 konnten die Brüder Assen und
Peter sich militärisch von Byzanz lösen. Assen wurde 1186 der erste Zar des zweiten Bulgarenreichs,
die Hauptstadt wurde Tarnowo, südlich der Donau und westlich von Preslaw. Auch diese Hauptstadt
wurde kräftig ausgebaut, im Zentrum stand eine Festung und eine komplizierte Fortifikationsanlage.
Es gab je einen repräsentativen Palast für den Zaren und den Patriarchen und auf einem anderen
Hügel die üppigen Villen der Bojaren. Kirchen und Klöster standen für den geistigen Aufbruch, Zar
Assen und später sein Bruder Peter konnten die aristokratische Zersplitterung überwinden und die
früheren bulgarischen Gebiete wie Makedonien oder Thrakien wieder unterwerfen. Kalojan, der
jüngere Bruder, war Zar von 1197 bis 1207. Er stärkte die Unabhängigkeit von Byzanz. 1205 schlug
er in der Schlacht von Adrianopel das Kreuzfahrerheer. Dabei fiel der lateinische Kaiser Balduin von
Flandern in die Hände der Bulgaren. Er starb in der Gefangenschaft in Tarnowo. Der bedeutendste
Zar war Assen II., der Sohn Assens I. Er regierte von 1218 bis 1241. Er war mit dem Despoten Theo-
doros von Epirus verbündet, der mit seiner Hilfe Thessaloniki und Ohrid eroberte. Theodoros wollte
die Lateiner aus Konstantinopel vertreiben und neuer Kaiser von Byzanz werden. Dabei war ihm
Bulgarien im Weg. Deshalb überfiel er 1230 seinen bisherigen Verbündeten. In der Schlacht von
Klokotniza errang Assem mit stark unterlegenen Kräften einen totalen Sieg. Damit gewann er
Thessaloniki, den Epirus und Ohrid, das bulgarische Reich erstreckte sich wieder von der Adria bis
zum Schwarzen Meer. Zum Dank erbaute Assen in Tarnowo die Kirche Heilige vierzig Märtyrer und
ließ dort eine Inschrift anbringen: Ich eroberte alle Länder von Adrianopel bis Durazzo – das griechi-
sche, albanische und serbische Land. Die Franken behielten nur die Städte um Konstantinopel und
diese Stadt selbst, fügten sich der Obrigkeit meiner Macht, da sie selbst keinen anderen Zaren außer
mir hatten. 1241 starb Assen ohne direkten Erben. Wegen der Erbstreitigkeiten brach das zweite
bulgarische Reich auseinander, im Westen bedienten sich die Nachbarn Ungarn und Serbien.

Die Wiederherstellung des byzantinischen Kaisertums


Dschingis Khan (gestorben 1227) hatte die mongolischen Stämme vereinigt und baute ein großes
Reich zwischen dem japanischen und dem Kaspischen Meer auf. Sein Enkel Batu Khan, Gründer der
Goldenen Horde, unterwarf 1237 die Wolgabulgaren und 1239/40 die russischen Großfürstentümer.
1241 besiegte er bei Liegnitz ein polnisch-deutsches Heer unter Herzog Heinrich von Schlesien und
König Bela IV. von Ungarn. Die Mongolen standen vor Wien, als sie wegen mongolischer Erbstreitig-
keiten umkehrten. Im mittleren Osten griffen die Mongolen das Reich der Seldschuken an, das das
Zweistromland, Anatolien und Persien umfasste. In der Schlacht von Köse Daǧ 1243 wurden die
Seldschuken vernichtend geschlagen, die Mongolen übernahmen die Herrschaft, auch über Trape-
zunt, wo noch ein byzantinisches Reich bestand. Auch in Nicäa hielt sich eine byzantinische
Herrschaft, seit 1259 unter Michael VIII. Palaiologos. Ihm gelang 1261 die Rückeroberung von Kon-
stantinopel. In einer günstigen Situation ohne Seldschuken und Mongolen konnte er einen Teil des
byzantinischen Reiches im Westen von Kleinasien und in Europa wieder aufbauen, auch Trapezunt
unterwarf sich ihm. Als Michael 1282 starb, folgte ihm sein Sohn Andronikos. Damit waren die
Palaiologen, die letzte byzantinische Dynastie, fest
etabliert. Doch die neuen Seemächte Venedig und
Genua waren Konkurrenz, die Kreuzfahrerstaaten
in Griechenland bestanden weiter, die Herrschaft
in den Provinzen war nicht sicher, und der Finanz-
bedarf der alt/neuen Kaisermacht war groß.

Die osmanische Reichsgründung


Nach dem Zusammenbruch der Seldschuken und
der Abschwächung der mongolischen Herrschaft
baute der Stammesführer Osman sein Stammes-
gebiet durch Eroberungen aus und erklärte sich
1299 für unabhängig. Osman war muslimischer
Türke, aber er war aus religiösen (Schutz und
Respekt für Fremde) wie aus politischen Gründen ein Beschützer der Christen. Das blieb die politi-
sche Ausrichtung seiner Nachfolger. Die Christen lebten unbehelligt in ihrem Glauben, die steuerliche
Belastung war deutlich geringer als unter Byzanz, es gab keine grundsätzliche Ablehnung der
türkischen Oberherrschaft. Schon 1303 war die kleinasiatische Küste außer einigen festen Städten
fest in der Hand der Osmanen. Osmans Sohn Orkhan nahm den Titel Sultan an, den zuerst Mahmud
von Ghazni (in Afghanistan) um 1000 getragen hatte und der bei den Seldschuken üblich geworden
war. Er eroberte 1326 Bursa und machte es zur Hauptstadt. Er erweiterte seinen Machtbereich durch
die Unterwerfung anderer türkischer Stammesfürsten in Anatolien. Wenn sich die lokalen Fürsten der
osmanischen Autorität unterordneten, so konnten sie ihren Besitz behalten, wenn sie aber dann illoyal
waren, wurden sie hart bestraft. Das osmanische Reich war also wesentlich weniger zentralistisch als
das byzantinische, es ließ den lokalen Kräften, den Städten und auf dem Land der loyalen Aristokra-
tie, mehr Freiraum.

Byzanz hatte nicht mehr die militärische Kraft zur Gegenwehr. 1330 fiel Nicäa, die alte Residenz der
Palaiologen. Auch wenn sich das osmanische Reich über ganz Anatolien ausgedehnt hatte, blieb
doch Konstantinopel der Hauptgegner und das Hauptziel. Seit der Jahrhundertmitte folgten immer
wieder Übergriffe auf den europäischen Besitz. Orkhans Sohn Murad mit einer byzantinischen Statt-
halterstochter folgte ihm 1359. 1368 fiel Adrianopel an die Türken und wurde als Edirne neue
türkische Hauptstadt. Die europäische Provinz bekam den Namen Rumelien. Das nächste Ziel war
Bulgarien. Es kam wohl schon seit 1367 zu Kämpfen, und es bildete sich eine balkanische Koalition
aus Serben und Ungarn (unter der Führung des ungarische Königs Ludwig von Ungarn, der ein
großes Reich von Polen über Ungarn an die Adria und nach Apulien anstrebte). Das christliche Heer
wurde 1371 an der Mariza trotz zahlenmässiger Überlegenheit vernichtend geschlagen, nach türki-
schen Quellen, weil die Christen volltrunken waren, als sie überraschend angegriffen wurden. Damit
wurden Makedonien und Bulgarien unterworfen, auch Serbien wurde tributpflichtig. 1379 entschied
Murad einen byzantinischen Thronstreit, und der neue Kaiser war zu Geldzahlungen und zur Heeres-
folge verpflichtet. 1387 wurde auch Thessaloniki erobert.

Amselfeld und Nikopolis


Danach wandte sich Murad weiter nach Westen, an die Adria. Albanien war damals in den Händen
von einigen großen Familien, den Balsha, den Thopia, den Muzaka, den Kastrioti. 1385 kam es zur
Schlacht von Savra zwischen der türkischen Armee und den Albanern, in denen die Albaner
geschlagen wurden und ihr Anführer Balsha fiel. Danach mussten die albanischen Adligen die
türkische Oberherrschaft anerkennen. In Serbien war nach dem Ende des serbischen Königreichs
Fürst Lazar zum mächtigsten Territorialherrn aufgestiegen. 1387 kam es zu einer ersten militärischen
Konfrontation mit Murad, aber zu keiner Schlacht, 1389 folgte die Schlacht auf dem Amselfeld, im
Kosovo. Der serbische Nationalismus hat daraus das Heldenlied vom Fürsten Lazar und seinen
Söhnen gemacht, die sich für Christentum und Europa heldenhaft geopfert haben, Lazar ist ein
Heiliger der serbischen orthodoxen Kirche, doch nach türkischen Quellen waren auch Albaner unter
dem Sohn Balsha an der Schlacht beteiligt. Die Türken siegten, Lazar und Murad wurden getötet,
neuer Sultan wurde sein Sohn Bayezid, dessen Mutter eine Griechin war. Bayezid musste zuerst die
Lage in Anatolien wieder herstellen, wo einige Fürsten den Tod Murads zu mehr Unabhängigkeit
nutzen wollten. 1394 wurden Bulgarien und die nördlich der Donau liegende Walachei endgültig
unterworfen. Dann begann Bayezid mit der Einschließung und Belagerung von Byzanz.

Von diesen Meldungen wurde Europa aufgeschreckt, ein neuer großer Kreuzzug wurde geplant (die
Kreuzfahrerstaaten in Griechenland waren unauffällig eingegangen). Initiator war König Sigismund
von Ungarn, Schwiegersohn und Erbe von Ludwig von Ungarn, der spätere deutsche Kaiser Sigis-
mund. Der Aufruf zum Kreuzzug wurde vor allem in Frankreich gehört, das Kreuzfahrerheer sammelte
sich im Frühsommer in Buda, Führer waren der französische Marschall Boucicaut und der Burgunder-
herzog Johann Ohnefurcht. Das Heer traf am 10. September 1396 vor Nikopolis ein und begann, die
türkische Stadt zu belagern. Am 25. September rückte Bayezid mit seinem etwa gleich starken Heer
an. Die Ritter waren ungeduldig, wollten nicht auf die nachrückenden Ungarn warten und wurden
deutlich geschlagen, die Ungarn konnten sich zurückziehen. Die Niederlage der Kreuzfahrer war
komplett, die meisten Ritter wurden umgebracht, nur die reichen Anführer wurden gefangen und
später gegen Lösegeld freigelassen. (Barbara Tuchman, Der Ferne Spiegel, engl. 1978)
Tamerlan – Timur der Lahme
Danach schien das Ende von Konstantinopel nur noch eine Frage der Zeit. Allerdings war die Stadt
durch ihre Lage, den offenen Seeweg und die starke Befestigung nicht so leicht einzunehmen. Ge-
rettet wurde Konstantinopel durch das erneute und schrecklichere Auftreten der Mongolen unter
Timur dem Lahmen. Timur hatte sich seit 1389 in Persien und Afghanistan durchgesetzt, er errang
1391 das Erbe Dschingis Khans. 1398 eroberte er Delhi, 1401 Damaskus. 1402 traf Timur in der
Schlacht von Ankara auf Bayezid. Die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen Timurs gewannen die
Schlacht, Bayezid wurde gefangen und starb 1403 in Gefangenschaft. Die türkische Führung zog sich
nach Edirne zurück, Timur setzte nicht nach Europa über. Erst 1413 setzte sich Bayezids Sohn
Mehmed als Sultan gegen seine Brüder durch.

Die osmanische Türkei überlebte also nur in Europa. In Anatolien regierte Timur ziemlich brutal, in
einem Reich, das bis an die Grenzen Chinas reichte. Timur machte keine Anstalten, Konstaninopel zu
erobern oder nach Europa überzusetzen. 1404 kehrte er in den Osten zurück, er wollte auch China
einnehmen. Er starb im Februar 1405 in Kasachstan. Sein Grabmal ist in Samarkand. Das Großreich
Timurs zerbrach bald infolge von Erbstreitigkeiten. Doch in Chorasan/Afghanistan regierten seine
Nachkommen, die Timuriden, bis ins 16. Jahrhundert, in Delhi noch länger.

Sultan Mehmed konsolidierte das osmanisch-türkische Reich, stellte die Herrschaft über Anatolien
wieder her und stabilisierte den Besitz in Europa. Er musste Aufstände niederschlagen, er war kein
Eroberer. Auch die Pläne gegen Konstantinopel nahm er nicht auf. Aber als er 1421 starb, hinterließ
er seinem Sohn Murad II. eine geordnete Herrschaft. Er schloss einen Frieden mit Venedig, das sich
so als Seemacht etablierte und an der Adria in Albanien und Griechenland mit Billigung der Türkei
Städte und Festungen in Besitz nahm.

Skanderbeg
Seit der Niederlage von 1385 standen die albanischen Fürsten unter türkischer Oberhoheit, sie
regierten ihre Länder weiter, aber sie waren dem Sultan tributpflichtig. Eine Sicherheit für den Sultan
waren Geiseln. Die Fürstensöhne wurden am Sultanshof erzogen und damit gleichzeitig in die
türkische Welt integriert. Einer von ihnen war Georg Kastrioti, 1305 in Dibra geboren, albanischer
Adliger mit einer serbischen Mutter, der um 1323 an den Hof von Murad II. in Edirne gebracht wurde,
zuerst zu den Hofpagen. 1328 trat er zum Islam über, vielleicht mehr unter dem Einfluss der
Derwische als der sunnitischen Hoftheologen. Er erhielt den islamischen Namen Skander (Alexander)
und nach einer entsprechenden Ausbildung den militärischen Rang eines Kommandeurs, eines Bey.
Er war geschickt, sprachgewandt, eine Führernatur und beim Sultan bekannt. Er schien also völlig
türkisiert, der Sultan vertraute ihm und verlieh ihm ein Lehen in Albanien mit dem Hauptort Kruja. Als
Skanderbeg 1443 sich dort um seinen neuen Besitz
kümmerte, war der bekannteste und erfolgreichste
Kämpfer gegen die Türken der ungarische Kronfeld-
herr János Hunyadi, der in Serbien die türkische Ar-
mee mehrmals gestoppt und besiegt hatte und jetzt
Niš eroberte, drei Paschas und schließlich sogar den
Sultan selber besiegte. Skanderbeg verließ mit 300
Kämpfern das Heer des Sultans, nahm sein Lehen
und das Land seines Vaters in Besitz und tötete oder
vertrieb die osmanische Besatzung. Die osmanische
Herrschaft in Albanien und Serbien war durch die
Feldzüge Hunyadis erschüttert. So lud Skanderbeg
zum 1. März 1444 die Adligen von Albanien und Mon-
tenegro zu einer Konferenz nach Lezha, einer zu Ve-
nedig gehörenden Hafenstadt. Dort wurde die „Liga
der Fürstentümer Albaniens“ gegründet, Skanderbeg
war der politische und militärische Führer. Ein Ein-
satzplan für ein Heer von 18 000 Kämpfern wurde
aufgestellt, Venedig beteiligte sich durch Geldmittel.
Gemälde aus den Uffizien in Florenz
Damit war der Sultan herausgefordert. Murad schickte ein Heer unter Ali Pascha, aber das konnte
von Skanderbeg am 21. Juni 1444 vernichtend geschlagen werden. Skanderbeg hatte mit seinen
Leuten den osmanischen Heerführern die genauere Landeskenntnis voraus, er nutzte Hinterhalte,
Guerillataktik und Überraschungsangriffe, und er konnte 1445 bei Prizren ein zweites größeres Heer
unter Firuz Pascha vernichtend schlagen. Seine Siege weckten in Italien und beim Papst große
Bewunderung für den Athleta Christi. Auch eine dritte Schlacht gegen eine Doppelarmee unter
Mustafa Pascha im September 1446 ging für die Osmanen katastrophal aus. Der Papst ernannte
Skanderbeg zum Kreuzzugskapitän und sammelte Geld für ihn, aber Venedig hatte gute Beziehun-
gen zu Konstantinopel und machte Schwierigkeiten. 1448 forderte Hunyadi Skanderbeg zu einem
gemeinsamen Feldzug auf, aber der Despot Durad Branković von Serbien war mit Murad verbündet
und verhinderte die Vereinigung. Hunyadi wurde auf dem Amselfeld geschlagen. Im Frühjahr 1550
rückte Murad selber vor Kruja und belagerte die Festung mit 150 000 Mann. Nach vier Monaten und
dem Verlust der halben Armee hob Murad die Belagerung auf. Aber die Siege hatten auch Skander-
begs Reserven geschwächt. Deshalb unterstellte er sich Peter von Aragon, dem König von Neapel,
anerkannte dessen Oberherrschaft über ein befreites Albanien und bekam dafür Hilfe und Unter-
stützung. Auch 1452 wurde eine große osmanische Armee vernichtet.

Der Fall von Konstantinopel


Sultan Murad starb am 3. Februar 1451. Ihm folgte sein Sohn Mehmed II., dessen Mutter eine Sklavin
wahrscheinlich christlicher Herkunft war. Mehmed erbte die undankbare Aufgabe Albanien und
kassierte dort die erste schwere Niederlage seiner Regierungszeit. Richtig erkannte er, dass Konstan-
tinopel das einfachere und spektakulärere Ziel war, und er konzentrierte sich darauf. Schon Bayezid
hatte zur Vorbereitung nördlich von Konstantinopel auf der anatolischen Seite eine Festung bauen
lassen, Anadolu Hisan, 1452 wurde gegenüber die Festung Rumeli Hisan gebaut. Damit war der
Zugang vom und zum Schwarzen Meer völlig unter osmanischer Kontrolle. Ein christlicher Spezialist
namens Urban trat 1452 in den Dienst des Sultans. Er produzierte zunächst große Kanonen, die in
den beiden Festungen installiert wurden und den Bosporus blockieren konnten. Danach arbeitete er
an noch größeren Belagerungsgeschützen, die bis zu 600 Kilo schwere Kugeln schleudern konnten,
denn Byzanz war vom Land her durch die Theodosianische Mauer geschützt, die für unüberwindlich
galt. Kaiser Konstantin XI. Palaiologos sah den Ernst der Lage und suchte Hilfe im Westen, beim
Papst sogar durch die Unterwerfung der Ostkirche unter die römische. Am 21. Februar verließen etwa
7000 Italiener die gefährdete Stadt, etwa 2000 vor allem aus Genua und Venedig unterstützten die
etwa 5000 Verteidiger. Seit Ende Februar begann der Aufmarsch der Armee auf beiden Seiten des
Bosporus, etwa 80 000 Mann, dazu Hilfskräfte, Schanzarbeiter, auch serbische Mineure, Transport-
arbeiter für die neuen Kanonen. Ende März begann die osmanische Flotte mit der Blockade des
Hafens, am Osterdienstag, den 2. April 1453, traf der Sultan bei der Belagerung ein. Am 18. April kam
es zu einem ersten erfolglosen Sturm. Um die byzantinische Flotte besser zu blockieren, ließ der

Theo-
dosia-
nische
Mauer

restau-
riert
Sultan am 22. April einen Teil der Flotte über Land transportieren: Bergaufwärts wurde ein
Graben angelegt, der mit Balken ausgeschlagen und dick mit Fett eingeschmiert war; darüber
hinaus wurden für jedes Schiff richtige Segel hergestellt. Als man die Windsegel hochgezogen
hatte, glitten alle 30 Schiffe eins nach dem anderen wie über Wasser hinweg, bei Fahnen-
schwingen und Trommelwirbel, die Kanonen feuerten. (Memoiren eines Janitscharen, 1975)
Die Lage der Stadt war aussichtslos, es gab geheime Verhandlungen. Mehmet sagte zu, dass
bei einer friedlichen Übergabe alle Bewohner ihren Besitz behalten und der Kaiser und seine
Leute abziehen dürften. Aber der Kaiser lehnte ab. Ab Mitte Mai wurde die Mauer gezielt bom-
bardiert. Am 29. Mai begann früh morgens der letzte Sturm. Um 8.30 Uhr war die Stadt in den
Händen der Türken, der Kaiser war gefallen. Die Männer wurden getötet, die Frauen vergewal-
tigt, Gefangene als Sklaven verkauft, die Häuser wurden geplündert, ebenso die Paläste, die
Kirchen und die Klöster. Mehmed überließ die Stadt zwei Tage seinen Leuten, am dritten Tag
erließ er folgenden Erlass: Meine Worte betreffen die Christen, bekannt oder unbekannt in Ost
und West, Nah und Fern. Diejenigen, die meinem Erlass nicht Folge leisten, seien sie Sultane
oder gewöhnliche Muslime, widersetzen sich auch dem Willen Gottes und seien verflucht. Ob
Priester oder Mönche an einem Berg Unterschlupf finden, oder ob sie in der offenen Wüste, in
einer Stadt, einem Dorf oder in einer Kirche wohnen – ich persönlich verbürge mich mit meinen
Armeen und Gefolgsleuten für sie und verteidige sie gegen ihre Feinde. Jene Priester gehören zu
meinem Volk. Ich nehme Abstand davon, ihnen irgendeinen Schaden zuzufügen. Es ist verboten,
einen Bischof von seinen Pflichten abzuhalten, einen Priester von seiner Kirche fernzuhalten und
einen Eremiten von seiner Unterkunft. Ein Muslim darf eine Christin, die er geheiratet hat, nicht
daran hindern, in ihrer Kirche Gott zu verehren und den Schriften ihrer Religion Genüge zu tun.
Wer sich gegen diese Anordnungen stellt, soll als Feind Allahs und seines Gesandten betrachtet
werden.

Ein osmanischer Historiker sprach von Mitleid und Reue, aber Mehmed besann sich hier auf die
alte Politik seiner Vorfahren. Außerdem wollte er Konstantinopel als Hauptstadt übernehmen und
möglichst viel von ihrer Pracht bewahren. Er erklärte die Stadt unter dem (griechischen) Namen
Istanbul zur neuen Hauptstadt. Die Stadt brauchte aber Einwohner, durch die Belagerung und die
Plünderung hatte sie viele verloren. Der von Mehmed ernannte Gouverneur hatte den Auftrag,
die Stadt zu reinigen, für den Wiederaufbau zu sorgen und zu normalen Verhältnissen zurückzu-
kehren. In den folgenden Monaten und Jahren wurden immer wieder Bevölkerungen zwangswei-
se umgesiedelt, vor allem aus dem besetzten Griechenland. Aber es gab auch türkischen Zuzug.
1477 zählte Istanbul wieder 100 000 Einwohner. Es gab mit dem Topkapi einen neuen herrscher-
lichen Palast, die Würdenträger wurden zum Bau von entsprechenden Residenzen verpflichtet.
(Franz Babinger, Mehmed der Eroberer. Weltstürmer einer Zeitenwende. Piper München 1978)

Einer Gruppe von 20 Galeeren gelang die Flucht, mit entsprechenden Personen und ihren
Schätzen an Bord. Auch andere Personen, insbesondere Gelehrte, konnten fliehen, vor allem
nach Italien. Sie trugen ihren Anteil zur Entwicklung der Renaissance bei, mit der Italien zur
führenden Fortschrittsnation im geistig-wirtschaftlich-kulturellen Bereich wurde.

Der Krieg im Westen


Mehmed hatte endlich das erreicht, was seit 680 das Ziel islamischer Führer und Herrscher
gewesen war. Er ließ sich dafür entsprechend feiern als Mehmed der Eroberer. Die Hagia Sophia
machte er zur ersten Moschee von Istanbul. Er verstand sich als Führer der islamischen Welt,
aber auch als Nachfolger der Römischen Kaiser. In Italien war die Furcht groß, dass er sich nun
gegen Rom wenden könnte. Deshalb war Skanderbeg als Festung an der Adria so wichtig.
Serbien war unter dem Despoten Durad Branković mit den Türken verbündet, aber seit 1440
wurde es von den Türken unterworfen. Die serbischen Mineure hatten sogar einen Anteil am Fall
von Konstantinopel. Aber von der Donauseite her kämpfte der ungarische Kronfeldherr gegen
das türkische Vordringen. 1456 wandte sich Mehmed gegen Hunyadi und die von ihm gehaltene
Festung Belgrad. Er erlitt eine Niederlage. Aber trotzdem wurden Bosnien und Serbien türkisch.
In den folgenden Jahren festigte und sicherte Mehmed seine Herrschaft in Anatolien und am
Schwarzen Meer mit Trapezunt, der Krim und Georgien. Auf der griechischen Peloponnes
drängte er den Einfluss Venedigs zurück. 1480 besetzte er Otranto in Italien.
Mehmed war also als Eroberer äußerst erfolgreich, er erweiterte seinen Machtbereich, aber er
stabilisierte ihn auch, er verbesserte und kontrollierte die Verwaltung, er drängte die alte türki-
sche Aristokratie zurück und arbeitete mit Unterworfenen, mit Renegaten, mit Flüchtlingen, sogar
mit früheren Sklaven zusammen. Auf ihn gehen wichtige Gesetzessammlungen zurück. Die
Verwaltung wurde zentralistischer. Mehmets Interesse galt auch der nichtislamischen Bevölke-
rung, vor allem den Juden, weil sie wesentlich zur wirtschaftlichen Belebung beitrugen.

Als „Pfahl im Fleisch“ blieb die Situation an der Adria und an der Donau. 1462 wurden drei
Armeen gegen Skanderbeg geschickt, die mit ihrem Auftrag scheiterten. 1466 wurde Kruja von
einer großen osmanischen Armee unter der Führung des Sultans belagert. Die Nachricht vom
Fall Krujas verbreitete sich in Italien, doch sie war falsch. Mehmed rückte im Herbst 1466 ab, ließ
aber eine Belagerungsarmee zurück. Skanderbeg attackierte und beunruhigte die türkische
Armee durch Guerillakämpfe. 1467 konnte er die Belagerungsarmee schlagen. Im Januar 1468
starb Skanderbeg während der Kämpfe gegen eine neue türkische Armee. Er wurde zum
albanischen Nationalhelden, zum Gründer Albaniens, aber in seiner Zeit war er vor allem ein
christlicher Vorkämpfer gegen die scheinbar übermächtige türkische Bedrohung, ein christlicher
David gegen den islamischen Goliath. Nach Skanderbegs Tod wurde Albanien wie Serbien und
Bosnien schnell türkisch.

Matthias Corvinus
Janós Hunyadi stammte aus kleinem Adel. Er trat nach 1400 in den Dienst des ungarischen
Königs Sigismund aus dem Haus Luxemburg, der 1410 in Frankfurt zum deutschen König
gewählt wurde. Da wurde er schon von Hunyadi begleitet. Der kämpfte für Sigismund in den
Hussitenkriegen. Sigismund starb 1437 und hinterließ Ungarn seinem Schwiegersohn Albrecht
von Österreich, der auch deutscher König wurde, aber schon 1439 starb. Die Witwe war im
fünften Monat schwanger und brachte 1440 den Sohn Ladislaus Postumus zur Welt. Doch die
ungarischen Adligen hatten bereits den polnischen Jagiellonen Wladyslaw zum König gewählt.
Hunyadi kämpfte für Wladyslaw und bereitete dann einen Krieg gegen Sultan Murad vor. Das
ungarisch-polnische Heer wurde 1444 bei Varna vernichtend geschlagen, Wladyslaw kam ums
Leben. Als König von Böhmen wählten die Adligen einen aus ihrer Reihe, Georg Podiebrad.
Neuer ungarischer König wurde Ladislaus Postumus. In seinem Namen schützte und verteidigte
Johannes Hunyadi die ungarische Grenze. Sein letzter Erfolg war 1456 der große Sieg bei
Belgrad. Hunyadi starb im August 1456, König Ladislaus im November 1457 in Prag.

Hunyadi war in Ungarn Reichsverweser gewesen, und nach dem Tod von König Ladislaus wähl-
ten die Adligen 1458 seinen Sohn Matthias zum König von Ungarn. Matthias trug den Beinamen
Corvinus, weil der Rabe das Wappentier seiner Familie war. Er setzte sich gegen habsburgische
Erbansprüche durch, heiratete die Tochter Podiebrads und beanspruchte nach dessen Tod 1471
auch die böhmische Krone. Dort konnte er sich allerdings gegen den Jagiellonen Wladyslaw nie
richtig durchsetzen, nur in den Nebenländern wie Schlesien. Deshalb gibt es in Bautzen einen
Matthiasturm und ein Standbild. Corvinus nutzte die latente Türkengefahr, um eine stehende
Armee aufzubauen, die Schwarze Schar, eine Söldnerarmee, die teuer war, aber ihn von der
Aristokratie unabhängig machte und gegen diese eingesetzt werden konnte. Um die hohen
Ausgaben zu finanzieren, führte Corvinus eine umfassende Steuerreform durch, auch gegen
adlige Privilegien. Der Papst wollte ihn durch einen Kreuzzugsaufruf unterstützen, so begann
Corvinus 1464 einen Feldzug gegen die Türken in Bosnien, aber die Unterstützung blieb aus,
und er musste sich zurückziehen. Deshalb schloss er einen Waffenstillstand mit dem Sultan. Sein
Ziel war es, zuerst einen starken osteuropäischen Staat aufzubauen. Sein Hauptgegner dabei
war der Habsburger und deutsche König Friedrich III., der Erbansprüche auf Ungarn und
Böhmen geltend machte. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die Habsburger
wurden geschlagen, und 1485 besetzte der ungarische König Niederösterreich, Wien und die
Steiermark und machte Wien zu seiner Hauptresidenz. Unter dem Schutz seiner Schwarzen
Schar regierte Matthias Corvinus kräftig, er war ein großer Liebhaber der Renaissance, er
förderte Kunst und Wissenschaft und baute in Buda die Bibliotheka Corviniana auf, eine große
Bibliothek mit Prachthandschriften aus Italien, die leider in den Wirren nach seinem Tod ausei-
nandergerissen wurde. Matthias war die ideale Verkörperung eines Herrschers der Renaissance.
Die Corvinus-Universität in Budapest trägt seinen Namen. Er starb 1490 unerwartet, sein
Nachfolger wurde der jagiellonische Böhmenkönig Wladyslaw, Friedrich III. konnte Wien wieder
für die Habsburger in Besitz nehmen.

Die osmanische Türkei nach Mehmed dem Eroberer


Nach dem Ende von Hunyadi und Skanderbeg war Mehmed ruhiger geworden, Er wollte das Er-
oberte konsolidieren und die Verwaltung seines großen Reichs verbessern. Er starb 1481. Die
Erbfolge war nicht geregelt. Der Sohn Bayezid konnte sich gegen seine Brüder nur durchsetzen,
weil er die Janitscharen durch Bestechung auf seine Seite brachte. Die Janitscharen, vielleicht
von Orhan gegründet, waren eine Elitetruppe, auf den Sultan und auf den Islam eingeschworen.
Sie wurden durch die „Knabenlese“ vor allem in ländlich-christlichen Gebieten rekrutiert. Die
Kinder wurden den Familien weggenommen und abgeschlossen-kaserniert zum Islam und zum
Kämpfen erzogen. Sie lebten in einer Art Ordensgemeinschaft, ohne Privateigentum, ohne Fami-
lie, im Kampf immer um den Sultan, in Friedenszeiten in Istanbul in Kasernen, seine Leibwache
und die Stabilitätsgarantie seiner Herrschaft. Inzwischen begannen sie die Bedeutung ihrer
Position einzusehen, sie konnten in Krisenzeiten den neuen Sultan auf den Schild heben, und sie
forderten dafür mehr Geld und mehr Privilegien, eine Aufbesserung ihrer persönlichen Lage.
Bayezid war ein schwacher Herrscher. Es gab kleinere Kämpfe in Albanien und Serbien gegen
die Ungarn, die 1495 mit einem Friedensvertrag beendet wurden. Die Mamluken in Ägypten
schlugen die Osmanen 1488 und dehnten ihren Machtbereich bis Aleppo aus. Das wurde 1491 in
einem Friedensschluss anerkannt. 1492 nahm er die aus Granada vertriebenen Juden auf: Wie
töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten
Feinden überlassen. In Griechenland konnte er die osmanische Herrschaft gegen Venedig aus-
dehnen. Innenpolitisch lief die Verwaltung seines Vaters weiter, er kümmerte sich nicht darum. Er
trug den Beinamen der Fromme, er verbot den Buchdruck in arabischen Lettern, aber nicht für
Christen und Juden. Wie Ludwig der Fromme wurde er von seinen Söhnen abgesetzt und starb
in Gefangenschaft. Als Nachfolger setzte sich dank der Janitscharen Selim durch. Selim der
Grausame ließ alle Brüder und Neffen umbringen und verzichtete auf weitere Söhne, um seinem
Sohn Süleyman diese Entscheidung zu ersparen. Er war ein strenggläubiger Sunnit und verfolgte
Aleviten und Schiiten. Er gewann einen Feldzug gegen die persische Safawiden-Dynastie und
verschob die Grenze nach Osten. Dann besiegte er die Mamluken und eroberte 1517 Kairo.
Ägypten wurde osmanische Provinz. Er nahm die Titel Kalif und Hüter der Heiligen Stätten an.
Grundlage für seine Erfolge war eine umfassende Heeresreform. Er begann auch mit dem
Aufbau einer Flotte. Selim starb mit 46 Jahren plötzlich 1520.

Grosser
Historischer
Weltatlas
Bd. III
S. 126

.
Süleyman der Prächtige
Sein Nachfolger war Süleyman, in Europa der Prächtige, in der Türkei der Gesetzgeber. Der
neue Sultan korrigierte ungerechte Entscheidungen seines Vaters, die Überwachung und Kon-
trolle der Staatsdiener wurde intensiviert. Das Finanz-, Steuer- und Bodenrecht reformierte er,
wobei auch lokales Gewohnheitsrecht kodifiziert wurde. Die Verwaltung wurde besser, aber nicht
zentralistischer. Die Zwischengewalten der Lehensinhaber, der Staatsdomänen, der Großwür-
denträger und der frommen Stiftungen hatten weiter viel Selbstständigkeit. Sie waren auch
zuständig für die Erhebung der Steuern und Abgaben. Für die Religionsfragen gab es das Amt
des Scheichülislam. Sein Vertrauter und Verwaltungschef war der Kanzler Mustafa Çelebi.
Süleyman war aber vor allem Kriegsherr und Heerführer, er führte über seine Feldzüge sogar
Tagebuch. Sein erster Feldzug führte 1521 gegen Ungarn und zur Eroberung Belgrads, der
zweite zur Eroberung von Rhodos von den Johannitern. Auch Bagdad und Mesopotamien
wurden eingenommen.
Doch sein Hauptgegner wurde Ungarn. König von Böhmen und Ungarn war der Jagiellone
Wladyslaw, und der einigte sich 1515 mit dem deutschen König, dem Habsburger Maximilian
über eine Doppelhochzeit seiner Kinder mit den Enkeln Maximilians. Die Hochzeit wurde im Juli
1515 im Stephansdom gefeiert (in Abwesenheit des habsburgischen Enkels). Mit der Doppel-
hochzeit war ein gegenseitiger Erbvertrag verbunden. Wladyslaw starb 1516, ihm folgte sein
zehnjähriger Sohn Ludwig. Dessen Schwester Anna und seine Verlobte Maria wurden gemein-
sam in Innsbruck erzogen. 1521 führte Süleyman den ersten Feldzug gegen Ungarn, der noch
vom Reichsverweser Johann Zápolya aufgefangen wurde. Danach wurde Ludwig für volljährig
erklärt. Er versuchte, Ungarn gegen einen weiteren Angriff fitzumachen, aber das Land war durch
einen Bauernaufstand geschwächt, und viele Adlige entzogen sich. So trat er den Osmanen mit
einem sehr geschwächten Heer entgegen, als Süleyman 1526 mit einem großen Heer erneut an
griff. In der Schlacht von Mohács wurden die Ungarn vernichtet, König Ludwig ertrank auf der
Flucht, Süleyman besetzte Buda und große Teile des Landes, viele Ungarn wurden als Sklaven
verkauft. Nach dem Erbvertrag beerbte Ferdinand von Habsburg seinen Schwager, er wurde
König von Böhmen und Ungarn, aber Ungarn war weitgehend osmanisch besetzt, und Ferdinand
wurde nun der Hauptgegner des Sultans.
In Siebenbürgen wählten die Adligen 1526 Johann Zàpolay, den früheren Reichsverweser, gegen
Ferdinand zum König von Ungarn. Er wurde in Stuhlweißenburg mit der Stephanskrone gekrönt,
sein Konkurrent Ferdinand ohne Stephanskrone in Preßburg. Süleyman sprach sich für Johann
aus, und der stellte sich 1528 unter den Schutz des Sultans. Damit war der Kampf Ferdinands
gegen Johann ein Angriff auf den Sultan, und so zog Süleyman 1529 zum dritten Mal gegen Un-
garn und tauchte Ende September mit 120 000 Mann vor Wien auf. Verteidiger der Stadt wurde
mit einer kleinen Schar von Reichstruppen Pfalzgraf Philipp. Es gelang, die Stadt zu halten. Am
14. Oktober brach Süleyman die Belagerung ab, vermutlich vor allem wegen Versorgungsprob-
lemen. Danach kämpfte er gegen Persien, und dann im Mittelmeer gegen Kaiser Karl V., den
Bruder Ferdinands, der 1545 in Tunis landete. Dabei war die osmanische Flotte unter Khairuddin
[Link] erfolgreich, die Osmanen waren die stärkste maritime Macht. 1566 brach
Süleyman zu einem Neuen Krieg gegen Ungarn auf, starb aber während der Belagerung einer
Burg in Südungarn. Nachfolger wurde sein Sohn Selim. Süleyman hat das Land 46 Jahre regiert,
er war auch ein wichtiger Bauherr, der in Istanbul viel gemacht. Sein Hofarchitekt war Sinan, der
nicht nur die Süleymanie und andere Moscheen erbaut hat, sondern auch die Wasserversorgung
der Stadt verbessert hat. Aber Süleyman hat das Land mit den Ausgaben für das Heer und die
Feldzüge überfordert. Zur Versorgung der Armee wurden Lebensmitteln zu erzwungenen Nieder-
preisen angekauft, das führte zu Teuerung, Inflation und Hungerrevolten. Dazu musste der Staat
die Steuern und Abgaben erhöhen, und die Zwischenträger wälzten die höhere Belastung natür-
lich auf die kleinen Leute ab. Es gab also am Ende seiner Regierungszeit Krisenzeichen.
Selim II. kümmerte sich wenig um die Regierung. Er lebte fast nur im Topkapi-Palast und feierte
dort große Trinkgelage. Sein Beiname ist Selim der Säufer. Die Regierung überließ er seinem
Großwesir Sokollu Mehmed Pascha und seiner Frau, einer venezianischen Adligen Cecilia
Venier, die als Sklavin entführt worden war, die als Valide Sultan viel Einfluss auf die Politik hatte.
Man spricht deshalb von Weiberherrschaft. Selim starb nach einem Sturz im Vollrausch 1574.
Die Militärgrenze
Tatsächlich war Ferdinands Königreich Ungarn
nur ein kleiner Teil an der Westgrenze und das
nördliche Kroatien. Über hundert Jahre war die
Militärgrenze zwischen Habsburg und dem os-
manischen Reich nicht eine Grenze, sondern ein
Korridor mit ständigen kleinen militärischen Über-
griffen, die zur Ausdünnung der Bevölkerung
führen. Um das zu korrigieren, wurden den
Bauern große Privilegien eingeräumt, so die
Steuerfreiheit. Dafür mussten sie jederzeit zum
militärischen Einsatz bereit sein, also Wehr-
bauern. Die Militärgrenze hatte eine Länge von
1750 km, sie stand unter militärischer Verwaltung.
Begründet wurde sie von Ferdinand 1538, recht-
lich aufgelöst wurde sie erst 1872.
Türkenkriege und Türkensteuer spielten im
Deutschen Reich im 16. und 17. Jahrhundert eine
große Rolle, selbst die Zugeständnisse an die
Reformation beim Reichstag von Speyer 1526
hingen mit der Türkenhilfe zusammen.

Das osmanische Reich nach Süleyman


Die Nachfolger Süleymans waren alle sehr schwach. Sein Enkel Murad III. (1574-1595) überließ
das Regieren weitgehend seiner Frau Safiye, einer als Kind entführten venezianischen Adligen.
Er versuchte, gegen die Verweichlichung der Janitscharen vorzugehen, aber er scheiterte. Er be-
gann damit, hohe Stellen zu verkaufen und trug so zur wachsenden Korruption bei. Sein Sohn
Mehmed III. (1595-1603) ließ seine Mutter Safiye weiterregieren. Ahmed I. (1603-1617) musste
1606 auf die österreichischen Tributzahlungen verzichten. Korruption und Günstlingswirtschaft
nahmen gewaltig zu. Sein Nachfolger wurde von den Janitscharen abgesetzt. Murad IV. (1623-
1640) war gegen Janitscharen und Spahis machtlos. Ibrahim (1640-1648) wurde von den Janit-
scharen gestürzt und aufgehängt. Sein Sohn Mehmed IV. (1648-1687) machte Mehmed Pascha
Köprülü zum Großwesir, einen Albaner, der als Koch im Serail angefangen hatte und nun mit 77
zum Staatsreformer wurde. Er setzte die Zentralmacht gegen aufmüpfige Gouverneure durch, er
stemmte sich gegen den Einfluss der Janitscharen und des Harem, er bekämpfte die Korruption
und sanierte die Staatseinnahmen und den Staatshaushalt. Sein Sohn Fazil Ahmed Köprülü
folgte ihm 1661-1676 und führte das Reformwerk weiter. Ihm folgte Kara Mustafa. Der führte auf
einen Hilferuf ungarischer Adliger gegen Habsburg hin das osma-nische Heer 1683 gegen Wien.
Aber Wien verteidigte sich, und Kara Mustafa wurde von einem europäischen Ersatzheer 1683
am Kahlen Berg zurückgeschlagen.
(Nicolae Jorga, Geschichte des osmanischen Reiches, 5 Bände, 1908-1913, Nachdruck 1990)

Die Türkenkriege 1685 - 1699


Im Gegenzug begann Österreich, die Armee an der Ostgrenze aufzurüsten und die osmanische
Türkei zurückzudrängen, zuerst unter Karl von Lothringen, der 1686 Ofen einnahm und 1687 in
einer zweiten Schlacht von Mohács die Türken besiegte. Der „Türkenlouis“ Ludwig-Wilhelm von
Baden-Baden war seit 1689 Oberbefehlshaber an der osmanischen Front, hatte zunächst
Schwierigkeiten, weil Truppen für den pfälzischen Krieg abgezogen wurden, konnte aber dann
1691 die Osmanen unter einem Köprülü in der Schlacht von Slankamen vernichtend schlagen.
Damals flohen Serben aus dem Amselfeld nach Österreich und muslimische Albaner drängten
nach. 1697 besiegte Prinz Eugen das osmanische Heer bei Zenta. 1699 kam es zum Frieden von
Karlowitz, mit dem Siebenbürgen und Ungarn an Österreich fielen. Die Ungarn fühlten sich
jedoch keineswegs befreit. Die neue österreichische Verwaltung und Steuereintreibung war viel
totaler und viel effektiver, dazu kam die Wiederherstellung der katholischen Kirche mit ihrer vollen
Intoleranz. So kam es 1703 – 1714 zu einem großen Aufstand unter Rákóczi, dem Kuruzzenauf-
stand, der nur mühsam mit starkem militärischem Einsatz niedergeschlagen werden konnte.
Volkshochschule Karlsruhe 172-24042 2. Semester 2018 Hansjörg Frommer

Geschichte der Balkanländer III


Von 1800 bis heute
Themen und Termine:
Die äußeren Glieder des einst so mächtigen Staatskörpers sind abgestorben, das ganze Leben hat
sich auf das Herz zurückgezogen und ein Aufruhr in den Straßen der Hauptstadt kann das Leichen-
gefolge der osmanischen Monarchie werden. Die Zukunft wird zeigen, ob ein Staat mitten in seinem
Sturz einhalten und sich organisch erneuern kann oder ob dem mohammedanisch-byzantinischen
Reich, wie dem christlich-byzantinischen, das Schicksal bestimmt ist, an einer fiskalischen Verwal-
tung zu Grunde zu gehen. Was aber die Ruhe Europas bedroht, scheint weniger die Eroberung der
Türkei durch eine fremde Macht zu sein, als vielmehr die äußerste Schwäche dieses Reiches und der
Zusammensturz in seinem eigenen Innern. (Helmuth von Moltke, Unter dem Halbmond, 1836, K. 11)

Dienstag, 20. 11. 18 :


Die Türkei unter russischem Druck, Verluste an der Wolga und am Schwarzen Meer. Napoleons Zug
nach Ägypten. Der Freiheitskampf der Griechen. Muhammad Ali als Vizekönig in Ägypten. Verlust
von Nordafrika.

Dienstag, 27. 11. 18 :


Unruhen auf dem Balkan. Die Donaufürstentümer Moldau und Walachei. Rumänien. Serbien. Die
Tanzimat-Reformen. Russisches Vordringen am Schwarzen Meer und auf der Krim. Der Krimkrieg
1853 – 1856.

Dienstag, 4. 12. 18 :
Österreich verliert Italien und Deutschland. Ausbau der Macht auf dem Balkan. Österreich-
ungarischer Ausgleich 1867. Österreichisch-russische Konkurrenz auf dem Balkan. 1876 Aufstände
gegen die türkische Herrschaft in Bulgarien und in Bosnien, hartes Vorgehen der türkischen Truppen,
Großbritannien droht mit Eingreifen. Berliner Kongress 1878. Bosnien-Herzegowina unter öster-
reichischer Verwaltung, 1908 annektiert. Nationales Erwachen. Franz Ferdinand und der „Trialismus“.
Die Balkankriege. Albanien. Die Ermordung Franz Ferdinands in Sarajewo.

Dienstag, 11. 12. 18 :


Der Erste Weltkrieg. Ende des Habsburgerreiches. Ungarn, Bulgarien Österreich und die Türkei die
Verlierer, Rumänien und Jugoslawien, der südslawische Gesamtstaat, als Gewinner. Griechenland.
Die neue Türkei unter Atatürk. Königsdiktaturen. Der zweite Weltkrieg. Die Partisanenbewegungen.
.
Dienstag, 18. 12. 18 :
Kriegsende, Rote Armee, Eiserner Vorhang, Einrichtung kommunistischer Regierungen in allen
Balkanstaaten, Bürgerkrieg in Griechenland. NATO und Warschauer Pakt. Der Weg Tito-
Jugoslawiens. Albanien unter Enver Hoxha. Ungarn 1956. Prag 1968. Tod Titos 1980. Wirtschaftliche
und politische Krise. Olympische Winterspiele Sarajewo 1984. 1991 Austritt von Kroatien und
Slowenien, Beginn der Jugoslawienkriege. 1993-1995 Bosnienkrieg. 1998-1999 Kosovokrieg. Die
jugoslawischen Nachfolgestaaten. Slowakei und Ungarn. Die Europäische Union.

Russisch-Türkische Kriege
Russisch-Türkischer Krieg (1736-1739) Bessarabien und Walachei russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1768-1774) Donaufürstentümer, Krim russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1787-1792) Schwarzmeerküste bis zur Donau
Russisch-Türkischer Krieg (1806-1812) Bessarabien russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1828-1829) Donaudelta, Georgien u. Armenien russisch
Donaufürstentümer und Serbien unabhängig
Russisch-Türkischer Krieg (1853-1856) Krimkrieg, Garantie für den türkischen Bestand
Russisch-Türkischer Krieg (1877-1878) Berliner Kongress 1878. Bulgarien unabhängig
Der nordische Krieg
Österreich war nach den großen Tür-
kenkriegen zunächst mit der Festigung
seiner Macht in Ungarn und seit 1701
mit dem spanischen Erbfolgekrieg
gegen Frankreich am Rhein beschäftigt.
Zwar erlangte Österreich im Frieden von
Passarowitz 1718 noch Belgrad und
Nordserbien, musste aber im Frieden
von Belgrad 1739 wieder darauf ver-
zichten.

Zum neuen aktiven Gegner der Türkei


wurde im achtzehnten Jahrhundert
Russland. Russischer Zar war seit 1689
Peter Romanow. 1696 eroberte er in
seinem ersten Feldzug von den Türken die Festung Asow am Schwarzen Meer. Er bemühte sich um
die Modernisierung und Europäisierung Russlands, sein außenpolitischer und militärischer Gegen-
spieler wurde der schwedische König Karl XII., König seit 1697, der 1700 Dänemark angriff, die
baltischen Länder besetzte und in Polen gegen König August von Sachsen, den russischen Kandida-
ten, Stanislaus Leszczynski zum König wählen ließ und unterstützte. In der Schlacht von Narwa
(1700) schlug er die russische Armee vernichtend. Doch Peter der Große baute die Armee wieder auf
und konnte 1709 in der Schlacht von Poltawa die schwedische Armee schlagen. Karl XII. wich in die
Türkei aus und versuchte, den Sultan und seine Umgebung für einen Krieg gegen Russland zu
aktivieren. Peter verlangte ultimativ die Auslieferung Karls, das führte 1710 zu einem russisch-
osmanischen Krieg. Peter forderte die christlichen Balkanvölker zum Aufstand auf, aber die reagierten
nicht, und 1711 führte Peter sein Heer am Pruth gegen die Türken, die ihn dort mit einem vierfach
stärkeren Heer einschlossen, ihn aber im Wunder von Pruth abziehen ließen. Karl XII. intrigierte für
eine Fortführung des Krieges, doch der Sultan ließ ihn 1713 gefangen setzen und 1714 ausweisen.
Der Krieg mit Russland wurde mit dem Frieden von Adrianopel abgeschlossen, Russland musste nur
auf Asow verzichten.

Die Türkei im achtzehnten Jahrhundert


1702 starb mit Amcazade Hüseyin der letzte Großwesir der Familie Köprülü, der seit 1697 eine
Modernisierung von Verwaltung, Steuereinziehung und Militärorganisation betrieben hatte. 1703
meuterten die Janitscharen, Sultan Mustafa II. wurde abgesetzt, und sein Nachfolger Ahmet III.
musste den Janitscharen ein enormes Krönungsgeld bezahlen. In seinen ersten Regierungsjahren
schwand der Zusammenhalt im Osmanischen Reich, aber in Konstantinopel konnte Ahmet seine
Herrschaft festigen. Der Erfolg gegen Russland stärkte seine Stellung, und im Krieg gegen Venedig
1717/18 konnte die Türkei die Herrschaft über Morea-Griechenland wiederherstellen (wobei die
orthodoxe Kirche lieber unter türkischer Herrschaft stehen als venezianisch-katholisch regiert werden
wollte). Doch Peter der Große unterstellte seit 1721 die russische orthodoxe Kirche seinem
politischen Willen und begann damit, sich als Schutzmacht für die orthodoxen Untertanen des Sultans
anzubieten. Das wurde zu einer Triebfeder der russischen Politik bis zum ersten Weltkrieg.

Seit 1718 war „Schwiegersohn“ Ibrahim Pascha Großwesir, verheiratet mit der ältesten Tochter des
Sultans. Ibrahim verstärkte die Kontakte mit Europa, Botschafter wurden ausgetauscht, und Istanbul
wurde als moderne Hauptstadt ausgebaut, die Reichen bauten sich Villen im französischen Stil am
Bosporus. Ibrahim war korrupt und genusssüchtig, doch er trug auch zur Reform und Modernisierung
bei, mit Schulen und Universitäten, aber auch beim Militär. Erste Bücher in Türkisch wurden ge-
druckt, und ein gebürtiger Franzose baute sogar eine Berufsfeuerwehr für Istanbul auf. 1730 kam es
zu einem Aufstand der Janitscharen, der Sultan opferte seinen Großwesir und zwei „moderne“
Minister, musste aber dann selber zurücktreten. Sein Nachfolger Mahmut I. ließ 1731 die Führer der
Aufständischen umbringen und führte die Modernisierungspolitik fort, so etwa mit einem großen
Projekt der Wasserversorgung, dessen zentrale Verteileranlage dem Taksim-Platz in Istanbul seinen
Namen gab. Graf Bonneval, ein französischer Offizier, der zum Islam übergetreten war, wurde der
Begründer einer Militärakademie und einer Gewehrfabrik. Mit dem so verbesserten Militär konnte in
den Kriegen von 1736 bis 1739 gegen Österreich und Russland Belgrad und Nordserbien zurück
erobert werden, und Russland wurde am Vordringen an das Schwarze Meer gehindert (Asow). In der
nachfolgenden Friedenszeit verfiel das Reich weiter, die entfernteren Provinzen gehörten nur noch
nominell dazu, die Steuereinnahmen wurden kleiner, das Räuberunwesen und die Unsicherheit
nahmen zu, und in Istanbul herrschten Nepotismus, Ämterkauf und Korruption.

Russisch-türkischer Krieg 1768 - 1774


Mustafa war ein Sohn Ahmets und Sultan von 1757 bis 1773. Er verehrte Friedrich von Preußen und
glaubte auf Grund von astrologischen Weissagungen, dass die Gelegenheit für einen Krieg mit Russ-
land günstig sei. In Russland regierte seit 1763 die Zarin Katharina. Sie hatte ihre Herrschaft gefestigt
und nahm 1768 die Herausforderung gerne an. 1769 rückten die Russen nach Moldawien vor und
eroberten im November Bukarest und die Walachei. Im Osten eroberten sie Georgien. 1770 wurde in
der Schlacht von Kagul an der Moldau ein großes türkisches Heer vernichtet, und in der Seeschlacht
von Çeşme wurde die türkische Flotte zerstört. 1771 eroberten die Russen die Krim. 1772 war das
Jahr der ersten polnischen Teilung. 1773 wollte Russland den Übergang über die Donau erzwingen.
1774 wurde in der Dobrudscha gekämpft und ein weiteres osmanisches Heer geschlagen. Daraufhin
begannen die Friedensverhandlungen. Im Frieden von Küçük Kaynarca musste die Türkei auf die
nördliche Seite des Schwarzen Meeres verzichten, die Krim wurde unabhängig und 1783 von
Russland annektiert, Sebastopol als russische Festung gegründet. Russland erhielt freie Fahrt im
Schwarzen Meer und das Recht zur Fahrt durch den Bosporus ins Mittelmeer. Die Fürstentümer
Moldau und Walachei blieben formal unter türkischer Herrschaft, aber weitgehend autonom, und

Russland als orthodoxe Schutzmacht hatte Kontroll-und Interventionsrechte. Österreich, obwohl nicht
am Krieg beteiligt, erhielt auf russisches Drängen hin die Bukowina.

Russisch-türkischer Krieg von 1787 bis 1792


Katharina setzte ihren Expansionskurs fort. Polen wurde 1792 und 1795 endgültig aufgeteilt, in
Sibirien ging die Expansion weiter, und ebenso am Schwarzen Meer. Katharina traf sich mit Kaiser
Josef II. und reiste 1787 auf die annektierte Krim. Davon fühlte sich die Türkei provoziert und erklärte
Russland den Krieg, Österreich Anfang 1788 der Türkei. Österreich belagerte Belgrad, musste sich
aber dann vor der türkischen Hauptarmee zurückziehen. Potjomkin eroberte die Ukraine bis ans
Schwarze Meer. 1789 war Österreich mit der Französischen Revolution beschäftigt, und Josef starb
1790. Russland kämpfte in Moldawien weiter. Österreich schied 1791 aus dem Krieg aus, und
Preußen unterstützte die Türkei. 1792 im Frieden von Jassy anerkannte die Türkei das Vordringen
Russlands an das Schwarze Meer, konnte aber seine Stellung auf dem Balkan halten. Damit war
Katharina mit ihrem Plan, als orthodoxe Schutzmacht Konstantinopel zu übernehmen, gescheitert.
Für ihre seit 1777 geborenen Enkel hatte sie die Namen Alexander, Konstantin und Nikolaus ge-
wählt. Die Zarin Katharina starb 1796.

Auswirkungen der französischen Revolution


Selim III., Sultan von 1789 bis 1807, hatte den Krieg von seinem Vorgänger geerbt und musste die
militärische und politische Niederlage verkraften. Er versuchte eine militärische Modernisierung nach
westlichem Vorbild, er stellte neue Eliteeinheiten auf, aber er hatte die Traditionalisten und die
Janitscharen gegen sich. Dazu kam die fortschreitende Auflösung des Reiches. In den fernen
Provinzen war die Zuordnung nur noch formal, die kleinasiatische Türkei wurde von vier großen
Familien beherrscht, und auf dem Balkan bauten die Adligen ihre Stellung weiter aus. So erließen sie
Gesetze zur stärkeren Besteuerung der Christen, die angeblich von der Zentralregierung kamen, aber
sie schoben die Mehreinnahmen in die eigene Tasche. Auf Anweisungen der Gouverneure reagierten
sie nicht. Das und die von Russland ausgehende orthodoxe Propaganda trugen zur wachsenden
Unzufriedenheit bei. So war Karadjordje seit 1804 der Anführer des ersten serbischen Aufstandes
gegen die osmanische Regierung.

Wegen der westeuropäischen Kriege zwischen 1790 und 1815 lag der Balkan außerhalb des politi-
schen Interesses, und Österreich als Hauptakteur war ganz mit dem Abwehrkampf gegen Napoleon
beschäftigt. Nach seinen siegreichen Feldzügen in Italien 1796/7 beschloss Napoleon, die Engländer
durch einen Angriff auf Ägypten zu treffen. Er landete im Juli 1798, besiegte die Mamlukenarmee in
der Schlacht unter den Pyramiden, brachte eine Druckerpresse mit und eröffnete so den Einzug der
Moderne. Die Oberhoheit des Sultans stellte er nicht in Frage, nach der Modernisierung des Steuer-
systems gab es sogar Zahlungen an den Sultan. Die so angestoßene Modernisierung Ägyptens
wirkte auch auf die osmanische Türkei zurück.

Am 2. Dezember 1805 besiegte Napoleon in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz in Mähren die
vereinigten russischen und österreichischen Heere. Im Frieden von Pressburg musste Österreich auf
Venetien und Kroatien verzichten. Dalmatien war Teil des Königreichs Italien, seit 1809 gehörte es zu
den direkt von Frankreich regierten Illyrischen Provinzen. Die Russen hatten sich ohne Friedensver-
trag zurückgezogen, kämpften aber 1806/07 noch einmal gegen Napoleon, diesmal mit den Preußen.

Russisch-türkischer Krieg 1806 bis 1812


Russland besetzte 1806 die Donaufürstentümer Moldau und Walachei, um zu verhindern, dass
sie den Franzosen als Aufmarschgebiet gegen Russland dienten. Daraufhin erklärte der Sultan
den Russen den Krieg und sperrte die Meerengen. Russland gewann 1807 eine Schlacht bei
Bukarest und eine in Armenien, dazu eine Seeschlacht in den Dardanellen. Durch den Frieden
von Tilsit zwischen Napoleon und Zar Alexander konnte Russland seine Truppen verstärken.
Bagration drang bis nach Bulgarien vor und bemühte sich um die orthodox-christlichen Bewoh-
ner. Am 28. Mai wurde der Friede von Bukarest unterzeichnet. Russland behielt die östliche
Hälfte des Fürstentums Moldau als Bessarabien und Gebiete im Kaukasus, Die Donaufürsten-
tümer blieben nominell türkisch. Napoleons Feldzug gegen Russland begann im Juni 1812.

Der Balkan nach dem Wiener Kongress


Bei der großen Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress war Österreich als Vielvölker-
staat einer der großen Gewinner. Seit 1804 war es das Kaisertum Österreich, dazu kamen die
verschiedenen Königstitel von Böhmen, Galizien-Lodomerien, Ungarn mit Kroatien und neu das
Königreich Lombardo-Venetien und das Königreich Illyrien mit den Bezirken Laibach (Ljubljana)
und Triest, außerdem das Kronland Dalmatien. Die Grenze zum Osmanischen Reich galt wieder
als Militärgrenze. Ein wichtiger Zusammenhalt für den Vielvölkerstaat war das Militär. Mit dem
Dienst beim Militär wurde die männliche Bevölkerung an die Monarchie herangeführt und
gebunden. Die ausgebildeten Soldaten wurden in anderen Reichsteilen stationiert, so etwa die
Kroaten in Italien. Damit war die Beißhemmung nicht so groß, es gab keine Solidarisierung mit
der örtlichen Bevölkerung. Russland hatte mit Bessarabien seine Grenze bis zum Donaudelta
vorgeschoben und dazu große ostpolnische Gebiete geschluckt. Kernpolen war eigenes König-
reich, aber in Personalunion mit Russland, das sogenannte Kongresspolen.

Der Vielvölkerstaat Österreich war im Wesentlichen katholisch, bis auf die Bukowina, die 1774
vom Fürstentum Moldau abgetrennt worden war. Dort war die ukrainische und rumänische
Bevölkerung orthodox, es gab eine deutsche Zuwanderung, und einen großen Anteil Jiddisch-
Sprachiger. Die Slawen stellten den größten Bevölkerungsanteil, aber bis auf die böhmische
Aristokratie waren sie an der Staatsführung nicht beteiligt. Die orthodoxen Christen auf dem
Balkan gehörten zum Osmanischen Reich, die Donaufürstentümer waren weitgehend unab-
hängig, Russland hatte als orthodoxe Schutzmacht erheblichen Einfluss und nutzte ihn zur
Wühlarbeit gegenüber der osmanischen Verwaltung.
Die staatliche Gliederung des Balkans nach 1815 Großer Historischer Weltatlas

Die Erosion des osmanischen Reiches: Griechenland, russisch-türkischer Krieg 1828


Mehmet Ali war Kommandeur einer irregulären albanischen Militäreinheit und nahm 1801 damit
an einem türkischen Feldzug gegen die französische Armee in Ägypten teil. Er wurde zum Führer
der Truppen, zwang die Franzosen zum Abzug, vernichtete die Mamluken, vertrieb die Englän-
der, die Alexandria besetzt hatten und übernahm bis 1807 die Herrschaft über Ägypten, seit 1805
als vom Sultan ernannter Gouverneur. Er modernisierte Ägypten auch mit europäischer Hilfe,
Armee, Verwaltung, Landwirtschaft, Baumwollanbau, Industrialisierung. Er regierte bis 1848, die
späteren Vizekönige und Könige von Ägypten waren seine Nachkommen.
Ähnlich erfolgreich war der albanische Kleinadlige und Räuberhauptmann Ali Pascha Tepelena,
der seit 1807 einen unabhängigen Staat zwischen Südalbanien und dem Epirus mit der Haupt-
stadt in Janina aufbaute, der erst 1822 von einer türkischen Armee zerschlagen wurde.
Selim III. versuchte vor allem eine Modernisierung der Armee und hatte Pläne, die allgemeine
Wehrpflicht einzuführen. Dagegen rebellierten die Janitscharen im Bund mit der religiösen Füh-
rung. Deshalb wurde er 1807 abgesetzt und ermordet. Der Bairakdar Mustafa Pascha, der
Anführer der Reformer, kam mit seinen Truppen zu spät, um Selim zu retten, machte aber
dessen Cousin zum neuen Sultan Mahmud II. Um den gefährlichen Einfluss der Janitscharen zu
beseitigen, ließ der 1826 in einem blutigen Massaker alle Janitscharen umbringen. Danach
begann er mit einer Militärreform, alle Untertanen konnten in die Armee eintreten.

In Griechenland kam es zu einem Aufstand der ausgebeuteten und unterdrückten Bauern gegen
ihre von Istanbul eingesetzten und geduldeten Unterdrücker, vor allem der orthodoxen Kirche
und den adligen Grundherren, den oft in Istanbul im Stadtteil Fener wohnenden Phanarioten. Es
gab aber auch eine intellektuelle nationale Bewegung. Der Aufstand brach am 25. März 1821
aus, heute dem Nationalfeiertag. Er war auf der Peleponnes relativ erfolgreich, aber die beiden
Gruppen befehdeten sich auch, es gab keine griechische Armee, und die türkische Armee konnte
in den nächsten Jahren jeweils im Sommer Gelände gewinnen, zog sich aber im Herbst in die
Winterquartiere zurück. Die Lage und die Stimmung änderte sich durch den europäischen Phil-
hellenismus, die schwärmerische Identifizierung mit der griechischen Antike, etwa mit dem
englischen Lyriker Lord Byron, der sich den Kämpfenden anschloss und dort 1823 starb, oder in
Deutschland mit Winckelmann und dann Hölderlin. Die Sympathie für die griechischen Freiheits-
kämpfer war groß, so auch der Druck auf die Regierungen. 1827 verbündete sich der Sultan mit
Mehmet Ali, und dessen Flotte sollte die Operationen der türkischen Armee auf dem Peleponnes
decken und unterstützen. Eine britisch-französisch-russische Flotte besiegte und vertrieb am
[Link] 1827 die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino vor der Peloponnes. Weil der Sultan
darauf den Bosporus für russische Schiffe sperrte, begann der nächste russisch-türkische Krieg.
Die Russen griffen über die Donau weg an und drangen im Kaukasus und tief nach Bulgarien
vor, der Sultan musste um Frieden bitten. England wollte keinen völligen russischen Sieg und die
Türkei erhalten. Im Londoner Protokoll von 1830 wurde Griechenland zum unabhängigen König-
reich unter dem bayrischen Wittelsbacher Otto erklärt, Russland erhielt im Kaukasus Gebiete in
Armenien und Georgien und das Donaudelta, die Donaufürstentümer wurden unabhängig und
erhielten russische Besetzung, und Serbien erhielt einen Autonomiestatus.

Auf europäischen Druck hin wurde Griechenland zu einer autokratischen Monarchie unter dem
bayrischen Wittelsbacher Otto gemacht, der von 1833 bis 1862 regierte. Otto kam mit einem
bayrischen Hilfskorps von 3500 Mann und mit bayrischen Beratern, die in Griechenland eine
bayrische Verwaltung einzurichten versuchten, die Bavarokratie, einschließlich des Reinheitsge-
botes für Bier. Es gab keine Griechen in der Regierung, aber viele deutsche Zuwanderer. Des-
halb kam es zu Unruhen und Aufständen, und 1843 musste Otto einer Verfassung zustimmen,
aber der darin vorgesehene Staatsrat war nicht funktionsfähig. Otto war von der klassisch-
griechischen Vergangenheit begeistert und traf sich da mit den Anhängern der Idee Groß-
griechenland, der Megali idea, die den Anspruch einer wesentlichen Ausdehnung des Staats-
gebiets mit sich brachte. Otto war und blieb landfremd und wurde 1862 in einem Volksaufstand
gestürzt. Neuer König wurde Georg von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Die Familie
regierte bis zum Sturz durch die Obristen 1967. Otto lebte bis zu seinem Tod 1867 in Bamberg.

Trotzdem fielen unter Otto wichtige Entscheidungen. Die Hauptstadt wurde 1834 nach Athen
verlegt, und dafür wurden dort wichtige Bauwerke erreichtet, das heutige Parlament als Königs-
schloss, die Universität Athen. Das Bildungssystem wurde aufgebaut. Otto sprach griechisch,
aber er blieb römisch-katholisch, die orthodoxe Kirche erklärte sich unter dem Patriarchen von
Athen für autoke-
phal, von Istanbul
unabhängig und
stand unter russi-
schem Einfluss. Die
grundlegenden
Probleme von
Großgrundbesitz
und ländlicher
Armut wurden nicht
angegangen, der
latente Bürgerkrieg
blieb.

Es gab eine vom


Altgriechischen
herkommende
Volkssprache, die
Dimotiki, daneben
eine aus dem Alt-
griechischen abge-
leiteten Schriftsprache, die von Kirche und Verwaltung benutzt wurde. Erst nach dem Sturz des
Obristenregimes 1976 wurde das Neugriechische als alleinige Sprache eingeführt, auf der
Grundlage der Volkssprache Dimotiki, aber mit vielen Entlehnungen aus der alten Schriftsprache.
Auch das Fehlen einer allgemeinen Schriftsprache erschwerte das Zusammenwachsen der
Nation und verstärkte die sozialen Schranken.

Donaudelta, Serbien und Montenegro


Zum Druck auf die osmanische Türkei trug auch der russisch-türkische Krieg 1828/1829 bei. Als
die Russen vor Edirne standen und Konstantinopel bedrohten, musste der Sultan um Frieden
bitten. Im Frieden von Adrianopel 1829 verzichtete die Türkei auf Georgien und Armenien im
Kaukasus. Moldau und die Walachei wurden unabhängig, durften aber von Russland bis zur
(unwahrscheinlichen) Bezahlung einer hohen Kriegskontribution durch die Türkei militärisch
besetzt werden. Serbien hatte im zweiten serbischen Aufstand 1815 – 1817 eine weitgehende
Autonomie erkämpft, die nun im Frieden von Adrianopel bestätigt wurde. Serbien verblieb aber
im osmanischen Reich. Erst 1867 konnte Fürst Mihailo Obrenović die letzten türkischen Einheiten
vertreiben, und erst 1878 auf dem Berliner Kongress wurde die Unabhängigkeit Serbiens offiziell
anerkannt. Russland war damit mit seinem militärischen und politisch-kirchlichen Einfluss weit auf
dem Balkan vorgedrungen.

Ein besonderer Fall ist Montenegro. Im Kern ist es das serbisch-orthodoxe Fürstbistum Cetinie, in
dem seit dem ausgehenden Mittelalter der Fürstbischof die Landeshoheit ausübte, bis zum
Berliner Kongress 1878 unter formaler osmanischer Oberhoheit. Die Bevölkerung war kulturell
serbisch und orthodox, aber es gab schon immer eine starke Zuwanderung aus den Nachbar-
ländern, und das Land ist heute herkunftsmäßig und sprachlich multiethnisch.

Die Tanzimat-Reformen in der Türkei


Das immer schlechtere Funktionieren der Staatsverwaltung, das Abblocken jeder Reform durch
die Privilegierten, vor allem die Janitscharen, und die ständigen Niederlagen führten zu einer
grundsätzlichen Reformbewegung. Mahmud II., Sultan 1808 – 1839, begann mit einer Militär-
reform und mit der Aufstellung moderner ausgebildeter und ausgerüsteter Einheiten. Als die
Janitscharen sich dagegen wehrten, wurden sie 1826 bei einem wohltätigen Ereignis zusammen-
geschossen und vernichtet. Danach wurde die Militärreform weitergeführt, und es gab Ideen und
Vorschläge zu einer grundlegenden Staatsreform. Motor war Mustafa Reşid Pascha, der Franzö-
sisch gelernt hatte und Botschafter in Frankreich gewesen war, bevor er in der Zentrale aufstieg.
Mahmud II. starb 1839, aber sein Sohn und Nachfolger Abdülmecid verkündete das vorbereitete
Reformedikt von Gülhane (Hohes Handschreiben - Hatt-i scherif) und führte die Reformpolitik
weiter: Dieses Edikt sicherte erstens das Leben und den Besitz einer jeden Person, zweitens
beinhaltete es das Ziel, ein gerechtes Besteuerungssystem einzuführen, und drittens, allen
Untertanen, ohne Ansehen der Religion und Person, Schutz zu gewähren. (Islamwissen Internet)

In den folgenden Jahren führte Reşid Pascha mit seinen Schülern die Reformpolitik weiter. Das
führte 1856 zum Herrschaftliche Sendschreiben (Hatt-i hümayun). Dieses Reformedikt … bestä-
tigte erneut die Rechte und Pflichten jedes Untertan. Besonders wurde die Gleichheit der öffent-
lichen Ämter, im Militärdienst, vor Gericht und in der Bildung betont, sowie die Abschaffung der
Kopfsteuer (cizye) und die Einführung einer weltlichen Gerichtsbarkeit. (Uwe Becker – Tanzimat).

Die Reformen setzten sich aber nur langsam gegen große traditionelle Widerstände durch. So
beschrieb Helmuth von Moltke, 1836 bis 1839 Instrukteur bei der türkischen Armee, in seinen
Briefen über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839 den
katastrophalen Ausbildungs- und Leistungszustand der osmanischen Truppen. Das zeigte sich
auch im russisch-türkischen Krieg von 1853, der nach einem anfänglichen türkischen Sieg zur
russischen Seehoheit über das Schwarze Meer und zur direkten Bedrohung Konstantinopels
führte, die Ausgangslage für den Krimkrieg. Die Reformen hatten aber noch eine andere parado-
xe Nebenwirkung, eine osmanisch-islamische Gegenbewegung. Junge Türken wollten auf die
Überlegenheit und die Privilegien der türkischen Herkunft wie des Islam nicht verzichten. Das
führte zu einer jung-osmanischen Bewegung vor allem bei den Armeeoffizieren.
Der Krimkrieg
Die Niederlagen im Krieg gegen Russland führ-
ten 1853 zu einer ernsthaften Existenzkrise der
osmanischen Türkei, und weil Großbritannien
und das neue kaiserliche Frankreich ein Vor-
dringen Russlands ins östliche Mittelmeer nicht
wollten, erklärten sie Russland im März 1854
den Krieg und schickten modern ausgerüstete
Truppen zum Einsatz im Schwarzen Meer und
zur Rettung der Türkei.

Die Alliierten landeten mit 30 000 Franzosen


und 26 000 Briten in Varna südlich des Donaudeltas. Sie mussten feststellen, dass die Russen
sich zurückgezogen hatten. Der Krieg war schmutzig, die hygienischen Bedingungen waren
katastrophal, und viele der gelandeten Soldaten starben an Cholera und Dysenterie, darunter der
französische und der englische Oberbefehlshaber. Die Briten mussten sogar Verstärkung aus
Britisch-Indien anfordern. Um einen Sieg präsentieren zu können, beschlossen die Alliierten die
Belagerung der russischen Festung [Link] der Krim. Die Belagerung wurde zu einer
irrsinnigen blutigen Schlächterei, die ein Jahr dauerte. Die Verluste der Alliierten waren auch
wegen der hygienischen Bedingungen sehr hoch. Die Britin Florence Nightingale baute in
Üsküdar eine Pflegeeinrichtung mit entsprechenden Standards für kranke britische Soldaten auf.
Nach dem Fall Sebastopols im September 1855 zogen sich die Russen zurück. Zar Alexander II.,
der 1855 den Krieg von seinem Vater geerbt hatte, kam im November nach Odessa und auf die
Krim und entschloss sich, den Krieg zu beenden. Es kam zum Waffenstillstand und im März 1856
zu Friedensverhandlungen in Paris.

Im Frieden von Paris musste Russland auf die Donaufürstentümer verzichten, Bulgarien blieb
türkisch, Serbien autonom unter türkischer Oberherrschaft. Russland erhielt die Festung
Sebastopol zurück, musste aber den Bestand der Türkei anerkennen und eine weitgehende
Demilitarisierung des Schwarzen Meeres und der Dardanellendurchfahrt akzeptieren. Die
Niederlage und der Vertrag waren für Russland unnötig demütigend und stärkten dort pansla-
wistische und religiös-orthodoxe Tendenzen. Aus den Donaufürstentümern entstand nach dem
Krimkrieg das selbstständige Fürstentum Rumänien. Der Krimkrieg schwächte die Position
Russlands auf dem Balkan und stärkte damit Österreich-Ungarn, und das Existenzrecht der
Osmanischen Türkei war jetzt von den europäischen Großmächten garantiert. Nicht umsonst
gehört das Herrschaftliche Sendschreiben (Hatt-i hümayun), das zweite große Reformdekret, in
dem Umkreis des Pariser Friedens.

Die türkische Verfassung von 1876


Die Gleichstellung aller Völker und aller Religionen stärkte die Position der Türkei bei den euro-
päischen Mächten, aber führte in der Türkei zu verstärkten Spannungen. Die Türken/Muslime
fühlten sich in ihrer Identität bedroht und wandten sich stärker dem Islam zu, der in der Scharia
die Herrschaft der Muslime forderte. Die Reformer, Reşit Pascha und nach seinem Tod 1858
Fuad Pascha und Midhat Pascha, führten die Reformen weiter und erließen entsprechende
Gesetze. Das Grundgesetz Kanun-i-esasi vom 23. 12. 1876 wollte abschließend die Beziehung
des Staates zu seinen Untertanen regeln. Dazu gehörte auch die Einrichtung einer Abgeord-
netenkammer und ihre Wahl, die juristische Verankerung der Gewaltenteilung und der Trennung
von Kirche und Religion im Sinn des europäischen Denkens. Allerdings war Sultan Abdülaziz
gestorben, und sein endgültiger Nachfolger Abdülhamid verbannte 1877 Midhat Pascha, über-
nahm selber die Verantwortung und setzte 1878 die neue Verfassung außer Kraft. Er regierte
absolut, stützte sich aber dabei auf die Jung-Osmanen, die in der Verwaltung und in der Armee
immer mehr an Einfluss gewannen. Viele Reformen wurden suspendiert, außer Kraft gesetzt
oder gerieten in Vergessenheit, auch die dringend notwendige Erneuerung der Armee blieb
liegen. Gegen diesen Stillstand bildete sich dann unter den Offizieren eine neue „jungtürkische“
Bewegung, die ein Ende der absoluten Herrschaft, eine notwendige Erneuerung und auch eine
Säkularisierung, eine Trennung von Staat und Religion forderte.
Der Berliner Kongress 1878
Österreich hatte 1860 und 1866 seine ita-
lienischen Provinzen an das neue König-
reich Italien verloren und 1866 gegen
Preußen seine Rolle in Deutschland. Es
folgte 1867 der österreich-ungarische
Ausgleich, die Schaffung der kaiserlich-
königlichen Doppelmonarchie. Zu Öster-
reich gehörte Böhmen, Lodomerien (Süd-
polen), Slowenien, Triest und die dalmati-
nische Küste, zu Ungarn das Königreich
Kroatien, Oberungarn (Slowakei), Sie-
benbürgen, die Vojvodina. Gemeinsam
war beiden Reichsteilen nur der Kaiser/
König, die Außenpolitik, das Militär und
eine Wirtschaftsgemeinschaft. Im öster-
reichischen Teil gab es ein gemeinsames Parlament mit einem gewissen Mitspracherecht, im
ungarischen Teil waren die Ungarn das Herrenvolk, und der ungarische Adel bestimmte die Poli-
tik. In beiden Reichsteilen waren die Slawen die Mehrheit, hatten aber keinen Einfluss und keine
Vertretung. Nach dem Zurückdrängen Russlands war Österreich die bestimmende Macht auf
dem Balkan.

1870/71 verlor Frankreich den Krieg gegen Preußen-Deutschland und seine Vormachtstellung in
Europa. 1875 kam es zu einem Aufstand der orthodoxen Bevölkerung in der Herzegowina, der
von Serbien und Montenegro unterstützt wurde. Aber die türkische Armee konnte den Aufstand
niederwerfen und die Verbündeten besiegen. Im April 1876 kam es in Bulgarien zu einem Auf-
stand orthodoxer Christen gegen die Türken, von denen sie sich unterdrückt fühlten. Auch dieser
Aufstand wurde brutal unterdrückt. Russland forderte als Schutz für die Christen eine bulgarische
Autonomie, und als Abdülhamid sich weigerte, kam es zu einem neuen russisch-türkischen Krieg
und zu einer schweren türkischen Niederlage. Um Konstantinopel zu retten, unterschrieb Abdül-
hamid den Frieden von San Stefano, der die volle Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und
Montenegros und die Schaffung eines Großbulgariens beinhaltete. Das war weder für Österreich
noch für England akzeptabel. Ein neuer Krimkrieg drohte. Bismarck bot sich als ehrlicher Makler
an, und so kam es im Juni 1878 zum Berliner Kongress mit dem englischen Premierminister Ben-
jamin Disraeli und dem russischen Außenminister Gortschakow. Die Unabhängigkeit Serbiens,
Rumäniens und Montenegros wurde bestätigt, Bulgarien wurde eine autonome türkische Provinz,
Mazedonien und Albanien blieben türkisch. Bosnien-Herzegowina, zu je einem Drittel serbisch,
kroatisch und islamisch, wurde von Österreich-Ungarn besetzt und von beiden Reichsteilen
gemeinsam verwaltet. Russland erhielt einige türkische Gebiete im Kaukasus, und die Türkei
wurde verpflichtet, die christlichen Armenier vor den Angriffen islamischer Kurden und Tscher-
kessen zu schützen, die aus den russisch gewordenen Gebieten geflohen waren.

Nationale Erneuerungsbewegungen
Große Teile des Balkans waren seit dem Ende des 14. Jahrhunderts unter türkischer Herrschaft.
Die Menschen lebten und siedelten durcheinander, es gab von Dorf zu Dorf Unterschiede in den
Dialekten, in der Religion, in der Zugehörigkeit zu verschiedenen Volksgruppen. Es gab keine
Schule und fast keine Schriftlichkeit. Wer aufsteigen wollte, musste Moslem werden und den
Weg in die größeren Städte suchen, vor allem nach Konstantinopel. Dort gab es Schulen, aber
meistens auf türkisch oder griechisch. Die lokalen Sprachen wurden als Muttersprache weiter-
gegeben, durften aber nicht unterrichtet werden. Auch die Religionsgemeinschaften halfen nicht
viel, am ehesten die orthodoxe Kirche mit dem Altkirchenslawischen. Die verschiedenen Sprach-
gruppen lebten nebeneinander her. Die erste nationale Identität wurde in Griechenland gesucht,
die große Vergangenheit wurde aber vor allem von gelehrten Griechenfreunden aus ganz Europa
beschworen, und zwischen dem gelehrten Griechisch und der Volkssprache gab es dauernde
Spannungen. Für die anderen Balkanvölker gab keine so große europäische Anteilnahme, sie
entwickelten ihre nationale Identität später, aber auch hier spielte die Sprache eine große Rolle.
Für die serbische Sprache und Kultur war Vuk Stefanović Karadžić grundlegend, 1787 geboren,
der in Wien studierte und dort zwischen 1826 und 1834 die serbische Volkssprache entwickelte,
aus dem kyrillischen Altkirchenslawisch und den verschiedenen Dialekten, mit einer einfachen
Lautschrift in kyrillischen Buchstaben. In Wien stand er in Kontakt mit Herder, Goethe und
Grimm, die seine Arbeit schätzten. Zu seiner Arbeit gehörte auch eine Grammatik und ein
umfangreiches Wörterbuch. Karadžić sah alle Menschen mit einer verwandten Sprache als
Serben an, auch die Kroaten, aber als Serben mit einer anderen Konfession. Seine Tochter Mina
begann mit der Sammlung serbischer Märchen, und dann begannen die Aufzeichnungen von
nationalen Volksepen, etwa dem Fürsten Lazar und seinen Söhnen, die sich 1389 im Kampf
gegen die Türken geopfert hatten und auf dem Amselfeld gefallen waren.

Die bulgarische Sprache geht auf die große bulgarische Zeit um 900 unter Zar Simeon und die
Einführung des Christentums nach Kyrill und Method zurück (ihr Jahrestag am 11. Mai ist in
Bulgarien der Festtag der bulgarischen Bildung). Ihr Altkirchenslawisch hat das bulgarische
Slawisch geprägt, und weil das hundert Jahre später von Russland übernommen wurde, ist das
Bulgarische näher am Russischen als die anderen slawischen Sprachen. Ein Vorläufer der
nationalsprachlichen Bewegung war Paissij Chilendarski, der 1762 seine „Slawisch-bulgarische
Geschichte“ in einfacher vereinheitlichter Volkssprache schrieb, der Grundlage für das heutige
Bulgarisch: Paissijs Werk offenbarte dem bulgarischen Volk seine ruhmreiche Vergangenheit; er
sprach von der Größe des Reiches im Mittelalter, von den vielen Siegen über Byzanz, von der
Kühnheit und dem Heldenmut der bulgarischen Krieger, dem großen kulturellen Werk der Brüder
Kyrill und Methodius, die das bulgarische Schrifttum geschaffen hatten. (Bulg. Geschichte 1963)
Peter Beron publizierte 1824 in Kronstadt die Fibel mit unterschiedlichen Belehrungen, mit der er
für eine eigene bulgarische Sprache und Schule warb. Aber die städtischen Eliten gingen in vom
Patriarchat in Istanbul geführte griechische Schulen, und eine starke türkische Minderheit
zusammen mit der türkischen Verwaltung standen dem entgegen. So wurde erst 1835 die erste
bulgarische Schule eröffnet, 1840 die erste Mädchenschule. Die Lehrer für diese neu
entstehenden Schulen waren meist in Russland ausgebildet. Die türkische Verwaltung und die
griechische Oberschicht verfolgten sie als russische Agenten.

In den Donaufürstentümern wurden Dialekte mit einer deutlichen lateinischen Basis gesprochen.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte die „Siebenbürgische Schule“ die Lehre von der
Herkunft der Rumänen von der dakisch-römischen Bevölkerung (Dacien war von 117 bis 250
römisch), die Zugehörigkeit zur lateinischen Welt stand in Konkurrenz zur kyrillischen Orthodoxie.
Bis 1862 wurde Rumänisch in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Die Siebenbürgische Schule
entwickelte ein lateinisches Alphabet mit Sonderzeichen. Auch hier gab es eine gelehrte „Auf-
rüstung“ mit lateinischen Wurzeln für die Schriftsprache. 1845 erschienen in Deutschland
„Walachische mährchen“, und 1855 wurde eine Sammlung Volkspoesie veröffentlicht. Seit 1860
gibt es eine rege rumänische Literaturszene.

Auch das Albanische führte sich auf die Antike zurück, auf das nicht erhaltene Illyrische, das im
ersten Jahrhundert nach Christus romanisiert wurde. Das Albanische hat viele Lehnwörter aus
dem Lateinischen. Für Sprachwissenschaftler ist die Parallele von lateinischen Wörtern im
Albanischen und im Rumänischen eine wichtige Erkenntnisquelle. Auch stellt das Albanische wie
das Rumänische den bestimmten Artikel nach, vielleicht eine gemeinsame illyrisch-thrakische
Wurzel. Es gibt eine albanische Skanderbeg-Biographie aus dem 15. Jahrhundert, aber für die
Türkenzeit fast nichts. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde wieder albanisch geschrieben, aber mit
kyrillischen Buchstaben. Erst auf dem Kongress von Monastir 1908 wurde endgültig das lateini-
sche Alphabet festgelegt, und erst 1972 wurden die beiden Dialektgruppen gegisch und toskisch
zur albanischen Schriftsprache vereinigt. Auch die Sammlung einer nationalepischen Dichtung,
nicht nur Skanderbeg, aber der Kampf gegen die Türken, gehörte zur nationalen Bewusstwer-
dung, die natürlich auch immer Abgrenzung von den anderen war. Der Balkan wurde in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich nationaltraditioneller und nationalistischer.
Der Weg zum Weltkrieg
Die Donaufürstentümer wurden 1861 zum Fürstentum România – Rumänien zusammengefasst,
seit 1866 unter dem deutschen Fürsten Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, seit 1881 als König
Carol I. Er versuchte eine Reform und Modernisierung, konnte aber die ungerechten Bodenbe-
sitzverhältnisse nicht ändern. Das führte 1907 zu einem schweren Bauernaufstand. Carol lehnte
sich politisch an Österreich an, das entsprach aber nicht der öffentlichen Meinung.

Serbien war seit 1867 unter Fürst Milan Obrenović unabhängig, seit 1882 Königreich. 1885
erklärte Serbien dem halbautonomen Bulgarien (von dem deutschen Fürsten Alexander von
Battenberg regiert) den Krieg, wurde aber deutlich zurückgeschlagen. Milan Obrenović lehnte
sich gegen die öffentliche Meinung an Österreich an. 1889 dankte er zugunsten seines Sohnes
Aleksandar ab. Der wurde 1903 durch eine Offiziersverschwörung gestürzt und umgebracht.
Neuer König wurde Peter Karađorđević. Er leitete Reformen ein, er war ein Gegner Österreichs
und baute die Beziehung zu Frankreich und Russland aus.

Bulgarien war seit dem Berliner Kongress selbstständig, seit 1879 unter dem Fürsten Alexander
von Battenberg. 1885 kam es zur Vereinigung mit dem südlichen Teil, der als Ostrumelien noch
unter türkischer Herrschaft gestanden hatte. Serbien wollte diese Vergrößerung nicht hinnehmen,
die serbisch Armee erlitt aber gegen die junge bulgarische eine empfindliche Niederlage. 1886
wurde Alexander bei einem Putsch von in Russland ausgebildeten Offizieren gestürzt. Zum
Nachfolger wurde 1887 Ferdinand von Coburg-Gotha gewählt, der 1908 die völlige
Unabhängigkeit von der Türkei verkündete und den Titel Zar annahm.

Kaiser Wilhelm II. hatte die Beziehungen zur osmanischen Türkei ausgebaut und auf seiner
großen „Pilgerreise“ 1898 bei seiner Rede in Damaskus am Grabe Saladins versprach er, der
deutsche Kaiser werde zu allen Zeiten der Freund aller Mohammedaner sein. Von seinem guten
Verhältnis zu Abdülhamid zeugen die im Pergamonmuseum ausgestellten Grabungsfunde. Die
wirtschaftlichen Beziehungen wurden intensiviert, und Deutschland erhielt den Auftrag zum Bau
der Bagdadbahn. Aber Abdülhamids Herrschaft wurde immer einsamer und despotischer, die
Steuererhebung immer undurchsichtiger und korrupter, der Vollzug des Haushalts hing seit 1881
von einer ausländischen Schuldenverwaltung ab, die die Ausgaben kontrollierte. 1908 gab es
eine breite Bewegung zur Wiedereinführung der Verfassung von 1867, die allen Einwohnern des
Reiches gleiche Rechte versprach. Der Sultan wurde zugunsten eines Bruders abgesetzt, aber
die Verfassung funktionierte nicht, die schwache Regierung musste auch außenpolitisch einige
Niederlagen hinnehmen wie die Unabhängigkeit Bulgariens und Kretas. Die jungtürkische
Bewegung war gegen die Gleichberechtigung aller Bürger, sie sah das Heil in einer Stärkung des
Türkentums, und am 23. Januar 1913 putschte sie gegen die unfähige Regierung und
übernahmen die Macht. Die Führer des Komitees für Einheit und Freiheit, Enver Pascha, Taalat
Pascha und Cemal Pascha übernahmen die Regierung.

Österreich-Ungarn hatte die türkischen Wirren 1908 benutzt, um nach Absprachen mit Russland
im September 1908 die Annexion von Bosnien-Herzegowina zu verkünden. Russland sollte dafür
für seine Kriegsschiffe die freie Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen erhalten. Beides war
ein Eingriff in türkische Rechte. Aber auch Serbien fühlte sich verletzt, weil es Bosnien-Herzego-
wina als urserbisches Gebiet betrachtete, und der große muslimische Bevölkerungsanteil sah
sich in einem christlichen Staat entrechtet. Bosnien-Herzegowina stand unter Militärverwaltung,
es gab keine Ansätze für eine Beteiligung der Zivilgesellschaft.

Den Kriegsreigen vor dem großen Krieg eröffnete Italien 1911 mit der Annexion Libyens und der
Besetzung einiger Inseln um Rhodos, der italienischen Dodekanes. Russland hatte das verspro-
chene Durchfahrtsrecht nicht bekommen und bemühte sich seither, seine früheren Klientel-
staaten Serbien, Montenegro und Bulgarien zu einem Balkanbund gegen die osmanische Türkei
zusammenzuführen. Aber auch Griechenland beteiligte sich. Der Krieg begann im September
1912. Die Griechen drängten nach Osten und erreichten Saloniki vor den Bulgaren. Die Serben
drangen nach Skopje vor. Die bulgarischen Truppen griffen im Süden an, besetzten Adrianopel
und bedrohten sogar Konstantinopel. Im Londoner Vertrag vom Mai 1913 verzichtete die Türkei
auf alle europäischen
Besitzungen. Es kam zu einer
großen Fluchtbewegung von
Muslimen, Moscheen wurden
zerstört oder verchristlicht,
islamische Kleidung wurde
verboten. Um Albanien stritten
sich Montenegro, Serbien und
Griechenland, aber in London
wurde ein unabhängiges
Fürstentum Albanien unter dem
Prinzen zu Wied geschaffen.
Damit wollte Österreich ein
Vordringen Serbiens an die
Adria verhindern.

Aber die Sieger waren sich nicht


einig über die Verteilung der
Kriegsbeute. So begann im Juni
1913 der zweite Balkankrieg.
Griechenland und Serbien
hatten sich verbündet, und Ru-
mänien, das im ersten Krieg
nicht beteiligt war, schloss sich
dem Kampf gegen Bulgarien an,
ebenso die osmanische Türkei.
Bulgarien unterlag und musste
auf fast alle Eroberungen aus
dem ersten Krieg verzichten.
Griechenland übernahm die
Provinz Makedonien mit Salo-
niki, die dort lebende slawisch-
mazedonische Bevölkerung wurde vertrieben. Serbien erhielt das nördliche Mazedonien, den
späteren jugoslawischen Bundesstaat, das heutige Nordmazedonien. Die Türkei hatte Adrianopel
zurückerobert und konnte diese kleine Ecke Europa für sich sichern. Auf Vermittlung Russlands
behielt Bulgarien einen Zugang zur Ägäis.

Sarajewo und der Erste Weltkrieg


Der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand sah klar, dass der Staat nur mit der
Gleichberechtigung der Slawen weiterleben würde. Er wollte aus der Doppelmonarchie eine Trias
machen und stieß dabei in Österreich und vor allem in Ungarn auf erbitterten Widerstand. Er war
auf Militärinspektion in Bosnien und ausgerechnet am 28. Juni, dem [Link]-Tag am 15. Juni, in
der orthodoxen Zählung, dem Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld. Der serbische
Geheimbund „Schwarze Hand“ plante einen Anschlag und bewaffnete Attentäter. Der 19jährige
Schüler Gavrilo Princip tötete den Thronfolger und seine Frau mit einer Pistole. In Serbien gilt
Princip bis heute als Freiheitskämpfer.

Weil Serbien mit Russland verbündet war und in seiner Haltung bestärkt wurde, und ebenso
Österreich-Ungarn mit Deutschland, weil es kein europäisches Krisenmanagement gab und die
Politiker in Ferienstimmung und unaufmerksam waren, weil die Militärs das Einhalten ihrer
Aufmarschpläne für wichtiger hielten als die Chance für Friedensgespräche und weil die Politiker
den Krieg als möglich und sogar als möglicherweise nützlich betrachteten, konnte das Attentat
von Sarajewo der Auslöser für den Weltkrieg werden, der Europa in den Ruin trieb und der auch
den Balkan grundlegend veränderte. Der Krieg begann mit dem Einmarsch Österreichs in
Serbien, aber die Österreicher taten sich überraschend schwer. 1915 besetzten die Serben
Albanien, aber dann wurde das Land durch eine deutsch-österreichische Militäraktion bis zum
Ende des Krieges streng besetzt. Die Serben wehrten sich mit Partisanenkämpfen. Bulgarien war
mit den Mittelmächten verbündet. Rumänien schloss sich 1916 der Entente an, nachdem ihm
erhebliche Landgewinne auf Kosten Ungarns zugesagt worden waren. Doch das rumänische
Militär war schwach, und General Mackensen konnte mit österreichischen und deutschen
Truppen das ganze Land besetzen. In Österreich-Ungarn beschleunigte sich durch die Kriegs-
anstrengungen der Zersetzungsprozess. Ein Kriegsziel der Alliierten von Anfang an war das
Ende von Österreich-Ungarn. Deshalb wurden die slawischen Unabhängigkeitsbestrebungen
überall gefördert. Der Balkan war während des Krieges österreichisch oder von deutsch-
österreichischem Militär besetzt, aber nach 1918 gehörten die Slawen zu den Gewinnern.

Die Nachkriegsordnung auf dem Balkan


Polen wurde wie die baltischen Staaten aus der russischen Konkursmasse ausgegliedert und
erhielt zusätzlich bisher preußische Gebiete. Aus dem früheren Königreich Böhmen und Oberun-
garn wurde die Tschechoslowakei gebildet; die Tschechen hatten die Patenschaft für die bäuer-
lich-arme slowakische Bevölkerung übernom-
men. Deutsch-Österreich blieb erhalten, der
Anschluss an Deutschland wurde aber ausdrück-
lich untersagt. Der größte Verlierer war Ungarn,
bisher das Herrenvolk im östlichen Reichsteil,
das jetzt auf alle nicht mehrheitlich ungarischen
Gebiete verzichten musste. Das neue Ungarn,
seit Ende 1919 unter Admiral Horthy als „Reichs-
verweser“, musste den Vertrag von Trianon ak-
zeptieren und verlor zwei Drittel seines Staatsge-
biets. Mehr Ungarn lebten jetzt als Minderheit in
den neuen Nachbarstaaten als im verkleinerten
Mutterland. Der große Gewinner war Rumänien,
das von Russland Bessarabien und von Ungarn
Siebenbürgen erhielt. Bulgarien verlor den Zu-
gang zur Adria, Albanien wurde wiederherge-
stellt.

Das interessanteste Gebilde dieser Neuordnung


war die Zusammenfassung der südlichen Slawen
in einem Staat Jugoslawien. Dafür hatte sich
schon 1915 in London ein Komitee gebildet.
Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner, Bos-
nier, Mazedonier, in Religion, Entwicklungsstand
und staatlicher Zugehörigkeit sehr unterschied-
lich, wurden in einem Staat zusammengefasst.
Ein vergrößertes Serbien übernahm die Führung,
der serbische Kronprinz und Prinzregent wurde
1921 König von Jugoslawien, der bisherige serbi-
sche Ministerpräsident Nikola Pašić war Minister- Balkanstaaten 1919 (Putzger)
präsident, Offizierskorps und Armeeführung waren serbisch und Belgrad war die Hauptstadt.
König Alexander wie Pašić wollten eine zentralistische Staatsordnung mit möglichst wenig
föderalistischen und demokratischen Elementen. So kam es zu Unruhen, politische Führer
wurden ermordet, es gab keine tragfähigen Mehrheiten, und 1929 suspendierte König Alexander
nach einem Staatsstreich die Verfassung und führte die Königsdiktatur ein. Zwar verkündete
Alexander 1931 eine neue Verfassung, aber Opposition war unmöglich, und der König regierte
mit der Armee. In Kroatien arbeitete die Ustascha unter Ante Pavelić als Geheimgesellschaft
gegen Jugoslawien und die Diktatur, und im Oktober 1934 wurde Alexander in Marseille
zusammen mit dem französischen Außenminister von einem bulgarischen Attentäter erschossen.
Da sein Sohn Peter noch minderjährig war, übernahm ein älterer Verwandter, Pavic Karađorđe-
vić, die Regierung. Und auch Rumänien fand keine politische Stabilität. 1927 verzichtete der
Kronprinz auf die Nachfolge, aber 1930 kam er als König Carol II. zurück. Er wollte die Annähe-
rung an das nationalsozialistische Deutschland und führte 1938 die Königsdiktatur ein. Doch im
September 1940 wurde er von General Ion Antonescu verdrängt, der das Land als Conducător al
Statului an der Seite der Achsenmächte in den Krieg führte. Auch in Albanien wurde 1925 die
kurzlebige Demokratie durch den Putsch eines Großgrundbesitzers abgelöst, der seit 1928 als
König Zogu eine Königsdiktatur errichtete und militärisch und wirtschaftlich eng mit Mussolinis
Italien zusammenarbeitete. Doch am 7. April 1939 besetzten italienische Truppen das Land.
Albanien wurde annektiert und an Italien angeschlossen. Bulgarien gehörte zu den Verlierern des
ersten Weltkriegs, deshalb trat Zar Ferdinand 1918 zurück. Unter seinem Sohn Boris versuchte
das Land, über die große wirtschaftliche und landwirtschaftliche Krise der Nachkriegszeit wegzu-
kommen, aber Politik und Demokratie funktionierten schlecht, bis der Zar nach einem Staats-
streich 1935 auch hier die Königsdiktatur einführte und sich politisch an die Achsenmächte
anlehnte.

Griechenland wurde seit 1913 von König Konstantin und Premierminister Venizelos regiert, die
nach dem Erfolg der Balkankriege sehr populär waren. Aber Venizelos war für die Annäherung
an Großbritannien, während der König zu den Mittelmächten neigte. Venizelos erreichte 1917
den Rücktritt des Königs, und Griechenland trat in den Krieg gegen die Mittelmächte ein. Nach
dem Zusammenbruch der osmanischen Türkei erhielt Griechenland die restliche europäische
Türkei und die kleinasiatische Küste um Smyrna-Izmir, die noch weitgehend griechisch bewohnt
war. 1920 konnte der immer noch populäre Konstantin nach einer Wahlniederlage von Venizelos
und nach einem Plebiszit als König zurückkehren. Konstantin übernahm persönlich den Oberbe-
fehl über die griechische Armee. Aber in der Türkei kam es zu einer nationalen Revolution unter
Kemal Pascha, dem erfolgreichen Sieger von Gallipoli, und die neue türkische Armee siegte
1921 in der Schlacht am Sakarya über die griechische und drängte sie nach Griechenland
zurück. Konstantin übernahm die Verantwortung und trat zum zweiten Mal zurück. Im Vertrag
von Lausanne musste die neue Regierung auf die eroberten Gebiete verzichten. Ein gigantischer
Bevölkerungsaustausch fand statt: Griechenland nahm 1,5 Millionen Griechen aus der Türkei auf,
die Türkei dafür eine halbe Million Türken aus Griechenland. Die Regierungen waren unpopulär
und ohne Mehrheit. 1924 wurde die Monarchie per Volksabstimmung abgeschafft. Der General
Theodoros Pangalos regierte diktatorisch. Der nationalkonservative Venizelos kam aus dem Exil
zurück und war noch einmal von 1928 bis 1932 Premierminister. Dabei kümmerte er sich sehr
um die Eingliederung der Flüchtlinge. 1932 trat er wegen der schlechten Wirtschaftslage und
wegen der royalistischen Opposition zurück und ging wieder ins Exil nach Frankreich, wo er 1936
starb. 1935 machten royalistische Offiziere einen Putsch, um König Georg wieder zurückzuholen,
aber 1936 übernahm der General Iannis Metaxas als Ministerpräsident die Macht. Er stand den
faschistischen Regierungen und Gedanken nahe, seine Ernennung war eine richtige Machter-
greifung, die Ausschaltung legaler politischer Einrichtungen und Parteien. Sein Regime des 4.
August hielt bis zu seinem Tod 1941.

In den neuen Balkanstaaten waren zunächst überall die Bauernparteien die stärksten und der
Demokratie am meisten verpflichteten politischen Einheiten. Die Bauern waren arm und landlos
und hofften auf eine Bodenreform. Die Großgrundbesitzer hielten mit allen Mitteln dagegen, es
kam nirgends zu einer Bodenreform, politische Kompromisse waren nicht möglich. Dazu kamen
Probleme der Mehrheitsnation und der nationalen Minderheiten. Es gab keine stabilen Mehrhei-
ten und Regierungen, und überall war die Demokratie am Ende und wurde durch eine Königs-
oder Militärdiktatur ersetzt, politisch und ideologisch meistens nahe an den faschistischen
Modellstaaten Italien und Deutschland.

Der zweite Weltkrieg


Der zweite Weltkrieg begann für den Balkan mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei im
März 1939. Der westliche Teil wurde zum Reichsprotektorat Böhmen-Mähren, das mit seiner
hochentwickelten Industrie für die deutsche Rüstung arbeitete. Die Slowakei wurde unter Jozef
Tiso ein selbstständiger Staat, eine nationalfaschistische Diktatur in enger Anlehnung an
Deutschland. Fast gleichzeitig besetzte Italien Albanien. Das auch mit Deutschland befreundete
Ungarn hätte gern die Slowakei als Oberungarn zurückgehabt, forderte aber jetzt die Rückgabe
von Siebenbürgen. Schon im Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion 1939 hatte Hitlerdeutschland
Stalin Bessarabien zugestanden, und im Juni 1940 forderte die Sowjetunion ultimativ die Rück-
gabe. Die rumänische Regierung stimmte zu, weil sie keine Möglichkeit der militärischen Gegen-
wehr sah. Im August 1940 forderte auch die ungarische Regierung von Rumänien die Rückgabe
von Siebenbürgen. Die Frage wurde von Hitler persönlich entschieden, der auf einer Karte mit
Bleistift die neue Grenze einzeichnete, und den Beteiligten am 30. August als zweiter Wiener
Schiedsspruch mitteilen ließ. König Carol II. resignierte und ging ins Exil. Marschall Antonescu
baute seine halbfaschistische Diktatur über Restrumänien aus. Seine Regierung beteiligte sich
an der Verfolgung von Juden und Roma und seit 1941 am Krieg gegen die Sowjetunion, wodurch
Bessarabien noch einmal rumänisch wurde.

Deutschland wollte eigentlich die Balkanstaaten in einem Bündnis mit den Achsenmächten
zusammenführen und damit wirtschaftlich für den Krieg gegen Russland mitnutzen. Aber das
wurde durch Mussolini verhindert, der seine Herrschaft über Griechenland ausdehnen wollte und
deshalb am 28. Oktober 1940 den Krieg erklärte. Doch die eigentlich überlegenen italienischen
Streitkräfte hatten keinen Erfolg und wurden von den Griechen sogar in Albanien zurückgedrängt.
In Griechenland drohte eine britische Front. Deshalb entschloss sich Hitler, über Jugoslawien
Griechenland anzugreifen und beide Staaten militärisch zu besetzen und unter Kriegsrecht zu
stellen. Am 6. April 1941 wurde Belgrad bombardiert, am 17. April unterschrieb der militärische
Oberbefehlshaber die bedingungslose Kapitulation. Jugoslawien hatte in der deutschen Regie-
rung keine Befürworter, es wurde aufgeteilt. Italien erhielt die dalmatische Küste und einen Teil
von Slowenien, dazu annektierte es Montenegro. Der Kosovo wurde mit Albanien vereinigt.
Kroatien, wo es mit der Ustascha eine starke faschistische Bewegung unter Ante Pavelić gab,
wurde mit Bosnien zu einem selbstständigen verbündeten Staat. Das verkleinerte Serbien wurde
unter deutsche Militärverwaltung gestellt, aber auch hier wurde eine faschistische Satelliten-
regierung unter General Milan Nedić eingesetzt. (Slavko Goldstein: 1941 – Das Jahr, das nicht
vergeht. Die Saat der Gewalt auf dem Balkan. Frankfurt 2018). Ungarn und Bulgarien gehörten
zu den siegreichen Verbündeten, die 1918 verlorene Gebiete zurückerhielten.
Am schlimmsten traf es Griechenland. Das Land wurde unter Besatzungsrecht gestellt. Die (vor
allem) landwirtschaftliche Produktion musste nach Deutschland abgeliefert worden, die theoreti-
schen Einnahmen wurden mit hohen Besatzungskosten (von Hitler persönlich „Aufbaukosten“
getauft) verrechnet. Das Land musste kostenlos für Deutschland arbeiten und hatte selber kaum
genug zum Überleben. Deshalb ist das Thema deutscher Schulden politisch immer noch aktuell.
In Griechenland kam es nach dem Sturz Mussolinis auch zu Kriegshandlungen mit den Italienern.
Seither war Deutschland die einzige Besatzungsmacht auf dem Balkan.

Die deutsche Besatzungsherrschaft und die Partisanen


Das deutsche Oberkommando hatte damit gerechnet, den Balkan mit 125 000 Mann, einer
halben Division, kontrollieren zu können, aber es brauchte die ganze Division. Zum Be-
satzungsregime gehörte die Beschlagnahme von vor allem landwirtschaftlichen Produkten zur
Versorgung der Wehrmacht und der Heimatfront, aber auch die Stellung von Zwangsarbeitern für
die deutsche Rüstungsindustrie, für die die Herkunftsländer auch noch zahlen mussten. Dazu
gehörten aber auch SS-Einheiten, die im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden, doch
auch als Personal in den Konzentrationslagern. Zum Besatzungsregime gehörte auch die Jagd
auf Juden und ihre Vernichtung. Die Juden im griechischen Makedonien, vor allem die große
sephardische Gemeinde in Saloniki, wurden 1943 mit einem Schlag deportiert und ausgelöscht.
Die kroatische Ustascha war bei der Judenverfolgung aktiv und erfolgreich. Bulgarien und
Ungarn unter Horthy wehrten sich für ihre jüdischen Bürger. Rumänien war besonders antisemi-
tisch und verfolgte auch Roma. Albanien hatte wohl keine größere jüdische Bevölkerung, es sind
aber eine Reihe von Fällen dokumentiert, wo jüdische Flüchtlinge von der Bevölkerung versteckt
und gerettet wurden. Nachdem Ungarn im März 1944 direkt unter deutsche Besatzung gestellt
wurde, halfen die faschistischen Pfeilkreuzler dem deutschen Kommando Eichmann, in Ungarn
400 000 Juden zusammenzutreiben. Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg konnte einige
durch die Ausstellung von schwedischen Schutzpässen retten. Das berüchtigte KZ Mauthausen
war nicht nur für Juden, sondern auch für Partisanen und Oppositionelle aus Balkanländern.
Die andere Seite der Besatzungszeit ist der Partisanenkrieg. Herfried Münkler spricht von
asymmetrischen Kriegen, auf der einen Seite eine hochgerüstete professionelle Armee, auf der
anderen der schlecht bewaffnete und schlecht organisierte Widerstand von irregulären Kämpfern,
die aber in der Zivilbevölkerung verankert sind, von ihr getragen, versorgt und versteckt werden,
die jederzeit irgendwo zuschlagen und angreifen können, die Attentate machen, kleine Gruppen
angreifen, Sprengungen und Anschläge gegen Eisenbahnlinien, Straßen, Brücken, Militäranlagen
durchführen und das Leben der regulären Besatzer gefährden und sie mit dieser Verunsiche-
rung immer wieder zu extremen und brutalen Maßnahmen gegen die schuldig-unschuldige
Zivilbevölkerung herausfordern, zu Massenerschießungen von Geiseln oder zur Auslöschung
ganzer Dörfer. Überall in Europa stolpern wir nachgeborenen Deutschen über die Gedenktafeln,
die an solche Barbareien erinnern. In allen besetzten Balkanländern gab es verschiedene
Widerstands- und Partisanengruppen mit einer regionalen und politischen Basis, die keine
gemeinsame Struktur hatten und sich oft misstrauisch gegenüberstanden. Die von der
Sowjetunion unterstützten kommunistischen Gruppen hatten wohl den Auftrag, sich an die Spitze
der Bewegung zu setzen und den Widerstand zu koordinieren. In Serbien waren die Tschetniks
eine ziemlich brutale nationalistische Gruppe. In Kroatien oder der Slowakei standen die
Nationalisten auf der deutschen Seite und bekämpften die Partisanen. Für die Engländer war die
Partisanenfront auf dem Balkan wichtig, weil sie deutsche Kräfte band. Deshalb unterstützte
England die Partisanen durch Lieferung von Waffen und Material. Ihre Taten führten nach dem
Krieg zu einer reichen Literatur und Filmliteratur über den Krieg auf dem Balkan.

In Griechenland kämpften viele Soldaten und Offiziere der aufgelösten Armee bei den Partisa-
nen, und die Kommunisten konnten keine so dominierende Stellung gewinnen. Nach dem
Rückzug der Deutschen im September 1944 kam es zur Frontstellung zwischen den kommunis-
tischen Partisanen und der sich neu formierenden royalistischen Armee und von 1946 bis 1949
zu einem blutigen Bürgerkrieg, bei dem sich aber die Sowjetunion nicht engagierte, weil nach den
Abmachungen von Jalta Griechenland zu 90% zum Einflussgebiet Großbritanniens gehörte.
Nach einer Volksabstimmung kehrten König Georg II. und seine Exilregierung Papandreou 1946
nach Athen zurück. In Albanien war der Kommunist Enver Hoxha zum Führer der Partisanenbe-
wegung aufgestiegen und übernahm mit den Kommunisten die Macht. Die Großgrundbesitzer
und die bürgerliche Mittelschicht wurden entmachtet und erschossen oder in Lager verbannt.
Die erstaunlichste Karriere war die von Josip Broz, 1892 in Kroatien geboren, der 1934 den
Kampfnamen Tito annahm, als er mit den Kommunisten in den Untergrund ging. Er war für
Jugoslawien und gegen die nationalistische Kleinstaaterei. Sein größter Gegner in der Parti-
sanenbewegung war der Serbe Mihailowić mit seinen Tschetniks, aber Tito setzte sich durch und
wurde Chef der Volksbefreiungsarmee, die sich als ernstzunehmender militärischer Faktor
etablierte und 1943 eine provisorische Regierung für Jugoslawien bildete. Als sich die Deutschen
Ende 1944 zurückzogen, übernahm der Provisorische Rat unter Marschall Tito die Regierung.
Jugoslawien hatte sich aus eigener Kraft befreit. In Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Slowakei,
Tschechien und Polen erzwang Ende 1944 die Rote Armee den deutschen Rückzug, diese
Länder wurden also von der Sowjetarmee befreit, und die sorgte überall dafür, dass die
kommunistischen Partisanenführer politische Schlüsselstellungen erhielten. Das wurde auch
dadurch erleichtert, dass in Jalta diese Staaten zur russischen Einflusssphäre geschlagen
worden waren.

Die Nachkriegsordnung
In ihrem Machtbereich setzte die Sowjetunion möglichst schnell Volksfrontregierungen unter
kommunistischer Führung durch, zuerst in Polen, wo Churchill und Roosevelt in Jalta einer neuen
Regierung unter kommunistischer Führung zustimmten und die bisher anerkannte Exilregierung
fallen ließen. Diese neue Regierung hatte als erstes die Westverlagerung Polens zu organisieren,
die Ansiedlung der Vertriebenen aus dem ehemaligen Ostpolen in den neuen Westgebieten. Ver-
antwortlich dafür war der kommunistische Partisanenführer und Funktionär Władyslaw Gomulka.
Rumänien wurde als erstes Land Ende 1944 befreit. Es musste auf Bessarabien und Gebiete im
Osten verzichten, erhielt aber Siebenbürgen zurück. Chef der Volksrepublik Rumänien wurde
der Kommunistenführer Gheorge Gheorgiu-Dei, zuerst Ministerpräsident und später Staatsrats-
vorsitzender. Auch Bulgarien wurde noch im September 1944 von der Roten Armee besetzt,
obwohl es am Krieg gegen die Sowjetunion nicht beteiligt war. Die Monarchie wurde abgeschafft
und eine neue Regierung unter kommunistischer Führung gebildet. Staatspräsident wurde Georgi
Dimitroff, der kommunistische Parteiführer, der 1933 im Berliner Reichstagsbrandprozess freige-
sprochen worden war, in Moskau für die Komintern gearbeitet hatte und nun mit der Roten
Armee zurückkam. Ungarn wurde im April 1945 von der Roten Armee „befreit“ und wieder auf die
Größe von 1920 reduziert. Das Land wurde nach sowjetischem Vorbild reorganisiert und
verfolgte unter Mátyás Rákosi einen stalinistischen Kurs. Am längsten hielt sich die Volksfront-
regierung in der wiederhergestellten Tschechoslowakei. Die sudetendeutsche Bevölkerung
wurde durch die Beneš-Dekrete enteignet und ausgewiesen. Bürgerlicher Koalitionspartner war
der populäre Jan Masaryk. Anfang 1948 übernahmen die Kommunisten unter Klement Gottwald
endgültig die Macht. Wenig später wurde Masaryk tot im Hof des Außenministeriums gefunden.
Damals hieß es Selbstmord, man geht heute aber von Mord aus.

Die ganzen Staaten gehörten nach den Vorgaben von Jalta zum sowjetischen Machtbereich. Die
Machtergreifung der Kommunisten wurde überall durch die Rote Armee abgesichert. Die Volks-
frontregierungen wurden durch „Volksdemokratien“ ersetzt, die alten Eliten und die Besitzenden
wurden überall enteignet, erschossen oder in Lager interniert, aller Besitz wurde verstaatlicht,
das Agrarland wurde in einem ersten Schritt an die Bauern verteilt, einige Jahre später zwangs-
kollektiviert. Freie Presse und Westkontakte waren unerwünscht und wurden immer stärker ver-
folgt. In einer zweiten Phase nach 1948 fürchtete und verfolgte Stalin die Nationalkommunisten,
die als Partisanen gekämpft hatten und nicht in Moskau geschult worden waren. Sie wurden in
Schauprozessen angeklagt und verurteilt, so in der Tschechoslowakei die Brüder Slánsky, die
hingerichtet wurden, in Polen Gomulka und in Ungarn Imre Nagy, die abgesetzt und unter Haus-
arrest gestellt wurden. Die Sowjetunion war das einzige Vorbild, nationale Abweichungen waren
nicht zulässig. Gleichzeitig wurden Militärpräsenz und Militärkraft ausgebaut, der „Eiserne
Vorhang“ (Winston Churchill 1945) wurde immer undurchlässiger, die Militärgrenze zwischen Ost
und West lief durch Mitteleuropa, und der „Kalte Krieg“ konnte leicht zu einem heißen werden.
Stalin starb am 5. März 1953. Die erste Reaktion im sowjetischen Machtbereich war der Volks-
aufstand vom 17. Juni in der DDR, wo die Arbeiter eine Lockerung der Arbeitsbedingungen
verlangten. Der Aufstand wurde von den Panzern der Roten Armee niedergewalzt. Wegen der
nachfolgenden Repression flohen viele Ostdeutsche in den Westen. Für die westdeutsche Wirt-
schaft war dieser Zuzug ein Segen, für die DDR ein Aderlass, der 1963 zum Mauerbau führte.
Auch in anderen Staaten wurde der Widerstand deutlicher, die nationalkommunistischen Führer
traten wieder in Erscheinung. Im Februar 1956 kritisierte der neue Parteiführer Chruschtschow
die Verbrechen der Stalinzeit. Das führte im Herbst 1956 zu einem Volksaufstand in Ungarn, und
zur Beruhigung berief die kommunistische Partei Imre Nagy zum neuen Ministerpräsidenten.
Nagy wollte sein Land in die Mehrparteiendemokratie und die Neutralität führen, doch auch
dieser Aufstand wurde von der Roten Armee unterdrückt und blutig niedergeschlagen. Imre Nagy
wurde später hingerichtet. Über 200 000 Ungarn flohen über Österreich in den Westen. Der neue
Parteichef Janós Kádár führte zunächst eine repressive Politik, die allmählich zum „Gulasch-
kommunismus“ gelockert wurde. Dabei verschuldete sich Ungarn allerdings zu stark im Westen,
dazu gab es einen großen Reformstau, sodass er seit 1985 von jüngeren Kräften wie Károly
Grosz von der Macht verdrängt wurde.

In der Tschechoslowakei wurde 1968 der stalistinistische Parteichef Novotny durch den slowa-
kischen Reformkommunisten Alexander Dubček ersetzt. Er führte das Land und die Partei in den
„Prager Frühling“, er wollte eine Lockerung im Verhältnis zur Sowjetunion und eine Annäherung
an den Westen. Aber im August 1968 rückten Truppen der Roten Armee und des Warschauer
Paktes, auch aus Polen und der DDR in die Tschechoslowakei ein, Dubček wurde abgesetzt,
sein Nachfolger Gustáv Husák nahm die Reformen zurück, stärkte aber die slowakische Unab-
hängigkeit. In Rumänien war seit 1965 Nicolae Ceauşescu Parteichef. Er betrieb eine Politik der
Distanzierung von der Sowjetunion und war deshalb im Westen zeitweilig recht beliebt, aber nach
innen war er ein brutaler Diktator, der alle anderen Meinungen unterdrückte, der sein Volk durch
Hungern groß und autark machen wollte und für sich selber einen überdimensionierten Palast
bauen ließ. Er wurde 1989 gestürzt und im Dezember erschossen. In Bulgarien war Todor
Schiwkow seit 1962 der starke Mann der kommunistischen Partei. Er stand loyal zur Russland,
es gab sogar Verhandlungen für die Aufnahme als Sowjetrepublik in die Sowjetunion. Bis 1989
gab es keine Reformen und keine nennenswerte Opposition. Der bulgarische Geheimdienst
übernahm sogar besonders schmutzige Operationen (bulgarischer Regenschirm, Papstattentat).
Erst 1989 wurde Schiwkow als Führer der Kommunistischen Partei gestürzt und 1990 vor Gericht
gestellt und wegen Korruption verurteilt. In Griechenland funktionierte die Königsdemokratie mehr
schlecht als recht, bis 1967 die Obristen unter Papadopoulos die Macht ergriffen, die Monarchie
abschafften und eine autoritäre Diktatur einführten, die erst 1974 gestürzt wurde. 1981 wurde
Griechenland als 10. Mitglied in die EWG aufgenommen

Jugoslawien und Albanien


In Jugoslawien hatte die Volksbefreiungsarmee unter Tito die Deutschen ohne sowjetische Hilfe
vertrieben und 1943 eine provisorische Regierung für Jugoslawien etabliert. Tito war Anhänger
eines besseren Jugoslawien und hatte schon in der Volksbefreiungsarmee die Grundlagen dafür
geschaffen, eine Mischung aus regionaler Selbstständigkeit und gemeinsamer Führung. Nach
dem Abzug der Deutschen gab es eine blutige Abrechnung mit den Kollaborateuren. Dazu kam
die Enteignung und Verstaatlichung aller Industrieanlagen, der Banken und der Bergwerke. Die
deutschen Minderheiten wurden enteignet und zur Umsiedlung gezwungen. Die Besitzenden und
die bisherigen Eliten wurden weitgehend ausgeschaltet. 1945 wurde die Föderative Volksrepublik
Jugoslawien ausgerufen. Teilrepubliken mit eigener Verfassung und Regierung und eigenen
Rechten waren Serbien, Kroatien mit der dalmatinischen Küste, Bosnien-Herzegowina,
Slowenien, Montenegro und Mazedonien. Zu Serbien gehörten zwei autonome Provinzen, die
Vojvodina mit einer starken ungarischen Minderheit und das Kosovo mit einer albanischen
Mehrheit. Keine Teilrepublik war ein echter Nationalstaat, alle waren ein kleines Jugoslawien mit
verschiedenen Mehrheiten und Minderheiten. Der Gesamtstaat achtete auf ein gedeihliches
Zusammenleben und auf den Schutz der Minderheiten. Die Klammer für den Gesamtstaat war
die Kommunistische Partei, die straff zentralistisch organsiert war und auch in den Teilrepubliken
das Machtmonopol hatte. Amtssprache war das Serbokroatische, das lateinisch oder kyrillisch
geschrieben werden konnte. Das war ein Zugeständnis an die Religionen, die ansonsten keine
Rolle spielten. Die lokalen Sprachen wie slowenisch, albanisch oder ungarisch durften auch in
der Schule verwendet werden. Eine Vermischung der Volksgruppen war erwünscht. Außenpo-
litisch bewahrte und betonte Tito seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Titoismus war in der
späten Stalinzeit ein schwerer Vorwurf. Tito unterstützte den kommunistischen Aufstand in
Griechenland 1946, und er suchte nach guten Beziehungen zum Westen. Wirtschaftspolitisch
duldete er die kleine Privatwirtschaft auch in der Landwirtschaft. In den Jahren dieses neuen
Jugoslawien hat sich das Verhältnis von Stadt und Land, von Industrie und Landwirtschaft stark
geändert. In den ersten zehn Jahren wurde eine überdimensionierte Schwerindustrie entwickelt,
auch wegen der Unabhängigkeit für die Rüstung. Das transbalkanische Eisenbahnnetz wurde mit
Krediten der Weltbank ausgebaut. Tito beschwor und repräsentierte die Einheit Jugoslawiens,
aber die Verfassungsreform von 1974 verstärkte und zementierte die Stellung der Einzelstaaten,
vor allem auch im schulischen und kulturellen Bereich mit der Betonung der eigenen Sprachen.
So sagte Ivo Andriƈ über seinen Schriftstellerkollegen Miroslav Krleža: Einst ein großer Jugo-
slawe, ist er jetzt ein provinzieller Kroate geworden, etwas gegen das er früher unglaublich stark
angekämpft hatte. Nach Titos Tod 1980 funktionierte der Gesamtstaat immer schlechter. Die
Olympischen Winterspiele in Sarajewo 1984 waren die letzte große Leistung des Gesamtstaates.
Der kroatische Präsident Franjo Tuɗman ebenso wie der serbische Präsident Slobodan Miloševiƈ
verstärkten die Selbstständigkeit ihrer Staaten und die Unabhängigkeit von der Zentralregierung.
Am 25. Juni 1991 erklärten Kroatien und Slowenien ihren Austritt aus dem Staatenbund.

In Albanien hatte der kommunistische Führer Enver Hoxha nach der Vertreibung der Deutschen
die Macht übernommen und eine kommunistische Diktatur eingerichtet. Tito hatte ihm wohl ange-
boten, mit den Albanern aus dem Kosovo und aus Mazedonien eine jugoslawische Teilrepublik
zu bilden, aber Hoxha lehnte ab und brach mit Jugoslawien. Mit Stalin verstand er sich gut. Der
half ihm, eine eigene (und letztlich überdimensionierte) Stahlindustrie aufzubauen. Mit dem
Nachfolger Chruschtschow überwarf sich Hoxha und lehnte sich von 1961 bis 1978 eng an China
an. Danach sah er sein Ziel wie Ceauşescu in Rumänien in der Autarkie, die Albaner waren arm
und von Europa abgeschnitten. Bei jeder Kursänderung wurde es um Hoxha einsamer, weil die
alten Weggefährten verschwanden. Nach dem Tod Hoxhas öffnete sich sein Nachfolger Ramiz
Alia, aber zu langsam und zu halbherzig. So stürzte das kommunistische Regime 1990.
Der Jugoslawienkrieg
Glasnost und Perestrojka haben die Erstarrung der Breschnewzeit gelöst und notwendige Refor-
men angestoßen, aber sie haben auch zum Ende der Sowjetunion und des Ostblocks geführt, im
Nachhinein zu einer kleinteiligeren Renationalisierung. Die Auflösung der Sowjetunion ist weit-
gehend friedlich abgelaufen, in Jugoslawien führte sie zu undurchsichtigen Bündnissen, zu ethni-
schen Säuberungen, zu Umsiedlungen, zu mehreren Kriegen. Die jugoslawische Bundesarmee
war weitgehend serbisch geführt, Kroatien hatte damit begonnen, eigene Streitkräfte aufzubauen.
Mit dem Zerfall Jugoslawiens drehten sich die Werte um: Vorher war das Gemeinsame betont
worden, in der Sprache, im Zusammenleben, im Nebeneinander der Religionen. Mischehen
zwischen den Religionen und den Volksgruppen waren erwünscht, Minderheiten waren geachtet
und geschützt. Jetzt sah sich das Mehrheitsvolk als Nation, seine Religion als privilegiert, die
Minderheiten als mehr oder weniger geduldet. Jugoslawisch gemeinsam war kein positiver Wert
mehr, sondern ein Makel. Das galt insbesondere in Bosnien, wo sich zwar Kroaten und Serben
feindlich gegenüber standen, aber beide mit Verachtung auf die „Muslime“ heruntersahen. Dazu
kam, dass jede Nation in den anderen Republiken Minderheiten hatte, und dass Kroatien wie
Serbien eine Vergrößerung anstrebten und diese Gebiete beanspruchten. So gab es im
Bosnienkrieg Verhandlungen zwischen Tuɗman und Miloševiƈ über eine Aufteilung von Bosnien-
Herzegowina, und heute ist das Land eine föderative Republik, aber ein Drittel ist die Republik
Srpska, die sich nicht an der Gesamtregierung beteiligt und sich Serbien anschließen will. Die
Kroaten und die Muslime bilden den gemeinsamen Staat, aber arbeiten auch oft gegeneinander,
wie etwa in Mostar. Das Dayton-Abkommen von 1995 zum Abschluss des Krieges wurde von
Tuɗman, Miloševiƈ und dem bosnischen Präsidenten Alija Izetbegović unterschrieben. Bosnien-
Herzegowina bleibt also ein Sprengsatz in der Nachkriegsordnung. Ähnlich ist es mit dem Koso-
vo: die Albaner wollen einen eigenen Staat, aber Serbien hat seinen Anspruch nicht aufgegeben
und nutzt die serbische Minderheit, um immer wieder zu protestieren und einzugreifen.

Insgesamt haben die Jugoslawienkriege zu Bevölkerungsverschiebungen geführt, Serben sind


aus Kroatien und Kroaten aus Serbien umgesiedelt worden. Es sind dabei schwere Kriegsver-
brechen begangen worden, so etwa von Kroaten in der serbisch besiedelten Krajina. Die
serbische Armee hatte kroatische Städte wie Zagreb und Vukovar beschossen. 1994 beging die
serbische Armee in der bosnischen Stadt Sebrenica ein Massaker an der muslimischen
Bevölkerung. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden spät, aber gründlich vom
Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien untersucht und die militärischen
Führer als Kriegsverbrecher verurteilt. Aber in ihren Herkunftsstaaten gelten sie als Helden.

Der Balkan und die Europäische Union


Europa hat dem Jugoslawienkrieg hilflos und fassungslos zugesehen. Es gab Versuche zu helfen
und die Not zu lindern, etwa in Baden-Württemberg gab es 1991/92 viele nichtoffizielle Flüchtlin-
ge aus Kroatien, und Deutschland stand sehr auf der Seite der Kroaten. Der Außenminister
Genscher preschte bei der Anerkennung eines unabhängigen Kroatiens vor, Frankreich war
zögerlicher. Für Deutschland ist es ein gewisses Problem, dass sich die Slowakei (seit 1993
unabhängig) und Kroatien gern auf ihre national-faschistische Unabhängigkeit unter deutschem
Schutz berufen. Für die EU ist der Wiederaufbau im ehemaligen Jugoslawien eine wichtige
Aufgabe, und es ist auch klar, dass alle Balkanländer über kurz oder lang in die EU aufge-
nommen werden sollten. Dazu gehört jedoch ein funktionierendes demokratisches System, ein
klarer Schutz für Minderheiten, eine unabhängige Rechtsordnung, eine Anerkennung der über-
staatlichen Ordnung. Aber dem steht die politische (Nicht-)Ordnung in diesen Ländern entgegen.
Ungarn und die Slowakei sind EU-Mitglieder seit 2004, aber sie sind schwierig, etwa in der
Flüchtlingsfrage. Rumänien ist Mitglied der EU seit 2007, aber es gilt als korrupt und unfähig,
dazu kommt das Problem der Roma-Minderheit. Ein Beitritt Bulgariens ist 2011 hinausgeschoben
worden, weil die politische Ordnung zu unsicher schien. Serbien ist Kandidat, nachdem es dafür
Kriegsverbrecher für den internationalen Gerichtshof ausgeliefert hat. Das Kosovo gilt als der
korrupteste Staat und als zentral im Drogengeschäft. Mazedonien hat sich jetzt im Dauerstreit mit
Griechenland auf den Namen Nordmazedonien geeinigt. Montenegro bescheinigt die Europä-
ische Kommission große Fortschritte. Kroatien und Albanien stehen in Verhandlungen und unter
Beobachtung. Balkanländer und EU, das ist ein schwieriger Annäherungsprozess.

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