Balkanlaender
Balkanlaender
Dienstag, 7. 11. 17 :
Vorindoeuropäische Bevölkerung – Pelasger. Das Problem der Indoeuropäer, Herkunft,
Wanderungen, Verwandtschaft, indoeuropäische Sprachwissenschaft. Griechen, Illyrer und Thraker.
Kelten und Römer/Italiker.
Die mögliche
Wanderung
der Indoeuropäer
(Kurgan-Hypothese)
Wanderung
zwischen
4400
und 2200
Die Pelasger
Es gab eine europäische Urbevölkerung, ob einheitlich oder eher differenziert, von der wir wenig
wissen und nur einige steinzeitliche Spuren haben, so etwa in der 1980 im Badischen Landes-
museum gezeigten Ausstellung der <Kunst Sardiniens> oder in der (auch in Karlsruhe gezeigten)
minoischen Kultur. Sprachliche Reste vermuten die Wissenschaftler in alten Berg- und
Gewässernamen. Bei Homer finden wir für eine vorgriechische Bevölkerung in Griechenland den
Namen Pelasger. Aber wir wissen nicht, wie ausgedehnt das Siedlungsgebiet der Pelasger war.
Die Indoeuropäer
Im Jahr 1816 veröffentlichte der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp sein grundlegendes
Werk Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechi-
schen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, in dem er aufzeigte, dass die Mehrheit
der europäischen Sprachen, das Persische und das Sanskrit urverwandt sind, in Strukturfragen wie
der Konjugation, aber auch im Wortschatz eine gemeinsame Basis haben. Bopp wählte für diese
Die Sprachfamilien sind entstanden, indem sich zuwandernde Völker mit der vorhandenen Bevölke-
rung vermischten. Als Urheimat der Indoeuropäer gilt das Steppengebiet zwischen Ural und Ukraine.
Die Worte Pflug, Rad, Wagen, Achse, Joch, Deichsel, aber auch Gold, Silber, Kupfer, finden sich in
so vielen Sprachen, dass man von einer gemeinsamen Grundlage ausgeht. Daraus schließt man,
dass sie den Wagen als Transportmittel kannten, dass sie mehr Viehzüchter als Ackerbauern waren,
dass sie Pferde hatten und reiten konnten. Die Indoeuropäer waren Halbnomaden. Wichtig ist, dass
sie sich zwar mit der ansässigen Bevölkerung vermischten und auch Wörter übernahmen, aber im
Grundsatz doch ihre Sprachstruktur beibehielten und durchsetzten. Die indoeuropäische Sprach-
wissenschaft ist ungeheuer interessant, aber sie beruht auf intensiven vergleichenden Forschungen,
nicht auf historisch gesicherten Ergebnissen. Die geschichtliche (schriftliche) Überlieferung im
nördlichen Mittelmeerraum setzt dann zuerst nach 800 in Griechenland ein, als diese Vorgänge längst
abgeschlossen waren.
Das erste indoeuropäische Großreich ist das Reich der Hethiter in Kleinasien, etwa 1400 – 1100, das
mit Ramses II. von Ägypten Krieg führte und 1274 den ersten schriftlich erhaltenen Friedensvertrag
abschloss. Für Griechenland kennen wir die Chronologie etwas besser. Auf Kreta haben wir die
vorindoeuropäische minoische Kultur mit Funden zwischen 2600 und 1600. Die Minoer hatten eine
aus dem Osten übernommene Schrift Linear A, und die Texte sind in einer altmediterranen Sprache
geschrieben. Zwischen 1700 und 1200 kennen wir die mykenische Kultur (nach dem wichtigsten
Fundort Mykene auf der Peloponnes). Sie hat uns Texte in der Schrift Linear B hinterlassen, und
diese Texte sind eindeutig indoeuropäisch-vorgriechisch. Die Funde zeigen das Leben einer feudalen
Oberschicht. Zu den Funden gehört die von Schliemann ausgegrabene Goldmaske eines Herrschers,
die Goldmaske des Agamemnon. Etwas später haben wir die Stadtgründungen der Jonier an der
griechischen Ostküste (Attika) und der kleinasiatischen Westküste (in alten Schulbüchern die jonische
Wanderung). Später, zwischen 1100 und 900, drangen die Dorer von Norden auf die Peloponnes.
Nach älterer Ansicht überrannten sie die mykenische Kultur, aber heute ist man der Meinung, ihr
Eindringen sei langsamer und weniger kriegerisch-brutal gewesen. Die griechische Schrift ist um 800
aus der phönizischen Schrift weiterentwickelt worden und ist die erste echte Alphabetschrift mit 24
Zeichen, auch für die Vokale. In den vor 700 aufgezeichneten Werken Homers, der Ilias und der
Odyssee, sind viele sagenhafte Elemente für die frühere Zeit enthalten.
Die Illyrer
Die Illyrer waren keine direkten Nachbarn der Griechen, dazwischen lag Makedonien und der Epirus.
Trotzdem haben wir ab etwa 430 kontinuierliche Nachrichten in griechischen Quellen. Das hängt mit
den Griechenstädten an der Adria zusammen, mit Apollonia und Epidamnos-Dyrrhachium. Mit dem
Streit um Epidamnos lässt Thukydides den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta
beginnen. Im folgenden Jahrhundert stieg Makedonien zur führenden Macht auf, und das vor allem im
Kampf mit den Illyrern. Philipp von Makedonien wurde 359 nach einer schweren Niederlage gegen
die Illyrer König und musste eine illyrische Prinzessin heiraten. Makedonien wie der Epirus waren
dem illyrischen König Bardylis tributpflichtig.
Aber die Illyrer hatten noch an einer weiteren Front zu kämpfen. Eine neue indoeuropäische Welle
war über den nördlichen Mittelmeerraum hereingebrochen, die Kelten. Sie eroberten Gallien und
drangen über die Alpen in die Poebene vor. 387 bedrohten sie Rom. Seit etwa 400 zogen sie der
Donau entlang nach Osten und stießen dabei auf die Illyrer. Die Kämpfe sind nicht dokumentiert, aber
die Galater sind ein keltischer Stamm, der 278 auf Einladung des Königs von Bithynien nach
Kleinasien übersetzte. Gleichzeit schlugen und töteten andere Kelten den makedonischen König und
drangen bis nach Delphi vor.
Philipp von Makedonien nutzte 359, dass der illyrische König im Norden gebunden war und baute
sein Heer neu auf (die makedonische Phalanx). So konnte er 358 die Illyrer schlagen und mit den
Makedonen zur stärksten Militärmacht aufsteigen. Sein Sohn Alexander zerschlug und übernahm
das persische Großreich, Mesopotamien und Ägypten. Die südlichen Illyrerstämme waren ebenso wie
der Epirus von dem neuen Großreich abhängig, nach dem Auseinanderbrechen des Alexanderreichs
in Diadochenreiche von Makedonien. Nach 300 zerfiel die illyrische Einheit. An der Donau bildete sich
ein Königreich der Dardanen und im Südwesten das Königreich der Taulantier mit den Griechen-
städten Dyrrhachium und Apollonia, aber auch mit eigenen Städten und einer wirtschaftlichen Blüte.
Für den Handel in der Adria hatten die Taulantier einen beweglichen Schiffstyp, die Lembe, einen
Schnellruderer, der ebenso für den Handel wie für die Seeräuberei eingesetzt werden konnte. Die
Grenzen waren da fließend. König der Taulantier war seit 250 Agron, nach seinem Tod 230 seine
Frau, die Königin Teuta (gesprochen Te-uta), für den Sohn Pinnes.
Die Unterwerfung: der zweite und der dritte makedonische Krieg (200 – 167)
Hannibal war 201 bei Zama endgültig geschlagen worden, und schon 200 wollten die Römer mit
gewaltigem Aufwand die Verhältnisse auf dem Balkan endgültig regeln. 197 wurde Philipp V. von
Makedonien geschlagen und musste auf die indirekte Herrschaft über Griechenland verzichten,
Illyrien auf die Küsten an der Adria und damit auch auf die wirtschaftlich starken Städte und den
Handel. 196 verkündete der Konsul Flaminius bei den Isthmischen Spielen in Korinth die Freiheit aller
Helenen, was aber nur die direkte Abhängigkeit von Rom bedeutete. Doch der Friede hielt nicht
lange. Der neue makedonische König Perseus bereitete sich auf die Verteidigung seiner
Unabhängigkeit vor, und so kam es 170 zum dritten makedonischen Krieg, mit dem die illyrische und
die makedonische Monarchie abgeschafft wurden. Makedonien und Illyrien wurden in „freie“ Zonen
eingeteilt, die von römischem Militär kontrolliert wurden und denen der wirtschaftliche und politische
Verkehr untereinander verboten war. Die Zonen waren der römischen Verwaltung tributpflichtig, sie
waren keine Staaten und hatten keine zentrale Autorität. Dafür förderte Rom die Unabhängigkeit und
Selbstverwaltung der Städte und der kleinen Aristokraten.
Rom galt auch den Römern als Machtstaat, der seine Erfolge einer überlegenen Militärmaschinerie
verdankte, der mit dem Machtzuwachs keine Sendung verband, für den die eroberten Gebiete vor
allem der Ausbeutung, dem wachsenden Reichtum der Führungsschicht diente. Das Latein galt als
Bauernsprache, mit dem feine und differenzierende Unterscheidungen nicht ausgedrückt werden
konnten, und noch weniger kulturelle Inhalte. Die römische Elite, die Söhne des Senatsadels wurden
von griechischen Freigelassenen in Schulen oder im Privatunterricht in Griechisch und Rhetorik
ausgebildet. Homers Ilias und Odyssee waren – auf griechisch – wichtiger klassischer Lehrstoff, den
man auswendig zu deklamieren lernte, für die praktische Ausbildung war Rhetorik sehr wichtig, und
dafür griff man auf griechische Philosophie und Sophistik zurück, auf Argumentationsmuster und
Zitate. Auch die Welt des Theaters war griechisch, Aischylos, Aristophanes und Sophokles waren die
meistgespielten Autoren. Zum Abschluss der Ausbildung gehörte ein Studienjahr vorzugsweise in
Athen. Ein vornehmer Römer legte sich eine Bibliothek zu, Schreibwerkstätten zum Kopieren von
Büchern hatten Konjunktur, und alles war griechisch geschrieben. Die römische Elite wurde also
zweisprachig erzogen, und Griechisch war die Sprache der Bildung und der Kultur. Wir wissen das,
weil etwa Marcus Porcius Cato später gegen die Vorherrschaft des Griechischen wütete. Die Römer
hatten gegenüber den Griechen ein gewisses Unterlegenheitsgefühl, Griechenland war die geistige
Heimat, die Verbindung nach Griechenland war wichtig, und die griechische Empfindlichkeit wurde
geschont, die Besonderheit anerkannt. Für die römische Führung wurde der problemlose Kontakt
nach Griechenland immer wichtiger.
Die nächste und schnellste Verbindung nach Griechenland war die Via Egnatia, um 146 von Gnaeus
Egnatius angelegt. Per Schiff war Brindisium mit Dyrrhachium oder Apollonia verbunden, den alten
Griechenstädten, und von dort führte die Straße über das bergige Grenzgebiet zwischen Illyrien,
Makedonien und Nordgriechenland nach Thessaloniki und weiter bis Byzanz. Wie wichtig die
Verbindung war, zeigt sich auch noch heute an den zahlreichen baulichen Spuren. Die Straße war
von Anfang an eine Verkehrsader, auf ihr verfolgte Caesar Pompeius, bevor er ihn im August 48 bei
Pharsalos schlug, aber sie war auch noch später für das Oströmisch-byzantinische Reich wichtig.
149 bis 146 wurde im Dritten Punischen Krieg Karthago als Konkurrenz endgültig ausgeschaltet und
zerstört. Im gleichen Jahr 146 wurde aber auch Korinth zerstört, nachdem der Achaische Bund sich
gegen die römische Oberherrschaft gewendet hatte. Korinth gehörte zu den wichtigen und schöneren
griechischen Städten. Es wurde exemplarisch zerstört und wie Karthago zum ager publicus, zum
öffentlichen landwirtschaftlichen Besitz erklärt. Die Kunstwerke wurden nach Rom geschafft und dort
in die Villen der vornehmen Römer verkauft, ebenso die Einwohner als Sklaven. Die Zerstörung
Korinths war eine Warnung an das übrige Griechenland, was passieren würde, wenn man sich mit
der bescheidenen Scheinselbstständigkeit nicht zufrieden gäbe. Diese wurde immer weiter
eingeschränkt, bis Augustus 27 v. Chr. das ganze Griechenland in der senatorischen Provinz Achaia
zusammenfasste.
Rom beherrschte zwar inzwischen den westlichen und den mittleren Mittelmeerraum, aber es sah die
neuen Provinzen als Privatbesitz Roms, und Rom wurde repräsentiert durch den senatorischen Adel,
die Oberschicht, die sich die Posten in der Provinzverwaltung gegenseitig zuschob und sich dabei
schamlos und straflos bereicherte. Der römische Schriftsteller Sallust hat das in seiner Schrift zum
Jugurthinischen Krieg im Detail geschildert. In Spanien hatte die Praxis im ersten Jahrhundert zu
einem Daueraufstand geführt. Trotzdem wuchs das Reich allmählich zusammen. In Italien war nach
dem Bundesgenossenkrieg 91 – 88 das römische Bürgerrecht auf die italischen Städte ausgedehnt
worden, und in den Provinzen wurde es verdienten Parteigängern verliehen. Das Bürgerrecht war ein
starker Schutz, ein echtes Privileg, weil römische Bürger nicht willkürlich verhaftet und nicht
hingerichtet werden durften. Der Jude Paulus sprach als Muttersprache griechisch und fühlte sich als
römischer Bürger. Es gab also eine wenn auch langsam fortschreitende Romanisierung.
Gleichzeitig wurde in Rom die Lage der kleinen Leute, der Plebejer, immer schwieriger, weil die
Konkurrenz der sklavenbetriebenen Großlandwirtschaften (Latifundien) und Wirtschaftsbetriebe die
kleine Landwirtschaft und das kleine Handwerk zum Erliegen brachten. Immer mehr Plebejer in Rom
waren auf Getreidespenden und auf Geldzuwendungen angewiesen, und zu ihrer Ruhestellung
wurden immer aufwendigere Spiele durchgeführt (die Politik von <Brot und Spiele>). Einsichtigen
Politikern wie den Gracchen war es klar, dass die Bedingungen in Rom wie das Verhältnis zu den
Provinzen grundlegend neu geordnet werden mussten, aber sie scheiterten an der Senatsaristokratie.
Sulla konnte 80 v. Chr. die Herrschaft des Senats noch einmal absichern und zementieren. Sulla
selbst und später Pompeius unterwarfen den hellenistischen Osten, das nicht reformierte Rom
herrschte jetzt über den ganzen Mittelmeerraum, neue Reichtümer und Einflüsse strömten nach Rom,
und Griechenland, Makedonien und Illyrien waren nicht mehr der Ostrand des römischen Reiches,
sondern die Mitte, sowohl geographisch als auch geistig-ideologisch als Brücke zwischen der
hochdifferenzierten hellenistischen Welt des Ostens und dem gleichzeitig mächtigen und
unbedeutenden Rom.
Die caesarfeindliche Mehrheit lehnte ab und forderte Caesar auf, nach Ablauf seines Kommandos
nach Rom zurückzukehren und sich den Anklagen zu stellen. Caesar kam, aber nicht allein, sondern
mit einer Legion. Als er den Rubikon überschritt, beging er einen weiteren Rechtsbruch, denn Italien
und Rom durften nicht mit Truppen betreten werden. Er marschierte zügig auf Rom, seine Gegner
konnten so schnell keine Gegenwehr organisieren und flohen in die Provinzen. Caesar wurde in Rom
von den verbliebenen Senatoren und durch die Volksversammlung zum Diktator gewählt, eigentlich
ein Amt für den Notfall und für nur sechs Monate.
Sein gefährlichster Gegner war Pompeius, der als größter Feldherr Roms galt. Pompeius war nach
Illyrien geflohen und sammelte dort Truppen. Caesar, der sich verstärkt hatte, belagerte ihn in
Dyrrhachium, aber er war zu schwach und die Belagerten zu gut versorgt. So musste er die
Belagerung abbrechen. Pompeius verstärkte sich mit Truppen aus Makedonien, Cäsar mit seinen
bewährten Legionen aus Gallien. Pompeius, der seinen gemischten Truppen nicht traute, wich einer
Schlacht immer wieder aus, aber schließlich kam es bei Pharsalos am 9. August 48 zur
Entscheidungsschlacht. Caesar konnte das doppelt so starke Heer des Pompeius mit geringen
eigenen Verlusten besiegen, Pompeius floh weiter bis nach Ägypten, wo er von Untergegebenen des
Pharao Ptolemaios XIII umgebracht wurde. Pharsalos war die Entscheidung, auch wenn der
Bürgerkrieg noch bis 45 weiterging. Caesar nahm die besiegten Senatoren wieder in den Senat auf
(Caesars clementia), und an den Iden des März 44 wurde Cäsar von einer verschworenen Minder-
heit im Senat mit Dolchstichen getötet, weil er gegen die Republik gearbeitet und nach der Krone
gestrebt haben sollte. Aber Caesars Feldherr Marcus Antonius konnte als faktischer Erbe die Macht
in Rom übernehmen und die Caesarmörder vertreiben.
Als Octavian nach Rom kam, war Marcus Antonius der Mitkonsul Caesars und so der tatsächliche
Machthaber, der politische Erbe Caesars, und die Caesarmörder wurden gnadenlos verfolgt und
waren in die Provinz geflohen. Er verweigerte dem plötzlich auftretenden Erben das Privatvermögen,
aber Octavian, um den sich Berater Cäsars ebenso scharten wie der Republikaner Cicero oder
Freunde wie Maecenas und Agrippa, zahlte aus seinem eigenen Vermögen die Legate für Veteranen
wie für den populus Romanus aus und schuf sich so eine Anhängerschaft. Während Marcus Antonius
in Gallien gegen Decimus Brutus kämpfte, stellte Octavian in Italien ein Heer mit caesarianischen
Veteranen auf, und Cicero, der eine Armee gegen Marcus Antonius wollte, legitimierte dieses
Vorgehen im Senat, machte den 20-Jährigen zum Senator und verschaffte ihm ein offizielles
Kommando. Octavian schlug Marcus Antonius 43 in der Schlacht von Mutina-Modena, und weil ihn
der Senat nicht zum Konsul machen wollte, besetzte er Rom und erzwang seine Ernennung. Dann
schloss er sich mit Marcus Antonius und dem General Lepidus zum zweiten Triumvirat zusammen,
die drei übernahmen für zweimal fünf Jahre unkontrolliert die Macht, und ihre Gegner wurden mit
Proskriptionen gejagt und umgebracht, so auch Cicero. Im Jahr 42 besiegten Octavian und Marcus
Antonius gemeinsam in der Schlacht von Philippi an der Via Egnatia die Caesarmörder Brutus und
Longinus und entschieden so das Ende der Republik.
An der Seite Octavians stand als Berater und als Organisator immer Agrippa, im militärischen wie im
administrativen Bereich. 39/38 war er für ein Jahr in Gallien, stellte dort die Ruhe wieder her, die unter
dem Bürgerkrieg gelitten hatte, überquerte erstmals seit Caesar den Rhein, gründete dazu Köln
(später nach seiner Enkelin Colonia Claudia Ara Agrippinensum benannt) und ließ das Straßennetz
ausbauen und erweitern. 37 wurde Agrippa Konsul und mit dem Aufbau einer neuen stärkeren Flotte
betraut, mit der er 36 Sextus Pompeius besiegte. 35 – 33 führten Octavian und Agrippa einen
schweren und blutigen Feldzug in Illyrien, die Unterwerfung bis zur Donau, die Caesar vorgeschwebt
hatte. Es war ein undankbarer Krieg, denn die Dalmater und Dardaner hatten der römischen
Militärmaschinerie nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen, es gab keine großen Siege zu feiern,
aber Dorf für Dorf und Siedlung für Siedlung mussten erobert und meistens zerstört werden. Der
Feldzug war erfolgreich, aber das so eroberte Land war zerstört und weitgehend unbewohnbar, die
verbliebene Bevölkerung verarmt und verbittert. Vermutlich war Caesar beim Krieg in Gallien sehr viel
vorsichtiger und diplomatischer vorgegangen, aber der Bürgerkrieg mit seinen Grausamkeiten hatte
vielleicht die Grenzen verschoben. Danach kehrte Agrippa nach Rom zurück und arbeitete dort für
die Verbesserung der Infrastruktur, Straßen, Wasserleitungen, Großbauten, Parks und vor allem eine
Abwasserleitung, die Cloaca Maxima. Im Jahr 31 kam es zum Endkampf mit Marcus Antonius.
Octavian konnte das Heer des Marcus Antonius am Ambrakischen Golf in der Adria einschließen.
Marcus Antonius wollte seine Leute mit der Flotte befreien, wurde aber in der Seeschlacht von Actium
von Agrippas Flotte geschlagen. Er floh nach Ägypten und endete dort wie seine Geliebte Kleopatra
durch Selbstmord. Damit war Octavian mit 32 Jahren Alleinherrscher, und Agrippa war sein
Stellvertreter.
Eine wichtige Reform war die Neueinteilung der Provinzen. Die Reichsgrenze waren der Rhein und
die Donau. Die Provinzen wurden nun nach einheitlichen Richtlinien von ernannten Beamten ver-
waltet, die für ihre Tätigkeit verantwortlich waren und kontrolliert wurden. Das neue Römische Reich
war eine große Wirtschaftsgemeinschaft, der Handel unter den Provinzen und über das Mittelmeer
wurde gefördert. Ein wichtiges praktisches Problem war die Getreideversorgung von Rom, denn
Brotknappheit konnte zu Unruhen und Aufständen in der Hauptstadt führen. Die neuen etwa gleichen
Provinzen waren eingeteilt in senatorische und kaiserliche (in der Karte gelb). Die senatorischen, in
der Regel mit wenig Militär, wurden vom Senat verwaltet und besetzt, die kaiserlichen von Augustus.
Das waren vor allem die Provinzen am Rhein und an der Donau mit starker Militärpräsenz. Einen
Sonderstatus hatte Ägypten. Es galt als Privatbesitz von Augustus, und Senatoren durften sich dort
nur mit kaiserlicher Genehmigung aufhalten.
Zur Augustuszeit gehört auch das Erstarken des Lateins als Literatursprache. Caesar, Sallust, Livius,
Tacitus waren glänzende Autoren, Cicero wurde mit seinen Reden zum Modell für die Rhetorik-
Ausbildung, Terenz und Plautus schrieben lateinische Theaterstücke, Horaz, Virgil und Ovid galten
als glänzende Poeten, auch wenn Ovid 8 n. Chr. von Augustus an die Schwarzmeerküste verbannt
wurde, vermutlich, weil er in die Sexspiele der jüngeren Julia verwickelt war.
Putz-
ger
Jubilä
ums-
aus-
gabe
86.
Aufl.
Das
Römi-
sche
Welt-
reich
seit
Augus
-tus
Aus-
schnitt
Augustus adoptierte die Söhne Gaius und Lucius und kümmerte sich um ihre Erziehung. Aber seine
Frau Livia drängte darauf, ihre beiden Söhne Tiberius und Drusus, die das militärische Handwerk bei
Agrippa gelernt hatten, stärker in die Familie und die Nachfolge einzubinden. Der ältere Tiberius
musste sich von Vipsania, einer Tochter Agrippas aus erster Ehe, scheiden lassen und Julia hei-
raten. Der jüngere Drusus war mit Antonia, der Tochter des Marcus Antonius mit Octavia, verhei-
ratet. Augustus wollte also die Familie durch diese Heiraten eng miteinander verschränken. Die Ehe
von Tiberius mit Julia war unglücklich, das einzige Kind starb nach der Geburt, und Tiberius, den
Augustus für den Schuldigen an den Zerwürfnissen ansah, zog sich aus dem aktiven Leben zurück
ins freiwillige Exil nach Rhodos, während Julia zunehmend unvorsichtig ein freies Liebesleben in Rom
führte. 2 [Link]. griff der sittenstrenge Augustus durch, verbannte Julia auf die Insel Pandataria,
enterbte sie und ließ einige ihrer Liebhaber beseitigen. Tiberius durfte 2 [Link]. als Privatmann zu-
rückkehren, aber dann starb Lucius und 4 [Link]. auch Gaius, und damit war die Nachfolge wieder
offen. Drusus war schon 9 [Link]. gestorben, sein 15 geborener Sohn Germanicus zeigte vielver-
sprechende Ansätze. Augustus adoptierte Tiberius, und Tiberius musste Germanicus adoptieren.
Damit schien die Nachfolge geregelt.
Tiberius war ein guter Feldherr, aber auch ein hervorragender Administrator. Die Lage der
Provinzen südlich der Donau, die die Karte zeigt, geht auf seine Entscheidungen zurück. Aus
dem nördlichen Illyrien wurde die Provinz Pannonien, östlich davon wurde entlang der Donau die
Provinz Moesia (nach dem thrakischen Stamm der Moesier) eingerichtet. Südlich davon war das
thrakische Königreich der Odrysen, ein Klientelkönigreich, das 44 unter Kaiser Claudius als
Provinz Thrakia übernommen würde. Die Thraker waren auch Indoeuropäer, ihre Unterwerfung
und Eingliederung ins Römische Reich machte aber keine Schlagzeilen. Das südliche Illyrien
erhielt den Namen Dalmatia, man wollte vielleicht den Namen Illyrien vermeiden. Tiberius
beseitigte einige Unzulänglichkeiten der römischen Verwaltung, aber vor allem baute er die
Donaugrenze militärisch aus mit Garnisonen und mit Straßen entlang der Donau, aber auch an
die Adria. Sein Wirken war erfolgreich, denn im folgenden Jahrhundert gab es keine Unruhen
mehr, das Land blühte auf. Das Albanische als Nachfolgesprache des Illyrischen weist eine
Menge Lehnwörter aus dem Lateinischen auf, vor allem aus den Bereichen Großlandwirtschaft
und Bau. Kultur und Bildung wurden latinisiert, doch die Volkssprache wurde nicht (wie in Gallien)
verdrängt.
Das zweite Jahrhundert, die Zeit der Ädoptivkaiser, gilt als Silbernes Zeitalter (nach dem Golde-
nen unter Augustus), Hadrian und Antoninus Pius führten keine Krieg, aber Mark Aurel kämpfte
fast seine ganze Regierungszeit über an der Donau gegen eindringende Germanen und starb
180 in Wien. Danach wurde die Kaiserwahl immer stärker von der Armee übernommen, man
spricht von Soldatenkaisern, aber seit 250 lag die Regierung faktisch bei einem Rat aus Gene-
rälen, die einen der ihren zum Kaiser bestimmten, und diese Generalität war illyrisch. Auch
Diokletian, der 285 Kaiser wurde und das Reich reformierte, war Illyrer, ebenso der von ihm
ausgesuchte Nachfolger Constantius und dessen Sohn Constantin, der dem Reich eine zweite
Hauptstadt Konstantinopel bescherte und damit den Balkan als Verbindung von Ost und West
noch mehr in die Mitte rückte.
Diokletian hat die Verwaltung reformiert, die Provinzen verkleinert und zu Diözesen zusammen-
gefasst. Dabei wurde der Balkan geteilt. Illyrien gehörte zu Italien, die andere Hälfte zu Mazedo-
nien. Entlang dieser Grenze wurde dann auch 395 zwischen Westrom und Ostrom geteilt.
Konstantin hat auch das Christentum als
Religion zugelassen und gefördert, und
unter seinen Nachfolgern wurde es zur
Staatsreligion. Jede Stadt hatte einen
Bischof, die Provinz einen Oberbischof,
die Diözese einen Patriarchen. Sie waren
kirchliche Würdenträger, aber auch in
staatlichem Auftrag tätig und dem Kaiser
zum Gehorsam verpflichtet. Die Sprache
der Christen war griechisch, aber der Bi-
schof von Rom und Patriarch förderte das
Latein als Kirchensprache und damit seine
Unabhängigkeit.
Gleichzeitig mit den Slawen tauchten die Awaren auf, nach vorherrschender Meinung ein mongo-
lischer Stamm, der sich mit den übriggebliebenen Hunnen Attilas verband und in Pannonien ein-
drang und siedelte. Sie führten Raubzüge bis nach Konstantinopel, nach Italien und ins Fränki-
sche Reich und forderten entprechende Gegenmaßnahmen heraus. Sie hatten auch ein Problem
mit den Slawen, die gleichzeitig mit ihnen in den Raum eindrangen, von ihnen versklavt wurden
und sich in Aufständen gegen ihre Herren wehrten. Um 700 umfasste das awarische Reich im
Wesentlichen das heutige Österreich, die Slowakei, Slowenien, Ungarn und Rumänien. Byzanz
wehrte sich gegen das Vordringen der Awaren, aber vor allem das Frankenreich unter den
Karolingern kämpfte gegen sie. 795/6 führte ein Angriff König Pippins, des Sohnes Karls des
Großen, zur Erstürmung der awarischen Hauptfestung (bei Budapest), und der überreiche
Awarenschatz fiel in die Hände der Franken. Er wurde nach Aachen gebracht und dort unter die
Großen verteilt. Danach zerfiel das Awarenreich, die unterdrückten Slawen setzten sich durch,
vor allem Serben, Kroaten und Slowenen.
Insgesamt wissen wir über die slawische Landnahme sehr wenig. Sie waren in Stämme geglie-
dert, aber ob sie sich vor oder nach der Wanderung trennten, ist nicht klar. Die Stämme waren
eine Großorganisation, aber kein staatlicher Zusammenhalt, keine gemeinsame Autorität, keine
Monarchie, nicht einmal eine Verteidigungsgemeinschaft. Wie stark die vorhandene Bevölkerung
war und wie mit ihr umgegangen wurde, ist nicht bekannt. Allerdings setzte sich überall die
slawische Sprache durch, außer in Rumänien, wo sich das ländliche Latein erhielt. Die Slawen
waren wohl ursprünglich schlechte Landwirte, deshalb hatten sie gewaltigen Landhunger, und
(nach Prokop) lebten die einzelnen Sippen in großem Abstand voneinander. Noch weniger im
Fokus ist die andere Seite ihrer Ausdehnung in den großen russischen Raum bis zu den Karpa-
ten. Zeitlich wird die slawische Landnahme auf die Zeit zwischen 500 und 700 datiert. Versuche
etwa der polnischen Forschung in der kommunistischen Zeit, die Polen zu einer autochthonen
Urbevölkerung zu erklären, die schon immer dort gewohnt hat, haben sich nicht durchgesetzt.
Das glagolitische (später kyrillische) Alphabet war wie ein Maßanzug für das Slawische. Während
in der lateinischen Kirche mit der Festlegung auf das „heilige“ Latein die Volkssprachen ausge-
schaltet wurden, öffnete das „Altkirchenslawisch“ den Weg zu einer volkstümlichen Religion, zu
Vertrauen in die und Heimat in der christlichen Verkündigung. Darüber hinaus hat das Altkirchen-
slawische eine ungeheure Bedeutung für die Schriftlichkeit im slawischen Raum, für die Alphabe-
tisierung und Literarisierung erhalten. Nicht umsonst steht das Studium des Altkirchenslawischen
bis heute am Anfang jeder slawistischen Philologie. Die Ausgliederung der slawischen Sprachen
erfolgte auf dieser gemeinsamen Basis. Deshalb sind Kyrill und Method die „Slawenapostel“,
auch wenn ihr unmittelbarer Wirkungskreis eingeschränkt war und durch die lateinisch-deutsche
Kirche abgewürgt wurde.
Edgar Hösch: Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Beck 1999
Volkshochschule Karlsruhe 181-24042 1. Semester 2018 Hansjörg Frommer
Dienstag, 6. 3. 2018 :
1261 war Byzanz wieder Hauptstadt des (nur noch balkanischen) oströmischen Reiches, aber mit der
Zeit ging das ganze Umland an die Türken verloren. Von 1368 an war Adrianopel – Edirne die Haupt-
stadt der osmanischen Türkei. 1453 wurde Byzanz erobert und unter dem Namen Istanbul Haupt-
stadt. Die Flüchtlinge aus Byzanz lösten im lateinischen Westen einen Entwicklungsschub aus.
Der Knjas (slawisch, nicht mehr Khan) Boris, der von 852 bis 890 regierte, wollte das Christentum
einführen und verhandelte mit Rom wie mit Byzanz. Beide schickten Missionare, standen sich im Weg
und bannten sich gegenseitig. Weil ihm der Papst ein eigenes Patriarchat verweigerte, nahm Boris
863 das byzantinische Christentum und zu Ehren des Kaisers den Taufnamen Michael an. Daraufhin
unterstützte König Ludwig der Deutsche eine heidnische Revolte, die aber von Boris blutig niederge-
schlagen wurde. Boris trat 890 zurück und ging ins Kloster, aber als sein Sohn das Heidentum wieder
einführen wollte, kam er 893 zurück, setzte den Sohn ab und übernahm noch einmal die Regierung.
Jetzt empfing er die Schüler von Kyrill und Method, Kliment , Naum und Angelarius und brachte sie
dazu, bei der Verbreitung der christliche-slawischen Botschaft im bulgarischen Reich mitzuwirken.
Kliment stammte aus Ohrid, und am Ohrid-See ließen sich die Slawenapostel nieder. Kliment wurde
893 Bischof von Ohrid, und das wurde so zum religiösen Zentrum. Ein Konzil führte 893 das Alt-
kirchenslawische als Sprache und Schrift ein. Die Slawenapostel bauten Schulen und Klöster, sie
gründeten eine Universität in Ohrid, ihre Schüler verbreiteten das kyrillische Alphabet, Lesen und
Schreiben und die Lektüre der kirchlichen und geistlichen Schriften in slawischer Sprache. Das ist der
Anfang der slawischen Sprach- und Literaturgeschichte. Als Russland unter Großfürst Wladimir 988
das Christentum annahm, wurde auch für die russisch-orthodoxe Kirche das Altkirchenslawische
übernommen.
Die erste Hauptstadt Bulgariens war seit Asparuch Pliska, im Nordwesten, aber südlich der Donau, in
der Nähe der Stadt Varna, heute eine große archäologische Ausgrabungsstätte, die von der Bau-
kultur der frühen Bulgaren zeugt. Simeon baute eine neue Hauptstadt in Preslaw, etwas weiter west-
lich, vielleicht weil in Pliska die heidnische Reaktion im alten Adel zuhause war. Die neue Hauptstadt
mit ihren Palästen, Adelshäusern und einem Patriarchenpalast wurde vor allem als geistiges Zentrum
bedeutend, denn Simeon gründete dort Schulen und Hochschulen zur Förderung des Altkirchensla-
wischen, des eigenen Christentums und der neuen slawischen Schriftkultur. Simeon trägt den
Beinamen „der Große“, weil er sein Reich nicht nur gegen Byzanz groß und unabhängig gemacht hat,
sondern auch wegen seiner Förderung des Christentums und des geistigen Lebens. Aber bei seinem
Tod 927 war das Reich durch die andauernden Kriege geschwächt, die Landwirtschaft litt unter dem
Entzug von Arbeitskraft und Erträgen für die Armee, es gab Versorgungsengpässe und Hungersnöte.
Deshalb handelte sein Sohn Peter als neuer Zar einen langfristigen Frieden aus und heiratete eine
Kaiserenkelin. Peter gilt eigentlich als schwacher Herrscher, er hatte immer wieder Probleme mit der
Familie, aber er regierte über vierzig Jahre und hielt das Reich einigermaßen zusammen, nur das
halbunabhängige Serbien ging verloren. Den geistig-christlichen Aufbau führte er weiter. Peter starb
969. Unter seinem Sohn Boris II. nahmen die inneren Schwierigkeiten zu. Der Nordosten des Reiches
wurde von Swjatoslaw von Kiew überrannt. Der Kaiser von Byzanz, Johannes Tsimiskes, konnte 971
die Russen zurückwerfen, die Hauptstadt Preslaw plündern und den Zaren als Gefangenen nach By-
zanz bringen. Bei der Flucht kam Boris 977 uns Leben, sein Bruder Roman folgte ihm als Zar.
Basileios war nominell Kaiser von 963 bis 1025, tatsächlich seit 985, also immer noch vierzig Jahre.
Während seiner Regierungszeit konzentrierte er sich ganz auf den Kampf gegen die Bulgaren. Zu-
nächst reformierte er die Armee, die zu unbeweglich und der Partisanentaktik der Bulgaren nicht ge-
wachsen war. Basileios lebte bei der Armee und für die Armee, er liebte Byzanz nicht und nicht den
luxuriösen Lebensstil der Oberschicht. Er war der letzte Herrscher von Byzanz, dem eine Sicherung
und Ausweitung der kaiserlichen Herrschaft gelang, aber er hat im geistig-kulturellen Bereich keine
Spuren hinterlassen. Seit 989 kämpfte er mit der Armee an der bulgarischen Grenze. Und in einem
fünfzehnjährigen blutigen Krieg verschob er die Grenze immer weiter nach Norden und verschärfte
dadurch die Herrschaftskrise in Bulgarien. 1014 besiegte Basileios mit seinem Heer den bulgari-
schen Zaren Samuel. Die angeblich 14 000 Gefangenen ließ er blenden. Die bulgarische Hauptstadt
wurde nach Ohrid verlegt, und 1018 konnte Basileios Ohrid einnehmen, damit auch den bulgarischen
Königsschatz und die Zarenfamilie. Der bulgarische Staat wurde unterworfen und wieder in die
byzantinische Verwaltung eingegliedert. Zentral dafür war Ohrid, das von Basileios zum einzigen
Zentrum einer autokephalen bulgarisch-orthodoxen Kirche gemacht wurde. Der Erzbischof von Ohrid
wurde von Basileios ernannt. Basileios behielt also eine gewisse bulgarisch-slawische Autonomie im
kirchlichen und geistigen Bereich bei, sei es, dass ihm das nicht so wichtig war, oder in der klugen
Einsicht, dass die Herrschaft über einen großen slawischen Bereich leichter war, wenn man den
Slawen religiös und kulturell eine gewisse Selbstständigkeit ließ.
Die alternde Kaiserin Zoe fühlte sich vernachlässigt, der Kaiser Romanos III. starb 1034 im Bad, und
am gleichen Tag heiratete Zoe ihren Liebhaber und machte ihn zum neuen Kaiser Michael IV. Der
wahre Herrscher war dessen Bruder, der Eunuch Orphanotrophos. Der verschärfte die Steuererhe-
bung bei den Kleinbauern, und das führte im slawischen Bereich zu einem Bauernaufstand. Michael
bekämpfte den Aufstand und kam 1041 todkrank zurück. Die Kaiserin Zoe adoptierte einen Neffen
Michael, der als Michael V. Kaiser wurde, seinen Onkel verdrängte und die Kaiserin Zoe internierte.
Das führte zu einem Aufstand, und jetzt sollten Zoe und Theodora, die Überlebenden der Makedoni-
schen Dynastie, die Herrschaft übernehmen. Zoes dritter Ehemann übernahm als Konstantin IX.
Monomachos das Kaisertum. Er stammte aus dem Beamtenadel, und er war unfähig, und die Staats-
autorität verfiel weiter. Die Themenverfassung war am Ende, und Armee und Staatsverwaltung
funktionierten nicht mehr. 1054 kam es zum endgültigen Schisma zwischen der orthodoxen und der
selbstbewusst gewordenen römischen Kirche. Nach dem Tod Konstantins übernahm die überlebende
Theodora für ein Jahr die Kaiserwürde. Auf dem Totenbett adoptierte sie einen Vertreter der
Beamtenschaft, Michael VI. Der förderte und belohnte die Beamten, die Führer der Armee empfing er
nicht einmal. Dagegen erhob sich die Armee. Der Patriarch entschied sich für den Militärführer,
Michael wurde ins Kloster geschickt, der neue Kaiser war Isaak Komnenos. Doch er wurde schon
nach zwei Jahren gestürzt, weil sich der Patriarch wieder auf die Seite der Beamtenaristokratie
gestellt hatte. Weil sich die militärische Lage des Reiches ständig verschlechterte, wurde 1068 wieder
ein tüchtiger und erfolgreicher Feldherr, Romanos IV. Diogenes, Kaiser.
Ins Donautiefland, römisch Pannonien siedelten im achten Jahrhundert die Awaren, ein Reitervolk
aus dem Fernen Osten, die in Pannonien ihr Machtzentrum hatten, die Slawen in Mähren und in der
Slowakei unterwarfen und ins Karolingerreich einfielen und plünderten. Deshalb führte Karl der Große
Krieg gegen die Awaren, und 796 erstürmte der Unterkönig Pippin von Italien die awarische Ring-
burg, das Zentrum der awarischen Macht. Einen großen Teil der reichen Beute ging an den Papst.
Danach verfiel die awarische Macht. Im leeren Donauraum siedelten seit der Mitte des 9. Jahrhun-
derts die Magyaren, ein Reitervolk von jenseits des Ural, aus einer nicht slawischen und nicht indo-
europäischen Sprachfamilie, ein Reitervolk, das um 900 von Einfällen und Raubzügen nach Bayern,
Schwaben, Sachsen und über den Rhein lebte. In Bayern und Schwaben entstand in der Abwehr
gegen die Ungarn das jüngere Stammesherzogtum, und König Heinrich festigte seine Macht durch
den Sieg gegen die Ungarn. 955 besiegte Otto der Große auf dem Lechfeld mit dem Reichsheer die
Ungarn, und danach hörten sie mit den Raubzügen auf und wurden an der Donau sesshaft. Ihr
Fürstengeschlecht waren die Arpaden, und die nahmen wegen der Neuordnung der Verhältnisse
Kontakt zu Deutschland und zu Rom auf, und 985 trat Fürst Geza mit seinem Enkel zum lateinischen
Christentum über. Der Enkel nahm den Taufnamen Stephan an und heiratete 995 die bayrische
Herzogstochter Gisela. Stephan wurde 997 nach dem Tod seines Großvaters Großfürst der Ungarn.
Er bat Papst Silvester II. schriftlich um die Gewährung der Königswurde und wurde im August 1000 in
Esztergom-Gran von einem päpstlichen Legaten zum König gekrönt. Ungarn wurde ein selbststän-
diges Königreich mit einer gefestigten christlichen Landeskirche, deren Oberhaupt der Erzbischof von
Esztergom-Gran war (parallel zu den Vorgängen in Polen, das gleichzeitig zum lateinischen Christen-
tum übertrat, ein Königreich wurde und in Gnesen sein eigenes Erzbistum bekam). Stephan regierte
bis 1038, er baute mit deutscher Hilfe sein Königreich aus und förderte das Christentum. Er gilt als
Gründer Ungarns, er war der erste Träger der Stephanskrone und er wurde 1083 heiliggesprochen.
Da das Königtum in Kroatien schwächelte, wurde König Koloman von Ungarn 1106 auch König von
Kroatien. Seither war das Königreich Kroatien mit der Krone Ungarns verbunden.
Die Kreuzzüge
Die lateinische Kirche konzentrierte sich im 11. Jahrhundert ganz auf ihr neues Selbstbewusst-
sein, die Erfindung einer übergeordneten priesterlichen Rasse, die durch die Sukzession des
priesterlichen Segens von Petrus über die Päpste an die Priester entstand und nicht durch
fleischliche Kontakte mit Frauen entweiht werden durfte. Die Priester stellten sich damit nicht nur
über die Frauen, sondern auch über die weltlichen Laien, über Adlige und Könige. Der Bruch mit
der Ostkirche 1054 erfolgte, weil diese nicht bereit war, die Superiorität des Papstes anzuerken-
nen. Die Niederlage von Mantzikert zeigte nach päpstlicher Ansicht nur die Strafe Gottes für die
Ostkirche. Die Kirche war für ein frommes, zurückgezogenes und friedfertiges Leben aller
Christenmenschen, aber die adligen Herren waren voller Lebenslust, sie pflegten die ritterlichen
Tugenden und das Abenteuer, und das hieß immer wieder Kampf oder wenigstens Turnierkampf,
schöne Frauen und Liebe. Insbesondere in Südfrankreich entwickelte sich dieses weltliche adlige
Lebensgefühl, dort gedieh auch die weltliche Troubadourlyrik. Die Kirche bekämpfte die Folgen
dieses Lebensgefühls mit der Gottesfriedensbewegung, der zeitlichen oder regionalen Einschrän-
kung dieser Kämpfe und Fehden, aber ohne viel Erfolg.
Im November 1095 rief Papst Urban II. nach einem Konzil in Clermont die Öffentlichkeit zum
Kreuzzug auf, zum Kampf gegen die islamischen Herrscher auf, die das Heilige Land besetzt
hielten und dort die christlichen Brüder unterdrückten (was nicht wahr war): Das gottlose Volk der
Sarazenen drückt die heiligen Orte, die von den Füßen des Herrn betreten worden sind, schon
seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die
Hunde sind ins Heiligtum gekommen, und das Allerheiligste ist entweiht.
Mit dem Aufruf zum Kreuzzug stellte sich der Papst an die Spitze der Christenheit, auch als ober-
ster Kriegsherr. Vermutlich haben die weltlichen Herrscher diesen Anspruch als Übergriff ange-
sehen, denn beim ersten Kreuzzug war kein König und kein Kaiser dabei. Gleichzeitig löste der
Papst damit aber auch das Problem der unbeschäftigten und kampflustigen Adligen:
Kein Besitz, keine Haussorge soll euch fesseln. Denn dieses Land, in dem ihr wohnt, ist
allenthalben von Meeren und Gebirgszügen umschlossen und von euch beängstigend dicht
bevölkert. Es fließt nicht vor Fülle und Wohlstand über und liefert seinen Bauern kaum die bloße
Nahrung. Daher kommt es, dass ihr euch gegenseitig beißt und bekämpft, gegeneinander Krieg
führt und euch meist gegenseitig verletzt und tötet. … Tretet den Weg zum Heiligen Grab an,
nehmt das Land dort dem gottlosen Volk, macht es euch untertan! … Diese Königsstadt
Jerusalem also, in der Erdmitte gelegen, wird jetzt von ihren Feinden gefangen gehalten und von
denen, die Gott nicht kennen, dem Heidentum versklavt. Sie erbittet und ersehnt Befreiung, sie
erfleht unablässig eure Hilfe. Vornehmlich von euch fordert sie Unterstützung, denn euch verlieh
Gott, wie wir schon sagten, vor allen Völkern ausgezeichneten Waffenruhm. Schlagt also diesen
Weg ein zur Vergebung eurer Sünden; nie verwelkender Ruhm ist euch im Himmelreich gewiss.
Dieser Aufruf hatte eine ungeheure Wirkung. Schon 1096 kam es unter dem Prediger Peter von
Amiens zu einem wenig organisierten „Volkskreuzzug“ von kleinen Leuten. Er sammelte sich in
Ostfrankreich, schon in Worms, Mainz und Köln kam es zu schrecklichen Pogromen gegen die
jüdische Bevölkerung, zu Plünderungen, Mord und Totschlag. Über 30 000 Menschen zogen in
zwei Abteilungen über Österreich und Ungarn. Sie überfielen und plünderten Belgrad und Niš. In
Sofia wurden sie von byzantinischem Militär erwartet und an Konstantinopel vorbei über den
Bosporus gebracht. Dort fielen die Kreuzfahrer in einen Hinterhalt der Seldschuken. Nur 3000
konnten sich nach Konstantinopel retten.
Eine längere Vorbereitungszeit brauchte der eigentliche adlige Kreuzzug. Die großen Führer
waren Robert von der Normandie, Gottfried von Bouillon, Bohemund von Tarent, Raimund von
Toulouse, der geistliche Führer und Legat war Bischof Adhemar von Puy. Teilnehmer waren etwa
7000 Ritter vor allem aus Frankreich und Lothringen und Normannen aus der Normandie und aus
Italien. Dazu kamen 22 000 Kämpfer, insgesamt waren es bis zu 60 000. Die Normannen und
Provenzalen reisten übers Meer, das Gros zog wieder über die Balkanroute. Sie passierten
Konstantinopel zwischen November 1096 und April 1097. Nur die Führer durften nach Konstanti-
nopel und dem Kaiser ihre Aufwartung machen. Sie versprachen ihm, alle Eroberungen an ihn zu
übergeben. Sie durchquerten das Gebiet der Seldschuken ohne größere Verluste und eroberten
zwischen 1097 und 1099 die Mittelmeerküste von Edessa bis Jerusalem, sie gründeten dort
Fürstentümer und Grafschaften, zum Schluss das
Königreich Jerusalem, und sie dachten natürlich nicht
daran, dem Kaiser von Byzanz irgend etwas zurück zu-
geben. Für die Balkanroute bedeuteten die Kreuzfah-
rer eine ständige Belastung, denn neben den offiziellen
Kreuzzügen gab es einen ständigen Durchzug von
Ersatz und Nachschub. Der zweite Kreuzzug 1147 –
1149 war ein großer Reinfall, 1187 fiel Jerusalem an
Sultan Saladin, auch der dritte Kreuzzug, 1189 zu-
nächst unter Kaiser Barbarossa, brachte nichts, und
der vierte Kreuzzug, der von Venedig aus und auf der
venezianischen Flotte aufbrach, kam nicht bis Jerusa-
lem, sondern wurde vom Dogen Enrico Dandolo nach
Konstantinopel umgeleitet. 1204 wurde Konstantinopel
von den Kreuzfahrern erobert und geplündert. Sie be-
schlossen, das byzantinische Gebiet unter sich aufzu-
teilen und sich hier neue Fürstentümer einzurichten.
Erster lateinscher Kaiser in Byzanz wurde Balduin von
Flandern. Es gab ein Königreich Epirus, ein Fürsten-
tum Achaia, ein Herzogtum Athen, und die neuen
Herren waren westeuropäische Adlige mit ihrem An-
hang, ohne Sprach- und Landeskenntnis, denen es
nur um die Erhaltung ihrer Herrschaft ging. Ein byzantinischer Kaiser hielt sich in Trapezunt und in
Nicäa. Byzanz war erledigt, und die wirtschaftlichen Erben war Venedig und später Genua, die
die Handelsrouten übernahmen. Hist. Weltatlas II : Der Balkan nach 1205
Zweites bulgarisches Reich
Mit der nachlassenden Kraft des byzantinischen Kaiserreichs seit 1040 kämpften bulgarische Adlige,
die Bojaren, um ihre Unabhängigkeit. 1072 ließ sich Konstantin Bodin in Prizren zum bulgarischen
Zaren krönen, aber er konnte sich nicht durchsetzen, Die Bulgaren gehörten weiterhin zu Byzanz,
auch wenn die einzelnen Adligen sehr unabhängig waren. Erst 1185 konnten die Brüder Assen und
Peter sich militärisch von Byzanz lösen. Assen wurde 1186 der erste Zar des zweiten Bulgarenreichs,
die Hauptstadt wurde Tarnowo, südlich der Donau und westlich von Preslaw. Auch diese Hauptstadt
wurde kräftig ausgebaut, im Zentrum stand eine Festung und eine komplizierte Fortifikationsanlage.
Es gab je einen repräsentativen Palast für den Zaren und den Patriarchen und auf einem anderen
Hügel die üppigen Villen der Bojaren. Kirchen und Klöster standen für den geistigen Aufbruch, Zar
Assen und später sein Bruder Peter konnten die aristokratische Zersplitterung überwinden und die
früheren bulgarischen Gebiete wie Makedonien oder Thrakien wieder unterwerfen. Kalojan, der
jüngere Bruder, war Zar von 1197 bis 1207. Er stärkte die Unabhängigkeit von Byzanz. 1205 schlug
er in der Schlacht von Adrianopel das Kreuzfahrerheer. Dabei fiel der lateinische Kaiser Balduin von
Flandern in die Hände der Bulgaren. Er starb in der Gefangenschaft in Tarnowo. Der bedeutendste
Zar war Assen II., der Sohn Assens I. Er regierte von 1218 bis 1241. Er war mit dem Despoten Theo-
doros von Epirus verbündet, der mit seiner Hilfe Thessaloniki und Ohrid eroberte. Theodoros wollte
die Lateiner aus Konstantinopel vertreiben und neuer Kaiser von Byzanz werden. Dabei war ihm
Bulgarien im Weg. Deshalb überfiel er 1230 seinen bisherigen Verbündeten. In der Schlacht von
Klokotniza errang Assem mit stark unterlegenen Kräften einen totalen Sieg. Damit gewann er
Thessaloniki, den Epirus und Ohrid, das bulgarische Reich erstreckte sich wieder von der Adria bis
zum Schwarzen Meer. Zum Dank erbaute Assen in Tarnowo die Kirche Heilige vierzig Märtyrer und
ließ dort eine Inschrift anbringen: Ich eroberte alle Länder von Adrianopel bis Durazzo – das griechi-
sche, albanische und serbische Land. Die Franken behielten nur die Städte um Konstantinopel und
diese Stadt selbst, fügten sich der Obrigkeit meiner Macht, da sie selbst keinen anderen Zaren außer
mir hatten. 1241 starb Assen ohne direkten Erben. Wegen der Erbstreitigkeiten brach das zweite
bulgarische Reich auseinander, im Westen bedienten sich die Nachbarn Ungarn und Serbien.
Byzanz hatte nicht mehr die militärische Kraft zur Gegenwehr. 1330 fiel Nicäa, die alte Residenz der
Palaiologen. Auch wenn sich das osmanische Reich über ganz Anatolien ausgedehnt hatte, blieb
doch Konstantinopel der Hauptgegner und das Hauptziel. Seit der Jahrhundertmitte folgten immer
wieder Übergriffe auf den europäischen Besitz. Orkhans Sohn Murad mit einer byzantinischen Statt-
halterstochter folgte ihm 1359. 1368 fiel Adrianopel an die Türken und wurde als Edirne neue
türkische Hauptstadt. Die europäische Provinz bekam den Namen Rumelien. Das nächste Ziel war
Bulgarien. Es kam wohl schon seit 1367 zu Kämpfen, und es bildete sich eine balkanische Koalition
aus Serben und Ungarn (unter der Führung des ungarische Königs Ludwig von Ungarn, der ein
großes Reich von Polen über Ungarn an die Adria und nach Apulien anstrebte). Das christliche Heer
wurde 1371 an der Mariza trotz zahlenmässiger Überlegenheit vernichtend geschlagen, nach türki-
schen Quellen, weil die Christen volltrunken waren, als sie überraschend angegriffen wurden. Damit
wurden Makedonien und Bulgarien unterworfen, auch Serbien wurde tributpflichtig. 1379 entschied
Murad einen byzantinischen Thronstreit, und der neue Kaiser war zu Geldzahlungen und zur Heeres-
folge verpflichtet. 1387 wurde auch Thessaloniki erobert.
Von diesen Meldungen wurde Europa aufgeschreckt, ein neuer großer Kreuzzug wurde geplant (die
Kreuzfahrerstaaten in Griechenland waren unauffällig eingegangen). Initiator war König Sigismund
von Ungarn, Schwiegersohn und Erbe von Ludwig von Ungarn, der spätere deutsche Kaiser Sigis-
mund. Der Aufruf zum Kreuzzug wurde vor allem in Frankreich gehört, das Kreuzfahrerheer sammelte
sich im Frühsommer in Buda, Führer waren der französische Marschall Boucicaut und der Burgunder-
herzog Johann Ohnefurcht. Das Heer traf am 10. September 1396 vor Nikopolis ein und begann, die
türkische Stadt zu belagern. Am 25. September rückte Bayezid mit seinem etwa gleich starken Heer
an. Die Ritter waren ungeduldig, wollten nicht auf die nachrückenden Ungarn warten und wurden
deutlich geschlagen, die Ungarn konnten sich zurückziehen. Die Niederlage der Kreuzfahrer war
komplett, die meisten Ritter wurden umgebracht, nur die reichen Anführer wurden gefangen und
später gegen Lösegeld freigelassen. (Barbara Tuchman, Der Ferne Spiegel, engl. 1978)
Tamerlan – Timur der Lahme
Danach schien das Ende von Konstantinopel nur noch eine Frage der Zeit. Allerdings war die Stadt
durch ihre Lage, den offenen Seeweg und die starke Befestigung nicht so leicht einzunehmen. Ge-
rettet wurde Konstantinopel durch das erneute und schrecklichere Auftreten der Mongolen unter
Timur dem Lahmen. Timur hatte sich seit 1389 in Persien und Afghanistan durchgesetzt, er errang
1391 das Erbe Dschingis Khans. 1398 eroberte er Delhi, 1401 Damaskus. 1402 traf Timur in der
Schlacht von Ankara auf Bayezid. Die zahlenmäßig weit überlegenen Truppen Timurs gewannen die
Schlacht, Bayezid wurde gefangen und starb 1403 in Gefangenschaft. Die türkische Führung zog sich
nach Edirne zurück, Timur setzte nicht nach Europa über. Erst 1413 setzte sich Bayezids Sohn
Mehmed als Sultan gegen seine Brüder durch.
Die osmanische Türkei überlebte also nur in Europa. In Anatolien regierte Timur ziemlich brutal, in
einem Reich, das bis an die Grenzen Chinas reichte. Timur machte keine Anstalten, Konstaninopel zu
erobern oder nach Europa überzusetzen. 1404 kehrte er in den Osten zurück, er wollte auch China
einnehmen. Er starb im Februar 1405 in Kasachstan. Sein Grabmal ist in Samarkand. Das Großreich
Timurs zerbrach bald infolge von Erbstreitigkeiten. Doch in Chorasan/Afghanistan regierten seine
Nachkommen, die Timuriden, bis ins 16. Jahrhundert, in Delhi noch länger.
Sultan Mehmed konsolidierte das osmanisch-türkische Reich, stellte die Herrschaft über Anatolien
wieder her und stabilisierte den Besitz in Europa. Er musste Aufstände niederschlagen, er war kein
Eroberer. Auch die Pläne gegen Konstantinopel nahm er nicht auf. Aber als er 1421 starb, hinterließ
er seinem Sohn Murad II. eine geordnete Herrschaft. Er schloss einen Frieden mit Venedig, das sich
so als Seemacht etablierte und an der Adria in Albanien und Griechenland mit Billigung der Türkei
Städte und Festungen in Besitz nahm.
Skanderbeg
Seit der Niederlage von 1385 standen die albanischen Fürsten unter türkischer Oberhoheit, sie
regierten ihre Länder weiter, aber sie waren dem Sultan tributpflichtig. Eine Sicherheit für den Sultan
waren Geiseln. Die Fürstensöhne wurden am Sultanshof erzogen und damit gleichzeitig in die
türkische Welt integriert. Einer von ihnen war Georg Kastrioti, 1305 in Dibra geboren, albanischer
Adliger mit einer serbischen Mutter, der um 1323 an den Hof von Murad II. in Edirne gebracht wurde,
zuerst zu den Hofpagen. 1328 trat er zum Islam über, vielleicht mehr unter dem Einfluss der
Derwische als der sunnitischen Hoftheologen. Er erhielt den islamischen Namen Skander (Alexander)
und nach einer entsprechenden Ausbildung den militärischen Rang eines Kommandeurs, eines Bey.
Er war geschickt, sprachgewandt, eine Führernatur und beim Sultan bekannt. Er schien also völlig
türkisiert, der Sultan vertraute ihm und verlieh ihm ein Lehen in Albanien mit dem Hauptort Kruja. Als
Skanderbeg 1443 sich dort um seinen neuen Besitz
kümmerte, war der bekannteste und erfolgreichste
Kämpfer gegen die Türken der ungarische Kronfeld-
herr János Hunyadi, der in Serbien die türkische Ar-
mee mehrmals gestoppt und besiegt hatte und jetzt
Niš eroberte, drei Paschas und schließlich sogar den
Sultan selber besiegte. Skanderbeg verließ mit 300
Kämpfern das Heer des Sultans, nahm sein Lehen
und das Land seines Vaters in Besitz und tötete oder
vertrieb die osmanische Besatzung. Die osmanische
Herrschaft in Albanien und Serbien war durch die
Feldzüge Hunyadis erschüttert. So lud Skanderbeg
zum 1. März 1444 die Adligen von Albanien und Mon-
tenegro zu einer Konferenz nach Lezha, einer zu Ve-
nedig gehörenden Hafenstadt. Dort wurde die „Liga
der Fürstentümer Albaniens“ gegründet, Skanderbeg
war der politische und militärische Führer. Ein Ein-
satzplan für ein Heer von 18 000 Kämpfern wurde
aufgestellt, Venedig beteiligte sich durch Geldmittel.
Gemälde aus den Uffizien in Florenz
Damit war der Sultan herausgefordert. Murad schickte ein Heer unter Ali Pascha, aber das konnte
von Skanderbeg am 21. Juni 1444 vernichtend geschlagen werden. Skanderbeg hatte mit seinen
Leuten den osmanischen Heerführern die genauere Landeskenntnis voraus, er nutzte Hinterhalte,
Guerillataktik und Überraschungsangriffe, und er konnte 1445 bei Prizren ein zweites größeres Heer
unter Firuz Pascha vernichtend schlagen. Seine Siege weckten in Italien und beim Papst große
Bewunderung für den Athleta Christi. Auch eine dritte Schlacht gegen eine Doppelarmee unter
Mustafa Pascha im September 1446 ging für die Osmanen katastrophal aus. Der Papst ernannte
Skanderbeg zum Kreuzzugskapitän und sammelte Geld für ihn, aber Venedig hatte gute Beziehun-
gen zu Konstantinopel und machte Schwierigkeiten. 1448 forderte Hunyadi Skanderbeg zu einem
gemeinsamen Feldzug auf, aber der Despot Durad Branković von Serbien war mit Murad verbündet
und verhinderte die Vereinigung. Hunyadi wurde auf dem Amselfeld geschlagen. Im Frühjahr 1550
rückte Murad selber vor Kruja und belagerte die Festung mit 150 000 Mann. Nach vier Monaten und
dem Verlust der halben Armee hob Murad die Belagerung auf. Aber die Siege hatten auch Skander-
begs Reserven geschwächt. Deshalb unterstellte er sich Peter von Aragon, dem König von Neapel,
anerkannte dessen Oberherrschaft über ein befreites Albanien und bekam dafür Hilfe und Unter-
stützung. Auch 1452 wurde eine große osmanische Armee vernichtet.
Theo-
dosia-
nische
Mauer
restau-
riert
Sultan am 22. April einen Teil der Flotte über Land transportieren: Bergaufwärts wurde ein
Graben angelegt, der mit Balken ausgeschlagen und dick mit Fett eingeschmiert war; darüber
hinaus wurden für jedes Schiff richtige Segel hergestellt. Als man die Windsegel hochgezogen
hatte, glitten alle 30 Schiffe eins nach dem anderen wie über Wasser hinweg, bei Fahnen-
schwingen und Trommelwirbel, die Kanonen feuerten. (Memoiren eines Janitscharen, 1975)
Die Lage der Stadt war aussichtslos, es gab geheime Verhandlungen. Mehmet sagte zu, dass
bei einer friedlichen Übergabe alle Bewohner ihren Besitz behalten und der Kaiser und seine
Leute abziehen dürften. Aber der Kaiser lehnte ab. Ab Mitte Mai wurde die Mauer gezielt bom-
bardiert. Am 29. Mai begann früh morgens der letzte Sturm. Um 8.30 Uhr war die Stadt in den
Händen der Türken, der Kaiser war gefallen. Die Männer wurden getötet, die Frauen vergewal-
tigt, Gefangene als Sklaven verkauft, die Häuser wurden geplündert, ebenso die Paläste, die
Kirchen und die Klöster. Mehmed überließ die Stadt zwei Tage seinen Leuten, am dritten Tag
erließ er folgenden Erlass: Meine Worte betreffen die Christen, bekannt oder unbekannt in Ost
und West, Nah und Fern. Diejenigen, die meinem Erlass nicht Folge leisten, seien sie Sultane
oder gewöhnliche Muslime, widersetzen sich auch dem Willen Gottes und seien verflucht. Ob
Priester oder Mönche an einem Berg Unterschlupf finden, oder ob sie in der offenen Wüste, in
einer Stadt, einem Dorf oder in einer Kirche wohnen – ich persönlich verbürge mich mit meinen
Armeen und Gefolgsleuten für sie und verteidige sie gegen ihre Feinde. Jene Priester gehören zu
meinem Volk. Ich nehme Abstand davon, ihnen irgendeinen Schaden zuzufügen. Es ist verboten,
einen Bischof von seinen Pflichten abzuhalten, einen Priester von seiner Kirche fernzuhalten und
einen Eremiten von seiner Unterkunft. Ein Muslim darf eine Christin, die er geheiratet hat, nicht
daran hindern, in ihrer Kirche Gott zu verehren und den Schriften ihrer Religion Genüge zu tun.
Wer sich gegen diese Anordnungen stellt, soll als Feind Allahs und seines Gesandten betrachtet
werden.
Ein osmanischer Historiker sprach von Mitleid und Reue, aber Mehmed besann sich hier auf die
alte Politik seiner Vorfahren. Außerdem wollte er Konstantinopel als Hauptstadt übernehmen und
möglichst viel von ihrer Pracht bewahren. Er erklärte die Stadt unter dem (griechischen) Namen
Istanbul zur neuen Hauptstadt. Die Stadt brauchte aber Einwohner, durch die Belagerung und die
Plünderung hatte sie viele verloren. Der von Mehmed ernannte Gouverneur hatte den Auftrag,
die Stadt zu reinigen, für den Wiederaufbau zu sorgen und zu normalen Verhältnissen zurückzu-
kehren. In den folgenden Monaten und Jahren wurden immer wieder Bevölkerungen zwangswei-
se umgesiedelt, vor allem aus dem besetzten Griechenland. Aber es gab auch türkischen Zuzug.
1477 zählte Istanbul wieder 100 000 Einwohner. Es gab mit dem Topkapi einen neuen herrscher-
lichen Palast, die Würdenträger wurden zum Bau von entsprechenden Residenzen verpflichtet.
(Franz Babinger, Mehmed der Eroberer. Weltstürmer einer Zeitenwende. Piper München 1978)
Einer Gruppe von 20 Galeeren gelang die Flucht, mit entsprechenden Personen und ihren
Schätzen an Bord. Auch andere Personen, insbesondere Gelehrte, konnten fliehen, vor allem
nach Italien. Sie trugen ihren Anteil zur Entwicklung der Renaissance bei, mit der Italien zur
führenden Fortschrittsnation im geistig-wirtschaftlich-kulturellen Bereich wurde.
Als „Pfahl im Fleisch“ blieb die Situation an der Adria und an der Donau. 1462 wurden drei
Armeen gegen Skanderbeg geschickt, die mit ihrem Auftrag scheiterten. 1466 wurde Kruja von
einer großen osmanischen Armee unter der Führung des Sultans belagert. Die Nachricht vom
Fall Krujas verbreitete sich in Italien, doch sie war falsch. Mehmed rückte im Herbst 1466 ab, ließ
aber eine Belagerungsarmee zurück. Skanderbeg attackierte und beunruhigte die türkische
Armee durch Guerillakämpfe. 1467 konnte er die Belagerungsarmee schlagen. Im Januar 1468
starb Skanderbeg während der Kämpfe gegen eine neue türkische Armee. Er wurde zum
albanischen Nationalhelden, zum Gründer Albaniens, aber in seiner Zeit war er vor allem ein
christlicher Vorkämpfer gegen die scheinbar übermächtige türkische Bedrohung, ein christlicher
David gegen den islamischen Goliath. Nach Skanderbegs Tod wurde Albanien wie Serbien und
Bosnien schnell türkisch.
Matthias Corvinus
Janós Hunyadi stammte aus kleinem Adel. Er trat nach 1400 in den Dienst des ungarischen
Königs Sigismund aus dem Haus Luxemburg, der 1410 in Frankfurt zum deutschen König
gewählt wurde. Da wurde er schon von Hunyadi begleitet. Der kämpfte für Sigismund in den
Hussitenkriegen. Sigismund starb 1437 und hinterließ Ungarn seinem Schwiegersohn Albrecht
von Österreich, der auch deutscher König wurde, aber schon 1439 starb. Die Witwe war im
fünften Monat schwanger und brachte 1440 den Sohn Ladislaus Postumus zur Welt. Doch die
ungarischen Adligen hatten bereits den polnischen Jagiellonen Wladyslaw zum König gewählt.
Hunyadi kämpfte für Wladyslaw und bereitete dann einen Krieg gegen Sultan Murad vor. Das
ungarisch-polnische Heer wurde 1444 bei Varna vernichtend geschlagen, Wladyslaw kam ums
Leben. Als König von Böhmen wählten die Adligen einen aus ihrer Reihe, Georg Podiebrad.
Neuer ungarischer König wurde Ladislaus Postumus. In seinem Namen schützte und verteidigte
Johannes Hunyadi die ungarische Grenze. Sein letzter Erfolg war 1456 der große Sieg bei
Belgrad. Hunyadi starb im August 1456, König Ladislaus im November 1457 in Prag.
Hunyadi war in Ungarn Reichsverweser gewesen, und nach dem Tod von König Ladislaus wähl-
ten die Adligen 1458 seinen Sohn Matthias zum König von Ungarn. Matthias trug den Beinamen
Corvinus, weil der Rabe das Wappentier seiner Familie war. Er setzte sich gegen habsburgische
Erbansprüche durch, heiratete die Tochter Podiebrads und beanspruchte nach dessen Tod 1471
auch die böhmische Krone. Dort konnte er sich allerdings gegen den Jagiellonen Wladyslaw nie
richtig durchsetzen, nur in den Nebenländern wie Schlesien. Deshalb gibt es in Bautzen einen
Matthiasturm und ein Standbild. Corvinus nutzte die latente Türkengefahr, um eine stehende
Armee aufzubauen, die Schwarze Schar, eine Söldnerarmee, die teuer war, aber ihn von der
Aristokratie unabhängig machte und gegen diese eingesetzt werden konnte. Um die hohen
Ausgaben zu finanzieren, führte Corvinus eine umfassende Steuerreform durch, auch gegen
adlige Privilegien. Der Papst wollte ihn durch einen Kreuzzugsaufruf unterstützen, so begann
Corvinus 1464 einen Feldzug gegen die Türken in Bosnien, aber die Unterstützung blieb aus,
und er musste sich zurückziehen. Deshalb schloss er einen Waffenstillstand mit dem Sultan. Sein
Ziel war es, zuerst einen starken osteuropäischen Staat aufzubauen. Sein Hauptgegner dabei
war der Habsburger und deutsche König Friedrich III., der Erbansprüche auf Ungarn und
Böhmen geltend machte. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die Habsburger
wurden geschlagen, und 1485 besetzte der ungarische König Niederösterreich, Wien und die
Steiermark und machte Wien zu seiner Hauptresidenz. Unter dem Schutz seiner Schwarzen
Schar regierte Matthias Corvinus kräftig, er war ein großer Liebhaber der Renaissance, er
förderte Kunst und Wissenschaft und baute in Buda die Bibliotheka Corviniana auf, eine große
Bibliothek mit Prachthandschriften aus Italien, die leider in den Wirren nach seinem Tod ausei-
nandergerissen wurde. Matthias war die ideale Verkörperung eines Herrschers der Renaissance.
Die Corvinus-Universität in Budapest trägt seinen Namen. Er starb 1490 unerwartet, sein
Nachfolger wurde der jagiellonische Böhmenkönig Wladyslaw, Friedrich III. konnte Wien wieder
für die Habsburger in Besitz nehmen.
Grosser
Historischer
Weltatlas
Bd. III
S. 126
.
Süleyman der Prächtige
Sein Nachfolger war Süleyman, in Europa der Prächtige, in der Türkei der Gesetzgeber. Der
neue Sultan korrigierte ungerechte Entscheidungen seines Vaters, die Überwachung und Kon-
trolle der Staatsdiener wurde intensiviert. Das Finanz-, Steuer- und Bodenrecht reformierte er,
wobei auch lokales Gewohnheitsrecht kodifiziert wurde. Die Verwaltung wurde besser, aber nicht
zentralistischer. Die Zwischengewalten der Lehensinhaber, der Staatsdomänen, der Großwür-
denträger und der frommen Stiftungen hatten weiter viel Selbstständigkeit. Sie waren auch
zuständig für die Erhebung der Steuern und Abgaben. Für die Religionsfragen gab es das Amt
des Scheichülislam. Sein Vertrauter und Verwaltungschef war der Kanzler Mustafa Çelebi.
Süleyman war aber vor allem Kriegsherr und Heerführer, er führte über seine Feldzüge sogar
Tagebuch. Sein erster Feldzug führte 1521 gegen Ungarn und zur Eroberung Belgrads, der
zweite zur Eroberung von Rhodos von den Johannitern. Auch Bagdad und Mesopotamien
wurden eingenommen.
Doch sein Hauptgegner wurde Ungarn. König von Böhmen und Ungarn war der Jagiellone
Wladyslaw, und der einigte sich 1515 mit dem deutschen König, dem Habsburger Maximilian
über eine Doppelhochzeit seiner Kinder mit den Enkeln Maximilians. Die Hochzeit wurde im Juli
1515 im Stephansdom gefeiert (in Abwesenheit des habsburgischen Enkels). Mit der Doppel-
hochzeit war ein gegenseitiger Erbvertrag verbunden. Wladyslaw starb 1516, ihm folgte sein
zehnjähriger Sohn Ludwig. Dessen Schwester Anna und seine Verlobte Maria wurden gemein-
sam in Innsbruck erzogen. 1521 führte Süleyman den ersten Feldzug gegen Ungarn, der noch
vom Reichsverweser Johann Zápolya aufgefangen wurde. Danach wurde Ludwig für volljährig
erklärt. Er versuchte, Ungarn gegen einen weiteren Angriff fitzumachen, aber das Land war durch
einen Bauernaufstand geschwächt, und viele Adlige entzogen sich. So trat er den Osmanen mit
einem sehr geschwächten Heer entgegen, als Süleyman 1526 mit einem großen Heer erneut an
griff. In der Schlacht von Mohács wurden die Ungarn vernichtet, König Ludwig ertrank auf der
Flucht, Süleyman besetzte Buda und große Teile des Landes, viele Ungarn wurden als Sklaven
verkauft. Nach dem Erbvertrag beerbte Ferdinand von Habsburg seinen Schwager, er wurde
König von Böhmen und Ungarn, aber Ungarn war weitgehend osmanisch besetzt, und Ferdinand
wurde nun der Hauptgegner des Sultans.
In Siebenbürgen wählten die Adligen 1526 Johann Zàpolay, den früheren Reichsverweser, gegen
Ferdinand zum König von Ungarn. Er wurde in Stuhlweißenburg mit der Stephanskrone gekrönt,
sein Konkurrent Ferdinand ohne Stephanskrone in Preßburg. Süleyman sprach sich für Johann
aus, und der stellte sich 1528 unter den Schutz des Sultans. Damit war der Kampf Ferdinands
gegen Johann ein Angriff auf den Sultan, und so zog Süleyman 1529 zum dritten Mal gegen Un-
garn und tauchte Ende September mit 120 000 Mann vor Wien auf. Verteidiger der Stadt wurde
mit einer kleinen Schar von Reichstruppen Pfalzgraf Philipp. Es gelang, die Stadt zu halten. Am
14. Oktober brach Süleyman die Belagerung ab, vermutlich vor allem wegen Versorgungsprob-
lemen. Danach kämpfte er gegen Persien, und dann im Mittelmeer gegen Kaiser Karl V., den
Bruder Ferdinands, der 1545 in Tunis landete. Dabei war die osmanische Flotte unter Khairuddin
[Link] erfolgreich, die Osmanen waren die stärkste maritime Macht. 1566 brach
Süleyman zu einem Neuen Krieg gegen Ungarn auf, starb aber während der Belagerung einer
Burg in Südungarn. Nachfolger wurde sein Sohn Selim. Süleyman hat das Land 46 Jahre regiert,
er war auch ein wichtiger Bauherr, der in Istanbul viel gemacht. Sein Hofarchitekt war Sinan, der
nicht nur die Süleymanie und andere Moscheen erbaut hat, sondern auch die Wasserversorgung
der Stadt verbessert hat. Aber Süleyman hat das Land mit den Ausgaben für das Heer und die
Feldzüge überfordert. Zur Versorgung der Armee wurden Lebensmitteln zu erzwungenen Nieder-
preisen angekauft, das führte zu Teuerung, Inflation und Hungerrevolten. Dazu musste der Staat
die Steuern und Abgaben erhöhen, und die Zwischenträger wälzten die höhere Belastung natür-
lich auf die kleinen Leute ab. Es gab also am Ende seiner Regierungszeit Krisenzeichen.
Selim II. kümmerte sich wenig um die Regierung. Er lebte fast nur im Topkapi-Palast und feierte
dort große Trinkgelage. Sein Beiname ist Selim der Säufer. Die Regierung überließ er seinem
Großwesir Sokollu Mehmed Pascha und seiner Frau, einer venezianischen Adligen Cecilia
Venier, die als Sklavin entführt worden war, die als Valide Sultan viel Einfluss auf die Politik hatte.
Man spricht deshalb von Weiberherrschaft. Selim starb nach einem Sturz im Vollrausch 1574.
Die Militärgrenze
Tatsächlich war Ferdinands Königreich Ungarn
nur ein kleiner Teil an der Westgrenze und das
nördliche Kroatien. Über hundert Jahre war die
Militärgrenze zwischen Habsburg und dem os-
manischen Reich nicht eine Grenze, sondern ein
Korridor mit ständigen kleinen militärischen Über-
griffen, die zur Ausdünnung der Bevölkerung
führen. Um das zu korrigieren, wurden den
Bauern große Privilegien eingeräumt, so die
Steuerfreiheit. Dafür mussten sie jederzeit zum
militärischen Einsatz bereit sein, also Wehr-
bauern. Die Militärgrenze hatte eine Länge von
1750 km, sie stand unter militärischer Verwaltung.
Begründet wurde sie von Ferdinand 1538, recht-
lich aufgelöst wurde sie erst 1872.
Türkenkriege und Türkensteuer spielten im
Deutschen Reich im 16. und 17. Jahrhundert eine
große Rolle, selbst die Zugeständnisse an die
Reformation beim Reichstag von Speyer 1526
hingen mit der Türkenhilfe zusammen.
Dienstag, 4. 12. 18 :
Österreich verliert Italien und Deutschland. Ausbau der Macht auf dem Balkan. Österreich-
ungarischer Ausgleich 1867. Österreichisch-russische Konkurrenz auf dem Balkan. 1876 Aufstände
gegen die türkische Herrschaft in Bulgarien und in Bosnien, hartes Vorgehen der türkischen Truppen,
Großbritannien droht mit Eingreifen. Berliner Kongress 1878. Bosnien-Herzegowina unter öster-
reichischer Verwaltung, 1908 annektiert. Nationales Erwachen. Franz Ferdinand und der „Trialismus“.
Die Balkankriege. Albanien. Die Ermordung Franz Ferdinands in Sarajewo.
Russisch-Türkische Kriege
Russisch-Türkischer Krieg (1736-1739) Bessarabien und Walachei russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1768-1774) Donaufürstentümer, Krim russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1787-1792) Schwarzmeerküste bis zur Donau
Russisch-Türkischer Krieg (1806-1812) Bessarabien russisch
Russisch-Türkischer Krieg (1828-1829) Donaudelta, Georgien u. Armenien russisch
Donaufürstentümer und Serbien unabhängig
Russisch-Türkischer Krieg (1853-1856) Krimkrieg, Garantie für den türkischen Bestand
Russisch-Türkischer Krieg (1877-1878) Berliner Kongress 1878. Bulgarien unabhängig
Der nordische Krieg
Österreich war nach den großen Tür-
kenkriegen zunächst mit der Festigung
seiner Macht in Ungarn und seit 1701
mit dem spanischen Erbfolgekrieg
gegen Frankreich am Rhein beschäftigt.
Zwar erlangte Österreich im Frieden von
Passarowitz 1718 noch Belgrad und
Nordserbien, musste aber im Frieden
von Belgrad 1739 wieder darauf ver-
zichten.
Seit 1718 war „Schwiegersohn“ Ibrahim Pascha Großwesir, verheiratet mit der ältesten Tochter des
Sultans. Ibrahim verstärkte die Kontakte mit Europa, Botschafter wurden ausgetauscht, und Istanbul
wurde als moderne Hauptstadt ausgebaut, die Reichen bauten sich Villen im französischen Stil am
Bosporus. Ibrahim war korrupt und genusssüchtig, doch er trug auch zur Reform und Modernisierung
bei, mit Schulen und Universitäten, aber auch beim Militär. Erste Bücher in Türkisch wurden ge-
druckt, und ein gebürtiger Franzose baute sogar eine Berufsfeuerwehr für Istanbul auf. 1730 kam es
zu einem Aufstand der Janitscharen, der Sultan opferte seinen Großwesir und zwei „moderne“
Minister, musste aber dann selber zurücktreten. Sein Nachfolger Mahmut I. ließ 1731 die Führer der
Aufständischen umbringen und führte die Modernisierungspolitik fort, so etwa mit einem großen
Projekt der Wasserversorgung, dessen zentrale Verteileranlage dem Taksim-Platz in Istanbul seinen
Namen gab. Graf Bonneval, ein französischer Offizier, der zum Islam übergetreten war, wurde der
Begründer einer Militärakademie und einer Gewehrfabrik. Mit dem so verbesserten Militär konnte in
den Kriegen von 1736 bis 1739 gegen Österreich und Russland Belgrad und Nordserbien zurück
erobert werden, und Russland wurde am Vordringen an das Schwarze Meer gehindert (Asow). In der
nachfolgenden Friedenszeit verfiel das Reich weiter, die entfernteren Provinzen gehörten nur noch
nominell dazu, die Steuereinnahmen wurden kleiner, das Räuberunwesen und die Unsicherheit
nahmen zu, und in Istanbul herrschten Nepotismus, Ämterkauf und Korruption.
Russland als orthodoxe Schutzmacht hatte Kontroll-und Interventionsrechte. Österreich, obwohl nicht
am Krieg beteiligt, erhielt auf russisches Drängen hin die Bukowina.
Wegen der westeuropäischen Kriege zwischen 1790 und 1815 lag der Balkan außerhalb des politi-
schen Interesses, und Österreich als Hauptakteur war ganz mit dem Abwehrkampf gegen Napoleon
beschäftigt. Nach seinen siegreichen Feldzügen in Italien 1796/7 beschloss Napoleon, die Engländer
durch einen Angriff auf Ägypten zu treffen. Er landete im Juli 1798, besiegte die Mamlukenarmee in
der Schlacht unter den Pyramiden, brachte eine Druckerpresse mit und eröffnete so den Einzug der
Moderne. Die Oberhoheit des Sultans stellte er nicht in Frage, nach der Modernisierung des Steuer-
systems gab es sogar Zahlungen an den Sultan. Die so angestoßene Modernisierung Ägyptens
wirkte auch auf die osmanische Türkei zurück.
Am 2. Dezember 1805 besiegte Napoleon in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz in Mähren die
vereinigten russischen und österreichischen Heere. Im Frieden von Pressburg musste Österreich auf
Venetien und Kroatien verzichten. Dalmatien war Teil des Königreichs Italien, seit 1809 gehörte es zu
den direkt von Frankreich regierten Illyrischen Provinzen. Die Russen hatten sich ohne Friedensver-
trag zurückgezogen, kämpften aber 1806/07 noch einmal gegen Napoleon, diesmal mit den Preußen.
Der Vielvölkerstaat Österreich war im Wesentlichen katholisch, bis auf die Bukowina, die 1774
vom Fürstentum Moldau abgetrennt worden war. Dort war die ukrainische und rumänische
Bevölkerung orthodox, es gab eine deutsche Zuwanderung, und einen großen Anteil Jiddisch-
Sprachiger. Die Slawen stellten den größten Bevölkerungsanteil, aber bis auf die böhmische
Aristokratie waren sie an der Staatsführung nicht beteiligt. Die orthodoxen Christen auf dem
Balkan gehörten zum Osmanischen Reich, die Donaufürstentümer waren weitgehend unab-
hängig, Russland hatte als orthodoxe Schutzmacht erheblichen Einfluss und nutzte ihn zur
Wühlarbeit gegenüber der osmanischen Verwaltung.
Die staatliche Gliederung des Balkans nach 1815 Großer Historischer Weltatlas
In Griechenland kam es zu einem Aufstand der ausgebeuteten und unterdrückten Bauern gegen
ihre von Istanbul eingesetzten und geduldeten Unterdrücker, vor allem der orthodoxen Kirche
und den adligen Grundherren, den oft in Istanbul im Stadtteil Fener wohnenden Phanarioten. Es
gab aber auch eine intellektuelle nationale Bewegung. Der Aufstand brach am 25. März 1821
aus, heute dem Nationalfeiertag. Er war auf der Peleponnes relativ erfolgreich, aber die beiden
Gruppen befehdeten sich auch, es gab keine griechische Armee, und die türkische Armee konnte
in den nächsten Jahren jeweils im Sommer Gelände gewinnen, zog sich aber im Herbst in die
Winterquartiere zurück. Die Lage und die Stimmung änderte sich durch den europäischen Phil-
hellenismus, die schwärmerische Identifizierung mit der griechischen Antike, etwa mit dem
englischen Lyriker Lord Byron, der sich den Kämpfenden anschloss und dort 1823 starb, oder in
Deutschland mit Winckelmann und dann Hölderlin. Die Sympathie für die griechischen Freiheits-
kämpfer war groß, so auch der Druck auf die Regierungen. 1827 verbündete sich der Sultan mit
Mehmet Ali, und dessen Flotte sollte die Operationen der türkischen Armee auf dem Peleponnes
decken und unterstützen. Eine britisch-französisch-russische Flotte besiegte und vertrieb am
[Link] 1827 die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino vor der Peloponnes. Weil der Sultan
darauf den Bosporus für russische Schiffe sperrte, begann der nächste russisch-türkische Krieg.
Die Russen griffen über die Donau weg an und drangen im Kaukasus und tief nach Bulgarien
vor, der Sultan musste um Frieden bitten. England wollte keinen völligen russischen Sieg und die
Türkei erhalten. Im Londoner Protokoll von 1830 wurde Griechenland zum unabhängigen König-
reich unter dem bayrischen Wittelsbacher Otto erklärt, Russland erhielt im Kaukasus Gebiete in
Armenien und Georgien und das Donaudelta, die Donaufürstentümer wurden unabhängig und
erhielten russische Besetzung, und Serbien erhielt einen Autonomiestatus.
Auf europäischen Druck hin wurde Griechenland zu einer autokratischen Monarchie unter dem
bayrischen Wittelsbacher Otto gemacht, der von 1833 bis 1862 regierte. Otto kam mit einem
bayrischen Hilfskorps von 3500 Mann und mit bayrischen Beratern, die in Griechenland eine
bayrische Verwaltung einzurichten versuchten, die Bavarokratie, einschließlich des Reinheitsge-
botes für Bier. Es gab keine Griechen in der Regierung, aber viele deutsche Zuwanderer. Des-
halb kam es zu Unruhen und Aufständen, und 1843 musste Otto einer Verfassung zustimmen,
aber der darin vorgesehene Staatsrat war nicht funktionsfähig. Otto war von der klassisch-
griechischen Vergangenheit begeistert und traf sich da mit den Anhängern der Idee Groß-
griechenland, der Megali idea, die den Anspruch einer wesentlichen Ausdehnung des Staats-
gebiets mit sich brachte. Otto war und blieb landfremd und wurde 1862 in einem Volksaufstand
gestürzt. Neuer König wurde Georg von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Die Familie
regierte bis zum Sturz durch die Obristen 1967. Otto lebte bis zu seinem Tod 1867 in Bamberg.
Trotzdem fielen unter Otto wichtige Entscheidungen. Die Hauptstadt wurde 1834 nach Athen
verlegt, und dafür wurden dort wichtige Bauwerke erreichtet, das heutige Parlament als Königs-
schloss, die Universität Athen. Das Bildungssystem wurde aufgebaut. Otto sprach griechisch,
aber er blieb römisch-katholisch, die orthodoxe Kirche erklärte sich unter dem Patriarchen von
Athen für autoke-
phal, von Istanbul
unabhängig und
stand unter russi-
schem Einfluss. Die
grundlegenden
Probleme von
Großgrundbesitz
und ländlicher
Armut wurden nicht
angegangen, der
latente Bürgerkrieg
blieb.
Ein besonderer Fall ist Montenegro. Im Kern ist es das serbisch-orthodoxe Fürstbistum Cetinie, in
dem seit dem ausgehenden Mittelalter der Fürstbischof die Landeshoheit ausübte, bis zum
Berliner Kongress 1878 unter formaler osmanischer Oberhoheit. Die Bevölkerung war kulturell
serbisch und orthodox, aber es gab schon immer eine starke Zuwanderung aus den Nachbar-
ländern, und das Land ist heute herkunftsmäßig und sprachlich multiethnisch.
In den folgenden Jahren führte Reşid Pascha mit seinen Schülern die Reformpolitik weiter. Das
führte 1856 zum Herrschaftliche Sendschreiben (Hatt-i hümayun). Dieses Reformedikt … bestä-
tigte erneut die Rechte und Pflichten jedes Untertan. Besonders wurde die Gleichheit der öffent-
lichen Ämter, im Militärdienst, vor Gericht und in der Bildung betont, sowie die Abschaffung der
Kopfsteuer (cizye) und die Einführung einer weltlichen Gerichtsbarkeit. (Uwe Becker – Tanzimat).
Die Reformen setzten sich aber nur langsam gegen große traditionelle Widerstände durch. So
beschrieb Helmuth von Moltke, 1836 bis 1839 Instrukteur bei der türkischen Armee, in seinen
Briefen über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839 den
katastrophalen Ausbildungs- und Leistungszustand der osmanischen Truppen. Das zeigte sich
auch im russisch-türkischen Krieg von 1853, der nach einem anfänglichen türkischen Sieg zur
russischen Seehoheit über das Schwarze Meer und zur direkten Bedrohung Konstantinopels
führte, die Ausgangslage für den Krimkrieg. Die Reformen hatten aber noch eine andere parado-
xe Nebenwirkung, eine osmanisch-islamische Gegenbewegung. Junge Türken wollten auf die
Überlegenheit und die Privilegien der türkischen Herkunft wie des Islam nicht verzichten. Das
führte zu einer jung-osmanischen Bewegung vor allem bei den Armeeoffizieren.
Der Krimkrieg
Die Niederlagen im Krieg gegen Russland führ-
ten 1853 zu einer ernsthaften Existenzkrise der
osmanischen Türkei, und weil Großbritannien
und das neue kaiserliche Frankreich ein Vor-
dringen Russlands ins östliche Mittelmeer nicht
wollten, erklärten sie Russland im März 1854
den Krieg und schickten modern ausgerüstete
Truppen zum Einsatz im Schwarzen Meer und
zur Rettung der Türkei.
Im Frieden von Paris musste Russland auf die Donaufürstentümer verzichten, Bulgarien blieb
türkisch, Serbien autonom unter türkischer Oberherrschaft. Russland erhielt die Festung
Sebastopol zurück, musste aber den Bestand der Türkei anerkennen und eine weitgehende
Demilitarisierung des Schwarzen Meeres und der Dardanellendurchfahrt akzeptieren. Die
Niederlage und der Vertrag waren für Russland unnötig demütigend und stärkten dort pansla-
wistische und religiös-orthodoxe Tendenzen. Aus den Donaufürstentümern entstand nach dem
Krimkrieg das selbstständige Fürstentum Rumänien. Der Krimkrieg schwächte die Position
Russlands auf dem Balkan und stärkte damit Österreich-Ungarn, und das Existenzrecht der
Osmanischen Türkei war jetzt von den europäischen Großmächten garantiert. Nicht umsonst
gehört das Herrschaftliche Sendschreiben (Hatt-i hümayun), das zweite große Reformdekret, in
dem Umkreis des Pariser Friedens.
1870/71 verlor Frankreich den Krieg gegen Preußen-Deutschland und seine Vormachtstellung in
Europa. 1875 kam es zu einem Aufstand der orthodoxen Bevölkerung in der Herzegowina, der
von Serbien und Montenegro unterstützt wurde. Aber die türkische Armee konnte den Aufstand
niederwerfen und die Verbündeten besiegen. Im April 1876 kam es in Bulgarien zu einem Auf-
stand orthodoxer Christen gegen die Türken, von denen sie sich unterdrückt fühlten. Auch dieser
Aufstand wurde brutal unterdrückt. Russland forderte als Schutz für die Christen eine bulgarische
Autonomie, und als Abdülhamid sich weigerte, kam es zu einem neuen russisch-türkischen Krieg
und zu einer schweren türkischen Niederlage. Um Konstantinopel zu retten, unterschrieb Abdül-
hamid den Frieden von San Stefano, der die volle Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und
Montenegros und die Schaffung eines Großbulgariens beinhaltete. Das war weder für Österreich
noch für England akzeptabel. Ein neuer Krimkrieg drohte. Bismarck bot sich als ehrlicher Makler
an, und so kam es im Juni 1878 zum Berliner Kongress mit dem englischen Premierminister Ben-
jamin Disraeli und dem russischen Außenminister Gortschakow. Die Unabhängigkeit Serbiens,
Rumäniens und Montenegros wurde bestätigt, Bulgarien wurde eine autonome türkische Provinz,
Mazedonien und Albanien blieben türkisch. Bosnien-Herzegowina, zu je einem Drittel serbisch,
kroatisch und islamisch, wurde von Österreich-Ungarn besetzt und von beiden Reichsteilen
gemeinsam verwaltet. Russland erhielt einige türkische Gebiete im Kaukasus, und die Türkei
wurde verpflichtet, die christlichen Armenier vor den Angriffen islamischer Kurden und Tscher-
kessen zu schützen, die aus den russisch gewordenen Gebieten geflohen waren.
Nationale Erneuerungsbewegungen
Große Teile des Balkans waren seit dem Ende des 14. Jahrhunderts unter türkischer Herrschaft.
Die Menschen lebten und siedelten durcheinander, es gab von Dorf zu Dorf Unterschiede in den
Dialekten, in der Religion, in der Zugehörigkeit zu verschiedenen Volksgruppen. Es gab keine
Schule und fast keine Schriftlichkeit. Wer aufsteigen wollte, musste Moslem werden und den
Weg in die größeren Städte suchen, vor allem nach Konstantinopel. Dort gab es Schulen, aber
meistens auf türkisch oder griechisch. Die lokalen Sprachen wurden als Muttersprache weiter-
gegeben, durften aber nicht unterrichtet werden. Auch die Religionsgemeinschaften halfen nicht
viel, am ehesten die orthodoxe Kirche mit dem Altkirchenslawischen. Die verschiedenen Sprach-
gruppen lebten nebeneinander her. Die erste nationale Identität wurde in Griechenland gesucht,
die große Vergangenheit wurde aber vor allem von gelehrten Griechenfreunden aus ganz Europa
beschworen, und zwischen dem gelehrten Griechisch und der Volkssprache gab es dauernde
Spannungen. Für die anderen Balkanvölker gab keine so große europäische Anteilnahme, sie
entwickelten ihre nationale Identität später, aber auch hier spielte die Sprache eine große Rolle.
Für die serbische Sprache und Kultur war Vuk Stefanović Karadžić grundlegend, 1787 geboren,
der in Wien studierte und dort zwischen 1826 und 1834 die serbische Volkssprache entwickelte,
aus dem kyrillischen Altkirchenslawisch und den verschiedenen Dialekten, mit einer einfachen
Lautschrift in kyrillischen Buchstaben. In Wien stand er in Kontakt mit Herder, Goethe und
Grimm, die seine Arbeit schätzten. Zu seiner Arbeit gehörte auch eine Grammatik und ein
umfangreiches Wörterbuch. Karadžić sah alle Menschen mit einer verwandten Sprache als
Serben an, auch die Kroaten, aber als Serben mit einer anderen Konfession. Seine Tochter Mina
begann mit der Sammlung serbischer Märchen, und dann begannen die Aufzeichnungen von
nationalen Volksepen, etwa dem Fürsten Lazar und seinen Söhnen, die sich 1389 im Kampf
gegen die Türken geopfert hatten und auf dem Amselfeld gefallen waren.
Die bulgarische Sprache geht auf die große bulgarische Zeit um 900 unter Zar Simeon und die
Einführung des Christentums nach Kyrill und Method zurück (ihr Jahrestag am 11. Mai ist in
Bulgarien der Festtag der bulgarischen Bildung). Ihr Altkirchenslawisch hat das bulgarische
Slawisch geprägt, und weil das hundert Jahre später von Russland übernommen wurde, ist das
Bulgarische näher am Russischen als die anderen slawischen Sprachen. Ein Vorläufer der
nationalsprachlichen Bewegung war Paissij Chilendarski, der 1762 seine „Slawisch-bulgarische
Geschichte“ in einfacher vereinheitlichter Volkssprache schrieb, der Grundlage für das heutige
Bulgarisch: Paissijs Werk offenbarte dem bulgarischen Volk seine ruhmreiche Vergangenheit; er
sprach von der Größe des Reiches im Mittelalter, von den vielen Siegen über Byzanz, von der
Kühnheit und dem Heldenmut der bulgarischen Krieger, dem großen kulturellen Werk der Brüder
Kyrill und Methodius, die das bulgarische Schrifttum geschaffen hatten. (Bulg. Geschichte 1963)
Peter Beron publizierte 1824 in Kronstadt die Fibel mit unterschiedlichen Belehrungen, mit der er
für eine eigene bulgarische Sprache und Schule warb. Aber die städtischen Eliten gingen in vom
Patriarchat in Istanbul geführte griechische Schulen, und eine starke türkische Minderheit
zusammen mit der türkischen Verwaltung standen dem entgegen. So wurde erst 1835 die erste
bulgarische Schule eröffnet, 1840 die erste Mädchenschule. Die Lehrer für diese neu
entstehenden Schulen waren meist in Russland ausgebildet. Die türkische Verwaltung und die
griechische Oberschicht verfolgten sie als russische Agenten.
In den Donaufürstentümern wurden Dialekte mit einer deutlichen lateinischen Basis gesprochen.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte die „Siebenbürgische Schule“ die Lehre von der
Herkunft der Rumänen von der dakisch-römischen Bevölkerung (Dacien war von 117 bis 250
römisch), die Zugehörigkeit zur lateinischen Welt stand in Konkurrenz zur kyrillischen Orthodoxie.
Bis 1862 wurde Rumänisch in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Die Siebenbürgische Schule
entwickelte ein lateinisches Alphabet mit Sonderzeichen. Auch hier gab es eine gelehrte „Auf-
rüstung“ mit lateinischen Wurzeln für die Schriftsprache. 1845 erschienen in Deutschland
„Walachische mährchen“, und 1855 wurde eine Sammlung Volkspoesie veröffentlicht. Seit 1860
gibt es eine rege rumänische Literaturszene.
Auch das Albanische führte sich auf die Antike zurück, auf das nicht erhaltene Illyrische, das im
ersten Jahrhundert nach Christus romanisiert wurde. Das Albanische hat viele Lehnwörter aus
dem Lateinischen. Für Sprachwissenschaftler ist die Parallele von lateinischen Wörtern im
Albanischen und im Rumänischen eine wichtige Erkenntnisquelle. Auch stellt das Albanische wie
das Rumänische den bestimmten Artikel nach, vielleicht eine gemeinsame illyrisch-thrakische
Wurzel. Es gibt eine albanische Skanderbeg-Biographie aus dem 15. Jahrhundert, aber für die
Türkenzeit fast nichts. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde wieder albanisch geschrieben, aber mit
kyrillischen Buchstaben. Erst auf dem Kongress von Monastir 1908 wurde endgültig das lateini-
sche Alphabet festgelegt, und erst 1972 wurden die beiden Dialektgruppen gegisch und toskisch
zur albanischen Schriftsprache vereinigt. Auch die Sammlung einer nationalepischen Dichtung,
nicht nur Skanderbeg, aber der Kampf gegen die Türken, gehörte zur nationalen Bewusstwer-
dung, die natürlich auch immer Abgrenzung von den anderen war. Der Balkan wurde in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich nationaltraditioneller und nationalistischer.
Der Weg zum Weltkrieg
Die Donaufürstentümer wurden 1861 zum Fürstentum România – Rumänien zusammengefasst,
seit 1866 unter dem deutschen Fürsten Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, seit 1881 als König
Carol I. Er versuchte eine Reform und Modernisierung, konnte aber die ungerechten Bodenbe-
sitzverhältnisse nicht ändern. Das führte 1907 zu einem schweren Bauernaufstand. Carol lehnte
sich politisch an Österreich an, das entsprach aber nicht der öffentlichen Meinung.
Serbien war seit 1867 unter Fürst Milan Obrenović unabhängig, seit 1882 Königreich. 1885
erklärte Serbien dem halbautonomen Bulgarien (von dem deutschen Fürsten Alexander von
Battenberg regiert) den Krieg, wurde aber deutlich zurückgeschlagen. Milan Obrenović lehnte
sich gegen die öffentliche Meinung an Österreich an. 1889 dankte er zugunsten seines Sohnes
Aleksandar ab. Der wurde 1903 durch eine Offiziersverschwörung gestürzt und umgebracht.
Neuer König wurde Peter Karađorđević. Er leitete Reformen ein, er war ein Gegner Österreichs
und baute die Beziehung zu Frankreich und Russland aus.
Bulgarien war seit dem Berliner Kongress selbstständig, seit 1879 unter dem Fürsten Alexander
von Battenberg. 1885 kam es zur Vereinigung mit dem südlichen Teil, der als Ostrumelien noch
unter türkischer Herrschaft gestanden hatte. Serbien wollte diese Vergrößerung nicht hinnehmen,
die serbisch Armee erlitt aber gegen die junge bulgarische eine empfindliche Niederlage. 1886
wurde Alexander bei einem Putsch von in Russland ausgebildeten Offizieren gestürzt. Zum
Nachfolger wurde 1887 Ferdinand von Coburg-Gotha gewählt, der 1908 die völlige
Unabhängigkeit von der Türkei verkündete und den Titel Zar annahm.
Kaiser Wilhelm II. hatte die Beziehungen zur osmanischen Türkei ausgebaut und auf seiner
großen „Pilgerreise“ 1898 bei seiner Rede in Damaskus am Grabe Saladins versprach er, der
deutsche Kaiser werde zu allen Zeiten der Freund aller Mohammedaner sein. Von seinem guten
Verhältnis zu Abdülhamid zeugen die im Pergamonmuseum ausgestellten Grabungsfunde. Die
wirtschaftlichen Beziehungen wurden intensiviert, und Deutschland erhielt den Auftrag zum Bau
der Bagdadbahn. Aber Abdülhamids Herrschaft wurde immer einsamer und despotischer, die
Steuererhebung immer undurchsichtiger und korrupter, der Vollzug des Haushalts hing seit 1881
von einer ausländischen Schuldenverwaltung ab, die die Ausgaben kontrollierte. 1908 gab es
eine breite Bewegung zur Wiedereinführung der Verfassung von 1867, die allen Einwohnern des
Reiches gleiche Rechte versprach. Der Sultan wurde zugunsten eines Bruders abgesetzt, aber
die Verfassung funktionierte nicht, die schwache Regierung musste auch außenpolitisch einige
Niederlagen hinnehmen wie die Unabhängigkeit Bulgariens und Kretas. Die jungtürkische
Bewegung war gegen die Gleichberechtigung aller Bürger, sie sah das Heil in einer Stärkung des
Türkentums, und am 23. Januar 1913 putschte sie gegen die unfähige Regierung und
übernahmen die Macht. Die Führer des Komitees für Einheit und Freiheit, Enver Pascha, Taalat
Pascha und Cemal Pascha übernahmen die Regierung.
Österreich-Ungarn hatte die türkischen Wirren 1908 benutzt, um nach Absprachen mit Russland
im September 1908 die Annexion von Bosnien-Herzegowina zu verkünden. Russland sollte dafür
für seine Kriegsschiffe die freie Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen erhalten. Beides war
ein Eingriff in türkische Rechte. Aber auch Serbien fühlte sich verletzt, weil es Bosnien-Herzego-
wina als urserbisches Gebiet betrachtete, und der große muslimische Bevölkerungsanteil sah
sich in einem christlichen Staat entrechtet. Bosnien-Herzegowina stand unter Militärverwaltung,
es gab keine Ansätze für eine Beteiligung der Zivilgesellschaft.
Den Kriegsreigen vor dem großen Krieg eröffnete Italien 1911 mit der Annexion Libyens und der
Besetzung einiger Inseln um Rhodos, der italienischen Dodekanes. Russland hatte das verspro-
chene Durchfahrtsrecht nicht bekommen und bemühte sich seither, seine früheren Klientel-
staaten Serbien, Montenegro und Bulgarien zu einem Balkanbund gegen die osmanische Türkei
zusammenzuführen. Aber auch Griechenland beteiligte sich. Der Krieg begann im September
1912. Die Griechen drängten nach Osten und erreichten Saloniki vor den Bulgaren. Die Serben
drangen nach Skopje vor. Die bulgarischen Truppen griffen im Süden an, besetzten Adrianopel
und bedrohten sogar Konstantinopel. Im Londoner Vertrag vom Mai 1913 verzichtete die Türkei
auf alle europäischen
Besitzungen. Es kam zu einer
großen Fluchtbewegung von
Muslimen, Moscheen wurden
zerstört oder verchristlicht,
islamische Kleidung wurde
verboten. Um Albanien stritten
sich Montenegro, Serbien und
Griechenland, aber in London
wurde ein unabhängiges
Fürstentum Albanien unter dem
Prinzen zu Wied geschaffen.
Damit wollte Österreich ein
Vordringen Serbiens an die
Adria verhindern.
Weil Serbien mit Russland verbündet war und in seiner Haltung bestärkt wurde, und ebenso
Österreich-Ungarn mit Deutschland, weil es kein europäisches Krisenmanagement gab und die
Politiker in Ferienstimmung und unaufmerksam waren, weil die Militärs das Einhalten ihrer
Aufmarschpläne für wichtiger hielten als die Chance für Friedensgespräche und weil die Politiker
den Krieg als möglich und sogar als möglicherweise nützlich betrachteten, konnte das Attentat
von Sarajewo der Auslöser für den Weltkrieg werden, der Europa in den Ruin trieb und der auch
den Balkan grundlegend veränderte. Der Krieg begann mit dem Einmarsch Österreichs in
Serbien, aber die Österreicher taten sich überraschend schwer. 1915 besetzten die Serben
Albanien, aber dann wurde das Land durch eine deutsch-österreichische Militäraktion bis zum
Ende des Krieges streng besetzt. Die Serben wehrten sich mit Partisanenkämpfen. Bulgarien war
mit den Mittelmächten verbündet. Rumänien schloss sich 1916 der Entente an, nachdem ihm
erhebliche Landgewinne auf Kosten Ungarns zugesagt worden waren. Doch das rumänische
Militär war schwach, und General Mackensen konnte mit österreichischen und deutschen
Truppen das ganze Land besetzen. In Österreich-Ungarn beschleunigte sich durch die Kriegs-
anstrengungen der Zersetzungsprozess. Ein Kriegsziel der Alliierten von Anfang an war das
Ende von Österreich-Ungarn. Deshalb wurden die slawischen Unabhängigkeitsbestrebungen
überall gefördert. Der Balkan war während des Krieges österreichisch oder von deutsch-
österreichischem Militär besetzt, aber nach 1918 gehörten die Slawen zu den Gewinnern.
Griechenland wurde seit 1913 von König Konstantin und Premierminister Venizelos regiert, die
nach dem Erfolg der Balkankriege sehr populär waren. Aber Venizelos war für die Annäherung
an Großbritannien, während der König zu den Mittelmächten neigte. Venizelos erreichte 1917
den Rücktritt des Königs, und Griechenland trat in den Krieg gegen die Mittelmächte ein. Nach
dem Zusammenbruch der osmanischen Türkei erhielt Griechenland die restliche europäische
Türkei und die kleinasiatische Küste um Smyrna-Izmir, die noch weitgehend griechisch bewohnt
war. 1920 konnte der immer noch populäre Konstantin nach einer Wahlniederlage von Venizelos
und nach einem Plebiszit als König zurückkehren. Konstantin übernahm persönlich den Oberbe-
fehl über die griechische Armee. Aber in der Türkei kam es zu einer nationalen Revolution unter
Kemal Pascha, dem erfolgreichen Sieger von Gallipoli, und die neue türkische Armee siegte
1921 in der Schlacht am Sakarya über die griechische und drängte sie nach Griechenland
zurück. Konstantin übernahm die Verantwortung und trat zum zweiten Mal zurück. Im Vertrag
von Lausanne musste die neue Regierung auf die eroberten Gebiete verzichten. Ein gigantischer
Bevölkerungsaustausch fand statt: Griechenland nahm 1,5 Millionen Griechen aus der Türkei auf,
die Türkei dafür eine halbe Million Türken aus Griechenland. Die Regierungen waren unpopulär
und ohne Mehrheit. 1924 wurde die Monarchie per Volksabstimmung abgeschafft. Der General
Theodoros Pangalos regierte diktatorisch. Der nationalkonservative Venizelos kam aus dem Exil
zurück und war noch einmal von 1928 bis 1932 Premierminister. Dabei kümmerte er sich sehr
um die Eingliederung der Flüchtlinge. 1932 trat er wegen der schlechten Wirtschaftslage und
wegen der royalistischen Opposition zurück und ging wieder ins Exil nach Frankreich, wo er 1936
starb. 1935 machten royalistische Offiziere einen Putsch, um König Georg wieder zurückzuholen,
aber 1936 übernahm der General Iannis Metaxas als Ministerpräsident die Macht. Er stand den
faschistischen Regierungen und Gedanken nahe, seine Ernennung war eine richtige Machter-
greifung, die Ausschaltung legaler politischer Einrichtungen und Parteien. Sein Regime des 4.
August hielt bis zu seinem Tod 1941.
In den neuen Balkanstaaten waren zunächst überall die Bauernparteien die stärksten und der
Demokratie am meisten verpflichteten politischen Einheiten. Die Bauern waren arm und landlos
und hofften auf eine Bodenreform. Die Großgrundbesitzer hielten mit allen Mitteln dagegen, es
kam nirgends zu einer Bodenreform, politische Kompromisse waren nicht möglich. Dazu kamen
Probleme der Mehrheitsnation und der nationalen Minderheiten. Es gab keine stabilen Mehrhei-
ten und Regierungen, und überall war die Demokratie am Ende und wurde durch eine Königs-
oder Militärdiktatur ersetzt, politisch und ideologisch meistens nahe an den faschistischen
Modellstaaten Italien und Deutschland.
Deutschland wollte eigentlich die Balkanstaaten in einem Bündnis mit den Achsenmächten
zusammenführen und damit wirtschaftlich für den Krieg gegen Russland mitnutzen. Aber das
wurde durch Mussolini verhindert, der seine Herrschaft über Griechenland ausdehnen wollte und
deshalb am 28. Oktober 1940 den Krieg erklärte. Doch die eigentlich überlegenen italienischen
Streitkräfte hatten keinen Erfolg und wurden von den Griechen sogar in Albanien zurückgedrängt.
In Griechenland drohte eine britische Front. Deshalb entschloss sich Hitler, über Jugoslawien
Griechenland anzugreifen und beide Staaten militärisch zu besetzen und unter Kriegsrecht zu
stellen. Am 6. April 1941 wurde Belgrad bombardiert, am 17. April unterschrieb der militärische
Oberbefehlshaber die bedingungslose Kapitulation. Jugoslawien hatte in der deutschen Regie-
rung keine Befürworter, es wurde aufgeteilt. Italien erhielt die dalmatische Küste und einen Teil
von Slowenien, dazu annektierte es Montenegro. Der Kosovo wurde mit Albanien vereinigt.
Kroatien, wo es mit der Ustascha eine starke faschistische Bewegung unter Ante Pavelić gab,
wurde mit Bosnien zu einem selbstständigen verbündeten Staat. Das verkleinerte Serbien wurde
unter deutsche Militärverwaltung gestellt, aber auch hier wurde eine faschistische Satelliten-
regierung unter General Milan Nedić eingesetzt. (Slavko Goldstein: 1941 – Das Jahr, das nicht
vergeht. Die Saat der Gewalt auf dem Balkan. Frankfurt 2018). Ungarn und Bulgarien gehörten
zu den siegreichen Verbündeten, die 1918 verlorene Gebiete zurückerhielten.
Am schlimmsten traf es Griechenland. Das Land wurde unter Besatzungsrecht gestellt. Die (vor
allem) landwirtschaftliche Produktion musste nach Deutschland abgeliefert worden, die theoreti-
schen Einnahmen wurden mit hohen Besatzungskosten (von Hitler persönlich „Aufbaukosten“
getauft) verrechnet. Das Land musste kostenlos für Deutschland arbeiten und hatte selber kaum
genug zum Überleben. Deshalb ist das Thema deutscher Schulden politisch immer noch aktuell.
In Griechenland kam es nach dem Sturz Mussolinis auch zu Kriegshandlungen mit den Italienern.
Seither war Deutschland die einzige Besatzungsmacht auf dem Balkan.
In Griechenland kämpften viele Soldaten und Offiziere der aufgelösten Armee bei den Partisa-
nen, und die Kommunisten konnten keine so dominierende Stellung gewinnen. Nach dem
Rückzug der Deutschen im September 1944 kam es zur Frontstellung zwischen den kommunis-
tischen Partisanen und der sich neu formierenden royalistischen Armee und von 1946 bis 1949
zu einem blutigen Bürgerkrieg, bei dem sich aber die Sowjetunion nicht engagierte, weil nach den
Abmachungen von Jalta Griechenland zu 90% zum Einflussgebiet Großbritanniens gehörte.
Nach einer Volksabstimmung kehrten König Georg II. und seine Exilregierung Papandreou 1946
nach Athen zurück. In Albanien war der Kommunist Enver Hoxha zum Führer der Partisanenbe-
wegung aufgestiegen und übernahm mit den Kommunisten die Macht. Die Großgrundbesitzer
und die bürgerliche Mittelschicht wurden entmachtet und erschossen oder in Lager verbannt.
Die erstaunlichste Karriere war die von Josip Broz, 1892 in Kroatien geboren, der 1934 den
Kampfnamen Tito annahm, als er mit den Kommunisten in den Untergrund ging. Er war für
Jugoslawien und gegen die nationalistische Kleinstaaterei. Sein größter Gegner in der Parti-
sanenbewegung war der Serbe Mihailowić mit seinen Tschetniks, aber Tito setzte sich durch und
wurde Chef der Volksbefreiungsarmee, die sich als ernstzunehmender militärischer Faktor
etablierte und 1943 eine provisorische Regierung für Jugoslawien bildete. Als sich die Deutschen
Ende 1944 zurückzogen, übernahm der Provisorische Rat unter Marschall Tito die Regierung.
Jugoslawien hatte sich aus eigener Kraft befreit. In Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Slowakei,
Tschechien und Polen erzwang Ende 1944 die Rote Armee den deutschen Rückzug, diese
Länder wurden also von der Sowjetarmee befreit, und die sorgte überall dafür, dass die
kommunistischen Partisanenführer politische Schlüsselstellungen erhielten. Das wurde auch
dadurch erleichtert, dass in Jalta diese Staaten zur russischen Einflusssphäre geschlagen
worden waren.
Die Nachkriegsordnung
In ihrem Machtbereich setzte die Sowjetunion möglichst schnell Volksfrontregierungen unter
kommunistischer Führung durch, zuerst in Polen, wo Churchill und Roosevelt in Jalta einer neuen
Regierung unter kommunistischer Führung zustimmten und die bisher anerkannte Exilregierung
fallen ließen. Diese neue Regierung hatte als erstes die Westverlagerung Polens zu organisieren,
die Ansiedlung der Vertriebenen aus dem ehemaligen Ostpolen in den neuen Westgebieten. Ver-
antwortlich dafür war der kommunistische Partisanenführer und Funktionär Władyslaw Gomulka.
Rumänien wurde als erstes Land Ende 1944 befreit. Es musste auf Bessarabien und Gebiete im
Osten verzichten, erhielt aber Siebenbürgen zurück. Chef der Volksrepublik Rumänien wurde
der Kommunistenführer Gheorge Gheorgiu-Dei, zuerst Ministerpräsident und später Staatsrats-
vorsitzender. Auch Bulgarien wurde noch im September 1944 von der Roten Armee besetzt,
obwohl es am Krieg gegen die Sowjetunion nicht beteiligt war. Die Monarchie wurde abgeschafft
und eine neue Regierung unter kommunistischer Führung gebildet. Staatspräsident wurde Georgi
Dimitroff, der kommunistische Parteiführer, der 1933 im Berliner Reichstagsbrandprozess freige-
sprochen worden war, in Moskau für die Komintern gearbeitet hatte und nun mit der Roten
Armee zurückkam. Ungarn wurde im April 1945 von der Roten Armee „befreit“ und wieder auf die
Größe von 1920 reduziert. Das Land wurde nach sowjetischem Vorbild reorganisiert und
verfolgte unter Mátyás Rákosi einen stalinistischen Kurs. Am längsten hielt sich die Volksfront-
regierung in der wiederhergestellten Tschechoslowakei. Die sudetendeutsche Bevölkerung
wurde durch die Beneš-Dekrete enteignet und ausgewiesen. Bürgerlicher Koalitionspartner war
der populäre Jan Masaryk. Anfang 1948 übernahmen die Kommunisten unter Klement Gottwald
endgültig die Macht. Wenig später wurde Masaryk tot im Hof des Außenministeriums gefunden.
Damals hieß es Selbstmord, man geht heute aber von Mord aus.
Die ganzen Staaten gehörten nach den Vorgaben von Jalta zum sowjetischen Machtbereich. Die
Machtergreifung der Kommunisten wurde überall durch die Rote Armee abgesichert. Die Volks-
frontregierungen wurden durch „Volksdemokratien“ ersetzt, die alten Eliten und die Besitzenden
wurden überall enteignet, erschossen oder in Lager interniert, aller Besitz wurde verstaatlicht,
das Agrarland wurde in einem ersten Schritt an die Bauern verteilt, einige Jahre später zwangs-
kollektiviert. Freie Presse und Westkontakte waren unerwünscht und wurden immer stärker ver-
folgt. In einer zweiten Phase nach 1948 fürchtete und verfolgte Stalin die Nationalkommunisten,
die als Partisanen gekämpft hatten und nicht in Moskau geschult worden waren. Sie wurden in
Schauprozessen angeklagt und verurteilt, so in der Tschechoslowakei die Brüder Slánsky, die
hingerichtet wurden, in Polen Gomulka und in Ungarn Imre Nagy, die abgesetzt und unter Haus-
arrest gestellt wurden. Die Sowjetunion war das einzige Vorbild, nationale Abweichungen waren
nicht zulässig. Gleichzeitig wurden Militärpräsenz und Militärkraft ausgebaut, der „Eiserne
Vorhang“ (Winston Churchill 1945) wurde immer undurchlässiger, die Militärgrenze zwischen Ost
und West lief durch Mitteleuropa, und der „Kalte Krieg“ konnte leicht zu einem heißen werden.
Stalin starb am 5. März 1953. Die erste Reaktion im sowjetischen Machtbereich war der Volks-
aufstand vom 17. Juni in der DDR, wo die Arbeiter eine Lockerung der Arbeitsbedingungen
verlangten. Der Aufstand wurde von den Panzern der Roten Armee niedergewalzt. Wegen der
nachfolgenden Repression flohen viele Ostdeutsche in den Westen. Für die westdeutsche Wirt-
schaft war dieser Zuzug ein Segen, für die DDR ein Aderlass, der 1963 zum Mauerbau führte.
Auch in anderen Staaten wurde der Widerstand deutlicher, die nationalkommunistischen Führer
traten wieder in Erscheinung. Im Februar 1956 kritisierte der neue Parteiführer Chruschtschow
die Verbrechen der Stalinzeit. Das führte im Herbst 1956 zu einem Volksaufstand in Ungarn, und
zur Beruhigung berief die kommunistische Partei Imre Nagy zum neuen Ministerpräsidenten.
Nagy wollte sein Land in die Mehrparteiendemokratie und die Neutralität führen, doch auch
dieser Aufstand wurde von der Roten Armee unterdrückt und blutig niedergeschlagen. Imre Nagy
wurde später hingerichtet. Über 200 000 Ungarn flohen über Österreich in den Westen. Der neue
Parteichef Janós Kádár führte zunächst eine repressive Politik, die allmählich zum „Gulasch-
kommunismus“ gelockert wurde. Dabei verschuldete sich Ungarn allerdings zu stark im Westen,
dazu gab es einen großen Reformstau, sodass er seit 1985 von jüngeren Kräften wie Károly
Grosz von der Macht verdrängt wurde.
In der Tschechoslowakei wurde 1968 der stalistinistische Parteichef Novotny durch den slowa-
kischen Reformkommunisten Alexander Dubček ersetzt. Er führte das Land und die Partei in den
„Prager Frühling“, er wollte eine Lockerung im Verhältnis zur Sowjetunion und eine Annäherung
an den Westen. Aber im August 1968 rückten Truppen der Roten Armee und des Warschauer
Paktes, auch aus Polen und der DDR in die Tschechoslowakei ein, Dubček wurde abgesetzt,
sein Nachfolger Gustáv Husák nahm die Reformen zurück, stärkte aber die slowakische Unab-
hängigkeit. In Rumänien war seit 1965 Nicolae Ceauşescu Parteichef. Er betrieb eine Politik der
Distanzierung von der Sowjetunion und war deshalb im Westen zeitweilig recht beliebt, aber nach
innen war er ein brutaler Diktator, der alle anderen Meinungen unterdrückte, der sein Volk durch
Hungern groß und autark machen wollte und für sich selber einen überdimensionierten Palast
bauen ließ. Er wurde 1989 gestürzt und im Dezember erschossen. In Bulgarien war Todor
Schiwkow seit 1962 der starke Mann der kommunistischen Partei. Er stand loyal zur Russland,
es gab sogar Verhandlungen für die Aufnahme als Sowjetrepublik in die Sowjetunion. Bis 1989
gab es keine Reformen und keine nennenswerte Opposition. Der bulgarische Geheimdienst
übernahm sogar besonders schmutzige Operationen (bulgarischer Regenschirm, Papstattentat).
Erst 1989 wurde Schiwkow als Führer der Kommunistischen Partei gestürzt und 1990 vor Gericht
gestellt und wegen Korruption verurteilt. In Griechenland funktionierte die Königsdemokratie mehr
schlecht als recht, bis 1967 die Obristen unter Papadopoulos die Macht ergriffen, die Monarchie
abschafften und eine autoritäre Diktatur einführten, die erst 1974 gestürzt wurde. 1981 wurde
Griechenland als 10. Mitglied in die EWG aufgenommen
In Albanien hatte der kommunistische Führer Enver Hoxha nach der Vertreibung der Deutschen
die Macht übernommen und eine kommunistische Diktatur eingerichtet. Tito hatte ihm wohl ange-
boten, mit den Albanern aus dem Kosovo und aus Mazedonien eine jugoslawische Teilrepublik
zu bilden, aber Hoxha lehnte ab und brach mit Jugoslawien. Mit Stalin verstand er sich gut. Der
half ihm, eine eigene (und letztlich überdimensionierte) Stahlindustrie aufzubauen. Mit dem
Nachfolger Chruschtschow überwarf sich Hoxha und lehnte sich von 1961 bis 1978 eng an China
an. Danach sah er sein Ziel wie Ceauşescu in Rumänien in der Autarkie, die Albaner waren arm
und von Europa abgeschnitten. Bei jeder Kursänderung wurde es um Hoxha einsamer, weil die
alten Weggefährten verschwanden. Nach dem Tod Hoxhas öffnete sich sein Nachfolger Ramiz
Alia, aber zu langsam und zu halbherzig. So stürzte das kommunistische Regime 1990.
Der Jugoslawienkrieg
Glasnost und Perestrojka haben die Erstarrung der Breschnewzeit gelöst und notwendige Refor-
men angestoßen, aber sie haben auch zum Ende der Sowjetunion und des Ostblocks geführt, im
Nachhinein zu einer kleinteiligeren Renationalisierung. Die Auflösung der Sowjetunion ist weit-
gehend friedlich abgelaufen, in Jugoslawien führte sie zu undurchsichtigen Bündnissen, zu ethni-
schen Säuberungen, zu Umsiedlungen, zu mehreren Kriegen. Die jugoslawische Bundesarmee
war weitgehend serbisch geführt, Kroatien hatte damit begonnen, eigene Streitkräfte aufzubauen.
Mit dem Zerfall Jugoslawiens drehten sich die Werte um: Vorher war das Gemeinsame betont
worden, in der Sprache, im Zusammenleben, im Nebeneinander der Religionen. Mischehen
zwischen den Religionen und den Volksgruppen waren erwünscht, Minderheiten waren geachtet
und geschützt. Jetzt sah sich das Mehrheitsvolk als Nation, seine Religion als privilegiert, die
Minderheiten als mehr oder weniger geduldet. Jugoslawisch gemeinsam war kein positiver Wert
mehr, sondern ein Makel. Das galt insbesondere in Bosnien, wo sich zwar Kroaten und Serben
feindlich gegenüber standen, aber beide mit Verachtung auf die „Muslime“ heruntersahen. Dazu
kam, dass jede Nation in den anderen Republiken Minderheiten hatte, und dass Kroatien wie
Serbien eine Vergrößerung anstrebten und diese Gebiete beanspruchten. So gab es im
Bosnienkrieg Verhandlungen zwischen Tuɗman und Miloševiƈ über eine Aufteilung von Bosnien-
Herzegowina, und heute ist das Land eine föderative Republik, aber ein Drittel ist die Republik
Srpska, die sich nicht an der Gesamtregierung beteiligt und sich Serbien anschließen will. Die
Kroaten und die Muslime bilden den gemeinsamen Staat, aber arbeiten auch oft gegeneinander,
wie etwa in Mostar. Das Dayton-Abkommen von 1995 zum Abschluss des Krieges wurde von
Tuɗman, Miloševiƈ und dem bosnischen Präsidenten Alija Izetbegović unterschrieben. Bosnien-
Herzegowina bleibt also ein Sprengsatz in der Nachkriegsordnung. Ähnlich ist es mit dem Koso-
vo: die Albaner wollen einen eigenen Staat, aber Serbien hat seinen Anspruch nicht aufgegeben
und nutzt die serbische Minderheit, um immer wieder zu protestieren und einzugreifen.