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2000 Jahre Varusschlacht Geschichte Archologie Legenden

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2000 Jahre Varusschlacht

Topoi
Berlin Studies of the Ancient World

Edited by
Excellence Cluster Topoi

Volume 7

De Gruyter
2000 Jahre Varusschlacht

Geschichte – Archäologie – Legenden

Edited by
Ernst Baltrusch
Morten Hegewisch
Michael Meyer
Uwe Puschner
Christian Wendt

De Gruyter
ISBN 978-3-11-028250-4
e-ISBN 978-3-11-028251-1
ISSN 2191-5806

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data


A CIP catalog record for this book has been applied for at the Library of Congress.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2012 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston


Einbandbild: Collage, M. Hegewisch | Links: Hermannsdenkmal, Detmold, Ernst von Bandel;
Mitte: „Der gescheiterte Varus“, Haltern, Dr. Wilfried Koch; Rechts: Panzerstatue des Augustus von Prima Porta,
Vatikanische Museen, Rom.
Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde
Druck und buchbinderische Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik, Allgäu · Berlin
o Gedruckt auf säurefreiem Papier
Printed in Germany
www.degruyter.com
Anselm Kiefer, Varus, 1976.
Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX

I. Prooemium

Reinhard Wolters
Die Schlacht im Teutoburger Wald. Varus, Arminius und das römische Germanien . 3

II. Pars imperii

Klaus-Peter Johne
Das Stromgebiet der Elbe im Spiegel der griechisch-römischen Literatur . . . . . 25

Alexander Demandt
Das Bild der Germanen in der antiken Literatur . . . . . . . . . . . . . 59

Dagmar Beate Baltrusch


Und was sagt Thusnelda? Zu Macht und Einfluß germanischer Frauen . . . . . 71

Christian Wendt
Die Oikumene unter Roms Befehl. Die Weltherrschaft als Antrieb der römischen
Germanienpolitik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95

Ernst Baltrusch
P. Quinctilius Varus und die bella Variana . . . . . . . . . . . . . . . 117

Siegmar von Schnurbein


Augustus in Germanien. Archäologie der fehlgeschlagenen Eroberung . . . . . 135

III. In situ

Michael Meyer
hostium aviditas. Beute als Motivation germanischer Kriegsführung . . . . . . . 151

Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost


Kalkriese – Archäologische Spuren einer römischen Niederlage . . . . . . . . 163

Morten Hegewisch
Von Leese nach Kalkriese? Ein Deutungsversuch zur Geschichte zweier linearer
Erdwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177

INHALTSVERZEICHNIS VII
IV. Cura posterior

Klaus Kösters
Endlose Hermannsschlachten … . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

Uwe Puschner
„Hermann, der erste Deutsche“ oder: Germanenfürst mit politischem Auftrag.
Der Arminius-Mythos im 19. und 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . 257

Heide Barmeyer
Denkmalbau und Nationalbewegung. Das Beispiel des Hermannsdenkmals . . . 287

Henning Holsten
Arminius the Anglo-Saxon. Hermannsmythos und politischer Germanismus
in England und den USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315

Wolfgang Beyroth
„Steh auf, wenn du Armine bist …“ Ein kunsthistorischer Essay . . . . . . . . 391

Christine de Gemeaux
Arminius, Ambiorix und Vercingetorix aus französischer Perspektive.
,Kleine Heimat‘ versus Imperium in Geschichtsschreibung und Comics . . . . . 403

V. Epilogos

Heinz-Günter Horn
Varus im 21. Jahrhundert. Zur kulturpolitischen Gestaltung des Varus-Jubiläums . . 423

Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437

VIII INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort

Im Jahr 2009 fand ein Jubiläum besonderer Art statt: 2000 Jahre zuvor, im Jahr 9 n. Chr., besiegten auf-
ständische Germanen unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius (,Hermann‘) den römischen
Statthalter Varus in der berühmten ,Schlacht im Teutoburger Wald‘.
Wie einschneidend dieses Ereignis war, wusste bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus,
denn er nannte Arminius „ohne Zweifel den Befreier Germaniens“ (liberator haud dubie Germaniae).
Mit dieser römischen Niederlage wurde der Verzicht des römischen Imperiums verbunden, Germanien
östlich des Rheins und nördlich der Donau zu erobern. Wie immer dieser Zusammenhang historisch
auch zu beurteilen sein mag, so ist es doch eine Tatsache, dass die Römer nur den südlichen und west-
lichen Teil des heutigen Deutschlands ,romanisierten‘. Auf diese Weise hatte die Varusschlacht also un-
bestreitbare Nachwirkungen.
Aus diesem Anlass wurde an der Freien Universität Berlin 2009 eine Ringvorlesung unter dem Titel
,2000 Jahre Varusschlacht. Geschichte – Archäologie – Legenden‘ veranstaltet. Sie wurde unter interdis-
ziplinären Gesichtspunkten konzipiert, da auch das Ereignis selbst vom 19. Jahrhundert an von unter-
schiedlichen Fachdisziplinen in den Blick genommen wurde; der vorliegende Band soll nun sowohl den
Ertrag und die Relevanz der Veranstaltung dokumentieren als auch erstmals das Zusammenwirken der
vielf ältigen disziplinären Ansätze in einer möglichst facettenreichen Gesamtschau betonen.
Dieser Gesichtspunkt lag bereits der Planung der Ringvorlesung zugrunde: Die übergreifende Be-
handlung dreier mit der Varusschlacht verbundener Komplexe sollte Hörern und nun den Lesern die
Bedeutung des Ereignisses – sowie die Grenzen seiner Bedeutung – plastisch vor Augen führen.
Die historische Dimension: Sie ergibt sich aus dem Faktum, dass ein Herrschaftsraum, der bereits
auf dem Wege der ,Romanisierung‘ war, von der damals alles beherrschenden römischen Macht aufge-
geben wurde. Die Beiträge gehen der Frage nach, wie die Varusschlacht historisch eingeordnet werden
kann. Wie kann man ,germanische‘ Identität fassen, und was wissen wir nicht zuletzt über den weib-
lichen Anteil am gesellschaftlichen und politischen Leben? Welches war der Charakter römischer
Herrschaft, von der sich die Germanen ,befreiten‘?
Die archäologische Dimension: Die augusteischen Bestrebungen, Germanien zu erobern, haben
reichhaltige Spuren im Boden hinterlassen. Sie erlauben es, ein genaues Bild der römischen Vorstöße,
Strategien und Präsenz zu zeichnen. Die römischen Lager an der Lippe werden seit mehr als 100 Jahren
erforscht, und seit wenigen Jahren gibt es mit Waldgirmes an der Lahn den gesicherten Nachweis einer
rechtsrheinischen Stadtgründung. Dies ist ein deutliches Zeichen, dass die römische Herrschaft rechts
des Rheins nicht allein militärischer Natur war. Sensationelle Funde in Kalkriese bei Osnabrück seit 1987
zeigen ein umfangreiches Schlachtfeld aus der Zeit um 9 n. Chr. – den ,wahren‘ Ort der Varusschlacht?
Die wirkungsgeschichtliche Dimension: Mit dem Beginn der Frühen Neuzeit begann in vielen eu-
ropäischen Ländern die Suche nach ,Ur-Helden‘, die einen Nationalmythos begründen konnten. In
Deutschland identifizierte man mit ,Hermann‘ dem Cherusker jenen Helden, dessen ,Befreiungs-
kampf‘ mythentauglich und – wie sich zeigen sollte – mit dem Übergang zum 19. Jahrhundert politisch
instrumentalisierbar war. Der Mythos hat in den Jahrhunderten seit der Wiederentdeckung der Ger-
mania des Tacitus im 15. Jahrhundert vielf ältige Entwicklungen durchlaufen und – insbesondere – ein
facettenreiches Kunstschaffen ausgelöst, das von zahlreichen Barockopern bis hin zum monumentalen
Hermannsdenkmal bei Detmold reicht.

VORWORT IX
Wichtig ist den Herausgebern, deutlich zu machen, wie unterschiedlich sich die Forschung in vielen
Fragen in Hinblick auf die Varusschlacht positioniert hat und wie sehr Versuche einer Vereinnahmung
des Themas durch Politik, Ideologie und Medien bereits im Ansatz daran kranken, dass eine communis
opinio längst nicht in Sicht ist, weder im Hinblick auf die geographische Lokalisierung des Schlacht-
geschehens noch auf die historische Bewertung. Auch die verschiedenartige Wahrnehmung im inter-
nationalen Kontext findet Berücksichtigung.
Der alle Erwartungen sprengende Erfolg der Ringvorlesung ,2000 Jahre Varusschlacht. Geschichte –
Archäologie – Legenden‘ war ein Gradmesser für das öffentliche Interesse an dieser Thematik und eine
Bestätigung des Konzeptes, die disziplinenübergreifende Herangehensweise dem Publikum vorzustel-
len. Eine konstant hohe Zahl an Zuhörerinnen und Zuhörern von ca. 300 Personen besuchte die Vor-
träge im Hörsaal 1a der sogenannten Rostlaube an der Freien Universität, die Fluktuation war gering,
die Themen offensichtlich zugkräftig. Dies ermöglichte eine Fülle von Diskussionen, die sich an die
etwa einstündigen Vorträge anschlossen. Dabei zeigte sich, dass sowohl Fachkollegen und Spezialisten
als auch interessierte Laien den Weg in den Hörsaal gefunden hatten. Lebhaft und durchaus kontrovers
tauschte man sich aus, problematische Felder wie etwa die privaten Sondengänger oder das Marketing
wurden ebenso gestreift, wie sich insbesondere die Altertumswissenschaftler immer wieder der Frage
stellen mussten, wie sie es denn selbst mit dem möglichen Ort der Varusschlacht hielten.
Die nach jedem Vortrag lebendig geführten Diskussionen konzentrierten sich besonders auf Fra-
gen zur Lokalisation und Datierung von Ereignissen und Funden, etwa der Identifizierung befestigter
Lager, zu ökonomischen Motiven und logistischen wie strategischen Hintergründen und natürlich zur
Rezeption des Ereignisses und der handelnden Personen in diversen Zusammenhängen und mit Hilfe
vieler naheliegender wie auch überraschender Analogien.
Sowohl die Besucherzahlen als auch die rege Beteiligung des Auditoriums bestärkten die Heraus-
geber in der Idee, die Ringvorlesung in Form eines gedruckten Werks zu dokumentieren. Viele Anfra-
gen, wo und wann es denn die Beiträge nachzulesen gebe, erreichten uns nicht nur aus dem Kreis der
Zuhörerschaft. Drei Jahre, nachdem die erste Woge an Jubiläumspublikationen abgeebbt und verarbei-
tet ist, können wir nun gleichsam die ,Nachlese‘ des Jahres 2009 vorlegen.
Dank der großzügigen Finanzierung durch den Berliner Exzellenzcluster TOPOI waren wir nicht
nur in der Lage, die Veranstaltung durchzuführen, sondern nun auch innerhalb der Reihe ,TOPOI. Ber-
lin Studies of the Ancient World‘ des Verlags De Gruyter den Band vorzulegen. Für dieses Privileg
bedanken wir uns sehr. Sowohl die interdisziplinäre Zusammenarbeit als auch die beherrschenden
Fragestellungen nach räumlichen Kenntnissen von und geeigneten Herrschaftskonzeptionen für Ger-
manien, der archäologisch-historischen Rekonstruktion der Ereignisse sowie dem Nachleben und dem
Einfluss des umgewerteten Arminius- und somit Germanienbildes können exemplarisch für die
Grundfrage des Großprojekts TOPOI gelten: die Beziehung zwischen Raum und Wissen in der Antike
samt ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
Die Chronologie der Veranstaltung wurde für die Struktur des Bandes nicht übernommen. Statt
einer ablaufgetreuen Dokumentation haben wir uns entschieden, die Beiträge nach ihren thematischen
Schwerpunkten zu bündeln, um wiederum kenntlich zu machen, welche Perspektiven eingenommen
werden und welche Forschungsansätze die wissenschaftliche Auseinandersetzung prägen. Auch die
Gegenüberstellung einzelner Positionen soll den Leserinnen und Lesern auf diese Weise leichter fallen.
Darüber hinaus konnten weitere Autoren – selbst nicht Vortragende im Rahmen der Veranstaltung –
gewonnen werden, die durch zusätzliche relevante Aspekte den Band wesentlich bereichern.

X VORWORT
I. Prooemium

Reinhard Wolters gibt in einem einführenden Kapitel zunächst einen Überblick über das Geschehen
und die allgemeinen politischen Hintergründe wie auch über die aus den Ereignissen des Jahres
9 n. Chr. resultierenden Konsequenzen. Ebenso wird hier ein Schlaglicht auf die Wandlungen gewor-
fen, die innerhalb der antiken Überlieferung vorliegen: Denn erst infolge von Tacitus’ Dictum über
Arminius als dem „Befreier Germaniens“ war die Zuspitzung der Rezeption auf die Bedeutung der Va-
russchlacht möglich.

II. Pars imperii

Das folgende Kapitel ist dem historischen Rahmen der Varusschlacht gewidmet und behandelt die Hin-
tergründe, vor denen der germanische Raum sowie ein römisches Engagement östlich des Rheins zu
verstehen und einzuordnen sind.

Klaus-Peter Johne zeigt in seinem Beitrag „Das Stromgebiet der Elbe im Spiegel der griechisch-römi-
schen Literatur“, wie das Gebiet zwischen Rhein und Elbe in der antiken Wahrnehmung präsent war,
belegt die entscheidenden Wandlungen und betont die wichtige Orientierungsfunktion des Flusses
Elbe. Alexander Demandt zeichnet das Bild der Germanen nach, wie wir es von den antiken Autoren
überliefert finden. Dabei gelingt es ihm, die Vorstellung eines angeblichen Germanentopos zu ent-
kräften, der unisono allen Darstellungen zugrunde liegen würde. Ein – durchaus provokanter – Aus-
blick auf die Kontinuitäten in Mittelalter und Neuzeit beschließt seine Ausführungen. Dagmar Beate
Baltrusch gibt einen Einblick in die bislang weitgehend vernachlässigte Welt der germanischen Frauen.
Die Gewissheit, mit der in vereinzelten Publikationen Aussagen über die Stellung und Rolle der Frauen
gemacht wurden, wird hier kritisch hinterfragt. Zudem unterstreicht Baltrusch, welch entscheidenden
Einfluss Frauen in kultischem und politischem Kontext ausüben konnten und wie ungeklärt ihre kon-
kreten Aufgaben und ihr Status letztlich sind. In seinem Beitrag „Die Oikumene unter Roms Befehl.
Die Weltherrschaft als Antrieb der römischen Germanienpolitik?“ entwirft Christian Wendt die Entwick-
lung des römischen Weltherrschaftsgedankens als konstitutives Merkmal der Genese des Prinzipats
und wirft die Frage auf, inwiefern die Expansion nach Germanien durch eben dieses Motiv der schran-
kenlosen Herrschaft angestoßen und geleitet wurde. Ernst Baltrusch hinterfragt die Berechtigung, mit
der das vorwiegend negative Urteil antiker Autoren über P. Quinctilius Varus gef ällt wurde. Konträr
zur derzeit vorherrschenden Auffassung, die in Varus einen hervorragenden Verwaltungsfachmann er-
kennen will, dessen Bild aufgrund seiner Niederlage tendenziös verzerrt wurde, beleuchtet Baltrusch
dessen Statthalterschaft in Syria, um auch in diesem Zusammenhang ein kaum von Wissen über
einen schwierigen Herrschaftsraum geprägtes Vorgehen seitens des römischen Statthalters zu diagno-
stizieren. In einer übergreifenden Bestandsaufnahme kann Siegmar von Schnurbein zeigen, dass die
archäologischen Zeugnisse für Germanien in augusteischer Zeit eine hohe Differenzierung aufweisen:
Waldgirmes – mit dem jüngst gefundenen Kopf des Pferdes einer Reiterstatue (s. das Vorblatt zu Kapi-
tel III) – als die Anlage einer städtischen Siedlung steht etwa eindeutig militärisch orientierten Befesti-
gungen im Lippegebiet gegenüber. Dieser Befund spricht für eine tatsächlich intendierte Eroberung
und Provinzialisierung des germanischen Raums durch Rom.

VORWORT XI
III. In situ

Die Beiträge des Kapitels III beschäftigen sich neben der Schlacht und ihrer Lokalisierung mit dem tat-
sächlichen Fundniederschlag von Schlachtenereignissen, ferner mit der römischen Militärpolitik, der
Motivation germanischer Teilnehmer an der Varusschlacht sowie weiteren Örtlichkeiten und Ereignis-
sen im sogenannten Barbaricum.

Michael Meyer setzt sich mit der Motivation germanischer Kriegführung auseinander und stellt das Ele-
ment der für die Teilnehmer zu erringenden Beute in den Mittelpunkt. Verglichen wird dabei der über-
raschend große Umfang dieser Beute im Verhältnis zum Aufwand germanischer Handwerker, um
etliche tausend Kilogramm an Metallen, Edelmetallen und sonstigen Werkstoffen auf konventionellem
Wege zu gewinnen. Achim Rost und Susanne Wilbers-Rost stellen neue Grabungsergebnisse der Wall-
anlage auf dem Oberesch vor und thematisieren Waffenfunde sowie Knochenreste im Kontext des
Schlachtereignisses. Die Autoren präsentieren zudem ein Interpretationsmodell für das Fundareal von
Kalkriese, um dieses quellenkritisch würdigen zu können. Morten Hegewisch widmet sich kritisch einer
Wallanlage im niedersächsischen Leese, die seit den 1920er Jahren im Verdacht steht, hier habe die bei
Tacitus benannte ,Schlacht am Angrivarierwall‘ des Germanicus stattgefunden. Der Abschnittswall
,Ohle Hoop‘ befindet sich etwa drei Tagesmärsche von Kalkriese entfernt und weist in vielerlei Hinsicht
eine ähnliche Struktur wie die Wallanlage auf dem Oberesch auf. Diskutiert werden außer den Ausgra-
bungsbefunden neben der Wallanlage in Kalkriese weitere gut dokumentierte Befunde aus dem skan-
dinavischen Raum.

IV. Cura posterior

Das vierte Kapitel konzentriert sich auf die Rezeption der ,Schlacht im Teutoburger Wald‘ und die In-
strumentalisierung von Arminius seit dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Klaus Kösters zeichnet die Etablierung des Arminius-Mythos in der Übergangsepoche vom 15. zum
16. Jahrhundert nach, als Arminius zunächst in den Auseinandersetzungen zwischen der römischen
Kurie und dem Heiligen Römischen Reich argumentativ funktionalisiert, zusehends zur deutschen
Symbolfigur aufgebaut und nun auch in ,Hermann‘ umbenannt wurde. Arminius avancierte in den bei-
den folgenden Jahrhunderten im deutschen, französischen und italienischen Sprachraum zum litera-
rischen und Opernhelden und geriet mit dem aufgeklärten 18. Jahrhundert zusehends in nationale
Fahrwasser. Mit der Expansion Frankreichs und Napoleons Vorherrschaft in Europa stieg ,Hermann‘
nun endgültig zum Nationalheros auf, wie Uwe Puschner ausführt, und wurde bis ins 20. Jahrhundert
hinein zum Symbol im Kampf zunächst gegen den äußeren – französischen – Feind und seit der Reichs-
gründung verstärkt auch die imaginierten sogenannten inneren Reichsfeinde. Der Ort des politischen
Mythos war seit dem Kaiserreich das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald bei Detmold, dessen
Entstehungsgeschichte von der nachnapoleonischen Zeit bis zur Denkmalsenthüllung 1875 und den
Jubiläumsfeiern 1909 und 1925 Heide Barmeyer schildert und analysiert. Arminius/Hermann und die
Varusschlacht waren seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur fester Bestandteil nationaler deutscher
Narrative, sondern auch der englischsprachigen Welt, wo der Römerbezwinger, wie Henning Holsten
in dieser ersten grundlegenden Untersuchung der britischen und US-amerikanischen Rezeptionsge-

XII VORWORT
schichte in einer dichten Beschreibung herausarbeitet, als Symbol von spezifischen Freiheitsideen
figurierte, ebenso wie er der Selbstbehauptung der Deutschamerikaner in ihrer dominant ,englischen‘
und von anderen Einwanderungsgruppen geprägten Umwelt Ausdruck verlieh. Neben der Inszenie-
rung von Arminius/Hermann seit der Frühen Neuzeit durch Literaten, Opernlibrettisten und Kompo-
nisten verliehen seit dem Übergang zum 19. Jahrhundert dem deutschen Freiheitshelden und der Va-
russchlacht prominent bildende Künstler Gestalt, wie Wolfgang Beyroth aufzeigt. Sie leisteten damit
einen wichtigen Beitrag für die Verankerung des Mythos in der nationalen Gedächtniskultur im 19. und
frühen 20. Jahrhundert und wirkten in der Gegenwart im Verbund mit Historikern, Schriftstellern und
Publizisten an der kritischen Auseinandersetzung mit diesem deutschen Nationalmythologem und
dessen – noch nicht abgeschlossener – Entzauberung mit. Die französische Sicht auf die dortigen Iko-
nen des Widerstands gegen das Imperium Romanum verdeutlicht Christine de Gemeaux anhand der
Aufnahme in die Populärkultur der bandes dessinées/comic-Literatur und stellt die divergente Rezeption
der Freiheitshelden in einen europäischen, ja sogar einen aktuellen strategischen Zusammenhang.

V. Epilogos

Als Kapitel V beschließt das – bewusst im Rededuktus verbliebene – Vortragsmanuskript von Heinz-
Günther Horn den Band, so wie der Referent auch die Veranstaltung mit seinen Rück- und Einblicken
auf und in die Festveranstaltungen zum Varus-Jubiläum beschlossen hat. Die pointierte Darstellung
politischer Zusammenhänge und organisatorischer Schwierigkeiten beleuchtet die Hintergründe des
Feierjahres 2009 auf eine besondere, nicht ironiefreie Weise und zeigt auf diesem Weg, wie kompliziert
sich das Ringen um Deutung und Deutungshoheit nicht nur auf wissenschaftlicher Ebene bzw. in der
intellektuellen Debatte gestaltet, sondern auch in der breitenwirksamen Vermittlung.

Die Herausgeber bedanken sich bei Hans Kopp und Stefan Noack, die beide mit großem Engagement
die Mühen der Bildbeschaffung und Textvereinheitlichung übernommen haben und zudem an der Re-
daktion des Bandes in erheblichem Maße mitgewirkt haben. Ohne ihre Arbeit wäre der Band nicht in
der vorliegenden Form entstanden. Ein weiterer großer Dank gilt den Personen und Institutionen, die
ihre Einwilligung zum Abdruck von Bildmaterial gegeben haben, das sich in ihrem rechtlichen Verfü-
gungsrahmen befindet; im besonderen seien hier genannt Dr. Wilfried Koch, Wilfried Mellies, die Baye-
rischen Staatsgemäldesammlungen, die Kunsthalle Hamburg sowie das Stadtarchiv Krefeld, das
LVR-Landesmuseum Bonn, das Deutsche Theatermuseum München, die Verlage Standaard Uitgeverij
und Castermann, die Staatsbibliothek Berlin, die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die Mi-
chael Pereckas Stiftung Niedersachsen, das Germanische Nationalmuseum, City of New Ulm (Minne-
sota), Conservation Solutions Inc., sowie www.zwermann.info, die uns die Nutzung unentgeltlich über-
lassen haben.

Berlin im Mai 2012

Ernst Baltrusch, Morten Hegewisch, Michael Meyer, Uwe Puschner, Christian Wendt

VORWORT XIII
I. Prooemium
Der sog. Caelius-Stein, der Kenotaph des Centurio Marcus Caelius (geboren um 45 v. Chr., gestorben 9 n. Chr. in der Varusschlacht).
Reinhard Wolters

Die Schlacht im Teutoburger Wald


Varus, Arminius und das römische Germanien

Im Herbst des Jahres 2009 jährte sich die sogenannte ‚Schlacht im Teutoburger Wald‘ zum zweitau-
sendsten Mal. In ihr vernichteten germanische Kämpfer unter Führung des Cheruskers Arminius das
Heer des römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus. Der Verlust von drei Legionen sowie neun
Hilfstruppeneinheiten, insgesamt wohl zwischen 15000 und 20000 Mann, war eine der großen Nie-
derlagen in der Geschichte des Imperium Romanum. Für den Norden Europas wiederum zählen das
Ereignis und seine politischen Hintergründe zu den ältesten Vorgängen, die – über die Historiker des
Römischen Reiches – Eingang in die geschichtliche Überlieferung gefunden haben.1
Die imposante Rundzahl von 2000 Jahren lenkte, zumal in Deutschland, hohe publizistische Auf-
merksamkeit auf das vergangene Geschehen. Die Bundesbürgerinnen und Bundesbürger wurden in
Presse, Rundfunk und Fernsehen in groß aufgemachten Geschichten über die Germanen, die römi-
schen Eroberungsversuche rechts des Rheins sowie das Scheitern Roms belehrt. Höhepunkt war im
Sommer 2009 die Ausstellung ,Imperium – Konflikt – Mythos‘, die als größte historische Sonderaus-
stellung in der Geschichte der Bundesrepublik, verteilt auf drei Städte und zwei Bundesländer, zu se-
hen war: im westf älischen Haltern als einem der hervorragenden Orte aus der Zeit der römischen
Herrschaft in Germanien; im Lippischen Landesmuseum in Detmold, zugleich dem Ort des Her-
mannsdenkmals; schließlich in Kalkriese nördlich von Osnabrück als mutmaßlichem Ort der Varus-
katastrophe. Gerade noch rechtzeitig zum Bimillennium schien es mit der Entdeckung eines römisch-
germanischen Kampfplatzes 1989 bei Kalkriese gelungen zu sein, dem historischen Ereignis einen Ort
zu geben.
Die Politiker versäumten in ihren Grußworten genauso selten wie die Medien in ihren Berichten,
für das Jahr 2009 eine bedeutungsschwere Reihe aufzumachen: ‚2000 Jahre Schlacht im Teutoburger
Wald, 60 Jahre Gründung der Bundesrepublik Deutschland, 20 Jahre Mauerfall‘. Die ‚Schlacht im Teu-
toburger Wald‘ wurde in Deutschland vorrangig als ein Teil der deutschen Geschichte wahrgenommen,
und der Begriff ‚Jubiläum‘ war an der Tagesordnung.
Doch auch ohne den zweitausendsten Jahrestag konnte das Thema ‚Die Römer in Germanien‘ be-
reits in den letzten beiden Jahrzehnten ganz erhebliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Denn neben
Kalkriese gab es eine Fülle spektakulärer archäologischer Neuentdeckungen von römischen Militärplät-
zen oder gar von römischen Städtegründungen, bis tief in das rechtsrheinische Gebiet hinein. Die Neu-
funde haben unser Bild von der Zeit der römischen Herrschaft in Germanien auf eine weitgehend neue
Grundlage gestellt. Die archäologischen Funde helfen, die schriftlichen Quellen immer wieder neu zu
lesen und zu verstehen.

1 Für eine deutlich ausführlichere Entwicklung des The- ist auf die drei umfassenden Kataloge der Ausstellung
mas mit dichter Dokumentation der Quellen sowie ,Imperium – Konflikt – Mythos‘ hinzuweisen (Imperium
der strittigen und abweichenden Positionen in der For- [2009]; Konflikt [2009]; Mythos [2009]) sowie Dreyer
schung sei auf die Monographie Wolters (2009a) ver- (2009) und Aßkamp u. Esch (2010). Ein ordnender
wiesen. Die vorliegende Skizze folgt weitgehend dem Überblick zu der im Umfeld des Jahres 2009 ausgebro-
Wortlaut des Vortrags und beschränkt sich auf die wich- chenen Publikationsflut bei Kehne (2009a).
tigsten Nachweise sowie Nachträge. Als neuere Literatur

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 3


1. Bilder von der Varusschlacht

Will man sich heute den historischen Ereignissen um die ‚Schlacht im Teutoburger Wald‘ annähern, so
stehen dem eine Reihe von Schwierigkeiten entgegen. Zum einen ist dies die ausgesprochen dürftige
Quellenlage zu den damaligen Vorgängen, zum zweiten das oft schwierige Verhältnis zwischen archäo-
logischer und literarischer Überlieferung, und drittens sind es die ‚Bilder‘, die sich die verschiedenen
Jahrhunderte von diesem Ereignis gemacht haben: Seit dem Humanismus war das Thema nicht nur Ge-
genstand wissenschaftlicher Untersuchungen, sondern ebenso von politischen Pamphleten, Dramen,
Romanen und Gedichten, Liedern und Opern, Gemälden und Standbildern. Die Darstellungen haben
einen dichten Fluss von Bildern hervorgerufen, die ihre eigene und oft viel eindringlichere Wirklichkeit
erzeugt haben. Das historische Geschehen wurde dadurch in vielem bis zur Unkenntlichkeit entstellt
bzw. liegt darunter begraben. In der Wissenschaft ist längst anerkannt, dass der Rezeption des Ereig-
nisses ‚Schlacht im Teutoburger Wald‘ weitaus mehr Bedeutung zukommt als dem Ereignis selbst.2
Bei jeder Annäherung an das Thema sind also zwei grundverschiedene zeitliche Horizonte aus-
einanderzuhalten: zum einen das historische Ereignis des Jahres 9 n. Chr., bei dem als Germanen be-
zeichnete Stämme im Gebiet rechts des Rheins drei römische Legionen vernichteten – und das es mit
den uns zur Verfügung stehenden Quellen und wissenschaftlichen Methoden historisch zu rekonstru-
ieren gilt. Zum zweiten die Rezeption dieses Ereignisses ab dem 15. Jahrhundert, bei der sich – von Ge-
lehrten ausgehend – die deutschsprachige Bevölkerung nördlich der Alpen in eine Tradition mit den
Germanen setzte und sich mit den Bewohnern Nordeuropas aus der Zeit um Christi Geburt identifi-
zierte.3 Ausgangspunkt waren die wiederentdeckten Schriften der antiken Autoren, insbesondere die
Germania des Tacitus 1455, die Annalen des selben Autors 1507 und die Römische Geschichte des Velleius
Paterculus 1520. Die Humanisten erkannten in diesen Texten ihre eigene Vergangenheit, geschrieben
in der Antike und damit von höchster Autorität. In unhistorischer Weise wurden Einst und Jetzt mitei-
nander gleichgesetzt und die in den Schriften überlieferten Verhaltensweisen der damaligen Germanen
für die eigene Gegenwart normativ: Nun waren die ‚Germanen‘ zu ‚Deutschen‘ und ‚Arminius‘ zu ‚Her-
mann‘ geworden.
Dies alles geschah, obwohl es zwischen der Bevölkerung Nordeuropas in römischer Zeit und jener
im 15. Jahrhundert keine gelebte Tradition mehr gab. Besonders apart ist, dass die Identifikation der
damaligen Deutschen mit den Germanen der Antike auf Grundlage der Texte griechisch-römischer
Autoren vorgenommen wurde, also nicht aufgrund einer Selbstbeschreibung der Träger dieser Kultur,
sondern auf Basis einer von außen vorgenommenen Fremdbeschreibung: Die Verfasser dieser Fremd-
beschreibungen hatten Land und Leute nur in wenigen Fällen selbst gesehen.
Der deutsche Name ‚Hermann‘ (wohl als Übertragung aus dux belli) für Arminius kam im Umfeld
Martin Luthers auf. Von seinen Mitstreitern wurde der Reformator zugleich mit dem Cheruskerfürsten
identifiziert. Den Gegenpart dieses neuzeitlichen Arminius bildete die römisch-katholische Kirche, mit
dem Papst in der Rolle des Augustus oder gar des Varus. Die Parallelsetzung zeigte zugleich an, welche
Seite den Sieg davontragen würde.
Die Rezeption vom späteren 16. bis weit ins 18. Jahrhundert ist charakterisiert durch eine Fülle
primär künstlerischer Bearbeitungen zum Thema ‚Arminius‘ oder ‚Hermannsschlacht‘: als Drama und

2 Vgl. die Beiträge in Fansa (1994); Wiegels u. Woesler 3 Zum Fortleben des Germanen-Mythos s. A. Demandt
(1995); Mythos (2009); dazu von See (1970) u. und K. Kösters im vorliegenden Band.
(2003); Wiegels (2007); Bendikowski (2008); Kösters
(2009).

4 REINHARD WOLTERS
Roman, in Lyrik und als Oper. Oft trat Arminius mit seiner Thusnelda nur noch als Held einer tragi-
schen Liebesbeziehung auf. Erst mit dem Nationalstaat wurde der Arminius-Stoff wieder deutlich poli-
tischer. Auf der einen Seite stand die Tat des Arminius für die Idee der Einigung aller Deutschen, ein
scheinbarer historischer Gegenpol und Vorbild zur Überwindung der deutschen Kleinstaaterei. Doch
auf der anderen Seite diente Arminius in der kulturellen und schließlich politischen Auseinanderset-
zung zwischen Romanismus und Germanismus als Sinnbild germanisch-deutscher Überlegenheit er-
neut der äußeren Abgrenzung. Äußerungen von großer Nachwirkung waren einerseits die 1808 als Re-
aktion auf das Napoleonerlebnis verfasste, offen antifranzösische Hermannsschlacht Heinrich von
Kleists, andererseits das nach dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung von 1871 schließlich
vollendete und mit dem Schwert nach Westen grüßende Hermannsdenkmal bei Detmold.
Schon bald nach der Reichsgründung verband sich der politische Germanismus mit den Ideen des
Rassismus. Für diesen boten nun allerdings stärker die Charakterisierungen der Nordbewohner in der
Germania des Tacitus die antike Vorlage als die historische Tat des Arminius. Die Blütezeit einer deut-
schen ‚Rasse‘ glaubte man in diesem Text zu erkennen, der die Autochthonie und Unvermischtheit der
Germanen ja sogar ausdrücklich hervorhob.4 Zwar war dies ein weit verbreiteter und längst erkannter
Topos antiker Ethnographien, doch die Ausbildung einer Theorie der Rassenhygiene ließ sich davon
nicht beeindrucken – bis hin zu ihren mörderischen Konsequenzen im Nationalsozialismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Deutschland Germanenforschung jedweder Art erst einmal
gründlich diskreditiert, auch weil manche Wissenschaftler sich mit ihren Arbeiten allzu bereitwillig
in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes gestellten hatten. Erst in den 70er Jahren kam es zu
einer erneuten Hinwendung zu diesem Themenkreis auf breiterer Basis, bis zu der vor wenigen Jahr-
zehnten kaum für möglich gehaltenen Fülle archäologischer, historischer und philologischer Neuer-
scheinungen im Umfeld der Auffindung des Schlachtfeldes von Kalkriese sowie jetzt des Bimillenni-
ums.
Die Vorgänge um den historischen Arminius sind durch diese ebenso massenhafte wie verschie-
denartige Rezeption deutlich überdeckt worden. Selbst die antiken Quellen haben es schwer, gegen die
Kraft der so erzeugten Bilder zu bestehen – und je dünner die Quellenlage ist, desto mehr Raum besteht
bekanntermaßen für Überbrückungen und phantasievolle Ausmalungen.
Die folgenden Ausführungen bemühen sich um eine Rekonstruktion der Varuskatastrophe als his-
torischen Geschehens. Sie gelten nicht der Wiedergeburt des Arminius als Hermann ab dem 15. Jahr-
hundert und dessen ganz eigener Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht. Doch für jede Annähe-
rung auch an den historischen Arminius ist es unerlässlich, die oft so vertraut anmutenden, aber erst in
den Jahrhunderten der Rezeption entstandenen Vorstellungen von ihm – quasi wie ein Archäologe –
Schicht für Schicht abzutragen.

2. Römer und Germanen: der politische Hintergrund

Seit der Eroberung Galliens durch Caesar (58–51 v. Chr.) waren die Germanen Nachbarn des Römischen
Reiches. In beispielloser Weise hatte Caesar das Herrschaftsgebiet Roms von der heutigen Provence –
der schmalen Landverbindung zwischen Italien und dem römischen Spanien – bis an den Atlantik im

4 Tac. Germ. 4.

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 5


Abb. 1 | Karte augusteischer und tiberischer Anlagen sowie römischer Truppenvorstöße in augusteischer Zeit.

Nordwesten und den Rhein im Osten vorgeschoben. Innerhalb weniger Jahre gewann er dem Reich das
Gebiet des heutigen Frankreich, der Beneluxstaaten sowie die westlichen Teile Deutschlands hinzu.
Jenseits des Rheins siedelten die Germanen – jedenfalls nannten die Römer sie so.5 Das Problem
eines jeden heutigen Versuchs, die Bewohner rechts des Rheins historisch zu fassen, liegt darin, dass es
zwar archäologische Hinterlassenschaften von ihnen gibt, doch keine eigenen schriftlichen Zeugnisse.
Es fehlen demnach Quellen, die erzählend Zusammenhänge herstellen und dabei die germanische Per-
spektive wiedergeben. Alle uns vorliegenden Berichte über die Bewohner rechts des Rheins stammen

5 Zum Germanenbegriff: Pohl (2000); Beck, Geuenich,


Steuer u. Hakelberg (2004); Bleckmann (2009) sowie
die Beiträge in Mythos (2009).

6 REINHARD WOLTERS
von griechischen und römischen Autoren. Häufig sind die Verfasser dieser Schriften nicht einmal in
die Nähe des von ihnen beschriebenen Landes gekommen. Ausführungen zur gesellschaftlichen und
politischen Ordnung der Germanen, zu Lebensweise und Religion, Verhalten in Frieden und Krieg,
dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen, Fürsten, Kriegsführern und Volk
sind demnach als ethnographische Erzählungen zu lesen. Die darin geschilderten Sachverhalte sind
nur im Bewusstsein dieser begrenzten Möglichkeit des Sehens, Verstehens und Ausdrückens der nicht-
eigenen Kultur zu interpretieren.
Nach allem, was wir wissen, wurde der Name ‚Germane‘ von den Bewohnern jenseits des Rheins
niemals als Selbstbezeichnung benutzt. Auch das mit dem einheitlichen Namen suggerierte Bewusst-
sein einer gemeinsamen Identität gab es nicht. Die Bewohner rechts des Rheins waren und fühlten sich
als Sugambrer, Tenkterer, Chatten, Cherusker, Marser oder Chauken. Sie gliederten sich in eine Viel-
zahl von Stämmen, mit eigenen Traditionen und eigener Geschichte, von unterschiedlicher Größe, mit
eigener gesellschaftlicher und politischer Ordnung und mit je eigener Führung. Zwar existierten Kult-
gemeinschaften, und man heiratete, zumal unter den führenden Familien, auch über die Stammes-
grenzen hinweg, doch ebensogut grenzte man sich immer wieder von den anderen Stämmen ab und
war oft genug mit ihnen in Nachbarschaftsfehden verwickelt.
Zudem war die Stammeswelt vergleichsweise instabil. In der Überlieferung oft nur kurz aufschei-
nende und dann wieder verblassende Stammesnamen spiegeln Abspaltungen und Zusammen-
schlüsse, Neubildungen und das Verschwinden von Stämmen. Eine gemeinschaftlich handelnde
Gruppe blieb oft nur so lange stabil, wie eine starke Führung oder der gemeinsame Erfolg sie zusam-
menhielt. Zur Identifizierung und Abgrenzung belegten sie sich selbst mit einem spezifischen Namen –
oder wurden von außen so angesprochen – und konnten sich im Erfolgsfall als ‚Stamm‘ verfestigen.6
Der vereinheitlichende Begriff ‚Germanen‘ für diese differenzierte und heterogene Gesellschaft
wurde überhaupt erst von Caesar in die Mittelmeerwelt getragen. Kern des caesarischen Germanen-
begriffs war eine schiere geographische Abgrenzung, keine ethnologisch differenzierende Beobach-
tung: Der Rhein auf seiner vollen Länge war für Caesar die entscheidende Grenzlinie zwischen Kelten
und Germanen. Mit seinen ethnographischen Exkursen, in denen er die Verschiedenheit zwischen
dem Charakter und der Lebensweise der Kelten links und der Germanen rechts des Rheins beschrieb,
füllte Caesar den Germanenbegriff inhaltlich und übermittelte das Bild zweier grundsätzlich verschie-
dener Völker im Norden Europas.
Die auf gemeinsame Sitten und Gebräuche verweisenden archäologischen Überreste, ergänzt
durch die Namensforschung zur Rekonstruktion alter Sprachgebiete, bieten uns heute jedoch ein an-
deres Bild: Demnach gab es am Rhein eher eine horizontale Abfolge der Kulturen, keine vertikalen Un-
terschiede zwischen Ost und West.7 Im Süden dehnte sich beiderseits des Stroms die Latène-Kultur aus,
die von Spanien über Frankreich und den Süden Deutschlands bis nach Böhmen reichte. Ihre Charak-
teristika sind befestigte Siedlungen (oppida), eine bereits eingeführte Geldwirtschaft und in Ansätzen
auch schon Schriftgebrauch. Nördlich darüber lag im Mittelgebirgsraum eine Übergangszone, die zwar
auch noch oppida und Münzgebrauch aufweist, jedoch mit aufwändigen Bestattungen ein eigenstän-
diges Profil zeigt. Ganz im Norden hingegen, vor allem im niederländisch-norddeutschen Flachland,
gab es dann eine weniger von Ackerbau als von Viehwirtschaft geprägte Gesellschaft mit nur gering ent-
wickelter materieller Kultur. Vorherrschend waren Kleinsiedlungen mit Familienclans, während über-

6 Grundlegend: Wenskus (1961); vgl. jetzt auch Tausend 7 Ament (1984).


(2009).

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 7


geordnete gesellschaftliche Strukturen kaum zu erkennen sind. Das Aufkommen des Germanenna-
mens gerade in diesem Raum spricht dafür, wenn überhaupt, dann in diesem Gebiet und in seinen
Bewohnern jene Kulturgruppe zu suchen, von der aus – aufgrund vermeintlich ähnlicher Lebensfor-
men – der Name ‚Germanen‘ auf alle Bewohner rechts des Rheins übertragen wurde.

3. Die Zeit der römischen Angriffskriege

Rund 40 Jahre nach der Eroberung Galliens durch Caesar begannen unter Augustus die römischen
Feldzüge ins Gebiet rechts des Rheins. Die Kriegszüge sind verbunden mit dem Namen seines Stief-
sohns Drusus, der die römischen Truppen ab 12 v. Chr. Jahr für Jahr weiter ins Land führte und 9 v. Chr.
schließlich die Elbe erreichte. Auf dem Rückweg stürzte Drusus vom Pferd und erlag seinen
Verletzungen. Posthum wurde ihm der Name GERMANICVS verliehen. Der Ehrenname eines ‚Ger-
manensiegers‘ wurde von nun an in seiner Familie erblich.
Mit den Drususfeldzügen verbindet sich die Frage, welche Absichten das Imperium überhaupt
rechts des Rheins verfolgte. Die Antworten reichen von einer eher minimalistischen Perspektive, nach
der es in den Feldzügen nur um die Verteidigung Galliens gegangen sei – wohin immer wieder germa-
nische Kriegergruppen plündernd eingefallen waren und das es nun in einer Art Vorfeldverteidigung
zu beschützen gegolten hätte –, bis zu einer Maximalperspektive, nach der von Anfang an die Vorverle-
gung der Reichsgrenze bis zur Elbe geplant war, wenn nicht noch weit darüber hinaus.8
Die Forschungen der letzten Jahre haben erkennbar gemacht, dass der wissenschaftliche Streit
um Art und Umfang des beabsichtigten römischen Landgewinns den Blick vermutlich lange Zeit
falsch gelenkt hat. Denn in starkem Maße waren die Feldzüge in Germanien innenpolitisch bestimmt,
insbesondere von der Idee einer militärischen Qualifizierung des möglichen Nachfolgers des Augus-
tus.9 Im Feld sollte jener Ruhm erworben werden, der den Kriegsherrn in den Augen der Öffentlich-
keit geeignet erscheinen ließ, zukünftig das Römische Reich zu führen. Es ging weniger um die Ge-
winnung von Land als um die Gewinnung von Prestige. Akzeptiert man diese Perspektive, dann
bedeutet das allerdings auch, dass den Germanen selbst nur die Rolle einer materies gloriae zukam:
eines Gegenstands, der sich eignete, den erhofften Ruhm zu erwerben. Eine wirkliche militärische Be-
drohung konnten die Germanen demzufolge in den Augen der römischen Entscheidungsträger
schwerlich sein.
Eng verbunden mit den Drususfeldzügen ist weiterhin die Frage, was die Römer am Ende dieser
Jahre in Germanien erreicht hatten. Tiberius, der noch aus den Händen seines sterbenden Bruders das
Heer übernommen und 8 v. Chr. umfangreiche Organisationsmaßnahmen in Germanien durchgeführt
hatte, feierte am 1. Januar 7 v. Chr. in Rom einen großen Triumph über die Germanen. Zugleich wurde
die sakrale Stadtgrenze, das pomerium, erweitert – ein Akt, der die Ausdehnung an der Peripherie des
Reiches in seinem Zentrum spiegelte.
Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen archäologischen Neuentdeckungen in den Gebieten rechts
des Rheins ist die Forschung mittlerweile deutlich optimistischer und geht zum überwiegenden Teil
davon aus, dass diesen Symbolisierungen in Rom auch eine gewisse Realität im Norden zugrunde lag:
Für die Zeit ab 8/7 v. Chr. dürfte das Imperium im germanischen Gebiet bis zur Elbe die Herrschaft be-

8 Neuere Zusammenfassungen der Forschung bei Dei- 9 Insbesondere Kehne (1998); Kehne (2002).
ninger (2000); Johne (2006).

8 REINHARD WOLTERS
ansprucht haben.10 Das bedeutet nicht, dass die römische Herrschaft bis in den letzten Winkel verwal-
tungstechnisch durchgesetzt war. Auch in Gallien vergingen nach den Eroberungen Caesars noch Jahr-
zehnte bis zu einer provinzialen Ordnung. Doch römische Herrschaft bestand in dem Sinne, dass
Ungehorsam als Widerstand bewertet wurde. In intensiver Weise stützte sich Rom auf die Zusammen-
arbeit mit germanischen Stammesführern, die ihre Autorität in den Dienst Roms stellten. Nur mit Hilfe
dieser indirekten Herrschaftsmechanismen war es für das verwaltungsarme römische Herrschaftssys-
tem überhaupt möglich, ein derart großes, heterogenes und verkehrsgeographisch äußerst problema-
tisches Gebiet zu kontrollieren. Mit Blick auf die Varuskatastrophe des Jahres 9 n. Chr. bedeutet die
Feststellung einer römischen Herrschaft ab 8/7 v. Chr. zugleich, dass für rund 20 Jahre, also für beinahe
eine nachgewachsene Generation der Germanen, die ständige römische Präsenz in ihrem Land sowie
ordnende Eingriffe der Vormacht eine normale Lebenserfahrung waren.
Abgesichert wurde die politische Herrschaft durch ein Netz militärischer Standorte. Dieses ist
durch die Entdeckungen der letzten beiden Jahrzehnte in seiner Weiträumigkeit und Dichte immer
besser erkennbar geworden.11 Neben den Einfallswegen von Xanten aus entlang der Lippe sowie von
Mainz aus durch die Wetterau bzw. über Main und Lahn sind mit römischen Militäranlagen bei Markt-
breit (südlich von Würzburg), Bielefeld, Hedemünden (zwischen Kassel und Göttingen) und wohl auch
an der Porta Westfalica neue Plätze identifiziert worden, die römische Präsenz jetzt auch weit im Süd-
und Nordosten dokumentieren. In Lahnau-Waldgirmes bei Gießen ist schließlich ein Ort engen Zu-
sammenlebens zwischen Römern und Germanen mit einer zentralen Platzanlage gefunden worden,
die übereinstimmend als römische Stadtgründung in Germanien angesprochen wird. Derartige Stadt-
gründungen sind zwar bei dem griechischen Autor Cassius Dio beschrieben,12 doch bis zum archäolo-
gischen Fund war seine diesbezügliche Glaubwürdigkeit von der Forschung immer wieder angezwei-
felt worden.

4. Varus und Arminius

Die Gegner im Teutoburger Wald, Varus und Arminius, erscheinen uns nicht nur als Exponenten einer
militärischen, sondern einer auch grundsätzlichen zivilisatorischen Auseinandersetzung. Als Anführer
ihrer Truppen stehen der Römer und der Cherusker für unterschiedliche politische und gesellschaft-
liche Organisationsformen, verschiedene Kulturen und Kulturstufen sowie weit auseinandergehende
persönliche Motive. Doch die Biographien beider verbindet mehr, als es die unter dem Eindruck der
Varuskatastrophe entstandenen Kontrastierungen vermuten lassen. Beide kannten sich nicht nur per-
sönlich, sondern sie dienten derselben Sache. Jeder wirkte auf seine Weise an der Aufrechterhaltung
der römischen Herrschaft in Germanien. Der Katastrophe voraus ging eine vertrauensvolle Zusam-
menarbeit, bei der Arminius häufig mit Varus zu Tische lag.

10 Wolters (1999); Eck (2009). Dorsten-Holsterhausen: Ebel-Zepezauer, Grünewald,


11 Ein aktueller Überblick mit der wichtigsten Literatur Ilisch, Kühlborn u. Tremmel (2009).
jetzt bei Mattern (2008); vgl. auch Moosbauer (2009); 12 Cass. Dio 56,18,2; vgl. Tac. ann. 1,59,2: coloniae novae.
für Lahnau-Waldgirmes: Becker (2008a u. 2008b); für

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 9


4.1 Varus

Seit Beginn seiner politischen Laufbahn bezeugen die antiken Quellen den um 47/46 v. Chr. geborenen
Publius Quinctilius Varus im engsten Umkreis des römischen Herrschers Augustus.13 Ihm war er bald
auch verwandtschaftlich verbunden: Varus war ein Schwiegersohn des Agrippa, des wichtigsten Helfers
und – bis zu seinem frühen Tod – vorgesehenen Nachfolgers des Augustus. Zugleich war Varus ein
Schwager des Tiberius, des Stiefsohns des Augustus, der dann tatsächlich in der Herrschaft folgte. Nach
dem Tod seiner Frau um 7 v. Chr. heirate Varus die Claudia Pulchra, Enkelin der Octavia, der einzigen
Schwester des Augustus. Von Bedeutung ist, dass er auch mit dieser neuen Ehe sofort wieder in den
engsten Familienkreis des Augustus eingebunden wurde.
Varus bekleidete mit Tiberius 13 v. Chr. den Konsulat. Für beide war es der erste Konsulat, den sie
als ordentliche Konsuln am 1. Januar des Jahres gemeinsam antraten. Derartige Symbole wurden von
der Öffentlichkeit nicht nur sorgf ältig beobachtet, sondern auch gezielt gesetzt. Ein Höhepunkt des ge-
meinsamen Konsulats war der Beschluss zur Errichtung der Ara Pacis, des Friedensaltars für Augustus.
So ist Varus auch in den bedeutendsten und noch heute erhaltenen Zeugnissen der augusteischen Zeit
präsent: Als einer der Teilnehmer ist er in dem langen Prozessionszug auf der Ara Pacis dargestellt –
wohl die Person hinter Tiberius, ein Rang, der ihm zustand –, und ebenso ist Varus in den Res Gestae,
dem Tatenbericht des Augustus, nach Theodor Mommsen „die Königin der Inschriften“, namentlich
erwähnt.14
Nach seinem Konsulat bekam Varus die mächtigsten und prestigeträchtigsten Provinzen des Rö-
mischen Reiches zur Verwaltung: Africa, wohl in den Jahren 7/6 v. Chr., sowie Syrien in den Jahren 6
bis 4 v. Chr. In Syrien befehligte Varus vier Legionen, mehr also, als mit ihm in Germanien untergingen.
Mit großer Entschiedenheit schlug er in Judäa einen Aufstand nieder, der sich dort nach dem Tod des
Herodes erhoben hatte. Durch den jüdischen Schriftsteller Flavius Josephos besitzen wir eine detail-
lierte Beschreibung seiner dortigen Tätigkeit.15 Varus bewährte sich in Judäa sowohl als Militär, Verwal-
tungsbeamter wie als persönlicher Vertrauter des Augustus im Kontakt zum befreundeten judäischen
Kaiserhaus. Als er zu Beginn des Jahres 7 n. Chr. Germanien zur Verwaltung bekam, war er Mitte 50,
einer der ranghöchsten Aristokraten Roms, erfahren als Verwaltungsfachmann und als Militär, dem
Herrscher und Herrscherhaus persönlich verbunden: Das Kommando am Rhein war der ehrenvolle
Abschluss einer großen Karriere.

4.2 Arminius

Die Informationen über den Germanen Arminius sind quellenbedingt weitaus schlechter.16 Aus den
Überlieferungssplittern der griechischen und lateinischen Literatur sind von der neueren Forschung
verschiedene Biographien rekonstruiert worden. Zu den gesicherten Elementen zählt, dass Arminius
ein Fürstensohn der Cherusker war. Die Cherusker wiederum waren ein germanischer Stamm, der mit
Rom besonders eng kooperierte und im Gegenzug vielfache Förderung erfuhr.
Arminius wurde 18 oder 16 v. Chr. geboren, war 9 n. Chr. also ca. 25 bis 27 Jahre alt, halb so alt wie
sein Gegner. Die Führung der Cherusker hatte zu dieser Zeit wohl noch sein Vater Segimer. Arminius

13 Syme (1986); Nuber (2008); Salzmann (2009); Eck 15 S. dazu E. Baltrusch im vorliegenden Band, mit teils ab-
(2010). weichenden Wertungen.
14 R. Gest. div. Aug. 12. 16 Immer noch grundlegend: Timpe (1970); vgl. Kehne
(2008); Wolters (2009a) 89ff.; Kehne (2009b).

10 REINHARD WOLTERS
selbst befehligte das Aufgebot der Cherusker, die als Verbündete an der Seite des römischen Heeres
kämpften. Möglicherweise stand er mit seinen Landsleuten um 7/8 n. Chr. südlich der Donau, wo er ge-
meinsam mit den römischen Berufssoldaten einen Aufstand der Pannonier gegen die römische Herr-
schaft niederschlug.
Für seine Dienste erhielt Arminius von Rom hohe und höchste Auszeichnungen: Er bekam das rö-
mische Bürgerrecht und selbst den Rang eines römischen Ritters. Arminius sprach selbstverständlich
Latein, und er war ein Waffenkamerad des römischen Historikers Velleius Paterculus. Dieser hatte
selbst an den römischen Feldzügen in Germanien teilgenommen. Dem Augustussohn und -nachfolger
Tiberius war Arminius mit Sicherheit über Jahre persönlich vertraut.

5. Verlauf und Ort der Varuskatastrophe

Der erfolgreiche Überfall auf die römischen Legionen ist überhaupt nur durch diese politischen und
militärischen Hintergründe zu erklären. Protagonisten waren die Cherusker, doch selbst diese waren
uneinig: Die Quellen berichten von Richtungskämpfen.17 Teile der cheruskischen Führung, so der
Schwiegervater des Arminius, Segestes, sollen dem Varus sogar den geplanten Abfall angezeigt haben.
Varus entschloss sich jedoch, dem bis dahin mit seinem Leben für Rom kämpfenden und mit der Spitze
der römischen Führung verkehrenden Arminius zu vertrauen. Denunziationen gehörten sicherlich
zum Alltag eines römischen Legaten.
Für den Verlauf der Varuskatastrophe liegt ein vergleichsweise detaillierter Bericht des Cassius Dio
vor. Der Bericht stammt zwar erst aus dem beginnenden 3. Jahrhundert n. Chr., doch Philologen und
Historiker stimmen darin überein, dass Cassius Dio sehr gute, zeitnahe Quellen zu Verfügung standen.
Seine Darstellung des Geschehens wird mehrheitlich als glaubwürdig angesehen.18
Demnach war die Vernichtung der Legionen keine eigentliche Schlacht, sondern ein viertägiges
Kampfgeschehen über einen weiten Raum: Die Germanen sollen Varus, der sich mit seinem Heer in
der Nähe der Weser aufhielt, einen Unruheherd angezeigt haben. Darauf zog Varus mit drei Legionen,
die von Tross, Wagen, Frauen, Sklaven und Kindern begleitet wurden, zu diesem Unruheort aus. Die
Mitführung des umfangreichen Trosses ist ein Hinweis, dass er das Heer wohl in die Quartiere an den
Rhein zurückführen wollte. Dort war die Masse der Soldaten den Winter über besser zu versorgen als in
den Quartieren rechts des Rheins. Aus logistischen Gründen wurden die Besatzungen in den rechts-
rheinischen Anlagen während des Winters deutlich reduziert. Wenn Varus sein Heer zugleich zum
Rhein zurückführen wollte, so ist davon auszugehen, dass er sich von der Weser aus grob in Richtung
Westen bewegte.
Zu dem angezeigten Unruhegebiet zogen die Legionen durch schwieriges, durch Wälder, Berge
und Sümpfe charakterisiertes Gelände, dessen Durchquerung noch während des Marsches immer wie-
der Erschließungsarbeiten notwendig machte. Offensichtlich war es mit einer derart großen Men-
schenmenge noch nicht passiert worden. Hier kam es zum plötzlichen ersten Überfall der Germanen.
Zuvor hatten sich die Stammesführer unter dem Vorwand, weitere Verstärkung zu holen, aus dem Ver-
band entfernt. Aus der Perspektive des römischen Heeres bedeutet dies, dass die in Waffen auf den

17 Vell. 2,118,3f.; Tac. ann. 1,55,3; 60,1; Flor. epit. 2,30,33; 18 Cass. Dio 56,18–23; dazu Manuwald (2007). Eine hand-
Cass. Dio 56,19,3. liche Zusammenstellung der wichtigsten Quellen jetzt
bei Walther (2008). Zur Überlieferungskritik, mit teils
abweichender Gewichtung: John (1963).

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 11


römischen Heereszug vorrückenden germanischen Verbände als die erhoffte Verstärkung angesehen
wurden – sie mithin bis zum ersten Speerwurf die Maske von Verbündeten trugen.
Für die Römer war es aufgrund des Geländes nicht möglich, sich den germanischen Angreifern in
Kampfformation zu stellen. Varus entschloss sich, soweit es die naturräumlichen Verhältnisse zulie-
ßen, ein Lager aufzuschlagen. Im Lager wurden der Tross reduziert, die meisten der Wagen verbrannt
und nicht dringend Notwendiges zur Zurücklassung bestimmt. Derart auf die neue Situation vorberei-
tet, zogen die Legionen am nächsten Tag geordnet weiter, und es gelang ihnen sogar – bei anhaltend
starken Verlusten –, offenes Gelände zu erreichen. Doch Varus setzte seinen Weg fort, erneut in schwie-
riges Gelände. Das römische Heer, das sich abermals nicht entfalten konnte, wurde erneut von den
nadelstichartig vorgetragenen Angriffen der Germanen überzogen. Ohne Lagerbau wurde der Marsch
über Nacht fortgesetzt. Der Erfolg brachte den Germanen kontinuierlich weiteren Zuzug, und die Ver-
hältnisse verschoben sich immer mehr zu ihren Gunsten. Am vierten Tag konnten die germanischen
Krieger die Reste der römischen Truppen einkesseln. In dieser ausweglosen Lage gaben sich der bereits
verwundete Varus sowie andere hohe Offiziere selbst den Tod.
Versuche einer Lokalisierung des Geschehens können sich vor allem auf einen Bericht des His-
torikers Tacitus stützen, der den Besuch des Unglücksortes sechs Jahre später durch Germanicus be-
schreibt, als dieser die verbliebenen Überreste der Gefallenen bestattete.19 Für einen Autor, der das
Gebiet wohl niemals selbst gesehen hat, sind die Angaben des Tacitus bemerkenswert genau: Dem-
nach zog Germanicus mit seinem Heer zu den äußersten Brukterern (ad ultimos Bructerorum) in ein
Gebiet zwischen Ems und Lippe (inter Amisiam et Lupiam), von wo ein (hügeliger/bewaldeter) Land-
schaftsstrich (saltus) nicht weit entfernt war, der nach einem ansonsten nicht bezeugten Ort Teutobur-
gium seinen Namen trug: Mit der Angabe eines Stammesnamens, von Flusskoordinaten und schließ-
lich einem ganz konkreten Ortsnamen bemüht sich Tacitus um größte geographische Exaktheit.
Kernproblem jeder von diesem Text ausgehenden geographischen Zuschreibung ist, wie das „nicht
weit (entfernt) (haud procul)“ zu bewerten ist: Bezeichnet dieses eine Distanz von beispielsweise
2 Marschstunden oder aber von 2 Tagen? Die textsicheren Humanisten identifizierten den östlich von
den Oberläufen von Ems und Lippe gelegenen Osning mit dem saltus Teutoburgiensis des Tacitus, und
ihre Benennung dieses Höhenzugs als ‚Teutoburger Wald‘ hat sich ab dem 17. Jahrhundert durchge-
setzt.
Doch auf der Grundlage dieses Textes konnte, trotz zahlreicher Vorschläge, bis heute kein Ort aus-
gemacht werden, an dem ein signifikanter archäologischer Befund die Deutung als römisch-germa-
nischer Kampfplatz bestätigt hätte. Die unstrittige Entdeckung eines solchen Platzes aus den Jahren der
römischen Okkupation ist erstmals 1989 bei Kalkriese gelungen, nördlich von Osnabrück.20 Vor Ort
sind die Zuschreibungen als ‚Örtlichkeit der Varusschlacht‘ schnell erfolgt und begründeten den Bau
eines großen Museums mit angeschlossenem Freizeitpark. Die hinsichtlich der Deutung des Fundplat-
zes anfangs noch gesetzten Fragezeichen sind längst abgelegt. Schon der die Vermarktung leitende
Name lässt keinen Zweifel: „Varusschlacht im Osnabrücker Land. Museum und Park Kalkriese“. Doch
noch ist die Diskussion über die Deutung des Fundplatzes nicht abgeschlossen, und sie kommt viel-
leicht nach dem Bimillennium in ein ruhigeres Fahrwasser: Die vorherrschende Chronologie der römi-
schen Militärplätze rechts des Rheins, ein wesentliches Argument für die angegebene Interpretation
von Kalkriese, ist durchaus nicht unproblematisch und beinhaltet, wie etwa angesichts des gänzlichen

19 Tac. ann. 1,60,3. 20 Grundlegend die Fundmünzenpublikation von Berger


(1996). Zum Fundplatz im vorliegenden Band A. Rost u.
S. Wilbers-Rost.

12 REINHARD WOLTERS
Fehlens eines Germanicushorizonts im archäologischen Befund dieser Region, erhebliche Probleme.
Ebenso sind die Widersprüche zwischen der literarischen Überlieferung zur Varuskatastrophe einer-
seits und dem Fundplatz von Kalkriese andererseits auch nach mittlerweile 20 Jahren archäologischer
Forschung eher größer als kleiner geworden.21

6. Die politischen Folgen der Varuskatastrophe

Aus römischer Perspektive war die Niederlage des Varus kein Einschnitt: Die drei verlorenen Legionen
wurden sofort ersetzt, dazu zwei weitere neu aufgestellt, so dass am Rhein nun insgesamt acht Legio-
nen, mit Hilfstruppen wohl über 80000 Mann standen. Nach Sicherung der Rheingrenze operierten
die römischen Truppen zwischen 10 und 13 n. Chr. wieder rechts des Stroms. Militärstützpunkte wur-
den neu angelegt und Straßen befestigt.22
Der unverändert bestehende Herrschaftsanspruch über Germanien kommt deutlich in den
14 n. Chr. an mehreren Stellen des Reiches veröffentlichten Res Gestae zum Ausdruck. Im außenpoliti-
schen Teil des letztmals 13 n. Chr. von Augustus redigierten Textes heißt es mit Bezug auf Germanien:
„Die Provinzen Galliens und Spaniens, ebenso Germanien habe ich befriedet, ein Gebiet, das der Ozean
von Gades bis zur Mündung der Elbe umschließt“.23 Ungeachtet einer möglicherweise bewusst kon-
struierten Doppeldeutigkeit war für den unvoreingenommenen Rezipienten dieser Passage die Befrie-
dung Germaniens nicht Anspruch, sondern Tatsache. Der nicht erwähnten Varuskatastrophe f ällt allen-
falls der Rang einer Betriebsstörung zu, die bald behoben sein würde.
Für die Jahre ab 14 n. Chr. stellen die mit dem Tod des Augustus einsetzenden Annalen des Tacitus
wieder eine detailreichere Überlieferung bereit: Im Zentrum der ersten beiden Bücher des Werks
stehen die Feldzüge des Germanicus, des Sohns des Germanien-Siegers Drusus.24 Jahr für Jahr führte
dieser seine Truppen immer tiefer nach Germanien hinein, mit dem Ziel, auf den Spuren seines Vaters
Drusus dem Römischen Reich das Gebiet bis zur Elbe zurückzuerobern.
Einen Einschnitt brachte erst die Abberufung des Germanicus vom Oberkommando am Rhein
Ende 16 n. Chr. Sie sollte sich wirkungsgeschichtlich als entscheidende Zäsur in der römischen Germa-
nienpolitik erweisen. Die Rückberufung des Germanicus nach Rom erfolgte gegen dessen Willen und
Widerstand. Vorangetrieben wurde sie vom neuen Herrscher Tiberius, zugleich dem besten Germa-
nienkenner seiner Zeit: Zu eklatant war das Missverhältnis zwischen den enormen Verlusten des rück-
sichtslos vordringenden und – gegen die Überlieferung – wohl auch nur mäßig begabten jungen Feld-
herrn und dem wenigen tatsächlich von ihm Erreichten.
Mit der Abberufung des Germanicus wurden die römischen Truppen auf die Rheinlinie zurück-
gezogen. Doch bedeutete der Rückzug keinen förmlichen Verzicht auf das ehemals beherrschte Gebiet
rechts des Rheins. Eher ging es darum, die von Germanicus so gef ährlich verlustreich und nahezu
ohne jede Nachhaltigkeit geführten Feldzüge zumindest für den Moment auszusetzen. Dies zeigt sich
auch daran, dass sich in der römischen Öffentlichkeit und zumal Teilen der senatorischen Aristokratie
der Anspruch auf Germanien noch bis zum Ende des Jahrhunderts hielt, und nahezu jeder Herrscher-
wechsel war, wie zum letzten Mal beim Übergang auf Traian im Jahre 98 n. Chr. von Tacitus formuliert,
mit der Hoffnung verbunden, dass der neue Kaiser diesen Anspruch alsbald Realität werden lassen

21 Vgl. Kehne (2000); Wolters (2000); Chantraine (2002); 22 Vgl. Tac. ann. 1,38,1; 50,1; 4,72f.; Vell. 2,121,1.
Wolters (2007); Berger (2007); Heinrichs (2007); Wigg- 23 R. Gest. div. Aug. 26.
Wolf (2007); Wolters (2010). 24 Timpe (1968); Kehne (1998).

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 13


würde.25 Doch selbst ein Traian, unter dem das Römische Reich zu seiner größten Ausdehnung kom-
men sollte, hatte an einer Wiedereroberung Germaniens kein Interesse mehr. Die Gef ährdungen an
den anderen Außengrenzen des Reiches, nicht zuletzt an der Donau, waren weitaus realer als die wohl
nur noch aus Tradition übersteigert dargestellten Bedrohungen am Rhein.
Eine Beurteilung der politischen Folgen der Varuskatastrophe aus germanischer Perspektive ist
eng verbunden mit der Frage, welches die Ziele bei dem Überfall auf das Varusheer waren. Die Hervor-
bringung einer einheitsstiftenden Gemeinschaftstat aller Germanen, so wie die späteren Deutschen
es oft und gerne hineininterpretierten, war sicherlich kein von den zeitgenössischen Bewohnern der
Gebiete rechts des Rheins verspürtes Defizit: Nur ein Teil von ihnen, im wesentlichen die Stämme aus
dem nördlichen Mittelgebirgsraum zwischen Ems und Weser, war überhaupt an dem Überfall beteiligt;
andere – wie Friesen und vielleicht auch Chauken – hielten Rom auch über 9 n. Chr. hinaus die Treue.
Römische Quellen sprechen von einem Widerstreben der Germanen gegen die Formen der römi-
schen Herrschaft, gegen die von Rom erhobenen Tribute und gegen die von der Vormacht bean-
spruchte Rechtsprechung. Derartige Widerstände gegen eine von außen aufgestülpte Ordnung, die vor-
mals selbständige Gemeinschaften und zumal deren politische Führer zu Untertanen machte, sind als
Motiv nicht nur plausibel, sondern überaus wahrscheinlich. Allerdings verlieren sie ihre spezifische
Aussagekraft und Trennschärfe dadurch, dass sich die Römer – aus deren Perspektive ja allein die Quel-
len vorliegen – im Prinzip jeden Aufstand gegen ihre Herrschaft auf diese Art und Weise erklärten.
Sucht man nach individuellen Merkmalen außerhalb einer derartigen ‚Topik der Revolte‘, so kam
der Person Arminius sicherlich eine wichtige Rolle zu: Der junge Truppenführer genoss als Angehöri-
ger der cheruskischen Stammesführung einerseits sowie als römischer Bürger und Ritter andererseits
die Privilegien gleich zweier verschiedener politischer und gesellschaftlicher Systeme. Die Quellen be-
schreiben ihn als klug und geschickt, aber auch ausgesprochen ehrgeizig und polarisierend. Möglicher-
weise besaß er 9 n. Chr. noch nicht einmal die Führung im Stamm der Cherusker. Doch seine persön-
lichen Ambitionen gingen offenbar deutlich darüber hinaus.
Mit dem Markomannenkönig Maroboduus stand ein Vorbild zur Verfügung.26 Innerhalb nur we-
niger Jahre hatte dieser von Böhmen aus durch den Zusammenschluss verschiedener Stämme eine bis
in das Gebiet der mittleren Elbe reichende Machtbildung geschaffen, die es ihm erlaubte, mit Rom bei-
nahe auf Augenhöhe zu verhandeln. Eine Gegnerschaft zu Rom konnte für Arminius ein Mittel sein,
diejenigen germanischen Gruppen, deren latente Unzufriedenheit er zur Tat führte, längerfristig an
seine Führung zu binden. Denn dass die Besiegung eines römischen Heeres unweigerlich massivste
römische Gegenschläge nach sich ziehen würde, war ein Grundelement der römischen Geschichte, das
dem Neubürger Gaius Iulius Arminius auch ohne Einbürgerungstest bekannt gewesen sein wird. Mit
anderen Worten: Diejenigen Germanen, die er durch Teilnahme an dem Aufstand gegen Rom krimina-
lisierte, waren von nun an mit ihm in einer Schicksalsgemeinschaft.
In dieser Führungsposition organisierte Arminius dann auch in den Jahren nach 9 n. Chr. den Wi-
derstand gegen Germanicus. Dies war die Zeit seiner potentia. Vermutlich umfasste die mit diesen Wor-
ten ausgedrückte Macht weit mehr als die Führung über die Cherusker und umschloss die Koalition al-
ler bereits an dem Überfall beteiligten Stämme.27 Insoweit hatte Arminius in diesen Jahren seine
persönlichen Ziele erreicht. Wiederholt gelang es ihm, sich mit seinen Stammeskriegern in offenen

25 Wolters (1989) u. (2009b). 27 Tac. ann. 2,88,3.


26 Dazu jetzt die verschiedenen Beiträge in Salač u. Bem-
mann (2009), insbes. Dobesch (2009); Kehne (2009c).

14 REINHARD WOLTERS
Feldschlachten gegen das riesige Berufsheer des Germanicus zu behaupten. Unstrittig war dies der Hö-
hepunkt des politisch-militärischen Lebens des Arminius!
Doch die Spannungen innerhalb der germanischen Stämme, selbst innerhalb der Cherusker, wa-
ren durch die römischen Angriffskriege nur überdeckt. Schon bald, nachdem die Römer Ende 16 n. Chr.
ihre Wiedereroberungsversuche eingestellt hatten, brachen die Konflikte wieder offen aus: Ein Konflikt
betraf das Verhältnis zwischen den beiden Führungsmächten im mittleren und südlichen germani-
schen Raum, zwischen der Reichsbildung des Maroboduus und der Militärkoalition des Arminius. In
einer großen Schlacht stellten der Markomanne und der Cherusker ihre Truppen einander gegenüber.
Arminius siegte, wobei beide Heere bezeichnenderweise in römischer Ordnung kämpften. Doch mit
dem Sieg verlor Arminius einen weiteren Gegner – und Faktor zur Stabilisierung der eigenen Macht.
Denn ohne äußeren Gegenpol vermochte er offensichtlich nicht, seine Stellung zu behaupten. Unge-
f ähr zwei Jahre nach diesem Sieg wurde Arminius durch seine eigenen Verwandten ermordet. Sie war-
fen ihm superbia (Hochmut) vor und auch, dass er sich zum König über seine Landsleute machen
wollte.28

7. ‚Geschichte‘ wird gemacht: Erste Umdeutungen des Geschehens

Das erste Jahrhundert n. Chr. ist besonders interessant, weil hier aus einer ex eventu-Perspektive bereits
Umdeutungen und Umwertungen der römischen Okkupationsgeschichte einsetzten, ebenso der Be-
wertung der Varuskatastrophe. Ließ der römische Herrscher Tiberius den Germanicus noch Anfang 17
n. Chr. in Rom einen Triumph über die „bis zur Elbe besiegten Völker“ feiern, so wurden zwei Jahre spä-
ter dieselben Aktivitäten in einem Ehrenbeschluss für den verstorbenen Germanicus nur noch mit den
Worten gewürdigt, ihm sei es gelungen, die Grenzen Galliens vor den Germanen zu beschützen.29
Nicht zuletzt derartig rasche Umdeutungen der Geschehnisse machen es so schwierig, aus den zumeist
erst später einsetzenden literarischen Quellen die Ziele der römischen Unternehmungen rechts des
Rheins zu rekonstruieren.
Doch in Einzelf ällen erlaubt es die literarische Überlieferung, gewissermaßen schichtenweise in
die Veränderungen der zeitgenössischen Vorstellungen vorzudringen. Ein Beispiel ist das sich in zwei
Jahrzehnten völlig verändernde Bild vom römischen Feldherrn P. Quinctilius Varus:
Nach der Selbsttötung des römischen Feldherrn ließ Arminius das Haupt seines Gegners abschla-
gen und übersandte es dem Maroboduus. Der Markomannenkönig schlug dieses indirekte Koalitions-
angebot jedoch aus und schickte den Kopf des Varus weiter nach Rom. Augustus wiederum übergab es
den Quinctiliern zur Bestattung in der Familiengruft. Eine symbolische Ächtung des Varus, etwa um
der Öffentlichkeit einen Haupt- oder Alleinschuldigen zu präsentieren, fand nicht statt: Von einer ge-
wissen Vertrauensseligkeit abgesehen, die in einigen der Quellen anklingt, wurden in erster Linie der
Verrat und die Hinterlist der Feinde für den Verlust der Legionen im Teutoburger Wald verantwortlich
gemacht, dazu das Schicksal. Dessen Wirken entzog das Geschehen vollends der den Menschen gege-
benen Möglichkeiten.
Auf die Stellung der Angehörigen des Varus in Rom hatte die verheerende Niederlage in Germa-
nien keinen Einfluss. Der politische Aufstieg seiner Neffen setzte sich beispielsweise fort. Publius Cor-

28 Tac. ann. 2,88,2. 29 Tac. ann. 2,41,2; Crawford (1996) 515ff. (Tabula Siarensis,
insbes. Frg. I, Z. 12–15); zur Textkonstitution auch Johne
(2006) 194ff.; vgl. Lehmann (1995).

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 15


nelius Dolabella wurde im Jahre 10 n. Chr. und Sextus Appuleius im Jahre 14 n. Chr. Konsul. Als Statt-
halter erhielten die Neffen mit Africa und Asia die wichtigsten und vornehmsten Provinzen zur
Verwaltung angewiesen: Ungeachtet der Ereignisse des Jahres 9 n. Chr. blieben die Quinctilii höchst
geachtete und von Augustus beständig geförderte Mitglieder der Gesellschaft. In besonderer Weise
galt dies für die Witwe des Varus. Als Freundin der einflussreichen jüngeren Agrippina, der Gemahlin
des Germanicus, war Claudia Pulchra eine der großen Damen ihrer Zeit. Der engen Verbindung der
beiden Mütter dürfte es zu verdanken gewesen sein, dass P. Quinctilius Varus, der Sohn des Feldherrn,
im Herbst 18 n. Chr. sogar mit Iulia Livilla, der jüngsten Tochter des Germanicus, verlobt wurde: Nur
neun Jahre nach der Niederlage des Varus sollte der Sohn des so furchtbar gescheiterten Legaten zum
Schwiegersohn des vorgesehenen Nachfolgers des Tiberius werden!
Die Umtriebigkeit des Segestes, der sich nach 15 n. Chr. als beständiger Freund des Imperiums und
Mahner erfolgreich zu profilieren versuchte und für sich in Anspruch nahm, die Verschwörung des Ar-
minius dem Varus noch rechtzeitig angezeigt zu haben, ging offensichtlich nicht zu Lasten des Varus.
Obwohl die Version des Germanen durchaus Verbreitung fand, verletzten direkte Vorwürfe an die
Adresse des Varus noch in den zwanziger Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein Tabu: Als der für verbale
Tiefschläge berüchtigte Rhetor Lucius Cestius Pius in einer Anspielung dem P. Quinctilius Varus die
Niederlage seines Vaters vorhielt, galt dies dem älteren Seneca als ein Musterbeispiel unanständigen
Verhaltens.30
Zu einer Wende in der Beurteilung des Varus kam es erst einige Jahre später: Im Jahre 26 wurde in
Rom Claudia Pulchra von dem ambitionierten Aufsteiger Domitius Afer angeklagt. Es war dies die Zeit
der berüchtigten Hochverratsprozesse unter Tiberius; in Rom herrschte ein Klima der Angst, Verfol-
gung und Missgunst. Das die üblichen Verdächtigungen zitierende Verfahren – unsittlicher Lebens-
wandel, Giftmischerei und Zauberei zu Lasten des Prinzeps – zielte über Claudia Pulchra im Kern auf
eine Beschädigung der jüngeren Agrippina: Entsprechend unmöglich war es der mittlerweile verwitwe-
ten Gattin des Germanicus, ihrer Vertrauten zu helfen. Im Jahr darauf zog Domitius Afer den Sohn des
Legaten gleichfalls in das für die Angeklagten aussichtslose Verfahren hinein. An diesem Punkt endet
die Überlieferung zu den Quinctiliern. Mit der Anklage und dem Ausscheiden der Familie aus der Füh-
rungsschicht des Reiches war allerdings auch das Andenken des Feldherrn seines Schutzes beraubt.
Schon in seiner drei Jahre später abgefassten Römischen Geschichte gab Velleius Paterculus eine ver-
zerrende Karikatur des ihm persönlich vertrauten Toten: „Quinctilius Varus (…) war von milder Ge-
mütsart, ruhigem Temperament, etwas unbeweglich an Körper und Geist, mehr an müßiges Lager-
leben als an den Felddienst gewöhnt. Dass er wahrhaftig kein Verächter des Geldes war, beweist seine
Statthalterschaft in Syrien: Als armer Mann betrat er das reiche Syrien, und als reicher Mann verließ er
das arme Syrien. Als er Oberbefehlshaber des Heeres in Germanien wurde, bildete er sich ein, die Men-
schen dort hätten außer der Stimme und den Gliedern nichts Menschenähnliches an sich. (…) Die Zeit
des Sommerfeldzugs (brachte er) damit zu, von seinem Richterstuhl aus Recht zu sprechen und Pro-
zessformalitäten abzuhandeln.“31
Das vernichtende Urteil erscheint an dieser Stelle zum ersten Mal. Vermutlich war Velleius selbst
sein Urheber. Erwachsen ist es auf der einen Seite aus dem von Velleius bewusst konstruierten Gegen-
satz des römischen Feldherrn zum Charakter des Arminius, der nach dem Schriftsteller „tüchtig im
Kampf und rasch im Denken (war und) ein beweglicherer Geist, als es die Barbaren gewöhnlich sind“.32

30 Sen. contr. 1,3,10. 32 Vell. 2,118,2.


31 Vell. 2,117,2–4 (Übers. M. Giebel).

16 REINHARD WOLTERS
Auf der anderen Seite griff Velleius auf eine vorhandene Topik negativer Charakterisierungen zurück.
Das Bonmot zur syrischen Statthalterschaft nimmt kurioserweise eine dem Varus selbst vorgetragene
Klage der Bewohner Judäas gegen Herodes auf.33 Und nur wenige Kapitel zuvor beschreibt Velleius in-
haltlich durchaus ähnlich, wenn auch rhetorisch weniger brillant, den – von ihm gleichfalls herabgewür-
digten – Marcus Lollius als einen Mann, „dem der Gelderwerb allgemein mehr am Herzen lag als eine
ordentliche Amtsführung“.34 Beide Passagen bedienten das ebenso beliebte wie in der Öffentlichkeit
weit verbreitete Bild vom römischen Magistraten, der sich in den Provinzen unrechtmäßig bereicherte.
Zu Lebzeiten des Legaten – oder gar in unmittelbarer zeitlicher Folge seiner syrischen Statthalter-
schaft – wären solche Anwürfe und Urteile undenkbar gewesen. Allein schon die Zugehörigkeit zur Fa-
milie des Herrschers hätte Varus davor geschützt. Doch auch wenn Velleius ihn in einer rhetorisch we-
niger stilisierten Stelle zurückhaltender als „durchaus ernsthaften Mann mit den besten Absichten“
würdigt,35 so sind es vor allem die Charakterisierungen jener abschätzig formulierten Passage – mit de-
nen sich Velleius in der Zeit der Verfolgung der Quinctilii zugleich selbst positionierte –, die seitdem
das Bild von Varus nachhaltig bestimmt haben und Ausgangspunkt weiterer negativer Ausmalungen
der Persönlichkeit des Varus geworden sind:
So bezeichnete Theodor Mommsen den Legaten als „Mann von fürstlichem Reichtum wie von
fürstlicher Hoffart, aber von trägem Körper und stumpfem Geist und ohne jede militärische Erfahrung
und Begabung.“ Allein der „Kopf- und Mutlosigkeit des römischen Feldherrn“ war nach Auffassung des
Historikers die Schuld am Untergang der Legionen anzulasten.36 Als ein „anmaßende(r) und stumpf-
sinnige(r) Grand-Seigneur“ erschien der „von allen guten Geistern verlassene P. Quinctilius Varus“
Ernst Hohl, und „diesen Popanz mit der Verwaltung Germaniens zu betrauen“ war nach diesem His-
toriker ein „verhängnisvolle(r) Entschluss des greisen Augustus“.37 Auch wenn in der jüngeren For-
schung die Charakterisierungen weniger süffig ausfallen, so ziehen sich die in krassem Widerspruch
zur sachgerechten Amtsführung des Varus in Syrien stehenden Vorwürfe hinsichtlich seiner angeb-
lichen militärischen Unerfahrenheit und seines fehlenden Fingerspitzengefühls bis heute durch die
meisten Darstellungen, und sie prägen unser Bild von dem römischen Feldherrn.

8. „… ohne Zweifel der Befreier Germaniens“

Am Ende des zweiten Buchs der Annalen schließt der römische Historiker Tacitus die Germanicus-
Erzählung mit dem Ausblick auf das Schicksal von dessen bedeutendstem militärischen Gegner ab. An
dieser Stelle widmet der römische Senator dem Arminius seinen berühmt gewordenen Nachruf:
„Im übrigen hatte Arminius, der nach dem Abzug der Römer und der Vertreibung Marbods nach
der Königsherrschaft trachtete, den Freiheitssinn der Volksgenossen gegen sich, und als man mit Waf-
fengewalt vorging, kämpfte er mit wechselndem Glück und fiel durch die Hinterlist seiner Verwandten:
Er war ohne Zweifel der Befreier Germaniens (liberator haud dubie Germaniae), der nicht wie andere Kö-
nige und Heerführer das römische Volk in seinen Anf ängen, sondern ein Reich in seiner ganzen Blüte
herausgefordert und in den Schlachten mit wechselndem Erfolg (gekämpft hatte), im Krieg aber unbe-
siegt (geblieben war). Er vollendete das 37. Lebensjahr, davon 12 im Besitz der Macht, und noch heute
besingt man ihn bei den barbarischen Völkern, während er in den Jahrbüchern der Griechen, die nur

33 Ios. ant. Iud. 17,307; bell. Iud. 2,86. 35 Vell. 2,120,5.


34 Vell. 2,97,1. 36 Mommsen (1905) 340.
37 Hohl (1942) 472.

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 17


das Eigene bewundern, unbekannt ist und auch von den Römern kaum gerühmt wird: Während wir das
Alte preisen, vernachlässigen wir das eben erst Vergangene.“38
Die Passage ragt, abgesehen von den biographischen Details, heraus, weil sie in der gesamten
antiken Literatur die einzige ist, die dem Arminius historische Bedeutung zuspricht. Auch Tacitus war
sich dieser Neubewertung bewusst: Denn erst von diesem Standpunkt aus wird seine Kritik der bis-
herigen griechischen und römischen Überlieferung verständlich, deren Autoren Arminius kaum be-
achteten, geschweige denn würdigten. Und gerade die Affirmation haud dubie (ohne Zweifel) zeigt, dass
eben doch Zweifel an dieser Einschätzung möglich waren.
Die Würdigung der Leistungen des Arminius „in den Schlachten (hatte er) mit unterschiedlichem
Ausgang (gekämpft), im Kriege aber (war er) unbesiegt (geblieben)“ verdeutlicht fernerhin, dass nicht
primär der Sieg des Arminius über Varus, sondern in der Summe die Kämpfe der Germanicuszeit für
Tacitus die Grundlage seines Urteils bildeten. Die Rezeption freilich löste das Urteil des Tacitus liberator
haud dubie Germaniae in aller Regel aus dem Kontext und verband es direkt mit der Vernichtung des Va-
rusheeres. In dieser anachronistischen Zuspitzung findet es sich etwa als Inschrift auf dem Hermanns-
denkmal. Das Ende der römischen Offensiven wurde von den Späteren symbolkräftig auf ein einzelnes
Ereignis zusammengezogen. Die Benennung der Vernichtung des Varusheeres als ‚Schlacht‘ gab dem
politischen Verzicht darüber hinaus eine – aus der Sicht der Germanen – aktive und zugleich heroische
Komponente. Erst in dieser zunehmenden Verdichtung wuchs der ‚Schlacht im Teutoburger Wald‘ mit
Hilfe des abgeleiteten Tacitusurteils der Rang einer historischen Wendemarke zu.

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DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD 21


22 REINHARD WOLTERS
II. Pars imperii
Die Gemma Augustea.
Klaus-Peter Johne

Das Stromgebiet der Elbe im Spiegel der griechisch-römischen Literatur

Im Sommer des Jahres 9 v. Chr. stand der Stiefsohn des Kaisers Augustus, Nero Claudius Drusus, mit
einem Heer im Inneren Germaniens am Ufer eines breiten Stromes, den vor ihm kein römischer Feld-
herr und keine Legion, vielleicht nicht einmal ein römischer Kaufmann zu Gesicht bekommen hatte –
am Ufer der Elbe. Vom Rhein aus war er durch das Gebiet der Chatten ins Suebenland und von dort zu
den Cheruskern gezogen, durch Teile des heutigen Hessen, Westfalen und Niedersachsen. Nachdem er
die Weser überschritten hatte, rückte er, dem Zeugnis des Cassius Dio zufolge alles verwüstend, bis zur
Elbe vor. Der Prinz ließ am Ufer ein Denkmal errichten und dokumentierte damit die Entdeckung die-
ses Flusses für die griechisch-römische Welt.1 Sein Feldzug hatte eben auch den Charakter einer fremde
Territorien erkundenden Expedition.
Seit diesem Vorgang war die Elbe ein geographischer wie politischer Faktor in Mitteleuropa. Die va-
gen Kenntnisse der vergangenen Jahrhunderte, angefangen vom ‚Bernsteinfluß‘ Eridanos über die aus
dem Arkynischen Gebirge nach Norden fließenden Ströme bei Aristoteles, die mögliche Entdeckung
der Elbmündung bei Pytheas bis hin zu dem doch mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermutenden Wis-
sen Caesars, wurden nun durch die Gewißheit ersetzt, daß im zentralen Germanien ein dem Rhein ver-
gleichbarer großer Fluß parallel zu ihm in den nördlichen Ozean verläuft.
Die Feldzüge, die mit dem Jahr 12 v. Chr. ihren Anfang nahmen, haben das Weltbild der Römer
über den Norden in kurzer Zeit wesentlich erweitert. Scheinen die Kenntnisse zuvor nicht viel über die
am östlichen Rheinufer siedelnden Germanen, die Caesar beschrieben hatte, hinaus gereicht zu haben,
so dehnten sich seitdem von Jahr zu Jahr nicht nur der Einflußbereich Roms, sondern auch die Kennt-
nisse über Germanien in geradezu rasanter Weise aus. Es waren die Jahre, von denen Strabon später
sagte, die Römer hätten den gesamten Westen Europas bis zur Elbe erschlossen.2
Ausgehend von dem Zeitpunkt der ‚Entdeckung‘ der Elbe im Jahre 9 v. Chr. soll in den folgenden
Ausführungen drei Fragen nachgegangen werden:
1. Seit wann waren und wie wurden Griechen und Römern die Elbe und ihr Stromgebiet bekannt?
2. Wann und unter welchen Umständen kann der Plan einer Ausdehnung des Römischen Reiches
bis an diesen Fluß entstanden sein?
3. Welche Rolle spielten die Elbe und die sie umgebenden Landschaften nach dem Scheitern der
Expansionspläne in der antiken Literatur?
Bei der ersten Frage geht es um einen Aspekt des geographischen Weltbildes der Antike. Lange
Zeit waren die Vorstellungen über den mitteleuropäischen Raum bei den griechischen Schriftstellern
äußerst vage. Für die Autoren vom 7. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. war stets die Donau die Begren-
zungslinie in Richtung Norden, an der alle näheren Kenntnisse ihr Ende fanden. Allenfalls in die sche-
menhaften Vorstellungen vom ‚Bernsteinfluß‘ Eridanos könnte ein Wissen von der Elbe mit eingeflos-
sen sein. Dieser Eridanos galt bei dem Dichter Hesiod um 700 v. Chr. als der markante Fluß des
Westens, vergleichbar dem Nil im Süden, der Donau im Norden und dem Phasis in der Kolchis für den

1 Cass. Dio 55,1,2–3. 2 Strab. 1,2,1 p. 14C.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 25


Osten, alles aus der Perspektive des Mittelmeerraumes betrachtet.3 Da er mit der Bernsteingewinnung
verbunden war, identifizierte man ihn mit Flüssen, über die der im Süden so begehrte Stoff importiert
wurde, mit dem Po im nördlichen Italien und mit der Rhône im südlichen Gallien. Interessant ist eine
Äußerung Herodots aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. über die Mündung des Eridanos in das
nördliche Meer, allerdings zieht er die Existenz des Flusses überhaupt in Zweifel.4 Offensichtlich sind
in die Vorstellung von diesem in die griechische Mythologie eingebundenen Fluß Nachrichten von ver-
schiedenen Strömen eingegangen, die mit dem Bernsteinhandel in Verbindung gebracht wurden. Nach
Herodot könnte dies auch für die Elbe zutreffen, vor deren Mündung die ‚Bernsteininsel‘ Abalus liegt,
in der mit einiger Wahrscheinlichkeit Helgoland vermutet werden kann.5
Ein Jahrhundert nach Herodot kannte Aristoteles nördlich der Donau ein Arkynisches Gebirge, aus
dem Flüsse nach Norden strömen.6 Hierbei handelt es sich um die älteste Erwähnung des Mittelge-
birgssystems, das sich vom Schwarzwald über die böhmischen Randgebirge bis zu den Karpaten hin-
zieht und in den späteren Quellen unter dem Namen ‚Herkynischer Wald‘ begegnet. Bei der großen
Ausdehnung dieses Gebirges wird man unter den Flüssen alle großen Ströme Mitteleuropas vom
Rhein bis zur Weichsel verstehen müssen.
Bald nach Aristoteles wurden noch im 4. Jahrhundert v. Chr. die Küsten Westeuropas durch Py-
theas von Massalia entdeckt. Auf der Suche nach einem ‚nördlichen Seeweg‘ um Europa herum bis ins
Schwarze Meer gelangte er vermutlich bis nach Helgoland und zur Mündung der Elbe. Da von seinem
Werk Über das Weltmeer nur Fragmente in den Schriften von Strabon, Diodor und Plinius dem Älteren
erhalten geblieben sind, bleibt vieles an dieser Expedition unklar. In jedem Falle bedeutete sie einen er-
sten Schritt zur Erforschung des Nordwestens der bisher bekannten Oikumene. Mit seiner Schiffsreise
wurde erstmals der Blick auf Mitteleuropa vom Westen aus gerichtet, und nicht, wie bisher immer, vom
Südosten.7 Obwohl durch Pytheas das bisherige Weltbild beträchtlich erweitert wurde, galt die Erfor-
schung Kontinentaleuropas auch im 2. vorchristlichen Jahrhundert für die Griechen immer noch als
eine Aufgabe der Zukunft.
Polybios von Megalopolis, der bedeutendste Historiker im Zeitalter des Hellenismus, hat in sei-
nem monumentalen Geschichtswerk vor allem die Kelten seinen Lesern näher gebracht. Über große
Teile des mittleren und nördlichen Europa wußte er allerdings nicht viel mehr als Herodot 300 Jahre
früher. Das zwischen dem Tanaïs, dem als Grenzfluß zwischen Europa und Asien geltenden Don, und
dem bei Narbonne ins Mittelmeer mündenden Küstenfluß Narbo sich nach Norden erstreckende Land
sei unbekannt und harre noch künftiger Erforschung.8 Diese wäre vermutlich auch in der Folgezeit
nicht viel schneller als in den vorangegangenen Jahrhunderten weitergegangen, wenn nicht äußere
Anlässe bald nach dem Tode des Polybios um 120 v. Chr. zu einer Änderung der entdeckungsgeschicht-
lichen Situation geführt hätten. Zum einen tauchten Stämme aus dem ‚barbarischen‘ Kontinental-
europa an der Peripherie der mittelmeerischen Staatenwelt auf, die nicht mehr die seit dem 4. vorchrist-
lichen Jahrhundert auch in Italien bekannten Kelten waren, sondern aus den von Pytheas aufgesuchten
Gegenden stammten. Zum anderen begannen sich die Römer etwa seit derselben Zeit immer stärker in
Gallien zu engagieren. Die Unterwerfung des südlichen Gallien und die Gründung der späteren Pro-
vinz Gallia Narbonensis 121 v. Chr. hatten zur Folge, daß römische Kaufleute den Handel mit den inner-

3 Hes. theog. 337–345; grundlegend für die ‚Entdeckung 7 Zu Pytheas und seinen Reisen vgl. Gisinger (1963);
des Nordens‘ die Ausführungen von Timpe (1989). Timpe (1989) 323–332; Nesselrath (2003); Johne (2006)
4 Hdt. 3,115,1f. 30–35; zu seinem Werk Bianchetti (1998).
5 Vgl. Wenskus u. Ranke (1973); Wenskus (1985). 8 Polyb. 3,38,2; vgl. 3,37,8; Lafond u. Olshausen (2000).
6 Arist. meteor. 1,13 p. 350a36–350b10.

26 KLAUS-PETER JOHNE
gallischen Stämmen und vielleicht sogar mit Britannien aufnahmen. Im Laufe der Zeit mußte ihnen
das gallische Fluß- und Wegenetz bis zum Rhein bekannt werden. So lenkten die Vorstöße nördlicher
Völker nach Süden ebenso wie die römische Expansion in Gallien das Interesse griechischer und römi-
scher Autoren verstärkt in einen zuvor fast unbekannten Raum.
Mit den Zügen der Kimbern und Teutonen zwischen 113 und 101 v. Chr. kam die Mittelmeerwelt
erstmals mit Stämmen aus dem weiteren Umfeld der Elbe in Berührung. Die Schlacht von Noreia 113
v. Chr. war der Beginn jahrhundertelanger Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen,
von der verheerenden römischen Niederlage bei Arausio 105 v. Chr. nahm das Bild vom furor Teutonicus,
der „teutonischen Raserei“, seinen Ausgang.9 Schließlich bedurfte es größter Anstrengungen und einer
Heeresreform, um der Gefahr aus dem Norden zu begegnen. Die Einf älle konnten erst in der Provence
und in der norditalienischen Po-Ebene endgültig gestoppt werden. Spätestens in dieser Schlußphase
der Auseinandersetzungen dürfte die Frage aufgeworfen worden sein, woher denn diese Stämme über-
haupt gekommen sind und welcher der bisher bekannten Barbarengruppierungen sie zuzuordnen wä-
ren. Alle einschlägigen Quellen betrachten Kimbern und Teutonen als Küstenbewohner des nördlichen
Ozeans. Die in diesem Zusammenhang genannte Halbinsel ist unstrittig Jütland und Schleswig-Hol-
stein. Interessant für die mittelmeerische Vorstellungswelt ist die Beschreibung ihrer Heimat als „ein
schattiges und waldreiches Land, auf das ganz wenig Sonnenschein falle wegen der Tiefe und Dichte
der Eichenwälder, die sich vom äußersten Ozean bis zum Herkynischen Gebirge erstreckten …“10 Das
Zitat bestätigt einmal mehr die Unerforschtheit Mitteleuropas. Zwischen Nordmeer und Herkyni-
schem Wald gibt es nur undurchdringliche Wälder, aus denen sich die „Barbarenflut“ in den Süden er-
gossen habe.
So unklar wie die geographische war den antiken Schriftstellern auch die ethnische Herkunft die-
ser Stämme. Anfangs wurden sie den Kelten zugeordnet und als ‚Gallier‘ bezeichnet. Da jedoch die Un-
terschiede zwischen Kimbern und Teutonen und den anderen Kelten in den Kriegen ab 113 v. Chr. of-
fenbar wurden, kam die Vorstellung auf, diese Stämme kämen aus dem Grenzgebiet zwischen Kelten
im Nordwesten und den Skythen im Nordosten Europas. Für diese angenommene Mischung aus Kel-
ten und Skythen kam der Begriff ‚Keltoskythen‘ auf.11 Die richtige Erkenntnis in der ethnischen Zuord-
nung wird Caesar verdankt, der, von politisch-propagandistischen Motiven geleitet, die Verbindung zwi-
schen ihnen und den Germanen Ariovists hergestellt hat.12
Die wissenschaftliche Verarbeitung des historischen Geschehens um die Invasoren aus dem Nor-
den leistete Poseidonios von Apameia in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Wie niemand vor
ihm interessierte sich dieser Universalgelehrte auch für die terra incognita Mitteleuropas. Auf seinen
heute verlorenen Werken beruht ein großer Teil der von späteren Autoren überlieferten Nachrichten zu
den Kimbern und Teutonen. Außerdem wird ihm die umfangreichste Keltenethnographie verdankt, die
im Altertum geschrieben wurde.13 Darin begegnet wohl zum ersten Mal in der Literatur der Begriff der
Germanen in Verbindung mit einem verbreiteten Topos über nördliche Barbaren.14 Da das Zitat des
Poseidonios jedoch erst in einem kaiserzeitlichen Werk überliefert ist, läßt sich über die Authentizität
des Begriffs letzte Sicherheit nicht erreichen. Unstrittig ist, daß der Gelehrte unter den Germanen, so er

19 Zu Kimbern und Teutonen vgl. Ihm (1899); Franke 11 Plut. Marius 11,6–7; Timpe (1989) 342f.; Dobesch (1995)
(1934); Timpe (2006a); Dietz (1997b); Neumann, Grü- 53–58.
newald u. Martens (2000); Wiegels (2002a); Zimmer 12 Caes. Gall. 1,33,3–4; 40,5–7.
(2005); vgl. auch Trzaska-Richter (1991) 48–79; Johne 13 Reinhardt (1953); Dobesch (1995) 59–110; Inwood
(2006) 39–56. (2001); Malitz u. Reichert (2003).
10 Plut. Marius 11,9; Timpe (1989) 342. 14 Poseid. frg. 22 = Athen. 4,39 p. 153e.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 27


Abb. 1 | Porträtherme des Poseidonios von Apameia.

sie denn unter diesem Namen gekannt hat, kein großes und selbständiges Ethnos zwischen Kelten und
Skythen verstand. Sie waren für ihn ein besonders wilder ostkeltischer Stamm oder aber ‚Keltoskythen‘.15
Die Einf älle der nordseegermanischen Stämme bis in die Provence und nach Italien hatte den
Römern die Erkenntnis gebracht, daß die Alpen nicht mehr länger der natürliche Schutzwall für ihr
Staatswesen waren und daß es außer den ihnen seit langem bekannten Kelten noch andere Stämme gab,
die ihnen gef ährlich werden konnten. Seitdem mußte sich die römische Politik auch für die Verhältnisse
nördlich der Alpen interessieren und sich auf Dauer auf einen Feind aus dem Norden einstellen.
Einen markanten Einschnitt in dieser Entwicklung bedeutete in der Mitte des 1. vorchristlichen
Jahrhunderts das Wirken von C. Julius Caesar. Mit der Eroberung Galliens von 58 bis 50 v. Chr. ver-
knüpfte er die Mittelmeerwelt und Mitteleuropa auf Dauer miteinander, mit seinen beiden Rheinüber-
gängen der Jahre 55 und 53 v. Chr. begann die ein halbes Jahrtausend währende Präsenz Roms im
Rheinland, und sein Feldzugbericht eröffnete den Römern auch die Welt der Germanen. Seitdem war
es nur noch eine Frage der Zeit, wann das rechtsrheinische Germanien im Imperium bekannter würde.
Im Rahmen der commentarii de bello Gallico bleibt der erste Rheinübergang trotz des spektakulären
Brückenbaus in der Gegend zwischen Andernach und Neuwied nur eine Episode.16 Im Rückblick be-
gann jedoch in dem Sommer 55 v. Chr. die intensive Phase der römisch-germanischen Auseinanderset-
zungen. Wenn auch die erste Expedition in rechtsrheinisches Gebiet lediglich ein Unternehmen von drei
Wochen Dauer war und das römische Heer den Rhein wieder verließ, so waren doch die Folgen dieses
Vorgangs unübersehbar. Caesar hatte mit dem ersten Brückenschlag über den Rhein in seinem Mittel-

15 Vgl. Walser (1956) 40–46; Timpe (1989) 345; Dobesch 16 Caes. Gall. 4,16–19.
(1995) 61–63; Malitz u. Reichert (2003) 302f.

28 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 2 | Porträt des Caius Julius Caesar,
sog. „Grüner Caesar“, grüner Schiefer.

lauf bisher ganz unbekannte Perspektiven eröffnet. Mit der ältesten Rheinbrücke war gleichsam ein Tor
vom Westen in das zentrale Mitteleuropa aufgestoßen worden. Als erster bezog dieser Feldherr das eu-
ropäische Barbaricum im großen Maßstab in seine Planungen mit ein. Bisher hatte man sich in Rom wie
in den hellenistischen Staaten mit der Abwehr der von Zeit zu Zeit auftretenden barbarischen Plünde-
rungswellen begnügt. Caesar begann jedoch mit der Eroberung Kontinentaleuropas jenseits der medi-
terranen Zone. Der Rhein spielt schon im Eingangskapitel des Bellum Gallicum eine wesentliche Rolle.
Nachdem die Grenzen zwischen Galliern, Aquitaniern und Belgern beschrieben worden sind, werden
letztere als die tapfersten charakterisiert. Eine Ursache für ihre Tapferkeit sei die Nachbarschaft zu den
Germanen, mit denen sie ständig Krieg führen. Die Germanen aber wohnen jenseits des Rheins.17
Hier wird dieser Strom erstmals als die östliche Grenze Galliens bezeichnet und damit auch als das
angestrebte Ziel caesarischer Eroberung. Flußgrenzen galten Caesar im gallischen Raum für selbstver-
ständlich, die Garonne trenne die Gallier von den Aquitaniern, Marne und Seine die Gallier von den
Belgern. Zugleich wird deutlich, daß die Germanen keine Kelten sind und von den übrigen ethnischen
Gruppierungen in Gallien unterschieden werden müssen. Damit widersprach Caesar gleich zu Beginn
seiner commentarii der Autorität des Poseidonios, dessen Auffassung er korrigierte.
Das Bekanntwerden der Germanen in Rom ist untrennbar mit der Person des Heerkönigs Ariovist
verbunden, dessen Auftreten im östlichen Gallien die zweite Hälfte des ersten Buches des Gallischen
Krieges gewidmet ist.18 In einer langen Passage von 25 Kapiteln stehen erstmals in der Literatur Germa-
nen unter diesem Namen im Mittelpunkt des Geschehens. Zugleich ist Ariovist in der Überlieferung

17 Caes. Gall. 1,2,3. Wiegels (2001a); Zimmer, Wolters u. 18 Caes. Gall. 1,30–54; zur Person des Ariovist vgl. Walser
Ament (2003). (1956) 8–36; Christ (1974); Callies (1973); Trzaska-Rich-
ter (1991) 90–101; Will (1996); Fischer (1999) 31–68;
Johne (2006) 60–66.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 29


der erste als Person fassbare Angehörige der bisher unbekannten Völkerschaft. Caesars Werk hat für die
Ausbreitung und Einbürgerung des Namens ‚Germanen‘ ganz Wesentliches geleistet, indem er der
Bezeichnung für einige kleinere Gruppen im belgischen Raum, den von ihm so genannten Germani
cisrhenani, eine riesige Ausdehnung im gesamten rechtsrheinischen Gebiet verschaffte.19 Im Gallischen
Krieg hat Caesar wohl auch die geographische Bezeichnung Germania geprägt. In den ersten drei Bü-
chern seiner commentarii gibt es nämlich noch keinen Begriff für das Land, in dem die Germanen le-
ben, und er behilft sich mit Ausdrücken wie „die Germanen, die jenseits des Rheins wohnen“. Erst im
vierten Buch, zu Ereignissen des Jahres 55 v. Chr., taucht das Wort für die rechtsrheinischen Gebiete auf.
Caesar benötigte die Bezeichnung offenbar als das Gegenstück zum Begriff Gallia omnis.20
Im weiteren Verlauf des Gallischen Krieges sind es dann immer wieder die Sueben, die als Gegner
der Römer auftreten. Caesar schätzt sie als den bei weitem größten und kriegerischsten Stamm aller
Germanen ein.21 Gegen ihn waren der erste und vor allem der zweite Rheinübergang 53 v. Chr. gerichtet.
Beide Male ergriffen die Sueben die Flucht und ließen Caesar ins Leere stoßen. Bei diesen Feldzug-
berichten wird erstmals der Blick aus der Umgebung des Rheins in Richtung Mitteldeutschland ge-
lenkt. Das ‚Suebenland‘ soll den Eindruck beachtlicher Größe hervorrufen und natürlich den eines un-
durchdringlichen Waldgebietes, in dem man sich gut verstecken könne.22 Konkret muß es sich um
Gebiete im heutigen Hessen handeln. Im äußersten Grenzgebiet des ‚Suebenlandes‘ gebe es einen
Wald von unermeßlicher Größe, der Bacenis genannt wird. Dieser erstrecke sich weit ins Landesinnere
und sei ein natürlicher Wall zwischen Sueben und Cheruskern.23 Mit der Erwähnung dieses Waldes
liegt erstmals eine geographische Angabe aus dem Inneren Germaniens vor, die sich wenigstens etwas
eingrenzen läßt, mit der Nennung der Cherusker taucht der berühmte Stamm des Arminius in der
Überlieferung auf. Der Bacenis-Wald kann nur eines der deutschen Mittelgebirge gewesen sein. Als
Scheidegrenze zwischen den Sueben in Hessen und den zwischen Weser und Elbe siedelnden Cherus-
kern würde der Harz am besten passen. Als eine zweite Möglichkeit der Lokalisierung wird weiter süd-
lich das Rhön-Vogelsberggebiet bis hin zum westlichen Thüringer Wald diskutiert. Schließlich wird
man bei den äußerst vagen Vorstellungen, die Caesar vom Inneren Germaniens vermittelt, nicht aus-
schließen können, daß in dem Begriff des Bacenis-Waldes die Kenntnisse mehrerer Waldgebirge
zusammengeflossen sind.24 Immerhin wird an dieser Stelle der commentarii eine Eingrenzung vorge-
nommen, die den tatsächlichen Gegebenheiten näher kommt als alle vorangegangenen Äußerungen.
Zweifellos hatte Caesar bessere Kenntnisse über das rechtsrheinische Mitteleuropa als alle vor ihm
schreibenden Autoren. Dabei ist es nicht unmöglich, daß er viel mehr wußte, als aus seinem Werk deut-
lich wird. Aber zu seinen Feldzugberichten aus Gallien und zu denen über zwei kurze und vorerst fol-
genlose Expeditionen nach Germanien würden ins Detail gehende Ausführungen über die rechtsrhei-
nischen Gebiete gar nicht passen. Dem Tenor seiner Germanendarstellung entsprachen viel besser die
Bilder von der „Einsamkeit der Wälder“ und vom Bacenis-Wald „von unermeßlicher Größe“.25 Somit
wird man nicht ausschließen können, daß der drittgrößte Strom Mitteleuropas Caesar bekannt gewe-
sen ist. Vermuten läßt sich dieselbe Kenntnis auch für einige wenige an Geographie und Ethnographie
Interessierte in dieser Zeit. Poseidonios hat im hohen Alter noch die Eroberung Galliens erlebt, er ist

19 Caes. Gall. 2,3,4; 2,4,1–3 u. 10; Walser (1956) 39f.; von 22 Caes. Gall. 4,19,2–3; zur Rolle des Waldes bei Caesar
Petrikovits (1986); Neumann (1986); Pohl (2000) Nenninger (2001) 126–133.
52–56; Reichert (2001). 23 Caes. Gall. 6,9,1–10,5.
20 Vgl. Caes. Gall. 4,4,1. 24 Vgl. Neumann u. Wenskus (1973); Goetz u. Welwei
21 Caes. Gall. 4,1,3; 1,37,3; 1,54,1; 4,1,3–3,4; zu den schwieri- (1995) I, 340f.; Nenninger (2001) 96.
gen Problemen des Suebenbegriffs vgl. Peschel (1978); 25 Vgl. Johne (2006) 68–73.

30 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 3 | Porträt des M. Vipsanius Agrippa.

gegen Ende dieses Krieges, um das Jahr 51 v. Chr., gestorben.26 Ein weiterer Zeitgenosse war Timagenes
von Alexandria, der sich mit Geschichte und Geographie des Keltenlandes befaßt hat.27 M. Terentius
Varro, der gelehrteste Römer dieses Jahrhunderts, beschrieb in seinem Werk De ora maritima auch den
Verlauf der Meeresküsten und könnte dabei die Elbemündung erwähnt haben.28 Alle Überlegungen
dieser Art bleiben jedoch im Bereich der Vermutung, ein sicherer Nachweis für eine Kenntnis der Elbe
vor der Regierungszeit des Augustus läßt sich nicht erbringen.29
Caesar hat in den Jahren des Gallischen Krieges Germanen erstmals auf ihrem eigenen Territo-
rium bekämpft, er hat das für die Römer fortan verbindliche Bild von den Germanen entwickelt und
wahrscheinlich den geographischen Begriff Germania geprägt, und er hat den Rhein sowohl zur Trenn-
linie zwischen Kelten und Germanen als auch zur Grenze des Imperium Romanum erklärt. Zu seinen
Lebzeiten und in den darauf folgenden drei Jahrzehnten ging es jedoch vorrangig um die Sicherung
Galliens, der Rhein blieb eine ‚Anspruchsgrenze‘.
17 Jahre nach dem Bau der ersten Rheinbrücke überschritt 38 v. Chr. M. Vipsanius Agrippa als
zweiter römischer Feldherr den Rhein. Er war der wichtigste Mitstreiter des späteren Kaisers Augustus
und der bedeutendste Feldherr in der ersten Hälfte von dessen Regierung.30 Im Zentrum seiner Statt-
halterschaften – in den Jahren 20 bis 19 v. Chr. weilte er nochmals in Gallien – standen der Ausbau der
Infrastruktur und die Konsolidierung der römischen Herrschaft in den von Caesar eroberten Gebieten.

26 Walser (1956) 55–57 nimmt für Poseidonios eine Kennt- 28 Vgl. Sallmann (2002) bes. 1131f. und 1139.
nis der Elbe an. 29 Vgl. Deininger (1997) 9.
27 Vgl. Meister (2002). 30 Hanslik (1961); Kienast (1996).

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 31


Vor allem aber widmete er sich dem Aufbau eines Systems von Fernstraßen. Etwa zwischen 30 und
17 v. Chr. entstand die wichtigste Verbindung an den Rhein, in moderner Terminologie von Lyon über
Metz und Trier nach Köln. Den Schutz der Grenze in deren mittlerem Abschnitt überließ man dem ver-
bündeten Stamm der Ubier, die Agrippa schließlich auf dem linken Rheinufer, im Bereich der Kölner
Bucht, ansiedelte.31
Die germanischen Stämme der Sugambrer, Usipeter und Tenkterer ließen sich jedoch von dem
Grenzanspruch der Römer nicht beeindrucken. Wie zu Caesars Zeiten fielen sie über den Rhein nach
Gallien ein, so in den Jahren 29, 25 und 17/16 v. Chr. Bei dem letzten Einfall erlitt der ihnen entgegen-
tretende Statthalter M. Lollius eine schmachvolle Niederlage und verlor das Feldzeichen, den Legions-
adler.32 Dies wog besonders schwer, weil erst wenige Jahre zuvor die in der Schlacht bei Carrhae an die
Parther verlorenen Feldzeichen wiedergewonnen worden waren und dieser Vorgang als ein großer
Erfolg gefeiert wurde.33 Nunmehr schien endgültig ein dauerhafter Schutz der Rheingrenze durch das
römische Heer erforderlich zu sein, sie konnte nicht länger allein befreundeten und abhängigen Ger-
manen anvertraut werden.
Die Niederlage des Lollius rief Kaiser Augustus nach Gallien und in das Grenzgebiet. Bis zum
Jahre 13 v. Chr. blieb er dort, um die Neuordnung von Caesars Eroberungen zu einem vorläufigen Ab-
schluß zu bringen und um die Politik gegenüber den Germanen neu zu konzipieren. Die bisher im
Inneren Galliens stationierten Legionen wurden jetzt an den Rhein verlegt. Bis zum Jahr 12 v. Chr.
entstanden die Militärlager von Noviomagus (Nijmegen/Nimwegen), Vetera I bei Xanten, Asciburgium
(Moers-Asberg), Novaesium (Neuß), Bonna (Bonn) und Mogontiacum (Mainz). Erst mit diesem ein-
drucksvollen Truppenaufgebot war der Rhein von der Mitte bis zur Mündung römischer Kontrolle un-
terstellt und zur wirklichen Grenze geworden. Bis vor kurzem galt das 16 v. Chr. gegründete Novaesium
als das älteste Lager am Rhein. Neuere Ausgrabungen und Münzfundauswertungen zeigen jedoch, daß
das Legionslager von Nijmegen bereits in die Jahre 19/18 v. Chr. datiert werden kann.34 Es dürfte auf
Agrippas Initiative zum Schutze der Rheinmündung errichtet worden sein, mithin keine Reaktion auf
die Niederlage des Lollius wie die anderen Heerlager. Mit der befestigten Rheingrenze waren zum
einen weiteren germanischen Flußüberschreitungen ein Riegel vorgeschoben worden, zum anderen
auch alle Vorbereitungen getroffen, um östlich des Stromes aktiv werden zu können. Die Politik der De-
fensive, die nur reagierte, war vorbei. Vier Jahrzehnte nach den diffusen Beschreibungen des ‚Sueben-
landes‘ durch Caesar machten sich die Römer daran, in dieses Land einzudringen.
Im März des Jahres 12 v. Chr., unmittelbar vor Beginn der vom Niederrhein ausgehenden Feldzüge
gegen Germanien, starb Agrippa. Er hinterließ das Werk commentarii geographici, in dem er die auf sei-
nen Feldzügen und Reisen sowie während seiner Tätigkeit als Statthalter in Gallien und am Rhein
gewonnenen Kenntnisse mit den bereits vorhandenen Itinerarien verarbeitet hat. Geboten wurde darin
der Kenntnisstand vor der ‚Entdeckung‘ der Elbe.35 Die verlorene Schrift kann teilweise aus der Natur-
geschichte des älteren Plinius rekonstruiert werden. Dieser Schriftsteller bezeichnet nun unter aus-
drücklicher Berufung auf Agrippa die Weichsel als die Grenze zwischen Germanien und Sarmatien.36
Die Kenntnis der Weichsel wirft natürlich die Frage nach einer Kenntnis der Elbe zur gleichen Zeit auf.

31 Vgl. Eck (2004a) 46–55; Johne (2006) 77–79; Wolters 34 Vgl. Kemmers (2005) 44ff.; Wolters (2008) 27; zur Pro-
(2008) 23–26; K. Tausend (2009) 17 und 91f. blematik der Flußgrenzen Dobesch (2005).
32 Vgl. Goetz u. Welwei (1995) II, 12–17; Eck (1999); 35 Vgl. Hanslik (1961) 1270f.; Kienast (1996); Timpe
Wolters (2008) 27–29. (1989) 356f.; Engels (1999) 369–377.
33 Vgl. Wolters (1990) 153–155; Bleicken (1999) 356–362, 36 Plin. nat. 4,81; Gutenbrunner (1967); Waldherr (2002b);
729f; dazu auch C. Wendt im vorliegenden Band. Udolph u. Nowakowski (2006).

32 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 4 | Die Rheingrenze in der Zeit zwischen Caesar und Augustus.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 33


Mindestens drei Möglichkeiten dürfte es bei der Beantwortung geben: Zum einen braucht unsere Über-
lieferung in diesem Detail nicht repräsentativ zu sein, und der Eindruck weitgehender Unkenntnis vom
inneren Germanien, den die erhaltenen Quellen vermitteln, ist so nicht richtig. Poseidonios, Timage-
nes und Varro könnten mehr gewußt haben, als überliefert ist. Bei Caesar besteht die Möglichkeit, daß
vorhandenes Wissen bewußt keinen Niederschlag in seinen Schriften gefunden hat. Eine weitere Mög-
lichkeit wäre, daß der Ausbau des gallischen Straßennetzes, die Niederlage des Lollius und der Auf-
enthalt des Augustus in Gallien sowie die Verlegung der Legionen an den Rhein mit einer intensiveren
Erkundung Germaniens einhergingen. Die bis dahin wirklich unbekannten Ströme im zentralen Mit-
teleuropa wären dann erst im Vorfeld eines sich abzeichnenden stärkeren Engagements Roms an sei-
ner Nordgrenze bekannt geworden. Die dritte mögliche Variante wäre, daß die Kenntnisse der Römer
vor dem Beginn der Feldzüge vom Niederrhein aus wirklich nicht weit ins Innere Germanien gereicht
hätten, wie aus der erhalten gebliebenen Überlieferung hervorgeht. Die Elbe wäre tatsächlich erst von
Drusus ‚entdeckt‘ worden, und zwar nicht nur im allgemeinen Bewußtsein der griechisch-römischen
Welt, sondern auch für geographisch interessierte Gelehrte. Dann wäre die weit im Osten fließende
Weichsel noch vor der Elbe bekannt geworden. Möglich gewesen sein könnte dies nur durch den Han-
delsweg der ‚Bernsteinstraße‘ von der Ostsee zur Donau. Bei Annahme dieser Variante hätte es eine
Zeit lang zwar die Kenntnis der Germanien begrenzenden Flüsse Rhein und Weichsel gegeben, wäh-
rend der Raum dazwischen jedoch noch weitgehend terra incognita war.
Das Jahr 12 v. Chr. bedeutet im Rückblick einen Markstein sowohl in der Germanienpolitik des Im-
periums als auch für die Erweiterung des geographischen Weltbildes der Griechen und Römer. In die-
sem Jahre begann das fast dreißigjährige Ringen um die Herrschaft in dem Gebiet zwischen Rhein und
Elbe, das auf diesen Feldzügen nun auch näher erforscht wurde. In den ersten vier Jahren dieses Zeit-
abschnitts war der ältere Drusus die entscheidende Persönlichkeit auf der römischen Seite.37
Als im Sommer 12 v. Chr. Sugambrer, Usipeter und Tenkterer erneut einen Einfall über den Rhein
nach Gallien unternahmen, sollte dies der letzte derartige Vorstoß werden. Denn jetzt ermöglichten die
an die Flußgrenze vorverlegten Legionen einen Akt sofortiger Vergeltung. Drusus besiegte nicht nur
die Angreifer, er unternahm auch eine Flottenexpedition an die Nordseeküste in die Gebiete der Friesen
und Chauken und entdeckte die Mündung der Ems.38 Im folgenden Jahre weitete sich der Kriegsschau-
platz beträchtlich in das Innere Germaniens aus. Drusus zog durch das Gebiet der Cherusker bis an die
Weser, kämpfte mit den Sugambrern und ließ das Kastell Oberaden an der Lippe errichten.39 Der Feld-
zug 10 v. Chr. richtete sich gegen die Chatten, erneut die Sugambrer und wohl auch gegen die Marko-
mannen.40 Der vierte und letzte Expeditionszug des Drusus erfolgte im Jahre 9 v. Chr., in dem der Prinz
auch das Konsulat bekleidete. Dieses Mal machte er nicht an der Weser Halt, sondern überquerte den
Fluß und zog weiter nach Osten bis zur Elbe, wie zu Beginn dieses Beitrags ausgeführt.41 Für seine
Marschroute gibt es leider nur die sehr allgemeinen Fixpunkte ,Cherusker‘, ,Weser‘ und ,Elbe‘. Wenn
man an der Weser den Abschnitt zwischen Hameln und Höxter/Corvey als den wahrscheinlichsten, an
dem die Römer 11 v. Chr. den Fluß erreichten, in Betracht zieht, dann ist ein weiterer Vormarsch nörd-

37 Vgl. Moeller (1986); Kienast (1997). Wolters (2008) 42–44; zur Weser Gutenbrunner u. John
38 Zum Feldzug des Jahres 12 vgl. Moeller (1986) 205–207; (1967); Wiegels (2002b); Udolph (2006); Müller (2007).
Wolters (1990) 158–161; Becker (1992) 131–137; Bleicken 40 Zum Feldzug des Jahres 10 vgl. Moeller (1986) 209;
(1999) 576–578; Kehne (2002) 305–310; Johne (2006) Wolters (1990) 165–167; Becker (1992) 147–151; Bleicken
88–91; Wolters (2008) 38–42. (1999) 580; Johne (2006) 95f.; Wolters (2008) 45.
39 Zum Feldzug des Jahres 11 vgl. Moeller (1986) 207–209; 41 Ausführliche Behandlung dieses Feldzuges und aller
Wolters (1990) 162–165; Becker (1992) 137–147; Bleicken damit in Zusammenhang stehenden Fragen bei Johne
(1999) 579; Kehne (2002) 310–312; Johne (2006) 91–95; (2006) 83–113, bes. 96–106.

34 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 5 | Porträt des Nero Claudius Drusus Maior.

lich des Harzes anzunehmen. Er würde an die Elbe im Raum des späteren Magdeburg führen, wo der
große Strom Innergermaniens in seinem Mittellauf am weitesten nach Westen reicht. Nach der erst
vor wenigen Jahren erfolgten Auffindung des Lagers Hedemünden ist allerdings der Weserübergang
eine ganze Strecke weiter südlich an der unteren Werra, die als „obere Weser“ verstanden wurde, wahr-
scheinlicher. Von dort führte der Zug entweder weserabwärts oder gleich zur Leine und von dort nörd-
lich am Harz vorbei. Hedemünden ist der am weitesten östlich gelegene Stützpunkt, der bisher auf
deutschem Boden entdeckt worden ist. Er sicherte eine Route von Mainz aus durch die Wetterau bis an
die Weser. Der älteste Teil der Anlage ist ein kleines Marschlager von 1,3 ha Umfang, das aller Wahr-
scheinlichkeit nach während der Expedition des Jahres 9 v. Chr. angelegt wurde.42
Cassius Dio berichtet, Drusus habe nach der Ankunft an der Elbe versucht, diese zu überqueren,
das jedoch nicht vermocht, sondern nur Siegeszeichen errichten lassen und danach den Rückzug an-
getreten.43 Da schon im Jahre 11 v. Chr. an der Weser Versorgungsprobleme aufgetreten sind, müssen
diese jetzt noch gravierender gewesen sein. Außerdem könnte Drusus die Elbe noch im späteren Früh-
jahr erreicht haben, als sie ihr Umland überschwemmt hatte. Das Überschwemmungsgebiet der Elbe
im Norddeutschen Tiefland besaß im Altertum vielfach eine Breite zwischen 10 und 20 km. Erst die im
hohen Mittelalter vorgenommene Eindeichung hat diese Breite auf 1, 5 bis 3 km eingeschränkt.44 Daß
es die noch Hochwasser führende Elbe gewesen ist, die Drusus zum Rückzug bewogen hat, läßt sich
zumindest nicht ausschließen. Der Heereszug bewegte sich vermutlich elbaufwärts bis zur Mündung

42 Grote (2004) und (2006). 44 Jäger, Schmid, Timpe u. Mildenberger (1989) 96; Jäger
43 Cass. Dio 55,1,3. (1992) 140–144.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 35


der Saale beim heutigen Barby, dann die Saale aufwärts bis zu deren Mittellauf, um von dort aus wieder
die Ausgangsbasis Mainz zu erreichen. Für den Rückzug bieten sich entweder eine Strecke südlich des
Harzes zur Werramündung oder eine durch das Ilmtal und nördlich des Thüringer Waldes in Richtung
Hessen an. Auf diesem Rückweg zwischen Saale und Rhein stürzte Drusus so unglücklich vom Pferd,
daß er noch im Barbarenland verstarb. Diesem Unglücksfall wird die einzige Erwähnung der Saale in
der antiken Literatur verdankt.45
Der nur wenige Monate nach dem Erreichen der Elbe und dem Halt an ihrem Ufer eingetretene
Tod des Prinzen in einem fernen und unbekannten Land regte zur Legendenbildung an. So berichtet
Cassius Dio, eine Frau von übermenschlicher Größe sei dem Feldherrn am Elbufer entgegengetreten
mit den Worten: „Wohin treibt es dich, unersättlicher Drusus? Nicht alles hier ist dir vom Schicksal zu
sehen vergönnt. Kehre um! Denn schon sehr nahe ist das Ende deiner Taten und deines Lebens.“46 Un-
strittig ist, daß hinter der Frauengestalt das Wissen um germanische Seherinnen steht, die die Römer
immer sehr beeindruckt haben.47 Strittig ist hingegen, ob sich hinter der Geschichte mehr verberge als
eine legendenhafte Ausschmückung der Tatsache, daß Drusus an der Elbe an die Grenze des ihm und
seinem Heer Möglichen gestoßen war und kurz danach auch noch tödlich verunglückte. Schon Strabon
hat die Feldzüge ins Innere Germaniens mit denen Alexanders des Großen nach Asien verglichen.48
Davon ausgehend, sind in jüngerer Zeit die Bezüge zur Alexandertradition herausgearbeitet worden.
Der unbekannte Fluß am Rande der oikoumene als die Stelle der Umkehr – bei Alexander der Hyphasis
im indischen Pandschab –, der jugendliche Held als Eroberer im fremden Land und der frühe Tod sind
auch tatsächliche Parallelen.49 Solche lassen sich auch bezüglich des ‚Entdeckers‘ Drusus finden. In ei-
nem anonymen, Ovid zugeschriebenen Trostgedicht für Livia, in dem die Taten ihres Sohnes verherr-
licht werden, wird bedauert, daß er nun nicht mehr berichten könne, was er alles erkundet habe, fremde
Flüsse und Berge, die Namen unbekannter Gegenden und „was er sonst noch an Wunderbarem in der
neuen Welt gesehen“.50 Formulierungen wie „die neue Welt“ (orbis novus), die „neuen Länder“ (terrae
novae) und „die germanische Welt“ (Germanus orbis) sprechen für sich und stellen Drusus neben an-
dere Heerführer, die ihre Feldzüge zugleich als geographische Expeditionen verstanden wissen wollten,
neben Pompeius im Kaukasus und Caesar am Rhein und in Britannien. Ihr aller Vorbild war Alexan-
ders Zug nach Indien. Ein Entdecker ist der jüngere Stiefsohn des Augustus auch für spätere Schrift-
steller, die auf seine Feldzüge und auf seinen frühen Tod zu sprechen kommen. So erinnert der Philo-
soph Seneca in der zwischen 37 und 41 verfaßten Trostschrift für Marcia an die Trauer der Livia um
ihren Sohn, der tief in Germanien eingedrungen sei und die römischen Feldzeichen selbst dort aufge-
richtet habe, wo kaum bekannt gewesen sei, daß überhaupt Römer existierten.51
Zu den Kriegszielen, die mit den Feldzügen des Drusus verbunden sind, fehlen eindeutige Aussa-
gen in den Quellen; sie sind von der Sache her auch gar nicht zu erwarten. Die vorhandenen Zeugnisse
wiederum lassen meistens verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu, entsprechend kontrovers ist
die Einschätzung der Germanienpolitik des Augustus.52 Einiges spricht dafür, daß sich die Elbe als
Kriegsziel erst im Verlauf der Feldzüge herausgebildet hat. Drusus ist im Sommer 12 v. Chr. nicht von
sich aus zu einem Eroberungszug aufgebrochen, sondern hat auf einen weiteren Einfall von Germanen

45 Strab. 7,1,3 p. 291C.; Waldherr (2001). 50 Ov. Consolatio ad Liviam 313–14 u. 20 u. 39; vgl. Herr-
46 Vgl. Anm. 43. mann (1988–1992) I, 518f.
47 Vgl. S. Tausend (2009) bes. 170 u. D. B. Baltrusch im 51 Sen. De Consolatione ad Marciam 3,1; vgl. Herrmann
vorliegenden Band. (1988–1992) I, 554.
48 Strab. 1,2,1 p. 14C. 52 Zu den verschiedenen Forschungsmeinungen vgl. Dei-
49 Timpe (1967); vgl. auch Abramenko (1994) und Johne ninger (2000); Timpe (2006b) 300–314; Johne (2006)
(2006) 97–102. 16–20 und 109–112; Wolters (2008) 48–52.

36 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 6 | Römische Feldzüge an die Elbe.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 37


Abb. 7 | Vorkaiserliches Porträt des Tiberius Julius Caesar,
sog. Adoptionstypus.

reagiert. Die Ereignisse der ersten beiden Kriegsjahre können, für sich betrachtet, durchaus als Strafex-
peditionen und Erkundungszüge der endgültig zu sichernden Rheingrenze betrachtet werden. Die Fort-
setzung des Krieges ab dem Jahre 10 v. Chr. war vor allem durch den Abfall der Chatten bedingt und wäre
ohne diesen Vorfall vielleicht gar nicht erfolgt, wofür auch die 11 v. Chr. geplante, aber dann doch nicht
erfolgte Schließung des Janus-Tempels sprechen könnte. In den Jahren 12 und 10 v. Chr. wird von rö-
mischer Seite jedenfalls in erster Linie auf germanisches Verhalten reagiert. Die Feldzüge dieser Jahre
waren begrenzte Offensiven, die sich immer mehr ausweiteten, bis sie den Radius des Jahres 9 v. Chr.
erreicht hatten. Der Zug dahin könnte sich aus der Verfolgung der sich aus dem Weserland zurückzie-
henden Cherusker ergeben haben. Die Bedeutung der Elbe als östliche Markierungslinie im Innern
Germaniens dürfte nicht zuletzt den dramatischen Umständen verdankt werden, die den ‚Entdecker der
Elbe‘ das Leben kosteten. Die reichsweiten Trauerfeiern im Herbst 9 haben den vierten seiner Germa-
nienfeldzüge auch in den Details zweifellos bekannter gemacht als die drei vorangegangenen. Die Elbe
muß durch Drusus‘ Tod im ganzen Römischen Reich als ein mächtiger Strom im fernen Barbaricum ein
Begriff geworden sein. Das von ihm einmal erreichte Ziel wieder zu gewinnen wurde eine verpflich-
tende Aufgabe erst für seinen Bruder Tiberius und dann vor allem für seinen Sohn Germanicus.

38 KLAUS-PETER JOHNE
Der Tod des Drusus hat die Germanienpolitik des Augustus nicht geändert. Sein älterer Bruder Ti-
berius eilte unverzüglich nach Germanien und übernahm – „zwischen Saale und Rhein“ – die Führung
der Expeditionsarmee. In den Jahren 8 und 7 v. Chr. festigte er die Herrschaft Roms weiter, so daß im
Rückblick gesagt werden konnte, alle Germanen zwischen Rhein und Elbe hätten sich dem Tiberius un-
terworfen.53 Sein bedeutendster Erfolg war die Unterwerfung der Sugambrer und deren Umsiedlung
auf das linke Rheinufer.54 Am 1. Januar 7 v. Chr. feierte Tiberius einen Triumph über Germanien, womit
die erste Phase der Eroberungszüge ihren Abschluß fand.
Gegen den Plan einer seit Beginn der Feldzüge angestrebten Grenze an der Elbe spricht die Tatsa-
che, daß in den Jahren 8 und 7 v. Chr. mehrere erst wenige Jahre zuvor errichtete militärische Anlagen
wieder aufgegeben wurden. Offenbar wollten sich die Römer zu diesem Zeitpunkt noch mit der Abhän-
gigkeit von Stämmen in einem weiten Vorfeld der Rheingrenze begnügen, ohne selbst militärisch dort
präsent sein zu müssen. Bezeichnend dafür ist das erst 11 v. Chr. errichtete Legionslager Oberaden bei
Bergkamen. Es war zweifellos zur Kontrolle des besonders aggressiven Stammes der Sugambrer ange-
legt worden. Nachdem dieser Stamm umgesiedelt worden war, hatte es seine Funktion verloren und
wurde aufgegeben. Ein Jahrzehnt später finden wir an der Lippe drei neue Römerlager, Holsterhausen,
Haltern und Anreppen, zu denen Oberaden ebenfalls gepaßt hätte. Die Konzeption einer ‚Lippestraße‘,
d.h. Militäranlagen in bestimmten Abständen an diesem Flußlauf, scheint also erst nach der Aufgabe
Oberadens entstanden zu sein.55
Mit dem Jahre 6 v. Chr. verschwindet dann Tiberius aus dem politischen Geschehen und damit
auch von dem Kriegsschauplatz in Germanien. Das Fehlen eines prominenten Angehörigen des Kai-
serhauses an der Rheingrenze wirkte sich sofort auf die Überlieferung aus, das Interesse der Schrift-
steller ließ schlagartig nach. Für das nachfolgende Jahrzehnt bis 4 n. Chr. sind nur zuf ällige Nachrich-
ten über die Verhältnisse in Germanien erhalten geblieben.56 Eine davon beleuchtet die Tätigkeit des
L. Domitius Ahenobarbus, der als zweiter römischer Heerführer die Elbe erreicht hat. Cassius Dio be-
richtet, er habe die Elbe überschritten, ohne daß ihm jemand entgegentrat, mit den dortigen Barbaren
Freundschaft geschlossen und an dem Strom einen Altar für Augustus errichtet. Tacitus schreibt ergän-
zend dazu, er sei tiefer als alle anderen nach Germanien eingedrungen, wofür er die Triumphalorna-
mente erhalten habe.57 Die beiden spärlichen Notizen über ein etwa in das Jahr 3 v. Chr. zu datierendes
Geschehen lassen genügend Fragen offen.58
Für die im Entstehen begriffene Römerherrschaft in Germanien bedeutete das Jahr 1 n. Chr. offen-
sichtlich einen Einschnitt. Von 1/2 bis 3/4 n. Chr. mußte ein mehrjähriger Krieg, ein immensum bellum,
gegen germanische Stämme, die bereits einmal von Drusus und Tiberius unterworfen worden waren,
geführt werden. In der Schlußphase dieses Krieges wurde Tiberius ein zweites Mal über den Rhein ge-
schickt. Er hat in den Jahren 4 bis 6 n. Chr. den Zustand wiederhergestellt, der bei seinem Triumph 7
v. Chr. schon einmal erreicht zu sein schien.59 Um den Beginn der christlichen Zeitrechnung begannen
die Römer dann mit dem Aufbau einer direkten Herrschaft mit dem Ziel der Errichtung einer Provinz

53 Cassiod. Chronica ad annum 746, Chronica minora 2,135 57 Cass. Dio 55,10a,2; Tac. ann. 4,44,2; vgl. Herrmann
(p. 299 frg. 3 ed. H. Peter). (1988–1992) III, 525.
54 Suet. Aug. 21,1; Tib. 9,2; vgl. Herrmann (1988–1992) III, 58 Ausführliche Erörterung bei Johne (2006) 120–127 mit
544f.; zu der Umsiedlung und ihren Folgen Heinrichs weiterführender Literatur.
(2001). 59 Vell. 2,104,2; vgl. Herrmann (1988–1992) I, 528; zum
55 Zum Lager Oberaden Kühlborn (1995) 103–124; zu allen immensum bellum Wolters (1990) 185–187; Becker
Lagern zuletzt Mattern (2008). (1992) 169f.; Timpe (2006b) 297f.; Johne (2006)
56 Von einem „dunklen Jahrzehnt“ spricht Wolters (2008) 127–129; Wolters (2008) 56–59.
54–56.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 39


Germanien in dem geographischen Rahmen, den die beiden Stiefsöhne des Augustus zwischen 12 und
7 v. Chr. abgesteckt hatten.60
Die Zeit des zweiten Aufenthalts des Tiberius war zweifellos der Höhepunkt des römischen Ein-
flusses zwischen Rhein und Elbe. Im Sommer 5 n. Chr. erfolgte eine kombinierte Land- und Seeopera-
tion des Prinzen an die untere Elbe. Darüber informiert uns Velleius Paterculus, der als Offizier an die-
sem Feldzug teilgenommen hat.61 Er liefert den einzigen erhalten gebliebenen Augenzeugenbericht
eines ‚Römers an der Elbe‘ und schildert die „zweifellos berühmteste Episode, die sich im Altertum an
der Elbe ereignet hat“.62 Tiberius hatte mit seinem Heer ein Lager am linken Ufer aufgeschlagen, wo
auch die Flotte ankerte. Das rechte Ufer war von germanischen Kriegern besetzt, die sich im Glanz ih-
rer Waffen zeigten, allerdings sofort die Flucht ergriffen, wenn eine Bewegung der römischen Schiffe
erkennbar wurde. Die Situation des bewaffneten Gegenüberstehens und Beobachtens wurde unterbro-
chen, als ein älterer ‚Barbar‘ von höherem Rang allein einen Einbaum bestieg und vom rechten Ufer
aus in die Flußmitte ruderte. Von dort aus bat er um die Erlaubnis, das linke, ‚römische‘ Ufer betreten
zu dürfen, um Tiberius sehen und sprechen zu dürfen. In der literarisch gestalteten Rede soll der Ger-
mane die Römer als höhere Wesen angesehen und mit den Göttern gleichgesetzt haben. Danach be-
stieg er wieder sein Boot und fuhr, sich unverwandt nach dem Feldherrn umsehend, über die Elbe an
das rechte Ufer zurück.63 Die geballte Macht von Heer und Flotte im Inneren Germaniens hat ohne
Zweifel einen tiefen Eindruck auf die Bewohner des Landes gemacht. Der Zug des Tiberius mußte als
ein für die Germanen westlich wie östlich der Elbe sichtbares Signal verstanden werden, die Macht des
Imperium Romanum bis an diesen Fluß ausdehnen zu wollen. Für eine Lokalisierung des von Velleius
geschilderten Zusammentreffens stehen neben dem Flußlauf leider nur die Namen germanischer
Stämme zur Verfügung. Tiberius unterwarf in diesem Sommerhalbjahr zuerst die Chauken an der
Nordseeküste zwischen Ems und Elbe.64 Anschließend wandte er sich gegen die Langobarden und be-
siegte sie, woraufhin diese ihre Wohnsitze räumten und auf das östliche Flußufer übersiedelten.65 Dazu
bemerkt Velleius noch, daß die Elbe an den Territorien der Semnonen und Hermunduren vorbei-
fließe.66 Die Semnonen tauchen wie die Langobarden zu diesem Zeitpunkt erstmals in der Überliefe-
rung auf. Die Nennung von Chauken, Langobarden und Semnonen weisen auf den Unterlauf der Elbe
hin, die Vorschläge für die Lokalisierung reichen von Hamburg bis Wittenberge.67 Aus geographischer
wie archäologischer Sicht spricht einiges für das sogenannte Kastell Höhbeck auf einem Sporn über
dem linken Elbsteilufer bei Vietze im Hannoverschen Wendland (Kreis Lüchow-Dannenberg). Auf die-
ser Erhebung zwischen Seege und Elbe bricht eine germanische Besiedlung in den Jahren um Christi
Geburt ab.68 Die Einmaligkeit der Expedition dieses Jahres bestand aber nicht im Erreichen der Elbe an
sich, wie Velleius suggerieren will, sondern im Zusammentreffen des Heeres mit einer römischen
Flotte an einem zuvor vereinbarten Ort. Diese Überlegung des Tiberius verdient das von seinem Offi-
zier gespendete Lob und darf als eine der bedeutendsten strategischen Leistungen der augusteischen

60 Zu dem Problem, ob Germanien vor dem Jahre 9 n. Chr. 64 Vell. 2,106,1; Neumann, Wenskus u. Schmid (1981);
bereits eine Provinz war oder nicht, vgl. u.a. Eck Dietz (1997a).
(2004b); Wolters (2008) 71–74 einerseits und Timpe 65 Vell. 2,106,2; Strab. 7,1,3 p. 291C; Dietz (1999); Ne-
(2006b) 292f.; Wiegels (2008) 58–60; Johne (2006) doma, Scardigli, Udolph, Pohl, Eger u. Bierbrauer
152; vgl. 116–118; Johne (2008a) 246–248 andererseits. (2001) 50–93, zur Sache 62 und 69–76; Johne (2008b)
61 Krapinger (2002); zu Velleius’ Werk ausführlicher bes. 43–46.
Schmitzer (2000) bes. 9–26; Christ (2001); Kehne 66 Vell. 2,106,2; vgl.Wiegels (2001b); Sitzmann u. Castri-
(2006a). tius (2005); Dietz (1998); Kehne (2006b).
62 Deininger (1997) 20. 67 Zu den Lokalisierungsvorschlägen Johne (2006) 141.
63 Vell. 2,107,1f. 68 Wachter (1986) 123–126 und 201–203.

40 KLAUS-PETER JOHNE
Feldzüge betrachtet werden.69 Mit dem Halt an der Elbe befolgte der Prinz eine Anweisung des Augu-
stus, diesen Fluß auf keinen Fall zu überschreiten.70 Das Verbot des Kaisers dürfte aus den Erkenntnis-
sen einer wahrscheinlich in das Jahr 4 n. Chr. zu datierenden Flottenexpedition resultieren, die den Kü-
stenverlauf des ‚nördlichen Ozeans‘ erkunden sollte und tatsächlich bis zum Kap Skagen an der
Nordküste Jütlands gelangt ist.71 Die durch dieses Unternehmen gewonnene Erkenntnis war, daß eine
langgestreckte Halbinsel, die ‚Kimbrische‘, wie sie im Altertum genannt wurde, eine Weiterfahrt in
Richtung Osten versperre und die Elbe nach dem Rhein, der Ems und der Weser die letzte vom offenen
Meer her befahrbare ‚Wasserstraße‘ sei, die den Zugang ins germanische Binnenland ermögliche. Die
zuvor existierende Annahme eines ‚Seeweges‘ um das nördliche Europa herum, den 300 Jahre früher
schon Pytheas gesucht hatte, erwies sich mit dieser Expedition als falsch, das Verbot einer Überschrei-
tung der Elbe dürfte die entscheidende politische Folge gewesen sein.72 So erklärt sich das Verhalten des
Tiberius, es mit seiner konzentrierten Macht von Heer und Flotte bei einer Demonstration zu belassen
und keine Anstalten zu einem Flußübergang zu machen. Diese Expedition wird im allgemeinen mit
der gemeinsamen Operation von Heer und Flotte im Jahre 5 n. Chr. verbunden. Velleius Paterculus be-
tont dabei ausdrücklich die Versorgungsaufgabe der Flotte für das Landheer und die genaue Einhaltung
des Zeitplans.73 Beides mußte sich bei einer Forschungsexpedition in unbekannte Gewässer geradezu
als Unmöglichkeit erweisen. Die in vielen Darstellungen, Kommentaren und Landkarten ohne Diskus-
sion aufgestellte Behauptung über die Identität der Flotte, die zur Nordspitze Jütlands gesegelt ist, mit
derjenigen, die die Elbe aufwärts fuhr, kann nicht stimmen. Es muß sich um zwei verschiedene Fahrten
gehandelt haben, die ‚Entdeckungsfahrt‘ wahrscheinlich des Jahres 4 ist von der ‚Nachschubfahrt‘ des
Jahres 5 zu trennen.74
Velleius Paterculus schließt seinen Bericht über diesen Sommerfeldzug mit der kurzen Mitteilung,
Tiberius habe als Sieger über alle aufgesuchten Gebiete und Stämme seine Legionen heil und unver-
sehrt ins Winterlager zurückgeführt.75 Eher beiläufig wird hier der letzte Abzug der Römer von der Elbe
beschrieben. Die Tragweite des Vorgangs kann auch Velleius bei der Niederschrift seines Geschichts-
abrisses ein Vierteljahrhundert später nicht verborgen geblieben sein. Nach dem Sommer 5 hat kein
römischer Feldherr diese Flußlinie jemals wieder erreicht. Die Politik, die Tiberius als Kaiser verfolgte,
mußte den Geschichtsschreiber belehren, daß ein Vorstoß bis dahin auch nicht mehr zu erwarten sei.
Somit war der Rückmarsch in diesem Sommer für alle Bestrebungen in Richtung Elbgrenze ein Vor-
gang von historischer Bedeutung.
Im folgenden Jahr 6 n. Chr. sollte mit der geplanten Unterwerfung oder auch nur Schwächung des
Markomannenreiches im späteren Böhmen ein vorläufiger Endpunkt römischer Eroberungen im Vor-
feld der Rhein-Donau-Grenze erreicht werden. Nördlich von Böhmen muß dann aber zweifellos die
Elbe als die ins Auge gefaßte Grenze angesehen werden. Diese konnte nur dann als einigermaßen
sicher gelten, wenn der Einfluß des Markomannenkönigs Marbod auf die elbgermanischen Stämme
gebrochen war. Mit diesem König ist die früheste Reichsbildung bei den Germanen verbunden.76 Der
Feldzug gegen ihn wurde durch den Ausbruch des Pannonisch-Dalmatischen Aufstandes verhindert,

69 Zu Tiberius Eck (2002); Kehne (2005). 74 Als Möglichkeit auch in Betracht gezogen von Wolters
70 Strab. 7,1,4 p. 291f.C. (2008) 57f. mit Anm. 16.
71 R. Gest. div. Aug. 26; vgl. Herrmann (1988–1992): 75 Vell. 2,107,3; zu dem Geschehen im Sommer 5 vgl.
IV, 584; Plin. nat. 167. Wolters (1990) 190–192; Becker (1992) 171f.; Deininger
72 Ausführlich zu Datierung und Problematik dieser (1997) 18–23; Bleicken (1999) 587 und 758.
Expedition Johne (2006) 140–144, vgl. 145–148; Johne 76 Zu Marbod und seinem Reich Losemann (1999); Kehne
(2008a) 248–250. (2001a); Johne (2006) 150–158; Kehne u. Salač (2009).
73 Vell. 2,106,2–3.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 41


dessen Niederschlagung Tiberius übernahm und der ihn bis zum Jahre 9 n. Chr. südlich der Donau
festhielt.
Die Person des P. Quinctilius Varus hat durch die Schlacht, die mit seinem Namen verbunden ist,
traurige Berühmtheit erlangt. Dennoch muß man auch sehen, daß in den Jahren seiner Statthalter-
schaft von 7 bis 9 n. Chr. die Provinzialisierung des von ihm verwalteten Territoriums den Höhepunkt
erreicht hat. Nach der Machtdemonstration des Tiberius und einem Friedensschluß mit Marbod konnte
er, wie es schien, einer ruhigen Amtszeit entgegensehen und sich um den Aufbau einer Infrastruktur
und die Einführung der Provinzordnung kümmern. Seine wichtigste Aufgabe dürfte die Aufrechterhal-
tung der Ruhe gewesen sein und die Sorge dafür, daß sich Tiberius seiner neuen Aufgabe zwischen Do-
nau und Adria widmen konnte. Solange im Illyricum gekämpft wurde, mußte alles getan werden, um
den mit Marbod abgeschlossenen Frieden zu erhalten. So vermied es Varus offensichtlich bewußt, die
Elbgermanen als Marbods Verbündete zu reizen. Bis gegen Ende seiner Amtszeit bewegte er sich nicht
über die Weser hinaus.77 Im Jahre 8 gelang den Römern der entscheidende Erfolg in Pannonien, und
die Donaugrenze gelangte wieder in ihre Hand. Vor diesem Hintergrund scheint Varus seine vorsich-
tige Haltung aufgegeben zu haben. Der berühmte Zug der drei Legionen sollte offenbar die römische
Position im Raum zwischen Weser und Elbe stärken. Er kann als eine mit großem Aufwand unternom-
mene Machtdemonstration vor allem gegen Langobarden und Semnonen betrachtet werden.78
Die Schlacht im Teutoburger Wald hatte Auswirkungen auf den Stellenwert der Elbe im politischen
Bewußtsein. Bis zum September 9 war der Strom die beanspruchte Grenze einer geplanten Provinz.
Wenn es auch keine wirkliche Machtausübung bis an seine Ufer gab, so existierte andererseits auch
westlich davon keine Kraft, die Roms Anspruch in Frage stellen konnte. Wer sich, wie die Langobarden
im Jahre 5, nicht unterordnen wollte, mußte auf das östliche Ufer fliehen. Nach dem Jahre 9 war der seit
12 v. Chr. schrittweise vorangekommene politische Einfluß schlagartig fast überall wieder auf die Aus-
gangspositionen reduziert worden. Allein die Küstenstriche an der Nordsee machten eine Ausnahme.
Da Friesen und Chauken in der bisherigen Abhängigkeit verharrten, blieb vorerst der Herrschafts-
anspruch des Reiches bis an die Mündung der Elbe bestehen. Darauf nahm Kaiser Augustus Bezug, als
er gegen Ende seines Lebens eine Bilanz zog. In seinem Tatenbericht, erhalten in der Abschrift des
Monumentum Ancyranum, kommt er auf die Eroberungen unter seiner Regierung zu sprechen. Dabei
schlägt er einen riesigen Bogen von der Straße von Gibraltar entlang der Küsten Westeuropas bis an die
Mündung der Elbe. Er habe die gallischen und spanischen Provinzen und ebenso Germanien, soweit es
der Ozean einschließt, von Gades bis zur Elbmündung befriedet.79 Die Notiz ist unter zwei Aspekten be-
deutsam. Es ist die früheste sicher datierbare Erwähnung des Flusses, aus den Jahren 13/14 n. Chr., und
es ist eines der beiden Zeugnisse, in denen der Strom in einem offiziellen Dokument erwähnt wird. Zu-
gleich ist sie eine propagandistische Meisterleistung. Augustus will unbedingt das Vordringen bis zur
Elbe als einen Erfolg seiner Heere darstellen. Nach der Niederlage des Varus erstreckte sich der römi-
sche Einflußbereich aber nur noch entlang der Nordseeküste bis an die Flußmündung, die er
in Beziehung zu den ‚Säulen des Herakles‘ an der Straße von Gibraltar setzt, wofür Gades, das heutige
Cádiz, steht. Die spanischen und gallischen Reichsteile werden als Provinzen bezeichnet, Germanien
dagegen nicht, ein weiteres Indiz dafür, daß es östlich des Rheins auch unter Varus noch nicht zur förm-
lichen Bildung einer Provinz gekommen ist. Die Nennung Germaniens ohne den Zusatz ‚Provinz‘ ist
zweifellos erst einmal korrekt und ebenso die Feststellung römischen Einflusses im Küstengebiet. Den-

77 Zu Varus u.a. Timpe (1970) 99–104; Eck (2001); 78 Vgl. Timpe (1970) 90–93 und 98–104.
Wolters (2006); Johne (2006) 159–177; Wolters (2008) 79 R. Gest. div. Aug. 26; Galsterer (2000).
75–88.

42 KLAUS-PETER JOHNE
Abb. 8 | Porträt des Germanicus Julius Caesar.

noch wird durch die Aneinanderreihung Spanien, Gallien, Germanien und durch den diese Gebiete ver-
bindenden Bogen vom vermeintlichen ‚Ausfluß‘ des Mittelmeers in den Ozean bis zum tatsächlichen
Ausfluß der Elbe in dasselbe Weltmeer der Eindruck erweckt, alle genannten Territorien seien römi-
sches Herrschaftsgebiet. Trotz einer dem strikten Wortlaut nach zutreffenden Darstellung wird von Au-
gustus der Anspruch auf mehr als nur das Mündungsgebiet der Elbe erhoben und der Gedanke der Aus-
dehnung des Imperiums bis an diesen Strom eingebracht.80 Offenbar hatte sich der Princeps nicht mit
dem Verlust des germanischen Binnenlandes abgefunden und plante dessen Rückeroberung. Darauf
scheinen alle Maßnahmen der letzten Jahre seiner Regierung hinauszulaufen. Tiberius wurde im Jahre
10 n. Chr. zum dritten Male an den Rhein beordert, um den Schutz der Grenze zu übernehmen. Die dort
stationierte Armee wurde nicht nur schnell um die Zahl der im Teutoburger Wald verlorengegangenen
Legionen ersetzt, sondern um zwei weitere auf insgesamt acht vergrößert. Mit Beginn des Jahres 13
übernahm Germanicus das außerordentliche Kommando in Gallien und am Rhein. Seine Berufung
bedeutete ein Programm, denn Augustus übergab ihm damit das politische Erbe seines Vaters Drusus
und, gewollt oder ungewollt, den Auftrag zur Wiedereroberung Germaniens.81

80 Vgl. Timpe (1968) 34; Welwei (1986) bes. 119–121; Dei- 81 Vgl. Wolters (1990) 239–245; Eck (1998); Kehne
ninger (1997) 26f.; Bleicken (1999) 606f.; Ridley (2003) (1998).
196–203; Wolters (2008) 135–137; C. Wendt im vorlie-
genden Band.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 43


Die Feldzüge des Germanicus in den Jahren 14, 15 und 16 n. Chr. sind das Hauptthema in den bei-
den ersten Büchern der Annalen des Tacitus. Sie sind dadurch die mit Abstand am besten bekannten
militärischen Unternehmungen dieser Jahrzehnte.82 In das Jahr 15 fallen der Besuch des Schlachtfeldes
im Teutoburger Wald und die ‚Schlacht an den Langen Brücken‘, zwei Vorgänge, die für das Verständ-
nis der Varusschlacht von grundlegender Bedeutung sind.83 Im Sommer 16 n. Chr. wurde das größte
jemals gegen die Germanen aufgebotene Heer von acht Legionen auf 1000 Schiffen vom Rhein auf die
Ems gebracht und zog von dort zur Weser. Die Schlachten von Idistaviso und am Angrivarierwall waren
die Höhepunkte der Germanicus-Feldzüge. Die römische Offensive in Richtung Elbe, die nun auch
ausdrücklich zum Kriegsziel erklärt wurde, blieb jedoch trotz aller Anstrengungen östlich der Weser
stecken.
Unmittelbar vor der Schlacht bei Idistaviso an der Weser in der Nähe der Porta Westfalica will Ger-
manicus seine erschöpften Soldaten anfeuern und erhofft sich vom bevorstehenden Kampf eine Ent-
scheidung. Der Aufruf schließt mit dem eindringlichen Appell, daß die kommende Schlacht ihren
Wunsch nach dem Ende aller Strapazen erfüllen werde, wenn sie ihm nur in dem Land, in dem sein
Vater Drusus und sein Onkel Tiberius gekämpft hätten, zum Siege verhelfen würden, sei doch die Elbe
bereits näher als der Rhein, und darüber hinaus sei kein Krieg mehr zu führen.84 Die auf die program-
matische Rede folgende Schlacht brachte den Römern zwar einen Sieg, jedoch keineswegs den, den sie
erhofft hatten und schon gar nicht die Wiedererringung der Herrschaft bis zur Elbe. Auch die kurz
danach erfolgte Schlacht am Angrivarierwall zwischen Weser und Steinhuder Meer hatte keinen ande-
ren Ausgang, beide waren ‚verlorene Siege‘. Sie waren zudem mit nicht mehr vertretbaren Verlusten
erkauft worden. Tiberius hatte offenbar bereits zum Ende des Jahres 15 den Abbruch der Kampfhand-
lungen in Germanien gewünscht und berief nunmehr, nachdem mit der Aufbietung aller verfügbaren
Kräfte auch nichts Wesentliches erreicht worden war, Germanicus ehrenvoll, aber entschieden ab.85 Am
26. Mai 17 durfte der Prinz mit großem Aufwand einen Triumph in Rom feiern, gewidmet den Siegen
„über Cherusker, Chatten und Angrivarier sowie die anderen Stämme, die bis zur Elbe hin wohnen.“86
Neben dem Tatenbericht des Augustus ist dieser Triumphtitel der zweite offizielle Text, in dem die Elbe
begegnet. Die Formulierung wie die Datierung auf den Tag genau verraten die Herkunft der Passage
aus einem staatlichen Dokument und sind ein unverdächtiger Beweis für das Expansionsstreben bis zu
dem mitteleuropäischen Strom. Tacitus hat also dem Prinzen nicht erst nachträglich Pläne in dieser
Hinsicht unterstellt. Mit dem Triumph ehrten Kaiser und Senat Germanicus als Rächer des Varus und
seiner untergegangenen Armee und – wider besseres Wissen – auch als denjenigen, der die von seinem
Vater begonnene Eroberungspolitik im zentralen Mitteleuropa zu einem erfolgreichen Ende geführt
habe. Daß das Motto des Triumphes ausschließlich als eine schmeichelhafte Ehrung des Prinzen ge-
dacht war, zeigte sich nach seinem frühen Tode im Jahre 19. Nur zweieinhalb Jahre nach dem Triumph
war bei den großartigen posthumen Ehrungen von einem Fernziel Elbe überhaupt keine Rede mehr. In
einem Senatsbeschluß vom Dezember 19 werden als die Verdienste des Germanicus aufgeführt: der
Sieg über die Germanen im Krieg und deren Zurückdrängung von den gallischen Provinzen, die Rück-
gewinnung der verlorenen Feldzeichen, die Rache für die durch Verrat erfolgte Niederlage des römi-

82 Zur taciteischen Auffassung der Germanicusfeldzüge 84 Tac. ann. 2,14,4.


und zur sonstigen Überlieferung Timpe (1968) 8–23; 85 Tac. ann. 2,26,1–4; Timpe (1968) 59–65; Timpe (1971);
zu den Feldzügen selbst Koestermann (1957); Wolters Wolters (1990) 239–243; Becker (1992) 213–218; Johne
(1990) 229–245; Becker (1992) 187–218; Johne (2006) (2006) 187f. und 192.
182–192; Wolters (2008) 127–134. 86 Tac. ann. 2,41,1ff.; Strab. 7,1,4 p. 292C.
83 Tac. ann. 1,59,1–62,2 und 1,63,6–68,5.

44 KLAUS-PETER JOHNE
schen Heeres und die Ordnung des Zustandes in Gallien.87 Der Kontrast zum Triumph konnte kaum
größer sein, nicht ein Element der Triumphformel findet sich wieder. Mit Schutz und Sicherung Gal-
liens ging die römische Politik wieder auf die Position des Jahres 12 v. Chr. zurück. Damit hatte die
30-jährige Offensivpolitik gegen Germanien ihr Ende gefunden. Zwar wurden die Ansprüche auf das
Land zwischen Rhein und Elbe nicht aufgegeben, aber die in Rom getroffenen Entscheidungen spra-
chen für sich. Germanicus erhielt keinen Nachfolger, das einheitliche Oberkommando über die acht Le-
gionen der Rheinarmee wurde abgeschafft. Die bisher vorhandenen Truppenmassierungen in den Räu-
men um Xanten und Mainz wurden aufgegeben und die Legionen über die gesamte Rheingrenze
verteilt, von der heutigen niederländischen bis an die Schweizer Grenze. Diese Truppenverlegungen
machten den Politikwechsel deutlich, größere Offensiven waren für die nächste Zeit nicht mehr geplant.
Die mit der Abberufung des Germanicus getroffene Entscheidung wurde im Bereich der Grenze am
Niederrhein nicht wieder revidiert. Ein Aufstand der Friesen im Jahre 28 beendete die römische Ober-
hoheit über den Küstenstreifen zwischen Ems- und Elbemündung, auf die Augustus in seinem Taten-
bericht mit Nachdruck verwiesen hatte.88 Für kurze Zeit wurde der verlorene Einfluß im Jahre 47 noch
einmal wiederhergestellt, als letztmalig eine Flotte rheinabwärts in die Nordsee geschickt, die Friesen er-
neut unterworfen und die Chauken bekämpft wurden. Ehe es jedoch zu größeren Auseinandersetzun-
gen kam, untersagte Kaiser Claudius eine Fortführung der Kämpfe und befahl den Rückzug der Armee
auf die Rheingrenze und die Aufgabe aller Stützpunkte östlich davon.89 Im Jahre 43 war mit der Erobe-
rung Britanniens begonnen worden, und diesem Kriegsschauplatz gebührte fortan die Priorität gegen-
über Germanien. Die Entscheidung des Claudius ließ den Niederrhein endgültig zur Grenze werden.
In den zwanziger Jahren des 1. Jahrhunderts änderte sich die Rolle der Elbe im politischen Bewußt-
sein der Römer. Ohne die Expedition der eigenen Heere und ohne die Tätigkeit prominenter Persön-
lichkeiten erlosch das Interesse am Stromgebiet der Elbe. Seitdem war dieses Gebiet nur noch für Hi-
storiker, Geographen und Ethnographen interessant, nicht mehr für die praktische Politik. Als die
östlichste von Römerheeren in Mitteleuropa erreichte Linie galt der Fluß als denkwürdig für die gesamte
Eroberungspolitik im Norden und wurde als erstrebenswerte Grenze in zunehmendem Maße verklärt.
Der geographische Ertrag der Germanien-Feldzüge findet sich zuerst im Werk des Strabon von
Amaseia, das in der Regierungszeit des Augustus und am Anfang der des Tiberius entstanden ist.90 Der
Schriftsteller war zwar ein Zeitgenosse dieser Feldzüge, doch die Informationen darüber sind nur
punktuell und unsystematisch in die Geographika eingearbeitet worden. Gleich zu Beginn seiner Dar-
stellung betont er die Entdeckerfunktion der Expedition nach Germanien. Wie Alexander der Große
Asien und den ganzen Norden Europas bis zur Donau erschlossen habe, so hätten die Römer den We-
sten bis zur Elbe, die Germanien in zwei Teile trenne, erschlossen, und außerdem die Gebiete jenseits
der Donau bis zum Dnestr.91 Strabon betrachtet alle Grenzpunkte von seiner Heimat Kleinasien aus,
denn nur aus diesem Blickwinkel kann die Donau im Norden und die Elbe im Westen lokalisiert wer-
den. Gleich bei dieser zeitlich frühesten Nennung des Stroms in einem literarischen Werk wird er als
eine Trennlinie verstanden, die den bekannten Teil des Landes von dem unbekannten scheidet; eine an-
dere Begründung für die trennende Funktion des Flusses findet sich bei Tacitus. An einer späteren
Stelle in seinem Werk trifft Strabon die Feststellung, daß die Gebiete jenseits der Elbe unbekannt

87 Vgl. Tabula Siarensis frg. I Z. 12–15 ed. Lebek (1991) 52; 89 Vgl. Tac. ann. 11,18,1–20,1; Cass. Dio 60,30,4f.; Johne
Lehmann (2007) bes. 425ff. (2006) 210ff.
88 Vgl. Tac. ann. 4,72,1–74,1; Wolters (1990) 251f.; Trzaska- 90 Vgl. Engels (1999) 36–40; Radt (2001); Pothecary (2002);
Richter (1991) 176–179; Becker (1992) 222f.; Johne Wolters (2005a); Johne (2006) 25f. und 199–202.
(2006) 209. 91 Strab. 1,2,1 p. 14C.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 45


Abb. 9 | Karte der augusteischen Feldzüge in das rechtsrheinische Germanien, 1. Jh. n. Chr.

46 KLAUS-PETER JOHNE
sind.92 In dem Zusammenhang verweist er auf das Verbot des Augustus, das oben erwähnt worden
ist.93 Im siebenten Buch der Geographika findet sich eine relativ ausführliche Beschreibung Germa-
niens als des Landes zwischen Rhein und Elbe. Beide Ströme fließen parallel zueinander und besitzen
ein annähernd gleich großes Stromgebiet.94 Unter den aufgeführten Stämmen im Elberaum begegnen
alle, die in den Werken späterer Schriftsteller auftauchen, die Chauken am Ozean, die Langobarden, die
Semnonen, Hermunduren und Markomannen. Marbods Reich in Böhmen ist Strabon bekannt, und
sein ‚Herkynischer Wald‘ bezeichnet die Randgebirge des Böhmischen Beckens, Erzgebirge, Riesen-
gebirge, Böhmisch-Mährische Höhen, Böhmerwald und Oberpf älzer Wald. Diese Konkretisierung des
Begriffs, verglichen mit den bei Caesar vorliegenden Nachrichten, stellt für das Stromgebiet der Elbe
den größten Erkenntnisfortschritt bei diesem Schriftsteller dar.
Etwa 20 Jahre nach der Schlußredaktion von Strabons Werk entstand die älteste erhalten geblie-
bene geographische Schrift in lateinischer Sprache, die Länderkunde des Pomponius Mela, verfaßt in
den Jahren 43 und 44. Sie ist vor allem eine Kompilation älterer, meist griechischer Quellen, verwertet
jedoch auch jüngere Berichte. Mela brauchte nicht wie Strabon nachträglich gewonnene Erkenntnisse
in einen älteren Text einzuarbeiten, ihm lagen bei Arbeitsbeginn bereits Berichte von den Germanien-
feldzügen vor, so die Arbeit des Geographen Philemon über den nördlichen Ozean. Die Länderkunde
brachte einige Erkenntnisfortschritte gegenüber den Geographika und muß als ein weiterer Ertrag der
Okkupationszeit angesehen werden.95 Germaniens Grenzen sind bei Pomponius Mela im Westen der
Rhein, im Süden die Alpen, im Norden der Ozean und im Osten die sarmatischen Stämme sowie die
bei Strabon nicht auftauchende Weichsel, Vistula, als der Grenzfluß zwischen Germanen und Sarma-
ten.96 Klarere Vorstellungen als Strabon hat er auch vom Flußsystem Germaniens. Von den Strömen,
die das Land verlassen und auf dem Territorium anderer Stämme weiterfließen, nennt er Donau und
Rhône, als die bekanntesten Nebenflüsse des Rheins den Main und die Lippe, als die in den Ozean
mündenden Flüsse Ems, Weser und Elbe. Die in ihrem Verlauf erstmals richtig beschriebene Lippe und
der zuvor nicht genannte Main verraten zweifellos Kenntnisse über die Einfallswege der römischen Ar-
mee, wie auch die Nennung der Ems neben der Weser und der Elbe. Gewisse Vorstellungen von den
Küsten im Bereich der Elbmündung verwerten Kenntnisse, die erst durch die Expedition nach Kap Ska-
gen gewonnen worden sind.97
Ebenfalls aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius stammt die mit Abstand umfangreichste
Aufarbeitung der augusteischen Germanienkriege, das Werk Bella Germaniae des älteren Plinius. Ne-
ben Velleius Paterculus war er der einzige römische Schriftsteller, der Germanien besucht hat und als
Augenzeuge von dort berichten konnte. Im Jahre 47 nahm er an dem letzten Feldzug gegen die Chau-
ken teil und lernte die Nordseeküste und deren Hinterland kennen. Im Militärbezirk der Oberrhein-
armee besuchte er die Donauquellen im Schwarzwald, die heißen Quellen von Wiesbaden und bekämpfte
im Jahre 50 die Chatten in Hessen.98 Die 20 Bücher der Germanenkriege, entstanden zwischen 47/48
und 57/58, werden sicher mit den Zügen der Kimbern und Teutonen begonnen und bis zu seiner eige-
nen Zeit gereicht haben, wobei der Schwerpunkt zweifellos die augusteische Zeit darstellte und hier vor
allem die Person des Drusus. Die Verehrung für ihn lebte im Jahre 41 mit dem Regierungsantritt seines

92 Strab. 7,2,4 p. 294C. 96 Mela 3,25 und 3,33; vgl. Herrmann (1988–1992) I, 544
93 Vgl. oben Anm. 70. und 547.
94 Strab. 7,1,3 p. 290C; Timpe (1989) 360–362, 367f.; 97 Mela 3,30f.; Timpe (1989) 365–370; Blomkvist u. Castri-
Becker (1992) 8–17; Deininger (1997) 38–41. tius (2003) bes. 357–360.
95 Vgl. Brodersen (1994) 1–28; Gärtner (2001); Kehne 98 Vgl. Sallmann (2000); Wolters (2003).
(2001c); zu Philemon Timpe (1989) 366f.; Gärtner
(2000).

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 47


Sohnes Claudius nochmals auf, für Plinius ist sie durch seinen Neffen ausdrücklich bezeugt.99 Der fast
vollständige Verlust der Bella Germaniae ist für die Geschichte der römisch-germanischen Beziehungen
eine schmerzliche Lücke. Tacitus, der dieses Werk in beträchtlichem Maße ausgeschöpft hat, nannte
Plinius nicht ohne Grund „den Geschichtsschreiber der Germanenkriege“ – Germanicorum bellorum
scriptor.100 Erhalten hat sich von Plinius die aus 37 Büchern bestehende monumentale Enzyklopädie Na-
turgeschichte. In ihr finden sich auch Nachrichten, die in dem Werk über die germanischen Kriege ge-
standen haben dürften, z.B. über die Expedition zum Kimbernkap. Als erster Schriftsteller besaß er
eine richtige Vorstellung von der ‚Barriere‘ Jütland. Das Kimbernkap springt nach seiner Beschreibung
weit in das umgebende Meer vor und bildet eine große Halbinsel. Westlich davon nennt er 23 Inseln.
Daß es sich dabei um die Nordfriesischen, Ostfriesischen und Westfriesischen Inseln handelt, zeigt die
Bemerkung, die berühmteste sei Borkum.101
Dem außerordentlichen Interesse des Plinius nicht nur an den Ereignissen an der Rheingrenze,
sondern auch an denen im Inneren Germaniens verdanken wir die letzte Detailangabe aus diesem Ge-
biet in der literarischen Überlieferung. Wie Tacitus berichtet, kam es im Sommer 58 zwischen Hermun-
duren und Chatten zu einer großen Schlacht um den Besitz von Salzquellen an einem Fluß, der die
Grenzen beider Stämme bildete.102 Den Sieg errangen die Hermunduren, die Niederlage war für die
Chatten umso verhängnisvoller, weil beide für den Fall ihres Sieges alle Beute, Menschen und Pferde
den Göttern geweiht und damit totaler Vernichtung anheimgegeben hatten. Die Herkunft der Notiz aus
einem Werk des Plinius wird durch die ausführliche Beschreibung der Salzgewinnung geradezu zur
Gewißheit. In der Naturgeschichte beschäftigt dieser sich mit Salzlagerstätten und den Problemen der
Salzgewinnung. An einer Stelle wird dasselbe Verfahren erwähnt, das Tacitus den beiden Germanen-
stämmen zuschreibt.103 Bei dem Grenzfluß handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um die
Werra in der Gegend des heutigen Bad Salzungen in Thüringen, wo seit dem Jahre 775 Salzsiedehütten
nachgewiesen sind.
Direkt aus der Naturgeschichte des älteren Plinius stammt eine Information zur ‚Bernsteinstraße‘.
Danach betrage die Entfernung vom pannonischen Carnuntum an der Donau bis zu dem Strand Ger-
maniens, von dem der Bernstein eingeführt wurde, 600 Meilen (= 888 km). Ein römischer Ritter hatte
in der Regierungszeit Kaiser Neros diese Reise unternommen und war mit größeren Mengen des be-
gehrten Stoffes zurückgekehrt.104 Diese Nachricht ist der einzige konkrete literarische Hinweis auf den
berühmten Handelsweg von der Donau durch das Marchtal, die Mährische Pforte und über die Oder an
die Weichsel und ihr entlang bis zur Danziger Bucht und zur Küste Samlands. Die ‚Bernsteinstraße‘ er-
klärt auch, warum die Weichsel als einziger Fluß östlich der Elbe bekannt wurde und in den Vorstellun-
gen über Mitteleuropa eine Rolle spielt.
In den siebziger Jahren des 1. Jahrhunderts wandte sich Kaiser Vespasian wieder einer aktiven Ger-
manienpolitik zu, die mit der Rückzugsentscheidung des Claudius im Jahre 47 faktisch aufgehört hatte.
In den Jahren 73 und 74 wurde die Grenze über den Oberrhein bis zum Neckar und zur Schwäbischen
Alb vorgeschoben. Sein Sohn Domitian eroberte im Chattenkrieg der Jahre 83 bis 85 das Neuwieder
Becken und die Wetterau. Dieser partielle Erfolg wurde überschwänglich gefeiert, u.a. mittels einer
Münzserie mit der Legende Germania capta, und zum Anlaß genommen, um die provisorischen Ver-

199 Plin. epist. 3,5,4 vgl. Herrmann (1988–1992) III, 534; 103 Plin. nat. 31,81–83; Haid u. Stöllner (2004) bes. 370–373;
Goetz u. Welwei (1995) II, 5 Anm. 2. Johne (2006) 213f.
100 Tac. ann. 1,69,1f. 104 Plin. nat. 37,45; Bohnsack u. Follmann (1976) 292f.;
101 Plin. nat. 4, 97. 296f.; Hünemörder u. Pingel (1997); K. Tausend (2009)
102 Tac. ann. 13,57,1f.; K. Tausend (2009) 36 und 86. 187f.; 195ff.

48 KLAUS-PETER JOHNE
hältnisse an der Rheingrenze zu beenden. Die Militärbezirke der Nieder- und der Oberrheinarmee hat-
ten bis dahin immer noch die Option offengelassen, die einmal geplante große provincia Germania zu
verwirklichen. Diese Militärbezirke wurden jetzt in die Provinzen Nieder- und Obergermanien umge-
wandelt, die Grenze damit festgeschrieben und ein Verzicht auf weitere Eroberungen dokumentiert.
Zeitgleich kam es zu einem Wechsel in der römischen Außenpolitik. Ein mit dem Jahre 85 einsetzender
Krieg gegen die Daker verlagerte die Schwerpunktsetzung an die Donau. Die bisher so wichtige Rhein-
grenze verlor seitdem an Bedeutung zugunsten der Donaugrenze. Die Entscheidungen Domitians wur-
den von Trajan in den Jahren um 100 unumkehrbar gemacht durch die Auflösung von drei Legionsla-
gern am Rhein und durch die Reduzierung der an dem Fluß stationierten Legionen auf vier.105
Polemik gegen Domitians Siegespropaganda und die als ‚Bereinigung‘ des Germanien-Problems
gedachten Provinzgründungen gehören zu den Absichten der berühmten Germania des Cornelius Ta-
citus, der bedeutendsten Schrift, die über den mitteleuropäischen Raum aus dem Altertum erhalten ge-
blieben ist.106 Aus ihr stammt das bekannteste Elbe-Zitat in der römischen Literatur. „Einst war sie ein
bekannter und vielgenannter Fluß, jetzt kennt man ihn nur noch vom Hörensagen“, lautet die resignie-
rende Feststellung des Historikers.107 Im Inneren Germaniens ist die Elbe der einzige Strom, der von
Tacitus einer namentlichen Erwähnung für würdig befunden wird, außer ihr kommen sonst nur Rhein,
Donau und Main vor. Auch ohne jede weitere Erläuterung müßte man diesen Umstand bei dem extrem
sparsamen Gebrauch von Flußnamen als eine Heraushebung verstehen. Tacitus fügt der Nennung des
Namens jedoch Angaben hinzu, die erkennen lassen, daß für ihn die Elbe nicht nur das wichtigste, son-
dern das einzige Binnengewässer bei den Germanen ist, das eine Namhaftmachung verdient. Wie bei
Rhein und Donau wird die Quelle erwähnt, allerdings sehr unbestimmt im Hermundurenland. Wie die
beiden anderen Ströme stellt auch die Elbe für Tacitus eine Grenze dar, und zwar in zweifacher Hin-
sicht: Sie trennt die westliche Germania von der östlichen Suebia, worunter er den größeren Teil Ger-
maniens zwischen Donau und Baltikum versteht.108 Damit trennt sie die Gebiete, die von den Römern
schon einmal unterworfen waren oder zumindest in ihrem Einflußbereich gelegen haben von den üb-
rigen; Strabon hatte hier die Trennlinie zwischen dem bekannten und dem unbekannten Germanien
gesehen. Vergangenheit und Gegenwart werden knapp und dennoch aussagekräftig angedeutet. ‚Einst‘
bezieht sich auf die Jahre zwischen 9 v. Chr. und 5 n. Chr., da war die Elbe berühmt und bekannt, ‚jetzt‘,
in der Gegenwart des Jahres 98, kennt man sie nur noch vom Hörensagen. Dies ist nach taciteischem
Verständnis das Ergebnis der kritisch beleuchteten Politik der letzten 80 Jahre. Aus der Formulierung
scheint die Resignation wegen der Preisgabe aller Expansionsabsichten zu sprechen, wie sie mit der
Gründung der beiden germanischen Provinzen und dem Beginn des Limesbaus bekräftigt worden ist.
Vor dem Hintergrund dieser Entscheidungen mußten die Erfolge der augusteischen Feldherrn endgül-
tig als Großtaten der Vergangenheit erscheinen. Sicher wird man aus den Worten des Historikers den
Wunsch herauslesen dürfen, die Grenze des Imperiums statt an Rhein und Donau lieber an der ver-
meintlich innergermanischen Grenze zur Suebia zu sehen. Ob sich hinter den Äußerungen auch Hoff-
nungen verbargen, daß Kaiser Trajan die im Jahre 98 endgültig erscheinenden Maßnahmen Domitians
korrigieren möge, läßt sich nicht erweisen. Festzuhalten bleibt, daß Tacitus mit dem ‚Elbe-Satz‘ in der
Germania denkbar knapp und dennoch eindrucksvoll auf die Germanienpolitik des 1. nachchristlichen
Jahrhunderts zurückblickt.

105 Vgl. Johne (2006) 218–220 und 235–237 mit weiterfüh- 107 Tac. Germ. 41,2; Deininger (1997) 46f.; S. Tausend
render Literatur. (2009) 169f.
106 Vgl. Herrmann (1988–1992) II, 11–72; Flaig (2001); 108 Vgl. Timpe (1992); Lund (1989); Scharf (2005) 190f.
Wolters (2005b); Johne (2006) 222–234; Timpe (2008).

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 49


In den Kapiteln 28 bis 46 der Germania gibt Tacitus jeweils eine kurze Vorstellung und Charakte-
risierung germanischer Stämme. Das betrifft auch die elbgermanischen Stämme der Semnonen, Lan-
gobarden, Hermunduren und Markomannen.109 Als ältesten und angesehensten Stamm aller Sueben
betrachtet Tacitus die Semnonen. Ihr Territorium wird als sehr groß bezeichnet, dessen Ausdehnung –
zwischen Elbe und Oder – jedoch nicht eingegrenzt. Das Kapitel ist vorrangig der Beschreibung des ur-
tümlichen Kultes der Semnonen gewidmet, der mit einem zentralen Heiligtum des Kultverbandes,
dem ,Semnonenhain‘, zusammenhing.110 Die auffallende Betonung der religiösen Aspekte bei diesem
Stamm ist zweifellos mit einem zeitgenössischen Ereignis in Verbindung zu bringen. Cassius Dio be-
richtet, der Semnonenkönig Masyos und die wahrsagende Jungfrau Ganna kamen zum Kaiser Domi-
tian, wurden von ihm ehrenvoll empfangen und kehrten dann zurück.111 Da die Nachricht nur aus Ex-
zerpten des dionischen Werkes überliefert ist, bleibt die Datierung unsicher und ist wohl zwischen 92
und 96 anzusetzen. Der Aufenthalt von König und Stammesorakel eines östlich der Elbe beheimateten
Stammes beim römischen Kaiser muß als ein singulärer Vorgang angesehen werden. Er zeigt das be-
währte Modell römischer Diplomatie, zu grenzfernen Germanen ein gutes Verhältnis zu unterhalten,
um sie gegen der Reichsgrenze näher siedelnde Stämme auszuspielen. Ganna wird als die Nachfolge-
rin der Veleda bezeichnet, die als Wahrsagerin im Bataveraufstand eine politisch aktive Rolle gespielt
hatte.112 Dem volkreichen Stamm der Semnonen wird die geringe Zahl der Langobarden gegenüberge-
stellt. Ihr Siedlungsgebiet beiderseits der unteren Elbe kann nur daraus erschlossen werden, daß ihre
nördlichen Nachbarn am Ozean siedeln. Sie alle sind im Kultverband der Muttergottheit Nerthus zu-
sammengeschlossen, der dem Kultverband der Semnonen zur Seite gestellt wird.113 Einen völlig ande-
ren Akzent setzt Tacitus bei der Beschreibung der Hermunduren. Hier interessieren ihn weder Größe
und Tapferkeit noch Religion und Kultverband. Das Kapitel ist allein auf das gute Verhältnis dieses
Stammes zu den Römern abgestellt. Daran waren auch diese sehr interessiert, waren die Hermunduren
doch die Gegner der Chatten, des wichtigsten romfeindlichen Stammes seit dem Ende der augustei-
schen Kriege. Deren Niederlage im Jahre 58 dürfte den Römern sehr willkommen gewesen sein. Eine
romfreundliche Politik betrieb auch der einzige namentlich bekannte König der Hermunduren, Vibi-
lius, dessen Machtstellung in den Jahren um 20 bis 50 datiert werden kann.114 An den Markomannen ist
vor allem deren Königtum von Interesse.115 Tacitus meinte in der Germania zu Recht, die Elbe kenne
man zu seiner Zeit nur noch vom ‚Hörensagen‘. Dennoch hat sich das Wissen über sie und ihr Umland
im zweiten und frühen dritten Jahrhundert noch einmal vermehrt.
Tacitus hatte die Quelle der Elbe mit der Angabe „im Hermundurenland“ nur sehr ungenau be-
stimmt. Den tatsächlichen Gegebenheiten näher lag die Lokalisierung des alexandrinischen Gelehrten
Klaudios Ptolemaios ein halbes Jahrhundert später. Noch einmal 50 oder 60 Jahre später findet sich
dann im Werk des Cassius Dio die einzig richtige Angabe der Elbquelle aus dem Altertum. Wir haben
also den merkwürdigen Befund vor uns, daß die Quelle des Stroms mitten durch Germanien nicht rich-
tig bekannt war, solange römische Heere bis an den Mittel- und Unterlauf vorgestoßen sind und sie als
mögliche Grenze im Blickfeld lag, während eine zuverlässigere und die wirklich zuverlässige Angabe
einer Zeit angehören, in der sich nur noch Geographen und Historiker für den Fluß interessierten.

109 Vgl. die Angaben in den Anm. 65, 66, 76; Johne (2006) 112 Vgl. Reichert u. Timpe (1998); Kehne (2001b); Johne
230–234 und K. Tausend (2009) passim. (2006) 221f.; S. Tausend (2009) 166ff. und 171–174;
110 Tac. Germ. 39,1ff. D. B. Baltrusch im vorliegenden Band.
111 Cass. Dio 67,5,3. 113 Tac. Germ. 40,1–4; Günnewig u. Castritius (2002).
114 Tac. Germ. 41,1f.; Kehne (2006b).
115 Tac. Germ. 42,1f.

50 KLAUS-PETER JOHNE
Für das Weltbild der späteren Kaiserzeit war das Wirken des Mathematikers, Astronomen und
Geographen Klaudios Ptolemaios in Alexandria von größter Bedeutung. In seiner Anleitung zum Zeich-
nen einer Weltkarte faßte er das geographische Wissen seiner Zeit zusammen. Darin bietet er mehr Ein-
zelinformationen als alle anderen vergleichbaren Werke. Von Irland und den Kanarischen Inseln im
Westen bis nach China sind etwa 8100 Namen von Flüssen, Bergen und Orten aufgeführt. Allerdings
bereitet das Werk erhebliche Schwierigkeiten bei der Auswertung. Dazu tragen kartographische Verzer-
rungen ebenso bei wie die Quellenlage. In der Fülle des ausgebreiteten Materials können viele Angaben
mangels einer Parallelüberlieferung nicht verifiziert werden.116
Als Germaniens Grenzen bezeichnet Ptolemaios den Rhein und die Weichsel, die Donau und den
nördlichen Ozean. Das dazwischen liegende Gebiet nennt er in Abgrenzung zu den römischen Provin-
zen Germania inferior und Germania superior ‚Groß-Germanien‘, Germania magna.117 Als Flüsse östlich
des Rheins führt er Ems, Weser, Elbe und Weichsel auf, bei denen er die Koordinaten der Längen- und
Breitengrade für die Mündung wie für die Quelle angibt. Die Mündung der Elbe befindet sich bei ihm
nördlich der Wesermündung. Eine Erklärung dafür könnte sein, daß das heutige Wattenmeer der Hel-
goländer Bucht noch zu einem Teil Festland war und die Elbmündung erst in der Gegend der Insel
Scharhörn und damit der Wesermündung viel näher lag.118 Schwieriger sind die Angaben zur Quelle zu
deuten. Sie wird von Ptolemaios in den Sudeten lokalisiert, die nach seinen Vorstellungen jedoch eher
mit dem Böhmerwald als mit dem Riesengebirge gleichzusetzen sind. Der Geograph dürfte die Quelle
der Moldau für die Elbquelle gehalten haben. Eine von ihm aufgeführte „zur Elbe führende Quelle“ ist
dagegen wahrscheinlich die richtige, sie ist im Askiburgion-Gebirge angesiedelt, womit er offenkundig
das Riesengebirge bezeichnet.119 Die Angaben zur Mündung und Quelle des mitteleuropäischen
Stroms sind exemplarisch für die Schwierigkeiten bei der Auswertung des ptolemaiischen Werkes. Erst-
mals erwähnt wird bei dem alexandrinischen Gelehrten die im geographischen Schrifttum sonst sehr
stiefmütterlich behandelte Oder unter dem Namen Syebos.120 Ganz in den Südosten Germaniens ge-
drängt ist bei ihm der ‚Orkynische Wald‘ und damit jener Terminus marginalisiert, der jahrhunderte-
lang als Sammelbegriff des gesamten mitteleuropäischen Gebirgssystems gegolten hatte, vom Arkyni-
schen Wald des Aristoteles bis zu Caesars Herkynischem Wald. Bei Strabon war der Begriff auf die
Randgebirge Böhmens eingeengt worden, bei Ptolemaios umfaßt er die Kleinen und Weißen Karpaten,
für die anderen Gebirgszüge gab es inzwischen Eigennamen.121
Die Römische Geschichte des Cassius Dio aus dem Beginn des 3. Jahrhunderts ist die wichtigste er-
halten gebliebene Quelle für das Zeitalter der augusteischen Expansion. Der darin enthaltene Bericht
über die Schlacht im Teutoburger Wald ist nicht nur der ausführlichste, sondern auch der zuverlässig-
ste. Er verwertete zweifellos zeitnahe Quellen aus dem frühen 1. Jahrhundert, in denen Varus noch
nicht zum alleinigen ‚Sündenbock‘ gemacht worden war wie bei allen späteren Autoren.122 Durch zu-
verlässige Angaben zeichnet sich Dio auch bei der Elbe aus. Als er sie bei der Schilderung der Feldzüge
des Drusus des Jahres 9 v. Chr. zum ersten Male erwähnt, charakterisiert er sie durch je eine Angabe zu
Quelle und Mündung, sie entspringt in den Vandalischen Bergen und ergießt sich in großer Breite in
den nördlichen Ozean.123 Nun ist die Elbmündung unter Augustus von römischen Flotten aufgesucht

116 Vgl. Timpe (1989) 381–387; Folkerts, Hübner u. Har- 119 Ptol. 2,11,1f. und 5; Deininger (1997) 49; Reichert (2003)
mon (2001); Reichert (2003); Johne (2006) 238–243. 581f.; Johne (2006) 239f.
117 Ptol. 2,11,1–4; 2,9,2; 8,6,1 = Herrmann (1988–1992) III, 120 Ptol. 2,11,2 und 7f.; Udolph u. Nowakowski (2002).
214–217; 212f.; 234f. (Übersetzung) und Kommentar 121 Ptol. 2,11,5 und 11.
559–564; 557f.; 587. 122 Manuwald (2007); Wolters (2008) 102–107; vgl. 107–119.
118 Ptol. 2,11,1. 123 Cass. Dio 55,1,3.

DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 51


worden und war allgemein bekannt. Über ihre Quelle herrschte jedoch bei Tacitus wie bei Ptolemaios
Unsicherheit. Dio steht mit seiner Angabe der Vandalischen Berge allein und trifft damit zweifellos das
Richtige, das Riesengebirge. Ptolemaios hatte es Askiburgion genannt und mit der „zur Elbe führen-
den Quelle“ verbunden. Nun kann Dio die Nachricht nicht aus den Quellen geschöpft haben, nach de-
nen er die Feldzüge des Drusus geschildert hat. Den Schriftstellern der augusteischen Zeit waren Van-
dalen überhaupt noch nicht bekannt und den Autoren des 1. Jahrhunderts nicht als ein bestimmter
Stamm, mit dem man ein Gebirge in Verbindung bringen konnte. Diese Bezeichnung kann erst in der
Zeit der Markomannenkriege (166–180) entstanden sein.124 Damit hat Dio zweifellos Wissen seiner
eigenen Lebenszeit verwertet. Die von ihm vorgenommene richtige Lokalisierung der Elbquelle war
der letzte Erkenntnisfortschritt über das Gebiet des mitteleuropäischen Stroms in der antiken Literatur.
Alle Erwähnungen der Elbe und ihres Stromgebietes nach der Zeit um 230 stellen nur noch literarische
Reflexionen eines älteren Wissensstandes dar.
Als repräsentativ für das geographische Weltbild der Spätantike kann das Breviarium des Eutropius
betrachtet werden. Es war das populärste Geschichtswerk des 4. Jahrhunderts und kam mit seiner knap-
pen und übersichtlichen Darstellung des historischen Stoffes dem Bedürfnis breiter Kreise sehr entge-
gen. Die knappe Skizzierung der Germanenkriege unter Augustus entnimmt er dessen Biographie bei
Suetonius. Die Erwähnung der Elbe ergänzt Eutropius mit dem Zusatz, dies sei ein Fluß im Barbari-
cum, weit entfernt vom Rhein.125 Suetonius konnte im frühen 2. Jahrhundert die Bekanntheit des Flus-
ses bei seinen Lesern voraussetzen. Eutropius geht in der Mitte des 4. Jahrhunderts gerade umgekehrt
davon aus, daß seine Leser mit der Nennung des Namens nichts mehr anfangen können. Germanien
verschwindet seit dem 3. Jahrhundert fast wieder in der nebelhaften Ferne, in der es sich für die Mittel-
meerwelt bis Caesar befunden hatte. Die Geographen schreiben nur noch ältere Vorlagen ab, die Histo-
riker, Rhetoren und Dichter benutzen die Elbe als Chiffre einstiger römischer Machtausdehnung. Da-
für zum Abschluß einige Beispiele im Überblick.
Solinus beschreibt um 300 Germanien nach der Naturgeschichte des älteren Plinius, die er jedoch
partiell mißversteht. Markianos von Herakleia schöpft um 400 das Werk des Ptolemaios aus und er-
wähnt als letzter griechischer Autor der Antike die Elbe.126
Erfolge des Soldatenkaisers Probus im Vorfeld der Oberrheingrenze in den Jahren 277/278 werden
in der Historia Augusta in einen Vorstoß „über Neckar und Elbe“ umgemünzt. Die Nebeneinanderstel-
lung dieser beiden Flüsse zeigt eine rapide Verschlechterung des Wissens über das Innere Germa-
niens.127 Den Tiefpunkt erreicht sie bei dem Dichter Claudius Claudianus, der die Elbe als Nebenfluß
des Rheins mißversteht.128 Derselbe Claudianus feiert das Auftreten des Heermeisters Stilicho am Nie-
derrhein 396 als eine nochmalige Ausdehnung römischer Macht bis an die Elbe. Tatsächlich war Stili-
cho der letzte Repräsentant Roms an der Rheingrenze und mußte sich um die Stellung von Hilfstrup-
pen bemühen und die Sicherheit vor Einf ällen mit Geldzahlungen erkaufen. Geradezu grotesk ist die
Behauptung römischen Einflusses bis zur Elbe selbst noch in der Phase der Agonie des Weströmischen
Reiches. Sidonius Apollinaris schmeichelte dem Kaiser Eparchius Avitus 456 damit, seine Herrschaft

124 Vgl. K. Tausend (1997); Waldherr (2002a) 1121; Castri- mann (1988–1992) III, 188f.; (Übersetzung) u. Kom-
tius u. Bierbrauer (2006) bes. 168–172; Johne (2006) mentar 544; Johne (2006) 281ff.
251f; K. Tausend (2009) 148–153. 126 Vgl. Johne (2006) 283ff.
125 Eutrop. 7,9 = Herrmann (1988–1992) III, 468f. (Über- 127 Vgl. Johne (2006) 275–279; 294ff.
setzung) u. Kommentar 666; Suet. Aug. 21,1 = Herr- 128 Vgl. Johne (2006) 291–294.

52 KLAUS-PETER JOHNE
reiche bis in das Innere Germaniens. Tatsächlich hatten zu diesem Zeitpunkt Germanen schon den grö-
ßeren Teil des Westreiches in ihrem Besitz.129
An einer Zeitenwende für die Kenntnis der Elbe stand im späten 8. Jahrhundert der langobardische
Schriftsteller Paulus Diaconus. In seiner Historia Romana wiederholte er den spätantiken Wissensstand
mit dem Zitat Eutrops, nach dem der Strom weit entfernt vom Rhein im „Barbarenlande“ fließt. In der
ebenfalls von ihm stammenden Historia Langobardorum lieferte er die ersten Nachrichten über den
Fluß in nachrömischer Zeit. In dieser Schrift erwartete er von seinen Lesern, daß der Name bekannt
sei. In dem offenbar für ehrwürdig erachteten Text des Eutropius beließ er es bei dem für das 4. Jahr-
hundert so charakteristischen Zusatz, obwohl dieses barbaricum lange die Heimat der Langobarden ge-
wesen war und inzwischen zum Frankenreich gehörte.130
Als Paulus Diaconus seine Geschichte der Langobarden schrieb, führte Karl der Große bereits
seine Kriege zur Unterwerfung der Sachsen, die zur Ausdehnung des Frankenreiches bis an Elbe und
Saale führten. Mit ihnen erfolgte der ‚Wiedereintritt‘ des Stroms in die schriftliche Überlieferung. Der
erste Feldzug im Jahre 780 ging vom Rhein die Lippe aufwärts bis an die Elbe nördlich Magdeburgs.
Karl der Große erreichte den Fluß in derselben Gegend wie fast 800 Jahre früher der Römer Drusus.

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DAS STROMGEBIET DER ELBE IM SPIEGEL DER GRIECHISCH-RÖMISCHEN LITERATUR 57


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58 KLAUS-PETER JOHNE
Alexander Demandt

Das Bild der Germanen in der antiken Literatur

Siebenhundert Jahre lang waren die Germanen die nördlichen Nachbarn der Römer. Das Verhältnis
zwischen den beiden Völkern prägten wiederholt heftige Kriege, doch gab es auch lange Friedenszeiten
dazwischen. Sowohl die Kriege als auch die Friedenszeiten zeigen eine asymmetrische Struktur.
Die Kriege der Römer waren zu Anfang aggressive ,Kolonialkriege‘ gegen militärisch weit unterlegene
,Barbaren‘, Eroberungszüge ins freie Germanien bis an die Elbe. Später wurden es Abwehrkämpfe auf
Reichsboden links des Rheins und rechts der Donau gegen einen ebenbürtigen Feind, in denen für
Rom zuletzt Sein oder Nichtsein auf dem Spiele standen. Die Kriege der Germanen waren dementspre-
chend zunächst meist Verteidigung der Heimat, später gewöhnlich Raubzüge ins Imperium, bei denen
es anfangs um Beute, zuletzt um Landnahme ging. Die Wende zwischen der frühen und der späten
Phase brachte die Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr.
In den friedlichen Zwischenkriegszeiten profitierten beide Seiten vom Handel, doch die Bilanz war
wiederum schief. Denn für die Germanen war der Kontakt zusätzlich ein Lernprozeß, bei dem sie zahl-
reiche Errungenschaften römischer Technik kennenlernten und übernahmen. Schüler der Römer wa-
ren die Germanen auf allen Gebieten, namentlich im Militärwesen, und das ermöglichte ihnen schließ-
lich in der Völkerwanderungszeit, die römischen Heere zu besiegen, das Imperium zu zerschlagen und
das Erbe Roms anzutreten.
Das Bild von den Römern in den Augen der Germanen kennen wir nur aus wenigen, allerdings
bezeichnenden Anekdoten und Aussprüchen aus germanischem Munde, die uns antike Autoren über-
liefern. Der Eindruck ist gespalten. Auf der einen Seite bestaunte man die römische Zivilisation, auf der
anderen fürchtete man die römische Herrschaft, die dem notorischen Freiheitsbegehren der Germanen
entgegenstand. Das Bild, das umgekehrt die Römer von den Germanen hatten, ist ebenfalls ambivalent,
denn einerseits bewunderte man die körperliche Verfassung der naturnah lebenden Nordvölker und
ihren Kriegsgeist, und andererseits sah man auf ihre wilde, ungezügelte, unkultivierte Lebensweise
herab, fürchtete ihre Angriffslust, den furor Teutonicus.1 In jedem Falle ist das Bild, das die Römer von
den Germanen hatten, sehr viel inhaltsreicher als das umgekehrte, denn die antiken Autoren haben aus
gutem Grund ihre Nachbarn im Norden sehr genau beobachtet, genauer als die Völker an den anderen
Grenzen. Vier Kronzeugen ragen für die römische Sicht heraus: für die frühe Phase Caesar und Tacitus,
für die späte Ammianus Marcellinus und Salvian von Massilia.
Eine methodische Vorbemerkung ist betreffs der Zuverlässigkeit unserer Quellen zu machen. Die
Germanen fallen unter den Sammelbegriff der Barbaren. In der Ilias2 werden die Leute aus Karien in
Südwestkleinasien als barbarophōn bezeichnet, weil sie ein unverständliches ‚Blabla‘ reden. Später wur-
den alle Völker, deren Sprache ein Grieche nicht verstand, als barbaroi betrachtet, sowohl die hochzivi-
lisierten, kunstsinnigen, aber vergleichsweise ,schwachen‘ Orientalen als auch die schriftlosen, kultur-
armen, aber ,kraftstrotzenden‘ Skythen, Kelten und Germanen. Diesen letzteren werden in der antiken
Ethnographie ähnliche oder gleichartige Eigenschaften zugeschrieben hinsichtlich ihrer Lebensart, ih-

1 Lucan. 1,255f. 2 Hom. Il. 2,867.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 59


rer Denkweise, ihrer Charaktereigenschaften und ihrer Religion. Die Aussagen darüber wirken mithin
oft klischeehaft, so daß wir nie wissen: Handelt es sich um Topoi oder um echte Befunde? Angesichts
der ähnlichen Lebensumstände im gesamten mittleren und nördlichen Europa ist jedoch grundsätzlich
davon auszugehen, daß die Nachrichten über solche Übereinstimmungen nicht aus literarischer Kon-
vention stammen, sondern auf wirkliche Beobachtung zurückgehen und jedenfalls in der Regel als ver-
bürgt gelten dürfen.
Weiterhin ist methodisch zu beachten, daß an fremden Völkern gewöhnlich nur das Andersartige
auff ällt. Das, was mit den eigenen vertrauten Verhältnissen übereinstimmt, erscheint meist nicht er-
wähnenswert. Insofern ist das Bild vor dem Hintergrund des Betrachters zu sehen und auf das be-
schränkt, was sich von ihm abhebt. Ebenso bleibt Allgemeinmenschliches unerwähnt, etwa daß Kinder
von den Eltern erzogen werden, daß die Nahrungsaufnahme in gemeinsamen Mahlzeiten stattfindet
und daß man nachts schläft.
Die Notierung des Fremdartigen dient nicht selten unausgesprochen oder gar ausdrücklich der
Kritik an den eigenen Lebensumständen des Autors. Er hält in mahnender Absicht seinen Landsleuten
und Zeitgenossen die Nachbarn als Spiegel vor. Das verführt ihn leicht zur Überzeichnung von Kontra-
sten, zur Übertreibung von Eigenarten, die ihm nachahmenswert oder abscheulich erscheinen. Wo sol-
che Intentionen erkennbar sind, müssen historisch entsprechende Abstriche gemacht werden.
Bevor die Römer sich ein Bild von den Germanen machen konnten, mußten sie einen Begriff von
ihnen haben. Dessen Entstehung läßt sich in groben Zügen rekonstruieren. Als früheste Germani be-
legt der ältere Plinius3 einen Stamm in Spanien mit dem Beinamen, dessen Angehörige als Oretani be-
zeichnet werden. Diese Orētes Ibēres nennt bereits Polybios4 im Zusammenhang mit Hannibal, so daß
die spanischen ,Germanen‘ schon für das 3. Jahrhundert v. Chr. bezeugt sind. Die Forschung streitet
darüber, ob es sich bei diesen Leuten um Keltiberer handelt, die zuf ällig auch Germani hießen, oder ob
es nicht doch ,echte‘ Germanen waren, die im 6. Jahrhundert v. Chr. aus dem belgischen Raum mit den
Kelten nach Spanien gezogen sind. Da es aber in dieser frühen Zeit noch keine Germanen in Belgien
gegeben haben dürfte, ist diese These abwegig. Wahrscheinlicher ist, daß die spanischen Germani Kel-
ten waren, daß aber die Namensgleichheit mit den germanischen Germanen keineswegs zuf ällig ist.
Zeuge dafür ist Poseidonios, jener griechische Reisephilosoph, der um 70 v. Chr. Südgallien besucht
hat. Er schreibt von einem nicht näher lokalisierten Stamm namens Germanoi, daß diese Leute mittags
Fleisch, in Scheiben gebraten, verzehren, dazu Milch und ungemischten Wein trinken.5 Gemeint sind
damit wohl jene Kelten an der oberen Rhône, die für die Hannibalzeit als semigermanae gentes, als „halb-
germanische Völker“ bezeichnet werden.6 Keltenstämme gleichen Namens an verschiedenen Orten
gibt es mehrfach, denn oft haben sie sich bei der Wanderung geteilt, so die Volcae, Tectosages, Lingo-
nes, Boii und die Veneti.
Warum der etymologisch dunkle, sicher mit dem Kriegswesen zusammenhängende Name Ger-
mani von den keltischen auf die germanischen Germanen übergegangen ist, wissen wir nicht, wohl
aber, wie und wann das geschah. Tacitus berichtet:7 Das Wort ‚Germane‘ sei eine neuere Bereicherung
des Wortschatzes, da die ersten, die über den Rhein gekommen seien und die Gallier vertrieben hätten,
die heutigen Tungrer um das spätere Tongern in Belgien, damals ‚Germanen‘ genannt worden wären.
So habe sich deren Name, der zunächst nur einem einzelnen Stamm (natio), nicht dem ganzen rechts-
rheinischen Volk (gens) gehörte, langsam verbreitet, indem alle anderen Stämme zuerst nach dem Sie-

3 Plin. nat. 3,25. 6 Liv. 21,38.


4 Pol. 3,33,9. 7 Tac. Germ. 2.
5 Athen. 153E.

60 ALEXANDER DEMANDT
ger aus Furcht ‚Germanen‘ genannt wurden, bald aber sich auch selbst so bezeichneten. Dies letztere
wissen wir aus römischen Grabinschriften germanischer Leibwächter der iulisch-claudischen Kaiser.8
Dem Bericht des Tacitus können wir entnehmen, daß die Verbreitung des Germanen-Namens ur-
sprünglich als Fremdbezeichnung von den erschrockenen Kelten ausgegangen ist, von denen die Rö-
mer diese Bezeichnung übernommen haben. Die Tungrer oder Eburonen hatten nicht lange vor Caesar
den Rhein überschritten und die Kelten aus Eifel und Ardennen verdrängt. Sie werden von Caesar Ger-
mani Cisrhenani benannt.9 Da Caesar den Swebenfürsten Ariovist rex Germanorum, d.h. einen „Germa-
nenkönig“ nennt10 und von der Trauer der „Germanen“ um seinen Tod spricht,11 war der Germanen-
Name damals bereits auf die Sweben übergegangen. Der gleiche Titel rex Germanorum begegnet uns
unter Septimius Severus für den Markomannenkönig Aistomodius.12 Die ältere Selbstbezeichnung der
Germanen insgesamt oder wenigstens der größten Stammesgruppe unter ihnen lautete Swebi, zu
deutsch ‚Schwaben‘, in der Bedeutung ‚wir selbst‘ – also nicht sehr vielsagend, ähnlich dem späteren
Namen der Alamannen, ‚alle Männer‘.13
Caesar war der erste Autor, der ein klares Bild von den Germanen hatte. Waren doch zuvor die Kim-
bern und Teutonen in Rom als Gallier betrachtet worden, obschon Poseidonios bezeugt, daß sie eine an-
dere Sprache hatten.14 Noch Cicero hielt sie 56 v. Chr. für Kelten.15 Caesar verwandte den Germanen-Na-
men wie selbstverständlich und berichtet gleich zu Eingang seiner Kommentarien, die tapfersten
Gallier seien die Belgier, weil sie am weitesten entfernt von der römischen Dekadenz wohnten und sich
fortwährend mit den Germanen im Kampfe messen müßten. Weiter schreibt er zum Jahre 58, als es ge-
gen Ariovist ging, daß seine Legionäre sich gefürchtet hätten, den Germanen entgegenzutreten, denn
ihnen ging der Ruf von unwiderstehlichen Kriegern voraus. Caesar mußte seine ganze Beredsamkeit
aufbieten, um seinen Legionären Mut zu machen.16
Im vierten Buch charakterisiert er die Sweben,17 im sechsten bringt er einen ethnographischen Dop-
pelexkurs, in dem er Gallier und Germanen einander gegenüberstellt. Dabei hebt er die Unterschiede
hervor. Anders als die Gallier besäßen die Germanen keine Druiden, hielten auch nicht viel von Opfern
und verehrten nur die Sonne, den Mond und das Feuer. Daß Caesar hier irrt, wissen wir aus anderen
literarischen und archäologischen Quellen, die uns Götternamen und möglicherweise auch Götterbilder
überliefern. Caesar schreibt, die Männer seien überwiegend mit Jagd und Krieg befaßt und von Jugend
an so abgehärtet, daß sie in ihren kalten Flüssen badeten. Sie waren – also anders als die Römer – keine
‚Warmduscher‘. Im Gegensatz zu diesen hielten die Germanen bis zum 20. Lebensjahr auf Keuschheit,
dabei sei der Umgang der Geschlechter höchst unbefangen. Bei der Kleidung notiert Caesar das Pelz-
werk. Viehhaltung und Fleischnahrung, so heißt es, überwiegen. Ackerbau werde vernachlässigt, das
Land jährlich neu verteilt. Das erinnert an den römischen Mythos vom Goldenen Zeitalter Saturns, als es
noch kein Privateigentum am Boden, keine Eigentumsgrenzen gab.18 Gemeineigentum am Ackerland
bezeugt für die Germanen ebenfalls Tacitus,19 auch für die frühen Kelten in Spanien wird es überliefert.20
Im 19. Jahrhundert haben Proudhon und Friedrich Engels hier Belege für den Urkommunismus
der klassenlosen Gesellschaft gesehen, die sie auf technisch höherer Stufe erneuern wollten. Engels

18 ILS 1717. 15 Cic. prov. 32.


19 Caes. Gall. 2,3f.; 6,2,3. 16 Caes. Gall. 1,39f.
10 Caes. Gall. 1,31,10. 17 Caes. Gall. 4,1; 4,11ff.
11 Caes. Gall. 5,29,3. 18 Verg. georg. 1,126ff.; Ov. met. 1,136.
12 ILS 856. 19 Tac. Germ. 26.
13 Agathias 1,6,3. 20 Diod. 5,34,3.
14 Plut. Marius 15; s. dazu auch K.-P. Johne im vorliegen-
den Band.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 61


und Lassalle schwärmten ja ebenso von den alten Germanen wie Gobineau, Carlyle und Felix Dahn.
Germanomanie finden wir bei Rassisten, Nationalisten und Sozialisten, wie in Deutschland, so in
Frankreich und England.
Wenn Caesar bemerkt, die Germanen begrenzten um des sozialen Friedens willen den Reichtum,
so macht er wohl aus der Not eine Tugend in gesellschaftskritischer Absicht. Die den Germanen abge-
sprochene Habsucht beruht vermutlich auf Mangel an Gelegenheit zur Bereicherung. Gelobt wird die
Gastfreundschaft der Germanen, die noch im nordischen Mittelalter hochgehalten wurde. In Island
war es Gastrecht, daß jeder Fremde drei Tage lange beherbergt und beköstigt werden mußte, ähnlich
wie in homerischen Zeiten bei den Griechen.21 Sodann kommt Caesar nochmals auf den Kriegsgeist
und den Ödlandstreifen um das Stammesgebiet zu sprechen, den zu betreten kein Feind wagen dürfe.
Raubzüge auch privater Gefolgschaftsführer außerhalb seien weder verboten noch ehrenrührig. Im Ge-
genteil. Anders, heißt es, lebten die Gallier – offenbar in der Provence –, die das süße Leben im römi-
schen Frieden vorzögen und offen einräumten, den Germanen im Kampf nicht gewachsen zu sein.
Den Abschluß des Germanen-Exkurses bildet eine Beschreibung des Hercynischen Eichenwaldes,
der sich neun Tagereisen weit parallel zur Donau quer durch Germanien ausdehnte. Das Ende seiner
Ausläufer, die sich über wenigstens sechzig Tagesmärsche erstreckten, habe noch niemand erreicht.
Dann werden die Tiere erwähnt, zuerst das Einhorn, ein Mittelding zwischen Stier und Rentier; weiter-
hin der identifizierbare Auerochse, dessen Hörner als Jagdtrophäen gelten, am Rande mit Silber einge-
faßt werden und als Trinkgef äß dienen, und schließlich der Elch, der mit einer schlechterdings genia-
len Jagdmethode gefangen wird. Der Elch, so lesen wir, besitzt keine Kniegelenke, kann daher, einmal
umgefallen, nicht wieder aufstehen. Zum Schlafen lehnt er sich darum an einen Baum. Die listigen ger-
manischen Jäger suchen diese Schlafbäume auf und sägen sie an. Wenn der Elch abends müde sich an-
lehnt, dann bricht der Baum. Der Elch f ällt um, und nun hat man ihn. Dieses köstliche Stück Jäger-
latein, in vollem Ernst erzählt, hat offenbar ein germanischer Nimrod dem Caesar vorgeflunkert, wenn
der Exkurs denn authentisch ist, was manche Philologen nicht grundlos bezweifeln. Der Inhalt aber
wird damit nicht wertlos.
Anders als Caesar ist Tacitus für sein Germanenbild keine Quelle aus erster Hand. Seine Germania,
die mit Abstand ergiebigste Schrift zum Thema, ist vermutlich aus den 20 Büchern über die Germa-
nenkriege komprimiert, die der ältere Plinius hinterlassen hat, die aber nicht überliefert sind.22 Plinius
hatte als Offizier unter Claudius in Niedergermanien gedient und wußte, wovon er schrieb. Tacitus
wollte mit seinem Werk offenbar die Propaganda Domitians zurechtrücken, der auf Tausenden von
Germania capta-Münzen verkündet hatte, Germanien unterworfen zu haben. Davon konnte natür-
lich keine Rede sein. Das eigentliche Germanien, die Germania Magna, begann jenseits der Provinz-
grenzen.
In einem ungemein gedrängten, inhaltsreichen Stil beschreibt Tacitus in seinem ersten Teil Land
und Leute generell und in seinem zweiten die wichtigsten Stämme im einzelnen. Das Bild, das er ent-
wirft, ist durchaus von Sympathie getragen. Er zeichnet eine dörflich lebende, patriarchalisch struktu-
rierte Kriegergesellschaft, die in vielen Einzelheiten an frührömische Zustände erinnert. Als Kritiker
des zeitgenössischen Luxus mit seinen sozialen Nebenerscheinungen sieht er in den Germanen unver-
dorbene Naturkinder, gesund und lebenstüchtig und durch die Verführungen der Zivilisation keines-
wegs angekränkelt. Er beschreibt ihre Religion und ihre Verfassung, die Rechtsordnung und das
Kriegswesen, die Wirtschaft und die Technik, die Siedlung und die Kleidung.

21 Hom. Od. 4,26ff. 22 Plin. epist. 3,5,4.

62 ALEXANDER DEMANDT
Tacitus lobt den Gemeingeist der Germanen, das Ehrgefühl, den Familiensinn und den hohen Re-
spekt vor den Frauen. Inesse aliquid sanctum et providum putant – ihnen wohne etwas Heiliges, Voraus-
schauendes inne, so meinte man.23 Darum höre man auf sie. Tacitus nennt zwei Priesterinnen, Veleda
und Aurinia, die sogar politisch einflußreich waren. Frauen hätten schon wankende Schlachtreihen
zum Stehen gebracht und seien als Geiseln begehrter als Männer. Denn Frauen in Feindeshand setze
man keinem Risiko aus, wenn Vertragsbruch erwogen wird.
Die Zahl der Kinder künstlich zu begrenzen, wie das bei den Römern üblich war, sei, so Tacitus, bei
den Germanen verpönt. Den Kinder- und Menschenreichtum der Germanen bezeugt zudem sein Zeit-
genosse Flavius Josephus.24 Cassius Dio vermerkt ihn für die Markomannen,25 in der Spätantike wird er
für die Franken, Alamannen und Burgunder überliefert. Jordanes26 nennt Skandinavien die vagina na-
tionum, und Isidor von Sevilla27 sah im Namen Germania einen Hinweis auf die Fruchtbarkeit des Vol-
kes, vermutlich etymologisch im Gedanken an germen, den sprießenden Keim. Die Aussage des Tacitus
steht mithin nicht allein. Trotz all dieser löblichen Eigenschaften ist der Autor aber nicht blind für die
Schwächen der Germanen: ihre Spielleidenschaft und ihre Trunksucht. Das Bier findet er scheußlich.
Er nennt es einen Gerstensaft in quandam similitudinem vini corruptus – „in eine gewisse Ähnlichkeit
mit dem Wein verschlimmbessert“.28 Noch Kaiser Julian hat in seinem ersten Epigramm das Bier ver-
lästert.
Unter den Stämmen hebt Tacitus die Chatten in Niederhessen hervor.29 Ihn beeindruckt ihre fast
schon römische Disziplin in Krieg und Frieden, ihr hochgewachsener Körperbau und ihre rasche Auf-
fassungsgabe. Er legt ihnen gar eine stoische Lebensregel bei: fortunam inter dubia, virtutem inter certa
numerare – das Glück sei eine unsichere Sache, verläßlich aber sei die virtus, die Tugend, die sich in Hal-
tung und Leistung kundtut. Die Cherusker freilich seien inzwischen, drei Generationen nach Armi-
nius, durch den langen Frieden abgeschlafft.30 Gleichwohl empfindet Tacitus die Germanen als bedroh-
lich. Seit zweihundert Jahren würden die Germanen besiegt und doch nicht bezwungen31 – das geht
gegen Domitian –, und daher begrüßt er es, wenn sie sich gegenseitig aufreiben. Angesichts eines mör-
derischen Kampfes zwischen den Brukterern und ihren Nachbarn entf ährt ihm ein Stoßgebet: Wenn
sie schon uns nicht lieben, so möge doch der Haß auf ihresgleichen erhalten bleiben, denn wenn einst
das Schicksal Rom in Bedrängnis bringt (urgentibus imperii fatis), kann uns Fortuna nichts Besseres ge-
währen als Zwietracht unter den Feinden.32
Tacitus ist der einzige Autor, der den Teutoburger Wald erwähnt, nicht bei der clades Variana, da
seine Annalen erst im Jahre 14 einsetzen, wohl aber beim Besuch des Schlachtfeldes durch Germani-
cus.33 Die römische Niederlage des Varus provozierte in der Antike abwertende Aussagen über den ger-
manischen ,Nationalcharakter‘. Velleius34 nennt die Germanen äußerst wild und verschlagen, zum Lü-
gen geboren, haben sie doch Varus hinters Licht geführt! Arminius beging ein scelus, ein Verbrechen,
und doch hat Velleius vor Arminius höchsten Respekt. Zur Ausführung seines Frevels bef ähigten ihn
seine edle Herkunft, sein tapferer Arm, sein klarer Blick, seine für einen Barbaren ganz ungewöhnliche
Intelligenz und das Feuer seines Geistes, das ihm aus den Augen sprühte. Hat Velleius dies erfunden
oder von Gefangenen erfahren?

23 Tac. Germ. 8; s. auch D. B. Baltrusch im vorliegenden 29 Tac. Germ. 30f.


Band. 30 Tac. Germ. 36.
24 Ios. bell. Iud. 2,16,4. 31 Tac. Germ. 37.
25 Cass. Dio 73,2,1. 32 Tac. Germ. 33.
26 Jordanes, Getica 25. 33 Tac. ann. 1,60.
27 Isidor von Sevilla, Etymologiarum libri viginti 14,4,4. 34 Vell. 2,117ff.
28 Tac. Germ. 23.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 63


Ähnlich positiv sah ihn Tacitus.35 In dem Gespräch, das er Arminius und seinen romtreuen Bruder
über die Weser hinweg führen läßt, rühmt letzterer die Größe Roms und die Milde des Kaisers, wäh-
rend Arminius die heiligen Rechte des Vaterlandes, die altüberkommene Freiheit und die Götter Ger-
maniens beschwört und sich auf die Meinung der Mutter beruft, die seine Haltung teile. Tacitus sym-
pathisiert offenkundig mit dem Reichsfeind. Für ihn ist Arminius erstaunlicherweise kein Verräter, der
seinen Eid auf den Kaiser gebrochen hat, sondern ein Freiheitsheld: liberator haud dubie Germaniae.36 Es
ging also nicht um die Freiheit der Cherusker und ihrer Verbündeten, sondern ganz generell um die
Freiheit der Germanen insgesamt, zu deren Anwalt Arminius sich berufen fühlte. Im Freiheitssinn der
Germanen stecke überhaupt mehr Energie als in der ganzen Königsmacht der Perser: Regno Arsacis
acrior est Germanorum libertas.37 Dieses acrior könnte man in preußischer Kasinosprache auch überset-
zen mit ,schneidiger‘.
Den Kriegerstolz der Germanen illustriert eine Episode aus dem Jahre 58 n. Chr. Damals erschie-
nen zwei Friesenfürsten als Gesandte ihres Stammes bei Kaiser Nero. Bei dieser Gelegenheit zeigte
man ihnen die Sehenswürdigkeiten von Rom und führte sie zuletzt ins Pompeius-Theater. Hier nah-
men sie in ihrer barbarischen Kluft unaufgefordert auf den Ehrensitzen der Senatoren Platz, was zu-
nächst im Auditorium Murren auslöste. Als sie erklärten, kein Volk der Erde übertreffe die Germanen
an Waffentüchtigkeit und an Treue zu Rom, da verwandelte sich das Buh-Rufen in Beifallklatschen.38
Ihre Kriegstüchtigkeit nahm man den Nordleuten ab, aber an Kunstsinn mangelte es ihnen. Einem Ge-
sandten der Teutonen zeigte man die Gemälde, die auf dem Forum ausgestellt waren. Darunter befand
sich ein meisterhaftes Bild von einem alten Hirten. Als man den Teutonen fragte, wie er das Werk
schätze, erklärte er, solch einen alten Kerl nähme er nicht einmal geschenkt.39
Das Bild der Germanen gewann im Laufe der hohen Kaiserzeit keine neuen Züge. Wohl aber än-
derte sich die politisch-militärische Bedeutung der Nordvölker für das Imperium, und zwar im kon-
struktiven wie im destruktiven Sinne. Die positive Seite lag in der wachsenden Integration germani-
scher Söldner ins Heer und germanischer Siedler ins Reich, die durch die Constitutio Antoniniana von
212 rechtlich zu Bürgern wurden. Der negative Aspekt bestand in der steigenden militärischen Gefahr
der äußeren Germanen für das Imperium seit den verheerenden Einbrüchen der Alamannen und Fran-
ken, Goten und Heruler im 3. Jahrhundert. Deleto paene imperio Romano heißt es bei Eutrop 40 zu den
Katastrophen des Jahres 260 n. Chr.
Erst mit der Spätantike wendete sich das Blatt noch einmal, und auch das Germanenbild gewann
neue Züge. Sie sind freilich so gegensätzlich wie die Funktionen der reichsverderbenden Reichsretter
im 4. und 5. Jahrhundert. Unsere beste Quelle, das Werk des Ammianus Marcellinus, geht oft auf die
Germanen ein. In der Forschung galt er lange als führender Kopf der germanenfeindlichen Richtung.
Als Schlüsselstellen galten die Passagen, wo Ammian die vom Hunger getriebenen Alamannen mit wil-
den Bestien vergleicht, die auf Raub ausgehen, wenn man sie zu füttern vergaß. Derartige Vergleiche
gibt es einige bei ihm, doch verwendet er dieselbe Raubtiermetaphorik ebenso für aufständische Legio-
näre oder Kämpfe unter Christen, so daß eher das Verhalten als die Gruppe charakterisiert wird. Eben-
sowenig ist Antigermanismus im Spiel, wenn Ammian für römischen Vertragsbruch gegenüber den
Germanen41 oder brutale Maßnahmen gegen sie42 Verständnis zeigt, denn das Reich stand in der De-
fensive.

35 Tac. ann. 2,9. 39 Plin. nat. 35,25.


36 Tac. ann. 2,88. 40 Eutr. 9,9.
37 Tac. Germ. 37,3. 41 Amm. 21,4,5.
38 Tac. ann. 13,54. 42 Amm. 31,16,8.

64 ALEXANDER DEMANDT
Im Hinblick auf die Germanen im Reichsdienst urteilt Ammian durchaus abgewogen. Einzelne
germanische Heerführer werden belobigt, andere sachlich beurteilt, nur ausnahmsweise wird der eine
oder andere getadelt, aber schwerlich unverdient. Die Tapferkeit germanischer Einheiten auf Seiten
Roms wird unumwunden anerkannt. Ihre Liebe zu dem von Ammian hoch verehrten Kaiser Julian
erkennt er daran, daß sie sich von ihm gegen ihre Gewohnheit zu Schanzarbeit einteilen ließen. Sonst
waren Erdarbeiten und ähnliches mit dem germanischen Kriegerstolz unvereinbar. Das gemahnt an
die Maxime im preußischen Heer: Die Garde gräbt nicht. Mehrere germanische Offiziere hat Julian
zu Heermeistern erhoben, einen, Nevitta, sogar zum ordentlichen Konsul, der höchsten Würde im
Reich. Daher ist schwer nachzuvollziehen, mit welchem Recht er seinen Onkel Constantin dafür tadelt,
Germanen zu Konsuln befördert zu haben. Diesen Widerspruch moniert Ammian,43 zumal Nevitta
den Kandidaten Constantins an Glanz, Erfahrung und Ruhm nicht gleichgekommen sei. Nevitta wird
als inconsummatus – ungebildet, als subagrestis – bäurisch, und vor allem als crudelis – grausam be-
zeichnet.
Unter Julians Nachfolger Valentinian gab es in den römisch-germanischen Beziehungen ein
romantisches Zwischenspiel in der Liebesaff äre zwischen Ausonius, dem Rhetor und Prinzenerzieher,
und dem Schwabenmädchen, das den Kosenamen Bissula trug. Ausonius nahm im Gefolge des Kaisers
Valentinian 368 oder später an einem der Feldzüge gegen die Alamannen teil und erhielt dieses Mäd-
chen als Beute. Es bescherte dem sechzigjährigen Witwer noch einen Liebesfrühling. Ausonius wid-
mete seiner Ziehtochter, seiner alumna, wie er sie nannte, ein Büchlein mit Gedichten,44 das er seinem
Freund Axius Paulus, einem Rhetor in Bordeaux, schickte. Er habe die Zweifel des Dichters, ob er seine
Verse veröffentlichen solle, gelöst wie einst Alexander den Gordischen Knoten, nämlich unerwartet und
kurzentschlossen. Dem Leser empfiehlt Ausonius, sich erst einmal ein Glas Wein einzuschenken, um
in die richtige Stimmung zu kommen, und wenn er darüber einschlafe, dann erscheine ihm Bissula als
die Traumfrau des Dichters. Wir erfahren sodann, daß Bissula jenseits des eiskalten Rheins nahe den
Donauquellen aufgewachsen ist; von der Hand des Römers gefangen, habe sie das Herz des Römers be-
zwungen, regiere sie nun das Haus ihres Herrn. Niemand mache ihr einen Vorwurf wegen ihrer Her-
kunft oder wegen ihres Schicksals, so daß sie nun die Vorzüge des Lebens im Reich genießen kann. Mit
ihren alamannischen blonden Haaren und blauen Augen bleibe sie eine echte Germanin. Blonde oder
rötliche Haare und blaue, mitunter trotzige Augen werden den Germanen auch von Tacitus45 und Juve-
nal46 bescheinigt. Doch indem Bissula Latein lernt, ist sie als Doppelwesen am Rhein wie in Latium da-
heim. Ausonius nennt sie seine Wonne, seinen Schatz, seine Liebe, die als Barbarin die schönsten
Frauen Roms beschämt. Klinge ihr Name für andere auch etwas bäurisch, sei er dem Herrn jedoch ent-
zückend. Ausonius mahnt einen Maler, mit Farben könne er ihre Schönheit nicht wiedergeben – dazu
müsse er aus allen Blumen den Honig verwenden.
Die Bissula-Idylle war indes kein Symptom für eine germanenfreundliche Grundstimmung der
Zeit überhaupt. Symmachus47 beklagt die Unverschämtheit von 29 gefangenen Sachsen, die für die
Gladiatorenkämpfe des Jahres 393 vorgesehen waren, sich aber in der Nacht vor dem Auftritt in der
Arena im Kerker das Leben genommen hatten, anstatt dem Volk von Rom die Freude des tödlichen
Spektakels zu gönnen. Symmachus mußte daher auf afrikanische Bären zurückgreifen.
Die Ammian zu Unrecht unterstellte Germanenfeindlichkeit findet sich wenig später tatsächlich in
der Politik wie in der Literatur. Mehrere hochrangige Reichsgermanen wurden Opfer der nationalrömi-

43 Amm. 21,10,8. 45 Tac. Germ. 4.


44 Aus. Bissula 9. 46 Iuv. 13,164f.
47 Symm. epist. 2,46.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 65


schen Reaktion gegenüber den Fremden. An ihrer Spitze ist Stilicho zu nennen, Schwiegersohn und
Schwiegervater von Kaisern, dreizehn Jahre Regent des Westens. Als Motiv wirkte Fremdenfeindlich-
keit gegenüber den nordischen Barbaren.48
Erstaunlich sind die antigermanischen, man möchte sagen: rassistischen Auslassungen von Kir-
chenvätern und anderen christlichen Autoren gegen die Germanen, unangesehen der Lehre von der
Chancengleichheit aller Menschen im Jüngsten Gericht. Schon Lactanz49 vermißte bei den Barbaren
Humanität, Ambrosius50 betrachtet sie als Wilde, Prudentius erachtet sie als nicht kulturf ähig, die heid-
nischen Götzen seien für sie gerade noch gut genug, zwischen Barbaren und Römern klaffe ein Abgrund
wie zwischen Vierfüßlern und Menschen.51 Für manche Autoren reicht auch die Christianisierung nicht
hin, um aus germanischen Barbaren Kulturmenschen zu machen, das zeigen einschlägige Äußerungen
von Orosius,52 Victor Vitensis53 und Fulgentius.54 Synesios nannte die Germanen schlicht „Wölfe“.55
Was den Germanen fehle, so Sidonius,56 sei nicht die Bibel, sondern Vergil. In der Tat war die Welt
der Bücher nicht die der Germanen. Als eine Gruppe von Ostgermanen im Jahre 269 Athen erobert
hatte, machten sie sich einen Spaß daraus, die Buchrollen aus den Bibliotheken auf den Markt zu häu-
fen, um sie zu verbrennen. Da mahnte ein weiser Alter ihren Anführer, das bleiben zu lassen. Denn mit
den Büchern vertrödelten die Römer ihre Zeit und vernachlässigten die Kriegsübung, und genau das
könne den Germanen nur recht sein. Der Alte hatte Erfolg, denn anderenfalls wäre die Episode von Pe-
trus Patricius57 nicht überliefert.
Zur dominant abschätzigen Beurteilung der Germanen durch die Kirchenautoren gibt es jedoch
eine erklärte Gegenposition bei dem gallischen Presbyter Salvianus von Massilia. In seiner Schrift
De gubernatione Dei von 440 erklärt er die Not des Reiches aus den Lastern der Römer und stellt ihnen
in mahnender Absicht die unverdorbenen, tugendhaften Germanen gegenüber. Deren Bild ist gewiß
ebenso ins Positive überzeichnet wie das zuvor skizzierte ins Negative, rückt aber die Bilanz zurecht.
Salvian verweist auf den Zulauf, den die ins Reich eingedrungenen Germanen erleben. Zahlreiche
Provinzalen schlössen sich ihnen an, um der rücksichtslosen Steuereintreibung zu entgehen.58 Bei den
Barbaren f änden sie römische Humanität, während sie bei den Römern barbarische Inhumanität er-
dulden müßten.59 Salvian kehrt den Vorwurf mangelnder humanitas einfach um und entschuldigt die
arianische Ketzerei der Germanen damit, daß es ja die Römer waren, die ihnen die falsche Lehre beige-
bracht haben. Und gibt es nicht auch im Reich jede Menge Häresien?60 Dem Zwist unter den Römern
stellt er die germanische Eintracht gegenüber,61 vielleicht ein wenig optimistisch.
Salvian ist nicht blind für die Fehler der Germanen. Die Sachsen sind wild, die Franken treulos, die
Gepiden unmenschlich, die Alamannen trunksüchtig und die Alanen räuberisch. Aber alle diese üblen
Eigenschaften findet er bei den Römern ebenso, ja in noch höherem Grade.62 Denn deren Luxusdasein
fördert die Laster, die dem einfachen Leben der Germanen abgehen. Insbesondere wettert er gemäß der
christlichen Sexualphobie gegen die lasziven Schaustellungen auf dem Theater, die zu Hurerei, Ehe-

48 Oros. 7,38,1. 54 Fulg. Mythologiae 1,17.


49 Lact. inst. 1,21. 55 Synes. De regno 19.
50 Ambr. epist. 19; 24,8; 30,8. 56 Sidon. epist. 1,8; 4,1.
51 Prud. Libri contra Symmachum 2,816f.: Sed tantum di- 57 FHG IV 196.
stant Romana et barbara quantum / Quadrupes abiuncta 58 Salv. gub. 5,17f. u. 28ff.
est bipedi, vel muta loquenti. 59 Salv. gub. 5,21.
52 Oros. 7,35,19. 60 Salv. gub. 5,14.
53 Victor Vitensis, Historia persecutionis Africanae Provin- 61 Salv. gub. 5,15.
ciae 3,62. 62 Salv. gub. 4,67f.

66 ALEXANDER DEMANDT
bruch und sonstigen Ausschweifungen verführten.63 Derartiges kennen die Germanen nicht, sie wer-
den im Vergleich zu den Römern als keusch und züchtig beschrieben. Im Reich rühmen sich Schür-
zenjäger ihrer Erfolge, aber bei den Goten, Sachsen und Vandalen werden sie verachtet.64 All dies klingt
ganz ähnlich wie bei Tacitus. Hier kann mithin kein christliches Askese-Ideal das Germanenbild ge-
schönt haben. Wenn Tacitus das Ende des Imperiums durch die Germanen befürchtet hat, so wird eben
dies durch Salvian festgestellt und mit deren Sittenreinheit begründet. Wir sollen uns nicht wundern,
schreibt er, wenn wir von ihnen im Felde besiegt werden, da sie uns an Ehrbarkeit überlegen sind.
Das Bild, das die antiken Autoren von den Germanen entworfen haben, ist im Mittelalter weithin
in Vergessenheit geraten. Im Jahre 1009 ist niemand auf den Gedanken gekommen, eine Tausendjahr-
feier für Arminius zu begehen. Dennoch waren die Germanen bei einzelnen Geistlichen präsent. Kron-
zeuge ist der unbekannte Autor des Annoliedes, der um 1080 den bedeutenden Kölner Erzbischof und
Tutor Heinrichs IV. in einem mittelhochdeutschen Gedicht verherrlichte, das er mit einem weltge-
schichtlichen Rückblick einleitete. Als Caesar, so lesen wir, nach Unterwerfung der Franken nach Rom
zurückkehren wollte, da wollte man von ihm nichts wissen. Da begab er sich wieder in die „deutschen
Lande“, wo er so viele treffliche Helden kennengelernt hatte. Mit ihnen vertrieb er seine Gegner aus
Rom und besiegte Pompeius. Dann belehrte und beschenkte er seine „deutschen Mannen“, die fortan
in Rom lieb und wert waren. Die Germanen werden hier selbstverständlich als ,die alten Deutschen‘ be-
handelt, wie es bis zu Theodor Mommsen und Friedrich Engels üblich war.
Die breitenwirksame Rezeption des römischen Germanenbildes begann im späten 15. Jahrhundert
mit dem Humanismus65. Die Werke des Tacitus hatten in Fulda und Corvey überwintert, 1470 erschien
die Germania in Venedig, drei Jahre danach in Nürnberg. Der große Humanist und spätere Papst Pius
II., Enea Silvio Piccolomini, verfaßte seinerseits eine Germania und erinnerte nach dem Fall von Kon-
stantinopel auf dem Frankfurter Fürstentag die Deutschen an ihren von Tacitus gerühmten Kriegsgeist,
um sie zum Türkenkrieg zu bewegen. Die deutschen Humanisten waren stolz auf das wohlwollende
Germanenbild des Tacitus. Jakob Wimpfeling († 1528) aus Sélestat, damals Schlettstadt, verfaßte eine
Germania, die gegen den französischen Anspruch auf das Rheinufer den germanisch-deutschen Cha-
rakter des Elsaß dartun sollte. Konrad Celtes versuchte sich an einer Theodoriceis, einem deutschen Na-
tionalepos über Theoderich den Großen in Anlehnung an Vergils Aeneis. Luther erklärte in seinen Tisch-
reden,66 er habe den Arminius, den er Hermann nannte, „von Herzen lieb“, und sah in ihm einen
Vorkämpfer gegen Roms Ansprüche auf Deutschland. Ulrich von Hutten schrieb ein Streitgespräch
zwischen Alexander, Hannibal, Caesar und Arminius, in dem letzterer bewies, daß er der größte aller
Feldherren sei, da er ja die Römer bezwungen habe, die ihrerseits die Griechen überwunden hatten.
Im Jahre 1690 erschien in zwei Folianten der monströse Roman des Kaiserlichen Rats Daniel
Kaspar von Lohenstein aus Breslau mit über dreitausend zweispaltigen Seiten unter dem Titel Groß-
müthiger Feldherr und tapfferer Beschirmer der deutschen Freyheit Arminius oder Herrmann nebst seiner
durchlauchtigen Thußnelda. Der Roman wimmelt von Exkursen und Fußnoten, kombiniert extensive
Gelehrsamkeit mit blühender Phantasie, er verschlüsselt Zeitgeschichte und schwelgt in deutschpatrio-
tischem Germanentum. Lohensteins Huldigung an die „alten Deutschen“ fand Anklang und Nach-
folge. Dreißig Oratorien und Opern waren Arminius gewidmet, Händels Arminio hatte am 12. Januar
1737 im Londoner Covent Garden Opera House Premiere.

63 Salv. gub. 6,17ff. 65 S. zum Folgenden auch den Beitrag von K. Kösters im
64 Salv. gub. 6,35; 7,24ff.; 64; 84ff.; 91; 97ff. vorliegenden Band.
66 WA TR 3,329; 5,415.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 67


1772 wurde unter der alten Eiche von Weende der Göttinger Hainbund gestiftet, dessen geistiger
Vater der hochgefeierte Hamburger Dichter Klopstock war. Er hat das verklärte Germanenbild der Rö-
mer aufgegriffen und mit seinen pathetischen Bardengesängen den Germanenkult der Romantik be-
gründet. Ihm huldigte Kleist mit seiner gegen Napoleon gerichteten Hermannsschlacht. Heine nannte
1835 die Deutschen der Freiheitskriege „Enkel des biderben Arminius und der blonden Thusnelda“.
Arminius hatte sie – bei Kleist „Tussi“ genannt –, in ‚Raubehe‘ gewonnen, denn sein Schwiegervater Se-
gestes stand auf Seiten Roms. Er bekam schließlich seine Tochter und deren Söhnchen in seine Gewalt
und lieferte sie den Römern aus. Beim Triumphzug des Germanicus 17 n. Chr. wurden sie mitgeführt.67
Der Stolz auf das Wort des Tacitus vom „Befreier Germaniens“ spricht aus dem Hermannsdenk-
mal bei Detmold. Nachdem Fürst Leopold von Lippe-Detmold den Bauplatz auf der Grotenburg zur
Verfügung gestellt hatte – die Funde von Kalkriese waren noch nicht gemacht –, bildeten sich Förder-
vereine in Detmold, München und Hannover. Die Schuljugend spendete, König Georg V. von Hannover
und der Preußenkönig Wilhelm I. standen nicht abseits. Der Baumeister Ernst von Bandel selbst
brachte sein Vermögen ein. Die letzte Rate zahlte nach vollendeter Einheit der Reichstag 1871, so daß
1875, nach 37-jähriger Bauzeit, das Monument im Beisein des Kaisers eingeweiht werden konnte. Der
Baedeker von 1905 bemerkt, daß Armins sieben Meter langes Schwert ein Geschenk von Friedrich
Krupp gewesen sei, daß der Held aus Kupfer und Eisen 76565 Kilo wiege und daß die Bronze der Re-
lieftafel für Kaiser Wilhelm I., den „neuen Arminius“, von einer erbeuteten französischen Kanone
stamme68.
Die Germanomanie des 19. Jahrhunderts, wie sie etwa aus Richard Wagners Ring des Nibelungen
spricht, war gleichwohl kein rein deutsches Phänomen. Das zeigen Autoren wie Gobineau in Frank-
reich und Carlyle in England. Auch alle Parteien waren germanophil: die Demokraten mit Jakob
Grimm, die Liberalen mit Theodor Mommsen, die Nationalisten mit Felix Dahn und last not least die
germanenbegeisterten Sozialisten mit Ferdinand Lassalle und Friedrich Engels. Der Germanenkult vor
1945 führte danach zu einer Tabuisierung des Themas in der Öffentlichkeit, doch hat sich das nun mit
dem Zweitausendjahresjubiläum geändert. Selbst der Spiegel titulierte die „Geburt der Deutschen“ im
Teutoburger Wald.
Angesichts der neuerlichen Aktualität des Germanenthemas erhob sich die Frage nach der Konti-
nuität im deutschen Nationalcharakter. Insbesondere ging es darum, welche der von den antiken Auto-
ren überlieferten Eigenschaften der Germanen überdauert hätten. Die beiden dominanten Charakter-
züge der Germanen waren, wie wir sahen, ihr Freiheitswille und ihr Kampfgeist. Beide Eigenschaften
haben sich in der germanisch geprägten Welt über die Antike hinaus erhalten. Der Freiheitsgedanke
zeigt sich am deutlichsten in England, wo er in der Form des Liberalismus von der Magna Charta Liber-
tatum aus dem Jahre 1215 bis heute lebendig ist. Aber auch in Frankreich haben Montesquieu und Gui-
zot die Freiheitsidee aus dem fränkischen Erbe abgeleitet. Das Kriegertum hingegen durchsäuerte die
deutsche Seele, und zwar bis 1945 im eigentlichen Sinne; danach, aber auch schon zuvor, außerdem in
Eigenschaften, die das Zivilleben prägen, aber irgendwie aus dem Militärischen abgeleitet sind. Dazu
zählt der Aktionsdrang: Der Deutsche ‚krempelt die Ärmel hoch‘; weiterhin der Durchhaltewille: Der
Deutsche ‚gibt nicht klein bei‘; und schließlich die Gefolgschaftstreue: Der Deutsche respektiert seine
Obrigkeit.

67 Strab. 7,291f.; s. auch zur künstlerischen Verarbeitung 68 Zum Denkmal s. den Beitrag von H. Barmeyer im vor-
der Szene den Beitrag von W. Beyrodt im vorliegenden liegenden Band.
Band.

68 ALEXANDER DEMANDT
Das lateinische Wort socius stammt von sequor – folgen; socius ist der Gefolgsmann. Der soziale Ge-
danke hat zumal eine germanische Wurzel. Soziales Bewußtsein bezeichnet die Solidarität innerhalb
der Gruppe. Nicht zuf ällig waren die Sozialisten Marx und Engels Deutsche. Sie haben das soziale Prin-
zip auf die Spitze getrieben, das in dieser oder jener Form in Deutschland von allen Parteien, allen Kon-
fessionen vertreten wurde und vertreten wird. Seit sechzig Jahren kommt glücklicherweise auch der
Freiheitsgedanke wieder zu Ehren. Seitdem haben die soziale und die liberale Idee gleiches Gewicht,
doch reicht ihr Ursprung über zweitausend Jahre zurück, quod erat demonstrandum.

DAS BILD DER GERMANEN IN DER ANTIKEN LITERATUR 69


70 ALEXANDER DEMANDT
Dagmar Beate Baltrusch

Und was sagt Thusnelda?


Zu Macht und Einfluß germanischer Frauen

In den neueren Publikationen zur Varusschlacht gibt es kaum einen historischen Aspekt, der nicht
genauer untersucht worden wäre: Römer und römische Stützpunkte, Germanen und ihre Siedlungen,
Gräber, Waffen, Schlachtfelder, Arminius und Varus, das Nachleben der beiden und vergleichbares.
Was aber hören wir über die germanischen Frauen, was über Thusnelda, die Frau des Arminius?
Nichts – warum? Thusnelda sagte nichts, so überliefert es Tacitus. Als ihr römerfreundlicher Vater
Segestes nach der Varusschlacht auf seine Bitten hin von den Römern unter Germanicus aus den Hän-
den seiner Stammesgenossen befreit wurde, übergab er Thusnelda „unter Zwang“ – necessitate – seinen
römischen Befreiern.1 Trotzdem aber erhob die Tochter weder flehend ihre Stimme, noch war sie von
Tränen übermannt, legte nur ihre Hände zusammen und betrachtete ihren schwangeren Leib. Später
wurde sie nach Rom fortgeschickt und gebar dort einen Sohn.2 Obwohl beide nicht feindselig behandelt
worden sein sollen,3 wurde Thusnelda aber später, wie der Geograph Strabon berichtet, zusammen mit
dem inzwischen dreijährigen Thumelicus als Gefangene bei einem glänzenden Triumphzug des Ger-
manicus den Römern vorgeführt. Der Vater Segestes schaute diesen Triumph als Zuschauer an – er war
rechtzeitig zu den Römern übergelaufen.4 Das sind, in Kürze, die Nachrichten über die Frau des Armi-
nius. Doch obwohl Tacitus, der die Akteure dieser Zeit am genauesten beschreibt, Thusnelda nicht mit
einer Rede überliefert – es ist ja durchaus denkbar, daß er genaue Informationen hatte und wußte, daß
sie geschwiegen hatte –, macht er dennoch deutlich, daß sie eine eigene und vom Vater abweichende
Meinung gehabt haben muß. Ganz offensichtlich hatte Thusnelda bereits gegen den Willen ihres Va-
ters gehandelt, als sie sich mit Arminius zusammentat, denn sie war bereits einem anderen verspro-
chen gewesen,5 und anders als ihr Vater war sie gegen die Römer: mariti magis quam parentis animo, wie
ihr Vater, laut Tacitus, seinen Befreiern gegenüber eingesteht.6 Diese Zipfelchen an Information, daß
Thusnelda aktiv gegen den Willen ihres Vaters gehandelt hatte und auch mehr die Gesinnung ihres
Ehemannes zeigte, soll der Ausgangspunkt unserer Frage nach dem politischen Einfluß, der Macht und
Autorität germanischer Frauen im ersten Jahrhundert nach Christus sein. Was wissen wir eigentlich
von den Frauen dieser Zeit?
Von den Germanen selbst haben wir keine schriftlichen Quellen, sie bewahrten ihre geschichtliche
Überlieferung in mündlich tradierten Heldenliedern auf,7 und hätten wir nicht die Werke des Tacitus,
würden wir uns wundern, wie sich kleinere und größere Stämme überhaupt je bilden konnten – denn
eines haben die frühen Sueben wie die späteren Franken in nahezu allen römischen und griechischen
Quellen gemein: Sie bestehen im Grunde nur aus Männern. In den Berichten des 2. bis 4. Jahrhunderts
tauchen germanische Frauen als Individuen gar nicht mehr auf, als Gattung nur noch selten. In einem
Brief des Kaisers Julian von 361 lesen wir: „… ich, Kaiser, Julian, vertrieb die Chamaven (am Nieder-

1 Tac. ann. 1,58,4. 7 Tac. Germ. 2,2; von Arminius sagt Tacitus ann. 2,88,2:
2 Tac. ann. 1,57,4 und 1,58,6. canitur … adhuc barbaras apud gentes; die m.E. immer
3 Tac. ann. 2,10,1. noch beste Einführung in das Thema geschichtliche
4 Strab. 7,1,4. Überlieferung in der Heldendichtung allgemein ist Lord
5 Tac. ann. 1,55,3: alii pacta, „die Braut eines anderen“. (1960); überblicksartig zu den germanischen Helden-
6 Tac. ann. 1,57,4. sagen Wamers (1987).

UND WAS SAGT THUSNELDA? 71


rhein) und nahm viele Rinder, sowie Weibsbilder mit ihren Kindern als Beute“.8 Diese Reihung finden
wir häufig in den Quellen, Frauen als Beute, zusammen mit dem Vieh. Eine von den abertausenden der
Beutestücke kennen wir mit Namen – Bissula, blondhaarig und blauäugig, als Kriegsbeute (bellica
praeda) dem Dichter Ausonius nach dem Alamannenfeldzug von 368/9 übergeben – sie hat ihn zu
allerhand Dichterwerk angeregt.9
Auch in der historischen Literatur tauchen die germanischen Frauen – als Individuen wie als Gat-
tung – selten einmal auf,10 und in dem drei Bände umfassenden Ausstellungswerk zur Varusschlacht11
kann man zu ihnen ebenfalls nichts finden – wir lesen vielmehr: „Der eigentliche Akteur im histori-
schen Prozess und damit sein Protagonist, war der germanische Krieger.“12 Mit anderen Worten: Män-
ner machen Geschichte. Und mit Jane Austens Romanfigur Catherine Moreland aus Northangar Abbey
vom Anfang des 19. Jahrhunderts müssen wir immer noch seufzen: wars in every page; the men all so good
for nothing, and hardly any women at all.
In den letzten 30 Jahren ungef ähr hat sich dies ein wenig geändert – wenn wir jetzt die Ausstel-
lungsbände einmal beiseite lassen –, meist bleiben die Historiker aber bei der Nacherzählung der Quel-
len stehen, oder aber, falls die Barbarenfrauen dieser Zeit einmal nicht nur in der typischen Reihung
‚Vieh, Weiber, Kinder‘ auftauchen, bezweifeln sie den Wahrheitsgehalt der Nachrichten des Tacitus. Er
hätte die Barbarin an und für sich überhöht, um den Römerinnen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhal-
ten; dann müßten wir allerdings annehmen, er hätte die Stellung der Frauen in den germanischen
Stämmen positiv gewertet – sollten die Römerinnen wirklich werden wie die Germaninnen? In jedem
Fall seien seine Nachrichten Fiktion, ethnographisches Geschwätz, mit einem Wort: Germanenlatein.13
Das Unvermögen, vielleicht sogar der Widerwille, sich vorzustellen, daß Frauen in ‚barbarischen‘ Ge-
sellschaften nicht unterdrückt waren (oder sind), etwa gar irgendeinen Einfluß, politische Macht oder
Autorität gehabt haben sollen (oder haben), geht bis in die Übersetzungen der lateinischen Texte hinein,
in denen bis in die jüngste Zeit mulier oder femina mit dem in unserem Sprachempfinden abwertenden
‚Weib‘, nicht mit ‚Frau‘ wiedergegeben wurde.14 Von Veleda, auf die ich noch ausführlich zu sprechen

18 P« « λ       in Methode – an und für sich bereits zweifelhaft – ist inso-
einem Brief an den Rat und das Volk der Athener (Iul. fern noch weniger zu begrüßen, als sie die Zeugnisse
epist. 278D–280D). Hier wirklich verächtlich das säch- zur Geschichte der Frauen völlig isoliert betrachtet und
liche   (!); anders als in der dt. Übersetzung von nicht im Zusammenhang mit den sonstigen Zeugnis-
Goetz, Patzold u. Welwei (2006/7) I, 265; dazu unten sen zur Struktur des Stammes, zur Ausübung von
Anm. 14. Macht bzw. Autorität innerhalb und außerhalb dessel-
19 Aus. Bissula 3: … Germana maneret / ut facies, oculos cae- ben; auch der Herausgeber der Germania, Much (1967),
rula, flava comas. interpretiert ähnlich einseitig, dazu unten S. 78/9 mit
10 Durch nahezu völlige Abwesenheit von Frauen glänzt Anm. 61. In anderen Zusammenhängen aber wird die
auch Herrmann (1988) hier 532. historisch zuverlässige Arbeitsweise des Tacitus beson-
11 Imperium (2009); Konflikt (2009); Mythos (2009). ders gelobt, dazu z.B. Giardina (2008) 34.
12 Burmeister (2009) 26. 14 Als Beispiele für diese durchgängig geübte Praxis mö-
13 Beispiele sind unter vielen anderen Bruder (1974), der gen hier einige Beispiele aus Übersetzungen mittelalter-
das germanische Frauenbild besonders des Tacitus, aber licher Quellen genügen: Reinhold Rau (in: Quellen zur
auch anderer antiker Autoren, verzeichnet sieht, die ge- karolingischen Reichsgeschichte [FrStGA] Bd. 2, Darmstadt
sellschaftlich bedeutende Stellung der Frau zur Zeit des 1980, 342/3, 198/9 und 136/7): Annales Xantenses s.a.
Tacitus als Fiktion betrachtet und allein aus „ethnogra- 837 (feminae) bzw. Annales Bertiniani s.a. 869 (mulieres),
phischer Tradition, politischer oder moralischer Ten- jeweils übersetzt als „Weiber“, allerdings vgl. ibid. s.a.
denz und dichterischer Intuition zu erklären“ (184) 864 (sanctimoniales ceteraeque feminae: „Nonnen und an-
sucht; Bruder, für den erst die Wikingerzeit und das dere Frauen“[!]); oder Werner Trillmichs Übersetzung
Christentum den Frauen eine wichtigere gesellschaft- von Rimberts Vita Anskari (in: Quellen des 9. und 11. Jahr-
liche Position verschafften, vergleicht jedoch lediglich hunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des
die antiken Quellenaussagen untereinander; sofern er Reiches [FrStGA], Darmstadt 1978, 115): mos est femina-
für eine Aussage keine Bestätigung durch eine andere rum: „nach Weiberart“; und oben Anm. 8.
Quelle findet, f ällt sie als Beweis fort (123–125); diese

72 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


kommen werde, berichtet Tacitus late imperitabat, also „sie herrschte weithin“;15 zugestanden wird ihr in
den Übersetzungen von Joseph Borst und neuerdings von Sabine Tausend aber nur, daß sie „weithin
über die Geister (!) geherrscht“,16 von Goetz, Patzold und Welwei immerhin, daß sie „Einfluß ausge-
übt“ habe.17
Bevor ich nun den Beweis antrete, daß Frauen dieser Zeit nicht nur nicht unterdrückt waren, son-
dern vielmehr Einfluß, Macht und Autorität besaßen und zwar innerhalb ihrer Sippen, in ihren Stäm-
men sowie über diese hinaus, möchte ich noch zwei Vorbemerkungen machen:
1.) Die Germanen glaubten von sich selbst, einer Abstammungsgemeinschaft anzugehören, zu-
mindest läßt Tacitus sie so argumentieren.18 Moderne Sprachforscher, Archäologen und Historiker fin-
den daran viel Unglaubwürdiges und stellen fest, daß es die Germanen (und damit auch Germanien) in
diesem Sinn nicht gegeben haben kann,19 weshalb man sie korrekterweise als ‚Barbaren germanischer
Zunge‘, oder zumindest ‚Germanen‘ und das von ihnen bewohnte Land als Barbaricum bezeichnen
müßte.20 Andererseits gibt es eine große Begeisterung über die Möglichkeiten der Ahnenforschung im
Genlabor, darüber, daß man mittels Genanalyse feststellen lassen kann, welcher Herkunft man selbst
ist, ja gar welchem ‚Urvolk‘ – Germanen, Kelten oder anderen – man angehört.21 Für die hier vorlie-
gende Fragestellung ist beides nicht von Bedeutung, und ich vermute, daß die ‚Barbaren germanischer
Zunge‘ nicht im Geringsten von intellektuellen Selbstzweifeln über ihre Abstammung geplagt waren.
Die Stellung der Frauen und ihre politische Rolle hängt vom Aufbau der Gesellschaft und der Organi-
sation ihres Zusammenlebens ab sowie von den Wertvorstellungen und dem Glauben der Menschen,
davon, was sie über sich selbst dachten sowie von ihren Lebensbedingungen und -umständen. Von die-

15 Tac. hist. 4,61,2; zu Veleda siehe unten S. 85f. und passim. gesprochen wird; Notker, Gesta Karoli I.17 (MGH SS rer.
16 Borst (1984) 496. Trotz anderen Anspruchs mit gleicher Sanggallensium 738.13–14), wo Notker von einem Bistum
Übersetzung S. Tausend (2009) 163 („Wir erfahren in prima Germaniae sede spricht; rex Germaniae ist bei-
demnach, dass eine Jungfrau … weithin über die Geister nahe durchgehend Ludwig, der Sohn Ludwig des From-
herrschte“). men, z.B. in den Annales Bertiniani s.a. 864 (MGH SS
17 Goetz, Patzold und Welwei (2006) II, 221. rer. Germ. in usum scholarum Bd. 1, 465.31 und 466.18);
18 Dazu vor allem der Bericht über den Bataveraufstand, Der Begriff populus Germanicus bzw. populi Germanici in
hist. 4,14,4; 17,1–4; 28,1; 65,1 et passim, in dem Tacitus den Annales Fuldenses s.a. 873, 877 und 880 (MGH SS
den Civilis mehrmals auf die consanguinitas der Bataver rer. Germ. in usum scholarum Bd. 7, 79, 90 und 96) sowie
mit den übrigen Germanen eingehen läßt, sowie vor al- in den Annales Bertiniani s.a. 839 (MGH SS rer. Germ.
lem in Civilis’ Abgrenzung von den Galliern, hist. 4,61,1. in usum scholarum Bd. 1, 433.2); dies nur eine kleine
19 Dazu im Überblick Pohl (2004), der – wie viele andere – Auswahl einschlägiger Quellen zur unhaltbaren Be-
meint, daß der Germanenname für die Völker jenseits hauptung von Pohl.
des Rheins und oberhalb der Donau als Fremdbezeich- 20 Von Carnap-Bornheim (2008) 77 bezeichnet das von
nung in der Spätantike aus der Mode kam und erst Germanen besiedelte Gebiet, wie jetzt in vielen Publika-
durch die Humanisten wieder „ins Zentrum der Debat- tionen üblich, als „Westliches Barbaricum … Kernraum
ten“ kam (1); als mittelalterliche Quelle gilt für ihn nur germanischer Gentes“; außerdem sehr ausführlich dazu
Otto von Freising im 12. Jahrhundert (!), bei dem er ein und letztendlich unergiebig Dick (2008) insb. 1–25;
Mal fündig wird (5); bei Autoren des frühen Mittelalters ganz anders jedoch K. Tausend (2009).
war die Benennung dieses Gebietes als Germania, des 21 Es gibt unzählige Internetseiten zum Thema Gentest;
Königs über dieses Gebiet als rex Germaniae und des dazu eine Meldung von Welt online Wissen vom 25. No-
Volkes als populus Germanicus jedoch keineswegs außer vember 2007: 50 Prozent der deutschen Frauen, aber nur
Gebrauch; nur einige Beispiele hierfür: Beda Venerabi- 6 Prozent der Männer hätten „germanische Vorfahren“
lis, Historia Ecclesiastica gentis Anglorum III,13 bzw V,9: (ohne Angabe der Anzahl untersuchter Proben!); wirklich
Quarum in Germania plurimas noverat esse nationes, a qui- außerordentlich eine Meldung vom Juli 2008, daß man
bus Angli et Saxones, qui nunc Brittaniam incolunt, genus mittels DNA-Analyse die Verwandtschaft zweier Män-
et originem duxisse noscuntur; Einhard, Vita Karoli Magni ner mit den Überresten bronzezeitlicher Menschen aus
c. 15 (MGH SS rer. Germ. in usum scholarum Bd. 25, der am südwestlichen Harzrand gelegenen Lichtenstein-
18.23–26) lokalisiert Germanien zwischen Rhein und höhle feststellen konnte; als Einstieg in diesen Zweig der
Weichsel, Donau und Meer; Annales regni Francorum s.a. Diskussion siehe Sykes (2001), der nach den Ergebnissen
794 (MGH SS rer. Germ. in usum scholarum Bd. 6, 94) seiner Forschungen die Meinung vertritt, daß nahezu alle
wo von Bischöfen aus Gallien, Germanien und Italien Europäer von lediglich sieben Urmüttern abstammen.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 73


sen Tatbeständen – soweit sie rekonstruierbar sind – muß diese Untersuchung ausgehen. Unser Ver-
ständnis von der Stellung der Frauen wird durch die Benennung der Menschen – ob nun mit oder ohne
Gänsefüßchen – weder erweitert noch eingeschränkt. Die in den Quellen als Germanen bezeichneten
Menschen mit dem pejorativen Begriff Barbaren und das von ihnen bewohnte Land als Barbaricum22
zu bezeichnen, wird zu unseren Kenntnissen und Einsichten zweifelsohne auch nicht das Geringste
beitragen.
2.) Im Wesentlichen betrachte ich den Zeitraum des 1. Jahrhunderts nach Christus. Ein gelegent-
licher vergleichender Blick vor diese Zeit bzw. in das Frühmittelalter hinein möge gestattet sein.
Die antiken Autoren berichteten nur wenig und Schlaglichtartiges über die Frauen. Caesar23 und
Ammianus Marcellinus24 setzten sich mit den Germanen im wesentlichen nur als Militärs auseinan-
der, beleuchteten deshalb innerstämmische Angelegenheiten so gut wie gar nicht. Tacitus hingegen er-
zählt einiges, vor allem in der Germania, den Historien und den Annalen. Für ihn war allerdings die
Herrschaft einer Frau so gänzlich verächtlich, daß er über den im äußersten Nordosten lebenden
Stamm der Suithonen, der unter der Herrschaft einer Frau gestanden haben soll, ausrief: „so tief sind
sie nicht nur unter die Freiheit sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken“.25 Tacitus’ Abnei-
gung gegen weibliche Herrschaft bezog sich selbstverständlich nicht nur auf Germaninnen, sondern
schloß alle Frauen der Welt, auch die Römerinnen, mit ein.26 Daher war für ihn jede Form weiblicher
Beteiligung am Gemeinwesen oder am politischen Leben nicht nur nicht erwähnenswert – er sah sie
gar nicht; es sei denn, die Frauen machten den Römern Schwierigkeiten durch ihre Herrschaftsaus-
übung, dann wurden sie erwähnt – wie beispielsweise die Königinnen Cartimandua und Boudicca in
Britannien, unter deren Befehl die keltischen Stämme der Briganten und Icener gegen die Römer zo-
gen,27 oder die germanische Seherin Veleda, auch sie ein Ärgernis durch ihre Herrschaftsansprüche
und -ausübung. In keinem Fall war die Traumfrau (nicht nur) römischer Geschichtsschreiber diejenige,
die selber Befehlsgewalt hatte oder nach ihr griff, sondern diejenige, wie Ammianus forderte, die mit
weiblicher Sanftmut – cum lenitate feminea – den Mann auf den richtigen politischen Weg brachte – falls
er überhaupt je davon abgewichen war.28
Um den Anteil der germanischen Frauen am politischen Leben zu bestimmen, will ich zunächst
die sozialen Beziehungen innerhalb der Stämme betrachten, durch die grundsätzlich der Zusammen-
halt ihrer konstituierenden Elemente erst möglich ist, sowie Macht und Autorität, die sich aus diesen
Beziehungen ergaben. Anders als bei den Römern waren familiae et propinquitates,29 also Familien und

22 So durchgängig abwertend bei Zosimus; als Beispiel 25 Tac. Germ. 45: in tantum non modo a libertate sed etiam a
zum Jahr 380 (4,30,3): „Die Barbaren marschierten servitute degenerant.
ohne jede Disziplin und benahmen sich auf den Märk- 26 Vgl. als Beispiel ann. 14,11,1, wo Tacitus es als dedecus
ten nach ihrem Belieben“ (Übers. Goetz, Patzold u. Wel- für den Senat und das Volk von Rom bezeichnet, wenn
wei, [2006] II, 153); der Begriff Barbaricum ist ebenfalls Neros Mutter Agrippina es hätte erreichen können,
eine Fremdbezeichnung, darüber hinaus pejorativ ge- sich von den Prätorianerkohorten den Treueid leisten zu
braucht und spätantik, so z.B. von Amm. 17,12,21 oder lassen.
27,5,6 – warum sollte man ihn dann Caesars Bezeich- 27 Tac. hist. 3,45 und ann. 14,31,1 und 35,1; in Agr. 16,1 sagt
nung Germania vorziehen und für das erste Jahrhundert er, daß sie im Oberbefehl „nicht nach Geschlecht unter-
benutzen? scheiden“; s. auch unten.
23 Caesar hatte nur wenig Einsicht in germanische Verhält- 28 Amm. 14,1,1–8, wo er der Frau des Caesar Gallus vor-
nisse im Vergleich zu den gallischen; lediglich in seinem wirft, sie hätte ihren Gatten „doch eher mit weiblicher
Bericht über den Krieg gegen Ariovist (Gall. 1,32–54) Sanftmut auf den Weg der Wahrheit und Menschlich-
bzw. in seinem Germanenexkurs (Gall. 6,21–28) gibt er keit zurückführen müssen“, anstatt ihm Gehilfin auf
einige Anhaltspunkte. dem Weg in den Abgrund zu sein.
24 Innergermanische Verhältnisse werden von Ammianus 29 Tac. Germ. 7.
Marcellinus so gut wie gar nicht berührt.

74 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


Verwandtschaft die konstitutiven Elemente der gentes und bildeten die Grundstruktur des Stammes; sie
waren ohne Zweifel der bestimmende Faktor des täglichen Lebens. Die propinquitates zählten die Ver-
wandtschaft durch Vater und Mutter, hatten also keine clan-Struktur,30 sondern stellen eine Sippe im De-
finitionssinn dar. Die Schlachtenreihen waren nach Stämmen und innerhalb dieser nach Familien und
Sippen geordnet. Die Gesamtheit der Sippe (universa domus) trat als Empf ängerin der Kompensation
für Vergehen wie z.B. einen Totschlag hervor, ebenso mußten die Freundschaften und die Feindschaf-
ten des Vaters wie der übrigen Verwandten von jedem Sippenmitglied übernommen werden.31 Kon-
flikte zwischen den Sippen zu vermeiden, Recht und Ordnung untereinander aufrecht zu erhalten,
Übeltäter zu bestrafen, das war das Hauptanliegen des Stammes in seiner Gesamtheit. Dazu waren die
germanischen gentes aber nicht notwendigerweise auf Institutionen, wie zum Beispiel einen König, an-
gewiesen, sondern die Sippen selbst stellten die Regeln auf und setzten sie auch durch, nach innen wie
nach außen. Jede Sippe stellte also als mächtige Grundstruktur des Stammes bereits einen politischen
Faktor dar.

Wie war die Stellung der Frauen in diesen Sippen?

Die Ausdehnung der Sippen und die Kompetenzen und Aufgaben einzelner Mitglieder festzustellen ist
schwierig für das erste Jahrhundert, denn nur, was von der Norm des täglichen Lebens abwich, also Stö-
rungen des Sippefriedens, Intrigen oder Mord, waren berichtenswert. Durch jede neue Heiratsbezie-
hung wurde die Sippe erweitert. Das machte sie natürlich zu einer unübersichtlichen und umständlich
zu nutzenden Institution. Ihre Mitglieder konnten über eine weite Gegend verstreut sein, weshalb sich
Sippen – anders als clans – nicht dazu eigneten, territorial voneinander getrennte, geschlossene politi-
sche Einheiten zu bilden, mit gleichen Rechten und Pflichten gegenüber den gleichen Personen. An
den Familien und Sippen des Arminius sowie des Civilis, der den Bataveraufstand 69 n. Chr. anführte,
den zweiten großen Kriegszug gegen die Römer von seiten der Germanen im 1. Jahrhundert, kann man
einiges über die Struktur der Sippe sowie die Beteiligung von Frauen auf dieser Ebene der politischen
Organisation erfahren.
Männliche Verwandte des Arminius werden nur in ihrer Funktion als Gegner genannt: allen voran
sein Bruder Flavus, der im römischen Heer diente und sich durch Treue gegen die Römer auszeich-
nete,32 sowie sein Onkel Inguiomerus, der Bruder seines Vaters; dieser hatte zunächst mit ihm gegen
die Römer gekämpft, 17 n. Chr. aber dann zusammen mit Marbod, dem König der Sueben, die Cherus-
ker unter Arminius, also seinen eigenen Stamm und Neffen, angegriffen.33 Ebenfalls – und zwar von
Anfang an – gegen Arminius war sein Schwiegervater Segestes, welcher für das Bündnis mit Rom und
gegen den Angriff auf die Römer 9 n. Chr. plädiert hatte.34 Das Ende seines Lebens fand Arminius
schließlich dolo propinquorum, also durch die List seiner Verwandten,35 ohne daß uns genauer berichtet
würde, wer diese propinqui waren. Vielleicht waren es principes der Chatten. Einer von ihnen, Adgende-
strius, hatte dem römischen Senat angeboten, Arminius durch Gift zu töten,36 was bedeutet, daß er

30 Clans sind dadurch bestimmt, daß sie ihre Abkunft 34 Tac. ann. 1,55,3: „er war der verhaßte Schwiegersohn
durch eine einzelne Person definieren, sei sie männlich eines feindlich gesinnten Schwiegervaters (gener invisus
oder weiblich. inimici soceri), und was bei Einträchtigen ein Band der
31 Tac. Germ. 21: Suscipere tam inimicitias seu patris seu pro- Zuneigung ist, wurde zum Stachel des Zornes bei erbit-
pinqui quam amicitias necesse est. terten Gegnern“; bzw. 55,2.
32 Tac. ann. 2,9,1. 35 Tac. ann. 2,88,2.
33 Tac. ann. 1,68 bzw. 2,45,1. 36 Tac. ann. 2,88,2.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 75


selbst oder aber über seine Verschwägerten Zugang zu Arminius Tafelrunde gehabt haben muß – wie
hätte das Gift sonst verabreicht werden können? Die chattischen principes gehörten zu Arminius’ Ver-
wandtschaft, da sowohl sein Bruder Flavus wie auch Sesithakus, der Vetter seiner Frau Thusnelda, chat-
tische Ehefrauen hatten.37 Soweit ein Blick auf den durch Abkunft oder Heiratsbeziehungen zusam-
mengesetzten Kreis der neidigen männlichen Sippengenossen. Unterstützt wurde Arminius bei
seinem Aufstand von seiner Frau Thusnelda sowie von seiner Mutter, die, von Tacitus als socia des Ar-
minius bezeichnet, versuchte, den Sohn Flavus auf die Seite der kämpfenden Cherusker zu ziehen und
ihn ermahnt haben soll, „er wolle doch nicht ein Überläufer und Verräter an seinen Verwandten und
Verschwägerten, und überhaupt an seinem Volk sein“.38 Neben Müttern werden auch Schwestern als
Unterstützer in schweren Zeiten genannt. So soll Civilis während des Bataveraufstandes neben der
Mutter auch seine Schwestern im Rücken des Heeres aufgestellt haben.39
Was bedeutete nun dieser Sippenverband, der für jedes einzelne Mitglied Schutz und Hilfe bieten,
seine Freund- und Feindschaften übernehmen und Kompensationen empfangen oder bezahlen sollte,
für seine weiblichen Mitglieder? Frauen blieben, auch wenn sie heirateten, weiterhin Teil ihrer Geburts-
sippe so wie Thusnelda oder die Schwestern des Civilis; Brüder hatten zu Söhnen ihrer Schwestern ein
besonderes Nahverhältnis, wie aus zahllosen Beispielen belegt werden kann.40 Im frühen Mittelalter
kehrten Frauen bei Scheidung oder Tod des Partners häufig in ihre Geburtssippe zurück, was man viel-
leicht auch für das erste Jahrhundert bereits annehmen darf, denn wie hätte Thusnelda von ihrem Vater
Segestes den Römern übergeben werden können, wenn sie nicht in seiner unmittelbaren Umgebung
gewesen wäre? Vielleicht also wechselten Frauen auch gar nicht den Wohnort, wenn die Geburtsfamilie
mit dem Schwiegersohn nicht einverstanden war, wie in diesem Fall zu vermuten ist. Dadurch, daß die
Frauen gewissermaßen zwischen ihrer Geburts- und ihrer Heiratssippe standen, konnten sie also in
sehr schwierige Situationen kommen, andererseits machte genau dies aber auch ihre Stärke aus. Denn
erstens stand hinter der Ehefrau immer die gesamte Geburtssippe zu Schutz und Hilfe auch gegen die
Sippe des Mannes. Zweitens konnten und mußten die Frauen manchmal eine sehr aktive Rolle spielen,
wenn durch die Heirat feindliche Sippen oder sogar verfeindete Stämme versöhnt werden sollten. Ganz
bestimmt liegt eine solche Versöhnungsabsicht den bereits erwähnten Verbindungen zweier Töchter
von Chatten-principes mit Söhnen von Cherusker-principes in der Zeit des Arminius zugrunde. Warum
die Stämme der Cherusker und Chatten sich feindlich gegenüber standen, wissen wir nicht, aber daß
sie ewig Streithändel miteinander hatten, berichtet Tacitus: aeternum discordant.41 In der angelsächsi-
schen Poesie werden Frauen gar als „Friedensweberin“ und als „Friedensband für die Völker“ bezeich-
net,42 eine Rolle, die ihnen über einige Jahrhunderte hin zugesprochen wurde.43 Diese Aufgabe – Frie-
denssicherung und Friedenswiederherstellung innerhalb und zwischen den Sippen und Stämmen –

37 Tac. ann. 11,16,1 und Strab. 7,1,4. 42 Beowulf 1942 und 2017: freothuwebbe bzw. frithusibb folca;
38 Tac. ann. 2,10,1 im Jahre 16 n. Chr.: ne propinquorum et ad- leider war der Versuch, zumindest längerfristig gese-
finium, denique gentis suae desertor et proditor … esse mallet. hen, oft erfolglos, wie der Dichter resignierend bekennt
39 Tac. hist. 4,18,1. (2028–2029): „doch selten einmal, nur kurze Frist, nach
40 Zum Beispiel wurden die beiden Schwesternsöhne des Königs Fall, ruht der Mordspeer, ist die Braut auch
des Civilis, Claudius Victor und Verax, von diesem mit schön“.
der Heerführung und Leitung von Kämpfen gegen die 43 Siehe Bemmann (2008) 66 zu archäologischen Bewei-
Römer betraut: hist. 4,33,1; 5,20,1; aus späterer Zeit die sen für die „Verheiratung von Frauen aus vornehmer
berühmte Geschichte der Sunilda, die auf Befehl des Familie in die Fremde“, die er als „Kontaktpflege zwi-
Gotenkönigs Ermanarich getötet und dann von ihren schen den Herrschaftszentren“ bezeichnet; allerdings
beiden Brüdern blutig gerächt wurde (Jordanes, Getica verschleiert der Begriff ‚Kontaktpflege‘ m.E. die Bedeu-
MGH AA 5,1,24.129). tung der Frauen und weist ihnen eher die passive Rolle
41 Tac. ann. 12,28,2. eines wertvollen Gegenstandes zu; solche tauschte man
schließlich untereinander zur ‚Kontaktpflege‘.

76 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


aber weist auf das große Ansehen und den Einfluß der Frauen innerhalb dieser hin. Ihre Bedeutung
wurde auch dadurch gestärkt, daß, wie Tacitus bezeugt, die Germanen der Einehe huldigten; nur ganz
selten und nur aus politischen Gründen hätte ein Großer einmal zwei Frauen gehabt.44 Das einzige
konkret überlieferte Beispiel für eine Ehe mit zwei Frauen ist die des Ariovist – wie auch Caesar an-
merkt, aus politischen Gründen.45
Den Frauen wurde die Sorge für Hof, Kult und Äcker überlassen: delegata domus et penatium et agro-
rum cura feminis.46 Dies könnte man natürlich so interpretieren, daß die Männer nichts taten außer zu
trinken, Würfel zu spielen und, wenn ein Römer auftauchte, zu raufen, während die Frauen mit krum-
men Rücken das Land bestellten; ipsi hebent – „sie selbst (die Männer) faulenzen“, sagt Tacitus ja auch
wörtlich.47 Ich möchte den Akzent etwas verschieben: Die Männer mögen gefaulenzt haben oder nicht,
die Stellung und der Erfolg des ganzen Hauses hing aber in jedem Fall von der wirtschaftlichen Leitung
der Frauen ab, was ihre Bedeutung nur noch mehr unterstreicht.48 Cura domus et penatium, als Hendia-
dyoin verstanden, wird als ‚Sorge für Haus und Hof‘ übersetzt. Die cura penatium könnte aber durchaus
auch ein Hinweis auf die sakrale Stellung der Frauen sein, auf die wiederholt in den Quellen erwähnten
Losentscheidungen und Orakelbefragungen durch die matres familiae, wie sie Caesar nennt; durch
diese griffen sie in das häusliche und darüber hinaus das politische Geschehen insgesamt ein, worauf
ich noch zu sprechen kommen werde.
Die wichtige und anerkannte Stellung der Frauen in den Familien und Sippen finden wir auch in
den Verträgen dieser Zeit bestätigt. In dieser Zeit war es üblich, zur Absicherung von Verträgen Geiseln
zu stellen, von den Germanen wurden meist adlige Mädchen gefordert, sowie auch die Söhne von
Schwestern. So befanden sich beispielsweise Frau und Schwester des Civilis sowie die Tochter des Clas-
sicus als Unterpfand der Bündnistreue bei den Ubiern, die dann von diesen in einem intrigenreichen
politischen Spiel den Römern zur Auslieferung angeboten wurden.49 Die Römer hatten den Wert der
Frauen für die Germanen früh erkannt; bereits Augustus, sagt Sueton, „habe versucht, einigen die
Frauen als eine neue Art von Geiseln abzufordern, weil er die Erfahrung gemacht hatte, daß ihnen ihre
männlichen Geiseln gleichgültig waren“.50 Germanicus raubte auf seinem Feldzug 16 n. Chr. Ehefrau
und Tochter des Arpus, eines princeps der Chatten,51 und die Römer nahmen Thusnelda gern aus den
Händen ihres Vaters entgegen, zusammen mit vielen feminae nobiles.52 Daß es den Germanen als igno-
minia, als Schande also, ausgelegt wurde, wenn ihre Frauen in römischer Knechtschaft schmachteten,
und daß man deshalb die Stämme durch weibliche Geiseln sich stärker verpflichten konnte, lesen wir
bei Tacitus an vielen Stellen.53 Der Austausch weiblicher Geiseln ist eine Besonderheit des germani-
schen Vertragsrechtes und weist wie der bilaterale Aufbau der Sippen und die Eheschließungen zwi-
schen verfeindeten Gruppen auf die bedeutende und einflußreiche Stellung der Frauen in ihren Fami-
lien und Sippen hin.

44 Tac. Germ. 18. ein Hinweis auf den wirtschaftlichen Erfolg von Frauen;
45 Caes. Gall. 1,53,4. die Autoren vermuten, daß die zugehörigen Siedlungen
46 Tac. Germ. 15. an einer Handelsstraße, der sogenannten Bernstein-
47 Tac. Germ. 15. straße, lagen. Zu den Funden auch unten S. 81.
48 Dazu Kasprzycka u. Stasielowicz (2008) mit Abbildun- 49 Tac. hist. 4,49,1.
gen; die Funde des Gräberfeldes, einer gotischen Nekro- 50 Suet. Aug. 21; siehe auch Allen (2006), der aber zu dem
pole im Südwesten der Elbinger Höhe im heutigen hier untersuchten Thema nichts beiträgt.
Polen, stammen aus über 500 bis heute erforschten Grä- 51 Tac. ann. 2,7,2.
bern, die von ca. 70 nach Chr. bis in die Mitte des 4. Jahr- 52 Tac. ann. 1,57,4.
hunderts reichen; es finden sich zahlreiche Bestat- 53 Tac. ann. 2,46,1: Marbod über die Gefangenschaft von
tungen von Frauen, die, im Gegensatz zu denen der Thusnelda und Thumelicus, die eine Schande für Armi-
Männer, besonders reich ausgestattet waren – vielleicht nius seien, sowie Germ. 8 und hist. 5,17,2.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 77


Wie war die politische Struktur der Stämme?

Die einzelnen Sippen stellten die konstitutiven Elemente eines Stammes dar; in Übereinstimmung
mit allgemein akzeptierten Regeln hielten sie die innere, soziale Ordnung aufrecht; was wissen
wir über solche Regelungen? Welches politische Instrumentarium hatten solche Gruppen außerdem,
um ihre Existenz anderen gleichartigen Verbänden gegenüber sicherzustellen und welchen Anteil
hatten Frauen daran? Selbstverständlich gibt es eine große Bandbreite von gesellschaftlicher Organi-
sation bei den germanischen gentes, das muß nicht eigens betont werden; und natürlich vereinheit-
lichte auch Tacitus das, was er wußte, um seinen Lesern bei allen Unterschiedlichkeiten der Germa-
nen sowohl einheitliche Merkmale als auch Besonderheiten zeigen zu können. Es wird uns berichtet,
daß Entscheidungen aller Art bei den Germanen more suo, also „gewohnheitsmäßig“, auf Volks-
versammlungen, concilia, getroffen wurden. Sie fanden an festgelegten Tagen statt, ob immer in hei-
ligen Hainen, wird nicht deutlich. Ausdrücklich wird dies unter anderem von der Verschwörung des
Arminius und der Versammlung des Civilis berichtet, wie auch von den religiösen Feiern und concilia
der Semnonen;54 bei anderen Stämmen scheinen die Haine ausschließlich Priestern zugänglich
gewesen zu sein, wie der der Nerthus, oder auch die Haine, in denen man Schimmel zur Vorhersage
hielt.55 Die Teilnehmer der Versammlungen, die bei dringenden Angelegenheiten über Boten zusam-
mengerufen wurden,56 standen unter der Ordnungsaufsicht von Priestern.57 Ausgeschlossen von der
Teilnahme waren lediglich Verräter, Überläufer, Feiglinge, Kriegsscheue und Unzüchtige,58 vermutlich
ebenso die servi. Von diesen abgesehen entschieden omnes über die wichtigsten Angelegenheiten des
Stammes. Wer aber waren omnes und gehörten zu ihnen auch die Frauen, denn es ist nie davon die
Rede, daß lediglich Männer zu den concilia gekommen wären. Diese Frage werde ich noch an anderer
Stelle aufgreifen.
Die Versammlung als organisierte Öffentlichkeit des Stammes war der Ort für Politisches und
Sakrales zugleich, hier wurde der Stammesbund befestigt. Junge Männer wurden hier durch die
Übergabe von Schild und Speer (scutum frameaque) offiziell in den Stamm aufgenommen; während
man vorher lediglich Glieder der Familie in ihnen sah, sagt Tacitus, sah man sie danach als Glieder
des Gemeinwesens: ante hoc domus pars videntur, mox rei publicae.59 Wurden auch Frauen Glieder des
Gemeinwesens oder blieben sie lediglich Glieder ihrer Familien und Sippen? Nun wurden den Frauen
zwar nicht in der Volksversammlung die Waffen übergeben – Tacitus’ Worte sind ohne Zweifel nur auf
die jungen Männer bezogen –, aber auch sie erhielten scutum cum framea gladioque bei der Eheschlie-
ßung von ihrem Bräutigam.60 Wenn wir bereit sind, der Symbolik der Waffen jedesmal das gleiche Ge-
wicht beizumessen, steht außer Zweifel, daß die Frauen, zwar später als die jungen Männer, aber eben-
falls wie diese zu Gliedern der res publica wurden.61 Tacitus unterstützt diese Interpretation. Er sagt

54 Tac. Germ. 39. 61 Anders aber Much (1967) 287, der lediglich diskutiert,
55 Tac. Germ. 40. ob die Waffen immer die gleichen geblieben sind, die
56 Caes. Gall. 4,19,2. von der Mutter des Bräutigams auf die Schwiegertochter
57 Tac. Germ. 11 übergegangen sind; zur Symbolik der Waffen enthält er
58 Tac. Germ. 12: proditores, transfugae, ignavi, inbelles et cor- sich jeder Äußerung; er bemerkt nur, daß Geschenke
pore infames. dieser Art für Frauen keinen Wert haben (285), bzw.
59 Tac. Germ. 13. wenig passen (286); lediglich die Tatsache, daß auch die
60 Tac. Germ. 18; zusätzlich zu den Waffen erhielt die Frau Frau dem Mann eine Waffe schenkte (atque in vicem ipsa
Rinder und ein gezäumtes Pferd als Mitgift (dos) von ih- armorum aliquid viro affert), glaubt er dahingehend inter-
rem Bräutigam. pretieren zu müssen, daß der Mann damit Herr über Le-

78 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


nämlich, daß Frauen mit dieser Waffenübergabe zur Gef ährtin des Mannes in Krieg und Frieden ge-
worden seien (laborum periculorumque socia), was letztlich nichts anderes ausdrückt als eine gleichbe-
rechtigte Partnerschaft im Privaten wie im Öffentlichen.62
Zu den Aufgaben der Volksversammlungen gehörte es außerdem, principes zu wählen, die zur
Rechtsprechung durch Gaue und Dörfer zogen;63 ihnen wurden 100 comites aus dem Volk (ex plebe) bei-
gegeben, als Rat und zu größerem Ansehen. Die principes mußten außerdem die Beziehungen zu den
Nachbarstämmen pflegen, zogen vielleicht auch die Abgaben von Vieh und Feldertrag ein, die zum Be-
streiten des Notwendigsten dienten. Ferner wurden in der Volksversammlung über Krieg und Frieden
beraten und duces zum Zweck der Kriegsführung bestimmt.64
Selbst wenn man einschränken muß, daß nicht alle Einzelheiten der politischen Organisation in
allen germanischen gentes genau so zu finden waren und sich im Detail sicherlich viele Abweichungen
finden mögen, tritt in den einzelnen Stämmen dennoch deutlich eine Führungselite hervor. Allerdings
wird von den römischen Autoren das Bild einer schwachen Führung entworfen, der sehr eigenwillige,
undisziplinierte Genossen gegenüberstanden.65 Die Führungselite war durch Wahl und Zustimmung
sowie durch Abgaben anerkannt, war aber machtlos, wenn das Volk sie nicht unterstützte. Als Beispiel
kann hier der Cherusker Segestes dienen: Er glaubte zwar, daß das Volk (plebs) nicht ohne seine princi-
pes von sich aus die Römer angreifen werde; er als princeps wurde aber, obwohl er den Krieg gegen die
Römer unter allen Umständen hatte verhindern wollen, durch die Einmütigkeit seines Stammes in die-
sen hineingezogen.66 Umgekehrt kam der Aufstand des Civilis zum Ende, weil der Stamm sich wei-
gerte, weiter Krieg gegen die Römer zu führen.67 Tutor, der gallische Verbündete des Civilis im Bataver-
aufstand, soll, laut Tacitus, die Germanen als unsichere Partner im Krieg empfunden haben, da „sie sich
nichts befehlen, sich nicht einfach kommandieren ließen, sondern in allem nach reiner Willkür han-
delten“.68 Sogar in schwierigen Situationen hätten sich die Germanen nicht um ihre duces geküm-
mert.69 Am deutlichsten wird das allgemein verbreitete prekäre Verhältnis zwischen plebs und proceres
jedoch an der Königsherrschaft.
Die Beschreibung der Institution bleibt nebelhaft. Die Germanen nahmen ihre Könige, sofern sich
ein Stamm oder Stammesbündnis überhaupt einen König an die Spitze stellte, aus dem Adel;70 diese
hatten sakrale sowie öffentliche und rechtliche Aufgaben.71 Ihre Macht war allerdings beschränkt
wie die der duces: „selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt“, sagt Taci-
tus (nec regibus infinita aut libera potestas).72 Potestas, vis et potentia war keine Eigenschaft germanischer

ben und Tod seiner Frau wurde; dann müßte aber auch interessant festzustellen, daß alle taciteischen Aussagen
die Ehefrau mit den von ihrem Mann geschenkten Waf- zu Frauen, welche nicht in das vorgefertigte Bild der
fen Herrin über sein Leben geworden sein, um so mehr Historiker passen, in das Reich der Phantasterei und
als Frauen, die im Rücken des eigenen Heeres aufge- Rhetorik verwiesen werden; vgl. auch unten Anm. 121.
stellt waren, Männer, die dem Kampf den Rücken ge- 63 Tac. Germ. 12.
kehrt hatten und ihr Heil in der Flucht suchen wollten, 64 Tac. Germ. 11.
erdolcht haben sollen. 65 Tac. ann. 1,50,1 u. 4.
62 Tac. Germ. 18: ne se mulier extra virtutum cogitationes ex- 66 Tac. ann. 1,55,2–3: consensu gentis in bellum tractus.
traque bellorum casus putet, ipsis incipientis matrimonii 67 Tac. hist. 5,25,2.
auspiciis admonetur venire se laborum periculorumque so- 68 Tac. hist. 4,56,2: non iuberi, non regi, sed cuncta ex libidine
ciam idem in pace, idem in proelio passuram ausuramque; agere.
nach Much (1967) 286 sind dies allerdings „rhetorische 69 Tac. ann. 2,14,3.
Ergüsse, die mit der germanischen Vorstellungswelt 70 Tac. Germ. 7: ex nobilitate sumunt.
nichts gemein haben und sachlich deshalb schon wert- 71 Tac. Germ. 10–12.
los sind, weil sie einem Mißverständnis entspringen“ 72 Tac. Germ. 7.
(welchem Mißverständnis, wird nicht erläutert); es ist

UND WAS SAGT THUSNELDA? 79


Könige – für Tacitus schwer zu verstehen,73 vor allem in Fällen, in denen die Germanen selbst die Rö-
mer um Einsetzung von Königen gebeten hatten, wie zum Beispiel die Cherusker um den Italicus, den
Neffen des Arminius.74 Aber auch die Könige, die sich aus eigener Machtfülle erhoben hatten wie Mar-
bod, oder Männer, die eine Königsherrschaft errichten wollten, wie man es Arminius oder Civilis nach-
sagte, hatten keine Unterstützung in ihren Stämmen. Was also war Königsherrschaft bei den Germa-
nen, worin bestand sie und was war ausgeschlossen?
Die Römer versuchten überall, nicht nur bei den germanischen Stämmen, Könige einzusetzen
oder zu unterstützen, „nach dem alten und früh schon geübten Brauch des römischen Volkes, als Werk-
zeuge zur Knechtung auch Könige zu benutzen“.75 Sie nahmen an, daß diese Könige auctoritas besa-
ßen, die sich in vis et potentia äußern würde. D.h. sie glaubten, die Könige hätten die Macht, ihre Stam-
mesgenossen tun zu lassen, was sie, die Könige (als Verlängerung des römischen Armes) wollten, denn
ihr Recht beruht ja auch auf der Macht, wie Pomponius Mela glaubt.76 Die von den Römern eingesetz-
ten Könige aber wurden allesamt gehaßt, man warf ihnen superbia vor, sie wurden vertrieben oder er-
mordet. Die Römer schoben diesen Mißerfolg ihrer Königspolitik der Freiheitsliebe der Germanen, de-
ren Disziplinlosigkeit und Wankelmut zu. Die Germanen erwarteten aber offenkundig etwas anderes
von Königen als die Römer: auctoritas gewannen diese nämlich nicht durch die Anwendung von Macht
und Gewalt gegenüber den Stammesgenossen – denn hier standen sich ja gleichberechtigte Sippen ge-
genüber –, sondern durch die Anwendung von Macht und Gewalt gegen äußere Gegner und einer nach
innen gerichteten Friedenshaltung. Der König war primus inter pares, und seine erhöhte Stellung war
seinen sakralen Aufgaben, seiner wirtschaftlichen Stellung, seiner Einnahme von Ehrenämtern, sei-
nem klugen Rat, seiner Redegabe, vielleicht auch seinem Kriegsglück zuzuschreiben. Solange Italicus
mit seinen Stammesgenossen um die Wette trank und ein gutes Leben führte, waren sie mit ihm zu-
frieden. Sobald Könige und solche, die nach Herrschaft strebten, aber versuchten, über den ihnen tra-
ditionell zustehenden Umfang ihrer Rechte und Pflichten hinauszugehen, setzten sie ihr Leben aufs
Spiel – sie provozierten Rivalitäten innerhalb der eigenen Familie und Sippe sowie letztlich im gesam-
ten Stammesverband. Von dem Markomannen Marbod, dem König der Sueben, verhaßt bei den eige-
nen Leuten, fielen ganze gentes, wie die Semnonen und Langobarden, ab.77 Arminius wurde nur nach-
gesagt, er strebe nach dem Königsthron (regnum adfectans), was seinen Verwandten, also doch wohl

73 Tac. Germ. 42: hier auf die stammesfremden Könige und Gesetze erhielt (Tac. ann. 11,19,1); bereits 55–58
der Markomannen bezogen. Macht (vis, potentia, pote- n. Chr. hatten die Friesen Ländereien der Römer am
stas) beinhaltet die Fähigkeit, etwas zu tun, bzw. auf Rhein besetzt unter der Führung von Verritus und Ma-
eine Sache oder Person zu reagieren; Macht ist dem- lorix, qui nationem eam regebant, in quantum Germani
nach die Fähigkeit, den eigenen Willen, bezogen auf regnantur (Tac. ann. 13,54,1); Wenskus (1961) 412 sieht
sich selbst, auf andere Personen oder Dinge auszufüh- hierin einen Beweis für alte Königsherrschaft, was allein
ren; politische Macht besteht also vor allem darin, an- durch den Gebrauch von regere und regnare nicht be-
dere Personen tun zu lassen, was man selbst will; ge- wiesen werden kann; regere wird auch auf die adligen
nau daran aber scheint es den germanischen Königen Bataverführer angewandt, welche Kohorten in Britan-
gemangelt zu haben; im Gegensatz zu den Begriffen nien führten (Tac. hist. 4,12,3: (cohortes) quas vetere insti-
potestas, vis und potentia impliziert auctoritas die Aner- tuto nobilissimi popularium regebant), und daß der Ge-
kennung von Macht und diese Anerkennung existiert brauch von regnare vielleicht eher aus stilistischen
nur in den Köpfen der Menschen; auctoritas existiert Gründen erfolgte und nicht die Königsherrschaft bei
also nur in einem von allen anerkannten System von den Friesen beweist, das betont deutlich die ausführli-
Werten, welche die Akzeptanz der politischen und so- che Schilderung des Tacitus über die Ordnung der Ver-
zialen Institutionen einschließt, durch welche auctori- hältnisse bei den Friesen nach ihrem Aufstand anno 28
tas ausgeübt wird. (Tac. ann. 4,72–74,1).
74 Tac. ann. 11,16,1. 76 Mela 3,23: ius in viribus habent.
75 Tac. Agr. 14,1; vgl. auch die natio Frisiorum, die 47 n. Chr. 77 Tac. ann. 2,45,1.
von den Römern agri sowie einen Ältestenrat, Behörden

80 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


gleichberechtigten Genossen, so sehr mißfiel, daß sie ihn auf Grund ihrer Freiheitsliebe ermordeten.78
Arminius begann über die Verwandten hinaus seine peergroup zu dominieren; daher umfaßte die Op-
position gegen ihn weitere Kreise als die eigene Sippe. Seinem Neffen Italicus wurde dessen Herkunft
von dem Römerfreund Flavus (Arminius’ Bruder) vorgeworfen, speziell von Leuten, die bereits vorher
in den Parteikämpfen Ansehen hatten, also wohl von denen, die Arminius vorgeworfen hatten, gegen
die Freiheit zu sein und die weder die Römer noch eine Königsherrschaft über sich dulden wollten.79
In allen germanischen Stämmen hatten sich Familien etabliert, aus welchen sich die Führungselite
der Stämme rekrutierte, als „Adel“ von Tacitus bezeichnet. Er erwähnt zudem eine stirps regia z.B. der
Cherusker: Italicus sei der letzte aus der königlichen Sippe der Cherusker gewesen;80 Civilis, der An-
führer des Bataveraufstandes, soll ebenfalls Angehöriger einer stirps regia gewesen sein81 und das Ziel
gehabt haben, eine Königsherrschaft über Germanien und sogar Gallien aufzurichten.82 Wie Arminius
hatte Civilis jedoch mächtige Gegner sowohl innerhalb seines Stammes wie innerhalb seiner Familie.
Am Ende des uns überlieferten Zeitraums (Tacitus’ weiterer Bericht ist verloren), ob er nun das endgül-
tige oder auch nur vorläufige Ende des Aufstandes darstellte, war jedoch der Stamm der Bataver gegen
Civilis, und damit mußte er die Hoffnung auf die Errichtung einer Königsherrschaft aufgeben.
In dieser Führungselite der principes werden keine Frauen erwähnt, ebenfalls nicht unter den reges-
Anwärtern, und nicht einmal die selten erwähnten Ehefrauen von Königen werden, ganz anders als bei
den keltischen Stämmen in Britannien,83 als reginae bezeichnet. Hatten die Frauen also keinen politi-
schen Einfluß oder Anteil an der Führung des Stammes? In dem bereits erwähnten gotischen Gräber-
feld von Weklice in Polen wurde das besonders reich ausgestattete Grab einer älteren, 55 bis 60-jährigen
Frau gefunden, das aus dem 2. Jahrhundert nach Christus datiert. „Die Ausstattung dieses Grabes er-
innert an die zeitgleichen so genannten ‚Fürstengräber‘ aus Pommern“,84 was auf eine deutlich heraus-
gehobene Stellung dieser Frau in ihrem Stamm hinweist. Neben archäologischen Hinweisen auf sozial
herausgehobene Frauen unterrichtet uns aber vor allem Tacitus ausdrücklich darüber, daß Frauen poli-
tische Macht hatten; er erzählt, daß die Bataver nicht etwa eine mögliche Königsherrschaft des Civilis
ablehnten, sondern „die Herrschaft germanischer Frauen“: honestius principes Romanorum quam Ger-
manorum feminas tolerari.85 Frauen müssen also doch eine bedeutende politische Rolle gespielt haben,
obwohl sie in der Reihe der Machtträger bisher noch nicht sichtbar geworden sind – also wo halten sie
sich verborgen?

Die Sakralsphäre

Das Leben der germanischen Stämme, das private wie das öffentliche, war durchdrungen von religiö-
sen Vorstellungen – die Welt zerfiel noch nicht in eine natürliche und eine übernatürliche, zwei sich
ausschließende Sphären; rituelle Praktiken begleiteten die Menschen als einzelne wie als Gruppe Tag
für Tag und in allen Lebenslagen. Tacitus schildert, daß der pater familiae eine besondere Bedeutung

78 Tac. ann. 2,88,2. hatte u.a. seine beiden Töchter als Erben eingesetzt, um
79 Tac. ann. 11,16,2f. regnum et domum zu schützen (Tac. ann. 14,31,1).
80 Tac. ann. 11,16,1. 84 Kasprzycka u. Stasielowicz (2008) 70–72, mit Abbildun-
81 Tac. hist. 4,13,1. gen der Funde; vgl. oben Anm. 48.
82 Tac. hist. 4,17,6: nationum regno imminebat. 85 Tac. hist. 5,25,2: „ehrenvoller sei es, römischen Fürsten
83 Bei den Briganten herrschte die Königin Cartimandua zu folgen als germanischenFrauen“.
(Tac. hist. 3,45), und der König der Icener, Prasutagus,

UND WAS SAGT THUSNELDA? 81


eingenommen hat, indem er bei Losentscheidungen und Vorzeichendeutung die Gebete sprach.86 Aber
warf er auch die Lose? An anderer Stelle berichtet Tacitus nämlich, daß die Germanen „die meisten
Frauen für Weissagerinnen“ hielten (plerasque feminarum fatidicas … arbitrantur),87 und Caesar schreibt
in seinem Bellum Gallicum, daß es die matres familiae gewesen seien, „die Hausmütter, die durch Loso-
rakel und Weissagungen offenbarten, ob es nützlich sei, eine Schlacht zu beginnen oder nicht“.88 Diese
Auskunft, die Caesar von einem gefangenen Kriegsmann des Ariovist erhalten hatte, bedeutet, daß die
matres familiae als Gruppe in einer öffentlichen, sakralen Handlung bestimmten, wann im Kriegsfall
der günstigste Moment für die Aufnahme von Kriegshandlungen für ihren Stamm sein würde. Die
Aussagen von Caesar und Tacitus implizieren zweierlei: Auch für private Losorakel müssen wir die
Frauen vermuten; es wäre widersinnig, wenn die meisten von ihnen, als fatidicae anerkannt, nur öffent-
lich für ihren Stamm, nicht aber privat für ihre Familien geweissagt hätten. Zweitens könnten diese
Mitteilungen ein Nachweis dafür sein, daß Frauen bei der Volksversammlung anwesend waren; denn
schließlich ist es unwahrscheinlich, daß die Männer den Krieg auf der Volksversammlung, vielleicht so-
gar an einem dem Stamm heiligen Ort, beschlossen und erst später, am anderen Tag und an einer an-
deren Stelle die Frauen zusammenkamen, um das Orakel über günstige Tage für Angriffe zu befragen.
In taciteischer Zeit spricht – wie der pater familiae im privaten Bereich – der Stammespriester, sacerdos
civitatis, die Gebete bei den Losentscheidungen in öffentlichen Angelegenheiten.89 Tacitus sagt, sie (Plu-
ral) schneiden Ästchen, kennzeichnen sie und verstreuen sie auf ein weißes Laken. Immer im Plural:
amputant und spargunt; danach betet der Priester (Singular) zu den Göttern und hebt die Lose auf. Die
‚sie‘ sind auf alle Fälle andere als der Priester oder Vater und könnten durchaus die Frauen bezeichnen,
ohne daß dies ausdrücklich gesagt wird.90 Es stellt sich überhaupt die Frage, wie aussagekräftig die
Sprache der Quellen ist – die sacerdotes sind nur in den Übersetzungen grundsätzlich Männer. Sacerdos
im Lateinischen ist geschlechtsneutral und schließt die Priesterin mit ein. Caesar bezeichnete die Gei-
seln im Fall der Germanen immer als liberi – wählt also ebenfalls ein geschlechtsübergreifendes Wort –,
im Fall der Gallier spricht er von pueri. Er macht hier also einen Unterschied, aber der würde wahr-
scheinlich nicht weiter auffallen, wenn wir nicht von Tacitus wüßten, daß die Germanen auf Grund
ihrer besonderen Wertschätzung der Frauen weibliche Geiseln bevorzugten; d.h. der Begriff liberi muß
genau diese Praxis bezeichnen.91 Was heißt das also? Ein Ausschluß der Frauen vom Priesteramt ist
allein durch den Gebrauch des Wortes sacerdos nicht zu beweisen. Expressis verbis werden Priesterinnen
in der Zeit der Kimbern- und Teutonenzüge 113 bis 101 v. Chr. genannt, und zwar von dem griechisch
schreibenden Autor Poseidonios,92 wobei aber unklar ist, inwieweit die grauhaarigen, weißgewandeten
Priesterinnen mit Bronzegürtel um die Hüften und Schwert in der Hand, die den kriegsgefangenen Rö-
mern die Hälse aufschlitzten, um aus deren Blut die Zukunft vorauszusagen, eine belastbare Nachricht
darstellen, zumindest was die blutige Zukunftsvorhersage bedeutet. In unserem Zusammenhang ist
die Erwähnung von   « ¹  – also von die Zukunft deutenden Priesterinnen – wichtig, und
die Tatsache, daß diese in einer Weise in Erscheinung traten, die die Römer sehr beeindruckt haben
muß. Ob die Autoren dann diese Geschichten noch ausmalten, um sie ihrem Barbarenbild anzupassen,

86 Tac. Germ. 10 91 Schon die Römer bevorzugten also eine ,geschlechter-


87 Tac. hist. 4,61,2. gerechte‘, wenn auch noch nicht ,anti-sexistische‘
88 Caes. Gall. 1,50,4: ut matres familiae eorum sortibus vatici- Sprachregelung – wie sie jetzt in einer 16-seitigen Bro-
nationibusque declararent, utrum proelium committi ex usu schüre Geschlechtergerechter Sprachgebrauch beim euro-
esset necne. päischen Parlament (hg. von der Parlamentsverwaltung
89 Tac. Germ. 10 der EU März 2009) vorgeschrieben wird.
90 Zu einem anderen Schluß kommt S. Tausend (2009) 92 Poseid. FgrHist 87 F 31,3.
155, nämlich daß „weibliches Kultpersonal völlig fehlt“.

82 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


ist nicht das Thema dieses Beitrages. Daß aber zumindest das äußere Erscheinungsbild der Priesterin-
nen durch einen ungef ähr 300 Jahre jünger zu datierenden archäologischen Fund in der gotischen Ne-
kropole von Weklice bestätigt wird, bekräftigt, daß die römischen und griechischen Autoren in Bezug
auf die Frauen nicht nur „rhetorische Ergüsse“ von sich gaben.93
Die Nachrichten über die Aufgaben der sacerdotes sind sehr unterschiedlich. Neben der Pflege der
Götter für den Stamm sowie Vorhersagen waren sie eingebunden in das öffentliche politische Leben,
sorgten bei öffentlichen Zusammenkünften für die Wahrung von Ruhe und Ordnung,94 allein sie durf-
ten Krieger, die sich etwas zu Schulden hatten kommen lassen, „hinrichten, fesseln, schlagen“, aber so,
als führten sie den Befehl des Gottes, der den Kriegern zur Seite steht, und nicht die Anordnung des
Heerführers durch.95 Es ist verständlich, daß die Heerführer keine Bestrafung durchführen konnten,
war doch der Krieg eine religiöse Unternehmung und stand unter dem Schutz der Götter; darauf weist
deutlich die Opferung der gegnerischen Heere für den unterstützenden Gott in Mooren, also die Ver-
senkung der unbrauchbar gemachten Waffen und ihrer Pferde hin.96
Heiliger Ort war für die einzelnen Stämme bzw. eine Gemeinschaft von Stämmen der oder die
vielfach bezeugten Haine.97 Viele von diesen waren weiblichen Gottheiten, uns meist völlig unbe-
kannten, geweiht, so z. B. der hochberühmte Kultbezirk (Tempel und/oder Hain) der Marser einer
Tanfana98 und der Hain der Friesen der Baduhenna.99 Am bekanntesten ist zweifellos der der Ner-
thus, der Mutter Erde, die von einer großen Gruppe von Stämmen verehrt wurde. Bei der Umfahrt
der Nerthus, welche diese von Zeit zu Zeit machte, schwiegen alle Waffen, und es herrschte kulti-
scher Friede.100 Auf Weihesteinen begegnen wir häufig weiblichen Gottheiten, jedoch ohne daß wir
irgendetwas über diese in Erfahrung bringen könnten. Nur bei den ubischen Matronen vermutet
man, daß es sich um Fruchtbarkeitsgöttinnen gehandelt hat.101 Inwieweit die weiblichen Gottheiten
zugewiesenen Haine auch auf eine kultische Präsenz von Priesterinnen deuten, ist nicht mehr auf-
zuhellen – ist der Priester der Naharnavaler, der in weiblicher Tracht einem „Hain mit uraltem Kult“
vorstand – dem der Alken –, ein Hinweis auf einen Übergang des Kultes von Priesterinnen auf Prie-
ster?102 Die Stammessage der Langobarden, deren Sieg über die Vandalen durch Vermittlung der
Stammesmutter Gambara über die Göttin Freia gesichert wurde, könnte ebenfalls ein Anhaltspunkt
für einen Wechsel von weiblicher Priesterschaft und Stammesführung auf männliche enthalten.103
Und schließlich kann man in Jordanes’ spätantik/frühmittelalterlicher Geschichte der Goten einen
weiteren aufschlußreichen Beleg für weissagende Frauen finden, die ihre Macht – in diesem Fall
allerdings unfreiwillig – eingebüßt haben. Jordanes erzählt, daß während der Wanderschaft der
Goten ihr (mythologischer) König Filimer „einige Zauberinnen in seinem Volk fand, die er selbst in
seiner Muttersprache ‚Haliurunnae‘ nannte; und weil er sie für verdächtig hielt, verstieß er sie aus

93 S. o. S. 81; ferner Anm. 62. 197 Tac. Germ. 9; zu Kultgemeinschaften K. Tausend (2009).
94 Tac. Germ. 11. 198 Tac. ann. 1,51,1: celeberrimum … templum, quod Tanfanae
95 Tac. Germ. 7. vocabant.
96 Vgl. dazu Tac. ann. 1,59,3, wo Arminius an die in der Va- 199 Tac. ann. 4,73,4.
russchlacht erbeuteten römischen Feldzeichen erinnert, 100 Tac. Germ. 40.
welche man in den Hainen als Weihegabe für die hei- 101 Einen allgemeinen Überblick über die Matronen gibt
mischen Götter aufgehängt habe, und Tac. ann. 13,57,2, Simek (2003) bes. 11–13 und 117–124 und nochmals
wo vor Kriegsbeginn zwischen Chatten und Hermun- dazu in Simek (2008).
duren beide Stämme das gegnerische Heer dem Ziu 102 Tac. Germ. 43.
oder Wotan weihten; zu Kriegsbeuteopfern allgemein 103 Origo gentis Langobardorum c. 1 (MGH SS rer. Lang. et
siehe Blankenfeldt u. Rau (2009) sowie Ilkjær u. Iversen Ital. saec. VI–IX, 1–6, hier 2–3), bzw. Paulus Diaconus,
(2009). Historia Langobardorum c. 8 (ibid. 52.13–14); vgl. dazu
auch Wolfram (1990) bes. 60–61.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 83


der Mitte seines Volkes … und zwang sie in der Einöde herumzuirren“.104 Man geht in der Interpre-
tation dieser Erzählung sicher nicht zu weit, wenn man in den magae mulieres genau die Frauen ent-
deckt, von denen wir schon bei Caesar und Tacitus lesen – Frauen, die durch ihre Weissagungen
Macht und Einfluß in ihrem Stamm hatten; die überlieferte Geschichte bleibt völlig vage; der König
„verdächtigte“ die Frauen – warum? Wenn man annimmt, daß der historische Kern dieser Geschichte
in der Zeit der Völkerwanderung zu finden ist, könnte man mutmaßen, daß sich das Machtgefüge in-
nerhalb des Stammes zugunsten der Kämpfenden und deren Götter verschoben hatte und deshalb
die Frauen nicht mehr für wirkmächtig gehalten wurden. Ein archäologischer Beweis für weis-
sagende Frauen bei den Goten ist auf dem bereits mehrmals erwähnten Gräberfeld von Weklice ent-
deckt worden, nämlich eine etwa 60-jährige Frau mit einer ganz besonderen Ausstattung. Sie trug
nicht nur zwei Ketten und zwei Gürtel; an einem dieser beiden Gürtel, der besonders reich mit
Bronzeknöpfen verziert war, war ein Dolch mit Scheide befestigt, außerdem hielt die Frau „ein Le-
dersäckchen, in dem sich vier Kauri-Schnecken, eine in Bronze gefaßte Bärenklaue, drei ebenfalls in
Bronze gefasste Bernsteinscheiben mit magischen Rosetten sowie drei Glas- und eine Bronzeperle
befanden“. Die Autoren kommen zum Schluß, daß es sich bei dieser Frau um eine „germanische
Priesterin“ gehandelt haben muß.105
Weibliche Namen von heiligen Hainen und auf Votivsteinen, Mitteilungenen über den Dienst von
Priesterinnen in der Zeit der Kimbern- und Teutonenzüge, Hinweise christlicher Autoren auf „lächer-
liche Geschichten“ in der Überlieferung germanischer Stämme sowie archäologische Funde lassen uns
erkennen, daß Frauen in ihrer Funktion als weissagende matres familiae und fatidicae eine entschei-
dende Rolle im Kultus ihrer Stämme eingenommen haben müssen. Ein eindrucksvoller Satz des Taci-
tus jedoch weist über den Bereich des Kultes weit hinaus; die Germanen glaubten nämlich, so sagt er,
daß den Frauen „sogar etwas Heiliges und Seherisches eigne; ihre Ratschläge verwerfen sie daher nicht,
noch mißachten sie ihre Bescheide“.106 Dieser Satz des Tacitus hat in der Forschung so viel Unglauben
hervorgerufen, wie sonst nur noch die anderen Nachrichten des Tacitus über die Rolle der germani-
schen Frauen: In einer Übersetzung von Suetons Caesarenleben von 1986 findet man deshalb für die
beiden taciteischen Begriffe consilia und responsa z.B. auch die Übersetzung: „Sehergabe und Zauber-
kräfte“.107 Was aber bedeuten die Begriffe consilia und responsa, also ‚Ratschläge‘ und ‚Bescheide‘? Ein-
deutig verknüpft sind diese mit dem Seherischen und Heiligen der Frauen. Weil den Frauen eine reli-
giöse Kraft zugeschrieben wurde, wurden ihre Ratschläge und Bescheide nicht verworfen, und sie
schufen sich also so über das Religiöse hinaus Einfluß.108 Was wissen wir von solchen Frauen, kennen
wir welche mit Namen?

104 Jordanes, Getica 24,121: Filimer rex Gothorum … repperit tum bis in das frühe 9. Jahrhundert hatten die religiösen
in populo suo quasdam magas mulieres, quas patrio ser- Frauen größten politischen Einfluß und standen – vor
mone Haliurunnas is ipse cognominat, easque habens allem auch ihren Familienmitgliedern – mit Rat und Tat
suspectas de medio sui proturbat longeque ab exercitu suo zur Seite; anders als Bruder (1974), der glaubt, daß erst
fugatas in solitudinem coegit errare. das Christentum den Frauen Personenwürde und reli-
105 Kasprzycka u. Stasielowicz (2008). Dazu auch oben S. 81. giösen Einfluß gebracht hat, vermute ich, daß die christ-
106 Tac. Germ. 8: Inesse quin etiam sanctum aliquid et provi- lichen Missionare deshalb bei den (heidnischen) Frauen
dum putant nec aut consilia earum aspernatur aut responsa Unterstützung fanden, weil auch zu dieser Zeit den
neglegunt; ähnlich auch Tac. hist. 4,61,2. Frauen noch eine große religiöse Kompetenz zuge-
107 Heinemann (1986) 431 Anm. 1. schrieben wurde; in den ersten beiden christlichen Jahr-
108 Siehe Schneider (1985) 272–301 zur politischen Macht hunderten hielten die Äbtissinnen außerordentliche
von Äbtissinnen in den angelsächsischen Königreichen; politische Macht in den Händen.
von der Zeit direkt nach dem Übertritt zum Christen-

84 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


Am bekanntesten ist Veleda, eine virgo nationis Bructerae,109 von der wir bezüglich ihrer Funktio-
nen, Aufgaben, Macht und Autorität die meisten Informationen aus der Überlieferung erschließen kön-
nen. Tacitus nennt neben ihr noch die „Albruna und mehrere andere“,110 die die Germanen verehrt hät-
ten. Von diesen sind aber nicht einmal der Herkunftsstamm oder der Ort ihres Wirkens bekannt. Die
Seherin Ganna aus dem Suebenstamm wird unter Kaiser Domitian erwähnt,111 und sogar die Römer
waren von den seherischen Qualitäten mancher germanischer Frauen beeindruckt. Eine barbara mulier
specie humana amplior, also eine „übergroße Barbarenfrau“, soll Drusus, dem Vater des Kaisers Clau-
dius, an der Elbe verboten haben, weiter die Germanen zu verfolgen,112 und Kaiser Vitellius vertraute
den Weissagungen einer mulier Chatta „wie einem Orakel“.113 Sie war eine Seherin in römischen Dien-
sten genauso wie vielleicht Waluburg, deren Name auf einem Ostrakon des 2. Jahrhunderts im ägypti-
schen Elephantine gefunden wurde.114 Sie ist dort als B      ) unter dem Dienst-
personal des Präfekten von Ägypten verzeichnet. Der Namensbestandteil Walu weist ebenso wie der
Name Ganna auf das Wort ,Zauberstab‘ hin, was in Waluburgs Fall durch die Bezeichnung als Sibylle, in
Gannas Fall als  «   buchstäblich unterstützt wird. Was bei Suetons barbara mulier wie
nur beiläufig erwähnt klingt, scheint im Zusammenhang mit den Berichten über Veleda nicht von der
Hand weisbar: Frauen konnten mittels ihrer religiösen Fähigkeit und Bedeutung und ihrer Vorhersa-
gegabe potestas und auctoritas gewinnen. Als Veleda während des Bataveraufstandes den Ausgang des
Kampfes der Germanen richtig vorausgesagt hatte, wuchs ihre Autorität weit über ihren Stamm hinaus:
tuncque Veledae auctoritas adolevit; nam prosperas Germanis res et excidium legionum praedixerat.115 All ihre
politischen Aktivitäten, die sich aus dieser auctoritas ergaben, waren deshalb auch religiös ausgestaltet
und ummantelt: Als Gesandte der Ubier zu Veleda kamen, durften sie sie weder sehen noch anspre-
chen; „sie wurden von ihrem Anblick ferngehalten, um größere Ehrfurcht vor ihr einzuflößen. Sie
selbst wohnte auf einem Turm. Einer ihrer Verwandten, der zu diesem Zwecke ausersehen war, über-
brachte die Fragen und Antworten, wie der Bote eines höheren Wesens.“116 Keine Person, sei sie Mann
oder Frau, hätte ohne Unterstützung seitens ihrer Verwandten und seitens ihres Stammes eine solche
Stellung erreichen können, und auch wenn nichts Konkretes bezüglich Veledas Bedeutung bei den
Brukterern selbst überliefert ist, kann man doch auf Grund ihrer ausgedehnten Aktivitäten außerhalb
ihres Stammes davon ausgehen, daß sie auch bei den Brukterern potestas und auctoritas besessen haben
muß. Die Begriffe von Herrschaft, die Tacitus der Veleda beilegt, sind synonym den Herrschaftsbegrif-
fen, mit denen Könige oder duces wie Arminius oder Civilis belegt werden. Daß Veledas Macht und

109 Tac. hist. 4,61,2; zu Veleda im Überblick Walser (1955) Anwesenheit in Ägypten im Rahmen einer stammes-
und vor allem Volkmann (1975), der alle Quellen zu Ve- übergreifenden Gesandtschaft im Rahmen der Marko-
leda zusammengetragen hat und auch die übrigen, in mannenkriege: „Derartige kriegerische oder friedliche
den römischen Quellen namentlich genannten Seherin- Zusammenschlüsse germanischer Stämme bedürfen
nen zusammenstellt; die Arbeit von S. Tausend (2009) geradezu zwingend der Dienste einer professionellen
geht insoweit über Volkmanns Betrachtungen hinaus, Seherin, wie Veleda und Ganna gezeigt haben“ (168); es
als sie die altnordischen Quellen sowie das Material wird nicht erklärt, warum Frauen und nicht Männer
über griechische und römische Frauen mit Sehergabe zwingend waren.
zum Vergleich heranzieht; ihr Interesse liegt zum einen 115 Tac. hist. 4,61,2.
auf der Technik der Weissagekunst, zum anderen dar- 116 Tac. hist. 4,65,4: Sed coram adire adloquique Veledam ne-
auf, die seherischen Frauen als „notwendiges Kultperso- gatum: arcebantur adspectu, quo venerationis plus inesset.
nal“ zu verstehen. ipsa edita in turre; delectus e propinquis consulta responsa-
110 Tac. Germ. 8: Albruna et compluris alias. que ut internuntius numinis portabat; vgl. dazu den Ge-
111 Cass. Dio 67,5,3:  « ! …   brauch des Begriffes numen bei Tacitus, z.B. numen
112 Suet. Claud. 1,2; Cass. Dio 55,1,3. Augusti, also hier etwa die ‚Hoheit‘ des Augustus (u.a.
113 Suet. Vit. 14, 5. ann. 3,66,1) und nicht ‚Gottheit‘; dazu siehe auch die fol-
114 Detailliert zu Waluburg Volkmann (1975) 238–239; S. gende Anmerkung.
Tausend (2009) glaubt allerdings eher an Waluburgs

UND WAS SAGT THUSNELDA? 85


Autorität kein Einzelfall war, darauf weist Tacitus deutlich hin. Veleda ist ihm als Beispiel aus der Ge-
genwart gut bekannt, aber er setzt sie mit anderen gleich: „auch früher schon haben sie eine Albruna
und mehrere andere verehrt (venerati sunt), freilich ohne Kriecherei (non adulatione) und ohne sie
gleichsam zu Göttinnen zu machen“.117 Eine alte Sitte sei dies zudem bei den Germanen: vetus apud Ger-
manos mos118 – wir horchen auf, denn diese Bemerkung steht völlig im Gegensatz zu den Berichten über
die Könige, die ja, wie wir bereits gesehen haben, größte Schwierigkeiten hatten, ihre potestas aufrecht
zu halten, um so mehr als ihnen zumeist auctoritas fehlte – von veneratio ist überhaupt nie die Rede.
Standen also Frauen wie Veleda gewissermaßen zwischen Göttern und Menschen und waren ihre Be-
scheide und damit Eingriffe in das politische Leben dadurch jeder menschlichen Kritik enthoben? Um
so mehr, als Tacitus an dieser gleichen Stelle – im Widerspruch zu seinen sonstigen Aussagen – behaup-
tet, die Germanen hätten die weissagenden Frauen für Göttinnen gehalten (plerasque feminarum fatidi-
cas et augescente superstitione arbitrantur deas). Nicht ganz, denn zumindest die Bataver wollten lieber die
Herrschaft römischer Herren als die germanischer Frauen ertragen;119 aus dem Zusammenhang geht
hervor, daß es sich im konkreten Fall um Veleda gehandelt haben muß. Es gab also auch bei den Frauen
eine deutliche Begrenzung der Herrschaft. Zwar achtete man den Rat der Frauen, verwarf nicht ihre
Ratschläge, verehrte sie; den Frauen selbst wurden alle Attribute der Herrschaft beigelegt: potestas, auc-
toritas, imperare. Doch warum die Bataver gegen die Herrschaft der Veleda waren, und wie die Brukterin
überhaupt in die Lage kam, ihre Herrschaft über die Bataver auszudehnen, darüber kann nur eine ge-
nauere Betrachtung der Beteiligung der Frauen an den außenpolitischen Entscheidungen der Stämme
näheren Aufschluß geben.

Das äußere politische Leben

Welchen Anteil hatten Frauen an den Außenbeziehungen der Stämme? Natürlich wird am häufigsten
von den zahllosen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Germanen selbst sowie zwi-
schen Germanen und Römern berichtet, und natürlich stehen hier die Männer als Kämpfer im Vorder-
grund. Allerdings wird immer auch geschildert, daß Frauen und Kinder in der Nähe der Schlachtreihe
(in proximo), also wohl in deren Rücken aufgestellt wurden, um den Kämpfenden Stärkung und Ermu-
tigung zukommen zu lassen.120 Gar manche Kriegerreihe sei durch die Frauen wieder zum Stehen ge-
bracht worden, vor allem durch die Vorstellung einer nahen Gefangenschaft ihrer Frauen, sagt Tacitus.121

117 Tac. Germ. 8: sed et olim Albrunam et compluris alias vene- fluß kraft der Religion; Veleda ist aber m.E. eben nicht
rati sunt, non adulatione nec tamquam facerent deas. ausschließlich Teil eines – wenn auch mächtigen – Kult-
118 Tac. hist. 4,61,2. personals, sondern vermittels der religiösen Fähigkeiten
119 Tac. hist. 5,25,2: et si dominorum electio sit, honestius prin- politisch eigenständig handelnd wie ein Heerführer
cipes Romanorum quam Germanorum feminas tolerari; oder König.
diese Stelle widerspricht m.E. der These von S. Tausend 120 Tac. Germ. 7: et in proximo pignora, unde feminarum ulu-
(2009), die die Seherinnen als unverzichtbares kulti- latus audiri, unde vagitus infantium, hi cuique sanctissimi
sches Bindeglied politischer Zusammenschlüsse der testes, hi maximi laudatores. … illae … hortamina pugnan-
mehrere Stämme umfassenden Kultgemeinschaften in- tibus gestant.
terpretiert; daher setzt sie Veleda mit der delphischen 121 Tac. Germ. 8: Memoriae proditur quasdam acies inclinatas
Pythia gleich; die Frauen können nach Tausend „fall- iam et labantes a feminis restitutas constantia precum et
weise (eine) äußerst machtvolle Position“ – ein von der obiectu pectorum et monstrata cominus captivitate, quam
Autorin nicht definierter Begriff – erringen, bleiben aber longe impatientius feminarum suarum nomine timent; be-
nach ihrer Interpretation ganz und gar beschränkt auf züglich der Überlieferung glaubt Much (1967) 164, daß
die Religion, d.h. sie gewinnen Einfluß innerhalb ihres „einzig der erste Tag von Aquae Sextiae [in Betracht
religiösen Aufgabengebietes und nicht Macht und Ein- kommt], und dieser Tag muß Tacitus wohl vor Augen

86 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


Über Kämpfe von Stämmen auf der Wanderschaft berichten unter anderen Plutarch und Orosius aus
der Zeit der Kimbern- und Teutonenzüge des 2. Jahrhunderts vor Christus;122 Florus schildert, daß die
Frauen ihre Männer im Kampf unterstützten, indem sie hinter ihren Wagen stehend von hoch oben
herab mit Lanzen und Wurfspießen kämpften, und daß die Auseinandersetzung mit ihnen nicht leich-
ter war; sie drohten im Falle einer Niederlage sich und die Ihren selbst zu entleiben, um nicht in Ge-
fangenschaft zu geraten.123 Ähnliches berichtet Caesar über die Streitmacht des Ariovist 58/7 v. Chr.124
Nun behauptet Tacitus in der Germania außerdem, daß Frauen generell an Schlachten beteiligt waren.
Als die Römer gegen die Bataver zu Felde zogen, soll Civilis bei Castra Vetera seine Mutter und seine
Schwestern zusammen mit den Frauen und kleinen Kindern aller anderen im Rücken des Heeres auf-
gestellt haben, und in diesem Fall befand sich ja niemand auf der Wanderschaft.125 Warum standen
diese Frauen also da? Doch bestimmt nicht, um im Falle einer Niederlage schreiend kehrt zu machen!
Und warum kämpften bewaffnete Frauen zur Zeit der Markomannenkriege um 170 n. Chr. in Italien?
Ihre Leichen wurden nach der Niederlage von den Römern gefunden.126 Diese Frauen waren weder auf
der Wanderschaft, noch verteidigten sie ihre Heimat. Trotz der zahlreichen Berichte über kämpfende
Frauen werden diese jedoch lediglich als ein Topos allgemeinbarbarischer Sitten bezeichnet.127 Was
aber spricht gegen die Kampfteilnahme von Frauen außer dem eigenen Vorurteil? Auf keltischer Seite
erscheinen Frauen ebenfalls aktiv kämpfend: Die britischen Stämme waren ja sogar gewohnt, unter der
Führung von Frauen in den Krieg zu ziehen, da sie im Oberbefehl nicht nach Geschlecht unterschie-
den.128 Und selbst zwei Römerinnen nennt Tacitus, die mit der Waffe gekämpft haben: Verulana Gratilla
ging dem Kriegshandwerk nach (bellum secuta), ebenso Triaria, die Gattin des Vitellius, die er als „ge-
mein und grausam“ (ultra feminam ferox) bezeichnete.129 Beim Angriff der Römer auf die Insel Man bil-
deten die (einheimischen) Männer eine dichte Reihe von Kämpfenden, während zwischen den Reihen
Frauen herumliefen, „welche nach Art der Furien im Leichengewand mit herabwallenden Haaren Fak-
keln vorantrugen“, eine Schilderung, welche neben dem Kampf vielleicht auch auf eine religiöse Rolle
der Frauen in der Schlacht schließen läßt,130 vielleicht aber, wie das Kriegsgeschrei (ululatus) der Bata-
verinnen, die Gegner vor allem in eine Schreckstarre versetzen sollte. Kämpfende Frauen sind demzu-
folge kein Germanen- oder Keltenlatein, denn sie bekamen Waffen und Schild bei der Hochzeit über-
reicht. Diese Nachrichten können wir nicht einfach als Topos bezeichnen, nur weil sie nicht in unser
Bild von Frauen passen. Wenn man die Größe der gentes bedenkt, könnte man das Kämpfen von Frauen
durchaus auch als ein Erfordernis auffassen. In der bereits erwähnten Stammessage der Langobarden

schweben“; warum Tacitus nur gekannt haben soll, was Ausschmückung“ gesehen, welcher keinerlei Bezug zur
uns heute noch an Quellen überliefert ist, bleibt unklar; Wahrheit hatte, insbesondere soweit dieser die Anwesen-
Much verweist dessen Behauptung daher, da es sich bei heit von Frauen und Kindern betrifft. „Mitkämpfende
dem auf Poseidonius zurückgehenden Bericht Plutarchs germanische Frauen begegneten den Römern erstenmals
über Aquae Sextiae (s. folgende Anm.) lediglich „um ein auf den Zügen der Kimbern und Teutonen. Diese Er-
einzelnes Vorkommen“, das zudem die Entscheidung scheinung wandernder Stämme nahm die römische Ge-
nur hinausgeschoben, nicht gewendet habe, in den Be- schichtsschreibung, ohne ihren ursprünglichen Zusam-
reich des Literarischen, ohne Rücksicht „auf geschichtli- menhang zu verstehen (?), als Topos auf. Frauen in der
che Genauigkeit“. Kampfordnung galten daher als ‚allgemeinbarbarische‘
122 Plut. Marius 19,9; Oros. 5,16,17–21. Sitte. Sie waren bevorzugter Gegenstand moralischer und
123 Flor. epit. 1,38,16: lanceis contisque pugnarent. psychologischer Erörterungen“; diese Ausführung faßt
124 Caes. Gall. 1,51,2f. trefflich die übliche Auslegung des Faktums der kämp-
125 Tac. hist. 4,18,2: hortamenta victoriae vel pulsis pudorem. fenden Frauen seitens moderner Historiker zusammen.
126 Cass. Dio 71,3,2: "   #« #« $  128 Tac. ann. 14,35,1: solitum quidem Britannis feminarum
λ   $  ³   %&. ductu bellare bzw. Agr. 16,1: neque enim sexum in imperiis
127 Vgl. dazu Bruder (1974) 135, 142, 184 und insbes. Herr- discernunt.
mann (1988) 292 mit Anm. 51; hier wird der Schlach- 129 Tac. hist. 3,69 bzw. 77 u. 2,63.
tenbericht von Castra Vetera als reine „rhetorische 130 Tac. ann. 14,30,1.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 87


wird erzählt, daß die gens der Vandalen von der gens der Winniler Tribut forderte, woraufhin die Stam-
mesmutter Gambara und ihre beiden Söhne beschlossen, lieber zu kämpfen als zu zahlen. Weil sie, die
späteren Langobarden, aber ein so sehr kleiner Stamm waren, baten sie über Gambara die Göttin Freia
um Hilfe und Unterstützung in ihrem Kampf. Auf deren Rat hin banden sich die Frauen ihre langen
Haare als Bärte vor das Gesicht und traten zusammen mit ihren Männern vor Sonnenaufgang vor den
Gott Wotan, der ihnen den Sieg zusprach; dieser Ratschlag wird nicht erklärt, aber zweifelsohne war es
diese Vermehrung, ja Verdoppelung der Kämpfer, die den Gott veranlaßte, dem Stamm nicht schon auf-
grund seiner kümmerlichen Anzahl den Sieg zu verweigern.131 Man könnte darüber hinaus vermuten,
daß zu diesem Zeitpunkt nur noch Männern in Verbindung mit einem männlichen Gott kultische
Wirkmacht zugeschrieben wurde, was wiederum die Vertreibung der Haliurunnae bei den Goten erklä-
ren könnte. Anzunehmen ist ferner, daß es sich bei einer Vielzahl von Stämmen um Kleinstverbände
mit sehr wenigen Menschen gehandelt haben muß – wie also hätten solche Gemeinschaften, wenn es
um das Überleben als Gruppe ging, auf die Hälfte ihrer Mitglieder, also die Frauen verzichten können?
Je kleiner die Zahl der kämpfenden Männer war, um so notwendiger war das Eingreifen der Frauen. Im
übrigen begegnen in frühmittelalterlichen Quellen immer wieder Frauen, die kämpften,132 weshalb
man zusammenfassend feststellen kann: 1.) Frauen waren psychisch und physisch in der Lage zu
kämpfen, und es bestand auf Grund der geringen Größe der gentes auch die Notwendigkeit zu kämpfen;
2.) Waffen waren deshalb für Frauen kein unpassendes Geschenk; 3.) Frauen standen nicht nur wäh-
rend der Wanderschaft auf den Wagen hinter den Kriegern, sondern auch bei Kämpfen in ihrer Heimat;
vielleicht nahmen sie sogar manchmal an Kriegszügen teil; 4.) Frauen kämpften mit Waffen, Geschrei
und bestimmt auch mit Zauberkünsten.
Die Beziehungen der Stämme zueinander sowie die zu den Römern waren bereits formalisiert.
Man tauschte untereinander öffentlich Geschenke aus,133 ebenso Geiseln zur Absicherung der Verträge:
Wie oben schon erwähnt, wurden weibliche Geiseln bevorzugt. Boten bzw. Gesandte waren unverletz-
lich,134 und immerhin hören wir auch zweimal von weiblichen Gesandten. Als 102 v. Chr. die Römer die
Kimbern bei Vercellae in Oberitalien geschlagen hatten, kamen kimbrische Frauen als Abgesandte zu
Marius mit der Anfrage, ob man ihnen nicht Freiheit und Priestertum gewähren könne.135 Während die-
ses erste Beispiel noch aus der Not des Kriegsgeschehens erklärt werden kann, ist das zweite ein ein-

131 Origo gentis Langobardorum, c. 2: die Göttin Freia wird mit Waffengewalt einzudringen, aus Furcht vor jener
um Hilfe gebeten, die den Rat (consilium) gibt, ut sole Buße, die im alten Gesetzbuch (also Rotharis) darauf ge-
surgente Winniles et mulieres eorum crines solutae circa fa- setzt ist. „Sie hießen aber ihre Frauen sich zusammen-
ciem in similitudinem barbae et cum viris suis venirent. Auf rotten … und schickten sie gegen Leute von geringerer
Grund dieser Aktion wurden die Winniler von Wotan als Wehrhaftigkeit. Jene also ergriffen die Leute dieses Or-
Langbärte bezeichnet; bereits Paulus Diaconus in seiner tes, brachten ihnen Wunden bei und stifteten auch son-
Historia Langobardorum, c. 8 bezeichnete diese Ge- stiges Unheil mit Gewalt, grausamer als die Männer.
schichte als ridicula fabula (MGH SS rer. Lang. et Ital. Aus diesem Grunde wird im Gesetzbuch expressis verbis
saec. VI–IX, 52.11); s. oben S. 83. aufgenommen: Wenn hinfort Frauen sich vermessen, so
132 Der langobardische König Rothari aus der ersten Hälfte irgendetwas zu tun …“.
des 7. Jahrhunderts fand es, wie die modernen Forscher, 133 Tac. Germ. 15.
völlig absurd, daß Frauen kämpfen könnten, weshalb er 134 Tac. Germ. 5; zu weiteren Boten hist. 4,15,1; 17,1; 19,1;
nur Strafen für männliche Räuberbanden verfügte (sog. 20,1; 21,2.
Edictus Rothari, c. 278): Eine Frau könne nicht mit Ge- 135 Flor. epit. 1,38,17; Oros. 5,16,13 interpretiert die Anfrage
walt in einen Hof einbrechen (absurdum videtur esse, ut so: ob Marius „sie in unverletzter Keuschheit dazu be-
mulier libera, aut ancilla, quasi vir cum armis vim facere stimmen würde, den heiligen Jungfrauen und den Göt-
possit, MGH LL Bd. 2, 67.14–16); dies hatte mißliche Fol- tern zu dienen“, also den Vestalinnen; hatten die Frauen
gen, lesen wir doch in dem Gesetzbuch seines Nachfol- Kenntnis über im Kultus tätige Staatssklaven und hofften
gers Liutprand ungef ähr einhundert Jahre später (MGH sie als solche aufgenommen zu werden? Zu den Staats-
LL Bd. 4, 170.10–171.10): Einige bösartige Kerle hatten es sklaven im Kultus allgemein siehe Eder (1980) 37–56.
zwar selber nicht gewagt, in ein fremdes Dorf oder Haus

88 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


deutiger Beweis: Es ist die Gesandtschaft der bereits erwähnten Ganna, die 92 n. Chr. gemeinsam mit
dem König der Semnonen, Masyos, Kaiser Domitian in Rom besuchte und von diesem hoch geehrt
wurde. Ganna wird als parthenos, als Jungfrau bezeichnet, die nach Veleda in Germanien prophezeite,
d.h. Seherin war.136 Ob nun Ganna eine Semnonin war oder nicht, ist in unserem Zusammenhang un-
erheblich;137 hervorzuheben ist jedoch, daß Cassius Dio die „weissagende Jungfrau“ in einem Atemzug
völlig gleichberechtigt neben dem König nennt, was die Bedeutsamkeit und hervorgehobene Position
der Ganna eindrucksvoll offenbart.138
Verträge, pacta, wurden von den Germanen nicht nur mit den Römern, sondern auch untereinan-
der abgeschlossen. Im Fall der Treverer, die mit Civilis im Bataveraufstand verbündet waren, hören wir,
daß deren Anführer Julius Tutor in geheimer Unterredung die Stimmung speziell der Ubier, also eines
von den Römern in Köln angesiedelten Stammes, erforschen wollte, um sie auf die Seite der Aufstän-
dischen zu bringen. Mit ins Vertrauen gezogenen, geeigneten Leuten traf er sich in einem Kölner Pri-
vathaus: „in ihrer Mehrheit wollte nämlich die dortige Bürgerschaft nichts von einem solchen Beginnen
wissen.“139 Nach dem Scheitern dieser ersten Verhandlungen140 wurden den Kölnern aber sowohl der
Anschluß an Civilis Partei als auch Zugeständnisse an die rechtsrheinischen Germanen abgerungen.
Diesen gestanden die Ubier den freien Zugang zu ihrer Stadt Köln sowie freien Handelsverkehr zu.141
Zu diesen Zwecken wurden pacta geschlossen, aber nicht direkt zwischen den die Unterhandlungen
führenden Tenkterern und Ubiern, sondern die Kölner forderten als Schiedsrichter Civilis und Veleda
(arbitrum habebimus Civilem et Veledam, apud quos pacta sancientur).142 Sie schickten also Gesandte mit
Geschenken zu beiden und konnten bei diesen alle ihre Vorstellungen und Wünsche durchsetzen
(cuncta ex voluntate Agrippinensium perpetravere).143 Wir sehen daraus, erstens: Veleda hatte die Macht,
auf bereits verhandelte Verträge Einfluß zu nehmen, da sie als Schiedsrichterin angerufen wurde und
da die Kölner erreichen konnten, was sie gewollt hatten. Dies impliziert, daß Veleda Vertragsinhalte
annehmen oder auch verwerfen konnte – weitreichendste politische Machtbefugnis, in der Tat. Was be-
deutet, zweitens, pacta sancientur? Die Verträge wurden durch religiöse Weihe unverletzlich und unver-
brüchlich festgesetzt, ein ganz unglaublicher Vorgang und Beweis nicht nur für die religiöse Autorität
der Veleda; denn man kann nur dann eine Sache unverletzlich machen, wenn man auch Maßnahmen
gegen Störungen des Vertragsfriedens ergreifen kann. Die Tatsache, daß die Ubier zu Civilis Gesandte
schickten bezüglich der abzuschließenden Verträge, ist nicht verwunderlich: Er war der Kopf des Auf-
standes, er konnte militärisch, mit dem Schwert in der Hand, die Einhaltung der Abmachungen garan-
tieren. Was aber konnte Veleda, die in einem Turm saß, den Blicken der Sterblichen entrückt, tun?
Konnte sie bei Vertragsbruch eingreifen, vermitteln und vielleicht auch Strafen verhängen? Von den
Brukterern, zu deren Stamm sie gehörte, ist nicht bekannt, daß sie eine besonders herausgehobene
Rolle in Civilis’ Aufstandsbewegung gespielt hätten; Veledas Rolle findet ihre Erklärung also nicht in
der politischen Rolle ihres Stammes, sondern ist allein in ihrer Person und Funktion zu suchen. Veleda,
sagt Tacitus, late imperitabat.144 Wann immer Tacitus den Begriff imperitare verwendet, bezeichnet er

136 Cass. Dio 67,5,3: M« ²  '   (« λ 139 Tac. hist. 4,55.
*  –  « !  κ O, " 9 - K 9
- 140 Tac. hist. 4,63,1.
  – ! μ« μ .   ' , λ  -« ’ 141 Tac. hist. 4,64f.
, /' « $ & . 142 Tac. hist. 4,65,3.
137 So Volkmann (1975) 238; dagegen S. Tausend (2009) 143 Tac. hist. 4,65,4.
166f. 144 Tac. hist. 4,61,2.
138 Es ist nicht belegbar, ob Waluburg ebenfalls eine Ge-
sandtschaft begleitete, wie S. Tausend (2009) glaubt
(s. oben S. 85 mit Anm. 114).

UND WAS SAGT THUSNELDA? 89


damit wirkliche Herrschaft.145 Da seine Beispiele bei den Germanen nicht häufig sind, kann man davon
ausgehen, daß der Begriff imperitare bei Veleda bewußt gewählt wurde und deshalb auch großes
Gewicht hat. Die Seherin herrschte, und zwar late, also über den Stamm hinaus, sie vermittelte bei
Vertragsabschluß und garantierte diesen, wenn man auch nicht weiß, auf welche Weise. Das aber be-
deutet in der Summe nicht nur religiöse Autorität, sondern – auf dieser aufbauend – auch politische
Macht.
Auch die Römer mußten die Autorität und Macht Veledas anerkennen und wußten um ihren
Einfluß auf die aufständischen Germanen. Wie sonst wäre es zu erklären, daß der römische Feldherr
Cerialis, um den Bataveraufstand endgültig zu beenden, in getrennten (geheimen) Botschaften den
Batavern Frieden und dem Civilis Verzeihung anbot, Veleda und ihre Verwandten (propinqui) aber
mahnte, „dem Kriegsglück durch ein Verdienst um das römische Volk eine Wendung zu geben“.146
Die Botschaft an Veleda wird als einzige der drei Nachrichten ausführlich dargelegt: Sie wird aufge-
fordert, Civilis keinen Unterschlupf zu gewähren – denen, die den Heimatlosen aufnähmen, sei er
eine Last.147 Die von Tacitus genannte amicitia zwischen Civilis und Veleda verpflichtete also die bei-
den Protagonisten des Aufstandes zu wechselseitiger Hilfe; war demnach die amicitia ein förmlicher
Vertrag? Wurden also vor Veleda nicht nur Verträge verhandelt, sondern schloß sie auch selbst wel-
che? Die Römer warfen Veleda ferner vor, daß die Germanen so häufig den Rhein überschritten hät-
ten,148 was eindeutig beweist, daß sie Veleda Befehlsgewalt über die rechtsrheinischen Germanen zu-
schrieben. Veleda hatte also ganz unzweifelhaft, wie die (männlichen) Könige, politische Macht über
mehrere Germanenstämme. Dies offenbart sich auch darin, daß sie, wie andere führenden Köpfe des
Aufstandes auch, Anspruch auf Beute hatte: Neben unbekannten Gaben wurde ihr einmal ein römi-
scher Legionslegat namens Munius Lupercus als Geschenk zugeschickt, der jedoch leider unterwegs
ermordet wurde;149 von wem er umgebracht wurde, wird nicht überliefert; man kann aber durchaus
vermuten, daß die Mörder unter denen waren, die ihn Veleda überbringen sollten. Das aber läßt auf
Ablehnung der Veleda und auf Opposition gegen ihre Macht schließen. Nach dem Sieg des Civilis
über die römische Flotte erhielt Veleda das Befehlshaberschiff, einen Dreiruderer, gewiß ohne die
170 Mann Besatzung; das gewaltige Schiff mußte die Lippe hinaufgezogen werden.150 Die Tatsache,
daß Veleda das Befehlshaberschiff bekam und nicht nur irgendeines aus der erbeuteten Flotte, un-
terstreicht zwar ihre herausragende Autorität in diesem Konflikt, doch waren ihre Macht und Auto-
rität trotzdem nicht unumstritten, wie die Ermordung von Lupercus bereits vermuten läßt: Denn die
Bataver wollten lieber keine germanische Frau über sich ertragen, wenn die Wahl stand zwischen
römischen principes und germanischen Frauen als domini.151 Das behauptet jedenfalls Tacitus. Fürch-
teten die Bataver also die Herrschaft der Veleda genauso wie die des Civilis und die Cherusker die
Herrschaft des Arminius? Wurde die Seherin politisch zu mächtig? Wie es Veleda am Ende erging, ist
durch den Verlust der relevanten Partien von Tacitus’ Historien nicht mehr genauer aufzuklären, aber
da sie in einem Gedicht von Statius als Gefangene der Römer erwähnt wird: „Ich habe keine Zeit, von
den Schlachten im Norden, dem Aufstand am Rhein und den Bitten der gefangenen Veleda Kunde zu

145 Dazu z.B. Tac. ann. 12,54. 148 Tac. hist. 5,24,2: et satis peccavisse, quod totiens Rhenum
146 Tac. hist. 5,24,1f. transcenderint.
147 Tac. hist. 5,24,1f.: caesos Treviros, receptos Ubios, ereptam 149 Tac. hist. 4,61,1f.: sed Lupercus in itinere interfectus.
Batavis patriam; neque aliud Civilis amicitia partum quam 150 Tac. hist. 5,22,3: multa luce revecti hostes captivis navibus,
vulnera fugas luctus.exulem eum et extorrem recpientibus praetoriam triremem flumine Lupia donum Veledae traxere;
oneri. zu Trieren siehe Bockius (2007) 58–59.
151 Tac. hist. 25,2; wie oben S. 81.

90 DAGMAR BEATE BALTRUSCH


geben“,152 muß sie sich wohl gegen das römische Angebot gewandt und keine Verdienste für die Rö-
mer erbracht haben.153 Augenscheinlich aber waren ihre politische Autorität und ihre Macht so groß,
daß die Römer sie unmöglich in ihrer Heimat belassen konnten und sie ins Exil bringen mußten, wie
jeden anderen männlichen Germanenführer, der zum Ausgangspunkt neuer Aufstandsbewegungen
gegen die römische Herrschaft hätte werden können. Zur Zeit des Domitian wurde dann von dem
Statthalter Spurinna den Brukterern ein König mit Waffengewalt aufgedrückt – möglicherweise der
Ersatz für die aus der Herrschaft entfernte Veleda.154

Ich fasse zusammen:


1.) Die Bilateralität der Sippen bildete die gesellschaftliche Voraussetzung für die Stellung der
Frauen in den germanischen gentes; sie machte die Unterdrückung der weiblichen Mitglieder der Fami-
lien unmöglich und stellte sie, ganz im Gegenteil, gleichberechtigt als sociae an die Seite der Männer.
2.) Frauen waren Teil des Gemeinwesens, was sich an der Übergabe der Waffen an Frauen, an ih-
rer Beteiligung an Kampfhandlungen, an der Vorhersage geeigneter Zeitpunkte für Schlachten und an
der offiziellen Vertretung des Stammes als Gesandte und als Geiseln zeigt. Natürlich, das muß nicht
eigens betont werden, waren Frauen dadurch, daß sie Kinder bekamen (und bekommen), stets auch
stärker an das Haus gebunden als die Männer und deshalb – im gebärf ähigen Alter – immer weniger
sichtbar im Öffentlichen als diese. Diese Tatsache allein beschränkt aber weder die Macht noch die Au-
torität von Frauen.
3.) Politische Macht und Autorität konnten Frauen durch die Religion gewinnen – die Seherinnen,
vielleicht Jungfrauen, verfügten über Macht vergleichbar mit der der männlichen Mächtigen, ihre Au-
torität und die Verehrung, die ihnen entgegengebracht wurde, ging sogar weit über die der Männer hin-
aus. Es scheint, als ob im Verlauf der Völkerwanderungszeit, durch die ständigen kriegerischen Ausein-
andersetzungen, vielleicht auch durch die Einflüsse der römischen Gesellschaft, die Frauen mittels
ihrer seherischen Gaben keine gesellschaftliche Bedeutung mehr erlangen konnten. Erst in der Zeit der
christlichen Missionierung begannen die Frauen sich nun mittels einer neuen Religion ihre politische
Machtposition zurückzuerobern.
4.) Thusnelda, um schließlich zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren, hatte zwar eine poli-
tische Meinung, bekam gleichwohl keine Macht neben Arminius – und das nicht nur, weil sie zu früh
an die Römer ausgeliefert wurde. Von keiner Ehefrau germanischer Könige oder duces dieser Zeit wird –
anders als von den Briten – berichtet, daß ihr Macht und Autorität durch Erbe oder Ehe verliehen wor-
den wäre; Erwerb, Erhalt und Erweiterung von Macht und Autorität ist für die germanischen Frauen
dieser Zeit nur über die Sakralsphäre möglich gewesen.

152 Stat. silv. 1,4,89–90: non vacat Arctoas acies Rhenumque dienste verrichtet hat oder aber als Wahrsagerin tätig
rebellem / captivaeque preces Veledae et …; Walser (1955) war; vielleicht war Veleda eine im Kultus tätige römische
620–621 weist auf ein 1926 in Ardea, südlich von Rom Staatssklavin; zu den römischen Staatssklaven Eder
gefundenes und wieder verloren gegangenes Marmor- (1980).
bruchstück vom Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. hin, 153 Eher eine Asylgewährung denn eine Gefangennahme
das den Namen Veleda, „die hochgewachsene Jung- hält S. Tausend (2009) 164 im Anschluß an Walser
frau“, enthält, mit dem sicher zu lesenden Zusatz: „die (1955) für wahrscheinlich, da Veleda prorömisch agiert
die Rheinwassertrinker verehren“; unterschiedliche Er- habe; das aber kann keineswegs belegt werden.
gänzungen besagen, daß sie entweder im Tempel Putz- 154 Plin. epist. 2,7,2.

UND WAS SAGT THUSNELDA? 91


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UND WAS SAGT THUSNELDA? 93


94 DAGMAR BEATE BALTRUSCH
Christian Wendt

Die Oikumene unter Roms Befehl


Die Weltherrschaft als Antrieb der römischen Germanienpolitik?

Der Reiz des Gebiets Germanien erschloß sich dem Römer der Zeitenwende sicherlich nicht auf An-
hieb: Reichlich vage Ideen von undurchdringlichen düsteren Wäldern voller Fabelwesen und gewaltiger
Bestien, von ausgedehnten Sumpfgebieten und unwirtlichen klimatischen Verhältnissen werden nicht
dazu beigetragen haben, Begehrlichkeiten nach der Inbesitznahme eines Flecken Landes in diesen
nördlichen Gefilden zu wecken. Ebenso wenig wird das Verlangen groß gewesen sein, den gefürchte-
ten, kaum berechenbaren Völkern des Nordens im Kampf gegenüberzustehen, nachdem eine direkte
Gefahr für Rom seit den Siegen des Marius bei Aquae Sextiae und Vercellae (102/101 v. Chr.) gebannt
schien.
Dennoch unternahm Rom massive Anstrengungen, um nach anf änglichen begrenzten Vorstößen
das rechtsrheinische Gebiet zumindest bis zur Elbe in Besitz zu nehmen. Die Rheinübergänge Caesars
Mitte der 50er Jahre des 1. Jahrhunderts v. Chr. zeugten bereits von der Ambition des Feldherrn, sich
nicht zwangsläufig mit der Eroberung des von ihm selbst als ,Gallien‘ gekennzeichneten linksrheini-
schen Territoriums bescheiden zu wollen und natürliche Grenzen wie etwa den Rhein oder den Ärmel-
kanal keinesfalls als gegebene Begrenzungen des römischen Herrschaftsanspruchs zu akzeptieren. Wie
sehr derartige Aktionen auch bloßes Symbol blieben, sie wiesen den Weg für all jene, die die Leistungen
des späteren Divus Iulius zu übertreffen suchten bzw. sich auf dessen Spuren bewähren mußten.
Wie erklärt sich dieses Expansionsinteresse, und weshalb richtete es sich ausgerechnet auf Germa-
nien? Diesen Fragen sollen die folgenden Ausführungen nachgehen.

1. Rom und die bewohnte Welt

Im Jahr 9 n. Chr. dürfte es nur wenige Römer gegeben haben, die an der Weltreichsqualität des Impe-
rium Romanum ernstliche Zweifel hegten, dies ganz im Sinne Vergils, der im ersten Buch seines grün-
dungsmythischen Epos Aeneis die folgende Standortbestimmung durch Iuppiter selbst vornehmen
läßt:

His ego nec metas rerum nec temporum pono: imperium sine fine dedi (Verg. Aen. 1,278f.)

„Ich setze diesen keine Grenzen, weder nach Orten noch nach Zeiten:
Befehlsgewalt ohne Ende habe ich gegeben“

Daß Rom die stärkste Macht der Welt war, sein mußte, drängte sich angesichts der gewaltigen Erfolge
bereits der klassischen römischen Republik auf, die sich nach den Punischen Kriegen und den Kämp-
fen im griechischen Osten als Vormacht im Mittelmeerraum etabliert hatte. Doch war mit der Vorstel-
lung der Überlegenheit auch die Idee verbunden, dem römischen Volk sei der gesamte Weltkreis (orbis
terrarum) unterworfen, wie es im Praescript des augusteischen Tatenberichts – vermutlich postum – for-
muliert ist?

DIE OIKUMENE UNTER ROMS BEFEHL 95


Rerum gestarum divi Augusti quibus orbem terrarum imperio populi Romani subiecit (R. Gest.
div. Aug., pr.)

„Von den Taten des göttlichen Augustus, durch die er den Erdkreis dem Befehl des römischen
Volkes unterwarf“

Wohl ist davon auszugehen, daß die Vorstellung, Rom sei die Herrin der Welt, längst vor der Herrschaft
des iulischen Hauses in Stadt und Reich präsent war. Zu den frühesten Zeugnissen derartigen Gedan-
kenguts zählt das Geschichtswerk des Polybios, der als Geisel nach dem 3. Makedonischen Krieg im
Jahr 167 v. Chr. nach Rom deportiert wurde und dort mit den führenden Persönlichkeiten in Kontakt
stand. Zweck seiner nach dem Abschluß des 3. Punischen Krieges, also nach 146 v. Chr., endenden Aus-
führungen sollte es sein, zu erklären, wie Rom

„in weniger als dreiundfünfzig Jahren annähernd die gesamte bewohnte Welt unter seine
Herrschaft bringen konnte, ein Vorgang, der zuvor noch nie zu beobachten war.“ (Pol. 1,1,5)

Auch wenn Polybios seinen wiederholten Diagnosen der römischen Herrschaft meist die Relativierung
hinzufügt, Rom herrsche über ‚annähernd‘ die gesamte bewohnte Welt,1 und so die Existenz unabhän-
giger, nicht direkt unterworfener Staaten konzediert, besteht doch kein Zweifel, daß er Rom als Welt-
reich verstand, als das größte der Geschichte gar, das von der Vorsehung (Tyche) zur Herrschaft berufen
und seiner ausgezeichneten Verfassung wegen zur langen Ausübung seiner Vormachtstellung präde-
stiniert sei, ja, auch künftig keine Rivalen zu fürchten brauche.2 Polybios argumentiert dabei in Katego-
rien, die zunächst an schon in früheren Zeiten formulierte Vorstellungen der Abfolge von Weltreichen
erinnern. Sicherlich nimmt er allerdings auch Strömungen auf, die spätestens nach der endgültigen
Vernichtung Karthagos im Jahr 146 v. Chr. in Rom kursierten – auch wenn die von Valerius Maximus
überlieferte Formel des zensorischen Gebets des jüngeren Scipio Africanus, in dem er die Macht und
Ausdehnung Roms als ausreichend bezeichnet und die Götter lediglich um die Erhaltung des status quo
bittet, eher Mäßigung und Bescheidenheit vermittelt.3
Bereits im Umfeld des Jahres 168 v. Chr. scheint der sogenannte Hymnos der Melinno entstanden zu
sein, der die Größe und Übermacht der römischen Sieger über Griechenland besingt.4 Die römische
Überlegenheit wurde demnach bereits früh von einigen auswärtigen Betrachtern durchaus als Welt-
herrschaft wahrgenommen.
Jedoch taucht der Topos eines weltbeherrschenden Rom erst in späterem Kontext wieder auf und
wird Plutarch zufolge im Jahr 133 v. Chr. von einem Römer selbst (vom Volkstribun Tiberius Gracchus)
thematisiert. Über die römische Bevölkerung heißt es da:

 «   « ρ    ,  ξ     « (Plut. Tiberius
Gracchus 9)

„Obwohl sie Herren der Welt genannt werden, haben sie doch nicht eine Scholle Landes zu
eigen.“

Die Forschung geht heute davon aus, daß es sich dabei um eine anachronistische Konjektur handelt,5
angesichts des zeitlichen Abstands des Autors zum Geschehen (Plutarch schrieb über 200 Jahre nach

1 Z.B. Pol. 1,1,5: μ   κ    . 4 Stob. 3,7,12; s. auch Bengtson (1964) 153f.; Lieberg
2 Pol. 1,2,7. (1975) 72; Bowra (1957).
3 Val. Max. 4,10. 5 Z.B. Welwei (2004) 122 Anm. 13.

96 CHRISTIAN WENDT
dem berichteten Ereignis), des Fehlens von Parallelbelegen – Appian läßt Tiberius wesentlich vor-
sichtiger von Hoffnungen auf den Besitz der bewohnten Welt sprechen6 – sowie der stilistischen
Zuspitzung des Paradoxons. Dieser Kritik ist sicher im Grundsatz zu folgen, auch wenn damit nicht
auszuschließen sein kann, daß eine derartige rhetorische Figur durchaus in der Polemik einer Volks-
versammlung vorstellbar gewesen wäre. Ähnlich problematisch verhält es sich mit anderen Belegstel-
len für die frühe Auseinandersetzung mit Weltherrschaft, etwa der Überlieferung bei Livius, nach dem
Tode des Romulus sei ein gewisser Proculus Iulius vor das Volk getreten und habe eine im Traum emp-
fangene Botschaft des Romulus verkündet, in der Roms Bestimmung, caput orbis terrarum, also „Haupt
des Erdkreises“ zu sein, ausgesprochen wird.7 Cicero zitiert in seinem Spätwerk De divinatione den von
Accius in Verse gesetzten Traum des letzten Königs Roms, Tarquinius Superbus, in dem eine ähnliche
Idee formuliert wird.8 Während Livius’ Bericht sicher als Legendenbildung anzusehen ist, ist Ciceros
Passage möglicherweise zu entnehmen, daß im Jahr 136 v. Chr., als das Stück Brutus des Accius aufge-
führt wurde, die römische Vormachtstellung öffentlich als gottgewollt bezeichnet worden war. Vor dem
Hintergrund, daß im parallelen zeitlichen Umfeld auch das Geschichtswerk des Polybios entstand, ist
ein derartiger Hinweis nicht allzu verwunderlich.
Die erste zeitgenössische Erwähnung der errungenen Weltherrschaft durch einen Römer findet
sich im rhetorischen Lehrwerk des anonym gebliebenen Auctor ad Herennium, um das Jahr 85 v. Chr.
zu datieren. Dort heißt es:

Imperium orbis terrae, cui imperio omnes gentes, reges, nationes


partim vi, partim voluntate consenserunt (Rhet. Her. 4,9,13)

„die Herrschaft über den Erdkreis, mit der alle Völker, Könige und Stämme
einverstanden waren, teils freiwillig, teils nach Anwendung von Gewalt“

Hier ist bereits der vom Oceanus umflossene und begrenzte orbis terrarum der Parameter, an dem sich
der Umfang von Herrschaft ermessen läßt.
Nicht unerheblich ist, daß diese Zeilen zu einer Zeit entstanden sein dürften, als sich auch das offi-
zielle Bild des Verhältnisses Roms zu anderen, auch nicht besiegten Völkern hin zu einer deutlichen
Betonung der Suprematie Roms wandelte. Zeugnis ist hier etwa das Verhalten Sullas einem Gesandten
des parthischen Großkönigs gegenüber, der Plutarch zufolge neben einem mittig thronenden Sulla ge-
meinsam mit dem Abgesandten des Königreichs Pontos an die Seite gedrängt Platz nehmen mußte, als
er zwecks der Aufnahme diplomatischer Beziehungen in Verhandlungen mit dem römischen Statthal-
ter der Provinz Kilikien, eben Sulla, treten sollte9 – im übrigen das erste offizielle Zusammentreffen bei-
der Großmächte im Jahre 92 v. Chr. Der parthische Herrscher Mithridates II. war wenig erbaut über die-
ses deutliche Zeichen der Herabsetzung und ließ seinen Abgesandten Orobazos, der es gestattet hatte,
daß die Würde des Arsakidenhauses derart geschmälert wurde, konsequenterweise hinrichten. In Rom
allerdings sollen durchaus Stimmen vernehmbar gewesen sein, die die Deutlichkeit lobten, mit der
man den ,Barbaren‘ gegenüber aufgetreten war.10
Cicero führte die Vorstellungen eines übermächtigen Rom auf einen neuen Höhepunkt. Zu diver-
sen Gelegenheiten formulierte er explizit die in Rom fraglos populären Thesen, Rom sei berufen, die

6 App. civ. 1,11,45: Ρ !"« « # !  )  18 Cic. div. 1,45: pulcherrime auguratum est rem Romanam
  « λ κ !κ «   « % # publicam summam fore.
#!  «    " # ) !λ 4!& ' . 19 Plut. Sulla 5.
7 Liv. 1,16,7. 10 Plut. Sulla 5 berichtet allerdings von geteilten Meinungen.

DIE OIKUMENE UNTER ROMS BEFEHL 97


Welt zu beherrschen und habe dieses Ziel bereits erreicht. Erst in späten theoretischen Schriften chan-
giert die Perspektive, und es zeigt sich, daß der vormals die Glorie römischer Allherrschaft beschwö-
rende Politiker nunmehr der Ausgestaltung der römischen Macht kritischer gegenübersteht. Zunächst
soll jedoch der politische Kontext der affirmativen ciceronischen Äußerungen, also der 60er und 50er
Jahre des 1. vorchristlichen Jahrhunderts beleuchtet werden.
Ein erheblicher, ja womöglich der entscheidende Schritt in der Entwicklung des römischen Selbst-
verständnisses erfolgte mit dem Aufstieg des Gnaeus Pompeius. Zunächst noch Anführer einer priva-
ten Miliz, machte dieser als Gefolgsmann des Dictators Sulla rasch Karriere und vermochte aufgrund
früher militärischer Erfolge einen dem Dictator nahezu gleichwertigen Rang in der Hierarchie des rö-
mischen Gemeinwesens einzunehmen – dies, ohne jemals die Ämterlaufbahn anzutreten, die her-
kömmlich den Aufstieg ambitionierter Männer bedingte. Auch nach dem Rückzug Sullas aus der Poli-
tik und dessen Tod blieb Pompeius eine feste Größe in Rom und konnte weitere militärische Erfolge
verbuchen, die ihm schließlich ein in Ressourcen und Ausdehnung kaum mehr begrenztes Kom-
mando gegen die Rom bedrohenden Seeräuber und anschließend den östlichen Erzfeind Mithrida-
tes VI. von Pontos eintrugen. Die Resultate waren erneut beeindruckend, und der heimkehrende
Feldherr verbrachte viele Monate damit, seinen Triumphzug so vorzubereiten, daß er nicht allein ein
glanzvolles Spektakel werden, sondern alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. Der
schließlich im September 61 v. Chr. stattfindende Triumph erstreckte sich über zwei Tage, und dennoch
konnte nur ein Bruchteil der Beutestücke gezeigt werden.11 Schon früher hatte Pompeius stets versucht,
als eine Art Reinkarnation Alexanders des Großen zu erscheinen – so ließ er sich Pompeius Magnus
nennen, trat als Städtegründer in Erscheinung, ließ seine Feldzugsberichte mit Topoi versehen, die sie
dem Alexanderzug gleichen ließen –, nun zeigte er sich in einer Chlamys (Feldherrnmantel), die vor-
geblich die des legendären makedonischen Welteroberers gewesen war.12 Der Triumph wurde zudem
nicht allein als sogenannter triumphus triplex über drei verschiedene Erdteile begangen und war so be-
reits etwas Einmaliges;13 Cassius Dio berichtet auch von einer besonderen Trophäe, die als Höhepunkt
des Zuges zuletzt aufgeführt wurde und die Aufschrift trug:

Ρ «   « (Cass. Dio 37,21,2)

„über die bewohnte Welt“

Damit war die Weltherrschaft ein offiziell benanntes und gewissermaßen staatlich reklamiertes Fak-
tum.
Wie groß die Strahlkraft dieser Erfolge gewesen sein muß, zeigen die Anstrengungen der beiden
stärksten Konkurrenten des Pompeius, die sich noch im Jahr 60 im sogenannten 1. Triumvirat mit ihm
verbunden hatten. Gaius Iulius Caesar mühte sich ebenso um militärisch erworbenen Erobererglanz
wie Marcus Licinius Crassus, beide mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Während Caesar mit seiner blu-
tigen Unterwerfung Galliens die Basis schuf, in puncto Prestige und Geldmitteln zu Pompeius aufzu-
schließen, ging das Heer des Crassus bei dessen so ambitionierten wie mangelhaft vorbereiteten Pro-
jekten in Parthien unter, im Jahr 53 v. Chr. bei Carrhae. Der Anspruch beider aber, in militärischer
Hinsicht nicht hinter Pompeius zurückzustehen, war offensichtlich.14

11 Plin. nat. 7,98; App. Mithr. 116,568; Plut. Pompeius 45; 13 Plut. Pompeius 45.
Vell. 2,40,3; Cass. Dio 37,21. 14 Baltrusch (2011) 61 u. 85.
12 App. Mithr. 117,577; Nachweise etwa bei Weippert (1972)
65ff.

98 CHRISTIAN WENDT
Die Erhöhung Caesars nach seinen Siegen im Bürgerkrieg gegen Pompeius erreichte ein bis dato
ungekanntes Ausmaß. In unserem Kontext besonders auff ällig ist die beschlossene Ehrung, auf dem
Capitol eine Bronzestatue des Dictators zu errichten, die auf einer Weltkugel stehen sollte; zudem sollte
im Tempel des Quirinus Caesars Statue mit der Widmung deo invicto – „dem unbesiegten Gott“ – auf-
gestellt werden. Christian Meier bewertet diese Beschlüsse gewohnt prägnant: „Die Ehren dokumen-
tierten mindestens in der Darstellung Caesars als Weltherrscher, daß seine Dignitas ins Unermeßliche
gestiegen war.“15
Vor dem Hintergrund der Bürgerkriege, der Lähmung des republikanischen Staates und der sich
immer stärker herauskristallisierenden Alleinherrschaft sind denn auch die kritischen Würdigungen
zu verstehen, die Sallust und der späte Cicero der römischen Weltherrschaft widmeten. Für Sallust ist
die Weltherrschaft gleichbedeutend mit dem Wegfall einer echten äußeren Bedrohung, und er setzt
diese Epochengrenze ins Jahr 146 v. Chr. Mit dem Verschwinden Karthagos und des damit inexistent ge-
wordenen metus hostilis, der Furcht vor dem Feind, setzt Sallust zufolge die Desintegration der Nobilität
ein, die sich dem Sittenverfall, der Selbstsucht und dem Parteienhader ergibt.16 Nicht der Erwerb der
Weltherrschaft, sondern der verantwortungslose Umgang mit dem erreichten Zustand ist Stoßrichtung
der Kritik.17 Ähnlich argumentiert Cicero, wenn er in seinem Werk De officiis Mitte der 40er Jahre fest-
stellt, die Römer herrschten iniuste, also ungerecht, und seien vom ehemals gültigen Modell eines pa-
trocinium orbis terrae, also einer Schutzmacht des Erdkreises, abgekommen.18
Wieviele Adressaten allerdings diesen systemkritischen und dekadenztheoretischen Ansätzen fol-
gen wollten, wissen wir nicht – die offizielle Terminologie blieb weiterhin dem Gedanken an die Beherr-
schung des orbis terrarum verhaftet. Der hier vertretenen Interpretation zufolge ist die Koinzidenz zwi-
schen immer eindeutigerer Forderung respektive Betonung der Weltherrschaft und dem Aufstieg
derjenigen, die nach einer die republikanischen Maßstäbe sprengenden Machtposition strebten, kein
Zufall. Die positiv besetzten, noch den Furor des eigenen Aufstiegs atmenden Passagen bei Cicero be-
ziehen sich häufig auf Leistungen eben der herausragenden Einzelpersönlichkeiten, die für Rom den
orbis terrarum gewonnen hatten. Teils ist es Absicht des Autors, sich selbst diesen an die Seite zu stel-
len,19 teils, deren Leistungen zu glorifizieren – die Weltherrschaft wurde also als Errungenschaft Ein-
zelner gefeie