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Rassismus Usa

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Behandelte Themen

  • Rassismus,
  • Kulturelle Homogenität,
  • Rassistische Diskriminierung,
  • Rassistische Ideologien,
  • Rassistische Hierarchien,
  • Kritische Rassentheorie,
  • Weiße Amerikaner*innen,
  • Kulturelle Identität,
  • Rassistische Diskurse,
  • Unterordnende Höflichkeit
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  • Kritische Rassentheorie,
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  • Rassistische Diskurse,
  • Unterordnende Höflichkeit

In den USA ist in alltäglichen Interaktionen ein

stillschweigender Rassismus institutionalisiert.


Und anderswo?1

Anne Warfield Rawls University of Siegen


Waverly Duck University of Pittsburgh

WORKING PAPER SERIES | NO. 22 | JULY 2022


Collaborative Research Center 1187 – ‘Media of Cooperation’
Sonderforschungsbereich 1187 – ‘Medien der Kooperation’
Working Paper Series
Collaborative Research Center 1187 – ‘Media of Cooperation’

Print-ISSN 2567–2509
Online-ISSN 2567–2517
DOI doi.org/10.25819/ubsi/10116
dspace.ub.uni-siegen.de/handle/ubsi/2205
URN urn:nbn:de:hbz:467-22053

This work is licensed under the Creative


Commons Attribution-NonCommercial-No­
Derivatives 4.0 International License.

This Working Paper Series is edited by the Collaborative Re-


search Center Media of Cooperation and serves as a platform
to circulate work in progress or preprints in order to encour-
age the exchange of ideas. Please contact the authors if you
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Publication is funded by the Deutsche Forschungs-


gemeinschaft (DFG, German Research Foundation) –
Project-ID 262513311 – SFB 1187.

Cover image: Anna K. Büdenbender

The english version of the text published here with kind


permission appears in Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2/2021
as the lead text for the debate of the same name.

Universität Siegen
SFB 1187 Medien der Kooperation
Herrengarten 3
57072 Siegen, Germany
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In den USA ist in alltäglichen Interaktionen ein stillschweigender Rassismus institutionalisiert.
Und anderswo?

Anne Warfield Rawls University of Siegen


Waverly Duck University of Pittsburgh

Abstract (DE) In unserem Buch Tacit Racism („Stillschweigender Rassismus“) zeigen wir, dass Rassismus in den
Vereinigten Staaten in die „alltäglichen“ Erwartungen an zwischenmenschliche Interaktionen eingeschrieben
ist. Dafür gehen wir der Frage nach, wie es auf einer sozialen Ebene, die wir als „Interaktionsordnung von
race“ (Interaction Orders of Race) bezeichnen, zur ständigen Produktion und Reproduktion von unbewusstem
Rassismus kommt, der sich im Alltag auf „stillschweigende“ und unhinterfragte Weise bemerkbar macht. In
den USA sind soziale Konstruktionen von race spätestens seit dem 16. Jahrhundert die wichtigste Kategorie
bei der Herstellung der sozialen, professionellen und bürgerschaftlichen Ordnung in den USA, bis heute sind
sie tief in den Strukturen sowohl des formalen Rechts als auch informeller Praktiken verankert. In unserem
Buch beschreiben wir, wie Menschen in der Begegnung mit anderen kontinuierlich und unbewusst auf eine
Reihe von Erwartungen zurückgreifen, die unser Handeln bestimmen und anleiten. Da diese Erwartungen und
Voreinstellungen durch einen über Jahrhunderte gewachsenen systemischen Rassismus geprägt sind, sehen
wir uns permanent dazu veranlasst, auf der Grundlage rassistischer Vorurteile zu agieren, die unser gesamtes
Handeln beeinflussen können: von der Art, wir wir unsere Nachbarn begrüßen, bis hin etwa zur Frage, ob
wir einen zweiten Blick auf einen bestimmten Lebenslauf werfen. Bei dem „stillschweigenden Rassismus“, so
unsere These, handelt es sich um eine der sich am schnellsten ausbreitenden und gefährlichsten Bedrohungen
für die Zukunft der Demokratie. Wir gehen davon aus, dass die US-amerikanische Entwicklung eines binären
kategorialen Schemas, das sich an der strikten Opposition von Schwarz und Weiß orientiert, in gewisser Weise
singulär ist. Mit der Absicht, Forschungen und Ansätze zu race auch in anderen Ländern zu bereichern, fragen
wir in dem Sonderheft der Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2/2021 darüber hinaus, ob und inwiefern sich
auch in anderen Ländern Elemente eines „stillschweigenden Rassismus“ finden lassen. Dabei argumentieren
wir, dass die spezifischen Bedingungen, die in den Vereinigten Staaten zur Herausbildung eines binären
Systems der Rassen geführt haben, zwar ganz andere sind als in Europa, die US-amerikanische Praxis und
Konstruktion von race jedoch in die ganze Welt exportiert wurde, wodurch auch in anderen Gesellschaften die
tiefe Verankerung von „stillschweigendem Rassismus“ verschärft werden konnte.
Um ein Bewusstsein für den stillschweigenden Rassismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft zu schaffen,
greift unser Ansatz (mit einem methodologischen Schwerpunkt auf Ethnomethodologie und Gesprächsanalyse)
auf Ergebnisse aus detaillierten Face-to-Face-Interaktionsanalysen zurück. In Ergänzung zu dem doppelten
Bewusstsein, dem schwarze Amerikaner*innen durch ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und
Gewalt ausgesetzt sind, sprechen wir von einem „weißen doppelten Bewusstsein“. Beide Konzepte lassen
sich nicht nur über die Grenzen der USA hinaus anwenden, sondern scheinen aktuell, wo Krieg, Hunger und
Klimawandel Schwarze und People of Color zu Flucht und Migration zwingen, von besonderer Relevanz zu
sein. Ohne ein größeres und schärferes Bewusstsein für seine Strukturen und Funktionsweisen wird der
Rassismus die USA und Europa weiterhin spalten und schwächen, während die Mehrheitsgesellschaften alles
daran setzen werden, seine Existenz und sein Ausmaß herunterzuspielen. Dies bereitet einen fruchtbaren
Boden für all jene Themen, die sich auf zynische Weise mit race in Verbindung bringen lassen und dadurch
offen für die Manipulation durch mächtige äußere Akteure und die besonderen Interessen der Vermögenden
und Reichen sind: nationale Sicherheit, kulturelle Homogenität und Integration, Gesundheitspolitik, Waffen,
Wahlrecht, Einwanderung usw. Die von einer unzureichenden Thematisierung eines breit zirkulierenden
„stillschweigenden Rassimus“ begünstigten Polarisierungen und Spaltungstendenzen müssen als reale und
drängende Gefahr für Demokratie und Freiheit überall auf der Welt erkannt und bekämpft werden.

Keywords: Rassismus, soziale Interaktion, Tacit Knowledge, Konversationsanalyse, Ethnomethodologie


4   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

Abstract (EN) In our book Tacit Racism we show that racism is coded into the “everyday” expectations of face-
to-face social interaction in the United States, in what we call Interaction Orders of Race, in “tacit” taken-for-
granted ways that create vast amounts of unconscious racism. Social conceptions of Race, which have since
the late 1600’s been the primary social category organizing social, labor and citizen status in the United States,
have become deeply embedded in both formal law and informal practice. We show how, every time we interact
with another human being, we draw unconsciously on sets of expectations to guide us through the encounter.
When those expectations have been shaped by centuries of systemic racism we are constantly led to act in
accord with racialized biases that can shape everything from how we greet our neighbors to whether we take a
second look at a résumé. This is tacit racism, and we argue that it is one of the most pernicious and widespread
threats to the possibility of democracy. Given that the historical development in the US of a Black/White
binary categorization schema to organize social and labor relations along racial lines, is somewhat unique,
the question for the Special Issue of the journal Zeitschrift für Kulturwissenschaft 2/2021 is whether the tacit
aspects of racism we find in the US play a similar role in other countries such that our approach can inform
research on Race in those countries. We argue that although the circumstances leading to the formation of a
racialized binary in the US are quite different from what happened in Europe, the US conception and practice
of Race has been exported around the world resulting in a deep embedding of tacit racism in other countries.
The solution we advocate – using detailed studies of face-to-face social interaction (with a focus on eth-
nomethodology and conversation analysis in particular) to produce an awareness of tacit racism for majority
persons – that we call “White double-consciousness” to complement the double-consciousness that Black
Americans develop through their experience of trouble and exclusion – seems not only applicable elsewhere,
but especially timely, as war, famine, and climate change drive Black and Brown persons to migrate. Without
increased awareness, racism will continue to divide and weaken the US and the EU, while majority persons
continue to downplay its relevance, providing fertile ground for the manipulation of any issues that can be
cynically associated with Race (e.g., national security, cultural integrity, healthcare, guns, voting rights, im-
migration, etc.) by foreign powers and wealthy special interests, such that Race divisions now pose a clear and
present danger to democracy and freedom around the world.

Keywords: Racism, Social Interaction, Tacit Knowledge, Conversation Analysis, Ethnomethodology


Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 5

Wir wurden um eine Zusammenfassung unseres Buches der ›Rasse‹ als solche hoch problematisch. Nach unse-
Tacit Racism (2020)1 gebeten, um zur Diskussion un- rem Verständnis ist die Idee einer ›Rasse‹ eine amerika-
seres Forschungsansatzes in Europa anzuregen. Diese nische Erfindung, eine soziale Konstruktion, die jeder
Aufgabe stellt uns vor mehrere Herausforderungen. biologischen Grundlage entbehrt, wie schon W. E. B.
Erstens muss eine Zusammenfassung auf viele Details Du Bois klarstellte. Für Du Bois ist ›Rasse‹ jedoch nicht
verzichten, was hier besonders problematisch ist, weil nur die wichtigste Kategorie, welche die amerikanische
unser Argument auf detaillierten Analysen sozialer In- Bevölkerung spaltet, sondern auch der wichtigste ein-
teraktionen beruht. Auch eine Zusammenfassung des heitsstiftende Signifikant innerhalb der schwarzen Ge-
Verhältnisses zwischen unseren Überlegungen und meinschaft. Diese Erfahrung des Rassismus, die Du Bois
den bestehenden Theorien und Forschungen zum Ras- als »doppeltes Bewusstsein« bezeichnete, hat schwar-
sismus in den USA, einschließlich der Black American zen Amerikaner*innen eine Einsicht in Rassismus und
Studies und der Untersuchungen zu anderen Minder- Demokratie eröffnet, die weißen Amerikaner*innen
heiten, von denen sich diese Theorien haben inspi- abgeht. Obschon einzelne Aspekte dieser Einsicht zu-
rieren lassen, gestaltet sich kompliziert.2 Unsere For- sammen mit dem Konzept der ›Rasse‹ nach Europa
schung ist einzigartig, aber natürlich bestehen wichtige exportiert worden sein mögen, gibt es dazu in Europa
Bezüge zu anderen Theorien, auf die wir weiter unten kein Gegenstück.
eingehen werden (siehe auch Rawls/Whitehead/Duck Unser Buch Tacit Racism beschreibt, inwieweit
2020). Dass Europa und die USA auf unterschiedli- sich der systemische Rassismus der USA in
che Geschichten des Rassismus und der Kolonisierung selbstverständlichen Alltagsinteraktionen insti-
zurückblicken und dass sich die Diskussion in Europa tutionalisiert hat – wir nennen sie »rassenspezifische
in einer ›postkolonialen‹ Phase befindet, stellt eine Interaktionsordnungen« –, so dass ganz gewöhnliche
weitere Herausforderung dar. Es gibt keine dem eu- Leute fortwährend rassistische Dinge tun, ohne sich
ropäischen Kolonialismus entsprechende ›koloniale‹ dessen bewusst zu sein. Die meisten Untersuchungen
Phase der ›Rassenbeziehungen‹ in den USA. Das ge- zu ›Rasse‹ und Rassismus konzentrieren sich
samte Land ist als eine ehemalige Kolonie entstanden.3 entweder auf individuelle Vorurteile oder auf den in
Schwarze Amerikaner*innen wurden nicht durch weiße juristischen oder anderen formalen Organisationen
Amerikaner*innen kolonisiert, sie waren auch keine institutionalisierten Rassismus, mit der Folge, dass
›Migrant*innen‹ im europäischen Sinn. Die Sprache sich die Diskussion eher um ›Rassist*innen‹ statt um
und Literatur des Postkolonialismus passen nicht auf ›Rassismus‹, sowie um formale Prozesse statt um
die dortigen Verhältnisse.4 Und nicht zuletzt ist die Idee Interaktionen dreht (so zielen z.B. die derzeit populären
Begriffe der ›Mikroaggression‹ und der ›impliziten
Voreingenommenheit‹ beide auf das Verhalten von
1 Die englische Version des Textes ist als Leittext für die Individuen). Wir möchten dieses Narrativ ändern,
gleichnamige Debatte in der Zeitschrift für Kulturwissenschaften
2/2021 erschienen. Für die Debatte mit Beiträgen von Jean indem wir die Aufmerksamkeit auf den systemischen
Beaman, Giolo Fele, Martijn de Koning, Christian Meyer Rassismus lenken, der sich in die soziale Interaktion
und Levent Tezcan, sowie einer Einleitung von Michi
eingeschrieben hat. Unsere Forschung ist einzigartig,
Knecht und Martin Zillinger, siehe: https://zeitschrift-
kulturwissenschaften.de. weil sie Interaktionserwartungen als rassistische
2 Wir schreiben ›Rasse‹ und andere ausgrenzende Kategorien Strukturen behandelt, die auf der Ebene der sozialen
in allen unseren Publikationen groß, um daran zu erinnern, Interaktion institutionalisiert wurden. Im Rahmen solcher
dass ›Rasse‹ ein soziales Faktum und keine biologische
Tatsache ist. Obwohl der Status des Ausdrucks ›Rasse‹ als
Strukturen zu handeln, führt – dadurch, wie sich die
rein soziales Faktum allgemein anerkannt ist, seit Du Bois Menschen verhalten und völlig ungeachtet ihrer Absichten
diesen Gedanken eingeführt hat, halten immer noch viel zu oder ihres Bewusstseins – zu rassistischen Ergebnissen.
viele Menschen die Einteilung in ›Rassen‹ für eine natürliche
Unterscheidung. Von dort ist es nur ein kurzer Weg zu Aussagen Wir vermuten, dass Ähnliches auch auf Europa
wie der, dass sich Menschen von Natur aus vor Unterschieden zutrifft, wo Migrant*innen sich bei dem Versuch,
fürchten. Vor welchen Unterschieden? Nach unserer Auffassung
in neuen Gesellschaften Fuß zu fassen, mit
sind die Unterschiede, die Menschen Angst machen – die
Unterschiede, die ›zählen‹ – stets sozial konstruierte und kulturellen Vorurteilen konfrontiert sehen, die in die
keine natürlichen Unterschiede. [In der deutschen Übersetzung Interaktionserwartungen und sozialen Kategorien
wurde das Wort ›Rasse‹ und davon abgeleitete Termini in
einfache Anführungszeichen gesetzt. Die Tatsache, dass es sich der Länder, in denen sie jetzt leben, eingeschrieben
bei scheinbar auf die Hautfarbe Bezug nehmenden Ausdrücken sind, und wir laden Forscher*innen aus aller Welt ein,
wie weiß, schwarz etc. um soziale Kategorien handelt, wurde im
dieses Problem mit uns gemeinsam zu dokumentieren.
Deutschen nicht durch Verwendung von Majuskeln, sondern
durch Kursivsatz hervorgehoben; A.d.Ü.] Wir möchten jedoch vorsorglich darauf hinweisen,
3 In unserem Buch diskutieren wir zwar die Möglichkeit, dass die Vorstellungen über ›Rasse‹ und die damit
dass weiße Amerikaner*innen an einer kolonialen Mentalität zusammenhängenden stillschweigend vorausgesetzten
kranken, die aus dem 17. Jhd. stammt, es ist jedoch
offensichtlich, dass dies auf schwarze Amerikaner*innen nicht Interaktionsstrukturen nicht in allen Ländern (oder
zutrifft. auch nur Regionen) übereinstimmen werden.
4 Allerdings haben die Migrant*innen, die in jüngster Zeit aus
ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika, der Karibik und
anderswo in die USA eingewandert sind, eine postkoloniale der Community der schwarzen Amerikaner*innen gesorgt, auf
Mentalität in die USA mitgebracht und damit für Probleme in die wir in unserem Buch näher eingehen.
6   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

In unserem Buch betrachten wir diese Fragen im stillschweigende, aber bleibende Einschreibung in
Kontext eines binären Kategoriensystems schwarz/ die Interaktionserwartungen schwarzer und weißer
weiß, das sich im ausgehenden 16. Jahrhundert in den Amerikaner*innen bis auf den heutigen Tag.5
ersten nordamerikanischen Kolonien ausgebildet Unsere Untersuchungen zur Institutionalisierung
und bis heute als eine besondere amerikanische eines stillschweigenden Rassismus in den
Tradition überlebt hat. Wir benutzen den Ausdruck Interaktionsordnungen beziehen sich ausschließlich
Tradition weniger, um die Unterschiede zu anderen auf den amerikanischen Kontext. Während die
Gesellschaften herauszustreichen, sondern verweisen meisten Ansätze zur Erforschung von Rassismus
damit vielmehr auf Unterschiede innerhalb der diesen entweder psychologisch als Auswirkung von
Vereinigten Staaten, die durch die vierhundertjährige Vorurteilen und Hass oder aber als einen Aspekt
Herrschaft weißer über schwarze Amerikaner*innen und formaler Strukturen begreifen, vertreten wir die
die daraus resultierenden Privilegien geprägt wurden – Auffassung, dass die Fokussierung auf Individuen oder
Privilegien, die 60 Prozent der weißen Wähler*innen formale Strukturen die in den sozialen Interaktionen
bei der Präsidentschaftswahl 2020 noch immer als ihr institutionalisierten Dimensionen des Rassismus
ureigenstes Vorrecht betrachteten. Diese besonderen verdeckt und damit zu seinem Fortbestand beiträgt.6
Traditionen reichen bis auf die Sklaverei zurück und die Die von uns angebotene Lösung besteht darin,
rassistische Herrschaft, die in sie eingeschrieben ist, die interaktiven Praktiken eines systemischen
bildet bis heute das Fundament der US-amerikanischen Rassismus aufzudecken, die in der Alltagspraxis
Wirtschaft und Gesellschaft. von Amerikaner*innen institutionalisiert sind.
Auch die Unterdrückung einer minoritären Wir greifen dabei auf Einsichten und innovative
Wissenschaft hat in Amerika eine lange Tradition. Forschungspraxen schwarzer und anderer minoritärer
Die Marginalisierung bahnbrechender Arbeiten Gelehrter (einschließlich einiger wichtiger jüdischer
über ›Rasse‹ und Sklaverei aus der Feder schwarzer Wissenschaftler*innen) zu-rück, wie z.B. auf die
oder jüdischer Gelehrter und die den weißen Idealen Ethnomethodologie und die Konversationsanalyse (EM/
entgegenkommende Tendenz zu Individualismus CA). Wir hoffen dadurch bei Mehrheitstheoretiker*innen
und Positivismus in Theorie und Forschung haben ein stärkeres Bewusstsein dafür zu wecken, wie sehr
ihre Stimmen zum Schweigen gebracht und zur der Rassismus buchstäblich alles durchdringt. Du
Unsichtbarkeit des Rassismus beigetragen (vgl. Rawls/ Bois bezeichnete das Bewusstsein amerikanischer
Duck 2019). Rassismus und ein auf rassistischen Schwarzer für Rassismus als »doppeltes Bewusstsein«
Kategorisierungen gegründetes System der (Du Bois 2003: 35). Ihm zu Ehren bezeichnen wir das
Arbeiter*innen-Überwachung und Unterdrückung Bewusstsein, das wir mit unserer Forschung zu wecken
bilden das Fundament der US-Gesellschaft. Indem man hoffen, als »weißes doppeltes Bewusstsein«.
den Rassismus als Nebensächlichkeit behandelte, die Unser Ansatz geht von der Überzeugung aus, dass
nur für Minderheiten von Bedeutung sei, hat man das manche der Phänomene, die gemeinhin als ›Mikro‹-
Problem bagatellisiert und verschleiert, welch zentrale Phänomene bezeichnet und als eine Sache individueller
gesellschaftliche Bedeutung ihm zukommt, und es unter Einstellungen betrachtet werden (›Mikroaggressionen‹
der Oberfläche weiter schwelen lassen. Wer in den USA und/oder ›implizite Voreingenommenheit‹), in
an den Traditionen festhält und sich gegen Veränderung Wirklichkeit auf interaktiven Erwartungsstrukturen
verwahrt, hält, ob bewusst oder nicht, an rassistischer beruhen, die für das Selbst, für die sozialen
Unterdrückung und weißer Vorherrschaft fest. Objekte und für die Zuschreibung von Bedeutung
Auch die Missverständnisse bezüglich dessen, konstitutiv sind. Es gibt kein soziales Selbst/keine
was der Ausdruck ›Rasse‹ besagt, sind problematisch. Identität ohne Gesellschaft. Der verbreitete Hang
›Rasse‹ ist eine soziale Kategorie, die jeder biologischen zur Psychologisierung sozialen Handelns und
Grundlage entbehrt, eine Erkenntnis, die bis auf Du die Unterstellung, Akteure und soziale Objekte/
Bois (1940) zurückgeht. Doch noch bis vor kurzem Bedeutungen hätten unabhängig von Interaktionen
wurde seine Auffassung ignoriert und ›Rasse‹ als Bestand, haben diese Einsicht stark behindert. Die
eine naturwissenschaftliche Kategorie gehandelt.
Gesellschaften bringen soziale Kategorien hervor,
welche ihre Mitglieder dazu verwenden, sich zu 5 Der ›wissenschaftliche‹ Rassismus, der in den 1930er Jahren
organisieren und ihre Erfahrungen zu ordnen. In in England und Deutschland aufkam, baute auf früheren
Vorstellungen von ›Rasse‹ auf, die in den US-amerikanischen
dieser Funktion variiert der Begriff ›Rasse‹ je nach der
Kolonien entstanden.
Geschichte und sozialen Organisation einer gegebenen 6 Man muss die Aufmerksamkeit der Menschen von der
Gesellschaft oder eines Landes. Die Rassenkategorien Betrachtung der individuellen ›guten Absichten‹ weg auf die
wurden entwickelt, um Afrikaner*innen in Struktur der Gesellschaft lenken. Ist die übergreifende Struktur
fundamental rassistisch und ausgrenzend, tragen auch die
den frühen Kolonien zur Sklavenarbeit für ihre besten Absichten, egal wie gut wir uns damit fühlen, nur zur
englischen Besitzer*innen zu zwingen (siehe weiter Perpetuierung des systemischen Rassismus bei (wie in Karl
Mannheims (1936 [1929]) Beispiel, dass eine Person, die einem
unten). Dies prägte nicht nur die Entwicklung von Bettler Geld gibt, eigentlich das Wirtschaftssystem unterstützt,
Rassenvorstellungen als solchen, sondern auch deren das Menschen erst zu Bettler*innen macht).
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 7

Interaktion, die diese Objekte schafft, spielt sich Sind diese Bedingungen erfüllt, können die
zwischen Menschen ab – durch sichtbare und hörbare Teilnehmer*innen die geteilten Regeln auf unendlich
Bewegungen und Laute, die sich in Zeit und Raum vielfältige Weise ausrichten und endlos erneuern. Aber
ereignen und nicht auf Ideen und Intentionen reduziert damit Handlungen wechselseitig verstanden werden
werden können. Als soziale Strukturen variieren können, müssen sie als ›Spielzüge‹ erkennbar sein, die
Interaktionsordnungen nicht in Abhängigkeit von die grundlegenden Erwartungen an ein bestimmtes Spiel
den Überzeugungen und Einstellungen einzelner oder eine konkrete soziale/kulturelle Praxis ausrichten.
Individuen; es sind vielmehr geteilte interaktive Wie Garfinkel (2018 [1960]) bemerkte: Wer beim Schach
Erwartungsstrukturen, die von den Individuen die Figuren des Gegners vom Brett nimmt oder bei Drei
benutzt werden, um Bedeutung, Selbst und soziale gewinnt sein Zeichen außerhalb der vorgegebenen
Objekte herzustellen. Felder macht, folgt nicht den Regeln des Spiels und
Wenn wir von ›Strukturen‹ sprechen, meinen wir kann dann mit niemandem mehr zusammenspielen.
weder ›Mikro‹- noch ›Makro‹-Strukturen. Wir beziehen Dasselbe gilt für die Interaktionsordnungen unseres
uns auf die Struktur von Interaktionsordnungen, täglichen Lebens.
Ensembles von Erwartungen, die für die Objekte und Die Interaktionserwartungen, die unserer Ansicht
den Sinn, den sie produzieren, konstitutiv sind, den nach für stillschweigenden Rassismus charakteristisch
Regeln eines Spiels vergleichbar. Unser Argument sind, sind institutionalisierte Strukturen in diesem
ähnelt dem Ansatz von Chomsky und Wittgenstein, Sinne. Es sind Erwartungen – grundlegende
die von Grammatiken für die Syntax bzw. für die Interaktionsgrammatiken –, die insofern zu einer
Sprachspiele ausgehen. Unser Ansatz erweitert diese sozialen Handlungssituation gehören, als sie für Leute,
Idee (die zuerst von Garfinkel und Sacks vorgetragen welche dieselben Erwartungen teilen, maßgeblich zur
wurde; siehe Garfinkel 2018 [1960]/Rawls 2019a) auf Erkennbarkeit einer Handlung als Handlung einer be-
Grammatiken des Handelns oder der Kultur. stimmten Art beitragen (Begrüßungen, Vorstellung von
Garfinkel (1963) postulierte eine Anzahl von Personen, Bestätigungen, Belehrungen etc.). Wenn
reziproken Bedingungen, die er »Bedingungen des Handlungen diesen grundlegenden Erwartungen
Vertrauens« – trust conditions – nannte. Sie sind anderer nicht entsprechen, können diese anderen nicht
die Voraussetzung dafür, dass solche Spielregeln erkennen, was getan oder gesagt wurde. Sie reagieren
auf Kooperation ›ausgerichtet‹ werden können. In typischerweise verstört und suchen das Motiv/die
seiner Zusammenarbeit mit Garfinkel kam Sacks Schuld bei demjenigen, der*die das Unerwartete tut.
zu dem Schluss, dass die Regeln eines sprachlichen Wie wir festgestellt haben, kommt es in Interaktionen
Tauschsystems empirisch identifiziert werden können zwischen den ›Rassen‹ in den USA häufig zu solchen
(vgl. Sacks 1962). Wir betrachten Garfinkel und Sacks Verkennungen, weil die systemische Ungleichheit
als Wegbereiter bedeutender Einsichten in soziale bei schwarzen und weißen Amerikaner*innen zur
Ausschließungsprozesse, die sie wiederum ihrer eigenen Ausbildung konflikthafter Erwartungen hinsichtlich
Erfahrung als Mitglieder der jüdischen Minderheit der Interaktionsordnung geführt hat (Rawls/Duck
verdankt haben dürften (Garfinkel 2012[1947]; 1956). 2020; Duck 2015; Duck 2016).
Garfinkel sammelte diese Erfahrungen in den 1930er Misserfolge auf der Ebene der Interaktions-
und 1940er Jahren im ›tiefen Süden‹ der USA (North ordnung sind nicht nur deshalb folgenreich, weil sie zu
Carolina, Tennessee, Georgia, Texas, Mississippi), einem Verlust an Bedeutung führen, sondern auch, weil
wo er nicht als Weißer angesehen wurde (vgl. Rawls/ sie durch die Verletzung der Vertrauensbedingungen
Whitehead/Duck 2020; Rawls im Druck a). das Urteil über die Fähigkeiten, die Motivation und die
Die von Garfinkel (1963) vorgeschlagenen Vertrauenswürdigkeit der Beteiligten beeinträchtigen
Bedingungen des Vertrauens – Bedingun- und damit ganz allgemein die Bereitschaft zu weiteren
gen, die für die Reziprozität einer Interaktionsversuchen untergraben. Probleme auf
Interaktion unverzichtbar sind –, lauten der Ebene der Interaktionsordnung zu erkennen und
grosso modo: dass die Beteiligten dieselbe De- zu analysieren, setzt eine detaillierte, durch Audio-
finition der Situation verwenden; sich an denselben und Video-Daten unterstützte ethnographische
Erwartungen oder Regeln orientieren; den anderen Beobachtung, ein interaktives Verständnis von
einen Vertrauensvorschuss gewähren; von der Selbst und Identität und eine Semantik voraus,
Kompetenz der anderen ausgehen, solange diese nicht die sich weniger mit Begriffen oder umfassenden
das Gegenteil haben erkennen lassen; kompetente symbolischen Systemen beschäftigt als damit, wie
Präsentationen durch andere anerkennen und davon soziale Kategorien in situ geschaffen und gebraucht
ausgehen, dass auch die anderen dasselbe tun und werden, sowie mit den ›Ordnungseigenschaften‹ der
einem selbst dasselbe unterstellen. All dies spielt sich sozialen Handlungssequenzen, die von den Beteiligten
auf der unbewussten Ebene der für selbstverständlich stillschweigend so ausgerichtet werden, dass sie Sinn
erachteten (und daher weitgehend verborgenen)
sozialen Praktiken ab.
8   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

ergeben.7 In den herkömmlichen Forschungsansätzen Der Hintergrund unserer Konzeption einer


gehen diese Phänomene unter. rassistischen Interaktionsordnung
Im Folgenden skizzieren wir zunächst den
historischen und theoretischen Hintergrund unseres Unsere Konzeption rassistischer Interaktions-
Ansatzes. Danach diskutieren wir drei Ergebnisse ordnungen baut auf den frühen Pionierarbeiten
unserer Untersuchungen im Kontext der historischen zu ›Rasse‹ und Ungleichheit von Harold Garfinkel
Unterdrückung schwarzer Arbeitnehmer*innen (vgl. 1940; 1949[1942]; 2012[1942]) und auf Erving
in den USA und der Erkenntnisse, die schwarze Goffmans Konzept der Interaktionsordnungen auf
und andere minoritäre Wissenschaftler*innen (das später durch Harvey Sacks’ Untersuchungen zur
zu diesen Verhältnissen vorgetragen haben. Als Verwendung rassistischer Kategorien in Gesprächen
erstes haben wir herausgefunden, dass zwischen ergänzt wurde). Unsere Forschung stützt sich außerdem
den so genannten ›Rassen‹ bereits in dem, was wir auf W. E. B. Du Bois’ (1903) grundlegende Schriften
»Vorstellungssequenzen« nennen, unterschiedliche über ›Rasse‹ und Eric Williams (1944) bahnbrechende
Interaktionserwartungsordnungen darüber bestehen, Analysen zu Sklaverei und Kapitalismus. Unsere
was bei einer Begegnung zwischen Amerikaner*innen ersten theoretischen Formulierungen erfolgten
zu tun und zu sagen ist. Zweitens haben wir entdeckt, in den 1970er Jahren (in Absprache mit Garfinkel)
dass schwarze Amerikaner*innen mit hohem sozialem und wurden im Verlauf der 1980er Jahre anfänglich
Status häufig die Erfahrung machen, von anderen nicht mit einem Schwerpunkt auf Erzählungen über die
in dieser ihrer legitimen Identität erkannt zu werden; Sklaverei weiter ausgebaut (vgl. Rawls 1983; 1987;
wir bezeichnen dies als »gebrochene Spiegelung« 1989; 1990). Nach 1987 begannen wir mit unseren
ihrer Selbstpräsentation. Und drittens haben wir empirischen Forschungen zu Unterschieden zwischen
eine unter schwarzen Amerikaner*innen verbreitete den ›Rassen‹ in sozialen Interaktionen. Unsere Absicht
Praxis dokumentiert, die wir »sich unterordnende war, Rassenzuschreibungen und Ungleichheiten in
Höflichkeit« nennen – ein Ausdruck, der durch Du Interaktionen, die für gewöhnlich als selbstverständlich
Bois’ Überlegung inspiriert wurde, dass die schwarze vorausgesetzt werden und daher verborgen
amerikanische Wertschätzung der Unterordnung bleiben, sichtbar zu machen. Dies geschah durch
unter das Gemeinwohl eine wertvolle demokratische ethnomethodologisch und konversationsanalytisch
Praxis ist, die ein Gegengewicht zum Ideal des starken inspirierte Analysen von Interaktionen und
weißen Mannes bilden könnte.8 Wir analysieren den damit verknüpften Erwartungen, die bei
diese Praxis anhand von Begegnungen zwischen Interaktionsschwierigkeiten und in den Erzählungen
schwarzen/weißen Polizist*innen/Bürger*innen, die darüber zu Tage traten. Dieser Ansatz – das Verborgene
auf Video aufgezeichnet wurden. Am Ende laufen durch die Fokussierung auf Probleme und deren
unsere Erkenntnisse darauf hinaus, dass schwarze Darstellung sichtbar zu machen – macht den Kern von
Amerikaner*innen nicht nur das demokratische Garfinkels ethnomethodologischer Untersuchung
Herz der USA bilden, sondern dass sie darüber hinaus der sozialen Interaktion aus, die wir unsererseits als
fortwährend von der Mehrheit für ihr demokratisches eine Methode zur Hervorbringung einer Art doppelten
Verhalten bestraft werden. Bewusstseins über soziale Praxen einsetzen.
Obschon Du Bois im Allgemeinen nicht als Sozialer
Interaktionist gelesen wird, sind wir der Auffassung,
dass sein Werk einen guten Ausgangspunkt zur Analyse
des Rassismus in solchen Interaktionen und zum
Verständnis der Weltsicht schwarzer Amerikaner*innen
und der sozialen Erwartungen liefert, die in
Gegenwehr zu diesem Rassismus entwickelt wurden
7 Der Begriff ›Ordnungseigenschaften‹ wird hier sowohl in (vgl. Rawls 2000). Unser Ansatz berücksichtigt
einem wörtlichen wie in einem technischen Sinn verwendet. Die
außerdem die Forschungen zu ›Rasse‹ und ›impliziter
Sequenz z.B. besitzt insofern Ordnungseigenschaften, als die
Frage, ob etwas zuerst oder als zweites gesagt oder getan wird, Voreingenommenheit‹, die von der Critical Race Theory
sich auf die Bedeutung der Aussage oder Handlung auswirkt (vgl. Bell 1973; Crenshaw/Gotanda/Peller/Thomas 1995,
(vgl. Sacks/Schegloff/Jefferson 1974).
Delgado/Stefancic 1995) durchgeführt wurden, und die
8 Sich unterordnende Höflichkeit ist für weiße Menschen
mitunter schwer verständlich. Aus einer weißen Perspektive bahnbrechenden Überlegungen zur Intersektionalität,
hat ein solches Verhalten negative Konnotationen von die von schwarzen Feminist*innen vorgetragen wurden
›Weiblichkeit‹ und ›Unterwerfung‹. Aber warum sollte es
minderwertig sein, weiblich zu sein? Oder warum sollte es (vgl. Crenshaw 1989; Spillers 1987; Hill-Collins
negativ oder ein Zeichen von Schwäche sein, das Gemeinwohl 1990). Dennoch unterscheidet sich unsere Forschung
über das Eigeninteresse zu stellen? Schwarze Amerikaner*innen durch einen anderen Fokus und ihren unabhängigen
denken nicht, dass es einen Mann feminin macht, wenn er
sich demokratisch verhält und andere als Gleiche behandelt. Ursprung. Während sich die Critical Race Theory und das
Die weißen Männer, die während der COVID-19-Pandemie schwarze feministische Denken auf die Auswirkungen
im Namen ihrer eigenen persönlichen Freiheit aggressiv jede
Rücksicht auf das Leben anderer verweigerten, haben diesen von ›Rasse‹, Geschlecht und Ungleichheit auf
wichtigen Punkt mehr als verdeutlicht. Erfahrung und Struktur konzentrieren, untersuchen
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 9

wir, wie diese Ungleichheiten – typischerweise diesen Praktiken in der Folge dann Einschränkungen
unbemerkt – in den Strukturen der alltäglichen auferlegen. Du Bois schreibt:
sozialen Interaktion institutionalisiert werden, so
dass die Interaktionsordnungen in Abhängigkeit Es sind die Atmosphäre des Landes, das Denken und
von der Identifizierung mit einer ›Rasse‹ und der Fühlen, die Tausenden von kleinen Handlungen, die das
sozialen Positionierung innerhalb der amerikanischen Leben ausmachen. In jeder Gemeinschaft und Nation
Gesellschaft variieren. sind es diese kleinen, nur schwer zu fassenden Dinge,
Diese Dimension des in Interaktionen die für eine klare Vorstellung des Zusammenlebens
eingeschriebenen Rassismus wird in den anderen ausschlaggebend sind. (2003: 192 [1903: 147])
Ansätzen weitgehend ausgeblendet. Unsere Frage
lautet: Wie werden die Ungleichheiten in den Interaktionen sind unverzichtbar, aber so »schwer
umfassenderen Wirtschafts- und Sozialbeziehungen, zu fassen«, dass ihre Abläufe merkwürdig unsichtbar
die für die getrennten Lebenswelten schwarzer und bleiben. Dies, so Du Bois, »gilt insbesondere für den
weißer Amerikaner*innen charakteristisch sind und Süden«. Bei seiner Beschreibung der Interaktionen in
als solche durch die Critical Race Theory dokumentiert den Südstaaten während der ersten Jim-Crow-Ära hob
wurden, und die unterschiedlichen Wahrnehmungen Du Bois die Subtilität der wirksamen Kräfte hervor: sie
der Beziehungen zwischen individuellem Selbst seien so unauffällig, dass »ein Beobachter, der zufällig
und größerer Gemeinschaft, die durch die den Süden bereist, anfangs kaum etwas davon bemerken
Intersektionalitätsforschung aufgedeckt wurden, in wird« (2003: 192 [1903: 148]). Die Menschen lebten
Interaktionspraxen oder – um genauer zu sein – in buchstäblich in verschiedenen, sozial konstruierten
konflikthafte rassistische Interaktionsordnungen Welten, bis Du Bois’ Besucher schließlich bemerkt,
übersetzt? Bei der Beantwortung dieser Frage nehmen
wir einen weitgehend vernachlässigten interaktiven wie die Welt um ihn herum still und ohne sich zu
Aspekt von Du Bois’ Argumentation wieder auf und widersetzen in zwei großen Strömen vorbeifließt:
verbinden ihn mit Garfinkels Forschungen. Sie plätschern im selben Sonnenschein dahin, sie
Obschon Du Bois (2003: 177 [1903: 134]) nicht nähern sich und mischen ihre Wasser in scheinbarer
ausführlich auf Unterschiede in der Interaktion Unbekümmertheit, um sich dann zu trennen und weit
eingegangen ist, sind auch kommunikative auseinanderzufließen. (2003: 193 [1903: 148]).
Gesichtspunkte in seine Überlegungen zum doppelten
Bewusstsein eingeflossen, etwa wenn er vier Ebenen Zwischen diesen zwei Welten gebe es, so Du Bois, so gut
des ›Kontakts‹ zwischen den ›Rassen‹ unterscheidet: wie keine näheren oder geistigen Gemeinsamkeiten:
Auf der ersten Ebene geht es um physische Nähe, auf
der zweiten um die wirtschaftlichen Beziehungen, Wenn man nun sorgfältig hinschaut, wird man erkennen,
auf der dritten um die politischen Beziehungen. Die dass es zwischen diesen beiden Welten trotz physischer
vierte Ebene schließlich, die er für »weniger leicht Berührungspunkte und täglicher Begegnung kaum
greifbar« hält, betrifft Interaktion und Gespräch. Seine geistige Gemeinsamkeiten oder Übertragungspunkte
erste eigene Erfahrung mit rassistischer Ungleichheit gibt, wo die Gedanken und Gefühle der einen Rasse
fand im Kontext einer Interaktion im Klassenzimmer direkt mit den Gedanken und Gefühlen der anderen
seiner Schule statt. Es ist diese vierte Ebene, die wir zusammenkommen und sympathisieren. (2003: 193f
hier wiederaufnehmen. Laut Du Bois besteht diese [1903: 149]; Übers. geändert, Anm.d.Ü.)
interaktive Ebene des ›Kontakts‹ zwischen den ›Rassen‹
im »Ideenaustausch durch Gespräche und Konferenzen, Das Ausbleiben unmittelbarer Begegnungen, das mit der
Zeitschriften und Bibliotheken – und vor allem [in der] Reconstruction9 einsetzte, unterschied sich deutlich von
allmählichen Ausbildung des für jede Gemeinschaft dem nahen Kontakt zwischen den ›Rassen‹, wie er vor
so wichtigen ›tertium quid‹, das wir als öffentliche dem Bürgerkrieg im Süden zum Alltag gehörte, weshalb
Meinung bezeichnen. Aufs Engste damit verbunden sind Du Bois die Trennung zwischen den ›Rassen‹ auf die
die verschiedenartigen Formen des sozialen Umgangs Zeit der Reconstruction datierte. Auch C. Vann Woodward
im täglichen Leben [...]« (2003: 178 [1903: 135]). (1957) beharrte in seinem berühmten Buch The Strange
Indem Du Bois die Interaktion als eine Career of Jim Crow darauf, die Rassentrennung sei
wesentliche Form des Kontakts zwischen ›Rassen‹ eine Erfindung der Jim-Crow-Ära gewesen und keine
behandelt, verweist er auf die Rolle, welche die ›Südstaaten-Tradition‹, wie von Gegnern der schwarzen
alltäglichen Interaktionspraxen für die Bildung Bürgerrechtsbewegung gern behauptet wurde. Die Jim-
des Selbstbewusstseins der Individuen, für das Crow-Gesetze und ihre zeitgenössische Fortsetzung in
wechselseitige Verstehen, und für die Entstehung von Form von »Massenverhaftungen« (Alexander 2011) und
Erzählungen, Gerüchten, Stereotypen und schließlich
auch im Wechselspiel all jener institutionellen
9 Als Reconstruction wird die von 1865 bis 1877 dauernde
Strukturen spielen, die aus den Unterschieden in Phase wirtschaftlicher, politischer und sozialer Neuordnung
den Kommunikationspraktiken resultieren und nach dem Ende des Sezessionskriegs bezeichnet (A.d.Hg.).
10   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

»Würgegriff« (Butler 2017) haben de facto zwei separate Interaktionsordnungen nicht dieselben sind, verstoßen
Welten geschaffen und aufrechterhalten. Schwarze sowohl weiße wie schwarze Amerikaner*innen häufig
Amerikaner*innen bleiben von der Teilhabe an der Welt gegen die Erwartungen des*der anderen und das daraus
der Weißen ausgeschlossen und müssen zugleich so tun, resultierende Urteil über die Inkompetenz des*der
als seien sie gleichberechtigte Teilnehmer*innen und anderen nimmt oft eine moralische Färbung an.
unterwürfen sich freiwillig den rassistischen Gesetzen. Schwarze Amerikaner*innen erleben darüber
In seiner ersten Veröffentlichung machte hinaus eine weitere Schwierigkeit: Da ihr Selbst sich
Garfinkel (1940) die klammheimliche, fraglos in zwei widersprüchlichen Interaktionsordnungen
vorausgesetzte Beteiligung an dieser Ordnung zum bewähren muss, sind sie zwei unterschiedlichen
zentralen Gegenstand seines Ansatzes und zeigte Anforderungskatalogen ausgesetzt. Um in der einen
auf, dass die stillschweigend hingenommenen Interaktionsordnung erkennbare Praktiken zu
gesellschaftlichen Strukturen der Jim-Crow-Gesetze in konstruieren, müssen sie häufig gegen die Erwartungen
dem Augenblick zusammenbrachen, als zwei schwarze der anderen Interaktionsordnung verstoßen.
Buspassagierinnen sie durch ihre Weigerung, an Diese konfligierenden Interaktionsanforderungen
ihrer eigenen Demütigung zu partizipieren, explizit stellen sich dem afroamerikanischen Selbst in der
machten. Wo Rassismus auf diese Weise explizit amerikanischen Gesellschaft tagtäglich. Das Ausmaß
gemacht wird, wird der Lack der Höflichkeit angekratzt, an sozialer/moralischer Anspannung, das hier im Spiel
hinter dem er sich versteckt. Dies ist einer der Gründe, ist, reicht weit über die übliche Herausforderung einer
weshalb die Aussicht auf eine Gleichberechtigung der fortlaufenden Neugestaltung und Neubewertung der
Schwarzen all jenen, die insgeheim immer noch an den eigenen Rolle oder Identität in Abhängigkeit von der
überkommenen Vorstellungen und Praxen der Jim- aktuellen Situation hinaus. Weiße Amerikaner*innen
Crow-Ära festhalten, einen solchen Schrecken einjagt. nehmen diesen Sachverhalt in der Regel nicht wahr.
Besonders problematisch daran ist, wie Du Bois Ungeachtet ihrer mangelhaften Wahrnehmung
wortgewandt ausführt, dass das Unvermögen, mit pflegen weiße Akademiker*innen jedoch die Einsichten
einer anderen Gruppe ein auf Gleichberechtigung und schwarzer Wissenschaftler*innen mit großem
Gegenseitigkeit beruhendes Verhältnis zu erreichen, Selbstbewusstsein zu verwerfen.
sowohl die Entfaltung des eigenen Selbst, als auch das
wechselseitige Verständnis für den je anderen untergräbt.
Die Erfindung der ›Rasse‹ in den USA
In einer Welt, wo es so viel bedeutet, einen Mann bei
der Hand zu nehmen und neben ihm zu sitzen, ihm Unser Argument geht von einem in ›Rassen‹
in die Augen zu schauen und sein Herz schlagen zu unterteilten Arbeitssystem aus, das von der britischen
fühlen; in einer Welt, in der das gemeinsame Rauchen Kolonialverwaltung zu Beginn des 17. Jahrhunderts
einer Zigarre oder das gemeinsame Trinken einer eingeführt wurde und das Wirtschaft, Politik, Recht
Tasse Tee mehr bedeutet als Plenarsäle, Aufsätze und und Gesellschaftsstruktur der Vereinigten Staaten
Reden, kann man sich leicht die Folgen der fast völligen über 400 Jahre so nachhaltig geprägt hat, dass es
Abwesenheit solcher Umgangsformen zwischen den sich selbst noch in unseren heutigen Interaktionen
entfremdeten Rassen vorstellen, deren Trennung sich bis institutionalisiert findet. Das Konzept der ›Rasse‹
in Parkanlagen und Straßenbahnen fortsetzt. (2003: 195 wurde erfunden, um in den amerikanischen
[1903: 150]; Übers. leicht geändert, Anm.d.Ü.) Kolonien ein System kolonialer Ausbeutung von
Arbeiter*innen zu stützen, als man sich dort mit einer
Obwohl schwarze und weiße Amerikaner*innen plötzlichen Verknappung von unfreien englischen
physisch denselben Raum besetzen, bewegen und irischen Arbeitskräften konfrontiert sah (die
sie sich selten im selben Interaktionsraum. Da auf den Beginn der Industrialisierung in England um
die Interaktionserwartungen sich während 160 1660 zurückzuführen war), während sich gleichzeitig
Jahren getrennt entwickelt haben, erscheint das (durch den Vertrag von Westminster, der den
Sozialverhalten von Mitgliedern der einen Gruppe den Engländer*innen 1654 Zugang zum afrikanischen
Mitgliedern der anderen Gruppe leicht als Abweichung. Sklavenhandel verschaffte) das Angebot an unfreien
Interaktionsordnungen verlangen, dass man sich afrikanischen Arbeitskräften rasant erhöhte.
an die erwartbaren Abläufe hält, die für die soziale Dies war laut Theodore Allen (1994; 1997) die
Produktion des Selbst, von sozialen Objekten und von Geburtsstunde der modernen Idee der ›Rasse‹ und
Sinn konstitutiv sind (vgl. Goffman 1959; 1961; 1963; erklärt zugleich, weshalb sich in den englischen
Rawls 1987; 1989). Handlungen, die im Rahmen einer Kolonien Nordamerikas eine schwarz/weiß-Binarität
bestimmten Praxis erfolgen, bringen erkennbare entwickelte, wohingegen dies in den spanischen und
soziale Identitäten und Objekte hervor, die ohne sie portugiesischen Kolonien nicht der Fall war. Die
nicht existieren könnten; dies ist jedoch nur dann der Erfindung der ›Rasse‹ hatte weniger mit der Kultur
Fall, wenn die Erwartungen auf wiedererkennbare Weise der Kolonisator*innen zu tun als mit Fragen der
ausgerichtet werden. Da die Erwartungen der beiden Beherrschung der Arbeiter*innen.
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 11

Davor wurden weder in den Kolonien noch der Sklaverei und der nachfolgenden ›Rassentrennung‹
sonst auf der Welt Kategorien der ›Rasse‹ benutzt. beruhen, und anderen Orten, wo die Menschen sich
Die früheren Bezugnahmen zielten auf Hautfarbe, auf neue Formen von selbstregulierenden Praxen
Körperbeschreibung, Religion, Nationalität und Kultur. eingelassen haben, die auf Wissenschaft, Technologie
Die Geburt des modernen Begriffs der ›Rasse‹ fand in und Beruf basieren. Diese letzteren Praxen haben sich
den USA statt, weil die ersten Plantagenbesitzer ihre insbesondere in den Städten und entlang der Küsten
frisch befreiten englischen/irischen Arbeiter*innen ausgebreitet, wo die Bevölkerung vielfältiger ist und
dazu bringen mussten, sich an der Unterdrückung sich eine größere Konzentration an hoch spezialisierten
ihrer vormaligen afrikanischen Arbeitskolleg*innen Berufen findet. An den Orten, wo der Widerstand gegen
zu beteiligen, mit denen sie bisher verbündet waren. die Gleichheit der ›Rassen‹ am stärksten ist, hat sich
Die neue Kategorie ›weiß‹ wurde gebraucht, um diese auch nur eine geringe Diversifizierung und berufliche
Unterdrückung zu begründen, und diese Entwicklung Spezialisierung der Bevölkerung eingestellt, die zu
wurde mit der Zeit so populär, dass die weißen selbstregulierenden Praxen führen könnte, so dass diese
Amerikaner*innen heute, mit Jonathan Metzl (2019) zu Orte weiterhin stark vom Konsens abhängen.12
reden, An Weißheit zugrunde gehen.10 Das Ergebnis ist, dass die Vereinigten Staaten in
Soziale Kategorien und die Erwartungen bezüglich zwei Gesellschaften mit unterschiedlichen moralischen
ihres Gebrauchs schränken die verfügbaren Identitäten und organisatorischen Erfordernissen gespalten sind.
ein und fixieren Menschen in einem Status quo. Ein Was oft als ›Kulturkampf‹ bezeichnet wird, betrachten
neuer Gebrauch der Kategorien kann einen neuen Status wir als einen Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen
quo schaffen oder den alten zumindest in Frage stellen. Weisen, eine Kultur/Gesellschaft zu haben (vgl.
Dass die amerikanische schwarz/weiß-Binarität zum Rawls, im Druck b). Traditionelle konsensbasierte
Zweck der Unterdrückung der schwarzen Arbeiter*innen Gesellschaften und Firmen tolerieren nicht nur
entwickelt wurde, hat ihr eine moralische Aufladung Ungleichheiten, sie leben geradezu von inneren
verliehen, die längst den Kategorien selbst inhärent ist. Hierarchien und von Grenzziehungen zwischen sich und
Wenn eine Person sagt, sie sei »stolz, weiß zu sein«, wird, anderen. In den diverseren und stärker spezialisierten
ob absichtlich oder nicht, diese moralische Aufladung Gesellschaften und Berufen/Wissenschaften hingegen,
heraufbeschworen. ›Weiß‹ erlangt seine Bedeutung nur in denen selbstregulierende Praxen vorherrschen
im Rahmen dieser Binarität. »Ich bin stolz, schwarz zu und Expert*innen unverzichtbar sind, erfordern die
sein«, besitzt eine ganz andere moralische Aufladung.11 Reziprozitäts- bzw. Vertrauensbedingungen dieser
Um zu verstehen, wie und warum dieses rassistische Praxen ein größeres Maß an Gleichheit/Gerechtigkeit
Kategoriensystem sich vierhundert Jahre halten konnte innerhalb der jeweiligen Praxen (vgl. Rawls 2019b).
und die Entwicklung von Wissenschaft, Industrie Die Menschen mögen zwar an Gerechtigkeit glauben,
und eines angeblich ›freien‹ Arbeitssystems (in dem aber so lange sie nicht die Mühe auf sich nehmen,
schwarze Arbeiter*innen nach wie vor unterdrückt Ungerechtigkeiten an der Wurzel auszumerzen, bleiben
werden) überlebte, greifen wir eine Unterscheidung auch in die neuen selbstregulierenden Praxisordnungen
Durkheims (1893) auf zwischen konsensbasierten Reste des alten Konsenses eingeschrieben, so dass
sozialen Formen, die durch traditionelle Überzeugungen neben dem Glauben an Gerechtigkeit verborgene
und veränderungsresistente Kategorien strukturiert Formen von Ungerechtigkeit fortbestehen, die den
werden, und dynamischen, praxisbasierten sozialen sozialen Erfordernissen dieser Praxen widersprechen
Formen, die sich auch im Kontext größerer Vielfalt und und sie daran hindern, zum Wohle aller zu wirken. Aus
Spezialisierung ohne Konsens selbst regulieren können. eben diesem Grund hat das Versagen, die rassistischen
Es geht dabei nicht um eine Unterscheidung zwischen Fundamente der US-Gesellschaftsstruktur an der
der amerikanischen und anderen Gesellschaften; wir Wurzel anzugehen, bis heute so verheerende Folgen.
unterscheiden vielmehr zwischen Orten/Verhältnissen Manche Orte/Situationen stellen sich offen in
in den USA, wo an Traditionen festgehalten wird, die auf eine rassistische Tradition. Andere lehnen eine solche

10 Metzl hat dokumentiert, inwiefern die Mythologie des 12 Es ist eine traurige Tatsache, dass heutzutage
Steuerüberschüsse aus den Demokratisch regierten
Weißseins weiße Amerikaner*innen dazu anhält, die Interessen
Bundesstaaten an Republikanisch dominierte Staaten abgegeben
der Reichen zu unterstützen, auch wenn sie dadurch die eigene
werden müssen, um deren Haushaltsdefizite auszugleichen,
Lebensqualität und Gesundheitsversorgung untergraben; zur
während die Wähler*innen in den Republikanischen Staaten
Verbreitung von Schusswaffen und Waffengewalt beitragen
beklagen, dass ihre Steuergelder zur Unterstützung der
(einschließlich hoher Selbstmordraten unter weißen Männern);
schwarzen Amerikaner*innen in den Großstädten benutzt
die öffentlichen Bildungsausgaben kürzen, um Schüler*innen
würden, und deshalb immer weitere Steuersenkungen fordern.
aus Minderheiten zu schaden; die Steuern für die Reichsten so
Die Republikanischen Staaten unterstützen die Demokratischen
weit senken, dass die Budgets für öffentliche Infrastrukturpro-
Bundesstaaten nicht, glauben aber, dass es so sei, und kürzen
jekte zusammengestrichen werden müssen; die sozialstaat-
daher fortwährend ihre eigenen Sozialleistungen. Das Ganze
lichen Dienstleistungen kürzen und eine bezahlbare Gesund-
ist ein Teufelskreis, der durch irrige Überzeugungen gestützt
heitsversorgung sabotieren.
wird. Würden die Demokratischen Staaten sich weigern, die
11 In jedem Land gibt es häufig gebrauchte Wörter mit einer Republikanischen Staaten zu unterstützen, wären die meisten
solchen moralischen Aufladung, die es zu erforschen gilt. von ihnen umgehend zahlungsunfähig.
12   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

zwar grundsätzlich ab, sind aber aufgrund des tief Interaktionsformen, die Gleichheit voraussetzen,
verwurzelten Rassismus nicht in der Lage, diesen in der können zwischen ungleichen Kategorien von Menschen
täglichen Praxis auszumerzen. Daher sind jene Teile der nicht gelingen. Die Illusion von Fairness kann zwar
USA, die immer noch traditionsbewusst auf Konsens für Mehrheitsangehörige (die nur mit ihresgleichen
setzen, offener rassistisch, während in den diverseren verkehren) aufrechterhalten werden, aber gleichzeitig
und besser gebildeten Teilen die Ungerechtigkeiten verhindert die Ungleichheit eine gelingende Interaktion
weniger offensichtlich sind und der Rassismus an zwischen den ›Rassen‹. Die Illusion sorgt dafür, dass
diesen Orten überwiegend als stillschweigender nur selten über Rassismus gesprochen wird, und falls
Rassismus perpetuiert wird. doch, wird ein solches Gespräch schnell problematisch,
Durkheims (1893) klassische Erklärung des weshalb weiße Menschen es am liebsten vermeiden
Konflikts zwischen überliefertem Konsens und (vgl. DiAngelo 2018). So kommt es, dass die Mehrheit
Selbstregulierung ist eine seiner minoritären sich der Illusion einer gerechten Gesellschaft hingeben
Einsichten, die verloren gegangen sind, weil die kann, während doch das ganze System auf Rassismus
Mehrheitswissenschaftler*innen ihn hartnäckig aufgebaut ist.
als Konsenstheoretiker missverstanden, obwohl er In der Regel sind sich nur die Ausgeschlossenen
sich gegen die Notwendigkeit von Konsens in der dieser Tatsache bewusst. Wenn ihre Stimmen, wie
Moderne aussprach. Einer der Gründe, weshalb weiße geschehen, ausgelöscht werden, kann die Illusion
Theoretiker*innen die Pointe von Durkheims Kritik aufrechterhalten werden, dass es hier kein Problem
übersehen haben, dürfte darin bestanden haben, dass gibt. Die Theorien und Methoden, die die Illusion der
diese in der Regel in einer Welt lebten, wo die meisten Fairness stützen, sind hegemonial, und die minoritären
Dinge mit ihren Überzeugungen übereinstimmten Stimmen, die diese Hegemonie kritisiert haben (vgl. Du
und ihre Mehrheitsansichten nur selten infrage Bois; Durkheim; Williams; Garfinkel; Goffman; Sacks),
gestellt wurden. Das fühlt sich dann an, als gäbe es wurden durch eine Kombination von Missverstehen
einen Konsens. Im Gegensatz dazu wird die Gültigkeit und unverhohlener Unterdrückung ihrer Arbeiten
der persönlichen Erfahrungen von Frauen und marginalisiert. Um diese Hegemonie infrage zu stellen,
Wissenschaftler*innen, die Minderheiten angehören, und den systemischen Rassismus zu dokumentieren,
fortwährend infrage gestellt, was diesen nur zu bewusst bedarf es unserer Ansicht nach eines interaktiven
macht, dass ein übergreifender Konsens nicht existiert. Ansatzes, der die soziale Ordnung als einen wesentlichen
Alle Gesellschaften bedürfen eines gewissen Teil der Konstitution von Bedeutung begreift. Wir
Konsenses und der Selbstregulierung. Sie unterscheiden bauen dabei auf Du Bois’ Erkenntnis auf, dass die US-
sich jedoch im Verhältnis. Selbst wenn Gesellschaften Gesellschaft nach der Zeit der Reconstruction (d.h.
zunehmend Selbstregulierungspraktiken entwickeln, nach 1876) sich in zwei separate Ströme aufspaltete,
behalten sie oft einen so großen Restbestand an die mit wenigen Berührungspunkten nebeneinander
Konsens, dass dieser die Verwirklichung von Gleichheit her flossen, und dass nur die Ausgeschlossenen, die
und Gerechtigkeit verhindert – egal wie leidenschaftlich ein »doppeltes Bewusstsein« entwickeln, sich dieses
die Leute an Gerechtigkeit glauben. Problematisch Umstands bewusst waren.
wird dies jedoch, wenn die Selbstregulierung in den Wir sind der festen Überzeugung, dass in einer von
verschiedenen modernen Kontexten mehr Kooperation systemischem Rassismus durchsetzten vielfältigen
und Flexibilität erfordert als der Konsens zulässt. Gesellschaft durch die Ausgrenzung von minoritären
Durkheim (1925) befürchtete, dass tief verwurzelte, Stimmen aus der Akademie und die Unterdrückung
überkommene Ungerechtigkeiten ohne ein gezieltes der Interaktionsforschung ein beträchtliches Maß
Programm zur moralischen Erziehung einfach weiter an stillschweigendem Rassismus gegenwärtig sein
fortbestehen und die Gesellschaften problematische, kann, ohne dass sich die Mehrheit der Menschen
abnorme Formen annehmen könnten. dessen bewusst wäre. Dies hat zur Folge, dass
Die Vereinigten Staaten haben derzeit eine solche weiße Amerikaner*innen nicht verstehen, wovon
›abnorme Form‹. Wir leben in einer Gesellschaftsform, gesprochen wird, wenn schwarze Amerikaner*innen
die in ihren wissenschaftlichen und technischen ihre Erfahrungen mit Rassismus schildern, und ihre
Praktiken, sowie zwischen den Mitgliedern ihrer Berichte als über-zogen von der Hand weisen. Der
vielfältigen Bevölkerung Gerechtigkeit erfordert – außergewöhnliche Sommer des Jahres 2020 brachte
ohne dass es eine solche Gerechtigkeit tatsächlich gäbe hier eine Wende und viele weiße Amerikaner*innen
–, und wir haben keinerlei System einer moralischen/ wurden sich endlich der offensichtlich rassistischen
zivilgesellschaftlichen Erziehung eingerichtet, um das Politik der Trump-Regierung bewusst (wenngleich
Problem zu beheben. Ganz im Gegenteil, wir ziehen uns nur vier von zehn Befragten diesen Rassismus bei
auf ein konsensbasiertes Bildungssystem zurück, dass Umfragen zurückwiesen). Aber das Interesse an den
die Tradition stärkt und die Selbstregulierung schwächt. verborgenen Seiten des Problems wird erlahmen,
Sobald sich eine Gesellschaft diversifiziert und von sobald die spektakulären Seiten des Rassis-mus aus
Wissenschaft und Technologie abhängig gemacht hat, der Öffentlichkeit verschwinden und für die Mehrheit
wird ein starker überlieferter Konsens zum Problem. nicht mehr so offensichtlich sind. Höchste Zeit also,
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 13

die stillschweigenden Seiten des Rassismus in den Da die Erwartungen an die Interaktionsordnungen
Griff zu bekommen. unbewusst sind und nur dann zu Bewusstsein
kommen, wenn die Interaktion versagt, mussten
wir zudem davon ausgehen, dass die von uns
Erwartungsunterschiede zwischen gesammelten Schilderungen wahrscheinlich durch
schwarzen und weißen Personen in Bezug auf Fehlschläge hervorgebracht worden waren und
Gesprächseröffnungssequenzen damit eher die auf Interaktionsschwierigkeiten
folgende Phase der Schuld- und Motivzuschreibung
Wenn Menschen sich zum ersten Mal begegnen, repräsentierten. Offen blieb dabei die Frage,
haben sie grundlegende Erwartungen darüber, welche wie eine erfolgreiche Interaktion zwischen zwei
Informationen auf welche Weise ausgetauscht werden. schwarzen Sprecher*innen aussieht, die nicht ihre
Für gewöhnlich werden zuerst Namen ausgetauscht wechselseitigen Erwartungen enttäuschen. Oder
und Angestellte derselben Firma geben vielleicht noch zwischen zwei weißen Sprecher*innen?
an, in welcher Abteilung sie arbeiten. Aber wie sich Es gelang uns, einige solcher Eröffnungsgespräche
herausstellt, variieren in den USA die Erwartungen ethnographisch zu beobachten. Sie kommen jedoch
jenseits dieser elementaren Formel je nach nicht oft vor und sind außerdem schnell vorüber.
›Rassenzugehörigkeit‹ so stark voneinander, dass Wir beschlossen, sie in einem von uns kontrollierten
solche Eröffnungssequenzen typischerweise voller Setting zwischen studentischen Freiwilligen
Missverständnisse sind. In den frühen 1990er Jahren stattfinden zu lassen. Die Herausforderung
machten uns Berichte von schwarzen Kolleg*innen bestand darin, einen Kontext zu schaffen, in dem
und Studierenden über ›aufdringliche Weiße‹ auf die Gesprächseröffnungssequenzen so natürlich
Probleme zu Beginn einer ›rassenübergreifenden‹ wie möglich abliefen, damit wir sie auf Video
Interaktion in Eröffnungssequenzen aufmerksam. aufnehmen und analysieren konnten, wie sie in
Weiße Amerikaner*innen fragten routinemäßig einer tatsächlichen Interaktion organisiert sind.
nach Dingen, die schwarze Amerikaner*innen für Wir suchten studentische Freiwillige, erbaten ihre
privat hielten. Dies war umso besorgniserregender, Erlaubnis, sie auf Video aufzunehmen, setzten
als es sogar Freundschaften zwischen schwarzen sie in einen Raum und überließen es ihnen selbst,
und weißen Personen zu vereiteln drohte, die sich sich einander vorzustellen, während sie auf unsere
gern näher kennengelernt hätten. Die weißen Rückkehr warteten. Manche der Studierenden
Personen, mit denen wir damals sprachen, hatten führten wir in Paaren derselben ›Rasse‹, manche in
keine Ahnung, was mit dieser Zuschreibung gemeint gemischten Paaren zusammen. Dabei beschränkten
sein könnte, wohingegen fast jede von uns befragte wir uns auf weibliche Studierende, so dass bei jeder
schwarze Person sofort wusste, was gemeint war, Paarung jeweils zwei Frauen zusammenkamen, um die
zu lachen anfing und eine eigene Geschichte über Interaktionen nicht durch Geschlechterunterschiede
›aufdringliche‹ Weiße zum Besten gab.13 zu komplizieren.
Garfinkel (2002) bezeichnete diese Methode, eine Das Setting war so ausgelegt, dass es Raum
Geschichte zum Besten zu geben, um eine Geschichte für die von schwarzen und weißen Sprecherinnen
erzählt zu bekommen, als coathanger: Die Geschichte jeweils bevorzugte Form einer unaufgeforderten
dient der befragten Person als eine Art Kleiderbügel, Gesprächseröffnung ließ. 14 Wir nahmen viele
um eine eigene entsprechende Geschichte daran solcher Sequenzen auf. Obschon sich alle im Detail
aufzuhängen. Die Auswahl, welche Geschichte zu unterscheiden, lassen sich doch charakteristische
der erzählten passt, erfolgt durch den Befragten Merkmale dessen erkennen, was wir als schwarzen und
selbst. Das ist eine gute explorative Methode, wenn als weißen Gesprächseröffnungstypus bezeichnen,
die Forscherin nicht selbst Teilnehmerin einer der bei den mit den jeweiligen Erwartungen
Praxis ist. Nachdem wir etwas mehr über diese vertrauten Personen für wechselseitiges Verständnis
Erzählungen verstanden hatten, wurde uns klar, dass und bei den nicht damit vertrauten für Irritationen
sie Bestandteil eines weit verbreiteten Phänomens sorgt. Darüber hinaus führten wir Dutzende großer
waren, dass detaillierter untersucht zu werden Fokusgruppen, Workshops und Community-
verdiente. Die Schwierigkeit bestand darin, dass Versammlungen mit schwarzen und weißen
solche Eröffnungssequenzen zwischen denselben Teilnehmer*innen zu diesen Videoaufnahmen durch,
zwei Personen nur einmal vorkommen und dass wir
bei solchen Begegnungen dabei sein mussten, um
Daten zu sammeln.

14 Die Videos der Einführungssequenzen wurden für ein


Projekt im Jahr 1994 aufgenommen, an dem studentische
13 Waverly Duck, damals noch Student, stieß 1996 zum Team Freiwillige teilnahmen. Ausführlicher dazu s. Rawls (2000);
und ist seither an diesen Studien beteiligt. Rawls/Duck (2020).
14   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

in denen wir unsere Analysenzur Diskussion stellten der sozialen Klassenzugehörigkeit ab wie manche
und uns Rückmeldungen geben ließen. 15 Wissenschaftler*innen meinen. Wenn überhaupt, sind
In meinem ursprünglichen Aufsatz (vgl. Rawls schwarze Amerikaner*innen mit hohem Status noch
2000) und in unserem Buch geben wir Transkriptionen stärker darauf bedacht, solche Informationen über sich
solcher Gesprächseröffnungssequenzen und eine selbst zurückzuhalten.
ausführliche Satz-für-Satz-Analyse dessen wieder, Der Gegensatz erklärt auch das gängige Narrativ,
was die jeweiligen Ordnungseigenschaften über dass Weiße aufdringlich oder neugierig seien. Die
die Ordnungspräferenzen schwarzer und weißer schwarz-amerikanische Eröffnungssequenz bevorzugt
Interaktionen offenbaren. Wir skizzieren eine typische das Gespräch über Themen, die das lokale Setting
weiß/weiß–Eröffnungssequenz, die eine Reihe von zur Verfügung stellt, und vermeidet kategoriale
kategorialen Informationen abfragt: wo die andere Erkennungszeichen, die sozialen Status und
Person wohnt, arbeitet, studiert, ob sie verheiratet ist Ungleichheit offenbaren. Die Betonung liegt auf dem,
und Kinder hat etc. Weiße Amerikaner*innen ziehen es was man in der unmittelbaren Umgebung sehen, hören
vor, nach diesen Dingen zu fragen und gefragt zu werden, und riechen etc. kann: auf der Persönlichkeit statt auf
und geben im Allgemeinen keine Informationen Markern des sozialen Status. Die schwarze Präferenz ist
preis, nach denen sie nicht gefragt wurden. Schwarze das spiegelbildliche Gegenteil der weißen Präferenz.
Sprecherinnen hingegen beantworten solche Status- Das Vermeiden von Kategorisierungen produziert
und Kategorienfragen nur ungern und geben die unter Afroamerikaner*innen Gefühle der Intimität,
Informationen, die sie preisgeben, am liebsten während es bei weißen Amerikaner*innen als ein
freiwillig. Solche Präferenzen festzustellen, heißt Versuch zur Vermeidung von Intimität gelesen wird.
feststellen, dass das Auftreten oder Ausbleiben von So fanden zum Beispiel Maynard und Zimmerman
Fragen nach kategorialen Informationen in den (vgl. 1984: 304f.) heraus, dass die Ausrichtung
betreffenden Interaktionsordnungen signifikant ist des Gesprächs auf die unmittelbare Umgebung im
und dass die Bewertung des moralischen Charakters Gespräch unter weißen College-Studierenden als
und der Verbindlichkeit des Gegenübers davon abhängt, eine Technik zur Vermeidung von Intimität und
ob und wie diese Erwartungen erfüllt werden oder nicht. zur Aufrechterhaltung von Anonymität dient. Im
Wichtig dabei ist, dass dieselben ›Gesprächszüge‹ Gegensatz dazu berichteten die Afroamerikanerinnen
in einer schwarzen Eröffnungssequenz ganz in unserer Untersuchung, dass sie Gespräche
andere Implikationen haben als in einer weißen bevorzugten, die auf die unmittelbare Umgebung
Eröffnungssequenz. Weiße Sprecherinnen müssen fokussierten, weil dies von einem respektvollen
Kategorienfragen stellen. Wenn sie es nicht tun, hat dies Umgang mit ihrer Person zeuge, während sie das
etwas zu bedeuten und bedarf der ›Rechtfertigung‹ (sie Bemühen der weißen Studentinnen um kategoriale
werden für das Fehlen solcher Fragen zur Rechenschaft Kennzeichen als persönliche Entwertung empfänden.
gezogen). Schwarze Sprecherinnen sollten solche Die Gesprächserwartungen unterscheiden sich
Fragen nicht stellen. Wenn sie es tun, hat es etwas zu auch im Vergleich mit Europa, wo die Praxis der
bedeuten und bedarf der ›Rechtfertigung‹. Wenn weiße weißen Amerikaner*innen häufig als unhöflich und
mit schwarzen Amerikaner*innen sprechen, die solche rücksichtslos erlebt wird.
Fragen weder beantworten noch stellen, führt dies zu Die Unterschiede können sowohl verwirrend
Kommentaren wie »Schwarze sind unhöflich« oder wie beunruhigend sein. Während die von weißen
»Sie waren extrem reserviert; ich glaube, sie mochten Amerikaner*innen bevorzugte Sequenz mehrere, klar
mich nicht«. Weiße Amerikaner*innen neigen daher identifizierbare Elemente aufweist, die in der Regel
zu der Einschätzung, sie hätten ihr Bestes versucht, zur Sprache kommen (Wohnort, Arbeit, Bildung,
freundlich zu sein, seien jedoch zurückgewiesen Ehe, Kinder), finden sich in der von schwarzen
worden. Manchmal kommen sie auch zu dem Schluss, Amerikaner*innen bevorzugten Eröffnung keine
dass die schwarzen Amerikaner*innen sie nicht mögen, solchen identifizierbaren Elemente, weil sie sich auf
weil sie weiß sind – was wiederum das Narrativ speist, die jeweilige Umgebung konzentrieren. Sie vermeiden
dass schwarze Menschen rassistisch seien. den Verweis auf stereotype Identitäten und Kategorien;
Für schwarze Amerikaner*innen sind solche stattdessen wird von der anderen Person erwartet, dass
kategorialen Informationen persönlicher Natur. Sie sie auf Fragen antwortet wie: »Bist du auch in diesem
verraten außerdem schnell den sozialen Status, was Kurs?«, »Worum geht’s bei dem Interview?«, »Wie
schwarze Amerikaner*innen vermeiden, indem sie geht’s?«. Diese Präferenz bewahrt die Gleichheit und
sich mit Dingen in der unmittelbaren Umgebung Würde von schwarzen Amerikaner*innen angesichts
beschäftigen. Nach unseren Erkenntnissen hängen der Ungleichheiten, denen sie tagtäglich in der weißen
diese Unterschiede jedoch längst nicht so stark von amerikanischen Gesellschaft ausgesetzt sind.
Indem sich schwarze Amerikaner*innen nicht auf
die Identifizierung von Kategorien als Ausgangspunkt
15 Die Analyse selbst dauerte sechs Jahre. Die Aufnahmen wur-
den im Unterricht, vor Fokus- und Alumni-Gruppen und auf für neue Beziehungen verlassen, befleißigen sie
öffentlichen Foren abgespielt. sich einer reineren Form von Reziprozität. Indem
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 15

sich dieses Vorgehen fast ausschließlich auf die sich dieses Phänomen sowohl aus weißer wie aus schwarzer
Zug um Zug und von Angesicht zu Angesicht selbst Perspektive zu verstehen.
ergebende wechselseitige Offenbarung von Präferenzen Schwarze Männer und Frauen mit hohem sozialem
und Reziprozitäten verlässt statt auf kategoriale Status sind fortlaufend damit konfrontiert, dass ihre
Informationen, fördert es die Gleichheit. Während Identität nicht anerkannt wird (und zwar nicht nur
die afroamerikanische Präferenz Informationen von weißen Personen). Allerdings erkennen sie dieses
vermeidet, durch die Personen in sozialen Hierarchien Versäumnis oft nicht und versuchen es auch nicht zu
verortet werden könnten – in denen die meisten beheben. Noch reagieren sie auf eine Weise, die der in der
schwarzen Amerikaner*innen aufgrund des Literatur beschriebenen Internalisierung eines negativen
systemischen Rassismus benachteiligt sind –, zielen Selbstbilds entspräche (vgl. Fanon 1952). Stattdessen
die weißen Eröffnungssequenzen auf Informationen, bestreiten sie häufig die Legitimität der Personen, die
durch die die Gesprächspartner*innen auf Status- ihnen die Anerkennung verweigern, und unterhalten
und Rollenkategorien festgelegt werden. Wie sich untereinander über solche Begebenheiten.
Goffman (1959) feststellte, hängt die Bedeutung Nach unseren Erkenntnissen führt die Neigung,
von Worten und Handlungen von der Definition solche Versäumnisse in der Interaktionsordnung nicht
der Situation und der Rolle oder Identität eines anzuerkennen, im Verbund mit den durch systemische
Sprechers*einer Sprecherin innerhalb dieser Rassenkategorien geprägten Erwartungen
definierten Situation ab. Die Bedeutung, welche hinsichtlich Status und Identität zu dem, was wir
Status und Stereotype dadurch erhalten, bringt von eine »gebrochene Spiegelung« der Selbstdarstellung
Anfang an eine ›rassenspezifische‹ Ungleichheit nennen, zu einem Interaktionsereignis, das von
in die Unterhaltung. Weiße Sprecherinnen legen es schwarzen Amerikaner*innen unseren Erkenntnissen
darauf an, durch das Gespräch Identitätsfragen zu zufolge häufig erlebt wird (vgl. Rawls/Duck 2017).
klären, ohne dass sie sich dabei des Zusammenhangs Ansätze, die von einem kolonial-postkolonialen
mit dem systemischen Rassismus bewusst wären, Modell von ›Rasse‹ ausgehen, würden hier einen
während schwarze Sprecherinnen daran arbeiten, die Verlust des Selbstwertgefühls und/oder den Versuch
Bedeutung von Stereotypen und ungleich verteilten einer Reparatur der Selbstdarstellung erwarten,
Identitäten zu minimieren und in diesem Prozess die jedoch nicht erfolgte. Ansätze, die davon
bestehende Ungleichheiten zu neutralisieren. ausgehen, dass das Selbst und die Identität bereits
vor der Interaktion gegeben sind, unterschätzen die
Bedeutung dieses Interaktionsereignisses.
»Gebrochene Spiegelungen« der Wie bei den im vorigen Abschnitt erörterten
Selbstdarstellung von schwarzen Gesprächseröffnungssequenzen konzentrierten
Amerikaner*innen mit hohem Status wir uns auch hier bei der Datenerhebung auf
Erzählungen über diesen Augenblick des Bruchs. Wie
Vierhundert Jahre systemischen Rassismus haben die Erfahrungen, auf denen Du Bois seine Konzeption
das amerikanische Leben in einen von weißen des doppelten Bewusstseins gründete, handelt es
Amerikaner*innen vorgegebenen Rahmen gepresst sich auch bei den gebrochenen Spiegelungen um
(vgl. Feagin 2014). Innerhalb dieses Rahmens eignen eine weit verbreitete ›Erfahrung‹, über die sich
sich sowohl weiße wie schwarze Amerikaner*innen statushohe schwarze Männer und Frauen Geschichten
die Erwartung an, dass Positionen und Identitäten erzählen. Den weißen Amerikaner*innen, die diese
mit hohem Status nicht mit schwarzen Männern und ›Erfahrungen‹ produzieren, indem sie die korrekte
Frauen besetzt sind. Es dürfte offensichtlich sein, Identität ihres schwarzen Gegenübers verkennen,
dass diese ›rassenspezifische Betrachtung‹ schwarzer bleiben diese Geschichten unbekannt.
Menschen sich auch auf ihre Fähigkeit auswirkt, Um detailliertere Beschreibungen über die Existenz
Identitäten mit hohem sozialem Status auszufüllen. und die Konturen des Phänomens zu erlangen,
Der allgemeine Glaube suggeriert jedoch, dass zeichneten wir Tiefeninterviews mit 38 hochrangigen
der soziale Erfolg den Rassismus für schwarze schwarzen Männern auf, die Spitzenpositionen als
Amerikaner*innen mit hohem Status neutralisiere. Führungskräfte bekleideten, und sammelten und
Das erste Mal fiel uns die »gebrochene transkribierten deren Erzählungen über solche
Spiegelung« im Oktober 2003 auf, als wir Zeugen Brechungen. Wir konzentrierten uns dabei aus zwei
einer rätselhaften Interaktion wurden: Ein schwarzer Gründen auf schwarze Männer: Erstens sind schwarze
Mann, der seine hohe Statusidentität sehr kompetent Männer Zielscheibe der extremsten Stereotype
verkörperte, weigerte sich standhaft, seine von Gewalt und Verbrechen und wir hatten Grund
Kompetenz anzuerkennen. Nach langen Diskussionen anzunehmen, dass diese Stereotype sie bis in die
und dem Sammeln weiterer Beispiele wurde uns klar, höchsten Positionen begleiten. Zweitens war einer
dass wir hier auf etwas Wichtiges gestoßen waren. der Autoren ein schwarzer Mann, der einen leichteren
Wie bei unseren anderen Ergebnissen, bedurfte es Zugang zu anderen Männern hatte, um mit ihnen
ausführlicher Diskussionen und Beobachtungen, um über dieses heikle Thema zu diskutieren. Wie bei
16   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

unserer früheren Studie über Eröffnungssequenzen, mehr als Zeichen dafür anzusehen, dass er*sie etwas
bei der wir uns ganz auf Frauen beschränkten, falsch macht.
beschlossen wir auch hier, einer Vermischung von Normalerweise erwarten wir, dass eine
›Rasse‹ und Geschlecht aus dem Weg zu gehen, und Selbstpräsentation, die nicht bestätigt wird, vom
beschränkten uns auf Männer. Allen 38 von uns Präsentierenden selbst reklamiert wird. Schwarze
befragten schwarzen Männern war das Narrativ der Amerikaner*innen hingegen sind mit so vielen
gebrochenen Spiegelung vertraut und alle konnten Situationen konfrontiert, in denen ein White Racial
uns eigene Geschichten über ihre eigenen Erfahrungen Frame, wie Joe Feagin (2014) es nennt, andere daran
damit erzählen.16 In unserem Originalaufsatz (vgl. hindert, ihre Identität und Kompetenz als Inhaber*in
Rawls/Duck 2017) haben wir Transkriptionen eines hohen sozialen Status anzuerkennen, dass
dieser Narrative abgedruckt, und unsere Analyse sie das Problem mit der Zeit ignorieren lernen.
zeigt, wie häufig solche Brechungen vorkommen, Das Ausbleiben der Anerkennung und Bestätigung
beschreibt, wie es dazu kommt, und diskutiert deren kompetenter Selbstpräsentationen, über das von
Implikationen. Wir können an dieser Stelle nur eine den befragten schwarzen Männern mit hohem Status
kurze Beschreibung geben. häufig berichtet wird, untergräbt sowohl die sozialen
Während jeder Interaktion erwartet man von Identitäten, die ihnen von Rechts wegen zustehen, als
den Teilnehmer*innen, dass sie eine Identität auch die Würde, Macht und Autorität, die mit diesen
präsentieren, zu der sie berechtigt sind und die mit der Identitäten einhergehen. Dies ist nicht nur ungerecht
Situation übereinstimmt, in der sie sich befinden (vgl. im konventionellen Sinn, sondern es verletzt auch
Goffman 1959). Wenn der schwarze Vizepräsident eines die »Vertrauensbedingungen« (Garfinkel 1963)
Unternehmens, den wir Robert nennen wollen, seiner und die Gleichheit (vgl. Durkheim 1893), die in
Assistentin eine Aufgabe überträgt, verhält er sich damit von Selbstregulierungspraktiken dominierten
seiner Identität entsprechend. Es gibt in diesem Prozess Gesellschaften notwendig sind, um das Selbst und die
einen wesentlichen Moment, wenn die Präsentation sozialen Objekte zusammenzubringen.
der eigenen Identität bzw. des Selbst erfolgt und Die ›Nichtanerkennung‹ von Identitäten, die
der*die Andere an der Reihe ist, diese Präsentation schwarze Amerikaner*innen (und weiße Frauen in
anzuerkennen, zu beantworten und zu bestätigen. Die hohen Stellungen) erfahren, bedroht den Prozess
Integrität, Legitimität, ja die gesamte Existenz des der Sinnstiftung und Selbstwerdung und führte die
präsentierten Selbst hängt von dieser Reaktion ab (und von uns untersuchten schwarzen Männer zu einem
kann durch sie verändert werden). Robert beschreibt in Vermeidungshandeln, das wir als »Nullreaktion«
seiner Erzählung, dass seine Assistentin, wenn er sie bezeichnen.17 Weil diese Männer sich in ihre eigene
darum bittet, etwas Bestimmtes zu tun, hinter seinem schwarze Interaktionsordnung zurückziehen können,
Rücken andere (einschließlich des Unternehmenschefs) um ihr Selbstwertgefühl zu bestätigen, werden sie durch
danach fragt, ob sie das, was er ihr aufgetragen hat, die Nichtanerkennung nicht zerstört. Aber sie erschwert
auch tun solle. Es kommt hier zu einem Ereignis der ihnen ihre Arbeit und die Männer sehen sich beständig
Brechung, das Robert ihr gegenüber nicht zugeben mit unangemessenen Reaktionen konfrontiert, die ihre
würde – aber es führt dazu, dass er ihr nicht mehr Kreativität und ihren Erfindungsgeist auf die Probe
vertraut, auch wenn er weiter daran glaubt, dass sie stellen. Während schwarze Amerikaner mit hohem
seinen Erfolg wünscht. Er bezeichnet ihr Verhalten als Status sich dieser Erfahrung nur zu bewusst sind,
›aufmüpfig‹ und interpretiert ihre ›Abklärungen‹ als verstehen weiße Amerikaner charakteristischerweise
Beweis dafür, dass sie ihn für inkompetent hält. weder, wie irritierend diese Erfahrungen sind, noch,
Eine Brechung stellt sich ein, wenn die Person, die warum ihr schwarzer Freund oder Chef sie mit einer
ihr Selbst präsentiert – in diesem Fall Robert – eine Nullreaktion beantwortet.
Identität gespiegelt bekommt, in der sie sich nicht Wenn schwarze Amerikaner*innen sagen, dass
wiedererkennt (was darauf hinweist, dass der*die sie tagtäglich Rassismus am Arbeitsplatz erleben,
Andere die Angemessenheit der Identität oder die meinen sie Erfahrungen wie diese. In der weißen
Präsentationskompetenz nicht anerkennt). Geschieht US-Gesellschaft gibt es keinen Ort, wo schwarze
dies nicht nur einmal, sondern häufig, lernt der*die Amerikaner*innen, wie fähig sie auch sein mögen,
Betreffende mit der Zeit, dieses Phänomen nicht darauf rechnen könnten, dass ihre Kompetenzen und
Qualifikationen anerkannt würden.

16 Wie bei den Erzählungen, die wir über die


Einführungssequenzen sammelten, verwendeten wir auch hier
Garfinkels coathanger-Methode, bei der eine Initialgeschichte
erzählt wird. Erkennt der Gesprächspartner, worum es in
der Geschichte geht, kann diese Person ihrerseits mit einer
entsprechenden Geschichte antworten. Erkennt sie es nicht, 17 Dieser Verzicht auf eine Reaktion ist auch der weißen
kann sie keine Geschichte erwidern. Bei dieser Methode dient Autorin als eine Technik des Selbstschutzes bekannt. Es ist
die Fähigkeit, eine Geschichte zu erwidern, als Bestätigung jedoch zweifelhaft, ob viele weiße Frauen in der Lage sind, sie
dafür, dass man die Geschichte verstanden hat. konsequent anzuwenden.
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 17

›Sich unterordnende Höflichkeit‹: die Terminologie beschrieben ist. Nachdem wir zahlreiche
Ausrichtung schwarzer Männlichkeit an ethnographische Beobachtungen gesammelt hatten,
Unterdrückung und Ungleichheit kamen wir auf den Gedanken, die Archive nach Videos
von Begegnungen zwischen schwarzen und weißen
Du Bois (1890) vertrat die Auffassung, dass die Polizist*innen und Bürger*innen zu durchforsten, die
Unterordnung unter das Gemeinwohl eine wichtige, uns eine detaillierte Sequenzanalyse erlauben würden.
unter schwarzen Amerikaner*innen hoch geschätzte In unserem ursprünglichen Artikel (vgl. Rawls/
Stärke sei, die von weißen Amerikaner*innen nicht Duck/Turowetz 2018) führten wir im Zusammenhang
genügend gewürdigt werde. Er beschrieb das schwarze solcher schwarz/weiß-Begegnungen zwischen Polizei
Ideal als das eines »sich unterordnenden Mannes«, der und Bürger*innen eine Interaktionspraxis ein, die wir
sich dem Wohl der Gesamtheit subsumiert, und stellte »sich unterordnende Höflichkeit« nannten. Wir haben
es dem gegenüber, was er als das Ideal des »starken dort auch die teilweise Transkription eines 16 Minuten
weißen Mannes« bezeichnet. Du Bois nannte Jefferson langen Videos und eine schrittweise Gesprächsanalyse
Davis, den Präsidenten der Konföderierten während der sequentiellen Struktur der Interaktion abgedruckt.
des Bürgerkriegs, als Beispiel für einen solchen Die Transkription ist lang und die Gesprächsanalyse
starken Mann. Davis, der seinem Eigeninteresse so ausführlich, dass wir hier nur einen Teil
einer Fortsetzung der Sklaverei das Wohl des ganzen zusammenfassen können. Der schwarze männliche
Landes opferte, orientierte sich nicht am Gemeinwohl. Bürger, der in die Begegnung verwickelt ist, nimmt
Dieselbe Bereitschaft, andere dem Eigeninteresse bei dem Versuch, seine Identität als Bewohner des
zu opfern, lässt heute Donald Trump erkennen. Im Hauses und des Stadtviertels zu erweisen, in dem die
Kontext der Präsidentschaftswahlen von 2020 stellte Polizei ihn kontrolliert, eine sich unterordnende und
sich Joe Biden als einen sich unterordnenden Mann dar, kooperative Haltung ein. Nach unserer Ansicht ist dies
der das Wohl der Gesamtheit über sein Eigeninteresse eine bevorzugte Strategie schwarzer Amerikaner*innen
stellt. Das Ideal des ›starken Mannes‹ repräsentiert in Situationen, wo sie mit rassistischer Herrschaft
nicht Stärke, sondern rücksichtsloses Eigeninteresse, und Bedrohung konfrontiert sind.18 Aber weil sie in
während umgekehrt der sich unterordnende Mann Widerspruch zu dem individualistischen Ideal der
gerade dadurch Stärke beweist, dass er sich dem weißen Amerikaner*innen steht, wird diese Präferenz
Gemeinwohl unterordnet. Die Etiketten sind also nicht für sich unterordnende Höflichkeit, die auf verstärkter
wörtlich zu nehmen. Kooperation und formalem Respekt beruht, von weißen
Ein gerechter Gesellschaftsvertrag verlangt Amerikaner*innen häufig missverstanden. Diese
von seinen Bürger*innen, dass sie zugunsten des neigen dazu, soziales Handeln so zu interpretieren, als
Gemeinwohls auf einige Dinge verzichten. Sie tauschen, wären weiße Interaktionspräferenzen die einzig legitimen
wie Hobbes (1651) anfänglich argumentierte, die volle Erwartungen. Der Polizist und die Polizistin fragen sich
Freiheit von Tieren – zu fressen und gefressen zu laut, warum dieser schwarze Mann so kooperativ ist und
werden – gegen die Vorzüge eines Lebens in Gesellschaft vermuten, dass er etwas zu verbergen suche. Dass er
ein. Seit Hobbes kreisten die Debatten hauptsächlich ihnen ganz im Gegenteil alles zu zeigen sucht, damit sie
darum, wie ein fairer Gesellschaftsvertrag auszusehen ihn nicht verdächtigen, kommt ihnen nicht in den Sinn:
habe, und nicht darum, ob er nötig sei. Bleibt die Es ist eine Praxis, die sie nicht (er)kennen.
Frage, weshalb so viele Menschen den ›starken Mann‹ Während sich unterordnende Höflichkeit als
verehren, der von der Gemeinschaft nimmt, was bevorzugte Verhaltensweise schwarzer Ameri-
er kann, während sie die ›Unterwerfung‹ unter das kaner*innen durch starke demokratische Tugenden
Gemeinwohl für wenig bewundernswert halten. auszeichnet, sind sich die Polizeibeamt*innen in
Angesichts dieser beiden widersprüchlichen Ideale unseren Daten weder des bevorzugten Status noch der
war zu erwarten, dass wir in den Interaktionen einen besonderen Legitimität dieses Verhaltens bewusst.
empirischen Niederschlag in Form von unvereinbaren Stattdessen behandeln sie die Kooperationsbereit-
interaktiven Präferenzen würden beobachten können. schaft des schwarzen Bürgers als Verdachtsmoment
Es schien außerdem wahrscheinlich, dass diese ›sich und nehmen sie zum Vorwand für seine Verhaftung.
unterordnende Höflichkeit‹ Interaktionen zwischen Sie verschaffen den Präferenzen der weißen
den ›Rassen‹ zu Spannungen führen würde, wenn Interaktionsordnung Geltung, als wären diese
das Verhalten schwarzer (vor allem) Männer von gesetzlich vorgeschrieben.
weißen Amerikaner*innen als Unterwerfungsgeste In einer demokratischen Gesellschaft sollte
missverstanden würde. der Zugang zu situationsgebundenen Identitäten
Als wir 2015 unsere Forschungsergebnisse zu den wie z.B. ›Stadtteilbewohner*in‹ allen ›Rassen‹
gebrochenen Spiegelungen auswerteten, bemerkten gleichermaßen offenstehen. Aufgrund der rassistischen
wir mehrere interaktive Reaktionen auf rassistische
Gewalt und Drohungen, in denen schwarze Männer
18 Gabbidon 2007 vertritt die Auffassung, Du Bois habe auch
und Frauen eine kooperative Haltung einnahmen, die Grundlagen für eine soziologisch orientierte Kriminologie
die unserer Ansicht nach am besten durch Du Bois’ gelegt.
18   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

Unterdrückung und Ausgrenzung werden schwarzen darüber. Unabhängig von der ursprünglichen Absicht
Amerikaner*innen jedoch in vielen Situationen ihre des Beamten handelt es sich hier um ein schweres
legitimen Identitäten abgesprochen. Wenn solche Versagen von Reziprozität (vgl. Jefferson 1979), das
Identitätsprobleme auftreten, können Unterschiede deutlich macht, dass PO2 sich mit CR nicht auf einer
in den Interaktionsordnungen, innerhalb deren Ebene der Gegenseitigkeit befindet. Er benimmt sich
schwarze und weiße Amerikaner*innen diese vielmehr respektlos und ohne Rücksicht auf CRs Gefühle.
Probleme zu lösen versuchen, zusätzliche Missver- Schon in den ersten Sekunden der Interaktion kann
ständnisse heraufbeschwören. man sehen, dass die beiden Parteien die Situation
Sich unterordnende Höflichkeit bedeutet, klug, unterschiedlich definieren und diese wechselseitige
höflich und zuvorkommend zu sein. Sie geht über Verfehlung setzt sich im Weiteren fort. PO2 entwirft
das hinaus, was zur Vermeidung von Scherereien einen ›humorvollen‹ Gesprächsverlauf, dem CR
erforderlich ist.19 Insbesondere für schwarze Männer, sich nicht anschließen will, weil er die Situation als
die mit weißen Polizeibeamt*innen sprechen müssen, ernst interpretiert. Wenn PO2 ein Problem in der
kann dies eine Herausforderung sein. In einer solchen Interaktion erzeugen wollte (um CR Widerstand
Begegnung sind mehrere Identitätsprobleme im vorwerfen zu können, was er später auch tut), war
Spiel, die für den weiteren Verlauf der Begegnung eine er damit erfolgreich. Falls er gehofft haben sollte, in
besondere Bedeutung erlangen können. Der schwarze eine Kommunikation einzutreten, hat er seine eigene
Quartiersbewohner (citizen resident, CR) konnte Absicht untergraben.
den Polizisten nicht dazu bringen, ihn als jemanden In Zeile 33 deutet PO2 an, es komme ihm
anzuerkennen, der in seinem eigenen Haus bzw. im Haus komisch vor, einen Mann zu beschuldigen, in das
seiner Mutter wohnt. Das ist ein verbreitetes Problem Haus seiner Mutter eingebrochen zu sein, und
schwarzer Männer und zugleich ein Beleg für die stets den Täter dann bei Eintreffen der Polizei auf der
gebrochene Spiegelung ihrer Identität. Stattdessen Veranda sitzend anzutreffen. Wie PO2 im Laufe der
unterstellen ihm die Beamt*innen von Anfang an eine Interaktion mehrmals selbst feststellt, ist dies ein
kriminelle/illegitime Identität – ein rassistisches sehr unwahrscheinliches Szenario. Nichtsdestotrotz
Stereotyp, dessen Annahme CR verweigert. Auf einer wiederholt er es vier verschiedene Male und lacht selbst
tieferen Ebene des Reziprozitätsversagens ist hier ein darüber, während er CR vor seinem Haus ausfragt.
zweites Identitätsproblem im Spiel. Der Beamte und die CRs Antworten zeigen, dass dieser die Situation nicht
Beamtin können die ›normale Angemessenheit‹ von lustig findet. Sie ist vielmehr unvermittelt über ihn
CRs Handlungen nicht erkennen. Wenn er tatsächlich hereingebrochen. Er sagt der ersten Beamtin, wer er
hier lebt und auf seine Mutter wartet, sind alle seine ist, und sie scheint sich zunächst damit zufrieden zu
Handlungen vollkommen plausibel, und aufgrund der geben. Aber nachdem sich die beiden Beamt*innen im
Öffentlichkeit, die der Fall erhalten hat, wissen wir, dass Polizeiwagen beraten haben, tritt PO2 zum ersten Mal
dem auch so war. Doch die beiden weißen Polizist*innen auf ihn zu und eröffnet das Gespräch mit dem ›Scherz‹,
(police officers, PO1 und PO2) beteuern immer wieder, den CR als Anschuldigung betrachtet. Die Reaktionen
die Situation und sein Verhalten seien seltsam gewesen. von CR zeigen, dass die Begegnung in seiner
An dem anfänglichen Versuch des weißen Wahrnehmung sofort sehr viel ernster geworden ist.
männlichen Polizeibeamten (PO2), ›Humor‹ zu Nach einer Pause, in der CR nicht auf sein Lachen
zeigen (Zeile 33), indem er sich darüber lustig macht, reagiert (Zeile 38), stellt PO2 eine weitere Frage,
dass CR versucht habe, in das Haus seiner Mutter die als Anschuldigung hörbar ist: »Was ist mit der
einzubrechen, erkennt man, dass sich dieser ›Schwarze‹ Schaufel?« (Zeile 39), und CR behandelt sie auch
aus Sicht des Beamten von Anbeginn auf eine Weise als solche. Indem PO2 nach einer Erklärung für die
benimmt, die dieser nicht für ›normal‹ hält. Er kann ihn Schaufel fragt, impliziert er, dass CRs Besitz der
jedoch nicht ohne Grund verhaften: Er braucht einen Schaufel problematisch ist und einer Rechtfertigung
Vorwand. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte bedarf. Die weibliche Beamtin hatte die Schaufel im
ist ein beliebter Vorwand (vgl. Bittner 1967; 1973; Zusammenhang mit ihrer Beschreibung des Anrufs
Chevigny 1969). CR ordnet sich höflich unter, weigert eines Bürgers bei der Polizei eingeführt. Aber PO2 stellt
sich allerdings, über einen Scherz zu lachen, der seine eine direkte Frage: »Was ist mit der Schaufel?« (Zeile
Identität desavouiert, und es wäre in der Tat völlig 39). Wie Bolden und Robinson (2011: 96) anmerken,
unangemessen, dies von ihm zu erwarten. Ob der verkörpern Fragen, die Erklärungen und/oder
einleitende ›Scherz‹ als ›Eisbrecher‹ beabsichtigt war Rechtfertigungen einfordern »eine Art Suspendierung
oder nicht, CR wird damit von vornherein als deviant der Vertrauensbedingungen (vgl. Garfinkel 1963),
positioniert. PO2 erzählt den ›Scherz‹ im Verlauf des insofern sie anzeigen, dass [die sprechende Person]
Vorfalls insgesamt vier Mal und lacht (als einziger) sich die Ursachen oder Motive des Ereignisses nicht
auf ›normale‹ Weise erklären kann«.
CR antwortet, indem er berichtet, was er mit der
19 Fassin (2013: 93) fand heraus, dass arabische/schwarze Ju-
gendliche eine ähnlich sich unterordnende Haltung einnehmen, Schaufel gemacht hat (Zeile 41). PO2 erwidert dies mit
wenn sie mit der französischen Polizei konfrontiert sind.
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 19

#2: Greensboro Teil 2: PO2 Body Cam Timecode: 01:34


33 PO2: Warum brichst du in das Haus deiner Mutter ein?
34 (0.6)
35 CR: Ich breche hier nicht ein.
36 (0.2)
37 PO2: Uh(h) heh huh heh
38 (1.4)
39 PO2: Was ist mit der Schaufel?
40 (0.6)
41 CR: Die Schaufel war schon vorher hier. ... Ich habe sie gerade vom Hof geholt, als ich hierher kam, Sir.
42 (0.6)
43 PO2: Ja, sie haben gesagt, du hättest versucht, das Garagentor damit zu öffnen.
44 (0.5)
45 CR: Nein, das habe ich nicht. ... Ich wollte ... Das habe ich getan.
46 (3.7) (CR geht zum Garagentor hinüber und demonstriert es.)
47 CR: Das ist, was ich getan habe.
48 (1.1)
49 CR: Ich musste sicherstellen, dass der Hund nicht in der – äh: Garage war. Das ist alles,
was ich zu tun versucht habe.
50 (1.4.)
51 CR: Das ist alles, was ich zu tun versucht habe.
52 (0.7)
53 PO2: Na gut.
54 (0.4)

einer expliziteren Anschuldigung – der dritten aus CRs sein. Das Ideal des ›starken Mannes‹ entspricht im
Perspektive: »Ja, sie haben gesagt, du hättest versucht, Gegensatz dazu der rassistischen/sexistischen/
das Garagentor damit zu öffnen« (Zeile 43). Aber klassendiskriminierenden Ideologie, dass, wer sich
diesmal tut PO2 dies indirekt, indem er die Rede eines nicht ›am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen‹ kann,
abwesenden Dritten wiedergibt, wahrscheinlich eine kein Wahlrecht, keine Gesundheitsversorgung, kein
weitere Referenz auf den Anrufer: »sie haben gesagt...« Essen, keine Unterkunft und keine Bildung verdient;
Dies bestreitet CR explizit: »Nein, das habe ich nicht« dass Menschen, die anders sind, die Gesellschaft
(Zeile 45), und gibt eine physische Reinszenierung schwächen; dass die Regierung es zulassen sollte, dass
dessen, »was ich getan habe« (Zeile 46), indem er von die Starken mit den Schwachen tun, was sie wollen; und
der Veranda aufsteht, zur Garage geht und dann zur dass ›die wichtigsten Beiträge‹ zum Land und seiner
Veranda zurückkehrt. Die Reinszenierung wird von Kultur von weißen Amerikaner*innen geleistet wurden.
einer Erläuterung begleitet, die sich auf seine Sorge Diese undemokratische Ideologie setzt Beiträge
bezieht, ob sein Hund in der Garage eingesperrt sei: zur Gesellschaft mit dem ›starken Mann‹ gleich;
»Ich musste sicherstellen, dass ...« (Zeile 49). CRs Freiheit mit dem uneingeschränkten Recht, andere zu
letzte Wendung »Das ist alles, was ich zu tun versucht beherrschen; und sie hält die Schwachen und Armen für
habe« (Zeile 49), die er wiederholt (Zeile 51), ist eine unwichtig, es sei denn, man kann sie dazu zwingen, für
Extremfallformulierung (vgl. Pomerantz 1986): »Alles« die Reichen Profite zu generieren (vgl. Mayer 2016). Es
zieht eine Maximalgrenze um seine Handlungen und ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass in den USA
die dahinter stehenden Absichten, ebenso wie seine die sogenannten ›starken Männer‹, die es angeblich
anschließende Wendung: »Das war’s. Nicht mehr und aus eigener Kraft an die Spitze geschafft haben, immer
nicht weniger« (Zeile 55). andere hatten, die für sie geschuftet haben: zuerst war
Wir betrachten diese Reinszenierung als eine es buchstäbliche Sklavenarbeit, während die Menschen
Sequenz sich unterordnender Höflichkeit. Sie ist die heute in Arbeitsverhältnisse mit extrem schlechter
Reaktion auf eine Reihe von Äußerungen, die CR als Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen
Anschuldigungen erlebt und die sämtlich auf ein gezwungen sind.
anfängliches Sichverfehlen folgen, die durch PO2s Du Bois betrachtete die Unterordnung unter
›Scherz‹ ausgelöst wurde. Die Reinszenierung ist demokratische Prinzipien als Gegenentwurf zu dieser
aufwändig und CR geht damit weit über das hinaus, was hyperindividualistischen Ideologie des ›freien Marktes‹
von ihm verlangt wird, um jeden Ärger zu vermeiden. und des ›amerikanischen Traums‹, in dem jede*r des
In einer demokratischen Gesellschaft sollte eine eigenen Glückes Schmied*in ist: Er betrachtete die
sich unterordnende Höflichkeit die bevorzugte Haltung schwarzen Amerikaner*innen als das demokratische
20   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

Herz der Nation. Und sie sind es noch. Damit Demokratie nur die Aufgabe der ungerechten und unverdienten
funktioniert, muss sich jede*r Einzelne dem Prinzip Traditionen und Privilegien erforderte, sondern auch
verpflichten, dass Gleichheit und Demokratie wichtiger die überfällige Anerkennung, dass die gesamten
sind als das Eigeninteresse der Einzelnen: Der*die Verhältnisse seit je auf Rassismus aufgebaut sind.
moderne Staatsbürger*in muss sich dem Prinzip der Bis vor kurzem unsichtbar war jedoch, in welchem
bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit unterwerfen Ausmaß von Dark Money (vgl. Mayer 2016) finanzierte,
und die Eigeninteressen des ›starken Mannes‹ müssen falsche Fronten aufgebaut wurden, um aus diesen
sich dem allgemeinen Interesse beugen – oder es gibt scheinbar ›begründeten‹ Klagen Kapital zu schlagen.
keine Demokratie. Vor diesem Hintergrund vertrat Wie sich zeigte, haben mächtige Akteur*innen die
Du Bois die Ansicht, dass schwarze Amerikaner*innen Universitäten mit falscher ›Wissenschaft‹ infiltriert,
ein stärkeres Demokratieverständnis hätten als weiße, die darauf zielt, weißen Menschen einzureden, dass
und zwar gerade weil ihre Erfahrung rassistischer ihre Beschwerden sich im Grunde nicht gegen die
Unterdrückung und die Entwicklung eines »doppelten schlechten Jobs und die schlechte Bezahlung richten,
Bewusstseins« von dieser Unterdrückung unter unter denen sie in Wirklichkeit leiden, sondern gegen
schwarzen Amerikaner*innen ein größeres Engagement schwarze Menschen und ›Ausländer*innen‹, die ihnen
für Gleichheit und Demokratie geschaffen habe. Die angeblich die guten Jobs weggenommen haben. Diese
sich unterordnende Höflichkeit ist unserer Auffassung falschen Fronten propagieren falsche Stereotype,
nach ein Beispiel für dieses Engagement. um die sehr realen Ungleichheiten zwischen weißen
Amerikaner*innen zu verbergen, die Jahr für Jahr
durch eine Gesetzgebung vergrößert werden, die
Wie unterscheidet sich die Situation in Europa von demselben dunklen Geld unterstützt wird, das
und anderswo? die amerikanischen Bürger*innen ihrer Rechte,
Sozialprogramme, Bildungschancen und Arbeitsplätze
Eine der Lehren, die man aus den Erfahrungen in beraubt hat. Die scheinbare Wohlbegründetheit dieser
den USA ziehen sollte, lautet, dass ›Rasse‹ und Beschwerden wird im Weiteren dadurch gestützt, dass
Ausgrenzung dazu benutzt werden können, eine man sich öffentlich auf eine kodierte Weise rassistisch
antidemokratische Agenda zu unterfüttern, die äußert, die nur von denen gehört werden kann, die um
oberflächlich betrachtet als vernünftig erscheinen die darin versteckten rassistischen Positionen wissen
kann. Jede soziale Gruppe kann einige scheinbar (vgl. Anderson 2016; 2018; Haney-Lopez 2013).
wohlbegründete Beschwerden vorbringen: Sie werden Jedes Land bzw. jeder politische Raum oder
aus der Wirtschaft ausgeschlossen; sie wollen nicht, Wirtschaftsraum muss damit rechnen, dass dort
dass ihre ›Freiheiten‹ beschnitten werden; sie wollen ähnliche Probleme auftreten – auch wenn diese noch
nicht, dass mit ihren Steuern Leute unterstützt am Anfang stehen. Doch wird dieser Prozess in jedem
werden, die sie nicht gutheißen; sie wollen ihre Land anders ablaufen, und was es braucht, um ihn
Lebensweise nicht ändern. Den systemischen sichtbar zu machen und diejenigen zu entlarven, die
Rassismus aufzudecken, der sich hinter solchen hinter den Kulissen die Strippen ziehen, wird sich in
Beschwerden verbirgt, erfordert eine umfassende jedem Fall unterscheiden. Man wird dazu auf die Details
Untersuchung, inwiefern die ›Lebensweise‹, die der Interaktionen achten müssen, die das scheinbar
hier verteidigt wird, nicht nur ursprünglich auf Selbstverständliche sichtbar machen können.
Ungleichheit – und, im Fall der USA, auf Sklaverei und In Gebieten, deren Organisation noch auf tra-
Rassentrennung – basiert, sondern auch weiterhin ditionellem Konsens beruht, dürften ›Rasse‹ und
durch rassistische Ungleichheit aufrechterhalten wird: Ausgrenzung offensichtlicher zu Tage treten als
weil ›unsere‹ Traditionen in den USA immer weiße an Orten von größerer Vielfalt, wo der traditionelle
Traditionen waren, durch die Minderheiten aktiv Konsens zusehends durch Selbstregulierungspraktiken
ausgeschlossen wurden; weil die Menschen, die ›wir ersetzt wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass es an Orten
nicht gutheißen‹, schwarz und braun aussehen; weil mit mehr Vielfalt weniger systemischen Rassismus
die Gründe, warum wir sie ›nicht gutheißen‹, auf den gäbe. In diesen Orten hat sich der offene Rassismus
falschen Stereotypen beruhen, mit denen die Sklaverei sehr wahrscheinlich in den Untergrund verzogen
und die Unterdrückung der Bürgerrechte für Schwarze und findet sich als stillschweigender Rassismus in
gerechtfertigt wurden; weil weiße Freiheiten nie für alltägliche Interaktionspraktiken eingebettet. Weil
schwarze Amerikaner*innen verfügbar waren; weil der diese vielfältigen Orte einen noch größeren Bedarf
Reichtum und die Privilegien weißer Arbeiter*innen an Gleichheit und Gegenseitigkeit haben, um die
immer noch auf Kosten der massenhaften Inhaftierung Selbstregulierungspraktiken zu unterstützen, kann der
und Unterbeschäftigung schwarzer und brauner Rassismus gerade hier den größten Schaden anrichten.
Arbeiter*innen gehen, die deshalb auf Sozialhilfe Jedes Kolonialreich war anders strukturiert
angewiesen sind; und schließlich, weil sich weiße und setzte Rassismus und Ausgrenzung auf
Amerikaner*innen nur deshalb von der Aussicht auf unterschiedliche Weise zur Unterstützung der
›Rassengleichheit‹ bedroht fühlen, weil diese nicht Arbeitsbeziehungen ein und jedes Land oder Gebiet
Anne Warfield Rawls and Waverly Duck 21

weist daher seine eigene, einzigartige verborgene als die statusorientierten Präferenzen der weißen
Dynamik auf. Manchmal hat die Reaktion auf die Interaktionsordnung mit ihrem Ideal des ›starken
Unterdrückung durch Minderheiten die Form der weißen Mannes‹.
von Frantz Fanon (1952) beschriebenen »kolonialen Auch die Art und Weise, wie sich Gesellschaftstheorie
Mentalität« angenommen, in der die Ausgeschlossenen und Forschungsmethoden entwickelt haben, ob sie
ihren Kolonisator*innen nacheifern und an ihrer den Status quo unterstützen und die Stimmen der
eigenen Unterdrückung mitwirken. Diese Reaktion Minderheiten zum Schweigen gebracht oder aber
war zeitweise charakteristisch für die öffentlichen das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten geschärft
Reaktionen der schwarzen Amerikaner*innen im Jim- haben, dürfte sich von Land zu Land unterscheiden.
Crow-Süden der Vereinigten Staaten vor dem Zweiten Die Kritische Theorie, die in Deutschland in den
Weltkrieg (obwohl dies, Du Bois zufolge, niemals genau 1930er Jahren von jüdischen Intellektuellen auf
ihre private Reaktion wiedergab). In anderen Fällen der Grundlage ihrer Erfahrungen mit Ausgrenzung
mag die Reaktion zur Entwicklung alternativer Formen entwickelt wurde, ist eine wichtige Quelle für ein
von Identität und gemeinschaftlicher Solidarität solches Bewusstsein. Du Bois, Garfinkel, Eric Williams
geführt haben – wie jenen, die wir in den USA in den und in jüngerer Zeit die Critical Race Theory und Black
Interaktionsordnungen von Schwarzen und von Weißen Feminist Thought haben in den USA eine ähnliche Rolle
gefunden haben –, weil eine Assimilation entweder gespielt. Doch in den meisten Ländern gab es keine
nicht möglich oder nicht erwünscht war. solchen Strömungen, und auch die Kritische Theorie
All diese Probleme werden durch eine ›Farb‹-Linse wurde nirgends zur beherrschenden Theorie. Die
gefiltert, die manchmal eher binär funktioniert wie in den internationale Theoriebildung wurde vielmehr durch
USA, während sich an anderen Orten – wie in Brasilien, die Entwicklungen in der US-Soziologie während des
wo es mindestens 23 ›Farb‹-Unterscheidungen gibt – Zweiten Weltkriegs in Richtung einer statistischen,
viel mehr Kategorien entwickelt haben. Aber überall quantitativen Methodologie getrieben, die auf naive
werden soziale und Identitätserwartungen bis zu einem Weise sekundäre Datensätze wie Fakten behandelt und
gewissen Grad anhand der Hautfarbe zugewiesen, wenn damit unversehens das Denken der weißen Mehrheit
auch auf unterschiedliche Weise. In der Latinx-Kultur stützt (vgl. Rawls 2018).
verkörpert der Satz »Es gibt kein latinx ohne schwarz« Unabhängig von der Geschichte eines Landes oder
eine neue Anerkennung des Umstands, dass alle sich einer Region wird jede neue, ob natürliche oder vom
als latinx identifizierenden Menschen ein gewisses Menschen verursachte Katastrophe, die Flüchtende
afrikanisches und/oder Native-American-Erbe in sich und/oder Asylsuchende hervorbringt, ihre eigenen
tragen, das in den binären USA als schwarz kategorisiert Ausgrenzungsdynamiken und stigmatisierenden
wird – auch wenn sich viele Latinx-Personen dort als Kategorien erzeugen. Einige werden völlig neue
weiß begreifen. Kategorien von ›Rasse‹ und Ausgrenzung schaffen,
Schwarze Gemeinschaften in den USA haben aber die meisten werden von einem eingefleischten
mindestens seit den 1950er Jahren offen ein positives historischen Hintergrund Gebrauch machen, und viele
Bewusstsein von ihrem Status als Schwarze entwickelt. der Dynamiken werden sich gleichen. Sie alle werden
Sie haben charakteristischerweise seither die neues Futter für die Eliten sein, die durch Ausbeutung
Aufforderungen zur Assimilation mit der Begründung profitieren wollen, und diese Prozesse werden oft
zurückgewiesen, dass sie die Mehrheitskultur stillschweigend und verborgen ablaufen.
nicht nachahmen wollten, weil etwas mit ihr nicht Unsere Arbeit versucht einen Weg aufzuzeigen, mit
stimme. Unsere Ergebnisse zeigen, inwiefern sich dem sich das Verborgene aufdecken lässt.
diese Kritik, die die Erwartungen der Mehrheit als
unehrlich, falsch, individualistisch und respektlos
gegenüber dem, was eine Person ausmacht, Übersetzung aus dem Amerikanischen: Robin Cackett.
brandmarkt, in den an Gleichheit und Demokratie
orientierten Präferenzen der schwarzamerikanischen
Interaktionsordnung manifestiert.
Einer der Vorteile der US-Binarität besteht
laut Du Bois ironischerweise darin, dass sie,
weil sie den schwarzen Amerikaner*innen keine
Assimilation erlaubte, die besten und klügsten
Menschen afrikanischer Herkunft dazu zwang, in
der schwarzen Community zu verbleiben und deren
Ideale zu prägen und für ihre Freiheit zu kämpfen.
Es ist nicht weiter überraschend, dass die Ideale der
Interaktionsordnung und die Interaktionspräferenzen
der schwarzen Amerikaner*innen unter diesen
Bedingungen lebendiger und demokratischer sind
22   CRC Media of Cooperation Working Paper Series No. 22 July 2022

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an-ethnomethodology-freebook (30.06.2021).
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Establishing Identity/Residency in a City Neighborhood during
a Black/White Police-Citizen Encounter: Reprising Du Bois’

Common questions

Auf Basis von KI

Ethnomethodology helps uncover tacit racism by examining detailed social interactions to reveal underlying structures and expectations that guide behavior unconsciously. By scrutinizing conversations and social encounters, this approach deciphers the 'expectation orders' that perpetuate racial biases without overt acknowledgment. This method enables researchers to bring to light the often-invisible biases and assumptions that shape racial dynamics, thus providing a clearer understanding of how racism is embedded in everyday interactions and offering pathways to address these deep-seated issues through increased awareness and behavioral change .

Social interaction orders reveal complexities in racial identity recognition within professional environments, highlighting the phenomenon where Black individuals, despite their status, often face 'unrecognition' of their professional identities due to persistent racial biases. This issue stems from a 'White racial frame' that fails to acknowledge the competence and status of Black professionals, causing them to resort to behaviors like 'zero response' to avoid identity disputation. These patterns not only undermine the professional value and dignity of Black individuals but also perpetuate a work culture where racial biases subtly dictate interactions and perceptions, complicating efforts towards equality and inclusion .

Tacit racism manifests in daily interactions through unconscious sets of expectations shaped by systemic racism, influencing behavior from simple greetings to complex decisions like evaluating a resume. This form of racism contributes to racialized biases that undermine democracy by enabling manipulative use of racial issues, thus dividing and weakening societal cohesion. Awareness of this tacit racism, or 'White double-consciousness', akin to the 'double-consciousness' experienced by Black Americans, is essential for addressing these pervasive biases and preventing the erosion of democratic values .

The research suggests that unrecognized racial identity significantly impacts Black-Americans' socio-professional experiences by undermining their status, dignity, and authority. This non-recognition, often a result of entrenched racial biases, leads to detrimental effects on their professional identity and self-worth. It forces many Black professionals into a 'zero response' mode to mitigate negative perceptions and protect their self-esteem. This environment stifles creativity, complicates professional interactions, and perpetuates a cycle of racial bias and misinterpretation, thereby obstructing genuine equal participation in professional domains .

Historical writings and analyses, such as those by W.E.B. Du Bois and Erving Goffman, have significantly informed current understandings of racial interactions and identity formation by highlighting the structural and social components of race. Du Bois' concepts on double-consciousness and the value of communal welfare in Black culture provide a foundation for examining racial identity struggles. Goffman's work on interaction orders illuminates how racialized identities are negotiated in social settings. These historical insights offer a backdrop against which modern studies address tacit racism and help elucidate the intricate ways racial identities are perceived and constructed based on systemic frameworks .

Black Americans face significant challenges in asserting their identities during interactions with law enforcement, as observed in the research. They often experience a breakdown in recognition from officers who might question the legitimacy of their identity simply based on racial stereotypes. Black individuals may adopt 'submissive politeness' to navigate these encounters, seeking to avoid conflict and prove legitimacy. Despite their cooperative demeanor, officers often misinterpret these actions as suspicious, leading to further conflict and reinforcing racial biases. This highlights a systemic issue where legal identities are frequently overshadowed by racially biased perceptions within law enforcement practices .

The findings from interaction analysis challenge existing narratives by revealing the subtle, yet pervasive nature of racial biases in face-to-face interactions. These biases are often not acknowledged in conventional research, which typically overlooks the underlying 'expectation orders' that dictate interactions between races. The studies highlight the phenomena of 'broken reflection' where Black individuals, even of high social status, are not recognized in their legitimate identities. This indicates a deep-seated racial bias that is sustained through everyday interactions, contradicting narratives that do not fully acknowledge these subtle forms of discrimination and their impact on Black Americans' identities and social dynamics .

Research approaches to racism in the US focus on systemic historical contexts such as the Black/White binary and its impact on social interactions, using methods like ethnomethodology and conversation analysis to uncover tacit racism. In contrast, European approaches may not have the same historical basis but are influenced by the exported US racial framework. Both face challenges in recognizing and addressing tacit racism, as it involves deeply ingrained social orders and expectations that are often invisible to those not directly affected. This requires heightened awareness and adaptability in research methods to overcome cultural and contextual differences while informing global perspectives on race .

'White double-consciousness' aims to elevate majority group awareness by adopting a reflective stance on their own racial identities and biases, akin to the 'double-consciousness' experienced by marginalized groups like Black Americans. This concept underscores the need for majority groups to consciously acknowledge and rectify the systemic and tacit racism embedded in daily interactions. Its implications are profound, potentially reshaping societal norms by fostering empathy, reducing racial tension, and promoting equality. By encouraging an introspective dialogue about race, this awareness could mitigate racial divides and bolster democratic processes that are threatened by division and manipulation .

'Submissive politeness' is a strategy often employed by Black Americans in interactions, characterized by deference and cooperation, particularly in situations with an underlying racial power dynamic like police encounters. From the perspective of Black Americans, this behavior symbolizes a commitment to the common good and serves as a protective mechanism. However, to White Americans, it frequently appears suspect or as a sign of submissiveness due to their individualistic values. This mismatch in interpretations not only leads to miscommunications but also perpetuates racial stereotypes and biases, as White Americans often fail to recognize the democratic virtues encapsulated in this behavior .

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