Thronrede Wilhelm II. vom 04.08.
1914
In schicksalsschwerer Stunde habe Ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes
um Mich versammelt. Fast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir auf dem Weg des
Friedens verharren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und
seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte
Proben gestellt. In unbeirrbarer Redlichkeit hat Meine Regierung auch unter
herausfordernden Umständen die Entwicklung aller sittlichen, geistigen und
wirtschaftlichen Kräfte als höchstes Ziel verfolgt. Die Welt ist Zeuge gewesen, wie
unermüdlich wir in dem Dran und den Wirren der letzten Jahre in erster Reihe standen,
um den Völkern Europas einen Krieg zwischen Großmächten zu ersparen.
Die schwersten Gefahren, die durch die Ereignisse am Balkan heraufbeschworen
waren, schienen überwunden. Da tat sich mit der Ermordung Meines Freundes, des
Erzherzogs Franz Ferdinand, ein Abgrund auf. Mein hoher Verbündeter, der Kaiser
und König Franz Joseph, war gezwungen, zu den Waffen zu greifen, um die Sicherheit
seines Reichs gegen gefährliche Umtriebe aus einem Nachbarstaat zu verteidigen. Bei
der Verfolgung ihrer berechtigten Interessen ist der verbündeten Monarchie das
Russische Reich in den Weg getreten. An die Seite Österreich-Ungarns ruft uns nicht
nur unsere Bündnispflicht. Uns fällt zugleich die gewaltige Aufgabe zu, mit der alten
Kulturgemeinschaft der beiden Reiche unsere eigene Stellung gegen den Ansturm
feindlicher Kräfte zu schirmen [...]
Geehrte Herren! Was menschliche Einsicht und Kraft vermag, um ein Volk für die
letzten Entscheidungen zu wappnen, das ist mit Ihrer patriotischen Hilfe geschehen.
Die Feindseligkeit, die im Osten und im Westen seit langer Zeit um sich gegriffen hat,
ist nun zu hellen Flammen aufgelodert. Die gegenwärtige Lage ging nicht aus
vorübergehenden Interessenkonflikten oder diplomatischen Konstellationen hervor, sie
ist das Ergebnis eines seit langen Jahren tätigen Übelwollens gegen Macht und
Gedeihen des Deutschen Reichs. Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der
unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns
und alle kommenden Geschlechter.[...]
Sie haben gelesen, meine Herren, was Ich an Mein Volk vom Balkon des Schlosses
aus gesagt habe. Hier wiederhole Ich: Ich kenne keine Parteien mehr, Ich kenne nur
Deutsche.
(Langanhaltendes brausendes Bravo.)
Zum Zeichen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschiede, ohne
Stammesunterschiede, ohne Konfessionsunterschiede durchzuhalten mit Mir durch
dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf,
vorzutreten und Mir das in die Hand zu geloben.
Aus: Verhandlungen des Reichstages, XIII. Legislaturperiode, II. Session- 1914-1916. Stenographische
Berichte, Bd. 306, Berlin 1916, S. 1f.