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Begegnung

Das Dokument beschreibt die Begegnung zwischen einem Mann und einer Katze an seiner Haustür. Der Mann ist fasziniert von der Katze und ihren Sicht auf die Welt. Er möchte mehr über die Erfahrungen und Gedanken der Katze in der vergangenen Nacht erfahren. Die Katze beobachtet den Mann genau, um ihn kennenzulernen.

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Begegnung

Das Dokument beschreibt die Begegnung zwischen einem Mann und einer Katze an seiner Haustür. Der Mann ist fasziniert von der Katze und ihren Sicht auf die Welt. Er möchte mehr über die Erfahrungen und Gedanken der Katze in der vergangenen Nacht erfahren. Die Katze beobachtet den Mann genau, um ihn kennenzulernen.

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1

eBook 2008

Nichtkommerzielle, private und unveränderte


Weitergabe ist gestattet

Fotos: Ulrike Kirsch

Weitere eBooks bei www.rolfkirsch.de


2
Rolf Kirsch

Begegnung

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4
An einem kalten Februartag die Haustür geöffnet,
um die Tageszeitung zu holen. Noch etwas ver-
schlafen, das übliche graue Nichts erwartend, und
erschrocken bin ich dir begegnet.

Du hast offensichtlich auf mich gewartet. Du bist


nicht davon gehuscht, leise, blitzschnell. Du bist
einfach sitzengeblieben. Hast nur geschaut.

Dein rechtes Ohr erwartet meine Begrüßung, dein


linkes ist noch der Welt gewidmet, die du die
ganze Nacht für dich gehabt hast.
5
Was hast du alles gesehen, während ich schlief?
Welche Welt hast du in dir aufgenommen, gese-
hen, gehört, gerochen, mit deinen Schnurrhaaren
ertastet? Du bedauerst, dass ich nicht dabei war?
Du möchtest sie erzählen, die wunderschönen Ge-
schichten aus einer Katzennacht? Die vielen Ne-
bensächlichkeiten, die für dich eine Folge von
vielem Wichtigen war.

Ich würde sie gerne erfahren, in allen Einzelhei-


ten. Sie stecken alle in deinem Kopf, diese vielen
Erlebnisse. Du möchtest sie erzählen und weißt,
6
es wird nicht gelingen.

Du ahnst, dass ich deine Sprache nicht lernen


kann, eine Sprache, die Wörter hat, die ich nicht
kenne. Wie viele Wörter hast du für die verschie-
denen Formen der Dunkelheit? Welche Wörter
beschreiben die Geräusche, die ich nicht hören
kann? Wie viele Wörter hast du für die Düfte, die
ich nicht aufnehmen kann?

Auf welchen Mauersimsen, Zaunpfosten, Bäu-


men, Mülltonnen, Hüttendächern bist du lautlos
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herumgestrichen, um eine Welt zu sehen, die ich
nicht begreife? Welche Wege bist du gegangen,
ohne eine Spur zu hinterlassen? Welche Schritte
hast du gemacht, die niemand hören konnte? Was
hast du beobachtet aus sicherem Versteck, re-
gungslos, mit einer Geduld, die ich, ein Lebewe-
sen, das der Abwechslung nachjagt wie kein an-
deres, niemals erleben werde?

Ich bin begierig, deine Geschichten zu hören. Du


willst sie erzählen, ich will sie begreifen. Wir bei-
de leben auf demselben Planeten, wir sind beide
8
Wesen dieser Welt, wir müssen doch etwas ge-
meinsam haben. Du läufst nicht weg, sondern bist
interessiert. Ich finde dich nett und mag dich
nicht erschrecken. Also gibt es eine Beziehung?
Sag ja, nicke mit dem Kopf. Kopfnicken würde
ich verstehen.

Bleibe sitzen und sieh mich weiter mit deinen


grünen Augen an. Was sehen diese kleinen
schwarzen Schlitze? Welche Welt lassen sie
durch bis zu deinem Gehirn? Welche Eindrücke
und Vorstellungen werden dort geformt?
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Ich sehe, du prüfst mich. Habe ich eine Chance
auf ein gutes Zeugnis? Ich wünschte es mir. Dei-
ne Schwanzspitze bewegt sich leicht hin und her,
langsam, bedächtig.
Was siehst du, wenn du mich prüfst? Gefahr,
Warnung, Vorsicht? Oder Redlichkeit, Ehrlich-
keit, Vertrauen?

Ich strenge mich an, eine gute Figur zu machen.


Aber du durchschaust mich. Ich bitte um eine gu-
te Zensur, einen positiven Hinweis. Etwas, was
du anderen Katzen, die dich kennen, mitteilen
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könntest, etwa so: Dieser Mensch da, er ist zwar
keine Katze, aber jemand, der es zeitweise mit
uns aushält.

Siehst du nicht, wie ich versuche, deiner Prüfung


gerecht zu werden, wie ich bestehen möchte?
Wenn du den Kopf jetzt wendest und dich dann
trollst, bin ich durchgefallen. Bleib noch ein we-
nig, von mir aus regungslos! Solange ist Hoff-
nung.

Die Zeit bleibt stehen. Die Zeit, die man braucht,


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um die Zeichnung deines Felles zu verfolgen, den
Verlauf jeder einzelnen dunklen Linie im rötlich-
braunen Fell, die verhaltene Zebramusterung des
Schwanzes, den du um deinen Körper gelegt hast,
um mit der dunklen Spitze zu mir zu sprechen.

Ich sehe das weiße Kinn- und Brusttuch, als seiest


du auf einem Ball gewesen und noch nicht dazu
gekommen, die Arbeitskleidung anzulegen. Die
weißen sinnlichen Pfoten, die niemals einschmut-
zen, wo sie auch hintreten und offensichtlich über
jeden Morast hinwegschweben.
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Ich bitte um Entschuldigung, dass ich hier mit ei-
nem Morgenrock vor dich hintrete, mit wirren
Haaren, ungewaschen, aber konnte ich denn ah-
nen...?

Schön, dass du mir die Zeit gönnst, mich auf


dein entspanntes, aber aufmerksames Gesicht ein-
zulassen. Die Nase ist noch vorsichtiger nach
vorn gerichtet als die Augen, die Wachsamkeit
und Zuversicht gleichermaßen mitteilen.
Dein Gesicht ist voller weißer Antennen, wohl-
geordnet, alle auf Empfang. Welche Informatio-
13
nen empfängst du über diese feinen, aber festen
Fäden? Welche Welt sendet dir solche Nachrich-
ten?

Du hast heute morgen meine Haustür ausgewählt.


Dafür danke ich dir. Ohne die Begegnung mit dir
würde mein Tag anders verlaufen. Ich würde
mich freuen, dich wiederzusehen.

Ja ich weiß, in dieser Hinsicht hast du deinen ei-


genen Kopf. Deine Treue gründet auf Freiwillig-
keit und ist frei von der muffigen Wärme der
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Menschentreue, die immerzu in Gefahr steht, ver-
raten zu werden.

Auch wenn wir uns nicht wiedersehen, wir hatten


eine gute Zeit. Ich grüße deine Welt.

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