Trinkgeld
Dezember 12, 20090
Warum gibt man Trinkgeld?
Jeder weiß, dass die Arbeitgeber vieler Kellner und Zimmermädchen das Trinkgeld einkalkulieren,
ohne den »Tip« würden diese nicht über die Runden kommen.
Aber abgesehen davon beschäftigt Ökonomen seit eh und je die Frage, warum Menschen im
Nachhinein und an Orten, an die sie voraussichtlich nie wieder zurückkehren werden, Trinkgelder
geben? Die Beträge summieren sich zu einer durchaus relevanten volkswirtschaftlichen Größe: Im
Trinkgeldwunderland USA kommen 15 Milliarden US-Dollar jährlich zusammen.
Vielfach spielen Gerechtigkeitsempfinden und Nächstensorge eine Rolle. Der New Yorker Professor
Robert Frank, Ökonom und Spezialist für Grenzfälle eigennützigen Verhaltens, vertritt hingegen die
Ansicht, es handle sich nicht ausschließlich um wohlwollende und mitfühlende Aspekte, und auch
nicht um eine Kommunikation mit den Bediensteten, sondern um eine mit sich selbst.
Durch das Trinkgeldgeben versichere sich der Geber, kein Egoist zu sein, sondern sich um seine
Mitmenschen zu kümmern. Mancher beschert sich selbst ein gutes Gefühl, in dem er anderen eine
Freude bereitet. In Japan und China ist Trinkgeldgeben übrigens absolut verpönt und wird vom
Empfänger als Beleidigung empfunden.
Trinkgeld: Wie viel gibt man?
Schon ganze Seminar- und Doktorarbeiten wurden über die Frage geschrieben – ohne eine
verbindliche Antwort zu liefern. Was das Thema so kompliziert macht: Jede Branche – vom Kellner
bis zum Taxifahrer – hat ihre eigenen Gesetze, und was in Deutschland gilt, kann schon in der
Schweiz anders sein.
Doch wenigstens für den Restaurantbesuch gibt es – europaweit – eine Faustregel: Man legt auf die
verlangte Summe fünf bis zehn Prozent drauf. Allerdings mit einem deutlichen Nord-Süd-Gefälle: In
skandinavischen Lokalen sind es eher fünf Prozent, in Spanien und Griechenland sollten es besser
zehn Prozent sein. In Italien taucht das Trinkgeld meist versteckt auf der Rechnung als »coperto« auf
(eine Art Grundgebühr für das Gedeck), es reicht daher, auch nur ein paar Münzen auf dem Tisch
liegen zu lassen. In der Schweiz ist eigentlich gar kein Trinkgeld üblich, doch wer es trotzdem gibt,
begeht damit keinen faux-pas.
In arabischen Ländern und in der Türkei wird ein Trinkgeld von zehn bis zu 15 Prozent erwartet; in
Japan und China dagegen kann es – außerhalb von Touristengegenden – als Beleidigung empfunden
werden. In Nordamerika und in Kanada stellt der »Tip« den eigentlichen Verdienst des ansonsten
schlecht bezahlten Servicepersonals dar. Üblich sind 15 oder 20, in Edelrestaurants sogar 25 Prozent.
Knausern gilt hier als extrem peinlich.
Als schlimmer Geizkragen ist beispielsweise Hollywood-Diva Jennifer Lopez inzwischen in Los Angeles
verschrien: Magere vier Dollar nach einem Tausend-Dollar-Essen in einem Hollywood-Edelrestaurant
– das kann sich auch ein Star nicht leisten!