Das Felsenkloster
Das Felsenkloster
Das Felsenkloster
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ISBN 3-924161-92-5
Aus dem Englischen von Christiane Sautter
Erstausgabe © by ch. falk Verlag, Seeon 1994
Umschlaggestaltung nach dem Gemälde Himalaya von Nicholas Roerich mit
freundlicher Genehmigung der Roerich Gesellschaft e.V., Pfronstetten
Vorwort..............................................................................................................3
Einleitung...........................................................................................................7
Kapitel l ............................................................................................................25
Kapitel 2 ...........................................................................................................47
Kapitel 3 ...........................................................................................................63
Kapitel 4 ...........................................................................................................80
Kapitel 5 ........................................................................................................ 105
Kapitel 6 ........................................................................................................ 122
Kapitel 7 ........................................................................................................ 141
Kapitel 8 ........................................................................................................ 162
Kapitel 9 ........................................................................................................ 180
Kapitel 10...................................................................................................... 200
Kapitel 11...................................................................................................... 220
Kapitel 12...................................................................................................... 241
Kapitel 13...................................................................................................... 257
Kapitel 14...................................................................................................... 274
Kapitel 15...................................................................................................... 296
Kapitel 16...................................................................................................... 318
Kapitel 17...................................................................................................... 340
Kapitel 18...................................................................................................... 361
Nachwort....................................................................................................... 383
Vorwort
„Sei stark wie der Felsen, auf dem unser Kloster steht, denn
auf Felsen soll Er bauen, der einst kommen wird… ”
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des Felsenklosters auf der ersten Seite sind in alten tibetischen
Schriftzeichen geschrieben, die im Jahre achthundert vor
Christus in Bod-Yul gebräuchlich waren. Ich las in einigen im
Westen geschriebenen Büchern über Tibet, daß das Land keine
ordentlichen Schriftzeichen kannte und die Chronik der fernen
Vergangenheit mit Hilfe von „geknoteten Schnüren"
festgehalten werden mußte, bis im siebten Jahrhundert nach
Christus eine vereinfachte Form des indischen Devanagari-
Alphabets eingeführt wurde. Das entspricht nicht den Tatsachen.
Die alte tibetische Schrift, von der man Proben in diesem Buch
finden kann, entstammt dem Vermächtnis von Atlantis, der
verlorenen Welt, und ihrer hohen Zivilisation, deren
Überlebende ihr Wissen und ihre Magie an die tibetischen
Priester weitergaben. Man nennt Tibet nicht umsonst das Dach
der Welt oder die Wiege der Menschheit. Die uralten
Schriftzeichen, die westliche Philologen und Forscher bei den
Kretern, Phöniziern und in dem Grab Hirams in Biblos in Syrien
fanden, sind den alten tibetischen Buchstaben bemerkenswert
ähnlich.
Das Buch handelt nicht nur vom Leben Lhalus, des
Hohenpriesters und großen Lamas von Bod-Yul in jener fernen
Zeit. In den Handlungsablauf der Geschichte sind außerdem die
alten zeremoniellen Riten eingeflochten, die lange verloren und
bis zu diesem Zeitpunkt der Menschheit unbekannt waren.
Doch jetzt will ich im Namen von Bod-Yul den drei fernen
Angehörigen unserer alten tibetischen Bruderschaft danken,
ohne deren psychische Fähigkeiten und ohne deren Mitarbeit
dieses Buch den Westen nie erreicht hätte. Die Welt befindet
sich im Aufruhr. Furchtbare Schrecken liegen in der Luft, und
die Grenzen vieler Länder sind geschlossen. Doch der Geist
kennt keine Grenze, und jene, die miteinander verbunden und
von der Kraft des alten Tibet erfüllt sind, konnten die Aufgabe
erfüllen, die ihnen der Allerhöchste auferlegt hatte.
So will ich diese Arbeit in die Hände meiner Schwester und
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meiner Brüder im Westen legen, denn durch sie kam das Buch
in die westliche Welt und durch sie, das glaube ich, wird der
Westen es erhalten, wenn das große Gericht vorüber ist. Alle
drei tragen fremde Namen, und doch - nach Auffassung der
Menschen des Westens muß Magie im Spiel sein - klingen ihre
Namen tibetisch und haben in dieser Sprache eine tiefe
Bedeutung.
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Einleitung
Ich, Ti- Tonisa Lama, den die Welt nicht unter diesem Namen
kennt, sende dem Meister und Lehrer, den ich vor mehr als
zweitausend Jahren verlor, glückliche Grüße aus dem
Felsengrab bei Abu-Simbel. Heil sei dem Meister und
Hohenpriester im Namen der heiligen Weisheit und Bod-Yuls!
Und Santemi, der Hohenpriesterin und Heiligen Inspirierten, die
ich an seiner Seite fand - Heil, Friede und Ehre sei euch, an
diesem Tage wie in alten Zeiten. La gyalo de thamche pham…
So grüße ich euch mit den alten Worten.
Jawohl, Gott hat gesiegt! Gesegnet sei in alle Ewigkeiten sein
heiliger Name, ganz gleich, mit welchem Namen ihn die
Menschen preisen, denn siehe, der Dämon liegt vor ihm im
Staube.
Seit das Licht im Kloster Tampol- Bo-Ri verblaßte und die
beiden hellsten Sterne des alten Tibet erloschen, suchte mein
Geist jahrhundertelang im Himmel und auf Erden nach dir.
Doch jetzt, im Dämmerlicht der letzten Tage, berührte göttliche
Gnade meine Seele, und ich erfuhr, daß du wieder auf der Erde
lebst.
Ich wußte, wenn diese Zeit kommen würde, geschähen
ungewöhnliche Dinge auf der Erde, und auch uns. Doch das
Ungewöhnlichste war die Art und Weise, wie die Hohen Mächte
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mir zu Hilfe eilten, so daß ich - über Berg und Tal und Meer -
wieder mit dir zusammentreffen konnte. Durch den Willen
Gottes, dessen Name ewig heilig sei, habe ich dir vieles
mitzuteilen. Du magst es schon in deinem Herz der Herzen
spüren, obwohl der Körper, dies enge Le hmgefängnis deines
neuen Erdenlebens, das alte Wissen, daß einst dir gehörte, trübt.
Wie schon die alte Prophezeiung sagte, können wir erst
zueinanderfinden, wenn die Zeit unserer letzten Sühne naht. Du
mußt der Welt zuerst das Buch der heiligen Riten und das Buch
der Heilung zurückgeben, das die Hohepriesterin und Gonisa
einst zerstörten, denn so erfüllst du dein Karma. Jawohl, das ist
das Werk, das es jetzt zu erfüllen gilt: der Welt den Inhalt der
heiligen Rollen aus Papyrus zurückzugeben, die du einst zu
Asche verbranntest, auf daß die Menschheit die geistigen
Geheimnisse des alten Tibet kennenlernt, das wahre Wissen,
welches unser Volk und die gewaltigen Felsmassive von Bod-
Yul für die Nachwelt aufbewahrten, seit Attalan, der fruchtbare
Kontinent, in den Wellen versank.
Gesegnet sei die erhabene Weisheit, der allmächtige Schöpfer,
der all dies bewirkte. Doch jetzt noch etwas anderes, bevor
meine Zeit um ist, denn meine tiefe Trance dauert nur begrenzt.
Das verlorene Wissen, welches du damals bei deinem Sturze
selbst vernichtetest, hätte niemals von einem von uns beiden
allein der Welt zurückgegeben werden können. Alles was ich
tun konnte, geleitet von den alten lückenhaften Schriftrollen, auf
die du deine Anweisungen geschrieben hattest, war, den Spuren
deines lang vergangenen Lebens in den Klöstern Tibets
nachzugehen, Spuren, welche auf das achte Jahrhundert vor der
Verkörperung Gottes auf der Welt deuteten.
Aus den Anmerkungen der Priesterin, die ebenfalls aus dieser
Zeit datierten, erfuhr ich, daß deine letzte Verkörperung gleich
der meinen in dieses Jahrhundert fallen würde, obwohl in einem
anderen Land, in einem anderen Kontinent, und daß ich dich
dann kennen würde.
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Doch du, mein Meister, und du, Santemi, wie hättet ihr das
niederschreiben können, was ihr in eurem neuen Leben nicht
mehr wußtet, das Wissen, das ihr einst zu Asche verbranntet?
„Die Macht stieg in die Himmel auf, das Wissen verließ die
Menschen und kehrte in die Sphären zurück, denn sie waren
seiner nicht mehr würdig…" Erinnerst du dich? Dies war dein
Gebet bei deiner Weihe zum Hohenpriester. Als ob es uns alle
hätte warnen sollen: Wie leicht wird man auf den höchsten
Gipfeln vom Schwindel ergriffen und verläßt den engen Pfad,
um auf breiten Straßen fortzuschreiten!
Und wir taumelten tatsächlich auf dem hohen Gipfel und
verloren unser Gleichgewicht und das alte Wissen, doch nicht in
einem solchen Ausmaß, daß die Erinnerung an unseren einstigen
Glanz im Himmel und an die tugendhafte Frömmigkeit im alten
Felsenkloster für immer aus unserer innersten Seele gewichen
wären.
Und jetzt sind wir wieder auf der Erde. Ich in Ägypten, wohin
ich aus Tibet geflohen bin - wie einst die Priester des verlorenen
Kontinents, welche durch göttliche Eingebung vor der großen
Katastrophe veranlaßt wurden, nach Osten zu wandern, um ihr
Wissen zu retten - und du im Herzen Europas, wo du auf die
Rückkehr des Wissens wartest, das mit Gewißheit verloren
schien. Rein körperlich sind wir uns nicht bekannt noch hast du
je von mir gehört, doch die Zeit der Erfüllung des Karmas, in
der jene Adepten, die einst fehlten, die Gnade Gottes
wiedererlangen, kommt wirklich näher.
„Allmächtige Weisheit", seufzte ich verzweifelt an dem Tage,
als sich mein Exil in den Felsen von Abu Simbel zum ersten
Male jährte. „Du, die du weißt, wie unwürdig der Mensch deiner
Fürsorge ist, nicht wert, daß du ihn aufhebst und deine göttliche
Macht mit ihm teilst, im Gedenken an unser altes,
unverdorbenes Leben flehe ich dich dennoch um ein Wunder an.
Laß Gerechtigkeit walten! Der Hohepriester und die
Hohepriesterin leben wieder in der Welt der Illusionen wie auch
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ich, dein unwürdiger Diener, den du ausgesandt hast, ihnen zu
helfen. Was soll ich tun? Ich kenne sie nicht! Das Schicksal hat
uns über die Erde verstreut. Sie leben in einem anderen
Kontinent und wissen nichts von meiner Existenz. Ich selbst
habe meine Heimat verlassen, denn es gibt große
Schwierigkeiten in Bod-Yul, der wahre Glaube geht dahin, und
der Zerstörer nähert sich den Grenzen. So kam ich zu meinen
ägyptischen Brüdern, den Nachkommen der alten Adepten, und
lebe mit ihnen in einem kleinen versteckten koptischen Kloster
am Rande der Wüste, mitten in den königlichen Gräbern von
Abu Simbel. Hier bleibe ich, bis dein Zorn, mit dem du diese
Erde läuterst, verraucht ist. Doch was soll ich tun? Wie kann ich
sie finden? Und selbst wenn ich sie finde, wie kann ich ihnen
das alte Wissen zukommen lassen, das ich selbst nicht mehr
kenne und das sie in ferner Vergangenheit verloren? Ich weiß,
daß das Karma erfüllt werden muß, denn hast du ihnen nicht in
alter Zeit versprochen, daß du sie dann, ,wenn der Schüler die
Botschaft seines Hohenpriesters liest', wieder erheben und
deinem Hohenpriester das Szepter zurückgeben würdest? Doch
wie kann ich helfen, ich, der Sterbliche mit dem begrenzten
Geist? Wie kann ich einen Zustand ändern, der mich bei weitem
übertrifft? Und was mag deine Botschaft bedeuten, daß alles
wieder in Ordnung komme, wenn der Schüler die Botschaft des
Hohenpriesters erhält?' Du allein, heilige Weisheit, kannst ein
Wunder bewirken durch deine göttliche Gnade und durch
meinen Glauben…"
Meinen Glauben… Als ich diese Worte flüsterte, schien sich
die Welt plötzlich zu verändern. Ich wurde ganz ruhig. Angst
und Verzweiflung waren verschwunden, und Friede erfüllte
mein gequältes Herz. Die seltsame, doch angenehme
Schläfrigkeit, die Benommenheit, die ich immer während
meiner Gebete und tiefen Meditationen bei Sonnenaufgang
spüre, ergriff mich. Doch diesmal stand die Sonne hoch über
dem Horizont, und obwohl ich mein morgendliches Ritual schon
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ausgeführt hatte, fühlte ich ein inneres Drängen, in meine Zelle -
einen Teil der Grabkammer der königlichen Gräber -
zurückzukehren, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich kniete
nicht zum Gebet nieder, obwohl ich das Bedürfnis dazu spürte,
sondern blickte ruhelos umher. Plötzlich fiel mein Blick auf den
leeren irdenen Krug, in dem ich Wasser aus der Wüstenquelle zu
holen pflegte. Es war noch früh am Morgen, die Zeit des
Wasserholens war noch nicht gekommen, doch ich bückte mich
nach dem Gefäß und ging mit schlafwandlerischen Schritten der
Wüstenquelle entgegen.
Damit du das Wunder, was mir dort widerfuhr, verstehen
kannst, muß ich etwas weiter ausholen. Ich frage mich, ob du
dich noch daran erinnerst - vielleicht in deinen Träumen - daß
ich in jenem lang vergangenen Leben dein bester Schüler war.
Ich gewann deine Freundschaft und dein Vertrauen durch meine
Fähigkeit, das Bewußtsein auszusenden, eine Disziplin, die wir
Novizen vor der Einweihung täglich unter deiner Aufsicht
übten. Meinem Geist gelang es bei diesen transzendentalen
Übungen, am längsten außerhalb des Körpers zu verweilen, und
er kehrte unversehrt von seinen Flügen im Raum zurück. Ich
erhielt wahrlich viel Lob für diese Fähigkeit von dir und der
Priesterin, du rietest gar den anderen Novizen, die diese Übung
nicht so gut beherrschten, sich an mir ein Beispiel zu nehmen.
Ich erinnere mich ebenfalls daran, daß ich am genauesten über
meine Erfahrungen auf der geistigen Ebene berichten und die
Anweisungen unserer geistigen Führer, der unsichtbaren Gurus,
wörtlich wiedergeben konnte. Ihre Ratschläge und die anderen
Eindrücke kamen mir blitzschnell in den Sinn, sobald ich aus
der Trance erwachte.
Diese Fähigkeit, die ich mir im Laufe vieler vergangener
Leben erarbeitete, hat mich seither nie verlassen. Lehr test du
mich nicht, daß weder das Gute noch das Böse jemals aus der
Seele getilgt werden kann und daß einmal erworbene
Erfahrungen für immer zum geistigen Erbe gehörten? Auch in
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meinem heutigen Leben im Kloster Chang-La-Tse hatte mir Ye-
Shes diese Gnade nicht entzogen. Ehre und Ruhm seinem
Namen und der ewigen Weisheit! Doch es gab viele geheime
Neider, manch einen Lama, der mir grollte. Dies gehörte zu den
Gründen, warum ich Tibet so überstürzt verlassen mußte. Denn
Bod-Yul ist nicht mehr der Ort, der er in unserer Zeit zu sein
pflegte, oh, Lhalu! Dort regiert jetzt der Glaube an Dogmen, wie
einst in Israel vor der Geburt des Sohnes Gottes oder bei der
Christenheit in unseren Tagen.
Als die reine Lehre des Glaubens der alten Zeit in Hexerei
und schwarzer Magie versank, sandte die göttliche Führung
König Srong-Tsen-Gempo nach Tibet, um die alten Schläuche
mit dem neuen Wein von Buddhas Lehren aufzufüllen. Doch die
rissigen Häute erwiesen sich als stärker, und
tausendzweihundert Jahre nach der großen religiösen
Erneuerung wurde selbst der Wein des Shakyamuni schal. Das
hohe Bod, das Dach der Welt, das in grauer Vorzeit das Höchste
Wissen der Erde beherbergte, achtete den alten Bon nicht länger,
verehrte auch Sangye (Buddha) nicht mehr im priesterlichen
Sinne, sondern versank im Dogma und wartet auf die Ankunft
eines neuen und viel zu weltlichen Retters. Dieser Retter steht
schon dicht vor Tibets Grenzen und hätte es vernichten können,
wenn der Gott Shambhallas es nicht beschützte.
Ich konnte nicht in meinem Kloster bleiben, denn ich sah dies
alles voraus und berichtete dem Kushog über meine Sorgen.
Niemand, nicht einmal er, ahnte, daß ich ein demütiger Diener
des heiligen und sagenumwobenen Klosters De Yoong in
Shambhalla bin, denn der Weg dorthin ist noch immer allen
Sterblichen verborgen. Der Herr Shambhallas hatte mich in die
Außenwelt gesandt, damit ich als Lama dienen und den Verlauf
der Ereignisse in Tibet verfolgen konnte. Doch, wie ich schon
sagte, wußte niemand in meinem Gompa, meinem Kloster, von
diesem Auftrag. Ich ging überall, selbst in der Religion, völlig
neue Wege, denn war ich nicht einst dein Schüler? Eines Tages
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wagte ich vor dem Abt des Klosters Drepung die Behauptung,
daß Ye-Shes, der. Gott der höchsten Weisheit, den wir
zusammen mit anderen Gottheiten verehren, in Wirklichkeit den
Jesus der Christenheit darstellt und daß dieser Jesus die höchste
Verkörperung der Gottheit auf Erden war - und nicht Buddha.
Dies war in seinen Augen natürlich eine ebenso große
Lästerung, als wenn man mit einem christlichen Bischof über
die Notwendigkeit wiederholter Verkörperungen auf der Erde
sprechen wollte. Ist diese Welt nicht merkwürdig? Der Osten
und der Westen verkünden zwei Seiten der ewigen, unteilbaren
Wahrheit: Der eine spricht von der Nabe des Rades, der andere
von den Speichen. Der eine schwört allein auf die Nabe, der
andere allein auf die Speichen. Doch das macht gar nichts! Das
heilige Rad wird sich in seiner Einheit auch ohne diese beiden
Seiten weiter drehen und das Schicksal der Menschen durch
immer neue Inkarnationen auf seinen Speichen weitertragen.
Einige wird es tief nach unten stürzen, wo sie erdgebunden im
Schlamm vergehen, andere wird es aus dem Staub in
schwindelnde Höhen erheben, wo sie sich von der Materie lösen
und gleich den unzähligen funkelnden Quarzkristallen mit den
Flügeln des Windes ihrem ewigen Heim, dem schneebedeckten
Gipfel über den Wolken, entgegenfliegen können.
So warf mich das Rad der Pflicht, dem ich meinem Volk,
meinen Freunden und Feinden zuliebe mein ganzes Leben lang
getreulich folgte, in große Höhen, wo ich die Nähe Gottes zu
spüren vermochte. Auch dies trug dazu bei, daß ich meine
Heimat verlassen mußte. Zu jener Zeit begannen mich meine
Priesterbrüder wegen meiner seltsamen Ansichten und der sich
erfüllenden Vorhersagen mißtrauisch zu beobachten. Man
entfernte mich tatsächlich aus dem Kloster, indem man mich
dazu bestimmte, eine vierköpfige Karawane zu leiten, mit
welcher ich die befestigten Klöster an der Grenze eines nach
dem anderen zu inspizieren hatte. Bei dieser Gelegenheit traf ich
mit einer großen Anzahl von Lamas in den Provinzen
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zusammen, und mir kam zu Ohren, daß vielen von ihnen die
leeren Rituale des dogmatischen Lamaismus nicht genügten.
Auf der Suche nach der hohen Transzendenz der atlantischen
Religion und der alten ägyptischen Mystik versuchten diese
wenigen Auserwählten, die reine Lehre des Glaubens der
Vorfahren mit den großen Wahrheiten des Buddha und den
erhabenen Lehren des Christus in Übereinstimmung zu bringen.
Ja, diese inspirierten Lamas freuten sich alle auf die
Wiederkunft des Wasserträgers.
Denn der Tag des neuen Zeitalters war angebrochen. Es
würde der Welt Frieden und große religiöse Verbundenheit
bringen, dies wußten und fühlten wir alle. Und all jene, die in
Körper und Seele nicht reif waren für dieses neue Zeitalter,
würden beim großen Weltenbrand vergehen…
Wenn es mir nicht möglich war, mit meinen Lamafreunden zu
sprechen - denn oft vergingen sieben Monate, bis ich das
entfernteste Kloster auf meinen Inspektionsreisen erreichte und
trotzdem wichtige Botschaften oder Visionen weitergeben
wollte, verfuhr ich so: Ich versetzte mich in dem Kloster, in dem
ich gerade die Nacht verbrachte, nach den Regeln der alten
Religion in tiefe Trance, sandte mein Bewußtsein aus und
besuchte sie einen nach dem anderen in ihren Träumen. Ich
übermittelte ihnen während dieser Flüge alles, was mir von
Bedeutung schien, und bat sie, mir Briefe in mein Kloster zu
senden, worin sie den Erhalt der Botschaft bestätigten. So
erwarteten mich, wenn ich nach Hause zurückkehrte, viele
Briefe. All dies bereitete mir große Freude und gab mir immer
neue Beweise für meine seltsame psychische Gabe. Eines
Nachts hatte ich eine Vision. Der Hohepriester Shambhallas
erschien vor mir und sagte, daß die Zeit gekommen sei, in der
die sieben Brüder - wie wir unsere geheime Vereinigung
nannten - das Land verlassen müßten, um sich in die
verborgenen Klöster Ägyptens, Chinas und Indiens zu begeben,
wo unsere Adeptenbrüder unser Kommen bereits erwarteten.
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Wir sollten uns dort gemeinsam mit ihnen auf die große
Aufgabe vorbereiten, den praktischen Teil unseres Wissens an
westliche Adepten weiterzugeben, welche unter der Inspiration
der dritten Offenbarung des Heiligen Geistes arbeiteten. Jawohl,
wir wußten damals bereits, daß die Zeit unserer Zusammenarbeit
gekommen war und daß wir Tibet bald verlassen mußten.
Damals befolgte ich die Anweisungen, die du mir vor deiner
erneuten Verkörperung auf der Erde gegeben hattest, und fand
die Spuren unseres alten Lebens in einer halbversunkenen
unterirdischen Höhle in den Ruinen des Klosters Tampol-Bo-Ri.
So erhielt ich Kenntnis über die Zerstörung der heiligen Bücher
und die Erfüllung deines zukünftigen Karmas. Wie viele
schlaflose Nächte verbrachte ich nicht in hingebungsvollem
Gebet und Meditation, um unseren Gott geneigt zu stimmen und
seine Hilfe zu erflehen! Ich wußte bereits, daß es mein Schicksal
war, dich, o Meister, zu finden und daß diese Suche tatsächlich
die Mission meines Erdenlebens zu sein schien! Ich hatte jedoch
keine Ahnung, wo ich nach dir schauen sollte oder wie ich mit
meinen begrenzten Mitteln die Erfüllung dessen vorantreiben
sollte, was dir in der letzten Zeit vorbestimmt war. Vor dreißig
Jahren sorgte ich mich besonders schwer, denn auch die
Priesterin erschien in einem Traum und teilte mir den genauen
Zeitpunkt ihrer bevorstehenden Verkörperung mit. Seit jener
Zeit verlor ich die Verbindung zu euch beiden, und obwohl ich
mich aus vollem Herzen freute, wieder gemeinsam mit euch auf
der Erde zu leben, war mir andererseits ganz weh ums Herz bei
dem Gedanken, es könnte alles vergebens sein. Wir hatten uns
in zwei weit entfernten Ländern inkarniert, und keiner wußte
von des anderen Existenz.
Während jener Monate betete ich sehr viel und flehte zum
Himmel. Ich bat die höchste Weisheit inständig darum, meinen
Geist zu erleuchten und die dunkle Nacht meiner Zweifel mit
einem Hoffnungsschimmer zu erhellen, sei er auch noch so
schwach. Ich beschwor sie, mir dabei zu helfen, eure Spur zu
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finden. Umsonst! Meine Vision verblaßte, ich sah nichts mehr in
meinen Träumen, und wenn ich meine vertrauten
Bewußtseinsflüge unternahm, erhielt ich von den hohen
Mächten nur Anweisungen für meine bevorstehende große
Reise. Doch selbst dies geschah in einer Weise, daß ich mich,
wenn ich in meinen Körper zurückgekehrt war, nicht mehr daran
erinnern konnte, wer gesprochen hatte und was mir darüber
hinaus vermittelt worden war. Selbst wenn ich den Ort gekannt
hätte, an dem du lebtest, was hätte ich für dich tun können? Wie
hätte ich dir bei der Erfüllung deines Karmas helfen können? Du
hattest keine Erinnerung an die Vergangenheit und schon gar
nicht an das alte Wissen, und auch ich konnte mich nicht daran
erinnern, da du damals selbst die heiligen Bücher zerstört
hattest. All das, was die Naljorpas des heutigen Tibet über die
hohe Magie wissen, ist - selbst wenn es in den Augen des
Westens viel zu sein scheint - nichts, verglichen mit der wahren
Zauberei der alten Zeiten. Wie sollte sich daher die alte
Prophezeiung deines Karmas erfüllen, die ich unter den Ruinen
des Klosters Tampol-Bo-Ri in Stein gegraben fand: daß die
Bücher des Wissens, die zerstört worden waren, der Welt durch
den Hohenpriester und die Priesterin mit Hilfe des Schülers
zurückgegeben werden sollte?
So sorgte ich mich zahllose Nächte lang, ohne daß von oben
Antwort kam. Und doch geschah etwas - etwas, das mein
Schicksal von Grund auf veränderte. Die Briefe, die mir meine
Lamabrüder geschrieben hatten, um die Botschaften meiner
Bewußtseinsflüge zu „bestätigen", fielen in die Hände des Abtes
meines Klosters, während ich auf Reisen war. Er las sie und
sandte augenblicklich einen Bericht nach Tashi- Lunpo.
Vielleicht zog der Fall die Aufmerksamkeit seiner Hoheit
Gyelva-Rinpoche auf sich, das werde ich nie erfahren.
Tatsächlich wurde wegen dieses Vorfalls die geplante Reise der
sieben Brüder viel früher als erwartet in die Tat umgesetzt.
Eines Nachts erhielt ich - wie meine anderen sechs Freunde eine
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telepathische Botschaft aus Shambhalla, in der wir ermahnt
wurden, Tibet besser zu verlassen.
So geschah es, daß ich nach Ägypten kam. Das verborgene
koptische Kloster meiner Brüder, der wahren ägyptischen
Adepten, die mein Kommen bereits erwarteten, gewährte mir
Unterschlupf. Ich hatte bereits einige Jahre in Ägypten verbracht
und angestrengt über deine Lage meditiert, als ich zur Zeit des
Zweiten Weltkrieges mit einem gefangenen europäischen
Soldaten in der Wüste zusammentraf. Er arbeitete mit seinem
Arbeitskommando in den Feldern nahe der Bewässerungs-
gräben, nicht weit von unserem Kloster entfernt. Eines Tages
wurde er krank, und da ich gerade vorbeikam, bot ich der Wache
meine Hilfe an. Der Soldat wurde bald wieder gesund und zeigte
sich äußerst dankbar. Er wartete jeden Tag an der Stelle auf
mich, wo der Pfad zu den Königsgräbern abbog, denn natürlich
konnte ich niemandem die Lage unseres Klosters verraten. Die
friedlichen Bauern des Landes hielten mich für einen ,heiligen
Mann' und störten mich nie. Tatsächlich betrachteten sie mich
mit einer gewissen abergläubischen Ehrfurcht. Als wir uns eines
Morgens wieder einmal trafen, berichtete mir der Gefangene,
der ein sehr intelligenter Mann zu sein schien, von der alten
ägyptischen Weisheit und den berühmten alten Astrologen. Er
vertraute mir an, daß ihn die okkulten Dinge schon immer
angezogen hätten und daß er daran glaube. Ich sah mit einem
Blick, daß er zum Wassermanntypus gehörte. Ich betrachtete die
Handfläche seiner rechten Hand, studierte die Falten in seiner
Stirn und die Iris seiner Augen. Dann berichtete ich ihm über
seine Vergangenheit. Ich glaube, ich muß nicht erwähnen, wie
erstaunt er war, jedoch nicht in dem Sinne, wie ich annahm.
„Ya, Sich!" rief er und wurde blaß. Er sprach gebrochen
Arabisch. „Ich bin sprachlos. Was Sie mir gerade gesagt haben,
stimmt genau mit der Auswertung eines seltsamen Grapho logen
überein, die ich erhielt, als wir in einem kleinen Land im Herzen
Europas stationiert waren. Seitdem muß ich dieses Papier immer
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mit mir herumtragen. Wo ist es nur?"
Nervös blätterte er in seinem zerfledderten Notizbuch und
brachte bald ein sauber ge faltetes grünes Blatt Papier hervor.
Darauf sah ich seltsam ausgeprägte Buchstaben in einer mir
unbekannten europäischen Sprache. Der Soldat las den Text laut
vor, wobei er bei der Übersetzung mit seinem unvollkommenen
Arabisch zu kämpfen hatte, doch als er geendet hatte, war es an
mir, vollständig verblüfft zu sein. Mit unheimlicher Genauigkeit
war seine Vergangenheit dort beschrieben, und das fast mit
meinen Worten! Ich erkannte gleich unsere alte Vorgehensweise
im Hellsehen, die nur wenige Menschen in Europa in so hohem
Maß beherrschen können. Denn diese besondere Gabe der
Vorhersage wurde von den Magi des Ostens an ihre Schüler
weitergegeben, und die Magi hatten ihre Kenntnisse aus der
Weisheit der verlorenen Welt. Ich nahm das Papier in die Hand
und starrte es an. Die darauf geschriebenen Buchstaben
unterschieden sich vollständig vom europäischen Schreibstil,
obwohl es unzweifelhaft europäische Schriftzeichen waren. Und
doch verrieten die merkwürdig geschwungenen Lettern den
orientalischen Ursprung. Ich drehte das Blatt um und warf einen
letzten Blick darauf, um es dem Soldaten zurückzugeben. Und
dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Mittagssonne schien
durch das Papier, und im Schatten meiner Hand boten die
Buchstaben von hinten gesehen ein völlig anderes Bild. Vor
meinen staunenden Augen entstanden ausgeprägte tibetische
Schriftzeichen - und ich erkannte deine Handschrift!
Ein warmer Schauer rann durch meinen Körper, und mein
altes Herz machte einen Sprung, so daß mir der Brief aus den
zitternden Händen fiel. „Wenn der Schüler die Botschaft seines
Hohenpriesters lesen wird…". Mein Geist war wie gelähmt,
doch die Worte der alten Prophezeiung schossen mir durch den
Kopf, und ich wußte sofort, daß die Himmel endlich Mitleid mit
mir hatten und die Zeit gekommen war, in der, als Belohnung
für meinen Glauben, eine ganze Reihe Wunder geschehen
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würden. Ich bat den Gefangenen um den Brief. Er sah meine
Bewegung, hielt sie jedoch für das natürliche Erstaunen über die
Ähnlichkeit der beiden Voraussagen, schenkte mir den Brief und
bat mich, ihn in guter Erinnerung zu halten. Als ich am nächsten
Tag bei der Quelle erschien, fand ich ihn nicht mehr. Er mußte
mit seinem Arbeitsregiment an einen anderen Ort
abkommandiert worden sein. Ich sah ihn nie wieder.
In dieser Nacht zog ich mich in die Einsamkeit meiner
Felsenzelle zurück, betete viele Stunden lang und dankte dem
Höchsten dafür, mit diesem Wunder meinen Glauben gestärkt zu
haben. Ich wußte bereits, daß du lebtest. Ich wußte jetzt
ebenfalls, daß sich deine Seele auch in ihrem jetzigen Leben
einen Edelstein des alten Wissens bewahrt hatte, womit
bewiesen war, daß du dem Weg Gottes wieder folgtest und dich
für den, wie wir in Tibet sagten, „pfeilschnellen Pfad"
entschieden hattest.
Mein Glück war so groß, daß ich im Gebet vollständig in der
Liebe zu Gott und meinen Mitmenschen aufging. Ich spürte, daß
ich jenen geistigen Zustand erreichte, in dem das stille Gebet in
tiefe Meditation übergeht und zu dem wurde, was im Westen
„Ekstase" genannt wird, was wir Orientalen jedoch
„Vorbereitung für die Aussendung des Bewußtseins" oder
„Bewußtseinsflug" nennen. Die beiden Zustände, Ekstase und
phowa, sind ähnlich, jedoch nicht dasselbe, weil wir pow durch
gezielte, vertiefte Meditation erreichen und uns darauf
konzentrieren, uns nach dem Erwachen an alles zu erinnern. Bei
solchen Gelegenheiten brauchen wir absolute Ruhe, denn die
kleinste Störung kann den Tod bewirken.
Was ich an jenem besonderen Abend erlebte, war mir nur
einmal zuvor geschehen: Der Zustand der Verzückung kam von
selbst und nicht durch meinen Willen über mich. Ich kämpfte
gegen die Benommenheit an, denn ich hatte keine
Vorbereitungen für einen Bewußtseinsflug getroffen. Und
außerdem war pow in den Abendstunden wegen der sich
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ändernden kosmischen Strahlung gefährlich. Ich kämpfte mit
meiner gesamten Willenskraft gegen den geistigen Zwang an
und versuchte, mich in einem Zustand ruhiger Meditation zu
entspannen. Ich saß mit gekreuzten Beinen auf dem Steinboden
meiner Zelle und schloß die Augen. „Warte…", hörte ich eine
Stimme in meinem Inneren, „warte noch, begib dich heute
abend früh zu Bett, doch verzichte auf Nahrung. Du wirst
Antworten auf alle Fragen in einem Traum erhalten. Dann tu,
wie dir geheißen wird."
Plötzlich schreckte ich auf aus meiner Träumerei, und die
Stimme, die zu mir gesprochen hatte, schwieg. Der Klang des
Gongs, der zum Essen rief, brachte mich zu Sinnen. Ich stand
auf und begab mich zu den anderen. Ich entschuldigte mich
dafür, nicht am Abendmahl teilzunehmen, und bat sie, mich am
morgigen Tag nicht zu stören, da mir wahrscheinlich bestimmt
sei, das Kloster zu verlassen. Ich ging an diesem Abend früh zu
Bett - eine Felsplatte aus den Königsgräbern und beschloß vor
dem Einschlafen, meinen Traum zu verstehen. Ich bat meinen
geistigen Führer außerdem, mir den Traum nach dem Erwachen
zu erklären. Danach tat ich nach dem alten Ritual sieben
langsame, tiefe, beherrschte Atemzüge, drehte mich auf die
rechte Seite und legte sanft den Daumen meiner rechten Hand
auf die Hauptschlagader meines Halses.
Ich träumte, daß mir mein Schutzguru erschien. Ich konnte
sein Gesicht nicht erkennen, denn es war - wie in den beiden
vorausgegangenen Träumen - mit einem leuchtenden Schleier
bedeckt. Neben seiner großen Gestalt standen zwei weiße
Lamas, die in die Gewänder tibetischer Priester gehüllt waren.
Dann sprach der Führer zu mir, und es war, als ob seine Worte
in meinem eigenen Herzen widerhallten:
„Deine Zeit ist gekommen. Mache dich bereit, denn groß und
ungewöhnlich ist die göttliche Gnade, die dir gilt. Begib dich
drei Stunden nach Sonnenaufgang zurück in deine Zelle und
bereite dich auf den längsten Bewußtseinsflug deines Lebens
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vor. Die Arbeit, für die dich Gott bestimmt hat, kann nur in
einem Zustand außerhalb des Körpers vollbracht werden. Drei
Wochen lang mußt du in diesem Zustand bleiben.
Wirst du gestört, bedeutet das dein Ende, und die Aufgabe
bleibt unerfüllt, wofür du die Verantwortung erhältst. Höre mir
zu, vernimm die Aufgabe und die Gnade, die keinem
Sterblichen seit undenkbaren Zeiten zuteil geworden ist. Denn
wahrlich, du kennst die Wahrheit! Der Hohepriester lebt
zusammen mit der Priesterin und mit Gonisa in einem fernen
Land. In diesem ihrem Erdenleben sind die Bande ihrer
Freundschaft wirklich stark, denn sie trugen in früheren
Verkörperungen viel von dem gemeinsamen Karma ab. Auch im
Westen gehören sie zu den Fackelträgern des geistigen Lichtes
und der Gerechtigkeit. Seit langem stehen sie mit uns, ihren
geistigen Führern, in Verbindung. Trotzdem muß das Karma
erfüllt werden. Sie müssen der Welt die heiligen Bücher, die sie
in ihrem tibetischen Leben einst verbrannten, zurückgeben.
Schwache Menschen, die sie sind, wäre ihnen diese Aufgabe
unmöglich, noch könntest du die Tat allein vollbringen. Selbst
wenn wir dir erlaubten, körperlich zu ihnen zu reisen, was
würdest du ihnen nutzen? Deine Anwesenheit würde sie nicht
überzeugen, und außerdem kennst auch du die alte Weisheit
längst nicht mehr. Doch die Gnade des Höchsten ist mit dir,
denn er hat dich erwählt und wird ein Wunder für dich tun,
welches der menschliche Geist nicht erfassen kann, ein Wunder,
durch welches du deine Mission zu erfüllen vermagst. Das
wahre Wissen, so ist es bestimmt, kann nur durch dich zu ihnen
zurückgelangen. Wir werden deshalb deine Seele nehmen und
sie über Berg und Tal und Meer dorthin bringen, wo der
Hohepriester lebt. Dein einstiger Meister ist ein
außergewöhnliches Instrument für den Empfang spiritueller
Eingebungen. In diesen Tagen bemüht sich die Priesterin, die oft
in unmittelbarer Verbindung mit uns steht, ihn zu einem
Versuch mit dem automatischen Schreiben zu bewegen. Wenn
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du dich mit uns auf der geistigen Ebene befindest, werden wir
das alte Wissen neu beleben. Wir werden genaue Kopien der
alten zerstörten Bücher aus der Akasha Chronik ziehen, der
ewigen sphärischen Chronik, in der alles verzeichnet steht. Und
du, Ti- Tonisa Lama sollst dich mit unserer Hilfe vor ihnen
manifestieren und sollst deinem Meister, solange er sich in
Trance befindet, das Buch der heiligen Rituale und das Buch der
Heilung diktieren, die er vor me hr als zweitausend Jahren
verbrannte. So werden sie dank Gottes Gnade ihr Karma
erfüllen und die Geschichte ihres vergangenen Lebens erfahren,
in dem sie Gott sehr nahe standen. Warum geschieht das in
solch außergewöhnlicher Weise, und warum steht der Gott des
Karmas ihnen bei? Frage nicht. Die Gnade des Höchsten ist mit
dir. Nach dem großen Gericht sollst du alles wissen, und dann
wirst du dich vor der Größe Gottes niederwerfen. Und jetzt
bereite dich auf deine lange Reise vor, Ti-Tonisa Lama!"
Dies war mein Traum, und als ich erwachte, schrieb ich jedes
Wort nieder. Augenblicklich war mein Herz voll tiefen Friedens,
denn ich weilte in der Nähe Gottes. Ich hob meine Arme gen
Himmel und warf mich auf die Steine meines Zellenbodens. Vor
mir vergoldete die aufgehende Sonne die mächtigen
Ruinenkolosse des Königsgrabs von Abu Simbel. Eine sanfte
Brise erhob sich vom Nil und wirbelte den goldenen Sand auf.
Ein winzigkleiner funkelnder Quarzkristall senkte sich auf mein
Fensterbrett, erhob sich dann mit den Flügeln des Windes und
flog in den Himmel. „Das Rad des Lebens", flüsterte ich, „siehe,
die Gnade Gottes erhebt auch mich in den Himmel…"
Ich vermochte mich meines Traumes und jeden Wortes
meines Führers so deutlich zu entsinnen, daß ich nach dem
Erwachen auf die Übung des Erinnerns verzichtete. Ich setzte
mich an meinen kleinen hölzernen Tisch, schrieb diese
Botschaft an dich nieder und schloß mit den Worten meines
Führers, die ich im Traum vernommen hatte. Damit war alles
getan, damit ich mich vor dir manifestieren konnte. Eine niemals
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gekannte Freude erfüllte mein Herz. Ich spürte, daß die Gnade
des Herrn wirklich mit uns ist. Wer bin ich, ich schwacher,
demütiger Diener, daß das höchste Wesen mir eine so erhabene
Aufgabe zuteilt? Durch einen Menschen gibt Er das Wissen, das
der Welt verlorenging, den Menschen wieder. Die Welt des
Jenseits kommt drei Menschen zu Hilfe, um ihnen bei der
Erfüllung ihres Karmas zu helfen - „Das Wissen verließ die
Menschen und kehrte in die Sphären zurück, denn sie waren
seiner nicht mehr würdig" - und siehe, jetzt gabst du es deinem
Hohenpriester auf eine Weise zurück, die den menschlichen
Verstand überstieg! Oh, reinige deinen Diener von Angst und
Schwäche! Gib ihm die Stärke, daß sein schwacher Körper vom
Feuer des Heiligen Geistes durchdrungen wird, damit sein Geist
sich gleich dem Adler in die Lüfte schwingt und über Wüsten
und Meere fliegt, um deinen Auftrag auszuführen. Sei gesegnet!
Die Stunde ist gekommen. Drei Stunden nach Sonnenaufgang
habe ich meinen Freund und Schüler Mahmud El- Barrani zu mir
bestellt und ihn gebeten, mir zu helfen, meinen Bewußtseinsflug
zu beginnen. Ich weiß nicht, ob ich zurückkehren werde.
Obwohl ich die Technik des Pow gut beherrsche, habe ich bis
jetzt nur die astralen Reiche besucht, denn die höheren Sphären
blieben mir verschlossen. Das, was jetzt geschehen würde, war
selbst in unseren Tagen selten, oh Lhalu! Mein altes Herz hüpft
bei dem Gedanken, daß ich dich nach so langer Zeit
wiedersehen werde. Doch jetzt muß ich mich beruhigen… Ich
muß ruhig werden…
Ich lege diese Botschaft auf meine Brust und falte meine
Hände über ihr. Durch die körperliche Berührung werde ich die
Kraft der Erinnerung bewahren, wenn ich durch die Hilfe
meines Führers zu dir sprechen werde.
Mahmud steht neben mir und bereitet mich auf die große
Reise vor. Er wird über meinen leblosen Körper wachen, bis ich
mit Gottes Hilfe in ihn zurückkehre. Mögen die Himmel mir
genügend Kraft verleihen, meine Aufgabe zu erfüllen und dir,
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mein Meister, die Geschichte unseres vergangenen Lebens und
das verlorene Wissen wahrhaft zu übermitteln.
Laß uns beten…
„Höre meine letzten Worte, Bruder, und lege mich nieder.
Und wenn der Tag meines Erwachens naht, dann sprich mir zu
dieser Stunde das Gebet der Vorbereitung ins Ohr…
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Kapitel l
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heruntergeschluckt hatte, erschreckte mich selbst so sehr, daß
ich in eine Ecke des Raumes rannte und mir dort an den
eingefetteten Packriemen zu schaffen machte. Als ich endlich
wagte, den Kopf zu heben und meinen Vater anzuschauen, sah
ich zu meinem Erstaunen, daß er auf den Boden starrte und
Tränen in seinen Augen glitzerten. „Vater!" rief ich erschrocken,
eilte zu ihm und verbeugte mich tief. „Sei mir nicht böse. Ich
wollte dich nicht beleidigen. Doch weißt du, ich habe mich in
den drei Jahren unserer letzten Reise so ungeschickt benommen.
Ich kann einfach nicht rechnen. Vor kurzem hat mich ein
Händler aus Gyanak um zehn Dri-Häute betrogen. Und du warst
so großzügig, daß du vorgabst, nichts bemerkt zu haben. Doch
ich habe die ganze Zeit über gespürt, daß dich dieser Vorfall
ärgerte. Du dachtest sicher, daß dein erstgeborener Sohn es nicht
verdiene, dein Brot zu essen! Deshalb schlage ich meinen
Bruder Drag-Pa vor. Er ist so ein kluger Junge! Er wird dir von
viel größerem Nutzen sein als ich… Yab! Sei mir nicht böse, du
weißt, daß ich schon immer ein merkwürdiges Wesen hatte. Ich
habe Visionen und kann Träume deuten. Erinnerst du dich an
den heiligen Lama, dem wir auf dem Zla ri-La-Paß begegneten?
Er schaute mich an, legte mir die Hände auf den Kopf und sagte:
,Du wirst dennoch ein Priester, mein Sohn, und du wirst der
Heiligen Weisheit dienen!' Ich habe die ganze Zeit darauf
gewartet, daß du mit mir darüber sprichst, doch du hast
geschwiegen. So erkannte ich, daß du mich zu einem Händler
machen wolltest, und ich versuchte, mich damit
zufriedenzugeben. Gestern hatte ich jedoch wieder einen Traum.
Ich war in einem großen Kloster und trug die Kleider eines
Priesters. Ich stand unter den anderen Novizen, und wir alle
berührten das prächtige Gewand des Hohenpriesters…" Vater
hob die Hand, und ich verstummte. Er sah mich ein Weile
schweigend an. „Sag mir, mein Sohn, ist dies dein fester Wille?"
fragte er endlich. „Hast du dir alles gründlich überlegt? Willst
du deine Eltern für immer verlassen? Du weißt, daß wir reich
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sind. Im nächsten Jahr werde ich eine Karawane in das ferne
Gyagar senden. Das große Kloster dort zahlt in Silber und Gold
für die feine Seide und die Stoffe aus dem Süden, die sich so gut
für ihre verzierten Gewänder eignen. Du bist sechzehn Jahre alt
und wirst bald ein Mann sein. Wem soll ich mein blühendes
Geschäft hinterlassen, wenn nicht dir? Selbst wenn wir
bescheiden in diesem kleinen Bergdorf leben, sind wir nicht
arm! Wir leben nur deshalb hier, weil man in diesem Tal vor
Steinschlag sicher ist. Wenn ich wollte, könnten wir nach Süden
ziehen und ein bequemeres Leben führen. Doch hier geht es uns
viel besser. Willst du uns verlassen?"
Ich sah immer noch sein trauriges Gesicht und seine
brennenden Augen vor mir, als ich jetzt an diesem trüben,
stürmischen Morgen nach Hause eilte. Es hatte mich so tief
berührt, daß ich schon fast beschloß, mich in mein Schicksal zu
fügen. Doch in diesem Augenblick - auch heute noch hatte ic h
die Szene deutlich vor Augen - trat meine Mutter ein, gesegnet
sei ihr Angedenken, und wandte sich an Vater. „Hast du gehört,
was wir gesprochen haben?" fragte dieser. „Ti-Tonisa möchte
uns verlassen. Er sehnt sich nach dem Kloster. Er ist
unzufrieden mit den erdgebundenen Karawanen seines Vaters,
die über gefahrvolle Bergpfade ziehen. Er will den
pfeilschnellen Pfad erklimmen." Mutter sah mich lächelnd an,
als ob sie alles wüßte. Immerhin hatte ich ihr von meinem
großen Traum erzählt. „Stimmt das, mein Sohn? Würdest du
wirklich gern ein Lama sein? Und was sagt dein Vater dazu?
Will er dich vielleicht nicht gehen lassen?" Mutter hatte die
Angewohnheit, sich in Form von Fragen auszudrücken, womit
sie einen in Verlegenheit brachte, da sie nie auf eine Antwort
wartete. Vor allem Vater wurde durch diese Art stets in die Enge
getrieben.
„Warum läßt du meinen Sohn nicht gehen, Yab? Bist du
vielleicht ein armer Mann? Kannst du dir die Geschenke für das
Kloster etwa nicht leisten? Oder glaubst du, daß ich ihn gerne
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ziehen lasse? Hat ihn nicht mein Leib geboren? Ist er nicht mein
Fleisch und Blut? Doch was soll ich tun, wenn die Götter selbst
ihn berufen? Und hat nicht der heilige Mopa vom Zlari-La-Paß
alles so vorausgesehen? Komm her, mein Sohn!" Ich ging zu
ihr, und sie nahm mein Gesicht in beide Hände. Aus dem
Augenwinkel sah ich, daß Vaters Gesicht sich zu einem breiten
Lächeln aufhellte. Er kratzte sich an der Stirn. „Was soll ich tun,
Cham, wenn du es dir in den Kopf gesetzt hast? Habe ich dir
jemals widersprochen? Ye-Shes Wille soll geschehen und der
deine…" Mutter lachte und blickte mich liebevoll an, obwohl
mir die Trauer in ihren Augen nicht entging.
An diese Unterhaltung mußte ich denken, als ich den
Bergpfad entlanghastete, um dem Sturm zu entgehen. Wieviel
war seitdem geschehen! Vaters Widerstand brach an diesem Tag
vollständig in sich zusammen. Er beschloß, meinen Wunsch zu
erfüllen. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich war. Nur
ein Hindernis stand der Erfüllung meines Traums im Wege, in
dem großen Kloster, zwölf Tagereisen von unserem Dorf
entfernt, zugelassen zu werden. Die Klöster nahmen niemanden
auf, nicht einmal einen Novizen, der keine gründliche
Unterweisung in den Grundlagen der Religion nachweisen
konnte. Diese Ausbildung war aber keineswegs leicht zu
erhalten, da die Lamas alle in Klöstern lebten, welche man als
Fremder nicht betreten durfte, während die reisenden Lamas, an
die sich solche Schüler hätten wenden können - gesetzt der Fall,
die Lamas hatten überhaupt Lust oder Geduld dazu - nur sehr
selten und vereinzelt vorüberzogen. Jedoch hatte ich das Glück,
daß ein Vierteltagesweg von unserem Dorf entfernt ein alter
Einsiedler lebte. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um einen
Weg, sondern um einen steilen Aufstieg. Die benachbarten
Bergbewohner hielten den alten Mann für heilig und gingen,
wenn sie Rat brauchten, lieber zu ihm als zu den Ngaspas oder
Zauberern. Er hieß Ram-Chen Lama und wurde von allen als
Priester verehrt, denn das war er in seinen jungen Jahren
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gewesen, doch mit vierzig Jahren hatte er gelobt, dem Kloster
den Rücken zu kehren und der Welt zu entsagen, um den Rest
seines Lebens der stillen Meditation zu widmen. Zu ihm
schickten mich meine Eltern ein Jahr lang in die Lehre, und
seitdem war ich Tag für Tag zu seiner Fels höhle geklettert. Als
Dank für seine Lehren schickte ihm mein Vater Nahrungsmittel
und Decken, doch die Decken nahm er nie an und sagte, daß
jene, auf der er sitze, ihm genüge.
Wie ich mich in diesem Jahr veränderte! Wie viele eiskalte
Tage verbrachte ich nicht in seiner ärmlichen Klause, ohne die
Kälte überhaupt zu spüren! Eine neue, eine bessere Welt begann
sich mir langsam zu eröffnen, und ich war immer noch
überglücklich, mich für diesen Weg entschieden zu haben.
Als ich ihn das zweite Mal besuchte und der Unterricht
begann, untersuchte er meinen Körper vom Kopf bis zu den
Zehen und befühlte meine Beine mit seinen dünnen, knochigen
Händen. „Wenn deine Beine nicht hart sind wie Stein, wirst du
niemals ein Lama werden, mein Kind", sagte er kopfschüttelnd,
während ich überlegte, was um Himmels willen meine Beine
mit priesterlichem Wissen zu tun haben könnten! Wie
ungebildet und tölpelhaft ich damals war! Doch später
dämmerte mir unter qualvollen Schmerzen, daß dies alles
ebenso wie die anderen körperlichen Übungen und
Ausbildungsmethoden sehr wichtig für einen zukünftigen Lama
war. Ohne sie würde ein Mann auf dem steilen, engen Pfad des
geistigen Weges bald in die Knie sinken. Er begann seinen
Unterricht, indem er mir gebot, mich mit gekreuzten Beinen vor
ihm auf den Felsboden zu setzen, welcher nur mit einer dünnen
Schicht Blätter bedeckt war. Jetzt bleibe so, mein Sohn", fügte
er freundlich hinzu, „sitze ruhig, bewege dich nicht und zapple
nicht herum. Paß auf, was ich dir zu sagen haben, ohne zu
blinzeln. Kümmere dich nie darum, wie unbequem diese
Haltung ist. Bleibe ruhig, sitze gerade und vor allem, blinzle
nicht!
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Bevor du nicht gelernt hast, dich zu zügeln, würde ich nur
meinen Atem verschwenden, wenn ich zu dir spräche, denn das
ist die Grundlage der Selbstbeherrschung und der geistigen
Entwicklung." Nur unter großen Schwierigkeiten konnte ich
meine Beine in die geforderte Stellung biegen. Zu meinem
Glück waren sie durch das Bergsteigen ziemlich hart. So richtete
ich meine Augen auf Vater Ram-Chen und lauschte andächtig
seinen Worten. Trotz seines Alters saß er kerzengerade vor mir
und sprach leise, fast flüsternd, als ob er zu sich selbst spräche.
„Die Menschen, mein Sohn, blinzeln viel zu häufig. Die zweite
menschliche Schwäche ist das ständige Fuchteln mit den
Händen. Aus diesem Grund mußt du zuerst lernen, deinen
Körper zu beherrschen. Durch die Augen und die Finger strahlt
die mächtigste geistige Kraft, der Magnetismus. Mit dieser Kraft
heilen wir, und mit ihr können wir andere beeinflussen.
Derjenige, der viel und nervös zwinkert, unterbricht dauernd den
magnetischen Kraftstrom, der aus seinen Augen strömt, und
wird deshalb keine Wirkung auf andere Menschen haben. Er
kann nicht überzeugend reden noch kann er sich in höherer
geistiger Konzentration üben. Ein Mensch, der mit seinen
Händen fuchtelt, zerstreut die wertvollen Ströme seines Körpers.
Bleibe deshalb immer ruhig und lege deine Hände mit nach
oben gerichteten Handflächen auf die Oberschenkel. Wenn du
stehst oder gehst, dann falte die Hände über den Daumen, die
nach innen gerichtet sein sollten, als ob sie schliefen. Nur
Dummköpfe werfen ihre Kraft und ihren Samen weg!" Meine
Augen schwammen inzwischen vor Anstrengung in Tränen,
doch ich wagte nicht zu blinzeln und blickte meinen Meister fast
weinend an. Plötzlich riß er seine Augen weit auf und starrte
mich an. Mir war, als schösse eine heiße Flamme aus seinen
Augen und durchführe meinen Körper von Kopf bis Fuß. Der
Drang zu blinzeln verschwand vollständig, und meine Augen
wurden wieder trocken. „So geht das! Das hast du gut gemacht",
murmelte er zufrieden, als ob dies alles mein Verdienst gewesen
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wäre. „Paß gut auf, was ich dir sage, denn ich habe nicht die
Gewohnheit, mich zu wiederholen. Ich warne dich ausdrücklich
davor, nicht gerade zu sitzen. Und jetzt wollen wir sehen, was
du über den Geist und die Seele weißt. Aus wie vielen Teilen
besteht der Mensch?"
„Aus zwei", antwortete ich glücklich, „aus Seele und aus
Geist."
Mein Meister schaute mich ein Weile gedankenverloren an,
als ob er herauszufinden versuchte, ob es der Mühe wert sei,
seine Zeit an so einen Dummkopf zu verschwenden. „Nein,
mein Sohn, aus drei - denn wenn ich vier sagen würde, ginge
das über deinen Horizont. Deshalb laß uns sagen, daß der
Mensch aus drei Teilen besteht, aus Körper, Seele und Geist.
Vergiß das nicht, denn ich werde es nie wieder erwähnen,
obwohl sich das Verständnis der verschiedenen geistigen
Ebenen der anderen Welt allein darauf gründet. Dinge, die so
klar sind wie die Luft, die du atmest, werde ich nicht
wiederho len. Und jetzt beantworte mir folgende Frage: Was im
Menschen denkt?"
Ich stand unter Hochspannung, denn ich hatte mir
vorgenommen, sein Wohlwollen gleich in der ersten Stunde zu
gewinnen. Deshalb platzte ich mit meiner Antwort heraus, da
ich mich freute, daß er nach etwas fragte, was ich wußte. „Die
Seele!"
„Nein, Sohn, der Geist denkt - dein wahres Selbst. Die Seele,
die deinen Geist bekleidet, kann nur fühlen. Wenn du das
verstanden hast, habe ich nichts dagegen, wenn wir der
Einfachheit halber nur noch von Seele und Körper sprechen…
Und jetzt sage mir, welcher Teil in dir sehnt sich nach
Vergnügen und Freude?"
„Mein Körper", antwortete ich.
„Sehr gut. Und welcher Teil fühlt Kälte und Müdigkeit?"
„Der Körper!" erwiderte ich stolz.
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„Gut gesagt, mein Kind, gut gesagt! Und welcher Teil in dir
fühlt Freude, Sorgen und Ärger?"
„Die Seele!"
„Jawohl, die Seele. Und welcher Teil spürt Durst und
Hunger?"
„Der Körper!" antwortete ich.
„Nein, Sohn, die Seele. Die Seele wurde von der Heiligen
Weisheit rein erschaffen, doch sie fiel. Und seitdem hungert und
dürstet es sie nach Wahrheit."
So erhielt ich meinen ersten Unterricht in der Felshöhle, und
diesen Tag werde ich nie vergessen. Bevor ich mich auf den
Heimweg machte, da sich die Abenddämmerung bereits
herabsenkte, stellte mir mein Meister noch eine Frage. Er schien
mit den Körperübungen zufrieden zu sein. „Kannst du mir
sagen, durch wie viele Seinszustände die Seele nach dem Tod
des Körpers geht?" fragte er.
„Ja, Vater", antwortete ich ohne zu denken, und als ich diese
Worte - immer noch auf dem kalten Felsboden hockend - gesagt
hatte, ergriff mich eine seltsame Benommenheit. Ich starrte vor
mich hin, durch Ram-Chen Lama hindurch, ja sogar durch die
Felswand. Und als ich sprach und meine Stimme hörte, erkannte
ich sie nicht. „Ja, Vater… die menschliche Seele kennt zwei
solcher Zustände… den chikai bardo und den chonyid bardo.
Der erste Zustand folgt direkt auf den Tod, wo die betäubte
Seele im ersten blendenden Lichtblitz der Göttlichkeit erkennen
muß, daß sie tot ist und nicht länger sterblich. Danach schafft
sich die menschliche Seele ihr eigenes Schicksal. Wenn sie sich
vor dem Licht fürchtet, geht sie verloren und muß leidend durch
die tieferen Ebenen wandern, bis sie auf Erden wiedergeboren
wird… Der andere Zustand wird der Weg der Wahrnehmung
genannt, der, nachdem die richtige Entscheidung getroffen
wurde, zu einer großen Belohnung führt: dem Erscheinen des
geistigen Führers…"
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Mein Lehrer schaute überrascht, trat plötzlich zu mir, legte
seine Hände auf meinen Kopf und blickte mir tief in die Augen.
Ich sah wieder alles klar, meine seltsame Benommenheit war
verschwunden. Vater Ram-Chen hob die Hände. „Das Licht der
Weisheit fiel auf ihn", flüsterte er voller Ehrfurcht. „Mein Sohn,
ich bin froh, daß ich dich als Schüler angenommen habe. Die
Stimme deines Führers sprach durch dich, es war seine
Eingebung, die du gerade empfingst. Gepriesen sei die Heilige
Weisheit, die dir solch eine psychische Gabe verlieh! Du wirst
einst ein großer Mann sein, ein wirklich heiliger Lama." Er
lehnte sich an die Felswand und richtete seinen Blick auf mich.
Die merkwürdige Welle der Unbewußtheit, die mich vor einer
Weile überwältigt hatte, hatte sich vollständig aufgelöst. Ich
ertappte mich dabei, wie ich versuchte, die Frage nach den
beiden Seinszuständen nach dem Tod zu beantworten. Ich
erinnere mich nicht mehr, ob ich tatsächlich eine Antwort gab.
Mein Meister hob die Arme und sprach ein Gebet: „Preis sei
dir, Große Weisheit. Durch dich durfte dein Priester die ersten
Schritte tun, um dein Diener zu werden. Siehe, in deiner großen
Macht und deiner großen Weisheit gibst du mir die Möglichkeit,
dir selbst hier in dieser Abgeschiedenheit zu dienen." Dann
wandte er sich an mich und legte mir beide Hände auf den Kopf.
„Und du, Tonisa, beginne den pfeilschnellen Pfad in Frieden,
Glauben und Vertrauen, denn er ist steil, weil er zum Himmel
führt. Schau weder nach rechts noch nach links. Wenn du vor
einem Abgrund stehst und einer deiner Füße keinen Boden mehr
fühlt, dann blicke nur nach oben. Er, der stets zum Himmel
schaut, wird niemals wanken. Halte dich an die geistige Kraft
deines Führers, dann wirst du den Abgrund überfliegen. Gehe
jetzt, mein Sohn, und der Himmel möge deinen Weg
beschützen. Morgen erwarte ich dich um dieselbe Zeit."
So verging der erste Tag meiner ,vorbereitenden
Unterweisungen' in der Felshöhle des Einsiedlers Ram-Chen.
Sein Andenken sei gesegnet und der Name der Heiligen
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Weisheit für immer und ewig gepriesen, da sie mein Schicksal
in so gute Hände legte! Sie hielten mich fest, diese Hände, und
lenkten sanft meine stolpernden Schritte.
Ein ganzes Jahr war seitdem vergangen. Ich hatte ihn jeden
Morgen besucht, obwohl ich von der Morgendämmerung bis
zum Mittag klettern mußte, um seine Felshöhle zu erreichen.
Der Pfad war wegen der herausragenden Gesteinsbrocken viel
zu gefährlich für ein Reittier. Tatsächlich mußte ich mich oft
unter Lebensgefahr an die steilen Felsen klammern, bis meine
Füße einen sicheren Halt gefunden hatten. Außerdem hatte mir
Vater Ram-Chen die strikte Anweisung gegeben, ausschließlich
zu Fuß zu ihm zu gehen. Ja, er behandelte mich sehr liebevoll,
doch gleichzeitig mit Strenge. Besonders meinem Körper
machten die ungewöhnlichen Entbehrungen zu schaffen. Der
lange Weg und die Kletterei in den Felsen ermüdeten mich,
doch darum kümmerte er sich nie. „Ob es Tag oder Nacht ist,
kalt oder warm, ob er auf Steinen oder in seinem Bett liegt, ob er
leidet oder glücklich ist, alles ist dem Menschen gleich, der mit
Gott geht", tröstete er mich, wenn er merkte, daß ich fast
zusammenbrach. Und diesen Satz wiederholte er ganz im
Gegensatz zu seiner Gewohnheit ziemlich oft. Ich stehe auch
jetzt noch tief in seiner Schuld. Ohne seine weise, strenge und
doch hingebungsvolle Führung hätte ich die Prüfungen im
Großen Kloster nicht bestanden. Tatsächlich versagten viele
meiner reichen Novizenbrüder, mit denen ich zusammen
begonnen hatte, später am ersten Tag der Prüfungen. Die
strengen Übungen, denen mich Vater Ram-Chen unterzog,
stärkten dagegen Körper und Geist. Außer der Gnade Gottes, die
mich mit seltsamen psychischen Geschenken bedachte, damit
ich Ihm in diesem Leben und danach ein würdiger Diener sei,
beeinflußten mich die Lehren des alten Einsiedlers bis zum Tage
meines Todes und wappneten mich auf dem harten Wege den
steilen Pfad empor. Nun waren knapp zwölf Monde vergangen,
und ich hatte wirklich mehr gelernt als andere Menschen in der
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doppelten Zeit. Wir übten fast jeden Tag Gedankenübertragung.
Dabei wurde mir beigebracht, wie ich meine Gedanken
übermitteln und meinen Geist von überflüssigem Inhalt befreien
konnte. Laut Ram-Chen Lama war das Leermachen des Geistes
die Grundlage für jede Gedankenübertragung. Doch das war
tatsächlich das Schwierigste. Wir saßen nebeneinander in der
Dunkelheit und konzentrierten unsere Aufmerksamkeit auf eine
glänzende Metallkugel, die an einer Schnur von der Decke der
Höhle hing. Nach einer gewissen Zeit mußte ich ihm sagen,
welche Gedanken mir im Zusammenhang mit der Kugel in den
Sinn gekommen und welche Bilder mir dazu eingefallen waren.
Er verglich sie mit seinen eigenen Gedanken und Bildern und
stellte fest, in welchem Ausmaß sie mit den seinen
übereinstimmten. Als die Übungen später schwieriger wurden,
mußte ich mich still auf den Boden hocken, ohne irgend etwas
zu betrachten. Ich mußte meinen Geist nach innen auf sich selbst
richten und die Gedanken und Bilder betrachten, die ohne mein
Zutun durch mein Bewußtsein wanderten. Nach einer gewissen
Zeit mußte ich meinem Meister davon berichten, und er fand
heraus, ob es seine Ideen und Vorstellungen gewesen waren, die
mir in Wirklichkeit in den Sinn gekommen waren. Als er
feststellte, daß ich seine Gedankenbotschaften gut empfangen
konnte, vergrößerte er allmählich die Distanz zwischen uns. Ich
blieb in der Höhle, während er sich draußen auf einen weiter
entfernten Felsen setzte. Von dort gab er mir Anweisungen. Zu
Anfang führten wir diese Übung nur bei Neumond oder
Vollmond aus, einige Monate später jedoch an allen Tagen des
abnehmenden Mondes. Er war sehr zufrieden mit mir, da ich ein
halbes Mondjahr später seine Botschaften sogar zu Hause
empfangen konnte und genau zu der Zeit bei der Höhle
auftauchte, die er mir durchgegeben hatte.
Doch all dies erfüllte mich nicht mit Stolz. Meinem Meister
gelang es, mir auch die kleinsten Überreste menschlicher
Eitelkeit so gründlich auszutreiben, daß sich meine Eltern
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täglich mehr über mein sanftes Wesen wunderten. Vater
schüttelte zustimmend den Kopf und belud mich mit drei
Decken, die ich dem heiligen Mann noch zusätzlich dafür geben
sollte, daß er eine n so feinen Mann aus seinem Sohn gemacht
hatte. Diese Kiang-Decken waren sehr wertvoll, und ich
protestierte umsonst, daß Ram-Chen Lama sie nicht annehmen
würde. Vater bestand darauf, daß ich sie trotzdem mitnehmen
und sie dem Meister, falls er sie ablehnte, heimlich in die Höhle
legen sollte. So schleppte ich die schweren Decken und trottete
erschöpft den Bergpfad entlang, während ich mir das Gehirn
zermarterte, wie ich meinen Meister dazu bringen konnte, die
Decken anzunehmen. Die kalten Wintertage kamen näher und
damit auch das Ende meiner Lehrzeit bei ihm, doch er trug
immer noch nichts außer der Yakchuba auf der nackten Haut.
Seine dünnen Arme bedeckte er nie, und doch beklagte er sich
nie über die Kälte. Er vertrieb sie mit Hilfe einer alten Technik
aus seinem Körper, indem er durch Atemübungen und Gebete
das innere Feuer entfachte. Einmal gab er auch mir eine kurze
Unterweisung in dieser Technik, doch ich war wohl noch nicht
reif genug, denn ich fror immer noch, worüber er leise kicherte.
So saß er selbst in der bittersten Kälte in seiner Einsiedelei
unterhalb des Gangri- La-Passes. Oft sah ich ihn mit gekreuzten
Beinen auf dem steilen Weg vor seiner Hütte sitzen,
vollkommen bewegungslos, die Augen auf die höchsten Gipfel
der gegenüberliegenden Felsen gerichtet. Seine nackten Arme,
seine Beine und sein Hals waren bei solchen Gelegenheiten so
heiß, daß er es immer schaffte, den hinter ihm liegenden Schnee
zu schmelzen. Einmal kam ich etwas früher bei seiner Höhle an
und berührte ihn, worauf er aus seiner Meditation erwachte.
„Vater! Was tust du hier draußen in der bitteren Kälte?" rief
ich entsetzt. „Ich dachte, du seist erfroren, weil du dich nicht
regtest!"
Er betrachtete mich mit schelmischem Lächeln und sagte:
„Ich wärme mich selbst, mein Sohn. Doch störe mich in Zukunft
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nicht noch einmal, wenn du mich in solch einem Zustand
antriffst, denn das könnte meinen alten Knochen gefährlich
werden. Wenn du den Strom des heiligen Feuers unterbrichst,
könnte ich wirklich vor Kälte erstarren."
Als ich zu meiner letzten Stunde mit den Decken bei seiner
Höhle ankam, wußte ich, daß alles umsonst war. Dennoch lud
ich meine Last schüchtern vom Rücken und breitete sie vor ihm
aus. „Vater schickt sie dir", erklärte ich, „und bittet dich, sie als
Zeichen seiner demütigen Dankbarkeit anzunehmen, weil du
einen Mann aus mir gemacht hast."
Ram-Chen Lama schüttelte langsam den Kopf und antwortete:
„So, so, Ti- Tonisa, du bist so oft hierhergekommen und kennst
mich immer noch nicht? Doch wir wollen deine Eltern nicht
verletzen." Er hob zwei von den kostbaren Decken auf und
winkte mir, ihm zu folgen. Ich sah, daß auf dem breiten
Felssims neben unserem Pfad eine wilde Ziege graste. Sie hörte
das Geräusch unserer Schritte, stellte scheu die Ohren und setzte
gerade zur Flucht an, als der Einsiedler rief: „Tsong! Tsong,
komm herauf!" Der Ziegenbock drehte sich um, blickte den
alten Mann mit fast menschlichem Gesichtsausdruck an,
meckerte fröhlich und hüpfte den steilen Abhang empor. „Und
was ist mit deinem Weibchen?" fragte Vater Ram-Chen. Die
Ziege - du hast mein Wort - eilte augenblicklich den Abhang
hinab und kehrte, bevor ich mich von meiner Überraschung
erholt hatte, in steilen Sprüngen zusammen mit seinem
Weibchen zu uns zurück. Ram-Chen legte den beiden die
Decken über und band sie mit Gurten fest. „So, wenigstens müßt
ihr jetzt in den Wintermonaten nicht frieren, meine armen
Kleinen. Und du", wandte er sich an mich, der ich völlig
verblüfft dastand, „du denkst besser daran, Sohn, daß das wilde
Tier genauso eine Kreatur des Höchsten ist wie wir. Der einzige
Unterschied zwischen uns besteht darin, daß die göttliche Gnade
seine Seele noch nicht berührt hat, weshalb es unbewußt ist. Aus
diesem Grunde ist es unserer Pflege und Obhut anvertraut. Liebe
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die Tiere, Ti- Tonisa. Sie sind deine jüngeren, hilflosen Brüder.
Beschütze sie dein ganzes Leben lang vor den Quälereien
schlechter Menschen. Dann wird dir der steile Aufstieg den
pfeilschnellen Pfad hinauf leichter fallen. Versprichst du das,
mein Kind?" Ich starrte ihn an und brauchte lange, bis ich
antworten konnte, denn in meiner Kehle steckte ein Kloß.
„Ja, ja, Vater", stammelte ich zuletzt.
„Dann nimm diese dritte Decke und behalte sie dein Leben
lang. Du wirst sie kaum benutzen, da du sie nicht brauchen
wirst. Doch wenn du an einem frierenden Menschen oder Tier
vorbeikommst, dann hülle diese in die Decke und denke an
mich. Heute werden wir nicht lernen, Sohn, denn heute kommst
du zum letzten Mal. Bald wirst du in das große Kloster reisen,
wo du höchstwahrscheinlich aufgenommen wirst. Ich bitte dich
nur darum, vergiß deinen alten Meister nicht. Wenn du in die
Mysterien der Aussendung des Bewußtseins eingeweiht sein
wirst, dann besuche mich ab und zu und erzähl mir von deinem
Leben. Als letzte Anweisung für deine große Reise laß mich dir
jetzt eine Geschichte erzählen. Als die Menschen gefallen waren
und deshalb auf der Erde umherwanderten, erhielt jeder von
ihnen vom Höchsten Geist eine Schatztruhe. Doch sie sanken
immer tiefer in die Materie hinab, und die Truhe, ihr
unveräußerbares Eigentum, wurde unter ihren Händen immer
schäbiger und rostiger. Schließlich hielten sie die Truhe für
wertloses Gerumpel und warfen sie in die Ecke. Jetzt kannst du
dir deinen Schatz, dein rechtmäßiges Erbe, nur durch den
Glauben wiederbeschaffen. Du mußt glauben, daß in der alten
Truhe, die du gar nicht mehr zu öffnen wünschst, der größte
Schatz auf Erden liegt. Diesen Glauben kannst du nur erlangen,
wenn du deine Nachbarn liebst und dich selbst gering achtest.
Sollte dich irgend jemand angreifen, dann stehe vor ihm tief
beschämt mit gesenktem Kopf und denke daran, daß die Kerze,
die verkehrt herum gehalten wird, die Hand desjenigen
verbrennt, der sie hält. Und wenn du das Licht deiner Seele,
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deine einzige Waffe, vor ihm leuchten läßt, wird er als
grausamer Krieger von der Leuchtkraft und der Größe des
angreifenden Schwertes besiegt werden. Liebe also alle
Menschen und mach dir niemanden zum Feind." Ich stand mit
gesenktem Kopf vor ihm und war tief berührt von dem
Gedanken, ihn niemals wiederzusehen. „Und jetzt vernimm
meine letzte Warnung. Du kannst den Weg des Priesters nur
dann gehen, wenn du dem Weg der Wahrheit folgst. Die
Wahrheit ist die Heilige Weisheit, und wer die Wahrheit ehrt,
ehrt gleichzeitig Gott. Untersuche also all deine Taten und
Gedanken, ob sie der Wahrheit genügen. Tätige Wahrheit steht
im umgekehrten Verhältnis zu tätigem Arva, dem Gesetz des
Schicksals. Wenn du dem Weg der Wahrheit folgst, wirst du
von Akhor, dem zwingenden Kreislauf der Wiedergeburten,
verschont. Wenn du dem Weg der Wahr heit folgst, fällst du
nicht unter das Gesetz, denn die Wahrheit wird dich
beschützen. "
„Wie beschützt sie mich, Vater?" fragte ich.
„Sie steht wie ein schützender Schild bei jedem deiner
Schritte vor dir. Wenn du einen Schritt zur Seite tust, bleibt der
Schild schwebend in der Luft über dem Weg hängen, nur du
befindest dich nicht länger hinter seiner schützenden Mauer.
Binde diesen Schild deshalb fest an deinen Arm und ziehe deine
Hand niemals auch nur für einen Augenblick aus seinen
schützenden Gurten, sonst wirst du von deinen Begierden in die
Irre geleitet. Und merk dir dies! Es ist sehr schwierig, den
schwebenden Schild in der Dunkelheit dieser Welt
wiederzufinden. Deshalb halte ihn fest, dann wirst du erfahren,
wie er sich von allein vor dir herbewegt und dich in eine
bestimmte Richtung zieht. Wenn du dieser Richtung folgst, wird
er dich vor den Angriffen der Lüge schützen. Tonisa, kannst du
mir jetzt sagen, wie der Schild der Wahrheit mit anderem
Namen heißt?"
„Glaube!" antwortete ich ohne nachzudenken und sank vor
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ihm auf die Knie.
„Dann glaube!" sagte er zum erstenmal mit lauter Stimme,
denn die Unterrichtsstunden hatte er stets leise sprechend
gehalten, und legte mir beide Hände auf den Kopf. „Glaube,
liebe deine Nachbarn und kämpfe für die Wahrheit. Diese drei
Gebote sind im Grunde eins. Möge das glanzvollste Licht, die
Heilige Weisheit dich segnen und jeden deiner Schritte behüten!
Gehe, mein Sohn!"
Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich aus der Höhle
herausgekommen bin, denn eine große Traurigkeit
umklammerte mein Herz. Ich liebte den alten Ram-Chen Lama,
vielleicht sogar mehr als meinen Vater, und der Gedanke, ihn
nie wiederzusehen, war mir unerträglich. Stolpernd eilte ich so
schnell ich konnte den steilen Pfad hinab und wagte nicht
zurückzuschauen. Erst am Steilhang hielt ich inne und warf
einen letzten Blick zurück. Er stand oben auf dem Weg, und die
Mittagssonne über ihm trübte sich. Am Himmel sammelten sich
Sturmwolken, und als sie die Sonne verdeckten, schien sein
grauer Kopf von einem seltsamen Heiligenschein umgeben. Er
streckte mir beide Arme entgegen und stand so unbeweglich wie
eine Statue. Mich überfielen böse Vorahnungen. Ich drehte mich
keuchend nach ihm um, warf mich zu Boden und sprach ein
Gebet für ihn. Als ich aufstand, war seine heilige Gestalt
verschwunden.
Den ganzen Nachmittag über lief ich den gewohnten Weg
zurück. Mein Herz war von tiefem Schmerz erfüllt. Ich konnte
nicht glauben, daß ich sein freundliches Gesicht nie wieder
sehen, nie wieder seinen Lehren lauschen sollte. Ich hatte die
Hälfte der Wegstrecke nach Hause zurückgelegt, als sich der
Himmel über Jomo-Lun-Gam verdunkelte und sich ein
seltsames Zwielicht über die Landschaft senkte. Der große Wind
würde bald durch das Tal fegen, und ich würde in
Schwierigkeiten geraten, wenn ich bis dahin nicht den schmalen
Pfad nach Hause erreicht hatte. Ich war froh, in der Ferne die
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Zeltfeuer der Schafhirten zu erspähen, was mich zu noch
größerer Eile antrieb. Plötzlich fühlte ich mich irgendwie
leichter. Als ich merkte, daß ich keinen Schmerz mehr spürte,
schämte ich mich. Wie intensiv ich auch an Ram-Chen Lama
dachte, die Trennung von ihm tat mir kaum mehr weh. Ich habe
eine seltsame Angewohnheit, und ich überlege zuweilen, ob
andere Menschen ähnlich empfinden: Ganz gleich, wie traurig
ich mein Heim verlasse und wie oft ich mich verabschieden muß
- der Schmerz lastet nur eine halbe Wegstrecke auf mir. Danach
zieht mich das ferne Ziel meines Schicksals an, und der Zauber
unbekannter Landschaften hält mich in seinem Bann. So war es
auch jetzt. Ich dachte an das große Kloster, zu welchem ich bald
reisen würde. Mein Vater hatte mir versprochen, er werde, wenn
mich mein Lehrer in Ehren entlassen habe, so früh mit seiner
Karawane aufbrechen, daß er am Kloster Tampol-Bo-Ri
vorbeiziehen konnte. Dort würde er die Gebühr für meine
Ausbildung zahlen und mir für lange Zeit Lebewohl sagen.
Erst spät am Abend erreichte ich mein Zuhause und war so
müde, daß ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich
wußte, meine Mutter würde, wie gewöhnlich, in unserem großen
Hof auf mich warten. Ich malte mir aus, wie aufgeregt sie sein
würde, denn sie wußte, daß dies der Tag war, an dem Ram-Chen
Lama entschied, ob ich des großen Klosters würdig sei. Als ich
durch das steinerne Tor trat, schweifte mein Blick über den
vertrauten Hof. Der Mond schoß gerade aus den Sturmwolken
heraus. An drei Seiten des Hofes standen die Scheunen, die
Vorratsschuppen, die Ställe und die Hütten der Diener. Über
dem Tor befand sich zweckmäßig unser Wohnhaus. Die
Scheunen am hinteren Ende des Hofs lehnten sich an eine
gewaltige zerklüftete Felswand, die hoch oben in der Dunkelheit
verschwand. Wir konnten ihren Gipfel noch nicht einmal bei
Tage sehen. Wilde Ziegen und Kiangs sprangen manchmal im
großen Bogen über den Hof, um ihren halsbrecherischen Weg
auf dem gegenüberliegenden Abhang fortzusetzen. Wie oft hatte
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ich ihre todesmutigen Sprünge bewundert, den wundervollen
Schwung, mit dem sie über unseren dreißig Meter breiten Hof
flogen, ihre starre Haltung, in der sie gleich flügellosen Adlern
bewegungslos durch die Luft schwebten. Auch als ich jetzt
durch das Tor trat, sprangen zwei Kiangs über meinen Kopf
hinweg. Sie flüchteten vor dem Sturm und suchten Schutz
zwischen den Felsen des Tals. Mit scharfem Knall trafen ihre
eisenharten Hufe weiter unten auf den Stein, worauf sie in
großen Sätzen weitersprangen, als hätten sie nur über einen
Wasserlauf gesetzt. Wann würde ich das vertraute Klappern
ihrer Hufe wieder hören, wenn ich mein Heim verlassen hatte?
Und wann würde ich mein Zuhaus e wieder sehen? Wie eine
Antwort auf diese Frage ging mir die Rede meines alten Lehrers
durch den Sinn: „Mein Sohn, wir sind Wanderer auf dieser Erde.
Unsere wirkliche Heimat ist der Himmel, aus dessen Höhe wir
uns einst wie die Kiangs in den tiefen Abgrund stürzten. Selbst
wenn wir uns in den Tiefen auf die Füße kämpften, wer weiß,
wann wir wieder in die sonnenhellen Höhen zu klettern
vermögen? Unsere Heimat ist der Himmel und nicht die Erde.
Wohin immer du gehst, was immer du tust, fühle dich als
heimatloser, ausgestoßener Wanderer. Denn wahrlich, der Mann
hat gut entschieden, der seine Liebsten und seine Heimat
verläßt, um ohne Freund, Frau oder Kind zu leben."
„Tonisa, bist du's? " hörte ich Mutters Ruf aus der Dunkelheit.
„Gott sei Dank, daß du endlich da bist! Bald bricht der Sturm
los, und ich habe mich um dich gesorgt. Komm herein, mein
Sohn!"
Die ganze Familie war versammelt. Feierlich saßen sie neben
dem Kang, unserer herdähnlichen Feuerstelle, und jeder hatte
sein Festgewand angezogen. Vater hockte vor dem Feuer. Seine
Hände ruhten auf den Knien. Beim Geräusch unserer Schritte
blickte er gespannt auf. Drag-Po, mein jüngerer Bruder verzierte
seine Yaklederstiefel mit farbigen Schleifen aus Gyagar, und
seine immerwährende Fröhlichkeit sorgte dafür, daß sich seine
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mandelförmigen Augen auch jetzt zu schmalen Schlitzen
verengten. Sein zahmer Bharal lag zu seinen Füßen, und meine
Katze hatte sich an den Hals der wilden Ziege gedrückt.
„Tonisa hat die Prüfung bestanden!" rief Mutter aufgeregt, als
wir eintraten, denn ich hatte ihr auf dem Hof schon das
Wichtigste erzählt. „Hab ich es dir nicht gesagt, Yab? Hatte ich
nicht recht? Selbst die Götter haben ihn zum Priester bestimmt!
Hast du vielleicht immer noch Zweifel? Glaubst du jetzt endlich,
was der Lama vo m Zlari La geweissagt hat? Tonisa muß nicht
mehr zur Höhle des Einsiedlers. Der heilige Mann hält ihn für
würdig, dem großen Kloster beizutreten. Er segnete ihn und
sagte, daß er ein großer Lama werden würde, da er seltene
Gaben habe. Selbst der Geist wird aus seinem Mund sprechen!
Das hat er doch gesagt, mein Sohn?"
Drag-Po starrte mich mit glitzernden Augen verwundert an,
und das ständige Lächeln auf seinem kindlichen Gesicht gefror.
Ich glaube, er hielt mich bereits für einen vollständig
ausgebildeten La ma.
„Natürlich nicht, Mutter", antwortete ich, wobei ich meinen
Vater mit einer tiefen Verbeugung begrüßte. „Er sagte nur, daß
die Himmel mir seltene Gaben verliehen hätten. Als er mir die
entscheidende Frage stellte, merkte ich, daß ich sie nicht
beantworten konnte. Doch dann überfiel mich eine merkwürdige
Benommenheit, und als ich wieder bei Sinnen war, hatte ich die
richtige Antwort bereits gegeben. Dies geschah mir sehr häufig,
und meine Prüfung bestand nur aus Wiederholung all der
Antworten, die ich schon gegeben hatte."
Mutter und ich ließen uns auf dem dicken Yakfell nieder.
Mein Bruder rutschte näher an mich heran und folgte
ehrfurchtsvoll meinen Bewegungen.
„War der heilige Mann mit den Decken zufrieden?" fragte
Vater.
„Ja- a, war er..", antwortete ich und schluckte, während ich
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daran dachte, daß Tsong, die wilde Ziege, nie mehr frieren
mußte. Zum Glück hatte ich die dritte Decke im Hausgang
abgelegt.
Vater stand auf und nahm den irdenen Teetopf von der
Feuerstelle. Er schnitt einen Brocken Tee von dem harten Block
und warf ihn ins kochende Wasser, dann warf er eine Handvoll
gemahlener Gerste und ein Stück Butter hinterher und rührte
alles mit einem Quirl um. Drag-Po starrte mich immer noch an,
doch ich schaute ins Feuer und lauschte in der plötzliche n Stille
dem Knistern des Torfes.
Es war mir, als ob ich in den Flammen den grauen Kopf und
die große Gestalt von Vater Ram-Chen sähe, als er am oberen
Ende des Pfades stand und mir die Arme entgegenstreckte.
„Sag mal, Tonisa", wandte sich mein Bruder an mich,
„verstehst du dich auch auf die Kunst des Raschen Laufens?
Gestern habe ich einen Lungom Lama im Tal gesehen. Ich hatte
so fürchterliche Angst vor ihm, daß ich mich in einer Höhle
versteckte. Er rannte so schnell, daß seine Füße kaum den
Boden berührten! Ich warf mich hin und wagte nur unter
meinem Ellenbogen hindurchzuspähen. Doch da war er schon
verschwunden. Sag mal, hat dir der Einsiedler auch so was
beigebracht? Den langen, fliegenden Gang?"
„Halt den Mund, du Dummkopf", schalt meine Mutter und
goß Tee ein. „Du denkst doch hoffentlich nicht, daß er schon
alles gelernt hat? Was soll er denn all die Jahre im Kloster noch
machen? Tonisa, trink schnell deinen Tee. Es ist draußen sehr
kalt, und du bist immer noch schweißbedeckt. Warum hast du
dich so beeilt?"
Ich nahm den heißen Becher in beide Hände und antwortete
nicht. Vaters Schweigen machte mir Sorgen. Ich hatte erwartet,
daß er sich darüber freuen würde, daß ich meine Prüfung nach
einem Jahr harter Studien geschafft hatte. In diesem Augenblick
sah ich meine Mutter an und verstand plötzlich alles. Vater
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verriet seine Gefühle nie.
„Wann reisen wir ab, Sohn?" fragte er und hob den Kopf,
doch sein ausdrucksloses Gesicht verriet nicht, ob er sich freute
oder ob er traurig war.
„Wann du willst, Vater. Ich danke dir, daß du mich bei meiner
Ausbildung unterstützt hast. Ohne dein liebevolles Herz hätte
ich den Traum meines Lebens nicht erfüllen können. Ich
verspreche dir, daß ich ein viel besserer Priester sein werde, als
ich ein Händler gewesen wäre."
Er hob die Hand, um mich zum Schweigen zu bringen. „Sag
nicht solche Dinge, mein Sohn. Du wärst ein sehr guter
Karawanenführer geworden. Niemand kannte die Bergpässe
besser als du. Doch Drag-Po tritt jetzt in deine Fußstapfen. Ich
habe Glück, denn er ist ein heller Junge und fähig, sein Leben zu
meistern."
Simo, meine Katze, kletterte mir auf den Schoß, rieb ihren
Kopf an meiner Hand und schnurrte. Zwischendurch miaute sie
ein paarmal verzweifelt auf, als ob sie fühlte, daß wir nicht mehr
lange Zusammensein würden. Mußte ich denn alle verlassen, die
ich liebte? „Der Mann ist wirklich glücklich, der seine Liebsten
verläßt und ein abgeschiedenes, einsames Leben führt", vernahm
ich im Innern die Stimme meines Meisters. „Die Liebe der
Geschöpfe Gottes behindert dich. Du mußt lernen, die Fesseln
dieser Liebe abzuwerfen, damit du alle Wesen lieben kannst!"
„Triff deine Vorbereitungen für die Reise", sagte Vater. „Du
hast noch eine Woche Zeit. Bis dahin werde ich die Gaben
zusammengesucht haben, die ich dem Kloster zu geben
gedenke. Du hast Glück, daß wir nicht arm sind. Du wirst dich
deiner Eltern nicht schämen müssen. Die Klöster brauchen
Unterstützung. Die heiligen Lamas beten hoch oben in den
Bergen für uns und heilen uns, wenn wir krank sind. Doch
niemand lebt vom Beten allein. Ich gebe willig, was ich geben
kann, denn ich vertraue meinen Erstgeborenen ihrer Obhut an.
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Ich hoffe, daß ich mich auch deiner nicht schämen muß, mein
Sohn", fügte er mit freundlichem Lächeln hinzu. „Aus unserer
Familie ist noch nie ein Priester hervorgegangen, doch wir sind
aus gutem Holz geschnitzt. Die hohen Berge stärkten unsere
Körper und die Nähe zu Gott unsere Seelen. Du wirst alle
Prüfungen bestehen, denn du bist stark. An deiner Seele hat sich
Vater Ram-Chen zu schaffen gemacht. Deshalb kannst du mit
leichtem Sinn und starkem Herzen fortschreiten. Gehe mutig
den Weg der Götter, denn er wird dich immer höher hinaus
führen. Und wenn du einst durch das enge Tor geschritten bist,
dann vergiß deine alten Eltern nicht."
Draußen heulte der Stur m auf und rüttelte an den
Fensterläden, als ob Tausende wilder Dämonen von der Spitze
Jomo-Lun-Gams aufgebrochen wären und unter wildem
Geschrei und Gekreisch am Dach zerrten. Nur wir saßen
schweigend auf dem Yakfell und blickten ins Feuer.
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Kapitel 2
Eine Woche später brachen wir nach Tampol- Bo-Ri auf. Die
letzten Tage vergingen wie im Flug. Vater belud eine Karawane
von zehn Maultieren und drei zahmen Eseln mit schweren
Packtaschen und nahm meinen Bruder und drei Diener mit auf
die Reise. Die meisten Ballen enthielten Arzneikräuter aus Bod-
Yul, die im großen östlichen Reich hoch geschätzt wurden, und
Dri-Häute. Er hatte die Route so geplant, daß er mich zuerst zum
großen Kloster bringen würde, um dann zu den Grenzstädten
von Gyanak, dem himmlischen Königreich, zu ziehen, wo die
flachnasigen Menschen lebten. Einmal hatte auch ich diese
Reise mitgemacht: Monatelang hatten wir uns bei Regen und
Kälte dahingeschleppt, hatten den Gefahren der Gebirgspässe
getrotzt und uns fast bis zum Umfallen erschöpft. Doch von
solchen Reisen kehrte Vater immer noch reicher zurück, denn er
brachte vor allem Seide mit, die nur die blassen schlitzäugigen
Gyanakpas herstellen konnten.
In unserem Land herrschte der Brauch, daß die jungen
Lamaanwärter auf ihrem Weg zum Kloster von der ganzen
Familie begleitet wurden. Doch wir hatten keine Verwandten,
deshalb machten wir uns allein auf den Weg. Nur Mutter blieb
mit ihren Dienerinnen zu Hause, um das Anwesen zu versorgen.
Der Abschied war schlimm genug; ich weiß nicht, wie es mir
gelang, mich schließlich von ihr loszureißen. Ihre Augen
verfolgten mich noch lange, als ob sie durch ein unsichtbares
Band mit mir verbunden wären. Dies unsichtbare Band würde
unsere Herzen, das spürte ich, bis zum Tage meines Todes
verbinden und auch danach nicht abreißen.
Wir zogen durch eine wunderbare, wilde, malerische
Landschaft, die ich zuerst fast nicht wahrnahm. Traurig trottete
ich voran und führte mein Maultier am Halfter über die engen,
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gefährlichen Pfade. Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den
anderen, während mein Geist zu Hause weilte. Doch selbst jetzt
geschah das, was mir so oft schon geschehen war. Nach der
halben Wegstrecke fühlte ich mich plötzlich erleichtert, und die
Trennung tat mir nicht mehr so weh. Unter dem Bann
zukünftiger Erlebnisse blickte ich nach vorn und nicht zurück.
Wir kletterten zwischen himmelsstürmenden Gipfeln der
Ausläufer des Jomo-Lun-Gam höher und höher, immer nach
Norden. Ich hatte mich auf den Karawanenreisen so sehr an die
hohen Berge meiner Heimat gewöhnt, daß sie mich nicht mehr
sonderlich interessierten, doch diese Landschaft war ganz
anders. So hohe Berge, hörte ich von meinem Vater, könne man
nur noch westlich unseres Landstriches finden, wo ich noch nie
gewesen war. Der Kangchen-Dso-Na und der Jomo-Kang-Kar
waren noch höher, ganz zu schweigen vom Tise im Nordwesten.
Der südliche Gebirgskamm der Weißen Schneekönigin im
Lande der Monpas in Khache-Yul war nahezu unbewohnt,
weshalb sich dort viele Klöster befanden. Wir waren auf dem
Weg zum Kangchen-Dso-Na, und das Be rgland, durch das wir
zogen, machte wirklich einen sehr bedrohlichen Eindruck. Nicht
umsonst war das Felsenkloster, das größte in Bod-Yul, in die
südöstlichen Berge gebaut worden: Sie waren unzugänglich, und
nur wenigen konnte man sich nähern. Wir kletterten bereits
sechs Tage lang immer höher auf beinahe unpassierbaren
Gebirgspfaden, die oft so schmal waren, daß wir hintereinander
hergehen mußten und die Tiere zwischen uns nahmen. Der
vorausgehende Mann hielt das Tier beim Halfter, der Mann, der
dem Tier folgte, hielt es am Schwanz.
Auf so einem Thurlam, der sich etwa dreißig Meter in die
Tiefe wand, blieb mein Maultier zitternd mit geweiteten Nüstern
stehen und ging erst weiter, als ich es mit dem Stock antrieb.
Vater stürzte zweimal, und nur das rasch geworfene Seil des
Karawanenführers rettete sein Leben. Wir schleppten uns
bergauf über enge Felsvorsprünge und schroffe, steile Abhänge,
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dann wieder bergab in das Dunkel tiefer Schluchten und durch
die reißenden Fluten gefährlicher Flüsse. Felsen verloren sich im
Nebel, hoch türmten sich die Wolken, während uns zu unserer
Linken ein tiefer Gletscher schwindelig machte, der fast den
gesamten Weg lang unter uns lag. Wir mußten unsere ganze
Willenskraft aufbieten um uns nicht von den ungeheuer
anziehenden Kräften der Schlucht in die Tiefe reißen zu lassen.
So zogen wir unter größten Schwierigkeiten immer höher hinauf
und folgten dem kurvigen Pfad über die felsigen Abhänge.
Am Morgen des vierzehnten Tages schloß sich das Tal vor
uns, und wir erblickten einen noch mächtigeren Berg, der es
anscheinend sogar mit unserem Jomo-Lun-Gam aufzunehmen
vermochte. Unter uns eine Schlucht, himmelhohe Felswände zu
beiden Seiten, und vor uns - der Alte der Berge. So nannte ihn
jedenfalls Dsong-Se, unser Karawanenführer, der diesen
Landstrich bereits besucht hatte und der Meinung war, ein solch
hoher Berge könne unmöglich ein zweites Mal auf der Erde
existieren. Es hielt zweimal am Tage an und häufte kleine Hügel
- Thoyors - aus Steinen auf, um die Berggeister und
Wassermänner zu ehren, von denen es - davon war er überzeugt
- in diesem Lande nur so wimmelte. Nur mit äußerster Vorsicht
und mit heiligen Gedanken konnte ein Mann hier wandern, sagte
er, denn die Mepas und Srinpos schauten in das Herz eines
schlechten Menschen und stießen diesen, wenn er ihnen nicht
gefiel, in den Abgrund hinab. Doch heilige Lamas, so wie ich
einer sein würde, rührten sie nicht an, denn diese lebten hoch
und dem Himmel nahe. Dsong-Se betrachtete mich voller
Ehrfurcht, seit er wußte, daß ich in das größte Kloster von Bod-
Yul eintreten wollte. Die Tatsache, daß wir im südöstlichen Teil
des Landes wohnten und ich gar keine andere Wahl hatte, als in
Tampol- Bo-Ri um Aufnahme zu bitten, schien die Höchste
Weisheit so gefügt zu haben. Natürlich war es am
allerschwierigsten, im größten Kloster des Landes
aufgenommen zu werden, doch da ich keine andere Wahl hatte,
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mußte ich mich den Gegebenheiten fügen.
Wir starrten oft so lange auf den wolkenverhangenen Gipfel
vor uns, daß uns die Augen schmerzten, doch erst am nächsten
Nachmittag kamen wir ihm näher. Von unserem Felssims aus
wand sich nach einer Kurve ein neuer steiler Pfad wie eine
natürliche Brücke zum hinteren Kangchen-Dso-Na. Wir
erreichten beim Licht des Vollmondes spät in der Nacht einen
niedrigen Paß, doch hier war die Luft so dünn und das Gehen
auf den vereisten und verschneiten Wegen voller Khachar so
schwierig, daß wir gezwungen waren, ein Zelt für das
Nachtlager aufzuschlagen. Am Morgen des dritten Tages klarte
das Wetter endlich auf, und im strahlenden Sonnenlicht glänzte
der Bergriese Tampol-Bo-Ri in all seiner Herrlichkeit. Um
seinen höchsten Gipfel herum, den Ribog, schmiegte sich das
Kloster. Keuchend hielten wir inne und genossen den
wunderbaren Anblick. Etwa dreihundert Meter über uns klebte
das große Felsenkloster mit seinen schimmernden weißen
Mauern wie ein Vogelnest auf den breiten Felssimsen des
zweiten Passes. Selbst aus der Ferne erstaunten uns seine
gewaltigen Ausmaße. Hunderte von hochragenden Bastionen,
Terrassen, viereckigen Türmen und unterschiedlichsten
Bauwerken drängten sich im schimmernden Morgenlicht wie
eine Burg um den niedrigeren Gipfel. Die mächtige Steinmauer,
die das Ganze umgab, endete auf einer kleineren Hochebene, zu
welcher auch unser Pfad führte. Unsere Karawanenmänner
warfen sich zu Boden und berührten diesen mit der Stirn. Als
Vater sah, daß ich mich niederkniete, tat er es mir gleich. Der
von weißen Wolken umkränzte Gipfel mit den gewaltigen
leuchtenden Mauern der Klosterburg darunter bot einen
überwältigenden Anblick, der den Wanderer unweigerlich mit
einem Gefühl der Hochachtung und Ehrfurcht erfüllte.
Wir zogen auf dem sich stets verbreiternden Pfad weiter und
erreichten eine Wegkreuzung. Erstaunt machten wir zwei
weitere Karawanen aus, die aus der gegenüberliegenden
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Schlucht nahten. Die erste Karawane hatte die schmale Ebene
unmittelbar vor dem Kloster, auf der wir uns gerade aufhielten,
fast erreicht. Sie bestand aus nur wenigen bepackten Yaks. Die
andere Karawane befand sich noch auf dem steilen Weg hinab
in den Lartsa. Ich zählte fast fünfzig beladene Tiere nebst einer
ganzen Begleitmannschaft. Wir waren sehr erstaunt, denn selbst
auf seinen Handelsreisen hatte mein Vater eine so große
Karawane noch nie gesehen. Es berührte uns seltsam, denn
wochenlang waren wir keine r Seele begegnet, doch jetzt schien
das Land lebendig zu werden. Es blieb uns jedoch keine Zeit
zum Nachsinnen, denn wir standen bereits vor dem breiten
steinernen Tor des großen Klosters. Es wurde nicht umsonst
Felsenberg genannt, denn seine gewaltigen Mauern schienen aus
dem Berg herauszuwachsen. Doch als wir die Köpfe in den
Nacken legten und nach oben schauten, sahen wir, daß der
Gipfel weit über das Kloster hinausragte.
Wir führten unsere Tiere durch das große geöffnete Tor und
gelangten auf einen weiten, halbmondförmigen Hof, der von
allen Seiten umbaut war und, wie ich später herausfand, in eine
Höhle im Berg führte. An einem Ende war der Hof überdacht
und mit Gebäuden bebaut, das andere war unbebaut und lag im
vollen Sonnenlicht.
Es befanden sich mindestens hundert Menschen
verschiedenster Ränge auf dem Hof. Einige entluden ihre
Maultiere vor den Ställen am Ende des großen Halbrundes,
andere hockten auf Fellen oder Decken auf dem Boden,
verzehrten eilig ihr Morgenmahl oder kochten Tee. Wie wir
später erfuhren, durften die Menschen nur noch in die große
Eingangshalle, die sich dem Hof anschloß. Es gab keine
Ausnahme von dieser Regel: Selbst die Reichen und Edlen
erhielten bestenfalls leere ebenerdige Zellen, die kleinen in den
Stein gehauenen Höhlen ähnelten. Wenn sie länger bleiben
wollten, konnten sie sich diese Steinzellen mit ihrer
persönlichen Habe wohnlich machen. Auch wir entluden unsere
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Maultiere in einer ruhigen Ecke nahe dem Tor und blickten uns
hilflos um.
„Hier sind wir, Sohn", sagte Vater ruhig, „doch was sollen wir
jetzt tun? Ich weiß noch nicht einmal, wo der Eingang ist oder
an wen man sich an diesem heiligen Ort wenden muß."
Ich selbst war so aufgeregt, daß ich kein Wort herausbrachte.
Das Wissen, endlich am Ziel zu sein, und das gewaltige Kloster,
das all meine Erwartungen übertraf, machten mich sprachlos
und raubten mir die letzten Kräfte. Ich sah mich verwirrt um.
Einige Menschen gingen, begleitet von zwei Lamas in
rotbraunen Gewändern, zu einem anderen Tor. Dieses Tor
befand sich am weiter entfernt liegenden Ende des Hofes. Vater
wandte sich an einen Mann, der wie ein Händler aussah, und
fragte ihn, ob er uns den Weg zeigen könne. Auf diese Frage
antwortete der Mann, daß er bereits zum drittenmal hier sei und
Kräuter an das Kloster verkaufe. Die Mehrzahl der Besucher
wolle sich von den diensthabenden Lamas die Zukunft
voraussagen oder sich von den verschiedensten Krankheiten
heilen lassen. Das gegenüberliegende Tor, sagte er, führe in die
Eingangshalle, in deren zahlreichen Zellen die Mopas, die
wahrsagenden Lamas, säßen, während sich in den Räumen zur
linken die magnetisierenden Heiler befänden. Als er unser
Anliegen hörte, blickte er mich mit so großem Respekt an, daß
ich mein Gesicht vor Scham am liebsten hinter meinem Maultier
verborgen hätte.
„Dann gehört ihr nicht zu den Pilgern und wollt euch auch
nicht wahrsagen lassen?" fragte er höflich. „Sie alle sind nur
Neskorpas, doch ihr habt euren Sohn zu den Todpas gebracht!
Das ist wahrlich eine große Sache!" Der gute Mann war so
bewegt, daß er später kaum mit uns zu sprechen wagte.
So viele Menschen drängten sich am Tor der Eingangshalle,
daß wir nicht den Mut aufbrachten, auch dorthin zu gehen. In
diesem Augenblick erklang von den höheren Terrassen her eine
Muscheltrompete, worauf die Menge praktisch erstarrte. Die
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Menschen blickten nach rechts, nach links und in die Schlucht
hinab und überlegten, was dieses Zeichen wohl bedeute.
Plötzlich erschien am hinteren Ende des Hofes eine Gruppe
kriegerischer Lamakrieger, spitze Fellhüte auf den Köpfen und
Kianghäute über die Schultern geworfen. Sie marschierten
zwischen den Pilgern und den Besuchern hindurch, die
respektvoll vor ihnen zurückwichen. Die Lamakrieger stellten
sich vor dem Tor auf. Jeder schaute nun in diese Richtung,
verwundert, was dies alles wohl zu bedeuten habe. Bald sahen
wir, daß die prächtige Karawane, die wir von dem niedrigen Paß
aus erspäht hatten, gerade den Kharlam erreicht hatte, die breite
Straße, die um das Kloster herumführte. Die Lamakrieger
geleiteten sie in den Hof, und der schrille Klang der
Muscheltrompeten zerriß erneut die Morgenluft. Die Lamas
gingen an der Spitze, gefolgt von der bewaffneten Eskorte der
fremden Karawane, gelbhäutige Krieger mit langen, hängenden
Schnurrbärten, die hölzerne Rüstungen trugen und mit Bogen
und Lanzen bewaffnet waren. Danach folgten viele bepackte
Maultiere und Karawanenmänner. Die Menge geriet in
Bewegung und wich zurück.
Der Händler sagte leise: „Wir scheinen einen glücklichen Tag
erwischt zu haben. Es gibt etwas zu sehen! Es kommt ein großer
Herr aus Gyanak-Yul!"
„Aus dem himmlischen Königreich?" fragte Vater. „Es
scheinen tatsächlich Flachnasen zu sein. Ich kenne sie. Nicht nur
einmal bin ich auf meinen Handelsreisen in ihr Land
gekommen. Doch selten reist ein großer Herr in einer Sänfte bis
hierher. Ein solches Schauspiel bekommt man eigentlich nur in
ihrem Lande zu Gesicht. Ich muß schon sagen, es wird den
Dienern nicht leicht gefallen sein, ihn auf Lagyn-Art die Berge
hochzutragen."
Die Menge begann aufgeregt zu murmeln und drängte nach
vorn, doch beim Anblick der kühn blickenden fremden Soldaten
wich sie wieder zurück. Ich stand eher vorn, da ich mein
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Maultier noch nicht im Stall angebunden hatte, hielt es am
Halfter fest und betrachtete die prächtige Prozession. So etwas
hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen! Auf einer großen
viereckigen Holzplatte stand ein kleiner Thron, und auf diesem
saß der Fremde auf wunderschönen, farbigen Teppichen. Vier
Stangen ragten aus der Platte, und jede lag auf der Schulter eines
Dieners. Ein verzierter Seidenschirm schützte den hohen Herrn
vor dem Schnee, denn die Sonne hatte er in unserem Land wohl
nicht oft gesehen. Das Oberhaupt der Lamakrieger ging neben
der Sänfte her und tauschte mit dem Gyanak-Po Höflichkeiten
aus.
„Kommen solche feinen Leute oft hierher?" flüsterte Vater.
„Soviel ich weiß, oft genug", antwortete der Händler,
„obwohl ich eine so prächtige Karawane erst einmal vor zwei
Jahren gesehen habe, als der Abgesandte des sonnigen
Königreichs, welches jenseits des großen Wassers liegt, hier
beim Kloster ankam."
„Was für ein Königreich ist das?" fragte Vater. „Ich habe
noch nie davon gehört!"
„Es liegt weit entfernt, jenseits des großen Wassers, ganz im
Süden dieser Welt. Man nennt das Land „Khem", wenn ich mich
richtig erinnere, und sein Regent ist der „Phe-Rao", der von
seinem Volk als Gott verehrt wird. Alles, was ich dazu sagen
kann, ist, daß es dem Abgesandten sehr kalt war, obwohl er
unsere Pelzchuba trug. Sein Gesicht war blaugefroren. Kein
Wunder, denn sie sind unsere rauhe n Berge nicht gewohnt!"
Als ich von diesem geheimnisvollen südlichen Land hörte,
vergaß ich den Edlen aus Gyanak, der so steif auf seiner Sänfte
saß, als habe er ein Schwert verschluckt. Mich ergriff eine
merkwürdige Erregung, als habe ich gewußt, daß mir jemand
von diesem Land erzählen würde. Einen Augenblick lang ergriff
mich die seltsame Benommenheit, welche Vater Ram-Chen ein
Geschenk der Götter zu nennen pflegte. Bei solchen
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Gelegenheiten vergaß ich, wo ich mich befand; alles
verschwand vor meinen Auge n, ich schaute durch die Dinge
hindurch, und meine Augen starrten ins Nichts. In jenen
schläfrigen Zustand verfiel ich auch hier - der Hof und das
Kloster rückten in weite Ferne, als ob eine unsichtbare Hand sie
weggeschoben hätte. Statt unseres trüben Wetter schien eine
strahlende Sonne vom Himmel auf mich nieder, eine Sonne, so
leuchtend, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Ich stand auf
den Treppen eines riesigen Tempels mit Marmorsäulen unter
seltsamen Menschen, die trotz ihrer nackten Beine farbige,
glitzernde Gewänder trugen. Am fernen Ende der großen weißen
Halle, die sich vor mir ausdehnte, saß der Regent prächtig
gekleidet auf einem funkelnden Thron. Ihn umgaben
feingekleidete Edelmänner, und ein riesiger Sklave fächelte ihm
mit einer großen Feder Luft zu. In der Ferne sah ich auf einer
weiten gelben Ebene einen seltsamen Steinhügel, der wie eine
Pyramide aussah, und noch weiter entfernt ein Wesen, welches
halb Löwin und halb Frau zu sein schien. Vor mir wandelte
zusammen mit sieben anderen ein gutaussehender Lama in
feinen Gewändern. Wie kamen diese Lamas in jene seltsame
Welt, überlegte ich, und was tat ich dort? Ich wollte mit meinen
Landsleuten sprechen und öffnete gerade den Mund, als mein
Körper zu zittern begann und ich wieder zu Bewußtsein kam.
Ich sah wieder den Hof mit der aufgeregten Menge, die
marschierenden Soldaten aus Gyanak, und hörte das leise
Summen der Stimmen. Vater stand mit dem Händler wenige
Schritte von mir entfernt. Er hatte meinen seltsamen Zustand
nicht bemerkt. Ich stand noch so sehr unter dem Bann der
Vision, daß ich mich nicht bewegen konnte und vor mich
hinstarrte. Erstaunt bemerkte ich, daß ich mit dem rechten Fuß
vorgetreten war und immer noch in der Position stand, in der ich
den Lama in meiner Vision hatte ansprechen wollen.
Und dann geschah etwas Schreckliches. Die Karawane des
hohen Herrn war bereits an mir vorübergezogen und hinter dem
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kleinen Tor zur Empfangshalle verschwunden. Doch ein
Gyanak-Soldat, der die Nachhut führte, stolperte über mein
ausgestrecktes Bein und fiel zu Boden. Ich war sprachlos vor
Schreck und stand starr wie eine Statue. Ich vergaß sogar, das
Bein zurückzuziehen. So standen wir, das heißt, ich stand, denn
der Soldat lag in seiner ganzen Länge am Boden und war gerade
dabei, sich unter wilden Flüchen hochzurappeln. Die Leute
neben mir schienen mit dem Boden verwurzelt und starrten mich
an, genau wie Vater und der Händler.
„Himmel", schrie Vater, „was hast du getan, mein Sohn?" Der
Händler brachte kein Wort heraus und rollte verzweifelt die
Augen.
Dies war meine erste Tat jenseits der Schwelle des
Felsenberges. Der bedauernswerte Held des himmlischen
Königreichs sprang schließlich wieder auf die Füße, und für
mich wäre es besser gewesen, wenn mich die Erde
augenblicklich verschluckt hätte. Er bedachte mich in seinem
singenden Kauderwelsch mit einem solchen Schwall an
Flüchen, daß ich mich glücklich schätzen konnte, nichts zu
verstehen. Ich versuchte mich unbeholfen zu entschuldigen und
verbeugte mich mehrere Male vor ihm, wobei ich mich an die
Worte meines Meisters erinnerte, dem angreifenden Feinde die
strahlende Rüstung meiner Sanftheit zu zeigen. Doch beim
ersten Versuch schien die Theorie der Praxis nicht
standzuhalten. Der Soldat zog seinen Säbel und sprang auf mich
zu. Ich wußte nicht, wie ich mich nach den Lehren des alten Bon
richtig verhalten sollte. Sollte ich darauf warten, als sanftes
Opfer abgeschlachtet zu werden, oder sollte ich um mein Leben
kämpfen? Ich warf einen kurzen Blick auf Vater und sah seine
Verzweiflung. Ich sah ebenfalls, daß er so weit von mir entfernt
stand, daß er mir nicht helfen konnte, selbst wenn er es gewollt
hätte. Ich war allerdings ein kräftiger junger Mann, und die
Bergpässe hatten meine Beine so hart wie Stein gemacht. Durch
die Übungen in der Höhle des Einsiedlers waren meine Arme
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ebenso hart. Außerdem war ich noch kein Priester, ich hatte
noch keine bindenden Gelübde abgelegt. All dies ging mir in
Blitzesschnelle durch den Kopf, und dann entschied ich, mich
nicht töten zu lassen. Wie sollte sich sonst die Prophezeiung des
Lamas vom Zlari- La Paß und Vater Ram-Chens über meine
große Zukunft erfüllen?
Da ich keinen Säbel besaß, sprang ich nach vorn und schlug
mit der Handkante vor den Arm des Soldaten. In dieser Technik
war ich geübt, da ich in dieser Art zu Hause stets die Schafe
betäubt hatte, bevor sie von den Dienern geschlachtet wurden.
Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie leiden mußten.
Davon war die Kante meiner rechten Hand so hart und schwielig
geworden, daß der Krieger aus Gyanak seinen Säbel fallen
lassen mußte, welcher laut klirrend zu Boden fiel. Aus den
Augenwinkeln sah ich, daß mich alle anstarrten. Ich sah aber
auch, daß zwei flachnasige Soldaten, die alles beobachtet hatten,
auf mich zurannten, um ihrem Kameraden zu Hilfe zu eilen.
Mein Angreifer brabbelte immer noch in seiner
unverständlichen Sprache, befühlte sein Handgelenk und rief
seinen Kameraden etwas zu. Dann griff er mit der linken Hand
nach dem Säbel auf dem Boden und sprang erneut auf mich zu.
Im selben Augenblick trafen auc h die beiden anderen ein, der
eine von rechts, der andere von links. Vater versuchte, mir zu
Hilfe zu eilen, doch der zweite Soldat schlug ihn so fest vor die
Brust, daß er gegen eine Säule stürzte. Der Händler hingegen
hatte sich so gut versteckt, daß er nirgends zu sehen war.
Ich beschloß, dem Manne, der Vater geschlagen hatte, die
Kehle zuzudrücken, wenn ich denn schon sterben mußte. Doch
da ertönte hinter uns ein scharfer Schrei, so schrill und
schneidend, daß wir uns alle gleichzeitig umdrehten. Aus den
Augenwinkeln nahm ich wahr, daß sich sogar die Soldaten
umgedreht hatten. Ein stämmiger, breitschultriger Lama kam
durch das große Klostertor direkt auf uns zu und hielt ein paar
Schritte vor uns an. Noch nie hatte ich ein solches Gesicht
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gesehen. Es war heller als die unsrigen, doch genauso knochig
und hager. Doch seine Augen! Aus ihnen strahlte eine solche
Kraft, daß ich nichts dagegen gehabt hätte, wenn die Soldaten
mich in diesem Augenblick getötet hätten, denn ich starrte ihn
an, als habe mich eine Schlange verzaubert. Er hatte keine
dunklen Augen wie die meisten Lamas von Bod-Yul, nein, sie
glitzerten und blitzten in blaugrüner Farbe.
„Oi!" rief er wieder, „was ist hier los?"
Als hätten seine Worte den Bann gebrochen, deuteten die drei
Soldaten unter wilden Flüchen mit den Fingern auf mich und
hoben wieder ihre Säbel. Ich hätte am liebsten die Augen
geschlossen, denn der Wille zu kämpfen hatte mich verlassen.
Doch ich konnte meinen Blick nicht von dem jungen Lama
wenden, der jetzt auf uns zukam und unmittelbar vor uns
stehenblieb. Immer noch blitzten die Säbel im Sonnenlicht. Ich
dachte an Mutter und beschloß, diesem ehrenhaften Priester zu
zeigen, wie der Sohn eines Edelmannes aus Bod-Yul zu sterben
vermochte. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Der Lama
hob den rechten Arm und deutete mit den ausgestreckten
Fingern seiner flachen Hand auf die Soldaten. Seine blauen
Augen flackerten in einem seltsamen Feuer und weiteten sich
unnatürlich.
„Rada", flüsterte er, und nur ich verstand, daß er jemanden
um Hilfe anrief. Im nächsten Augenblick erstarb das Feuer in
seinen Augen, und er beschrieb mit dem ausgestreckten Arm
einen großen Bogen nach unten. Bei dieser Bewegung stürzten
die drei Soldaten wie vom Blitz getroffen zu Boden und blieben
dort bewegungslos liegen. Die Menge, die sich näher
herangedrängt hatte, wich plötzlich zurück.
„Jachen!" wisperten die Leute, „ein Wunder, ein Wunder!"
Mir gelang es schließlich, mich aus meiner Erstarrung zu
lösen, worauf ich mich tief vor meinem Retter verbeugte. Vater
stand neben mir und drückte meinen Arm, als ob er noch nicht
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glauben konnte, daß ich mit heiler Haut davongekommen war.
Der Lama stand dicht neben mir und fragte lächelnd: „Was ist
geschehen, mein Sohn?"
Als ich die Augen hob, um ihm zu antworten, schrie ich fast
auf vor Erstaunen. Woher kannte ich diese blaugrünen Augen
und die breite Stirn? Und dann erinnerte ich mich plötzlich: aus
meiner Vision in dem seltsamen, sonnenhellen Land.
„Zwischen den weißen Säulen", flüsterte ich, und der Priester
mit dem freundlichen Gesicht sah mich verwundert an.
„Wovon sprichst du, mein Kind? Ich fragte dich, was
geschehen ist, daß diese fremden Soldaten es wagten, dich im
heiligen Vorhof des Klosters anzugreifen?"
Ich brachte immer noch kein Wort heraus, so daß Vater an
meiner Stelle antwortete.
„Wir standen hier auf dem Hof, o höchst ehrenwerter Herr,
und warteten auf die Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Ich bin
Mirgon, Händler aus Zondok, ein Edelmann. Ich habe meinen
Sohn zum großen Kloster gebracht und bitte um seine
Aufnahme bei euch, den besten Dienern des Höchsten. Denn ich
will, daß er dem Weg des Geistes folgt. Doch dann zog der Herr
aus Gyanak mit seinem Gefolge über den Hof. Der letzte Soldat
stolperte über das Bein meines gaffenden Sohnes und verzeiht,
daß ich es so ausdrücke, Vater - fiel platt wie ein Frosch in den
Dreck."
„Ja, wie ein Frosch", echote der Händler, der, weiß Gott
woher, plötzlich aufgetaucht war. „Und dann, Herr, griff der
nach seinem Säbel und fiel über diesen tapferen Jungen her.
Doch nicht, daß er aufgegeben hätte, Herr! Er wehrte den Schlag
mit der Hand ab…"
„Genau so ist es passiert, Herr", unterbrach Vater. „Der Soldat
zog den Säbel, worauf ihm seine beiden Kameraden zur Hilfe
eilten. Wenn ihr nicht genau in diesem Augenblick aufgetaucht
wäret, hätte ich meinen Ältesten verloren. Bitte, nehmt meinen
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tiefen, herzlichen Dank dafür an, und möge Gott euch für eure
Tat segnen!"
Der blauäugige Lama hatte mich die ganze Zeit über
angeschaut, als höre er überhaupt nicht zu.
„So", sagte er mit seiner tiefen, klingenden Stimme, die das
Innerste zu streicheln schien, so daß ich ihm tagelang hätte
zuhören können, „du willst also Lama werden? Eine gute Sache
und eine löbliche Entscheidung. Wie heißt du?"
„Man nennt mich Ti- Tonisa", antwortete ich verlegen und
senkte meine Augen, doch ich konnte meinen Blick nicht
fixieren. Er schoß hin und her und blieb schließlich an den drei
Soldaten hängen. Plötzlich schaute ich den Lama an. „Danke,
daß ihr mein Leben gerettet habt, Vater, doch jetzt bitte ich
euch, seht nach den hilflosen Kriegern. Vielleicht sind sie nicht
tot, und wir können ihnen helfen. Ich bin ein Nichts, doch sie
gehören zum Gefolge eines großen Herrn, der uns zur
Rechenschaft ziehen könnte."
Der Lama blickte mir ins Gesicht. Dann huschte ein Läche ln
über sein Gesicht. „Ich sehe, daß du ein freundliches Herz
besitzt, Ti- Tonisa. Sorge dich nicht. Es ist nichts Schlimmes
geschehen."
Mit diesen Worten ging er zu den drei unbeweglichen
Gestalten und beugte sich über sie. Die versammelten Pilger und
Händler, die die Szene von der Mauer aus beobachtet hatten,
wagten nicht näherzukommen. Mein Retter streckte die rechte
Hand mit leicht zusammengepreßten Fingern aus und strich dem
Soldaten, der vor ihm lag, von der Stirn bis zu den Lenden über
den Körper. Diese seltsame magische Bewegung führte er auch
bei den beiden anderen aus. Im gleichen Augenblick setzten sich
die Krieger aus Gyanak auf, als habe man sie an Schnüren
hochgezogen, rieben sich die Schläfen und sahen sich mit
blödem Gesichtsausdruck um.
Wir standen wie gebannt, gefesselt von der Szene. Als der
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Blick der Soldaten auf den eindrucksvollen Priester fiel, griffen
sie nach ihren Waffen und salutierten. Der Lama fragte sie etwas
in fließendem Gyanak, worauf die Soldaten ihn verwirrt
anschauten und wieder ihre Köpfe rieben. Zuletzt sagte der
Größte der Flachnasen etwas in kläglichem Ton.
„Der Lama hat sie gefragt", übersetzte der Händler, der die
Sprache des himmlischen Königreichs verstand, „warum sie hier
im Hof herumlägen. Die Soldaten antworteten unter vielen
Entschuldigungen, daß die dünne Bergluft sie schwindelig
gemacht hätte."
Der Lama winkte mit der Hand, worauf die drei Gyanak-
Helden unter tiefen Verbeugungen stolpernd zum Eingang der
Empfangshalle rannten, wo das Gefolge schon lange
verschwunden war. Er hob die Augen und schaute sich
freundlich um. Man konnte die Erleichterungsseufzer der
aufgeregten Menge fast hören, und im Handumdrehen kehrte
das Leben in sie zurück. Menschen und Tiere regten sich wieder
und machten da weiter, wo sie vor dem Vorfall aufgehört hatten.
Der Priester in dem braunen Gewand sah mich an. „Ich muß
jetzt gehen, Tonisa, doch bald werde ich dir einen Bruder
schicken. Er wird nach dir sehen und dir den Chintanyin zeigen.
Sage deinem Vater Lebewohl, denn du wirst ihn lange Zeit nicht
sehen. Er kann mit seiner Karawane so lange hierbleiben, wie er
will."
Er drehte sich um und ging auf das Kloster zu, doch dann
drehte er sich plötzlich, als sei ihm etwas eingefallen, wieder um
und kam noch einmal zu mir. „Sag mir, Sohn, was hast du da
über weiße Säulen geredet, als du mich zum erstenmal sahst?"
„Ich weiß nicht, Vater, ob ich so etwas gesagt habe",
stammelte ich verlegen. „Bei solchen Gelegenheiten bin ich in
einem merkwürdigen Zustand. Ich werde plötzlich steif, dann
verschwindet alles vor meinen Augen. Als wir hier auf dem Hof
standen, überfiel mich wieder diese seltsame Benommenheit
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und ich sah ein strahlendes Gebäude mit weißen Säulen in
einem flachen südlichen Land, in dem es keine Berge gibt, aber
merkwürdige Leute mit spaßigen Kleidern. Auch ihr wart dort,
und ich schrie auf, als ich sah, daß ihr hier auf mich zukamt und
mein Leben rettetet."
Er legte seine linke Hand auf meinen Kopf, zog mit Daumen
und Mittelfinger der rechten Hand sanft meine Augenlider hoch
und blickte mir in die Augen.
„Seltsam", murmelte er, „wirklich eine seltsame Gabe. Ich
werde gut auf dich aufpassen, Arau."
Darauf drehte er sich um und ging mit großen Schritten auf
die Empfangshalle zu. Ich stand stocksteif, fasziniert von der
Kraft, die von diesem edlen Menschen ausging. Über welch
übernatürliche Kräfte mußte dieser junge Priester verfügen,
wenn Soldaten durch eine Bewegung seiner Hand zu Boden
fielen und sich nicht mehr daran erinnerten, was ihnen
geschehen war?
„Herr", schrie ich instinktiv, brach mir einen Weg durch die
Menge, die wieder den ganzen Hof überflutete, und rannte hinter
ihm her, als habe ich etwas vergessen, wovon der Segen meines
Lebens abhinge. „Herr, wie heißt ihr? Damit ich weiß, wer mich
rettete, und in meinen Gebeten eurer gedenken kann!"
Er blickte mich freundlich lächelnd an und antwortete mit
seiner sanften Stimme, die mir selbst jetzt noch in den Ohren
klingt:
„Lhalu Lama…"
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Kapitel 3
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unterrichtet. Es ist ganz unmöglich, daß du versagst! Ich mache
mir um dich nicht die geringsten Sorgen, Sohn!"
Es berührte mich tief zu hören, wie er mich mit dem ganzen
Stolz des väterlichen Herzens lobte und tröstete, und ich schaute
ihn dankbar an. Ich versprach ihm, keine Schande auf sein
graues Haupt zu laden und meine ganze Kraft darauf zu richten,
im Kloster zu bestehen.
„Ich werde diese Nacht hier verbringen", sagte er tief in
Gedanken, „doch morgen werden wir mit der Karawane
weiterziehen. Ich verlasse diesen Ort leichten Herzens, denn ich
weiß, daß du hier sicher aufgehoben bist."
Er betonte dies so häufig und mußte so oft blinzeln, daß ich
erkannte, daß er seine Gefühle zu verbergen und sich selbst
damit zu trösten suchte. Wir unterhielten uns noch, als ein
großer, hagerer Priester zu uns trat und nach der Begrüßung
sagte, er komme von Lhalu Lama.
„Zuerst müssen wir eure Tiere unterbringen, mein guter
Herr", sagte er zu Vater. „Kommt mit mir, ich zeige euch Ställe
und Gästeräume. Dann werden wir uns in den Kang begeben
und beten, denn so ist es hier Brauch. Die Novizen müssen mit
ihren Familien bis zum Abend andächtig im Gebet verweilen."
Wir führten unsere Maulesel in die Ställe, die sich an der
rechten Seite des großen Hofes befanden, und banden sie an den
Krippen fest, die uns der Lama zuwies. Wie ich später erfuhr,
war er der Kharpon, obwohl der Burgvogt, wie ihn hier alle
nannten, gewöhnlich nur die Edlen persönlich empfing.
„Herr", sagte Vater voller Hochachtung, während er auf die
abgeladenen Ballen deutete, „was ist mit den vielen Khurpos?
Ich habe sie als Gegenleistung für die Ausbildung meines
Sohnes mitgebracht - und auch zum Verkauf. Sie enthalten
kostbare Stoffe und seidene Tücher, die sich gut für Kadaks
eignen."
Der Burgvogt verbeugte sich lächelnd ob dieser
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offensichtlichen Großzügigkeit und bat uns, die Geschenke
gegen die Wand zu lehnen, wo er sie von den Dienern abholen
lassen würde. Er klatschte in die Hände, und sofort erschienen
zwei schmutziggekleidete Lamas und begannen, die Packen
fortzuschleppen. Wie ich später erfuhr, gehörten sie zur niederen
Priesterschaft, welche die Hausarbeit im Kloster verrichteten.
„Und jetzt, da ich im Namen unseres Hohenpriesters die
Gaben in Empfang nehmen durfte, die ihr unserem Kloster
zugedacht habt", sagte der Burgvogt, „erlaubt, daß ich euren
Sohn mitnehme, um ihm den Raum zu zeigen, den er in der
nächsten Zeit bewohnen wird. Er kann mitnehmen, was ihm
gehört."
Ich klaubte mein Bünd el vom Boden auf, welches in eine
Decke gewickelt war, warf Vater einen traurigen Blick zu und
folgte dem Lama.
„Ich werde ihn bald zurückbringen", lächelte dieser, „wie ich
schon sagte, werdet ihr, wenn ihr euch gewaschen habt, nach
den Regeln des Klosters für den neu eingetroffenen Gegnien und
seine Familie bis zum Abend zusammen beten."
Von der linken Ecke des großen Hofes führte ein langer Gang
in das Innere des Berges. Dieser Teil war den Novizen
vorbehalten; hier hatten sie bis zu ihrer Einweihung zu bleiben.
Von dem Gang zweigten leere Steinzellen ab, die jedoch nicht
nebeneinander, sondern weit voneinander entfernt lagen. Der
Lama wies mir die meine an und legte mein Bündel auf den
Boden. Es war eine einfache Zelle; außer einem niedrigen Bett
befand sich nichts darin. Bevor wir eintraten, sah ich, wie zwei
Jungen hinter den Türen ihrer Zellen hervorlugten, doch als sie
den Burgvogt erblickten, zogen sie schnell die Köpfe ein.
Danach gingen wir zurück in den Hof. Der Priester führte Vater
und mich wieder zu dem langen Korridor, an dessen Ende sich
der Gebetsraum befand. Dieser war ganz schlicht und
schmucklos. An zwei Seiten brannten Laternen, und im
Hintergrund machte ich die Statue des Gottes der Weisheit aus.
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Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß wir im alten
Bod-Yul Gott allein verehrten. Nur das einfache Volk besiedelte
unser Land mit verschiedenen Gottheiten, Teufeln, Dämonen
und Kobolden. Die Hierarchie der Priester betete dagegen zu
dem einzigen Gott der gesunkenen atlantischen Welt, den sie
Wissen oder Weisheit nannten, und der alle Geschöpfe auf
Erden gemacht hatte. So lernte ich es von Vater Ram-Chen, so
lebt es auch jetzt noch in meiner Seele, und so wird es über
meinen Tod hinaus in allen zukünftigen Verkörperungen in mir
leben. Vor der heiligen Statue, die den Weltenschöpfer mit dem
Szepter in der Hand und der spitzen Kappe des großen Magus
auf dem Kopf darstellte, warfen wir uns auf den glatten
Steinboden, der im Laufe der Jahrhunderte von den endlosen
Pilgerscharen und Novizen so abgewetzt war, daß wir uns
praktisch in muldenartige Aushöhlungen legen mußten. Nach
einem kurzem gemeinsamen Gebet bedeutete uns der Lama, uns
zu erheben, und teilte uns mit, daß wir bis zum Abend hier
weiterbeten sollten. Dann würde er wiederkommen, um mich in
meine Zelle zu geleiten.
Wir legten unsere Hände vor dem Körper zusammen und
warfen uns, Seite an Seite, erneut zu Boden. Vater, den ich noch
nie hatte beten sehen, lag bewegungslos in tiefer Ehrfurcht.
Beide gerieten wir in den Bann des kleinen Tempels. Wer weiß,
vielleicht schwebten die unzähligen Gebete, die in seinen stillen
Mauern gesprochen worden waren, um uns herum und
inspirierten uns. Nach der zweiwöchigen Reise mit der
Karawane und den Gefahren, die wir auf dem Klosterhof
ausgestanden hatten, war das Gefühl, in völliger Stille auf dem
kalten Stein zu liegen, wunderbar beruhigend. Mein Lehrer hatte
recht, wenn er sagte, daß dem inbrünstigen Gebet immer die
vollkommene Gedankenstille vorausgehen muß, denn man kann
den Abgrund zwischen der Erde und der anderen Welt nicht
durch das Sprechen eines kleinen Gebetes überbrücken. So
beten nur die einfachen Leute und die Lauwarmen. Das Gebet
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bedarf immer einer besonderen Vorbereitung und eines
bestimmten geistigen Rahmens. Ich lernte von meinem Meister,
daß man sich zuerst auf sich besinnen und den Geist nach innen
richten muß, womit der Zustand vollkommener Gedankenleere
gemeint ist. Erst wenn alle überflüssigen und banalen Gedanken
aus dem Gehirn verbannt sind und die Ideen darin nicht länger
herumspringen wie eine Horde wilder Affen in den Felsen, kann
man beginnen, der inneren Stimme zu lauschen, der Stimme
unseres wahren, transzendentalen Seins. Mit dieser Stimme
müssen wir zu beten versuchen, denn sonst betet nur der
Verstand, und die Bitte wird den Himmel nie erreichen. So lag
ich jetzt in stummer Anbetung da und hatte die Handflächen
über meinem Kopf zusammengelegt, damit der Strom meines
Gebetes - verstärkt durch die magnetische Ausstrahlung meiner
Finger - unmittelbar zum Thron der Weisheit aufsteigen konnte.
Als ich endlich den Zustand völliger Gedankenleere erreicht
hatte, stieg zuerst das Bild meines Vaters in meinem Innersten
auf. Sofort verband ich mein unwissendes Gebet mit seinem
geistigen Bild und betete, daß Gott ihn und meine Familie vor
allem Übel schützen möge, während ich im Kloster lebte.
Danach betete ich für Vater Ram-Chen Lama, und schließlich
erschien die Gestalt des blauäugigen Lamas vor meinem
geistigen Auge. Ich hielt meine wundersame Rettung für ein
gutes Zeichen, obwohl sich die böse Vorahnung auf meinem
Heimweg kurz vor dem großen Sturm fast in Form des Säbels
eines Gyanackriegers erfüllt hatte. Ich bat die Heilige Weisheit,
daß sie Lhalu Lama segnen und seine Schritte immer höher in
die Sphären führen möge. Denn dieser heilige Lama war
wirklich kein gewöhnlicher Mensch: Selbst während meines
Gebets flüsterte die leise Stimme meiner Seele, daß er für große
Dinge ausersehen sei und ihm sein außergewöhnliches Wissen
einen hohen Rang im Leben sichern würde.
Ich weiß nicht, wann ich aus meiner langen, tiefen Anbetung
wieder zu Bewußtsein kam. Als ich meinen Kopf vom
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Steinboden hob, dämmerte es bereits, und der dunkle
Tempelraum wurde nur vom flackernden Licht der beiden
Opferlampen erhellt, welche tanzende Schatten auf die Wände
des Kangs warfen. Sanft berührte ich Vater, der bewegungslos
an meiner Seite lag, doch er regte sich nicht. Da merkte ich, daß
er schlief und lächelte tief bewegt. Mochten die Himmel den
kurzen, erschöpften Schlaf segnen, der ihn beim Gebet
übermannt hatte! Ich wünschte, jeder Mensch schliefe beim
Beten ein, damit, wenn seine Seele auf die geistige Ebene
versetzt wird, sein letzter Gedanke Gott galt. Guter Vater,
wieviel hast du in diesem Leben für mich getan! Wie sehr
mußten deine schwieligen Hände und deine unermüdlichen
Beine arbeiten, um mich aufzuziehen und meine Zukunft zu
sichern! Sei gesegnet, und mögest du nie unzufrieden mit
deinem Sohne sein!
Der Burgvogt kam fast geräuschlos zurück und stand
schweigend in der geöffneten Tür des Tempels. Als ich
aufstand, stieß ich Vaters Fuß mit meinem ledernen Kirdova an,
worauf er zu sich kam und auf die Füße sprang. Ich ging zum
Kharpon.
„Und jetzt, mein Sohn, sage deinem Vater Lebewohl, denn du
wirst ihn lange nicht sehen. Du wirst mit mir in deine Zamkan,
deine Meditationszelle, gehen, wo du die Nacht verbringen
mußt. Von jetzt an bist du ein Bewohner des Klosters. Ich hoffe,
daß du nach deiner Eintragung die Prüfungen bestehen wirst."
Mit nach oben geöffneten Handflächen streckte ich Vater
beide Hände entge gen und verbeugte mich, nach alter Sitte,
dreimal vor ihm. Er trat näher und legte seine Hände auf die
meinen. Schweigend sahen wir uns lange an. Dann drehte ich
mich schnell um, denn ich brachte kein Wort hervor. Ich ging
hinter dem Kharpon auf den langen Gang zu, der aus dem
Tempel herausführte.
„Mögen die Götter dich segnen, mein Sohn," hörte ich Vaters
Stimme hinter mir herrufen, „und bestehe deine Prüfungen mit
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Anstand!"
Der Burgvogt führte mich in meine Zelle. Außer dem
Steinbett gab es keine Möbel. Nur ein zerlumpter brauner
Umhang hing von einem Haken in der Wand, und in der Ecke
lagen ein Paar Strohschuhe.
„Zieh das an", bedeutete der Lama, „du darfst nur dein Hemd
behalten. All deine anderen Kleidungsstücke werden den Armen
des Klosters in deinem Namen übergeben, wenn du der
Einweihung für würdig befunden wirst. Solltest du versagen,
erhältst du all dein Gut zurück und bist frei, diesen Ort in
Frieden zu verlassen. Dieser abgetragene, zerrissene Umhang ist
ein Symbol der Demut, eine der ersten Eigenschaften, die von
jedem Novizen dieses Klosters verlangt wird. Heute sollst du
nicht essen. Bete und meditiere, bevor du dich zum Schlafen
legst. Du darfst nur eine Decke behalten. Morgen werde ich
kommen und dich mit den anderen Novizen in den Tempel
bringen, damit du zum Zwecke deiner Eintragung den Saum des
hohenpriesterlichen Gewandes berühren kannst."
Mit diesen Worten ging er und ließ mich allein in der dunklen
Zelle zurück. Ich blieb zum erstenmal in meinem Leben allein
zwischen vier nackten Wänden. Ich, der ich die Natur und die
frische Luft so liebte, begann erst jetzt zu spüren, was Freiheit
bedeutete. Doch seltsamerweise verging dieses Gefühl der
Einsamkeit und der Angst so schnell, wie es gekommen war. Ich
zog mich aus und warf den zerlumpten Umhang über. Dann
legte ich mich auf das Bett und dachte aufgeregt an den
morgigen Tag. Würde ich die harten Prüfungen, von denen
Ram-Chen Lama berichtet hatte, bestehen? Ich wußte nicht,
woraus sie bestanden, denn mein Meister hatte mir keine
Einzelheiten verraten. „Der Mensch, der körperlich und seelisch
bereit ist, die Prüfungen dieses Lebens zu bestehen, muß dies
aus dem Augenblick heraus tun. Weiß denn der Soldat, was ihm
im Kriege widerfahren wird? Doch der Feuerprobe eines jeden
Kriegers gingen lange Übungstage voraus, so daß er keinem
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unbekannten Feind begegnet, wenn er in der ersten Linie steht.
Er muß nur eines im Blick behalten: Sein Selbstbewußtsein,
welches ihm hilft, sich an all die schwierigen Bewegungen zu
erinnern, die nötig sind, um einen Angr iff abzuwehren, so wie er
es auf dem Drillplatz gelernt hat. Der Unterschied besteht nur
darin, daß die Schwerter bei der wirklichen Prüfung scharf sind.
Doch was kümmert das den geübten Krieger, der bereits weiß,
welche Paraden er ausführen muß, um den gefährlichen Degen
beim Fechtkampf abzulenken. Wenn du es genauso machst,
mein Sohn, dann wirst du die Erprobung deiner Kräfte nicht nur
im Kloster, sondern überhaupt im Leben bestehen." Die langen
Meditationen hatten mich ermüdet, doch ich hatte mir
vorgeno mmen, wenigstens bis Mitternacht zu beten. Es war
kühl, und die Kälte hielt mich wach. Die Decke, die mir Vater
Ram-Chen zurückgegeben hatte, lag bei meinen Sachen, doch
ich nahm sie nicht. Wer weiß, welch strengen Prüfungen sich
mein Körper noch zu unterziehen hatte! Ich mußte mich
abhärten und in Übung bleiben, denn hatte ich nicht gehört, daß
die Eingeweihten selbst bei Nacht keine Decken benutzten, weil
sie lernten, das innere Feuer anzufachen? Doch mir war, wie ich
beschämt zugeben mußte, ganz einfach kalt. Deshalb versuchte
ich eine ganz einfache Technik: Ich atmete tief, hielt den Atem
an und konzentrierte mich auf loderndes Feuer. Dadurch
erreichte ich vor allem, daß mein Geist kurze Zeit später leer
wurde, und damit verschwand auch die Vorstellung von Kälte.
Gleichzeitig schien mich mein letzter Gedanke, das Feuer,
tatsächlich zu erwärmen. Unglücklicherweise war ich nur zu
dieser primitiven Ebene der Erzeugung innerer Wärme fähig,
denn wenn ich eine Pause machte, begann ich stets von neuem
zu zittern. Es war schon spät in der Nacht, als ich mich mit dem
Gesicht nach unten auf das Steinbett legte und mich in Gebete
versenkte. So schlief ich ein, ohne es zu bemerken, denn am
Morgen erwachte ich in derselben Haltung.
Draußen lag tiefer Schnee. Vielleicht war das Wetter für
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meinen Schlaf verantwortlich gewesen und dafür, daß ich nicht
gefroren hatte. Ich ging hinaus in den Hof, zog meinen Umhang
aus und rieb mich bis zu den Hüften mit frischem Schnee ab.
Der große Garba war jetzt leer. Die Pilger hatten in den
Schlafräumen und Gästehäusern Schutz gesucht. Nur ein oder
zwei Schafhirten, die Dokpas des Hochlandes, hatten draußen
übernachtet, denn sie waren an Kälte gewöhnt. Auch Vater war
irgendwo drinnen… Ich drehte mich um und ging zurück in
meine Zelle, wo der Kharpon schon auf mich wartete.
„Komm, mein Kind, die Novizen haben sich schon im
Lhakang versammelt. Zu dir bin ich zuletzt gekommen, denn du
mußt müde sein von der langen Reise."
Wir gingen über den langen, dunklen Gang, doch nicht hinaus
zum Hof: Bei einem mit einem Teppich verhängten Tor wandten
wir uns nach links. Dieser Gang war noch länger als der
vorherige und nur von winzigen Opferlampen erhellt, die
ehemalige Novizen im Gedenken an ihre Ausbildung angebracht
hatten. Wir kamen am anderen Ende des Klosters in einer
sonnenhellen Gebetshalle heraus, die genau so aussah wie der
Kang für die Allgemeinheit, wo ich mit Vater gebetet hatte, nur
daß diese Halle viel größer war. Sie schien für die Bewohner
gebaut worden zu sein. Vor der Heiligen Statue standen sieben
Jungen etwa in meinem Alter, die wir bei unserem Eintritt mit
einer tiefen Verbeugung begrüßten. Auch ich verbeugte mich
vor ihnen und stellte mich auf ein Zeichen des Kharpon an das
Ende der Reihe. In der Mitte des Tempels befand sich ein Altar,
der mit Gerstenähren und Gebirgsblumen geschmückt war. Dort
lag auch das bestickte Gewand des Hohenpriesters.
„Siehe, dort ist das Gewand eures Hohenpriesters, des
Ichkitsu!" sagte der Lama. „Es liegt seit dem letzten Vollmond
auf dem Altar und wartet auf die zukünftigen Meister. Tretet in
seine Gegenwart, meine Kinder, und berührt seinen Saum, jeder
von euch! Mit diesem Ritual seid ihr in das große Buch des
Felsenklosters eingeschrieben. Vergeßt nicht, daß ihr durch
-71-
diese körperliche Berührung unmittelbar mit dem Großen Lama,
dem höchsten Stellvertreter des Heiligen Wissens, der
erhabenen Weisheit von Bod-Yul, verbunden seid. Der
Hohepriester sieht alles und weiß alles, selbst wenn er nicht
körperlich anwesend ist. Benehmt euch in diesen Mauern
deshalb so, als ob seine Augen jeden Augenblick auf euch ruhen
würden."
Ich trat zum Altar zu dem heiligen Gewand, welches mit
seltsamen Blumen bestickt war, und berührte es mit der rechten
Hand. Die anderen taten dasselbe. Dann kehrten wir zu der
Statue zurück und blickten den Lama erwartungsvoll an.
„Und jetzt hört meine Worte", sprach der Kharpon. „Die
wichtigste Verhaltensregel in diesem Kloster ist - Demut.
Deshalb soll Demut jeden eurer Schritte und jede eurer Taten
unter diesem Dache lenken. Ihr wißt vielleicht noch nicht, was
wirkliche Demut, wahrer Gehorsam bedeutet. Hört mir deshalb
zu. Mit demütigem Geist könnt ihr euch nicht nur eurem
Hohenpriester zu jeder Zeit nähern, sondern auch der
unsichtbaren Weisheit. Demut erträgt alles und macht euch
Gottes besonderer Gnade würdig. Seid deshalb überall und bei
allem demütig, besonders aber, wenn ihr an euren himmlischen
Vater oder seinen Stellvertreter auf Erden denkt, euren
Hohenpriester. Doch merkt euch: Demut ist nicht die
Unterwürfigkeit des Dieners, sondern die reine Hochachtung
eines Kindes vor seinem Vater, der so mächtig ist und solch
unbegreifliche Wunder wirkt. Diese ursprüngliche kindliche
Bescheidenheit, dies Vertrauen, diese Hingabe bedeuten wahre
Demut. Wenn ihr das stets befolgt, werdet ihr Großes
vollbringen können, denn Demut ist nichts anderes als das
Gewand des Glaubens. Wenn du dich vor Gott und deinem
Hohenpriester demütigst, offenbarst du damit gleichzeitig das
erste sichtbare Zeichen deines Glaubens. Denn was ist Demut,
meine Kinder? Voller Vertrauen die Dinge erwarten, die noch
nicht geschehen sind, sich vollständig in den Willen Gottes
-72-
geben, daraus ist das Schleiergewand gewebt, welches der
Novize anlegt, bevor er zum Altar seines Herrn tritt, und
welches er nie wieder ablegt. Unter diesem glänzenden,
durchsichtigen Gewand erstarken Glaube und Hoffnung. Das
sanfte Knistern des Gewandes der Demut, welches ihr jetzt tragt,
entfacht die schlafenden Funken dieser großen Tugenden in
euren Seelen zu lodernden Feuern. Je tiefer eure Demut wird,
um so durchscheinender und glänzender wird euer Gewand, bis
es mit dem Licht eures Glaubens, eurer Hoffnung und eures
Mitgefühls verschmilzt. Siehe, das ist der Weg der Demut, o
Brüder!"
Wir konnten unsere Blicke nicht von den Lippen des
Burgvogts losreißen; jedes Wort, das er sprach, traf uns im
Kern. Ich hatte noch niemals so einfache und doch so hohe
Worte gehört.
„Und was bedeutet Demut in eurem täglichen Leben?" fuhr er
leidenschaftlich fort. „Die Antwort solltet ihr bereits in eurem
Innersten spüren. Demut im irdischen Sinne ist keinesfalls
klägliche Unterwürfigkeit unter andere Menschen, sondern
Vertrauen in die Güte des menschlichen Herzens, in eure
Mitmenschen. Auch das ist Demut: Wenn ihr einst großes
Wissen besitzt, werdet ihr dennoch vom einfachen Volke lernen,
ohne diese Menschen eure Überlegenheit auch nur einen
Augenblick lang spüren zu lassen. Je mehr ihr lernen werdet,
umso mehr werdet ihr erkennen, wie wenig ihr wißt, und auch
das ist Demut. Wenn sich euch die Geheimnisse der Heiligen
Weisheit offenbaren und eure Kehlen durch die Erkenntnis eurer
eigenen Winzigkeit wie zugeschnürt sind, dann ist auch das -
Demut. Seid also demütig, sanft und freundlich in den Mauern
dieses Klosters. Wenn ihr so durchs Leben geht, werden euch
die zerklüfteten Felsen Bod-Yuls wie weicher Rasen unter den
Füßen scheinen. Ich grüße euch, die zukünftigen Lamas dieses
Klosters, im Namen des heiligen Gehorsams und rufe den Segen
des Ewigen Wissens auf euch herab."
-73-
Er schwieg, hob die Hände und verweilte einen Augenblick in
dieser Stellung. Dann sagte er: „Ich werde in der dritten Stunde
des Tages, die immer näherrückt, wieder zu euch kommen. Die
Prüfung durch den Hohenpriester steht kurz bevor, eure
schwerste, geistige Erprobung! Wenn ihr sie besteht, müßt ihr
euch den Prüfungen des Körpers unterziehen. Betet bis dahin in
aller Demut und erfleht die Hilfe der Heiligen Weisheit."
Er verließ uns, und wir blieben allein im Lhakang zurück.
Neugierig blickten wir einander an und erzählten, woher wir
kamen, wer wir waren und warum wir uns entschieden hatten,
hierherzukommen. Die meisten waren Söhne noch reicherer
Familien als der meinigen. Zwei stammten aus der fernen
südlichen Provinz Lho aus dem Gebiet des schneebedeckten
Bogo-La, wo das reiche Gyagar-Reich beginnt. Sie waren einen
ganzen Monat unterwegs gewesen, bis sie hier eingetroffen
waren. Die anderen fünf waren Bewohner des östlichen Kham-
Yul und hatten sich seit ihrer Kindheit danach gesehnt, Lamas
zu werden. Zwei der Jungen hatten Verwandte im Kloster. So
schwatzten wir wie ganz normale Jungen eine ganze Weile lang
auch über die schweren Prüfungen, die uns bevorstanden. Da ich
der Älteste unter ihnen war, sagte ich schließlich, daß es höchste
Zeit zum Beten sei. Daraufhin wurden wir alle still, warfen uns
vor der Statue der Weisheit nieder und versenkten uns im Gebet.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war, denn wir hatten
unsere Andacht gerade beendet, als der Kharpon wieder erschien
und uns winkte, ihm zu folgen. Er führte uns über den langen
Korridor und bog dann in einen mit seidenen Vorhängen
abgeteilten Seitengang, welcher ebenfalls durch verzierte
Lampen beleuchtet wurde. So gingen wir eine ganze Weile
raschen Schrittes, bis wir zum Ende des Ganges gelangten,
welcher durch einen schweren Teppich verschlossen war. Der
Burgvogt zog diesen beiseite, und wir fanden uns im
Eingangstor einer etwa zehn Meter langen Halle wieder.
Erstaunt blieben wir stehen und blinzelten im blendendhellen
-74-
Sonnenlicht, das durch die östliche Seite hereinströmte. Die
Mauer dort öffnete sich zum Tal und war nur durch
Papyrusblätter verschlossen, welche das Sonnenlicht
ungehindert hindurchließen. Am anderen Ende der Halle
erblickten wir einen würdigen alten Lama. Er saß auf einem mit
Teppichen bedeckten, behauenen Steinthron. Sein
Gesichtsausdruck war ernst, doch seine Augen blickten
freundlich und gütig. Den Boden der Halle bedeckte ein riesiger
Strohteppich, auf dem viele Lamas im Halbkreis vor dem Thron
hockten. Nur ein Mann stand zwischen dem Hohenpriester und
den Lamas, und als ich ihn ansah, machte mein Herz einen
Sprung. Er was es, mein Retter, und als ich eintrat, begegneten
sich unsere Blicke. Ein ermutigendes Lächeln huschte über sein
Gesicht, doch dann wandte er sich sofort zum Thron des Großen
Lamas. Auf einen Wink des Kharpon hin warfen wir uns alle
vor diesem nieder und blieben auf dem Boden liegen.
„Willkommen im Felsenkloster, meine Kinder!" hörten wir
seine klangvolle Stimme, die sein Alter Lügen strafte. Ich hielt
ihn für sechzig oder siebzig Jahre alt, erfuhr jedoch später, daß
er über einhundertfünfzig Jahre zählte, ein Alter, das bei den
heiligen Weisen auf den Hochebenen keinesfalls eine Ausnahme
war. „Steht auf, meine Söhne, erhebt euch! Ihr habt vielleicht
gehört, daß ihr verschiedenen Prüfungen unterzogen werdet,
damit eure geistigen und körperlichen Fähigkeiten festgestellt
werden können. Ich kenne das Leben eines jeden von euch, und
ich sehe auch eure zukünftige Laufbahn voraus. Doch damit es
auch auf der irdischen Ebene so geschieht, wie es geschehen
soll, müßt ihr euch auf schwere Prüfungen vorbereiten. Zuerst
möchte ich mich persönlich von euren geistigen Fähigkeiten
überzeugen. Danach werden eure Körper auf die Probe gestellt.
Achtet genau auf meine Worte und setzt euch jetzt im Halbkreis
vor die eingeweihten Priester. Nur der Älteste soll hier
stehenbleiben, die anderen sollen zuhören und sich daran
erfreuen. Ich werde dem Schüler verschiedene Fragen stellen,
-75-
auf die er, ohne nachzudenken, antworten muß. Damit wollen
wir eure Fähigkeit prüfen, Gedankenwellen zu spüren und
aufzunehmen. Doch mehr werde ich dazu nicht sagen. Macht
euren Geist leer, verlaßt euch auf das Wissen, welches ihr
bereits gesammelt habt, und überlaßt alles der Eingebung eurer
Seele." Er machte eine kurze Pause, hob die Hände gen Himmel
und betete: „Allmächtige Weisheit! Du, die du weißt, wie
unwürdig der Mensch ist, von dir emporgehoben zu werden und
an deiner Kraft teilzuhaben, segne meine jungen Novizen, daß
sie einen Funken deines Wissens empfangen und darin
vollkommen sein mögen. So wie die Sonne die anderen Sterne
mit ihrer Wärme nährt, so nähre auch du sie mit deiner Weisheit,
auf daß sie die besten Lamas dieses Landes werden mögen!"
Dann winkte er mir, worauf die anderen sich bis ans Ende der
Halle zurückzogen und sich vor die dort im Halbkreis
hockenden Lamas setzten. Ich blieb in der Mitte stehen und
schaute den Hohenpriester erwartungsvoll an.
„Tritt vor", sagte dieser freundlich, und ich ging näher heran.
„Wie heißt du, mein Kind?"
„Ti-Tonisa, mein Vater. Ich bin der Sohn Mirgons, eines
Händlers aus Zondok, und komme von den südlichen Hängen
der schneeweißen Königin."
Jetzt passe gut auf, mein Sohn, und beantworte meine Fragen,
ohne zu zögern. Wer gab dir deine Weisheit?"
„Die Heilige Weisheit, unser aller Vater."
„Wer war dein geistiger Führer? Wer lehrte dich die ersten
Grundsätze unserer Religion?"
„Ram-Chen Lama, der Einsiedler, der in einer Felsenhöhle am
Jomo-Lun-Gam wohnt."
Ich sah in den Augen des Großen Lamas, daß er mit mir
zufrieden schien.
„Was hat dir von seinen Lehren am besten gefallen?"
-76-
„Daß wir Wanderer auf Erden sind", sagte ich, denn
seltsamerweise kam mir gerade dies in den Sinn. „Unsere
Heimat ist der Himmel, aus dem wir einst wie die Kiangs in die
Tiefen des Abgrunds sprangen. Doch wir fielen auf unsere Füße;
wir stürzten nicht zu Tode. Deshalb müssen wir wieder empor in
die sonnenhellen Höhen klettern. Unsere Heimat ist der
Himmel, nicht die Erde. Was wir auch tun, wohin wir auch
gehen, wir bleiben heimatlose Wanderer. Deshalb hat jener gut
gewählt, der seine Liebsten verläßt und ohne Freund, Frau oder
Kinder lebt."
Der Hohepriester nickte, und mir schien, als ob ein
zufriedenes Lächeln über sein bewegungsloses Gesicht huschte.
„Jetzt sag mir, Kind, für wen nimmst du dieses Leben voller
Opfer auf dich?"
„Nicht für einen irdischen Menschen, und doch…" antwortete
ich und spürte, daß eine unsichtbare Hand meinen Kopf zu
drehen begann. Der blauäugige Lama stand links von mir, die
Hände auf dem Rücken gefaltet, doch seine Augen fixierten
mich und brannten mit demselben seltsamen Feuer wie gestern,
als er mich aus tödlicher Gefahr gerettet hatte. „Die Rettung
meiner Seele", fuhr ich fort, als ob ich träumte. Ja, mein höheres
Selbst und die Erinnerung an meine einstige Herrlichkeit in den
hohen himmlischen Sphären ruft mich zu diesem Leben. Ich
muß mich wieder zu den Höhen hinaufarbeiten, aus denen ich
einst fiel."
In der großen Stille war mir, als hörte ich das leise Murmeln
der Lamas. Doch vielleicht war es nur eine Einbildung, denn ich
fühlte, wie sich mein Sichtfeld erweiterte: Der Thron des
Hohenpriesters schien vor mir zurückzuweichen, und ich wußte,
daß mich in wenigen Augenblicken die gewohnte
Benommenheit überfallen würde. Ich kämpfte mit aller Kraft
dagegen an, und schaffte es zu meiner großen Erleichterung,
auch die nächste Frage des Großen Lamas aufzunehmen.
-77-
„Wer brachte dich zu unserem Kloster?"
„Mein irdischer Vater führte mich als Zeichen der Gnade
meines himmlischen Vaters über immer höhere Pässe, und ich
vertraue darauf, daß mich diese Gnade durch die weise Führung
eurer Hoheit auch den steilen himmlischen Pfad hinaufführen
wird."
Der Hohepriester tauschte einen kurzen Blick mit dem
blauäugigen Lama und nickte zufrieden, während ich all meine
Kraft zusammennahm, um gegen meine zitternde Betäubung
anzukämpfen. Einmal schwebte der Thron auf mich zu, dann
wieder rückte er in die Ferne, entsprechend meinen wechselnden
Zuständen von Bewußtheit und Unbewußtheit.
„Noch eine Frage, mein Sohn. Wenn du sie beantworten
kannst, darfst du dich zufrieden in deine Zelle zurückziehe n.
Was ist das Größte auf der Welt, und wie würdest du es
beschreiben?"
Ich konnte nicht länger gegen mich ankämpfen, ich geriet in
einen verzückten Zustand, doch obwohl ich kaum zu sehen
vermochte, konnte ich meine Antwort diesmal hören, als ob sie
aus weiter Ferne käme.
„Das Größte auf der Welt ist der Glaube. Wenn wir im
Glauben leben, werden unsere Tage voller Wunder sein. Der
Glaube ist eine lebendige Wirklichkeit, lebendiger als das Leben
selbst. Der glaubende Mensch hebt den Schleier vor den
Geheimnissen der Schöpfung. Oftmals ist das Eintreten niemals
erblickter, unmöglicher Dinge für die Seele so sicher, als seien
sie schon geschehen. Je größer der Glaube, umso größer der
Segen; und umso eher werden zukünftige Ereignisse, obwohl
noch ungeboren und wider alle Hoffnung, Wirklichkeit. Die
Flügel des Glaubens entfalten sich durch die Hoffnung, die
irdisch ist, die jedoch Vergangenheit und Zukunft wie eine
farbige Brücke miteinander verbindet. Deshalb nennen wir den
Glauben Ajatsun, Brücke des Regenbogens. Nur wenn wir mit
-78-
sicheren Schritten über diesen Regenbogen wandern und der
Glaube uns vorwärtstreibt, können wir zu solch himmlischen
Höhen gelangen, wo selbst die Zukunft zur Gegenwart wird. Der
Glaube ist auch unser Vertrauen in die Führung der Heiligen
Weisheit, unsere Gewißheit weiser Fügung. So erschafft der
Glaube die Gegenwart aus der Zukunft, und durch die Tugenden
der Vergangenheit werden die Fundamente der Gegenwart
gelegt. Der höchste Aspekt des Glaubens ist die Liebe. Der
Mensch, der sich selbst geringschätzt und alle Geschöpfe liebt,
hat keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft,
denn er lebt in der ewigen Gegenwart. Und wer in der ewigen
Gegenwart lebt, wird von Ewiger Liebe genährt, und so
verschmilzt sein Glaube mit den Feuern Ye-Shes, dessen Liebe
die ganze Welt erfüllt."
Ich öffnete die Augen. Meine letzten Worte klangen mir noch
in den Ohren. Mir war, als hörte ich wie durch einen Vorhang
die Stimme, die aus mir sprach und die doch nicht ich war. Ich
wußte die ganze Zeit über, daß nicht ich sprach, denn solch eine
Antwort hätte ich nie geben können. Der blauäugige Lama
schaute mich überrascht an, während der Hohepriester den Lama
anschaute.
Erst später erfuhr ich, wie wichtig diese Prüfung gewesen
war, besonders aber die letzte Frage. Auf die Frage des
Hohenpriesters hin gab der inspirierende Lama die richtige
Antwort, welche der Novize aufnehmen mußte. Der Große
Lama lächelte mir kaum wahrnehmbar zu.
„Mein Sohn! Mit deiner letzten Antwort hast du nicht nur
bewiesen, daß du unsere Gedankenbotschaften empfängst,
sondern auch, daß du in Verbindung mit deinem höchsten
Führer stehst. Dies ist eine große göttliche Gnade, und du darfst
nie aufhören, der Heiligen Weisheit dafür zu danken. Jetzt ziehe
dich in deine Zelle zurück. Ich werde dich rufen, wenn ich mit
deinen Gefährten fertig bin. Doch den Zeitpunkt mußt du selbst
erspüren."
-79-
Kapitel 4
-80-
übrigen Lamas und meine Gefährten hatten sich zurückgezogen.
„Komm her, mein Kind", winkte mir der Hohepriester, als
habe er gewußt, daß meine Hand genau in diesem Moment den
seidenen Vorhang am Eingang zurückzog.
Ich streckte ihm beide Arme entgegen und verbeugte mich
feierlich.
„Nachdem du deine geistigen Fähigkeiten erfolgreich unter
Beweis gestellt hast, werden jetzt deine Stärke und deine
Ausdauer geprüft. Doch zuerst werde ich untersuchen, ob du die
zukünftigen Proben überhaupt bestehen kannst. Komm näher."
Ich trat vor und blickte ihn ehrfurchtsvoll an. Der
Hohepriester stieg von seinem Thron herab und schaute mir
lange in die Augen. Dann winkte er dem blauäugigen Lama, der
mit einer Schilfrohrfeder und einer Papyrusrolle aus Khem in
den Händen auf dessen Wort wartete.
„Er wurde in einem Lug-Lo-Jahr geboren, als der Mond im
Bya stand", wandte sich der Hohepriester an Lhalu Lama,
nachdem er mich einige Augenblicke von Kopf bis Fuß
gemustert hatte. „Nach unserer alten Zeitrechnung schrieben wir
das Jahr 10750 nach der Großen Flut. Im Augenblick seiner
Geburt stieg der Stern Bod-Zla im Osten auf. Gemäß seinem
Geburtsmonat ist er hartnäckig, ausdauernd und oft stur wie sein
Symbol Lug-Lo oder Kiang. Wenn er fällt, steht er wieder auf.
Lug-Lo gibt ihm eine magnetische Persönlichkeit. Er wurde zur
Priesterschaft geboren. Er wird sich in seinem Leben nie durch
Mißerfolg oder Versagen entmutigen lassen, sondern - ohne sich
zu beklagen - weiterarbeiten. Er ist ein Mann der Arbeit und der
Pflicht, kein Führer. Er verfügt über große Selbstbeherrschung,
und sein Gedächtnis ist ausgeze ichnet, doch ist er schweigsam
und zurückhaltend. Du mußt bei seiner Ausbildung nicht
besonders streng sein, sondern ihn eher durch aufmunternde
Worte lenken."
Er machte eine kurze Pause, um dem Lama Zeit zu geben,
-81-
alles aufzuschreiben, während ich nicht wußte, was ich vor
Staunen tun sollte. Wie konnte der Ta-Lama das Jahr und den
Monat meiner Geburt wissen? Woher kannte er meinen
Charakter so gut?
„Der Stern der Zeit, der das Sternbild des Vogels Bya regiert,
verursacht große Spannungen in seiner Seele, und Migmar
macht ihn zum Krieger. Behandle ihn deshalb sanft, denn dann
wirst du ihn wie Wachs formen können. Seine größten
arvatischen Fehler sind seine Sturheit und sein Ehrgeiz. Darauf
mußt du achten. Sein Geburtsherrscher, sein Sakar, Bod-Zla als
Aszendent, bedeutet, daß er ein großer Mystiker werden wird.
Das erklärt, warum die göttliche Flamme bald in ihm auflodert
und seine Fähigkeit zum Phoimonda-Bewußtseinsflug sich rasch
entwickelt, was ihn zu einem unvergleichlichen Werkzeug
machen wird. Die Hauptbetonung liegt also auf den
Aussendungsübungen. Ihm ist Großes vorbestimmt. Er wird viel
für die Gemeinschaft und für die Verbesserung der
Lebensumstände des Volkes tun. Außerdem wird er einer
derjenigen sein, welcher das Wissen der Vergangenheit, der
Gegenwart und der Zukunft an die zukünftigen Generationen
weitergeben wird. Er wird ein guter Menschenkenner sein, ein
Mann, begabt mit großer Intuition und Voraussicht. Dies ist
ganz offensichtlich, denn seine Verbindung zu den anderen
Welten ist eng. Gemäß dem Stern der Zeit ist der größte
menschliche Fehler seines Arva seine Neigung zur
Maßlosigkeit. Deshalb mußt du ihn ständig unter geistiger
Kontrolle halten… Bist du immer gesund gewesen, mein Sohn?"
„Ja, Vater, ich war noch nie krank."
„Doch einmal hast du dein Knie schlimm verletzt, nicht
wahr?"
„Ja, das, das stimmt…", stotterte ich völlig überrumpelt.
„Schreibe, Lhalu… Gemäß dem Jahre Lug-Lo und dem Stern
der Zeit neigt er zu Verletzungen seiner unteren Extremitäten
-82-
und der Füße, doch auch zu Magen- und nervösen Leiden. Wenn
du Lungom-Übungen mit ihm machst, solltest du seine Knie
stärken. Sonst hat er eine gute Konstitution."
Er kam zu mir, befühlte meine Arme und Beine und meine
Brust. Dann strich er mit der Hand über meinen Schädel, trat
einen Schritt zur Seite und betrachtete mich länger.
„Seine Ohrmuschel ist tief und hat eine breite Höhlung, was
nach dem Bod- Zla-Zeichen auf ein lebendiges geistiges und
spirituelles Leben hinweist. Sein mittlerer Ohrlappen ist
entwickelt und bedeckt fast das ganze Ohr loch. Dies ist ein
entwicklungsgeschichtliches Merkmal der voratlantischen Zeit.
Zu jener Zeit verschlossen die Menschen beim Schlafen ihre
Ohren. Sie hatten keine Angst vor Angriffen der äußeren Welt,
denn sie glaubten, daß die Vorsehung selbst im Schlaf über sie
wachen würde. Seine Nase deutet auf große Willenskraft und
Ausdauer hin, sein Kinn verrät geistige Gewandtheit. Und jetzt
zeige mir deine Handflächen, mein Sohn."
Ich streckte dem Hohenpriester völlig verzaubert beide Hände
entgegen. Er warf nur einen kurzen Blick darauf und sagte dann
zu Lhalu Lama:
„Ich sehe auf seiner Arva-Linie, einen Fingerbreit unter der
Kopflinie, eine tiefe Verbindungslinie mit dem Feld des
Krieges. Das bedeutet, daß er im Alter von dreiundzwanzig
Jahren in Kriegszeiten in Schwierigkeiten geraten wird, doch
durch seine Geistesgegenwart wird er alle Gefahren bestehen.
Am Ende seiner Kopflinie befindet sich das Dreieck
magnetischer Kraft und auf der Fläche seiner Hand das gebeugte
Kreuz der Eingeweihten. Auf dem Zla-Hügel sehe ich eine
prophetische Insel und in der Mitte seiner Handfläche ein gut
ausgebildetes, ununterbrochenes kleines Dreieck der Weisheit.
Seine früheren Inkarnationen sind in seiner linken Hand
verzeichnet. Vor zweihundert Jahren lebte er achtzig Jahre lang
in Tazik-Yul. Hier fiel er auf dem Schlachtfeld, denn er hatte
seine wahre Berufung verfehlt. Vor vierhundert Jahren lebte er
-83-
neunzig Jahre lang als Einsiedler in Gyagar. Viel früher lebte er
zur Zeit König Kurigalzus hundert Jahre im assyrischen Reich,
doch dort verschrieb er sich der schwarzen Magie und fiel…
Und jetzt übergebe ich ihn deiner Obhut, Lhalu. Führe ihn zu
seiner Zelle und bereite ihn gut auf die schweren Prüfungen vor.
Und du, mein Kind, bete und erflehe die Hilfe der Ewigen
Weisheit."
Ich warf mich vor dem Großen Lama nieder und berührte den
Boden mit der Stirn. Seine ungeheure Weisheit betäubte mich,
ich hielt ihn beinahe für einen verkörperten Gott. Als er
aufstand, legte er mir die hagere Hand auf den Kopf und verließ
mich mit einem wohlwollenden Lächeln. Der Lama mit den
blauen Augen berührte mich an der Schulter und führte mich aus
der Halle. Wir gingen schweigend nebeneinander über den
dunklen Gang, der nur schwach vom flackernden Licht der
Opferlampen erhellt war. An einer Biegung des Ganges blieb er
stehen.
„Tonisa, auf Anweisung unseres Hohenpriesters übernehme
ich die Verantwortung für deine spirituelle Führung, denn wir
sehen, daß dir eine gute Zukunft bevorsteht. Von heute an
befindest du dich in meiner Obhut. Befolge deshalb in allen
Angelegenheiten den Rat deines älteren Bruders."
„Mein Herr", antwortete ich voller Ehrfurcht, „ich ordne mich
in allem eurem Willen unter. Habt nicht ihr mich gerettet, als ich
so ungeschickt über die Schwelle eures Klosters stolperte?"
„Halt ein!" rief er ablehnend und erhob die Hände. „Blicke
niemals zurück, Arau, immer nach vorn. Es würde mich sehr
treffen, solltest du die Prüfungen morgen nicht bestehen. Die
körperlichen Proben sind viel härter als die geistigen. Sei
hellwach und nimm all deine geistigen und körperlichen Kräfte
zusammen. Befolge diesen Rat: Wie schwer dir eine Aufgabe
auch scheinen mag, wähle immer die schwierigere Lösung, jene,
die dir am wenigsten gefällt. Dann wird die Stärke deines
Geistes die Schwäche deines Körpers überwinden, und du wirst
-84-
die Prüfungen der Einweihung erfolgreich bestehen. Ich darf dir
nicht sagen, was dich erwartet, so wie auch dein Geistiger
Führer dir nie in allen Einzelheiten offenbaren wird, was das
Leben noch für dich bereithält. Wenn Gott dies zulassen würde,
schräke der Sterbliche vor den Prüfungen zurück oder bereitete
sich so sehr auf sie vor, daß er seinen freien Willen, seine ihm
eigene Freiheit der Wahl zwischen Gut und Böse, nicht
einzusetzen wagte. Betrachte unser Kloster, als sei es die genaue
Wiedergabe der Königreiche des Himmels auf der Erde. Wie
oben, so unten! Vergiß dies nicht. Alles hier unten ist
symbolisch. Der Hohepriester und die Priesterin, die in den
höchsten Türmen des Klosters leben, repräsentieren die
höchsten himmlischen Führer. Der erste Stock steht für die
höheren geistigen Ebenen, auf die der Novize erst nach seiner
Einweihung gelangen kann. Das Erdgeschoß steht für die rohe
materielle Ebene, unsere Erde, und die Räume und Gänge
darunter für die Unterwelt, die Versuchungen und Prüfungen.
Bald mußt du dich in jenen dunklen Gewölben der Prüfung des
Wassers stellen, und danach, im Stockwerk darüber, der Prüfung
der Priesterin. Auf der höchsten Stufe deiner Einweihung folgen
dann die Prüfungen des Feuers und des Sarges. Mögen die
Himmel dir genug Kraft geben, sie zu bestehen, Arau."
Mein blauäugiger Lama nannte mich stets Arau, seinen
kleinen Gefährten, obwohl vertraute Anreden im Kloster nicht
üblich waren. Ich hörte nie wieder, daß ein Lama einen Novizen
in solch offener, inniger Form ansprach. Dieser Unterschied
erfreute mich außerordentlich, und ich schrieb ihn den seltsamen
Umständen unserer ersten Begegnung und unserer geistigen
Verbindung vom ersten Augenblick an zu. Es schien mir, als
kenne ich sein freundliches Gesicht seit undenklichen Zeiten…
„Ich nehme deinen Rat dankbar an, Aku", antwortete ich, als
wir meine Zelle erreichten. „Durch deine freundlichen Worte
und durch Gottes Willen werde ich es schon irgendwie schaffen,
die Prüfungen zu bestehen, nachdem ich schon so weit
-85-
gekommen bin."
„Jetzt werde ich dich verlassen, Bruder. Heute abend werden
deine Gefährten ihre Prüfungen ebenfalls abgelegt haben, so daß
ihr in dem kleinen Speiseraum im Erdgeschoß gemeinsam zu
Abend essen könnt. Später wird sich der Kharpon auf
Anweisung des Hohenpriesters über eure Familien, eure
Abstammung, die Situation eurer Eltern, Brüder und Schwestern
und die eurer Anverwandten erkundigen. Ihre Namen werden
unter den eurigen - den deinen habe ich schon hineingeschrieben
- im Großen Buche des Klosters vermerkt. Vielleicht fandest du
es merkwürdig, daß der Hohepriester mir deinen Charakter und
die wichtigen Wendepunkte deines Schicksals diktierte, doch
auch dies war eine Prüfung. Der Ta- Lama beobachtet jede
Bewegung eines Novizen, wenn er ihm schwerwiegende
Ereignisse seines späteren Lebens offenbart. Aus dem
Gesichtsausdruck des Schülers liest der Hohepriester, ob seine
Seele stark genug ist. Und jetzt höre mir zu. Nach dem
Abendessen werdet ihr euch alle in eure Zellen zurückziehen
und dort zwei Tage lang fasten. Während dieser Zeit darfst du
nur beten und meditieren. Es ist dir sogar verboten, das Innere
deiner Zelle zu untersuchen. Für ihn, der im Geiste lebt und sich
nach innen wendet, darf die Außenwelt nicht mehr existieren.
Achte darauf, denn während der Prüfungen wirst du
möglicherweise plötzlich gefragt, wie hoch deine Zelle ist und
wieviel Meter sie mißt, und wenn du diese Frage gut
beantwortest, bist du durchgefallen. In zwei Tagen komme ich
wieder."
An diesem Abend speiste ich mit meinen Kameraden. Unser
einfaches Mahl bestand aus Gerstenbrei, Ziegenkäse und
Buttertee. Ich freute mich, daß alle ihre Prüfungen bestanden
hatten, obwohl einer von ihnen nur auf Grund seiner
körperlichen Stärke weitermachen durfte. Der Kharpon, der mit
uns aß, befragte uns nach unseren Familienumständen, damit
dies alles unter unseren Namen im dicken Buch des Klosters
-86-
verzeichnet werden konnte.
Ich verbrachte zwei Nächte und zwei Tage fastend in der
Einsamkeit meiner Zelle. Von meinem früheren Meister hatte
ich viel über die Nützlichkeit des überwachten Fastens gehört,
denn darin zeigt sich die Herrschaft des Geistes über den
Körper. Wann immer wir mit den höheren Mächten in
Verbindung treten wollen, wird uns das Fasten guttun, da die
Unterdrückung der Körperkräfte die Seele des Menschen auf die
Astralebene hebt und sie hochempfindlich für Einflüsse der
anderen Seite macht. Besonders bei Neumond oder Vollmond
kann man nach einem Fastentag das Zweite Gesicht oder die
Verbindung mit den Höheren Führern üben, doch stets nur unter
der Aufsicht eines Lehrers. Denn das Fasten öffnet besonders
dem Einfluß niederer Geister Tür und Tor, weshalb man ständig
beten sollte, um den Versuchungen widerstehen zu können, die
uns bei solchen Gelegenheiten mit fast unwiderstehlicher Kraft
überrollen.
Unser langes Fasten diente wahrscheinlich dem Zweck,
Körper und Seele für die Prüfungen abzuhärten. Es mag seltsam
klingen, wenn ich sage, daß ein bißchen Hunger vor großen
körperlichen Anstrengungen gut tut, obwohl der gewöhnliche
Mensch zuerst sein Mahl einnimmt, bevor er sich zu einer Tat
entschließt. Wie die Soldaten aus Gyanak, wenn sie in den Krieg
ziehen. Ich machte jedoch während unserer Karawanenreisen oft
die Erfahrung, daß ich die langen Märsche - wenn wir wegen
eines Schneesturms gezwungen waren, in den Zelten zu bleiben
und uns die Nahrung ausging - nach ein paar Tagen des Fastens
besser ertrug. Natürlich kam das Hungergefühl zum Zeitpunkt
der Mahlzeit zurück, doch verging es rasch wieder. Das beste
Mittel gegen Hunger ist, nicht an seinen Magen zu denken. Mir
ging es zu meinem eigenen Erstaunen bei solchen Gelegenheiten
so, daß ich viel weiter gehen konnte, als wenn ich meine Portion
gegessen hatte.
Vater Ram-Chen hatte mir außerdem gesagt, daß Fasten das
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Leben eines Menschen verlängert, da es die giftigen Substanzen
aus seinem Körper entfernt.
Deshalb litt ich nicht an diesen beiden Fastentagen. Meist
versenkte ich mich tagsüber in tiefe Gebete, und nachts fiel ich
in einen gesunden Schlaf. Am zweiten Tage träumte ich im
Morgengrauen, daß ich in der sonnenhellen Tempelhalle stand
und der Hohepriester mich gerade einweihte. Ich sah mich als
glücklichen jungen Lama, der alle Prüfungen bestanden hatte.
Als ich mich von meinem kalten Steinbett erhob, war ich sehr
traurig, daß dies alles nur ein Traum gewesen war. Ich war nicht
in der Stimmung zu einer ernsthaften Meditation. Deshalb ging
ich tief atmend in meiner Zelle auf und ab, denn es war sehr
kalt. Als ich mich der Tür näherte, sah ich plötzlich ein
steinernes Becken und einen großen, mit Wasser gefüllten Krug
nahe der Schwelle. Ich überlegte, wer diese Dinge wohl dorthin
gestellt haben mochte, und zu welcher Zeit. Mir fielen nur die
Dienstlamas ein. Ich steckte meinen Kopf in das kalte Wasser
und fühlte mich augenblicklich so erfrischt, daß ich die Kälte
nicht mehr so sehr spürte.
In der dritten Stunde des Tages erschien Lhalu Lama in
meiner Zellentür. „Mach dich bereit, Bruder! Deine zweite
Prüfung naht! Folge mir und sammle Mut."
Schweigend warf ich mein Gewand über und lief hinter ihm
den dunklen Gang entlang.
„Du mußt wachsam sein!" sagte er. „Der Ort, an den wir uns
jetzt begeben, symbolisiert die Unterwelt. Ich bringe dich zur
Felsenhöhle unterhalb des Klosters, doch dort muß ich dich
verlassen. Eines darf ich dir offenbaren. Diesmal mußt du nicht
gegen Verführungen, sondern gegen deinen eigenen Körper
kämpfen, der alles in seiner Macht Stehende unternehmen wird,
um Schmerz und Leid zu vermeiden. Denk dann an meine
Worte und wähle immer den schwierigeren Weg. Jetzt gebe ich
dir die Regel für diese Einweihung. Sie besteht aus nur fünf
Geboten, doch diese werden dir bei allem helfen: Glaube! Sei
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weise! Sei mutig! Sei willensstark! Schweige! - Wiederhole das,
Arau."
„Glaube! Sei weise! Sei mutig! Sei willensstark! Schweige!"
flüsterte ich. „Was bedeutet das, Vater?"
„Es ist der Weg der Einweihung. Wenn du den pfeilschnellen
Pfad wanderst und ein Leben voller Entsagungen führst, um die
Geheimnisse des Göttlichen zu ergründen, mußt du zuerst
einmal glauben. Nur durch unerschütterlichen Glauben wird dir
die Weisheit des Himmels und damit ein greifbarer Beweis
geschenkt. Vereint mit Weisheit kann dein Glaube den
göttlichen Funken deines Geistes in Brand setzen. Derjenige, der
glaubt, läßt sich durch nichts in der Welt schrecken. Denn in
ihm lebt das sichere Wissen, daß dieses Schattenleben auf der
Erde nur aus einer Reihe von Prüfungen und Anfechtungen
besteht. Nichts geschieht gegen Gottes Willen, und das kann nur
gut sein für den Menschen. Daher kennt ein Eingeweihter keine
Angst und ist mutig. Mut ist andererseits gleichbedeutend mit
dem Willen. Wenn du mutig bist, bist du beherzt und verfügst
über Willenskraft. Hast du diese Ebene erreicht, dann wirst du
denken, daß das letzte Gebot, das Gebot des Schweigens, am
einfachsten zu befolgen ist. Doch hier versagen die meisten
Eingeweihten."
„Warum, Meister?" fragte ich erstaunt. „Ist es denn nicht am
leichtesten, still zu sein? "
„Das glaubst du nur. Weißt du, was Schweigen bedeutet? Es
bedeutet nicht, wie du meinen könntest, Rückzug oder
Einsamkeit im irdischen Sinne. Wenn du solche Kräfte besitzt,
daß die Menschen dir huldigen würden, und diese vor ihnen
verbirgst, wenn du die Botschaften von der anderen Seite und
deine wunderbaren spirituellen Erfahrungen für dich behältst,
dann bestehst du eine der schwersten Prüfungen dieser Welt,
denn so wird dein Ehrgeiz vernichtet. Und wiederum - wenn du
dein Wissen verschweigst, wenn du deine inneren Erfahrungen
mit niemandem teilst außer deinem geistigen Führer - bist du
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dann besser als irgendein armer alter Nachbar aus deinem Dorf?
Halte also die Fünf Gebote, dann wirst du dich von manchem
Übel befreien."
Er öffnete eine schwere Steintür und führte mich in ein
dunkles Treppenhaus, welches nur hie und da von schwachen
kleinen Lampen erhellt war. Wir stiege n langsam und vorsichtig
zwischen tropfnassen Felsen immer tiefer hinab, und immer
schwerer ging unser Atem. Die Stufen wanden sich in endlose
Tiefen. Wir mußten uns mindestens zwanzig Meter unter dem
Kloster befinden. Dieser enge Gang, in dessen zerklüfteten
Boden grobe Stufen gehauen waren, schien offensichtlich der
Weg zu einer unterirdischen Höhle zu sein. Nach der letzten
Kurve verlosch auch noch der letzte Lichtschein, und immer
noch kletterten wir einen Tunnel hinab, so niedrig und eng, daß
wir gebückt gehen mußten, wobei unsere Schultern in tiefster
Dunkelheit immer wieder gegen die Felswände stießen. Ich
keuchte und fühlte mich plötzlich schwach, wagte aber nicht,
meinen Führer anzusprechen.
„Da sind wir", sagte Lhalu Lama, der auf der letzten Stufe
unter mir stand. Ich blickte nach oben. Das schwache Licht der
Öllampe flimmerte wie ein winziger Stern über mir. Ich hörte
ein Quietschen, als ob sich ein Fels in einer Angel drehte, und
spürte, daß mein Führer noch tiefer abwärtsstieg. „Ich habe eine
Felstür geöffnet," sagte er. „Du wirst hindurchsteigen. Dann
schließe ich die Öffnung wieder und gehe zurück. Das bedeutet,
daß du nicht denselben Weg zurückgehen kannst. Geh jetzt,
Arau, und mögen die Himmel deine Schritte lenken! Glaube!
Und vertraue!"
Ich tastete mich nach unten, um durch die Öffnung zu
klettern. Zuerst stieß ich mir den Kopf an der geöffneten Felstür.
Doch dann fand ich den Einstieg, bückte mich und kroch
hindurch. Geräuschlos schloß sich die Felswand hinter mir.
Das Loch war dunkel wie ein Grab. Ich versuchte, aufrecht zu
stehen, stieß mir jedoch den Schädel an der Decke, die etwa
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einen Kopf niedriger war als mein Körper. Stolpernd wankte ich
über den zerklüfteten Boden, der immer noch abwärts führte.
Das Unangenehmste von allem war, daß ich nicht wußte, was
mich erwartete. Was, wenn sich der Boden plötzlich vor mir
auftat und ich in einen Abgrund stürzte oder einen
unterirdischen See? Solche Gedanken gingen mir durch den
Kopf, obwohl ich mir in diesem stockdunklen Tunnel eine
Wasserprüfung kaum vorstellen konnte, denn hier gab es
überhaupt keine Feuchtigkeit. Nicht einmal der Fels war naß!
Die Decke wurde immer niedriger, so daß ich schließlich auf
allen Vieren kriechen mußte.
So zwängte ich mich vorsichtig und unter großen Schmerzen
durch den kurvigen Tunnel, der so eng und niedrig wurde, daß
es mir schien, als krieche ich in einem langen Sarg vorwärts, der
nie ein Ende nehmen würde. Nach wenigen Schritten verengte
er sich zu einer Röhre, durch die ich mich Zentimeter um
Zentimeter, wie eine Schlange auf dem Bauche liegend, mit den
Ellenbogen vorwärtsschob. Ich hatte keine Angst, doch mir
schwante Schlimmes. Was, wenn ich den Weg in der Dunkelheit
verfehlt hatte und in eine Sackgasse kroch? Nie würde ich es
schaffen, rückwärts wieder hinaus zurobben… Jetzt steckte ich
fest! Ich kam keinen Millimeter mehr vorwärts. Ich rief den
Himmel um Hilfe an, biß die Zähne zusammen und preßte mich
durch die enge Öffnung. „Sei mutig!" Lhalu Lamas Worte
kamen mir in den Sinn. „Sei mutig und willensstark!" Erleichtert
stellte ich fest, daß sich die dunkle Röhre wieder zu weiten
schien. Ich konnte auf Händen und Knien kriechen. Plötzlich sah
ich vor mir einen schwachen Lichtschein, und meine Kraft
kehrte zurück. Der Weg wurde so geräumig, daß ich aufstehen
und aufrecht gehen konnte. Ich lief ein paar Schritte vorwärts
und atmete vor Freude tief durch. Auf einmal wurde mein
Körper stocksteif. Ich erstarrte! Mein rechter Fuß tastete ins
Leere. Der unterirdische Weg schien hier zu Ende zu sein…
Von oben drang ein schwacher Lichtschein, so daß die Höhle
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im Halbdunkel lag. Mit beiden Armen klammerte ich mich an
die rauhen Felswände und zog das Bein langsam wieder zurück.
Meine Augen gewöhnten sich allmählich an das Licht, und ich
sah mich um. Verblüfft erkannte ich, daß der Tunnel, durch den
ich bis hierher gekommen war, an diesem Abgrund endete und
auf der anderen Seite weiterführte. Rechts und links ragten
glatte Felswände auf, nirgendwo war ein schmaler Vorsprung,
über den ich hätte auf die andere Seite klettern können. Ich legte
mich flach auf den Boden und spähte angestrengt in die Tiefe.
Etwa zwei Meter unter mir sah ich glitzerndes Wasser. Ich hob
den Kopf. Vielleicht konnte ich über den Abgrund springen?
Doch bald erkannte ich, daß diese Hoffnung vergeblich war.
Wenigstens vier Meter trennten mich vom gegenüberliegenden
Rand. Und selbst wenn es mir gelänge, in das Wasser
hinunterzuklettern - obwohl ich nirgends Vorsprünge oder
Vertiefungen entdecken konnte wie sollte ich die
gegenüberliegende glatte Felswand erklimmen, die sich
mindestens zweieinhalb Meter über dem Wasser erhob, um den
Weg auf der anderen Seite zu erreichen?
Was war zu tun? Wenn ich ins Wasser sprang, mußte ich so
lang im Kreis herumschwimmen, bis ich vor Erschöpfung
ertrinken würde, denn es gab keine Möglichkeit, wieder
herauszuge langen. Ich hatte mit Prüfungen gerechnet, doch dies
hier ging über mein Verständnis. Ich spürte, daß ich schnell eine
Lösung finden mußte, sonst würde mich die Verzweiflung
überwältigen. So zermarterte ich mir voller Sorge das Hirn und
wischte mir ab und zu den Schweiß von der Stirn. Plötzlich
vernahm ich eine Stimme in mir, als habe ein ferner Schrei die
Todesstille durchdrungen: „Vertraue! Vertraue! Sei mutig und
handle!" Ich spähte angestrengt in die Dunkelheit, doch im
nächsten Augenblick senkte sich die Stille wieder über mich,
und meine Gedanken überschlugen sich. Ich hatte Vertrauen und
auch genug Mut zum Handeln, doch das bedeutete den sicheren
Tod… Was sollte ich tun? Ich versuchte, meinen Geist leer zu
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machen, um eine Eingebung zu empfangen. Warum hatte ich
nicht schon früher daran gedacht? Schon schoß mir Vater Ram-
Chens Anweisung für solche Situationen durch den Kopf:
„Wann immer du dich in Lebensgefahr befindest, Sohn, und
keinen Ausweg siehst, zieh dich für kurze Zeit in dich selbst
zurück. Bringe dich in einen Zustand tiefen Friedens und stiller
Ruhe. Bitte Gott mit einem kurzen, starken Gebet um Hilfe, daß
Er dir einen Ausweg zeigen möge. Warte eine Weile. Handle
dann nach dem ersten Gedanken, der dir in den Sinn kommt."
Genau das tat ich. Als ich mich beruhigt hatte, betete ich und
wartete. „Zögere nicht, springe!" war mein erster Gedanke, und
im nächsten Augenblick warf ich mich in Umhang und Sandalen
über den Abgrund. Mit lautem Klatschen stürzte ich ins Wasser,
doch dann staunte ich. Meine Füße ertasteten Grund, und als ich
mich aufrichtete, reichte mir das Wasser kaum bis zur Brust. Sei
mutig! Dies war also die Erprobung meines Mutes! Wie recht
hatten doch der blauäugige Lama und Vater Ram-Chen, als sie
sagten, daß wir selbst in der gefährlichsten Situation ohne
nachzudenken handeln müssen, wenn uns die Pflicht ruft. Meine
Angst war größer gewesen als die tatsächliche Gefahr. Ich
kämpfte mich so schnell wie möglich durch das kalte Wasser,
erreichte die andere Seite - und verlor den Mut. Ich sah keine
Vorsprünge in der glatten Felswand, an die ich mich hätte
klammern können. Das heißt, ich sah schon welche, doch die
befanden sich gut einen Meter über meinem Kopf. So sehr ich
mich auch bemühte, schaffte ich es doch nicht, aus dem Wasser
heraus so hoch zu springen. Wieder nahten die Gespenster der
Verzweiflung, doch ich nahm alle Kraft zusammen, und es
gelang mir, sie zu vertreiben. Ich entschloß mich, nicht mehr
nachzudenken, sondern den Eingebungen meines Instinktes zu
folgen. Langsam tastete ich mich an der steilen Felswand
entlang und suchte nach Vorsprüngen. Dreimal hatte ich es
vergeblich versucht - da kam mir plötzlich eine Idee: Ich tauchte
meinen Arm ins Wasser, befühlte den schlüpfrigen Felsen und
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fand augenblicklich eine Vertiefung, die sich in gerader Linie
mit den oberen Vorsprüngen befand. Über diese Entdeckung
freute ich mich so sehr, daß ich keine Zeit verlor, meinen Fuß in
die Vertiefung setzte und mich nach oben schnellte, um den
oberen Vorsprung zu erreichen. Ich hatte es jedoch so eilig
gehabt, aus dem Wasser herauszukommen, daß meine Hand ins
Leere griff und ich mit lautem Klatschen rückwärts ins Wasser
stürzte. Wasser spuckend rappelte ich mich wieder auf die Füße,
doch alle Kräfte hatten mich verlassen, so daß ich eine kurze
Verschnaufpause einlegte. Dann riß ich mich zusammen und
versuchte mich ein zweites Mal an der schwierigen Aufgabe.
Diesmal gelang es mir sofort. Ich ergriff den Vorsprung mit
beiden Händen und zog mich daran hoch. Wenn ich jetzt nicht
einen weiteren, höher gelegenen Halt für meine Füße fand,
würde ich sicher wieder ins Wasser fallen, denn so stark ich
auch war, konnte ich mich unmöglich nur an den Händen
hängend weiter hinaufziehen. Da erblickte ich plötzlich einen
halben Meter über mir eine weitere Vertiefung im Felsen. In
dieser unmöglichen Lage zwischen dem Wasser und dem neuen
Tunnel verstand ich plötzlich alles. Ich sah, daß die neue Röhre
nicht natürlich, sondern von Menschenhand in den Stein
gehauen war. Das Wasser stellte den Mut des Novizen auf die
Probe, außerdem die Stärke und Ausdauer seiner Arme. Ein
Jugendlicher mit schwächlichem Körper wäre nie so weit
gekommen. Ich hing immer noch an der linken Hand, griff mit
der Rechten nach oben und krallte mich in die neue Vertiefung.
Dann griff ich mit der Linken ebenfalls hinauf und schaffte es
leicht, mich ganz hochzuziehen. Für meine Füße fand ich auf
den tiefergelegenen Vorsprüngen Halt. Im nächsten Augenblick
schob ich mich keuchend über die Kante.
Eine Weile ruhte ich aus und dankte dem Himmel für seine
Hilfe. Doch lag ich nicht lange untätig auf dem Boden, stand auf
und begab mich in den neuen Höhlenweg. Hier herrschte wieder
Dunkelheit, doch ich mußte wenigstens nicht kriechen oder
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robben, sondern tastete mich aufrecht vorwärts. Nach langer
Zeit schien es heller zu werden. Eine letzte Kurve, und ich stand
in einer großen Höhle, die von einer Bronzelampe erhellt wurde.
Als ob er mich erwartet hätte, trat ein alter Lama auf mich zu.
„Ich freue mich, daß du es bis hie rher geschafft hast", sagte er
mit tiefer, klangvoller Stimme. „Doch dies war nur der erste Teil
der Wasserprüfung. Möchtest du dich ausruhen, oder hast du
andere Wünsche?"
Ich dachte an das Gebot des Schweigens und schüttelte nur
den Kopf. Der Lama winkte mich zu sich.
„Lege deine Kleider ab, Gegnien. Die nächste Höhle darfst du
nur nackt betreten. Dort erwartet dich die eigentliche Prüfung.
Du wirst gleichzeitig schwitzen und frieren. Und denke an
meine Worte: Gehe immer in den Teil der Höhle, in dem du dich
am unbehaglichsten fühlst, dorthin, wo du leidest. Ich sage dir
nicht, was du zu tun hast, denn das mußt du allein herausfinden.
Wenn du immer das tust, wogegen sich dein Körper sträubt, und
wenn du stets wachsam bist, wirst du die Probe bestehen. Geh
jetzt und wappne dich!"
Er drückte gegen einen schweren Hebel in der Wand, worauf
ein riesiger Felsbrocken, der den Weg versperrt hatte,
kreischend zur Seite glitt, und ich ging wieder in die Dunkelheit
hinein. Ein kalter Schauder rann mir das Rückgrat hinunter, als
ich hörte, wie der Felsbrocken hinter mir mit einem Knall
zuschlug. Ich konnte nicht weiter als fünf Schritte
vorwärtsgestolpert sein, als meine ausgestreckte Hand gegen
eine nachgiebige, weiche und doch harte Wand stieß. Ich
befühlte sie mit me inen Fingerspitzen und erkannte bald, daß es
sich um einen dicken Ledervorhang handelte. Ich fand die
Öffnung, schlüpfte hindurch und traf auf einen weiteren
Vorhang. Ich erwartete, ein neues Wasserloch oder einen
Abgrund vorzufinden, doch als es mir gelungen war, auch den
zweiten Vorhang beiseitezuschieben, schlug mir statt dessen
eine fürchterliche Hitze entgegen. Ich stolperte in eine riesige
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Höhle, in deren Halbdunkel spiralige Dampfwolken zischten
und die Luft mit heißem Qualm erfüllten. Die Ziegel, die den
Boden hier bedeckten, brannten auf meinen nackten Fußsohlen.
Nach dem schwachen Lichtschein zu urteilen, mußten irgendwo
oben ein oder zwei Öllampen stehen, doch diese vermochten
den dichten Nebel kaum zu durchdringen. Keuchend tat ich ein
paar unsichere Schritte nach vorn. Mir war, als sei ich in der
Unterwelt. Der heiße Dampf biß und versengte meine Haut und
ich machte unwillkürlich einen Satz nach links, wo die Luft
klarer zu sein schien, denn seltsamerweise verteilte sich der
Dampf nicht gleichmäßig in der Höhle. Auf der rechten Seite
war er undurchdringlich dicht, während er hier, wo ich stand,
erträglicher schien. Plötzlich schossen mir die Worte des alten
Lamas durch den Sinn, immer das zu tun, was mir nicht gefiel
und wogegen sich mein Körper sträubte. Nun gab es nichts, was
meinem Körper mehr mißfiel, als sich dem dichten, dampfenden
Qualm zu nähern. Doch ich hatte mich schon entschlossen und
sprang mit gesenktem Kopf genau dorthin, wo mir der Dampf
am undurchdringlichsten schien. Es war wie in der Hölle, dem
furchtbarsten Ort der Unterwelt! Der Dampf verbrannte meine
Haut so schlimm, daß ich glaubte, bei lebendigem Leibe gekocht
zu werden. Ich tanzte von einem Fuß auf den anderen, denn die
Ziegel versengten meine Sohlen, und focht einen verzweifelten
Kampf gegen meine Fluchtgedanken. Doch wie lange sollte ich
ausharren? Das war die Frage! Wie lange mußte ich hier leiden?
Das hatte der Lama nicht gesagt. Ich hatte kaltes Wasser
erwartet und war ins Feuer geraten, obwohl der Dampf hier
natürlich in Wirklichkeit auch Wasser war, nur eben in seinem
gasförmigen Zustand.
Wie sollte ich hier meinen Geist leer machen und mich
konzentrieren? Für solch eine Lage kannte ich keine Regel.
Doch plötzlich stieg das Bild meines alten Meisters vor mir auf,
und mir fiel eine bestimmte Begebenheit ein. Als er bemerkt
hatte, daß ich durch die anstrengenden Sitzübungen fast
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zusammengebrochen war, hatte er mich gerügt. Er verlangte von
mir, daß ich mit unter mir gekreuzten Beinen oft viele Stunden
lang auf dem Felsboden saß, bis meine Knie völlig taub waren.
Doch das Schlimmste bei dieser Übung bestand darin, daß ich
auf ein bestimmtes Zeichen hin augenblicklich aufspringen
mußte. Wenn gekreuzte Beine erst einmal taub geworden sind,
dann verursachen sie große Schmerzen, selbst wenn man
langsam aufsteht. Doch aufspringen? Nach der ersten
Springübung war ich auf dem Boden zusammengebrochen.
Daraufhin hatte mir Ram-Chen Lama gesagt: „Wenn du in
Schwierigkeiten bist, mein Sohn, und dich die Wellen des
Schmerzes zu Boden zwingen, dann kannst du nur eines tun:
Beiß die Zähne zusammen und ertrage es oder sterbe lieber, als
gegen moralische Regeln zu verstoßen und davonzukommen.
Wenn du dich beherrschen kannst und alles erträgst, wird dein
Leiden plötzlich abnehmen, und du wirst augenblicklich
Erleichterung spüren."
Mir blieb gar nichts anderes übrig. Ich biß die Zähne
zusammen und richtete mich nach dem Gebot meines einstigen
Lehrers und nach dem des alten Lamas, der mir empfohlen
hatte, mich stets in dem Teil der Höhle aufzuhalten, in dem es
mir am wenigsten gefiel, und so ertrug ich weiterhin die
schlimmen Schmerzen. Mein Körper war krebsrot, und ich
vermochte kaum zu atmen, und dennoch widerstand ich dem
verzweifelten Drang, in die hintere Ecke zu flüchten, in der die
Luft klarer war. „Sie können sowieso nicht überprüfen",
wisperte ein Teil meiner selbst, „in welchem Teil der Höhle du
stehst. Warum sollst du in der Hitze leiden?" Doch ich
überwand diese Versuchung, denn blitzartig wurde mir klar, daß
ich gegen mein Gewissen hand eln würde, befolgte ich das Gebot
nicht ganz genau.
„Novize!" ertönte plötzlich eine Stimme hinter dem Qualm.
Mit einem Satz sprang ich aus der Hitze in die linke Ecke der
Höhle, wo zu meiner großen Überraschung mein Hoherpriester
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und der alte Lama auf mich warteten. Beide trugen dünne weiße
Gewänder.
Der Große Lama stand vor einem großen hölzernen mit
Wasser gefüllten Bottich, über den er beide Arme streckte. Als
ich zu ihm trat, betete er, ohne mich anzusehen:
„Die Macht verließ den Menschen und kehrte in die Himmel
zurück, denn er war ihrer nicht mehr würdig. Er kann nicht vom
Ertrag seiner Felder leben, wenn das Wasser der Himmel die
Pflanzen nicht erfrischt. Dies Wasser benötigt auch die Seele
des Menschen. Aus diesem Grunde bitte ich dich, Allmächtige
Weisheit, spende uns einen Tropfen deiner selbst und gib, daß
dies Wasser, welches ich in deinem Namen heilige, nun auch
jenem diene, der zur Prüfung darin untertaucht."
Mit diesen Worten blickte er mich an, drehte sich um und
verließ die Höhle. Der alte Lama kam zu mir und deutete auf
den Bottich. „Siehe, dies ist das Wasser des ewigen Lebens.
Tauche darin unter, oh Novize! Dies Wasser ist Symbol für
deine Fähigkeit, dich der Erde zu entziehen, denn von nun an
darf nicht ein einziges Stäubchen an dir haften. Verlasse dieses
Wasser, ohne daß ein Tropfen deine Haut netzt. Dies ist eine
Prüfung deiner Willenskraft. Hast du wirklich an der Stelle des
heißestens Dampfes ausgehalten? Wenn er nicht in all deine
Poren gedrungen ist, wirst du dieses Wasser nicht mit trockener
Haut verlassen können. Ich warne dich! In diesem Fall würdest
du deine Willenskraft umsonst bemühen, du würdest trotzdem
nicht bestehen!"
Erst jetzt dämmerte mir die Bedeutung dieser neuen Prüfung.
Ich kümmerte mich nicht mehr darum, daß mein Körper von der
Hitze nahezu gekocht schien, obwohl mir nicht klar war, wie ich
mit trockener Haut aus dem Wasser steigen sollte. Ich kletterte
hinein und versank bis zum Hals in Eiseskälte.
„Du mußt so lange darin bleiben", sagte der Lama, „bis du das
Gebet der Reinigung laut gesprochen hast. Konzentriere dich
-98-
danach auf Feuer und leere deinen Geist. Steige daraufhin ganz
langsam aus dem Wasser."
„Wieder eine Prüfung", dachte ich zitternd. Da wir hier noch
keine Gebete gelernt hatten, würde jeder Schüler Scha nde über
seinen Meister bringen, wenn er ihn die wichtigsten Gebete
nicht gelehrt hatte. Mein Instinkt sagte mir, daß das Geheimnis,
mit trockener Haut aus dem Bottich zu steigen, mit der Zeit
zusammenhängen mußte, die man für die Rezitation des
besagten Gebetes brauchte. Ich mußte mich nicht lange
besinnen, schon sprach ich leise die Sätze, die mich Ram-Chen
Lama gelehrt hatte:
„Heilige Weisheit! Reinige Du meine Seele vom Unrat der
Sinne und meinen Körper von allem irdischen Schmutz, der an
ihm haften mag. Bade mich im Wasser des ewigen Lebens, auf
daß meine schweren, verschmutzten Flügel wieder frei werden
und ich mich in himmlische Höhen schwingen kann, wo du auf
deinem Thron sitzest. Verlängere meine kurzen Flügel, welche
die Vielzahl meiner Sünden stutzten. Lange bin ich wie ein
Vogel mit erschlafften Schwingen auf dieser Erde
umhergezogen. Ihre herrlichen Farben lockten mich aus
schwindelnder Höhe hinab, obwohl ich hätte wissen müssen,
daß dies meinem Geiste nicht entspricht! So fiel ich,
verwandelte mich vom Zugvogel in den gefallenen Adler, und
als der Schmutz der Erde mich festhielt, vermochte ich nicht
mehr aufzusteigen und mit meinen Brüdern zu schweben. Herr,
hab Mitleid mit mir! Vergib mir meine Sünden, damit ich zu dir
fliegen kann. Offenbare mir den glücklichen Weg meiner
Brüder, die schon beim Nest der Ahnen angekommen sind,
welches ich einst in blinder Betörung verließ. Reinige deinen
gefangenen Vogel vom Unrat der Welt, wasche sanft seine
Federn und bade seine Schwingen im Wasser des ewigen
Lebens, auf daß sie rasch trocknen und er - schnell wie ein Pfeil
- in dein himmlisches Reich fliegen kann. Heilige Weisheit,
Herr über alle Nester und liebevoller Führer der Zugvögel,
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suche deinen verlorenen Adler und mache seine Schwingen
wieder leicht und stark. Ich glaube an dich!"
Nach den letzten Worten, mit welchen wir jedes Gebet
beenden, versuchte ich mich aus dem Wasser zu erheben, doch
ich war so schwach, daß ich mich mit beiden Händen am Rande
des Bottichs festklammern mußte. Nach den Anweisungen des
alten Lamas konzentrierte ich mich auf flammendes Feuer und
stellte mir lebhaft vor, daß ich immer noch in den Dampfwolken
stünde, aus denen hohe Flammen loderten. Dann machte ich
meinen Geist leer und stand langsam auf. Erstaunt sah ich, daß
nur ein oder zwei Wassertropfen auf meinen Armen glitzerten.
Langsam hiefte ich mich über den Rand und sprang auf die
Füße. Ich schüttelte mich, worauf auch die letzten Tropfen zu
Boden fielen. All dies nahm ich höchst erstaunt zur Kenntnis.
Der Lama trat zu mir und untersuchte mich. Er strich über
meine Arme und Beine. Dann lächelte er und bedeutete mir, ihm
zu folgen.
„Mögen die Himmel dir auch weiterhin beistehen, mein Kind!
Ich sehe, daß du einen fähigen Meister hattest und daß du dich
auf diese Prüfungen gut vorbereitet hast. Die Kraft des Geistes
steht über allem! Vergiß das nie. Du kannst alles erreichen,
wenn deine Geisteskraft die Kraft deines Körpers übertrifft.
Fühlst du dich schwach?"
Ich hätte am liebsten geschrien, daß ich völlig am Ende sei,
denn alles um mich drehte sich, doch ich schwieg und schüttelte
nur den Kopf. Ich atmete lang und tief, um zu mir zu kommen.
„In Ordnung, mein Kind", sagte der Lama und zog die
ledernen Bahnen des dicken Vorhanges, welcher den hinteren
Teil der Höhle verschloß, beiseite. „Ich sehe, daß du stark bist
und das Gebot des Schweigens nicht gebrochen hast. Komm
hier herein, dein Führer erwartet dich bereits. Mit ihm kannst du
frei reden, denn das Verbot gilt nur bei Fremden. Geh jetzt,
Sohn, und bete, daß deine Gefährten so stark wie du sein mögen
-100-
und die Wasserprüfung bestehen."
Ich schlüpfte durch den schweren Vorhang, der von den
Dämpfen ganz glitschig war, und fand mich in einem kleinen
viereckigen Vorzimmer. Dort stand Lhalu Lama und kam auf
mich zu. Er hatte mein Hemd und meinen braunen Umhang über
dem Arm. Als ich eintrat, reichte er mir die Kleidungsstücke.
„Wie hat dir der Dampf gefallen, Arau?" fragte er lächelnd.
„Ich freue mich, daß du mit dem Wasser zurechtgekommen bist.
Setze dich jetzt neben mich auf den Strohteppich und ruhe dich
aus. Ich werde dich inzwischen über die praktischen Vorteile der
Wasserprüfung aufklären. Wie du vielleicht herausgefunden
hast, symbolisiert sie die erste körperliche Erprobung, die ein
Sterblicher bestehen muß, wenn er sich entscheidet, dem
pfeilschnellen Pfad zu folgen. Denn wisse, mein Freund, daß die
Kräfte der Unterwelt sich gegen den sammeln, der die Wege
Gottes geht, und ihn während einer gewissen Zeit heftig
angreifen. Gleichzeitig wird der Glaube geprüft, denn wenn der
Schüler die Mysterien der anderen Welt nur ungenügend kennt,
mag sein Glaube erschüttert werden, wenn er erlebt, daß Gott
ihm allerlei Leiden auferlegt, die er nicht erwartet, da er doch
jetzt dem rechten Weg folgt. Welch Fehler, so zu denken, mein
Freund! Gott verletzt niemanden und ganz gewiß nicht seine
Diener, die schon ausgezogen sind, um ihm zu begegnen. Wenn
der Novize den Versuchern mit starker Willenskraft widersteht,
wenn er alle Anfechtungen erträgt und durch seinen Glauben
beweist, daß er seinem höchsten Führer vertraut, dann hören die
Besuche plötzlich auf, und er wird nie mehr belästigt. Sie
hängen sich nur dann an ihn, wenn sein Glaube erschüttert ist
und er zu zweifeln beginnt. Der Schüler sieht voll Zuversicht in
seine Zukunft, doch plötzlich gela ngt er an ein enges
Treppenhaus, das in die Tiefe führt. Er weiß genau, daß er
hinunter in die Unterwelt steigen muß, wo harte Prüfungen
seiner harren. Doch das Gebot der Einweihung treibt ihn an, und
der Schüler weiß, daß Gehorsam die erste Regel ist. Der Gang
-101-
wird immer enger, bis er zu einer Röhre wird, durch den sich der
Schüler kaum noch zu zwängen vermag. Dies ist ein Symbol für
die erste körperliche Erprobung, nachdem sich der Novize auf
den mystischen Pfad begeben hat. Wenn es ihm gelingt, sich
kraft seines Willens und seiner Ausdauer aus dieser Falle zu
befreien, dann erhält er eine kurze Verschnaufpause. Danach
folgt die Wasserprobe, die ebenso unerwartet kommt wie die
Prüfungen des Lebens, die sie symbolisiert. Der Schüler
erwartet im Zusammenhang mit Wasser alle Arten von
Überraschungen: Er glaubt immer noch, er müsse ertrinken,
unter Wasser tauchen und so weiter. Die unerwartete Prüfung ist
der heiße Dampf, der aus Wasser besteht und doch brennt. So
bereitet sich der zukünftige Eingeweihte auf die unerwarteten
Prüfungen des Lebens vor. Nur selten geschieht das, was wir
erwarten, obwohl wir die Art der Gefahr kennen. Doch wenn
wir der Stimme unseres Gewissens und den Worten unseres
Lehrers folgen und alle Prüfungen demütig ertragen, werden wir
ihnen in kürzester Zeit entkommen. Denke an den Nutzen, den
dir deine Ausdauer eingebracht hat, stets am heißesten Ort der
Höhle zu bleiben! Du hast das Gebot wirklich befolgt und bist
nicht geflohen. Nur so konnten die heißen Dämpfe die Poren
deiner Haut reinigen und alle Unreinheiten aus deinem Körper
ziehen. Und siehe, nur wenige Tropfen netzten deine Haut! Der
Dampf und das Wasser symbolisieren zwei Dinge: die Hitze der
unerwarteten Prüfungen, welche die sinnliche Schlacke aus
unserer Seele lösen. Das Bad, welches Wasser des ewigen
Lebens genannt wird, wird dich danach reinigen und deine
Flügel leichter machen. Doch all dies hat noch einen guten
praktischen Nutzen, den du noch nicht einmal ahnst."
„Ich weiß nicht…"
„Du siehst den praktischen Vorteil nicht? Obwohl dich der
Hohepriester noch nicht eingeweiht hat, sage ich dir, daß sich
selbst die Eingeweihten jede Woche einmal der Wasserprüfung
unterziehen, da der Dampf, der aus geheimen kochenden
-102-
Kräutern gewonnen wird, den Körper abhärtet und jung hält.
Zusammen mit Atemübungen und Selbstkontrolle trägt er zum
großen Teil dazu bei, daß das Leben eines Lamas doppelt so
lang währen kann wie das eines normalen Sterblichen."
„Eines verstehe ich noch nicht", sagte ich und wandte mich
ihm zu. „Du sagtest, daß die Prüfungen rasch aufhören würden,
wenn man dem Drang, ihnen zu entfliehen, nicht nachgibt."
„Hier sind große unsichtbare Gesetze im Interesse desjenigen
am Werk, der die ganze Last der Prüfung klaglos auf sich
nimmt. Denke an deine eigene Erfahrung! Als du die
Wasserprüfung demütig auf dich nahmst, erlöste dich da nicht
der Ruf deines Lamabruders augenblicklich von den
Schmerzen? Dasselbe geschieht auch bei den Prüfungen dieser
Erde. Wenn du dich plötzlich einem unüberwindlich hohen
Hindernis aus Felsen gegenübersiehst und weder nach links
noch nach rechts schaust und dich nicht bemühst, bequem
darum herumzukommen, dann bemerkst du plötzlich, daß
unsichtbare Hände das Hindernis hinwegzuräumen beginnen.
Hast du jetzt begriffen, Arau? Jeder Tag deines Lebens ist eine
Prüfung. Die hohen Mächte geben dir kleinere oder größere
Aufgaben, und sie alle haben nur ein Ziel: deinen Glauben zu
prüfen. Doch jetzt folge mir zurück in deine Zelle, denn du mußt
dich hinlegen und ausruhen."
Wir stiegen eine steile, rauh in den Fels gehauene Treppe
empor, die derjenigen ähnelte, die wir hinuntergestiegen waren;
sie war jedoch viel breiter als jene. Als wir zu ebener Erde
angekommen waren, führte mich Lhalu Lama in meine Zelle. Er
fragte mich, ob ich eine Decke besäße, und als ich diejenige
hervorzog, die mir Vater Ram-Chen geschenkt hatte, hieß er
mich aufs Bett legen und deckte mich sorgfältig zu.
„Ruhe jetzt, Arau! Du solltest heute jedoch nichts essen.
Kannst du noch weiter fasten? "
„Heute morgen war ich sehr hungrig", gab ich zu, „doch seit
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dem Dampfbad fühle ich mich nicht mehr nach Essen. Ich bin
einfach sehr schwach."
„Denke nicht darüber nach. Liege ruhig, bete und meditiere.
Schlafe heute früh, denn du wirst einer weiteren Prüfung
unterzogen, welche ich dir aber nicht offenbaren darf noch
werde ich dir sagen, wann oder wie du sie bestehen mußt. Sei
also wachsam und überlasse alles deiner inneren Eingebung.
Verstehst du? Laß dich von deiner inneren Stimme führen!
Vergiß das nicht, dann wird dir mein Rat wieder nützen. Und
jetzt mögen die Himmel mit dir sein und die ewige Weisheit
deinen Geist erleuchten."
Mit diesen Worten verließ er mich, und ich streckte meinen
gequälten Körper wohlig auf dem harten Lager aus.
Seltsamerweise spürte ich kein Brennen mehr. Statt dessen war
ich erleichtert und froh, endlich ausruhen zu dürfen. Ich betete
und meditierte, doch nicht sehr lange, da mich der Schlaf bald
überwältigte. Es war erst früher Nachmittag, doch ich war so
erschöpft, daß ich nicht weiß, wann ich in tiefen, traumlosen
Schlaf versank.
-104-
Kapitel 5
Ein leises Geräusch weckte mich, doch ich drehte mich auf
die andere Seite, da ich glaubte, geträumt zu haben. Doch dann
hörte ich dieses Geräusch wieder, diesmal noch deutlicher. Es
klang, als schabe jemand mit einem Stein über den Boden.
Ich öffnete die Augen und sah mich um. In meiner Zelle war
es stockdunkel, nur durch das obere Fenster fiel etwas
Mondlicht. In meiner ersten Nacht hier hatte ich den Lauf des
Mondes sorgfältig beobachtet, daher wußte ich, daß Mitternacht
lange vorüber sein mußte. Ich starrte auf die gegenüberliegende
graue Wand, denn von dort war das leise Geräusch gekommen.
Im nächsten Augenblick war ich wie vom Donner gerührt! Die
glatte Wand begann sich zu bewegen, besser gesagt, sie begann
zu zittern, als sei sie aus Stoff, und jemand betrat meine Zelle.
Ich setzte mich auf und starrte auf die Erscheinung, die jetzt
ins Mondlicht trat. Es war die Gestalt einer großen Frau, viel
größer als meine Mutter, deren schönes, statuenhaftes Antlitz ihr
Alter nicht verriet. Sie trug einen langen weißen Mantel, ihren
Kopf umkränzten Lorbeerzweige, und in ihren Händen hielt sie
eine steinerne Tafel. Ich rieb mir die Augen, denn ich glaubte
immer noch zu träumen. In diesem Augenblick zog der Mond,
der nur den Kopf der erhabenen Frau beschienen hatte, weiter,
und die Dunkelheit verbarg mir weitere Einzelheiten. Wer
konnte sie sein? Vielleicht die Priesterin? Ich hatte schon eine
Menge über diese geheimnisvolle Priesterin, die Itchka, gehört,
die den gleichen Rang wie der Hohepriester bekleidete. Doch
war es möglich, daß sie zu einem einfachen Novizen ins Zimmer
kam? Ich hatte mich kaum von meiner Überraschung erholt, als
die Wand wieder zu zittern begann und rechts und links neben
der Priesterin die Köpfe zweier Frauen auftauchten. Auc h ihre
Gestalten verschmolzen mit dem Dunkel des Hintergrundes. Ich
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konnte nur erkennen, daß sie etwas in den Händen hielten, doch
war ich so verblüfft und geschwächt, daß ich nichts Genaues zu
sehen vermochte. Die Köpfe der drei Frauen tanzten wie
Gespens ter vor mir auf und ab, und doch wußte ich, daß das,
was ich sah, Wirklichkeit war, denn die beiden waren die
schönsten Mädchen, die ich je gesehen hatte. Die linke gefiel
mir am besten. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die
Dunkelheit, so daß ich ihre Umrisse erkennen konnte. Ihr
schlanker Hals und die Schultern waren nackt, die Brüste von
einem goldenen Mantel bedeckt, welcher jedoch so durchsichtig
war, daß er die Linien ihres vollkommenen Körpers
durchscheinen ließ. Das Ganze war wahrlich merkwürdig. Die
anderen beiden Frauen bemerkte ich kaum. Je mehr ich mich auf
dieses wunderschöne Mädchen konzentrierte, um so deutlicher
sah ich seine verlockende Figur. Es hielt einen rechteckigen
Gegenstand in den Händen, so wie seine Begleiterin zur
Rechten, die einen bodenlangen schwarzen Mantel trug und
mich traurig anblickte. Ein unerklärlicher Reiz ging von ihrem
Gesicht aus, doch gleichzeitig schien sie am Boden zerstört zu
sein.
All dies nahm ich in einem einzigen Moment wahr, denn es
konnten nur wenige Augenblicke verstrichen sein, seit sie meine
Zelle betreten hatten. Waren sie durch die Wand gegangen?
Denn daß sie nicht durch die Tür gekommen waren, dessen war
ich mir sicher.
„Schüler!" hörte ich die Stimme der Priesterin, die sanft und
geheimnisvoll klang. „Als Belohnung für deine bestandenen
Prüfungen machen dir die Himmel ein Geschenk. Du darfst
zwischen diesen beiden Mädchen wählen. Siehe!" Ihr goldenes
Armband glänzte im Mondlicht, als sie auf ihre Begleiterin zur
Linken deutete. „Diese ist so schön wie eine anmutige Blume,
und, wie du siehst, ist ihr Körper vollkommen. Sie lächelt dir
freundlich zu. Die andere, die den schwarzen Mantel trägt, ist
ebenso schön, nur daß sie ernster ist. Beide möchten sich
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während deines Fastens um dich kümmern, um dich für die
erlittenen Schmerzen zu entschädigen. Doch da alle Dinge
dieser Welt Symbolcharakter haben, halten beide, genau wie ich,
ihre Zeichen in den Händen. Du kannst sie nicht sehen, dazu ist
es zu dunkel, doch das sollte dich nicht stören. Verlasse dich
ganz auf deine Instinkte, deine Eingebungen. Also, welche von
beiden wählst du? Das Mädchen zur Rechten oder das zur
Linken?"
Ich ließ mich auf mein Bett zurückfallen und fühlte mich
plötzlich sehr schwach. Mein Atem ging schwer, denn mein
Herz sagte mir, daß hier etwas nicht stimmen konnte. Hatte ich
Geschenke zu erwarten, nur weil ich zwei Prüfungen bestanden
hatte? Doch warum diese beiden schönen Mädchen? Warum
sollten sie sich ausgerechnet um mich, einen Novizen,
kümmern? Hatte ich mich nicht für den Weg der
Selbstverleugnung und der Entsagung entschieden? Oder war es
am Ende doch nicht so? Ich wußte nichts über das Klosterleben.
„Und was wäre, wenn ich keine der beiden wählte?" überlegte
ich. Doch nein, die Priesterin hatte mir ausdrücklich befohlen,
mich zu entscheiden. Diese Prüfung übertraf an Schwierigkeit
sogar die Wasserprüfung. Was hatte mir mein Meister für solche
Situationen geraten? „Entscheide dich immer für die
schwierigere von zwei Möglichkeiten!" Doch wie sollte ich das
in diesem Falle wissen, wo ich vor lauter Verwirrung am
liebsten gar nicht gewählt hätte? Ich hatte schon bemerkt, daß es
sich auch hier um eine Prüfung handelte, wobei mir schien, ich
täte am besten, wenn ich gar nicht wählte. Der Befehl hieß mich
jedoch merkwürdigerweise, mich für eines der beiden Mädchen
zu entscheiden! In meiner Verzweiflung legte ich mich mit dem
Gesicht nach unten auf mein Bett und begann flüsternd zu beten:
„O, Vater der Weisheit! Ich stehe an einem Wendepunkt
meines Lebens. Du zeigst mir zwei Wege, und ich weiß nicht,
welcher der richtige ist. Mein Geist ist noch nicht fein und
spürsam, und so weiß ich nicht wirklich, ob der göttliche Funke,
-107-
dein Denken, welches in meinem Geiste wohnt, die
Entscheidung trifft, denn der Unterschied zwischen Gut und
Böse ist nicht deutlich. Lehre mich, dem rechten Pfad zu folgen,
selbst wenn mein Verstand die Wahl nicht gutheißen mag. Lehre
mich, mit dem Herzen zu sehen, mit der Seele zu hören und mit
dem Geist zu fühlen, denn dann werde ich nie enttäuscht. Ich
glaube an dich!"
„Schau mich an, Schüler!" sagte die Priesterin, worauf ich
mich rasch zu ihr drehte. „Du hast meine Eingebung gut
aufgenommen und den ersten Teil der Prüfung bestanden.
Schau!" Damit hielt sie die lange Tafel ins Mondlicht, welche
ich völlig verzaubert anstarrte. In den Stein gegraben war der
Text des Gebetes um Erleuchtung, das ich in meinem Dilemma
gerade gesprochen hatte.
„Glücklich ist jener, der vor einer schweren Entscheidung die
Heilige Weisheit um Hilfe bittet", rief die Priesterin mit
klangvoller Stimme. „Und jetzt, da du erleuchtet bist, wähle!"
Ich war vollkommen ruhig. Alle Zweifel waren
verschwunden. Ich dachte nicht weiter nach, hob instinktiv die
Hand und deutete auf das schwarzgewandete Mädchen zur
Rechten.
„Warum hast du sie gewählt?" fragte die Priesterin.
„Weil mich die Farbe ihres Gewandes an die Dunkelheit des
Grabes erinnert", antwortete ich. „Es ist schwarz wie die ewige
Nacht im Augenblick des Chikai Bardo, bevor das erste Licht
aufflammt. Es erinnert mich an den Tod und nicht an die
Freuden dieser Welt. Wenn ich also wählen muß, dann diese!"
Die Priesterin machte eine Handbewegung, worauf das
Mädchen mit dem traurigen Gesicht seinen Gegenstand ins
Licht hielt: Es war ein aus einem Stein gemeißeltes kleines
Grab.
„Siehe, das Zeic hen von Tod und Wiedergeburt!" sagte die
Priesterin. „Du hast das Grab gewählt und nicht die Freuden."
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Sie winkte ihrer Begleiterin mit dem lächelnden Gesicht, welche
jetzt ihr Zeichen hochhielt: die Statue einer nackten Frau, die ich
noch nie zuvor gesehe n hatte. „Siehe das Zeichen der irdischen
Freuden und des Lebens", erklärte die Jungfrau. „Du kennst sie
nicht noch wirst du sie je kennenlernen. Diese Statue stellt die
chaldäische Göttin Ishtar dar. Denn wisse, daß der Mann, der
den pfeilschnellen Pfad wählt, die fleischlichen Genüsse meiden
muß, da sie nur dem Körper schmeicheln. Da du dich richtig
entschieden hast, werde ich dich als Belohnung jene Lektion
lehren, die bei der Prüfung der Priesterin erteilt wird.
In jedem Manne wohnt eine heilige Schlange, die Sinnlichkeit
genannt wird. Die heilige Schlange belebt den Körper. In den
ersten Lebensjahren schläft sie, doch je älter der Mann wird, um
so leichter wird der Schlaf der Schlange. Ist er erwachsen,
erwacht sie, und dann beginnt der Kampf, wer den Mann
besitzen wird. Meist ist er sehr kurz, denn der Mann unterwirft
sich willig dem Befehl der Schlange. Doch im Falle desjenigen,
der bereits dem Wege Gottes folgt, ist der Kampf heftig und
hart, denn es gibt keinen verschlageneren und mächtigeren
Feind als die heilige Schlange, und selbst der Sieger fällt
hundert Male, bevor er den endgültigen Sieg erringt. Trotzdem
lohnt es sich zu kämpfen, denn der Lohn des Sieges ist die
Versklavung der Schlange und die Inbesitznahme all ihrer
Schätze. Dem Manne, der diese Schätze sein eigen nennt,
blühen die Blumen auf allen Existenzebenen. Der irdische
Horizont verblaßt, und die Führer der himmlischen Ränge
öffnen ihm die Tore seiner wahren Heimat. Wirklich glücklich
aber ist jener Mann, der die Schlange zwingen kann, sich in den
Schwanz zu beißen. Einem solchen Manne öffnen sich die Tore
des Wissens, und er entkommt dem ewigen Kreislauf der
Wiedergeburt. Wenn du in jungen Jahren damit beginnst, die
heilige Schlange zu versklaven, wird sie dir dienen und dir all
ihre Schätze übergeben. Nach drei Jahren der Enthaltsamkeit
werden sich dir die Gaben der Voraussicht, des Wahrsagens und
-109-
des Heilens eröffnen. Doch wehe dem, der erst dann, wenn der
Lebenssaft allmählich versiegt, im reifen Alter damit beginnt,
die Schlange beherrschen zu wollen! Denn in den letzten zehn
Lebensjahren eines Mannes wird die Schlange müde und schläft
langsam, wie sie in der Jugend erwachte, wieder ein. Solch ein
Mann hat seine Chance vertan, und erst in seinem nächsten
Leben hat er wieder die Gelegenheit, sich zu vervollkommnen.
Das ist der Weg des Sieges über die heilige Schlange, dein
sicherster Halt auf dem steilen pfeilschnellen Pfad. Bleibe
immer so stark wie jetzt, junger Mann, dann wirst du in den
Mauern dieses Klosters große geistige Schätze sammeln und bis
zum Schluß siegreich sein. Bete jetzt und danke der Heiligen
Weisheit, daß sie dir geholfen hat, die Prüfung der Priesterin zu
bestehen."
Im nächsten Augenblick war sie mit ihren beiden
Begleiterinnen verschwunden. Nur ein leichtes Beben der Mauer
deutete darauf hin, daß sie nicht mehr in meiner Zelle waren.
Eine Weile lang starrte ich völlig verblüfft auf die leere Mauer,
als hätte ich alles nur geträumt, als seien die Frauen nur eine
Vision gewesen! Ich sprang von meinem Bett und wankte
stolpernd vor Schwäche zur Wand. Als ich mit der Hand darüber
strich, spürte ich, daß der glatte Stein mit einem Tuch derselben
Farbe verhängt war, was mir bei Tage entgangen war. Hinter
dem Tuch fühlte ich den dünnen Öffnungsspalt einer Steintür.
Ich legte mich wieder auf mein Bett und stieß einen erleichterten
Seufzer aus. Dies war die schwerste Prüfung gewesen. Mir war
inzwischen klar, daß ich mich nur noch auf meine Willenskraft
und meine Inspiration verlassen konnte, nicht aber auf den
gesunden Menschenverstand. In Gedanken dankte ich Gott für
seine Hilfe.
Lange lag ich bewegungslos und fast ohne zu denken, doch
dann überwältigte mich das Gefühl der Dankbarkeit, und ich
warf mich auf mein Gesicht und versenkte mich in tiefe Gebete.
Der Morgen nahte, denn meine Zelle wurde heller.
-110-
Nach einer gewissen Zeit drehte ich mich wieder auf den
Rücken, denn ich hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu
werden. Augenblicklich wurde ich starr vor Schreck, denn vor
mir stand der Hohepriester. Er trug sein besticktes Gewand, den
langen Mantel, der bis an den Boden reichte, und einen
halbrunden Brustschild, welcher mit funkelnden, kostbaren
Steinen besetzt war. Der Edelstein auf seiner kleinen runden
Kappe glitzerte, so daß ich sicher war, nicht zu träumen. Als ich
dies festgestellt hatte, überfiel mich die merkwürdige
Benommenheit, wenn auch nicht so stark wie sonst. Etwas in
der Erscheinung des Hohenpriesters war geheimnisvoll
zweideutig und unbestimmt. Die Umrisse seiner Gestalt
verschmolzen mit dem morgendlichen Zwielicht.
„Ich bin zu dir gekommen, mein Sohn", hörte ich seine
Stimme, als klänge sie in mir, „um zu sehen, ob du Gott dafür
dankst, daß du die schweren Prüfungen bestanden hast. Ob ich
dich wohl im Gebet versunken finden würde? Ich freue mich,
daß du dich wie ein Novize verhältst, welcher sich der
Einweihung würdig erweist, und daß deine Hingabe nicht
geringer ist, wenn du allein bist. Wer die Prüfung der Priesterin
bestanden hat, steht kurz vor dem Fest der Einweihung. Bleibe
also wachsam, vertraue deinen Eingebungen und bete."
Er beugte sich zu mir herab und berührte meine Stirn mit
seiner rechten Hand. Im nächsten Augenblick war er
verschwunden. Ich erwachte aus meiner Schläfrigkeit, und
meine Benommenheit verging. Ich streckte meine Hände aus,
um ihn zu greifen, faßte aber ins Leere. Verblüfft sprang ich aus
dem Bett und befühlte die Tür, dann den verborgenen Eingang
hinter dem Vorhang, doch beide waren dicht verschlossen. Dies
ging über meinen Verstand! Vor kurzem hatte er noch hier vor
mir gestanden, und ich hatte die Berührung seiner Hand
tatsächlich gespürt! Was war das? Kein Traum, dessen war ich
mir sicher. Vater Ram-Chen hatte mir viele unglaubliche
Geschichten über die ungeheuren Geisteskräfte der Lamas
-111-
erzählt, mit deren Hilfe sie ihren Geist für eine bestimmte Zeit
aus dem Körper lösen können, um die Umgebung des Klosters
zu überwachen. Doch soweit ich wußte, konnten menschliche
Augen solch einen körperlosen Geist nicht sehen! Damals war
mir dies alles nicht glaubhafter erschienen als heute. Umsonst
hatte ich meinen Meister bedrängt, er teilte mir nichts Genaueres
mit. Er sagte nur: „Du wirst das alles im Kloster erfahren. Denn
Glaube, mein Sohn, kann Wunder vollbringen."
Mein Geist war von den unzähligen seltsamen Eindrücken der
ersten Tagen so vo ll, daß ich kaum zu denken vermochte. Ich
hatte praktisch noch keine Zeit gehabt, erleichtert
zurückzusinken. Wenn ich nicht gerade betete, überraschten
mich unerwartete Prüfungen. In diesem Kloster konnte ein
Mann keinen einzigen Gedanken für sich denken. Müde und
völlig erschöpft sank ich auf mein Bett, zog die Decke bis zum
Kinn und beäugte mißtrauisch die Wand, ob sie sich nicht
wieder bewegen wollte.
Diesmal war es jedoch nicht die Wand, die sich bewegte,
sondern die Tür, die quietschte. Aufgeschreckt fuhr ich hoch
und erblickte mehrere Lamas, die sich so leise wie Gespenster in
meine Zelle drängten. Doch ich wußte ohne den Schatten eines
Zweifels, daß es sich hier nicht um eine Sinnestäuschung
handelte, denn diese Männer waren aus Fleisch und Blut. Ich
spürte sogar den Kältehauch, den sie von draußen mit in meine
Zelle brachten. Es waren sechs oder sieben. Alle trugen den
rostfarbenen Umhang der Eingeweihten, und alle waren viel
älter als ich. Das Merkwürdigste war, daß jeder ein Zeichen in
der Hand hie lt. Der erste einen Schild, der zweite einen Speer,
ein anderer ein Herz und so fort. Schweigend stellten sie sich in
einer Reihe vor meinem Bett auf und füllten damit meine Zelle
von einer Wand bis zur anderen.
„Ich grüße dich, Bruder", begann der Älteste. „Wir kommen
in der Dämmerung deiner Einweihung, um uns, dem
Hohenpriester und der Priesterin gleich, von deinem Wissen zu
-112-
überzeugen. Sage mir, was ich in der Hand halte."
„Einen Schild", antwortete ich schüchtern, während ich
versuchte, meine wirbelnden Gedanken zu beruhigen, um meine
innere Stimme hören zu können.
„Wofür steht der Schild?"
„Der Schild der Gerechtigkeit", erwiderte ich und erinnerte
mich plötzlich an Ram-Chen Lamas Worte: „Diesen müssen wir
immer vor uns hertragen. Wenn wir vom Weg abkommen, wenn
wir einen falschen Schritt tun, bleibt dieser Schild schwebend in
der Luft zurück, und wir befinden uns nicht mehr unter seinem
Schutz. Der Schild der Gerechtigkeit zieht unseren Arm immer
in die richtige Richtung und schützt uns somit vor den Angriffen
der Lüge."
„Gut gesagt, Bruder", nickte der Lama, trat zurück und verließ
die Zelle so leise, daß mir nur ein kalter Lufthauch verriet, daß
er nicht mehr anwesend war. Darauf war der nächste Lama an
der Reihe und trat vor mich hin.
„Was bedeutet dieser Speer in meiner Hand?"
„Den ewigen Kampf, den wir gegen die versuchenden Geister
der Unterwelt führen müssen", sagte ich und spürte, daß vor
lauter Schwäche die Benommenheit zurückkehrte, doch war sie
auch jetzt kaum wahrnehmbar, nicht stärker als kur z zuvor, als
mir der Hohepriester erschienen war. Die Gestalten vor mir
versanken nicht im Hintergrund, sondern wurden größer und
schienen vor und zurück zu schwanken, als sähe ich sie durch
Nebelschwaden. „Der Speer symbolisiert die Waffe unseres
Willens. Denn es gibt keinen Versucher in dieser Welt, weder
unter noch über der Erde, noch nicht einmal Sadag, den König
der Unterwelt, der Macht über uns hätte, wenn wir ihm nicht
unseren Willen überließen."
Der Lama verbeugte sich vor mir und zog sich zurück. Jetzt
trat ein dritter vor und zeigte mir einen stachligen Gürtel. „Sag
mir, Bruder, wozu ermahnt dich dieser Gürtel?"
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„Er ermahnt mich, jeden Augenblick wachsam zu sein und
mich vor kommenden Versuchungen und Prüfungen zu hüten.
Wenn wir diesen Gürtel anle gen, sagen uns seine Spitzen bei
jeder raschen Handlung: Geh bis hierhin, doch nicht weiter!"
Der nächste Lama zeigte mir eine in den Stein gemeißelte
Schlange.
„Das ist die heilige Schlange", antwortete ich schläfrig, „die
in unserer Kindheit schlummert. Dann erwacht sie und versucht,
den Mann zu beherrschen. Wenn wir jedoch der Schlange
widerstehen und sie dazu zwingen, sich in den Schwanz zu
beißen, wird sie zu unserem Diener und gibt uns all ihre
Schätze."
„Was sind diese Schätze, o Bruder?"
„Voraussicht, Wahrsagen und Heilung."
„Und was ist die wichtigste Gabe?"
„Daß wir von Akhor befreit werden, dem Kreislauf der
Wiedergeburt."
„Die Heilige Weisheit spricht aus deinem Munde!" sagte der
Lama mit der Schlange und verbeugte sich vor mir.
Nachdem er sich zurückgezogen hatte, stellte sich ein junger
Lama vor mich hin und zeigte mir ein aus rotem Ton geformtes
menschliches Herz.
„Welche Gedanken kommen dir, wenn du dieses Herz
siehst?"
Meine Benommenheit nahm ab, und ich fühlte mich nur noch
schwach. Jetzt sah ich alles wieder klar. Neben dem jungen
Priester mit dem Herzen standen zwei weitere Lamas in der
Ecke. Wegen des Dämmerlichtes konnte ich nicht erkennen, ob
auch sie Gegenstände in den Händen hielten.
„Das Herz ist der Sitz aller Gedanken und Gefühle. Unser
Gehirn ist nur ein vermittelndes Organ, welches unseren
Gedanken Ausdruck gibt. Wenn wir auf unser inneres Selbst
-114-
zeigen oder den Himmel zum Zeugen anrufen, legen wir stets
die Hand aufs Herz. Unser Bewußtsein lebt im Herzen; es ist der
Sitz unseres wahren göttlichen Seins, unseres Geistes. Der
göttliche Funke des Geistes ist ein Samen der himmlischen
Liebe. Da er im Herzen wohnt, ist das Herz gleichzeitig ein
Symbol unserer Liebe."
Als sich dieser Eingeweihte ebenfalls vollkommen zufrieden
zurückzog, kam einer der beiden Lamas aus der Ecke hervor und
zeigte mir zwei Krüge. Der Krug in seiner linken Hand glänzte
wie Gold, der in seiner rechten war aus Silber. Diesen hob er
über den goldenen Krug und goß einen dünnen Wasserstrahl
hinein. Er stellte keine Frage.
Diesmal fiel mir nichts ein. Ich konnte an nichts mehr denken;
ich war einfach zu müde. Das lange Fasten, die ständige
Wachsamkeit, Konzentration und Gedankenleere hatten mich
erschöpft. Was sollte ich antworten? Und durfte ich überhaupt
etwas antworten, da er mich nichts gefragt hatte? Plötzlich
wurden meine Augen magnetisch von dem Lama in der Ecke
angezogen, den ich nur undeutlich wahrnahm. Ich vergaß
tatsächlich den Priester, der vor mir stand, und starrte mit einem
angenehm gedankenlosen Gefühl in diese Ecke. Und dann stieg
ein Bild vor meinem inneren Auge auf, welches mir das Symbol
des schweigenden Lamas, der Wasser von einem Krug in den
anderen gegossen hatte, erklärte.
„Das Ausgießen des Wassers bedeutete die Wiedergeburt",
sagte ich. „Es spielt auf die Rückkehr des Geistes zur Erde an.
Da du das Wasser von einem silbernen Krug in einen goldenen
gießt, bedeutet das, daß die Essenz, der Geist, derselbe bleibt,
auch wenn er auf einer niedrigeren Ebene in das Gefäß fließt.
Warum in ein Gefäß aus Gold? Weil der Geist bei jeder seiner
Verkörperungen immer vollkommener und edler wird. Deshalb
besteht auch seine irdische Hülle aus Materie, die immer feiner
und feiner wird. Ich sehe, daß du nicht einen Tropfen auf den
Boden gegossen hast. Das bedeutet, daß der einzelnen Seele in
-115-
den Seinszuständen zwischen den Verkörperungen und bei den
Verkörperungen nichts verlorengeht."
Ich war über mein natürliches, vernünftiges Gleichnis von den
Krügen, das mir irgendwie eingefallen war, höchst erstaunt,
denn Vater Ram-Chen hatte mich nichts darüber gelehrt. Ich
blickte den vor mir stehenden Lama an, und als ich genauer
hinsah, bemerkte ich, daß er jetzt den Krug in seiner linken
Hand über den in seiner rechten hielt. Dann kippte er beide und
goß das Wasser aus beiden Krügen in feinen Spritzern auf den
Boden.
Ich hatte keine Ahnung, was das alles bedeuten sollte. Meine
Geisteskraft verdorrte, meine Gedanken wurden undeutlich
verschwommen und versiegten schließlich. Vollkommen
erschöpft sank ich auf mein Bett zurück und begann verzweifelt
zu beten. Ich kümmerte mich nicht darum, wer noch mit mir im
Raum war. Flüsternd rezitierte ich das Gebet um Erleuchtung.
Der siebte Lama trat aus der Dunkelheit, stellte sich neben
mein Bett und legte seine warme Hand auf meine Stirn. Ich
blickte auf und sah - Lhalu.
„Steh auf, Arau", sagte er sanft, „und sorge dich nicht. Du
hast diese Prüfung bestanden und meine Erwartungen noch
übertroffen. Ich habe dich von Anfang an beobachtet und
deinem Geist die Erklärung für das Gleichnis der beiden Krüge
eingegeben, übrigens die schwierigste Frage. Doch das zweite
Ausgießen des Wassers gehörte nicht wirklich zur Prüfung.
Damit wollte ich nur herausfinden, wie du dich verhalten
würdest, wenn man dir eine Frage stellte, die über dein Wissen
und deine Eingebung hinausgeht. Ich war erfreut, daß du das
Richtige tatest: Du batest Gott um Erleuchtung, die Er dir jetzt
durch mich gibt." Er hielt inne und deutete auf die Krüge.
„Siehe, das Wasser fließt nicht mehr von einem Krug in den
anderen, sondern aus beiden Krügen auf den Boden, wo es sich
mit dem Ewigen Meer vereint, woher es ursprünglich stammt.
Die lange Kette der Verkörperungen ist beendet: Der Geist kehrt
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in sein ewiges Heim zurück und muß nicht mehr auf diese Erde
zurückkommen. Er kann zu einer Ebene der hohen himmlischen
Sphären aufsteigen oder in einem halbmateriellen Körper auf
einem edleren Planeten wiedergeboren werden. Wenn du an der
Reinheit deines Geistes festhältst und vom Tage deiner
Einweihung bis zum Tode keusch bleibst, dann wird dein Krug
nicht in ein neues Gefäß geleert werden.
Verstehst du, Tonisa? Das ist das Ziel! Und jetzt, Arau, ist
dein Fasten beendet. Komm mit mir in den Speiseraum, denn
siehe, der Morgen ist angebrochen, und die Sonne scheint. Wir
müssen uns beeilen, denn nach der Prüfung der Lamas folgt die
Große Feier."
Ich stand auf von meinem Bett, konnte jedoch nicht allein
gehen. Lhalu legte den Arm um meine Schulter und führte mich
aus der Zelle. Wir gingen durch die verzweigten Gänge zum
Speiseraum, den ich bereits kannte. Ich hätte sehr gern gefragt,
ob die Prüfungen jetzt zu Ende waren, denn in meiner
Dummheit glaubte ich, daß auf so viele harte Proben nur die
Einweihung folgen konnte. Doch ich wagte nicht zu fragen,
denn ich dachte an die Gebote der Demut und des Schweigens.
Hätte ich gewußt, was mir noch bevorstand, wäre ich vielleicht
zurückgeschreckt. Genauso ist es auch im Leben: Es ist besser,
daß der Sterbliche nicht weiß, was ihn erwartet. Ram-Chen
Lama sagte mir einmal, es sei eine Gnade des Schicksals, daß
wir im Augenblick der Gefahr die Hilfe Gottes gewinnen
können. Daher ist es überflüssig und schädlich für die Seele, die
kommenden Versuchungen zu kennen, es sei denn, die Seele
befindet sich im Zustand der Gnade. „Stell dir vor, mein Sohn",
hatte er zu mir gesagt, „du wüßtest, daß du in einem bestimmten
Jahr am ersten Tag des Frühlings über einen fünfzehn Meter
tiefen Abgrund springen müßtest, unter dir ein brodelnder Fluß
und scharfe Felsen, auf denen du zerschmettert würdest. Doch
du kannst nicht zurück, denn hinter dir sind deine Feinde. Wenn
dein Geistführer dir all dies vorher offenbart hätte, wärest du
-117-
außer dir, und dein Glaube wäre erschüttert. Doch wenn du an
Gottes Führung glaubst und dich Ihm in dem Augenblick
überläßt, wo du am Rande des Abgr unds stehst, wird sich Seine
Gnade vor dir manifestieren, und du wirst bestimmt eine lange
Planke oder einen umgestürzten Baum finden, den du über den
Abgrund schieben kannst, und so wirst du sicher auf die
gegenüberliegende Seite gelangen. Solch unerwartete Hilfe
Gottes kann kein Mensch und kein Geist vorhersehen, denn so
etwas ist in Zeiten der Gefahr die Belohnung für den Glauben,
Deshalb ist es besser, daß ein Mensch seine Prüfungen nicht
vorher kennt, mein Kind." Wie recht er hatte! Die Bewohner des
Felsenklosters mußten sich noch härteren Erprobungen stellen,
als das Leben sie bot, und die Novizen konnten erst dann sicher
sein, sie alle bestanden zu haben, wenn sie eingeweiht waren.
„Sag mir, Tonisa", wandte sich mein Führer nach einer
längeren Pause an mich, „hast du in der letzten Nacht nach der
Prüfung der Priesterin die Gedanken des Hohenpriesters
gespürt?"
„Ja, Aku…Ich spürte, daß mich jemand beobachtete, und als
ich aufsah, stand er neben meinem Bett. Ich war äußerst erstaunt
und überlegte, warum seine Gestalt so seltsam verwischt war."
Lhalu blieb stehen und sah mich an.
„Was hast du gesagt? Du sahst den Hohenpriester?"
,Ja, ich sah ihn, und ich glaubte zu träumen, bis er meine Stirn
berührte. Es stimmt allerdings, daß er danach wie eine Vision
verschwand. Er war da - und löste sich im nächsten Moment
auf…"
„Ich wußte es…" murmelte Lhalu und blickte mir fest in die
Augen. „Danke dem Himmel, Arau, ich kann es dir nur immer
wieder sagen. Du bist ein Mann mit der Gabe der Voraussicht
und äußerst geeignet, Gedankenbotschaften zu empfangen. Du
sollst wissen, daß dich unser Hoherpriester mit seinem
körperlosen Bewußtsein in deiner Zelle besuchte. Sein Körper
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lag bewußtlos in seinem Zimmer, während sein Geist sich auf
die Reise machte, um im Verborgenen zu beobachten, wie sich
der Novize nach der Prüfung der Priesterin verhielt. Betete er
hingebungsvoll oder stand er noch unter dem Eindruck des
Erlebnisses? Der körperlose Geist ist jedoch, laut Gesetz, dem
menschlichen Auge nicht sichtbar, und doch sahst du ihn!
Genau wie ich zu meiner Zeit… Damit hast du einen Großteil
der Reise zu deiner höchsten Einweihung zurückgelegt. Du
besitzt solch spirituelle und geistige Gaben, daß dein Fortschritt
im Felsenkloster schnell wie ein Pfeil sein wird. Zaudere nie
auch nur für einen Augenblick, Tonisa, und sei auf der Hut,
selbst wenn du sicher bist, zu den Eingeweihten zu gehören."
Im Speiseraum sah ich nur Lamas, nicht aber meine
Kameraden. Lhalu setzte sich neben mich, und zusammen aßen
wir das einfache Mahl, bestehend aus Gerstenbrei, Käse und
Tee. Die niederen Lamas, die für die Küche verantwortlich
waren, schöpften den Tee aus großen, wunderbar verzierten
Messingkesseln. Schüchtern erkundigte ich mich nach meinen
Kameraden. Mein Führer sagte, daß sie die ersten Prüfungen im
großen und ganzen bestanden hatten, bei der Prüfung der
Priesterin jedoch versagten.
„Es geschieht sehr selten", sagte er, „daß die nicht
eingeweihten Novizen bei allen Prüfungen durchfallen, da der
Hohepriester voraussieht, daß sie zum Kloster kommen. In
Wirklichkeit ist er es, der sie aus der Entfernung zu sich ruft.
Doch bei der Prüfung der Priesterin sind die meisten sehr
verwirrt, da sie der Kampf gegen ihre körperlichen Instinkte und
die große geistige Anspannung sehr erschöpft. Die
Dampfkammer und das Fasten nimmt ihnen fast den Willen,
weshalb sie sich nicht entscheiden können. Und so müssen sie
hungrig und durstig weiter in ihren Zellen liegen, und die
Priesterin versucht sie jede Nacht. Natürlich werden sie
körperlich immer schwächer, je länger sie dort bleiben müssen,
selbst wenn das Fasten ihren Geist aufnahmefähiger macht. Bete
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darum, daß die heilige Weisheit sie erleuchten möge."
„Dann können sie nicht mit mir zusammen geprüft werden?"
„Sie bleiben eine Weile hinter dir zurück. Das große Fest,
welches das Kloster dreimal im Jahr für jene Novizen abhält, die
auf dem Weg der Einweihung vorangekommen sind, ist in
diesen Mauern ein großes Ereignis. Heute wirst du der einzige
sein, für den es gefeiert wird. Sei wach und mutig. Die
Prüfungen, die du bis jetzt bestanden hast, zeugen von deinen
spirituellen Möglichkeiten. Du hast den Weg zwischen Tod und
Wiedergeburt schon zur Hälfte zurückgelegt, und das
Schlimmste liegt hinter dir. Denk dir nur, alle Priester
versammeln sich in der Halle der Festlichkeiten, um dich zu
ehren! Alles hier dient wahrlich zu deinem Besten. Sei
gleichzeitig wachsam und demütig. Hab keine Angst, Arau,
sondern Vertrauen! Glaube, dann wird sich alles zum Guten
wenden. Jakpo chung jag! Vergiß dieses Wort nicht!"
Wir erhoben uns von unseren Plätzen, und er führte mich
zurück in meine Zelle. Er sagte, er würde mich in der vierten
Stunde des Tages holen.
Wieder blieb ich allein zurück. Wie viele Schwierigkeiten
hatte ich seit dem Tag meiner Einschreibung bestanden, als wir
das Gewand des Hohenpriesters berührt hatten! Mit großer
Zuneigung dachte ich an Vater Ram-Chen, dessen strenge
Disziplin und Lehrmethode mir gutgetan hatten. Trotzdem war
ich überzeugt, daß ich einige Male aufgegeben hätte, hätte nicht
der freundliche Blick Lhalu Lamas auf mir geruht, der mich nie
aus den Augen verlor. Er ermunterte mich und sprach mir von
dem Augenblick an, als wir uns im Klosterhof begegneten und
er mein Leben rettete, Mut zu. Heute würde ein großer Tag sein!
Was würde mich erwarten? War ich der Einweihung nahe, oder
würde ich neuen und noch schwereren Prüfungen unterworfen
werden?
„Glaube!" hatte der blauäugige Lama zu mir gesagt. Glaube,
-120-
dann wird alles gut werden."
-121-
Kapitel 6
-123-
dich zu Demut und Bescheidenheit."
Nun stieg auch die Priesterin von Thron herab. Sie hielt einen
Kohlestift in der Hand und schaute den Großen Lama
erwartungsvoll an.
„Welchen Namen soll der angehende Eingeweihte tragen,
Ichkitsu?"
„Der göttliche Funke seines Geistes offenbarte sich. Er bewies
sein Wissen und seine Ausdauer. Daher soll er zu seinem
Namen Ti- Tonisa den neuen Beinamen ,Taga' führen - der Fels."
Die Priesterin schrieb meinen neuen Namen auf meine Stirn.
Ich war tief bewegt. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle zu
Boden geworfen, doch schon standen vier Lamas bei mir. Sie
führten mich zum Ende der Halle der Zeremonien gegenüber
dem Thron des Hohenpriesters und baten mich, dort auf einer
Steinbank Platz zu nehmen. Nach ihren Gewändern zu urteilen,
mußten sie niedrigere Lamas oder Trapas sein. Der Hohepriester
stieg wieder auf seinen Thron und setzte sich neben die Ichka.
Beide sahen mich an.
Zwei der Lamas knie ten nieder, der dritte rief laut: „Brüder,
wascht die Füße des Sisya mit einer Lösung aus dem Gift der
großen Schlange - auf daß er während seiner Priesterschaft
immer auf dem rechten Weg gehen möge!"
„Auf daß er immer auf dem rechten Weg gehen möge!"
wiederholte der Chor der Lamas im Singsang.
Die beiden Trapas stellten meine Füße in eine Schüssel und
begannen sie langsam und feierlich zu waschen.
„Auf daß keine Schlange ihn jemals beiße und ihr Gift ihm
nichts anhaben möge!"
Die Lamas wiederholten auch diesen Satz. Auf ein Zeichen
des Hohenpriesters wandte sich der Führer der Trapas diesem zu
und nahm, nachdem er sich niedergeworfen hatte, eine kleine
Dose aus dessen Hand. Dann kam er zu mir zurück und streute
-124-
den Inhalt der Dose in die Schüssel.
„Siehe, die Asche eines toten Lamabruders!"
„Auf daß er stets in den Fußstapfen des Verschiedenen
wandern möge!" sangen die Lamas.
Jedes Wort, jede Bewegung wurde von einem bestimmten
Satz oder Gesang begleitet, welche die zweihundert
versammelten Lamas wiederholten. Die seltsame mystische
Feier hielt mich so in ihrem Bann, daß ich mich benommen an
die Wand lehnen mußte. Später erfuhr ich, daß der Hohepriester
dem Wasser vor dem Ritual des Füßewaschens Kräuter und
Puder beigemischt hatte, die bezeichnend für die Art des
Dienstes waren, die er dem Schüler zugedacht hatte. In das
Wasser jener, die er zu Soldaten bestimmt hatte, streute er die
getrocknete Pflanze des Kriegssterns, welche zwischen den
Farnen der niedrigeren Bergketten Bod-Yuls gesammelt wurden.
Das bewirkte, daß die Wunden jener Lamas, welche sie sich bei
der Verteidigung des Klosters zuziehen mochten, schneller
heilten.
Wieder erklang der Gong, worauf die Trapas die Schüssel
nahmen und mit ihr verschwanden. Noch einmal erfüllte der
tiefe Klang den Raum. Der Hohepriester und die Priesterin
standen auf und verließen majestätischen Schrittes die Halle.
Mir schwante Schlimmes, als ich sah, daß Lhalu ihnen folgte.
Beim dritten Klang des Gongs, der so laut war, daß meine
Trommelfelle dröhnten, wurde der Vorhang beiseitegezogen,
und eine große Menschenmenge drängte unter wildem Schreien
und Rufen in die Halle. Doch was für eine Menge! Das waren
keine Menschen, sondern Dämonen! Die furchterregenden
Masken waren dreimal so groß wie ihre Köpfe. Ihre flatternden
bunten Gewänder, ihre teuflische Erscheinung, ihr Kreischen
und Brüllen erregten mich zutiefst!
„Die Dämonen! Die Dämonen!" riefen die Lamas in der Halle
aufgeregt. „Hier naht das Heer der bösen Geister! Vorsicht!
-125-
Habt acht!"
Die Teufel und Hexen, denn ich sah auch Masken und
Gewänder von Frauen, faßten einander bei den Händen und
begannen, im Kreis zu tanzen.
Einige bliesen auf Messingtrompeten, Kanglins, während
andere den Höllenlärm mit Muschelhörnern zu übertönen
suchten. Ihre grinsenden, abstoßenden Masken erfüllten mich
mit Abscheu. Ich kannte das Fest der Dämonen, welches das
gemeine Volk am ersten Tag des Jahres in eben solchen Masken
zu feiern pflegt. Ein- oder zweimal hatte ich einen solchen
Aufzug gesehen, doch daß man dieser teuflischen Gesellschaft
gestattet hatte, das Kloster zu betreten, ging über meinen
Verstand. Was sollte das bedeuten? Jetzt stürmten weitere
Dämonen in den Saal, wobei sie einen mit Schleifen
geschmückten Schlitten voll farbiger Masken hinter sich
herzerrten, welche von den tanze nden Gestalten unter den
Lamas verteilt wurden. Zu meinem größten Verdruß legten nicht
nur die Dienstlamas, sondern auch die Eingeweihten die Masken
an, obwohl einige die Halle auf der Stelle verließen. Was ging
hier eigentlich vor?
Es schien so, als hätten sie mich vollkommen vergessen. Ich
saß wie ein Waisenknabe in der Ecke auf einer Steinbank neben
dem Eingang und fummelte am Riemen meiner Sandale herum,
den ich vor Aufregung nicht zu schließen vermochte. Doch dies
war erst der Anfang. Der Führer der Dämonen, dessen weites
Gewand am buntesten und dessen Maske am häßlichsten war,
sprang zum heiligen Gong und schlug mit voller Kraft darauf.
„Siehe, die Freuden des Lebens, ihr weisen und gelehrten
Männer! Seid lustig und tanzt! Laßt euch euren Anteil an den
guten Dingen nicht entgehen!"
„Ihr habt genug gefastet!" schrillte eine Frauenstimme. „Dies
ist ein seltenes Fest! Es gibt nur drei solche im Jahr. Nutzt die
Gelegenheit!"
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Wieder schlug der Anführer auf den Gong, worauf ich etwas
mit ansehen mußte, was mir die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Hilflos klammerte ich mich an die Wand. Drei oder vier Frauen
ließen die Kleider fallen und tanzten unter wilden
Freudenschreien nackt herum, wobei sie nur die Masken auf
ihren Gesichtern behielten. Gleichzeitig warfen mehrere
Dämonen die bunten Gewänder ab. Unter Höllenlärm fielen sie
übereinander her und klammerten sich, keuchend vor Lust,
aneinander. Die Menge wogte wild kreischend hin und her. Ein
oder zwei Paare brachen auf dem Boden zusammen und setzten
dort ihren Liebeskampf fort.
Eine Zeitlang starrte ich auf die abstoßende Szene - dann
bedeckte ich mein brennendes Gesicht mit dem Ärmel meines
Gewandes. Was ging hier vor? Was für eine Art teuflischer
Orgie wurde hier gefeiert? Wie konnte der Hohepriester
zulassen, daß das Große Kloster derartig entweiht wurde! Und
das alles in der Halle der Zeremonien, in der mich der Große
Lama vor nur wenigen Augenblicken gesalbt hatte! Eine ganze
Welt brach in mir zusammen, und ich war dabei, meinen
Glauben zu verlieren. Nein, es konnte einfach nicht wahr sein!
Es war nur ein böser Traum. Waren dies die heiligen Lamas,
deren keusches Leben mich so beeindruckt hatte? Hatten sie
mich deshalb zu einem Leben der Entsagung ermahnt? Diese
furchtbare Szene wurde nur etwas durch die Tatsache gemildert,
daß - wie ich wußte, der Hohepriester und die Priesterin nicht
anwesend waren. Vielleicht geschah dies alles ohne ihr Wissen?
Nein, das konnte nicht sein - denn hatte der Gong nicht mehrere
Male getönt? Und außerdem, diese maskierte Orgie mußte gut
vorbereitet gewesen sein.
Jemand zupfte an meinem Umhang und riß daran. Ärgerlich
sah ich auf und erblickte eine weibliche Maske in einem
durchsichtigen Kleid. Sie tanzte in kleinen Schritten vor mir
herum und wiegte ihre Hüften. Ab und zu zupfte sie an meinem
Gewand und flüsterte mir verführerische Worte ins Ohr.
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„Verschwinde, Dämon!" schrie ich sie an und riß ihre Hand
von meinem Umhang los. „Geh zu deinen furchtbaren
Kumpanen und entweihe mit ihnen weiter diesen heiligen Ort!"
Ich kehrte der wilden Meute den Rücken. Hinter der
Steinbank warf ich mich zu Boden und fing bitterlich an zu
weinen. Meine Tränen durchnäßten den Ärmel meines
Gewandes, auf dem mein Kopf ruhte. Ich wollte auf der Stelle
sterben, um diesen gotteslästerlichen Anblick zu vergessen. Die
große Enttäuschung über dieses unerwartete, sündige
Zwischenspiel nach meinem schweren und doch so wunderbaren
Anfang hier überwältigte mich. So schluchzte ich lange Zeit
unbemerkt mit bitterem Herzen. Plötzlich fiel mir auf, daß das
Getöse abna hm. Der Krach war fast verstummt, die Musik
schwieg, und selbst das Getrappel der tanzenden Füße wurde zu
einem leisen Scharren. Nach einer Weile drang der gedämpfte
Klang des Gongs an mein Ohr, worauf es ganz still wurde. Ich
wagte nicht, den Kopf zu heben. Die plötzliche Stille nach dem
großen Lärm verwirrte mich. In meinem großen Schmerz
mochte ich sogar für eine Weile eingenickt sein. Eine Hand
berührte meine Schulter.
„Arau, steh auf!"
Beim Klang der wohlbekannten, freundlichen Stimme fuhr
ich hoch, setzte mich auf die Steinbank und rieb mir die Augen.
Lhalu saß neben mir und lächelte. Erstaunt sah ich, daß die
große Halle wieder so aussah wie zuvor: Die Lamas hockten im
Halbkreis auf den niedrigen Steinbänken, und auf dem hohen
Thron saß der Große Lama mit seiner Priesterin, der Ichka.
Sieben Lamas umschritten langsam die Halle: Sie hielten
Schalen in den Händen, aus denen der Rauch von Räucherwerk
aufstieg, welcher einen süßen Duft verbreitete. Die Lamas in der
Runde drehten ihre Gebetsmühlen und beteten flüsternd.
„Aku", wisperte ich flehend, „hab ich das alles nur geträumt?
Sag mir, daß alles nur ein Traum war! Oder ließest du mich
diese Bilder durch deine Geisteskraft schauen? "
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„Nein, Ti-Tonisa. Du hast dies alles wirklich gesehen. Doch
warum bist du so erschüttert? Du solltest dich darüber freuen,
daß du der Versuchung nicht erlegen bist. Habe ich dir nicht
geraten zu glauben, dann würde alles gut? Aber nun werde ich,
solange die Lamas mit dem Räucherwerk die Runde machen,
die Gelegenheit nutzen und dir die Bedeutung dieses seltsamen
Rituales zu offenbaren, welches dich so sehr erregt hat! Die
maskierten Dämonen sind die niederen Mitglieder der
umliegenden Klöster und Konvente. Diese Menschen haben, wie
du vielleicht weißt, niemals ein Gelübde abgelegt, denn als sie
geprüft wurden, versagten sie. Doch viele mochten nicht nach
Hause zurückkehren und blieben. Sie sind nun Dienstlamas und
weibliche Trapas, welche unsere kargen Felder und Gärten
bestellen, Steine klopfen, Tuch weben, in der Küche die Speisen
zubereiten und ähnliche Arbeiten verrichten. Dreimal im Jahr,
zu Beginn der Einweihung der Novizen, verfügt der
Hohepriester, daß die ernsten Feierlichkeiten vom Tanz der
Dämonen unterbrochen werden sollen, um darauf hinzuweisen,
daß die Unterwelt selbst in den heiligsten Augenblicken des
Lebens wie ein Wirbelwind über unsere Sinne herfallen kann.
Derjenige, der den Sturm der Sinne und die Begierde des
Fleisches nicht mit eigenen Augen sieht, ist kein wirklich
Eingeweihter. Glaubst du, es ist ein großes Verdienst, den
weiblichen Verführungen zurückgezogen in einem Kloster zu
trotzen, wo nie eine Frau den Fuß hineinsetzt? Deshalb gibt es
dreimal im Jahr diese Ausnahmen, damit der Novize alles vor
seiner Einweihung unverhüllt zu Gesicht bekommt. Gleichzeitig
ist der unheilige Ritus eine Prüfung seines Glaubens und seines
Widerstandes gegen Versuchungen. Sorge dich also nicht um
die befleckte Ehre der Lamas, mein Freund, oder darum, daß
ihre Moral Schaden gelitten hat! In Wahrheit nahmen die älteren
Lamas die Masken nur deshalb an, um über ihre schwächeren
Kameraden zu wachen. Verstehst du jetzt? Auch die Lamas
wurden geprüft. Der Hohepriester überwacht Novizen und
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Lamas durch ein Guckloch im Boden seines Raumes über dieser
Halle. Sollte sich einer von ihnen im Glauben, wegen der Maske
unerkannt zu bleiben, von seinen Sinnen hinreißen lassen, würde
er dies schwer bereuen, denn das allsehende Auge des Ichkitsu
sieht ihn, und später muß er für seine Tat unter der Peitsche
büßen. Natürlich wird ein Lama in solch einem Falle auf den
Status des Trapas zurückgestuft. Doch ich kann dir versichern,
Freund, daß solche Fälle nur selten vorkommen. Im
Felsenkloster ist dies bis jetzt noch nie geschehen. Nur die
Trapas nehmen an den Ausschweifungen teil, und selbst sie
müssen dafür büßen, wenn sie zu unserem Kloster gehören.
Habe ich dich damit beruhigen können, Arau?"
Ich blickte meinen Lehrer tief dankbar an, denn seine Worte
gaben mir neues Leben. Wer war ich armer kleiner Novize und
unbedeutender Anfänger, daß ich es wagte, die Anordnungen
des mächtigen Hohenpriesters in Frage zu stellen? Jetzt verstand
ich schließlich, welch tiefer Sinn hinter dem Marsch der
Dämonen verborgen war, und ich erkannte, daß selbst der
heiligste Mann den niedrigsten menschlichen Leidenschaften ins
Gesicht blicken und ihnen im Wissen um seine Reinheit keusch
widerstehen muß. Die Lamas mit dem Räucherwerk hatten
inzwischen die Halle der Zeremonien gereinigt und kehrten an
ihre Plätze zurück.
„Komm zu mir, Ti- Tonisa, mein Kind", rief mich der
Hohepriester von seinem Thron. Auch Lhalu erhob sich, und wir
gingen gemeinsam zu seiner Heiligkeit. „Ich sehe, daß du ein
Junge mit keuschem Herzen bist. Du bist deiner bisher
erreichten Ergebnisse wahrhaft würdig. Die sogenannten
Freuden des Lebens, der Sturm menschlicher Leidenschaften,
erfüllte dich mit Abscheu. Du kehrtest dem schockierenden
Treiben den Rücken und vertieftest dich ins Gebet. Ich habe
jedoch bemerkt, daß dein Glaube einen Augenblick lang
erschüttert war. Hüte dich, mein Sohn! Derjenige, der dem Weg
der Einweihung folgt, darf nicht eine Sekunde lang wanken! Sei
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so stark wie die Felsen, auf denen unser Kloster steht, denn nicht
auf Fels baut jener Mann, dessen Glaube stark ist wie ein Fels!
Glaube also und bleibe nie stehen!"
Er streckte den La mas die Arme entgegen, welche als
Antwort ein Gebet sangen:
„Der Mann, der steht, kann der lautlosen Stimme nicht
lauschen."
„Der Mann, der steht, kann den schweigenden Sinn nicht
erfassen."
„Der Mann, der steht, kann der unsichtbaren Spur nicht
folgen."
„Der Mann, der steht, wird das Siegel des Geistes auf seiner
Stirn nicht empfangen."
Ich stand bewegungslos mit gebeugtem Kopf vor dem Thron.
Die Priesterin blickte mich gütig an und flüsterte dem Großen
Lama etwas ins Ohr, worauf dieser die Hand hob. Der
summende Chor der Lamas verstummte. Der tiefe Klang des
Gongs schwieg. Der Vorhang der Hintertür wurde von
unsichtbaren Händen beiseitegeschoben, und eine kleine Gruppe
schwarzgekleideter Lamas betrat den Raum. Sie trugen eine Art
rechteckiger Steinplatte, die auf einem Brett ruhte. Dieses
stellten sie in die Mitte der Halle und zogen sich daraufhin
zurück. Ich betrachtete das Ding neugierig und gleichzeitig
mißtrauisch. Von einem weißen Tuch bedeckt lag etwas
Längliches auf dem Stein, das ungefähr die Konturen eines
menschlichen Körpers hatte. Lhalu Lama ging darauf zu und
zog das Tuch weg. Vor Überraschung schrie ich fast auf. Auf
dem Stein lag eine Leiche.
Der Hohepriester gab Lhalu ein Zeichen, und dieser führte
mich zu dem Tisch.
„Fürchte nichts, Arau", flüsterte er mir ins Ohr. „Du wirst
über den Aufbau des menschlichen Körpers sprechen müssen.
Wenn du nichts darüber weißt, dann mache deinen Geist einfach
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leer und erwarte meine Eingebungen."
„Sag mir, Schüler, was liegt hier vor dir?" fragte der
Hohepriester und beugte sich von seinem Thron.
„Die verlassene Hülle eines meiner Lamabrüder", antwortete
ich furchtlos, denn Vater Ram-Chen hatte mir den Aufbau des
menschlichen Körpers oft erklärt.
„Zeige mir, wo im Körper die Seele wohnt?"
Schweigend legte ich die Hand auf das Herz der Leiche.
„Sehr gut. Und wo verläßt die Seele im Augenblick des Todes
den Körper?"
„Durch den Kopf. Sie zieht sich langsam aus den Gliedern
nach oben in den Kopf zurück. Zuerst sterben die Beine ab. Am
längsten verweilt das Leben im Kopf."
„Zähle mir die fünf Sinne auf."
„Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren."
„Welcher Sinn ist am wichtigsten?"
Mir war, als stände Vater Ram-Chen vor mir. Dies war auch
seine liebste Frage gewesen.
„Keiner, Vater. Unser sechster Sinn, die Voraussicht, die in
der Mitte der Stirn, im Hals, im Herzen, in der Magengrube und
im Leib wohnt, ist der wichtigste Sinn."
Der Hohepriester nickte und bedeutete mir, näher an die
Leiche heranzutreten.
„Und jetzt wollen wir sehen, ob du die inneren Organe eines
menschlichen Körpers kennst. Hast du jemals eine Leiche
geöffnet?"
„Nein, Vater", antwortete ich schüchtern, und bei dem
Gedanken, daß mir der Große Lama befehlen könnte, dies bei
dieser Leiche zu tun, wurde ich furchtbar aufgeregt. Ram-Chen
Lama hatte mir viel über die Funktion der inneren Organe
erzählt, und ich kannte ihren Sitz im Körper, doch gesehen hatte
-132-
ich nur die Eingeweide von Lämmern oder Dris. Mein früherer
Meister hatte mir am Beispiel einer Ziege, die sich in den Felsen
zu Tode gestürzt hatte, gezeigt, wo sich im Organismus das
Herz, die Leber, die Nieren und die Gedärme befanden. Doch
beim Anblick dieser wächsernen dünnen Leiche ergriff mich
blanke Furcht. Ich hatte geglaubt, die Salbung bedeute meine
Einweihung und hätte mir nicht träumen lassen, daß noch viele
weitere Prüfungen folgen würden.
Lhalu blickte mich ermutigend an. „Hab keine Angst",
flüsterte er mir zu. „Nimm einfach das Skalpell vom Tisch und
achte nicht darauf, was du tust. Schneide dich vor allem nicht in
die Finger!" Zitternd ergriff ich das feine Messer und sah den
Hohenpriester an. Auf ein Zeichen von Lhalu brachte einer der
Lamas eine Schüssel voll mit bräunlicher Flüssigkeit und stellte
sie vor uns auf den Boden. Ein andere Lama bat mich, das
schwarze Gewand anzulegen, welches er mir entgegenhielt.
„Jetzt schneide jenes Organ aus diesem Körper", sagte der
Ichkitsu, „welches im materiellen Sinne den Körper von seinen
Ablagerungen reinigt, während es auf der spirituellen Ebene
Laster und Tugenden filtert. Was sagt die Hymne der Weisheit
darüber, mein Sohn?"
„Prüfet die Herzen und schaut in die Nieren."
„Dann beginne damit, jenes Organ aus diesem Körper zu
schneiden, an welches ich denke."
Mein Gehirn barst schier vor Ungewißheit. Was sollte ich
jetzt tun? Ich hatte keine Ahnung, wie man eine Leiche öffnete,
und jetzt ließ mich der Große Lama auch noch im Ungewissen
darüber, ob es auch wirklich die Niere war, die ich
herausnehmen sollte.
„Nimm das Organ heraus, an welches ich denke…" Doch
welche Niere? Die rechte oder die linke? Oder ein ganz anderes
Organ? Ich war furchtbar aufgeregt und wünschte mich aus
ganzem Herzen in die Dampfkammer oder den unterirdischen
-133-
See zurück, in den ich rückwärts gefallen war. Doch dann
erinnerte ich mich an den Rat, den mir Lhalu gegeben hatte, und
beruhigte mich mit mehreren tiefen Atemzügen. Das beherrschte
Atmen brachte meine Gedanken rasch dazu, sich aufzulösen, so
daß mein Geist völlig leer wurde. Ohne einen einzigen
Gedanken starrte ich auf das Messer in meiner Hand.
Dann blickte ich zu Lha lu, dessen weit geöffnete,
bewegungslose Augen auf mich gerichtet waren. Ich ging zur
rechten Seite der Leiche, machte einen etwa zwölf Zentimeter
langen Schnitt über der rechten Lende und drückte die Haut mit
dem darunter liegenden Fleisch auseinander. Jetzt sah ich die
dicken Schichten des Lendenmuskels. Ich schob sie - ohne zu
wissen, was ich tat - mit den Fingern beiseite und machte, den
Muskel vorsichtig aussparend, einen noch tieferen Schnitt ins
Fleisch. Dann steckte ich meine linke Hand durch das Loch und
griff nach der Niere. Ich zog sie mit einem Ruck heraus und
durchtrennte gleichzeitig mit dem Skalpell die Blutgefäße. Dann
warf ich das Messer auf den Tisch und hielt das
blutverschmierte Organ hoch.
Der Hohepriester nickte zweimal. Er sah die Ichka an, welche
lächelte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Beide schauten mich
aufmunternd an.
„Gut, Sisya, du hast meinen Gedanken erraten und ebenso die
Gedanken deines Führers gut aufgenommen. Auch diese
Prüfung galt in erster Linie der Gedankenübertragung. Wenn du
ein Heilkundiger werden willst, wirst du das Sezieren in jedem
Falle hier im Kloster lernen. Ich wollte bei dieser Prüfung vor
allem sehen, ob dich der Anblick oder die Berührung der Leiche
abschreckte, denn ein Schüler muß alles wagen."
Er machte ein Zeichen, worauf mir zwei schwarzgekleidete
Lamas eine Schüssel mit dampfendem Wasser und ein Handtuch
entgegenhielten. Ich wusch meine Hände gründlich mit
Reinigungspuder und heißem Wasser und trocknete sie mehrere
Male ab. Jetzt hielt mir der Lama ein Gefäß entgegen, welches
-134-
mit einer bläulichen Flüssigkeit gefüllt war.
„Tauche beide Hände hinein", sagte Lhalu Lama, „es wird
dich desinfizieren. Und ihr, tragt das hinaus!" wandte er sich an
die Trapas und deutete mit der Hand auf den Seziertisch. Die
Lamas stellten sich sofort um die Steinplatte herum und trugen
die Leiche aus dem Raum.
Ich stand wieder vor dem zweisitzigen Thron und verbeugte
mich tief. Diesmal sprach mich die Priesterin an.
„Ich möchte dir zwei Fragen stellen, Ti- Tonisa. Es ist nicht
weiter schlimm, wenn du sie nicht beantworten kannst, denn sie
gehören nicht zu deiner Prüfung. Du hast jedoch so viel Wissen
unter Beweis gestellt - dank deinem alten Meister, dem heiligen
Drangsrong - daß du die Antworten möglicherweise kennst. Ich
stelle dir zwei Fragen über das alte Tsa-Vahi- Gyut."
Vor Aufregung errötete ich, denn Vater Ram-Chen hatte oft
über die alte mündlich überlieferte Tradition gesprochen, die
allgemein „Die Wurzeln der medizinischen Wissenschaft"
genannt wurde.
„Sage mir, welche Teile des menschlichen Körpers vom Vater
und welche von der Mutter stammen."
„Aus dem Samen des Vaters werden das Gehirn gebildet und
die Knochen des Skeletts. Aus dem Blut der Mutter bilden sich
Fleisch, Blut, Herz, Gewebe und die sechs wichtigsten Arterien
und Venen."
„Und was sind die drei Hauptursachen für Krankheit?"
„Es sind Wollust oder brennende Begierde, Leidenschaft oder
Wut, Stumpfheit oder Unwissenheit."
Die Priesterin schien zufrieden zu sein. Ich sah an ihrem
Gesicht, daß ihr meine raschen Antworten gefallen hatten.
„Sehr gut, Schüler, ich bin nicht unzufrieden mit dir. Dein
Wissen wird dem Kloster einst gute Dienste erweisen. Schau
Lhalu Lama an!" Sie deutete mit dem Finger auf meinen Lehrer,
-135-
der sich bei diesen Worten tief verbeugte. „Er war dir in den
Zeiten seines Noviziates sehr ähnlich. Obwohl er dich sogar
noch übertraf, denn als die Leiche zum Sezieren gebracht wurde,
setzte sie sich auf sein Zeichen auf. Du magst noch nie von
solchen Dingen gehört haben. Sie gehören zu den geheimsten
und heiligsten Riten des Chod, in denen du erst später
unterrichtet werden wirst. Du scheinst in jeder Hinsicht in seine
Fußstapfen zu treten. Deshalb haben wir ihn dir auch zum
Führer durch die Grundlagen unseres Chintanyin gegeben. Eine
deiner Gaben steht seinen großen Fähigkeiten allerdings
besonders nahe. Auch du bist ein Seher, und dieses große
göttliche Geschenk wird sich noch in dir entwickeln. Und jetzt
lassen wir dich eine kurze Pause machen." Sie wies mit der
Hand zum Ausgang. „Gehe hinüber zum Lhakang und bitte die
Heilige Weisheit, daß sie dir genug Kraft für die schwere
Prüfung des Sarges schenken möge."
Ich warf mich vor dem Ichkitsu und der Ichka nieder und
erhob mich erst, als mich Lhalu an der Schulter berührte. Er
führte mich aus der Halle in den Kang. Die letzten Worte der
Priesterin hatten mir den Rest meines Selbstvertrauens geraubt.
Ich hatte fest geglaubt, meine Prüfungen seien vorüber, denn
hatte mich der Hohepriester nicht gesalbt? Schon die Öffnung
der Leiche hatte mich überrascht. Es war mir einfach nicht in
den Sinn gekommen, daß noch schwerere Prüfungen auf mich
warteten. Was sollte ich unter „Prüfung des Sarges" verstehen?
Ram-Chen Lama hatte mir nichts darüber erzählt! Diese
geheimnisvollen Riten schienen nur die Eingeweihten zu
kennen.
„Hab keine Angst, glaube!" sagte mein Führer, als habe er
meine Gedanken erraten. „Ich habe dir schon oft gesagt, daß du
im Leben in jedem Augenblick mit unerwarteten Ereignissen
rechnen mußt. Und wieviel mehr noch im Felsenkloster, in
welchem du die Einweihung erlangen willst! Du hast keinen
Grund zur Furcht. Wenn du den Anweisungen des
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Hohenpriesters folgst, wirst du, dank deiner Fähigkeiten, auch
diese Prüfung leicht bestehen. Wahrscheinlich wirst du eine
wunderbare Erfahrung machen. Wir sind im Lhakang. Bete, und
wenn du den Gong hörst, dann komm zurück in die Halle der
Zeremonien."
Das Alleinsein tat mir gut. Ich warf mich vor der Statue der
Weisheit nieder und versenkte mich in der Stille der kleinen
Kapelle in tiefe Gebete. Nach dem Durcheinander und den
wilden Szenen des Dämonenfestes beruhigte die Ruhe meine
Nerven. Ich spürte jedoch, daß die nächste Prüfung ganz anders
sein würde als die vorausgegangenen. Ich wurde immer
aufgeregter, wie wohl alle Menschen, die etwas vollkommen
Unbekanntes erwartet. Während ich betete, stiegen aus den
Tiefen meiner Seele die vertrauten Bilder der Landschaft meiner
Heimat auf. Mir war, als beobachtete ich eine lang vergangene
Szene: mein früheres Leben, welches von der Gegenwart durch
den doppelten Vorhang von Tod und Wiedergeburt getrennt zu
sein schien. Mein Denken wurde immer langsamer, bis ich
nichts mehr denken konnte. Und ich, der ich über meinen Vater
gelächelt hatte, weil ihn beim Beten der Schlaf übermannt hatte,
schlief einfach ein. Der ferne Klang eine s Gongs weckte mich
auf. Ich sprang auf die Füße und eilte zurück in die Halle der
Zeremonien, wo mich das gewohnte Bild empfing. Der
Hohepriester und die Ichka saßen nebeneinander auf dem Thron
und die Lamas im Halbkreis auf den Steinbänken. In der Mitte
der Halle erblickte ich einen riesigen steinernen Sarg, welcher
mit einem weißen Tuch bedeckt war. Im ersten Augenblick
schrak ich vor dem Anblick zurück, doch ich riß mich
zusammen und ging festen Schrittes zum Thron.
„Bevor du die Große Prüfung ablegst", begann der Große
Lama, „mußt du uns zeigen, ob du in den Übungen der Großen
Askese bewandert bist. Lhalu, weise deinen Schüler ein!"
Mein Lehrer ging zu mir und bedeutete mir, mich vor dem
Sarg in der Stellung der heiligen Meister hinzusetzen. Ich ließ
-137-
mich wie der Blitz mit gekreuzten Beinen nieder, denn so
erforderten es die Regeln. Auf Lhalus Anweisung hin mußte ich
Atemübungen vorführen, wie zum Beispiel das „neunfache
Einatmen" oder das „vierfache gefäßförmige Atmen". Damit
war ich seit langem vertraut, und so zeigte ich die Übungen des
beherrschten Atmens von den kürzesten Rhythmen bis hin zu
den langen Zyklen des angehaltenen Atmens so korrekt wie
möglich. Ich wußte, daß ich danach auch den niedrigen
Lungom-Sprung ausführen mußte, die wichtigste Übung der
Großen Askese. Lhalu wies mich, wie damals auch mein alter
Meister, nur mit den Augen und kaum wahrnehmbaren
Fingerzeichen an. Als der Zeitpunkt des großen Sprunges
näherrückte, fragte er mich, wie hoch ich springen könne.
„Einen Meter hoch", antwortete ich ängstlich.
„Zu niedrig", murmelte Lhalu. „Du wirst mindestens einen
halben Meter höher springen müssen, wenn du den hohen
Lungom ausführen mußt. Mach dir jetzt keine Sorgen. Heute
wird nur der niedrige Sprung verlangt."
Der Gong wurde sanft geschla gen, und mein Führer hob die
Hand. Ich preßte die Finger in die Kniekehlen, führte die
vorgeschriebene Atmung aus, drehte meine Hüften dreimal nach
rechts und dreimal nach links und machte beim siebten
Gongschlag springende Bewegungen mit den gekreuzten
Beinen. Darauf folgte eine rhythmische Pause, während der ich
vollkommen konzentriert auf den richtigen Augenblick warten
mußte. Beim achten und lautesten Gongschlag schleuderte ich
mich mit großer Kraft und der Aufbietung all meiner
Willenskraft nach oben. Als ich zurückfiel, erreichte ich den
Boden noch in derselben sitzenden Haltung.
Der Ichkitsu erhob sich.
„Ich sehe, daß du in den Grundbegriffen der Großen Askese
ebenfalls bewandert bist. Daraus und aus den bereits
bestandenen Prüfungen erkenne ich, daß du über die notwendige
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geistige und körperliche Kraft für die Prüfung des Sarges
verfügst. Diese Prüfung wird eines der bedeutendsten Erlebnisse
deines Lebens sein, denn wir nennen sie ,Tor zur Einweihung'.
Die Prüfung des Sarges erprobt gleichzeitig deinen Glauben und
deine Demut. Wir werden dich sieben Tage lang begraben.
Deine Seele wird in dieser Zeit von deinem geistigen Führer in
der anderen Welt begleitet. Wenn du wieder aufwachst, mußt du
uns berichten, wo du warst und was du gesehen hast, außerdem
deine gesamte Lebensgeschichte von der Geburt bis zum Tode.
Hast du den Mut, dich dieser Prüfung zu stellen? Du kannst
auch ablehnen, mein Sohn."
„Ich bin bereit", sagte ich und verbeugte mich.
Der Hohepriester winkte, und Lhalu führte mich zum Sarg.
„Hab keine Angst, Arau. Schau mich an und folge meinem
Rat. Die Priesterin wird von ihrem Thron steigen und dich um
deinen Umhang bitten. Dann legst du dich in den Sarg, wir
bedecken dich mit dem Mantel, und der Hohepriester wird dich
in Schlaf versetzen. Danach wird der Deckel verschlossen und
zugenagelt. Der Große Lama versiegelt den Sarg mit seinem
Ring und läßt ihn nach oben in ein Zimmer neben dem seinen
bringen, damit er dich ohne Unterbrechung überwachen kann.
Er ist für deine körperliche Gesundheit verantwortlich, und du
kannst dich ihm ohne Bedenken anvertrauen."
Die Priesterin trat zu uns, und auf ein Zeichen Lhalus zog ich
meinen Umhang aus. Ich gab ihn der Ichka mit einer tiefen
Verbeugung und legte mich in den Sarg, wobei ich das weiße
Bartuch niederdrückte, das von selbst über mich fiel.
Nur mein Kopf blieb unbedeckt, und als ich hochblickte, sah
ich den Hohenpriester, der sich über mich beugte. Er öffnete
seine Augen sehr weit und starrte mich an. Dann streckte er eine
Hand aus und strich mit zwei Fingern über meine Stirn.
„Schlafe", flüsterte er mit seiner tiefen Stimme, „schlafe!"
Mir war, als bewege sich der Sarg unter mir und woge wie ein
-139-
sturmgepeitschtes Meer auf- und ab. Im nächsten Augenblick
sank ich in einen bodenlosen Abgrund und verlor das
Bewußtsein.
-140-
Kapitel 7
Als ich zu mir kam, wogte ich noch immer auf und ab. Ich
war mir sicher, nicht zu träumen, allerdings war ich auch nicht
wach. Dieser Zustand lag seltsam dazwischen. Neben mir
drehten sich in hoher Geschwindigkeit farbige Kreise, und
schleierartige Wolkenfetzen schwebten an mir vorbei. Der
Hohepriester stand noch vor mir, doch ich sah weder Lhalu noch
die Lamas. Das entferntere Ende der Halle der Zeremonien
schien im Nebel zu verschwinden. An der Seite des Großen
Lamas erblickte ich die Gestalt eines Mannes, der ein strahlend
weißes Gewand trug und mir zulächelte. Allmählich beruhigte
sich das Gewoge und glich nun mehr dem sich kräuselnden
Wasser eines Sees, wobei konzentrische Ringe von einem
Zentrum, dem Kopf der erhabenen Gestalt, auszugehen
schienen.
„Komm her!" Merkwürdigerweise nahm ich diese
Aufforderung eher als Sehen denn als Hören wahr. „Steig
heraus!" Mir war, als spalte sich mein Selbst: Ein Teil blieb steif
und bewegungslos zurück, der andere stieg körperlos nach oben
und schwebte über dem Sarg. Meine fünf Sinne arbeiteten
tadellos, viel besser als ich es in meinem verlassenen Körper
gewohnt war. Erstaunt bemerkte ich, daß ich von dort oben
durch meinen Körper bis auf den Grund des Sarges sehen
konnte, als bestände dieser aus Luft, ja, ich schaute durch das
Kloster hindurch bis auf die Felsen, auf denen es gebaut war.
Selbst der Große Lama war so durchsichtig wie Wasser. Jetzt
erblickte ich auch Lhalu. Beide gingen zum Sarg, bedeckten
mich mit meinem Umhang, hoben den schweren Deckel an,
schoben ihn über die Öffnung und nagelten ihn fest. Dann
brachte der Hohepriester Wachs am Öffnungsschlitz an und
drückte seinen großen Siegelring hinein. Ich war außer mir vor
Staunen. Noch nie hatte ich mich so merkwürdig gefühlt! Dies
-141-
war kein Traum, denn ich wußte, daß ich nicht schlief. Es war
ein Gefühl hundertfach erhöhter Wachheit! Ich sah, hörte und
fühlte alles viel klarer, viel genauer als in meinem Körper. Ich
beobachtete, wie die Lamas den Sarg auf ihre Schultern hoben
und ihn langsam zur Treppe trugen, gefolgt vom Ichkitsu und
Lhalu.
Dann hörte oder sah ich diese Stimme wieder, eine kaum zu
beschreibende Empfindung.
„Ti-Tonisa, erkennst du mich?"
„Uparnissur!" rief ich voller Freude, denn im selben
Augenblick erkannte ich das Gesicht meines Schutzgeistes. War
das nicht merkwürdig? In meinem irdischen Leben war er mir
nie begegnet; ich wußte nur, daß er existierte und über mich
wachte. Und jetzt war mir, als träfe ich einen alten vertrauten
Freund, den ich verloren und wiedergefunden hatte. Ich rannte
zu ihm und schlang die Arme um seine Schultern. Wenn ich
„rennen" sage, so entspricht dies den Tatsachen, denn es
handelte sich nicht um geistiges Gleiten, obwohl mir die
Bewegungen so leicht fielen, als triebe mich die Kraft meiner
Gedanken an.
„Du erkennst mich also. Ich bin dein Geistführer, vom
Himmel dazu bestimmt, von deiner Geburt bis zu deinem Tode
über dich zu wachen. Erinnerst du dich noch an den
chaldäischen Königshof in Assur, an dem wir beide Magier
waren, unzertrennliche Busenfreunde? Auch damals wurde ich
geboren, um dir durch dein Leben zu helfen. Doch die
Nichtigkeiten der Welt ließen dich vom ewigen Ziele
abschweifen. Sei nicht traurig, Ti-Tonisa! In diesem Leben hast
du allen Versuchungen widerstanden, und deshalb darfst du zu
der herrlichen himmlischen Sphäre, deiner Heimat, aufsteigen.
Die Einweihungsstufe, die dir jetzt bevorsteht, ist vielleicht das
wichtigste Ereignis in deinem Erdenleben. Nach so vielen
Jahrhunderten begibt sich dein Bewußtsein zum ersten Male auf
die geistige Ebene, und endlich begegnen wir uns wieder. Von
-142-
nun an werden wir öfter in dieser Art miteinander sprechen,
wenn auch nicht so unmittelbar wie jetzt, und ich werde dich in
die Geheimnisse der geistigen Welt einführen, damit du noch
auf der Erde in jener Sphäre leben kannst, in welche du
eigentlich gehörst. Denn wisse, Freund, daß jener, der dem Weg
der Einweihung folgt und den pfeilschnellen Pfad gewählt hat,
während eines Erdenlebens mehrere Inkarnationen durchleben
muß, um seinen Weg abzukürzen. Deshalb fürchte dich auch
dann nicht, wenn dir merkwürdige Dinge zustoßen sollten.
Folge stets den Anweisungen deines Hohenpriesters und meinen
Eingebungen.
Der Hohepriester bedeckte dich mit deinem Mantel und ließ
deinen Körper in ein Zimmer neben dem seinen bringen, um
dich ständig überwachen zu können. Sein Siegel und die
Berührung seiner Hand wird die niedrigen, erdgebundenen
Geister fernhalten, die in den unteren Sphären auf der Suche
nach Beute umherschweifen und sich von den Sünden und
Schwächen der Erdbewohner nähren. Komm, laß uns höher
steigen. Sieh dir dein ewiges Zuhause an."
Das Kloster und die riesigen Berge waren bereits in der Tiefe
verschwunden. Als ich den gähnenden Raum unter mir
wahrnahm, erschrak ich und dachte unwillkürlich an meine
kleine Zelle. Im nächsten Augenblick sank ich.
„Paß auf!" rief mein Führer und schoß blitzschnell hinter mir
her. „Du mußt lernen, deine Gedanken zu beherrschen, denn sie
sind lebendige Bilder, deren Schöpfer du bist. In der feinen Welt
sind sie die treibende Kraft, mit deren Hilfe du dich in die
gewünschte Richtung bewegst. Doch sie dich um!"
Ich bemerkte erstaunt, daß verschieden große, farbige Formen
gleich dem Schweif eines Kometen hinter mir herschwebten. In
der Ferne machte ich gespenstische Schatten aus, während noch
weiter entfernt ähnliche Geistformen wie mein Führer mit
unglaublicher Geschwindigkeit durch den Raum schossen.
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„Du kannst deinem Meister dankbar sein, daß er dich gelehrt
hat, die Gedanken zu beherrschen. Gedanken sind eine
lebendige Realität, mein Freund. Aus diesem Grunde ist es so
wichtig, daß ein Mensch sie schon auf Erden sichten lernt, damit
seine guten, reinen, edlen Gedanken nach dem Tode seine
geistige Entwicklung zu bezeugen vermögen. Sündige
Gedankenphantome allerdings verfolgen ihre Erzeuger nach
deren körperlichem Tode ohne Erbarmen, klammern sich an sie
und lassen nicht zu, daß sie sich über ihre Entwicklungsstufe
erheben."
„Was sind das für leuchtende Gestalten in der Ferne?"
„Geister", antwortete mein Führer.
„Und woher weiß ich, ob ich einem Geist oder einer
Gedankenform begegne?"
„Sprich sie an. Wenn sie dir nicht antworten, sind es bloße
Phantome, die sich von der Lebenskraft ihrer Erzeuger nähren."
Wir glitten gleichmäßig, doch schwindelerregend rasch
aufwärts. Ich fand es merkwürdig, daß es immer noch dunkel
war. Außer den Geistern, die gleich leuchtenden Pfeilen einzeln
oder in Gruppen am Horizont verschwanden, sah ich nur die
strahlende Gestalt meines Führers.
„Warum ist es so dunkel hier?" fragte ich, und seine
blitzenden Gedankenschwingungen klangen in meiner Seele.
„Weil der Ring, durch den wir gerade fliegen, die dunkelste
Sphäre der Erde ist. Dort leben die Vater- und Muttermörder,
die Triebverbrecher, die Hurer und die Mörder. Wisse, Ti-
Tonisa, daß sich das Schicksal eines jeden Menschen
entscheidet, wenn nach seinem Tode im Chikai Bardo das
heilige Licht aufflammt. In diesem Augenblick beginnt das
Gesetz der Eignung zu arbeiten. Jener Mensch, der sich während
seines Lebens zum pfeilschnellen Pfad entschloß, erkennt die
Führung der Gottheit und reißt sich aus freien Stücken von der
Materie los. Es läßt alles, was zur Erde gehört, dort zurück. Sein
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Geist fliegt frei wie ein Vogel durch die niederen sphärischen
Ringe, weil ihn die Versuchungen jener, die dort leben, nicht
anzufechten vermögen. Aus diesem Grunde vermagst du die
Leidenden auch nicht zu sehen. Deine Seele schwingt sich
augenblicklich so hoch hinauf, wie du es dir in deinem
Erdenleben verdient hast."
„Ist das die Unterwelt," fragte ich, „dieser dunkle Ort, durch
den wir gerade fliegen?"
„Ja, und außerdem noch die Schichten unter der Erde. Doch
dort sind nur unverbesserliche Sünder in die Kessel
unterirdischer Felshöhlen und schäumender Wasser gebannt. Es
braucht Ewigkeiten, um von dort erlöst zu werden, obwohl auch
diese verdammten Seelen aufsteigen können, denn kein Geist
wurde zu ewiger Verdammnis geschaffen. Schau dich um!"
Jetzt machte ich in der Dunkelheit verschwommene Umrisse
aus. Wir kamen an großen Gebäuden und verwüsteten Plätzen
vorbei. Meine Neugierde erwachte, und augenblicklich
verlangsamte sich unser rascher Flug. Jetzt gingen wir
buchstäblich nebeneinander durch breite gerade Straßen, und
mit wachsendem Interesse betrachtete ich die seltsamen
Gebäude, die mich an ein lange vergangenes Zeitalter
erinnerten. Doch die schönen Paläste und Kunstwerke waren
von Efeu überrankt, und Unkraut überwucherte das
Straßenpflaster. Ab und zu sah ich, wie sich Menschen mit
häßlich verzerrten Gesichtern über die Straße stahlen. Sie trugen
dunkle Gewänder und waren abscheulich anzusehen. Als wir um
eine Ecke bogen, hörten wir Schreie. Bestürzt beobachtete ich
eine Gruppe Soldaten, die zwei bis zum Halse eingegrabene
Männer folterten, welche flehend zu ihnen aufblickten.
„Wo sind wir hier?" fragte ich entsetzt. „Was ist das für eine
schreckliche Stadt?"
„Es ist das alte Bild der Hauptstadt Mkah von Atlantis, der
verlorenen Welt. Für diese unglücklichen Seelen ist es heute
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genauso wirklich wie damals. Es sind jene, die ihr Wissen nicht
zur Ehre Gottes, sondern für die Ziele des Bösen einsetzten. Ihre
Kenntnisse waren so hoch entwickelt, daß sie die Gesetze der
magischen Zahlen willentlich anzuwenden vermochten.
Außerdem kannten sie die verborgenen Namen aller Dinge und
konnten so den kleinsten Partikeln der Materie gebieten.
Getrieben vom wilden Durst nach Rache und der Gier, die Welt
zu beherrschen, führten sie Krieg gegen das Volk, welches im
Südosten des mittleren Kontinents lebte, doch die Materie geriet
außer Kontrolle, und die Welt brach über ihren Köpfen
zusammen. Das war die Zeit der Großen Flut, welche das
Gesicht der Erde vollständig veränderte. Durch die großen
Umwälzungen sind die Berge und Meere heute anders gestaltet
als zu jenen Zeiten. Seitdem leben die Seelen der sündigen
Atlanter, welche durch die Katastrophe plötzlich hinweggerafft
wurden, hier in diesem geistigen Gegenstück ihres Landes und
führen noch immer dasselbe schlimme Leben."
„Gibt es denn keine Rettung für sie?" fragte ich und drängte
mich unwillkürlich näher an Uparnissur heran.
„Jeder Mensch kann erlöst werden, mein Freund. Das hängt
nur von seiner Reue ab. Wenn diese unglücklichen Seelen
Mitleid für ihre einstigen Gegner empfänden und die hohen
Kräfte um Hilfe bäten, würden auf der Stelle hilfreiche Geister
zu ihnen gesandt, die sie aus Dunkelheit und Leid erretten
würden. Komm, laß uns höher hinaufsteigen, denn hier ist die
Heimat der Sünde. Ich hielt mich nur deshalb mit dir dort auf,
weil es deinem Wunsche entsprach. Habe ich dir nicht bereits
gesagt, daß hier ein Wunsch gleichbedeutend ist mit seiner
Erfüllung?"
„Du hast mir auch gesagt, daß im ersten Ring der ersten
Sphäre die Triebtäter leben. Und jetzt sind wir unter den
Mördern von Atlantis. Stehen sie denn höher als die Sklaven der
Sinne?"
„In der Tat, Ti-Tonisa. Die erste Sphäre des ersten Ringes
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wird von Seelen bewohnt, die ihren schöpferischen Instinkt dazu
benutzten, den Tempel ihres Körpers durch Hurerei zu
beschmutzen. Dort leben auch solche, die ihre Eltern töteten.
Dann folgen die Mörder, die Räuber, die Selbstmörder, die
Gottlosen, diejenigen, die das Gold anbeten und die grausamen,
wilden Völker der Wälder. Das traurigste Schicksal von allen
erleiden vielleicht jene unglücklichen Geister, die ihr Leben,
jenes große Geschenk Gottes, mit eigenen Händen fortwarfen.
Die Selbstmörder sind solange an ihr Grab gebunden, bis die
ihnen vorbestimmte Lebensspanne abgelaufen ist. Sie erleben
jeden Augenblick der Auflösung und des Verfaulens ihres
Leibes.
Stell dir das so vor: Jeder Ring der feinen Welt über der Erde
besteht aus einer kreisförmigen Kette von sieben Sphären oder
Ebenen. Die Erde in unserem Sonnensystem verfügt über sieben
solcher Ringe. Gerade habe ich dir die sieben Sphären des ersten
Ringes genannt. Dort herrschen so dichte Schwingungen, daß
sich ein höherer Geist dort so fühlt wie du dich fühlten würdest,
wenn du unter Wasser atmen solltest."
Während er dies sagte, waren wir bereits über die Ebene der
zerstörten Stadt aufgestiegen, die unter uns in der Tiefe
schwebte.
„Im nächsten Ring werden wir nicht anhalten", sagte me in
Führer. „Die niederen drei Ringe und ihre entsprechenden
Sphären sind Orte des Leidens und der geistigen Reinigung, wo
die Seelen das Gewicht und die Auswirkungen ihrer Sünden
siebenmal deutlicher spüren als auf der Erde. Wir fliegen jetzt
zum vierten Ring, unserer wahren Heimat, der Halle des
Himmels, wo der Kreislauf der Verkörperungen endet. Wenn
der Geist rein bleibt, muß er nicht mehr hinabsteigen und ist
vom ewigen Kreislauf des Akhor befreit."
Zu meinem Staunen wurde es immer heller. Vom Lande der
Dunkelheit kamen wir in das Land des Zwielichtes, welches wir
blitzschnell durchflogen. In der Ferne konnte ich die Umrisse
-147-
von Städten, Dörfern und Bergen erkennen. Schattenhafte
Menschen eilten an uns vorbei, als wollten sie ihrer täglichen
Arbeit nachgehen. In der Tiefe schwebte die Erde gleich einem
großen Ball. Der Mond zu unserer Rechten war so nahe, daß
seine Kugel hundertmal größer zu sein schien als am
Erdenhimmel. Funkelnde Sterne rasten durch den Raum. Die
flüssigen Spuren ihrer farbigen Höfe wehten gleich bunten
Schleiern hinter ihnen her. Alles hier war lebendig und in
Bewegung, viel lebendiger als auf der Erde. Am wunderbarsten
war jedoch das breite Spiralband, welches sich wie die
Milchstraße von der Erde aus durch alle Ringe und Sphären in
unendliche Höhen zog, wo es sich im goldenen und silbernen
Gefunkel ferner Sonnen und Sterne verlor. Erst jetzt fiel mir auf,
daß auch wir auf dem Spiralband, dieser wunderbaren
Himmelsstraße reisten. Jede ihrer Windungen dehnte sich weiter
als der irdische Horizont hätte fassen können. Seltsamerweise
schien sie eifrig benutzt zu werden, denn ich sah viele
Geistwesen. Eine Hälfte des Weges leuchtete in strahlendem
Weiß: Auf dieser Seite befanden sich jene Seelen, die auf ihrer
Pilgerfahrt nach oben strebten. Auf der anderen Hälfte, welche
im Dunkeln lag, sanken unzählige Gestalten in großer
Geschwindigkeit abwärts, wobei sie ab und an im Sternenlicht
aufblitzten. Doch nicht jeder Geist wanderte: Einige glitten
genauso gleichmäßig rasch nach oben wie wir.
„Achtung! Du richtest deine Aufmerksamkeit auf den Weg,
und schon stehst du", rief Uparnissur und flog zu mir zurück.
„Da ich weiß, was dich neugierig macht, werde ich deine Fragen
beantworten, wenn auch nur kurz, denn wir haben nicht viel
Zeit. Die irdische Woche, während der dein körperloser Geist in
unserer Mitte weilen darf, dauert in der zeitlosen Ewigkeit nicht
länger als ein Augenzwinkern. Du wirst schon bald in deinen
Körper zurückkehren müssen. Dies hier ist die Himmelsstraße,
welche sich vom tiefsten Ring immer höher hinauf bis zum
unsterblichen Licht windet. Wie du siehst, wandern die Geister
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auf- und abwärts. Diejenigen, die aufwärts streben, bewegen
sich sehr langsam, denn in den Sphären der feineren Welt dauert
die Sühne wesentlich länger und ist viel mühseliger als auf der
Erde. Deshalb können die Seelen nach den in den Sphären
bestandenen Prüfungen nur langsam aufsteigen und auch nur
begrenzt hoch. Diejenigen, die fallen, rasen dagegen mit
Höchstgeschwindigkeit in die Tiefe. Über ihnen kannst du ganze
Legionen von Engeln sehen, denen es bestimmt ist, diesen
Geistern zu folgen, um ihnen zu helfen. Jene leuchtenden
Geister mit den goldenen Helmen und den gezückten,
schimmernden Schwertern, die sich über uns in die Tiefen der
Unterwelt stürzen, sind die Führungsgeister der Erde, die
helfenden Heerscharen. Wo immer das Böse in den niederen
Sphären oder auf der Erde so stark wird, daß es die
Sühneordnung und die vom göttlichen Gesetz vorgeschriebene
Entwicklung stören könnte, erscheinen diese himmlischen Heere
und stellen die Ordnung wieder her. Wenn die dunklen Truppen
Sadags das magnetische Blitzen der flammenden Schwerter
erblicken, flüchten sie Hals über Kopf, da sie nur darauf aus
sind, die Sterblichen in die Irre zu führen. Du siehst, daß die
helfenden Geister in großer Anzahl zur Erde fliegen, denn dort
wird bald ein Krieg ausbrechen. Wisse, daß die Kriege von den
weißen und schwarzen Heerscharen zuerst in den Sphären
ausgefochten werden. Je nachdem, wie der Kampf hier ausgeht,
wird er auf der Erde wiederholt. Die Auswirkungen dieses
Krieges wirst auch du spüren, Ti- Tonisa."
„Krieg?" fragte ich bitter. „Sag mir, Führer und Freund,
warum muß die Menschheit so leiden? Ich bin noch jung, doch
mein früherer Meister erzählte mir, daß sich die Geschichte
unserer Erde aus einer ganzen Reihe von Kriegen
zusammensetzt. Warum morden die Völker einander? Wann
wird das Blutvergießen, wann werden die Orgien von
Grausamkeit und Rache in der Welt aufhören? Sag mir, warum
muß dieser neue Krieg sein?"
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„Kriege stehen im Dienst des großen Sühneplans der Heiligen
Weisheit. Das werdet ihr Erdbewohner mit eurem beschränkten
Bewußtsein nie begreifen! Krieg ist ein übernatürlicher Eingriff
in das Leben der Völker, eine Massenbestrafung zur Besserung
der Menschheit, eine bittere Medizin, um sie zu heilen. In Zeiten
des Krieges werden jene ausgesondert, deren Arva ihren
Untergang bestimmt hat. Nach einem Krieg gibt es auf der Erde
stets eine Weiterentwicklung. Wisse, mein Freund, wenn Krieg
keinen Nutzen bringt und Gott sieht, daß die Menschheit nur
soziale und technische Fortschritte macht, in der Moral aber
zurückbleibt, dann wird Er sie mit furchtbaren Katastrophen und
Umwälzungen erschüttern. So versank der fruchtbare Kontinent
Attalan vor Zwölftausend Mondjahren in den Fluten, und viel
früher wurde Mu, das Mutterland der Menschheit, vom großen
Meer verschlungen. Eine solche Katastrophe erwartet die Erde
noch einmal, bevor sie sich wirklich vom Bösen reinigt."
Die vielfältigen Eindrücke und die ungewöhnliche Art meiner
neuen Erfahrungen überwältigten mich so sehr, daß mir beim
Hören dieser erhabenen Geheimnisse plötzlich meine
unendliche Kleinheit zum Bewußtsein kam. Mit einem Mal
dachte ich an meinen Körper. Wenn ich nun nie wieder
aufwachte? Ich wollte noch so viel auf der Erde erledigen! Auch
wenn ich mich nach diesem wunderbaren Land hier sehnte,
wußte ich, daß ich noch viele Prüfungen bestehen und noch
einige edle Taten vollbringen mußte, bevor ich hier wirklich
hingehörte. Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, begann
ich mit ungeheurer Geschwindigkeit abwärts zu stürzen, wobei
ich fast die Besinnung verlor. Als ich wieder zu mir kam, fand
ich mich in der zerstörten Stadt von Atlantis wieder. Ein
dunkelgewandeter Mann beugte sich über mich und drückte mir
mit aller Kraft die Kehle zu. In maßlosem Entsetzen erkannte
ich, daß ich zu Füßen einer schwarzen Marmorsäule lag, und
daß nicht nur eine, sondern zwei dunkle Gestalten an meiner
Kehle zerrten. Keuchend schrie ich um Hilfe. Uparnissur
-150-
erschien augenblicklich, und meine Angreifer flohen Hals über
Kopf.
„Du warst schon wieder ungehorsam", tadelte er mich streng,
„und deshalb bist du in Schwierigkeiten geraten. Aus Mangel an
Glauben sorgtest du dich um deinen verlassenen Körper,
weshalb du zu sinken begannst. Doch aus eigener Anstrengung
gelangtest du nur bis hierher, wo diese unsauberen Seelen ihr
Revier nach Beute absuchten und deinen Untergang beinahe
besiegelt hätten. Wäre ich nicht eingeschritten, wäre genau das
geschehen, was du vermeiden wolltest. Der Weg zurück in
deinen Körper wäre dir versperrt geblieben!"
Er strich ein paarmal magnetisierend über meinen Körper und
nahm mich unter seinen leuchtenden Umhang.
„Ich danke dir, daß du mich gerettet hast", flüsterte ich mit
schmerzender Kehle. „Du allein weißt, wie oft ich deine Geduld
auf der Erde schon mit meiner Dummheit auf die Probe gestellt
habe. Wenn es dir beliebt, dann sage mir bitte, warum ich diesen
Geistkörper hier genauso stofflich spüre wie den irdischen, und
warum meine Kehle so schlimm schmerzt, als wäre ich in den
Bergen des alten Bod-Yul überfallen worden?"
„Du bist ein Kind", antwortete mein Führer. „Du weißt, daß
der Sitz der Gefühle und Empfindungen die Seele ist, welche
aus einer unsichtbaren ätherischen Form von Materie besteht.
Die Seele ist die Hülle, das Gewand deines Geistes. Sie ist
genau gleich geformt und umgibt den Geist wie eine Gußform.
Höre mir jetzt aufmerksam zu: Wenn du dich auf der Erde
verkörperst, erhältst du zusätzlich eine dicke Haut, den Körper,
der mit der Seele durch ein unsichtbares Organ verbunden ist,
durch das Silberband. Dieses Band ist außerordentlich dehnbar,
es kann unendlich weit gestreckt werden, und wenn du schläfst
oder wenn deine Seele sich, so wie jetzt, außerhalb des Körpers
befindet, hält das Silberband die Verbindung zum verlassenen
Körper aufrecht. Wenn dieses Band durchtrennt wird, folgt
unweigerlich der Tod. Wird ein Mensch auf Erden geboren,
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entrollen die weißgekleideten Herren des Schicksals auf dem
siebten Ring sein silbernes Band. Wenn er stirbt, nein, kurz
bevor er stirbt, beginnen die schwarzgekleideten Engel, die am
Tor der Sphären warten, sein Lebensband aufzuwickeln und
übergeben es den Herren des Karmas. Dann durchtrennen die
Schwarzgekleideten das Lebensband, und der Mensch stirbt, um
später im Bardo wieder zu erwachen. Doch um auf deine Frage
zurückzukommen: Du wolltest wissen, warum die Seele ihren
Körper hier genauso spürt wie auf der Erde. Denk einmal an die
Schafhirten im nördlichen Bod-Yul, die im Hochgebirge leben
und immer Pelzmantel, Handschuhe und Pelzmütze tragen. Laß
diese Kleidung ein Sinnbild für den menschlichen Körper sein.
Trotz Pelzmantel, Handschuhe und dicker Stiefel vermagst du
zu fühlen. Wenn jedoch die Bewohner eines südlichen Landes
solch einen Schafhirten erblickten, würden sie diese Kleidung
für seinen eigentlichen Körper halten, da vom Menschen, der all
dies trägt, nichts mehr zu sehen ist. Doch wenn dieser Mensch
seine Kleidung auszieht, spürt er alles ganz unmittelbar auf der
Haut. Genauso solltest du dir die Seele vorstellen. Wenn du den
Pelzmantel, deinen irdischen Körper, ablegst, erscheint darunter
dein wahrer Körper, die Seele, welche dieselbe Gestalt hat,
jedoch viel feiner und spürsamer ist. Und da die Seele die
Gefühle und die fünf Sinne beherbergt, ist es nicht weiter
erstaunlich, daß sie sich im Jenseits genauso fühlt wie auf der
Erde. Deshalb spürst du Hände, Arme und Beine hier ebenso
wie unten, wenn du wach bist. Die Gußform enthüllt die
unsichtbare Gestalt der Statue, und erst dann fühlt sie wahres
Leben! Aus diesem Grunde sind viele sündige, gottlose
Menschen, die nie an ein Leben nach dem Tode glaubten, davon
überzeugt, gar nicht gestorben zu sein! Sie erwarteten völlige
Vernichtung und Unbewußtheit, und plötzlich erwachen sie in
einer feineren Welt und fühlen sich siebenmal lebendiger als je
zuvor. Daher spürtest du Schmerz, als dich die Hände der
Geister ergriffen und würgten. Der einzige Unterschied zum
-152-
Leben auf der Erde besteht darin, daß du hier keine dicke
Kleidung trägst, sondern nur dein Hemd! Der Mensch setzt sich
in erster Linie aus Geist, Seele, Silberband und Körper
zusammen, doch dem menschlichen Auge ist nur der Körper
sichtbar. Verstehst du, mein Freund?"
„Jetzt ist mir alles klar. Doch wie können wir uns vor den
Angriffen der niederen Geister schützen? "
„Durch bloße Geisteskraft und durch den Willen, dessen
Stärke du auf der Erde entwickelst. Ist dein Wille stark und dein
Glaube unerschütterlich, werden alle Geister, die unter dir
stehen, von dieser Kraft gebannt. Doch der leiseste Zweifel oder
ein einziges Aufblitzen von Angst genügen, daß sich solche
Geister wieder nähern."
„Vergib meinen Ungehorsam", bat ich und beugte den Kopf,
„und verfahre mit mir nach deinem Gutdünken, Meister!"
„Dann sei stark und sehne dich nach den Höhen. Laß uns
aufsteigen, damit wir die verlorenen Zeit wieder aufholen."
Er öffnete seinen Mantel und blickte zu der weit entfernten
Lichtquelle, welche ab und zu zwischen den Sternen aufblitzte,
in deren Flimmern der spiralige Weg der Geister verschwand.
Als habe uns eine unsichtbare, magnetische Kraft ergriffen,
schossen wir wieder in die Höhe.
„Die Gnade Gottes hat dir tatsächlich eine große Gabe
verliehen, Ti-Tonisa. Danke unserem Vater, der Ewigen
Weisheit, dafür. Glaube nicht, daß dir ein solch erhabenes
Erlebnis noch einmal zuteil wird! Nur weil du eingeweiht wirst,
darfst du deinem Schutzgeist so unmittelbar begegnen und
erhältst Einblicke in die Geheimnisse der anderen Welt. Dies
geschieht ein einziges Mal im Leben desjenigen, der den Weg
der Askese bis zur Prüfung des Sarges beschritten hat. Als
Belohnung für seine Ausdauer wird sein Bewußtsein auf die
geistige Ebene versetzt. Du wirst mich auch später auf deinen
geistigen Reisen antreffen, doch dieser lange Ausflug in die
-153-
Sphären, welcher der Belehrung dient, ist das Vorrecht des
ersten Tages der Einweihung. Halte also die Augen offen und
beachte alles, und wenn du Fragen hast, dann stelle sie, denn
eine solche Möglichkeit erhältst du erst wieder nach deinem
Tode."
Wir hatten ungefähr dieselbe Höhe erreicht wie zuvor, als
mich die plötzliche Sorge um meinen Körper ergriffen hatte und
ich abgestürzt war. Immer höher glitten wir die breite
Himmelsstraße empor, die der Milchstraße so sehr glich.
Inzwischen war es hell geworden, und die Geister wanderten
nicht mehr, sondern flogen wie wir. Der Weg leuchtete silbern,
selbst die andere Seite war nicht dunkel, sondern schillerte in
allen Farben. Unter den absteigenden Geister gab es kaum noch
Pilger. Es handelte sich zum größten Teil um Engelheere, die
eine Mission auf der Erde zu erfüllen hatten. Das Licht dieser
Sphäre leuchte immer weißer, während es von oben immer
blendender funkelte.
Seltsamerweise dachte ich auch jetzt an meinen Körper,
wenngleich ohne Sehnsucht, doch war mir etwas in der ganzen
Angelegenheit überhaupt nicht klar. Wieder tönte Uparnissurs
Antwort mit der Lautstärke des gesprochenen Wortes in meiner
Seele:
„Ich weiß, was du fragen willst. Wie kann dein Körper ohne
Luft und Nahrung eine Woche lang eingeschlossen in einem
Sarg überleben? Es gibt viele Dinge auf der Erde, mein Freund,
von denen die Menschen keine Ahnung haben. Deine Meister
werden dich alles lehren, deshalb werde ich hier nur die
spirituelle Seite des Phänomens ansprechen. So wie die Tiere
viele Monate lang mit verlangsamtem Atem und ohne Nahrung
in ihren Höhlen Winterschlaf halten, so erträgt es der Körper
eines keuschen Mannes, lebendig begraben zu sein. Der Sarg hat
keine große Bedeutung; er dient vor allem der Prüfung und der
Überwachung des Schülers. Allein die Fertigkeit, die der Novize
in der Aus sendung des Bewußtseins hat, spielt eine Rolle. Der
-154-
Körper wird mit der Zeit immer tauglicher für geistige Reisen
und verzückte Zustände. Bei solchen Gelegenheiten kommen
seine Lebensfunktionen nahezu zum Erliegen: Atem und Herz
stehen still. Nur äußerst selten kann man das Herz ein- oder
zweimal sanft schlagen fühlen. Dieser Zustand gleicht dem Tode
mit dem Unterschied, daß das Silberband nicht durchtrennt,
sondern nur unendlich weit gedehnt ist. Aus diesem Grunde
triffst du so viele uralte Lamas in den Klöstern an. Während der
Geist fliegt, arbeitet der Organismus sehr eingeschränkt, ist
nicht der Hetze des Tages ausgesetzt, und Herz und Lungen
ruhen. Die Zeit steht für den bewegungslosen, scheinbar
leblosen Körper still, und so altert er nicht. Ihr, in Bod-Yul, übt
diese Technik täglich, und aus diesem Grunde sind
Lebensspannen von zweihundert Jahren bei euch nicht selten."
Das Strahlen über uns wurde so gleißend, daß ich die Augen
schließen mußte. Wir bewegten uns langsamer, und als ich mich
an das Licht gewöhnt hatte, bemerkte ich überrascht, daß sich zu
beiden Seiten des weißen Weges wunderschöne grüne Hügel
und blühende Wiesen ausdehnten. Über uns mischte ein
leuchtender Regenbogen, welcher den ganzen Himmel erfüllte,
seine Farben mit der von oben einstrahlenden Lichtfülle.
Scharen glücklicher Geistwesen mit sonnenbestrahlten
Gesichtern wanderten in Gruppen auf ein großes Marmortor zu.
„Das verstehe ich nicht!" rief ich entzückt. „Hier gibt es ja
viel schönere Landschaften als auf der Erde!"
„Diese Landschaft ist das geistige Gegenstück der Substanz,
aus welcher sich die irdischen Bäume, Hügel und Bauwerke
zusammensetzen. Die Geister der verschiedenen himmlischen
Ringe verfeinern und vergeistigen diese strahlende Substanz,
indem sie sie mit ihrer eigenen Wesenheit erfüllen. Wie oben, so
unten! Merk dir diesen Satz, Ti- Tonisa. Deine Erde ist nur eine
Illusion, eine dichte, verzerrte Projektion jener Wirklichkeit, die
dich hier erwartet. Wir sind angekommen. Wir haben die drei
niederen Erdringe mit ihren einundzwanzig Sphären hinter uns
-155-
gelassen. Dies ist das Tor zum vierten Ring, der Heimat deines
sphärischen Seins. Wenn du nach einem erfolgreichen
Erdenleben hier anlangst, mußt du dich nie wieder auf der Erde
verkörpern. Das sich ewig drehende Rad des Akhor wird für
dich angehalten. Die Gnade des Höchsten gießt das Wasser aus
deinem silbernen und deinem goldenen Krug ins Meer. Von
dieser Ebene aus wirst du nur dann wiedergeboren, wenn du
eine Mission auf der Erde erfüllen oder zurückgebliebene
Mitglieder deiner geistigen Familie führen willst, die nicht allein
herauffinden. Der Weg hierher war lang, Ti- Tonisa! Seit du in
jenen Tagen im alten assyrischen Reich, wo ich dein Freund
war, fielst, hast du das Leid vieler Leben ertragen müssen, bis
du endlich in deine Heimat zurückkehren durftest! Der Weg der
gefallenen Geister zu den Hallen des Himmels ist weit, in Raum
und Zeit ausgedrückt so weit, daß unser Vater, der alles in
liebender Fürsorge bedenkt, die Dauer mit einem Schleier
zudeckte. Bis ein Erdling die lange Reihe der geistigen Stufen
durchwandert hat, um sich von seinen Unvollkommenheiten und
Fehlern zu befreien, vergehen zahllose Zeitalter. Doch da Zeit
eine Illusion ist, zählt allein, daß der lange Marsch zum Reich
der Weisheit beschritten wird. Der Stillstand des Arva, der
wiederholten Geburten, ist in den Augen von euch Wanderern
auf der Erde das größte Geschenk der Gnade. Um es zu erhalten,
müßt ihr nur eines tun: Haltet die Gesetze!"
Er schwenkte sein weißes Gewand, und jetzt flogen wir
schwungvoll durch das weiße Marmortor. Wir kamen an
durchscheinenden, in allen Regenbogenfarben schillernden
Gebäuden vorbei, an seltsam glänzenden riesigen Bergen, bis
wir nahe dem Gipfel eines solchen Riesen ein Kloster
erblickten.
„Siehe! Das himmlische Doppel des Felsenberges", rief mein
Führer, und ich landete völlig verzaubert neben ihm auf dem
Klosterhof. Jeder kommt nach seinem Tode dorthin, wohin er
gehört. Dies hier ist das geistige Abbild des unteren Teils eures
-156-
Klosters im vierten Ring."
Alles war ganz gena uso wie in Tampol-Bo-Ri. Doch die
Strahlkraft, die ich hier erlebte, übertraf die menschliche
Vorstellungskraft. Das ferne Massiv des Kangchendzuna
schillerte in unzähligen Farben, und das himmlische Strahlen
noch höherer Sphären brach sich auf seinen schneeweißen
Gipfeln. Die durchsichtigen Wände des Klosters schienen aus
Kristall- und Glimmerplatten zu bestehen, durch welche das
Licht der ewigen Sonne strahlte. Lang verstorbene Lamas, die
die gleichen Gewänder trugen wie mein Führer, kamen lächelnd
heraus und begrüßten uns freundlich.
„Wir sind in der siebten Sphäre des vierten Rings!" sagte
Uparnissur und wies mit der Hand in die Runde. „Die oberen
Geschosse des Klosters reichen in die erste Sphäre des fünften
Rings, in die Heimat der heiligen Lamas. Von dort stammen die
meisten Schutzgeister. Gib dir deshalb Mühe, Ti- Tonisa, damit
du eines Tages dorthin kommst und Gott dir die Aufgabe gibt,
eine menschlich Seele zu führen. Im Augenblick befindet sich
dein Heim auf der höchsten Ebene des vierten Rings."
Die weißgekleideten Lamas traten zu uns, und ich war
glücklich, unter ihnen mehrere alte Freunde wiederzufinden,
welche ich im Laufe vieler vergangener Leben verloren hatte.
Sie sagten mir, daß dieser Ring der Ort der himmlischen
Einweihung sei, die Heimat der lehrenden und heilenden
Geister, während der fünfte, sechste und siebte Ring das
himmlische Heim der höchsten Schutzgeister und der Herren
des Arva sei, die in einer Fülle von Licht lebten, welches die
höchste Weisheit über sie ausgoß. Sie führten mich durch die
leuchtenden durchscheinenden Gebäude. Alles war hell! Selbst
die auf der Erde schwarzen und grauen Felsmassen glänzten hier
silbern. Meine Zelle war ein großer Raum. Als ich über die
Schwelle trat, sank ich tief berührt auf die Knie. Die Wände
dieser Zelle waren mit Bildern geschmückt, welche die besten
und menschlichsten Handlungen meiner früheren
-157-
Verkörperungen darstellten. Alle guten Taten, die ich je getan
hatte, fand ich hier in Form von Bildern, Statuen oder duftenden,
nie welkenden Blumen wieder.
„Schau an die andere Wand", sagte Uparnissur, „und wappne
dich! Hier gibt es keine Vergangenheit, keine Gegenwart und
keine Zukunft. Deshalb findest du dort Bilder, die sowohl deine
irdische Vergangenheit wie deine Zukunft darstellen. Betrachte
die darauf dargestellten Szenen, und sei durch sie getröstet. Laß
dich von dem Leid, das du erblicken wirst, nicht ablenken.
Siehe! Das letzte Bild zeigt, wie du als reifer alter Mann stirbst
und triumphierend diesen Raum betrittst. Setz dich und
betrachte die Bilder der kommenden Jahre, die aus der Mkah-
Chronik stammen, in welcher alles verzeichnet steht. Schau sie
sorgfältig an und präge sie dir ein, denn du mußt deinem
Hohenpriester deine Lebensgeschichte vom Augenblick deiner
Geburt bis zu deinem Tode erzählen können, wenn er dich
danach fragen wird."
Mein Führer und die Lamas verließen die leuchtend weiße
Zelle und ließen mich allein zurück. Ich setzte mich mit
gekreuzten Beinen auf den Boden und betrachtet das erste Bild,
das mich als Kind darstellte, wie ich das gebrochene Bein eines
Kiangs versorgte. Die nächste Szene zeigte mich auf einer
Karawanenreise, auf der uns die Nahrungsmittel ausgegangen
waren. Ich hatte meinen Anteil den Trägern überlassen, die
schwächer waren als ich. So merkwürdige Bilder hingen an der
Wand, und jedes von ihnen stellte das jeweilige Ereignis auf das
Genaueste dar. Ich sah mich betend in der Einsamkeit meines
kleinen Zimmers zu Hause, wo ich zu Gott flehte und Ihn bat,
mein Leben Ihm weihen zu dürfen. Ein Bild zeigte, wie ich
gerade im Felsenklosters angekommen war, und natürlich fehlte
auch nicht die Szene mit meinem Vater, dem pferdeschwänzigen
Gyanak-Soldaten und Lhalu Lama, der gerade mein Leben
rettete. Ich erkannte, daß jedes Bild ein wichtiges Ereignis
meines Lebens darstellte. Das letzte zeigte mich in der großen
-158-
Halle der Zeremonien, wo ich in den Sarg gelegt wurde.
Jetzt betrachte ich die Bilder an der anderen Wand, und mein
Herz machte einen Sprung: Die erste Szene zeigte bereits meine
Zukunft. Ich saß als eingeweihter Lama zwischen den anderen
Priestern in der großen Halle im ersten Stock. Das
darauffolgende Bild verstand ich nicht. Es war so furchtbar, daß
ich meinen Blick abwenden mußte. Ich sah mich an Lhalus Seite
in einem Bergdorf, wo wir eine Hütte betraten. Das Dorf
brannte, und fremde Soldaten rannten mit gezückten Schwertern
plündernd durch die Gassen. Wir standen in der offenen Tür und
starrten auf das Bild, das sich uns bot: Ein toter Soldat lag dort
am Boden und neben ihm ein schönes, , junges Mädchen, dem
ein Dolch im Rücken steckte. Sie hatte helles Haar und schien
ein Kind unseres Volkes zu sein.
Was sollte das bedeuten? Fremde Soldaten in Bod-Yul,
dessen himmelsstürmende, schneebedeckten Gebirgszüge bis
jetzt alle Eindringlinge abgewehrt hatten? Danach fo lgte ein
noch seltsameres Bild: die lange Reihe weißer Säulen in dem
sonnenhellen Land, welches ich einst in meiner Vision gesehen
hatte. Menschen mit Kopfbedeckungen aus rotweißem Stoff
standen mit nackten Füßen vor mir, und neben mir stand Lhalu
Lama in vollem Ornat. In der Ferne dehnte sich eine gelbe
Wüste aus, auf der sich riesige Pyramiden erhoben. Wieder ein
anderes Bild: Wir saßen in der Halle der Zeremonien, doch der
Hohepriester und die Priesterin schienen kleiner zu sein als die
gegenwärtigen. Be ide trugen prächtige Gewänder, doch ich
konnte ihre Gesichter nicht erkennen, da sie mir die Rücken
zuwandten und gerade die Halle verließen. Ich betrachtete die
anderen Bilder. Als ich das letzte, das meinen Tod darstellte, in
mich aufgenommen hatte, war mein Herz tiefbetrübt. Ich sah
alles. Ich verstand alles, doch war es nicht die Szene meines
Todes, die mich mit unendlichem Schmerz erfüllte, sondern die
beiden Bilder zuvor. Nach all dem Glauben und der Ehre, nach
so viel Leid! Ich warf mich nieder und betete zur ewigen Liebe,
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daß sie ihn, den ich so sehr liebte und der mir nach meinen
Eltern am nächsten stand, beschützen möge.
„Erhebe dich, Ti- Tonisa", hörte ich die Stimme meines
Führers. Tränenüberströmt blickte ich auf und sah, daß die
himmlischen Lamas um mich herumstanden und mich
ermutigend, stärkend und tröstend anblickten. „Erhebe dich und
sorge dich nicht. Kein Mann soll die weisen Ratschlüsse Gottes
bezweifeln! Niemand kann beurteilen, warum ihm das Schicksal
dieses oder jenes auferlegt. Du hast deine Zukunft gesehen, doch
die traurigen Ereignisse werde ich aus deinem Gedächtnis tilgen
und nur das Bild deines Todes belassen. Mach dich bereit, denn
wir müssen hinunter. Die Woche ist verstrichen, und im
irdischen Felsenberg versammeln sich die Lamas bereits in der
Halle der Zeremonien, um deinen Sarg zu öffnen. Siehe, auch
der Hohepriester schreitet herbei. Es ist höchste Zeit, daß du
deinen Platz im Körper wieder einnimmst."
Die weißgekleideten Lamas blickten besorgt und legten mir
segnend die Hände auf den Kopf. Ich warf einen letzten Blick in
mein herrliches himmlisches Heim und betrachtete die
durchsichtigen Kristallfelsen und die regenbogenfarbigen
Wände. Würde ich jemals hierher zurückkehren?
„Halte dich an meinem Mantel fest", sprach Uparnissur. „Jetzt
müssen wir noch schneller fliegen, damit du pünktlich eintriffst.
Hab keine Angst, wenn dein Bewußtsein schwindet, denn nur so
kannst du in deinen Körper zurückkehren. Und jetzt laß uns
aufbrechen!"
Im nächsten Augenblick sanken wir so schnell wie ein von
einem hohen Berg geworfener Stein in die Tiefe. Das Licht
verlosch, wieder war ich von Dunkelheit umgeben, nur die
himmlischen Ringe über mir leuchteten. Dann vermischte sich
ihr verblassendes Strahlen mit dem Licht der Sterne, bis alles zu
einem drehenden Kreis über meinem Kopf verschmolz, immer
weiter zurückwich und in der Ferne verschwand. Ein Ring aus
Feuer lauerte unter mir, raste auf mich zu, durchdrang meinen
-160-
Körper, hielt mitten in meinem Gehirn inne und barst mit einem
lauten Knall. Betäubt und ohnmächtig stürzte ich durch den
Raum.
-161-
Kapitel 8
-162-
meinen Kopf und begann, meinen Kiefer langsam und
rhythmisch zu bewegen. Eine heiße Welle durchfuhr meine
Glieder, und ich atmete regelmäßiger. Schließlich steigerte sich
das kaum wahrnehmbare Atmen zu einem lautem Keuchen.
Plötzlich öffneten sich meine Augenlider. Ich wußte, mein
Bewußtsein war wieder vollkommen klar. Ein mir unbekannter
Lama machte sich an meinem Kiefer zu schaffen.
Jetzt atmete ich zwar, doch meine Gesichtsmuskeln waren
noch immer steif, und auch meine Arme konnte ich nicht
bewegen. Bei jedem Atemzug seufzte und pfiff es aus meinen
Lungen, doch wenigstens spürte ich so, daß ich lebte. Der
Hohepriester trat zu mir und strich mit seinem Finger dreimal
über meinen Körper. Nach der dritten Berührung durchrieselte
mich wohlige Wärme, und ich streckte mich, als würde ich
gerade aus dem Schlaf erwachen. Der Lama ließ meinen Kiefer
los und beugte sich zu meinem Ohr.
„Paß auf!" flüsterte er. „Auf Befehl des Hohenpriesters mußt
du so aus dem Sarg springen, daß beide Füße den Boden
gleichzeitig berühren. Damit kannst du beweisen, daß du selbst
nach der Rückkehr aus dem Bardo Meister über deinen Körper
bist."
Ich hob die Arme und spürte, daß das Leben in mich
zurückströmte. Mit beiden Händen ergriff ich den Rand des
Sarges.
„Erhebe dich!" vernahm ich den Befehl des Hohenpriesters.
Mit äußerster Willenskraft warf ich mich mit großem
Schwung aus meinem engen Gefängnis und sprang vor dem
Sarg auf die Füße. Ich schwankte benommen, doch ich brach
nicht zusammen. Die letzten Reste meiner Willenskraft hielten
mich aufrecht.
„Wer aus dem Grab zurückkehrt, kennt sein wahres Zuhause,"
beteten die Lamas gemeinsam, und ihre Stimmen erfüllten die
Halle.
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„Wer seinem Führer von Angesicht zu Angesicht
gegenüberstand, ist würdig, andere zu führen."
„Wer niemals schwankt, wird niemals fallen, weder im
Himmel noch auf Erden."
Der Hohepriester hob die Hand, und in der plötzlichen Stille
schallte seine klare Stimme:
„Friede demjenigen, der eine Botschaft aus der anderen Welt
mitbringt. Siehe! Selbst deine himmlischen Führer halten dich
der Einweihung für würdig, denn sie öffneten dir die Tore der
sphärischen Heimat. Jetzt, da du zur Erde zurückgekehrt bist,
sollst du deine Demut beweisen, damit dir der Glanz der anderen
Welt nicht zu Kopfe steigt. Lege dich in Richtung des Pfeils auf
den Boden und schließe die Augen."
Ich schaute mich um und entdeckte einen großen weißen
Pfeil, der als Mosaik in den Steinboden eingelassen war, und
dessen Spitze zum Thron zeigte. Ich trug noch immer das weiße
Gewand, da mir mein Umhang noch nicht zurückgegeben
worden war. So warf ich mich in Richtung des Thrones zu
Boden. Aus dem Augenwinkel hatte ich gerade noch gesehen,
daß die Ichka mit einer Peitsche in der Hand von ihrem Thron
herabstieg. Das ging über meinen Verstand! Sie hatten mich
eine Woche lebendig begraben, und ich konnte mich kaum auf
den Beinen halten! Ich hoffte sehr, daß sie mir nicht auch noch
wehtun würden. Im nächsten Augenblick holte die Priesterin
aus, und die Peitsche biß so scharf in meinen Rücken, daß ich
zusammenfuhr. Ich zählte sechs Schläge. Beim Siebten war ich
so benommen, daß ich den Schmerz kaum noch spürte.
„Im Namen der Demut und des Gehorsams, Schüler!" hörte
ich die Stimme der Priesterin. „Damit du bereit bist, selbst dann
ungerechtes Leid zu ertragen, wenn du mit einer Belohnung
gerechnet hast."
„Steh auf", sagte der Hohepriester sanft. „Dein Schmerz soll
durch brüderliche Gemeinschaft gelindert werden. Siehe, deine
-164-
eingeweihten Brüder teilen dein Schicksal aus reiner
Freundschaft."
Die vier jüngsten Lamas traten vor, nahmen ihre Gewänder
ab, und legten sich einer nach dem anderen auf den Pfeil unter
die Peitsche der Ichka. Lhalu war inzwischen zu mir gekommen
und behandelte meinen blutenden Rücken mit einer duftenden
Salbe, die ihm die Ichka gegeben hatte. Der Hohepriester,
welcher der Zeremonie des Peitschens beigewohnt hatte, nahm
jetzt einen neuen Umhang von der Armlehne seines steinernen
Thrones, trat auf mich zu und warf mir das Gewand über die
Schultern.
„Nimm als Belohnung für deinen Gehorsam den Zen der
Einweihung aus den Händen deines Hohenpriesters. Paß gut auf
ihn auf und trage ihn in der Stunde deines Todes."
Ich zog den warmen Kiang-Haar-Zen zurecht, über den Lhalu
den Mantel warf, den ich von den beiden Schwestern erhalten
hatte.
„Du hast die letzte Stufe der Einweihung erreicht", sagte der
Hohepriester, „die Prüfung des Feuers. Wenn das Große Gebet
beginnt, komme ich zurück."
Er drehte sich um, half der Priesterin vom Thron herab, und
ging mit ihr aus der Halle. Mein Lehrer führte mich zu der
breiten Steinbank gegenüber dem Thron, auf der ich beim Fest
der Dämonen gesessen hatte.
„Der Große Lama und die Ichka sind in den kleineren
Tempelraum gegangen, um festliche Kleidung anzulegen", sagte
er. „Das Große Gebet ist das letzte Ritual der Einweihung. In
dessen Verlauf wirst du - nach der Prüfung des Feuers - zu
unserer Gemeinschaft gehören. Schon bald trägst du das
Lamakleid!"
Erst jetzt begriff ich, daß die Erfüllung meines alten Traumes
nahe bevorstand. Ich fühlte mich so selig, daß ich die Hände
zum Gebet zusammenlegte, doch da erklang der Gong, und ich
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sah, daß sich die Lamas zu Boden warfen. Lhalu und ich folgten
ihrem Beispiel. So beteten wir lange Zeit. Als der Gong zum
zweitenmal ertönte, erhoben wir uns und begaben uns an unsere
Plätze. Jetzt betrat der Hohepriester prachtvoll gekleidet die
Halle. Statt seiner gewöhnlichen Kleidung trug er ein langes
ärmelloses Hemd, welches fast völlig unter seinem Mantel
verschwand. Es ließ den rechten Arm unbedeckt, doch wenn er
beide Arme hob, rutschte auch der weite Ärmel des linken
Armes bis auf die Schulter zurück. Auf der Brust trug er ein
dünnes, wattiertes Tuch, welches mit feinen goldenen und
silbernen Strahlen bestickt und mit funkelnden Edelsteinen
besetzt war. Sein in leuchtenden Farben bestickter Gürtel wurde
hinten von zwei Seidentüchern zusammengehalten, die, wie
auch sein Mantel, fast bis zum Boden reichten. Auf dem Kopf
trug er eine kleine runde Kappe aus Schafleder, auf deren
Vorderseite ein großer dreieckiger Edelstein prangte.
Das Kleid der Priesterin war noch prunkvoller. Es war mit der
Szene ihres eigenen Einzuges bestickt und zeigte den Ichkitsu
auf den Stufen des Thrones, während sie auf dem ihren Platz
genommen hatte. Sie trug keine einfachen Sandalen wie der
Hohepriester, sondern silberne Schuhe, die bis zu den Knöcheln
reichten, an den Zehen jedoch offen waren, damit die Novizen
ihr als Zeichen des Gehorsams die Füße küssen konnten. Ihr
prächtig besticktes Unterkleid glich dem Hemd des
Hohenpriesters, doch war es zum Schutz gegen die Kälte mit
Lammfell gefüttert. Der Mantel, welcher mit den Abbildern
heiliger Vögel verziert war, hatte eine fast vier Meter lange
Schleppe. Die Bilder auf den festlichen Kleidern hatten alle
geistige Bedeutungen. So stellten zum Beispiel die Vögel auf
dem Mantel der Priesterin jene Länder der Welt dar, in denen
diese Vögel lebten, und welche die Priesterin auf ihren geistigen
Reisen besuchte. Der Kragen, den sie auf der bestickten Tunika
trug, lag eng am Halse an, wobei der äußere Rand, welcher mit
Spitzenstickerei verziert war, gleich einem Trichter mit breiter
-166-
Öffnung nach oben zeigte. Als Kopfbedeckung trug sie einen
Kranz aus Olivenzweigen, den ihr die Könige des Südens
mitbrachten, wenn sie zum Kloster pilgerten. Je größer ihr
Wissen, um so schöner wurde der Kranz, den sie trug.
Die Priester, die mit ihnen hereingekommen waren, gingen
durch die große Tempelhalle, nur der Ichkitsu und die Ichka
blieben an den unteren Stufen ihres Thrones stehen. Beim Klang
des Gongs verbeugten wir uns tief. Lhalu Lama flüsterte mir ins
Ohr, daß wir sie nicht anschauen dürften, bis sie auf dem Thron
Platz genommen hatten. Der Gong ertönte ein letztes Mal und
wurde weggetragen. Der Meister der Zeremonien trat vor und
brachte zwei große, mit Öl gefüllte Krüge. Das Große Gebet
begann. Der Große Lama stand mit ausgestreckten Armen auf
und sprach eine kurze Beschwörung. Wir folgten seinem
Beispiel und beteten laut. Der Hohepriester setzte sich wieder
und wies an, daß einer der Krüge vor ihn, der andere vor die
Ichka gestellt werde.
„Paß auf!" flüsterte Lhalu. „Gle ich wird er dich rufen, und du
wirst ihn um Erlaubnis bitten, dein Wissen und dein Können
symbolisch der ganzen Menschheit unter Beweis stellen zu
dürfen. Dann springst du den großen Lungom-Sprung. Sammle
deine Energien, und laß mich nicht aus den Augen!"
Der Hohepriester winkte mich zu sich, und ich trat vor.
„Nimm diesen Krug, Schüler, und trinke einen Schluck vom
Wasser der spirituellen Weisheit, damit dein harterkämpftes
Wissen vollkommen werden möge."
Als ich getrunken hatte, gab mir die Priesterin ihren Krug.
„Nimm diesen Krug und trinke vom Wasser geistiger
Weisheit, damit deine geistigen und seelischen Gaben zur
Vollendung gelangen mögen."
Als ich ihr den Krug zurückgab, dachte ich an Lhalu Lamas
Worte. Ich tat sieben Schritte auf den Hohenpriester zu und
erwies ihm meine Ehrerbietung.
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„Ich bitte Eure Heiligkeit um die Erlaubnis, mein Wissen
nicht nur diesem Kloster, sondern der ganzen Menschheit zu
beweisen. Diese Bitte sei der Ausdruck meines ernsthaften
Wunsches, nicht nur den heiligen Bewohnern des
Felsenklosters, sondern allen Mitmenschen auf der Erde zu
dienen."
Der Große Lama schaute tief in Gedanken an mir vorbei und
betrachtete die betenden Lamas. Nach einer Weile wies er den
Zeremonienmeister an, mir mein Lamagewand abzunehmen.
Lhalu, der neben mich getreten war, flüsterte, ich möge mich
niederkauern und die Hände zum Gebet falten. In dieser
schwierigen Stellung mußte ich die Stufen des Thrones
emporkriechen, um den Ring des Hohenpriesters und die Füße
der Ichka zu küssen. Das anstrengende Kriechen mit erhobenen
Händen wurde als Zeichen äußerster Hochachtung gewertet, und
da mich Ram-Chen Lama auch in dieser Fertigkeit unterwiesen
hatte, gelang es mir, dies in feierlicher Haltung auszuführen.
Als meine Lippen den Fuß der Ichka und den Ring des
Hohenpriesters berührt hatten, erhob sich der Große Lama und
sprach:
„Mit diesem Ritual nehme ich dich in meinen Orden auf, Ti-
Tonisa Lama! Um die Einweihung vollends zu erhalten, mußt
du noch zwei Prüfungen bestehen: die Große Magie und die
Prüfung des Feuers, die Krönung deiner Einweihung. Setze dich
jetzt auf deinen Platz gegenüber der Statue der heiligen Weisheit
und nimm die Haltung der Askese ein."
Eine nie zuvor gefühlte Freude erfüllte mein Herz. Der
Hohepriester hatte mich Lama genannt! So waren all meine
Träume erfüllt, all das, wonach ich mich so viele Jahre lang
gesehnt hatte. Der Weg dorthin war weit und die Prüfungen hart
gewesen, doch ich bereute nichts. Dieser Tag wog alles auf! Ich
wünschte, meine Eltern könnten mich in meinem neuen Zen
unter all meinen eingeweihten Brüdern sehen!
-168-
Ich kehrte in derselben kauernden Haltung zu meinem Platz
zurück und nahm den befohlenen Sitz ein. Diese Stellung wurde
nicht umsonst „asketische Haltung" genannt, denn ein Mann
brauchte seine gesamte Willenskraft, um dabei nicht
zusammenzubrechen. Die Knöchel wurden auf die
Oberschenkeln gelegt, dann mußten die Beine so unter den
Körper gezogen werden, daß die Oberschenkel rechtwinklig
zum Boden zeigten und das ganze Körpergewicht auf den
Kniescheiben ruhte. Gleichzeitig mußte ich laut Vorschrift die
Arme über der Brust verschränken. So lagerte das Gewicht des
Körpers auf der wenig stabilen Basis beider Knie und des
verdrehten Ristes beider Füße.
Lange betrachtete der Ichkitsu prüfend meine Haltung und
sagte schließlich:
„Wenn du den Gong hörst, dann führe den schwierigen
Sprung der Großen Magie vor. Mach dich bereit!"
Wenn ich noch länger in dieser Haltung ausharren mußte,
würde ich all meine Errungenschaften verspielen, denn ich
spürte, daß ich nicht mehr lange würde aushalten können. Lhalu
hatte mir gesagt, daß alle Prüfungen der Einweihung einzeln
bewertet würden, und daß erst ganz zuletzt über meine Eignung
und mein Können befunden wurde. Ich war heilfroh, als mein
Führer zur linken Seite des Thrones schritt und seinen Blick auf
mich fixierte.
Als der Klang des Gongs endlich die vorbereitenden Übungen
ankündigte, ließ ich mich erleichtert in den Lotossitz gleiten.
Der Große Lungom-Sprung gehörte eigentlich zur Magie, denn
menschliche Muskeln waren kaum in der Lage, so etwas zu
vollbringen. Da ich wußte, daß ich höher springen mußte als je
zuvor, blickte ich Lhalu flehend an und wartete. Beim nächsten
Gongschlag drehte ich mich wie üblich nach rechts und nach
links und führte schließlich die hüpfenden Bewegungen mit den
Knien aus. Dann raffte ich meine gesamte Willenskraft
zusammen, ließ Lhalus gesammelten Blick nicht aus den Augen
-169-
und schnellte mich beim nächsten Gongschlag nach oben.
Während ich hochschoß, wußte ich bereits, daß der Sprung
erfolgreich gewesen war. Eine solche Höhe hatte ich nie zuvor
erreicht! Mit lautem Aufprall fiel ich in der Lotosposition
zurück auf den Boden und ließ meine Beine auf- und abfedern,
um den Schlag abzufangen.
Der Große Lama streckte mir beide Arme entgegen. Ich
sprang auf die Füße und ging mit schmerzenden Muskeln
langsam und schwer atmend zu ihm. Als ich seinen Thron
erreicht hatte, stieg er die Stufen hinab und legte mir die Hände
auf den Kopf.
„Wenn dein Führer am Tage deines Todes zu dir kommt, um
dich in deine ewige Heimat zu bringen, dann laß deine Seele in
ebensolche Höhen fliegen, Ti- Tonisa."
„So wirst du den himmlischen Ring der Lamas mit einem
einzigen Sprung erreichen!" wiederholte der Chor der
Eingeweihten. „Blicke niemals auf die Versuchungen der
tieferen Sphären! Die Große Weisheit soll dir beistehen, jetzt
und für alle Zeiten!"
„Setz dich hierher zu meinem Thron", sagte der Hohepriester,
„und bereite dich auf die letzte Prüfung deiner Einweihung vor."
Ich ließ mich klopfenden Herzens mit dem Rücken zu dem
steinernen Thron nieder und wartete. Der Zeremonienmeister
trat vor und entzündete das Öl in dem großen Bronzekessel, der
in der Mitte der Halle stand. Flammen schossen empor, und
wieder erfüllte der süße Duft des Räucherwerks die Luft. Lhalu
setzte sich neben mich und beugte sich zu mir:
„Richte deine Gedanken auf das Feuer und laß sie dann wie
einen Vogelschwarm davonfliegen. Alle Brüder werden ins
Feuer blicken und dieselbe Vision schauen wie unser
Hoherpriester. Sei wachsam, denn du wirst danach befragt
werden, und die Ichka wird deine Worte niederschreiben."
Es wurde still in der Halle der Zeremonien. Das Feuer brannte
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gleichmäßig ohne zu knacken oder zu zischen, und sein Schein
spiegelte sich in den glattrasierten, glänzenden Gesichtern der
Lamas, die vollkommen gesammelt in die Flammen blickten.
Auch ich schaute, wie mich mein Lehrer geheißen hatte, in die
Glut. So saßen wir lange, bis ich schließlich tanzende Bilder im
Gleißen des Feuers zu sehen glaubte. Der sanfte Klang des
Gongs brachte mich in die Wirklichkeit zurück. Meine Visionen
erstarben, nur die Flammen flackerten und warfen gespenstische
Schatten an die Wände.
„Was hast du gesehen, Ti-Tonisa Lama?" durchbrach die
Stimme des Hohenpriesters die Stille. „Steh auf und berichte uns
davon."
Ich erhob mich und wandte mich zum Thron.
„Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, Vater", flüsterte ich
bewegt. „Ich sah schreckliche Dinge. Mein Führer zeigte mir bei
der Prüfung des Sarges in meiner himmlischen Zelle ähnliche
Bilder. Mir erschienen brennende Häuser in den Flammen.
Zuerst verwirrte mich dies, denn ich glaubte, daß der
Hintergrund bei solchen Visionen immer aus Feuer bestände.
Doch später erblickte ich kleinere Brände in den Flammen. Ich
glaubte, brennende Dächer von Häusern oder Klöstern zu sehen.
Dann sah ich fremde Soldaten. Einige trieben Priesterinnen vor
sich her. Der Klang des Gongs brach den Bann, und die
seltsamen, entsetzlichen Bilder verschwanden."
Der Große Lama nickte sorgenvoll.
„Halte seine Worte fest, Schwester", wandte er sich an die
Ichka, „und auch, daß seine Vision vollständig mit der meinen
übereinstimmt. Er verfügt über wunderbare Gaben! Daß er eine
vielversprechende Zukunft haben wird, beweist auch die
Geschichte, die er uns nach der Prüfung des Sarges über sein
Leben erzählte. Und ihr, meine wahren Priester", wandte er sich
an die versammelten Lamas, „welche Bilder habt ihr gesehen,
daß eure Gesichter so lang sind?"
-171-
„Wir sahen dasselbe, Vater", erwiderten einige Lamas fast
gleichzeitig.
„Wir sahen brennende Klöster, fliehende Priester!"
„Eine wilde Horde mordete das Volk!"
„Überall Blut!" schrie der älteste Lama.
„Ihr habt richtig gesehen", sprach der Große Lama und erhob
sich. „Auch die Einblicke in die geistige Sphäre zeigen mir seit
geraumer Zeit nur diese Schrecken. Eine große Gefahr bedroht
dieses Land und seine Klöster. Bis heute hat kein Feind den
Boden Bod-Yuls betreten, und doch scheint es so, als wolle das
Schicksal unserem Volk einen schweren Schlag zufügen. Ihr alle
werdet Zeugen großer Veränderungen werden, doch fürchtet
euch nicht. Ich könnte euch noch viel mehr darüber sagen, doch
mehr würdet ihr nicht ertragen. So bitte ich euch, der heiligen
Weisheit zu vertrauen und sie bei Tag und bei Nacht anzuflehen,
daß die Schrecken nur von kurzer Dauer sein mögen."
Nach langer Pause setzte sich der Hohepriester wieder auf
seinen Thron und winkte Lhalu zu sich heran.
„Bereite ihn auf seine letzte Prüfung vor, mit welcher er
beweisen kann, daß er Gott wirklich dankbar ist. Er begann mit
Wasser, deshalb wird er mit Feuer enden. Die Hitze der heiligen
Flamme soll durch seinen Körper fahren. Und sage ihm, daß der
Eingeweihte nach sieben Prüfungen die achte ohne Hilfe
bestehen muß."
Der Zeremonienmeister spannte ein langes Seil über unsere
Köpfe und befestigte dessen Ende an einem eisernen Haken. Ein
weiterer Lama, der das Seil zuvor durch zwei Ringe geführt
hatte, deren Umfang ungefähr eine Elle maß, schob diese Ringe
jetzt in die Mitte des gespannten Seiles. Zwei Lamas ergriffen
mich und drehten mich auf den Kopf. Sie steckten meine Füße
durch die Ringe, so daß Hacken und Riste der Füße das gesamte
Gewicht hielten. Daraufhin zog der Zeremonienmeister an
einem doppelten Seil, welches von einem Flaschenzug
-172-
herunterhing, bis ich unmittelbar über dem heilige Feuer
baumelte. All dies geschah so rasch, daß ich keine Zeit gehabt
hatte, darauf zu reagieren. So hing ich plötzlich mit dem Kopf
nach unten nur etwa anderthalb Meter von der sengenden Hitze
der Flammen entfernt.
„Der wahre Eingeweihte bewahrt selbst in der schwersten
Prüfung Haltung", murmelten die im Halbkreis sitzenden
Lamas.
„Der wahre Eingeweihte behält unter allen Umständen Würde
und Fassung."
„Der wahre Eingeweihte betet, wenn er schwer bedroht wird!"
„Der wahre Eingeweihte besiegt Wasser und Feuer."
Ich drehte mein Gesicht aus der Hitze der Flammen und
faltete die Hände über dem Kopf. Ich versuchte, Riste und
Knöchel so steif wie möglich zu machen, damit sie nicht aus den
Ringen glitten und ich kopfüber im Feuer landete. Mit
übermenschlicher Anstrengung verbannte ich die furchtbaren
Schmerzen, die mir die beiden Eisenringe verursachten, aus dem
Bewußtsein und begann zu beten. Sobald ich die ersten Worte
gestammelt hatte, traten zwei Lamas zu mir und zogen mich
zusammen mit dem Zeremonienmeister, der wieder den
Flaschenzug bediente, aus der Reichweite der Flammen. Die
Lamas hoben meine Füße aus den Ringen und stellten mich auf
den Boden.
„Siehe! Auch die schlimmste Prüfung währt nur kurze Zeit,
wenn der Adept genügend geistige Kraft besitzt und Gott um
Hilfe bittet", sagte der Hohepriester. „Du hast die Prüfung des
Feuers bestanden und bist damit ein Mitglied des Lamaordens.
Ich begrüße dich als eingeweihten, ausgebildeten Lama des
Felsenklosters. Die Priesterin befindet, daß du alle Prüfungen
mit vollem Erfolg bestanden hast, außer der Prüfung des Sarges,
denn die Geschichte deines Lebens war nicht vollständig.
Manche Abschnitte deiner Zukunft blieben deinem geistigen
-173-
Auge verschlossen. Hättest du uns auch darüber Aufschluß
geben können, hätten wir dich, wie Lhalu, zum Hohenpriester
ausgebildet. Doch den ersten Rang hast du dir trotzdem
gesichert: Deine Gefährten werden erst nach Monaten - oder
Jahren - dort angekommen sein, wo du dich bereits befindest.
Deshalb sollst du zum Orden der Lehrenden gehören, wo dich
große, heilige Aufgaben erwarten. Du bist dazu berufen, das
Wissen nicht nur an jüngere Generationen weiterzugeben,
sondern dasselbe in späteren Leben der Nachwelt zu
übermitteln.
Dies ist wahrlich eine herrliche und schwere Aufgabe, und sie
sei dir von mir auferlegt, weil du ein Seher bist und die Gnade
Gottes auf dir ruht. Lhalu, bringe ihn bei Anbruch der Nacht
nach oben und zeige ihm seine neue Zelle."
Er erhob sich zusammen mit der Priesterin und gab das
Zeichen für das Große Gebet, das von allen Zeremonien am
längsten dauerte, nämlich von der vierten bis zur achten Stunde
des Tages, oder, wie die einfachen Leute Bod-Yuls zu sagen
pflegten, von der Stunde des Hasen bis zur Stunde des Schafes.
Wir warfen uns vor der Statue der Weisheit nieder und ehrten
Sie, gleich den Höchsten Geistern im Himmel, mit unzähligen
Gebeten.
So ging 10355 Jahre nach dem Versinken Attalans, des
fruchtbaren Kontinents, der letzte Tag meiner Einweihung im
Felsenkloster zu Ende. Nie hatte ich bereut, mich für diesen
Weg entschieden zu haben, denn ich spürte in jedem
Augenblick, daß Gott selbst meine Schritte auf dem
pfeilschnellen Pfad lenkte, wobei ich nur Seinen Anweisungen
folgte. Was wußten meine unglücklichen Mitmenschen, die in
den Tälern oder in der größeren Welt - wie mein früherer Lehrer
zu sagen pflegte - ein triebhaftes Leben führten, von der wahren
Bedeutung des Seins, für welches mir kein Opfer zu groß
erschien? Was wußten sie von der Eroberung des eigenen
Selbst, welche mit der größten geistigen Erfahrung auf der Erde
-174-
belohnt wurde, der Begegnung mit dem eigenen Geistführer?
Was wußte der wandernde, der Fleischeslust verfallene Pöbel
von der dicht bevölkerten Welt der Sphären, dem Wohnsitz des
ewigen Lebens, des Leidens und des Segens, wo alle Wesen ein
hundertmal lebendigeres Leben führen als auf der Erde?
Wirklich gut hatte nur jener gewählt, der den pfeilschnellen Pfad
einschlug und sich nicht über die langen, gefährlichen
Bergpfade quälte. Doch ich wußte, die Schläge der doppelten
Reinigung würden eine Zeit herbeiführen, in der sich die ganze
Welt in ein großes Kloster verwandelte und jeder dem Gipfel
zustrebte. Gesegnet war der Name der ewigen Weisheit, dass Sie
mich ins Felsenkloster gebracht hatte, damit ich den Weg mit
meinen Brüdern vorausgehen und ihn so für die guten Menschen
der zukünftigen Zeitalter vorbereiten konnte.
Lhalu Lama führte mich in meine Zelle im ersten Stock, wo
die älteren Eingeweihten lebten.
„Deine Zelle in diesem Stockwerk", sagte er und zeigte mir
meinen schönen, geräumigen Zamkan, „ist ein Sinnbild für die
höhere Ebene. Dein wahres Heim befindet sich im vierten
himmlischen Ring, und dein Zimmer dort wartet nach dem Tode
auf dich, weshalb dir diese Zelle im oberen Stockwerk von heute
an rechtmäßig zusteht. Doch erst wenn du sieben Jahren älter
bist, wird man dir gestatten, dort auch zu leben, denn dann wirst
du dich ihrer würdig erwiesen haben. Bis dahin wohnst du mit
den anderen jungen Eingeweihten im Erdgeschoß, nicht in
deiner alten Zelle, sondern in einem Trakt in der Mitte, der für
die jungen Lamas eingerichtet wurde."
Die Zelle im oberen Stock war weitaus geräumiger als die im
Erdgeschoß. Den Boden bedeckte eine dicke Matte, und ein
vorhangähnliches dichtgewebtes Tuch verschloß den Eingang.
Zusätzlich zu dem steinernen Bett befanden sich ein niedriger
Schreibtisch und ein Ständer für Papyrusrollen in dem Raum.
Eine Wand meiner neuen Zelle wies nach Süden, und durch die
winzigen Fenster, welche mit kleinen, in Blei gefaßten
-175-
Kristallscheiben verglast waren, sah ich die große Schlucht und
den Gipfel des Jomo-La Ri.
„In dieser Zelle wirst du sterben", sagte mein Führer. „Hier
wird deine Leiche drei Tage lang aufgebahrt liegen, während
dich der Hohepriester über deinen Zustand in der anderen Welt
befragt. Im oberen Stockwerk steht die Seele Gott näher und
kehrt nach einem Geistesflug besser in den Körper zurück.
Außerdem fällt es ihr in den drei Tagen nach dem Tode hier
oben leichter, zum Körper zurückzufinden, um dem
Hohenpriester Bericht zu erstatten, als es im Erdgeschoß oder in
einer fernen Felshöhle der Fall wäre. Aus diesem Grunde stellen
wir die Totenbahre jedes Lamabruders in seine Zelle im oberen
Stockwerk, auch wenn er nicht dort gestorben ist. Höher kann
ein Lama nicht wohnen, denn darüber gibt es nur noch den
Turm."
„Wo leben der Hohepriester und die Priesterin?" fragte ich
voller Ehrfurcht.
„Der Turm ist dem Hohenpriester vorbehalten, sein südlicher
Teil der Ichka. Dort verbringen sie viele Nächte und notieren
außer den Namen der Bewohner und der Novizen dieses
Klosters alles Wissenswerte in Buchrollen, zum Beispiel, was
sie in der Nacht der Einweihung am Sternenhimmel beobachten.
Diese Aufzeichnungen sind sehr wertvoll, denn auf sie gründen
sich die Voraussagen, welche die diensthabenden Lamas im
Vorhof des Klosters den Leute geben. Am Tage der Einweihung
eines Novizen, also auch heute, werden der Große Lama und die
Ichka bis in die frühen Morgenstunden wachen.
Schau dir deine Zelle gut an. Heute nacht wirst du hier
schlafen, da du dir ein Recht auf diesen Raum, in dem du später
leben wirst, erworben hast. Jetzt laß mich dir deinen ständigen
Zamkan im unteren Geschoß zeigen, denn von morgen ab
wohnst du dort."
Meine Zelle im Erdgeschoß befand sich in der Mitte des
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breiten Simses, des Kharlam, der das Kloster umgab. Durch das
Fenster sah ich die südlichen Berge. Auch diese Zelle ging, wie
die Zelle auf der Westseite, in der ich meine ersten Nächte im
Felsenkloster verbracht hatte, von einem ringförmigen Gang ab.
Mein neues Zimmer maß zwei Meter in der Länge und
eineinhalb Meter in der Breite und war damit etwas größer und
luftiger als mein vorheriger Aufenthaltsort. Seinen mit dicken
Holzplanken belegter Boden bedeckte eine dünne Matte. Außer
der großen Steinplatte, welche als Bett oder als Sitzgelegenheit
diente, war die Zelle leer. Den Eingang verhängte ein dickes
Tuch, das im Nonnenkloster gewebt worden war.
Später führte mich Lhalu zum Zakkang, der gleichzeitig als
Versammlungs- und als Speisesaal diente. In der Mitte befand
sich ein langer, niedriger Tisch, an dem die Lamas bereits ihre
Abendmahlzeit einnahmen. Wir hockten uns dazu. Ich konnte
mich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten, denn,
so seltsam es klingen mag, ich hatte seit einer Woche keinen
Bissen zu mir genommen. Trotzdem quälte mich kein Hunger,
ich verspürte vielmehr keine Neigung zum Essen. Ich fühlte
mich so leicht wie eine Feder, nur hatte mein Herz beim
Treppensteigen heftig geklopft.
„Nimm nur wenig zu dir", warnte mich mein Führer als wir
uns gesetzt hatten, „nur etwas Buttertee und ein wenig Juma-
Wurzel. Morgen kannst du wieder ganz gewöhnlich frühstücken.
Danach sollst du den ganzen Tag lang ruhen. Am Nachmittag
mußt du dich im Hof zeigen, denn dort versammeln sich viele
Menschen, um den neuen Adepten zu sehen. Unser Gesetz
erlaubt diesen Brauch, wir müssen nur darauf achten, daß die
Neugierigen nicht ins Kloster eindringen. Wie du vielleicht
bemerkt hast, ist eine besondere Abordnung losgezogen, um die
Wege und jene Menschen zu überwachen, welche die Bergpfade
zu uns emporklettern. Tatsächlich steigen einige Brüder in die
Täler hinab, um die Pilger zum Kloster zu führen.
Und jetzt richte deine Aufmerksamkeit auf etwas anderes.
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Morgen werden auch böse Geister in Gestalt von Hexenmeistern
zu uns stoßen. Wir können den Ngaspas der Umgebung nicht
verwehren, das Kloster aus diesem Anlaß zu besuchen. Die
Lapos, Bamos, Mannos und die anderen erdgebundenen Geister,
welche die Hexenmeister bei ihrem bösen Werk anrufen, kleben
an jenen und betreten dergestalt unseren chintanyin. Fürchte
dich nicht vor ihnen. Nach den acht bestandenen Prüfungen
haben sie keine Macht mehr über dich. Beobachte die
Hexenmeister in jedem Falle sehr genau, damit du sie bei
späteren Ausflügen ins Umland erkennst. In den
Unterrichtsstunden wird häufig von ihnen die Rede sein. Wie
fühlst du dich eigentlich in deinem neuen Lama-Berchen?"
Ich stellte meine Teetasse ab und streichelte mit leuchtenden
Augen mein neues Gewand.
„Ich bin sehr glücklich, und dies verdanke ich dir, Aku. Ich
bete, daß du auch in Zukunft bei mir bleibst und mir erlaubst,
immer dein Schüler und Diener sein zu dürfen."
„Dummes Geschwätz!" erwiderte er und hob die Hand. „Hier
sind wir alle Brüder, Ti- Tonisa, ohne Ausnahme. Doch ich freue
mich sehr, daß es dir hier gefällt und daß du an mir hängst. Denn
wunderbar und erhaben ist das Leben in diesem Kloster, obzwar
ziemlich hart. Manch ein frischgebackener Eingeweihter würde
am liebsten wieder austreten, weil ihm das Klosterleben nicht
zusagt. Doch so weit kommt es nie. Der Zauber des ewigen
Tempelschweigens, die Erinnerung an die Prüfungen und die
erhabenen geistigen Erfahrungen halten den Eingeweihten bis
zum Tage seines Todes in ihrem Bann. Da wir unser Mahl
beendet haben, wollen wir in deine Zelle im ersten Stock
zurückkehren, wo du die Nacht verbringen wirst. Wie du weißt,
mußt du vom morgigen Tage an wieder nach unten ins
Erdgeschoß. Achte heute nacht auf deine Träume. Die erste
Nacht eines neuen Lamas im oberen Stockwerk ist immer
bedeutungsvoll. Du kannst heute weit in die Zukunft blicken."
Er hielt vor dem Eingang meiner Zelle im oberen Stockwerk
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inne, legte mir die linke Hand auf die Schulter, die rechte mit
abgewinkeltem Ellenbogen auf die Stirn. Dieser Ausdruck der
Liebe zwischen uns bewegte mich tief.
„Kale yu!" sagte er lächelnd. „Friede dem, der bleibt."
„Friede dem, der geht", antwortete ich und legte meine Hand
auf seine Stirn. „Kale yu, Lhalu aku."
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Kapitel 9
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In dieser Nacht schlief ich bereits in meiner Zelle im
Erdgeschoß, und am nächsten Morgen nahm ich zum erstenmal
am eigentlichen Klosterleben, den täglichen Zeremonien der
Lamas, teil, die ich erst jetzt besuchen durfte. Nach den ersten
Wochen fühlte ich mich wie ein Mensch, der nach langer
Abwesenheit endlich in sein Elternhaus zurückgekehrt ist. Die
Härten des strengen asketischen Lebens machten mir überhaupt
nichts aus. Nach den langen Strapazen und der fieberhaften
Geschwindigkeit, mit der die Prüfungen der Einweihung
aufeinander gefolgt waren, erfüllte ein gewöhnlicher Tag im
Kloster meinen Körper und meine Seele mit Frieden. Durch die
wunderbaren Lehren, die der Hohepriester, Lhalu und die
älteren Lamas uns vermittelten, vertieften sich unsere geistigen
Einsichten in hohem Maße.
Eine Stunde nach Sonnenaufgang erklang jeden Morgen das
Zeichen zum Wecken. Dreimal dröhnten die tiefen Trommeln,
die so groß waren wie Gongs, und brachen so die nächtliche
Stille. Alle standen auf und gingen in den Klosterhof, um sich
am Ende der Garba in der Quelle oder im kleinen Bächlein,
welches von ihr gespeist wurde, zu waschen. Dann kehrte jeder
in seine Zelle zurück, um eine Stunde lang zu beten. Daraufhin
begaben wir uns in den Versammlungsraum, der auch als
Speisesaal diente, hockten uns um einen langen, etwa kniehohen
Tisch und aßen Gerstenbrei und tranken Buttertee. Jeder mußte
sich zur Frühstückszeit hier einfinden, denn es gab, außer für die
Kranken, keine Mahlzeiten außer der Reihe. Nach dem
Frühstück versammelten wir uns im Tempel, wo uns der
Hohepriester begrüßte und seine tägliche Predigt über Moral
und Glauben hielt. Wir trugen die warmen Lamamäntel aus
Kianghaar über dem Novizen-Zen und hockten uns mit
gekreuzten Beinen im Halbrund auf die Steinbänke.
In der Mitte der Halle wurde das heilige Feuer entzündet, über
dem ich die letzte Prüfung abgelegt hatte. Die Priesterin trat ein
und stellte sich in stiller Andacht mit ausgestreckten Armen vor
-181-
das Feuer. In solchen Augenblicken war das gesamte Kloster im
Bann eines seltsam mystischen Zaubers. Die Sonne schien durch
die Kristallfenster und die Gucklöcher, welche mit farbigen,
durchsichtigen Papyrusblättern beklebt waren. Das heilige Feuer
loderte in einer großen bronzenen Urne, und im Halbdunkel
warfen seine Flammen ihren Schein auf unsere Gesichter. Die
Ichka streute Räucherwerk in die Glut, damit uns der Geruch des
brennenden Öls nicht störte. Danach stand sie vor den Flammen,
deren Lichtschein durch ihre Kleidung leuchtete. Sie schien uns
wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, und wir
betrachteten sie voller Ehrfurcht. Ihr reich bestickter weißer
Mantel und der trichterförmig nach oben abstehende
Spitzenkragen wirkten wie Flügel, wenn die Flammen durch das
Räucherwerk hoch emporloderten und sie in einen leuchtenden
Kranz aus Licht hüllten. Die Priesterin wandte uns den Rücken
zu und legte ihren weißen Mantel ab, welchen der
Zeremonienmeister forttrug. Sie warf getrocknete Früchte der
wilden Rose, Stachelbeersamen und Mandelschalen in die Glut.
Ein süßer, überwältigender Duft erfüllte die Halle und machte
uns benommen und schläfrig. Unsere Sinne wurden gedämpft,
was der Entwicklung des mystischen Lebens diente. Dann setzte
sich die Priesterin auf ihren Thron und lehnte ihren schweren
Kopf an dessen hohe Lehne. Alle schliefen, außer dem Großen
Lama. Er war verantwortlich für unsere Gesundheit und wachte
darüber, daß uns nichts geschah.
Doch nur für den oberflächlichen Beobachter schienen wir zu
schlafen, denn in Wahrheit war dieser Zustand eine erhabene
Erfahrung. Die Drachenleute versuchen ein ähnliches Gefühl zu
erzeugen, indem sie Opium rauchen, was indes Körper und
Nervensystem schwer schädigt und die Seele vergiftet. Von
einem der lehrenden Lamas, Pro-Trang mit Namen, lernten wir,
daß Menschen, die in ihrem irdischen Leben drogenabhängig
waren, nach ihrem Tode in den Krankenhäusern der niederen
Sphären in einen Zustand vollständiger Teilnahmsloigkeit
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verfallen. Oft müssen Jahrhunderte vergehen, bevor sie von den
sanften Händen der geistigen Ärzte wieder geweckt werden
können. Wenn die vorbestimmte Zeit ihrer erneuten
Verkörperung naht, werden diese unglücklichen Seelen auf der
Erde wiedergeboren und führen ein neues Leben unter noch
schwereren Bedingungen.
Der schlafähnliche Zustand, dem wir uns jeden Morgen im
großen Chang hingaben, hatte nichts mit den geistigen Reisen zu
tun. Es handelte sich dabei vielmehr um eine seltsame
Verzückung, welche besonders die jüngeren Eingeweihten
brauchten, da ihnen die dabei wahrgenommenen Visionen den
ganzen Tag über gegenwärtig blieben. Natürlich empfand jeder
diese Benommenheit auf Grund seiner körperlichen und
geistigen Verfassung anders. Sie dauerte von der zweiten bis zur
dritten Stunde des Tages.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, wenn die
Feuerschau zu Ende ging. Mit einer einzigen Bewegung weckte
uns der Hohepriester, nur die Priesterin schlief weiter. Dann
zogen wir uns alle in unsere Zellen zurück, wo wir uns bis zur
vierten Stunde des Tages in tiefer Meditation versenkten. In
dieser Zeit sandte der Hohepriester den Geist der Ichka in weite
Ferne. Im Kloster herrschte tiefe Stille. Jeder saß in seiner Zelle.
In der siebten Stunde, vor dem Sonnenhöchststand, verließen die
jungen Eingeweihten den Chintanyin, um auf den Wiesen der
Hochebenen und in kleinen Lichtungen nach Heilkräutern zu
suchen. Dabei lernten wir die wichtigsten Pflanzen kennen,
welche die verschiedensten Krankheiten heilen konnten. Nicht
umsonst genossen die Heilkräuter Bod-Yuls ein so hohes
Ansehen. Unsere Karawanen trugen sie ballenweise in das
Gyanak-Reich im Osten, zu den Drachenleuten, nach Gyagar im
Süden, ja, sogar bis in die südlichsten Länder der Welt. Doch
konnten wir uns bei solchen Ausflügen keinen Augenblick
vergessen oder ausruhen. Wir gingen niemals in Gruppen,
sondern verteilten uns im Gelände. Viele von uns legten sich im
-183-
Sommer, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, auf die duftenden
Grasflecken nieder, was natürlich verboten war. Doch dem
Hohenpriester entgingen solche Übertretungen nie, denn er hatte
die unübertroffene Fähigkeit, seinen Geist in jedem Augenblick
auszusenden, und meist sah und wußte er alles, was er erfahren
wollte.
Nach den jungen Eingeweihten kamen die Lamas aus ihren
Zellen im oberen Stockwerk. Die eingeweihten Novizen blieben
bis eine Stunde nach Mittag in den Felsen. Dann folgte der
ermüdende Laygyen, der Aufstieg zurück zum Kloster. Sofort
nach unserer Ankunft versammelten wir uns zum Mittagsmahl,
doch da die dem Essen vorbehaltene Zeit nur kurz war, aßen wir
schweigend, wenn wir unsere Teller nicht halbvoll zurücklassen
wollten.
Kurz nach der zweiten Mahlzeit wurden die neuen
Eingeweihten vom Hohenpriester in der Aussendung des
Bewußtseins unterwiesen. Diese Kunst war schwierig zu
meistern und glich der Prüfung des Sarges, mit der Ausnahme,
daß die den Körper verlassende Seele nur ihrem irdischen
Führer, dem Ichkitsu, gehorchte, verschiedene Orte auf der Erde
besuchte und dort Aufgaben erfüllte, worüber der Eingeweihte
nach dem Erwachen genau berichten mußte. In Wahrheit zählte
Phoimonda - oder Pho wa, wie es irrtümlicherweise in späteren
Jahrhunderten genannt wurde - zu den schwierigsten Praktiken.
Eingeweihte, die nach fünfjähriger Übung für eine halbe Stunde
ihren Körper verlassen konnten, galten als außerordentlich gut
und fortgeschritten. Nur die frischgebackenen Lamas übten sich
am frühen Nachmittag in der Kunst des geistigen Reisens.
Eigentlich waren die Stunden vor dem Frühstück wesentlich
besser dazu geeignet, da sich die Strahlung der Sterne am
Nachmittag veränderte. Außerdem waren des öfteren Fälle von
Besessenheit aufgetreten. Doch die neuen Eingeweihten mußten
die Kunst unter den schwersten Bedingungen meistern, und die
spirituelle Kraft des Hohenpriesters stärkte ihre geistigen
-184-
Energien. Später übten auch sie Phoimonda am Morgen.
Am späten Nachmittag führten uns die älteren Lamas wieder
in die Berge. Hier wurden wir in der Kunst der Erzeugung der
inneren Hitze - Tumo - unterwiesen. Diese Übungen waren
wesentlicher leichter, wenn auch nicht immer von Erfolg
gekrönt. Oft streunten böse Geister umher und besetzten die
Anfänger. Doch der lehrende Lama bemerkte dies
augenblicklich und berichtete dem Hohenpriester und der
Priesterin davon, welche die bösen Geister dann mittels eines
bestimmten Rituales wieder austrieben.
Erst spät am Abend, in der zwanzigsten Stunde des Tages,
zogen wir uns in unsere Zellen zurück. Doch selbst dann
geschah es häufig, daß uns die Boten der Ichka weckten, um den
Gehorsam der neuen Eingeweihten auf die Probe zu stellen. Bei
solchen Gelegenheiten mußten wir das Kloster auf der Stelle
verlassen, um einen Auftrag zu erledigen, wobei wir jedoch nie
weite Strecken zurücklegten, sondern in der Nähe blieben. Um
unseren Mut und unsere Geistesgegenwart auch nach der
Einweihung immer wieder zu beweisen, mußten wir in der
Dunkelheit der Nacht im Mondlicht zu einem nahegelegenen
Paß, einem Felsen oder einem Tal gehen. Und immer wieder
geschah es, daß solch ein nächtlicher Wanderer unter den Bann
des Mondes und der bösen Geister geriet, von den hohen Felsen
stürzte und zu Tode kam. Uns wurde nicht gestattet,
Rettungsmannschaften für solch einen unglücklichen Lama zu
bilden, denn man sagte, daß er die Gemeinschaft der wahren
furchtlosen Eingeweihten nicht verdiente.
So verlief im Großen und Ganzen der Tag der Eingeweihten
im Felsenkloster von Tampol- Bo-Ri. Meine erste Tumo-Lektion
werde ich nie vergessen, da es mich immer fasziniert hatte, wie
die Lamas so etwas fertigbrachten. Dieser Kunst galt unsere
erste praktische Unterweisung, denn im Kampf gegen die immer
näherrückende strenge Kälte konnten wir täglich unseren Nutzen
daraus ziehen. Mir stand noch lebhaft vor Augen, wie lange
-185-
Ram-Chen Lama in seinem dünnen, fadenscheinigen Umhang
auf den Felsen unter dem Jomo-Lun-Gam sitzen konnte, ohne
die bittere Kälte zu spüren. Dabei wurde er so heiß, daß der
Schnee in seiner Umgebung zu schmelzen begann. Die erste
Stunde gab uns ein älterer Lama namens Chan-Dug-Sa.
Er kletterte auf einen großen Stein und begann seine Lektion
mit folgenden Worten: „Wir üben Tumo deshalb in den Bergen,
weil ein junger Lama die Natur erst dann hautnah spürt, wenn
die Luft seinen Körper ungehindert umstreichen kann. Ihr müßt
das Gefühl haben, im freien Raum zu leben, wobei einzig die
Elemente eure Gefährten sind. Das konzentrierte Betrachten der
Felsen und der kahlen, schneebedeckten Gipfel beeinflußt euch
stark, meine Brüder. Ein jeder setze sich jetzt auf eine flache
Steinplatte hinter einen Felsen, so daß ihr einander nicht seht
und nicht stört. Wir befinden uns hier an einem Ort, wo die
Winde von den Gipfeln herabfallen und genau in unsere
Gesichter blasen. Das ist notwendig, denn zuerst sollt ihr frieren,
damit ihr merkt, daß eure eigene Körperwärme nicht ausreicht.
Führt jetzt rhythmisch die gefäßförmige, beherrschte Atmung
aus. Allein das Betrachten der Felsen und Steine sollte ein
Gefühl der Wärme in euch auslösen. Legt die Hände auf die
Knie, sitzt mit gekreuzten Beinen, doch nicht auf den Fersen."
Ich fror entsetzlich, da ich durch den ermüdenden Aufstieg
noch immer schweißgebadet war. Doch ich hielt mich an die
Anweisungen und blickte in tiefer Meditation auf die
gegenüberliegende Felswand, worauf das Kältegefühl
augenblicklich verschwand.
„Hört mir jetzt aufmerksam zu!" tönte die Stimme Chan-Dug-
Sa Lamas hinter dem Stein hervor, vor dem ich saß.
„Konzentriert euch nicht auf die Erzeugung innerer Hitze,
sondern bemüht euch um die Vereinigung mit dem Unendlichen.
Die Wärme ist nur ein nebensächlicher Bestandteil der Übung.
Die Meditation ist in diesem Falle recht einfach, da die Berge
selbst eure Gedanken erheben und empor zum Himmel lenken.
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Stellt euch jetzt euer geistiges Vorbild vor, den Hohenpriester.
Sehnt euch mit aller Macht nach ihm, sehnt euch danach, ihm
gleich zu werden. Strebt ihm mit eurer Seele, mit eurem
innersten Selbst, entgegen."
Ich strengte mich so sehr an, daß meine Kräfte wuchsen und
eine warme Welle durch meinen Körper wogte. Tatsächlich
begann ich fast zu schwitzen. Später erfuhren wir, daß man sich
bei solchen Übungen natürlich nicht erkälten kann. Wir mußten
nur darauf achten, rechtzeitig mit der Erzeugung des
Seelenfeuers aufzuhören. Dazu mußten wir die bildliche
Vorstellung von den dazugehörigen Gedanken trennen, was bei
weitem der schwierigste Teil der Übung war. Aus diesem
Grunde brauchten die jungen Anfänger einen Lehrer, der sie
überwachte und wußte, wie lange die Übung dauern durfte. Bei
der Konzentration auf das Große Ideal stellten wir uns dessen
Gestalt nicht einfach nur vor, sondern wir mußten versuchen,
diese im Geiste festzuhalten. Da wir auf dem Boden hockten,
während das vorgestellte Ideal hoch über uns schwebte, spürten
wir, daß wir zu diesem aufsteigen mußten. Das war jedoch
unmöglich, da wir an unsere Körper gebunden waren und unser
Bewußtsein in der bitteren Kälte auf dem Gipfel nicht von
diesem zu lösen vermochten. Diese geistige Anstrengung
forderte unsere Nerven außerordentlich. Die dabei fließende
Energie verwandelte sich zum größten Teil in das innere Feuer.
Unser Lehrer legte großen Wert auf die vorbereitenden
Atemübungen.
„Ihr müßt den Atem bewußt anhalten", sagte er, „damit eure
Seelenkräfte dort bleiben, wo sie hingehören, nämlich im
Herzen und in den Nervenzentren. Ihr sollt nicht nur verstehen,
warum es zum feinen Feuer der Seele kommt, ihr sollt daraus
eine innere Erfahrung machen. Am besten beginnt ihr mit dem
neunfachen Einatmen. Atmet dreimal tief durch das rechte
Nasloch ein, wobei ihr euren Kopf langsam von rechts nach
links bewegt. Nehmt dann drei tiefe Atemzüge durch das linke
-187-
Nasloch und dreht dabei den Kopf in die entgegengesetzte
Richtung. Atmet zuletzt durch beide Naslöcher, und ha ltet den
Kopf still. Zieht die Luft in jedem Falle gleichmäßig, kaum
hörbar ein. Wiederholt diesen Vorgang dreimal. Achtet jedoch
darauf, wie lange ihr den Atem anhaltet. Haltet euch dabei an
folgenden Rhythmus: acht - zweiunddreißig sechzehn. Ihr sollt
jedoch nicht zählen, sondern die Zeitabschnitte spüren, denn
Zählen heißt Denken. Jetzt wiederhole ich alles noch einmal:
Beginnt mit dem beherrschten Atmen und konzentriert eure
Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Felswand. Stellt
euch vor, daß ihr euc h mit ihr und der Unendlichkeit vereint. Ihr
werdet bemerken, daß eure Gedanken im Laufe der
Atemübungen abnehmen. Beim dritten Atmenzyklus wird euer
Gehirn leer sein. Verbleibt in diesem Zustand, und blickt lange
auf die gegenüberliegende Felswand, ohne sie tatsächlich zu
sehen. Wenn plötzlich das Bild eures Vorbildes auf dem Felsen
erscheint, dann beendet die Atemübung und versucht mit aller
Kraft, zu ihm aufzusteigen." Wir übten angestrengt viele Monate
lang, bis wir das Feuer der Seele so zu entfachen lernten, daß
wir die Kälte nicht mehr spürten. Erst als uns das Große Feuer
bereits nach den ersten Atemzügen zu wärmen begann, durften
wir die Übung in unseren Zellen fortsetzen. Die Lehrer legten
nicht umsonst so großen Wert auf die Beherrschung von Tumo,
denn hierbei handelte es sich um die „innere Heizung" der
Klöster. Wenn wir in unseren Zellen zu frieren begannen,
erzeugten wir einfach Tumo und hatten es warm. War ein Lama
so weit fortgeschritten, daß er das Innere Feuer in seiner Zelle
erzeugen konnte, durfte er sich darin üben, Tumo auch in seinen
Gliedern zu entfachen; zuerst in den Händen, dann in den
Beinen oder in einem anderen Teil des Körpers. Tumo spielte
eine große Rolle bei der Heilung der Kranken.
Das Leben der eingeweihten Lamas und ihre Ze remonien
taten meinem Geiste wohl und gaben mir spirituelle Ruhe. Die
Menschen der Welt, die hochgestellten fremden Prinzen und die
-188-
protzig gekleideten Abgesandten, die das Kloster nahezu jedes
Jahr besuchten, um die Vorraussagen unseres Hohenpriesters zu
hören, dachten wahrscheinlich schaudernd an das langweilige,
entsagungsvolle Leben, das wir zwischen den düsteren
Steinmauern führen mußten. Sie glaubten, daß unser freudloses
Dasein aus dem beständigen Murmeln gleichförmiger Gebete
und aus leeren religiösen Ritualen bestände. Wie sehr irrten
diese Söhne der Welt! Sie hätten sich die wahre Bedeutung des
Lebens in einem der Felsenklöster Bod-Yuls nicht träumen
lassen. Sie hatten keine Ahnung, daß wir nicht nur an ein Leben
im Jenseits glaubten, sondern daß wir es täglich ganz
unmittelbar erfuhren. Was wußten sie schon über die Wunder
der Bewußtseinsreisen, wenn unser Geist die irdische Hülle
verließ und über Berge, Flüsse und Meere nicht nur durch unser
Gebirge streifte, sondern in weit entfernte Länder reiste,
während unser Körper bewegungslos in der Zelle ruhte. Denn
Bod-Yul war das Dach der Welt, der Speicher geistigen
Wissens, und verfügte durch Gedankenübertragung und
Bewußtseinsflug über vollendete Möglichkeiten, Botschaften
rasch von einem Land zum andren zu senden. Über solche
Möglichkeiten wird die sich im Niedergang befindende
Menschheit wahrscheinlich nicht einmal in zweitausend Jahren
verfügen! Dafür lohnte es sich, in der Dunkelheit kalter,
langweiliger Zellen auf Steinbänken zu schlafen. „Alles hä ngt
nur davon ab, wie du es betrachtest", pflegten meine Lehrer zu
sagen, und wie recht hatten sie damit! Jene, die die Wunder weit
entfernter Länder zu sehen vermochten und ihre geistigen
Augen an der Schönheit ungewöhnlicher Landschaften labten,
spürten kaum die Härte des steinernen Bettes. Und was die Kälte
betraf, konnten wir ihr jederzeit durch die Erzeugung des
inneren Feuers ein Ende bereiten. Deshalb war jeder Tag meiner
Jahre im Felsenkloster wunderbar und erhaben.
Für uns, die Eingeweihten des pfe ilschnellen Pfades, waren
die Lehren, die uns der Große Lama jeden Morgen und unsere
-189-
Lehrer jeden Nachmittag erteilten, keine leeren, abgedroschenen
Phrasen, sondern praktische Anweisungen, die unser geistiges
Wissen vertieften und unser Seelenorgan entwickelten, damit
wir die Verbindung zu den höheren Sphären und zu unseren
Schutzgeistern aufrechterhalten konnte. Ich werde die erste
Rede nie vergessen, die der Ichkitsu am Morgen nach meiner
Einweihung im Chang hielt, nachdem die Leute, die den neuen
Eingeweihten hatten sehen wollen, abgereist waren.
Er saß auf seinem Thron und sprach: „Meine Brüder! Gestern
besuchten die Bewohner der Täler Ti-Tonisa Lama, den
jüngsten Eingeweihten, damit er sie nach alter Sitte segne.
Dieser Brauch hat eine tiefe Bedeutung. Wie ihr wißt, genießt
ein Novize, der alle Prüfungen erfolgreich bestanden hat, die
Gnade des Höchsten, und daher erfüllen sich seine
Segenswünsche für all jene, auf die er die Gunst Gottes lenkt.
Und doch sage ich euch, daß ihr nicht wißt, welche Macht ihr
durch die Gnade der Heiligen Weisheit über euch selbst oder
über eure Mitmenschen auszuüben vermögt! Denkt einmal
darüber nach, wieviele gute Taten für euch auf dem Wege der
Enthaltsamkeit und der Selbstbeherrschung, der euch ewige
Früchte bescheren wird, bereitliegen. Wenn ihr tief versunken
ein Gebet sprecht und die Heilige Weisheit um Erlaubnis bittet,
die Schwingungen Ihrer Gnade, die ihr in eurer Seele
gespeichert habt, in Form von Segenswünschen an andere
weiterzugeben, dann kann man euch wahrlich Söhne der Gnade
nennen! Denn solche Wünsche, die man auf der Erde ,Segen'
nennt, vermögen viel. Häuft diese Gnade daher in euch an und
füllt damit eure Seelen, und wenn ihr genügend lange gefastet
und verzichtet habt und fühlt, daß sich eine große Menge der
lebensspendenden göttlichen Kraft in euch angesammelt hat,
dann streckt eure Arme aus und sendet sie euren Mitmenschen,
die blindlings durchs Leben stolpern und nicht wissen, aus
welcher Richtung das Licht strahlt. Richtet eure Kraft und
Aufmerksamkeit auf jene, die ihr im Namen Gottes zu segnen
-190-
wünscht, dann wird Seine unermeßliche Macht die Gnade, die
ihr euren Mitmenschen sendet, in Segen verwandeln.
Selbstverleugnung und Fasten soll euch nicht schrecken. Der
Geist lenkt den Körper und nicht umgekehrt! Wenn ihr eure
geistige Feinfühligkeit durch asketische Lebensführung vertieft,
dann werdet ihr den anderen immer größere Wellen der Gnade
senden können. Gnade und Segen - Segen und Gnade: Diese
beiden sind in Wahrheit eins, meine Brüder, denn der Segen der
Gottheit bedeutet Gnade, und wenn Sie euch gnädig ist, seid ihr
gesegnet. Und auch ich segne euch jetzt aus tiefstem Herzen!
Möge euch die Heilige Weisheit stärken, damit ihr ein
enthaltsames, keusches Leben zu führen vermögt, und möge Sie
euch mit den Strahlen Ihrer unendlichen Gnade umfangen, damit
ihr Sie in die Seelen anderer Menschen lenken könnt, wenn ihr
euch jubelnd an Ihr gelabt habt."
Solche Lehren erteilte uns der Hohepriester jeden Morgen
während der Verzückung des Feuers, wie wir die
Feuerzeremonie nannten. Lhalu Lama unterrichtete uns nach
Sonnenuntergang. Jedes seiner Worte lebt noch immer in meiner
Seele. Wir pflegten im Halbkreis in der Versammlungshalle im
Erdgeschoß zu sitzen, während er in der Mitte stand und die
jüngeren Eingeweihten darin unterwies, wie die Begierden des
Körpers zu meistern seien. All dies geschah im ersten Monat
nach meiner Einweihung. Das Lehrmaterial wurde immer
umfangreicher, und in jedem folgenden Monat kam ein neuer
Lama, um uns zu unterweisen. So saßen wir also, wie ich bereits
erwähnte, im Halbkreis auf der Matte, und Lhalu Lama richtete
das Wort an uns: „Siegt über eure Begierden, Brüder, dann
werdet ihr rasch vorankommen. Die Seele spendet euch das
Leben, nicht der Körper, denn dieser ist nur eine leere Hülle.
Der Kampf zwischen Körper und Seele ist ein Abbild des
Kampfes zwischen Gut und Böse. Der sichtbare Körper verlangt
nach der Erfüllung seiner Wünsche, und wenn die unsichtbare
Seele schwach ist, gibt sie ihm nach. Ihr müßt lernen, reine
-191-
Begierden von den Dingen zu unterscheiden, welche der Körper
wirklich braucht, um eine würdige Hülle, ein edles Kleid für die
Seele zu sein, deren Essenz, der Geist, ewig ist. Das Verlangen
des Körpers ist zeitlich begrenzt, weshalb ihr euch nicht darum
kümmern solltet. Laßt nicht zu, daß der Körper euch beherrscht!
Zügelt ihn, nehmt ihn an die Kandare, überwacht ihn, und laßt
ihn nur in jene Richtung gehen, die ihr ihm vorschreibt. So wird
er allmählich zu einem braven Maultier, ohne ständig
auszukeilen und aufzubegehren. Ihr könnt die Lebenskräfte,
welche durch euren siegreichen Willen in höhere Schwingungen
verwandelt werden, für edle Ziele einsetzen. Seid daher auf der
Hut und wacht über euren Körper, damit ihr ihn rechtzeitig zu
zügeln vermögt. In diesem Sinne werdet ihr den Körper
meistern, denn er ist der wahre Diener der Seele, wenn auch
nicht für lange Zeit. Wer seinen Diener nicht mit eiserner Hand
bezwingt, sondern ihm freundlich und ausgeglichen seinen
höheren Willen auferlegt, soll wahrhaft Meister des Dieners
genannt werden! Handelt bei der Erziehung eures Körpers
ausgewogen, und laßt euch nicht von der überflüssigen
Leidenschaft hinreißen, ihn zu quälen. Ihr sollt ihn nicht
bemitleiden, wenn ihr zu seinem Besten handelt. Hat der
Chirurg Mitleid mit dem Patienten, dem er tief ins Fleisch
schneidet? Oder weint der Vater mit seinem Kind, wenn er es
züchtigt? Bemüht euch, den Körper sanft und weise zu leiten.
Ihr sollt ihn nicht verletzen, er soll eurem höheren Willen
freiwillig gehorchen. All dies ist im Falle der Heiligen Schlange,
von der ihr bereits gehört habt, von besonderer Bedeutung, denn
der Schwache läßt sich von den Begierden des Körpers
überwältigen. Kein Leid kann einen Mann so schnell besiegen
wie sinnliche Leidenschaft, durch welche er sich dem Körper
unterwirft. Wenn ihr euch also befreien wollt, dann behandelt
ihn abweisend, doch stellt diese Abneigung nicht öffentlich zur
Schau, da der Körper dann wieder die Oberhand gewinnt und
euch in einem Netz immer grausamerer Leidenschaften
-192-
verstrickt. Wendet euc h bei solchen Anwandlungen ab von ihm
wie von einem Feind, der des Zweikampfes nicht würdig ist.
Lernt, in kürzester Zeit mit ihm fertig zu werden. Denn so und
nur so könnt ihr den pfeilschnellen Pfad erklimmen. Tatsächlich
werdet ihr erkennen, daß euer Diener, euer Körper euch dann
sogar dabei behilflich ist."
Solche Belehrungen gehörten zu unserem täglichen
Stundenplan. Natürlich erhielten wir auch praktische
Unterweisungen in den magischen Wissenschaften, zum
Beispiel in Phoimonda, dem Bewußtseinsflug, der von späteren
Generationen irrtümlicherweise Pho wa genannt wurde, in
Tumo, Lungom und anderen Zweigen der geheimen Kunst wie
Sternenkunde, okkulter Geschichte und Medizin.
Am Ende des ersten Jahres waren wir in der Kunst, das innere
Feuer zu erzeugen und unseren Geist auf die Reise zu schicken,
wohl bewandert. Letzteres fand immer unter Aufsicht des
Hohenpriesters statt, doch später mußten wir uns auf seinen
Befehl hin selbständig in diesen Zustand begeben. Dies geschah
folgendermaßen: Nachdem wir zwei Tage in der Woche gefastet
hatten, legten wir uns auf unser Steinbett und sprachen das
Gebet der Vorbereitung.
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All meine Kraft möge mit der Kraft der Heiligen Drei
verschmelzen.
Gebt, daß mein Geist den Körper leicht verläßt und euer
Gebot treu erfüllt!
-195-
Hohenpriesters. In diesem Zusammenhang möchte ich
erwähnen, daß der Geist des Großen Lama den gleitenden Boten
die ganze Zeit über begleitete und ihn dadurch stärkte. Nur so
kamen die übernatürlichen Leistungen zustande. Es hätten auch
zwei Lamas gleichzeitig loslaufen können, da die Ichka dem
anderen hätte folgen können, doch dies verboten die Regeln
unseres Klosters. Entweder der Hohepriester oder die Ichka
mußten zu Hause bleiben, um das Klosterleben zu überwachen.
Deshalb war es meist der Hohepriester, der dem Lungom-Lama
geistig folgte, es sei denn, er beauftragte die Priesterin mit dieser
Aufgabe.
Der gleitende Bote begab sich nie aus eigenem Antrieb auf
den Weg, da er die übermenschliche Geschwindigkeit sonst
nicht aufgebracht hätte. Vor seiner Abreise versammelten sich
alle Einwohner des Klosters zum gemeinsamen Gebet. Danach
wählte der Hohepriester denjenigen Lama aus, welchen er für
den Auftrag für am besten geeignet hielt.
Dieser Lama wurde in der Halle der Zeremonien auf die große
Reise vorbereitet. Er legte sich nic ht auf den Boden, sondern
schlief im Stehen ein und erinnerte sich nur noch daran, daß die
Priesterin seinen Umhang mit einem Lungom-Zen vertauscht
hatte, einem Mantel, der nur für diesen Zweck bestimmt und
halbrund geschnitten war. Am Hals wurde er mit einer großen
Metallschließe zusammengehalten, die der Große Lama zum
Zeichen seines Einverständnisses berühren mußte. Danach
übermittelte der Große Lama dem Geist des Lamas seine
eigenen konzentrierten Gedanken durch Gedankenübertragung,
nicht durch Suggestion. Der Lungom-Lama geriet in jenen
sonderbaren, halbwachen, halbschlafenden Zustand. Wenn er
den Großen Befehl erhalten hatte, durchfuhr ein Schauder seinen
Körper. Die Priesterin legte eine Blume in seine Hände. Da auch
diese Geste von Bedeutung war, hing es von der Ichka ab,
welche Blume sie wählte. Danach wurde der Lama auf den
Klosterhof geführt, wo ihn der Hohepriester magnetisierte.
-196-
Dabei wandte er den Großen Magnetismus an, den man
gewöhnlich für rasche Heilungen oder schnelle hypnotische
Gedankenübermittlungen brauchte. Der Lungom- Lama beugte
den Kopf und verließ den Kharlam mit langsamen, ruhigen
Schritten. Ebenso wanderte er langsam und schlafwandlerisch
über die Bergpfade, bis der Hohepriester im Turm eingeschlafen
war. Dann erst begann das eigentliche rasche Gleiten.
Der gleitende Bote erhielt nie ein bestimmtes Ziel. Er wurde
zum Beispiel angewiesen, so lange geradeaus in die angezeigte
Richtung zu gehen, bis seine Beine zu ermüden begannen. In der
siebten Stunde des Tages sollte er umkehren und den gleichen
Weg zurückgehen. Dies geschah, damit die anderen Klöster
solch einen Boten nicht abzulenken vermochten. Da er nicht aus
eigenem Antrieb, sondern durch den Willen des Hohenpriesters
vorwärtseilte, konnten ihn andere Klöster nicht beeinflussen.
Der Große Gleitende Gang war also ein unbewußter Zustand, da
der Lama nicht wußte, was er tat. Er sah niemanden und eilte
mit langen, gleichmäßigen Schritten fast mechanisch vorwärts,
wobei er seine starren Augen auf einen Punkt am Horizont oder
einen fernen Gipfel heftete.
Wenn der Lama von der langen Reise zurückkehrte, weckte
ihn der Große Lama aus seiner Teilnahmslosigkeit und brachte
ihn zu den großen Felsen auf dem Klosterhof, damit ihn die Luft
wieder zu Sinnen brachte. Erst dann spürte er große Müdigkeit.
Obwohl der Lungonpa sehr rasch lief, schwebte er nicht durch
die Luft, obschon es aus der Ferne so wirkte. Seine Füße
berührten jedoch stets den Boden, wenn auch immer mit der
ganzen Sohle, wodurch sein Gang seltsam gespenstisch wirkte.
Er konnte über weite Abgründe springen, ja, sogar übers Wasser
gleiten, doch dabei waren der geistigen Antriebskraft Grenzen
gesetzt. Wenn sich das Gelände veränderte, wenn es Flüsse,
Abgründe oder andere Hindernisse zu überqueren galt, mußte
der Hohepriester den Lama bei jedem Schritt begleiten und ihm
von Dorf zu Dorf folgen, bis er an seinem Bestimmungsort
-197-
angelangt war.
Hier möchte ich einfließen lassen, daß es zwei verschiedene
Arten von Bewußtseinsflügen gab. Einmal das normale
Phoimonda, wovon ich bereits gesprochen habe und wo sich die
Seele ohne den Körper in ihrer unsichtbaren Geistform
fortbewegt. Da der Körper zurückbleibt, ist sie für andere nicht
sichtbar und kann auch nicht sichtbar gemacht werden, weil es
sich um den Geist eines lebenden Menschen handelt. Die andere
Art ist sehr selten, denn hierbei nimmt die Seele den Körper mit
sich. Ein solcherart begabter Lama mag in seiner Zelle liegen
und im nächsten Augenblick spurlos verschwunden sein. Da er
seinen Körper mitgenommen hat, kann er Menschen an weit
entfernten Orten physisch erscheinen. Dies ist jedoch nur dann
möglich, wenn sein Geistführer ihm auf der geistigen Ebene
folgt und ihn ständig überwacht. Der Geistführer hilft ihm, den
physischen Körper aufzulösen und wieder zusammenzusetzen.
Der Gleitende Gang ist weder das eine noch das andere. Hierbei
bleiben Körper und Seele immer verbunden, obwohl der Körper
für äußere Reize oder Verletzungen unempfindlich wird.
Die zweite Art des Bewußtseinsfluges, die körperliche
Aussendung, galt als höchst schwierig. In vielen Klöstern war
kein Lama dieser Kunst mächtig. Bei solchen Reisen vereinte
sich die geistige Kraft des Lamas mit der Kraft des Geistführers.
Gemeinsam lösten sie den Körper im Handumdrehen in feinere
Teilchen als Materie auf, wobei es dem Lama nicht nur gelang,
Körper und Seele auszusenden, sondern durch Wände oder
andere feste Gegenstände zu gehen. In Verbindung mit diesem
seltsamen Phänomen berichtete uns Chang-Dug-Sa Lama
lachend, daß Lhalu der einzige im Felsenkloster sei, der diese
Kunst beherrsche. Sein Körper und seine Seele verfügten über
außerordentliche Fähigkeiten. Als nach seiner Prüfung des
Sarges der steinerne Deckel gehoben wurde, war Lhalu
verschwunden, obwohl die Siegel des Hohenpriester unberührt
waren. Staunend blickten die Lamas in den leeren Sarg.
-198-
Plötzlich hörten sie Schritte und sahen den jungen
Eingeweihten, der lächelnd die Treppe herabkam.
-199-
Kapitel 10
-200-
Lebensunterhalt kümmern mußten, verkündeten sie auch den
Glauben an Gott. Sie begannen, ihre Felshöhlen behaglicher
einzurichten und nahmen Frauen zu sich. Dies war natürlich
nicht sehr weise, denn schon bald kam Unzufriedenheit auf, und
die Einheit dieser ursprünglichen Klöster war zerstört. Die
Bewohner erkannten schließlich, daß Frauen in einem Kloster
nichts zu suchen hatten. Es war jedoch äußerst schwierig, die
Frauen aus den Klöstern zu vertreiben, und die Naljorpas, die
einfachen Priester und Magier, die ein reines Leben führen
wollten, mußten hart darum kämpfen. So entwickelte sich
allmählich der Brauch, die Frauen als Priesterinnen für sich in
einem Konvent leben zu lassen.
Schon in jener fernen Zeit gründete sich die Verehrung der
Gottheit auf Wissen. Deshalb wurde Gott später „Ye-Shes"
genannt, was Wissen oder Weisheit bedeutet. Seine Statue glich
dem Hauptgott des Khemvolkes, doch seine Bekleidung und
andere Besonderheiten unterschieden sich von Ra. Noch in
späteren Zeitaltern wurden vor seinem Altar Opfer dargebracht,
doch dieser Gepflogenheit widmeten sich nur die Bewohner der
Täler und der niedrigeren Berge Bod-Yuls, die weit entfernt von
den hochentwickelten Klöstern lebten. Und selbst jene
verzichteten später auf Blutopfer und brachten dem
Allerhöchsten nur noch Früchte oder Blumen dar. Im Laufe der
Entwicklung der Klöster über viele hundert Jahre hinweg
endstand der Brauch, Gebete zu sprechen, keine gewöhnlichen
Gebete, sondern kleine Geschichten. So wurde Bod-Yul das
Land der Erde, in dem am meisten gebetet wurde. Damals
verfaßten die Mönche in den Klöstern jedes Jahr neue Gebete.
Sie meißelten den Text in Stein und verteilten die Tafeln an das
Volk, welches den Wortlaut auswendig lernte. So vertraute die
Bevölkerung allmählich den Priestern, denn diese standen ihnen
bei allen Sorgen zur Seite und wachten über ihre Seelen. Später
vereinte ein Priester die Aufgaben des Weisen und des Magus in
seiner Person. Als es immer mehr Mönche gab, wählten diese
-201-
einen Führer aus ihrer Mitte, den späteren Hohenpriester. Das
erste Kloster der Welt wurde in Bod-Yul auf der südlichen
Hochebene des großen Schneeberges errichtet.
-202-
erkannten, daß sie ohne das Wissen und die Weisheit der
anderen nicht überleben konnten. Deshalb fand man folgende
Lösung: Das Oberhaupt eines jeden Klosters war ein Mann, der
Hohepriester, doch außerdem gehörte jedem Kloster eine Frau
an, die Priesterin oder Ichka, deren Einfluß groß war. Sie wurde
zum geistigen Werkzeug des Großen Lamas, die Vorhut des
Wissens, das eigentliche Auge des Klosters. Als Vertreterin des
weiblichen Prinzips lebte sie jungfräulich an der Seite des
Hohenpriesters und vervollständigte seine Kenntnisse. Nachdem
die religiösen Streitigkeiten beigelegt waren, widmete sich die
gesamte Priesterschaft Bod-Yuls der Entwicklung von Kultur
und Zivilisation. In diesen Gebieten führten die Klöster, und die
Mönche trafen sich jedes Jahr, um spezielle Streitpunkte zu
klären. Danach wurden Beschlüsse gefaßt und verbreitet. Wie
ich schon sagte, ergänzte die Priesterin den Hohenpriester. In
unserem Zeitalter konnte man sich einen Hohenpriester ohne die
Ichka überhaupt nicht vorstellen. Natürlich war diese
Verbindung rein geistig, denn hätte mehr als edle Zuneigung
zwischen beiden gestanden, wären sie auf der Stelle getrennt
worden. So etwas geschah allerdings recht selten.
Am dritten Jahrestag meines Eintritts in das Kloster hielt
Lhalu Lama vor meiner Klasse eine Vorlesung über die
Entwicklung der Religion. Er sprach über die Geschichte
unseres Landes und unserer Religion und behandelte dabei nicht
nur den Zeitraum bis zu dem Jahr, in dem wir lebten, sondern er
konnte uns dank der Vorhersagen der Seher-Lamas und der
geistigen Reisen in die Zukunft die Ereignisse bis in das
dreitausendste Jahr nach unserem Zeitalter voraussagen.
Er hatte den Vortrag vor einem Monat gehalten, doch alle
Einzelheiten waren mir noch immer lebendig gegenwärtig, da er
all das zusammengefaßt hatte, was wir bis dorthin über die
atlantische Welt und unsere Religion gelernt hatten.
Wir saßen alle im großen Chang. „Wie ihr bereits wißt",
begann er, „wurde die atlantische Kultur durch das alte Volk
-203-
Khem, welches Toth, Osiris und Misur anbetet, gerettet und der
neuen Welt überliefert. Die verfallende Religion des heutigen
Khem verehrt Osiris, Toth und Misur als Götter, doch einst
waren es Hohepriester aus Atlantis, welche die Heilige Weisheit
lange vor der großen Katastrophe auserwählte. Sie erhielten den
Auftrag, das Land zu verlassen, um ihr Wissen für die Nachwelt
zu retten. So bestiegen diese Hohepriester von göttlicher
Weisheit Schiffe, segelten nach Khem und legten zu beiden
Seiten des Flusses Jetero die Fundamente des alten Reiches. Sie
errichteten riesige Bauwerke aus Stein, welche Pir-m- us genannt
werden. Diese Pyramiden waren ihre Einweihungshallen, in
deren Abmessungen, Winkeln und Gängen sie nicht nur ihr
ganzes Wissen, sondern auch die Geschichte von Vergangenheit
und Zukunft der Menschheit einbauten. Sie wußten, daß die
Menschheit schon bald durch eine große Katastrophe vernichtet
werden würde und strebten danach, ihre Weisheit für die
Belehrung und Führung der zukünftigen Menschheit zu
bewahren. Die große Zerstörung der Welt, die wir Churud oder
das Versinken von Atlantis, der fruchtbaren Welt, nennen, fand
zehntausenddreihundert Jahre vor unserem Zeitalter statt. Zu
jener Zeit lebten noch Flüchtlinge der reinen atlantischen Rasse
an den Ufern des Jetero, welche sich nicht mit den
Einheimischen vermischt hatten. Diese beschlossen, zu den
hohen Bergen im Nordosten zu wandern, da sie sich im Tiefland
nicht mehr sicher fühlten. So geschah es, daß sich die Bewohner
des alten Khem nach der großen Katastrophe in zwei Teile
spalteten. Der reine atlantische Stamm begab sich auf die
Wanderschaft und hielt erst an, als er Bod-Yul erreicht hatte.
Die Atlanter glaubten, auf Erden keine höheren Berge finden zu
können, womit sie recht hatten. So kam das Wissen nach Bod-
Yul. Dort lebten bereits Menschen, die nach der großen
Umwälzung dorthin geflüchtet waren. Aus der Vermischung
dieser unterschiedlichen Stämme entstand die alte Kultur Bod-
Yuls. Und jetzt hört mir aufmerksam zu", sagte er und hob die
-204-
Hand. „Ich habe euch die Geschichte unseres Landes und
unseres Glaubens bis zum heutigen Tag vermittelt. Jetzt werde
ich euch auf der Grundlage unserer Vorhersagen auch die
Zukunft offenbaren. Unsere Religion wird sich nach der
Verkörperung unseres Gottes Ye-Shes in achthundert Jahren
zum drittenmal erneuern. Nicht nur für das Volk Bod-Yuls,
sondern für die Völker der ganzen Welt wird dies ein
Wendepunkt sein. Die Lamas jener Zeit werden nach neuen
Lehren suchen, doch sie werden weder die alten noch die neuen
welterlösenden Lehren annehmen. In dieser Zeit wird alles
vergehen. Sorgt euch nicht, Brüder, denn so steht es in der
himmlischen Kah-Chronik geschrieben. Auf jede Blütezeit folgt
eine Zeit des Verfalls. Da die Lamas die Lehren des auf Erden
lebenden Gottes nicht billigen werden, wird ein Hoherpriester
mit Namen Bu-Ta-Kelmon die Mitglieder der Klöster, die bis
dahin mehrere Tausend zählen werden, zusammenrufen und
ihnen zu verstehen geben, daß sich der Glaube Bod-Yuls
verändern werde. Da sie die neue, ewige Lehre zurückweisen
werden, wird siebenhundert Jahre nach der Geburt Gottes auf
Erden ein Prinz aus Gyagar in unser Land kommen, der Srong-
Tsen-Gampo heißen wird. Und da wir uns nicht reif und würdig
für die Ankunft eines fleischgewordenen Gottes erwiesen haben
werden, wird dieser Prinz die Lehren eines Heiligen aus Gyagar,
Shakyamuni oder Sangye, wie er bei uns genannt werden wird,
einführen. Dessen Lehren werden den alten Bon-Glauben in den
Hintergrund drängen, und Bod-Yul wird lange Zeit von ihm
bestimmt werden. Ein göttlicher Bote aus der Linie des Sakya
wird vor dem Ende der Zeit eine Brücke zwischen unseren
Religionen schlagen. Diese wird in den letzten Tagen wieder
aufleben, und der neue Glaube wird wie neuer, reiner Wein in
neuen Schläuchen sein und bis zum Ende der Welt reifen, damit
er Osten, Westen, Norden und Süden in einer einzigen großen
Religion vereinen kann. Dann werden sich unsere alten Riten
und Zeremonien und unsere Mystik wieder aus der Asche
-205-
erheben. Bod-Yul, welches ursprünglich die Aufgabe hatte, das
Große Wissen weiterzugeben, wird bis zum Ende überdauern
und die Schläuche des neuen Glaubens, die durch die
Gleichgültigkeit der Menschen steif und rissig geworden sind,
mit seinem alten Wein erneuern. All dies wird in 2749 Jahren
geschehen, in der Zeit des Großen, Trennenden Gerichtes,
welches dann unsere Welt reinigen wird. Und Bod-Yul, das seit
undenklichen Zeiten die Saat des reinen Wissens von Atlantis
bewahrte, wird wieder sein, was es einst war: das Land der
heiligen Priester und der Altar der Welt zur ewigen Ehre des
Gottes aller Völker: Ye-Shes."
Es war seltsam und wunderbar zugleich, diesen Vorhersagen
zu lauschen, die Jahrhunderte, nein Jahrtausende betrafen,
welche der Leib der Zeit noch nicht geboren hatte. Wir alle
hörten unserem Lehrer tief berührt und verzaubert zu.
„Heute jährt sich der Tag, an dem unser Bruder Ti-Tonisa in
das Felsenkloster eintrat, zum dritten Male", fuhr er fort. „Nach
altem Brauch bitte ich die älteren Mitglieder des Ordens, ihn zu
den Grundlagen unseres Glaubens zu befragen. Jeder
Eingeweihte muß bei dieser Gelegenheit mit eigenen Worten
zusammenfassen, was er bis jetzt gelernt hat. Ich werde als
Lehrer für Religion die erste Frage stellen. Der Schreiber soll
die Antworten des jungen Lamas notieren, denn die besten
Erwiderungen werden für die Nachwelt aufgehoben. Ti-Tonisa,
nach allem, was du gelernt hast, sage mir, von wo wir auf diese
Erde kommen, warum wir hier sind und wohin wir einst gehen
werden?"
„Wie sind die lebendigen Gedanken Gottes", antwortete ich.
„Einst waren wir leuchtende Geister in hohen himmlischen
Rängen. Wir besaßen drei göttliche Eigenschaften: Weisheit,
Liebe und Macht. Als wir erkannten, daß wir auch erschaffen
konnten, erlagen wir der Verführung unseres hellsten
Brudergeistes, der sich von der Heiligen Weisheit, unserem
Vater, unabhängig machen wollte. Wir verfielen ihm in großer
-206-
Zahl, sanken immer tiefer durch die Sphären, und nicht einmal
Gott vermochte uns aufzuhalten, denn wir waren Geister aus
seinem Geiste, Teile des ewig Einen, Tropfen des einen Meeres,
und so konnte auch er unseren freien Willen nicht lenken. Das
Meer kann seinen eigenen Tropfen nicht befehlen: Seid nicht
salzig, seid anders! Schwimmt nicht aus der Tiefe an die
seichten Strande! Doch es kann die Wassertropfen wohl warnen,
nicht zu lange auf dem trockenen Sand oder in Felsspalten zu
verweilen, da sie sonst verdunsten und spurlos verschwinden. Es
spricht mit dem sanften Plätschern der Wellen oder dem
drohenden Gebrüll des Sturmes: Kommt zurück zu mir,
klammert euch an die steigende Flut meiner Gnade, die immer
wieder über eure kahle Küste spült und euch bittet, der
weichenden Ebbe zu folgen. Bleibt nicht in Löchern und
Spalten, wo ihr euch verfangt und immer kleiner werdet, bis ihr
schließlich verschwindet. Habt acht! Haltet euch an Ebbe und
Flut und an eure unzähligen Brüder, damit meine
Anziehungskraft und meine Liebe euch zurück an die Vaterbrust
ziehen kann! Doch wir hörten nicht auf das Plätschern des
ewigen Meeres und folgten unserem Versucher Sadag, dem
Prinzen der Unt erwelt, in die Seen der dunklen Wasser auf der
Erde. So kamen wir gefallenen Geister, wir aufsässigen
Wassertropfen, hinunter auf die Erde, wo wir die in uns
verborgenen göttlichen Eigenschaften mit irdischem Staub
vermengten und diesen, wie Schlamm, um unsere Seelen
schmierten. Damit habe ich die Frage beantwortet, woher wir
kommen."
Ich sah die glänzenden Augen meines Lehrers und hörte das
beifällige Gemurmel der alten Lamas im Chang.
„Die Lehre", sagte Lhalu Lama mit lauter Stimme, „dringt
wie ein Lichtstrahl in die Seele des Schülers, und jeder Schüler
gibt diesen Strahl gemäß seiner eigenen geistigen Eigenschaften
weiter. Deshalb ist es wichtig, daß wir das Wissen von der Seele
eines Bruders gespiegelt hören. Wir alle sind, wie du sagst, in
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der Tat Wassertropfen aus dem ewigen Meer und spiegeln das
Licht der Gerechtigkeit jeder auf seine Weise. Doch fahre fort,
mein Freund, und beantworte meine zweite Frage, warum wir
auf der Erde sind."
„Das irdische Meer ist für jene Wassertropfen, welche das
Gesetz ha lten, ein Sinnbild für das auf Erden gespiegelte Bild
Gottes und für geistigen Zusammenhalt. Wir müssen während
unseres Erdenlebens auf den Wellen des göttlichen Meeres
schwimmen, dürfen uns hier unten jedoch nie ans Ufer begeben.
Nur so rückt der heilige Augenblick näher, der Tag, an dem wir
so leicht werden, daß die Wärme der Sonne uns wie
Wasserdampf hinaufzieht. Wenn wir uns hier unten so weit
gereinigt haben, daß wir in die Höhen des vierten Rings
gelangen, werden wir nie wieder dem irdischen Spiegelbild der
Heiligen Weisheit verfallen, da wir uns dort oben mit dem alles
durchdringenden Meer Ihrer Liebe vereinen. Deshalb haben wir
auf der Erde die Aufgabe, die Gesetze der Wassertropfen zu
halten, uns miteinander zu verbinden und uns nach dem Vater zu
sehnen. Und zu all dem verhilft uns die Kraft der Liebe."
Del-Nor-Pa, der älteste Lama, erhob sich und sprach zu der
Versammlung der Eingeweihten:
„Unser Bruder gibt das Wissen, welches er hier in diesem
Kloster gesammelt hat, mit sehr schönen Worten wider. Bevor
du die Fragen deines Meister weiter beantwortest, erlaube, daß
ich dir im Zusammenhang mit der irdischen Verkörperung eine
Frage stelle. Was sagst du zu den klaffenden Unterschieden
zwischen den einzelnen Menschen? Warum wird jener als
König geboren, ein anderer jedoch als Sklave? Wie kannst du
solches mit der Ewigen Wahrheit vereinbaren, mit
allbarmherziger Liebe? Gerechtigkeit, Liebe und Weisheit, die
verschiedenen Antlitze der Heiligen Weisheit, regieren die Welt.
Doch es gibt auf der ganzen Erde keine Eltern, die bereitwillig
zustimmten, daß ihr Kind als Krüppel geboren werde! Soll man
also einen Vater gerecht nennen, der eines seiner Kinder lahm,
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das andere reich und gesund erschafft? Antworte mir auf diese
Frage, Ti- Tonisa."
„Wenn eine Seele in einem verkrüppelten Körper oder als
Bettler geboren wird, hat sie sich dieses Schicksal sicher nicht
selbst gewählt. Es ist eine Strafe, denn Arva, das Gesetz des
Schicksals, beginnt seine Tätigkeit nicht erst in diesem Leben!
Wir alle tragen in der Gegenwart an unserer Vergangenheit, und
die Gegenwart birgt den Samen der Zukunft. Wir bringen vom
anderen Ufer der früheren Leben viele wertvolle Güter oder
wertlose Lasten mit, die uns zum einen als Vorteil gereichen,
zum anderen als Nachteil. Der Bettler mag in einer früheren
Verkörperung ein Tyrann gewesen sein, der Tausende
ausbeutete; das lahme Kind mag seinen größten Schatz, das
Leben, mit eigenen Händen fortgeworfen haben. Vor vielen
tausend Jahren sprangen wir wie Kiangs von der Höhe in die
Tiefe, und jetzt müssen wir wieder zu den sonnenhellen Gipfeln
emporklettern. Nach jedem Leben schließen wir unsere müden
Augen zu einem erquickenden Schlaf, nur um es bei Anbruch
des neuen Tages dort fortzusetzen, wo wir es verlassen haben.
Wir speichern die Lebenserfa hrungen, die wir auf dem langen
Weg bis dorthin sammelten, in unseren Seelen, doch das Bündel
des Arva müssen wir tragen, bis es von unseren Schultern fällt.
Der schnellste Weg ist der pfeilschnelle Pfad, das gottgeweihte
Leben eines Eingeweihten."
Lhalu blickte Dal-Nor-Pa an und nickte stolz.
„Vater, er hat unser beider Fragen beantwortet, und ich weiß,
daß dich seine Antwort zufriedenstellt."
„Wahrlich, Lhalu, du kannst stolz auf deinen Schüler sein.
Wir alle lieben und achten ihn, denn ihm ist Großes
vorbestimmt."
„Gibt es noch jemanden, der ihm eine Frage stellen will?"
fragte mein Meister und blickte in die Runde.
Der Burgvogt, der uns eine so wunderbare Rede gehalten
-209-
hatte, als wir als junge Novizen den ausgebreiteten Mantel des
Hohenpriesters berührt hatten, erhob sich und wandte sich
lächelnd mir zu: „Wie würdest du dem einfachen Volk mit
kurzen Worten das Gesetz des Schicksals erklären?"
„Arva ist das Gesetz der Gerechtigkeit, welches die ganze
Schöpfung beherrscht. Kein Geschöpf kann es umgehen. Die
Schlange beißt denjenigen, der auf sie tritt. Das Feuer verbrennt
den, der es berührt. Der Felsblock verletzt den Kopf, der gegen
ihn stößt. All dies verursacht Schmerz, und wir erkennen
augenblicklich, daß wir die Gesetze der Natur übertreten haben.
Doch wer verursacht diese Schmerzen? Die Schlange, das Feuer
oder der Felsblock? Keiner von ihnen! Wir erleiden die
Auswirkungen unserer Taten, denn wir waren es, die gegen die
Gesetze der Natur verstießen. Die Übertretung des Gesetzes
wirkt jedoch im geistige n Sinne noch stärker als auf der Erde.
Eine einziges Verbrechen als Ursache bewirkt eine ganze Kette
von Folgen, welche den Verursacher erst nach langer Zeit
treffen mögen. Jeder Mensch muß die Früchte seiner Taten und
Gedanken essen. Jedes Übel, was den Menschen im irdischen
Sinne betrifft, ist die Folge seiner früheren Sünden. Wenn er der
Vergangenheit den Rücken kehrt und dem rechten Weg folgt,
beginnt sich sein Schicksal augenblicklich zu wandeln. Leiden
ist nichts anderes als selbsttätiges Arva. Wenn die leidende
Seele jedoch den Weg der Sünde verläßt und erkennt, warum sie
leidet, hört das Leid von selbst auf. Denn durch Leid und
Schicksalsschläge wird der Sterbliche auf das Gesetz
aufmerksam gemacht. Daher müssen wir uns genauso darauf
einstellen, wie sich die Wassertropfen auf das Meer einstellen.
Nur nach einem Leben voller Opfer vermögen wir diese Erde
bewußt mit reiner Seele zu verlassen, und dann endet für uns
Akhor, der Kreislauf der Wiedergeburten."
Ich hatte kaum geendet, als der Kharpon mir die Arme
entgegenstreckte und sagte: „Der erhabenen Weisheit sei Dank,
daß sie einen Priester wie Ti-Tonisa zum Felsenkloster führte!
-210-
Wir haben dich schon immer geliebt, mein Sohn, doch jetzt
stehst du den Herzen von uns alten Lamas noch näher. Deine
Worte faßten die Lehre mit erstaunlicher Klarheit zusammen.
Sie sind es wahrlich wert, vom Schreiber festgehalten zu
werden. Nicht umsonst gab dir unser Hohepriester die Aufgabe,
der Nachwelt unser Wissen zu überliefern. Du hast die große
Gabe, erlangte Kenntnisse klar und genau wiederzugeben. Möge
dich die Heilige Weisheit leiten, Bruder!"
Alle Lamas sammelten sich um mich und wünschten mir zum
freudigen Fest meines dritten Jahrestages im Felsenkloster
Gesundheit, Glück und Weisheit.
„Folge mir jetzt, Arau", sagte Lhalu, „damit du das Geschenk
empfangen kannst, das die Gnade des Himmels dir an diesem
Tage zugedacht hat."
Ich eilte mit klopfendem Herzen hinter ihm den Gang entlang,
und als er den letzten Vorhang beiseite zog, fand ich mich in der
großen Empfangshalle im Erdgeschoß wieder. Selbst jetzt war
sie voller Besucher: Händler, Pilger, Dorfbesucher, die sich das
Schicksal lesen lassen wollten, und Reisende aus fernen Ländern
drängten sich im Raum. Die meisten kamen wegen der Seher-
Lamas, welche in den angrenzenden Zellen in glänzende
Metallkugeln schauten. Lhalu führte mich zu einem kleineren
Raum, und als er dessen Vorhang beiseitegeschoben hatte, blieb
ich vor Überraschung wie angewurzelt stehen. Meine Eltern und
mein Bruder Drag-Po kamen lächelnd auf mich zu, doch ich
starrte sie nur an, ohne ein Wort herauszubringen.
„Mutter!" keuchte ich endlich, rannte zu ihr und drückte sie
an meine Brust.
„Wie groß du geworden bist, mein Kleiner", murmelte Mutter
aufgeregt, während sie meine Wangen streichelte. Auch Vater
stand dicht neben mir und klopfte mir auf den Rücken. Außer
mir vor Freude umarmte ich die beiden. Lange hielten wir so
einander umfangen, bis Drag-Po, der zu einem großen Jungen
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herangewachsen war, das Schweigen mit glitzernden Augen
brach:
„Sag mal, Ti-Tonisa, beherrschst du jetzt den Großen
Gleitenden Gang?"
„Dieses Kind! Wieder stellt es so dumme Fragen! O mein
Sohn, wir waren so glücklich als wir erfuhren, daß du all deine
Prüfungen gut bestanden hattest! Und was für einen schönen
Mantel du trägst! Wir wollten dich gleich nach deiner
Einweihung besuchen, doch dein Vater befand sich auf einer
langen Reise, und ich mußte mich um das Haus kümmern. Wir
hätten es kaum ertragen, dich drei lange Jahre nicht zu sehen,
wenn der Kharpon uns nicht regelmäßig Nachrichten über dein
Wohlergehen gesandt hätte. Diese Reise haben wir seit langem
geplant, um dich diesmal ganz sicher besuchen zu können."
Drei Tage lang verbrachte ich meine gesamte Freizeit mit
meiner Familie, und als sie sich auf den Heimweg machte,
durfte ich sie mit Lhalus Erlaubnis eine halbe Tagesreise weit
begleiten.
Nach den ersten drei Jahren war der Besuch meiner Eltern die
erste Unterbrechung meines Klosterlebens, denn ich verbrachte
meine Tage mit Lernen und körperlichen wie geistigen
Übungen. Es schien, als habe die Ankunft meiner Familie eine
ganze Kette von neuen Ereignissen in Gang gesetzt, denn ich
spürte, daß mir im neuen Jahr unerwartete Erlebnisse
bevorstanden, die auch das Kloster betreffen würden. Meine
Gefühle hatten mich bis jetzt noch nie getrogen, und schon bald
sollte ich erfahren, wie recht ich mit meinen Vorahnungen
gehabt hatte.
Einen Monat nach der Abreise meiner Eltern überquerte ich
auf dem Weg zur Quelle den Klosterhof, als ich einen Mann im
mittleren Alter erblickte, der auf zwei Trapas einredete.
Neugierig kam ich näher und erfuhr bald, daß der Fremde ein
Händler aus einem entfernten Dorf war. Er war zum Kloster
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gekommen, um zu fragen, ob einer der Heiler etwas für seine
kranke Tochter tun könnte. Die Trapas wandten ein, daß er zu so
früher Stunde niemanden würde sehen können, da sich die
Mönche gerade auf ihre Morgenandacht vorbereiteten.
„Woher kommst du, mein Freund?" fragte ich, da ich an
seiner Kleidung sah, daß ein reicher Dorfbewohner und nicht
einer der Dolva vor mir stand.
„Ich heiße Horkang und bin ein Händler aus dem Chumbi-
Tal, das etwa zwölf Tagereisen entfernt liegt. Bitte helft mir,
guter Herr. Ich sehe, ihr seid ein eingeweihter Priester. Meine
einzige Tochter ist schwer erkrankt, und nur ihr weisen Priester
dieses Klosters könnt sie heilen. Ich möchte euren besten Heiler
mit mir auf die Reise nehmen. Da ich nicht arm bin, würde ich
euer Chintanyin reich beschenken."
„Auch mein Vater ist Händler", erwiderte ich, und vielleicht
faßte ich aus diesem Grunde sofort Zuneigung zu diesem
beherzten Mann mit dem offenen Gesicht. „Sein Name ist
Mirgon, und wir stammen aus Zondok."
„Mirgon? Natürlich kenne ich ihn", antwortete er mit
glänzenden Augen. „Ich bin ihm oft auf meinen Karawanen-
reisen begegnet. Ich hatte jedoch keine Ahnung, daß er schon so
große Söhne hat! Mir scheint, als habe euch der Himmel über
meinen Weg geschickt. Helft mir, ich flehe euch an, und führt
mich zu eurem besten Heiler. Ich bitte euch, übermittelt meine
demütige Bitte eurem Hohenpriester, damit er mir erlaubt, einen
der kenntnisreichen Lamas mit in mein Dorf zu nehmen. Meine
Tochter stirbt, und sie ist mein Augapfel!"
Ich bat die beiden Trapas, die Maultiere des Besuchers in den
Stall zu führen und sie zu füttern. Dann winkte ich dem Händler,
mir zu folgen.
„Du hast Glück gehabt, daß du ausgerechnet mir begegnet
bist, denn der beste Heiler im Felsenkloster ist mein geistiger
Lehrer. Warte dort in der Empfangshalle", ich deutete auf den
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Eingang, „ich werde indes nach Lhalu Lama suchen."
Ich traf meinen Meister vor dem Speisesaal und erzählte ihm
die Begebenheit. Da er mir nie eine Bitte abschlug, folgte er mir
gleich in die Empfangshalle. Der Händler verbeugte sich tief vor
ihm, während ein glückliches Lächeln über sein Gesicht
huschte.
„Mein Herr, seid euch dafür, daß ihr meiner Bitte so rasch
entsprochen habt, meiner Dankbarkeit gewiß."
„Vor euch steht Lhalu Lama, mein Meister und der beste
Heiler im Felsenkloster", unterbrach ich ihn. „Faßt eure Bitte
kurz, denn bald wird unser Morgengebet beginnen."
„Ich habe gehört, daß eure Tochter ernstlich krank ist", sagte
Lhalu, „und daß ihr wünscht, daß ich mit euch komme, um sie
zu heilen. Wie alt ist sie, und was fehlt ihr?"
„Sie ist dreizehn Jahre alt, doch für ihr Alter ist sie sehr reif.
Ich sage das nicht, weil sie meine Tochter ist, Herr, denn es ist
wirklich so, daß die Himmel sie mit außergewöhnlichen Gaben
bedachten. Wir wissen nicht, was ihr fehlt. Als sie eines abends
nach Hause kam, fühlte sie sich krank und hatte hohes Fieber.
Ich brachte sie sofort zu Bett, doch sie wälzte sich herum und
redete wirr in Fieberträumen. Es ist schon vierzehn Tage her, da
meine Reise zwölf lange Tage währte. Das Merkwürdigste an
dieser Krankheit ist, daß sich mein Kind in den Morgenstunden
stets besser fühlt. Nur des nachts bekommt sie Schüttelfrost. Ihr
Körper wird dann brennendheiß. Sie ist wirklich in sehr
schlechter Verfassung und sieht aus wie ein Geist. Sie ist so
schwach, daß sie sich kaum zu bewegen vermag. Helft mir,
Vater, und heilt sie, dann werde ich das Kloster reich
beschenken."
Lhalu hob die Hand.
„Das ist unwichtig, mein Freund. Die Hauptsache ist, daß wir
eurem Kinde helfen können. Dieser Fall ist wirklich
merkwürdig. Ich werde mit euch kommen. Zuvor muß ich
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allerdings unseren Hohenpriester um Erlaubnis bitten. Bleibt
solange hier in der Halle."
Der Große Lama willigte ein. Wann immer einer der Heiler
dringend zu einem Kranken gerufen wurde, befreite er den
Lama von allen klösterlichen Pflichten. Zu meiner größten
Freude hatte Lhalu ihn gebeten, daß ich ihn als sein Schüler
begleiten durfte. Wir machten uns am Nachmittag desselben
Tages in östlicher Richtung auf den Weg, kletterten den Großen
Paß hinab und folgten eine Weile lang demselben Pfad, den
Vater und ich nach Tampol- Bo-Ri genommen hatten. Zwei Tage
später erreichten wir eine Abzweigung und bogen auf einen
schmalen Weg in Richtung der schneebedeckten Gipfel von
Sanpo ein. Als wir unser Zelt zum erstenmal für die Nacht
aufschlugen, bat Lhalu den Händler, ihm alles über seine
Tochter zu erzählen, da ein Arzt die Lebensumstände seines
Patienten kennen muß, wenn er ihn erfolgreich behandeln will.
Horkangs Miene wirkte so peinlich berührt, als habe mein
Führer an eine sehr unerfreuliche Familienangelegenheit
gerührt. Er versuchte, die Antwort zu umgehen, doch Lhalu
faßte ihn fest ins Auge, worauf er den Blick senkte.
„Es ist etwas Geheimnisvolles mit eurer Tochter. Wenn ihr
wollt, daß ich ihr helfe, dann sagt mir alles, denn oft drückt der
Körper die Erlebnisse der Seele aus."
„Vater, ich kämpfe schon länger mit mir, ob ich es euch
gestehen soll. Ich kam nicht gleich zum Kloster, sondern habe
zuerst einen Zauberer aus der Nachbarschaft gerufen. Sicher
straft mich der Himmel für diese Tat! Doch all das, was ich jetzt
berichte, beschwert mein Gewissen schon seit vielen Jahren.
Tadelt mich nicht, Vater, ich erbitte vielmehr euren Rat!"
„Sprich nur."
„Wisset, daß meine kleine Tochter selbst in ihrer frühen
Kindheit ein ganz ungewöhnliches Geschöpf war. Mit nicht
ganz sechs Jahren setzte sie es sich in den Kopf, von zu Hause
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fortzugehen. Vielleicht geschah es, weil ihre Mutter vor langer
Zeit gestorben war und ich sie allein aufziehen mußte. Ihre
seltsamen Gaben zeigten sich bereits im Alter von drei Jahren.
Sie sagte Ereignisse voraus, die dann tatsächlich eintrafen."
Er hielt inne, als müsse er sich die unerfreulichen
Erinnerungen erst wachrufen, und fuhr dann zögernd fort:
„Als sie sechs Jahre alt war, packte sie ein kleines Bündel und
verließ das Haus. Ich war vollkommen verzweifelt und suchte
überall nach ihr, doch erst zwei Monate später fand ich sie in
einem Dorf, zwei Tagesreisen von dem unseren entfernt. Sie war
als Lehrling in die Dienste eines Zauberers namens Pholba
eingetreten. Stellt euch vor, höchst ehrenhafter Vater! Meine
Tochter im Hause eines Ngaspa! Weder durch Worte noch durch
Drohungen konnte ich sie dazu bewegen, mit mir nach Hause
zurückzukehren. Glücklicherweise erwies sich der Zauberer,
welcher in der Nachbarschaft großes Ansehen genoß, als Mann
guten Willens. Er gab mir den Rat, nichts zu erzwingen und
meine Tochter in seinem Hause zu lassen, da sie ihm eine große
Hilfe sei. Sie hatte erstaunliche Vorahnungen und konnte die
Zukunft recht genau vorhersagen. Sie mußte einen Menschen
nur kurz ansehen, um über dessen Gegenwart und Zukunft
genauestens Bescheid zu wissen. Ich schäme mich, euch sagen
zu müssen, daß er mir sogar Geld bot, wenn ich mein Kind nur
bei ihm ließe. Der Ngaspa hatte einen Sohn, doch er sagte, daß
sich dieser nicht mit meiner Santemi messen könne."
Lhalu hatte ihm die ganze Zeit über ruhig und
gedankenversunken zugehört. Zuweilen schüttelte er den Kopf,
als habe er Unglaubliches vernommen.
„Wie sagtet ihr heißt eure Tochter?" fragte er plötzlich.
„Santemi."
„Santemi", flüsterte mein Führer, „ein seltsamer Name. Auch
die Geschichte, die ihr mir erzählt, ist seltsam. Wie alt ist euer
Kind jetzt?"
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„Dreizehn Jahre, Vater, und sie ist sehr krank!"
Dies wiederholte der unglückliche Mann mehrere Male, als
wolle er uns immer wieder daran erinnern.
„Solche Willenskraft und Entschlossenheit in einem Kind",
flüsterte Lhalu, „so etwas habe ich noch nie gehört! Wie schade,
daß sie sich in der Gewalt des Zauberers befindet! Der Platz für
solch ein frühreifes und willensstarkes Mädchen ist das
Kloster."
„Man konnte nicht einmal mit ihr darüber reden, Herr! In drei
Jahren meisterte sie die Kunst des Zauberers, und wie ich vor
kurzem hörte, tut der alte Mann keinen Schritt mehr ohne sie.
Santemi besuchte mich jeden Monat zu Hause und brachte mir
bei solchen Gelegenheiten viele Geschenke. Umsonst flehte ich
sie an, bei mir zu bleiben, sie hörte mir nicht einmal zu! Sie
sagte, sie würde noch ein weiteres Jahr in Pholbas Haus bleiben,
weil sie noch nicht alles wüßte. Dann würde sie zurückkommen,
um sich selbständig zu machen. Sie sagte, daß es nur wenig
Zauberinnen in Bod-Yul gäbe. Was soll man dazu sagen, gute
Herren? Ich erfuhr außerdem, daß der Sohn des Ngaspa sie
liebgewonnen habe, und daß der alte Mann wünschte, daß er sie
zur Frau nähme. Doch Santemi lachte nur darüber und hieß mich
unbesorgt zu sein. Sie habe nicht die geringste Neigung, sich zu
vermählen."
Die Kletterei bergauf und bergab war mühevoll und
gefährlich. Wir mußten unsere zitternden Maultiere am Halfter
oder am Schwanz führen, damit sie nicht von den engen,
gewundenen Pfaden in die Tiefe glitten. Danach verwandelte der
schmelzende Schnee die Wege in Todesfallen, da das Tauwasser
im Schatten gefror, wodurch sie so glatt wurden, daß es uns
größte Mühe und Vorsicht kostete, nicht abzustürzen. So
vergingen die Tage, und Horkang wiederholte dieselbe
Geschichte immer wieder oder klagte, daß wir nicht rechtzeitig
eintreffen würden und seine Tochter bestimmt schon gestorben
sei. Trotz ihres Starrsinns liebte er sie und hatte jeden Monat
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begierig auf ihren Besuch gewartet. Jetzt würde er sie nie wieder
aus dem Hause lassen, selbst wenn er sie gewaltsam würde
zurückhalten müssen! Wenn doch die Himmel ihre Gesundheit
nur wiedergäben! Nein, er würde sie nie wieder fortlassen.
„Dort liegt unser Tal!" rief er eines morgens aufgeregt. „Wir
sollten uns beeilen, Vater, damit wir so schnell wie möglich
eintreffen."
Er geriet unter solche Spannung, daß er sein müdes Maultier
am Halfter hinter sich herzerrte, so daß wir Mühe hatten, ihm zu
folgen. Unter großen Schwierigkeiten stiegen wir den steilen
Pfad ins Tal hinab, wo wir aus der Ferne verstreut liegende
Hütten und Häuser ausmachen konnten.
„Hier sind wir, Herr!" flüsterte er aufgeregt und deutete auf
ein steinernes Haus, welches ansehnlich aussah und meinem
Elternhaus glich. „Ich bitte euch, tretet ein und fühlt euch zu
Hause. Tsonkan!" rief er nach seinem Schafhirten, der über den
Hof rannte. „Bring die Maultiere in die Ställe und füttere und
tränke sie. Hier entlang, Herr, hier!" wies er uns den Weg zum
Eingang in den inneren Hof.
Als wir den Raum betraten, dessen Kang angenehme Wärme
ausstrahlte, drang lautes, unzusammenhängendes Reden an
unser Ohr. Auf einem niedrigen Bett lag Horkangs kleine
Tochter mit geschlossenen Augen in Decken gehüllt. Ihr Haar
war ungewöhnlich hell, doch ihr Gesicht glühte fieberrot. Ihre
hübschen Züge erregten gleich meine Aufmerksamkeit. Nur das
breite, energische Kinn verlieh ihr einen ernsten Ausdruck. Sie
warf ihren Kopf auf dem Kissen hin und her, und ihr Körper
verkrampfte und löste sich wie eine gespannte und wieder
entspannte Bogensehne. Im Fiebertraum redete sie wirre Worte.
Ihre Dienerin hockte neben dem Bett und versuchte sie
festzuhalten, damit sie nicht zu Boden stürzte.
„Wie geht es ihr?" rief Horkang, der hinter uns stand.
Die Dienerin sprang auf und verbeugte sich.
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„Nicht gut, mein Herr. Sie hat sich die ganze Nacht
herumgewälzt und in ihren Träumen geredet."
Lhalu sah sie nur kurz an, beugte sich dann über das Bett und
legte seine rechte Hand auf die Stirn des Mädchens. Wie durch
ein Wunder hörten die schlangenartigen Bewegungen ihres
Körpers augenblicklich auf, und sie verstummte. Sie riß die
Augen weit auf und starrte ihn an. Außer bei meinem Meister
hatte ich noch nie so fesselnde grüne Augen gesehen. Sie
schaute mich an, dann ihren Vater, um dann wieder auf meinen
Führer zu blicken.
„Du bist nicht derjenige, auf den ich warte", sagte sie mit
klarer, klangvoller Stimme. „Du bist es nicht, und doch werde
ich an deiner Seite leben, Lhalu Lama!"
So sprach sie zu unserem größten Erstaunen, dann fiel ihr
Kopf zurück, und sie verlor das Bewußtsein.
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Kapitel 11
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Dann legte er ihr die Hände noch einmal für etwa dreißig
Atmenzüge auf Stirn und Nacken. Ich spürte, daß er sich jetzt
mit größter Kraft auf die Gesundung konzentrierte. Er
wiederholte den Vorgang ein drittes Mal, beugte sich danach
über das Mädchen, welches tief schlief, und blies ihr sanft auf
den Kopf. So wurde der Große Magnetismus in Bod Yul
ausgeführt, und es gab nie und wird nie eine vollkommenere
Heilweise in der Welt geben.
Als Chang-Dug-Sa Lama einmal über die letzten Tage
gesprochen hatte, hatte er erwähnt, daß jener Teil der
Menschheit, welcher die Zerstörung der heruntergekommenen
Welt überleben werde, wieder in die medizinischen
Geheimnisse unseres Landes eingeweiht werden würde. Wie die
alten Atlanter würden auch jene Menschen wissen, daß eine
wahre Heilung ohne Hilfsmittel geschieht und nur von den
Kräften der Seele und vom Glauben abhängt.
Als sie Lhalus Atem spürte, öffnete Santemi die Augen,
seufzte tief auf und lächelte ihn an.
„Wie fühlst du dich, Numo?" fragte er freundlich. „Geht es
meiner kleinen Schwester etwas besser?"
„Sehr gut!" flüsterte sie. „Der Fieberteufel ist nicht mehr in
mir. Ich fühle mich so leicht wie eine Feder." Verschämt zog sie
die Decke bis unter die Nasenspitze und legte ihre kleinen
Hände zusammen. Noch nie in meinem Leben hatte ich so
winzige Hände gesehen! „Ich danke Dir, daß du mir geholfen
hast, und auch euch, Naljorpa, der ihr gekommen seid, um mich
zu heilen. Wer seid ihr, heiliger Lama? Nennt mir euren Namen,
damit ich für euch beten kann."
„Dann kennst du mich nicht? Du hast mich doch in deinem
Fiebertraum beim Namen genannt!"
Das kleine Mädchen blickte ihn mit ihren erstaunlichen
grünen Augen ungläubig an.
„Ich sehe euc h zum erstenmal, Vater. Wenn ich euren Namen
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in meiner Unbewußtheit gestammelt haben sollte, erinnere ich
mich nicht mehr daran. Vielleicht sprach der Geist durch mich.
Doch welcher Geist?" fragte sie sich gedankenverloren. „Gralha,
der Führer zu meiner Rechten oder Pholha, der Versucher zu
meiner Linken? Wie seltsam! Auch der Zauberer heißt Pholha.
Bis zu diesem Augenblick war mir das gar nicht aufgefallen."
Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sank zurück in
die Kissen.
„Du hättest nicht in den Dienst des Zauberers treten dürfen",
sagte mein Meister ruhig. „Eine junge Seele kann schweren
Schaden nehmen, wenn sie in schlechte Hände gerät. Für dein
Alter bist du bereits ein äußerst erwachsenes, kluges Mädchen.
Aber auch starrköpfig und neugierig bist du! Aus diesem
Grunde gerietest du unter schlechten Einfluß."
„Ihr habt recht, Naljorpa", flüsterte Santemi und schaute
schuldbewußt an die Decke. „Ihr habt ja recht. Ich bin sehr
eigensinnig, und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe,
dann führe ich es unter allen Umständen aus. Doch ich sehnte
mich immer nach Wissen. Nicht nach irdischen, banalen
Dingen, sondern nach den Geheimnissen des verborgenen
Lebens. Wohin hätte ich gehen sollen, wenn nicht zu einem
Zauberer? Und doch spüre ich jetzt, da ich sein Wissen
gemeistert habe, eine große Unruhe in meinem Inneren. Ich
vermutete schon immer, daß ich nicht das Richtige täte, und in
ruhigen Augenblicken heftete ich meinen Blick voller Sehnsucht
auf die schneebedeckten Berge, wo die Klöster stehen."
„Du bist krank, weil du dich mit einem Zauberer eingelassen
hast", sagte Lhalu und blickte ihr tief in die Augen. „Einem der
bösen Geister, die sich beim Ngaspa aufhalten und ihm helfen,
gelang es, dich zu quälen. Nur deiner außergewöhnlichen
Willenskraft und deinem reinen Herzen verdankst du es, daß
dich der böse Geist nicht vollständig ergriff. Wäre das der Fall
gewesen, hätte ich dich nicht mit so einfachen Methoden heilen
können. Danke der Heiligen Weisheit, die über deine Schritte
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wacht."
Während er sprach, hatte Santemi den Kopf immer höher
gehoben und blickte ihn so leidenschaftlich hingebungsvoll an,
als sei er einer der heiligen Führer aus den hohen Sphären.
„Vater", flüsterte sie, „wenn ich euch doch nur mein ganzes
Leben lang dienen könnte, um meine Dankbarkeit für all das,
was ihr mir getan habt, zu beweisen! Ihr habt nicht nur meinen
Körper, sondern auch meine Seele geheilt." Sie ergriff Lhalus
Hand und drückte sie gegen ihre Stirn. Die unerschütterliche
Ruhe meines Meister war allgemein bekannt, doch jetzt verriet
sein Gesicht tiefe Rührung.
Der dicke Yakhaar-Vorhang wurde beiseitegezogen, und
Horkang spähte vorsichtig in den Raum. Hinter ihm sah ich das
ängstliche Gesicht der Dienerin.
„Ihr könnt eintreten, mein Freund", sagte Lhalu Lama. „Eure
Tochter befindet sich auf dem Wege der Besserung."
Als der Vater sah, daß seine Tochter mit lächelndem Gesicht
im Bett saß, fiel er vor meinem Meister auf die Knie und hob
beide Arme.
„Herr", stammelte er erstickt, „wie kann ich euch danken? Ihr
habt das Leben meiner kleinen Tochter gerettet! Mögen euch die
Himmel bis zu eurem Todestage segnen, nein, auch danach in
eurem neuen Leben nach dem Akhor. Ich werde eurem heiligen
Kloster sieben Maultiere bepackt mit Geschenken senden…"
Lhalu hob die Hand.
„Die Heilung der Kranken ist ein Werk des Mitgefühls,
Horkang. Sprecht mir deshalb nicht von solchen Dingen. Lobt
Gott und dankt Ihm, daß er eurer Tochter das Leben ließ und mir
die Macht gab, sie zu heilen. Glaubt mir, der Erfolg hängt nicht
von meiner Person ab. Hättet ihr nicht mich im Kloster
angetroffen, hätte mein Schüler, Ti-Tonisa Lama, sie mit Hilfe
der Heiligen Weisheit ebenso geheilt."
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Santemi schaute mich an, als habe sie mich zum erstenmal
gesehen. Sie schien ihren Vater und die Dienerin nicht zu
bemerken, die sie außer sich vor Freude drückten und
streichelten. Sie blickte mich mit jenem seltsam verzückten
Ausdruck an, der auch meine Augen trübte, wenn mich die
vertraute Benommenheit überkam.
„Ti-Tonisa Lama?" flüsterte sie. „Ti-Tonisa Lama, du bist
noch jung. Einst wirst du alt sein, doch du wirst uns nie
vergessen. Möge der Höchste dich segnen. Bleibe selbst nach
deinem Tode Sein wahres Werkzeug. Gesegnet sei der Mann,
dem bestimmt ist, das Wissen zu übermitteln und seinen
Freunden über viele Leben hinweg treu zu bleiben."
Im nächsten Augenblick lächelte sie Lhalu zu, dann
streichelte sie die Hand ihres Vaters und erklärte plötzlich, sie
sei hungrig.
„Bringt ihr etwas Milch. Sie darf zehn Tage lang nichts
anderes zu sich nehmen", wies mein Führer die Dienerin an,
doch seine abwesend klingende Stimme verriet mir, daß er noch
immer über das gerade Gehörte nachsann.
Was hatte das zu bedeuten? Warum sagte sie, daß ich meinen
Freunden über viele Leben hinweg treu bleiben würde? Das
verstand ich nicht, und seiner Miene nach zu urteilen wußte
auch Lhalu nicht, was er davon halten sollte. Dieses Mädchen
besaß wahrlich ungewöhnliche psychische Fähigkeiten. Ihr
Vater hatte uns auf dem Herweg ja bereits darauf hingewiesen,
daß sie die Menschen oft mit außergewöhnlichen Aussagen
überraschte. Ich zerbrach mir nicht weiter den Kopf, sondern
lächelte ihr liebevoll zu und wünschte ihr im Namen Gottes eine
baldige Genesung. Mir war schleierhaft, warum ich das seltsame
Gefühl hatte, ich müßte trotz ihres zarten Alters voller
Hochachtung zu ihr aufsehen, als wäre sie mir weit überlegen.
Vielleicht war es der fesselnde, bestimmende Blick ihrer
Augen? Ich wußte es nicht.
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Nach den Mühen der langen Reise legten wir uns in einem
sauberen Gästeraum zu Bett, dessen Einrichtung mich an mein
Zimmer in meinem Elternhaus erinnerte. Die Nacht war klar, der
Mond schien hell durch das Fenster, und ich hing vor dem
Einschlafen meinen Gedanken nach. Irgendwie wußte ich, daß
dieser Tag für das Leben von Lhalu, Santemi und mir von
schicksalhafter Bedeutung war. Ich spürte so sicher wie ich
lebte, daß wir uns nicht zum erstenmal begegnet waren.
Irgendwann, irgendwo in der fernen Vergangenheit vor ich weiß
nicht wie vielen Jahrhunderten hatten wir einander getroffen,
und unsere Schicksale hatten sich miteinander verwoben. Ich
fühlte tief in meinem Herz der Herzen, daß wir auch in der
fernen Zukunft miteinander zu tun haben würden. Lange konnte
ich nicht einschlafen, und als ich mich umwandte, sah ich im
Licht des Mondes, daß auch mein Meister mit unter dem Kopf
verschränkten Armen zur Decke blickte.
Am nächsten Morgen fühlte sich Santemi so gut, daß sie
aufstand und, auf die Dienerin gestützt, im Zimmer auf und ab
ging. Wir verbrachten noch einen weiteren Tag in Horkangs
gastfreundlichem Hause, denn Lhalu wollte erst aufbrechen,
wenn er sicher sein konnte, daß Santemi keinen Rückfall zu
befürchten hatte. Doch am dritten Tag ging es ihr so gut, daß wir
leichten Herzens abreisen konnten. Mein Meister sagte dem
Händler, daß wir nicht länger bleiben würden, da wir ohne
Verzug zum Kloster zurückkehren müßten.
„Ich weiß, daß ihr in Eile seid, Vater, deshalb will ich euch
nicht aufhalten. Ich werde meine Männern anweisen, die
Maultiere zu satteln. Wenn alles gut geht, werden wir in
Tampol- Bo-Ri sein, bevor der Mond wechselt."
„Ihr werdet nicht mit uns gehen", entgegnete Lhalu streng.
„Euer Platz ist hier bei eurer Tochter! Wollt ihr sie wirklich
allein zurücklassen, jetzt, wo sie endlich zu Hause ist und ihr sie
dazu bringen könntet, bei euch zu bleiben?" fügte er leise hinzu.
„Denkt einmal darüber nach. Solch eine gute Gelegenheit laßt
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ihr doch sicher nicht ungenutzt verstreichen!"
Horkang schwieg bestürzt, doch dann verstand er, was mein
Führer meinte, und lächelte dankbar.
„Ihr habt recht, Vater. Ich kann jetzt nicht fort. Doch soll ich
euch die lange, gefährliche Reise allein zurücklegen lassen?"
fragte er besorgt.
„Sorgt euch nicht, guter Mann. Ein Maultier mit einer
Nahrungs-Turba auf dem Rücken genügt. Einer eurer Männer
soll uns begleiten, um das Tier zurückzubringen."
Und so geschah es. Wir machten uns an diesem Morgen mit
Horkangs Schafhirten und seinem besten Packtier auf den Weg
zum Felsenkloster. Als Santemi unsere Reisevorbereitungen sah,
wurde sie sehr traurig. Schon am Abend zuvor war sie Lhalu auf
Schritt und Tritt gefolgt und hatte ihm Fragen über die andere
Welt und den Tod gestellt.
„Ich wünschte, ich würde in einem Kloster leben", sagte sie
an diesem letzten Morgen leise, während sie dem Schafhirten
half, die Tasche mit den Nahrungsmitteln auf den Rücken des
Maultieres zu binden. „Ich weiß, daß dort nicht jede
aufgenommen wird. Für mich blieb eben nur der Zauberer übrig.
Haltet mich in guter Erinnerung, Herr, selbst wenn wir uns in
diesem Leben nie wieder begegnen sollten. Ich weiß, daß mein
Traum, in eure Dienste zu treten, vergeblich ist. Lamas brauchen
keine Handlangerinnen. Und dennoch, dennoch…", flüsterte sie
und preßte ihre kleinen Hände gegen die Brust, „spüre ich hier
in meinem Herzen die zwingende Kraft des Arva. Irgendwann
werde ich euch dienen, um euch meine Dankbarkeit dafür zu
zeigen, daß ihr meinen Körper und meine Seele geheilt habt."
„Ich werde sehen, was ich für dich tun kann, Santemi",
entgegnete mein Meister lächelnd. „Ich wünschte, du würdest in
ein Kloster aufgenommen, obwo hl ich weiß, daß das sehr
schwierig ist. Es wäre schade, wenn du dein Leben weiterhin an
einen Zauberer binden würdest, denn eine noch schwerere
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Besessenheit als die vorige könnte dich töten. Bleib hier im
Hause deines Vaters, denn ein priesterliches Leben kann nur
jener führen, der weiß, was Gehorsam ist."
Sie gab keine Antwort, sondern riß ihre glänzenden Augen
weit auf und starrte ihn an. Der Hirte hielt das Maultier bereits
am Halfter. Mein Meister hatte, trotz Horkangs Einwänden,
keine weiteren Tiere angenommen. „Ein guter Lama geht zu
Fuß", erklärte er, „und belastet sein Tier nicht unnötigerweise."
Noch einmal bat Horkang darum, uns wenigstens einen kleinen
Teil des Weges begleiten zu dürfen, doch Lhalu erinnerte ihn an
sein Versprechen und deutete verstohlen mit dem Finger auf
Santemi. Daraufhin verbeugte sich der Händler tief vor uns,
versicherte uns seiner Geschenke und rief voller Dankbarkeit
den Segen des Himmels auf uns herab.
Als wir durch das Tor schritten und auf den Weg traten,
schauten wir zurück. Horkang stand noch immer in derselben
Haltung vor seinem Haus: tief gebeugt, mit ausgestreckten
Armen. Santemi stand kerzengerade und bewegungslos neben
ihm.
„Kale yu!" riefen wir ihm zu und winkten.
„Kale peb!" schallte Horkangs Stimme. „Heil sei dem, der
geht!"
Wir hatten bereits ein gutes Stück Weges auf dem
ansteigenden Pfad zurückgelegt, der nach einer langen Strecke
in einer Serpentine viel höher am Berg zum Dorf zurückführte,
so daß wir ein zweitesmal an der Ansiedlung vorüberkamen. Die
Häuser lagen nun gut dreißig Meter unter uns. Santemi stand in
ihrer kurzen Fell-Chuba noch immer auf dem Hof und schaute
uns nach.
„Kale peb!" hörten wir ihre dünne Stimme. „Nged Lhalu yi
yogma yin!"
„Was hat sie gerufen?" fragte mein Meister. „Ich habe es nicht
verstanden."
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„Sie rief ,Ich bin Lhalus Dienerin!'" antwortete ich
verwundert, denn ich wußte sicher, daß er genauso gute Ohren
hatte wie ich.
Plötzlich trat Lhalu an den Rand des Abhanges und hielt seine
Arme segnend in die Höhe. Als habe Santemi nur darauf
gewartet, verbeugte sie sich tief und blieb in dieser Haltung, bis
wir hinter der nächsten Kehre verschwunden waren.
Unser Heimweg führte über viele steile Abhänge, doch das
Gehen fiel uns leichter, da sich das Wetter mit dem Mond
verändert hatte. Statt Eis und getautem Schnee bedeckte eine
gleichmäßige Schneeschicht die felsigen Wege. Wir wanderten
viele Tage lang. Bei Anbruch der Nacht schlugen wir an
geschützten Plätzen unser Zelt auf oder schliefen in Höhlen.
Jeden abend errichtete Tsonkan, der Scha fhirte, einen Thoyor,
einen kleinen Altar aus Steinen. Bevor er sich zum Schlafen
niederlegte, ging er stets hinaus vor das Zelt, warf sich vor den
Thoyor und betete lange.
„Hör mal", flüsterte Lhalu eines nachts, „zu wem betet er
eigentlich?"
„Zu Santemi", erwiderte ich, nachdem ich eine Weile
angestrengt gelauscht hatte. „Was sagst du dazu, Aku? Jetzt
bittet er Ye-Shes, daß der Mächtige Gott Seiner Tochter Santemi
Gesundheit geben möge. Nun betet er wieder zu Santemi, daß
sie seiner Familie zu drei Milch-Dris verhelfen möge."
„Seltsam", murmelte Lhalu, „wirklich seltsam. Jeder scheint
dieses kleine Mädchen hoch zu achten, und selbst ich kann sie in
gewisser Weise nicht als Kind behandeln."
Wir schwiegen und lauschten dem Heulen des Windes. Der
Hirte kroch ins Zelt, wickelte sich in seine Pelzdecke und schlief
gleich ein. Nach einer Weile brach Lhalu das Schweigen.
„Arau, heute vor drei Jahren führte ich dich in deine Zelle im
oberen Stockwerk, weil du in der Nacht deiner Einweihung dort
schlafen solltest. Ich riet dir, in dieser Nacht besonders auf deine
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Träume zu achten, da sie im Leben eines Novizen immer eine
bedeutende Rolle spielen. Seit damals habe ich dich nicht
danach gefragt, und du hast mir auch nichts erzählt. Sag mir,
hattest du in jener Nacht einen Traum, und erinnerst du dich
daran?"
Ich brachte vor Überraschung eine Weile lang kein Wort
hervor. Genau dieser Traum war mir in den Sinn gekommen,
und gerade, als er mich danach fragte, wollte ich ihm von
diesem Traum berichten. Doch er war mir zuvorgekommen und
hatte meinen stillen Wunsch ausgesprochen!
„Eben wollte ich dir genau den Traum erzählen, Aku! Wie
seltsam, daß wir denselben Gedanken hatten! Ich erinnere mich
noch ganz genau daran, doch damals verstand ich ihn nicht."
„Was hast du geträumt?"
„Ich träumte von unserer jetzigen Reise. Es war ein sehr
kurzer Traum. Ich sah uns beide in einem Zimmer, und du
beugtest dich über ein krankes Kind. Es war Santemi. Seitdem
habe ich mir den Kopf über dieses Mädchen zerbrochen und
mich gewundert, woher ich ihr Gesicht kannte. Ich habe es erst
jetzt verstanden!"
Er gab keine Antwort. Es wurde still im Zelt. Wir hörten nur
das Heulen des Windes und die Hufe des Maultieres, das vor
dem Zelt scharrte. Ich wollte dem Thema kein Gewicht geben,
und da ich sah, daß mein Meister noch nicht schlief, fragte ich
nach einer Weile:
„Aku, darf ich dir eine Frage stellen?"
„Nur zu, Ti-Tonisa, ich bin wach. Ich denke nach."
„Kann der Große Magnetismus, mit dem du das Mädchen
heiltest, bei jeder Krankheit helfen?"
„Im Großen und Ganzen, ja. Besonders wenn du nicht weißt,
um welche Krankheit es sich handelt. Der Große Magnetismus
wirkt immer, da er in der Hauptsache die Nerven beruhigt. Und
-230-
vergiß nicht, oft sind es gestörte Nervenfunktionen, lokale
Krämpfe oder verspannte Muskeln, die als Reaktion auf
seelisches Leid Krankheiten verursachen."
„Doch wenn ein Mensch Schmerzen im Knie, im Rücken oder
im Magen hat, so daß wir wissen, wo das Leiden sitzt?"
„In solch einem Fall wendest du örtlichen Magnetismus an.
Du veranlaßt, daß sich der Patient bequem hinlegt und seinen
Gürtel oder die Kleidung in der Taille lockert, ganz gleich, wo
er den Schmerz verspürt. Die Taille ist bei jeder Form von
Magnetismus höchst wichtig. Wenn du sie magnetisierst, spielt
sie dieselbe Rolle wie die Mitte eines Zauberstabes, denn es ist
immer die Mitte, auf die du deine Hände zuerst legen mußt. Im
Falle einer örtlichen Magnetisierung legst du deine Hände also
zuerst sanft auf den Bauch. Hier beginnt der magnetische Strom,
und dort spürt der Kranke die Wärme zuerst. Es handelt sich
dabei nicht um physische, sondern um geistige Wärme. Die
Körpermitte ist deshalb so wichtig, weil die Nabelschnur das
Kind bei der Geburt in das neue Leben hinüberbegleitet.
Gleichzeitig erfolgt durch die Nabelschnur die Trennung vom
Körper der Mutter, damit es ein unabhängiges, freies Wesen
werden kann. Meist genügt es bereits, die Hände auf den Bauch
zu legen. Du kannst örtliche Schmerzen aber auch
magnetisieren, indem du mit dem Finger über den natürlichen
Verlauf des Muskels streichst, wobei du die Haut kaum berührst.
Später wirst du merken, daß Magnetismus immer hilft, selbst
wenn sich keine unmittelbare Wirkung zeigt. Bei bestimmten
Menschen dauert es einfach länger, und die Behandlung
erfordert einige Geduld."
„Was ist das für eine geheimnisvolle Kraft, die so wunderbar
wirkt?"
„Magnetismus ist Gottes eigener Heilungsstrom, der das
ganze Universum erfüllt und jedes Geschöpf belebt, wenn es
den Gesetzen der Natur folgt. Wir nennen den Magnetismus
Sbags. Er heilt Wunden und läßt viele kranke Menschen
-231-
gesunden, ohne daß sie einen Arzt brauchen. Die Kunst des
Magnetisierens besteht darin, diesen unsichtbaren
Heilungsstrom aus dem Großen Wissen herauszuziehen und ihn
auf andere zu lenken. Wie du jedoch weißt, bedarf dies einer
reinen Seele und eines reinen Körpers, denn nur ein reines
Gefäß kann Gottes heilenden Strom in sich aufnehmen. Dies
Geschenk erhält die Menschheit gemäß ihrer geistigen
Entwicklung. Noch viele tausend Jahre lang wird es das
Vorrecht der Eingeweihten bleiben."
„Und wie oft kann der Große Magnetismus gegeben werden?"
fragte ich und stützte mich auf meinen Ellenbogen, denn mein
Interesse war durch die vollkommene Heilung Santemis stark
geweckt. Ich konnte kaum erwarten, endlich Lhalus Vorträge
über Medizin zu hören, die schon im nächsten Monat beginnen
sollten.
„Nur einmal am Tag. Am wirksamsten ist die Behandlung
kurz bevor der Patient sich nachts zum Schlafen hinlegt oder
morgens, kurz nachdem er erwacht ist. Natürlich ist auch das
Wetter wichtig, denn ein feuchter oder regnerischer Tag mindert
die Wirkung. Da du mir äußerst wißbegierig zu sein scheinst,
werde ich dir im Zusammenhang mit dem Magnetismus noch
ein weiteres Geheimnis anvertrauen. Bevor du jemanden
magnetisierst, lege deine Hand auf seinen Kopf. Wird deine
Hand warm, dann handelt es sich bei dem Patienten um einen
Menschen guten Willens, dessen Schwingungen den deinen
gleichen. Doch wenn deine Hand kalt bleibt, hat der besagte
Mensch keinen beruhigenden Einfluß auf dich. Sei bei solchen
Patienten auf der Hut! Wenn es sich um Lügner oder Diebe
handelt, dann magnetisiere den Kopf, doch bevor du dich auf die
Heilung konzentrierst, sprich folgende Worte: ,Ich will, daß du
wahrhaftig und treu bist. Deine Hand soll nichts berühren, was
nicht dir gehört, noch sollen deine Lippen Unwahrheiten
sprechen. Alles, was du siehst oder hörst, soll bei dir bleiben.'
Eines darfst du nie vergessen: Bei einem Mörder oder einem
-232-
grausamen Menschen darfst du nie den Kopf magnetisieren, da
dies seine Schlechtigkeit nur noch vermehren würde. Lege deine
Hand auf seinen Rücken und flüstere dabei folgende Worte:
,Deine Falschheit und deine schlechten Absichten sind Gott
wohlbekannt. Ändere dein Leben, denn nur dann kannst du auf
Heilung hoffen. Deine Krankheit ist eine Folge deiner Sünden.'
Allerdings bemerke ich gerade, daß ich einen Vortrag über
Medizin halte, statt mich zu sammeln. Schlaf gut, Arau. Gute
Nacht."
„Gute Nacht, Meister, und vielen Dank für die Belehrung."
Ich drehte mich nach rechts in Richtung des Eingangs, und
meine Augen wurden schwer. Aus der Ecke tönte Tsonkans
erschöpftes Schnarchen. Bevor ich einschlief, hörte ich Lhalu
murmeln: „Eine seltsames Geschöpf, diese Santemi. Ich frage
mich, warum das Schicksal uns zu ihr geführt hat."
Morgens erhoben wir uns früh und setzten unseren
mühseligen Weg fort. Viele Tage lang kletterten wir in
nordwestlicher Richtung halsbrecherische Bergpässe hinauf und
schlitterten steile Abhänge hinunter. Am zehnten Morgen
endlich erblickten wir unseren Berg und das Felsenkloster und
machten uns freudig an den letzten Aufstieg. Lamaführer kamen
uns entgegen und grüßten uns freundlich. Sie waren mit ihren
Packtieren auf dem Weg hinab ins Tal, wo sie fremde Besucher
empfangen sollten, deren baldige Ankunft der Hohepriester bei
seinen ge istigen Reisen in Erfahrung gebracht hatte.
Wie ich bereits erwähnte, lebten in Tampol- Bo-Ri viele
verschiedene Lamas. Es gab Führer für fremde Reisende,
Feldarbeiter, Soldaten, Ärzte, Lehrer und Schüler, und jeder
ging seiner Beschäftigung nach. Zweihundert alte und
dreihundert junge Lamas lebten im Kloster. Die Trapas des
niederen Ordens wohnten in Hütten beiderseits des Kharlam. Sie
kümmerten sich um die Tiere, bestellten die kargen Felder und
verrichteten Küchenarbeit.
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Die älteren Lamas, zu denen auch ich in drei Jahren gehören
würde, verbrachten ihre Tage ähnlich wie wir. Allerdings aßen
sie nur eine Mahlzeit am Tage, die Abendmahlzeit. Mit ihren
Gebetsmühlen und Gebetsketten zählten sie ihre Gebete und
versetzten sich vor dem Feuerzauber oder den Ritua len im
Tempel durch diese mechanische Tätigkeit in einen
tranceartigen Zustand. Sie konnten ihre Zeit - außer der
Mahlzeit und den Versammlungen, die der Große Lama
einberief und deren Teilnahme Pflicht war - nach eigenem
Gutdünken einteilen. Zum Waschen zogen sie sich zu jeder
Jahreszeit nackt aus, doch spürten sie keine Kälte, da sie
jederzeit Tumo erzeugen konnten. Auch bei bitterstem Frost
spazierten sie unbekleidet über den Hof, als wären sie drinnen.
Nach der morgendlichen Wäsche zogen sie sich in ihre Zellen
zurück und unternahmen geistige Reisen, die ungefähr fünf
Stunden dauerten. Niemand bewachte sie bei ihrem Phoimonda,
doch die Priesterin sah alles, und wenn irgend etwas nicht
stimmte, unterrichtete sie augenblicklich den Itchkitsu. Wir
beneideten die älteren Lamas am meisten um ihre Zellen im
oberen Stockwerk, wo Tumo wesentlich leichter zu erzeugen
war. Das Wort „beneiden" traf nicht genau - es war eher ein
„Sehnen", was wir empfanden. Sie lebten vor allem deswegen
im oberen Stockwerk, um auf der erforderlichen Höhe und
augenblicklich eins mit den Bergen zu sein, wenn sie aus den
Fenstern schauten. Nachts begaben sie sich gleichzeitig mit uns
zu Bett, doch um Mitternacht standen sie noch einmal auf, um
forschend den Sternenhimmel zu betrachten. Danach legten sie
sich endgültig zur Ruhe.
Beim Kloster angekommen, führten wir das Maultier in den
Stall und den Hirten in die Küche, wo er mit heißem Tee
versorgt wurde. Als wir uns von ihm verabschiedeten, rieten wir
ihm, die Nacht im Kloster zu verbringen und den Rückweg am
frühen Morgen anzutreten. An diesem Abend winkte mich Lhalu
zu sich heran und ließ ein kleines Päckchen in meine Hand
-234-
gleiten.
„Ich bitte dich, geh hinunter in den Schlafraum der
Maultiertreiber und übergib Tsonkan, dem Schafhirten, dieses
kleine Päckchen. Es enthält ein magnetisiertes Amulett, welches
man um den Hals hängen kann. Sage ihm, daß ich seiner Herrin
zum Zeichen dafür, daß ich sie nicht vergessen habe, dieses
Geschenk machen möchte. Er soll ihr außerdem ausrichten, daß
dieser Songdus sie vor bösen Geistern schützen wird, wenn sie
ihn trägt."
Ich wußte, daß das Schenken eines Amuletts das Versprechen
lebenslanger Freundschaft bedeutete! Mir hatte er so etwas noch
nicht geschenkt, obwohl ich mich sehr danach sehnte. Ich rannte
los, um seinen Auftrag zu erfüllen. Der Schafhirt fiel beim
Anblick des Songdus auf die Knie und schwor bei allen
Himmeln, daß nichts seiner Herrin und ihm eine so große
Freude hätte bereiten können wie dieses Geschenk. „Richte ihr
aus, daß auch ich sie grüßen lasse", fügte ich errötend hinzu,
„und daß ich voller Zuneigung an sie denke."
So eroberte Santemi, Horkangs Tochter, das Herz von Schüler
und Meister.
Am folgenden Tag begann das normale Klosterleben. Nach
der vierwöchigen Abwesenheit bereitete es mir das größte
Vergnügen, auf dem harten Stein-Nyalsa in meiner alten Zellen
zu schlafen. Tatsächlich wurde mir plötzlich bewußt, wie sehr
ich die beruhigende Benommenheit vor dem Feuerzauber
vermißt hatte. Der Lama, der für den täglichen Unterricht
zuständ ig war, verkündete während unseres morgendlichen
Kräutersammelns, daß die Brüder, die ihr drittes Jahr vollendet
hatten, in einer Woche an den Übungen für
Gedankenübertragung und Fernblick teilnehmen konnten. Die
Gedankenübertragung wurde zweimal in der Woche nach
Sonnenuntergang im Versammlungsraum von meinem Meister
unterrichtet, der Blick in die Ferne anschließend von Namseling
Lama.
-235-
Dieser Blick in die Ferne, wie wir ihn nannten, hatte meine
Vorstellungskraft schon seit jeher angeregt, und ich konnte den
Tag, an dem wir in dieser besonderen Kunst des zweiten
Gesichtes unterrichtet werden würden, kaum erwarten. Diese
Fertigkeit zählte zu den größten Errungenschaften aller Mönche,
und selbst die Zauberer in den Tälern taten sich darin hervor.
Wenn ein Lama erfahren wollte, wo sich der Mensch, auf den er
sich konzentrierte, gerade befand und was er dachte, verfuhr er,
nach allem, was ich darüber gehört hatte, folgendermaßen:
Im Tempel befand sich eine große, glänzende Metallkugel
von etwa dreißig Zentimetern Durchmesser, die auf einem
schwarzen Holzständer vor der Statue der Weisheit ruhte. Die
Lamas des Klosters konnten zu jeder beliebigen Zeit in die
Kugel zu schauen. Man starrte solange hinein, bis eine warme
Welle durch den Körper wallte und die Glieder erschlafften. In
diesem Zustand unbewußter Entspannung richtete man seine
Aufmerksamkeit auf den Menschen, über den man Dinge in
Erfahrung bringen wollte, machte deshalb seinen Geist leer und
wartete. All dies war nicht weiter schwer. Das Schwierigste
bestand darin, sich an all das zu erinnern, was man mit seinem
geistigen Auge wahrgenommen hatte. Deshalb wurde eine
andere Gruppe von Sehern von einem bestimmten Priester
überwacht, der alles niederschrieb, was sie bei den Sitzungen
sagten. Der Hohepriester beherrschte neben allen anderen
Künsten auch den Blick in die Ferne in höchster Vollendung.
Doch gleich nach ihm kam die Priesterin. In diesem
tranceartigen Zustand vermochten die beiden jede Frage zu
Dingen oder Personen zu beantworten, die sich im Umkreis von
zwei- bis dreihundert Meilen um das Kloster herum befanden.
Dabei handelte es sich jedoch nur um persönliche Auskünfte
über irdische Angelegenheiten, nie um die Dinge der anderen
Welt.
Die Seher wurden von den Bewohnern der umliegenden Täler
und von Fremden aus fernen Ländern sehr häufig aufgesucht.
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Der Pförtner führte den Besucher durch die Empfangshalle in
eines der Seitenzimmer, in denen kleinere Kugeln lagen, genaue
Abbilder der großen Kugel im Tempel. Der Seher berührte den
Besucher an der Hand oder Stirn und beantwortete nach einer
Weile laut die ihm gestellte Frage. Wenn er zum Beispiel von
einer Mutter nach dem Schicksal ihres Sohnes gefragt wurde,
der vor einem Monat in die Schlacht gezogen war, beschrieb der
Lama zuerst das äußere Erscheinungsbild des Jungen, seine
Gesichtszüge und seinen Charakter und berichtete der besorgten
Mutter dann, in welchem Zustand sich der Sohn in diesem
Augenblick befand, ob er verwundet oder bei guter Gesundheit
war, und so fort. Doch sprach ein Seher nie über die Zukunft.
Nur die Zauberer sagten den Menschen die Zukunft voraus.
Wenn die Eingeweihten Vorahnungen, Voraussagen oder das
zweite Gesicht hatten, sprachen sie nur zu ihren Mitbrüdern,
doch nie zu Fremden. Und wenn der Besucher unbedingt etwas
erfahren wollte, stand es ihm frei, zum Zauberer seines Dorfes
zurückzukehren und sich von diesem die Zukunft vorhersagen
zu lassen. Dies war jedoch eine undankbare Angelegenheit,
denn mehr als einmal geschah dann genau das Gegenteil der
Prophezeiung.
Für einen eingeweihten Lama stellte der Blick in die Ferne
oder das Zweite Gesicht keine Schwierigkeit dar. Er brauchte
keine besondere Ausbildung und fühlte danach nicht die
geringste geistige oder körperliche Müdigkeit. Wegen ihrer
Fähigkeit, in die Kugel zu schauen, wie das Volk es zu nennen
pflegte, genossen die Lamas die höchste Achtung und wurden
großzügig beschenkt. Besonders in Kriegszeiten brachten viele
Menschen Geschenke und warteten in langen Reihen darauf, zu
den Seher-Lamas vorgelassen zu werden. Natürlich beteiligten
sich weder der Hohepriester noch die Ichka an diesem Geschäft.
Sie beschäftigten sich ausschließlich mit dem Schicksal
hochrangiger, ausgesuchter Besucher.
Die Tage vergingen mir viel zu langsam. Ich konnte unsere
-237-
erste Lektion im Fernblick kaum erwarten. Am Abend des
nächsten Vollmondes versammelten sich etwa siebzig junge
Lamas im Tempel. Außer mir gab es noch drei weitere
Anfänger. Namseling Lama, der höchste Seher-Lama, trat vor
die Metallkugel:
„Unser Bruder Ti- Tonisa und seine Gefährten sind Neulinge,
deshalb werde ich euch den Blick in die Ferne noch einmal kurz
erklären. Stellt euch hier vor die Kugel und tut genau, was ich
euch sage. Wisset, daß der gesamte Vorgang nur durch das
Auge möglich wird. Dieses wichtige Organ läßt uns auch jene
Dinge sehen, die außer Sichtweite geschehen. Blickt jetzt über
die Kugel hinweg in den Hintergrund, als ob ihr dort einen
Gegenstand betrachten würdet. So ist es richtig! Jetzt senkt ganz
langsam euren Blick. Wenn die Kugel schließlich in eurem
Blickfeld erscheint, dann schaut hinein, nein, schaut durch sie
hindurch! Der Blick, der aus dem Auge eines erfahrenen Sehers
auf die glänzende Oberfläche der Kugel trifft, ist so stark, daß
seine Spiegelung an der Wand sichtbar wird. Schaut nicht länger
als siebzig Puls schläge in die Kugel, dann wird euer Blick
erstarren. Seht weiter durch die Kugel hindurch, ohne zu
blinzeln und ohne daß eure Augen tränen. Konzentriert euch
jetzt, dann wird euch die Kugel in gelbweißem Licht erscheinen.
Danach müßten euch - wie auf einer Bühne - Gestalten oder
Ereignisse erscheinen, welche sich dem Sehnerv einprägen.
Damit erscheint die Vision, welche die gestellte Frage
beantwortet, jenem Teil des Gehirns, der die Bilder dieses Nervs
empfängt und weitergibt, als geschaute Wirklichkeit. Versteht
ihr mich? Und jetzt stellt euch selbst eine Frage. Denkt an einen
Menschen im Umkreis von zweihundert Meilen und fragt euch,
was dieser jetzt gerade tun mag. Dann blickt durch die Kugel, so
wie ich es euch gelehrt habe. Gebt euch Mühe, denn eure erste
Erfahrung entscheidet über den Grad eurer Eignung in dieser
Kunst."
Zwei meiner Gefährten versuchten sich zuerst am Blick in die
-238-
Ferne, weil sie dichter bei der Kugel standen. Als der erste
geendet hatte, fragte Namseling Lama, der die Kugel von hinten
beobachtete:
„Was hast du gesehen, Samtrup?"
Mein Gefährte zuckte zusammen. Ich sah ihm an, daß er
durch diesen Schreck zurück in die Wirklichkeit geholt worden
war.
„Ich sah, wie meine Mutter das Abendessen kochte. Welch
wunderbares Gefühl! Ich erkannte sie sogleich, obwohl das Bild
etwas verschwommen war."
„Du hast richtig geschaut, Bruder. Ich warne euch! Sagt nicht
mehr, als was ihr wirklich seht, denn ich überprüfe eure
Visionen! Ich sehe dasselbe wie ihr."
Als mein zweiter Gefährte in die Ferne geblickt hatte, wurde
auch er befragt.
„Ich fragte mich, wer sich im Augenblick in der Kammer
unter mir beim Seher-Lama befände. Ich sah den
Waffenschmied aus dem Brugd Tal, doch das Gesicht meines
Lamabruders blieb im Dunkeln."
„Du hast richtig gesehen", antwortete Namseling Lama, „doch
du mußt noch viel lernen. Beachtet jede kleine Einzelheit eurer
Vision!"
Jetzt stand auch ich vor der Kugel. Weil mir niemand im
Umkreis von zweihundert Meilen einfiel, dachte ich an
Horkangs Hirten, der am Tag zuvor zum Chumbi Tal
aufgebrochen war. Nach den Anweisungen des Lamas leerte ich
meinen Geist und nahm nach der kurzen Konzentration wirklich
den gelbweißen Blitz in der Kugel wahr. Bald danach
erschienen weiße und schwarze Umrisse auf der glänzenden
Oberfläche der Kugel.
„Was hast du gesehen, Ti-Tonisa?" hörte ich die Stimme von
Namseling Lama. „Ich weiß, daß du ein Seher bist, und daß das
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Geschenk des Zweiten Gesichtes bei dir selbst im Wachzustand
gut entwickelt ist. Warte! Ich werde dir sagen, was du gesehen
hast, und dann kannst du dich dazu äußern. Dir erschien ein
Hirte auf der Spitze des zweiten nördlichen Passes, der einen
Kiang-Fell-Mantel trug. Er warf sich vor einer jungen Frau
nieder, einer geistigen Führerin in strahlend weißen Kleidern.
Zum Zeichen seiner Verehrung schenkte er ihr sein Amulett. Ist
das richtig?"
„Ja, Vater", nickte ich verwirrt, denn ich konnte nicht
verstehen, warum er, der Meisterseher, Santemis kleine Gestalt
auf ihrem Maultier für eine geistige Führerin hatte halten
können.
-240-
Kapitel 12
Der folgende Tag war ein großer Tag. Lhalu gab am Morgen
bekannt, daß der Große Lama selbst den nachmittäglichen
Manyag, die heilige religiöse Unterweisung, geben würde, ein
großes Ereignis im Klosterleben! Wir konnten die Stunde kaum
erwarten, in der sonst Doring Lama seine Vorträge über Moral
hielt. Etwa einhundertfünfzig Mönche versammelten sich
ziemlich aufgeregt im großen Chang, denn wir wußten, daß der
Hohepriester unsere Aufmerksamkeit mit seinen Gleichnissen
stets auf ein bestimmtes Thema lenkte, welches sich uns
einprägen und welches wir nie vergessen sollten. Heute wollte
er über Arva sprechen, das Gesetz des sich unweigerlich
abwickelnden Schicksals.
Gleich, nachdem der Gong den Beginn der Unterrichtsstunde
angekündigt hatte, schritten der Hohepriester und die Ichka
feierlich in den Saal. Als sie auf dem doppelsitzigen Thron Platz
genommen hatten, erhoben wir uns und blickten sie aufmerksam
an.
„Meine Brüder", begann der Hohepriester, „heute halte ich
den Unterricht, denn ich möchte eure Gedanken auf ein
besonderes Thema lenken. Die Geschichte, die ich euch jetzt
erzählen werde, soll euch ein Beispiel geben. Sie geschah heute
vor hundert Jahren, am fünfzehnten Tag des Monats Cham."
Seine eindrucksvolle, hagere Gestalt und sein magnetischer
Blick zogen uns wie immer in ihren Bann. Die Ichka lehnte sich
gegen die steinerne Armlehne ihres Thrones, wie sie es auch
beim Feuerzauber zu tun pflegte, und ließ ihren Blick über die
Anwesenden schweifen.
„Ihr kennt das göttliche Gesetz des Arva, die eisenharte
Verkettung von Ursache und Wirkung. Ihr wißt, daß alle guten
und schlechten Taten eine ganze Reihe von Wirkungen
-241-
auslösen, die in Form von Segen oder Fluch auf das Haupt des
Verursachers zurückfallen. Wahrlich, Arva verfolgt den
Sterblichen selbst nach seinem Tode! Wir müssen die Früchte
unserer Taten essen, die wir vor vielen, vielen Leben säten. Und
erst wenn wir diese Früchte alle verdaut haben, können wir
Akhor, dem Kreislauf der Wiedergeburt, entkommen. All dies
gilt für den gewöhnlichen Sterblichen, doch siebenund-
siebzigmal stärker für den Eingeweihten! Um so viel Arva wie
möglich aus vergangenen Leben abzutragen, mag die göttliche
Gnade ihm während eines Erdenlebens die Möglichkeit geben,
sich des gesammelten Arvas von zwei oder drei Leben zu
entledigen. Aus diesem Grunde wird der Eingeweihte 'Zweimal
Geborener' oder 'Dreimal Geborener' genannt. Doch wehe dem,
der einen einzigen Schritt zurückgeht! Der Rücken eines solchen
Eingeweihten wird die Peitsche des Arva auf der Stelle spüren
und nicht erst Jahre später wie der gewöhnliche Mensch. Dies ist
eine der ewigen Lehren, die ich euch heute veranschaulichen
will. Die andere ist folgende: Wenn ihr euch 'Zweimal
Geborene' nennt, dann schaut stets nach vorn und hütet euch,
einen einzigen Blick von jenem Pfad zu werfen, den euch das
Gesetz in seiner Strenge vorschreibt. Habt acht, meine Kinder!
Es gibt viele Tausend Versuchungen und Fallen, die auf einen
Eingeweihten lauern! Ihr meint vielleicht, keine Sünde
begangen zu haben, und dennoch mögt ihr eine gefährliche
Lawine auslösen. Selbst die geringfügigste Ungehorsamkeit, die
zu Anfang ganz unschuldig wirkt, mag sich später als Fehler
erweisen. Dies gilt für den jungen Lama wie für den
Hohenpriester. Achtet also auf jeden Schritt, und seid stets
wachsam. Folgt eurem Weg so geradlinig wie ein
abgeschossener Pfeil, und schaut weder nach rechts noch nach
links, denn wehe dem Eingeweihten, der, obwohl ,Zweimal
Geboren', seinem alten Arva begegnet! Stellt euch das Leben
eines Menschen vor, dem die Gnade Gottes gestattete, das
gesamte Schicksal mehrerer Leben abzutragen. Er erklimmt
-242-
steile Bergpfade, und die Menschen in den Tälern betreffen ihn
nicht mehr, da er sich in diesem Erdenleben auf eine höhere
Stufe begeben hat. So mag das Geschenk der Gnade ihm altes
Arva erla ssen, welches ihn in den Tälern erwartet hätte, wenn er
ein Mann der Welt geblieben wäre. Doch wehe dem, der einen
Fehltritt tut oder neugierig hinunter in das Tal schaut und
seinem alten Arva begegnet."
Die Stimme des Großen Lama schwoll zu einem Donnern. Er
hob die Arme und ließ seinen Blick über die Zuhörer schweifen.
„Vor hundert Jahren trug sich die Geschichte zu, die ich euch
jetzt zu eurer Belehrung erzählen werde. Sie begab sich in einem
wohlbekannten Kloster, dessen Hoherpriester ein hochgelehrter
Mann war. Er besaß soviel Wissen, daß sein Ruhm in allen
Landen verbreitet war. Natürlich war ihm die Ichka ebenbürtig.
Sie schaute auf ihren geistigen Reisen die Wunder ferner
Erdteile und das verschwenderische Leben der südlichen Länder
und begann, sich nach weltlichen Dingen zu sehnen. Am
liebsten hätte sie das Klosterleben aufgegeben, wenn auch nur
für kurze Zeit, um in das reiche Gyagar-Land zu reisen, dessen
Lebensweise ihr außerordentlich zusagte. Natürlich verschwieg
sie dem Hohenpriester ihre Wünsche. Siehe, dies war der erste
Ungehorsam! Wir wissen, daß die Hohen Mächte das Geschick
eines geliebten Menschen selbst vor einem hellsichtigen
Eingeweihten verbergen können, wenn es ihnen beliebt. Deshalb
ahnte der Hohepriester nichts von den geheimen Plänen seiner
Ichka.
Eines Tages sandte er sie im Trancezustand des Gleitenden
Gangs über eine weite Entfernung hinweg. Sie hatte bereits viele
hundert Meilen zurückgelegt, als der Hohepriester, der ihr
geistig gefolgt war, ihren Wunsch bemerkte. Er versuchte, sie
auf der Stelle zurückzurufen, doch es gelang ihm nicht, da sie
sich ihm widersetzte. Er erschöpfte sich geistig bei seinen
vergeblichen Versuchen in einem solchen Maße, daß er nicht
länger imstande war, der Priesterin aufmerksam zu folgen.
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Plötzlich sah er erstaunt, daß die Ichka mit gewöhnlichen
Schritten in den Straßen einer Stadt in Gyagar umherlief, weit
jenseits der hohen schneebedeckten Gebirgszüge Bod-Yuls.
Menschen sprachen sie an, doch sie vermochte nicht zu
antworten, noch konnte sie sich in irgend einer Weise
verständlich machen. Dies war ganz natürlich, denn im
Lungom-Zustand ist der Körper hart und gefühllos, besonders,
wenn er nicht von seinem geistigen Führer begleitet wird. Den
Männern dieser fernen Stadt kam die Sache merkwürdig vor,
und sie riefen die Wachleute zu jener seltsamen, fremden Frau,
die einen schwarzen, rundgeschnittenen Mantel trug. Diese
ergriffen die Priesterin, und weil sie keine Antwort gab, warfen
sie sie ins Gefängnis, wo sie viele Monate leiden mußte. Man
hielt sie für eine Spionin, doch niemand erfuhr, woher sie kam,
warum sie sich in der Stadt befand und wer sie war. Die Wärter
behandelten sie unbarmherzig und roh, denn sie war eine schöne
Frau. Dies wurde noch deutlicher, als sie vor das Oberhaupt der
Stadt geführt wurde, der ihr den Mantel abnehmen ließ.
Die Priesterin nahm alles wahr, doch sie konnte ihren Mund
nicht öffnen. So lange die Männer sie auch befragten, sie sprach
kein Wort. Sie folterten sie mit glühenden Zangen, um sie zum
Sprechen zu bringen, doch ohne Erfolg. Sie öffneten ihren Mund
gewaltsam, um zu sehen, ob sie eine Zunge habe. Als sie sahen,
daß sie über alle Organe und Sinne verfügte, wurden sie der
Sache überdrüssig und ließen sie zurück ins Gefängnis bringen.
Wieder verbrachte sie dort lange Monate, bis ein junger
Soldat, der Gefangene von einer Stadt in die andere bringen
mußte, sie erblickte und darum bat, sie mitnehmen zu dürfen.
Das Oberhaupt des Gefängnisses stimmte bereitwillig zu,
denn so wurde er sie endlich los. Der Soldat nahm die junge
Frau zu sich nach Hause, obwohl sie einer lebenden Leiche
glich: taub, stumm und irgendwie starr. Wenn er sie hinsetzte,
blieb sie stundenlang in derselben Haltung hocken, und legte er
sie hin, blieb sie bewegungslos liegen. Der tapfere
-244-
Gyagarkrieger hatte sich nicht träumen lassen, daß das Schicksal
ihm eine solche Frau ausersehen hatte, und als die Zeit verging,
ergriff ihn abergläubische Furcht. Er rief einen Zauberer, der
ihm riet, die Frau so schnell wie möglich loszuwerden,
andernfalls würde sie ihn verhexen. Am besten sollte er ihr Herz
bei Vollmond am Ufer eines Flusses oder an der Meeresküste
durchbohren.
Der Soldat wurde sehr traurig, denn er liebte die stumme
Fremde. Ihm war, als drängten unzählige Erinnerungen aus der
Tiefe seines Herzens herauf, die ihm sagten, sein Schicksal sei
mit dieser Frau verknüpft. Er wartete eine weitere Woche, doch
da die Frau unverändert in ihrem Zustand verharrte, weder aß
noch trank und nur steif vor sich hinstarrte, nahm er sie bei der
Hand und führte sie beim nächsten Vollmond hinaus zum
Strand. Dort setzte er sie auf einen Felsen und durchbohrte ihr
Herz mit seinem Dolch. Über seine eigene Tat erschrocken, floh
er mit einem gequälten Schrei."
Der Ichkitsu machte eine kurze Pause. Wir lauschten so
aufmerksam, daß unsere Atemzüge in der Halle kaum zu hören
waren.
„Die Priesterin saß eine Weile starr auf dem Felsen und fiel
dann kopfüber auf den Strand. Doch war sie nicht tot, zumindest
nicht in dem Sinne, wie der Soldat glaubte. In dem Augenblick,
als der Soldat sie tötete, verließ den Hohenpriester viele hundert
Meilen nördlich im Turmzimmer des großen Klosters in Bod-
Yul die lähmende Erschöpfung, und er begann zu denken. Ganz
mechanisch versuchte er dem Wege der Priesterin zu folgen,
doch konnte er sie auf der vorgegebenen Route nicht finden.
Plötzlich ahnte er, daß sie sich in Lebensgefahr befand und
möglicherweise schon tot war. Da es niemanden gab, der ihn im
Kloster ersetzen konnte, war es ihm eigentlich nicht erlaubt, sich
aus diesem zu entfernen. Schließlich beschloß er, das Kloster zu
verlassen, ohne die Mönche davon zu unterrichten.
Wie ein einfacher Lama begab er sich mit zwei Maultieren
-245-
auf die Reise. Als er die große, schneebedeckte Gebirgskette
überquert hatte und jene Stadt in Gyagar erreichte, in welcher er
die Priesterin zuletzt gesehen hatte, verlangsamte er seine
Schritte. Die Leute in den Straßen musterten ihn prüfend, doch
da er, nach seiner Kleidung zu urteilen, ein heiliger Mann war,
tat man ihm nichts. Von seiner Eingebung geleitet, wanderte der
Hohepriester den Strand entlang. Als die kleine Stadt hinter ihm
lag, zog ihn irgend etwas wie ein Magnet zu einem einsamen,
felsigen Abschnitt. Er fand seine Priesterin in einer Bucht. Die
Flut stieg, und die Wellen spielten in ihrem offenen Haar. Da er
glaubte, daß der Starrkrampf nur auf den ungesetzlichen
Lungom zurückzuführen sei, lud er den steifen, leblosen Körper
auf den Rücken seines Maultieres und wanderte den langen,
beschwerlichen Weg zurück nach Bod-Yul. Die kleine Wunde
unter ihrem Herzen hatte er gar nicht bemerkt, da die Lungom-
Läufer gefühllos sind und niemals bluten, wenn sie sich
verletzen.
Erst als er nach langer, mühevoller Reise im Kloster
angekommen war und versuchte, den Bann des außer Kontrolle
geratenen Lungoms zu brechen, bemerkte er, daß seine Ichka
ermordet worden war. Sein Gram war unendlich. Nach den
Riten des heiligen Bardo belebte er die Leiche der Ichka im
Turmzimmer für einen kurze Augenblick und befragte sie. Doch
erfuhr er nichts weiter als die genauen Umstände des Unfalls.
Daraufhin entfernte er sich geistig aus seinem Körper und suchte
den Geist der Priesterin. Er fand ihn und erfuhr viele Dinge, die
er noch nicht gewußt hatte. Er lernte, daß der Körper nicht
verletzt werden kann, wenn sich die Seele von diesem getrennt
hat und einem geistigen Befehle gehorcht. Daher konnte der
Soldat die Priesterin nicht töten. Die Seele eines Lungom-
Läufers schwebt über dessen Körper, umgibt ihn mit einer
schützenden Hülle und heilt augenblicklich alle Wunden,
weshalb Verletzungen auch nie bluten. Doch der Körper der
Priesterin lag starr vor dem Hohenpriester, und es gelang ihm
-246-
nicht, ihn zu beleben. Der Geist der Priesterin wies ihn an, ihr
jene Pflanze in den Mund zu legen, welche er ihr vor der Reise
gegeben hatte. Außerdem solle er eine Woche beten und fasten,
dann würde die tödliche Starre nachlassen, und sie würde wieder
zu sich kommen."
In diesem Augenblick regte sich die Ichka auf ihrem Thron,
öffnete die Augen und setzte sich kerzengerade auf. Sie ließ
ihren Blick prüfend über die versammelten Lamas gleiten. Es
war, als wolle sie die wiederbelebte Priesterin aus der
Geschichte symbolisieren.
„So geschah es", fuhr der Große Lama fort, „und die
Priesterin kam zu Sinnen. Doch ihr geistiges Gleichgewicht fand
sie nicht wieder. Der Große Lama bat die Ichka eines anderen
Klosters um Rat. Diese sagte, die Priesterin solle sich erneut in
jene Stadt begeben, in der ihr dies alles zugestoßen sei, damit
die Leute sie dort sähen. Daraufhin gab der Hohepriester seiner
Ichka die Anweisung, sich im Gleitenden Gang noch einmal auf
den Weg zu machen.
Als die Priesterin die Stadt erreichte, verlangsamte sie ihre
Schritte. Der Soldat schlenderte gerade über die Hauptstraße,
und als er die Frau erblickte, die er mit eigener Hand
umgebracht hatte, fiel er vor Schreck tot um. Die Priesterin
kehrte nach den Anweisungen ihres geistigen Meisters im
Lungom-Schritt zum Kloster zurück. Als sie dort erfuhr, daß der
Soldat, den sie unwissentlich getroffen hatte, in einem früheren
Leben ihr geheimer Liebhaber gewesen war und daß sie bei
ihrer zweiten Begegnung seinen Tod verursacht hatte, ergriff sie
ein solcher Schmerz, daß sie ihr gesamtes priesterliches Wissen
verlor.
Brüder, so endet die Geschichte. Welche Lektion erteilt uns
das Leben der Priesterin Sathi und des Hohenpriesters Bedkar?
Daß Gottes höchste Diener die Gesetze genau so strikt
befolgen müssen wie seine geringsten. Hätte die Priesterin, eine
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Zweimal Geborene, nicht von ihrer hohen geistigen Ebene aus
hinab ins Tal geschaut und sich nach der Welt gesehnt, wäre sie
ihrem alten Arva nicht begegnet, welches ihr bereits erlassen
worden war. Wäre der Hohepriester nicht ausgezogen, um sie zu
suchen, wobei er das Kloster unbeaufsichtigt zurückließ, wäre
die Priesterin am Strand gestorben. Für ihre Seele wäre solch ein
Ende segensreicher gewesen als gewaltsam ins Leben
zurückgeholt zu werden und ihr gesamtes Wissen zu verlieren.
Seht euch deshalb vor, Brüder! Seid stets gehorsam und befolgt
das Gesetz, ganz gleich, wie hoch euch das Schicksal eines
Tages erheben mag."
Nachdem der Große Lama verstummt war, herrschte lange
Zeit tiefes Schweigen. Erst als er sich mit der Priesterin von
seinem Thron erhob und die Arme segnend über uns streckte,
kamen wir wieder zu uns.
Danach vergingen die Tage mit harter Arbeit, Gebeten und
Lernen. Ich besuchte jetzt die Vorträge meines Meisters über
Medizin, so daß mir nahezu keine freie Zeit blieb. Knapp vier
Wochen nach der denkwürdigen „Heilungsreise" zog ich nach
dem morgendlichen Wecksignal gerade meinen Mantel an, als
Samtrup, einer meiner jungen Brüder, in meine Zelle stürzte und
berichtete, daß jemand nach meinem Meister frage.
„Wer um alles in der Welt will ihn zu so früher Stunde
sprechen?" fragte ich erstaunt. „Um diese Zeit sind doch
gewöhnlich kaum Besucher in der Empfa ngshalle."
„Irgendein Händler namens Horkan oder Horkang. Er hat mit
seiner Karawane eine weite Reise hinter sich und wartet im Hof.
Er läßt Lhalu Lama ausrichten, daß er, wenn nötig, gern bis zum
Mittag warten will."
„Horkang aus dem Chumbi-Tal?" rief ich froh, wobei mir
selbst nicht klar war, warum ich mich plötzlich so lebendig
fühlte. „Ich bin schon unterwegs! Ich muß meinem Führer auf
der Stelle Bescheid geben! Und du, Bruder, geh hinunter und
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bring ihn in die Empfangshalle. Bitte die Trapas, seine Maultiere
in den Stall zu führen."
Mein Meister wollte gerade frühstücken, doch als ich ihm die
unerwartete Kunde brachte, stand er auf, und wir eilten
gemeinsam in den Hof hinab.
Sofort erblickten wir Horkangs große Gestalt. Als er uns
bemerkte, verbeugte er sich tief.
„Friede den Lamas und der Heiligen Weisheit!" rief er und
richtete sich auf. „Ich bin gekommen, Vater, um eurem Kloster
meine Dankbarkeit dafür zu beweisen, daß ihr meine Tochter
geheilt habt."
Er wies auf sieben schwerbepackte Maultiere, welche die
Trapas gerade in Empfang nahmen.
„Ich habe wertvolle Stoffe und Kiang-Felle für Chubas
mitgebracht", fuhr er fröhlich fort, „und ich bitte den
Hohenpriester, diese bescheidene Gabe eines armen Händlers
frohen Herzens anzunehmen, denn sie ist nicht mit dem
Geschenk zu vergleichen, das ich von einem seiner Lamas
erhielt!"
„Das hättest du nicht tun sollen", antwortete Lhalu streng,
doch ich sah, daß sich seine Züge gleich wieder entspannten.
„Wo ist deine kleine Tochter, Santemi?"
„Sie steht draußen im Kharlam", antwortete Horkang lachend.
„Sie wollte um nichts in der Welt mit hinaufkommen und sagte,
sie würde am Fuße des Berges auf uns warten. Ich widersprach
ihr nicht, da ich ihre Sturheit kenne. Als wir den Paß erreicht
hatten, schaute ich zurück. Sie war uns bis hierher gefolgt, doch
ich konnte sie nicht dazu bewegen, mit durch das Tor zu gehen.
Vielleicht tut sie es, wenn ihr sie darum bittet, gute Herren?"
Während der Händler sprach, wurde das Lächeln auf Lhalus
Gesicht immer breiter.
„Geh, Ti-Tonisa, sprich du mit ihr!"
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Ich rannte durch das weit geöffnete Tor, und als ich den engen
Kharlam erreicht hatte, schaute ich mich suchend um. Sofort
entdeckte ich ihre kleine Gestalt. Sie stand oben auf einem
hohen Felsen neben der Klostermauer und spähte von dort in
den Hof.
„Willkommen, Santemi!" rief ich. „Ich freue mich, daß du
gesund und stark genug bist, einen so hohen Felsen
hinaufzuklettern! Ich bitte dich, komm herunter, denn Lhalu
Lama läßt dich rufen."
Sie erschrak wie ein ungezogenes Kind, welches man bei
einem Streich erwischt hat, sprang gewandt vom Felsen hinab
und verbeugte sich lächelnd vor mir.
„Friede, Ti- Tonisa Lama! Ruft mich wirklich euer Meister
oder mein Vater?"
„Wenn ich es dir doch sage! Komm jetzt, schnell!"
Sie trug eine kurze Pelz-Chuba, hübsche hohe Stiefel und
Kordovas und hatte sich ein weißes Tuch um den Kopf
gebunden. Rasch hüpfte sie an meine Seite und streckte
schüchtern den Kopf durch das Tor.
„Komm her, du kleine Ausreißerin!" rief ihr Vater. „Jetzt
spielst du natürlich das kleine Mädchen, doch zu Hause
scheuchst du mich herum und bist klüger als eine Großmutter."
Sobald sie meinen Meister erblickte, wurden Santemis Züge
ernst. Sie streckte ihre kleinen Hände aus, die Handflächen nach
oben geöffnet, und verbeugte sich dreimal.
„Heil sei euch im Namen der Heiligen Weisheit, mein
Meister. Ich bin gekommen, damit ihr seht, wie gesund ihr mich
gemacht habt."
Dann verstummte sie, drehte sich schüchtern zur Seite und
fingerte am Riemen ihrer Tasche herum. Noch nie hatte ich ein
so breites Lächeln auf Lhalus Gesicht gesehen.
„Es war nicht nett von dir, daß du unten im Tal bleiben
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wolltest, wo du nun schon mal bereits so weit gereist bist. Du
warst schon wieder ungehorsam!"
Das Mädchen sah ihn verzweifelt an. Lhalu blickte ein Weile
vor sich hin und wandte sich dann, als habe er eine plötzliche
Eingebung, an die Trapas:
„Führt die Maultiere in den Stall und nehmt ihnen ihre Lasten
ab, doch schafft die Ballen nicht ins Lagerhaus. Bringt Tee und
Schreibmaterial in die kleine Empfangshalle."
Die Trapas sahen ihn erstaunt an, doch mein Meister winkte
ungeduldig mit der Hand und hieß sie, seine Befehle
auszuführen. Dann wandte er sich an Horkang:
„Folgt mir, denn ich habe euch etwas zu sagen."
Wir überquerten gemeinsam den langen Hof und betraten ein
Seitenzimmer der Empfangshalle, welches den besonderen
Gästen vorbehalten war. Lhalu bedeutete uns, auf dem dicken
Teppich Platz zu nehmen. Die Trapas erschienen mit Teetassen
und einem dampfenden Kessel. Sie legten eine Rolle Papyrus
und einen Pinsel auf den kleinen Tisch.
„Ich muß mit euch reden", begann mein Meister. „Ich habe
lange über eure Tochter nachgedacht und freue mich daher, daß
ihr gekommen seid. Dies ist kein Zufall! Ihr wißt, daß es so
etwas wie Zufall nicht gibt, denn die Hände der Heiligen
Weisheit lenken unser Geschick. Es wäre schade, wenn ein mit
so seltenen geistigen Gaben bedachtes Mädchen weiterhin in
schlechten Händen bliebe. Aus diesem Grunde frage ich dich,
Santemi", wandte er sich an das zusammengekauerte Mädchen,
„ob du ge willt bist, dein Leben Gott zu weihen und einem
Kloster beizutreten?"
Diese Worte berührten sie so tief, daß sie ihre Tasse auf den
Boden stellte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ja, ja, Vater", stammelte sie, „das ist stets mein heimlicher
Wunsch gewesen. Doch ich bin dessen nicht würdig!"
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„So ein armes Mädchen erhält keinen Zutritt zum Konvent",
stimmte ihr Vater zu. „Ich habe mich bereits erkundigt.
Außerdem müssen sich die Anwärterinnen langwierigen
Vorbereitungsübungen unterziehen. Wer weiß, welche
Reichtümer außerdem notwendig sind! Und meine Santemi hat
bis jetzt an der Seite eines Zauberers gearbeitet, was bestimmt
keine gute Empfehlung ist!"
„Die Empfehlung werde ich ihr schreiben", antwortete Lhalu
ruhig, „seid deshalb unbesorgt. Der Frauenkonvent in Samding
ist der erste in Bod-Yul. Ich kenne die Priesterin gut, da ich sie
einst von einer Krankheit heilte. Deshalb werde ich ihr
schreiben. Es ist in der Tat nicht einfach, dort zugelassen zu
werden, da nur die Kinder reicher Familien aufgenommen
werden und das auch nur nach langen Vorbereitungsübungen.
Doch ich bin guten Mutes, daß wir diese Hindernisse
überwinden werden."
„Mein Herr, ich weiß gar nicht, wie ich euch dafür danken
soll, daß ihr euch so um unser Schicksal kümmert!"
„Dankt nicht mir, sondern tut alles für das Glück eurer
Tochter, indem ihr meinen Anweisungen folgt", antwortete
Lhalu und entrolle den Papyrus. „Ich verbat den Trapas, eure
Geschenke fortzutragen, weil ihr sie morgen früh mit nach
Samding nehmen müßt. Der Konvent liegt sehr weit entfernt. Ihr
müßt so lange westwärts ziehen, bis die schneebedeckten Gipfel
des Tise vor euch liegen. Schenkt eure Gaben nicht unserem
Kloster, sondern dem Konvent von Samding." Horkang begann
zu protestieren, doch Lhalu hieß ihn schweigen. „Du bist, im
Vergleich zu den reichen Eltern, die ihre Töchter dorthin
schicken, nur ein armer Händler. Du kannst deine Geschenke
nicht an zwei Orten verteilen. Die Priesterin von Samding wird
mir auf alle Fälle mitteilen, ob Santemi aufgenommen wurde.
Und ich verspreche dir, auch in Zukunft über das Schicksal
deiner Tochter zu wachen. Ruht euch heute in einem der
Gästeräume aus, und zieht morgen früh weiter."
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Er schwieg, um den Brief zu schreiben. Danach pinselte er
den Namen des Klosters von Samding auf die Mitte der Rolle:
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dies als Zeichen des Himmels aus, worauf diese Mädchen in ein
Kloster eintraten. Aber auch Frauen, die sich aus irgend einem
Grunde von ihren Männern getrennt hatten oder Witwen
geworden waren, wurden in den Klöstern zugelassen.
Wenn ein Novizin aufgenommen worden war, mußte sie
körperlich arbeiten. Es handelte sich dabei jedoch nicht um
schwere, ermüdende Arbeit, welche von den bäuerlichen Trapas
ausgeführt wurde. Die Frauen trugen einfache Kleider: ein
hemdartiges Unterkleid und darüber einen Kiang-Pelzmantel,
doch keine wirkliche Unterwäsche, was ihre Körper hart und
widerstandsfähig machen sollte. Die Töchter reicher Familien
führten in Bod-Yul ein Leben des Müßiggangs und waren oft
verweichlicht und dick. Deshalb mußten sie ihre Körper durch
alte Atem- und Körperübungen abhärten. Die Männer hatten
sich bereits vor dem Eintritt in ein Kloster mit der Beherrschung
ihres Körpers vertraut gemacht. Außerdem kümmerten sich die
Männer nicht um weltliche Dinge und waren daher geistig
weiter entwickelt.
Viele Novizinnen wurden nach einem Jahr wieder entlassen.
Eine der Hauptbedingungen für das Verbleiben im Kloster war
die Reinheit der Seele und des Körpers. Es erwies sich als sehr
schwierig, die Mädchen an Reinlichkeit zu gewöhnen, da sie in
ihren Elternhäusern sehr schamhaft erzogen worden waren und
sich nur widerwillig auszogen. Als wären sie kleine Kinder,
wurden sie deshalb täglich von einem alten Lama und zwei
Priesterinnen untersucht, ob sie sich gründlich gewaschen
hatten. Ein unsauberer Körper, den die Dämpfe der
Schwitzkammer nicht gereinigt hatte, war unbeweglich und
ungeeignet für die täglichen Übungen.
Nach dem ersten Jahr begann mit der sogenannten ersten
Klasse der Unterricht, der zuerst die Kunst des Schreibens
lehrte. Der Hohepriester, dem zwei Lamas halfen, war der
Lehrer. Natürlich bekleidete die Priesterin des Yamgo denselben
Rang wie er. Das Lehren fiel hier nicht schwer, da die
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Schülerinnen sehr fügsam waren. Die Unterweisungen dauerten
drei Jahre. Am Ende des dritten Jahres mußten die Frauen auf
der Stufe stehen, auf welcher die männlichen Novizen
begannen. Viele Novizinnen wurden während dieser Zeit
entlassen. Es mochten wohl dreihundert Frauen die erste Klasse
der jährlich stattfindenden Unterrichtsreihe besuchen. Bereits im
ersten Jahr wurden gewöhnlich hundert entlassen, während am
Ende des dritten Jahres nur noch zwanzig bis fünfundzwanzig
Frauen übrigblieben. Häufig waren sie den schwierigen
Übungen und der geistigen Anspannung einfach nicht
gewachsen.
Die Mehrheit der Mädchen war bei ihrem Eintritt eher
dicklich und klein. Nach drei Jahren waren sie gewachsen und
schlanker, die Haut trocken und nicht fett wie bei ihrer
Aufnahme in das Yamgo. Tatsächlich mußten viele Novizinnen
im dritten Jahr nur deshalb gehen, weil sie diese Merkmale nicht
aufweisen konnten. Danach erst begann das Ritual der
Einweihung, welches sich nicht von dem der Lamas unterschied.
Die Große Zeremonie wurde vom Hohenpriester durchgeführt,
und die Priesterin weihte sie in die Großen Geheimnisse ein. Der
einzige Unterschied bestand hier darin, daß die Priesterin sie mit
einer alten Methode unfruchtbar machte, was ein völlig
schmerzloser Vorgang war. Dies geschah, weil jene, die dem
Konvent beitraten, allen weltlichen Freuden entsagen mußten.
Sie würden nie heiraten und Kinder gebären, und so gestaltete
man das Leben im Konvent einfacher und ruhiger. Gleichzeitig
wurden sie von den Männern höher geachtet, und jene würden
durch ihre Gegenwart nicht länger beunruhigt.
Trotz allem gab es zu unserer Zeit sehr viele Konvente, und
zahlreiche Mädchen aus dem ganzen Lande baten um
Aufnahme. Erst nach vielen Jahren nahm die Anzahl ab, und in
der Zeit des Niedergangs unseres alten Glaubens verschwanden
sie vollständig. Alle Yamgos unterstanden einer zentralen
Führung und folgten denselben Regeln. Der Hohepriester, die
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Ichka, zwei ältere Lamas und ein besonderer Züchtiger gehörten
zur Führungsspitze der Yamgos.
Am nächsten Morgen trat nach dem Wecksignal ein Trapa in
meine Zelle, um mir zu sagen, daß der Händler Horkang seine
Karawane zum Aufbruch rüste und gern mit mir gesprochen
hätte. Ich warf mir rasch den Umhang über und eilte hinaus.
Tsonkan, der Schafhirte, der seinem Herrn auf halbem Wege
begegnet war, führte gerade mit zwei anderen von Horkangs
Hirten die sieben Maultiere durch das offene Tor. Zwei oder drei
Bergbewohner, die in den frühen Morgenstunden eingetroffen
sein mußten, trieben ihre Tiere nach dem ermüdenden Aufstieg
über den großen Garba, um sie nach der Anstrengung
abzukühlen. Auch Horkang beschäftigte sich mit seinen Tieren,
nur Santemi bemerkte mich. Sie hatte ihr Gesicht der
Empfangshalle zugewandt und betrachtete jeden, der
herauskam, mit prüfendem Blick. Mir war augenblicklich klar,
daß sie nach mir geschickt hatte und daß ihr Vater überhaupt
nichts davon wußte.
„Ti-Tonisa Lama!" rief sie aufgeregt. „Ich habe das
Alierwichtigste vergessen! Sage deinem Meister, seinen
Talisman, ich trage ihn um den Hals. Er ist unter meiner Jacke
verborgen. Und sage ihm auch, daß ich ihn dort tragen werde -
bis zum Tage meines Todes!"
Sie streckte ihre kleinen Hände in meine Richtung, und
unbeholfen verbeugte sie sich. Ihre Stimme versagte, und
weinend lief sie der Karawane nach, die gerade durch das Tor
zog.
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Kapitel 13
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fünf oder sechs Jahren, und ein Unterschied von einem oder
zwei Jahren spielt in Hinblick auf die sogenannte Vergangenheit
überhaupt keine Rolle. Warum ist uns das Gestern so deutlich
bewußt? Weil es oft unseren geistigen Zustand von heute
spiegelt. Doch jenseits von gestern dehnen sich die Tage und
liegen nicht länger sauber geordnet nebeneinander wie
Mosaiksteinchen, sondern purzeln kunterbunt in den großen
Zauberkorb der Vergangenheit.
War es vor einem Jahr, daß ich meine schweren
Einweihungsprüfungen bestanden hatte, oder vor sechs Jahren?
Schon floß alles ineinander, und ich konnte die Zeitabschnitte
nur anhand meiner Gefühle, Empfindungen und Geisteszustände
auseinanderhalten. Das Jahr meiner Prüfungen, das Jahr meiner
Einweihung, das Jahr meines ersten Geistesfluges, das Jahr von
Santemis Heilung - so kann ich sie mir nach den Gefühlen, die
sie in mir wecken, wie einzelne Tage ins Gedächtnis
zurückrufen.
Heute zähle ich einundzwanzig Jahre. Im nächsten Jahr werde
ich ein alter Eingeweihter sein, in den ersten Stock ziehen und
unter den älteren Lamas leben dürfen. Das Jahr der Erfüllung -
so werde ich diese Zeit wahrscheinlich in meinen alten Tagen
nennen. Nein, das Verstreichen der Zeit war mir nicht bewußt,
und doch wurde mir die Vergänglichkeit des Lebens zum
erstenmal in all ihrer tödlichen, harten Wirklichkeit vor Augen
geführt.
Gestern morgen wurden die blutbefleckten Leichen zweier
Lamas unseres Klosters auf Maultieren, die man an den
Poststationen mieten kann, nach Tampol-Bo-Ri gebracht. Diese
unsere Brüder hatten die Aufgabe gehabt, fremde Reisende zu
führen und sollten einen Auftrag in den großen Klosterburgen an
der Grenze nach Tazik Yul erledigen. Es gab oft
Zusammenstöße mit den wilden, kriegerischen Bergstämmen an
der Grenze zu den Tazikpas. Seit der Regentschaft des
assyrischen Königs Asshurnasirpal und seines Sohnes
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Shalmanassur hatten sie sich dem großen Reich des Gottes
Marduk ergeben. Doch in diesen Tagen ereigneten sich
ungewöhnliche Vorfälle an der Grenze, so berichteten die
Lamakrieger aus dem Westen, die die Leichen unserer Brüder
nach Hause gebracht hatten. Die Klosterburg von Zhonma, in
der sie gewesen waren, war erneut von einem Tazik-Stamm
angegriffen worden, doch diesmal nicht nur von plündernden
Banden, sondern von wenigstens tausend fremden,
schwarzgekleideten Soldaten. Der Kharpon von Zhonma hatte
sie erkannt. Es handelte sich um Chaldäer, Kaldis, wie sie sich
nannten, deren Reich schon lange von den assyrischen Königen
unterworfen worden war. Der große Herrsche r von Babilu
schien sie erneut zu Beutezügen ausgesandt zu haben. Obwohl
die Lamakrieger tapfer gekämpft hatten, stürmten die Fremden
das Kloster und erschlugen alle Bewohner dieses Chintanyin. Da
der Burgvogt wußte, daß auch er sterben würde, hatte er zwei
seiner Soldaten mit den Leichen unserer gefallenen Brüder in
das ferne Tampol-Bo-Ri gesandt. „Sagt dem Hohenpriester des
Felsenklosters", waren seine letzten Worte, „daß Bod-Yul in
Gefahr ist! Viele Regimenter der assyrischen Krieger sind durch
unsere Grenzen gebrochen. Er soll auf seinen geistigen Reisen
alle Klöster aufrufen, Lamakrieger, die entbehrlich sind, zur
nordwestlichen Grenze zu schicken."
Am Nachmittag rief uns der Große Lama zusammen.
„Meine Kinder", begann er mit rauher Stimme, „das, was ich
befürchtet habe, ist eingetreten. Ein großer, mächtiger Feind ist
in unser Land gedrungen, ein Gegner, bekannt für seine
Grausamkeit. Seit vielen Jahren berichtet die Priesterin, daß sie
auf ihren Geistesflügen ungewöhnliche Unruhe im assyrischen
Reich wahrgenommen habe. Seit der neue König, Hadad-Nirari,
sein Erbe antrat, veränderte sich dort alles. In den Adern dieses
jungen, ehrgeizigen Herrschers fließt von seiner Mutter Seite her
chaldäisches Blut, wovon seine assyrischen Soldaten jedoch
nichts wissen. Deshalb hat er sich im geheimen eine Leibwache
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angeschafft und schickt ganze Regimenter chaldäischer
Abstammung auf gefährliche, wilde und blutrünstige Beutezüge,
damit das ganze Reich deren Erfolge feiern und er später die
chaldäische Herrschaft wieder einsetzen kann. Wir wissen
bereits, daß ihm dies nicht gelingen wird, doch wir wissen auch,
daß er eines seiner Heere gegen Bod-Yul sandte. Seine Soldaten
werden in unser Land einbrechen und Teile verwüsten. Gott
züchtigt uns, und viele Brüder werden sterben. Die Assyrer
glauben, wir horteten Goldschätze in unseren Klöstern, und
außerdem verlocken sie die Geheimnisse Bod-Yuls. Doch die
unwegsamen Regionen des Tise und der Gangri-La werden sich
als unüberwindliche Barrieren erweisen, und so werden sie mit
magerer Beute wieder abziehen. Habt keine Furcht, meine
Kinder, denn die Schrecken werden nicht lange dauern, und die
Menschen werden sich um so mehr dem Göttlichen zuwenden.
Von diesem Tage an werde ich mit meinen eingeweihten Lamas
im Geistesfluge alle Klöster Bod-Yuls ersuchen, Soldaten an die
Grenze nach Tazik und zum Gebirgszug von Pulimhaditsu zu
senden, wo Samding liegt. Bewahrt Haltung und betet für eure
Brüder, die heldenhaft in der Klosterburg von Zhonma
kämpften. Wir wollen uns alle morgen nachmittag in der
Versammlungshalle einfinden, um die sterblichen Überreste
unserer tapferen Lamas in ihre Gräber zu geleiten."
Wir zerstreuten uns flüsternd und summend wie ein
aufgescheuchter Bienenstock und unterhielten uns aufgeregt
über die Kriegsnachrichten. Bod-Yul war noch nie von einem
ernstzunehmenden Feind angegriffen worden. Die Eroberer aus
dem Westen hatten beim Anblick der riesigen, schneebedeckten
Berge noch nie Lust verspürt, nach Osten zu marschieren, wenn
doch in westlicher Richtung kein Hindernis im Wege stand. In
Wirklichkeit hatten wir nie mit solch einem Angriff gerechnet.
Lhalu war außerordentlich unruhig. Er sprach kaum mit mir und
befand sich stets in Begleitung des Hohenpriesters, um mit ihm
die Lage zu besprechen.
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Am Nachmittag des folge nden Tages versammelten wir uns
im Hof, um an den Bestattungsriten für unsere verstorbenen
Brüder teilzunehmen, deren Körper trotz des langen Weges dank
des kalten Winterwetters noch nicht verwest waren. Unser
Kloster hielt die Körper der Verstorbenen in großer Achtung,
tatsächlich verehrte und achtete man sie mehr als die lebenden
Menschen. Menschliche Seelen wurden an ihrem Wissen
gemessen. Jeder Mensch war den Lamas von Bod-Yul so viel
wert, wie er wußte. Durch sein Wissen oder seine Weisheit und
durch den heiligen Namen Gottes strebte der Lama danach,
seine Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, um sich die Kräfte
der Natur nutzbar zu machen.
Ein verstorbener Lama wurde stets in der Felshöhle
beigesetzt, die er sich Jahre zuvor selbst erbaut hatte. Genau
fünf Jahre vor seinem Tode begann er mit der Arbeit. Ein Lama
wußte nie vom Chorten eines Mitbruders. Er erfuhr erst davon,
wenn sein Freund starb. Unter den Dingen, die ein Lama seinem
Kloster hinterließ, befand sich auch eine grob gezeichnete
Skizze, die den Weg zu seinem Grab beschrieb, damit die
Eingeweihten wußten, wohin sie den Körper zu bringen hatten.
Nie erkundigte sich einer beim anderen nach dessen Grab! Uns
war nur ein einziges Grab bekannt, das des Hohenpriesters, doch
dieses war ganz anders als die der einfachen Lamas. Er selbst
hatte seinen Ruheort nur mit geistigen Augen geschaut, ohne
körperlich je dort gewesen zu sein.
Es gab viele in Stein gehauene Gräber in den Bergen von
Bod-Yul. Diese Chorten waren ungefähr drei Meter lang, einen
Meter breit und knapp zwei Meter hoch. In jedem befand sich
ein großer Steintisch mit einer Kopfstütze, auf welcher der Kopf
des toten Lamas ruhen sollte. Außerdem gab es noch einen
Gebetsstuhl, auf dem der Lama während der Bauarbeiten
ausruhte und meditierte. Die Tür des Grabes bestand aus einer
großen, dicht schließenden Steinplatte, so daß keine Luft
eindringen konnte.
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Jeder Lama hielt sein Grab sehr sauber und ordentlich.
Tatsächlich wirkten die Gräber schöner und behaglicher als die
Zellen. Manchmal erhielt ein Lama vom Hohenpriester die
Erlaubnis, nachts in seinem Grab zu meditieren, doch dies
wurde erst ein Jahr vor dem bevorstehenden Tode gestattet. In
die große Steintür wurde der Name des Lamas eingemeißelt.
War ein Klosterbewohner verstorben, begann im Chintanyin
ein großes Wehklagen. Die alten Lamas wurden durch jedes
Begräbnis auf eine harte Probe gestellt, denn bei der
Gelegenheit konnten sie sich prüfen, ob Kummer und Tränen
von Herzen kamen oder ob sie eine geheime Befriedigung
darüber verspürten, daß der freigewordene Platz sie dem Posten
des Hohenpriesters näherrückte.
Nach dem Tode untersuchte der Hohepriester den Körper des
Lamas. Außer der Ichka hatte niemand Erlaubnis, die Zelle des
Ichkitsu bei solchen Gelegenheiten zu betreten. Der
Hohepriester beschwörte den Geist des Verstorbenen, ein Ritus,
der innerhalb von drei Tagen nach der Todesstunde erfolgen
mußte. Der Geist kam aus dem Chikai Bardo zurück und teilte
dem Hohenpriester den Grund seines Versterbens mit, zudem
seinen letzten Willen und Lebenserfahrungen, über die er nie
gesprochen hatte, welche er jetzt aber seinem Kloster
hinterlassen wollte. All dies notierte die Priesterin in ihre
Rollen. Dann stellte der Ichkitsu dem Geist weitere wichtige
Fragen. Hatte er zum Beispiel noch moralische Verpflichtungen
auf der Erde und wenn, wie konnten diese erfüllt werden?
Schließlich fragte er den Verstorbenen, ob sein Geist Ruhe und
Frieden in der anderen Welt gefunden habe. Dann bettete er den
Nacken des Lamas auf die Kopfstütze und schloß dessen Auge n.
Jetzt überreichte die Priesterin dem Ichkitsu einen etwa eine Elle
langen Dolch mit einem zweieinhalb Zentimeter dicken
goldenen Griff. Damit durchbohrte der Große Lama das Herz
des Toten, wobei nie Blut austrat. Dieser seltsame Brauch
stammte aus alten Zeiten.
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Danach rief der Hohepriester die Lamas zu einem
Beerdigungsgebet und Gedenkritual in den Tempel. Drei Tage
lang drehten sich die Gebetsmühlen zu Ehren des Verstorbenen.
Schließlich bereiteten jene Brüder, die für diese Aufgabe
eingeweiht waren, den Körper des Toten auf das Grab vor. Vor
dem Begräbnis drängten sich zahlreiche Menschen aus den
Tälern im Klosterhof, da bei solchen Gelegenheiten oftmals
wunderbare Heilungen geschahen.
Die Leiche wurde auf ein rechteckiges Brett gelegt, welches
nur diesem Zwecke diente, und in einer langsamen Prozession
bis zu dem Ort gebracht, den der Lama vor seinem Tod auf der
Karte vermerkt hatte. Nachdem die Gruft gefunden worden war,
wurde der Körper auf die Steinplatte gelegt. Die kleine
Bronzelampe, die von der Decke herabhing, wurde angezündet,
und die Brüder wuschen die Leiche in ihrem glänzenden Schein.
Danach wurde der Mantel des Toten zugenäht, so daß es schien,
als läge die Leiche in einem Sack, wobei nur der Kopf
unbedeckt blieb. Die Lamas wußten stets einige Zeit im voraus,
das jemand aus dem Kloster sterben würde, ja, sie wußten sogar,
um wen es sich handelte. Die Kunst der Aussendung des
Bewußtseins war dem Sterbenden von großem Nutzen, denn oft
versenkte er sich Tage vor seinem Tod in den Zustand des
Phoimonda.
Ein ganzes Jahr lang wurden die Gräber gepflegt. Steine und
Unkräuter wurden sorgfältig aus der Umgebung des Chorten
entfernt. Dies war schon deshalb notwendig, weil sich der
Hohepriester oftmals zur Gruft begab, um den Körper, der
mumifizierte und nie verweste, zu untersuchen und um den
Toten zu fragen, ob er noch etwas mitzuteilen habe. Die
unmittelbare Verständigung mit dem Toten war jedoch nur in
den ersten drei Tagen nach dem Tod im Bardo möglich. Danach
konnte der Große Lama nur noch auf der geistigen Ebene mittels
seiner geistigen Ohren oder durch Visionen mit dem Geist des
Toten Kontakt aufnehmen.
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Hier stoßen wir auf das große Geheimnis unseres Glaubens!
Durch die verstorbenen Brüder rückten wir Gott näher. Als
Belohnung für unser heiliges Leben öffnete uns die Weisheit ein
kleines Fenster in der unüberwindlichen Mauer, welche die Erde
vom Jenseits trennt, wodurch wir viele Dinge aus der feinen
Welt erfuhren, die tatsächlich der Wahrheit entsprachen. Kein
Lama fürchtete sich vor dem Tod, da er bis in alle Einzelheiten
wußte, was ihn erwartete.
Das Begräbnis von Rinchen Lama und Lhokang Lama dauerte
drei Tage. In den Amulettbeuteln, die sie um den Hals trugen,
fanden wir die Wegbeschreibung zu ihren Gräbern, ein
Umstand, der wieder einmal bewies, daß sie bereits vor Jahren,
als sie ihre Chorten gebaut hatten, von ihrem heldenhaften Tod
gewußt hatten. Der Ichkitsu hatte sie im Bardo nicht befragen
können, da sie nicht im Kloster gestorben waren, sondern drei
Wochen zuvor in einer fernen Grenzfeste im Westen.
Als wir Lhokhang Lama, den wir als ersten beerdigten, in
seine Gruft gelegt hatten, hörte ich zum erstenmal, wie der
Hohepriester mit einem erhebenden Gebet die Zeremonie
beendete. Wir hatten uns im Halbkreis um den Chorten
aufgestellt, der Hohepriester und die Priesterin standen in
unserer Mitte. Nachdem alle üblichen Gebete gesprochen
worden waren, erhob der Hohepriester die Hände und sprach:
„Du darfst nicht zulassen, o mächtige Weisheit, daß dein
treuer Diener jenen Ort nun für immer verläßt, an dem seine
Seele sich schon in diesem Leben von ihrem Körper trennte. Gib
ihm die Gnade, daß sein Geist in deiner Welt Frieden finden
möge. Erlaube ihm, ab und zu zur Erde zurückzukehren, doch
sollte ihn dort Böses anfechten, dann halte es fern von ihm! Da
es seiner Seele verwehrt war, am dritten Tage in das Kloster
seines Körpers zurückzukehren, gestatte ihm in deiner Gnade,
daß sein Geist dennoch zu uns kommen und uns eine möglichst
hohe Zahl nennen kann. Verleihe ihm den Gebetszylinder des
Jenseits, auf daß er ihn drehe, bis die Zeit gekommen ist, wo er
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sein großes Werk vollendet haben wird."
Am Nachmittag des Tages nach der Beerdigung studierte ich
gerade meine Aufzeichnungen von Lhalu Lamas letztem
Vortrag, als mein Führer plötzlich in meine Zelle trat. Ich legte
augenblicklich mein Pothi nieder und stand erfreut auf. Mein
Meister setzte sich auf die Bettkante und blickte mich eine
Weile schweigend an.
„Setz dich, Ti- Tonisa", sagte er schließlich mit leiser, müder
Stimme, die seine innere Bewegung verriet. „Ich möchte mit dir
reden.''
„Ich bereite mich gerade auf deinen Vortrag vor, Aku",
antwortete ich und nahm auf dem niedrigen Fußstuhl Platz.
„Samding liegt nur wenige Tagereisen von der westlichen
Grenze entfernt!"
Zuerst war mir nicht klar, was er damit meinte, doch plötzlich
verstand ich, und ein dicker Kloß formte sich in meiner Kehle.
Die kleine Santemi, der wir beide so sehr verbunden waren,
lebte seit vier Jahren im Konvent von Samding. Lhalu hatte sie
immer gern gemocht und war von Ferne ihr geistiger Führer
geblieben. Seit sie dem Konvent beigetreten war, hatte er jeden
ihrer Schritte beobachtet. Er ließ sie nicht mit den anderen
Mädchen unterrichten, sondern hatte veranlaßt, daß sie einzeln
belehrt wurde, da ihm die Priesterin von Samding berichtet
hatte, daß diese kleine Novizin tatsächlich mit außerordentlichen
geistigen Gaben bedacht und die erste im Yamgo sei. Erst vor
einem Monat hatte mein Meister von ihrer Einweihung erfahren.
„Wann immer die Assyrer durch unsere Grenzen gebrochen
sind", fuhr Lhalu schleppend fort, „haben sie zuerst die
Konvente überfallen. Ich glaube nicht, daß sie sich weiter als ein
paar hundert Meilen ins Land wagen werden, denn dort verstellt
ihnen eine hoher Gebirgszug den Weg. Doch von Westen her
führt eine tiefe Schlucht bis nach Samding."
„Aku, was sollen wir tun?" fragte ich, denn der Gedanke, den
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er heraufbeschworen hatte, erfüllte mich mit Entsetzen.
„Wir können gar nichts tun. Wir müssen warten und beten,
daß die Heilige Weisheit diese Gefahr von uns nimmt. Ich habe
die gegenwärtige astrologische Position unseres Landes
berechnet und mit den Konstellationen am Himmel verglichen.
Die Sterne künden von einer großen Gefahr, die jedoch rasch
vorüberziehen wird. Gleichzeitig eröffnen sie dem assyrischen
Kaldi-Prinzen die Gelegenheit zu einem kurzen Krieg. Doch
deswegen bin ich nicht gekommen. Erinnerst du dich noch an
das Amulett, das ich Santemi geben ließ?"
Und ob ich mich daran erinnerte! Ganz lebendig stand mir die
Szene vor Augen, wie ich Tsonkan, dem Schafhirten, den
Talisman übergeben hatte. Außerdem dachte ich an meine erste
Vision im Kugel-Schauen, wo Namseling Lama Santemi für
eine leuchtende Gottheit gehalten hatte, die von einem einfachen
Schafhirten ein Geschenk erhielt. Seit damals trug auch ich stolz
einen Songdus um den Hals, den mein Meister mir nach dem
ersten Unterricht in Medizin überreicht hatte.
„Als wir im Chumbi-Tal waren", fuhr er fort, „schrieb ich den
Tag von Santemis Geburt auf, um herauszufinden, welchen
Glücksstein ich in ihr Amulett fassen sollte. Später machte ich
ihr Geburtshoroskop, welches für genau diesen Zeitraum eine
starke Gefahr ankündigt. Das heißt, die Himmelskörper sagen
eigentlich nur, daß sie in diesem Monat in Gefahr ist, zu
verunglücken. Am Tage deiner ersten Feuertrance und auch bei
anderen Gelegenheiten hast du seltsame Dinge erblickt. Ich
erinnere mich, daß du dem Hohenpriester davon berichtet hast.
Was hast du damals genau gesehen?"
Ich erinnerte mich tatsächlich daran, bei meinen seltenen
Verzückungen merkwürdige Visionen geschaut zu haben. Ich
sah brennende Dörfer und rennende Soldaten, doch jetzt, wo er
mich so direkt danach fragte, war mein Geist wie abgestorben.
Mir fielen keine Einzelheiten ein, so sehr ich mir das Gehirn
zermarterte.
-266-
„Ich kann mich nicht erinnern", erwiderte ich errötend, „sei
mir nicht böse, mein Meister. Ich weiß nicht, was mit mir los ist,
da ich mich doch sonst so genau auf alles besinnen kann!"
„Nimm es nicht tragisch", sagte er mit einer
beschwichtigenden Handbewegung. „Vielleicht fällt es dir
später wieder ein. Es mag der Wille des Himmels sein, daß die
Zukunft unbekannt bleibt, damit wir nicht davor erschrecken.
Wenn die Heilige Weisheit so befunden hat", fügte er hinzu als
spreche er zu sich selbst, „dann soll Ihr Wille geschehen. Dich
bitte ich, Ti- Tonisa, daß du in diesen Tagen auf Eingebungen
oder bedeutungsvolle Träume achtest. Ich denke, wir müssen
noch ein paar Wochen abwarten wie sich die Dinge entwickeln.
Komm jetzt mit mir in die große Halle, Arau, denn ich muß
meinen Unterricht beginnen."
Ich klemmte mir die Papyrusrolle unter den Arm und eilte
hinter ihm her. Die Zuhörer hatten sich bereits im Chang
versammelt, und ich setzte mich dazu. Den Vortrag, den uns
Lhalu damals hielt, werde ich mein Lebtag nie vergessen, und
ich glaube, daß es meinen Mitbrüdern ebenso ging, sprach er
doch über etwas, was die Menschen dieser Welt am meisten
fürchten - den Tod! Er hielt keine gewöhnliche
Unterrichtsstunde. Da ich gerade mit ihm zusammengewesen
war, wußte ich, daß jedes Wort seinen gegenwärtigen
Geisteszustand spiegelte.
„Liebe Brüder", begann er, „im Laufe der letzten Jahre habt
ihr euch mit dem Aufbau und der Funktion des menschlichen
Körpers vertraut gemacht. In unseren Sezierstunden erhieltet ihr
Einsicht in die Geheimnisse dieses Meisterwerkes der Großen
Weisheit. Ihr habt gelernt, daß die Hauptursachen für
Krankheiten in der Seele zu finden sind, denn wenn die Seele
unstet ist oder sündigt, wird der Körper krank. Die geistige
Behandlung der Seele, der Große Magnetismus, ist ebenso wie
die Wissenschaft der Heilung durch Kräuter kein Geheimnis
mehr für euch. Deshalb möchte ich heute über etwas sprechen,
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wovon ihr bis jetzt noch nichts gehört habt. Ich spreche über den
Augenblick des Todes, der in der Vorstellung der meisten
Menschen als ewiges, furchtbares Geheimnis lebt. Was
geschieht in jenem heiligen Moment, in dem der irdische Körper
stirbt und die Seele in einen neuen Zustand hineingeboren wird?
Ist das Sterben wirklich so furchtbar wie es oft scheint, und
erleidet die menschliche Hülle an der Schwelle des Verfalls
wirklich furchtbare Schmerzen und Qualen?
Eigentlich wollte ich erst später, am Ende dieses Schuljahres,
darüber reden, doch die veränderten Umstände haben mich
bewogen, dies jetzt zu tun. Sturmwolken ballen sich am Himmel
von Bod-Yul, denn der Feind ist in unser Land eingefallen.
Selbst wenn man an ein Leben nach dem Tode glaubt, schreckt
man unwillkürlich vor dem Gedanken an denselben zurück, weil
man denkt, daß er einer schmerzhaften, schlimmen Operation
gleicht. Doch seit Attalan, die fruchtbare Welt versank,
erlangten die Eingeweihten nach dem Willen der Heiligen
Weisheit die Gnade, unmittelbaren Kontakt mit der Feinen Welt
aufnehmen zu können. Die Geister der verstorbenen Lamas
kehren aus dem Bardo zurück und berichten dem Hohenpriester
alles über die unterschiedlichen Phasen des Todes. Hört deshalb
aufmerksam zu und laßt euch durch meine Worte stärken, damit
keiner von euch sich ängstigt, wenn das Ende unerbittlich vor
der Türe steht."
Seine klangvolle Stimme tönte in unseren Ohren wie die
Glocken im Chang. Wir vergaßen uns, so aufmerksam lauschten
wir seinen Worten. Lhalu war außer dem Hohenpriester der
einzige im Kloster, der so flüssig und hinreißend sprach.
„Die verstorbenen Lamas berichten, daß der Sterbende
seltsame Empfindungen hat, wenn die Seele den Körper verläßt.
Kurze Zeit sieht er alles sehr deutlich, doch so klein, als sei es
Spielzeug. Er fühlt, daß sich der Körper in großer Aufregung
befindet, weil die Seele ihn verlassen will. Dieser Vorgang an
sich ruft noch kein Fieber hervor. Fieber entsteht erst durch die
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Arzneien, die der Arzt dem Patienten verordnet. Diese Kräuter,
Tränke und mineralischen Zubereitungen sind die Feinde der
Seele, da sie aus vergänglichen Stoffen bestehen. Da sich die
Seele hiervon befreien möchte, erzeugt der Körper Fieber und
daher rühren die Schmerzen. Deshalb dürfen wir einem
Sterbenden keine schmerzlindernden Substanzen oder Arzneien
verabreichen, denn damit verzögern wir das ,Hinaustreten' der
Seele und verursachen unnötiges Leid.
Das Gehirn, die Antriebskraft der Seele, nimmt, wie ich schon
sagte, alles sehr genau wahr. Es erkennt die Menschen am
Sterbebett und kann sogar deren Gedanken lesen, ist jedoch
nicht fähig, zu antworten. Im Körper spielt sich ein
vielschichtiger Prozeß ab. Schmerzen werden nur solange
empfunden, bis das Gehirn in einen ruhigen, hellsichtigen
Zustand gleitet. Aus diesem Grunde wissen Sterbende immer,
was ihnen guttun und was sie heilen könnte. Plötzlich weiten
sich die Poren der Haut, um sich gleich wieder
zusammenzuziehen. Auch die Füße machen eine merkwürdige
Veränderung durch. Ihr wißt, daß Füße und Beine zuerst kalt
werden, doch warum? Weil der Geist und seine Hülle, die Seele,
sich in das Gehirn zurückziehen. Das bedeutet, daß der Kopf -
und nicht das Herz - die tierische Wärme am längsten hält. Und
im Kopf ist es der verlängerte hinterste Teil des Gehirns,
welcher am längsten belebt bleibt.
Der Tod ist nicht schmerzhaft, Brüder! Der Körper sinkt in
eine letzte Entspannung, und seine krampfartigen Bewegungen
sind nur mechanische Symptome. Im Augenblick des Sterbens
verliert jeder Mensch das Bewußtsein. Er erinnert sich genauso
wenig an diesen Moment wie an den Augenblick seiner Geburt.
Es ist möglich, daß viele kranke oder sterbende Menschen
länger im Zustand der Gefühllosigkeit verweilen, was jedoch
nicht unbedingt gleichbedeutend mit Bewußtlosigkeit ist. Es
mag euch so scheinen, doch denkt daran, daß diese Sterbenden
denken können und daß ihnen das Handeln nur durch die
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dumpfe Betäubung und die Bewegungslosigkeit verwehrt ist.
Im Augenblick des Todes ist das Gehirn aus dem einfachen
Grunde gedankenleer, weil es bereits bewußtlos ist. Selbst wenn
der Körper nach dem unmittelbaren Austritt der Seele
krampfartige Bewegungen ausführt, lösen diese keine
Empfindungen mehr aus, da sich die Seele bereits entfernt hat.
Sie tritt senkrecht durch den Kopf aus - ein Seher würde
wahrnehmen, daß das Gehirn dabei leuchtet - und hält dann eine
Weile meditierend vor ihrem Körper inne. Sie hat dieselbe Form
und dieselbe Farbe wie einst ihr Körper, weshalb der Tote
genauso aussieht wie der Sterbende.
In dem Augenblick, wo sich die Seele vom Körper trennt,
untersteht sie bereits den Gesetzen der geistigen Welt und lebt
dementsprechend. Nach ihrer Befreiung vom Körper geht sie,
wie ihr wißt, zuerst in den Chikai Bardo und dann in den
Chonyid Bardo. Ruft die Seele eines Verstorbenen nie hastig
zurück und haltet sie nicht durch Weinen und Klagen auf der
Erde fest. Wenn die Hohen Führer zustimmen, kann die Seele
den Lebenden erscheinen, um sie zu belehren, doch sie folgt
dabei stets den Gesetzen der Feinen Welt. Uns, in Bod-Yul,
wurde die Gnade zuteil, mit den Geistern zu sprechen, da wir nie
die Rückkehr des Körpers, sondern der Seele begehrten."
Er hielt einen Augenblick inne und ließ den Blick über uns
schweifen.
„Der Körper spürt also nur solange Schmerzen, wie er von der
Seele belebt wird. Nicht jeder Körper leidet, obwohl die Seele
bei allen Menschen gleich austritt. Das Leid vor dem Tod
betrifft vor allem sündige, gottlose Menschen, die nicht an die
Unsterblichkeit glauben und sich an den Körper klammern. Bei
diesem erbitterten Kampf hat die Seele die größte Mühe, sich
von ihrer irdischen Hülle zu befreien, und das verursacht dem
Körper Schmerzen. Zuweilen leidet jedoch auch die Seele, wenn
sie nicht rein genug und erdgebunden ist. Gott läßt dies Leid nur
deshalb zu, weil die Seele dadurch lernt, das Jenseits zu
-270-
würdigen. Vielen Menschen erscheinen im Augenblick ihres
Todes ihre Khilkors, die unglücklichen Geschöpfe, die sie durch
ihre eigenen schlechten Gedanken, durch den dunklen Anteil
ihres Selbst schufen. Der Schrecken, den sie dann verspüren,
läßt die Seele unsäglich leiden. Doch in diesem Augenblick
durchtrennen die weißgekleideten Boten der Herren des Arva
sanft die silberne Schnur.
Hat die Seele den Körper verlassen, wird sie auf der anderen
Seite von alten Freunden und Verwandten begrüßt, mit denen
sie einst auf der Erde zusammenlebte. Sie begegnet außerdem
den Geistführern der Freunde, die auf der Erde zurückgeblieben
sind. Unsere verstorbenen Hohenpriester und Mitbrüder steuern
von der Feinen Welt aus zusammen mit unseren Geistführern
das Leben der Klöster auf der Erde. Der neugeborene Geist wird
augenblicklich in seine Bruderschaft aufgenommen. Jene, die als
einfache Lamas in Bod-Yul starben, finden ihre Heimat
gewöhnlich im Vierten Ring. Deshalb berichten die Seelen dem
Hohenpriester von ihrer Stellung in der Anderen Welt, wenn sie
nach drei Tagen des Bardo aus freien Stücken zurückkehren,
damit die Priesterin diese notieren kann. Das Zeichen für die
Lamas des Vierten Himmlischen Rings ist V4B. ,V' bedeutet,
daß sie aus einem Lamakloster stammen, die Zahl den Ring, in
dem sich ihre geistige Kraft offenbart, während ,B' bedeutet, daß
sie auf der Erde als Meister, Lehrer oder Führer gearbeitet
haben.
Ich möchte noch etwas anfügen. Nur sehr selten wird die
Seele unmittelbar nach ihrem Tode auf der Erde wiedergeboren.
Diese irrige Annahme wird von den Bewohnern der Täler, dem
einfachen Volke verbreitet, da dieses nicht weiß, daß die
Notwendigkeit der Wiedergeburt auf dem Vierten Ring nicht
mehr besteht. Von dort inkarniert sich ein Geist nur aus freien
Stücken. Selbst auf dem Dritten Ring, der noch unter Akhor
fällt, werden die Seelen erst nach zwanzig, fünfzig, hundert oder
dreihundert Jahren wiedergeboren, ganz nach ihrem
-271-
Entwicklungsstand und ihrem Willen, sich zu bessern. Ich
wiederhole: Es geschieht äußerst selten, daß sich eine Seele, die
der Reinigung bedarf, gleich wieder auf der Erde verkörpert.
Unsere Prophezeiung sagt, daß sich dieser Aberglaube erst in
vielen tausend Jahren, in der Zeit des Niedergangs in Bod-Yul
verbreiten wird. Denn dann wird es viele Glaubensrichtungen
geben, und die Menschen der Welt werden sich dergestalt
miteinander vermischt haben, daß niemand mehr in der Lage
sein wird zu sagen, welche Religion richtig ist und allein im
Dienste des Geistes steht. Deshalb wird Gott den dann lebenden
Eingeweihten die Gnade verleihen, mit ihren Schutzgeistern
sprechen zu können, deren weiser Rat ihnen bei der Erlösung
helfen wird.
Vielleicht werden auch wir in jener fernen Zeit wieder auf der
Erde weilen", fügte er mit immer leiser werdender Stimme
hinzu, als spräche er zu sich selbst. „Heute mögen wir das
Zeichen V4B wohl noch verdienen, liebe Brüder. Doch wer
weiß, ob wir nicht morgen über eine Kleinigkeit stolpern,
worauf uns unser Hohenpriester ja gerade erst hingewiesen hat.
Seid deshalb unablässig auf der Hut und setzt eure Schritte
sorgsam, doch fürchtet euch nicht vor dem Tod, denn er
schmerzt nicht! Fürchtet euch vielmehr vor den Begierden des
Körpers, vor der Sünde und vor den Fallen, die Pholha, der
Versucher zu eurer Linken euch stellt! Möge der Allerhöchste
euch segnen und euch die Stärke geben, nach der höchsten
Tugend auf Erden zu leben, welche euch he lfen wird, alle
Hindernisse zu überwinden, jener Tugend, die mit den einfachen
Worten umschrieben werden kann: Seid gehorsam wie die
Kinder!"
Lhalu Lama! Dein gesegneter Name klingt noch heute in
meinen Ohren. Wie vermochtest du unsere Herzen in jener
Nacht zu beruhigen! Von diesem Augenblick an fürchtete ich
mich nie mehr vor dem Tod, und als ich an dieser Nacht zu Bett
ging, bat ich die Heilige Weisheit, dich immer so stark und fest
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zu erhalten wie jene Felsen, auf denen unser Kloster stand,
damit dein Geist die höchste Zahl melden kann, wenn er nach
deinem Tode zu uns zurückkehrt.
-273-
Kapitel 14
-274-
Jungfrauen geraubt hatten. Die letzten Gerächte besagten, daß
der Feind durch die tiefe Schlucht vor Samding marschierte.
Das Klosterleben hatte sich verändert. Wenn wir unsere
täglichen Gebete verrichtet hatten, glichen die Mönche einem
aufgescheuchten Bienenvolk. Die Lamas versammelten sich in
kleinen Gruppen in den Klassenräumen und im Hof und
besprachen aufgeregt die Kriegsnachrichten. Die Lamakrieger
aus Tampol-Bo-Ri waren mit den von Osten kommenden
Truppen schon lange gen Westen abgezogen. Nur eine
Kompanie war im Felsenkloster geblieben, damit die Soldaten
im Falle einer Gefahr die Schwerter erheben und unser Kloster
verteidigen konnten. Für diesen Notfall hatten uns der
Hohepriesters bereits jetzt freigestellt. So gingen wir nicht wie
gewöhnlich auf Kräutersuche, sondern halfen den Lamakriegern
dabei, große Flaschenzüge im Hof aufzustellen, mit deren Hilfe
dicke Steine und Felsblöcke vom Berghang emporgewuc htet
wurden. Diese Steine banden wir an Seile, welche oben an den
Mauern befestigt wurden. Die Krieger meinten, daß jedem die
Lust verginge, das Hauptkloster Tampol-Bo-Ri anzugreifen,
wenn diese Geschosse von der Mauer herabgeschleudert
würden.
Gleichzeitig beruhigten sie uns, daß wir nicht ausgehungert
werden könnten, da die unüberwindlichen Berge der Kangchen-
Gruppe mit ihren schmalen Pfaden verhinderten, daß der Feind
seine eigene Ernährung sicherstellte. Unsere Pläne bezogen sich
auf den schlimmstmöglichen Fall, da sich das Felsenkloster in
einem so versteckten, unwegbaren Teil von Bod-Yul befand,
daß der Feind wohl kaum hoffen durfte, so weit vorzudringen.
Am nächsten Nachmittag trafen immer neue Truppen aus den
östlichen Klöstern im Felsenkloster ein. Ich stand draußen und
unterhielt mich mit ihren Anführern, als mein Meister plötzlich
aus der Priestertür auf den Hof hinausstürzte und sich auf dem
Garba umschaute, als suche er jemanden. Augenblicklich verließ
ich die Soldaten und eilte zu ihm.
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„Ich habe dich gesucht, Ti-Tonisa!" An seiner Stimme hörte
ich, daß irgend etwas Schlimmes oder Unerwartetes geschehen
sein mußte.
„Gibt es schlechte Nachrichten, Meister?"
„Laß uns sofort in deine Zelle gehen! Es ist etwas
Schreckliches geschehen!"
Seine Schritte klangen schwer und nicht so behende wie
sonst, als er neben mir hereilte. Selbst sein Gesicht schien
blasser als gewöhnlich. Sobald wir auf meinem Steinbett Platz
genommen hatten, begann er:
„Was hast du gestern bei deinem Phoimonda gesehen? Unser
Hoherpriester läßt dir sagen, daß du mir und nicht ihm darüber
Bericht erstatten sollst. Beeil dich, denn die Zeit drängt!"
„Auf Befehl des Großen Lama ließ ich meinen Geist so weit
nach Westen ziehen, bis ich auf fremde Soldaten stieß. Ich sollte
Zeit und Ort der Begegnung festhalten und diese Informationen
beim nachmittäglichen Treffen mitteilen."
„Und was hast du gesehen, Ti-Tonisa?" drängte er.
„Ich ging im Geiste auf der Karawanenroute, das heißt, mein
Geist flog darüber hinweg. Zuerst sah ich keine Feinde in
Samding, doch als mein Geist weiter nach Westen flog, erspähte
ich Rauchsäulen am Horizont und brennende, vom Feind
geplünderte Dörfer."
„Wie weit sind sie von Samding entfernt?"
„Vielleicht zwei Tagereisen", antwortete ich verzagt, denn bei
dieser traurigen Botschaft war mir, als träfe mich ein Dolchstoß
mitten ins Herz, und ich wußte, daß es Lhalu ebenso erging.
„Das ist alles, was ich wissen wollte, Arau. Hör mir jetzt zu!
Auch ich habe in der letzten Nacht auf Befehl des Ichkitsu
meinen Geist ausgesandt, also einen Tag später als du. Die
Kaldis haben ihr Lager bereits unter den Mauern des Klosters
aufgeschlagen und bereiten sich auf den Angriff vor. Sie müssen
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erfahren haben, daß Samding das beste Yamgo von Bod-Yul ist.
und jetzt lechzen sie nach Beute. Vielleicht weißt du, Ti-Tonisa,
daß auch mein Vater und mein achtzehn Jahre alter Bruder in
diesem Landstrich wohnen. Sie sind Bauern in einem kleinen
Dorf namens Magal, ein paar Meilen südlich von Samding."
Ich hatte meinen Meister immer hoch geschätzt, doch jetzt
bewunderte ich seine erstaunliche Selbstbeherrschung ganz
besonders. Jeder andere Mensch hätte sich bei diesen
Schreckensmeldungen erregt, seine Stimme jedoch wurde
immer ruhiger.
„Meister! Was wird mit der kleinen Santemi geschehen?"
„Bereite dich auf eine große Reise vor, Ti-Tonisa! Mit
Erlaubnis unseres Hohenpriesters werden wir heute nachmittag
aufbrechen. Als ich ihm von der Gefahr berichtete, die unseren
besten Konvent bedroht, befahl er mir, mich augenblicklich auf
den Weg zu machen, um zu retten, was zu retten ist. Und du
wirst mich begleiten."
Vor Freude und Überraschung fehlten mir eine Weile lang die
Worte. Dann dämmerten mir plötzlich die Gefährlichkeit und
Hoffnungslosigkeit unseres Unternehmens, und dennoch waren
es seltsamerweise Freude und Begeisterung, die überwogen.
Selbst der Tod war hundertmal besser, als hier hilflos
herumzusitzen und immer neue, beunruhigende Gerüchte zu
hören.
„Wie viele von uns werden dies gewagte Abenteuer
unternehmen? Werden uns Soldaten begleiten?"
„Du und ich, das sind zwei, nicht wahr?" antwortete Lhalu zu
meinem größten Erstaunen. „In Wahrheit habe ich keine
Ahnung, wie wir die Sache angehen sollen und ob wir überhaupt
helfen können. Doch müssen wir gehen, und zudem ohne
Soldaten, denn wir sind keine Kämpfer, sondern Priester.
Deshalb dürfen wir weder Waffen noch Bewaffnete mit uns
nehmen, denn das widerspricht unserem Gelübde. Vergiß nicht,
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daß wir das Leben unserer Mitmenschen selbst in größter Gefahr
schonen müssen. Wir können nur auf die Hilfe der Heiligen
Weisheit vertrauen. Mach dich bereit und schütze dich mit
Pelzmantel und Pelzmütze vor der Kälte. Die Trapas sollen
einen Sack mit Nahrungsmitteln für vier Wochen und ein Zelt
auf zwei Maultiere packen und die Tiere am frühen Nachmittag
im Garba bereitstellen."
An diesem Nachmittag verließen zwei einsame Wanderer mit
ihren Maultieren den Hof des Felsenklosters. Lhalu blieb an der
Wegkreuzung stehen und sprach das Gebet der Reisenden,
welches die Bewohner Bod-Yuls vor gefahrvollen
Unternehmungen rezitieren: „Große Weisheit, sei du unser
Begleiter und Ratgeber. Gib uns die Fähigkeit, in die Seelen der
Fremden zu schauen, damit sie uns nicht schaden. Sollten
Gefahren auf dem Wege lauern, laß sie uns im voraus wissen,
damit wir sicher an unser Ziel gelange n."
Ohne unser Zelt aufzuschlagen, stiegen wir die ganze Nacht
hindurch den Berg hinab. Erst im Morgengrauen lag der
Aufstieg vor uns, doch wir waren nicht müde. Wir sprachen sehr
wenig. Mein Meister äußerte sich nur selten, und auch ich war
tief in meine Gedanken versunken. So vergingen die Tage. Wir
verbrachten die Nächte in Dörfern oder Höhlen, doch bei Tage
wanderten wir ohne Rast. Nach einem zweiwöchigen harten
Marsch hatten wir etwa die Hälfte des Weges zwischen Tampol-
Bo-Ri und Samding zurückgelegt, als wir auf die ersten
Flüchtlinge stießen. Es handelte sich um einfaches Volk, Frauen,
Kinder und Bergbewohner, die ihre Maultiere bis zum
Zusammenbruch mit ihren dürftigen Habseligkeiten beladen
hatten. Ich war noch nie in den nordwestlichen Bergen
unterwegs gewesen, doch angesichts der abweisenden,
himmelsstürmenden Gipfeln und der fast unpassierbaren
gewundenen Pfaden konnte ich mir kaum vorstellen, daß der
Feind eine Chance hatte, so weit vorzudringen. Wir kletterten
durch eine zwei Meilen lange Schluc ht, in welcher der Weg
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kaum eine Elle breit war, weshalb wir uns und die Maultiere mit
langen Seilen aneinanderbanden und uns unter Lebensgefahr an
der Felswand entlangtasteten.
Am folgenden Tage trafen wir erneut auf Flüchtlinge,
darunter auf zwei verwund ete Trapas, die aus der Umgebung
von Samding stammten. Sie sagten uns, daß die chaldäischen
Soldaten das Yamgo bereits seit einer Woche belagerten. Es sei
ihnen jedoch noch nicht gelungen, dieses einzunehmen, obwohl
die Verteidiger nichts anderes getan hatten, als das Tor des
Kharlam mit gewaltigen Steinbrocken zu blockieren. Wenn
einige Feinde es schafften, die steilen Wälle hinaufzuklettern,
wurden sie von den Lamakriegern einfach wieder
hinabgestoßen. Die Trapas berichteten außerdem, daß
unglücklicherweise nur wenige Lamakrieger Samding
verteidigten. Sollte es den Belagerern gelingen, diese einen nach
dem anderen mit ihren Pfeilen zu erschießen, würde sie
letztendlich nichts daran hindern können, die Wände zu
erklettern und den Konvent zu stürmen.
Nach dieser bedrückenden Nachricht trieben wir unsere
müden Maultiere zu noch größerer Eile an und schliefen nachts
kaum mehr als fünf Stunden. Wir trafen nur noch vereinzelt auf
Flüchtlinge, und an den letzten beiden Tagen begegnete uns
niemand mehr. Unser Pfad hatte lange steil bergauf geführt, und
nach einer großen Biegung sahen wir am Morgen des
zwanzigsten Tages die schneebedeckten Gipfel des Tise, unter
welchen sich die grauen Mauern des Konvents von Samding
erhoben. Der Weg stieg hier wieder sehr steil an und führte fast
senkrecht zum Gipfel empor.
„Sollte Samding gerettet werden", keuchte Lhalu außer Atem,
„wird der Feind nicht weiter vordringen. Diese Pfade sind
unpassierbar für eine Armee. In alten Zeiten verliefen sich alle
Einfälle von außen weit vor Samding. Wir sollten uns beeilen,
Ti-Tonisa, ich habe böse Vorahnungen. Mir gefällt diese Stille
nicht, und auch die Landschaft wirkt trostlos."
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Meine Lungen arbeiteten schwer, ich rang nach Luft und
mußte eine Weile rasten. Ich bewunderte die Zähigkeit meines
Führers, der nur dank seines eisernen Willens durchhielt. Wir
kletterten bis in die Nacht einen Pfad empor, der sich bis zum
Himmel zu heben schien, und legten so an einem Tage zwei
Tagesreisen zurück. Schon standen wir auf einem hohen Sockel,
und kaum fünfhundert Schritte vor uns ragten die Mauern des
Yamgo auf. Da sich der Eingang auf der westlichen Seite
befand, mußten wir um den Kharlam herumgehen. Es herrschte
eine tödliche Stille. Angespannt spähte ich nach rechts und
links, weil ich wußte, daß der Feind nicht fern sein und uns ohne
Vorwarnung überfallen konnte. Als wir die westliche Seite des
Sockels erreicht hatten, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich riß
so stark am Halfter meines Maultieres, daß das arme Tier
entrüstet schnaubte. Lhalu starrte mit weit aufgerissenen Augen
um sich. Der breite Sims vor dem großen steinernen Tor war
übersät von den Leichen der Lamakrieger. Rechts sah ich einen
blutverschmierten Körper ohne Kopf, der zwischen den Leibern
zweier assyrischer Soldaten in langen Gewändern lag. Die
Barrikade vor dem Tor war zusammengebrochen, und überall
verstreut lagen große Felsbrocken umher. Lhalu schaute mich
an.
„Sei stark", flüsterte er mit brennenden Augen.
Er band sein Maultier an einen Pflock neben dem Tor, stieg
über die Toten und ging schleppenden Schrittes in den Hof. Ich
eilte an seine Seite, doch der Anblick, der mich dort empfing,
erregte mich so, daß ich mich an eine Wand lehnen mußte.
Niemals zuvor in meinem jungen Leben hatte ich die
erbarmungslosen Spuren von Tod und Verfall in ihrer nackten
Wirklichkeit gesehen. Ein Brechreiz würgte meine Kehle, und
wenn Lhalu nicht dagewesen wäre, wäre ich davongelaufen.
Im großen Hof herrschte Stille. Die Feinde waren abgezogen,
es gab nur noch Leichen. Fünfzehn bis zwanzig assyrische
Krieger lagen erschlagen oder erschossen zu beiden Seiten der
-280-
Empfangshalle. In der Mitte des Garba, neben der Quelle, lagen
die verstümmelten Leichen von Lamakriegern. Doch der
furchtbarste Anblick waren vier unschuldige junge
Priesterinnen, die mit unnatürlich verzerrten Gliedern und
blutverschmiertem Haar gegen die Mauer lehnten.
„Zu spät", flüsterte Lhalu, „zu spät!"
In seinen Augen glitzerten Tränen. Er stand mit hängenden
Armen mitten auf dem Klosterhof, die aufrechte Gestalt leicht
gebeugt. Doch gleich riß er sich wieder hoch.
„Wir müssen das Kloster durchsuchen, Arau. Es ist unsere
Pflicht, dem Hohenpriester zu berichten, was wir gesehen
haben."
Die Bilder, die uns in den Innenräumen des Konvents
empfingen, glichen einem Alptraum. Da die Soldaten in den
kahlen Zellen nichts fanden, hatten sie in ihrer blinden Wut die
Einrichtung des Tempels in Stücke geschlagen. Die Priesterin
des Konvents und ihr Hoherpriester saßen bewegungslos auf
dem Zwillingsthron im großen Chang. Die Priesterin hatte die
Augen geschlossen, und ihre Züge waren in einem seligen
Lächeln gefroren, während der Große Lama mit streng
gerunzelter Stirn dasaß, die Augen in Todesstarre ins Nichts
gerichtet. Aus ihren Herzen ragten die Enden gefiederter Pfeile,
die man in den Falten ihrer prächtigen Gewänder kaum
wahrnehmen konnte. Als alles verloren war, hatten sie sich wohl
in die Versammlungshalle zurückgezogen, um auf dem
Zwillingsthron majestätisch das unweigerliche Ende zu
erwarten.
Lhalu erstarrte einen Augenblick, dann warf er sich vor dem
Thron zu Boden. Ich fiel auf die Knie und begann zu beten.
„Laß uns gehen, Arau", sagte er mit belegter Stimme und
stand auf. „Dies ist ein Konvent der Geister. Wir haben hier
nichts mehr verloren."
Mit müden Schritten gingen wir durch die große Halle. Wir
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durchsuchten die Zellen im ersten Stock und im Erdgeschoß,
doch wir fanden keine lebende Seele. Als wir den Klosterhof
überquerten, hielt mein Meister vor den blutverschmierten
Leichen der kleinen Mädchen an, die an der Mauer lehnten.
Prüfend blickte er noch einmal in ihre Gesichter, dann seufzte er
und sagte:
„Sie ist nicht dabei."
Ich gab keine Antwort. Was sollte ich sagen? Zum erstenmal
in meinem Leben spürte ich, daß die Sorge um das Leben eines
geliebten Menschen furchtbarer ist, als eigene geistige oder
körperliche Schmerzen. Wir banden unsere Maultiere los, und
Lhalu deutete auf einen felsigen Pfad, der nach Süden führte.
Jetzt sprach er ihren Namen zum erstenmal aus.
„Santemi ist verschleppt worden, genau wie ihre zweihundert
Gefährtinnen. Den Spuren nach zu urteilen, haben sich die
plündernden Horden nach Magal zurückgezogen, in mein Dorf.
Es gefällt der Allmächtigen Weisheit, Ihren treuen Diener Lhalu
das Gewicht Ihrer Hand spüren zu lassen. Ihr heiliger Wille soll
geschehen. Komm, Ti- Tonisa, wir wollen sehen, welche Art von
Kummer das Schicksal noch für uns bereithält."
Mit müden Schritten stolperten wir den Pfad entlang, der nach
Süden führte. Bis jetzt hatten wir nur Tod und Verwüstung
angetroffen, jedoch nicht unsere Feinde. Lhalus Geburtsort lag
kaum fünf Meilen von Samding entfernt, und der Weg vom
Kloster führte direkt zum Dorf. Nach einer Felswand tauchte das
Tal gegen Mittag plötzlich unter uns zwischen den Wolken auf.
Ich ging voraus, führte die Maultiere und achtete auf jeden
Schritt, um auf dem steilen Weg nicht zu stolpern, doch jetzt
blieb ich stehen und schaute meinen Führer besorgt an. Unten
im Tal hatte ich einzelne Hütten ausgemacht, doch der Qualm,
der in dicken Säulen aufstieg, stammte nicht aus Rauchabzügen.
„Das Dorf brennt!" rief Lhalu und blieb stehen. „O Gott,
welch andere Prüfungen mögen uns dort erwarten! Beeil dich,
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Freund!"
In fieberhafter Eile stolperten und rutschten wir den steinigen
Pfad hinab, so daß die Maultiere uns kaum zu folgen
vermochten. Als wir das Tal erreichten, empfing uns ein wüster
Anblick. Die kleine Ansiedlung, in der Bauern und Tierzüchter
gelebt hatten, brannte wie ein Heustock.
Wir blieben stehen, unfähig weiterzugehen. Die rasche Folge
von Schicksalsschlägen schien unsere verbliebene Kraft
aufzubrauchen.
„Meister!" schrie ich plötzlich. „Sieh doch! Schwarze
Schatten zwischen den Flammen! Der Feind ist noch im Dorf!"
Lhalu ging wie ein Schlafwandler, ohne meine Worte zu
beachten, auf das erste Haus des Dorfes zu, und ich folgte ihm
mit klopfendem Herzen. Die Maultiere schnaubten und scheuten
vor dem Geruch des Brandes zurück.
„Das ist mein Elternhaus", rief Lhalu und deutete auf ein
Steingebäude am Rande des Dorfes, auf dessen verkohltem
Dach die Balken noch glommen. Felder, Gärten und Ställe lagen
verwüstet, die Schafpferche waren geöffnet. Ohne die Gefahr zu
beachten, band Lhalu sein Maultier an einen Baum und stürzte
ins Haus. Als ich ihm folgte, fand ich ihn auf dem Boden
liegend vor der Leiche eines grauhaarigen alten Mannes. Dies
war das erstemal, daß ich meinen Meister weinen sah. Plötzlich
bewegte sich etwas in der Ecke. Ich drehte mich um, bereit zum
Sprung, denn ich hatte mir vorgenommen, das Leben meines
Meisters notfalls mit meinem eigenen Leben zu verteidigen.
Doch es war nur der zitternde alte Diener.
„Herr!" rief er mit bebender Stimme. „Herr!"
Er warf sich vor Lhalu auf den Boden und küßte den Saum
seines Gewandes.
„Changpo!" flüsterte mein Meister, hob sein
tränenüberströmtes Gesicht und streichelte den Rücken des alten
Mannes. „Changpo! Was ist geschehen? Wie starb mein Vater?
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Und wo ist mein Bruder, Gonisa?"
„Mein Herr! Dem Himmel sei Dank, daß ihr endlich da seid!
Gesegnet sei der Name der Großen Weisheit! Euer Vater wurde
von den Assur-pas ermordet. Ich zog den Pfeil aus seiner Brust.
Ich wollte ihn verteidigen, doch sie schlugen mich nieder und
warfen mich in die Ecke. Euer Bruder Gonisa schlief. Sie
überfielen uns früh am Morgen, kurz nach der Dämmerung. Sie
bemerkten seinen kräftigen Körper, befühlten Arme und Beine,
dann fesselten sie ihn auf Befehl ihres Hauptmanns und führten
ihn weg. Er konnte sich nicht wehren, da wir im Schlaf
überrascht wurden. Sie trieben viele Gefangene vor sich her,
hauptsächlich Frauen. Jetzt sind sie am anderen Ende des Dorfes
und plündern dort die Häuser, doch der größte Teil der Truppen
hat sich bereits nach Süden zurückgezogen."
Er stieß alles in einem einzigen Redeschwall hervor und
begann dann zu weinen. Lhalu kniete vor der Leiche seines
Vaters und betete, als habe er nicht zugehört. Ich stand noch
immer bei der Tür und wollte gerade zu meinem Meister gehen,
um ihn zu trösten, als vor mir auf dem Boden ein Schatten
auftauchte. Unwillkürlich sprang ich beiseite. Ein wild
aussehender Krieger mit schwarzem Bart, einen eisernen Helm
auf dem Kopf, erschien in der Tür. Als er bemerkte, daß es
Überlebende gab, zückte er den Bogen und zielte auf meinen
knienden Meister. Im selben Augenblick schnellte ich den
rechten Arm empor und ließ die Kante meiner Hand in hohem
Bogen auf seinen Hals niedersausen - genauso wie ich zu Hause
die Schafe vor dem Schlachten betäubt hatte. Dem Assyrer blieb
noch nicht einmal Zeit für einen Seufzer. Er krachte auf den
glatten Lehmboden, und sein Bogen fiel scheppernd neben ihn.
Lhalu sprang auf die Füße und starrte ihn an. Dann fiel sein
Blick auf mich. Ich stand mit schuldbewußter Miene da und
wagte nicht, ihn anzusehen.
„Ti-Tonisa! Wie konntest du so etwas tun? Du hast dein
Gelübde gebrochen! Habe ich dir nicht gesagt, daß du niemals
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die Waffe gegen einen Feind erheben darfst?"
„Meister!" antwortete ich, von einem Fuß auf den anderen
tretend. „Ich habe doch gar keine Waffe! Ich gab ihm nur mit
der Handkante einen Schlag auf den Hals. Sollte ich mit
gefalteten Händen zusehen, wie er dich mit einem Pfeil
durchbohrt? Außerdem kann er nicht tot sein, er ist nur für ein
oder zwei Stunden betäubt."
So gestattete mir das Schicksal, das Leben meines Führers zu
retten, so wie er an meinem ersten Tag im Felsenkloster mein
Leben rettete. Erst jetzt begriff Lhalu, daß er in Lebensgefahr
geschwebt hatte. Ein Lächeln erhellte sein trauriges Gesicht.
„In Ordnung, Ti-Tonisa! Du bist ein mutiger Junge - und ein
wahrer Freund. Doch deine gedankenlose Tat bewirkt nichts,
denn was wolltest du tun, frage ich dich, wenn uns eine ganze
Kompanie feindlicher Männer begegnete? Behalte Fassung, Ti-
Tonisa, denn schon bald werden wir all unsere Stärke brauchen.
Vertraue mir. Ich spüre, daß wir mit Gottes Hilfe auch dieser
Gefahr entrinnen werden. Du hast mit eigenen Ohren gehört,
daß sich der Feind im Rückzug befindet. Die Bergriesen von
Samding haben den plündernden Horden einmal mehr den Weg
verstellt. Komm, wir wollen weiter ins Dorf vordringen und
erkunden, ob wir unseren gefangenen Brüdern zu helfen
vermögen."
Er war wieder der alte Lhalu, geradlinig wie ein Pfeil,
würdevoll, mit eindrucksvollem Blick. Das Feuer, das in seinen
Augen brannte, gab seinem Gesicht eine übernatürliche
Ausstrahlung.
„Begrabe meinen Vater, Changpo, und warte hier mit den
Maultieren auf uns. Wir kehren zurück und nehmen dich mit
zum Felsenkloster."
Wir eilten die lange, kurvige Straße hinab. Hier und dort
suchten wir in den Hütten nach Verletzten, doch überall glotzte
nur das starre, blutbefleckte Antlitz des Todes zurück. In der
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Mitte des Dorfes Magal ertönte plötzlich aus einem großen
Steinhaus ein heiserer Schrei, dem unmittelbar darauf ein
durchdringendes Kreischen folgte. Ohne nachzudenken
sprangen wir durch die offene Tür, doch an der Schwelle blieben
wir wie angewurzelt stehen. Ich lehnte mich gegen den
Türrahmen, um nicht umzufallen.
Gütiger Himmel und Ihr Hohen Führer! Dasselbe Bild, das
ich vor Jahren zweimal in meiner Verzückung geschaut hatte,
bot sich mir in unbeschreiblicher Genauigkeit dar, doch jetzt
waren die Gesichter der Beteiligten nicht verschwommen.
In dem verwüsteten Raum lag der Körper eines assyrischen
Kriegers, dem ein Dolch aus dem Rücken ragte. Er gab gerade
seine Seele auf, denn seine Beine zuckten. Dann regte er sich
nicht mehr. Und vor ihm, auf der rechten Seite, den Rücken uns
zugewandt, lag zusammengekrümmt Santemi, und Blut rann aus
einer Wunde auf den Boden. Neben ihr lag das Beil des
Soldaten, das er mit letzter Kraft nach ihr geworfen haben
mußte.
„Santemi!" rief mein Meister und kniete im nächsten
Augenblick an ihrer Seite. „Hilf mir, Ti-Tonisa!"
Vorsichtig hoben wir ihren schmächtigen, federleichten
Körper hoch und legten ihn mit dem Gesicht nach unten auf eine
Rohrliege. Der Anblick der Finger ihrer linken Hand, die immer
noch den Talisman umklammerten, den sie um den Hals trug,
war mehr als ich ertragen konnte, und ich brach in Tränen aus.
„Sei still, Arau! Bring mir sofort Wasser und suche nach
sauberen Tüchern. Hab keine Angst, alles wird gut, denn ihr
Herz schlägt noch."
Noch nie hatte ich sein Gesicht so ruhig gesehen. Es leuchtete
wie nicht von dieser Welt. Ich stieg über den toten Assyrer
hinweg und eilte in die Küche, wo ich einen Krug Wasser fand.
Den trug ich ins Zimmer und öffnete irgendeine Truhe, aus der
ich wollene Hemden, Seidentücher und Leinenstoffe zerrte. Aus
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der Ferne tönten die Schreie der feiernden Soldaten. Mir war
klar, daß sie jeden Augenblick hier auftauchen konnten, da sie ja
wußten, daß sich einer der ihren hier mit einer Gefangenen
vergnügte.
Lhalu hielt seine Finger eine Weile über das Wasser, dann
strich er mit den Händen abwärts über seinen Kianghaarmantel.
Diesen Vorgang wiederholte er dreimal. Ich wußte, daß er
magnetische Ströme durch die Fingerspitzen ins Wasser lenkte,
womit er dieses nicht nur entkeimte, sondern ihm große
Heilkraft gab. Genauso verfuhr er mit einem Unterhemd, das ich
in Streifen gerissen hatte, tauchte die Fetzen ins Wasser und
wusch damit die klaffende Wunde. Das Beil hatte eine üble
Verletzung gerissen, mindestens eine Hand breit und zwei
Hände lang. Sie befand sich knapp unterhalb des siebten
Wirbels unter der rechten Schulter. Nachdem Lhalu den übel
aussehenden Schnitt mit magnetisiertem Wasser gereinigt hatte,
hörte dieser auf zu bluten. Bewegungslos und gesammelt hielt
mein Meister seine Hand eine Weile lang über die Wunde. Dann
wies er mich an, das Leinen in noch schmalere Streifen zu
reißen und ihm diese einen nach dem anderen zu reichen. Nicht
umsonst war er der berühmteste Arzt Bod-Yuls, denn er
versorgte die Wunde gekonnt und rasch. Dann zog er dem
Mädchen die Pelzweste über. Wir setzten Santemi vorsichtig
auf. Lhalu legte eine Hand auf ihre Stirn, die andere auf den
Nacken und wiederholte diesen Vorgang dreimal. So stärkte er
sie mit dem Großen Magnetismus und erfüllte sie mit
Lebenskraft. Dann legten wir sie behutsam wieder auf die rechte
Seite mit dem Rücken zur Wand. Sie war noch immer
bewußtlos, doch sie atmete bereits schwach, und ihre starren,
erschöpften Züge hatten sich entspannt. Immer noch preßte sie
ihr Amulett an die Brust.
In diesem Augenblick drang das Geräusch schwerer Schritte
und klappernder Waffen an unser Ohr. Ich hob erschreckt den
Kopf, mein Herz machte einen Sprung. Gott, dein Wille
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geschehe, dachte ich, während mein Gehirn fieberhaft arbeitete.
Ich fühlte einen fast unwiderstehlichen Drang zu Handeln.
Sollten wir jene, die wir gefunden hatten und die uns beiden so
viel bedeutete, wieder verlieren und zusammen mit ihr sterben?
„Uparnissur", seufzte ich und hob meine Augen gen Himmel,
„ich rufe dich. Auch du gehörtest einst zu den Assyrern und
brachtest ihnen das Licht. Bitte, hilf uns jetzt!"
Lhalu schaute mich an und stand auf. Ein Trupp Krieger
drängte sich brüllend durch die Tür. Sie sahen wild aus, trugen
schwarze, lange Kettenhemden, und ihre Schwerter glänzten
bedrohlich im Sonnenlicht. Ich wußte, daß wir sterben mußten,
doch seltsamerweise hatte ich keine Angst. „Vertraue!" hörte ich
eine Stimme in meinem Innern. „Hab keine Angst, vertraue!
Erinnerst du dich an das letzte Bild im himmlischen
Felsenkloster, Ti- Tonisa?"
„Bei Marduk!" schrie der Hauptmann des Trupps in
chaldäischer Sprache. Ich verstand ihn ausgezeichnet, denn
außer der Khem-Sprache wurden wir auch in Chaldäisch
unterrichtet. „Was ist hier los?"
Als er seinen toten Kameraden erblickte, der, seiner Kleidung
nach zu urteilen, ein hoher Offizier gewesen sein mußte, brüllte
er auf. Seine Männer umringten uns. Ich hatte noch nie einen so
häßlichen, abstoßenden Mann gesehen wie diesen Hauptmann.
Über seinem linken Auge prangte eine weißliche Narbe und das
Augenlid hing schlaff herunter.
„Kalu!" rief er. „Was soll das bedeuten, du Priester! Ich
verschleppe dich in die finsterste Ecke von Nirgal, wenn du
dafür verantwortlich bist!"
Lhalus Augen blitzen. Dasselbe seltsame Feuer glomm darin
wie damals auf dem Hof des Felsenklosters, als mich die
Soldaten aus Gyanak angegriffen hatten. Er richtete sich auf.
Obwohl er einen Kopf kleiner war als die assyrischen Krieger,
schien er jetzt der Größte im Raum zu sein.
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„Seit wann sprechen die Krieger seiner Majestät Hadad-Nirari
in einem solchen Ton?" fragte er in fließendem Chaldäisch.
„Redet man so mit einem Baru, einem Arzt, der außerdem
Priester und Sterndeuter ist wie eure Ashipus?"
„Wenn du wirklich ein Baru bist, dann beantworte mir meine
Frage, sonst wirst du dank meines Schwertes den sechshundert
Göttern der Unterwelt Gesellschaft leisten! Dort kannst du dich
bei den Annunakis beschweren, da du unsere Sprache ja so gut
beherrschst!"
Lhalu stand ganz still, er blinzelte noch nicht einmal.
„In deinem Land", sagte er mit ruhiger Stimme, „im Großen
Reich zwischen den beiden Flüssen, befindet sich ein großer
Ziggurat. Dort erheben sich die himmelsstürmenden Mauern
und Terrassen der großen Stadt Babilu an den Ufern von Purattu
und Diklat. Letzte Nacht war ich in meinem Traume dort und
sprach mit dem Gärtner des königlichen Palastes. Er beschwerte
sich, daß sein Sohn Ingidi, der in der fliegenden Marschkolonne
seiner Majestät Hadad-Nirari dient, ihn schlecht behandle und
ihm nichts von seiner Beute abgebe. Ja, du scheinst zu
vergessen, daß sich dein Vater um deine Frau kümmert, die dir
übrigens in der letzten Nacht einen Sohn geboren hat."
Lhalu starrte vor sich hin und blickte nach innen, während
seine unbeweglichen Augen in einem unirdischen Feuer
glommen. Es war das erstemal, daß ich Lhalu Lama in der
Trance der Seher erlebte, mit der mich Gott ebenfalls zuweilen
segnete. Doch was er vollbrachte, übertraf alles, was ich mir auf
diesem Gebiet vorzustellen vermochte.
„Was? Was hast du gesagt?" rief der Hauptmann, und ich
bemerkte, daß er trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe erblaßte.
„Mein Vater - im Ziggurat… Und meine Frau hat mir einen
Sohn geboren? Woher kennst du meinen Namen?
Menschenskind! Woher weißt du das alles?"
„Glaubst du mir jetzt, daß ich ein Ashipu bin?" fragte Lhalu
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Lama.
„Ein Sohn! Wurde mir seitdem ein Sohn geboren? He, du
Hexenmeister von einem Baru! Wenn das stimmt, dann solltest
du dich besser erklären, denn ich könnte Gnade walten lassen.
Woher, um Himmels willen, wußtest du meinen Namen?"
„Hör mir zu, Hauptmann", sagte Lhalu, ohne seine Frage zu
beantworten, „ich kann dir in drei Sätzen berichten, was hier
geschehen ist. Mein Schüler und ich suchten nach Verwundeten,
und als wir Schreie hörten, schauten wir in dieses Haus. Auf
dem Boden lag dieser ermordete Offizier, und auf dem Bett dort
die kleine Gefangene. Sie war wahrscheinlich von dem Soldaten
belästigt worden, und da sie sich wehrte, warf er sein Beil nach
ihr. Dort liegt es, neben dem Bett. Da ich auch Arzt bin,
versuchte ich, dem Offizier zu helfen, doch er war schon tot.
Dann versuchte ich, das Mädchen zu beleben, doch sie war
ebenfalls bereits gestorben. Seht, ihre Kleider sind blutgetränkt!
Gibt es noch andere Verwundete im Dorf?"
Bei diesen kühnen Worten ergriff mich die Furcht. Was, wenn
sie ihm nicht glaubten und Santemi genauer untersuchten?
„Du bist also auch ein Ashu?" fragte der Hauptmann erstaunt.
„Also, für einen Chirurgen hätten wir wirklich Verwendung."
Ein großer Krieger trat vor und untersuchte die Leiche des
Offiziers. Dann ging er durch den Raum und blieb vor Santemis
Bett stehen. Die Soldaten schienen verwirrt zu sein, und ohne
Anweisungen ihres ebenso verwirrten Hauptmanns wagten sie
nicht zu handeln. Einer der Krieger, der in der hinteren Reihe
stand, erhob die Stimme.
„Achtung Herr! Diese Lamas aus Bod-Yul sind alle
Hexenmeister. Sie kennen alle möglichen Zaubertricks. Sie
reden ja sogar in unserer Zunge! Was, wenn sie unseren
Kameraden doch getötet haben?"
Die anderen faßten bei diesen Worten Mut, ein Raunen ging
durch die Soldaten, und sie umringten uns noch dichter. Der
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große Krieger vor Santemis Bett betrachtete das Mädchen
eingehend.
„Was schaust du?" fragte mein Meister ihn ruhig. „Sieh mit
eigenen Augen, wie sich die Krieger Hadad-Niraris in Bod-Yul
benehmen. Kommt alle her, und seht sie euch an! Es ist
mannhaft, den Feind in der Schlacht zu besiegen, doch
gegenüber wehrlosen Frauen gewalttätig zu werden und sie mit
gefesselten Händen zu verschleppen, zählt wahrlich nicht zu den
Heldentaten der tapferen Kaldi- Armee!"
„He, Priester, hüte deine Zunge!" fuhr ihn der große Krieger
an, verließ Santemis Bett und kam mit einem tückischen
Gesichtsausdruck näher. „Willst du uns lehren, wie wir uns in
diesen teuflischen Bergen zu benehmen haben? Hier gibt es
nicht einen Schluck Wein, und ein Mann friert sich zu Tode.
Und du beschwerst dic h darüber, daß wir uns an Frauen
wärmen?"
„Du brauchst tatsächlich Wärme", antwortete Lhalu,
„besonders, seit du dir in den Sümpfen von Mon-Yul das Fieber
zugezogen hast. Heute nacht wirst du einen Anfall erleiden,
denn ein solcher befällt dich gewöhnlich alle zwei Wochen. Es
ist wieder einmal so weit, das sehe ich an deinem Gesicht. Du
brauchst keine Frau, mein Freund, sondern viel heißen Tee und
zwei warme Decken."
Die anderen brüllten vor Lachen, und der lange Hals des
großen Soldaten wurde noch länger, als er verblüfft den Kopf
hob.
„Ashipu! Ein Hexenmeister!" stöhnte er erblassend, und im
nächsten Augenblick schlugen seine Zähne klappernd
aufeinander.
„Siehst du?" sagte mein Meister und ging auf ihn zu. „Es
fängt bereits an. Doch ich werde dich heilen, dann bist du die
Krankheit für diesen Sommer los."
Er legte seine Hände auf Stirn und Nacken des Soldaten, dann
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preßte er sie gegen dessen Rücken unter die Schulterblätter.
Dem Soldaten war es, als spüre er ein rotglühendes Eisen. Er
wand sich mit klappernden Zähnen unter Lhalus Griff. Doch
plötzlich richtete er sich mit breitem Lächeln auf.
„Noch nie in meinem Leben fühlte ich so gute Wärme! Ihr
seid ein wahrer Zauberer, Herr. Ich hatte heute morgen wirklich
das Fieber, und wenn ihr nicht gewesen wäret, hätte ich die
ganze Nacht im Zelt gezittert. Statt dessen fühle ich mich wie
ein neugeborener Säugling, der seinem engen Gefängnis
entronnen ist."
Ich bemerkte, daß Lhalu um Fassung rang. Immer öfter
blickte er zu Santemis Bett. Die Feinde, ein wilder Haufen
tapferer Krieger, glichen jetzt staunenden Kindern.
„Laßt die Toten ruhen, Baru", sagte der Hauptmann und
klopfte Lhalu auf die Schulter. „Komm mit uns. Solche Priester
und Heiler können wir gut gebrauchen. Unser General wird
mächtig froh sein, da bin ich sicher!"
Lhalu schaute mich besorgt an. Die gespannte Lage lastete
schwer auf uns. Santemi jetzt mit ihren schlimmen Verletzungen
allein zu lassen, war schlimmer als der Tod! Plötzlich kam mir
ein Gedanke, und ich trat vor.
„Hauptmann", begann ich, „nichts würden wir lieber tun, als
eurem großzügigen Angebot nachzukommen, doch wir müssen
noch eine Weile hierbleiben. Dies tote Mädchen", ich deutete
auf Santemis Körper, „ist die kleine Schwester meines Meisters,
die im Konvent lebte. Ihr könnt euch seinen Gram vorstellen, als
wir bei unserem Versuch, Menschen zu heilen, seine sterbende
Schwester fanden, die bald darauf in seinen Armen verschied."
Die Soldaten blickten uns bewegt an. Trotz ihrer Wildheit
schien die Menschlichkeit die Oberhand zu gewinnen, was vor
allem Lhalus Weissagungen zuzuschreiben war.
Der große Soldat trat wieder an Santemis Bett und blickte sie
mitleidig an. Ich betete zu Gott, daß sie sich nicht gerade jetzt
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bewegen mochte, denn die freundliche Haltung der Assyrer
hätte sich wandeln können, wenn sie sahen, daß sie lebte.
„Wir bedauern, daß dies geschehen ist, Baru", sagte der
Hauptmann mit der Narbe über dem Auge. „Doch tröste dich. Es
mag das Beste für euch sein. Wir haben strenge Anweisungen,
alle lebenden und verwundeten Frauen aus Bod-Yul in die Lager
zu bringen. Im Westen gibt es zu wenig Frauen, und die euren
haben viele Fähigkeiten."
„Schaut nur, was für ein hübsches Mädchen sie war. Armes
Ding!" sagte der Große, der Santemi noch immer betrachtete.
„Wie die Göttin Ninkhurshag oder Ishtar, die Gefährtin des
Mondes!"
„Ich danke euch für eure herzliche Anteilnahme", antwortete
Lhalu angespannt, was sie jedoch glücklicherweise seiner
Trauer zuschrieben, „doch jetzt bitte ich euch, mich meinem
Gram zu überlassen, damit ich meine kleine Schwester begraben
kann. Wenn das getan ist, werden wir euch ins Lager folgen."
Der Hauptmann nickte verständnisvoll und wies seine Männer
an, ihm zu folgen. Die ganze schlimme Horde drängte sich aus
dem Raum, und auch der Hauptmann stand bereits auf der
Schwelle, als er sich plötzlich umdrehte.
„Ich lasse euch einen meiner Männer hier, Baru. Er wird beim
Begräbnis helfen. Diesen kleinen Gefallen müßt ihr als Dank für
die Weissagung annehmen, daß mir in der letzten Nacht ein
Sohn geboren wurde. Mein Mann wird euch helfen, den
gefrorenen Boden aufzugraben. Wir haben ein Sprichwort: ,Es
ist leidvoll für jenen der trauert, ein Grab zu graben.'"
Umsonst lehnten wir sein Anerbieten ab, der Hauptmann blieb
eisern und befahl ausgerechnet Gibil, dem Lanzenträger, bei uns
zu bleiben und bei der Beerdigung zu helfen. Als die Soldaten
gegangen waren, schauten wir uns an. Lhalu befürchtete, daß
jede weitere Verzögerung Santemis Leben gefährdete, und das
nicht nur, weil die Behandlung der Wunden unterbrochen
-293-
worden war, sondern weil der Soldat herausfinden mochte, daß
sie nicht tot war.
Der Krieger setzte sich vor das Bett und legte seinen Speer
über die Knie.
„Laßt euch bei eurer Zeremonie nicht stören, Ashipu. Schert
euch nicht um mich, sagt mir nur, wo ich zu graben habe."
Mein Meister blickte vor sich hin. Dann wandte er sich
plötzlich an den Soldaten:
„Wie fühlst du dich, Gibil? Hat dich das Fieber verlassen?"
In der Zwischenzeit hatte ich einen Entschluß gefaßt und
näherte mich dem Bett, um dem fiebergeplagten Assyrer einen
sauberen Schlag gegen den Hals zu versetzen, ganz gleich, was
mein Meister dazu sagen mochte. Doch Lhalu hatte mich
durchschaut und zog streng eine Augenbraue hoch.
„Ich glaube, ja. Ich fühle mich gut. Dank sei Marduk und
euren Händen."
„Würdest du die Krankheit gern für immer loswerden?"
„Wie denn, Baru? Ist das möglich?"
„Bleibe wie du bist, doch setze dich aufrecht hin", sagte Lhalu
und hockte sich zu meinem größten Erstaunen mit gekreuzten
Beinen vor den Soldaten. Jetzt gebe ich dir eine Behandlung, die
dich für dein ganzes Leben kurieren wird. Das Fieber wird dich
nie wieder plagen. Schau mir in die Augen! So ist es richtig!
Atme jetzt langsam und gleichmäßig. Kümmere dich um nichts.
Vergiß dein Leiden, vergiß alles. Laß deine Gedanken wie
Vögel davonfliegen. So! Atme tiefer und tiefer."
Ich sah, daß auch er tief atmete, dann hielt er plötzlich den
Atem an, und als der Soldat einatmete, saugte er ihm die Luft
mit einem tiefen Atemzug weg und füllte seinen großen
Brustkorb bis zum Platzen. Als der Soldat das nächste Mal
einatmen wollte, beugte er sich kaum wahrnehmbar vor und
blies dem Mann die Luft in den Mund. Gibil, der Speerträger,
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schaute ihn verwirrt an, schloß dann die Augen und wiegte
seinen Kopf hin und her, als sei er betrunken. Dann lehnte er
sich gegen den Bettpfosten und schlief ein.
„Sei geheilt, Gibil, und ändere dich!" flüsterte mein Meister in
das Ohr des Schlafenden.
Im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz zum Bett
und hob Santemi, leicht wie eine Feder, auf seine Arme.
„Komm, Ti- Tonisa! Wir dürfen keine Zeit verlieren!"
So war mein Meister! Gesegnet sei sein Angedenken! Er trug
nie Waffen und tötete weder Mensch noch Tier. Seinen Feind
wurde er los, indem er ihn heilte.
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Kapitel 15
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größter Sicherheit befinden, doch für Santemi ist diese Lösung
allemal besser, als endlos weite Pfade zu wandern oder
hierzubleiben."
Mir wurde klar, daß er recht hatte. Mein Verstand sagte auch
mir, daß der Feind den Weg zum Konvent wahrscheinlich kein
zweitesmal erklimmen würde, und hinter Samding waren wir
keinem einzigen Soldaten begegnet. Alle Zeichen deuteten
darauf hin, daß sie sich tatsächlich zurückzogen, um Bod-Yul
bald zu verlassen.
Wir waren froh, daß Santemi bewußtlos war, als wir in den
Klosterhof einritten. Ich ging voraus, um die Lage zu erkunden,
doch der Anblick der blutbefleckten Leichen ließ mich selbst
jetzt noch schaudernd zurückweichen. Wir führten unsere
Maultiere in den Stall und fanden für Changpo einen nahezu
unversehrten Platz in der Küche, wo sogar noch Nahrungsmittel
in den Regalen standen. Es war offensichtlich, daß die Kaldis
nicht auf Essen, sondern auf Frauen und reiche Beute
ausgewesen waren. Dann machten Lhalu und ich eine Runde
durch den Konvent und fanden bald zwei Zellen im oberen
Stockwerk, deren Fenster zum Magal- Tal hinausgingen. Sollte
sich der Feind doch durch die Schlucht annähern, konnten wir
dies von dort aus mühelos erkennen.
Lhalu legte Santemi auf ein Bett und untersuchte ihre Wunde.
Sie blutete jetzt so stark, daß die weißen Binden blutgetränkt
waren und er den Verband erneuern mußte. Er führte mehrere
Striche über dem Körper des schlafenden Mädchens aus und
berührte dann mit der Hand ihre Stirn. Santemi seufzte, stöhnte
und öffnete die Augen.
Sie schaute Lhalu lange an, dann erschien der Anflug eines
Lächelns auf ihren gequälten Zügen. „Danke, daß du mich
gerettet hast", flüsterte sie kaum hörbar, „danke… deinen
Songdus habe ich noch immer, siehst du?"
Sie hob die Hand mit dem Talisman von ihrer Brust, doch der
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schwere Blutverlust hatte sie so entkräftet, daß sie schlaff
wieder zurückfiel. Sie schloß die Augen. Mein Meister beugte
sich über sie und legte sein Ohr an ihr Herz.
„Wenigstens schläft sie jetzt und ist nicht länger bewußtlos",
seufzte er froh.
So retteten wir mit Hilfe des Allerhöchsten Santemi, die
kleine Priesterin, aus den Klauen der assyrischen Horden. „Das
Jahr des großen chaldäischen Krieges" oder „das Jahr von
Santemis Rettung" werde ich diese Zeit später wohl einmal
nennen.
Wir blieben eine Woche lang in dem leeren Yamgo, und
Santemi hatte sich schon so weit erholt, daß sie umherlief und
sogar in den Hof hinunterkam. Das, was ich am meisten
befürchtet hatte, trat nicht ein: Die steifen, gefrorenen Leichen
machten ihr überhaupt nichts aus. Sie betete lange vor den
Körpern ihrer Schwestern und bat Lhalu, sie neben den großen
Felsen auf dem Kharlam zu begraben. Wie sehr hatte sie sich
verändert, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte! Ihre
schlanke, zerbrechliche Gestalt war kaum gewachsen; sie wirkte
noch immer so mädchenhaft wie früher, doch ihre Züge waren
anders. Sie strahlten Ruhe, Charme, jungfräuliche
Zurückhaltung und Weisheit aus. Ja - Weisheit, die man sonst
bei Frauen so selten findet! Von Santemi hingegen war jedes
Wort, jeder ihrer Sätze so klar und bedeutungsvoll, als hätte
einer meiner Lehrer im Felsenkloster gesprochen. In den
Abendstunden sprachen wir miteinander ausgiebig über
Religion, die Andere Welt und viele andere Themen, und ich
mußte erstaunt feststellen, daß ihr Wissen nicht nur das meine,
sondern die Kenntnisse vieler alter Eingeweihter übertraf.
Lhalus Augen strahlten zufrieden. Dies war seit vielen Jahren
seine erste Gelegenheit, mit seinem Schützling zu reden. Ich
blickte voller Hochachtung zu ihr auf, als sei sie meine Lehrerin
und Herrin und nicht ein viel jüngeres Mädchen.
Am zehnten Tag fühlte sie sich so gut, daß wir uns auf den
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Weg nach Tampol- Bo-Ri machen konnten. Wir nahmen den
alten Changpo mit uns, dem Lha lu die gute Fürsorge der Trapas
versprochen hatte.
Nach langer mühseliger Wanderung kamen wir schließlich im
Felsenkloster an, wo uns gute Nachrichten erwarteten. Die
assyrische Armee hatte sich aus dem westlichen Bod-Yul
zurückgezogen, weil in einem Teil des Kaldi-Reiches ein
Aufruhr ausgebrochen war und König Hadad-Nirari seine
plündernden Truppen aus der Ferne zurückrief. Der Große Lama
hatte bereits erfahren, daß die jungen Priesterinnen aus Samding
verschleppt worden waren und ordnete in ganz Bod-Yul eine
dreitägige Trauer an. Im Hinblick auf die außerordentliche Lage
erlaubte er Santemi, im Felsenkloster zu bleiben, obwohl solch
ein Fall in der Geschichte des Klosters noch nie vorgekommen
war. Doch der Krieg bewirkte eine Ausnahme, und nachdem der
Hohepriester das erstemal mit Santemi gesprochen hatte, war
auch er davon überzeugt, eine Priesterin mit höchst
ungewöhnlichen psychischen Fähigkeiten vor sich zu haben.
Der Tag, an dem Santemi unserer Priesterin zum erstenmal
begegnete, blieb mir unvergeßlich im Gedächtnis haften. Als
Lhalu sie vorstellte, stieg die Ichka von ihrem Thron herab und
nahm sie in ihre Arme.
„Ich habe auf dich gewartet, mein Kind", sagte sie. „Ich
wußte, daß du kommen würdest. Du wirst später in Tampol- Bo-
Ri eine große Aufgabe zu erfüllen haben, selbst wenn du sie
noch nicht kennst."
Hier wurde die Ichka plötzlich traurig und blickte mit
kummervoller Miene zu Boden. Dann wandte sie sich wieder an
das Mädchen und streichelte sanft sein Gesicht. „Santemi, meine
Tochter! Vergiß niemals, daß die erste Pflicht einer wahren
Priesterin Gehorsam ist. Sie muß ihrem Gefährten und Meister,
dem Großen Lama, bis zu ihrem Tode treu und ergeben dienen."
Von diesem Tage an übernahm die Priesterin selbst den
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Unterricht, den Santemi in ihrem Yamgo erhalten hätte,
während Lhalu sie in geistigen Dingen unterwies.
Die Zeit eilte dahin wie über den Sand huschende Schatten.
Nachdem der Große Krieg vorüber war, lief das Klosterleben
allmählich wieder in gewohnten Bahnen. Die Aufregung in den
Klöstern legte sich, die Lamakrieger kehrten in ihre Chintanyins
zurück, und im Felsenkloster nahmen die Dinge wieder ihren
üblichen Lauf. Das Wissen, daß Santemi bei uns war, erfüllte
mich - ohne daß ich wußte warum - mit großer Freude, und den
anderen Lamas ging nicht anders. Lhalu schien ein anderer
Mann geworden zu sein: sein ruhiges, stilles Wesen wich einem
fröhlichen, gesprächigen Naturell.
Nach fünf Jahren harter Arbeit wußte mein Meister, ja - das
gesamte Kloster, daß die junge Priesterin in der Lage war, die
Aufgaben der Ichka zu übernehmen. Doch dann geschah etwas -
wie ein Blitz aus heiterem Himmel - was das Leben des Klosters
vollständig veränderte und die Aufmerksamkeit von Santemi
abzog. Im fünften Jahr nach dem Kaldi-Krieg rief uns unser
Hoherpriester im großen Chang zusammen, um uns eine höchst
wichtige Mitteilung zu machen. Wir waren sehr erstaunt, denn
er hatte seine Rede erst vor einer Woche gehalten, und die
nächste wäre erst in einem Monat fällig gewesen.
Wir trafen uns zur Feuertrance, wo er gewöhnlich ein Gebet
zu sprechen pflegte. Er wartete, bis die Priesterin das heilige
Feuer durch Räucherwerk und Mhyrre angefacht hatte, und, an
die Lehne ihres Thrones gestützt, in Trance fiel. Dann erhob er
sich.
„Meine Kinder", begann er, „ich habe frohe Nachrichten für
euch. Außer mir weiß niemand davon, und auch ich darf erst
jetzt sprechen, da sich die Zeit erfüllt hat. Morgen werde ich
sterben. Meine hohen himmlischen Führer haben mir bereits vor
Jahren den genauen Zeitpunkt übermittelt, wann mich die
göttliche Gnade aus der Materie befreien würde. Nach
einhundertundsechzig irdischen Jahren darf ich in meine wahre
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Heimat zurückkehren!"
Gebrochene Worte der Trauer und der Verzweiflung stiegen
aus unserer Mitte auf, die wir in drei mächtigen Halbkreisen im
Rund der Tempelhalle saßen, doch der Große Lama
beschwichtigte uns mit einer Handbewegung.
„An diesem Tage ist kein Raum für Trauer, meine Kinder! Ihr
solltet viel eher frohlocken und feiern, daß euer Hoherpriester
endlich nach Hause zurückkehren darf. Ich weiß eine Trennung
ist immer schmerzlich, denn der Mensch dieser Welt hängt an
seinen Lieblingsstücken und an seinen Freunden. Er hängt an
seinen Eltern und an seinem Vater, der für euch zu sein ich mich
immer bemühte. Doch hört mir zu: Gestrandet auf einer kle inen
Insel lebt eine Anzahl von Menschen unter einfachsten
Lebensumständen. Täglich müssen sie gegen die wilden Tiere
des Waldes um ihr Überleben kämpfen. Diese Insel ist die Erde.
Wenn nun der Bote aus den Himmeln kommt und denjenigen
von uns, der endlich frei ist, zu seiner Familie und zu seinen
Freunden in die alte Heimat zurückbringt, werden sich die
Schiffbrüchigen, die zurückbleiben, nicht für ihn freuen, statt
um ihn zu trauern? Wahrlich, Brüder, ihr solltet mich beneiden,
denn für mich schlägt die Stunde der Freiheit! Ich sage euch
jetzt Lebewohl und wünsche den Segen des Himmels für jeden
eurer Schritte. Morgen werde ich nicht mehr anwesend sein,
denn dann werde ich schon tot in meiner Turmzelle liegen."
Vergeblich hieß er uns froh sein. Seine Worte bekümmerten
uns tief, und wir konnten uns von dem Schmerz, den wir bei
seiner Ankündigung empfanden, nicht befreien. Würde er uns
wirklich für immer verlassen, er, unser väterlicher Führer, der
seinen jüngsten Lama genauso freundlich behandelte wie den
ältesten? An diesem Tage saßen wir zur Mittagszeit trübsinnig
an den niedrigen Tischen. Der nachmittägliche Unterricht fiel
aus, denn der Kharpon und Lhalu hatten uns angewiesen, in
unseren Zellen für den Hohenpriester zu beten.
Am folgenden Tage waren wir schon sehr früh auf, und als
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wir uns zur Feuertrance versammelten, schnitt es uns ins Herz,
die rechte Hälfte des Zwillingsthrones verwaist und nur die
Ichka mit dem Ausdruck namenloser Trauer auf der linken Seite
des Thrones zu sehen.
„Meine geliebten Lamas", sagte sie mit leiser, gleichförmiger
Stimme, die weder Gefühl noch Schmerz verriet, „der
Hohepriester Patha, den wir alle so sehr liebten, das Doppel
meiner Seele, ist nach Hause in den sechsten himmlischen Ring
zurückgekehrt. Betet den ganzen Tag für ihn, und auch für
mich…"
Am liebsten hätten wir uns vor ihr niedergeworfen und den
Saum ihres Mantels geküßt, um sie in ihrer gefaßten Trauer mit
all unserer Liebe zu trösten, doch wir wagten es nicht. Wir
senkten nur schweigend die Köpfe, drehten unsere
Gebetszylinder und beteten laut.
Am nächsten Tag versammelten sich die Lamas, um den
neuen Hohenpriester zu wählen. Diese Zeremonie war
außerordentlich kompliziert und fiel nur selten in die
Lebensspanne eines Lamas. Die sieben hervorragendsten
Mönche wurden als Kandidaten aufgestellt, und Lhalu befand
sich unter ihnen, denn die Auserwählten mußten die
Eigenschaften eines Gelehrten mit unbefleckter Moral,
Mitgefühl und Wohlwollen für alle Wesen in sich vereinen. Die
Priesterin trat nach der Wahl des neuen Ho henpriesters stets
zurück. Sie begab sich in ihren früheren Konvent, wo sie die ihr
verbleibenden zwei bis drei Jahre verbrachte, denn länger
überlebte keine Ichka ihren Ichkitsu. Die Kandidaten selbst
wurden erst kurz vor der Wahl davon unterrichtet, daß ihr Name
auf der Liste stand.
Die ältesten Lamas wählten die Anwärter im Geheimen aus
und ordneten daraufhin ein strenges Fasten an, welches zweimal
in der Woche über einen ganzen Monat hinweg eingehalten
wurde. Alle Lamas verbrachten die gesamte Zeit in ihren Zellen.
Es wurden weder geistige Reisen unternommen, noch
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Erwärmungsübungen abgehalten. Niemand wurde im Kloster
vorgelassen, und die Neugierigen wurden vom Klosterhof
vertrieben. Die Trapas schlossen die Tore, während wir den
ganzen Tag lang beteten und meditierten. Nur die Priesterin
nahm am allgemeinen Fasten nicht teil. Sie leitete das
Klosterleben bis der neue Hohenpriester gewählt war.
Nach dem langen, einen Monat währenden Fasten warteten
wir auf den nächsten Vollmond, denn nur an einem solchen
Tage konnte die Wahl vonstattengehen. Am Morgen des großen
Tages zogen wir in einer Prozession zuerst durch den
kreisförmigen Gang im Gebäude, um dann die äußeren
Klostermauern zu umrunden, wobei wir laut beteten und sangen.
Dann begaben wir uns in den Tempel, wo die Statue der
Weisheit mit einem weißen Tuch verhängt war. Wir warteten
schweigend auf das Erscheinen der Ichka. Als sie eintrat und
sich auf ihren verwaisten Thron setzte, erhoben sich alle, und
zwei Lamas entfachten das Feuer, indem sie Räucherwerk
hineinwarfen. Der Zeremonienmeister hielt die
Lieblingsgegenstände und Andenken des verstorbenen
Hohenpriesters in den Händen, wanderte damit durch unsere
Reihen, um sie uns einen nach dem ändern zu zeigen, und warf
sie danach ins Feuer. Es waren die Geschenke, die der Ichkitsu
von großen Königen und Prinzen erhalten hatte: sein kleiner
Gebetszylinder, sein Dolch - den er lediglich als Zeichen der
Macht getragen hatte - Früchte, die in seinem Turmzimmer
verwahrt worden waren, und die von ihm erfundenen
Heilpulver. Alles verging in den Flammen.
Jetzt verlas Lhalu den letzten Willen des Verstorbenen und
seine Lebensgeschichte, wie er gearbeitet und was er im
Interesse des Klosters getan hatte. Danach beteten wir wieder.
Die eigentliche Wahl begann erst jetzt. Die Namen der
Anwärter wurden auf eine große Tafel geschrieben. Mein Herz
machte vor Freude einen Sprung, als ich Lhalus Namen las.
Obwohl ihn die Himmel mit außergewöhnlichen Gaben bedacht
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hatten und er einer der klügsten Lamas war, munkelte man im
Kloster, daß er höchstens als zweiter oder dritter abschneiden
konnte, da Chandugsa und Namseling wesentlich älter waren als
er. Jeder von uns mußte wählen. Wir erhielten harte Früchte, in
denen je ein Holzstäbchen steckte. Wenn wir bei der Nennung
des ersten Kandidaten unser Stäbchen brachen, bedeutete das,
daß wir diesen nicht wünschten. In derselben Weise befanden
wir über die sechs anderen Anwärter. Die Priesterin sammelte
die Früchte jedesmal ein, und sollten die Zahlen zum Schluß
kein klares Bild ergeben, entschied sie nach den Regeln des
Klosters über die Wahl.
Ich brauchte vor Aufregung eine ganze Weile, bis mir
klarwurde, daß Lhalus Name an dritter Stelle auf der Tafel
stand. Als die Priesterin sich zurückzog, um die kleinen Stäbe zu
zählen, war die Halle von einem so lauten Gemurmel erfüllt wie
nie zuvor. Unsere innere Spannung war so groß, daß sie in
kurzen Schauern durch unsere Körper lief.
„Der Name des neuen Hohenpriesters des Felsenklosters", rief
sie mit klangvoller Stimme, „mit dreihundertundzwanzig Stäben
gegen achtzehn lautet - Lhalu Lama!"
Noch niemals zuvor hatten die alten Mauern des
Felsenklosters von Tampol- Bo-Ri von derartigen Stürmen der
Begeisterung widergehallt. Die Kunst der Selbstbeherrschung,
die langen Jahre der strengen Disziplin versagten plötzlich.
Doch war dies verwunderlich, da der geheime Wunsch fast eines
jeden Mönches, ein Wunsch wider alle Hoffnung gehegt, sich
erfüllt hatte? Denn Lhalu galt als Vorbild eines jeden Lama:
nach dem Hohenpriester wurde er am meisten geliebt. Und wie
ging es mir? Ich konnte mich einfach nicht fassen, und ich
erinnere mich nur, daß mir die Kehle durch jenen merkwürdigen
Weinkrampf zugeschnürt war, der den Sterblichen ergreift,
wenn das Schicksal ihm ein zu großes Geschenk gemacht hat.
Eine Handbewegung der Ichka beendete unsere
überschwengliche Freude. Sie wies den neuen Hohenpriester an,
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nach altem Brauche seinen Platz auf dem Thron einzunehmen.
Auch mein Meister war sehr blaß und tief bewegt. Ich sah ihm
an, daß diese hohe Auszeichnung ihn selbst vollkommen
unvorbereitet getroffen hatte. Nach den Regeln des Klosters
mußte er jetzt seine Antrittsrede halten.
„Heilige Weisheit", begann er bewegt, „meine Seele ist dürr
und öde. Ich halte mich Deiner Weisheit selbst für eine kurze
Spanne Zeit nicht für würdig. Alles, worum ich Dich bitte ist die
Stärke, nach bestem Wissen die schwere und verantwortungs-
volle Aufgabe erfüllen zu dürfen, die das Vertrauen meiner
Lamabrüder heute einem so unwürdigen Menschen auferlegt
hat."
Wir schauten ihn tief berührt an, denn selbst in diesem für ihn
so heiligen und bedeutungsvollen Augenblick begann er seine
Rede mit dem gewöhnlichen kleinen Tagesgebet der einfachen
Lamas.
„Ich will euch Vater, Bruder und Freund sein und all eure
Lasten tragen. Ich will eure Sorgen teilen und eure Krankheiten
heilen. Kommt zu mir mit euren geistigen und körperlichen
Schmerzen, und erlaubt mir, euch zu dienen. Ich flehe die
allmächtige Weisheit an, mich für alle Zeiten Diener und Helfer
sein zu lassen und bis an mein Lebensende wie ein Diener
gehorsam bleiben zu dürfen."
Er hob die Arme gen Himmel und segnete uns nach dem
hochheiligen Brauch des Großen Gebetes im Namen Gottes. Als
er auf dem Thron Platz genommen hatte, wies die Priesterin den
Zeremonienmeister an, die bei der Wahl verwendeten Früchte
einzusammeln und in das Turmzimmer des Hohenpriesters zu
bringen, damit sie bei seinem Tode ebenfalls verbrannt werden
konnten. Dann stieg die Ichka vom Thron herab und übergab
Lhalu ihre Amtszeichen zusammen mit denen des
Hohenpriesters. Dreimal verbeugte sie sich tief vor ihm, dann
wandte sie sich um und machte Anstalten, zu gehen. Sie hatte
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ihre Aufgabe erfüllt und mußte, dem Gesetz nach, noch am
heutigen Tage in ihr altes Yamgo zurückkehren. Lhalu erhob
sich tief bewegt, stieg vom Thron herab und warf sich vor der
Ichka nieder. Er küßte den Saum ihres Gewandes, ergriff ihre
Hand und führte sie aus dem Tempel. Als sie an uns
vorüberschritten, traten uns Tränen in die Augen. Wir warfen
uns nieder und erhoben uns erst, als unser neuer Hoherpriester
zurückgekommen war und wieder auf seinem Throne Platz
nahm.
Der Zeremonienmeister schlug den Gong, und wir wußten,
daß der Hohepriester jetzt den Eid ablegen mußte, was stets von
feierlichen Zeremonien begleitet war. Wir zogen einer nach dem
anderen an ihm vorbei, und er gab jedem von uns einen Schlag
mit einem Rohrstock als Zeichen dafür, daß wir alles von ihm
annehmen und erdulden würden. Dann übernahm er das Gewand
seines Hohenpriesters aus der Hand des ältesten Lamas und
legte es über die Lehne des Thrones. Wir stellten uns alle um ihn
herum und legten ihm die Hände auf die Schultern. Es war eine
wunderschöne, erhebende Szene, und mein Herz macht noch
heute einen Sprung, wenn ich daran denke. Das Heilige Feuer
brannte, und der Tempel lag im Halbdunkel. Die ältesten Lamas,
die ihren Tod nahen fühlten, gingen zu ihm und übergaben ihm
als Zeichen ihrer Ergebenheit ihre liebsten Gegenstände. Dann
legte Lhalu, unterstützt vom Zeremonienmeister, das Gewand
des Hohenpriesters an. In diesem Augenblick fiel der weiße
Leinenstoff von der Statue der Gottheit herab und mit ihm das
letzte Zeichen der Trauer.
Alles hatte jetzt seine Ordnung, nur die neue Priesterin fehlte.
Wer immer sie sein mochte, sie durfte nicht vor dem siebten
Tage erscheinen. Sie würde von sechs weiteren Priesterinnen
begleitet werden, und der Hohepriester würde sich diejenige
aussuchen, die ihm am besten gefiel.
Nachdem das Tuch vom Altar gefallen war, trat Lhalu zu der
darauf stehenden Statue der Weisheit und dankte Gott für die
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ihm und uns allen erwiesene Gnade. Seine erste Amtshandlung
war, in die große Metallkugel zu schauen, die vor der Statue der
Gottheit auf dem Ständer ruhte. Er wies uns darauf hin, das
gleiche zu tun. Es wurde erwartet, daß er in dieser Vision seine
gesamte Laufbahn als Hoherpriester vorhersah. Lange stand er
so bewegungslos und aufrecht vor der Kugel, als sei er selbst zu
einer Statue erstarrt. Auch wir blickten hinein, denn jeder von
uns sollte Ereignisse seines zukünftigen Lebens wahrnehmen,
die mit dem Schicksal des Hohenpriesters verknüpft waren und
außerdem an der Vision des Ichkitsu teilhaben, selbst wenn dies
nur unvollkommen gelang. Der Zeremonienmeister winkte mir.
Ich eilte zu ihm und verbeugte mich.
„Schreibe die Visionen auf, Ti-Tonisa", flüsterte er mir ins
Ohr. „Hier sind Rolle und Pinsel, nimm sie. Es war der Wunsch
unseres neuen Hoherpriesters, dich zu seinem persönlichen
Assistenten zu ernennen."
Ich brachte kein Wort heraus. Stumm nahm ich die
Schreibutensilien entgegen und eilte zu Lhalu. Er verharrte noch
immer starr und bewegungslos wie alle anderen in der Halle. Ich
schrieb die Sätze, die er in seiner Verzückung murmelte, Wort
für Wort nieder. Was er sprach war deutlich und knapp, jedoch
nicht viel. Normalerweise waren wir nicht in der Lage, die
Zukunft in der Kugel zu sehen. Die Weihe eines neuen
Hohenpriesters bildete die einzige Ausnahme, wobei die
himmlischen Schutzgeister in unsere Kugeltrance eingriffen, so
daß wir ihre Visionen und nicht die unseren wahrnahmen. Doch
da es selbst einem gelehrten Lama nicht guttat, seine Zukunft in
allen Einzelheiten vorauszusehen, kleidete der Geist seine Worte
in Rätsel und projizierte nur sehr allgemeine Bilder auf die
Kugel.
„Ich sehe meine Priesterin", flüsterte Lhalu. „Sie ist klein, hat
hellbraunes Haar und ist sehr klug… ich sehe sie wieder… sie
ist groß und hat schwarzes Haar…jetzt ist sie wieder klein, als
ob sie sehr groß und dann wieder klein geworden wäre… jeder
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liebt uns… unser Kloster gelangt zu voller Blüte… viel Leid,
viele große Heilungen… zwei Ungehorsamkeiten, doch die
Gnade ist noch wirksam… Reisen, Reisen… eine lange Reise,
ein langer Aufenthalt… viele Länder am Meer… der König
erholt sich von einer Krankheit, doch drohen große Gefahren…
die Priesterin begegnet ihrem Arva… ein langes Leben, viel
Leid… dein eigen Fleisch und Blut wird dich beißen wie eine
Schlange… doch Tampol- Bo-Ri wird blühen und gedeihen…
das Rad dreht sich, das Wasser des Lebens strömt… und Ti-
Tonisa wird helfen…"
Er verstummte, und ich schrieb seine Worte verwundert
nieder. Ich verstand gar nichts, nur, daß unser Kloster blühen
würde und ich helfen sollte. Ich mußte jetzt zu jedem einzelnen
Lama gehen und alle Visionen notieren. Zuletzt schrieb ich
meine eigene Schau auf, an die ich mich genau erinnern konnte.
Seltsamerweise glichen sich alle Visionen. Auch die anderen
Lamas sahen ähnlichen Bilder wie ich sie gesehen hatte. Es war,
als hätten verschiedene Maler dieselbe Landschaft mit
unterschiedlichen Farben gemalt. Das Thema blieb gleich, doch
die Färbung und die individuellen Charakteristika änderten sich.
Natürlich hatten wir selbst keine unmittelbaren Einsichten, denn
wir übernahmen eigentlich nur die Visionen des Hohenpriesters
und nahmen nicht unsere eigenen wahr.
Die Aufzeichnungen, die ich gemacht hatte, wurden von allen
anwesenden Lamas unterschrieben. Dann wurde die Vision des
Hohenpriesters an die Wand der Halle geheftet, so daß jeder sie
lesen konnte. Wenn sich die Ereignisse in späteren Jahren von
den Aufzeichnungen unterschieden, verringerte dieser Umstand
die Glaubwürdigkeit und Autorität des Großen Lama.
Als all dies geschehen war, mußte Lhalu den Tempel
verlassen und sich in seine Räume zurückziehen. Von dort aus
ging er für kurze Zeit in den Turm, wo ein großes, hölzernes
Teleskop mit Linsen aus reinem Bergk ristall stand, um die
geistigen Energien des verstorbenen Hohenpriesters in die Luft
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zu entlassen. Danach kam er wieder in den Tempel zurück, und
der älteste Lama entfernte alle noch an ihm haftenden Energien
seines Vorgängers. Lhalu lehnte sich dabei gemäß der
Vorschriften in seinem Thron zurück, während der alte Lama
ihn mit dem Großen Magnetismus und dem örtlichen
Magnetismus behandelte. Gleichzeitig bereiteten wir das Wasser
der Einweihung zu. welches von den Händen aller Lamas
geweiht und magnetisiert wurde. Während wir das Wasser
segneten, sprachen wir folgendes Gebet:
„Groß ist unsere Macht, denn wir sind gelehrte Lamas, doch
all dies empfangen wir von Dir, Heilige Weisheit. Du erlaubst
uns in Deiner Gnade, heute unseren neuen Lehrer und Wächter
zu weihen. Mache ihn stark wie den Felsen, auf dem unser
Kloster steht."
Danach trank der Hohepriester von dem gesegneten Wasser.
Während des Rituals verharrten alle Lamas in großer
Sammlung.
Der Abend brach bereits an, die Zeit für das Ritual, welches
„Schwarzer Befehl" genannt wurde. Dabei erschien der
Hohepriester Lhalu in einem weißen Umhang im dunklen
Tempel vor dem Altar und schwor auf den unausgesprochenen
Befehl aller Lamas, Bod-Yul zu beschützen und den Orden der
Lamas und die Lehre zu bewahren. An dieser Zeremonie konnte
man den mystischen Ursprung der Weihe erkennen. Danach
ging der Hohepriester nach oben in den Turm, wo sich das
Observatorium befand und befragte die Sterne. Er wurde dabei
von drei alten Lamas begleitet. Die Auslegung der Sternenschau
war Aufgabe der Priesterin, deshalb geschah dies erst zu einem
späteren Zeitpunkt. Doch damit war die Weihe des
Hohenpriesters noch nicht zu Ende.
Die erste Nacht mußte er in der tiefsten unterirdischen Höhle
bleiben, in der die Novizen ihre Prüfungen abzulegen pflegten.
Hier verbrachte er die ganze Nacht mit Wachen und Beten. Den
Hohenpriester erwartete eine schwere Prüfung, bei der er
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durchaus auch versagen konnte. Tatsächlich wußten wir, daß in
unseren Schriftrollen von Fällen berichtet wurde, wo der Große
Lama diese Prüfung nicht bestanden hatte. Mitten in der Nacht
hörte er beim Beten Stimmen. Er mußte diesen Stimmen folgen,
das heißt, nur einer von ihnen, denn sie riefen ihn aus
verschiedenen Richtungen. Wenn er die richtige Stimme
erkannte, konnte er sich glücklich schätzen, wenn nicht, hatte er
versagt. Die Bedingungen waren schwierig, und der
Hohepriester mußte sich vollständig auf seine Eingebungen
verlassen. Instinktiv mußte er entscheiden, ob er dem richtigen
Rufe folgte. Seine Wahl mußte außerdem mit der Bedeutung der
Visionen übereinstimmen, die er in dieser Nacht im Traum sah.
Wenn er die Prüfung erfolgreich bestand, unterrichtete er den
Burgvogt am nächsten Morgen und bat ihn, den Gong und die
Trommeln als Wecksignal dreimal zu schlagen und damit
gleichzeitig die erfreuliche Nachricht zu übermitteln.
Ich wurde vom dreimaligen Klang der Trommeln geweckt,
und diese Töne waren himmlische Musik in meinen Ohren. An
diesem Morgen fand der festliche Empfang statt. Hunderte von
Fremden waren zum Kloster gekommen, um mit uns zu feiern,
ihre Glückwünsche und darüberhinaus ihre eigenen Wünsche
kundzutun. All dies fand im Klosterhof statt, wo auch wir
vollzählig versammelt waren, denn dieser Tag war wirklich ein
großer Tag für uns alle. Das bedeutete nicht nur Freude, sondern
auch Annehmlichkeiten. Zu solchen Gelegenheiten wurde der
Weinkeller des Klosters geöffnet. Denn wir hatten auch Wein,
den der Burgvogt aus fernen Ländern bezog, oder er wurde uns
von den Prinzen des Südens geschenkt. Die Festlichkeiten zogen
sich bis in den Nachmittag hin, und erst am dritten Tage kehrten
die Besucher in ihre Dörfer zurück, und die Lamas nahmen ihre
Alltagsgeschäfte wieder auf.
Als ich am Abend nach dem Fest durch die inneren
Kreisgänge eilte, um nach oben zu meiner Zelle zu gehen - denn
ich war bereits einer der älteren Eingeweihten - griff eine kleine
-310-
Hand hinter einer Säule hervor und hielt meinen Umhang fest.
Erstaunt erkannte ich Santemi, die nicht an den Feierlichkeiten
teilgenommen hatte, da ihr Aufenthalt im Felsenkloster nur
ausnahmsweise gestattet wurde. Ich verbeugte mich tief vor ihr,
denn es war mir unmöglich, sie anders zu begrüßen.
„Ti-Tonisa Lama!"
„Was wünscht meine Herrin? Ich freue mich, dich zu sehen
und bedaure, daß du bei diesem herrlichen Fest nicht dabeisein
durftest."
„Ich habe alles gesehen", antwortete sie strahlend. „Ich stahl
mich in den ersten Stock und spähte durch einen
Belüftungsschacht in den Tempel. Sag mir, ist das eine Sünde?"
„Nein, bestimmt nicht", antwortete ich lachend. „Niemand
kann dir verübeln, Priesterin, daß du die Weihe unseres Lhalu
mitansehen wolltest."
„Nenne mich nicht Priesterin! Nenne mich Santemi. War er
nicht wunderbar?"
„Wer?"
„Unser Hoherpriester, du Dummkopf! Wie gut er in seinem
Festgewand aussah! Und wie jung, nicht so alt wie der
verstorbene Große Lama. Friede seiner Seele, und möge die
Heilige Weisheit seine Schritte immer höher hinauf lenken. Du
bist glücklich, nicht wahr, Ti- Tonisa?"
„Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin",
erwiderte ich berührt. „Wer hätte gedacht, daß so viele von uns
in so sehr lieben, daß sie ihn wählten! Er muß nur noch seine
Priesterin finden, dann hat unser Kloster seine Führung wieder.
Das Felsenkloster wird wie ein Stern über die schneebedeckten
Bergriesen Bod-Yuls hinwegleuchten."
„Seine Priesterin?" fragte sie und preßte ihre kleinen Hände
gegen die Brust. Sie sah in ihrem weißen Gewand immer noch
unvorstellbar klein und kindlich aus. „Was weißt du darüber, Ti-
-311-
Tonisa?"
Ich errötete. Ich sah, daß sie traurig war, und wußte nicht, wie
ich es ihr erklären sollte.
„Ich glaube, daß die Priesterinnen für dieses hohe Amt
besonders ausgebildet werden. In dieser Woche werden sieben
Mädchen aus den besten Konventen Bod-Yuls in Tampol-Bo-Ri
eintreffen, die seit mindestens zwei Jahren in diese Aufgabe
eingeweiht wurden. Unter diesen wird der Hohepriester Lhalu
wählen."
„Werden sie Samding berücksichtigen?" fragte sie und
errötete tief. „Doch Samding wurde ja von den Assyrern
überfallen, und meine Gefährtinnen wurden verschleppt."
„Ich weiß nicht, Santemi, ob Samding dabeisein wird",
antwortete ich langsam und wiegte meinen Kopf. „Ich weiß
nicht. Ich weiß nur, daß eine Abordnung die Yamgos
nacheinander aufsucht und die Anwärterinnen auswählt.
Natürlich gibt es keinen wirklichen Grund für das Komitee,
nach Samding zu gehen. Ich habe außerdem gehört, daß der
Konvent an die südöstliche Grenze Bod-Yuls verlegt wird,
damit die Priesterinnen dort in Zukunft in Sicherheit ausgebildet
werden können."
„Und ich wurde erst im vorigen Jahr eingeweiht", sagte sie
traurig, als hätte sie meine letzte Bemerkung gar nicht gehört.
Danach kniete sie sich plötzlich nieder und warf sich mit dem
Gesicht auf den kalten Stein. Ohne auf mich zu achten, betete
sie laut:
„Allmächtige Weisheit! Vergib die vergebliche Hoffnung
deiner geringsten Dienerin. Sei nicht böse, weil sie so traurig ist,
ihn zu verlieren. Bald schon werde ich von hier fortgehen und in
ein fremdes Yamgo ziehen müssen. Doch selbst dann werde ich
immer nur für ihn beten!"
„Steh auf, Santemi!" rief ic h tief berührt. „Steh auf, oder
willst du, daß ein eingeweihter Lama vor dir in Tränen
-312-
ausbricht?"
Ich kniete mich zu ihr auf den Boden und küßte unbemerkt
den Saum ihres Gewandes. Dann half ich ihr sanft wieder auf
die Füße.
Jetzt gehe ich zurück in meine Zelle", flüsterte sie und
trocknete sich die Augen. „Ich gehe zurück und bitte dich, für
mich zu beten, Ti-Tonisa."
Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, drehte sich auf dem
Absatz um und lief geräuschlos davon. Das Ganze wirkte wie
ein Traum. Ich ging gedankenverloren und tief besorgt in meine
Zelle. Dort setzte ich mich auf mein Bett und schluchzte wie ein
Kind. Dies war das zweitemal, daß ich im Felsenkloster weinte.
Am dritten Tag nach seiner Wahl rief uns der Hohepriester im
großen Chang zusammen. Wir wußten, daß die Feuertrance
nicht der Grund für die Versammlung sein konnte, da das
Kloster noch keine Ichka hatte. In der Halle herrschte tiefe
Stille, und die Spannung der Erwartung hielt uns in ihrem Bann,
bis er endlich begann:
„Meine Brüder! Ich erbitte euren Rat in einer sehr wichtigen
Angelegenheit. Vielleicht geschieht es zum erstenmal in der
Geschichte dieses Klosters, daß ein neuer Hoherpriester als
erstes seine Brüder um Rat fragt, sind es doch eigentlich die
Lamas, die seinen Rat erwarten! Doch der Große Krieg schuf
eine außergewöhnliche Situation, und seine Auswirkungen
erfordern andere Bewertungen als die Vorgaben unserer
Gesetze.
Wie ihr wißt, werden in vier Tagen sieben Priesterinnen in
unserem Kloster eintreffen. Wir haben ihre Hohenpriester schon
vor Wochen auf unseren geistigen Reisen davon in Kenntnis
gesetzt, die klügsten und begabtesten Mädchen nach Tampol-
Bo-Ri zu senden. Das bedeutet, daß die Priesterin in vier Tagen
gewählt werden wird, denn so schreiben es die Regeln vor.
Doch gerade deswegen wende ich mich an euch! Wie ich bereits
-313-
sagte, schuf der Krieg eine außergewöhnliche Situation. Das
größte Yamgo wurde verwüstet und seine Priesterinnen
verschleppt. Nur eine geweihte Priesterin blieb übrig - Santemi,
die euch allen bekannt ist, und die unser verstorbener
Hoherpriester und die Ichka sehr schätzten. Ihr wurde, trotz der
Regeln, gestattet, in Tampol-Bo-Ri zu bleiben. Ihr wißt
außerdem, daß sie unserer Priesterin im Wissen sehr nahe kam.
Meine Sicht nun ist folgende: Den Konvent von Samding trifft
keine Schuld, keine Anwärterin schicken zu können - er wurde
überfallen und von den assyrischen Truppen vollständig
verwüstet. In der Tat hätte das Komitee Samding allen anderen
Konventen vorziehen müssen, da es das erste Yamgo unseres
Landes war. Doch da die Nonnen verschleppt wurden und nur
Santemi übrigblieb, konnten die Mitglieder des Komitees, die
sich an die Regeln halten, nicht zwischen den Mädchen wählen,
da ja nur eine einzige die Katastrophe überlebte. Deshalb wurde
Samding, ohne eigenes Verschulden übergangen. Ich frage euch,
entspricht das den Prinzipien der Gerechtigkeit? Sollen wir auch
in diesem Falle an den Regeln festhalten?"
„Es entspricht nicht den Prinzipien der Gerechtigkeit!" riefen
die Lamas. „Es ist ungerecht!"
„Es herrschte Krieg! Wir können uns in diesem Fall nicht an
die Gesetze halten!"
„Was konnte Samding dafür, daß es zerstört wurde?" rief auch
ich. „Selbst wenn es leer steht und nur Santemi übrigblieb,
wissen wir nicht alle, daß sie die Beste war?"
Lhalu hob die Hand, und wir verstummten.
„Ja, sie war die Beste", sagte er, „und sie ist außerdem die
weiseste, klügste Priesterin Bod-Yuls, begabt mit den höchsten
psychischen Fähigkeiten. Das sage nicht nur ich, euer
Hoherpriester, ihr alle wißt es ebenso! Als ich im Tempel in die
Kugel sah, erschien eine Priesterin mit hellbraunem Haar in
meiner Vision."
-314-
„Auch wir haben sie gesehen", riefen die Lamas
nacheinander, „denn solch eine kindliche Gestalt sieht man
selten in Bod-Yul."
„In der Nacht nach meiner Weihe zum Hohenpriester war es
ihre Stimme, der ich in der unterirdischen Höhle folgte. Und
auch der darauffolgende Traum bestätigte meine Entscheidung.
Doch in vier Tagen werden die sieben Priesterinnen hier
eintreffen, obwohl ihre Wahl, meiner Meinung nach, nicht den
Gesetzen entspricht, da Samding nicht berücksichtigt wurde.
Aus diesem Grunde, im Anbetracht der außergewöhnlichen
Situation, im Vollbesitz meines priesterlichen Wissens und
gemäß der Prophezeiung wünsche ich, Santemi, den Liebling
unserer früheren Ichka und die hervorragendste Eingeweihte des
ersten Konvents von Bod-Yul, an meiner Seite als Priesterin
dieses Klosters zu sehen. Ich erbitte euren Rat und euer
Einverständnis, o Brüder, denn, wie ihr wißt, war ich seit vielen
Jahren ihr geistiger Führer. Was meint ihr, was sollen wir den
Begleitern der Priesterinnen sagen? Ich würde ihnen eure
Entscheidung mitteilen und sie bitten, meine Wahl im
Anbetracht der besonderen Umstände anzuerkennen. Aus
diesem Grunde suche ich euren Rat und eure Unterstützung,
meine Brüder. Zuerst soll unser Ältester sprechen."
Chandugsa Lama erhob sich.
„Die Worte unseres geliebten Hohenpriesters haben meine
Seele tief beeindruckt, und ich bin mir sicher, daß es euch
ebenso ging, meine Brüder. Der Große Krieg hat wahrlich viel
verändert, und wir alle lieben und achten die kleine Santemi.
Wenn die Delegation der Priesterinnen zustimmt, werde ich für
meinen Teil der Entscheidung meines Hohenpriesters gerne
zustimmen."
Die versammelten Lamas gaben alle gleichzeitig ihr
Einverständnis bekannt, und es dauerte eine Weile, bis der Lärm
verstummte.
-315-
Dann erhob sich der Kharpon und meinte, daß er den Worten
Chandugsa Lamas nur beistimmen könne. Nach ihm bat
Namseling Lama um das Wort.
„Mein Hoherpriester", sagte er und verbeugte sich vor Lhalu,
der auf seinem Thron saß. „Auch ich bin der Meinung, daß der
Krieg eine außergewöhnliche Situation schuf. Auch ich liebe
Santemi und würde sie gern an deiner Seite auf dem Thron
sitzen sehen und mich vor ihr verbeugen. Und doch kann ich als
altes Oberha upt der Seher, das seit vierzig Jahren ferne
Ereignisse und zuweilen auch die Zukunft in seinem Herzen
bewegte, nur sagen, daß wir selbst in außergewöhnlichen
Situationen das Gesetz genauestens befolgen müssen. Samding
wurde nicht umsonst überfallen, denn alles geschieht nach dem
Willen der Heiligen Weisheit. Zufällig traf die Katastrophe
diesen Konvent, so daß wir von dort keine Priesterin auswählen
können. Wir müssen die Ankunft der sieben Mädchen abwarten,
um zu sehen, ob es unter ihnen eine von kleiner Gestalt gibt.
Doch selbst wenn kein solches Mädchen dabei ist, glaube ich
kaum, daß die Abordnung zustimmen wird, daß du die sieben
nach dem Gesetz Auserwählten gleich wieder zurückschickst!
Ich würde der Entscheidung unseres Hohenpriesters zu gerne
zustimmen, doch ich darf meine Zweifel nicht verschweigen,
denn es ist meine Pflicht, ihn zu warnen. Ich würde deshalb
vorschlagen, abzuwarten - so sehr wir auch von der Wahrheit
deiner Vision überzeugt sind - bis der Wille der Heiligen
Weisheit erfüllt ist. Und Ihr Wille erfüllt sich nur dann, wenn
wir dem Gesetz genauestens folgen."
Tiefe Stille herrschte, nachdem er gesprochen hatte. Lhalu
schaute gedankenverloren vor sich hin. Dann erhob er sich
langsam, als erwachte er gerade aus einer Trance und dankte
seinen alten Lamas mit warmen Worten für ihren Rat. „Möchte
noch jemand dazu sprechen?" fragte er und wandte sich an die
alten Brüder.
Namgang, der Alte, stand auf, stimmte Lhalus Entscheidung
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zu und riet ihm zu einer Abstimmung. Doch bevor unser
Hoherpriester den Arm heben konnte, hatten schon alle
Anwesenden ihre Arme erhoben, als seien sie an Seilen
hochgezogen worden.
Die dreihundertundzwanzig Lamas von Tampol-Bo-Ri
beendeten die Diskussion und zeigten, daß sie selbst gegen das
Gesetz Santemi, die kleine Waise des Yamgo von Samding als
Herrin und Priesterin wünschten.
Die Versammlung löste sich auf, und Lhalus Gesicht strahlte
vor Freude. Auch die Lamas waren so froh, daß sie es nicht
fertigbrachten, sich den ganzen Tag zu beherrschen. So
pflückten die Novizen morgens an Stelle von Heilkräutern
Blumen, und Lhalu, der die Aufgabe hatte, ihnen dabei geistig
zu folgen, tadelte sie nicht.
Bevor ich an diesem Abend einschlief, weinte ich, obwohl ich
von allen der Glücklichste hätte sein müssen…
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Kapitel 16
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befolgen wollt, werde ich, eingedenk meines Ranges als
Hoherpriester, meinem Wunsche entsagen. Trefft eine neue
Wahl, denn die bestehende anzuerkennen, weigere ich mich.
Führt die sieben Priesterinnen zusammen mit Santemi in ihre
Konvente, prüft die Mädchen ein zweitesmal und wählt die
Sieben Heiligen. Ich erbitte einen Monat Aufschub, während
welcher Zeit die Priesterinnen in ihren Yamgos erneut erprobt
werden können. Bis dahin mögen uns die Himmel leiten und
unseren Geist erleuchten."
Widerwillig entsprach die Delegation schließlich Lhalus Bitte.
Am nächsten Morgen begab sich die Karawane mit den sieben
Priesterinnen und Santemi als der achten auf den Rückweg.
Worte können das Leid und den Schmerz, der das ganze Kloster
erfüllte, kaum beschreiben. Nur Lhalu bewahrte die Fassung, als
habe er den Grund der allgemeinen Trauer schon vorhergesehen.
Es mußten etwa drei Wochen seit der Abreise der Delegation
vergangen sein, als der Hohepriester eines abends in meine Zelle
trat. Diese große Auszeichnung wurde selten einem einfachen
Lama zuteil, doch Lhalu schien an seinen alten Gewohnheiten
festzuhalten.
„Ti-Tonisa", begann er und machte es sich auf dem niedrigen
Stuhl bequem, der vor meinem Bett stand. „Ich komme zu dir
wie in guten alten Zeiten, wo wir uns in deine Zelle
zurückzogen, um ungestört miteinander reden zu können. Uns
beide verbindet viel mehr mit Santemi als alle anderen. Du warst
bei mir und hast mir geholfen, als ich sie heilte, und du standest
mir auch im Großen Kriege bei, als uns durch Gottes besondere
Gnade vergönnt war, sie zu retten. Ich spüre, nein, ich weiß, daß
sie eines Tage s für immer hier im Kloster leben wird. Doch jetzt
ist sie in großen Schwierigkeiten, und mein Herz ist tief
betrübt."
„Was ist geschehen, mein Herr?"
„Sie wurde in den Konvent von Ribog gebracht, wo man sie
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in die Höhle des Yamgo sperrte und täglich bestraft. Sie glauben
dort, sie sei vom Bösen besessen. Damit habe ich wohl genug
gesagt…"
Mein Blut erstarrte. Ich wußte nur zu gut, was Exorzismus in
Bod-Yul bedeutete! Das Schlimmste war, daß die arme Santemi
zu Unrecht beschuldigt wurde, denn man warf ihr vor, sie habe
den Hohenpriester verhext! Wahnsinnige, Verrückte und
Besessene, die den ganzen Tag lang schrien oder randalierten,
wurden auf Befehl des jeweiligen Hohenpriesters für drei Tage
in eine unterirdische Zelle gesperrt. Danach wurden sie
herausgeholt und einer bestimmten Behandlung unterzogen. Ein
besonderes Puder, Sahab genannt, wurde in eine für diesen
Zweck bereitete Flüssigkeit gestreut und der Besessene darin
gebadet. Der Puder fraß sich in die Haut ein und verursachte
furchtbare Schmerzen, wo rauf die Priesterin den Betreffenden
sieben Tage lang mit den Strichen des Großen Magnetismus
behandelte. Hatte sich der Besessene danach noch nicht
beruhigt, hielt man ihn über einem Feuer fest, so daß seine Haut
verbrannte. Diese Methode wurde allerdings nur bei jenen
angewandt, die vom Bösen Geist besessen waren, weil sie vom
wahren Glauben abgelassen hatten. Diese Menschen wurden so
drastisch behandelt, daß sie außer sich waren vor Schmerz.
Danach wurden sie in Heiligem Wasser gebadet und
magnetisiert.
„Vater", sagte ich zögernd, „glaubst du etwa, daß sie gegen
Besessenheit behandelt wurde? Nein! Das kann ich nicht
glauben! Das wäre schrecklich!"
„Nenn mich Aku, wie früher, Ti-Tonisa. Ich bin dein ,großer
Bruder' und will es für immer bleiben. Unglücklicherweise hast
du recht. Die Tatsache, daß sie in der Höhle des Yamgo
eingesperrt wurde, spricht für sich. Siehst du, Tonisa, wie
engstirnig die Menschen, ja selbst Hohepriester sind? Doch
Geduld, wir wollen geduldig sein. Laß uns die Allmächtige
Weisheit anflehen, unser Leiden zu verkürzen. Du weißt, daß
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die Höchsten Führer den Eingeweihten unterschiedliches Arva
auferlegen. Je nachdem wie man die Prüfung bestehst, ist einem
eine leichtere oder schwerere Zukunft bestimmt. Bete für sie,
Arau, deshalb bin ich gekommen. Bete darum, daß ihr Leiden
kurz sein und daß sie trotz allem hierher zu uns kommen möge,
selbst wenn alle Anzeichen gegen diese Hoffnung zu sprechen
scheinen."
„Seit ich ihr das erstemal begegnet bin, habe ich für sie
gebetet", murmelte ich mit gesenktem Kopf.
Schließlich war der Monat Aufschub vorüber, um den unser
Hoherpriester gebeten hatte, und er bereitete sich auf die Reise
vor. Um der Abordnung der Hohenpriester nicht noch einmal
die Unannehmlichkeiten der Anreise zuzumuten, hatte er sich
mit ihnen darauf geeinigt, daß er sich diesmal in das Yamgo
begeben würde, in welchem die sieben neuen Kandidatinnen für
ihn versammelt würden. Dort würde er seine Wahl treffen und
die neue Priesterin gleich danach mit sich zurücknehmen. Am
Tage zuvor hatte ein gleitender Bote die Nachricht überbracht,
daß alles vorbereitet sei. Er hatte außerdem den Namen des
Yamgo genannt, zu welchem Lhalu seine Karawane lenken
sollte. Zufällig oder absichtlich, wer wollte das sagen, war der
Konvent von Ribog ausgewählt worden, in welchem Santemi
lebte. Diese Neuigkeit machte uns froh, denn mit unserem
Ichkitsu hofften wir, daß die Delegation der Hohenpriester auf
diese Weise feinsinnig zum Ausdruck brachte, daß sie seiner
Bitte entsprechen wollte. Diese Nachricht besänftigte auch
unsere Sorge wegen Santemis Einkerkerung und Bestrafung,
denn sie mochten Teil einer Prüfung gewesen sein, mit der sie
ihrer Priesterin beweisen mußte, welche Härten sie ertragen
konnte. In allen Klöstern und Konventen wurden Geduld und
Eitelkeit einer Vielzahl solcher Prüfungen unterzogen.
Lhalu nahm mich mit auf die Reise, und da das Yamgo von
Ribog nicht weit vom Felsenkloster entfernt lag, erreichten wir
es bereits nach einem siebentägigen Marsch. Wir wurden
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feierlich und förmlich empfangen und nach einem üppigen Mahl
in die besten Gästezimmer geleitet. Am Morgen jedoch
erwartete unseren Hohenpriester und unsere Delegation eine
gewaltige Überraschung. Als uns die sieben Mädchen, die aus
allen Konventen Bod-Yuls ausgewählt worden waren, im Chang
vorgestellt wurden, befand sich Santemi nicht unter ihnen. Ich
schaute Lhalu an und bemerkte, daß sein Gesicht eine Spur
blasser geworden war. Auch spürte ich, daß er am liebsten sofort
protestiert hätte, doch er wußte so gut wie ich, daß es besser
war, zu schweigen. Denn die Auswahl der Sieben Heiligen war
Angelegenheit des Konzils der Hohenpriester, bei dem er kein
Mitspracherecht besaß. Wenn sie entschieden, Santemi nicht
zuzulassen, konnte niemand dagegen Einspruch erheben. Eine
Hitzewelle durchflutete meinen Körper, und ich spürte einen
Kloß in meiner Kehle. Wenn die Dinge so standen, dann
stimmten auch die Gerüchte von Santemis Bestrafung!
Unser Schmerz hätte größer nicht sein können! Wir befanden
uns - hochgeehrt und inmitten prächtiger Festlichkeiten und
Zeremonien zu unseren Ehren - genau in jenem Konvent, in
dessen Keller unsere geliebte, unsere begnadete kleine Santemi
hinter Gittern schmachtete! Das Schlimmste was, daß wir nichts
für sie tun konnten. Kein Hoherpriester in Bod-Yul hatte das
Recht, in die disziplinarischen Methoden des Klosters oder
Konventes eines anderen Großen Lama oder einer Ichka
einzugreifen.
Als er seine Wahl treffen mußte, deutete Lhalu auf eine der
sieben Priesterinnen, ein Mädchen von kleiner Statur mit
braunem Haar und hervorstehenden Backenknochen zwischen
fünfundzwanzig und achtundzwanzig Jahren. Sie war ihm
aufgefallen, weil sie die ihr gestellten Fragen ohne zu zögern
beantwortet hatte.
Als sich unsere kleine Karawane am folgenden Tage mit der
neuen Priesterin auf den Heimweg machte, lenkte Lhalu sein
Maultier neben das meine. Ich hockte so traurig und
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gedankenverloren auf meinem Tier, daß ich ihn erst bemerkte,
als er meinen Arm berührte.
„Sorge dich nicht, Arau", sagte er, „ich habe viel mehr Grund
dazu! Es scheint, als hätten sich die Himmel gegen uns
verschworen. Doch wenn wir nicht aufhören zu beten, können
wir selbst schlechtes Arva ändern, denn Gott ist stets gnädig und
hat ein mitfühlendes Herz. Die Hauptsache ist, sich niemals zu
ängstigen oder kleingläubig zu werden und alles Unglück zu
ertragen. Glaub mir, Freund, wenn wir furchtlos sind und
vertrauen, mögen selbst vorbestimmte Schicksalsschläge an uns
vorübergehen. Dort reitet Bamo, unsere neue Priesterin, auf
ihrem Maultier. Sie ist ein gutwilliges Mädchen, nur etwas
geschwätzig. Doch ich spüre bis in meine Knochen, daß sie in
unserem Kloster in Schwierigkeiten geraten wird. Ja, sie wird in
große Schwierigkeiten geraten, deshalb nehme ich sie so
bereitwillig mit. Nein, Ti- Tonisa, unsere Prüfung ist noch nicht
zu Ende."
„Aku," flüsterte ich, da mir plötzlich ein Gedanke kam,
„erinnerst du dich noch daran, was die Metallkugel am Tage
deiner Einweihung zeigte? Eine Priesterin von kleiner Statur mit
hellbraunem Haar, die sich später in eine dunkelhaarige
verwandelte. Jetzt ist es also wahr geworden."
„Nicht ganz, Ti-Tonisa, nicht ganz. Auch ich hatte Visionen.
Ich wußte, daß ich einmal einen hohen Rang bekleiden würde,
und ich sah auch meine zukünftige Priesterin, die jedoch unserer
ehrenhaften Bamo in keiner Weise glich. Dieser Punkt ist mir
wirklich vollkommen gegenwärtig."
Als wir ankamen, hatten sich die Menschen erneut im
Klosterhof versammelt, doch als wir nach den üblichen
Segenswünschen in den großen Chang einzogen und die
versammelten Lamas sich in tiefer Verehrung niedergeworfen
und wieder erhoben hatten, sah ich unbeschreibliches Erstaunen
und Verwirrung in ihren Gesichtern. Ein leises Murmeln erfüllte
die Halle, die Mönche wogten vor und zurück wie Gräser im
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Winde und steckten die Köpfe zusammen.
Der Kharpon sprach das wunderschöne Gebet, welches nur
bei der Weihe einer Priesterin gesprochen wird, dann wurde die
Ichka in den Tempel geführt, wo sie ihren Thron in Augenschein
nahm. Danach zeigte man ihr ihre Zelle im Turm. Jetzt erst
wurden die religiösen Zeremonien, wurde das alltägliche
Klosterleben wieder aufgenommen, denn ohne Priesterin
konnten keine Vorträge gehalten und keine Rituale ausgeführt
werden.
So kam Bamo, die neue Priesterin, zu unser aller Bedauern ins
Felsenkloster. Doch wir waren gehorsam und befolgten das
Gesetz Gottes, und von diesem Tage an behandelten wir sie mit
derselben Hochachtung wie unsere frühere Ichka. Die arme alte
Ichka! Selbst jetzt gedachten wir ihrer voller Liebe. Als sie
damals unser Kloster betrat, hatte sie bereits gewußt, daß sie
dort nicht sterben würde. Auch war sie vom Himmel mit großem
Feingefühl bedacht, und darin hatte sie die Priesterinnen anderer
Klöster weit übertroffen. Diese psychisch hochbegabten Frauen,
die bereits beim Eintritt in ein Kloster spürten, ob es ihnen
bestimmt war, dort auch zu sterben, brachten die größten Opfer.
Und das um so mehr, wenn sie fühlten, daß ihr Hoherpriester
vor ihnen sterben würde, denn in einem solchen Falle mußten
sie, wie unsere ehemalige Ichka, in ihr früheres Kloster
zurückkehren, wo sie die ihnen verbleibende Zeit in Trübsinn
und Unglück fristeten. Doch die verstorbenen Hohenpriester
besuchten ihre früheren Ichkas und begleiteten sie im Geiste bis
zu ihrem Tode. Außerdem behielt eine zurückgetretene
Priesterin ihr altes Wissen und brauchte in ihrem Yamgo keinen
Beistand. Doch sie waren alle seelisch gebrochen und lebten nie
länger als drei Jahre. All dies kam mir in den Sinn, als ich das
Gesicht der neuen Priesterin betrachtete, die so anders war als
die frühere.
So wurde Bamo, die Priesterin, in ihr Amt eingeführt, doch
wie sie uns wieder verließ ist eine andere Geschichte, und eine
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lange zudem. Doch werde ich mich kurz fassen, denn es lohnt
sich nicht, viele Worte an diese Angelegenheit zu
verschwenden. Nachdem drei Monate vergangen waren,
warteten wir eines morgens vor der Feuertrance vergeblich auf
sie. Schon länger war mir aufgefallen, welch dünne, nahezu
durchsichtige Kleider sie trug, denn wenn der
Zeremonienmeister ihr gemäß dem Ritual den Mantel abnahm,
konnte man im Feuerschein ihre Figur erkennen. Ich wußte
tatsächlich oft nicht, was ich davon halten sollte und schaute zu
Boden. Ich wagte nicht, meine Beobachtung mit anderen Lamas
zu teilen, doch ich sah ihnen ihre offensichtliche Bestürzung an.
Sie wußten ebenfalls nicht, wie sie sich verhalten sollten,
schauten zur Ichka, senkten gleich darauf wieder die Augen und
seufzten erleichtert auf, wenn sie ihren Mantel wieder anzog,
sich an die Armlehne ihres Thrones lehnte und in tiefen Schlaf
fiel.
An jenem Morgen also hatten wir uns im Chang zur
Feuertrance versammelt, und unsere Ungeduld erreichte gerade
ihren Höhepunkt, als ein einfacher Trapa, ein Angehöriger der
niederen Priesterschaft, der auf den Feldern arbeitete, den
Tempel betrat und sich vor dem Hohenpriester zu Boden warf.
Dann überreichte er ihm eine Schriftrolle, die Lhalu in Empfang
nahm und den Mann darauf mit einer Handbewegung entließ.
Wir ließen uns nichts von alledem entgehen, ohne zu wissen,
was wir davon halten sollten, da es allen, vor allem aber den
Trapas, strengstens verboten war, die heiligen Riten zu stören.
Lhalu starrte lange auf die Papyrusrolle, obwohl nicht viel
darauf geschrieben sein konnte, da er sie in kürzester Zeit
überflogen hatte. Beim Lesen wurde sein Gesicht sehr ernst.
Bestürzung, Scha m und wer weiß welch andere Gefühle
huschten in wenigen Augenblicken über seine Miene. Wie durch
ein Wunder entspannten sich dann seine Züge, und er verzog
den Mund zu einem immer breiter werdenden Lächeln, welches
wir unwillkürlich nachahmten. Schließlich brach er in lautes
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Gelächter aus, das in dem großen Tempel merkwürdig
widerhallte. Die alten Lamas, die in der hintersten Reihe saßen,
waren bereits aufgestanden und betrachteten ihn besorgt. Ich
muß gestehen, daß es mir ähnlich erging. Mit klopfendem
Herzen und völlig verwirrt starrte ich ihn an. Dann geschah
etwas Furchtbares: Das Gelächter des Hohenpriesters breitete
sich wie eine ansteckende Krankheit unter den feinfühligen
Lamas aus! Vergeblich versuchten sie, den Reiz zu
unterdrücken, und bald stieg hier und dort ein schrilles Kichern
auf. Glücklicherweise hob der Hohepriester Lhalu die Hand,
worauf wir alle verstummten.
„Meine Brüder!" rief er mit einer seltsam zitternden Stimme,
und keiner konnte sagen, ob sie vor Heiterkeit oder Trauer
bebte. „Es ist etwas Schreckliches geschehen! Macht euch auf
das Schlimmste gefaßt! Eine große Schande, eine schimpfliche
Entehrung hat das Kloster getroffen. Eine wirkliche Schmach,
von der man noch lange Zeit in Bod-Yul reden wird, wenn wir
uns davon nicht reinwaschen. Stellt euch vor, unsere Priesterin,
die höchst ehrenwerte Ichka, hat das Kloster verlassen! Sie
entlief mit einem gewöhnlichen Trapa, der als Gärtner auf dem
Kharlam beschäftigt war. Was beweist uns das, Brüder? Können
wir den Beschlüssen der Klöster überhaupt noch trauen? Ist es
nicht höchste Zeit, die Ordnung in den Chintanyins von Bod-
Yul wieder herzustellen? Jetzt ist es erwiesen! Begreift ihr jetzt,
warum wir durch den Großen Krieg gezüchtigt wurden? In
Klöstern, wo sich eine solche Priesterin eine n Platz unter die
Sieben Auserwählten erschleichen kann, muß Ordnung
geschaffen werden! Und nun sitzen wir wieder - ohne eine
Priesterin."
Seine Stimme versagte, und ungeachtet des Frevels, den er
beging, brach er erneut in lautes Gelächter aus.
Dies war das erstemal, daß ich Lhalu aus vollem Herzen
lachen hörte. Sein Lachen steckte uns an und so geschah etwas,
was im Felsenkloster noch nie geschehen war: Die ganze
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Versammlung der Lamas im großen Chang brüllte vor
ausgelassenem, gurgelndem, prustendem Lache n.
Auch ich lachte mit den anderen und wußte dabei, daß unsere
Heiterkeit nicht der Tatsache galt, daß die Ichka mit einem
Trapa durchgebrannt war. Maßlos erleichtert und von der großen
Spannung befreit, freuten wir uns über das Versagen der vom
Konzil der Hohenpriester ausgewählten Priesterin und hofften,
daß nach alledem die kleine Santemi eine der sieben Jungfrauen
sein würde.
Von diesem Zeitpunkt an jagten die Ereignisse einander in
rascher Folge, und selbst ein Blinder hätte gesehen, daß die
Hand Gottes unsere Angelegenheiten regelte. Eine neue Wahl
wurde anberaumt, was natürlich an sich noch keinen Vorteil
bedeutete, denn niemals konnte eine „besessene Person" unter
die sieben Anwärterinnen aufgenommen werden. Doch dann
geschah etwas Erstaunliches. Im Yamgo von Ribog, wo Santemi
hinter Schloß und Riegel gehalten wurde, brach eine unbekannte
Seuche aus. Da Lhalu zu unseren Zeiten in der medizinischen
Wissenschaft am besten bewandert war, schickte man nach ihm.
Er nahm mich mit, und ich kann nur sagen, daß diese Reise nur
unserem Vorteil diente. Lhalu gelang es, die Ichka, den
Hohenpriester und die Nonnen des Konvents zu heilen, die
bereits seit einigen Tagen krank daniederlagen. Doch Santemi
fanden wir nicht unter den Leidenden. Lhalu fragte vergeblich
nach ihr, niemand schien ihren Aufenthaltsort zu kennen. Am
dritten Tag verlor mein Meister die Geduld und teilte dem
Burgvogt mit, daß er alle Personen, die im Konvent lebten,
untersuchen müsse, da die Seuche ihr Haupt sonst wieder
erheben könne, und dann müßten alle hier sterben.
„Gibt es irgendeine Frau, die ich noch nicht gesehen habe?"
erkundigte er sich streng beim Kharpon. „Antworte mir, denn da
dein Hoherpriester noch nicht gesund ist, übernehme ich seine
Funktion!"
„Eure Heiligkeit", stammelte der Burgvogt, „mir ist niemand
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mehr bekannt!"
„Ich sehe deine Gedanken", donnerte Lhalu, „und es ist dein
Glück, daß du die Wahrheit sprichst. Denk noch einmal nach!
Gibt es eine Priesterin, die gerade bestraft wird? Bei einer
unserer geistigen Reisen erfuhren wir, daß ein Mädchen völlig
ungerechtfertigt in den unterirdischen Höhlen dieses Konvents
darbt!"
Der Burgvogt strich sich mit der Hand über die Stirn.
„Wirklich, Vater, jetzt, wo ihr es sagt, erinnere ich mich
wieder. Wir haben eine Priesterin eingesperrt, welche die Trapas
versorgen. Ihre Behandlung war hoffnungslos, und so bestimmte
die Ichka, daß nur die Trapas ihr das Essen bringen dürfen, da
sie unrein ist. Niemand sonst darf sie sehen. Doch ich glaube,
daß sie schon lange tot ist, denn als ich sie das letzte Mal sah,
war sie in keinem guten Zustand."
Lhalu warf ihm denselben Blick zu, unter dem schon die
assyrischen Soldaten sichtlich geschrumpft waren.
„Mann! Du kommst augenblicklich mit mir! Bring die
Schlüssel, und wenn der Gefangenen irgend etwas zugestoßen
ist, sage ich dir im Namen der Heiligen Weisheit, daß du nicht
länger Kharpon und dein Kloster kein Kloster mehr sein wird!"
Der Burgvogt wimmerte auf, warf sich zu Boden und küßte
den Saum von Lhalus Gewand, doch dieser riß ihn auf die Füße
und versetzte ihm einen Stoß in die Rippen.
„Beeil dich! Wir dürfen keine Zeit verlieren!"
Der zitternde Mann zauberte in Kürze die Schlüssel herbei,
und bald stiegen wir die gewundene Treppe hinab, die zu der
unterirdischen Höhle führte. Diese glich dem Höhlengang im
Felsenkloster, den ich mich einst voller Furcht vor der
Wasserprüfung entlanggetastet hatte.
Wir fanden Santemi in einer winzigen Zelle nahe dem
Höhlensee, doch in welchem Zustand! Ihr Kleid war schmutzig
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und zerfetzt, das Haar zerzaust, ihr kleiner Körper dünn wie eine
Maus. Nur die grünlichen Augen leuchteten mit derselben
faszinierenden Klarheit, obwohl das Leid Falten in ihr müdes,
abgezehrtes Gesicht gegraben hatte. Als wir die Gefängnistür
öffneten, mußte ihr Lhalu auf die Füße helfen, da sie kaum
gehen konnte.
„Santemi!" riefen wir fast gleichzeitig, „Santemi, wir sind es!"
Als sie meinen Meister erkannte, war sie nicht überrascht,
sondern sagte leise und atemlos: „Ich wußte, daß du kommen
und mich befreien würdest. Gesegnet sei die Ewige Weisheit, zu
der ich unaufhörlich über gebetet habe."
Wir nahmen sie mit auf den Klosterhof, damit sie frische Luft
atmen konnte, dann kamen auf Lhalus Anordnung die
Dienerinnen der Priesterin, badeten sie und gaben ihr ein neues
Kleid. Am Nachmittag führten wir sie zur Ichka, die immer
noch das Bett hüten mußte.
„Siehe! Das hast du der besten eingeweihten Priesterin Bod-
Yuls angetan, die ich persönlich sechs Jahre lang im
Felsenkloster ausbildete!" rief Lhalu mit blitzenden Augen. „Du
hast sie viele Monate lang gegen Gesetz und Regel unter dem
dummen Vorwand, sie sei vom Bösen besessen, in der
unterirdischen Höhle gequält. Ich, Lhalu, der Hohepriester, Bod-
Yuls bester Arzt, der dich, Ichka, und deinen Hohenpriester an
der Schwelle des Todes heilte, erkläre hie rmit feierlich, daß
dieses Mädchen vollkommen gesund ist, nur schwach und fast
verhungert. Höre mir jetzt genau zu! Ich befehle dir, mir diese
Priesterin zu übergeben. In einem Monat wird eine neue Wahl
stattfinden. Ich bin nicht an den anderen sechs Mädchen
interessiert, du kannst aufstellen, wen du willst. Doch Santemi
wird unter den Sieben Heiligen sein! Und da ich mich in jedem
Falle für sie entscheiden werde, wirst du sie mit großem Gefolge
als die zukünftige Priesterin des Felsenklosters zu mir schicken.
Die anderen sechs mögen zu Hause bleiben, da ich kein
Interesse daran habe, sie zu sehen. Yamgos, in denen
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Kandidatinnen ausgewählt werden, deren beste nach drei
Monaten durchbrennt, verdienen nicht, Konvent genannt zu
werden. So habe ich beschlossen und so befehle ich, Lhalu, der
Hohepriester von Tampol-Bo-Ri, Bod-Yuls bestem Kloster!"
Die Ichka war vollkommen eingeschüchtert, vor allem
deshalb, weil Lhalu ihr noch zwei Heilbehandlungen geben
mußte, und deshalb schwor sie, seine Anweisungen genauestens
zu befolgen und sein Anliegen beim Konzil der Hohenpriester
mit Nachdruck zu vertreten. Sie sagte, wir sollten uns keine
Sorgen mehr machen, denn Santemi, welche ganz plötzlich zur
besten und klügsten Schülerin aufgestiegen war und einem
beklagenswerten Irrtum zum Opfer gefallen sei, würde in einem
Monat im Felsenkloster erscheinen.
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Sterblichen erlaubt. Möge unser Kloster Kraft deines Willens
eines Tages groß und berühmt sein! Mögen wir Kraft deines
Willens eines Tages ewigen Seelenfrieden erlangen und jener
Musik lauschen, welche immer für uns klingen soll! Mögen
deine Augen uns beschützen und dein Blick sich nie von uns
abwenden! Möge der Gott der Weisheit deinen Geist
vollkommen erleuchten und dir die Stärke verleihen, all das, was
du in deinen Inspirationen aufnimmst, für uns verständlich und
zu unserem Nutzen an uns weiterzugeben! Laß dein ewiges
Licht in der Stunde unseres Todes über uns leuchten, und halte
durch deine Verbindung zu Gott die Kanäle zwischen uns und
der ewigen Liebe geöffnet. Dies wünschen wir uns von dir, und
wir erwarten, daß du es uns gibst. Möge die Allmächtige
Weisheit dir bei deinem Tun beistehen."
Gemäß der Zeremonie mußte der Hohepriester die Führung
des Klosters mit seiner neuen Priesterin gleich zu Anfang
durchsprechen. So ordneten sie die heiligen Rollen und
Schriften und bereiteten die Bücher für die astrologischen
Berechnungen vor. Nach ihrem ersten Monat im Kloster mußte
die Priesterin das Horoskop des Hohenpriesters berechnen,
welches sie ihm jedoch nicht aushändigte. Sie behielt es bei
sich, schrieb die Ereignisse jeden Tages auf und notierte, was
sich von den Vorhersagen erfüllte. Sie war in jeder Hinsicht für
den Ichkitsu verantwortlich, mußte alles wissen, was der
Hohepriester wußte, und zusätzlich dazu seine Pläne, sein Leben
und sein Arva kennen. Oft war die geistige Verbindung der
beiden so stark, daß ihre Geister nach dem Tode zum alten
Kloster zurückkehrten und versuchten, ihre Nachfolger zu
beeinflussen. Die Ichka erhielt keine besonderen Anweisungen
mehr, da sie in ihrem früheren Yamgo auf alles vorbereitet
worden war.
Das Leben einer Priesterin konnte aber auch schwierig sein.
Sie mochte unter den neuen Lamas den Kopf verlieren, wie es
der Priesterin Bamo geschehen war, oder die Ausbildung der
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Mönche zu nachgiebig oder zu streng handhaben. So etwas
passierte besonders dann, wenn die Priesterin zu jung war. Sie
verfügte über das größte Wissen und sah alles, so daß der
Hohepriester ihren Fähigkeiten Gerechtigkeit widerfahren ließ
und sie als gleichrangig anerkannte. Es geschah allerdings recht
häufig, daß ein Hoherpriester drei oder vier Priesterinnen
fortschicken mußte, bis er die richtige fand. Die körperliche und
seelische Reinheit einer wahren Priesterin erreichte einen hohen
Grad. Aus diesem Grunde wurde sie von allen so sehr geachtet.
Natürlich spielte die Erfahrung im Leben der Ichka eine große
Rolle, denn oft dauerte es lange Jahre, bevor sie unabhängig und
ohne die Führung des Hohenpriesters handeln konnte. Hier
besaß unsere Santemi einen unschätzbaren Vorteil, denn seit wir
sie - unmittelbar nach ihrer Einweihung aus dem assyrischen
Krieg gerettet hatten, lebte sie im Felsenkloster, wo sie
innerhalb von fünf Jahren alles Wissen meisterte, über welches
eine Priesterin verfügen mußte. Jetzt war sie wie eine Reisende
nach langer Wanderschaft wieder in ihrem alten Kloster
angelangt.
So kehrte Santemi, Horkangs Tochter und einstige Schülerin
des alten Zauberers, als Priesterin ins Felsenkloster zurück, um
ihrem Herrn und Meister, Lhalu, bis an ihr Lebensende zu
dienen.
Als das Leben im Felsenkloster wieder in seinen alten Bahnen
lief, reihten sich die gewohnten Ereignisse wie die Glieder einer
Kette aneinander. Die üblichen Lektionen, Gebete, geistigen
Reisen und Tumo-Übungen begannen von neuem. In den
Klöstern herrschte seit Jahrhunderten der Brauch, daß die neue
Ichka den Lamas nach der Feuertrance eine lehrreiche
Geschichte erzählen mußte, wonach ihr Wissen beurteilt wurde.
Die Geschichte, die uns die Priesterin Santemi erzähle, blieb für
immer in unserem Gedächtnis haften.
„Meine Brüder!" begann sie mit ihrer silbrigen Stimme, als
sie sich von ihrem Thron erhob, „ich möchte euch eine
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Geschichte über die Gefahren der geistigen Reisen erzählen,
eine Geschichte, die wirklich geschehen ist und die ich in den
alten Schriftrollen unserer Bibliothek verzeichnet fand. Vor
vielen, vielen Jahren lebte einst eine Familie in Bod-Yul. Der
Vater starb ganz plötzlich, und die Mutter mußte nun allein für
die drei Kinder aufkommen. Sie lebten einsam in einem Walde.
Eines Tages verschwand eines der Kinder, nach wenigen
Monaten das nächste und zuletzt auch das dritte. Die Mutter
blieb zurück. Da niemand in ihrer Nachbarschaft wohnte, war
sie gezwungen, in ein Dorf zu ziehen, welches eine halbe
Tagesreise vom Walde entfernt lag.
Viele Jahre waren seitdem vergangen, als die Mutter eines
Nachts träumte, ihr ältester Sohn erscheine ihr und lebe in einem
Kloster. Sie dachte lange über diesen Traum nach und hätte ihn
gern vergessen, doch es gelang ihr nicht. Auch der Zauberer des
Dorfes konnte nichts mit dem Traum anfangen. Nach einem Jahr
träumte sie denselben Traum wieder. Plötzlich kam der Frau ein
Gedanke, und sie wanderte bis zum nächsten Kloster, wo sie
nach dem Hohenpriester fragte. Dieser empfing sie und hörte
ihre seltsame Geschichte an. Daraufhin wies er die Priesterin an,
den Fall gründlich zu untersuchen. Die Priesterin beruhigte die
Frau und sagte ihr, sie solle am nächsten Tage wiederkommen.
Inzwischen versuchte die Priesterin, die Angelegenheit zu
erhellen, indem sie in die Metallkugel blickte. Tatsächlich fand
sie die drei Kinder, die jedoch längst erwachsene Männer waren.
Der erste lebte als Novize in einem Kloster, der zweite war als
Händler unterwegs, und der dritte fuhr als Seemann zur See. Da
die Mutter der Priesterin erzählt hatte, wie ihre drei Söhne
nacheinander verschwunden waren, verfolgte sie diese im Geiste
und erfuhr folgendes:
Als der Mann der Frau starb, war er im weltlichen Sinne nicht
tot, wenngleich seine Familie davon überzeugt war. Der
Zauberer des Dorfes hatte die Feuerprobe am Körper vollzogen,
und die Seele war nicht zurückgekehrt. Der Mann wurde unter
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einem großen Stein beigesetzt, seine Frau hatte der Beerdigung
beigewohnt und war auch jetzt noch davon überzeugt, daß sich
die Leiche ihres Gatten in diesem Grabe befände. Wie hätte sie
denn wissen sollen, daß ihr Mann einmal ein großer
Hoherpriester hier in unserem Felsenkloster gewesen war! Aus
meinen Worten mögt ihr schließen, daß der Hohepriester eine
ungesetzliche Tat begangen hatte und deshalb seinem Arva
begegnet war.
Tatsächlich war das Folgende geschehen: Eines Tages sandte
der Ichkitsu sein Bewußtsein im Kloster in der höchst
schwierigen Variation des Phoimonda zusammen mit seinem
Körper aus, wobei, wie ihr wißt, die Zustimmung der Höchsten
Führer notwendig ist, weil sich der geistige Forscher sonst
großen Gefahren aussetzt. Der Hohepriester jedoch sandte
seinen Geist auf eigene Gefahr aus, ohne dabei überwacht zu
werden. Er wollte herausfinden, wie lange er mit nach außen
projiziertem Körper und Geist an einem anderen Ort würde
leben können. Deshalb begab er sich zu seiner Gruft in den
Bergen, verschloß die Steintür und legte sich auf den Grabtisch.
Für die Mönche war er spurlos verschwunden, und um so größer
war ihre Trauer, als einer der Lamas berichtete, er sei zwischen
den Felsengräbern umhergegange n und dabei zufällig am Grab
des Hohenpriesters vorbeigekommen. Als er durch eine Türritze
hineinspähte, glaubte er, das Oberhaupt des Klosters auf dem
steinernen Tisch liegen zu sehen. Der Mann hatte recht, denn
der Hohepriester lag sechs Monate in seinem Grab. Als sich der
Mond zum sechstenmal drehte, hatte er sich seelisch so sehr
verändert, daß er nicht mehr zum Kloster zurückkehren konnte.
Er strich in der Nachbarschaft umher und lernte so die Frau
kennen, die er später heiratete. Doch wurde er nie glücklich,
denn irgend eine schwere Sorge belastete sein Herz. Seine Frau
gebar ihm mehrere Kinder, von denen jedoch nur die drei Söhne
überlebten. Diese zählten alle über zehn Jahre, als er starb. Doch
sein Tod war nur eine Art Schlaf, denn ein Körper, dessen
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Bewußtsein unterwegs ist, kann nicht sterben.
Als die Mutter die Priesterin drängte, ihr den Traum zu
erklären und ihr über das Schicksal ihrer Söhne Auskunft zu
geben, wollte die Ichka nichts erzählen. Die Mutter bat und
bettelte umsonst, die Ichka schwieg, so daß sie unverrichteter
Dinge wieder in ihr Dorf zurückkehren mußte.
In Wahrheit befand sich einer ihrer Söhne bereits in jenem
Kloster, in dem ihr Mann Hoherpriester gewesen war. Im Laufe
der Zeit setzte sich der Vater auch mit seinen anderen beiden
Söhnen in Verbindung und begleitete sie auf ihrem Lebensweg.
Die ganze Zeit über war die Frau fest davon überzeugt, daß ihr
Mann schon lange tot war. Doch wie ihr bereits wißt, entstieg er
sechs Monate, nachdem ihn seine Frau begraben hatte, der
Gruft, erinnerte sich schwach daran, daß er einst Hoherpriester
gewesen war und kehrte in sein ehemaliges Kloster zurück. Dort
gab es einen neuen Hohenpriester und viele neue Lamas, die ihn
nicht erkannten. Sein Grab hatte lange leergestanden. Da er über
außergewö hnliche Fähigkeiten verfügte, wurde er als einfacher
Lama aufgenommen. Doch die alten Mönche beobachteten ihn
mißtrauisch. Eines Tages wurde er tot in seiner Zelle
aufgefunden, doch der Hohepriester erkannte, daß er sich in
tiefer Phoimonda-Trance befand. Der Lama war geistig zu
seiner Frau gereist und hatte die Söhne, einen nach dem
anderen, weggeführt, indem er ihnen direkte geistige Befehle
gab, wohin sie gehen sollten. Seinen Ältesten leitete er auf eine
Weise zu seinem Kloster, daß niemand im Chintanyin je erfuhr,
woher und warum der Junge gekommen war. Seinen beiden
anderen Söhne half er. in weltlichen Berufen erfolgreich zu sein.
Als der Hohepriester feststellte, daß ein einfacher alter Lama,
den er als Novizen aufgenommen hatte und nur seiner
Fähigkeiten wegen bei den alten Mönchen leben ließ, das
Wunder vollbrachte, eine ganze Woche lang in Phoimonda-
Trance zu verharren, rief er ihn zu sich. Doch vergeblich
unterrichtete ihn der Ichkitsu von der Wahrheit, der Mann
-335-
erinnerte sich nicht an seine Kinder, die er der Mutter entführt
hatte. Der Große Lama wußte über die ganze Geschichte genau
Bescheid, da die Priesterin die Trance des Lamas im Phoimonda
überwacht hatte und dem Hohenpriester getreulich darüber
Bericht erstattete. So fanden sie schließlich he raus, daß der
merkwürdige Lama Hoherpriester gewesen, später als
gewöhnlicher Mann in der Welt gelebt hatte und wieder ins
Kloster zurückgekehrt war."
Santemi hielt eine Weile inne, und die Stille war so groß, daß
wir außer dem Zischen der Flammen nichts hörten. Dies war das
erstemal, daß sie zu uns sprach, und ihre silbrige, melodische
Stimme lullte unsere Sinne ein.
„Ich habe euch diese Geschichte erzählt, damit ihr wißt, in
welch große Gefahr ihr euch begebt, wenn ihr unbeaufsichtigt
geistige Reisen unternehmt und daß ein Mensch mit
ausgesandtem Bewußtsein in Ausnahmefällen sogar körperliche
Arbeit verrichten kann. Das gesamte Familienleben des
Hohenpriesters dieser Geschichte spielte sich in Phoimonda-
Trance ab, und dieser Zustand endete erst, als er aus seinem
Felsengrab zum Kloster zurückkehrte. Doch konnte er sich an
nichts mehr erinnern und spürte nur höchst unbestimmt, daß er
drei Menschen helfen mußte. Seine Sünde bestand darin, daß er
das Gesetz verletzte und niemanden davon in Kenntnis setzte,
daß er einen sechsmonatigen Bewußtseinsflug unternehmen
wollte. Er wurde damit bestraft, daß er all sein priesterliches
Wissen verlor. Denkt über diese Geschichte nach, und wenn ihr
sie verstanden habt, dann zieht eure Schlüsse."
Solch eine gelehrte Priesterin war unsere Santemi, die geliebte
Priesterin des Felsenklosters, um die uns von diesem Tage an
viele Klöster beneideten, denn ihr Ruhm drang bis in die
fernsten Winkel Bod-Yuls. Sie war noch sehr jung, kaum über
zwanzig Jahre alt, obwohl sie in den ersten Monaten geistig
gebrochen und sehr müde wirkte. Nachdem sie etwa vier oder
fünf Monate bei uns weilte, brach in der Nachbarschaft des
-336-
Felsenklosters eine Seuche aus, und Lhalu reiste in ihrer
Begleitung durch das umliegende Land, um die Kranken zu
heilen. Da er meist zu spät kam und viele Menschen starben,
machte die abergläubische Bevölkerung die neue Priesterin für
das Versagen verantwortlich. Lhalu selbst zog sich die
Krankheit zu, und bald zeigte er solche Symptome, daß wir alle
mit seinem Tode rechneten. Ich hasse die Erinnerung an diese
Zeit, denn immer noch spüre ich den scharfen Schmerz in
meinem Herzen. Das Wissen, ihn verlieren zu können, war so
furchtbar, daß wir monatelang vor Angst wie gelähmt waren,
obwohl wir alle wußten, daß sich ein Lama nie fürchten darf und
sich stets, was auch geschehen mag, in den Willen Gottes ergibt.
Doch die Heilige Weisheit zeigte Erbarmen mit uns und heilte
ihn durch Santemi. Ihre Macht und ihr Wissen waren so
gewachsen, daß sie Lhalu in allem ebenbürtig war.
Die Gnade Gottes ruhte auf ihnen, und so arbeiteten sie lange
gemeinsam Seite an Seite. Das Leben im Felsenkloster erblühte
und war von Erfolg gekrönt. Jene Jahre zogen so rasch vorüber
wie die Frühlingswolken am Himmel. Wenn ich an sie
zurückdenke, spüre ich, daß sie keine Geschichte haben. Der
Hohepriester tat keinen Schritt ohne sie, obwohl seine langen
Reisen nie ungefährlich waren. Santemi hing ebenfalls an Lhalu
und sah in ihm ihren Vater und Meister. Es gab keine
Unstimmigkeiten zwischen ihnen. Lhalu zählte zehn Jahre mehr
als sie, sah jedoch wesentlich älter aus. Die Lamas aller Klöster
kannten ihre Geschichte und beneideten uns.
Nach und nach wünschte sich jeder Lama, in unserem Kloster
sterben zu dürfen, da er dann sicher sein konnte, daß sein Geist
in den Sphären den himmlischen Ring V5 erreichte. Bereits
nach zwei Jahren drang der Ruhm des Felsenklosters in alle
Lande. Das einfache Volk wagte sich kaum noch zu uns, und so
kamen nur die Könige und Prinzen ferner Länder. Unser Kloster
war reich, denn alle Schätze der Erde häuften sich in seinen
Speicherhäusern und Schränken. Lhalu und seine Priesterin,
-337-
Santemi, heilten zahlreiche Menschen, und viele fanden Gott
durch sie. Einige Prinzen ließen zu ihren Ehren Klöster erbauen,
und zeigten Bod-Yuls altem Gott so ihre Dankbarkeit für die
wunderbaren Heilungen, die Sein Hoherpriester Lhalu bewirkte.
In jenen Zeiten wurde die Heilkunst von den Menschen der Welt
am höchsten geachtet, und sie beurteilten das Wissen eines
Mannes nach seinen Kenntnissen auf diesem Gebiet. Santemi
war nicht wie die Priesterinnen anderer Klöster, die ihre
wertvollen Andenken und Geschenke eifersüchtig hüteten. Sie
verteilte vielmehr ihre Schätze an die Bevölkerung, da sie die
weltlichen Güter verachtete und ziemlich leichtsinnig damit
umging. Die beiden arbeiteten so viel, daß ihnen nie freie Zeit
blieb.
Zehn glückliche Jahre nach Santemis Einweihung drängten
sich die Ereignisse. Die Arbeit häufte sich derartig, daß Lhalu
sich nicht mehr imstande sah, das Leben des Klosters in den
alten Bahnen zu belassen. Es gab zu jener Zeit so viele Klöster
in Bod-Yul, daß das Felsenkloster zum Hauptkloster ernannt
wurde, in dem nur noch Hohepriester ausgebildet wurden. Deren
Unterricht war nicht so mühelos zu erteilen wie der eines
einfachen Lamas, da sie sich täglich fünfzehn bis sechzehn
Stunden lang auf geistige Reisen begeben mußten. Auf Lhalus
Anweisung wurde auch ich Lehrer in der Schule der Ichkitsu-
Anwärter, so daß ich in jener Zeit nicht in der Lage war, das
Leben und die ruhmvollen Taten meines Meisters zu verfolgen.
Wir mußten zweimal in der Woche streng fasten und einen Tag
und eine Nacht in diesem Zeitraum in der unterirdische Höhle
meditieren.
Wenn ich an jene glückliche Zeit zurückdenke, um Santemis
Wesen zu beschreiben, kommen mir seltsamerweise nicht ihr
großes Wissen oder ihre liebevollen Heilungen in den Sinn.
Stattdessen erinnere ich mich genau daran, daß sie die
Gegenwart Gottes im Felsenkloster am deutlichsten wahrnahm.
Im Laufe der Jahre hatten Lhalu und sie eine große Sammlung
-338-
astrologischer Daten angelegt, welche sie selbst am Himmel
abgelesen, berechnet und auf Papyrus notiert hatten. Niemand
konnte die Zukunft so genau vorhersagen wie unser
Hoherpriester und die Priesterin. Nachdem Santemi und Lhalu
viele verschiedene Religionen kennengelernt hatten, nahmen sie
eine besondere Haltung im Hinblick auf die Anbetung Gottes
ein. Ja, das war das Wunderbarste, das auch jetzt noch wie die
Strahlen der aufgehenden Sonne in den tiefen Tälern zwischen
den Berggipfeln in mir aufblitzt, wenn ich an Santemi denke:
Sie war es, die als erste die Erfüllung eines segensreichen
Versprechens spürte, von welchem die Menschen jener Zeit
noch nicht einmal träumten. Sie fühlte es deutlich und gab dies
an uns weiter, daß achthundert Jahre nach unserem Zeitalter
Yeshes, der Gott Bod-Yuls, dessen Name gesegnet sei, als
Mensch auf Erden geboren werde, um Seine Kinder durch Sein
Leiden zu erlösen.
-339-
Kapitel 17
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und eilte zur Ichka, die, wie ich wußte, zu dieser nächtlichen
Stunde in der großen Bibliothek unter dem Turmzimmer
arbeitete. Wirklich saß sie dort über eine große Papyrusrolle
gebeugt und schrieb mit ihrem Pinsel endlose Zeilen.
„Willkommen, Ti-Tonisa", begrüßte sie mich lächelnd, als ich
eintrat und mich tief verbeugte. „Was tust du hier zu so später
Stunde? Ist irgend etwas vorgefallen?"
„Vergib mein Eindringen, Ichka, doch es sind zwei
Botschafter aus dem assyrischen Reich eingetroffen, die zu
unserem Hohenpriester wollen. Ich sagte ihnen, er befände sich
jetzt im Turm und sei erst am nächsten Morgen zu sprechen,
doch sie meinten, die Wichtigkeit ihrer Nachrichten erfordere
ein sofortiges Zusammentreffen."
„Wir können die Botschafter nicht warten lassen, Ti- Tonisa.
Bring sie hierher in die Bibliothek". Für einen Moment blickte
sie nachdenklich vor sich hin auf die geöffnete Schriftrolle und
preßte dann plötzlich beide Hände gegen die Brust. Sie sprang
auf und lief ruhelos hin und her. Ratlos verfolgte ich ihre
Bewegung, da ich ihre überraschende Aufregung nicht verstand.
Auf einmal blieb sie vor mir stehen und stieß hervor: „Nein,
nein, Ti- Tonisa! Ich kann sie nicht empfangen! Ich ahne eine
schlimme Gefahr, eine große, uns alle bedrohende Gefahr! Noch
nie haben mich meine Gefühle getäuscht! Gehe sofort zurück
und mache ihnen irgendwie verständlich, daß sie gleich wieder
abreisen müssen! Sage ihnen meinetwegen, daß der
Hohepriester morgen sehr beschäftigt ist. Sage ihnen, daß ich
sehr krank bin und sie nicht empfangen kann."
„Warum denn, Ichka? Warum dieser plötzliche Wandel? Ich
spüre überhaupt keine Gefahr. Im Verhalten der Männer habe
ich nichts dergleichen bemerkt."
„Nein, Ti-Tonisa! Tu, wie ich dir geheißen! Uns wird ein
großes Übel befallen, wenn wir ihnen gestatten, den Hohen-
priester zu treffen. Und Schlimmes wird auch mir widerfahren!"
-341-
Sie, an deren Selbstbeherrschung wir uns stets ein Beispiel
genommen hatten, reagierte so überspannt, daß ich sie kaum
wiedererkannte. Ich schrieb dies den Mühen der letzen Zeit zu,
denn sie hatte seit mehreren Wochen hart an ihrem großen
Astrologiebuch gearbeitet. Trotzdem war mir klar, daß ich die
Gesetze der Gastfreundschaft nicht so grob verletzen durfte.
„Denk noch einmal darüber nach, Santemi", sagte ich und
nannte sie bei ihrem Namen, was ich nur in großen, feierlichen
Augenblicken wagte. „Wir können die Botschafter Hadad-
Niraris unmöglich in Unehren entlassen. Der Herrscher hat uns
mit seinen großzügigen Geschenken mehrmals bewiesen, daß er
bereit ist, das an uns begangene Unrecht wieder gutzumachen.
Wir dürfen seinen Unwillen nicht erregen, damit er nicht
schlecht von uns denkt."
Da ich sah, daß sie unnachgiebig blieb, verbeugte ich mich
und verließ die Bibliothek, um ihren Befehl auszuführen. Doch
als ich um die Ecke bog, ließ mich eine Laune des Schicksals
fast mit Lhalu zusammenstoßen, der gerade aus der Sternwarte
kam.
Er blieb stehen, und da er merkte, daß ich an ihm
vorbeischlüpfen wollte, verstellte er mir den Weg und fragte:
„Was ist los, Arau?"
Daraufhin erzählte ich ihm alles, auch daß die Priesterin die
Botschafter unter allen Umständen fortschicken wollte. Lhalu
war äußerst erstaunt und wies mich an, die Herren
augenblicklich in die Empfangshalle zu bitten. Vielleicht war
dies das erstemal, daß er eine Anordnung der Ichka aufhob. Mit
widersprüchlichen Gefühlen und voller Zweifel eilte ich hinab,
nicht ohne ihn zuvor davon unterrichtet zu haben, daß die Gäste
sich bereits in der Empfangshalle befänden und daß er sich am
besten selbst dorthin begäbe.
Die Botschafter erwarteten ihn aufgeregt, und ich bemerkte
ihre offensichtliche Freude darüber, daß ihr Wunsch so rasch
-342-
erfüllt worden war. Nach der Begrüßung verbeugte sich Kudur
tief vor unserem Hohenpriester.
„Ich überbringe Eurer Heiligkeit die Grüße unseres
Herrschers, Seiner Majestät Hadad-Nirari", sagte er mit
dröhnender Stimme. „Unser König hat vom Verschwinden eures
jüngeren Bruders erfahren, den seine Soldaten - hem - zur Zeit
des Großen Krieges zusammen mit anderen Gefangenen
verschleppten. Unser König weiß, daß ihr, heiliger
Hoherpriester, seit vielen Jahren vergeblich nach ihm gesucht
habt. Aus tiefer Dankbarkeit und Anerkennung eurer Verdienste
befahl er mir, dem staatlichen Zinseintreiber, in ganz Assyrien
Nachforschungen anzustellen und herauszufinden, ob euer
Bruder noch unter den Lebenden weilt. Im Namen meines
Herrschers habe ich die Freude, Eurer Heiligkeit mitzuteilen,
daß wir einen Mann gleichen Namens und fremder
Abstammung in der Stadt Kolbi-Atossar gefunden haben. Sein
assyrischer Name lautet Zosep, doch als wir ihn befragten,
antwortete er, er stamme aus Bod-Yul und sei der Bruder des
Hohenpriesters Lhalu. Zuerst wollte er nichts von sich
preisgeben, da er glaubte, er würde dadurch Schaden nehmen.
Doch als wir ihm das Wohlwollen unseres Königs versicherten,
gab er seine Identität preis."
Nach den ersten Worten des Botschafters verrieten Lhalus
Züge, mit welch gespannter Aufmerksamkeit er Kudurs
Ausführungen folgte. Und als er hörte, daß sein Bruder lebte,
hob er beide Arme gen Himmel. Freudentränen liefen seine
Wangen hinab. Er umarmte den alten Kudur und sagte ihm, dies
sei der glücklichste Augenblick seines Lebens. Nie werde er
dem König von Assyrien dies wunderbare Geschenk vergessen.
„Doch warum habt ihr ihn nicht gleich mitgebracht?" fragte er
mit vor Freude bebender Stimme.
„Ich bot es ihm an, Eure Heiligkeit, doch er meinte, daß ihn
familiäre Umstände daran hinderten, mich zu begleiten. Er
studiert an der Medizinschule in Kolbi-Atossar und steht kurz
-343-
vor den Abschlußprüfungen. Es gibt da noch etwas, was ich
euch berichten muß", fügte er verlegen hinzu. „Er lebt in sehr
dürftigen Verhältnissen. Mit dem Einverständnis Eurer
Heiligkeit stellte ich ihm eine gewisse Summe zur Verfügung,
damit er in würdiger Kleidung vor Bod-Yuls Herrscher
erscheinen kann, wenn er nach Hause gebracht wird."
„Ich danke euch, Freund", antwortete Lhalu lächelnd, „doch
sorgt euch nicht um seine armselige Lebensweise. Ich werde zu
ihm reisen und ihn nach Hause bringen. Ja, ich selbst werde zu
ihm gehen! Wir wollen den jungen Mann überraschen. Ihr habt
mir eine große Freude bereitet und einen großen Dienst
erwiesen, Inspektor. Übermittelt Seiner Königlichen Hohe it
meine nie versiegende Dankbarkeit."
So wurde Gonisa gefunden, der Bruder unseres
Hohenpriesters, das einzige überlebende Mitglied von Lhalus
Familie, das alle verloren geglaubt hatten. Lhalu vertat keine
Zeit damit, die Angelegenheit mit der Ichka zu besprechen,
deren merkwürdige Abneigung gegen die Botschafter sich
inzwischen vollständig gelegt hatte. Sie entschlossen sich, nach
einer Woche aufzubrechen und Kudurs Karawane zu begleiten.
Die Stadt Kolbi-Atossar lag nahe den Grenzen von Tazik-Yul
und des Zweistromlandes und konnte mit einer Karawane leicht
in drei Wochen erreicht werden. Natürlich durfte ich Lhalu und
Santemi begleiten. Die Ichka zeigte seltsamerweise überhaupt
keine Abneigung mehr gegen das Unternehmen, sondern großes
Interesse.
Ich freute mich sehr, daß sie uns begleitete, obwohl es etwas
gab, was ich nicht verstand. Oft schon hatte ich mich mit dem
alten Chandugsa Lama über dieses Thema unterhalten. Er hatte
mich als erster darauf angesprochen. Zu jener Zeit reichte der
Ruf des Felsenklo sters über die Grenzen von Bod-Yul hinaus,
und unser Hoherpriester unternahm zusammen mit seiner Ichka
lange Reisen ins Ausland. Ich erinnere mich noch an den Tag,
als sich Chandugsa Lama zum erstenmal beim Kharpon darüber
-344-
beschwerte, daß der Große Lama die Ichka mit auf die Reisen
nahm, obwohl die Regeln des Klosters dies ausdrücklich
untersagten. Gemäß des alten Gesetzes war es dem Ichkitsu und
der Ichka nicht erlaubt, das Kloster gemeinsam zu verlassen,
damit der eine den anderen vertreten konnte. Doch unser
Hoherpriester überließ dem ältesten Lama Namgang die
Führung des Klosters, da er der Meinung war, daß Namgang,
das Oberhaupt der Schule für die Hohenpriester, über das
vollständige Wissen eines Ichkitsu verfügte. Außerdem war
Tampol- Bo-Ri zum Hauptklo ster ernannt worden und fiel nicht
mehr unter die allgemeinen Regeln. Das war wohl richtig, und
die Angelegenheit hätte somit auf sich beruhen können. Weder
Chandugsa noch Namseling hätten Einspruch gegen die
gemeinsamen Reisen des Hohenpriesters und der Ichka erhoben,
wäre da nicht der Umstand gewesen, daß Namgang dem Weine
besonders zugetan war. Zweifellos war er neben Lhalu der
älteste und gelehrteste Lama im Kloster, doch es war schon
zweimal passiert, daß Vater Namgang, wie wir ihn nannten,
während der Abwesenheit des Großen Lama einen Tropfen
zuviel zu sich genommen hatte. Chandugsa Lama hatte die
Führung des Klosters übernommen, damit die jüngeren Lamas
nichts von der Trunkenheit Namgangs bemerkten und dessen
Autorität bei ihnen gewahrt blieb.
Als wir in Assyrien angekommen waren und den Bruder des
Hohenpriesters in der Stadt Kolbi-Atossar gefunden hatten,
waren wir Zeugen eines wahrhaft traurigen Anblicks. Er lebte
mit einer Witwe, die auf dem Straßenmarkt Früchte verkaufte, in
einer armseligen Hütte am Rande der Stadt. Zuerst erkannte ihn
Lhalu gar nicht, denn er war zerlumpt und ungepflegt.
Außerdem hatten die Jahre den einstigen Jugendlichen
beträchtlich verändert.
Wie soll ich Gonisa beschreiben? Es ist schwierig, ihn in
wenigen Worten zu charakterisieren, denn trotz seines zerfetzten
assyrischen Kaftans fiel seine Erscheinung aus dem Rahmen.
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Er war ein schwarzhaariger Mann von mittlerer Größe,
sieben- oder achtunddreißig Jahre alt, obwohl er zehn Jahre
jünger wirkte. Seinen Zügen nach mochte er für einen Bodpa,
einen Assyrer, oder einen Bewohner des südlichen Reiches
Khem gelten. Sein schlanker, gutgebauter, muskulöser Körper
verriet großes Können im Kriegshandwerk, was sich, wie wir
später erfuhren, als richtig erwies, da er drei Jahre lang in der
assyrischen Armee hatte dienen müssen. Wenn man ihn
betrachtete, gewann man den Eindruck eines gutaussehenden
Mannes, dessen Augen allein auf die Abstammung aus Bod-Yul
hinwiesen, wogegen sein Gang und seine Sitten eher an die
eines Südländers erinnerten. Trotz seines armseligen Äußeren
begrüßte er uns mit einer stolzen, vornehmen Verbeugung, als
unsere Karawane in den ärmlichen Hof einzog. Lhalu war so tief
bewegt, als er seinen verlorenen Bruder erblickte, daß er lange
Zeit kein Wort hervorbrachte. Santemi stand auf der
Türschwelle und betrachtete Gonisa. Ich befand mich bereits in
der niedrigen Hütte und sah, daß sich ihre Augen einen
Augenblick lang trafen. Gonisa starrte sie verwundert an,
während die Ichka stehenblieb und schaute, als sähe sie eine
Erscheinung. Sie wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß er
Lhalu so wenig ähnlich sah, entstammten sie doch derselben
Familie. Im nächsten Moment fiel Gonisa seinem Bruder in die
Arme.
„Ich wußte, daß du eines Tages nach mir sehen würdest,
lieber Bruder", rief er keuchend, „denn ich bin ein armer Mann
und konnte dir keine Nachricht schicken. Doch da du ein
gelehrter Priester bist, wußte ich, daß du mich eines Tages auf
einem geistigen Fluge finden und zu mir kommen würdest."
Am folgenden Tage kaufte Lhalu ein prächtiges assyrisches
Gewand für seinen Bruder und befahl, daß sich die Karawane
für die Rückreise rüsten solle, da er so bald wie möglich wieder
nach Hause wollte. Vorsichtig befragte er seinen Bruder nach
der Frau, mit der dieser die Hütte teilte. Doch Gonisa lachte nur.
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Was kümmerte ihn das Weib, mit dem er nur deshalb
zusammenlebte, weil es für ihn so bequemer war. Ja, ich stellte
fest, daß der Bruder unseres Hohenpriesters nicht nur
orientalisch aussah, sondern ebensolche Sitten angenommen
hatte. Er liebte die Bequemlichkeit und verabscheute schwere
Arbeit aus vollem Herzen.
Als wir nach langer, fröhlicher Reise zu Hause angekommen
waren, gaben wir Gonisa eine Gästezelle, die er äußerst
ungemütlich fand, und Lhalu besprach die Sache mit der
Priesterin. Sie kamen zu dem Schluß, Gonisa nach Khem, in das
südliche Land des Pherao zu schicken, denn während der Reise
hatte Lhalu bemerkt, daß sein Bruder medizinisch sehr begabt
zu sein schien. Diese Entscheidung wurde rasch in die Tat
umgesetzt, denn kein Fremder durfte über einen bestimmten
Zeitraum hinaus im Kloster bleiben. Deshalb rüstete Lhalu am
vierten Tage eine große Karawane für seinen Bruder und gab
ihm eine beträchtliche Summe Goldes und Lamakrieger, die ihn
bis an die Grenze Khems begleiten sollten. Er kleidete ihn in
prächtige Gewänder, angemessen für den Bruder von Bod-Yuls
höchstem Priester, und sandte ihn liebevoll auf den Weg. Gonisa
war tief bewegt, und ich sah, daß es ihn große Mühe kostete,
sich von seinem geliebten und ehrlich bewunderten Bruder zu
trennen. Er hatte mir einige Tage zuvor erzählt, daß der Bruder
seit seiner Kindheit sein Vorbild gewesen sei. Er war wohl ein
sehr schüchternes Kind gewesen, und Lhalu hatte ihn im Alter
von zehn oder zwölf Jahren Mut gelehrt. Eines Tages war er in
einen Abgrund gestürzt, und obwohl Lhalu den Unfall
beobachtet hatte, versteckte er sich und tat, als habe er nichts
bemerkt. So war Gonisa gezwungen gewesen, bis zum Anbruch
des Tages in der Schlucht auszuhalten und die Qual der Angst
vor Geistern und Kobolden durchzustehen. Erst dann war Lhalu,
der ihn die ganze Zeit über von oben bewacht hatte, zu ihm
hinabgestiegen und hatte ihn erlöst.
Sechs Monate nachdem uns Gonisa verlassen hatte, erreichte
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uns eine Nachricht von einer edlen Familie aus Khem, die Lhalu
seinem Bruder empfohlen hatte. Darin hieß es, dass Gonisa, bald
nachdem er seine Studien an der Schule für Ärzte und Priester in
Mempi begonnen hatte, in die Hauptstadt Pu-Bast übergesiedelt
sei, wo er am Hofe Pharaos in einer hohen, reich bezahlten
Stellung angestellt wurde. Als der Pharao Pi- Ank'khi Chewer,
der Herr des Hohen Hauses, erfahren hatte, daß der edel
aussehende, junge Arzt der Bruder des berühmten Großen Lama
aus Bod-Yul sei, hatte er ihn augenblicklich an seinen Hof
beordert, mit einem hohen Rang ausgezeichnet und ihm ein Amt
im Silberhaus zugeteilt. Doch unterbrach Gonisa deswegen
seine medizinischen Studien keineswegs. Er hatte oft genug
Gelegenheit, die Klassen für die höheren Weihen der
Priesterschule zu besuchen.
Auch ich hatte gerade meine höchste Einweihung in der
Heilkunst erhalten. In unserer Zeit war diese Kunst in Bod-Yul
am höchsten entwickelt, was einen seltsamen und doch
natürlichen Grund hatte, denn nur in Bod-Yul kannte man die
alten Rituale des Chod, durch welche der Hohepriester die Toten
innerhalb der drei Tage nach ihrem Tode aus dem Bardo
zurückrufen konnte. Der Hohepriester war gleichzeitig der beste
Arzt und Chirurg eines Klosters. Auch unser Hoherprie ster hatte
die Leichen vieler verstorbener Lamas seziert, doch vorher hatte
er sie erweckt und gefragt, an welcher Krankheit sie gelitten und
wie sie ihren Tod in allen Einzelheiten erlebt hätten. Aus diesem
Grunde wußten die Ichkitsus aus Bod-Yul nicht nur genauestens
über Körper und Seele Bescheid, sondern auch über den
Augenblick, in welchem sich die Seele vom Körper trennt und
die menschliche Hülle allein zurückbleibt. Der Hohepriester
Lhalu, der beste Arzt Bod-Yuls, vermochte jede Krankheit zu
heilen, ausgenommen natürlich die Leiden, die den Kranken
vom Arva auferlegt waren. Ob es sich um eine arvatische
Krankheit handelte, erfuhr er vom Schutzgeist des betreffenden
Patienten. Die meisten Krankheiten konnte Lhalu in der Iris des
-348-
Kranken erkennen, und bei der Behandlung legte er das größte
Gewicht auf die Magnetisierung. Davon ausgenommen waren
nur die Schwindsucht, die er mit Atemübungen heilte, und Fälle,
in denen er chirurgische Eingriffe vornehmen mußte. Er war ein
konkurrenzloser Künstler auf dem Gebiet der Brust- und
Herzoperation. Mit Hilfe magnetischer Stric he oder allein durch
seinen konzentrierten Blick ließ er seine Patienten einschlafen,
dann öffnete er die Brust. Dabei berührte er nie das Herz selbst.
Er entfernte nur Wasser oder Flüssigkeit aus der Umgebung,
denn oft wurde das Herz in Folge einer inneren Krankheit gegen
die Rippen gepreßt.
Es waren die verstorbenen Lamas, die Lhalu im Laufe langer
Jahre eingeschärft hatten, daß man das Herz nie von seinem
Platz entfernen und lediglich die Umgebung des Herzens von
einem gegebenen Druck befreien dürfe. Es gab in jenem
Zeitalter keinen zweiten Chirurgen wie den Hohenpriester Lhalu
aus Bod-Yul. Nur der Hohepriester und die Priesterin konnten
die Riten des medizinischen Chod ausführen, da niemand sonst
darin eingeweiht wurde. Die Ichka notierte die Worte, die der
tote Lama sprach. Bei solchen Gelegenheiten trug der Große
Lama nicht sein übliches Gewand, sondern einen weißen
Mantel, der um die Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten
wurde und beide Arme unbedeckt ließ. Die Priesterin stand in
einem langen schwarzen Kleid neben ihm. Wenn sie einen Lama
sezierten, der an einer ansteckenden Krankheit gestorben war,
bereitete die Ichka zuvor ein Bad, in welches der Hohepriester
Mhyrre und einen besonderen Puder streute. Er wußte erst nach
dem Eingangsgebet, welchen Puder er benutzen mußte. Nach
den Anweisungen der geistigen Führer wurden diese Puder
eigenhändig zubereitet. Die Toten belehrten Lhalu nicht nur
über die Schwierigkeiten einer Herzoperation, sondern auch
darüber, daß sich der Hals eines sterbenden Mensche n immer
auf gleicher Höhe mit Schultern und Brust befinden müsse, da
sich die Seele in dieser Haltung leichter vom Körper trenne.
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Wenn er keine Gelegenheit hatte, den Verstorbenen nach dessen
Todesstunde genügend befragen zu können, und wenn er aus
bestimmten Gründen annahm, ihn nicht über den von den
Gesetzen des Chod bestimmten Zeitraum nicht am Leben
erhalten zu können, legte er mit Essig getränkte Mhyrre auf die
Zunge des toten Lama, was das Leben in ihm erhielt. Doch
konnte es auch dadurch nicht mehr als eine halbe Stunde
verlängert werden.
So wird verständlich, daß sich Heilkunst und Chirurgie in
Bod-Yul auf einem höheren Stand befanden als selbst im Lande
Khem. Wie konnte es denn anders sein, erklärten doch die für
wenige Augenblicke belebten verstorbenen Lamas unseres
Landes den Ärzten den Grund ihres Todes.
Auch die Zauberer oder Ngaspas heilten, doch vor allem mit
Hilfe von Beschwörungen und selbstgebrauten Tränken. Sie
wandten sich meist an die dunklen Geister und baten diese, die
Krankheit des Patienten auf dessen Feind zu übertragen. Ich
lernte im Felsenkloster, daß Gott ihr Treiben aus folgendem
Grunde zuließ: Wenn die Führungsgeister der Zauberer, welche
zum vierten Ring gehörten, strenge Maßnahmen gegen die
Ngaspas ergreifen würden, verlören diese all ihre Fähigkeiten
und das einfache Volk, welches ihnen vertraute, damit seinen
Glauben. Viele Patienten kamen zum Felsenkloster, denen die
Behandlung eines solchen Zauberers die letzte Lebenskraft
geraubt hatte.
Lhalu und Santemi heilten täglich viele Kranke, nicht nur
fremde Edelleute, sondern auch die Söhne des Volkes. Zu jener
Zeit waren sie so mit Heilen beschäftigt, daß sich ihre
priesterlichen Tätigkeiten auf die reine Kontrolle des Klosters
beschränkten.
Etwa zu jener Zeit bewirkte unser Hoherpriester in meiner
Gegenwart jene denkwürdige Heilung im sonnigen Khem, deren
Verlauf noch viele Jahrhunderte später in den Schriftrollen des
Felsenklosters nachgelesen werden konnte. Denn wie sollte der
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Tag in Vergessenheit geraten, an welchem der Hohepriester
Lhalu den Pharao Pi- Ank'khi Niamun Chewer operierte?
Eines Tages traf ein Botschafter aus Khem ein, dem Land der
Pyramiden, und überbrachte dem Hohenpriester einen Brief des
Pharao. Lhalu las uns die königliche Schriftrolle am selben
Nachmittage vor. Ich erinnere mich noch an den merkwürdigen
Anfang:
„Am ersten Tage des Festes der Hathor im Monat Epipi. Ich,
Sohn des Osiris, Herr des Hohen Hauses, Wurzel von Amun,
Sept-Hat und Anubis, Regent des Hoch- und des Tieflandes von
göttlichen und menschlichen Gnaden. Sohn meines Vaters und
meiner Mutter, Pharao mit dem Namen Pi- Ank'khi Kheperra,
sende meine Grüße an Lhalu, den Hohenpriester und Regenten
des Hohen Bod."
Nach einer langen Einleitung bat der große Pharao unseren
Hohenpriester, sich so rasch wie möglich zu einer Reise nach
Khem herabzulassen, um ihn zu heilen, da seine Ärzte dabei
seien ihn umzubringen. Tatsächlich sei sein Herz so schwach,
daß er nur noch im Bett liegen könne. In der Papyrusrolle
steckte ein Brief des königlichen Hofarztes. Darin informierte er
unseren Hohenpriester, daß der Herr des hohen Hauses an einer
seltsamen Herzkrankheit leide, die ihm völlig unbekannt sei.
Dann folgte eine eingehende Beschreibung der Krankheit, die
Lhalu sorgfältig studierte und dann ins Feuer warf. Er schien
dem medizinischen Scharfblick des Hofarztes der
dreiundzwanzigsten Dynastie nicht viel zuzutrauen. Der
Botschafter übergab ihm außerdem einen Brief seines Bruders
Gonisa, in welchem dieser ihn bat. so bald als möglich
abzureisen, denn er war einer der Vertrauten des Pharao und
hatte den Herrscher der beiden Länder überzeugt, daß nur sein
Bruder, der große Heiler und Hohepriester, ihn heilen könne.
Lhalu entschloß sich auf der Stelle und sagte dem Botschafter
aus Khem, daß er, sobald die Karawane gerüstet sei, in wenigen
Tagen mit ihm reisen würde. Wieder beschloß er, die Priesterin
-351-
mit auf die lange Reise zu nehmen, eine Tatsache, die mich
glücklich stimmte, da ich ihn als sein ständiger medizinischer
Assistent natürlich ebenfalls begleitete. Wir machten uns am
siebten Tag des Drachenmondes mit vierundzwanzig Yaks und
Pferden und siebzig Soldaten auf den Weg. Unsere Reise führte
uns über einen Monat lang durch das reiche Gyagar. In jeder
größeren Stadt waren wir Gast in den Palästen der Prinzen des
Landes. In einem großen Hafen an der südwestlichen Küste
wartete des Pharaos seltsam aussehende Galeere auf uns, mit
welcher der Botschafter über das Meer gefahren war. Das Segel
des königlichen Schiffes war von scharlachroter Farbe und der
schwarze Rumpf blau und golden verziert. Sie verfügte über
zwei Ruderbänke, die sich im windstillen Engen Meer als sehr
nützlich erweisen sollten. Doch erwartete uns eine stürmische
Reise, bei der ich seekrank wurde, bevor wir das Enge Meer
erreichten. Schließlich kamen wir in das große Meer, und bald
erschien die sandige Küste Khems am Horizont. In Kanopi
erwartete uns eine prächtige Karawane, deren Männer uns in
stillem Erstaunen betrachteten. Wir taten dasselbe, denn die
Menschen aus Khem sahen wirklich merkwürdig aus. Die
Begleiter der Karawane waren schlanke, kräftige,
braungesichtige Krieger, die auf langen Stangen die
siegverheißenden goldenen Statuen ihrer Götter -Ibisse, Katzen,
Krokodile und Falken - mit sich trugen. Außer Leinenröcken,
die ihnen von den Hüften bis zu den Oberschenkeln reichten,
waren sie unbekleidet. Ihre dolchartigen Schwerter trugen sie
ohne Scheide in den Gürteln. Ihre Kopfbedeckung war ein
weißes, gestärktes Stück Leinen mit roten Streifen und zu
beiden Seiten des Gesichtes herabhängenden Stofflappen, wie
wir es später auch an ihrer riesigen steinernen Sphinx
beobachten konnten. Diese Kopfbedeckung wurde auch vom
Volk getragen. Uns war in unseren warmen Kianghaarmänteln
sehr heiß. Einer ihrer Hohenpriester, der Iotuneters, befand sich
ebenfalls im Hafen, um unseren Großen Lama zu begrüßen. Er
-352-
trug ein weißes Leinengewand, welches mit heiligen
Schriftzügen verziert war, und über die linke Schulter hatte er
ein Leopardenfell geworfen. Er und Lhalu begrüßten einander
herzlich. Wir bestiegen die Kriegswagen von Pharaos
Leibwache und rasten über die Wüstenstraße nach Pu-Bast, der
Hauptstadt und dem Sitz des Pharaos der Napata Dynastie.
In meinem ganzen Leben sah ich nie wieder solch eine Pracht,
solch einen Glanz und so viel Licht! Als wir die Stufen des
Marmorpalastes von Pu-Bast emporstiegen, kam mir das alte
Bild, das ich gesehen hatte, als ich Lhalu zum erstenmal
begegnet war, blitzartig in den Sinn. Damals war ich in Trance
gefallen und hatte eine Vision geschaut, worauf der Soldat aus
Gyanak über mein Bein gestolpert war. Jetzt befanden wir uns
wirklich in dem seltsamen, sonnigen Land mit seinen
glänzenden, weißen Marmorpalästen und den gebräunten,
halbnackten Menschenmengen in farbigen Kleidern, und Lhalu
war ebenfalls an meiner Seite. Und in der Ferne sah ich die
Wüste und die riesige Gestalt von Horem-Khut, der Frau mit
dem Löwenkörper, und hinter ihr - die Pyramiden von Attalan!
Wahrlich, die Zukunft liegt in der Gegenwart, und die
Vergangenheit wirft ihre Schatten auf sie. Ich fand in meiner
Vision nur einen einzigen Fehler: Nicht der Große König,
sondern sein erster Hoherpriester, der Uermaa oder Großer
Seher, stieg die Marmorstufen herab, um uns zu begrüßen. Er
trug das gleiche Gewand wie der Hohepriester, der dem
Empfangskomittee am Hafen vorgestanden hatte, doch sein
weißer Mantel war viel reicher verziert, und seine Brust war mit
dem feinsten goldgewobenen Tuch bedeckt, das ich je gesehen
hatte. Er und unser Hoherpriester begrüßten sich mit einer tiefen
Verbeugung, dann faßten sie einander nach dem Grußritual der
Eingeweihten am rechten Ellenbogen.
„Im Namen von Isis, Osiris und dem Pharao heiße ich euch,
großer Uermaa, in Khem, den vereinigten Ländern von Ta-
Mehu und Ta-Semau willkommen. Möge Ra-Papi, der
-353-
Herrliche, euch Einsicht, Heilkraft und eine sichere Hand
verleihen, auf daß ihr seiner Familie und seinem Volke Seinen
Herrscher auf Erden, den Herrn des Hohen Hauses, Pharao,
wiederzugeben vermögt."
Lhalu begrüßte ihn mit entsprechender Hochachtung in
ebenso schöner Sprache und versicherte dem Hohenpriester, daß
er zur Heilung des Pharao sein gesamtes Wissen heranziehen
werde.
„Ich bitte euch jedoch, daß ihr mich jetzt zu eurem Herrn
führt", bat er den Uermaa, „und enthaltet euch jeglichen
Zeremoniells, denn jetzt bin ich Arzt, und der Zustand des
Patienten steht an erster Stelle."
Am Mittag des folgenden Tages war ich dabei, als Lhalu den
Fall mit der Ichka besprach. Die Krankheit des Pharao war
tatsächlich ungewöhnlich. Er war jetzt seit zwei Wochen ohne
Bewußtsein, und wenn er ab und zu für einen kurzen Moment zu
sich kam, stöhnte er und klagte über sein Herz, das von einer
versteckten Krankheit befallen sein mußte. Mein Meister wies
am selben Tage die Hohenpriester und Hofärzte an, alles für die
große Operation vorzubereiten, denn er konnte Pharao nur
helfen, indem er ihm die Brust öffnete. Die Ärzte aus Khem
waren entsetzt, doch Lhalu blieb bei seiner Entscheidung und
sagte ihnen, dies sei die einzige Möglichkeit, das Leben des
Pharao zu retten. Ansonsten sei er zu seinem größten Bedauern
gezwungen, wieder nach Hause zu reisen.
Da die Operation nur in einer vollkommen stillen, ruhigen
Umgebung ausgeführt werden konnte, beschloß Lhalu, den
Pharao in seiner Pyramide zu operieren, wo der Steinsarkophag
schon auf die zukünftige Mumie wartete. Auf seine Anweisung
hin schleppten die Leute aus Khem einen großen Steintisch in
die Pyramide, da Lhalu stets nur auf solchen Tischen operierte.
Sobald sich der Tisch am rechten Ort befand, begab er sich mit
Santemi dorthin, und sie beteten zwei Tage und eine Nacht, um
die notwendige geistige Kraft für die Operation zu gewinnen.
-354-
Während dieser Zeit des Gebets fasteten sie streng und nahmen
keinerlei Nahrung zu sich. Danach schloß mein Meister seine
Priesterin in der Steinzelle neben der großen Halle der Pirimit
ein, dort, wo gewöhnlich die Geschenke für den Pharao
aufbewahrt wurden. Hier lag Santemi zwei Tage und zwei
Nächte bewegungslos mit steifem Körper, während ihr Geist auf
höheren, mentalen Ebenen weilte.
Am Morgen des dritten Tages begab sich mein Hoherpriester
in die Pyramide, und ich sah von der Tür aus, wie er den weißen
Mantel vom Körper der Ichka zog und ihr in den Mund blies,
worauf sie augenblicklich zu sich kam. Sie unterrichtete ihn,
woran der Pharao litt, wie er dessen Brust öffnen und unter
welche Rippe er greifen sollte. Keinem Arzt aus Khem wurde
gestattet, beim Phoimonda oder beim Erwachen der Priesterin
zugegen zu sein, da Lhalu alle Rituale im Verborgenen
ausführte. Die Hohenpriester aus Khem und die Hofleute hielten
sich in gebührendem Abstand von der Pyramide auf und
beobachteten von dort das geheimnisvolle Treiben des
Zauberers aus Bod-Yul. Nachdem er Santemi geweckt hatte, trat
Lhalu schließlich vor die Pyramide und befahl den Dienern und
Wachleuten, alle Grabsteine und unbehauenen Tafeln
hinauszutragen und den Innenraum bis auf das letzte Stäubchen
zu säubern. Zum großen Erstaunen der Hohenpriester und Ärzte
fegten und reinigten die Soldaten das Innere der Pyramide -
denn wer in des Pharaos Reich hatte je gehört, daß ein Mann in
seinem eigenen Grab operiert werden sollte? Dann ließ Lhalu
große rote Teppiche in der Gruft auslegen. Dieser Arura der
Pyramide war keineswegs so eng wie der Chorten eines Lamas
aus Bod-Yul, sondern ein großer Raum von sieben auf zehn
Metern, in dessen Mitte der Sarkophag stand und davor - der
Operationstisch, den Lhalu dorthin hatte tragen lassen.
Unser Hoherpriester begab sich erneut in den Vorhof der
Pyramide und sprach zu den Priestern Khems:
„Große Seher und Väter des Himmels! Höchst ehrenwerte
-355-
Uermaas, Iotuneters und auch ihr, Uerkherohemtius! Ich betete,
ich fastete, ich flehte den Gott Bod-Yuls um Kraft an. Ich traf
alle Vorbereitungen, damit meine Hände sicher und stark seinen
und ich euren großen Herrscher zu retten vermag.
Ich bitte euch, in die Grabkammer zu kommen und euch mit
euren Heilern in einem Kreis um den Tisch zu stellen, damit ihr
meine Zeugen seid vor Gott und den Menschen. Und jetzt bitte
ich meinen Bruder, den Hohenpriester, den Herrn des Hohen
Hauses hierherbringen zu lassen, während ich den Arura
entkeime."
Sichtlich steifen Schrittes, doch augenscheinlich beeindruckt,
betraten die Uermaas und Hofärzte aufgeregt murmelnd einer
nach dem andern den Raum und stellten sich in einem Kreis an
den Wänden auf. Jetzt gebot mir Lhalu, ein besonderes
Räucherwerk zu entzünden, das er aus Bod-Yul mitgebracht
hatte, um damit die Luft der Grabkammer zu reinigen.
Keimtötende Kräuter aus Bod-Yul, welche Lhalu entdeckt und
gemischt hatte, brannten in den silbernen Räucherschalen, und
ihr duftender Rauch füllte allmählich die geräumige Gruft.
Danach wusch ich den Steintisch sorgfältig ab und rieb seine
Oberfläche mit einem geruchlosen, medizinischen Öl aus Bod-
Yul ein. Wir hatten unsere Vorbereitungen gerade
abgeschlossen, als der Pharao, dessen regloser Körper von
einem weißen Umhang mit goldener Borte bedeckt war, auf
einer verzierten Bahre hereingetragen wurde. Als wir ihn auf
den Steintisch legten, hob er den Kopf und schaute unseren
Hohenpriester angsterfüllt an. Doch da trat Gonisa vor, der
Bruder des Großen Lama, der die Szene bis jetzt aus der Reihe
der Ärzte aus Khem beobachtet hatte, und sprach zum Pharao:
„O Sohn des Amun, Leuchtende Sonne, mein erhabener Herr!
Vertraut euch meinem Bruder an, dem Hohenpriester aus Bod-
Yul, der die Prinzen Gyagars und den großen König der Assyrer
heilte. Vertraut ihm, Herr, und ihr werdet niemals enttäuscht
werden."
-356-
Der Pharao blickte ihn dankbar an, doch im nächsten
Augenblick verzerrten sich seine Lippen vor Schmerz, und er
preßte eine Hand gegen das Herz. Jetzt trat Lhalu an den Tisch
und schaute ihm mit leerem Blick konzentriert in die Augen. Er
berührte ihn nicht einmal, sondern sagte nur:
„Liege ruhig… und schlafe… schlafe!"
Der Kopf des Pharao sank zurück, und er fiel augenblicklich
in tiefen Schlaf. Ich sah und hörte, wie die Reihen der Priester
und Ärzte aus Khem wie Gräser im Winde schwankten. Sie
traten näher an den Tisch heran, um alles, was dort geschah,
genau verfolgen zu können. Jetzt drehte sich Lhalu bedächtig
um und wandte sich an den Hohenpriester von Khe m:
„Mein Bruder! Bevor ich meine Arbeit beginne, bitte ich
euch, zu eurem Gott zu beten und seine Hilfe zu erflehen."
Ich wußte, daß er dies nur aus Höflichkeit gesagt hatte, und
deshalb tat es mir natürlich weh, die wispernde Bemerkung
eines Arztes aufzufangen, der in der ersten Reihe stand. Er
beugte sich zum Ohr seines Gefährten und murmelte: „Es
scheint mir, daß der Hohepriester aus Bod-Yul seinem eigenen
Wissen nicht traut!" Doch dann trat der Uermaa vor, stellte sich
vor den Steintisch und hob die Arme. Das Gebet war wirklich
schön und ließ mich die gehässigen Worte des jungen Arztes aus
Khem vergessen. Trotzdem fühlte ich mich unwohl, denn dies
waren die ersten unfreundlichen Worte, die ich in diesem Lande
gehört hatte.
„Unser Vater Osiris, du großer, heiliger König", begann der
Uermaa, „du, der du unsere Welt belebst und erhältst! Du
unsterbliche, ewige Wirklichkeit, mögest du aus deiner Welt des
Lichts zu uns herabsteigen und deine heiligen Arme über den
kranken Leib deines Kindes ausstrecken, welches dich hier auf
Erden vertritt. O, du Herr mit den reinen Augen, der du dein Ohr
allen wahren Gebeten öffnest! Du, der du die Himmel durchmißt
und über die Wasser gleitest! Lebensspender! Großer Herr!
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Stärke unsere Seelen in dieser schweren Stunde, offenbare uns
deine himmlische Farbe, zeige uns dein irdisches Antlitz, deinen
mitleidvollen Geist. Hilf dem Kinde Amuns, dem Diener von
Isis und Horus, heimgesucht von schweren Sorgen! Segne ihn
mit deiner großen, alldurchdringenden Liebe, so wie allein du
jene zu segnen vermagst, die an dir hängen."
Gleich nachdem der Uermaa geendet hatte, nahm die Ichka
meinem Meister den Mantel ab, der jetzt nur noch sein weißes
Gewand trug. Er hob seine Arme, die nach dem Brauche Bod-
Yuls unbekleidet blieben, gen Himmel und sagte nur: „Heilige
Weisheit! Sei gesegnet für deine Hilfe!" Dann streckte er die
Hand nach dem goldenen Tablett aus, auf dem ich all seine
Instrumente für ihn bereithielt, und ergriff ein langes, dünnes
Messer. Während er dieses in den Rauch des heiligen
Räucherwerks hielt, deutete er mit der freien Hand an, daß alle
Höflinge, die weder Priester noch Ärzte waren, die Grabkammer
verlassen sollten. Als der letzte Nicht-Eingeweihte gegangen
war, verschlossen die Soldaten die steinerne Tür, doch ein
Regiment blieb im Raum zurück und verstellte den Ausgang.
Mein Hoherpriester, der sein glänzendes Messer in die Höhe
hielt und sich der nackten Brust des Pharao zugewandt hatte,
schaute Santemi an, die am anderen Ende des Tisches stand, und
flüsterte: „Hast du bemerkt, daß die Soldaten hiergeblieben
sind?"
Die Priesterin stand bewegungslos und gedankenverloren, als
habe sie die Frage gar nicht vernommen. Dann antwortete sie so
leise, daß sich ihre Lippen kaum bewegten: „Ich durchschaue
ihren geheimen Plan. Die Soldaten erhielten Order, uns zu töten,
wenn der Pharao unter deinem Messer stirbt. Arbeite sorgfältig,
Lhalu, und möge die Heilige Weisheit deine Hand führen."
Kein Muskel zuckte im Antlitz meines Meisters, stattdessen
hatte ich den Eindruck, als glitte ein Lächeln über sein Gesicht.
Er durchtrennte des Pharao Haut, nahm dann eine feine goldene
Säge vom Tablett und durchsägte das Ende einer Rippe. Wie ich
-358-
später erfuhr, hätte er in des Pharaos Brust eine gebrochene,
abgebogene Rippe ausrichten sollen, die gegen das Herz
drückte. Der Pharao hatte sich diese in seiner Jugend bei einem
Sturz vom Wagen gebrochen, und sie war in falscher Stellung
zusammengewachsen. Im Laufe der Zeit hatte sich das Ende
immer weiter abgebogen und einen allmählich stärker
werdenden Druck auf das Herz ausgeübt. Dieses gebogene Ende
der Rippe hätte Lhalu begradigen sollen, indem er den Knochen
im Zickzack durchtrennte und ihn in seiner ursprünglichen Lage
mit einem goldenen Draht befestigte. Doch dann geschah etwas,
was nicht nur die Ärzte aus Khem, sondern auch mich
überraschte. Statt die Rippe geradezubiegen, nahm mein
Hoherpriester den Knochen heraus und warf ihn wie einen Stein
in die Ecke.
Die eingeweihten Zuschauer ergriff die Furcht, denn so etwas
war nach ihrem Gesetz ein großer Frevel. Der Pharao indes
schlief weiter. Mein Meister wies mich an, die Hakenschere, mit
welcher ich die Hautlappen auseinanderhielt, loszulassen,
worauf sich die Wundränder sofort über dem Schnitt schlossen,
durch welchen er die gebrochene Rippe entfernt hatte. Dann
legte er sein Skalpell nieder, wusch seine Hände in einer
Schüssel, in der er verschiedene Flüssigkeiten aus dem
Felsenkloster gemischt hatte, trocknete sie ruhig ab und winkte
der Ichka und mir, ihm zu folgen. Er wußte, daß man uns
gefangennehmen und töten wollte, und doch ging er mit ruhigen,
würdevollen Schritten zur Tür. Doch da erhob sich ein
Murmeln, und ein schriller Befehl zerriß die Luft. Die Soldaten
sprangen vor, ergriffen Santemi und rissen ihr den Mantel von
den Schultern. Gleichzeitig hielten zwei Krieger meine Arme
fest, während vier über Lhalu herfielen und uns nicht aus der
Gruft heraus, sondern in den kleinen Raum neben der
Grabkammer drängten, wo die Begleiter und Diener des Pharao
begraben werden, wenn dieser gestorben ist. Einer der Soldaten
drückte auf einen Hebel, worauf eine schwere Steintür
-359-
zurückglitt. Wir wurden durch die dunkle Öffnung gestoßen,
und die Steintür schlug mit einem Knall hinter uns zu.
„Lhalu! Hilf mir!" hörte ich den schwachen Schrei unserer
Priesterin. Kurz bevor sich die Steintür schloß, hatte ich
gesehen, daß Gonisa versuchte, ihr zu Hilfe zu eilen, doch die
Soldaten führten ihn ab.
Eine Weile standen wir stumm im Dunkeln. Ich konnte nicht
sprechen, denn die Verzweiflung überwältigte mich fast.
Doch dann ze igte Lhalu, unser ruhmreicher Hoherpriester,
welch gewaltiges Wissen ihm die Macht der Heiligen Weisheit
verliehen hatte, jener alte Gott Bod-Yuls, der solange sein wird,
wie sich Gebetsräder zu seinen Ehren auf den Gipfeln des Tise
und des Kangchen drehen werden. Er hob die Augen eine Weile
gen Himmel, sprach dann laut ein magisches Wort, welches ich
zuvor noch nie gehört hatte, und schleuderte seinen goldenen
Stab zu Boden, das Szepter des Hohenpriesters. Und siehe! Die
geschlossene Tür glitt zurück, und wir traten in die große Gruft
heraus, in der des Pharaos lebloser Körper lag.
-360-
Kapitel 18
Das riesige Grab war bereits leer, denn die Menge drängte in
den umbauten Hof vor der Pyramide. Wir eilten durch den
Raum, in dem der Pharao noch immer auf dem steinernen
Tische lag, und traten hinaus ins Sonnenlicht.
„Bindet die Shem'a aus Bod-Yul!" hörten wir die Schreie des
Volkes. „Pharao ist tot! Sie hat ihn verhext! Frevlerin! Zerreißt
ihre Kleider! Zu den Krokodilen mit ihr!"
Lhalu sprang vor und hob die Hand.
„Aufhören!" brüllte er mit donnernder Stimme, worauf das
Murmeln und Schreien auf der Stelle verstummte. Die
Menschen glotzten ihn starr vor Überraschung an. Dies war der
erste geistige Schlag, den unser Hoherpriester ihnen versetzte,
denn sie konnten nicht fassen, wie es ihm gelungen war, aus
dem verschlossenen Grab zu entkommen. Im nächsten
Augenblick sprang er zu Santemi, welche die Soldaten
losließen, um, alle fünf über uns herzufallen. Doch da senkte
Lhalu schwungvoll beide Arme und rief dasselbe Wort, welches
er im Hof des Felsenklosters gerufen hatte, als er die Krieger der
Drachenleute entwaffnete. Die Soldaten aus Khem stolperten
und stürzten wie vom Blitz getroffen zu Boden.
„Heeke! Heeke! Zauberei!" riefen die Priester und Höflinge,
und viele warfen sich vor Lhalu nieder. Die Priesterin blieb in
ihrem zerrissenen Kleid einfach stehen und schaute zu, doch ihr
Lächeln strahlte noch glücklicher als ihre Augen.
Und Lhalu drehte sich auf dem Absatz um und winkte uns,
ihm zu folgen. Würdevoll schritt er über den Hof in die Gruft.
Er trat vor den Steintisch und weckte Pharao Chewer mit der
Kraft Bod-Yuls. Dieser erhob sich augenblicklich, stieg vom
Tisch und ging mit offener Wunde in der Brust zu seinen
Leuten. Die Höflinge warfen sich zu Boden und weinten vor
-361-
Glück. Andere stießen Jubelschreie aus und baten unseren
Hohenpriester, den Großen Magier, um Vergebung. Nachdem
sich der Große Uermaa von Khem vor seinem Herrn und König
niedergeworfen hatte, kniete er vor Lhalu und berührte mit der
Stirn den Saum seines Mantels. Doch der sah nur den Herrn des
Hohen Hauses, der wie ein Schlafwandler durch die Reihen
seiner am Boden liegenden Untertanen schritt - ein glückliches
Lächeln auf seinem Gesicht.
„Pharao", sagte Lhalu, „begebt euch jetzt wieder in euer
Schlafge mach, und bevor ihr euch zur Ruhe legt, betet zu eurem
Gott Amun-Ra und dankt ihm."
„Er lebt! Er lebt!" schrie das Volk aus Khem begeistert. „Die
zweiundvierzig Richter haben ihn nicht gerichtet! Toth, der
Ibisköpfige, hat sein krankes Herz nicht gewogen! Tahuti hat die
Federn der Gerechtigkeit nicht in die Waagschale geworfen!"
„Wir danken dir, O Vater Osiris, daß du ihn nicht über den
flammenden See der Zeit geführt hast! Gepriesen seist du dafür,
daß er in der Halle der Wahrheit deine ewige Stimme noch nicht
hören mußte."
Sieben Tage später erhob sich der Pharao vollständig
wiederhergestellt von seinem Lager. Und das Volk von Khem
verehrte Lhalu und pries ihn. Ich werde nie vergessen, wie
Gonisa am Tage der ersten Audienz zu dem goldenen Thron trat,
der auf Löwenfüßen ruhte und dessen Rückenstütze und
Armlehnen mit geschnitzten Lotusblüten aus Elfenbein verziert
waren, und sagte: „Habe ich euch nicht versichert, ruhmreicher
Pharao, daß es keinen zweiten Heiler in der Welt gibt wie
meinen Bruder, den Hohenp riester Lhalu?"
Und der Sohn Amun-Ras lächelte wohlwollend und winkte
unserem Hohenpriester und Santemi mit einer Pfauenfeder,
worauf schwarze Sklaven im Thronraum erschienen und Gold,
Silber und Elfenbein brachten, die Schätze von Khem.
So heilte der Hohepriester Lhalu den Pharao Pi- Ank'khi
-362-
Chewer, das Kind Ras, die Leuchtende Sonnenscheibe, den
Regenten des Hoch- und des Tieflandes.
-363-
mir immer wieder auf, daß sie seine Gegenwart hier in Khem
sichtlich genoß, denn immer bei seinem Anblick erhellte sich ihr
Gesicht. Ich hatte nicht lange in der Welt gelebt, so wußte ich
wenig über das Herz eines Mannes, doch auch ich mußte mich
nicht besonders anstrengen um herauszufinden, daß Gonisa eine
heimliche Zuneigung zur Ichka gefaßt hatte. Doch wer liebte sie
nicht? Es gab nicht einen Lama im Felsenkloster, ob jung oder
alt, der nicht ihr begeisterter Bewunderer gewesen wäre.
Am Vorabend unserer Abreise geschah etwas, das
bedeutungslos schien, was jedoch eine Lawine des Schicksals in
Gang setzte - einen kleinen Stein auf dem Gipfel eines
schneebedeckten Berges, der bald darauf ins Tal herabdonnern
sollte. Wenn das eherne Gesetz von Ursache und Wirkung in
Kraft tritt, kann es dem, der den ersten Stein warf, über
Tausende von Jahren folgen, bis es ihn erreicht und
zerschmettert. Am Vorabend unserer Abreise kam Gonisa zu
seinem Bruder und bat, ihn mit nach Bod-Yul zu nehmen. Ich
konnte in dieser Bitte nichts Ungewöhnliches entdecken und
war überzeugt, daß mein Meister, der ihn so sehr liebte, daß er
ihm insgeheim alle Geschenke des Pharao überlassen hatte, ohne
weitere Umstände einwilligen würde. Doch irrte ich mich.
Diesmal war unser Hoherpriester so starr und unbeugsam wie
Santemi. als sie sich weigerte, die Botschafter des assyrischen
Königs zu empfangen.
„Nein, du bleibst hier, Gonisa!" sagte er. „Du hast keinen
Grund für eine so lange Reise, da du die Imhotep-Schule für
Medizin in Mempi noch ein weiteres Jahr besuchen mußt.
Solange können wir, wie früher, durch Briefe oder Boten
miteinander in Verbindung bleiben. Auch die Pakete kommen
sicher an. Das Schlangengift, welches du mir sandtest, war mir
bei meinen Behandlungen und Operationen eine große Hilfe.
Deshalb bleibst du einfach in Khem. Ich wünsche, daß du die
höchste Stufe der medizinischen Schule zuvor hier beendest."
Ich konnte Gonisas plötzlichen Wunsch, abzureisen, nicht
-364-
verstehen, da Lhalu ihn schon öfter vergeblich eingeladen hatte.
Außerdem hatte ich von den Dienerinnen des Pharao erfahren,
daß der junge Arzt aus Bod-Yul häufig in Begleitung eines
achtzehn Jahre alten Mädchens aus Khem gesehen worden war,
deren Vater im Silberhaus arbeitete, der Schatzkammer des
Pharao. Die Beziehung der beiden war offensichtlich sehr eng
und allgemein bekannt, und die Leute verstanden nicht, warum
er sie nicht heiratete. Auch konnte ich seine plötzliche
Sehnsucht nach Bod-Yul nicht begreifen, war doch die strenge
Zucht im Kloster wirklich nicht für ihn geschaffen.
„Ach, Bruder, erlaube mir doch, mit dir zu gehen", drängte
Gonisa. „Ich werde meine Studien später beenden. Ein Monat
mit dir ist mir mehr wert als alle zweiundvierzig medizinischen
Bücher von Mena zusammen!"
„Du bleibst hier, sage ich dir!" fuhr ihn Lhalu grob an. „Ich
befehle es dir!"
Nach diesen Worten machte Gonisa, der schon fast vierzig
Jahre zählte, obwohl er zehn Jahre jünger aussah, ein
verzweifeltes Gesicht wie ein Kind. Er wurde blaß, stammelte
einige Worte, ließ den Kopf hängen und verließ langsam das
Zelt am Heck des Schiffes. Ich konnte seine Schritte noch einige
Zeit hören.
„Ich weiß, daß er sich jetzt bei der Priesterin beschweren
wird", wandte sich mein Meister an mich, „doch vergebens. Er
hat im Augenblick nichts in Bod-Yul zu suchen. Mir ist völlig
schleierhaft, was in ihn gefahren ist, daß er so starrsinnig darauf
beharrt!"
Die Priester aus Khem, die im kühlen Zelt mit uns
beisammensaßen, drehten sich höflich zur Seite und begannen,
die Feuerzeichen am Ufer zu betrachten, sollte die Szene
unseren Hohenpriester peinlich berührt haben. Doch Lhalu
setzte sich ruhig zu ihnen und führte die Unterhaltung fort, als
sei nichts geschehen.
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Am folgenden Tag konnten wir nicht abreisen, da der Pharao
zu unseren Ehren ein großes Abschiedsessen gab, das
gleichzeitig mit dem Ende der Festlichkeiten für Isis und Sothis
zusammenfiel, die am dreißigsten Ta ge des Monats Epipi
stattfanden. Am nächsten Morgen schifften wir uns ein. Wir
fuhren mit derselben königlichen Barke mit den scharlachroten
Segeln, die uns nach Khem gebracht hatte. Und so sagten wir
dem Reich des Pharao Lebewohl, in dem wir unerwartet in
Lebensgefahr geraten waren, was durch den Dank und die
Hochachtung, die man uns später entgegenbrachte, mehr als
aufgewogen wurde. Als wir uns immer weiter von der sandigen
Küste entfernten, sah ich vor meinem geistigen Auge Horem-
Khut, die Löwin mit dem menschlichen Gesicht, die neben der
Großen Pyramide in den Himmel ragt, um der Welt von der
einstigen Größe der verlorenen Welt von Atlantis zu künden.
Als ob sich ihre Lippen bewegten, sagte sie: „Ich bin Horem-
Khut, die Geheimnisvolle und Ewig Eine, ich bin die
Auferstehung und das Schicksal. Ich bin das Gesetz und die
Warnung! Hütet euch!"
Nach langer Seereise und mühseliger Wanderung durch die
endlosen Flußtäler Gyagars erblickten wir endlich die
himmelsstürmenden Gebirgszüge der großen schneeweißen
Königin und erreichten sicher Bod-Yul. Seit unserer Abreise
war im Felsenkloster nichts besonderes vorgefallen, außer, daß
sich Chandugsa Lama über den alten Namgang beschwerte, in
dessen Händen die Führung des Klosters gelegen und der wieder
Anlaß zu Ärger gegeben hatte. Hätte er, Chandugsa, dessen
Aufgaben nicht übernommen, wären bei den geistigen Reisen
die schlimmsten Unfälle möglich gewesen, vor allem aber bei
den jungen Lamas, die bei ihrem Phoimonda daran gewöhnt
waren, von der geistigen Kraft des Hohenpriesters geführt zu
werden. Lhalu war außerordentlich verärgert und versprach den
alten Lamas, die Ichka nicht mehr mit auf Reisen zu nehmen.
Die Zeit verging, aus Monaten wurden Jahre, und die Dinge
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blieben wie sie waren. Das Felsenkloster war als Hauptkloster
weithin berühmt, und immer mehr Menschen aus den fernsten
Winkeln der Erde pilgerten nach Bod-Yul. In dieser Zeit erfuhr
ich endlich, was ein erfülltes Leben bedeutet. In jener Periode
leuchtete der Ruhm des Hohenpriesters Lhalu und der Priesterin
Santemi strahlendhell, denn damals standen sie Gott am
nächsten. In einem meiner Träume erschien mir mein
Schutzgeist Uparnissur und zeigte mir das Zuhause der beiden in
den strahlenden Gärten des sechsten himmlischen Rings, einem
Ort ewigen Segens, welchen sie sich durch das irdische Leben
voller Opfer verdient hatten. Doch hat die Allmächtige Weisheit
diese Welt so erschaffen, daß die Schatten dort am dunkelsten
sind, wo das Licht am hellsten erstrahlt. Sadag, der Prinz der
Unterwelt, beneidete uns um unser Glück, und so beschloß Gott,
das Felsenkloster in seine Macht zu geben.
Anderthalb Jahre nach unserer Reise nach Khem und der
Heilung des Pharao Pi- Ank'khi Chewer erhielt unser
Hoherpriester eine Nachricht der Imhotep-Schule für Medizin
von Pu-Bast, daß sein Bruder Gonisa, der Buchhalter des
Silberhauses, den höchsten medizinischen Grad der
eingeweihten Priester erlangt hatte. Lhalu, der nichts mehr von
seinem Bruder gehört hatte und sich wunderte, warum dieser
ihm die frohe Botschaft nicht selbst überbrachte, schrieb sofort
zurück, wünschte ihm alles Gute und lud ihn, wie in jener Nacht
auf der Barke versprochen, nach Bod-Yul ein.
Zwei Monate später kam eine Karawane aus Gyagar an, und
Gonisa stieg auf dem Kharlam des Felsenklosters von seinem
Yak. Als die Muscheltrompete die Ankunft der Fremden
ankündigte und der Hohepriester aus dem Fenster seiner
Turmzelle schaute, erkannte er seinen Bruder und eilte in den
Hof hinunter. Immer stellte ich mit Erstaunen fest, daß unser
Hoherpriester all seine priesterliche Würde aufgab, wenn er
seinem Bruder begegnete. Er hieß ihn nicht nach dem Brauche
Bod-Yuls willkommen, sondern begrüßte ihn gefühlvoll nach
-367-
Art der Südländer. Sie umarmten einander herzlich, und wenn
ich es richtig beobachtet habe, weinte Lhalu vor Glück. So innig
liebte er seinen Bruder, diesen leichtsinnigen, gesprächigen
großen Jungen, der seinerseits Lhalu wie einen Vater verehrte.
So kam Gonisa wieder zum Felsenkloster zurück, und so
brachte Sadag nach dem Willen der Heiligen Weisheit den Stein
ins Rollen, der auf dem Gipfel eines strahlenden Sommertages
loskullerte, um bald wie eine Lawine auf uns herabzustürzen.
Von diesem Tage an kümmerte sich Lhalu selbst um Gonisa und
wies ihn als Gast des Klosters in die Kunst der Medizin ein, da
er wollte, daß Gonisa nach seinem Tode als der berühmteste
Arzt Khems höchste Geltung erreiche. Im Gegensatz zu den seit
langer Zeit geltenden Regeln ließ er ihn nicht in einer der
Gästekammern im Erdgeschoß wohnen, sondern unter dem
Turm im oberen Stockwerk in einem ge mütlich eingerichteten
kleinen Raum vor der Bibliothek, wo er seine astrologischen
Berechnungen aufbewahrte. Dies war natürlich gegen die
Klosterregeln, doch das Felsenkloster stand zu jenen Zeiten
hoch über den anderen Chintanyins, und Lhalu verfügte über so
viel Macht im Lande, als sei er dessen Regent. Gonisa gliederte
sich mit bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit in das
Klosterleben ein. Er trug dieselbe Kleidung wie wir, was ihm
bei seiner schlanken Gestalt ausgezeichnet stand. Lhalu erlaubte
ihm sogar gegen den Willen der alten Lamas, den
morgendlichen Gottesdienst zu besuchen. Gonisas Fröhlichkeit
wirkte sehr erfrischend, und jeder Lama mochte ihn, da er
fesselnde und erheiternde Geschichten über das Leben in den
großen fernen Ländern und über die Religionen von Assur und
Khem zu erzählen wußte. Daran waren alle außerordentlich
interessiert, da sie auf diese Weise Informationen aus erster
Hand erhielten. Er verbrachte den Großteil des Tages im
Sezierraum oder über seinen Büchern, und Lhalu heilte nie,
ohne ihn mitzunehmen. Er weihte ihn in jedes medizinische
Geheimnis ein, außer der Wiederbelebung und Befragung der
-368-
Toten, da der Chod das heilige Geheimnis der Hohenpriester
war, welches selbst wir nicht kannten.
Eines Tages begab sich Lhalu auf die Wanderschaft, um einen
Patienten zu besuchen, der in einem hundert Meilen von
Tampol- Bo-Ri entfernten Kloster wohnte. Nachdem er abgereist
war, fühlte sich die Ichka, die sonst keine Krankheit kannte,
plötzlich unpäßlich und schickte nach Gonisa, damit er sie
untersuche. Ich führte ihn hoch ins Turmzimmer, welches von
Fremden normalerweise unter keinen Umständen betreten
werden durfte. Er betrachtete Santemi nur flüchtig, dann stellte
er fest, daß die stechenden Kopfschmerzen, an denen sie litt, von
dem stürmischen Wetter herrührten, welches stark mit
negativem Magnetismus aufgeladen sei. Er sagte, daß er sie im
Handumdrehen mit einem Aderlaß heilen würde und übergab
mir seine Instrumente, damit ich sie im Feuer reinigte. Da sich
die Öllampe im angrenzenden Zimmer befand, begab ich mich
dorthin. So wurde ich unwillentlich Zeuge ihrer Unterhaltung.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie besorgt ich war, als ich
hörte, daß du krank bist", sagte er mit weicher,
einschmeichelnder Stimme. „Sie nennen dich das Augenlicht
des Klosters. O, Priesterin, seit ich dich in Khem erblickte,
nenne ich dich meinen Augapfel! Nein, nicht erst seit Khem",
verbesserte er sich rasch, „sondern als ich deine göttliche Gestalt
zum erstenmal sah."
„Sprich nicht so, Gonisa", hörte ich Santemi, und da ihre
Stimme plötzlich gedämpft klang, wußte ich, daß sie den Kopf
gebeugt haben mußte. „Es schickt sich nicht, so zu einer
Priesterin zu reden. Und außerdem glaube ich dir sowieso kein
Wort, da du allen Frauen schöne Worte sagst. Was ist eigentlich
mit dem Mädchen aus Khem am Hofe des Pharao?"
„Ich bitte dich, sprich nicht von ihr! Sie ist die Tochter des
Schatzverwalters vom Silberhaus, und Kraft meines Amtes hatte
ich regen Kontakt zu ihrem Vater. Er hätte es gern gesehen,
wenn ich sie heiraten würde, doch daraus wäre nichts geworden.
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Es gibt viele schöne Frauen in Khem, die zu haben waren und
mich umschmeichelten. Glaube mir, wenn ich gewollt hätte, ich
hätte mich hundertmal verheiraten können."
„Und warum wolltest du nicht?" fragte Santemi. „Du bist
doch ein Mann in den besten Jahren. Wie lange willst du noch
warten?"
„Ich weiß nicht", hörte ich Gonisa antworten, und an dem
nachdenklichen Klang seiner Stimme erkannte ich, daß er die
Wahrheit sprach. „Ich weiß nicht, Priesterin. Irgendwie spürte
ich immer, daß die Frau, die meinen Körper und meine Seele
verzaubern könnte, noch nicht geboren ist. Ich bin vierzig Jahre
alt, doch keine Frau hat sich bisher um meine Seele gekümmert.
Als ich noch in Assyrien lebte, hatte ich einen Traum, und dieser
Traum verfolgt mich seit jener Zeit. Leuchtende Geistgestalten
trugen mich vor den Thron des Höchsten, und ich warf mich zu
Boden, da meine Augen vom Licht Seiner Herrlichkeit
geblendet wurden. Dann hörte ich Seine Stimme wie das
Grollen eines fernen Flusses von oben tönen: ,Was wünschst du,
mein Sohn? Um deines Bruders willen, meines geliebten
Hohenpriesters, will ich ihn erfüllen, wenn er nicht gegen meine
ewigen Gesetze verstößt.' Ich wagte nicht, nach oben zu
schauen, ich murmelte ausgestreckt vor der untersten Stufe
Seines Thrones: ,Herr, führe mich zum Doppel meiner Seele!
Zeige mir die Frau, die ich lieben kann.'"
Er hielt kurz inne, und obwohl ich mich bemühte, nicht
hinzuhören, blieb das Messer in meiner Hand liegen, und ich
konnte meine Arbeit einfach nicht fortsetzen.
„Und was antwortete die Heilige Weisheit?" hörte ich
Santemis sanfte Stimme.
„Sie sagte: ,Es ist besser für dich, wenn du ihr nicht
begegnest. In einem deiner früheren Leben, als die Fruchtbare
Welt blühte und noch nicht untergegangen war, begingst du eine
große Sünde wider die Liebe. Damals trugst du einen anderen
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Namen. Mensch! Hüte dich! Meide sie, oder stehe ihr mit
reinem Herzen bei, solltest du ihr begegnen! In diesem Leben
werde ich sie dir nicht geben, da du ihrer noch nicht würdig bist.
Töte zuerst alle fleischlichen Begierden in deinem Körper und
lerne, daß nur die Liebe der Selbstüberwindung Glück bringt.
Dann wirst du wirklich glücklich werden, und jene, die einander
lieben, werden sich einst in meinem Königreiche treffen.' Ja, so
sprach die Heilige Weisheit zu mir", fuhr Gonisa leise fort, „und
ich prägte mir ihre Worte ein, obwohl in diesem Augenblick so
blendend helle Lichtblitze vor mir aufzuckten, daß ich im Traum
das Bewußtsein verlor."
Er schwieg eine Weile, dann fuhr er mit wehleidiger, fast
kindischer Stimme fort, die mich bis ins Mark erschütterte:
„Ich hatte einen weiteren Traum, und wieder stand ich vor
dem blendenden Licht. Ich flehte Ihn von neuem an, mir das
Doppel meiner Seele zu zeigen. Wie das Brüllen des Meeres
donnerte Seine Stimme, die jedoch aus meiner innersten Seele
zu stammen schien, und sprach zu mir: ,Ich riet dir schon
einmal, Mensch, Geduld zu üben und nicht nach ihr zu
verlangen. Denn Kummer droht dir, droht euch allen, wenn ihr
nicht zu den schneebedeckten Gipfeln strebt! Jener, der
hinunterschaut, mag seinem Schicksal zu früh begegnen und
wird ohne meine Gnade vergehen.'"
„Was sagte er?" fragte Santemi aufgeregt. „Jener, der
hinunterschaut, mag seinem Schicksal zu früh begegnen? Ja",
fügte sie nachdenklich hinzu, „wie die Priesterin, die dem Arva
ihres früheren Lebens begegnete."
„Ich verstehe nicht, Ichka".
„Nichts, es ist nichts", erwiderte Santemi rasch. „Bitte, rufe
Ti-Tonisa mit den Instrumenten!"
Ich zog den Vorhang beiseite und überreichte ihm die
Instrumente, die ich auf ein Tablett gelegt hatte, mit einer tiefen
Verbeugung.
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Jetzt, wo ich mir diese Szene wieder ins Gedächtnis rufe, fällt
es mir sehr schwer, fortzufahren, denn mein altes Herz wird
traurig, und ich spüre, daß ich bald sterben werde. Ich will mich
nicht lange an diesem Punkte aufhalten, denn die Worte eines
Menschen und seine Erinnerung sind nur schwache Seufzer
verglichen mit dem Donnern einer Lawine. Und die
Verwüstung, die eine Berglawine angerichtet hat, kann weder
durch Worte noch durch Erinnerungen wieder gutgemacht
werden.
Denn ich wußte bereits, daß Santemi dem Bruder meines
Hohenpriesters nicht gleichgültig war. Eines Tages hatte Lhalu
im Krankenzimmer Febse Lama operiert. Mit einem glücklichen
Seufzer legte er seinen Mantel ab und bedeutete mir, ihn in den
großen Chang zu begleiten, damit wir Gott für die gelungene
Operation dankten. Als wir den düsteren Tempel betraten,
blieben wir wie vom Donner gerührt stehen. Dort, hinter einer
Säule, standen Santemi und Gonisa eng umschlungen. Sie
hielten einander mit einem Arm, die Hand des anderen hatten sie
sich gegenseitig zum Zeichen ihrer Zuneigung auf die Stirn
gelegt.
Lhalus Kehle entrang sich ein schmerzliches Stöhnen,
welches ich nie vergessen werde. Er drehte sich um, bedeckte
sein Gesicht mit dem Ärmel seines Gewandes und verließ
eilends den Tempel. Ich rannte hinter ihm her und stieß beinahe
zwei Lamas um, die gerade eintreten wollten, um das Öl der
heiligen Lampen aufzufüllen.
So stürzte die Lawine Sadags, des Prinzen der Unterwelt, auf
das Felsenkloster herab und begrub unser aller Glück unter sich.
Auch die jüngeren Lamas erfuhren von diesem Vorfall, und die
Autorität der Ichka war erschüttert. Lhalu machte seinem Bruder
mit keinem Wort einen Vorwurf, schickte ihn jedoch am
nächsten Tage zurück nach Khem. Santemi, die das Gesetz
gebrochen hatte, erhielt eine schwere Strafe.
Santemi! Santemi! Du warst das Augenlicht unseres Klosters
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und die Heilige Inspiration unseres Hohenpriesters! Siehe, du
begegnetest deinem Arva, weil du ins Tal schautest und deinen
Blick einen Moment lang vom Himmel abwandtest. Immer noch
sehe ich deine demütige kleine Gestalt und deine klaren Augen,
die von diesem Tage an nie mehr strahlten. Ich sehe deine
schamgeröteten Wangen und kann dir den Schmerz nachfühlen,
den du in deinem Herzen spürtest, daß du, die du für uns eine
Göttin gewesen, sterblich geworden warst und alle Anerkennung
deiner Lamas verloren hattest. Von diesem Tage an wurdest du
traurig und melancholisch, und dein priesterliches Wissen nahm
ab. Nur dein Hoherpriester blieb trotz seiner Schmach bei dir
und ließ dich nie auch nur mit einem Worte spüren, was du ihm
angetan hattest. Vielleicht erkannte er, daß er selbst das Gesetz
gebrochen hatte, denn er hätte nie , erlauben dürfen, daß du das
Kloster verließest.
Wie soll ich die Geschichte fortsetzen, wenn mein Herz blutet
und meine Gedanken sich verwirren? Die Wunde blutet weiter,
selbst wenn der Dolch nicht mehr in ihr steckt. Doch nein, du
sollst alles wissen, damit du den Kelch der Bitterkeit bis zur
Neige leeren kannst, wie ich es einst tat.
Nicht einmal sechs Monate waren verstrichen, als ein neuer
Botschafter aus Khem eintraf und einen Brief des Pharao
überbrachte, der erneut erkrankt war. Er bat den Hohenpriester,
zu ihm zu reisen, weil nur er ihm helfen könne.
Lhalu war ein anderer Mann geworden. Seine alte
Herzlichkeit war verschwunden, sein Gesicht wirkte erschöpft
und hager, und er hatte große Mühe, den Verpflichtungen seines
Amtes nachzukommen. Doch so schlecht seine Erinnerungen an
Khem sein mochten, er erfüllte seine Pflicht als Arzt und
entschied, sofort nach Khem aufzubrechen. Ich weiß nicht, was
in ihn gefahren war, daß er die Ichka wieder mit sich nahm,
hatte er doch bereits so teuer dafür bezahlt. Vielleicht vertraute
er ihr nicht mehr und wollte sie nicht allein zurücklassen, oder
er hatte sich daran gewöhnt, daß sie ihm in fernen Ländern mit
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ihrer klaren Einsicht half, denn oftmals hatte sie ihn vor
drohenden Gefahren gerettet. Wer konnte es wissen? Tatsache
ist, daß wir bald darauf aufbrachen und an Bord des Schiffes
gingen, welches uns in demselben Hafen in Gyagar erwartete.
Wieder heilte er den Pharao auf wundersame Weise. Wie das
letzte Aufflackern einer Flamme loderte Santemis Wissen ein
letztes Mal auf. Nach dreitägiger Trance in derselben
Grabkammer sagte sie Lhalu, wie er dem Pharao ganz ohne
Operation helfen könne. Mit Hilfe eines Stückchens Schnures
und mit der magischen Kraft seiner Hand zog er aus dem
Schlund des Pharao den Rubinring, der darin steckengeblieben
war. Die Menschen jubelten, Lhalu erhielt königliche
Geschenke, und wir wurden viele Tage lang gefeiert. Nur
Gonisa ließ sich nicht blicken, obwohl wir wußten, daß er sich
ebenfalls in Pu-Bast aufhielt, doch er wagte nicht, seinem
Bruder unter die Augen zu treten.
Als die Zeit der Abreise näherrückte und wir uns
bereitmachten, an Bord zu gehen, konnten wir Santemi nirgends
finden. Wir suchten in allen Räumen und sogar an Orten nach
ihr, wo wir uns nur für kurze Zeit aufgehalten hatten. Selbst in
den Pyramidenkammern schauten wir nach, doch sie blieb
verschwunden. Lhalu unterrichtete den Pharao, und dieser
sandte augenblicklich Soldaten in die Stadt, um sie aufzuspüren.
Doch die Soldaten kehrten erfolglos zurück. Die Priesterin blieb
unauffindbar.
Nachdem wir an Bord gegangen waren, stand Lhalu blaß an
der Reling. Dann befahl er dem Kapitän plötzlich, wieder an
Land zu rudern. Er bat den Uermaa um Erlaubnis, noch einen
weiteren Tag im Palast verbringen zu dürfen. Er erklärte, er
spüre, daß wir in kurzer Zeit gute Nachrichten erhalten würden.
Diese Nachrichten erreichten uns in derselben Nacht. Nafkrit,
die Tochter des Schatzmeisters vom Silberhaus, deren Leben das
Schicksal mit dem Leben Gonisas verknüpft hatte, stattete uns
einen unerwarteten Besuch ab. Sie beschwerte sich unter
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bitteren Tränen, daß ihre beste Freundin, Kumpti, die Priesterin
des Isistempels, für das Verschwinden der Shem'a aus Bod-Yul
verantwortlich sei. Durch ihr Klagen und Weinen aufmerksam
geworden, schob Lhalu den Vorhang beiseite und schaute
hinaus. Nafkrit fiel vor ihm auf die Knie.
„Was sagtest du über die Priesterin aus Bod-Yul?" fragte er
mit zitternder Stimme. „Sprich, Kind, hab keine Angst."
„O großer Netertua, ich weiß nicht, wie ich es euch sagen
soll! Euer Bruder Gonisa hat mich verlassen. Er lief mit eurer
heiligen Priesterin davon. Und ausgerechnet sie, meine beste
Freundin, die Priesterin des Isistempels, half ihnen dabei! Seit
drei Tagen schon segeln sie den großen Fluß hinab!"
Ihre Stimme brach, und sie schluchzte. Lhalu erstarrte und
schaute mir mit leerem Blick in die Augen. Als ob eine eiserne
Hand meine Kehle umfaßte, brachte ich kein einziges Wort
hervor. Dort standen wir beide wie Pilger in den Bergen, die -
noch immer aufrechter Haltung - von einer Lawine begraben
werden und in der Totenstille unter dem erdrückenden Gewicht
des Schnees um die letzte verbleibende Atemluft ringen…
Ich erinnere mich nicht, wie wir zurück in unser Land
gelangten. Die Abreise, die lange Seefahrt, unsere mühselige
Wanderung durch das weite Gyagar-Reich verschmolzen in
meiner Erinnerung mit der Reise im vorigen Jahr. Auch damals
hatte ich häufig zurückgeschaut und mich vergewissert, ob
Santemi gut im Sattel saß oder ob sie irgend etwas wünschte.
Doch jetzt schaute ich vergebens zurück, denn ich sah nur die
traurigen Gesichter der Lamakrieger und der Maultiertreiber.
Diese Karawanenreise glich in der Tat dem Weg der
verdammten Seelen durch das Land des Nebels im Bardo. Das
göttliche Licht war plötzlich erloschen, und wir irrten ohne
Leitstern im Labyr inth des Lebens. Der Stern des Felsenklosters
war untergegangen, das große Kloster hatte sein Augenlicht
verloren. Die Hoffnung hatte uns getäuscht, und unser Glaube
wurde leidvollen Prüfungen unterzogen.
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Doch damit war unsere Qual noch nicht zu Ende. Es sah so
aus, als habe unsere Priesterin mit allem, was kommen sollte,
gerechnet, denn vor ihrer Abreise hatte sie im Kloster alle
Aufzeichnungen verbrannt, alle astrologischen und
medizinischen Schriftrollen, die sie im Laufe vieler Jahre
zusammen mit Lhalu erstellt hatte. Auf der Felsenterrasse vor
der kleinen Bibliothek lagen noch ein oder zwei verkohlte
Rollen. Bei diesem Anblick weinte mein Hoherpriester zum
zweitenmal in seinem Leben. Mit zitternden Händen streichelte
er die verbrannten, rußigen Papyrusfetzen, doch dann konnte er
sich nicht länger beherrschen, lehnte sich gegen das Geländer
und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Ich kniete vor
ihm nieder und flehte:
„Weine nicht, Aku. Weine nicht und vertraue Gott. Die Gnade
der Heiligen Weisheit ist unendlich! Du bist der Hohepriester,
und das Zeichen der Dornenkrone ist in dein Gewand gestickt -
und in Santemis! Ihr beide tragt diese Krone als Zeichen eures
Priestertums. Sie ist das Sinnbild der Verdienste, die ihr in
vielen Leben gesammelt habt. Unsere Heilige Inspiration, unser
guter Genius, geriet wie ein Kiang auf dem schneebedeckten
Gipfel ins Wanken und fiel aus der schwindelerregenden Höhe
hinab in einen gähnenden Abgrund. Doch sie wird wieder
emporklettern zu den sonnenerleuchteten Gipfeln, wenn nicht
heute, dann im Morgengrauen eines zukünftigen Lebens, und
dann werden wir ihr wieder begegnen. Ich, dein treuer Schüler,
widme mein Leben der Allmächtigen Weisheit. Und ich werde
für Santemi wieder auf die Erde zurückkommen, selbst wenn
sich der Kreislauf von Akhor für mich nicht mehr dreht, um ihr
und dir, Meister, zu helfen."
Während ich sprach, hatte er den Kopf immer höher gehoben
bis er mir das Gesicht zuwandte. Er schaute mich erstaunt an, als
könne er die Vergangenheit vollkommen verstehe n und blicke
durch einen Schleier in der Gegenwart in die ferne Zukunft.
Dann streckte er beide Arme aus und drückte mich an seine
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Brust.
„Du allein bist mir geblieben, Ti-Tonisa. Möge dich Yeshes,
der Allmächtige, für deine tröstenden Worte segnen. Deine
Treue ist mein Anker in den wilden Strudeln der Gefühle, die
mich beinahe verschlungen hätten."
Die Zeit verging - Zeit, die in Wahrheit nicht existiert, die nur
die Projektion unseres glücklichen oder traurigen
Geisteszustandes ist. Jetzt, wo unsere Seelen so sehr litten,
erschienen uns die Wochen wie Jahre. Der Hohepriester wartete
täglich auf Santemi und verbrachte all seine Freizeit auf dem
Balkon des Turmzimmers, von wo er weit ins Tal hinunter nach
Süden schauen konnte. So mag der schneebedeckte, gefrorene
Boden eines fruchtbaren Tales auf die Ankunft des Frühlings
warten, die durstige Küste auf das erfrischende Naß und das alte
Vogelhaus auf die Rückkehr der Zugvögel… Doch er blickte
vergebens in die Richtung, wo sich Khem tausende von Meilen
entfernt von den himmelsstürmenden Gipfeln des Kangchen
erstreckte: Das Land von Isis und Osiris hatte die Priesterin des
Felsenkloster verschlungen. Nur Horem-Khut, die
geheimnisvolle Löwin, lächelt rätselhaft in der Wüstennacht den
Sternen zu - mit bewegungslos starren Lippen, während sie seit
Tausenden von Jahren belustigt den Sturz großer Reiche und
großer Männer verfolgt.
Lhalu wartete sehr lange, doch schließlich blieb ihm keine
andere Wahl, als der Forderung der anderen Klöster
nachzukommen und sich eine neue Priesterin zu wählen. Doch
mit der neuen konnte er nicht zusammenarbeiten. Daraufhin
wollte er zurücktreten, doch die Lamas nahmen sein
Rücktrittsgesuch nicht an. Mein Meister zählte zu jener Zeit
sechsundfünfzig Jahre - und arbeitete allein weiter. Er willigte
nur unter der Bedingung ein, der Hohepriester aller Klöster zu
bleiben, wenn er nicht gezwungen wurde, eine neue Priesterin
zu nehmen. Doch allein konnte er sich nicht richtig entfalten. Er
hatte keine Ichka mehr, die er auf den Schwingen des Geistes
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auf weite Reisen schicken konnte, und vergebens unternahm er
selbst die Bewußtseinsflüge - er vermochte auf der geistigen
Ebene nicht mehr klar zu sehen und die göttliche Chronik der
Zukunft nicht mehr zu lesen. Umsonst starrte er in ruhigen,
mondhellen Nächten in die Metallkugel, dann, wenn die
Verbindung zwischen den beiden Welten enger ist, er konnte die
Gestalt von Santemi nicht finden. Danach suchte er nach seinem
Bruder, dem er längst vergeben hatte. Er wäre glücklich
gewesen, wenn er wenigstens vo n ihm gehört hätte. Doch alles
war umsonst - sein Wissen versagte, und er fand ihn erst
sechzehn Jahre später.
Er zählte bereits zweiundsiebzig Jahre, obwohl er wie fünfzig
wirkte. So sehr ihn das geistige Leid und die unendliche Qual
gebrochen hatten, trugen das mystische Leben des Klosters und
die vielen geistigen Reisen dazu bei, ihn zu verjüngen, und die
Zeit schien spurlos an ihm vorübergezogen zu sein. In jenen
Tagen geschah es, daß ein Händler aus Khem nach Bod-Yul
kam, der seine Karawane mit Stoffen aus dem Süden und mit
Seide beladen hatte. Er kam auch zu uns, da er wichtige
Neuigkeiten für unseren Hohenpriester hatte. Von ihm erfuhr
Lhalu, daß sein Bruder vor einem Jahr in Ta-Seman, dem
südlichen Teile Khems, gestorben war. Doch von der fremden
Priesterin, die man zuvor in seiner Begleitung gesehen hatte,
wußte er nichts.
Viel Zeit war vergangen, als Lhalu mich an einem
winterlichen Morgen zu sich rufen ließ. Sein Haar war bereits
ergraut, doch sein Gang und sein Gesicht wirkten immer noch
jung. Nur die tiefen Falten um den Mund, die von vielen
durchwachten Nächten und großem Leid zeugten, verrieten sein
wahres Alter. Als der Burgvogt uns verlassen hatte und wir
allein waren, legte er die Hände auf meine Schultern.
„Ti-Tonisa, mein Kind, weißt du, wo hin wir heute wandern
werden? In das kleine Dorf, in dem unsere Santemi, deren
Andenken gesegnet sei, einst wohnte. Auch damals, an jenem
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lang vergangenen Tage, als sie noch ein kleines Mädchen war,
wurde ich dorthin gerufen, und wir eilten, ihr zu helfen."
Hier versagte seine Stimme, und mir war plötzlich, als bräche
die ganze Welt über mir zusammen. Ein ganzer Schwarm von
Erinnerungen stieg wie eine aufgeschreckte Vogelschar aus
meiner Seele auf. Für einen Augenblick fühlte ich mich wieder
jung und sah mich, wie ich an der Seite meines Meisters mit
federnden Schritten das niedrige Haus Horkangs betrat, wo
Santemi fiebernd mit dem Tode kämpfte. Ja, ich sah mit meinem
geistigen Auge wie sie ihre großen grünen Augen aufschlug und
flüsterte: „Du bist nicht der, auf den ich gewartet habe. Du bist
es nicht - und doch werde ich an deiner Seite leben, Lhalu
Lama." Ich sah meinen Meister an, und er bemerkte, daß ich mit
den Tränen kämpfte.
„Ja, Arau, wir gehen noch einmal in das Chumbi- Tal. Vor wie
vielen Jahren waren wir das erstemal dort? Vor fünfzig oder
fünfundfünfzig Jahre? Wer kann das sagen?"
Am Morgen machten wir uns mit zwei Yaks auf den Weg und
erreichten das kleine Dorf im Tal bei Neumond. Horkangs Haus
war nur noch eine Ruine, und als wir daran vorbeigingen, blieb
Lhalu eine Weile davor stehen. Dann senkte er den Kopf und
folgte mir.
„Gesegnet sei der Name der Heiligen Weisheit", hörte ich ihn
murmeln, und dieser kurze Seufzer ließ meine Seele erzittern
wie die Tempelglocken in der von Räucherwerk erfüllten Luft.
Ja, gesegnet sei ihr heiliger Name jetzt und in alle Ewigkeiten!
Nachdem wir einen reichen Bauern, den Vater einer unserer
Lamabrüder, der am anderen Ende des Dorfes wohnte, in
wenigen Stunden geheilt hatten, stand mein Meister auf und
bereitete sich auf den Rückweg vor. Wir verließen das Dorf und
erreichten einen Kreuzweg, von dem einer der Wege hoch in die
Berge abzweigte. Dort kam uns eine alte, grauhaarige Bettlerin
entgegen. Als sie an uns vorüberging, machte sie respektvoll
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Platz, und ich warf eine Silbermünze in ihre Schürze. Dann
gingen wir weiter. Wir mochten etwa zwanzig Schritte
zurückgelegt haben, als mein Meister plötzlich wie vom Blitz
getroffen stehenblieb. Seine Hände zitterten, doch er sprach kein
Wort. Ich begriff nicht, was mit ihm los war und schaute ihn
ängstlich an. Da drehte er sich ganz langsam um und blickte
zurück. Auch die Bettlerin war stehengeblieben und starrte uns
nach. Und mein Meister ging mit den steifen, mechanischen
Schritten eines Schlafwandlers mit ausgestreckten Händen auf
sie zu. Ich rannte ihm nach und blieb hinter ihm stehen.
Und der Hohepriester Lhalu warf sich vor der Bettlerin zu
Boden und küßte den Saum ihres zerlumpten Umhangs.
„Santemi," rief er weinend, „meine heilige Inspiration!
Gesegnet sei der Name der Heiligen Weisheit!"
Er vermochte nicht mehr zu sprechen, denn seine Stimme
erstickte in Schluchzen. Und ich - ich sah und hörte nichts, denn
meine Augen füllten sich mit Tränen, und eine unsichtbare Kraft
riß mich zu Boden. Ich fiel mit dem Gesicht auf die gefrorene
Erde und weinte bitterlich.
„Lhalu", hörte ich Santemis Stimme, die genauso klang wie
früher, „ich wußte, daß wir uns noch einmal begegnen würden!
Schau, dein Talisman hat mich zu dir zurückgeführt."
Als ich mein tränenüberströmtes Gesicht hob, sah ich, wie sie
ihre alte, zitternde Hand hochhielt, und an ihrem blaugefrorenen
Handgelenk glitzerte Lhalus goldener Songdus.
So begegnete der Hohepriester Santemi, die einst das
Augenlicht des Felsenklosters gewesen war, dreißig Jahre
nachdem das Schicksal sie in Khem von seiner Seite gerissen
hatte.
Was soll ich sagen, um in Worte zu kleiden, was nur
empfunden werden kann? Unsere Sonne war gesunken, doch in
diesem heiligen Augenblick fanden wir drei einander tief unten
in der Lawine wieder, und der Sonnenschein der göttlichen
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Gnade erweckte uns für eine Weile aus unserem eisigen Tod.
Wenn Gonisa uns vom Himmel aus zugesehen hat, hat er sicher
gespürt, daß wir ihm lange vergeben hatten und daß er ewig zu
uns gehörte.
Wir begleiteten sie zu ihrer ärmlichen Hütte am Ende des
Dorfes, wo sie von der Hand in den Mund lebte. Wir erfuhren,
daß sie vor einem Jahr zurückgekommen war. Sie war durch das
große Gyagar-Reich gewandert und hatte um Almosen gebettelt,
bis die Gipfel der schneeweißen Königin am Horizont aufgeragt
waren. Gerne wäre sie in ihr altes Yamgo zurückgekehrt, doch
sie wurde abgewiesen. Alles, was sie dort erhalten hatte, war ein
Topf mit geschälter Gerste, dann hatte man sie weggeschickt. So
war sie wie eine Pilgerin zurück in ihr Dorf gewandert, in jenes
Dorf, wo sie und Lhalu so viele kranke Menschen geheilt hatten.
Das Haus ihres Vaters war schon lange verfallen, und sie kannte
niemanden, zu dem sie hätte gehen können. So hatte sie in einer
armseligen Hütte Schutz gesucht und lebte seitdem von der
Wohltätigkeit anderer Menschen.
Die Vergangenheit war nicht zu ändern, noch konnte Lhalu
irgend etwas für sie tun. Doch vier Wochen später kehrten wir
mit zwei Yaks, schwerbepackt mit Nahrungsmitteln und
Kleidung, ins Chumbi-Tal zurück, damit Santemi nicht länger
darben mußte. Lhalu besuchte sie jeden zweiten Monat, und sie
unterhielten sich stundenlang - wie einst. Sie erzählten einander
alles, was seitdem geschehen war, doch kein Wort des Vorwurfs
kam über ihre Lippen. Unser Hoherpriester war wieder glücklich
und dankte dem Himmel für die Gnade, die er ihm erwiesen
hatte.
Santemi lebte noch vierzehn Jahre lang in der kleinen Hütte
im Chumbi- Tal und starb in Lhalus Armen. Ich war mit den
beladenen Yaks später eingetroffen, und als ich die Hütte betrat,
sah ich meinen Meister vor ihrem Bett knien. Bei dem
Geräusch, das ich machte, drehte er sich ungeduldig um.
„Scht! Sei leise, Ti- Tonisa. Störe sie nicht im heiligen
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Augenblick des Bardo, wenn das Ewige Licht vor ihr
aufflammt!"
„Was ist geschehen?" flüsterte ich voller Ehrfurcht.
„Meddo", antwortete er und sprach die ersten Worte des
Bestattungsgebetes. „Sie weilt nicht länger unter uns. Sie ist
gegangen."
Schweigend kniete ich mich neben ihn und legte meine Stirn
auf die kühle, dünne Hand der Ichka. So beteten wir gemeinsam,
bis die Dunkelheit wich und die Strahlen der aufgehenden Sonne
die glitzernden Gipfel des schneebedeckten Kangchen rötlich
färbten.
-382-
Nachwort
Meine Zeit ist um. Ich, Ti-Tonisa Lama, der dank der Gnade
Gottes wieder auf der Erde lebt und dir diese Zeilen diktierte,
mein Hoherpriester, muß zurück in meinen Körper, der
bewegungslos und steif in Ägypten liegt in einem verborgenen
Kloster zwischen den verfallenen Tempeln von Abu-Simbel.
Das lange Pow neigt sich seinem Ende zu, und mein
ausgesandter Geist, der viertausend Meilen von meiner Zelle
entfernt in deinem Hause unsichtbar zugegen war, wird seinen
Platz in seinem engen Gefängnis, dem Körper, wieder
einnehmen.
Danke der Heiligen Weisheit, preise Yeshes und die Heiligen
Drei, segne die Hohen Himmlischen Führer, die, dank der
Gnade des Allerhöchsten, dies alles hier ermöglicht haben.
Heil dem Meister und Hohenpriester im Namen der Heiligen
Weisheit und Tibets! Und dir, Santemi, der Priesterin und
Heiligen Inspiration, die ich an seiner Seite fand - Preis, Friede
und Ehre an diesem Tage wie in alten Zeiten!
Werft euch nieder vor der Ehre des Herrn und dankt ihm, daß
euch das Schicksal 2749 Jahre nach eurem Leben in Bod-Yul,
nach einem Lidschlag der Ewigkeit, wieder zusammengeführt
hat.
Mein Meister! Du verbrachtest dein Leben in grauer
Eintönigkeit und fandest in den dir verbleibenden Tagen keine
Freude mehr. Auch in deinen späteren Leben bliebst du allein.
In den Sphären, auf den Sternen und auf deinen irdischen
Pilgerreisen suchtest du immer nach deiner Priesterin. Ein Funke
deines alten Wissens blieb dir in all deinen Erdenleben erhalten,
doch du fandest nie zum himmlischen Felsenkloster zurück, wo
deine Zelle leersteht und auf dich wartet. Den Frauen hast du
niemals mehr getraut, und weil der Stachel in deiner Seele
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steckenblieb, konntest du ihr, die sich einst an dir versündigte,
nicht begegnen, bis sie dich selbst zurückführte zu Gott.
Santemi! Auch du hast manches Leben erlitten, und auch dir
blieb der herrliche Himmlische Ring, deine Heimat,
verschlossen. Herrin, du hattest wirklich ein schweres Schicksal!
Zwei Männer suchtest du im Himmel und auf Erden - den
Hohenpriester und Gonisa. Den ersten konntest du erst finden,
als du dieselbe reine Liebe auch für den zweiten empfandest, der
einst dein Liebhaber gewesen war. Doch das größte Geschenk
Gottes blieb dir: deine Seele war stets ein offenes Tor in die
Feine Welt, und du bist immer noch, was du einmal warst - die
heilige Inspiration, die den Hohenpriester und Gonisa zurück auf
den schmalen Pfad führte. Sei dafür gesegnet, Santemi, und sei
glücklich! Ich überbringe dir die Gnade Gottes und sein
Versprechen. Siehe, ich, dein Lama aus alten Zeiten, entbiete dir
meinen Gehorsam und beuge mein Haupt vor dir, so wie ich
damals an deinem Totenbett im Chumbi- Tal meine Stirn in
deine steife Hand legte.
Gonisa! Erinnerst du dich noch deines Traumes in jenem
längst vergangenen Leben in Bod-Yul? Als du zum
Felsenkloster zurückkamst, Santemi heiltest und ihr von jenem
Traume erzähltest? Dein Schutzgeist Uparnissur stellte dich vor
den Thron des Höchsten, und du fielst vor Ihm auf dein
Angesicht, weil deine Augen von Seinem Leuchten geblendet
waren. „Herr! Führe mich zum Doppel meiner Seele! Zeige mir
die Frau, die ich lieben kann!" Erinnerst du dich, was der alte
Gott Bod-Yuls darauf erwiderte? „Töte zuerst alle fleischlichen
Begierden deines Körpers und lerne, daß nur die Liebe der
Selbstüberwindung Glück bringt. Dann wirst du wirklich
glücklich werden, und jene, die einander lieben, werden sich
einst in meinem Königreiche treffen." Doch du mißachtetest den
Befehl Gottes, liehst dein Ohr den verführerischen Worten
Sadags und stürztest deinen Bruder, dein eigen Fleisch und Blut,
den einst ruhmreichen Hohenpriester in Verzweiflung, Schande
-384-
und Leid! Du hast die Heilige Schlange in dir nie besiegt, denn
wenn dich eine Frau nur flüchtig anlächelte, vergaßest du das
Heil deiner Seele! So locktest du Santemi vom pfeilschnellen
Pfad, und mit dir begegnete sie ihrem Karma vor der Zeit, denn
zu jener Zeit war dir noch nicht bestimmt, sie zu lieben. Du,
Gonisa, kamst am häufigsten zur Erde zurück, denn deine Sünde
war wirklich groß! Du suchtest Santemi in den Wüsten des
Südens und hinter den sieben Meeren, doch du erkanntest sie
nicht oder behandeltest sie schlecht, wenn das Schicksal sie dir
über den Weg führte. Doch jetzt, in deinem letzten Erdenleben -
denn ich vertraue der Gnade Gottes, daß es das letzte sein wird -
hat die Hand seines Heiligen Sohnes, den dein Bruder, der
Hohepriester, und Santemi als erste in Bod-Yul erkannten, auch
dein Herz berührt. Nun, nach dem Leid so vieler Jahre, hast du
dein Herz der Ewigen Liebe übergeben, und diese Liebe erlöste
auch dich.
Nehmt einander bei der Hand und haltet zusammen. Ihr drei
seid eine Familie. Das alte Tibet gebar euch, eure Namen jedoch
erhieltet ihr in Atlantis. In ferner Vergangenheit seid ihr
gestrauchelt und habt euer Wissen verloren, doch nicht
vollständig, und die Erinnerung an euren einstigen Glanz im
Himmel und an die Tugenden, die ihr euch durch eure
Frömmigkeit im alten Felsenkloster erwarbt, wichen nie aus
euren Herzen!
Werft euch vor Gott nieder und dankt ihm dafür, daß er euch
in seiner Gnade eine Brücke zwischen Himmel und Erde baute
und euch erlaubte, wie einst im Felsenkloster mit den Höchsten
Führern zu sprechen. Haltet diese Brücke bis zum Tage eures
Todes offen, damit sie euch für immer mit der Gnade des
allmächtigen Gottes verbindet und euch einen neuen Frühling
bringt - wie Ajatsun, der Regenbogen Tibets, der die
schneebedeckten Gipfel des Kangc hen und des Tise miteinander
verbindet.
Und jetzt betet! Euer Karma ist erfüllt. Ihr habt der Welt das
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Buch der heiligen Riten zurückgegeben, welches du, Priesterin,
einst wegen Gonisa zerstörtest. Danke dem Herrn und bitte ihn
um die Gnade, dir auch das Buch der Heilung zurückzugeben,
denn bald wird der Sturm heulend über die Welt fegen, und die
versprengten Schafe werden niemanden haben, der sie heilt.
Doch haltet den Blick nur immer auf den Gipfel der
schneeweißen Königin gerichtet und achtet der Sturmwo lken
nicht, welche die Erde von Osten her überziehen werden. Die
Zeit des Großen Gerichtes ist nahe. Der Wirbelsturm wird
daherfegen und zerstören, und selbst die Grabsteine werden aus
ihren Fundamenten gerissen. Doch dann wird ein großer Mann
kommen, und er wird dem Wasserträger im Himmel winken,
den Wasserkrug des ewigen Lebens aus den Sternenhöhen auf
diese sündige Welt zu leeren. Möge die Erde endlich in dem
reißenden Strome gereinigt werden, mögen seine Wasser allen
irdischen Unrat hinwegspülen. Wehe den Schafhirten, und wehe
den Schafböcken! So sprach Yeshes - der Heilige Sohn des
Gottes von Tibet - Yeshes, der verkörperte Gott, der Eine von
den Dreien, der Alles ist, was war und ist und sein wird.
Und nun, bevor ich mich von euch verabschiede, spreche ich
zu dir, Santemi! Ich, Ti- Tonisa Lama, der ich dir jetzt im Namen
deines Hohen Führers das Versprechen des Herrn vortrage, bin
beauftragt, dich für deine Arbeit und deinen Glauben zu
belohnen. Und statt deines Hohenpriesters werde ich, dein alter
Diener, dir nun das Gebet deiner neuen Einweihung sprechen,
das alte Gebet Bod-Yuls, dessen dich der Herr wieder für
würdig befindet:
„Heil sei dir, Santemi, im Namen der Heiligen Weisheit! Du
bist bereits in diesem Leben das Licht des himmlischen
Felsenklosters. Du weißt, was der Schöpfer den Sterblichen
gestattet. Möge unsere Bruderschaft kraft deines Willens eines
Tages groß und berühmt sein! Mögen wir kraft deines Willens
eines Tages ewigen Seelenfrieden erlangen und die Musik
hören, welche immer für uns erklingen soll! Mögen deine
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Augen uns beschützen und dein Blick sich nie von uns
abwenden! Möge der Gott der Weisheit deinen Geist
vollkommen erleuchten und dir die Stärke verleihen, all das, was
du in deinen Inspirationen aufnimmst, für uns verständlich und
zu unserem Nutzen an uns weiterzugeben! Laß dein ewiges
Licht in der Stunde unseres Todes über uns leuchten und halte
durch deine Verbindung zu Gott die Kanäle zwischen uns und
der ewigen Liebe offen.
Dies wünschen wir uns von dir, und wir erwarten, daß du es
uns gibst. Möge die Allmächtige Weisheit dir bei deinem Tun
beistehen."
Und du, mein Meister und Hoherpriester, der du einst das
Felsenkloster groß machtest und den ich endlich wiederfand
denn ich versprach, dich niemals zu verlassen - mögest du
gesegnet sein vom Gotte Bod-Yuls, dem Ewig Einen. Vom
Vater, dem Schöpfer, dem Gesetzgeber und Gnadenreichen,
vom Ihm, der auf dem Throne sitzt und dieselben Worte zu dir
spricht wie einst zu jenem, der die Gebote in den Stein meißelte:
„Siehe, es ist ein Raum bei mir; da sollst du auf dem Fels
stehen!"
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