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Deutscher Sitzung. Oktober

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1954. Es werden verschiedene Berichte und Anträge diskutiert, unter anderem zu Themen wie Ernährung, Landwirtschaft, Fischerei, Wohnungsbau, Versorgung und Finanzen.

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2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15.

Oktober 1954 2399

Bericht des Ausschusses für Ernährung,


Landwirtschaft und Forsten (Drucksache
796) 2410 A, 2463
Struve (CDU/CSU), Berichterstatter
(Schriftlicher Bericht) 2463
Beschlußfassung 2410 A

Beratung des Antrages der Abg. Danne-


mann, Müller (Wehdel), Dr. Conring,
Peters u. Gen. betr. Küstenplan (Druck-
sache 736) . . . . . 2410 A
Dannemann (FDP), Antragsteller . 2410 B
Dr. Conring (CDU/CSU) 2411 C
Peters (SPD) . 2413 B
49. Sitzung Müller (Wehdel) (DP) 2415 B
Diekmann (SPD) . . . 2415 D
Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954. D. Dr. Ehlers (CDU/CSU) 2416 B
Elsner (GB/BHE) 2416 C
Geschäftliche Mitteilungen . . 2401 C, 2415 B Überweisung an den Haushaltsausschuß
und an den Ausschuß für Ernährung,
Mitteilung über Beantwortung der Kleinen Landwirtschaft und Forsten . . . . 2416 D
Anfrage 93 betr. Besatzungsnotstände in
Baden-Baden (Drucksachen 681, 884) . 2401 D Beratung des Antrags der Fraktion der DP
betr. Schutzmaßnahmen für Helgoland
Änderungen der Tagesordnung . . 2401 C (Drucksache 818) . . . . . . 2416 D
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs Walter (DP), Antragsteller 2416 D
eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes Diekmann (SPD) 2417 C
zur Förderung des Bergarbeiterwohnungs- Überweisung an den Haushaltsausschuß 2418 B
baues im Kohlenbergbau (Drucksache
657); Schriftlicher Bericht des Ausschusses Beratung des interfraktionellen Antrags
für Wiederaufbau und Wohnungswesen betr. Überweisung von Anträgen an die
I (Drucksache 817; Umdrucke 177, 178, 183, Ausschüsse (Umdruck 167) 2418 B, 2459 B
189) 2401 D, 2458, 2460
Beschlußfassung . 2418 B
Ha rn ischfeger (CDU/CSU):
als Berichterstatter 2402 A Erste Beratung des von der Fraktion des
GB/BHE eingebrachten Entwurfs eines
Schriftlicher Bericht 2460 Gesetzes über Weihnachtsbeihilfen für
Bergmann (SPD) . 2402 C Bedürftige (Drucksache 798) in Verbin-
2403 D dung mit der
Lücke (CDU/CSU)
2405 B Beratung des Antrags der Fraktion der
Dr. Brönner (CDU/CSU) SPD betr. Weihnachtsbeihilfe (Druck-
Dr. Preusker, Bundesminister sache 845) . 2418 C
für Wohnungsbau 2406 B, 2407 D
Frau Finselberger (GB/BHE),
Jacobi (SPD) 2407 B Antragstellerin . . . . . . . . 2418 C
Wirths (FDP) . . 2407 B, D Frau Meyer (Dortmund) (SPD),
Abstimmungen 2402 B, 2404 B, 2408 A Antragstellerin . 2419 B
Schüttler (CDU/CSU) . . . . . . . . 2420 B
Erste Beratung des von der Fraktion der
SPD eingebrachten Entwurfs eines Ge- Überweisung an den Haushaltsausschuß
setzes zur Änderung des Geschäftsraum- und an den Ausschuß für Sozialpolitik 2421 A
mietengesetzes (Drucksache 814) . 2401 C, 2408 B
Zweite und dritte Beratung des von der
Jacobi (SPD) 2408 B Fraktion des GB/BHE eingebrachten Ent-
Dr. Preusker, Bundesminister wurfs eines Gesetzes zur Änderung des
für Wohnungsbau . 2409 A Lastenausgleichsgesetzes und des von der
Fraktion der CDU/CSU eingebrachten
Dr. Hesberg (CDU/CSU) 2409 C Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung
Überweisung an den Ausschuß für Wie- des Lastenausgleichsgesetzes und des Fest-
deraufbau und Wohnungswesen und an stellungsgesetzes (Drucksachen 344, 571);
den Ausschuß für Wirtschaftspolitik 2409 D Mündlicher Bericht des Ausschusses für
den Lastenausgleich (Drucksache 837) 2421 C
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs Kuntscher (CDU/CSU),
eines Gesetzes über die Aufhebung von Berichterstatter . 2421 C
Gesetzen auf dem Gebiet der Fischerei in
der Ostsee (Drucksache 548); Schriftlicher Beschlußfassung . 2422 B
2 400 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954

Erste Beratung des von der Fraktion der Mündlicher Bericht des Ausschusses für
FDP eingebrachten Entwurfs eines Ge- Finanz- und Steuerfragen (Drucksache
setzes zur Änderung des Bundesversor- 731; Anträge Umdrucke 160, 191) . . . 2418 C,
gungsgesetzes (Drucksache 716 [neu]) in 2439 A, 2459 C
Verbindung mit der Dr. Gülich (SPD)
Ersten Beratung des von der Fraktion der als Berichterstatter . . . . . . 2439 A
FDP eingebrachten Entwurfs eines Dritten als Abgeordneter . . . . . . . . 2439 B
Gesetzes zur Änderung des Bundesver-
sorgungsgesetzes (Drucksache 717), mit Schäffer, Bundesminister
der der Finanzen . . . . . . . 2439 C
Krammig (CDU/CSU) 2439 D
Ersten Beratung des von der Fraktion der
SPD eingebrachten Entwurfs eines Ge- Abstimmungen 2439 D
setzes zur Änderung des Bundesversor-
gungsgesetzes (Drucksache 836), mit der Zweite und dritte Beratung des Entwurfs
eines Gesetzes über die Beiträge des Bun-
Ersten Beratung des von der Fraktion der des zu den Steuerverwaltungskosten der
SPD eingebrachten Entwurfs eines Ge- Länder (Drucksache 42); Mündlicher Be-
setzes über die Gewährung einer Sonder- richt des Ausschusses für Finanz- und
zulage an Kriegsopfer und Angehörige Steuerfragen (Drucksache 205 [neu], An-
von Kriegsgefangenen (Drucksache 793), trag Umdruck 161) . . 2418 C, 2459 D
mit der Dr. Gülich (SPD):
Ersten Beratung des von der Fraktion des als Berichterstatter . . . . . . . 2440 B
GB/BHE eingebrachten Entwurfs eines als Abgeordneter . . . . 2441 A
Gesetzes zur Änderung des Bundesversor-
gungsgesetzes (Drucksache 859) sowie Schäffer, Bundesminister
mit der der Finanzen . . . . . 2440 D
Krammig (CDU/CSU) 2441 C
Ersten Beratung des von den Abg. Frau Dr.
Probst, Maucher, Lücke u. Gen. einge- Abstimmungen . . . . 2442 A
brachten Entwurfs eines Dritten Gesetzes
zur Änderung des Bundesversorgungs- Große Anfrage der Fraktion der FDP betr.
gesetzes (Drucksache 887). . . . . 2422 D Investitionshilfe (Drucksache 602) in Ver-
bindung mit der
Frau Dr. Ilk (FDP),
Beratung des Antrags der Abg. Raestrup,
Antragstellerin 2422 D Stücklen, Spies (Emmenhausen), Dr. Dol-
Dr. Stammberger (FDP), linger u. Gen. betr. Rückerstattung aus
Antragsteller . . . . . . . . . . . 2424 B dem Investitionshilfe-Aufkommen (Druck-
Bals (SPD), Antragsteller . 2425 D, 2536 C sache 676) 2442 B
Petersen (GB/BHE), Dr. Atzenroth (FDP),
Antragsteller 2426 D, 2438 B Anfragender . . . 2442 C, 2448 B, 2449 C
Frau Dr. Probst (CDU/CSU), Raestrup (CDU/CSU), Antragsteller . 2443 D
Antragstellerin . . 2428 B, 2429 C, 2430 C Hartmann, Staatssekretär im Bundes-
Frau Wolff (Berlin) (SPD) 2429 C, 2430 B, ministerium der Finanzen 2445 A, 2448 C
2437 B Kurlbaum (SPD) 2446 D, 2450 A
Lücke (CDU/CSU) 2430 B Samwer (GB/BHE) 2447 D
Storch, Bundesminister Hilbert (CDU/CSU) 2449 A
für Arbeit . . . . . . . 2430C, 2434 A Bausch (CDU/CSU) 2449 A
Schneider (Bremerhaven) (DP) 2431 A, 2433 D
Dr. Wellhausen (FDP) 2449 D
Rasch (SPD) . . . . 2432 B, 2434 A
Überweisung an den Ausschuß für Wirt-
Frau Schanzenbach (SPD) 2434 B schaftspolitik und an den Ausschuß für
Arndgen (CDU/CSU) 2434 C, 2435 B, C, D, Finanz- und Steuerfragen 2550 A
2436 A, B
Erste, zweite und dritte Beratung des von
Dannebom (SPD) 2435 B, C der Fraktion der SPD eingebrachten Ent-
Dr. Schellenberg (SPD) 2435 D wurfs eines Gesetzes zur Änderung des
Bundesergänzungsgesetzes zur Entschädi-
Wittrock (SPD) . . . . . . . . 2436 B gung für Opfer der nationalsozialistischen
Maucher (CDU/CSU) . . 2436 D, 2437 C Verfolgung (Drucksache 811) 2550 B
Überweisung an den Ausschuß für Kriegs- Dr. Arndt (SPD), Antragsteller . . 2550 B
opfer- und Heimkehrerfragen . . . 2438 D Dr. Böhm (Frankfurt) (CDU/CSU) . 2553 C
Dr. Reif (FDP) 2554 D
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs Hartmann, Staatssekretär im Bundes-
eines Gesetzes über die Inanspruchnahme ministerium der Finanzen 2455 C, 2456 A, B
eines Teils der Einkommensteuer und
der Körperschaftsteuer durch den Bund Frau Wolff (Berlin) (SPD) . . . 2456 A, B
im Rechnungsjahr 1954 (Drucksache 201); Beschlußfassung 2456 D
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2401

Erklärung zu der bevorstehenden Wahl in Die Sitzung wird um 9 Uhr 4 Minuten durch den I
der sowjetisch besetzten Zone Deutsch- Präsidenten D. Dr. Ehlers eröffnet.
lands:
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her-
Präsident D. Dr. Ehlers 2456 D ren! Ich eröffne die 49. Sitzung des Bundestages
und bitte um Bekanntgabe der Namen der ent-
Nächste Sitzung 2456 D, 2457 D schuldigten Abgeordneten.
Matzner, Schriftführer: Der Präsident hat für
Anlage 1: Änderungsantrag der Fraktion die heutige Sitzung Urlaub erteilt den Abgeord-
der SPD zur zweiten Beratung des Ent- neten Dr. Orth, Dr. Greve, Dr. Glasmeyer, Feld-
wurfs eines Gesetzes zur Änderung des mann, Varelmann, Frau Dr. Weber (Aachen),
Gesetzes zur Förderung des Bergarbeiter- Dr. Baade, Berendsen, Dr. Friedensburg, Dr. Eck-
wohnungsbaues im Kohlenbergbau (Um- hardt, Lemmer, D. Dr. Gerstenmaier, Demmel-
druck 177) 2458 A meier, Neuburger und Dr. Bucerius.

Anlage 2: Änderungsantrag der Fraktionen Präsident D. Dr. Ehlers: Ich danke vielmals. Meine
der CDU/CSU, FDP, GB/BHE, DP zur Damen und Herren, es ist zunächst zu der heuti-
zweiten Beratung des Entwurfs eines gen Tagesordnung, d. h. der 49. Sitzung, zu sagen,
Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur daß sie erweitert wird um die nicht erledigten
Förderung des Bergarbeiterwohnungs- Punkte der gestrigen Tagesordnung, beginnend mit
baues im Kohlenbergbau (Umdruck 183) 2458 B Punkt 6.
Dann ist der Entwurf eines Gesetzes zur Ände-
Anlage 3: Änderungsantrag der Fraktion der rung des Geschäftsraummietengesetzes — Druck-
SPD zur dritten Beratung des Entwurfs sache 814 —, der von der Fraktion der SPD einge
eines Gesetzes zur Änderung des Geset- bracht worden ist, auf die heutige Tagesordnung
zes zur Förderung des Bergarbeiterwoh- gesetzt worden.
nungsbaues im Kohlenbergbau (Umdruck Ich weise darauf hin, daß der Ausschuß für Er-
178) 2458 C nährung, Landwirtschaft und Forsten heute wäh-
rend der Sitzung eine kurze Ausschußsitzung zur
Anlage 4: Änderungsantrag der Abg. Wirths, Behandlung der Fragen der Ernteschäden abhalten
Dr. Wellhausen u. Gen. zur dritten Bera-
wird. Diese Mitteilung beruht auf einer Verein-
tung des Entwurfs eines Gesetzes zur Än- barung des Ältestenrats, daß, soweit ausnahms-
derung des Gesetzes zur Förderung des weise kurze Sitzungen von Ausschüssen während
Bergarbeiterwohnungsbaues im Kohlen- -
2458 D der Plenarsitzungen stattfinden sollen, das am An-
bergbau (Umdruck 189)
fang der Sitzung bekanntgegeben werden soll, um
Anlage 5: Interfraktioneller Antrag betr. die Zustimmung des Hauses herbeizuführen. Ich
Überweisung von Anträgen an die Aus- darf annehmen, daß das Haus damit einverstan-
schüsse (Umdruck 167 [Berichtigt]) . . . . 2459 B den ist.
Es ist eine Vereinbarung im Ältestenrat zustande
Anlage 6: Änderungsantrag der Fraktion gekommen, daß die heutige Sitzung nicht über
der SPD zum Entwurf eines Gesetzes über 16 Uhr hinaus ausgedehnt werden soll. Ich bitte
die Inanspruchnahme eines Teils der Ein- die Redner freundlichst, durch Konzentriertheit
kommensteuer und der Körperschaftsteuer ihrer Darlegungen dazu zu helfen, daß wir einen
durch den Bund im Rechnungsjahr 1954 wesentlichen Teil der Tagesordnung erledigen
(Umdruck 160) 2459 C können.
Die übrigen amtlichen Mitteilungen werden ohne
Anlage 7: Änderungsantrag der Fraktion Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge-
der CDU/CSU zum Entwurf eines Geset- nommen:
zes über die Inanspruchnahme eines Teils
der Einkommensteuer und der Körper- Der Herr Bundesminister der Finanzen hat unter dem
9. Oktober 1954 die Kleine Anfrage 93 der Abgeordneten Kroll,
schaftsteuer durch den Bund im Rech- Morgenthaler und Genossen betreffend Besatzungsnotstände in
nungsjahr 1954 (Umdruck 191) 2459 C Baden-Baden — Drucksache 681 — beantwortet. Sein Schreiben
wird als Drucksache 884 vervielfältigt.
Anlage 8: Änderungsantrag der Fraktion Meine Damen und Herren, ich schlage vor, daß
der SPD zum Entwurf eines Gesetzes über wir zunächst mit Punkt 6 der gestrigen Tagesord-
die Beiträge des Bundes zu den Steuer- nung anfangen:
verwaltungskosten der Länder (Umdruck Zweite und dritte Beratung des Entwurfs
161) 2459 D eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes
zur Förderung des Bergarbeiterwohnungs-
Anlage 9: Schriftlicher Bericht des Aus- baues im Kohlenbergbau (Drucksache 657).
schusses für Wiederaufbau und Woh-
nungswesen über den Entwurf eines Ge- (Erste Beratung 37. Sitzung.)
setzes zur Änderung des Gesetzes zur Es liegt vor, was ich mit besonderem Dank fest-
Förderung des Bergarbeiterwohnungs- stelle, ein Schriftlicher Bericht*) des Ausschusses
baues im Kohlenbergbau (Drucksache 817) 2460 für Wiederaufbau und Wohnungswesen, Druck-
sache 817. Ich darf wohl unterstellen, daß eine
Anlage 10: Schriftlicher Bericht des Aus- mündliche Ergänzung des Berichts nicht mehr er-
schusses für Ernährung, Landwirtschaft forderlich ist.
und Forsten über den Entwurf eines Ge- (Abg. Lücke: Kurze Erläuterung durch
setzes über die Aufhebung von Gesetzen den Kollegen Harnischfeger!)
auf dem Gebiet der Fischerei in der Ost-
see (Drucksache 796) 2463 *) Siehe Anlage 9.
2402 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Präsident D. Dr. Ehlers)
— Bitte schön, Herr Abgeordneter Harnischfeger das Wort gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Ich I
als Berichterstatter! bitte die Damen und Herren, die der Ziffer 1 zuzu-
stimmen wünschen, eine Hand zu erheben. — Das
Harnischfeger (CDU/CSU), Berichterstatter: Herr ist die überwiegende Mehrheit des Hauses; ange-
Präsident! Meine Damen und Herren! Der nommen.
1. Deutsche Bundestag hat im September 1951 das Ich rufe auf Ziffer 2. Dazu sind gestellt die An-
Gesetz zur Förderung des Bergarbeiterwohnungs- träge Umdruck 177 Ziffern 1 bis 4 und Umdruck
baues verabschiedet. Damals fehlten im Bergbau 183 Ziffern 1 und 2. — Bitte, Herr Abgeordneter
92 000 Wohnungen. In dem Gesetz wurde eine Bergmann zur Begründung der Anträge der SPD.
Kohlenabgabegebühr von 2 DM je Tonne Stein-
kohle, Steinkohlenbriketts und -koks sowie von Bergmann (SPD): Herr Präsident! Meine Damen!
1 DM je Tonne Braunkohle und Braunkohlen- Meine Herren! Im Schriftlichen Bericht des Aus-
briketts festgelegt. Diese Abgabe wurde bis zum schusses für Wiederaufbau und Wohnungswesen,
31. Oktober dieses Jahres befristet. Gebaut wurden Drucksache 817, wird darauf hingewiesen, daß
bis jetzt 88 000 Bergarbeiterwohnungen; mit der schon der 1. Deutsche Bundestag im Interesse der
Fertigstellung von weiteren 25 000 rechnet man bis Erhöhung der Kohlenförderung dem Bergarbeiter-
Ende dieses Jahres. Trotzdem fehlen dann im Berg- wohnungsbau durch Gesetz eine besondere zusätz-
bau noch 40 000 Wohnungen. liche Finanzierungsquelle erschlossen hat. In diesem
Kohlenabgabegesetz ist festgelegt worden, daß für
Die Bundesregierung hat mit Drucksache 657 jede verkaufte Tonne Steinkohle, Steinkohlenkoks
dem 2. Deutschen Bundestag ein Gesetz zur Ände-
usw. zwei Deutsche Mark für die Finanzierung des
rung des Gesetzes zur Förderung des Bergarbeiter-
Bergarbeiterwohnungsbaues zur Verfügung gestellt
wohnungsbaues vorgelegt. In der Sitzung vom
werden. Dieses Gesetz ist bis zum 31. Oktober 1954
Aus-
8.Julidesahrw Getzdm
schuß für Wiederaufbau und Wohnungswesen über- befristet.
wiesen. Der Ausschuß hat sich in mehreren Sitzun- (Abg. Haasler: Das haben wir doch eben
gen mit der Gesetzesvorlage beschäftigt. Im we- schon alles gehört!)
sentlichen ist das neue Gesetz eine Verlängerung Der noch bestehende Wohnungsfehlbestand im
des ersten Bergarbeiterwohnungsbaugesetzes. Der Kohlenbergbausektor kann nur durch die weitere
Schriftliche Bericht, Drucksache 817, liegt dem Ho- Zurverfügungstellung von Kohlenabgabemitteln
hen Hause vor. Ich beziehe mich auf diesen Bericht, für den Bergarbeiterwohnungsbau beseitigt wer-
möchte jedoch einige wichtige Änderungen gegen- den,
über dem alten Gesetz ansprechen. (Abg. Haasler: Das ist doch auch schon gesagt!)
Die Kohlenabgabe wurde um die Hälfte gesenkt. da damit die Fragen der Produktion eng gekoppelt
Der Ausschuß hat sich der Auffassung der Regie- sind. Aus diesem Grunde hat uns die Bundesregie-
rung angeschlossen. Er glaubt, daß die noch fehlen- rung den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
den Wohnungen mit den reduzierten Sätzen gebaut Gesetzes zur Förderung des Bergarbeiterwohnungs-
werden können. baues im Kohlenbergbau vorgelegt und die Not-
Der Eigentums- und Kleinsiedlungsbau soll be- wendigkeit der Verlängerung der Kohlenabgabe
sonders gefördert werden. Jeder Bergmann, der anerkannt.
willens ist, sich ein Eigenheim zu schaffen, soll Mit dem Auslaufen des jetzt geltenden Gesetzes
weitestgehende Förderung erhalten. ist die bisherige Wohnungslage in den Bergbau-
Die Laufzeit des Gesetzes wurde bis zum 31. De- gebieten keineswegs behoben. Mit Stichtag vom
zember 1957 befristet. In Anbetracht der gesenk- 31. Dezember 1953 haben wir hier noch einen aku-
ten Kohlenabgabe muß dieselbe bis zum 31. De- ten Fehlbestand von mindestens 65 000 Wohnungs-
zember 1957 ausgedehnt werden. einheiten, wobei eine etwa anfallende Belegschafts-
vermehrung, die Fluktuation und der natürliche
Der Ausschuß gab dem Gesetzentwurf Druck- Abgang von Wohnungen durch Verschleiß beson-
sache 657 in der jetzigen Fassung mit Mehrheit ders berücksichtigt wurden. Das Bauprogramm 1954
gegen zwei Stimmen seine Zustimmung. Ich darf wird den Bedarf um etwa 25 000 Wohnungseinhei-
das Hohe Haus bitten, dem Gesetz zuzustimmen. ten abdecken, so daß am Ende des Jahres noch ein
(Beifall bei der CDU/CSU.) echter Fehlbestand von mindestens 40 000 Woh-
nungseinheiten vorhanden sein wird. Die eigene
Präsident D. Dr. Ehlers: Ich danke dem Herrn Erhebung über den Wohnungsbedarf der Berg-
Berichterstatter und bitte alle Ausschüsse, in glei- arbeiter durch die Industriegewerkschaft Bergbau
cher Weise durch schriftliche Berichterstattung zur mit dem Stichtag vom 31. Juli 1954 kommt unter
Beschleunigung der Verhandlung beizutragen, wie Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse zu
es der Geschäftsordnung entspricht. demselben Ergebnis. Wir halten es für unmöglich,
Zehntausende von Bergarbeiterfamilien, die unter
Meine Damen und Herren, Sie haben die Druck- den schlechtesten Wohnbedingungen leben müssen,
sache vor sich. Änderungsanträge sind zur zweiten allein auf den Wohnungsbau des allgemeinen sozia-
Beratung gestellt worden von der Fraktion der len Programms zu verweisen, und wir befürwor-
SPD auf Umdruck 177*), von den Fraktionen der ten daher die Kohlenabgabe von 1 DM.
Regierungskoalition auf Umdruck 183**) und zur
dritten Beratung ein Änderungsantrag der Fraktion Bedauerlicherweise entstehen daraus sicherlich
der SPD auf Umdruck 178***). weitere Belastungen, z. B. für die nicht bundeseige-
nen Eisenbahnen.
Ich rufe zunächst Art. I Ziffer 1 des Gesetzes
auf. Dazu liegen keine Änderungsanträge vor. Wird Bis kurz vor Abschluß der Beratung im Ausschuß
für Wiederaufbau und Wohnungswesen war man
*) Siehe Anlage 1. sich fast einig über die Vorlage der Regierung.
**) Siehe Anlage 2. Durch Änderungsanträge aus den Reihen der Re-
*)SiehAnlag3. gierungskoalition wurde der § 2 der Regierungs-
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2403
(Bergmann)
vorlage völlig umgestaltet in die jetzigen §§ 2 und — Herr Kollege, davon spreche ich. Nicht die vor-
2a des Ausschußberichts. Wir bedauern, daß damit gesehenen Folgemaßnahmen, sondern der tatsäch-
der Vorzug der Klarheit und Deutlichkeit verloren- liche Bedarf muß das Primäre bleiben.
gegangen ist. Sachkenner behaupten nicht zu Un-
recht, daß bei der Durchführung der §§ 2 und 2a, Wie problematisch die Vorschriften der Absätze
wie sie der Ausschuß beschlossen hat, große Schwie- 2 und 3 in § 2 der Ausschußvorlage sind, beweist
rigkeiten entstehen werden. die in Abs. 4 vom Ausschuß geforderte Durchfüh-
rungsvorschrift für die Bundesregierung. Die Ver-
(Abg. Lücke: Sie haben doch an den Aus fasser dieser Bestimmung waren sich also der Kom-
schußberatungen nicht teilgenommen!) pliziertheit ihrer Förderungsmaßnahme bewußt
Da die Grundsätze, für wen bevorzugt Wohnun- und suchten daher in der Durchführungsvorschrift
gen erstellt werden sollen, ebenso Mittel zur Zuflucht. Wir bitten Sie nochmals, den § 2 der Re-
Durchführung damit zusammenhängender Maßnah- gierungsvorlage wiederherzustellen und den § 2 a
men, außerdem Mittel für die Gemeinschaftsanla- der Ausschußvorlage zu streichen. Im Ablehnungs-
gen sowie Folgeeinrichtungen und auch Darlehen fall stellen wir unsere Eventualanträge: In § 2
für die anteilige Finanzierung von Aufschließungs- Abs. 2 Satz 2 wird nach den Worten „in der Rechts-
maßnahmen in § 2 der Regierungsvorlage festge- form des Wohnungseigentums" eingefügt: „dem
legt sind, beantragen wir, den § 2 in der Fassung Bedarf entsprechend", und die dann folgenden
der Regierungsvorlage — Drucksache 657 — wie- Worte „nach Maßgabe des § 3" werden gestrichen.
derherzustellen. Ebenso soll in § 2 Abs. 2 Satz 3 nach dem Wort
„ist" das Wort „möglichst" eingefügt werden.
Im Interesse der Einfachheit und Klarheit unse- Außerdem soll Abs. 3 von § 2 gestrichen werden.
rer Gesetzesgestaltung bitten wir die Kolleginnen Für den Fall der Ablehnung unseres Antrages auf
und Kollegen hier im Hause, unserem Antrag zu- Streichung des Abs. 3 beantragen wir, in § 2 Abs. 3
zustimmen. den Satz 2 zu streichen.
Außerdem ist hier die Frage zu stellen: Was Wir haben aber noch weitere Änderungswünsche.
sagt der Herr Bundesminister für Wohnungsbau Wegen der sachlichen Übereinstimmung mit den
zu seiner Regierungsvorlage? Ich bitte ihn, einmal anderen Fraktionen dieses Hauses haben wir in
dazu Stellung zu nehmen. einer interfraktionellen Besprechung darauf ver-
In § 2 Abs. 3 der Ausschußvorlage werden grund- zichtet, eigene Anträge zu stellen. Sie finden ihre
sätzlich alle zu erstellenden Bergarbeiterwohnun- Berücksichtigung in dem Umdruck 183.
gen, neben ihrer Zweckbestimmung für den Berg- (Beifall bei der SPD.)
bau, mit einer zeitlosen Auflage belastet, daß sie
Einzeleigentum werden sollen. Wir fragen: Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
- Wel- geordnete Lücke.
chem Bauherrn, der aus städtebaulichen Gründen
gezwungen ist, mehrgeschossig zu bauen, soll zu- Lücke (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen
gemutet werden, sein Eigentum, seinen Grund und und Herren! Wir würden uns bei der Beratung
Boden aufzuteilen und auf die Hausgemeinschaft etwas leichter tun, wenn der verehrte Herr Kollege
zu übertragen, also einen Teil seines Eigentums Bergmann, der vor mir gesprochen hat, an den
zu veräußern, wenn er Bergarbeiterwohnungen er- Ausschußberatungen teilgenommen hätte. Jeden-
stellen will? Jeder private Wiederaufbau zerstörter falls sind hier Dinge gesagt worden, die man sehr
Häuser in Zechennähe wird durch diese Vorschrift schnell und sehr einfach widerlegen könnte; aber
von vornherein ebenso unmöglich gemacht wie der das möchte ich wegen der angespannten Tages-
mehrgeschossige Neubau durch Bauwillige, ordnung heute nicht tun.
(Abg. Haasler: Das stimmt ja gar nicht!)
Ich habe die Ehre, den Koalitionsantrag kurz
die die zu erstellenden Wohnungen gemäß Rechts- zu begründen und darf mit Erlaubnis des Herrn
geschäft dem Bergbau zur Verfügung stellen wol- Präsidenten vielleicht alle darin angeschnittenen
len. Auch für die gemeinnützige Wohnungswirt- Fragen andeuten. Im wesentlichen beinhaltet dieser
schaft wird nunmehr jeder Bergarbeiterwohnungs- Antrag Umdruck 183 redaktionelle Änderungen,
bau in mehrgeschossiger Bauweise aus wirtschaft- die weitgehend auch mit der SPD-Fraktion abge-
lichen Gründen untragbar. stimmt worden sind.
(Abg. Lücke: Seit wann bauen die gemein In Art. I Nr. 2 wird vorgeschlagen, daß die Bun-
nützigen Gesellschaften aus wirtschaft desregierung ermächtigt wird, durch Rechtsverord-
lichen Gründen?) nung nähere Vorschriften über die Durchführung
Wie soll z. B. dieser Vorschrift Geltung verschafft der Eigentumsmaßnahmen nach den Absätzen 2
werden, wenn ein Träger Wohnungen in mehrge- und 3 zu erlassen. Der verehrte Herr Kollege Berg-
schossiger Bauweise erstellt hat und in einem mann hat bei der Begründung seines Antrags Um-
Hause z. B. ein Drittel der Wohnungsnutzer Eigen- druck 177 bestritten, daß die Eigentumsbereitschaft
tümer werden wollen und zwei Drittel nicht oder bei den Bergleuten in dem von uns vorausgesetz-
umgekehrt? Wer soll dann die Mehrkosten einer ten Umfang vorhanden wäre. Ich will darauf nicht
solchen zerrissenen Wohnungswirtschaft tragen? näher eingehen. Wir haben nur in Ziffer 2 sicher-
Wie lange soll andererseits der Bauherr an die Auf- gestellt, daß eines der Kernziele dieses Gesetzes
lage gebunden sein? Es ist doch eine bekannte Tat- sein soll, den Bergmann mit dem Grund und Boden
sache, daß ein Teil der wohnungsuchenden Berg- zu verbinden, um ihn seßhaft zu machen. Er wird
leute gar nicht an Eigentumsmaßnahmen interes- dazu nicht gezwungen, sondern das geschieht dann,
siert ist und nur zur Miete wohnen will. wenn er es wünscht. Der Sinn ides Abs. 3 ist fol-
(Abg. Haasler: Andere aber doch!) gender. Weil dies in vielen Fällen nicht möglich
ist, soll die Wohnungswirtschaft insgesamt, die die
Warum soll dieser Wohnungsbedarf nicht abge- Kohlenabgabe verbaut, gehalten sein, dem Wunsch
deckt werden? des Bergmanns nach Eigentum zu entsprechen, der
(Abg. Lücke: Wird abgedeckt!) sagt: Ich will ab morgen nicht mehr zur Miete
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(Lücke)
wohnen, sondern statt Miete zu zahlen die Woh- Für den Fall der Ablehnung hat die Fraktion der
nung erwerben und abzahlen. Wir diskutieren über SPD die Anträge Ziffern 2 und 3 des Umdrucks
ein Kohlenabgabegesetz, an dem das ganze deut- 177 gestellt. Kann über beide gemeinsam abge-
sche Volk teilhat. Es muß endlich sichergestellt stimmt werden?
werden, daß der Bergmann der Maßgebende sein (Zurufe: Ja!)
soll, der darüber zu entscheiden hat, ob er Eigen — Ich bitte die Damen und Herren, die den Ziffern
tum will oder nicht. Das wird hier im Gesetz sicher- 2 und 3 des Antrags Umdruck 177 zuzustimmen
gestellt, und da gebe ich dem verehrten Herrn wünschen, eine Hand zu erheben. — Ich bitte um
Kollegen Bergmann recht, wenn er sagt, daß das die Gegenprobe. — Auch diese Anträge sind abge-
schwierig sei. Darum haben wir die Bundesregie- lehnt.
rung ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Herrn
Bundeswohnungsbauminister durch Rechtsverord- Für den Fall auch dieser Ablehnung hat die
nung nunmehr vorzusehen, wie das im einzelnen Sozialdemokratische Partei einen Antrag Ziffer 4
zu geschehen hat. Darum ist im Änderungsantrag gestellt. Ich bitte die Damen und Herren, die die-
der Koalition Umdruck 183 gesagt, daß die Bun- sem Antrag Ziffer 4 zuzustimmen wünschen, eine
desregierung hierzu nähere Ausführungen machen Hand zu erheben. — Ich bitte um die Gegenprobe.
soll. Ich bitte deshalb, diesen Antrag der Koalition — Das zweite ist die Mehrheit; auch dieser Antrag
anzunehmen und den Antrag der SPD-Fraktion ist abgelehnt.
Umdruck 177 abzulehnen. Ich komme zur Abstimmung über den Antrag
Umdruck 183 der Fraktionen der CDU/CSU, FDP,
Weiter haben wir in diesem Antrag noch mate- GB/BHE, DP. Zunächst Ziffer 1. Ich bitte die
riell vorgeschlagen, den Reparaturparagraphen Damen und Herren, die diesem Antrag Umdruck
—Fachleutwisen,washiergmeints—zustrei- 183 Ziffer 1 zuzustimmen wünschen, eine Hand zu
chen. Es war im Ausschuß eine große Diskussion erheben. — Gegenstimmen? — Enthaltungen? —
darüber entstanden, ob man nicht die Kohlenab- Das ist, wenn ich recht sehe, einstimmig angenom-
gabe dazu verwenden könne, die Reparaturen von men.
Altbergarbeiterwohnungen durchzuführen. Mit
Recht hat eine Gruppe von Kollegen im Aus- Ich stimme ab über den Antrag Umdruck 183
schuß gesagt, das bedeute eine Ausweitung des Ziffer 2 betreffend Abs. 4 des § 2. Ich bitte die
Gesetzes; die Kohlenabgabe, diese 10 Pfennig je Damen und Herren, die diesem Antrag zuzustim-
Zentner Kohle, soll dazu verwendet werden, zu- men wünschen, eine Hand zu erheben. — Auch das
sätzlich neue Wohnungen zu schaffen. Es geht ist mit ganz überwiegender Mehrheit angenommen.
um neue Wohnungen, und weil sich die Gefahr Nunmehr bitte ich die Damen und Herren, die
ergab, daß eine Ausweitung entstehen könnte, der Ziffer 2 in der abgeänderten Fassung zuzu-
-
haben wir darauf verzichtet, diesen Paragraphen stimmen wünschen, eine Hand zu erheben. — Das
zu belassen, haben also auch die Reparaturdarlehen ist die überwiegende Mehrheit; angenommen.
insgesamt gestrichen. Ich rufe auf Ziffer 3, dazu die Anträge Um-
In der Zwischenzeit ist ein weiterer Antrag druck 177 Ziffer 5 der SPD und Umdruck 183 Zif-
Umdruck 189*) eingegangen — den ich gleich mit fern 3, 4 und 5 der Koalitionsfraktionen. Soll der
streifen darf —, den unser verehrter Herr Kollege Antrag unter Ziffer 5 auf Streichung der Nr. 3
Wirths begründen wird, die Bundesbahn von der begründet werden? — Keine Begründung.
Zahlung der Kohlenabgabe zu befreien. Auch hier
haben wir alle derartigen Wünsche abgelehnt, weil Wird zu dem Antrag der Koalitionsfraktionen
wir keine Grenze finden konnten. eine Begründung gewünscht? — Nicht der Fall.
KeinWortmldug.IchsießBpr-
Wir haben versucht, dieses Gesetz, das nur eine chung.
Verlängerung bringen soll und damit ein auslau-
fendes Gesetz ist, einfach zu gestalten. Dem ent- Ich bitte die Damen und Herren, die dem Antrag
spricht auch unser Antrag Umdruck 183. Ich bitte der SPD auf Streichung der Ziffer 3 zuzustimmen
ihm zu entsprechen und ihn anzunehmen und den wünschen, eine Hand zu erheben. — Ich bitte um
Antrag Umdruck 177 ebenso abzulehnen wie den die Gegenprobe. — Enthaltungen? — Das ist mit
noch vom verehrten Herrn Kollegen Wirths zu überwiegender Mehrheit abgelehnt.
begründenden Antrag. Ich bitte die Damen und Herren, die dem Antrag
(Zuruf des Abg. Wirths.) der Koalitionsfraktionen — kann gemeinsam ab-
— Ich wollte es nur der Einfachheit halber jetzt gestimmt werden? —
schon sagen, um die Aussprache abzukürzen. Ich (Zustimmung in der Mitte)
bitte schon jetzt, auch diesen Antrag abzulehnen. unter den Ziffern 3, 4 und 5 auf Umdruck 183 zu-
(Heiterkeit.) zustimmen wünschen, eine Hand zu erheben. —
Das ist die überwiegende Mehrheit; ist angenom-
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her- men.
ren, wird das Wort weiter gewünscht? — Das ist Ich bitte die Damen und Herren, die der Zif-
nicht der Fall. Dann schließe ich die Besprechung fer 3 in der abgeänderten Fassung zuzustimmen
zu Ziffer 2. wünschen, eine Hand zu erheben. — Das ist die
Ich komme zunächst zur Abstimmung über den überwiegende Mehrheit; ist angenommen.
Antrag der Fraktion der Sozialdemokratischen Ich rufe die Nrn. 4 und 5 auf. Dazu Änderungs-
Partei Umdruck 177 Ziffer 1, den Herr Abgeordne- antrag Umdruck 183 Ziffer 6. Keine Begründung?
ter Bergmann begründet hat. Ich bitte die Damen — Wird das Wort gewünscht? — Das ist nicht der
und Herren, die diesem Antrag zuzustimmen wün- Fall. Ich schließe die Besprechung.
schen, eine Hand zu erheben. — Ich bitte um die
Gegenprobe. — Enthaltungen? — Das zweite war Ich bitte die Damen und Herren, die dem Antrag
die Mehrheit; dieser Antrag ist abgelehnt. Umdruck 183 Ziffer 6 zuzustimmen wünschen, eine
Hand zu erheben. — Das ist die überwiegende
*) Siehe Anlage 4. Mehrheit; ist angenommen.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2405
(Präsident D. Dr. Ehlers)
Ich bitte die Damen und Herren, die den Nrn. Es sollte also eine letzte Kraftanstrengung sein,
4 und 5 in der abgeänderten Fassung zuzustimmen um die Kohlennot von damals zu beseitigen. Frage:
wünschen, eine Hand zu erheben. — Auch ange- Besteht diese Kohlennot heute noch? Dazu ist auf
nommen. Folgendes hinzuweisen: Erstens wurden in der
Zeit von Februar bis Juni Freischichten wegen
Zu Nr. 6 liegen keine Änderungsanträge vor. großer Haldenbestände eingeschoben. Zweitens
Das Wort wird nicht gewünscht. Ich bitte die Da- hat der Bundesminister für Wirtschaft in einer
men und Herren, die der Nr. 6 zuzustimmen Stellungnahme vom 21. August 1954 ausdrücklich
wünschen, eine Hand zu erheben. — Das ist die erklärt, daß eine Kohlennot nicht mehr bestehe.
überwiegende Mehrheit; ist angenommen. Meine Damen und Herren, wir hätten das Gesetz
Zu Nr. 7 der Antrag Umdruck 183 Ziffer 7. Auch vor drei Jahren nicht angenommen, wenn keine
keine Begründung? — Keine Wortmeldung? — Kohlennot bestanden hätte! Genau so können wir
Ich schließe die Besprechung. heute sagen, eine Kohlennot besteht nicht mehr,
Ich bitte die Damen und Herren, die dem An- also fehlt die Voraussetzung, auf der damals das
trag Umdruck 183 Ziffer 7 zuzustimmen wünschen, Gesetz aufgebaut worden ist.
eine Hand zu erheben. — Das ist die überwiegende Aber in der Zwischenzeit sind auch gewisse
Mehrheit; ist angenommen. Änderungen eingetreten. Einmal müssen die klei-
Ich bitte die Damen und Herren, die Nr. 7 in nen Leute vom 1. April dieses Jahres an für ihren
der abgeänderten Fassung zuzustimmen wünschen, Hausbrand höhere Kohlenpreise bezahlen. Wir
eine Hand zu erheben. — Das ist die überwiegende haben eine Stellungnahme des Bundeswirtschafts-
ministeriums, wo gesagt ist, was das ausmacht:
Mehrheit; ist angenommen. nämlich 190 bis 200 Millionen DM im Jahr, die
Ich rufe die Nrn. 8, 9 und 10 auf, ferner Art. II, der Kohlenbergbau durch die Erhöhung der Haus-
— Art. III, — Art. IV, — Einleitung und Über- brandkohlenpreise mehr einnimmt. Ferner ergibt
schrift. — Keine Wortmeldung. Ich bitte die sich eine Mehreinnahme zur Förderung des Koh-
Damen und Herren, die zuzustimmen wünschen, lenbergbaues durch die 100-Millionen-Dollar-An-
eine Hand zu erheben. — Das ist die überwiegende leihe, von der nach zuverlässigen Darlegungen
Mehrheit; die aufgerufenen Bestimmungen sind 40 bis 45 Millionen DM in den Bergarbeiterwoh-
angenommen. Damit ist die zweite Beratung nungsbau hineinfließen, und zwar fest für 22 Jahre,
beendet. pro Jahr 6,85% Zins und Tilgung. Das sind also
Ich rufe auf zur auch zusäzliche Mittel für diesen Wohnungsbau.
dritten Beratung. Weiter wissen wir, daß die Rückflüsse aus den
621 Millionen DM, die bis Ende des Jahres auf-
Wird zur allgemeinen Aussprache das Wort kommen, auch wieder für den Wohnungsbau ver-
gewünscht? — Das ist nicht der Fall; ich wendet werden. Wir wissen ferner, daß der Ka-
schließe — — pitalmarkt viel ergiebiger geworden ist, daß in-
(Abg. Dr. Brönner: Doch!) folgedessen höhere Ersthypotheken geholt werden
— Also: Herr Abgeordneter Dr. Brönner wünscht können, um dadurch die Finanzierung zu erleich-
das Wort, nachdem ich das Wort „schließe" schon tern. 92 000 Wohnungen wurden verlangt, 88 000
ausgesprochen hatte; aber bitte schön, Herr Ab- wurden gebaut. Es fehlen nur 4000. Man hat aber
geordneter Brönner! erklärt, durch die Abwanderung und ähnliches,
(Heiterkeit.) durch die Zweckentfremdung ist heute noch der
Bau von 40 000 Wohnungen notwendig.
Dr. Brönner (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Noch auf einen anderen Gesichtspunkt muß ein-
Damen und Herren! Ich glaube, es entspricht der mal hingewiesen werden. Wir in Süddeutschland
parlamentarischen Gepflogenheit, daß bei diesem müssen heute für einen Zenter Kohlen wegen der
wie bei jedem Gesetz auch die Bedenken zum hohen Frachten rund 1,25 DM mehr als in Nord-
Ausdruck gebracht werden, die man anführen deutschland zahlen. Ich habe eine Unterlage hier
kann. Aus diesen Erwägungen habe ich einiges zu von dem Verein der Kohlenhändler von Bonn. Da-
sagen über die damalige Beratung — nämlich vor nach kostete ein Zenter Braunkohlenbriketts ab
drei Jahren — und über die Änderungen in der Lager am 1. April 2,25 DM. Derselbe Zentner
Zwischenzeit. Vor drei Jahren hat Herr Kollege Braunkohlenbriketts kostete in Stuttgart um die-
Winkelheide hier herausgestellt, daß die selbe Zeit ab Lager 3,31 DM.
Kohlennot so gefährlich ist. Darüber waren wir (Hört! Hört!)
uns einig, daß unter allen Umständen alles ge-
schehen müsse, um die Gefahr der Kohlennot ab- Ähnlich ist es mit dem Koks. Der Koks I kostete
zuwenden, weil unter ihr die ganze deutsche Wirt- hier 4,40 DM am 1. April ab Lager; in Stuttgart
schaft leiden würde. Aus diesen Erwägungen haben kostet er 5,62 DM.
wir damals einstimmig dieses Gesetz angenommen. (Erneute Rufe: Hört! Hört!)
Herr Kollege Winkelheide hat aber auch heraus-
gestellt, dieses Gesetz laufe nur drei Jahre, und Sie werden es mir nicht verübeln, daß eine
er hat wörtlich folgendes gesagt: Stimme aus Süddeutschland das hier einmal sa g t,
92 000 Wohnungen in zwei Jahren, das ist das daß wir im Süden nämlich wegen unserer unglück-
lichen Lage noch sehr viel mehr Lasten bei den
Ziel. Die Mittel aus der Abgabe sind zusätz-
Kohlen zu tragen haben als die Wirtschaft in den
liche Mittel; man schätzt auf 200 Millionen Ländern, wo die Kohle gewonnen wird.
Aufkommen pro Jahr. Ferner werden nach
diesem Gesetz, dessen Durchführung eine Wir haben bei der Aussprache im Ausschuß noch
letzte Kraftanstrengung des gesamten deut- erörtert, daß man wenigstens die Braunkohlen-
schen Volkes bedeutet, die Arbeitgeber, d. h. briketts von der Abgabe befreien möchte. Die
die Bergwerksunternehmen, noch zusätzliche Braunkohle ist die Kohle des kleinen Mannes.
Arbeitgeberdarlehen geben. Jetzt will man noch einmal drei Jahre lang 2 1/2 Pf
2406 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Dr. Brönner)
pro Zentner auf die Braunkohle draufschlagen. im Lande Nordrhein-Westfalen im Augenblick noch
Wozu dieses Stecknadelsystem? Befreien wir doch 777 000 Wohnungen beträgt, ein Mehrfaches etwa
die kleinen Leute, die die Braunkohle für den des Fehlbestandes im Lande Baden-Württemberg,
Hausbrand gebrauchen, wenigstens von den 2,5 Pf in dem nur noch 172 000 Wohnungen fehlen, und
Abgabe pro Zenter! Es wurde abgelehnt im Aus- das, obwohl beide Länder, sowohl Baden-Württem-
schuß, und es wird auch hier abgelehnt werden, berg wie Nordrhein-Westfalen — ich kann sie hier
genau so wie abgelehnt wurde, daß das Gesetz auf in einem Atemzug nennen —, schon immer außer-
zwei Jahre beschränkt wird statt auf drei. ordentlich hohe Aufwendungen zur Überwindung
des Defizits aus eigener Kraft gemacht haben. Das
Ich bin der Überzeugung, daß der Bau der Land Nordrhein-Westfalen steht damit schon
Bergarbeiterwohnungen erstens eine dringende ohnehin an der Spitze. Trotzdem reicht es nicht,
Notwendigkeit ist und daß zweitens die Eigentums- was der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen
maßnahmen gefördert werden müssen, daß aber getan haben, um das außerordentlich große Defi-
die Länder hier hätten mehr tun müssen und auch zit in diesem Lande stärker herunterzudrücken,
tun können. Gestatten Sie mir den Hinweis auf das ja ständig noch in einem besonders hohen Maße
eine Aussprache, die unser Kollege Peter Etzen im Rahmen der inneren Umsiedlung oder — wenn
bach kürzlich mit einem dpa-Vertreter hatte. Sie es mit dem Fachausdruck belegen wollen — der
Ein Artikel darüber erschien in der „Bonner Rund- äußeren Umsiedlung Umsiedler sowie die meisten
schau" vom 8. Oktober. Danach sind in Nordrhein Sowjetflüchtlinge aufzunehmen hat. Deshalb ist
Westfalen 640 Millionen DM öffentliche Mittel, die eine zusätzliche Anstrengung, wie wir sie durch
für den sozialen Wohnungsbau bestimmt sind, ein- das Bergarbeiterwohnungsbaugesetz unternehmen
gefroren, werden also nicht dem Wohnungsbau wollen, noch absolut notwendig.
zugeführt oder sind ihm nicht zugeführt worden,
weil die Bezirksausschüsse zu langsam arbeiten. Dann das Zweite. Ich glaube, man kann nicht
Noch 321 Millionen DM stehen bereit, bei denen sagen, wenn noch ein dringender Fehlbedarf im
es genau so liegt, sagte Herr Etzenbach. Fast 1 Mil- Bergarbeiterwohnungsbau, von allen Seiten unbe-
liarde DM liegt hier in Nordrhein-Westfalen be- stritten, in Höhe von 40 000 Wohnungen besteht,
reit, um verteilt zu werden; aber wegen der For- daß hier nicht ein Sonderproblem gegeben ist. Es
malitäten geht es nicht voran. Die Länder haben trifft auch nicht zu, daß wir mit unserer Kohlenför-
das notwendige Geld, und sie sollen es auch dort derung, wie sie sich gegenwärtig entwickelt hat,
einsetzen, wo es am notwendigsten ist, nämlich etwa schon der Frage enthoben sind, ob es nicht
beim Wohnungsbau für die Bergarbeiter. wieder einmal eine Verknappung an Kohle geben
könnte. Ich darf Ihnen das eine sagen: Wir sind
Ich habe ferner angeführt: Die Bergbauunter- froh darüber, daß wir zur Zeit das Gespenst der
nehmungen sind ja erstens durch die 40 - bis 45 Verknappung nicht kennen. Aber wir sehen be-
Millionen DM aus der Dollaranleihe und zweitens reits, daß sich, obwohl der Begriff der Feierschich-
durch die erhöhten Hausbrandpreise imstande, ten an der Ruhr seit Monaten nicht mehr existiert,
jährlich 200 Millionen DM für den Bergarbeiter- die Haldenbestände von Woche zu Woche nach
wohnungsbau zusätzlich aufzuwenden. Weshalb unten entwickeln. Sie haben beispielsweise bei der
tun Sie es nicht? Meine Damen und Herren, wir Steinkohle abgenommen von 1,5 Millionen t am
wollen die verstärkte Förderung des Bergarbeiter- 15. August auf 1,1 Millionen t zum Ende Septem-
wohnungsbaues, wir wollen mehr Eigentumsmaß- ber oder beim Koks von dem Höchststand von
nahmen, und wir sind der Auffassung, daß die 3,9 Millionen t am 30. April auf nur noch 2 1/2 Mil-
Länder mehr tun können, wenn sie wollen, und lionen t im gegenwärtigen Zeitpunkt. Wir sind ge-
daß auch der Kohlenbergbau mehr tun kann. Da- wiß, daß diese Tendenz bei der allgemeinen wirt-
her bestehen nach meiner Auffassung die Voraus- schaftlichen Aufwärtsentwicklung, insbesondere
setzungen für die Verlängerung dieses Gesetzes auch bei der starken Steigerung der Eisen- und
nicht mehr. Die Länder und die Kohlenbergbau- Stahlproduktion weiterhin anhalten wird. Von
unternehmungen können und sollten ihren Woh- Haldenbeständen kann man bei diesen geringen
nungsbau so fördern, wie es notwendig ist. Produktionsvorräten ohnehin nicht sprechen.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Im übrigen entwickelt sich die strukturelle Situa-
tion noch viel stärker in der gleichen Richtung.
Präsident D. Dr. Ehlers: Der Herr Bundesminister Unser Steinkohlenbergbau muß immer mehr nach
für Wohnungsbau. Norden wandern, muß auf neu zu erschließenden
und auszubauenden Zechen auch die entsprechen-
Dr. Preusker, Bundesminister für Wohnungsbau: den Wohnungen schaffen, damit wir nicht plötz-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich lich wieder in eine Verknappung hineingeraten.
möchte nur zu den Ausführungen des Kollegen Dann ein Drittes. Der Kollege B r ö n n e r sprach
Brönner einige Anmerkungen machen, um einiges davon, daß der deutsche Steinkohlenbergbau in-
wieder etwas in die richtigen Größenordnungen zu folge der Anpassungsmaßnahmen an das Preis-
bringen. Ich will ihm sein süddeutsches besonderes niveau in der Montan-Union, wie sie durch den
Temperament in dieser Angelegenheit durchaus zu- Montan-Union-Vertrag erzwungen wurden, einen
gute halten. solchen Mehrerlös erhalten habe, daß er das, was
(Abg. Bausch: Die Süddeutschen sind auch an Aufwendungen für den Bergarbeiterwohnungs-
noch auf der Welt, nicht nur die Nord bau erforderlich sei, doch wohl aus eigener Kraft
deutschen!) tun könne. Ich glaube, es ist unbestreitbar, daß mit
der ausgeglicheneren Marktlage bei der Kohle der
Ich glaube, ich stehe in diesem Punkt von Hessen Wettbewerb innerhalb des Gemeinsamen Marktes
her so genau in der Mitte, daß ich meine Sympa- auf diesem Gebiet sehr viel schärfer geworden ist,
thien ziemlich gleichmäßig nach allen Seiten ver- daß die Kohle zum Teil — und dem haben wir
teilen kann. Rechnung getragen durch die Senkung der Abgabe
Es ist unbestreitbar — und daran können wir auf die Hälfte der früheren Höhe und durch elasti-
alle nichts ändern —, daß der Wohnungsfehlbestand schere Bestimmungen über den eigenen Anteil der
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2407
(Bundesminister Dr. Preusker)
Unternehmen am Wohnungsbau — gar nicht ein- der zweiten Lesung angekündigte Anträge zur
mal so viel mehr selbst beitragen kann, wie es noch dritten Lesung ablehnt. Sosehr wollen wir es uns
in der letzten Periode der Fall war. Ich darf Ihnen nicht vereinfachen!
nur kurz als Ergebnis mitteilen, daß den rechne- Es handelt sich hier um einen sachlichen Antrag.
rischen Mehrerlösen aus den Preiskorrekturen von
Die Wohnungsnot bei der Bundesbahn ist ebenso
190 Millionen DM, die der Kollege Brönner hier
groß wie beim Bergbau. Der Fehlbestand hat un-
angeführt hat, Mehrbelastungen des Kohlenberg- gefähr die gleiche Höhe. Die Größe der Belegschaft
baus in Höhe von etwa 270 Millionen DM gegen-
ist auch ziffernmäßig ungefähr die gleiche. Aber
überstehen durch Sonderbedingungen für die Bun-
während der Bergbau immer noch, auch nach der
desbahn, für die nicht bundeseigenen Bahnen, für Ermäßigung der Kohlenabgabe, jährlich über 100
die Binnenschiffahrt, für die Hochseeschiffahrt, für Millionen DM zur Verfügung hat, verfügt die Bun-
die Lieferungen an die alliierten Verteidigungs- desbahn lediglich über 20 Millionen eigener Mittel
truppen und für die Hausbrandverbilligung, die für den Bau von Wohnungen für Bundesbahnbe-
vom Kohlenbergbau freiwillig getragen wird, durch dienstete. Es kommt hinzu, daß die Zechen in der
Preissenkungen für alle möglichen speziellen Vergangenheit an Arbeitgeberdarlehen eine
Kohlensorten, die sich angesichts der Preissituation Summe zwischen 400 und 500 Millionen DM zu-
im Rahmen der Montan-Union als unerläßlich er- sätzlich zur Verfügung gestellt haben. Wenn Sie
wiesen haben. das also vergleichen, dann stellt sich heraus, daß
Wenn die Bundesregierung nicht das absolut ver- die Bundesbahn weit schlechter dasteht. Wir kön-
pflichtende Gefühl gehabt hätte, daß es sowohl nen das ja überall selber feststellen. In vielen
volkswirtschaftlich wie sozialpolitisch gar keine Städten sehen Sie, daß beispielsweise jede Bundes-
andere Möglichkeit gibt, als in der veränderten behörde, jede Landesbehörde, insbesondere auch
Form einer Senkung der Abgabenhöhe dieses Berg- die Bundespost sehr viel mehr Wohnungen gebaut
arbeiterwohnungsbau-Gesetz noch einmal um drei hat als die Bundesbahn. Woran das liegt, will ich
Jahre zu verlängern, dann hätten wir diese Vor- im Augenblick nicht untersuchen. Aber die Tat-
lage dem Hohen Hause nicht unterbreitet. Ich bitte sachen stehen fest. Ich glaube deshalb, daß es be-
Sie darum, die Argumente, die hier vorgetragen rechtigt ist, die Bundesbahn von der Kohlenabgabe
worden sind und die nach wie vor in vollem Um- zu befreien mit der Verpflichtung — das kann im
fang Gültigkeit haben, in ihrer ganzen Bedeutung Verwaltungswege geschehen —, daß sie die hier
zu würdigen. ersparten Mittel zusätzlich zur Finanzierung von
Wohnungen für Bundesbahnbedienstete einsetzt.
(Beifall in der Mitte und rechts.)
Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, diesem
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her- Antrag zuzustimmen.
ren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Herr
schließe die allgemeine Besprechung der dritten
Bundesminister für Wohnungsbau.
Beratung.
Es liegt lediglich ein Änderungsantrag vor. Ich Dr. Preusker, Bundesminister für Wohnungsbau:
weise darauf hin, daß die Ziffer 1 des Antrags der Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Für den
Fraktion der SPD auf Umdruck 178 zurückgezogen Antrag, der hier vorgebracht worden ist, habe ich
worden ist. Es bleibt dann nur der Antrag in Zif- in besonderem Maße Verständnis gehabt und habe
fer 2 des Umdrucks 178, in Art. I einen neuen auch selbst lange Zeit nach einem Weg gesucht,
Abs. 7 a einzufügen. wie man diesem Anliegen Rechnung tragen könnte.
Es erweist sich aber nach der Prüfung der Diskri-
Herr Abgeordneter Jacobi zur Begründung! minierungs- oder besser Nichtdiskriminierungsbe-
stimmungen des Montan-Union-Vertrags, und zwar
Jacobi (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und nach Art. 4 Abs. b des Vertrages, daß es nicht mög-
Herren! Hier handelt es sich lediglich darum, in das lich ist, die Bundesbahn von der Bergarbeiterwoh-
Gesetz nicht eine Bestimmung aufzunehmen, die nungsbauabgabe auszunehmen. Das, was für den
heute keinen Sinn mehr hat. Es gibt keine Deutsche Bundesbahnwohnungsbau getan werden muß, muß
Kohlenbergbauleitung mehr. Infolgedessen kann eben zusätzlich auf einem anderen Wege, entweder
man auch nicht einen Vertreter dieser nicht mehr von der Bundesbahn selbst oder durch finanzielle
existenten Organisation durch Gesetz in Aussicht Hilfen aufgebracht werden.
nehmen. Wir bitten also, aus diesem Grunde der
Ziffer 2 unseres Änderungsantrags auf Umdruck (Zuruf des Abg. Dr. Wellhausen.)
178 zuzustimmen. Es handelt sich um eine Rege- — Herr Präsident — Wellhausen, möchte ich
lung, die nach der geschilderten Sachlage notwen- sagen —,
dig ist. (Heiterkeit)
(Zurufe von der Mitte: Einverstanden!) ich begreife vollkommen das Anliegen. Aber hier
liegen vertragliche Bindungen vor, über die wir
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her- nicht hinweggehen können, wenn wir nicht Schwie-
ren, ich hatte übersehen, daß noch der Antrag Um- rigkeiten auslösen wollen, die in keinem Verhält-
druck 189 vorliegt, zu dem der Herr Abgeordnete nis zu dem stehen, um was es sich hier dreht. Ich
Lücke bereits gesprochen hat. bedaure deshalb, das Hohe Haus bitten zu müssen,
(Zurufe von der Mitte: Der ist doch schon durch Ablehnung dieses Antrags diese Schwierig-
abgelehnt! — Heiterkeit.) keiten vermeiden zu helfen.
Das Wort zur Begründung hat der Herr Abge- Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
ordnete Wirths. geordnete Wirths.
Wirths (FDP): Herr Präsident! Meine Damen Wirths (FDP): Meine Damen und Herren! Ich
und Herren! Ich hoffe, der verehrte Kollege Lücke habe den Brief des Bundeswirtschaftsministers an
wird nicht immer so verfahren, daß er bereits in den Bundeswohnungsbauminister vorliegen, der
2408 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, .den 15. Oktober 1954
(Wirths)
auf den Art. 4 Abs. 4 b des Vertrages über die mungen nach dem 31. Dezember 1954 nicht mehr
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl angewendet werden sollen.
hinweist. Es wird hier erklärt, daß eine solche Wir haben, als wir seinerzeit das Geschäftsraum-
Maßnahme, nämlich die Befreiung der Bundes- mietengesetz in diesem Hause beraten und schließ-
bahn, gegen die Bestimmungen verstieße. Aber lich verabschiedet haben, klar zum Ausdruck ge
wollen wir denn nicht mal prüfen, ob das nicht ge- bracht, daß auf dem Gebiete der Geschäftsraum
ändert werden kann? mieten, der Mieten und Pachten gewerblicher Art,
(Sehr richtig! rechts.) die Grundsätze der Marktfreiheit wiederhergestellt
werden sollen. Es gibt im Geschäftsraummieten-
Die Preis- und Lieferbedingungen sind ja festge- gesetz und durch dieses Gesetz eine Reihe von Re-
legt. Wir haben, ich weiß nicht wieviel, aber jeden- gelungen, die sozusagen in vollem Umfange die
falls ungezählte Preisdifferenzierungen innerhalb Marktfreiheit auf diesem Gebiete wiederhergestellt
des ganzen Vertrags. Warum soll man das nicht haben: es gibt keine Stoppmieten mehr, es gibt
mal versuchen? Man braucht ja nicht ohne weiteres weitgehende Kündigungsmöglichkeiten. Aber als
alles als wahr und unumstößlich anzunehmen, was wir das Gesetz verabschiedeten, in dem beispiels-
der Herr Classen vom Wirtschaftsministerium ge- weise auch der Eigenbedarf des Vermieters in
schrieben hat. einem weitgehenden Umfange geregelt ist, waren
(Beifall rechts.) wir der Meinung, daß eine gewisse Ü bergangszeit
notwendig sei, um Härten bei der Anwendung des
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her- Gesetzes zu vermeiden. Diesem Umstand sind die
ren, keine weiteren Wortmeldungen. Bestimmungen zu verdanken, die wir in den §§ 8
Ich komme zur Abstimmung, zunächst über den bis 21 finden und die nun nicht mehr angewendet
Antrag, den der Herr Abgeordnete Wirths eben werden könnten, wenn nicht dem Antrag entspro-
begründet hat, Umdruck 189, auf Einfügung eines chen würde, den wir mit der Drucksache 814 vor-
Buchstabens d) in Art. I Nr. 1. Ich bitte die Damen gelegt haben und der die Frist für die Anwendbar-
und Herren, die diesem Antrag zuzustimmen wün- keit des § 22 über den 31. Dezember 1954 hinaus
schen, eine Hand zu erheben. — Ich bitte um die bis zum 31. Dezember 1956 verlängern will.
Gegenprobe. — Enthaltungen? — Das zweite war Ich möchte noch einmal kurz hervorheben, daß
die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. es nicht darum geht, Regelungen wiedereinzufüh-
ren, die marktwidrig sind, die gegen die Prinzipien
Ich komme zur Abstimmung über Ziffer 2 des der Marktfreiheit verstoßen. Wir haben durch die
Antrags der Fraktion der SPD Umdruck 178 betref- Bestimmungen des Geschäftsraummietengesetzes
fend Streichung der Worte „einen Vertreter der ganz klare Regelungen getroffen, die auf einer Ab-
Deutschen Kohlenbergbauleitung" in § 13- Abs. 2; wägung der beiderseitigen Interessen beruhen.
diese Änderung soll also als Ziffer 7 a eingefügt
werden. Ich bitte die Damen und Herren, die die- Es geht hier lediglich darum, daß eine Kündi-
sem Antrag zuzustimmen wünschen, eine Hand zu gungswiderrufsklage gewährleistet bleibt, wenn
erheben. — Das ist die Mehrheit; ist angenommen. eine Kündigung auf die Interessen der Beteilig-
Damit ist die Einzelberatung der dritten Lesung ten nicht genügend Rücksicht nimmt. Es ist näm-
beendet. lich eines leider nicht eingetreten, eine Vorausset-
zung hat sich nicht erfüllt, die bei der Verabschie-
Ich bitte die Damen und Herren, die in der jetzt dung des Gesetzes zugrunde gelegt worden ist, als
vorliegenden Fassung dem Entwurf eines Gesetzes wir erwogen haben, ob wir noch Kündigungsschutz-
zur Änderung des Gesetzes zur Förderung des bestimmungen notwendig haben: es ist auf dem
Bergarbeiterwohnungsbaus im Kohlenbergbau ins- Gebiete der Gewerberäume noch nicht eine Markt-
gesamt zuzustimmen wünschen, sich von ihren lage entstanden, die es dem Mieter in jedem Fall
Plätzen zu erheben. — Ich bitte um die Gegen- gestattet, auszuweich en, einen anderen Gewerbe-
probe. — Enthaltungen? — Das Gesetz ist gegen raum zu finden, der auch den Standortnotwendig-
eine Stimme angenommen worden. keiten Rechnung trägt, auf die es nicht zuletzt an-
(Beifall.) kommt. Es ist kein Zufall, wenn eine ganze Reihe
von Organisationen seit Monaten auf einen Antrag
Meine Damen und Herren, ich schlage Ihnen vor, drängen, wie wir ihn jetzt eingebracht haben. Es
jetzt zunächst die liegen u. a. Stellungnahmen des Deutschen Anwalt-
Erste Beratung des von der Fraktion der vereins, des Bundesverbandes der freien Berufe,
SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes des Deutschen Industrie- und Handelstages und
zur Änderung des Geschäftsraummietenge- Stellungnahmen der Einzelhandelsverbände vor,
setzes (Drucksache 814) die außerordentlich eingehend sind und mit Bei-
spielen belegen, daß es notwendig ist, unserem An-
vorzunehmen. Zur Begründung Herr Abgeordneter trag gemäß zu verfahren. Ich kann mir hier Einzel-
Jacobi. heiten ersparen. Ich darf nur darauf hinweisen, daß
der Bundestag in einer Eingabe des Einzelhandels-
Jacobi (SPD), Antragsteller: Herr Präsident! verbandes Niedersachsen, die erst wenige Tage alt
Meine Damen und Herren! In der Öffentlichkeit ist, noch einmal mit großer Eindringlichkeit gebe-
ist in letzter Zeit mehrfach davon berichtet wor- ten wird, einer Verlängerung der Bestimmung des
den, es sei notwendig, sich über die Weitergeltung § 22 des Geschäftsraummietengesetzes zuzustimmen.
des Geschäftsraummietengesetzes zu unterhalten
und eine entsprechende Entscheidung des Bundes- Dementsprechend bitte ich, daran mitzuwirken,
tages herbeizuführen. Das ist in dieser Form irrig. daß wir bald zu einer positiven Erledigung unseres
Es geht nicht um das Geschäftsraummietengesetz Gesetzesantrags kommen, und bitte, den Antrag
und seine formelle Weitergeltung, sondern ledig- an den Ausschuß für Wiederaufbau und Wohnungs-
lich um die Frage, ob eine Bestimmung dieses wesen — federführend — und den Wirtschaftspoli-
Gesetzes der Änderung bedarf, die des § 22, der tischen Ausschuß — mitberatend — zu überweisen.
vorsieht, daß gewisse Kündigungsschutzbestim- (Beifall bei der SPD.)
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2409

Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Herr Dr. Hesberg (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Bundesminister für Wohnungsbau. sehr verehrten Damen und Herren! Namens der
CDU/CSU-Fraktion kann ich erklären, daß wir der
Dr. Preusker, Bundesminister für Wohnungsbau: Überweisung des Antrags an den Ausschuß für
Meine Damen und Herren! Ich glaube, daß wir Sie Wiederaufbau und Wohnungswesen und an den
von der Bundesregierung aus bitten dürfen, diesem Wirtschaftspolitischen Ausschuß zustimmen. Wir
Antrag auf Überweisung an die Ausschüsse statt- sind 'bereit, zu prüfen, inwieweit die Voraussetzun-
zugeben. Wir wollen die Situation dort noch ein- gen für die Aufrechterhaltung der §§ 8 bis 21 des
mal eingehend überprüfen. Geschäftsraummietengesetzes für Kündigungen
nach dem 31. Dezember 1954 noch gegeben sind.
Die Prüfung der Bundesregierung hat allerdings Wir sind allerdings der Meinung, daß Herr Kollege
bereits zu einem anderen Ergebnis geführt. Wir sind Jacobi in übertriebenem Maße von Pessimismus
der Meinung, daß der Bundestag keinen Grund hat, erfüllt ist. Denn gerade vor zweieinhalb Jahren,
seinen vor über zweieinhalb Jahren gefaßten Be- als das Geschäftsraummietengesetz zur Beratung
schluß zu revidieren; denn gegenüber der damali- anstand, hat er Folgen der Aufhebung des Kündi-
gen Situation hat sich die Gewerberaumlage durch gungsschutzes für Gewerberäume an die Wand ge-
die zahlreichen Neubauten ohne Zweifel wesent- malt, die sich nachher nicht als berechtigt erwie-
lich verbessert. sen haben. Im Gegenteil, die gesamten Mietver-
(Abg. Jacobi: Rein statistisch ja!) hältnisse haben sich in einer äußerst erfreulichen
Wir sehen auf der anderen Seite auch, in welchem Weise regeln lassen, einmal durch private Schlich-
Maße sich in der Zwischenzeit erfreulicherweise tungsstellen der beteiligten Interessenten. Zum
die Zahl etwa der Einzelhandelsunternehmen, der anderen hat aber auch die Abwicklung bei den Ge-
Gewerbebetriebe gesteigert hat. Sie konnten alle richten gezeigt, daß in. weitestem Umfange eine
unterkommen. private Einigung möglich gewesen ist. Wenn bei-
spielsweise bei 13 000 Mietverhältnissen in Mün-
Das zweite Moment aber, das diesen Antrag be- chen nur in 400 Fällen Widerrufsklagen notwendig
sonders schwierig macht, ist, daß das damalige gewesen sind — in der Stadt Nürnberg nur 23 im
Geschäftsraummietengesetz die Kündigungsschutz- vergangenen Jahr — und auch diese befriedigend
bestimmungen nur für solche Betriebe vorsah, die abgeschlossen werden konnten, dann ist das ein
ihre Mietverträge vor dem 1. Dezember 1951 abge- klares Zeichen dafür, daß die Verhältnisse sich
schlossen hatten, während alle Betriebe, die erst weitestgehend normalisiert haben. Wir sind auch
danach neu entstanden sind, insbesondere die jun- der Meinung, daß beispielsweise durch die Mindest-
gen Betriebe, die Betriebe etwa von Heimatvertrie- kündigungsfrist des § 6, die vom Herrn Wohnungs-
benen und Kriegssachgeschädigten, die erst später bauminister angesprochen worden ist, ein gewisser
durch Kredithilfen, Aufbaudarlehen und ähnliches Schutz gegeben ist. Vor allen Dingen muß hervor-
dazukamen, schon von Anfang an auch in bezug auf gehoben werden, daß nach § 7 des Geschäftsraum-
ihren Gewerberaum dem freien Wettbewerb unter- mietengesetzes, der unverändert bestehenbleibt, der
worfen waren. Frage: Muß man im Jahre 1955 nun Mieter nach wie vor die Möglichkeit hat, beim Ge-
gerade zum Schutze derjenigen, deren Mietverträge richt eine Räumungsfrist zu beantragen. Nicht zu-
bereits am 1. Dezember 1951 bestanden, nochmals letzt ist eine weitgehende Schutzvorschrift im
eine Sonderregelung vornehmen, während sich alle 765 a ZPO enthalten, die allen Mietern gewerb-
übrigen hier längst im freien wirtschaftlichen Wett- licher Räume erhalten bleibt.
bewerb zu behaupten und zu entwickeln haben?
Weiterhin ist festzustellen, daß nicht nur Orga-
Und schließlich ein Drittes. Am 31. Dezember nisationen wie der Industrie- und Handelstag der
1954 tritt ja nicht etwa das ganze Geschäftsraum- Verlängerung widerraten, sondern daß auch Ver-
mietengesetz außer Kraft, sondern die Abschnitte 1 treter der Rechtsprechung, so in der „Zeitschrift
und 2 bleiben weiter bestehen, behalten weiterhin für Miet- und Raumrecht", Bedenken dagegen er-
Gültigkeit und sehen gerade im Falle der Existenz- heben, dieses Gesetz nicht auslaufen zu lassen.
gefährdung im § 6 noch einen Schutz vor, der min- Gleichwohl darf ich nochmals betonen, daß wir der
destens so lange gewährt werden soll, wie es unter Beratung in den Ausschüssen zustimmen, obwohl
Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse not- wir meinen, daß man mit einer Verlängerung des
wendig ist, um anderweitig einen gleichartigen Gesetzes der Notlage kaum wird gerecht werden
Raum zu erlangen. können, sofern eine solche in einigen Gemeinden
Ich glaube also, man muß diese Dinge doch noch bestehen sollte. Wir sind vielmehr der Auffassung,
einmal sehr gründlich überprüfen. Die Bundes- daß man nach Ablauf einer verlängerten Frist vor
regierung war ihrerseits zu dem Resultat gekom- der gleichen Situation stehen wird und positive
men, daß der Bundestag seinen vor zweieinhalb Maßnahmen zur Behebung eines etwaigen Mangels
Jahren gefaßten Beschluß nicht mehr zu revidie- erwägen sollte. Nach dieser Richtung hin werden
ren braucht. Ich hoffe, daß angesichts der Argu- wir uns im Ausschuß besonders zu bemühen haben.
mente, die ich Ihnen hier kurz dargelegt habe, auch (Beifall bei der CDU/CSU.)
der Ausschuß im ganzen zu der Überzeugung kom-
men wird, daß sich die Situation gerade auf dem Präsident D. Dr. Ehlers: Weitere Wortmeldungen
Sektor der Gewerberäume weiterhin so bessern liegen nicht vor. Ich schließe die allgemeine Aus-
wird, daß man von besonderen Schutzmaßnahmen sprache der ersten Beratung. Es ist Überweisung an
zugunsten nur eines Teils von Gewerberaum- den Ausschuß für Wiederaufbau und Wohnungs-
mietern, nämlich des Teils, der am 1. Dezember 1951 wesen als federführenden Ausschuß und an den
diese Schutzmaßnahmen genoß, wird absehen Wirtschaftspolitischen Ausschuß zur Mitberatung
können. beantragt. Ich darf annehmen, daß das Haus mit
dieser Überweisung einverstanden ist. — Das ist
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab- der Fall; damit ist die Überweisung erfolgt. Der
geordnete Dr. Hesberg. Punkt 4 der gestrigen Tagesordnung ist erledigt.
2410 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Präsident D. Dr. Ehlers)
Ich rufe auf den Punkt 7: 80 000 ha unter dem Meeresspiegel. Dieses umfang-
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs reiche Gebiet ist durch mehr als 650 km Deiche ge-
schützt. Aber all die Ländereien, von denen ich
eines Gesetzes über die Aufhebung von Ge- eben gesprochen habe, diese über 500 000 ha sind
setzen auf dem Gebiet der Fischerei in der
an jedem Tage zweimal der Einwirkung von Ebbe
Ostsee (Drucksache 548). und Flut unterworfen. Wären die Deiche nicht vor-
(Erste Beratung: 36. Sitzung.) handen, könnte das Land nicht landwirtschaftlich
Es liegt ein Schriftlicher Bericht*) des Ausschus- genutzt, geschweige denn überhaupt bebaut wer-
ses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten den.
(Drucksache 796) vor, den der Abgeordnete Struve In jahrhundertelangem harten Kampf haben die
erstattet hat. Ergänzung ist nicht erforderlich. Marschbewohner dieses Land dem Meere abgerun-
Ich rufe auf zur Einzelberatung § 1 mit den Zif- gen und versucht, es landwirtschaftlich zu nutzen.
fern 1, — 2, — 2 a, — 3, — § 2. — § 3, — Einlei- Dabei handelt es sich zum Teil um recht frucht-
tung und Überschrift. — Keine Wortmeldungen. bare Böden mit einem Einheitswert von 2000 DM
Ich bitte die Damen und Herren, die den aufge- und darüber je Hektar.
rufenen Paragraphen, Einleitung und Überschrift Wenngleich die Deiche das Land vor einer Über-
zuzustimmen wünschen, eine Hand zu erheben. — flutung schützen, so ist die Binnenentwässerung
Das ist die überwiegende Mehrheit; angenommen. keineswegs ausreichend. Zwar durchzieht ein sehr
großes und starkes Netz von Kanälen und Gräben
Wir kommen zur das gesamte Gebiet. Wir haben über 100 000 km
dritten Beratung. Gräben in diesem Gebiet; das heißt, auf einen Hek-
tar landwirtschaftlicher Nutzfläche entfallen im
Zur allgemeinen Aussprache wird das Wort nicht Oldenburger und ostfriesischen Raum etwa 140 bis
gewünscht. Einzelberatung entfällt, da keine Än- 150 m Gräben, und im Lande Staden steigt diese
derungsanträge gestellt sind. Ich bitte die Damen Zahl sogar bis zu 500 m je Hektar. Daraus kann
und Herren, die dem genannten Gesetz in der gefolgert werden, daß im Durchschnitt etwa 12 %
Schlußabstimmung zuzustimmen wünschen, sich des Landes allein durch Gräben und Grüppen
von ihren Plätzen zu erheben. — Das Gesetz ist verlorengeht, ja in einzelnen Gebieten bis zu 20 %
einstimmig angenommen. Landverlust entsteht. Durch eine große Zahl von
Schöpfwerken versucht man, binnendeichs das Land
Ich rufe auf Punkt 8: wasserfrei zu halten. Trotz der sehr hohen finan-
Beratung des Antrags der Abgeordneten ziellen Belastung der Eigentümer durch Deich- und
Dannemann, Müller (Wehdel), Dr. Conring, Sielgebühren, die etwa 10 bis 20 DM/ha an baren
Peters und Genossen betreffend Küstenplan Kosten und 20 bis 50 DM/ha an unbaren Kosten
(Drucksache 736). betragen, ist, wenn das Land auch wasserfrei ge-
halten wird, die Binnenentwässerung so unzurei-
Wer wünscht den Antrag zu begründen? — Herr chend, daß der gesamte Küstenstrich mehr oder
Abgeordneter Conring, bitte. — Herr Abgeordne- weniger einseitig nur für die Grünlandwirtschaft,
ter Dannemann zunächst. zum großen Teil nur für eine sehr schlechte Grün-
landwirtsch aft, genutzt werden kann.
Dannemann (FDP), Antragsteller: Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der Ernährungsausschuß dieses Hohen Hauses
Als am 1. Februar vorigen Jahres eine Unwetter- hatte im Sommer Gelegenheit, sich an Ort und
katastrophe in den Niederlanden zu großen Deich- Stelle über die dortigen Verhältnisse eingehend zu
brüchen führte und durch die folgende Überflu- informieren. Er konnte feststellen, daß selbst diese
tung weiter Landstriche über 2000 Menschen neben fruchtbaren Böden, die, wie ich erwähnte, einen
Tausenden von Tieren ums Leben kamen und rund Einheitswert von 2000 DM je Hektar haben, wegen
100 000 Menschen evakuiert werden mußten, da der einseitigen Nutzung als Grünland und wegen
ging ein Schaudern durch die gesamte Welt. Mit der schlechten Wasserführung nur einen Rohertrag
banger Sorge legten sich die für die Sicherheit un- von durchschnittlich 700 bis 800 DM je Hektar auf-
seres Landes zuständigen Stellen die Frage vor, weisen; ja, in der Moormarsch, in den Moorbezir-
was wohl geschehen wäre, wenn der Wind aus ken betragen die Roherträge im Durchschnitt 500
einer anderen Richtung gekommen wäre, ob dann bis 600 DM.
nicht eine ähnliche Katastrophe auch bei uns hätte Es ist ganz klar, daß unter diesen Voraussetzun-
Platz greifen können. gen der gesamte Strich an der Küste an der gewal-
Leider muß diese Frage bejaht werden. Tatsache tigen Ertragssteigerung in den letzten Jahrzehnten,
ist, daß seit 1914 an der gesamten Nordseeküste die an der Rationalisierung, der Technisierung, der
notwendigen Ergänzungsarbeiten nur in beschränk- Fruchtfolgeumgestaltung überhaupt nicht hat teil-
tem Umfange haben durchgeführt werden können. nehmen können; im Gegenteil, wir müssen feststel-
Es ist aber eine Tatsache, daß jährlich unsere len, daß in diesem Gebiet in den letzten Jahrzehn-
Deiche um etwa 1 cm sacken und daß darüber hin- ten praktisch fast ein Stillstand eingetreten ist. Die
aus durch die Küstensenkung im Laufe von 100 Verschuldung nimmt ständig zu. Sie hat sich be-
Jahren eine weitere Sackung von 20 bis 40 cm sonders seit 1950 etwa verdreifacht. Eingriffe in
eintritt. Hinzu kommt, daß durch die in 'den letz- die Viehbestände, Landverkäufe und Zerschlagung
ten Jahrzehnten vorgenommenen Begradigungen der Betriebe sind an der Tagesordnung, und Han-
unserer Flüsse, durch den Ausbau von Kanälen del und Gewerbe fechten ebenfalls einen verzwei-
und sonstigen Wasserstraßen die Fluten ständig felten Kampf. Eine industrielle Erschließung war
höher auflaufen. Ja, wir haben heute zum Teil bislang nicht möglich, da sowohl die Wasserversor-
Deiche, die bis zu 1 m Minderbestick aufweisen. gung als insbesondere auch die Stromversorgung
Allein im Lande Niedersachsen liegen in dem so- und die Straßenverkehrsverhältnisse so rückstän-
genannten Tidegebiet über 500 000 ha, davon dig und schlecht sind, daß eine industrielle Erschlie-
ßung unter den derzeitigen Verhältnissen sehr
*) Siehe Anlage 10. schwer möglich ist.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2411
(Dannemann)
So mußte in den letzten Jahren ein Gebiet nach kann gar nicht anders als zu dem Ergebnis kom
dem anderen zum Notstandsgebiet erklärt werden. men, daß seitens des Bundes und des Landes
Die Zahl der Arbeitslosen ist in diesem gesamten schnellstens gehandelt werden sollte. So ist es auch
Küstenstrich weit über den Durchschnitt des Lan- kein Zufall, daß sich in dem vorliegenden Antrag
des Niedersachsen hinausgekommen; sie betrug im alle Fraktionen des Hohen Hauses zusammenge-
letzten Sommer allein bei den männlichen 27 000 funden haben und daß sich eine so große Zahl von
und stieg im Winter auf 38 000. Allein im Lande Abgeordneten aus allen Berufen, aus allen Kreisen
Oldenburg und im Regierungsbezirk Aurich wur- diesem Antrag angeschlossen haben.
den im Durchschnitt der letzten Jahre 55 Mil- Ich darf das Hohe Haus bitten, dem von uns vor-
lionen DM Arbeitslosenunterstützung gezahlt, da- gelegten Antrag zuzustimmen und durch die Mit-
zu im Lande Staden 28 Millionen DM. Das heißt, arbeit in den Ausschüssen dafür Sorge zu tragen,
in , diesem Tidegebiet sind an unproduktiver Ar- daß unser Plan in wirklich erfolgversprechender
beitslosenunterstützung im letzten Jahr 83 Mil- Form schnellstens zum Zuge kommt, und zwar so
lionen DM gezahlt worden. Es unterliegt gar kei- schnell, daß auch haushaltsmäßig die dafür erfor-
nem Zweifel — und die von uns angelegten Ver- derlichen Gelder so frühzeitig bereitstehen, daß wir
suchsflächen haben das ganz eindeutig erwiesen —, noch im nächsten Jahre anfangen können. Abschlie-
daß es bei einer entsprechenden Verstärkung der ßend darf ich bitten, den Antrag dem Haushalts-
Deiche, bei einer verbesserten Melioration und ausschuß und dem Ausschuß für Ernährung, Land-
einer Veränderung des Kulturartenverhältnisses wirtschaft und Forsten zu überweisen.
durchaus möglich ist, die Erträge in dem gesamten
Gebiet je Hektar um etwa 300 DM zu erhöhen. Da (Beifall in der Mitte und rechts.)
es sich hierbei, wie angeführt, um etwa 540 000
Hektar handelt, würde man bei einem entsprechen- Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
den Meliorationsprojekt spielend und mit Sicher- geordnete Dr. Conring.
heit eine Ertragssteigerung von etwa 170 Mil-
lionen DM im Jahre erreichen können. Man kann Dr. Conring (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sich leicht ausrechnen, wie sich ein solches groß- Damen und Herren! Es gibt wohl keinen deutschen
zügig angepacktes Meliorationsprojekt nicht nur Stamm, der den Boden, auf dem er lebt, mit ur-
auf die Landwirtschaft, sondern auf die ganze wüchsiger Kraft selbst hat schaffen und der land-
Wirtschaft der dortigen Gegend auswirken muß, wirtschaftlichen Kultur hat erhalten müssen wie
ja ich behaupte: es gibt im ganzen Bundesgebiet gerade die friesische Küstenbevölkerung, die an
kein ähnlich günstig sich auswirkendes und kein der deutschen Nordseeküste wohnt. Die holländische
ähnlich schnell und kurzfristig sich verzinsendes Katastrophe des Vorjahres, die in sehr kurzer Zeit
Meliorationsprojekt wie hier an der Küste. etwa 2000 Menschen das Leben gekostet und einen
- Schaden von 1,2 Milliarden Gulden hervorgerufen
Seit Jahren haben wir uns mit diesem Plan be-
faßt und haben nunmehr in Zusammenarbeit mit hat, hat neben dem Mitgefühl, das sich allenthalben
der Regierung in Hannover, mit den Deich- und geregt hat, an der Küste aber auch das Gefühl der
Sielverbänden und den Landwirtschaftskammern Sorge wachgerufen. Die Bewohner der deutschen
Nordseeküste sagen sich: die gleiche Katastrophe
einen sogenannten Küstenplan aufgestellt, dessen hätte uns treffen können, wenn Wind und Wetter
umfangreiches Material den hiesigen und den sonst
in Frage kommenden Stellen zugeleitet worden ist. etwas anders gewesen wären. Sie sagen das nicht
so obenhin, sondern sie sagen das im Blick auf ihre
Mit kleinlichen Maßnahmen ist hier nichts zu
machen, sondern das gesamte Tidegebiet muß als Geschichte, die sie ja kennen. Wir haben im Laufe
der Jahrhunderte an der deutschen Nordseeküste
eine Einheit gesehen und einheitlich angepackt
immer wieder derartige Katastrophen erlebt. Ich
werden. Es ist ganz unbestritten, daß der Deich- erinnere Sie an die sogenannte „Weihnachtsflut",
schutz, , d. h. der Schutz des gesamten Landes, eine die besonders unseren ostfriesisch-oldenburgischen
Bundesangelegenheit ist, ganz abgesehen davon, Raum betroffen hat. Die Menschen, die dabei um-
daß die Finanzierung dieses Projekts über die Lei- gekommen sind, sind an Zahl nicht geringer als
stungsfähigkeit der Deich- und Sielverbände und die Menschen, die bei der holländischen Kata-
des Landes Niedersachsen weit hinausgeht. Die in
strophe ihr Leben haben lassen müssen: rund 5000
dem Plan vorgesehenen Maßnahmen wird man in Menschen sind damals an der Küste ums Leben ge-
Etappen, und zwar in einem Zehnjahresturnus, er- kommen, ganz abgesehen von dem unermeßlichen
greifen müssen, wobei wir insonderheit die Verstär-
Sachschaden, der auch damals entstanden ist.
kung der Deiche und daneben umfangreiche Melio-
rationsmaßnahmen, Verbesserung der Wasser- und Es ist an der Küste immer das gleiche: das Meer
Stromversorgung, Investierungen der Betriebe, greift an; Sie sehen den Jadebusen bei Wilhelms-
Verbesserung der vollkommen unzureichenden haven oder den Dollartbusen bei Emden oder die
Straßen- und Wegeverhältnisse, Flurbereinigung, uns Küstenbewohnern natürlich im einzelnen noch
Landgewinnungsarbeiten und Maßnahmen gewerb- näher bekannten kleineren Buchten wie die Harle
licher und industrieller sowie kultureller Art an bucht und die Leybucht und wie sie alle heißen
die Spitze gestellt haben, um dieses in den letzten mögen. Sie sehen das Meer im Angriff, und Sie
Jahrzehnten in Not geratene Gebiet wieder zu sehen die Menschen in der Verteidigung, und
einem produktiven Landstrich werden zu lassen. immer wieder tritt der Mensch an in diesem Rin-
Ist schon von jeher jede Meliorationsmaßnahme gen um Boden und nimmt dem Meer wieder ab,
vom Staat aus gesehen eine notwendige und volks- was es sich in fürchterlichen Katastrophen einmal
wirtschaftlich wichtige Angelegenheit gewesen, so genommen hat. Aber das ändert nichts daran, daß
kommt bei diesem Projekt hinzu, daß es sich hier solche Katastrophen in allen Jahrhunderten ge-
um eine Maßnahme handelt, die zudem eine für kommen sind. Leider müssen wir damit rechnen,
den Staat allerbeste Verzinsung erbringt. Alles daß sie auch künftig kommen werden.
spricht also für diesen Küstenplan, und jeder, der Uns beschleicht die Sorge, daß wir nicht ge-
einmal Gelegenheit gehabt hat, sich an Ort und rüstet sein könnten auf die Angriffe und die Ka-
Stelle von den dortigen Zuständen zu überzeugen, tastrophen, die uns möglicherweise bevorstehen.
2412 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Dr. Conring)
Denn wir beobachten weiterhin folgendes: wir nenland nachströmende Wasser künstlich durch die
sehen, daß die Wasserstände in der deutschen Deiche hindurchpumpen müssen, mit einem erheb-
Nordsee höher werden, wir sehen, daß jede Sturm- lichen Aufwand an Geld und Kraft. Die Einrich-
flut höher aufläuft als die vorangegangene. Die tungen dafür müssen ja immer wieder den verän-
eigentliche Ursache kennen wir nicht. Ein Teil der derten Verhältnissen angepaßt werden. Ich sagte
Menschen behauptet, es liege an der Küstensenkung, Ihnen eben, daß die Wasserstände immer höher
ein anderer Teil behauptet, vielleicht senke sich werden. Infolgedessen müssen wir nicht nur nach
die Küste auch, aber die Hauptursache seien doch deichen, sondern wir müssen die Einrichtungen, die
die klimatischen Veränderungen in den polaren Ge- die Entwässerung des Binnenlandes regeln sollen
wässern. Ihnen wird bekannt sein, daß etwa in und auch in der Zeit regeln müssen, wenn
Grönland jetzt Bezirke der Landwirtschaft er- eine natürliche Entwässerung nicht mehr mög-
schlossen werden, die früher unter Eis und Schnee lich ist, immer wieder den schwierigen Ver-
lagen, und daß heute in Bezirken die Fischerei be- hältnissen anpassen. Auch das muß immer kräftiger
trieben wird, wo das früher gar nicht möglich war. und stärker geschehen, damit wir unser Land
Ob nun Küstensenkung oder ob höhere Wasser- einigermaßen trocken und wirtschaftlich verwert-
stände der Nordsee — das Ergebnis ist für die bar halten können.
Küstenbewohner dasselbe; jede Sturmflut läuft Es wäre ungerecht, wenn wir von der Küste bei
höher auf, und die Menschen an der Küste müssen dieser Gelegenheit nicht zum Ausdruck brächten,
höher nachdeichen. daß uns in diesem schweren Kampf, den wir seit
Die Menschen tun das auch, aber die Nachschau, Jahrhunderten führen und immer wieder führen
die sich jetzt nach der holländischen Katastrophe müssen, früher das Reich und Preußen und jetzt
ergeben hat, hat gezeigt, daß die jetzt vorhandenen der Bund und die Länder unterstützt haben bzw.
Deiche jedenfalls einer Katastrophe, wie wir sie unterstützen. Hätten sie das nicht getan, wäre der
im Vorjahr an der holländischen Küste erlebt Zustand, den wir augenblicklich haben, gar nicht
haben, nicht überall gewachsen wären, und dabei mehr vorhanden. Die Kraft der Bauern allein reicht
ist gar nicht einmal allenthalben in Rechnung ge- nicht aus. Es ist von meinem Vorredner schon her-
stellt, daß dieses höhere Anwachsen der Fluten von vorgehoben worden, daß das wirtschaftliche Ab-
außen, von dem ich eben gesprochen habe, eigentlich sinken der Küstengebiete natürlicherweise gerade
ein noch höheres Aufdeichen zur Folge haben die Kräfte schwächt, die in erster Linie berufen
müßte. Nicht daß wir untätig dagesessen hätten. sind, diese Deich- und Sielarbeit, wie wir sie nen-
Wir an der Küste deichen eigentlich dauernd. Ich nen, zu finanzieren. Gerade durch das wirtschaft-
darf daran erinnern, daß beispielsweise in dem liche Absinken der Küstengebiete wird die Ab-
Kreis Leer in Ostfriesland, in dem ich wohne, seit wehrkraft der Deich- und Siel-Korporationen im-
zwanzig Jahren ununterbrochen gedeicht wird,- um mer schwächer gemacht. Um so notwendiger ist es,
die Deiche wieder auf eine normale Höhe zu brin- daß sich der Bund und das Land, wie sie es früher
gen, die sie im Laufe der Zeit natürlich immer getan haben, auch künftig an dieser Arbeit finan-
wieder zu verlieren drohen, und sie auf das Maß ziell beteiligen.
zu bringen, das den gegenwärtigen Flutverhältnis- Das Ergebnis ist folgendes: Die Deichsicherheit ist
sen entspricht. Das verlangt aber Aufwendungen, nicht mehr allenthalben gewährleistet. Die Ent-
die die uralten Deichkorporationen der Küste selbst wässerung ist von Jahr zu Jahr schlechter ge-
nicht mehr tragen können. Allein dieser Deichbau worden. Wir hatten in früheren Jahrhunderten an
im Bereich von Emden-Leer kostete etwa 7 Mil- der Küste die „Herrschaft über das Wasser". Ohne
lionen DM auf einer Strecke von vielleicht 25 km, diese Herrschaft kann man eine gute Landwirt-
und meine engere Heimat in Ostfriesland umgibt schaft gar nicht betreiben. Aber wir haben diese
ein Deichnetz von 360 km. Insgesamt sind es zwi- Herrschaft inzwischen verloren infolge der höheren
schen Ems und Elbe etwa 700 km Deiche. Wasserstände draußen, aber auch infolge der
Aber es tritt noch ein anderes hinzu, was dem höheren Wasserstände drinnen. Denn das Fort-
Binnenländer nicht so bekannt ist. Der Binnen- schreiten der landwirtschaftlichen Kultur, die Me-
länder ist gewohnt, daß sich die sogenannte Vor- liorationen, die Dränagen, das Fortschreiten der
flut tagtäglich und stündlich abwickeln kann und Arbeiten an den Flüssen, die Flußkorrektionen, die
daß ein Stillstand in der Vorflut nicht eintritt. Bei Verringerung der Flußlängen, die Beseitigung der
uns an der Küste ist das wesentlich anders. An Flußschleifen, die Moorkultivierungen, all das hat
der Küste ist es so, daß, wenn man das Land mit ja zur Folge, daß das Wasser aus dem Binnen-
Deichen umgibt, das Wasser, das aus dem Hinter- lande in den entscheidenden kritischen Tagen sehr
land nun durch die Deiche hindurchfließen soll, viel schneller an die Küste herankommt, als es nor-
nur zeitweilig durchfließen kann. Von den 24 Stun- mal gekommen sein würde, wenn diese Maßnahmen
den des Tages kann — bei noch ganz normalen nicht getroffen wären. Gerade auf diese kritischen
Wasserverhältnissen — bei uns im schlechtesten Tage und Wochen kommt es aber entscheidend an.
Fall während zweier Stunden, im besten Fall wäh- Wenn wir also sagen: Die Deichsicherheit ist nicht
rend acht Stunden entwässert werden. In allen mehr gewährleistet und die Entwässerung ist allent-
übrigen Tag- und Nachtstunden entfällt die Ent- halben schlechter geworden, so bitten wir da-
wässerung, weil das Außenwasser höher ist als das mit gleichzeitig. das Hohe Haus — nachdem sich
Binnenwasser. Es ist nicht schwer für uns an der der Ernährungsausschuß von diesen Zuständen
Küste — aber wohl etwas schwieriger für den Bin- selber ein Bild gemacht hat —, uns dabei zu helfen,
nenländer —, sich vorzustellen, was dann passiert, daß wir, die wir hinter dem Deiche leben müssen,
wenn das Außenwasser an der Küste nicht nur wieder das Gefühl haben dürfen, in Sicherheit zu
einige Tage unruhig wird, sondern einige Wochen leben, und daß wir die Gewißheit haben dürfen,
unruhig ist und wenn die Außenwasserstände an daß unsere Arbeit, die hauptsächlich in der Land-
der Küste dann tagelang immer wieder höher sind wirtschaft geleistet werden muß, nicht nur ge-
als die Binnenwasserstände. Dann versagt die Ent- sichert ist, sondern sich auch lohnt.
wässerung im Lande vollkommen. Dann tritt das Ich darf zum Schluß darauf aufmerksam machen:
ein, was wir kennen, daß wir das aus dem Bin- Wenn wir Wünsche zu einer Zusammenfassung der
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2413
(Dr. Conring)
Kräfte in einem 10-Jahres-Plan zum Ausdruck sal die deutsche Nordseeküste vor der Gefahr be-
bringen, so glauben wir, versichern zu dürfen, daß wahrt hat, die am 1. Februar 1953 die Küsten von
sich diese Hilfe auch wirklich lohnt. Wir müssen Holland, Belgien und England heimgesucht hat. In
doch daran denken, daß etwaige Katastrophen, die jener Nacht haben sich die Bewohner der dortigen
wir erleben könnten, neben den unersetzlichen Küsten genau so ruhig zu Bett gelegt wie die an
Menschenverlusten auch materielle Schäden hervor- unserer deutschen Nordseeküste, und sie wurden
rufen könnten, wie wir sie jetzt in Holland sehen. geweckt durch das in ihre Häuser eindringende
Wir wissen, was es bedeutet, wenn diese Schäden Wasser. Dadurch kamen über 2000 Menschen ums
hinterher wieder einigermaßen ausgeglichen wer- Leben. 47 000 Häuser sind zerstört worden.
den müssen. Diese Aufwendungen machen ein Viel- 250 000 ha Land wurden von der See überflutet.
faches der finanziellen Aufwendungen aus, die wir Diese Katastrophe ist eine Warnung für das
jetzt machen könnten, um die Sicherheit zu ge- deutsche Volk gewesen; wir sollten aber hier ge-
währleisten. wisse Konsequenzen daraus ziehen. Holland wird
Volkswirtschaftlich scheint uns diese Maßnahme viele Jahre benötigen, um die wirtschaftlichen
abgesehen von dem Sicherheitsgefühl, das der Be- Schäden zu beseitigen, und es wird sehr viel Geld
völkerung an der Küste wieder gegeben werden kosten. Es ist sicher so, daß wir besser tun, wenn
muß, auch gerechtfertigt zu sein. Von meinem Vor- wir solchen Katastrophen vorbeugen.
redner wurde bereits hervorgehoben, daß sich land-
wirtschaftliche Mehrerträge ergeben werden, so daß Wie nachhaltig sich solche Flutkatastrophen aus-
sich die Beträge, die jetzt aus öffentlichen Mitteln wirken können, dafür ein Beispiel aus der ostfrie-
hineingesteckt werden müssen, dann vielfältig ver- sischen Geschichte. In Ostfriesland entstand durch
zinsen. eine Reihe von Sturmfluten — die schwerste davon
hauste bereits 1373 — eine große Einbuchtung, die
Und noch ein Gesichtspunkt! Nach dem, was wir sogenannte Leybucht. In dieser Leybucht versank
erlebt haben, und nach dem, was wir aus unserer damals eine ganze Reihe von Dörfern und Kirch-
Geschichte an der Küste wissen, können wir nicht spielen. Man hat bereits um das Jahr 1600 herum
warten. Die Sturmflut und das Meer warten auch mit den Rückgewinnungsarbeiten begonnen, und sie
nicht; sondern die Sturmflut und das Meer ver- sind heute noch nicht abgeschlossen. Im Jahre 1950
langen von uns, daß wir wie unsere Vorväter das wurden die Arbeiten für die Eindeichung von
Unsertu,damiwfügeKtsrophn, 1000 ha beendet, und eben jetzt entsteht dort ein
die sich anbahnen könnten, gerüstet sind. Es gibt neues Dorf. Aber trotz der modernsten Arbeits-
ein stolzes Wort in der Küstenbevölkerung, das sich methoden und der modernen Maschinen wird es
durch die Jahrhunderte hindurch erhalten hat. Es noch einige Jahrzehnte dauern, um auch die letzten
lautet: „Gott schuf das Meer, die Friesen aber schu- 2- bis 3000 ha wieder dem Meere an dieser Stelle
-
fen die Küste". Daran ist viel Wahres. Helfen Sie abzugewinnen. Im Jadebusen — das ist die Ein-
uns Küstenbewohnern dazu, daß wir die Küste wei- buchtung östlich von Wilhelmshaven — versanken
terhin verteidigen können und daß sich hinter der einstmals sieben Kirchdörfer, und dort wühlt heute
Küste ein wirtschaftlich blühendes Leben wieder immer noch die See.
entfalten kann, das immer weiter abzusinken
droht. Wieviel vernünftiger, besser und billiger ist es
da, wenn wir mit den modernsten Mitteln alles
Ich habe den Wunsch, Ihre Sympathien für die- Menschenmögliche tun, um solche Katastrophen zu
sen Küstenplan zu erringen und Ihre Sympathien unterbinden! Wie gut ist es da, wenn wir mit wohl
dafür mobil zu machen. Ich darf Sie bitten, dem durchdachten, langfristigen Plänen die Sicherheit
Antrag zuzustimmen, diesen Küstenplan zunächst der deutschen Küste ständig verbessern! Es wurde
dem Haushaltsausschuß und dem Ernährungsaus- schon darauf hingewiesen, daß in den Regierungs-
schuß zu überweisen. bezirken Ostfriesland, Oldenburg und Stade
(Beifall in der Mitte.) 500 000 ha Land unter dem Schutz der Deiche lie-
gen. Diese Deiche sind 750 km lang. Hinzu kom-
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab- men alle die anderen Strecken an der Küste, allein
geordnete Peters. 500 km an der schleswig-holsteinischen Küste, all
die vorgelagerten Inseln und die Halligen.
Peters (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Der uns vorliegende Antrag Druck- Die Flutkatastrophe am 1. Februar 1953 hat auch
sache 736 will die Erstellung eines Küstenplans bei uns Veranlassung gegeben, die Dinge nachzu-
für eine lange Zeit, mindestens für 10 Jahre. Wir prüfen. Es hat sich herausgestellt, daß unsere See-
wollen die Sicherheit der deutschen Nordseeküste und Tidestromdeiche nicht die notwendige Stand-
erhöhen und möchten, daß auch die unhaltbaren sicherheit aufweisen. Das bedeutet, daß die Lebens-
Wasserverhältnisse geändert werden. Aber nach sicherheit und die Lebensgrundlage all der Men-
dem Wortlaut des Antrags muß er nicht einem Aus- schen in diesem Gebiet nicht mehr voll gegeben
schuß überwiesen werden, sondern er stellt eine ist. Meine Damen und Herren, wir müssen, wie auf
Aufforderung an die Bundesregierung dar, von sich so vielen anderen Gebieten, auch hier nachholen,
aus einen Küstenplan zu erstellen. Mit dem in die- was in der Vergangenheit versäumt worden ist. Es
ser Form gestellten Antrag kann ein Ausschuß ist in Deutschland anscheinend schon immer leich-
überhaupt nichts beginnen. Es kommt ja darauf an, ter gewesen, für Soldaten und Kriege Geld zu be-
daß hier nicht nur Reden gehalten werden, sondern kommen als für friedliche Zwecke.
daß nun etwas geschieht. (Sehr wahr! bei der SPD.)
Dieser Antrag ist von Mitgliedern aus vier Frak- Wir sind aus diesem Grunde gezwungen, zu tun,
tionen dieses Hauses unterzeichnet, und ich meine, was vor uns hätte getan werden müssen. Es ist not-
er sollte die Zustimmung der Gesamtheit dieses wendig, Küstenschutzarbeiten in größtem Umfange
Hohen Hauses finden. Es ist so — wie schon her- durchzuführen. Art und Umfang dieser Arbeiten
vorgehoben wurde —, daß nur ein gütiges Schick- werden allein vom blanken Hans bestimmt.
2414 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Peters)
Ich möchte ganz besonders darauf hinweisen, daß Niederungsgebiete, die unter Normalnull liegen.
der beste Küstenschutz die Landgewinnung ist. Wir Diese tiefen Stellen erstrecken sich weit in das
müssen an der ganzen Küste fiskalisches Vorland Land hinein. Sie bilden gewissermaßen Schüsseln,
schaffen. Wo private Anlandungsrechte dem entge- die ständig voll Himmelswasser laufen. Wenn wir
genstehen, können im Interesse aller Teile Verein- keinen Deichschutz hätten, würden alle diese Ge-
barungen zur Übernahme durch den Staat führen. biete zweimal täglich überflutet. Die Bekämpfung
Das ist weitgehend, ich glaube, in Ostfriesland fast des Binnenwassers wird dadurch erschwert, daß wir
ausschließlich, geschehen. Aber die Verhältnisse eine Meeresspiegelhebung haben. Dadurch sind die
sind noch nicht überall bereinigt. Das haben wir Arbeiten immer kostspieliger geworden, und die
auch damals bei der Bereisung des Regierungsbe- Entwässerungsverbände allein können die finan-
zirks Stade festgestellt. ziellen Mittel nicht mehr aufbringen. Durch die
Zu dieser Sicherung durch Vorland muß, wie Hebung des Meeresspiegels ist die Entwässerungs-
schon hervorgehoben wurde, die Erhöhung unserer zeit unserer Siele immer kürzer geworden, die Vor-
Deiche kommen. Die Küste sinkt nicht nur ständig, flut, das Gefälle unserer Vorfluter, wurde dadurch
sondern die Sturmfluten laufen auch dauernd hö- verzehrt. Wir müssen hier also völlig neue Entwäs-
her auf. Von 1570 bis 1906 wurde ein Unterschied serungsanlagen schaffen. Das Niederschlagswasser
von 60 cm gemessen. Das ist ein erheblicher Unter- muß viel schneller, als das bisher geschehen ist und
schied, und dem müssen die Deiche angepaßt wer- geschehen konnte, dem Meere zugeführt werden.
den. Bei der Katastrophe am 1. Februar 1953 war Während die Holländer das Wasser weitgehend be-
an der deutschen Küste das Wasser schon so hoch, herrschen und jeden Quadratmeter Boden nutzen,
daß, wenn der Deichschutz nicht gewesen wäre, das ist bei uns unendlich viel versäumt worden.
gesamte Gebiet von Wilhelmshaven im Westen bis (Hört! Hört! bei der SPD.)
Bremerhaven im Osten und Oldenburg, Delmen- Statt gute Ernten zu liefern, verbinsen und ver
horst, Vegesack im Süden alles überflutet worden säuern unsere Ländereien, sie versumpfen infolge
wäre. der stauenden Nässe. Versuche im Leda-Jümme-Ge-
In die Deichschutzarbeiten einbezogen werden biet haben ergeben, daß die Erträge der Landwirt-
müssen die Reparatur und die Neuanlage von Sie- schaft um ein Vielfaches gesteigert werden können.
len. Gerade die Siele stellen manches Mal die ge- Größte finanzielle Opfer machen sich also in weni-
fährlichsten, die schwächsten Punkte dar und bie- gen Jahren bezahlt. Ich meine, die Durchführung
ten dem Wasser immer die beste Angriffsmöglich- dieser Aufgaben ist eine echte Angelegenheit des
keit. Wir müssen dabei bedenken, daß die Sturm- Bundes und der Länder.
fluten bis zu 50 km landeinwärts laufen und daß (Sehr gut! bei der SPD.)
die Stauung des Oberwassers dann ein übriges
- tut.
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß die bäuer-
Unmittelbar zum Deichschutz — das ist hier noch lichen Betriebe in den Küstengebieten eine sehr
nicht gesagt worden — gehören auch die Anlage große Wasserhypothek zu tragen haben durch die
und die Verbesserung von Zuwegungen zu den See- eigenen unvollkommenen Entwässerungsanlagen
deichen, es gibt viele Stellen, an denen wir von der und daß dadurch ihre allgemeine Leistungsfähig-
Kuppe des Seedeiches aus vergeblich nach Zuwe- keit sehr stark herabgemindert wird.
gungen Umschau halten, die auch in den besonders
gefährlichen Frühjahrs- und Herbstmonaten be- Nun möchte ich noch auf etwas anderes hinwei-
nutzbar sind. Auf diesen verschlammten Klei sen. Im krassen Gegensatz zu diesem Überfluß an
wegen kommt schon ein normales bäuerliches Fuhr- Wasser von außen und innen steht der fühlbare
werk etwa im Februar/März oder während der und sichtbare Mangel an Trink- und Brauchwasser
frostfreien Herbst- und Wintermonate nicht weiter. für Menschen und Tiere. Große Teile der Bevölke-
Im Falle einer drohenden oder tatsächlichen Kata- rung sind völlig auf den Gebrauch von Regenwasser
strophe aber könnten so schwere Lasten, wie sie angewiesen. Wasserleitungen -fehlen, das Grund-
bei Katastrophen eingesetzt werden müssen, über- wasser ist brackig und übelriechend, ist manches
haupt nicht transportiert werden. Wir müssen hier Mal sogar salzig und für Menschen und Tiere kaum
also schleunigst zu einem Ausbau kommen. Dieser zu gebrauchen. Der schlechte Gesundheitszustand
Ausbau Muß systematisch geschehen und in Ab- an der Küste steht damit in engstem Zusammen-
ständen von höchstens 3 bis 4 km. Die Wege müs- hang. Es gibt große Gebiete an der Küste, die dau-
sen auch über die Deiche herübergeleitet werden. ernd von auswärts mit Wasser versorgt werden
Es ist sicherlich eine Erleichterung auch in finan- müssen. Das Wasser muß ständig, fast das ganze
zieller Beziehung, feststellen zu können, daß ein Jahr hindurch, hingefahren werden. In einem
Grunderwerb dafür kaum erforderlich sein wird Küstenplan muß also nach unserer Auffassung auch
und daß die privaten Anlieger, soweit sie dabei die Wasserversorgung mit eingeplant sein. Die
persönliche Vorteile haben, ohne Frage bereit sein Schwierigkeiten ergeben sich daraus, daß die Ver-
werden, sich an den Kosten zu beteiligen. -sorgungsanlagen außerhalb der Moorniederungs
und Marschniederungsgebiete gebaut werden müs-
Wenn einmal etwas passiert, ohne daß wir diese sen. Dadurch werden sehr lange Leitungsnetze be-
Arbeiten ausgeführt haben, stehen wir vor weit nötigt, die sehr viel Geld kosten. Die Kreise und
größeren Aufgaben. Die Gemeinden und Kreise Gemeinden haben die Vorarbeiten abgeschlossen.
und auch die Deichachten bei uns wissen durchaus, Aber sie haben bisher nicht die Mittel bekommen,
was sie tun müssen. Aber es fehlt ihnen die wirt- um Wasserversorgungsanlagen zu bauen. Bund und
schaftliche Kraft, es nun auch im Interesse der Länder müssen hier mindestens eine gute Hilfs-
Landessicherheit tun zu können. stellung leisten. In den schwachen Gebieten — es
Meine Herren Vorredner haben schon darauf hin- handelt sich ja meistens um Notstandsgebiete —
gewiesen, daß wir aber nicht nur die Sturmflut- sind selbstverständlich die Kommunen und Kom-
gefahr bannen müssen, sondern daß auch das Zu- munalverbände finanziell auch sehr schwach.
viel des Wassers binnenwärts der Deiche beherrscht Bei einer unvoreingenommenen Betrachtung der
werden muß. An der gesamten Küste gibt es große dem Hause vorgetragenen Argumente wird sich
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2415
(Peters)
sicherlich bestätigen, was der Ausschuß für Ernäh- schon sehr lange so sein. Es wurde mir auch
rung, Landwirtschaft und Forsten bei seiner Be- immer wieder entgegengehalten: ja, wie kommt es
sichtigungsfahrt im April dieses Jahres festgestellt denn, daß es heute dort ganz anders aussieht, als
hat: Nur mit durchgreifenden Maßnahmen, die wir in unserer alten Vorstellung von den reichen
vom Bunde vorwärtsgetrieben und im wesentlichen Marschbauern denken? Die Verhältnisse haben sich
finanziert werden, können die unter dem Einfluß in dem ganzen Küstengebiet, in dem Tidegebiet,
von Ebbe und Flut liegenden Gebiete vor Kata- das mit dem Antrag erfaßt wird, in den letzten
strophen und weiterer Verkümmerung bewahrt Jahren völlig geändert. Wir brauchen uns nur zu
werden. Diese Maßnahmen müssen den unmittel- überlegen, daß wir in diesem Gebiet Einheitswerte
baren Küstenschutz, die Entwässerung und die zwischen 1500 und 2500 DM haben. Wir brauchen
Wasserversorgung umfassen. auch nur die Fruchtfolge, die Bewirtschaftung die-
ser Gebiete, wie sie bei den jetzigen Wasserver-
Die sozialdemokratische Fraktion begrüßt die
Initiative der Landesregierung Niedersachsens, die
hältnissen möglich ist, mit der Bewirtschaftung
gleicher Böden im Binnenland zu vergleichen,
sie mit den Vorarbeiten zur Erstellung eines Zehn-
jahresplans für den Bereich ihrer Küste ergriffen
dann stellen wir fest, daß wir an der Küste in-
folge der unglücklichen, schmalen, oberflächlich
hat. Insofern kam , der Antrag im niedersächsischen
entwässerten langen Beete, infolge der großen
Landtag, der in der vergangenen Woche dort be- Luftfeuchtigkeit und des hohen Grundwasser-
handelt wurde, schon etwas zu spät. Der Bund muß standes eine vernünftige Mechanisierung und eine
aber nach unserer Auffassung in Zusammenarbeit intensive Fruchtfolge nicht durchführen können,
mit den zuständigen Landesregierungen einen Ge- ja nicht einmal eine intensive Grünlandbewirt-
samtküstenplan erstellen und im wesentlichen schaftung betreiben können. Wir liegen dann bei
finanzieren, weil die Länder dafür zu schwach sind. Umsätzen zwischen 350 und 500 DM pro ha in den
Niedersachsen errechnete einen Kostenaufwand von reinen Grünlandgebieten und bis zu 700, 800 DM in
insgesamt 1,4 Milliarden DM für seine Küstenge- den gemischtwirtschaftlichen Gebieten. Wir erken-
biete. In ihrem Zehnjahresplan hat die niedersäch- nen, daß wir bei einer Verbesserung der Wasser-
sische Regierung, wahrscheinlich auch unter Be- verhältnisse nach dem vorausgegangenen Küsten-
rücksichtigung der finanziellen Kraft des Bundes, schutz und wenn gleichzeitig das Wegenetz aus-
770 Millionen DM eingeplant; das bedeutet also gebaut wird, auch diese Gebiete an eine normale
einen Jahresbetrag von 77 Millionen DM. Hinzu Bewirtschaftung, wie wir sie im Binnenlande
müssen die entsprechenden Finanzierungsmittel für haben, heranholen können. Damit werden gewal-
Hamburg, Bremen und vor allen Dingen auch für tige Investierungen in den Betrieben nötig und
Schleswig-Holstein kommen. Wenn der Bund von möglich.
den Gesamtmitteln etwa zwei Drittel übernehmen
würde, dann wäre das sicherlich ein gerechter Wir machen also die Betriebe durch Schaffung
Schlüssel. Mögen die Kosten ungeheuer -hoch er- vernünftiger Einnahmeverhältnisse nicht allein ge-
scheinen, der Schutz der Küste und die wirtschaft- sund, sondern befähigen die Betriebe damit erst
liche Gesundung der unter dem Tideeinfluß lie- dazu, nun auch zu mechanisieren. Wenn wir uns
genden Gebiete lohnt jeden Aufwand. Hier wartet einmal ansehen, wieviel Trecker pro ha landwirt-
nun mal ein Werk des Friedens auf uns. Die Ver- schaftlicher Nutzfläche im Binnenland laufen und
teidigung gegen die See ist eine Aufgabe der gan- damit vergleichen, was im Küstengebiet läuft,
zen Nation und nicht allein eine Aufgabe der zu- zeigt sich allein schon dadurch, welche große An-
nächst Wohnenden. kurbelung auch der Landmaschinenindustrie bei
einer Verbesserung der Nutzung im Küstengebiet
Ich stelle von meiner Fraktion aus den Antrag, erreicht werden kann.
diesen Antrag, der uns auf Drucksache 736 vorliegt,
nicht einem Ausschuß zu überweisen, sondern an- Ich möchte Sie also dringend bitten, für die
zunehmen. Sanierung dieses Gebietes, für die Erschließung
(Beifall bei der SPD.) hochwertiger Böden das Erforderliche zu tun. Es
wird heute auch für die Ödlandkultivierung im
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Binnenland sehr viel Geld ausgeben. Da kultivie-
Herren! Ich erinnere zwischendurch noch an die ren wir Böden, die im Höchstfall mit einem Ertrag
große uns noch bevorstehende Tagesordnung . von 10 bis 12 Zentner Roggen abschneiden. Wenn
Ich darf bitten, doch freundlichst zu unterstellen, wir das dortige Gebiet durch vernünftige Entwäs-
daß alles, was bereits gesagt ist, von dem Haus serung aufschließen, bringen wir Weizenböden mit
sehr intensiv aufgenommen worden ist. 15 bis 20 Zentner je Viertel ha in eine vernünftige
Ich darf noch auf folgendes aufmerksam machen. Nutzung.
Der Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Im Namen meiner Fraktion möchte ich Sie also
Forsten tritt um 11 Uhr zu der vorgesehenen kur- dringend bitten, den Antrag betreffend Küsten-
zen Sitzung zusammen. plan, den meine Kollegen. Dannemann und Con-
Das Wort hat der Abgeordnete Müller (Wehdel). ring gestellt haben, dem Ausschuß für Haushalt
und dem Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft
Müller (Wehdel) (DP): Herr Präsident! Meine und Forsten zur weiteren Beratung zu überweisen.
Damen und Herren! Ich hatte von vornherein vor, Das Problem ist so umfangreich, daß es einer
nur einige wenige ergänzende Worte zu sagen. gründlichen Durcharbeitung in den Ausschüssen
Das, was über den Küstenschutz gesagt werden bedarf.
mußte, haben meine Herren Vorredner gesagt.
Ich wollte nur noch einmal eine Frage klar- Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
stellen, die mir bei der Bereisung durch den Er- geordnete Diekmann.
nährungsausschuß und auch später verschiedent-
lich vorgelegt worden ist, nämlich, warum bisher Diekmann (SPD): Meine Damen und Herren!
in diesem Gebiete nichts getan worden ist. Es Ich habe nicht die Absicht, die Debatte noch zu ver
sieht ja verheerend aus. Die Schäden müssen doch längern; denn das Grundsätzliche zu diesem Antrag
2416 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Diekmann)
ist schon von den Herren Vorrednern gesagt wor- auch Abgeordneter aus dieser Gegend bin, rede ich
den. Ich bin deshalb hier heraufgekommen, weil hier noch; sonst würde sich der Kollege Ohlig mit
ich das Gefühl habe, daß in erster Linie für das Selbstverständlichkeit auch noch verpflichtet füh-
Küstengebiet des Landes Niedersachsen gesprochen len, darüber zu sprechen; denn wir stammen beide
worden ist. Die gleichen Verhältnisse bestehen auch aus der gleichen Ecke. Ich möchte hier nur folgen-
im Küstengebiet des Landes Schleswig-Holstein. des sagen. Die niedersächsischen Abgeordneten
Ich mache darauf aufmerksam, daß im Verlauf der haben mit diesem Antrag nicht den Wunsch, eine
letzten Jahrhunderte auch hier große Katastrophen Position gegen Schleswig-Holstein zu beziehen.
zu verzeichnen sind. Die schleswig-holsteinische Wir wissen, daß der Küstenschutz eine gemeinsame
Küstenbevölkerung hat die große Katastrophe, in Aufgabe ist und daß man das, was geschehen muß,
der Nordstrand und Pellworm voneinander und in Abstimmung zwischen den Küstenländern tun
auch vom Lande getrennt wurden, nicht vergessen. muß.
Erstmalig ist im Jahre 1947/48 in Schleswig-Hol- Ich wäre darum dankbar, Herr Kollege Peters,
stein wieder eine Bedrohung aufgetaucht. Damals wenn Sie sich entschlössen, der Ausschußüberwei-
wurden an einigen Stellen unseres Küstengebietes sung zuzustimmen, nicht um die Sache zu verzö-
die Deichkronen durch eine große Sturmflut ange- gern, sondern um sowohl im Ernährungsausschuß
brochen. Seinerzeit haben wir, um aus dem Län- wie im Haushaltsausschuß die Möglichkeit zu
derfinanzausgleich die notwendigen Mittel zu be- geben, die bisher schon vorgesehenen und die zu
kommen, die Landwirtschaftsvertreter der übrigen schaffenden Möglichkeiten zwischen diesen beiden
Länder gebeten, sich diese Verhältnisse anzusehen. Ländern aufeinander abzustimmen. Denn weder
Damit habe ich schon angedeutet, daß das Land das eine noch das andere hat ein Interesse daran,
Schleswig-Holstein nicht in der Lage ist, die große daß in dieser Frage eine falsche Rivalität zwischen
Deichlänge aus eigener Kraft instand zu halten. Niedersachsen und Schleswig-Holstein, Hamburg
und Bremen entsteht.
(Vizepräsident Dr. Schneider über
nimmt den Vorsitz.) (Sehr richtig! in der Mitte. — Abg. Kunze
[Bethel]: Einverstanden!)
Schon in den früheren Jahren, vor 1945, als Schles-
Vizepräsident Dr. Schneider: Das Wort hat der
wig-Holstein zum Staatsverband Preußens gehörte,
hat Preußen die notwendigen Mittel für die In- Abgeordnete Elsner.
standsetzung der Deiche gegeben. Nunmehr ist der Elsner (GB/BHE): Herr Präsident! Meine Damen
Bund verpflichtet, und ich darf sagen, daß der und Herren! Ich möchte die Aussprache hier nicht
Bund auch etliche Mittel — vielleicht nicht ganz noch weiter verlängern, möchte aber grundsätz-
ausreichend — für die Instandhaltung der - Deiche lich die Auffassung meiner Fraktion zum Ausdruck
in Schleswig-Holstein zur Verfügung gestellt hat. bringen. Die Landwirtschaft der Küstengebiete ist
Von den Vorrednern ist schon gesagt worden, daß in einem so außerordentlichen Ausmaß von den
die Küste sich senkt, daß mit Änderung der klima- Schwierigkeiten betroffen, daß es notwendig ist,
tischen Verhältnisse der Stand der Nordsee gestie- diesen Antrag in den Ausschüssen eingehend durch-
gen ist. Ich bin aber der Auffassung, daß man im zuberaten, um zu einem Ergebnis zu kommen, das
Verlaufe der letzen Jahrzehnte die Instandhal- wirklich alle Schwierigkeiten löst. Ich trete des-
tung und Instandsetzung der Deiche vernachlässigt halb für die Überweisung des Antrags an die Aus-
hat. Die Instandhaltung muß unbedingt nachgeholt schüsse ein. Meine Fraktion wird dem Antrag im
werden. Schleswig-Holstein hat eine Deichlänge Ausschuß zustimmen.
von etwa 500 km. Davon sind 300 his 350 km ge-
fährdet. Diese müssen also bald in Ordnung ge- Vizepräsident Dr. Schneider: Weitere Wortmel-
bracht werden, damit nicht bei einer etwaigen dungen liegen nicht vor; ich schließe die Aus-
Sturmflut wieder eine Katastrophe eintritt. sprache. Es ist die Überweisung der Drucksache 736
an den Haushaltsausschuß als federführenden Aus-
Der vorliegende Antrag sieht eine Regelung der schuß und an den Ausschuß für Ernährung, Land-
Wasserverhältnisse und der Deichinstandsetzung in wirtschaft und Forsten zur Mitberatung beantragt.
zehn Jahren vor. Ich bin der Auffassung, daß die- Ist das Haus mit dieser Überweisung einverstan-
ser Zehnjahresplan gerade für die Instandsetzung
den? — Das ist der Fall; die Überweisung ist er-
und Instandhaltung der Deiche wohl doch etwas folgt.
zu weit gesteckt ist. Vielleicht kann man die Was-
serregulierung innerhalb dieses Zehnjahresplans Ich rufe Punkt 9 der gestrigen Tagesordnung auf:
durchführen. Die Instandsetzung der Deiche sollte
aber nach meiner Auffassung wegen bevorstehen- Beratung des Antrags der Fraktion der DP
der Gefahren doch etwas schneller erfolgen. betreffend Schutzmaßnahmen für Helgoland
(Drucksache 818).
Wenn ich hierzu gesprochen habe, meine Damen
und Herren, so insbesondere deshalb, um zu errei- Wer begründet den Antrag? — Das Wort zur Be-
chen, daß bei der Behandlung dieses Antrags auch gründung hat Herr Abgeordneter Walter.
die Küstenverhältnisse des Landes Schleswig-Hol- Walter (DP), Antragsteller: Herr Präsident!
stein mit in die Beratungen einbezogen werden. Meine Damen, meine Herren! Wie Sie aus der
(Abg. Brookmann [Kiel] : Daher an den Vorlage ersehen, gliedert sich unser Antrag in
Ausschuß überweisen!) zwei Teile. Der erste Teil behandelt die Schutz-
— Das hat j a mein Kollege schon gesagt. maßnahmen für die Düne Helgoland. Diese
Schutzmaßnahmen sind notwendig, weil sonst die
Vizepräsident Dr. Schneider: Das Wort hat der Gefahr besteht, daß die Düne eines Tages bei
Abgeordnete Ehlers. schwerem Nordwest oder Südwest durchbricht. Da-
mit würden der Helgoländer Bevölkerung die Mög-
D. Dr. Ehlers (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine lichkeiten genommen, ihren Lebensunterhalt zu er-
Damen und Herren! Nicht um zu beweisen, daß ich werben. Die Düne ist seinerzeit durch den Einbau
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2417
(Walter)
des Marinehafens in eine besonders mißliche Lage Meine Damen, meine Herren! Sie wissen, daß
gekommen. Der Marinehafen hat heute keine Bedeu- die Besatzungsmacht damals mit zäher Beharr-
tung und keinen Nutzen mehr. Durch den Einbau lichkeit versuchte, das schöne Eiland auszulöschen.
des Marinehafens in die Düne lagert die Strömung Lassen Sie uns nun mit noch größerer Entschlos-
bei den Nordweststürmen allen Sand, der zwischen senheit unser Helgoland wieder zu einer schönen
der Düne und dem Festland durchgespült wird, nicht Heimstätte für seine Bewohner, zu einer Stätte der
mehr an der Düne an. Dieser Sand wird vielmehr Erholung für unser die See liebendes Volk und,
in unsere Flußmündungen hineingedrückt. Daher last but not least, zu einem sicheren Ort der Zu-
ist es notwendig, daß der Marinehafen, der nur flucht für Schiffe und Besatzungen, die bei schwe-
zum Zwecke der Transporte für die Marine mitten rem Wetter in der Nordsee in Seenot geraten und
in die Düne hineingebaut wurde, wieder entfernt die ohne den Schutzhafen Helgoland verloren
wird, damit der Sand an der Düne abgelagert und wären, aufbauen!
die Düne befestigt wird.
Ich bitte Sie daher, unserem Antrag Ihre Zu-
Wir haben beantragt, für diese Zwecke einen stimmung zu geben.
Betrag von 1 Million DM überplanmäßig zu be- (Beifall bei der DP.)
willigen. Der Herr Finanzminister hat in dieser
Beziehung liebenswürdigerweise schon Zugeständ
Vizepräsident Dr. Schneider: Meine Damen und
nisse gemacht. Der für die Durchführung dieser
Arbeiten notwendige Betrag ist höher. Es ist be- Herren, ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat
reits 1 Million DM bewilligt worden. Benötigt der Abgeordnete Diekmann.
werden noch dringend 1,3 Millionen DM, damit
die Arbeiten nicht zu lange hinausgezögert wer- Diekmann (SPD): Meine Damen und Herren!
den. Jede Verzögerung birgt die Gefahr in sich, Der vorliegende Antrag hat mich vor einigen
daß die Düne durchbricht und alle Aufbauarbeiten Tagen veranlaßt, beim Verkehrsministerium bzw.
wieder hinfällig werden, die in den Jahren nach beim Finanzministerium nachzufragen, welche
der Instandsetzung Helgolands geleistet worden Mittel gegebenenfalls für das kommende Jahr
sind. für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wer-
den könnten. Mir wurde daraufhin von den Be-
Zu dem zweiten Teil des Antrags, der die Schutz- amten beider Ministerien gesagt, daß für das Jahr
maßnahmen für den Nothafen betrifft, möchte ich 1954 bereits Mittel zur Verfügung gestellt und auch
mit Erlaubnis des Herrn Präsidenten eine kurze für das Jahr 1955 Mittel verplant worden seien.
Notiz verlesen, die in einer Hamburger Zeitung Auf Grund dessen habe ich mich gefragt: warum
vom 30. September 1954 enthalten ist und das dann noch die Behandlung dieses Antrages? Ich
ganze ernste Problem beleuchtet. Sie lautet:
- nehme an, daß mein Kollege Walter mindestens
ebensogut darüber orientiert gewesen ist wie ich.
Seit Mittwochabend ist der Helgoländer Hafen Da nun aber der Antrag vorliegt und bereits be-
von zahlreichen Schiffen, die vor dem Nord- gründet ist, habe ich die Absicht, auch noch einige
weststurm Schutz suchten und die Insel als Worte dazu zu sagen. Ich will mich aber möglichst
Nothafen angelaufen haben, überfüllt. kurz fassen; denn die große Tagesordnung, die
Daraus ersehen Sie, wie notwendig es ist, daß noch zu bewältigen ist, gebietet es geradezu.
wirkungsvolle Schutzmaßnahmen für den Not- Auch die Sozialdemokratische Partei ist der Auf-
hafen Helgoland getroffen werden. Für diesen fassung; daß die Düne unbedingt erhalten und daß
Zweck ist ein Mindestbetrag von 11,2 Millionen DM der ehemalige Marinehafen abgebrochen werden
erforderlich. Denn die Westmole, die den eigent- muß. Ich spreche diese Punkte an, weil ich die
lichen Schutz für den Nothafen darstellt, ist durch Herren Ausschußmitglieder, die sich im Haushalts-
die schweren Südweststürme und die Erschütterun- ausschuß für das Jahr 1955 mit dieser Frage zu be-
gen, die in den vergangenen Jahren durch die fassen haben, bitten möchte, die von den Ministe-
Explosionen von Munition und durch die Bom- rien vorgesehenen Beträge auch tatsächlich zu ver-
benabwürfe verursacht wurden, zu einem erheb- planen. Denn es geht doch nicht nur um die Erhal-
lichen Teil gebrochen. Die Westmole zu erneuern, tung dieser Düne, sondern darum, den Helgolän-
würde nicht das Richtige sein. Wir müssen einen dern eine vernünftige Erwerbsquelle zu erschließen.
völlig neuen Teil der Westmole vor den zerbroche- Das zu dem Antrag.
nen Teil vorlegen, damit der Nothafen wieder Meine Damen und Herren! Es ist auch sonst noch
seinen richtigen Schutz bekommt. vieles über den Aufbau der Insel Helgoland zu
Auch die Südmole ist zum großen Teil beschä- sagen. Ich stelle hier die Frage, ob hinsichtlich des
digt. Hier würde sich aber schon eine Reparatur Aufbaues von allen Seiten das Größtmögliche ge-
ermöglichen lassen, so daß eine neue Mole nicht tan worden ist. Ich glaube, wohl im Namen der
gezogen zu werden braucht. dort tätigen Helgoländer sagen zu können, daß sie
ihre geistigen und materiellen Kräfte durchaus mo-
Der Gesamtbetrag für diese Arbeiten beläuft bilisiert haben, um ihre Heimatinsel so schnell wie
sich, wie gesagt, auf 11,2 Millionen DM. Nun sind möglich wieder zu erschließen.
aber auch hier vom Herrn Finanzminister liebens-
würdigerweise bereits 3 3 Millionen DM für dieses
, Der Bund hat erfreulicherweise für die letzten
Jahr überplanmäßig bewilligt, und auch für das beiden Jahre je 5 Millionen DM zur Verfügung ge-
kommende Jahr sind schon einige Millionen DM stellt, und soweit ich unterrichtet bin, sollen für
einkalkuliert worden. Es bleibt noch ein Rest von die kommenden Jahre ebenfalls je 5 Millionen DM
2 Millionen DM, der dringend benötigt wird, da- verplant werden. Aber wenn in diesem Tempo
mit die erforderlichen Arbeiten wirkungsvoll weitergebaut wird, dann wird, das glaube ich im
durchgeführt werden können. Insgesamt beträgt Namen der Helgoländer sagen zu dürfen, die Insel
die noch benötigte überplanmäßige Summe für die erst in zwölf Jahren so weit sein, daß sie völlig
beiden Teile der Schutzmaßnahmen für Helgoland bewohnbar ist; und das scheint den Helgoländern
also 3,5 Millionen DM. doch etwas zu langwierig zu sein.
2418 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(D iekmann)
Deshalb bin ich der Meinung, daß man für die wurfs eines Gesetzes über die Inanspruchnahme
kommenden Jahre größere Mittel einsetzen muß, eines Teils der Einkommensteuer und der Körper-
damit die Wiederherstellung der Insel Helgoland schaftsteuer durch den Bund im Rechnungsjahr
etwas schneller vor sich geht. Etwa 70 Mil- 1954 sowie die zweite und dritte Beratung des Ent-
lionen DM sind ja notwendig, um Helgoland wurfs eines Gesetzes über die Beiträge des Bun-
einigermaßen wieder instandzusetzen. des zu den Steuerverwaltungskosten der Länder,
vorzuziehen. Ich frage das Haus, ob es mit diesem
Darf ich nun noch eine Frage stellen. Ist denn die Verfahren einverstanden ist.
Trümmerräumung wirklich beendet, wie erst
kürzlich von der Bundesregierung bekanntge- (Abg. Dr. Menzel: Erst die Weihnachts
geben worden ist? Ich glaube, nur ein Teil der beihilfe!)
Insel Helgoland ist bisher von den Trümmern ge- — Ja, gerade aus Ihrer Fraktion kam die Anre-
räumt worden. Es sollen seit dem 1. März 1954 un- gung.
gefähr 840 000 cbm Erde mit einem Kostenauf-
wand von etwa 7,5 Millionen DM bewegt worden (Abg. Dr. Menzel: Das weiß ich nicht! —
sein, und es sind ungeheuer viele Bomben ge- Abg. Dr. Gülich: Ich hatte darum gebeten,
funden worden. Es ist mir von dort aus mitgeteilt Herr Präsident! — Abg. Arndgen: Weih
worden, daß auf je 2000 cbm Erde, die bewegt wor- nachtsbeihilfe zuerst!)
den sind, etwa eine 500-Kilo-Bombe entfällt. Nach
den Errechnungen der Helgoländer liegen auf der — Gut. Ich rufe dann Punkt 1 der heutigen Tages-
Insel immer noch mehr als 1500 500-Kilo-Bomben. ordnung auf:
Sie wünschen, daß die gesamte Insel wirklich von a) Erste Beratung des von der Fraktion des
Trümmern geräumt wird. Ich bin ebenfalls der GB/BHE eingebrachten Entwurfs eines Ge-
Meinung, und meine Fraktion teilt sie, daß man setzes über Weihnachtsbeihilfen für Be-
die Insel nach Möglichkeit ganz erschließen soll, dürftige (Drucksache 798);
damit den Helgoländern wirklich die Möglichkeit
gegeben ist, die ganze Insel zu nutzen. b) Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD betreffend Weihnachtsbeihilfe (Druck-
Meine Damen und Herren! Noch einmal möchte sache 845).
ich darauf hinweisen, daß, wenn der Aufbau so
langsam wie bisher vor sich geht, die Insel erst in Im Ältestenrat ist vereinbart worden, daß beide
zwölf Jahren völlig erschlossen sein wird und daß Punkte zusammen behandelt werden sollen.
dann viele Helgoländer ihre ehemalige Heimat Zur Begründung des Antrags Drucksache 798 er-
nicht mehr werden betreten können, weil die ältere teile ich das Wort der Abgeordneten Frau Finsel-
Generation dann bestimmt darüber verstorben- ist. berger.
Im Interesse der Allgemeinheit möchte ich na-
mens meiner Fraktion darum bitten, daß der Frau Finselberger (GB/BHE), Antragstellerin:
Wiederaufbau der Insel Helgoland etwas stärker Herr Präsident! Meine Herren und Damen! Mit der
gefördert wird. Drucksache 798 legt Ihnen die Fraktion des Ge-
(Beifall bei der SPD, in der Mitte und samtdeutschen Blocks/BHE einen Antrag vor, der
rechts.) sich mit der Weihnachtsbeihilfe für Bedürftige be-
schäftigt. Wir wissen, daß in jedem Jahre die Weih-
nachtshilfe hier im Plenum eine sehr wichtige Rolle
Vizepräsident Dr. Schneider: Meine Damen und
spielt. Wenn Sie sich den Antrag unserer Fraktion
Herren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. ansehen, werden Sie feststellen, daß wir hier ver-
Ich schließe die Aussprache. Beantragt ist Über- sucht haben, eine Form zu finden, die eine gewisse
weisung der Drucksache 818 an den Haushaltsaus-
Gleichmäßigkeit sowohl in der Abgrenzung des
schuß. Ist das Haus damit einverstanden? — Das Personenkreises als auch in der Höhe der Weih-
ist der Fall; die Überweisung ist erfolgt. nachtshilfe in den Ländern der Bundesrepublik ge-
Ich rufe Punkt 10 der gestrigen Tagesordnung währleistet. Es scheint uns richtig zu sein, daß vom
auf: Bund her eine Regelung erfolgt, bei der die Höhe
Beratung des interfraktionellen Antrags der Weihnachtsbeihilfe nicht von der Finanzstärke
betreffend Überweisung von Anträgen an eines Landes abhängig gemacht wird, sondern eine
die Ausschüsse (Umdruck 167). Weihnachtsbeihilfe in einer Höhe gewährt wird,
die einen gleichen Personenkreis umfaßt und es er-
Ich nehme an, daß das Haus zustimmt. Ich möchte möglicht, die Beihilfe für den Kreis der Bedürf-
nur bemerken, daß noch Änderungswünsche ge- tigen in einheitlicher Höhe festzusetzen. Wir haben
äußert worden sind. Der Antrag Drucksache 787 in diesen Personenkreis einbezogen die Empfänger
soll an den Haushaltsausschuß zur Federführung von öffentlicher Fürsorge, die Alu- und Alfu-
und an den Ausschuß für Verkehrswesen zur Mit- Empfänger, die Sozialversicherungsrentner, die
beratung, der Antrag Drucksache 816 nicht nur an Rentner der Kriegsopferversorgung, die Empfänger
den Haushaltsausschuß — federführend —, sondern von Unterhaltsbeihilfe für Angehörige von Kriegs-
auch an den Ausschuß für Verkehrswesen — mit gefangenen und die Empfänger von Unterhalts-
beteiligt — überwiesen werden. Im übrigen sollen hilfe nach dem Lastenausgleichsgesetz.
die Überweisungen nach den hier vorliegenden An- Wir haben als Grundsumme für den Hauptunter-
trägen erfolgen. Ist das Haus mit der Überweisung stützungsempfänger oder Hauptempfänger solch
dieser Anträge einverstanden? — Das ist der Fall. einer Rente 25 DM und für die Angehörigen je
Damit sind wir am Ende der gestrigen Tagesord- 10 DM genannt. Einen Unterschied im Grund-
nung. betrag machen wir allerdings bei dem Personen-
Ich komme nun zur Tagesordnung von heute. Es kreis der Alu- und Alfu-Empfänger, die dauer-
ist die Anregung an mich herangetragen worden, arbeitslos sind. Wir meinen, daß wir den Grund-
die Punkte 4 und 5 der heutigen Tagesordnung, betrag oder — so möchten ich ihn nennen - den
nämlich die zweite und dritte Beratung des Ent- Hauptbetrag auf 40 DM erhöhen sollten. Wir
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2419
(Frau Finselberger)
meinen auch, daß wir hier in gewisser Hinsicht Renten aus der Kriegsopferversorgung, von Unter-
Neuland zu betreten haben, weil wir nicht nur den haltshilfe für Angehörige von Kriegsgefangenen
Bund, sondern auch Sozialversicherungsträger bei und von Unterhaltshilfe nach dem Lastenaus-
der Finanzierung herangezogen sehen möchten. gleichsgesetz. Weiterhin möchten wir einbezogen
Damit ist eines sehr deutlich angesprochen — das wissen die Heimkehrerunterstützungsempfä nger,
möchte ich jetzt schon sagen —, daß man sich im diewrvshntlcuemAragniht
Ausschuß einmal darüber zu unterhalten hat, daß aufgeführt haben und die ich hiermit ergänzend
wir uns in diesem Jahre nicht an besonderen nenne.
Grundsätzen stoßen sollten, weil vielleicht der Nun werden Sie fragen, warum wir eine Weih-
Streit entstehen könnte, inwieweit eine solche Bei- nachtsbeihilfe verlangen. Wir alle, meine Herren
hilfe eine Sonderleistung oder eine Versicherungs- und Damen, wissen, wie hoch die Lebenshaltungs-
leistung ist und ob, wenn sie Sonderleistung ist, kosten sind, z. B. für die Grundnahrungsmittel:
sie von den Versicherungsträgern gegeben werden Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milch oder Brot, die
kann. Man sollte das einmal mit einbeziehen in jeder Mensch dringend nötig braucht. Die seiner-
die Diskussion, die dieses Hohe Haus dann bei der zeit durchgeführte Erhöhung der Arbeitslosenfür-
Rentenreform haben wird. Es sollte aber unser
sorgeunterstützung war besonders für die niedri-
aller Anliegen sein, daß wir uns über Bedenken
gen Lohnklassen so gering, daß von einer echten
in der Form der Finanzierung dieses Antrags mit Erhöhung kaum gesprochen werden kann. Auch
einer gewissen Anerkennung dessen hinwegsetzen
die Gewährung von Mehrbeträgen an alte Rentner
sollten, was neulich einmal gesagt wurde: daß es in den gesetzlichen Rentenversicherungen, wie wir
sich bei den Sozialversicherungsträgern ja nicht sie gestern beschlossen haben, macht eine Weih-
um irgendwelche Privatversicherungen handelt, nachtsbeihilfe nicht überflüssig.
sondern eben um Sozialversicherungsträger, und
hier möge man — wie auch in einer anderen Dis- (Sehr richtig! bei der SPD.)
kussion auf sozialversicherungsrechtlichem und so- Der Vorschuß wird für fast eine Million von Rent
zialpolitischem Gebiet gesagt worden ist — an das nern nur 10 Mark für vier Monate betragen. Das
Solidaritätsgefühl appellieren. Ich möchte das des- ist völlig unzureichend und nicht als eine wirk-
halb einmal sehr deutlich zum Ausdruck gebracht same Vorsorge für die zusätzlichen Belastungen,
haben, weil wir hier, wie ich schon andeutete, einen die der Winter mit sich bringt, zu betrachten. Die
Schritt weiter gegangen sind als bisher. Ich ge- hohen Preise für die genannten Lebensmittel be-
stehe durchaus zu, daß dieser Antrag im Aus- lasten gerade den Haushalt der eben erwähnten
schuß für Sozialpolitik durchgesprochen werden Hilfsbedürftigen ganz besonders.
müßte.
Ich möchte aber auch zu der Höhe der einge- Wir beantragen deswegen, daß den Empfängern
setzten Beträge Stellung nehmen. Uns kommt - es der genannten Sozialleistungen 50 Mark zu zah-
darauf an, daß dieser Antrag auf eine Weihnachts- len sind. Das ist unserer Meinung nach das Ge-
beihilfe für die Bedürftigen auch realisierbar ist. ringste, was man heute dem Alleinstehenden
Wir wollten keinen Anlaß geben, daß man einem geben muß, um eine einigermaßen fühlbare Er-
solchen Antrag eine andere Deutung geben könnte. leichterung zu schaffen. Es besteht sicher auch
Es ist uns zu ernst. Es kommt uns darauf an, kein Zweifel darüber, daß für die Familie eine aus-
diesem Kreis der Bedürftigen das zu geben, was er reichende Steigerung vorgesehen werden muß.
sich zum Weihnachtsfest erhofft, und nicht schon Wir haben für die zuschlagsberechtigten Angehöri-
damit eine gewisse Schwierigkeit aufzuwerfen, daß gen 10 Mark vorgesehen. Die SPD-Fraktion ist
Summen genannt werden, die von vornherein zu der Auffassung, daß es ein gemeinsames Anliegen
hoch erscheinen könnten. Wir möchten uns auch des Bundestages sein muß, hier mehr zu tun als
über die Summe noch einmal im Ausschuß unter- bisher. Nach unserem Vorschlag bekommt eine
halten. Familie des genannten Empfängerkreises mit zwei
Kindern zu Weihnachten eine einmalige Zuwen-
Immerhin scheint es doch wohl richtig zu sein, dung von 80 DM. Niemand in diesem Hause wird
daß wir uns mit diesem Anliegen im Ausschuß sagen wollen, das sei zuviel! Bei langfristig Ar-
rechtzeitig beschäftigen, damit wir nicht wie im beitslosen — das sind Arbeitslosenfürsorgempfän-
vorigen Jahre in Zeitdruck kommen, sondern dem ger, die länger als ein Jahr arbeitslos sind — wol-
Kreis der Bedürftigen die Weihnachtsbeihilfe zur len wir für den Hauptunterstützungsempfänger
rechten Zeit ausgezahlt werden kann. Ich darf 60 Mark und für die zuschlagsberechtigten Ange-
darum bitten, der Überweisung an den Ausschuß hörigen 15 Mark gewähren; das sind für eine Fa-
für Sozialpolitik zuzustimmen. milie mit zwei Kindern 105 Mark.
(Beifall beim GB/BHE.) Es mag Sie zunächst etwas überraschen, daß
wir für die Menschen, die schon so lange arbeitslos
Vizepräsident Dr. Schneider: Ich erteile das sind und sich dadurch wirtschaftlich in besonde-
Wort zur Begründung des Antrags auf Drucksache ren Schwierigkeiten befinden, etwas mehr tun
845 der Abgeordneten Gertrud Meyer. möchten. Wer aber die Verhältnisse der lang-
Frau Meyer (Dortmund) (SPD), Antragstellerin: fristig Arbeitslosen kennt, weiß, daß ein großer
Herr Präsident! Meine Herren und Damen! Die Teil von ihnen schon durch die mangelhafte Er-
sozialdemokratische Fraktion hat Ihnen mit der nährung in seiner Arbeitsleistung behindert ist und
Drucksache 845 einen Antrag vorgelegt, durch den daß außerdem die Gefahr besteht, daß er durch
die Bundesregierung beauftragt werden soll, zu Krankheit arbeitsunfähig und dauernd hilfsbedürf-
veranlassen, daß eine Weihnachtsbeihilfe gezahlt tig wird.
wird, und zwar an alle Empfänger von Arbeits- (Zustimmung bei der SPD.)
losenfürsorgeunterstützung und diesen wirtschaft- Deshalb rechtfertigt sich unseres Erachtens die
lich gleichstehende Empfänger von versiche- Erhöhung für diesen Personenkreis. Ich brauche
rungsmäßiger Arbeitslosenunterstützung, außer- nur auf die große Zahl der arbeitslosen Angestell-
dem von Renten aus der Sozialversicherung, von ten zu verweisen, die sich bekanntlich in beson-
2420 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Frau Meyer [Dortmund])
ders großer Not befinden. Ihre Vermittlung in be- sorgt zu sein. Ich glaube, ich kann das hier mit
stimmte Berufe ist namentlich dann schwierig, allem Nachdruck erklären. Wir können aber die
wenn Kleidung und Wäsche einen abgetragenen Dinge wohl nicht so anfassen, wie sie eben von
Eindruck machen und dadurch Schwierigkeiten den beiden Vorrednern, vor allem von der ersten
bei der Vorstellung entstehen. Vorrednerin, angefaßt worden sind. Das Weih-
(Sehr wahr! in der Mitte.) nachtsbeihilfeproblem wird niemals ein Sozialver-
sicherungsproblem werden können. Es ist doch
Die Familien, deren Ernährer schon lange erwerbs- wohl undenkbar, daß wir auch noch eine Weih-
los ist, haben ebenfalls ihre Reserven an Kleidung nachtsbeihilfe irgendwie in die Sozialversicherung
und Wäsche aufgebraucht, so daß die Weihnachts- einbauen. Das wird wahrscheinlich von uns nie-
beihilfe für sie eine notwendige zusätzliche Lei- mals akzeptiert werden können.
stung ist.
(Sehr richtig! bei der SPD.) Es handelt es sich auch nicht darum, die Winter-
beihilfen, die für Kartoffeln, Kohlen und Holz not-
Diese Weihnachtsbeihilfe — Sie werden fragen, wendig sind, etwa erst an Weihnachten zu geben.
wie sie gezahlt werden soll — wünschen wir genau Das sollte längst geschehen sein, es ist auch über
so geregelt wie in früheren Jahren: sie soll auch die Fürsorgeämter längst geschehen und sollte
in diesem Jahr durch einen Erlaß der Bundesregie- nicht bis Weihnachten zurückgestellt werden. Denn
rung geregelt werden, der ihre einheitliche Durch- diese Maßnahmen sind doch wahrscheinlich dort,
führung in den Ländern ermöglicht und sichert wo es dringlich war, in weitgehendem Maße getrof-
und auch die Verrechnung über die Kriegsfolgen- fen worden, so daß wir uns mit dieser Angelegen-
hilfe ordnet. heit nicht bei der Beratung der Anträge betreffend
Natürlich legen wir besonderen Wert darauf, daß Weihnachtsbeihilfe beschäftigen sollten.
auch Berlin einbezogen wird; denn wir haben gute, (Zuruf von der SPD: Fragen Sie einmal
menschliche und politische Gründe, den Berlinern die Rentner!)
auch hierdurch unsere Verbundenheit zu bekun-
Die Weihnachtsbeihilfe kann und muß lediglich
den. den Zweck haben, nun auch für die Festesfreude
(Beifall bei der SPD.)
der Ärmsten noch etwas zu tun. Vor allem soll dies
Nach den Worten des Herrn Bundeskanzlers in bei denjenigen Familien geschehen, wo eben an-
seiner Regierungserklärung sollte es die besondere dere Möglichkeiten nicht bestehen, um den Be-
Pflicht der Regierung sein, Maßnahmen zu treffen, dürftigen auf dieses Fest hin noch in angebrachtem
durch die die wirtschaftliche Lage der sozial be- Rahmen zu helfen, damit sie auch in einigermaßen
sonders Bedrängten in unserem Volk verbessert angemessener Form diese Festtage wie die übrigen
wird. Das sollte u. a. auch durch eine große -Sozial- Schichten des Volkes begehen können. Das sollte
reform geschehen. Wir warten leider immer noch wohl der Zweck und der Sinn der Weihnachtsbei-
auf diese große Sozialreform. hilfe sein.
(Sehr richtig! bei der SPD.) Auch wir von der CDU werden uns diesem An-
Weil aber wirksame Hilfe durch eine Erhöhung der sinnen nicht verschließen. Wir haben deshalb kei-
Renten bisher nicht geleistet worden ist, bitten wir nen Antrag gestellt, weil uns bereits bekannt ist,
Sie, meine Herren und Damen, diese Beihilfe aus daß die Regierung auch in diesem Jahr schon Vor-
Anlaß des Weihnachtsfestes zu gewähren. sorge getroffen hat — und das bereits vor vier
Wochen —, und die Länder darauf hingewiesen
Bitte, lassen Sie sich nicht nur ausschließlich von hat, daß wir auch in diesem Jahr von Bundesseite
finanziellen Überlegungen leiten, sondern denken aus das gleiche zu tun gedenken wie im vorigen
Sie bitte auch daran, daß es sich hier um das Jahr. Man will erneut für den Haushaltsvorstand
Schicksal von Menschen handelt, die unserer Hilfe 25 DM und für jeden Zuschlagsberechtigten weitere
sehr dringend bedürfen. 10 DM gewähren, und zwar soll jener vergrößerte
(Zustimmung bei der. SPD.) Personenkreis einbezogen werden, der auch im
vorigen Jahr betreut wurde.
Zögern Sie deshalb nicht; denn auch hier gilt das
Wort: Wer schnell hilft, hilft doppelt. Man wartet (Abg. Dr. Menzel: Geben Sie eine Regie
darauf. Lassen Sie nicht unnötig Bitternis unter rungserklärung ab?)
den Menschen aufkommen, und zerstören Sie nicht
die Hoffnungen der Wartenden mit der Erklärung, — Es ist uns bekannt, daß die Regierung diesen Er-
daß für diese Dinge kein Geld da sei, laß bereits vor vier Wochen herausgegeben hat.
(Sehr richtig! bei der SPD) (Erneuter Zuruf von der SPD.)
sondern unterstützen Sie unseren Antrag auf Ich glaube, aus diesem Grunde sind bereits die
Drucksache 845; stimmen Sie ihm zu! Vorbedingungen dafür geschaffen, daß den not
leidenden Familien diese Hilfe Weihnachten auch
(Beifall bei der SPD.) zuteil wird, die sie nun erwarten, und zwar in der
gleichen Höhe wie im vorigen Jahre. In diese Maß-
Vizepräsident Dr. Schneider: Ich eröffne die nahme sollen alle einbezogen werden, die der Hilfe
Aussprache zu den beiden aufgerufenen Punkten, bedürfen, gleich ob sie von der Fürsorge oder vom
die wir ja in Verbindung miteinander behandeln Arbeitsamt betreut werden oder ob sie in einem
wollen. Arbeitsverhältnis stehen, in dem ihr Einkommen
Ich erteile das Wort dem Abgeordneten Schüttler. den Richtsatz der Fürsorgebedürftigkeit nicht über-
schreitet. Dieser Richtsatz soll wieder, wie im vori-
Schüttler (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine gen Jahr, bei 110 % liegen, so daß man mit dieser
Damen und Herren! Auch meine Fraktion ver- Maßnahme — das nehmen wir an — der Notlage
schließt sich durchaus nicht der Notwendigkeit, wahrscheinlich gerecht wird. Der Bund wird für
auch in diesem Jahr wie in den vergangenen Jah- diesen Zweck wie im vergangenen Jahre rund
ren für die Zahlung einer Weihnachtsbeihilfe be- 65 Millionen DM aufwenden, und die Länder wird
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2421
(Schüttler)
es in der gleichen Höhe von vielleicht 75 bis 80 Mil- Ich bitte, die Türen zu schließen. — Ich schließe
lionen DM treffen. Sie haben ja dann noch die die Abstimmung.
Möglichkeit, aus ihrer Eigenverantwortung über Meine Damen und Herren! Ich gebe das Ergebnis
den Rahmen des Bundes hinaus das zu tun, was sie der Abstimmung bekannt. Mit Ja haben gestimmt
in Einzelbereichen noch tun zu müssen glauben. 212, mit Nein 147 Abgeordnete, und enthalten hat
Ob wir über diese Maßnahmen in diesem Jahre sich ein Abgeordneter. Damit ist die Überweisung
wesentlich hinausgehen können, bezweifle ich sehr an den Haushaltsausschuß — federführend — und
stark angesichts all der Anforderungen, die wir in an den Sozialpolitischen Ausschuß — mitberatend
den letzten Tagen, so auch erst gestern, in diesem — beschlossen.
Hause beschlossen haben. Wir sollten uns beschei-
den und sollten die Finanzen nicht nach allen Sei- (Abg. Arndgen: Und Fürsorgeausschuß?)
ten überfordern; denn man kann auch da Dinge
tun, die sich nachher an den Hilfsbedürftigen selbst Ich rufe Punkt 2 der heutigen Tagesordnung auf:
vielleicht bitter rächen.
Zweite und dritte Berautng des von der Frak-
Wir möchten von der CDU aus beantragen, diese tion des GB/BHE eingebrachten Entwurfs
beiden Anträge an den Haushaltsausschuß als eines Gesetzes zur Änderung des Lastenaus-
federführenden und an die Ausschüsse für Sozial- gleichsgesetzes und des von der Fraktion der
politik und für öffentliche Fürsorge zu verweisen. CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Ge-
Wir werden dann zu den Dingen noch Stellung setzes zur Änderung des Lastenausgleichsge-
nehmen können. setzes und des Feststellungsgesetzes (Druck-
(Beifall bei der CDU/CSU.) sachen 344, 571);
Mündlicher Bericht des Ausschusses für den
Vizepräsident Dr. Schneider: Weitere Wortmel- Lastenausgleich (20. Ausschuß) (Druck-
dungen liegen nicht vor. Ich schließe die Aus- sache 837).
sprache. Es ist beantragt, die Drucksache 798 —
federführend — an den Ausschuß für Sozialpolitik (Erste Beratung: 33. Sitzung.)
zu überweisen und außerdem an den Haushaltsaus- Ich erteile das Wort dem Berichterstatter Abge-
schuß. Das gleiche gilt bezüglich der Druck- ordneten Kuntscher.
sache 845. Ist das Haus mit dieser Überweisung
einverst anden? Kuntscher (CDU/CSU), Berichterstatter: Herr Prä-
(Widerspruch. — Abg. Dr. Menzel: Wel sident! Meine Damen und Herren! Der Lastenaus-
cher Ausschuß soll federführend sein? — gleichsausschuß beschäftigt sich seit Wochen mit
Abg. Arndgen: Der Haushaltsausschuß!) Novellierungsanträgen zum Lastenausgleichsgesetz.
- Etwa zwölf verschiedene Anträge sind ihm vom
— Beide Male soll der Ausschuß für Sozialpolitik Bundestag zur Beratung überwiesen worden. Es
federführend sein. besteht die Absicht, alle diese Anträge in eine No
(Erneuter Widerspruch.) velle zusammenzufassen und dem Hohen Hause in
einem Bericht für die zweite und dritte Lesung vor-
— So ist es hier beantragt. zulegen. Wegen des Ausmaßes der beantragten
(Abg. Arndgen: Herr Schüttler hat den An Gesetzesänderungen und der Schwierigkeit der Ma-
trag gestellt: federführend der Haushalts terie nimmt allerdings die Beratung längere Zeit
ausschuß!) in Anspruch, als anfänglich angenommen wurde.
— Dann muß ich abstimmen lassen, meine Damen Es werden noch einige Wochen vergehen, bis die
und Herren, Gesamtberatungen im Lastenausgleichsausschuß ab-
geschlossen sind.
(Zurufe von der Mitte: Jawohl!)
Eines der vordringlichsten Probleme in diesen No-
dann kommen wir am schnellsten zu Rande. Es
liegtasonArv,diebDucksahn vellierungsanträgen ist die Erhöhung der Unter-
haltshilfe. Der Ausschuß ist sich über die neuen
zwar auch dem Sozialpolitischen Ausschuß zu über-
Sätze sowie über den Termin, von dem ab sie ge-
weisen, federführend soll aber der Haushaltsaus-
zahlt werden sollen, einig. Abstimmungen mit dem
schuß sein. Wer dafür ist, den bitte ich um ein
Handzeichen. — Gegenprobe! — Das Präsidium Bundesausgleichsamt und mit dem Bundesfinanz-
ministerium sind erfolgt. Die Not der betroffenen
ist sich nicht einig. Wir müssen durch Hammel-
sprung abstimmen. Ich bitte, den Saal zu verlassen. Kreise, also der Unterhaltshilfeempfänger, ist
groß, und eine Herauslösung dieses Fragenkom-
(Die Abgeordneten verlassen den Saal.) plexes ist notwendig und dringend.
Damit kein Zweifel besteht: es dreht sich darum, Angesichts dieser Tatsache hat der Lastenaus-
ob der Haushaltsausschuß für beide Gesetze bzw. gleichsausschuß auf Antrag der CDU/CSU-Mitglie-
Anträge federführend sein soll oder der Sozial- der in seiner Sitzung am 21. September einstimmig
politische Ausschuß. beschlossen, dem Hohen Hause in Beachtung der
(Unruhe. — Zuruf von der SPD: Wie soll ihm überwiesenen Anträge — das sind die Druck-
man nun abstimmen?) sachen 344 und 571 — eine gesetzliche Zwischen
lösung für die Erhöhung der Unterhaltshilfe, der
— Es wird also abgestimmt über die Frage, die ich Familienzuschläge für Unterhaltshilfeempfänger
gestellt habe, ob der Haushaltsausschuß federfüh-
und der Leistungen an anspruchsberechtigte Voll-
rend sein soll. waisen zu empfehlen. Diesem Anliegen soll durch
(Zustimmung.)
den in Drucksache 837 vorliegenden Gesetzentwurf
Meine Damen und Herren, ich bitte, sich etwas zu mit dem Gesetzestitel „Entwurf eines Gesetzes über
beeilen. Ich bitte, die Türen zu schließen. — Ich die Gewährung von Vorschußzahlungen an Empfän-
bitte, mit der Auszählung zu beginnen. ger von Unterhaltshilfe nach dem Lastenausgleichs-
(Wiedereintritt und Zählung.) gesetz" Rechnung getragen werden.
2422 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Kuntscher)
Nun ganz kurz etwas zum Inhalt dieses Gesetzes- Ich komme zur
vorschlages. Nach § 1 Abs. 1 sollen den Empfän- dritten Beratung.
gern von Unterhaltshilfe und von Beihilfen zum
Lebensunterhalt nach dem Lastenausgleichsgesetz Ich eröffne die allgemeine Aussprache. Wird das
für die Zeit vom 1. Juli 1954, frühestens jedoch vom Wort gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Ich
Zeitpunkt ihrer Einweisung an bis zum Inkrafttre- schließe die allgemeine Aussprache. Änderungsan-
ten der in Beratung stehenden Gesamtnovelle zu- träge zur dritten Lesung liegen nicht vor. Ich kom-
sätzlich monatliche Vorschußzahlungen aus Mitteln me deshalb zur Schlußabstimmung. Wer dem Ge-
des Ausgleichsfonds in folgender Höhe gewährt setz im ganzen zustimmen will, den bitte ich, sich
werden: a) für den Berechtigten 15 DM monatlich, vom Platz zu erheben. — Ich stelle einstimmige
so daß sich dessen Unterhaltshilfe von 85 DM auf Annahme fest. Das Gesetz ist damit verabschiedet.
100 DM erhöht, b) für den zuschlagsberechtigten Ich rufe Punkt 3 der heutigen Tagesordnung auf:
Ehegatten oder die im Lastenausgleichsgesetz vor-
gesehene Pflegeperson 12,50 DM monatlich — das a) Erste Beratung des von der Fraktion der
bedeutet eine Erhöhung von 37,50 DM auf 50 DM FDP eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
— und c) für jedes zuschlagsberechtigte Kind zur Änderung des Bundesversorgungsgeset-
7,50 DM monatlich; damit erhöht sich der Kinder- zes (Drucksache 716 [neu]);
zuschlag von 27,50 DM auf 35 DM. Der gleiche Zu- b) Erste Beratung des von der Fraktion der
schlag von 7,50 DM soll auch für Vollwaisen gege- FDP eingebrachten Entwurfs eines Dritten
ben werden. Gesetzes zur Änderung des Bundesversor-
Abs. 2 nimmt in sinngemäßer Anwendung Bezug gungsgesetzes (Drucksache 717);
auf Unterhaltshilfeempfänger nach § 274 des c) Erste Beratung des von der Fraktion der SPD
Lastenausgleichsgesetzes, der die Sonderregelung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
bei Wegfall öffentlicher Renten enthält. Änderung des Bundesversorgungsgesetzes
Abs. 3 betrifft die Frage der Anwendung der (Drucksache 836);
§§ 270, 274 und 280 des Lastenausgleichsgesetzes d) Erste Beratung des von der Fraktion der SPD
auf die Vorschußzahlungen. Ferner wird in diesem eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
Absatz für Berechtigte, die in einer Anstalt oder in die Gewährung einer Sonderzulage an
Pflege untergebracht sind, bestimmt, daß dem Un- Kriegsopfer und Angehörige von Kriegsge-
terhaltshilfeempfänger ein Fünftel der Sätze zur fangenen (Drucksache 793);
eigenen Verwendung verbleibt und höchstens vier
Fünftel als Verpflegungskosten von den Fürsorge- e) Erste Beratung des von der Fraktion des
verbänden oder -anstalten in Anspruch zu nehmen GB/BHE eingebrachten Entwurfs eines Ge-
sind. setzes zur Änderung des Bundesversorgungs-
gesetzes (Drucksache 859).
Abs. 4 besagt, daß die Vorschußzahlungen echte
Unterhaltshilfeleistungen sind und nach dem In- In der Zwischenzeit, meine sehr geehrten Damen
krafttreten der Novelle zum Lastenausgleichsgesetz und Herren, ist Ihnen auf Drucksache 887 noch ein
mit dem Anspruch auf Unterhaltshilfe verrechnet neuer Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Probst,
werden. Das gleiche gilt für die Vorschußzahlungen Maucher, Lücke und Genossen betreffend den Ent-
an Empfänger von Beihilfen zum Lebensunterhalt. wurf eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Bun-
§ 2 enthält die bekannte Berlin-Klausel und § 3 desversorgungsgesetzes vorgelegt worden. Ich bin
den Termin des Inkrafttretens des Gesetzes. gebeten worden, auch diesen Gesetzesantrag noch
jetzt zu diesem Punkt 3 auf die heutige Tagesord-
Ich bitte das Hohe Haus, dem Antrag des Lasten- nung zu setzen. Ich bin gewillt, das zu tun, muß
ausgleichsausschusses zuzustimmen, damit noch im das Haus aber fragen, ob jemand widerspricht. —
Weihnachtsmonat die erhöhten Unterhaltshilfe- Das ist nicht der Fall, dann setze ich diesen Punkt
sätze nachgezahlt werden können.
(Beifall.) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Frau Dr. Probst, Maucher, Lücke und Genos-
Vizepräsident Dr. Schneider: Ich danke dem sen eingebrachten Entwurfs eines Dritten
Herrn Berichterstatter. Wir treten in die zweite Gesetzes zur Änderung des Bundesversor-
Lesung ides Gesetzes ein. Ich rufe in der Einzelbe- gungsgesetzes (Drucksache 887) .
ratung § 1 auf. Wird das Wort gewünscht? — Das als Punkt 3f noch mit auf die Tagesordnung.
ist nicht der Fall. Ich schließe die Einzelberatung
des § 1. Wer § 1 in der Ausschußfassung zustimmen Ich erteile das Wort der Frau Abgeordneten Dr.
will, den bitte ich, eine Hand zu erheben. — Ge- Ilk zur Begründung des Gesetzentwurfs unter 3 a.
genprobe! — Enthaltungen? — Einstimmig ange-
nommen. Frau Dr. Ilk (FDP), Antragstellerin: Herr Prä-
Ich rufe § 2 auf. — Wortmeldungen liegen sident! Meine Herren und Damen! In der letzten
nicht vor. Ich schließe die Einzelberatung. Wer Legislaturperiode sind einige Gesetze beschlossen
§ 2 zustimmen will, den bitte ich um ein Hand- worden, in denen u. a. auch die Versorgung der-
zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Ein- jenigen Frauen geregelt wurde, deren verstorbene
stimmig angenommen. Männer Staatsdienst leisteten, sei es als Beamte —
die entsprechende Regelung findet sich im Bundes-
Ich rufe § 3 auf und eröffne die Aussprache. — beamtengesetz und im 131er-Gesetz —, sei es, daß
Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich schließe die sie als Kriegsteilnehmer ihr Leben für das deutsche
Aussprache. Wer § 3 zustimmen will, den bitte ich Volk hingaben oder an den Folgen einer Kriegs-
um ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal- verletzung starben. Natürlich ist es nicht möglich,
tungen? — Einstimmig angenommen. alle diese Gruppen in der Versorgung absolut
Ich rufe Einleitung und Überschrift auf. Wer die- gleichzustellen. Wir sollten uns aber bemühen,
sen zustimmen will, den bitte ich um ein Hand- gleichartige Personengruppen in bedeutenden Ge-
zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Ein- setzen im Grundsatz gleich zu behandeln. Das ist
stimmig angenommen. nicht geschehen.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2423
(Frau Dr. Ilk)
Der Antrag der Fraktion der Freien Demokraten Beihilfe — die etwas niedriger als die Rente ist —
bezweckt u. a., dieses Versäumnis nachzuholen. Bei vorgesehen ist und wir eine grundlegende Ände-
Art. 1 Ziffer 1 unseres Antrages steht dieses Argu- rung der Konzeption in dieser Richtung im Augen-
ment im Vordergrund. Beim Erlaß des Bundesver- blick nicht für angebracht halten. Ich hoffe aber,
sorgungsgesetzes ist offenbar übersehen worden, daß dies vielleicht in absehbarer Zeit einmal mög-
den Fall der Nichtigerklärung der Ehe des Verstor- lich sein wird.
benen in § 42 Abs. 1 Satz 1 aufzunehmen. Die Fälle Es ist sehr reizvoll, bei der Begründung unseres
sind relativ selten. Und doch sollte der Frau des Antrags auf das hier so oft diskutierte Problem der
Verstorbenen auch in diesem Fall eine Beihilfe zu- Onkel-Ehe einzugehen. Ich möchte diese Frage hier
gebilligt werden, wenn ihr nach den eherechtlichen nicht aufwerfen. Wir werden das Problem durch
Vorschriften Unterhalt zu gewähren wäre. Diese die vorgeschlagene Regelung auch nicht ganz be-
Regelung ist auch im Bundesbeamtengesetz — ge- seitigen. Aber wir sind davon überzeugt, daß eine
nau so formuliert — enthalten. große Zahl der illegalen Verbindungen legalisiert
Bei Art. 1 Ziffer 2 unseres Antrags steht dage- wird, wenn die Kriegerwitwe weiß, daß beim
gen neben dem eben zitierten mehr formalen Ar- Scheitern der zweiten Ehe ihre alte Rente wenig-
gument das Bestreben im Vordergrund, soziale stens in Form 'einer Witwenbeihilfe wieder auflebt.
Nöte und Härten auszugleichen, die dadurch ent- Das Problem der Onkelehe — um es nur kurz
stehen, daß die zweite Ehe, die zum Verlust der zu streifen — ließe sich hinsichtlich der Versorgung
Kriegerwitwenrente geführt hat, aufgelöst wird, der Kriegerwitwe vielleicht eher dadurch lösen,
ohne daß die Frau aus der zweiten Ehe anderweit daß die Witwenrente oder für die Kinder der Krie-
versorgt wird. § 44 des Bundesversorgungsgesetzes gerwitwe eine Vollwaisenrente gezahlt wird, wenn
sieht bei Vorliegen dieses Tatbestandes bereits vor, ein Bedürftigkeitsfall vorliegt. Aber, wie gesagt,
daß die Frauen, deren zweite Ehe durch den Tod ich möchte diesen Fall nicht weiter diskutieren, zu-
des Gatten aufgelöst wird, eine Witwenbeihilfe er- mal da mir bekanntgeworden ist, daß der Herr
halten, die allerdings etwas niedriger als die Minister für Familienfragen sich über diese Frage
frühere Rente ist. Gutachten eingeholt hat. Ich nehme an, daß der
Zwischenzeitlich, d. h. nach Einbringung unseres Herr Minister für Familienfragen sich damit be-
Antrags ist von dem Herrn Bundesminister für Ar- schäftigen und uns zur Regelung dieser Dinge viel-
beit im Einvernehmen mit dem Herrn Bundes- leicht in absehbarer Zeit eine umfassende Gesetzes-
minister der Finanzen eine interne Dienstanwei- vorlage machen wird.
sung ergangen, daß bei Kriegerwitwen, die bis zur Es ist erforderlich, daß dabei gerade der Fall der
Wiederverheiratung rentenberechtigt waren und Kriegerwitwe besonders behandelt und der beson-
deren neue Ehe durch gerichtliches Urteil gemäß deren Lage der Kriegerwitwe Rechnung getragen
§§ 28 ff. des Ehegesetzes von 1938 bzw. den- Bestim- wird. Ich spreche ausdrücklich von der besonderen
mungen des Kontrollratsgesetzes von 1946 aufge- Lage der Kriegerwitwe gegenüber den Witwen, die
hoben worden ist, als vorübergehende Maßnahme andere Rentenansprüche haben. Die Lage der Krie-
im Wege des Härteausgleichs gemäß § 89 des Bun- gerwitwe ist anders; denn die erste Ehe ist durch
desversorgungsgesetzes dieselbe Regelung Platz Einwirkung des Staates, der zu seinem Schutz den
greift, wie sie das Bundesversorgungsgesetz für den Mann zur Wehrpflicht herangezogen hat, gelöst
Fall des Todes des zweiten Ehegatten vorsieht. worden, so daß der Staat zweifellos gerade diesen
Diese vorübergehende Maßnahme ist erfreulich Frauen gegenüber eine ,erhöhte Sorgepflicht hat.
und wird den davon betroffenen Frauen — es sind
ja relativ wenige, und vielleicht hat man auch dar- Wenn wir schon aus mancherlei Gründen dazu
um bereitwillig so schnell eine solche Entscheidung gekommen sind, im Falle der Wiederverheiratung
getroffen — manche Sorge abnehmen. Dennoch zwar keine Rente, aber eine Abfindung zu zahlen,
reicht eine solche interne Dienstanweisung nicht wenn — das möchte ich auch als Positivum
aus; sie kann, wie die Formulierung „vorüber- buchen — im Bundesversorgungsgesetz bereits vor-
gehende Maßnahme" zeigt, jederzeit widerrufen gesehen ist, daß bei Auflösung der zweiten Ehe
werden. Eine gesetzliche Regelung ist daher unbe- durch Tod des Mannes eine Witwenbeihilfe ge-
dingt erforderlich. Ich glaube, daß auch die beiden zahlt wird, oder wenn durch die jetzige Dienst-
Herren Minister einer solchen Regelung sehr gern anweisung bei Aufhebung der Ehe die Zahlung
zustimmen werden. einer Witwenbeihilfe angeordnet wurde, dann soll
man auch einen weiteren Schritt tun und eine Bei-
Die Fälle, in denen die zweite Ehe durch Schei- hilfe wiederaufleben lassen, wenn die Krieger-
dung gelöst wurde, sind leider im Verhältnis zu witwe Unglück bei der zweiten Ehe gehabt hat und
den soeben erwähnten Fällen wesentlich zahlrei- diese geschieden worden ist.
cher. Und doch halten meine politischen Freunde Man macht gegen den Antrag, den wir hier ge-
und ich es für unbedingt notwendig, hier eine Re- stellt haben, geltend, daß bei der vorgeschlagenen
gelung Platz greifen zu lassen, die dem Bundes- gesetzlichen Regelung manche Eheleute sich leich-
beamtengesetz entspricht, dessen § 164 Abs. 3 ter wieder scheiden lassen würden, weil sie ja wis-
lautet: sen, daß die Frau wieder ihre alte Rente erhält.
Hat eine Witwe sich wieder verheiratet und Ja, man geht sogar zum Teil soweit, zu sagen, daß
wird die Ehe aufgelöst, so lebt das Witwengeld Eheleute Scheidungsgründe konstruieren und ab-
wieder auf. sprechen und sich dann scheiden lassen würden,
Das gilt auch für die Scheidung der zweiten Ehe. nur damit die Frau die Rente wieder erhält und
Wir beantragen für den Fall der Auflösung der sie dadurch, vielleicht getrennt lebend, pekuniär
zweitnEhuäcsrdeZalngiWt- besser gestellt sind. Abgesehen davon, daß es heute
wenbeihilfe. Wenn wir nicht ein Wiederaufleben Gott sei Dank nicht mehr so leicht ist, sich ohne
der Witwenrente beantragen, wie wir es gern getan weiteres scheiden zu lassen, glaube ich auch nicht,
hätten, so deshalb, weil in der derzeitigen Fassung daß eine große Anzahl von Eheleuten bereit ist,
des Gesetzes bei Lösung der zweiten Ehe durch den sich aus solchen materialistischen Gründen schei
Tod des Mannes auch nur die Gewährung einer den zu lassen. Zumindest würde ihre Zahl ausge-
2424 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Frau Dr. Ilk)
glichen werden durch die Zahl derjenigen, die sich Gleichzeitig mit dem Auftrag haben sich sämt-
zu einer Ehe entschließen in dem Bewußtsein, daß liche Fraktionen des Bundestages einmütig zur Un-
die Versorgung der Frau nur ruht und daß sie antastbarkeit der Grundrente als eines unabding-
wiederauflebt, wenn die neue Ehe keinen Bestand baren Rechtes aller deutschen Kriegsopfer bekannt.
hat.
Angesichts dieser Tatsache scheint es mir nicht
Aber abgesehen von diesen Fällen, meine Herren mehr erforderlich zu sein, zur Bedeutung der
und Damen, sehen Sie sich doch einmal in den Grundrente und zu der Notwendigkeit ihrer Er-
Kreisen Ihrer Bekannten um, dann werden Sie höhung zu sprechen, da hierüber Einmütigkeit im
feststellen, daß es eine ganze Reihe von Krieger- ganzen Hause besteht. Notwendig scheint es mir
witwen gibt, die in dem guten Glauben, Glück in aber zu sein, über die Deckungsfrage und über den
der zweiten Ehe zu finden, eine neue Ehe eingegan- davon abhängigen Umfang der Erhöhung zu spre-
gen sind und deren Ehe dann ohne ihr Verschul- chen, auch bevor man sich einigt und gerade be-
den geschieden wurde. Diese Frauen befinden vor man sich einigt, um welchen Prozentsatz man
sich in einer sehr großen Notlage und sind auf die die Grundrente erhöhen kann. Denn es sollte unser
Fürsorge angewiesen. Wir können nicht gerade aller Bestreben sein, dieser Novelle von vornher-
diesen Frauen, die schon durch die Auflösung ihrer ein das unerfreuliche Schicksal des Heimkehrer-
ersten Ehe soviel Leid getragen haben, zu dem entschädigungsgesetzes hinsichtlich der Behandlung
neuen seelischen Leid auch noch einen materiellen und der Verkündung zu ersparen.
Verlust zufügen und sie Not leiden lassen. Es ist,
glaube ich, ganz besonders unsere Pflicht, gerade (Sehr gut! bei der SPD.)
den Kriegerwitwen zu helfen und ihre Last zu er Wir Freien Demokraten klammern uns nicht an
leichtern. den von uns vorgeschlagenen Satz einer Erhöhung
Ich bitte Sie, noch einmal an das zu denken, was um 20 %. Wir sind der Meinung, daß das Limit der
ich am Anfang sagte: Es war ja letztlich der Staat, Erhöhung da liegen muß, wo der Herr Bundes-
der ihre erste Ehe zerstört und ihnen die Glücks- finanzminister und der ihm nun einmal zur Seite
möglichkeit der ersten Ehe und die Versorgung stehende Art. 113 des Grundgesetzes es uns setzen.
durch die erste Ehe genommen hat. Darum halten (Abg. Haasler: Na, das wird nicht hoch sein!)
wir Freien Demokraten es für absolut erforderlich,
eine Regelung zu finden, durch die diesen Frauen Wir haben das beantragt, was wir glauben durch-
geholfen wird, wie es auch bereits bei den Beamten- setzen zu können, und haben uns daher heute sehr
witwen geschehen ist. Wir halten das für um so gefreut, als wir einen Vorschlag aus den Reihen
notwendiger, als wir davon überzeugt sind, daß der der Fraktion des Herrn Bundesfinanzministers vor-
Kostenaufwand — auch das wird leider sehr oft fanden, der über unseren eigenen Vorschlag hinaus-
geltend gemacht — keinesfalls so groß sein - wird. geht. Frau Kollegin Dr. Probst, wenn es Ihnen bei
Die Zahl der Scheidungen wird ja gottlob nicht so Ihren bekannten guten Beziehungen und Ihrer be-
sehr groß sein, daß dadurch der Etat, der für die kannten guten Einflußnahme auf den Herrn Bun-
Kriegsopferversorgung vorgesehen ist, wesentlich desfinanzminister möglich sein sollte, seine Zustim-
belastet würde. mung zu diesem Entwurf zu erhalten, werden auch
wir freudigen Herzens unsere Zustimmung geben.
Ich wäre Ihnen daher dankbar, meine Herren
und Damen, wenn Sie bei der anschließenden Aus- Wir sind uns darüber klar, daß angesichts der
schußberatung — ich beantrage hiermit namens sozialen Verpflichtungen und auch der Auswir-
meiner Fraktion, den Antrag dem Ausschuß für kung der Großen Steuerreform eine Erhöhung des
Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen zu überwei- Haushaltsansatzes der Kriegsopferversorgung nur
sen - diesem Antrag besondere Beachtung unter großen Schwierigkeiten möglich sein wird.
schenkten und unseren Argumenten, die Sie sicher- Aber bereits der 1. Bundestag hat sich bei der Be-
lich anerkennen werden, Rechnung trügen. ratung des Bundesversorgungsgesetzes auf den
Standpunkt gestellt, daß Einsparungen nicht zur
(Beifall bei der FDP, bei der DP und beim Verminderung des Haushaltsansatzes, sondern zu
GB/BHE.) dringend notwendigen Verbesserungen in der
Vizepräsident Dr. Schneider: Das Wort zur Be- Kriegsopferversorgung herangezogen werden soll-
gründung des Antrages unter Punkt 3 b) der ten. Die Regierung hat verschiedentlich zu ver-
Tagesordnung erteile ich dem Abgeordneten stehen gegeben, daß derartige Einsparungen bisher
St ammberger. nicht hätten erzielt werden können, daß darüber
hinaus sogar eine zusätzliche Belastung eingetre-
Dr. Stammberger (FDP), Antragsteller: Herr ten sei. Diese Erklärung allein kann uns nicht be-
Präsident! Meine Damen und Herren! In der friedigen. Wir benötigen bei den Ausschußarbeiten
40. Sitzung des Bundestages am 14. Juli 1954 haben unbedingt die genauen Unterlagen, auf Grund
alle Fraktionen des Hohen Hauses einstimmig die derer die Regierung zu ihren Berechnungen kommt.
Bundesregierung beauftragt, einen Gesetzentwurf Die Freie Demokratische Partei hat bereits am
vorzulegen, in dem die Grundrenten der Kriegs- 1. Dezember 1953 eine Kleine Anfrage gestellt und
beschädigten und Kriegshinterbliebenen erhöht um Auskunft gebeten, in welcher Weise die von
und die Elternrenten verbessert werden sollen. Wir der Regierung im Bulletin vom 12. November 1953
bedauern sehr, daß die Bundesregierung, obwohl bekanntgegebenen bisherigen Ausgaben für die
bereits ein Vierteljahr vergangen ist, bis heute Kriegsopferversorgung für laufende Auszahlungen
weder einen solchen Gesetzentwurf vorgelegt noch und für die Rentennachzahlungen verwandt wor-
uns Bericht erstattet hat, wieweit sie in ihren Vor- den sind, die sich aus der Umstellung von Länder-
arbeiten diesem vom Parlament einstimmig erteil- recht auf Bundesrecht oder aus der Umstellung
ten Auftrag bereits nachgekommen ist. Hätte sie von vorläufigen auf endgültige Bescheide ergeben
las getan, hätte sich vielleicht die Flut der heuti- haben. Die Bundesregierung hat geantwortet, daß
gen Anträge, mit denen wir uns befassen müssen eine derartige Aufschlüsselung nicht erfolgen
und die uns die Arbeit im Ausschuß gewiß nicht könne; denn beide Arten von Ausgaben würden
erlichtnwd,vmelasn. nach den bestehenden Haushaltsvorschriften auf
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 24 2 5
(Dr. Stammberger)
demselben Nenner verbucht, und eine Trennung Grundrenten über 20 % hinaus erfolgen können;
sei nur dadurch möglich, daß bei den insgesamt sind wir der Meinung, daß auch die Ausgleichs-
3 300 000 Nachzahlungsfällen eine genaue Durch- renten angehoben werden müssen. Wir sind dann
sicht der Akten stattfinde. aber der Auffassung, daß nicht nur die Ausgleichs-
renten sondern, was noch viel wichtiger ist, auch
Als eine weitere Kleine Anfrage gestellt wurde, die Freibeträge erhöht werden müssen. Denn es ist
die vom Herrn Bundesarbeitsminister am 7. Juli auf die Dauer gesehen sowohl sozialpolitisch wie
1954 beantwortet wurde, hat sich herausgestellt, vor allem arbeitspolitisch untragbar, daß die er-
d a ß entweder damals die Antwort sehr vorschnell höhte Ausgleichsrente in dem Augenblick ganz
gegeben wurde oder aber später diese Aufteilung oder teilweise wieder in Wegfall kommt, in dem
doch vorgenommen werden konnte. Denn in der der Schwerkriegsbeschädigte nur ein geringes und
Drucksache 679, in der aufgeführt wird, wie sich zur Existenzsicherung der Familie nicht ausrei-
eine zehn- his vierzigprozentige Erhöhung der chendes Einkommen hat, das er oft auch nur unter
Grundrenten auswirken würde, geht man von den besonders schweren körperlichen Opfern erringen
augenblicklichen Ausgaben für die laufenden Zah- kann.
lungen aus, die demnach sehr wohl zur Kenntnis
des Arbeitsministeriums gelangt sein müssen. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten — das
möchte ich ausdrücklich betonen —, die sich aus
Dann interessiert uns, ob und welche Einsparun- einer Erhöhung der Ausgaben für die Kriegsopfer-
gen durch den Wegfall von Versorgungsberech- versorgung ergeben. Es ist vollkommen falsch, die
tigten entstehen, sei es durch eine Herabstufung in Schwierigkeiten zu leugnen oder auch nur vor
der Erwerbsminderung, sei es durch Todesfall, sei
ihnen die Augen zu verschließen, weil diese Art
es durch Wiederverheiratung der Witwen oder Er-
reichung der Altersgrenze der Waisen. Wir wün- und Weise Hoffnungen erwecken könnte, die wir
später nicht oder nur unvollkommen zu erfüllen
schen zu wissen, ob statistisches Material über die
vermögen. Aber wir sind der Überzeugung, daß
zu erwartende Entwicklung dieser Frage in den
sich in einer gründlichen Ausschußarbeit unter
kommenden Jahren vorliegt, ob eine solche Sta-
Hinzuziehung der Vertreter des Finanzministe-
tistik überhaupt möglich ist bzw. warum sie nicht
riums und des Arbeitsministeriums eine befriedi-
möglich ist und warum sie nicht bereits eingeholt
und vorgelegt worden ist. Es ist unerfreulich und gende Lösung des Problems erreichen läßt, die eine
auf die Dauer sehr wenig schön, daß die Kriegs- Verbesserung der Kriegsopferversorgung ermög-
licht. Diesen Bemühungen sollten wir uns unter-
opferverbände immer wieder mit Zahlenmaterial
ziehen. Wir sollten das um so mehr tun, als wir
aufwarten, ohne daß diese Zahlen von den Mini-
am Vorabend einer neuen deutschen Wehrverfas-
sterien entweder als richtig bestätigt oder aber
sung stehen und, wie ich schon mehrfach geäußert
mit den amtlichen Unterlagen widerlegt werden.
Das Bundesarbeitsministerium sollte sich nicht habe, unabdingbarer Bestandteil einer neuen deut-
ständig in die Rolle des schlecht informierten An- schen Wehrverfassung eine ausreichende und in
jeder Hinsicht zufriedenstellende Kriegsopferver-
walts bei Gericht drängen lassen, der einfach mit
Nichtwissen bestreitet. sorgung sein sollte.
(Sehr richtig! bei der SPD. — Beifall bei
Schließlich interessiert uns auch das Schicksal
der 250 Millionen DM, die ursprünglich im Ent- der FDP und beim GB/BHE.)
wurf vorhanden waren, wodurch der Ansatz des Vizepräsident Dr. Schneider: Soll der Antrag
neuen .Haushaltsplans dem des Vorjahres ent- unter Punkt 3 c) auf Änderung des Bundesversor-
sprach, der aber dann zur Vornahme von Ab- gungsgesetzes, Drucksache 836, auch begründet
schlagzahlungen an Rentenversicherungsträger werden? — Das Wort hat der Abgeordnete Bals.
gemäß § 90 BVG in den außerordentlichen Haus-
halt überführt wurde. Was uns stutzig macht, ist, Bals (SPD), Antragsteller: Herr Präsident! Meine
daß hierfür ein eigener Ansatz von 156 Millionen Damen und Herren! Namens der sozialdemokrati-
DM im ordentlichen Haushalt vorhanden ist, der schen Fraktion begründe ich den Antrag Druck-
zunächst in der Begründung auf Grund der Er- sache 836, den Entwurf eines Gesetzes zur Ände-
fahrungen der letzten Jahre als ausreichend an- rung des Bundesversorgungsgesetzes, und den An-
gesehen wurde. Später ist diese Begründung da- trag in Drucksache 793 über die Gewährung einer
hingehend abgeschwächt worden, daß sich Beden- Sonderzulage an Kriegsopfer und Angehörige von
ken gegen die der Berechnung zugrunde liegenden Kriegsgefangenen. Herr Präsident, ich darf beides
Unterlagen des Bundesarbeitsministeriums er- zusammen begründen?
geben hätten. Meine Damen und Herren, ich will
mich nicht der in der Öffentlichkeit vielfach ver- Vizepräsident Dr. Schneider: Bitte!
tretenen Auffassung anschließen, daß hier etwas Bals (SPD), Antragsteller: Bevor ich mich mit
verschleiert werden soll. Man kann sich aber auch dem materiellen Inhalt dieser beiden Anträge be-
des Eindrucks nicht erwehren, daß hier Arbeits- schäftige, darf ich mir einige grundsätzliche Bemer-
unterlagen zugrunde liegen, mit denen man nichts kungen erlauben. Der Kollege Stammberger von
anfangen kann, weil das Bundesministerium für der FDP hat bereits ausgeführt, daß der Bundes-
Arbeit selbst nicht an die Richtigkeit dieser Unter- tag am 14. Juli dieses Jahres die Bundesregierung
lagen glaubt, da plötzlich das Zweieinhalbfache beauftragt hat, unverzüglich einen Gesetzentwurf
von dem benötigt werden soll, was man zuerst vorzulegen, mit welchem die Grundrenten, die Ren-
auf Grund der Erfahrungen der vergangenen ten der Waisen, der Witwen und der Eltern ge-
Jahre für ausreichend hielt. hoben werden sollen. Ich wiederhole: unverzüglich
Wir haben uns in unserem Antrag nicht beschäf- vorzulegen! Der Antrag, welcher die Entschließung
tigt mit der Frage der Erhöhung der Ausgleichs- auslöste, wurde bereits am 26. Mai dieses Jahres
renten, weil unser Antrag zunächst nur einmal eingereicht. Die Entschließung wurde am 14. Juli
dahin zielt, die Grundrenten wieder den bereits einstimmig angenommen. Zwischen der Antrag-
mit der zweiten Novelle erhöhten Ausgleichsren- stellung und der Annahme der Entschließung und
ten anzupassen. Sollte eine weitere Erhöhung der der heutigen Debatte liegt eine große Zeitspanne.
2426 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Bals)
In dieser Zeitspanne wurden von vielen Vertretern Ihnen ja vor. Bei einer Erwerbsunfähigkeit von
der politischen Parteien große Reden gehalten. In 100 % sieht unser Antrag eine Erhöhung der Rente
Wirklichkeit ist nichts geschehen. Die Bundesre- von 75 auf 100 DM vor.
gierung soll mit unserm Antrag auf eine Erklärung Durch die Bestimmung des § 33 Abs. 2 soll er-
festgelegt werden, ob sie bereit ist, die Forderun- reicht werden, daß Sozialleistungen genau so be-
gen der Kriegsopfer und Kriegshinterbliebenen zu handelt werden wie Einkommen aus nicht selb-
erfüllen. Es besteht der Verdacht, daß sich der Herr ständiger Arbeit, d. h. daß monatlich 60 DM und
Bundesarbeitsminister gegenüber den fiskalischen von dem darüber hinausgehenden Betrag drei Zehn-
Bedenken, welche im Kabinett bestehen, nicht tel außer Ansatz bleiben sollen.
durchzusetzen vermag.
Der § 40 soll geändert werden. Die Grundrente
(Abg. Dr. Menzel: Sehr wahr!) der Witwe soll von 40 DM auf 50 DM erhöht wer-
Wir konnten deshalb dem Wunsch der Koalition, den, und die Altersbegrenzung soll wegfallen.
auf eine Begründung unserer Anträge zu verzich- § 46 sieht eine Erhöhung der Waisenrente bei
ten, nicht nachkommen. Wir wollen hier öffentlich Halbwaisen von 10 auf 15 DM und bei Vollwaisen
festgestellt wissen, daß der Bundestag bereit ist, von 15 auf 20 DM vor.
die Frage der Kriegsopferversorgung ordentlich
und schnell zu lösen. Die Änderung des § 51 bezweckt eine Erhöhung
der Elternrente, und zwar bei einem Elternpaar
(Beifall bei der SPD und beim GB/BHE.) von 70 auf 100 DM und bei einem Elternteil von
Meine Damen und Herren, den Wert einer Nation 50 auf 70 DM.
erkennt man daran, ob sie bereit ist, den Kriegs- Schließlich soll durch unseren Antrag zu § 59
opfern und Kriegshinterbliebenen ihren Lebens- Abs. 1 eine Fristverlängerung vom 31. Dezember
anspruch zu sichern. Die Ausgaben für die Kriegs- 1952 auf den 31. Dezember 1956 herbeigeführt
opfer müssen in ein ordentliches Verhältnis zu den werden.
Gesamtausgaben des Staates gebracht werden. Daß
in dieser Beziehung in der Bundesrepublik noch Ich darf gleich auch die Drucksache 793 begrün-
manches zu geschehen hat, beweisen die Ausgaben den. Dieser Antrag soll eine Sonderzulage für
anderer Nationen. Ich bin in der Lage, Ihnen nach- Kriegsopfer und Angehörige von Kriegsgefangenen
zuweisen, daß die Bundesrepublik in der Kriegs- bringen. Wir sind davon ausgegangen, daß damit
opferversorgung gegenüber anderen Ländern noch die berechtigten Ansprüche, die der Herr Bundes-
vieles nachzuholen hat. Ich weiß, Deutschland hat kanzler in seiner Regierungserklärung vom
diesen Krieg verloren und hat deshalb noch viele 20. Oktober 1953 anerkannt hat, für das abge-
andere Probleme zu lösen. Aber die Frage der Ver- laufene Jahr abgegolten werden sollen.
sorgung der Kriegsopfer und -hinterbliebenen Meine Damen und Herren, ich bitte Sie namens
sollte gelöst sein, bevor man sich in diesem Hohen meiner Fraktion, den beiden Anträgen, die die be-
Hause mit einer Wiederaufrüstung beschäftigt! rechtigten Forderungen der Kriegsopfer und -hin-
(Beifall bei der SPD.) terbliebenen erfüllen sollen, zuzustimmen. Meine
Die Kriegsopferversorgung sollte zumindest priori- politischen Freunde sind bereit, mit der Ausschuß-
tätsmäßig nicht schlechter gestellt sein. Die Zukunft arbeit schnellstens zu beginnen, damit den Kriegs-
Deutschlands und Europas hängt von der Lösung opfern, -hinterbliebenen und -waisen schnellstens
der sozialen Probleme ab. Die Kriegsopfer haben geholfen werden kann.
Gesundheit und Leben für Volk und Vaterland (Beifall bei der SPD.)
eingesetzt und geopfert. Es sollte Ehrenpflicht des
deutschen Volkes sein, ihnen und ihren Hinterblie- Vizepräsident Dr. Schneider: Das Wort zur Be-
benen jetzt beizustehen, da sie der Hilfe bedürfen. gründung der Drucksache 859 hat der Abgeordnete
Petersen.
Der Antrag meiner Fraktion auf Drucksache 836
sieht eine Änderung des Bundesversorgungsgeset- Petersen (GB/BHE), Antragsteller: Herr Prä-
zes vor. Wir gehen davon aus, daß die Grundrente sident! Meine Damen und Herren! Wir hätten uns
unantastbar ist. Der Antrag sieht eine Erhöhung den Aufmarsch der Parteien mit eigenen Gesetz-
der Grundrente sowie eine Erhöhung der Witwen-, entwürfen zur Verbesserung der Kriegsopferver-
Waisen- und Elternrenten vor. Die Erhöhung soll sorgung ersparen können, wenn die Bundesregie-
im Durchschnitt 30 % betragen. Die Renten sollen rung den Auftrag des Bundestages vom 14. Juli so
den gestiegenen Lebenshaltungskosten angeglichen ernst genommen hätte, wie er nur zu nehmen war.
werden. Wir sind bei der Forderung geblieben, die
wir bereits vor einem halben Jahr in diesem Hohen. (Beifall beim GB/BHE, bei der SPD und
Hause aufgestellt haben. Leider fanden wir damals FDP.)
von anderen Fraktionen keine Unterstützung. Wir Damals beschloß der Bundestag, die Bundesregie-
stellen aber heute mit Freude fest, daß auch die rung zu beauftragen, dem Parlament unverzüglich
Fraktionen der Regierungsparteien Anträge mit einen Gesetzentwurf zur Verbesserung der Kriegs-
dem Ziele einer Rentenerhöhung eingereicht haben. opferrenten vorzulegen. Dieser einstimmige Be-
Ich darf namens meiner politischen Freunde er- schluß des Parlaments war mehr als eine program-
klären, daß wir gern bereit sind, Anträgen der an- matische Erklärung. Er war vielmehr die Anerken-
deren Fraktionen, soweit sie sich mit der Erhöhung nung der außerordentlichen Notlage der Kriegs-
der Renten beschäftigen, zuzustimmen. opfer und das Bekenntnis aller Parteien, hier
schnellstens zu helfen.
Nunmehr darf ich mich mit dem materiellen In-
halt des Gesetzes beschäftigen. Der § 31 Abs. 1 Seitdem sind drei Monate vergangen, aber von
behandelt die Grundrenten. Unser Antrag sieht der Bundesregierung fehlt jede aktive Reaktion
eine Erhöhung der Rente bei einer Erwerbsminde- zur Lösung dieses sozialen Notproblems.
rung von 30 % von 15 auf 20 DM vor. Ich darf mir (Hört! Hört! beim GB/BHE und bei der
die Einzelheiten ersparen; die Drucksache liegt SPD.)
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2427
(Petersen)
Das ist nicht nur im Interesse der Kriegsopfer zu Gesetzentwurf soll den Kriegsopfern eine anstän-
bedauern, sondern auch im Interesse des Ansehens dige Versorgungsgrundlage gegeben werden. Der
der Bundesregierung; denn das läßt zumindest Entwurf sieht eine 40%ige Erhöhung der Grund-
Zweifel daran aufkommen, ob die Bundesregierung renten bei Beschädigten und Hinterbliebenen vor.
bereit ist, die von dem Herrn Bundeskanzler in Diese Aufbesserung entspricht in dieser Höhe der
seiner Regierungserklärung vor einem Jahr ver- Erhöhung der Gehälter der Bundesbeamten, die
sprochene Lösung der sozialen Notprobleme zur nach dem Inkrafttreten des Bundesversorgungs-
rechten Zeit in Angriff zu nehmen. gesetzes unter Berücksichtigung der gestiegenen
Lebenshaltungskosten zweimal um je 20 % verbes-
Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß sert worden sind. Da die Rechtsgrundlage der Ver-
dem Herrn Bundesarbeitsminister als dem zustän- sorgung der Beamten und der Versorgung der
digen Ressortminister nicht erst durch den Be- Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen
schluß des Bundestages vom 14. Juli die täglich aber die gleiche ist, nämlich der geleistete Dienst
steigende Not der Kriegsopfer bekanntgeworden für Volk und Staat, ist es gerechtfertigt, auch die
ist. Alle notwendigen Zahlenunterlagen sind im Grundrenten nach dem Bundesversorgungsgesetz
Bundesarbeitsministerium vorhanden, und die für Beschädigte und Hinterbliebene um 40 vom
Fachkunde der dort tätigen bewährten Beamten Hundert zu erhöhen.
hätte die Erstellung einer Gesetzesvorlage in
wenigen Tagen ermöglicht, wenn der feste Wille Mit der vorgeschlagenen Neufassung der §§ 33
hierzu vorhanden gewesen wäre. Abs. 2, 41 Abs. 4 und 47 Abs. 3 Satz 2 sollen auch
Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit, die aus
(Sehr richtig! bei der SPD.) Wartegeldern, Ruhegeldern, Witwen- und Waisen-
Wir haben leider den Eindruck, daß der Herr Bun- geldern oder anderen Bezügen und Vorteilen aus
desarbeitsminister sich seine Initiative durch f is- früheren Dienstleistungen bestehen, in sinnvoller
kalische Überlegungen zu sehr hemmen läßt, ob- Höhe von der Anrechnung frei bleiben.
wohl doch niemand in diesem Hohen Hause daran Die Erhöhung der Pflegezulage in der Neufas-
zweifeln wird, daß die fiskalischen Interessen von sung des § 35 Abs. 1 auf den Höchstbetrag von
dem Herrn Bundesfinanzminister schon zur rech- 200 DM ergibt sich daraus, daß nach der bisherigen
ten Zeit wahrgenommen werden. Für die Probleme Erfahrung die Pflegezulage für bestimmte Fälle
der Kriegsopferversorgung ist aber der Herr Bun- von Schwerstbeschädigten unzureichend ist. Für
desarbeitsminister zuständig und nicht der Herr solche Fälle, wie z. B. kriegsblinde Ohnhänder
Bundesfinanzminister, dem hier nur eine mitarbei- oder kriegsblinde Doppeloberschenkelamputierte
tende Funktion in dem Sinne zukommt, alle Anfor- ist das Pflegebedürfnis so groß, daß eine monat-
derungen an den Staat in ein gerechtes Verhältnis liche Pflegezulage von 200 DM erforderlich er-
zu bringen. scheint.
(Sehr wahr! beim GB/BHE.) Die Neufassung der §§ 42 Abs. 1 Satz 1 und 44
Die Forderungen der Kriegsopfer, die ihr Leben sieht die Gleichstellung der Kriegerwitwe mit der
und ihre Gesundheit eingesetzt haben, sind bisher Beamtenwitwe vor. Es ist angebracht, die im
nicht so erfüllt worden, daß man auch nur an- Beamtengesetz bereits verankerte fortschrittliche
nähernd von einer sozialen Gerechtigkeit sprechen Regelung auch für die Witwenversorgung nach
kann. dem Bundesversorgungsgesetz zu übernehmen, zu-
mal damit ein weiterer Beitrag zur Lösung des
Wenn sich heute der Bundestag in einer allge- Problems der sogenanten Onkelehen geleistet wird.
meinen Aussprache mit den Problemen der
Kriegsopferversorgung befaßt, so kommt er damit Die Erhöhung der Heiratsabfindung von 1200 DM
einer Forderung nach, die über die betroffenen auf 1680 DM entspricht der Erhöhung der Witwen-
Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen grundrente und beläßt den Abfindungsbetrag auf
hinaus die ganze deutsche Öffentlichkeit angeht. dem 2 1/2fachen Betrag der Jahresgrundrente, wie
Seit dem Inkrafttreten des Bundesversorgungs- das bisher der Fall war.
gesetzes sind vier Jahre vergangen, und die Maß- Für die Elternversorgung erschien eine Aufbes-
stäbe, die damals die Grundlage für die Festset- serung der Elternrente um 20 °/o angemessen. Hier
zung angemessener Renten abgaben, gelten heute ist darüber hinaus eine Erhöhung der Einkommens-
nicht mehr. Die Preise und die Lebenshaltungs- grenzen für ein Eltern p a a r auf 150 DM und für
kosten sind stark angestiegen; die Grundrenten ein Eltern teil auf 105 DM vorgesehen.
haben jedoch keine Aufbesserung erfahren, und
so ist die Not in steigendem Umfang bei den Wesentlich erscheint uns der Vorschlag des § 63a,
Kriegsopfern geblieben. Auf der anderen Seite ist wonach in Zukunft bei jeder Erhöhung der Bezüge
das Sozialprodukt Jahr um Jahr gestiegen; aber der Bundesbeamten auch die Grundrente der Be-
die Kriegsopfer haben daran keinen Anteil gehabt. schädigten und Hinterbliebenen entsprechend er-
höht werden soll. Diese Fassung entspricht der
So müssen die Forderungen der Kriegsopfer auf früheren gesetzlichen Bestimmung des § 87 Abs. 2
eine sozial gerechte Behandlung anerkannt wer- des ehemaligen Reichsversorgungsgesetzes und
den, und wir sind alle aufgerufen, hierfür bald findet ihre Berechtigung in der gemeinsamen
Entscheidendes zu tun. Die Kriegsopferverbände Rechtsgrundlage für die Versorgung der Beamten
als die berufenen Sprecher für die 4 1/2 Millionen und für die Versorgung der Kriegsopfer. Sie wird
Kriegsopfer haben niemals maßlose Forderungen auch in der Beamtenschaft volles Verständnis
gestellt; sie sind im Gegenteil verantwortungs- finden.
bewußte Mitarbeiter an der Gestaltung eines so- Die Frage der Deckung kann nur in einer grund-
zial gerechten Versorgungsrechts gewesen und sätzlichen Behandlung der Dringlichkeit der zu
werden es auch bleiben. bewältigenden Staatsaufgaben beantwortet und ge-
Der Gesamtdeutsche Block/BHE erkennt an, daß löst werden. Daß das Kriegsopferproblem zu den
den Kriegsopfern durch Sofortmaßnahmen gehol- vordringlichsten Aufgaben gehört, die einer
fen werden muß. Mit dem von ihm vorgelegten menschlichen Lösung zugeführt werden müssen,
2428 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Petersen)
steht außer Zweifel. So wird der Herr Bundes- mit Einsatz der noch verbliebenen und der neu
finanzminister Wege finden müssen, um eine Dek- gewonnenen Kräfte im deutschen Wiederaufbau
kung für die entstehenden Mehrausgaben zu finden. ihren Anteil zu leisten. Ich möchte heute hier den
Wir wollen doch eins dabei nicht übersehen: Kriegsopfern danken dürfen für diesen Anteil am
deutschen Wiederaufbau, an der Schaffung des
(Zuruf von der FDP) deutschen Sozialprodukts.
— ich komme gleich darauf — daß man eine neue (Beifall.)
Wehrmacht, die wir alle für die Erhaltung unserer Wir sind uns, meine sehr geehrten Kollegen und
Freiheit bejahen, nicht mit einer Ausgabe von Kolleginnen aller Fraktionen, darüber einig, daß
vielen Milliarden aufbauen kann, wenn die große wir in der Dankesverpflichtung stehen gegenüber
Leidensarmee der fünf Millionen Kriegsopfer des den deutschen Kriegsopfern für die Opfer, die sie
ersten und zweiten Weltkrieges noch mit offenen gebracht haben an Lebenskraft, an Lebensfreude,
Händen vor uns steht. durch Verlust des nächsten Angehörigen, des Gat-
(Beifall beim GB/BHE und bei der SPD.) ten, des Vaters, des Sohnes, daß wir ihnen gleich-
zeitig aber auch danken für dieser Haltung, von
Es wäre kein guter Beginn für die neuen Soldaten der ich soeben gesprochen habe. Die Voraussetzung
und ihre Volkstümlichkeit , wenn hier nicht in zur Entfaltung dieses Leistungswillens bildet neben
gleichem Schritt und Tritt auch die sozialen Not- Heilbehandlung und sozialer Fürsorge, d. h. Be-
probleme der Kriegsopfer gelöst würden. rufsfürsorge im weitesten Sinne, die Grundrente.
Ich verzeichne gern die Ausführungen des Herrn Wir alle haben uns auch heute wieder zu der Be-
Bundesministers Strauß und des Herrn Bundesmi- deutung der Grundrente und ihrer Unantastbar-
nisters Wuermeling als Vertreter der Bundesregie- keit bekannt, die, wie gesagt, die Voraussetzung
rung auf einer großen Kriegsopfertagung in Bad schafft zur Entfaltung des Leistungswillens, der
Godesberg am Dienstag vergangener Woche.. Die nun einmal zur Persönlichkeit gehört und das
Kriegsopfer haben es sehr gern gehört, daß der Selbstbewußtsein der eigenen Leistung vermittelt
Herr Bundesminister Wuermeling erklärte, der und der die Kriegsopfer darin Befriedigung finden
Staat müsse und werde dafür sorgen, daß eine läßt, wieder als Persönlichkeit in der Harmonie der
Kriegerwitwe nicht mehr arbeiten gehen müsse, Kräfte für die Allgemeinheit wirken zu dürfen.
um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder Eine wesentliche Voraussetzung dazu, sagte ich,
sicherzustellen, bildet die Grundrente. Wir haben diesen Stand-
(Abg. Arnholz: Die Botschaft hör' ich punkt immer vertreten. Die Grundrente ist ein
wohl . . . !) Äquivalent für anatomischen Schaden. Was soll
damit gesagt sein?
denn die Mutter gehöre den Kindern. Unser Ent-
wurf bietet hierfür die Möglichkeit. Herr Kollege Mende hat einmal den Vorschlag
gemacht, dem Hohen Hause einen Film vorzu-
Nun, es kann für die Kriegsopfer nicht mehr führen, der dem Leben entnommen ist und der do-
alles wieder gut werden. Aber es kann vieles bes- kumentarischen Charakter hat, den Film nämlich:
ser werden. Das ist der Auftrag an unser Gewis- „Die unbekannte Tapferkeit". Ich muß diesen Vor-
sen und an unsere politische Verantwortung. schlag aufgreifen
Schaffen wir eine neue, gesunde soziale Ordnung,
die unter dem Gesetz der sozialen Gerechtigkeit (Abg. Lücke: Sehr richtig!)
steht und in der die Kriegsopfer ganz umfaßt sind, und sagen: Jawohl, wir sollen uns diesen Film an-
wenn wir ein glückliches Volk werden wollen! sehen, weil wir unter dem Druck unserer Arbeit
(Beifall beim GB/BHE und bei der FDP.) nicht die Möglichkeit haben, die Kameraden an
ihrem Arbeitsplatz zu besuchen. Wir sehen, was
Vizepräsident Dr. Schneider: Das Wort hat es auf sich hat mit den Mehraufwendungen, die der
Frau Abgeordnete Dr. Probst. Ich nehme an, daß Kriegsbeschädigte im Arbeitsprozeß, bei seiner
Sie Ihren Antrag selbst begründen wollen? — Ich Leistung aufzubringen hat. Schon der Arbeitsweg,
erteile Ihnen das Wort. der für den Gesunden eine Erholung bedeutet,
stellt für den Kriegsbeschädigten eine Anstrengung
Frau Dr. Probst (CDU/CSU), Antragstellerin: ersten Ranges, ja oft eine Gefährdung im Verkehr
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Herren und dar. Für ihn ist im Beruf, schon im Arbeitsrhyth-
Damen! Ich habe die Ehre, für die überwiegende mus, durch seine Verwundung eine ganz andere
Mehrheit der CDU/CSU-Fraktion den vorliegenden Konzentration notwendig. Dazu kommt die Behin-
Antrag auf Erhöhung und Verbesserung der derung des Blutkreislaufs infolge der Amputation.
Grund- und Ausgleichsrenten nach dem Bundes- Darüber hinaus wollen wir aber doch eines nicht
versorgungsgesetz für die deutschen Kriegsopfer, vergessen: die Amputation ist nicht nur ein äußerer
Kriegshinterbliebenen und Kriegereltern zu be- Schaden, die Auswirkung geht tief hinein in die
gründen. seelischen Bezirke. Mit der Schaffung des Bundes-
(Abg. Arnholz: Und die übrigen Mitglieder versorgungsgesetzes wollten wir, daß die seelischen
der CDU stimmen nicht zu?) Auswirkungen des Schmerzes Berücksichtigung
Ich gehe dabei aus von dem Bekenntnis des ganzen finden bei der Festsetzung des Erwerbsminderungs-
Hauses zur Grundstruktur des Bundesversorgungs- grades. Auch bei der Bemessung der Grundrente
gesetzes, d. h. zur Teilung der Rente in Grund- und müssen diese Bezirke der menschlichen Persönlich-
Ausgleichsrente. Mit unserem Antrag bekennen wir keit beachtet werden. Es ist so, daß im demokra-
uns gerade zu dieser Grundstruktur, indem wir tischen Staat die Persönlichkeit im Mittelpunkt
steht in ihrer leibseelischen Ganzheit. Ich möchte
auch die Ausgleichsrenten angemessen, d. h. im
Verhältnis zur Erhöhung der Grundrente, erhöhen. dies ansprechen, wenn ich sage, die Grundrente
hat auch diese seelische Komponente. Sie hat eine
Die deutschen Kriegsopfer haben in den schwe- Bedeutung ersten Ranges, und ich bekenne mich
ren Jahren, die wir hinter uns haben, in vorbild- zu dieser Bedeutung der Grundrente, indem ich
licher Haltung ihren Willen bewiesen, für ihr Volk heute für den größten Teil meiner Fraktion er-
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2429
(Frau Dr. Probst)
kläre, daß wir uns für die Fortentwicklung der Das Problem der Einkommensfreigrenzen bedarf
Grundrente unter Beibehaltung ihrer Unantastbar- im Ausschuß einer gründlichen Überlegung.
keit einsetzen. Wir haben die Grundrente der Be-
schädigten, der Hinterbliebenen, zugleich aber auch Ich bekenne mich zur Haushaltsverantwortung
die Elternrenten um etwa 30 % in unserem Vor- des Abgeordneten. Ich sehe gerade in der Möglich-
schlage angehoben. Wir haben gleichzeitig die Aus- keit des Initiativrechtes eine besondere Verpflich-
gleichsrente so angepaßt, daß das Gesamtniveau tung zu dieser Verantwortlichkeit des Abgeordneten.
des Bundesversorgungsgesetzes um 30 % gehoben Nur dann können Leistungen auch in die Zukunft
ist. hinein gesichert sein. Es geht uns darum, daß die
Leistungen so sind, daß sie wirkliche soziale Sicher-
Wir bekennen uns zur Ausgleichsrente im rech- heit gewähren in dem Bewußtsein, daß die Wäh-
ten Verhältnis zur Grundrente, weil wir individuell rung gesund und der Haushalt geordnet ist.
anpassen wollen. Ich muß sagen, daß wir eine
lebensnahe Anpassung des Rechtes brauchen bei (Abg. Frau Wolff [Berlin] : Herr Präsi
dem millionenfach verschiedenen Schicksal, Anpas- dent, eine Zwischenfrage!)
sung auch an den -Familienstand, an die Kinder-
zahl. Gerade für den Beschädigten ist die Familie Vizepräsident Dr. Jaeger: Einen Augenblick. Ich
von entscheidender Bedeutung. Deswegen sagen darf unterbrechen zu einer Frage der Abgeordneten
wir, die Ausgleichsrente darf nicht in der Entwick- Frau Wolff.
lung zurückgelassen werden. Es geht nicht an, daß
wir den Weg zur Einheitsrente gehen, indem wir Frau Wolff (Berlin) (SPD): Darf ich die verehrte
nur die Grundrente fortentwickeln. Diese Entwick- Frau Kollegin P r o b s t einmal fragen, warum sie
lung hat das Hohe Haus schon einmal, ja sogar des seinerzeit bei der Haushaltsdebatte unsere Anträge
öfteren ganz klar abgelehnt; weil wir indi auf Erhöhung als Agitationsanträge aufgefaßt und
viduell anpassen müssen, soll eine echte Ver- das auch hier offen bekannt hat? Spät kommt ihr,
sorgung gewährleistet sein. Zur Ausgleichsrente aber ihr kommt, verehrte Herrschaften! Aber ein
gehören die Sozialzuschläge, gehören all jene Lei- bißchen aufrichtiger!
stungen der §§ 25 bis 27, gehören die besonderen
Berücksichtigungen des Aufwandes für die Kinder (Beifall bei der SPD.)
im Schulweg, Lehr- und Lernmittel. Alle diese
Dinge sind mit der Ausgleichsrente verbunden. Frau Dr. Probst (CDU/CSU) : Die Frau Kollegin
Wir halten sie deshalb für genau so bedeutungs- zeigt sich schlecht informiert.
voll im Gefüge des Gesetzesganzen wie die (Zurufe von der SPD: Nein, sehr gut!)
Grundrente. Deshalb schlägt unser Antrag — über
die Anträge der SPD und des BHE hinausgehend Sie spielt wahrscheinlich auf die Debatten in die-
— eine 10%ige Erhöhung der Ausgleichsrente - vor, sem Hause an, die in den letzten Stunden des al-
wobei wir die Renten der Witwen in einem Ver- ten Bundestages stattgefunden haben.
hältnis fortentwickeln, das auch dem alten Reichs- (Zurufe von der SPD: Nein, bei den Haus
versorgungsgesetz entspricht, nämlich in einem haltsberatungen! — Weitere Zurufe.)
Verhältnis von 60 % zur Rente des erwerbsun-
fähigen schwerstbeschädigten Kameraden. Der Ge- — In der Haushaltsdebatte habe ich Stellung ge-
danke geht nicht an, daß dem Rechtsanspruch der nommen, jawohl! Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie
Witwe mit 50 °/o des Lebensniveaus des Erwerbs- mir die Möglichkeit geben, diese Dinge zu klären.
unfähigen entsprochen sei. Die Aufwendungen der (Anhaltende Zurufe von der SPD. —
Mutter, die für den vollen seelischen und materiel- Gegenrufe von der Mitte.)
len Unterhalt der Familie allein zu sorgen hat,
können nicht durch eine Halbierung der Rente des — Nein, ich darf vielleicht zuerst diese Antwort
Schwerstbeschädigten erfaßt werden. Wir beken- geben.
nen uns daher zu einer Entwicklung der Witwen- (Zuruf von der SPD: Jetzt muß gepfiffen
rente hin zu 60 % der Rente des Erwerbsunfähigen. werden! — Weitere Zurufe und Gegen
(Vizepräsident Dr. Jaeger übernimmt rufe.)
den Vorsitz.) — Jawohl, ich bitte, mich sprechen zu lassen. Ich
Ich bin nicht der Auffassung, daß wir an das Be- bin dankbar, daß diese Möglichkeit besteht; denn
amtenrecht angleichen können. Die Aufgaben der es sind draußen Verdrehungen gemacht worden;
Versorgung sind anderer Natur. Wir würden Ein- ich nehme an, aus Unkenntnis, ich will nicht an-
engungen vornehmen, wenn wir nur auf das Be- nehmen: aus bewußter Unterstellung. Ich habe
amtenrecht abstellen wollten. Ich bin auch über- eines gesagt, und das habe ich heute hier wieder-
zeugt, Herr Kollege Petersen, daß mit 116 DM die holt: daß wir uns zum Verhältnis zwischen Grund-
Angleichung in keiner Weise vollzogen ist. Unsere und Ausgleichsrente bekennen, daß wir nicht den
Gesamtleistung liegt bei 125 DM für die Witwe Weg der Einheitsrente gehen, indem wir einseitig
und bei 50 DM insgesamt an Grund- und Aus- vorgehen. Die Anträge, um die es damals ging,
gleichsrente für die Waisenkinder. wollten eine einseitige Erhöhung der Grundrente.
Wir wollen gerade den Familiengedanken — ich Ich habe dasselbe im Augenblick dem Herrn Kol-
darf das besonders betonen — im Versorgungs- legen Petersen gesagt: Wenn wir die Ausgleichs-
gesetz für die deutschen Kriegsopfer verwirklicht rente im Stiche lassen, wenn wir die Grundrente
sehen. im Verhältnis zur Ausgleichsrente einseitig —bitte,
einseitig, habe ich gesagt — überhöhen,
Ebenso bekennen wir uns zur Verbesserung der
Elternrente, wobei insbesondere der Verlust der (fortgesetzte Zurufe von der SPD)
einzigen Söhne und aller Kinder berücksichtigt verletzten wir den Charakter der Grundrente.
werden muß.
(Abg. Haasler: Was sagt denn Herr (Weitere Zurufe von der SPD. — Große
Schäffer dazu?) Unruhe.)
2430 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Frau Dr. Probst)
Wir haben dies immer gesagt, und diejenigen, die dieser Form von Zwischenbemerkungen hier dis-
vom Kriegsopferrecht etwas verstehen, geben mir kutiert wird. Eigentlich sind die Mikrophone ange-
recht. bracht, um Fragen zu stellen.
(Zurufe von der Mitte. — Abg. Lücke mel (Lebhafter Widerspruch. — Zurufe: Auch
det sich zum Wort für eine Zwischenbe für Einwendungen!)
merkung.)
— Ja, ich komme sofort darauf — — Ich bitte, es bei diesen Fragen zu belassen.
Das Wort hat Frau Abgeordnete Dr. Probst.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich glaube, es ist
zweckmäßig, daß die Frau Abgeordnete Probst zu- Frau Dr. Probst (CDU/CSU): Meine Damen und
erst die Antwort auf die Frage der Frau Abgeord- Herren, ich glaube, es erübrigt sich völlig, hier auf
neten Wolff gibt und nachher die nächste Frage diese Unterstellung einzugehen. Wer etwas von der
gestellt wird. Materie versteht, gibt mir recht darin, daß wir
(Zurufe von der SPD: Die Antwort ist bis nicht von der Grundstruktur abweichen können,
jetzt nicht gegeben! — Weitere Zurufe.) ohne dabei die Grundrente in ihrem besonderen
Charakter zu gefährden. Das ist das, was ich ge-
Frau Dr. Probst (CDU/CSU): Die Antwort ist sagt habe und was ich auch heute im Interesse der
gegeben. Ich habe folgendes gesagt: Wer etwas vom Kriegsopfer wiederholt habe.
Kriegsopferrecht versteht, gibt mir recht. Wenn wir Ich darf zum Schluß kommen. Ich bin der Mei-
einseitig die Grundrente erhöhen, ohne die Aus- nung, der Vorrang der Kriegsopferversorgung ist
gleichsrente in dem gleichen Verhältnis weiterzu- derartig, daß wir gemeinsam die Wege finden müs-
entwickeln, dann, meine lieben Freunde, nimmt sen, die Haushaltsmittel so zu ordnen, daß der Not-
uns hier im Hause niemand mehr die Begründung wendigkeit der Fortentwicklung des Bundesversor-
dafür ab, daß die Grundrente unantastbar ist. gungsgesetzes im dargelegten Sinne entsprochen
(Lebhafte Zurufe von der SPD.) werden kann.
(Beifall in der Mitte.)
Die Begründung ist nämlich die: hier geht es nicht
um den Unterhalt wirtschaftlicher Art. Die Grund- Vizepräsident Dr. Jaeger: Damit ist die Begrün-
rente hat einen anderen Charakter. Die Erhaltung dung des letzten der vorliegenden Anträge gegeben.
des Charakters der Grundrente ist unser Anliegen.
.
Wir treten in die Aussprache ein. Das Wort hat der
(Anhaltende Zurufe von der SPD.) Herr Bundesminister für Arbeit.
Ich darf jetzt bitten, Herrn Kollegen Lücke in Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Prä-
seiner Zwischenfrage zum Wort kommen zu - lassen. sident! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
(Zurufe von dir SPD: Nein, die Antwort Bei den Begründungen der Anträge sind hier
ist noch nicht gegeben.) manche Angriffe gegen die Bundesregierung ge-
— Die Antwort ist einwandfrei gegeben worden. fallen. Ich nehme sie nicht so ernst. In der Hitze
des Gefechts in einem Parlament ist das nun ein-
(Anhaltende Zurufe.) mal so. Ich möchte aber, da das, was hier bespro-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat jetzt chen wird, ja auch draußen in die Öffentlichkeit
der Abgeordnete Lücke. gebracht wird, einiges zu den Dingen sagen.
Lücke (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Da- Das Bundesversorgungsgesetz haben wir im
men und Herren! Ich erlaube mir, die verehrte Jahre 1950 verabschiedet. In der Zwischenzeit haben
Frau Kollegin Wolff zu bitten, sich zu bemühen, wir zwei Novellen, die erste von untergeordneter
daß diese Debatte auf einem Niveau geführt wird, Bedeutung, die zweite aber von sehr weitgehender
das der Situation der Kriegsbeschädigten gerecht Auswirkung, hier im Parlament verabschiedet.
wird. Diese zweite Novelle ist am 2. Juli 1953 über die
Bühne gegangen und hat einen Kostenaufwand von
(Zurufe von der SPD: Ja, aber ohne Agita insgesamt 300 bis 350 Millionen bedingt. Damals
tion! — Weiterer Zuruf von der SPD: Zum sind die Ausgleichsrenten um 20%, die Elternren-
Niveau gehört Wahrheit! — Abg. Schröter ten um 20 % und die Pflegezulagen ungefähr in der
[Wilmersdorf]: Hier wird dieser Tanz auf gleichen Höhe verbessert worden.
geführt und draußen anders geredet! —
Abg. Frau Wolff [Berlin] meldet sich zum Nun hat man hier gesagt, das Ministerium sei
Wort für eine Zwischenbemerkung. — nicht aktiv genug geworden, nachdem im Juli die-
Große Unruhe.) ses Jahres hier im Hause der Beschluß gefaßt wor-
den ist. Ich darf Ihnen dazu sagen: In derselben
Vizepräsident Dr. Jaeger: Jetzt spricht Frau Zeit hat nicht allein die Frage der Finanzierung
Abgeordnete Wolff. einer Novelle zum Kriegsopferversorgungsgesetz
im Mittelpunkt der Verhandlungen gestanden,
Frau Wolff (Berlin) (SPD): Wenn es dem Herrn sondern außerdem waren auch die Fragen der
Abgeordneten Lücke gestattet gewesen ist, eine Steuerreform, die Frage der Aufbringung der Mit-
Zwischenbemerkung zu machen, um mich zu kor- tel für das Altrentengesetz und neben anderen Auf-
rigieren, möchte ich ihm sagen: dem Niveau des gaben schließlich die Frage einer erweiterten Ver-
Hohen Hauses entspricht immer die Wahrheit, und sorgung der Kriegsopfer zu lösen. Alle diese Dinge
die haben Sie und Ihre Freunde sehr oft vermissen müssen natürlich von einer Regierung finanzpoli-
lassen. tisch als Einheit behandelt werden. Es dürfte
(Beifall bei der SPD. — Gegenrufe von der eigentlich jedem Parlamentarier bekannt sein, daß
Mitte. — Glocke des Präsidenten.) derart große finanzielle Dinge, selbst wenn Tag-
und Nachtschichten gemacht werden, bei der Bun-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und desregierung nicht von heute auf morgen erledigt
Herren, ich halte es nicht für zweckmäßig, daß in werden können.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2431
(Bundesminister Storch)
Gestatten Sie mir zum Schluß noch eine ganz wendungen zu machen, sondern daß es den Kriegs
kurze Erklärung, die ich Ihnen im Auftrage des opfern — ich spreche hier aus eigener Erfahrung —

Kabinetts zu geben habe. in allererster Linie darauf ankommt, einen Arbeits-


platz zu erhalten. In diesem Zusammenhang be-
Der Deutsche Bundestag hat in einem Beschluß dauern meine Freunde und ich, daß wir heute in
vom 14. Juli 1954 die Bundesregierung ersucht, die der Bundesrepublik noch 35 069 arbeitslose Schwer-
Grundrenten entsprechend der Grundstruktur des
Bundesversorgungsgesetzes zu erhöhen und die beschädigte haben. Es wird also vor allen anderen
Fragen die vornehmste Aufgabe sein, alles daran-
Elternversorgung zu verbessern. Die Bundesregie- zusetzen, um auch diesen Kriegsopfern einen ange-
rung hat die Vorarbeiten für eine Novelle zum messenen Arbeitsplatz zu sichern.
Bundesversorgungsgesetz aufgenommen. Für die
Bundesregierung ist die Vorlage der Novelle selbst- Kürzlich sind von verschiedenen großen Kriegs-
verständlich mit der finanziellen Sicherstellung opferorganisationen Veranstaltungen durchgeführt
verbunden. Es ist vielfach die Meinung vorhanden, worden, auf denen die verschiedensten Forderun-
daß die Mittel für eine Novelle zum Bundesver- gen erhoben worden sind. Im Zusammenhang mit
sorgungsgesetz im Kriegsopferhaushalt 1954/55 diesen Veranstaltungen ist u. a. erklärt worden,
vorhanden seien. Das ist leider nicht der Fall. In daß sich durch den Fortfall der EVG im Bundes-
Wirklichkeit werden die Ausgaben für die Kriegs- haushalt gewisse Mittel aufgestaut hätten, die für
opferversorgung im laufenden Etatsjahr um 80 Mil- Verteidigungslasten vorgesehen gewesen seien, die
lionen DM höher sein, als im Etatansatz vorge- man also jetzt für sozialpolitische Maßnahmen ver-
sehen ist. Trotzdem ist die Bundesregierung bereit, wenden könne. Meine Freunde und ich müssen sich
dem Bundestag weitere Verbesserungen für die gegen eine solche Forderung verwahren. Das
Kriegsopfer, insbesondere für die sozial schwachen Schlagwort, daß es in erster Linie darauf ankomme,
Kreise unter ihnen, vorzulegen. Die abschließenden eine sozialpolitische Befriedung zu erreichen, und
Beratungen im Kabinett werden mit den Beratun- daß man dann schon irgendwie weiter sehen werde,
gen des Etats 1955/56, die in den nächsten Wochen wie es mit den anderen Dingen würde, kann nicht
stattfinden, verbunden sein, so daß dem Bundestag verfangen. Denn wo soll die sozialpolitische Befrie-
anschließend die Vorlage der Bundesregierung zu- dung, wenn wir sie wirklich erreichen, bleiben,
gehen kann. wenn wir sie nicht schützen!
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der (Abg. Kunze [Bethel]: Richtig!)
Abgeordnete Schneider (Bremerhaven). Aus diesem Grunde kann das also nicht in Frage
kommen, und ich muß schon unterstellen, daß ge-
Schneider (Bremerhaven) (DP): Herr Präsident! wisse parteipolitische Dinge eine Rolle spielen,
Meine Damen und Herren! Ich werde mich be- wenn man einfach die allzu billige Forderung er-
mühen, mich kurz zu fassen. Insbesondere werde
- ich hebt, uns hier unserer Verteidigungsmittel zu ent-
Sie hier nicht mit den Details, die meine Damen blößen. Ich bitte, das richtig zu verstehen; aber
und Herren Vorredner schon vorgetragen haben, jeder vernünftig denkende Mensch muß das an
belästigen. Ich kann erklären, daß wir uns zu all sich anerkennen.
den Fragen bekennen, die die Kriegsopfer in ihrer
Gesamtheit bewegen. Ich halte es für verfehlt — Andererseits sind wir uns natürlich darüber im
wenn ich diese grundsätzlichen Ausführungen hier klaren, daß den Kriegsopfern mit irgendeiner Pro-
kurz machen darf —, sich immer wieder darauf paganda nicht gedient ist, sondern daß sie mit
zu berufen, daß wir in Westdeutschland das fort- Recht Taten sehen wollen. Sie haben ein berechtig-
schrittlichste Kriegsopfergesetz hätten, und zu tes Anliegen an diesen Staat. Denn in einem
glauben, daß sich mit diesem, ich möchte sagen: Augenblick, in dem wir uns auf deutsches und auch
Selbstlob eine weitere Aktivität in dieser Frage alliiertes Verlangen anschicken, wieder Soldaten
erübrige. Aus den Ausführungen meiner Damen aufzustellen, werden nicht nur die jetzt Einzuberu-
und Herren Vorredner ist — zum Teil jedenfalls — fenden, sondern erst recht diejenigen, die als Sol-
bereits herausgeklungen, daß man gewillt ist, sich daten einmal ihre Gesundheit hingegeben haben,
den Fragen der Kriegsopferversorgung weiterhin fragen: Wird nun wenigstens für die Zukunft eine
mit Nachdruck zuzuwenden. Die Tatsache, daß trotz solche Versorgung sichergestellt, daß man auch,
anderslautender Erklärungen der Regierung bis ich möchte nicht sagen: freudigen Herzens, um nicht
heute manches unterblieben ist, ist bedauerlich. Sie mißverstanden zu werden, aber mit einem Gefühl
beruht darauf, daß wir in der verflossenen Zeit der Sicherheit seine Pflicht tun kann? Deswegen
dieser Legislaturperiode den Fragen der Innen- haben wir alle, die wir hier sitzen, von der Linken
politik und insbesondere der Sozialpolitik nicht die bis zur Rechten des Hauses, die Verpflichtung, für
Aufmerksamkeit zugewandt haben, diese Sicherheit zu sorgen.
(Sehr richtig! beim GB/BHE) Wenn neulich auf der Tagung des VdK in Godes-
berg sogar die Forderung erhoben wurde, daß die
die wir doch auf Grund unserer Verantwortung Kriegsopferversorgung in der Wehrverfassung eine
gegenüber der gesamten Bevölkerung, gleichgültig, gewisse Rolle spielen solle, so möchte ich diesen
wo sie parteipolitisch oder in sonstiger Hinsicht Gedanken nicht unbedingt von der Hand weisen.
steht, allesamt tragen. Ich wünschte mit meinen Im übrigen bedauere ich — das möchte ich auch
Freunden, daß gerade dieser spezielle Fall der An- von diesem Platz einmal sagen —, daß die Kriegs-
stoß dafür ist, nachdem wir ja bereits gestern eine opfer in so zahlreiche Verbände aufgesplittert sind.
muntere Sitzung in Sachen Kindergeld hatten, daß Sie würden sicherlich ihre Forderungen nachdrück-
eine sozialpolitische Initiative auch auf innenpoli- licher durchsetzen können,, wenn sie sich etwas
tischem Gebiet Platz greift. Bei der Erörterung mehr konzentrierten.
der Frage der Erhöhung von Grund-, Ausgleichs-
und sonstigen Renten könnte nur allzuleicht die Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir
Tatsache in den Hintergrund treten, daß es sich bitte noch ein kurzes Wort zu einer anderen schwer-
bei der Kriegsopferversorgung nicht ausschließlich wiegenden Frage. Wir haben uns hier anläßlich der
darum handelt, den Kriegsopfern materielle Zu Haushaltsberatungen auch mit der Frage der Ein-
2432 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Schneider [Bremerhaven])
stellung von Aushilfskräften für die Bearbeitung Das hätte für die weitere Behandlung dieser
der Rentenanträge beschäftigt. Wir müssen mit Be- Dinge einen entscheidenden Faktor dargestellt.
dauern feststellen, wie mir meine Kollegen aus
dem Kriegsopferausschuß bestätigen werden, daß Dann darf ich Ihnen als selbst Schwerbeschädig-
zur Zeit in Westdeutschland insgesamt noch rund ter einmal sagen: Ich habe jetzt, nachdem ich die
Anträge studiert habe, den Eindruck, daß hier
480- bis 500 000 unerledigte Rentenanträge vor-
liegen. so etwas vorhanden ist, was man manchmal unter
das Motto stellt: Wer bietet mehr?
(Abg. Samwer: Hört! Hört!)
(Abg. Pelster: Sehr richtig!)
Meine Damen und Herren, das sollte doch Anlaß
für den Herrn Bundesarbeitsminister sein, im Be- Ich glaube, so sollte man die Dinge in der Kriegs-
nehmen mit dem Herrn Bundesfinanzminister trotz opferversorgung nicht behandeln.
der damals beschlossenen und auch inzwischen Ich darf Ihnen hier als Sprecher der Opposition
durchgeführten Maßnahmen einmal sagen: wir sind ja nun mit die Bescheiden-
(Abg. Arndgen: Länderregierungen!) sten geblieben.
noch einmal zu überlegen, wie man diese Dinge (Lachen in der Mitte.)
schneller bereinigen kann. Wir konnten uns das gestatten, weil wir diese
(Abg. Pelster: Nicht der Bund! Das müs Dinge ja schon seit ungefähr zwei Jahren behan-
sen Sie Ihrer Landesregierung sagen! — deln.
Abg. Arndgen: Das ist das Übel bei der
Versorgung!) Verehrte Frau Dr. Probst, es ging hier auch im
Bundestag bei der Haushaltsdebatte nicht um die
— Das ist ja nicht nur Sache der Landesregierung! Frage „Erhöhung der Grund- und Ausgleichsrente",
Abgesehen davon werde ich Ihren Hinweis gern sondern um die Frage: Erhalten wir die veran-
aufnehmen; denn ich sitze ja auch noch im bremi- schlagten Mittel im ordentlichen Haushalt, damit
schen Parlament, und wir werden zumindest in wir nicht eventuell wieder diese häßlichen Haus-
unserem Land entsprechende Schritte unterneh- haltsdebatten erleben, und behalten wir die Mittel,
men. Wir sollten aber doch diese Forderung auch um, wenn es notwendig ist, sofort und schnell han-
an diesem Platz erheben, denn es ist nicht angän- deln zu können? Und daß Sie schnell handeln wol-
gig, daß die Erledigung so verschleppt wird. len, haben Sie ja hier alle bestätigt.
(Abg. Dr. Stammberger: Darum eine Bun
desversorgungsverwaltung ! ) (Abg. Haasler: Versprochen!)
Im übrigen kommt es nach meiner und meiner Ich habe nun, nachdem ich den Antrag der Kol-
politischen Freunde Ansicht weniger darauf an, legin Frau Dr. Probst und Genossen gelesen habe,
hier immer kollektive Maßnahmen zu treffen,- als nur den Wunsch, daß ich die Namen, die da zu
auf eine mehr individuelle Betreuung der Kriegs- lesen sind, in der zweiten und dritten Lesung
opfer schlechthin. wiederfinden werde, wenn es eventuell auch zu
einer namentlichen Abstimmung kommt.
Meine Freunde und ich erwarten also — um das
abschließend zu sagen —, daß die vorliegenden Ge- (Lebhafter Beifall bei der SPD. — Abg.
setzentwürfe dem Ausschuß für Kriegsopferfragen Hansen [Köln] : Wen die Landtagswahlen
überwiesen werden. Wir sind uns im Kriegsopfer- vorbei sind! — Abg. Even: Aber nicht, daß
ausschuß darüber einig, daß wir sie so schnell wie von euch ein Teil fehlt!)
möglich behandeln werden. Andererseits erwarten Meine verehrten Damen und Herren! Ich darf
wir von der Bundesregierung, daß wir jede nur er- hier folgendes feststellen. Ich habe des öfteren Ge-
denkliche Unterstützung bekommen werden. legenheit, an Veranstaltungen der Kriegsopfer teil-
Abschließend möchte ich sagen, daß auch hier zunehmen.
gilt: Wer schnell hilft, hilft doppelt. Und hier gilt (Abg. Bausch: Wir auch, nicht nur Sie!)
auch: Es ist billig, vom Dank des Vaterlandes zu
reden; man muß ihn sich ,auch etwas kosten lassen. Da wird dann so oft von dem Dank des Vaterlan-
(Beifall bei der DP.) des gesprochen, von dem Opfer, und es wird so
viel gesprochen von dem, was noch notwendig ist.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ich habe in einer Zeitschrift auch gelesen, daß
Abgeordnete Rasch. der Herr bayerische Ministerpräsident gesagt hat:
„Diesen Dank des Vaterlandes kann man nicht in
Rasch (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Geld abstatten." Das bedeutet aber für die deut-
Herren! Ich hatte mich damit abgefunden, daß wir schen Kriegsopfer nun nicht, daß man überhaupt
es hätten ermöglichen können, auf eine Aussprache kein Geld zahlen soll. Ich glaube, bei manchen
zu verzichten. Herren in der Bundesrepublik herrscht der Ein-
(Abg. Pelster: Es wäre besser gewesen!) druck vor, daß man hier andere Wege und andere
Aber verschiedene Dinge habe ich nun doch an- Möglichkeiten suchen soll.
zusprechen; ich muß auf einiges antworten, was (Abg. Hansen [Köln]: Auch bei einigen
hier von verschiedenen Rednern vorgetragen wor- Damen!)
den ist. In diesem Zusammenhang habe ich auch
einige Fragen zu stellen. Meine verehrten Damen und Herren! Ich glaube,
es ist notwendig, auch — weil die Frage schon
Ich frage zuerst die Frau Kollegin Dr. Probst , angesprochen wurde — auf die Frage der Onkel-
warum denn, wenn schon 138 Unterschriften auf ehen einzugehen. Ich persönlich bin der Auffas-
ihrem Antrag stehen, dieser Antrag nicht von der sung: Das ist nicht ausschließlich eine materielle
gesamten CDU-Fraktion eingebracht worden ist. Sache, sondern es ist eine menschlich-sittliche An-
(Abg. Arndgen: Das ist deren Angelegen gelegenheit. Wir Kriegsopfer haben es bedauert,
heit! — Abg. Pelster: Das können Sie uns daß man dieses Problem immer wieder im Zusam-
überlassen!) menhang mit den Kriegerwitwen auftischt und dis-
2 Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2433
(Rasch)
kutiert. Ich möchte Sie bitten: Lesen Sie doch ein- sein Arbeitseinkommen verliert und daß er keine
mal am Sonnabend die Zeitung! Was steht denn Freigrenze mehr hat. Die Anrechnungsbestimmun-
da oft zu lesen? „Ältere Beamtenwitwe ..." oder gen treten in Kraft, und der kranke Mann muß es
„Pensionär in guter Situation sucht ..." usw. sich dann gefallen lassen, daß er weniger Kriegs-
„zwecks gemeinsamer Haushaltsführung". Man opferrente erhält als zu dem Zeitpunkt, zu dem er
sollte sich doch davor hüten, diese Dinge einseitig im Erwerbsleben gestanden hat. Ich glaube, es muß
immer auf die abzustellen, die sich in dieser An- unsere gemeinsame Verpflichtung sein, diese Dinge
gelegenheit am allerwenigsten wehren können. im Interesse einer gerechten sozialen Ordnung zu
(Sehr richtig! bei der SPD, beim GB/BHE bereinigen.
und rechts.) Nun darf ich dem Herrn Bundesminister eines
Ich glaube, es ist auch notwendig, daß sich dieses sagen. In seinem Hohen Hause ist ein Beirat für
Haus einmal dazu entschließt, den deutschen Krie- Versorgungsrecht, und dieser setzt sich bestimmt
gerwitwen Anerkennung auszusprechen, die in der aus anerkannten Versorgungsfachleuten zusammen;
Vergangenheit mit höchstens 150 DM es fertigge- ich weiß nicht, wie es anders sein könnte. Dieser
bracht haben, ihre zwei und drei Kinder immer Beirat für Versorgungsrecht hat schon im Februar
noch anständig zu erziehen. dieses Jahres darauf hingewiesen, daß es unbedingt
notwendig ist, die Grundrenten in angemessenem
(Beifall bei der SPD, beim GB/BHE und Rahmen zu erhöhen. Wir sind auch hier in diesem
bei Abgeordneten der FDP.) Hause immer wieder damit zurückgedrängt wor-
Wir sollten uns besinnen, damit hier keine Situa- den, daß man uns gesagt hat, die Berechnungsun-
tion eintritt, die uns von diesen Dingen irgendwie terlagen seien nicht eindeutig und nicht klar. Der
abbringen könnte. verehrte Kollege Dr. Stammberger hat diese An-
gelegenheit ebenfalls angesprochen. Nun habe ich
Dann eine Bitte, meine Damen und Herren, und vorhin von dem Herrn Bundesarbeitsminister ge-
als Schwerbeschädigter darf ich mir diese Bitte er- hört, daß im Rahmen dieses Haushaltsjahrs wahr-
lauben. Ich bitte Sie, in Ihren Ausführungen nicht scheinlich 80 Millionen DM mehr aufgewendet wer-
immer wieder, wie es bei einigen immer wieder den müßten. Ich möchte den Herrn Bundesarbeits-
geschieht, „Interessenhaufen" zu sagen. minister fragen, auf Grund welcher Unterlagen er
(Abg. Arndgen: Wer ist das denn? Wer zu diesem Ergebnis gekommen ist, gerade auch
sagt das?) weil man in der Vergangenheit nicht wußte, wenn
wir im Beirat und im Kriegsopferausschuß fragten,
— Herr Kollege Arndgen, ich habe ja nicht gesagt: welche genauen Unterlagen man uns überhaupt
der und der hat das gesagt; ich spreche nur eine zur Einsicht geben könnte. Ich bitte doch höflichst
Bitte aus. darum, diese Unterlagen — ich weiß, es kann heute
-
(Abg. Arndgen: Dann sagen Sie es doch nicht sein — zumindest dem Ausschuß für Kriegs-
nicht! — Abg. Schröter [Wilmersdorf]: Das opferfragen zur Verfügung zu stellen.
finden wir in den Protokollen des Bundes- Und noch eine Angelegenheit, und hier möchte
tages! — Weitere Zurufe und Gegenrufe.) ich eingehen auf das, was der Herr Kollege Schnei-
Diese Formulierung „Interessenhaufen" ist bei uns der gesagt hat. Kollege Schneider, ich war nicht
in den Kriegsopferverbänden angekommen; das Mitglied des 1. Deutschen Bundestages. Ich weiß
kann ich Ihnen sagen! Gewiß sind starke Kriegs- aber, daß er das Schwerbeschädigtenschutzgesetz
opferverbände vorhanden. Aber ich frage Sie ein- in voller Einmütigkeit verabschiedet hat, und ich
mal: Wie wäre es denn um die Lebensinteressen bin nicht der Überzeugung, daß es notwendig war,
der beschädigten Männer und Frauen bestellt, wie jetzt schon diese verschiedenen Rechtsverordnun
wären sie denn mit der komplizierten Gesetzge- gen zu erlassen, gerade deshalb nicht, weil es in
bung in Deutschland zurechtgekommen, wenn es der Bundesrepublik immerhin noch 40 000 arbeits-
galt, ihre Interessen zu vertreten? Es ist nun ein- lose Schwerbeschädigte gibt.
mal eine bedauerliche Tatsache, daß wir diese Or- Abschließend möchte ich auf Ihre Bemerkungen
ganisationen notwendig haben. Ich möchte jedoch eingehen, die Kriegsopfer redeten draußen im Lan-
auch von dieser Stelle aus einmal sagen, daß es mit de, daß man ja das eingesparte Geld aus der Nicht-
die Kriegsopferverbände gewesen sind, die in der durchführung ides EVG-Vertrages für diesen Zweck
Vergangenheit dafür gesorgt haben, daß gerade verbrauchen könne. Mir ist von dieser Forderung
dieser Personenkreis im deutschen Volke, der in nichts bekannt. Ich habe das niemals gehört, und
erhblicNotag hundclebt,i ich glaube, die einsichtigen Kriegsopfer werden
infiziert worden ist von Kreisen und Kräften, die diese Forderung auch nicht stellen. Aber ich habe
wir in diesem Hause alle nicht wünschen. andere Unterlagen.
(Abg. Haasler: Sehr gut!) (Abg. Schneider [Bremerhaven] : Eine
Ich glaube, daß ich da richtig verstanden worden Zwischenfrage!)
bin. Mit Genehmigung ides Herrn Präsidenten darf ich
(Beifall bei der SPD.) hier kurz zitieren — —
Was mich nun noch persönlich sehr interessiert,
ist die von uns beantragte Änderung des § 33 des Vizepräsident Dr. Jaeger: Einen Augenblick!
Bundesversorgungsgesetzes. Dabei geht es um die Das Wort zu einer Frage hat der Abgeordnete
immer 'wiederkehrende Anrechnung von Leistun- Schneider.
gen. In Tausenden und aber Tausenden von Fällen
kann der noch beschäftigte Schwerbeschädigte Schneider (Bremerhaven) (DP): Herr Kollege,
eine Ausgleichsrente, wenn auch nur eine Teil- darf ich Sie fragen: Sie sind doch Mitglied des
rente, erhalten. Wenn er dann aber auf Grund Hauptvorstandes des Reichsbundes der Kriegs-
seines schweren Leidens gezwungen wird, früher und Zivilbeschädigten? Als solches Mitglied müßten
invalide zu sein, ergibt sich die Tatsache, daß er Sie ja eigentlich die Mitteilungen des Reichsbundes
2434 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Schneider [Bremerhaven])
lesen. Da steht gerade in der letzten Ausgabe dieser funden. Ich glaube, daß man das Problem nicht nur
Mitteilungen ein entsprechender Hinweis. von der wirtschaftlichen Seite sehen darf, sondern
meine, daß damit auch eine zutiefst menschliche
Rasch (SPD): Herr Kollege Schneider, Sie haben Frage berührt ist. Mir scheint, dieses Problem
dann nicht richtig gelesen. konnte überhaupt nur entstehen, weil die Löhne,
(Lachen in der Mitte und rechts.) die durchschnittlich verdient werden, einfach nicht
ausreichen, die Familien durch den Lohn eines ein-
Hätten Sie meine Erklärung abgewartet, dann zelnen zu sichern. Hier ist der Kernpunkt dieser
hätten Sie hören können, daß z. B. in der „Rheini- ganzen Frage; wir können sie nicht auf dem Sektor
schen Post" vom 11. 9. 1954 zu lesen ist, auf Grund der Kriegsopferversorgung.allein lösen.
neuer Unterlagen über die tatsächlichen Steuer-
eingänge usw. usw. und auf Grund der Tatsache, Wir sollten die in der Drucksache 716 (neu) an-
daß der Herr Bundesfinanzminister diese Beträge geschnittenen Fragen im Kriegsopferausschuß sehr
für den EVG-Vertrag nicht zu leisten brauche, eingehend beraten. Wir müssen alles tun - und
könne man diese Dinge doch für andere Zwecke, wir von unserer Fraktion werden alles tun —, um
für Zwecke der Herren verwenden, die diesen Ar- den Kriegshinterbliebenen die wirtschaftliche
tikel in die Zeitung hineinlanciert haben. Sicherheit, aber auch die menschliche Sicherheit
Ich glaube, meine verehrten Damen und Herren, zu geben, die sie mit ihren Familien, mit ihren
wir sollten uns darauf besinnen, daß es notwendig Kindern brauchen.
ist, auch mit den deutschen Kriegsopfern gute Ich bitte, den Antrag dem Kriegsopferausschuß
Freundschaft zu halten. Ich habe die höfliche Bitte zu überweisen. Wir werden an der Lösung dieser
an Sie alle: Sorgen Sie alle mit dafür, daß wir Frage intensiv mitarbeiten.
auch den deutschen Kriegsopfern noch vor Weih-
nachten eine Freude ins Haus bringen können. (Beifall bei der SPD.)
(Beifall bei der SPD.)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Abgeordnete Arndgen.
Herr Bundesarbeitsminister.
Arndgen (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Prä- sehr verehrten Damen und Herren! Genau wie der
sident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Kollege Rasch hatte ich nicht die Absicht, in
Ich will die vom Herrn Abgeordneten Rasch an dieser Debatte das Wort zu ergreifen. Aber nach-
mich gestellte Frage sofort beantworten. Er will dem auf der einen Seite die Regierung angegrif-
wissen, wie wir zu dem Ergebnis gelangt sind,
- daß fen worden ist und nachdem man es andererseits
die Mehrausgaben 80 Millionen DM betragen. Das ablehnt, das Bundesversorgungsgesetz als eines der
ist sehr einfach. Die Durchführung des Bundes- besten Gesetze für Kriegsopfer in der Welt anzu-
versorgungsgesetzes liegt bei den Ländern. Wir erkennen, halte ich es doch für notwendig, zu unter-
bekommen von den Versorgungsbehörden der streichen, daß neben dem Kriegsopferversorgungs-
Länder monatlich die Finanzanforderungen. Diese gesetz in den USA das deutsche Kriegsopferver-
aber liegen monatlich um 6 bis 7 Millionen DM sorgungsgesetz das beste Gesetz für diesen Bereich
über dem, was durch den Bundeshaushalt gedeckt der Kriegsfolgen ist.
ist. Ich habe mich also, wenn ich die Summe von
80 Millionen DM nannte, sehr vorsichtig ausge- (Zurufe von der SPD.)
drückt. Es werden tatsächlich monatlich Gelder in Wir dürfen auch nicht vergessen, daß durch das
der genannten Größenordnung über die Etatansätze Schwerbeschädigtengesetz sehr viel für unsere
hinaus ausgegeben. Kriegsopfer getan worden ist und daß durch dieses
Gesetz den Kriegsopfern der Arbeitsplatz gesichert
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Frau ist.
Abgeordnete Schanzenbach.
Herr Kollege Schneider hat es bedauert, daß
Frau Schanzenbach (SPD): Herr Präsident! noch rund 35 000 Schwerbeschädigte nicht in den
Meine Damen und Herren! Das von der FDP in Arbeitsprozeß eingegliedert sind. Um auch diese
der Drucksache 716 (neu) angesprochene Anliegen Zahl objektiv zu sehen, ist es notwendig, die
ist ein sehr altes Problem. Es hat schon nach dem 35 000 aufzugliedern nach solchen, die noch ver-
ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt. mittelt werden können, und solchen, bei denen es
Aber auch damals ist man zu keiner Lösung dieser eine Tierquälerei wäre, wenn man diese Menschen
Frage gekommen. Es handelt sich doch in erster in Arbeit schickte.
Linie um eine wirtschaftliche Frage. Die Kriegs- (Sehr richtig! in der Mitte. — Unruhe bei
hinterbliebenen haben durch , die Rente, die sie be- der SPD.)
kommen, keineswegs die wirtschaftliche Sicherheit,
die sie brauchen, um ihr Leben so führen zu kön- Ich glaube, wenn eine solche Aufgliederung — —
nen, wie sie es sich wünschen. Aus dieser wirt- (Anhaltende Unruhe bei der SPD. — Abg.
schaftlichen Unsicherheit entstehen doch die mei- Eschmann: Menschenquälerei!)
sten Onkelehen. Dieses Problem ist vorhin bereits
von meinem Kollegen Rasch angeschnitten wor- — Menschenquälerei.
den. Ich brauche zu dem Problem der Onkelehen (Abg. Eschmann: Haben Sie nicht den Ein
heute gar nichts zu sagen; das Thema ist schon so druck, daß Sie sich sehr schlecht ausge
oft behandelt worden. Ich möchte nur erwähnen, drückt haben?)
daß diese Frage schon im 1. Bundestag bei den De-
batten im Kriegsopferausschuß eine entscheidende — Ich bitte, den Lapsus zu entschuldigen; ich habe
Rolle gespielt hat. Wir haben zu diesen Ausschuß- „Menschenquälerei" sagen wollen.
sitzungen die großen Kriegsopferverbände als Be- (Rufe bei der SPD: Aha! — Weitere Zu
rater hinzugezogen, haben aber keine Lösung ge- rufe links.)
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(Arndgen)
Ich glaube, meine sehr verehrten Damen und Dannebom (SPD): Sie sind sich doch darüber
Herren, wenn man die Zahlen einmal so aufgeglie- klar, — —
dert sieht, dann weiß man objektiv, wer eingeglie- (Lebhafter Widerspruch in der Mitte.)
dert werden kann und wer nicht mehr; und dann
sieht nach meinem Dafürhalten die Zahl 35 000 — Das hat er gesagt!
etwas anders aus.
Arndgen (CDU/CSU): Nein. Herr Kollege Danne-
Nun bin ich mit Ihnen der Meinung, daß versucht bom, wenn Sie genau aufgepaßt hätten, dann hät-
werden muß — trotz der Tatsache, daß wir eine ten Sie gehört, daß ich gesagt habe „werden
der besten Regelungen haben —, die Kriegsopfer- 826 Millionen DM bewegt", nicht vorn Bund ge-
versorgung in eine gesunde Ordnung zu bringen. tragen, sondern von einem Träger zum Leistungs-
Aber wir in diesem Hause sind nicht nur für eine empfänger bewegt. Ich habe vom „Bewegen" von
Gruppe verantwortlich, sondern für das Zusam- Geld gesprochen und nicht davon, daß der Bund
menleben unseres Volkes. Wir haben gestern und die Belastung trägt.
heute Gesetze verabschiedet und weiterberaten, die
sich mit einer Summe von 3 Milliarden und rund Dannebom (SPD): Diese 800 Millionen DM bringt
500 Millionen DM beschäftigen. Wir haben gestern doch zum größten Teil der Kreis der Versicherten
das Gesetz über Familienausgleichskassen verab- selber auf. Sie können doch in Ihrer jetzigen Be-
schiedet. gründung nicht von diesen 800 Millionen sprechen!
(Zuruf von der SPD.) (Beifall bei der SPD.)
Dieses Gesetz bewegt 450 Millionen DM. Arndgen (CDU/CSU): Meine sehr verehrten Da-
(Zuruf der Abg. Frau Wolff [Berlin].) men und Herren, wer nun glaubt, ich hätte gesagt,
der Bund müsse all diese Mittel tragen, befindet
Wir haben gestern ein Gesetz über Mehrbeträge sich im Irrtum. Ich habe davon gesprochen, daß
in der Rentenversicherung verabschiedet. Dieses durch diese Beschlüsse diese Hunderte von Millio-
Gesetz bewegt eine Summe von 826 Millionen DM. nen DM von einem Träger zum Leistungsempfän-
Wir haben heute morgen ein Gesetz zur Änderung ger bewegt werden.
des Lastenausgleichsgesetzes verabschiedet. Dieses
Gesetz bewegt 200 Millionen DM. Das sind (Lebhafte Zurufe von der SPD.)
1476 Millionen DM, die beschlossen worden sind. Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
(Erneuter Zuruf von der SPD.) Herren, wenn schon von der Institution der Zwi-
schenbemerkung Gebrauch gemacht wird, was sehr
Und heute stehen Gesetze zur Debatte, von- denen gut ist, dann bitte ich, daß immer nur einer eine
ich, da Alternativanträge vorliegen, nur die An- solche Bemerkung am Mikrophon macht. Sonst
träge erwähne, die den höchsten Aufwand erfor- sind Sie hier oben nicht zu verstehen, weder von
dern. Das Gesetz zur Änderung des Bundesver- dem Redner noch von den übrigen Mitgliedern.
sorgungsgesetzes — Drucksache 859, der Antrag ist
vom BHE gestellt — würde, wenn wir es in dieser Jetzt hat das Wort zu einer solchen Bemerkung
Form verabschiedeten, 885 Millionen DM erfor- Herr Abgeordneter Dr. Schellenberg.
dern. Dr. Schellenberg (SPD): Herr Kollege Arndgen,
(Abg. Haasler: Sie wollen doch noch mehr um Mißverständnissen zu begegnen: es sind 800 Mil-
geben!) lionen DM angesetzt. Die Summe der tatsächlichen
Auszahlungen wird nur etwa 600 Millionen DM be-
— Nein, wir wollen nicht mehr geben. tragen, da — ich will das begründen — in dem
Voranschlag der Regierung erstens ein erkennbarer
(Abg. Schröter [Wilmersdorf] : Sie wollen Sicherheitszuschlag von 15 % gleich 100 Millionen
mehr geben! — Abg. Haasler: Frau Probst DM enthalten ist und zweitens ein bei Nachrech-
hat es doch gesagt! — Anhaltende leb nung sich ergebender weiterer Sicherheitszuschlag
hafte Zurufe von der SPD.)
von mindestens 100 Millionen DM steckt. Es sind
— Nein. — Meine sehr verehrten Damen und Her- also insgesamt 200 Millionen DM Sicherheitszu-
ren, ich habe mir, da ich dem Haushaltsausschuß schläge in den 800 Millionen DM enthalten.
dieses Hauses angehöre, genau ausrechnen lassen
— das mache ich jedesmal —, wie sich diese An- Arndgen (CDU/CSU): Ich weiß nicht, Herr Pro-
träge finanziell auswirken. Dabei habe ich festge- fessor Schellenberg, ob Sie Hellseher sind; denn
stellt, daß der Antrag des BHE zum Bundesver- die Abrechnung über die Ausführung des gestern
sorgungsgesetz einen Aufwand von 885 Millio- beschlossenen Gesetzes werden wir erst an den je-
nen DM erfordert, während der Antrag der Frau weiligen Jahresschlüssen sehen. Aber ich habe
Dr. Probst nur 644 Millionen DM und der Antrag Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren,
der SPD etwas über 400 Millionen DM Aufwand diese Zahlen einmal genannt, damit Sie darüber
erfordern würden. unterrichtet sind, wie hoch die Summen sind, die
wir nach den beschlossenen Gesetzen denjenigen,
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zu einer die im Schatten des Lebens stehen, zusätzlich zur
Zwischenbemerkung hat der Abgeordnete Danne- Verfügung stellen wollen.
bom.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Einen Augenblick,
Dannebom (SPD): Herr Arndgen, Sie haben vor- Herr Professor Schellenberg wünscht eine Bemer
-kung zu machen.
hin gesagt, daß das gestern von uns beschlossene
Renten-Mehrbetrags-Gesetz den Bund mit über (Zurufe von der Mitte.)
800 Millionen DM belastet.
Dr. Schellenberg (SPD): Sie haben gesagt, ich
Arndgen (CDU/CSU): Ich habe nicht von — — sei ein Hellseher. Ich stütze mich auf Tatsachen.
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(Dr. Schellenberg)
Bei dem Rentenzulagengesetz stand in der Regie- bitten, nicht nur die eine, sondern auch die andere
rungsvorlage, daß sich ein Mehraufwand von Seite zu sehen. Man sollte genau überlegen, daß es
1030 Millionen DM jährlich ergeben werde. Der nichts nutzt, jemanden etwas zu versprechen, wenn
tatsächliche Mehrbetrag lag aber um 800 Millionen man kein Geld in der Tasche hat. Daher mein
DM. Auch damals war der Voranschlag um über Appell, bei diesen Anträgen sowohl die eine wie
200 Millionen DM überhöht. Deshalb haben wir die andere Seite der Probleme, die mit den An-
Berechtigung, anzunehmen, daß auch diesmal mit trägen zusammenhängen, zu beachten.
erhöhten Ansätzen gerechnet wird. (Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von
(Abg. Even: Das ist doch besser als der SPD.)
umgekehrt!)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Arndgen (CDU/CSU): Meine sehr verehrten Da- Abgeordnete Bals.
men und Herren! Ich habe schon darauf verwiesen,
daß es gar nicht möglich ist, am Tage der Verab- Bals (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
schiedung eines Gesetzes schon bis ins einzelne aus- Herren! Ich möchte nur etwas klarstellen. Der Kol-
zurechnen, was das Gesetz letzten Endes den Haus- lege Arndgen hat erklärt, daß von einem Sprecher
halt kosten wird. — das kann nur ich sein — der Wert des Bun-
desversorgungsgesetzes angezweifelt worden sei.
(Lebhafte Zurufe von der SPD und vom Herr Kollege Arndgen, ich habe wortwörtlich er-
GB/BHE.) klärt — Sie können es im Protokoll nachlesen
Es sind alles nur Überlegungen, die global genom- Daß in dieser Beziehung in der Bundesrepublik
men werden müssen. noch manches zu geschehen hat, beweisen die
Wenn ich den Antrag des GB/BHE — den Betrag Ausgaben anderer Nationen. Ich bin in der
habe ich schon genannt —, die noch anstehenden Lage, Ihnen nachzuweisen, daß die Bundes-
Anträge der SPD bezüglich der 13. Monatsrente für republik
die Rentenversicherten und Kriegsopfer mit - das ist der Satz -
500 Millionen DM und den Antrag der SPD von in der Kriegsopferversorgung gegenüber an-
heute morgen auf Weihnachtsbeihilfen — es sind deren Ländern noch vieles nachzuholen hat.
530 Millionen DM — zusammen betrachte, komme
ich auf den Betrag von 1915 Millionen DM, der Ich habe mich hierbei auf eine Schrift des Ver-
heute zur Debatte steht. bandes der Kriegsbeschädigten, des VdK, gestützt.
Die in dieser Schrift enthaltene Statistik ist bisher
Nun ist vorhin mit Recht der Zwischenruf ge- von offiziellen Stellen der Bundesrepublik noch
macht worden, diese Summe habe nicht allein der nicht widerlegt worden. Daraus geht hervor, daß
Bund zu tragen. Das stimmt! von 17 Ländern, die in dieser Statistik aufgeführt
(Zurufe von der SPD: Na also!) sind, die Bundesrepublik hinsichtlich der Kriegs-
opferversorgung an vorletzter Stelle vor Österreich
Aber was kommt davon auf den Bund zu? Wenn ich
all das, was hier schon angeführt wurde, was nicht steht.
(Hört! Hört! bei der SPD.)
vom Bund, sondern aus anderen Töpfen geschöpft
wird, abziehe, bleibt doch noch die erkleckliche Ich bin gern bereit, Ihnen, Herr Kollege Arndgen,
Summe von über 2 Milliarden DM, die auf den und Ihnen, meine Damen und Herren von der CDU,
Bund zukommen. das schriftlich zu beweisen.
(Beifall bei der SPD.)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Wittrock zu einer Zwischenbemerkung. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Abgeordnete Maucher.
Wittrock (SPD): Eine Zwischenfrage, Herr Kol-
lege Arndgen. Wie stehen Sie zu der Äußerung des Maucher (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Da-
Herrn Bundeswirtschaftsministers, daß die deut- men und Herren! Ich bin, nachdem ich als Abge-
sche Wirtschaft die Wiederaufrüstung aus eigener ordneter des 2. Deutschen Bundestags zum ersten-
Kraft finanzieren kann? mal eine Debatte über Kriegsopferfragen erlebe,
eigentlich etwas bedrückt, und zwar deshalb, weil
(Zurufe von der Mitte: Das hat doch damit ich den Eindruck habe, daß nicht das Problem im
nichts zu tun! — Nicht antworten!) Vordergrund steht, und das ist für mich das Ent-
Arndgen (CDU/CSU): Meine sehr verehrten Da- scheidende.
men und Herren, ich glaube, es ist von diesem Ich will gleich zu der eben aufgeworfenen Frage
Platz heute schon davon gesprochen worden: Wenn Stellung nehmen, zu dem Streit um den Rang des
es uns nicht gelingt, auch Einrichtungen zum Gesetzes gegenüber entsprechenden Gesetzen des
Schutze unserer Bevölkerung nach außen zu schaf- Auslandes. Es wäre meines Erachtens verfehlt, hier
fen, dann sind die Kriegsopfer, für die wir uns Behauptungen aufzustellen, mit denen man nicht
einsetzen wollen, die Ärmsten! bestehen kann. Es sind schon Zahlen bekannt-
(Sehr gut! in der Mitte. — Widerspruch gegeben worden. Aber die Bundesregierung hat
bei der SPD.) bereits begonnen, genaue Erhebungen in 'dieser
Ich habe die vorgetragenen Zahlen nur erwähnt, Frage anzustellen. Es wird gut sein, wenn wir ab-
damit wir bei den gestellten Anträgen, die be- warten, bis diese Erhebungen abgeschlossen sind.
gründet worden sind, auch Überlegungen darüber Erst dann können wir uns ein Urteil bilden über
anstellen, wo die Mittel hergenommen werden den wirklichen Stand des Bundesversorgungs-
gesetzes gegenüber den Kriegsopfergesetzen in den
solle, um den Forderungen gerecht zu werden.
Ich möchte daher diejenigen, die im Ausschuß für anderen Ländern.
Kriegsopferfragen und auch im Haushaltsausschuß (Abg. Arnholz: Wollen Sie behaupten, daß
sich mit diesen Anträgen zu beschäftigen haben, die Zahlen falsch sind?)
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2437
(Maucher)
- Ich habe Sie nicht verstanden. Aber ich glaube, Sie, Herr Abgeordneter, ob es 'dann nicht die
wir sollten darüber auch nicht länger debattieren. Pflicht der stärksten Fraktion des Hauses gewesen
wäre, diese Dinge längst zu bereinigen, was sie ja
Nun zu 'der Frage der Finanzierung allgemein. mit der Fülle ihrer Mandate in der Hand hätte.
Ich glaube, es besteht keinerlei Zweifel darüber,
daß jedem verantwortungsbewußten Abgeordneten (Beifall bei der SPD. — Zurufe von
diese Frage ebenso ernsthaft vorgelegt werden der Mitte.)
muß wie die andere Frage, die wir eben besprochen Maucher (CDU/CSU): Wenn technische Schwie-
haben. Ich glaube, das ist auch der Sinn dessen, rigkeiten im politischen Geschehen oder die Zeit
was Kollege Arndgen mit seinen Ausführungen es nicht erlauben, daß der Fraktionsvorsitzende
sagen wollte. Wir können wohl aus seinen eine Übereinstimmung mit dem Finanzminister
Ausführungen gleichzeitig schließen, es steht auch erzielt, dann entspricht es der Loyalität, daß er
für ihn außer Zweifel, daß wir, nachdem wir auf praktisch erst Klarheit schafft. Dafür müssen auch
einer Reihe von Gebieten der Sozialgesetzgebung Sie als Opposition Verständnis haben. Ich kann
einen Schritt vorwärts getan haben, 'auch die in Ihnen aus meiner praktischen Tätigkeit, die ich seit
der Tat vorhandene Lücke schließen und den Rück- Jahren sowohl im Landtag in Bebenhausen wie
stand in der Kriegsopferversorgung aufholen auch in Stuttgart ausgeübt habe, sagen, daß ein-
müssen zelne Abgeordnete der dortigen SPD-Fraktion bei
In der Aussprache ist u. a. auch die Frage der verschiedenen Anträgen mit mir gegangen sind,
Arbeitsunterlagen angeschnitten worden. Wir tei- während der Fraktionsvorsitzende — eben aus den
len die dabei zum Ausdruck gekommene Meinung. genannten Gründen — nicht mitgegangen ist. Ich
Aber es ist heute noch nicht möglich, die Arbeits- glaube, dafür müßten Sie Verständnis haben.
unterlagen so sicher herzustellen, wie es notwen-
dig sein wird. Es wird immer eine Differenz geben. (Zuruf von der SPD: Sie haben gar nicht
Ich schließe mich grundsätzlich dem Gedanken an, begriffen, worauf es ankommt!)
daß wir in dieser Beziehung ganz genaue und klare Ich glaube, wir sollten die Tatsache der 138 Unter-
Unterlagen haben müssen. schriften so auslegen, daß in der CDU-Fraktion
Eins habe ich sehr bedauert: der Kollege Rasch der ernste Wille vorhanden ist, dem Problem der
hat kritisiert, daß die CDU den Antrag nur mit Kriegsopferversorgung im allgemeinen gerecht zu
138 Unterschriften — es sind bereits 150 — ein- werden.
gebracht hat, nicht die ganze Fraktion. Ich glaube, (Beifall in 'der Mitte. — Abg. Frau Wolff
in dieser Frage muß man es doch den Abgeord- [Berlin] : Ihr Wort in Gottes Ohr!)
neten oder der Fraktion selbst überlassen,- wie sie Nun zu dem, was der Kollege Rasch bezüglich
die Dinge anfassen wollen. der Verbände sagte. Ich glaube, hier kann ich im
(Zuruf von der SPD: Es gibt üble Beispiele! — Namen meiner ganzen Fraktion sagen, daß wir
Abg. Schröter [Wilmersdorf]: Wir kennen den nicht etwa der Meinung sind, die Kriegsopferver-
Trick!) bände seien Interessentenhaufen. Es ist ganz klar,
Ich bin der Meinung, man sollte hier nicht das Vor- und das wissen die Verbände auch, und isle sollen es
gehen einer Fraktion kritisieren, sondern den guten wissen, daß ihre Aufgaben begrenzt sind, daß ihre
Willen, der von den 138 Abgeordneten der CDU- Aufgabenbereiche in einen gewissen Rahmen ein
Fraktion in dieser Antragstellung zum Ausdruck gepaßt sind. Auf der anderen Seite anerkennt un-
gebracht wurde, respektieren. Sie sollten darin sere Fraktion das Recht der Verbände und schützt
einen Weg sehen, auf dem wir für das Wohl und ihre große Aufgabe, die sie draußen im gesamten
Wehe und für das Los der Kriegsopfer etwas er- Volk erfüllen. Vor allem sieht unsere Fraktion,
reichen können. daß es gerade die Verbände sind, die draußen in
der Betreuung der Kriegsopfer vorbildliche Arbeit
(Beifall in der Mitte. — Abg. Schröter [Wil leisten. Ich glaube, dafür sind wir ihnen zu beson-
mersdorf]: Ich wünsche Ihnen, daß alle bei derem Dank verpflichtet.
der Stange bleiben! — Weitere Zurufe von
der SPD.) Wenn wir nun die gesamten Berechnungen im
— Gerade aus Ihren Zwischenrufen muß ich ent- Haushalt und die hohen Zahlen, die wir gehört
nehmen, daß Sie eigentlich den Weg und die Hal- haben, überprüfen, so ist es verständlich, daß ver-
tung, die im letzten Bundestag immer zu beobach- schiedene Meinungen auftauchen. Aber ich erlaube
mir, in diesem Zusammenhang folgendes zu sagen.
ten waren, verlassen und auf geben.
Der Antrag, von dem man jetzt sagt, daß er
(Zuruf von der SPD: Schlechte Beispiele!) 640 Millionen DM Aufwendungen verursacht,
Wir wollen uns doch nicht auseinanderreden und nach der Meinung des Herrn Bundesarbeits-
uns gegenseitig irgendwie vielleicht aus partei- ministers 550 Millionen DM, kommt für dieses
politischen Gründen antasten, Haushaltsjahr praktisch nur noch zu einem Drittel
(Zuruf von der SPD) zur Auswirkung.
sondern wir wollen doch gemeinsam einen Weg Wir wollen uns vor Augen halten, worum es
suchen. Die Kriegsopferfrage ist nicht eine partei- geht. Wir wollen die Wiederherstellung des Wertes
politische Frage, sondern dabei geht es um eine des Bundesversorgungsgesetzes zur Zeit der Ver-
Angelegenheit, die das ganze deutsche Volk an- abschiedung im Jahre 1950. Damals war ein Betrag
geht. von 3,3 Milliarden DM als erforderlich angesehen
(Beifall in der Mitte.) worden. Darin waren die Aufwendungen auf
Grund der ersten und zweiten Novelle und die
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zu einer Kriegsopferversorgung für das Land Berlin usw.
Zwischenfrage hat die Abgeordnete Frau Wolff. nicht enthalten. Wenn wir alle diese Aufwendun-
Frau Wolff (Berlin) (SPD): Gerade weil diese gen noch in dem jetzigen Betrag untergebracht
Frage das gesamte deutsche Volk angeht, frage ich haben und beachten, daß seit der Verabschiedung
2438 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Maucher)
des Bundesversorgungsgesetzes eine große Anzahl des Herrn Kollegen Maucher über die Herunter-
Kriegsopfer neu hinzukamen, kommen wir, glaube setzung der Schätzungen auch gesagt werden. So
ich, zu dem Ergebnis, daß es durchaus gerechtfer- werden die aus einer Annahme unserer Vorlage er-
tigt ist, wenn wir einen Weg suchen, diesen Wert wachsenden Kosten sich kaum über einen Betrag von
des Bundesversorgungsgesetzes wiederherzustellen, 750 Millionen DM erheben. Damit kommen wir
und wenn wir weiter einen Weg suchen, auch die schon in eine sehr enge Partnerschaft zu der größ-
notwedigMlafüruzbinge.Est- ten Fraktion und ihrem Antrag. Es besteht durch-
hen zwar in den Fragen der Witwen-, Eltern-, Wai- aus die Möglichkeit, daß wir im Ausschuß durch
senversorgung usw. verschiedene Meinungen, aber eine richtige Wertung der Dinge gemeinsam zu
ich bin der Ansicht, daß wir im Kriegsopferaus- einem anständigen Ergebnis kommen.
schuß wirklich bemüht sein sollten, einen Weg zu Ein Problem ist in unserem Antrag erheblich
finden, auf dem wir den Wünschen und Ansprüchen stärker angesprochen als in anderen Anträgen:
der Kriegsopfer wirklich gerecht werden. die Frage der Freibeträge, die angemessene
Wenn man über diesen Antrag spricht, darf Nichtanrechnung von Einkünften aus nichtselb-
nicht allein darauf gesehen werden, was ausgege- ständiger Arbeit gemäß § 33 Abs. 2 des Bundes-
ben werden muß, sondern man muß gleichzeitig versorgungsgesetzes. Wir wollen die Fassung des
beachten, daß ein großer Betrag dieser Mehrauf- § 19 Abs. 1 Nr. 2 des Einkommensteuergesetzes
wendungen sofort wieder auf dem Weg über die auch für die Bundesversorgungsgesetzgebung an-
Verbrauchsteuern hereinkommt. Man muß also be- gewendet wissen. Die Hereinnahme dieser Bestim-
rücksichtigen, daß die Mittel, die man hier mehr mung würde allein einen Betrag von 260 Mil-
gibt, praktisch nicht auf die Sparkasse kommen, lionen DM erfordern.
sondern für die notwendige Lebenshaltung bzw. Was die andere Frage angeht, so sind wir von
für Mehraufwendungen ausgegeben werden. Ihrem Antrag, Frau Kollegin Dr. Probst, gar nicht
Bei Berücksichtigung dieser Zusammenhänge und weit entfernt. Wir würden es sehr dankbar be-
in Ansehung der Abgänge aus dem Haushalt wer- grüßen, wenn sich Ihre Fraktion später so zu die-
den wir sicherlich auf der Ebene des Antrags, wie sem Antrag bekennt, wie sich bisher die 140
er von unserer Frau Kollegin Dr. Probst einge- mutigen Unterzeichner zu ihm bekannt haben. Wir
bracht worden ist, einen Weg finden. Wir würden werden versuchen, im Ausschuß sehr schnelle
auf diese Weise den Kriegsopfern in Deutschland Arbeit zu leisten und den Herrn Finanzminister
einen großen Dienst erweisen. Diese Aufgabe, ich durch die baldige Fertigstellung des Gesetzes zu
sage es noch einmal, darf nicht der Anlaß zu einer unterstützen, damit wir möglichst vor Weihnachten
parteipolitischen Auseinandersetzung werden. Es zu einem sichtbaren Ergebnis kommen.
-
handelt sich um eine echte Aufgabe und eine mo- Das wollte ich für meine Fraktion noch erklärt
ralische Verpflichtung zum Wohle aller Kriegs- haben. Ich bitte, unseren Antrag dem Ausschuß
opfer Deutschlands. für Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen zu über-
(Beifall in der Mitte.) weisen.
(Beifall beim GB/BHE.)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Abgeordnete Petersen. Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, es liegen keine Wortmeldungen mehr vor.
Petersen (GB/BHE): Herr Präsident! Meine Da- Ich schließe die Aussprache. Ich darf Ihnen vor-
men und Herren! Ich will mir nur einige ganz schlagen, sämtliche vorliegenden Anträge dem Aus-
kurze Ausführungen erlauben. Zunächst bedauere schuß für Kriegsopfer- und Heimkehrerfragen zu
ich, daß der Herr Bundesfinanzminister überweisen. — Widerspruch erfolgt nicht.
erst jetzt zu so später Stunde zu uns gekommen
ist. Wir hätten es alle dankbar begrüßt, wenn er (Abg. Kunze [Bethel] : Haushaltsaus
zu dem so dringenden, offenen Sozialproblem von schuß! — Abg. Haasler: Warum denn? —
sich aus die erforderliche Erklärung abgegeben Zuruf von der SPD: Ist gar nicht be
hätte. antragt!)
(Beifall links und rechts.) — Bislang war es von keiner Seite vorgeschlagen.
Hier ist nur der Kriegsopferausschuß vorgeschlagen.
Ich hoffe jedenfalls, daß der Herr Bundesfinanz-
minister noch Gelegenheit nimmt, das nachzuholen. (Abg. Kunze [Bethel] : Namens meiner
Er ist ja in seiner Aufgabe, auf die Innehaltung Fraktion beantrage ich es!)
der Etatsansätze zu achten, in der Zwischenzeit durch — Welcher Ausschuß soll federführend sein?
den Kollegen Arndgen gut vertreten worden. Das (Zuruf von der Mitte: Kriegsopferausschuß
wollen wir anerkennen. soll federführend sein!)
Die Ausführungen, die der Kollege Arndgen ge- —Also zur Mitberatung an den Haushaltsausschuß?
macht hat, bedürfen doch durchaus in manchen Besteht darüber Einverständnis?
Punkten der Berichtigung. Zunächst einmal geht er (Widerspruch bei der SPD und beim
davon aus, daß die Vorlage des Gesamtdeutschen GB/BHE.)
Blocks/BHE zur Verbesserung der Kriegsopferver- — Nicht! Also, daß der Kriegsopferausschuß feder-
sorgung einen Aufwand von 885 Millionen DM er- führend sein soll und daß an diesen überwiesen
fordere. Diese Zahl ist erheblich zu hoch; denn sie werden soll, darüber besteht Einmütigkeit. —
geht von dem Stande vom 30. Juni dieses Jahres Es ist so beschlossen.
aus, und dabei wird außer Betracht gelassen, daß
wir in diesem Jahr 100 000 Waisen aus der Ver- Dann kommt der weitere Antrag, an den Haus-
sorgung entlassen. Außerdem bleibt dabei der haltsausschuß zur Mitberatung zu überweisen.
natürliche Schwund in den Versorgungslasten, der Wer dafür ist, den bitte ich, die Hand zu heben. —
jedes Jahr durch das Ableben von Versorgungs- Ich bitte um die Gegenprobe. — Enthaltungen? -

berechtigten zu verzeichnen ist, außer Betracht. (Zurufe von der SPD und vom GB/BHE:
Das müßte also zusätzlich zu den Ausführungen Das zweite war die Mehrheit!)
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2439
(Vizepräsident Dr. Jaeger)
— Ich glaube, wenn Sie sich nicht doch einigen am vorigen Freitag im Ausschuß die Angelegenheit
wollen, müssen wir die Abstimmung wiederholen; noch einmal besprochen. Der Satz von 38 vom Hun-
denn es war von hier aus nicht festzustellen, wo dert kann, nachdem der EVG-Vertrag gescheitert
die Mehrheit war. Wer für die Überweisung an ist, von allen Fraktionen des Hauses angenommen
den Haushaltsausschuß als mitberatenden Ausschuß werden. Ich bitte Sie also, dem Umdruck 160 zu-
ist, den bitte ich, die Hand zu erheben. — Ich bitte zustimmen.
um die Gegenprobe. — Enthaltungen? — Das
letzte war die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
— Es ist nicht immer ganz einfach, die Fläche und Herr Bundesminister der Finanzen.
die Kopfzahl in Übereinstimmung zu bringen. —
Ich darf Sie um Ruhe bitten. Ich glaube, so welt- Schäffer, Bundesminister der Finanzen: Herr
bewegend war die soeben vorgenommene Abstim- Präsident! Meine Damen und Herren! Was der
Herr Berichterstatter gesagt hat, ist richtig. Ich
mung nicht.
habe mit der Mehrheit der Länder — so muß ich
Ich rufe Punkt 4 der Tagesordnung auf: mich korrekt ausdrücken — eine Vereinbarung auf
folgender Grundlage abgeschlossen:
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs
eines Gesetzes über die Inanspruchnahme Erstens: Wenn die Länder bereit sind, in die Ver
eines Teils der Einkommensteuer und der pflichtung für die Bundesbahnanleihe einzutreten,
Körperschaftsteuer durch den Bund im Rech- soll der Satz von 42 % auf 40 % gesenkt werden.
nungsjahr 1954 (Drucksache 201); Zweitens: Wenn nicht vor dem 1. Dezember 1954
Mündlicher Bericht des Ausschusses für der EVG-Vertrag oder ein gleichlautender Vertrag
Finanz- und Steuerfragen (19. Ausschuß) in Kraft tritt, soll der Satz auf 38 % gesenkt
(Drucksache 731). werden.
(Erste Beratung: 13. Sitzung.) Die Zustimmung der Mehrheit der Länder für
die Begebung der Bundesbahnanleihe ist in den
Das Wort als Berichterstatter hat der Abgeord- letzten Tagen eingegangen. Die zweite Vorausset-
nete Dr. Gülich. zung, daß der EVG-Vertrag oder ein ihn ersetzen-
der Vertrag vor dem 1. Dezember 1954 nicht in
Dr. Gülich (SPD), Berichterstatter: Herr Präsi- Kraft tritt, können wir als gegeben annehmen. Ich
dent! Meine Damen und Herren! Ich kann mich habe infolgedessen den Fraktionen des Hauses be-
sehr kurz fassen. Zur Begründung der Senkung reits mitgeteilt, daß ich mit einer Herabsetzung des
von 42 auf 40 °/o habe ich nur zu bemerken, — — Satzes von 42 % auf 38 % einverstanden bin. Ich
(Unruhe.) hoffe, daß dadurch die Anrufung des Vermittlungs-
- ausschusses durch den Bundesrat vermieden wird.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, ich bitte Sie doch, dem Berichterstatter Ich möchte noch darauf hinweisen, daß in § 1
seine Arbeit durch Schweigen zu erleichtern. Abs. 2 die Regelung betreffend die 120 Millionen
DM Grenzlandhilfe usw. enthalten ist. Dieser Abs. 2
Dr. Gülich (SPD), Berichterstatter: — daß die des § 1 ist bereits vollzogen. Die betreffenden
Länder den Betrag von 250 Millionen DM in der Summen sind an die Länder bereits ausgezahlt.
Form übernommen haben, daß sie Bundesbahn- Insofern ist der Abs. 2 des § 1 jetzt überholt und
anleihe dafür zeichnen. ist gegenstandslos geworden.
Darf ich, Herr Präsident, jetzt gleich als Redner
für die Fraktion der SPD den Umdruck 160 be- Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
gründen? Herren! Das Wort zur Begründung des Umdrucks
191 hat der Abgeordnete Krammig.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Nein, das geht meines
Erachtens nicht. Sie sind jetzt Berichterstatter. Erst Krammig (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
dann kann ich Ihnen das Wort zur Begründung Damen und Herren! Es kommt in diesem Hause
Ihres Antrages erteilen. selten vor, daß der Herr Bundesfinanzminister
selber darauf hinweist, daß in einer Vorlage, die
Dr. Gülich (SPD), Berichterstatter: Als Bericht- er gemacht hat, ein Absatz gestrichen werden kann.
erstatter habe ich dem Hause zu empfehlen, den Da er das getan hat, brauche ich Ihnen nur zu
Antrag auf Drucksache 731 unverändert anzu- empfehlen, dieser Streichung, die wir auf dem
nehmen. Umdruck 191 beantragt haben, zuzustimmen.
(Abg. Dr. Gülich: Das ist keine Begrün
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem Herrn dung, Herr Krammig!)
Berichterstatter. Wir treten in die Aussprache ein.
— Es meldet sich offenbar nur der Abgeordnete Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Dr. Gülich. Dann darf ich gleich bitten. Herren, wir treten nunmehr in die Einzelberatung
(Heiterkeit.) der zweiten Lesung ein. Ich rufe auf § 1, dazu die
Umdrucke 160 und 191 Ziffer 1. Die Anträge sind
Dr. Gülich (SPD): Der Herr Bundesfinanzminister begründet. Das Wort wird nicht mehr gewünscht.
hat den Ländern zugesagt, daß etwaige Ersparnisse Dann darf ich abstimmen lassen über den Um-
im Besatzungskostenhaushalt den Ländern durch druck 160. Wer dieser Änderung, nämlich der Her-
eine Senkung des vom Bund in Anspruch genom- absetzung des Vomhundertsatzes von 40 auf 38, zu-
menen Teils der Einkommensteuer und Körper- zustimmen wünscht, den bitte ich, die Hand zu erhe-
schaftsteuer zugute kommen sollen, aber nicht mehr ben. — Ich bitte um die Gegenprobe. — Soweit ich
als bis zu 38%. Ich habe im Juli im Ausschuß be- sehe, einstimmig angenommen.
antragt, diese Senkung doch gleich vorzunehmen.
Die Mehrheit des Ausschusses konnte sich damals Dann lasse ich abstimmen über den Antrag Um-
dazu nicht entschließen. Inzwischen haben wir druck 191 Ziffer 1, den Abs. 2 des § 1 zu streichen.
2440 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Vizepräsident Dr. Jaeger)
Wer dem Antrag zuzustimmen wünscht, den bitte Zweitens: Der Ausschuß kam nach längerer Be-
ich, die Hand zu erheben. — Ich bitte um die Ge- ratung zu dem Ergebnis, daß der Regierungsvor-
genprobe. — Ebenfalls einstimmig beschlossen. lage nicht gefolgt werden solle, daß also nicht ein
Ich lasse über § 1 in der nunmehr beschlossenen Drittel, sondern die Hälfte der Kosten erstattet
Fassung abstimmen. Wer zuzustimmen wünscht, werden solle. Das wurde als eine gerechte Lösung
den bitte ich, die Hand zu erheben. — Das ist die angesehen, zumal sie den finanzschwachen Ländern
ihre Kosten in etwa decke. Der Ausschuß kam zu
Mehrheit; angenommen.
diesem Ergebnis insbesondere deshalb, weil er da-
Ich rufe auf § 2, dazu Umdruck 191 Ziffer 2. — durch das außerordentlich gespannte Verhältnis
Das Wort wird nicht mehr gewünscht. Wer dem zwischen Bund und Ländern bessern wollte.
Umdruck 191 Ziffer 2 zuzustimmen wünscht, den Der Bundesrat hat den Gesetzentwurf mit
bitte ich, die Hand zu erheben. — Das ist die Mehr- 33 1 /3 % Erstattung zweimal abgelehnt. Er wünscht
heit; es ist so beschlossen. für das Jahr 1954 Erstattung nach dem bisherigen
Wer § 2 in der nunmehr geänderten Form zu- System.
zustimmen wünscht, den bitte ich, die Hand zu er- Wie gesagt, hatte der Ausschuß sich entschlossen
heben. — Das ist die Mehrheit; es ist so beschlossen. — und zwar einstimmig —, dem Hause vorzu-
Ich rufe auf § 3, — § 4, — Einleitung und Über- schlagen, für das Jahr 1954 die Hälfte zu erstatten.
schrift. — Wer zuzustimmen wünscht, den bitte Anfang Juli wurde nun im Plenum von Herrn
ich, die Hand zu erheben. — Es ist so beschlossen. Kollegen Dresbach der Antrag gestellt, die Vor-
lage nochmals dem Ausschuß zu überweisen. Bei
Wir treten ein in die der nochmaligen Beratung hat dann der Ausschuß
dritte Beratung. mit Mehrheit beschlossen, die Regierungsvorlage
wiederherzustellen, in der nur die Erstattung von
Wird das Wort zur allgemeinen Aussprache ge- einem Drittel der Verwaltungskosten vorgesehen
wünscht? — Das ist nicht der Fall. Einzelberatung ist.
entfällt, da keine Änderungsanträge vorliegen. Ich bitte namens des Ausschusses, diesem Antrag
Ich komme zur Schlußabstimmung. Wer dem Ge- zuzustimmen.
setz als Ganzem zuzustimmen wünscht, den bitte
ich, sich von den Plätzen zu erheben. — Ich bitte Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem Herrn
um die Gegenprobe. — Enthaltungen? — Einstim- Berichterstatter. Ich rufe zur Beratung in zweiter
mig angenommen. Lesung auf den § 1 und dazu den Änderungsantrag
der Fraktion der SPD auf Umdruck 161.
Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung: Das Wort hat zunächst der Herr Bundesminister
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs der Finanzen.
eines Gesetzes über die Beiträge des Bundes
zu den Steuerverwaltungskosten der Länder Schäffer, Bundesminister der Finanzen: Herr
(Drucksache 42); Präsident! Meine Damen und Herren! Während ich
beim Inanspruchnahmegesetz berechtigt war, die
Mündlicher Bericht des Ausschusses für Hoffnung auszusprechen, daß es auch im Bundesrat
Finanz- und Steuerfragen (19. Ausschuß) größeren Schwierigkeiten nicht begegnen wird,
(Drucksache 205 [neu], Antrag Umdruck 161). kann ich dieselbe Hoffnung bei dem Gesetz über
(Erste Beratung: 7. Sitzung.) die Beiträge des Bundes zu den Steuerverwaltungs-
Das Wort als Berichterstatter hat der Abgeord- kosten der Länder nicht aussprechen. Der Ausschuß
nete Dr. Gülich. hat damals, als er sich zum erstenmal mit dem
Gesetz beschäftigte, geglaubt, daß, wenn er den
Dr. Gülich (SPD), Berichterstatter: Herr Präsi- Vorschlag mit 50 % Höchstgrenze mache, mit einer
dent! Meine Damen und Herren! Alle Fraktionen Annahme im Bundesrat ohne Anrufung des Ver-
waren sich im Ausschuß darüber einig, daß das bis- mittlungsausschusses zu rechnen sei. So wie ich
herige System der Erstattung der Steuerverwal- unterrichtet bin, ist selbst in diesem Falle keine
tungskosten nicht zu halten sei. Das System, einen Sicherheit gegeben, daß dann der Vermittlungs-
Prozentsatz des Aufkommens als Grundlage zu ausschuß nicht angerufen würde.
nehmen, hat dazu geführt, daß manche steuerstar- Ich muß Sie allein schon deshalb bitten, es bei
ken Länder ihren gesamten Verwaltungsaufwand 33 1 /3 °/o, entsprechend der Regierungsvorlage, zu
durch den Bund erstattet bekommen haben. Die belassen, damit sich die für den Vermittlungsaus-
Bundesregierung hat deshalb ihren Gesetzentwurf schuß gegebene Verhandlungsgrundlage nicht schon
darauf abgestellt, daß nicht mehr ein Prozentsatz von vornherein zu Ungunsten des Bundes ver-
des Steueraufkommens den Verwaltungskosten- schiebt.
beitrag des Bundes bestimmen solle, sondern daß Zweitens müssen wir an die Verantwortung ge-
der Beitrag des Bundes auf den Arbeitsaufwand genüber dem Bundeshaushalt denken. In ihm sind
der Länder bezogen wird, der im § 2 des Gesetz- die Beträge so veranschlagt, wie sie sich aus dem
entwurfs näher dargelegt ist. § 1 des Gesetzes sieht Gesetzentwurf, also bei 33 1/3 %, ergeben. Würden
vor, daß den Ländern ein Drittel der Kosten er- diese Beträge durch Erhöhung des Prozentsatzes
stattet werden soll, die der Bund für die Verwal- von 33 1 /3 % auf 50 %, wie es .der Antrag auf Um-
tung der Besitz- und Verkehrssteuern aufwendet. druck 161 will, geändert, dann müßten wir auch
Der Entwurf wurde nach eingehender Beratung die Verpflichtung anerkennen, nach Art. 110 des
im Finanzausschuß mit zwei Änderungen verab- Grundgesetzes den Haushalt zu ändern, weil sich
schiedet. durch diese Erhöhung der Erstattung für den
Erstens: Der Finanzausschuß wünschte keine Bundeshaushalt ein Einnahmeausfall von 110 Mil-
rückwirkende Kraft, sondern schlug vor, das Gesetz lionen DM in diesem Jahr ergeben würde.
auf die Beiträge des Bundes anzuwenden, die auf Ich bitte Sie deshalb, die voraussichtlich not-
die Zeit nach dem 1. April 1954 entfallen. wendig werdenden Verhandlungen im Vermitt-
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2441
(Bundesfinanzminister Schiffer)
lungsausschuß und mit den Ländern nicht zu den ist, bestehen gar nicht mehr. Es handelt sich
präjudizieren, sondern in den Vermittlungsausschuß um eine Angelegenheit, die jetzt im Bundesrat
auf der Grundlage des Regierungsentwurfs zu ge- glatt erledigt werden kann, wenn wir heute die
hen, der 33 1 /3 % Höchstgrenze festsetzt. Regelung treffen, die wir für die Zeit von 1955 ab
ja auch einführen wollen.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Abgeordnete Dr. Gülich. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Abgeordnete Krammig.
Dr. Gülich (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich glaube, wir können nicht so ver- Krammig (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Da-
fahren. Nach meinen Informationen und nach mei- men und Herren! Es tut mir leid, daß ich zunächst
nen Unterhaltungen mit den Länderfinanzministern einmal einen Irrtum des Herrn Kollegen Dr. Gülich
besteht die größte Aussicht, daß der Antrag auf berichtigen muß. Ab 1955 werden keine Steuerver-
Umdruck 161, die Hälfte der Verwaltungskosten waltungskostenbeiträge des Bundes an die Länder
zu erstatten, ,angenommen wird; denn der Bundes- mehr gezahlt,
rat hat sich bei den Beratungen zu § 2 des Finanz- (Abg. Pelster: Richtig!)
anpassungsgesetzes bereits dahin ausgesprochen,
daß er ab 1955 mit der Erstattung der Hälfte der wenn das Finanzanpassungsgesetz in Kraft tritt;
Kosten einverstanden sei. Warum wollen wir jetzt (Abg. Dr. Gülich: Das ist ja noch nicht
für das Jahr 1954 eine solche Regelung treffen? Als Gesetz!)
im Sommer der damals einstimmig gefaßte Be- denn dort ist vorgesehen, daß eine gegenseitige
schluß des Finanz- und Steuerausschusses zum Erstattung nicht mehr erfolgt.
Zwecke einer neuen Beratung zurückgezogen
wurde, da hatte der Herr Bundesfinanzminister im Da Sie das Problem auch noch aus einer an-
Sinn, die Frage der Steuerverwaltungskosten mit deren Sicht aufgegriffen haben, gestatten Sie mir
dem Inanspruchnahmegesetz zu koppeln. Das war noch einige sachliche Bemerkungen zu dieser Vor-
eine verständliche Haltung; denn er wollte ja lage. Zunächst einmal hat der Bundesrat — und
schließlich den Ländern auch etwas zu bieten haben. da bediene ich mich eines Ihrer Argumente — in
Diese Kopplung ist aber heute gegenstandslos ge- der Begründung seines Standpunktes zur Finanz-
worden. Aus anderen Gründen haben wir das reform darauf hingewiesen, daß sich der Ausschuß
Inanspruchnahmegesetz soeben in schöner Einstim- zu einer fünfzigprozentigen Erstattung der Steuer-
migkeit auf 38 % begrenzt. Wenn Sie jetzt aber verwaltungskosten an die Länder bereit erklärt
die Verwaltungskosten nur zu einem Drittel er- habe. Er argumentiert dann weiter, daraus sei zu
setzen wollen, dann wird — darüber ist sich ja schließen, daß der Ausschuß selbst eine solche An-
auch Herr Kollege Schäffer klar — mit Sicherheit
- forderung für berechtigt halte. Meine Damen und
der Vermittlungsausschuß angerufen. Herren, so ist es im Ausschuß nicht gewesen, son-
(Abg. Pelster: Er wird auch sonst angerufen!) dern es war so, wie Sie angedeutet haben, daß wir
dem Bundesrat haben entgegenkommen wollen,
— Mit Sicherheit, Herr Pelster! damit er diesem Beschluß des Hohen Hauses ent-
(Abg. Pelster: Auch in diesem andern Fall sprechen kann. Wenn aber die Argumentation des
mit Sicherheit!) Finanz- und Steuerausschusses vom Bundesrat so
— im Falle der Inanspruchnahme wird er es nicht; gesehen wird, dann muß ein solcher Beschluß revi-
es ist gegenstandslos geworden. diert werden; denn das war keineswegs die Absicht
derjenigen, die dem Vermittlungsvorschlag, wenn
Es kam mir damals darauf an — und der Aus- ich einmal so sagen darf, zugestimmt haben, nun
schuß ist ja meinen Argumenten auch gefolgt —, zu sagen, es sei ein Anrecht des Bundesrates, zu
das wirklich unschöne Verhältnis zwischen Bund verlangen, daß 50 % der Kosten vom Bund er-
und Ländern zu entgiften. Bei der gestrigen Zu- stattet würden.
sammenkunft der Länderfinanzminister mit dem
Bundesfinanzminister und den Finanzexperten der Ich möchte aber auch einmal auf die innere Be-
Fraktionen haben wir doch auch manche Fortschritte rechtigung dieses Satzes etwas eingehen. Die Bei-
erzielt, und es scheint, daß die Finanzreform nun träge des Bundes zu den Steuerverwaltungskosten
auch vom Bundesrat ohne große Schwierigkeiten der Länder haben sich seit dem Jahre 1951 von
angenommen werden wird. Warum, meine Damen 236 Millionen DM im Voranschlag für das Rech-
und Herren, wollen wir den Vermittlungsausschuß nungsjahr 1954 auf 464 Millionen DM erhöht, also
jetzt unnötig strapazieren und diese Sache wieder fast verdoppelt.
vor ihn bringen? (Abg. Dr. Gülich: Das liegt am System!)
Unser Antrag liegt im Interesse der finanz- — Sicher, und weil dieses System eben schlecht ist,
schwachen Länder. Die von uns beantragte Verbes- muß es geändert werden.
serung bedeutet für die finanzschwachen Länder (Abg. Dr. Gülich: Habe ich auch gesagt!)
etwas, und nur deswegen haben wir den Antrag Das ist ja auch mit dieser Vorlage beabsichtigt. Da
gestellt. Von 1955 an soll die Regelung nach Mei- also überhaupt die Steuerverwaltungskosten der
nung der Länder mit der 50%igen Erstattung Länder in keinem Verhältnis zu dieser Steigerung
sowieso Platz greifen. Warum — so frage ich noch des Betrages angewachsen sind, wäre es unberech-
einmal, wollen Sie für 1954 eine Regelung treffen, tigt, vom Bund zu verlangen, daß er, wie es sich
die wirklich nicht sinnvoll ist und nur wieder un- nämlich nunmehr als Tatsache zeigen würde, im
nötige Verhandlungen im Vermittlungsausschuß Rechnungsjahr 1954 70 % der Steuerverwaltungs-
zur Folge hat? Wir waren uns vorhin beim Inan- kosten der Länder trägt. Und das käme nicht, Herr
spruchnahmegesetz so hübsch einig. Kollege Dr. Gülich, den steuerschwachen Ländern
(Abg. Kunze [Bethel]: Bis auf diesen Punkt!) zugute, wenn der Bund das täte, sondern eben ge-
Wir waren uns vorher im Finanz- und Steueraus rade den steuerstarken Ländern, und dazu hat der
schuß über die Hälfte einig. Die Voraussetzungen, Bund gar keine Veranlassung.
unter denen der Gesetzentwurf zurückgezogen wor (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
2442 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Krammig)
Der Arbeitsaufwand der Länderfinanzverwaltun- Dr. Atzenroth (FDP), Anfragender: Meine Da-
gen für den Bund wird vom Bundesfinanzministe- men und Herren! Unsere Große Anfrage hat nicht
rium in der Begründung der Vorlage sehr vorsich- den Zweck, eine Debatte über die Richtigkeit oder
tig und zutreffend auf etwa 27 vom Hundert der die Fehler und Mängel des Investitionshilfegesetzes
Gesamtkosten geschätzt. Trotzdem hat die Regie zu entfesseln, sondern sie will nur die Anregung
rung in der Vorlage vorgeschlagen, einen Satz von dazu geben, daß dieses Gesetz in allerkürzester
33 1/3 % zu nehmen, damit den Ländern noch eine Zeit einen Abschluß erhält. Dem steht auch unsere
gewisse Manövriermasse zur Verfügung gestellt Frage 3 nicht entgegen. Wir schlagen vor, daß wir
wird. Dieser kleine Unterschied von 6 1/3 % macht eine Debatte über die Antwort des Herrn Bundes-
immerhin einen Betrag von rund 40 Millionen DM finanzministers zu den Auswirkungen auf einen
aus, die der Bund bereit ist — ohne daß er die Be- späteren Zeitpunkt verschieben.
rechtigung anerkennt —, den Ländern zur Ver-
fügung zu stellen. Ich glaube, das ist an sich Grund Das Investitionshilfegesetz sollte eine einmalige
genug, daß wir diesen Satz nicht überschreiten. Leistung der Wirtschaft darstellen. Das war der
Wille des Gesetzgebers. Die Wirtschaft sollte auf
Es wären hier noch eine Reihe anderer Gründe Grund eines Angebots der führenden Gremien der
anzuführen; ich will Sie damit nicht aufhalten. Ich Wirtschaft zum Zwecke der Investition in der
schlage Ihnen vor, die Vorlage in der Ausschuß- Grundstoffindustrie einmalig den Betrag von einer
fassung um deswillen anzunehmen, weil es sich Milliarde DM aufbringen. Dieses Geld sollte als
erstens um eine einmalige Regelung für das Rech- Darlehen gegeben werden, und dafür sollten von
nungsjahr 1954 handelt und weil sie zweitens in den Begünstigten Wertpapiere gegeben werden.
der Höhe des Satzes das trifft, was die Länder mit Soviel man aus den Pressemeldungen ersehen kann,
Fug und Recht vom Bund als Steuerverwaltungs- ist der Betrag — bis auf kleine Teilbeträge — in-
kostenbeiträge verlangen können. zwischen aufgekommen. Veranlagt ist ein wesent-
(Beifall bei der CDU/CSU.) lich höherer Betrag. Wir werden in der Beant-
wortung durch den Herrn Bundesfinanzminister
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort wird nicht hören, wie hoch das veranlagte und wie hoch das
mehr gewünscht. — Wir kommen zur Abstimmung zu erwartende Aufkommen ist. Jedenfalls müssen
über den Antrag Umdruck 161, in § 1 des vor- wir uns Gedanken darüber machen, was mit dem
liegenden Gesetzes die Worte „ein Drittel" durch Mehraufkommen zu geschehen hat.
die Worte „die Hälfte" zu ersetzen. Wer diesem
Änderungsantrag zuzustimmen wünscht, den bitte In der Presse ist eine Reihe von Kombinationen
ich, die Hand zu heben. - Ich bitte um die Gegen- erschienen. Jeder hat sich mal gemeldet: „Och, da
probe. — Das letzte war die Mehrheit; der- Antrag werden einige hundert Millionen mehr aufkommen,
ist abgelehnt. das könnte eigentlich etwas für uns sein!" Man
hat es für die Bundesbahn reservieren wollen, man
Wir stimmen ab über den § 1. Wer ihm zuzu- hat es für bestimmte Industriezweige geben wollen,
stimmen wünscht, den bitte ich, die Hand zu heben. man hat es als allgemeine, nicht ganz definierte
— Ich bitte um die Gegenprobe. — Das erste war Darlehen für den Mittelstand verwenden wollen;
die Mehrheit; angenommen. aber alle diese Lösungen würden ja gegen den In-
Ich rufe auf §§ 2, — 3, — 4, — 5, — 6, — Ein- halt des Gesetzes verstoßen. In dem Gesetz ist nur
leitung und Überschrift. — Das Wort wird nicht über eine Milliarde verfügt, und wenn mehr auf-
gewünscht. Wer den aufgerufenen Bestimmungen kommt, muß das zurückgezahlt werden. Eigentlich
zuzustimmen wünscht, den bitte ich, die Hand zu hätte es in der Mehrhöhe gar nicht erhoben werden
heben. — Das ist die Mehrheit; es ist so be- dürfen. Wenn andere Pläne beabsichtigt sind,
schlossen. müßte der Gesetzgeber dazu von Grund auf ganz
neu Stellung nehmen. Diese Frage scheint mir
Wir kommen zur also sehr eindeutig geklärt zu sein: das Mehrauf-
dritten Beratung. kommen ist zurückzuzahlen.
Wird in der allgemeinen Aussprache das Wort
gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Die Einzel- Dabei erhebt sich natürlich die außerordentlich
beratung entfällt. schwierige Frage des Wie. Eine ganze Reihe von
Pflichtigen haben ihre Hergabepflicht voll und ganz
Ich komme zur Schlußabstimmung. Wer dem Ge- erfüllt, und ein Teil dieser Pflichtigen ist auch in
setz als Ganzem zuzustimmen wünscht, den bitte vollem Umfang durch die Hergabe von Wertpapie-
ich, sich zu erheben. — Ich bitte um die Gegen- ren befriedigt worden. Dieser Kreis ist praktisch
probe. — Enthaltungen? — Das Gesetz ist ein- aus dem Gesetz schon ausgeschieden. Ein anderer
stimmig angenommen. Teil der Pflichtigen hat zwar seinerseits die Zah-
Ich rufe auf Punkt 6 der Tagesordnung: lungspflicht erfüllt, ist aber bis heute noch nicht in den
a) Große Anfrage der Fraktion der FDP be- Besitz der versprochenen Wertpapiere gelangt. Bei
diesem Kreis tritt also schon die Frage der Rück-
treffend Investitionshilfe (Drucksache 602); zahlung in Erscheinung. Den dritten Kreis stellen
b) Beratung des Antrags der Abgeordneten diejenigen dar, die in Erwartung eines für sie gün-
Raestrup, Stücklen, Spies (Emmenhausen), stigen Urteils des Bundesverfassungsgerichts nicht
Dr. Dollinger und Genossen betreffend Rück- oder nicht alles gezahlt haben. Es muß wohl im
erstattung aus dem Investitionshilfe-Auf- Interesse der Gerechtigkeit gefordert werden, daß
kommen (Drucksache 676). man diejenigen, die ihrer Zahlungspflicht nicht ge-
Ich schlage Ihnen vor, zuerst die Begründung nügt haben, nunmehr auch zu der Zahlung her-
zu a und b zu hören und dann die Stellungnahme anzieht.
des Bundesministeriums der Finanzen. Besteht dar (Abg. Pelster: Sehr richtig!)
über Einverständnis? — Das ist der Fall. Man könnte natürlich dabei erwägen, ob ihnen der
Zur Begründung der Großen Anfrage hat das zu erwartende prozentuale Rückzahlungsbetrag
Wort der Abgeordnete Dr. Atzenroth. gleich erlassen werden soll. Über diese Möglichkeit
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2443
(Dr. Atzenroth)
wäre zu reden, aber die Einziehung muß man papiere erhalten haben, die Steuervorteile genie-
natürlich unter allen Umständen fordern. ßen, die jetzt nach Wegfall des Kapitalmarktförde-
rungsgesetzes nicht mehr möglich sind. Auch dafür
Andererseits sind gerade in diesen Tagen — des-
müssen wir eine gerechte Regelung treffen. Wir
wegen bin ich froh, daß wir heute endlich zu der dürfen nicht zweierlei Empfangsberechtigte schaf-
Besprechung dieser Anfrage kommen —, nachdem fen: die einen, die die günstigen Wertpapiere zu-
das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nunmehr
ergangen ist, die Schwierigkeiten für diese Unter- erst bekommen haben, und die anderen, die mit
weniger günstigen Wertpapieren am Schluß abge-
nehmungen und für diese Betriebe aufgetreten, funden werden, die schon so lange haben warten
(Abg. Samwer: Sehr richtig!) müssen und die schlechter gestellt werden sollen
man mag sagen, selbstverschuldet oder nicht. Aber als diejenigen, die zuerst drangekommen sind. Das
wenn man nun überlegt, daß die Betriebe auf das wäre ebenfalls untragbar. Das Abschlußgesetz muß
Urteil dieses Gerichts gewartet haben, daß aber also auch dafür eine eindeutige und klare Rege-
die Finanzämter und das Kuratorium ebenfalls lung finden.
gewartet, also stillschweigend die ganze Ange- Wir haben unsere Anfrage aufgeteilt. Zunächst
legenheit als eine Art Stundung betrachtet haben, fragen wir an, wie hoch das Aufkommen ist. Die
dann müßte man doch zu der Erkenntnis kommen, Zahlen lassen erwarten, daß es die Milliarde um
das auch von seiten des Gesetzgebers wirklich in 15 % übersteigen wird, wenn alles eingezogen ist.
die Form einer nachträglichen Stundung zu kleiden. Zweitens fragen wir:
(Abg. Samwer: Sehr richtig!)
In welchem Umfang sind die Begünstigten
Man müßte solche Härten unterbinden, wie sie zur ihrer Verpflichtung zur Hergabe von Wertpa-
Zeit auftreten, daß diesen Unternehmungen Be- pieren nachgekommen?
lastungen in einer Höhe von 2 % pro Monat —
Ich habe diese Frage durch eine weitere Frage er-
also von 24 % im Jahr; ich glaube, es ist noch gänzt: Was gedenkt die Bundesregierung zu tun,
etwas mehr — auferlegt werden. Ich habe eben ein
um diejenigen, die ihrer Verpflichtung nicht nach-
Schreiben übergeben bekommen, nach dem ein
Abgabepflichtiger, der 5900 DM zu zahlen hat, gekommen sind, zur Erfüllung ihrer Pflichten
anzuhalten?
allein an Zinsen zusätzlich noch 2600 DM zahlen
soll. Das sind Dinge, die einfach nicht tragbar sind, Drittens fragen wir, welche Wirtschaftszweige
und ich erwarte, daß die Verwaltung hier mit aller begünstigt worden sind und wie sich diese Investi-
Entschiedenheit eingreift. tionen ausgewirkt haben. Das ist für mich zu-
Ich will in keiner Weise die Kreise in Schutz nächst nur eine informatorische Frage. Ich beab-
nehmen, die ihre Zahlungspflicht nicht- erfüllt sichtige nicht, daraus heute eine Debatte zu ent-
haben. Sie müssen sich den üblichen Bedingungen fesseln.
unterwerfen, die bei einer ausgesprochenen Stun- Viertens fragen wir — das ist für uns das Wich-
dung auferlegt werden. Die Finanzbehörden sollten tigste —: Was gedenkt die Bundesregierung zu
nun diese, ich nenne sie einmal: stillschweigende tun, um dieses als eine einmalige Leistung be-
Stundung so schnell wie möglich zurückziehen, stimmte Gesetz nun zu einem Abschluß zu bringen,
damit das ordnungsmäßige Verfahren in Gang die Abwicklung zu beschleunigen und damit die
kommt. Aber für die Ablaufzeit müssen wir eine ganze Sache, mindestens parlamentarisch, aber auch
großzügige Regelung erwarten, die nicht zu solchen in der Praxis, endgültig zu erledigen?
Ungerechtigkeiten führt, daß die Betroffenen von
„Wucherzinsen" usw. sprechen können. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zur Begrün-
Auch auf der anderen Seite sind ja leider Fehler dung des Punktes 6 b hat der Abgeordnete
und Mängel zu verzeichnen, nämlich auf der Seite Raestrup.
der begünstigten Unternehmungen. Diese Unter-
nehmungen sind keineswegs alle in ihrer Gesamt- Raestrup (CDU/CSU), Antragsteller: Herr Präsi-
heit ihrer Verpflichtung nachgekommen, ihre Wert- dent! Meine Damen und Herren! Angesichts der
papiere herzugeben; denn sonst hätte ja jeder, der vorgeschrittenen Zeit ist es nicht meine Absicht,
seine Abgabepflicht erfüllt hat, nun auch das Wert- unseren Antrag allzu ausführlich zu begründen.
papier in der Hand. Es fehlt also eine ganze Reihe Ich will mich auf einige wesentliche Punkte be-
von Unternehmungen, die dieser Verpflichtung schränken. Unser Antrag ist gedanklich, in der Ziel-
nicht nachgekommen sind, und wir wünschen in setzung, mit der Großen Anfrage der FDP ver
unserer Frage 2 einmal eine Auskunft über den wandt, und ich kann vieles von dem, was mein ver-
Umfang dieses Rückstandes und zweitens eine Aus- ehrter Herr Kollege Atzenroth gesagt hat, voll und
kunft darüber, was der Herr Bundesfinanzminister ganz unterstreichen.
zu tun gedenkt, um diese Unternehmungen zu Meine Damen und Herren, es geht nicht— des-
veranlassen, daß sie ihrer Verpflichtung nachkom- halb haben wir diesen Antrag auch gestellt —, daß
men. Ich könnte mir vorstellen, daß es darunter wir als Bundestagsabgeordnete, die wir das Ge-
Unternehmungen gibt, die gar keine Wertpapiere setz gemacht haben und die wir für das Gesetz die
mehr geben wollen und bereit sind, das erhaltene Verantwortung tragen, in den Zeitungen lesen
Darlehen zurückzuzahlen. Wir könnten uns damit müssen, was nun alles mit dem Überschuß ge-
einverstanden erklären; denn von den Abgabe- schehen soll, wer das bekommen soll usw., ohne
pflichtigen wird ja mancher lieber sein Geld als daß wir, die wir die Gesetzgeber sind, in dieser
ein Wertpapier nehmen, obwohl diejenigen, die Frage das entscheidende Wort sprechen können.
bisher die Wertpapiere erhalten haben, nicht Absicht des Antrages ist deshalb, mit größter Be-
schlecht davongekommen sind. schleunigung zu erreichen, daß diese Fragen in
Aber dabei muß ich auf eine Schwierigkeit auf- erster Linie im Wirtschaftspolitischen Ausschuß er-
merksam machen, die jetzt eintritt. Es besteht die örtert werden und aus den Betrachtungen der
große Gefahr, daß diejenigen, die zuerst die Wert- Presse herauskommen.
2444 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Raestrup)
Es ist erfreulich, daß der eigentliche Zweck der Deshalb will ich mich heute nachmittag auch
Investitionshilfeabgabe erreicht ist, in dem durch nicht an der Auseinandersetzung darüber beteili-
diese eine Milliarde DM eine Art Initialzündung gen, ob es möglich oder nicht möglich ist, den Über-
erzielt worden ist und über 4 Milliarden DM tat- hang bar zurückzuzahlen. Ich persönlich stehe, ohne
sächlich investiert worden sind. So erfreulich dieser näher darauf einzugehen, auf dem Standpunkt, daß
Erfolg ist, so halte ich mich doch auch für verpflich- man da ein ganzes Knäuel von Zwirnsfäden ge-
tet, von dieser Stelle aus zu sagen, daß wir dank- macht hat, daß man das aber schon entwirren kann
bar anerkennen müssen, daß über eine Milliarde DM und daß man die Zwirnsfäden dann auch wieder be-
von den Abgabepflichtigen aufgebracht worden seitigen kann. Aber, meine Damen und Herren, um
sind, indem sie den Gesetzen Gehorsam geleistet es ganz kurz zu machen: Wir legen nur Wert dar-
haben. Diese Abgabe war nicht eine Selbstverständ- auf, daß die Rückerstattung möglichst schnell er-
lichkeit. Sie legte denjenigen, die die Abgabe auf- folgt. Wir sind auch nicht so kleine Geister, daß wir
bringen mußten, große Opfer auf. Sie mußten im heute einen Unterschied machen zwischen Barrück-
eigenen Betrieb auf Investitionen verzichten, sie zahlung und Rückzahlung in Obligationen, heute,
konnten mit dem Geld nicht die Steuerbegünsti- wo die Obligationen genau soviel wert sind wie
gungen des § 7 c ausnutzen. Deshalb ist es unsere Bargeld.
Sorge, nunmehr auch eine möglichst rasche Rück- Aber es handelt sich darum, was wir nun mit
erstattung der gezahlten Beträge zu erreichen. Hier denjenigen machen — das hat eben auch schon
— ich bitte auch den Herrn Vertreter des Finanz- Kollege Atzenroth gesagt —,. die mit der Zahlung
ministeriums, dazu etwas zu sagen— gefällt mir noch im Rückstand sind. Wir können hier dem
keineswegs die langsame Art, in der die Obliga- Finanzamt zunächst keine Vorwürfe machen. Denn
tionen jetzt den Aufbringern, den Erwerbsberech-
tigten, zugeteilt werden. der § 16 des Investitionshilfegesetzes sagt ganz
klipp und klar, daß Verzugszuschläge bei verschul-
Ich will Ihnen einige Daten sagen. Bei der ersten deter Zahlungsverzögerung im ersten Monat in
Rate in Höhe von 178 Millionen DM ist der Aufruf Höhe von 1 % und in jedem weiteren Monat in
am 30. Juni 1953 erfolgt, der Schluß der Zeichnung Höhe von je 2 % aufgebracht werden müssen. Aber,
war der 31. August 1953, und die Zuteilung der meine Damen und Herren, dieses Gesetz ist in einer
Obligationen hat am 9. Februar 1954 stattgefunden, Zeit gemacht worden, in der wir ganz andere Zins-
so daß zwischen dem Aufruf und der tatsächlichen verhältnisse hatten als heute.
Zuteilung ein Zeitraum von acht Monaten liegt. Die (Abg. Samwer: Sehr richtig!)
zweite Rate in der Höhe von 377 Millionen DM, von
der jetzt schon so viel die Rede ist, steht in der Wir können heute, im Jahre 1954, ein Gesetz nicht
Zuteilung für uns, die wir erwerbsberechtigt sind, mit den Maßstäben beurteilen, die im Jahre 1951
vorläufig noch auf dem Papier. Aufgerufen- worden galten, als das Gesetz gemacht wurde. Aber wir
ist am 31. Januar dieses Jahres, die Zeichnung ist müssen mit größter Beschleunigung diese gesetz-
am 31. März dieses Jahres erfolgt, und wir haben liche Bestimmung ändern. Ich möchte den Herrn
heute Mitte Oktober und haben noch nichts bekom- Finanzminister doch bitten, bei dem Vollstreckungs-
men. Wenn die dritte Rate jetzt aufgerufen wird, verfahren nur den Schuldbetrag einzuziehen und
wird das ja Mitte nächsten Jahres, und wenn die die Verzugszuschläge zunächst zu stunden, bis wir
vierte Rate aufgerufen wird, haben wir Ende näch- darüber eine Entscheidung getroffen haben, wie
sten Jahres. Dann haben wir drei bis dreieinhalb diese Schuldner wegen der Verzögerung der Zahlung
Jahre unser Geld hergegeben. Ich weiß nicht, auf behandelt werden sollen.
welche Gründe das zurückzuführen ist. Es wird (Abg. Hilbert: Die Verzugszuschläge be
immer von der großen Verwaltungsarbeit ge- tragen manchmal 55 %!)
sprochen. Ich frage: Kann man nicht angesichts der
Tatsache, daß wir gerade unter den älteren Ange- — Sie betragen — das gebe ich zu - bis zu 54 %
stellten eine so große Anzahl von Erwerbslosen der Schuldsumme.
haben, erwerbslose Buchhalter und sonstige ge- (Abg. Hilbert: Das ist ja Wucher! Das wird
eignete Beamte nehmen und sie einmal einträglich bestraft!)
beschäftigen, um den erwerbslosen alten Angestell- Ich habe von verschiedenen Seiten, vor allem von
ten einen Dienst zu erweisen? einem großen Einzelhandelsverband eines Landes,
Wir haben den Antrag gestellt, daß die Rücküber- entsprechende Zuschriften bekommen.
weisung in bar erfolgen soll. Inzwischen ist nun (Erneuter Zuruf des Abg. Hilbert.)
allerhand geschehen, denn unser Antrag ist fast
vier Monate alt. Mittlerweile wird gesagt, daß die — Ach Gott, mein lieber Hilbert, mit dem Finanz-
zweite Rate in den nächsten Tagen kommen soll. amt ist es immer so eine Sache.
Dann ist tatsächlich eine Rückzahlung von unge- (Heiterkeit.)
fähr 60 % des hergegebenen Geldes erreicht. Das
Wertvollste ist aber, daß inzwischen der Kapital- Ich habe mit Verzugszuschlägen noch keine Erfah-
markt so aufnahmefähig geworden ist, daß die Ob- rung, aber davon abgesehen: der Zweck unseres
ligationen, die uns mit einem Kurs von 96 oder Antrages ist, die ganze Sache mit der Investitions-
98% zugeteilt worden sind, heute bei den Banken hilfe endlich aus den Erörterungen in den Zeitun-
mühelos zu 101 oder 102 %, also mit einem ganz gen herauszubringen — kein Mensch weiß heute,
netten Aufschlag, verkauft werden können. Ich was nun eigentlich geschehen soll — und sie da
hoffe, daß der Kapitalmarkt auch noch so lange aus- hinzubringen, wohin sie gehört, nämlich zu uns in
hält, bis wir die dritte Rate bekommen. Würden wir den Bundestag und in die dafür zuständigen Aus-
die dritte Rate im März/April nächsten Jahres be- schüsse. Das ist der Antrag, den ich namens der
kommen, dann würden wir schon fast 90 bis 95 % CDU und namens auch der CSU, meines Freundes
in guten Obligationen erhalten haben. Dann ist für Dollinger, gestellt habe. Voraus möchte ich aber
uns die Frage, ob wir den Überhang in bar oder in wenigstens folgendes sagen.
Obligationen bekommen, nicht mehr von wesent- Über die Verwendung der 160 Millionen DM, die
licher Bedeutung. schon tropfenweise fließen und vielleicht bis Mitte
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2445
(Raestrup)
oder Ende des nächsten Jahres ganz zusammen- Phase der Entflechtung noch nicht vollzogen ist,
kommen, werden wir uns noch unterhalten müssen. oder auch solche Begünstigte, die nur sehr kleine
Können wir sie nicht bar zurückzahlen, weil eben Beträge aus der Investitionshilfe bekommen haben,
dieses Knäuel von Zwirnsfäden nicht zu entwirren wo also die Emittierung von solch kleinen Wert-
ist, dann steht sowohl die CDU wie auch die CSU papierbeträgen nicht ganz einfach war.
auf dem Standpunkt, daß diese 160 Millionen DM Ich komme zur Frage 3, welche Wirtschafts-
nicht weiter an diejenigen ausgeliehen werden sol- zweige begünstigt worden sind.
len, die durch § 1 des Gesetzes begünstigt gewesen
sind, also an Kohle, Eisen, Energie usw., sondern (Abg. Dr. Atzenroth: Zur Frage 2 war noch
daß dann dieser Betrag unter Einschaltung der eine Zusatzfrage mündlich vorgetragen
Industriekreditbank als Kredithilfe für den ge- worden: „Was gedenkt die Bundesregie
werblichen Mittelstand unter besonderer Berück- rung zu tun, um diesen Kreis zur Hergabe
sichtigung der im Sanierungsgebiet und im Grenz- der Wertpapiere zu veranlassen?")
landstreifen gelegenen Betriebe zur Verfügung ge- — Ich hatte gehofft, das mitbeantwortet zu haben.
stellt wird. Insoweit wollen wir unseren Antrag Es ist selbstverständlich, daß weiterhin alles ge-
ändern. schieht, um das volle Soll an Wertpapieren zur
Im übrigen ist es die höchste Zeit, daß wir ein Verfügung zu stellen. Ich hatte mir erlaubt, zu
Investitionsaufhebungsgesetz, also ein Schlußgesetz sagen, daß zum Teil die Entflechtung noch schwebt.
machen, damit wir das Investitionshilfegesetz, das Es ist selbstverständlich, daß die Verpflichteten
uns soviel Ärger bereitet hat, möglichst rasch be- dazu angehalten werden.
seitigen. Wenn ich mir einen ganz bescheidenen Zur Frage 3, welche Wirtschaftszweige begünstigt
Vorschlag erlauben darf, dann möchte ich als Prä- worden sind. Wenn ich die Zahlen abrunden darf,
ambel für dieses Investitionsschlußgesetz die Worte so sind es insgesamt im Kohlebergbau 228 Mil-
wählen: Einmal und nicht wieder! lionen DM, bei Eisen und Stahl 296 Millionen DM,
(Heiterkeit und Beifall in der Mitte bei Elektrizität 242 Millionen DM, bei Gas 107 Mil-
und rechts.) lionen DM, für Wasser 74 Millionen DM, für den
Waggonbau der Bundesbahn 50 Millionen DM, ab-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der gerundet 998 Millionen DM.
Herr Staatssekretär im Bundesministerium der Ich möchte das Hohe Haus mit den Einzelheiten
Finanzen. nicht aufhalten; sie ergeben sich aus dem sehr aus-
führlichen zweiten Jahresbericht des Kuratoriums.
Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium Wir haben aber heute für die Presse eine genaue
der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und Zusammenstellung der Verwendung im einzelnen
Herren! Ich darf zunächst die vier Fragen der - Gro- gefertigt, die nach der Sitzung der Presse zugänglich
ßen Anfrage der Fraktion der FDP beantworten, gemacht wird, so daß dann — —
die der Herr Abgeordnete Atzenroth begründet
hat. In der Antwort ist dann auch schon die Beant- (Zuruf: Der Presse? Warum denn nicht uns?)
wortung der Fragen des Herrn Abgeordneten — Selbstverständlich, Herr Abgeordneter. Ich
Raestrup enthalten. Ich glaube, ich brauche die wollte nur mit der Verlesung dieser vielen Einzel-
Fragen nicht noch einmal vorzulesen; sie werden zahlen nicht die Sitzung aufhalten. Es ist klar, daß
den Damen und Herren des Hohen Hauses vor- sie sowohl dem Hohen Hause wie der Presse zur
liegen. Verfügung gestellt wird.
Zur Frage 1. Das Aufkommen aus dem Investi- Ich darf hier bestätigen, was eben der Herr Ab-
tionshilfegesetz beläuft sich zur Zeit auf 1,015 Mil- geordnete Raestrup gesagt hat, daß mit einem Auf-
liarden DM, also schon auf mehr als eine Milliarde. tragsvolumen, das in Verbindung mit den Mitteln
Zur Frage 2. Aus diesem Aufkommen kamen bis- der Investitionshilfe gegeben worden ist, von
her 982 Millionen DM an die begünstigten Unter- 4,300 Milliarden die Investitionshilfe eine außer-
nehmen zur Auszahlung. Davon waren auf Grund gewöhnliche Breitenwirkung hat, die weit über die
der Beschlüsse des Kuratoriums 969 Millionen DM Anregung der bloßen Investitionstätigkeit der
durch Wertpapiere der Begünstigten und 13 Mil- Grundstoffindustrien hinausgegangen ist und sich
lionen DM durch Schuldverschreibungen der Indu- fördernd für die gesamte Wirtschaft ausgewirkt
striekreditbank abzulösen. Die Begünstigten sind hat.
ihren Verpflichtungen bezüglich der Wertpapier- (Abg. Dr. Köhler: Das ist der § 36!)
ausgabe bisher in Höhe von 528 Millionen DM Die Bundesregierung kann mit Genugtuung fest-
nachgekommen. Der Betrag von 13 Millionen DM stellen, daß nicht nur die mit der Investitionshilfe
wurde von der Industriekreditbank in vollem Um- unmittelbar verfolgten Ziele erreicht sind, sondern
fange abgelöst. Das sind also bisher 541 Millionen auch eine Stärkung und Ausdehnung der Gesamt-
DM. Im Rahmen des dritten Wertpapieraufrufes, wirtschaft der Bundesrepublik dadurch erzielt wor-
der, soweit bis jetzt zu übersehen, am 31. Oktober den ist, so daß diese außergewöhnliche gesetzliche
dieses Jahres, also etwa in zwei Wochen erfolgen Maßnahme zur Behebung der industriellen Eng-
wird, sollen weitere 400 Millionen DM Wertpapiere pässe jetzt schon voll gerechtfertigt erscheint.
zur Ablösung aufgerufen werden. Dann hätten wir
also rund 940 Millionen DM Wertpapiere, d. h. wir Ich komme zur Frage 4 und möchte vorweg
wären gar nicht mehr sehr weit unter den den Be- gegenüber den Anregungen der beiden Herren An-
günstigten überhaupt zugekommenen Beträgen. Ich tragsteller ganz deutlich sagen, daß die Bundes-
weiß, daß dieser Wertpapieraufruf zum Teil ver- regierung beabsichtigt, einen Gesetzentwurf — wenn
hältnismäßig langsam erfolgt ist, wie eben ausge- ich so sagen darf, ein Investitionshilfe-Schlußgesetz
führt worden ist. Ich darf aber darauf hinweisen, — dem Hohen Hause vorzulegen, in dem alle noch
daß unter den Unternehmen, die noch keine Wert- offenen Fragen über die weitere Verwendung oder
papiere emittiert hatten, zum Teil solche sind, die die Barrückzahlung oder die quotale Zahlung ent
noch nicht emissionsfähig sind, weil die letzte schieden werden sollen.
2446 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Staatssekretär Hartmann)
Ich darf dazu aber noch einige Bemerkungen vorhandene Barbetrag verfügbar sein. Dann müßte
machen: Das Aufbringungssoll beträgt zur Zeit 1,168 aber die Barausschüttung verschoben werden, bis
Milliarden DM. Gezahlt sind 1,015 Milliarden DM. das Ist-Aufkommen endgültig feststeht, denn wir
Der offene Rückstand beträgt also 153 Millio- nehmen ja an, daß das Ist-Aufkommen über
nen DM. Davon sind 55 Millionen DM von den 1 015 000 000 noch erheblich hinausgehen wird. Das
Finanzämtern formell gestundet, teils um eine würde zur Folge haben, daß für die pünktlichen
ratenweise Abdeckung zu ermöglichen, teils weil Zahler Barbeträge nicht zur Verfügung stünden
Rechtsmittelverfahren schweben, teils aber auch und daß den größten Teil des Barbetrages gerade
wegen der schwebenden Verhandlungen über einen diejenigen bekämen, die bisher nicht pünktlich ge-
Erlaß. Von den 153 Millionen DM Rückständen ver- zahlt haben und bei denen unter Umständen sogar
bleiben nach Abzug der 55 Millionen DM, die ord- beigetrieben werden muß. Ich weiß nicht, ob das
nungsmäßig gestundet sind, noch rückständige Be- eine vernünftige Handhabung wäre, erst beizutrei-
träge von 98 Millionen DM. Diese 98 Millionen DM ben und dann bar zurückzuzahlen.
werden von rund 30 000 Aufbringungspflichtigen
geschuldet, die weder Zahlung geleistet noch Stun- Was die quotale Rückzahlung betrifft, so läßt sie
dung erwirkt noch überhaupt ,auf irgendeine Auf- sich auch erst dann durchführen, wenn sowohl das
forderung reagiert haben, die daher in der Finanz- endgültige Aufbringungssoll wie auch das Ist-Auf-
verwaltung als die Taubstummen bezeichnet wer- kommen feststeht. Das Aufbringungssoll ändert
den. Sie haben sich bisher auf keine Mahnung und sich natürlich noch laufend. Es schweben auch
auf keine Formularzusendung der Finanzämter noch die Erlaßanträge, die Rechtsmittel, die Be-
überhaupt geäußert. Die Bundesregierung glaubt, triebsprüfungen, so daß es wahrscheinlich minde-
wenn sie den Boden von Recht und Gerechtigkeit stens noch ein Jahr dauern würde, bis das end-
nicht verlassen will, es nicht verantworten zu kön- gültige Aufkommen feststünde. Ich darf bitten,
nen, gesetzlich die Streichung dieser noch nicht ge- hieraus zu entnehmen, daß die quotale Rückzah-
leisteten Raten vorzusehen. Die Bundesregierung lung auch keine Beschleunigung darstellen würde.
ist sich hierin einig mit dem Gemeinschaftsausschuß Wenn die Angelegenheit relativ schnell zu Ende
der gewerblichen Wirtschaft. Alle darin vertretenen kommen soll, bleibt nach Ansicht der Bundesregie-
Organisationen legen Wert darauf, daß alle aus- rung wohl nur die Fortführung des dem Gesetz
stehenden und nicht ordnungsmäßig gestundeten entsprechenden Aufbringungsverfahrens und die
Beträge restlos eingezogen werden nach den ge- Durchführung der entsprechenden Wertpapieraus-
setzlichen Vorschriften; wie sie das Hohe Haus schüttung.
seinerzeit beschlossen hatte. (Zuruf rechts: Wieso?)
(Sehr richtig! in der Mitte.) Ich darf aber sagen — wie ich bereits einleitend
Wenn man sich nun auf den Standpunkt stellte, bemerkt habe —, daß die Bundesregierung die Ab-
daß die Investitionshilfe zwar eine Milliarde errei- sicht hat, hierüber einen Gesetzentwurf vorzulegen,
chen, aber nicht darüber hinausgehen sollte, dann der zunächst die Fristen für die Abwicklung fest-
läge es nahe — was ja eben zur Erörterung kam -, legt und der dann die Entscheidung darüber brin-
das sich darüber hinaus ergebende Aufkommen gen soll, welches dieser Verfahren eingeschlagen
wieder zur Rückzahlung zu bringen, und für die werden soll. Es wird also in der Hand des Hohen
Rückzahlung gäbe es entweder die Form der Bar- Hauses liegen, die endgültige Entscheidung über
ausschüttung oder die Form der quotalen Rück- diese Dinge zu treffen.
zahlung.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem Herrn
Bei der Barausschüttung würde das Aufkom- Staatssekretär. Das Wort hat Herr Abgeordneter
men, das über eine Milliarde hinausgeht, den aus- Kurlbaum.
zuschüttenden Wertpapieren gleichgestellt werden.
An der Ausschüttung würden dann alle diejenigen Kurlbaum (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
teilnehmen, die Zahlungen geleistet haben, soweit und Herren! Die sehr detaillierte Äußerung des
sie nicht Wertpapiere zugeteilt erhalten haben. HernStaskäudiehrng
Diese Erwerbsberechtigten hätten dann die Wahl Begründungen der Großen Anfrage und des Antra-
zwischen verschiedenen Wertpapieren, aber auch ges veranlassen mich, von seiten unserer Fraktion
die Wahl zwischen Wertpapier und Geld. Das ist noch einiges zu diesem Thema zu sagen. Wir haben
die Situation, die jetzt eingetreten ist. Würde das mit den anderen Fraktionen den Wunsch, daß die
Geld überzeichnet, dann würde es genau so Investitionshilfe und das damit zusammenhängende
repartiert werden müssen, wie wenn Wertpapiere Verfahren so schnell wie möglich zum Abschluß
überzeichnet wären. Bei der quotalen Rückzahlung gebracht wird. Wir begrüßen es daher, daß der
würde das Aufkommen, das eine Milliarde über- Bundestag noch einmal Gelegenheit hat, diese ab-
steigt, gleichmäßig quotal auf alle Aufbringungs- schließende Behandlung von sich aus zu beein-
zahler verteilt werden. flussen. Wir haben ja seinerzeit die technischen
Nun darf ich vielleicht gleich sagen — ohne der Einzelheiten des Gesetzes neben seinen Grund-
Beratung über den Gesetzentwurf vorgreifen zu zügen erheblich kritisiert. Aber auch ich will die
wollen —, daß die Bundesregierung gegen beide grundsätzlichen Fragen heute nicht weiter vertie-
Verfahren erhebliche Bedenken hat, weil die Durch- fen, sondern mich nur mit der Frage beschäftigen,
führung der Verfahren sehr schwierig werden wird. wie die Angelegenheit so schnell wie möglich zum
Wenn die Barausschüttung gewählt wird, könnte Abschluß gebracht werden sollte.
zugleich mit der Aufforderung zur Übernahme von Dabei müßten nach unserer Auffassung insbe-
Wertpapieren auch der dann vorhandene Bar- sondere die berechtigten Wünsche der Aufbrin-
bestand angeboten werden. Wenn 940 Millionen gungspflichtigen berücksichtigt werden und nach
DM Wertpapiere ausgeschüttet würden, dann wür- unserer allgemeinen wirtschaftspolitischen Auf-
den bei dem demnächstigen Aufruf nur noch fassung vor allem auch die Interessen der wirt-
60 Millionen Wertpapiere — die Differenz von schaftlich schwachen Teile in unserer deutschen
940 Millionen bis zu 1 Milliarde — und der dann Wirtschaft. Beim Studium der Berichte des Kura-
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2447
(Kurlbaum)
toriums und der Industriekreditbank ist mir auf- In der öffentlichen Diskussion hat auch die Frage
gefallen, daß gerade in der Klasse der Aufbrin- eine erhebliche Rolle gespielt, ob man aus den
gungspflichtigen unter 3000 DM ein ganz besonders überschüssigen Mitteln gewissen Wirtschaftszwei-
hoher Prozentsatz sich im Rückstand befindet. Es gen noch etwas zuteilen soll. Der Herr Staatssekre-
handelt sich bei dieser Gruppe um 87 000 Aufbrin- tär hat das soeben auch erwähnt. Es ist nach un-
gungspflichtige. Von diesen sind 23 000, d. h. über serer Ansicht mindestens der Prüfung wert, ob
ein Viertel nach den vorliegenden Unterlagen am solche Anliegen vorliegen.
30. Juni dieses Jahres noch im Rückstand gewesen. (Abg. Dr. Atzenroth: Berechtigte Anliegen
Es handelt sich dabei um einen Betrag von etwa vorliegen!)
57 Millionen DM. In dieser Gruppe ist also der
prozentuale Anteil der Rückständigen am größten, — solche berechtigten Anliegen vorliegen. Wir ha-
und das sollte uns veranlassen, doch einmal darüber ben es immer bedauert, daß z. B. die Bundesbahn
nachzudenken. nur 50 Millionen DM bekommen hat. Zweifellos
Unsere Fraktion hat seinerzeit schon bei der Be- hätte es der Bundesbahn in ihrer jetzigen Lage
ratung des Investitionshilfegesetzes besonderen sehr geholfen, wenn sie rechtzeitig mehr Mittel be-
Wert darauf gelegt, die Härteparagraphen 20 und 21 kommen hätte. Ich möchte dazu aber, weil das auch
besser auszugestalten und ida mehr Möglichkeiten eine kredittechnische Frage ist, die sehr genau ge-
zu geben. Wir haben insbesondere seinerzeit den prüft werden muß, ausdrücklich folgendes sagen.
Dieser Weg einer weiteren Zuteilung sollte nur
Antrag gestellt, die Notstandsgebiete völlig von der beschritten werden, wenn wirklich überzeugend
Aufbringung zu befreien. Ich möchte in diesem
Zusammenhang ein paar Ziffern nennen. Man hat dargelegt wird, daß volkswirtschaftlich vordring-
mir gesagt, daß auf die Notstandsgebiete über 10 % liche Investitionsvorhaben auf diesem Wege schnel-
des Aufbringungssolls entfallen, nämlich 109 Mil- ler und zu günstigeren Bedingungen als über den
lionen DM, und daß die Notstandsgebiete allein normalen Kapitalmarkt befriedigt werden können.
78 Millionen DM aufgebracht haben. Ich glaube, Das sind die Anregungen, die wir zur Beratung
wir sollten uns bei dieser abschließenden Behand- zu geben haben. Wir schließen uns dem Antrag an,
lung sehr genau überlegen, ob wir nicht nur zu- die Drucksache 676 zur Beratung an den Wirt-
gunsten der kleinen Aufbringungspflichtigen, son- schaftspolitischen Ausschuß zu überweisen. Wir
dern auch zugunsten aller Aufbringungspflichtigen würden es aber, weil die Sache sehr eng mit der
in den Notstandsgebieten etwas Besonderes tun Arbeit der Finanzämter zusammenhängt und es
müssen. Die Mittel zu einem weitgehenden Erlaß sich daher auch um finanztechnische Fragen han-
wären ohne weiteres vorhanden. Es stehen dazu delt, begrüßen, wenn der Finanzausschuß als mit
die 150 Millionen DM zur Verfügung, von denen beratender Ausschuß beteiligt würde.
der Herr Staatssekretär soeben bereits gesprochen
- Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
hat.
geordnete Samwer.
(Präsident D. Dr. Ehlers übernimmt
wieder den Vorsitz.) Samwer (GB/BHE): Herr Präsident! Meine Da-
men und Herren! Das Ziel des Investitionshilfege-
Ich sage aber ausdrücklich, daß wir diese Mög-
lichkeiten nur zugunsten derer erwägen sollten, die setzes ist voll erreicht. Wir haben aus dem Bericht
auch wirklich ein ordnungsmäßiges Stundungsver- des Finanzministeriums erfahren, daß die Milliarde
überschritten ist. Auf der anderen Seite haben wir
fahren abgewickelt haben. Ich glaube, daß durch
gehört, daß die Rechtsbeschwerde, die vor allem aus
einen solchen Vorschlag im Hinblick auf die große Kreisen des gewerblichen Mittelstandes gekommen
Zahl der kleinen Aufbringungspflichtigen die Ar- war, vom Bundesverfassungsgericht verworfen
beit der Finanzämter wesentlich erleichtert und das worden ist. Nun scheint gleich danach eine Welle
gesamte Verfahren schneller zum Abschluß ge- von rücksichtsloser Vollstreckung eingesetzt zu
bracht werden könnte. haben. Ich habe hier einen Hilferuf aus Südbaden.
Vorhin ist schon mit Recht von den pünktlichen
Zahlern gesprochen worden. Ich glaube, wir haben (Zurufe von der CDU/CSU: Die haben wir
alle Veranlassung, für die Investitionshilfe einen auch!)
Abschluß zu finden, der gerade die pünktlichen Darin heißt es:
Zahler nicht enttäuscht. Wir gestatten uns, ausdrücklich darauf hinzu-
Ein gewisser Mangel liegt zweifellos in dem weisen, daß das Investitionshilfegesetz vom ge-
Zuteilungsverfahren. Dieses Zuteilungsverfahren samten Mittelstand nur schweren Herzens hin-
ähnelt ja mehr einer Lotterie. Ich weise nur genommen worden ist. Die Beitreibungen mit
darauf hin, daß es bei der zweiten Zutei- Zuschlägen bis zu 50 % der Aufbringungs-
lung Zuteilungsquoten herunter bis zu 1% summe haben eine Welle der Empörung ausge-
gegeben hat. Es hat also wirklich sehr viel Ähn- löst.
lichkeit mit dem Fußball-Toto. Die kleinen und (Zuruf von der Mitte: Das wissen wir doch
mittleren Betriebe sind dabei besonders schlecht alle!)
gefahren, weil sie nicht die Möglichkeit hatten,
erstens wegen ihrer großen Zahl und zweitens we- — Dann können Sie es ja nachher hier vortragen,
gen ihres kleinen, sagen wir mal ruhig, Gewichts, wenn Sie es für nötig halten. Augenblicklich er-
außerhalb des normalen Zuteilungsverfahrens in lauben Sie, daß ich es sage.
Verhandlungen mit der Industriekreditbank zu Es ist doch kein Zweifel, daß sehr viele Kreise
treten und auf diese Weise zu einer befriedigenden des gewerblichen Mittelstandes gehofft haben, über
Zuteilung zu kommen. Wir empfehlen also im Hin- ihre Organisationen vom Bundesverfassungsgericht
blick auf die kleinen Zahler, die Grenze in § 32 eine bessere Entscheidung zu erhalten. Diese Be-
für die bevorzugte Zuteilung von Wertpapieren triebe haben erwartet, daß sie von dem Investi-
heraufzusetzen, um wenigstens für die wirtschaft- tionshilfegesetz nicht betroffen werden würden.
lich Schwachen das Zuteilungsverfahren so schnell Nachdem die Dinge so gelaufen sind — sicher, wie
wie möglich zum Abschluß zu bringen. es Rechtens ist — und das Ergebnis vorliegt, sollte
2448 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Sam wer)
man die Dinge mit weicher Hand und nicht mit har- sie dem Fonds zugute, oder fließen sie in die
ter Hand ordnen. Ich empfehle deshalb — da Staatskasse? Auch das ist eine sehr interessante
stimme ich dem Kollegen Kurlbaum durchaus zu —, Zusatzfrage, um deren Beantwortung ich Sie auch
von den §§ 20 und 21 des Investitionshilfegesetzes noch bitte.
mehr als bisher Gebrauch zu machen. Insbesondere
bitte ich das Bundesfinanzministerium, durch einen Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der
Erlaß an die Finanzämter sicherzustellen, daß nicht Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums.
ein rigoroses Beitreiben stattfindet. Ich habe hier
von einer Organisation des Mittelstandes einen Fall Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium
mitgeteilt bekommen, in welchem die Aufbrin- der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und
gungsschuld 1700 DM — Sie werden mir zugeben, Herren! Zur ersten Frage des Herrn Abgeordneten
eine kleine Sache — und der Zuschlag wegen ver- Atzenroth: Das einzige Mittel, die Ausgabe der
späteter Zahlung 722,50 DM beträgt. Der ist doch Wertpapiere zu beschleunigen, liegt nach § 30
enorm. Es ist sicher Sache des Bundestages, den Abs. 4 des Gesetzes über die Investitionshilfe der
Herrn Bundesfinanzminister zu bitten, die Dinge in gewerblichen Wirtschaft in folgendem:
ein vernünftiges Maß zu bringen.
In die Darlehnsverträge ist die Bestimmung
(Abg. Pelster: Unsererseits ist das bereits aufzunehmen, daß der Zinssatz sich um vier
geschehen!) vom Hundert jährlich erhöht, wenn der Be-
— Wenn es bereits geschehen wäre, würde ich nicht günstigte nach Wegfall der Hinderungsgründe
unter dem 9. Oktober einen derartigen Hilferuf er- oder, falls nachträglich die Gesamtsumme der
halten haben. Also bitte, wir wollen die Sache nicht einem Begünstigten bewilligten Investitions-
verniedlichen, weil es uns vielleicht nicht paßt, daß mittel fünfhunderttausend Deutsche Mark er-
die Dinge hier angesprochen werden, sondern wol- reicht, die Emission von Wertpapieren ent-
len die Dinge offen beim Namen nennen. Das allein gegen den Bestimmungen des Darlehnsver-
hilft dem gewerblichen Mittelstand wirklich. trages unterläßt. Dasselbe gilt, wenn in den
Fällen des Abs. 1 der Begünstigte die Emission
(Zustimmung beim GB/BHE und bei der von Wertpapieren entgegen den Bestimmungen
CDU/CSU.) des Darlehnsvertrages unterläßt, obwohl keine
Im übrigen sind wir auch dafür, daß diese Fragen Hinderungsgründe für die Emission vorliegen.
recht bald im Wirtschaftspolitischen Ausschuß be- (Abg. Dr. Atzenroth: Das kann man im
handelt werden. Dabei können dann auch alle an- Schlußgesetz doch ändern!)
deren Fragen, die zweitrangig sind, behandelt — Eben, Herr Abgeordneter; ich hatte mir erlaubt,
werden. darauf hinzuweisen, daß der ganze Fragenkomplex
(Beifall beim GB/BHE.) -
im Schlußgesetz dem Hohen Hause vorgelegt wird,
in dem alle Einzelheiten, auch die Frage der Zweck-
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab- bestimmung, die ich eben gar nicht erwähnt habe,
geordnete Dr. Atzenroth. aber auch diese Fragen geregelt werden können.

Dr. Atzenroth (FDP): Meine Damen und Herren! Nun zur zweiten Frage. Ich gehe davon aus, daß
Der Herr Staatssekretär hat meine gedruckten die Finanzämter, die ja. Landesbehörden sind, die
Fragen voll und ganz beantwortet, und auch ich Investitionshilfe nach den gesetzlichen Vorschriften
möchte mich darauf beschränken, daß wir diese durchführen, soweit nötig, auch einziehen. Wir wer-
Dinge im Ausschuß besprechen. den aber in zehn Tagen die Oberfinanzpräsidenten
bei uns haben, und ich werde diese Frage mit ihnen
Der Herr Staatssekretär hat aber meine beiden besprechen. Es liegt nicht im Sinne des Bundes-
weiteren Fragen nur bedingt beantwortet. Meine finanzministeriums, Beitreibungen in rigoroser
zusätzliche Frage zu dem Punkt 2 lautete: Was ge- Weise vorzunehmen, so daß unter Umständen
denkt die Bundesregierung zu tun, um die zur Her- wirtschaftliche Schäden eintreten. Ich glaube aber,
gabe von Papieren Verpflichteten zur Erfüllung die pünktlichen Steuerzahler bzw. Investitionshilfe-
dieser Pflicht ernsthaft anzuhalten? Wenn man dar- zahler — es handelt sich ja nicht um eine Steuer —
auf antwortet: „Es wird alles geschehen!", so ist das können erwarten, daß die anderen, die in derselben
keine Beantwortung der Frage. Es müßten auch wirtschaftlichen Lage wie sie sind, ebenfalls zur
hier Strafmaßnahmen vorgesehen, Fristen gesetzt Zahlung angehalten werden. Es wäre ein Verstoß
werden, so daß wir zu einem wirklichen Druck auf gegen die Gerechtigkeit, wenn die Durchführung
die Unternehmungen kommen, die ihrer Pflicht in diesen Fällen nicht erfolgte.
nicht nachgekommen sind oder nicht nachkommen. (Abg. Dr. Gille: Wer bekommt die zusätz
— Das ist die eine Frage, die nicht beantwortet lichen Zinsen?)
worden ist.
— Die Zinsen fließen in den Fonds.
Die zweite Frage, Herr Staatssekretär, die bei (Abg. Dr. Gille: Aha! — Abg. Hilbert: Sind
allen Rednern angeklungen ist, war: Sind Sie be- Sie mit diesen Zuschlägen bis zu 75 % ein
reit, auf die rigorosen Beitreibungsmaßnahmen zu verstanden?)
verzichten oder sie zu mildern? Hierauf müssen wir
hier im Parlament eine Antwort haben, um die — Die Zuschläge sind in dem von dem Hohen
Frage dürfen wir nicht herumgehen. Hause beschlossenen Gesetz vorgesehen.
(Abg. Samwer: Sehr richtig!) (Abg. Hilbert: §§ 20, 21! — Abg. Samwer:
§ 21, Erlaß der Aufbringungsbeträge!)
Wir fordern eine präzise Erklärung, in welchem
Umfange von solchen scharfen Beitreibungsmaß- — Das ist doch alles in dem Gesetz vorgesehen. Ich
nahmen Abstand genommen wird. bitte aber, wenn besonders markante Fälle vor-
liegen, in denen sich die Finanzämter nicht an das
Dazu gehört eine weitere Frage: Wohin fließen Gesetz gehalten haben, sie uns zuzuleiten; dann
diese nicht unerheblichen Verzugszinsen? Kommen können wir eingreifen.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
2449
Hilbert (CDU/CSU): Eine Frage, Herr Staats- Nun, Herr Staatssekretär, werden Sie mir sagen:
sekretär! Ist Ihnen bekannt, daß dort, wo Stun- Das ist ja vom Gesetzgeber so angeordnet worden.
dungen gewährt wurden, jetzt nachträglich diese Gut, ich will das akzeptieren. Aber dann bin ich
Zuschläge erhoben werden? der Meinung, daß wir etwas angeordnet haben, was
der Korrektur entweder durch uns oder durch eine
Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium vernünftig und verständig arbeitende Verwaltung
der Finanzen: Das ist mir nicht bekannt. bedarf.
(Abg. Hilbert: Ich weiß beispielsweise (Abg. Samwer: § 21!)
zwei Fälle!) Also hier ist eine Änderung nötig, entweder durch
— Darf ich bitten, mir diese Fälle mitzuteilen. uns oder durch die Verwaltung, und zu dieser Än-
derung möchte ich angeraten haben.
Präsident D. Dr. Ehlers: Weitere Wortmeldun-
(Beifall in der Mitte. — Abg. Hilbert: Eine
gen? - Herr Abgeordneter Bausch! Geistesänderung bei der Bürokratie ist
Bausch (CDU/CSU): Meine Damen und Herren! nötig!)
Die Abgeordneten haben ja oft Gelegenheit, das Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
Ohr am Pulsschlag der Volksseele zu haben. geordnete Dr. Atzenroth.
(Heiterkeit.)
— Ja, ich hoffe, daß das bei Ihnen auch so ist; für Dr. Atzenroth (FDP): Es tut mir außerordentlich
mich kann ich das jedenfalls sagen. leid, daß ich hier noch einmal sprechen muß; aber
die Ausführungen des Herrn Staatssekretärs haben
(Erneute Heiterkeit. — Zurufe. — mich nicht befriedigt.
Glocke des Präsidenten.)
(Zuruf des Abg. Pelster.)
Ich habe immer wieder an jedem Wochenende Ge-
legenheit, auf das zu hören, was die Staatsbürger — Ja, Herr Pelster, Ihnen paßt das nicht. Aber Sie
meines Wahlkreises zu sagen haben. Sie sagen sind ausgewichen, und wir wollen hier kein Aus
mir immer wieder auch etwas über dieses Gesetz. weichen; wir wollen hier eine Erklärung haben.
Weil der Herr Staatssekretär eben angeregt hat, Zweifellos besagt das Gesetz, daß die Verzugs-
ihm drastische Fälle zu nennen, möchte ich folgen- zuschläge zu erheben sind. Das wissen wir auch.
den Fall anführen, der mir erst in dieser Woche Leider hat das Hohe Haus ja das Gesetz beschlos-
zur Kenntnis gekommen ist. sen. Ich kann sagen, ich nicht mit; aber das ist
(Zurufe.) nebensächlich. Unser Verlangen geht doch dahin,
- daß erstens die Bundesregierung in ihrem Schluß-
— Ja, Herr Kuntscher, dazu sind wir doch hier,
damit wir über diese Sachen sprechen! Wozu sind gesetz diese Ungerechtigkeiten beseitigt, zweitens,
wir denn sonst da, wenn wir nicht eine solche Ge- daß sie innerhalb ihrer Behörde so lange vorüber-
legenheit benützen, das zu tun? gehend auf dem Verwaltungswege Milderungs-
(Beifall und Heiterkeit. — Abg. Pelster: maßnahmen anordnet, bis dieses Schlußgesetz hier
Mit allen Einzelheiten schriftlich über angenommen wird und sie dadurch sanktioniert
reichen!) werden können. Zu dieser Forderung möchten wir
eine positive Erklärung der Bundesregierung
— Hier im Bundestag muß darüber gesprochen haben und nicht ein Ausweichen, so daß morgen
werden! Hier ist der Platz! Dazu sind wir hierher unten bei den Finanzämtern nur noch das Gesetz
gewählt. Wir Abgeordneten sind doch die Anwälte angewandt wird.
des Volkes gegenüber der Regierung! Diese Auf-
gabe haben wir hier wahrzunehmen. Deshalb Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Ab-
spreche ich hier! geordnete Dr. Wellhausen.
(Beifall.)
Dieses Recht lasse ich mir nicht nehmen, auch von Dr. Wellhausen (FDP): Herr Präsident! Meine
meinen eigenen Parteifreunden nicht, auch wenn Damen und Herren! Ich hoffe sehr, keinen Ord-
sie die Stirn runzeln. nungsruf von Ihnen zu bekommen, aber ich möchte
doch meinen lieben ehrenwerten Mitabgeordneten
(Erneuter Beifall.) Bausch bitten, mir einmal dazu zu verhelfen, den
Präsident D. Dr. Ehlers: Herr Abgeordneter Pulsschlag einer Seele zu vernehmen.
Bausch, Sie haben das Wort zu den sachlichen Be- (Heiterkeit.)
merkungen.
Ich glaube, daß ihm das schwerfallen wird,
Bausch (CDU/CSU): Ja, ich komme gleich dar- (erneute Heiterkeit — Abg. Bausch: Das
auf. Ein Bürger meines Wahlkreises hat mir be- müssen Sie noch lernen, wenn Sie es nicht
richtet, er sei mit den Zahlungen nach dem In- können!)
vestitionshilfegesetz etwa ein Jahr lang im Rück-
stand gewesen. Er habe gute Gründe dafür gehabt, selbst, lieber Herr Bausch, in Württemberg.
weil während des Krieges Haus und Hof bombar- (Anhaltende Heiterkeit.)
diert worden seien. Er habe gedacht, auf solche
Kriegsschäden müßte man doch Rücksicht nehmen. Präsident D. Dr. Ehlers: Wenn Herr Abgeordneter
(Abg. Hilbert: Allerdings!) Dr. Wellhausen noch länger gesprochen hätte,
Eben deshalb, weil er ein Jahr lang im Rückstand hätte ich ihn zur Sache rufen müssen, da die Seele
gewesen sei, seien ihm Zuschläge berechnet wor- nicht auf der Tagesordnung steht.
den, die er per Saldo mit etwa 42 % der Grund- (Heiterkeit und Beifall.)
summe für ein Jahr berechne. Dies sei aber ein Ich sehe keine weiteren Wortmeldungen, auch
Wucher! nicht auf der Regierungsbank. — Ich bitte um Ent-
(Hört! Hört!) schuldigung, Herr Abgeordneter Kurlbaum!
2450 2. Deutscher Bundestag - 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954

Kurlbaum (SPD): Herr Präsident! Meine Damen des Geltungsbereichs des Grundgesetzes ihren Sitz f'
und Herren! Der Kollege Atzenroth hat, glaube ich, hatten, ergeben sich weder aus § 8 noch aus § 89
soeben angedeutet, daß wir auf den Schlußgesetz- hinreichende Zuständigkeitsbestimmungen. Auch
entwurf der Bundesregierung warten sollten. Das solche Vorschriften des Bundesentschädigungsge-
würde ich angesichts der Dringlichkeit der Angele- setzes, die eine Höchstgrenze der Entschädigung
genheit und angesichts der Nähe des Termins vom festsetzen, haben offenbar übergebietliche Organisa-
31. Oktober für die nächste Ausschreibung von Wert- tionen nicht berücksichtigt, so daß § 24 Abs. 2 zu
papieren für sehr schlecht halten. Ich bin dafür, daß erweitern sein wird. In der Rangfolge des .§ 78
wir die Angelegenheit so schnell wie möglich im haben solche Organisationen bisher keinen ange-
Wirtschaftspolitischen Ausschuß und auch im messenen Platz.
Finanzausschuß behandeln und uns darüber klar Unter diesen Umständen kann es nicht dabei blei-
werden, wie wir die jetzt zutage getretenen Miß- ben, daß inzwischen die gesetzliche Anmeldefrist
stände beseitigen und insbesondere den kleineren abgelaufen ist, falls der Berechtigte nicht im Aus
Unternehmungen so schnell wie möglich helfen lande lebt. Wir halten daher für erforderlich,
können. Wenn dann die Bundesregierung rechtzei- die Anmeldefrist wieder zu eröffnen und um ein
tig mit einem neuen Vorschlag kommt, soll es uns Jahr zu verlängern. Bitte, wenden Sie uns nicht
recht sein. Tut sie es nicht, so werden wir allein ein, hierdurch verzögere sich der Vollzug des Ge-
einen Antrag stellen. setzes, weil sich vor Ablauf der Anmeldefrist die
(Beifall bei der SPD.) Gesamtheit der Ansprüche nicht überblicken lasse.
Erstens läßt sich aus der Summe der Anmeldungen
Präsident D. Dr. Ehlers: Ich sehe keine weiteren noch nicht auf den Gesamtbetrag schließen, der für
Wortmeldungen. — Ich schließe die Besprechung. gerechtfertigte Ansprüche aufzuwenden sein wird.
Meine Damen und Herren, es ist Überweisung Zweitens handelt es sich nicht um die Ausschüt-
der Großen Anfrage der Fraktion der FDP und des tung einer Konkursquote, so daß die Größe der
Antrags Drucksache 676 an den Wirtschaftspoliti- Schäden den Maßstab dafür zu bilden hat, welche
schen Ausschuß als federführenden Ausschuß und Mittel aufzuwenden sind, nicht aber umgekehrt ein
an den Ausschuß für Finanz- und Steuerfragen bestimmter Geldbetrag die Grenze setzen kann,
beantragt worden. Ich darf im Interesse der Ver- ob und zu welchem Anteil Unrecht wiedergutzu-
einfachung vorschlagen, daß wir den Antrag Druck- machen ist. Drittens läuft die Frist für die Anmel-
sache 676 als einen zur Großen Anfrage bereits dungen a il s dem Auslande ohnehin noch bis zum
gestellten Antrag ansehen, so daß auch die Über- 1. Oktober 1955, so daß vor Ende des nächsten
weisung der Großen Anfrage geschäftsordnungs- Jahres sowieso mit keinem Abschluß der Anmel-
mäßig möglich ist. Sonst gäbe es wieder Schwierig-
- dungen zu rechnen ist.
keiten. Ich darf unterstellen, daß die Überweisung Die Unklarheiten, die es zu beseitigen gilt, ste-
erfolgt. — Das Haus ist damit einverstanden. hen in einem inneren Zusammenhang mit den
unbestreitbaren Mängeln des Gesetzes, so daß es
Meine Damen und Herren, ich rufe auf Punkt 7 gerechtfertigt erscheint, hierbei auch allgemein den
der Tagesordnung: Stand der Wiedergutmachung zu berücksichtigen
Erste Beratung des von der Fraktion der und die Frage aufzuwerfen, wie es mit der Wieder-
SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes gutmachung in Deutschland bestellt ist.
zur Änderung des Bundesergänzungsgesetzes
zur Entschädigung für Opfer der national- Das Bundesgesetz vom 18. September 1953 hat
sozialistischen Verfolgung (Drucksache 811). in einem außerordentlichen und mit dem Grund-
gesetz kaum zu vereinbarenden Ausmaß die Rege-
Herr Abgeordneter Dr. Arndt zur Begründung! lung einer Reihe von Rechtsverordnungen über-
lassen. Die Folge dieses Grundfehlers ist es, daß
Dr. Arndt (SPD), Antragsteller: Herr Präsident! sogar die an sich bereits unzureichenden Vorschrif-
Meine Damen und Herren! Bei der Beratung dieses ten des Bundesentschädigungsgesetzes noch immer
Gesetzentwurfs ist über seine Gründe im besonde- zu einem erheblichen Teil un vollziehbar ge-
ren, aber auch über den Stand der Wiedergut- blieben sind.
machung im allgemeinen etwas zu sagen. Ansprüche (Hört! Hört! bei der SPD.)
aus einem Gesetz können sinnvoll an eine Aus-
schlußfrist nur gebunden werden, wenn das Ge- In der 32. Plenarsitzung am 28. Mai hat der Bun-
setz selbst die sachlichen und förmlichen Voraus- desminister der Finanzen, Herr Schäffer, aus-
setzungen des Anspruchs klar erkennen läßt. An geführt, daß die Verordnungen zu § 14 — diese
dieser Klarheit läßt es das unselige Bundes- regeln den Schaden am Leben — „dieser Tage" —
ergänzungsgesetz zur Entschädigung der Opfer der wörtlich! — dem Bundesrat zugehen und die Ver-
nationalsozialistischen Verfolgung vom 18. Sep- ordnungen zu § 15 — Schaden an Körper und Ge-
tember 1953 in mancher Hinsicht fehlen. Es gibt sundheit — sowie zu § 37 — Schaden im beruf-
Erfahrungen darüber, daß wegen dieser Unklar- lichen und wirtschaftlichen Fortkommen — „sofort
heiten Anmeldungen versäumt worden sind. Ge- anschließend"; auch dieser Ausdruck ist wörtlich.
rade diejenigen Berechtigten, die nicht mehr wün- Das war am 28. Mai. Jene Erklärungen des Herrn
schen, als ihnen zusteht, und sich eine gewisse Bundesministers der Finanzen haben sich leider
Zurückhaltung auferlegt haben, würden zu kurz nicht bewahrheitet. Die Verordnung zu § 14 als die
kommen, wenn man die Frist jetzt mit dem erste ist von der Bundesregierung erst am 22. Juni
30. September hätte ablaufen lassen, zumal die im Bundesrat eingebracht worden. Der Bundesrat
Ausführungsverordnung zu § 14 des Gesetzes er- hat sie unverzüglich behandelt und am 23. Juli
freulicherweise — und ich erkenne das sehr dank- verabschiedet. Sie ist am 20. September verkündet
bar an — den Kreis der Berechtigten weiter zieht worden. Diese erste Verordnung ließ also noch nach
als eine bisher recht engherzige Rechtsprechung. dem 28. Mai fast einen Monat auf sich warten und
Für übergebietliche und für verlagerte Organisa- konnte erst später als ein Jahr nach Erlaß des
tionen, insbesondere für Organisationen, die früher Bundesentschädigungsgesetzes verkündet werden.
im gegenwärtigen Ostsektor Berlins oder außerhalb (Hört! Hört! bei der SPD.)
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2451
(Dr. Arndt)
Bis zur Vorlage der zweiten Verordnung, jener zu weist sich hier, insonderheit in Ansehung der
§ 15, verstrichen seit dem 28. Mai, dem Tage also, delikaten Sache und im Schatten des 20. Juli
an dem der Bundesfinanzminister von „sofort an- 1944, als fehl am Platze. Jedenfalls darf ich
schließend" gesprochen hatte, noch mehr als vier
. wohl für Sie alle feststellen,
Monate, ehe diese Verordnung als Entwurf am — und das ist im Bundesrat unwidersprochen ge-
2. Oktober, also erst vor wenigen Tagen, den Bun- blieben
desrat erreichte. Wann die Bundesregierung die
dritte Verordnung, die zu § 37, dem Bundesrat daß der Bundesrat es ablehnt, für daraus ent-
vorlegen wird, ist noch nicht abzusehen. standene Fehlerquellen und Verzögerungen
schuldig gesprochen zu werden.
(Zurufe von der SPD: Sie will vielleicht
gar nicht!) (Hört! Hört! und Beifall bei der SPD.)
Als diese Verzögerungen am 28. Mai von allen Ich frage den abwesenden Herrn Bundesfinanz-
Fraktionen des Bundestages gerügt wurden, suchte minister und seinen anwesenden Herrn Staats-
der Herr Bundesminister der Finanzen die Schuld sekretär: Was ist seit dem 23. Juli, also wiederum
daran dem Bundesrat aufzubürden. Namens des seit nunmehr 12 Wochen, geschehen, um diesem
Bundesrats hat als dessen Berichterstatter Herr dringenden Appell des Bundesrates zu entsprechen?
Senator van Heukelum in der 127. Sitzung (Zuruf von der SPD: Nichts ist geschehen!)
des Bundesrats am 23. Juli diese Behauptung des — Nichts ist geschehen; das ist ganz richtig.
Herrn Bundesministers der Finanzen als falsch und
haltlos zurückgewiesen Ein zweiter Grund dieser nachgerade unent-
(Hört! Hört! bei der SPD) schuldbaren Versäumnisse liegt darin, daß jenes
verlorene Häuflein im Bundesministerium der
und festgestellt, daß der Herr Bundesminister der Finanzen, das sich mit diesen Fragen zu befassen
Finanzen schon seit dem 4. März weiß, der Bundes- hat, nicht nur die Last einer Ausarbeitung der
rat wolle bei seinen Plänen zu einer Novelle von Rechtsverordnungen trägt, sondern sich eigentlich
dem Bundesergänzungsgesetz in der jetzigen Fas- auch noch mit der allseits geforderten Verbesserung
sung als der nun einmal gegebenen Grundlage des Gesetzes beschäftigen sollte. Die Bundesregie-
ausgehen. Der Herr Bundesminister der Finanzen rung hat seinerzeit den weit besseren Gesetz-
trägt für diese Versäumnisse selbst allein die par- entwurf des Bundesrats volle vier Monate — vom
lamentarische Verantwortung 20. Februar bis zum 20. Juni 1953 — dem Bundes-
(Beifall bei der SPD) tage vorenthalten, obgleich sie nach dem Grund-
gesetz zur unverzüglichen Weiterleitung und Stel-
und sollte sie auch nicht als Vorwurf an seine Mit- lungnahme verpflichtet war. Auf diese bedenkliche
arbeiter weitergeben; - Weise hat es die Bundesregierung durch ihre Schuld
(Abg. Dr. Menzel: Sehr gut!) dem 1. Bundestag unmöglich gemacht, sich recht-
zeitig dieser grundlegend wichtigen Aufgabe zu
denn ein entscheidender Grund für diese Verzö-
gerungen ist darin zu finden, daß der Herr Bundes- widmen. Andernfalls hätte es niemals dazu kom-
minister der Finanzen es unterlassen hat, die zu- men können, daß sich der 1. Bundestag in der
ständige Abteilung seines Ministeriums mit einer Zwangslage sah, in einem einmaligen Verfahren
die Regierungsvorlage unberaten zu verabschieden,
hinreichenden Zahl von sachkundigen Fachkräften
um damit zum Ausdruck zu bringen, daß es eine
zu besetzen.
Pflicht des 2. Bundestages sein werde, dieses Ge-
(Abg. Dr. Gille: Der Herr Staatssekretär setz alsbald zu überarbeiten und wesentlich 'zu
hat gesagt, für e i n Gesetz kann er keinen verbessern.
Referenten einstellen! — Zurufe von der
SPD.) Was aber ist aus den Beteuerungen geworden,
die wir damals hörten und an die wir wieder und
Mit der freundlichen Erlaubnis des Herrn Präsi- wieder hier erinnern werden? Am 4. März hat
denten darf ich eine Stelle aus dem Stenographi- meine Fraktion den Entwurf einer Novelle an die
schen Bericht des Bundesrats verlesen. Herr Se- anderen Fraktionen versandt. Zufällig am gleichen
nator van Heukelum als Sprecher des Bundesrates 4. März, also vor nun mehr als sieben Monaten,
hat hierzu folgendes gesagt: hat der Herr Bundesminister der Finanzen im
Diese personelle Besetzung und nicht der Bun- Sonderausschuß des Bundesrates erklären lassen,
desrat ist der Grund für die im höchsten Maße daß die allseits als notwendig anerkannte Novelle
bedauerlichen Verzögerungen, die eingetreten als Vorlage der Bundesregierung vorgelegt werden
sind und die, wie ich fürchte, auch künftig ein- solle. Ich frage wiederum den abwesenden Herrn
treten werden. Ich möchte daher Bundesminister der Finanzen und seinen anwesen-
den Herrn Staatssekretär: Was hat die Bundes-
— sagt Herr Senator van Heukelum als Sprecher regierung insoweit in diesen sieben Monaten getan?
des Bundesrates —
den dringenden Appell an den Herrn (Zurufe von der SPD: Nichts!)
Bundesfinanzminister richten, hier Abhilfe zu Sie hat einen Beirat gebildet. Aber dieser Beirat
schaffen, damit nicht der Eindruck entstehen ist nach monatelangem Warten bisher ein einziges
kann, das Bundesfinanzministerium behandele, Mal, am 14. Juli, zusammengetreten, um sich zu
aus was für Gründen auch immer, die Wieder- konstituieren.
gutmachung und insbesondere die weitere
Durchführung des Bundesergänzungsgesetzes (Zuruf von der SPD: Weiter nichts!)
nicht mit der gebotenen Sorgfalt und vor allem Seitdem hat sich die Tätigkeit dieses Beirats dar
Schnelligkeit. Sicher, auf beschränkt, daß seine Mitglieder von an
— sagt Herr van Heukelum —,
beraumten Sitzungen wieder ausgeladen wurden.
sparsame Verwaltung ziert einen Finanz Meine Damen und Herren, ein volles Jahr ist der
minister, aber gar zu große Sparsamkeit er 2. Bundestag jetzt an der Arbeit und in der Arbeit,
2452 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Dr. Arndt)
ohne daß die feierlichen Versprechungen, wie sie zen, der abwesend ist, und an seinen anwesenden
etwa auch Herr Kollege Gerstenmaier von Herrn Staatssekretär zu richten. Nach § 77 Abs. 1
diesem Platze aus gegeben hat, eingelöst worden des Bundesentschädigungsgesetzes ist bis zum
sind oder auch nur Aussicht hätten, eingelöst zu 31. Dezember 1954 durch ein Bundesgesetz die end-
werden. Bedenkt man, daß wir jetzt das zehnte gültige Verteilung der Entschädigungslasten auf
Jahr seit dem Ende der nationalsozialistischen Bund und Länder zu regeln. Ich frage: Wann ist
Gewaltherrschaft erreicht haben, bedenkt man, mit der Vorlage dieses Gesetzes zu rechnen? Sind
daß vielfach das schadenverursachende Unrecht be- Sie sich bewußt, daß es der Rechtslage nach dem
reits zwei Jahrzehnte und mehr zurückliegt, so Grundgesetz und dem Bundesentschädigungsgesetz
müssen wir uns gestehen, daß dieses endlose Hin- nicht entspricht, wenn dauernd in der Öffentlich-
auszögern der Wiedergutmachung vielfach bitterste keit der Eindruck erweckt wird, als sei die Wieder-
Hoffnungslosigkeit für die Opfer der Verfolgung gutmachung Ländersache? Sind Sie sich auch dar-
bedeutet. über klar, daß die durch § 77 Abs. 1 geschaffene
(Sehr wahr! bei der SPD.) Unsicherheit zu dem Mißstand geführt hat, daß seit
Ungezählte sind inzwischen verstorb en, Ungezählte Jahr und Tag sowohl der Bund als auch die Länder
werden noch, ohne auch nur einen Anfang der sich bemühen, möglichst wenig oder möglichst gar
Wiedergutmachung erlebt zu haben, versterben, nichts zu zahlen, weil die Länder befürchten, die
und zahlreiche Opfer siechen alt und hilflos dahin. ihnen nur vorläufig aufgebürdeten Lasten end-
gültig tragen zu müssen? Man wird hier an einen
Bei diesem Stande der Wiedergutmachung ist es berühmten Vers von Heinrich Heine erinnert. War-
nicht zu verantworten, daß aus dem Bundes- um befindet sich — frage ich weiter — das in § 77
ministerium der Finanzen Informationen an die Abs. 1 des Bundesentschädigungsgesetzes vor-
Öffentlichkeit gelangen, aus denen sich die Presse gesehene Bundesgesetz nicht auf der Dringlich-
Aufwendungen für die Wiedergutmachung bis zu keitsliste, die das Bundeskanzleramt jetzt für die
einem Betrage von 10 Milliarden DM ausgerechnet gesetzgeberische Initiative der Bundesregierung
hat aufgestellt hat?
(Hört! Hört! bei der SPD)
(Abg. Dr. Menzel: Dreimal darfst du raten!)
und der Steuerzahler irrtümlich glaubt annehmen
zu müssen, daß sich auf seine Kosten an den Welche Beträge gedenkt der Bundesminister der
Opfern Hitlers ein goldenes Wiedergutmachungs- Finanzen in den kommenden Bundeshaushalt für
die Wiedergutmachung einzustellen, und welche
wunder vollzöge.
Rechtsverordnung nach § 78 Abs. 4 ist zum Aufruf
(Abg. Dr. Menzel: Das ist doch die Absicht!) von Wiedergutmachungsleistungen zu erwarten?
Die Wahrheit sieht anders aus! Um nur Warum ist bisher überhaupt noch nicht eine einzige
einen einzigen Fall zu nennen ... Wenn -ich an- Leistung aufgerufen worden, obgleich jährlich
fangen wollte, hier Einzelheiten zu erörtern, wie durch Rechtsverordnung diese Leistungen aufge-
das eben bei der Investitionshilfe geschehen ist, rufen werden sollen?
dann könnten wir noch den ganzen Tag und den (Abg. Altmaier: Weil er nicht bezahlen will!)
nächsten Tag sprechen. Der verehrte Herr Kollege Meine Damen und Herren, ich freue mich, sagen
Böhm nickt mir zu. Diese Fälle, die hier unerörtert zu können und dafür danken zu dürfen, daß bis-
bleiben, sind so ungeheuerlich, daß sie alles in den her das Israel-Abkommen vertragstreu erfüllt
Schatten stellen. wird und daß es Bundesbehörden wie insbesondere
(Beifall bei der SPD und der FDP.) das Bundesministerium der Justiz gibt, die zur
Ausführung des Wiedergutmachungsrechts schnell
Aber um eins nur zu sagen: Wer heute ein Urteil und, von einzelnen Fällen abgesehen, auch aner-
erwirkt, durch das ihm Haftentschädigung zu- kennenswert gut gearbeitet haben.
gesprochen wird, kann nach § 78 des Bundesent- (Bravo! bei der SPD.)
schädigungsgesetzes noch nicht einmal ahnen, wann
seine Haftentschädigung je zur Auszahlung auf- Wir begrüßen es auch, daß der Herr Bundeskanzler
gerufen werden wird, obwohl diese einmalige Ent- Herrn Goldman die Zusicherung gegeben hat,
schädigung oft nur einen Bruchteil der stattlichen das Scheitern des Bonner Vertrags werde an dem
Summen beträgt, die der Organisator der Konzen- Willen, die dort versprochene Wiedergutmachung
trationslager, Diels, und Ideologen des braunen zu leisten, nichts ändern. Gleichwohl ist die Wie-
Totalitarismus wie Koellreut he r Jahr für dergutmachung keine Angelegenheit, die mit Herrn
Jahr aus den Steuergeldern einer schafsgeduldigen Goldman auszuhandeln und in Verträgen mit aus-
Demokratie einstecken. wärtigen Staaten festzulegen wäre.
(Beifall bei der SPD, FDP und vereinzelt (Sehr richtig! bei der SPD.)
in der Mitte.) Sie ist eine innerpolitische, eine deutsche
AufgabendiSchsRt.
Der wegen Beihilfe zum Totschlag in mehreren
Fällen im Konzentrationslager Bergen-Belsen zu (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
15 Jahren Zuchthaus verurteilten Herta Ehlert der Mitte und von rechts.)
ist es gelungen, eine „Heimkehrerentschädigung" Sie ist der Prüfstein unserer eigensten Rechtlich-
von Bundes wegen zu bekommen, keit, die wir uns selbst schulden.
(Hört! Hört! und Pfui-Rufe bei der SPD) Darum gibt es eine Wechselwirkung zwischen
dem Leidensweg der Wiedergutmachung und dem
längst bevor man daranging, die Schäden auch nur faulen Klima unserer Innenpolitik. Wenn eine
zu lindern, welche die rechtswidrig ihrer Freiheit Volksvertretung und eine Bundesregierung so
beraubten Häftlinge von Bergen-Belsen an ihrer jammervoll an die Wiedergutmachung heran
Gesundheit und in ihrer Existenz erlitten. geprügelt werden müssen, bleibt ein solcher Miß-
(Erneutes Hört! Hört! bei der SPD.) stand nicht ohne nachteilige Folgen für die Art,
In diesem Zusammenhang habe ich noch einige wie diese Gesetze gehandhabt werden.
Fragen an den Herrn Bundesminister der Finan- (Sehr gut! bei der SPD.)
2. Deutscher Bundestag - 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2453
(Dr. Arndt)
Auf keinem anderen Rechtsgebiet ist in Verwal- alle: wann werden wir gemeinsam die Tat voll
tung und Rechtsprechung so engherzig, manchmal bringen, die so furchtbar lange schon darauf war-
herzlos, so kleinlich, mit einer solchen Silben- tet, daß wir sie beherzt anpacken?
stecherei und Wortklauberei verfahren worden. (Anhaltender lebhafter Beifall bei der SPD
Ein öder Formalismus, der so auf die Spitze ge- und Beifall beim GB/BHE und der FDP.)
trieben wird, daß man den Hinterbliebenen des
am 30. Juni 1934 ermordeten Musikkritikers Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her-
Schmidt die ihnen sogar von den Nationalsozia- ren! Sie haben die Begründung des eingebrachten
listen gewährte Rente verweigert, weil Schmidt Gesetzentwurfs Drucksache 811 gehört.
infolge einer Namensverwechslung „nur versehent-
lich" getötet und also nicht verfolgt worden sei! Ich eröffne die allgemeine Aussprache. Das Wort
hat der Abgeordnete Dr. Böhm.
(Hört! Hört! und lebhafte Pfui-Rufe
von der SPD.) Dr. Böhm (Frankfurt) (CDU/CSU): Herr Präsi-
So ist eine Aufgabe, deren großherzige Erfüllung dent! Meine Damen und Herren! Meine Fraktions-
das ganze Volk bewegen sollte, unter die Tinten- freunde beabsichtigen, dem Antrag der SPD zuzu-
kleckser und Federfuchser geraten, und wir müssen stimmen, und zwar vor allem auch aus dem Grunde,
uns von einer liberalen britischen Zeitung, der man den Herr Kollege Arndt schon genannt hat, daß
Deutschfeindlichkeit im allgemeinen nicht vorwer- eine Reihe von Antragsberechtigten und- gerade
fen kann, nachsagen lassen, in Deutschland neige von zurückhaltenden Antragsberechtigten, die keine
man dazu, die Opfer des Nationalsozialismus und unberechtigten Anträge stellen wollen, ja nicht ein-
insbesondere die Juden als eine lästige Plage anzu- mal Anträge stellen wollen, von denen sie nach der
sehen. bisherigen Rechtsprechung annehmen müssen, daß
sie wahrscheinlich abgelehnt werden, sich durch
(Abg. Dr. Menzel: So ist es! Genau so!) den Erlaß der noch ausstehenden Rechtsverordnun-
Es ist das faule Klima eines schleichenden Antise- gen in die Lage versetzt sehen könnten, unvermutet
mitismus. doch Aussicht und gute Aussicht für die Verfolgung
(Sehr richtig! bei der SPD.) ihrer Rechtsansprüche zu haben. Diesen Erfolg
In dieser Stickluft kommen gewisse Redewendun- bringt schon die einzige Rechtsverordnung mit sich,
gen wieder auf, die von „geistig heimatlosen, eis- die bisher erlassen worden ist, nämlich die für den
kalten Intellektuellen", den „entwurzelten Intellek- § 14, der den Kreis der berechtigten Erben oder
tuellen" sprechen und — den Juden meinen. Nachkommen eines Getöteten weiter faßt, als man
Meine Damen und Herren, Sie finden dieses giftige angesichts des Wortlautes des Gesetzes vermuten
konnte. Es ist also so, daß die Rechtsverordnungen
Kauderwelsch nicht etwa im Pamphlet von- Diels,
auch von Einfluß auf den Kreis der Antragsberech-
sondern in einer Karl Marx gewidmeten Betrach-
tung, die der Bundesgeschäftsführer der CDU tigten sind. Es wäre sehr unbillig, wenn nunmehr
Personen, die infolge verspätet erlassener Rechts-
schrieb und ausgerechnet zum Nationalfeiertag am
verordnungen bessere Aussichten haben, deswegen
17. Juni als Leitartikel in der „Kölnischen Rund- ausgeschlossen wären, weil sie in pessimistischer
schau" veröffentlichte.
Auffassung der Rechtslage versäumt haben, ihren
(Hört! Hört! und Pfui-Rufe bei der SPD.) Antrag zu stellen. Das ist der Grund, der die Leiter
Im „Rheinischen Merkur" vom 1. Oktober liest sich der Wiedergutmachungsbehörden selber veranlaßt,
das schon so, daß man von der heimlichen und hin- eine Verlängerung der Frist zu fordern. Es sind
tergründigen Rolle spricht, welche der — und ich auch uns aus den Kreisen der Wiedergutmachungs-
darf das jetzt wörtlich zitieren — „zum größten ämter Wünsche zugegangen, einen solchen Antrag
Teil wegen Hitlers Rassenpolitik deutsch-feindliche zu stellen; und es würde auch von unserer Fraktion
innere Führungsstab" eines westeuropäischen Mi- geschehen sein, wenn nicht schon der Antrag der
SPD gestellt gewesen wäre.
nisterpräsidenten spiele.
(Hört! Hört! bei der SPD.) Es könnte der Einwand erhoben werden, daß
durch die Zahl der Nachzügler die Berechnungen
Man bringt Karikaturen eines westeuropäischen über den vermutlichen Kostenaufwand der Ent-
Staatsmannes, die uns zu verstehen geben: „der schädigung wieder über den Haufen geworfen wür-
Jude ist unser Unglück", und das bitterböse Wort den und daß sich die Belastung, die aus der Ent-
von den „Juden und Freimaurern" läuft wieder schädigungspflicht auf uns zukommt, nicht genau
um. Von solchen giftigen Blüten, meine Damen übersehen lasse. Aber angesichts des Gewichts der
und Herren, könnte ich Ihnen einen ganzen Strauß Gegenargumente sollte dieses Bedürfnis in diesem
hier bringen. Ich will es mir aber versagen. Fall nicht berücksichtigt werden.
Wer darüber noch schweigen würde, macht sich Ich bitte auch mir zu gestatten, einige Worte zu
mitschuldig. Immer war und bleibt der Rassenhaß der Lage zu sagen, der wir uns heute gegenüber-
ein Anschlag auf die Freiheit aller, sehen, nachdem das Bundesentschädigungsgesetz
(Zustimmung bei der SPD) über ein Jahr in Kraft ist. Da ist das bestürzende
eine Unsauberkeit, die jeden befleckt, der nicht Ergebnis, an das niemand von uns gedacht und das
'dagegen aufsteht. niemand gewollt hat — trotz aller berechtigten
Kritik des 1. Bundestages durch alle Fraktionen
Wir Sozialdemokraten empfinden die Untätigkeit, hindurch an der Unzulänglichkeit dieses Gesetzes
die das uns aufgegebene Liebeswerk und Rechts- hat das niemand gewußt und niemand vorausge-
werk der Wiedergutmachung zur lästigen Plage sehen — daß durch das Fehlen der Rechtsverord-
,

fiskalischer Art niedersinken ließ, als einen bren- nungen die allerwichtigsten Vorschriften des Ge-
nenden Makel, dessen wir uns in tiefster Seele setzes über die Entschädigung für Schäden am
schämen. Wir hoffen, daß wir damit auch Gefühlen Leben, zweitens für die Schäden an Körper und
Ausdruck geben, die in Abgeordneten aller Frak- Gesundheit und drittens für die Fortbildungs- und
tionen vorhanden sind. Ich frage und ich bitte Sie Berufsschäden überhaupt nicht anwendbar sind.
2454 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Dr. Böhm [Frankfurt])
Die Folge des von allen Wiedergutmachungsberech- abzulehnen und dabei eine ungeheure Enttäuschung
tigten, allen Verfolgten so heiß ersehnten Bundes- in den Herzen vieler leidgeprüfter Menschen her-
entschädigungsgesetzes war, daß schlagartig die vorzurufen. Also diese Verzögerungssünden der
Weiterbehandlung bereits eingereichter Anträge Vergangenheit sind für die Verzögerung bei den
eingestellt wurde und bis zum heutigen Tage ein- Rechtsverordnungen mitverursachend.
gestellt blieb. Erst seit Anfang Oktober können Leider kommt aber noch ein Weiteres hinzu. Der
wenigstens diejenigen Anträge bearbeitet werden, Herr Bundesfinanzminister hat uns am 28. Mai 1954
die auf Grund des § 14 des Gesetzes gestellt wer- hier in diesem Hohen Hause selbst erklärt, daß die
den, nicht aber diejenigen auf Grund des § 15 und Rechtsverordnungen deshalb nicht in Angriff ge-
nicht diejenigen auf Grund der §§ 25 bis 36 des Ge- nommen worden seien, weil der Bundesrat am
setzes; diese bleiben nach wie vor liegen, so daß die 17. September 1953 — an dem Tage, an dem er
Tätigkeit der Entschädigungsämter schlagartig seine Zustimmung zum BEG gab — beschlossen
nachgelassen hat. In Berlin, das weitaus die größte habe, eine Novelle zu erlassen, und daß diese Ab-
Verfolgtengruppe hat, ist die Summe der monat- sicht des Bundesrates erst im März 1954 aufgegeben
lichen Entschädigungszahlen gegenüber der Zeit vor worden sei. Der Herr Finanzminister hat erklärt, es
dem Bundesentschädigungsgesetz um 80 % zurück- habe doch keinen Zweck, es sei untunlich, Ausfüh-
gegangen. rungsbestimmungen, Rechtsverordnungen zu einem
(Hört! Hört! in der Mitte und bei der SPD.) Gesetz zu erlassen, wenn man wisse, daß doch bald
Seit zwölf Monaten werden nur noch 20 % der Ent- ein anderes nachkomme. Meine Damen und Her-
schädigungen gezahlt, die auf Grund des Berliner ren, hier ergibt sich doch die prinzipielle Frage —
Gesetzes, also vor Erlaß des Bundesentschädigungs- die auch eine Rechts- und Verfassungsfrage ist —,
gesetzes, gezahlt wurden. Wenn ich recht unter- ob da, wo ein Gesetz die Bundesregierung zum Er-
richtet bin, sind von den 30 Millionen DM, die im laß von Rechtsverordnungen ermächtigt, die Bun-
Berliner Etat für die Wiedergutmachungszahlungen desregierung irgendeinen Ermessenspielraum dafür
enthalten sind, seit dem Inkrafttreten des Bundes- besitzt, ob und wann sie von dieser Ermächtigung
entschädigungsgesetzes erst 5 Millionen DM in An- Gebrauch machen will. Es fragt sich, ob ihr ein sol-
spruch genommen worden. Das ist eine bestürzende cher Ermessenspielraum überhaupt zusteht. Ist die
Bilanz. Bundesregierung insbesondere ermächtigt, Rechts-
Leider können wir nicht sagen, daß die Verzöge- verordnungen deshalb nicht zu erlassen, weil ge-
rung des Erlasses der Rechtsverordnungen eine setzgebende Körperschaften von ihrem Recht Ge-
schuldlose ist. brauch machen, ein neues Gesetz vorzubereiten, be-
sonders dann, wenn von der sofortigen Inangriff-
(Hört! Hört! in der Mitte.) nahme der Arbeiten an den Rechtsverordnungen
Zwar wird man sagen müssen, daß von dem Zeit- für das Schicksal ganzer Massen schwergeprüfter
punkt an, an dem der Herr Bundesfinanzminister Menschen so vieles abhängt wie in diesem Fall,
die Startgenehmigung für die Ausarbeitung von oder dann, wenn diejenigen Vorschriften des Ge-
Rechtsverordnungen erteilt hat, von den Beamten setzes, die durch Rechtsverordnungen ausgeführt
des Bundesfinanzministeriums, von den Beamten werden sollen, ohne solche Vorschriften überhaupt
der übrigen beteiligten Ministerien und vom Bun- nicht angewendet werden können? Bei den §§ 14,
desrat eine außerordentlich intensive und fleißige, 15, 25 bis 36 war das der Fall, wie ich schon ausge-
unermüdliche und auch hochqualifizierte Arbeit führt habe. Mir scheint doch, daß angesichts des
geleistet worden ist. Die sehr wenigen Beamten im klaren Willens des Gesetzgebers, daß die Rechts-
Bundesfinanzministerium können aber tatsächlich verordnungen zu erlassen sind, und angesichts des
neben der ungeheuren Fülle ihrer übrigen Arbeit gleichzeitigen Willens der damaligen Gesetzgeber,
— sie sind ja nicht nur mit der Ausarbeitung der ein neues Gesetz dem alten folgen zu lassen, die
Rechtsverordnungen beschäftigt, sondern haben Bundesregierung nicht berechtigt war, mit dem Er-
auch vieles andere zu tun — diese gewaltige Arbeit laß der Rechtsverordnungen auch nur einen Tag zu
schlechterdings nicht leisten. warten,
Dazu kommt: Wenn auf das Gesetz selbst - das (Sehr richtig! bei der SPD)
Gesetz ist ja aus einem Regierungsentwurf hervor- namentlich deswegen, weil damals im Bundestag
gegangen —, wenn auf die Ausarbeitung der Para- und im Bundesrat zunächst die Absicht bestand, das
graphen mehr Sorgfalt verwendet worden wäre, Bundesentschädigungsgesetz überhaupt erst mit den
hätten wir vielleicht überhaupt keine Rechtsverord- Rechtsverordnungen in Kraft treten zu lassen.
nungen gebraucht oder wir hätten Rechtsverord-
nungen gebraucht, die in zwei oder drei Wochen (Beifall bei der SPD, in der Mitte und rechts.)
hätten fertig werden können. Die Tatsache, daß die Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her-
Fertigstellung der Rechtsverordnung zu einem ein- ren, wir hatten uns darüber verständigt, um 16 Uhr
zigen Paragraphen vom ersten Federstrich an bis Schluß zu machen. Ich darf aber Ihr Einverständnis
zum Inkrafttreten vom 1. März bis zum Oktober unterstellen, daß wir diesen wichtigen Punkt der
dauert, ist nur durch die Mangelhaftigkeit des Ge- Tagesordnung zu Ende führen
setzes erklärbar, das durch die Rechtsverordnungen
zu ergänzen ist. Diese Mangelhaftigkeit des Ge- (Abg. Altmaier: Der Herr Finanzminister
setzes rührt aber auch daher, daß der Regie- will ja sprechen!)
rungsentwurf des Bundesentschädigungsgesetzes — ich weiß, Herr Abgeordneter Altmaier —, mit
sehr spät in Angriff genommen worden ist. Er ist der Bitte um möglichste Konzentration, weil viele
erst in Angriff genommen worden, als die Konkur- Kollegen sich aus mancherlei Gründen auf diesen
renz des Bundesrats mit einem Initiativgesetzent- Schlußzeitpunkt eingestellt haben. Zunächst Herr
wurf schon weit gediehen war. Daher stand der Abgeordneter Dr. Reif!
letzte Bundestag nur vor der Wahl, entweder ein
Gesetz, das er für unzureichend hielt — alle Frak- Dr. Reif (FDP): Herr Präsident! Meine Damen
tionen haben es für unzureichend gehalten —, in und Herren! Ich werde mich sehr kurz fassen. Ich
Kenntnis seiner Mängel anzunehmen oder aber es möchte hier nur feststellen: es tut manchmal weh,
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2455
(Dr. Reif)
den Herrn Abgeordneten Arndt hier reden zu vielfach Persönlichkeiten aus dem Ausland, die froh
hören. Es tut um so mehr weh, wären, wenn sie sich vergleichen könnten. Das ist
(Abg. Dr. Menzel: Wenn er recht hat!) heute verboten. Alle diese Dinge können doch auch
bei dem jetzigen Rechtszustand, wenn der Herr
wenn wir eingestehen müssen, daß diese herbe Bundesfinanzminister nur will,
Kritik notwendig ist. Ich möchte beinahe sagen, daß
die Worte, die der Herr Kollege Professor Böhm (Sehr gut! bei der SPD)
gesprochen hat, wenn sie auch weniger anklagend schnell geregelt werden.
waren, so doch in ihrem Inhalt eine sehr massive Dann haben wir den Wunsch, den Herr Kollege
Anklage darstellten. Böhm schon ausgesprochen hat, daß der Ausschuß,
(Sehr richtig! bei der SPD.) der sich mit der Vorbereitung des Ergänzungs-
Vor einigen Tagen erst sind einige unserer Kol- gesetzes befaßt, nun wenigstens einmal zur Arbeit
legen aus den Vereinigten Staaten von Amerika zusammengerufen wird, damit die Geschädigten
zurückgekommen. Ich glaube, sie werden sich daran sehen, daß in diesem Hause und in dieser Regierung
erinnern - jedenfalls ist mir das so berichtet wor- für eine moralische Aufgabe dieser Demokratie ge-
den —, daß von Deutsch-Amerikanern, aber auch nügend Verständnis besteht. Und eine Bitte an die
von anderen Amerikanern jetzt immer wieder auf Regierung: Machen Sie es doch den aufrichtigen
Demokraten, die in der Demokratie mehr sehen als
diese Wunde der deutschen Demokratie hinge-
wiesen worden ist, daß man dort gesagt hat: „Ihr nur die formale Gleichberechtigung der Willensbil-
wart sehr eilig, als es um die Rechtsstellung der dung, nicht so schwer, mitzuarbeiten.
131er ging, (Beifall bei der FDP und SPD.)
(lebhafte Zustimmung bei der SPD)
Präsident D. Dr. Ehlers: Das Wort hat der Herr
ihr seid sehr saumselig, wenn es darum geht, eine Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums.
moralische und politische Pflicht zu erfüllen, die
ja sogar eine außenpolitische Bedeutung hat." Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium
(Erneute Zustimmung bei der SPD.) der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ehe ich die Anfragen des Herrn Abge-
Wir erleben doch jetzt häufig, daß jüdische Freunde ordneten Dr. Arndt, soweit mir idas in diesem
aus Afrika oder Amerika oder sonstwoher z. B. zu Augenblick möglich ist, beantworte, möchte ich
mir nach Berlin kommen. Merkwürdig leichtfertig gern sagen, daß ich sowohl seinen Ausführungen
wird von den Auslandsvertretungen solchen Per- als auch den Ausführungen der beiden anderen
sönlichkeiten geraten: „Fahrt doch selbst hin; wenn Herren Abgeordneten vollstes Verständnis ent-
-
ihr anwesend seid, werden sich die Dinge regeln!" — gegenbringe. Ich bedauere, daß Herr Minister
eine Auskunft, die die Leute draußen immer wieder Schäffer im Augenblick nicht hier sein kann.
bekommen. Sie sitzen nachher hier fest und wissen Ich werde ihn unverzüglich nach dieser Sitzung
nicht einmal, wovon sie ihren Aufenthalt bestreiten über die sehr ernsten Worte, die hier, ich darf
sollen. Das ist das eine. wohl sagen, von allen Seiten des Hauses gefallen
.

Das Zweite ist, daß sie riskieren, sich mit jenen sind, unterrichten. Wir werden alles daransetzen,
131ern, die nun nicht alle inzwischen Demokraten um in Zukunft zu einem schnelleren und befriedi-
geworden sind, genderen Arbeitstempo in diesen Dingen zu
kommen.
(Abg. Dr. Gille: Es sind doch die heimat
vertriebenen Beamten darunter!) Was nun die Fragen ides Herrn Abgeordneten
Dr. Arndt betrifft, so darf ich zunächst erläutern,
auseinanderzusetzen über jene Vorgänge in der weshalb die erste Verordnung, die der Bundesrat,
Zeit des „Dritten Reiches" — — wenn meine Notizen richtig sind, am 23. Juli 1954
(Abg. Dr. Gille: Sie müssen doch unter gebilligt hatte, erst wesentlich später verkündet
scheiden; nicht alle in einen Topf werfen!) worden ist. Das liegt daran, daß der Bundesrat an
— Verzeihen Sie, Herr Kollege, ich habe das bei dem Wortlaut der von der Bundesregierung be-
meinen Freunden erlebt. Die haben sich schlecht be- schlossenen Verordnung Änderungen vorgenom-
handeln lassen müssen von jenen Leuten, die zu- men hat, Änderungen, die nicht wesentlich waren
mindest nicht in diesen Ämtern sitzen dürften. und von der Bundesregierung übernommen wur-
den, die aber infolgedessen einer erneuten Be-
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und schlußfassung durch das Bundeskabinett, nicht nur
rechts.) durch das sogenannte kleine Wirtschaftskabinett,
sondern durch das Vollkabinett, bedurften. Aus
Wir begrüßen es also — ich will nicht länger diesem Grunde ist die Verkündung erst im Sep-
anklagen —, daß die sozialdemokratische Fraktion tember erfolgt.
uns Gelegenheit gibt, durch Zustimmung zu die-
sem Antrag die Dinge wieder ins Rollen zu brin- Herr Dr. Arndt hat schon gesagt, daß die zweite
gen. Wir haben die Hoffnung, daß diese Aussprache Verordnung, die vom Bundeskabinett beschlossen
den Herrn Bundesfinanzminister, der ja ist, dem Bundesrat vorliegt. Ich höre gerade, daß
auch in der vorigen Legislaturperiode Bundes- auch jetzt wieder Bundesratsausschüsse eine Reihe
finanzminister war — was ich als Ergänzung zu den von Änderungen vorgeschlagen haben. Ich werde
Ausführungen des Herrn Kollegen Professor Böhm mit den Ausschüssen wegen der Frage in Verbin-
feststellen möchte —, veranlaßt, uns nun sehr dung treten, ob sich unwesentliche Änderungen
schnell die zweite Durchführungsverordnung vor- nicht vermeiden lassen. Sonst muß auch die zweite
zulegen. Vielleicht läßt sich im Zuge dieser zweiten Verordnung wieder an das Kabinett zurück. Das
Durchführungsverordnung z. B. dadurch eine ge- Kabinett kann bei der Fülle auch der rein politi-
wisse Erleichterung schaffen, daß das, was früher schen Aufgaben nicht in jeder Woche Verordnungen
bei uns in Berlin üblich war, wieder möglich ge- beraten. Eine solche Verzögerung sollte daher ver-
macht daß man etwa akkordiert. Es kommen mieden werden.
2456 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Staatssekretär Hartmann)
Herr Dr. Arndt hat weiter gefragt, was seit Ende — Herr Abgeordneter, ich habe mich eben erst
Juli personell geschehen ist. Ich wollte gern informieren können; ich wußte nicht, daß diese
sagen, daß der frühere Leiter der Rechtsabteilung Frage gestellt werden würde. Die Gesamtzahl soll
des Finanzministeriums, der im Juli in den Ruhe- sich aus diesen drei Posten zusammensetzen. Ich
stand getreten ist, beauftragt worden ist — als bin aber gern bereit, wenn der Wunsch besteht,
Sonderauftrag und um diese Dinge intensiver zu schriftlich diese Rechnung zu detaillieren.
fördern —, sich der Arbeit an der Wiedergut- (Zuruf von der SPD: Es besteht der Wunsch!)
machung im weitesten Sinne im Hause des Mini-
steriums anzunehmen. Herr Wolff hat diesen Die Novelle zum Bundesergänzungsgesetz, die
Auftrag angenommen. ja in dem Arbeitskreis aus Mitgliedern des Hohen
Soviel ich weiß, hatte ja auch der zwischen dem Hauses und aus Mitgliedern des Bundesrates vor-
Bundestag und dem Bundesrat gebildete Arbeits- bereitet werden soll, wird vom Bundesfinanz-
kreis, der sich am 14. Juli konstituiert hat, in Aus- ministerium als vordringlich angesehen.
sicht genommen, daß Herr Wolff diesem Arbeits- Die letzte Frage — wenn ich es mir richtig
kreis angehören soll. Die nächste Sitzung war auf notiert habe — war die des Haushalts 1955. Im
den 25. Oktober festgelegt. Es haben aber einige Haushalt 1955, der dem Kabinett zugeleitet ist,
der Herren Abgeordneten gebeten, diesen Termin wird nach unserm Entwurf ein Betrag von 160 Mil-
zu vertagen, weil er in die nunmehr sitzungsfreie lionen DM vorgesehen.
Woche fällt.
Präsident D. Dr. Ehlers: Meine Damen und Her-
Präsident D. Dr. Ehlers: Frau Abgeordnete Wolff, ren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich
bitte, zu einer Zwischenfrage.
kann also die allgemeine Aussprache der ersten
Frau Wolff (Berlin) (SPD): Darf ich den Herrn Beratung schließen.
Staatssekretär bitten, dem Hohen Hause eine prä-
zise Antwort zu geben, wieviel Personen für die Es ist mir gesagt worden, daß der Wunsch be-
Wiedergutmachung im Finanzministerium einge- stehe, und zwar bei allen Fraktionen, dieses Gesetz
stellt sind, nur um diese Arbeit zu erledigen. heute nicht nur in der ersten Lesung, sondern in
allen drei Beratungen zu erledigen. Darf ich fra-
Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium gen, ob dagegen Widerspruch erhoben wird. — Das
der Finanzen: Ich kann Ihnen leider im Augenblick ist nicht der Fall. Dann stelle ich fest, daß die
die Personenzahl aus dem Kopf nicht sagen. Ich zweite und dritte Beratung auf die Tagesordnung
kann aber annähernd umreißen, daß ein Ministe- gesetzt werden und der Beratung dieses Gesetzes
rialrat — der den betreffenden Damen und Herren in allen drei Lesungen am heutigen Tage nicht
des Hauses aus seiner Tätigkeit bekannt sein widersprochen wird.
wird —, ein Oberregierungsrat und eine Reihe
weiterer teils akademischer, teils nicht akademi- Ich komme zur
scher Hilfskräfte damit beschäftigt sind. zweiten Beratung.
Frau Wolff (Berlin) (SPD): Ist dem Herrn Staats- Ich rufe auf Art. I, — Art. II, — Art. III, — Ein-
sekretär bekannt, daß unter den Verfolgten und leitung und Überschrift. — Keine Wortmeldung.
auch in anderen Kreisen der Bundesrepublik und
Ich bitte die Damen und Herren, die zuzustim-
Berlins das geflügelte Wort geht, die Abteilung, die
men wünschen, ihre Hand zu erheben. — Gegen-
der Herr Finanzminister eingerichtet hat, um das
Bundesentschädigungsgesetz tragend zu machen, probe! — Enthaltungen? — Ich stelle fest, daß
gehe nicht über 11 Personen hinaus? Ich bitte um diese Artikel, Einleitung und Überschrift einstim-
Aufklärung. mig angenommen worden sind.
Ich komme zur
Hartmann, Staatssekretär im Bundesministerium
der Finanzen: Ich kann Ihnen leider im Augenblick dritten Beratung.
die Zahl der Beamten nicht sagen. Aber ich möchte Ich darf annehmen, daß auf eine allgemeine Aus-
hinzufügen, daß zusätzlich zu den vorhandenen sprache verzichtet werden kann. — Keine Wort-
Referenten und Mitarbeitern noch der frühere meldung. Einzelberatung entfällt, weil keine An-
Leiter der Rechtsabteilung sich ausschließlich die- träge gestellt sind.
sen Fragen widmen soll. Ich bin gern bereit, ein
andermal oder schriftlich nähere zahlenmäßige Ich bitte die Damen und Herren, die in der
Auskunft zu geben. Schlußabstimmung dem Entwurf eines Gesetzes zur
Änderung des Bundesergänzungsgesetzes zur Ent-
(Abg. Dr. Arndt: Ab wann arbeitet Herr schädigung für Opfer der nationalsozialistischen
Direktor Wolff?) Verfolgung zuzustimmen wünschen, sich zu erhe-
— Er hat die Arbeiten schon übernommen. Am ben. — Ich stelle fest, meine Damen und Herren,
25. Oktober hätte er zur Verfügung gestanden. daß das Gesetz in der Schlußabstimmung einstim-
(Abg. Hauffe: Und im Mai hat der Herr mig angenommen ist.
Minister bereits versprochen, daß es besser Meine Damen und Herren, ich habe noch zwei
wird! Ich erinnere an unseren Antrag!) Dinge zu sagen. Einmal schlage ich Ihnen ange-
Darf ich dann fortfahren. — Es ist eben die Zahl sichts der Tatsache, daß es inzwischen 16 Uhr ge-
von 10 Milliarden DM genannt worden, offenbar worden ist, vor, die letzten drei Punkte der Tages-
aus einer Unterrichtung der Presse, die der Refe- ordnung heute nicht zu erledigen, sondern auf die
rent im August, soviel ich weiß, vorgenommen hat. Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen.
Ich höre, daß diese Zahl die Leistungen aus dem Ich wünsche im übrigen noch eine kurze Erklä-
Vertrag mit Israel und die rückerstattungsrecht- rung zu der Frage der Wahlen in der sowjetisch
lichen Geldverbindlichkeiten einbegreift. besetzten Zone abzugeben. Ich darf um Ihre Auf-
(Abg. Altmaier: Staatliche oder private?) merksamkeit dafür bitten.
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2457
(Präsident D. Dr. Ehlers)
Sie erinnern sich daran, meine Damen und Her- Bundesrepublik Deutschland heraus den deutschen
ren, daß wir vor fast genau vier Jahren Anlaß Brüdern, die unter dem Druck kommunistischer
hatten, uns mit den Wahlen zur sogenannten Herrschaft leben müssen und für die die freie Be-
Volkskammer in der sowjetisch besetzten Zone kundung ihrer Überzeugung eine Gefahr für Frei-
Deutschlands zu beschäftigen. Damals ist in Über- heit und Leben ist, Ratschläge für ihr Verhalten
einstimmung aller Teile des Hauses mit Ausnahme bei der Wahl zu geben. Alle, die es auf sich neh-
der kleinen Gruppen rechts und links, die eine an- men, dennoch ihre wahre Überzeugung auch bei
dere Meinung vertraten, eine gemeinsame Über- der Wahl zu bekunden, sollen der inneren Gemein-
zeugung des Hauses festgestellt worden. schaft mit allen freien Deutschen gewiß sein.
Die Deutschen in der sowjetisch besetzten Zone (Lebhafter Beifall im ganzen Hause.)
Deutschlands werden am nächsten Sonntag wie-
derum zu einer Wahl der Volkskammer aufgerufen. Alle Deutschen in der sowjetisch besetzten Zone
Die Ordnung dieser Wahl ist von einer politischen aber sollen wissen, daß niemand in der Bundesre-
Gewalt vorgenommen, die seit Jahren die Wieder- publik und in der freien Welt diese Wahlen als
vereinigung Deutschlands und die Forderung nach Ausdruck des wirklichen Willens und der politi-
einem Friedensvertrag und freien Wahlen zum schen Überzeugung der Deutschen in der Zone
ansehen wird.
Gegenstand ihrer Propaganda drinnen und draußen
gemacht hat. Sie hätte die Möglichkeit gehabt; bei (Zustimmung in der Mitte.)
diesen Wahlen ihre Prinzipien, die sie immer wie- Die Fragwürdigkeit der Wahlen in der sowjetisch
der verkündet hat, zu verwirklichen und darzutun, besetzten Zone am nächsten Sonntag wird am
wie sie sich freie Wahl en vorstellt. Ich stelle mit meisten darin sichtbar, daß sie dem Volk und der
Bedauern fest, daß sie das nicht getan hat. Viel- Welt vorzutäuschen suchen, sie sollten der Förde-
mehr ist genau wie vor vier Jahren ein Wahl- rung des Friedens dienen und eine Kriegsdrohung
system erzwungen worden, das mit freien Wahlen des Westens abwehren. Auch wenn die politischen
nichts zu tun hat, sondern wiederum völlig den Parteien des Bundestages über Einzelfragen des
in totalitären Systemen üblichen Wahlformen ent- künftigen politischen Weges unseres Volkes ver-
spricht. Es gibt wiederum nur eine Einheitsliste, schiedene Ansichten haben, so sind sie sich darin
auf der die sogenannten politischen Parteien und einig, daß der Frieden und seine Sicherung unauf-
Massenorganisationen so untergebracht sind, daß gebbare Grundlagen unserer Politik sind. Wer
eine Sicherstellung der kommunistischen Herr- versucht, unserer Politik kriegerische Absichten
schaft garantiert ist. Es gibt keine frei nominierten oder die Absicht einer Lösung durch Gewalt zu
Kandidaten. Es gibt keine echte demokratische unterstellen, handelt wider besseres Wissen.
Aussprache vor der Wahl und damit auch keine
freie demokratische Entscheidung in der Wahl Wir hoffen, daß sich unsere Brüder in der Zone
selbst. Die Zustimmung zu einer Einheitsliste ist durch solche Lügen nicht zu einer dem kommu-
keine freie Wahl, besonders wenn das System tota- nistischen System erwünschten Wahlentscheidung
litärer Gewalt weder die Sicherung der unbeein- verführen lassen. Es gibt nur eine wirkliche Ge-
flußten Wahl noch den Schutz vor den Folgen fährdung des Friedens in der Welt: die Vernich-
einer freien Wahlentscheidung garantiert. tung der Freiheit der Menschen. Die Wahlen in
der Zone am nächsten Sonntag sind ein tragisches
(Sehr richtig! in der Mitte.) Zeichen für die Vernichtung der Freiheit unserer
Der Deutsche Bundestag hat in voller Einmütig- Brüder in Mitteldeutschland.
keit seine gemeinsame Überzeugung von den not-
wendigen Formen freier Wahlen zum Ausdruck Ich bin sicher, daß ich der gemeinsamen Über-
gebracht. Wir stellen fest, daß die am nächsten zeugung aller Glieder des Bundestages Ausdruck
Sonntag von unseren Brüdern im Osten geforderte gebe, wenn ich sage, daß diese Wahlen eine poli-
Wahlentscheidung keine freie Wahl ist. tische Bedeutung für Deutschland nicht haben;
wenn ich unsere Brüder in der Zone unserer nur
(Sehr richtig! Sehr gut! in der Mitte.) noch verstärkten Gemeinschaft versichere und die
Sie schafft für die durch eine solche Wahl zustande Welt warne, diese unfreien Wahlen als Ausdruck
gekommenen Organe keine demokratische Legi- des politischen Willens der deutschen Bevölkerung
timation der Vertretung der Bevölkerung der in der Zone mißzuverstehen. Der Deutsche Bundes-
sowjetisch besetzten Zone Deutschlands. tag ist die einzig freigewählte Vertretung des
(Sehr richtig! in der Mitte.) deutschen Volkes. Er wird seine Verantwortung
für das ganze Deutschland und alle Deutschen
Sie enthüllt die Herrschaft totalitärer Gewalt er- weiterhin wahrnehmen.
neut und macht vor aller Welt wiederum den Ab-
stand deutlich, der zwischen den von den Macht- (Lebhafter Beifall im ganzen Hause.)
habern der Zone gebrauchten Worten und ihrem Meine Damen und Herren! Damit sind wir am
politischen Verhalten besteht. Ende der heutigen Tagesordnung. Ich berufe die
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) 50. Sitzung des Bundestages auf Mittwoch, den
Der Deutsche Bundestag maßt sich nicht an, aus 20. Oktober, 14 Uhr, und schließe die 49. Sitzung.
der Gesichertheit der demokratischen Ordnung der (Schluß der Sitzung: 16 Uhr 29 Minuten.)
2458 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954

Anlage 1 Umdruck 177 7. In Artikel I Nr. 7 Buchst. b werden im § 6


Abs. 3 nach dem Wort „untervermietet" die
Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur Worte „oder überläßt" angefügt.
zweit en Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
zur Änderung des Gesetzes zur Förderung des Berg- Bonn, den 14. Oktober 1954
arbeiterwohnungsbaues im Kohlenbergbau (Druck- Lücke
sachen 817, 657). Cillien und Fraktion
Der Bundestag wolle beschließen: Engell
Haasler und Fraktion
1. In Art. I Nr. 2 wird § 2 in der Fassung der Wirths
Regierungsvorlage — Drucksache 657 — wieder- Dr. Dehler und Fraktion
hergestellt. Dr. Schild (Düsseldorf)
Für den Fall der Ablehnung der vor- Dr. v. Merkatz und Fraktion
stehenden Ziffer 1:
2. In Art. I Nr. 2 werden im § 2 Abs. 2 Satz 2 die Anlage 3 Umdruck 178
Worte „nach Maßgabe des § 3" durch die Worte
„dem Bedarf entsprechend" ersetzt und im Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur
Satz 3 nach dem Wort „ist" das Wort „möglichst" dritt en Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
eingefügt. zur .Änderung des Gesetzes zur Förderung
3. In Art. I Nr. 2 wird im § 2 , der Absatz 3 ge- des Bergarbeiterwohnungsbaues im Kohlenbergbau
strichen. (Drucksachen 817, 657).
Für den Fall der Ablehnung der vor- Der Bundestag wolle beschließen:
stehenden Ziffer 3: 1. In Art. I Nr. 2 wird in § 2 der Abs. 3 durch die
4. In Art. I Nr. 2 wird im § 2 Abs. 3 der Satz 2 ,ge- folgenden Absätze 3 und 3 a ersetzt:
strichen. „(3) Bei der Förderung des Baues von Miet-
5. Art. I Nr. 3 wird gestrichen. wohnungen in Ein- oder Zweifamilienhäusern
ist die Bewilligung von Mitteln des Treuhand-
Bonn, den 13. Oktober 1954 vermögens mit der Auflage zu verbinden, daß
der Bauherr das Gebäude einem nach § 4 woh-
Ollenhauer und Fraktion nungsberechtigten Mieter auf dessen Verlangen
als Eigenheim zu übertragen hat, sofern nicht
ein wichtiger Grund entgegensteht. Der Kauf-
Anlage 2 Umdruck 183 preis darf nicht höher sein als die für das Bau-
vorhaben aufgewendeten Kosten zuzüglich der
Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU, Kosten für Verbesserungen des Gebäudes. Ände-
FDP, GB/BHE, DP zur zweiten Beratung des Ent- rungen der Wertverhältnisse sind zu berück-
wurfs eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes sichtigen.
zur Förderung des Bergarbeiterwohnungsbaues im
Kohlenbergbau (Drucksachen 817, 657). (3a) Bei der Förderung des Baues von Miet-
wohnungen in Mehrfamilienhäusern ist die Be-
Der Bundestag wolle beschließen: willigung mit der Auflage zu verbinden, daß
1. In Artikel I Nr. 2 erhält der letzte Halbsatz im der Bauherr einem nach § 4 wohnungsberechtig-
§ 2 Abs. 3 Satz 1 folgende Fassung: ten Mieter auf dessen Verlangen das Wohnungs-
eigentum an der ihm überlassenen Wohnung zu
„..., bei dem ein unangemessener Gewinn verschaffen hat. Der Kaufpreis muß in einem
des Verkäufers ausgeschlossen ist." angemessenen Verhältnis zu den Kosten des
2. In Artikel I Nr. 2 erhält § 2 Abs. 4 folgende Bauvorhabens stehen. Absatz 3 Satz 3 ist ent-
Fassung: sprechend anzuwenden."
„(4) Die Bundesregierung wird ermächtigt, 2. Art. I erhält folgende neue Nr. 7 a:
durch Rechtsverordnung nähere Vorschriften „7 a. In § 13 Abs. 2 werden die Worte ,einen
über die Durchführung der Eigentumsmaß- Vertreter der Deutschen Kohlenbergbau-
nahmen nach den Absätzen 2 und 3, nament- leitung' gestrichen."
lich über die Voraussetzungen, unter denen
der Anspruch auf Übertragung des Eigen- Bonn, den 13. Oktober 1954
tums geltend gemacht werden kann, zu er- Ollenhauer und Fraktion
lassen."
3. In Artikel I Nr. 3 wird im § 2 a Abs. 5 der
Satz 2 „Über Anträge der Gemeinde entscheidet Anlage 4 Umdruck 189
der Bezirksausschuß." gestrichen.
Änderungsantrag der Abgeordneten Wirths,
4. In Artikel I Nr. 3 erhält § 2 a folgenden neuen Dr. Wellhausen und Genossen zur dritt en Be-
Absatz 5 a: ratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung
„(5 a) Über Anträge nach den Absätzen 4 des Gesetzes zur Förderung des Bergarbeiterwoh-
und 5 entscheidet der Bezirksausschuß." nungsbaues im Kohlenbergbau (Drucksachen 817,
657).
5. In Artikel I Nr. 3 wird im § 2 a der Absatz 7
gestrichen. Der Bundestag wolle beschließen:
6. In Artikel I Nr. 4 und 5 wird in den §§ 3 und 4 In Artikel I Nr. 1 wird im § 1 Abs. 5 nach Buch-
jeweils das Wort „knappschaftsversicherte" stabe c ein neuer Buchstabe d mit folgendem Wort-
durch das Wort „sozialversicherte" ersetzt. laut eingefügt:
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2459

„d) Kohle, die an die Deutsche Bundesbahn für 4. Antrag der Fraktion der DP betreffend Mittel
deren eigene Betriebszwecke geliefert für den Bau eines Fischereischutzbootes (Druck-
wird,". sache 821)
Die bisherigen Buchstaben d und e werden Buch- an den Haushaltsausschuß.
staben e und f.
Bonn, den 21. September 1954
Bonn, den 14. Oktober 1954 Dr. von Brentano und Fraktion
Ollenhauer und Fraktion
Wirths Dr. Dehler und Fraktion
Dr. Wellhausen Haasler und Fraktion
Dr. Blank (Oberhausen) Dr. von Merkatz und Fraktion
Dr.-Ing. Drechsel
Eberhard
Frau Friese-Korn Anlage 6 Umdruck 160
Frühwald Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur
Held zweiten Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über
Dr. Henn die Inanspruchnahme eines Teils der Einkommen-
Hepp steuer und der Körperschaftsteuer durch den Bund
im Rechnungsjahr 1954 (Drucksachen 731, 201).
Hübner
Lahr Der Bundestag wolle beschließen:
Lenz (Trossingen) In § 1 Abs. 1 sind die Worte „40 vom Hundert"
Margulies durch die Worte „38 vom Hundert" zu ersetzen.
Dr. Miessner Bonn, den 23. September 1954
Schwann
Ollenhauer und Fraktion
Dr. Stammberger
Dr. Will
Anlage 7 Umdruck 191
Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU
zur zweiten Beratung des Entwurfs eines Gesetzes
über die Inanspruchnahme eines Teils der Ein-
kommensteuer und der Körperschaftsteuer durch
Anlage 5 Umdruck 167 (Berichtigt) den Bund im Rechnungsjahr 1954 (Drucksachen
731, 201).
Interfraktioneller Antrag betreffend Überwei- Der Bundestag wolle beschließen:
sung von Anträgen an die Ausschüsse.
1. In § 1 ist der Abs. 2 zu streichen.
Der Bundestag wolle beschließen: 2. In § 2 sind die Worte „Abs. 1" zu streichen.
Die folgenden Anträge werden ohne Beratung
gemäß § 99 Abs. 1 der Geschäftsordnung den zu- Bonn, den 15. Oktober 1954.
ständigen Ausschüssen überwiesen: Dr. Vogel
Arndgen
1. Antrag der Abgeordneten Kühlthau, Frau Al- Krammig
bertz, Dr. Blank (Oberhausen), Berendsen, Heix Kunze (Bethel) und Fraktion
und Genossen betreffend Ausbau der Autobahn
Oberhausen-Holland (Drucksache 787)
an den Haushaltsausschuß (federführend) und an Anlage 8 Umdruck 161
den Ausschuß für Verkehrswesen;
Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur
2. Antrag der Fraktion der DP betreffend Grenz- zweiten Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über
zeichen an den Übergangsstellen vom Ausland die Beiträge des Bundes zu den Steuerverwaltungs-
ins Bundesgebiet (Drucksache 803) kosten der Länder (Drucksachen 205 [neu], 42).
an den Ausschuß für Angelegenheiten der inneren Der Bundestag wolle beschließen:
Verwaltung;
In § 1 sind die Worte „ein Drittel" durch die
3. Antrag der Fraktion der DP betreffend Ausbau Worte „die Hälfte" zu ersetzen.
der Elbe bei Jasebeck (Drucksache 816)
an den Haushaltsausschuß (federführend) und an Bonn, den 23. September 1954
den Ausschuß für Verkehrswesen; Ollenhauer und Fraktion
2460 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954

Anlage 9

Schriftlicher Bericht
des Ausschusses für Wiederaufbau und Wohnungswesen (32. Ausschuß)
(Drucksache 817)

über den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur
Förderung des Bergarbeiterwohnungsbaues im Kohlenbergbau
(Drucksache 657)

Berichterstatter: Abgeordneter Harnischfeger

A. Werdegang des Gesetzes 1 333 Werkswohnungen,


819 Wohnungen einer Wohnungsbau-
Gemäß dem von der Bundesregierung beschlos- gesellschaft,
senen Wirtschaftsprogramm wurde im Juni 1951 596 Eigenheime und Kleinsiedlungen und
dem 1. Deutschen Bundestag der Entwurf eines Ge-
setzes zur Förderung des Bergarbeiterwohnungs- 232 Wohnungen des privaten Wohnungs-
baues im Kohlenbergbau mit Drucksache Nr. 2388 baues,
vorgelegt. Im Interesse der Erhöhung der Kohlen-
förderung sollte dem Bergarbeiterwohnungsbau also insgesamt
durch eine besondere Einnahme eine zusätzliche 2 980 Wohnungen gebaut bzw. finanziert hat.
Finanzierungsquelle erschlossen werden.
Die Zahl der Wohnungssuchenden hat sich in der
Durch Beschluß in der 164. Sitzung vom 26. Sep- Zeit vom 1. April 1950 bis 1. Juli 1954 nur um 22
tember 1951 hat der 1. Deutsche Bundestag das verringert, obwohl 2 980 Wohnungen gebaut wor-
entsprechende Gesetz verabschiedet, das bis zum den sind. Bei dieser Bergbaugesellschaft kamen
31. Oktober 1954 befristet wurde. Die Kohlenab- laufend so viele Wohnungssuchende durch Heirat
gabe wurde seinerzeit auf zwei Deutsche Mark für und durch Neubergleute, durch Familienzusammen-
jede Tonne Steinkohle, Steinkohlenkoks, Stein- führung von angeworbenen Neubergleuten hinzu,
kohlenbriketts und Pechkohle und eine Deutsche daß die bis jetzt gebauten Wohnungen den laufen-
Mark für jede Tonne Braunkohlenbriketts festge- den Neuzugang von Wohnungssuchenden fast ge-
setzt. nau abdeckten.
Da einerseits der Wohnungsfehlbestand nur
Der Befristung des Gesetzes und der Höhe der durch die weitere Zurverfügungstellung von Treu-
Abgabe lag damals ein akuter Wohnungsfehlbe- handmitteln für den Bergarbeiterwohnungsbau be-
stand von 92 000 Bergarbeiterwohnungen zugrunde. seitigt werden kann und andererseits die produk-
Bis zum 31. Oktober 1954 sollten diese 92 000 Woh- tionspolitischen Erwägungen für das Fortbestehen
nungen mit Hilfe von Treuhandmitteln aus der der Kohlenabgabe gegeben waren, legte die Bun-
Kohlenabgabe erstellt werden. Dieser von der desregierung unter dem 1. Juli 1954 den Entwurf
Deutschen Kohlenbergbauleitung errechnete Woh- eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur För-
nungsbedarf ist bis auf 4000 Wohnungen auch tat- derung des Bergarbeiterwohnungsbaues im Kohlen-
sächlich in den vergangenen drei Jahren gedeckt bergbau vor. Dieser Gesetzentwurf — Drucksache
worden. Da jedoch bei der ermittelten Zahl der 657 — wurde in erster Lesung in der 37. Sitzung
laufend hinzukommende Bedarf, der sich aus einer des 2. Deutschen Bundestages am 8. Juli 1954 be-
ganzen Reihe von Faktoren ergibt, nicht in vollem raten und dem Ausschuß für Wiederaufbau und
Umfange berücksichtigt worden ist, besteht nach
eingehenden Untersuchungen des Wohnungsbau- Wohnungswesen überwiesen.
ministeriums, der zuständigen Fachminister der In drei Ausschußsitzungen hat sich der vorge-
Länder und der Deutschen Kohlenbergbauleitung, nannte Ausschuß mit dem Gesetzentwurf beschäf-
denen sich auch die IG Bergbau und der Unter- tigt und ist in der dritten Beratung zu dem Be-
nehmensverband Ruhrbergbau im wesentlichen an- schluß gekommen, dem Plenum den auf Seite 4 ff.
geschlossen haben, z. Z. noch ein Bedarf von etwa des Ausschußberichts — Drucksache 817 — auf-
40 000 Bergarbeiterwohnungen. Hierbei ist zu be- geführten Gesetzentwurf zur Annahme zu emp-
denken, daß insbesondere die Belegschaftsvermeh- fehlen.
rung und die starke Fluktuation unter den neu an-
gesetzten Bergleuten diesen immerhin erheblichen
Bedarf beeinflussen. Hierzu nur ein Zahlenbeispiel B. Inhalt des Gesetzes
über den Wohnungsbau einer Bergbaugesellschaft Drei wesentliche Änderungen sind in dieser No-
im mittleren Ruhrkohlenbezirk: velle gegenüber dem ersten Gesetz enthalten:
Diese Gesellschaft hatte am 1. April 1950 einen 1. Die Herabsetzung der Kohlenabgabe um 50 v. H.,
Bestand von 1578 Wohnungssuchenden. Am 1. Juli d. h. für Steinkohle, Steinkohlenkoks und Stein-
1954 hatte dieselbe Gesellschaft noch 1556 Woh- kohlenbriketts auf eine Deutsche Mark pro
nungssuchende, obwohl sie seit 1950 bis heute Tonne und für Braunkohlenbriketts und Pech-
2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954 2461
(Harnischfeger)
kohle auf eine halbe Deutsche Mark pro Tonne, wohnungen gebaut werden, sind diese mit der
wobei für die Pechkohle mit Rücksicht auf ihre Auflage versehen worden, daß sie an eigentums-
anerkannte Minderwertigkeit die Kohlenabgabe willige Bergarbeiter übertragen werden müssen,
um 75 v. H. ermäßigt wurde. wenn diese es wünschen. Der Kaufpreis ist so
zu bemessen, daß ein Gewinn des Verkäufers
Die von verschiedenen Kreisen vorgetragenen ausgeschlossen ist. Damit wurde die Entscheidung
Wünsche auf Befreiung von der Kohlenabgabe über den Erwerb von Eigentum im Wohnungs-
konnten nicht berücksichtigt werden. Den An- bau in die Hände des Bergmanns gelegt.
trägen der Bundesbahn und des Verbandes deut-
scher nichtbundeseigener Eisenbahnen, die von In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt,
diesen Unternehmen benötigten Kohlen von der daß auf Grund einer im § 2 vorgesehenen Be-
Kohlenabgabe zu befreien, konnte nicht entspro- stimmung die Treuhandmittel auch für die
chen werden. Das gleiche gilt für den Antrag des Finanzierung des Baues von Wohnheimen zu-
Unternehmerverbandes Kleinbergbau, Stein- gunsten von Wohnungsberechtigten im Kohlen-
kohlenbergbauunternehmen, die oberflächen- bergbau sowie des Baues von Gemeinschaftsan-
nahen Abbau betreiben und deren Teufe nicht lagen und Folgeeinrichtungen bereitgestellt wer-
über 300 m hinausgehen, nicht in das Gesetz ein- den können. Da sich in der Vergangenheit für
zubeziehen. Auch für den alternativen Vorschlag, die Gemeinden bei der Finanzierung der Auf-
für die von diesen Bergbaubetrieben geförderte schließungskosten erhebliche Schwierigkeiten
Steinkohle nur die für Braunkohlenbriketts und herausgestellt haben, wurde bestimmt, daß die
Pechkohle vorgesehene Abgabe von einer halben Treuhandmittel unter gewissen, im einzelnen
Deutschen Mark pro Tonne festzulegen, fand sich festgelegten Voraussetzungen auch als Darlehen
im Ausschuß keine Mehrheit. Grundsätzlich an eine Gemeinde für anteilige Finanzierung
wurden die Abänderungswünsche der verschie- von Aufschließungsmaßnahmen, soweit sie dem
densten Interessentenkreise im Hinblick darauf Bau von Bergarbeiterwohnungen dienen, ge-
abgelehnt, daß es sich bei diesem Gesetz nur um währt werden können. Die Höhe der hierfür be-
eine befristete Verlängerung eines bestehenden reitgestellten Mittel darf jedoch 5 v. H. der jähr-
Gesetzes handelt und bis auf wenige Ausnahmen lich verteilten Treuhandmittel nicht über-
keine einschneidenden Änderungen vorgenom- schreiten.
men werden sollten.
Die von einigen Mitgliedern des Ausschusses 3. Die Laufzeit des Gesetzes wurde vom 1. Novem-
gemachten Änderungsvorschläge gegenüber der ber 1954 bis zum 31. Dezember 1957 verlängert.
Regierungsvorlage wurden nach längerer Aus- Der Ausschuß konnte sich dem Vorschlag des
sprache abgelehnt. Der Ausschuß konnte sich Bundesrates, die Bundesregierung zu ermäch-
nicht bereit finden, die Kohlenabgabe für Braun- tigen, durch Rechtsverordnung die Dauer der Er-
kohlenbriketts fallenzulassen, da einerseits die hebung der Abgabe für den Fall abzukürzen, daß
festgesetzte Abgabe eine kaum fühlbare Be- der Bedarf an Bergarbeiterwohnungen schon
lastung darstellen und andererseits gerade der vor dem 31. Dezember 1957 gedeckt ist, nicht an-
im Braunkohlenrevier vorherrschende Bau von schließen. Sollte bereits vor dem 31. Dezember
Eigenheimen und Kleinsiedlungen erhebliche 1957 der Wohnungsfehlbestand an Bergarbeiter-
Einbuße erleiden würde. wohnungen beseitigt sein, so soll es der Initiative
der beteiligten Stellen überlassen bleiben, die
Auch die Anregung, die bisherigen Abgabe- nunmehr gesetzte Frist über die Dauer der Er-
sätze von zwei Deutsche Mark bzw. einer Deut- hebung der Abgabe zu verkürzen.
schen Mark bestehen zu lassen, dafür jedoch die
Verlängerung des Gesetzes auf eine kürzere Zeit Außer diesen aufgeführten wesentlichen Ände-
als drei Jahre zu befristen, fand keinen Anklang rungen beinhaltet der Gesetzentwurf einige kleine
bei der Mehrheit des Ausschusses. Änderungen, auf die einzugehen ich nicht verzich-
ten möchte.
2. Dem Wunsche der Regierung entsprechend und
nach dem Willen aller beteiligten Stellen, insbe-
sondere der Deutschen Kohlenbergbauleitung
und der Industriegewerkschaft Bergbau, sollen in Zu §4
den kommenden Jahren in größerem Umfange Der Kreis der Wohnungsberechtigten wurde in-
als bisher im Bergarbeiterwohnungsbau Eigen- sofern erweitert, als jetzt alle knappschaftver-
heime und Kleinsiedlungen gebaut sowie sonstige sicherten Arbeitnehmer des Kohlenbergbaues woh-
Eigentumsmaßnahmen durchgeführt werden. nungsberechtigt sind, wogegen bisher nur die ver-
sicherungspflichtigen Arbeitnehmer berücksichtigt
Der Ausschuß war sich bei seinen Beratungen waren. Diese geringfügige Erweiterung dürfte sich
in dem Gedanken einig, daß diesem Anliegen in insbesondere für den Bau von Eigenheimen für Ar-
§ 2 des Gesetzes besonders Rechnung getragen beitnehmer in einer höheren Gehaltsstufe, die
werden sollte. Es wurde festgelegt, daß möglichst ihrerseits dann in den meisten Fällen eine billigere
viele Arbeitnehmer im Kohlenbergbau mit dem Werkwohnung für andere Betriebsangehörige frei-
Grund und Boden verwurzelt werden sollen. Beim stellen, günstig auswirken.
Neubau von Bergarbeiterwohnungen sind des-
halb Eigenheime, Kleinsiedlungen, Kaufeigen-
heime und Wohnungen in der Rechtsform des
Wohnungseigentums mit Vorrang vor Mietwoh- Zu §5
nungen zu fördern. Falls der Bau von Mietwoh-
nungen gefördert wird, soll dafür Sorge getragen Der Ausschuß glaubte, die von der Bundesregie-
werden, daß eine spätere Überlassung der Miet- rung vorgeschlagene Zweckbindung des mit Mitteln
wohnung als Eigenheim oder in der Rechtsform des Treuhandvermögens erstellten Eigenheimes auf
des Wohnungseigentums möglich ist. Soweit Miet- einen angemessenen Zeitraum, jedoch nicht über
2462 2. Deutscher Bundestag — 49. Sitzung. Bonn, Freitag, den 15. Oktober 1954
(Harnischfeger)
20 Jahre hinaus, nicht übernehmen zu können. Viel- Bundesminister für Wohnungsbau den Treuhand-
mehr wurde allseitig die Ansicht vertreten, daß mitteln entnommen. Der Bundesrechnungshof hat
eine Zweckbindung auf einen angemessenen Zeit- die Rechtmäßigkeit dieser Kostendeckung ange-
raum, jedoch nicht über 10 Jahre hinaus, ausrei- zweifelt. Der Ausschuß war sich mit der Bundes-
chend sein dürfte. Ein längerer Zeitraum würde regierung darin einig, daß durch eine zusätzliche
sich gegen den Wunsch richten, möglichst viele Bestimmung im Gesetz diese Lücke ausgefüllt wer-
Eigenheime und Kleinsiedlungen im Bergarbeiter- den muß. § 16 Abs. 2 wurde deshalb entsprechend
wohnungsbau zu schaffen. erweitert.

Zu § 16 Bonn, den 15. September 1954


Die Verwaltungskosten der Treuhandstellen so-
wie des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, so-
weit diese durch den mit Treuhandmitteln geführ- Harnischfeger
ten Bergarbeiterwohnungsbau entstehen, wurden
bisher auf Grund einer Vereinbarung mit dem Herrn Berichterstatter

Anlage 10
Schriftlicher Bericht
des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (26. Ausschuß)
(Drucksache 796)

-
über den Entwurf eines Gesetzes über die

Aufhebung von Gesetzen auf dem Gebiet der Fischerei in der Ostsee
(Drucksache 548)

Berichterstatter: Abgeordneter Struve

Die Aufhebung der in dem Gesetzentwurf — wurf heißt) hat sich als biologisch zwecklos und
Drucksache 548 — in § 1 Nr. 1 bis 3 genannten Ge- wirtschaftlich nachteilig für die deutschen Ostsee-
setze ist aus folgenden Gründen notwendig: fischer erwiesen. Die anderen Ostseerandstaaten
haben eine Schonzeit in dieser Form auch nicht
mehr.
Zu § 1 Nr. 1
Zu§ 1 Nr. 3
Das dem Gesetz zugrunde liegende internationale
Übereinkommen über die Schollen- und Flundern- Der jährlichen Schonzeit für Sprotten vom
fischerei in der Ostsee ist durch den Krieg und 15. Mai bis 15. August lagen überwiegend wirt-
seine Folgen — insbesondere durch die staatsrecht- schaftliche Erwägungen zugrunde. Diese Voraus-
lichen Veränderungen bei einem Teil der Vertrags- setzungen haben sich geändert. Aus biologischen
partner — als aufgehoben zu betrachten. Gründen bestehen gegen die Aufhebung des Ge-
setzes auch keine Bedenken.
Zu § 1 Nr. 2
Bonn, den 8. September 1954
Die jährliche Flundernschonzeit vom 1. Februar
bis 31. März (nicht 31. Mai, wie es infolge eines Struve
Schreibfehlers in der Begründung zum Gesetzent Berichterstatter

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