Sitzung
Sitzung
Glückwünsche zum Geburtstag des Abg. Dr Dr. Hallstein, Staatssekretär des Aus-
Becker (Hersfeld) 1438 D wärtigen Amts . 1458 D, 1461 B, C, 1464 D
Dr. Arndt (SPD) . . . 1459 D, 1461 C, 1463 B
Beschlußfassung des Bundesrats zu Gesetzes-
beschlüssen des Bundestags 1438 D
Dr. Lütkens (SPD) 1462 A
Mitteilung über Stellungnahme des Bundes-
rats zum Haushaltsgesetz 1954 (Druck- Wehr (SPD) 1463 C
sache 539) 1439 A
Abstimmungen 1465 D
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs
eines Gesetzes über die Beauftragung von Tatsächliche und persönliche Erklärung nach
Einrichtungen der freien Wohlfahrts- § 36 der Geschäftsordnung (betr. Bericht-
pflege mit der nichtgewerbsmäßigen Ar- erstattung in der 28. Sitzung zum Antrag
beitsvermittlung zur Wiedergutmachung auf Genehmigung zum Strafverfahren
nationalsozialistischen Unrechts (Druck- gegen den Abg. Dr. Löhr):
sache 223); Mündlicher Bericht des Aus-
schusses für Arbeit (Drucksache 419) . . 1439 A Ritzel (SPD) 1466 A
Frau Dr. Bleyler (Freiburg) (CDU/ Beratung der Großen Anfrage der Fraktion
CSU), Berichterstatterin 1439 A der FDP betr. Förderungsprogramm für
die Zonenrandgebiete (Drucksache 293)
1440 B in Verbindung mit der
Könen (Düsseldorf) (SPD)
Beratung des Antrags der Abg. Wacher Anlage 1: Entschließungsantrag der Frak-
(Hof), Fuchs, Freiherr Riederer von Paar tion der SPD betr. Freundschafts-, Han-
u. Gen. betr. Beihilfe für Grenzbauern dels- und Konsularvertrag zwischen
(Drucksache 529) 1467 B, 1509 D Deutschland und den Vereinigten Staaten
von Amerika (Umdruck 71) 1509 A
Dr.-Ing. Drechsel (FDP), Anfragender 1467 C
Anlage 2: Entschließungsantrag der Frak-
Dr. Bleiß (SPD), Anfragender . . . 1470 D tion der SPD betr. Freundschafts-, Han-
dels- und Konsularvertrag zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten
Dr. Westrick, Staatssekretär im Bun- von Amerika (Umdruck 112) 1509 C
desministerium für Wirtschaft . . 1474 A
1497 C
Anlage 3: Antrag der Fraktion der SPD
betr. Wirtschaftshilfe für die Zonenrand-
Frau Dr. BrökeLschen (CDU/CSU): gebiete (Umdruck 113) 1509 D
zur Geschäftsordnung 1477 B
zur Sache 1489A, 1505 C
Die Sitzung wird um 9 Uhr 1 Minute durch den
Vizepräsidenten Dr. Jaeger eröffnet.
Dr. Gülich (SPD):
zur Geschäftsordnung 1478 A Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren! Ich eröffne die 31. Sitzung des 2. Deut-
zur Sache 1503B, 1505 C schen Bundestages und bitte um Bekanntgabe der
Namen der entschuldigten Abgeordneten.
Kurlbaum (SPD), Antragsteller . . 1478 A
Frau Rösch, Schriftführerin: Es suchen für län-
Hörauf (SPD), Antragsteller . . . . 1480 B gere Zeit um Urlaub nach die Abgeordneten Hahn
für sechs Wochen wegen Krankheit, Dr. Bucerius
für vier Wochen wegen dienstlicher Inanspruch-
Freidhof (SPD), Antragsteller . . . 1481 C
nahme, Schoettle für weitere drei Wochen wegen
Krankheit.
Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD), An-
tragsteller 1482 D Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich nehme an, daß das
Haus mit den Beurlaubungen, die über eine Woche
Behrisch (SPD), Antragsteller . . 1484 A hinausgehen, einverstanden ist.
Wacher (Hof) (CDU/CSU), Antrag- Frau Rösch, Schriftführerin: Der Herr Präsident
steller 1486 A hat Urlaub erteilt für zwei Tage den Abgeordneten
Stingl, Könen (Düsseldorf), Dr. Czaja, Leukert,
Frau Korspeter (SPD) 1487 B Dr. Dresbach, Dr. Bartram, Dr. Kreyssig, Dr. Hor-
lacher, Siebel, Dr. Conring, Richter, Leibfried, Dr.
1493 B Schneider (Lollar).
Dr. Henn (FDP)
Für die heutige Sitzung hat der Herr Präsident
Dr. Dittrich (CDU/CSU) 1495 B Urlaub erteilt den Abgeordneten Brockmann (Rin-
kerode), Müller-Hermann, Schneider (Bremer-
1497 D haven), Ladebeck, D. Dr. Ehlers, Frau Niggemeyer,
Unertl (CDU/CSU) Dr. Siemer, Kühlthau, Hilbert, Neuburger, Schra-
der, Gockeln, Frau Dr. Kuchtner, Wehking, Dr.
Höhne (SPD) 1499 A Keller, Brandt (Berlin), Weyer, Wagner (Ludwigs-
hafen), Dr. Maier (Stuttgart).
Seiboth (GB/BHE) 1500 D
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich habe Glückwünsche
1506 B auszusprechen zum 66. Geburtstag am 25. Mai dem
Kahn (CDU/CSU)
Herrn Abgeordneten Dr. Becker (Hersfeld).
Priebe (SPD) 1507 A (Beifall.)
Die übrigen amtlichen Mitteilungen werden
Jacobs (SPD) 1507 C ohne Verlesung in den Stenographischen Bericht
aufgenommen:
Dr. Starke (FDP) 1507 C Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 21. Mai 1954 den
nachstehenden Gesetzen zugestimmt bzw. einen Antrag gemäß
Art. 77 Abs. 2 nicht gestellt:
Ausschußüberweisungen 1508 C Gesetz über das Internationale Zuckerabkommen vom
1. Oktober 1953;
Erste Beratung des von den Fraktionen der Gesetz betreffend das Ü bereinkommen Nr. 45 der Inter-
nationalen Arbeitsorganisation vom 21. Juni 1935 über
CDU/CSU, SPD, FDP, GB/BHE, DP ein- Beschäftigung von Frauen bei Untertagarbeiten In Berg-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes über werken jeder Art;
Gesetz über den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland
die Entschädigung der Mitglieder des zu den vier Genfer Rotkreuz-Abkommen vom 12. August
Bundestages (Drucksache 540) 1509 C 1949;
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1439
(Vizepräsident Dr. Jaeger)
Gesetz über die Feststellung des Bundeshaushaltsplanes für weiter vermittelt wurden. Aber die Vermittlung
das Rechnungsjahr 1954 (Haushaltsgesetz 1954).
Zum Haushaltsgesetz 1954 hat der Bundesrat weiter Aus-
der Hausgehilfinnen, das Kernstück der Vermitt-
führungen gemacht, die als Drucksache 539 verteilt werden. lungstätigkeit, wurde den Verbänden untersagt.
Nach dem Kriege versuchten die freien Verbände
Meine Damen und Herren! Ich komme zu Punkt 1 ihre früheren Rechte wieder zu erlangen. Dem
der Tagesordnung: stand zunächst der Kontrollratsbefehl Nr. 3 im
Wege, durch den die Besatzungsmächte den Mono-
Zweite und dritte Beratung des Entwurfs polcharakter der Arbeitsämter noch weit über das
eines Gesetzes über die Beauftragung von bisherige Maß verstärkt haben. Erst nach der Auf-
Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege lockerung konnten die Verbände in einigen Lan-
mit der nichtgewerbsmäßigen Arbeitsver- desarbeitsämtern für bestimmte Teilaufgaben wie-
mittlung zur Wiedergutmachung national- der eine gewisse Genehmigung erhalten.
sozialistischen Unrechts (Drucksache 223); Maßgebend ist auch heute noch nach Gründung
Mündlicher Bericht des Ausschusses für Ar- der Bundesanstalt das vorhin erwähnte Gesetz von
beit (27. Ausschuß) (Drucksache 419). 1935, das die Möglichkeit vorsieht, private Stellen
(Erste Beratung: 18. Sitzung.) auf Antrag mit der Vermittlung für besondere
Berichterstatterin ist Frau Abgeordnete Dr. Personenkreise zu beauftragen. Da aber eine Ge-
Bleyler. Ich darf sie bitten, das Wort zu ergreifen. nehmigung durch die Bundesanstalt von vorn-
herein zweifelhaft erschien, ging es den karitativen
Verbänden darum, eine globale Genehmigung zu
Frau Dr. Bleyler (Freiburg) (CDU/CSU), Bericht- erhalten.
erstatterin: Herr Präsident! Meine Herren und Die Bundesregierung hat dieses Anliegen als be-
Damen! Die Bundesregierung hat dem Hohen Haus rechtigt anerkannt und daher den vorliegenden
einen Gesetzentwurf über die Beauftragung von Entwurf eingebracht, gegen den vom Bundesrat
Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege mit der keine Einwendungen erhoben wurden. Dieses Ge-
nichtgewerbsmäßigen Arbeitsvermittlung zur Wie- setz soll den Verbänden der freien Wohlfahrts-
dergutmachung nationalsozialistischen Unrechts pflege das Recht der Stellenvermittlung wieder-
vorgelegt. Der Entwurf ist vom Ausschuß für Ar- geben, soweit sie es vor dem 30. Januar 1933 ge-
beit in zwei Sitzungen eingehend beraten worden. habt haben. Sie haben danach der jetzigen Bun-
Worum geht es bei dieser Frage? Schon bei der desanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeits-
Gründung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung losenversicherung innerhalb eines Jahres nach In-
und Arbeitslosenversicherung im Jahre 1927 hat krafttreten dieses Gesetzes anzuzeigen, wenn sie
man überlegt, ob und inwieweit man neben der die Stellenvermittlung wieder aufnehmen wollen,
öffentlich-rechtlichen Anstalt noch private Einrich- und gleichzeitig Art und Umfang der früheren
tungen für diese Aufgaben zulassen sollte. Man hat Tätigkeit nachzuweisen. Wenn sie innerhalb von
die Frage dahin entschieden, daß auf Erwerb ge- zwei Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes die
richtete Stellenbüros verboten wurden, daß aber Arbeitsvermittlung nicht aufgenommen haben, gilt
gemeinnützige private Arbeitsnachweise auf An- diese Genehmigung als erloschen.
trag unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen In den Ausschußberatungen tauchte zunächst die
werden konnten. Davon haben sowohl die Berufs- Frage auf, ob man das ganze Problem der nicht-
verbände wie auch karitative Einrichtungen aller gewerbsmäßigen Stellenvermittlung nicht bis zur
Art weitgehend Gebrauch gemacht. Sie mußten den Beratung der geplanten Novelle zum AVAVG zu-
gesetzlichen Anforderungen entsprechen und stan- rückstellen solle. Die Mehrheit war jedoch der Auf-
den unter Aufsicht der Reichsanstalt, der sie regel- fassung, daß dieses Gesetz vorweggenommen wer-
mäßig über ihre Arbeit zu berichten hatten. den solle, da die Novelle sicher noch länger auf
Nach der Machtergreifung durch den National- sich warten lasse.
sozialismus wurden die Berufsverbände sofort auf- Die Mehrheit des Ausschusses lehnte auch den
gehoben bzw. in die Arbeitsfront überführt. Die Antrag ab, eine schriftliche oder mündliche Stel-
Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege bestan- lungnahme der Bundesanstalt einzuholen, und
den weiter und übten auch zunächst noch die Stel- zwar mit dem Hinweis darauf, daß ja schon dem
lenvermittlung aus. Im Jahre 1935 wurde dann 1. Bundestag ein ähnlicher Gesetzentwurf vorgele-
ein Gesetz geschaffen über Arbeitsvermittlung, Be- gen habe und deshalb genügend Zeit und Gelegen-
rufsberatung und Lehrstellenvermittlung, das der heit gewesen wäre, sich zu diesem Fragenkomplex
Reichsanstalt den Monopolcharakter sicherte. zu äußern.
Grundsätzlich bestand zwar noch die Möglichkeit, Bedenken grundsätzlicher Art wurden geäußert,
Einrichtungen außerhalb der Reichsanstalt für be- ob unter einer Ausweitung der privaten Stellen-
stimmte Aufgaben auf Antrag zuzulassen. Prak- vermittlung nicht die Einheitlichkeit der öffent-
tisch wurden diese Anträge aber sämtlich ohne wei- lichen Arbeitsvermittlung leiden müßte. Die Ent-
tere Prüfung und Begründung abgelehnt. Zu dem wicklung zu einer zentralen öffentlich-rechtlichen
nach staatspolitischen Ideen gelenkten Arbeitsein- Organisation ist ja nicht ein Produkt des National-
satz paßten die privaten Stellennachweise nicht sozialismus. Es zeigt sich hier vielmehr eine inter-
mehr. Nur geistig und körperlich behinderte Per- nationale Tendenz, die durch die Weltkriege mit
sonen, an denen der nationalsozialistische Staat ihren Massenwanderungen und großen Umsied-
wenig Interesse hatte und deren Vermittlung in lungen noch gewaltig verstärkt wurde. Es geht ja
Arbeitsstellen vielleicht auch besondere Schwie- längst nicht mehr nur um die Hilfe für den einzel-
rigkeiten machte, durften nach wie vor — und nen Arbeitslosen, sondern darüber hinaus um den
auch heute noch — von Fürsorgevereinen und Versuch, die Grundlage für eine großangelegte
-verbänden verschiedenster Art vermittelt werden. Ordnung des Arbeitsmarktes zu schaffen, die regio-
Auch erhob man keinen Einspruch dagegen, daß nale Verschiedenheiten ausgleichen, Schwierigkei-
die in eigenen Einrichtungen ausgebildeten pfle- ten der Wirtschaftskonjunkturen rechtzeitig er-
gerischen Kräfte in Heimen und Organisationen kennen und auffangen und so größere Massennot-
der freien Wohlfahrtspflege untergebracht und stände auf dem Arbeitsmarkt verhindern will.
1440 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Frau Dr. Bleyler [Freiburg])
Diese große Aufgabe einer zentral geordneten Berichterstatterin geht schon hervor, daß die Frage
Arbeitsmarktpolitik soll nicht gefährdet werden. der Wiedergutmachung in dieser Angelegenheit
Bei den karitativen Stellenvermittlungen handelt keine Rolle spielt und daß man sich mit den rein
es sich aber um eine ganz besondere Teilaufgabe, sachlichen Dingen auseinandersetzen kann. Die
nämlich in der Hauptsache um die Vermittlung von Tatsache, daß die Verbände wiederum eine Stellen-
Hausgehilfinnen, die als ein wichtiges Glied in der vermittlung, insbesondere für Hauspersonal und
Kette der Jugendschutz- und Jugendhilfsarbeit an- Pflegepersonal vornehmen sollen, wird von uns
gesehen wird. als ein Einbruch in die immer wieder angestrebte
Es ist heute wirklich keine leichte Aufgabe mehr, öffentliche Stellenvermittlung angesehen, so daß
Hausgehilfinnen zu vermitteln. Die Vermittlung in wir aus grundsätzlichen Erwägungen dazu nein
einen Haushalt, in diesen engen Kreis menschlicher sagen müssen. Außerdem befürchten wir eine
Zusammengehörigkeit ist eben etwas ganz anderes echte Interessenkollision zwischen den Verbänden
als die Vermittlung in eine Achtstundenarbeit. Hier bzw. ihren Einrichtungen und den öffentlichen
spielen nicht so sehr fachliche Kenntnisse eine Einrichtungen, da ja auch das Personal weitge-
Rolle als vielmehr die menschlich-persönlichen Be- hend von den Verbänden ausgebildet wird. Im
ziehungen, die charakterliche, oft auch weltanschau- übrigen besteht in der Bundesrepublik gerade bei
liche Eigenart, die Möglichkeit, sich in einem per- pflegerischem Personal eine echte Sorge um den
sönlichen Vertrauensverhältnis aufeinander abzu- Nachwuchs. Diese Nachwuchssorge wird dadurch
stimmen und erzieherische Einflüsse auf die Kinder verstärkt, daß die Besoldung und überhaupt die
der Familie auszuüben. Die Haushaltsberufe ge- wirtschaftliche Stellung dieses Personals allerlei zu
hören ja ebenso wie die pflegerischen Berufe heute wünschen übrig läßt. Wir befürchten, daß der
nicht zu den beliebten Berufen. Vielleicht können Kampf um die Rechte dieser Gruppe der Arbeit-
die karitativen Verbände im Rahmen ihrer Jugend- nehmerschaft erschwert wird, wenn wir die Ver-
hilfe- und Jugendschutzarbeit mit ihrem Kreis mittlung der Arbeit durch private Institutionen in
ehrenamtlicher Helfer, mit ihrer großen Zahl eige- dem gewünschten Umfang wiederum zulassen.
ner und befreundeter Heime, in denen Jugendliche Außerdem ist zu bedenken, daß eine Abwanderung
vorübergehend oder für längere Zeit untergebracht junger Mädchen vom Lande in die Stadt statt-
und beobachtet, mitunter auch hauswirtschaftlich finden wird, die — über irgendwelche Einrichtun-
gen vermittelt — zunächst in den Haushalt gehen
ausgebildet oder nachgehend betreut werden kön- und sich nach einem Vierteljahr in der Stadt um-
nen, mit dazu beitragen, mancher kinderreichen
Mutter, manchem arbeitslosen, vielleicht gefähr- gesehen haben, um dann die Arbeit in der Fabrik
aufzunehmen. Damit würden wir eine uner
deten jungen Mädchen zu helfen. Es geht hier nicht wünschte Abwanderung der jungen Arbeitskräfte
um eine Kompetenzfrage, sondern es geht um eine vom Lande in die Stadt unterstützen, ohne den
Hilfe an Menschen, insbesondere an jungen Men- Zweck zu erreichen, der für die Abwanderung
schen. ursprünglich vorgesehen war.
Daher hat der Ausschuß auch die grundsätzlichen Im übrigen besteht auch heute noch auf Grund
Bedenken zurückgestellt und die Mitwirkung der des geltenden Gesetzes die Möglichkeit zur Auf-
freien Wohlfahrtsverbände für diese besondere nahme der privaten Arbeitsvermittlung. Aus der
Aufgabe wieder ermöglichen wollen. Er hat dabei Berichterstattung geht hervor, daß 37 Einrichtun-
betont, daß es sich hierbei im wesentlichen um die gen von dieser gesetzlichen Möglichkeit Gebrauch
Vermittlung von Pflegepersonal und Hausgehil- machen. Wir sind deshalb der Meinung, daß dort,
finnen handle und eine Ausweitung auf andere Be- wo es dringend erforderlich ist, auch bei der jetzi-
rufe und Personenkreise nicht in Frage kommen gen Rechtslage die Möglichkeit zur Einrichtung der
solle. Die Frage, wieweit eine Wiedergutmachungs- privaten Arbeitsvermittlung besteht.
pflicht vorliegt, wollte der Ausschuß dahingestellt
sein lassen; er hat darum die Worte „zur Wieder- Zum Schluß gestatten Sie mir noch eine Berner-
gutmachung nationalsozialistischen Unrechts" in kung. Wir sind einmal wieder dabei, ein Nazi-Ge-
der Überschrift des Gesetzes gestrichen. setz zu korrigieren, und sehr oft kommt es vor,
Der Ausschuß für Arbeit schlägt dem Hohen daß wir so etwas korrigieren, ergänzen oder strei-
Hause vor, dem Gesetzentwurf Drucksache 223 mit chen. Es wäre sehr schön, wenn wir eines Tages
den aus der Drucksache 419 ersichtlichen Ände- dahin kämen, daß wir die gesamte NS-Gesetzge-
rungen zuzustimmen. bung durch vernünftige Gesetze der Bundesrepu-
blik ersetzen könnten.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke der Frau (Beifall bei der SPD.)
Berichterstatterin.
Ich rufe auf § 1, — § 2, — § 3, — Einleitung Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Herr
und Überschrift. — Ich bitte diejenigen, die den Bundesminister für Arbeit.
aufgerufenen Paragraphen, der Einleitung und
- der
Überschrift ihre Zustimmung geben wollen, ihre Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Präsi-
Hand zu erheben. — Das ist die Mehrheit. dent! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wir müssen uns doch darüber klar sein, daß man
Ich komme zur sich bei der Schaffung des AVAVG sehr ernste
dritten Beratung. Gedanken gemacht hat, warum man den karitati-
ven Verbänden auf diesem beschränkten Gebiet
Ich eröffne die allgemeine Aussprache. Wird das die Vermittlungstätigkeit möglich machen wollte.
Wort dazu gewünscht? — Herr Abgeordneter Die Frau Berichterstatterin hat schon weitgehend
Könen! gesagt, wie das damals zustande gekommen ist.
Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß
Könen (Düsseldorf) (SPD): Herr Präsident! Meine der Nationalsozialismus der Arbeiterwohlfahrt
Damen und Herren! Der vorliegende Entwurf fin- diese Vermittlungsmöglichkeit bereits im Jahre
det nicht die Zustimmung der Fraktion der Sozial- 1933 genommen hat und daß im Jahre 1936 den
demokratischen Partei. Aus dem Bericht der Frau kirchlichen Wohlfahrtsinstitutionen ebenfalls die
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1441
(Bundesminister Storch)
Durchführung dieser freiwillig übernommenen Bundesanstalt, die damalige Reichsanstalt, für Ar-
und zum Teil sehr schweren Arbeit unmöglich beitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung ge-
gemacht worden ist. schaffen hat. Es ging weithin darum, die gewerbs-
Nun sagt man, das liege im Zuge der Zeit, be- mäßige Stellenvermittlung auszuschalten. Aber
denkt dabei aber gar nicht, daß man, wenn man man hat damals bewußt gemeinnützigen Stellenver-
einen jungen Menschen in einen Haushalt, in die mittlungseinrichtungen ihre Aufgabe belassen, weil
engste Familiengemeinschaft gibt, letzten Endes man wußte, daß in verschiedenen Bereichen solche
mehr Dinge beobachten und berücksichtigen muß, Einrichtungen die gestellte Aufgabe besser als eine
als das bei einer Stellenvermittlung geschieht, die Verwaltung erfüllen konnten. Man hat dann im
den Menschen nur für acht Stunden am Tag aus Jahre 1935 durch das Gesetz über die Arbeitsver-
der Familie herausnimmt. Das soll man aber be- mittlung, Berufsberatung und Lehrstellenvermitt-
denken. Wenn wir schon bei der Schaffung des lung diesen Grundsatz an sich beibehalten. In
Gesetzes davon ausgegangen sind, daß hier eine diesem Gesetz hat man die Möglichkeit geschaffen,
sehr segensreiche Arbeit sowohl für die Jugend daß Einrichtungen außerhalb der damaligen Reichs-
als auch für die in Frage kommenden Familien anstalt für die Arbeitsvermittlung bestehenblieben.
geleistet wird, dann sollte man jetzt wieder den Aber — und nun setzte das Unrecht ein — man hat
früheren Zustand herstellen. dann in einer Verordnung zu diesem Gesetz be-
Es ist gesagt worden, von einer Wiedergut- stimmt, daß Einrichtungen nach einem bestimmten
machung könne man bei dieser Sache gar nicht Termin nicht mehr zugelassen sind, wenn nicht bis
sprechen. Das Gesetz will ja gar nicht, daß eine dahin eine neue Beauftragung erfolgt. Tatsache ist,
materielle Wiedergutmachung durchgeführt wird, daß eben nach dem 31. März 1936 — das war der
sondern das Gesetz will einzig und allein, daß Termin — keine neuen Beauftragungen mehr er-
Rechte an Organisationen zurückgegeben werden, folgten, daß also dieses Arbeitsgebiet den betref-
die ihnen durch den Nationalsozialismus genom- fenden Organisationen, den karitativen Organisa-
men worden sind, sonst gar nichts. tionen, völlig genommen wurde.
Der Vertreter der Sozialdemokratischen Partei Das ist der Tatbestand. Man kann meines Erach-
hat soeben davon gesprochen, daß eine derartige tens wirklich nicht bestreiten, daß es sich hier um
Vermittlungstätigkeit dazu angetan sei, jugendliche ein nationalsozialistisches Unrecht handelt. Ich bin
Menschen vom Land in die Stadt zu holen, die dort deswegen eigentlich etwas erstaunt darüber, daß
sehr bald wieder aus der Hauswirtschaft aus- der Kollege Könen hier sagen zu müssen glaubt,
schieden und auf dem industriellen Arbeitsmarkt die Wiedergutmachung spiele in diesem Falle keine
erschienen. Dazu möchte ich Ihnen folgendes Rolle.
sagen. Wir alle wissen doch, daß es manchmal für Nun müssen wir uns allerdings auch über die
junge Menschen geradezu ein Glück für das ganze Zweckmäßigkeit solcher Einrichtungen der freien
Leben gewesen ist, wenn sie aus einem vielleicht Wohlfahrtspflege zur Stellenvermittlung unter-
sehr primitiven Haushalt einmal in der Stadt in halten.
ein anderes Lebensniveau hineingebracht worden Ich glaube, der Fachmann weiß, daß für Teile
sind. Wir sollten uns dieser Entwicklung doch nicht der Arbeitsvermittlung, insbesondere bei der Ver-
entgegenstellen. Derjenige, der seine Tochter vom mittlung in hauswirtschaftliche und Pflegeberufe,
Lande in die Stadt gehen lassen will, tut es so- die Einschaltung der karitativen Organisationen
wieso. Er hat noch nicht einmal die Sicherheit, sehr wertvoll ist. Es ist schon einmal gesagt wor-
daß sie dann in eine Umgebung kommt, die auch den: die enge Verbindung zur Familie in der Haus-
Rücksicht darauf nimmt, daß man es bei diesen wirtschaft zwingt dazu, manche Dinge zu berück-
jungen Menschen eigentlich noch mit Kindern zu sichtigen, die bei der allgemeinen Arbeitsvermitt-
tun hat. lung keiner besonderen Berücksichtigung bedürfen.
Bei den Pflegeberufen macht die Bindung zu den
Ich bin deshalb der Meinung, wir sollten diesem
Krankenanstalten usw. deutlich, daß karitative Or-
Gesetz auf der breitesten Ebene zustimmen. Für ganisationen hier eine wertvolle Hilfe leisten kön-
das, was hier gewünscht wird, ist ein wirkliches
Bedürfnis vorhanden. Vor allen Dingen muß man nen. Es ist auch wiederholt gerade von der frü-
doch, wenn man vom rechtlichen Standpunkt aus- heren Reichsanstalt und von Experten der Ar-
beitsvermittlung darauf hingewiesen worden, daß
geht, sagen: Wenn der Nationalsozialismus, um man diese Mitarbeit nicht entbehren kann. Es ist
über die Arbeitskraft eines jeden verfügen zu ja nicht so, als wollte man einem Gegeneinander
können, diese Vermittlungstätigkeit aufgehoben das Wort reden. Nein, schon in der Vergangenheit
hat, dann sollten wir sie in der heutigen Zeit, da haben diese Einrichtungen immer in enger Verbin-
wir wieder normale Verhältnisse haben, wieder- dung mit den amtlichen Stellen ihre Aufgabe er-
herstellen. füllt. Im Gesetz ist ein gewisses Aufsichtsrecht vor-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) gesehen, und aus der Praxis weiß man, daß diese
Zusammenarbeit immer sehr gut war.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab- Der Bundesrat hat erklärt, daß in der Tat ein
geordnete Sabel. echtes Bedürfnis für eine Sondervermittlung auf
bestimmten Gebieten bestehe. Er meint aber, der
Sabel (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen Erlaß eines besonderen Gesetzes sei nicht notwendig,
und Herren! Wenn wir das angesprochene Problem weil auf Grund des Gestzes von 1935 im Einzelfall
recht beurteilen wollen, müssen wir in etwa die eine Zulassung erfolgen könne. Wir wollen jedoch
ganze Entwicklungsgeschichte der Arbeitsvermitt- diese Einrichtungen in dem damaligen Ausmaß
lung kennen. Es war deshalb wertvoll, daß die nunmehr gesetzlich generell zulassen. Dabei ist aber
Bundesregierung in der Begründung ihres Ent- dafür Sorge getragen, daß nun nicht etwas zum
wurfes auf die Entwicklungsgeschichte hingewiesen Leben erweckt wird, was an sich nicht lebensfähig
hat. Es ist richtig, daß das Gesetz über Arbeits- ist. Deswegen ist im Gesetz vorgesehen, daß eine
vermittlung und Arbeitslosenversicherung im Jahre bestimmte Frist zur Antragstellung eingehalten
1927 ein gewisses Vermittlungsmonopol für die werden muß, und weiter, daß in einer bestimmten
1442 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Sabel)
Zeit die Einrichtungen wieder entstanden sein schon seine Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, daß
müssen, wenn auf Grund dieses Gesetzes, das wir mehr getan wird,
heute diskutieren, diese Einrichtungen neu geschaf- (Beifall bei der SPD)
fen werden sollen. und niemand wäre ihm dankbarer gewesen als wir
Kollege Könen meinte, hier könne unter Um- Sozialdemokraten; denn wir wissen, wie wenig
ständen eine Interessenkollision entstehen. Er gerade für die Berufsgruppe der Hausangestellten
glaubt, die Einzelarbeitsverträge könnten in diesen bisher getan worden ist. Die Hausangestellten
Fällen ungünstig beeinflußt werden. Meine Damen leben doch unter unmöglichen arbeitsrechtlichen
und Herren, Sie wissen, daß die Vermittlung mit Verhältnissen.
der tarifvertraglichen Gestaltung der einzelnen (Beifall bei der SPD. — Lebhafter Wider
Arbeitsverträge nichts zu tun hat. Gewiß, diese spruch und Lachen in der Mitte und
Arbeitsverhältnisse sind nicht immer so, wie wir rechts.)
alle sie wünschen. Aber ich glaube, daß diese Art — Meine Damen und Herren von der CDU, wenn
der Stellenvermittlung keine nachteilige Wirkung Sie glauben,
auslöst. Wir müssen eben versuchen, durch ent-
sprechende Regelungen diese ganze Materie, d. h. (anhaltende Zurufe von der CDU/CSU)
den Arbeitsvertrag in diesen Berufen, so zu gestal- daß Löhne von 30 und 40 Mark
ten, daß wir damit zufrieden sein können. (lebhafter Widerspruch und Lachen — Zu
Ich gebe mich auch nicht der Illusion hin, daß ruf von der CDU/CSU: Das ist ja nicht
der starke Mangel an Haushaltskräften und an wahr!)
Kräften aus Pflegeberufen durch eine solche Rege- bei einer zehn- und zwölfstündigen Arbeitszeit
lung plötzlich beseitigt werden könnte. Aber hier heute gerecht sind,
kann meines Erachtens doch vieles geschehen. Wer (Abg. Sabel: Das ist ja eine Verallgemei
die Praxis kennt, weiß, daß wir heute überall einen nerung, die nicht zutrifft!)
Mangel an Menschen haben, die bereit sind, in der dann täuschen Sie sich eben. Es gibt nur wenige
Hauswirtschaft tätig zu sein, an Menschen, die be- Hausangestellte, die tariflich ordentlich bezahlt
reit sind, in Pflegeberufen tätig zu sein, weil diese werden.
Tätigkeiten mit manchen Unannehmlichkeiten ver- (Lebhafter Widerspruch in der Mitte und
bunden sind, die man in anderen Berufen nicht rechts. — Abg. Sabel: Haben Sie eine
kennt. Ich glaube, dieses Gesetz wird doch dazu Ahnung!)
verhelfen, manche Lücken auszufüllen, manche
Vermittlung in die entsprechenden Arbeitsverhält- Hier liegen die Dinge sehr im argen, und, meine
nisse zu ermöglichen, die sonst nicht möglich wäre, Damen und Herren, wenn Sie glauben, durch die
und ich glaube, daß auch die Qualitätsvermittlung Vermittlung der freien Wohlfahrtspflege hier
hierdurch doch recht günstig beeinflußt werden etwas mehr tun zu können, so glaube ich, daß das
kann. nicht der richtige Weg ist.
Alle diese Gründe veranlassen uns, Sie zu bitten, Wir müssen dafür sorgen, daß gerade die pfle-
dem Gesetz in der vorgelegten Fassung Ihre Zu- gerischen und die hauswirtschaftlichen Berufe auf
stimmung zu geben. ein ganz anderes Niveau gehoben werden, daß
nicht durch eine gewisse Betreuung die Menschen
(Beifall bei der CDU/CSU.) in die Familien hineinkommen, sondern daß die
Angehörigen dieser Berufe eine gute Ausbildung
Vizepräsident Dr. jaeger: Das Wort hat Frau erhalten, damit sie nachher im Haushalt wirklich
Abgeordnete Schanzenbach. auch eine sehr verantwortungsvolle selbständige
Frau Schanzenbach (SPD): Herr Präsident! Arbeit leisten können.
Meine Damen und Herren! Ich kann mich den (Beifall bei der SPD.)
Gründen, die hier vom Herrn Arbeitsminister und Genau so wie in anderen Ländern müssen auch wir
von Herrn Sabel angeführt worden sind. keines- dazu kommen, daß die Arbeitsverhältnisse der
wegs anschließen. Man geht davon aus, daß bei der Hausangestellten und des Pflegepersonals besser
Schaffung des AVAVG den Verbänden der freien werden. Da scheint mir der Schwerpunkt zu lie-
Wohlfahrtspflege gewisse Rechte eingeräumt wor- gen, auf den die Arbeitsvermittlung wie auch die
den sind. Gewiß! Wir standen damals vor Neuland. freie Wohlfahrtspflege ihr Augenmerk richten
Aber heute wissen wir, daß die Arbeitsvermittlun- muß.
gen der Arbeitsämter sich bewährt haben, und wir Sehen Sie, davon, daß die Dinge auf d er Ebene
sollten uns davor hüten, hier Einrisse zuzulassen, anders werden müssen, haben die beiden Herren
die bei einer Bevorrechtung der freien Wohlfahrts- Vorredner nicht gesprochen.
pflege anfangen, bei denen wir aber nicht wissen, (Abg. Sabel: Da hätten Sie zuhören sollen,
wo sie aufhören. - dann hätten Sie es gehört! Sie können es
(Sehr richtig! bei der SPD.) aber im Protokoll nachlesen!)
Wenn wir im Interesse der Arbeitnehmer handeln Zwischen den Verbänden der freien Wohlfahrts-
wollen, dann müssen wir die Vermittlung in einer pflege und den Arbeitsämtern sollte eine sehr gute
Hand haben, und es ist ja seit 1945 der Beweis Zusammenarbeit bestehen. Es ist klar, daß der
erbracht worden, daß die Arbeitsvermittlung bei Beruf der Hausgehilfin in unserer Zeit ein Mangel-
den Arbeitsämtern wirklich in einer sehr ordent- beruf ist. Aber damit, daß wir die Vermittlung aus
lichen Form durchgeführt wird; diese Vermittlung dem Arbeitsamt herausnehmen und den freien
hat sich bewährt. Wohlfahrtsverbänden zuführen,
Wenn der Herr Arbeitsminister sagt, von der (Zuruf von der CDU/CSU: Tun wir ja gar
Arbeitsvermittlung der Arbeitsämter aus könne nicht!)
für die pflegerischen Berufe nicht genug getan haben wir gar nichts zur Lösung des Problems
werden, so bedaure ich, daß gerade der Herr Ar- getan. Wir müssen die freien Wohlfahrtsverbände
beitsminister das sagt. Denn dann wäre es bisher so weit bringen, daß sie mit den Arbeitsämtern
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1443
(Frau Schanzenbach)
zusammen dafür sorgen, daß die Ausbildung des — Ja, meine Damen und Herren, Sie schütteln mit
Pflegepersonals und der Hausangestellten besser dem Kopf und gestikulieren mit den Händen. Das
und daß dank dieser Zusammenarbeit auch die nützt uns doch gar nichts. Sehen Sie sich doch diese
Lage der Hausangestellten in den einzelnen Fami- Dinge an!
lien erträglich wird. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Ich bin der Meinung, wir sollten die Dinge las- Ich kann Ihnen nur sagen, daß die Vereine der
sen, wie sie im Augenblick sind; denn die freie Dienstboten uns für diese Richtlinien sehr dankbar
Wohlfahrtspflege hat die Möglichkeit, diese Auf- gewesen sind
gaben von den Arbeitsämtern delegiert zu bekom-
men, und von dieser Delegation ist auch weit- (Abg. Kunze [Bethel]: Sehr richtig!)
gehend Gebrauch gemacht worden. und sie in hunderttausend Exemplaren vervielfäl-
Wir haben dafür zu sorgen — jetzt spreche ich tigt haben. Die Mädels, die sich irgendwo um eine
in erster Linie von den pflegerischen Berufen —, Stelle bemühen, brauchen also nur die Hausfrau
daß nicht nur die Krankenhäuser der freien Wohl- zu fragen: „Erkennen Sie diese Richtlinien an?"
fahrtspflege tüchtiges Pflegepersonal haben, son- Wenn die Hausfrau dann ja sagt, haben diese Mä-
dern daß auch die öffentlichen Anstalten nach wie dels immerhin eine vertragliche Basis, wie sie auch
vor gutes pflegerisches Personal zugewiesen be- durch den Tarifvertrag nicht besser gegeben wer-
kommen. Da ja die freien Wohlfahrtsverbände die den kann.
Ausbildung der Schwestern und der Pflegerinnen (Beifall in der Mitte und rechts. — Zurufe
übernehmen und seit Jahren übernommen haben, von der SPD.)
sehe ich, wenn wir keine öffentliche Arbeitsver-
mittlung mehr haben, die Gefahr, daß die besten Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Frau
Kräfte dort verbleiben und die Krankenanstalten, Abgeordnete Finselberger.
die von öffentlichen Trägern unterhalten werden,
noch größere Personalschwierigkeiten haben wer- Frau Finselberger (GB/BHE): Herr Präsident!
den als bisher. Meine Herren und Damen! Meine Fraktion wird
Es scheint mir kein Unrecht zu sein, die Dinge diesem Antrag grundsätzlich zustimmen. Wir sind
so zu belassen, wie sie sind, und dort, wo es mög- der Meinung, daß eine Aufgabe, die früher schon
lich und wo es notwendig ist, den freien Wohl- den Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege zu-
fahrtsverbänden die Möglichkeit der Vermittlung gestanden hat, auch wieder in den Arbeitsbereich
zu geben, wie dies auch bisher schon der Fall war. der freien Wohlfahrtspflege zurückgeführt werden
Ich wiederhole noch einmal: Wenn wir jetzt diesen sollte.
Einschnitt vornehmen, kommen morgen die Ange- Die Frau Berichterstatterin hat schon gesagt, um
stellten und wollen besondere Vermittlungen welchen Personenkreis es sich dabei handelt. Wenn
haben, hier auch in so betonter Weise von den Hausgehil-
(Abg. Könen [Düsseldorf]: Liegt schon vor!) finnen gesprochen wird, so möchte ich doch daran
es kommen weitere Berufsgruppen, und die ganze erinnern, daß es dabei auch um das pflegerische
öffentliche Arbeitsvermittlung wäre damit einer Personal geht und daß dadurch ein besonderer
Gefährdung ausgesetzt. Kreis von Personen, nämlich die Körperbehinder-
Die sozialdemokratische Fraktion wird daher, ten, um nicht das Wort Krüppel zu gebrauchen, be-
wie Herr Könen vorhin schon gesagt hat, diesem troffen wird. Daß dieser Personenkreis auch in der
Gesetz nicht zustimmen. Arbeitsvermittlung eine besonders individuelle Be-
handlung erfahren sollte, ohne daß die Arbeits-
(Beifall bei der SPD. — Abg. Sabel: Das vermittlung der Arbeitsämter ausgeschaltet wird,
haben wir schon gehört!)
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der das möchte ich hier einmal herausstellen.
Herr Bundesminister für Arbeit.
(Zuruf von der SPD: Das geschieht ja
Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Präsi- jeden Tag!)
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir sind weiter der Meinung., daß die arbeits-
Hier ist eben gesagt worden, für die in der Haus- rechtliche Wahrnehmung der Interessen die-
wirtschaft Beschäftigten sei bisher wenig oder gar ses Personenkreises durch die nichtgewerbsmäßige
nichts getan worden. Ich möchte Sie doch bitten, Stellenvermittlung der freien Wohlfahrtsverbände
sich einmal die Richtlinien anzusehen, die wir vom in keiner Weise eingeengt wird. Diese Möglichkeit
Bundesarbeitsministerium für die in der Hauswirt- ist doch für diesen Personenkreis nach wie vor ge-
schaft beschäftigten Menschen herausgegeben geben.
haben. Da werden Sie finden, daß wir einmal- die (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Frage der Arbeitszeit zwar nicht. gesetzlich gere-
gelt, aber doch in Richtlinien ganz klar behandelt Aus diesem Grunde werden wir diesem Antrag zu-
haben, ebenso die Frage des Urlaubs und manches stimmen.
andere. (Beifall beim GB/BHE und bei der CDU/CSU.)
(Abg. Baur [Augsburg] : Wie hoch ist die
Arbeitszeit, Herr Minister?) Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Frau
— Die Beschäftigungszeit, nicht die Arbeitszeit, Abgeordnete Dr. Brökelschen.
liegt bei 10 Stunden.
(Aha-Rufe von der SPD.) Frau Dr. Brökelschen (CDU/CSU): Herr Präsi-
dent! Meine Herren und Damen! Ich hatte nicht
Das heißt: von der Beschäftigungszeit geht die Mit- vor, mich zum Wort zu melden. Aber nach den
tagspause ab. Alle diese Fragen sind in den Richt- Ausführungen von Frau Kollegin Schanzen
linien ganz klar herausgestellt worden. bach glaube ich doch, daß ich als Hausfrau ein
(Lachen und Unruhe bei der SPD.) paar Worte zu ihren Ausführungen sagen muß. Ich
1444 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Frau Dr. Brökelschen)
habe lange Jahre eine Hausgehilfin gehabt. Ich ein Stück dieses Weges durch die Einschaltung der
möchte wissen, wo heute ein Haushalt ist, der eine freien Wohlfahrtsverbände bewältigt werden
Hausgehilfin für 30 oder 40 DM hält. könnte.
(Beifall bei der CDU/CSU und beim GB/BHE.) (Beifall bei der CDU/CSU, bei der FDP
Soweit ich die Dinge kenne, sind die Tarife abso und beim GB/BHE.)
lut befriedigend, und ich weiß nicht, wo eine Haus
gehilfin bereit und eine Hausfrau töricht genug Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
wäre, eine Vergütung von 30 DM zu vereinbaren. Herren, Wortmeldungen liegen nicht mehr vor. Ich
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) schließe die Aussprache der dritten Beratung.
Nun ein Weiteres, meine Herren und Damen! Ich rufe auf zur Abstimmung § 1, — § 2, — § 3,
Ich bedauere letzten Endes eine geheime Tendenz, — Einleitung und Überschrift. — Ich bitte die-
die in den Ausführungen von Frau Kollegin jenigen Damen und Herren, die den aufgerufenen
Schanzenbach zum Ausdruck kam. Aus den Aus- Bestimmungen zustimmen wollen, die Hand zu
führungen klang, wenn ich nicht irre — ich wäre heben. — Das ist die Mehrheit.
froh, wenn Frau Schanzenbach mich da beruhigen
könnte —, eine gewisse Befürchtung heraus, daß Ich komme zur Schlußabstimmung. Ich bitte die-
die nicht befriedigende Lage der Hausgehilfinnen jenigen Damen und Herren, die dem Gesetzent-
dadurch noch verschlechtert werden könnte, daß wurf als Ganzem ihre Zustimmung geben wollen,
nicht offizielle Stellen, sondern die Wohlfahrts- sich zu erheben. — Ich bitte um die Gegenprobe.
verbände vermitteln. — Stimmenthaltungen? — Der Gesetzentwurf ist
(Zurufe von der CDU/CSU: „Auch"!) gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Frak-
tion mit Mehrheit angenommen worden.
Ich bin der Meinung, daß gerade die Wohlfahrts-
verbände aus ihrer christlichen Verantwortung Ich rufe auf Punkt 2 der Tagesordnung:
heraus alles tun werden, um insbesondere auch
gehaltsmäßig das zu erreichen, was um der Men- Erste Beratung des von der Fraktion des
schenwürde willen erreicht werden muß. GB/BHE eingebrachten Entwurfs eines Ge-
setzes zur Behebung der Berufsnot der
(Beifall bei der CDU/CSU und beim GB/BHE.) älteren Angestellten (Drucksache 346).
Auch das möchte ich einmal sagen.
Meine Herren und Damen, ich möchte Frau Kol- Das Wort zur Begründung hat Frau Abgeord-
legin Korsp et er hier zur Zeugin anrufen. Wer nete Finselberger.
sich wie wir beide gemeinsam seit Jahren um eine
wirkliche Eingliederung der jugendlichen Sowjet-
Frau Finselberger (GB/BHE), Antragstellerin:
zonenflüchtlinge bemüht, der weiß ganz genau,
Herr Präsident! Meine Herren und Damen! Erfreu-
wie schwer es ist, auf der einen Seite das arbeits- licherweise haben wir ganz besonders in den
marktmäßige Interesse und auf der andern Seite letzten Monaten und Wochen immer wie-
die menschliche Verpflichtung zu verbinden. Ge- der feststellen können, daß die Öffentlichkeit
rade die Frage der Vermittlung der jugendlichen
weiblichen Zonenflüchtlinge rückt die Verantwor- auf den großen Notstand der älteren arbeitslosen
Angestellten hingewiesen worden ist. Das ist be-
tung individueller Vermittlung ins Blickfeld, und sonders deshalb bemerkenswert, weil über das
ich weiß aus einer ganzen Reihe von Fällen — ich Schicksal dieser Menschen in den letzten Jahren
bin sowohl von der einen wie von der andern Seite doch mit einem gewissen Gleichmut hinweg-
darauf hingewiesen worden —, daß diese individu- gegangen worden ist. Wenn wir zu diesem Problem
elle Vermittlung mindestens so gut oder in einer einmal selbst Stellung nehmen wollen, dann
ganzen Reihe von Fällen besser gemacht werden müssen wir uns auch daran erinnern, daß dieses
könnte als über die Arbeitsämter. Problem bereits nach 1918, also nach dem ersten
(Zustimmung in der Mitte.) Weltkrieg, eine erhebliche Rolle gespielt hat. Beim
Nun ein Letztes. Ich glaube nicht, daß mein Ausbruch des zweiten Weltkrieges, als jede Ar-
Kollege Sabel die Vermittlungstätigkeit der beitskraft gebraucht wurde, ist dieses Problem
Arbeitsämter irgendwie hat einschränken wollen. dann gewissermaßen gewaltsam gelöst worden.
Ich wüßte gar nicht, wie er dazu käme. Was er ge- Man kann nicht davon sprechen, daß die damals
meint und meiner Meinung nach auch ganz klar begonnenen Bemühungen, diese Menschen einzu-
ausgeführt hat, ist vielmehr, daß die Tätigkeit der gliedern, gescheitert seien; die Eingliederung wurde
Arbeitsämter für ganz bestimmte schwierige Pro- nur zurückgestellt, weil eine ganz bestimmte Viel-
bleme durch die individuelle Vermittlung der zahl von Kräften benötigt wurde. Ich glaube, es
Wohlfahrtsverbände ergänzt werden soll. ist allerhöchste Zeit, daß wir uns dieses Problems
(Sehr richtig! in der Mitte.) - annehmen, und darf daran erinnern, daß in der
Meine Herren und Damen, Sie werden nicht ab- Plenarsitzung am Freitag voriger Woche die Vor-
streiten können, daß häufig Schwierigkeiten ge- l-sitzende des Petitionsausschusses, Frau A
geben sind; Sie werden aber ebensowenig ab- bertz, im Rahmen ihrer Berichterstattung dar-
streiten können, daß gerade in gemeinsamer Ar- auf hingewiesen hat, daß eine Flut von Zuschriften
beit von Wohlfahrtsverbänden und Arbeitsämtern aus dem Kreis der älteren Angestellten auch den
an die Beseitigung dieser Schwierigkeiten heran- Petitionsausschuß erreicht hat. Sämtliche Mitglie-
gegangen werden kann. Gerade weil uns diese der dieses Ausschusses müssen doch sehr stark da-
Schwierigkeiten am Herzen liegen und weil wir von beeindruckt gewesen sein; denn sie kamen ein-
auf der einen Seite in dieser Situation die Aufgabe mütig zu der Feststellung, daß hier seitens der
sehen, Mädchen wieder in den Haushalt hineinzu- Regierung, des Bundestages und seitens der maß-
führen, und auf der andern Seite die unendliche geblichen Stellen überhaupt unbedingt etwas getan
Not der Hausfrauen kennen, sind wir bereit, jeden werden müßte.
Weg zu gehen, der zur Lösung dieser Schwierig- (Anhaltende Unruhe. — Glocke des Präsi
keiten führt. Wir sind allerdings der Meinung, daß denten.)
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1445
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und Man hat auch versucht, hier einen Vergleich mit
Herren, ich möchte Sie bitten, der Frau Red dem Schwerbeschädigtengesetz anzustellen. Dazu
nerin doch ihre Aufgabe dadurch zu erleichtern, ist festzustellen, daß der Charakter des Schwer-
daß Sie nach Möglichkeit Ruhe bewahren. beschädigtengesetzes ein ganz anderer ist als der
dieses Gesetzentwurfs. Hier können wir höchstens
von einer gesetzlichen Regelung sprechen, aber
Frau Finselberger (GB/BHE), Antragstellerin: nicht etwa von einer Zwangsmaßnahme. Wir haben
Meine Stimme wird ausreichen, Herr Präsident! auch ganz offen und sehr deutlich gesagt, daß uns
(Heiterkeit.) bei der Erarbeitung dieses Gesetzentwurfs neuestes
Zahlenmaterial nicht zur Verfügung stand. Mir
Ich möchte doch daran erinnern, daß der Herr wurde z. B. zunächst Zahlenmaterial aus dem
Staatssekretär Sa u erborn am 12. März auf August 1950 zur Verfügung gestellt. Wir sind
eine Anfrage der DP zu dieser Frage der älteren durchaus der Meinung und haben das auch schon
Angestellten Stellung genommen hat. Er ist von in den früheren Wochen immer gesagt, daß die hier
einer Zahl von 75 000 älteren arbeitslosen Ange- festgesetzte Quote von 40 vom Hundert auf Grund
stellten ausgegangen. Ich kann die hier genannte neuesten Zahlenmaterials nochmals überprüft wer-
Zahl nicht als richtig anerkennen. Nach dem mir den müsse. Dazu sind wir gern bereit. Wir müssen
zur Verfügung gestellten Zahlenmaterial müßte wirklich an die Notstände herankommen und sie
immerhin von 80 000 Angestellten ausgegangen durch eine angemessene Quote beheben.
werden. Der Herr Staatssekretär Sauerborn sagte, Man wirkt auf diesen großen Kreis der älteren
daß für eine Vielzahl dieser 75 000 Angestellten Angestellten nicht beruhigend, wenn man sagt,
gar nicht mehr die Voraussetzungen beständen, sie man könne dieses Problem ohne eine solche ge-
in den Arbeitsprozeß einzugliedern, da ein großer setzliche Regelung lösen. Auf dem Wege über die
Teil von ihnen nur vorübergehend Angestellten- Freiwilligkeit sind in der Vermittlung keine erheb-
tätigkeit ausgeübt habe. Ich möchte mich jedoch lichen Erfolge erzielt worden. Sonst wäre die Zahl
auf eine Zahl der Deutschen Angestelltengewerk- der älteren arbeitslosen Angestellten zweifellos
schaft verlassen, die davon ausgeht, daß etwa nicht so gewachsen,
6 bis 6 1/2% als Angestellte vielleicht nicht mehr
einsatzfähig seien. Ich komme dann auf die Zahl (Sehr richtig! beim GB/BHE)
von 75 000. Dabei sind allerdings nicht die vielen und der Notstand dieser Menschen wäre nicht so
Tausende älterer Angestellter berücksichtigt, die außerordentlich groß, wie wir es doch immer wie-
im Laufe der letzten Jahre in berufsfremde Tätig- der feststellen müssen.
keiten abgewandert sind, weil sie es nicht mehr
ertragen konnten, Jahr um Jahr stempeln zu gehen Man kann auch nicht davon sprechen, daß, wie
und Alu- und Alfuempfänger sein zu müssen. Ihre es mir von einer maßgeblichen Arbeitgeberorgani-
Zahl wird auf mindestens 20 000 geschätzt; es gibt sation mitgeteilt wurde, in diesem Gesetzentwurf
eine Bevorzugung eines bestimmten Berufsstandes
aber auch Schätzungen von 30 000 und mehr. Daher liege. Dieser Berufsstand der älteren Angestellten
dürften wir mit immerhin mindestens 90 000 älte-
ist seit Jahr und Tag benachteiligt worden, und
ren arbeitslosen Angestellten zu rechnen haben. wir möchten ihn mit den übrigen Berufen gleich
Das ist auch für meine politischen Freunde die behandelt sehen. Daher möchten wir zu dieser
Veranlassung gewesen, sich gleich zu Beginn unse- gesetzlichen Regelung kommen, die ja nicht etwa
rer Arbeit hier im Bundestag mit diesem Problem ein Dauerzustand sein soll, sondern die wir ja
zu beschäftigen. Wir waren der Meinung, daß mit selbst bis zum 31. Dezember 1957 befristet haben.
all dem, was in den letzten Jahren auf diesem Ge- Niemand wäre glücklicher als meine Fraktions-
biet geschehen ist — im wesentlichen handelte es kollegen und ich, wenn wir dieses Gesetz, weil es
sich um den Appell, diese Menschen freiwillig seine Aufgabe erfüllt hat, schon zu einem früheren
einzustellen —, doch nichts Erhebliches erreicht Zeitpunkt wieder außer Kraft setzen könnten.
werden konnte. Vor einigen Monaten, als man in Ich möchte dann noch auf einige andere Punkte
der Öffentlichkeit begann, von diesem Gesetzes- eingehen. Wir haben auch Einwendungen nach der
vorschlag zu sprechen, ging eine Meldung durch die Richtung gehört, daß in vielen Betrieben und be-
Presse — und einige Pressevertreter teilten mir sonderen Branchen und Wirtschaftszweigen die
das auch mit —, daß das Bundesarbeitsministerium Quote von 40 vom Hundert schon erreicht, ja so-
einem solchen Gesetz ablehnend gegenüberstehe. gar teilweise überschritten worden sei. Dazu ist zu
Diese Tatsache hat auf die Kreise dieser älteren sagen, daß wir auch nicht jene Betriebe erfassen
arbeitslosen Angestellten sehr beunruhigend ge- wollen, die aus einer freiwillig übernommenen
wirkt. Dazu möchte ich mir persönlich eine Bemer sozialen Verpflichtung heraus, einem inneren Ge-
kung erlauben. Zu dem damaligen Zeitpunkt setz folgend, schon Wesentliches auf diesem Ge-
steckte dieses Gesetz noch in den Kinderschuhen,
- biet geleistet haben. Wir glauben aber, daß doch
und ich finde es nicht gerade ganz freundlich, gerade jene Betriebe erfaßt werden müssen — und
wenn man hier nach der Rezeptur handelt: Ich Arbeitgeber im Sinne dieses Gesetzes sind auch
kenne zwar Ihre Absichten nicht, aber ich miß-
billige sie. Es wäre mir im Interesse dieser älteren juristische Personen, also auch Behörden —, die
sich um die Einstellung älterer Angestellter noch
Angestellten lieber gewesen, das Bundesarbeits- nicht gekümmert haben.
ministerium hätte diesen Gesetzentwurf zunächst
einmal vollkommen kennengelernt und sich viel- Wir brauchen ja nur einmal auf jene bekannten
leicht dann dazu geäußert. Ich habe diesen Gesetz- Erscheinungen zu verweisen, die sich in den letzten
entwurf allen Kreisen zugänglich gemacht, vor Jahren bis in die jüngste Zeit hinein doch immer
allen Dingen den Sozialpartnern, und ich habe zu wieder gezeigt haben. Immer wieder findet man im
meiner Freude feststellen können, daß er zum Teil Inseratenteil der Tageszeitungen Anzeigen dieser
sehr spontan, aber immerhin doch von allen aner- älteren Angestellten. Und die andere Seite: Vor
kennend aufgegriffen worden ist. Wenn überhaupt ein paar Tagen erhielt ich wieder ein Inserat zuge-
Einwendungen erfolgt sind, dann haben sich diese schickt, das in einer großen Tageszeitung erschienen
eigentlich immer nur auf die Quote selbst bezogen. ist. Danach wurde ein Auslandskaufmann gesucht
1446 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Frau Finselberger)
— nicht älter als 25 Jahre —, der französisch, eng- falen sehr häufig ältere Angestellte aus Vertriebe-
lisch, spanisch und portugiesisch sprechen sollte nenkreisen zu treffen, die aus ländlichen Kreisen
und von dem man außerdem eine lange Auslands- umgesiedelt worden waren, wo der Lebensstandard
erfahrung erwartete. Ich weiß nicht, wann dieser für sie immer noch günstiger war als etwa in einer
25jährige mit seiner Ausbildung hat beginnen nordrhein-westfälischen Stadt; denn hier mußten
müssen, um in diesem Alter solche Kenntnisse vor- sie noch weiterhin ein Jahr und länger stempeln
weisen zu können, wahrscheinlich bereits im Steck- gehen. Wir sehen, daß es mit der verstärkten Um-
kissen. siedlung allein auch nicht getan ist, obwohl wir
(Heiterkeit.) nicht verkennen wollen, daß sich die Umsiedlung
außerordentlich unterstützend und hilfebringend
Die Reihe solcher Anzeigen ließe sich beliebig fort- auswirken kann.
setzen.
Von dem Herrn Präsidenten Scheuble der Bun-
Die zweite, für die älteren Angestellten ganz be- desanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeits-
sonders nachteilige Seite des ganzen Problems ist losenversicherung wurde in einem Artikel einer
aber die Tatsache, daß diese Menschen durch die Fachzeitschrift gesagt, daß nunmehr in verstärktem
jahrelange Arbeitslosigkeit berufsfremd geworden Maße die individuelle Vermittlung älterer Ange-
sind oder sich zumindest sehr weit von ihrem be- stellter Platz greifen solle. Das scheint mir eine
ruflichen Aufgabenkreis entfernt haben. Sie finden Möglichkeit zu sein. Zu Ehren der Arbeitsämter
daher in diesem Gesetz auch die Möglichkeit, die- sei gesagt, daß sie von ihnen sicherlich schon längst
sen Menschen eine echte und tragende Lebens- angewendet wurde, um dadurch ältere Angestellte
chance, einen neuen Lebensstart in ihre Berufswelt wieder in den Arbeitsprozeß einzugliedern. Wenn
zu geben. Dies wollen wir dadurch erreichen, daß man allerdings die vielen Briefe von älteren An-
den Arbeitgebern Mittel aus der Arbeitslosenver- gestellten liest, dann wird man sehr bald feststel-
sicherung und -unterstützung zufließen, mit denen len, daß unter den zumutbaren Arbeiten, die man
sie solchen Angestellten eine längere Einarbei- diesen älteren Angestellten zuweist, sehr häufig,
tungszeit ermöglichen können. Wir möchten über- ja in den allermeisten Fällen völlig berufsfremde
haupt die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung Tätigkeiten zu finden sind. Daß das für diese
und Arbeitlosenversicherung mehr im Sinne der Kreise nicht gerade erfreulich und befriedigend
Arbeitsvermittlung tätig sehen — darauf stellt ist, das können wir doch wohl alle durchaus ver-
auch dieses Gesetz ab —, wobei wir hoffen, daß stehen. Es scheint mir notwendig, daß in Zukunft
gerade im Hinblick auf den Kreis der älteren An- bei der Vermittlung einer Arbeit in bezug auf die
gestellten aus dieser Arbeits vermittlung eine Zumutbarkeit doch ein etwas anderer Maßstab an-
Berufs vermittlung werden möge. Gerade diesem gelegt wird, um diese Menschen ihrer Berufswelt
Kreis der älteren Angestellten wird durch das Ab- und einem ihrer Eignung entsprechenden Beruf zu
wandern in andere Tätigkeiten die Rückkehr in erhalten. Dazu soll auch dieses vorliegende Gesetz
ihren eigentlichen Angestelltenberuf erschwert. verhelfen; es soll vor allem diesem Kreis von
Wir müssen auch die weiteren Auswirkungen Menschen dienen.
sehen: Diese Menschen werden später mit einen
Angestelltenruhegeld zu rechnen haben, das be- Wir haben heute von einer Zahl von etwa 90 000
sonders dadurch geschmälert ist, daß während älteren arbeitslosen Angestellten — Männer und
ihrer jahrelangen Berufslosigkeit die Rechte und Frauen — auszugehen. Dabei muß festgestellt
Pflichten der Angestelltenversicherung ruhten. werden, daß darunter außerordentlich viele Fami-
lienväter sind, aber auch ältere weibliche Ange-
(Sehr richtig! beim GB/BHE.) stellte, die für Kinder oder sonstige Angehörige
Dadurch wird, wie gesagt, das Angestelltenruhe zu sorgen haben. Wenn wir das alles zusammen-
geld auch um einen erheblichen Betrag vermindert. rechnen, dann können wir uns vorstellen, daß heute
— nach meiner geringen Schätzung — mindestens
Bei dieser Gelegenheit darf ich darauf hinweisen, 400 000 Menschen hier nach Bonn sehen. Sie er-
daß die Rechtsgleichheit bei den Angestellten hoffen von unseren Beratungen, daß ihre Lebens-
innerhalb der Bundesrepublik noch nicht herge- lage in der nächsten Zukunft sich um ein Wesent-
stellt ist. Im Gegensatz zu den Angestellten in der liches bessert. Ich möchte Sie daher bitten, sich
britischen Besatzungszone können ältere Ange- allen Ernstes dieser Aufgabe in der von diesem
stellte in anderen Gebieten der Bundesrepublik Gesetzentwurf angezeigten Richtung anzunehmen
schon im 60. Lebensjahr ihr Angestelltenruhegeld und unseren Antrag zu unterstützen.
beantragen, wenn sie länger als ein Jahr arbeitslos
sind. Diese Möglichkeit besteht leider nicht für die Ich darf beantragen, daß dieser Gesetzentwurf
älteren Angestellten der britischen Besatzungs- dem Ausschuß für Sozialpolitik überwiesen wird.
zone. Auch in dieser Beziehung also wäre es mög-
lich, durch geeignete Maßnahmen eine positive (Beifall beim GB/BHE.)
-
Wirkung auf den Lebensstandard dieser Menschen
auszuüben. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Herr Bundesminister für Arbeit.
So häufig wird gesagt, daß man sich auf irgend-
welche zusätzliche Maßnahmen verlassen solle, die Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Präsi-
eine gesetzliche Regelung überflüssig machten. Ich
weiß, daß sich der Herr Bundesvertriebenenmini- dent! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
ster z. B. bei der Umsiedlung ganz besonders auch Frau Abgeordnete Finselberger, darf ich
des Kreises der älteren Angestellten erinnern wird. Ihnen eine Frage vorlegen. Wer hat im Auftrag
Wir begrüßen das sehr; aber die Voraussetzung des Bundesarbeitsministeriums, ehe Ihre Vorlage
muß doch sein, daß diesen älteren Angestellten da war, gesagt, daß wir ein derartiges Gesetz ab-
lehnen?
auch im Rahmen der Umsiedlung dann durch eine
gerechte Verteilung ein Arbeitsplatz zugesichert (Abg. Frau Finselberger: Das hat in der
wird. Es ist sehr erstaunlich und sehr betrüblich Zeitung gestanden, Herr Bundesarbeits
für mich gewesen, hier im Raume Nordrhein-West minister!)
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1447
(Bundesarbeitsminister Storch)
— Es hat in der Zeitung gestanden! Dann muß für sie schaffen. Wenn wir uns in einem Kreise
doch auch dringestanden haben, von wem eine der- von sehr gut orientierten Leuten über das Problem
artige Erklärung abgegeben worden ist. intensiv unterhalten, werden wir auch gemeinsam
(Zurufe vom GB/BHE: Vom Ministerium!) einen Weg finden, wie wir den älteren Angestellten
helfen können.
— Gott im Himmel, wenn Sie in dieser Form hier (Abg. Samwer: Das war aber sehr wenig!)
auftreten, Frau Finselberger und meine Herren
vom BHE, und sagen, das Arbeitsministerium hat Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab-
erklärt, es kenne den Inhalt zwar nicht, aber es geordnete Hansen.
lehne das Gesetz ab, dann ist es doch klar, daß man
sich fragen muß: wer hat es denn eigentlich ge- Hansen (Köln) (SPD): Herr Präsident! Meine
sagt? Damen und Herren! Die sozialdemokratische Frak-
(Sehr richtig! in der Mitte.) tion wird der Ausschußüberweisung des vom
GB/BHE beantragten Gesetzentwurfs zustimmen,
Ich sage Ihnen in aller Offenheit: eine derartige macht allerdings den Vorschlag, ihn nicht nur dem
Erklärung ist vom Bundesarbeitsministerium nicht Sozialpolitischen Ausschuß, sondern auch dem Aus-
abgegeben worden! schuß für Arbeit zu überweisen.
Bei der Frage der älteren Angestellten haben wir (Abg. Sabel: Der ist ja an sich zuständig!)
es mit einem Problem zu tun, das kaum lösbar ist. Jedenfalls möchten wir empfehlen, daß beide Aus-
Mein Herr Staatssekretär hat in einer der letzten schüsse damit beschäftigt werden.
Sitzungen auf Grund einer Anfrage das Problem
sehr weitgehend behandelt. Ich weiß nicht, ob er Die Frau Abgeordnete Finselberger hat in
dem Hohen Hause dabei gesagt hat, daß in der Zeit einer sehr scharmanten und eindrucksvollen Form
der nationalsozialistischen Zwangswirtschaft und dargestellt, daß hier ein echtes Problem vorliegt.
nach dem Krieg viele Menschen zu Angestellten ge- Ich glaube, es ist niemand in diesem Hause, der
macht wurden. Aus der Statistik ersieht man, daß der Frau Abgeordneten nicht darin zustimmt, daß
die Zahl der Angestellten von 1933 bis 1950 um bei den älteren Angestellten eine Notlage vorliegt
35 %, die Zahl der gewerblichen Arbeiter dagegen und daß ihnen in irgendeiner Form geholfen wer-
nur um 18 % gestiegen ist. Das ist meines Erach- den muß. Meine Fraktion ist allerdings der Mei-
tens eine ungesunde Entwicklung gewesen. Infolge nung, daß der Entwurf, wie er jetzt vorliegt, nicht
der Zwangsbewirtschaftung sind ungeheuer viele ausreichend ist, um den stellenlosen älteren Ange-
und große Büros eingerichtet worden, und darin stellten eine wirksame Hilfe zu geben. Während
sind die Leute eben zu Angestellten geworden. Mit wir uns in diesem Hause mit dem Problem beschäf-
der Umstellung auf eine freie Wirtschaft sind sie tigen, beschäftigt sich in Genf der Beratende Aus-
dann frei geworden. schuß für Angestellte und geistig Schaffende mit
Dazu kommt ein anderes. Es ist heute ein unge- der gleichen Frage. Damit ist .gezeigt, daß es sich
heurer Zustrom der Jugend zu den Angestellten- nicht nur um eine Angelegenheit handelt, die in
berufen festzustellen. Er hat ein solches Ausmaß, der deutschen Bundesrepublik eine Rolle spielt,
sondern daß es sich um ein internationales Problem
daß nicht alle Leute später in unserer Volkswirt- handelt.
schaft die entsprechende Beschäftigung als Ange-
stellte finden können. Herr Bundesminister St orch hat soeben er-
klärt, in seinem Ministerium sei bisher niemals die
Frau Finselberger, wir werden uns im Ausschuß
gerne mit Ihnen über all diese Fragen unterhalten. Meinung vertreten worden, daß eine gesetzliche
Bestimmt werden Sie dann auch die Schattenseiten Regelung nicht erforderlich sei. Ich muß den Herrn
Bundesminister Storch darauf hinweisen, daß dem
einer derartigen Gesetzgebung erkennen. Mit der
Vorlage eines Gesetzentwurfes wird ja die Zahl der Petitionsausschuß gegenüber eine solche Erklärung
aus seinem Ministerium schriftlich abgegeben wor-
Stellen für Angestellte in unserer Wirtschaft und den ist.
im öffentlichen Leben nicht größer. Wenn zusätz-
lich Angestellte, die ein gewisses Alter überschrit- (Lebhafte Rufe bei der SPD und beim
ten haben, eingestellt werden, müssen wir damit GB/BHE: Hört! Hört!)
rechnen, daß andere dafür freigestellt werden, d. h. Ich bitte den Herrn Minister, sich diese schriftliche
auf die Straße kommen. Erklärung doch einmal anzusehen.
Denken wir doch einmal an all diese Sonder- (Zuruf von der SPD: Das weiß er nicht!)
regelungen der dreißiger Jahre zurück! Damals
haben wir zum Teil alte Leute in den Betrieben Wir freuen uns allerdings, daß in dem Ministerium
festgehalten und dafür unsere Jugend auf die offenbar inzwischen ein Meinungswechsel stattge-
Straße gejagt, und die ist dann mit der Fahne und funden hat, — wenn wir berücksichtigen, was wir
mit dem Lied „Die Fahne hoch . . ." durch die Stra- aus dem Munde des Herrn Ministers selber soeben
ßen gezogen. Das war der Anfang vom Ende. gehört haben.
Meine sehr verehrten Damen und Herren. Sie (Zuruf von der SPD: Das soll schon mal
müssen sich doch einmal über folgendes im klaren vorkommen!)
sein. Der Mangel in der Vergangenheit war, daß Wir stimmen, wie gesagt, der Ausschußüberwei-
keine Möglichkeit bestand, den älteren Angestell- sung zu. Wir sind allerdings der Meinung, daß der
ten vor einer Entlassung zu schützen. Wir haben vorliegende Gesetzentwurf des BHE nicht geeignet
im 1. Bundestag das Kündigungsschutzgesetz ver- ist, die Not der stellenlosen älteren Angestellten
abschiedet. Ich bin der Überzeugung, daß wir ge- wirksam zu beheben. Das möchte ich Ihnen an eini-
rade durch dieses Gesetz verhindern können, daß gen Beispielen darstellen. Aus einer Untersuchung
in der Zukunft ältere Angestellte mit 45 oder 50 der Altersgliederung der beschäftigten Angestell-
Jahren auf die Straße geworfen werden. Das ist ten z. B. in Nordrhein-Westfalen geht hervor, daß
doch der tiefere Sinn des Gesetzes. Ich erblicke der Gesamtdurchschnitt des Anteils der beschäftig-
darin auch eine bessere Hilfsmaßnahme für die ten männlichen älteren Angestellten in allen Wirt-
älteren Angestellten, als wenn wir Sondergesetze schaftszweigen im November 1951 39,7% betrug.
1448 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Hansen [Köln])
In den strukturbestimmenden Wirtschaftszweigen man mit dem Mittel einer 40%igen Pflichtquote
dieses Landes ist der vom BHE gewünschte Anteil die Not der älteren Angestellten tatsächlich spür-
von 40 % bereits jetzt wesentlich überschritten. bar mildern könnte.
(Hört! Hört! bei der SPD.) (Abg. Samwer: Setzen Sie doch die Quote
Im Bergbau, bei der Gewinnung und Verarbeitung höher!)
von Steinen und Erden und in der Energiewirt- Es kommt also darauf an, daß wir uns den Gesetz-
schaft beträgt der Anteil der über 45 Jahre alten entwurf des BHE im Ausschuß einmal sehr genau
beschäftigten Angestellten nicht nur 40 %, sondern ansehen und zur Grundlage für eine ausführliche
hören Sie genau hin! — 54,3%. Beratung nehmen. Wir müssen allerdings feststel-
(Erneute Rufe von der SPD: Hört! Hört!) len, daß jedenfalls der Entwurf, wie er vorliegt,
In der Eisen- und Metallerzeugung und -verarbei- offenbar noch nicht sehr viel geistige Anstrengung
tung beträgt dieser Anteil 43,5 %, in der sonstigen verrät, das Problem in irgendeiner vernünftigen
verarbeitenden Industrie 41,2 %, in der Verkehrs- Weise zu lösen.
wirtschaft — ohne die Bundespost, Bundesbahn (Abg. Samwer: Vielleicht kommt Ihre
und Schiffahrt — 51%. hinzu!)
Für diese im Rahmen der Gesamtwirtschaft be- Was bei der vorgeschlagenen Global quote
stimmenden Wirtschaftszweige hat der von dem von 40 % ebenfalls völlig unberücksichtigt bleibt,
BHE eingebrachte Gesetzentwurf also keinerlei ist der erhebliche Unterschied in der Lage der
praktische Bedeutung. Er könnte den älteren .An- technischen und der kaufmännischen oder der
gestellten in keiner Weise helfen, jedenfalls soweit weiblichen und männlichen Angestellten. Die Be-
es das Land Nordrhein-Westfalen angeht. Wir hal- schäftigungslage der älteren Techniker z. B. ist
ten es im Gegenteil — das müssen wir Ihnen offen weitaus günstiger als die der älteren kaufmänni-
erklären — sogar für möglich, daß, wenn der Ent- schen Angestellten. Im ganzen sehr viel ungünsti-
wurf in dieser Form Gesetz wird, die Gefahr her- ger erscheinen die Beschäftigungsaussichten für
aufbeschworen wird, daß man in diesen Wirt- die älteren weiblichen Angestellten. Hier sinkt der
schaftszweigen zu der Überlegung kommt, die über Anteil vom 35. Lebensjahr ab ständig unter den
den gesetzlich geforderten Anteil hinaus beschäf- entsprechenden Anteil dieser Altersklassen an der
tigten Angestellten abzubauen. Gesamtheit der Erwerbspersonen. Das bedeutet,
Nun gibt es in Nordrhein-Westfalen einen In- daß wir, wenn wir überhaupt eine Lösung finden
dustriezweig, der etwas unter der 40-%-Grenze wollen, nicht mit einer Globalquote für alle aus-
liegt, und zwar das Bau- und Bauhilfsgewerbe kommen werden, sondern daß wir differenzieren
mit 38,3%. Der wichtigste Wirtschaftszweig für müssen. Ich weise also zunächst nur darauf hin,
die Beschäftigung älterer Angestellter bleiben Han- daß es mit dem Entwurf, so wie er vorliegt, nicht
del, Banken und Versicherungen. Hier beträgt der geht.
Anteil der über 45 Jahre alten beschäftigten An- (Lachen beim GB/BHE. — Abg. Samwer:
gestellten nur 29,8 %. Kleine Abänderungen!)
(Abg. Samwer: Das ist sehr bedauerlich!) Eine andere Frage, die natürlich sehr genau zu
überlegen wäre, ist, ob es überhaupt sinnvoll er-
Der vorliegende Antrag des BHE würde also im scheint, der Wirtschaft und der öffentlichen Ver-
wesentlichen diesen Wirtschaftszweig betreffen. waltung ein weiteres Gesetz aufzuerlegen, durch
Aber da heißt es wieder in § 1 des Entwurfs, daß das neue Zwangsquoten im Interesse einer be-
die Bestimmungen des Gesetzes nur auf Betriebe stimmten Personengruppe bei der Beschäftigung
mit mehr als sieben beschäftigten Angestellten an- festgelegt werden. Ich erinnere daran, daß das
wendbar sind. Das bedeutet nichts anderes, als daß Schwerbeschädigtengesetz in seiner Durchführung
gerade in dem noch übrigbleibenden Zweig des bereits auf größere Schwierigkeiten stößt. Frau
Handels mit den vielen Kleinbetrieben mit weniger Abgeordnete Finselberger hat zwar gesagt, daß es
als sieben Angestellten die Anwendung des Ge- sich hier um etwas grundsätzlich anderes handle
setzes nicht in Frage kommt. als beim Schwerbeschädigtengesetz, doch ist ihr
(Abg. Samwer: Natürlich, weil es den Klein meines Erachtens die Begründung nicht ganz ge-
betrieben schwer zugemutet werden kann!) lungen. Im Prinzip haben wir es bei dem vorlie-
genden Gesetz mit etwas Ähnlichem zu tun, näm-
Auch hier zeigt sich also, wenn man etwas genauer
lich mit einer Zwangsquote, wie sie auch das
hinsieht, daß der Gesetzentwurf des BHE den älte- Schwerbeschädigtengesetz vorsieht. Ich weise
ren Angestellten eine bloße Fata Morgana vor- außerdem darauf hin, daß es auch einige andere
gaukelt.
solcher Gesetze gibt, z. B. das 131er Gesetz, das in
(Widerspruch beim GB/BHE. — Abg. Frau seinen Auswirkungen vor allen Dingen auf die
Finselberger: Dann hätten Sie ja mal was Nachwuchspolitik der öffentlichen Verwaltung
Besseres vorlegen können!) -
sehr schwerwiegende Bedeutung hat. Ich glaube,
Die Prozentzahlen, die ich für Nordrhein-West- auch dieses Problem muß man im Zusammenhang
falen genannt habe, treffen aber nicht nur für die- mit dem vorliegenden Gesetzentwurf sehr gründ-
ses Gebiet zu. Sowohl der Deutsche Gewerkschafts- lich überlegen.
bund als auch die Deutsche Angestelltengewerk- Meine Damen und Herren, was darüber hinaus
schaft haben sich bereits mit dieser Frage befaßt der Überlegung wert wäre, ist die Frage, ob es
und kommen zu dem Ergebnis, daß auch für das überhaupt zweckmäßig erscheint, für Beschäftigte
Bundesgebiet die Erfüllung einer Pflichtquote von einer bestimmten Personengruppe bereits vom
40% unzureichend wäre. So schreibt z. B. die 45. Lebensjahre an mit irgendeiner Art fürsorge-
DAG-Zeitschrift „Der Angestellte" auf Grund einer rischer Maßnahme zu beginnen, die in ihrer Kon-
umfassenden Erhebung, deren Auswertung aller- sequenz noch dazu eine Subvention solcher Be-
dings noch nicht abgeschlossen ist, daß der Anteil triebe bedeuten würde, die sich in ihrer Beschäfti-
älterer Angestellter höher sei als allgemein ange- gungspolitik bisher nicht sozial benommen haben.
nommen werde, so daß es fraglich erscheine, ob Wie würde im übrigen die Auswirkung auf solche
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1449
(Hansen [Köln])
Betriebe und Wirtschaftszweige sein, die, wie älteren Angestellten sehr oft nicht an den Orten
ebenfalls eingangs erwähnt, heute bereits mehr als ansässig sind, an denen sie Arbeit finden können.
40 % über 45 Jahre alte Angestellte beschäftigen? Bei den qualifizierten älteren Angestellten handelt
Ich stelle die Frage, ob nicht nach dem Gesetzent- es sich durchweg um Kräfte mit Spezialkenntnissen,
wurf des BHE bei der künftigen Beschäftigungs- für die an ihren Wohnorten manchmal keine Ver-
politik dieser Betriebe und Wirtschaftszweige ein wendung besteht. Für diese Menschen ist in dem
ausgesprochen unsoziales Gefälle, geschaffen wird, vorliegenden Gesetzentwurf keine Hilfe vorge-
das für unsere gesamte Wirtschaft gefährliche sehen. Jedenfalls wäre für alle diese Fälle eine
Konsequenzen haben könnte. finanzielle Zuwendung an die Unternehmungen
(Abg. Samwer: Na, na!) weniger wichtig als die finanzielle Unterstützung
der in Frage kommenden Personen selber, damit
Meine Fraktion vertritt die Ansicht, daß der qua- sie in die Orte übersiedeln können, wo ihnen eine
lifizierte Angestellte wie auch der Facharbeiter auf Stellung vermittelt werden kann. An den Unter-
Grund seines umfassenden Könnens keine Bela- haltsliosten der Familie, der Wohnungsbeschaf-
stung, sondern einen Gewinn für jeden wirtschaft- fung und den Umzugskosten scheitern heute noch
lich geleiteten Betrieb darstellt. Wenn wir ältere häufig aussichtsreiche Anstellungsverhandlungen.
Angestellte und als Konsequenz dann auch andere
ältere Berufsangehörige nach einem solchen Ge- (Abg. Samwer: Alles bekannt!)
setz als Fürsorgefälle behandeln, müssen wir uns Gewiß können heute schon manchmal reine Um-
darüber klar sein, daß damit möglicherweise die zugskosten übernommen werden, andere Unkosten
Grundlage einer vernünftigen Berufspolitik über- aber nicht. Wir haben im Rahmen der Selbstver-
haupt gefährdet wird. waltung der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung
Frau Abgeordnete Finselberger hat auch die und Arbeitslosenversicherung auch dieses Problem
Arbeitsverwaltung angesprochen. Ich darf Sie viel- sehr eingehend diskutiert. Im Augenblick sind wir
leicht daran erinnern, daß die Arbeitsverwaltung dabei, die Frage zu überprüfen, ob solchen Stellen-
gemeinsam mit den Gewerkschaften und den losen, die im überbezirklichen Ausgleich vermittelt
Arbeitgeberverbänden seit Jahren versucht hat, werden sollen, für die Beschaffung einer Wohnung
sich dieses Problems der älteren Angestellten be- ein Darlehen oder ein Zuschuß oder sonst etwas
sonders anzunehmen. gegeben werden kann. In den bevorstehenden
(Abg. Samwer: Ist aber leider nicht er Ausschußberatungen gilt es zu überlegen, ob grö-
reicht worden!) ßere Erleichterungen für solche erforderlichen
Umsiedlungen möglich sind oder ob dafür neue
Es ist unseren gemeinsamen Bemühungen, z. B. in gesetzliche Grundlagen geschaffen werden müssen
Nordrhein-Westfalen, tatsächlich gelungen, die bzw. ob z. B. noch eine Erweiterung des AVAVG
Zahl der dort arbeitslosen älteren Angestellten auf erforderlich ist.
etwa die Hälfte herabzudrücken. Aber ich will
damit nicht sagen, daß nun alle Anstrengungen Meine Damen und Herren, waren in der Mitte
gemacht seien und nicht mehr getan werden der 20er Jahre die stellenlosen älteren Angestellten
könne. Ich bin der Überzeugung, daß mehr getan überwiegend qualifizierte Kräfte, so haben wir es
werden muß, als bisher getan worden ist. in der heutigen Situation daneben mit einer nicht
geringen Zahl von stellenlosen Angestellten zu tun,
(Sehr richtig! bei der SPD. — Abg. Sam die aus anderen Berufen in ein Angestelltenver-
wer: Hätte längst geschehen können!) hältnis übergewechselt sind und heute mangels
Im übrigen müssen wir uns aber darüber klar umfassender Berufskenntnisse keine Beschäftigung
sein, daß wir, wenn wir diesem Entwurf in der als Angestellte finden können. Nach der Bildung
vorliegenden Form folgen, das Problem nicht ver- der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Ar-
nünftig lösen werden. beitslosenversicherung hat die Selbstverwaltung
(Abg. Samwer: Ihre Ansicht!) immer wieder darauf gedrängt, der Berufsfortbil-
Wenn man sich die Arbeitslosenzahl etwas näher dung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Im
ansieht, kann man feststellen, daß sich auch diesjährigen Etat der Bundesanstalt ist für Berufs-
Arbeitslose aus anderen Berufszweigen in einer fortbildungsmaßnahmen ein Betrag von 3 1/2 Mil-
ähnlichen Situation wie die älteren Angestellten lionen DM eingesetzt. Dadurch wird es möglich
befinden; denn obwohl es gelungen ist, die Zahl sein, in 1400 Lehrgängen mit einer Teilnehmerzahl
der Arbeitslosen insgesamt zu senken, ist doch all von insgesamt 28 000 gewissen Mängeln abzuhel-
gemein der Prozentsatz der Unterstützungsemp fen, die heute ebenfalls noch die Vermittlung er-
fänger, die über 45 Jahre alt sind, stetig gestiegen. schweren.
(Abg. Samwer: Na also!) Der Verwaltungsrat, also die Selbstverwaltung
Insofern dürfte also nicht nur ein Problem der der Bundesanstalt hat darüber hinaus als eine
Hilfeleistung für ältere Angestellte vorliegen, seiner ersten Arbeiten die Richtlinien zur Förde-
- son- rung der Arbeitsaufnahme geändert, um sie den
dern ein Komplex, der sich auf alle Berufszweige
in unserer modernen Wirtschaft erstreckt, ein augenblicklichen wirtschaftlichen Bedingungen an-
Problem, das ebenfalls einer eingehenden Unter- zupassen und um eine möglichst großzügige Aus-
suchung bedürfte. Ich hoffe, daß wir in den Bera- nutzung der Möglichkeiten des AVAVG zu errei-
tungen des Ausschusses auch an diese Frage her- chen. Auf Grund dieser Richtlinien ist es heute
angehen können. Sie hat natürlich auch für die möglich, beim Antritt einer Beschäftigung einen
Art, in der wir das Problem der älteren Angestell- Reisekostenzuschuß zu geben, Überbrückungsgelder
ten lösen, Konsequenzen, weil wir selbstverständ- zu bewilligen, falls es bis zur ersten Gehaltszah-
lich nicht Präzedenzfälle schaffen können, sondern lung zu finanziellen Schwierigkeiten kommt, und
eine Gleichberechtigung aller fordern müssen. Trennungsbeihilfen bis zu 52 Wochen zu gewähren,
die bis zu dem Unterstützungssatz gehen können,
(Abg. Samwer: „Gleichberechtigung"?) den der Arbeitslose bisher bezogen hat. Bei der
Eine andere Schwierigkeit, die durch den vor- Beratung dieser Richtlinien haben wir uns eben-
liegenden Gesetzentwurf nicht behoben wird, be- falls überlegt — das sagte ich auch schon —, ob es
steht darin, daß die verwendbaren stellenlosen möglich sei, Wohnungsbaudarlehen in solchen Fäl-
1450 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Hansen [Köln])
len zu geben, in denen auswärtige Arbeitsmöglich- gelingt, für die älteren Angestellten eine ver-
keiten geschaffen werden können. Aber darüber nünftige Lösung zu finden. Aber noch einmal: was
hinaus wird es gerade bei der Arbeitsverwaltung hier vorgeschlagen wird, ist noch völlig unzurei-
z. B. erforderlich sein, die überbezirkliche Vermitt- chend.
lung mehr auszubauen, als das bisher der Fall ge- (Beifall bei der SPD.)
wesen ist, um für die Vermittlung der älteren
Angestellten im überbezirklichen Ausgleich mehr Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab-
tun zu können. Insgesamt hat die Bundesanstalt geordnete Schneider.
für solche Maßnahmen zur Förderung der Arbeits-
aufnahme im diesjährigen Etat bereits einen Be- Schneider (Hamburg) (CDU/CSU): Herr Präsi-
trag von etwa 10 Millionen DM ausgeworfen. dent! Meine Damen und Herren! Die Angestellten
Ich möchte also im Hinblick auf den vom BHE und insbesondere die älteren Angestellten werden
vorgelegten Gesetzentwurf auch davor warnen, es sicherlich dankbar begrüßen, daß an sichtbarster
(Abg. Samwer: Alter Warner!) Stelle der Öffentlichkeit wieder einmal, wie auch
schon früher an dieser Stelle, eines der brennend-
nun zu Lasten der Bundesanstalt Entscheidungen sten Probleme des heutigen sozialen Lebens er-
zu treffen, ohne daß die finanziellen Konsequenzen örtert wird. Aber der Bundestag wird auch mit
solcher gesetzlichen Festlegungen genau durch Verantwortungsbewußtsein an die Erledigung der
dacht werden. Ich habe auch bei dem Gesetzent Frage herangehen müssen und wird nicht Hoffnun-
wurf des BHE den Eindruck, daß die finanziellen gen erwecken dürfen, die dann am Ende enttäuscht
Auswirkungen nicht genau durchdacht worden werden müßten.
sind; denn es handelt sich hier nicht nur — darauf
habe ich vorhin schon hingewiesen — um das Pro (Abg. Samwer: Müßten?)
blem der älteren Angestellten. Wenn wir für die Das Problem ist heute hier auch nach der zahlen-
älteren Angestellten etwas tun, werden wir sehr mäßigen Größe angesprochen worden, und es ist
wahrscheinlich in der Konsequenz ähnliche Maß eine Meinungsverschiedenheit aufgetaucht, ob es
nahmen auch für Angehörige anderer Berufszweige nun 70 000, 80 000 oder 100 000 Menschen seien, um
treffen müssen, die in einer gleichen Situation sind. die es sich hier handle. Es kommt ganz darauf an,
(Abg. Samwer: Bitte, beweisen Sie das!) mit welchem Alter man beginnen will, wenn man
von den „älteren Angestellten" spricht. Wir wissen
Wir sollten uns also davor hüten, diesen noch ge- ja aus der Praxis, daß nicht nur die über 45jährigen
sunden Zweig der Sozialversicherung so anzu- Angestellten es sehr schwer haben, wieder eine
sägen, daß er unter Umständen zum Vertrocknen Stellung zu bekommen, und seit vielen Jahren
kommen muß. Ich weise darauf hin, daß es be- größtenteils arbeitslos sind, sondern daß das eigent-
reits jetzt Bienen gibt, die aus diesem Versiche- lich schon mit 35 Jahren beginnt. Wenn man also
rungszweig finanziellen Honig zu saugen suchen. die Grenze mit 35 Jahren setzen wollte, würde die
(Abg. Samwer: Das ist aber kein Beweis!) Zahl eine vielfach höhere sein.
Meiner Fraktion kommt es darauf an, daß dieser (Abg. Samwer: Ein Zeichen der Krankheit
und andere Gesichtspunkte bei der sachlichen Be- unserer Zeit!)
ratung des Gesetzentwurfs berücksichtigt werden. Die Besonderheit dieses Problems liegt darin,
Wir sind überzeugt, daß sich nicht ohne weiteres daß es sich um jahrelange, also nicht nur um kurz-
— leider! — solche Patentlösungen finden lassen, fristige, vorübergehende Arbeitslosigkeit handelt.
wie es sehr wahrscheinlich in dem Gesetzentwurf Darin liegt eben die große Hoffnungslosigkeit für
des BHE gedacht ist. Dafür ist das Problem zu die Betroffenen. Das Problem hat eine mensch-
komplex, als daß es liche, es hat eine volkswirtschaftliche und es hat
(Abg. Samwer: Die Hauptsache: Helfen eine politische Bedeutung.
Sie!) Die menschliche Seite: diese 80 000 oder 100 000
oder 150 000 Menschen stehen nun seit Jahren auf
in der Weise gelöst werden könnte, wie es dem der Schattenseite des Lebens und müssen sich mit
BHE vorschwebt. der kümmerlichen Arbeitslosenunterstützung be-
Und nun, meine Damen und Herren vom BHE, gnügen.
kann ich Ihnen auch noch sagen, daß Sie offenbar Das Problem hat aber auch eine politische Be-
einen mächtigen Verbündeten gefunden haben. deutung. Es ist ganz klar, daß Menschen, die jahre-
Ich habe gerade in diesen Tagen eine Pressemel- lang in tiefster materieller Not leben, für poli-
dung gelesen, daß sich künftig der Herr Bundes- tischen Radikalismus besonders anfällig sein
kanzler im Kabinett selber für die Interessen der können.
älteren Angestellten einsetzen werde
Volkswirtschaftlich hat die Frage insofern eine
(Abg. Horn: Das ist nicht neu! — Bedeutung, als Arbeitskraft, das kostbarste Kapital
Abg. Samwer: Das ist erfreulich!) - des deutschen Volkes, brachliegt, ja daß es das
und daß er dem Herrn Bundesarbeitsminister deutsche Volk allerlei Geld gekostet hat, diese
offenbar eine kleine Abteilung aus seinem Mini- Arbeitskraft überhaupt zu erzeugen; denn die
sterium herausbrechen will, weil er wohl nicht will, Angestelltenberufe erfordern zum erheblichen Teil
daß das Problem der älteren Angestellten in der eine ziemlich kostspielige Ausbildung. Das weiter-
gleichen Weise „gelöst" wird wie das Problem der hin Betrübliche ist, daß diese kostbare Arbeits-
Sozialreform. Wir können uns also über die mäch- kraft durch die lange Arbeitslosigkeit naturgemäß
tige Hilfe freuen, die wir hier bekommen. Ich verkümmert und dann, wenn sie vielleicht wieder
hoffe, daß wir dann auch noch in gleicher Weise eingesetzt werden könnte, nicht mehr von der
die Hilfe des Bundesfinanzministers bekommen Qualität ist, die man verlangt.
werden. Aber ich glaube, daß, wenn der Herr Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß
Bundeskanzler selber hier mitmacht, wir da auch das Problem der älteren Angestellten kein spezi-
einiges an Unterstützung erfahren. Ich hoffe, daß fisch deutsches Problem ist; es ist ein internatio-
es uns dann in gemeinsamer sachlicher Beratung nales Problem. Mein Herr Vorredner hat auch
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1451
(Schneider [Hamburg])
darauf hingewiesen, daß dieses Problem kürzlich werden. Das ist der an sich zuständige Ausschuß.
auf einer Spezialtagung der Angestellten in Genf Wenn überhaupt erwogen werden sollte, noch
auf internationaler Basis besprochen worden ist. einen zweiten Ausschuß hinzuzuziehen,
Aber man kam nach den vielfachen Erfahrungen (Abg. Samwer: Ausschuß für Sozialpolitik!)
in allen Teilen der Welt und auch auf Grund der
Urteile von Sachverständigen von Arbeitnehmer- dann käme eventuell der Wirtschaftsausschuß in
Frage,
und Arbeitgeberseite wie auch von Regierungsseite
immer wieder zu der Feststellung: Leider, leider (Abg. Horn: Nur Ausschuß für Arbeit!)
läßt sich dieses Problem durch ein Schlüsselgesetz aber der Ausschuß für Sozialpolitik meiner Mei-
nicht lösen. nung nach auf keinen Fall.
(Abg. Samwer: Warum nicht?) Nun ist hier jetzt die Frage aufgeworfen wor-
den — und ich will versuchen, sie zu beant-
Nun fragt es sich: wie ist es denn überhaupt zu worten —, warum es denn mit einer Schlüsselung
diesem Überangebot von Angestellten gekommen? nicht ginge. Nun, einmal deshalb nicht, weil nach
(Abg. Pelster: Wir können keinen Zwang neuesten statistischen Feststellungen, und zwar
zur Einstellung mehr ausüben!) auf Grund einer repräsentativen Erhebung der
Deutschen Angestelltengewerkschaft, die Schlüssel-
Primär ist es dazu gekommen, weil wir zwei Welt- zahlen viel höher gesetzt werden müßten, wenn
kriege hinter uns haben, d. h. nicht nur wir, son- ein solches Gesetz überhaupt Erfolg haben sollte.
dern die ganze Welt. (Abg. Samwer: Kein Hindernis!)
(Abg. Samwer: Das ist doch kein Argument!)
Es liegt gerade in dieser Stunde das ziemlich end-
Mit diesen Weltkriegen war die Zwangswirtschaft gültige Ergebnis einer in den letzten Wochen durch-
verbunden und damit ein Riesenbedarf von Ar- geführten Repräsentativerhebung der Deutschen
beitskräften. Nunmehr ist diese Zwangswirtschaft Angestelltengewerkschaft vor. Es sind 2632 Be-
— wir sagen: Gott sei Dank! — abgebaut worden; triebe der privaten Wirtschaft und 435 Dienststel-
sie ist nicht mehr da, und nun ist diese Masse von len der öffentlichen Verwaltung in allen Ländern
Angestellten nicht mehr notwendig. der Bundesrepublik untersucht worden. Erfaßt
Es kommt aber auch hinzu, daß die Heimatver- worden sind 182 953 männliche Angestellte und
triebenen und Sowjetzonenflüchtlinge das Problem 98 200 weibliche Angestellte in der Privatwirt-
verschärft haben; denn die Heimatvertriebenen schaft, in der öffentlichen Verwaltung 45 655
und Flüchtlinge sind vielfach in ländliche Bezirke männliche Angestellte und 26 575 weibliche Ange-
gekommen, und soweit sie Angestellte sind, sitzen stellte.
sie vielfach schon seit Jahren fest in Bezirken, in Diese Zahlen sind dann, soweit die Privatwirt-
denen Angestelltentätigkeit wenig gefragt ist. schaft in Frage kommt, für den Handel, die Indu-
Der Herr Bundesarbeitsminister hat schon ganz strie, Banken und Versicherungen und „sonstige"
kurz angedeutet, woran es außerdem noch liegt, Wirtschaftszweige gegliedert worden, und da stel-
daß wir so viele überzählige Angestellte haben. len wir fest — darauf ist von den Vorrednern
Es ist eben leider in den letzten Jahren, j a schon schon hingewiesen worden —, daß die Schlüssel-
seit Jahrzehnten ein allzu starker Andrang von zahlen höher liegen müßten, als der BHE sie an-
seiten der jungen Leute in die Angestelltenberufe nehmen möchte. Im Handel sieht es am traurig-
zu verzeichnen gewesen, und nun ist seit Jahren sten aus. Und doch ist bekannt, daß gerade im
eine Störung des Gleichgewichts von Angebot und Handel ein solches Schlüsselgesetz am schwersten
Nachfrage eingetreten. Das Gleichgewicht wieder- durchzuführen wäre. Dort werden nur 32,10 %
herzustellen, das ist die Aufgabe. Angestellte, die über 46 Jahre alt sind, beschäftigt.
Die BHE-Fraktion, und insbesondere Frau In der Industrie dagegen sind es 44,20 %, bei Ban-
Finselberger, versucht es nun mit dem Einstel- ken und Versicherungen 42,80 % und in den „son-
lungszwang im Wege eines Gesetzes. Nun, der stigen" Wirtschaftszweigen, die noch erfaßt wor-
Gedanke ist nicht originell, womit ich nicht etwa den sind, 46,80 %, im Durchschnitt also 42,90 %.
sagen will, man sollte nicht erneut diskutieren, ob Das sind die Zahlen für die männlichen Ange-
es nicht auf diese Weise ginge. Aber originell ist stellten.
der Gedanke deshalb nicht, weil man sich schon Bei den weiblichen Angestellten sieht es kata-
nach dem ersten Weltkrieg — das weiß Frau strophal aus. Da ist ein Durchschnittssatz von
Finselberger genau so wie ich, weil sie wie ich auch 17,1 % zu verzeichnen. Wir sehen also, daß bei den
damals schon auf demselben Gebiet beruflich tätig weiblichen Angestellten zwar durch das Gesetz
war — bemüht hat, zu erforschen, ob es denn nicht sehr wirksam, theoretisch gesehen, geholfen wer-
mit einem solchen Gesetz geht. Nach jahrelangen den könnte; aber Sie werden selbst zugeben müs-
Beratungen kam man immer wieder zu der Fest- sen, daß gerade in dem Wirtschaftszweig, in dem
stellung — nicht etwa nur auf Arbeitgeberseite die weiblichen Angestellten ganz besonders stark
oder auf seiten der Regierungen und der Parla- beteiligt sind, nämlich im Handel — bekanntlich
mente, sondern auch auf seiten der Gewerkschaf- sind 80 % aller Angestellten im Handel weiblich —,
ten —, daß man leider, leider das Problem mit ein solches Schlüsselgesetz am allerwenigsten all-
einem solchen Schlüsselgesetz nicht lösen, wahr- gemein angewendet werden kann. Ich will nicht
scheinlich aber noch verschärfen würde. Darauf im einzelnen auf die Gründe eingehen; ich glaube,
hat ja auch mein Herr Vorredner schon hin- eine solche Andeutung genügt.
gewiesen. Bei den öffentlichen Verwaltungen sind 48,1%
(Abg. Samwer: In keiner Weise überzeugend!) männliche Angestellte über 46 Jahre und 30,5 %
— Wir werden uns ja im Ausschuß noch sehr aus- weibliche Angestellte über 46 Jahre beschäftigt.
führlich darüber unterhalten. Ich möchte schon Wir sehen also auf Grund der hier genannten
vorweg bemerken: die Beratungen müssen nach Schlüsselzahlen einer Repräsentativerhebung, die
meiner Meinung und nach Meinung meiner Frak- immerhin etwa 10 % der Angestellten, gestreut
tion primär im Ausschuß für Arbeit durchgeführt über das ganze Bundesgebiet, erfaßt, daß mit einer
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(Schneider [Hamburg])
Schlüsselzahl den Dingen leider — ich sage per- Straßenanzug identisch ist. Das gilt vom Anzug,
sönlich immer wieder: leider — nicht zu Leibe ge- Mantel, Hut, von den Schuhen und auch von der
gangen werden kann. Unterkleidung. Wir wissen ja, daß die Angestellten
Eine Untersuchung der Akademie für Gemein- nach jahrelanger Arbeitslosigkeit mit ihrer Klei-
wirtschaft in Hamburg ist im vorigen Jahre zu ähn- dung mehr oder weniger herunter sind. Mögen
lichen Ergebnissen gekommen. Da ist in sehr fleißi- sie noch so qualifiziert sein, dem äußeren Eindruck
ger monatelanger wissenschaftlicher Arbeit unter- nach erwecken sie, wenn sie sich vorstellen, nicht
sucht worden, wie man dem Problem der älteren allzuviel Vertrauen und werden dann meistens
Angestellten beikommen könnte, und insbesondere nicht angestellt.
ist auch untersucht worden, ob hier mit einem Ein weiterer Weg ist die Verfeinerung der Ar-
Schlüsselgesetz Wandel geschaffen werden könnte. beitsvermittlung bei den Arbeitsämtern und Lan-
Ich will auf Einzelheiten des Gutachtens, einer sehr desarbeitsämtern, die Schaffung von Angestellten-
ausführlichen Schrift, nicht eingehen; es ist wahr- vermittlungen und die Angliederung von Sonder-
scheinlich verschiedenen Kollegen hier im Hause ausschüssen für Angestelltenfragen an die Verwal-
bekannt. Jedenfalls kommt das Gutachten zu einem tungsausschüsse der Landesarbeitsämter und Ar-
negativen Ergebnis. Gegenwärtig ist auch die beitsämter. Von dieser gesetzlichen Möglichkeit ist
Hochschule für Wirtschaft und Sozialwissenschaft an verschiedenen Orten und in verschiedenen Be-
in Nürnberg mit der gleichen Frage beschäftigt. zirken in der letzten Zeit erfreulicherweise mehr
Aber das, was man bisher an Zwischenergebnissen und mehr Gebrauch gemacht worden. Die statisti-
erfahren hat, ermuntert einen auch nicht etwa in schen Ergebnisse ermutigen uns zu der Annahme,
der Meinung, daß die Dinge besser ausgehen wer- daß, wenn allgemein dem betreffenden Paragra-
den, und, wie gesagt, im Ausland ist man eben- phen des Gesetzes stattgegeben und solche Einrich-
falls einstimmig zu genau so negativen Feststel- tungen geschaffen würden, mindestens einem sehr
lungen gekommen wie bei uns in Deutschland. Mit großen Teil dieser Ärmsten der Armen geholfen
einem Schlüssel ist dem Problem nicht zu Leibe werden könnte.
zu rücken. Vorzuschlagen ist ferner die Beschleunigung der
Nun wird mit Recht gesagt werden: Aber etwas überbezirklichen Vermittlung, gegebenenfalls durch
muß doch geschehen. Ich persönlich könnte mir Schaffung einer Bundesvermittlungsstelle für An-
denken, daß mancherlei geschehen könnte. Und es gestellte, wie sie für Akademiker und qualifizierte
ist ja auch schon mancherlei geschehen; aber es Techniker auf der Bundesebene in der Zentralaus-
müßte noch viel mehr geschehen. Ich verweise auf gleichsstelle für Arbeitsvermittlung in Köln-Mül-
die Verhandlungen, die von seiten der Gewerk- heim bereits besteht.
schaften und der Arbeitgeberverbände mit Regie- Was die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen aus
rungsstellen wiederholt stattgefunden haben. Ich Mitteln des Lastenausgleichs anlangt, haben wir
verweise weiter auf eine Teilaktion, die im vorigen festgestellt, daß etwa 3000 Arbeitsplätze in diesem
Jahre in Baden-Württemberg durchgeführt worden Rahmen bereits geschaffen worden sind. Auch aus
ist, wo ohne gesetzlichen Zwang durch ein syste- den Mitteln der Bundesanstalt in Nürnberg müssen
matisches Einwirken, in Zusammenarbeit auch mit Dauerarbeitsplätze gefördert werden. Hierbei ist
den Arbeitsämtern, 3000 Arbeitsplätze für ältere darauf Bedacht zu nehmen, daß bei den Arbeits-
Angestellte an den verschiedensten Orten vermit- plätzen der Anteil der Dauerarbeitsplätze für An-
telt werden konnten. Nach dieser Richtung hin gestellte wesentlich erhöht wird. Bei den zuletzt
wird natürlich noch viel mehr geschehen müssen. geschaffenen Dauerarbeitsplätzen betrug der An-
Ich möchte, um Ihre Aufmerksamkeit nicht zu teil der Dauerarbeitsplätze für Angestellte nur
lange in Anspruch nehmen zu müssen, nur an- 5 %. Dieser Anteil sollte auf mindestens 12% ge-
deuten, in welcher Richtung die Beratungen im hoben werden.
Ausschuß für Arbeit gehen sollten. Ich persönlich Es wäre auch an echte Angestellten-Notstands-
bin der Meinung, daß es zunächst wichtig wäre, arbeiten, meinetwegen in öffentlichen Büchereien,
die Wiederherstellung und Hebung der beruflichen Museen usw. zu denken, wo nach unseren Kennt-
Leistungsfähigkeit durch Auffrischungs- und nissen eine ganze Menge von Arbeiten ansteht, die
Fortbildungskurse und durch Umschulung durch mangels Etatmittel nicht erledigt werden können.
die Dienststellen der Bundesanstalt in Nürnberg Hier sollten aus den Mitteln der Arbeitslosenver-
zu erreichen. Die Gewerkschaften und die Arbeit- sicherungsanstalt in Nürnberg entsprechende Gel-
geberverbände müßten dabei selbstverständlich der für echte Notstandsarbeiten für Angestellte
mitwirken, insbesondere bei der Auswahl der Lehr- hergegeben werden.
gangsteilnehmer und bei der Festlegung der Lehr- Es ist natürlich auch notwendig, daß von gewerk-
pläne. schaftlicher Seite noch mehr darauf gedrungen und
Dann ist hier schon von der Notwendigkeit einer von Arbeitgeberseite dem stattgegeben wird, daß
inneren Umsiedlung gesprochen worden. Viele An- in Tarifverträgen die Endgehälter in den einzel-
gestellte sitzen in Gebieten, wo es beim besten Wil- nen Stufen nicht mit 35 und 40 Jahren erst
len keine Arbeitsplätze für Angestellte gibt. Damit erreicht werden, sondern daß diese Endgehälter,
ist natürlich die Wohnraumbeschaffung für die Be- vor allen Dingen in den unteren Gruppen, schon
treffenden, die umgesiedelt werden sollen, verbun- mit 25, höchstens mit 30 Jahren festgelegt werden,
den. Des weiteren ist dann auch, vorübergehend damit das Interesse eines Arbeitgebers — wegen
wenigstens, die Frage der doppelten Haushalts- der Höhe des Gehalts — nicht beim Alter des be-
führung zu regeln. treffenden Angestellten liegt.
Ein weiterer Weg ist die Ausstattung mit der Wichtig wäre es auch — und ich möchte die
erforderlichen Berufskleidung, um den Angestell- Gelegenheit benutzen, den Herrn Bundesarbeits-
ten auch äußerlich wettbewerbsfähig zu machen minister daran zu erinnern —, daß endlich einmal
und Minderwertigkeitskomplexe auszuschalten. Zu der § 397 zur Durchführung kommt, ein Thema,
dieser sehr wichtigen Frage ist festzustellen, daß das hier seit Jahren behandelt wird. Es ist auf die
bei Angestellten die Berufskleidung mit dem Dauer ein unerträglicher Zustand, daß ein arbeits-
2 Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1453
(Schneider [Hamburg])
loser Angestellter, der ein Jahr arbeitslos und — Nein, nein! Es handelt sich hier darum, daß
über 60 Jahre alt ist, wenn er in der französischen Frau Finselberger soeben gesagt hat, wir hätten
und amerikanischen Zone wohnt, seine Angestell- ja diesen Gesetzentwurf schon vorher abgelehnt;
tenversicherungsrente erhält, sie aber nicht be- und Sie haben dann unter großem Beifall ge-
kommt, wenn er in der britischen Zone wohnt. sagt — —
(Sehr richtig! beim GB/BHE.) (Abg. Hansen [Köln] : Ich habe gesagt, daß
Sie in Ihrem Ministerium eine gesetzliche
Das führt vielfach dazu, daß der Betreffende Regelung ablehnen!)
scheinbar in die französische oder amerikanische
Zone hinüberzieht, um dann eben dort die Rente Ich möchte Sie deshalb dringend darum bitten,
beziehen zu können. Man kann einem solch armen Herr Kollege Hansen, mir doch die Aktennummer
Teufel nach meiner Meinung derartige Manipula- und das Zeichen dieses Schreibens aus meinem
tionen gar nicht verübeln. Einem Teil der arbeits- Ministerium zu geben und das Schriftstück nach-
losen älteren Angestellten könnte mit dem § 397 her auch dem Bundestag in derselben Form, wie
geholfen werden. Sie es vorher getan haben,
(Abg. Hansen [Köln]: Ich habe gesagt, daß
Zum Schluß möchte ich aber noch eines sagen, Sie eine gesetzliche Regelung ablehnen!)
und das sage ich hier als Mann der Gewerkschafts-
bewegung. Es handelt sich hier in erster Linie um bekanntzumachen. Es geht hier nicht darum, mit
Sie haben großen Behauptungen Effekte zu erzielen. Ich
eine echte Aufgabe der Betriebsräte.
doch heute ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht glaube, es ist Ihnen ein leichtes, sich gleich im Pe-
bei Einstellungen und Entlassungen in den Betrie- titionsausschuß dieses Schreiben zu holen, — wenn
ben. Sie müssen in jedem einzelnen Fall der Ent- es vorhanden ist.
lassung oder Einstellung prüfen, ob nicht von den Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab-
vorliegenden Bewerbungen der älteren Angestell- geordnete Becker (Hamburg).
ten Gebrauch gemacht werden kann.
(Sehr gut! in der Mitte.) Becker (Hamburg) (DP): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Auch zu Beginn der heutigen
Ich glaube, daß man das Problem auf diese indivi- Sitzung hat der Herr Präsident wieder einem Mit-
duelle Weise überhaupt am besten anpackt. Es läßt glied dieses Hohen Hauses seinen Glückwunsch
sich eben nicht schematisch regeln. Deshalb möchte zum Geburtstag aussprechen können. Dieses Mit-
ich die Gelegenheit benützen, an alle Betriebsräte glied war inzwischen 66 Jahre alt geworden. Diese
in der Bundesrepublik den Appell zu richten, sich hohe Ehre wird ja nur den Mitgliedern des Hauses
um diese Frage in der Zukunft in verstärktem zuteil, die das 60. Lebensjahr überschritten haben.
Maße zu kümmern.. Wir haben schon Sitzungen gehabt, wo gleich ein
Ich sagte schon eingangs: das Gleichgewicht von halbes Dutzend dieser Glückwünsche verlesen
Angebot und Nachfrage auf dem Stellenmarkt der wurden. Die berufliche Zusammensetzung dieses
Angestellten wird wiederhergestellt werden müs- Bundestages ist so, daß der Anteil der Angestell-
sen. Wir werden nicht darauf warten können, bis ten und noch mehr natürlich der Beamten ein
etwa so viele Angestellte gestorben sind, daß sich ziemlich hoher ist. Das ist eigentlich ein Beweis
das Problem von selbst gelöst hat. In den Ange- für die Durchsetzungskraft der älteren Jahrgänge.
stelltenberufen muß eine echte Berufslenkung Nun werde ich im nächsten Jahr 45 Jahre alt,
durchgeführt werden, damit das Überangebot von werde also nicht die Freude haben, vom Herrn
Angestellten nach und nach schwindet. Präsidenten beglückwünscht zu werden. Im glei-
Ich komme zum Schluß. Auch die CDU/CSU ist chen Jahre aber werde ich, wenn man dem Antrag
bereit, im Ausschuß für Arbeit mit aller Liebe zur des Gesamtdeutschen Blocks folgt, als „älterer
Sache an der Beratung des vorliegenden Gesetz- Angestellter" abgestempelt sein.
entwurfs mitzuarbeiten. Wir sind allerdings der (Zuruf von der CDU/CSU: Leider schon
Meinung, daß der dort gewiesene Weg nicht- wird viel früher!)
gegangen werden können. Wir hoffen aber, daß
wir, in gemeinsamer Arbeit der Mitglieder des - Sehr gut möglich. Ich habe nicht die Absicht,
Ausschusses für Arbeit, einen Weg finden, um das Berufspolitiker zu werden.
Problem der älteren Angestellten in kürzester Ich möchte mit dieser Feststellung klarmachen,
Zeit zu mildern, in absehbarer Zeit aber auch rest- daß man den Jahrgängen um 45 Jahre herum und
los zu lösen. den etwas älteren keinen Dienst damit erweist,
wenn man sie nun auch kraft Gesetzes — falls
(Beifall bei der CDU/CSU.) dieser Antrag Gesetz werden sollte — in die
Kategorie der älteren Angestellten einstuft.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort -hat der (Abg. Samwer: Das ist doch eine Tatsache!)
Herr Bundesminister für Arbeit.
Ich stelle das deshalb fest, um darauf hinzuwei-
sen, welche Problematik gerade auch bei dem ein-
Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Präsi- zelnen darin liegt, wenn nun durch eine gesetz-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! liche Zwangsmaßnahme eine neue Einteilung nach
Der Herr Kollege Hansen hat vorhin unter gro- Kategorien oder Gruppen erfolgen soll.
ßem Beifall seiner Parteifreunde ausgeführt, daß
wir vom Bundesministerium für Arbeit in einem (Abg. Samwer: Das ist eine geistige Spie
Schreiben an den Petitionsausschuß den Gesetz- lerei!)
entwurf des BHE abgelehnt hätten. Es ist im lebendigen Leben der Wirtschaft tatsäch-
(Abg. Hansen [Köln] : Das habe ich nicht lich nicht so, daß etwa die Zäsur von 45 Jahren
gesagt! Ich habe gesagt, daß Sie über den Arbeitgeber davon abhält, den betreffenden
haupt eine gesetzliche Regelung nicht für Angestellten oder die weibliche Angestellte einzu-
erforderlich halten!) stellen. Es ist vielmehr gerade im Angestelltenberuf
1454 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Becker [Hamburg])
so, daß derjenige — das ist in anderer Form schon vielleicht sagen kann, etwa 25 % dieser Angestell-
gesagt worden —, der über die Fähigkeiten ver- ten durchaus befähigt sind, einen selbständigen Be-
fügt, die nun einmal notwendig sind, um auch in ruf auszuüben. Es liegt lediglich an den fehlenden
einem vorgerückteren Lebensalter seinen Beruf aus- Kreditmöglichkeiten, daß sie nicht dazu kommen,
zuüben, nach wie vor eine Möglichkeit der Ein- den entweder schon früher ausgeübten Beruf oder
stellung findet, es sei denn, daß durch die Kriegs- den neu zu ergreifenden Beruf selbst auszuüben.
und Nachkriegsereignisse ein Bruch in seiner be- Gerade von den Vorrednern wurde darauf hinge-
ruflichen Laufbahn eingetreten ist. wiesen, daß es im Spezialbereich des Handels so
Das Problem ist hier in Westdeutschland im schwer ist, diese wünschenswerte Regelung der
Vergleich zu den anderen Staaten so besonders Einstellung auch älterer Angestellter durchzufüh-
schwierig zu lösen, weil eine große Anzahl der be- ren. Demgegenüber sollte gerade im Handel seiner
troffenen Personen nicht arbeitslos sind, weil sie ganzen Struktur nach die berufliche Laufbahn von
in ihrem Beruf unfähig sind oder weil die Arbeit- Rechts wegen so aussehen, daß in den ersten Jahr-
geber nicht willens sind, diese Leute zu beschäf- zehnten eine nichtselbständige Tätigkeit ausgeübt
tigen, sondern deshalb, weil die allgemeinen Er- wird, während im etwas höheren Lebensalter ein
eignisse sie einfach aus der Bahn geworfen haben. Übergang zu einer selbständigen Tätigkeit stattfin-
Ich weise darauf hin, daß sich ein immerhin er- det. Es sollte also bei den ganzen Beratungen sehr
heblicher Prozentsatz dieser sogenannten älteren intensiv untersucht werden, ob nicht über die —
Angestellten aus Personen zusammensetzt, die ich möchte sagen — engen Sicherheitsvorstellungen
früher nicht Angestellte gewesen sind, sondern hinaus, die heute innerhalb des Kreditwesens herr-
die einen selbständigen Beruf gehabt haben. Sehr schen und die in erster Linie dingliche Sicherheiten
häufig haben sie einen Einzelhandel, ein Export- fordern, eine Ausweitung solcher Richtlinien mög-
Importgeschäft oder irgendeinen anderen selbstän- lich ist, die es dann manchen Angestellten oder auch
digen Beruf gehabt. In dem Augenblick, in dem Arbeitern oder sonstigen Berufstätigen, Handwer-
sie Konkurs anmelden, gehen sie zum Arbeitsamt kern usw., die bisher nicht selbständig waren, er-
und lassen sich in der Sparte „Angestellte" als Ar- leichtern, sich selbständig zu machen. Ich glaube,
beitsuchende eintragen. dort sollte in erster Linie der Hebel angesetzt wer-
den, denn dort geht man der ganzen Sache an die
Auch diese Feststellung treffe ich aus einem Wurzel. Alle anderen Maßnahmen, vor allen Din-
ganz bestimmten Grund. Ich hatte auch vor, an gen, wenn sie zwangsmäßiger Art sind, wie das
der Vorlage des Gesamtdeutschen Blocks eine ge- hier vorgeschlagen wird, verschieben letzten Endes
wisse Kritik zu üben, weil ich leider auch unter das Problem, tragen aber nicht zu einer endgül-
dem Eindruck stehe, daß die Maßnahmen in der tigen Lösung bei. Sehr interessant ist doch, wie der
Form, wie sie hier vorgeschlagen wird, auf die Kollege Hansen mit Recht ausführte, daß in Nord-
Dauer gesehen eher zum Nachteil als zum Vorteil rhein-Westfalen der angestrebte Satz von 40% in
des in Frage stehenden Personenkreises ausschla- bezug auf die Einstellung der älteren Angestellten
gen werden, dem geholfen werden soll. Nachdem schon überschritten worden ist, ausgerechnet in
aber nun der Sprecher der SPD den Entwurf des dem Lande, in dem insgesamt gesehen die Arbeits-
BHE in einer Weise behandelt hat, die mir nicht losigkeit am geringsten ist. Das bedeutet also auf
gefallen hat, möchte ich mir diese Kritik ersparen. unseren Spezialfall übertragen, daß auch das Pro-
Der Sprecher der SPD, Herr Hansen, hat nach blem der Einstellung der älteren Angestellten letz-
meinem Empfinden mit einer gewissen Freude die ten Endes ein Problem der Belebung der Wirt-
negativen Seiten dieses Antrags sehr stark unter- schaft und der Behebung der Arbeitslosigkeit über-
strichen. Dabei hat er eine gewisse Formulierung haupt ist. Man kann die gute Hoffnung hegen —
verwandt, die dem guten Willen der Antragsteller wir werden ja im Anschluß daran in der nächsten
in keiner Weise entspricht. Auf der anderen Seite Stunde die Frage der Zonenrandgebiete behandeln
hat er doch verhältnismäßig wenig im positiven —, daß, wenn es gelingen sollte, den wirtschaft-
Sinne gesagt. lichen Aufschwung, der in Nordrhein-Westfalen zu
Es scheint mir notwendig, auf folgendes hinzu- verzeichnen ist, allmählich nach Osten weiter fort-
weisen. Wenn jetzt die Ausschüsse mit diesem An- zupflanzen, dann auch ganz von selbst auf orga-
trag des Gesamtdeutschen Blocks/BHE befaßt wer- nische Art und Weise die Behebung der Not der
den, dann sollte man unbedingt auch jene Herren älteren Angestellten zustande kommt.
zu Rate ziehen, die an sich sonst auch in unserem (Abg. Samwer: Sehr zweifelhaft!)
Kollegenkreise mit diesen speziellen sozialen und
arbeitsrechtlichen Fragen nichts zu tun haben. Ich Abschließend darf ich sagen, daß mir die Be-
denke an die Mitglieder des Ausschusses für Geld stimmungen des Entwurfs des Gesamtdeutschen
und Kredit. Blocks, die im § 3 niedergelegt sind, trotz der Be-
denken, die selbstverständlich auch dagegen ange-
(Abg. Samwer: Wirtschaft!) meldet werden können, noch weitaus sym-
Der Ausschuß für Geld und Kredit hat sich in der pathischer sind als diejenigen, die in den §§ 1 und 2
Vergangenheit und auch im vorigen Bundestag vor- stehen. Ich glaube allerdings, daß aus den Mitteln
wiegend mit Fragen befassen müssen, die die pfleg- der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Ar-
liche Behandlung des Kapitalmarkts und alle die beitslosenversicherung auch dann den Arbeitgebern
Dinge, die damit zusammenhängen, betreffen. Ich noch etwas zufließen sollte, wenn diese sich jetzt
glaube aber, es wäre sehr gut, wenn sich gerade dazu entschließen, zusätzlich über den bisherigen
dieser Ausschuß auch einmal damit befassen Rahmen hinaus ältere Angestellte einzustellen. Ich
könnte, ob nicht Mittel und Wege gefunden werden glaube, daß dieser Punkt doch wirklich noch sehr
könnten — ohne die Staatshilfe anzurufen —, die genau beraten werden sollte. Wir begrüßen es des-
etwa den Banken und Sparkassen ermöglichen, in wegen, wenn der Antrag auch dem Ausschuß für
Zukunft ihre Kreditrichtlinien anders zu gestalten. Arbeit überwiesen wird. Ich möchte nicht so weit
Aus genauer Kenntnis der Lage dieser arbeitslosen gehen, auch noch eine Überweisung an den Aus-
Angestellten — hauptsächlich auch gerade der schuß Geld und Kredit vorzuschlagen. Das würde
männlichen Angestellten — weiß ich, daß, wie man sicherlich abgelehnt werden. Ich möchte nur vor-
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1455
(Becker [Hamburg])
schlagen, daß bei den Ausschußberatungen auch Wir kennen noch eine Reihe von Stellungnah-
die Finanzexperten zu Worte kommen, damit auch men älteren Datums, aber ich brauche sie nicht
von dieser Seite das Problem beleuchtet wird. Ich alle hervorzuholen. Trotzdem sage ich, daß ich Ihre
bin fest überzeugt, daß der Antrag des BHE mit da- Schwierigkeiten kenne und verstehe. Wenn es aber
zu beitragen wird, die Lage der älteren Angestell- darum geht, solche Schwierigkeiten zu beheben,
ten wirklich zu verbessern, weil sich unsere Aus- müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten.
schüsse durch ihn gezwungen sehen, sich intensiv Herr Bundesarbeitsminister, Sie haben gesagt,
mit diesem Problem zu befassen. daß Sie bewußt darauf verzichtet hätten, auf eine
(Beifall bei der DP und beim GB/BHE.) Lenkung des Arbeitsmarktes hinzuwirken, weil der
Personenkreis der hier angesprochenen Angestell-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Frau ten dann doch nicht zum Zuge komme. Da muß
Abgeordnete Wolff. ich Ihnen entgegenhalten: Sie haben resigniert, be-
vor Sie begonnen haben!
Frau Wolff (SPD): Herr Präsident! Meine Herren Ich darf Sie, Herr Bundesarbeitsminister, auf ein
und Damen! Die Äußerungen des Herrn Bundes- einziges Datum hinweisen. Ich meine das Datum
arbeitsministers veranlassen mich, noch einiges zu der Petitionsausschußsitzung vom 2. März 1954.
dem Problem zu sagen, obwohl schon sehr viele Hier habe ich diese' dicken Akten. Ich habe sie aber
Worte darüber gesagt worden sind und man er- nicht mitgebracht, um ein Sonderreferat zu hal-
warten muß, daß bald die Tat folgt. ten. Ich möchte nur sagen, daß an diesem 2. März
(Abg. Samwer: Sehr schön!) 1954 dreizehn Einzelpetitionen vom Ausschuß
durchgearbeitet worden sind, wovon eine allein
Herr Bundesarbeitsminister, Sie führten aus, daß acht Personen betroffen hat. Im Grunde genom-
der Herr Kollege Hansen über den Antrag des men ist es bei allen um die Unterbringung älterer
BHE und über Ihre ablehnende Stellungnahme ge- Angestellten in den Arbeitsprozeß gegangen.
sprochen habe. Ich kann es sehr gut verstehen,
daß Sie bei der Fülle der Aufgaben, die Ihnen so (Hört! Hört! beim GB/BHE.)
im Laufe des Jahres zufließen, einmal etwas in Das ist doch ein Beweis dafür, wie notwendig
Rage kommen, wenn dauernd die Probleme, mit es ist, eine Lösung dieses Problems zu finden.
denen Sie zu tun haben, vor dem Plenum erschei- Ich glaube, daß ich wohl die Meinung aller An-
nen; aber das läßt sich nicht ändern. Die Fragen, wesenden zum Ausdruck bringe, wenn ich sage,
mit denen Sie sich zu beschäftigen haben, berühren daß wir es begrüßen, wenn durch einen Gesetzent-
eben den größten Teil unseres Volkes. Ich muß wurf der Berufsnot der älteren Angestellten durch-
Ihnen aber sagen, Herr Bundesarbeitsminister, daß greifend gesteuert, ja wenn sie dadurch behoben
Sie sich geirrt haben. Der Herr Kollege Hansen
hat nur von Ihrer Stellungnahme zu diesem Pro- werden könnte.
blem im allgemeinen und von den Stellungnah- Man muß sich aber, wenn man einen solchen
men im Petitionsausschuß gesprochen. Gesetzentwurf bringen will, die Frage vorlegen,
ob man durch einen solchen Antrag dem Personen-
(Abg. Samwer: Das stimmt!) kreis, dem man dadurch helfen will, wirklich auch
Auf Grund meiner langjährigen Arbeit im Peti- eine durchgreifende Hilfe bringen kann.
tionsausschuß kenne ich viele Ihrer Stellungnah- (Abg. Samwer: Davon sind wir überzeugt!)
men. Die Schwierigkeiten, in denen Sie sich be-
finden, verkennen wir nicht. Wir wissen, wie — Ja, verehrter Herr Kollege, das glaube ich;
schwer es ist, den Belangen der Volksteile gerecht denn wer wäre, wenn er guten Willens ist, nicht
zu werden, die unverschuldet in große Not geraten überzeugt davon, daß er das Richtige tut?
und letzten Endes nichts anderes sind als ein (Abg. Samwer: Tun S i e das Richtige?)
Überbleibsel aus den zwölf Jahren, in denen die
Diktatur aus Deutschland einen Trümmerhaufen Wir sind der Meinung: wenn ein solcher Gesetzent-
gemacht hat. An den Petitionsausschuß gelangen wurf zum Tragen gebracht werden soll; dann muß
dauernd Anträge von älteren Angestellten auf er so aussehen,
Wiedereinstellung. Überwiegend sind es Anträge (Abg. Samwer: Wenn alle zusammen
von weiblichen Angestellten. Diesen geht es noch arbeiten!)
schlechter als den männlichen. daß er dem am meisten betroffenen Personenkreis
Gestatten Sie, Herr Präsident, daß ich aus der auch wirklich hilft. Wir sind mit Ihnen der Mei-
Petitionsausschußsitzung vom 2. März dieses Jahres nung, daß etwas getan werden muß, aber das Wie
eine Stellungnahme verlese, die eigenhändig von wollen wir im Ausschuß gemeinsam herauskristal-
Ihnen, Herr Bundesarbeitsminister, unterzeichnet lisieren.
ist: Das bezieht sich vor allem auf den § 1. Ver-
-
Auf Grund Ihrer vorbezeichneten Schreiben ehrte Kollegin Finselberger, Ihr § 1 schränkt die
und der mir übersandten Einzelpetitionen habe Einstellung der älteren Angestellten ein, da gerade
ich die Möglichkeit gesetzlicher Maßnahmen, die von uns als am meisten betroffen angesehenen
die darauf gerichtet sind, die Betriebe zur Be- älteren weiblichen Angestellten von diesem Para-
schäftigung eines angemessenen Teils älterer graphen nicht erfaßt werden, weil ja die Betrebe
Angestellten zu verpflichten und diesem Per- mit weniger als sieben Angestellten wegfallen.
sonenkreis einen besonderen Kündigungsschutz Lassen Sie mich das kurz skizzieren. Kleinhandel,
einzuräumen, erneut geprüft. Im Einverneh- Rechtsanwaltsbüros, Patentbüros und andere Büros
men mit den Sozialpartnern vermag ich auch beschäftigen viel weibliches Hilfspersonal. Bei den
heute in solchen gesetzlichen Maßnahmen keine Frauen ist es aber leider noch schlimmer als bei
Lösung des Problems der Eingliederung der den Männern, weil man fast in jeder Annonce, in
arbeitslosen älteren Angestellten zu erblicken. der man weibliche Hilfskräfte sucht, die Alters-
(Abg. Samwer: Hört! Hört! — Abg. Horn: grenze mit angibt. Über das Warum wollen wir uns
Sehr richtig!) nicht streiten; es kann zweierlei Ursachen haben.
1456 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Frau Wolff [Berlin])
Die uns betreffende Ursache, Kollegin Finselberger, Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Frau
kennen wir beide aus der gewerkschaftlichen Abgeordnete Finselberger.
Arbeit ganz genau: sie besteht darin, daß man die
höheren Tarife nicht zahlen will. Nun wollen Sie Frau Finselberger (GB/BHE): Herr Präsident!
den großen Teil der weiblichen Angestellten — Meine Herren und Damen! Ich bin sehr froh dar-
besonders im Verkauf — in den Betrieben nicht be- über, daß wir am heutigen Vormittag so ausführ-
rücksichtigen, in denen weniger als sieben Ange- lich über das Problem der älteren arbeitslosen
stellte beschäftigt sind. Angestellten haben diskutieren können. Ich darf
zunächst einmal Sie ansprechen, Herr Bundes-
Wir wollen uns mit diesen Fragen in den Aus-
schüssen gemeinsam beschäftigen; das ist notwen- arbeitsminister, weil Sie meinten, daß es auf
dig. Notwendig ist fernerhin, daß wir alle Möglich- irgendeinem Irrtum beruhen müsse, wenn in der
keiten ausschöpfen, um zu unterbinden, daß den Presse Meldungen über eine ablehnende Haltung
älteren Angestellten und besonders den weiblichen Ihrerseits erschienen seien. Ich persönlich habe es
Angestellten das Hineinkommen in einen Beruf er- in den verschiedensten Tageszeitungen gelesen, und
schwert wird. Wir müssen gegen das Chiffre-Un- das wird sich auch noch feststellen lassen. Es ist
wesen vorgehen. Bei den Stellenausschreibungen mir auch tatsächlich von mehreren Pressevertretern,
unter irgendeiner Chiffre mit einem Anonymus an deren richtiger Auffassung ich in keinem Fall
schreiben sich die Angestellten die Finger lahm zu zweifeln brauche, mitgeteilt worden. Aber ein-
und bekommen dann nach einigen Wochen einen mal davon abgesehen: ich freue mich, Herr Bundes-
ablehnenden Bescheid. Wir sind der Meinung: in arbeitsminister, aus Ihren Worten entnehmen zu
die Stellenausschreibungen gehört weder eine können, daß Sie uns mit den Herren Ihres Mini-
Altersbegrenzung hinein, noch sollten sie auf steriums mit Rat und Tat zur Seite stehen werden.
Chiffre geführt werden. Schließlich ist die Leistung Vor allen Dingen wird das auch notwendig sein
des einzelnen maßgebend und nicht das Alter und — das habe ich ja in meiner Begründung in beson-
die Jugend. Gleiches Recht für alle, die etwas kön- ders betonter Weise angesprochen —, wenn wir uns
nen! Und nach dem Können sollen sie gewertet mit der Quote zu beschäftigen haben. Denn da-
werden. mals war keine Stelle in der Lage, mir neuestes,
aktuelles Zahlenmaterial zur Verfügung zu stellen.
(Abg. Samwer: Sehr richtig!) (Hört! Hört! beim GB/BHE.)
In diesem Sinne — das ist meine Ansicht und Was ich von maßgeblicher Seite bekommen hatte,
auch die meiner Fraktion — müssen wir Ihren stammte aus dem Jahre 1950. Deswegen mußten
Antrag, verehrte Kollegin Finselberger, behandeln. wir von Anfang an Zweifel daran haben, ob die
Wir wollen versuchen, einen Gesetzentwurf zu Quote von 40 0/0 ausreichend sein würde. Ich habe
schaffen, der die Möglichkeit bietet, umfassend in der Begründung auch gesagt, daß diese Quote
zu helfen, so daß er den älteren Angestellten und das erste sein wird, womit wir uns in der Aus-
besonders auch den weiblichen Angestellten ge- schußarbeit zu beschäftigen haben werden.
recht wird. Verehrter Herr Bundesarbeitsminister, Im übrigen haben wir in der Fraktion des Ge-
wir rechnen auf Ihre Großzügigkeit und Ihre Güte samtdeutschen Blocks/BHE doch gar nichts dagegen,
und hoffen, daß Sie uns dabei helfen, diesem Kreis wenn jeder Abgeordnete im Plenum durch An-
der Betroffenen gerecht zu werden. regungen dazu beiträgt, echte, praktische Hilfe den
(Beifall bei der SPD und beim GB/BHE.) Menschen zuteil werden zu lassen, die darauf war-
ten und keine Hoffnung mehr hegen, daß ihnen
mit den Appellen, die zu freiwilligen Hilfsmaßnah-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der men aufrufen und mit denen sie seit Jahren ge-
Herr Bundesminister für Arbeit. tröstet werden, geholfen wird.
(Beifall beim GB/BHE.)
Storch, Bundesminister für Arbeit: Herr Präsi- Es wird Aufgabe des Plenums des Bundestages
dent! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich und der zuständigen Ausschüsse sein müssen, nach
bin der Frau Abgeordneten Wolf f für ihre Aus- einem Ausweg zu suchen.
führungen sehr dankbar. Sie hat dadurch, daß sie
ein Originalschreiben vorgelegt hat, alle die Nebel, Nun möchte ich auf das eingehen, was der Herr
die hier entstanden sind, beseitigt. Gerade aus dem Kollege Hansen gesagt hat. Ich muß sagen, Herr
Schreiben, das Frau Wolff vorgelesen hat, ergibt Kollege Hansen — Sie haben mich einmal persön-
sich doch ganz klar, daß wir auf Grund von An- lich angesprochen bezüglich des Komplexes, der uns
trägen und Petitionen Verhandlungen mit den hier beschäftigt —, ich glaube, dieses Problem ver-
Sozialpartnern geführt haben. Dabei war auch der dient es angesichts seiner großen Tragik nicht, daß
Deutsche Gewerkschaftsbund, Herr Hansen! Auch man in einem solchen Ton darüber spricht.
die Arbeitnehmer, also auch der Deutsche Gewerk- (Lebhafter Beifall beim GB/BHE. — Zuruf
schaftsbund, haben sich dagegen ausgesprochen, von der SPD: Nur keine Komplexe!)
daß wir von Amts wegen einen Gesetzentwurf vor- Sie haben Ihrer Kollegin Frau Wolff sehr dank-
legen. bar dafür zu sein, daß sie trotz unserer verschie-
(Abg. Samwer: Sehr bedauerlich!) denen Standpunkte in einer vorbildlich kollegialen
Weise hierzu Stellung genommen hat. Ich glaube,
Das steht in dem Schreiben. Frau Finsel- so einfach sollte man sich das nicht machen. Es
berger hat etwas ganz anderes angesprochen, und kommt mir fast so vor — und da muß ich Herrn
ich glaube, Frau Finselberger hat mich auch ver- Kollegen Becker zitieren, der genau das gleiche
standen. Also, Herr Hansen, wenn man an der Empfinden gehabt hat wie ich —, als hätten Sie
einen Stelle nein sagt, dann soll man an anderer es nicht gern gesehen, daß dieser Antrag von uns
Stelle nicht sagen, man habe sich für die Sache gekommen ist. Ihre Partei ist schon während der
eingesetzt, und so tun, als wäre man der Vertreter ersten Legislaturperiode im Bundestag vertreten
der Angestellten. gewesen, und Sie persönlich sind seit Jahren im
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1457
(Frau Finselberger)
Gewerkschaftsbund tätig. Sie hätten also schon sehr und liebenswürdig zu bleiben. Ich meine, wir soll-
viel eher Gelegenheit gehabt als wir, nun einmal ten uns im allgemeinen nicht so verhalten, wie es
etwas vorzulegen, um dem Kreis der älteren Ange- hier eben getan worden ist.
stellten zu helfen. Da sollte man nicht in einer (Abg. Samwer: Auch nicht, wie Sie
solchen nicht ganz fairen Art und Weise dieses An- gesprochen haben!)
liegen, um das wir uns ehrlich bemüht haben, zer- - Es ist das Recht einer kritischen Stellungnahme,
pflücken wollen. Man kann ebensowenig davon jemanden darauf hinzuweisen, daß ein Gesetzent-
sprechen, daß damit eine Fata Morgana erzeugt wurf dem nicht genügt, was zu tun ist.
würde.
(Beifall bei der SPD.)
Aus der Aussprache kann ich das Resümee zie-
hen, daß wir uns alle darüber klar sind, daß hier Ich hoffe, auch Frau Finselberger macht we-
endlich einmal geholfen werden muß und daß man der uns noch irgendeinem anderen Abgeordneten
es nicht allein bei dem Appell, diese Menschen frei- das Recht einer solchen Kritik streitig.
willig einzustellen, belassen darf. Wir werden (Abg. Frau Finselberger: Der Ton macht die
sicherlich sehr viele Anregungen aufgreifen kön- Musik, Herr Hansen! — Zuruf von der SPD:
nen, wenn auch viele davon in gar keiner Weise Er hat Sie „charmant" genannt!)
neu sind. Ich muß nochmals betonen, daß diese
Möglichkeiten schon seit Jahr und Tag bestehen Ich habe Sie sogar als eine charmante,
und schon längst hätten aufgegriffen werden (Abg. Frau Finselberger: Ich spreche über
müssen. das Problem und nicht über meine Person!)
Ich möchte dabei noch eines sagen. Man kann überzeugend ihr Problem darstellende Dame be-
nicht von Nordrhein-Westfalen ausgehen, Herr zeichnet, die, soweit es die sachliche Seite angeht,
Hansen. die Notlage zutreffend geschildert hat. Aber in
bezug auf die Lösungsmöglichkeiten — das möchte
(Sehr richtig! beim GB/BHE.) ich nochmals ausdrücklich feststellen - ist das,
In Schleswig-Holstein, in Niedersachsen und im was uns hier vorgelegt worden ist, dilettantenhaft.
Bayrischen Wald sehen die Dinge ganz anders aus. (Beifall bei der SPD. — Abg. Samwer: Der
Man kann ebensowenig den Vergleich ziehen — liebe Gott weiß alles, und der Herr Hansen
ich glaube, Herr Schneider nannte die Zahlen —, weiß alles besser! — Zuruf von der SPD:
daß in den letzten Jahren 3000 ältere Angestellte Das merkt man!)
durch diese freiwilligen Maßnahmen untergebracht
worden seien. Ich kann mich dazu nicht äußern, Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab-
Herr Schneider, weil ich ja nicht weiß, wie viele geordnete Sabel.
ältere Angestellte in Baden-Württemberg arbeits-
los sind. Ich muß doch eine gewisse Relation fest- Sabel (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen
stellen können, um zu beurteilen, ob die Unter- und Heren! Jedem, der die Diskussion aufmerksam
bringung dieser 3000 auch wirklich einen erheb- verfolgt hat, wird es deutlich geworden sein, daß
lichen Erfolg darstellt. Ich habe ja im Eingang es sich hier leider nicht um ein einfaches Problem
meiner Begründung gesagt: ich bin an Hand der handelt. Das möchte ich doch einmal zum Ausdruck
Zahlen, die mir zur Verfügung stehen, nicht davon bringen. Meine Damen und Herren von der Frak-
überzeugt, daß man auf diesem Wege überhaupt tion des BHE, Sie haben diesen Entwurf einge-
weiterkommen kann. bracht, und wir werden uns mit ihm beschäftigen
müssen. Ich möchte Ihnen aber in aller Deutlichkeit
Aber wir haben uns hier zu einer gemeinsamen sagen, daß man sich mit dieser Frage bisher wie-
Arbeit zusammenzufinden. Ich bin dankbar dafür, derholt beschäftigt hat und leider immer wieder
daß wir alle der Meinung sind, an dieser Aufgabe einsehen mußte, daß es keine leichte Aufgabe ist,
solle in den Ausschüssen weiter gearbeitet werden. hier zu helfen. Ich sage das in aller Offenheit.
Wir sind für jede Anregung dankbar. Der Aus-
gangspunkt ist doch nun einmal dieser Gesetzent- (Abg. Hansen [Köln] : Kündigungsschutz
wurf. Wir hätten es freudig begrüßt, wenn schon für ältere Angestellte!)
zu einem viel früheren Zeitpunkt, auch schon im — Ja, wir haben ein Kündigungsschutzgesetz für
1. Bundestag, aus einer dieser Fraktionen heraus ältere Angestellte, wir haben ein allgemeines Kün-
eine Initiative ergriffen worden wäre. digungsschutzgesetz geschaffen, was alles zweifel-
Vorhin habe ich beantragt, diesen Gesetzent- los doch auch mit dazu beigetragen hat, hier manche
wurf an den Ausschuß für Sozialpolitik zu verwei- Hilfe zu geben.
sen. Herr Sabel hat mich nun freundlicherweise (Abg. Samwer: Aber die Notlage ist doch da!)
belehrt, daß zunächst einmal der Ausschuß für
Arbeit dafür zuständig ist. Ich möchte insoweit — Herr Kollege Samwer ich habe jetzt schon
meinen Antrag berichtigen, Herr Präsident, und den ganzen Tag beobachtet, daß Sie ständig Zwi-
bitten, daß der Ausschuß für Arbeit als federfüh- schenrufe machen. Ich habe allerdings nicht den
render in Anspruch genommen wird, als mitbera- Eindruck, daß Sie sich schon ernsthaft
tend dann allerdings auch der Ausschuß für Sozial- (Abg. Samwer: Sehr ernsthaft!)
politik und der Ausschuß für Wirtschaftspolitik.
mit all den Schwierigkeiten beschäftigt haben, die
(Beifall beim GB/BHE.) nun einmal in der Materie liegen.
(Sehr richtig! in der Mitte. — Abg. Samwer:
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab- Warum behaupten Sie das gegen mich? —
geordnete Hansen. Zurufe von der SPD.)
Hansen (Köln) (SPD): Herr Präsident! Meine — Ich habe gesagt: ich habe den Eindruck.
Damen und Herren! Ich muß mich ja nun bemü- (Abg. Samwer: Dann haben Sie einen falschen
hen, einer Kollegin, einer Dame gegenüber höflich Eindruck!)
1458 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Sabel)
Die Kollegen Schneider und Hansen haben heute ohnehin mit Arbeit sehr stark belastet. Wenn man
morgen manches interessante Zahlenmaterial vor- noch einen anderen Ausschuß dazunimmt, wäre
getragen. Es sind eine ganze Reihe von Gesichts- es schon sinnvoller, den Ausschuß für Wirtschafts-
punkten dargelegt worden, die man bei der Dis- politik zu nehmen, um in diesem Ausschuß
kussion des Problems nicht übersehen darf. meinetwegen mitzuhelfen, die wirtschaftlichen
Möglichkeiten zu ergründen. Dagegen hätten wir
(Sehr richtig! bei der SPD.) keine grundsätzlichen Bedenken.
Wenn man das sagt, dann soll man daraus aber (Beifall bei der CDU/CSU.)
nicht die Schlußfolgerung ziehen — und daß muß
auch einmal gesagt werden —, es sei nicht der Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
gute Wille vorhanden, das Problem zu diskutieren. Herren, es liegen keine Wortmeldungen mehr
(Abg. Samwer: Sehr schön!) vor. Ich schließe die Aussprache.
Nach den Beratungen im Ältestenrat wird vor-
Jawohl, dieser Gesetzentwurf bietet uns wieder geschlagen, den Gesetzentwurf an den Ausschuß
einmal eine Grundlage dazu. Wir sollten aber nicht für Arbeit — federführend — und außerdem an
ignorieren, daß auch in der Vergangenheit der gute
den Ausschuß für Wirtschaftspolitik - mitbera-
Wille zum Helfen weithin vorhanden war. Wir tend — zu überweisen. Frau Abgeordnete Finsel-
wollen allerdings prüfen, ob man nicht noch etwas berger hat zudem beantragt, den Gesetzentwurf
Besonderes tun kann, um der Lösung des Problems
dem Ausschuß für Sozialpolitik zur Mitberatung
vielleicht doch noch ein Stück näher zu kommen. zu überweisen. Diesem Antrag ist widersprochen
Ich möchte nun dem bisher Gesagten noch einige worden.
Betrachtungen hinzufügen. Denken Sie einmal
Ich darf festhalten, daß Einmütigkeit im Hause
über die Frage nach, ob nicht die Gestaltung man-
besteht bezüglich der Überweisung an den Aus-
cher tariflichen Regelungen auch ein Anlaß dazu schuß für Arbeit als federführenden Ausschuß
war in stärkerem Maße oder zu leicht ältere An- und an den Ausschuß für Wirtschaftspolitik als
gestellte freizustellen. Vielleicht ist zu überlegen, mitberatenden Ausschuß.
ob man nicht zu einer Regelung kommen sollte,
die nicht so viel Anreiz bietet, sich von einem älte- Ich bitte dann diejenigen Damen und Herren,
ren Angestellten zu trennen. die dem Antrag der Frau Abgeordneten Finsel-
berger zustimmen wollen, den Gesetzentwurf zur
Dann etwas, was hier auch schon angesprochen Mitberatung auch dem Ausschuß für Sozialpolitik
worden ist — wer die Praxis kennt, weiß es —: zu überweisen, die Hand zu erheben. — Ich bitte
unter den älteren Angestellten, die zur Zeit dem um die Gegenprobe. — Das letztere ist die Mehr-
Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, gibt es leider heit; der Antrag ist abgelehnt.
eine große Zahl, deren Ausbildung sehr einseitig
ist, die also nur in einer bestimmten Verwaltung Ich rufe Punkt 3 der Tagesordnung auf:
oder in einem bestimmten Betrieb waren. Nun ist
meinetwegen diese Verwaltung gar nicht mehr Fortsetzung der dritten Beratung des Ent-
existent; denken Sie nur an die Wehrmachts- wurfs eines Gesetzes zu dem Abkommen
dienststellen und ähnliche Dienststellen. Es ist vom 3. Juni 1953 über den Freundschafts
tatsächlich sehr schwer, diese Menschen nun in Handels- und Konsularvertrag zwischen
eine Arbeit zu vermitteln, für die ganz andere Deutschland und den Vereinigten Staaten
Voraussetzungen verlangt werden. von Amerika vom S. Dezember 1923 mit
seinen Abänderungen (Drucksache 71);
Weiter ist, ich glaube, auch von Frau Kollegin
Finselberger, gesagt worden, daß eine Reihe von Mündlicher Bericht des Ausschusses für aus-
Leuten zwar vermittelt worden seien, aber nicht in wärtige Angelegenheiten (4. Ausschuß).
ihren Beruf, sondern zum Teil fremdberuflich, zum (Drucksache 218; Anträge Umdrucke 71,
Teil in manuelle Arbeit. Ich gebe zu, daß das für 112*)).
die Betroffenen in vielen Fällen nicht recht befrie- (Erste Beratung: 7. Sitzung; zweite und
digend ist. Wir sollten aber einmal mit dem Vor- dritte Beratung: 30. Sitzung.)
urteil aufräumen, daß die Betätigung in manueller
Arbeit einer Deklassierung gleichzusetzen sei. Wir fahren in der Aussprache fort. Das Wort
hat der Herr Staatssekretär des Auswärtigen
(Beifall in der Mitte. — Abg. Frau Finsel Amts.
berger: Herr Sabel, das wollte ich damit
auch gar nicht gesagt haben! Das hat da Dr. Hallstein Staatssekretär des Auswärtigen
mit doch nichts zu tun!) Amts: Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
— Gut, Frau Kollegin Finselberger, das gebe ich Erlauben Sie mir zunächst, die Entschuldigung des
zu. Man hat nur manchmal den Eindruck, -als ob Hohen Hauses dafür zu erbitten, daß ich bei der
jede manuelle Tätigkeit als eine gesellschaftliche letzten Debatte über diesen Punkt der Tagesord-
Deklassierung angesehen wird. Ich glaube, davon nung nicht zugegen sein konnte. Ich war am Freitag
sollten wir uns freihalten. erst am Mittag aus Straßburg zurückgekommen
und war dann festgehalten durch eine Veranstal-
Nun hat Frau Kollegin Finselberger gemeint, tung zu Ehren unseres Gastes, des spanischen
man solle den Gesetzentwurf außer an den Aus- Landwirtschaftsministers, und durch Besprechun-
schuß für Arbeit auch noch an den Ausschuß für gen mit dem französischen und dem amerika-
Sozialpolitik überweisen. Ich möchte davon ab- nischen Hohen Kommissar.
raten. Es besteht ja die Möglichkeit, im Bedarfs-
falle Mitglieder der Ausschüsse auszutauschen. Zur Sache möchte ich mich heute mit den Be-
Der Ausschuß für Arbeit hat diese Fragen immer merkungen auseinandersetzen, die der Herr Ab-
behandelt. Würden wir den Ausschuß für Sozial- geordnete D r. Lütkens zu dem Zustimmungs-
politik auch noch damit beschäftigen, so würden gesetz oder, genauer gesagt, zu der Erklärung ge-
wir praktisch zweigleisig fahren. Ich halte das macht hat, die der Herr Bundeskanzler in Bonn
nicht für gut. Im übrigen sind die Ausschüsse *) Siehe Anlagen 1 und 2.
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1459
(Staatssekretär Dr. Hallstein)
mündlich abgegeben hat und von der diesem kung nicht unterdrücken, daß es nicht folgerichtig
Hohen Hause in einer Anlage zu dem Text des ist, wenn der Herr Abgeordnete einerseits den
Gesetzes und des ihm beigefügten Abkommens Standpunkt vertreten hat, daß der Vertrag weiter
Mitteilung gemacht worden ist. Ich darf dazu gelte, andererseits aber sein Einverständnis damit
namens der Bundesregierung das folgende er- erklärt hat, daß das Abkommen über die Wieder-
klären. inkraftsetzung ratifiziert werde. Ich bitte, nicht
Die mündliche Erklärung des Herrn Bundes- mißverstanden zu werden: ich begrüße die Schluß-
folgerung, aber ich halte die Weise, auf die man
kanzlers vom 3. Juni vorigen Jahres lautet, daß zu dieser Schlußfolgerung gekommen ist, für
die Bundesregierung nicht unter Berufung auf widerspruchsvoll. Vielmehr ist es rechtlich leider
Art. I Abs. 4 des deutsch-amerikanischen Ver- so, daß zahlreiche Urteile amerikanischer Gerichte
trages von 1923 die Rückgabe der zwischen dem
vorliegen, die ergeben, daß die Feindgesetzgebung,
11. Dezember 1941 und entweder dem Inkraft-
treten des Interimsabkommens oder dem Inkraft- die die Vereinigten Staaten während des Krieges
erlassen haben, rechtsgültig ist.
treten des Bonner Vertrages von der amerika-
nischen Regierung enteigneten deutschen Ver- Demnach galt also Art. I Abs. 4 des Vertrages
mögens fordern wird. von 1923 nicht während der Kriegszeit. Er gilt
Ich habe zu der Bedeutung dieser Erklärung erst wieder, wenn die ausdrückliche Vereinbarung
bereits einiges Aufklärende in einer Sitzung des seiner Wiederinkraftsetzung ihrerseits in Kraft
Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten auf tritt. Demgemäß gibt die Erklärung des Herrn
entsprechende Fragen des Herrn Abgeordneten Bundeskanzlers vom 3. Juni vorigen Jahres nur
Dr. Lütkens gesagt. Ich darf das dort Gesagte die jetzt bestehende Rechtslage wieder. Nichts an-
heute hier wiederholen. deres und nichts mehr enthält die Erklärung. Ins-
besondere liegt in dieser Erklärung des Herrn
Unter rechtlichen Gesichtspunkten hätte es der Bundeskanzlers nicht eine Anerkennung der
Abgabe jener Erklärung nicht bedurft, denn sie Feindmaßnahmen gegen das deutsche Vermögen
sagt rechtlich etwas aus, was selbstverständlich ist. während des Krieges. Ich glaube, ich kann es mir
Sie hat also, juristisch gesprochen, nur einen de- ersparen, in dieser Frage den Standpunkt der
klaratorischen Charakter. Daß sie dennoch abge- Bundesregierung noch einmal ausführlich darzu-
geben wurde, beruht auf einem Wunsch der ame- legen. Er ist bekannt; er ist unverändert.
rikanischen Regierung, die aus Gründen ihres
eigenen Verhältnisses zum Kongreß im Besitz Ebensowenig hat die Bundesregierung durch
einer Erklärung sein wollte, daß es auch die Auf- diese Erklärung auf irgendwelche privaten deut-
fassung der Bundesregierung ist, daß die Wieder- schen Vermögensansprüche verzichtet. Das ist aus-
inkraftsetzung des Art. I Abs. 4 des alten Ver- drücklich während der Verhandlungen, die zu
trages keine rückwirkende Bedeutung hat. dieser mündlichen Erklärung des Herrn Bundes-
kanzlers geführt haben — Verhandlungen
Die Rechtslage ist folgende: zwischen unseren deutschen Vertretern und den
Mit dem Ausbruch des Krieges zwischen dem Vertretern der amerikanischen Regierung —, in
Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten von Washington zum Ausdruck gebracht worden. Eben
Amerika am 11. Dezember 1941 ist der deutsch- deshalb fehlt auch jeglicher Zusammenhang mit
amerikanische Vertrag von 1923, um dessen Art. 14 Abs. 3 des Grundgesetzes, der in der letz-
Wiederinkraftsetzung es sich hier handelt, in ten Sitzung angerufen worden ist. Vielmehr kann
seiner Wirksamkeit suspendiert worden, soweit ungeachtet der Erklärung des Herrn Bundes-
nicht einzelne Bestimmungen trotz des Krieges kanzlers sich die Bundesregierung nach wie vor
weiter gelten. Von dieser Weitergeltung aber ist auf die allgemeinen Vorschriften des Völkerrechts
Art. I Abs. 4 des Vertrages von 1923 nicht um- über die Beschlagnahme und Enteignung von
faßt. feindlichen Vermögen im Kriege berufen, und sie
Etwas Gegenteiliges kann auch nicht dem von tut es auch. Auch dies ist während der Verhand-
dem Herrn Abgeordneten Dr. Lütkens am ver- lungen in Washington im April 1953 ausdrücklich
gangenen Freitag hier vor diesem Hohen Hause gesagt worden. Dort ist ausdrücklich auf die
zitierten Urteil des Supreme Court entnommen völkerrechtliche Unverletzlichkeit deutschen
werden. Ich habe dieses Urteil daraufhin noch Eigentums auch im Kriege hingewiesen worden.
einmal nachgelesen. Der Supreme Court hat in Aus alledem ergibt sich, daß die Erklärung des
dem Urteil vom 9. Juni 1947 in Sachen Clark Herrn Bundeskanzlers nicht gemäß Art. 59 Abs. 2
versus Allen lediglich die Weitergeltung des Satz 1 des Grundgesetzes zustimmungsbedürftig
Art. IV des Vertrages von 1923 während des ist. Eine solche Zustimmung ist auch von diesem
Kriegszustandes bejaht, eines Artikels, aus dem Hohen Hause nicht erbeten worden. Ich glaube,
sich ergibt, daß Deutsche in den Vereinigten Staa- es kann nach dem Wortlaut des Ihnen vorliegen-
ten erben können. Damit ist aber nichts gesagt
- den Zustimmungsgesetzentwurfs kein Zweifel
über das weitere Schicksal einer solchen Erbschaft. darüber sein, daß die Erklärung des Herrn Bun-
Die Ansicht, die der Herr Abgeordnete hier ver- deskanzlers von dem Zustimmungsbeschluß des
treten hat, der Supreme Court habe in der ge- Bundestages nicht mit gedeckt wird, und — Herr
nannten Entscheidung den deutsch-amerikanischen Präsident, ich bitte, mir zu erlauben, das mit
Vertrag von 1923 trotz des Krieges als weiter in einem Satz gleich zu sagen — aus diesem Grunde
Kraft befindlich erklärt, ist daher eine nicht zu- bittet die Bundesregierung auch, dem neu gestell-
treffende Verallgemeinerung des Inhalts dieses ten Entschließungsantrag der Fraktion der Sozial-
Urteils. demokratischen Partei Umdruck 112 nicht zuzu-
In der Tat würde es auch, wenn der Vertrag stimmen.
nicht suspendiert worden wäre, der ganzen Ver- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
abredung, daß er wieder in Kraft gesetzt werden Abgeordnete Dr. Arndt.
sollte, nicht bedurft haben. Wir wären gar nicht
in die Lage gekommen, einen solchen Interims- Dr. Arndt (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
vertrag abzuschließen. Ich kann auch die Berner- und Herren! Die sozialdemokratische Fraktion ver-
1460 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr. Arndt)
mag sich den Rechtsausführungen des Herrn unserer Auffassung unter Verletzung der allgemei-
Staatssekretärs, die soeben vorgetragen worden nen Vorschriften des Völkerrechts, leider eine
sind, in keiner Weise anzuschließen. Gerade der amerikanische Gesetzgebung das deutsche Privat-
Schluß der Ausführungen von Herrn Staatssekretär eigentum in den Vereinigten Staaten angetastet
Hallstein zeigt doch in seiner eigenen Argumen- hatte. Diese Vorgeschichte führte dazu, daß man
tation das, was der Jurist ein venire contra factum erklärtermaßen durch den Vertrag vom Jahre 1923
proprium nennt, der beiderseitigen Überzeugung Ausdruck geben
(Beifall bei der SPD) wollte und sich auch dahin geeinigt hat: Wir wol-
len jetzt einen Freundschaftsvertrag machen, der
d. h. einen Widerspruch in sich selbst. Denn wenn Bestand haben soll, und zwar gerade auch für den
es wahr wäre, Herr Staatssekretär, daß die Er- Fall solcher kriegerischen Verwicklungen, wie sie
klärung des Herrn Bundeskanzlers nur eine dekla- 1914/18 bestanden haben. Aus dieser Vorgeschichte
ratorische Bedeutung hätte, und wenn es wahr heraus ist schon zu ersehen, daß hier ein bestän-
wäre, daß eine Berufung auf den alten Vertrag diges Vertragswerk beabsichtigt war.
nicht mehr in Betracht käme, so wäre gar nicht Diese Frage kam dann im Jahre 1947 zur Ent-
einzusehen, welchen Schaden eigentlich die von scheidung des Supreme Court, und zwar auf Grund
uns vorgeschlagene Entschließung anrichten könnte. einer gewissen Ironie der Rechtsgeschichte. Der An-
(Sehr richtig! bei der SPD.) laß war nämlich der, daß in Kalifornien eine Erb-
schaft an einen deutschen Erbberechtigten nur un-
Sie müssen also ein Interesse daran haben, daß ter der Voraussetzung fallen konnte, daß dem kali-
diese Entschließung nicht gefaßt wird; sonst wür- fornischen lokalen Recht nach der bekannten
den Sie nicht namens der Regierung bitten, ihr Supreme-Law-of-the-Land-Klausel in der Unions-
nicht zuzustimmen. verfassung der deutsch-amerikanische Freund-
Aber auch sonst ist das, was Sie dargetan haben, schaftsvertrag vom Jahre 1923 vorging. Nur also,
in keiner Weise zutreffend. Zunächst einmal darf wenn jener Vertrag noch bestand, fiel die Erb-
ich Sie an den Wortlaut dessen erinnern, was der schaft an einen Deutschen, und nur dann konnte
Herr Bundeskanzler am 3. Juni 1953 anläßlich der der von der amerikanischen Regierung durch die
Unterzeichnung des Abkommens erklärt hat. Es Gesetzgebung — Verbot eines Handels mit dem
lautet wörtlich: Feind — eingesetzte Treuhänder an diese Erbschaft
Die Regierung der Bundesrepublik Deutsch- heran.
land wird sich nicht auf die Bestimmung des Es war also eine völlig umgekehrte Interessen-
Art. I Abs. 4 des Freundschafts-, Handels- und lage. Man hatte damals in Amerika ein Interesse
Konsularvertrages zwischen Deutschland und daran, zu behaupten, daß der Freundschaftsvertrag
den Vereinigten Staaten von Amerika vom vom Jahre 1923 noch bestehe, und in dieser Situa-
8.Dezmbr1923ufn. tion fragte man beim amerikanischen Außen-
(Hört! Hört! bei der SPD.) ministerium an, wie sich das State Department zur
Also ist doch vorausgesetzt, daß dieser Vertrag Fortgeltung des Vertrages stelle. Der amtierende
noch gültig war, auch gültig geblieben war; denn stellvertretende Außenminister, Mr. Joseph C. Grew,
ich kann sinnvollerweise die Erklärung, daß ich gab die amtliche Auskunft, daß das State Depart-
mich auf etwas nicht berufen werde, nur dann ab- ment ungeachtet des Krieges den Vertrag noch als
geben, wenn das, worauf ich mich berufen könnte, in Geltung betrachte.
noch vorhanden ist. Die Erklärung selbst ergibt, (Hört! Hört! bei der SPD.)
daß auch der Herr Bundeskanzler vom Fortgelten
des Vertrages während der ganzen Zeit, insbeson- Diese Auskunft liegt dann auch dem Urteil des
dere während des Krieges, ausgegangen sein muß. Supreme Court vom 9. Juli 1947 zugrunde, das zu
Andernfalls nämlich hätte man die Erklärung so dem Leitsatz geführt hat: Der Ausbruch eines
formuliert — und Sie formulieren ja Erklärungen Krieges führt nicht notwendig zur Suspendierung
meistens ganz genau —, daß gesagt worden wäre, oder Aufhebung von Vertragsvorschriften. In der
man sei sich darüber einig, daß der Vertrag wäh- Begründung wird dann — ich kann es ungefähr
rend des Krieges nicht gegolten hätte und erst jetzt wörtlich auf deutsch zitieren — gesagt: Wir — der
wieder in Kraft treten sollte. Das steht gerade nicht Supreme Court — sind nicht der Meinung, daß die
drin. Also die Erklärung selbst ergibt, daß es sich in der ergänzten Trading-with-the-Enemy-Act aus-
um einen Verzicht handelt, und zwar um einen gedrückte nationale Politik mit dem durch Art. IV
Verzicht aus einem noch bestehenden Vertrage. des Vertrages deutschen Ausländern garantierten
Erbrechte unvereinbar ist. Es wird vor allen Din-
Am meisten erstaunt bin ich aber über das, was gen erklärt: Aber das Gesetz — nämlich dieses Ge-
Sie dem Hohen. Hause als Inhalt des vom Supreme setz über den Handel mit dem Feind — und die
Court am 9. Juni 1947 gefällten Urteils vorzutra- Durchführungsverordnungen zeigen nicht eine solche
gen den Mut haben. Ich habe die Originalausgabe -
Feindlichkeit gegenüber dem Eigentum der Staats-
des Urteils da und ,bin bereit, sie, wie man das so angehörigen feindlicher Staaten, als daß sie impli-
nennt, auf dem Tisch des Hauses niederzulegen. zieren würden, daß die Erwerbung von Eigentum
Das Urteil besagt zu dem Vertrage, und zwar zu durch deutsche Staatsangehörige mit der natio-
dem Vertrage im ganzen und auch zum Art. IV nalen Politik in Konflikt steht. Im Grundsatz also,
genau das Gegenteil dessen, was Sie hier auszu- nicht bloß für die Frage des Erbfalles, hat der
führen beliebt haben. höchste amerikanische Gerichtshof zwei Sätze auf-
(Lebhafte Rufe bei der SPD: Hört! Hört!) gestellt: den einen, daß der Krieg einen solchen
Es wird als Leitsatz aufgestellt: Der Ausbruch Vertrag keineswegs außer Kraft setzt, und den
eines Krieges führt nicht notwendig zur Suspen andern, daß speziell dieser Vertrag und sein ganzer
dierung oder Aufhebung von Vertragsvorschriften. Art. IV in Geltung geblieben sind.
Das ist der Kern des Urteils, und dieser Kern Sie haben sich dann darauf berufen, daß zahl-
des Urteils hat ja eine Vorgeschichte, nämlich die, reiche Urteile im übrigen die Gültigkeit der ame-
daß während des ersten Weltkrieges schon, nach rikanischen Beschlagnahme- und Liquidierungs-
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1461
(Dr. Arndt)
gesetze bejaht hätten. Das ist bekannt, schließt ja des Herrn Abgeordneten D r. Arndt machen zu
aber nicht aus, daß gleichwohl dieser Vertrag be- dürfen. Zunächst habe ich die letzte Bemerkung,
stand und daß jene Maßnahmen unter Verletzung daß ich mich in meiner Argumentation in irgend-
des Vertrages erfolgten. Sie haben aber kein Ur- einer Weise auf die Gespaltenheit Deutschlands
teil nennen können, welches dahin geht, daß dieser bezogen hätte, nicht verstanden. Ich bin mir nicht
Vertrag während des Krieges nicht mehr in Gel- bewußt, das an irgendeiner Stelle meiner Dar-
tung gewesen sei. Es stimmt also nicht, daß mit legung getan zu haben.
Ausbruch des Krieges der Freundschaftsvertrag
suspendiert worden wäre, wie Sie behauptet haben. Dr. Arndt (SPD): Das bedarf noch der Bestäti-
Unter diesen Umständen kommt der Erklärung, gung nur deshalb, weil diese Komplikation in
die der Herr Bundeskanzler abgegeben hat, keine Deutschland existiert! Sonst würde man doch zu
nur deklatorische Bedeutung zu. Es ist eine völlig solchen Akten gar nicht greifen müssen.
unwirksame Erklärung, weil die Regierung durch Dr. Hallstein, Staatssekretär des Auswärtigen
einen einseitigen Akt und ohne Zustimmung des Amts: Nein, das ist ganz sicher unschlüssig, Herr
Parlaments sowie ohne Bevollmächtigung durch Abgeordneter. Wenn dieses Abkommen noch gilt,
den Herrn Bundespräsidenten zum Erlaß von sol- so ist es ganz sicher, daß es noch im Verhältnis
chen Kabinettsordern oder allerhöchsten Entschlie zur Bundesrepublik gilt, ohne daß es aus dem
ßungen nicht befugt ist. Dies bürgert sich zwar heute Grunde, daß die Bundesrepublik nicht ganz
immer mehr ein, steht aber mit dem Grundgesetz Deutschland umfaßt, einer Bestätigung bedürfte.
nicht im Einklang. Denn nach dem Grundgesetz Aber ich entnehme aus Ihrer Bemerkung ein
vertritt allein der Herr Bundespräsident die Bun- methodisches Zugeständnis, das ich gerne aufgreife,
desrepublik Deutschland dem Auslande gegenüber, weil es dafür spricht, daß der Herr Bundeskanzler
und er bedarf, um solche Angelegenheiten zu diese Erklärung abgegeben hat. Es kann Situa-
regeln, die Sache der Gesetzgebung sind, wie es tionen geben — das will ich Ihnen gar nicht be-
hier die Frage des Eigentums ist, einer in Ge- streiten —, wo es sich empfiehlt, etwas zu bestä-
setzesform zu erteilenden Ermächtigung durch die tigen, was auch ohne die Bestätigung wirksam sein
gesetzgebenden Körperschaften. Infolgedessen würde. Eben das hat der Herr Bundeskanzler ge-
ist die von dem Herrn Bundeskanzler am 3. Juni tan. Es war der Sinn meiner Bemühungen von
1953 mündlich abgegebene Erklärung ohne Rechts- vorhin, das Hohe Haus zu überzeugen, daß es sich
bedeutung. darum und um nicht mehr handelt.
Zuletzt haben Sie dann noch die Frage aufge- Drittens möchte ich mit Entschiedenheit dem
worfen, warum wir denn hier durch diese Maß- widersprechen, was Sie über den Inhalt des Urteils
nahmen den Freundschaftsvertrag wieder in Gel- des amerikanischen Obersten Gerichts ausgeführt
tung setzen wollten, wenn er ungeachtet des Krie- haben. Ich bedaure, sagen zu müssen: Niemand
ges noch gültig gewesen wäre. Sie wissen ganz würde glücklicher sein als die Bundesregierung,
genau, Herr Staatssekretär, daß das lediglich eine wenn das richtig wäre, was Sie sagen, wenn also
rhetorische Frage ist — um mich höflich auszu- in der Tat der deutsch-amerikanische Freund-
drücken —; denn wir haben z. B. auch die deut- schafts- und Handelsvertrag von 1923 in seinem
schen Auslandsschulden bestätigt, gerade weil wir vollem Umfang — darauf kommt es an — in Gel-
von der Auffassung ausgingen und ausgehen, daß tung geblieben wäre und wenn wir nicht genötigt
das Deutsche Reich mit sich identisch heute in gewesen wären, Verhandlungen wegen eines In-
Gestalt der Bundesrepublik Deutschland fort- terimsvertrags zu führen, durch den er wieder in
existiert und es durchaus Veranlassung geben Kraft gesetzt wird. Aber — es tut mir leid, das
kann, eine solche Rechtsauffassung durch Bestäti- sagen zu müssen —: In allen wesentlichen Punkten
gungen bereits existierender Rechte und Pflichten haben Sie das Urteil des amerikanischen Obersten
geltender Verträge zum Ausdruck zu bringen. Gerichts unrichtig ausgelegt. Es ist richtig, daß
Auch hier besagt das Abkommen, dem wir gern dort ein Grundsatz steht, daß Verträge in Kraft
zustimmen, ja lediglich, daß dieser Freundschafts- bleiben. Das ist ein alter Grundsatz des englischen
vertrag aus dem Jahre 1923 bestätigt wird und Common Law, der vom amerikanischen Recht über-
wir als der deutsche Staat uns aus diesem Ver- nommen worden ist. Aber die Tatsache selbst, daß
trage berechtigt und verpflichtet fühlen. sich die amerikanische Regierung mit der deut-
Ich glaube, es ist nicht sehr schön, wie Sie es schen in Verbindung gesetzt hat, um einen Inte-
getan haben, letzten Endes aus der Kompliziert- rimsvertrag wegen der Wiederinkraftsetzung des
heit des von vier Besatzungsmächten gespaltenen alten Freundschaftsvertrags abzuschließen, be-
Deutschlands zu argumentieren. Für uns ist weist — ich drücke mich jetzt sehr vorsichtig aus
Deutschland derselbe Staat, der es im Jahre 1923 —, daß dieser Grundsatz mindestens nicht für die
war, und nach der eigenen Rechtsprechung der Aufrechterhaltung dieser alten Verträge in ihrem
Amerikaner, ihres Supreme Court in Washington,- vollen Umfang in Anspruch genommen werden
ist der Vertrag jederzeit gültig geblieben. Der Herr kann. Und das ist der springende Punkt!
Bundeskanzler ist nicht berechtigt, durch eine ein- Die Zitate, die Sie, Herr Abgeordneter, selber
seitige, vom Parlament nicht gebilligte und nicht angeführt haben, bestätigen das, was ich vorge-
ratifizierte Erklärung auf das Auslandsvermögen tragen habe, daß sich nämlich der dezisive, der
zu verzichten und damit vor allen Dingen auch entscheidende, der verfügende Teil des Urteils aus-
unter Verletzung des Art. 14 des Grundgesetzes schließlich auf die Anerkennung der Möglichkeit
in private Rechte einzugreifen. beschränkt, daß trotz der Feindgesetzgebung
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) Deutsche in den Vereinigten Staaten haben erben
können und noch erben können.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Aber schließlich, selbst wenn alles richtig wäre,
Herr Staatssekretär des Auswärtigen Amts. was Sie sagen, was würde denn daraus gegen die
Dr. Hallstein, Staatssekretär des Auswärtigen Erklärung des Herrn Bundeskanzlers folgen? Aus
Amts: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ihren eigenen Ausführungen, Herr Abgeordneter,
Ich bitte, drei Bemerkungen zu dieser Erwiderung ergibt sich, daß die Erklärung des Herrn Bundes-
1462 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Staatssekretär Dr. Hallstein)
kanzlers nicht die Bedeutung haben kann, die mich in der letzten Sitzung — und mein Freund
Rechtslage zuungunsten der privaten Vermögens- Arndt hat das eben eingehend getan — auf den
rechte deutscher Bürger zu verändern. Prozeß Clark versus Allen bezogen. Ich kann dem
In diesem Punkt stimmen wir völlig überein. Herrn Staatssekretär — jedenfalls soweit ich von
Das heißt: es bleibt deutschen Privatpersonen, die der Sache etwas verstehe — in keiner Weise zu-
durch die Feindgesetzgebung der Vereinigten Staa- stimmen. Das Urteil des Obersten Gerichts ist nach
ten betroffen sind, unbenommen, dagegen anzuge- meiner Ansicht völlig klar; es stellt völlig klar
hen. Es bleibt ihnen unbenommen, sich dabei auf fest, daß der Vertrag in Gültigkeit geblieben ist.
die allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätze und Es ist nur vorgesehen, daß während der Zeit eines
die Grundsätze innerstaatlichen Rechts, amerikani- Kriegsnotstands eine Regierung Modifikationen in
schen Rechts, die Sie soeben als die nach Ihrer Auf- der praktischen Ausübung der Rechte vornehmen
fassung richtigen vorgetragen haben, zu berufen. kann. Das Urteil bezieht sich in diesem Zusammen-
Es bleibt ihnen sogar unbenommen, sich auf den hang auf den Trading-with-the-enemy-Act. Das ist
Art. I Abs. 4 des alten Vertrages zu berufen. In- aber der Act, der gerade nicht die Enteignung,
folgedessen verstehe ich nicht recht, wie sich aus sondern nur die Beschlagnahme des Eigentums vor-
den Argumenten, die Sie selber vorgetragen haben, sah bis zu der Zeit, wo der Kriegszustand, d. h.
irgend etwas dagegen ergeben soll, daß der Herr der Notstand, der der Regierung der Vereinigten
Bundeskanzler diese Erklärung abgegeben hat. Staaten erlaubte, gewisse Modifikationen vorzu-
nehmen, beendet sei.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ich habe gar keinen Zweifel, daß die dritte Ge-
Abgeordnete Dr. Lütkens. walt in dem verfassungsmäßigen Aufbau der Ver-
einigten Staaten, das Oberste Gericht, mit diesem
Dr. Lütkens (SPD): Herr Präsident! Meine Damen Urteil, das, wenn ich nicht irre, im Juli 1947 ge-
und Herren! Ich werde es mir versagen, auf die fällt worden ist, erklärt hat, daß der Vertrag in
rhetorische Frage des Herrn Staatssekretärs des dem Sinne und mit der Modifikation, die ich eben
Auswärtigen Amts einzugehen; ausgesprochen habe, dauernd in Gültigkeit geblie-
(Zurufe von der Mitte) ben ist. Das ist die Position, die mit der alten Ver-
denn er muß doch genau so gut wissen wie ich, fassung der Vereinigten Staaten, mit allen großen
daß die Gründe für eine formelle Wiederinkraft- Rechtsautoritäten und Richtern und auch mit der
setzung des Vertrages von 1923 in besonderen Um- Völkerrechtsentwicklung in Übereinstimmung ist.
ständen liegen, die mit der Gültigkeit, der Weiter- Diese Institution des Obersten Gerichts ist in dem
gültigkeit oder der etwaigen Nichtgültigkeit des Verfassungsaufbau der Vereinigten Staaten der
Vertrages während der Kriegszeit nicht das Ge- Verteidiger der individuellen Rechte. In dieser
ringste zu tun haben. Wünscht denn die Regie- Eigenschaft hat der Supreme Court dieses Urteil
rung hier vor diesem Hohen Hause eine Debatte gefällt.
über die Verfahrensweise der amerikanischen Re- Meine Damen und Herren, ich darf mich auf eine
gierung auf dem Gebiet der unrechtmäßigen, nach Autorität der amerikanischen konstitutionellen
Völkerrecht, nach amerikanischer Verfassung, nach Entwicklung, den Professor Dr. Burgess, beziehen
dem Vertrag von 1923 mit dem Deutschen Reich und Ihnen vorlesen, was er über die Stellung des
ungültigen Enteignung, ohne Prozeß, ohne ord- Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten im
nungsmäßiges Rechtsverfahren und ohne Entschä- Verfassungsaufbau jenes Landes sagt:
digung? Auf der entscheidenden Stellung der richter-
Ich habe in der vorigen Sitzung dieses Hohen lichen Gewalt mehr als auf irgendeinem ande-
Hauses über das Problem, das uns vorliegt, im ren Umstand ruht der dauernde Bestand
Zusammenhang mit der mündlichen Erklärung des der republikanisch-demokratischen Verfassung.
Herrn Bundeskanzlers vom 3. Juni 1953 ausführ- Deren gewählte Regierung ist notwendiger-
lich gesprochen. Ich glaube, ich kann darauf ver- weise Mehrheitsregierung. Wenn der Bereich
zichten, die einzelnen Gesichtspunkte, die ich da- der persönlichen Freiheit nicht durch eine un-
mals dargelegt habe, hier noch anzuführen. Es be- abhängige unpolitische Instanz geschützt wird,
stand im Ausschuß unter den Vertretern aller Par- entartet eine solche Regierung schließlich im
teien und auch von seiten der Regierung Einver- Cäsarismus.
ständnis — es wurde heute durch die Erklärung Das ist es, was in diesem Fall, wie ich Ihnen
des Herrn Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, in der vorigen Sitzung auszuführen versucht habe,
in der er von einer Anlage sprach, die diese Er- geschehen ist. Ein bolschewistischer Spionagering
klärung vom 3. Juni darstelle, erneut bestätigt —, von drei Personen — so sagt es der Dirksen-Unter-
daß diese Erklärung dem Hohen Hause nicht zur suchungsausschuß in seinem offiziellen Bericht —
Ratifizierung vorliegt und deshalb außerhalb des hat diesen War Claims Act in dieser Weise durch-
gesetzgeberischen Prozesses bleibt, den wir heute gesetzt und damit gegen die Verfassung der Ver-
in der dritten Lesung haben. Der Herr Bundes- einigten Staaten, gegen das Völkerrecht und gegen
kanzler hat durch die Erklärung darauf verzichtet den noch in Kraft befindlichen Vertrag von 1923
— wenn es auch wahr sein mag, daß etwaige Rechte verstoßen.
deutscher Staatsangehöriger freibleiben —, daß
die Bundesregierung Rechte aus einem noch in (Sehr richtig! rechts.)
Rechtskraft befindlichen Vertrage, den sie vom Meine Damen und Herren, nicht nur die richter-
Deutschen Reich in der Beziehung zu der Regie- liche, sondern auch die politische Säule in dem
rung der Vereinigten Staaten als rechtsgültig Staatsaufbau der Vereinigten Staaten hat sich klar
übernommen hat, in Zukunft würde geltend ma- entschieden. Mein Freund Arndt hat gerade darauf
chen können. Das ist die materielle Wirkung der hingewiesen, daß dem Gericht ein Schreiben des
Erklärung des Herrn Bundeskanzlers, und das ist damaligen kommissarischen Außenministers der
eine Erklärung, die in jedem Falle der Zustim- Vereinigten Staaten, nämlich des Herrn Joseph C.
mung der gesetzgeberischen Körperschaften be- Grew, vorlag, der in einem Brief vom 21. 3. 1945
dürfen würde, die aber nicht erbeten ist. Ich habe — und auf ihn nimmt das Hohe Gericht Bezug —
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1463
(Dr. Lütkens)
der Ansicht des State Department, also der Ansicht Das Gericht bestätigt daher noch einmal die
der amerikanischen Regierung, Ausdruck gab, daß generelle Regel, zu der es sich bereits im
der Vertrag von 1923 weiter in Kraft sei. Um eine Falle Karnutz contra United States bekannt
solche Erklärung der Exekutive der Vereinigten hat, daß Vertragsbestimmungen, die Bürgern
Staaten kann die Bundesregierung oder der Herr oder Schutzbefohlenen einer der vertrag-
Staatssekretär des Auswärtigen Amts doch nicht schließenden Mächte das Recht geben, im
einfach herumkommen. Gebiet der anderen Vertragsmacht Grund-
Die Sache ist also nicht nur auf dem Felde der stückseigentum zu besitzen
Jurisprudenz ausgetragen worden, sondern es — es heißt im englichen Text „to hold" —
liegt eine ausdrückliche Erklärung der Exekutive, und zu übertragen, den Ausbruch des Krieges
der amerikanischen Regierung selbst, vor. Ich ver- überleben.
mag in keiner Weise einzusehen, wie sich die Bun- Das ist der Kernsatz, der sich nicht auf die Fähig-
desregierung auf den Standpunkt sollte stellen keit zu erben beschränkt, sondern auf die Fähig-
können, daß derartige offizielle Erklärungen nicht keit, Eigentum zu halten, und zwar auf Grund
bestünden. des Freundschaftsvertrages vom Jahre 1923.
Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, der von (Beifall bei der SPD.)
meiner Fraktion vorgelegten Entschließung zuzu-
stimmen. In ihrem ersten Teil sagt sie nichts ande- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab-
res, als was allgemeine Erkenntnis in diesem Hohen geordnete Wehr.
Hause ist. In der vorigen Sitzung hat mir der
Herr Berichterstatter ausdrücklich bestätigt, es be- Wehr (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
stehe Einverständnis darüber, daß diese Erklärung Herren! Ich habe zu unserem Entschließungs-
nicht zur Ratifikation vorliegt, deren sie doch be- antrag Umdruck 71 *), den wir Ihnen zu diesem
dürfte, wenn sie materiell wirksam sein sollte. Abkommen vorgelegt haben, eine kurze Begrün-
Ich bitte Sie, auch dem letzten Halbsatz dieser dung zu geben. Nach Art. V des Abkommens ist
vorgesehen, daß Verhandlungen über einen neuen,
Entschließung Ihre Zustimmung zu geben, denn er
zeitgemäßeren Vertrag geführt werden sollen,
zieht nur die selbstverständliche Konsequenz. Wir einen Vertrag, der auch wieder als Freundschafts
haben über die Frage des deutschen privaten Eigen- Handels- und Konsularvertrag laufen soll. Mir
tums und seiner Enteignung schon mehr als ein- liegt daran, ein paar spezielle Gebiete anzuschnei-
mal hier gesprochen. Sie, meine Damen und Herren den, die bei dieser Neuaushandlung unbedingt
von den Regierungsparteien, haben dabei — und berücksichtigt werden müssen.
ich glaube Ihnen das — immer darauf hingewie-
sen, wie sehr Ihnen das Schicksal dieses deutschen Wenn dieser Vertrag tatsächlich ein Freund-
Eigentums am Herzen liege. Sie werden durch die schaftsvertrag sein und wenn diese Freundschaft
Zustimmung zu unserer Entschließung zeigen kön- so verankert werden soll, daß sie die Völker wirk-
nen, wie sehr es uns allen ernst damit ist, daß das lich berührt, dann darf diese Freundschaft nicht
Recht heil bleibe, und das wider das Recht ent- nur den Handelsvertretern, den reisenden Kauf-
eignete, private Eigentum gegenüber dem Ausland leuten oder den zu tätigenden Geschäften zugute
verteidigt und auf seine Rückgabe hingewirkt kommen, sondern dann sollte man diejenigen
werde. nicht aus dem Auge lassen, die das Bindeglied
dieser Freundschaft sind. Ich denke dabei an die
Bleiben Sie nicht bei Worten stehen, sondern Arbeitnehmer, die als Besatzungen auf unseren
stimmen Sie unserer Entschließung zu! Sie werden Schiffen die völkerverbindenden Meere befahren
dann Schritte ermöglichen, die den Bemühungen und die nun durch die Entwicklung der gerade
großer Kreise in den Vereinigten Staaten und ge- ihren Beruf berührenden Beziehungen erheblich
rade auch des Senats, diesen Dingen ein Ende zu betroffen worden sind. Seit dem 1. Januar dieses
setzen, zu Hilfe kommen und den geschädigten Jahres ist das McCarran-Gesetz in Kraft, das die
Deutschen zu ihrem Recht verhelfen. Einwanderung und das Betreten amerikanischen
(Beifall bei der SPD.) Bodens für Ausländer regelt. Nach diesem Gesetz
müssen die Seeleute, die bisher auf Grund ihres
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab- Seefahrtbuchs jederzeit von Schiff an Land
geordnete Dr. Arndt. gehen konnten, ein Visum vorlegen, das ihnen
bei den Konsulaten in Bremen und Hamburg aus-
Dr. Arndt (SPD): Herr Präsident! Meine Damen gestellt wird. Um dieses Visum zu erlangen, haben
und Herren! Es liegt mir fern, mich durch die die Seeleute einen 80 Fragen umfassenden Frage-
Ausführungen des Herrn Staatssekretärs des Aus- bogen auszufüllen. Damit die Antworten beweis-
wärtigen Amts veranlaßt zu sehen, Ihnen die kräftig sind, müssen sie durch Dokumente belegt
Entscheidung des Supreme Court in Washington werden. Die Handhabung dieses inneramerika-
in allen Einzelheiten auseinanderzusetzen. -Jeder, nischen Gesetzes hat zu erheblichen Schwierig-
der daran interessiert ist, mag sie selber einsehen. keiten geführt. Ich glaube, das ist auch dem Aus-
Er wird feststellen, daß die Auslegung des Herrn wärtigen Amt durchaus geläufig; denn der Schrift-
Staatssekretärs nicht zutrifft. Ich sehe auch über- wechsel, der in dieser Frage geführt worden ist,
haupt nicht ein, warum wir eine gerade für uns dreht sich allerdings nur um die technischen Dinge,
nachteilige Auslegung eines solchen Gerichts- nicht aber darum, wie sich dieses Gesetz auf unsere
urteils machen müssen! Seeleute überhaupt auswirkt.
(Zustimmung bei der SPD.) Mir ist bekannt, daß andere große seefahrende
Ich will nur noch einen einzigen Satz aus diesem Nationen — Engländer und Franzosen — auf
Gerichtsurteil zitieren, der zeigt, daß es sich nicht Grund der Aussagen der Vertreter des Konsulats
bloß um die Möglichkeit zu erben handelt, wie der erhebliche Einsprüche erhoben haben. Wenn der
Herr Staatssekretär immer behauptet. Der Supreme zukünftige Vertrag ausgehandelt wird, wird es
Court hat wörtlich — in deutscher Übersetzung — notwendig sein, eine Regelung zu treffen, die es
gesagt: *) Siehe Anlage 1.
1464 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Wehr)
vermeidet, daß die Seeleute durch die volle Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang aber
Schwere dieses Gesetzes getroffen werden, das ja noch auf ein Weiteres hinweisen. Freundschaft sollte
eigentlich auf einen dauernden oder längeren Auf- nicht eine leere Deklamation sein, sollte nicht bloß
enthalt in den USA zugeschnitten ist. Wir haben eine Vokabel, nicht bloß eine Präambel über einem
es bei der Wiederindienststellung eines ersten Vertrag darstellen, sie sollte nicht bloß von Regie-
großen Passagierschiffes erleben müssen, daß rungen, Dienststellen und Behörden, sondern tat-
gleich auf den ersten Anhieb 35 Mann von Bord sächlich von den Völkern getragen werden. Aus
gewiesen wurden, weil sie nicht in den Besitz des diesem Grunde sollte auch der Handhabung des Be-
Visums gelangen konnten. Der Grund hierfür war satzungsrechts ein Augenmerk gewidmet werden.
nicht etwa, daß es sich um Menschen gehandelt Selbstverständlich, das Besatzungsstatut ist noch
hätte, die eine Gefahr für USA darstellten, son- in Kraft. Wir haben die Auswirkungen in den
dern daß z. B. die Verurteilung vor einem ameri- jüngsten Tagen zu spüren bekommen, als in
kanischen Gericht in der Besatzungszone wegen Bremerhaven über 100 Grundbesitzer und 50 Fa-
des Besitzes von einem Stück Toilettenseife, einer milien mit ihren Wohnungen von einer Requi-
Dose Milch, die der Betreffende in den Hunger- sitionsanordnung betroffen worden sind, nach der
jahren aus dem Hafen an sich genommen hatte — sie ihr Eigentum verlieren müssen, damit für die
Wert 57 Cents —, jemanden zu einer moralisch Unterbringung der Familienangehörigen der Be-
verworfenen Person stempelte. Das hindert ihn, satzungstruppen Gebäude errichtet werden. Es
seinem Beruf nachzugehen, denn man kann es dürfte durchaus notwendig sein, auch von Regie-
keinem Reeder verdenken, wenn er Schwierig- rungsseite die mittleren und unteren Dienststellen
keiten mit einer Besatzung vermeiden will. Denn einmal darauf hinzuweisen, daß das Besatzungs-
auch die Trampschiffahrt, bei der nicht unbedingt recht auf keinen Fall einen Ersatz für schwierig
auf USA gefahren wird, kann den an Bord be- zu handhabende deutsche Gesetze darstellen soll,
findlichen Seemann in die Verlegenheit bringen, wie es in dem Falle Bremerhaven geschehen ist.
daß doch ein amerikanischer Hafen angelaufen Hier haben sich deutsche Dienststellen das Be-
wird, und die Schiffsführung setzt sich dadurch satzungsrecht zunutze gemacht, um der nunmehr
erheblichen Schwierigkeiten aus. befreundeten Macht klarzumachen, daß die Re-
quisition die beste Möglichkeit ist, Schwierigkeiten
Ich möchte daher bitten, dem Teil unserer Ent- aus deutschen Gesetzen zu umgehen. Ich möchte
schließung, der sich der Seeleute annimmt, in der nur diesen kleinen Hinweis geben. Zu anderer Zeit
Form Rechnung zu tragen, daß bei der Neufassung wird sich noch Gelegenheit finden, auf eine solche
des Freundschafts-, Handels- und Schiffahrts- Praxis hinzuweisen.
vertrags eine Formulierung gesucht wird, die den
Interessen beider Nationen gerecht wird. Jeden- Ich möchte Sie nun bitten, meine Damen und
falls sollte der deutsche Seemann auf einem deut- Herren, unserem Entschließungsantrag auf Um-
schen Schiff die Rechte genießen, die jeder deut- druck 71 zuzustimmen, damit der zukünftige Ver-
sche Arbeitnehmer an einer deutschen Arbeits- trag auch tatsächlich ein Vertrag werde, der die
stelle für sich in Anspruch nehmen kann: seinen Freundschaft dokumentiert.
Beruf frei auszuüben. (Beifall bei der SPD.)
Zum Zweiten hat sich unsere Entschließung der
Frage der Einfuhr amerikanischer Filme ange- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
nommen. Diese Frage hat mein Parteifreund Herr Staatssekretär des Ä ußeren.
Kalbitzer bereits in der Debatte am 2. April vor
diesem Hause behandelt. Ich kann mich daher Dr. Hallstein, Staatssekretär des Auswärtigen
kurz fassen. Selbstverständlich soll ein Freund- Amts: Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
schaftspakt die Möglichkeit geben, Kulturgüter Ich darf einige Bemerkungen zu dem Entschlie-
auszutauschen, Kulturgüter einander zukommen ßungsentwurf Umdruck 71 machen. Der Entschlie-
zu lassen, sie den Völkern kenntlich zu machen. ßungsentwurf enthält zunächst die Aufforderung
Aber es sollte auch auf Verständnis dafür gedrun- an die Bundesregierung, gemäß Art. V des Ab-
gen werden, daß eine Überschwemmung des deut- kommens einen zeitgemäßen und umfassenden
schen Marktes mit amerikanischen Produkten, wie neuen Vertrag abzuschließen. Ich darf namens der
es in der vergangenen Zeit geschehen ist, einer Bundesregierung sagen, daß wir diesen Teil des
vernünftigen Relation zur deutschen Produktion Entschließungsentwurfs für überholt halten, da
weichen sollte. bereits seit geraumer Zeit Verhandlungen über
Zum Dritten ist die Frage der Behandlung deut- den Abschluß eines solchen Vertrages, und zwar in
scher Arbeitnehmer im Lande aufgenommen wor- einem guten und freundschaftlichen Geist, schwe-
den, die in Arbeitsstätten bei US-Dienststellen ben.
tätig sind und unter der Kommandogewalt - der Erheblichere Bedenken bestehen gegen die
Besatzungsmacht stehen. Wir mußten leider Gottes Punkte a bis c des Entschließungsentwurfs. Zu-
feststellen, daß von den sozialen Rechten den nächst zum Punkt a, der eine Auslegung wünscht,
Rechten, die ihm das Arbeitsrecht gibt, diesen „die die Diskriminierung der auf deutschen Schif-
Arbeitnehmern bisher noch sehr wenig zugebilligt fen tätigen deutschen Seeleute auf Grund der
ist. Man könnte sagen, außer der Angleichung der Handhabung des ,Immigration and Nationality Act'
Bezahlung an die TOA und dem Mutterschutz- besitg".Erch,daßiesAtog-
gesetz ist das gesamte soziale, arbeitsrechtliche nannte McCarran Act, Erschwerungen bringt. Es
Gebäude hiervon berührt. Da wird es notwendig fordert eine sehr umständliche individuelle Visie
sein, daß die Grundrechte, die uns einmal gegeben rung jedes Passes und nunmehr auch jedes See-
worden sind, nun auch so im Volke Fuß fassen, fahrtsbuches, während bisher für Seeleute, die ja
daß auch derjenige davon überzeugt ist, daß ihm oft nur auf Stunden an Land gehen, der sogenannte
das Grundgesetz, daß ihm das Arbeitsrecht zur Besatzungslisten-Sichtvermerk genügte. Das neue
Seite steht, dessen Arbeitgeber amerikanische Gesetz bedeutet also in der Tat ohne Zweifel eine
Dienststellen oder amerikanisch beaufsichtigte erhebliche Erschwerung, da es längere Zeit in An-
Betriebe sind. spruch nimmt, bis die neu geforderten Visen er-
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1465
(Staatssekretär Dr. Hallstein)
teilt sind. Aber es handelt sich hier nicht um eine und Waren innerhalb der Gebiete der Vertrags-
Diskriminierung deutscher Seeleute. Vielmehr gilt teile im Hinblick auf die inneren Abgaben, Zölle
die Bestimmung für alle Ausländer. Der Grund- usw. Auch diese Regelung bezieht sich lediglich
gedanke des McCarran Act ist es, eine kommuni- auf die Rechte eines Staatsangehörigen im Lande
stische Infiltration auch auf diesem Wege zu ver- des anderen Vertragsteiles, nicht aber auf die
hindern. Deswegen ist auch keine Chance vorhan- Rechte der Staatsbürger innerhalb ihres eigenen
den, im Wege von Verhandlungen die amerikani- Hoheitsbereichs.
sche Regierung und den amerikanischen Kongreß Dazu kommt das folgende. Die Rechtsstellung der
zu bewegen, dieses Act irgendwie zu ändern. deutschen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik, die
Zu b wird eine Auslegung verlangt, „die die bei den Besatzungsmächten beschäftigt sind, wird
Regelung der Einfuhr von Filmen der US-Produk- im Zusammenhang mit dem Tarifvertrag für die
tion in die Bundesrepublik in eine angemessene Besatzungsbediensteten einheitlich geregelt wer-
Relation zur Produktion der Bundesrepublik den. Zwischen der Bundesregierung und den Ge-
bringt". Dazu ist zu sagen, daß Filmeinfuhrfragen werkschaften besteht grundsätzliche Übereinstim-
in dem Handelsvertrag von 1923 nicht geregelt mung über die weitere Behandlung der Angelegen-
sind. Vielmehr ist die Grundlage der Regelung der heit. Es ist insbesondere beabsichtigt, daß in einem
Einfuhr ausländischer Filme jetzt der Art: IV des Notenwechsel mit der Alliierten Hohen Kommis-
GATT-Abkommens, dem die Bundesrepublik be- sion die Anwendung des deutschen Arbeitsrechts
kanntlich beigetreten ist. Danach ist die Einfuhr und die Zuständigkeit der deutschen Arbeitsge-
ausländischer Filme grundsätzlich liberalisiert. richtsbarkeit im Grundsatz anerkannt werden.
Eine Begrenzung der Einfuhr darf nur in der Form Über den Entwurf einer solchen Note wird gegen-
von Spielzeitquoten erfolgen, die der Nationalpro- wärtig zwischen der deutschen und der alliierten
duktion der Mitgliedstaaten eine bevorzugte Be- Seite verhandelt. Nach Inkrafttreten der Bonner
lieferung der Theater mit inländischen Filmen Verträge wird Art. 44 des Truppenvertrages die
sichern. Praktisch liegt es so, daß ungeachtet dieser Rechtsgrundlage bilden, der vorsieht, daß deutsches
Liberalisierungsverpflichtung auf Grund freiwil- Arbeitsrecht Anwendung findet und die Bundes-
lig übernommener Bindungen Beschränkungen republik vor den Arbeitsgerichten verklagt wer-
der Filmeinfuhr bestehen. In bezug auf Frankreich, den kann.
Italien und Großbritannien geschieht das in der Ich glaube, daß unter diesen Umständen weder
Form von Kontingenten, die weitergelten, und eine Notwendigkeit noch eine Möglichkeit besteht,
zwar in den drei genannten Ländern in Höhe von das Abkommen vom 3. Juni 1953 in dem in dem
je 30 Filmen. Dieselbe Grundlage ist für Oster- Entschließungsentwurf vorgesehenen Sinne zu er-
reich gewählt worden mit einer Begrenzung auf weitern. Ich darf daher namens der Bundesregie-
20 Filme. Was die Vereinigten Staaten anlangt, rung darum bitten, diesem Entschließungsentwurf
so ist die Begrenzung auf eine andere Weise er- nicht zuzustimmen.
reicht, nämlich in Gestalt einer Selbstbeschrän-
kung der amerikanischen Filmindustrie, der Ver Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
leihfirmen nämlich, die in der Motion Picture Asso- Herren, Wortmeldungen liegen nicht mehr vor.
ciation of America zusammengeschlossen sind. Das Ich schließe die Aussprache der dritten Beratung.
sind die zehn größten amerikanischen Verleihfir- Ich rufe zur Abstimmung auf Art. I, — Art. II,
men. Sie haben sich verpflichtet, im Verleihjahr — Art. III, — Art. IV, — Einleitung und Über-
nicht mehr als 200 Filme nach der Bundesrepublik schrift und bitte diejenigen, die den aufgerufenen
einzuführen. Die tatsächliche Entwicklung ist die, Bestimmungen zuzustimmen wünschen, die Hand
daß im Verleihjahr 1952/53 184 Filme eingeführt zu erheben. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
worden sind, im jetzt laufenden Verleihjahr bisher Enthaltungen? — Einstimmig angenommen.
182 Filme, wozu noch eine Anzahl von Filmen un-
abhängiger Verleihfirmen trat, deren Filme auf Eine Schlußabstimmung entfällt gemäß § 88
insgesamt rund 40 zu veranschlagen sind. Diese Satz 4 der Geschäftsordnung.
nicht unwesentliche Einfuhr von Filmen aus den Ich komme zur Abstimmung über die Entschlie-
Vereinigten Staaten mußte im Hinblick auf die ßungen, zuerst über den Entschließungsantrag der
Liberalisierungsverpflichtung, die wir durch unse- Fraktion der SPD auf Umdruck 71*), der dem
ren Beitritt zu GATT übernommen haben, hinge- Hohen Hause vorliegt. Das Wort wird nicht mehr
nommen werden. Ich darf aber ausdrücklich sagen, gewünscht. Wer dem Entschließungsantrag in Um-
daß diese Einfuhr einer kräftigen Aufwärtsent- druck 71 zuzustimmen wünscht, den bitte ich, die
wicklung des deutschen Films bisher keinen Ab- Hand zu erheben. - Ich bitte um die Gegenprobe.
bruch getan hat.
Ich darf die Abstimmung wiederholen. Ich bitte
Zu c) wird eine Auslegung gewünscht, daß bei noch einmal diejenigen, die dem Entschließungs-
der Regelung der Grundrechte nach Art.- II und antrag zuzustimmen wünschen, die Hand zu er-
VIII die deutschen Arbeitnehmer, die in der Bun- heben. — Gegenprobe! — Das letzte ist die Mehr-
desrepublik bei US-Dienststellen beschäftigt sind, heit; der Antrag ist abgelehnt.
ungeschmälert die Rechte aus den Bestimmungen
des deutschen Arbeitsrechts in Anspruch nehmen Ich rufe auf den Entschließungsantrag der Frak-
können. Auch hier besteht kein Zusammenhang tion der SPD auf Umdruck 112**), der ebenfalls
zwischen der aufgeworfenen Frage und den Tat- dem Hohen Hause vorliegt. Wer zuzustimmen
beständen, die in den angeführten Artikeln be- wünscht, den bitte ich, die Hand zu erheben. —
handelt sind. Die Grundsätze, die in Art. II und Ich bitte um die Gegenprobe. — Das letzte ist die
VIII des Vertrages von 1923 geregelt sind, beziehen Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt.
sich auf folgende Tatbestände: Art.II regelt das Meine Damen und Herren, der Herr Abgeord-
Klagerecht eines Staatsangehörigen bei einer Kör- nete Ritzel hatte um das Wort zur Abgabe einer
perverletzung, die er im Dienst der anderen Ver-
tragschließenden Partei erleidet, und Art. VIII *) Siehe Anlage 1
regelt die Gleichbehandlung von Staatsangehörigen **) Siehe Anlage 2
1466 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Vizepräsident Dr. Jaeger)
Erklärung gemäß § 36 der Geschäftsordnung ge- gebliche Meldung des „Völkischen Beobach-
beten. Ich erteile ihm das Wort zur Abgabe dieser ters", der Abgeordnete Ritzel habe sich im
Erklärung. Jahre 1938 der NSDAP angeboten, falls er
wieder nach Deutschland zurückkönne, der
Ritzel (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Wahrheit entspräche.
Herren! Ich bedauere, daß Veranlassung besteht,
gestützt auf § 36 der Geschäftsordnung eine tat- Entspricht schon diese abgeschwächte Darstellung
sächliche und persönliche Erklärung folgenden In- nicht dem Akteninhalt und der Anklage, so ist es
halts abzugeben: noch erstaunlicher, daß der Herr Berichterstatter
den Beschluß des Bundestages ent-
In der 28. Sitzung des Deutschen Bundestages gegen der bisherigen parlamentari-
vom 6. Mai 1954 hat der Berichterstatter des Aus- schen Praxis beeinflußte, indem er laut
schusses für Wahlprüfung und Immunität, Herr Protokoll erklärte:
D r. Klötzer, bei Beratung des mündlichen Be-
richts des Ausschusses für Wahlprüfung und Im- Der Abgeordnete Löhr hat in seiner Stellung-
munität betreffend Genehmigung zum Strafver- nahme zu dieser Beschuldigung erklärt und
fahren gegen den Abgeordneten Dr. Löhr gemäß durch Zeugen unter Beweis gestellt, daß er
Schreiben des Bundesministers der Justiz vom diese Äußerung nicht in der behaupteten
11. Januar 1954 eine Begründung abgegeben, die Form getan habe, sondern mit dem ausdrück-
mich zu einer Richtigstellung zwingt, da diese lichen Hinweis darauf, daß man dieser Mel-
Begründung — erstmals in diesem Hohen dung des „Völkischen Beobachters", falls sie
Hause — nicht den Gegenstand der An- überhaupt erschienen sein sollte, keinen Glau-
schuldigung, der zu dem Ersuchen auf Auf- ben schenken könne.
hebung der Immunität des Abgeordneten Dr. Löhr Damit wurde der eigentliche Wortlaut des
geführt hat, wiedergibt, sondern die abschwä- Strafantrags dem Bundestag vorent-
chende Darstellung des angeschul- halten. Der Bundestag wurde in ganz anderer
digten Abgeordneten Dr. Löhr. Weise informiert, als es der Aktenlage entspricht.
(Hört! Hört! bei der SPD.) Ich stelle anheim, gegebenenfalls die fraglichen
Akten zuzuziehen.
Der Sachverhalt ist folgender: Der mit der Wah- Ich stelle aber ergänzend folgendes fest. Die
rung meiner Interessen beauftragte Rechtsanwalt 1. Zivilkammer des Langerichts Darmstadt hat
Otto Wolf in Michelstadt hat am 15. September am 27. August 1953 eine einstweilige Verfügung
1953 in meinem Auftrage Strafantrag gegen erlassen, die von vorliegenden eidesstattlichen Be-
Dr. Löhr in Darmstadt wegen Beleidigung und übler kundungen ausging, wonach Dr. Löhr in öffent-
Nachrede gestellt. Der Strafantrag gründet sich licher Versammlung erklärt habe, daß ich mich im
auf vier eidesstattliche Bekundungen, die auch be- Jahre 1938 in einem Brief an den „Völkischen Be-
reits in zwei Verfahren betreffend Erlaß einer obachter" der NSDAP angeboten hätte. Das Land-
einstweiligen Verfügung gegen Dr. Löhr vorgelegen gericht, 1. Zivilkammer, hat nach Anhörung der
haben. Diese eidesstattliche Bekundung der vier Zeugen — Gegenzeugen wurden von Dr. Löhr nicht
Zeugen lautet: beigebracht — festgestellt, Dr. Löhr habe über
Es ist nichts dagegen einzuwenden — habe meine Person unwahre Behauptungen aufgestellt,
Dr. Löhr erklärt —, daß sich Ritzel im Jahre 1933 die geeignet sind, mich in der öffentlichen Mei-
dem Zugriff der NSDAP durch seine Flucht nung herabzusetzen. Der inzwischen zum Bun-
ins Ausland entzogen hat. Jedoch verüble ich destagsabgeordneten gewählte Herr Dr. Löhr von
ihm, daß dieser sich im Jahre 1938 in einem Darmstadt hat daraufhin Einspruch gegen diese
Brief an den „Völkischen Beobachter" der einstweilige Verfügung beim Landgericht Darm-
NSDAP angeboten hat, wenn er wieder zu- stadt erhoben. Die 1. Zivilkammer des Landge-
rück nach Deutschland kehren dürfe. richts hat am 16. Oktober 1953 für Recht erkannt
So weit die beschworene Aussage. — ich zitiere —:
Der Ausschuß für Wahlprüfung und Immunität Die am 27. August 1953 von der 1. Zivilkam-
hat die Frage der Aufhebung der Immunität des mer des Landgerichts in Darmstadt erlassene
Abgeordneten Dr. Löhr in seiner fünften Sitzung einstweilige Verfügung wird bestätigt. Auch
vom 1. April 1954 behandelt. Das Ausschuß- die weiteren Kosten des Rechtsstreites werden
protokoll Seite 7 deckt sich inhaltlich mit dem dem Antragsteller Dr. Löhr auferlegt.
durch Zeugeneid bekundeten Vor- In der Begründung stellt das Landgericht unter
bringen laut Strafantrag. anderem fest:
In der 28. Sitzung des Deutschen Bundestages Die von dem Antragsteller glaubhaft gemachte
vom 6. Mai 1954 hat der Berichterstatter laut- steno- Äußerung des Antragsgegners stellt nicht nur
graphischem Protokoll abweichend von der in bezug auf den Wahlkampf eine Beleidigung
dem Strafantrag zugrunde liegenden dar; sie ist darüber hinaus im allgemeinen
zeugeneidlichen Bekundung die abge- geeignet, das Ansehen des Antragstellers in
milderte Darstellung des Abgeordneten Dr. Löhr der Öffentlichkeit herabzusetzen und zu schä-
zum Inhalt seines Berichtes an den Bundestag digen, da ihm der Vorwurf gemacht wird, er
gemacht, indem er erklärte: habe sich einem politischen Gegner angeboten.
In der Privatklage ist dem Abgeordneten So weit das Gericht.
Dr. Löhr zur Last gelegt, auf einer Wahlversamm- In dem Bericht des Berichterstatters wird er-
lung seiner Partei im vergangenen Bundes- klärt, daß Abgeordneter Dr. Löhr durch Zeugen
tagswahlkampf in einer Gemeinde des Oden- unter Beweis gestellt habe, daß er die Äußerun-
walds erklärt zu haben, daß er es dem Ab- gen nicht in der in dem Strafantrag behaupteten
geordneten Ritzel nicht verüble, im Jahre 1933 Form getan habe. Dazu stelle ich fest, daß die
aus Deutschland emigriert zu sein, daß er es 1. Zivilkammer des Landgerichts Darmstadt in
ihm aber übelnehmen würde, wenn eine an ihrer Entscheidung vom 16. Oktober 1953 in den
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1467
(Ritzel)
Entscheidungsgründen erklärt hat, daß das Ver- f) Beratung des Antrags der Fraktion der
halten Dr. Löhrs nicht erkennen läßt — und jetzt SPD betreffend Hilfsmaßnahmen für die
zitiere ich wieder —, Landwirtschaft im Zonenrandgebiet
daß er ernstlich beabsichtigt, die Richtigkeit (Drucksache 434),
seiner Behauptungen glaubhaft zu machen. g) Beratung des Antrags der Fraktion der
Wäre ihm daran gelegen gewesen, so hätte er SPD betreffend Arbeitsbeschaffungsmaß-
seine Zeugen zur mündlichen Verhandlung nahmen im Zonenrandgebiet (Drucksache
sistieren können. 435),
So weit das Gericht. h) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Wacher (Hof), Fuchs, Freiherr Riederer
Der Strafantrag, der dem Ausschuß und dem von Paar und Genossen betreffend Bei-
Herrn Berichterstatter vorgelegen haben muß, sagt hilfe für Grenzbauern (Drucksache 529).
unter anderem:
Es kann somit keinerlei Zweifel unterliegen, Meine Damen und Herren, ich schlage Ihnen vor,
daß die eingangs erwähnte und durch die be- die Beratung der aufgerufenen Punkte in der Form
nannten Zeugen unter Beweis gestellte Äuße- zu verbinden, daß zuerst sämtliche Punkte begrün-
rung des Beschuldigten in der Lützel-Wiebels- det werden, hierauf die Regierung antwortet und
bacher Wahlversammlung der CDU sowohl dann die allgemeine Aussprache über sämtliche
objektiv wie subjektiv den Tatbestand der Be- Punkte stattfindet. Besteht auf allen Seiten Ein-
leidigung und üblen Nachrede im Sinne der verständnis? — Dies ist der Fall. Dann erteile ich
185, 186 StGB unter den erschwerenden das Wort zur Begründung des Punktes 4 a — Große
Voraussetzungen und Umständen des § 187 a Anfrage der Fraktion der FDP betreffend Förde-
Abs. 1 StGB voll und ganz erfüllt. Die Frage rungsmaßnahmen für die Zonenrandgebiete —
zu klären, ob der Beschuldigte seine inkrimi- Herrn Abgeordneten Dr. Drechsel.
nierten Behauptungen nicht sogar wider bes-
seres Wissen aufgestellt hat und deshalb eine Dr.-Ing. Drechsel (FDP), Anfragender: Herr Prä-
Bestrafung aus §§ 187, 187a Abs. 2 StGB Platz sident! Meine Damen und Herren! Ich glaube, es
zu greifen hätte, muß den von der Strafver- ist zur Begründung der Großen Anfrage meiner
folgungsbehörde anzustellenden Ermittlungen Fraktion nicht notwendig, noch einmal alle die
überlassen bleiben. Dinge zur Sprache zu bringen, die zu den Notstän-
Das wurde alles dem Hohen Hause nicht den in den Zonengrenzgebieten geführt haben und
gesagt! Schlußfolgerung meinerseits: ich habe deren Ursachen und wirtschaftliche und politische
festzustellen, das der Beschluß des Deutschen Bun- Folgen ja genügend in der Bundestagssitzung im
destages auf Nichtaufhebung der Immunität` des Juli vergangenen Jahres diskutiert worden sind.
Abgeordneten Dr. Löhr auf eine den Tatsachen Ich bin der Auffassung, daß wir uns heute nicht
nicht gerecht werdende Berichterstattung zurück- mehr mit diesen Dingen zu befassen brauchen, da
zuführen ist. man wohl voraussetzen darf, daß sie dem Hohen
Hause noch genügend bekannt sind.
Erlauben Sie mir einen Satz zum Abschluß, um (Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c.
jedem Mißverständnis vorzubeugen. Ich bin bis Lüders übernimmt den Vorsitz.)
zum Jahre 1933 Reichstagsabgeordneter gewesen,
wurde als Hitler-Gegner verhaftet, stand vor mei- Die Verhältnisse in den Zonengrenzgebieten haben
sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich geändert.
ner Verbringung nach Dachau und habe mich dieser
durch die Flucht entzogen. Ich glaube, daß das Heute sollten wir die einzelnen Anfragen und die
einzelnen Anträge mehr nüchtern und real be-
Hohe Haus bei der Entscheidung über Anträge auf
Aufhebung der Immunität Anspruch auf eine sach- trachten und nicht etwa demagogisch polemisieren;
denn das führt für die Bevölkerung dieser Zonen-
lich einwandfreie Berichterstattung hat. grenzgebiete zu keinem besseren Erfolg.
(Beifall bei der SPD.) (Abg. Dr. Gülich: Das ist auch früher
nicht geschehen!)
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe auf Punkt 4 — Doch, zum Teil ist es geschehen!
der Tagesordnung:
Unsere Anfrage datiert vom 26. Februar 1954.
a) Beratung der Großen Anfrage der Frak- Darauf ist besonders hinzuweisen; denn die Ant-
tion der FDP betreffend Förderungspro- wort des Herrn Bundeswirtschaftsministers ist
gramm für die Zonenrandgebiete (Druck- erst in diesen Tagen eingegangen. Ich persönlich
sache 293), habe sie erst am Montag dieser Woche erhalten,
b) Beratung der Großen Anfrage der Frak- also immerhin mit einem erheblichen Abstand.
tion der SPD betreffend Wirtschaftshilfe Bei unseren Betrachtungen haben wir von dem
für die Zonenrandgebiete (Drucksache Bundestagsbeschluß vom 2. Juli 1953 auszugehen,
316, Umdruck 113), in dem ein langfristiges Förderungsprogramm mit
c) Erste Beratung des von der Fraktion der verschiedenen Punkten einstimmig beschlossen
SPD eingebrachten Entwurfs eines Ge- worden ist. Diese Beschlüsse haben dann auch zu
setzes zur Ä nderung des Umsatzsteuer- sehr vielen Denkschriften, zu sehr vielen Kommis-
gesetzes (Drucksache 510), sionen, zu Bereisungen und interministeriellen
Ausschüssen geführt, aber die praktischen Folge-
d) Beratung des Antrags der Fraktion der rungen sind sehr kläglich gewesen. In dem Pro-
SPD betreffend Kredithilfe für die mittel- gramm der Bundesregierung vom 19. August 1953
ständische Wirtschaft im Zonenrandgebiet sind bereits einige Punkte der Beschlüsse des Bun-
(Drucksache 432), destages ausgelassen worden, beispielsweise die
e) Beratung des Antrags der Fraktion der kulturellen Maßnahmen und die Hilfsmaßnahmen
SPD betreffend Straßenbau im Zonen- für die Landwirtschaft. Trotzdem kann man wohl
randgebiet (Drucksache 433), feststellen, daß die Bundesregierung ihr Interesse
146S 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr.-Ing. Drechsel)
für die Zonenrandgebiete nach wie vor bekundet — Warum? Weil das wirtschaftliche Klima in den
hat, was sie auch in der Regierungserklärung am Zonenrandgebieten ihnen ein wirtschaftliches Ar-
20. Oktober 1953 bestätigt hat. beiten nicht zuläßt!
Endlich ist dann ein Bericht des Bundeswirt- (Abg. Dr. Gülich: Das ist der Gegenstand
schaftsministeriums als des federführenden unserer Diskussion!)
Ministeriums zum 15. Februar 1954 angefordert
worden. In diesem Bericht, der wahrscheinlich den — Das ist der Gegenstand unserer Diskussion. Da
gleichen Inhalt hat wie der Bericht, der uns hier sind wir uns vollkommen einig. Ich persönlich und
mit Drucksache 534 vorliegt, ist nun im einzelnen meine Freunde sind absolut der Auffassung: So-
aufgeführt, was von der Bundesregierung vorge- lange man das wirtschaftliche Klima in den Zonen-
sehen ist. Darin steht auch, daß dem Ersuchen des randgebieten nicht grundsätzlich verändert und so
Bundestages zum Teil nicht entsprochen worden gestaltet, daß dort ein wirtschaftliches Arbeiten
ist. Man begründet diese Auslassungen mit den ent- möglich ist, kann man auch die Abwanderung und
standenen sachlichen Schwierigkeiten. Dabei hatte Abwerbung nicht vermeiden. Sie haben vollkom-
man wahrscheinlich die sachlichen Schwierigkeiten men recht, daß unsere Diskussion heute dahin
mit den Ländern im Auge, weil der Bundestags- gehen müßte. An sich hätten schon auf Grund der
beschluß von vornherein bei den einzelnen Pro- Beschlüsse des Bundestags vom Juli 1953 Schritte
grammpunkten eine Beteiligung der Länder vor- getan werden sollen, um das wirtschaftliche Klima
sah. Zum anderen wird zur Begründung die Haus- in den Zonenrandgebieten zu verbessern. Wir
haltslage des Bundes angeführt. Hier entsteht haben festzustellen, daß das noch nicht geschehen
bereits eine grundsätzliche Frage. Inwieweit ein ist.
solcher Beschluß eines Hohen Hauses, wie es die- (Abg. Dr: Gülich: Reden Sie heute etwas
ser Bundestag doch ist, von der Exekutive mit der zur Verbesserung des Klimas!)
Begründung, die Haushaltslage des Bundes lasse — Jetzt kommt also die Frage: Wie kann man das
dies nicht zu, nicht durchgeführt zu werden Klima in den Zonenrandgebieten verbessern? Da-
braucht, würde auf einem anderen Blatt stehen.
rauf werde ich noch zu sprechen kommen. Ich
Hinsichtlich der einzelnen Maßnahmen haben die wollte nur zunächst noch auf den Bericht des Herrn
Länder verschieden mitgezogen. Bayern hat sich Bundeswirtschaftsministers im einzelnen eingehen.
sehr willig gezeigt und beispielsweise die Fracht- Die Voraussetzungen dafür, daß das Klima, wie
hilfe bereits von vornherein mit zugestanden. Die wir es hier genannt haben, richtig wird, scheinen
anderen Länder, Niedersachsen, Schleswig-Holstein mir jedenfalls in keiner Weise gegeben zu sein.
und Hessen, haben das nicht getan. Sie haben mit Was ist denn eigentlich geschehen? Gewiß sind
dem Bund verhandelt und dabei die Auffassung verschiedene Maßnahmen durchgeführt worden,
vertreten, daß es sich hier um Kriegsfolgelasten die in dem vorliegenden Bericht des Herrn Bun-
handele, für die in erster Linie der Bund einzu- deswirtschaftsministers erwähnt werden; aber es
stehen habe. Nach dem Bericht des Herrn Bundes- scheint mir in keiner Weise erwiesen zu sein, daß
wirtschaftsministers ist nunmehr vereinbart wor- diese Maßnahmen eine Bevorzugung der Zonen-
den, daß ab 1. April 1954 eine Aufteilung dieser randgebiete gebracht haben. Jedenfalls sind das
Frachthilfe — ein Drittel auf die Länder und zwei einzelne Dinge, die ja auch für die ganze Bundes-
Drittel auf den Bund — erfolgen solle. Damit tritt republik gelten. So kann ich in Anbetracht dieser
aber erstens eine erhebliche Verzögerung der an Verhältnisse z. B. für Niedersachsen die Unterstüt-
sich schon für 1953 vorgesehenen Unterstützung zung durch die Bundesanstalt für Arbeitsvermitt-
ein, und zweitens werden die im Programm einge- lung und Arbeitslosenversicherung zahlenmäßig
setzten Mittel in Höhe von 5 Millionen DM nicht einigermaßen ergründen, da der Bevölkerungs-
erhöht, obwohl der Anteil des Bundes jetzt zwei anteil in den Zonenrandgebieten in Niedersachsen
Drittel betragen soll. 32 % beträgt, der Anteil der Arbeitnehmer 34 %
Inzwischen sind wohl in wirtschaftlicher Hinsicht und der der Arbeitslosen ebenfalls 34 °/o des gan-
in den Zonenrandgebieten gewisse Besserungen zu zen niedersächsischen Raumes. Dagegen sind nur
verzeichnen, aber keineswegs etwa so kräftige, wie 24,9 % der Mittel für die verstärkte Förderung
man es auf Grund des Beschlusses des Bundestages nach Niedersachsen geflossen. Ich befürchte, daß
vom Juli 1953 hätte erwarten sollen. Der Abstand sich bei näherer Untersuchung der einzelnen Maß-
zu den übrigen, vor allen Dingen zu den besser ge- nahmen, die man für die Zonengrenzgebiete er-
stellten und glücklicheren Gebieten unserer Bun- griffen hat, wenigstens in einigen Fällen zeigen
desrepublik ist derselbe geblieben. Ausgelassen ist wird, daß damit durchaus keine Bevorzugung der
auch nach wie vor noch der Ausgleich der über- Zonenrandgebiete verbunden ist.
höhten Gewerbesteuerbeträge, die vor allem in Die Behinderung der Hilfe durch die Bundes-
Niedersachsen und in Schleswig-Holstein belastend anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosen-
sind. Man könnte darüber streiten, ob das immer versicherung liegt auch noch darin, daß es sich
eine Belastung ist, die durch die Verhältnisse in ausgerechnet immer um die ärmeren Länder, um
den Zonengrenzgebieten begründet ist, oder ob das die ärmeren Gemeinden handelt, die dazu bei-
nicht vielleicht auch auf die Politik einzelner Ge- tragen müssen, als Träger für die einzelnen Pro-
meinden zurückzuführen ist. Jedenfalls haben wir jekte noch Eigenmittel aufzubringen, die sie zum
nach wie vor zu beobachten, daß immer wieder Teil nicht haben oder sich zum Teil auch nicht ein-
Betriebe abwandern und immer wieder Klage über mal auf dem Darlehenswege beschaffen können,
Abwerbung geführt wird. Ich persönlich bin aller- weil die Zinsen so hoch sind, die sie dann wieder
dings der Auffassung, daß man diese Abwerbung tragen müssen und die zu einem weiteren Defizit
nicht so ernst nehmen sollte, führen müssen.
(Abg. Dr. Gülich: Was?!)
Ebenfalls fehlen noch die Regelungen für die Son-
weil die Betriebe meistens selbst den Drang nach derabschreibungen, die zunächst so gefaßt waren,
Westen haben. daß die Betriebe, die solche steuerlichen Vorteile
(Abg. Dr. Gülich: Warum denn?) in Anspruch nehmen wollten, schon bis zum Hals
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1469
(Dr.-Ing Drechsel)
.
oder gar bis zum Mund im Wasser stehen mußten, den zu streiten hier nicht der Platz ist, auf diese
während in dem vorliegenden Bericht des Herrn vier Länder aufgeteilt werden und in die Kassen
Bundeswirtschaftsministers allerdings gesagt ist, dieser Länder fließen.
daß man an eine generelle Regelung für die Sonder- (Abg. Dr. Gülich: Das steht ja in Druck
abschreibungen denke. Allerdings ist die Einschrän- sache 201 drin!)
kung gemacht, „unter bestimmten Voraussetzun-
gen" werde die erforderliche Zustimmung für Son- — Ja, das steht so drin. — Das scheint aber nun
derabschreibungen generell erteilt. Dieser Begriff wirklich nicht im Sinne der ganzen Angelegenheit
„bestimmte Voraussetzungen" ist wieder sehr aus- zu liegen. Ich will gar nicht bestreiten, daß diese
legungsfähig. Man weiß nicht genau, Was darunter 120 Millionen DM einen ganz namhaften Betrag
nun wirklich verstanden werden soll. darstellen und daß man mit ihnen schon ins Ge-
Im übrigen scheint mir die Bemerkung in dem wicht fallende Projekte in Angriff nehmen kann.
Bericht des Herrn Bundeswirtschaftsministers, daß Es scheint uns aber, wenn man überhaupt diese
die Länder den Empfehlungen des Herrn Bundes- 120 Millionen DM für die Zonenrandgebiete geben
finanzministers gerade in den steuerlichen Dingen will, erforderlich zu sein, daß dann auch eine
schon weitgehend gefolgt seien, reichlich optimi- Zweckbindung für sie vorgesehen wird, und zwar
stisch zu sein. Wesentliche Auswirkungen sind je- auch in den Länderhaushalten, damit sie dort nicht
denfalls in den Zonenrandgebieten selbst kaum zu verschwinden. Was wollen wir denn? Wir müssen
beobachten. doch in den Zonenrandgebieten ein langfristiges
Förderungsprogramm durchführen. Es muß klar
Die Auswirkungen der Zuweisung öffentlicher sein, welche Mittel zu welchen Zwecken zur Ver-
Aufträge, die durch den Erlaß vom 31. März 1954 fügung stehen und unter welchen Bedingungen sie
eigentlich erst in die Wege geleitet worden sind, gegeben werden, ob sie etwa nur in einem Haus-
sind überhaupt noch nicht zu übersehen. Diese haltsjahr fließen und in diesem Haushaltsjahr auch
Maßnahme wird aber zweifellos zu einer wesent- ausgegeben werden müssen, oder ob auch im näch-
lichen Hilfe für die Wirtschaft und die Betriebe sten Haushaltsjahr mit eben solchen Mitteln ge-
in den Zonenrandgebieten führen. Wir werden uns rechnet werden kann. Nur wenn diese präzisen
noch darum zu bemühen haben, die Zuweisung Angaben vorliegen, sind die in intensiver Tätig-
öffentlicher Aufträge auf die Besatzungsaufträge keit begriffenen Ausschüsse und Kommissionen
auszudehnen, was auch schon in dem Bericht des der Gemeinden usw. in der Lage, ihre schon vor-
Herrn Bundeswirtschaftsministers als möglich dar- liegenden Vorschläge zu wirklichen Planungen aus-
gestellt ist. Offensichtlich hat man auch schon hier- zuarbeiten und diese Planungen dann auch in die
über günstige Verhandlungen geführt. Wir hoffen, Tat umzusetzen. Hier, meine ich, müssen wir also
daß sie in diesem Sinne fortgesetzt werden. eine konkretere Auskunft von dem Herrn Bundes-
Nun komme ich zu etwas praktischeren Dingen. wirtschaftsminister erbitten.
Zunächst handelt es sich um die 120 Millionen DM, In diesem Zusammenhang liegen nun noch ver-
die in dem Haushaltsplan 1954 für Hilfsmaßnah- schiedene Anträge vor. Da ist einmal der Vorschlag
men in den Grenzgebieten eingesetzt sind. Die zur Änderung des Umsatzsteuergesetzes, wonach
Damen und Herren werden sich erinnern, daß wir für die Zonenrandgebiete diese Steuer auf die
bei der Haushaltsdebatte über das fragliche Kapi- Hälfte ermäßigt werden soll. Meine Freunde sind
tel einen Antrag gestellt haben, das darin ausge- der Auffassung, daß man einem solchen generel-
sprochene Junktim, daß diese 120 Millionen DM len Antrag nicht folgen kann. Es handelt sich ja
nur gezahlt oder aufgebracht werden sollten, wenn bei den Zonengrenzgebieten nicht etwa um einen
die Regelung zwischen Bund und Ländern über den abgeschlossenen Bereich wie beispielsweise Berlin,
42 %igen Bundesanteil an der Einkommen- und sondern die Grenzen sind hier ziemlich willkür-
Körperschaftsteuer durchgeführt werden könne, lich gezogen. Man müßte irgendwelche Abgrenzun-
aufzuheben, da wir der Auffassung sind, daß der gen vornehmen, um das Gebiet überhaupt erst
Bund durch den Bundestagsbeschluß vom Juli 1953 einmal erfassen und bezeichnen zu können. Es sind
zu einer solchen Hilfe unter allen Umständen ver- aber keine klaren Grenzen vorhanden, sondern sie
pflichtet ist. fließen ineinander über. So kann es vorkommen,
Herr Bundesfinanzminister Schäffer hat dann daß Betriebe nur eine Straßen- oder Bachbreite
am 30. April 1954 eine Erklärung abgegeben. Er voneinander entfernt sind und der eine dann eine
hat die Meinung ausgedrückt, daß diese 120 Millio- steuerliche Vergünstigung erhält, der andere nicht.
nen eigentlich gar nicht mit dem Beschluß des Bun- Glücklicherweise sind, wie wir feststellen kön-
destags vom Juli 1953 in Zusammenhang stünden. nen, nicht alle Betriebe in den Zonenrandgebie-
(Abg. Dr. Gülich: Das behauptet er!) ten notleidend. Es gibt schon Betriebe, die einiger-
— er hat der Meinung Ausdruck gegeben, habe ich maßen durchkommen. Man müßte daher zum Aus-
gesagt —, und hat weiter hinzugefügt, daß der Be- druck bringen, daß nur solchen Betrieben Unter-
trag von 120 Millionen deshalb gewählt sei, - weil stützung gewährt wird, die infolge der unglück-
nach Überzeugung der Bundesregierung der hori- lichen Zonengrenze besonders notleidend geworden
zontale Finanzausgleich unter den Ländern nicht sind. Man kann die Frage also nicht so generell
dazu ausreiche, den Ländern, in denen diese Grenz- regeln. Überhaupt sind wir der Meinung, daß man
gebiete liegen, die nötige wirtschaftliche Kraft zu der Not in den Zonengrenzräumen nicht mit gene-
geben, um diesen Grenzgebieten genügend Hilfe rellen Maßnahmen zu Leibe rücken kann; vielmehr
zu leisten. Offensichtlich haben also sowohl die ist ein individuelles Vorgehen notwendig. Das ist
Mitglieder des Finanz- und Steuerausschusses als natürlich wesentlich schwieriger, wie zuzugeben
auch andere Damen und Herren dieses Hohen Hau- ist, aber es ist unerläßlich.
ses diesen Ansatz von 120 Millionen im Haushalts- Die Frage der Kredithilfe ist wiederholt aufge-
plan 1954 falsch verstanden; ich persönlich eben- worfen worden. Wir sind der Meinung, daß man
falls. Daraus ergibt sich doch nun wohl, daß diese alle Bemühungen unterstützen sollte, der Wirt-
120 Millionen DM nach einem bestimmten Schlüs- schaft eine Kredithilfe zu geben. Dabei steht nicht
sel, der im Plan ebenfalls aufgeführt ist und über einmal so sehr der Kredit als solcher im Vorder-
1470 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr.-Ing. Drechsel)
grund, sondern es handelt sich mehr um die Be- — Nein! Die 120 Millionen werden wahrscheinlich
dingungen, insbesondere darum, zu welchem Zins (Zurufe von der SPD: Ja, ja, wahrschein
fuß solche Kredite zur Verfügung gestellt werden lich!)
können.
dasein. Wenn aber die 120 Millionen DM auch
Es liegt dann noch der Antrag der Fraktion der
nicht dasind, dann wäre es ganz schlimm.
SPD wegen des Straßenbaus in den Zonenrandge-
bieten vor. Wie der Herr Bundeswirtschaftsmini- (Abg. Wehner: Sie sind der erste, der sie
ster in seinem Bericht schon ausgeführt hat, be- gefunden hat! — Zuruf von der SPD: Die
rührt diese Frage in erster Linie die Länder. Es bringt der Weihnachtsmann! — Heiter
kommen kaum bundeseigene Straßen in Betracht. keit.)
Ich habe bereits erwähnt, daß die Hilfsmaßnah- — Nein, ich bin kein Weihnachtsmann, das wäre
men für die Landwirtschaft weggefallen sind. Wir dann Herr Schäffer! — Aber Sie werden mir zu-
stehen aber auf dem Standpunkt, daß man sie wei- geben, daß mit den 120 Millionen DM zunächst
ter im Auge behalten muß, besonders dann, wenn einmal gerechnet werden muß. Wir müssen ver-
landwirtschaftliche Betriebe in ihrer Existenz ge- langen, daß diese 120 Millionen zur Verfügung
fährdet sind, worauf der eine Antrag auch hinweist. stehen; das ist also die primäre Frage. Wenn also
Nun ist noch der Antrag Umdruck 113 gekom- die 120 Millionen vom Bunde zur Verfügung
men, der kulturelle Hilfsmaßnahmen fordert. Da stehen
besteht ja ein alter Streit: Die kulturellen Hilfs- (Abg. Kahn: Die gibt uns der Herr Finanz-
maßnahmen zu treffen, sei Sache der Länder und minister!)
nicht des Bundes. Hierüber wird in der Diskussion - die gibt uns der Herr Finanzminister —, dann
wohl noch etwas zu sagen sein. ist es notwendig, daß wir mit diesem Betrag
schnellstens aktiv werden.
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: Herr (Abg. Kahn: Aber die kommen doch vom
Abgeordneter, Sie haben nicht zu allen Anträgen Steuerzahler! — Zurufe von der SPD:
zu sprechen. Wo ist denn der Finanzminister? — Holen
Sie doch Ihren Finanzminister mal her!)
Dr.-Ing. Drechsel (FDP), Anfragender: Mir ist — Der Herr Finanzminister ist nicht da. — Ich
gesagt worden, ich solle alle begründen. sagte, wenn die 120 Millionen DM zur Verfügung
(Lachen und Zurufe. — Abg. Wehner: Sie stehen, dann müssen wir unbedingt sofort aktiv
begründen ja gleich sämtliche Anträge werden, und zwar durch den Unterausschuß
der Fraktionen!) Zonengrenzgebiete, der ja schon hervorragend
gearbeitet hat.
— Ich hatte nur gedacht, daß ich zu allen An-
trägen Stellung nehmen sollte. Wenn ich das aber Ferner ist es notwendig, daß wir dann eine
nicht tun soll, gut, in Ordnung! Koordinierung zwischen Bund und Ländern her-
beiführen. Wer in diesen Zonengrenzgebieten
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: Der Abgeordneter ist, kann sich dort schon allmählich
Herr Abgeordnete hat es also mißverstanden. gar nicht mehr sehen lassen. Die Versprechungen,
die gemacht worden sind, sind ungeheuer, und
erfolgt ist noch gar nichts.
Dr.-Ing. Drechsel (FDP), Anfragender: Ja, ich (Zustimmung bei der SPD.)
hatte angenommen, daß gleich zu allen Anträgen
Stellung genommen werden sollte. Aber, nun gut, Der Herr Finanzminister hat mir auf diesen Ein-
machen wir das dann später! wand hin erklärt, er stamme ebenfalls aus einem
Grenzgebiet.
Große Sorgen bereiten uns in den Zonengrenz-
gebieten, wenn ich das noch sagen darf, die neuen (Abg. Kahn: Er ist dort gewählt! Er
Verkehrsgesetze. Die Zonengrenzgebiete werden stammt aus München!)
dadurch erneut benachteiligt. Vielleicht behandelt man prominentere Mitglieder
Nunmehr möchte ich zum Schluß kommen. Die dieses Hauses nicht so wie die einfachen oder,
einzelnen Anträge werden ja begründet. In der wenn ich so sagen soll, die aktiven Mitglieder, die
Diskussion kann darüber gesprochen werden. Es sich in den kleineren Gemeinden und in den klei-
tut mir leid, daß ich etwas vorgegriffen habe. nen Restaurants mit den Leuten unterhalten müs-
sen und dabei alles Mögliche zu hören bekommen.
Zusammenfassend darf ich sagen, daß nach un-
serer Auffassung zwar einiges getan worden ist, Wir sind also der Auffassung — und ich darf
aber eben durchaus noch nicht genügend. Die wohl unterstellen, daß das Haus in seiner Gesamt-
Frage ist, wie man weiterkommt. Ich meine, man heit nach wie vor zu dem Bundestagsbeschluß
sollte mit den 120 Millionen DM, die nach vom 2. Juli 1953 steht —, daß nunmehr schneller
- dem und nachdrücklicher geholfen werden muß als bis-
Haushalt zur Verfügung stehen, schnellstens eine
Aktion einleiten. Voraussetzung dafür ist eine her. Ich glaube, wenn wir die 120 Millionen DM
gute Koordinierung zwischen den in Frage kom- weiterhin fordern, können wir mit diesen 120 Mil-
menden Stellen des Bundes und der Länder. Der lionen und den zusätzlichen Mitteln der Länder
Bund muß auf die Verwendung der 120 Millionen auch etwas Positives für die Zonengrenzgebiete
DM dauernden Einfluß nehmen. in die Wege leiten.
Andere Mittel des Bundes werden wahrschein- (Beifall bei der FDP.)
lich nicht vorhanden sein. Man wird mit diesen
120 Millionen DM also jetzt arbeiten müssen. Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: Das
Wort hat der Abgeordnete Dr. Bleiß.
(Zurufe von der SPD: Die sind doch auch
nicht da! — Es ist überhaupt nichts da! Dr. Bleiß (SPD): Frau Präsidentin! Meine Damen
Wissen Sie denn, an welche Bedingungen und Herren! Herr Kollege D r. Dr echsel hat
die geknüpft sind? An die 42 %!) als Mitglied der Koalitionsparteien die etwas
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1471
(Dr. Bleiß)
schwierige Aufgabe gehabt, eine Große Anfrage wenn der Bund den Gemeinden gleichzeitig die
begründen zu müssen, die, wie sich aus der Druck- Erstattung der Steuerausfälle garantiert hätte.
sache 293 ergibt, den Tatbestand einer weiteren (Zustimmung bei der SPD.)
Verzögerung der Bekanntgabe konkreter Ab-
sichten im Zonenrandgebiet beinhaltet. Herr Kol- Denn es ist doch auch der Bundesregierung be-
lege Dr. Drechsel hat seine Aufgabe zu lösen ver- kannt, daß die Gemeinden in den Grenzgebieten —
sucht, indem er zunächst als Generalberichterstatter bei der Fülle ihrer Aufgaben — aus eigener Kraft
für alle Fraktionen und für sämtliche Anträge nicht in der Lage sind, Steuerausfälle zu tragen.
aufzutreten versuchte. Herr Kollege Dr. Drechsel, (Zuruf von der SPD: Im Gegenteil!)
Sie haben das Ersuchen an uns gerichtet, daß wir
niemandem weh tun mögen; Sie sind mit einigen Die Garantie einer Erstattung aber hat die Bundes-
sehr vorsichtigen Formulierungen auch auf Ihre regierung den Gemeinden nicht gegeben. Des-
eigene Anfrage eingegangen, halb mußte sich auch diese Maßnahme negativ
auswirken.
(Heiterkeit bei der SPD) Nicht viel anders hat sich die Bundesregierung
und Sie haben dabei auch einige kräftige Seiten- bei den Sonderabschreibungen auf Anlagen ver-
hiebe in Richtung der Länderregierungen aus- halten. Der Bundestag hatte nach dem Wortlaut
geteilt. der Drucksache 4487 Sonderabschreibungen für
Ich danke Ihnen für die Ermahnung, möchte a 11 e Betriebe im Zonenrandgebiet gefordert. Der
aber sagen, daß wir als Opposition in der glück- Herr Bundesfinanzminister änderte diesen Be-
lichen Lage sind, nicht so viele Rücksichten wie Sie schluß ab und machte — durch seinen Erlaß vom
nehmen zu müssen. Wir können die Dinge ruhig 12. Oktober 1953 — die Gewährung von Sonder-
beim Namen nennen. abschreibungen von dem Nachweis der Bedürftig-
keit abhängig. Also — und das möchte ich hier
Nun zur Sache selbst! Der Bundestag hat in feststellen — ist auch dieser Beschluß des Bundes-
seiner 279. Sitzung am 2. Juli vergangenen Jah- tags in seinen wesentlichen Merkmalen geändert
res das bekannte Förderungsprogramm be
worden.
schlossen. Das Programm sollte dazu dienen, die
Wirtschaftslage in den Zonenrandgebieten zu ver- Schließlich noch ein Wort zu den allgemeinen
bessern, die strukturelle Dauerarbeitslosigkeit zu Förderungsmaßnahmen! Der Bundestag hatte ein
mildern und die Ost-West-Verlagerung der umfangreiches Programm angesprochen und unter
Industrie abzustoppen. Ich darf Sie daran anderem Maßnahmen zum Zwecke der Zinsver-
erinnern, daß das Programm sechs Punkte um- billigung, Maßnahmen zum Zwecke der Förderung
faßte, und zwar des Straßenbaues, zum Zwecke der Förderung des
Wohnungsbaues verlangt. In der Kabinetts-
1. die Gewährung einer Frachtkostenbeihilfe von verlautbarung wurde aber dieser Programmteil
15 Millionen DM, mit der lapidaren Feststellung abgetan,
2. die Senkung der Gewerbesteuerhebesätze, daß man bei allen weiteren Förderungspro-
3. die Bildung steuerfreier Investitionsrücklagen, grammen auf den Grenzstreifen entlang dem
4. die Zulassung von Sonderabschreibungen auf Eisernen Vorhang Rücksicht nehmen werde.
Anlagewerte, Meine Damen und Herren, was nutzt ein solches
5. allgemeine Förderungsmaßnahmen und Bekenntnis, wenn seit dem Kabinettsbeschluß
6. kulturelle Hilfsmaßnahmen auf die Dauer von Förderungsprogramme überhaupt nicht aufgestellt
fünf Jahren, jährlich mit einer Summe von worden sind?! Ein solches Bekenntnis ist doch —
25 Millionen DM. unter den gegebenen Verhältnissen — weiter
nichts als eine leere Deklamation. Angesichts die-
Alle sechs Programmpunkte wurden damals nahezu ser Tatsachen sind wir zu der Feststellung ge-
einstimmig beschlossen, wobei das Hohe Haus zwungen, daß die Bundesregierung die Beschlüsse
der Meinung war, daß die Maßnahmen in ihrer des 2. Juli vergangenen Jahres entweder über-
Gesamtheit lediglich ein Minimalprogramm dar- haupt nicht oder nur teilweise realisiert hat.
stellen sollten. Es ist nicht das erste Mal, daß sich die Bundes-
Das Bundeskabinett hat sich in seiner Sitzung regierung über Beschlüsse des Bundestages ein-
vom 19. August mit diesen Programmpunkten fach hinwegsetzt.
beschäftigt. Aus der Verlautbarung, die nach der (Abg. Dr. Gülich: Nein, das ist nicht das
Sitzung erfolgt ist, ergibt sich, daß schon damals erste Mal!)
die Beschlüsse des Bundestags entscheidend redu-
ziert wurden. So wurde beispielsweise die Fracht- Wir Sozialdemokraten hatten mehrfach Anlaß, die
kostenhilfe von 15 Millionen DM auf 5 Millionen in dieser Methode liegende Nichtachtung des
DM herabgesetzt, die Bildung steuerfreier Investi- Bundestages zu kritisieren. Wir legen heute er-
tionsrücklagen wurde überhaupt nicht mehr - er- neut Verwahrung dagegen ein, daß Beschlüsse des
wähnt. Von dem gleichen Schicksal wurden die Bundestages entweder überhaupt nicht oder mit
Aufwendungen für kulturelle Hilfsmaßnahmen großer Verzögerung realisiert werden.
ereilt. Bei der nächsten Gruppe von Hilfeleistun- Von dem Minimalprogramm des 2. Juli ist also
gen — bei den steuerlichen Maßnahmen — be- nur ein bescheidener Rest übriggeblieben, und
schränkte sich die Bundesregierung in ihrem Kom- dieser Rest wurde noch weiter dadurch reduziert,
muniqué auf Empfehlungen. Sie empfahl zunächst daß der Herr Bundesfinanzminister die Gewäh-
den Ländern, bei Ermessensentscheidungen und rung von Frachtkostenzuschüssen von einer
Auslegungsfragen großzügig zu verfahren; sie 50%igen Beteiligung der Länder abhängig machte.
empfahl den Gemeinden, die Gewerbesteuerhebe- (Abg. Dr. Gülich: Über 40%ige!)
sätze zu senken.
Wir finden diese Einstellung merkwürdig; denn
Meine Damen und Herren, die Empfehlungen, die erhöhten Frachtkosten sind doch zweifellos
die von der Bundesregierung ausgesprochen wor- echte Kriegsfolgelasten, von denen der Bund nor
den sind, hätten doch nur dann einen Sinn gehabt, malerweise 85% zu übernehmen hat. Durch den
1472 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr. Bleiß)
Streit zwischen Bund und Ländern, der erst vor wird doch erst dann voll wir sam, wenn der Bun
wenigen Tagen durch das Entgegenkommen -desanteil der an der Einkommen- und Körperschaft-
Länder beigelegt wurde, ist die Frachtkostenhilfe steuer die Quote von 42% erreicht.
auf das Land Bayern beschränkt geblieben. Die (Abg. Pelster: Das war einmal!)
5 Millionen DM konnten nur etwa zur Hälfte aus-
genutzt werden. In der Haushaltsdebatte ist die Verknüpfung der
120 Millionen Grenzlandhilfe mit der Erhöhung
(Abg. Frau Dr. Brökelschen: Aber Herr des Bundesanteils an der Einkommen- und Körper-
Bleiß, das ist doch nicht die Schuld der schaftsteuer von meinem Freund Gülich als unmora-
Bundesregierung!) lisch bezeichnet worden, unmoralisch deswegen,
— Aber gnädige Frau, ich wollte Ihnen nur sagen: weil ein Haushaltsposten, der der Linderung der
Wenn der Bund 85% zu übernehmen hat, aber nur Wirtschaftsnot in den Zonenrandgebieten dienen
50% bietet, glauben Sie, daß die Länder dann so soll, benutzt wird, um einige Finanzminister kom-
schnell auf ihr Recht verzichten und der Forderung promißfreudiger zu stimmen. Ich glaube, daß die
des Bundes nachgeben werden? Bevölkerung in den Zonenrandgebieten kein Ver-
(Erneuter Zuruf der Abg. Frau Dr. Brö ständnis dafür aufbringen wird, daß ihre Wirt-
kelschen.) schaftsnot als Handelsobjekt benutzt werden soll.
Es ist doch einfach unmöglich, der Grenzbevölke-
Die Verzögerung ist doch nicht die Schuld der rung zu sagen, daß sie bei einem 40 %igen Bundes-
Länder, sondern die des Bundesfinanzministers, anteil keine Hilfe, bei einem 41 %igen Bundes-
der so hartnäckige Bedingungen stellt. anteil halbe Hilfe
(Sehr wahr! bei der SPD. — Zuruf von (Zuruf rechts: Ist doch längst überholt!)
der SPD: Das ist verfassungswidrig!)
und erst bei einem 42%igen Anteil eine noch
Meine Damen und Herren, unter diesen Um- immer nicht ausreichende Hilfe zu erwarten habe.
ständen, infolge der Verweigerung der Anreiz- Wenn das inzwischen überholt ist, nehmen' wir das
mittel, ist es kein Wunder, daß die Abwanderung gern zur Kenntnis.
der Betriebe aus den Zonenrandgebieten unver
-mindert anhält. Allein aus den Randgebieten (Abg. Dr. Gülich: Es ist offiziell noch nicht
Schleswig-Holsteins sind — ich nenne diese Zah- bestätigt! Gerüchtweise ist es überholt!)
len als ein symptomatisches Beispiel — weitere — Ich höre gerade: „gerüchtweise" ist es über-
sieben Industriebetriebe abgewandert und Hun- holt.
derte von Arbeitsplätzen verlorengegangen. Der
Anteil der Arbeitslosen in diesem Grenzstreifen (Abg. Pelster: Es ist überholt!)
beläuft sich heute noch auf 20% der Beschäftigten. — Wollte Gott, Sie hätten recht!
Ich muß leider sagen, daß in den anderen Zonen- Ich glaube, daß man mit einseitig fiskalischem
randgebieten die Verhältnisse noch wesentlich un- Denken Probleme in den Zonenrandgebieten nicht
günstiger liegen. lösen kann. Sie sind auch nicht zu lösen mit Ver-
Deshalb fragen wir in der Drucksache 316: tröstungen. So hat z. B. der Deutsche Uniondienst
Ist der Bundesregierung bekannt, daß sich die am 17. März 1954 verkündet, die CDU-Fraktion
Wirtschaftslage in den Zonenrandgebieten werde alles in ihrer Macht Stehende tun, um der
weiter verschärft und daß die Betriebsver- gesamtdeutschen Frage gerecht zu werden. Meine
lagerungen von den Zonenrandgebieten in Damen und Herren, ich möchte darauf antworten,
andere Gebiete der Bundesrepublik immer daß die CDU-Minister in den vergangenen Monaten
noch fortgesetzt werden? alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um
Wir fragen weiter: die Beschlüsse des Bundestags vom 2. Juli zu ver-
niedlichen und zu verzögern.
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um
durch wirtschafts-, steuer- und verkehrspoli- (Zustimmung bei der SPD.)
tische Maßnahmen die Abwanderung von Be- Der Herr Bundeswirtschaftsminister hat in sei-
trieben zu verhindern und neue arbeitsinten- ner schriftlichen Beantwortung der Interpellationen
sive Unternehmungen in den Zonenrandgebie- eine umfassende Übersicht über die bisher im
ten anzusiedeln? Laufe der Jahre, d. h. seit 1951, in die Sanierungs-
Meine Damen und Herren, für besonders be- gebiete geflossenen Mittel gegeben. Es wäre uns
dauerlich halten wir es, daß die Bundesregierung mehr damit gedient gewesen, wenn der Herr Bun-
25 Millionen. DM für kulturelle Hilfsmaßnahmen deswirtschaftsminister uns gesagt hätte, was nach
nicht zur Verfügung gestellt hat. Der Betrag den Beschlüssen vom Juli vergangenen Jahres ge-
sollte für Schulbauten und Schuleinrichtungen, tan worden ist. Ich wäre Ihnen, Herr Staats-
(Abg. Samwer: Sehr schade!) sekretär Westrick als Vertreter des Ministers,
- dankbar, wenn Sie — und darauf zielt ja unsere
insbesondere für Volks- und Berufsschulen, und Große Anfrage ab — uns nachher vorexemplifizie-
für jugendfördernde Maßnahmen verwandt wer- ren würden, was nach dem Kabinettsbeschluß
den. Es drängt sich uns die Frage auf, warum die vom 13. August an Bundesmitteln in die Zonen-
Bundesregierung dem kulturellen Sektor gerade randgebiete geflossen ist. Dabei müßten Sie aller-
an der Zonengrenze so wenig Beachtung schenkt. dings die dankenswerte und großzügige Hilfeleistung
Wir hoffen, auf unsere Frage eine befriedigende der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Ar-
Antwort zu erhalten. beitslosenversicherung — die ja nicht der direkten
Vielleicht wird man uns darauf verweisen, daß Einflußnahme der Bundesregierung unterliegt —
im Einzelplan 60 des Haushalts 1954/55, wie Herr außer acht lassen. Ich wäre Ihnen auch, Herr
Dr. Drechsel schon erwähnte, ein Betrag von 120 Staatssekretär Westrick, dankbar, wenn Sie den
Millionen für diese und andere Zwecke eingeplant Betrag für Sontra außer acht lassen würden, der
worden sei. Aber, Herr Dr. Drechsel, gerade dieser praktisch eine schon seit Jahren fließende Hilfe
Haushaltsposten ist doch stärkstens
k umstritten. Er darstellt.
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwach, den 26. Mai 1954 1473
(Dr. Bleiß)
Ich wäre Ihnen, Herr Staatssekretär, aber noch Umsatzsteuer zu erhöhen. Wir sehen gerade in die-
für eine weitere Aufklärung dankbar. In Ihren ser Maßnahme, die mein Freund Kurlbaum noch
Richtlinien für die Berücksichtigung bevorzugter ausführlich begründen wird, ein wirksames Mittel,
Bewerber bei der Vergabe von öffentlichen Auf- um endlich die Betriebsabwanderungen nach dem
trägen vom 31. März 1954 wird unter § 4 Abs. 4 Westen abzustoppen.
gesagt, daß ein Bewerber aus dem Zonenrandgebiet Meine Damen und Herren, bei den Vorschlägen,
den Zuschlag dann erhalten soll, wenn sein An- die ich hier angedeutet habe, werden Sie natür-
gebot geringfügig über dem wirtschaftlichsten An- lich die Frage nach der Deckung der Ausgaben
gebot liegt. In dem schriftlichen Bericht des Herrn stellen.
Bundeswirtschaftsministers liest man es anders;
darin steht, daß den Zonenrandgebieten eine (Abg. Frau Dr. Brökelschen: Allerdings!)
wesentliche Vergünstigung zuteil werden soll. Nun, Nun, wir sind mitten in den Beratungen über die
„geringfügig" und „wesentlich" sind in der Er- Steuer- und Finanzreform, bei der ja rund 2,3
messensfrage zwei absolut unterschiedliche Begriffe. Milliarden DM zur Diskussion stehen. Ich halte das
Herr Dr. Drechsel hat vorhin gesagt, daß schon Problem der Zonenrandgebiete für so vordringlich,
die Verordnung vom 31. März 1954 eine große Er- daß auch die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen
leichterung sei. Ich kann die Auffassung nicht bei den Steuerberatungen ihre Berücksichtigung
teilen. Der jetzige Wortlaut beinhaltet eine solche finden sollten.
große Erleichterung noch nicht. Ich wäre Ihnen Aber abgesehen davon sollte in den Ausschüssen
daher, Herr Staatssekretär, im Interesse der Rand- auch ernsthaft geprüft werden, ob die Sanierung
gebiete für eine Erklärung darüber dankbar, ob der Zonenrandgebiete nicht aus den Mitteln des
die Drucksache 534 eine verbindliche Interpretation Verteidigungshaushalts zu bestreiten ist; denn die
der Verordnung vom 31. März 1954 bedeutet. strukturelle Arbeitslosigkeit in vielen Notstands-
Meine Damen und Herren, die bisherigen Maß- gebieten wächst sich zu einem echten politischen
nahmen der Bundesregierung haben uns nicht be- Problem aus. Aus dem Gebiet Salzgitter kommen
friedigt. Wir haben deswegen zur Behebung der alarmierende Nachrichten über die massive und lei-
Wirtschaftsnot in den Zonenrandgebieten fünf An- der auch erfolgreiche Propaganda antidemokrati-
träge eingebracht, die von meinen Freunden im scher Kräfte. Ich bin der Meinung, daß jede Mark,
einzelnen begründet werden. die für die Sanierung der Zonenrandgebiete aus-
Generell möchte ich im Zusammenhang mit der gegeben wird, mehr für die Verteidigung der west-
Großen Anfrage zu den Anträgen sagen, daß sie lichen Demokratie bedeutet als ihre Verwendung
vor allem darauf abzielen, die Arbeitslosigkeit zu für einen überhöhten Besatzungsbedarf.
vermindern. Wir beantragen, für Arbeitsbeschaf- Der Herr Bundeswirtschaftsminister vertritt in
fungsmaßnahmen einen Betrag von 60 Millionen der Drucksache 534 die Auffassung, daß die Durch-
DM zur Verfügung zu stellen, um damit Notstands- führung von Hilfsmaßnahmen für das Zonenrand-
arbeiten — Meliorationen usw. — zu finanzieren. gebiet keineswegs allein die Aufgabe des Bundes,
Aus dem Betrag von 60 Millionen DM sollen auch sondern gemeinsam von Bund und Ländern wahr-
Zuschüsse gewährt werden, Zuschüsse an finanz- zunehmen ist. Diese Auffassung ist hinsichtlich der
schwache Gemeinden und an sonstige Träger von Kompetenzverteilung absolut richtig. Sie setzt aber
Notstandsarbeiten, die — trotz der Dringlichkeit voraus, daß die Länder auch die finanziellen Mög-
der Vorhaben — nicht in der Lage sind, die von lichkeiten haben, ihre Aufgabe zu erfüllen.
der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Um diese Voraussetzungen zu schaffen, fordert
Arbeitslosenversicherung geforderte Eigenbeteili- die SPD nach wie vor die zentrale Finanzverwal-
gung von 20% des Gesamtprojekts aufzubringen. tung. Die Bundesregierung hat unsere Forderungen
Gerade an dem Erfordernis der Eigenbeteiligung bisher stets abgelehnt. Sie hat sich damit zu einer
von 20 % sind im vergangenen Jahre eine Reihe Finanzpolitik bekannt, die den Interessen der
von Vorhaben gescheitert. Grenzländer nicht gerecht wird. Wir müssen dem
Meine Damen und Herren! Wir beantragen wei- Herrn Bundesfinanzminister den Vorwurf machen,
ter im Sinne des Förderungsprogramms vom daß er auf die besonderen wirtschaftlichen Not-
2. Juli vergangenen Jahres —, daß für den Stra- stände in den Randgebieten bei seinen haushalts-
ßenbau ein Betrag von 65 Millionen und zum mäßigen Überlegungen nicht die erforderliche
Zwecke der Kredithilfe für die mittelständische Rücksicht genommen hat. Unter den gegebenen
Wirtschaft im Zonenrandgebiet 50 Millionen DM Verhältnissen ist es für die Länder Bayern, Hes-
zur Verfügung gestellt werden. In allen Fällen sen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein unzu-
handelt es sich um die Finanzierung arbeitsinten- mutbar, mit der Problematik in den Zonenrand-
siver Programme. gebieten fertigzuwerden. Solange aber die zentrale
Wir halten diese drei Sonderansätze neben den Finanzverwaltung nicht hergestellt ist, hat die Bun-
im Haushalt vermerkten 120 Millionen DM für desregierung die Verpflichtung, die zur Sanierung
notwendig, weil bei wirklich durchgreifender Hilfe der Zonenrandgebiete erforderlichen Mittel zur
die bisherigen Haushaltsansätze kaum ausreichen Verfügung zu stellen. Und das hat sie bisher nicht
werden, um die im Förderungsprogramm vom getan.
2. Juli festgelegten Maßnahmen wie z. B. die Um diese klaffende Lücke auszufüllen, haben wir
Frachtkostenhilfe, wie z. B. den Wohnungsbau, wie die Große Anfrage eingebracht. Sie soll dazu die-
z. B. den Kulturfonds, wie z. B. die Erstattung nen, in der Richtung zur Behebung der Wirtschafts-
von Gewerbesteuern, zu finanzieren. Aus diesem not und der Dauerarbeitslosigkeit in den Zonen-
Fends müssen auch die Mittel für eine Hilfe der randgebieten ein gutes Stück weiterzukommen.
2200 notleidenden landwirtschaftlichen Betriebe (Beifall bei der SPD.)
fließen.
Neben den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hal- Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: Das
ten wir es für erforderlich, die Wettbewerbsfähig- Wort hat Herr Staatssekretär Westrick vom Wirt-
keit der Zonenrandgebiete durch eine Senkung der schaftsministerium.
1474 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
—Dann müssen Sie erst dem Präsidium mitteilen, Bayern nehme, dann stelle ich fest, Herr Staats-
wer die Absicht hat, zu begründen! sekretär, daß sich z. 13. vom März 1949 bis März
(Abg. Dr. Gülich: Ich darf ums Wort zur 1953 in ganz Bayern die Beschäftigtenzahl um
Geschäftsordnung bitten!) weniger als 5 % erhöht hat, im Durchschnitt des
— Bitte sehr! Bundesgebietes dagegen um 25 %. Das sind also
sehr große Unterschiede, und ich glaube, Ihre ver-
Dr. Gülich (SPD): Frau Präsidentin! Meine hältnismäßig günstigen Daten haben zweifellos
Damen und Herren! Wir haben unter Punkt 4 zu- etwas mit einer gewissen Frisierung der Statistik
zu tun.
nächst die Großen Anfragen. Die sind begründet
und vom Herrn Staatssekretär beantwortet wor- Wenn Sie bestreiten, daß Abwanderungen in
den. Dann kommen die Anträge der SPD. Ich nennenswertem Umfang stattgefunden haben, wird
schlage vor, daß zunächst diese Anträge der Reihe es uns nicht schwerfallen, das zu widerlegen. Einer
nach begründet werden. meiner Fraktionsfreunde wird Ihnen nachher im
(Abg. Dr. Menzel: Das war ja längst ver einzelnen dazu Material liefern. Ich glaube daher
einbart!) — insbesondere nach dem, was der Vertreter der
FDP gesagt hat —, wir können hier im Hause all-
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: Ich gemein davon ausgehen, daß die bisherige Methode,
rufe also erneut auf Punkt 4 c: den Notstandsgebieten und den Zonenrandgebie-
ten zu helfen, wirklich als unzureichend betrach-
Erste Beratung des von der Fraktion der tet werden muß. Die bisher angewendeten Einzel-
SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes maßnahmen haben nicht die Abwanderung ver-
zur Änderung des Umsatzsteuergesetzes hindern können, und sie haben diese Gebiete nicht
(Drucksache 510). zu einer Wirtschaftsentfaltung bringen können, die
Das Wort zur Begründung hat der Abgeord- auch nur annähernd mit der normalen Entwicklung
nete Kurlbaum. in sonstigen Gebieten, z. B. am Rhein, verglichen
werden könnte. Uns stellt sich ja gerade der
Kurlbaum (SPD), Antragsteller: Frau Präsi- unglückselige Sog vom Osten nach dem Westen als
dentin! Meine Damen und Herren! Zur Begrün- das entscheidende Problem dar, mit dem wir uns
dung unseres Antrags betreffend Änderung des befassen müssen.
Umsatzsteuergesetzes ist es notwendig, daß ich mit Wir sind nun der Meinung, daß wir hier mit
einigen Worten auf das eingehe, was der Herr Einzelmaßnahmen allein nicht mehr weitermachen
Staatssekretär soeben gesagt hat. Wenn man ge- können. In diesem Zusammenhang wundere ich
wisse Stichdaten günstig wählt, kann man natür- mich ganz besonders über die Ausführungen, die
lich zu einem verhältnismäßig günstigen Bild kom- der Vertreter der FDP, Herr D r. Drechsel, hier
men. Ich halte es auch für eine schlechte Sache, gemacht hat. Er hat sich für individuelle Maßnah-
wenn man z. B. die Entwicklung der Beschäftigten- men ausgesprochen. Wir befürchten gerade bei nur
zahl in den Zonenrandgebieten nur mit dem Bun- individuellen Maßnahmen, daß dann sehr oft dem
desdurchschnitt in ein Verhältnis setzt. Um ein Untüchtigen geholfen wird, und mich wundert auf-
klares Bild der unterschiedlichen Entwicklung zu richtig, daß dieser Gedankengang und diese Argu-
geben, müßte man selbstverständlich die Entwick- mentation aus den Kreisen der FDP kommen.
lung der Beschäftigtenzahl in den Zonenrandge- (Heiterkeit bei der SPD.)
bieten mit jener in den günstigen Gebieten im
Bundesgebiet in Vergleich stellen. Das ist um so erstaunlicher — ich weiß nicht, ob
Dr. Drechsel sich dessen bewußt war —, als sich
(Zustimmung bei der SPD.) der Bundestag im Juli 1953 schon zu der Auffas-
Dabei ergeben sich dann natürlich ganz andere sung durchgerungen hatte, daß mit individuellen
Zahlen. Ich unterstelle einmal, daß die Zahlen Maßnahmen allein nichts mehr zu machen ist. Viel-
des Herrn Staatssekretärs richtig sind, nach denen mehr hieß es damals in der Entschließung, daß
der Bundesdurchschnitt vom Herbst 1949 bis zum allen Betrieben im Zonengrenzgebiet mit gewis-
Herbst 1953 um ungefähr 20% heraufgegangen sen steuerlichen Maßnahmen geholfen werden
und die Durchschnittszahl in den Zonenrandgebie- solle. Ich weiß nicht, ob sich die FDP mit dem,
ten um ungefähr 10 % gestiegen ist. Zieht man aber was Dr. Drechsel gesagt hat, von dem damaligen
die günstigen Gebiete der Bundesrepublik zum Beschluß distanzieren und nur zu individuellen
Vergleich heran, so ergibt sich ungefähr eine Ver- Maßnahmen übergehen will.
dreifachung des Entwicklungstempos in den begün-
stigten Gebieten im Verhältnis zu den Zonenrand- Wir glauben auch — und daß hat mein Frak-
gebieten. tionskollege Dr. Bleiß schon gesagt —, daß das
ganze Problem der steuerlichen Förderung der
(Sehr richtig! bei der SPD.) - Zonenrandgebiete gerade jetzt von uns behandelt
Außerdem ist noch folgendes zu berücksichtigen. werden muß, weil es zum Zeitpunkt der sogenann-
Natürlich ist auch das Stichdatum vom 30. Sep- ten Steuerreform am besten in Angriff genommen
tember 1949 ein sehr willkürlich gewähltes Datum; werden kann. Wir hoffen, daß ein wesentlicher
denn gerade in der Zeit zwischen der Währungs- Teil dieses Hauses mit uns zusammen versuchen
reform und diesem Datum ist in den Zonenrand- wird, auch die Lösung dieses Problems im Rahmen
gebieten und in den Ländern am Eisernen Vor- einer echten Steuerreform vorwärtszutreiben.
hang ein außerordentlicher Rückgang der Beschäf- Es ist nun von den Maßnahmen gesprochen wor-
tigung eingetreten. Mir stehen leider die Ziffern den, die der Bundestag im Juli beschlossen hatte,
für die Notstandsgebiete allein nicht zur Ver- und es ist auch schon festgestellt worden, daß
fügung, weil wir ja — und das ist auch eine sehr nur ein ganz bescheidener Teil davon von der
bedauerliche Tatsache — auf diesem Gebiet außer- Bundesregierung tatsächlich durchgeführt worden
ordentlich schlecht mit statistischem Material ver- ist. Ich habe mit einem gewissen Staunen in dem
sorgt werden. Wenn ich einmal die Zahl für ganz Bericht des Herrn Bundeswirtschaftsministers in
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1479
(Kurlbaum)
Drucksache 534 gelesen, daß für diese sehr beschei- Selbstverständlich haben wir uns als verantwor-
dene Verwirklichung der Beschlüsse des Bundes- tungsbewußte Parlamentarier über diese Dinge Ge-
tags gerade auf steuerlichem Gebiet die ange- danken gemacht. Ich möchte dazu nur eins sagen.
spannte Haushaltslage verantwortlich gemacht wer- Es ist doch wirklich nicht einzusehen, warum man
den soll. Jeder, der die Steuergesetzvorschläge des in einem Augenblick, in dem der Bundesfinanz-
Bundesfinanzministers sorgfältig gelesen hat, weiß minister sich entschließt, sehr erhebliche Steuer-
aber, daß dort sehr erhebliche Zugeständnisse ge- erleichterungen zu bewilligen — er selbst hat sie
macht werden. Ich glaube deshalb, daß die Be- ja bei der Einkommen- und Körperschaftsteuer auf
gründung, die der Bundeswirtschaftsminister ge- 2,3 Milliarden DM beziffert —, diesen Segen der
geben hat, außerordentlich schlecht ist. Steuererleichterungen völlig gleichmacherisch auf
Wir haben nun einen Vorschlag gemacht, der in die Bereiche unserer Wirtschaft mit verhältnis-
gewisser Beziehung, jedenfalls unter den Vor- mäßig kleinen Sorgen und auf die Bereiche mit
schlägen, die im Bundestag gemacht worden sind, sehr großen Sorgen verteilen will.
neu ist. Wir haben eine wesentliche Herabsetzung
der Umsatzsteuer für alle Betriebe der Zonen- (Sehr richtig! bei der SPD.)
grenzgebiete vorgeschlagen. Lassen Sie mich einmal Ich glaube also — das ist überhaupt unsere Auf-
die zahlreichen sehr entscheidenden Vorteile, die fassung von einer konstruktiven Finanzpolitik —,
ein solcher Vorschlag beinhaltet, aufzählen. Erstens daß sie es sich zum Ziel setzen sollte, eine ge-
wird dadurch den Betrieben im Zonenrandgebiet wisse Differenzierung der verschiedenen Wirt-
ein echter und allgemeiner Konkurrenzvorteil ge- schaftsgebiete vorzunehmen.
genüber den Betrieben außerhalb der Zonenrand-
gebiete gegeben. Sie können mit diesem Konkur- Man könnte auch noch den Einwand erheben,
renzvorteil dann in einen echten Wettbewerb mit daß mit einer solchen Steuer, die Erleichterungen
den Betrieben außerhalb des Zonenrandgebiets ein- für einen begrenzten Kreis von Betrieben bringt,
treten. Das ist doch das, was gerade Sie, meine technische Schwierigkeiten verbunden sein könn-
Herren von den Koalitionsparteien, begrüßen müs- ten. Ich möchte dieses Argument auch gleich wider-
sen, und das ist nur möglich, wenn wir uns weit- legen und Sie darauf hinweisen, daß noch bis zum
gehend von den individuellen Subventionen lösen. Jahre 1950 für die Umsatzsteuer der Ort der Lie-
ferung maßgebend war. Man braucht also nur zu
Zweitens glaube ich, daß eine solche Maßnahme, den Methoden, die wir bis 1950 in den Notstands-
die zu einer wesentlichen Erleichterung der finan- gebieten angewendet haben, zurückzukehren, um
ziellen Lasten dieser Gebiete führt, auch eine all- die Schwierigkeiten, die man hier vielleicht ver-
gemeine Belebung der Wirtschaftstätigkeit in die- muten könnte, zu beseitigen.
sen Gebieten zur Folge haben wird, eine Belebung,
die sich zweifellos dann auch beim Steueraufkom- Das, was die Bundesregierung an Steuererleich-
men dieser Gebiete auswirken kann. terungen bisher effektiv durchgeführt hat, ist —
Drittens haben wir den großen Vorteil, daß Maß- das ist schon gesagt worden — außerordentlich be-
nahmen hinsichtlich der Umsatzsteuer sofort wirk- scheiden. In dem Bericht des Herrn Bundeswirt-
sam werden. Der Betrieb braucht nicht bis zu sei- schaftsministers wird auf die Erleichterung der
ner Steuererklärung zu warten. Die Umsatzsteuer- Stundung und des Erlasses hingewiesen. Meine Da-
ermäßigung ist vielmehr eine sofort wirksame men und Herren, jeder von Ihnen weiß doch ganz
Maßnahme. Sie ist insbesondere auch geeignet, die genau, daß solche Erleichterungen erst dann für
Kreditfähigkeit der Betriebe zu erhöhen. einen Betrieb wirksam werden, wenn er sich in
akuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindet.
Im Grundsatz ist das auch gar kein neuer Vor- Mit einer solchen Maßnahme wird man wohl kaum
schlag. Einen ähnlichen Weg ist der Bundestag jemanden in Zukunft in das Notstandsgebiet locken
schon bei den Exportförderungsmaßnahmen und können.
kürzlich bei den besonderen Förderungsmaßnah-
men für Berlin gegangen. Es sollte uns also nicht Dann zu den Erleichterungen der Abschreibun-
sehr schwerfallen, uns nunmehr zur Realisierung gen. Sie haben sehr wesentliche Nachteile. Es ist
dieses Vorschlages durchzuringen. durchaus nicht sicher, daß die Konkurrenznachteile
Ein besonderer Vorteil ist schließlich noch, daß der Betriebe in den Zonenrandgebieten in der
von dieser Maßnahme, der Herabsetzung der Um- Mehrzahl der Fälle durch Neuinvestitionen besei-
satzsteuer, gerade die notleidenden Gemeinden und tigt werden können. Von dieser Voraussetzung
die notleidenden Länder nicht betroffen werden. geht aber der Vorschlag aus. Ich könnte mir eine
Das war ja gerade das besondere Problem, das Menge von Fällen vorstellen, in denen die man-
bisher bezüglich der Gewerbesteuer so große gelnde Konkurrenzfähigkeit durchaus nicht nur
Schwierigkeiten gemacht hat. Der Bund wird hier durch Neuinvestitionen beseitigt werden kann.
eine Gelegenheit haben, nun wirklich einmal selbst Das zweite Argument: Wenn man die Betriebe
etwas zu tun und nicht nur immer die Länder in den Zonenrandgebieten nur begünstigen will,
und Gemeinden oder die Bundesanstalt für Arbeits- wenn sie investieren, dann kommen nur die Be-
vermittlung und Arbeitslosenversicherung zu eige- triebe in Frage, die zumindest einen wesentlichen
nen Leistungen freundschaftlich zu ermutigen. Teil dieser Neuinvestitionen aus eigenen oder frem-
Nun zu den Bedenken, die teilweise hier schon den Mitteln finanzieren können. Das war aber bis-
geäußert worden sind oder noch geäußert werden her eines der entscheidenden Probleme. Wenn wir
können. Es ist mit Recht gesagt worden, daß die ferner in Zukunft zu einer Herabsetzung der
Frage der Abgrenzung des Gebietes ein Problem Steuersätze kommen, dann wird die Förderung
darstellt. Aus diesem Grunde haben wir in unserem durch Abschreibungserleichterungen in ihrer Wir-
Vorschlag die Ermächtigung der Bundesregierung kung noch außerordentlich stark absinken.
eingebaut, das Gebiet zweckentsprechend abzu-
grenzen. Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders:
Über die Deckungsfrage hat mein Freund Gehört das noch zur Begründung, Herr Abgeord-
Dr. Bleiß schon einige Bemerkungen gemacht. neter?
1480 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
Kurlbaum (SPD), Antragsteller: Das gehört zur Die von der Fraktion der SPD beantragte
Begründung, weil die Kritik an den Maßnahmen Kredithilfe für die mittleren Schichten der Wirt-
der Bundesregierung zur Debatte steht. Wir woll- schaft im Zonenrandgebiet soll, wenn auch in be-
ten statt dessen einen eigenen konstruktiven Vor- scheidenem Maße, so doch eine tatsächliche Hilfe-
schlag machen. leistung für die notleidenden kleinen und mitt-
leren Handwerks-, Industrie- und Handelsbetriebe
sein. Die von unserer Fraktion geforderte Aktion
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders:
bedeutet die Anerkennung der gewerblichen Mit-
Es handelt sich hier nur um die Begründung des telschichten als eines tragfähigen und nicht hin
Gesetzentwurfs zur Änderung des Umsatzsteuer- wegzudenkenden Bestandteils unserer Volkswirt-
gesetzes. schaft. Es handelt sich hier durchweg um Hilfe für
solide Klein- und Mittelunternehmungen in den
Kurlbaum (SPD), Antragsteller: Ja, diese Um- Zonenrandgebieten.
satzsteuerermäßigung soll an die Stelle der Ab- Mein Fraktionskollege Dr. Bleiß hat Ihnen im
schreibungserleichterungen treten. Das ist unsere wesentlichen die wirtschaftliche Situation in den
Auffassung. Zonenrandgebieten dargelegt. Es ist hinzuzufügen,
Nun möchte ich noch ein allgemeines Bedenken daß die Betriebe in den Zonenrandgebieten und
äußern. Der Herr Bundesfinanzminister hat sich im Grenzland nicht in der Lage waren, ihre Fabri-
bei seinen steuerpolitischen Maßnahmen teilweise kation auf einen solchen Stand zu bringen, daß
nur auf den § 131 der Reichsabgabenordnung ge- sie mit der fortschreitenden Technisierung der
stützt. Wir halten ein solches Verfahren für außer- Wirtschaft der westlichen Industrieländer Schritt
ordentlich bedenklich. Wir halten es insbesondere halten konnten, und daß sie dadurch wirtschaft
nicht für richtig, daß solche wirtschaftspolitischen lich im Nachteil sind. Nunmehr soll ihnen auf dem
Maßnahmen allein im Rahmen von Ermessensmög- Kreditwege die Möglichkeit der Anpassung und
lichkeiten oder auch allein im Rahmen von mini- Umstellung ihrer Betriebe gegeben werden. Be-
steriellen Erlassen durchgeführt werden. Wir glau- triebe, die schon seit Generationen im Familien-
ben, daß für solche weitreichenden Maßnahmen. besitz sind, sowie Betriebe, deren Inhaber durch
eine gesetzliche Grundlage notwendig ist. Insbe- die Kriegsereignisse aus ihrer Heimat vertrieben
sondere halten wir es für notwendig, daß solche worden sind und sich durch ihrer Hände Fleiß
Maßnahmen nicht innerhalb der Ministerien voll- redlich und rechtschaffen wieder eine Existenz
zogen werden, sondern im breitesten Licht der aufgebaut haben, sollen über die existenzgefähr-
Öffentlichkeit. Wir haben einen konkreten Anlaß, dende Krise der Gegenwart hinwegkommen, sie
gerade darauf Wert zu legen. sollen wieder leistungsfähig und wettbewerbsstark
in die Wirtschaft eingegliedert werden, zur Ge-
Ich habe eine Reihe sehr gewichtiger Argumente sundung ihrer eigenen Existenz und zum Wohle
für unseren Vorschlag auf Herabsetzung der Um- unseres volkswirtschaftlichen Gesamtgefüges.
satzsteuer vorgetragen. Ich hoffe, daß sich die
Mehrheit dieses Hauses diesen Argumenten an- Leber die Kreditbedingungen und -voraussetzun-
schließen und unseren Antrag unterstützen wird. gen wird man sich in den Ausschüssen unterhal-
Im Namen meiner Fraktion beantrage ich, diesen ten müssen. Zur Kreditgewährung selbst ist zu
Antrag dem Finanzausschuß — federführend — sagen: Die Kredite sollen mit 4 °/o verzinst und
und dem Ausschuß für Wirtschaftspolitik sowie nach einer tilgungsfreien Zeit von drei Jahren in
dem Ausschuß für gesamtdeutsche Fragen zur zehn gleichen Jahresraten zurückgezahlt werden.
Mitberatung zu überweisen. Das Wesentliche ist, daß die Kredite billig sind und
eine sehr lange Laufzeit haben; denn nur so ist
(Beifall bei der SPD.) eine wirkliche Hilfe gewährleistet. Der Kredit soll
gegeben werden
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: a) zur Investition, d. h. zur betrieblichen Ver-
Ehe ich das Wort weiter erteile, möchte ich zweier- besserung, zur Beschaffung oder zum Ausbau von
lei mitteilen. Erstens: Der Ausschuß für Finanz- Arbeitsräumen, Anschaffung von Maschinen,
und Steuerfragen tritt, wie vorgesehen, um 15 Uhr Werkzeugen usw.,
zusammen. Das wollte ich den Mitgliedern des Aus- b) als Betriebsmittelkredit zum Einkauf von
schusses sagen. Rohstoffen und Material und zur Finanzierung
Zweitens muß ich darauf aufmerksam machen, der Aufträge und
daß im Ältestenrat eine Vereinbarung getroffen c) schließlich als Umschuldungskredit, wenn in
worden ist, wonach 10 Minuten zu den einzelnen Sonderfällen die Handwerks-, mittleren Industrie-
Begründungen gesprochen werden soll. Ich habe oder Handelsbetriebe zunächst gezwungen waren,
ein bißchen den Eindruck, daß diese 10 Minuten hochverzinsliche Kredite aufzunehmen, und die
reichlich ausgeweitet werden, und möchte doch
- im Wirtschaftlichkeit nur durch Umschuldung auf
Interesse des ganzen Hauses und der fristgemäßen zinslich günstigeren Kredit erreicht werden kann.
Erledigung der Tagesordnung herzlich bitten, sich
an diese Redezeit zu halten. Ich gebe zu, es ist sehr Der einzelne Kreditbetrag soll sich in der Höhe
schwer, weil ja die Dinge, über die gesprochen bis zu 50 000 DM bewegen — Ausnahmen sind
wird, alle miteinander verhakt sind. Trotzdem natürlich zulässig —; dies entspricht auch dem
möchte ich bitten, sich freundlichst an die Rede- Ziel, möglichst vielen kleinen und Mittelbetrieben
zeit von 10 Minuten zu halten. zu helfen.
Die Kredite sollen einmal an bedürftige und
Das Wort hat als nächster der Abgeordnete Hör- vertrauenswürdige Betriebe gegeben werden, die
auf zur Drucksache 432. bereits Leistungen aufzuweisen haben, zum ande
ren aber auch an neu zu gründende Existenzen,
Hörauf (SPD), Antragsteller: Meine Damen und damit sie sich mit Hilfe des Kredits zu leistungs-
Herren, ich will mich bemühen, die 10 Minuten starken Gliedern ihres Berufszweiges entwickeln
nicht zu überschreiten. können.
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1481
(Hörauf)
Für die gewährten Kredite soll grundsätzlich Freidhof (SPD), Antragsteller: Frau Präsidentin!
Absicherung verlangt werden. Dort, wo dies nicht Meine Damen und Herren! Ich möchte den sozial-
möglich ist, soll Staatsbürgschaft beantragt wer- demokratischen Antrag begründen, der die Bun-
den können. Ich denke dabei an eine eventuell zu desregierung ersucht, zur Beseitigung der ver-
schaffende Bundesgarantiekasse oder etwas ähn- kehrswirtschaftlichen Schwierigkeiten, die durch
liches. Die Kredite dürfen nicht an überspannten die Blockierung der Straßenverbindungen im
Sicherungsklauseln scheitern. Die Mittel für den Zonenrandgebiet entstanden sind, für Bau und
Kredit sollen in voller Höhe vom Bund zur Ver- Verbesserung der Straßen, insbesondere auch der
fügung gestellt und 100 %ig an die Kreditnehmer Landstraßen erster und zweiter Ordnung, 65 Mil-
ausbezahlt werden. Der Weg zur Kreditgewährung lionen DM bereitzustellen. Ich glaube, es besteht
soll möglichst kurz sein und nicht durch bürokra- keine Notwendigkeit, eine ins einzelne gehende
tische Hindernisse gehemmt werden.. Begründung zu geben. Den Abgeordneten, die in
den Zonengrenzkreisen gewählt sind, ist der Zu-
Durch die Aufteilung des Gesamtkredits von stand der Straßen und der übrigen Verkehrsein-
50 Millionen DM auf eine breite Schicht wird richtungen hinlänglich bekannt,
zweifellos der beste Erfolg erzielt und das Risiko
verringert. Ich kann mir vorstellen, daß kleinen (Sehr richtig! rechts)
Handwerksbetrieben in vielen Fällen mit einem und einem großen Teil der Abgeordneten, die nicht
Kredit von 3 bis 5000 DM und mittleren Betrieben in den Zonengrenzkreisen gewählt sind, aber mit-
mit einem größeren Maschinenbedarf mit 15 bis unter dort gesprochen haben, wird der Zustand
20 000 DM fühlbar geholfen werden kann. der Zonengrenzstraßen ebenfalls bekannt sein.
Wie ich bereits eingangs erwähnte, hat sich die Es ist nun die Frage aufgeworfen worden, was
wirtschaftliche Lage des Handwerks in den Zonen- der Bund bisher getan hat, um den schlechten
randgebieten und im Grenzland in den letzten Straßenzustand in den Zonenrandgebieten zu be-
Jahren laufend verschlechtert. Wesentlich ist, daß seitigen. Wir haben gestern oder vorgestern die
durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse das Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums erhal-
Handwerk vielfach stark überaltert ist. Die alten ten, in der ein Überblick über den Stand der Hilfs-
Handwerker haben meistens die Grundlage ihrer maßnahmen für die Zonenrandgebiete gegeben
Altersversorgung in Form von Lebensversicherung, wird. Darin wird festgestellt, daß der Bund im
Sparkonten usw. verloren. Bei der altersbedingten Haushaltsjahr 1953 für die laufende Unterhaltung
geringeren Arbeitsleistung und der 1948 bis 1953 der Bundesfernstraßen in den Zonenrandgebieten
gegebenen übersetzten Steuerbelastung konnte der 10 Millionen DM aufgewendet hat. Ich darf darauf
einzelne alte Handwerksmeister auch keine neuen hinweisen, daß der Hessische Landtag vorgestern
Ersparnisse ansammeln. Wir treffen heute viel- seinen Staatshaushaltsplan verabschiedet hat und
fach Handwerksmeister mit 70 bis 75 Jahren noch daß das Land Hessen danach für die Herstellung
arbeitend in ihrer Werkstätte an. Dadurch wird der Straßen in den Zonenrandgebieten etwa
den jungen tüchtigen Meistern der Aufbau oder 10,4 Millionen DM aufbringt.
die Übernahme eines alten Handwerksbetriebes In der Antwort des Wirtschaftsministeriums ist
erschwert. Mit einem Darlehen an den jungen weiter gesagt worden, daß die Maßnahmen zur
Meister zum Zwecke der Übernahme eines alten Verbesserung des Landstraßen- und Wegenetzes
Handwerksbetriebes könnte beiden Teilen wirk- für die Zonenrandgebiete nur mittelbar den Bund
sam geholfen werden. angingen, weil die Zuständigkeit dafür bei den
L ä n d e r n liege. Ich bin der Meinung, daß die
Meine Damen und Herren! Besondere Verhält- durch die Teilung Deutschlands und den Eisernen
nisse erfordern zu allen Zeiten besondere Maß- Vorhang entstandene schwierige Situation den Län-
nahmen. Wenn es einerseits erforderlich war, mit dern allein nicht überlassen werden darf, sondern
der Investitionshilfe, zu welcher auch die größe- daß der Bund als echte Kriegsfolgelast erhebliche
ren Betriebe des Handwerks beitragen mußten, der Mittel aufwenden muß, um auf diese Weise dort
Grundstoffindustrie die erforderlichen großen In- die Interessen der Wirtschaft und des Verkehrs
vestierungen zu ermöglichen, so ist es wirklich wahrzunehmen. Wir halten es deshalb für not-
nicht unberechtigt, für eine breite Schicht des not- wendig, daß in verstärktem Umfange Sonder-
leidenden Grenzgebietes eine Darlehensaktion der mittel für den Ausbau der Straßen in den Zonen-
angestrebten Art zuzubilligen. Denn gute hand- randgebieten zur Verfügung gestellt werden, um
werkliche und gut funktionierende kleine und so mehr als ein Teil der Straßen durch die Zonen-
mittlere Industriebetriebe waren noch immer ein grenze gesperrt ist, so daß der Verkehr auf eine
festes Rückgrat der deutschen Wirtschaft und des Reihe von anderen Straßen umgelagert worden
Staates. Deshalb ist es nach meiner Überzeugung ist, die bisher Landstraßen 1. und 2. Ordnung ge-
volkswirtschaftliches Gebot, das weitere Absinken wesen sind. Die Länder, und zwar nicht nur Hes-
des Handwerks und der mittleren Betriebe im sen, sondern auch die anderen Länder, haben be-
Grenzgebiet zu vermeiden und den Aufbau durch reits Mittel zur Verfügung gestellt; aber man darf
staatliche Kreditmittel zu stärken. nicht verkennen, daß an der Zonengrenze die
Aus diesem Grunde bitte ich Sie, den Antrag armen Länder liegen und daß diese Länder durch
der SPD an den Ausschuß für Wirtschaftspolitik andere Maßnahmen, die mit dem Eisernen Vor-
— federführend — und an den Ausschuß für hang zusammenhängen, bereits außerordentlich
gesamtdeutsche Fragen zur Mitberatung zu über- stark belastet sind.
weisen. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen,
daß die Landstraßen 2. Ordnung durch die Ab-
(Beifall bei der SPD.) sperrungsmaßnahmen sehr stark belastet sind. Die
Finanzkraft der Gemeinden und Kreise reicht
Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders: aber nicht dazu aus, diese Straßen in den Zu-
Das Wort hat der Abgeordnete Freidhof zur Be- stand zu versetzen, den wir für notwendig erach-
gründung der Drucksache 433. ten. Dazu kommt — und das ist ein sehr schwie-
1482 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Freidhof)
riges und dringendes Problem —, daß durch die von der Autobahn heruntergeht, insbesondere die
Sonderabschreibungen, die für die Wirtschaft der schwerbelasteten Lastkraftwagen, die die großen
Zonenrandgebiete genehmigt sind und die wir ab- Steigungen über den Gipfel des Vogelbergs scheuen
solut begrüßen, die Gewerbesteuererträge der Ge- und auf der Bundesstraße 27 fahren, um von dort
meinden und Kreise erheblich geschmälert werden. aus nach Bayern herunterzukommen.
Mir ist aus einer nordhessischen Kreisstadt mit- Ebenso müßten die Landstraßen um den Hohen
geteilt worden, daß allein die Sonderabschreibun- Meißner im Ringau und im Schemern Grund ver-
gen bei der Gewerbesteuer für diese Kreisstadt bessert werden.
einen Ausfall von rund 80 000 DM mit sich brin- (Einzelner Beifall bei der SPD.)
gen. Schon diese Tatsache zwingt uns, hier vom
Bund aus etwas zu tun. Es kommt hinzu, daß in- — Das war ein Hesse!
folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Ge- (Heiterkeit.)
werbesteuererträge in den wirtschaftlich schwachen
Gebieten und Betrieben sowieso außerordentlich In Bayern wäre der Ausbau von Straßenzügen
gering sind. notwendig, vor allen Dingen die Ost-West-Verbin -
Nun hat Herr Staatssekretär Westrick dar- dung der Landstraße 1. Ordnung von Kronach nach
auf hingewiesen, daß die Bundesanstalt aus dem Coburg.
Arbeitsstock Mittel zur Verfügung stellen könnte, (Aha!-Rufe von der CDU/CSU. — Bravo!
um diese Maßnahmen im Interesse der Verbesse- rechts.)
rung der Straßen durchzuführen. Ich möchte dar- — Das sind die. Bayern! - Die Bundesstraße 279
auf hinweisen, daß, auch wenn diese Mittel zur ist notwendig als einzige Verbindung, die von der
Verfügung gestellt werden, die einzelnen Bau- Bundesstraße 227 nach Hessen führt, wo der Ver-
lastträger 20 % der Baulast aufzubringen haben kehr von Norden nach Süden, nach Bayern rollt.
und daß dies für die finanzarmen Gemeinden und Dann die Landstraße 1. Ordnung von Mellrich-
Kreise sehr schwierig ist. Dies würde also eine stadt nach Königshofen, die Straße von Bayreuth
weitere schwere Belastung bedeuten. nach Bamberg, um zu erreichen, daß dort eine
Ich möchte mich kurz fassen und daher nur noch Querverbindung geschaffen wird.
folgendes sagen. Unser Antrag hat nicht nur eine Zum Schluß meiner Betrachtungen noch eins. In
verkehrspolitische und eine verkehrstechnische dem Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums ist
Seite, sondern er soll Arbeitsmöglichkeiten schaf- darauf hingewiesen worden, daß auch für den
fen. Ferner soll er die Finanzkraft der Kreise Fremdenverkehr in den einzelnen Gebieten — es
stärken, und schließlich soll er erreichen, daß auch werden Harz und Bayern angeführt - etwas ge-
der Handel, das Gewerbe und insbesondere auch tan worden ist. Ich möchte darum bitten, daß auch
das Verkehrsgewerbe die Stärkung erfahren, die das schöne Werra-Tal und das schöne Fulda-Tal in
in diesen Zonengrenzkreisen absolut notwendig ist. Zukunft mit einbezogen werden, damit auch diese
Wir haben uns nun die Mühe gemacht, einige Gebiete für den Fremdenverkehr in größerem
dringende Projekte in den Zonengrenzkreisen zu- Maße erschlossen werden. Ich möchte diese drin-
sammenzustellen. Dabei möchte ich bemerken, daß gende Bitte an die Bundesregierung richten und
sie keineswegs erschöpfend sind und daß von den das Hohe Haus gleichzeitig ersuchen, unsern Antrag
einzelnen Ländern wahrscheinlich eine Reihe von anzunehmen.
anderen Projekten noch vorgeschlagen werden (Beifall bei der SPD.)
wird. Wir hoffen, daß mit der Durchführung un-
serer Projekte eine Verbesserung der verkehrs-
technischen Einrichtungen in den Zonenrandge- Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders:
bieten erreicht wird. Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Schmidt (Gel-
lersen) zur Begründung des Antrags auf Druck-
In Schleswig-Holstein müßte nach unserer Auf- sache 434 — Hilfsmaßnahmen für die Landwirt-
fassung die Kreuzung der Bundesstraße 77 mit dem schaft im Zonenrandgebiet.
Nordostseekanal in Rendsburg durch eine Unter-
tunnelung verbessert werden. Ferner müßte der
Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD), Antragsteller:
Ausbau der aus Teilen der Bundesstraßen 209 und Meine Damen und Herren! Der Antrag auf Druck-
207 bestehenden Verbindung von Lübeck nach
sache 434 wäre nicht notwendig gewesen, wenn der
Lauenburg zum einzigen schleswig-holsteinischen
Herr Bundesfinanzminister seine Maßnahmen vom
Grenzübergang nach Lauenburg und zur Elb- Jahre 1952 auch im Jahre 1953 und in diesem Jahre
brücke Lauenburg durchgeführt werden. fortgesetzt hätte. Aber sein Veto gegen die Be-
In Niedersachsen ist der Ausbau der auf rund mühungen des Ernährungsministeriums war wie-
170 km in mehr oder weniger großem Abstand der einmal stärker, und alle Erkenntnisse über
längs der Zonengrenze führenden Bundesstraße 4 sachliche Notwendigkeiten haben auch diesmal
über Lüneburg, Uelzen, Gifhorn, Braunschweig, nichts genützt. Wie ich vernommen habe, ist man
Vienenburg, Bad Harzburg und Braunlage beson- sogar im Bundeskanzleramt sehr erstaunt darüber
ders wichtig. gewesen, daß diese finanziellen Aufwendungen für
(Sehr gut! rechts.) die landwirtschaftlichen Betriebe, die unmittelbar
durch die Zonensperrmaßnahmen betroffen worden
Auf dieser Straße rollt ja ein erheblicher Teil des sind, nicht fortgesetzt worden sind. Ich bedaure,
Schwerlastverkehrs von Norden nach Süden. Wei- sagen zu müssen, daß im Förderungsprogramm
ter ist anzustreben, daß die noch unvollendet ge- vom 3. Juli 1953 die Landwirtschaft keine Erwäh-
bliebene Landstraße 1. Ordnung Braunschweig - nung gefunden hat. Es ist nur vergessen. Wir wol-
Lebenstedt, die sogenannte Städtestraße, möglichst len das aber schleunigst nachholen, und daher un-
rasch ausgebaut wird. ser Antrag.
In Hessen ist Verbesserung und Ausbau der Bun- Sie gestatten, meine Damen und Herren, daß ich
desstraße 27 notwendig, die außerordentlich stark noch einmal die Tatbestände aufzeige, die damals
belastet ist, weil ein Teil des Nord-Süd-Verkehrs im Zonengrenzgebiet gegeben waren. Durch die
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1483
(Dr. Schmidt [Gellersen])
Sperrmaßnahmen sind zirka 2200 landwirtschaft- zu vergüten sind, und andererseits sollen Wirt-
liche Betriebe, meistens kleinbäuerliche Betriebe, schaftsbeihilfen für die Betriebe, die keine Pacht-
betroffen worden. Sie haben zum mehr oder weni- flächen auf dem Pachtmarkt erhalten konnten, ge-
ger großen Teil ihre Betriebsgrundflächen ver- währt werden. Wir wissen selbst, daß wir damit
loren und haben für das verlorengegangene Land keine Generalentschädigung für die Bauern herbei-
keinerlei Entschädigung erhalten. In der Ostzone führen, wir wollen nur die Not lindern. Es ist
ist es nicht üblich, daß die Bauern, die nunmehr selbstverständlich, daß diese Beihilfen und Ver-
derartige Flächen bewirtschaften, dafür einen ge- gütungen rückwirkend auch für das Jahr 1953 ge-
wissen Betrag auf ein Sperrkonto zahlen. Die Bau- währt werden müssen.
ern diesseits der Zonengrenze sind an dem Ertrage Ich gebe zu, daß es eine bessere Lösung gibt, die
der dortigen Bewirtschaftung nicht beteiligt. Dies- darin besteht, daß man versucht, die Bewirtschaf-
seits der Grenze begann damals wenige Stunden tung dieser Flächen im kleinen Grenzverkehr wie-
und Tage nach den Sperrmaßnahmen ein Rennen der zu ermöglichen. Ich weiß, daß das Ernährungs-
auf das frei gewordene Land, auf das Land, das ministerium diesbezügliche Vorschläge an das Aus-
Ostzonenbauern gehört hatte. Infolge des ver- wärtige Amt gemacht hat. Ich weiß aber nicht, was
mehrten Landhungers sind bei Verpachtungen daraus geworden ist, ob überhaupt Schritte seitens
Preise genommen worden, die in keinem Verhält- der Bundesregierung unternommen worden sind,
nis zu dem Ertrage stehen. Auf der andern Seite diese Bewirtschaftung wieder zu ermöglichen. Ich
gibt es natürlich auch viele Stellen im Zonengrenz- meine, unabhängig davon, ob etwas geschehen ist,
gebiet, wo ein Landerwerb durch Pacht in keinem sollte der Bundestag, sollten wir alle immer darauf
Falle möglich war. Eine Lenkung der Verpachtun- bedacht sein, daß solche Versuche ständig unter-
gen durch die Behörden war nicht möglich. Es wäre nommen werden.
vielleicht möglich und zweckmäßig gewesen, wenn Wenn man das nicht kann, wenn man anderer-
man das Land, das hier zur Verfügung stand, seits aber auch kein Geld im Sinne des Antrags
denen gegeben hätte, die eben drüben Land ver- bewilligen will, dann gibt es noch eine dritte Mög-
loren haben. Das Gesamtergebnis ist also: auf der lichkeit, die allerdings eine Zwangsmaßnahme ist.
einen Seite ganz abnorme Pachtpreise, die in kei- Man müßte dann eine Landbewirtschaftungsord-
nem Verhältnis zum Ertrage stehen; auf der an- nung speziell für diese Zonenrandgebiete einfüh-
dern Seite ist das Gleichgewicht vieler Betriebe ren, mit der man erreichen kann, daß Land be-
gestört. Es gibt viele Betriebe, die mehr als drei schafft wird und daß andererseits die bestehend en
Viertel ihres Grund und Bodens verloren haben. Pachtverägübpfundckgiemaht
Damals — im Jahre 1952 — mußte sich der werden können, daß das Land also zwangsweise
Finanzminister dazu bequemen, eine Ernteausfall- in die rechten Hände kommt. Da das aber schwie-
entschädigung bis zu 50 % zu gewähren. Das ist rig und wahrscheinlich nicht durchsetzbar ist,
nicht leicht gewesen. Frau Kollegin Dr. Brökel- bleibt uns kein anderer Weg, als finanzielle Unter-
schen, Sie wissen ganz genau: wir haben uns da- stützung zu gewähren. — Deshalb haben wir un-
mals in vielen Stunden von Verhandlungen be- seren Antrag gestellt.
müht, die Auszahlung einer derartigen Entschädi- Der Herr Kollege Wacher hat in Drucksache
gung durch den Finanzminister zu erreichen. Die 529 einen ähnlichen Antrag gestellt. Er ist uns
Folge der Tatsache, daß im Jahre 1953 keine solche gestern zugegangen, sechs Wochen nachdem wir
Vergütung gezahlt worden ist, ist die, daß diese unseren Antrag eingebracht hatten. Ich bedaure
Betriebe ihr Vieh haben abstoßen müssen, daß sie außerordentlich, daß der Herr Kollege Horlacher
damit in ihrer Existenz weitgehend bedroht sind. nicht wieder der Spitzenreiter ist, aber es hat an-
Von den indirekten Schäden will ich gar nicht scheinend auch Herrn Wacher nicht ruhen lassen,
weiter sprechen. Es gibt eine ganze Reihe von Be- hier in Konkurrenz zu treten. Er tritt nicht nur
trieben, denen es unmöglich gemacht ist, ihre Forst- mit uns in Konkurrenz, sondern er tritt auch mit
nutzung für Brennholz in der Ostzone weiter zu seinem eigenen Fraktionskollegen, dem Herrn Dr.
erhalten. Von den wirtschaftlichen Erschwernissen Dr. Müller, in Konkurrenz, der ja für die Gebiete
allgemeiner Art will ich auch nicht reden. Ich will an der Westgrenze ähnliche Regelungen gefordert
auch nicht davon reden, daß es vielen Betrieben hat.
unmöglich gemacht ist, ihre Produkte oder Be- Ich darf Sie bitten, damit einverstanden zu sein,
triebsmittel leichter und bequemer abzusetzen bzw. daß der Antrag federführend an den Ausschuß für
zu beziehen als heute. Auch von den persönlichen Ernährung und Landwirtschaft und zur Mitbeteili-
Verhältnissen und Erschwernissen will ich nicht gung an den Ausschuß für gesamtdeutsche Fragen
ausführlich sprechen. Denken Sie doch einmal überwiesen wird.
daran, was Bauern machen sollen, die 60 oder 65 Lassen Sie mich zum Schluß noch eines sagen: Es
Jahre alt sind, die Hälfte ihres Landes verloren wird gerade bei dem starren Verhalten des Herrn
haben und keine Möglichkeit haben, einen Neben- Finanzministers notwendig sein, daß wir hier zu-
erwerb zu finden! Was sollen Bauern machen, die, sammenstehen. Ich möchte schon heute an die Kol-
sagen wir, noch Altenteiler zu versorgen haben usw. legen in der Regierungskoalition, insbesondere auch
mehr? Daran sollte unser Herr Finanzminister ein- an Herr Wacher und an seine Mitunterschreiber,
mal denken. Ich würde es begrüßen, wenn Sie alle den Appell richten, daß sie zu ihrem Wort stehen
einmal Gelegenheit nähmen, solche Betriebe zu be- und nicht, wenn es darauf ankommt, wieder in die
sichtigen, damit Sie auch die menschliche Seite di e- Knie gehen, wie es so oft der Fall gewesen ist.
ses Problems kennenlernen.
Draußen, in den Dörfern, hat man für das Ver- (Beifall bei der SPD. — Gegenrufe von der
halten unseres Finanzministers kein Verständnis. Mitte und rechts.)
Man ist schwer enttäuscht. Darum sollten wir als
Bundestag die Courage aufbringen, die entspre- Alterspräsidentin Frau Dr. Dr. h. c. Lüders:
chenden Maßnahmen zu treffen. Wir haben daher Das Wort hat der Abgeordnete Behrisch zur Be-
unseren Antrag gestellt, der vorsieht, daß Pacht- gründung der Drucksache 435 betreffend Arbeits-
aufwendungen für verlorengegangene Eigenflächen beschaffungsmaßnahmen im Zonenrandgebiet.
1484 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
Behrisch (SPD), Antragsteller: Frau Präsidentin! Eisernen Vorhang nicht harmlos genug sei, um den
Meine Damen und Herren! Ich muß mit einem Be- Kräften der Selbstheilung überlassen zu werden.
kenntnis beginnen. Ich hatte geglaubt, daß das Er fordert Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen.
Erscheinen des Herrn Bundesfinanzministers die Nun, meine Damen und Herren, wie sieht das
Chancen der Streiter für das Zonengrenzland über praktisch aus? Schauen Sie, da ist z. B. ein Schrei-
alle Maßen erhöhen würde, ist er doch selbst ein ben des bayerischen Arbeitsministeriums an das
Mann aus dem Grenzgebiet am Eisernen Vorhang. Bundesarbeitsministerium. In ihm wird auf die
Ich hatte geglaubt, es habe ihn die Liebe zu sei- großen Schwierigkeiten der finanzschwachen Län-
nem Bayerischen Wald hierhergeführt. Leider ist der bei der Bereitstellung des für die Inanspruch-
er nun verschwunden. nahme der dargebotenen Förderungsmittel des
(Abg. Kahn: Er ist im Ausschuß! — Er Bundes und der Bundesanstalt notwendigen An-
kommt wieder!) teils hingewiesen. Es wird darauf aufmerksam
gemacht, daß die Länder ja gar nicht imstande
— Dann sei ihm verziehen. Wir haben aber nahezu sind, den halben Anteil zu den Förderungs-
die Situation wie am 2. Juli. Am 2. Juli war — ich maßnahmen aufzubringen. Zugleich wird aber
erinnere daran — die Ministerbank leer, als wir gesagt, daß man ohne die Notstandsarbeiten in
hier einstimmige Beschlüsse faßten, und das Haus den Randgebieten nicht auskommen kann.
war sehr schütter besetzt. Nun, nach dem 2. Juli
kam die Wahlzeit, und da änderte sich die Stim- (Vizepräsident Dr. Jaeger übernimmt
mung radikal. Wir hatten die umgekehrte Stim- wieder den Vorsitz.)
mung als in einem Vaterschaftsprozeß: alle woll- Ich erwähne ferner ein Schreiben von Herrn
ten es gewesen sein. Alle knüpften an die Be- Staatssekretär Krehle an das Bundesarbeitsmini-
schlüsse des 2. Juli an und alle gelobten: Aus dem sterium, worin auf eine günstigere Gestaltung der
Kind machen wir was. Darlehnsbedingungen der Anstalt gedrängt wird.
(Zurufe von der Mitte.) Nun möchte ich noch auf etwas verweisen, was
Die Beschlüsse des 2. Juli, so hieß es, sind nur den zuständigen Herren in Bonn wahrscheinlich
ein Anfang. Herr Schäffer traf am 9. Juli in nicht bekannt ist. Es gibt eine Verfügung der
München mit Herrn Wirtschaftsminister Seidel und nordbayerischen Arbeitsverwaltung vom Mai 1954,
Herrn Staatssekretär Ringelmann zusammen, und in der es heißt: „Kreditbegehrende Betriebe sind
bereits am 12. Juli war der Bundeskanzler in ab sofort unzweideutig darauf hinzuweisen, daß
Regensburg. Anträge auf Arbeitsplatzdarlehen wohl nach wie
vor gestellt werden können, d. h. daß eine Antrags-
Da bin ich nun bei meinem Gebiet, bei meinem sperre bislang nicht ausgesprochen wurde, aber
Antrag. In Regensburg ist dem Herrn Bundes- bei der Vielzahl der bereits vorliegenden Anträge
kanzler in überzeugender Weise dargelegt worden, mit Rücksicht auf die augenblicklich unzureichende
wie die Situation am Eisernen Vorhang ist. Der Mittelzuteilung kaum Aussicht auf Erfolg haben.
Herr Bundeskanzler hat erklärt, der Bund müsse Die Laufzeit für einen Antrag auf Gewährung
alles tun, um eine große politische Gefahr zu eines Arbeitsplatzdarlehens muß erfahrungsgemäß
bannen; die Sorge um die Stabilisierung der wirt- in Bayern mit ein bis eineinhalb Jahren angesetzt
schaftlichen Verhältnisse am Eisernen Vorhang werden."
beschäftige ihn schon lange. Die Bundesrepublik Warum sage ich das? Ich erwähne es deshalb,
sei verpflichtet, Hilfe zu bringen. Er sagte, als man weil wir mit dem Antrag, den ich zu begründen
ihn auf die große politische Gefahr der Dauer- habe, zusätzliche Mittel verlangt haben, damit in
arbeitslosigkeit hinwies, wörtlich: den Zonenrandgebieten Arbeiten durchgeführt
Daß darin eine politische Gefahr steckt, das werden können, die allen dort lebenden Menschen
ist für jeden, der die Dinge etwas zu über- Luft unter die Flügel geben.
schauen vermag, eine Selbstverständlichkeit. Daß Die Struktur des Zonenrandgebietes ist hier
der Bund auch aus politischen. Gründen alles jedes Jahr eingehend erörtert worden. Ich kann
tun muß, was in seinen Kräften steht, damit mir deshalb eine Wiederholung ersparen. Dem
diese politische Gefahr gebannt wird, das ist, Herrn Staatssekretär möchte ich aber zur Frage
glaube ich, so klar, daß ich keine Beteuerun- der Verlagerung von Betrieben ein Wort mit auf
gen abzugeben brauche. den Weg geben.
Dann hat uns der Herr Bundeskanzler in seiner Der Herr Wirtschaftsminister Seidel in München,
Regierungserklärung am 20. Oktober 1953 von ein Mann, der wegen seines Sachverstandes und
dieser Stelle aus versichert, daß er den Gebieten seiner Mäßigung bekannt und beliebt ist, hat aus-
am Eisernen Vorhang seine besondere Aufmerk- drücklich erklärt, daß ihm das Gefährlichste in
samkeit zuwenden werde. Inzwischen scheint er den Gebieten am Eisernen Vorhang im Augenblick
zurückgefunden zu haben zu der Weisheit Talley- gar nicht die Arbeitslosigkeit dünke, sondern die
rands: „Der Weise handelt nie!" Tendenz zu Betriebsabwanderungen. Nun hat man
Die Bundesregierung hat die Beschlüsse vom so getan, als wenn so etwas gar nicht bestünde.
2. Juli, man kann sagen, schleifen lassen. Da darf Nach Mitteilung des Arbeitsministeriums sind bis-
ich auf einen Mann aufmerksam machen, auf den her aus Oberfranken fünfzig Betriebe verlagert
die Bundesregierung sicher großes Gewicht legt. worden. Das sind keine kleinen Betriebe. Ich darf
Herr Dr. Wilhelm Röpke hat in einem sehr beach- Ihnen als Beispiele folgende nennen: Siemens-
teten Artikel die Verhältnisse am Eisernen Vor- Schuckert-Werke, Kleinbauwerk Hof, mit 500 Be-
hang im allgemeinen und in Oberfranken im schäftigten, Siemens-Schuckert-Werke, Instawerk
besonderen sehr eingehend analysiert. Herr Dr. Hof, mit 900 Beschäftigten, Neue Baumwoll-
Röpke kommt zu der Überzeugung, daß am Eiser- spinnerei und Weberei Hof, die einen Zweig-
nen Vorhang langsam, aber sicher eine soziale betrieb mit 300 Leuten errichtet hat. Dem Herrn
Erosion um sich greift. Er sagt, daß wegen der Wirtschaftsminister Seidel ist die Errichtung von
besonders ernst zu nehmenden Gefahr der Men- Zweigbetrieben deshalb so bedenklich vorgekom-
schen- und Betriebsabwanderung die Lage am men, weil sie zur Aushöhlung der Stammbetriebe
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1485
(Behrisch)
führt. Ich nenne weiter die Errichtung eines Soll ich Ihnen vorlesen, wie die Wirtschaftskapi-
Zweigwerks der Firma Laubmann & Co. in Hof täne in dieser Industriestadt diesen einstimmigen
mit 150 Beschäftigten, die Vogtländische Baum- Beschluß kommentiert haben? Die Situation ist
wollspinnerei mit einem verlagerten Zweigbetrieb doch so, daß z. B. diese eine Stadt in einem Jahre
mit 120 Leuten, die Deutawerke in Schwarzbach eine Verminderung ihres Gewerbesteueraufkom-
im Wald mit 800 Leuten, Renz & Sohn in Stamm- mens um 2 Millionen DM zu verzeichnen hat.
bach mit 100 Leuten, Siemens-Schuckert-Werke, Ich will Ihnen zeigen, wo sich die Dinge schnei-
Stromrichterwerk Hof, mit 200 Leuten und die den und wo wir helfend eingreifen müssen. Die
Möbelfabrik H. Schneider in Hof mit 400 Leuten, Stadt Hof — Sie können das sicher, wenn Sie an-
die pleite ging. Das sind nur einige Beispiele. Sie dere Namen und andere Industriezweige nehmen,
können noch mehr haben. Mein verehrter Kollege auf andere Orte am Eisernen Vorhang beliebig
Egon Franke aus dem Kreise Helmstedt hat mir ausdehnen; ich nehme meinen Modellfall, weil ich
z. B. eine Liste gegeben, die neun Betriebe umfaßt. ihn beherrsche —, diese Stadt hat, wie gesagt, im
Es wird dabei festgestellt, daß in drei Jahren letzten Jahr 2 Millionen DM Gewerbesteuer weni-
mindestens 3000 Arbeitsplätze verlorengegangen
ger eingenommen. Sie möchte aber ihre gewerb-
sind. liche Struktur erhalten. Welches ist ihre gewerb-
Womit haben wir uns also zu befassen? Mit drei liche Struktur? Die Textilindustrie! In dieser Stadt
Dingen: mit Arbeitslosigkeit, mit Dauerarbeits- drehen sich 500 000 Spindeln. Es sind eine Menge
losigkeit — sie ist in den Ländern am Eisernen Heimatvertriebene und eine Menge Sowjetzonen-
Vorhang mit Abstand am höchsten — und mit flüchtlinge zu uns gekommen. Die Länder am
Kurzarbeit. Ich gebe zu bedenken, daß die Land- Eisernen Vorhang sind ja nicht nur die Länder
striche, um die es sich hier handelt, meist Gebiete mit der höchsten Dauerarbeitslosenzahl; sie sind
sind, in denen fünf Monate Winter herrscht, was auch die Länder mit der mit Abstand höchsten
für die Saisonarbeit etwas bedeutet! Zahl von Heimatvertriebenen. Das muß man im
Wenn die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung Verhältnis sehen, mit all den Forderungen und
und Arbeitslosenversicherung feststellt, die struk- Strapazen, die das mit sich bringt. Diese Stadt Hof
turelle Arbeitslosigkeit habe im Bund 29 % betra- möchte ihre gewerbliche Struktur wahren. Sie ist
gen, dann wüßte ich von dieser Anstalt gern, wie- bereit, diese wertvollen Menschen, ,die aus Mittel-
viel von diesen strukturellen Arbeitslosen auf die deutschland kommen, auch wirtschaftlich seßhaft
vier Länder am Eisernen Vorhang entfallen. Ich zu machen. Das würde im Hinblick auf die Textil-
glaube, wir haben die „Ehre", den Löwenanteil zu industrie bedeuten: Verarbeitungsbetriebe, z. B.
haben. Der Herr Wirtschaftsminister denkt sicher, Färberei, Appretur und was man sonst braucht.
das pendelt sich bei uns auch aus. Ja, es pendelt Dazu braucht man Wasser. Die Stadt Hof muß ihre
sich auch im gewissen Sinne aus, nämlich dadurch, Brunnen zumachen, weil sie seuchenverdächtig
daß die besten Menschen von der Zonengrenze sind. Sie müßte eine Wasserleitung mit 7 Millio-
fortgehen. Fragen Sie einen Oberbürgermeister aus nen DM bauen. Wissen Sie denn, daß die Städte
einer solchen Stadt, und er wird Ihnen sagen, daß und Gemeinden am Eisernen Vorhang alle mitein-
jeden Tag Menschen zu ihm kommen, die ihm er- ander eine, gemessen an ihrer Kopfzahl, viel zu
klären: Seit Jahren laufe ich arbeitslos herum, hier hohe Schuldenlast haben? Sie haben Schulden pro
ist es hoffnungslos, und ich muß fort. — Dabei Kopf von 140 bis 200 DM. Eine solche Stadt kann
handelt es sich nicht nur um wertvolle Facharbei- also einen Bankkredit von 7 Millionen DM nicht
ter, sondern meist auch um Leute, die politisch aufnehmen. Aber kann sie das nicht, dann wandert
standfest sind und die das Grenzgebiet vor der po- die Industrie eben weiterhin ab, wie wir das bis-
litischen Infiltration mit bewahren könnten. Denn her schon zu verzeichnen haben. Die Sünde der
diejenigen, die weggehen, sind nicht die mensch- Zweigwerke wird sich weiter ausbreiten. Fragen
lichen Schlacken; es sind jene, die wir wirtschaft- Sie den Kollegen Starke von der Industrie- und
lich und politisch brauchen. Handelskammer Bayreuth! Der wird Ihnen aus
Ich möchte die Frau Präsidentin bitten — — absolutem Sachverstand ein Lied darüber singen
können, wie er die Situation am Eisernen Vorhang
(Zurufe: Den Herrn Präsidenten!) nicht heute, sondern in fünf oder zehn Jahren be-
— Es ist ein Wechsel erfolgt; ich bitte um Ver- urteilt. Was er weiß, hat ihn zu der Ansicht ge-
zeihung. — Ich möchte den Herrn Präsidenten bit- bracht, daß, wenn nicht etwas Grundlegendes ge-
ten, mir noch eine kurze Frist zu gewähren, um schieht, sich das Schwergewicht immer mehr von den
meinen Antrag so begründen zu können, wie es alten Betrieben, die bei uns stehen, auf die moder-
der Situation bei uns entspricht. nen Zweigbetriebe verlagern wird. Denn wird die
Auftragsdecke geringer, dann werden sich die In-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine kurze Frist! dustriellen aus rein finanziellen, kaufmännischen
- Überlegungen auf das gesunde, starke Bein stellen,
Behrisch (SPD), Antragsteller: Ja, ich werde Sie und wir werden am Eisernen Vorhang ein Armen-
nicht unnötig strapazieren, Herr Präsident! haus ohnegleichen haben.
Ich möchte auf folgendes aufmerksam machen. Wenn ich sage „Armenhaus am Eisernen Vor-
Die Maßnahmen der Behörden sowohl des Bundes hang", möchte ich auch ein Wort mit in die Debatte
als auch der Länder widersprechen sich. Hier ist werfen, das bisher noch nicht gefallen ist: das
gesagt worden, man solle den Gemeinden am Wort „Spionage". Am Eisernen Vorhang werden
Eisernen Vorhang im Hinblick auf das Gewerbe- jeden Tag von unseren Sicherheitsorganen Men-
steueraufkommen entgegenkommen. Ich möchte schen gefaßt. Sie sollten sich einmal dafür interes-
fragen: wo denn? Die Stadt Hof hat auf ausdrück- sieren, unter welchen Umständen und Bedingun-
liches Drängen des Finanzministeriums ihre Ge- gen diese Art „Verkehr" vor sich geht und wie
werbesteuer unlängst erhöht. man die Arbeitslosen beim Stöckeroden im Grenz-
(Abg. Sabel: Das bayerische Finanzmini wald auffordert, für 500 DM z. B. eine Fahrt mit
sterium!) einem Brief von Hof nach Köln zu machen. Nun,
1486 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Behrisch)
welcher Arbeitslose verdient sich nicht gern auf von dem Restbetrieb leben müssen. Hier ist es
diese Weise 500 DM? notwendig, einzugreifen. Diese Verhältnisse be-
stehen auch an der Westgrenze. Ich kenne viele
Warum habe ich das alles gesagt? Ich habe das
Fälle, in denen die Lage ähnlich ist.
gesagt, weil ich glaube, daß wir unsere Maßnah-
men so zusammenordnen müssen, daß Bund, Län- Bei unserem Antrag denkt niemand daran, eine
der und Gemeinden — denn in den Gemeinden endgültige Entschädigung zu verlangen oder auch
leben die Menschen — in einem sinnvollen Gleich nur eine Abschlagszahlung auf diese Entschädi-
klang stehen. Die 60 Millionen DM, die die sozial- gung zu fordern. Das wäre Aufgabe und Sache
demokratische Bundestagsfraktion fordert, sollen des Kriegsfolgenschlußgesetzes. Wir meinen, man
ja der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen muß lediglich die Härten mildern, von denen
am Eisernen Vorhang dienen, das heißt Meliora- unsere Bauern betroffen sind, die — das hat auch
tionen, Vorflutungen, Bau von Wasserleitungen, Kollege Schmidt schon ausgeführt — Teilflächen
Bau von Kanalisationen und Wohnungen usw. ihrer Betriebe für die Bewirtschaftung verloren
Ich möchte abschließend sagen, wenn wir hier haben. Nach den mir vorliegenden Unterlagen lie-
gen am Eisernen Vorhang ungefähr 2200 ha, die
in der Bundesrepublik eine Summe von 9 bis 11
Milliarden DM für die Verteidigung haben, dann nicht bewirtschaftet werden können. Im Westen
sollten wir doch wohl 200 Millionen DM zur Ver- beträgt die Gesamtfläche zirka 8000 ha. Hierher
fügung haben, um die Frontlinie — und das ist der gehören selbstverständlich auch die sogenannten
Traktatländereien. Herr Dr. Schmidt, machen Sie
Eiserne Vorhang von Lübeck über Hof nach Pas-
sau — sozial und politisch stark zu machen. Ich sich keine Sorgen, ich werde keineswegs mit Herrn
frage Sie, meine Damen und Herren, allen Ernstes: Dr. Dr. Müller in Konkurrenz kommen. Wir haben
sind 200 Millionen DM wirklich zuviel für solch die Dinge bereits abgesprochen, weil wir der An-
sicht sind, daß den Besitzern dieser Traktatlände-
eine ernste Angelegenheit?!
reien in unserem Sinne geholfen werden muß.
(Beifall bei der SPD.) Ich begrüße es außerordentlich, daß sich auch
Ihre Fraktion in ihrem Antrag Drucksache 434 mit
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zur Be- diesem Problem befaßt hat. Ich bin der Ansicht:
gründung des Antrags unter Punkt 4 h der Tages- wir werden uns über den Weg zu unterhalten
ordnung hat der Abgeordnete Wacher (Hof). haben; denn ich glaube nicht, daß wir Maßnahmen
in Fortführung der Maßnahme von 1952, wie Sie
Wacher (Hof) (CDU/CSU), Antragsteller: Herr sich ausgedrückt haben, ergreifen können. Wir
Präsident! Meine Damen und Herren! Es fällt mir haben ja immerhin jetzt völlig geänderte Verhält-
wirklich nicht leicht, nach der Begründung von nisse vorliegen. Seinerzeit handelte es sich doch
zwei Großen Anfragen und sechs Anträgen noch darum, Aufwendungen zu ersetzen. Heute müssen
Ihre Aufmerksamkeit für einen weiteren Antrag wir daran gehen, existenzgefährdeten Betrieben zu
zu erbitten. Aber glauben Sie uns Abgeordneten helfen. Die Aufwendungen — man kann das nur
aus den Zonengrenzgebieten, die wir die Sorgen roh schätzen — dürften nach unserem Antrag bei
und Nöte dieser Landstriche kennen, daß es sehr zirka einer Million DM liegen. Das ist im Ver-
notwendig ist, sich über diese Probleme zu unter- hältnis zu den Zahlen, die wir heute gehört haben,
halten. Wie notwendig es ist, das hat immerhin sicher ein geringer Betrag. Aber wir wissen, daß
heute die Diskussion schon zum Teil gezeigt. wir gerade mit diesen Mitteln eine wirksame Hilfe
Gestatten Sie mir bitte eine kurze Vorbemer- für einen recht großen Personenkreis werden er-
kung. Alle Mitglieder dieses Hauses sehen es lau- reichen können. Wir können uns nur nicht dazu
fend als ihre vordringliche Aufgabe und Pflicht entschließen, eine generelle Hilfe zuzusagen, weil
an, ihre politischen Entscheidungen im Hinblick auf das unbedingt eine Diskrepanz mit anderen Maß-
nahmen mit sich bringen würde.
eine friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zu
treffen. Aber ich meine, wir alle müßten jetzt weit Eine Bemerkung des Herrn D r. Bleiß ver-
mehr als bisher daran denken, daß dieser Weg in anlaßt mich aber doch noch, einige Sätze anzu-
das sowjetisch besetzte Gebiet über die Zonen- fügen.
grenzen geht und gehen wird. Wir müßten jetzt (Abg. Behrisch: Sprechen Sie für die Bun
die Schwierigkeiten an den Staats- und an den desregierung, Herr Wacher, weil sie „wir"
Zonengrenzen bereinigen. Wir wünschen alle, daß sagen? — Abg. Frau Dr. Brökelschen:
wir bald unsere wirtschaftlichen Kräfte dafür ein- Nein, aber für die CDU-Fraktion!)
setzen können, der jetzt sowjetisch besetzten Zone — Für die CDU-Fraktion, Herr Behrisch, der ich
Hilfe zu leisten. Aber im Augenblick haben wir die Ehre habe anzugehören.
die Aufgabe, eine Wirtschaftsordnung an den Gren-
zen zu gestalten. (Abg. Behrisch: Ich wollte das nur fest
- stellen!)
Ich habe mich mit der Drucksache 529 zu be-
schäftigen. Wir haben in diesem Antrag verlangt, Herr Dr. Bleiß, Sie meinten sich etwas kritisch
daß den Landwirten des Bundesgebietes, die mit den CDU-Ministern der ersten Regierung aus-
Grundstücke im Ausland, also meistens im Westen, einandersetzen zu müssen, denen Sie — wenn ich
oder in der sowjetisch besetzten Zone haben, die sie Sie recht verstanden habe — vorwarfen, sie hät-
wegen politischer Maßnahmen, die sie ja nicht zu ten gebremst. Herr Dr. Bleiß, ich bin der Ansicht,
vertreten haben, nicht bewirtschaften können, eine daß das Grenzproblem zu allerletzt dazu verwendet
Beihilfe gewährt wird. Diese Beihilfe, so meinen werden sollte, Parteipolitik zu betreiben.
wir, kann nur dann gewährt werden, wenn diese (Sehr richtig! bei der CSU.)
Betriebe in ihrer Existenz gefährdet sind. Ich kenne Ich meine, das ist das ungeeignetste Objekt dazu;
im fränkischen Raum Kleinbetriebe mit 7, 8 ha, wir sollten das nicht tun.
deren Besitzer drei oder vier Kinder haben und
die von den 7, 8 ha 2, 3 ha in der sowjetisch be- (Abg. Dr. Bleiß: Aber man kann doch
setzten Zone verloren haben, so daß die Leute Feststellungen treffen!)
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1487
(Wacher)
— Dann lassen Sie mich auch eine Feststellung men hinweggegangen. Auch Herr Staatssekretär
treffen. Wenn man erstmalig, wie ich, die Ehre Westrick hat sich sehr kurz gefaßt. Ich möchte da-
hat, an der Verabschiedung des Haushalts mitzu- her im Auftrage meiner Fraktion bei gleichzeitiger
arbeiten, dann versucht man, etwas Einblick in die Begründung unseres Umdrucks 113 auf diese Frage
Hohe Schule der Haushaltspolitik zu gewinnen. eingehen. Es heißt in der Drucksache 534: „Ins-
Glauben Sie mir, meine Damen und Herren von besondere konnten die vom Bundestag für kultu-
der Opposition, es ist nicht ganz leicht, hinter ge- relle Hilfsmaßnahmen vorgesehenen 25 Millionen
wisse Dinge zu kommen, so z. B. dahinter, warum DM nicht bereitgestellt werden". Das ist dazu alles.
die sozialdemokratische Fraktion im Rahmen der Ich glaube nicht, daß wir uns damit abfinden oder
Haushaltsberatungen Anträge gestellt hat in Höhe gar zufriedengeben können. Erinnern wir uns doch
von zirka 2,3 Milliarden DM und warum sich bei einmal der Situation, in der wir unseren Beschluß
diesen Anträgen keine Anträge für die Grenzge- faßten! Der Beschluß des Bundestages vom 2. Juli
biete gefunden haben, während uns jetzt auf den 1953 sah in Punkt 6 vor, für kulturelle Hilfsmaß-
Tisch des Hauses Anträge gelegt werden, die sich nahmen im Zonenrandgebiet im Verlauf der näch-
so ungefähr in der Höhe von 500 bis 600 Mil- sten 5 Jahre Bundeszuschüsse in Höhe von jähr-
lionen DM bewegen. lich 25 Millionen DM zu gewähren. Nach sehr sorg-
(Abg. Behrisch: Ist ein Irrtum!) fältiger Beratung war der Unterausschuß des ge-
samtdeutschen Ausschusses, der dieses Programm
Mit überspannten Forderungen nutzt man denen, erarbeitet hatte, wie auch anschließend das Plenum
denen man helfen will, nichts. Wie die Erfahrung darin einig, daß wir um unserer gesamtdeutschen
gelehrt hat oder wenigstens gelehrt haben sollte, Verpflichtung willen vom Bund aus alles tun müssen,
ist dabei auch parteipolitisch wenig zu erreichen. um das Zonenrandgebiet in seinen wichtigen kultur-
Ich sagte schon, daß wir zur Verwirklichung politischen Aufgaben zu unterstützen. Herr Dr. Henn
unseres Antrages wohl eine Million DM benöti- hat als Berichterstatter im Auftrag des Ausschusses
gen werden. Wir meinen, daß diese eine Million sehr ausführlich auf die großen Mißstände im
DM aus den bewilligten 120 Millionen DM für die Volksschulwesen, auf die Schulraum- und Schul
Grenzlandhilfe genommen werden sollte. Wir soll- ausstattungsnot im Zonenrandgebiet hingewiesen.
ten uns alle gemeinsam dafür einsetzen, daß diese Wir hatten Unterlagen, die uns die Länder zur
120 Millionen DM optimal richtig angelegt wer- Verfügung stellten, und es war uns daher bekannt,
den. Ich bin mit Ihnen der Ansicht, daß wir mit daß die Zahl der Kinder in den einzelnen Klassen
den 120 Millionen DM nicht auskommen können. in diesem Gebiet sehr viel höher liegt als in ande-
ren Gebieten, daß die Klassen zum Teil überfüllt
(Abg. Dr. Bleiß: Wieviel wollen Sie denn sind und daß in einigen Teilen des Zonenrandge-
haben?) bietes Volksschulen überhaupt fehlen, die notwen-
— Ich könnte mir vorstellen, daß wir auch mit digerweise gebaut werden müßten. Herr Dr. Henn
2 Milliarden DM nicht auskämen. Aber wir müssen stellte fest, daß dieselben Schwierigkeiten wie im
doch mit den Füßen auf der Erde bleiben. Wir dür- Volksschulwesen auch im Bereich des Mittelschul
fen nicht Forderungen anmelden, die man wirklich wesens und der höheren Lehranstalten vorhanden
nur als irreal bezeichnen kann. sind und daß auch hier vieles ergänzungs- und er-
neuerungsbedürftig sei.
(Abg. Behrisch: Das ist interessant!)
(Abg. Samwer: Richtig!)
Lassen Sie mich bitte abschließend sagen, daß
sich die Hilfe für das Grenzland künftig nicht aus- Genau so steht es mit den Berufs- und den Berufs-
schließlich auf die gewerbliche Wirtschaft bezie- fachschulen, die in vielen Kreisen des Zonenrand-
hen darf. Gerade die Landwirtschaft in den Grenz- gebiets überhaupt völlig fehlen. So besteht die Ge-
gebieten — dabei fasse ich Staatsgrenzen und fahr, meine Damen und Herren, daß der notwen-
Zonengrenzen zusammen — befindet sich in beson- dige Facharbeiternachwuchs nicht richtig ausgebil-
ders schwieriger Lage, wie ja Grenzgebiete immer det werden kann und die dortige Industrie in ge-
der Landwirtschaft keinen besonders günstigen wisse Schwierigkeiten geraten wird. Der Mangel
Boden schaffen. an Volkshochschulen und der schlechte Zustand der
Volksbüchereien wurden gleichfalls herausgestellt,
Ich beantrage Überweisung des Antrags meiner und die Forderung nach Erstellung von Jugend-
politischen Freunde an den Haushaltsausschuß —
büchereien, Jugendheimen, Herbergen, Wanderhüt-
federführend — sowie zur Mitberatung an den
ten, Turnhallen und Sportplätzen wurde hier von
Ernährungsausschuß, den Ausschuß für Grenzland- uns erhoben. Darüber wurde eine Förde-
fragen und den Unterausschuß Zonenrandgebiet. rung der Kunst auf allen Gebieten für dringend
Ich bitte das Hohe Haus, dem Antrag die Zustim- notwendig gehalten.
mung geben zu wollen.
Dieser Bericht wurde von allen Fraktionen be-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) - jaht. Es wurde in der Debatte deutlich zum Aus-
druck gebracht, und Frau Dr. Brökelschen hat diese
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zur Be- Ausführungen gemacht, daß dieses Programm nur
gründung des Antrags der Fraktion der SPD be- ein Minimalprogramm sei, das im Interesse des
treffend Wirtschaftshilfe für die Zonenrandgebiete, Zonenrandgebietes unbedingt durchgeführt werden
Umdruck 113*), der in Verbindung mit der Großen müsse. Herr Kollege Brockmann erklärte, dieses
Anfrage zu Punkt 4 b behandelt wird, hat Frau Programm sei in der Tat gut und solide und könne
Abgeordnete Korspeter. Anspruch darauf erheben, verwirklicht zu wer-
den.
Frau Korspeter (SPD), Antragstellerin: Herr Das Plenum gab durch seinen einstimmigen Be-
Präsident! Meine Herren und Damen! In der Druck- schluß — ich glaube, nur die Kommunisten ent-
sache 534 wird mit einem sehr kurzen Satz über die hielten sich der Stimme oder stimmten dagegen,
von uns beschlossenen kulturellen Hilfsmaßnah- das weiß ich im Augenblick nicht mehr genau —
(Zuruf von der SPD: Wenn Sie das Geld dauer bewilligt werden. Ich möchte hier einen
nur schon hätten!) Zeitraum von etwa 10 Jahren vorschlagen, und
Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn noch zwar deshalb, weil die Wirtschaft dann besser und
weitere Mittel zur Verfügung gestellt werden zweckmäßiger disponieren kann.
könnten. Unsere Forderungen gerade in bezug auf unsere
ostbayerische und nordbayerische Grenze gehen da-
Ihre Anträge, meine Damen und Herren von der hin, daß zinsgünstige mittel- und langfristige Kre-
SPD, werden wir in den Ausschüssen gewissenhaft dite für das wirtschaftsschwache Grenzgebiet zur
prüfen. Sofern wir irgendeine Möglichkeit sehen, Verfügung gestellt werden. Ich kann mich hier mit
ihnen zuzustimmen, werden wir dies tun, weil wir diesem Plan nicht weiter auseinandersetzen,
auf dem Standpunkt stehen, daß diese Grenzge- möchte ihn nur kurz andeuten.
biete unbedingt eine Stützung benötigen. Es geht
jedoch nicht so, wie Sie es getan haben. Ich habe Ein Punkt scheint mir von besonderer Wichtig-
mir die Zahlen annähernd aufgeschrieben und keit zu sein. Bei der Erteilung von Staatsaufträgen
komme zu dem Ergebnis, daß man auf einen Betrag soll auf das Zonenrandgebiet besondere Rücksicht
von etwa 200 Millionen DM oder, wenn man - die genommen werden. Obwohl ich mich um diese
Umsatzsteuerermäßigung von etwa 400 Millionen Frage sehr eingehend bemüht habe, muß ich offen
DM hinzurechnet, von etwa 600 Millionen DM gestehen, daß in dieser Hinsicht bisher noch nicht
kommt. Es geht nicht so sehr um die Höhe dieses alles geschehen ist, was geschehen könnte und was
Betrages; aber ich möchte dazu folgende Gedanken geschehen müßte. Ich möchte deshalb fragen, ob
vortragen. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, zu wir nicht in Form einer Vermittlungsstelle für
sagen: Arbeitsbeschaffung 60 Millionen DM, Kre- öffentliche Aufträge, die weiß Gott nicht die Form
dithilfe für die mittelständische .Wirtschaft 50 Mil- eines Kommissariats haben soll, in etwa helfen
lionen DM, Straßenbau 65 Millionen DM, Kultur können.
25 Millionen DM. Weil ich die Verhältnisse an der Bayern hat bisher als einziges Land von der
Zonengrenze sehr genau kenne und weiß, daß die Frachtenhilfe Gebrauch gemacht. Ich muß gestehen,
Wirtschaftsverhältnisse dort differenziert sind, daß wir damit gute Erfahrungen gemacht haben.
würde ich es, vor allem mit meinem föderalisti- Wir wünschen nur, daß diese Frachtenhilfe noch
schen Herzen, lieber sehen, wenn diese Mittel den weiter erhöht werden könnte oder daß die anderen
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1497
(Dr. Dittrich)
Länder der Bundesrepublik darauf verzichten zu- gabe von Bund u n d Ländern. Uns aber bleibt
gunsten der Verhältnisse in Bayern, die ja weiß die Hoffnung, daß uns unsere gemeinsame Arbeit,
Gott in verkehrsmäßiger Hinsicht schwer genug die wir hier in diesem Bundestag leisten wollen,
sind. die Möglichkeit gibt, vor unsere Bevölkerung hin-
Unser besonderes Augenmerk werden wir auf die zutreten und ihr zu sagen: Wir haben alles getan,
Ausarbeitung der Verkehrsgesetze lenken müssen. was im Bereich des Möglichen lag. Uns bleibt wei-
Ich möchte jetzt nicht auf die besonders schlech- ter zu hoffen übrig, daß dieser unselige Eiserne
ten Straßenverhältnisse zu sprechen kommen, weil Vorhang recht bald verschwindet. Dann haben
ich vermute, daß das noch mancher Nachredner große Teile unseres Vaterlandes die wirtschaft-
tun wird. Ich möchte aber einige Verkehrspro- liche Not überwunden.
bleme herausgreifen. Da ist einmal die Erweite- (Beifall bei der CDU/CSU.)
rung der 50-km-Luftlinie für den Güternahverkehr
aller Grenzlandbetriebe. Es ist ungerecht, daß die Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Unternehmer des Güternahverkehrs oder des Herr Staatssekretär im Bundesministerium für
Güterwerkverkehrs, die an einer Zonen- oder Wirtschaft.
anderen Grenze liegen, nur ein en Halbkreis zur
Verfügung haben, während der andere Halbkreis Dr. Westrick, Staatssekretär im Bundesministe-
der 50-km-Zone jenseits des Eisernen Vorhangs rium für Wirtschaft: Herr Präsident! Meine sehr
oder jenseits der Grenze ist. Man kann dieses verehrten Damen und Herren! Gestatten Sie mir
Problem des § 2 Abs. 4 des Güterkraftverkehrs- ein ganz kurzes Wort. Frau Abgeordnete Brökel-
gesetzes, in dem der Herr Bundesverkehrsminister schen hat in meinem Vortrag die Leidenschaft
ermächtigt wird, für diese Zonenrandgebiete Aus- vermißt. Sie mag vielleicht recht haben.
nahmen zu schaffen, nicht so lösen, daß man hier, (Heiterkeit. — Abg. Dr. Gülich: Staats
wie das unlängst ein Ministerialbeamter getan hat, sekretäre haben keine Leidenschaft!)
zum Ausdruck bringt: Dafür haben ja diese Fuhr-
unternehmer und die sonstigen Unternehmer jen- Sie mögen vielleicht alle recht haben, wenn Sie
seits keine Konkurrenz. Das scheint mir doch nicht sagen, daß ein Vortrag, der mit solchen statisti-
der richtige Weg zu sein. schen Ermittlungen gespickt ist und gespickt sein
muß, einem Zuhörer aus den Zonengebieten viel-
Wir fordern außerdem eine bevorzugte Zuteilung
leicht nicht das Gefühl gegeben habe, daß wir mit
von Mitteln aus dem Sozialen Wohnungsbaupro- ganzem Herzen bei der Sache seien. Ich verspreche
gramm zur Erstellung von Eigenheimen für die Ihnen, daß ich mich bemühen werde, mich im Rah-
Arbeitnehmer der Grenzlandwirtschaft. Hier ist mir men meiner sehr bescheidenen oratorischen Bega-
bei der Beantwortung der Großen Anfragen etwas
bungen zu bessern — wenn Sie überhaupt einem
sehr Böses aufgefallen, nämlich daß man sich auf Staatssekretär gestatten, auch mit Leidenschaft zu
den Standpunkt stellt, man solle Wohnungen nur sprechen.
dort bauen, wo die Arbeitsmöglichkeiten vorhanden
seien. Meine Damen und Herren, dann werden wir (Heiterkeit. — Zuruf von der SPD: Geld
gerade in den Zonenrandgebieten und gerade in wäre uns lieber!)
den wirtschaftlich unterentwickelten ostbayerischen Die Schlußfolgerung aber, daß aus dem nüchternen
Gebieten niemals zu vom Staat geförderten Woh- Vortrag zu entnehmen sei, die Bundesregierung
nungen kommen. und auch ich persönlich — das darf ich in aller Be-
Das Hauptproblem ist das Heranschaffen von scheidenheit sagen — seien nicht mit dem Herzen
Arbeit an die Menschen in diesem Gebiet. Hier bei der Sache, wäre eine ganz und gar falsche
muß der Staat meiner Überzeugung nach alles tun, Schlußfolgerung.
was getan werden kann, um zunächst einmal die (Abg. Kunze [Bethel]: Sehr richtig!)
bestehenden Betriebe gesund zu erhalten und aus-
zuweiten und allenfalls neue Betriebe anzusiedeln. Wir fühlen uns mit aller inneren Anteilnahme mit
den Zonengrenzgebieten verbungen und wir halten
Auf die Frage der Ausbildung unserer Facharbei- es für eine der vornehmsten Pflichten der Bundes-
ter, der Ausbildung unserer Schuljugend brauche regierung, zur Minderung der Not alles, aber auch
ich in diesem Zusammenhang nicht weiter einzu- alles zu tun, was in unseren Kräften ist. Aber,
gehen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß wir meine Damen und Herren, nicht „an irren Vorträ-
hier im ostbayerischen Raum vieles nachholen gen", sondern „an ihren Früchten mögt ihr sie er-
müssen. Die Mittel, die der Bund dafür zur Ver- kennen" ! Frau Abgeordnete Brökelschen sagte vor-
fügung stellt, scheinen mir bei weitem nicht aus- hin, der wichtigste Schritt sei der, nun mal vom
reichend zu sein. Denn mit einem Betrag von Himmel 120 Millionen DM auf die Erde herunter-
400 000 DM für das Rechnungsjahr 1954 kann man zuholen. Ich habe zwar keine engelhaften Quali-
in Bayern weiß Gott nicht allzu viele Schulen för- täten, daß ich ein solches Mandat erfüllen könnte,
dern. -
freue mich aber, dem Hohen Hause sagen zu dür-
Freilich ist es richtig, wir haben zunächst ein- fen, es ist jetzt geregelt, die 120 Millionen DM
mal 120 Millionen DM. Wir haben aber auch einen stehen zur Verfügung.
Bundesfinanzminister Fritz Schäffer, der ja Ab- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
geordneter eines Grenzlandwahlkreises ist. Wir
wollen hoffen, daß er weitere Möglichkeiten auf- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
zeigt und vor allem dafür sorgt, daß diese Zu- Abgeordnete Unertl.
schüsse des Bundes auch in den ferneren Jahren
gewährleistet werden können. Unertl (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Lassen Sie mich zum Schluß in diesem Zusam- Damen und Herren! Anscheinend ist auch im
menhang auch noch ein Wort an die Länder rich- Deutschen Bundestag die moderne Zeitkrankheit
ten. Das Zonenrandproblem ist nicht allein durch „Zeitdruck" zu Hause. Deswegen ist bei der De-
den Bund zu lösen, sondern die Länder müssen hier batte der ganzen Grenzlandfragen der Wunsch ge-
tatkräftig mittun. Es ist eine Gemeinschaftsauf äußert worden, die noch kommenden Redner —
1498 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Unertl)
und zu denen zähle ich auch — mögen sich mög- renten, die Regierungsbeamten auf der Bonner
lichst kurz fassen. Vielleicht ist der Wunsch berech- Ebene, mit gutem Beispiel voran.
tigt, und man könnte sich kurz fassen; denn im
allgemeinen ist das, was zu sagen ist, von den mei- (Erneuter Beifall bei der CSU.)
sten Vorrednern schon gesagt worden. Folgen Sie, meine Damen und Herren, dem Lan-
Man muß doch auch bedenken, daß das Grenz- desvater! Ich möchte von dieser Stelle aus heute
landproblem neben all den Fragen, die sich für die schon Herrn Bundespräsidenten Heuss danken, daß
Regierung, für die Abgeordneten und die Aus- er sich bereit erklärt hat, seinen heurigen Sommer-
schüsse stellen, ein ganz großes und wichtiges poli- urlaub in diesen Gebieten zu verbringen.
tisches Problem ist. Ich komme aus einem Wahl- Andererseits muß hier noch gesagt werden: tre-
kreis, in dem zur Zeit die Kommunistische Partei ten wir der Reisewut ins Ausland etwas entgegen!
— und ich bitte die Damen und Herren, sich das (Abg. Kahn: Sehr gut!)
wirklich einmal zu überlegen — mit aller Schärfe
daran geht, in den Gebieten, in denen die Arbeits- Erziehen wir dazu auch unsere Jugend.
losenziffern nun einmal, wie mein Kollege Dittrich (Zuruf des Abg. Stücklen.)
ausgeführt hat, über dem Durchschnitt liegen,
Propaganda zu machen. In der Gegend von Passau — Ja, lieber Stücklen, ich weiß, man könnte hier
und in dem Bezirk Grafenau, in Wegscheid und mit dem Argument in Konflikt kommen, daß das
Wolfstein ist man intensiv am Werk. Man verteilt Reisen wieder Gegenreisen bringt. Da hast du
— ich habe mir die Exemplare mitgenommen, sie recht; das weiß ich ja auch. Ich glaube, es sollte
können bei mir eingesehen werden — in den- Be- doch bei uns noch Menschen geben, die nicht zu-
trieben Zeitungen. Ich bitte, auch einmal daran zu erst Italien und vielleicht Spanien und wenn mög-
denken, daß auch der Leipziger Sender, der nahe lich auch noch Jugoslawien besser kennen als ihre
am Eisernen Vorhang ist, einen maßgebenden Ein- engere Heimat, geschweige den Bayerischen Wald.
fluß auf die Bevölkerung an dieser Zonengrenze (Sehr gut! rechts.)
ausübt. Es ist deshalb notwendig, daß wir uns mit Ich habe mich gefreut, als heute mittag Bonner
allem Ernst, über die Parteien hinweg, mit den Journalisten erklärten, sie hätten es satt, ins Aus-
Zonengrenzfragen beschäftigen und auseinander- land zu fahren, sie suchten nun eine ruhigere
setzen.
Stätte, und auch sie würden — einige Herren
Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist eben- haben das Versprechen abgegeben — ihren Urlaub
falls ein sehr maßgebender Faktor. Ich muß an das im Bayerischen Wald verbringen.
anknüpfen, was die Vorredner gesagt haben, und
möchte Herrn Staatssekretär Westrick darauf auf- (Beifall bei der CSU.)
merksam machen, daß die Arbeitslosenziffern in Bleiben wir alle etwas mehr bei diesen Gepflogen-
unseren Gebieten und Kreisen seit 1948 nicht im heiten und lernen wir unsere schöne bayerische
Absinken sind, sondern wesentlich zugenommen und deutsche Heimat kennen. Dann, glaube ich,
haben. Wir hatten — ich möchte nur einen Kreis haben wir später immer noch Möglichkeiten genug,
herausgreifen — in dem Arbeitsamtsbereich des uns ins Ausland zu begeben.
bereits erwähnten Kreises Deggendorf 1948 10,8 % Meine Damen und Herren, die Zeit ist be-
Arbeitslose, 1953 21,4 % und heuer, und zwar mit
dem Stand vom 20. März 1954, 35,8 % Arbeitslose. schränkt, und mir steht nicht viel davon zur Ver-
Der Landkreis Grafenau liegt wohl mit 42,4% fügung. Ich möchte aber kurz noch etwas sagen,
Arbeitslosen an der Spitze. Das sind Argumente was heute von dieser Stelle aus noch nicht gesagt
wurde. Wir müssen bei der Betrachtung der Grenz-
und Tatsachen, über die wir keinesfalls hinweg-
landverhältnisse auch einmal die Zahlen unserer
gehen dürfen. Wir müssen alle Anstrengungen Geburtenstatistik betrachten. Wir wissen aus den
machen und zunächst einmal dafür sorgen, daß die
Menschen, die in diesen Gebieten leben, staatstreu Bevölkerungsstatistiken, daß die Geburtenziffer
heute im Bundesdurchschnitt bei 16,2 Promille
bleiben. Es ist hier an das Wort erinnert worden, liegt, dagegen in den Gebieten, von denen seit
das der Herr Bundeskanzler in Regensburg ge-
heute früh gesprochen wird, bei 22 Promille. Ein
prägt hat. Ich möchte auch daran erinnern — und
habe mich speziell bei der letzten Debatte um die Familienvater weiß, was Kinder kosten, bis sie
arbeitsfähig werden. Wenn nun bei Eintritt der
Hilfe für Berlin daran erinnert —: wir verkennen
Arbeitsfähigkeit infolge der betrüblichen Verhält-
das Politikum Berlins nicht. Aber die Zahlen der nisse keine Beschäftigung da ist, muß das wert-
Arbeitslosigkeit, die sich bei uns hier auftun, sind
volle Menschenmaterial dieser Gegenden nach dem
doch enorm höher als die in Berlin. Westen abwandern. Die Leute sind heimattreu,
Man muß sich nun fragen, ob es außer den Maß- und man sollte sie dafür belohnen und die Arbeit
nahmen des Bundes, des Sanierungsprogramms, an sie heranbringen. Ich möchte darum ersuchen,
Länder auch andere Mittel gibt, um diesen Gebieten einmal ernsthaft über dieses Problem nachzuden-
des Zonengrenzprogramms und den Mitteln - der ken.
zu helfen. Da möchte ich darauf verweisen, daß ich
in der Ausweitung und Hebung des Fremdenver- Ich sagte schon eingangs, daß wir uns alle be-
kehrs eine sehr wichtige Hilfestellung sehe. Die mühen müssen, gemeinsam das beste zu finden,
heutige Zeit kennt doch so viele nervöse Men- um dem Zonengrenzgebiet zu helfen. Wenn wir
schen. Die Nervosität, die doch heute die größte das tun, vollbringen wir ein großes politisches
Zeitkrankheit und die Krankheit vieler Menschen Werk. Dann, wenn es mal zu spät ist, helfen selbst
ist, wäre vielleicht zu überwinden, wenn die Men- Milliarden nichts mehr. Heute ist es noch früh ge-
schen, die Erholung suchen, sich in ihrem Urlaub nug. Ergreifen wir deswegen jetzt die Initiative!
in die bewaldeten Gebiete des bayerischen oder Ich bin mit meinem Vorredner, dem Herrn Kolle-
oberpfälzischen Waldes zurückzögen. gen Dittrich, der Meinung, daß wir uns gemeinsam
in den Ausschüssen bemühen sollten, die heute ge-
(Beifall bei der CSU.) gebenen Anregungen so weit wie möglich zu ver-
Gehen Sie, meine Damen und Herren Kollegen des wirklichen und etwas Positives zu schaffen. An der
Bundestages, meine sonstigen Bekannten, die Refe Grenze des bayerischen und deutschen Gebiets
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1499
[Unertl)
lebt eine brave und fleißige Bevölkerung. Sorgen 60 Mann, der Betrieb Bitweiler mit über 500 Mann
wir dafür, daß aus dem wirtschaftlichen Notstand Belegschaft, die Farbglaswerke—ehemalige Jenaer
von heute nicht der politische Notstand von mor- Schottwerke — in Zwiesel usw. usw., — die Liste
gen wird! ist damit noch lange nicht beendet.
(Beifall in der Mitte.) Es hat also sehr wohl eine Verlegung von Betrie-
ben stattgefunden, und auch in Zukunft ist damit
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der zu rechnen. Allein in dem Landkreis Cham, in dem
Abgeordnete Höhne. arbeitsschwachen Gebiet, sind in den letzten zwei
Jahren 27 Betriebe stillgelegt worden. Stillgelegt
Höhne (SPD): Herr Präsident! Meine Damen worden sind in der letzten Zeit auch — und das ist
und Herren! Die Sozialdemokratische Partei hat gerade für unsere holzverarbeitende Industrie
Ihnen mit der heutigen Großen Anfrage und ihren sehr gefährlich - nicht weniger als sieben Säge-
Anträgen die Notwendigkeit einer Hilfe für die werke, die nunmehr nicht mehr imstande sind,
Zonengrenzgebiete dargelegt. Alle Damen und ihre Leute zu beschäftigen. Die Verlesung einer
Herren der Regierungsparteien sind sich auch Liste der beabsichtigten Stillegungen möchte ich
darin einig, daß in den Zonengrenzgebieten etwas mir ersparen. Ich bin aber bereit, sie dem Herrn
geschehen müsse. In leidenschaftlichen Aus- Staatssekretär zuzuleiten, wenn er dafür Interesse
führungen haben wir gehört, daß jetzt Millionen hat.
notwendig seien, weil sonst später Milliarden Unterstrichen werden muß noch die Not in die-
fruchtlos sein könnten. Es mutet mich aber eigen- sen Gebieten und damit die Notwendigkeit einer
artig an, daß Sie, meine Damen und Herren von schnellen Hilfeleistung. Der Herr Staatsekretär
der Koalition, trotzdem zu behaupten wagen, wir hat uns Zahlen über die Arbeitslosigkeit genannt:
betrieben Wahlpropaganda. sie sei im Zonendurchschnitt vom Jahre 1949 mit
16,1 % zum Jahre 1953 auf 9,9% gesunken. Ich
(Lachen und Zurufe in der Mitte.) möchte Ihnen dazu sagen: den Leuten in den be-
Unser ernsthaftes Zonengrenzprogramm zur Lösung troffenen Gebieten ist dieser statistische Durch-
der Zonengrenzprobleme bezeichnen Sie von dieser schnitt höchst uninteressant. Interessant ist für die
Stelle aus als Wahlpropaganda. Menschen, die in diesen Gebieten wohnen, die
(Zuruf von der Mitte: Das hat ja niemand Arbeitslosenzahl in dem Raume, in dem sie leben.
gesagt!) Da kommen wir auf ganz andere Ergebnisse, Herr
Staatssekretär! Da lesen wir: Cham im Jahre 1949
— Frau Brökelschen hat hier behauptet, daß die 30,8 %, im Jahre 1953 40,2 %; in Deggendorf —
Sozialdemokratie mit ihren Anträgen Wahl- immer von 1949 zu 1953 — Erhöhung von 30%
propaganda betreiben wolle. Es handelt sich hier auf 38 %. Dann Passau! Ich nenne hier nur die
um höchst aktuelle Fragen, an deren Lösung die Zonenrandgebiete, die in der 40-km-Zone liegen.
Bevölkerung draußen sehr interessiert ist. Da
brauchen wir keine Wahlpropaganda zu betreiben. (Zurufe von der Mitte und rechts.)
Wir haben es nicht nötig, anderen die Ehre abzu- — Passau, das ist alles schon festgestellt, meine
schneiden und Wahlverleumdungen zu starten. Damen und Herren von der Regierungskoalition!
(Lebhafte Zurufe von der Mitte.) Das haben wir schon vor vier Jahren festgestellt,
Sie können es nachlesen! Warum haben Sie denn
Wir sind uns bewußt, daß den Zonengrenz- nichts getan?
gebieten geholfen werden muß. Ich möchte aber
(Zuruf rechts: Das steht genau fest!)
jetzt schon darauf hinweisen, daß es die Grenz-
länder keineswegs hinnehmen können, wenn die Ihre Worte helfen nichts. Sie reden von Taten.
Zonengrenzprobleme — und diese Tendenz ist Bitte sehr: warum haben Sie in den letzten vier
hier leise angeklungen — in zwei Teile aufge- Jahren im Zonengrenzausschuß nicht durch die
gliedert werden. Das eine Teilgebiet hat vorhin Regierung und von diesem Pult aus die notwendi-
der Herr Abgeordnete Dr. Henn andeutungsweise gen Voraussetzungen geschaffen?
genannt. Das andere Teilgebiet soll das Zonen- (Beifall bei der SPD. — Abg. Spies [Emmen
grenzprogramm sein, weil sich die Gebiete ent- hausen]: Geben Sie den Leuten die politische
lang der tschechoslowakischen Grenze keinesfalls Sicherheit, dann wandern sie nicht ab!)
und in nichts von den Zonengrenzgebieten unter-
scheiden. Denken Sie an die verhärteten Grenz- Das Volk wird es Ihnen eines Tages vorhalten, daß
zustände, die wir entlang der tschechoslowakischen man mit Worten Taten nicht ersetzen kann.
Grenze bis hinauf nach Tirschenreuth haben! Ich fahre in der Aufzählung fort. In Weiden
Der Herr Staatssekretär hat gesagt, es fehlten hatten wir 1949 7,1 %, heute nach einer vier- oder
fünfjährigen Entwicklung im Zeichen des deut-
die überzeugenden Beweise, daß Betriebsverlegun-
- schen Wirtschaftswunders haben wir 22,8% an
gen vorgenommen worden seien. Mein Partei- Erwerblosen. Meine Damen und Herren, sind das
freund Behrisch hat Ihnen schon eine Reihe dieser nicht erdrückende Zahlen, und schlägt Ihnen nicht
Betriebe genannt. Ich möchte Ihnen auch noch
das Gewissen ein wenig?
einige anführen,
(Zurufe rechts.)
(Zurufe rechts: Warum?)
-
Werden Sie nicht rot vor Ihrem
und empfinden Sie es bitte nicht als langweilige
Darstellung! Siemens in Regensburg haben sich (Lachen, lebhafter Widerspruch und Zurufe
verlagert, die Glaswerke Tettau mit 100 Mann Be- rechts und in der Mitte. — Beifall bei der SPD.)
legschaft, Klaus Christian Hammerschmitt, Klein- — Ja, so rot können Sie niemals werden, dazu fehlt
Tettau, mit 100 Mann Belegschaft, Karl August Ihnen die Verantwortung.
Hein, Klein-Tettau, mit 100 Mann, Kleiderfabrik
Kaltelesdorf, Landkreis Staffelstein, mit 50 Mann, (Abg. Spies [Emmenhausen] : Ihnen fehlt sie,
Komet-Stahlhalter-Fabrik Neustadt bei Coburg mit Sie konnten die politische Sicherheit schon
60 Mann, Firma Kletzer Kerzenfabrik mit ebenfalls längst geben!)
1500 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Höhne)
— Wie uns die Verantwortung fehlt, kann ich die Bereitschaft sogar noch schwächer sein wird, als
Ihnen sagen: haben Sie regiert, oder haben wir sie in der Vergangenheit gewesen ist.
regiert? (Abg. Sabel: Das ist ja Milchmädchen
(Sehr gut! bei der SPD.) rechnung!)
Herr Dr. Dittrich, Sie haben das Zonengrenz- Man mag nun Selbsthilfemaßnahmen erwägen.
gebiet Kötzting zu vertreten. In Kötzting waren in Das tun wir auch. Wir sind verantwortungsbewußt
den letzten vier, fünf Jahren 49 % der Bevölke- genug, die Menschen in unseren Gebieten auf die
rung Fürsorgeempfänger — also aus der Arbeits- Selbsthilfe hinzuweisen. Aber man sollte bei sol-
losenversicherung Ausgesteuerte —, die in den chen wirklich politischen Notwendigkeiten, wie es
nächsten vier, fünf Jahren mit Ihrer Politik auch die Hilfsmaßnahmen für das Zonengrenzgebiet
zu keiner Arbeit kommen werden. sind, nicht mit Fünferln und Zehnerln, wie man bei
(Zuruf von der CDU/CSU: Aber mit Ihrer uns sagt, rechnen. Die Frau Abgeordnete Brökel-
wird es besser!!) schen sagte: der eine Antrag erfordert 65 Millio-
nen DM, der andere 60 Millionen DM; was nun-
Im Durchschnitt von Passau bis Hof haben wir eine mehr vorliegt, ergibt alles in allem 200 Millio-
Fürsorgeziffer von 30 % in den Grenzlandgebieten. nen DM. Ja, meine Damen und Herren, Sie haben
Das sind alarmierende Zahlen, die aber nicht sogar von 600 Millionen gesprochen.
erst heute erkennbar werden. Lesen Sie die Pro- (Abg. Frau Dr. Brökelschen: 120 Millio
tokolle von 1950 und 1951 nach! Ich habe 1951 ähn- nen DM, dazu 25 Millionen für kulturelle
liche Ausführungen gemacht und eigenartiger- Zwecke, plus nicht genannte Millionen für
weise Sie auch. Sie haben es bisher nur bei ganz die Entschädigung der Bauern, und die
lapidaren Versprechungen gelassen. 50 Millionen Senkung der Umsatzsteuer!)
DM setzen Sie in den Bundeshaushalt ein. Jetzt
hören wir von dem Herrn Staatssekretär, daß uns Meine Damen und Herren, wollen wir das Poli
die 120 Millionen DM zugesichert sind. Ja, meine tikum Zonengrenze von Geld abhängig machen
Damen und Herren, bemühen Sie sich doch erst oder von dem guten Willen, den wir alle haben?
einmal, festzustellen, wo die 120 Millionen DM (Abg. Spies [Emmenhausen]: Beides! —
herkommen! Sind das Bundesmittel, oder sind das Abg. Sabel: Der gute Wille wird nirgend
Mittel, die den Ländern abgezwackt werden? wo gewechselt!)
(Zuruf rechts: Bundesmittel sind es!) Der gute Wille muß natürlich zum Ausdruck kom-
— Nein, das ist nicht wahr. Da sehen Sie, wie we- men durch das Bekenntnis, zu leisten. Das, meine
nig Sie von den Dingen verstehen. Damen und Herren, sind S i e jedenfalls bisher
schuldig geblieben.
(Zurufe von der Mitte und rechts.)
(Beifall bei der SPD.)
Sie stellen hierorts Ansprüche und wissen gar nicht,
daß die Länder die 120 Millionen DM bezahlen. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Abgeordnete Seiboth.
(Sehr richtig! bei der SPD. — Widerspruch
in der Mitte.) Seiboth (GB/BHE): Herr Präsident! Meine
— Selbstverständlich, die Länder bezahlen, und das Damen und Herren! Ich darf zunächst das tiefe
in dem Augenblick der Abzweigung der 120 Mil- Bedauern meiner Fraktion darüber aussprechen,
lionen DM durch die Erhöhung des Bundesanteils daß es erst Großer Anfragen und einer Reihe von
an der Einkommen- und Körperschaftsteuer auf Anträgen bedurft hat, bis der Bericht der Bundes-
42 %. Es heißt ausdrücklich, mit 40 % komme eine regierung über die eingeleiteten und durchgeführ-
Zonengrenzhilfe vom Bund her nicht in Frage. Es ten Maßnahmen im Zonengrenzgebiet, der bereits
müßten, so fordert der Bundesfinanzminister, die zum 15. Februar dieses Jahres vorliegen sollte, dem
42 % gewährt werden; erst dann tritt ein Hilfs- Hohen Hause vorgelegt worden ist.
programm und treten Hilfsmaßnahmen für das (Hört! Hört! bei der SPD.)
Zonenrandgebiet in Kraft.
Wenn dieser Bericht der Regierung rechtzeitig oder
(Zuruf von der Mitte: Das ist ein Irrtum!) nur mit geringer Verzögerung hier vorgelegen
Sie schwächen also dadurch, daß Sie den Ländern hätte, dann wäre Gelegenheit gewesen, daß der
Beträge abziehen und zum Bunde leiten, die Län- Gesamtdeutsche Ausschuß bzw. sein Unterausschuß
der in ihrem Vermögen, von sich aus Zonengrenz- für die Zonengrenzgebiete und vielleicht auch der
maßnahmen durchzuführen. Das ist doch ganz klar. Finanzausschuß
Was z. B. Bayern bisher an Grenzlandhilfe dadurch (Abg. Samwer: Haushaltsausschuß!)
hat leisten können, daß nicht 42% in Anspruch ge- zu den Fragen, die heute hier erörtert wurden,
nommen wurden, kann es in Zukunft nicht- mehr eine einheitliche Stellungnahme hätten erarbeiten
leisten; da werden Sie mir zustimmen. können. Die Erörterungen im Plenum wären dann
(Zuruf von der CDU/CSU: Es stehen 10 Mil vielleicht etwas anders, vielleicht auch etwas sach-
lionen im Etat!) licher verlaufen. als es der Fall gewesen ist.
Wir haben — das sagen wir offen — sehr ernste
— Na also! Man soll sich nichts vormachen und Bedenken ob der schleppenden Behandlung dieser
sollte vor allen Dingen keine solchen Täuschungs- so wichtigen Angelegenheit durch den federführen-
manöver starten, die die Menschen draußen in den den Bundesminister, Herrn Professor Erhard.
Glauben versetzen: Nun haben wir 50 Millionen
DM im Etat stehen, 120 Millionen DM gibt der (Abg. Behrisch: Sehr gut!)
Bund außerdem, er gibt also 170 Millionen DM; da- Es stellt sich für uns alle die Frage, ob die Ur-
mit läßt sich schon etwas anfangen. — Wenn sie sachen für diesen schleppenden Gang nicht viel-
aber fragen, was die Länder in Zukunft weniger leicht zum großen Teil in dem Umstande zu
tun, werden sie feststellen, daß im Schnitt gesehen suchen sind, daß Herr Minister Professor Erhard
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1501
(Seiboth)
als leidenschaftlicher Vertreter der freien Wirt- wäre, Wandel zu schaffen. Die Erklärung des Herrn
schaft ein eingeschworener Gegner selbst des Staatssekretärs Westrick, diese Denkschrift werde
leisesten Lenkungs- und Planungsversuchs und in etwa drei bis vier Monaten vorliegen, möchten
auch des leisesten Versuchs des Dirigismus ist, wie wir in keinem Fall so ausgelegt wissen, daß wir
er beim Zonenrandgebiet aber nun einmal nötig ist. erst in drei oder vier Monaten mit den noch aus-
(Sehr richtig! beim GB/BHE. — Hört! Hört! stehenden Maßnahmen im Grenzgebiet beginnen
bei der SPD.) können. Die Verantwortlichkeit für alles bisher
Geschehene und auch für das bisher nicht Ge-
Wir können, wenn wir dem Zonenrandgebiet hel- schehene muß aber — das möchten wir von unserer
fen wollen, auch bei Bejahung des Prinzips der Fraktion besonders herausstellen — trotz des an
freien Wirtschaft nicht darauf verzichten, in gewis- Herrn Minister Kraft erteilten Auftrags natürlich
sem notwendigem und vertretbarem Umfange Len- nach wie vor beim Herrn Bundeswirtschaftsmini-
kungsmaßnahmen ins Auge zu fassen. ster liegen.
Diese Sorgen hinsichtlich der Person des feder- Zur Sache selbst gestatten Sie mir, daß ich einige
führenden Ministers sind uns gekommen, als wir grundsätzliche Fragen behandle. Ich möchte mich
die Rede des Herrn Bundeswirtschaftsministers im wesentlichen auf Grundsatzfragen beschränken,
Erhard am 14. Februar dieses Jahres in Kassel da Detailfragen, vielleicht nicht so sehr des Wahl-
hörten. kampfes wegen, aber damit sie in den Kreiszeitun-
gen draußen entsprechende Aufnahme finden,
(Abg. Behrisch: Ausgezeichnet!)
(Heiterkeit — Zuruf vom GB/BHE: So ist
Damals wurde ein eben neu errichtetes Gebäude es!)
der Wirtschaft eröffnet. Herr Bundeswirtschafts-
minister Professor Erhard ist dort sowohl von dem zur Genüge behandelt worden sind.
Vertreter der hessischen Regierung wie von den Der Herr Bundeswirtschaftsminister hat zum
Vertretern der Industrie- und Handelskammer Kas- Schluß seines Berichts, der uns liebenswürdiger-
sel besonders auf die Fragen des Zonennotstands- weise gestern mittag in die Fächer gelegt worden
gebiets im hessischen Raum angesprochen worden. ist, erklärt, die Meinung sei nicht begründet, es
Er hat aber in einer fast eineinhalbstündigen Rede handle sich bei der Regelung der wirtschaftlichen
darauf keinerlei Antwort gegeben, sondern einen Hilfe für das Zonengrenzgebiet um eine Behebung
Vortrag allgemein wirtschaftlicher Art gehalten, der von Kriegsfolgeschäden; folglich müßten Bund und
wohl recht interessant war, aber vom Zonengrenz- Länder gemeinsam an diesen Aufgaben beteiligt
gebiet nicht ein Wort enthielt. Und das, obwohl werden. Nun, diese Frage ist offen. Aber wir sollten
Herr Professor Erhard damals bereits zehn Wochen doch, wie es auch schon zum Ausdruck kam, nie-
lang mit der Federführung für die Fragen des mals übersehen, daß gerade die Zonengrenzländer
Zonengrenzgebietes betraut gewesen war! Erst Bayern, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Hol-
ganz zum Schluß seiner Rede hat damals der Herr stein die ärmsten Länder der Bundesrepublik sind.
Bundeswirtschaftsminister mit einem Blick auf die Deshalb sollten wir auch im allgemeinen — das ist
Uhr erklärt, leider müsse er nun zum Bahnhof unsere übereinstimmende Meinung in der Fraktion
eilen, er könne deshalb die angeschnittenen Fragen — das sonst bei der Behebung von Kriegsfolge-
bezüglich des Zonengrenzgebiets hier nicht mehr schäden übliche Beteiligungsverhältnis von 85 %
behandeln, für den Bund und 15 % für die Länder berück-
sichtigen. Dabei sollten wir auch bedenken, daß es
(Hört! Hört! bei der SPD) sich bei all diesen Fragen, wie Frau Abgeordnete
aber man könne sich darüber ja am grünen Tisch Dr. Brökelschen im Vorjahr in der Debatte hier
unterhalten. zum Ausdruck gebracht hat, um das sogenannte
(Abg. Dr. Bleiß: „Am grünen Tisch" ist gut!) dritte gesamtdeutsche Problem neben denen der
Zone und Berlins handelt.
Ich bin nun der Meinung und mit mir die Kollegen
meiner Fraktion, daß gerade Kassel als die Haupt- Im Haushalt Berlins beispielsweise sind Aufwen-
stadt des hessischen Zonennotstandsgebietes, wenn dungen enthalten für Maßnahmen, die eigentlich
ich das so nennen darf, ein geeigneterer Ort ge- gar nichts mit Berlin zu tun haben, die nicht ur-
wesen wäre eigene Berliner Angelegenheiten sind, sondern
typisch gesamtdeutsche Maßnahmen bzw. Ange-
(Sehr gut! bei der SPD) legenheiten darstellen. Aus dieser Tatsache ent-
als der verrufene grüne Tisch, von dem wir außer steht aber bei Berlin kein besonderes Problem, weil
dem nicht einmal wissen, ob er in dieser Frage bis der Bund ja verpflichtet ist, den Fehlbedarf des
her überhaupt in Anspruch genommen worden ist. Berliner Haushalts zu decken.
(Beifall beim GB/BHE. — Abg. Behrisch: Bei den Zonengrenzgebieten liegen die Dinge aber
Weil nämlich die Hauptstadt links vom - ähnlich. Auch dort müssen die Kommunen und die
Rhein liegt!) betreffenden Länder aus eigener Kraft Aufgaben
Wir betrachten es als ein dringendes Anliegen an bewältigen, besonders auf dem sozialen und dem
den Chef der Bundesregierung, den Herrn Bundes- kulturellen Sektor, die in Wahrheit gar nicht Ge-
kanzler, ernstlich zu erwägen, ob nicht die Notwen- meindeangelegenheiten oder Angelegenheiten der
digkeit besteht, die Kompetenz für die Behandlung betreffenden Länder, sondern gesamtdeutsche
der Fragen des Zonenrandgebiets neu und sinnvol- Angelegenheiten sind.
ler zu regeln. (Sehr richtig! beim GB/BHE und bei
Hierbei darf ich vielleicht darauf hinweisen, daß der SPD.)
auch wir vom Gesamtdeutschen Block/BHE in dem Unter gesamtdeutscher Verantwortung stehen aber
Auftrag, der vor wenigen Wochen an Herrn Bun- nicht nur diese Zonengrenzgemeinden oder die
desminister Kraft erteilt worden ist, eine Denk- Zonengrenzländer, sondern es müssen alle deut-
schrift über die Zonenrandgebiete auszuarbeiten, schen Bundesländer und besonders auch der Bund
durchaus nicht eine Maßnahme sehen, die geeignet unter gesamtdeutscher Verantwortung stehen.
1502 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Seiboth)
Der Beschluß des Deutschen Bundestages vom kann, daß alle diese bisher nicht in Angriff ge-
Juli vorigen Jahres ist ja auch ein Beweis dafür, nommenen und durchgeführten Maßnahmen über-
daß sich die Volksvertretung ihrer gesamtdeutschen flüssig werden bzw. die Zonengrenzgebiete und
Verpflichtung durchaus bewußt war. Es ist aber die Länder dann so gestärkt werden, daß sie diese
bedauerlich, daß wir heute; zehn Monate nach Maßnahmen aus Eigenem finanzieren könnten?
diesem Bundestagsbeschluß, fragen müssen, was Wir sind der Meinung, daß gerade die kultu-
denn eigentlich in Verfolg des vorjährigen Bundes- rellen Hilfsmaßnahmen unbedingt außerhalb der
tagsbeschlusses an wesentlichen Maßnahmen ver- 120 Millionen DM durchzuführen sind.
anlaßt worden ist.
(Abg. Dr. Strosche: Sehr richtig!)
Wir betrachten als Kernstück des von der Bun-
desregierung am 19. August des Vorjahres ver- Unsere Fraktion hat während der zweiten und
kündeten Programms für die Notstandsgebiete die auch während der dritten Lesung des Haushalts
Zusicherung, 120 Millionen DM für Zwecke der jenen Antrag gestellt, der diesmal von der sozial-
Wirtschaftsförderung und zur Behebung von Wirt- demokratischen Fraktion wiederholt wird, nämlich
schaftsschäden in den Haushalt des Jahres 1954 die seinerzeit vom Bundestag beschlossenen 25 Mil-
einzusetzen. Über diese 120 Millionen DM war bis lionen DM für kulturelle Förderungsmaßnahmen
heute irgendwie ein mysteriöser Schleier gebreitet, noch zu bewilligen. Leider ist unser Antrag damals
und noch mein Herr Vorredner hat hier, obwohl abgelehnt worden, und wir befürchten, daß nun-
Herr Staatssekretär Westrick vorhin erklärt hat, mehr der Antrag der Sozialdemokratischen Partei,
die 120 Millionen DM ständen zur Verfügung, an- wenn es einmal darüber zur Abstimmung kommt,
gezweifelt, daß sie auch tatsächlich zur Verfügung dasselbe Schicksal erleiden wird wie unser gleich
gestellt werden. Es ist uns im Laufe dieser nach- lautender Antrag während der Haushaltsdebatte.
mittägigen Debatte zwar nicht offiziell, aber sozu- (Zuruf von der SPD: Aber ihr stimmt
sagen durch Späher aus dem Finanzausschuß, die doch mit!)
Mitteilung zugegangen, daß Herr Bundesfinanz-
minister Schäffer praktisch das Junktim, das ja In diesem Zusammenhang möchten wir darauf
immer noch bestand, gelöst hat und erklärt haben hinweisen, daß wir schon in der Debatte zur drit-
soll, die 120 Millionen DM würden nun endgültig ten Lesung des Haushalts durch unseren Kollegen
zur Verfügung stehen. Darüber sind wir sehr Gille hier zum Ausdruck gebracht haben: Wenn
glücklich; denn ohne diese 120 Millionen DM hätte es auf gar keinen Fall 25 Millionen sein können,
das von der Bundesregierung in Aussicht genom- dann soll man doch wenigstens einen Betrag von
mene Programm überhaupt nicht in ausreichendem 10 oder selbst von 5 Millionen für diese kulturellen
Umfange durchgeführt werden können. Förderungsmaßnahmen zur Verfügung stellen,
damit im Zonengrenzgebiet auf dem kulturellen
Aber es ist nun an der Zeit, daß man uns nicht Sektor überhaupt etwas geschehen kann. Deshalb
nur erklärt: „Die 120 Millionen DM werden auf
alle Fälle bereitgestellt", sondern auch sagt, wann sollten bei den Beratungen im Ausschuß — denn
diese 120 Millionen DM denn zur Verfügung wir hoffen ja und werden dafür stimmen, daß alle
stehen. heute gestellten Anträge an die Ausschüsse über-
wiesen werden — für den Fall, daß dieser Antrag
(Zuruf von der CDU/CSU: In diesem der SPD keine Chance zur Realisierung hat, alle
Haushaltsjahr!) Parteien gemeinsam zumindest versuchen, zu er-
Es kann im Zonenrandgebiet mit den Maßnahmen, reichen, daß für kulturelle Förderungsmaßnahmen
die beschlossen worden sind, nicht länger zu- im Zonenrandgebiet ein entsprechender Betrag
gewartet werden. Wir würden deshalb den Herrn zur Verfügung gestellt wird.
Bundesfinanzminister oder den Herrn Staats- Ich will zu den Maßnahmen, die hier schon be-
sekretär dringend darum bitten, bei nächster Ge- sprochen wurden, im einzelnen nichts mehr sagen.
legenheit diesem Hohen Hause zu erklären, von Gestatten Sie aber, daß ich noch auf zwei Dinge
wann ab die Förderungsmaßnahmen im Rahmen besonders hinweise.
dieser 120 Millionen DM tatsächlich im Grenz-
gebiet draußen anlaufen können. Hier ist von der Frachthilfe die Rede gewesen.
Im Bericht des Herrn Bundeswirtschaftsministers
Im Zusammenhang mit diesen 120 Millionen ist steht zu lesen, daß sich nunmehr die bisher mit
uns aber noch wichtig, auf folgendes hinzuweisen. dem Bund streitenden Länder Hessen und Nieder-
Der Herr Bundeswirtschaftsminister hat auf sachsen mit dem Bund dahingehend geeinigt
Seite 6 seines Berichts seinem Bedauern darüber hätten, daß das Verhältnis nun nicht mehr 1:1,
Ausdruck gegeben, daß die Bundesregierung nicht sondern 2 für den Bund und 1 für die Länder
alle vom Bundestag seinerzeit beschlossenen bzw. sein soll. Hier entsteht nun die Frage, ob dann
empfohlenen Maßnahmen habe realisieren können. aber — da die 5 Millionen DM, die der Bund dafür
Er führt dort im einzelnen auf: die Bereitstellung
- zur Verfügung stellt, wie es in dem Bericht heißt,
von 25 Millionen DM für kulturelle Förderungs- nicht erhöht werden sollen — die vom Bund zur
maßnahmen, dann die ebenfalls nicht in die Wege Verfügung gestellten Mittel noch ausreichend sind.
geleitete und ermöglichte steuerfreie Rücklage und Diese Frage ist für uns deshalb besonders inter-
die Ermäßigung der überhöhten Gewerbesteuersätze essant, weil bekanntlich die Hälfte der vom Bund
in den Gemeinden des Zonenrandgebiets; und dann zur Verfügung gestellten Mittel allein für Kohle
heißt es dort: deshalb, weil diese Maßnahmen und da wieder fast ausschließlich für Bayern zur
also wahrscheinlich nicht durchgeführt werden Verfügung stand, während die anderen Länder,
konnten, habe die Bundesregierung 120 Mil- insbesondere Niedersachsen und Hessen, Wert
lionen DM in den Haushalt 1954 eingesetzt. Wir darauf legen, daß neben der Ausweitung der
müssen hier fragen: Was soll dieses „deshalb" Frachthilfe auf andere Verkehrs- oder Transport-
bedeuten? Doch nicht etwa, daß mit der Hingabe mittel vor allem auch andere Transportgüter mit
oder Bereitstellung dieser 120 Millionen DM die einbezogen werden. Dieses Problem ist für die be-
Wirtschaftslage in den Zonenrandgebieten in ab- troffenen Länder wichtig, und hier bleibt, wenn
sehbarer Zeit so zum Guten hin verändert werden man das neue Verhältnis zugrunde legt, nach
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1503
(Seiboth)
unserem Dafürhalten für die Finanzierung der Vor einer Woche ist die vorzügliche Denkschrift
Frachthilferegelung zuwenig übrig, als daß noch des Instituts für Raumforschung zur Frage regio-
tatsächlich genügende und ausreichende Maßnah- naler Wirtschaftspolitik herausgekommen. Ich habe
men ins Auge gefaßt werden könnten. Deshalb sie in der vorvorigen Woche bei meiner Rede zur
wird es notwendig sein, sowohl von seiten der Finanz- und Steuerreform bereits zitiert, und ich
Bundesregierung als auch von seiten der zustän- möchte Ihnen, nachdem ich dasselbe früher ja oft
digen Ausschüsse zu untersuchen und zu erwägen, genug gesagt habe, mitteilen, welche Feststellung
ob es nicht doch möglich ist, hier eine gewisse Er- dieses Institut auf Grund sorgfältiger Untersuchun-
höhung vorzunehmen. gen trifft:
Zu den steuerlichen Maßnahmen möchte ich noch Es kann, wenn schon in der sowjetischen Be-
sagen: Wenn die Umsatzsteuersenkung, die hier satzungszone ein breiter toter Streifen entlang
von der sozialdemokratischen Fraktion beantragt der Zonengrenze geschaffen wird, nicht die
worden ist, aus technischen oder anderen Schwie- Aufgabe einer Wirtschaftspolitik der Bundes-
rigkeiten, die erwähnt wurden, nicht realisiert regierung sein, diesseits des Eisernen Vorhangs
werden kann, dann müßte aber insbesondere ein gleichfalls einen Streifen wirtschaftlicher
verstärktes Augenmerk auf eine Senkung der Verödung zuzulassen.
überhöhten Gewerbesteuersätze gerichtet werden. (Sehr gut! beim GB/BHE.)
Wir möchten in diesem Zusammenhang aber auch
darauf hinweisen, daß die Wünsche, die von der Der Ausgleich des Wirtschaftsgefälles von
Landwirtschaft vorgetragen wurden, nämlich auch Westen nach Osten muß also einen wesent-
in gewissen Gemeinden des Zonennotstandsgebie- lichen Teil einer regionalen Wirtschaftspolitik
tes die Grundsteuerhebesätze, soweit sie überhöht bilden, die sich dabei keineswegs auf den öst-
sind und bis an 300 % heranreichen, billigerweise lichen Grenzstreifen der Bundesrepublik be-
ebenfalls in die Betrachtungen zur Senkung dieser schränken darf.
Steuern einbezogen werden müssen. Ich empfehle auch Herrn Staatssekretär Westrick
und seinem Ministerium die Lektüre dieser vor-
Ich darf abschließend noch eines sagen, was hier züglichen Denkschrift; denn Herr Staatssekretär
nicht erwähnt worden ist. Sie alle wissen, daß uns
von vielen Kreisen aus den Zonengrenzländern, Westrick ist in den Fehler verfallen, heute wieder
mit großen Zahlen zu operieren. Die statistische
und zwar von Kreisen, die nicht in das Zonen-
große Zahl sagt uns aber hier, wo es sich um
grenzgebiet einbezogen sind, vorgetragen wird, sie
fühlten sich durch ihre Nichteinbeziehung beson- regionale Differenzierungen handelt, gar nichts.
Die Einheit des Landes oder gar die Einheit der
ders benachteiligt. Nun sind wir der Auffassung,
daß es notwendig und richtig war, irgendeine Be- Bundesrepublik bedeutet im statistischen Durch-
grenzung des zu fördernden Zonengürtels vorzu-
schnitt nichts, damit kann man keine wirklichkeits-
treue Aussage machen. Wir haben bei unseren Be-
nehmen. Aber wir meinen, man sollte bei der
Ziehung der neuerlichen Grenze vor dem Zonen- trachtungen von der regionalen Verschiedenartig-
gürtel doch nicht gar zu engherzig vorgehen; denn keit der Bundesrepublik auszugehen.
es ist tatsächlich so, daß die negativen Ausstrah- Nun ein Wort zu der Antwort der Bundesregie-
lungen in wirtschaftlicher, sozialer und auch kul- rung. Die Bundesregierung gibt in Drucksache 534
tureller Hinsicht, die infolge der Ziehung der sehr interessante Überblicke. Sie wird die Länder
Zonengrenze vorhanden sind, viel weiter als nur bitten, bei der Erhebung von Steuern und Abgaben
40 oder 50 km reichen. Ich möchte also anregen, im Zonenrandgebiet, bei Ermessensentscheidungen,
daß wir bei den Beratungen im Ausschuß auch die Stundungen, Erlassen, Beitreibungsangelegenhei
Frage erörtern sollten, ob man derzeit vor dem ten und Auslegungsfragen, soweit möglich, groß-
Zonengürtel liegende Kreise, in denen zum Teil zügig zu sein. Das ist ein Appell an die armen
wegen der Zonengrenzziehung eine besonders Länder, die ohnehin nicht wissen, wie sie mit ihrer
große Arbeitslosigkeit herrscht und in denen eine geringen Steuerkraft ihre Wirtschaft in Ordnung
besonders niedrige Kopfsteuerquote festzustellen halten sollen. Die Bundesregierung wird die Län-
ist, nicht ebenso, wie es vereinzelt in Niedersachsen der bitten, in Abschreibungsfragen im Rahmen des
gemacht worden ist, auch in das Gebiet des zu § 131 der Abgabenordnung entgegenzukommen.
fördernden Zonengrenzgürtels einbeziehen kann. Abschreiben kann nur jemand, der seine Ab-
Meine Damen und Herren, wir haben uns hier schreibungen verdient hat. Aus Denkschriften von
auf einige wesentliche Fragen beschränkt, die uns Industrie- und Handelskammern, die auch dem
erwähnenswert schienen. Wir werden den An- Wirtschaftsministerium vorliegen, geht klar und
trägen auf Überweisung an die Ausschüsse zu- deutlich hervor, daß diese Empfehlungen von
stimmen. vielen Industrie- und Handelsunternehmungen als,
(Beifall beim GB/BHE.) wie es in einem Bericht heißt, „tatsachenfremd"
- empfunden werden, weil sie nicht einmal das Maß,
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der der bisher erlaubten Abschreibungen in Anspruch
Abgeordnete Dr. Gülich. nehmen konnten. Wie kann also die Industrie
dieser notleidenden Zonenrandgebiete aus dieser
Dr. Gülich (SPD): Herr Präsident! Meine Damen Empfehlung irgendwelchen Gewinn ziehen?
und Herren! Es schien heute nachmittag manchmal Den Zonenrandländern soll weiterhin nahegelegt
so, als ob die Diskussion eine Angelegenheit der werden, ihren Gemeinden in den Randgebieten im
Abgeordneten aus den Zonenrandgebieten gewesen Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs zu er-
wäre. möglichen, bei der Festsetzung der Gewerbesteuer
(Sehr richtig! beim GB/BHE.) Hebesätze und sonstiger Abgaben den besonderen
Es ist sogar die Verdächtigung ausgesprochen wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen.
worden, es handle sich um parteipolitische An- Nun, es wird auch dem Bundeswirtschaftsministe-
liegen; aber das auszusprechen, ist falsch und ent- rium bekannt sein, daß durch die erfolgten Ab-
spricht einfach nicht der politischen Wirklichkeit schreibungen der Gewinn gemindert und infolge-
und der Bedeutung der Aufgabe, um die es geht. dessen auch das Gewerbesteueraufkommen redu-
1504 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr. Gülich)
ziert worden ist. Einzelne Gemeinden haben einen daß man Ihnen sogar noch einen gewissen Elemen
so erheblichen Gewerbesteuerausfall, daß ihnen tarunterricht auf diesem Gebiete erteilen müßte.
eine solche Empfehlung wiederum gar nichts nützt. (Zurufe von der Mitte: Schulmeister! —
Ich habe vor mehr als einem Jahr vorgeschlagen, Unerhört! — Abg. Pelster: Dafür sind Sie
daß man den Gemeinden aus Bundesmitteln den nicht kompetent!)
Gewerbesteuerausfall garantieren solle. Damit
sind sie in der Lage, ihre Hebesätze der tatsäch- — Aber ich wäre dazu fähig.
lichen Wirtschaftskraft der Gemeinde und ihrer (Abg. Pelster: Auch nicht, auch wenn Sie
Unternehmungen anzupassen. Ich will die Antwort Professor sind!)
der Bundesregierung der fortgeschrittenen Zeit
wegen nicht weiter kritisieren. Es ließe sich ja zu — Aber ich wäre dazu fähig und in der Lage,
jedem einzelnen Punkt etwas sagen, was den (Abg. Pelster: Wird meinerseits bestritten!)
Wert dieser Antwort, zu der viele Monate ge-
wenn Sie mir die Kompetenz dazu einräumten.
braucht worden sind — Herr Kollege Seiboth hat
das schon ausgeführt —, eben doch sehr fragwürdig (Abg. Pelster: Für mich sind Sie dafür
macht. nicht kompetent!)
Nur auf einen Punkt möchte ich noch eingehen. Im übrigen will ich diese Frage wahrhaftig nicht
Die Antwort sagt, und auch Herr Staatssekretär zum Gegenstand einer solchen Auseinandersetzung
Westrick sagte es heute, daß nach dem Grundgesetz machen.
gar nicht der Bund zuständig sei und daß diese (Zuruf von der Mitte: Das haben Sie aber
Auffassung auch von einigen Länderregierungen getan!)
vertreten werde. Nun, wir wissen alle, welche
Länderregierungen aus ihrem krassen Länderegois- Vielmehr ist es tatsächlich so, daß das Verständnis
mus die Meinung vertreten, es handele sich nicht für die Not der Zonenrandgebiete in weitesten
um Kriegsfolgen nach Art. 120 des Grundgesetzes. Kreisen Westdeutschlands ganz einfach nicht vor-
Als Argument für diese Auffassung wird weiter handen ist.
verwendet, auch im Ersten und Zweiten Über- (Beifall bei der SPD und beim GB/BHE.
leitungsgesetz sei diese Not der Zonenrandgebiete — Abg. Samwer: Leider nicht ausreichend!
überhaupt nicht als Kriegsfolgelast angesprochen — Zuruf des Abg. Pelster.)
worden. Nun, da liegt der Jammer! Das entschei- Herr Staatssekretär Westrick sagte eben unter
dende Versäumnis der Bundesrepublik hat 1949 Hinweis auf die großen Zahlen, die wirtschaftliche
damit begonnen, daß sie sich damals nicht der Entwicklung gehe aufwärts. Ich kann Ihnen nur
Zonenrandgebiete angenommen hat. sagen: Fahren Sie hin! Ich kann Ihnen zeigen, was
(Zustimmung bei der SPD.) dort im einzelnen geschehen ist. Daß einzelne Un-
Wir sind doch damals die Rufer im Streite, die ternehmungen florieren, wird ja nicht bestritten.
Prediger in der Wüste gewesen. Aber wir sind nicht Deswegen ist auch die ganze globale Zuweisung
gehört worden — ja, Herr Pelster, Sie schütteln von Mitteln etwas fragwürdig. Wir würden zwei-
dauernd den Kopf —, fellos viel weiter kommen, wenn man von konkre-
ten Objekten ausginge. Das erfordert allerdings
(Abg. Pelster: Ich habe doch noch nichts eine sehr intensive Beschäftigung mit diesen Din-
gesagt!) gen. Ich bin persönlich gar nicht unglücklich dar-
weil Sie so erfüllt waren .von dem „Wirtschafts- über, daß Herr Kraft jetzt diese Aufgabe bekom-
wunder", daß Sie gar nicht bemerkt haben, men hat. Er wird schon etwas aus dieser Aufgabe
(Abg. Pelster: Das können Sie doch gar machen; denn er hat ja immerhin eine Vorstellung,
nicht bestreiten, das Wirtschaftswunder!) und zwar eine gute Vorstellung zumindest von
den Zonenrandgebieten in Schleswig-Holstein.
daß bei dieser Gelegenheit viele wichtige Gebiete Wenn uns da — allerdings nicht erst in vier Mona-
in der Bundesrepublik wirklich zugrunde gingen. ten — eine kurze, prägnante Denkschrift vorgelegt
(Zuruf vom GB/BHE: Richtig! — Abg. wird, so kann das der Sache nur dienlich sein.
Pelster: Bis jetzt ist das nicht der Fall; Im übrigen will ich mit Herrn Staatssekretär
wir haben wesentlich unterstützt!) West r i c k nicht mehr polemisieren; denn man
soll politische Kritik am Minister nicht am Staats-
— Wenn Sie sagen: „Wir haben wesentlich unter- sekretär auslassen.
stützt", dann sagen Sie dasselbe, was Herr Staats-
sekretär Westrick auch ausgeführt hat. (Beifall bei der SPD.)
Aber das Herz und die Leidenschaft dürfen wir
(Abg. Pelster: Der Bund kann doch nicht auch bei Herrn Westrick getrost unterstellen. Nur,
die Ländersteuern und die Gemeindesteu- was die Früchte betrifft, die aus dem Wirtschafts-
ern zahlen, und die Länder wollen dem ministerium kommen sollen, da sehe ich vorläufig
Bunde dann nichts geben! Das geht doch noch ein bißchen trübe in die Zukunft.
auch nicht!)
(Zustimmung bei der SPD.)
— Ich sage, wenn Sie sich einmal diese Grenzge-
biete ansehen — — Wenige Worte zu Frau Brökelschen!
Frau Brökelschen sagte, die SPD stünde der Situ-
(Abg. Pelster: Das habe ich auch getan!) ation bei den Verteidigungslasten genau so gegen-
— Ich lade Sie ein, mit mir einmal ein bißchen über. Ich habe mich bereits neulich klar ausge-
herumzufahren, Herr Pelster. drückt —
(Abg. Frau Dr. Brökelschen: Ja, darüber
(Abg. Pelster: Nicht notwendig! Kann ich werden wir uns nie verständigen!)
aus eigenem! Dazu brauche ich Sie nicht!)
— hören Sie doch mal zu! — ich habe es neulich
— Aus Ihrer Haltung diesen Fragen gegenüber schon gesagt: wenn der Herr Bundesfinanzminister
sehe ich, daß es sehr notwendig ist, so notwendig, von vornherein, bevor die Verhandlungen begin -
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1 505
(Dr. Gülich)
nen, sagt: „Ich komme mit den Besatzungsmächten Frau Dr. Brökelschen (CDU/CSU): Herr Professor
doch nicht zurecht", dann kommt er nicht zurecht! Gülich, ich habe nicht gesagt, die Länder hätten nichts
Ich habe neulich gesagt, er sollte sich nicht mit den getan, sondern ich habe gesagt, ich möchte einmal
Alliierten gegen den Bundestag verbünden, son- einen genauen Überblick darüber haben, was auf
dern den Bundestag zu seinem Verbündeten gegen den einzelnen Gebieten von den Ländern an
die Alliierten machen. Dann kämen wir schon Leistungen gegeben worden ist, und ich habe auf
weiter. den Wohnungsbau exemplifiziert.
(Beifall bei der SPD.) (Lebhafte Rufe von der CDU/CSU:
Denn in diesen sogenannten Verteidigungslasten Hört! Hört! — Abg. Huth: Das ist etwas ganz
— das habe ich neulich bei der Behandlung des anderes!)
Einzelplans 35 ausgeführt und keinen Widerspruch
dafür bekommen — liegt so viel Leerlauf, so viel Dr. Gülich (SPD): Dem Tenor nach kam das so
Unfug, so viel Mutwillen, daß ein zäher Verhand- heraus,
ler schon etwas erreichen könnte. (lebhafter Widerspruch in der Mitte)
Vorhin wurde von Herrn Staatssekretär Westrick zumal es ja von Ihnen mit Leidenschaft vorgetra
mitgeteilt, die 120 Millionen DM stünden jetzt zur gen wurde. — Ich habe Ihnen einen Teil der Zahlen
Verfügung. Schön. Das habe ich auch heute ge- bereits genannt, und die niedersächsische Landes
rüchtweise gehört. Bis dahin stand klar und deut- regierung kann Ihnen ja weiteres Material geben.
lich im Einzelplan 60 des Bundeshaushaltsplans bei
Tit. 950 — und das haben Sie gegen mein sehr (Abg. Frau Dr. Brökelschen: Ich werde froh
entschiedenes Votum neulich beschlossen —, daß sein, wenn ich das Material bekomme!)
die Hilfe von 120 Millionen DM für die Zonenrand- Wenn Sie es nicht bekommen sollten, dann sagen
gebiete nur gegeben werden sollte, wenn der Bun- Sie es mir; ich besorge es Ihnen.
desanteil an der Einkommen- und Körperschaft-
steuer mehr als 40 %, nämlich 42 %, betrüge. Das (Lachen in der Mitte.)
steht im Dispositiv im Tit. 950 drin. — Verzeihen Sie, meine Damen und Herren, es
handelt sich doch um veröffentlichte Materialien
(Zurufe von der CDU/CSU: Das ist ja der Finanzstatistik. Wenn Frau Kollegin Brökel-
längst überholt!) schen nicht weiß, woher sie es bekommen soll —
— Das ist nicht längst überholt. Bis heute ist es das war ganz offen und ehrlich von mir gemeint —,
offiziell noch nicht überholt; es ist jetzt nur ge- dann besorge ich ihr das Material; ich habe es
rüchtweise überholt. Der Herr Finanzminister soll nämlich.
sich mit einigen Ländern geeinigt haben. Wohlge- (Zuruf: Es ist 18 Uhr!)
merkt: mit einigen. Er kann nunmehr hoffen, auf Ich empfehle auch, bei den Mitteln, die gegeben
der nunmehr abgewandelten Basis 40 % statt 42 %
werden, von der Zentrale her keine allzu starke
— die Differenz wird praktisch durch die Bundes- Zweckbindung vorzunehmen, sondern die Vertei-
bahnanleihe gedeckt — im Bundesrat mit der Sache
durchzukommen. Aber Sie konnten nicht davon lung der Mittel zusammen mit den örtlichen Stellen
ausgehen, daß das schon geschehen wäre, was noch vorzunehmen.
nicht geschehen ist und wofür jetzt nur die Vor- (Abg. Frau Dr. Brökelschen: Das ist
verhandlungen des Bundesfinanzministers geführt interessant!)
worden sind. Noch ein letztes Wort! Mit Geld allein kann man
(Abg. Frau Dr. Brökelschen: Die Zusiche die Sache nicht machen. Es kann sich nicht nur
rung von Staatssekretär Westrick liegt darum handeln, daß neue Bundesmittel zur Verfü-
doch vor!) gung gestellt werden, sondern auch darum, daß die
verfügbaren Mittel richtig und zeitgerecht aus-
— Ich freue mich darüber, wenn es so ist, wenn genutzt werden. Da möchte ich an alle Adressen,
der Bundesfinanzminister sich mit den Ländern die es angeht, folgendes sagen: Es muß schneller
geeinigt hat. gearbeitet werden. Worunter leiden denn die ein-
(Abg. Frau Dr. Brökelschen: Das ist ja so!) zelnen Unternehmungen so sehr? Ich habe bei-
spielsweise gerade einen Brief einer großen Firma
Frau Brökelschen sagte ferner, die Länder bekommen, die monatlich mehrere Millionen Mark
hätten nichts getan an Steuern abführt und die lastenausgleichsberech-
tigt ist. Seit dem Januar 1953 führt sie einen ver-
(Abg. Frau Dr. Brökelschen: Das habe ich zweifelten Kampf um einen Betriebsmittelkredit.
nicht gesagt!) Ich kenne solche Finanzierungsfragen genau; ich
-
für die Not der Gemeinden in den Zonenrandge- muß mich häufig mit den Dingen befassen, weil ich
bieten. Sehen Sie sich die Finanzausgleichsgesetze um Rat gefragt werde. Es ist einfach unerträglich,
der Länder an! Frau Kollegin, sehen Sie sich den daß die Erledigung dieser Anträge so schrecklich
Finanzausgleich in Niedersachsen an! Da werden lange dauert, mag es sich nun um Investitions-
Sie feststellen, daß in den letzten Jahren 60 bis 80 kredite oder um Betriebsmittelkredite handeln.
oder 81 % der gesamten Bedarfszuweisungen im Und dann noch ein Weiteres.
Finanzausgleich an Gemeinden in den Zonenrand- (Abg. Spies [Emmenhausen] : Aber ein aller
gebieten gegangen sind.
letztes Wort!)
(Sehr wahr! bei der SPD.)
Wir haben wiederholt von den Steuerkraf t-
Man darf also keine Vorwürfe erheben, die nicht unterschieden unter den Ländern und der dadurch
berechtigt sind. bedingten Attraktionskraft der wohlhabenden Län-
der gegenüber den armen Ländern gesprochen. Da
Vizepräsident Dr. Jaeger: Frau Dr. Brökelschen ist es so, daß alle Kreise der Wirtschaft sich bemü-
hat das Wort zu einer Zwischenbemerkung. hen müßten, den Industrien in den notleidenden
1506 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr. Gülich)
Ländern zu helfen. Ich habe mir in Schleswig-Hol- banger Sorge betrachtet werden. Man soll sachlich
stein Mühe gegeben, große Firmen zu veranlassen, daran gehen.
ihren Bedarf beispielsweise an Norm- und Ge- (Beifall in der Mitte.)
windeteilen bei einer hervorragenden Firma in
Geesthacht zu decken. Die Firmen sind dazu kaum Das allein hat mich bewogen, einige kurze Sätze
bereit, weil sie auf ihre alten Verbindungen in anzufügen.
Nordrhein-Westfalen eingespielt sind. Haben wir Das positive Ergebnis der heutigen Aussprache
schon diese Länder mit den enormen Steuerkraft — darin müssen wir uns alle einig sein in diesem
unterschieden, dann muß auch jedes Land und Hohen Hause, die Damen und Herren der Opposi-
jeder Industrielle in jedem Lande zur Hebung der tion wie die Damen und Herren der Koalitionspar-
Steuerkraft seines eigenen Landes beitragen. Es ist teien — war die Erklärung des Herrn Staatssekre-
ja nicht so, daß wir etwa fordern, man soll unbe- tärs Dr. Westrick, daß die 120 Millionen DM im
sehen Aufträge vergeben. Es genügt uns vom Haushalt eingeplant sind.
Bunde aus vollkommen, wenn man bei der Verge- (Sehr richtig! in der Mitte.)
bung öffentlicher Aufträge Angebote bei den Fir- Denn, meine Damen und Herren, was helfen Be-
men in den Zonenrandgebieten einholt. schlüsse, wenn sie an der Realität des Materiellen
Ich habe am 2. Juli 1953 im Bundestag gesagt: scheitern! Wer im 1. Bundestag war, der weiß, wie
„Die Beschlüsse, die wir heute fassen werden, sind wir schon damals bestrebt waren, den Zonengrenz-
gut. Es kommt aber alles auf die Ausführung an." gebieten zu helfen.
Ich habe gesagt, daß alle Beschlüsse, die wir fassen Lassen Sie mich noch einen Gedanken aus-
werden, völlig in der Luft hängen werden, daß sie sprechen — dabei wende ich mich an die Damen
irrealistisch sein werden, wenn nicht Menschen mit und Herren der Opposition —: ich gelte im allge-
Verstand und Herz und Verantwortungsgefühl in meinen als ein Mann der Sachlichkeit, der im poli-
den Amtsstuben sitzen. Daran hapert es so sehr. tischen Kampf nicht den stumpfen Degen schlägt,
Wie viele Korinthenkacker sitzen da und kujonie- sondern mit dem Florett ficht.
ren die Wirtschaft, lassen sie nicht sich entwickeln,
gewähren wegen tausend überflüssiger Nachfragen (Lachen bei der SPD.)
keine Kredite! Wir sollten mehr Menschen haben, Meine Damen und Herren, haben Sie sich überlegt,
die ihre Aufgaben in eigener Verantwortung erfül- warum sich Fabriken, Anlagen, Werksunterneh-
len könnten. mungen aus den notleidenden Zonengrenzgebieten
Es sind also nicht nur Fragen der Organisation, verlagern? Es geschieht nicht allein wegen der Ab-
um die es hier geht, sondern es ist nötig, daß alle, satzschwierigkeiten und nicht allein wegen der
die in großen Industriegebieten und damit in einer schlechten oder ungesunden Transportverhältnisse.
satteren Welt leben, ihre Gesinnung ändern. Das Es ist noch ein anderer Grund, meine Damen und
Bewußtsein von der Einheit unseres Volkes in un- Herren von der Opposition. Wenn der EVG-Ver-
serem Staat sollte in uns lebendig gemacht werden. trag heute Realität wäre — ich nehme an, daß er
Ohne das wird keine gesetzgeberische und keine Realität wird —, dann hätten die Unternehmungen
organisatorische Maßnahme durchgreifend die in den notleidenden Grenzgebieten einen mili-
Struktur unserer Wirtschaft ändern können und tärischen Schutz. Über all das, worüber in diesem
das verhängnisvolle West-Ost-Gefälle beseitigen. Hause schon so oft gesprochen wurde — z. B. die
Es muß das große Ziel der Wirtschaftspolitik der Angst vor dem Satellismus —, bräuchten wir dann
Bundesrepublik sein, durch wirtschaftspolitische nicht mehr zu reden.
Maßnahmen dieses West-Ost-Gefälle zu mindern. (Zuruf von der SPD: Was machen schon
Was dann noch fehlt, müssen wir durch eine neue 40 km?!)
Staatsgesinnung hinzufügen.
Ich möchte noch einen Gedanken hier zum Aus-
(Beifall bei der SPD.) druck bringen und dabei den Herrn Staatssekretär
persönlich ansprechen. Bei der Betrachtung der
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und Notlage im Zonengrenzgebiet muß unser Blick auch
Herren, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses weiter gehen. Neben den Zonengrenzgebieten gibt
bittet mich, mitzuteilen, daß die Sitzung des Haus- es auch in Bayern und in Gesamtdeutschland wirk-
haltsausschusses nicht, wie vorgesehen, um 18 Uhr lich sanierungsbedürftige Kreise und Gemeinden
beginnt — dieser Zeitpunkt ist ja schon vorbei —, und Städte. Ich nenne da die Teile der westlichen
sondern erst unmittelbar nach der Plenarsitzung. Oberpfalz, die Juragebiete, Teile der mittleren
Das Wort hat der Abgeordnete Kahn. Oberpfalz, das Maxhütten-Gebiet, und ich muß
auch Regensburg erwähnen, die alte freie Reichs-
stadt, einst die Metropole an der Donau im baye-
Kahn (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen
- rischen Raum, einst die Metropole des politischen
und Herren! Ich will mich ganz kurz fassen und Lebens in Deutschland. Sie ist heute leider zu einer
völlig sachlich bleiben. Während der stundenlangen Metropole der Not geworden. Herr Staatssekretär
Debatte dachte ich an zwei Redner des Altertums: Westrick, mit dem Dank für das, was das Wirt-
an Demosthenes und an Cicero. Beide waren nicht schaftsministerium alles plant und tut, und mit
nur erstklassige Redner, sondern auch Staatsmän- dem Dank meiner Freunde für die Erklärung, daß
ner. Ihre Reden hatten staatsmännischen Inhalt, die 120 Millionen DM für die Realisierung dieser
waren kurz und sachlich. Manchmal hat man den Absichten eingeplant sind, verbinde ich heute eine
Eindruck gehabt, daß dieses Hohe Haus auf einem Bitte und einen Wunsch. Ich werde mit einigen
Plafond stand, der ungefähr der einer Wahlver- Freunden heuer im Sommer oder im Herbst die
sammlung ist. Frage der Notstandsgebiete und der Maßnahmen,
Ein so ernstes Problem, wie es die Frage der die außerhalb der Zonengrenzgebiete zu treffen
Sanierung der Zonengrenzgebiete darstellt, das wir sind, im Bundestag vortragen. Ich glaube, daß dann
unter Punkt 4 der heutigen Tagesordnung behan- auch für diese Gebiete — ich habe nur ein kleines
deln, soll weder mit übergroßem Mut noch mit Gebiet genannt; es gibt sie außerhalb Bayerns
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1507
(Kahn)
ebenso — eine Lösung gefunden wird, die uns alle für Grundstücke im Ausland, erbeten wird, selbst-
befriedigt. verständlich nun unter das Kriegsfolgenschluß-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von gesetz fallen könnte. Gegen diese mir gefährlich
der SPD: Also sprach Cicero! — Heiter erscheinende Präjudizierung wehre ich mich. Mein
keit links.) Schweigen hätte unter Umständen Zustimmung
bedeutet. Ich bin der Auffassung, daß durch rechts-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der wirksam gewordene Wegnahme deutschen Eigen-
Abgeordnete Priebe. tums im Ausland sich gewisse Konsequenzen aus
dem Londoner Schuldenabkommen für die Bun-
Priebe (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und resrepublik ergeben, die, soweit ich es als Nicht-
Herren! Wegen der vorgeschrittenen Zeit nur fünf jurist aus dem Abkommen herauslesen kann, die
Minuten! Ich will keine Betrachtungen anstellen, Verpflichtung übernommen hat, die durch die Be-
sondern durch ein Beispiel auf Sie einzuwirken schlagnahme deutschen Eigentums im Ausland ge-
versuchen. Frau Dr. Brökelschen sagte vorhin: „Das schädigten Deutschen im Inland ihrerseits zu ent-
Zonenrandgebiet ist kein Armenhaus." Stimmt, es schädigen.
ist es nicht; aber im Zonenrandgebiet gibt es regio-
nal unterschiedlich große und kleine Zonen des Ich habe hier die Abschrift eines Antrags einer
Notstandes, eine Unzahl von kleinen und großen Gemeinde aus meinem Landkreis an den Peti-
Armenhäusern. Sie lassen sich nur beseitigen, tionsausschuß. Es handelt sich um die Beschlag-
wenn neben den generellen Hilfsmaßnahmen auch nahme von 10 ha Weinberg durch die luxembur-
individuelle durchgeführt werden können, gische Sequesterverwaltung. Ich bin der Auffas-
(Aha! in der Mitte) sung, daß die Entschädigung für die davon Betrof-
fenen auf deutscher Seite nicht unter das Kriegs-
die wir ja beabsichtigen. folgenschlußgesetz fallen kann, sondern nach dem
Nun mein Beispiel! Im Südteil des Ihnen bekann- Londoner Schuldenabkommen vorab und in voller
ten Zonengrenzkreises Uelzen gibt es ein solches Höhe zu erfolgen hat.
Armenhaus, das Kirchspiel Bodenteich. Es umfaßt
mit seinen Randdörfern rund 30 Gemeinden. Es hat Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
magere Sandböden, saure Wiesen, eine notleidende Abgeordnete Dr. Starke.
Landwirtschaft. Es hat in einer demontierten Muni-
tionsanstalt eine Anhäufung von Flüchtlingen, ein Dr. Starke (FDP): Herr Präsident! Meine Damen
Flüchtlingswohnheim. Rund 800 Dauerarbeitslose und Herren! Nachdem uns mitgeteilt worden ist,
sind die Sorgenkinder des zuständigen Arbeitsamts. daß die 120 Millionen DM zur Verfügung stehen,
Der Regierungspräsident versuchte pflichtgemäß, glaube ich im Gegensatz zu Herrn Kollegen Gülich,
Unternehmer heranzuziehen. Die Nähe der Grenze, daß damit der Bundesfinanzminister seine Erklä-
die schlechten Straßen, die ungünstigen Verkehrs- rung von neulich eingelöst hat. Denn er hat uns
verhältnisse, der Mangel an Rohstoffen schreckten zugesagt, daß er das Junktim löst, wenn der Haus-
alle Unternehmer ab. Jahrelang leben die Leute in halt ausgeglichen ist. Wir haben das erwartet und
ihrer Not. Wie groß sie ist, wie groß die demorali- sind deshalb auf die 120 Millionen DM losgegan-
sierende Wirkung dieser materiellen Not ist, kann gen und sehen uns nun in der angenehmen Situa-
nur der beurteilen, der die Verhältnisse kennt. Der tion, damit etwas erreicht zu haben. Denn mit
Kreis versuchte, ein Programm aufzustellen, um diesen 120 Millionen DM erscheint zum erstenmal
der Bevölkerung zu helfen. Das Programm sieht eine Position im Bundeshaushalt für die Gebiete,
111 000 Tagewerke vor. Das würde praktisch die über die wir heute so lange gesprochen haben.
Beseitigung der Arbeitslosigkeit bedeuten. Es sieht Vielleicht ist über diesem langen Sprechen verloren
weiter Meliorationen vor, durch die der Landwirt- gegangen, wie viele sich bemüht haben, das zu er-
schaft ermöglicht würde, nach vorsichtigen Schät- reichen, und wie viele Vorbereitungen sehr ernster
zungen etwa tausend Stück Großvieh mehr zu hal- Art dazu notwendig waren. Ich glaube, daß wir
ten als bisher. Wird es möglich sein, dieses Pro- auf diesem Weg werden weitergehen können und
gramm durchzuführen? Nur dann, meine verehrten daß wir dann — wenn auch nicht sofort und nur
Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie sich die Mühe wenn uns die Gesamtwirtschaftslage dazu verhilft,
machen — soweit es notwendig ist —, die einzelnen die ja ein sehr wesentlicher Träger auch der Kon-
Armenhäuser im Zonengrenzgebiet gründlich ken- junktur in den Grenzgebieten ist — im Laufe der
nenzulernen, und zwar mit allem Eifer, der Ihnen Jahre tatsächlich zu Besserungen in den Gebieten
zur Verfügung steht, mit aller Leidenschaft, deren kommen, die schwächer sind.
Sie fähig sind. Dann werden Sie in dem, was wir Meine Freunde und ich hatten es begrüßt, daß
verlangen, ein Mindestprogramm sehen, das unbe- wir heute einmal über diese Fragen an Hand der
dingt durchgeführt werden muß. Anfrage, die die FDP seinerzeit gestellt hatte, um
(Beifall bei der SPD.) noch vor den Haushaltsberatungen das Problem
- hier zu erörtern, sprechen konnten. Diese Debatte
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ab- hat heute in aller Breite stattgefunden. Ich glaube,
geordnete Jacobs. daß die Anträge der Opposition, die neben den
120 Millionen DM hohe Beträge forderten, der
Jacobs (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
Sache nicht dienen. Denn mit 600 Millionen DM
und Herren! Ich bitte, Ihnen versichern zu dürfen, sind das doch keine sachlichen Anträge mehr.
daß Sie bezüglich der Dauer meiner Anwesenheit
hier oben nichts zu befürchten haben, da ich nur (Abg. Behrisch: Das müssen Sie mal
eine Bemerkung zur Sache zu machen habe, und in Hof erzählen!)
auch die nur infolge eines Hinweises in der Be- — Das werde ich in Hof erzählen, Herr Behrisch.
gründung des Antrags Drucksache 529 betreffend
Beihilfe für Grenzbauern durch den verehrten (Abg. Behrisch: Das ist doch kalter Kaffee!)
Kollegen Wacher. Er hat unter anderem erklärt, — Das ist kein kalter Kaffee, sondern es sind
daß die Beihilfe, die durch diesen Antrag für be- 120 Millionen DM, die uns zur Verfügung stehen.
schlagnahmte Grenzgrundstücke, allerdings auch (Abg. Behrisch: Die vorher geklaut sind!)
1508 2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954
(Dr. Starke)
Wo kämen wir hin, wenn wir alle so gehandelt dort, wo ein Minister in einem Lande jener Partei
und Milliardenbeträge beantragt hätten! Denn ver- angehörte, am Anfang immer dieselben Schwierig-
gessen Sie nicht, die 120 Millionen DM sind in keiten gehabt, mich mit diesen neuen Anliegen des
Konkurrenz zu den 2,3 Milliarden DM, die in den Zonengrenzgebietes durchzusetzen.
SPD-Anträgen zum Haushalt gefordert wurden, Ich glaube also — wenn ich das zum Schluß
in den Bundeshaushalt eingestellt worden. sagen darf —, daß mit der Verankerung der
(Sehr richtig! bei der FDP.) 120 Millionen DM für das Zonengrenzgebiet im
Bundeshaushalt am heutigen Tage ein echter Fort-
Der Vorwurf, die Koalitionsparteien und meine schritt in unserem gemeinsamen Anliegen erzielt
politischen Freunde hätten das Problem nicht ernst ist. Wir können hoffen, .mit diesen Mitteln in den
genommen, trifft nicht zu. Das ergibt sich schon aus weiteren Jahren wirklich Nützliches für diese Ge-
der Anfrage, die wir gestellt haben, und aus der biete, die uns allen am Herzen liegen, zu erreichen.
Tatsache, daß es sich für uns um das handelt, was
ich aus persönlicher Erfahrung kenne und was man (Beifall in der Mitte und rechts.)
früher das Ostproblem nannte, und zwar in seiner
ganzen Schärfe heute viel weiter westlich. Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, die Rednerliste ist erschöpft.
Noch eins ist mir heute aufgefallen, und dazu
möchte ich ein Wort sagen. Hier ist zum Ausdruck (Beifall und Zurufe; Gott sei Dank! —
gebracht worden, das deutsche Wirtschaftswunder Abg. Huth: W i r sind erschöpft!)
habe so sehr in die Augen gestochen, und dabei Wortmeldungen liegen nicht mehr vor. — Ich
habe man übersehen, daß eine ganze Anzahl von schließe die Aussprache.
Gebieten dabei besonders schlecht führen. Nun
habe ich aus eigener Erfahrung in Erinnerung, Wir kommen zu den Abstimmungen. Zu
daß immer gesagt worden ist: Die Wirtschafts- Punkt 4 b liegt vor der Antrag der Fraktion der
SPD betreffend Wirtschaftshilfe für die Zonen-
politik der Bundesregierung ist schuld, daß die
Zonengrenzgebiete nicht auf einen grünen Zweig randgebiete, Drucksache 316. Es wird beantragt,
kommen. Nun, unterdessen hört man es ja anders, ihn dem Haushaltsausschuß — federführend —
die Meinungen über diese Wirtschaftspolitik sind sowie dem Ausschuß für Gesamtdeutsche und Ber-
heute nicht mehr so geteilt wie bisher. Dann wird liner Fragen — mitberatend — zu überweisen. —
aber wieder gesagt, daß man mit dieser Wirt- Widerspruch erfolgt nicht; es ist so beschlossen.
schaftspolitik den Grenzgebieten anscheinend doch Es liegt vor der Entwurf eines Gesetzes
nicht helfen könne. Für mich steht dagegen fest, zur Änderung des Umsatzsteuergesetzes, Druck-
daß es ohne diese Wirtschaftspolitik, ohne das, was sache 510, Antrag der SPD. Es ist vorgeschlagen
man so das Wirtschaftswunder nennt, zu den Überweisung an den Ausschuß für Finanz- und
Hilfen, die jetzt einsetzen, gar nicht hätte kommen Steuerfragen — federführend — sowie an den Aus-
können. schuß für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen und
(Beifall in der Mitte und rechts. — Zurufe den Ausschuß für Wirtschaftspolitik zur Mit-
von der SPD.) beratung. — Widerspruch erfolgt nicht; es ist so
beschlossen.
Für meine politischen Freunde und mich kann ich
wohl sagen: Wir werden an dieser Wirtschafts- Dann Antrag der Fraktion der SPD betreffend
politik selbstverständlich festhalten, weil sie Er- Kredithilfe für die mittelständische Wirtschaft im
folg hatte, und wir werden den Zonengrenz- Zonenrandgebiet, Drucksache 432. Es ist vorgeschla-
gebieten helfen, gerade weil wir aus diesem Auf- gen Überweisung an den Ausschuß für Gesamt-
schwung die Mittel dafür gewinnen. deutsche und Berliner Fragen — federführend —
sowie an den Ausschuß für Wirtschaftspolitik zur
(Abg. Wehner: Eine nationalpolitische Mitberatung. — Widerspruch erfolgt nicht; es ist
Aufgabe und keine Agitationsangelegen so beschlossen.
heit! — Lebhafte Gegenrufe von der
FDP.) Dann Antrag der Fraktion der SPD betreffend
Straßenbau im Zonenrandgebiet, Drucksache 433.
— Ich glaube nicht, daß ich agitatorisch gesprochen Es ist vorgeschlagen Überweisung an den Ausschuß
habe. Ich habe Ihre Agitation nur zurückgewiesen. für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen — feder-
Über die Einzelheiten, die ich angedeutet habe, führend — sowie — mitberatend — an den Aus-
wird in den Ausschüssen gesprochen werden. schuß für Verkehr.
Mir liegt noch an einem, was zum Ausdruck ge-
bracht worden ist. Ein neues Memorandum kann (Abg. Dr. Bleiß: Herr Präsident, Wirtschaft
der Sache dienen, damit wir neue Aufschlüsse er- federführend!)
halten. Eines aber ist ein Fortschritt, den wir er- — Hier ist vorgeschlagen, Ausschuß für Gesamt-
zielt haben: daß sich im Laufe von zwei Jahren deutsche und Berliner Fragen. Von Wirtschaft steht
insbesondere die Frage der Zonengrenzgebiete - hier gar nichts nach dem Beschluß des Ältesten
auch in der Verwaltung einen Raum erobert hat. rates. Besteht damit Einverständnis?
Man sollte dabei größten Wert darauf legen, daß
sich aus neuen Dingen keine Verwaltungsschwie- (Zustimmung.)
rigkeiten ergeben, die der Sache schaden könnten. — Ja, es besteht damit Einverständnis; dann ist so
Was die Länder betrifft, so möchte ich sagen, beschlossen.
daß natürlich manche Maßnahmen der Länder — Antrag der Fraktion der SPD betreffend Hilfs-
wie auch des Bundes, wie wir es ja fordern — maßnahmen für die Landwirtschaft im Zonen-
noch mehr auf diese Zonengrenzgebiete abgestellt randgebiet, Drucksache 434. Es ist vorgeschlagen
werden könnten. Überweisung — federführend — an den Ausschuß
Vorhin ist zum Ausdruck gebracht worden, das für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen und —
Problem sei nicht parteigebunden. Das ist mir mitberatend — an den Ausschuß für Ernährung,
immer klar gewesen; denn ich habe dort, wo ein Landwirtschaft und Forsten. — Widerspruch er-
Minister im Bunde dieser Partei angehörte, und folgt nicht; es ist so beschlossen.
2. Deutscher Bundestag — 31. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 26. Mai 1954 1509
(Vizepräsident Dr. Jaeger)
Antrag der Fraktion der SPD betreffend Arbeits- Meine Damen und Herren, ich schlage Ihnen vor,
beschaffungsmaßnahmen im Zonenrandgebiet, den Punkt 5, Entwurf eines Gesetzes über die
Drucksache 435. Es ist vorgeschlagen Überweisung Gewährung von Straffreiheit, als Punkt 2 auf die
an den Ausschuß für Gesamtdeutsche und Berliner Tagesordnung der Sitzung am Freitag unmittelbar
Fragen — federführend — sowie — mitberatend nach der Fragestunde zu setzen. — Es erfolgt kein
— an den Ausschuß für Arbeit. Widerspruch; es ist so beschlossen.
(Abg. Dr. Bleiß: Herr Präsident, Wirtschaft Ich rufe auf Punkt 6 der Tagesordnung:
federführend!) Erste Beratung des von den Fraktionen der
— Auch hier ist nach dem Beschluß des Ältesten CDU/CSU, SPD, FDP, GB/BHE, DP einge-
rats von Wirtschaft nichts vorgesehen. Sollen wir brachten Entwurfs eines Gesetzes über die
den Ausschuß für Wirtschaft mitberatend hinzu- Entschädigung der Mitglieder des Bundes-
nehmen? Ist auf dieser Basis eine Einigung mög- tages (Drucksache 540).
lich? Die Begründung liegt gedruckt vor. Das Wort
(Zustimmung.) wird nicht gewünscht. Ich schlage vor Überweisung
— Jawohl, dann ist so beschlossen. an den Haushaltsausschuß. — Widerspruch erfolgt
nicht; es ist so beschlossen.
Antrag der Abgeordneten Wacher (Hof), Fuchs,
Freiherr Riederer von Paar und Genossen betref- Meine Damen und Herren, im Hinblick auf die
fend Beihilfe für Grenzbauern, Drucksache 529. fortgeschrittene Zeit — es war ja beabsichtigt,
Es ist vorgeschlagen Überweisung an den Haus- heute schon um 18 Uhr zu schließen — mache ich
haltsausschuß — federführend — sowie zur Mit- Ihnen den Vorschlag, die Punkte 7 und 8 auf die
beratung an den Ausschuß für Ernährung, Land- Tagesordnung der Sitzung vom Freitag zu setzen. —
wirtschaft und Forsten, den Ausschuß für Grenz- Widerspruch erfolgt nicht; es ist so beschlossen.
landfragen und den Ausschuß für Gesamtdeutsche Meine Damen und Herren, ich berufe die nächste,
und Berliner Fragen. — Widerspruch erfolgt nicht; die 32. Sitzung des Deutschen Bundestages auf
es ist so beschlossen. Freitag, den 28. Mai 1954, 9 Uhr, und schließe die
31. Sitzung des Deutschen Bundestages.
Damit ist dieser Punkt der Tagesordnung abge-
schlossen. (Schluß der Sitzung: 18 Uhr 28 Minuten.)