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Eutscher Bundestag: 50. Sitzung

Das Dokument enthält die Tagesordnung und die Protokolle einer Sitzung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 1970. Es werden verschiedene Gesetzesentwürfe und Berichte diskutiert sowie Fragen an die Regierung gestellt.

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Eutscher Bundestag: 50. Sitzung

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D eutscher Bundestag

50. Sitzung

Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Inhalt:

Erweiterung der Tagesordnung 2475 A Entwurf eines Gesetzes zu dem Assoziie-


rungsabkommen vom 29. Juli 1969 zwi-
Wahl eines Mitglieds des Verwaltungsrats schen der Europäischen Wirtschaftsge-
der Lastenausgleichsbank 2475 B meinschaft und den mit dieser Gemein-
schaft assoziierten afrikanischen Staaten
Wahl eines Mitglieds des Vermittlungsaus- und Madagaskar sowie zu den mit die-
schusses 2475 B sem Abkommen in Zusammenhang ste-
henden Abkommen (Drucksachen VI/483,
Amtliche Mitteilungen 2475 C zu VI/483) ; Bericht des Haushaltsausschus-
ses gemäß § 96 GO (Drucksache VI/709),
Entwurf eines Durchführungsgesetzes zum Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Gesetz über einen Ausgleich für Folgen Wirtschaft (Drucksache VI/686) — Zweite
der Aufwertung der Deutschen Mark auf Beratung —

dem Gebiet der Landwirtschaft (Druck- Dr. Giulini (CDU/CSU) 2495 B


sachen VI/602, zu VI/602) ; Bericht des
Haushaltsausschusses gemäß § 96 GO Kaffka (SPD) . . . . . . . . 2495 B
(Drucksache VI/707), Schriftlicher Bericht
des Ausschusses für Ernährung, Land- Dr. Sprung (CDU/CSU) 2495 D
wirtschaft und Forsten (Drucksachen Graaff (FDP) 2497 B
VI/706, zu VI/706) — Zweite und dritte
Beratung —

Kiechle (CDU/CSU) 2476 B Schriftlicher Bericht des Ausschusses für


Wahlprüfung, Immunität und Geschäfts-
Saxowski (SPD) . . . . . . . 2476 D
ordnung betr. Änderung und Ergänzung
Helms (FDP) 2477 C der Geschäftsordnung des Bundestages
Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU) . 2478 C (Drucksache VI/521) . . . . . . . . 2497 D
Löffler (SPD) 2480 D
Dr. Ritz (CDU/CSU) 2482 B
Entwurf eines Neunten Gesetzes zur Ände-
Ertl, Bundesminister 2485 B rung des Soldatengesetzes (Drucksache
Dr. Arndt, Parlamentarischer VI/507); Bericht des Haushaltsausschus-
Staatssekretär . . 2488D ses gemäß § 96 GO (Drucksache VI/ 710),
Dr. Barzel (CDU/CSU) 2489 C Schriftlicher Bericht des Verteidigungs-
Dr. Apel (SPD) . . . . . . . 2490 A ausschusses (Drucksache VI/687) — Zweite
2492 A und dritte Beratung
Höcherl (CDU/CSU) —

Niegel (CDU/CSU) 2492 B Biehle (CDU/CSU) 2498 B


II Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Entwurf eines Gesetzes zur Aufhebung des Frage des Abg. Damm:
Gesetzes über befristete Freistellung von Rente der Witwe des tödlich verun-
der deutschen Gerichtsbarkeit (Druck glückten Starfighterpiloten Hippel
sache VI/645); Schriftlicher Bericht des
Rechtsausschusses (Drucksache VI/723) — Berkhan, Parlamentarischer
Zweite und dritte Beratung — Staatssekretär . . . . . 2516 A, B, C
Vogel (CDU/CSU) . . . . . . 2499 D Damm (CDU/CSU) 2516 A, B
Dürr (SPD) 2500 B Josten (CDU/CSU) 2516 C

Beratung des Sozialberichts 1970 (Druck- Frage des Abg. Dröscher:


sache VI/643)
Ansprüche eines Reserveübungen ab-
Arendt, Bundesminister . . . . 2500 D leistenden Wehrpflichtigen bei einem
Katzer (CDU/CSU) 2506 B Dienstunfall
Berkhan, Parlamentarischer
Fragestunde (Drucksachen VI/731, VI/722) Staatssekretär . . . 2516 D, 2'517 A, B
Dröscher (CDU/CSU) 2517 A
Fragen des Abg. Niegel:
Revidierter Mansholt-Plan
Frage des Abg. Dr. von Nordenskjöld:
Logemann, Parlamentarischer Um- und Überfliegen von Industrie-
Staatssekretär . . . . 2512 A, B, C, D,
anlagen hoher Gefahrenklassen durch
2513 A, B, C
Flugzeuge
Niegel (CDU/CSU) 2512 B, C, D
Berkhan, Parlamentarischer
Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD) . . 2512 D Staatssekretär . . . 2517 C, D, 2518 B
Dasch (CDU/CSU) 2513 A
Dr. von Nordenskjöld (CDU/CSU) . 2517 D,
Dröscher (SPD) . . . . . . . 2513 B 2518 A
Marquardt (SPD) 2513 B
Dr. Ritz (CDU/CSU) 2513 C Frage des Abg. Wagner (Günzburg) :
Aufschub von Straßenbaumaßnahmen
Frage des Abg. Dr. Riedl (München) : Börner, Parlamentarischer
Förderung des Breitensports Staatssekretär 2518 C
Dorn, Parlamentarischer
Staatssekretär 2513 D Frage des Abg. Wohlrabe:
Dr. Riedl (München) (CDU/CSU) . 2514 B, C Zulassung eines Lenin-Sonderstempels
Mischnick (FDP) 2514 C in Berlin
Dr. Hermesdorf (Sehleiden) Börner, Parlamentarischer
(CDU/CSU) . . . . . . . . . 2514 C Staatssekretär . . . 2518 D, 2519 A, B
-
Wohlrabe (CDU/CSU) 2519 A
Frage des Abg. Pieroth:
Müller (Berlin) (CDU/CSU) . . . 2519 B
Mehrwertsteuersatz für in Gaststätten
verabreichte Lebensmittel . . . . . 2514 D
Frage des Abg. Leicht:
Frage des Abg. Lensing: Errichtung von Atomanlagen inmitten
Ausgleich für durch die Aufwertung dicht besiedelter Gebiete . . . . . 2519 C
der Deutschen Mark entstandene Ver-
luste bei der Auszahlung aus dem euro- Frage des Abg. Dr. Schober :
päischen Ausrichtungs- und Garantie- Planungsstab zur Koordinierung der
fonds Sach- und Finanzplanung
Logemann, Parlamentarischer Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . . 2515 A, B Staatssekretär . . . 2519 C, D, 2520 A
Lensing (CDU/CSU) . . . . . . 2515 B
Dr. Schober (CDU/CSU) . 2519 D, 2520 A
Frage des Abg. Dichgans:
Frage des Abg. Krammig:
Anforderungen für Anlagen zum La-
gern wassergefährdender Stoffe Nachtrag zum Jahreswirtschaftsbericht
Berkhan, Parlamentarischer Dr. Arndt, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . 2515 C, D Staatssekretär . . . . . . . 2520 B, C
Dichgans (CDU/CSU) 2515 D Krammig (CDU/CSU) 2520 C
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 III

Frage des Abg. Leicht: Mündlicher Bericht des Ausschusses für


Beeinträchtigung der Entwicklungs- Wahlprüfung, Immunität und Geschäfts-
möglichkeiten auf dem linken Rhein- ordnung betr. Genehmigung zur Durch-
ufer (Landkreis Germersheim) durch führung eines Strafverfahrens gegen den
das bei Philippsburg geplante Atom- Abg. Dr. h. c. Kurt Georg Kiesinger
kraftwerk 2520 C (Drucksache VI/701) . . . . . . . . 2547 B

Fortsetzung der Beratung des Sozialberichts Mündlicher Bericht des Ausschusses für
1970 (Drucksache VI/643) Wahlprüfung, Immunität und Geschäfts-
ordnung betr. Genehmigung zur Durch-
Dr. Schellenberg (SPD) 2520 D führung eines Strafverfahrens gegen den
Dr. Arndt, Parlamentarischer Bundesminister Dr. Ehmke (Drucksache
Staatssekretär 2527 B VI/702) 2547 C
Schmidt (Kempten) (FDP) . . . 2528 C
Dr. Götz (CDU/CSU) 2531 D
Übersicht5dRauseübrdi
Dr. Nölling (SPD) 2534 C dem Bundestag zugeleiteten Streitsa-
Geldner (FDP) 2539 A chen vor dem Bundesverfassungsgericht
Härzschel (CDU/CSU) 2540 A (Drucksache VI/724) . . . . . . . . 2547 C
Hauck (SPD) 2543 C
Arendt, Bundesminister 2544 A Schriftlicher Bericht des Ausschusses für Ju-
gend, Familie und Gesundheit über den
Absetzung des Punktes 7 von der Tages- von der Bundesregierung zur Unterrich-
ordnung 2546 C tung vorgelegten Vorschlag der Kom-
mission der Europäischen Gemeinschaften
für eine Richtlinie des Rates zur Anglei-
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der chung der Rechtsvorschriften der Mit-
Reichsversicherungsordnung (Fraktion gliedstaaten über natriumarme diätetische
der CDU/CSU) (Drucksache VI/695) in Lebensmittel (Drucksachen VI/316, VI/718) 2547 D
Verbindung mit dem

Entwurf eines Gesetzes zur Änderung und Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Ergänzung der Vorschriften über die Wie- Jugend, Familie und Gesundheit über den
dergutmachung nationalsozialistischen von der Bundesregierung zur Unterrich-
Unrechts in der Sozialversicherung tung vorgelegten Vorschlag der Kommis-
(Drucksache VI/715) — Erste Beratung — 2546 C sion der Europäischen Gemeinschaften für
eine Richtlinie des Rates zur fünften
Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkommen Änderung der Richtlinie des Rates zur
vom 24. September 1969 zur Gründung Angleichung der Rechtsvorschriften der
einer Assoziation zwischen der Europä- Mitgliedstaaten für konservierende
ischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Stoffe, die in Lebensmitteln verwendet
Vereinigten Republik Tansania, der Re- werden dürfen (Drucksachen VI/376,
publik Uganda und der Republik Kenia VI/719) 2548 A
sowie zu den Internen Durchführungsab-
kommen (Drucksache VI/725) — Erste Be- Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
ratung — 2546 D Jugend, Familie und Gesundheit über den
von der Bundesregierung zur Unterrich-
Antrag der Fraktionen der SPD, FDP betr. tung vorgelegten Vorschlag der Kommis-
Sportförderungsplan der Bundesrepublik sion der Europäischen Gemeinschaften
Deutschland (Drucksache VI/664) . . . . 2547 A für eine Verordnung des Rates über die
Herstellung und das gewerbsmäßige In-
Schriftlicher Bericht des Sonderausschusses verkehrbringen von Dauermilcherzeugnis-
für Sport und Olympische Spiele über den sen, die für die menschliche Ernährung be-
Bericht des Bundesministers des Innern stimmt sind (Drucksachen VI/394, VI/720) 2548 A
betr. Sportförderung (Drucksachen VI/109,
VI/313) 2547 A Nächste Sitzung 2548 C

Schriftlicher Bericht des Sonderausschusses


für Sport und Olympische Spiele über
den Antrag der Fraktionen der SPD, Anlagen
FDP betr. Fußballweltmeisterschaft 1974
(Drucksachen VI/42, VI/684) ; Bericht des
Anlage 1
Haushaltsausschusses gemäß § 96 GO
(Drucksache VI/705) 2547 B Liste der beurlaubten Abgeordneten . . 2549 A
IV Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Anlage 2 Anlage 9
Änderungsantrag Umdruck 23 zur zweiten Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Beratung des Entwurfs eines Durchfüh- Fragen des Abg Maucher betr. Sperrung
rungsgesetzes zum Gesetz über einen der Mittel für den Bau der Bundesstraßen 2551 B
Ausgleich für Folgen der Aufwertung der
Deutschen Mark auf dem Gebiet der Anlage 10
Landwirtschaft (Drucksachen VI/602,
VI/706) 2549 B Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Mertes betr. Kursver-
luste bei Rentenwerten 2551 C
Anlage 3
Anlage 11
Änderungsantrag Umdruck 24 zum An-
trag des Ausschusses für Wahlprüfung, Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Immunität und Geschäftsordnung betr. Fragen des Abg. Dr. Pohle betr. Zwi-
Änderung und Ergänzung der Geschäfts- schengutachten des Sachverständigenrats
ordnung des Bundestages (Drucksache zur Begutachtung der gesamtwirtschaft-
VI/521) 2549 D lichen Entwicklung 2551 D

Anlage 12
Anlage 4
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Frage des Abg. Dr. Schneider (Nürnberg)
Frage des Abg. Erhard (Bad Schwalbach) betr. Ernährungsberatung 2552 A
betr. Hilfe für den Omnibuslinienverkehr
durch steuerliche Maßnahmen . . . . 2550 A

Anlage 5
Anlage 13
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Langebeck betr. steuer- Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
rechtliche Gemeinnützigkeit für Kleingärt- Frage des Abg. Dr. Beermann betr. Lohn-
nervereine 2550 A steuerermäßigungen für Lohn- und Ge-
haltsempfänger im unmittelbaren Zonen-
randgebiet 2552 C
Anlage 6
Anlage 14
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Hussing betr. Heranzie- Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
hung von Soldaten des Sanitätsdienstes Fragen des Abg. Weigl betr. Arbeitneh-
für nicht unmittelbar sanitätsdienstliche merzulage im Zonenrandgebiet und Über-
Zwecke 2550 B tragung der Abschreibungsvergünstigung
- nach § 14 a des Berlinhilfegesetzes auf
das Zonenrandgebiet 2553 A
Anlage 7
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 15
Frage des Abg. Jung betr. Ausbau der Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
linksrheinischen Verkehrsverbindungen . 2550 C Frage des Abg. Leicht betr. Ertragswert
für Obst und Spargel bei der Hauptfest-
stellung der Einheitswerte 2553 A
Anlage 8
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 16
Frage des Abg. Pieroth betr. Beeinträchti-
gung des allgemeinen Straßenverkehrs Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
durch Gewährung der grünen Zulassungs- Fragen des Abg. Schmidt (München) betr.
nummer nur für landwirtschaftliche Zug- r
das private Schlachthofprojekt in Pfa
maschinen und Spezialkraftfahrzeuge mit kirchen und Stärkung der Wettbewerbs-
gedrosselter Geschwindigkeit . . . . 2551 A fähigkeit der kommunalen Schlachthöfe 2553 B
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2475

50. Sitzung

Bonn, den 6. Mai 1970

Stenographischer Bericht Die folgenden amtlichen Mitteilungen werden


ohne Verlesung in den Stenographischen Bericht
Beginn: 9.00 Uhr aufgenommen:
Der Vorsitzende des Vermittlungsausschusses hat am 29. April
1970 mitgeteilt, daß der. Vermittlungsausschuß das vom Deutschen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Die Sitzung ist er- Bundestag in seiner 39. Sitzung am 18. März 1970 beschlossene
öffnet. Dritte Gesetz zur Reform des Strafrechts
bestätigt hat. Sein Schreiben wird als Drucksache VI/730 verteilt.
Meine Damen und Herren, vor Eintritt in die Ta- Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für
gesordnung darf ich bemerken, daß die Fragestunde Wirtschaft hat am 29. April 1970 die Kleine Anfrage der Abge-
ordneten Dr. Jenninger, Dr. Häfele, Dr. Miltner, Schulte (Schwä-
erst um 14.00 Uhr aufgerufen wird. bisch Gmünd) und Genossen betr. Bereitstellung von Bundes-
fördermitteln für Baden-Württemberg — Drucksache VI/609 —
beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/708 verteilt.
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll
Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hat am
die heutige Tagesordnung ergänzt werden um die 29. April 1970 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Häfele,
Burger, Dr. Evers, Dr. Furler, Frau Kalinke, Müller (Berlin) und
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus- Genossen betr. unterschiedliche Rechtsvorschriften im Sozialver-
sicherungsrecht in einzelnen Bundesländern — Drucksache
schusses für Wahlprüfung, Immunität und VI/440 — beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache VI/713
Geschäftsordnung betr. Änderung und Ergän- verteilt.
zung der Geschäftsordnung des Deutschen Der Bundesminister des Innern hat am 30. April 1970 die
Kleine Anfrage der Abgeordneten Schirmer, Dr. Müller-Emmert,
Bundestages Müller (Mülheim), Brück, Wende, Metzger, Wrede, Schmidt
(München), Dr. Müller (München), Schmidt (Kempten), Krall,
— Drucksache VI/521 — Jung und Genossen und der Fraktion der FDP betr. Tätigkeit
von Sportpädagogen und Fachberatern im Ausland — Druck-
sache VI/556 - beantwortet. Sein Schreiben ist als Drucksache
Ist das Haus mit der Erweiterung einverstanden? — VI/729 verteilt.
Ich höre keinen Widerspruch; es ist so beschlossen. Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß
des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
überwiesen:
Sodann soll die Tagesordnung ergänzt werden um
Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften
die der Mitgliedstaaten über alkoholfreie Erfrischungsgetränke
Wahl eines Mitglieds des Verwaltungsrates — Drucksache VI/681 —
der Lastenausgleichsbank überwiesen an den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit
mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der end-
und um die - gültigen Beschlußfassung im Rat
Verordnung des Rates über die Finanzierung von Interven
Wahl eines Mitglieds des Vermittlungsaus- tionsausgaben auf dem Binnenmarkt für Rindfleisch
schusses. — Drucksache VI/682 —
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
— Auch hier höre ich keinen Widerspruch s. Ich darf Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
endgültigen Beschlußfassung im Rat
dann diese beiden Punkte vorwegnehmen.
Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung (EWG)
Nr. 886/68 zur Festsetzung des Richtpreises für Milch sowie
Die Fraktion der CDU/CSU hat mit Schreiben vom der Interventionspreise für Butter, Magermilchpulver, Grana
Padano und Parmigiano-Regiano für das Milchwirtschaftsjahr
29. April 1970 als Mitglied des Verwaltungsrates 1968/69
der Lastenausgleichsbank Herrn Leukert, München, — Drucksache VI/690 —
zur Wiederwahl vorgeschlagen. Ist das Haus mit überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
diesem Vorschlag einverstanden? — Ich höre keinen Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
endgültigen Beschlußfassung im Rat
Widerspruch. Damit ist Herr Leukert gemäß § 7 Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung (EWG)
Abs. 4 des Gesetzes über die Lastenausgleichsbank Nr. 950/68 des Rates vom 28. Juni 1968 über den Gemein-
samen Zolltarif
als Mitglied des Verwaltungsrates gewählt. — Drucksache VI/693 —
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft (federführend), Aus-
Die Fraktion der CDU/CSU hat mit Schreiben schuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit der Bitte
vom 29. April 1970 für den Abgeordneten Blank, um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Be-
schlußfassung im Rat
der als ordentliches Mitglied des Vermittlungsaus- Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates zur Aufstel-
schusses ausscheidet, den Abgeordneten Russe be- lung der Grundregeln für die Lieferung von Butter und
Magermilchpulver an unterentwickelte dritte Länder, an das
nannt. Ist das Haus damit einverstanden? — Ich höre Internationale Komitee vom Roten Kreuz und an die Joint
keinen Widerspruch; dann ist s o beschlossen. Der Church Aid
Abgeordnete Russe ist als ordentliches Mitglied des Entwurf einer Entschließung des Rates über die Finanzierung
und Lieferung von Butter und Magermilchpulver an Entwick-
Vermittlungsausschusses gewählt. lungsländer
2476 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Jaeger


Entwurf eines Beschlusses des Rates betreffend die Aushand-
lung der verschiedenen Verträge mit einigen Entwicklungs-
sche Landwirtschaft sei Aufwertungsgewinner, zu-
ländern, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und rücknähme. Dieser Vorwurf ist sachlich falsch.
der Joint Church Aid
— Drucksache VI/699 — Was uns aber völlig unverständlich erscheint, ist
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und die Form der Verteilung der Mittel. Das vorliegende
Forsten (federführend), Ausschuß für wirtschaftliche Zusammen- Gesetz hat auch agrar- und strukturpolitischen
arbeit mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
endgültigen Beschlußfassung im Rat Charakter. Es sollte daher unter Berücksichtigung
des Art. 91 a des Grundgesetzes von den Ländern
Damit komme ich zu Punkt 2 der Tagesordnung:
durchgeführt werden. Wir würden es begrüßen,
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- wenn die Bundesregierung mit den Fachministern
desregierung eingebrachten Entwurfs eines der Länder als den sachlich Zuständigen und, vom
Durchführungsgesetzes zum Gesetz über einen föderativen Aufbau der Bundesrepublik her gesehen,
Ausgleich für Folgen der Aufwertung der Kompetenten zusammenarbeitete.
Deutschen Mark auf dem Gebiet der Land-
Statt dessen sieht der Gesetzentwurf entgegen
wirtschaft
den auf der Agrarministerkonferenz vom 23. Januar
— Drucksachen VI/602, zu VI/602 — getroffenen Vereinbarungen eine Einschaltung der
a) Bericht des Haushaltsausschusses (7. Aus- Alterskassen vor. Dies ist ein fragwürdiger Stil der
schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung Zusammenarbeit. Besonders wegen der von verschie-
denen Seiten innerhalb der Bundesregierung in der
—Drucksache VI/707 — letzten Zeit angedeuteten Möglichkeit einer Tren-
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. von nung von Preis- und Einkommenspolitik für die
Bülow Landwirtschaft ist dieses Vorgehen unverständlich.
Wir lehnen allerdings eine derartige Trennung von
b) Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Preis und Einkommen ab. Auch neueste Vorschläge
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
aus Brüssel deuten auf verstärkte Regionalisierung
(9. Ausschuß)
der landwirtschaftlichen Struktur- und Föderungs-
— Drucksachen VI/706, zu VI/706 — politik hin.
Berichterstatter: Abgeordneter Saxowski Dies macht eine Zusammenarbeit mit den Länder-
(Erste Beratung 42. Sitzung) ministern um so notwendiger. Die Länder sind in
der Lage, den Einkommensausgleich schnell und
Ich danke dem Berichterstatter, dem Abgeordne- reibungslos auszuzahlen. Sie verfügen über ein
ten Saxowski, für seinen Schriftlichen Bericht. Sind dichtes Netz fachlicher Dienststellen. Es besteht aus
mündliche Ergänzungen notwendig? — Das ist nicht dieser Sicht keine Notwendigkeit, entgegen dem
der Fall. Votum des Bundesrates zu handeln und der deut-
schen Landwirtschaft einen Teil ihres Einkommens
Ich rufe in der zweiten Beratung die §§ 1 bis 5 über eine soziale Einrichtung zu erstatten. Den im
auf. Wird hierzu das Wort gewünscht? — Das ist Zusammenhang mit dieser Frage bereits erhobenen
nicht der Fall. Vorwurf, die Länder verfolgten wahltaktische Ziele,
Ich lasse abstimmen. Wer den aufgerufenen Be- weisen wir zurück. Er mutet einfach lächerlich an.
stimmungen zuzustimmen wünscht, den bitte ich um (Sehr wahr! bei der SPD.)
das Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
Schließlich verweisen wir auf die Gefahr einer ver-
Es ist so beschlossen. zögerten Auszahlung des Schadensausgleichs, die
Ich komme damit zu § 6 und zu dem dazu vor- durch die Anrufung des Vermittlungsausschusses
liegenden Änderungsantrag*). Er wird begründet seitens des Bundesrates entstehen könnte. Die Ver-
vom Herrn Abgeordneten Kiechle. antwortung dafür müßte die Bundesregierung über-
nehmen.
Kiechle (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr Die juristische Begründung für unseren Ände-
geehrten Damen und Herren! Der uns vorliegende rungsantrag zum vorliegenden Gesetzentwurf wird
Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Ausgleich der Kollege Hauser übernehmen. Unabhängig davon
für die Folgen der Aufwertung der Deutschen Mark bitte ich das Hohe Haus, unserem Änderungsantrag
auf dem Gebiet der Landwirtschaft ist ein Gesetz zuzustimmen.
mit Grundsatzbedeutung. Es basiert auf dem Ver- (Beifall bei der CDU/CSU.)
sprechen der Bundesregierung, keinen Preisdruck
auf die Landwirtschaft auszuüben. Insofern ist es
allerdings ein fragwürdiger Notbehelf. Ich möchte Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
darauf hinweisen, daß die späte Vorlage dieses Ge- Abgeordnete Saxowski.
setzes finanzielle Nachteile für die Landwirte hat. (Abg. Dr. Barzel: Wo ist denn die Regie-
Die diesem Gesetz innewohnende Teilzweckbindung rung? — Ach, da kommt der Minister ja!)
von Mitteln für soziale Zwecke ist mit dem Prinzip
der Schadenserstattung nicht zu vereinbaren. Soziale Saxowski (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr
Maßnahmen sind keine Einkommenserstattung. Es
verehrten Damen und Herren! Ich bitte, den Ände-
wäre auch gut, wenn die Bundesregierung den durch rungsantrag zu § 6 auf Umdruck 23 abzulehnen und
einen ihrer Sprecher erhobenen Vorwurf, die deut- es beim Beschluß des Ernährungsausschusses zu
*) Siehe Anlage 2 belassen. Herr Kiechle, meine Herren von der
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2477
Saxowski
CDU/CSU, wir sind nicht der Auffassung, daß hier Auszahlung für ungefähr 200- bis 225 000 Betriebe
eine Verzögerung eintritt, sondern wir waren uns, im Antragsverfahren abgewickelt werden muß. Auf
glaube ich, in dem vorbereitenden Ausschuß, dessen Grund dieser Situation glaube ich, daß wir gut be-
Leitung ich selbst hatte, bis auf eine Stimme darüber raten wären, es bei dem Antrag des Ernährungsaus-
einig, daß es bei der Regelung über die Alterskassen schusses zu belassen.
bleiben sollte. Die verfassungsmäßigen Bedenken — Ich darf daher bitten, den Antrag der CDU/CSU
das steht doch wohl einwandfrei fest — sind ausge-
zu § 6 abzulehnen.
räumt. Wahltaktische Manöver in bezug auf die Län-
der liegen uns völlig fern. Uns geht es doch einzig (Beifall bei der SPD.)
und allein darum, die Auszahlung des Aufwertungs-
ausgleichs möglichst schnell — und das heißt: vor Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
der neuen Ernte — zu erreichen. Darüber waren wir Abgeordnete Helms.
uns einig.
(Beifall bei der SDP.) Helms (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
Das steht im Mittelpunkt unserer politischen Über- ehrten Damen und Herren! In der Regierungserklä-
legungen. rung vom 28. Oktober 1969 hat die Bundesregierung
der Landwirtschaft zugesagt, die Einkommensver-
Ich glaube auch nicht, daß der Bundesrat aus rein luste, die ihr durch die Aufwertung der D-Mark und
pragmatischen Erwägungen hiergegen Einspruch er- die Bindung der gemeinsamen Agrarpreise an den
hebt; denn ihm wird wie den Ländervertretern auch „Grünen Dollar" entstanden sind, voll auszuglei-
daran gelegen sein, eine möglichst schnelle Aus- chen. Bekanntlich sind die Verluste mit 1,7 Milliar-
zahlung zu erreichen. den DM errechnet worden. Davon sollen 780 Mil-
Im übrigen ist die Auffassung des Bundesrates gar lionen DM durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer
nicht so einstimmig. Sie haben damit argumentiert, um 3 % ausgeglichen werden. Diese Regelung ist
daß im Augenblick nur die Stadtstaaten für die seit dem 1. Januar in Kraft und hat sich als prakti-
Alterskassenregelung sind. Dem darf ich entgegen- kabel erwiesen. Es ist festgestellt worden, daß sie
halten, daß sich im Bundesrat auch große Flächen- bis zum Erzeuger durchgeschlagen ist.
staaten der Alterskassenregelung anschließen. Ich meine, daß die Opposition ihre Zweifel, ob
Weiterhin darf ich darauf hinweisen, daß sich die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 % beim
auch der Bauernverband für die Auszahlung durch Erzeuger ankommt, doch wohl nicht weiterhin, ins-
die Alterskassen ausgesprochen hat. Im Lande Nord- besondere auch außerhalb dieses Hohen Hauses,
rhein-Westfalen — aus dem ich komme — sind die arglos in den Raum stellen kann. Meine Damen und
Auffassungen der beiden Kammerpräsidenten sehr Herren von der Opposition, hier zählen doch sicher
kontrovers. Während der eine die Auszahlung über mehr die Tatsachen als bloße Kritik um der Kritik
die Länder fordert, verlangt der andere die Aus- willen.
zahlung über die Alterskassen. Auch das bitte ich Bezeichnend für diese Arglosigkeit scheint in die-
in Ihre Beurteilung der Situation mit einzubezie- sem Zusammenhang auch die von einem Kollegen
hen. Über diese Fragen einen Krieg zu entfachen der Opposition eingebrachte Frage zur heutigen
hielte ich für völlig verfehlt. Fragestunde zu sein, in der er von einem Preisver-
Die verfassungsrechtlichen Bedenken sind ausge- fall für Schweine spricht, obwohl trotz der D-Mark
Aufwertung die Schweinepreise zum Teil wesent-
räumt. Darüber gibt es auch keine Diskussion mehr.
- lich über dem Stand des Vorjahres liegen.
Uns geht es zunächst darum, daß keine beson- Die Bedenken der Opposition und des Bundesrates
deren Kosten entstehen. Die Alterskassen haben bezüglich der Auszahlung der Ausgleichsmittel über
sich verpflichtet, die Verteilung ohne weitere Un- die landwirtschaftlichen Alterskassen sind unseres
kosten, d. h. ohne Abzug von den 920 Millionen DM Erachtens nicht überzeugend. Durch die Auszahlung
— das liegt Ihnen ja auch am Herzen —, zügig über die landwirtschaftlichen Alterskassen ergibt
durchzuführen. Das bedeutet, daß die Landwirt- sich vielmehr die Möglichkeit, daß die Landwirt-
schaft bis Ende Juli in den Genuß dieses Aufwer- schaft durch ein schnelles, unkompliziertes, bundes-
tungsausgleichs kommen wird. Ich bitte, das zu be- einheitliches und kostensparendes Verfahren ihre
denken. Ausgleichsbeträge erhält. Schnell heißt hier: noch
Auf der anderen Seite muß man sehen, daß auch vor der diesjährigen Ernte, also Mitte bis Ende Juli.
die Möglichkeiten der Länder in dieser Frage sehr Mit der Abwicklung der Ausgleichszahlungen
unterschiedlich sind. Da gibt es überhaupt kein durch die Alterskassen haben wir bereits bei der
einheitliches Bild. Wenn das Land Baye rn in der Auszahlung der EWG-Anpassungshilfe gute Erfah-
Lage ist, über den Dieselkraftstoffausgleich viel- rungen gemacht. Der Weg über die Alterskassen ist
leicht schneller zu zahlen, können wir auch den also schon von der CDU/CSU mit vorgezeichnet wor-
Stichtag 1. Januar, von dem ausgegangen wird, den. Um so unverständlicher ist es uns, wenn trotz
nicht zugrunde legen, sondern wir müssen auf guter Erfahrungen jetzt von der Opposition ein
Grund der Koeffizienten immer die bestellte Fläche anderer Weg gefordert wird. Der Vorteil der land-
in Rechnung stellen. wirtschaftlichen Alterskassen besteht in erster Linie
Ich darf noch einmal erwähnen, daß die Alters- darin, daß von ihnen der weitaus größte Teil der
kassen Katasterunterlagen von rund 880 000 Be- landwirtschaftlichen Betriebe und anspruchsberech
trieben für die Auszahlung besitzen und daß die tigten Nutzflächen erfaßt wird. Die Alterskassen
2478 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Helms
verfügen über laufend fortgeschriebene Erhebungs- „Deutsche Bauernzeitung" schreibt dazu am 2. Mai
unterlagen. Sie sind so in der Lage, ihren Mitglie- — ich darf mit Genehmigung des Herrn Präsiden-
dern den erforderlichen Vordruck kurzfristig zuzu- ten zitieren —, für eine derartige Verzögerung
stellen. könnte von landwirtschaftlicher Seite keinerlei Ver-
ständnis aufgebracht werden. Das ist auch die Mei-
Besonders günstig sind auch die Prüfungs- und
nung der Freien Demokraten. Wir geben der Vor-
Kontrollmöglichkeiten, da den Alterskassen die Ver-
lage unsere Zustimmung.
hältnisse ihrer Mitglieder bekannt sind, insbeson-
dere auch durch das Kataster für die Beitragsleistun- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gen zur Unfallversicherung. Hervorzuheben ist vor
allem noch der geringe Verwaltungsaufwand, der Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat Herr
bei der Abwicklung über die Alterskassen entsteht Abgeordneter Hauser (Sasbach).
und zu keinerlei kostenmäßiger Belastung der Land-
wirtschaft führen wird, weil die Alterskassen die
entstehenden geringen Mehrkosten nach § 13 des Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU) : Herr Prä-
Gesetzes über die Altersversorgung der Landwirt- sident! Meine Damen und Herren! Darf ich meiner
schaft abgelten können. großen Freude Ausdruck geben, daß, wie sonst sel-
ten, ein landwirtschaftliches Problem ein derart
Wie im Ernährungsausschuß zu vernehmen war, lebhaftes Interesse des Hauses findet, .daß alle drei
verfügt nur das Land Bayern über ähnlich günstige Fraktionen der Landwirtschaft so zahlreich ihren
technische und organisatorische Voraussetzungen Tribut zollen.
wie die Alterskassen. Sie werden dafür Verständ-
nis haben, daß dieses Argument uns nicht ausreicht, (Abg. Dr. Barzel: Der Kanzler fehlt!)
einer Regelung zuzustimmen, die in anderen Bun-
desländern für die Bauern Nachteile bringen wird, Nur frage ich mich bei der rechtlichen Begründung
der Änderungsanträge der CDU-Fraktion — dies
besonders wenn man dabei bedenkt, daß eine
Überlastung aller Dienststellen von der Gemeinde- allein ist meine Aufgabe — angesichts der voraus-
ebene an aufwärts erfolgen würde. gegangenen Ausführungen des Herrn Kollegen
Saxowski und des Vertreters der FDP wie auch
Die verfassungsrechtlichen Einwände, die vom angesichts des Ablaufs der Ausschußberatungen, ob
Bundesrat und von der Opposition gegenüber der ich hierbei die Zustimmung der Koalitionsfraktionen
Regierungsvorlage erhoben wurden, sind durch die finden werde. Mir ist nämlich ein kritisches Wort
gutachtlichen Stellungnahmen des Rechtsausschusses des ehemaligen italienischen Botschafters Quaroni
und seitens des Justizministeriums frühzeitig ausge- in Erinnerung, der einmal meinte, viele Begegnun-
räumt worden. gen mit den Großen der Welt hätten ihn doch skep-
tisch gemacht in bezug auf die Möglichkeiten, bei
Nun hat die EWG-Kommission in Anwendung des Menschen viel zu erreichen.
Art. 93 des EWG-Vertrages, nach dem sie gehalten
ist, fortlaufend in Zusammenarbeit mit den Mit- An dieses Wort bin ich um so mehr erinnert,
gliedstaaten die in ihnen bestehenden Beihilferege- wenn ich an die Beratungen des Rechtsausschusses
lungen zu überprüfen, aus Gründen befürchteter bei seiner gutachtlichen Stellungnahme zu dieser
Wettbewerbsungleichheit nach Art. 92 gegen die Vorlage denke. Herr Kollege Schmidt saß ja wie ein
unzureichende Differenzierung des Dreiergruppen- allzu gestrenger Schulmeister hinter den Mitgliedern
schlüssels, der in dem Regierungsentwurf vorge- des Rechtsausschusses und drängte voll Ungeduld,
sehen war, Bedenken erhoben. Der Ernährungsaus- daß die Klassenaufgabe endlich gelöst würde.
schuß hat nun, auch aus Gründen der EWG-Kon- (Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
formität, vor allem aber wegen der größeren Ge-
rechtigkeit, einen Vierergruppenschlüssel entwik- Er fand sogar einen überaus gelehrigen Schüler im
kelt, der mir unter den gegebenen Umständen die Rechtsausschuß, der der Erste sein wollte und mitten
beste Lösung zu sein scheint. Er stellt eine Ver- in den rein rechtlichen Erörterungen — denn nur
besserung des Dreiergruppenschlüssels der Regie- dies war die Aufgabe des Rechtsausschusses — An-
rungsvorlage dar, während der vom Bundesrat vor- trag auf Schluß der Debatte stellte, was ich in den
gesehene Zweierschlüssel einen möglichst gerechten zehn Jahren meiner Zugehörigkeit zum Rechtsaus-
Schadensausgleich nicht gewährleistet. schuß bis dahin tatsächlich noch nicht erlebt hatte.
Grünes Licht also, meine Damen und Herren, (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
für diese eilbedürftige Vorlage. Ich würde es für
höchst bedauerlich halten, wenn die Opposition, Aber ich fühle mich durchaus in guter Gesellschaft
nachdem wir im Ausschuß zu einer Übereinstim- bei dem, was ich an rechtlichen Darlegungen nun zu
mung in der schwierigen Frage des Verteilungs- machen habe. Kann ich doch an so manches an-
schlüssels gekommen sind, bei der beabsichtigten knüpfen, was der heutige Herr Bundesjustizminister
Auszahlungsregelung über die Alterskassen auf und auch Sie, Herr Kollege Frehsee, zum gleichen
rot schalten würde und wenn der Bundesrat, einem Thema von der gleichen Stelle aus vor fünf Jahren
Kompetenzegoismus und Kästchendenken verfal- gesagt haben. Nur sind heute die Fronten verscho-
lend, sich genauso verhielte und gegebenenfalls ben. Aber die Wege der Menschen und sicherlich
den Vermittlungsausschuß anriefe und damit eine auch ihre Erkenntnisse sind oft recht verschlungen
merkliche Verzögerung dieser Vorlage einträte. Die und geheinmnisvoll, wie ich an der bisherigen Ein-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2479
Dr. Hauser (Sasbach)
lassung der Koalitionsfraktionen entgegen ihrer Stel- Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
lungnahme vor fünf Jahren zu diesem Thema zu Herren, ich darf Sie um etwas mehr Aufmerksam-
konstatieren habe. keit für den Redner bitten!
(Abg. Dr. Barzel: Die wechseln doch sonst
in 14 Tagen ihre Meinung!) Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU) : Drittes Be-
denken: Sicherlich gibt es insofern einen histo-
— .Sie haben recht, Herr Barzel, manchmal werden" rischen Vorgang, als 1965 nach Art. 5 des Dritten
in 14 Tagen die Meinungen hier geändert. Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die
Altershilfe für Landwirte den Alterskassen die Auf-
(Abg. Rasner: Inzwischen war eine Wahl!) gabe zufiel, die damals vom Bund bereitgestellten
Haushaltsmittel der Investitionshilfe für landwirt-
Die CDU-Fraktion übernimmt voll die Empfeh- schaftliche Betriebe zu verteilen. Aber gab es bei
lung des Bundesrates im ersten Durchgang und Erfüllung der Aufgabe damals nicht recht beträcht-
stellt den Antrag, statt der Alterskassen, wie vorge- liche Schwierigkeiten, als es etwa zu verwaltungs-
sehen, die Landwirtschaftsverwaltungen der Län- gerichtlichen Klagen kam und die Alterskassen sich
der mit der Auszahlung des Aufwertungsausgleichs nur sehr ungern in die Rolle des Beklagten ge-
zu betrauen. Dafür sprechen folgende Gründe. drängt sahen? Soweit mir bekannt, wurde damals
von seiten der Gerichte die Passivlegitimation der
Erstens: Schon in diesem Gesetz sind bereits für
Alterskassen überhaupt nicht geprüft. Es hätte
1972 und 1973 die unmittelbaren Ausgleichsleistun-
sonst schon dort festgestellt werden müssen, in
gen zum überwiegenden Teil degressiv gestaltet
welcher Funktion die Kassen die Auszahlung vorzu-
und in Form von Strukturmaßnahmen bzw. struk-
nehmen haben, ob nur als Zahlstelle, so wie etwa
turbeeinflussenden Sozialmaßnahmen vorgesehen. die Post die Rentenauszahlungen vornimmt. Es hätte
Dies weist § 1 der Vorlage aus. Nun gehört aber,
aber auch festgestellt werden müssen, ob die Alters-
worauf mein Vorredner aus der CSU schon hinge-
kassen überhaupt über den ihnen zugewiesenen
wiesen hat, nach Art. 91 a des Grundgesetzes, den
legitimen, eigentlichen Aufgabenbereich hinaus
wir im vergangenen Jahr eingefügt haben, gerade
einen weiteren Sachbereich, der sachfremd ist, er-
die Verbesserung der Agrarstruktur zu den Gemein- ledigen dürfen.
schaftsaufgaben, bei denen Bund und Länder zu-
sammenzuwirken haben. Ist es dann vertretbar, so Das nächste Bedenken: Bekanntlich gibt es zwei-
frage ich mich, Teile dieser Strukturpolitik, wie sie erlei Alterskassen, bundesunmittelbare und länder-
mit diesem Gesetz entscheidend angestrebt wird, unmittelbare. Mit anderen Worten, die den Kassen
Institutionen — Selbstverwaltungskörperschaften eigentlich zugewiesene Aufgabe wird von verschie-
wie etwa den Alterskassen — zu übertragen, die denen Trägern übernommen, wobei noch zu bemer-
wesentliche Entscheidungen ohne Einflußnahme von ken ist, daß nur der entschieden kleinere Teil als
Bund und Ländern treffen können? Ist dies mit dem bundesunmittelbare Selbstverwaltungsorganisation
Sinn des Grundgesetzes vereinbar? Auch wenn man besteht. Greift damit aber der Bund nicht völlig
gewiß nicht sagen kann, daß damit die zwingend unnötig in die Verwaltungskompetenz der Länder
vorgeschriebene Gemeinschaftsaufgabe ausgehöhlt ein, wenn nun auch die der Länderaufsicht unterste-
würde! Aber kann man so schlankweg und unbeküm- henden Alterskassen mit dieser Bundesaufgabe be-
mert, meine Herren von der SPD, über einen Ver- faßt werden? Denn die Aufsicht über die Auszah-
fassungsauftrag, ja eine Verfassungsverpflichtung lung von Geldern aus dem Bundeshaushalt ein-
hinweggehen, zumal da es sich um eine über Jahre schließlich der Rechnungsprüfung muß ja zweifellos
hinweg wirkende gesetzliche Leistung handelt? beim Bund bleiben. Das werden Sie mir ja zugeben,
meine Herren!
Zweites Bedenken: Die Alterskassen sind Sozial- Das nächste Bedenken: Die Mehrheit der Länder
versicherungsträger und als solche Körperschaften hat mit vollem Recht insbesondere verfassungsrecht-
des öffentlichen Rechts im Sinne des Art. 87 Abs. 2 liche Bedenken dagegen geltend gemacht, daß der
des Grundgesetzes. Da der Gesetzgeber diese Kas- Bund die Auszahlung des Währungsausgleichs auch
sen als Sozialversicherungsträger errichtet hat, auf die bundesunmittelbaren Alterskassen übertra-
haben sie auch nur insoweit die Autonomie, durch gen wolle; denn nach Art. 87 Abs. 2 des Grundge-
Satzungen ihre Aufgaben zu regeln und ihre Organe setzes sei das nicht möglich, so wurde im Bundesrat
zu beauftragen. Hier soll ihnen aber nun eine un- argumentiert, da hier die Alterkassen nicht als So-
mittelbar agrarpolitische Aufgabe zugewiesen wer-
zialversicherungsträger tätig würden. Aber auch
den. Dies ist daher — ich zitiere den Herrn Bundes- Abs. 3 in Art. 87 des Grundgesetzes scheidet als
justizminister Jahn aus seiner Rede vor fünf Jah- Rechtsgrundlage aus, weil die bundesunmittelbaren
ren, als das Grundgesetz noch keinen Art. 91 a
Alterskassen nicht für das gesamte Bundesgebiet
enthielt — völlig sachfremd und systemwidrig und
örtlich zuständig sind, wie dies etwa in dem aner-
stellt einen verfassungsrechtlich sehr bedenklichen
kannten Grundgesetzkommentar von Maunz-Dürig
Eingriff in das Selbstverwaltungsrecht dieser Kör-
mit guten Gründen vorausgesetzt wird.
perschaften dar; denn die Aufgabe, mit der die
Alterskassen hier betraut werden sollen, liegt Noch ein Argument, das gegen Ihren Lösungsver-
außerhalb ihres gesetzlich festgelegten Sachbereichs such spricht. Der Kreis der Landwirte, die einen
und deshalb auch außerhalb ihrer Selbstverwal- Ausgleichsanspruch erhalten, ist unbestritten grö-
tungsautonomie. ßer als der Kreis derer, die Mitglieder der Alters-
(Unruhe.) kassen sind. Werden nun die Kassen mit dieser Auf-
2480 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Hauser (Sasbach)


gabe betraut, werden sie also auch für Nichtmitglie- lich gegeben ist, bedarf doch meines Erachtens einer
der tätig werden müssen. Herr Frehsee, wer bezahlt ganz besonderen Sachkenntnis und steht völlig im
dann die besonderen Aufwendungen, wenn die Bun- Ermessen der auszahlenden Behörde.
desregierung in der Begründung zu der Vorlage Diesem Einwand versuchte der Regierungsvertre-
grobhin bemerkt: „Dem Bund erwachsen aus der ter im Rechtsausschuß damit zu begegnen, daß er
Durchführung des Ausgleichs durch die Alterskas- erklärte, in diesem Fall müßten sich die Alterskassen
sen keine Kosten"? eben auf die Forstbehörden stützen. Das sei sowieso
Bekanntlich werden die Mittel zur Durchführung in einer Rechtsverordnung vorgesehen. Kann man
des Altershilfegesetzes einschließlich Verwaltungs- aber auf dem Umweg über eine Rechtsverordnung
kosten in erster Linie durch die Beiträge, sodann einfach die nach der Gesetzesvorlage vorgesehene
durch sonstige Einnahmen und schließlich durch die Ermessensentscheidung der Alterskassen damit auf-
erforderlichen Bundesmittel aufgebracht. heben, daß man diese Kassen nun strikt anweist, ein
(Abg. Dr. Schmidt [Gellersen] : Das stimmt Gutachten der Forstbehörde zugrunde zu legen, wo-
nicht!) gegen andererseits die Verwaltungen der Länder
mit ihren Landwirtschaftsbehörden dem Gesetzes-
— So 'steht es in § 12 des Altershilfegesetzes, Herr auftrag zweifellos entschieden sachgerechter nach-
Schmidt. Daß durch die Erweiterung des Aufgaben- kommen können?
bereichs der Alterskassen personelle und sachliche
Mehraufwendungen notwendig werden, ist doch of- Diese Ungereimtheiten —ich habe wirklich nur die
fenkundig, selbst wenn die Alterskassen, die bei augenfälligsten angesprochen — führen zwangs-
den zugehörigen landwirtschaftlichen Berufsgenos- läufig zu .dem Ergebnis, den Antrag des Bundesrates
senschaften errichtet worden sind, als ausgespro- aufzunehmen und den Ländern die Ermächtigung zur
chene Sozialversicherungsträger weitgehend über Bestimmung der für den unimittelbaren Ausgleich zu-
die erforderlichen Katasterunterlagen verfügen. ständigen Stellen zu geben.
Hierauf angesprochen, meinte der Regierungsvertre- In diesem Sinne, meine Damen und Herren, bitte
ter im Rechtsausschuß, es müßten sowieso Bundes- ich um Zustimmung zu unserem Änderungsantrag.
zuschüsse an die Alterskassen geleistet werden; mit (Beifall bei der CDU/CSU.)
anderen Worten, man könne aus .diesem gemeinsa-
men Topf dann ein höheres Defizit der Kassen dek-
ken. Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
(Zuruf von der SPD: Wo steht das denn?) Abgeordnete Löffler.
Der Herr Regierungsvertreter verkannte aber, daß
die geleisteten Bundeszuschüsse nur das Defizit zu Löffler (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
decken haben, das sich aus dem Unterschied zwi- ehrten Damen und Herren! Ich habe mit großem
schen dem Beitragsaufkommen dieser Körperschaf- Interesse den Ausführungen des Herrn Kollegen Dr.
ten und der Erfüllung der Ansprüche auf Altershilfe Hauser zugehört, in denen er seine rechtlichen, ins-
nach diesem Gesetz ergibt. besondere verfassungsrechtlichen Bedenken dar-
(Abg. Dr. Schmidt [Gellersen] : Jetzt sind gelegt hat. Ich frage mich nur: Ist das jetzt das
Sie bei Adam und Eva!) richtige Sachgebiet und der richtige Zeitpunkt, solche
verfassungsrechtlichen und juristischen Bedenken in
— Bitte, wenn Sie das meinen! Wenn Ihnen der- dieser Breite hier zu behandeln?
artige rechtliche Bedenken so belanglos erscheinen,
tun Sie mir leid. (Sehr gut! bei der SPD.)
(Zuruf von der SPD: Wenn zwei das gleiche Selbst wenn meine Fraktion bereit wäre, einiges
tun, ist es nicht dasselbe! Was reden Sie davon anzunehmen, müßten Sie uns Zeit geben, all
denn da!) das, was hier vorgetragen worden ist, sehr gründlich
zu prüfen.
Was der Bund hier dazugibt, Herr Schmidt, ist zwei-
fellos zweckgebunden und hat nichts, aber auch gar (Abg. Dr. Ritz: Sie huben doch genug Zeit
nichts mit dieser neuen Aufgabe zu tun. Es kann gehabt!)
deshalb auch für diesen Aufgabenbereich überhaupt — Sie haben eben den Zwischenruf gemacht, Herr
nicht verwandt werden. Wo ist nun aber in der Dr. Ritz, wir hätten genügend Zeit gehabt, das zu
Gesetzesvorlage die bestimmte Kostenvorschrift, die prüfen. Ich stelle nur fest, daß weder bei der öffent-
hierwklczubatnäre? lichen Sitzung, bei dem Hearing, noch in den Aus-
Schließlich, Herr Schmidt, ein letzter Punkt, der schußberatungen diese Bedenken so massiv und de-
sehr wohl noch zu beachten ist. Sind denn die Al- talliert vorgetragen worden sind,
terskassen auch fachlich zu der Übernahme dieser (Abg. Wehner: Hört! Hört!)
Aufgabe geeignet?
weil das — Herr Dr. Ritz, das müssen Sie wahr-
(Abg. Dr. Schmidt [Gellersen] : Großartig!) scheinlich zugeben — auch kaum in Ihrem Interesse
war. Denn wir waren uns alle darüber einig, daß
Fordert z. B. § 5 Abs. 6 dieser Gesetzesvorlage für
gerade in diesem Fall der Spruch gilt: Wer schnell
die Inanspruchnahme der einmaligen erhöhten Aus-
gibt, gibt doppelt. Darauf hat main Kollege Saxow-
gleichsleistung, daß eine Erstaufforstung der Ver-
ski bereits hingewiesen.
besserung der Agrar- oder der Infrastruktur dienen
muß? Die Feststellung, ob diese Voraussetzung wirk- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2481
Löffler
Das bedeutet aber auch, daß ein einheitliches Aus- öffentlichen Debatte bereits diese Motive ange-
zahlungsverfahren gewährleistet sein muß, das auch sprochen werden.
eine gleichzeitige Auszahlung bei allen betroffenen
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Landwirten möglich macht.
Ich darf mit freundlicher Genehmigung des Herrn
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß in Präsidenten aus dem Pressedienst der Agrarsozia-
der öffentlichen Sitzung, als sich abzeichnete, daß len Gesellschaft zitieren. Da heißt es:
die Alterskassen das möglicherweise übernehmen
werden, von seiten der CDU/CSU-Fraktion nur eine Normalerweise entzündet sich in unserer Wohl-
einzige Frage — von Herrn Kollegen Struve — ge- standsgesellschaft ein Streit um Geld meist nur
stellt wurde, und diese bezog sich nicht auf irgend- dann, wenn die Empfänger öffentlicher Mittel
welche verfassungsrechtliche Bedenken; sie bezog miteinander konkurrieren. Hier haben wir es
sich eigentlich nur darauf, ob die Alterskassen in mit einem Novum zu tun. Man drängt nicht zur
der Lage sind, das schnell und zügig durchzuführen, Kasse, um zu bekommen, sondern man will an
so wie es alle Fraktionen in diesem 'Haus von An- die Kasse, um auszuzahlen.
fang an wollten. Hier boten sich nun einmal die
Alterskassen an. Und jetzt kommt ein Satz; der ist nicht von mir, ich
zitiere ihn:
Im übrigen darf ich darauf hinweisen, daß wir
bei der Beratung im Ernährungsausschuß völlig Sollten hier am Ende wahltaktische Überlegun-
leidenschaftslos an dieses Problem herangegangen gen mit eine Rolle spielen?
sind. Es gab sogar einige Mitglieder der Regie- (Zurufe von der CDU/CSU.)
rungskoalition, die in dieser Frage völlig offen
Und dann heißt es:
waren, nicht gebunden waren. Die Entscheidung hat
sich nur auf Grund sachlicher Argumente gebildet. Die Vorstellungen der Agrarminister blockieren
Drittens. Die Alterskassen verfügen über einen eine möglichst rasche Auszahlung der Aus-
gleichsmittel, die man nach dem Gesetzentwurf
mal kurz zusammen — heißen:
durch die Alterskassen auszahlen möchte.
Erstens. Die Alterskassen verfügen über alle
(Zuruf des Abg. Stücklen.)
notwendigen Unterlagen.
Zweitens. Die Erhebung der Fläche wird gekop- So weit dieses Zitat. Ich darf darauf hinweisen, daß
pelt mit einer Bereinigung des Katasters, die so- diese Worte nicht von mir stammen.
wieso ansteht. Zu diesen Motiven muß man Stellung nehmen.
Drittens. Die Alterskassen verfügen über einen Man könnte sich ja darüber unterhalten, bloß muß
Stamm von Sachbearbeitern, die in dieser Materie man es dann klipp und klar, deutlich sagen, muß es
Bescheid wissen. abwägen unter Berücksichtigung der gegebenenfalls
vorhandenen Nachteile. Unsere Aufgabe hier ist es
Viertens. Die Kontrolle ist dadurch gegeben, daß jedenfalls, mitzuhelfen, daß das Wort der Regie-
die Angaben für die Ausgleichszahlungen Rück- rung erfüllt werden kann, daß die Ausgleichszah-
wirkungen auf die Beiträge haben. lungen so schnell, so perfekt und so gründlich wie
Fünftens. Es entstehen keine zusätzlichen Kosten. möglich an die deutschen Landwirte gelangen. Jeder,
der zu diesem Zeitpunkt
Schließlich der wichtigste Punkt: Die Auszahlung
(Zuruf des Abg. Dr. Barzel)
kann wenige Wochen nach Verabschiedung des-
Gesetzes vorgenommen werden. durch ein Vorbringen detaillierter verfassungsrecht
licher Bedenken die Auszahlung hinauszögern will,
Was steht dem an Argumenten von Ihrer Seite
entgegen? (Abg. Dr. Barzel: Wann habt Ihr denn auf
(Zuruf von der SPD: Nichts!) gewertet?)
sollte das dann auch gegenüber der deutschen Land-
Ich gebe Herrn Kiechle zu, daß er sich hier be-
wirtschaft vertreten.
müht hat, darzulegen, daß auch die Länder dazu in
der Lage seien. Er meinte, die Behauptung, daß die (Abg. Wehner: Sehr richtig! — Zuruf des
Länder das nicht könnten, sei zuwenig begründet. Abg. Dr. Barzel.)
Aber ich möchte gern genauso konkret, wie ich die
In diesem Sinne bitte ich Sie um Ablehnung dieses
Punkte genannt habe, die für die Alterskassen spre-
Antrages.
chen, jetzt diejenigen Punkte hören, die für die
Länder sprechen. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Wenn eine solche Begründung nicht gegeben
wird, Herr Dr. Ritz, dann muß man damit rechnen, Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
daß man möglicherweise Überlegungen anstellt und Herren, wird weiterhin zu Umdruck 23 das Wort
fragt: Stecken dahinter nicht vielleicht doch andere gewünscht? — Das ist nicht der Fall.
Motive?
Dann komme ich zur Abstimmung. Ich nehme an,
(Abg. Wehner: Sehr wahr!)
daß ich über den Änderungsantrag der Fraktion der
Ich will jetzt hier gar keine Motivforschung be CDU/CSU als Ganzes abstimmen kann. — Die An-
treiben. Aber es ist nicht zu leugnen, daß in der tragsteller sind einverstanden. Ich lasse nunmehr
2482 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Jaeger


über den Änderungsantrag der Fraktion der CDU/ Demokraten in ihren guten Zeiten als Opposition
CSU auf Umdruck 23 abstimmen. Wer zuzustimmen immer wieder als Wettbewerbsverzerrungen her-
wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. — Ich ausgestellt haben.
bitte um die Gegenprobe. — Meine Damen und Die Konsequenzen dieses Gesetzes und dieser
Herren, das Ergebnis ist nicht mit Sicherheit fest- ganzen Gesetzgebungsarbeit haben ihre Ursache in
zustellen; wir müssen auszählen. — der europäischen Rechnungseinheit, im sogenannten
Meine Damen und Herren, ich gebe das Ergebnis Grünen Dollar. Dieser gleiche Grüne Dollar war
der Auszählung bekannt; mit Ja haben gestimmt früher einmal Motor der europäischen Integration.
187 Mitglieder des Hauses, mit Nein 214; enthalten Er ist durch die erfolgte Paritätsänderung und künf-
hat sich niemand. Der Antrag ist abgelehnt. tig mögliche Paritätsänderungen ether zum Spreng-
Ich lasse nunmehr über § 6 in der Ausschußfas- satz für den Agrarmarkt geworden.
sung abstimmen. Wer zuzustimmen wünscht, den Ich glaube, die Bundesregierung wird sich schon
bitte ich um ein Handzeichen. — Ich bitte um die heute Gedanken darüber machen, wie wir dieses
Gegenprobe. — Angenommen. Problem des Grünen Dollars lösen, wenn vor Voll-
Ich rufe §§ 7 bis 12 sowie Einleitung und Über- zug der Währungs- und Wirtschaftsunion etwa wei-
schrift auf. — Das Wort wird nicht gewünscht. tere Paritätsveränderungen anstehen sollten ,bzw.
Wer den aufgerufenen Bestimmungen sowie der Ein- vollzagen werden sollten. Das ist nicht eine Fata
leitung und der Überschrift zuzustimmen wünscht, Morgana, sondern es kann kein Zweifel sein, daß
den bitte ich um ein Handzeichen. — Ich bitte um vielfach auch schon in unserem Lande wieder von
die Gegenprobe. — Angenommen. möglichen Veränderungen der Parität gesprochen
wind. Es ist also in der Tat Zeit, zu überlegen, wie
Wir kommen zur
man bei künftigen Paritätsänderungen das Problem
dritten Beratung. des Grünen Dollars löst. Wir sind jedenfalls der
Ich eröffne die allgemeine Aussprache. Wird das Meinug,daßtr ebnVoaustz-
Wort gewünscht? — Herr Abgeordneter Dr. Ritz! gen der Grüne Dollar nicht mehr integrierende, son-
dern leider desintegrierende Kraft hat. Wir müssen
Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr heute nach Lösungen suchen, die dieses Problem in
verehrten Damen und Herren! Mit der dritten Le- Zuknftaschle.
sung findet die gesetzgeberische Arbeit über den Der vorliegende Gesetzentwurf stellt einen Kom-
Aufwertungsausgleich für die Landwirtschaft ihren promiß dar, und zwar, wie wir meinen, beileibe
vorläufigen Abschluß. Mir erscheint es deshalb an- keinen guten. Wenn man berücksichtigt, daß vor
gebracht, einige politische Bemerkungen zu dem Ge- der Aufwertung beide Koalitionsparteien so taten,
samtkomplex der vorliegenden Materie zu machen. als hätten sie die Patentlösung schon in der Tasche,
kommt man zu dem Ergebnis, daß wir zu spät mit
Das vorliegende Gesetz und das Gesetz über den
schlechten Lösungen konfrontiert worden sind.
Aufwertungsausgleich, das wir zuvor beschlossen
haben, sind der Versuch, die Störungen, die bei Än- Der vorliegende Gesetzentwurf ist uns für Februar
derung der Währungsparitäten durch die Bindung angekündigt worden. Wir haben ihn schließlich im
der europäischen Agrarpreise an die Rechnungsein- April im Ausschuß beraten können. Damit gerieten
heit entstehen, zu verhindern bzw. auszugleichen. wir unter erheblichen Zeitdruck; daran kann gar
Die ganze Gesetzgebung stand unter dem hohen war es auch, der keinZwfls.Dreitduck
Anspruch, einen vollen und einen gerechten Auf- - dazu führte, daß viele Fragen nicht ausdiskutiert
wertungsausgleich zu schaffen. Wir sind nach wie werden konnten wie z. B. die Frage der Alters-
vor der Auffassung, daß weder das eine, der volle kassen, nachdem der Durchlauf durch !den Bundesrat
Ausgleich — wenn man an die Degression ab 1972 erfolgt war. Wir standen einfach deshalb unter Zeit-
und an die völlige Umwandlung der Mittel ab 1974 druck, well auch wir der Meinung sind, daß es an der
denkt —, noch das andere, der gerechte Ausgleich, Zeit ist, daß die Landwirte nun jenes Geld bekom-
gelungen ist. men, welches die Bundesregierung ihnen schon seit
Darüber hinaus, meine Damen und Herren — ich 1. Januar schuldet, woran ja kein Zweifel sein kann.
glaube, das muß in dem Zusammenhang gesagt (Beifall bei der CDU/CSU.)
werden —, spielt aber ein anderer Komplex eine
Nur, meine Damen und Herren, unter diesem Zeit
nicht minder wichtige Rolle. Durch die Abwertung
druck hat die Sachberatung natürlich weithin ge
des französischen Franc und die Aufwertung der
litten. Dias muß man hier einfach objektiv einräumen.
D-MarkimvegnJhstomialen
Preisniveau bei den europäischen Agrarpreisen ein Eine weitere, politische Bemerkung. Wir haben
Unterschied von 20% zu Lasten der Bundesrepublik bereits am 5. Dezember bei der ersten Beratung des
entstanden. Im Übergang wird dieser erhebliche ersten Aufwertungsausgleichsgesetzes zum Ausdruck
Unterschied durch die getroffenen und noch zu gebracht, daß wir der Meinung sind, daß die Fest-
treffenden Maßnahmen ausgeglichen. Auf die Dauer legung der Bundesregierung in Brüssel zu erheb-
kann allerdings nicht verkannt werden, daß wir lichen Schwierigkeiten führen könnte, die Festlegung
durch diese Preisverzerrungen in eine erhebliche z. B. auf die feste Summe von 1,7 Milliarden, obwohl
Wettbewerbsbenachteiligung gekommen sind. Las- damals jeder wußte, daß die Berechnungsgrundlage
sen Sie mich mit aller Deutlichkeit sagen, hier kom- davon ausging, daß 500 Millionen in Abzug ge-
men Wettbewerbsverzerrungen auf uns zu, die all bracht waren, die angeblich durch Verbilligung der
das weit in den Schatten stellen, was die Freien Betriebsmittel hier auftreten sollten. Niemand zwei-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2483

Dr. Ritz
felt heute mehr daran, daß von dieser Verbilligung Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
der Betriebsmittel und damit von einer Minderung Peters zu einer Zwischenfrage.
des Betrages um 500 Millionen DM keine Rede
sein kann. Wir haben schon am 5. Dezember des Peters (Poppenbüll) (FDP) : Herr Kollege Ritz,
vorigen Jahres unsere Sorge zum Ausdruck gebracht soll ich daraus schließen, daß das Vierteljahr der
— ich bitte, das im Protokoll nachzulesen —, daß es Beratungen nicht gelangt hat, Ihnen Einfälle zu brin-
infolge dieser EWG-Verordnung sehr schnell zu gen, die Sie hätten vorbringen können?
einem Konflikt zwischen der Kommission und der
Bundesrgikomöne.DisStuao Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Kollege Peters, ich
ist sehr viel früher eingetreten, als wir befürchtet weiß nicht, wie Sie von einem Vierteljahr sprechen
hatten. Wir erwarten von der Bundesregierung, daß können, da wir doch im April mit den Beratungen
sie die Fragestellung der Kommission mit Nachdruck im Ausschuß begonnen haben. So schnell ist meine
korrigiert und sichtbar macht, daß wir mindestens Zeitrechnung nicht. Vielleicht ist die Ihrige schnel-
noch anderthalb Jahre brauchen, um überhaupt einen ler.
ungefähren Überblick zu haben, wie sich das Ver- (Abg. Struve: Obwohl der Minister es für
fahren in der Praxis tatsächlich bewährt. Februar angekündigt hatte!)
Der jetzt vorliegende Verteilerschlüssel erscheint Es kann auch kein Zweifel sein, daß etwa die
uns der beste von allen bisher diskutierten schlech- viehstarken Betriebe bei dieser Regelung nicht ge-
ten. Mit ihm ist eine Lösung gefunden worden, die nügend berücksichtigt werden. Auch das muß hier in
wenigstens in etwa, z. B. durch die korrektere Be- aller Deutlichkeit gesagt werden.
wertung der Sonderkulturen, den Ertragswerten und
-verhältnissen entspricht. Aber von einer gerechten Ich komme zum Schluß.
Lösung kann natürlich auch in diesem Zusammen- (Abg. Löffler meldet sich zu einer Zwischen
hang keine Rede sein. frage.)
(Zurufe von der SPD.) — Aber Herr Kollege Löffler, ich will Ihnen nicht
— Ja, die Anträge! Wir haben eben keine Zeit ge- das Wort nehmen.
habt, z. B. die Vorschläge von Professor Niehaus
sorgfältig zu diskutieren und zu untersuchen, wie Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zwischen-
man etwa über den Umsatz, im Grunde das ent- frage, Herr Abgeordneter Löffler.
scheidende Kriterium für die Aufwertungsverluste,
einen Weg finden kann. Darüber haben wir einfach
Löffler (SPD) : Herr Dr. Ritz, wären Sie bereit,
nicht lange genug diskutieren können.
zuzugeben, daß die wichtigen Punkte des Gesetzes
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Peters — Alterskassen, Verteilerschlüssel — bereits in
[Poppenbüll] meldet sich zu einer Zwi- einer formellen Vorlage der Regierung Ende Januar
schenfrage.) allen Mitgliedern des Ausschusses für Ernährung,
— Ja, Herr Kollege Peters! Landwirtschaft und Forsten vorgelegen haben und
daß damit eine Grundlage für Beratungen gegeben
Peters (Poppenbüll) (FDP) : Herr Kollege Ritz, war, so daß wir nicht unter dem Druck standen, nur
können Sie jetzt gerechtere Lösungen vorschlagen, im April die kontroversen Punkte beraten zu kön-
die im Ausschuß nicht zur Diskussion gestanden nen?
haben? -
Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Löffler, natürlich ist
Dr. Ritz (CDU/CSU) : Verehrter Herr Kollege Pe- mir das bekannt. Nur ist auch Ihnen bekannt, daß
ters, ich habe gerade gesagt — Sie haben sich wahr- sich z. B. der Verteilerschlüssel seitdem noch sehr
scheinlich ein wenig zu früh gemeldet —, daß wir in häufig verändert hat und daß in der jetzigen Fas-
den Ausschußberatungen, begonnen im April, bis sung die ursprüngliche Vorlage überhaupt nicht
zur vorigen Woche einfach keine Zeit hatten, die mehr wiederzuerkennen ist.
gesamten Probleme tiefgreifend genug zu diskutie- (Beifall bei der CDU/CSU.)
ren. Herr Kollege Peters, es ist doch kein Zweifel,
daß auch jetzt eine Fülle von Ungerechtigkeiten Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum
bleibt, auf die wir hingewiesen haben. Man ordnet Schluß kommen. Wir werden das Verfahren, das
jetzt z. B. Grobgemüse wie Feingemüse ein und hat jetzt beschlossen wird, sehr sorgfältig daraufhin
die unterschiedlichen Ertragswerte der Böden nicht prüfen, wie es sich in der Praxis bewährt oder nicht
berücksichtigt. Es kann doch kein Zweifel sein, daß bewährt. Wenn sich zeigen sollte, daß hier ein
diese Probleme bestehen. Wir standen unter diesem schlechter Weg — ein schlechterer, als wir ihn uns
Zeitdruck, die Bauern so schnell wie möglich in den gewünscht hätten — gefunden worden ist, werden
Genuß der Ausgleichsmittel zu bringen — aber was wir uns nicht scheuen, für das nächste Jahr entspre-
heißt hier „Genuß" — und der Verpflichtung nach- chende Änderungen vorzuschlagen.
zukommen, diese direkten Ausgleichsmittel so
schnell wie möglich auszuzahlen. Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie eine
(Abg. Peters [Poppenbüll] meldet sich zu Zwischenfrage des Abgeordneten Niegel?
einer weiteren Zwischenfrage.)
— Bitte schön, Sie haben noch eine Frage. Dr. Ritz (CDU/CSU) : Ja, vor dem letzten Satz.
2484 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Ritz
Niegel (CDU/CSU) : Herr Kollege Ritz, sind Sie jetzt Erreichten überhaupt nicht messen. Das müs
in der Lage, dem Herrn Kollegen Löffler zu er- sen Sie endlich auch einmal zur Kenntnis nehmen.
klären, daß zu der Zeit, wo nach seiner Meinung die (Vereinzelter Beifall bei Abgeordneten der
Vorlage eingereicht wurde, Herr Bundesernährungs- SPD. — Abg. Rasner: Kein Beifall bei
minister Ertl den Länderministern versprochen hat, der SPD.)
die Verteilung über die Länderverwaltungen vorzu-
nehmen? Wir wissen heute, daß die im Ministerrat durch-
gesetzte Regelung sehr günstig für die deutsche
Landwirtschaft und vor allen Dingen ausreichend
Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Kollege Niegel, ich ist. Bei dem damals von verschiedenen Seiten in
unterstelle, daß Sie hier richtig informiert sind. Mir der Bundesrepublik angestrebten und geforderten
fällt das so jetzt im Moment nicht ein, Grenzausgleich wäre doch — das können wir ganz
offen aussprechen — zu befürchten gewesen, daß
(Abg. Wehner: Hört! Hört!) dieser Grenzausgleich genau wie in Frankreich
aber ich weiß aus Gesprächen mit Länderministe- degressiv geworden wäre. Herr Barzel, darüber
können Sie lächeln; es ist so.
rien, daß zumindest der Bundesminister in dieser
Frage der Verteilung bzw. der Auszahlungsstellen (Lachen und Zurufe von der CDU/CSU.)
eine sehr viel flexiblere Haltung eingenommen hat. Wir haben dann im November und Dezember in
schneller Verhandlung in diesem Hause das Auf-
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich
schließen. Unter den hier gemachten Voraussetzun-
wertungsausgleichsgesetz beraten, womit erreicht
gen stimmen wir diesem Gesetz mit schwerwiegen- worden ist, daß seit 1. Januar dieses Jahres die
Mehrwertsteuerregelung in Höhe von 780 Millio-
den Bedenken zu. Wir stimmen ihm zu, nicht zuletzt,
um den Landwirten die Ausgleichsmittel, die ihnen nen DM jährlich voll zugunsten der Landwirtschaft
zum großen Teil schon lange zustehen — wir sind durchschlägt. Das müssen heute sogar die Verbände
hier der Landwirtschaft gegenüber schon lange zugeben.
Schuldner —, nicht weiter vorzuenthalten. In diesem (Abg. Wehner: Hört! Hört! — Zuruf von
Sinne werden wir diesem Gesetz zustimmen, ohne der CDU/CSU: Was heißt „sogar"?)
unsere Bedenken allerdings an dieser Stelle ver- Die Beratung des jetzt zu beschließenden Durch-
schweigen zu können. führungsgesetzes hat sich in den ersten Monaten
(Beifall bei der CDU/CSU.) dieses Jahres — das wollen wir zugeben — etwas
verzögert. Um s o wesentlicher ist es jetzt, daß bis
zum Inkrafttreten keine weiteren Verzögerungen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der eintreten, damit garantiert wird, daß den deutschen
Abgeordnete Saxowski. Bauern die Ausgleichszahlungen für 1970 noch vor
der Ernte — und das war unser Anliegen —, d. h.
im Juli dieses Jahres gewährt werden können.
Saxowski (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich habe die Ehre, Zu strittigen Punkten dieses Gesetzes. Wir haben
im Auftrag meiner Fraktion folgende Erklärung ab- in der Frage des differenzierten Flächenschlüssels
zugeben. Mit den heutigen Beratungen des vorlie- einen pragmatischen Kompromiß gefunden, der jetzt
genden Gesetzentwurfes schließen wir zunächst die- doch von nahezu allen Seiten anerkannt wird. Ich
Regelung des Aufwertungsausgleichs für die muß dabei daran erinnern, daß wir seinerzeit bei
deutsche Landwirtschaft ab. Es scheint uns an dieser der Regelung der EWG-Getreidepreis-Ausgleichs-
Stelle ein Rückblick angebracht, da uns die Fragen zahlungen ein viel gröberes Verfahren gewählt hat-
des Aufwertungsausgleichs für die deutsche Land- ten. Das schien Ihnen damals aber in Ordnung zu
wirtschaft praktisch seit Beginn dieser Legislatur- sein.
periode beschäftigt und in Anspruch genommen Selbstverständlich müssen wir jedoch auch die
haben. Solidarität in der deutschen Landwirtschaft anspre-
chen, weil wir heute sehr bestimmt wissen, daß die
Am 27. Oktober 1969 wurde die durch das Zögern Gesamthöhe des Ausgleiches mit 1,7 Milliarden DM
der vorigen Bundesregierung längst überfällige ganz gewiß einen vollen Einkommensausgleich er-
Aufwertung der D-Mark vorgenommen. Das war möglicht.
die erste und entscheidende Maßnahme der von
dieser Regierung eingeleiteten Stabilitätspolitik. Zuletzt noch eine Bemerkung zu dem kontrover-
sen Komplex des Auszahlungsweges. Wir sollten
Unmittelbar danach wurden die schwierigen Ver- daraus keine Weltanschauung machen und auch
handlungen im EWG-Ministerrat erforderlich, um hier den pragmatischen Weg anstreben. Ich möchte
für die deutsche Landwirtschaft einen Ausgleich für darauf verweisen, daß sich der Deutsche Bauernver-
die Preisminderungen durchzusetzen. In diesem Zu- band für die Auszahlung über Alterskassen ausge-
sammenhang möchte ich vor allem dem Bundes- sprochen hat. Dem haben — wie in dem Gesetzent-
wirtschaftsminister Schiller für den damaligen wurf der Bundesregierung und in der vorliegenden
großen Einsatz danken. Selbstverständlich richtet Ausschußfassung geregelt — ebenfalls die Stadt-
sich dieser Dank genauso an Herrn Bundesminister staaten und auch bedeutende Flächenstaaten zuge-
Ertl. Wir danken Ihnen recht herzlich! Denn was stimmt, so daß ich mir kaum vorstellen kann, daß
wir vorher an Ausgleich hatten, kann sich an dem jetzt irgend jemand in diesem Hause oder im Bun-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2485
Saxowski
desrat die rechtzeitige und schnelle Auszahlung die- stehen, daß ich, solange ich es noch nicht gelesen
ser Gelder in Gefahr bringen will. habe, zu dem ersten Teil keine Antwort gebe. Dazu
Zusammenfassend ist zu erklären, , daß die Ent- müßte ich den Text zunächst genau lesen. Es könnte
scheidung über den Aufwertungsausgleich für die ja auch ein Teilsatz sein. Ich nehme an, Sie werden
deutsche Landwirtschaft eine politische Entscheidung mir zustimmen, daß ich mich zunächst informieren
dieser Bundesregierung darstellt. Das ist eine her- muß.
vorragende Entscheidung, die auch draußen im (Abg. Dr. Barzel: Einverstanden!)
Lande weitgehend anerkannt wird. Ich möchte nur Zum „Grünen Dollar" werde ich noch etliches
am Rande darauf verweisen, daß solche Entschei- sagen, ebenso zur Wirtschafts- und Währungsunion.
dungen in der Nähe von Wahlterminen — vorher Sonst hätte ich mich gar nicht gemeldet.
oder nachher — früher bisweilen anders ausgesehen
haben. Die politische Entscheidung geht davon aus, Dr. Barzel (CDU/CSU) : Vielleicht könnten Sie,
daß Stabilitätspolitik nicht auf dem Rücken der Herr Kollege Ertl, die Frage beantworten — eine
Bauern ausgetragen werden darf. Ebenso ist die Ge- rein theoretische Frage —, ob Sie glauben, für den
samthöhe mit 1,7 Milliarden DM jährlich als poli- Fall einer erneuten Aufwertung wieder einen Wäh-
tische Entscheidung zu begreifen. rungsausgleich für die Bauern mit Genehmigung
Trotz allem wird jedoch deutlich, daß wir in der der EWG möglich machen zu können.
EWG zu einer fortschreitenden Harmonisierung auch
in der Währungspolitik kommen müssen. Hätten Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
wir, was wir uns alle wünschen, schon heute eine schaft und Forsten: Herr Kollege Barzel, eine theore-
gemeinsame Währung i n dieser EWG, wären alle tische Frage müßte ich theoretisch beantworten. Ich
diese Arbeiten der letzten Monate nicht erforder- mache aber lieber praktische Politik.
lich gewesen. Deshalb müssen wir alle auch in die-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg.
sem Hause geduldig an der Fortentwicklung und Er-
Rasner: Auch eine Antwort!)
weiterung des Gemeinsamen Marktes weiterarbei-
ten. Dieses Gesetz stellt dafür einen vehementen So habe ich es auch in diesem Fall gehalten. — Ich
Appell dar. möchte mich also noch einmal sehr herzlich bedan-
ken.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Auf eines möchte ich hinweisen: Auch der zustän-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der dige Minister — in diesem Fall in meiner Person —
Herr Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft hat unter Zeitdruck gestanden. Ich möchte auf die
und Forsten. gesamte Problematik nicht eingehen, aber es ist be-
kannt, warum ich unter Zeitdruck gestanden habe.
Ich glaube sagen zu können, daß mein Haus — es
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
ist mir ein Bedürfnis, meinen Mitarbeitern sehr zu
schaft und Forsten: Herr Präsident! Meine Damen
danken — sich redliche Mühe gegeben hat, innerhalb
und Herren! Ich möchte mich zunächst bei dem Ho-
eines halben Jahres zwei so wesentliche Gesetzent-
hen Hause sehr dafür bedanken, daß dieser Gesetz-
würfe einzubringen. Die mußten ja zunächst erarbei-
entwurf so rasch und so aktiv beraten wurde. Ebenso
tet werden. Ich darf sicherlich mit Ihnen gemeinsam
freue ich mich, daß es keine Diskussion darüber
gibt, daß der Weg, den wir bezüglich des Schlüssels feststellen, daß es nicht alltäglich war, daß eine
gewählt haben, ein richtiger und ein guter Weg ist. solche Last auf ein Haus zugekommen ist, nicht zu-
Absolut richtige Lösungen wird es in der Politik letzt auf Grund der Versäumnisse, über die man
nicht geben. — Kollege Barzel, ich nehme an, Sie natürlich sehr ernst diskutieren kann. Ich möchte
wollen eine Frage stellen. allerdings sagen, was ich tun konnte und was mein
Haus tun konnte, das ist geschehen. Wir haben
beispielsweise ein Hearing veranstaltet, und ich
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zwischen- glaube, dieses Hearing war sehr nützlich. Ich bin
frage, Herr Abgeordneter Dr. Barzel. überhaupt der Meinung, daß man solche Vorlagen
in einer breiten Diskussion behandeln sollte.
Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Kollege Ertl, sind
Sie bereit, in Ihre Schlußbemerkung noch folgendes Nun lassen Sie mich einige Bemerkungen zu dem
Problem aufzunehmen? In der heutigen „Zeit" sagt Problem des „Grünen Dollars" machen. Der „Grüne
Ihr Kollege im Kabinett Schiller, daß eine neue Dollar" ist nicht meine Erfindung. Ich bin gern be-
Aufwertung nicht ausgeschlossen werden könne. reit, Herr Kollege Barzel, Ihnen z. B. meine Aus-
Darf ich Sie fragen, ob dies mit Ihnen abgestimmt führungen aus dem Jahre 1962 zuzuleiten, in denen
ist und ob Sie glauben, nochmals einen Währungs- ich darauf hingewiesen habe, wie problematisch es
ausgleich in der Form, wie er hier vorliegt, mit der ist, gemeinsame Marktordnungen auf der Basis einer
EWG verabreden zu können, Herr Kollege Ertl. Rechnungseinheit zu konstruieren — ich sehe hier
gerade den Herrn Kollegen Hallstein; vielleicht kann
(Beifall bei der CDU/CSU.) er aus seinem Erfahrungsschatz sagen, was ihn da-
mals bewegte —, ohne über die Voraussetzung der
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- Kostenharmonisierung, d. h. der Wirtschafts- und
schaft und Forsten: Herr Kollege Barzel, Sie haben Währungsharmonisierung, zu verfügen. Das habe ich
eine zweiteilige Frage gestellt. Ich kenne das Inter- mit übernehmen müssen. Wir haben leider zehn
view in der „Zeit" noch nicht, und Sie werden ver- Jahre isolierte Agrarpolitik betrieben, und ich
2486 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Bundesminister Ertl
mußte darauf hinweisen — Sie wissen, ich war jetzt stand des „Grünen Dollar" einer kritischen Über-
zwei Tage in London —, daß jegliche Agrarpolitik, prüfung unterziehen müssen. Das ist eine ganz klare
insbesondere in dieser sehr strengen Form von Antwort auf Ihre Frage.
Marktordnungen, auf der Basis der Rechnungsein- (Zustimmung bei der SPD.)
heit für sich problematisch ist, wenn die währungs-
und wirtschaftspolitischen Voraussetzungen nicht
gegeben sind. Höcherl (CDU/CSU) : Darf ich eine Zusatzfrage
stellen?
Damit komme ich zu einem wichtigen Punkt. Hier
darf ich Übereinstimmung mit meinem Kollegen
Schiller feststellen. Mein Kollege Schiller und ich Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
haben in den Verhandlungen in Brüssel — Herr Bar- schaft und Forsten: Bitte!
zel, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie jetzt
aufpaßten, das wäre sehr nützlich — sehr deutlich
darauf hingewiesen, daß die sehr fortschrittliche Höcherl (CDU/CSU) : Mich interessiert nur, ob
wirtschaftspolitische Zusammenarbeit auf diesem Sie von der Absicht der Bundesregierung, dies offi-
ziell in Paris vorzulegen, verständigt wurden, ob
Sektor nur möglich ist — ich habe es hier schon ein-
das alles mit Ihrem Einverständnis geschehen ist.
mal betont —, wenn diese Gemeinschaft sich zu
Die innere Struktur der Bundesregierung interessiert
einer Stabilitätsgemeinschaft entwickelt. Leider sind
mich.
die konjunkturellen Barometer in dieser Gemein-
schaft sehr unterschiedlich; das muß ich zu meinem
Bedauern feststellen. Aber die Frage ist, wie wir Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
das besser in den Griff bekommen können. schaft und Forsten: Herr Kollege Höcherl, auch Sie
beziehen sich auf Zeitungsmeldungen. Ich muß zu-
Ich glaube, diese Bundesregierung hat zum ersten- nächst die Zeitungsmeldungen nachlesen, um fest-
mal einen Stufenplan für die Wirtschafts- und Wäh- zustellen, inwieweit zitiert wurde.
rungsunion festgelegt. Zu sehr hatten wir uns nur
in Agrarpolitik und nur in Agrarmarktordnungen (Zurufe von der CDU/CSU: Aha! Nicht in
betätigt. Ich stehe nicht an, zu sagen — das habe ich formiert! — Weitere Zurufe von der CDU/
wiederholt in der Öffentlichkeit getan, das habe ich CSU.)
in Brüssel wiederholt getan —: der „Grüne Dollar" — Ich war jetzt zwei Tage in London, und ich habe
wird problematisch, wenn es nicht gelingt, auf dem nicht zuletzt über den „Grünen Dollar" gesprochen.
Wirtschafts- und Währungssektor gleichrangige Ich halte es für sehr wesentlich, daß sich die Bundes-
Fortschritte wie auf dem Agrarsektor zu erreichen. regierung auch im allgemeinen Gedanken macht, wie
Das ist nach meinem Dafürhalten eine ganz klare wir das Problem der Wechselkurse gestalten kön-
Erkenntnis, und ich kann nur sagen, hier muß das nen; das ist doch eine notwendige Aufgabe für sie.
Haus gemeinsam handeln, hier müssen alle mit- Das ist doch selbstverständlich. Deshalb kann es
machen, damit wir zu Lösungen kommen. doch gar keine Rivalitäten zwischen den Ressorts
geben.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie eine (Abg. Rasner: Warum soll es Ihnen besser
Zwischenfrage des Abgeordneten Höcherl? gehen als Scheel? — Heiterkeit bei der
CDU/CSU. — Zuruf des Abg. Stücklen.)
Höcherl (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, nach-- — Kollege Stücklen, Sie müssen schon zum Mikro-
dem Sie nicht bereit waren, eine theoretische Frage fon hingehen, wenn Sie etwas fragen wollen.
zu beantworten, beantworten Sie doch bitte folgende
praktische Frage. Im ,, Handelsblatt" von heute heißt
es, daß die Bundesregierung offiziell in Paris beim Vizepräsident Dr. Jaeger: Zuerst hat sich der
Internationalen Währungsfonds vorgeschlagen hat, Abgeordnete Dr. Apel zu einer Zwischenfrage ge-
daß in Zukunft auf „crawling peg", d. h. auf eine meldet.
jährliche 2%ige Änderung nach oben oder nach
unten ausgewichen werden sollte. Ist das mit Ihnen Dr. Apel (SPD) : Herr Minister, können Sie die
abgestimmt, und was soll dabei mit dem „Grünen Opposition daran erinnern, daß die Diskussion über
Dollar" geschehen? Soll er jungfräulich behandelt „crawling peg" bereits im Jahreswirtschaftsbericht
werden, oder wie soll er herauskommen? eröffnet worden ist und daß die Beamten der Bun-
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) desregierung nichts weiter tun, als darüber in Paris
Diskussionen zu führen, die akademisch sind und die
angesichts der Tatsache geführt werden müssen, daß
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
die Inflationierungsraten in den Ländern der EWG,
schaft und Forsten: Ich kann nur noch einmal sagen,
aber auch in der westlichen Welt unterschiedlich
unsere Bemühungen müssen dahin gehen, daß unsere
sind?
Gemeinschaft eine Stabilitätsgemeinschaft wird. Das
ist das erste. Zweitens: Die Frage eines flexiblen
Wechselkurses das ist Ihnen bekannt, Herr Kollege Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
Höcherl — ist längst im Zehnerklub diskutiert wor- schaft und Forsten: Herr Kollege Apel, ich kann es
den. Wenn es zu einer flexibleren Wechselkursge- nur unterstreichen. Ich habe mich auch bemüht, das
staltung kommt, wird man zweifelsohne den Be- sehr praktisch und einleuchtend in der Dreiteilung
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2487

Bundesminister Ertl
zu schildern, aber offensichtlich ohne Kenntnis- Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
nahme, und dafür kann ich natürlich nichts, daß man schaft und Forsten: Herr Kollege Moersch, das ist ja
das nicht zur Kenntnis nehmen will. der Grund, warum offensichtlich der Herr Kollege
Stücklen anderer Meinung ist: weil es ihm nicht
selbtsverständlich ist, daß wir uns in solcher Form
Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie nun hier akkordieren. Das ist der Grund. Das verstehe
eine Zwischenfrage des Abgeordneten Stücklen? ich. Deshalb gibt es auch das Mißverständnis. Er
kanesgrichtv ,daßwneirsolch
Frage von der natürlichen und selbstverständlichen
Stücklen (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, sind Basis ausgehen.
Sie mit mir der Meinung, daß Herr Kollege Höcherl
nicht einmal Kritik geübt, sondern lediglich die prak- (Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg.
tische Frage aufgeworfen hat, ob diese für die Land- Dr. Barzel: Und was gibt es dann für einen
wirtschaft so einschneidenden Vorschläge mit einem Ausgleich für die Bauern? Der Ausgleich für
variablen Wechselkurs mit Ihnen abgestimmt waren die Bauern wird dann mit Anleihen finan
oder nicht? ziert!?)
(Abg. Rasner: Er fragt, ob Sie diesen Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini-
Vorschlägen zustimmen!) ster, gestatten Sie noch eine Zwischenfrage des Ab-
geordneten Dr. Wagner?
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
schaft und Forsten: Ich kann nur sagen, daß Kollege Dr. Wagner (Trier) (CDU/CSU) : Herr Bundes-
Schiller mit mir Gespräche darüber geführt hat, daß minister, würden Sie Kollegen Moersch darüber unter-
wir uns darüber im klaren sind, daß wir auf dem richten, daß die vorzügliche Abstimmung zwischen
Wege zur Entwicklung der Inflationsgemeinschaft den Ressorts, die er soeben lobend erwähnt hat, in
notfalls auch Änderungen des Wechselkurses mit Brüssel dazu geführt hat, daß der deutsche Finan-
einbeziehen müssen, — mit allen Konsequenzen. zierungsanteil in der EWG, der bei früheren Bundes-
Darüber muß man sich doch Gedanken machen. regierungen 32% nie überschritten hat, in den näch-
sten Jahren zügig auf 34, 35 und dann voraussicht-
(Zuruf von der CDU/CSU: Haben Sie
lich 38 % steigen wird?
zugestimmt?)
(Hört! Hört! und Beifall bei der CDU/CSU.)
Stücklen (CDU/CSU) : Also die sind abgestimmt
mit Ihnen? Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
schaft und Forsten: Dazu kann ich nur sagen, daß er
bei 32,2 festgelegt wurde und daß es über des An-
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- steigen nach dem Jahre 1975 bisher nur theoretische
schaft und Forsten: Das ist selbstverständlich eine Berechnungen gibt. Vielleicht war das eine theore-
Meinung, die nicht im Abstimmungswege herbeige- tische Antwort, aber es war eine theoretische Frage.
führt werden muß, Man sollte nicht mit Behauptungen Einwendungen
machen, die noch nicht endgültig fixiert sind.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Aber nun zu Ihrer Frage, Herr Kollege Barzel!
sondern es ist eine Meinung — — Über solche Fra- Ich kann Ihnen nur sagen: über diese Frage haben
gen kann ich mich doch nicht mit Kollegen Schiller
- wir uns schon in Brüssel Gedanken gemacht und
abstimmen, sondern: die Notwendigkeit veranlaßt diese auch geäußert. Wir haben das, was ich hier
mich zu derselben Verhaltensweise wie ihn. Es ist gesagt habe — das ist vielleicht der Unterschied
doch die Realität. gegenüber früher —, in aller Deutlichkeit auch in
Brüssel klargemacht, daß es natürlich eine Grenze
geben kann, wo man den bisherigen Weg nicht fort-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini-
setzen kann. Aber vielleicht können Sie mit Ihrem
ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Kollegen Hallstein über das Thema reden: Er wäre
Moersch?
uns vielleicht ein guter Gehilfe in dieser Frage. Und
auch ,Sie könnten uns , ein bißchen mithelfen. Denn
Moersch (FDP) : Herr Kollege Ertl, können Sie ich kann nur noch sagen: hier hat man auf sehr
den Kollegen von der CDU und CSU bestätigen, daß tönernen Beinen ein Haus aufgestellt, auf sehr töner-
die deutsche Verhandlungsposition dieser Bundes- nen Fundamenten. Das ist das Problem, vor dem w ir
regierung in Brüssel und in den Agrarverhandlungen stehen, insbesondere infolge der hohen Inflations-
sehr viel besser als in früheren Zeiten, wo die CDU raten unserer Nachbarstaaten.
und CSU den entsprechenden Ressortsminister ge-
stellt haben, dadurch war, daß in den Verhandlungen Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini-
die Konzepte der beteiligten Ressorts aufeinander ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeord-
abgestimmt waren, während früher der Bundeswirt- neten Moersch?
schaftsminister Schmücker und der Landwirtschafts-
minister Schwarz gegenteilige Ansichten in Brüssel Moersch (FDP) : Herr Kollege Ertl, können Sie
geäußert haben? dem Gedächtnis des Kollegen von der CDU dadurch
(Beifall bei den Regierungsparteien.) aufhelfen, daß Sie bestätigen, daß die Finanzierungs-
2488 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Moersch
quote, die jetzt ausgehandelt worden ist, geringer gen, und ich hoffe, daß das die Opposition auch
ist als das, was 1962 die CDU-Mitglieder des Kabi- tut. Das ist ein nützlicher Weg. Das zur Klarstellung
netts haben wollten und was durchzusetzen Sie nur dieser Frage.
gehindert worden sind durch den Finanzminister,
Ich möchte auch nicht verhehlen, daß ich mit sehr
den die FDP gestellt hat?
vielen Kollegen — denn ich komme ja aus der
(Lachen und Zurufe.) Landwirtschaftsverwaltung und aus der Beratung —
über dieses Thema gesprochen habe. Eitel Freude
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- wäre über diese Aufgabe bei den Landwirtschafts-
schaft und Forsten: Auch darüber ließe sich sehr ämtern gar nicht, und zwar landauf und landab, aus
viel reden. wohlbekanten Gründen. Insoweit bilde ich mir ein,
daß ich doch noch sehr praxisnah bin. Es ist ganz
(Abg. Stücklen: Wir haben doch keine nützlich, wenn man mit denen, die die Arbeit zu
Märchenstunde hier!) leisten haben, spricht.
— Ich weiß nicht, wer die Theoriestunde eingeleitet Nebenbei: Gerade ein Land — das möchte ich hier
hat, aber auch über dieses Thema ließe sich natürlich in aller Deutlichkeit sagen — ist in diesen letzen
viel reden. Wochen auf mich zugekommen und hat gesagt, ich
möchte doch zusätzlich Geld bereitstellen, damit wir
überhaupt neue Berater einstellen oder bisherige
Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Berater weiterbeschäftigen können, weil sie die
Herren, vielleicht wäre es zweckmäßig, jetzt den
Beratungsarbeit nicht leisten können. Ich bin für die
Herrn Bundesminister wieder eine Weile sprechen
zu lassen! Beratungsarbeit, aber ich möchte die Berater von
der Verwaltungsarbeit fernhalten. Auch diese Ge-
(Abg. Rasner: Eine kleine Schonfrist!) sichtspunkte muß man in einem ausgewogenen Maß
ein klein wenig berücksichtigen.
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- So glaube ich wirklich sagen zu können, daß wir
schaft und Forsten: Ich brauche keine Schonfrist, so bei diesem Gesetz unsere Zusage an die Landwirt-
ist es nicht! In der Frage kann ich mich sehr wohl schaft erfüllen, daß diese Zahlungen vor der Ernte
behaupten. Wenn Sie wollen, können wir die Dis- erfolgen können. Ich bin auch der Meinung, daß
kussion über die Aufwertung aufrollen. dieser Schlüssel ein optimaler Schlüssel ist —
(Zuruf bei der CDU/CSU: Sie nicht, Herr einen absolut gerechten Schlüssel wird es nicht ge-
Schiller!) ben, das habe ich immer gesagt —, und letzten
Endes, daß der Weg über die Alterskasse dafür
Ich wollte es Ihnen ersparen, das Thema Aufwertung Sorge trägt, daß es verwaltungsmäßig sehr rasch
noch einmal anzurühren! Das nur am Rande. und flüssig abgewickelt wird.
Nun wurde in einer Zwischenfrage behauptet, ich Es bleibt mir nur übrig, am Schluß allen zu
hätte versprochen, daß das nur über die Länder danken. Ich möchte insbesondere auch mit Genug-
verteilt wird. Dazu muß ich eine Richtigstellung tuung hervorheben, daß ich mich freue, daß auch die
geben. Ich gebe zu, ich habe mindestens den Vor- Opposition diesem Gesetz zustimmt.
schlag, es über die Länder zu machen, ebenso favo-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
risiert wie den anderen Vorschlag. Aber ich habe
hier auf meinem Tisch, — und ich bin bereit, das
jedermann lesen zu lassen —, einen Brief meines Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
von mir sehr verehrten Vorgängers Hermann Hö- Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministe-
cherl, wo er sich besonders bedankt für die Anpas- rium für Wirtschaft.
sungshilfe, die via Altershilfe ausgezahlt wurde,
und ich muß sagen, auch dieses Argument hat mich Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
sehr überzeugt. Das war mit ein Argument, das mich Bundesminister für Wirtschaft: Herr Präsident!
überzeugt hat, daß es vielleicht gar nicht so unklug Meine sehr verehrten Damen und Herren! Vorhin
ist, den Weg über die Altershilfe zu gehen. Ganz hat in der Zwischenfrage des Kollegen Dr. Barzel
abgesehen davon, daß wir langfristig diese Hilfen ein Interview des Bundesministers für Wirtschaft,
nach 1973 auf dem sozialen Sektor sowieso umpolen Professor Dr. Karl Schiller, eine Rolle gespielt. Herr
müssen, habe ich die nun vorgeschlagene Lösung Dr. Barzel fragte, ob es stimme, daß Herr Professor
für nützlich gehalten. Das ist eine rein nüchterne Schiller in diesem Interview eine neue Aufwertung
Überlegung und ist für mich kein Prinzipstreit. Ich für 1970 nicht ausgeschlossen habe.
bin bereit, über diese Frage immer zu diskutieren, (Abg. Stücklen: Er geht mit dieser Frage
wie Sie wissen; aber zu sagen, ich hätte verbindlich schwanger!)
versprochen! Das werden mir alle bezeugen; es sei
denn, Herr Niegel, Sie wären inzwischen Länder- — Sie müssen es ja wissen, Herr Stücklen; sie füh-
minister geworden und dabeigewesen, dann könn- len sich ihm sicherlich sehr verbunden.
ten Sie etwas anderes behaupten. Aber ich gebe zu, „Die Zeit" hatte ihm folgende Fragen vorgelegt.
daß ich sehr wohl gesagt habe, auch diesen Weg Die erste lautete: „Wie beurteilen Sie die Folgen
kann man sicher als einen nützlichen Weg empfin- der Aufwertung?" — Darauf antwortete Professor
den. Ich halte diese Meinung sogar aufrecht, aber Schiller: „... ein wichtiger Schritt zur Wiederher-
ich bin immer bereit, besseren Argumenten zu fol- stellung des gesamtwirtschaftlichen Gleichge-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2489
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Arndt
Wichts ...". Zweite Frage: „Wenn Sie noch einmal Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
in der Situation vom 9. Mai 1969 stünden" — das Damen und Herren! Herr Kollege Arndt, Sie haben
war der Tag, an dem das berühmte Nein der da- aus das Zitat hingewiesen und haben, was den vor-
maligen Kabinettsmehrheit der CDU/CSU zur Auf- liegenden Wortlaut betrifft, in einer anderen Reihen-
wertung kam —, „würden Sie dann heute aufwerten, folge zitiert.
und wenn ja, um welchen Satz?" — Darauf sagte er: (Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
„Es war falsch, damals nein zu sagen; hätte man Es ist zwar nur eine Nuance, aber eine wichtige
eher ja gesagt, wäre der Satz niedriger gewesen." Nuance; sie wird Ihnen nicht entgangen sein.
Jetzt kommt die Frage: „Glauben Sie, daß in ab- Die Frage in der „Zeit" lautet: „Glauben Sie, daß
sehbarer Zukunft" — so fragte die Zeitung — „wie- in absehbarer Zukunft wieder eine Änderung des
der eine Änderung des Wechselkurses der Mark als Wechselkurses der Mark als Mittel der Währungs-
Mittel der Währungs- und Konjunkturpolitik zu er- und Konjunkturpolitik zu erwarten steht?" Sie ha-
warten steht?" Darauf erwiderte der Bundeswirt- ben darauf die Antwort des Bundeswirtschaftsmini-
schaftsminister: solange es den wichtigsten In-
,,... sters vorgelesen und damit angefangen: „Solange
dustrieländern des Westens nicht gelingt, eine ge- es in den wichtigsten Industrieländern ...". Korrekt
meinsame Wirtschafts- und Währungspolitik auf heißt der Text der Antwort des Bundeswirtschafts-
dem Stabilitäts- und Wachstumspfad zu treiben", ministers auf die von mir verlesene Frage:
(Abg. Dr. Apel: Genau das ist der Punkt!) Auf Wechselkursänderungen als Mittel der Sta-
werde man auf Wechselkursänderungen als Mittel bilitätspolitik und zum Zweck einer sinnvollen
der Stabilitätspolitik nicht verzichten können. Orientierung der internationalen Arbeitsteilung
wird man nicht verzichten können, solange ....
(Zurufe von der CDU/CSU.)
(Zurufe von der SPD: Na und?)
— Das ist eine klare Aussage, die auch im Jahres-
wirtschaftsbericht der Bundesregierung steht und Dies glaube ich, ist ein ganz großer Unterschied.
von der Opposition nicht kritisiert worden ist. Darin (Widerspruch und Lachen bei der SPD.)
steht nichts davon, daß er für 1970 irgend etwas
— Aber meine Damen und Herren, wer sich in der
ausschlösse oder nicht ausschlösse. In Wirklichkeit,
Logik auskennt, der weiß: Wenn man erst ein Prin-
Herr Dr. Barzel, handelt es sich also bei dem, was
zip aufstellt und dann ein Komma macht und sagt
Sie zitiert haben, nicht um eine Äußerung des Bun-
„solange", ist das etwas anderes, als wenn man das
desministers für Wirtschaft, sondern um ihre Mei-
Prinzip andersherum formuliert, wie es hier jetzt ge-
nung zu einer Äußerung, die er gemacht haben
schehen ist.
soll.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Moersch:
Damit können Sie eine Haarspalterei auf
Zweitens. Der Bundesminister für Ernährung, machen. — Gegenrufe von der CDU/CSU.)
Landwirtschaft und Forsten wurde nach den Ver-
handlungen gefragt, die in den letzten Wochen im — Na, passen Sie einmal auf. Es kommt noch mehr,
Zehnerklub in Paris stattgefunden hätten. Diese Herr Moersch. Ich will nicht darauf zurückkommen,
Verhandlungen können weder dieses Hohe Haus daß diese Sache genau wie die andere, nach der
noch die Opposition überraschen. Im Jahreswirt- gefragt war, offensichtlich nicht mit dem Bundes-
schaftsbericht, über den wir ausführlich diskutiert ernährungsminister abgestimmt war. Meine Frage
haben, steht, daß die Bundesregierung Ideen und- war nur, Herr Arndt, ob dem Herrn Bundesernäh-
Initiativen der internationalen Währungsgremien in rungsminister bekannt ist, daß die „Zeit" unter die-
Richtung auf eine größere Lockerung positiv gegen- ser Überschrift das veröffentlicht hat. Ich bin gern
übersteht. In diesem Zehnerklub diskutieren Beamte bereit, aus der „Zeit" noch mehr vorzulesen, wo
der Bundesregierung und Mitglieder des Direkto- dann auch noch die Gerüchte aus dem Bundeswirt-
riums der Deutschen Bundesbank über derartige schaftsministerium wiedergegeben sind. Ich will Sie
Modelle, und zwar auch unter der Conditio, daß so gar nicht nach Gerüchten fragen.
etwas in der EWG selbst eigentlich nur schwer mög- (Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Was Sie alles
lich ist, sondern vielleicht irgendwann einmal von gern möchten!)
der EWG gegenüber dritten Ländern ausgehen kann. — Ach, Herr Schäfer, was wir hier machen, machen
Die Beamten und die Mitglieder der Deutschen Bun- wir schon, wie wir es für richtig halten. Wir lassen
desbank erfüllen damit nur ihre Pflicht, sich über so uns nicht einschüchtern.
etwas Gedanken zu machen. Das sind wichtige stabi-
litätspolitische Fragen. Sie sind in dieser Pflicht be- Ich möchte Sie nur an eines erinnern. Es ist nicht
stärkt worden, weil die betreffende Passage in der so lange her, daß der Herr Bundeswirtschaftsminister
Diskussion über den Jahreswirtschaftsbericht auch von dieser Stelle aus, als wir Spekulationen auf dem
von der Opposition in keiner Weise in Frage gestellt Währungssektor hatten, versucht hat, „Haltet den
worden ist. Das kann man auch nicht. Selbstver- Dieb!" an die falsche Adresse zu rufen. Wir legten
ständlich muß so verfahren werden. Wert darauf, dies hier heute aktenkundig zu machen,
von welcher Seite zum erstenmal wieder die Debatte
(Beifall bei den Regierungsparteien.) über diese Frage eröffnet ist: Wenn in einer solchen
Landschaft — nach der Messe in Hannover; und
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der wir wissen, wie es voriges Jahr auf der Messe in
Abgeordnete Dr. Barzel. Hannover war — dem Herrn Bundeswirtschafts-
2490 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Barzel
minister diese Frage gestellt wird und er dann nicht in diesen letzten Wochen und Monaten ganz nett
sagt: „Nein", sondern: Das kann man nicht aus- gestiegen sind.
schließen — selbst wenn er dann ein Komma (Abg. Dasch: Das ist falsch! Weitere Zu
macht —, dann wollen wir feststellen, daß diese rufe von der CDU/CSU.)
Frage hier heute zu stellen war, weil damals wie
heute die Frage nicht beantwortet worden ist, was Wir kommen also nicht darum herum, wenn wir
diese Bundesregierung gegenüber der EWG für den feststellen, daß um uns herum die Preise steigen
Fall eines erneuten Währungsschritts für den Aus- (Abg. Dr. Barzel: Überall?)
gleich unserer Landwirte zu tun imstande ist.
— überall wesentlich stärker steigen als bei uns,
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Stück- bis auf zwei, drei Länder —, uns sehr ernsthaft zu
len: Spekulanten aller Welt, sammelt euch!) überlegen, was wir mit diesem Problem tun wollen.

Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeord-
Abgeordnete Dr. Apel. neter, gestatten Sie eine Zwischenfrage?

Dr. Apel (SPD) : Ich möchte diesen Gedanken zu


Dr. Apel (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen Ende führen, Herr Präsident, und dann werde ich die
und Herren! Es muß ,ein Trauma der Opposition in
Zwischenfragen zulassen.
sein, immer dann, wenn über Auf- diesmHau
wertung geredet wird, erneut die Grundfragen an- Das ist doch das zentrale Problem, vor dem wir
zusprechen und zu erörtern. Dieser Tagesordnungs- stehen.
punkt, Herr Barzel, eignet sich nun ganz besonders (Abg. Dr. Barzel: Öffentlich erörtern ist
schlecht dafür, Ihr Trauma wieder zu erwecken; doch etwas anderes als überlegen!)
denn die Landwirtschaft ist doch nach der Aufwer-
Insofern, Herr Barzel, hat der Bundeswirtschafts-
tung in der Tat gut bedient worden, und hier haben
minister nichts anderes gesagt, als was im Jahres-
wir voll zu unserem Versprechen gestanden.
wirtschaftsbericht steht und von Ihnen akzeptiert
(Abg. Rösing: Davon hat sie nichts! Mittler- wurde,
weile sind die Preise so hoch gegangen!) (Abg. Dr. Barzel: Er hat öffentlich gedacht,
das soll er nicht machen!)
Aber zur Sache selbst. Wir sind in einer Situation,
in der wir uns nun entscheiden müssen, ob für uns, daß nämlich auch in Zukunft die außenwirtschaft-
wenn um uns herum in den westlichen Ländern, ins- liche Absicherung natürlich Instrument der Kon-
besondere bei unseren EWG-Partnern, aber auch bei junkturpolitik in unserem Lande bleiben muß, wenn
unseren anderen westlichen Handelspartnern die wir nicht die Inflation importieren wollen, ohne uns
Preise wesentlich schneller steigen als bei uns, damit dagegen zu wehren.
die Frage der außenwirtschaftlichen Absicherung (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gestellt bleibt, oder ob wir das hinnehmen wollen
und damit das Thema der außenwirtschaftlichen Es stellen sich natürlich sofort die Fragen nach
Absicherung — sprich: Aufwertung — nicht mehr dem Grünen-Dollar, nach der EWG. Hierzu muß man
dann — und das hat der Bundesernährungsmini-
ansprechen wollen.
ster sehr deutlich gemacht — unseren EWG-Partnern
-
sagen: Ihr könnt nicht beides haben; ihr könnt nicht
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeord- den Grünen-Dollar ohne eine gemeinsame Konjunk-
neter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abge- tur- und Währungspolitik haben. Ihr müßt euch zu-
ordneten Dasch? sammen mit uns entscheiden, was ihr wollt. — In-
sofern finde ich auch diese Aussage in Ordnung.
Sie heißt nämlich: Du, Brüssel, mußt aufpassen, daß
Dr. Apel (SPD) : Natürlich. dein Agrarmarkt nicht kaputt geht; du, Brüssel mußt
endlich anfangen, mit uns zusammen eine gemein-
same Währungs- und Konjunkturpolitik zu betrei-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Bitte sehr, Herr ben. Daß die Bundesregierung dazu bereit ist, hat
Abgeordneter Dasch! sie wiederholt erklärt.
Letzte Bemerkung. Herr Kollege Barzel, wenn Sie
Dasch (CDU/CSU) : Herr Kollege Apel, Sie haben der Meinung sind, mit dieser wirklich akademischen
vorher davon gesprochen, daß .die Landwirtschaft und theoretischen Äußerung des Bundeswirtschafts-
bei der Aufwertung gut gefahren sei. Sind Sie b e- ministers, die sich auf den Jahreswirtschaftsbericht
reit, zuzugeben, daß bei Einkalkulation der allge- stützt und die auf das Stabilitätsgesetz Bezug
meinen 5 bis 6 %igen Preissteigerung die Landwirt- nimmt — —
schaft 1970 tatsächlich die vorberechneten Aufwer- (Zuruf des Abg. Rösing.)
tungsverluste erleidet?
— Herr Kollege Rösing, ich kann doch nichts dafür,
daß die „Zeit" solche Überschriften verwendet. Die
Dr. Apel (SPD) : Herr Dasch, und Sie sind sicher- Überschrift hat doch nicht der Bundeswirtschafts-
lich bereit, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Indizes minister gemacht, sondern die Redaktion dieser
ausweisen, daß auch die landwirtschaftlichen Preise Zeitung.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2491
Dr. Apel
Wenn wir also dieses Thema so akademisch be- daure sehr, daß man diesen Gedanken um uns her-
handeln, wie es vom Bundeswirtschaftsminister be- um, bei der Kommission wie auch bei anderen Part-
handelt worden ist, man kann nicht, wie Sie es nerstaaten, nicht die nötige Aufmerksamkeit zu-
hier tun, Herr Barzel, sagen, damit lösten wir wendet. Aber wir werden nicht locker lassen, und
irgendwelche neuen Spekulationswellen aus. In der ich hoffe nur, daß uns das Hohe Haus dabei unter-
letzten Woche haben wir in der Aktuellen Stunde stützt. Dann wird es für uns auch viel leichter sein.
hier im Hause unbestritten festgestellt, daß laut Ifo-
Test und laut anderer Angaben die Auslandsnach- Es heißt dann weiter:
frage nicht nur auf hohem Niveau stagniert, sondern Es wäre aber eine Überforderung der europä-
in der Tat rückläufig ist, so daß wir keineswegs in ischen Solidarität, wollte man von einem stabi-
einer Situation sind, in der die Aufwertung nicht litätsorientierten Mitgliedstaat verlangen, sich
mehr greift. Wir sind sehr wohl noch in der Situa- großzügigeren Auffassungen der Nachbarn an-
tion, daß die außenwirtschaftliche Absicherung zuschließen.
unserer eigenen Konjunkturpolitik funktioniert.
Ich unterstreiche diesen Satz mit Nachdruck; denn
Ein anderes Problem ist die binnenwirtschaftliche
das vertreten wir seit jeher: diese Gemeinschaft
Nachfrage, die kräftig gestiegen ist. Das steht hier muß sich zu einer Stabilitätsgemeinschaft, sie darf
nicht zur Diskussion, das werden wir zu erörtern
sich nicht zu einer Inflationsgemeinschaft entwickeln.
haben, wenn wir Ihre Große Anfrage diskutieren.
Deshalb auch unser sicherlich schwieriger, aber im
Konsequenz: Erstens lehnt die sozialdemokrati- Zeichen der Stabilität notwendiger Beschluß der
sche Bundestagsfraktion die von Ihnen gemachten Aufwertung. Das muß ich doch noch einmal feststel-
Unterstellungen gegenüber dem Bundeswirtschafts- len, obwohl ich das Zitat nicht angeführt habe; man
minister als unbegründet ab, zweitens gibt es über- muß eben ganz zitieren! Dann stellen sich die Dinge
haupt keinen Grund, dem Bundeswirtschaftsminister auch in einem anderen Licht dar. Insoweit kann ich
mit Mystifikationen und Unterstellungen nahezu nur sagen: das ist ebenso meine Auffassung wie
treten. Er hat das gesagt, was in Ordnung ist, näm- die des Kollegen Schiller. Dazu brauchen wir keine
lich was im Jahreswirtschaftsbericht und im Stabili- formale Abstimmung, weil das eine Selbstverständ-
tätsgesetz steht. lichkeit ist.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Ich muß auch zu der anderen Frage etwas sagen;
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der das ist auch sehr interessant. Ich will dazu nur die
Herr Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft beiden letzten Sätze aus dem „Handelsblatt" zitie-
und Forsten. ren:
Innerhalb der EWG werde es wohl bei festen
Wechselkursen bleiben, da man um die Wäh-
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
schaft und Forsten: Herr Präsident! Meine Damen rungsunion bemüht sei. Für die EWG käme
und Herren! Mit dem Zitieren ist es so eine Sache, also nur eine vergrößerte Außenflexibilität in
es ist doch sehr wichtig, daß man Zitate ganz nach- Frage.
liest. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich bin heute Auch hier stellt sich die Frage wiederum ganz an-
früh erst aus London zurückgekehrt, hatte also nicht ders. Zunächst müssen wir von dem Tatbestand aus-
die Gelegenheit, die Presse ganz durchzusehen. Ich gehen, daß die Rechnungseinheit innerhalb der EWG
will auf die Frage der Überschrift einer Zeitung nicht- ein fester Bestandteil ist. Die Frage lautet: Kann
eingehen. Das ist redaktionelle Arbeit. Ich glaube, diese Rechnungseinheit dadurch langfristig gesichert
darüber gibt es hier keinen großen Zweifel. werden, daß wir durch wirtschafts- und währungs-
Ich möchte allerdings jetzt, weil ich so sehr gefragt politische Gleichheit endlich das Fundament dafür
worden bin, wie ich dazu stehe — auf Grund der schaffen?
Unkenntnis konnte ich nicht sagen, ob alles zitiert In diesem Prozeß stehen wir mitten drin. Darüber
ist —, einen weiteren Teil aus der „Zeit" zitieren, muß verhandelt werden. Das ist übrigens auch ein
und der lautet: sehr wichtiger Punkt im Hinblick auf die Beitritts-
Die Anstrengungen zumindest der EWG-Län- verhandlungen. Insoweit ist es sicherlich notwendig,
der für eine harmonisierte Wirtschaftsentwick- daß man das Problem in aller Offenheit anspricht
lung und Wirtschaftspolitik müssen also abge- und sich Gedanken macht, wobei man von gegebe-
wartet werden. nen Tatbeständen ausgehen und sagen muß: Falls
Ich stimme diesem Satz vollauf zu. Das ist. auch das das andere nicht nachfolgt, werden wir zwangsläufig
zu Handlungen gezwungen werden. Mehr, glaube
erklärte Ziel der Bundesregierung. Im übrigen hat sie
ich, kann man im jetzigen Zeitpunkt zu diesem
als erste einen Stufenplan vorgelegt. Sie war initia-
Thema nicht sagen, und insoweit kann ich nur mit
tiv, und wer immer will, kann die Rede des Kollegen
ruhigem Gewissen feststellen, das sind Facts, die
Schiller und meine Rede nach der Aufwertung in
auch gar nicht Gegenstand einer Abstimmung im
Brüssel nachlesen. Wie Sie wissen, habe ich sie zum
Teil den Kollegen zugesandt. Ich glaube, ich habe Kabinett sein müssen; das sind selbstverständliche
dieses Thema bezüglich einer Ersatzlösung Reserve- wirtschaftspolitische Tatsachen, die einfach zur
fonds, um es sehr deutlich zu sagen, von mir aus in Kenntnis zu nehmen sind.
aller Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Ich be (Beifall bei den Regierungsparteien.)
2492 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Länderverwaltungen gewesen seien. Ich muß nach-
Abgeordnete Höcherl. drücklich auf ein Schreiben des bayerischen Staats-
ministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
hinweisen. Herr Staatsminister Dr. Eisenmann hat
Höcherl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich glaube, es sind Ihnen geschrieben:
einige Richtigstellungen notwendig. Herr Staats- Für Ihr Schreiben vom 26. 3. 1970 danke ich
sekretär Arndt, Sie sind elegant — ich möchte fast Ihnen. Ihre unerwartete Meinungsänderrung zur
sagen: dufte — an der eigentlichen Frage vorbeige- Frage des Vollzugs des Gesetzes hat mich außer-
schlichen. Es handelt sich gar nicht mehr um Modelle ordentlich überrascht; denn auf der Agrar-
und Sandkastenspiele, sondern um Wirklichkeiten. ministerkonferenz am 23. 1. 1970 haben Sie sich
Herr Ministerialdirektor Hankel — ein Mann, den meiner Auffassung und der meiner Kollegen
Sie sehr gut kennen — hat offiziell mitgeteilt, daß angeschlossen, und ich war überzeugt, daß die
in den Verhandlungen beim Internationalen Wäh- Entscheidung über die Abwicklung des Aufwer-
rungsfonds drei Modelle zur Debatte stünden und tungsausgleichs zugunsten der Länderverwal-
daß sich die Bundesregierung für das dritte Modell tungen gefallen sei. Heute muß ich mich aller-
entschieden und einen Antrag im Sinne des crawling dings fragen, welchen Sinn letztlich. Agrar-
peg gestellt habe. ministerkonferenzen haben, wenn über derartige
für Länder entscheidende 'Beschlüsse von seiten
(Abg. Dr. Barzel: Sehr wahr!)
des Bundes einfach hinweggegangen wird.
Das bedeutet also 2 % nach oben oder nach unten.
(Zurufe von der SPD.)
Das sind insgesamt 4%, also ungefähr die heutige
Preissteigerungsrate. Es ist nun die Frage, was mit Herr Kollege Apel, Sie haben vorhin mit einer
dem Grünen Dollar geschieht; das war die erste gewissen Nonchalance davon gesprochen, daß die
Frage. Es ist kein Modell mehr, und das hat mit dem landwirtschaftlichen Erzeugerpreise gestiegen seien.
Jahreswirtschaftsbericht gar nichts zu tun. Es ist Wenn Sie und Ihre Fraktion mit dieser Einstellung
auch gar nichts 'dagegen einzuwenden, daß solche zur deutschen Landwirtschaft künftighin Agrarpolitik
sachlichen Erörterungen geführt werden. Aber die machen,
Bundesregierung hat sich bereits auf diesen Vor-
schlag geeinigt. (Abg. Saxowski: Was haben Sie denn
eigentlich gemacht? — Weitere Zurufe von
Deswegen war die zweite Frage: Weiß denn der der SPD)
Herr Ernährungsminister von diesen Dingen, die
ihn wirklich sehr interessieren müßten? Natürlich ist wird, glaube ich, das eintreten, vor dem mein Kol-
er außerordentlich belastet; dafür haben wir Ver- lege Ehnes zu Beginn ides Aufwertungsausgleichs ge-
ständnis, und wir erkennen seine Leistungen an. warnt hat, nämlich die deutschen Landwirte zu
Aber hier war er nicht informiert. Er mußte hier ja Sozialhilfeempfängern zu stempeln.
erst einen Lernprozeß durchmachen, und er hat sich (Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von
— geschickt, wie er ist — von Frage zu Frage infor- der SPD.)
mieren lassen. In Wirklichkeit wußte er gar nichts.
Herr Kollege Apel, die Erzeugerpreise für die Land
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) wirtschaft sind nicht gestiegen. Bei der Milch sind
Wir können ihn nur bedauern, weil er von wichtigen- sie heruntergegangen, bei Schweinefleisch ebenfalls
Dingen innerhalb des Kabinetts nichts weiß. Wir (Widerspruch bei der SPD)
haben ja gesehen, daß z. B. der Herr Bundeskanzler
große Teile der Außenpolitik alleine führt und — lesen Sie die letzten Marktnotierungen! —, bei
diensttuender Wirtschaftsminister ist. Wir sehen, Rindern sind sie nicht nach oben gegangen, und bei
daß im Informationsbereich und Abstimmungsbe- Getreide sind sie heruntergegangen. Ich habe in der
reich einige Dinge nicht in Ordnung sind. Wir be- letzten Woche in der Fragestunde eine entspre-
dauern Herrn Kollegen Ertl, daß er nicht so einge- chende Frage gestellt, und Herr Staatssekretär Loge-
schaltet wird, wie das die Verfassung für die Füh- mann hat darauf geantwortet, daß es nicht auszu-
rung eines Ressorts vorsieht. schließen sei, daß mit der Regionalisierung weitere
(Abg. Dr. Apel: Jetzt gehen die Märchen Preiseinbußen hingenommen werden müßten. Ich er-
schon wieder los! — Beifall bei der innere an die jetzigen Verhandlungen in Brüssel.
CDU/CSU.) Die Bundesregierung ist bereit, die Qualitätsstan-
dards bei Getreide so herabsetzen zu lassen, daß
nur begrenzt interveniert werden kann. Weiterhin
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der wird die Bundesregierung wahrscheinlich den Inter-
Abgeordnete Niegel. ventionszeitraum so kürzen lassen, daß man das
Getreide bei Anlieferung nicht mehr beim Lager-
Niegel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr haus abliefern kann. So sind doch die Verhältnisse
verehrten Damen und Herren! Gestatten Sie, Herr in der deutschen Landwirtschaft. Schauen Sie doch
Bundesminister, daß ich kurz auf Ihre Ausführungen hinaus! Index hin, Index her — das ist eine andere
eingehe, die Sie als Antwort auf meine Zwischen- Frage — , die Kosten in der Landwirtschaft sind ge-
frage gemacht haben. Sie haben seinerzeit gesagt, stiegen. Wer einen Betrieb bewirtschaftet, der weiß,
es treffe nicht zu, daß Sie für den Ausgleich über die daß die Ausgaben steigen, aber die Einnahmen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2493
Niegel
nicht mitsteigen. Da muß man sich doch fragen, wo- - in Verbindung mit der Methode Audiatur et al-
hin diese Agrarpolitik und diese Wirtschaftspolitik tera pars — gesagt: Mach es so, wie es dein Vor-
führt. gänger sicherlich richtig und gut gemacht hat! Nun
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von sagt aber Herr Kollege Niegel, ich habe es schlecht
der SPD.) gemacht. Es ist zwischen Regierung und Opposition
eben ein Unterschied. Das habe auch ich mitgemacht,
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der und dafür habe ich volles Verständnis.
Herr Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten. Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini-
(Abg. Stücklen: Sie müssen unbedingt zum ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage 'des Abgeord-
Steigen der Bullenpreise Stellung nehmen!) neten Dr. Ritz?

Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, sind


Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- Sie nicht mit mir der Auffassung, daß der Flächen-
schaft und Forsten: Herr Präsident! Meine Damen schlüssel, der hier 1965 zur Anwendung kam, völlig
und Herren! Kollege Stücklen hat bei mir jegliches anders ist als derjenige, der jetzt in diesem Gesetz
Limit an Fragen, und ich bin gern bereit, sofort in vorgesehen ist, und zweifelsohne ganz andere Erhe-
den Dialog einzutreten. bungen notwendig macht? Deshalb ist dieser Ver-
Erstens. Herr Kollege Niegel, ich kann das nicht gleich doch wohl ein wenig zu einfach.
so im Raum stehenlassen; sonst hätte ich mich gar
nicht mehr zu Wort gemeldet. Die Haltung der Bun- Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
desregierung ist in einer Bundesratssitzung sehr ge- schaft und Forsten: Nein, ich bin erstens nicht Ihrer
nau erläutert worden, und ich möchte hier keine Auffassung, und zweitens weiß ich, warum die Län-
Wertung der einzelnen Meinungen vornehmen. der nur einen Flächenschlüssel wollten.
Zweitens. Ich habe als meine oberste Pflicht auf- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gefaßt, zunächst einmal die Meinung der Länder- Das ist das Problem. Aber bitte sehr, wenn Sie so
minister zu hören. Aber nach dem alten Grundsatz fragen! Wir können zur Erläuterung Näheres bei-
„Audiatur et altera pars" habe ich auch die andere tragen; dann kommen wir auf den tieferen Grund.
Seite gehört, beispielsweise die Vertreter der Al- Ich bin bereit, auch darüber offen zu sprechen. Bis
terskassen. Ich darf hier etwas vorlesen, was mich jetzt habe ich mich davor gehütet.
sehr überzeugt hat; denn ich bin immer der Mei-
nung, daß man sich gute Erfahrungen, die man ge- Ich habe also wirklich nach der Methode audiatur
wonnen hat, zunutze machen sollte. Ich habe hier et altera pars gehandelt. Ich habe offen zugegeben,
einen Brief vom 21. Oktober 1966. Er lautet: daß ich zunächst den Vorschlägen der Ländermini-
ster zugeneigt hatte; das habe ich gar nicht bestrit-
Sehr geehrter Herr Löffel! ten. Ich habe aber auch die andere Seite gehört,
habe mich dort umgesehen, mich mit vielen Kolle-
Die Auszahlung der Anpassungshilfe 1965 durch
gen unterhalten, mit Leuten aus der Praxis und der
die landwirtschaftlichen Alterskassen ist bis
Vertretung des Berufsstandes, der mich in der Mehr-
auf wenige Restfälle abgeschlossen. Die Bereit-
heit unterstützt. Ich habe also alle Fakten geprüft,
schaft der landwirtschaftlichen Alterskassen, die
und dann kam ich nach reiflicher Überlegung dazu,
Auszahlung der Anpassungshilfen zu überneh-
daß der Weg über die Alterskasse vielleicht der bes-
men, hat wesentlich dazu beigetragen, daß die
sere und der reibungslosere ist. Das ist eine ganz
Zahlungen an die Bauern und die Landwirte zü-
nüchterne Überlegung. Ich weiß nicht, warum man
gig und termingerecht zum größeren Teil noch
hierüber einen Prinzipienstreit vom Zaun brechen
im Jahre 1965 geleistet werden konnten. Hierfür soll.
möchte ich Ihnen als dem Vorsitzenden des
Vorstands ides Gesamtverbandes der landwirt- Davon ganz abgesehen finde ich es merkwürdig,
schaftlichen Alterskassen meinen Dank ausspre- Herr Kollege — das muß ich sehr deutlich sagen —,
chen. Ich darf Sie bitten, diesen meinen Dank daß dasselbe Land Bayern zu mir kommt und sagt,
euch an die Vorstände, die Geschäftsleitung ... ich solle 500 000 DM für Berater zahlen, mit der Be-
zu übermitteln. hauptung, es könne sie nicht weiter finanzieren, und
gleichzeitig diesen Beratern neue Arbeit aufbürden
Mit vorzüglicher Hochachtung will. Ich finde das eine merkwürdige Logik.
Hermann Höcherl
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Heiterkeit bei den Regierungsparteien.)
So geht es nicht! Da muß man schon anders kom-
Ich habe mich hier wertvoller Erfahrungen bedient. men und darf nicht gleichzeitig in die Lande hinaus-
Nur finde ich es sehr merkwürdig, daß ich dafür ge- fahren und sagen, die Bundesregierung stelle kein
scholten werde. Geld zur Verfügung, aber die Landesregierung er-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) übrige viel Geld. Ich muß schon sagen, daß die Lo-
gik so nicht zusammenpaßt, sondern das riecht in
Ich muß wirklich sagen, daß ich das außerordentlich irgendeiner Form. Sie dürfen es mir auch nicht übel-
merkwürdig finde. nehmen, wenn ich sage, daß man merkt, woher der
Im Sinne der Kontinuität und in der besonderen Geruch kommt; ganz geruchlos sind wir in poli-
Verehrung meines Amtsvorgängers habe ich mir tischen Fragen auch nicht.
2494 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Bundesmini- chen — ist eine Angelegenheit des Verwaltungs-
ster, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn ausschußverfahrens. Ich würde Ihnen raten, einmal
Abgeordneten Dasch? zu studieren, wie in Verwaltungsausschußverfahren
vorgegangen wird. Erst dann können Sie hier in
Dasch (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, sind Sie dieser polemischen Form solche Reden halten. Diese
auf Grund der Praxis, die Sie ja kennen, nicht der Rede war dazu angetan, die Dinge bewußt aufzu-
Meinung, daß die landwirtschaftlichen Alterskassen putschen. Bei dieser Art, muß ich Ihnen ganz offen
bei der Durchführung dieser Aktionen die Amtshilfe sagen, bin ich gar nicht bereit zu antworten.
der Landwirtschaftsämter in Bayern in Anspruch (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nehmen müssen?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- Abgeordnete Höcherl.
schaft und Forsten: Herr Kollege Dasch, ich bin sehr
glücklich über die Diskussionen, die innerhalb der Höcherl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da-
CDU und, wie ich hoffe, auch in der Fraktionsge- men und Herren! Es tut mir leid, daß ich mich noch
meinschaft der CDU/CSU über eine zweckmäßigere einmal zu Wort melden muß. Aber ich bin zitiert
Kooperation zwischen Bund und Ländern geführt worden.
werden. Insoweit halte ich das für eine selbstver-
ständliche Frage, über die wir hier gar nicht disku- Der Herr Kollege E rtl hat trotz seiner Überlastung
tieren müssen. Wenn über diese Frage schon Dis- in den Archiven geforscht und einen Brief heraus-
kussionen stattfinden, dann können wir gleich fra- gezogen, der meinen Namen trägt. Damit will er
gen: Was darf der Bund überhaupt noch machen, jetzt einen Kronbeweis führen. Aber das reicht halt
wann darf er es machen, und wie darf er es machen? nicht aus, Herr Kollege Ertl. Die Sache ist so: Ich
Wenn Sie mich so fragen, muß ich sagen: Ich halte habe den Brief geschrieben und bekenne mich dazu.
es für eine selbstverständliche Noblesse. Ich gebe auch zu, daß ich all das, was heute zur recht-
lichen Seite vorgetragen worden ist, damals, ob-
wohl ich selber Jurist bin, im Interesse einer raschen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Gestatten Sie eine Erledigung nicht in dieser Gründlichkeit durchdacht
weitere Zusatzfrage des Herrn Abgeordneten Dasch? habe. Das gebe ich zu. Wenn ich aber nun höre,
welche Einwendungen kommen, wie sehr sie berech-
Dasch (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, sind Sie tigt sind und wie sehr sie einer sauberen Gesetz-
nicht bereit, anzuerkennen, daß die Landwirtschafts- gebung entsprechen, dann bin ich auch bereit zu
ämter und die bayerische Landwirtschaftsverwal- sagen: jetzt kommen Gesichtspunkte, die Vorrang
tung, ob sie nun direkt oder indirekt beauftragt haben. Unsere Gesetzgebung muß sauber sein.
werden, im Grunde genommen die gleiche Arbeit Nun zu den Verdächtigungen, wir wollten die Ver-
zu leisten haben? abschiedung verzögern. Wir haben hier ganz offi-
ziell erklärt: wir stimmen dem Gesetz zu, hätten
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt- es aber lieber in einer besseren rechtlichen Form.
schaft und Forsten: Nein. Wenn Sie sich in der Allein darum geht es.
Sache erkundigen, werden Sie sehen, daß das eben Wenn Sie nach Hause an den Tegernsee kommen,
nicht zutrifft. Rückfragen sind nur bei 1% der Aus- Herr Kollege Ertl, müssen Sie sich folgendes sagen
zahlungsberechtigten notwendig. Infolgedessen trifft- lasen.IdrZitm,auseBrftm,
Ihre Frage für 99 % nicht zu. war die elektronische Datenverarbeitung in der
bayerischen Landwirtschaftsverwaltung bei weitem
Vizepräsident Dr. Jaeger: Noch eine Zusatz- nicht so weit wie heute. Heute sind all diese Daten
frage des Herrn Abgeordneten Dasch. gespeichert, so daß es sehr schnell ginge. Und es
würde nichts kosten. Das wird man ja wohl noch
Dasch (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, können sagen dürfen.
Sie auch die Bedenken zerstreuen, daß die Frage- Man könnte auch noch andere Spekulationen an-
bogen, die jetzt von den Alterskassen eingesam- stellen, über den 14. Juni usw. Das könnte man alles,
melt werden, auch für andere Zwecke gebraucht oder aber wir tun es nicht. Wir stimmen dem Gesetz zu.
sogar mißbraucht werden könnten? Wir sind bloß für eine bessere juristische Formulie
rung. (Zurufe von der SPD.)
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
schaft und Forsten: Ich habe keinen Anlaß, Ihre Be- — Ich weiß gar nicht, was Sie dagegen einzuwenden
denken zu teilen. haben. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.
Herr Kollege Ertl, Sie kriegen unseren Segen für
Herr Kollege Niegel, Sie haben offensichtlich in
dieses Gesetz. Es ist ein mäßiges Gesetz, und es ist
großer Vorausschau erkannt, wie sich die Bundes-
sehr verzögert worden. Der Schuldner Bund, vertre-
regierung in Zukunft in allen Fällen in Brüssel ver-
ten durch den Landwirtschaftsminister, hat eine
hält. Das ist ein großes Talent. Ich bewundere Sie.
Schuld, die am 1. Januar fällig war, und er kommt
NurmüsenSichgarkuden.DiFg
vielleicht im Herbst mit der Zahlung. Eine schöne
des Standards z. B. — das hat nicht der Landwirt-
Zahlungsmoral, muß ich sagen!
schaftsminister Ertl entschieden, ich sage das gar
nicht, um in Vergangenheitsbewältigung zu ma- (Beifall bei der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2495

Vizepräsident Dr. Jaeger: Es liegen keine Ich möchte hier einige Bemerkungen anschließen,
Wortmeldungen mehr vor. die vielleicht auch darüber hinausreichen. Das Asso-
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem ziierungsabkommen beschränkt sich auf die 18 afri-
Gesetzentwurf als Ganzem zuzustimmen wünscht, kanischen Staaten, die bereits 'bisher vom 1. und 2.
den bitte ich, sich zu erheben. — Ich bitte um die EWG-Entwicklungsfonds Hilfe und Unterstützung
Gegenprobe. — Keine Gegenstimmen. Enthaltungen? bekamen, und schließt an das am 30. Juni aus-
— Keine Enthaltungen. Einstimmig angenommen. laufende Erste Jaunde-Abkommen an, das fortge-
führt werden soll, und muß von daher hier eine po-
Meine Damen und Herren, ich darf bekanntgeben, sitive Würdigung empfangen.
daß der Finanzausschuß jetzt sofort zu seiner von
dem Herrn Präsidenten genehmigten Sitzung zusam- Der Wunsch, der ausgesprochen werden soll, ist
der, daß das Abkommen möglichst auf die anderen
mentritt.
Entwicklungsländer ausgeweitet wird. Unter diesem
Gesichtspunkt betrachte ich es als positiv, daß dem
Ich rufe Punkt 3 der Tagesordnung auf:
Hause heute eine Vorlage über ein Abkommen mit
Zweite Beratung und Schlußabstimmung über Tansania, Uganda und Kenia vorgelegt wurde, ein
den von der Bundesregierung eingebrachten Abkommen, das allerdings nur den Warenaustausch
Entwurf eines Gesetzes zu dem Assoziierungs- betrifft und nicht die Entwicklungshilfe.
abkommen vom 29. Juli 1969 zwischen der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und (Vorsitz: Vizepräsident Dr. Schmid.)
den mit dieser Gemeinschaft assoziierten afri-
kanischen Staaten und Madagaskar sowie zu Es ist nun im Zusammenhang mit den Präferenzen
den .mit diesem Abkommen in Zusammenhang ein Problem aufgetaucht. In dieser Frage hat wohl
stehenden Abkommen die Verhandlungsdelegation der Bundesregierung in
— Drucksachen VI/483, zu VI/483 — den Verhandlungen darauf hingewirkt, daß die Prä-
ferenzen nicht so stark wirken, daß die anderen
a) Bericht des Haushaltsausschusses (7. Aus-
Entwicklungsländer in Afrika benachteiligt werden.
schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
Ich betrachte es als erforderlich, daß gleiche han-
— Drucksache VI/709 —
delspolitische Startchancen für alle Entwicklungs-
Berichterstatter: Abgeordneter Hermsdorf länder erzielt werden. Es muß das Ziel sein, ein
(Cuxhaven) weltweites Präferenz abkommen für alle Entwick-
b) Schriftlicher Bericht des Ausschusses für lungsländer zu erreichen. Als Stufe auf dem Wege
Wirtschaft (8. Ausschuß) zu diesem Ziel hin ist dieses Assoziierungsabkom-
— Drucksache VI/686 — men positiv zu würdigen.
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Giulini Schließlich drittens ein Schlußpunkt: Es ist not-
wendig, daß das Abkommen schnell ratifiziert wird.
(Erste Beratung 39. Sitzung)
Ich bin sehr dankbar, daß der Bundestag heute
dieses Assoziierungsabkommen ratifizieren wird
Ich danke dem Berichterstatter, dem Abgeordne-
und daß wir die Frist bis zum Ablauf des bisherigen
ten Dr. Giulini, für seinen Schriftlichen Bericht. —
Jaunde-Abkommens einhalten. Leider stehen einige
Zur Ergänzung bitte sehr!
Mitglieder der Gemeinschaft, was die Ratifizierung
betrifft, noch aus, und wir können hier nur den
Dr. Giulini (CDU/CSU) : Meine Damen und Her- Wunsch aussprechen, daß dieses Abkommen so
ren, entschuldigen Sie bitte, daß ich Ihre Zeit noch schnell wie möglich von allen Ländern ratifiziert
ganz kurz in Anspruch nehme. Der Entwurf des Ge- wird, damit kein Bruch in der notwendigen Hilfe
setzes war im Ausschuß unstreitig. Lediglich wegen für die 18 Entwicklungsländer eintritt.
der Wichtigkeit in außenpolitischer Hinsicht ist mir
aufgetragen worden, Sie zu bitten, noch zwei oder (Beifall bei der SPD.)
drei Vertreter der im Ausschuß vertretenen Frak-
tionen zu Wort kommen zu lassen. Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Herr Abgeordnete Sprung.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke dem
Herrn Berichterstatter. Dr. Sprung (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
Ich rufe in zweiter Beratung auf Art. 1, 2, 3, sehr verehrten Damen und Herren! Im Auftrag der
Einleitung und Überschrift. Das Wort hat Herr Fraktion der. CDU/CSU möchte ich zu der Verab-
Abgeordneter Kaffka. schiedung des vorliegenden Zustimmungsgesetzes
folgende Erklärung abgegeben.
Kaffka (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wird dem
ehrten Damen und Herren! Das Haus liebt keine Hohen Hause zum dritten Male eine Vereinbarung
Deklamationen, obgleich es diesem Grundsatz oft vorgelegt, die die Beziehungen zwischen der EWG
widerspricht. Das hier zur Ratifizierung vorliegende und den mit ihr assoziierten Staaten und Mada-
Assoziierungsabkommen ist von erheblicher politi- gaskar betrifft. Die Verabschiedung des vorliegen-
scher Bedeutung sowohl im Blick auf die Außen- den Gesetzes, mit dem das Hohe Haus seine Zu-
politik, im Blick auf die Politik der Gemeinschaften stimmung zur Fortführung der Assoziierung erteilt,
als auch im Blick auf die Entwicklungspolitik. scheint uns ein gegebener Anlaß zu sein, einige
2496 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Sprung
Ausführungen zu dem Problem der Assoziierung im Es liegt auf der Hand, daß daraus für die übrigen
allgemeinen und zu den wichtigsten materiellen Entwicklungsländer, die nicht mit der EWG assozi-
Regelungen im besonderen zu machen. iert sind, zweifellos nachteilige Auswirkungen re-
sultieren. Wir begrüßen es daher, daß in dem neuen
Es steht heute außer Zweifel, daß die Asso- Assoziierungsabkommen zur Vermeidung dieser
ziierung der einstigen afrikanischen Länder und Auswirkungen auf andere Entwicklungsländer eine
Hoheitsgebiete, die sich bei Inkrafttreten des EWG- Reihe von Sätzen des gemeinsamen Zolltarifs ge-
Vertrages noch im Stadium von Kolonien befanden, senkt bzw. aufgehoben sind. Es ist zu hoffen — ich
eine Entscheidung von erheblicher politischer und stimme darin mit meinem Herrn Vorredner über-
wirtschaftlicher Tragweite war. Diese Länder wur- ein —, daß dieses Problem sich möglichst bald durch
den in den Gemeinsamen Markt einbezogen, ohne eine rasche Verwirklichung eines allgemeinen Prä-
daß sie damit zugleich selber dem vollen Wettbe- ferenzsystems für die Entwicklungsländer erledigt.
werb mit den Ländern des Gemeinsamen Marktes
ausgesetzt waren. Dazu erhielten sie erhebliche Be- Ebenso ist es zu begrüßen, daß die assoziierten
träge zur Finanzierung von Entwicklungsvorhaben, Staaten auch weiterhin auf die Wareneinfuhr aus
insbesondere für Investitionen im Infrastrukturbe- den EWG-Ländern, die an sich grundsätzlich zollfrei
reich. ist, Zölle dann erheben können, wenn die wirtschaft-
liche Entwicklung der assoziierten Staaten oder die
Daß diese Länder die Assoziierung wirklich als Finanzierung ihrer Haushalte dies erfordert. Denn
Unterstützung, als eine neue Form von Zusammen- eine Eingliederung der Entwicklungsländer in die in-
arbeit empfanden, zeigte sich, als sie selbständige ternationale Arbeitsteilung ist nur möglich, wenn
souveräne Staaten wurden und damit die Möglich- auch bei ihnen zu dem traditionellen Rohstoffex-
keit hatten, die Assoziierung mit der Gemeinschaft port eine industrielle Produktion hinzutritt. Das
aufzukündigen. Nichts von alledem ist geschehen, aber gelingt nur durch die Einräumung von Präfe-
und zwar deshalb nicht, weil diese Länder sehr bald renzen.
erkannten, daß die Assoziierung für ihre politische
und wirtschaftliche Entwicklung von größter Bedeu- Der immer wieder zu hörende Einwand, daß damit
tung war. nur einer unwirtschaftlichen Produktion in den Ent-
wicklungsländern Vorschub geleistet wird und da-
Das vorliegende Abkommen bietet auch für die
mit dem Ziel einer Eingliederung der Entwicklungs-
Zukunft die Hilfen an, die bereits in der Vergangen-
länder in die internationale Arbeitsteilung und den
heit gewährt wurden, und erweitert sie darüber hin-
Welthandel entgegengerichtet wäre, ist nicht stich-
aus noch. Es liegt bei den assoziierten Staaten, von
haltig. Wir sehen die Präferenzgewährung als ein
diesen Angeboten in voller Freiheit und zum
wesentliches Instrument an, die wirtschaftliche Ent-
eigenen Nutzen entsprechenden Gebrauch zu
wicklung der assoziierten Staaten nachhaltig zu för-
machen.
dern.
Angesichts dieser Sachlage und angesichts der Ausschlaggebende Bedeutung kommt in dem
Hilfe, die mit dem vorliegenden und den früheren neuen Abkommen, wie bereits in den beiden voran-
Abkommen für die assoziierten Staaten gewährt gegangenen, wieder der finanziellen und techni-
wird und an der die Bundesrepublik einen sehr er- schen Zusammenarbeit zu. Erfreulich ist, daß das
heblichen Anteil hat, ist es allerdings zumindest Volumen des Entwicklungsfonds weiter, und zwar
verwunderlich, wenn gerade von einigen dieser auf 1 Milliarde DM, erhöht wurde. Erfreulich ist
Staaten die Bitte der Bundesregierung, die an alle ferner, daß es auf diesem Gebiet so etwas wie eine
Länder der dritten Welt gerichtet war, die Frage Entwicklung gibt, die darin besteht, daß die Zu-
der internationalen Stellung der DDR nicht durch sammenarbeit ständig verfeinert und auf eine im-
entsprechende Entscheidungen zu präjudizieren und mer breitere Grundlage gestellt wird.
zunächst die innerdeutschen Verhandlungen abzu-
warten, ignoriert wurde. Wir bedauern dieses Ver- Nach den Vereinbarungen des EWG-Vertrages,
halten außerordentlich. Die freundschaftliche Hal- also im ersten Fünfjahresabkommen, gab es nur
tung, mit der die Bundesrepublik stets den asso- verlorene Zuschüsse mit der Zweckbestimmung, sie
ziierten Staaten entgegengetreten ist und von der für Infrastrukturvorhaben wirtschaftlicher und so-
sie sich auch künftig leiten läßt, sollte es diesen zialer Art einzusetzen. Im ersten Jaunde-Abkom-
nicht unmöglich machen, so wie wir uns ihrer Pro- men von 1963, also im zweiten Fünfjahresabkom-
bleme annehmen, umgekehrt auch Verständnis für men, wurde zwar bereits die Möglichkeit vorge-
unsere sehr schwierige innerdeutsche Situation zu sehen, auch Mittel für Produktionsvorhaben mit üb-
zeigen. licher finanzieller Rentabilität zu verwenden. Die
volle Gleichstellung solcher Investitionen mit den
Was den materiellen Inhalt des Assoziierungs- InfrastrukturInvestitionen wird jedoch erst durch
Abkommens betrifft, so sind es zwei Aspekte, die das vorliegende Abkommen vorgenommen.
besondere Aufmerksamkeit verdienen: Da sind ein-
mal die sogenannten Präferenzen im Handelsver- Mit Genugtuung nehmen wir davon Kenntnis, daß
kehr zwischen den assoziierten Staaten und der das Problem der Beteiligung deutscher Firmen an
EWG. Für den Warenverkehr gilt grundsätzlich den Ausschreibungen von Projekten in den assozi-
Zollfreiheit und Befreiung von mengenmäßigen Be- ierten Staaten, die aus der Finanzhilfe der Gemein-
schränkungen, d. h. die assoziierten Staaten sind schaft finanziert werden, sich inzwischen weitgehend
mit der EWG in Form einer Freihandelszone ver- erledigt hat. Während die Beteiligung am ersten
bunden. Entwicklungsfonds weit unter 10 % lag und zu sehr
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2497
Dr. Sprung
viel Kritik Anlaß gegeben hat, partizipierten deut- haben schon immer den Standpunkt vertreten, daß
sche Firmen am zweiten Entwicklungsfonds bis Ende gerade die EWG eine weltweite liberale Handels-
1969 mit insgesamt nunmehr 23%. Damit wird zwar politik betreiben sollte, ohne daß dabei — um das
immer noch nicht der Anteil der Bundesrepublik an ausdrücklich zu betonen — die Notwendigkeiten,
der Finanzhilfe in Höhe von rund einem Drittel er- den .Entwicklungsländern zu helfen, übersehen wer-
reicht; doch kann wohl auch kaum gefordert wer- den. Diese Forderung nach einer liberalen Handels-
den, daß der Anteil von Firmen der Bundesrepublik politik entspricht auch der Lage der Bundesrepublik
unbedingt dem Prozentsatz der Leistungen der Bun- als einer .der großen Handelsnationen dieser Welt.
desrepublik an der Gesamtfinanzhilfe entsprechen Unsere Lage gegenüber Drittländern würde schwie-
müßte. Auch wir sind der Meinung des Pearson-Be- rig, wenn nicht sogar unerträglich werden, wenn wir
richts, daß die sogenannte Lieferbindung, die da- diese weltoffene Haltung nicht mehr einnähmen.
mit indirekt gefordert wurde, zu kritisieren ist, weil, Man soll sicherlich die Bedenken, die insbesondere
wie alle Untersuchungen gezeigt haben, damit für von seiten der Vereinigten Staaten immer wieder in
die Entwicklungsländer erhebliche direkte und in- Richtung GATT Konformität erhoben werden, nicht
-

direkte Mehrkosten verbunden sind. Das, was man überschätzen, zumal auch die Entwicklung der Han-
aber fordern kann, ist, daß auch deutschen Firmen delsströme in den letzten Jahren die Sorgen der
entsprechend den Bestimmungen des Abkommens Vereinigten Staaten bisher nicht bestätigt hat. Trotz-
die Teilnahme an Ausschreibungen und Aufträgen dem sollte die EWG, so meinen wir, den Gedanken
zu den gleichen Bedingungen offensteht wie den der Bundesregierung aufgreifen, indem sie eine, wie
Firmen und Unternehmen der übrigen EWG-Länder es s o schön genannt wird, Ständige Consulting Com-
und assoziierten Staaten selbst und daß die Auf- mission errichtet, um die Verbindung zwischen EWG
tragsbedingungen verbessert werden. und GATT so zu festigen, daß Vorwürfe, wie sie in
Wir begrüßen es schließlich, daß auch auf dem der letzten Zeit gegen diese Assoziierungsabkom-
Gebiet der technischen Zusammenarbeit das neue men aus anderen Ländern erhoben worden sind, in
Abkommen weitere Verbesserungen bringt. Außer- Zukunft nicht mehr vorkommen können.
dem halten wir e s für wünschenswert, daß auf dem (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Gebiet der Investitionen die internationale Zusam-
menarbeit weiter ausgebaut wird, indem für die Fi- Vizepräsident Dr. Schmid: Weitere Wortmel-
nanzierung von Projekten auch Mittel aus anderen dungen liegen nicht vor.
Quellen einschließlich anderer internationaler Finan-
zierungseinrichtungen mit eingesetzt werden. End- Wir kommen zur Abstimmung. Da es sich um ein
lich sollte die Finanzhilfe wie die Assoziierung Zustimmungsgesetz handelt, bedarf es keiner drit-
schlechthin auch unter dem Gesichtspunkt gesehen ten Beratung. Wer dem Gesetz auf Drucksache VI/483
und betrieben werden, wie damit die wirtschaftliche in zweiter Beratung und im ganzen zustimmen will,
Zusammenarbeit zwischen den assoziierten Staaten der möge sich erheben. — Ich stelle einstimmige An-
selbst unterstützt und gefördert werden kann. nahme fest.
Alles in allem kann gesagt werden, daß auch das Meine Damen und Herren, die Fraktionen haben
neue Assoziierungsabkommen wiederum ein Schritt den Wunsch ausgesprochen, daß zusätzlich zu der
vorwärts ist auf dem Wege der wirtschaftlichen Ent- gedruckten Tagesordnung eine Änderung und Er-
wicklung der mit der EWG assoziierten Staaten. Die gänzung der Geschäftsordnung des Deutschen Bun-
Fraktion der CDU/CSU stimmt daher dem Asso- destages beraten und beschlossen werden soll:
ziierungsabkommen zu. Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
(Beifall bei der CDU/CSU.) schusses für Wahlprüfung, Immunität und Ge-
schäftsordnung betr. Änderung und Ergän-
zung der Geschäftsordnung des Deutschen
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Bundestages
Abgeordnete Graaff.
— Drucksache VI/521 —
Berichterstatter: Abgeordnete Dr. Starke
Graaff (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und (Nürtingen), Collet, Mertes.
Herren! Für die Fraktion der 'Freien Demokratischen
Partei darf ich uneingeschränkte Zustimmung zu dem Ich nehme an, daß keine besondere Begründung er-
vorliegenden Gesetzeswerk betonen. Wir sind mit folgen wird.
den übrigen Fraktionen dieses Hohen Hauses der
Es liegt ein interfraktioneller Änderungsantrag
Meinung, daß damit für die Entwicklungsländer er-
auf Umdruck 24 *) vor. Danach soll der § 24 Abs. 2
hebliche Vorteile verbunden sind, die unsere Be-
eine andere Fassung erhalten; die brauche ich wohl
mühungen, ihnen den Anschluß an eine moderne
nicht zu verlesen. Ferner soll in § 81 Abs. 3 der
Welt zu ermöglichen, erleichtern sollen.
Satz 2 gestrichen werden. Ist das Haus mit diesen
Ich kann aber nicht umhin, auch auf eine negative Änderungen einverstanden? — Kein Widerspruch?
Seite, wenn ich es einmal so bezeichnen darf, hinzu- — Keine Enthaltung? — Dann ist so beschlossen.
weisen. Sie wissen, daß die EWG immer wieder in
Wir kommen nunmehr zur Schlußabstimmung, und
der Gefahr steht, von anderer Seite dahin gehend
zwar, da es kein Gesetz ist, durch einfaches Ab-
beschuldigt zu werden, daß sie sich bei ihren Asso-
ziierungsabkommen bei der Einräumung von Pr äfe-
renzen nicht GATT-konform benimmt. Wir als FDP *) Siehe Anlage 3
2498 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Vizepräsident Dr. Schmid
stimmungsverfahren. Wer zustimmen will, der gebe ärzten könnte diesen Engpaß nicht mehr entspre
das Handzeichen. —Gegenprobe! — Enhaltungen?- chend überbrücken oder auch die ärztliche Versor-
Es ist so beschlossen. gung der Truppe sicherstellen. Schon heute ist zu
Außerdem haben wir über die Ziffern 2 und 3 des sagen, daß die Dienstposten für Fachärzte, für Spe-
Ausschußantrags noch abzustimmen: zialisten, Leitende Sanitätsoffiziere, die ja eine lang-
jährige Erfahrung benötigen, nicht mehr besetzt
2. In den Anlagen der Geschäftsordnung des werden können.
Deutschen Bundestages wird jeweils das Wort
„Abgeordneter" durch die Worte „Mitglied Auf Grund dieser Tatsache hat schon der Ver-
des Bundestages" ersetzt. teidigungsausschuß am 14. November 1968 die Ein-
führung einer Sanitätsoffiziersanwärter-Laufbahn
3. Die Geschäftsordnung des Deutschen Bundes- gefordert. Neben den schon in der Vergangenheit
tages wird ohne Änderung der Paragraphen- geschaffenen Verbesserungen wie z. B. den besseren
folge neu bekanntgemacht. Aufstiegsmöglichkeiten, den Zulagen, der Facharzt-
Ist das Haus damit einverstanden? — Kein Wider- weiterbildung für alle jungen Berufssanitätsoffiziere
spruch. Enthaltungen? — Keine Enthaltungen. Dann soll gerade die vorgesehene Neuordnung die ent-
ist so beschlossen. scheidende Maßnahme zur Einführung einer attrak-
tiven Laufbahn darstellen.
Nunmehr rufe ich Punkt 4 der Tagesordnung auf:
Der Gesetzentwurf trägt auch den praktischen
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- Erfahrungen des bereits eingeleiteten Truppen-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines versuchs entsprechend Rechnung. Nach dieser künf-
Neunten Gesetzes zur Änderung des Solda- tigen Regelung ist der Ausbildungsgang so vor-
tengesetzes gesehen, daß Abiturienten als Sanitätsoffiziers-
— Drucksache VI/507 — anwärter zur Bundeswehr kommen und nach ein-
jähriger militärischer Ausbildung zum Studium
a) Bericht des Haushaltsausschusses (7. Aus- beurlaubt werden, wobei dann zwei Monate jähr-
schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung lich der militärischen Ausbildung dienen sollen.
— Drucksache VI/710 — Eine solche Regelung war schon bei der früheren
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Alt- Wehrmacht üblich und ist auch heute bei einer
hammer Reihe von NATO-Staaten noch i n Anwendung. Man
kann auch sagen, daß bereits 50 % der jetzigen
b) Schriftlicher Bericht des Verteidigungsaus- Berufssanitätsoffiziere der Bundeswehr ehemalige
schusses aktive Sanitätsoffiziere der Wehrmacht waren.
(11. Ausschuß)
— Drucksache VI/687 — Mit Billigung des Verteidigungsausschusses ist
Berichterstatter: Abgeordneter Biehle seit dem 1. Januar auch dieser Truppenversuch ange-
laufen, und es war eine sehr positive Regelung fest-
(Erste Beratung 39. Sitzung). zustellen.
Das Wort hat der Abgeordnete Biehle.
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeord-
neter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abge-
Biehle (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr- ordneten Dichgans?
verehrten Damen und Herren! Gestatten Sie mir,
daß ich als Berichterstatter des Verteidigungsaus-
schusses einmal auf die Wichtigkeit dieses Gesetzes Dichgans (CDU/CSU) : Herr Kollege, darf ich
hinweise angesichts der besonderen Bedeutung, die fragen, bestehen denn Aussichten, daß die zusätz-
auch das Sanitätswesen und die ärztliche Versor- lichen Offiziersanwärter, die Sie auf diese Weise
gung in der Bundeswehr haben. Es ist ein besorgnis- gewinnen wollen, überhaupt Studienplätze an deut-
erregender Fehlbestand an Sanitätsberufsoffizieren schen Universitäten erhalten, und bestehen diese
festzustellen. Das Gesetz soll dazu beitragen, die- Aussichten auch für die Reservisten, die Sanitäts-
sen Mangel zu beseitigen. offiziere der Reserve werden wollen?
Die Bewerberzahlen für das aktive Sanitätsoffi-
zierskorps sind seit Jahren sehr stark rückläufig. Biehle (CDU/CSU) : Dazu darf ich Ihnen gleich
Durch den Inspekteur des Sanitätswesens ist vor sagen, daß gerade auch an Hand dieser Truppen-
nicht allzu langer Zeit festgestellt worden, daß von versuche bisher sehr positive Ergebnisse erzielt
den 1300 Ärzten, die notwendig sind, nur 759 vor- worden sind und daß auch der Numerus clausus
handen sind und daß etwas getan werden muß, um keine Schwierigkeiten gebracht hat, nachdem die
diesen Mangel zu beseitigen. Zur Zeit — das muß jungen Leute, die sich bisher gemeldet haben, ent-
auch gesagt werden — sind nur 42 % der Sanitäts- sprechende Studienplätze gefunden haben und indem
offiziersposten besetzt. Beim ärztlichen Dienst sind künftig nur solche Bewerber angenommen werden,
es sogar nur knapp 36%. Nach den Berechnungen die bereits auf den Universitäten immatrikuliert
würde sich das 1980 so auswirken, daß von den sind. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt,
Posten für aktive Sanitätsoffiziere nur 32 % besetzt daß hier keinerlei Schwierigkeiten bestehen. Es sind
werden können. Auch , der Einsatz von entsprechen- auch entsprechende Vereinbarungen getroffen, und
den wehrpflichtigen Ärzten oder auch von Vertrags- man glaubt, daß auch durch den Ausbau akademi-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2499
Biehle
scher Bundeswehrkrankenhäuser — ich denke dabei Wir kommen zur Schlußabstimmung in
an Ulm — dieses Problem für die Zukunft sicherlich
dritter Beratung.
beseitigt werden kann.
Ich darf noch auf einen Punkt zurückkommen, der Wer dem Gesetz zustimmen will, möge sich er-
im Bundesrat angesprochen wurde. Dort ist gefordert heben. — Ich stelle einstimmige Annahme fest.
worden, daß man prüfen möge, ob die Höhe des
Ausbildungsgeldes in angemessener Relation steht Ich rufe Punkt 5 der Tagesordnung auf:
zu den im Rahmen der allgemeinen Studienförde- Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
rung nach dem Honnefer Modell gewährten Beträ- desregierung eingebrachten Entwurfs eines
gen und den Unterhaltszuschüssen für Beamte im Gesetzes zur Aufhebung des Gesetzes über
Vorbereitungsdienst für die Laufbahn des höheren befristete Freistellung von der deutschen Ge-
Dienstes. Dieser Antrag ist durch das Land Nord- richtsbarkeit
rhein-Westfalen eingebracht worden. Nach den Vor- — Drucksache VI/645 —
stellungen des Bundesrates sollte der Betrag des
Ausbildungsgeldes bei 560 DM liegen. Man geht Schriftlicher Bericht des Rechtsausschusses
davon aus, daß nach dem Honnefer Modell rund (5. Ausschuß)
— Drucksache VI/723 —
350 DM gezahlt werden und der Unterhaltszuschuß
für Referendare im Schnitt — bei einem Ledigen Berichterstatter: Abgeordneter Dürr,
von 26 Jahren — 764 DM beträgt. Abgeordneter Vogel
Nach dem Gesetzentwurf staffelt sich der Betrag (Erste Beratung 45. Sitzung)
des Ausbildungsgeldes je nach dem Fortschritt des Berichterstatetr sind die Abgeordneten Dürr und
Studiums und dem zwischenzeitlich erworbenen mili- Vogel. Wird der Bericht mündlich erstattet, oder
tärischen Dienstgrad. Es beginnt im ersten Studien- verweisen Sie auf Ihren Schriftlichen Bericht?
jahr mit 666 DM und beträgt im sechsten Studien-
jahr 1096 DM. Entscheidend für die Ansätze des (Abg. Dürr: Auf den Schriftlichen Bericht
Ausbildungsgeldes ist, daß der Sanitätsoffiziersan- wird verwiesen!)
wärter nicht Student allein ist, weil er ja neben der - Es wird auf den Schriftlichen Bericht verwiesen.
akademischen Ausbildung auch eine entsprechende Änderungsanträge liegen nicht vor.
militärische Ausbildung bekommt. Es wäre auch
nicht gerechtfertigt, wenn der Sanitätsoffiziersan- Ich rufe in zweiter Beratung die §§ 1, 2, 3 sowie
wärter besoldungsmäßig schlechtergestellt würde als Einleitung und Überschrift auf. — Wer zustimmen
I Soldaten, die mit Dienstbezügen zum Studium ab- will, gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Ent-
kommandiert werden, zumal da in der Sanitäts- haltungen? — 2 Enthaltungen.
offizierslaufbahn die Beförderung zum Leutnant ein
Jahr später als in den übrigen Bereichen erfolgt. Wir kommen zur
Die Bedenken des Bundesrates sind daher absolut dritten Beratung.
nicht berechtigt.
Das Wort hat der Abgeordnete Vogel.
Einer Regelung, die Betreffenden mit vollen Be-
zügen zum Studium abzukommandieren, ist zu wi-
dersprechen, da bei einem vorzeitigen Ausscheiden Vogel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr
eine Rückforderung der Dienstbezüge nicht möglich - verehrten Damen und Herren! Im Namen der Frak-
ist. Das ist besonders entscheidend, da hiermit dem tion der CDU/CSU gebe ich folgende Erklärung zur
Versprechen, als Berufssanitätsoffizier Dienst zu Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur
leisten, Nachdruck verliehen werden kann. Aufhebung des Gesetzes über befristete Freistellung
von der deutschen Gerichtsbarkeit vom 29. Juli 1966
Der Bundesrat hat grundsätzlich keine Einwen- ab.
dungen erhoben, sondern die Annahme des Gesetz-
Die Fraktion der CDU/CSU wird dem Entwurf
entwurfs empfohlen, wobei er lediglich auf die Ent-
nicht zustimmen, sondern sich bei der Abstimmung
schließung hingewiesen hat. Der Innenausschuß hat
der Stimme enthalten. Sie bringt damit ihre recht-
ebenfalls gutachtlich dazu Stellung genommen und
lichen und rechtspolitischen Bedenken gegen diese
seine Annahme empfohlen. Da auch der Haushalts-
Art von Gesetzgebung zum Ausdruck. SPD und FDP
ausschuß keine Bedenken hat, kann dem Gesetz-
glauben in Übereinstimmung mit der derzeitigen
entwurf zugestimmt werden.
Bundesregierung in Verfolg ihrer deutschlandpoli-
tischen Zielsetzungen diesen Weg gehen zu sollen.
Vizepräsident Dr. Schmid: Ich danke dem Sie tragen dafür die Verantwortung.
Herrn Berichterstatter. Die CDU/CSU verzichtet darauf, den vorliegenden
Wir treten in die zweite Beratung ein. Ich rufe Entwurf zum Gegenstand streitiger Auseinander-
die Artikel 1, 2, 3 sowie Einleitung und Überschrift setzungen im Deutschen Bundestag zu machen.
auf. Keine Wortmeldungen. (Abg. Wehner: Das wäre auch komisch!)
Wer einverstanden ist, gebe das Handzeichen. - Im Bemühen, den Machthabern im anderen Teil
Gegenstimmen! — Enthaltungen? — Einstimmige Deutschlands keinen Vorwand zu liefern, das Tref
Annahme. fen zwischen dem Bundeskanzler und Herrn Stoph
2500 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Vogel
am 21. Mai 1970 in Kassel scheitern zu lassen, schaffen, um innerdeutsche Begegnungen zu ermög-
glaubt sie insoweit in diesem besonderen Fall ihre lichen. Dieser Zweck ist damals nicht erreicht wor-
Bedenken zurückstellen zu können. Die CDU/CSU den. Die Aufhebung dieses Gesetzes soll ebenfalls
beschränkt sich deshalb auf die folgenden allgemei- eine innerdeutsche Begegnung erleichtern. Das ist
nen Bemerkungen. die politische Seite.
Erstens. Im freiheitlichen Rechtsstaat darf nicht Zur rechtlichen Seite ist zu sagen, daß materiell
die jeweilige Opportunität darüber entscheiden, die Bestimmungen des Freistellungsgesetzes durch
welches Recht gilt, ab wann es gilt und ab wann es die Gesetzesänderungen überholt sind, die der ver-
nicht mehr gilt. Die Kontinuität des Rechts unab- gangene Bundestag durch den Erlaß des des Achten
hängig von tagespolitischer momentaner Opportu- Strafrechtsänderungsgesetzes getroffen hat. Bei der
nität gehört zum Rechtsstaat. Deshalb darf dieses Abstimmung über , das Freistellungsgesetz im Früh-
Parlament nicht beliebig Gesetze heute erlassen und sommer 1966 vermerkt das Bundestagsprotokoll
morgen wieder aufheben, nur weil heute dies un d zahlreiche Gegenstimmen aus der Fraktion der
morgenjsptuchi. CDU/CSU. Der Herr Kollege Memmel hat ausdrück-
Zweitens. Die Auffassung der Bundesregierung, lich erklärt, er halte das Freistellungsgesetz für ein
das Gesetz vom 29. Juli 1966 sei durch die Ent- Sondergesetz und sei nicht in der Lage, ihm zuzu-
wicklung überholt, ist so unzutreffend. Der Anwen- stimmen. Wenn dieses Gesetz, das Herr Memmel
dungsbereich des Freistellungsgesetzes ist weiter als Sondergesetz bezeichnet hat und das zweifellos
als der derjenigen Bestimmungen, durch die es nach eine Ausnahmeregelung, begründet mit politischer
Auffassung der Bundesregierung überholt sein soll. Opportunität, war, heute aufgehoben werden soll,
Im übrigen hat es nach wie vor, auch soweit es dann müßten er und seine Fraktionskollegen, die
Fragen der Strafverfolgung betrifft, seinen eigenen damals mit ihm gestimmt haben, der Aufhebung
Sinn neben den neugefaßten Vorschriften der Straf- dieses Gesetzes eigentlich mit besonderer Freude
prozeßordnung, die das Opportunitätsprinzip einge- zustimmen.
führt haben. Es muß noch eines betont werden. Da die Vor-
schriften des Freistellungsgesetzes durch das Achte
Drittens. Die Fraktion der CDU/CSU ist nicht be-
Strafrechtsänderungsgesetz überholt sind, wäre die
reit, ihre Entscheidung in diesem Hause davon ab-
hängig zu machen, was die Machthaber im anderen Aufhebung des Freistellungsgesetzes aus Rechts-
Teil Deutschlands in Verfolgung ihrer Politik als gründen auch dann angebracht, wenn im Monat
Mai überhaupt keine innerdeutsche Begegnung be-
diskriminierend bezeichnen. Sie geht davon aus,
vorstünde. Die Fraktionen der Koalitionsparteien
daß sie sich insoweit in Übereinstimmung mit den
stimmen dieser Aufhebung des Freistellungsge-
anderen Fraktionen dieses Hauses befindet. Das
setzes zu.
festzuhalten ist wichtig angesichts weitergehender
Forderungen nach Aufhebung oder Änderung von (Beifall bei den Regierungsparteien.)
in der Bundesrepublik Deutschland geltendem Recht.
Für die Aufhebung des Freistellungsgesetzes vom Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weiteren
29. Juli 1966 können andere Gründe ins Feld ge- Wortmeldungen. Änderungsanträge liegen nicht
führt werden. Sie lassen sich nicht zuletzt aus den vor.
Bedenken herleiten, die im Jahre 1966 bereits ge-
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem
gen den Erlaß des Freistellungsgesetzes erhoben
worden sind. Gesetz 'zustimmen will, der möge sich erheben. —
- Enthaltungen? — Gegenstimmen? — Ohne Gegen-
Ich möchte noch folgende Schlußbemerkung an- stimmen bei zahlreichen Enthaltungen angenommen.
fügen. Die Absicht des Freistellungsgesetzes war es,
mit Mitteln des Rechtsstaates den im Jahre 1966 Ich rufe Punkt 6 der Tagesordnung auf:
geplanten Redneraustausch zwischen SPD und SED
zu ermöglichen. Wenn hier jemand diskriminiert Beratung des von der Bundesregierung ein-
hat, meine Damen und Herren, dann die Machthaber gebrachten Sozialberichts 1970
im anderen Teil Deutschlands, die in bewußter Ver- — Drucksache VI/643 —
drehung der Tatsachen das Freistellungsgesetz als Ich darf bemerken, daß für den Redner der
„Handschellengesetz" diffamiert haben. Die Frak- CDU/CSU, Herrn Katzer, 45 Minuten Redezeit ange-
tion der CDU/CSU bedauert es, daß diese diskrimi- meldet wurden.
nierende Bezeichnung während der Diskussion der
letzten Zeit hier und da in der Bundesrepublik Das Wort hat der Herr Bundesminister Arendt.
kritiklos übernommen worden ist und daß nicht
alle, die dazu berufen gewesen wären, dem mit Ent- Arendt, Bundesminister für Arbeit und Sozial-
schiedenheit entgegengetreten sind. ordnung: Herr Präsident! Meine sehr verehrten
(Beifall bei der CDU/CSU.) Damen! Meine Herren! Am 28. Oktober )1969, also
vor wenig mehr als sechs Monaten, hat der Herr
Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung a n
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der gekündigt, die Bundesregierung werde „ihre Pläne
Herr Abgeordnete Dürr. und Vorhaben auf dem Gebiet der inneren Reform
unseres Landes dem Parlament und der Öffentlich-
Dürr (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und keit in Einzelberichten unterbreiten". Nach dem Be-
Herren! Das Freistellungsgesetz wurde 1966 ge- richt zur Lage der Nation, dem Wirtschafts- und dem
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2501
Bundesminister Arendt
Landwirtschaftsbericht, habe ich die Ehre, Ihnen Natürlich haben wir nach den Zerstörungen des
heute den vierten dieser Berichte vorzulegen, den zweiten Weltkrieges große Aufbauleistungen auf
Sozialbericht 1970. Die Bundesregierung hält Sozial- vielen Gebieten vollbracht. Anderes kam aber dabei
politik für so wichtig, daß sie den Bundestag und zukr.Selbstvändichöwrmtuse
damit auch die Öffentlichkeit in einem besonderen System der sozialen Sicherung sowohl in Europa als
Bericht über ihre Absichten informieren will. auch außerhalb Europas Vergleiche mit anderen
Zum erstenmal beschränkt sich die sozialpolitische Ländern aushalten. Aber wir können und dürfen uns
Berichterstattung der Bundesregierung nicht nur auf mit dem Erreichten nicht begnügen. Wir müssen
Tatbestände in der Rentenversicherung. I n. Verbin- neue Ziele und Aufgaben ins Auge fassen.
dung mit dein Sozialbudget entstand dieser Sozial- (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
bericht oder, wenn Sie so wollen, das sozialpolitische Abgeordneten der CDU/CSU.)
Kursbuch dieser Bundesregierung. Der Sozialbericht Insofern dient der Sozialbericht 1970 auch der
zählt Tatsachen über soziale Zustände in der Bundes- Gewissenserforschung und der Bewußtseinsbildung.
republik auf. Er hat darauf verzichten müssen, den
sozialenBfudrGschatvoländigufz- Die Öffentlichkeit ist daran gewöhnt worden, die
nehmen. Dazu ist der Sachverhalt zu vielschichtig. Risse, Bergschäden und Verwerfungen im Sozial-
Der Bericht nennt aber Tatbestände, die uns nicht gebäude der Bundesrepublik geduldig zu übersehen.
angenehm sein und uns nicht gleichgültig lassen Es ist an der Zeit, dieses Gebäude zu verankern, zu
können. Ich führe drei besonders gewichtige Themen stützen und wohnlicher einzurichten.
an: die Chancenungleichheit in der Bildung, die un- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gerechte Vermögensverteilung und das Schicksal von
Dabei soll — ich wiederhole es — nicht bestritten
vier Millionen behinderten Menschen.
werden, daß im Laufe der Zeit manches besser ge-
Es ist bekannt, daß Kinder aus Arbeiterfamilien worden ist. Das ändert aber nichts an der Notwen-
Oberschulen und Hochschulen nur weit unter dem digkeit, den Sozialbereich zu reformieren und die
Anteil besuchen, den d ie Arbeiter ;an der Bevölke- sozialpolitischen Mittel rationaler als bisher einzu-
rung der Bundesrepublik haben. Die Schulbildung setzen.
entscheidet aber mehr als je zuvor über berufliche (Beifall bei der SPD.)
und soziale Chancen. Wenn wir eine demokratische
Gesellschaft der Gleichberechtigten wollen, müssen Der Sozialbericht 1970 beschreibt, auf welchen
wir allen Kindern mindestens die gleichen Start- Wegen welche aufeinander abgestimmten Schritte
chancen geben. die Bundesregierung zum Ziel größerer sozialer Ge-
rechtigkeit zu tun gedenkt. Ich möchte, bevor ich
(Beifall bei den Regierungsparteien.) darauf näher eingehe, eine Vorbemerkung machen.
Wir werden neue und größere Anstrengungen unter- Das Sozialbudget 1968 hat sich darauf beschränkt,
nehmen müssen, damit wir dieses Ziel erreichen. ausgewählte Leistungsarten aus dem Gebiet der so-
Dazu .hat sich die Bundesregierung verpflichtet. zialen Sicherung fortzuschreiben. Obwohl der Sozial-
Weiterhin ist bekannt, daß die Erträge unserer bericht 1970 inhaltlich und methodisch viel weiter
wachsenden Wirtschaft in der Gesellschaft sehr un- ausgreift, sind uns bei seiner Zusammenstellung die
gleich verteilt sind. Wenige Haushalte verfügen Vorarbeiten nützlich gewesen, die für das Sozial-
über einen hohen Anteil an Produktivvermögen. Die budget 1968 geleistet worden sind. Dafür habe ich
Bundesregierung wird einen Vermögensbericht er- meinem Herrn Amtsvorgänger zu danken.
statten, der die Verteilung des Bestandes und der (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD.)
Zuwächse an Vermögen verdeutlichen wird, obwohl
nur unzulängliche statistische Unterlagen zur Ver- Der Sozialbericht 1970 ist Bestandsaufnahme und
fügung stehen. Rechenwerk. Der Zahlenteil gliedert zum erstenmal
in der Geschichte der deutschen Sozialpolitik die
Nicht so gut bekannt ist die Tatsache, daß in der
Ströme der Sozialleistungen nicht nur nach Institu-
Bundesrepublik vier Millionen behinderte Menschen
tionen, sondern auch nach Funktionen auf. Es ist
leben. Die meisten können aus eigener Kraft nicht
jetzt möglich, zu sehen, wie hohe Leistungen für
am steigenden Wohlstand teilnehmen. Sie brauchen
welche einzelnen Risiken gewährt werden. Eine
Hilfen vom Staat und von allen übrigen sozialen
solche Gliederung liefert also Grundriß und Außen-
Gruppen der Gesellschaft. Es 'fehlt aber an Ein-
ansicht unserer Sozialverfassung. Dennoch kann der
richtungen, und es fehlen Fachkräfte, mit denen
Sozialbericht 1970 noch nicht alle Wünsche erfül-
wirksamer als bisher geholfen werden kann. Die
len. Dazu fehlen einfach unentbehrliche statistische
Bundesregierung wird deshalb mehr für die Wie-
Unterlagen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Die
dereingliederung der Behinderten und Beschädigten
Statistik hat die Produktion von Regenschirmen auf-
in Beruf und Gesellschaft tun.
merksamer registriert als gewisse soziale Sachver-
Angesichts solcher Schattenzonen haben wir keine halte.
Veranlassung, auf der Wohlstandsfanfare fortgesetzt (Abg. Wehner: Hört! Hört!)
die Melodie „Es geht uns alien immer besser" zu
blasen. Es ist bei uns eben nicht alles so schön, wie Wir werden diese Lücken schließen, und wir werden
es manchmal erscheinen soll. auf diesem Feld verbessern müssen.
(Abg. Dr. Schellenberg: Leider wahr! — Eine moderne Sozialpolitik, wie die Bundesregie-
Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten rung sie versteht, beschränkt sich nicht mehr darauf,
der FOP.) die negativen Wirkungen des gesellschaftlichen
2502 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Bundesminister Arendt
Wandels zu korrigieren. Sie begnügt sich nicht da- Zweitens. Der sozialpolitische Bewegungsraum ist
mit, die Rand- und Ausnahmesituationen zu mildern, auf mittlere Sicht nicht mehr so eng wie bisher an-
die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel ergeben. genommen wurde.
Insoweit der Wandel die beherrschende Tatsache der
Gegenwart und der Zukunft ist, wird Sozialpolitik, Drittens. Bis 1973 werden die Nettoverdienste
verzahnt vor allem mit Wirtschafts- und Finanz- jährlich um real 4 bis 5% steigen. Diese Annahme
politik, wünschenswerte Veränderungen vorbereiten liegt um 1 % über der Schätzung aus dem Sozial-
und herbeiführen. budget 1968.

Meine Damen und Herren! Der große Bogen einer Wie aus der Presse zu entnehmen war, hat die
gestaltenden Sozialpolitik läßt sich in vier Haupt- Opposition am Montag vor Journalisten in diesem
abschnitte gliedern: in Aktivitäten vor, während, Zusammenhang von einem Rechenfehler im Sozial-
nach und außerhalb des Berufs- und Arbeitslebens. budget gesprochen. Lassen Sie mich auf die Zahlen
Die Bundesregierung sieht in Arbeit und Beruf die etwas näher eingehen. Die Berechnungen, die von
Hauptachse der Sozialpolitik. Oppositionsvertretern angestellt wurden, um der
Bundesregierung einen Rechenfehler nachzuweisen,
In den Hauptabschnitt des vorberuflichen Lebens gehen von anderen Annahmen aus als unsere Be-
gehören die Familien- und die Jugendpolitik, Bil- rechnungen. Sie nehmen als Basis die langfristige
dung und Ausbildung. Berechnung für die Einnahmen und Ausgaben der
Rentenversicherung, die die Bundesregierung dem
Zum zweiten Hauptabschnitt zählen die großen
Parlament vorgelegt hat. Diese Zahlen entsprechen
Tatbestände an der Basis des Arbeitslebens: das
dem Erkenntnisstand vom November 1969. Sie gehen
Arbeitsrecht, insbesondere also Betriebsverfassungs-
davon aus, daß das Einkommen der Arbeitnehmer
gesetz, Personalvertretungsgesetz und die Mitbe-
1970 um 11% pro Kopf steigen wird.
stimmung, der Arbeitsschutz — den man besser Ar-
beitnehmerschutz nennen sollte — mit Unfallfor- Wie ich in meiner Rede anläßlich der Streichung
schung und Unfallverhütung, aber auch die wichtige des Rentnerkrankenversicherungsbeitrages gesagt
Frage der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. habe, ist die Einkommensentwicklung in diesem
Jahre so günstig verlaufen, daß die Bundesregie-
Zum dritten Hauptabschnitt rechnet die Alters- rung ihre Schätzungen für 1970 ändern mußte. Des-
sicherung des nachberuflichen Lebens. Hierher ge- wegen geht das Sozialbudget wie der Jahreswirt-
hören die Überlegungen über die Einführung einer schaftsbericht von einer aktuelleren Zahl aus, näm-
flexiblen Altersgrenze. lich einer Lohn- und Gehaltsentwicklung von 12%.
Der vierte Hauptabschnitt schließlich hat in den Sie finden diese Zahlen auf Seite 58 des Sozial-
letzten Jahren an Bedeutung und Gewicht gewon- budgets. Für die Berechnungsperiode des Sozial-
nen. Er umschließt unter anderem Krankenversiche- budgets, also von 1969 bis 1973, ergibt sich daraus
rung, Rehabilitation, Fortbildung und Umschulung eine durchschnittliche Entwicklung der realen Netto-
sowie Sozialhilfe. löhne und -gehälter je abhängig Beschäftigten von
4,4 %.
Lassen Sie mich aus dem Soizalbericht 1970 zu-
Inzwischen ist die Annahme einer 12%igen Lohn-
nächst den Zahlenteil betrachten. Das Rechenwerk
steht auf dem Boden der volkswirtschaftlichen steigerung, wie sie der Jahreswirtschaftsbericht und
Grundannahmen, die der mittelfristigen Zielprojek- das Sozialbudget unterstellen, wiederum als zu
niedrig anzusehen. Nach dem derzeitigen Erkennt-
tion und der mehrjährigen Finanzplanung der Bun-
desregierung zugrunde liegen. Der Vorwurf der nisstand erhöht sich die reale Zuwachsrate auf
durchschnittlich 4,8%.
Opposition, das Sozialbudget halte sich nicht im
Rahmen der mittelfristigen Projektion der Bundes- Meine Damen und Herren, Sie sehen daraus, daß
regierung, ist absurd. Herr Kollege Katzer, Sie wis- die Bundesregierung ihre Behauptung, die realen
sen aus Ihrer Regierungstätigkeit, daß kein Bundes- Nettoeinkommen der Arbeitnehmer würden von
arbeitsministerium eine sozialpolitische Vorausrech- 1969 bis 1973 zwischen 4 und 5% jährlich wachsen,
nung vorlegen kann, die nicht mit allen beteiligten voll aufrechterhalten kann.
Häusern gerade in den Grundannahmen sorgfältig
abgestimmt ist. Das Sozialbudget beruht — davon (Beifall bei den Regierungsparteien.)
können Sie ausgehen — in seinen Annahmen voll Das kann sie um so mehr, als diese Zahlen nach
auf derselben Wirtschaftsprojektion, die der mehr- derselben Methode errechnet wurden, die im Sozial-
jährigen Finanzplanung zugrunde liegt. budget 1968 einen Zuwachs von 3 bis 4 % ergeben
Das Rechenwerk unterstellt aus methodischen hat.
Gründen für die Periode bis 1973 unveränderte Interessant finde ich in diesem Zusammenhang
sozialpolitische Gegebenheiten, mit Ausnahme sol- die Projektion der CDU/CSU, daß der Zuwachs der
cher Ausgabepositionen, die die Bundesregierung realen Nettoeinkommen bei den Arbeitnehmern in
in ihrem mehrjährigen Finanzplan beschlossen hat. den nächsten Jahren nur 2,5% betragen soll. Die
Unter diesen Voraussetzungen kommt der Sozial- Bundesregierung teilt diese Zielvorstellungen nicht.
bericht 1970 zu drei wesentlichen Ergebnissen: Sie wird dafür sorgen, daß durch eine Politik der
Vollbeschäftigung die Einkommensentwicklung der
Erstens. Das geltende Sozialrecht beeinträchtigt Arbeitnehmer auch in der Zukunft günstig sein
nicht das weitere Wachstum der Wirtschaft. wird.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2503

Bundesminister Arendt
Im Überblick errechnet das Zahlenwerk des So- mische Gesellschaft charakterisieren. Ich stelle diese
zialberichts folgende Positionen. Die gesamten Auf- Ergebnisse voran, weil sie für alle sozialen Teilbe-
wendungen für die soziale Sicherung werden im reiche und für alle sozialpolitischen Überlegungen
Jahrfünft 1969 bis 1973 um 45,4% auf fast 179 Mil- gelten.
liarden DM steigen. Innerhalb der sozialen Siche-
Erstens. Wachsendem privatem Wohlstand steht
rung ergeben sich beträchtliche Verschiebungen.
ungenügende Deckung des öffentlichen Bedarfs ge-
Von den fünf großen Teilfunktionen weisen vier
genüber.
wachsende Leistungen aus. In runden Zahlen — ein-
schließlich bestimmter Überschneidungen — werden Zweitens. Es bestehen erhebliche regionale Un-
die Leistungen für die Alterssicherung auf 47 Mil- gleichgewichte im Grad der Industrialisierung und in
liarden DM, die Leistungen für Gesundheitssiche- der Erreichbarkeit sozialer Dienste.
rung auf 44 Milliarden DM steigen. Besonders be-
merkenswert erscheint mir, daß die Aufwendungen Drittens. Die berufliche Umschichtung bringt neue
für vorbeugende, wiederherstellende und wieder- soziale Risiken.
eingliedernde Maßnahmen, die unter dem Stichwort Viertens. Das Wirtschaftswachstum führt zeitwei-
„produktive Leistungen" zusammengefaßt sind, lig oder strukturell zu schwerwiegenden Unter-
überdurchschnittlich wachsen und im Jahre 1973 schieden in Einkommen und Vermögen.
annähernd 38 Milliarden DM ausmachen werden.
Die Zahlen für die soziale Sicherung enthalten erst- Fünftens. Diese Disparitäten lösen sich nicht von
mals auch betriebliche Leistungen und soziale selbst auf.
Steuervergünstigungen. Die betrieblichen Sozial-
Innerhalb des vorberuflichen Bereichs stellt sich
leistungen werden auf über 19 Milliarden DM an-
die Aufgabe einer verbesserten, chancengerechteren
wachsen. Dagegen werden die indirekten öffent-
Ausbildungsförderung. Der mehrjährige Finanzplan
lichen Sozialleistungen — insbesondere Steuerver-
der Bundesregierung enthält Mittel, mit denen eine
günstigungen für Ehepaare, Kinder und Altersfrei-
umfassende gesetzliche Regelung der Ausbildungs-
beträge — relativ abnehmen, aber immer noch fast
förderung von der Grundschule bis zur Hochschule
19,5 Milliarden DM betragen.
verwirklicht werden soll.
Das funktionale Rechenwerk des Sozialberichts Ein Sonderproblem ist die Frage der elternunab-
führt zu folgenden wesentlichen Ergebnissen. Die hängigen Förderung. Sie stellt sich mit dem wach-
Leistungen für alte Menschen und Hinterbliebene senden Streben der jungen Generation nach Unab-
und die produktiven Leistungen wachsen über- hängigkeit. Die Bundesregierung prüft zur Zeit auf
durchschnittlich. Absolut, also in Mark und Pfennig, der Basis des Ausbildungsförderungsgesetzes und
steigen auch die Familienleistungen und die Leistun- an Hand ausländischer Erfahrungen, ob und wie sie
gen für Kriegsfolgen weiter. Die öffentlichen Sozial- ihre Förderungspolitik in diese Richtung erweitern
leistungen werden 1973 einen Anteil von knapp kann. Hier stehen hohe Haushaltsbeträge zur Rede.
19% am Bruttosozialprodukt haben. Der öffentliche Ob für eine familienunabhängige Förderung künftig
Anteil an der Finanzierung der sozialen Sicherung neben verlorenen Zuschüssen auch die Form des
bleibt mit rund 40% im wesentlichen unverändert. Darlehens benutzt werden kann, ist noch offen.
Die Finanzierung aus Beiträgen und öffentlichen Das Ausbildungsförderungsgesetz, das am 1. Juli in
Mitteln ist gesichert. Kraft tritt, verwirklicht die familienunabhängige
In diesem letzten Jahr der Übersicht wird das Förderung schon für den zweiten Bildungsweg. Wei-
-
Sozialbudget einen Finanzierungsüberschuß von vier terhin wird im Bereich der Bundesanstalt für Ar-
bis fünf Milliarden DM ausweisen. Das beweist, wie beit bei volljährigen oder verheirateten Personen
solide die Finanzierung der sozialen Sicherung ist. in betrieblicher Ausbildung oder in der Ausbildung
Wenn die Opposition meint, der Spielraum für so- für Sozialberufe das Elterneinkommen nicht mehr
zialpolitische Maßnahmen sei enger als das Sozial- auf den Ausbildungsbedarf angerechnet. Gleiches
budget ausweist, gilt auch für die Teilnehmer an einer beruflichen
Fortbildung oder Umschulung.
(Abg. Franke [Osnabrück]:: Das hat Herr
Auerbach gesagt!) Die Bundesregierung wird Ihnen, meine Damen
und Herren, Vorschläge zur Vervollständigung des
dann muß ich darauf hinweisen, daß von dieser Ersten Ausbildungsförderungsgesetzes machen, die
Regierung bisher nirgendwo erklärt wurde, daß nur mit Jahresbeginn 1973 wirksam werden sollen.
im Rahmen dieses Überschusses Sozialpolitik be-
trieben werden soll. Aus- und Fortbildung bestimmen immer mehr die
Berufschancen, das Einkommen und damit die ge-
(Beifall bei der SPD.)
sellschaftliche Stellung des einzelnen. In Zukunft
Nach diesem Überblick über den finanziellen Hin- sollen berufsbezogene Bildungswege bis zur Hoch-
tergrund der nahen sozialpolitischen Zukunft möchte schule reichen. Berufliche Bildung muß als gleich-
ich einige Hauptlinien nachzeichnen, die sich aus rangiger Bestandteil der gesamten Bildungsreform
der Bestandsaufnahme des Sozialberichts 1970 er- verstanden werden.
geben. (Beifall auf allen Seiten. — Abg. Katzer:
Die Untersuchungen, die wir für den Sozialbericht Schon einmal gehört, Herr Kollege! — Abg.
angestellt haben, bestätigen bestimmte, aus Wissen- Franke [Osnabrück] : Wo haben Sie das ab
schaft und Praxis belegte Tatsachen, die eine dyna- geschrieben? Bei Herrn Katzer?)
2504 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Bundesminister Arendt
Einige Möglichkeiten, die sich aus dem Berufs- Anfang nächsten Jahres wollen wir den Entwurf zu
bildungsgesetz ergeben, haben wir inzwischen auf- einem Zweiten Arbeitsrechtsbereinigungsgesetz vor-
gegriffen. So wird die Berufsbildungsforschung im legen. Noch in diesem Jahr soll eine Sachverstän-
neuen Bundesinstitut in Berlin konzentriert. Wir digenkommission gebildet werden, die ein Arbeits-
werden Inhalte und Ziele der Berufsbildung neu gesetzbuch vorbereiten soll.
fassen und sie an Veränderungen anpassen müssen. (Sehr gut! bei der SPD.)
Der berufsbildende Fernunterricht soll weiterent-
wickelt und verstärkt angewandt werden, wobei das Zum Betriebsverfassungsgesetz, meine Damen und
Fernsehen bislang noch nicht genutzte Möglichkei- Herren, werden wir noch in diesem Jahr eine
ten eröffnet. Novelle einbringen. Sie soll eine bessere Beteili-
gung der Arbeitnehmer an den betrieblichen Ent-
Die Berufsausbildung muß in wesentlichen Teilen scheidungen im personellen, im sozialen und im
neu geordnet werden. Viele Berufsbilder, Ausbil- wirtschaftlichen Bereich sichern. Zum Gutachten der
dungspläne und Prüfungsanforderungen sind über- Mitbestimmungskommission wird die Bundesregie-
holt und erneuerungsbedürftig. Sie entsprechen rung ihre Stellungnahme dem Bundestag in einer
nicht mehr dem Stand der Technik. besonderen Vorlage unterbreiten.
(Beifall bei der SPD.) Zum Jahresende wird auch der Vermögensbericht
vorliegen. Er wird Grundsätze und Modelle für den
Wir müssen uns auf eine systematisch geplante, weiteren Weg der Vermögensbildung in Arbeit-
sachlich und zeitlich gegliederte Berufsausbildung nehmerhand entwickeln. In die große Steuerreform
einstellen, die dem Menschen ebenso angemessen werden Voraussetzungen für eine breitere Vermö-
ist wie der Wirtschaft. gensbildung eingehen müssen. Den Ausbau der Sta-
(Abg. Katzer: Melden Sie das jetzt bei tistiken über Vermögen und Einkommen zu einem
Ihrem Bundeskanzler an? Oder wem sagen aussagefähigen Instrument halten wir für dringend
Sie das?) erforderlich. Jetzt schon erhofft sich die Bundes-
regierung vom Dritten Vermögensbildungsgesetz
— Ich sage das auch Ihnen!
Anstöße für die Tarifparteien, in großem Umfang
(Abg. Wehner: Warum werden Sie schon vermögenswirksame Leistungen zu vereinbaren. Die
nervös? Warten Sie noch eine Weile! — laufenden Verhandlungen und Erklärungen der
Gegenruf von der CDU/CSU: Überhaupt Tarifparteien bestätigen die Erwartungen der Bun-
nicht r Denken Sie etwa, Sie bringen uns desregierung.
aus der Ruhe?)
Das Gewicht der Arbeits- und Berufsförderung hat
Im Zusammenhang mit der Steuerreform strebt sich von Absicherung und Vermittlung zu aktiver
die Bundesregierung an, die beiden Gleise des Fa- Planung verlagert. Die Bundesanstalt für Arbeit
milienlastenausgleichs, Kindergeld und Steuerver- setzt in diesem Jahr nahezu die Hälfte ihres Haus-
günstigung, zusammenzulegen. Noch in diesem Jahr halts von drei Milliarden Mark für arbeitsmarkt-
soll das Kindergeld verbessert werden, das seit politische und berufsfördernde Maßnahmen ein.
dem Jahre 1964 unverändert geblieben ist. Etwa die Hälfte der Rücklagen der Bundesanstalt in
(Zuruf von der CDU/CSU: Auf Grund Höhe von sechs Milliarden Mark wird umlaufend
unseres Antrags!) dazu genutzt, Arbeitsplätze zu schaffen oder umzu-
strukturieren. Die Arbeitsmarktpolitik wird engere
Für den zweiten Hauptabschnitt der Sozialpolitik,- . Verbindungen zur Strukturpolitik suchen müssen,
für die Phase des Arbeitslebens selbst, häufen sich insbesondere in der Landwirtschaft und in der
naturgemäßdiVohb.Ictesalumhr Textilwirtschaft.
Einverständnis, wenn ich summarisch aufzähle und
Die Bundesregierung untersucht im Arbeitskreis
für Einzelheiten auf den Text ides Sozialberichts ver-
„Automation" die Zusammenhänge zwischen tech-
weise. Die Hochtechnisierung verlangt einen Aus-
bau des Arbeitsschutzes oder, wie ich es vorhin nischem Fortschritt und seinen sozialen Auswirkun-
gen, um unerwünschte Folgen der Automation ab-
schon sagte, des Arbeitnehmerschutzes. Das Hohe
wenden zu können. Sie wird die Zusammenarbeit
Haus wird in Kürze über den Ausbau des Bundes-
innerhalb des Arbeitskreises organisatorisch ver-
instituts für Arbeitsschutz zu einer Bundesanstalt
für Unfallforschung und Arbeitnehmerschutz ent- bessern.
scheiden. Wir erwägen, für die innerbetriebliche Meine Damen und Herren, lassen Sie mich jetzt
Sicherheit der Arbeitnehmer eine einheitliche ge- zur nachberuflichen Lebensphase einige Bemerkun-
setzliche Grundlage zu schaffen. Solche Überlegun- gen machen!
gen fordert die in der Regierungserklärung ange-
Um die Alterssicherung der Bevölkerung zu ver-
kündigte Humanisierung des Arbeitslebens von bessern, arbeiten wir an Lösungen, noch nicht ge-
uns. sicherte Selbständigen-Gruppen in die soziale Ren-
(Beifall bei der SPD.) tenversicherung aufzunehmen.
Veränderte Tatbestände im Arbeitsleben, Wand-
Wie Ihnen bekannt ist, ergänzt die betriebliche
lungen in der Rechtsprechung und die Ordnungs-
die gesetzliche Altersversorgung in beachtlichem
funktion der Tarifparteien erfordern die Weiter-
Umfang. Sie leidet jedoch überwiegend daran, daß
entwicklung des kollektiven Arbeitsrechts.
Pensionsansprüche beim Arbeitsplatzwechsel ver-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD.) fallen und die Leistungen nicht der wirtschaftlichen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2505
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Entwicklung angepaßt werden. Die Bundesregierung kein Geheimnis - vor einer Vielzahl von Fragen,
strebt an, solche auch von vielen Arbeitgebern die gelöst werden müssen. Dabei hilft uns eine
anerkannten Mängel abzubauen. Sachverständigenkommission. Sie hat vor wenigen
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich jetzt Tagen ihre Arbeit aufgenommen.
zu einem ganz wichtigen Problem kommen! Die seit Die Bundesregierung hat für die Wiedereinglie-
Jahrzehnten bestehende starre Altersgrenze von derung behinderter und beschädigter Menschen in
65 Jahren in der Rentenversicherung entspricht Arbeit und Gesellschaft ein Aktionsprogramm ent-
nicht mehr den wirklichen Verhältnissen in den wickelt und der Öffentlichkeit übergeben. Der Rang,
Betrieben. den die Aufgabe der Wiedereingliederung besitzt,
(Beifall bei der SPD.) wurde in der Regierungserklärung hervorgehoben.
Die große Zahl der vorzeitig aus dem Arbeitsleben Darin verpflichtet sich die Bundesregierung, den
ausscheidenden Menschen spricht eine eindeutige Benachteiligten und Behinderten Chancen zu eröff-
Sprache. Für alle Versicherten ist im Hinblick auf nen, wo immer dies möglich ist. Uns geht es darum,
die unterschiedlichen Berufsanforderungen und die daß alle Behinderten alle 'gebotenen Hilfen schnell
unterschiedliche individuelle Leistungsfähigkeit in und unbürokratisch erhalten.
den verschiedenen Wirtschaftsbereichen die starre (Allgemeiner Beifall.)
Grenze eine unbefriedigende Lösung.
Geld und Gesetze allein aber können nicht schaf-
(Zustimmung bei der SPD.) fen, woran es den Behinderten vor allem fehlt:
Ich stelle mir vor, daß schon bald der Arbeitneh- Aufgeschlossenheit und Anteilnahme. Deshalb wird
mer innerhalb gewisser Zeitspannen zwischen Ren- die Bundesregierung überall um Verständnis für
tenbezug und Arbeit wählen kann. Wir berechnen die Behinderten werben. Sie wird sich bemühen,
jetzt die möglichen Auswirkungen auf den Arbeits- daß die äußeren Hindernisse abgebaut und die
markt, auf die Volkswirtschaft, auf die Finanzwirt- psychologischen Hemmnisse überwunden werden,
schaft, und wir werden Modelle für die Gesetz- die den Behinderten noch vielfach von einer Teil-
gebung entwickeln. Außerdem suchen wir mit Hilfe nahme am Leben der Gesellschaft ausschließen.
einer Umfrage mehr Aufschluß über die Einstellung
der Bevölkerung zu einer flexiblen Altersgrenze zu Meine Damen und Herren, ich habe hier nur zu
gewinnen. einigen wichtigen Problemen Ausführungen ge-
macht. Diese und viele andere Fragen müssen in
Natürlich, meine Damen und Herren, ist für die der nächsten Zeit angepackt werden.
freie Entscheidung eines Arbeitnehmers, früher oder
später aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, die Dieser Sozialbericht 1970 muß aber auch in Ver-
Kenntnis der jeweiligen Höhe seiner Rente die bindung mit der Regierungserklärung gesehen wer-
wichtigste Voraussetzung. Deshalb wollen wir jeden den. Sozialbericht und Regierungserklärung sind
Versicherten in regelmäßigen Abständen durch das sozialpolitische Kursbuch dieser Regierung. Wie
einen Kontoauszug über seinen Rentenanspruch ein roter Faden zieht sich durch alle bisherigen
informieren. Maßnahmen der Regierung das Streben nach grö-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ßerer sozialer Gerechtigkeit.

Dazu werden wir die Rentenberechnung verein- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
fachen müssen. Wir haben jetzt Bestimmungen, die Denken Sie an die Verbesserung des Kriegsopfer
vom Versicherungsträger umfangreiche und lang- rechts mit den strukturellen Verbesserungen und
wierige Einzelermittlungen verlangen. Das Ergeb-- der Dynamisierung; denken Sie an die Verbesserung
nis dieser Ermittlungen macht die Rentenberech- des Unterhaltsgeldes für Umschüler; denken Sie an
nung undurchsichtig. den Wegfall des Krankenversicherungsbeitrages für
Die Bundesregierung wird dem Gesetzgeber Vor- Rentner; denken Sie an die Vorlage des Dritten
schläge unterbreiten, solche Bestimmungen auf das Vermögensbildungsgesetzes, und denken Sie an die
wirklich Unentbehrliche zu kürzen. Das ist eine vom Kabinett beschlossene Erhöhung und Dynami-
Voraussetzung für den regelmäßigen Kontoauszug. sierung der Krankenversicherungspflichtgrenze für
Ich hatte kürzlich Gelegenheit, bei der Bundes- Angestellte und an die Einführung des Arbeitgeber-
knappschaft die ersten Kontoauszüge an Ver- anteils zum Krankenversicherungsbeitrag für alle
sicherte auszugeben. Angestellten.
Jeder Versicherte wird eine Versicherungsnum- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
mer erhalten; das ist unumgänglich. Eine Rechtsver- Bei diesen und vielen anderen Vorhaben richtet
ordnung wird es noch in diesem Jahr Arbeitgebern sich die Regierung nach den Grundsätzen der größe-
mit Datenverarbeitungsanlagen gestatten, für die ren sozialen Gerechtigkeit. Natürlich sind Aktivität
Vergabe von Versichertennummern wesentliche und Initiative erforderlich, wenn der Auftrag des
Angaben mittels Magnetband zu machen. Grundgesetzes erfüllt und der soziale Rechtsstaat für
Lassen Sie mich einige Bemerkungen zu Proble- alle verwirklicht werden soll. Vor diesem Hinter-
men machen, die sich durch das zeitweilige Aus- grund ordnen sich die Teilfunktionen der Sozialpoli-
scheiden aus dem Berufsleben ergeben! Bereits in tik zu einem großen, geschlossenen Bild der sozialen
der Regierungserklärung hat der Bundeskanzler die Gegenwart, dessen Umrisse wir ausfüllen müssen.
Weiterentwicklung der sozialen Krankenversiche- Bis hierher, meine ich, sollte zwischen uns Überein-
rung angekündigt. Wir stehen dabei — das ist gar stimmung bestehen.
2506 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Bundesminister Arendt
Lassen Sie mich aber nachdrücklich sagen, meine Ich freue mich, Herr Kollege Arendt, daß Sie das
Damen und Herren, dieser Sozialbericht 1970 ist kein aufgegriffen haben. Ich sage das ohne jede Polemik.
Bericht der „offenen Fragen". Er ist sachlich voll- Ich sage das deshalb, weil ich der Meinung bin, daß
ständig, inhaltlich geschlossen und finanziell solide. uns im Bereich der beruflichen Bildung das nicht
passieren darf, was im Bereich der akademischen
(Beifall bei den Regierungsparteien. —
Bildung leider geschehen ist. Hier sollten wir ge-
Abg. Katzer: Das ist .die Frage!)
meinsam rechtzeitig alle Anstrengungen machen.
Natürlich enthält der Sozialbericht auch offene Ich möchte Sie einladen — vielleicht können Sie
Fragen. Wir sind nämlich nicht so vermessen, zu dazu eine Bemerkung machen —, den Weg zu ge-
glauben, wir hätten auf alle Fragen schon jetzt hen, den ich bei der Verabschiedung des Arbeits-
Antworten. In einer sich schnell wandelnden Welt förderungsgesetzes angekündigt habe, indem ich
ist es wichtiger, Probleme zu erkennen, Fragen zu gesagt habe: so gut das Gesetz wohl sein mag, ich
stellen, Lösungen zu suchen, anstatt so zu tun, als glaube fast, daß wir von der Arbeitslosenversiche-
sei die Welt in bester Ordnung. rung zur Arbeitsförderung nur den ersten Schritt
(Beifall bei den Regierungsparteien.) bewältigen und uns der Durchbruch im Grunde erst
gelingen wird, wenn wir den zweiten Schritt mutig
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum setzen, nämlich den, von der Bundesanstalt für
Schluß sagen: ich will mich gar nicht bei dem von Arbeit weg und zur Bundesanstalt für Arbeit und
der Opposition immer wieder erneuerten Vorwurf berufliche Bildung zu kommen, damit wir diesen
aufhalten, die Verwirklichung der inneren Refor- gesamten Bereich einbeziehen.
men lasse auf sich warten. Falsches wird durch
Wiederholungen nicht richtiger. Die Bundesregie- (Beifall bei der CDU/CSU.)
rung wird mehr soziale Gerechtigkeit ins Land brin- Ich weiß, da gibt es Probleme der Länder.
gen. Darauf können Sie sich verlassen.
(Zuruf von der SPD: Nicht nur!)
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
rufe von der CDU/CSU.) — Es gibt Probleme der Länder, und es gibt andere
Probleme. Aber ich meine, das ist der Überlegung
Das bedeutet tiefgreifende Veränderungen. Warum wert, das ist ein Sprung nach vorne und nicht ein
auch nicht! Beharren auf dem, was wir hier gehört haben.
(Abg. Liehr: Auch gegen den Widerstand (Zuruf von der SPD: Den hätten Sie vor
der Opposition! — Zuruf des Abg. einem Jahr schon machen können bei der
Härzschel.) Verabschiedung des Arbeitsförderungs
Für uns ist soziale Gerechtigkeit Aufforderung und gesetzes!)
Verpflichtung, für alle Menschen die bestmögliche — Man kann nicht alles auf einmal machen, Herr
soziale Wirklichkeit zu schaffen. Der Sozialbericht Kollege.
1970 weist dazu den Weg. (Aha-Rufe von der SPD.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
— Aber Sie sind ja jetzt erst da, wo ich damals
anfing. Das ist doch der bedauerliche Punkt. Ich
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr weiß, daß Sie das schmerzt.
Abgeordneter Katzer. Seine Redezeit ist auf 45 Mi-
nuten festgesetzt. (Zuruf von der SPD: Warum denn so über
- heblich?)
Katzer (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr — Ach, ich lese das jeden Tag in der Zeitung, lieber
verehrten Damen und Herren! Herr Kollege Arendt, Herr Kollege. Ich weiß, daß Sie das schmerzt, und
Falsches wird natürlich durch Wiederholungen nicht das hat mit Überheblichkeit nicht das geringste zu
richtiger, .aber Wiederholungen, wie wir sie eben tun.
von Ihnen gehört haben, machen bereits Gesagtes Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat am 16. April
auch nicht interessanter. Denn was Sie hier darge- die Vorlage des Sozialberichts und des Sozialbud-
stellt haben, ist doch im wesentlichen — ich komme gets begrüßt. Die Bundesregierung führt damit die
nachher darauf zurück — eine Wiederholung von Arbeiten fort, die wir in der Großen Koalition auf
Ankündigungseffekten, eine Wiederholung von Din- diesem Feld begonnen haben. Wir haben damals
gen, die wir in der Regierungserklärung im Grunde bedauert, daß der neuaufgenommene programma-
schon gehört und damals kritisiert haben. tische Teil von seiten der Bundesregierung nicht
Über eines freue ich mich, nämlich über Ihre Be- erkennen läßt, welches gesellschaftspolitische Ge-
merkung zur beruflichen Bildung. Sie wissen, daß samtkonzept die Bundesregierung verfolgt. Nach
ich in den letzten vier Jahren in diesem Hohen den Äußerungen von Herrn Minister Arendt vermag
Hause nicht müde geworden bin, den Satz zu prä- ich auch hier und heute nicht zu erkennen, welche
gen, den Sie freundlicherweise jetzt wiederholt Priorität dieser oder jener sozialpolitischen Maß-
haben: daß die berufliche Bildung genauso zur Bil- nahme eingeräumt wird.
dungspolitik gehört wie unsere akademische Aus- (Beifall bei der CDU/CSU.)
bildung und daß die berufliche Bildung den gleichen
Rang hat wie die Bildung auf unseren Universitäten. Ich muß heute diesem Bedauern hinzufügen, daß das
Schließlich haben wir 1,4 Millionen Lehrlinge, mit Sozialbudget mit seinem auch für die volkswirt
denen wir es hier zu tun haben. schaftliche Gesamtrechnung bedeutsamen Teil nicht
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2507
Katzer
in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einge- — Ich kann es verstehen, aber wir werden Sie aus
bettet ist. Dazu werde ich nachher noch eine Bemer dieser Verantwortung dennoch nicht entlassen.
kung machen. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Ehe ich zum Sozialbericht spreche — Herr Kollege Aber das war nur eine Zwischenbemerkung, meine
Dr. Götz wird nachher zum Sozialbudget noch das Damen und Herren!
Wort nehmen —, lassen Sie mich eine kurze Vor-
bemerkung machen. Der Sozialbericht umfaßt 228 Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Seiten mit einer Fülle von Zahlen. Wir hatten zum Zwischenfrage?
Studium dieses Sozialberichts genau fünf Tage Zeit.
(Zuruf von der CDU/CSU: „Mehr Demo Liehr (SPD) : Herr Kollege Katzer, nachdem Sie
kratie!") hier so für Konkretisierung plädieren, darf ich eine
Der Bericht der Mitbestimmungskommission ist fast Ihrer Feststellungen aufgreifen und Sie fragen, ob
ebenso umfangreich. Er liegt bereits fünf Monate Sie, wenn die jetzige Bundesanstalt für Arbeit Bun-
vor, und die Bundesregierung ist bis heute nicht in desanstalt für Arbeit und Berufsbildung heißen soll,
der Lage, uns ihre Stellungnahme zu diesem Gut- beabsichtigen, den ganzen Bereich der beruflichen
achten der Mitbestimmungskommission zu geben. Bildung von den Kammern wegzuziehen und auch
eine eigenständige Finanzierung einzuführen.
(Abg. Wehner: Da kann man nur lachen,
wenn man das hört!)
Katzer (CDU/CSU) : Herr Kollege, im Interesse
— Da brauchen Sie nicht zu lachen, Herr Wehner! der Vervollkommnung der beruflichen Bildung sind
Ich an Ihrer Stelle würde weinen! mir Institutionen und Einrichtungen nur von sekun-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner: därer Bedeutung. Mir kommt es darauf an, eine
Weinen Sie doch ruhig! — Weitere Zu möglichst leistungsfähige Form zu finden. Aber
rufe von der SPD.) natürlich habe ich hier vor allem von der Förderung
der beruflichen Bildung gesprochen.
— Ich weiß nicht, warum Sie darüber lachen.
Nun ist das Sozialbudget der weitaus wichtigste
(Zurufe von der SPD.) Teil des Sozialberichts. Das Sozialbudget wurde von
— Entschuldigen Sie, warum lachen Sie denn dar- der Regierung der Großen Koalition erstmals 1968
über? vorgelegt. Wir haben damals die Aufgaben des
(Abg Wehner: Sie werden mir das doch Sozialbudgets wie folgt zu präzisieren versucht: Dar-
noch gönnen, daß ich Ihre neuerliche Eile stellung der gegenwärtigen und mittelfristig zu er-
mit zunehmendem Alter bewundere!) wartenden Sozialleistungen, Informationsquelle und
schließlich Orientierungs- und Entscheidungshilfe.
— Entschuldigen Sie, ich finde, es ist hier ein ganz Diese Aufgaben hat das erste Sozialbudget erfüllt.
erheblicher Unterschied, Herr Kollege Wehner! Vor-
hin kam der Zwischenruf: „Und was machen Sie?" Ich begrüße es namens der gesamten Fraktion, daß
Wir haben im Wahlkampf nicht versprochen, die die Bundesregierung nun dieses zweite Sozialbudget
Mitbestimmungsfrage hier so, wie Sie es verspro- vorlegt. Auch dieses zweite Sozialbudget zeugt von
chen haben, zu behandeln. Sie stehen hier im Wort, einer bemerkenswerten Arbeit der Angestellten und
und deshalb finde ich es — ich werde nachher noch Beamten des Bundesministeriums für Arbeit und
dazu kommen — nachgerade etwas peinlich, wie Sozialordnung, besonders der Statistiker. Ich glaube,
hier angebliche oder vermeintliche Prioritäten nicht- wir sind ihnen allen an dieser Stelle ein Wort des
gesetzt werden. Das bedauere ich, und darüber soll- besonderen Dankes schuldig für die viele Arbeit, die
ten auch Sie traurig sein; denn das ist ein Punkt, den hier geleistet worden ist.
Sie in der Wahlauseinandersetzung besonders in (Beifall.)
Nordrhein-Westfalen ganz groß nach vorn geschrie- Schon im ersten Sozialbudget war dargestellt und
ben haben. ausgeführt worden, daß wir auch die funktionale
(Abg. Wehner: Wo Sie so sehr geholfen Gliederung beachten müssen. Diese mit erheblichen
haben, wo Sie sich direkt übernommen Schwierigkeiten verbundene Arbeit hat das Arbeits-
haben! Man sieht es Ihnen noch an!) ministerium geleistet. Zwar scheint mir, daß die
funktionale Betrachtung noch etwas dünn ausgefal-
— Ich kann Ihnen meine Reden vorlegen, nicht nur len ist, aber ich gebe gern zu, daß es sich hier natür-
zu diesem Punkt, aber gerade zu diesem Punkt; lich nur um einen Anfang handeln kann. Auf Dauer
(Abg. Wehner: Es ging um das Ausüben gesehen, wird, meine ich, die funktionale Gliederung
von Ämtern damals!) einen viel größeren Erkenntnis- und Meinungsbil-
ich kann Ihnen meine Reden alle Punkt für Punkt dungswert haben als die überkommene Gliederung
vorlegen, Herr Kollege Wehner! Es geht darum, was nach Institutionen.
Sie im Wahlkampf versprochen haben und wie Sie (Zuruf von der SPD: Damit hätten Sie im
sich jetzt in dieser Frage verhalten. Ich kann ver- vorigen Jahr schon anfangen sollen!)
stehen, daß Sie nervös sind. — Natürlich haben wir im vorigen Jahr schon ange-
(Abg. Wehner: Wie Sie unsere Entwürfe fangen. Sie leben bis jetzt von dem, was wir vorher
behandelt haben, wie Sie sie nicht einmal geschaffen haben! Sie müssen sich endlich daran
zur Beratung gebracht haben!) gewöhnen, daß Sie in der Regierung sind! Sie haben
2508 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Katzer
hier zu verantworten, was Sie in diesem halben Jahr Wir haben mit dem ersten Sozialbudget nachge-
in der Regierung geleistet haben und was Sie nicht wiesen, daß die damaligen wirtschaftspolitischen
geleistet haben! Das ist die Position, von der aus Ziele der Bundesregierung, die ihren zahlenmäßigen
wir zu diskutieren haben! Ausdruck in der mittelfristigen Wirtschaftsprojek-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von tion gefunden haben, mit der Entwicklung der So-
der SPD.) zialleistungen genau in Einklang standen. Wir haben
— Sie sind sehr aufgeregt! Ich verstehe das. Sie alle Daten offengelegt. Wir haben auch die Kontroll-
haben eine schlechte Presse, und das macht Sie rechnung veröffentlicht, damit die geringste Mög-
nervös. lichkeit einer isolierten sozialpolitischen Rechnung
(Heiterkeit bei der CDU/CSU.) ausgeschaltet wurde. Herr Kollege Arendt, das fehlt
in dem von Ihnen vorgelegten Sozialbudget. Die
Meine Damen und Herren! Die im ersten Sozial- Kontrollrechnung in Form des Einbaus des Sozial-
budget beispielhaft aufgeführten Hauptkategorien
budgets in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
für eine funktionale Gliederung sind im wesentlichen fehlt überhaupt.
beibehalten worden: Alter, Gesundheit, Familie,
Erwerbs- und Berufsunfähigkeit. Allerdings scheint Deshalb zwei konkrete Fragen an Sie mit der
es mir mehr als ein Wortaustausch zu sein — viel- Bitte, sie uns zu beantworten. Erstens: Warum fehlt
leicht kann uns der Minister hierzu etwas sagen —, in dem neuen Sozialbudget die damalige Anlage III
wenn jetzt an den Tatbestand „Krankheit" ange- des letzten Sozialbudgets? Zweitens: Sind Sie be-
knüpft wird und nicht mehr von „Gesundheit" die reit, uns diese nachzuliefern? Ich würde darauf sehr
Rede ist. großen Wert legen.
Bedenklich muß es stimmen, daß die Vermögens-
Meine Damen und Herren, Sie sprachen von 4
bildung nicht mehr zu den Hauptkategorien einer
oder 5% Steigerung der Netto-Realeinkommen je
funktionalen Gliederung gerechnet wird. Wenig
abhängig Beschäftigten jährlich. Herr Kollege
sinnvoll erscheint es auch, im funktionalen Teil
Arendt, Sie haben nicht deutlich gemacht, woher
plötzlich wieder auf kausale Kategorien zurückzu-
diese Rechnung kommt. Es wird im Verlauf der De-
gehen und nach einer Verursachung durch „politische
batte etwas schwierig sein, dem unsere Gegenrech-
Ereignisse", „Arbeitsunfälle", „Berufskrankheiten"
nung, die Sie schriftlich bekommen haben, gegen-
und „sonstige Ursachen" zu unterscheiden. Vor allem
überzustellen. Das müssen wir aber tun. Denn Sie
das Kriterium „sonstige Ursachen", unter das etwa
90% der Leistungen fallen dürften, ist ohne jede sollten keine Illusionen wecken — Sie sollten eigent-
lich gewarnt sein —, die man nachher nicht erfüllen
Aussagekraft.
kann.
Wenn das Zahlenwerk des Sozialbudgets ernst (Beifall bei der CDU/CSU.)
genommen werden soll — hier komme ich zu einem
wichtigen Punkt, meine Damen und Herren —, ist Nach unseren Berechnungen — darüber müssen wir
eine volle Integrierung der wirtschafts- und finanz- uns unterhalten — werden eben nicht 4 bis 5% real
politischen Daten der Regierung in die Berechnun- mehr zur Verfügung stehen. Sie haben auf die
gen zum Sozialbudget unerläßlich. Ich habe auf die- Lohnsteigerungen hingewiesen, die in der Tat zu
sen Punkt bei der Erarbeitung des ersten Sozial- verzeichnen sind. Aber, Herr Kollege Arendt, Sie
budgets den größten Wert gelegt; denn nur so ist müssen doch auch die inzwischen sehr viel stärker
eine Gesamtschau von Sozial-, Wirtschafts- und angestiegenen Preise in Ihre Rechnung einbeziehen.
Finanzpolitik möglich.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Wir haben deshalb, Herr Kollege Arendt, beim
ersten Sozialbudget — ich bitte, das einmal nachzu- Dann ergibt sich nämlich am Ende eine andere Ent-
schlagen — in der Anlage III das Sozialbudget in wicklung, als Sie sie darstellen.
die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingebaut.
Vor allem müssen im Staatskonto der volkswirt- Sie wissen doch, daß Sie seinerzeit nicht eine
schaftlichen Gesamtrechnung die Zahlen des Sozial- Preissteigerung von 4% eingerechnet haben, son-
budgets erscheinen. Ein Widerspruch zwischen der dern eine geringere. Eine höhere Preissteigerung
gesamtwirtschaftlichen Zielprojektion und dem So- muß bei den Realeinkommen zweifelsfrei abgerech-
zialbudget, das ja ebenfalls eine mittelfristige Vor- net werden. Wir werden nachher noch im Detail auf
ausschau enthält, wäre für mein Empfinden uner- diesen Punkt eingehen. — Ich freue mich, daß Sie
träglich. zustimmen; denn ich bin .der Meinung, das ist wich-
tig. Es ist unendlich wichtig, daß man sich über die
Natürlich ist nur dann eine Übereinstimmung der
Grunddaten und Grundannahmen verständigt, ehe
Zahlenwerke zu erreichen, wenn sich die beteilig-
man zu den Details kommt.
ten Ministerien gegenseitig abstimmen. Ich habe
den Eindruck, daß der Kontakt zwischen Wirt- Nun zum Sozialbericht. Dieser Sozialbericht soll
schafts-, Finanz- und Arbeitsministerium nicht mehr offenbar über das Sazialbudget, das eine Beschrei-
so gut ist, wie er damals gewesen ist, als der Kol- bung .dessen enthält, was ist und was nach der gel-
lege Schiller einmal zu mir sagte, daß die Zusam- tenden Rechtslage sein wird, hinausgehen.
menarbeit zwischen unseren Häusern doch ausge-
zeichnet sei. (Zuruf von der SPD: Das ist neu!)
(Abg. Liehr: Hier ist wohl der Wunsch der — Das ist neu. Darauf habe ich damals verzichtet,
Vater des Gedankens!) weil die erstmalige Erstellung eines Sozialbudgets,
— Keine Sorge! das es sonst in der ganzen Welt nicht gibt, eine ge-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2509
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waltige Aufgabe war. Aber ich habe auch deshalb dieser Woche einen Gesetzentwurf zur Weiterfüh-
darauf verzichtet, weil ich mir sagte, daß eine bloße rung der Krankenversicherungsreform vorgelegt.
Aufzahlung dessen, was sozialpolitisch relevant oder (Abg. Liehr: Daß Sie sich da nicht überneh
wünschenswert ist, nicht ,genügt. Wenn man das tut, men! — Zuruf von der SPD: Sie wollten
müßte man in der Tat eine Antwort auf die Frage noch rasch fertig werden, damit er noch
geben, welche Prioritäten die Regierung in ihrem vorher herauskam!)
Programm setzt.
— Sie sollten sich doch freuen, wenn wir Ihnen da-
(Beifall bei der CDU/CSU.) mit helfen, über Ihre internen Probleme mit Ihrem
Koalitionspartner etwas schneller hinwegzukommen.
Doch wer diese Antwort im Sozialbericht 1970
sucht, erlebt eine Enttäuschung, und das, was wir (Beifall bei der CDU/CSU.)
mündlich vorgetragen bekommen haben, macht die Das war doch die Absicht.
Sachenitbsr.DIaldepogmti-
(Zuruf von der SPD.)
schen Teils besteht aus einer Reihe von Problemskiz-
zen, Wichtiges und Unwichtiges bunt gemischt. Ich — Hören Sie m al, Sie haben in den ersten hundert
will ohne Anspruch auf Vollständigkeit nur einige Tagen mit dem Argument gelebt: „Erst hundert
Beispiele nennen. Tage!" Jetzt sagen Sie: Zwanzig Jahre. Sie werden
nicht aus der Verantwortung kommen, daß Sie di e
Die wichtige Frage der beruflichen Bildunig wurde Regierung sind und daß Sie Antwort au geben haben
auf nur etwas mehr als zwei Seiten abgehandelt. auf die Fragen, die gestellt sind.
Ich freue mich ausdrücklich, daß der Minister in der
(Beifall bei der CDU/CSU.)
mündlichen Begründung auf diesen Punkt ausführ-
licher eingegangen ist. Ich habe dazu schon ein- Daraus können wir Sie nicht entlassen.
gangs gesprochen. (Abg. Dr. Schellenberg: Wir machen sogar
Gesetze! Da werden Si e staunen!)
Zur Vermögensbildung .enthält der Bericht auf gut
einrStgkäfFomuliernübd — Natürlich, Herr Kollege Schellenberg, wir haben
Vermögensverteilung, eine kurze und knappe Dar- ja auch welche gemacht. Ich kenne sogar einige,
stellung des 624-Mark-Gesetzes und die Ankündi- die wir zusammen gemacht haben, ,aber davon wol-
gungeines weiteren Berichts, nämlich des Vermö- len Sie nichts mehr wissen.
gensbildungsberichts. Nun, meine Damen und Her- Meine Damen und Herren, zur Frage der Mitbe-
ren, die Opposition, die sich als konstruktive Oppo- stimmung und Betriebsverfassung läßt sich — —
sition versteht, hat in dieser Frage gehandelt und
einen Gesetzentwurf vorgelegt, den wir in dem Ho- (Abg. Dr. Schellenberg: Tragen Sie jetzt die
hen Hause zusammen mit dem 624-Mark-Gesetz be- Konzeption der CDU vor? Auf die warten
raten haben. wir nämlich schon 20 Jahre!)
(Beifall bei der CDU/CSU.) — Herr Kollege Schellenberg, ich will Ihnen folgen-
des sagen: Sie sind da sehr nervös und mit Recht,
Das Presseecho haben wir gemeinsam verfolgen kön- denn Sie stehen hier dem Wähler gegenüber im
nen, auch die Stellungnahme der Sachverständigen. Wort, dem Sie das versprochen haben. Dieses Wort
Uns war ja vorher bekannt, was die Sachverständi- haben wir nicht. Wir haben auf allen unseren Ver-
gen sagen würden; sie hatten sich vorher geäußert. sammlungen gesagt: Wir haben einen Beschluß des
Das ist gar keine neue Position. Wir wollen gar nicht
- Berliner Parteitages, der heißt: „Offen in dieser
polemisieren. Es geht einfach darum: Wollen wir, Frage." Wir werden im November dieses Jahres
wie Sire, demjenigen, der 3,12 .DM sparen konnte, auf dem Hamburger Parteitag einen Beschluß fas-
noch einmal mit 312 DM begünstigen, nach dem sen, durch den sich die Christlich-Demokratische
Motto: „Wer hat, dem wird gegeben werden", oder Union in dieser Frage schlüssig entscheidet. Das
wollen wir für alle etwas in Gang setzen? Das ist haben wir vor den Wahlen gesagt, das haben wir
doch der Unterschied. während der Wahlen gesagt, und das sagen wir
jetzt nach den Wahlen.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Liehr:
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Wenn Sie an der Sachverständigenanhörung
teilgenommen hätten, hätten Sie jetzt an Das ist eine klare, saubere Position.
d ers gesprochen! — Gegenruf von der CDU/
Meine Damen und Herren, Sie brauchen in die-
CSU: Nein, das kann man verschieden
sem Bericht
deuten!)
(Zurufe von der SPD)
Ich sage nur dieses eine Beispiel jetzt. Ich werde — es geht hier um Prioritäten — eine halbe Seite
nachher noch weitere hinzufügen. für Mitbestimmung und Betriebsverfassung, eine
Abhandlung von besonderer Dürre und Lieblosig-
Herr Kollege Arendt, bei der Krankenversicherung keit für ein Thema, das seit 25 Jahren zu Ihren
soll die Reform offenbar überhaupt aufhören; denn Lieblingsthemen gehört hat.
in dem gesamten Bericht findet sich hierzu das Wort
„Reform" nicht. Zu dem, was jetzt an Ankündigun- Nun gut, meine Damen und Herren, man könnte
gen gebracht wird kann ich nur sagen, daß auch hier natürlich auch sagen, in der Kürze liege hier die
die Opposition gehandelt hat. Wir haben am Montag Würze. Ich würde das akzeptieren, wenn der knap-
2510 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Katzer
pen Darstellung der Problematik in ebenso knappen geschieht, das wäre eine Scheinaktivität, die wir
Worten die geplanten Maßnahmen der Regierung ablehnen und die vor allem den wirklichen Proble-
gefolgt wären. Dies ist aber in keinem der Punkte m en unserer Zeit nicht gerecht würde und zu tiefen,
geschehen. Ich bedaure das außerordentlich. auch für unser 'demokratisches Staatswesen gefähr-
Ich möchte auf die Fragen der Unfallversicherung lichen ,Enttäuschungen führen müßte.
für Schüler, denen der Bericht ganze zwei Zeilen Natürlich kann man erwarten, daß sich ein pro-
widmet — — grammatischer Sozialbericht über die tieferen Ziele
(Zuruf von der SPD.) des proklamierten Reformwillens ausläßt. Wenn
— Ein : CDU/CSU-Gesetzentwurf liegt vor. Wir haben man daraufhin das mit „Weiterentwicklung der
Sozialpolitik" überschriebene Kapitel durchliest,
ihn vorgelegt, Herr Kollege, das ist der Unterschied
zu Ihnen. Sie sind uns einen Entwurf heute noch stößt man auf folgende Zielsetzung der Regierung.
schuldig, und wir haben ihn vorgelegt. Genau das Da heißt es in Ziffer 24:
ist die Position, die wir hier zu sehen haben. Die Sozialpolitik soll die sich durch das Wirt-
(Beifall bei der CDU/CSU.) schaftswachstum ergebenden Spannungen mil-
dern.
Die Verheiratetenausschlußklauseln passen eben-
falls nicht mehr in die heutige soziologische Land- Meine Damen und Herren, hier muß ich der Regie-
schaft. Auch in diesem Punkt beschränkt sich der rung deutlich sagen, das ist zu wenig, das langt
Bericht darauf, eine Prüfung des Problems anzukün- nicht für eine konstruktive Sozial- und Gesellschafts-
digen. Ein entsprechender Gesetzentwurf der Oppo- politik. Haben wir denn nur auf wirtschaftlichem
sition liegt hier ebenfalls vor. Gebiet Wandlungen? Gibt es nicht ebenso tiefgrei-
fende Veränderungen im Bereich der Kunst, im Be-
Interessant ist, daß der Sozialbericht 1970 offen- reich des religiösen Lebens, im Bereich des geisti-
b ar in zwei Punkten von Aussagen der Regierungs- gen Lebens? Werden diese Veränderungen nicht
erklärung abrückt, jedenfalls kann man erkennen, Wirkungen haben, die mindestens so tiefgreifend
daß hier vorsichtig ein Absetzungsmanöver ansetzt: sind wie der Wandel auf wirtschaftlichem Gebiet?
Erstens. Nach der Regierungserklärung wollte (Beifall bei der CDU/CSU.)
die Regierung das Arbeitsrecht in einem Arbeits-
gesetzbuch zusammenfassen. Für Kenner der Ma- Gehört das denn nicht in eine große gesellschafts-
terie war diese Ankündigung nichts Neues. Schon politische Debatte? Ist denn die Unruhe unserer
frühere Bundesregierungen hatten hier Vorarbeiten Jugend etwa eine Folge nur des wirtschaftlichen
geleistet. Bei diesen Vorarbeiten war allerdings Prozesses, oder liegen hier die Ursachen nicht sehr
deutlich geworden, daß vor Schaffung eines Arbeits- viel tiefer? Liegen sie nicht vielleicht auch in einem
gesetzbuches zahlreiche Schwierigkeiten zu über- Absinken von Wertvorstellungen, die noch vor Jah-
winden sind. Nach der Lektüre des Sozialberichtes ren als absolut richtungweisend gegolten haben?
ergibt sich, daß die Regierung ,zwischenzeitlich offen- (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Killat
-
bar selbst zu dieser Einsicht gekommen ist; außer von Coreth: In Ihrem Sozialbericht stand
wiederum der Einsetzung einer Kommission wird darüber aber auch nichts drin!)
nichts mehr angekündigt. Offenbar ist in dieser
— Nein, ich habe das ja vorhin dargestellt!
Legislaturperiode nicht mehr mit einer Regierungs-
vorlage zu rechnen. Dafür hören wir von einem (Weitere Zurufe von der SPD.)
Zweiten Arbeitsrechtsbereinigungsgesetz, also der — Aber entschuldigen Sie, was ist das denn für
Fortsetzung dessen, was wir begonnen haben. eine primitive Methode?! Ich habe damals erstmalig
Zweitens. Auch von der Rentenberechnung nach ein Sozialbudget vorgelegt. Wir 'diskutieren doch,
Punkten, Herr Kollege 'Schellenberg, die im Wahl- um uns gegenseitig zu helfen, um weiterzukommen.
programm angekündigt und noch ins Regierungs- Begreifen Sie doch endlich diese Opposition als das,
programm übernommen worden ist, liest man im was sie ist.
Sozialbericht nichts mehr. Es wäre interessant, zu (Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von der
erfahren, ob dieses Projekt aufgegeben ist oder wie SPD: Sehr schwer!)
man hier jetzt denkt. Die Regierung will jetzt offen-
bar das von uns ausgearbeitete Programm durch- Sie ist für den Staat genauso wichtig wie die Re-
führen, das Kontoauszüge für den einzelnen Ver- gierung, nicht nur zu ihrer Kontrolle, sondern auch
sicherten und 'die Einspeicherung der Versicherungs- zu ihrer Belebung, die sie auf diesem Gebiet —
daten an Hand von Magnetbändern des Arbeit- nebenbei bemerkt — sehr nötig hat.
gebers und Versicherungsschecks vorsieht. (Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von
der SPD.)
Meine Damen und Herren, bei einem so ent-
täuschenden Maßnahmenkatalog, der nichts ent- Natürlich muß die Gesellschaftspolitik auf diese
hält, der keine Prioritäten setzt und keine politische Wandlungsprozesses — —
Aussagekraft besitzt, fragt man sich nach den tiefe- (Zuruf von der SPD: Zur Sache!)
ren Ursachen. Ich wäre dankbar, wenn wir das ge-
meinsam sähen. Die Regierung hat zwar innere — Ja, Sie begreifen das nicht. Es tut mir leid.
Reformen angekündigt, sie hat aber nicht deutlich (Abg. Rasner: Will oder kann nicht! —
gemacht, welche Ziele sie mit diesen Reformen ver- Weitere Zurufe von der CDU/CSU und
folgt. Reform um der Reform willen, nur damit etwas Gegenrufe von der SPD.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2511
Katzer
Für Sie ist „Sache" nur der Paragraph X der Reichs- Ein weiteres Ziel ist schon angesprochen worden,
versicherungsordnung. Ich bin aber der Meinung, und ich bin dem .Arbeitsminister dafür dankbar. Wir
daß die Gesellschaftspolitik auf diese Fragen Ant- müssen uns bemühen, der Vereinzelung des Men-
wort geben muß. schen zu begegnen; wir müssen Ebenen und Bereiche
des geistigen Austausches, des aktiven Mittuns und
Wenn Max Horkheimer als Endstufe der heutigen der Mitverantwortung in unserer Gesellschaft neu
Entwicklung finden und vergrößern.
(Zuruf von der SPD: Muß der auch noch Ich komme zum Schluß. Auch ich bin nicht ganz
dran!) zufrieden mit dem, was ich an Postulaten genannt
— ja, ich nehme das ernst — die total verwaltete habe. Das ist noch nicht vollständig. Da sind wir am
Welt sieht, können wir uns doch nicht einfach da- Arbeiten. Das ist ein Weg. Ich will hier nur sagen,
mit begnügen, Anpassungsschwierigkeiten beim wir sind auf diesem Wege, und Sie einladen: bege-
Wachstumsprozeß der Wirtschaft zu kurieren. ben Sie sich auch auf diesen Weg, die Zielsetzung
ins Auge zu fassen!
(Zuruf von der SPD: Phrasen, nichts als
Phrasen!) (Abg. Wehner: Das Wandern ist des Müllers
Lust!)
— Phrasen? Lesen Sie einmal den Sozialbericht nach.
Ich habe nur aus Zeitgründen keine Zitate aus die- — Sie machen immer sehr geistreiche Zwischenrufe.
sem Sozialbericht gebracht. Auf die Dinge, die darin (Erneuter Zuruf des Abg. Wehner.)
enthalten sind, können Sie in der Tat die Bezeich-
nung anwenden, die Sie sich jetzt erlaubt haben zu — Ja, ich muß gestehen: das ist sehr geistreich, Herr
bringen. Wehner, und ich meine, Ihr Konto an geistreichen
Zwischenrufen wäre allmählich erschöpft. Aber bitte,
Wir haben ja schon einige Sachen gemeinsam das sollen Sie halten, wie Sie wollen.
gemacht. Mir geht es doch darum — ich wäre dank-
Nur eine Gesellschaftspolitik, die ihre Zielsetzung
bar und glücklich, wenn wir das erkennen würden—,
weit faßt, wird in unserer Zeit des Umbruchs nicht
daß sich Sozialpolitik nicht einfach im Paragraphen- zum Scheitern verurteilt sein. Wenn ich mir das Ziel
gestrüpp verbergen darf, daß die Bürger die Sozial- der Gesellschaftspolitik dieser Regierung und den
politik müssen überschauen können und daß wir
Mangel an konkreten Vorschlägen betrachte, so muß
letztlich wieder zu klaren Wert- und Zielvorstellun- ich Ihnen, meine Damen und Herren von den Regie-
gen in der Sozialpolitik kommen müssen.
rungsfraktionen, sagen: Wer das Ziel nicht kennt,
(Beifall bei der CDU/CSU.) der wird den Weg dahin nicht finden.

Dazu gehören natürlich der Ausbau und die Erhal- (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
tung der sozialen Sicherung als Basis der Selbst- Den Kompaß können Sie bei uns leihen!)
behauptung des einzelnen. Dazu gehört natürlich
Sicherung und Ausbau der Freiheit und Gestaltungs- Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
räume. Ich habe ohnehin den Eindruck, daß wir uns Herren, wir hatten uns vorgenommen, bis 13 Uhr zu
so benehmen wie die Kinder: die wollen immer das tagen und dann zu unterbrechen. Wir beginnen um
Spielzeug, das sie nicht haben. Wir scheinen alle zu 14 Uhr mit der Fragestunde; um 15 Uhr wird diese
leicht zu vergessen, was Freiheit in einer gesell- Debatte fortgesetzt.
schaftlichen Ordnung für den einzelnen bedeutet. Ich unterbreche die Sitzung.
Das kann letztlich nur der begreifen, der die Unfrei-
heit erlebt hat. (Unterbrechung der Sitzung von 12.53 Uhr
bis 14.00 Uhr.)
Dazu gehört, Gestaltungsräume für den einzelnen
zu seiner schöpferischen Selbstverwirklichung — ich
möchte fast sagen — zurückzuerobern. Dazu gehört Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
die Gerechtigkeit für den einzelnen und die sozialen Die unterbrochene Sitzung ist wieder eröffnet.
Gruppen. Dazu gehört die Chancengleichheit—darin
Ich rufe Punkt 1 der Tagesordnung auf:
stimmen wir überein — in rechtlicher und tatsäch-
licher Hinsicht. Das gilt für unser Bildungswesen Fragestunde
und für die Vermögensverteilung. — Drucksachen V1//722, V1//731 —

Dazu gehört auch, daß der Zugang zu öffentlichen Der Herr Präsident hat die zwei Dringlichkeits-
Ämtern nicht von der Mitgliedschaft in einer Partei fragen des Herrn Kollegen Niegel aus dem Ge-
oder einer Organisation, wie immer sie heißen mag, schäftsbereich des Bundesministers für Ernährung,
abhängig gemacht werden darf. Landwirtschaft und Forsten zugelassen. Ich rufe
diese beiden Fragen — Drucksache VI//731 — hiermit
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Geiger: auf:
Auch nicht CV, Herr Kollege Katzer!) Welche Stellung nimmt die Bundesregierung gegenüber dem
soeben veröffentlichten sogenannten revidierten Mansholt-Plan
ein, und wie beurteilt die Bundesregierung insbesondere die
— Ich stimme mit Ihnen völlig überein, Herr Kollege, dort gemachte Aussage, daß landwirtschaftliche Betriebe künftig
und wenn Sie für Ihren Bereich das anwendeten, was u. a. nur noch gefordert werden können, wenn sie einen be-
reinigten Rohertrag in einer entsprechenden Höhe aufweisen?
ich in meinem angewendet habe, würden wir auch Wie wird sich der sogenannte revidierte Mansholt-Plan auf
in der Praxis übereinstimmen, was ich leider nicht die Struktur der deutschen Landwirtschaft auswirken und wie-
viel landwirtschaftliche Betriebe in der Bundesrepublik können
feststellen kann. danach künftig noch mit einer Förderung rechnen?
2512 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Katzer
Zur Beantwortung steht der Herr Parlamentari- 14 Tagen in „Agra-Europe" zu diesem Plan bereits
sche Staatssekretär Logemann zur Verfügung. Bitte konkret gemacht hat, wovon man heute im Plenum
schön! nichts erfährt?

Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär


beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten: Die Entwürfe der Kommission sind der und Forsten: Es geht hier um die konkreten Vor-
Bundesregierung noch nicht vorgelegt worden. Sie schläge der Kommission. Ich habe Ihnen gesagt, daß
befinden sich zur Zeit auf dem Wege von Brüssel sie auf dem Wege von Brüssel nach Bonn sein sol-
nach Bonne Dem Hohen Hause werden die Vor- len. Ich kann heute gerade zu diesen Vorschlägen
schläge auf dem üblichen Weg vorgelegt. nicht mehr sagen.
Es besteht die Möglichkeit, .daß sich z. B. der Er-
nährungsausschuß ausführlich mit den Vorschlägen Vizepräsident Dr. Schmitt -Vockenhausen:
beschäftigt. Eine Stellungnahme zu den Vorschlägen Eine weitere Zusatzfrage!
der Kommission ist derzeit nicht möglich.
Hinsichtlich Ihrer Frage zur Begrenzung öffent- Niegel (CDU/CSU) : Ich nehme an, Herr Staats-
licher Förderungsmittel für die Landwirtschaft ist die sekretär, daß aus der Presse zumindest die Tenden-
Bundesregierung der Auffassung, daß landwirtschaft- zen bekannt sind. Wird die Bundesregierung die in
liche Investitionen künftig nur in entwicklungsfähi- den Kommissionsvorschägen enthaltene Tendenz,
gen Betrieben gefördert werden sollen Die Abgren- wonach nur Betriebe mit einem hohen bereinigten
zung der zu fördernden Betriebe in künftigen Inve- Rohertrag gefördert werden sollen, billigen?
stitionshilfeprogrammen der Bundesregierung ist
augenblicklich Gegenstand noch nicht abgeschlosse-
ner Überlegungen innerhalb der Bundesregierung Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
und mit den Ländern. beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten: Herr Kollege, eine Äußerung hierzu
Über die Auswirkungen der Kommissionsvor- wäre wiederum eine Stellungnahme zu Presseäuße-
schläge auf die Struktur der deutschen Landwirt- rungen, und das lehne ich ab. Es liegt, wie gesagt,
schaft läßt sich aus den oben dargelegten Gründen hier kein konkretes Papier vor. Ich kann deshalb
im gegenwärtigen Stadium noch nichts aussagen. hier auch nicht zu Einzelheiten Stellung nehmen.

Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:


Eine Zusatzfrage! Vizepräsident Dr. Schmitt -Vockenhausen:
Bitte schön, noch eine Zusatzfrage!
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, heute
morgen wurde von Ihrem Kollegen die neuerdings Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind Sie
„starke Stellung der Bundesregierung in Brüssel" mit mir der Meinung, daß nach dem, was aus der
erwähnt. Ich frage Sie: Wie verträgt sich diese an- Presse zu entnehmen ist, im Höchstfall nur noch 5 %
geblich starke Stellung der Bundesregierung damit, der deutschen Betriebe in den Genuß der Förderung
daß sie noch nicht über diese für unsere Landwirt- kommen wird, wenn der revidierte Mansholt-Plan
schaft weitestreichenden Auswirkungen informiert angenommen wird, und daß der revidierte Mans-
wurde, zumal die COPA, die Organisation der Bau- holt-Plan in der alten Form durch eine Hintertür
ernverbände, seit acht Wochen im Besitz der Unter- neu aufgelegt wird?
lagen ist und die deutsche Presse sich am vergan-
genen Wochenende ausgiebig damit befaßt hat?
Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
und Forsten: Herr Kollege, diese Frage könnte ich
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
wirklich nur dann beantworten, wenn ich das Papier
und Forsten: Herr Kollege, mir ist durchaus be-
vorliegen hätte und vorher hätte studieren können.
kannt, daß in der Presse Äußerungen über die Vor-
Ich kann hier also in keiner Weise solche Feststel-
schläge der Kommission veröffentlicht worden sind.
lungen bejahen, wie Sie sie hier als Vorausahnung,
Auch ich halte es nicht für gut, daß die Bundes-
so möchte ich fast sagen, des Kommissionspapiers
regierung hier später unterrichtet wird als die
Presse. Wir werden uns bemühen, in Brüssel ent- treffen.
sprechend vorstellig zu werden. Wir halten es für
wichtig, daß, wenn solche Pläne vorgelegt werden, Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
zunächst die Regierung unterrichtet wird. Zu einer Zusatzfrage Herr Abgeordneter Dr. Schmidt
(Gellersen).
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Eine weitere Zusatzfrage. Dr. Schmidt (Gellersen) (SPD) : Herr Staatssekre-
tär, können Sie mir bestätigen, daß die Texte zur
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wie ver- Zeit nur auf Französisch vorliegen und daß man
tragen sich Ihre jetzigen Ausführungen mit denen gegenwärtig noch mit der Übersetzung in die ande-
des Herrn Bundesernährungsministers, die er vor ren Sprachen beschäftigt ist?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2513

Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär zugestimmt hat, der einmal als progressiver an-
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft gehender Wirtschaftsminister der CDU so gefeiert
und Forsten: Soviel ich weiß, trifft das zu. wurde.
(Abg. Dr. Ritz: Sie sagten doch, es sei auf
dem Weg nach Bonn?) Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten: Das ist möglich. Aber auch dazu kann
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
ich keine konkrete Aussage machen.
Eine Zusatzfrage des Abgeordneten Dasch.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Sie Eine Zusatzfrage des Abgeordneten Ritz.
haben vorhin von den entwicklungsfähigen Betrie-
ben gesprochen. Gehören nach Auffassung der Bun- Dr. Ritz (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, nach-
desregierung nur Vollerwerbsbetriebe in diese dem Sie soeben die Frage des Kollegen Dr. Schmidt
Kategorie, oder sind auch entwicklungsfähige Zu (Gellersen), daß das Papier erst in Französisch vor-
oder Nebenerwerbsbetriebe mit einem kombinier- liegt, bejaht haben, Sie aber zuvor sagten, es be-
ten Einkommen gemeint? finde sich auf dem Weg von Brüssel nach Bonn,
frage ich Sie, ob Sie davon ausgehen, daß Ihnen das
Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär Papier in französischer Sprache zugestellt wird.
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten: Herr Kollege, ich habe durchaus Ver- Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
ständnis für Ihr Interesse an der Definition des ent- beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
wicklungsfähigen Betriebs. Ich habe im letzten Jahr und Forsten: Herr Kollege, davon gehe ich durchaus
— mit vertauschten Rollen, darf ich jetzt sagen — nicht aus. Aber selbst wenn es in französischer
ähnliche Fragen an den damaligen Ernährungs- Sprache zugestellt werden sollte: wir haben im
minister Höcherl gerichtet. Ich muß Ihnen heute Hause ja auch Übersetzer. Das wäre dann also kein
antworten, daß ich auch dazu keine konkrete Aus- Problem.
sage machen kann, denn wir haben — wiewohl die
Überlegungen in unserem Hause zur Zeit vorwärts-
gehen — noch keine Beratungen mit den Ländern ge- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Meine Damen und Herren, um ein Bild aus der


führt.
Landwirtschaft zu gebrauchen: ein Ei, das noch nicht
völlig vorliegt, läßt sich natürlich hier heute mittag
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- schwer kochen
Eine Zusatzfrage .des Abgeordneten Dröscher.
Danke schön, Herr Staatssekretär!
Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundes-
Dröscher (SPD) : Herr Staatssekretär, würden Sie minister des Innern. Zur Beantwortung steht der
die Herren Kollegen von der CDU/CSU darauf auf- Herr Parlamentarische Staatssekretär Dorn zur Ver-
merksam machen, daß vor etwa acht Wochen der fügung. Ich rufe die Frage 1 des Abgeordneten Dr.
COPA nicht die fertigen Mansholt-Vorschläge, son- Riedl (München) auf:
dern Entwürfe zu solchen Vorschlägen vorgelegen Welche Schritte beabsichtigt die Bundesregierung zur Förde-
haben und daß die einzelnen Papiere in der Korn-- rung des Breitensports zu unternehmen, über dessen Einschät-
zung in der Bundesrepublik Deutschland der Bundespräsident am
mission erst in der letzten Woche verabschiedet 25. April 1970 im Deutschen Fernsehen unter anderem festgestellt
worden sind und daß auch die CDU/CSU-Mitglieder hat: „In nur wenigen Industrienationen der Welt wird der
Breitensport so unterbewertet, ja geringgeschätzt wie in unserer
des Landwirtschaftsausschusses in der letzten Woche Bundesrepublik . . . Die Geringschätzung des Sports zeigt sich
ein langes Gespräch mit Herrn Mansholt in Brüssel besonders an den Schulen und Hochschulen. Der Sport kann
in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft die ihm vorge-
darüber hatten, in dem sie sich hätten informieren zeichneten Ziele nur dann erreichen, wenn ihm unser ganzes
Volk den Rang einer wichtigen Gemeinschaftsaufgabe zu-
können? erkennt."?

Bitte schön, Herr Staatssekretär!


Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundeminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten: Ich bin Ihnen für diese Anmerkung Dorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim
dankbar. Die CDU/CSU-Kollegen haben Ihre Aus- Bundesminister des Innern: Herr Kollege Dr. Riedl,
führung soeben wahrscheinlich zur Kenntnis ge- die Förderung der verschiedenen Bereiche des
nommen. Ich kann nur bestätigen, was Sie gesagt Breitensports, dem auch die Bundesregierung ganz
haben. besondere Bedeutung 'beimißt, fällt fast aussschließ-
lich in den Zuständigkeitsbereich der Länder und
der kommunalen Gebietskörperschaften.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Eine Zusatzfrage des Abgeordneten Marquardt. Die Bundesregierung strebt an, daß in der vor-
gesehenen Deutschen Sportkonferenz Bund, Länder,
Gemeinden, im Bundestag vertretene Parteien und
Marquardt (SPD) : Herr Staatssekretär, da es freie Sportorganisationen gemeinsam über Maß-
sich um einen Vorschlag der Kommission handelt, nahmen zur Förderung des Breitensports beraten.
darf ich wohl annehmen, daß auch der Vizepräsident Mit den Ländern hat die Bundesregierung bereits
2514 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Dorn
Ü bereinstimmung erzielt, daß die Deutsche Sport- Mischnick (FDP) : Glauben Sie nicht, Herr Staats
konferenz Förderungsgrundsätze sowohl für den sekretär, daß die vorgesehene Deutsche Sportkon-
schulischen ,als auch für den außerschulischen Be- ferenz dazu eine wesentliche Aufgabe für die Zu-
reich entwickeln soll. Dabei sollen unter anderem kunft übernehmen und dabei mit dafür Sorge tragen
Empfehlungen für die Errichtung von Sportstätten kann, daß die gewünschte breite publizistische
und Übungsgelegenheiten sowie für die Gewinnung, Unterstützung dann erfolgt?
Ausbildung und Fortbildung von Übungsleitern ge-
geben wenden.
Dorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim
In ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich wird die Bundesminister des Innern: Ich halte das für sehr
Bundesregierung den Breitensport verstärkt fördern. wahrscheinlich, denn die Vorbereitungen zur Bil-
So unterstützt sie unter anderem die kürzlich ein- dung der Deutschen Sportkonferenz haben ja jetzt
geleitete Werbeaktion des Deutschen Sportbundes schon gezeigt, daß zwischen Bund, Ländern und
„Trimm dich durch Sport" und ist bemüht, den Gemeinden aber auch mit den Organisationen des
Betriebssport im Bundesbereich zu intensivieren. deutschen Sports eine weitgehende Übereinstim-
mung in den Sachfragen besteht, so daß ich meine,
Vizepräsident Dr. Schmitt -Vockenhausen: daß sich über diesen Weg dann auch dieses Parla-
Eine Zusatzfrage, Herr Kollege. ment stärker mit einschalten kann.

Dr. Riedl (München) (CDU/CSU) : Herr Staats- Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
sekretär, sind Sie mit mir der Auffassung, daß die Herr Kollege, kann ich aus Ihrem Sitzenbleiben ent-
finanzielle Förderung des Breitensports allein nicht nehmen, daß Sie keine Zusatzfrage stellen wollen?
ausreicht, einen Aufschwung in der Bundesrepublik (Abg. Dr. Hermesdorf [Schleiden]: Nein!)
herbeizuführen und die beklagten Zustände zu ver-
- Dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das zur
bessern, die auch der Herr Bundespräsident in seiner
Erleichterung des Ablaufs der Fragestunde deut-
letzten Fernsehansprache angeprangert hat? Sind
lich machen würden. Bitte schön!
Sie deshalb mit mir der Auffassung, daß vor allem
auch die öffentliche Aufklärungsarbeit, die zu einer
breiteren Basis für den Breitensport führt, ver- Dr. Hermesdorf (Schleiden) (CDU/CSU) : Herr
bessert werden sollte und daß die von Ihnen an- Staatssekretär, welche Möglichkeiten sehen Sie
erkennenswerterweise sehr geförderte „Trimm"- dafür, daß die Bundesregierung ihren Einfluß dahin
Aktion nur einen Anfang dieser Öffentlichkeitsarbeit geltend macht, daß die Bundesländer insbesondere
darstellt? dem sehr im argen liegenden Schulsport verstärkte
Bedeutung beimessen und daß sie durch die Schaf-
Dorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim fung der sachlichen — —
Bundesminister des Innern: Ja, ich bin dieser
Meinung.
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Herr Kollege, entschuldigen Sie, diese Frage steht
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen: nicht mehr im Sachzusammenhang mit der vom Kol-
Eine weitere Frage. legen Riedl gestellten Frage. Ohnehin ist diese
- Frage ein Grenzfall im Hinblick auf den Sportent-
Dr. Riedl (München) (CDU/CSU): Kann man wicklungsplan und den Antrag, der hier diskutiert
also, Herr Staatssekretär, damit rechnen, daß die wird. Ich lasse diese Frage nicht mehr zu.
Bundesregierung ähnliche Projekte des Deutschen Damit sind wir am Ende dieses Geschäftsbereichs;
Sportbundes wie z. B. die „Trimm"-Aktion auch in ich danke Ihnen, Herr Staatssekretär.
Zukunft nachhaltig fördern wird?
Ich rufe den Geschäftsbereich des Bundesministers
der Finanzen auf, und zwar Frage 2 des Abgeord-
Dorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim neten Pieroth:
Bundesminister des Innern: Nun, Herr Kollege Riedl,
Ist die Bundesregierung bereit, bei einer Novellierung des
wenn Sie sagen „Projekte des Deutschen Sport- Mehrwertsteuergesetzes den Mehrwertsteuersatz für in Gast-
bundes", dann muß ich sagen: So global kann man stätten verabreichte Lebensmittel auf die Hälfte zu ermäßigen,
um insbesondere Nachteile auszugleichen, die Arbeitnehmer,
diese Frage nicht beantworten, sondern es wird Reisende und sonstige Personen erfahren, die ihre Mahlzeiten
darauf ankommen, um welche Projekte es sich regelmäßig nicht zu Hause einnehmen können und schon da-
durch von zusätzlichen Belastungen betroffen sind?
handelt, wie ,die Beteiligung von Bund, Ländern und
Gemeinden bei den Bezuschussungen aufgesplittert Der Herr Abgeordnete Pieroth hat um schriftliche
ist und in welchem Zuständigkeitsbereich die Bun- Beantwortung seiner Frage gebeten. Dem wird ent-
desregierung dabei tätig werden kann; denn sie sprochen. Die Antwort liegt noch nicht vor. Sie
unterliegt ja der Prüfung durch den Bundesrech- wird nach Eingang im Sitzungsbericht abgedruckt.
nungshof und muß sich also auch an die von dort
Ich rufe nunmehr den Geschäftsbereich des Bun-
gesetzten Grenzen halten.
desministers für Ernährung, Landwirtschaft und For-
sten auf. Nach den Dringlichkeitsfragen steht der
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen: Parlamentarische Staatssekretär Logemann erneut
Eine Zusatzfrage d es Abgeordneten Mischnick. zur Beantwortung zur Verfügung.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2515
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen
-

Wir kommen zur Frage 45 des Herrn Abgeord- Die Frage 47 des Herrn Kollegen Dr. Schneider
neten Lensing: (Nürnberg) wird vom Herrn Bundesminister .für
Was gedenkt die Bundesregierung zu unternehmen, um die Jugend, Familie und Gesundheit beantwortet.
durch die Aufwertung der Deutschen Mark bei der Auszahlung
aus dem europäischen Ausrichtungs- und Garantiefonds auf- Wir kommen nunmehr zum Geschäftsbereich des
tretenden Verluste bei einzelnen Zuwendungsempfängern auszu-
gleichen? Bundesministers der Verteidigung. Zur Beantwor-
tung steht der Herr Parlamentarische Staatssekretär
Bitte schön, Herr Staatssekretär, Sie haben das Berkhan zur Verfügung.
Wort!
Ich rufe Frage 15 des Herrn Abgeordneten Dich-
gans auf:
Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär Ist die Bundesregierung im Interesse der Öffentlichkeit, ins-
beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft besondere zum Schutz der Wasserversorgung, bereit, dafür Sorge
zu tragen, daß alle Anlagen zum Lagern wassergefährdender
und Forsten: Herr Kollege Lensing, die Bundesregie- Stoffe — also auch die NATO-Anlagen — den gleichen Anforde-
rung hat sich im Laufe des Gesetzgebungsverfah- rungen unterworfen werden, wie sie im zivilen Bereich an jeden
Bürger gestellt werden?
rens dafür eingesetzt, daß diese Aufwertungsver-
luste durch Bundesmittel ausgeglichen werden. Dar- Herr Staatssekretär!
aufhin hat der Haushaltsausschuß am 22. April 1970
den für 1970 erforderlichen Teilbetrag von 2 Mil- Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
lionen DM in einem besonderen Titel im Einzel- Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident!
plan 10 des Bundeshaushalts für das Rechnungsjahr Herr Kollege, ich beantworte Ihre Frage wie folgt:
1970 eingestellt. Ja, die Bundesregierung ist hierzu bereit. Im Grunde
Die' Bundesregierung wird unmittelbar nach Ver- werden alle Anlagen zum Lagern wassergefährden-
der Stoffe, auch die NATO-Anlagen, den gleichen
abschiedung des Bundeshaushalts den Begünstigten,
bei denen infolge von Zuschußzahlungen nach der Anforderungen unterworfen, wie sie im zivilen B e-
Aufwertung der Aufwertungsverlust bereits einge- reich an jeden Bürger gestellt werden. Die Aufsichts-
behörden der Länder prüfen vor Baubeginn die Ein-
treten ist, die entsprechenden Ausgleichsbeträge
haltung der entsprechenden Gesetze und erteilen
überweisen.
daraufhin die Errichtungserlaubnis. Anlagen, die vor
dem Inkrafttreten der Gesetze und Verordnungen
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:- errichtet wurden — im wesentlichen handelt es sich
Eine Zusatzfrage, Herr Kollege? — Bitte! um Anlagen der ehemaligen Besatzungsstreit-
kräfte —, wurden den Aufsichtsbehörden der Län-
der bekanntgegeben. Nicht vorschriftsmäßige Anla-
Lensing (CDU/CSU) : Herr Parlamentarischer gen wenden, soweit sie nicht stillgelegt worden
Staatssekretär, kennen Sie die Zahlen von Präsi- sind, den einschlägigen Gesetzen und Verordungen
dent Dr. Sonnemann, der in seinem Schreiben die- entsprechend hergerichtet.
ser Tage den Verlust auf diesem Sektor mit 15 Mil-
lionen DM bezifferte, und sind Sie nicht mit mir der
Meinung, daß der Aufwertungsgewinn, den ja die Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Bundeskasse dadurch erzielt hat, daß die Rech- Eine Zusatzfrage, Herr Kollege.
nungseinheit, die nach Brüssel gezahlt werden muß,
jetzt auch weniger wert ist und daß also weniger Dichgans (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, kön-
Leistungen erbracht werden müssen, voll für diesen nen Sie schätzen, wann etwa di e Überprüfungs-
Ausgleich zur Verfügung gestellt werden müßte? aktion bei diesen älteren Anlagen abgeschlossen
sein wird?

Logemann, Parlamentarischer Staatssekretär Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim


beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft Bundesminister der Verteidigung: Leider nicht, Herr
und Forsten: Herr Kollege, ich kenne nicht die Zah- Kollege Dr. Dichgans. Wir bemühen uns aber wegen
len von Herrn Präsident Dr. Sonnemann; ich kenne der Dringlichkeit, die Sache zeitgerecht zu Ende zu
nur Zahlen, die besagen, daß nach unseren Fest- bringen. Mir ist auch nur ein einziger Fall bekannt,
stellungen insgesamt ein Verlust von 14,1 Millionen wo eine Anlage leck geworden ist und Ölmengen in
DM vorliegt. Ich darf dazu sagen: Die Bundesregie- den Gefahrenbereich gelaufen sind, so ,daß Trink-
rung wird zu den voraussichtlich abgerufenen Zu- wasserverseuchungen nicht lausgeschlossen sind.
schüssen entsprechende Ausgleichsbeträge in den Aber dort haben wir Anlage sofort stillgelegt.
einzelnen Haushaltsjahren bereitstellen. Der Haus-
haltsausschuß hat das ja durch seinen Beschluß vom
22. April 1970 bereits grundsätzlich gedeckt. Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Ich rufe di e Frage 16 Ides Herrn Abgeordneten Damm


auf.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
Wie hoch ist die Rente, die Frau Hippel — Witwe des im
Keine weiteren Zusatzfragen? — Juni 1966 tödlich verunglückten Starfighterpiloten Manfred Hippel
— für sich und ihre Kinder bekommt, und welche sonstigen
Leistungen erhält sie im Zusammenhang mit dem Unfalltod ihres
Die Frage 46 ist von dem Herrn Abgeordneten Mannes entgegen der Darstellung in der Illustrierten „Quick"
Dr. Schneider (Nürnberg) gestellt. Ist der Herr Kol- vom 8. April 1970, in der es u. a. heißt: „Vom Staat bekam die
junge Witwe für sich und ihre beiden Kinder, Brigitte und
lege im Saal? — Das ist nicht der Fall. Dann wird Sabine, nur eine Rente. Zuviel, um hungern zu müssen. Beschä-
die Frage schriftlich beantwortet, Herr Staatssekre- mend wenig aber als Ausgleich für ihr zerstörtes Lebensglück."?

tär. B itte, Herr Staatssekretär!


2516 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege Eine letzte Zusatzfrage, Herr Kollege Josten.
Damm, ich beantworte Ihre Frage folgendermaßen.
Der Witwe und ,den beiden ,minderjährigen Kindern Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wie
des leider tödlich verunglückten Piloten — dieser erklären Sie sich eine so grobe Falschmeldung in der
Unfall war im Jahre 1966; , eis handelte sich um einen Illustrierten „Quick", welche ja dem Ansehen unse-
Oberleutnant — sind unmittelbar nach dessen Tod rer Bundeswehr schadet?
als einmalige Leistungen Sterbegeld in Höhe von
2017,92 DM und eine Unfallentschädigung i n Höhe
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
von 40 000 DM zugegangen. Mit dem Ersten des auf Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege
den Sterbemonat folgenden Monats setzte die lau- Josten, ich kann mir das nur so erklären, daß die
fende Zahlung der Hinterbliebenenversorgungsbe- Recherchen nicht sorgfältig geführt worden sind.
züge - hier kurz Witwen- und Waisengeld ge-
Hätte die Zeitschrift an das Informations- und
nannt — ein, ,die zur Zeit — infolge gewisser Erhö- Pressezentrum des Bundesministeriums der Vertei-
hungen, die Platz gegriffen haben — insgesamt digung geschrieben, hätten wir selbstverständlich
1455,14 DM monatlich betragen.
die Auskünfte, die ich jetzt hier mündlich vorge-
tragen habe, auch ihr gegeben. Ich bin allerdings
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: der Auffassung, daß die Fürsorgepflicht auch gebie-
Eine Zusatzfrage, bitte!
tet, nicht in aller Welt ohne Not Einkommen von
Beamten und Soldaten oder deren Hinterbliebenen
Damm (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, kann bekanntzugeben.
man, legt man die tatsächlichen Leistungen, die Sie
(Beifall bei der SPD.)
soeben genannt haben, zugrunde, davon sprechen,
das sei „zuviel, um zu verhungern", wie es in der
Illustrierten „Quick" gestanden hat? Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Ich rufe die Frage 17 des Kollegen Dröscher auf:


Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Wie will die Bundesregierung dafür sorgen, daß Wehrpflich-
tige, die ihre Reserveübungen ableisten, nicht in die Lage eines
Bundesminister !der Verteidigung: Herr Kollege, bei Obergefreiten der Reserve kommen, der sich bei einer 11-Tage-
allem Respekt vor dean verunglückten Piloten muß ÜbungamletzTiDnsufalzog,echWn
erwerbsunfähig erkrankt ist und von keiner Stelle einen Lebens-
ich dennoch sagen — wenn ich Si e ansehe; ich weiß, unterhalt beziehen kann, weil sich sein Arbeitgeber weigert,
für den Dienstunfall bei der Bundeswehr Krankengeld zu zahlen,
welchen bürgerlichen Beruf Sie früher ausgeübt ha- und dem weder Ortskrankenkasse noch Bundeswehr einen
ben; wir haben einen verwandten Beruf —: Ich weiß, anderen Rat geben konnten, als gegen seinen langjährigen
Arbeitgeber beim Arbeitsgericht zu klagen?
wie lange wir dienen mußten, um für unsere gesam-
ten Familien diesen Betrag als Einkommen auf unser Herr Staatssekretär!
Konto buchen zu können. Nichtsdestoweniger will
ich hier unumwunden zugeben, daß der Unfall für Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
die betroffene Familie eine gewisse Einkommens- Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege
minderung bedeutet. Es bleibt ferner dabei z u be- Dröscher, ich beantworte die Frage folgendermaßen.
denken, daß der Vater eben durch ,diesen tragischen Mit der Beendigung des Wehrdienstes, also auch
Unfall aus dem Familienverband ausgeschieden ist. mit der Beendigung einer Wehrübung, lebt das
durch den Wehrdienst unterbrochene Arbeitsver-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
hältnis mit allen Rechten und Pflichten wieder auf.
Sie haben eine zweite Zusatzfrage. Zu den wiederauflebenden Rechten gehört das
Recht auf Fortzahlung des Lohns oder einer Vergü-
Damm (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, gerade tung oder, wenn der Arbeitnehmer arbeitsunfähig
wenn ich das letztere in unsere Überlegungen mit geworden ist, entsprechender Bezüge. Dabei ist es
einbeziehe: Sehen Sie Möglichkeiten, dafür Sorge unerheblich, ob sich der Arbeitnehmer die Krankheit
zu tragen, daß die durch den Verlust des Mannes oder den Grund der Krankheit schon vor Wiederauf-
und des Vaters ohnehin furchtbar getroffenen Hin- leben des Arbeitsverhältnisses zugezogen hat oder
terbliebenen nicht noch durch Darstellungen wie nicht. Diese für den Arbeiter auf dem Lohnfortzah-
eben in der Illustrierten „Quick" 2. B. in :den mög- lungsgesetz und für Angestellte auf dem Bürger-
lichen Verdacht geraten, im Zusammenhang mit lichen Recht beruhende Regelung gewährleistet, daß
ihrem Schicksall unzutreffende Stellungnahmen ab- der Arbeitnehmer ohne Verzögerung in den Genuß
gegeben zu haben? des Anspruchs auf Entgeltfortzahlung kommt und
nicht erst das vielfach schwierige Verfahren der
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Feststellung einer Wehrdienstbeschädigung abzu-
Bundesminister der Verteidigung: Ich sehe nur die warten braucht.
Möglichkeit, daß nachdenkliche Journalisten und Die Belastung. des Arbeitgebers geht nicht über
nachdenkliche Kollegen das Protokoll der Frage- die Belastung hinaus, die ihm nach dem Lohnfort-
stunde nutzen, um diesen Tatbestand so bekannt zu zahlungsgesetz und dem Bürgerlichen Gesetzbuch
machen, daß jeder sich selber ein Urteil darüber sowieso obliegt. Bei Arbeitgebern mit nicht mehr
bilden kann, ob eine derartige Versorgung unizu- als 20 Arbeitnehmern werden 80 v. H. der für Ar-
reichend ist oder ob sie — jedenfalls gemessen an beiter fortgezahlten Arbeitsentgelte und Arbeit-
heutigen Preisen und Lebenshaltungskosten — a n- geberanteile zu den Sozialversicherungsbeiträgen
gemessen ist. von den zuständigen Ortskrankenkassen erstattet.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2517

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim


Herr Kollege, eine Zusatzfrage. Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident,
mit Ihrer Genehmigung darf ich die beiden Fragen
Dröscher (SPD) : Herr Staatssekretär, halten Sie gemeinsam beantworten.
es nicht für verständlich, daß der Arbeitgeber — in
diesem Falle ein Handwerksmeister — auch die Be- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

lastung von 20%, die auf ihn aus einem Dienstun- Herr Kollege, Sie als Fragesteller sind auch einver-
fall, den einer seiner Arbeitnehmer bei der Bundes- standen? — Dann rufe ich die Frage 20 des Abge-
wehr erlitten hat, zukommt, eher auf den Verur- ordneten Dr. von Nordenskjöld mit auf:
sacher des Dienstunfalls abgeschoben haben möchte, Ist sichergestellt, daß alle in der Bundesrepublik Deutschland
nämlich die Bundeswehr, und kann in einem solchen vorhandenen Industrieanlagen, die hochempfindliche Sprengstoffe
herstellen, wie z. B. elf Werke der Dynamit Nobel AG, als
Fall nicht ein Anspruch auf Ersatzleistung geltend Industrieanlagen hoher Gefahrenklassen eingestuft sind?
gemacht werden? Bitte schön!

Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim


Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege Bundesminister der Verteidigung: Der Bundeswehr
Dröscher, ohne hier in eine Polemik einsteigen zu stehen die „Nachrichten für Luftfahrer", im folgen-
wollen: die Bundeswehr ist nicht Verursacher des den kurz NfL genannt, zur Verfügung. Der Inhalt
Unfalls. Ich habe mich über diesen Einzelfall infor- der NfL wird den Luftfahrzeugführern zur Kennt-
miert. Es kann sein, daß die Bundeswehr als Insti- nis gebracht, soweit dies für die Sicherheit des
tution die Schuld trifft, aber dieser Unfall ist an- Flugbetriebes erforderlich ist. Alle in den NfL ver-
ders zustande gekommen. Sei es, wie es sei, ich öffentlichten Anordnungen, Informationen und Hin-
habe ein gewisses Verständnis dafür; aber die weise, die internationaler Verbreitung bedürfen,
Rechtslage ist klar und eindeutig, und ich habe sie werden unter der Bezeichnung „Notam" (Notices to
Ihnen hier vorgetragen. Airmen) oder „Aeronautical Information Circular",
von der Bundesanstalt für Flugsicherung in eng-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:- lischer Sprache herausgegeben. Die Stationierungs-
Sie haben eine zweite Zusatzfrage. streitkräfte gehören zum Bezieherkreis. Eine Unter-
richtung der Luftfahrzeugführer der Stationierungs-
Dröscher (SPD) : Könnte man nicht bei zukünf- streitkräf te ist damit sichergestellt.
tigen Erörterungen, vorausgesetzt, daß es sich wirk- In der die Sache betreffenden Bekanntmachung
lich um einen Dienstunfall handelt — und für den wurden die Luftfahrzeugführer allgemein auf die
gelten ja die Bestimmungen —, dafür sorgen, daß Einhaltung einer ausreichenden Sicherheitsmindest-
eine Art Erstattungsanspruch deshalb eingebaut höhe beim Überfliegen von Industrieanlagen hoher
wird, weil auch die Erstattungen nach dem Lohnfort- Gefahrenklassen hingewiesen. Als Beispiel dafür,
zahlungsgesetz auf weite Sicht entfallen werden? was unter „Anlagen hoher Gefahrenklassen" zu
verstehen ist, wurden nur die Anlagen „Chemische
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Werke Marl-Hüls" und „Phenol-Chemie GmbH,
Bundesminiser der Verteidigung: Ich bin gern be- Gladbeck", aufgeführt. Von einer Aufzählung aller
reit, das in die Überlegungen einzubeziehen, sofern Anlagen hoher Gefahrenklasse einschließlich der
eine Novelle des Gesetzes ansteht. Ich kann dem Werke der Dynamit Nobel AG mußte abgesehen
aber weng Hoffnung geben, weil das Arbeitsplatz- werden, da ihre Anzahl zu groß war und ist, um
schutzgesetz insbesondere gewährleisten sollte, daß von den Luftfahrzeugführern beachtet werden zu
ein nahtloser Übergang vom Wehrdienst in den können.
zivilen Status möglich ist. Wir haben hierbei auch
an die Fürsorgepflicht für den betroffenen Dienst- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

leistenden zu denken. Eine Zusatzfrage.

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Dr. von Nordenskjöld (CDU/CSU) : Herr Staats-
Ich rufe die Frage 18 des Herrn Abgeordneten Hus- sekretär, kann die Bundesregierung nicht dafür
sing auf. — Der Herr Kollege ist nicht im Saal; die Sorge tragen, daß Werke, die sich mit der Herstel-
Frage wird schriftlich beantwortet, Herr Staats- lung von hochexplosiven Sprengstoffen beschäftigen
sekretär. und nach wie vor ständig überflogen werden, von
diesem Überfliegen ausgelassen werden; denn bei
Ich rufe die Frage 19 des Herrn abgeordneten Dr.
diesen Werken ist besonders gravierend, daß das
von Nordenskjöld auf:
hochempfindliche Alarmsystem, das diese Werke
Ist die Bundesregierung der Ansicht, nachdem sie in ihrer
Antwort auf meine Frage vom 21. April 1970 nur geäußert hat, gegen Explosionen haben, durch die Überschall-
daß die Bestimmungen über das Um- und Überfliegen von knalle dauernd ausgelöst wird und dadurch große
Industrieanlagen hoher Gefahrenklassen in den sogenannten
Nachrichten für Luftfahrer der Bundesanstalt für Flugsicherung Gefahren für die Beschäftigten dieser Werke ent-
festgelegt sind, daß alle Flugzeugführer der Bundeswehr und
der alliierten Streitkräfte diese sogenannten Nachrichten für stehen?
Luftfahrer zur Kenntnis bekommen und die in Frage kommenden
Anlagen kennen?
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Der Herr Abgeordnete ist im Saal. Herr Staats- Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege Dr.
sekretär! Nordenskjöld, das Bundesministerium der Verteidi-
2518 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Berkhan


gung ist im engen Einvernehmen mit den Kollegen Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
des . Bundesministeriums für Verkehr ständig be- Bundesminister für Verkehr und für das Post- sund
müht, diese Gefahren zu erkennen und sie zu mil- Fernmeldewesen: Herr Kollege, ,die Bundesregie-
dern, möglichst ganz zu beseitigen. rung teilt durchaus die Auffassung, daß die im
Haushalt des Bundesministers für Verkehr vor-
Aber wenn Sie einmal einen Blick auf die Land-
karte tun und dabei berücksichtigen, daß es andere gesehene vorläufige Sperrung von 540 Millionen DM
Interessenten gibt, die nicht überflogen werden wol- nicht gleichmäßig auf alle eingeplanten Straßen-
len — ich nenne beispielsweise nur die Kurbäder —, baumaßnahmen verteilt, sondern daß bei der Aus-
dann werden Sie sehr bald merken, daß bei einer wahl der zu sperrenden Objekte die jeweilige ört-
Aussparung aller dieser Gefahrenherde eine fliege- liche konjunkturelle Lage berücksichtigt werden
rische Ausbildung über der Bundesrepublik Deutsch- sollte. Allerdings besteht dafür zur Zeit nur noch
land nicht mehr möglich ist. Dabei setze ich voraus, wenig Spielraum, weil das für 1970 vorgesehene
daß Sie, Herr Kollege, wissen, daß ein großer Teil Investitionsvolumen auf Grund von Verpflichtungs-
der Grundausbildung und der Schießausbildung ermächtigungen aus dem Vorjahr bereits weitgehend
überhaupt nicht in der Bundesrepublik, sondern im vertraglich gebunden ist. Soweit z. B. das bayerische
Ausland vorgenommen wird. Zonenrandgebiet betroffen ist, kann von einer
größeren Beschränkung der dort laufenden Bau-
vorhaben nicht gesprochen werden. Lediglich der
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Eine. weitere Zusatzfrage. Baubeginn weniger neuer Objekte mußte zunächst
zurückgestelt werden, zumal auch nicht unerhebliche
Dr. von Nordenskjöld (CDU/CSU) : Herr Staats- Mittel aus dem Anteil des Landes Bayern am Vo-
sekretär, nachdem Sie mir in der vorigen Woche lumen des Bundesstraßenhaushalts für 1970 im
schriftlich geantwortet haben, daß Sie bemüht sind, Raum München für das Olympia-Bauprogramm be-
diese Überschallknalle auf die Zeit bis 17 Uhr zu nötigt werden. Das volle Straßenbauprogramm 1970
beschränken, und daß das NATO-Manöver, das in wäre nur dann zu verwirklichen, wenn der Bundes-
der letzten Zeit bei uns in Nordwestdeutschland be- straßenhaushalt von der vorläufigen Sperre aus-
sonders unangenehm gewesen ist, nun beendet sei, genommen würde.
frage ich: ist Ihnen bekannt, daß gerade gestern
abend in der Zeit um 9 Uhr in meinem Wahlkreis Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
wieder erhebliche Überschallknalle zu verzeichnen Danke schön! Keine Zusatzfrage.
waren?
Die nächste Frage ist von dem Herrn Abgeord-
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim neten Jung gestellt. — Der Herr Abgeordnete ist
Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident, nicht im Saal. Herr Statssekretär, die Frage wird
wenn ich das beantworten darf: es ist mir bekannt, schriftlich beantwortet.
und ich habe das mit einer Träne im Auge zur Die nächste Frage ist von dem Herrn Abgeord-
Kenntnis genommen. Aber ich muß Ihnen ganz offen neten Pieroth gestellt. — Der Herr Abgeordnete ist
sagen, Herr Kollege Nordenskjöld: wir müssen nicht im Saal; die Frage wird schriftlich beantwortet.
unserer Luftwaffe Gelegenheit geben, wenigstens
in schwachem Maße auch in dem Bereich zu üben, Die nächsten 'beiden Fragen sind von dem Herrn
in dem sie Einsatzluftwaffe sein würde, sofern es Abgeordneten Maucher gestellt. — Der Herr Ab-
erforderlich ist. Wir können nicht darauf verzichten,- geordnete ist nicht im Saal. Die beiden Fragen, Herr
bestimmte Flüge bei Dämmerung und bei Nacht Staatssekretär, werden schriftlich beantwortet.
durchzuführen. Das ist zur Übung der Flugzeug-
Ich rufe die Frage 32 des Herrn Abgeordneten
führer und damit, Herr Kollege, zu Ihrer Sicherheit
Wohlrabe auf:
erforderlich. Ich bedauere außerordentlich, daß dabei
Warum hat die Bundesregierung der Herausgabe eines Lenin
Lärmbelästigungen nicht ausgeschlossen werden Sonderstempels in Berlin zugestimmt?
können. So weit ist die Technik leider noch nicht.
Herr Staatssekretär, bitte!
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Herr Staatssekretär, vielen Dank.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Ich rufe den Geschäftsbereich des Bundesministers Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
für Verkehr und für das Post- und Fernmeldewesen Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Deutsche Bun-
auf. Zur Beantwortung der hier gestellten Fragen despost hat den Lenin-Stempel zugelassen, weil er
steht der Herr Parlamentarische Staatssekretär Bör- den Richtlinien rentspricht, die allgemein bei der
ner zur Verfügung. Genehmigung von Sonderstempeln angewendet
Die erste Frage ist von Herrn Abgeordneten Wag- werden. Nach diesen Richtlinien sind nur Sonder-
ner (Günzburg) gestellt worden: stempel im Zusammenhang mit Veranstaltungen
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß der Aufschub politischer Parteien oder Organisationen nicht zu
von Straßenbaumaßnahmen, der durch die vorläufige Sperre von genehmigen. Diese Voraussetzung lag im Falle des
540 Millionen DM im Haushalt des Bundesverkehrsministers
bedingt ist, nicht gleichmäßig auf geplante Baumaßnahmen ver- Lenin-Stempels nicht vor.
teilt werden darf, sondern jeweils auf Grund der örtlichen kon-
junkturellen Lage zu prüfen ist, welche Baumaßnahmen aufge-
schoben und welche Baumaßnahmen planmäßig abgewickelt wer-
den müssen? Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Bitte schön, Herr Staatssekretär! Eine Zusatzfrage!
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2519

Wohlrabe (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, tref- Die erste Frage des Abgeordneten Leicht wird
fen Meldungen zu, daß die Herausgabe eines Lenin von dem Bundesminister für Wirtschaft beantwor-
Sonderstempels ursprünglich im gesamten Bundes- tet.
gebiet vorgesehen war, und, wenn ja, warum ist Ich. rufe die Frage 34 des Herrn Abgeordneten
das nicht erfolgt? Darüber hinaus: Teilt die Bundes- Leicht auf:
regierung die Auffassung des Senats von Berlin,
Ist es überhaupt nach dem neuesten Stand wissenschaftlicher
daß es sich bei der Genehmigung eines derartigen Erkenntnisse noch zu vertreten, Atomanlagen inmitten dicht
Sonderstempels um keinen politischen Vorgang besiedelter Gebiete zu errichten, wobei alle Gefährdungen aus-
zuschließen sind?
handele?
Der Fragesteller hat um schriftliche Beantwortung
gebeten. Eine Antwort liegt noch nicht vor. Sie wird
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim nach Eingang im Sitzungsbericht abgedruckt.
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich habe angedeu- Ich darf noch darauf hinweisen, daß voraussicht-
tet, daß der Lenin-Stempel im Rahmen der Richt- lich die Fragestunde nicht voll die vorgesehene
linien, die , die Bundespost herausgegeben hat, ge- Stunde in Anspruch nehmen wird. Ich habe die
nehmigt wurde. Es ist so, daß er anläßlich einer Fraktionen wissen lassen, daß wir im Hinblick auf
Briefmarkenausstellung in Berlin und im Rahmen den weiteren Ablauf gegebenenfalls etwas früher
dieser Ausstellung verwendet wurde; daher ist Ihre mit der Plenarsitzung beginnen können.
Frage nach der Genehmigung für das ganze Bundes-
gebiet hier nicht zutreffend. Es handelt sich hier um Ich rufe die Frage 35 des Abgeordneten Dr. Scho-
eine örtlich begrenzte Aktion einer Gesellschaft, die ber auf:
eine Briefmarkenausstellung anläßlich des 100. Ge- Ist der beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft
ins Leben
- gerufene Planungsstab zur Koordinierung der Sach
burtstages Lenins durchgeführt hat. und Finanzplanung inzwischen tätig geworden, und welche Auf-
gaben hat er übernommen?

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:


-
Bitte, Herr Staatssekretär!
Sie haben eine weitere Zusatzfrage? — Bitte!
Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
Wohlrabe (CDU/CSU) : Der zweite Teil meiner sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
Frage ist nicht beantwortet worden. senschaft: Herr Abgeordneter, der Planungsstab
hat seine Tätigkeit am 1. Januar 1970 aufgenommen.
Er hat nach dem Geschäftsverteilungsplan des Mini-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim steriums vor allem folgende Aufgaben: 1. die Ko-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ordinierung und Planung im Bereich der Finanz-
Fernmeldewesen: Ich habe ja angedeutet, daß die und Sachplanung des Ministeriums, 2. die Ermitt-
Bundespost in der Herausgabe dieses Sonderstem- lung von statistischen Rahmendaten, die an allen
pels keinen politischen Vorgang sieht. Stellen des Hauses in gleicher Weise gebraucht
werden, 3. Fragen der bundesstaatlichen Struktur
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
und Fragen ,der damit verbundenen Probleme der
Herr Kollege, Sie haben damit Ihr Fragerecht kon- Finanzreform, 4. Methoden und Prioritäten der
sumiert. — Herr Kollege Müller! staatlichen Förderung von Bildung und Wissen-
schaft, 5. Grundsätze des wissenschaftlichen Bera-
- tungswesens im allgemeinen und Grundsätze des
Müller (Berlin) (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wissenschaftlichen Beratungswesens insbesondere
hält die Bundesregierung die Herausgabe dieses
für das Ministerium.
Lenin-Sonderstempels nicht für eine Herausforde-
rung an die freiheitliche Bevölkerung von West- Dem Planungsstab obliegt nicht die eigentliche
Berlin? Programmplanung. Diese ist bei den Fachabteilun-
gen geblieben. Er hat vielmehr Methoden und
Grundlagen für die Planung zu erarbeiten, die Pla-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim nung aufeinander abzustimmen und herausgehobene
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fragen, die mehrere Bereiche des Hauses in bezug
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich habe gesagt,
auf Planungsprobleme berühren, zu koordinieren.
daß ich das nicht als einen politischen Vorgang an-
sehe und daß die Herausgabe anläßlich einer Brief-
markenausstellung auch keine Deutung erfahren Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

kann, wie Sie sie soeben gegeben haben. Eine Zusatzfrage, Herr Kollege Schober.

Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:


- Dr. Schober (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
Damit sind die Fragen aus dem Geschäftsbereich könnten Sie mir sagen, wie der Planungsstab zu-
Ihres Ministeriums, Herr Staatssekretär, beantwor- sammengesetzt ist und ob ihm auch Berater von
tet. außerhalb des Ministeriums angehören.
Wir kommen nunmehr zu dem Geschäftsbereich
des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft. Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
Zur Beantwortung steht Herr Parlamentarischer sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
Staatssekretär von Dohnanyi zur Verfügung. senschaft: Herr Abgeordneter, der Planungsstab ist
2520 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. von Dohnanyi


relativ klein. Ihm gehören im Augenblick erst vier mit Ja beantworten, Herr Kollege Krammig. Die
Beamte des höheren Dienstes aus dem Ministerium Bundesregierung hat das bereits in der Aktuellen
an. Wir sind auch der Auffassung, daß der Pla- Stunde am 24. April zugesagt.
nungsstab langsam aufgebaut werden muß. Schon
aus diesem Grund haben wir von Anfang an sowohl Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Berater aus den Forschungszentren als auch freie Eine Zusatzfrage.


Berater zu den Arbeiten des Planungsstabs heran-
gezogen. Es werden u. a. Aufträge auf dem Sektor Krammig (CDU/CSU) : Wann, Herr Staatssekre-
„Methoden der Prioritäten" und natürlich für den tär, kann etwa mit diesem Bericht gerechnet wer-
ganzen Bereich dessen, was bundesstaatliche Struk- den?
tur bedeuten kann, vergeben.
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Bundesminister für Wirtschaft: Ende Mai.
Eine weitere Zusatzfrage, Herr Kollege.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Die Fragen 43 und 44 des Herrn Abgeordneten Dr.


Dr. Schober (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Probst sind vom Fragesteller zurückgezogen wor-
Sie sagten, der Planungsstab müsse langsam auf-
gebaut werden. Könnten Sie mir sagen, wann etwa den.
mit den ersten Ergebnissen seiner Arbeit zu rechnen Wir kommen zur Frage 33 des Herrn Abgeord-
sein wird. neten Leicht:
Ist durch das bei Philippsburg geplante Atomkraftwerk eine
Beeinträchtigung der Entwicklungsmöglichkeiten auf dem linken
Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats- Rheinufer (Landkreis Germersheim) zu befürchten?
sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
Der Fragesteller hat um schriftliche Beantwortung
senschaft: Es gibt schon heute Ergebnisse des Pla-
gebeten. Die Antwort des Parlamentarischen Staats-
nungsstabs, Herr Abgeordneter, z. B. im Zusammen-
hang mit dem vor uns liegenden Bericht der Bun- sekretärs Dr. Arndt vom 6. Mai 1970 lautet:
Nein, das ist nicht zu befürchten.
desregierung zu Fragen der Bildung und Wissen-
Das Atomkraftwerk bei Philippsburg, das 1974 fertiggestellt
schaft. Dazu hat der Planungsstab eine Reihe von sein soll, ist nur eines von mehreren Kernkraftprojekten in
Beiträgen zu leisten gehabt. Im Bereich der vor uns diesem Raum. Bis 1976 ist ein weiteres Werk vorgesehen. Es
wird ebenfalls rechtsrheinisch, nämlich in Kirschgartshausen im
liegenden Finanzplanung hat der Planungsstab bei Landkreis Mannheim, liegen. Seine günstigen Stromgestehungs-
der Koordination und Zielsetzung eine maßgebliche kosten werden jedoch auch den Abnehmern im linksrheinischen
Versorgungsgebiet, d. h. im Versorgungsgebiet der Pfalzwerke
Rolle gespielt. Ich vermute, daß er bis zum Beginn AG, zugute kommen.
des Herbstes auf einem relativ konsolidierten Außerdem wird im Laufe der 70er Jahre im pfälzischen Raum
ebenfalls der Bau eines Kraftwerks, voraussichtlich eines Kern-
Niveau sein wird. Von da an wird allerdings ver- kraftwerks, notwendig. Für dieses Kraftwerk ist ein Standort
mutlich noch die eine oder andere ergänzende Auf- linksrheinisch zwischen Wörth und Speyer vorgesehen.

gabe auch personell zu berücksichtigen sein. Meine Damen und Herren, ich sehe gerade, daß
Herr Professor Schellenberg den Saal betritt. —
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Herr Kollege Schellenberg, die Fragestunde ist vor-
Keine weiteren Zusatzfragen. Vielen Dank, Herr zeitig zu Ende gegangen. Es wäre gut — weil ich
Staatssekretär! sonst die Sitzung unterbrechen müßte —, wenn Sie
mit Ihren Ausführungen beginnen könnten. Oder
Wir kommen nunmehr zu den Fragen aus dem wollen Sie noch eine Weile warten?
Geschäftsbereich des Bundesminsters für Wirtschaft.
Für die Beantwortung steht Herr Parlamentarischer (Abg. Dr. Schellenberg: Herr Präsident, ich
Staatssekretär Dr. Arndt zur Verfügung. Ich rufe wäre dankbar, wenn Herr Kollege Katzer
Frage 39 des Herrn Kollegen Mertes auf. — Der anwesend wäre, weil ich mich naturgemäß
Kollege ist nicht im Saal; die Frage wird schriftlich mit ihm auseinandersetzen will und muß!)
beantwortet. — Gut! Unter diesen Umständen unterbreche ich
Die Fragen 40 und 41 sind von Herrn Abgeord- die Sitzung bis 15 Uhr.
neten Dr. Pohle gestellt. — Der Herr Abgeordnete
(Unterbrechung von 14.40 bis 15.00 Uhr.)
ist nicht im Saal. Die beiden Fragen, Herr Staats-
sekretär, werden daher schriftlich beantwortet.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -

Wir kommen zur Frage 42, die der Herr Abgeord- Wir setzen die unterbrochene Sitzung fort.
nete Krammig gestellt hat:
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Professor
Ist die Bundesregierung bereit, auf Grund der zwischenzeit-
lichen Änderungen in der Konjunkturlage, durch die die Zahlen Dr. Schellenberg.
des Jahreswirtschaftsberichts weitgehend überholt sind, einen
Nachtrag zu diesem Bericht baldmöglichst vorzulegen?

Der Herr Abgeordnete ist im Saal.


Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Erstmals in unserem Lande legt
Herr Staatssekrektär! eine Regierung dem Parlament und der Öffentlich-
keit ein konkretes, umfassendes sozialpolitisches
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär beim Programm vor.
Bundesminister für Wirtschaft: Die Frage kann ich (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2521
Dr. Schellenberg
Das allein ist schon eine geschichtliche Tat. Es hätte Sie, Herr Kollege Katzer, hatten als Vertreter des
Ihnen, Herr Kollege Katzer, nicht schlecht ange- linken Flügels diese Politik als Feigenblatt von
standen, Amts wegen zu vertreten.
(Abg. Katzer: Vielen Dank für die
Belehrung!) Politisch wichtig ist, daß die CDU/CSU-Fraktion
diese überholten gesellschaftspolitischen Vorstellun-
wenn Sie das kurz gewürdigt hätten, wie auch Herr gen bis zur Bundestagswahl 1969 beibehalten hat.
Kollege Arendt positive Worte über Ihre frühere Sie hat nämlich am 20. August 1969 im Hinblick auf
Arbeit gefunden hat. die 6. Legislaturperiode ein sozialpolitisches Schwer-
(Abg. Katzer: Habe ich getan, Herr Kollege punktprogramm vorgelegt. In diesem Schwerpunkt-
Schellenberg!) programm heißt es selbstgefällig:
— Aber dann ist es so dünn ausgefallen, daß es nicht Die CDU/CSU-Fraktion hat keine Veranlassung,
an meine Ohren gedrungen ist. in der Sozialpolitik umwälzende neue Pro-
(Abg. Katzer: Das haben Sie vor lauter Bei gramme vorzulegen.
fall überhört!) (Abg. Dr. Barzel: Lesen Sie doch das Ganze
Herr Katzer hat als Sprecher der Opposition das vor!)
Thema Sozialbericht unter vier Gesichtspunkten
behandelt. An einer anderen Stelle dieses Programms heißt es:

Erster Gesichtspunkt. Zum Sozialbudget haben Sie Die Leistungen in unserem sozialen Sicherungs-
außer einer gewissen positiven Würdigung vor system sind so hoch und im ganzen so ausge-
allem kritische Äußerungen gefunden. wogen, daß wir keine aufwendigen strukturellen
Leistungsverbesserungen anstreben sollten.
(Abg. Katzer: Also doch Positives!)
Soweit die CDU/CSU-Fraktion vor der Bundestags-
Zu diesem Teil wird sich mein Kollege Nölling
äußern. wahl.
(Abg. Dr. Barzel: Jetzt lesen Sie mal Ihre
Ihr zweiter Gesichtspunkt, Herr Kollege Katzer, Versprechungen alle vor und vergleichen
war, das Positive am Sozialbericht sei im wesent- Sie sie mit Ihrer Regierungserklärung!)
lichen eine Fortführung der Arbeiten des früheren
Arbeitsministers. — Herr Kollege Barzel, wir sprechen jetzt von dem
Programm der CDU/CSU für die 6. Legislaturperiode.
Ihr dritter Gesichtspunkt: Zu den großen gesell-
schaftspolitischen Zielsetzungen haben Sie sich, Herr (Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Barzel: Wo
Kollege Katzer, nur sehr allgemein geäußert. haben Sie die Hausfrauenrente, Herr Schel
Ihr vierter Gesichtspunkt: Zu den konkreten Vor- lenberg?)
haben des Sozialberichts — soweit Sie sich damit — Im Rahmen der politischen Möglichkeiten ver-
überhaupt beschäftigt haben —, so äußerten Sie im wirklichen wir unsere Ziele, das wissen Sie genauso
wesentlichen nur eine kleinkarierte Kritik. wie wir.
(Abg. Katzer: Aha!) (Abg. Dr. Barzel: Das steht nicht darin!)
— Das beweise ich auch noch. Gegenüber diesen Vorstellungen des CDU/CSU-
Schwerpunktprogramms, die ich nicht anders denn
Herr Kollege Katzer, Sie haben mit einem gewis- als antiquiert bezeichnen kann, geht die Regie-
sen Stolz auf die Anträge verwiesen, die die Opposi-- rungserklärung von der Notwendigkeit innerer
tion in den letzten Tagen hier eingebracht hat, und Reformen auch auf dem Gebiete der Sozialpolitik
zwar zur Kriegsopferversorgung, zum Kindergeld,
aus.
zur Vermögensbildung, zur Krankenversicherung. (Abg. Dr. Barzel:. Das ist eine Ankündigungs
Diese Entwürfe sind, wie im einzelnen bei den späte-
regierung!)
ren Beratungen darzulegen sein wird, vom Inhalt
und auch von der Finanzierung her unausgereift. Die Regierungserklärung — fortgeführt und kon-
Sie bilden keinen Ersatz für eine sozialpolitische kretisiert in dem Sozialbericht — hat bezüglich der
Konzeption der Opposition. Sozialpolitik
(Abg. Dr. Barzel: Angekündigt!)
20 Jahre hat die CDU don Bundeskanzler und den
Bundesarbeitsminister gestellt. Aber niemals hat ein auf drei Punkte besonderes Gewicht gelegt: soziale
CDU-Bundeskanzler oder -Bundesarbeitsminister Sicherheit für alle, mehr Gerechtigkeit, mehr Frei-
dem Parlament ein umfassendes Programm für eine heit und Demokratie. Das wird jetzt im Sozial-
moderne Sozialpolitik vorgelegt. bericht verdeutlicht und konkretisiert.
Natürlich gab es auch in früheren Regierungser- (Abg. Härzschel: Wo denn?)
klärungen irgendwelche Aussagen zur Sozialpolitik.
Herr Kollege Katzer, als Sie 1965 Arbeitsminister — Das will ich Ihnen beweisen. Deshalb spreche ich
unter Herrn Erhard wurden, hat dieser in seiner hier.
Regierungserklärung die Sozialpolitik — ich zitiere
Zum ersten: soziale Sicherung für alle.
— als Ansatz zu einer sich selbst nährenden infla-
tionistischen Entwicklung disqualifiziert. Das war a) Bei uns sind für das Alter weniger Bürger
eine Konzeption des überholten Konservativismus. gesichert als in anderen Ländern. Deshalb hat dieses
2522 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Schellenberg
Haus aus Anlaß der Einbeziehung aller Angestellten — Ja, kündigt an! Sie werden vielleicht morgen in
in die gesetzliche Rentenversicherung der Zeitung lesen, was das Kabinett heute darüber
beschlossen hat.
(Abg. Katzer: Wer hat das denn vorge
schlagen?) (Abg. Dr. Barzel: Vielleicht könnte das der
Minister jetzt gleich sagen!)
am 8. Dezember 1967 die Bundesregierung beauf-
tragt, baldmöglichst einen Gesetzentwurf über die — Jetzt will ich zum Sozialbericht sprechen, und
Ausdehnung der gesetzlichen Rentenversicherung diesem will ich die Absichten der CDU gegenüber-
auf die Selbständigen vorzulegen. stellen. Dann wird der Minister noch Gelegenheit
haben, über heutige Kabinettsbeschlüsse zu berich-
(Abg. Härzschel: Das ist doch unser Programm!) ten.
— Wie Ihre Fraktion gestimmt hat, Herr Kollege (Abg. Dr. Barzel: Dann wird's ja doch noch
Härzschel, darüber wollen wir uns im einzelnen interessant!)
hier nicht unterhalten; es würde für Sie schlecht Im Sozialbericht heißt es sinngemäß: Die Kran-
ausgehen. kenversicherungspflichtgrenze für Angestellte wird
Herr Kollege Katzer, Sie müssen sich als dama- erhöht und dynamisiert. Für nicht versicherungs-
liger Arbeitsminister den Vorwurf gefallen lassen, pflichtige Angestellte wird ein Arbeitgeberzuschuß
daß Sie diesen Auftrag des Parlaments nicht erfüllt bei Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher und privater
haben. Krankenversicherung eingeführt.
(Beifall bei der SPD. — Zuruf des Abg. Die entsprechenden Referentenentwürfe sind bei
Katzer.) Einbeziehung der verschiedenen Alternativen be-
Der Sozialbericht enthält hinsichtlich dieser wich- reits mit allen interessierten Stellen beraten wor-
tigen gesellschaftspolitischen Aufgabe eine klare den.
Aussage — ich zitiere —: Jetzt, gestern oder vorgestern, brachte die CDU/
Die Bundesregierung betrachtet es als wichtige CSU-Fraktion einen ähnlichen Gesetzentwurf ein,
soziale Aufgabe, auch für die übrigen Selbstän- auf den Herr Kollege Katzer mit großem Stolz ver-
digen eine gesetzliche Alterssicherung zu er- wiesen hat.
möglichen. (Abg. Härzschel: Zu Recht!)
— Ja, aber Herr Kollege Härzschel, Sie wissen doch
Dann heißt es weiter sinngemäß: Soweit Selbstän- wohl noch, wie es vor einem Jahr war!
dige von Strukturveränderungen betroffen werden,
soll ihnen im Rahmen des gegenwärtigen Systems (Sehr richtig! bei der SPD.) .
der sozialen Rentenversicherung der Übergang zu Noch vor einem Jahre wollte die CDU/CSU erst ab
einer abhängigen Beschäftigung erleichtert werden. 1. Juli 1970 die Versicherungspflichtgrenze.
Das ist eine große Zielsetzung.
(Abg. Dr. Barzel: Das war doch die Große
(Abg. Katzer: Das ist nicht neu!) Koalition! Das war doch nichts!)
Nach ihrer Verwirklichung wird auch für Selbstän- Nein, nein, nein! Die CDU wollte in ihrem Gesetz-
dige endlich im Alter eine soziale Sicherung ge- entwurf vom 18. März 1969, der dann am 20. Mai
währleistet sein. im Sozialpolitischen Ausschuß von der CDU wieder
- zum Antrag erhoben wurde,
(Abg. Dr. Barzel: Haben Sie schon einen
Gesetzentwurf?) (Abg. Dr. Barzel: Das Gedächtnis ist immer
noch gut! — Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Das ist die politische Aufgabe, zu der die Bundes-
regierung im Sozialbericht eine klare Aussage ab 1. Juli 1970 die Versicherungspflichtgrenze auf
macht. nur 990 DM Monatsgehalt für Angestellte festset-
(Abg. Dr. Barzel: Angekündigt hat!) zen,
(Abg. Wehner: Leider wahr! — Sehr rich
— Herr Kollege Barzel, soviel verstehen Sie doch tig! bei der SPD.)
vom politischen Geschäft, daß nicht alle Aufgaben Sie hätte damit von den 7 Millionen Angestellten
innerhalb von sechs Monaten durchgeführt werden 4,5 Millionen von der gesetzlichen Pflichtkranken-
können. Aber eine Reihe wichtiger Aufgaben, die in
versicherung ausgeschlossen.
der Regierungserklärung angekündigt wurden, sind
bereits erfüllt worden. (Zuruf von der SPD: Christlicher Sozialis
mus! — Zuruf von der CDU/CSU: Immer die
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Barzel: alte Rede! Bringen Sie mal eine neue Rede!)
Was denn zum Beispiel?)
Wenn die CDU jetzt, als Oppositionspartei, eine
b) In Verwirklichung des gesellschaftspolitischen dynamisierte Grenze von 1425 DM Monatseinkom-
Zieles „Soziale Sicherung für alle" kündigt der So- men beantragt, dann kann ich das nicht anders be-
zialbericht Krankenversicherungsschutz für alle An- zeichnen, als daß sie versucht, unsere Angestellten
gestellten an. als dumm zu verkaufen.
(Abg. Dr. Barzel: Sehen Sie: kündigt an! (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
Das habe ich gesagt!) CDU/CSU: Als was?)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2523
Dr. Schellenberg
— Als dumm zu verkaufen, nämlich darüber hin- trifft den Wegfall des Beitrags der Rentner zur
wegzutäuschen, wie sich die CDU/CSU vor einem Krankenversicherung. Diese Regierungsinitiative
Jahr verhalten hat. hat die CDU/CSU-Fraktion völlig durcheinanderge-
(Abg. Härzschel: Wir handeln!) bracht. Zwiespältig war Ihr Verhalten vom Novem-
ber 1969 an, als die Ankündigung der Bundesregie-
Das gleiche gilt für die Arbeitgeberzuschüsse für rung erfolgte, bis zur Verabschiedung dieses Regie-
nichtversicherungspflichtige Angestellte. In ihrem rungsentwurfs am 11. März 1970! Politisch wichtig
sozialpolitischen Schwerpunktprogramm für die ist hier die Feststellung des Sozialberichts, daß der
6. Wahlperiode vom 20. August 1969 verkündet die Mehraufwand für den Wegfall des Rentnerkranken-
CDU/CSU, daß Zuschüsse des Arbeitgebers zum versicherungsbeitrags voll gedeckt ist, ohne daß die
Krankenversicherungsbeitrag lediglich freiwillig dynamische Rentenanpassung und sonstige Lei-
gewährt werden sollen. stungsverpflichtungen gefährdet werden.
(Lachen bei der CDU/CSU.)
Ein weiterer Bereich, in dem die Bundesregierung
Jetzt aber, angesichts des Sozialberichts, fordert die ihre Regierungserklärung bereits erfüllt hat: die
CDU im Gesetzentwurf einen gesetzlich festgelegten Kriegsopferversorgung. In wenigen Wochen ist die
Arbeitgeberzuschuß zum Krankenversicherungsbei- Zusage der Regierungserklärung voll erfüllt worden
trag. in den drei wichtigen Punkten: Erhöhung der Kriegs-
(Abg. Härzschel: Ja, freuen Sie sich doch! — opferrenten ab 1. Januar 1970, strukturelle Verbes-
Zuruf von der CDU/CSU: Fortschrittlich! — serungen und Einführung einer Dynamisierungs-
Gegenruf von der SPD: Fortschrittlich im klausel. Die Tatsache, daß sich jetzt bereits das
Abschreiben!) Zweite Anpassungsgesetz im Gesetzgebungsverfah-
— Ja, ja, Fortschritt jetzt! Zwanzig Jahre konser- ren befindet, beweist überzeugend die große gesell-
vativ. schaftspolitische Bedeutung der jährlichen Anpas-
(Abg. Dr. Götz: Das mit den 20 Jahren ist sung der Kriegsopferrenten an die allgemeine Ent-
doch falsch, Herr Dr. Schellenberg!) wicklung.
Jetzt fortschrittliche Anträge im Hinblick auf die (Abg. Härzschel: Und die 400 000 Witwen?)
Vorlage des Sozialberichts. Das ist ein wenig glaub-
würdiges Verhalten der CDU. In diesem Zusammenhang muß festgehalten wer-
den, daß die CDU/CSU in ihrem Schwerpunktpro-
c) Im Sozialbericht erklärt die Bundesregierung im gramm für die 6. Legislaturperiode lediglich eine
Rahmen ihrer Zielsetzung „Soziale Sicherung für Anpassung auf Grund von Berichten der Bundes-
alle", daß sie noch in diesem Jahr einen Gesetzent- regierung forderte, die im Abstand von zwei Jahren
wurf über eine umfassende Sicherung der Schul- vorgelegt werden sollen. Diese antiquierte Haltung
kinder im Rahmen der gesetzlichen Unfallversiche- hinsichtlich des damaligen § 56 und die sehr be-
rung vorlegen wird. Diese verbindliche Zusage der scheidenen Anforderungen des damaligen Arbeits-
Bundesregierung hat eine lange Geschichte. Es war ministers an den Haushalt
nämlich die sozialdemokratische Bundestagsfraktion, (Zuruf des Abg. Katzer)
die am 17. Januar 1968 hier im Hause einen Antrag
über die Unfallversicherung der Schulkinder ein- zur Verbesserung der Kriegsopferversorgung
gebracht hat.
(Abg. Härzschel: Sie ändern in Ihren Vor-
(Abg. Dr. Götz: Da wäre es doch ein Leichtes - ausschauen doch auch ständig!)
gewesen, ihn jetzt wieder einzubringen!)
haben dann die CDU bei der Beratung der Regie-
Daraufhin hat dann am 27. November 1968 der rungsvorlage veranlaßt, Anträge mit einem sehr
Bundestag die Bundesregierung aufgefordert, einen erheblichen Mehraufwand zu stellen. Einen Mehr-
Gesetzentwurf über die Unfallversicherung der aufwand, an den sie vorher niemals gedacht hatte,
Schulkinder vorzulegen. Herr Kollege Katzer als nämlich jährlich 353 Millionen DM gegenüber der
früherer Arbeitsminister hat auch diesen Auftrag Regierungsvorlage.
des Bundestages während seiner Amtszeit nicht er-
füllt. Nun zu einem weiteren Punkt des Zieles: mehr
(Hört! Hört! bei der SPD.) Gerechtigkeit, nämlich der flexiblen Altersgrenze,
Jetzt verkündet er stolz, daß seine Fraktion einen über deren Stand der Sozialbericht informiert. Die
entsprechenden Antrag einbringt, der den gleichen gegenwärtige Regelung der starren Altersgrenze
Gegenstand zum Inhalt hat, den er als Arbeitsmini- trägt — das sagt der Sozialbericht, und wir können
ster zwei Jahre hat liegen lassen. es unterstreichen —der tatsächlichen Entwicklung
der Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Menschen
(Abg. Härzschel: Er hat andere Aufgaben nicht Rechnung. Auch in dieser Hinsicht gibt es
gehabt!) jedenfalls bisher einen fundamentalen Unterschied
Zum Zweiten: Aus der Regierungserklärung ergibt zur CDU. In dem sozialpolitischen Schwerpunktpro-
sich und durch den Sozialbericht wird konkretisiert: gramm der CDU — das ist nämlich die einzige
mehr Gerechtigkeit in der sozialen Sicherung. Die Äußerung, die von Ihnen für die sechste Legislatur-
Bundesrgi tmwchgenPuktübr periode vorliegt — vom August 1969 wird eine Frei-
diesen Teil der Regierungserklärung in ihrem prak- heit der Wahl in bezug auf die Altersgrenze rund-
tischen politischen Handeln hinausgegangen. Es be weg abgelehnt.
2524 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Dr. Schellenberg
Wir Sozialdemokraten waren uns immer darüber Meine Damen und Herren, wir haben mit zustim-
im klaren, daß eine flexible Altersgrenze arbeits- mendem Interesse davon Kenntnis genommen, daß
marktpolitische, finanzwirtschaftliche Fragen auf- die Bundesregierung laut Sozialbericht — und der
wirft. Wir stimmen deshalb dem Sozialbericht zu, Bundesarbeitsminister hat wegen der Bedeutung
daß die gesamten Auswirkungen der flexiblen auch heute darauf hingewiesen — ihre Stellung-
Altersgrenze sorgfältig zu prüfen sind. Das hat der nahme zum Gutachten der Mitbestimmungskommis-
Herr Bundesarbeitsminister heute unterstrichen. Wir sion dem Hause in einer besonderen Vorlage zulei-
erwarten von der Bundesregierung, daß sie nach ten wird. Das wird die Diskussion über diese wich-
Abschluß dieser Prüfungen dem Hause einen Ge- tige Frage im Parlament und in der Öffentlichkeit
setzentwurf über die flexible Altersgrenze vorlegt. voranbringen.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Dem Ziel von mehr Freiheit und mehr Demo-
kratie dient auch die Vermögensbildung. Im Gegen-
In dem dritten Grundsatz der Regierungserklä- satz zur CDU/CSU sind wir mit der Bundesregierung
rung, den der Sozialbericht konkretisiert, geht es der Auffassung, daß ein gesetzliches Zwangssparen
um mehr Freiheit und mehr Demokratie. Wir be- nicht unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung
grüßen , die präzise Erklärung des Sozialberichts, den entspricht.
der Herr Bundesarbeitsminister in diesem Punkt
ausdrücklich bekräftigt hat: Die Bundesregierung (Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
wird noch in diesem Jahr eine umfassende Novel- rufe von der CDU/CSU.)
lierung des Betriebsverfassungsgesetzes vorlegen. — Herr Katzer, wenn Sie die Zeit gehabt hätten
Wir erwarten von dieser Novelle, von dieser Neu- oder sich die Zeit genommen hätten, in der letzten
regelung des Betriebsverfassungsgesetzes mehr Woche an der Anhörung der Sachverständigen über
Freiheit und mehr Demokratie im Arbeitsleben. den Gesetzentwurf der CDU/CSU teilzunehmen,
dann hätte Ihre Begeisterung über diesen Entwurf
Wenn der Herr Kollege Katzer heute vormittag sicher einen starken Dämpfer erhalten. — Sie er-
erklärt hat, die CDU hätte in dieser gesellschafts- halten das Protokoll.
politischen Frage stets geradlinig gehandelt, dann
(Abg. Katzer: Steht ja in der Zeitung!
hat Sie, Herr Kollege Katzer, in dieser Hinsicht Ihr
Zuruf des Abg. Härzschel.)
Gedächtnis im Stich gelassen. Die CDU-Fraktion hat
nämlich am 2. November 1967 unter Drucksache — Ja, Herr Kollege Härzschel. — Wenn der Herr
V/2234 einen Gesetzentwurf zur Änderung des Be- Präsident so gütig ist, es bei meiner Zeit zu berück-
triebsverfassungsgesetzes eingebracht, der lediglich sichtigen.
dem Ziel diente, bestimmte Gruppen durch eine so-
genannte Minderheitsklausel zu schützen. Härzschel (CDU/CSU) : Herr Kollege Schellen-
(Abg. Katzer: Unter dem Motto: mehr berg, würden Sie mir zustimmen, wenn ich fest-
Demokratie!) stelle, daß auch die Sachverständigen der Meinung
waren, daß der Tarifvertrag ebenso ein Zwangs-
Aber alle wirklichen Probleme, die bei einer Neu- sparen ist, und den haben Sie ja bejaht?
gestaltung des Betriebsverfassungsgesetzes zu
regeln sind, hat die CDU ausgeklammert, und das
nennen Sie ein geradliniges Verhalten. Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Kollege Härz-
schel, nach Schluß der Beratungen dieses Punktes
(Beifall bei der SPD. — Abg. Härzschel: Wo - der Tagesordnung hat der Herr Präsident dem Aus-
ist denn Ihr Entwurf von 1968?) schuß für Arbeit und Sozialordnung die freundliche
Genehmigung erteilt, die Beratungen des Aus-
— Wir haben unseren Gesetzentwurf damals einge- schusses fortzusetzen, und Sie wissen, auf der Tages-
bracht und stehen politisch dazu. ordnung
Wie die Entscheidung in dieser Legislaturperiode (Abg. Katzer: Das ist ja keine Antwort! —
fällt, ergibt sich aus dem Willen, den die Wähler im Abg. Härzschel: Es geht um das Zwangs-
September 1969 getroffen haben. Das wissen wir sparen!)
doch alle. Das hören Sie von uns hier, und wenn steht „Beratung der Gesetzentwürfe zur Vermögens-
Sie wollen, kommen Sie zu unserem Parteitag in bildung". Herr Kollege Härzschel, wir werden dann
Saarbrücken, da hören Sie das auch. Da werden wir im einzelnen versuchen, eine möglichst sinnvolle
das gleiche sagen, was unser politisches Gesamtziel Regelung auszuarbeiten. Wenn Sie dazu positive
ist und was wir im Rahmen der gegebenen Möglich- Beiträge leisten, dann sind wir Ihnen sehr dankbar.
keiten hier in enger Zusammenarbeit mit unserem
Koalitionspartner verwirklichen können. (Abg. Katzer: Das sind viele Worte, aber
keine Antwort!)
(Lachen bei der CDU/CSU.)
Das wesentliche Ziel unserer Vermögenspolitik
So ist es, und so ist es in jeder Koalition, in jedem ist, die wirtschaftliche Abhängigkeit des arbeitenden
Parlament. Menschen zu mildern und dadurch seinen Freiheits-
(Abg. Dr. Götz: Herzlichen Glückwunsch. raum zu erweitern. Die gesetzliche Neuregelung,
— Abg. Burger: Ist das so neu? — Abg. so wie sie der Regierungsentwurf vorsieht, beseitigt
Rösing: Sie Optimist! — Gegenrufe von der schwere Ungerechtigkeiten in der bisherigen staat-
SPD.) lichen Förderung der Vermögensbildung. Das wird
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2525
Dr. Schellenberg
— die -Sachverständigen haben es bestätigt; das ist stellt, in möglichst hoher Auflage der Öffentlichkeit
meine Antwort an Herrn Härzschel — den Tarif- zugänglich macht.
partnern neue verstärkte Impulse zur tarifvertrag-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
lichen Vermögensbildung geben. Das wird auch den
freien Spielraum der gesellschaftspolitischen Kräfte Im übrigen profitiert von dem Sozialbericht na-
fördern. Das ist unsere Auffassung. türlich auch die Opposition;
(Beifall bei der SPD.) (Abg. Burger: Aber sicher!)
sie weiß nämlich jetzt genau, was die Bundesregie
Im übrigen hat der Herr Bundesarbeitsminister rung beabsichtigt und wann sie es durchführen will.
unterstrichen, daß er im Dezember den Vermögens-
bericht der Bundesregierung mit weiteren Daten (Zuruf von der CDU/CSU: Wenig! —Abg.
vorlegen wird. Der Ausschuß für Arbeit und Sozial- Dr. Götz: Das wissen Sie ja selbst nicht!)
ordnung wird auch mit daran zu arbeiten haben, — Es stehen doch Termine drin!
damit der Bundesregierung die Möglichkeit gegeben
(Abg. Katzer: Schön wär es!)
wird, bessere Unterlagen über die Förderung der
Vermögensbildung zu gewinnen. — Meine Damen und Herren von der CDU, die
CDU hat diese Hilfe des Sozialberichtes, schon in
Wir haben mit großem Interesse ,aus dem Sozial- Gesetzentwürfen ausgenutzt, nämlich ihren Gesetz-
bericht zur Kenntnis genommen, daß die Bundes- entwurf zur Krankenversicherung und zur Unfall-
regierung an einem Gesetzentwurf zur Einführung versicherung für ,Schulkinder. Die Regierungspar-
des Bildungsurlaubs arbeitet. Das ist, nachdem die teien sind sich darüber im klaren, daß die CDU
bisherigen Bemühungen meiner Fraktion um den wahrscheinlich auch in Zukunft, gestützt auf den
Bildungsurlaub in diesem Hause gescheitert sind, Sozialbericht, vor der Einbringung von Regierungs-
ein prinzipieller Fortschritt. Wir begrüßen es auch vorlagen zur gleichen Materie ähnliche Anträge stel-
sehr, daß dieser Bildungsurlaub, wie es im Sozial- len wird, allerdings, so nehme ich an, mit einem
bericht heißt, nicht nur der allgemeinen beruflichen wesentlich höheren Leistungsaufwand. Dennoch wird
Bildung dienen soll, sondern auch, ich zitiere, „an- sie gleichzeitig behaupten, daß ihre Entwürfe finan-
dere gesellschaftliche und politische Bildungsinhalte ziell grundsolide seien. — Bitte, Herr Kollege!
umfassen" soll. Das wird, so meinen wir, dem
Demokratieverständnis in unserem Volke dienlich Mick (CDU/CSU) : Herr Kollege Schellenberg, Sie
sein. sind doch der Meinung, daß der Sozialbericht die
objektive Wirklichkeit unserer sozialen Verfassung
Es ist — das ist auch Inhalt des Sozialberichts — darstellen soll und auch darstellt. Wollen Sie es
ein zwingendes Gebot der Demokratie, Verwaltung dann der Opposition verwehren, sich auch an die-
und deren Rechtsgrundlagen für den Bürger durch- sem Bericht zu orientieren?
sichtiger zu machen. Transparenz und Vereinfachung
unserer sozialen Rechtsordnung können dadurch (Zuruf bei der SPD: Im Gegenteil!)
erreicht werden, daß weitere Bereiche des Sozial-
rechts nach einheitlichen Grundsätzen in einem Dr. Schellenberg (SPD) : Ich will es ihr nicht
Gesetzbuch zusammengefaßt werden. Herr Kollege verwehren! Ich sage, der Bericht ist eine Hilfe auch
Katzer, Sie haben die Frage angesprochen. Aber Sie für die Opposition. Wir haben an den erwähnten
wissen doch, daß schon vor zehn Jahren dieses Haus zwei Beispielen gerade in den letzten Tagen erfah-
der Bundesregierung einen Auftrag gegeben hat,- ren, wie die Opposition ,das ausnutzt. Deshalb soll-
die Arbeiten an einem einheitlichen Arbeitsgesetz- ten Sie den Sozialbericht sehr loben und sich dar-
buch voranzubringen. Seit vielen Jahren gibt es über freuen, daß die Bundesregierung vorausischau-
Etatposten hierfür, aber bisher ist uns noch nicht end erklärt, was sie will und wann sie es tun will.
einmal ein Teilergebnis vorgelegt worden. Um so (Beifall bei den Regierungsparteien.)
mehr begrüßen wir , es, daß nunmehr der Sozial-
bericht ankündigt, die Bundesregierung werde als
ersten Schritt den allgemeinen Teil eines Sozial- Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
gesetzbuches noch in dieser Legislaturperiode vor- eine Zwischenfrage?
legen. Das ist eine wichtige und präzise Erklärung.
Burger (CDU/CSU) : Herr Kollege Schellenberg,
(Beifall bei der SPD.) warfen Sie nicht eben der Opposition vor, daß sie
vielleicht im einen oder im anderen Gesetz etwas
Mit dem Sozialbericht stellt die Bundesregierung,
mehr fordern könnte als die ,Regierungsparteien. Ich
meine Damen und Herren, das kommt auch im So-
frage Sie: Gilt die Forderung nach mehr sozialer
zialbericht wörtlich zum Ausdruck, ihre sozialpoliti-
Gerechtigkeit denn nur für die Regierungsparteien
schen Vorhaben zur Diskussion. Wir halten es für und nicht auch für die Opposition?
notwendig, daß diese Diskussion nicht nur hier im
Parlament, sondern auch in der breitesten Öffent-
lichkeit geführt 'wird. Das ist lebendige Demokratie Dr. Schellenberg (SPD): Herr Kollege, wir sind
in einem Bereich, der praktisch jeden einzelnen Bür- uns darüber klar, daß wir, wie ich hoffe, gemeinsam
ger unmittelbar angeht. Wir würden es deshalb sehr alles für mehr soziale Gerechtigkeit tun wollen —
begrüßen, Herr Bundesarbeitsminister, wenn die aber im Rahmen langfristiger finanzieller Voraus
Bundesrgi Sozalbcht,puärdge- schau! (Zurufe von der CDU/CSU.)
2526 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Schellenberg
Diesen Grundsatz halben wir, noch als wir Oppo- tion für so versiert oder für versierter als die SPD,
sition waren, durch Zurücknahme eigener Anträge schon jetzt solche Anträge einbringen zu können,
hier bekräftigt, und an diesen Grundsatz der finan- obwohl wir den Bericht, der das Datum 20. April 1970
ziellen Solidität halten wir uns. trägt, erst einige Tage in der Hand haben? Oder
(Beifall bei der SPD.) glauben Sie nicht, daß das unsere eigenen Ideen
waren?
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
Schellenberg, gestatten Sie eine zweite Frage des Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Kollege Müller,
Herrn Abgeordneten Burger? ich habe gesagt: Der Sozialbericht konkretisiert die
Regierungserklärung. Die Punkte, die ich erwähnt
Dr. Schellenberg (SPD) : Ja, bitte schön, Herr habe, sind fast alle bereits in der Regierungserklä-
Kollege Burger! rung angedeutet und werden jetzt weiter verwirk-
licht. Im übrigen, Herr Kollege Müller, können Sie
mir nicht weismachen, daß die CDU über die Vor-
Burger (CDU/CSU) : Herr Professor Schellenberg, bereitungsarbeiten für den Sozialbericht nicht in
kann man, ohne kleinlich zu sein, Ihre jetzige Aus- wesentlichen Grundzügen informiert war; Sie per-
sage mit dem Versprechen des Herrn Arbeitsmini- sönlich vielleicht nicht, aber andere Kollegen. Sonst
sters bezüglich mehr sozialer Gerechtigkeit in einen hätte Herr Kollege Katzer nicht schon wenige Tage
Zusammenhang bringen? Paßt denn das zusammen? später über das Sozialbudget, ein kompliziertes
Oder würden Sie nicht zugeben, daß das Verspre- finanzwirtschaftliches Programm,
chen des Herrn Bundesministers, für mehr soziale
Gerechtigkeit einzutreten, so aufzufassen ist, daß (Abg. Katzer: Wir sind intelligente Leute!)
die derzeitige Regierung mehr als die früheren Bun- detaillierte Kritiken veröffentlichen
desregierungen leisten will?
(Abg. Katzer: Freuen Sie sich doch darüber!)
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]: Beides!)
und Pressekonferenzen mit Unterstützung des dama-
ligen Ministerialdirektors für die Sozialplanung ab-
Dr. Schellenberg: Herr Kollege Burger, das ist halten können.
ein sehr differenziertes Problem.
(Abg. Katzer: Den Sie hinausgeworfen
(Zurufe von der CDU/CSU: Eben!) haben! Das war ein Fehler! — Heiterkeit.)
— Man kann mehr an Sozialem leisten, ohne ins- — Herr Nölling wird Ihnen nachher darlegen, wie
gesamt mehr Geld auszugeben. hervorragend das Sozialbudget ist, und dann kön-
(Weitere Zurufe von der CDU/CSU.) nen Sie eine Wertung darüber anstellen, welcher
— Das kann man, und das werden wir Ihnen bewei- Ministerialdirektor besser war und welche Regie-
sen. Man kann — das haben wir bewiesen — auf ung besser ist.
Antrag der beiden Regierungsparteien auch im Rah- (Beifall bei den Regierungsparteien. —
men einer mittelfristigen Finanzplanung noch mehr Abg. Katzer: Das wollen wir dann sehen.
für die Sozialpolitik herausholen. Das haben wir — Zuruf von der CDU/CSU: Das ist aber
nämlich durch den gemeinsamen Antrag der beiden billig!)
Regierungsparteien zur Dynamisierung der Kriegs-
Meine Damen und Herren, ich möchte jetzt zu den
opferrenten bewiesen. finanziellen Fragen einige wenige abschließende
-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu Bemerkungen machen. Sie haben in den letzten
rufe von der CDU/CSU.) Wochen und Monaten für den Bereich des Sozial-
berichts über die Regierungsvorlage hinaus Ge-
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege setzentwürfe eingebracht. Ich beziehe mich dabei
Schellenberg, gestatten Sie eine Zwischenfrage des nur auf ein Jahr, nicht auf die vierjährige Finanz-
Herrn Abgeordneten Müller? planung; sonst wäre es ein viermal höherer Betrag.
Diese Gesetzentwürfe der CDU/CSU sehen für das
(Abg. Matthöfer: Nun reicht es langsam! —
Kindergeld 285 Millionen DM, für die Kriegsopfer
Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]:: Er will noch
anpassung 353 Millonen DM sowie für die Kran-
mehr lernen! — Abg. Burger: Mehr Demo
kenversicherung — ohne Berücksichtigung des Bei-
kratie, also mehr Diskussion!)
tragszuschusses der Arbeitgeber — 270 Millionen
DM Mehrausgaben vor. Das macht allein bei drei
Dr. Schellenberg (SPD) : Ja, bitte! Herr Kollege Gesetzentwürfen einen Mehraufwand für ein Jahr
Burger, es wurde gerade Herrn Müller das Wort von über 900 Millionen DM aus. Im übrigen sind
gegeben. Ich muß auf Herrn Müller aufpassen; er — das werden wir bei der ersten Lesung Ihres
ist nämlich auch Berliner. Deshalb werde ich die Krankenversicherungsentwurfs hier noch zu be-
Ohren spitzen. sprechen haben — die Finanzierungsangaben be-
züglich der Krankenversicherung sehr oberfläch-
Müller (Berlin) (CDU/CSU) : Herr Kollege Schel- lich und fragwürdig.
lenberg, Sie haben der CDU/CSU-Fraktion unter-
stellt, sie habe aus dem Sozialbericht bereits Konse- Aber das, was Sie, Herr Kollege Katzer, heute
quenzen konkreter Art gezogen und entsprechende vormittag über den Gesetzentwurf der CDU zur
Anträge eingebracht. Halten Sie die CDU/CSU-Frak- Vermögensbildung gesagt haben, ist hinsichtlich
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2527
Dr. Schellenberg
seiner finanziellen Auswirkungen einfach unzutref- Sie hatten gesagt, Herr Kollege Katzer, eine
fend, wie allen Mitgliedern des Ausschusses im Abstimmung zwischen der Wirtschafts-, Finanz- und
einzelnen mitgeteilt wird. Wenn der Präsident es Sozialpolitik sei eminent wichtig. Dem stimmen wir
gestattet, werden wir diese Berechnung als Druck- voll zu.
sache an das ganze Haus verteilen. Sie hatten zweitens gesagt, die Abstimmung zwi-
Der Ausschuß hat beschlossen, die Bundesregie- schen den Zahlen des Sozialbudgets und den Zahlen
rung damit zu beauftragen, unter den gleichen An- der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung habe
nahmen wie denen des Regierungsentwurfs den Ent- diesmal nicht vorgelegen. Das ist richtig. Dennoch
wurf der CDU/CSU zu berechnen. hat der Vertreter des Bundesministers für Wirtschaft
im Kabinett diesem Sozialbudget zugestimmt.
(Abg. Katzer: Sehr dankbar!) Warum? Weil gleichzeitig eine Revision der Pro-
Die Bundesregierung teilt uns jetzt mit, daß die Be- jektionen und Prognosen für das laufende Jahr zu
lastungen nach dem CDU/CSU-Entwurf für Bund erwarten ist, und zwar vor allen Dingen in bezug
und Länder für das Jahr 1971 5,2 Milliarden DM be- auf Produktionssteigerung und Produktivitätssteige-
tragen würden. rung, die mögliche Differenzen, die in diesem be-
rühmten Jahr 1973 zwischen den Zahlen des Sozial-
(Abg. Wehner: Hört! Hört!)
budgets und dem Staatsverbrauch nach der volks-
Davon war hier bei der ersten Lesung nicht die wirtschaftlichen Gesamtrechnung auftreten könnten,
Rede. Da haben Sie den Eindruck erweckt, als stark relativieren. Ja, der Vertreter im Kabinett —
würde der CDU-Entwurf ungefähr so teuer oder so in diesem Fall war ich das — konnte nicht einmal
billig sein wie der Regierungsentwurf. sagen, ob es zu einer Unter- oder zu einer Über-
(Zuruf von der SPD: Billiger!) deckung kommen wird, wenn wir in der Lage sein
werden, bis 1974 fortzurechnen.
Jetzt stellt sich nach konkreten Berechnungen her-
aus: 5,2 Milliarden DM Kosten pro Jahr. Die Grund-
sätze und Annahmen dieser Berechnungen sind von Vizepräsident Frau Funcke: Herr Staatssekre-
der Bundesregierung jetzt sogar mit Mitarbeitern tär, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
der CDU/CSU-Fraktion abgestimmt worden, damit Abgeordneten Katzer?
sichergestellt ist, daß die Regierung von den glei-
chen Annahmen und Voraussetzungen ausgegangen
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
ist.
beim Bundesminister für Wirtschaft: Einen Satz
(Abg. Härzschel: Aber Sie wollen doch
noch. — Diese Unterlage wird nachgeliefert, und
viel mehr!)
zwar in dem Augenblick, wo die Projektgruppen
— Aber, Herr Kollege Härzschel, was beweist denn unseres Hauses mit der Erarbeitung des Nachtrags
das? Das beweist, daß die CDU/CSU über Nacht — zum Jahreswirtschaftsbericht fertig sind und an die
denn den Gesetzentwurf, auf den Herr Katzer so Fortschreibung der mittelfristigen Projektion gehen
stolz war, haben wir erst am Morgen der Beratung können.
erhalten — Gesetzentwürfe einbringt, die finan-
ziell unausgegoren sind und die sich in phantasti-
Vizepräsident Frau Funcke: Bitte schön!
schen Größenordnung bewegen.
(Beifall bei der SPD.)
Katzer (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ich ver-
Gleichzeitig spielt sich die CDU/CSU aber als Hüter stehe das sehr gut, nur würden Sie unter dieser
von Währung und Stabilität auf. Annahme rechtfertigen, , daß in der Vorlage der
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Bundesregierung nicht von einer 4%igen, sondern
von einer 4- bis 5%igen Steigerung der Nettolöhne
Das ist ein — ich drücke mich sehr vorsichtig aus — und -gehälter real im Jahr im Verlauf der mittel-
höchst widerspruchsvolles Verhalten. fristigen Finanzplanung gesprochen wird?
Wir lassen uns dadurch nicht stören. Wir wer-
den zielbewußt Schritt um Schritt den Sozialbericht Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär
verwirklichen. Das wird die soziale Landschaft ver- beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege
ändern und unsere Politik der inneren Reformen Katzer, wahrscheinlich wird die Differenz zwischen
verwirklichen. der Zielprojektion, die wir im Jahreswirtschafts-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) bericht für die reale Nettolohnentwicklung diesem
Haus vorgelegt haben, und dem Nachtrag, den wir
für die reale Nettolohnentwicklung vorgetragen
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der haben, erheblich größer sein als dieses halbe Pro-
Parlamentarische Staatssekretär Arndt. zent. Ich kann noch nicht genau sagen, in welchem
Maße, so daß ich auch nicht genau sagen kann, ob
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär es mit diesen Zahlen zu einer Unter- oder Über-
beim Bundesminister für Wirtschaft: Frau Präsident! deckung kommen wird.
Meine Damen und Herren! Ich schulde dem Hohen
Hause, insbesondere dem Kollegen Katzer, einige Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
Informationen. eine zweite Frage, Herr Staatssekretär?
2528 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär sonst hätte Herr Kollege Katzer doch nicht in so
beim Bundesminister für Wirtschaft: Ja, bitte schön! merkwürdiger Weise Stellung nehmen können. Ich
sehe mich gezwungen, Herr Kollege Katzer, vor den
Katzer (CDU/CSU) : Mir geht es nur um die Ausführungen, die ich für die Freien Demokraten
Frage: Ist es angesichts der Ungeklärtheit der machen möchte, einige aufklärende Worte zu sagen,
Situation überhaupt richtig und angemessen, hier weil ich das Gefühl habe, daß die augenblickliche
eine konkrete Zahl zu nennen und damit natürlich Orientierung der Opposition an diesen Fragen eher
auch Hoffnungen zu wecken, die möglicherweise auf einem Verschiebebahnhof oder vielleicht auf
morgen nicht gerechtfertigt werden können? einem Abstellgleis enden. könnte.
(Lachen bei der CDU/CSU.)
Dr. Arndt, Parlamentarischer Staatssekretär Herr Kollege Katzer, Sie haben die Feststellung
beim Bundesminister für Wirtschaft: Herr Kollege getroffen, daß diese Bundesregierung und die sie
Katzer, für das Bundeswirtschaftsminitserium und tragende Koalition — so weit gehe ich mit Ihnen
für mich habe ich diese Frage im Kabinett mit Ja d'accord — für die Sozialpolitik, für die sozialpoli-
beantwortet, und ich habe diesem Sozialbericht zu- tischen Maßnahmen des letzten halben Jahres und
gestimmt, habe keinen Vorbehalt erklärt, weil ich für die Aufgaben, die sie sich gestellt haben, die
annehme, , daß wir das nach der Fortrechnung in der Verantwortung tragen. Herr Kollege Katzer, wer
Abstimmung hinbekommen können. hat denn 20 Jahre die Verantwortung für die Sozial-
(Abg. Katzer: Also eine reine Annahme?) politik getragen?
— Nein, das ist eine Annahme, die aber einer Ent- (Abg. Katzer: Die FDP! Waren Sie nicht
scheidung zugrunde lag, die ich hier voll vertreten dabei?)
kann. Wieso kamen plötzlich, als Sie wider Erwarten die
(Abg. Katzer: Aber eine reine Annahme Opposition des Deutschen Bundestages wurden, aus
ohne wissenschaftlich fundiertes Material?) Ihren Reihen eine Latte von Vorschlägen, die Sie
— Herr Kollege Katzer, die Schätzungen der Insti- damals, als Sie 20 Jahre lang das Ressort für Sozial-
tute lagen ja zu dem Zeitpunkt schon vor. politik in der Hand hatten, alle hätten verwirklichen
können?
(Abg. Katzer: Ich verstehe das!)
(Abg. Katzer: Sie waren unser Koalitions
Sie beinhalten ja ein erheblich höheres Wachstum
partner!)
des realen Sozialprodukts. Die Zahlen, die die
Arbeitskreise der Ministerien jetzt ausrechnen wer - Nun, da haben wir auch unsere Erfahrungen mit
den, werden noch einmal höher liegen, auch real Ihnen gemacht, Herr Kollege Katzer.
höher. Ich glaube, daß es keine gute Annahme ist, (Zuruf von der CDU/CSU: Ist denn in den
davon auszugehen, daß die Zahlen, die hier für die 20 Jahren nichts gemacht worden?)
Jahre 1971/72 usw. stehen, nachher keine Deckung
im Kontensystem der volkswirtschaftlichen Gesamt- — Das habe ich nicht behauptet. Aber wenn ich Ihre
rechnung und damit keine Deckung durch die pro- Anträge und Begründungen aus den letzten Wochen
duktive Leistung unserer Volkswirtschaft finden. und die Angriffe des Kollegen Katzer, die er damals
schon in der Debatte über die Regierungserklärung
(Beifall bei den Regierungsparteien.) gemacht hat, noch einmal an mir vorüberziehen
lasse, muß ich sagen: das, was scheinbar nicht in
-
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der Ordnung ist, was Sie plötzlich alles möchten, haben
Abgeordnete Schmidt (Kempten). Es sind 45 Minu- Sie 20 Jahre lang vergessen. Sie haben anscheinend
ten Redezeit beantragt. einen Nachholbedarf, sonst hätten Sie nicht plötzlich
überproduziert, vor allen Dingen nicht dort, wo die
Schmidt (Kempten) (FDP) : Frau Präsident! Meine Bundesregierung und die Regierungsfraktionen be-
sehr geehrten Damen und Herren! Der Herr Bun- reits Gesetze in Arbeit haben. Ich werde dazu gleich
desarbeitsminister hat bei der Einbringung des noch einige Beispiele bringen.
Sozialberichts diesen vorhin das „sozialpolitische Ein Zweites, Herr Kollege Katzer. Sie haben es
Kursbuch" der sozialliberalen Koalition genannt. Ich bedauert, daß wir in unserer sozialpolitischen Ge-
möchte dies für die Freien Demokraten vollauf be- setzgebung ein Paragraphengestrüpp haben. Das
stätigen. Zweifellos soll dieses Kursbuch dem gan- Wort haben Sie gebraucht. Ich stimme Ihnen völlig
zen Haus die Orientierung über das geben, was die zu. Wer war denn 20 Jahre dafür verantwortlich,
Bundesregierung und was die sie tragenden Frak- daß unsere Sozialpolitik leider Gottes so undurch-
tionen im sozialpolitischen Bereich nicht nur an Be- sichtig und für den einzelnen kaum überschaubar
standsaufnahme, sondern auch an Zielvorstellungen wurde?
haben. Es soll auch die Orientierung für die Arbeit (Zuruf von der CDU/CSU: Die FDP!)
der Opposition geben. Ich habe allerdings sowohl
aus den Ausführungen des Herrn Kollegen Katzer Doch zumindest die Partei, die das Ressort 20 Jahre
als auch auf Grund einiger Zwischenfragen den Ein- verwaltet hat und für diese Fragen verantwortlich
druck gewonnen, daß es mit dieser Orientierung war! Es ist also etwas problematisch, jetzt von
noch nicht allzu weit her ist. Ich habe den Eindruck einem Paragraphengestrüpp . zu sprechen, das Sie
gewonnen, daß Sie dieses Kursbuch von hinten nach selbst in den vielen Jahren hätten entflechten kön
vorn oder von unten nach oben gelesen haben, denn nen. (Zuruf des Abg. Katzer.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2529
Schmidt (Kempten)
— Nicht Sie allein. Auch Ihren Vorgängern mache was im Berufsbildungsgesetz geschaffen wurde, än
ich diesen Vorwurf. dern und die Aufgaben der Berufsbildung, die weit-
gehend auf die Industrie- und Handelskammern und
(Abg. Breidbach: Auch die FDP!)
auf die Handwerkskammern verlagert wurden, auf
die Bundesanstalt übertragen möchte.
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
eine Zwischenfrage der Abgeordneten Frau Ka- Daß das Ihre persönliche Vorstellung ist, Herr
linke? Minister, könnte ich mir denken. Ich frage mich nur
— und ich muß wieder an die Debatte über die
Frau Kalinke (CDU/CSU) : Herr Kollege, war Regierungserklärung zurückdenken —: Haben Sie
die FDP seit 1949 nicht immer dabei? Trägt die FDP hier als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der
für die größte Zeit der letzten zwei Jahrzehnte nicht CDU/CSU in Abstimmung beispielsweise mit dem
mit Verantwortung? Bekennt sie sich noch dazu? Kollegen Schulhoff und seinem Kreis gesprochen,
oder war das wieder eine persönliche Meinung, die
Sie selbstverständlich gern haben können und die
Schmidt (Kempten) (FDP) : Meine sehr verehrte ich Ihnen auch konzidiere?
Frau Kollegin Kalinke, ich muß bei Ihnen leider
etwas Geschichtskorrektur betreiben. Wir waren (Zurufe von der SPD: Sehr wahr!)
im ersten Bundestag dabei. Sie haben in der Debatte zur Regierungserklärung
(Abg. Frau Kalinke: Eben!) gesagt: „Wenn ich hier spreche, spreche ich als stell-
vertretender Fraktionsvorsitzender". Es ist also auch
Wir waren in den Jahren, als Sie mit absoluter die Meinung des Kollegen Schulhoff und des Krei-
Mehrheit eine ganze Menge Gesetzesgestrüpp mach-
ses, der bisher in dieser Hinsicht anderer Meinung
ten, das wir jetzt entwirren mußten, nicht dabei,
war.
und wir haben, Frau Kollegin Kalinke, in der
(Zuruf von der , SPD: Pohle!)
Koalition mit Ihnen in manchen Dingen sehr harte
Auseinandersetzungen führen müssen. Bei den da-
maligen Mehrheiten haben Sie die Unterstützung Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zwischen-
Ihres Koalitionspartners nicht gesucht. frage des Herrn Abgeordneten Katzer.

Frau Kalinke (CDU/CSU) : Dann kann es sich Katzer (CDU/CSU) : Herr Kollege, es gibt bei
doch nur um Punkte gehandelt haben, in denen Sie dieser Frage finanzielle Probleme, die bei der Bun-
mit Ihrem jetzigen Koalitionspartner nicht einig desanstalt für Arbeit — auch wenn wir die beruf-
waren? liche Bildung hinzufügten — sicherlich sehr gut an-
gesiedelt werden könnten. Es gibt andere Probleme,
Schmidt (Kempten) (FDP) : Das wird sich erst die wir im Berufsbildungsgesetz geordnet haben.
noch zeigen, wenn ich die Dinge im Detail aufzeige Darf ich Sie fragen, ob Sie nicht mit mir der Mei-
und wenn wir uns über die Details im Ausschuß nung sind, daß es sehr viel sinnvoller wäre,
unterhalten, Frau Kollegin Kalinke. bezüglich der beruflichen Bildung tatsächlich weiter-
Ich darf noch einmal zusammenfassen, was ich zukommen, statt sich über Institutionen zu streiten
feststellen möchte: und über diese Probleme nur zu reden? Das war
mein Vorschlag: darüber sollte man nachdenken;
(Zurufe von der CDU/CSU)
mehr nicht, Herr Kollege!
das zuständige Ressort war immerhin 20 Jahre lang-
in den Händen der jetzigen Opposition. Nachdem
die Opposition das Ressort nicht mehr hat, nachdem Schmidt (Kempten) (FDP) : Wir sind uns in die-
sie nicht mehr in der Regierung sitzt, kommt sie sem Hause alle darüber im klaren, daß wir uns über
auf einmal mit einem Berg von Gesetzentwürfen, die finanziellen Probleme einer noch besseren Be-
die sie eigentlich damals hätte verwirklichen kön- rufsbildung weiter unterhalten müssen. Ihre Äuße-
nen, als sie die absolute Mehrheit hatte. rung war immerhin so, daß sie mißverstanden wer-
den konnte. Deshalb habe ich es jetzt geklärt; nun
(Beifall bei den Regierungsparteien.) wissen wir ja Bescheid.
Jetzt aber möchte sie auf einmal beweisen, was noch (Abg. Katzer: Vielen Dank!)
zu machen wäre, 'was sie seinerzeit versäumt hat.
Ein weiterer Punkt. Auch da muß ich wieder ein
Ein Drittes, Herr Kollege Katzer. Sie haben vor-
halbes Jahr zurückgehen. Ich habe Sie schon in der
hin davon gesprochen, Sie könnten sich vorstellen,
Debatte zur Regierungserklärung gefragt, ob Sie als
daß die Bundesanstalt für Arbeit eigentlich Bundes-
Vorsitzender der Sozialausschüsse oder als stell-
anstalt für Arbeit und Berufsbildung heißen sollte.
vertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU
Der Kollege Liehr hat dazu noch eine klärende Frage
sprechen. Ich habe Sie auch gefragt, ob Sie mit Ihren
gestellt. Wenn es sich nur um ein Wortspiel han-
großen Worten über die Ausdehnung der Mitbe-
delt, hätte diese Änderung damals durchgeführt
stimmung für die CDU/CSU-Fraktion gesprochen
werden können, als man die Bundesanstalt für Ar-
haben. Auch vorhin wieder, als Sie den Koalitions-
beitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in
fraktionen vorwarfen, daß da nichts geschehe — —
Bundesanstalt für Arbeit umbenannte. Ich habe aller-
dings ein wenig den Verdacht, daß es sich hier um (Abg. Katzer: Davon können Sie aus
etwas mehr handelt, nämlich darum, daß man das, gehen!)
2530 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Schmidt (Kempten)
— Darf ich davon ausgehen? Dann wundert es mich daß eben der Sozialbericht, genau aufbauend
aufbauend auf
allerdings, Herr Kollege Katzer, daß die kürzlich in der Regierungserklärung dieser Bundesregierung,
einem kleineren Kreis bei Ihnen vorgesehene Ab- die Dinge im Detail analysiert und die Möglichkei-
sichtserklärung in dieser Richtung nicht zum Zuge ten, Notwendigkeiten und Zielvorstellungen daran
gekommen ist. Es scheint also in Ihrer Fraktion doch aufzeigt. Das ist ja der Sinn, das auszubauen und
noch nicht ganz so zu sein, wenn Sie es auch — das das, was diese Regierungsfraktionen beschlossen
konzediere ich Ihnen — persönlich vielleicht so haben, in diesen vier Jahren gemeinsam zu ver-
haben möchten. wirklichen.
(Abg. Katzer: Ich spreche nicht für meine Deshalb möchte ich namens der Freien Demokra-
Person, sondern in der Eigenschaft, die Sie ten dem Herrn Bundesarbeitsminister, seinem Hause,
eben erwähnten!) dem Kabinett und all denen, die an diesem Sozial-
— Aber die Absichtserklärung ist bis jetzt durch- bericht und dem Sozialbudget sonst mitgearbeitet
gefallen?! haben, den Dank dafür aussprechen, daß sie einen
(Abg. Katzer: Welche Absichtserklärung?) Bericht gegeben haben, der ein modernes, in unsere
jetzige Gesellschaft passendes Bild der Sozialsitua-
— Wenn ich sie im Schreibtisch habe, werden Sie
tion, des sozialen Sicherheitssystems, aber auch der
sie sicher im Schreibtisch haben! liberalen gesellschaftspolitichen Notwendigkeiten
(Abg. Katzer: Ich habe eine andere im darstellt, und daß einige Schwerpunkte gesetzt wur-
Schreibtisch als Sie!) den, die uns, das ganze Haus, zweifellos — im Be-
Herr Kollege Katzer, noch ein letzter Punkt im reich der Vermögensbildung ist es erst vor kurzem
Rahmen der Vorbemerkungen, die ich noch machen geschehen — in den nächsten Jahren beschäftigen
wollte. Ich kann mich nachher etwas kürzer fassen, werden.
weil, wie ich vorhin sagte, das sozialpolitische Kurs- Hier stimme ich auch mit Ihnen, Herr Kollege
buch, der Sozialbericht, für uns eine sehr positive Katzer, überein — ich bin dafür besonders dank-
Aussage, eine sehr positive Zielvorstellung bein- bar —, daß der Bereich der Bildung, der beruflichen
haltet. Ich wollte nur noch auf Grund der Bemerkun- Bildung, der Umschulung, der Ausbildung, des Aus-
gen, die ich eben machen durfte, folgendes sagen. baus der Erfahrungen mit dem Arbeitförderungs-
Herr Kollege Katzer, Sie haben Ihre Ausführungen gesetz und alle diese Dinge als ein Schwerpunkt
mit dem Ausspruch beschlossen: „Wer das Ziel nicht gesellschaftspolitischer, ja weiterer sozialpolitischer
kennt, wird den Weg nicht finden." Ich habe bisher Überlegungen betrachtet werden muß und daß der
aus dem, was von Ihnen vorhin gesagt wurde, aus Bereich der Vermögensbildung aber das hinaus, was
gewissen Zwischenfragen und aus anderen Gesprä- wir im 624-DM-Gesetz zunächst einmal seitens der
chen, die man führt, den Eindruck gewonnen, daß Bundesregierung und der Regierungsfraktionen vor-
die Opposition das Ziel nicht kennt, nicht weiß, was geschlagen haben, weiter ausgebaut werden muß.
sie nun eigentlich will und deshalb den Weg nicht Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen
so schnell wieder finden wird. Sie mich ein paar Bemerkungen machen, um einige
Nun aber zum Sozialbericht aus der Sicht der Zweckmeldungen in der Öffentlichkeit, in bestimm-
Freien Demokraten. Wir sind sehr erfreut darüber ten Zeitungen etwas zurechtzurücken. Ich habe hier
und wir begrüßen es sehr, daß der Sozialbericht im gerade eine Ausgabe des Unternehmerbriefs des
Zusammenhang mit dem Sozialbudget ein wesent- Deutschen Industrieinstituts — ich sage das so offen;
lich breiteres Spektrum und eine wesentliche brei- ich will damit keine Schleichwerbung betreiben —,
tere Bestandaufnahme mit den entsprechenden dar-- in dem ein Artikel steht: „Sozialbericht — der
aus sich ergebenden Vorstellungen aufweist, als liberale Beitrag fehlt". Wer diesen Artikel geschrie-
das beim letzten Sozialbericht, der vor zwei Jahren ben hat, tat es entweder aus Böswilligkeit — aber
erstattet wurde, der Fall war; daß hier wesentlich das will ich nicht einmal unterstellen — oder aus
mehr die von uns immer in den Mittelpunkt der Unkenntnis, ohne diesen Bericht studiert zu haben.
Überlegungen gestellten Gedanken des engen Zu- Ich glaube, wir Freien Demokraten können mit Recht
sammenspiels, der Zusammenwirkung von Sozial- darauf hinweisen, daß eine ganze Reihe von Emp
und Wirtschaftspolitik deutlich geworden sind; daß fehlungen und Zielvorstellungen in diesem Sozial-
eines der Hauptziele des Sozialberichts, insgesamt bericht mit dem übereinstimmen, was wir schon vor
gesehen, die bessere Transparenz unseres gesamten Jahren in diesem Hause angesprochen haben, wofür
sozialen Leistungssytems darstellt; daß der Bericht wir uns schon oft eingesetzt haben.
nicht nur Bestand anmeldet und Tatsachen berichtet, Ich denke dabei daran, daß es die FDP war, die
sondern daraus auch bereits die Probleme ableitet 1961 im Bundestagswahlkampf ein Sozialgesetzbuch
und Lösungswege aufzeigt; daß der Strukturwandel und damit eine Durchforstung der Sozialgesetz-
in unserer Gesellschaft, der alle gesellschaftlichen gebung, eine Transparenz verlangte. Ich denke auch
Gruppen betrifft, von vornherein in die Überlegun- daran, daß sich die Freien Demokraten seit 1961
gen mit einbezogen worden ist und daraus auch Fol- dafür eingesetzt haben, im Rahmen der Rentenver-
gerungen und Zielvorstel ungen angedeutet worden sicherung dem einzelnen Versicherten möglichst
sind. immer einen Überblick über den jeweiligen Ver-
Wir begrüßen es sehr — im Gegensatz zu dem, sicherungsstand zu geben, etwas, was im Regie-
was Herr Kollege Katzer sagte, der der Meinung rungsprogramm und im Sozialbericht angeschnitten
war, im Sozialbericht müßte schon wieder etwas worden ist. Ich erinnere daran, daß wir bereits im
anderes als in der Regierungserklärung stehen —, Sommer vorigen Jahres bei der damaligen Novelle
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2531
Schmidt (Kempten)
zur Krankenversicherung im Ausschuß von einer — Es war gar nicht unbescheiden, Frau Kollegin.
Dynamisierung der Versicherungspflichtgrenze für Ich würde das auch gern darlegen. Aber ich habe nur
Angestellte gesprochen haben und daß wir, zumin- 45 Minuten, und das würde ein eigenes Referat sein.
dest solange ich in diesem Hohen Hause bin, immer Das wissen Sie selbst.
wieder die Zahlung des Arbeitgeberbeitrags an alle Ich darf daran erinnern, daß wir dem Bereich
Angestellten, auch über der Versicherungspflicht der betrieblichen Altersversorgung immer ein be-
grenze, gefordert haben. sonderes Augenmerk geschenkt haben und seiner-
(Abg. Frau Kalinke: Das ist wahr!) zeit, als es gewisse Überlegungen gab, diese be-
triebliche Altersversorgung mit ihren Kapitalien
Ich erinnere daran, daß mein Kollege Spitrzmüller zur Beseitigung gewisser Schwierigkeiten der Fi-
in fast jeder Debatte über die Rentenversicherung nanzierung der Rentenversicherung anzutasten, uns
die Öffnung der Rentenversicherung auch für Selb- erheblich zur Wehr gesetzt haben. Ich könnte den
ständige, für alle die Selbständigen, die keine Ab- Katalog noch erweitern.
sicherung haben, gefordert hat. Damals gingen diese Wir können feststellen, daß dieser Sozialbericht
Anträge nicht durch. Jetzt sind die Forderungen in . in seinen einzelnen Abschnitten sehr viele Gedan-
diesmgnaozliberBchtna- ken der Freien Demokraten enthält. Das ist ja
ten. Jetzt sind sie in den Überlegungen dieser Bun- auch richtig so, da diese Koalition sich als sozial-
desregierung berücksichtigt. Ich erinnere daran, daß liberale Koalition versteht, als solche angetreten ist
die flexible Altersgrenze, vor vielen Jahren bereits und als solche in diesen vier Jahren die Reformen
von uns angeschnitten, ebenfalls in der Diskussion in den einzelnen Bereichen anzupacken gedenkt.
ist. Ich will die einzelnen Punkte nur kurz auf-
zählen. Auch zeitlich käme ich sonst in Schwierig- Ich möchte noch einige wenige Sätze darauf ver-
keiten. wenden, was mir am wichtigsten erscheint am So-
zialbericht, an seiner weiteren Beratung und daran,
Dabei möchte ich den Punkt „eigenständige so- wie wir alle ihn aufnehmen, um die Dinge neu zu
ziale Sicherung der Frau" etwas herausheben. Wir durchdenken. Das Wichtigste scheint mir die Tat-
Freien Demokraten, insbesondere die verehrliche sache zu sein, daß der Bericht ausgesprochen zu-
augenblicklich amtierende Frau Präsidentin, haben kunftsorientiert ist, daß er gerade die gesellschaft-
immer wieder das ,Problem der Hausfrauenrente zur lichen Entwicklungen, die wirtschaftlichen Entwick-
Sprache gebracht und die Notwendigkeit der Ab- lungen, die technischen Entwicklungen behandelt.
sicherung der Hausfrau herausgestellt. (Abg. Dr. Götz: Das ist doch eine Selbst
(Abg. Katzer: (Gibt es da Vorschläge?) verständlichkeit, Herr Kollege!)

Ich erinnere daran, daß wir es waren, die zu einem — Ich kann mich erinnern, daß es schon Berichte
Zeitpunkt, als die Mehrheiten. in diesem Haus etwas gegeben hat, die Bestandsaufnahmen waren, nicht
anders waren, erheblich dazu beigetragen haben, mehr, Herr Kollege Götz. Diese Fragen der gesell-
daß in der Kriegsopferversorgung die Lösung kam, schaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Ent-
diewrnumtDyaiseng,djähr- wicklungen werden uns also weiter beschäftigen.
lichen Anpassungen haben. Ich will es mir versagen, jetzt noch einmal auf
das Thema Vermögensbildung einzugehen, nachdem
wir hier bereits eine ausführliche Debatte gehabt
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, haben und die Beratungen im Ausschuß schon a n-
gestatten Sie eine Zwischenfrage der Frau Ab-- gelaufen sind.
geordneten Kalinke?
Abschließend komme ich noch einmal auf S ie zu-
rück, Herr Kollege Katzer. Sie haben gesagt: Wer
Schmidt (Kempten) (FDP) : Bitte schön, Frau das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden.
Kalinke! Ich habe die Befürchtung, im Augenblick ist das in
Ihren Reihen so. Ich bin der festen Überzeugung
und kann das für uns Freie Demokraten sagen: Die
Frau Kalinke (CDU/CSU) : Ist es sehr unbeschei- sozial-liberale Koalition hat ihr klares gemeinsames
den, Herr Kollege, wenn ich Sie frage, wie diese gesellschaftspolitisches Ziel vor Augen. Der Sozial-
Hausfrauenrente nach Ihrer Vorstellung aussehen bericht gibt uns dafür das Material, zeigt uns die
soll, welche Beiträge zu entrichten sind, welche Wege auf. Und Sie, meine Damen und Herren von
Leistungen es dafür gibt? Ist es sehr unbescheiden, der Opposition, dürfen sicher sein, daß wir in Zu-
wenn 'ich ein bißchen mehr nach Einzelheiten frage? sammenarbeit mit der Bundesregierung diese Ziele,
die wir vor Augen haben, auch erreichen werden.
Schmidt (Kempten) ((FDP) : Frau Kollegin Kalinke, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
ich würde vorschlagen, daß wir uns darüber im
Ausschuß unterhalten. Denn wir werden dazu unsere Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
Anträge auf den Tisch legen. Herr Abgeordnete Dr. Götz.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist doch
billig! — Abg. Frau Kalinke: Ich hätte gerne Dr. Götz (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine
mehr gewußt, aber ich merke, es war un sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte in
bescheiden!) meinem Beitrag zur Diskussion über den Sozialbe-
2532 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Dr. Götz
richt — das war jedenfalls meine Absicht — ledig- Gäbe es in diesem Hause so etwas wie eine GEMA
lich zum Teil B des Sozialberichts einige Bemerkun- für politische Absichtserklärungen, ich glaube, Herr
gen machen, also zum Sozialbudget 1969/1970. Ich Katzer könnte heute ganz ansehnliche Gebühren
hatte die Absicht, dies so kurz wie möglich zu tun, für politische Reproduktionen kassieren.
um Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, die nach-
Zum zweiten. Es war doch wieder im wesent-
läßt, je länger man spricht. Und es ist ohnehin nicht
lichen nicht mehr als eine Wiederholung von Ab-
leicht, bei einer so trockenen Materie wie dem So-
sichtserklärungen ohne Konkretisierung in der
zialbudget, diese Aufmerksamkeit zu erreichen.
Sache und ohne präzise Angaben über die Finan-
Ich möchte zunächst im Hinblick auf die große Be- zierung Ihrer sozialpolitischen Vorhaben. Der Rest
deutung, die dem Sozialbudget als Orientierungs- war Lyrik.
und Entscheidungshilfe für die Politik zukommt — Nun hat aber Herr Kollege Schellenberg natürlich
und ich glaube, in dieser Feststellung sind wir uns gleich zu Beginn seiner Ausführungen — vielleicht
einig —, mit Bedauern vermerken, daß in der sehr mußte er es tun, um es mit dem Brustton der Über-
kurzen Zeitspanne zwischen der Vorlage dieses Be- zeugung sagen zu können — hier erklärt, daß diese
richts durch die Bundesregierung und seiner Behand- Regierung erstmals ein umfassendes und konkretes
lung hier im Plenum nicht die eigentlich für eine sozialpolitisches Programm vorgelegt habe. Herr
gründliche Beratung in den Arbeitskreisen notwen- Kollege Schellenberg, nehmen Sie es mir nicht übel:
dige Zeit zur Verfügung stand. Ich habe mich gefragt: Das war mehr als eine nur leichte Übertreibung.
Warum eigentlich diese Eile? Warum eigentlich, Und wie ich Sie kenne: Wenn Sie von der Richtig-
Herr Bundesarbeitsminister, dieses Drängen, heute keit dieser Feststellung überzeugt gewesen wären,
hier den Sozialbericht zu behandeln? Dieses Drängen hätten Sie es sich nicht entgehen lassen, in Ihrem
ging von Ihrem Hause aus. Ich vermute, daß ein Diskussionsbeitrag hier und heute diese Ihre Be-
innenpolitisches Ereignis der kommenden Woche — hauptung immer wieder zu unterstreichen, heraus-
und der Parteitag der SPD ist ein bedeutsames in- zustellen und zu ergänzen. Statt dessen, verehrter
nenpolitisches Ereignis — nicht ganz ohne Einfluß Herr Professor Schellenberg, haben Sie sich doch
auf den Zeitpunkt der Beratung dieser Vorlage ge- im wesentlichen in Ausführungen über die Vergan-
wesen ist. Ich habe viel Verständnis dafür, Herr genheit ergangen. Sie haben sich auseinandergesetzt
Bundesarbeitsminister, daß Sie natürlich nicht mit mit der CDU und ihren Wahlankündigungen. Sie
leeren Händen nach Saarbrücken fahren wollen. Ob haben sich auseinandergesetzt mit dem Kollegen
es Ihnen allerdings gelingen wird, dort Ihre Partei- Katzer und seiner Rede. Da scheint mehr für Sie
freunde mit der von Ihnen vorzuweisenden Bilanz drin gewesen zu sein als in der Rede des Bundes-
Ihrer sechsmonatigen sozialpolitischen Aktivität bei arbeitsministers.
einem Vergleich mit den Versprechungen vor der
Wahl zufriedenstellen, nun, das wage ich zu be- Herr Schellenberg, Sie sagten: „Hier hat die
zweifeln, aber das ist nicht unsere Sorge. Regierung eine Konzeption entwickelt, die wir zur
Diskussion stellen wollen." Ich hoffe und wünsche
(Zurufe von der SPD: Jawohl! — Sie haben es — vor allem auch im Ausschuß, Herr Professor
andere Sorgen!) Schellenberg. Ich möchte nicht, daß so verfahren
Sie haben heute eine lange Rede gehalten, Herr wird, daß bei der Beratung über die beiden Gesetz-
Bundesarbeitsminister, aber ich finde, der langen entwürfe zur Vermögensbildung im Ausschuß nicht
Rede Inhalt war unbefriedigend. Ich sage dies un- auch über die Auffassung der Opposition ausführlich
gern, und ich möchte nicht noch mehr in die Wunde- diskutiert wird. Ich will nicht hoffen, daß das ein-
stoßen, die sicherlich der Korrespondent der „Süd- tritt, was bei der Anhörung der Sachverständigen
deutschen Zeitung" mit seinem Leitartikel vom 6./ hoffentlich nur ein kleines Zwischenspiel war, als
7. Mai unter der Überschrift „Welkender Vorschuß- einer der Sachverständigen sagte: „Ich will den
lorbeer" bei Ihnen hervorgerufen hat, in dem er Regierungsentwurf hier nicht völlig abwürgen" und
dann der Zwischenruf kam: „Das geschieht, Herr
davon sprach, wo die mürbe Stelle im Kabinett ist,
Professor, im Ausschuß durch Abstimmung".
und sich über den „starken Mann" und den „schwa-
chen Mann" äußerte. Ich will nicht weiter in dieser Nun zu Ihnen, Herr Kollege Schmidt (Kempten).
Wunde bohren. Wann werden Sie sich eigentlich einmal etwas
anderes einfallen lassen als den ständigen Hinweis
(Abg. Dr. Schellenberg: Bohren Sie ruhig
darauf: Ihr habt ja 20 Jahre Zeit gehabt! Herr Kol-
weiter! — Abg. Matthöfer: Ein Wunsch
lege Schmidt (Kempten), ich finde, das ist eine bil-
traum!)
lige Bemerkung.
— Na, von wegen Wunschtraum, Herr Matthöfer! —
(Zurufe von der SPD: Aber wahr!)
Aber ich möchte doch meinen, daß der Inhalt Ihrer
Rede — ich muß dies hier so sagen — Immerhin haben wir nämlich in diesen 20 Jahren
— das können auch Sie nicht bestreiten — ein
(Zuruf von der SPD: Wir zwingen Sie gar
System der sozialen Sicherheit aufgebaut, das im
nicht!)
internationalen Vergleich an der Spitze steht. Wir
im wesentlichen nicht mehr war als eine Reproduk- haben hier eine freiheitliche, eine demokratische
tion von sozialpolitischen Konzeptionen, Gedanken und eine soziale Ordnung geschaffen, mit der sich
und Zielvorstellungen, die schon von Ihrem Amts- der deutsche Arbeiter identifizieren kann und auch
vorgänger in der Zeit der Großen Koalition ent- identifiziert.
wickelt und in konkreten Vorhaben initiiert wurden. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode - 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2533

Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Dr. budget in dieser Richtung einen Fortschritt igebracht
Götz, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn hat, muß allerdings noch in Frage gestellt werden.
Abgeordneten Schmidt (Kempten)? Lassen Sie mich das Inäher ausführen.
In dem Sozialbudget stellt die Bundesregierung
Schmidt (Kempten) (FDP) : Herr Kollege Dr. folgende Thesen auf — ich darf sie mit Genehmi-
Götz, können Sie mir dann vielleicht — um Ihnen gung der Frau Präsidentin kurz zitieren —: Das
gleich einmal ein Beispiel vor Augen zu führen — Sozialbudget basiert auf den volkswirtschaftlichen
erklären, wie Sie in dieser Woche einen Antrag Grunddaten der mittelfristigen Zielprojektion; das
einbringen können, der den Arbeitgeberanteil für Sinken der Sozialleistungsquote gegenüber dem
Angestellte bringen soll, daß Sie das aber, solange Sozialbudget 1968 bedeutet, daß heute der Entschei-
wir mit Ihnen in der Koalition waren, uns gegen- dungsspielraum nicht mehr so eng ist, wie im Sozial-
über immer wieder abgelehnt haben? budget .1968 angenommen; durch die sich abzeich-
nende günstigere Entwicklung der wirtschaftlichen
Grunddaten in der neuen mittelfristigen Finanzpla-
Dr. Götz (CDU/CSU) : Sie werden sich daran nung ist ein realer Zuwachs der Nettoverdienste von
erinnern, daß wir hier bei der Verabschiedung des jährlich 4 bis 5 % zu erwarten.
Lohnfortzahlungsgesetzes und in Verbindung damit
bei der Veränderung der Einkommensgrenzen er- Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen,
klärt haben, daß dies auch für uns nur ein Proviso- diese von mir hier zitierten Thesen sind — darauf
rium ist, daß wir aber im Hinblick auf die mit der hat heute morgen bereits Herr Kollege Katzer hin-
Lohnfortzahlung verbundene Belastung der Wirt- gewiesen — für die politischen Konsequenzen von
schaft für dieses Jahr und in diesem Augenblick zentraler Bedeutung. Darüber besteht kein. Zweifel.
keine zusätzliche Belastung hinzufügen wollten, in Aber sie entbehren — und ich meine, daran ändern
der nächsten Legislaturperiode aber diesen Einstieg auch die Ausführungen des Herrn Bundesarbeitsmini-
in die Krankenversicherungsreform erreichen woll- stars nichts — einer glaubwürdigen Beweisführung.
ten. Denn bei näherer Überprüfung ergeben sich doch
(Abg. Schmidt [Kempten] meldet sich zu erhebliche Zweifel, ob sich das Sozialbudget 1969/70
einer Zwischenfrage.) in allen Punkten wirklich, wie hier behauptet wurde,
— Herr Kollege Schmidt (Kempten), ich denke dar- im Rahmen der mittelfristigen Zielprojektion hält.
an, daß wir um 17 Uhr mit der Ausschußsitzung be- Im Unterschied zum Sozialbudget 1968 fehlt der
ginnen wollen; daher möchte ich Ihre zweite Frage, zahlenmäßige Beweis, es fehlt der Einbau der Sozial-
die Sie in petto haben, nicht beantworten. leistungen in die volkswirtschaftliche Gesamtrech-
nung. Herr Bundesarbeitsminister, wenn das Sozial-
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich
budget die Aufgabe zu erfüllen hat, Orientierungs-
wollte auch einige freundliche Worte an die Bundes- und Entscheidungshilfe zu sein, dann kann es diese
regierung und an den Herrn Bundesarbeitsminister Aufgabe nur erfüllen, wenn die mittelfristige sozial-
richten. Das hat mir Herr Katzer heute morgen schon -politische Vorausschau mit den relevanten finanz
vorweggenommen. Herr Bundesarbeitsminister, las- und wirtschaftspolitischen Zielen der Bundesregie-
sen 'Sie mich nur eine kleine Kritik hier noch anfü- rung abgestimmt ist. Ich meine, daß die Ausführun-
gen! Sie haben bei der Vorlage des Sozialberichts in gen von Herrn Staatssekretär Arndt hier nicht volle
der Pressekonferenz versucht, diesen 'Sozialbericht Klarheit geschaffen haben. In dem vorliegenden Be-
als eine besondere Leistung der neuen Regierung richt fehlt jedenfalls die Kontrollrechnung. Dadurch
hinzustellen. Das klang auch heute zu Beginn Ihrer- wird eine Nachprüfung, ob eine Abstimmung der
Rede etwas an in Ihrer Bezugnahme auf die Regie- wirtschaftlichen und der sozialen Ziele erfolgt ist,
rungserklärung. Ich glaube, hier muß noch einmal unmöglich gemacht, und diese Nachprüfung wird
festgestellt werden, daß mit dem jetzt vorgelegten auch noch dadurch erschwert, daß die Annahmen
Sozialbericht und Sozialbudget doch lediglich das für die Fortschreibung nicht offengelegt sind. Die
fortgesetzt wird, was unter der Regierung Kiesinger Einzelaussage von heute morgen, daß in diesem
und von dem Bundesarbeitsminister Katzer begon- Jahr die Löhne um über 12 % steigen werden, reicht
nen wurde. Damals bereits und nicht erst jetzt, Herr meines Erachtens zur Beurteilung nicht .aus. Es fehlt
Bundesarbeitminister, begann eine bessere Koordi- die Angabe über die ,Preissteigerungsrate.
nierung der Sozialpolitik mit der Finanz- und Wirt-
schaftspolitik. Damals und nicht erst jetzt wurden Der zweite Punkt meiner Kritik richtet sich gegen
mit der Vorlage eines Sozialbudgets die Vorausset- die Interpretation der Entwicklung der Soziallei-
zungen für eine Versachlichung der Gespräche zwi- stungsquoten im alten und im neuen Sozialbudget.
schen den verschiedenen sozialen Gruppen geschaf- Ich meine, daß die bloße Gegenüberstellung der
ten. Es gehört zweifellos noch zu den sozialpolitisch Quoten und der Ausweise eines globalen Finan-
bemerkenswerten Leistungen der letzten Bundes- zierungsüberschusses noch keine fundierten Aus-
regierung, daß sie es fertiggebracht hat, ein erstes sagen über einen finanziellen Spielraum für neue
Sozialbudget zu erstellen; denn damit wurde die sozialpolitische Vorhaben macht. Ausgewiesen ist
Möglichketsafn,dSoziletughn- dieser Finanzierungsüberschuß in Höhe von vier bis
sichtlich ihrer Höhe, hinsichtlich ihrer Struktur und fünf Milliarden DM im Jahre 1972 und 1973. Dies
ma- hinsctlreFazungspter ist Ausdruck der Konjunkturlage und, wie ich
chen und einer isolierten Betrachtungsweise der So- meine, Herr Bundesarbeitsminister, einer sehr opti-
zialpolitik entgegenzuwirken. Ob das neue Sozial mistischen Annahme über die Finanzentwicklung der
2534 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Dr. Götz
sozialen Institutionen. Gewiß, Überschüsse entstehen erst durch die Aufstellung von Alternativrechnun-
in der gesetzlichen Rentenversicherung, Überschüsse gen. Die vermissen wir. Ich meine Alternativrech-
entstehen in der Zusatzversorgung im öffentlichen nungen im Zusammenhang mit den von der Bun-
Dienst. Aber die in diesen Institutionen eventuell desregierung im ersten Teil des Berichts angekün-
in diesem Ausmaß anfallenden Überschüsse können digten neuen sozialpolitischen Vorhaben. Die im
doch nicht für sozialpolitische Vorhaben in anderen Sozialbericht angeführten Gründe für das Fehlen
Bereichen verwendet werden, zumal sie in der ge- dieser Alternativrechnungen sind meines Erachtens
setzlichen Rentenversicherung in erster Linie zur nicht stichhaltig.
Überwindung des Rentenberges und für die zwangs- Wir begrüßen das vorgelegte erweiterte Sozial-
läufig höher anfallende Rentenanpassung in Zu- budget als Orientierungshilfe. Als Entscheidungs-
kunft zur Verfügung stehen müssen. hilfe reicht es uns nicht aus. Wir erwarten, daß die
Ein dritter Punkt! Die Annahme des Sozialbud- Regierung hier und in den Ausschüssen ihre sozial-
gets, daß in der Periode 1969 bis 1973 ein Zuwachs politischen Vorhaben endlich mehr konkretisiert
der realen Nettoverdienste von jährlich 4 bis 5 % und vor allem auch ihre Vorstellungen über die
zu erwarten sei, ist nicht bewiesen. Eine von uns Finanzierung ihrer sozialpolitischen Vorhaben mehr
angestellte und Ihnen ja bekannte Kontrollrechnung präzisiert. Denn ich meine, es genügt nicht, Ab-
ergab eine Steigerung der realen Nettoeinkommen sichtserklärungen ständig nur zu wiederholen. Da-
von knapp 4 010. Wenn man das Jahr 1974 dazu mit werden nur Hoffnungen geweckt, bei deren
nimmt, sind es sogar nur 3,8. Legt man aber den Nichterfüllung mangels solider finanzieller Grund-
Berechnungen des Sozialberichts einen Realein- lagen nur das Vertrauen der Bevölkerung erschüt-
kommenszuwachs von nur knapp 4 % statt 5 % tert wird.
zugrunde, so ergibt sich eine wesentliche Verän- (Beifall bei der CDU/CSU.)
derung der Ausgangsdaten und der Ergebnisse des
Sozialbudgets. Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
Nun, ich gebe zu, Herr Kollege Nölling — ich AbgeordntD.Nöli
nehme an, daß Sie noch einmal zum Sozialbudget
sprechen werden —, daß hier Rechnung gegen Dr. Nölling (SPD) : Frau Präsidentin! Meine
Rechnung steht. Es wird sich herausstellen, welche Damen und Herren! Herr Dr. Götz, Sie hatten Be-
Rechnung der Wahrheit am nächsten kommt. Wir fürchtungen geäußert, daß wir unsere Parteifreunde
haben in diesem Haus mit Prognosen von bestimm- auf dem kommenden Parteitag nicht zufriedenstellen
ten Seiten unsere Erfahrungen gemacht. könnten. Ich möchte Ihnen empfehlen, das unsere
(Zuruf von der SPD: Auch Herr Katzer!) Sorge sein zu lassen, und ich möchte Sie darauf ver-
trösten, sich das Presseecho ansehen zu können.
Die vorgelegte Globalrechnung, Herr Bundesar-
beitsminister, berücksichtigt auch nicht die unter- Ganz kurz haben Sie anklingen lassen, daß Sie
schiedliche Situation der einzelnen Bevölkerungs- ganz gern in den Wunden der Regierung herum-
kreise. Dabei denke ich an die kinderreichen Fa- stochern würden, und zwar mit Zitaten aus der
milien, dabei denke ich an die Bezieher des land- „Süddeutschen Zeitung". Sie haben es dann unter-
wirtschaftlichen Altersgeldes. Beispielsweise bei der lassen. Ich werde es nicht unterlassen und aus der
„Süddeutschen Zeitung" von heute an der Stelle
Altershilfe für Landwirte sind im Sozialbudget bis
zitieren, wo ich das für sinnvoll halte. Wir fragen
1973 keine Leistungsverbesserungen und bei den
- uns nach Ihren Ausführungen natürlich, wieviel Zeit
Kindergeldleistungen nur eine einmalige gering-
eigentlich die Opposition braucht, um ein solch um-
fügige Verbesserung vorgesehen. Das entspricht
fassendes Werk fundiert und konstruktiv kritisieren
meines Erachtens in keiner Weise weder der all-
zu können; denn immerhin ist der Sozialbericht am
gemeinen Einkommensentwicklung noch der Er-
16. April vom Kabinett verabschiedet worden und
höhung der Lebenshaltungskosten.
stand zum Lesen zur Verfügung.
Ich komme zum Schluß. Der letzte Punkt meiner (Widerspruch bei der CDU/CSU.)
Kritik betrifft ganz allgemein die Aussagefähigkeit
des Sozialbudgets. Es soll ja nicht nur, wie ich schon — Mindestens die Kurzfassung hat vorgelegen, und
sagte, Orientierungshilfe sein, es soll auch Ent- dann ist auch darüber berichtet worden. — Sie haben
scheidungshilfe sein. Seiner erstgenannten Funk- sich heute kritisch mit dem Sozialbericht auseinan-
tion — Orientierungshilfe — wird es, das gebe dergesetzt. Sie haben wiederholt, noch stärker als in
ich zu, im wesentlichen gerecht. In bezug auf die der Presseerklärung, die Herr Kollege Katzer abge-
Entscheidungshilfe bedarf es aber noch wesentlicher geben hat, daß es diesem Sozialbericht an einer
Verbesserungen und Erweiterungen. Dies gilt ins- Gesamtkonzeption fehle. Sie haben außerdem an
besondere für die funktionale Gliederung — auch einer ganzen Reihe von Punkten Kritik geübt. Der
darauf hat Kollege Katzer schon hingewiesen —, Vorwurf, meine Damen und Herren von der CDU,
die in ihrer jetzigen Abgrenzung noch wenig aus- daß wir keine Gesamtkonzeption hätten, ist natür-
sagefähig ist und wegen der noch vorhandenen lich dazu angetan, Ihre Glaubwürdigkeit ganz be-
Lücken möglicherweise sogar zu falschen Schluß- sonders zu erhöhen, und zwar aus zwei Gründen.
folgerungen und Maßnahmen führen kann. Herr Kollege Schellenberg hat schon gesagt, daß es
Ihnen bisher nicht gelungen sei, in 20 Jahren auch
Ein besseres Instrument zu einer wirklich brauch- nur etwas Ähnliches wie eine Gesamtkonzeption für
baren Entscheidungshilfe wird das Sozialbudget unsere Sozialpolitik zu entwickeln. Die letzte Ge-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2535
Dr. Nölling
samtkonzeption, die mir zur Kenntnis gekommen ist, etwas vorsichtiger sein müssen. Sie hätten in der
stammt von der Kollegin Kalinke; sie datiert vom Zwischenzeit, wenn Sie ihn sorgfältig analysiert
5. Februar 1970, veröffentlicht im Pressedienst Ihrer hätten, erkennen können, daß er Konturen und De-
Partei. Ich glaube, ich tue Ihnen keinen Gefallen, tails einer Gesamtkonzeption enthält. Ich bin nicht
wenn ich auf die wesentlichen Äußerungen der Kol- der Meinung, daß es damit getan ist, sich hier nur
legin Kalinke an dieser Stelle eingehe. Wir haben an einigen Zahlen festzubeißen und diese zu kriti-
das in unserem Pressedienst getan und waren der sieren. Sie müssen schon mehr investieren, um in
Meinung, daß dann, wenn diese Konzeption Ihre diesem Punkt glaubwürdig zu sein.
Sozialpolitik bestimmen würde, Sie an einer ganzen
Reihe von Stellen eine reaktionäre Sozialpolitik Worin liegt die sozialpolitische Bedeutung dieser
beiden Berichte? Ich bin nicht Ihrer Meinung, Herr
machen würden.
Dr. Götz, daß man Teil A von Teil B trennen sollte.
(Abg. Frau Kalinke: Wollen Sie das einmal Ich glaube, wir müßten in einer Gesamtbetrachtung
beweisen, was an dieser Darstellung reak zu einer Würdigung kommen. Beide Teile stehen
tionär ist!) in einem inneren Zusammenhang. Er mag nicht im-
— Das ist geschehen in dem Presseartikel, den ich mer sehr deutlich geworden sein, aber er ist auf
Ihnen gern zuschicke. Es hat mich da besonders jeden Fall vorhanden.
interessiert, daß Sie davon sprachen, man müsse ein Der Sozialbericht signalisiert — deshalb ist er so
sogenanntes Existenzminimum sichern in der Gesell- bedeutsam — das Ende der bisherigen punktuellen,
schaft, darüber hinaus habe der Staat keine wesent- fallweisen, konzeptionslosen Sozialpolitik der letz-
liche Funktion mehr. Ich darf Ihnen sagen, daß ich ten 20 Jahre. Das wird an drei Punkten deutlich, die
auf diesen Punkt jetzt nicht weiter eingehen möchte, in diesem Bericht hervorgehoben werden müssen. Ich
daß ich Ihnen aber diese Unterlage gern zuschicke. meine einmal die soziale Lageanalyse, d. h. die
(Abg. Wehner: Gefährlich ist's, den Leu zu Frage, was in diesem Staat in bezug auf die sozialen
wecken!) Verhältnisse los ist, dann die Frage der Zielbestim-
mung und der Methodik in der Sozialpolitik und
Vizepräsident Frau Funcke: Bedeutet das, daß drittens die Maßnahmenprogrammierung.
Sie im Moment keine Zwischenfrage zu beantworten Meine Damen und Herren, ein Wort zum ersten
wünschen? Punkt, zur Analyse der sozialen Verhältnisse. Der
Bericht deckt schonungslos die Versäumnisse der
Dr. Nölling (SPD) : Ja, im Moment. — Was wir bisherigen Bundesregierungen auf. Es ist mit Hän-
in diesen Tagen an Betriebsamkeit erleben, ist kein den zu greifen, welche Ungerechtigkeiten nach wie
sehr erhebender Anblick einer Opposition, die im vor in diesem Staat bestehen. Viele Bereiche un-
Wettlauf mit dem Terminkalender der Regierung seres gesellschaftlichen Lebens sind nach wie vor in
außer Atem gerät. Wir erleben, daß Sie immer dann, bedenklicher Unordnung. Sie können nicht immer
wenn sozialpolitische Vorhaben der Regierung an- nur sagen: Wir konnten nicht alles schaffen; es war
stehen, so im Schnellverfahren Ihre eigenen Vor- nicht möglich, alles auf einmal zu tun.
stellungen in dieses Plenum, in dieses Parlament (Abg. Härzschel: Ja, natürlich!)
hineinbringen. Das haben wir nun einige Male
erlebt. Was dabei herauskommt, kann Sie eigent- Die Dinge sind in der Tat so gravierend, daß man
lich auch selbst nicht befriedigen, denn es sind in diese Entschuldigung nicht ernst nehmen kann.
aller Regel unausgegorene Gesetzentwürfe. - Besonders ins Auge fällt, daß bei der Sozialpolitik
Hier nur eine Ergänzung zu der Kritik, die Pro- der vergangenen 20 Jahre vor allem .die Schwächsten
fessor Schellenberg heute schon an Ihrem Kranken- in unserer Gesellschaft immer am schlechtesten weg-
versicherungsentwurf geübt hat. Sie haben im letz- gekommen sind.
ten Jahr Ihr Paket zur Sozialversicherungsreform (Beifall bei der SPD.)
gefüllt mit der Forderung nach einer Beteiligung
Betrachten Sie beispielsweise die Bildungschancen
an den Krankenhauskosten. Wir haben das damals
der Arbeitnehmerkinder! Darüber steht etwas in
abgelehnt. Jetzt in diesem Zusammenhang gehen
Sie davon ganz herunter und wollen sogar, daß die dem Bericht.
Einkommenssituation des kranken Menschen gegen- (Abg. Härzschel: Schauen Sie sich Ihre Ver
über der jetzigen Regelung wesentlich verbessert mögensbildungspläne an!)
wird. Ich frage mich natürlich auch, wie ein solcher — Betrachten Sie bitte — Herr Härzschel, das gilt
Sinneswandel innerhalb eines knappen Jahres zu besonders für Sie — die Ausbildungsmöglichkeiten
motivieren ist, und ich frage mich ebenfalls, wieweit für die Lehrlinge in unserer Gesellschaft!
eine solche Änderung in Ihren Vorstellungen dazu
beiträgt, daß Ihre sozialpolitischen Initiativen ernst (Beifall bei der SPD.)
genommen werden und glaubwürdig sein können. Betrachten Sie bitte die Situation der Behinderten!
Der zweite Punkt, warum ich glaube, daß Ihr Vor- Hier ist beispielsweise auch vom Strafvollzug die
wurf hier nicht besonders gut begründet ist: Herr Rede, von den Frauen, die nach wie vor diskrimi-
Kollege Katzer hat am 17. April zum Sozialbericht niert werden, von den Tätigkeiten im sozialen Be-
Stellung genommen; dazu war er also in der Lage. reich, die nicht die Bedeutung und Anerkennung
Sie hätten daher, als Sie den Vorwurf erhoben, in bekommen haben, die sie verdienen. Die Lage-
diesem Bericht sei keine Konzeption zu erkennen, analyse zeigt also sehr deutlich — ich meine, das
2536 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Dr. Nölling
muß realistisch und ungeschminkt gesagt werden — , Die Zahlen, Herr Kollege Katzer, die in dem
daß die vor uns liegenden Aufgaben sehr groß, man Sozialbudget von 1968 angenommen worden sind —
möchte sagen, unübersehbar groß sind. das wissen wir alle —, sind längst überholt. Über
Aus dieser Betrachtung der sozialpolitischen Ent- die Zahlen, die nun in den nächsten Jahren auf uns
wicklungen ergibt sich für die nächsten vier Jahre, zukommen, haben wir von Staatssekretär Arndt
daß i n der Tat ein Spielraum für mehr sozialpoliti- Grundsätzliches gehört. Insofern verstehe ich nicht
schen Fortschritt gebraucht wird. ganz, warum Herr Kollege Götz nicht bereit war,
das als neueste Information aus dem Wirtschafts-
ministerium zu akzeptieren. Ich meine, man müßte in
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Dr.
der Lage sein, auf dem Wege von der Bank bis hier-
Nölling, würden Sie jetzt eine Zwischenfrage be-
hin zum Rednerpult auch zu lernen und solche Kor-
antworten?
rekturen zu berücksichtigen.
Dr. Nölling (SPD) : Ja, das werde ich. Nun zu dem letzten Punkt, den ich in diesem
Zusammenhang ansprechen möchte. Herr Kollege
Frau Kalinke (CDU/CSU): Sind Sie jetzt be- Schellenberg ist bereits darauf eingegangen; ich
reit, Herr Dr. Nölling, zuzugeben, daß es unfair ist, muß es wiederholen. Wenn Sie immer sagen, daß
im Parlament etwas zu zitieren oder zu behaupten, wir keinen sozialpolitischen Spielraum nennens-
ohne es zu beweisen, und sich auf einen Presse- werten Ausmaßes haben, dann ist sehr schwer zu
dienst seiner eigenen Partei zu beziehen, den dieses verstehen, warum Sie bei Ihren Anträgen immer so
Hohe Haus und die Öffentlichkeit — das werden tun, als ob der Spielraum noch größer sei, als wir ihn
Sie gewiß nicht unterstellen können — nicht ken- vorausschätzen. Das haben wir schon in einer An-
nen? Sind Sie der Meinung, daß eine statische frage an die Bundesregierung mit dem Stand vom
Grundsicherung, die auch von Ihrem Koalitions- 10. Dezember 1969 herausbekommen. Wie Sie
partner als eine wesentliche Grundlage sozialer wissen, waren die Anforderungen, die Ihre Gesetz-
Sicherung angesehen wird, und die Möglichkeit, in entwürfe an den Bundeshaushalt usw. herantragen
einer Gesellschaft, deren Wohlstand gemehrt wor- würden, schon damals 5 Milliarden DM höher. Auch
den ist, darüber hinaus die individuelle Sicherung hierzu kann ich einfach nicht anders — weil ich es
zu betreiben, etwas Falsches oder gar Diskrimi- versprochen und angekündigt habe —, als die
nierendes ist? Oder sind Sie nicht der Meinung, daß „Süddeutsche Zeitung" vom 6.17. Mai, also von
eine solche Auffassung, wie sie auch Ihr Koalitions- heute, Herr Dr. Götz, zu zitieren. Ich darf das sicher
partner und weite Kreise meiner Fraktion vertreten, mit Erlaubnis der Frau Präsidentin tun. Da heißt
einen sozialpolitischen Fortschritt bedeutet? es am Schluß:
(Beifall bei der CDU/CSU. — Demonstrati Daraus müßte die Opposition jedoch eigentlich
ver Beifall und Zurufe von der SPD.) die Folgerung ableiten, daß sie sozialpolitisch
Zurückhaltung üben müsse und die Koalition
nicht übertrumpfen dürfe. Bislang allerdings
Dr. Nölling (SPD) : Frau Kollegin Kalinke, ich
war die CDU/CSU mit Eifer um einen anderen
glaube, daß Sie genau , das getan haben, was Sie
Eindruck bemüht gewesen.
mir vorwerfen, nicht getan zu haben, nämlich die
Anwesenden darüber aufgeklärt zu haben, was sie
unter Sozialpolitik verstehen. Insofern brauche ich Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Dr.
das nicht zu tun. Ich bin auch nicht der Meinung, Nölling, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
- Abgeordneten Katzer?
daß ich unfair gewesen bin.
(Abg. Frau Kalinke: Ich bin nach wie vor
der Meinung, daß Sie nicht antworten, und Katzer (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Nölling, ist
das ist sehr bedauerlich! — Gegenrufe von Ihnen heute morgen nicht ganz klargeworden, daß
der SPD.) ich versucht habe, drei Schwerpunkte aufzuzeigen,
Meine Damen und Herren, es hat sich sehr auf und daß nach wie vor das gilt, was der Fraktions-
diese Frage zugespitzt, ob es richtig sei, daß wir in vorsitzende hier gesagt hat? Die Zahlen — das
dieser Bundesrepublik in den nächsten Jahren mehr haben wir heute vom Staatssekretär des Wirtschafts-
sozialpolitischen Spielraum haben, oder nicht. ministeriums gehört—, sind politische Entscheidun-
Letzten Endes muß ein Sozialbudget darüber Aus- gen. Es sind ja keine wirtschaftlichen Daten, mit
kunft geben. Das wird mit der Zweck sein müssen. denen Sie arbeiten. Deshalb sind wir bereit, .das
zurückzustellen, bis Sie diese Entscheidungen haben,
Nun meine ich hierzu folgendes. Die Tatsache, und dann wollen wir Prioritäten setzen. Ist Ihnen
Herr Dr. Götz, daß der Bericht keine volkswirtschaft- das entgangen, Herr Kollege Dr. Nölling?
lichen Daten enthält, wie wir sie uns wünschen und
wie sie im ersten Sozialbudget enthalten waren,
zu der Behauptung zu benutzen, die Berechnungen Dr. Nölling (SPD) : Herr Kollege Katzer, ich muß
seinen falsch, 'ist zumindest sehr unvorsichtig, um trotzdem der Opposition den Vorwurf machen, zu
es einmal so auszudrücken. Hier wäre ich sehr viel einem Zeitpunkt mit schwerwiegenden Vorwürfen
vorsichtiger gewesen. Ich darf Ihnen nun den Ge- an die Öffentlichkeit getreten zu sein, als sie über
fallen tun, die „Süddeutsche Zeitung" von heute zu die neuesten Entwicklungen keine ausreichenden
zitieren. Da heißt es: „Der Bundesregierung Rechen- Informationen hatte.
fehler im Sozialbudget vorzuwerfen ist abwegig." (Beifall bei der SPD.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2537
Dr. Nölling
Diesen Vorwurf bin ich nicht bereit zurückzunehmen. meine, Sie sollten erkennen, daß hier Ursachen lie-
Denn ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in der gen, die nicht über Nacht entstanden sind, sondern
Lage gewesen wären und Zeit gehabt hätten — Sie daß wir es hier mit Problemen zu tun haben, deren
kennen die Presse von gestern wahrscheinlich Entstehung viele Jahre zurückliegt.
besser, als, ich sie kenne —, es zu vermeiden, diesen
schwerwiegenden Vorwurf in den Raum zu stellen Vizepräsident Frau Funcke: Würden Sie
und heute hier im Parlament erklären zu müssen: wohl eine Zwischenfrage von Frau Kollegin Kalinke
Jawohl, wir haben uns geirrt; das hätten wir am annehmen?
besten gar nicht gesagt. Zweifellos müssen wir zu
einer Korrektur bisheriger Prognosen kommen. Das Dr. Nölling (SPD) : Ja, bitte schön!
ist meine Antwort dazu.
Meine Damen und Herren, in diesem Sozial- Frau Kalinke (CDU/CSU) : Herr Kollege Nöl-
bericht wird in den Teilen A und B großes Gewicht ling, sind Sie bereit, zuzugeben — auch wenn Sie
auf die Methodik der Sozialpolitik und auf die Ziele die Jahre in diesem Hause nicht erlebt haben, so
gelegt. haben Sie es sicher nachgelesen —, daß die Christ-
lich-Demokratische Union bei jedem ihrer Anträge,
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Dr. Nölling, seien sie von der Regierung oder initiativ gewesen,
gestatten Sie noch eine Zwischenfrage von Herrn immer neue Anträge der Sozialdemokratischen Par-
Abgeordneten Katzer? tei bekommen hat, die mehr materielle Leistungen
und weniger Selbstverantwortung zum Inhalt hat-
Katzer (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Nölling, ist ten? Sind Sie bereit, das zuzugeben?
Ihnen nicht klargeworden, daß der Staatssekretär
des Wirtschaftsministeriums vorhin ganz klar ge- Dr. Nölling (SPD) : Nein, ich bin nicht bereit,
sagt hat: Wir haben eine politische Entscheidung ge- das zuzugeben,
troffen? Damit hätten Sie das tun müssen, was Sie (Abg. Frau Kalinke: Das bedauere ich sehr!)
Herrn Kollegen Götz empfohlen haben; dann hätten
Sie in Ihrem Sozialbudget sagen müssen: Die Zah- weil ich, Frau Kollegin Kalinke, Ihre Interpretation
len, die wir angenommen haben, müssen wir noch dessen, was Selbstverantwortung, Selbstbehauptung
einmal überprüfen. und Freiheit ist, nicht teile, weil ich der Meinung
bin, daß diese Begriffe einen anderen Inhalt haben
müßten, als Sie diesen Begriffen unterlegen.
Dr. Nölling (SPD) : Herr Kollege Katzer, mit dem
Unterschied, daß sich die Zahlen, die wir in das So (Beifall bei den Regierungsparteien.)
zialbudget 1970 hineingenommen haben, als zu
vorsichtige Schätzungen erwiesen haben. Frau Kalinke (CDU/CSU) : Sind Sie denn be-
reit, — —
(Widerspruch des Abg. Katzer.)
— Ich habe den Staatssekretär so interpretiert, daß Vizepräsident Frau Funcke: Frau Kollegin,
die Zahlen, die wir jetzt korrigiert vorfinden, mit würden Sie bitte versuchen, das in eine Frage zu
ziemlicher Sicherheit nach oben korrigierte Zahlen fassen.
sind, so daß Ihre Befürchtungen, daß wir unter 4 %
real liegen würden, nicht zutreffen werden. Wir Frau Kalinke (CDU/CSU) : Ja, ich habe eben
müssen aber — und das gebe ich Ihnen zu — ab-- gefragt. — Darf ich noch einmal fragen, Herr Kol-
warten, bis die Zahlen vorliegen. Ich persönlich lege?
habe den Eindruck, daß wir eine Korrektur nach
oben bekommen werden. Dr. Nölling (SPD) : Ja, bitte schön!
Herr Kollege Katzer, weil wir uns nun gerade
miteinander beschäftigen: Sie haben am Schluß Frau Kalinke (CDU/CSU) : Sind Sie bereit zuzu-
Ihres Referates heute morgen sehr stark beklagt, geben, daß eine Gesellschaft, eine Gesellschafts-
daß in dieser Gesellschaft gewisse Wertvorstellun- ordnung und die Bürger in dieser Ordnung nur dann
gen nicht mehr voll akzeptiert würden, daß wir mo- frei bleiben, wenn sie noch Spielraum zum selbst-
ralischen und sonstigen Verfall hätten, wenn ich es verantwortlichen Handeln haben, und daß zur staat-
einmal so ausdrücken darf. Das hat natürlich auch lichen Sozialpolitik auch gehört, ihnen diesen Spiel-
etwas mit 20 Jahren Regierungspolitik der Ver- raum zu lassen?
gangenheit zu tun. Sie wissen genauso gut wie ich,
in welch starkem Maße gerade freiheitliche Sozia- Dr. Nölling (SPD) : Ich bin der Meinung, daß die
listen und Sozialdemokraten in den fünfziger und staatliche Sozialpolitik die Aufgabe hat, die Frei-
sechziger Jahren versucht haben, das von der CDU heitsrechte, die unsere Verfassung gibt, materiell zu
propagierte, geförderte und unterstützte Konsu- untermauern. Ich teile Ihre Auffassung nicht, daß
mentendenken in dieser Gesellschaft zu bekämpfen. man an einer bestimmten Stelle ein für allemal
Wir haben dauernd versucht, hervorzuheben, daß sagen kann: „Hier ist Schluß mit der sozialen Siche-
eine Konsumentenmentalität und alles, was damit rung", wie wir es in der Vergangenheit häufig von
zusammenhängt, dieser Individualismus, nicht dazu Ihnen hören konnten.
beitragen kann, daß eine Gesellschaft solidarisch, (Abg. Frau Kalinke: Wer redet denn hier
verantwortlich usw. schließlich zusammenhält. Ich von Schluß?!)
2538 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Dr. Nölling
— Natürlich: Schluß, weil etwa an einer Stelle der Der dritte Gesichtspunkt: Die Sozialpolitik wird
Freiheitsraum des einzelnen angetastet ist. Von sol- durch das Sozialbudget rationaler. Der Zwang zur
chen Unterscheidungen halte ich nichts. Sie haben Rechenhaftigkeit führt dazu, daß unsere Sozial-
beispielsweise lange genug die Einbeziehung der politik insgesamt rationaler wird.
Selbständigen abgelehnt, lange genug die Ausdeh-
Meine Damen und Herren, diese drei Gesichts-
nung der Versicherungspflichtgrenze abgelehnt. Das
punkte wollte ich stark betonen: den Gesichtspunkt
sind doch alles Dinge, die inzwischen gekommen
der Totalanalyse, die Berücksichtigung des Final-
sind und von denen wir der Meinung sind, daß sie
prinzips und die Tatsache der Rationalität, die in
den Freiheitsspielraum des einzelnen in dieser Ge-
ihrem Zusammenwirken das Neue an diesem Sozial-
sellschaft materiell vergrößert haben.
bericht ausmachen. Ich bin der Meinung, daß wir
(Beifall bei Abgeordneten der Regierungs noch in den Anfängen stecken, aber von hier aus zu
parteien.) einer völlig neuen Betrachtung kommen können.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch Das Sozialbudget deckt Entwicklungslinien auf,
einiges zu den Zielen und Methoden sagen. Ich wie heute gesagt worden ist. Ich würde sogar noch
glaube, daß wir das aus dem Bericht erkennen müs- einen Schritt weitergehen. Ich würde sagen: wenn
sen. Es sind drei Gesichtspunkte, die das Neue an diese Entwicklungslinien aufzeigen, daß gewisse
diesem Sozialbericht ausmachen. Prinzipien unserer Sozialordnung durch Fehlent-
wicklungen ausgehöhlt werden, liegt in einem sol-
Der erste Gesichtspunkt: Die Sozialpolitik muß chen Budget für die Regierung ein Handlungszwang,
auf eine Totalanalyse aller sozial relevanten Lei- es sei denn, sie will auf die Prinzipien verzichten
stungen ausgerichtet sein. Diese Totalanalyse wird oder ihre Aushöhlung zulassen. Diesen Sachver-
hier zum erstenmal gebracht. Es sind also nicht wie halt können Sie beispielsweise bei der gesetzlichen
beim ersten Budget die betrieblichen Leistungen und Krankenversicherung feststellen. Wenn das so wei-
die indirekten Sozialleistungen ausgelassen wor- tergeht wie bisher, wird das Solidaritätsprinzip in
den, sondern wir haben diese Leistungen und andere der- Krankenversicherung ausgehöhlt oder wesent-
soziale Leistungen mit hineinbekommen. Wir sehen lich abgeschwächt.
auf einmal, daß die sozialpolitisch motivierten
Ich komme zum letzten Punkt, zum sogenannten
Steuerermäßigungen für die Familie, die bisher
Sozialfahrplan. Es ist kritisiert worden, daß wir
immer im Verborgenen geblüht haben, Größenord-
keine Prioritäten setzten. Herr Kollege Katzer hat
nungen haben, von denen wir uns bisher im allge-
meinen keine Vorstellung gemacht haben. Wenn Sie das sehr stark betont, ebenfalls der Redner, der nach
bitte daran denken, daß das 1973 über 17 Milliarden ihm gesprochen hat. Meine Antwort darauf: wenn so
viel im Argen liegt, wie dieser Bericht dokumentiert,
DM sein werden und daß das neun Zehntel aller
direkten Familienleistungen sind! Das ist ein Ergeb- hat es für mein Verständnis gar nicht sehr viel Sinn,
nis dieser Totalanalyse, das wir jetzt an die Öffent- über Prioritäten zu diskutieren. Dann müssen wir
auf breiter Front Sozialpolitik machen und dürfen
lichkeit bringen können.
nicht wieder in das punktuelle Denken, das Prioritä-
Zweitens. Das Sozialbudget geht von einer Final- tendenken ja im Grunde voraussetzt, zurückfallen.
betrachtung aus, jedenfalls im Ansatzpunkt. Was (Abg. Katzer: Sehr wahr!)
seit über 15 Jahren in der theoretischen Diskussion Deshalb meine ich, daß es keinen Zweck hat zu
über Sozialpolitik eine Rolle gespielt hat, wird kritisieren, wir hätten keine Prioritäten gesetzt. Wir
hier zum erstenmal fruchtbar gemacht, und zwar bei- wissen, daß wir auf allen diesen Gebieten, die wir
der Funktionaldarstellung unserer sozialen Leistun- angesprochen haben, so schnell wie möglich etwas
gen. Daß das Budget eine Gliederung nach Funktio- tun müssen. Da helfen uns Prioritäten und Verschie-
nen bringt, ist oft genug betont worden, und auch bungen wichtiger Dinge in die nächsten Jahre nicht
die Bedeutung ist oft genug herausgestellt worden. sehr viel weiter.
Aber worin liegt die Bedeutung dessen, daß das
Finalprinzip mehr in den Vordergrund tritt als das Es ist auch gefragt worden, warum wir nicht zu
bisher dominierende Kausalprinzip? Das finale Den- einer Konkretisierung gekommen seien; auf 35 Sei-
ken geht davon aus, daß wir in einer Gesellschaft ten seien wir nicht zur Konkretisierung unseres so-
eine ganze Reihe von Grundrisiken, Lebenslagen, zialpolitischen Programms gekommen. Hierzu möchte
haben und daß wir diese Grundrisiken absichern ich nur eine Antwort geben. Die Konkretisierung
müssen. Wir geben jedem einzelnen ein festes Siche- nehmen wir vor, wenn wir Gesetzentwürfe einbrin-
rungsversprechen. Für jeden wird durch die Sozial- gen. Ich bin der Meinung, daß es dann auch früh
politik die Grundchance einer Existenz in Gesund- genug ist, diesem Plenum, diesem Bundestag kon-
heit, Leistungsfähigkeit und Einkommenssicherheit krete Einzelvorschläge zu machen.
gewährt.
Ich stelle fest, daß diese beiden Teile des Sozial-
Wir sind durch dieses Sozialbudget einen ganzen berichts ganz eindeutig offenbaren, daß in unserer
Schritt weitergekommen in der Reform unserer Gesellschaft noch erheblich mehr sozialpolitischer
Sozialpolitik. Wir sind uns auch im klaren darüber, Fortschritt verwirklicht werden kann und natürlich
daß eine Reihe von organisatorischen Fragen ge- auch verwirklicht werden muß. Wir als Regierungs-
stellt sind und beantwortet werden müssen, wenn fraktionen werden dazu beitragen, daß das Regie-
dieses Prinzip stärkeren Eingang findet in die Sozial- rungsprogramm so zügig, schnell und umfassend
politik. verwirklicht wird, wie das in diesem Hause möglich
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2539
Dr. Nölling
ist. Der CDU/CSU-Opposition darf ich sagen, daß Drittens. Die heutigen Diskriminierungen der
wir uns dabei auch durch die Profilierungssucht oder Selbständigen innerhalb des Rentenrechts — ich
durch die Profilierungszwänge, denen Sie immer denke hier an die Anerkennung von Ausfall-
mehr zu unterliegen scheinen, nicht irre machen zeiten — sollen beseitigt werden.
lassen werden. Viertens. Ziel ist die Grundsicherung, zu deren
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Ergänzung der Betroffene selbst in den verschie-
densten Formen beitragen kann.
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der Fünftens. Berufsbezogene Versorgungswerke sol-
Abgeordnete Geldner. len erhalten bleiben oder neu gebildet werden kön-
nen, wenn ihre Existenz finanziell langfristig abzu-
sichern ist.
Geldner (FDP) : Frau Präsident! Meine sehr ver- Sechstens. Die Bereitstellung öffentlicher Mittel
ehrten Damen! Meine Herren! Lassen Sie mich hier zur Finanzierung oder Mitfinanzierung der soge-
noch einige Schwerpunkte aus dem Sozialbericht nannten alten oder uralten Lasten darf nicht ausge-
anführen, den wir, wie mein Kollege Schmidt schon schlossen werden.
ausführte, als fortschrittlichen Bericht sehr begrü-
ßen. Das Sozialrecht und die Sozialpolitik sind in Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch
ihrem historischen Ausgangspunkt und auch in ihrer einige Anmerkungen zu den agrarsozialen Fragen
heutigen Gestalt weitgehend von den beiden Kate- machen. Der rapide Strukturwandel in der Land-
gorien, nämlich der Selbständigen und der Unselb- wirtschaft erfordert besondere Maßnahmen. Die
ständigen, geprägt. Dabei spielt weiterhin die Vor- Grundzüge dieser Maßnahmen sind sowohl in dem
stellung eine Rolle, als bestünden bei den einen Antrag der Koalitionsfraktionen auf Drucksache
überdurchschnittlichen Einkommen und bei den VI/390 als auch im Sozialbericht enthalten. Ich
anderen durchschnittliche oder geringe Einkommen, möchte auf einen grundsätzlichen Unterschied zwi-
als seien die einen sozial schutzbedürftig und die schen der Einstellung der Freien Demokraten und
der Einstellung der Opposition zu diesem Fragen
anderen nicht.
kreis hinweisen.
Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wan- Wir haben von seiten der Freien Demokraten
del, die Anwendung des technischen Fortschritts nicht die Absicht, den Prozeß zu beschleunigen. Wir
und vieles andere mehr haben eine weite Verschie- wollen aber denjenigen, die außerhalb ihrer bis-
bung der ursprünglichen Zustände bewirkt, die im herigen beruflichen Tätigkeit eine neue Existenz
vorigen Jahrhundert herrschten. Davon unterschei- suchen, auch jede nur mögliche soziale Hilfestellung
den wir uns nunmehr grundsätzlich. Deshalb er- geben, damit sie durch den Berufswechsel keinen
scheint es uns notwendig, das System sozialer Si- sozialen Abstieg erleiden.
cherung an dem auszurichten, was ist und in Zu-
kunft sein wird, nicht aber an dem, was einmal Wir glauben, daß sich viele in der Bundesrepublik
über die möglichen Konsequenzen der Abwande-
gewesen ist oder gewesen sein mag.
rung aus der Landwirtschaft noch nicht im klaren
Im Hinblick auf die soziale Sicherung des Selb- sind. Wenn dieser Prozeß so anhält oder gar, wie
ständigen gilt daher folgendes. Während in der die Opposition fordert — Sie mögen mir entgegnen,
Vergangenheit davon ausgegangen werden konnte, das sei nicht der Fall —, durch politische Maßnah-
daß die Alterssicherung zum einen durch Ver- men noch beschleunigt wird, dann sehen wir Freien
mögensertrag oder -verzehr, zum anderen durch- Demokraten allerdings eine Entwicklung auf uns
Übernahme einer Existenz oder des Betriebes durch zukommen, die uns keine Freude bereiten wird.
Nachkommen oder Pächter oder im Wege des Ver- Wir Freien Demokraten sind nämlich über die
kaufs gewährleistet war, trifft dies in einem weiten Begründung des CDU/CSU-Entwurfs Drucksache
Bereich aus vielerlei Gründen heute nicht mehr zu. VI/438 erstaunt, wonach dieser Prozeß beschleunigt
werden soll, um, wie es in dieser Drucksache heißt,
Deshalb besteht bei den Selbständigen das ele- dem Arbeitskräftemangel in der Industrie zu be-
mentare Bedürfnis, unabhängig von Beruf oder Be- gegnen. Wer so kurzfristig denkt, meine Damen und
trieb eine Alters- und Grundsicherung in der einen Herren, trägt gewollt oder ungewollt zu einer Ver-
oder anderen Form zu schaffen. Die Anträge der schlimmerung der Probleme bei, die sich schon
Freien Demokraten im Hinblick auf die Öffnung der heute aus der immer stärker werdenden Konzentra-
gesetzlichen Rentenversicherung, die in der Vergan- tion in Ballungsräumen und der Entleerung in länd-
genheit im Bundestag gestellt wurden, sind zu un- lichen Räumen ergibt. Bei einer Beschleunigung die-
serem großen Bedauern abgelehnt worden. Wir be- ses Prozesses würde es nicht möglich sein, gleich-
grüßen es daher, daß es eine entsprechende Rege- zeitig ausreichende Maßnahmen der Infrastruktur
lung in der jetzigen Koalition geben wird. vorzunehmen — wie auch die Industrieansied-
lung —, um eine ausgewogene Wirtschafts- und
Dabei gehen wir von folgendem aus: Einkommensstruktur in den verschiedenen Regionen
Erstens. Die Regelungen sind nach den spezifi- zu erreichen.
schen Bedürfnissen der Betroffenen zu schaffen. Lassen Sie mich zum Schluß noch einige Anmer-
kungen zu den selbständigen Existenzen machen.
Zweitens. Die alternativen Formen der Vorsorge Wer heute als kleiner oder mittlerer Unternehmer
sollen gewährleistet werden. einen Betrieb verantwortlich führt, sieht sich einer
2540 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Geldner
wachsenden Flut gesetzlicher Regelungen im Sozial- lichen. Dazu muß ich allerdings fragen: Wo haben
recht ausgesetzt, wie es heute schon mehrfach an- Sie dafür die solide Finanzbasis? Im Punkt 104 steht
geklungen ist. So ist es im Steuerrecht, auch im nämlich, nachdem Sie — das muß ich anerkennen:
Hinblick auf sonstige Auflagen. Man könnte hier eine Fleißarbeit — all die Dinge aufgezählt haben,
einen langen Katalog aufstellen. Der Anteil an Zeit die uns allen ja mehr oder minder bekannt sind:
und Kosten für Dinge, die in keinem unmittelbaren
Zusammenhang mit dem Betriebszweck stehen, hat Die Bundesregierung wird alle sozialpolitischen
in der Vergangenheit immer mehr zugenommen. Vorhaben rechtzeitig und sorgfältig auf ihre
finanziellen und volkswirtschaftlichen Auswir-
Wir Freien Demokraten begrüßen daher die Ab- kungen prüfen.
sicht der Bundesregierung, die Gesetzgebungskom-
plexe verständlicher und durchschaubarer zu ma-
chen. Damit wird nicht nur unmittelbar den betrof- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
fenen Beschäftigten, sondern ebenso den kleinen statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge-
und mittleren Unternehmen geholfen, und damit ordneten Schmidt (Kempten) ?
wird auch die 'Bereitschaft gefördert, die Existenzen
für die Zukunft nicht aufzugeben.
Schmidt (Kempten) (FDP) : Herr Kollege Härz-
Ich glaube, damit werden wir — der Sozialbericht schel, können Sie mir vielleicht darüber Auskunft
hat ja hier auch die Anhaltspunkte für die Zukunft geben, warum von Ihrer Seite in den letzten Wo-
gegeben — auch im Bereich des Mittelstands und chen seit der Bildung der neuen Regierung eine
des Gewerbes ebenso wie in der Landwirtschaft Reihe von Anträgen — sehr dringlich, sehr bedeut-
Zielprojektionen setzen, die für diese Kreise nutz- sam, von Ihrer Seite gesehen — gestellt worden
bringend sein werden. sind, deren Anliegen Sie zu den Zeiten, als Sie
(Beifall bei den Regierungsparteien.) stärkster Regierungspartner waren oder allein
regierten, abgelehnt haben?
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
Abgeordnete Härzschel. Härzschel (CDU/CSU) : Herr Kollege Schmidt,
ich komme gleich zu dem anderen Vorwurf, das
Härzschel (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine alles hätten wir ja tun können. Der Kollege Katzer
sehr verehrten Damen und Herren! Einige Ausfüh- ist in diesem Punkte wiederholt angegriffen wor-
rungen von Herrn Professor Schellenberg und Herrn den. Meine Damen und Herren, wenn Sie objektiv
Dr. Nölling können nach meiner Meinung nicht un- sind, dann werden Sie mir doch sicher zustimmen,
widersprochen hier im Raum stehenbleiben. Lassen daß innerhalb der letzten Legislaturperiode Gesetze
Sie mich deshalb zu einigen Punkten etwas er- verabschiedet worden sind, die von größter sozial-
widern. politischer Bedeutung waren. Sie haben auch einen
Sie werden nicht müde, immer wieder zu behaup- entsprechenden Zeitaufwand in der Beratung benö-
ten, all das, was Sie jetzt tun müßten, sei durch das tigt. Ich erinnere daran, daß wir sogar Unteraus-
Versäumnis der letzten 20 Jahre bedingt. Sie sind schüsse bilden mußten, um das Programm, das wir
uns bisher aber die Antwort schuldig geblieben, auf der Tagesordnung hatten, überhaupt durchfüh-
wie diese Versäumnisse eigentlich hätten finanziell ren zu können. Alles, was jetzt noch notwendig ist,
abgedeckt werden sollen. wäre technisch gar nicht durchführbar gewesen.
-
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Das wissen (Abg. Dr. Schellenberg: Seitdem wir in der
Sie selber nicht!) Koalition sind!)
— Entschuldigen Sie! Wir haben doch keinen Julius- — Herr Kollege Schellenberg, man nimmt sich's
turm. Dann kann das Geld doch nur falsch angelegt immer, wie man's braucht. Aber Sie müssen doch
worden sein. Sagen Sie uns, wo! Diese Antwort objektiv feststellen, daß Herr Kollege Katzer die
haben Sie uns bisher jedenfalls nicht gegeben. Sie Entwicklung entscheidend mitgeprägt hat.
müssen einmal deutlich sagen, wo denn unsere Ver-
säumnisse lagen und wie Sie es anders gemacht (Abg. Dr. Schellenberg: Was hat er denn
vorher gemacht, bevor wir in die Regierung
hätten.
(Zurufe von der SPD.) eintraten?)

Wie hätten Sie es denn anders gemacht? Das ist doch — Sie wissen doch genau, daß er erst .ein Jahr
die Frage, die Sie bisher nicht beantwortet haben. Arbeitsminister war, als Sie in die Regierung
kamen.
(Abg. Dr. ;Schellenberg: In den nächsten
dreieinhalb Jahren werden wir e s mit den (Abg. Dr. Schellenberg: Herr Arendt ist
Regierungsparteien besser machen!) ein halbes Jahr Arbeitsminister, und was
hat der schon geschafft!)
— Herr Professor Schellenberg, sind Sie der Mei-
nung, daß wir die nächsten vier Jahre nichts machen — Sie müssen auch die wirtschaftliche Situation von
würden? Es kommt doch darauf an, daß Sie Priori- damals betrachten, als Herr Katzer Arbeitsminister
täten setzen. Ich muß es noch einmal sagen. wurde.
Vorhin wurde die Meinung vertreten, wir sollten (Abg. Dr. Schellenberg: „Gewollte Rezes
die Sozialpolitik auf einer breiten Basis verwirk sion"! )
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2541
Härzschel
Immerhin, die Tatsache, daß Sie keine finanzielle hier keinen Unterschied. Für den einzelnen ist der
Deckung haben, daß Sie nicht wissen, wie Sie die Tarifvertrag ein Zwang, und es ist, wenn Sie so
Vorhaben finanziell abdecken wollen, beweist doch, wollen, der Beteiligungslohn ein Zwang.
daß Ihre Vorschläge alle sehr nebulös sind. (Zurufe von der SPD.)
Das beweise ich Ihnen auch mit einer anderen Wir sind jedenfalls davon ausgegangen, daß es eine
Zahl, und zwar mit der Sozialleistungsquote in der Pflicht ist, und wir wollen diese Möglichkeit allen
Vorausschau. Im Jahre 1968 betrug der Anteil der Arbeitnehmern zukommen lassen. Aber das, was
Sozialleistungen am Sozialprodukt 19%. Für 1973 Sie wollen, ist, daß gerade diejenigen, die schon
haben Sie einen Anteil von 18,9 % vorgesehen, also sparfähig sind, die in den höheren Einkommens-
noch nicht einmal so hoch, wie er 1968 war. Ich stufen liegen, zusätzlich gefördert werden.
möchte wissen, wo denn da eigentlich Ihre Steige- (Zuruf von der SPD: Umgekehrt!)
rungsraten liegen. Sie können jedenfalls ,das, was
Sie vorhaben, nicht abdecken. Und gerade die Ärmsten, von denen Sie vorhin
sprachen, bekommen dann wieder nichts.
Ich darf dann noch ein weiteres Zitat bringen.
Herr Möller hat die Reformpläne der Ministerien Und ich frage Sie: — —

als weit außerhalb des absehbaren finanziellen


Rahmens bezeichnet. Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
gestatten Sie eine Zwischenfrage?
(Abg. Dr. Nölling meldet sich zu einer
Zwischenfrage.)
— Ja, bitte! Härzschel (CDU/CSU) : Ich möchte den Gedan-
ken noch ausführen. — Ich frage Sie: Wo ist denn
Ihre Gerechtigkeit, wenn Sie mit dem Brustton der
Dr. Nölling (SPD) : Herr Kollege Härzschel, wis- 'Überzeugung hier die Summe beanstanden, die bei
sen Sie, wie die Zahlen des Sozialbudgets zustande
unserem Gesetz herauskommt? Ihnen sind also
kommen? Wissen Sie, daß man sozialpolitisch rele-
240 DM für alle Arbeitnehmer zu viel. Das muß ich
vante Gesetze, die jetzt in Kraft sind, dabei durch-
Ihren Ausführungen entnehmen. Entweder sind Sie
rechnet, daß aber neue Maßnahmen in diesen Quo-
der Meinung, daß wir allen Arbeitnehmern ver-
ten nicht enthalten sein können?
mögenswirksame Leistungen zukommen lassen;
dann müssen Sie auch die entsprechenden Mittel
Härzschel (CDU/CSU) : Sicher weiß ich das. Aber einsetzen. Oder aber — das möchte ich dann fragen
Sie wollen doch die Leistungen ausweiten. Sie wol — haben Sie es gar nicht ernst gemeint mit Ihren
len doch alles besser machen. Das schlägt sich finan- vermögenswirksamen Leistungen?
ziell in Ihrer Prognose nicht nieder.
Im übrigen, wenn die Sozialpolitik der letzten Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
20 Jahre wirklich so schlecht gewesen wäre, dann Härzschel, hier sind drei, vier Fragesteller. Darf ich
dürften Sie doch nicht auf diesen Fundamenten auf- der Reihe nach gehen. Bitte schön, Herr Kollege Dr.
bauen. Sie haben aber bisher jedenfalls keine Nölling!
neuen Fundamente gesetzt und auch nicht hier ver-
kündet, daß Sie solche setzen wollen. Dr. Nölling (SPD) : Herr Kollege Härzschel,
(Abg. Katzer: Sehr gut!) warum haben wir nach Ihrer Meinung in unserer
Verfassung eigentlich eine Tarifautonomie vorge-
Sie haben auch gesagt, vor allem die Schwächsten- sehen und nicht die Möglichkeit, Löhne beispiels-
seien vernachlässigt worden. Ich will Ihnen einmal
weise durch Gesetz zu bestimmen?
an einem Beispiel deutlich machen, wie Sie das hal-
ten, und zwar an dem, was Sie in der Vermögens- (Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]: Jetzt wissen
bildung vorgesehen haben. Zunächst muß ich eines Sie es für die Zukunft!)
richtigstellen. Herr Professor Schellenberg stellt sich
hier so hin und vertritt die Meinung, als sei die Härzschel (CDU/CSU) : Darf ich zurückfragen,
SPD nun plötzlich gegen jedes Zwangssparen. Dazu warum Sie eigentlich nicht den Tarifpartnern emp-
kann ich nur sagen: alle Sachverständigen haben fehlen, die Mitbestimmungsfrage zu lösen?
eindeutig erklärt, daß kein Unterschied bestehe zwi- (Zuruf von der SPD: Ach du lieber Gott!)
schen einem tarifvertraglichen — —
(Lebhafter Widerspruch 'bei der SPD.) Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite
Keiner hat das erklärt, sondern es waren sich alle Frage, jetzt von Herrn Kollegen Vogt.
darüber einig, daß das völlig gleich sei. Und diesen
Tarifvertrag haben Sie jedenfalls nicht abgelehnt. Vogt (CDU/CSU) : Herr Kollege Härzschel, — —
(Abg. Dr. Schellenberg: Herr Härzschel, da (Zurufe von der SPD.)
warenSibdußohaeni
Ohren zugemacht! — Abg. Dr. Schäfer Härzschel (CDU/CSU) : Ja, wollen Sie mir wider-
[Tübingen]:: Das hat er noch nicht begrif legen, daß das möglich wäre? Wollen Sie mir das
fen! — Weitere Zurufe von der SPD.) widerlegen? Das können Sie doch gar nicht!
— Entschuldigen Sie, ich sage nur, daß die Sach (Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Da verwech
verständigen klipp und klar erklärt haben, es gäbe seln Sie doch zwei Dinge!)
2542 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vogt (CDU/CSU) : Herr Kollege Härzschel, wür- Und zweitens: Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß
den Sie mir zustimmen, wenn ich sage, daß durch wir überall gesagt haben: Dieser erste Schritt muß
den Regierungsentwurf zur Vermögensbildung neue gegangen werden, weil er gegangen werden kann,
privilegierte Arbeitnehmerschichten geschaffen wer- weil beide Tarifpartner in diesem Moment willens
d en und genau das Gegenteil von dem erreicht wird, sind, ihn zu gehen?
was Herr Kollege Nölling hier als Ziel proklamiert
hat?
Härzschel (CDU/CSU) : Diese beiden Tarifpart-
ner hätten auch jetzt die Möglichkeit, denn das 312-
Härzschel (CDU/CSU) : Genau das, Kollege Vogt, Mark-Gesetz besteht. Dazu bedarf es keiner Ver-
würde ich Ihnen bestätigen; doppelung.
(Lachen bei der SPD) (Zustimmung des Abg. Katzer.)
ich habe auch deutlich zu machen versucht, daß ge-
nau das eintreten wird. Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zwischen-
frage des Herrn Abgeordneten Vogt.
(Abg. Dr. Schellenberg: Warten Sie mal die
zweite und dritte Lesung ab!)
Vogt (CDU/CSU) : Herr Härzschel, würden Sie
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Frage des mir zustimmen, wenn ich sage, daß es auch dem
Kollegen Buschfort. Grundsatz der Tarifautonomie entsprochen hätte,
wenn die Tarifpartner alle Fragen, die mit Urlaub
zusammenhängen, selbst geregelt hätten? Würden
Buschfort (SPD): Herr Kollege Härzschel, kön- Sie mir weiterhin zustimmen, daß dennoch ein Ur-
nen Sie mir sagen, welche Arbeitnehmer nicht tarif- laubsgesetz nicht gegen die Tarifautonomie ver-
fähig sind?
stoßen hat? Würden Sie mir darin schließlich zu-
stimmen, daß selbst die sozialdemokratische Frak-
Härzschel (CDU/CSU) : Herr Kollege, es geht tion dem Urlaubsgesetz zugestimmt hat?
nicht darum, welche Arbeitnehmer nicht tariffähig
sind, sondern es geht darum, Härzschel (CDU/CSU) : Ich kann .das nur bestä-
(Zurufe von der SPD) tigen. Man könnte an einer ganzen Reihe von- Bei-
daß die Tarifverträge bei den Wachstumsindustrien spielen deutlich machen, daß gesetzliche Regelungen
abgeschlossen werden, dort, wo schon die entspre- die Tarifautonomie in keiner Weise einschränken.
chenden Möglichkeiten bestehen. Sie haben in Ihrer Sie wissen doch genau, daß in unserem Gesetzent-
mittelfristigen Finanzplanung überhaupt nicht damit wurf die Tarifautonomie nicht angegriffen worden
gerechnet, daß alle Tarifverträge wirksam werden, ist, sondern daß die Möglichkeiten der Tarifpartner
sondern Sie haben diese vermögenswirksamen Lei- nach wie vor gegeben sind.
stungen nur für etwa 10 Millionen Arbeitnehmer (Abg. Dr. Burgbacher: Die privilegierte
vorgesehen. Möglichkeit!)
Ich frage Sie: Warum setzen Sie, wenn Sie es so
ernst nehmen, nicht die notwendigen Mittel ein? Sie Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zwischen-
haben doch selber nicht damit gerechnet, daß so viele frage des Abgeordneten Müller.
Tarifverträge abgeschlossen werden. Und ich sage
Ihnen noch einmal: Gerade in den schwachen Indu- Müller (Berlin) (CDU/CSU): Herr Kollege Härz-
striezweigen werden keine abgeschlossen werden, schel, würden Sie vielleicht dem Herrn Kollegen
dort, wo die Leute sind, die in ihrer Einkommen- Rosenthal sagen, daß es die SPD war, die noch bei
struktur schon am unteren Ende der Skala stehen, der letzten Novellierung des Zweiten Vermögens-
die keine Verbesserungen haben, wie sie in den bildungsgesetzes im vergangenen Jahr unseren An-
Großindustrien gang und gäbe sind; denken Sie trag im Ausschuß abgelehnt hat, wonach Familien-
an die betriebliche Altersversorgung und an andere väter als Alleinverdiener die Möglichkeit haben
Dinge. sollten, bis zu 624 DM anzulegen, und zwar abge-
Hier wird deutlich, daß Sie dem Grundsatz, den lehnt hat mit der Begründung, das komme nur
Sie verkünden, in der Praxis auf keinen Fall gerecht Großverdienern zugute.
werden.
Härzschel (CDU/CSU) : Ich glaube, es ist hier
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie eindeutig klargeworden, daß das, was von der
noch eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Seite vorgeschlagen ist, keinesfalls den Anforde-
Rosenthal? rungen an die soziale Gerechtigkeit entspricht, son-
dern daß wir neue Wege gehen müssen, die wir
Rosenthal (SPD) : Herr Härzschel, ist Ihnen nicht vorgezeichnet haben. Wir haben immer wieder er-
aufgefallen, daß von der Regierungserklärung bis zu klärt, daß wir unseren Entwurf nur als Diskussions-
allem, was zu dieser Frage der Vermögensbildung grundlage ansehen und über Einzelheiten durchaus
gesagt worden ist, von unserer Partei immer von mit uns reden lassen.
einem ersten Schritt gesprochen worden ist?
(Abg. Dr. Schellenberg: Das machen wir
(Abg. Dr. Nölling: Richtig!) ja im Ausschuß!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2543
Härzschel
Wir sehen in Ihrer Lösung aber jedenfalls keinen schaft und in unserer Gesellschaft vollzieht sich so
entscheidenden Durchbruch. schnell, daß wir ständig neue Probleme zu lösen
haben werden.
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie Einen Vorwurf möchte ich doch auch noch erwäh-
eine letzte Frage? nen. Herr Kollege Dr. Nölling, Sie haben uns den
Vorwurf gemacht, wir hätten doch eigentlich diese
Konsumgesellschaft hier propagiert, und wir seien
Härzschel (CDU/CSU) : Nein, ich möchte jetzt schuld daran. Darüber ließe sich sicher streiten, wer
fortfahren. hier einen größeren Anteil hat. Immerhin, wenn Sie
(Abg. Dr. Schellenberg: Wir sollten die die Vergangenheit verfolgen, dann werden Sie mir
erste Lesung der Vermögensbildungsge sicher zustimmen, daß Ihr Anteil zumindest gleich
setze jetzt endlich beenden! — Gegenrufe groß ist. Ich behaupte aber, er ist größer als der
von der CDU/CSU.) unsere, denn Sie haben diese Gedanken viel stärker
als wir propagiert.
Ich möchte noch zu einem anderen Punkt Stellung
nehmen. Herr Kollege Schellenberg, Sie haben die (Abg. Dr. Nölling: Lesen Sie es einmal bei
Frage der flexiblen Altersgrenze angesprochen. Wir Professor Ortlieb!)
messen dieser flexiblen Altersgrenze eine große Die CDU/CSU wird in der Zukunft die Fortschrei-
Bedeutung bei. Nur glaube ich, es ist wenig sinn- bung der Sozialpolitik, den Ausbau unseres sozialen
voll, wenn der Minister im Lande umherfährt und Rechtsstaates vorantreiben, aber eben nach den
die Sache so darstellt, als sei diese flexible Alters- finanziellen Möglichkeiten also auf einer soliden
grenze praktisch schon perfekt, während die finan- finanziellen Grundlage.
ziellen Grundlagen in keiner Weise gesichert sind,
so daß man nicht weiß, wer im einzelnen von dieser (Beifall bei der CDU/CSU.)
Möglichkeit Gebrauch machen wird. Man muß doch
zuvor klären, wie viele Menschen denn von dieser Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
Möglichkeit, vorzeitig Altersruhegeld zu beantra- Herr Abgeordneter Hauck.
gen, Gebrauch machen werden. Wenn man den
Worten der Gewerkschaft Glauben schenken darf,
ist die Beanspruchung der Arbeitnehmer heute so Hauck (SPD) : Frau Präsident! Meine sehr ver-
groß, daß ein vorzeitiger Verschleiß zu einer grö- ehrten Damen und Herren! Eis wäre bestimmt der
ßeren Invalidität im späteren Lebensalter führt. Ich Sache und der Problematik angemessen, wenn wir
würde dem weithin zustimmen. Wenn dem aber so in dieser Debatte auch einige Aussagen zur Fami-
ist, kann man doch nicht ohne weiteres damit rech- lien- und Jugendpolitik gemacht hätten, die nach
nen, daß ein Großteil der Arbeiter über das 65. Le- dem Sozialbericht zu dem Hauptabschnitt des vor
bensjahr hinaus weiter arbeiten wird. Die finan- beruflichen Lebensgehört. Ich möchte jetzt nicht mit
ziellen Grundlagen müssen also meiner Meinung einer neuen ,Runde der Jugend- und Familienpolitik
nach sehr sorgfältig geprüft werden. Debatte beginnen, sondern ich hoffe, daß wir bei der
Diskussion über die Kindergeldgesetzgebung Gele-
(Zuruf des Abg. Geiger.) genheit haben, dieses wichtige Problem einmal zu
Immerhin wird nach Auskunft des Verbandes ein durchdenken; denn auf diesem Gebiet zeigt der
Jahr Altersruhegeld Kosten in Höhe von ca. 1 Mil- SozialberchtsvUngimetud-
liarde DM verursachen, abgesehen von den Bei-- rechtigkeiten auf. Ichglaube, da kann man auch Ver-
tragsausfällen und dem Produktionsausfall. Wir schiebungen und Verlagerungen vornehmen.
sind nicht grundsätzlich dagegen. Wenn wir im letz- Es ist überhaupt schade, daß wir bei der parlamen-
ten Jahr hierzu noch keine klare Aussage gemacht tarischen Tagesarbeit immer als Gesetzgeber dem
haben, dann deshalb, weil wir gerade bei der Be- Zwang unterliegen, materielles Recht Ezu schaffen,
ratung des Dritten Rentenversicherungsänderungs- und hier grundsätzliche Diskussionen gar nicht füh-
gesetzes darum gerungen haben, die finanzielle ren können. Ein drastischer Beweis dafür ist z. B.,
Sicherung der Rentenversicherung zu garantieren daß wir in der fünften Legislaturperiode nicht den
und die langfristige Vorausschau auf eine gesunde ersten Familienbericht der Bundesregierung und den
Basis zu stellen. Das ist uns damals gelungen. In der zweiten Jugendbericht der Bundesregierung behan-
Zwischenzeit sind die Daten für Sie und für uns deln konnten, weil wir der Beratung und Verab-
anders geworden. Deshalb sind bei uns auch neue schiedung ides Ersten Ausbildungsförderungsgesetzes
Überlegungen erfolgt. Das kann man uns sicher in den Ausschüssen und im Plenum den Vorrang ge-
nicht zum Vorwurf machen. ben mußten.
Ich möchte abschließend sagen: Das, was Sie uns Der Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit
hier dargelegt haben, war in der Hauptsache eine ist z. Z. dabei, Wege zu suchen, um die Thesen die-
Auseinandersetzung mit der Opposition, aber keine ser beiden Berichte auch in der sechsten Legislatur-
Darlegung, wie Sie Ihre Vorstellungen realisieren periode parlamentarisch nutzbar zu machen. Ich bin
wollen. Darauf aber kommt es letzten Endes an. Es daherMinug,ßslfrechwäni
hat wenig Sinn, einen Katalog aufzuzählen, was bei dem Versuch, diese Thesen nutzbar zu machen,
alles noch zu tun wäre. Es wird auch in fünf und in dem Zusammenhang auch den Sozialbericht mit
in zehn Jahren noch Dinge geben, die wir zu erledi- beraten könnten. Ich stelle daher den Antrag, daß
gen haben. Der Strukturwandel in unserer Wirt- dieser Sozialbericht zur Mitberatung auch dem Aus-
2544 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Hauck
Schuß für Jugend, Familie und Gesundheit überwie- men Sie mit Weihnachtsgeld und sonstigen Ge-
sen wird, damit dieser Ausschuß im Zusammenhang schichten und zwingen uns dadurch zu Reaktionen.
mit den anderen Berichtswerken auch zu diesen Das war der Punkt, nichts anderes. Wenn Sie hier
wichtigen Grundsatzproblemen Stellung nehmen und heute sagten: „Gebt mir noch ein halbes Jahr
kann. Ich bitte, dem Antrag zu folgen. Zeit", würde ich als erster sagen: Bitte schön,
(Beifall.) herzlich gern.

Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat Arendt, Bundesminister für Arbeit und Sozial-
Herr Bundesminister Arendt. ordnung: Nein, wir brauchen gar keine Zeit. Wir
haben eine Konzeption, die zügig und planmäßig
realisiert wird. Lassen Sie mich das an einem Bei-
Arendt, Bundesminister für Arbeit und Sozial- spiel sagen. Wir haben im Dezember vorigen Jah-
ordnung: Frau Präsidentin! Meine Damen und Her- res im Arbeitsministerium in einer Klausurtagung
ren! Ich bin für diese Debatte sehr dankbar, obwohl einen Zeitplan entwickelt. Mir haben meine Mit-
die Opposition erneut den Vorwurf erhoben hat, arbeiter erklärt: Das hat es in diesen 20 Jahren
diese Regierung halbe keine Konzeption. im Arbeits- und Sozialministerium noch nicht ge-
(Abg. Dr. Götz: Weil .es , die Regierung er geben. In diesem Zeitplan — —
neut zu erkennen gegeben hat!) (Abg. Katzer: Nur einen Zeitplan! — Abg.
Unsere Konzeption — das müßten Sie doch einmal Dr. Götz: Die haben keinen Zeitplan ge
zur Kenntnis nehmen - ist die Erfüllung der Regie- macht, sondern Gesetze!)
rungserklärung Zug um Zug und Punkt für Punkt. — Ja, das wird abgehakt. Wir haben eine Check-
Wenn Si e diese Regierungserklärung lesen, dann liste — ich habe es Ihnen gesagt —, da kann man
können Sie feststellen, daß eine ganze Reihe von sehen, was schon erledigt ist. Wir werden auch in
Punkten aus dieser Erklärung schon als erledigt zu der nächsten Zeit unsere Vorhaben nach diesem
betrachten ist. Da ich den Eindruck habe, daß Ihnen Zeitplan ausrichten.
dais entgangen ist, möchte ich noch einmal in Stich-
Dazu gehört beispielsweise das, was der Bundes-
worten in Ihre Erinnerung zurückrufen, daß die
kanzler am 28. Oktober angekündigt hat: Erhöhung
Kriegsopferversorgung
der Pflichtversicherungsgrenze für Angestellte; eine
(Abg. Dr. Götz: Wer war da initiativ?) entsprechende Gesetzesvorlage der Bundesregie-
vom 1. Januar 1970 an strukturell verbessert und dy- rung wurde heute im Kabinett verabschiedet.
namisiert wurde, daß das Unterhaltsgeld für Um- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
schüler Ich gebe zu: Sie haben auch ein Gesetz einge-
(Zuruf von der CDU/CSU: Entwurf der Op bracht, nämlich ein Gesetz über die Unfallversiche-
position!) rung für Schulkinder. Das steht auch auf unserem
erhöht und .dynamisiert worden ist, daß wir das Programm. Nur — das sage ich Ihnen auch —
Dritte Vermögensbildungsgesetz eingebracht haben wenn Ihr Vorrat mal aufgebraucht ist, wird das
natürlich für Sie ein bißchen schwieriger werden.
(Abg. Katzer: Statt 312 jetzt 624 DM!)
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD. —
— ich komme gleich noch darauf, Herr Kollege Kat- Lachen bei der CDU/CSU.)
zer — und daß wir eine ganze Reihe von Kommis-
-
sionen, die 'angekündigt wurden und die wichtige
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundes-
Vorarbeiten zu leisten haben, zum Teil schon zu
minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
konstituierenden Sitzungen zusammengerufen ha-
Abgeordneten Varelmann?
ben; zum Teil wenden sie im Laufe der nächsten
Monate zusammenkommen.
Varelmann (CDU/CSU) : Herr Minister, sind
Herr Kollege Katzer, ich möchte Sie wirklich nicht die Steuereinnahmen in den letzten neun Mo-
bitten — ich will ja keine Kontroverse —, sich naten stärker gestiegen als je zuvor, und ist nicht
einmal zurückzuerinnern, was im Mai 1966 war, von dieser Summe nur relativ wenig in den sozialen
als Sie sechs Monate Arbeitsminister waren: ob Sie Bereich geflossen?
da die Möglichkeit hatten, mit einer Konzeption
vor dieses Hohe Haus zu treten. Sie haben damals
gesagt „Wir bitten um eine Denkpause".
Arendt, Bundesminister für Arbeit und Sozial-
ordnung: Das wissen Sie selbst. Warum soll ich das
(Beifall bei der SPD.) noch einmal wiederholen, was in den sozialen Be-
reich geflossen ist.
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundes- Lassen Sie mich sagen, soweit die Konzeption
minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des in Frage kommt — und dann möchte ich zu dieser
Herrn Abgeordneten Katzer? Konzeption gar nichts mehr sagen —: dazu gehört
die Erhöhung der Krankenversicherungspflicht
Katzer (CDU/CSU) : Herr Kollege Arendt, wenn grenze, dazu gehört das Betriebsverfassungsge-
Sie das Hohe Haus um eine Denkpause gebeten setz — —
hätten, dann wären wir sehr glücklich gewesen und (Abg. Katzer: Wir haben einen Gesetzentwurf
hätten gesagt: Selbstverständlich. Statt dessen kom- vorgelegt!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2545
Bundesminister Arendt
— Ja, ja, sicher. Ich sage noch einmal: Sie haben die Finanzwirtschaft, in der nationalökonomischen
auch ein Gesetz vorgelegt — das werden auch wir Betrachtung sind, damit wir zu einer Entscheidung
noch tun — über die Unfallversicherung der Schul- kommen können. Wir haben in keiner Weise ge-
kinder. Aber da geht es doch um mehr als um zwei sagt, daß 1972 oder 1973 ein bestimmtes Modell
Paragraphen, Herr Kollege Katzer. Da geht es auch realisiert wird, und das, glaube ich, müssen wir
darum, daß man mit den in Frage kommenden auch für die Zukunft diskutieren.
Stellen darüber spricht und nachdenkt, wie man
beispielsweise die Rehabilitation der Kinder einbe- Wir müssen auch Modelle für die Öffnung der
zieht. Rentenversicherung entwickeln, damit wir andere.

(Beifall bei der SPD. — Zurufe von der Bereiche einbeziehen können. Das gehört auch dazu.
CDU/CSU.)
Wir müssen auch ein wenig über die Vermögens-
— Das steht doch in Ihrem Gesetzentwurf nicht bildung sprechen.
darin.
(Zurufe bei der CDU/CSU.)
Wenn Sie sagen „Wo ist die Konzeption?", dann
sage ich Ihnen noch eines, da wir gerade von Reha- — Entschuldigen Sie, Herr Katzer, das muß man
bilitation sprechen. Wir haben ein Programm der doch auch sehen! — Wir haben oft genug gesagt,
Bundesregierung zur Rehabilitation, zur Wiederein- diese Vorlage des Dritten Vermögensbildungsge-
gliederung der Behinderten mit den in Frage kom- setzes mit der Verdoppelung des Begünstigtenrah-
menden Stellen abgesprochen und der Öffentlich- mens und mit dem Übergang auf das Zulagesystem
keit verkündet. Worauf es jetzt ankommt, ist, daß ist ein erster Schritt. Wenn Sie sagen, daß in diesem
dieses umfassende Programm auch mit wirklichem Sozialbericht 1970 über die Vermögensbildung in
Leben erfüllt wird. Das ist zum Beispiel so ein Arbeitnehmerhand relativ wenig enthalten ist, sind
Punkt, wo nicht unbedingt Geld erforderlich ist, wir da völlig einer Meinung. Aber erstens — das
genauso wie bei der Verbesserung des Arbeitneh- wissen wir auch — waren im Arbeitsministerium
merschutzes. Ich sage es sogar noch anders: wenn Unterlagen über die Vermögensverteilung und die
auf diesem Felde der Verbesserung des Arbeit- Zuwächse in unserer Gesellschaft kaum vorhanden.
nehmerschutzes in der Vergangenheit mehr getan (Abg. Katzer: Wir haben vier Modelle ent
worden wäre, dann würde die Unfallentwicklung — wickelt! - Abg. Dr. Schellenberg: Na,
2,4 Millionen Unfälle jährlich allein in den Betrieben Modellchen ohne finanzielle Grundlagen!)
mit Milliardenkosten — ganz sicher anders verlau-
fen, als das im gegenwärtigen Augenblick der Fall Zweitens haben gesagt, wir legen am Ende dieses
ist, und wir hätten sogar noch einen Finanzierungs- Jahres einen Vermögensbericht vor, und dieser Be-
überschuß. richt wird auch Modelle enthalten, wie wir die
(Beifall bei der SPD.) überbetriebliche Vermögensbildung in Arbeitneh-
merhand fördern können.
Wir haben die Absicht, die Vorhaben — ich sage
es noch einmal — nach unserem Plan durchzuführen. Im Dritten Vermögensbildungsgesetz — das müs-
Sie werden an unseren Aktivitäten die Erfüllung sen Sie doch einmal einsehen — wird doch mit
dieser Vorstellung erleben. Die Vorarbeiten für einem alten Unrecht Schluß gemacht. Das können
andere Vorhaben sind in Gang gesetzt, oder die Sie nicht verniedlichen. Sie können doch nicht
sachlichen und die statistischen Grundlagen für künf- sagen, die bloße Verdoppelung auf 624 DM sei
tige Gesetzesvorhaben werden vorbereitet. Dazu ge- - nichts. Wichtiger ist doch der Übergang zum Zu-
hört beispielsweise die flexible Altersgrenze. Herr lagesystem. In der Vergangenheit bis heute war es
Kollege Härzschel, ich reise nicht im Lande umher doch so: Wer hat, dem wird gegeben. Denn die
und verkünde, daß diese flexible Altersgrenze Steuerfreiheit bei dem jetzigen System bedeutet
kommt, sondern ich sage: wir haben eine Unterlage doch, daß der Einkommensschwache nicht so ent-
zur Vorbereitung dieser Frage in Auftrag gegeben, lastet wird wie der Einkommensstärkere. Deshalb
damit wir einmal wissen, wie die Menschen darüber sollten Sie doch gerade den Übergang zum Zulage
denken und wie ihre Entscheidung sein wird. Aber system richtig werten.
zur freien Entscheidung des einzelnen gehören die
(Abg. Härzschel: Dagegen sind wir ja nicht!)
Vorklärung und Abklärung bestimmter Tatbestände.
Ich habe vorhin oder heute morgen in meiner Rede — Alber Si e sollten es nicht verniedlichen.
schon gesagt, dazu gehört beispielsweise ein Punkt, (Beifall bei der SPD.)
den ich für ganz wichtig halte: der jährliche Konto-
auszug, der dem Versicherten Aufschluß darüber Nun werfen Si e mi r vor — das hat der Kollege
gibt, welche Anwartschaften und Leistungen er zu Katzer getan —, daß wir hei ,der Krankenversiche-
erwarten hat. rung nur von der Weiterentwicklung sprechen und
nicht von einer Reform. Völlig richtig! Wir haben
(Abg. Katzer: Das haben wir doch angefangen!
ganz bewußt den Begriff der Weiterentwicklung der
Das ist doch nicht neu!)
Krankenversicherung geprägt und nicht von „Re-
— Das müssen wir weiterentwickeln, und wir sind form" gesprochen. Wenn ich ,an Ihrer Stelle wäre
jetzt dabei — das habe ich gesagt, das müssen Sie und die Tragödie mitgemacht hätte, die Sie — nicht
doch einmal zur Kenntnis nehmen —, wenn wir Sie persönlich Herr Katzer, sondern Ihre Partei —
diese Unterlagen haben, Modelle auszurechnen, mit der Reform der Krankenversicherung erlebt ha-
wie die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, auf ben in den Jahren, di e hinter uns liegen, würde ich
2546 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970
Bundesminister Arendt
das Wort „Reform" so leicht nicht mehr in den Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Aus
Mundehm! schuß für Arbeit und Sozialordnung — federfüh-
(Beifall bei den Regierungsparteien, — Zu rend — und an den Haushaltsausschuß — mitbera-
ruf von der CDU/CSU: Nicht gerade ein Zei tend — vor. Herr Kollege Hauck hat vorgeschlagen,
chen von Konzeption! — Weitere Zurufe zusätzlich den Ausschuß für Jugend, Familie und
von der CDU/CSU.) Gesundheit an der Mitberatung zu beteiligen. Die-
ser Ergänzungsvorschlag geht dem anderen vor.
Lassen Sie mich noch ein Wort zur Finanzierung Ich lasse darüber zuerst abstimmen.
von bestimmten sozialpolitischen Maßnahmen sagen.
Ich glaube, daß Sie bedenken müssen, daß es Wer dem Vorschlag des Ältestenrates plus dem
drei Arten gibt. Da gibt es die Vorhaben, die den Vorschlag, zusätzlich den Ausschuß für Jugend,
Bundeshaushalt berühren. Da gibt es Vorhaben, die Familie und .Gesundheit zu beteiligen, zustimmt, den
die Versicherten und ,die Arbeitgeber berühren, und bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! —
da gibt es Vorhaben, die überhaupt keine wesent- Es ist so beschlossen.
lichen zusätzlichen finanziellen Ausgaben mit sich
bringen. Die Gesetze, die den Bundeshaushalt be- Auf Grund einer interfraktionellen Vereinbarung
rühren, meine Damen und Herren, sund im Finanz- wird der Tagesordnungspunkt 7 heute abgesetzt
plan der Bundesregierung enthalten und werden bei und vermutlich im Juni nachgeholt.
der Fortschreibung der mittelfristigen Finanzplanung
aufgenommen. So ist beispielsweise der Ansatz der
Bundesmittel für die Jahre von 1970 bis 1973 im Ich rufe die Tagesordnungspunkte 8 und 9 auf:
zweiten Sozialbudget um 6,3 Milliarden DM höher
als im vorhergehenden Sozialbudget. Bei den Vorha- Erste Beratung des von der Fraktion der
ben, die die Versicherten und die Arbeitgeber an- CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Ge-
gehen, wie beispielsweise bei der Öffnung der Ren- setzes zur Änderung der Reichsversicherungs-
tenversicherung und bei ;der Erhöhung der Pflicht- ordnung
versicherungsgrenze für Angestellte, haben wir Mo- — Drucksache VI/695 —
dellrechnungen durchgeführt und mit den Beteilig-
ten Abstimmungsgespräche geführt und versucht, Erste Beratung des von der Bundesregierung
Übereinstimmung in den Modellrechnungen zu er- eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
reichen. Änderung und Ergänzung der Vorschriften
über die Wiedergutmachung nationalsoziali-
Bei den Bereichen, die nur geringe Kosten ver-
stischen Unrechts in der Sozialversicherung
ursachen — das sind viel mehr, als gemeinhin an-
— Drucksache VI/715 — V
genommen wird —, handelt es sich — das werden
Sie mir zugeben — vielfach um Vorhaben, die die Es liegen keine Wortmeldungen vor.
sozialpolitische Landschaft am stärksten verändern.
Ich habe vorhin als Beispiel die Fragen der Rehabili- Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Aus-
tation und des Arbeitnehmerschutzes genannt. Den- schuß für Arbeit und Sozialordnung vor. Wer die-
ken Sie aber auch einmal an . die Fragen des Be- sem Überweisungsvorschlag zustimmt, den bitte
triebsverfassungsgesetzes und der Mitbestimmung! ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist
Denken Sie an die bessere Transparenz der sozialen so beschlossen.
Sicherung, die sich in unserer Politik der Reform
des Arbeits- und Sozialrechts niederschlägt! Denken-
Sie auch an die Kontoauszüge! Denken Sie schließ- Ich rufe Punkt 10 der Tagesordnung auf:
lich an die bessere Koordination der Rehabilitations-
maßnahmen! Erste Beratung des von der Bundesregierung
Meine Damen und Herren, ich bin — lassen Sie eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
mich das noch einmal sagen — für diese Debatte dem Abkommen vom 24. September 1969 zur
dankbar, auch wenn es in einigen Punkten Mei- Gründung einer Assoziation zwischen der
nungsunterschiede gibt. Gerade in dem letzteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und
Bereich, den ich erwähnte, ist 'die Sozialpolitik nicht der Vereinigten Republik Tansania, der Re-
durch finanzielle Erwägungen begrenzt. Hier ist der publik Uganda und der Republik Kenia sowie
politische Wille entscheidend. Sie können sich — zu den Internen Durchführungsabkommen
ich sage es noch einmal — darauf verlassen, daß — Drucksache VI/725 —
wir den Willen haben, unsere politische Landschaft
im Interesse der arbeitenden Menschen und großer Wortmeldungen liegen nicht vor.
Schichten unseres Volkes zu verbessern und den
Verhältnissen auf anderen Gebieten anzupassen. Der Ältestenrat schlägt Überweisung an den Aus-
Diesen Willen 'haben die Regierung und die Frak- schuß für Wirtschaft — federführend — und an den
tionen, 'die diese Regierung tragen. Auswärtigen Ausschuß sowie den Ausschuß für
wirtschaftliche Zusammenarbeit — mitberatend —
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
vor.
Vizepräsident Frau Funcke: Meine Herren Wer diesem Überweisungsvorschlag zustimmt,
und Damen, weitere Wortmeldungen liegen nicht den bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe!
vor. Wir sind am Ende der ersten Beratung. — Es ist so beschlossen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2547
Vizepräsident Frau Funcke
Ich rufe .den Tagesordnungspunkt 11 auf: Beratung des Mündlichen Berichts des Aus-
schusses für Wahlprüfung, Immunität und
Beratung des Antrags der Fraktionen der Geschäftsordnung (1. Ausschuß) — Immuni-
SPD, FDP tätsangelegenheiten
betr. Sportförderungsplan der Bundesrepublik betr. Genehmigung zur Durchführung eines
Deutschland Strafverfahrens gegen den Abgeord-
— Drucksache VI/664 — neten Bundesminister Dr. Ehmke gemäß
Wortmeldungen liegen nicht vor. Schreiben des Bundesministers der
Justiz (Az. 1044/1 E — 15/69) vom 3. Fe-
Der Ältestenrat empfiehlt Überweisung an den
bruar 1970 (VI/7)
Sonderausschuß für Sport und Olympische Spiele —
— Drucksache VI/702 —
federführend — und an den Ausschuß für Jugend,
Familie und Gesundheit — mitberatend —. Wer Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Stark (Nür-
diesem Überweisungsvorschlag zustimmt, den bitte tingen)
ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist
Wünscht einer der Herren Berichterstatter das
so beschlossen.
Wort? — Das ist nicht der Fall.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 12 auf: Ist das Haus damit einverstanden, daß wir der
Beratung des Schriftlichen Berichts des Son- Einfachheit halber gemeinsam abstimmen? — Ich
derausschusses für Sport und Olympische höre keinen Widerspruch.
Spiele über den Bericht des Bundesministers
Wir kommen zur Abstimmung über die Ausschuß-
des Innern anträge auf Drucksachen VI/701 und VI/702. Wer
betr. Sportförderung diesen Anträgen zustimmen will, den bitte ich um
— Drucksachen VI/109, VI/717 — das Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist so be-
Berichterstatter: Abgeordneter Hussing schlossen.
Wortmeldungen liegen nicht vor.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 16 auf:
Wer dem Antrag des Ausschusses zustimmt, den
bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Beratung der Ubersicht 5 des Rechtsausschus-
Enthaltungen? — Es ist so beschlossen. ses (5. Ausschuß) über die dem Deutschen
Bundestag zugeleiteten Streitsachen vor dem
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 13 auf: Bundesverfassungsgericht
Beratung des Schriftlichen Berichts des Son- — Drucksache VI/724 —
derausschusses für Sport und Olympische Wird das Wort gewünscht? — Das ist nicht der
Spiele über den Antrag der Fraktionen der Fall.
SPD, FDP betr. Fußballweltmeisterschaft 1974
— Drucksachen VI/42, VI/684 — Wer der Empfehlung des Rechtsausschusses zu-
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Evers stimmen will, den bitte ich um Idas Handzeichen. —
Gegenprobe! — Es ist so beschlossen.
dazu:
Bericht des Haushaltsausschusses (7. Aus
schuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung Wir kommen zu Punkt 17 der Tagesordnung:
— Drucksache VI/705 — - Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Jenninger schusses für Jugend, Familie und Gesundheit
(12. Ausschuß) über den von der Bundesregie-
Wortmeldungen liegen nicht vor.
rung zur Unterrichtung vorgelegten Vor-
Wer dem Antrag des Ausschusses zustimmen will, schlag der Kommission der Europäischen Ge-
den bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! meinschaften für eine Richtlinie des (Rates zur
— Es ist so beschlossen. Angleichung der Rechtsvorschriften der Mit-
gliedstaaten über natriumarme diätetische
Ich rufe die Punkte 14 und 15 der Tagesordnung Lebensmittel
auf: — Drucksachen VI/316, VI/718 —
Beratung des Mündlichen Berichts des Aus-
Berichterstatter: Abgeordneter Bay
schusses für Wahlprüfung, Immunität und Ge-
schäftsordnung (1. Ausschuß) — Immunitäts- Wünscht jemand dazu das Wort? — Das ist nicht
angelegenheiten der Fall.
betr. Genehmigung zur Durchführung eines
Wer diesem Bericht zustimmen will, den bitte ich
Strafverfahrens gegen den Abgeord-
um das 'Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist so
neten Dr. h. c. Kurt Georg Kiesinger
beschlossen.
gemäß Schreiben der Rechtsanwälte
Heinrich Hannover und Dr. Rudolf Mon-
nerjahn, Bremen, vom 3. Februar 1970 Ich rufe Punkt 18 der Tagesordnung auf:
(VI/6) Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus
— Drucksache VI/701 — schusses für Jugend, Familie und Gesundheit
Berichterstatter: Abgeordneter Dürr (12. Ausschuß) über den von der Bundes-
2548 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Vizepräsident Frau Funcke


regierung zur Unterrichtung vorgelegten Vor- rung zur Unterrichtung vorgelegten Vor-
schlag der Kommission der Europäischen Ge- schlag der Kommission der Europäischen Ge-
meinschaften für eine Richtlinie des Rates zur meinschaften für eine Verordnung des Rates
fünften Änderung der Richtlinie des Rates zur über die Herstellung und das gewerbsmäßige
Angleichung der Rechtsvorschriften der Mit- Inverkehrbringen von Dauermilcherzeugnis-
gliedstaaten für konservierende Stoffe, die in sen, die für die menschliche Ernährung be-
Lebensmitteln verwendet werden dürfen stimmt sind
— Drucksachen VI/376, VI/719 — — Drucksachen VI/394, VI/720 —
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Hammans Berichterstatter: Abgeordneter Horstmeier
Der Berichterstatter wünscht das Wort nicht mehr. Wünscht jemand das Wort dazu? — Das ist nicht
Wünscht jemand zur Sache zu sprechen? — Das ist der Fall.
nicht der Fall.
Wer 'diesem Bericht zustimmen will, den bitte ich
Wer diesem Bericht zustimmen will, den bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist so
um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Es ist so beschlossen.
beschlossen.
Damit sind wir am Ende der heutigen Tagesord-
nung. Ich berufe das Haus für Freitag, den 8. Mai,
Schließlich rufe ich Punkt 19 der Tagesordnung 9.00 Uhr, ein.
auf:
Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus Die Sitzung ist geschlossen.
schusses für Jugend, Familie und Gesundheit
(12. Ausschuß) über den von der Bundesregie (Schluß der Sitzung: 17.42 Uhr.)

-
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2549

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage 1 dem Gebiet der Landwirtschaft - Drucksachen


VI/602, VI/ 706 -.
Liste der beurlaubten Abgeordneten
Der Bundestag wolle beschließen:
Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich
a) Beurlaubungen Zu § 6
Dr. Achenbach * 6. 5. a) Absatz 1 ist wie folgt zu fassen:
von Alten-Nordheim 6. 5.
Dr. Artzinger * 6. 5. „(1) Die Landesregierungen werden ermäch-
Behrendt * 6. 5. tigt, die für den unmittelbaren Ausgleich zu-
Benda 8. 5. ständigen Stellen durch Rechtsverordnung zu
Bewerunge 6. 5. bestimmen."
Dr. Birrenbach 8. 5.
b) In Absatz 3 sind die Worte „im Einvernehmen
Dichgans 8. 5. mit den Bundesministern der Finanzen und für
Dr. Dittrich * 6. 5. Arbeit und Sozialordnung" durch die Worte „im
Engholm 8. 5. Einvernehmen mit dem Bundesminister der
Fellermaier * 6. 5. Finanzen" zu ersetzen.
Freiherr von Fircks 8. 5.
Dr. Fuchs 6. 5. c) In Absatz 4 sind die Worte „durch die landwirt-
Frau Geisendörfer 6. 5. schaftlichen Alterskassen" zu streichen.
Gerlach * 6. 5.
Gottesleben 8. 5. Bonn, den 5. Mai 1970
Haehser 8. 5.
Dr. Hein * 6. 5. Dr. Barzel, Stücklen und Fraktion
Horn 6. 5.
Dr. Jahn (Braunschweig) * 6. 5.
Dr. Koch * 6. 5.
Köppler 8. 5.
Kriedemann * 6. 5.
Anlage 3 Umdruck 24
Freiherr von Kühlmann-Stumm 8. 5.
Dr. Martin 8. 5.
Memmel * 8. 5. Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/
Müller (Aachen-Land) * 6. 5. CSU, SPD, FDP zum Antrag des Ausschusses für
Müller (Remscheid) 8. 5. Wahlprüfung, - Immunität und Geschäftsordnung
Dr. Müller-Hermann 6. 5. (1. Ausschuß) betr. Ä nderung und Ergänzung der
Ollesch 8. 5. Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages -
Frau Dr. Orth * 6. 5. Drucksache VI/521 -.
Pieroth 6. 5.
Rawe 9. 5. Der 'Bundestag wolle beschließen:
Dr. Rinsche 8. 5.
Schneider (Königswinter) 30. 5. 1. § 24 Abs. 2 erhält folgende Fassung:
Schröder (Wilhelminenhof) 8. 5. „ (2) Die Tagesordnung wird den Mitgliedern
Schwabe 27. 5. des 'Bundestages, dem Bundesrat und der Bundes-
Spilker 6. 5. regierung mitgeteilt. Sie gilt, wenn kein Wider-
Dr. Starke (Franken) * 6. 5. spruch erfolgt, mit Aufruf des Punktes 1 als fest-
Dr. Stoltenberg 6. 5. gestellt. Nach Eröffnung jeder Plenarsitzung
Werner 16. 5. kann vor Eintritt in die jeweilige Tagesordnung
jedes Mitglied des Bundestages eine Änderung
b) Urlaubsantrag der Tagesordnung beantragen, wenn es diesen
Zebisch 3. 6. Antrag bis spätestens 18.00 Uhr des Vortages
dem Präsidenten vorgelegt hat. Soweit diese Ge-
schäftsordnung nichts anderes bestimmt, kann
der Bundestag einen Gegenstand von der Tages-
Anlage 2 Umdruck 23 ordnung absetzen."

Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU 2. In § 81 Abs. 3 wird Satz 2 gestrichen.


zur zweiten Beratung des Entwurfs eines Durch-
führungsgesetzes zum Gesetz über einen Ausgleich Bonn, .den 5. Mai 1970
für Folgen der Aufwertung der Deutschen Mark auf
Dr. Barzel, Stücklen und Fraktion
* Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro- Wehner und Fraktion
päischen Parlaments Schmidt (Kempten) und Fraktion
2550 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

Anlage 4 Zu welchen Tätigkeiten, die nicht unmittelbar sanitätsdienst-


lichen Zwecken dienen, werden Soldaten des Sanitätsdienstes in
Schriftliche Antwort der Bundeswehr herangezogen?

des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl Soldaten des Sanitätsdienstes werden grundsätz-
vom 30. April 1970 auf die Mündliche Frage des lich nur zu Tätigkeiten herangezogen, die sanitäts-
Abgeordneten Erhard (Bad Schwalbach) (Drucksache dienstlichen Zwecken dienen.
VI/688 Frage A 22) : Sie können ausnahmsweise auch zum Wachdienst
Teilt die Bundesregierung die übereinstimmende Auffassung herangezogen werden, wenn im Standort ausschließ-
der Landwirtschaftsminister, der Landesfinanzminister und des
Bundesverkehrsministers, dem Omnibuslinienverkehr durch lich Sanitätseinheiten liegen.
steuerliche Maßnahmen, vor allem durch Befreiung von der
Mineralölsteuer, zu helfen, oder stimmt sie der gegenteiligen Natürlich sind in Sanitätseinheiten auch .Soldaten
Stellungnahme des Bundesfinanzministers zu?
anderer Fachrichtungen tätig wie z. B. Kraftfahrer,
Die Frage, in welcher Weise dem Omnibuslinien- Fernmelder oder Köche. Diese Soldaten erhalten
verkehr, vor allem aber den Unternehmen des lediglich eine Zusatz-Ausbildung in Erster Hilfe.
öffentlichen Personennahverkehrs geholfen werden
kann, wird z. Z. geprüft. Hierbei wird der Bundes-
minister der Finanzen seinen Standpunkt, daß steuer-
liche Maßnahmen des Bundes nicht in Betracht kom- Anlage 7
men, aufrechterhalten. Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
6. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
Anlage 5 ordneten Jung (Drucksache VI/722 Frage A 28) :
Schriftliche Antwort Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung für einen
intensiveren Ausbau der linksrheinischen Verkehrsverbindungen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl angesichts der ständig zunehmenden Verkehrsfrequenz nach
Frankreich, und welche Maßnahmen werden hierbei als besonders
vom 30. April 1970 auf die Mündlichen Fragen des dringlich erachtet?
Abgeordneten Langebeck (Drucksache VI/688 Fragen
A 24 und 25) : Die Bundesregierung ist sich bewußt, daß die
Ist es richtig, daß die Besprechung der Körperschaftsteuer
Zunahme des Frankreich-Verkehrs beim Ausbau der
referenten vom 30. September bis 1. Oktober 1969 zu dem linksrheinischen Verkehrsverbindungen gebührend
Ergebnis kam, dem Bundesfinanzministerium den Vorschlag zu
machen, den Kleingärtnervereinen in der Bundesrepublik berücksichtigt werden muß. Die Deutsche Bundes-
Deutschland die steuerrechtliche Gemeinnützigkeit zuzugestehen? bahn wird im Sommerfahrplan 1970 ein TEE-Zug-
Ist es richtig, daß die Niederschrift der Besprechung der paar zwischen Frankfurt/Main und Paris über Saar-
Körperschaftsteuerreferenten nach 6 1/2 Monaten noch nicht an die
Finanzminister der Länder weitergegeben wurde und diese da- brücken einsetzen und darüber hinaus den inter
durch die nötigen Verwaltungsanweisungen noch nicht heraus- nationalen Reise- und Güterzugverkehr weiter ver-
geben konnten?
bessern. Voruntersuchungen der Deutschen Bundes-
In der Besprechung der Körperschaftsteuer- und bahn befassen sich u. a. außerdem damit, welche
Gewerbesteuerreferenten am 30. September/1. Okto- zusätzlichen Zeitersparnisse auf der Strecke Lud-
ber 1969 ist von den Vertretern der obersten Finanz- wigshafen–Kaiserslautern–Saarbrücken durch Neu-
behörden der Länder im Einvernehmen mit dem trassierungen möglich wären.
Bundesministerium der Finanzen beschlossen wor-
den, daß Kleingärtnervereine als gemeinnützige Kör- Im Rahmen der Untersuchungen zum Neuen Aus-
perschaften anerkannt werden können. bauplan für die Bundesfernstraßen 1971-1985 wur-
den insbesondere die Fernstraßenverbindungen zum
Die Niederschrift über die vorerwähnte Sitzung ist- benachbarten Ausland geprüft. Dabei spielten die
allerdings den Ländern erst unter dem Datum Verbindungen nach Frankreich wegen der ständig
20. Januar 1970 am 3. Februar 1970 übersandt wor- zunehmenden Verkehrsdichte eine bedeutende Rolle.
den. Die verspätete Übersendung ist darauf zurück- Hierbei ergab sich die Notwendigkeit des Ausbaues
zuführen, daß die Steuerabteilung des Bundesmini- der Grenzübergänge im Zuge der B 9, der B 38 in
steriums der Finanzen im Anschluß an die gegen Rheinland-Pfalz und der B 51 und B 269 im Saarland.
Ende der Legislaturperiode eingetretenen vielfachen Darüber hinaus ist ein neuer Grenzübergang bei
Gesetzesänderungen mit der Neufassung von Durch- Lauterburg im Zuge der linksrheinischen Autobahn
führungsverordnungen und Richtlinien befaßt war in der 1. Dringlichkeit eingeplant. Dem Gesichts-
und gerade in den letzten Monaten vor allem die punkt der möglichst raschen Verbesserung der Ver-
Vorarbeiten für die Steuerreform im Vordergrund kehrsverbindungen zwischen Frankreich und Deutsch-
gestanden haben. Durch die zu Anfang des Jahres land wurde durch die Fertigstellung der Autobahn
übersandte Niederschrift ist aber gewährleistet, daß Mannheim–Saarbrücken–französische Grenze im
gerade in dem von Ihnen angesprochenen Fallbereich Jahre 1969 Rechnung getragen.
die Länder die erforderlichen Anweisungen erteilen
können. Die linksrheinischen Verkehrsverbindungen nach
Frankreich spielen im übrigen eine besondere Rolle
in den Konsultationsgesprächen, die seit Februar
d. J. mit Frankreich angelaufen sind und sich auf
Anlage 6 die gemeinsame Regionalplanung im „Montan-Drei-
Schriftliche Antwort eck" Lothringen–Saar--Luxemburg beziehen. Hier
des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom werden neben der Verbesserung der Straßenverbin-
6. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord- dungen auch Fragen des Wasserstraßenanschlusses
neten Hussing (Drucksache VI/722 Frage A 18) : und gewisse Flughafenplanungen behandelt.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2551

Anlage 8 trägen zugunsten der Verstärkung der Mittel für


.die Beseitigung von Frostschäden, für die — nicht
Schriftliche Antwort zuletzt wegen der Haushaltssperre — ein Reserve-
fonds nicht vorhanden ist.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
6. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abgeord- Beim Bundesautobahnen-Ausbau wurde der vor-
neten Pieroth (Drucksache VI/722 Frage A 29) : läufige Sperrbetrag von 300 Mio DM individuell
Ist der Bundesregierung bekannt, daß bei landwirtschaftlichen
auf die verschiedenen Neubaustrecken verteilt. Da-
Betrieben mit weit gestreuter Betriebsfläche der Betriebsverkehr bei mußte auf den Baufortschritt der einzelnen
zwischen den einzelnen Teilen des Betriebes den allgemeinen
Straßenverkehr dadurch stark beeinträchtigt, daß die grüne Strecken entsprechend Rücksicht genommen werden.
Zulassungsnummer und die damit verbundenen Vergünstigungen
nur für Zugmaschinen und Spezialkraftfahrzeuge mit gedrosselter
Geschwindigkeit gegeben werden, und ist die Bundesregierung
bereit zu prüfen, ob nicht auch Kraftfahrzeuge, die sich mit
normaler Geschwindigkeit in den Verkehr einordnen, in be-
stimmten Fällen in diesen Kreis begünstigter Kraftfahrzeuge
aufgenommen werden könnten, um den Straßenverkehr zu ent-
lasten? Anlage 10
Grüne Kennzeichen erhalten alle Zugmaschinen
Schriftliche Antwort
oder Sonderfahrzeuge, die in land- oder forstwirt-
schaftlichen Betrieben verwendet werden, ohne des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Arndt
Rücksicht auf ihre zulässige Geschwindigkeit. In- vom 6. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
sofern stehen Geschwindigkeitsbegrenzung und ordneten Mertes (Drucksache VI/722 Frage A 39) :
Steuerfreiheit in keinem Zusammenhang.
Welche der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hat
Die Ursachen für das langsamere Fahren liegen die Bundesregierung ergriffen, um die Kursverluste bei Renten-
werten in einem erträglichen Rahmen zu halten, damit das Ver-
in den Bestimmungen über das Fahrerlaubnis- und trauen insbesondere kleiner Anleger in diese von der Bundes-
regierung früher propagierte Sparform nicht enttäuscht wird?
das Zulassungswesen. Wie ich bereits in diesem
Hause ausgeführt habe, beabsichtigt die Bundes- Die Bundesregierung bemüht sich um eine Ein-
regierung, die Bestimmungen zu ändern und die grenzung der Kursrisiken durch markttechnische
Geschwindigkeitsbegrenzung heraufzusetzen, wenn Verbesserungen bei den Emissionen des Bundes.
eine entsprechende Richtlinie des Rates der Euro- Dies wirkt sich wiederum auch auf die Ausstattung
päischen Gemeinschaften verabschiedet ist. der übrigen Rentenwerte aus. So haben die Bundes-
anleihen feste Rückzahlungstermine und eine Lauf-
zeitbeschränkung auf ca. 10 Jahre. Außerdem gibt
der Bund risikofreie Bundesschatzbriefe für Klein-
Anlage 9 sparer .aus. Dies führte in der Vergangenheit zu
einer verstärkten Ausgabe von Sparbriefen durch
Schriftliche Antwort die Sparkassen.

des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Im übrigen sind die kredit- und fiskalpolitischen
6. Mai 1970 auf die Mündlichen Fragen des Abge- Maßnahmen der Bundesregierung auf das Ziel ge-
ordneten Maucher (Drucksache VI/722 Fragen A 30 richtet, die Konjunkturschwankungen zu glätten und
und 31): den Sparer vor den definitiven Inflationsverlusten
In welchem Umfang und nach welchen Grundsätzen werden die
zu schützen.
Mittel für den Bau der Bundesstraßen gesperrt?
-
Kann die Bundesregierung mitteilen, wie sich diese Sperren
von Mitteln für den Straßenbau in den einzelnen Ländern aus-
wirken?

Die Mittel für die Bundesstraßen im Bundeshaus- Anlage 11


halt 1970 sind um 240 Mio DM und die der Bundes-
autobahnen um weitere 300 Mio DM gesperrt. Schriftliche Antwort
Der bei den Bundesstraßen vorläufig gesperrte
Betrag von 240 Mio DM ist gleichmäßig auf die des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Arndt
Länder im Verhältnis ihrer Anteile am diesjährigen vom 6. Mai 1970 auf die Mündlichen Fragen des
Haushaltsvolumen verteilt worden. Die Sperre wirkt Abgeordneten Dr. Pohle (Drucksache VI/722 Fragen
sich in erster Linie auf den Beginn neuer Bauvor- A 40 und 41):
haben aus. Laufende Maßnahmen werden soweit wie Wann wird die Bundesregierung das Zwischengutachten des
Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaft-
möglich ungehindert weitergeführt. Neue Objekte lichen Entwicklung, das nach Pressemeldungen für April d. J.
können aufgrund der Bestimmungen der vorläufigen angekündigt war, erhalten, und wann wird es dem Deutschen
Bundestag zugeleitet?
Haushaltsführung ohnehin zunächst nicht begonnen Ist die Bundesregierung bereit, das Schreiben des Sachver-
werden. Das ist selbst bei voller Bedienung des ständigenrats an den Bundeskanzler zu veröffentlichen, das
diesem nach Pressemeldungen schon vor Ostern zugeleitet wor-
Haushalts erst nach seiner Verabschiedung mög- den ist und in dem der Sachverständigenrat seine Sorgen über
lich. Insoweit sind neue Bauvorhaben durch die die konjunkturpolitische Entwicklung dargelegt hat?
Sperre bis jetzt nicht benachteiligt.
Der Sachverständigenrat trägt sich mit dem Ge-
Soweit sich laufende Maßnahmen in Einzelfällen danken, ein Sondergutachten über die wirtschaftliche
in ihrer Fertigstellung verzögern, hat das seine Entwicklung ,anzufertigen. Sobald das Gutachten der
Ursache in dem notwendigen Abzug von Teilbe Bundesregierung zugeleitet ist, wird der Sachver-
2552 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970

ständigenrat gemäß § 6 Abs. 2 des Gesetzes über von 22 Mio. Exemplaren hergestellt und an sämt-
die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begut- liche Haushalte in der Bundesrepublik verteilt wird.
achtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung das In den Fernsehtips, die nur kurze Anregungen ent-
Einvernehmen des Bundesministers für Wirtschaft halten, wird auf die ausführlichere Darstellung in
hinsichtlich des Zeitpunkts der Veröffentlichung der Ernährungsfibel hingewiesen, so daß jede Haus-
herbeiführen. frau zu speziellen Fragen eine ausführlichere Infor-
Wie ich bereits in der Aktuellen Stunde am mation in der Ernährungsfibel findet.
24. April ausgeführt habe, werden sowohl die Gut- Außerdem werde ich mich bemühen, das Wissen
achten als auch Sondergutachten des Sachverständi- um die richtige Ernährung und den rationellen Ein-
genrates veröffentlicht, dagegen nicht der laufende kauf von Lebensmitteln stärker als bisher an unsere
Schriftwechsel zwischen Bundesregierung und Sach- Schulkinder heranzutragen.
verständigenrat.

Anlage 12
Anlage 13
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretärs Logemann
vom 6. Mai 1970 auf die Mündliche Frage des Abge- des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
ordneten Dr. Schneider (Nürnberg) (Drucksache vom 30. April auf die Schriftliche Frage des Ab-
VI/322 Frage A 46) : geordneten Dr. Beermann (Drucksache VI/688 Frage
Welche Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung zu ergreifen, B1):
um eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Ernährungsbera-
tung aller Bevölkerungskreise sicherzustellen? Ist die Bundesregierung im Zuge der großen Steuerreform be-
reit, für Lohn- und Gehaltsempfänger im unmittelbaren Zonen-
Die wissenschaftlich fundierte Ernährungsbera- randgebiet Lohnsteuerermäßigungen festzulegen, da andernfalls
mit Sicherheit die dringend notwendige Ansiedlung neuer Indu-
tung der Bevölkerung mit Hilfe konventioneller und strien und die Schaffung neuer Arbeitsplätze hinter der erwar-
teten Wachstumsrate zurückbleiben wird?
moderner Aufklärungsmittel ist ein wesentlicher
Teil der Öffentlichkeitsarbeit unseres Hauses. Zur Der Standpunkt der Bundesregierung zur Einfüh-
Durchführung dieser Aufgabe bedient sich das BML rung von steuerlichen Vergünstigungen für die Ar-
vor allem der Einrichtungen des Bundesausschusses beitnehmer im Zonenrandgebiet ist bereits in den
für volkswirtschaftliche Aufklärung, des Kontakt- Antworten auf mehrere parlamentarische Anfragen
büros für Verbraucheraufklärung, der Verbraucher ausführlich erläutert worden. Ich darf hierzu auf die
zentralen der Länder und der Massenmedien. Der Sitzungsprotokolle des Deutschen Bundestages vom
ständige Kontakt mit der Deutschen Gesellschaft für 20. März 1969 (S. 12052 [C], 6. November 1969 (S. 272
Ernährung und ernährungswissenschaftlichen Insti- [D]) und 3. Dezember 1969 (S. 581 [B]) hinweisen.
tuten sichert die Verbreitung der neuesten wissen- Danach hat die Bundesregierung stets die Auffas-
schaftlichen Erkenntnisse über eine vollwertige Er- sung vertreten, daß einer Abwanderung junger qua-
nährung sowie über die richtige Auswahl und Be- lifizierter Arbeitskräfte aus dem Zonenrandgebiet
handlung von Lebensmitteln im Rahmen einer mit gezielten Maßnahmen zur Sicherung der vorhan-
modernen Hauswirtschaft. - denen Arbeitsplätze und zur Schaffung neuer Ar-
Mit den bisher zur Verfügung stehenden Haus- beitsplätze begegnet werden sollte. Maßnahmen die-
haltsmitteln (2,8 Mio. DM) konnten im wesentlichen ser Art sind nicht nur im Rahmen des Instrumenta-
nur Führungs- und Mittlerkräfte erreicht werden. riums der regionalen Wirtschaftsförderung bereits
So konnten Broschüren und Merkblätter nur mit verfügbar, sondern auf steuerrechtlichem Gebiet auch
einer Auflage bis zu 300 000 Exemplaren hergestellt in dem Rahmen des Steueränderungsgesetzes 1969
und gezielt an Beratungskräften und Schulen ver- verabschiedeten Gesetz über die Gewährung von
teilt werden. Filme, Dia-Reihen, Lehrtafelserien und Investitionszulagen enthalten. Hierdurch sollen den
Wanderschauen konnten nur einem verhältnismäßig Arbeitnehmern des Zonenrandgebiets in wohnungs-
kleinen Kreis interessierter Hausfrauen gezeigt nah gelegenen Arbeitsstätten die gleichen Ver-
werden. Auch moderne Aufklärungsaktionen des dienstchancen geschaffen werden, wie sie in ande-
Kontaktbüros für Verbraucheraufklärung waren nur ren Gebieten der Bundesrepublik bestehen. Wenn
in örtlich begrenzten Teilgebieten der Bundesrepu- und soweit diese Maßnahmen Erfolg haben, wird
bl i k möglich. Die Massenmedien konnten nicht nach- sich die Frage nach der Einführung einer steuer-
haltig eingesetzt werden. lichen Vergünstigung für die Arbeitnehmer im
Zonenrandgebiet erübrigen. Die Auswirkungen die-
Um auch den letzten Haushalt in der Bundesrepu- ser Maßnahmen müssen also zunächst abgewartet
blik mit gezielten Ernährungsaufklärungsaktionen werden. Erst wenn sich ergeben sollte, daß die so
erreichen zu können, bedarf es zusätzlicher Haus- gefördtnAbispläzertnhmi
haltsmittel von jährlich mindestens 7 Mio. DM. Zonenrandgebiet nicht die gleichen Verdienstchan-
Ich beabsichtige, erstmalig 1972 eine ständige cen bieten können wie in anderen Gebieten der
Fernsehsendung „Verbrauchertips auf dem Ernäh- Bundesrepublik, wird zu prüfen sein, ob die Unter-
rungsgebiet" mit der Herausgabe einer sogenannten schiede durch Maßnahmen anderer Art ausgeglichen
„Ernährungsfibel" zu koppeln, die mit einer Auflage werden können.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 50. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. Mai 1970 2553

Ist die Bundesregierung bereit, das private Schlachthofprojekt


Anlage 14 in Pfarrkirchen, das mit einem Kostenaufwand von 10 Mil-
Schriftliche Antwort lionen DM errichtet werden soll, mit öffentlichen Mitteln zu
fordern, obwohl es im Einzugsbereich kommunaler Schlachthöfe
liegt, die zum Teil mit erheblichen Kosten, wie z. B. der städ-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl tische Schlacht- und Viehhof in München, ausgebaut wurden
vom 28. April 1970 auf die Schriftlichen Fragen des und bis heute nicht voll ausgelastet sind?
Abgeordneten Weigl (Drucksache VI/688 Fragen B Ist die Bundesregierung bereit, die kommunalen Schlachthöfe,
die im Gegensatz zu privaten Schlachthöfen durch übergebietliche
4 und 5) : hygienische Aufgaben Mehrkosten in Höhe von 35 % haben,
Zu welchen Steuermindereinnahmen würde die Einführung wodurch ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber diesen Schlacht-
einer Arbeitnehmerzulage im Zonenrandgebiet in Höhe von höfen erheblich beeinträchtigt wird, durch Erstattung dieser
5 Prozent des Bruttolohnes (Berliner Modell) führen? Kosten in ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?
Mit welchen Steuerausfällen müßte gerechnet werden, wenn
die Abschreibungsvergünstigung nach § 14 a des Berlinhilfe Bereits mit Schreiben vom 8. Juli 1969 hat sich die
gesetzes auf das Zonenrandgebiet übertragen würde, um das
dort vorhandene unzureichende Angebot von modernen Woh-
Bundesregierung gegenüber dem Bayerischen Staats-
nungen beseitigen zu können? ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und For-
Zu der ersten von Ihnen gestellten Frage darf ich sten bereit erklärt, für die Errichtung einer Schlacht-
bemerken, daß die Einführung einer Arbeitnehmer- anlage in Pfarrkirchen Bundesmittel zu bewilligen.
zulage im Zonenrandgebiet in Höhe von 5 vH des Ausschlaggebend für die Bewilligung war ein Gut-
Bruttolohnes entsprechend dem z. Z. geltenden Ber- achten, das vom Bundesminister für Ernährung,
linhilfegesetz jährlich Lohnsteuermindereinnahmen Landwirtschaft und Forsten in Auftrag gegeben
von rd. 850 Mio. DM verursachen würde. wurde und vom Institut für landwirtschaftliche
Marktlehre, Stuttgart-Hohenheim, dem Institut für
Ihre zweite Frage läßt sich dahin gehend beantwor- Agrarpolitik und Marktforschung, Bonn, in Zusam-
ten, daß eine Übertragung der Abschreibungsver- menarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium
günstigung für Wohngebäude nach § 14 a BHG auf für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten erstellt
das Zonenrandgebiet zu Mindereinnahmen bei den worden ist. Die Gutachter kamen auf Grund des
Steuern vom Einkommen von jährlich rd. 300 Mio. Viehaufkommens, der derzeitigen Vermarktungs-
DM führen dürfte. struktur und des Schlachtviehüberschusses zu ihrer
befürwortenden Stellungnahme. Sie stellten fest, daß
die benachbarten kommunalen Schlachthöfe Lands-
Anlage 15 hut, Passau und Vilshofen infolge der fehlenden
Schriftliche Antwort technischen Voraussetzungen für einen Ausbau nicht
geeignet waren. Die Belange des kommunalen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl Schlachthofes München konnten wegen der großen
vom 28. April 1970 auf die Schriftliche Frage des Entfernung (über 100 km) zum Produktionsgebiet
Abgeordneten Leicht (Drucksache VI/688 Frage B 6) : nicht mit in die Betrachtung einbezogen werden, da
Ist daran gedacht, den Ertragswert für Obst und Spargel, der
für die Hauptfeststellung der Einheitswerte auf den 1. Januar der Transport über solche Entfernungen nachweis-
1964 sehr hoch festgesetzt ist, zu senken, weil sich die Ertrags- lich zu hohe Transportkosten erfordert und größere
lage spürbar verschlechtert hat?
Transportverluste mit sich bringt.
Die Fraktion der CDU/CSU hat im Deutschen
Bundestag mit den Drucksachen VI/244 und VI/491 Der Neubau einer Schlachtanlage in Pfarrkirchen
Initiativanträge eingebracht, mit denen eine Sen- war nach Meinung der Gutachter vor allem erforder-
kung der für die Hauptfeststellung 1964 maßgeben- lich, weil infolge der bisherigen unzulänglichen Ver-
den Vergleichswerte für Hopfen um 80 bzw. 90 %, marktungsstruktur im dortigen Gebiet die niedrig-
für Obstbau um 60 % und für Spargel um 50% an- sten Erzeugerpreise für Schlachtvieh innerhalb des
gestrebt wird. Daraufhin hat der nach § 65 Nr. 1 Bundesgebietes ermittelt wurden.
Bewertungsgesetz 1965 zuständige Bewertungsbeirat- Es kann daher kein Zweifel bestehen, daß im
beim Bundesminister der Finanzen die Entwicklung Interesse der Landwirtschaft des dortigen Gebietes,
der Reinertragsverhältnisse bei den einzelnen Nut- die auf Grund der gegebenen Voraussetzungen auf
zungen (Nutzungsteilen) des land- und forstwirt- die Schlachtviehproduktion angewiesen ist, eine För-
schaftlichen Vermögens überprüft. Die Überprüfung derung der Schlachtanlage Pfarrkirchen voll und
hat ergeben, daß eine Senkung der Vergleichswerte ganz gerechtfertigt ist.
(Ertragswerte) für Hopfen um höchstens 80%, für
Spargel um 50%, für Obstbau um 60 % und für Nach einer mir vorliegenden Untersuchung aus
Forstwirtschaft — mit Ausnahme der Mindestwerte dem Jahre 1968 beträgt der Anteil der Kosten für
von 50,— DM — um 40% angemessen erscheint. hygienische Aufgaben (Laboratorium, Seuchenhof,
Mit dieser Senkung der Vergleichswerte (Ertrags- Freibank) 7,5 % der Gesamtbetriebskosten eines
werte) wird der seit 1964 eingetretenen spürbaren kommunalen Schlachthofes. Diese Kosten stellen im
Verschlechterung der Ertragslage und der zu erwar- Vergleich zu privaten Schlachtanlagen eine zusätz-
tenden Entwicklung Rechnung getragen. liche Belastung dar, die von den Kommunen teil-
weise im überregionalen Interesse getragen werden.
Die Bundesregierung ist bemüht und grundsätzlich
bereit, die Schlachthofstruktur und die Kostensitua-
Anlage 16 tion der Schlachthöfe in Zusammenarbeit mit den
Schriftliche Antwort Ländern zu verbessern, soweit sie dazu finanziell
des Parlamentarischen Staatssekretärs Logemann und rechtlich in der Lage ist. Bevor konkrete Ent-
vom 28. April 1970 auf die Schriftlichen Fragen des scheidungen getroffen werden können, müssen je-
Abgeordneten Schmidt (München) (Drucksache VI/688 doch erst die zur Zeit in Arbeit befindlichen Schlacht-
Fragen B 7 und 8) : hofstrukturpläne der Länder fertiggestellt sein.
-

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