Eutscher Bundestag: 66. Sitzung
Eutscher Bundestag: 66. Sitzung
66. Sitzung
Inhalt:
Anlage 16 Anlage 22
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Weigl betr. Einführung Fragen des Abg. Biechele betr. Krebsvor-
der für Berlin geltenden Präferenzen in sorgeuntersuchungen bei Frauen . . . 3660 C
Ostbayern und der zinsgünstigen Fami-
liengründungsdarlehen im gesamten Bun- Anlage 23
desgebiet 3658 B
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Dr. Hammans betr. Lie-
Anlage 17 fermöglichkeiten bezüglich der neuen
Verkehrszeichen — Ausgleich der Auf-
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche wendungen der Gemeinden . . . . . 3661 A
Frage des Abg. Pieroth betr. Streichung
der Sektsteuerrückvergütung bei Verar-
Anlage 24
beitung deutscher Grundweine . . . . 3658 D
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Pfeifer betr. Schaffung
Anlage 18 leistungsfähiger Verkehrsverbindungen
für den Raum Reutlingen und Sofortmaß-
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche nahmen bezüglich der B 312 . . . . . 3661 C
Frage des Abg. Koenig betr. Öffnungs-
zeiten des Autobahnzollamts Aachen-Süd 3659 B
Anlage 25
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Anlage 19 Frage der Abg. Frau Dr. Walz betr. ein
europäisches Programm für Ozeanogra-
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche phie und Meteorologie 3661 D
Frage des Abg. Glombig betr. Änderung
des Mitgliederkreises und des Bezirks
Anlage 26
einer Ersatzkasse 3659 C
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Erhard (Bad Schwalbach)
Anlage 20 betr. Zahlungen der Bundespost an die
Postverwaltung der DDR . . . . . . 3662 B
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Frage des Abg. Glombig betr. erweiterte
Gewährung der Witwen- und Waisenbei- Anlage 27
hilfe nach § 48 des Bundesversorgungsge- Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
setzes 3659 D Frage des Abg. Dr. Beermann betr. För-
derung des Baues von Altersheimen durch
den Bund . . . . . . . . . . . . 3662 C
Anlage 21
Anlage 28
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Dr. Häfele betr. Merk- Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
blätter zur Rheumaprophylaxe — Unter- Frage des Abg. Müller (Berlin) betr. die
richtung der Bevölkerung über Vorbeu- Zahl der von 1960 bis 1970 fertiggestell-
gungsmaßnahmen . . . . . . . . . 3660 A ten Wohnungen 3663 A
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3631
66. Sitzung
Meine Damen und Herren, nach einer Verein- Herr Kollege Reinhard, Sie sind einverstanden, weil
barung im Ältestenrat soll die heutige Tagesordnung ja Ihr Recht auf Zusatzfragen nicht verkürzt wird?
erweitert werden um die Beratung des Schriftlichen — Dann rufe ich auch die Frage 25 auf:
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft über die Hat der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten seine Zustimmung zu der erwähnten Regelung gegeben?
Verordnung zur Änderung des Deutschen Teil-Zoll-
tarifs (Nr. 14/70 — Waren der EGKS — 2. Halbjahr Herr Minister, Sie haben das Wort.
1970) und die Verordnung zur Änderung des Deut-
schen Teil-Zolltarifs (Nr. 13/70 — 2. Verlängerung
Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirt-
der Zollaussetzungen für Stahlerzeugnisse) —
schaft und Forsten: Bei der Umwandlung vom soge-
Drucksachen VI/1131, VI/1132, VI/1157 —; Bericht-
nannten „Amla-Verfahren" in das Erklärungsver-
erstatter ist der Herr Abgeordnete Unland. — Das
fahren handelt es sich in erster Linie um eine Ver-
Haus ist damit einverstanden; es ist so beschlossen.
fahrenserleichterung. Die in das neue Verfahren
überführten Waren belaufen sich auf rund 100 Wa-
Punkt 27 unserer heutigen Tagesordnung — Be- renpositionen. Die hierauf entfallenden Einfuhren
ratung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes
im Kalenderjahr 1969 aus den osteuropäischen Län-
— ist auf Grund interfraktioneller Vereinbarung dern betrugen 86,5 Millionen DM. Die wichtigsten
abgesetzt und für die nächste Woche vorgesehen. Positionen für Agrarprodukte sind — in Millionen
DM —: Honig 9,5, Tomatenmark 9,4, Früchte zur
Wir kommen zur industriellen Verarbeitung 5,5, Pfirsichkonserven
Fragestunde 5,2, Pilze mit Ausnahme von Chanpignons 5,1,
Speisezwiebeln 4,9, Erdbeeren zur industriellen Ver-
— Drucksache VI/1138 —
arbeitung 4,9, Kaviar 4,3.
Die Fragen aus dem Geschäftsbereich des Auswär- Ihre letzte Frage beantworte ich mit Ja, Herr
tigen Amtes brauchen heute nicht behandelt zu wer- Kollege.
den. Die Fragesteller haben um schriftliche Beant-
wortung gebeten. Es handelt sich um die Fragen der Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
Frau Abgeordneten Lauterbach und des Herrn Ab- Keine Zusatzfrage? — Danke, Herr Bundesminister.
geordneten Kiep. Die Antworten werden als An-
lagen abgedruckt. Ich rufe die Fragen 26 und 27 des Herrn Abge-
ordneten Baron von Wrangel auf. Der Fragesteller
Wir kommen zu dem Geschäftsbereich des Bun- hat um schriftliche Antwort gebeten. Die Antworten
desministers für Ernährung, Landwirtschaft und For- werden als Anlagen abgedruckt.
sten. Zur Beantwortung steht der Herr Bundes-
minister Ertl zur Verfügung. Ich rufe die Frage 28 des Herrn Abgeordneten
Höcherl auf. Ist der Herr Abgeordnete im Saal? —
Ich rufe die Frage 24 des Herrn Abgeordneten Das ist nicht der Fall. Dann wird die Frage schrift-
Dr. Reinhard auf — der Abgeordnete ist im Saal —: lich beantwortet. Die Antwort wird als Anlage ab-
Welche Erzeugnisse der Ernährungswirtschaft und welche Men-
gedruckt.
gen dieser Güter betrifft die vom Bundeskabinett im Umlauf-
verfahren gebilligte Umwandlung des sogenannten Amla-Ver- Ich rufe die Frage 29 des Herrn Abgeordneten
fahrens in das Erklärungsverfahren bei der Einfuhr aus östlichen Leicht auf. — Der Abgeordnete ist ebenfalls nicht
Staatshandelsländern?
im Saal; die Frage wird schriftlich beantwortet. Die
Herr Minister, Sie haben das Wort. Antwort wird als Anlage abgedruckt.
3632 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Ich rufe nunmehr die Fragen 30 und 31 des Herrn Grenzen anzutasten und keine Gebietsansprüche zu
Abgeordneten Ehnes auf. Ist der Herr Abgeordnete erheben.
im Saal? — Er hat zwei Fragen gestellt; beide Fra-
Artikel 4 des Vertrages bestätigt ausdrücklich die
gen werden dann, Herr Minister, schriftlich beant-
Gültigkeit der früher abgeschlossenen zweiseitigen
wortet. Die Antworten werden als Anlagen abge-
und mehrseitigen Verträge und Vereinbarungen,
druckt. also auch jener, die zwischen der Bundesrepublik
Damit sind wir am Ende der Fragestunde. Deutschland und ihren Verbündeten im Westen ge-
schlossen wurden. Dies schließt den Vertrag über
Ich unterbreche die Sitzung bis 10.00 Uhr. den Nordatlantikpakt und den Deutschlandvertrag
ebenso ein wie die Verträge über die Europäische
(Unterbrechung von 9.04 bis 10.00 Uhr.)
Gemeinschaft. Es gilt gleichermaßen für unsere Ver-
einbarungen mit der Sowjetunion aus dem Jahre
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
1955.
Meine Damen und Herren, die unterbrochene Sit- Zweitens. Das nationale Ziel der deutschen Ein-
zung ist wieder eröffnet, heit durch Selbstbestimmung wird durch den Ver-
trag vom 12. August nicht beeinträchtigt. In dem
Ich rufe den nunmehr zur Beratung heranstehen-
Brief zur deutschen Einheit, dessen Empfang die
den Punkt
sowjetische Regierung bestätigt hat, stellt die Bun-
Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung desregierung fest, daß der Vertrag nicht im Wider-
auf. spruch zu dem politischen Ziel der Bundesrepublik
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. Deutschland steht, auf einen Zustand des Friedens
in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk
seine Einheit wiedererlangt. Unsere Haltung in der
Brandt, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine Deutschlandfrage wird darüber hinaus klargestellt
Damen und Herren! Am 12. August haben der Bun- durch den Bezug auf die Ziele und Grundsätze der
desminister des Auswärtigen und ich den in der in- Charta der Vereinten Nationen, durch den Hinweis
und ausländischen Öffentlichkeit stark beachteten auf die Fortgeltung der bestehenden Verträge und
Vertrag mit der Sowjetunion unterzeichnet. Für die Vereinbarungen, durch den Bezug auf den Noten-
sowjetische Regierung unterzeichneten der Vorsit- wechsel vom September 1955, durch eine deutsche
zende des Ministerrats, Herr Kossygin, und der Au- Erklärung über die Fortgeltung der Vier-Mächte-
ßenminister der UdSSR, Herr Gromyko. Verantwortung und durch eine deutsche Feststel-
Der Vertrag und die damit zusammenhängenden lung über den noch ausstehenden Friedensvertrag.
Texte wurden am gleichen Tag veröffentlicht. Es Drittens. Der sowjetischen Regierung ist eindring-
sind dies ein Brief zur deutschen Einheit des Bun- lich dargelegt worden, daß nach Auffassung der
desministers des Auswärtigen an seinen sowjeti- Bundesregierung eine Entspannung in Europa ohne
schen Kollegen und ein Notenwechsel zwischen der eine Verbesserung der Lage in und um Berlin nicht
Bundesregierung und den Regierungen der drei möglich ist. Die Regierung der UdSSR weiß, daß der
Westmächte zur Frage der Rechte und Verantwort- Vertrag ohne eine befriedigende Berlin-Regelung
lichkeiten der Vier Mächte in bezug auf Deutsch- nicht wirksam werden kann.
land als Ganzes und Berlin und auf die noch aus-
stehende friedensvertragliche Regelung. Außerdem Viertens. Die sowjetische Regierung stimmt mit
wurden die zehn Leitsätze veröffentlicht, die Staats- der Bundesregierung darin überein, daß die verein-
sekretär Bahr und Außenminister Gromyko Ende barte Achtung der territorialen Integrität aller Staa-
Mai 1970 formuliert hatten. Aus den Ziffern 5 bis 10 ten in Europa in ihren heutigen Grenzen nicht das
dieser Leitsätze wurden Absichtserklärungen der souveräne Recht jedes Staates schmälert, seine
beiden Regierungen. Grenzen im Einvernehmen mit anderen Staaten zu
ändern. Dies bedeutet unter anderem, daß die
Das Vertragswerk wird dem Hohen Hause zu europäische Integration von dem Vertrag nicht be-
gegebener Zeit mit dem Ersuchen um Zustimmung rührt werden kann.
formell vorgelegt werden. Ich möchte der dann fäl-
ligen Debatte nicht vorgreifen, wohl aber zu Ihrer Fünftens komme ich zu den Absichtserklärungen.
Unterrichtung eine Zusammenfassung der wesent- Sie betreffen die Einheit der Verträge zwischen der
lichen Verhandlungsergebnisse geben. Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion
sowie anderen Staaten des Warschauer Paktes, die
Erstens. Die Präambel zum Vertrag nimmt auf Bereitschaft der Bundesrepublik Deutschland, mit
die Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten der DDR einen Vertrag auf der Grundlage der
Nationen Bezug. Dazu gehört das Selbstbestim-
Gleichberechtigung, Nichtdiskriminierung und Selb-
mungsrecht der Völker. ständigkeit und mit gleicher verbindlicher Kraft wie
Der Kern des Vertrages sind die beiden Artikel mit dritten Ländern zu schließen, die Förderung des
über den Gewaltverzicht und die Unverletzbarkeit Beitritts beider deutschen Staaten zu den Vereinten
der Grenzen. Die Vertragspartner erklären, daß sie Nationen — wie es wörtlich heißt — „im Zuge der
ihre Streitfragen künftig ausschließlich mit Entspannung in Europa", d. h. in zeitlicher Abhän-
friedlichen Mitteln lösen wollen. Unter diesen um- gigkeit vom Abschluß einer vertraglichen Regelung
fassenden Gewaltverzicht fällt auch die gegenseitige mit der DDR, die Regelung der mit der Ungültigkeit
Verpflichtung, keine der in Europa bestehenden des Münchener Abkommens verbundenen Fragen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3633
Bundeskanzler Brandt
mit der CSSR, die Fortentwicklung bilateraler Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
deutsch-sowjetischer Beziehungen, die Förderung Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr
des Plans einer Konferenz über die Sicherheit Euro- Abgeordnete Dr. Barzel.
pas.
Zwischen der Bundesregierung und der Regierung Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
der Sowjetunion besteht Einvernehmen darüber, Damen und Herren! Zu dem Bericht des Herrn
daß der Vertrag vom 12. August und die Vereinba- Bundeskanzlers, der auch nach unserer Meinung
rungen, die wir besonders mit Polen, der Tschecho- noch keine Debatte auslösen soll, aber doch zu Stel-
slowakei und der DDR anstreben, ein einheitliches lungnahmen herausfordert, habe ich für die CDU/
Ganzes bilden. CSU-Bundestagsfraktion folgende Erklärung abzu-
geben:
Ich will auch an die Feststellung im Kommuniqué Die Politik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war
vom 13. August erinnern — ich zitiere —, „daß der von Anfang an auf eine europäische Friedensord-
Vertrag die Festigung der Sicherheit in Europa, die nung, auf Ausgleich und Verständigung gerichtet.
Lösung der hier vorhandenen Probleme und das Zu- Sie hält auch deshalb — wie jeder hier aus früheren
standekommen einer friedlichen Zusammenarbeit Debatten weiß — Denkansätze, Anlage, Methode
zwischen allen europäischen Staaten unabhängig und auch wesentliche Inhalte der Außenpolitik die-
von den Unterschieden in ihrer Gesellschaftsord- ser Bundesregierung für falsch. Es ist zum Beispiel
nung fördern wird". zu befürchten, daß mancher, der damals glaubte,
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Die unseren Vorschlag, zuerst das freie Berlin zu
Bundesregierung ist der Überzeugung, daß es an festigen, mit leichter Hand als eine lästige Mahnung
der Zeit war, unser Verhältnis zur Sowjetunion und vom Tisch wischen zu können, hierüber noch anders
zu Osteuropa neu zu begründen und im Rahmen wird denken lernen müssen. Die Bundesregierung
des Möglichen zu normalisieren. Mit dem Abschluß hat anders entschieden. Sie hat den Vertrag, über
dieses Vertrages hat sich die Bundesregierung im den der Herr Bundeskanzler soeben berichtet hat,
übrigen an das gehalten, was sie sich in ihrer Re- nicht nur paraphiert, sondern gegen unsere noch-
gierungserklärung vorgenommen hatte. Dort sag- mals erhobene Mahnung sofort unterschrieben. Das
ten wir: verantwortet — die Folgen eingeschlossen — die
Bundesregierung allein.
Unser Land braucht die Zusammenarbeit und (Beifall bei der CDU/CSU. — Demonstra
Abstimmung mit dem Westen und die Verstän- tiver Beifall und Zurufe bei der SPD.)
digung mit dem Osten. Das deutsche Volk
braucht den Frieden im vollen Sinne dieses Durch diese Unterschrift sind Verhandlungen in
Wortes auch mit den Völkern der Sowjetunion anderen Bereichen nicht leichter, sondern schwie-
-
und allen Völkern des europäischen Ostens. riger geworden.
(Lachen bei der SPD.)
An gleicher Stelle führten wir freimütig aus, daß
Für uns setzt Entspannung — — Meine Damen
unser nationales Interesse es uns nicht erlaubt, zwi-
und Herren, wir haben ,den Bundeskanzler in Ruhe
schen dem Osten und dem Westen zu stehen.
angehört. Ich bin gern bereit, Sie einzuladen, heute
Ich möchte noch einmal sagen, meine Damen und einmal die polnische Presse nachzulesen und zu
Herren, daß es heute nicht darauf ankommen kann, sehen, ob diese Unterschrift die Verhandlungen er-
eine Begründung und Debatte zur Ratifizierung vor- leichtert hat.
wegzunehmen. Deshalb will ich aus der Sicht der (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.)
Regierung nur noch folgendes sagen:
Wir können die Debatte gern beginnen, wenn Sie
Mit diesem Vertrag wird nichts verschenkt. Der wollen.
Vertrag vom 12. August geht von der bestehenden Für uns setzt Entspannung die feste Verankerung
wirklichen Lage aus. Er legt fest, daß die Grenzen im Westen voraus, und diese ist allein abmeßbar an
unverletzlich sind und daß alle anstehenden Fragen den Wirklichkeiten des Alltags.
friedlich zu regeln sind. Das Wesentliche an diesem
Von Anfang an haben wir die Bemühungen um
Vertrag ist, daß er dem Frieden dienen und in die
die schnellere und vollständigere Vereinigung des
Zukunft gerichtet sein soll. Er schafft Voraussetzun- freien Europa und die Bemühungen um Ausgleich
.
gen für eine bessere Zusammenarbeit mit der So-
mit den Völkern Mittel- und Osteuropas gewollt
wjetunion und mit unseren unmittelbaren östlichen
und als Einheit angesehen. Auch die Bemühungen
Nachbarn. Er trennt uns nicht von unseren Verbün- um die Festigung des freien Berlin, um die Ver-
deten in der NATO und behindert nicht die fort- besserung der Lage in ganz Deutschland, die be-
schreitende westeuropäische Einigung. Er soll Berlin absichtigten Verträge mit der Sowjetunion, mit Po-
nützen. Er hält schließlich den Weg offen, einen Zu- len und der Tschechoslowakei haben wir immer im
stand des Friedens in Europa zu erreichen, in dem Zusammenhang beurteilt. Auch daran halten wir
auch die deutschen Fragen auf der Grundlage des fest.
Selbstbestimmungsrechts eine gerechte und dauer-
hafte Lösung finden können. Eine der Grundlagen unseres Beschlusses vom
10. August, trotz aller Gegensätze zur Politik der
(Anhaltender lebhafter Beifall bei den Re Bundesregierung wenigstens in einigen Fragen, vor
gierungsparteien.) allem für Berlin und für Verbesserungen in ganz
3634 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Dr. Barzel
Deutschland, der Bundesregierung Gespräche anzu- geeignet, das Sicherheitsproblem leichter oder ein-
bieten, war die Tatsache, daß die Bundesregierung facher lösbar zu machen.
selbst — so Ziffer 5 des Beschlusses der Bundes- (Abg. Dr. Klepsch: Sehr wahr!)
regierung vom 7. Juli 1970 — wenigstens die ost-
politischen Bemühungen als Einheit ansieht. Dies 3. Eine gemeinsame, vertraulich erarbeitete Ber-
vorausgesetzt, halten wir es für angebracht und lin-Position der drei Westmächte, der Bundesregie-
auch für ausreichend, heute sechs Feststellungen zu rung, der CDU/CSU und des Berliner Senats wäre
treffen: von großem Wert. Sie ist erreichbar. Sie muß auf
den fortdauernden Rechten und Verantwortlichkei-
1. Die deutsche Politik wäre gut beraten, einen ten der Vier Mächte für ganz Berlin beruhen. Sie
weiteren Schritt auf die Vereinigung des freien muß den Geist des Vertrages mit der Sowjetunion
Europa hin zu tun, berücksichtigen, so wie ihn die Bundesregierung
(Beifall bei der CDU/CSU) versteht und darstellt, nachdem ja von der „beste-
denn von der Vereinigung des freien Europa hängt henden wirklichen Lage" ausgegangen wird — so
Art. 1 — und „alle Verträge und Vereinbarungen"
nach wie vor unsere gute Zukunft ab. sich hinter
mit Dritten — so Art. 4 — unberührt bleiben, was
wollen das. Und keine Regierung darf ch im Ohr,
der anderen verstecken. Wir haben noie Völker die Sowjetunion auch da gelten lassen muß, wo es
daß der französische Ministerpräsident erklärte, für uns günstig ist.
Frankreich werde in diesen Fragen so weit gehen (Beifall bei der CDU/CSU.)
wie seine Partner; und daß der britische Premier-
Dazu gehört — übrigens entsprechend dem Willen
minister kurz vor seiner Wahl hier in Bonn sagte,
Großbritannien wolle in einem Europa mitarbeiten, der Berliner — die Zusammengehörigkeit West-Ber-
lins und der Bundesrepublik Deutschland, also z. B.
das am Schluß mit einer Stimme spreche.
auch die Finanzhilfe des Bundes, die Anwesenheit
Die Bereitschaft, die Vereinigung des freien Eu- des Bundes und die Tatsache, daß West-Berlin im
ropa zu vertiefen und zu beschleunigen, besteht in Auftrag der Westmächte von der Bundesregierung
den Hauptstädten der Gemeinschaft und in London nach außen vertreten wird. Diese gewachsenen poli-
ebenso wie in den USA der Wille, EWG-bedingte tischen, rechtlichen, finanziellen, wirtschaftlichen und
handelspolitische Nachteile nur hinzunehmen für kulturellen Bindungen müssen erhalten, der Zu-
den Fall, daß die Europäische Gemeinschaft auf dem gang muß störfrei und die Reisemöglichkeiten der
Wege zu einer politischen Einheit ist. Berliner müssen besser und von Diskriminierungen
(Beifall bei der CDU/CSU.) frei werden.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Eine europäische Initiative der Bundesregierung
— also nicht nur neue Reden — ist nötig. Nach zehn Aus Berlin darf kein drittes Deutschland werden.
Schritten Ostpolitik sind zwanzig Schritte West-
4. In einem Punkt ist nicht nur die Bundesregie-
politik dringend. rung, sondern sind alle Fraktionen dieses Hauses
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.) im Wort; denn wir alle haben am 20. März hier im
Das würde zugleich geeignet sein, Befürchtungen bei Bundestag einen Punkt dessen gutgeheißen, was
Freunden zu begegnen, die man leider zu hören be- der Bundeskanzler am Tag zuvor in Erfurt zu den
kommt: Einmal die Befürchtung, die Bundesrepu- Voraussetzungen und zum konkreten Inhalt der
blik Deutschland werde ihren weltpolitischen Ort Verbesserung der Lage in ganz Deutschland erklärt
künftig mehr zwischen Ost und West suchen als im hatte. Hier seine Worte:
Westen; und zum anderen die Besorgnis, das deut- Alle Bemühungen um die Förderung friedlicher
sche Ja zur von Moskau angeregten Europäischen Beziehungen in der Welt sind nur dann glaub-
Sicherheitskonferenz — wir haben es soeben ge- haft und überzeugend, wenn wir unter uns und
hört —, welche unter anderem gegen das Entstehen für unsere Bürger Frieden schaffen. Zur Nor-
der politischen Union im freien Europa gerichtet ist, malisierung der Beziehungen genügen nicht a l-
könne das Zurückstellen der politischen Vereinigung lein förmliche Dokumente; die Menschen hüben
des freien Europa bedeuten, zumal das Wort des und drüben müssen von der Normalisierung et-
Kanzlers, dies sei Sache der nächsten Generation, was haben.
unvergessen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU. —
Abg. Rasner: Das kann man sagen!) In meiner Vorstellung
2. Die Bundesregierung sollte alles in ihren Kräf- — sagte der Bundeskanzler —
ten Stehende tun, um die fortdauernde unge-
muß eine wirkliche Normalisierung zur Über-
schwächte Anwesenheit der Truppen der USA hier
windung innerdeutscher Grenzverhaue und
zu sichern;
Mauern beitragen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
(Zustimmung bei der CDU/CSU.)
denn davon hängen nach wie vor unsere Sicherheit
und unsere Freiheit ab. Der deutsch-sowjetische Sie symbolisieren die beklagenswerte Beson-
Vertrag macht weder die Verteidigungskraft der derheit unserer Lage. Daran läßt sich von heute
NATO, wie sie zur Zeit besteht, überflüssig, also auf morgen vermutlich nichts ändern. Es muß
auch nicht die Bundeswehr und die amerikanischen aber Ziel und Sinn unserer Bemühungen sein,
Streitkräfte im gegenwärtigen Umfang, noch ist er Fortschritte zu erzielen, die mehr Freizügigkeit
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3635
Dr. Barzel
bringen und den Menschenrechten Raum schaf- lichen Maßstäbe zum Urteil auch über diesen Ver-
fen. trag. Das sind — neben den Punkten Europa, NATO
(Beifall bei der CDU/CSU.) und Berlin, von denen schon die Rede war — fol-
Soweit das Zitat. gende Maßstäbe:
Wir werden diese Festlegungen, die wir nach wie Maßstab eins: Minderung bestehender Spannun-
vor unterstützen, im Bewußtsein der Öffentlichkeit gen. Das ist nirgends zu erkennen.
halten. Wir gehen davon aus, daß dem Herrn Bun- (Widerspruch bei der SPD.)
deskanzler vertraut geblieben ist, was der Berliner
Regierende Bürgermeister Brandt am 25. Juni 1959 Wir sehen die Spannungsursachen so unverändert
im Berliner Abgeordnetenhaus meinte, als er sagte, wie Unmenschlichkeiten, z. B. an der Mauer und den
Berlin dürfe „natürlich nicht in der Luft hängen- fortdauernden Machtwillen der Kommunisten.
bleiben" ; denn es gäbe „keine isolierte Lösung, die (Beifall bei der CDU/CSU.)
wert ist, als wirkliche und dauerhafte Lösung be-
zeichnet zu werden". Maßstab zwei: Verbesserungen für die Menschen.
Wir hoffen, daß hier einiges gelingt, sehen aber
(Abg. Rasner: Sehr gut!)
noch nichts davon.
Es gibt also das Erfordernis, alle diese Dinge als
Einheit zu betrachten, nicht nur, weil die Bundesre- Maßstab drei: Selbstbestimmungsrecht, keine völ-
gierung das einmal festgestellt hat, nicht nur, weil kerrechtliche Anerkennung der DDR. Wir sehen —
wir dies von Anfang an gesagt haben, sondern mehr und ich verweise zur Begründung auf frühere De-
noch aus unauflöslichen, sachlichen Zusammenhän- batten — das Selbstbestimmungsrecht gefährdet,
gen. Auf gut deutsch: Berlin-Lösung und Verbes- und an dieser Stelle dürften die Protokolle beson-
serungen in ganz Deutschland hängen so zusammen, ders unerläßlich für die Meinungsbildung sein. Ich
daß es wohl das eine ohne das andere gar nicht fürchte, ein Punkt Ihrer Erklärung, Herr Bundes-
geben kann und wird! kanzler, auf den ich gleich im Zusammenhang kom-
me, hat hier eher verwirrend — wenigstens für
(Beifall bei der CDU/CSU.)
uns — als Klarheit schaffend gewirkt.
5. Zu den deutsch-polnischen Gesprächen halten
wir fest: a) Es war — wir hatten davor gewarnt — Maßstab vier: Gewaltverzichtsvertrag und Auf-
schlecht, eine Frage, die allein die Deutschen und rechterhaltung des sowjetischen Gewaltvorbehalts
die Polen angeht, über die Köpfe der Polen hinweg schließen sich aus. Hierzu gibt der Vertragstext
in den Vertrag mit der Sowjetunion aufzunehmen. allein keine befriedigende Antwort. Sowjetische Er-
klärungen, die das aufhellen könnten, werden noch
(Abg. Rawe: Kann man wohl sagen! — vertraulich behandelt. Alle, alle hier im Hause,
Beifall bei der CDU/CSU.) haben ein Recht darauf, das bald zu erfahren.
b) Die Festlegung von Grenzen bleibt einem frei (Beifall bei der CDU/CSU.)
vereinbarten Friedensvertrag vorbehalten.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Maßstab fünf: Festlegung von Grenzen nur durch
Friedensvertrag. Wir sehen unterschiedliche For-
6. Zum deutsch-sowjetischen Vertrag, der für uns mulierungen in Art. 3, haben Fragen zu Art. 4, ver-
gleichfalls nur ein Teil dieser ganzen Politik ist, missen einen ausdrücklichen Hinweis auf den Vor-
und zu den ihn begleitenden Nebenabreden kann behalt des Friedensvertrags im Vertrag, lesen ver-
bisher keiner in diesem Hause verantwortlich votie- schiedene Interpretationen aus Bonn, aus Warschau
ren — ich wiederhole: kann bisher keiner in diesem und aus Moskau, so daß hier schon Bedenken beste-
Hause verantwortlich votieren —. Das gilt nicht nur hen wegen des Verdachts unklarer, zweideutiger
wegen der noch nicht eingetretenen Erwartungen, Formulierungen und wegen der Möglichkeit, daß
die die Bundesregierung mit der Unterschrift ver- die Inhalte dieser Vorschriften hier und da anders
bunden hat, nicht nur wegen des Berlin-Vorbehalts, verstanden werden. Und diese unterschiedlichen
nicht nur wegen des zu wahrenden Zusammenhangs Interpretationen können sich zu leicht als Quelle
aller dieser Initiativen, sondern auch, weil — wie neuer Spannungen, die doch alle nicht wollen, her-
hier wohl bekannt ist — die Verhandlungen zum ausstellen.
Vertrag gehören. Und deren Protokolle sind dem
Hause noch unzugänglich. Ich hoffe, daß die Kolle- Sie haben, Herr Bundeskanzler, zweimal Bezug
gen Wehner und Mischnick in ihren Erklärungen genommen auf den Notenwechsel vorn September
diesen Tatbestand nicht übersehen und deshalb 1955. Damais hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer
niemanden in diesem Hause überfordern oder gar mit der Sowjetunion eine Verabredung getroffen
durch Globalerklärungen Kollegen festlegen, die und nicht nur einen einseitigen Vorbehalt angemel-
einfach noch nicht alle für die Entscheidungsfindung det. In dem Text dieser Verabredung von 1955, auf
wichtigen Unterlagen kennen können. den Sie verweisen, ist die Rede von der „Lösung der
ungeklärten Fragen, die das ganze Deutschland be-
Die Bundesregierung behauptet die Verfassungs- treffen", von der „Lösung des nationalen Hauptpro-
konformität des Vertrags. Sie wird dies zu bewei- blems des gesamten deutschen Volkes — der Wie-
sen haben. derherstellung eines deutschen demokratischen
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat inzwischen Staates" . In dem Vertrag, den Sie am 12. August
ihren Beschluß vom 26. Mai 1970 bekräftigt. Dieser unterschrieben haben, wird in der Präambel nicht
Beschluß enthält die für uns weiterhin verbind- auf diesen ganzen Notenwechsel Bezug genommen,
3636 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Dr. Barzel
sondern lediglich auf die verwirklichten, vereinbar- besserung der Beziehungen, eine Minderung
ten Maßnahmen dieses Notenwechsels. bestehender Spannungen und Verbesserungen
für die Menschen erreicht werden.
(Zurufe von der CDU/CSU: So ist es!)
Ausdrücklich betonen wir nochmals, daß die
Verwirklicht wurde nur der Botschafteraustausch, Vereinigung des freien Europa und die Pflege
nicht aber die Lösung der deutschen Frage. Es wäre der atlantischen Allianz für uns die Basis jeder
besser, alles zu unterlassen, was falsche Eindrücke Ostpolitik ist und bleibt. Unser Gesamturteil
erweckt. wird auch davon bestimmt sein, ob Fortschritte
(Beifall bei der CDU/CSU.) in diesen Bereichen möglich werden.
Das gilt gegenüber diesem Hause und der deutschen Soweit dieses Zitat.
Öffentlichkeit. Somit entspricht die Information, die
Sie, Herr Bundeskanzler, in dieser Sache dem Bun- Wir fürchten — und das fügen wir heute hinzu —,
destag soeben gaben, nicht den wirklichen Vorgän- dieser Vertrag, so wie er vorliegt, wird die Grenzen
gen. zementieren, statt sie zu öffnen, die Vorherrschaft
der Sowjetunion festigen, über die Interpretation
Aus allen diesen Gründen erklären wir erneut
seines Textes zu neuen Spannungen führen, die auf
wie am 10. August:
Macht wider das Recht gegründeten „Realitäten"
Der deutschsowjetische Vertragsentwurf erfüllt verewigen und das Gleichgewicht in Europa gefähr-
zwar einige Erwartungen der CDU/CSU-Bundes- den. Wir bestreiten entschieden, Herr Bundeskanz-
tagsfraktion, ler, daß dieser Vertrag, wie Sie soeben sagten,
(Zurufe von der SPD) nichts verschenkt.
— Sie sollten unsere Texte lesen; ich verlese jetzt (Beifall bei der CDU/CSU.)
den Text, offensichtlich haben Sie ihn nicht gele- Wer das alles etwa als unbegründet ansehen sollte,
sen — der muß versuchen, uns durch Tatsachen zu über-
läßt aber entscheidende Bedenken fortbestehen. zeugen.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Wir fordern die Bundesregierung auf, Entspan-
nung nicht auf dem Papier, sondern in der Wirklich-
— Das ist der Text, meine Damen und Herren;-ich
keit zu erreichen, sich nicht mit Formeln zu begnü-
glaube, über das Wort „entscheidend" kann es keine
gen, sondern Lösungen zu suchen
Mißverständnisse geben —
(Zurufe von der SPD)
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion vermag
und dabei den inneren Zusammenhang aller dieser
— so der Text — Bemühungen — Sowjetunion, Berlin, DDR, Polen,
ein ausgewogenes Verhältnis von Leistung der CSSR — zu wahren. In Deutschland ist von Ent-
- spannung noch nichts zu merken.
Bundesrepublik Deutschland und Gegenleistung
der Sowjetunion bisher nicht zu erkennen. (Beifall bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) — Hier hätten wir eigentlich alle klatschen können,
Sie sieht für die Menschen im gespaltenen um der Regierung etwas Nachdruck zu geben für die
Deutschland noch keine Vorteile. Anders als Verhandlungen, in denen sie steht.
bei der Politik früherer Bundesregierungen, die (Beifall bei der CDU/CSU. - Zurufe von
z. B. zur Aussöhnung mit Frankreich führte und der SPD.)
dabei die Grundlage für die Schaffung der euro-
päischen Gemeinschaften legte, vermögen wir In Deutschland ist von Entspannung noch nichts zu
in dem deutsch-sowjetischen Vertragsentwurf merken. Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl sind
konstruktive, in die Zukunft gerichtete Ele- so, wie sie sind, Gewalt. Nur wer darauf verzichtet,
mente und Prinzipien einer besseren, friedlichen leistet einen glaubhaften, an Tatsachen für die Men-
Ordnung für alle Europäer nicht zu erkennen. schen abmeßbaren Gewaltverzicht.
sammenhänge bedürfen sorgfältiger Prüfung. Das Wort hat der Abgeordnete Mischnick.
Das erfordert die vertrauliche Kenntnis der
Vorgänge und der Protokolle. Der Vertrag kann
Mischnick (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr
abschließend erst beurteilt werden, wenn diese verehrten Damen und Herren! Der Vertrag zwischen
Prüfung erfolgt ist und Ergebnisse auch hin- der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR,
sichtlich Berlins, hinsichtlich der innerdeutschen dessen Inhalt der Herr Bundeskanzler soeben dem
Fragen, Polens und der Tschechoslowakei vor- Hohen Hause mitgeteilt hat, wird dem Parlament
liegen. zur Ratifizierung vorgelegt werden. Erst dann ist
der Zeitpunkt gekommen, eine abschließende Wer-
Unser Urteil wird, wie wir immer wieder be tung des Vertragswerkes vorzunehmen. Es kann
tont haben, sich danach richten, ob die deutsche nicht der Sinn der heutigen Stellungnahmen sein,
Frage in der Substanz offenbleibt, ob eine Ver alle Vorstellungen zu wiederholen, die von uns bei
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3637
Mischnick
zahlreichen Gelegenheiten in diesem Hohen Hause unseres Vaterlandes nur überwunden und ein dauer-
dargelegt worden sind. Deshalb erübrigt es sich, hafter Friede für Deutschland und Europa geschaf-
Herr Kollege Barzel, auf Selbstverständlichkeiten fen werden kann, wenn es gelingt, nach einer Aus-
einzugehen, die sowohl unsere wie Ihre Sorge in söhnung mit dem Westen eines Tages auch zu einer
diesem Hause immer gewesen sind. Verständigung mit den Ländern Osteuropas, insbe-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) sondere der Sowjetunion und Polen, zu gelangen.
Wir hoffen, daß es, wenn wir diese intensive Prü- Mit dem Ergebnis von Moskau, das im westlichen
fung vorgenommen haben, möglich sein wird, alle Ausland besonders gewürdigt wurde, ist ein we-
in diesem Hohen Hause zu den notwendigen politi- sentlicher Schritt zu diesem Ziel erfolgt. Die Bezie-
schen Erkenntnissen zu führen. Wir werden nicht in hungen der Bundesrepublik Deutschland und die
den Fehler verfallen, auf der einen Seite vor end- Beziehungen der westeuropäischen Staaten insge-
gültigen Wertungen zu warnen und auf der anderen samt zur Sowjetunion können sich nach Klärung der
Seite selbst endgültige Wertungen vorzunehmen, Positionen nunmehr normalisieren.
wie Sie es getan haben, Herr Kollege Barzel. Wir Freien Demokraten erwarten allerdings, daß
(Beifall bei den Regierungsparteien.) der Wille zur Entspapnnung in den Verhandlungen
über Berlin sichtbar und über die Paragraphen von
Heute lassen Sie mich für die Fraktion der Freien
Vereinbarungen hinaus auch für die Menschen spür-
Demokraten folgendes erklären. bar wird.
Mit Befriedigung stellen wir fest, daß nach einer
(Zuruf von der CDU/CSU: Auf Dauer!)
langen Zeit der Stagnation in der deutschen Ost-
europapolitik diese Bundesregierung unter ent- Meine Fraktion stimmt der Erklärung von Bundes-
scheidender Mitwirkung von Außenminister Walter außenminister Scheel zu, die er zur Berlin-Frage ab-
Scheel einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des gegeben und in der er zum Ausdruck gebracht hat
Friedens in Europa geleistet hat. Wir danken dafür — ich zitiere —: ,,. . . daß Fortschritte bei der Ent-
der Bundesregierung. spannung in Europa untrennbar mit einer befriedi-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) genden Regelung in und um Berlin verbunden sind.
Ein Gewaltverzichtsvertrag wird daher erst in Kraft
Die Bundesrepublik Deutschland bringt damit zum gesetzt werden können, wenn diese vorliegt."
Ausdruck, daß sie bereit ist, als Mitglied des west-
lichen Bündnisses und der westeuropäischen Ge- Außerdem erwarten wir, daß der Vertrag Aus-
meinschaft ihren besonderen Aufgaben, die ihr von wirkungen auf das innerdeutsche Verhältnis hat.
der geographischen Lage in Mitteleuropa zudiktiert Man darf allerdings — und dieser Überzeugung sind
sind, nachzukommen. wir immer gewesen — keine kurzfristigen Wunder
erwarten. Wer wenige Wochen nach Unterzeichnung
Die Bemühungen der Bundesrepublik, durch ver- des Vertrages hier schon entscheidende Verände-
-
tragliche Regelungen zur Normalisierung der Ver- rungen erwartet, der kennt sich einfach in der politi-
hältnisse in Europa beizutragen, stellen — das schen Landschaft nicht aus.
lassen Sie mich in aller Deutlichkeit feststellen —
eine konsequente Fortsetzung der Friedensnote aus (Lebhafter Beifall bei den Regierungs
dein Jahre 1966 dar. parteien.)
Wir Freien Demokraten stellen mit Genugtuung Aber die von der Bundesregierung im Mai der DDR
fest, daß diese Regierung nicht nur in Brüssel einen vorgelegten 20 Punkte zur Normalisierung der Be-
wichtigen Beitrag zur Wendung in der europäischen ziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten
Politik geleistet hat, sondern nun auch in Moskau. haben nach Abschluß des deutsch-sowjetischen Ver-
trages zusätzliches Gewicht bekommen. Daran kann
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
man weder in Moskau noch in Ostberlin vorbeige-
Fünfundzwanzig Jahre nach Beendigung des zwei- hen.
ten Weltkrieges ist mit dem Vertrag zwischen der
Auch erwarten wir, daß sich aus der vorgesehe-
Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion
nen verstärkten wirtschaftlichen, wissenschaftlichen,
das Tor aufgestoßen für normale Beziehungen zwi-
technischen und kulturellen Zusammenarbeit eine
schen dem deutschen und dem russischen Volk. Da-
Versachlichung der immer noch stark emotional auf-
mit ist ein wichtiger Meilenstein gesetzt worden auf
geladenen Beziehungen zwischen Ost und West
dem Wege einer von den Freien Demokraten seit
ergehen wird.
über zwei Jahrzehnten unablässig verfolgten Politik
der praktischen Vernunft. Meine Damen und Herren, aus der Geschichte
wissen wir, daß Verträge ihren Wert oder Unwert
Seit jenem Junitag 1952, als unser Freund Karl-
erhalten durch die Wahrnehmung der politischen
Georg Pfleiderer in Waiblingen — also noch zu
Möglichkeiten, die sich aus diesen Verträgen erge-
Stalins Zeiten — das sowjetische Sicherheitsbedürf-
ben.
nis als ein wichtiges Element der Moskauer Deutsch-
landpolitik enthüllte, haben sich die Freien Demo- Zusammengefaßt heißt das, unsere Erwartungen
kraten bemüht, einen Ausweg aus jener Sackgasse und Hoffnungen gehen dahin, daß der deutsch-
zu finden, in die Deutschland und Europa durch den sowjetische Vertrag in seiner politischen Entwick-
Ausgang des zweiten Weltkriegs geraten waren. lung eben die Hoffnungen und Erwartungen erfüllt,
Männer wie Pfleiderer, Dehler, Döring stimmten in die in ganz Deutschland, in Europa und in der Welt
der Überzeugung überein, daß die tiefe Spaltung in bezug auf Entspannung und Sicherheit bestehen.
3638 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Mischnick
So wie der Deutschland-Vertrag von 1955 den sondern möchten, daß dieser Vertrag zur Wirkung
Grundstein zur Aussöhnung zwischen Deutschland kommt.
und seinen westlichen Nachbarn bildete, kann der Der Bundeskanzler hat hier gesagt, daß der Ver-
Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland trag Voraussetzung für eine bessere Zusammenar-
und der Sowjetunion die Aussöhnung zwischen beit mit der Sowjetunion und mit unseren unmittel-
Deutschland und den östlichen Nachbarn bringen baren östlichen Nachbarn schaffe, daß er uns nicht
und sich schließlich zu einer guten Grundlage für von den Verbündeten trenne und nicht die fort-
eine europäische Friedensordnung entwickeln. schreitende westeuropäische Einigung behindere,
Dafür werden wir uns einsetzen, weil das in unse- daß er Berlin nützen soll und daß er schließlich den
rem nationalen Interesse liegt. Weg offenhält, einen Zustand des Friedens in
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Europa zu erreichen, in dem auch die deutschen
Fragen auf der Grundlage des Selbstbestimmungs-
rechts eine gerechte und dauerhafte Lösung finden
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
können.
Meine Damen und Herren, ich wollte den Redner
nicht unterbrechen. Aber ich möchte Sie doch bitten, Nun ist hier in den Feststellungen des Herrn Spre-
soweit es irgend möglich ist, notwendige Gespräche chers der CDU/CSU an die erste Stelle jene Aus-
so zu führen, daß den Redner nicht eine ständige sage gerückt worden, die betont, es müsse nun end-
Geräuschkulisse begleitet. lich etwas zur westlichen Verständigung und zum
Das Wort hat der Abgeordnete Wehner. Fortentwickeln der westlichen Integration gesche-
hen. Ich kann mit Freude darauf hinweisen, daß der
doch sicher in dieser Beziehung allseitig respektierte
Wehner (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen Europäer Jean Monnet in einer Sendung des fran-
und Herren! Die Fraktion der SPD dankt der Bun-
zösischen Fernsehens wörtlich erklärt hat:
desregierung für ihre Bemühungen, in Absprache
und Kooperation mit unseren westlichen Partnern Der Vertrag zwischen Bonn und Moskau ist
Verständigung mit der Sowjetunion und den Nach- nach meiner Auffassung ein sehr wichtiges Ele-
barn in Ost- und Südosteuropa zu suchen, und wir ment des Friedens. Bundeskanzler Willy Brandt
beglückwünschen die Bundesregierung zu dem Ver- hat betont, daß dieser Vertrag weder die feste
tragsabschluß vom 12. August. Integration der Bundesrepublik und ihrer freien
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Wirtschaft in der westlichen Allianz noch die
Versöhnung zwischen Frankreich und Deutsch-
Nach unserer Auffassung werden erst mit diesem land noch das Ziel einer europäischen poli-
Vertrag die 1955 aufgenommenen diplomatischen tischen Gemeinschaft in irgendeiner Weise be-
Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutsch- einträchtigt.
land und der Sowjetunion tatsächlich lebendig.
- Und
soweit es an uns, an der Bundesrepublik Deutschland Ich zitiere das hier deswegen, weil ich damit dar-
liegt, soll — so verstehen wir den Vertragsabschluß auf hinweisen will, daß ein so verehrungswürdiger
und verstehen wir auch das, was daraus folgt - die Mann, der tatsächlich Architekt der Vereinigung
Entwicklung dieser Beziehungen, von der es ja schon Europas genannt werden darf, dieses hier so sieht
in einer Regierungserklärung vom Dezember 1966 und beurteilt.
mit Recht geheißen hatte, sie habe die Erwartungen Ich habe mit Interesse festgestellt — und will es
auf beiden Seiten enttäuscht, nun das gegenseitige nach den Ausführungen, die der Sprecher der Oppo-
Verständnis und das gegenseitige Vertrauen beför- sition gerade gemacht hat, auch hier in Erinnerung
dern. Das allerdings muß man tatsächlich wollen. bringen , daß der Bundesminister des Auswärti-
Wie der Bundeskanzler und auch soeben der Spre- gen in einem sehr interessanten Artikel, den er
cher der Opposition gesagt hat, ist dies noch nicht Mitte Juli dieses Jahres in der Frankfurter Allge-
die Debatte, die der Deutsche Bundestag anläßlich meinen Zeitung veröffentlicht hat, gleich mit der
der Ratifikation zu führen haben wird. Aber auch Feststellung beginnt, daß zwar Teile Europas in
diese Stellungnahmen heute haben natürlich ihren supranationale Einheiten hineinwachsen, die Ge-
Wert nicht nur für die — wie es heute so gerne danken an kriegerische Konflikte innerhalb dieser
heißt „Positionsbestimmung" der Bundesrepublik Gruppierungen ausschließen, daß jedoch der große
selber und der Kräfte in ihr, sondern auch für alle, Gegensatz, die Konfrontation zwischen Ost und
die auf uns blicken. West, davon nicht berührt wurde — im Gegenteil;
das zählt er dann auf. Das heißt, auf der Basis des-
Nun dürfen wir nicht den Fehler begehen, diesen
sen, was hier bisher — manches unter großen Mü-
Vertrag mit allen Erwartungen zu belasten, die wir
hen und auch unter großer zeitweiligen Rückschlä-
insgesamt auf eine zur Organisierung des Friedens
gen westlicherseits - als Grundstein gelegt worden
erforderliche grundlegende Veränderung der Be-
ist, wollen wir nun diese vom Bundesminister des
ziehungen der Völker zueinander hegen. Wir jeden-
Auswärtigen richtig festgestellte, entscheidende
falls betrachten diesen Vertrag als e i n wenn auch
Aufgabe angehen, und zwar — ich sage das immer
ein sehr wesentliches — Mittel, zu dieser grundle-
wieder in Absprache und Kooperation mit west-
genden Veränderung zu gelangen. lichen Partnern.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Natürlich ist die Entwicklung in und um Berlin
Insofern rechten wir jetzt nicht darüber, was eigent ein Gradmesser dafür, in welchem Maße Spannun-
lich alles schon hätte sein können und sein müssen, gen vermindert werden. Nur sollten wir uns keine
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3639
Wehner
falschen Vorstellungen machen, so als sei zu er- dem die deutsche Seite ohne alle Vorbehaltsrechte
warten — oder gar darauf zu pochen —, daß die, anderer sie betreffend dastünde.
um es milde zu sagen, sehr unterschiedlichen Auf- Ich möchte gern eine Bemerkung zu dem machen,
fassungen der Mächte, die de jure Verantwortung was hier der Herr Sprecher der Opposition unter
für und in Berlin haben, über die rechtlichen Gründe seinem Punkt 5 bezüglich Polens gesagt hat, auch
ihrer Anwesenheit, die in 25 Jahren von ihnen wenn man sich bei Gelegenheit dieser Stellungnah-
selbst nicht zu einer Übereinstimmung haben ge- men heute damit nicht gründlicher auseinander-
bracht werden können, jetzt etwa von der Bundes- setzen kann. Meine Damen und Herren von der
regierung in eine uns genehmere Übereinstimmung CDU/CSU, Sie wissen doch offensichtlich selbst, was
gebracht werden könnten ; das wäre eine recht ver- es bedeutet, daß unsere Nachbarn - nicht nur der
messene Erwartung, die sicher auch Sie nicht hegen. oben genannte — Glieder eines Paktes sind. Das
Deswegen halte ich es für ungereimt, wenn einer- ändert nichts daran, daß wir ihnen und sie uns
seits betont wird, hier gebe es aber gar keine Ent- gegenüberstehen als souveräne Staaten und daß
spannung ich denke da an ein sehr wirkungsvol- wir mit ihnen zu sprechen und nach einer Verbes-
les Foto vom Tage vor der Unterzeichnung —, oder serung der Beziehungen zu suchen haben. Jeden-
wenn man sagt, soundso viele Wochen seien seit falls wir tun das. Aber diese Zensur war eine un-
der Unterzeichnung des Vertrages schon vergangen, angebrachte Zensur, weil sie geeignet ist — ich
und immer noch zeige sich kein Zeichen von Ent- will nicht sagen, Sie hätten sie deswegen ange-
spannung, während auf der anderen Seite darauf bracht —, in der empfindlichen Öffentlichkeit Po-
bestanden wird, der Vertrag sei ja überhaupt erst lens falsche Vorstellungen von dem, was uns eigent-
dann ratifizierbar und könne und dürfe erst dann in lich hier bewegt, zu erzeugen.
Wirkung treten, wenn es bezüglich Berlins eine of- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
fensichtlich sehr klar dokumentierte Übereinkunft
Und gerade, weil ich, Herr Kollege Barzel, selbst
geben wird. Nichts gegen das Drängen in bezug auf
aus der von mir bei Ihnen jetzt getadelten Fest-
Berlin, aber man sollte auch Abstand halten davon,
stellung Nr. 5 heraushören möchte und sicher auch
daß man glaubt, man könne in diesem Falle sowohl
heraushören darf, daß Sie damit auf die Besonder-
in der einen als auch in der anderen Richtung de-
heit jenes Nachbarn hinweisen wollen, von der wir
monstrieren.
ja schon manchmal gesprochen und geschrieben
Der Vertrag muß Leben erhalten, er darf keine haben, gerade aus diesem Grunde möchte ich das,
leere Hülse werden oder bleiben, und diejenigen, was ich eben in Zurückweisung dessen gesagt habe,
die ihm mit den Vorbehalten gegenüberstehen, von doch noch eben betonen.
denen wir heute hier noch einmal gehört haben, daß
(Abg. Dr. Barzel: Das macht es nicht
es streckenweise wohl mehr als Vorbehalte sind,
leichter!)
haben sich zu entscheiden, ob sie eine Politik die-
-
sem Vertrag und der ihm zugrunde liegenden Poli- — Das ist möglich. Aber dann müssen Sie unter-
tik gegenüber führen wollen, die im Verdacht blei- suchen, wer die Ursache dazu gegeben hat.
ben wird, den Vertrag zu einer leeren Hülse machen Die Frage nach den Protokollen und der vollen
zu wollen. Kenntnis der Protokolle ist eine Frage, die sicher
von niemandem einfach in den Wind geschlagen
Daß er keine solche leere Hülse wird, liegt nicht
wird. Wenn ich es mir erlauben darf, zu sagen: ich
nur bei uns hier in der Bundesrepublik Deutsch-
finde es ja auch verständlich, daß Sie nicht auf Pa-
land. Was aber an uns liegt, das jedenfalls soll nicht
piere angewiesen sein möchten, von denen manche
fehlen. Das ist zumindest die Auffassung der Frak-
Ihrer Kollegen dann in der zurückliegenden Praxis
tion der Sozialdemokraten.
gesagt haben, sie hätten sie von deutschen Patrioten
Die Vorbehaltsrechte der Mächte bleiben. Manch- auf der anderen Seite zugesteckt bekommen.
mal denkt man zurück an Auseinandersetzungen (Heiterkeit und Beifall bei den Regierungs
über Vorbehaltsrechte in diesem Hause, als es um parteien.)
die Westverträge ging. Solange die Vorbehalts-
rechte bleiben, werden auch streckenweise unter- Das muß also normalisiert werden. Nur möchte ich
schiedliche Auslegungen bleiben und, meine Damen so sagen: die Mitglieder dieses Hauses, dieses Par-
und Herren, nur durch die Praxis überwunden wer- laments, werden bei der Vorbereitung der Ratifi-
den können, wenn es uns — wenn auch uns hof- kation nicht schlechter gestellt sein — man wird
fentlich nicht allein! gelingt, Rückschläge, die ab es ihnen nicht zumuten, und es wäre ja auch unzu-
und zu auftreten können, auf das Mindestmaß zu- mutbar — als bei der Vorbereitung früherer Ver-
rückzudrängen. Man kann nicht einerseits die Vor- träge, darunter grundlegender, weichenstellender
behaltsrechte festhalten wollen und andererseits so Verträge, nicht ein Jota schlechter!
tun, als ginge es ohne sie bzw. als müßten sie erst (Lebhafter Beifall bei den Regierungspar
faktisch außer Kraft sein, ehe wir Verträge solcher teien.)
Art schließen. Dies ist ein Vertrag bei Aufrecht-
erhaltung von Vorbehaltsrechten und Verträgen, die Meine Damen und Herren, die Fraktion der So-
beide Seiten vorher mit anderen geschlossen haben, zialdemokraten hat den dringenden Wunsch, daß
die davon nicht berührt werden. Das ist gesagt wor- der Vertrag in angemessener Zeit ratifiziert wer-
den, und nun kann man von einem solchen Vertrag den kann. — Ich danke für Ihre Geduld.
nicht erwarten, daß er ein Friedensvertrag wäre — (Lebhafter Beifall bei den Regierungspar
wenn es ihn je in dieser Weise geben kann —, bei teien.)
3640 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Fritsch
zu lösen sind. Ich denke dabei insbesondere an die aus. Der Deutsche Bundestag hielt die getroffene Lö-
Altersversorgung, die Hauptenschädigung und die sung selbst für unbefriedigend. Er bestimmte des-
Thematik der Stichtage. halb eine Berichtspflicht der Bundesregierung in den
Jahren 1972, 1974 und 1976, um die Möglichkeit
Dem Überweisungsvorschlag des Ältestenrates
einer Erweiterung des Gesetzes in dem zur Verfü-
zum vorliegenden Gesetzentwurf stimmen wir zu.
gung stehenden finanziellen Rahmen prüfen zu kön-
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten nen. Die Bundesregierung glaubt, ohne diese Ter-
der CDU/CSU.) mine abwarten zu müssen, schon jetzt übersehen zu
können, daß das Finanzvolumen von 2,6 Milliarden
Vizepräsident Dr. Jaeger: Es liegen keine DM nicht ausgeschöpft wird. Sie stützt ihre Auffas-
Wortmeldungen mehr vor. sung in erster Linie auf den auch nach Inkrafttreten
der einundzwanzigsten Novelle zum Lastenaus-
Ich schlage Ihnen vor, den Entwurf an den Innen- gleichsgesetz hinter den Erwartungen zurückblei-
ausschuß — federführend —, an den Rechtsausschuß benden Eingang von Feststellungsanträgen.
— mitberatend — und an den Haushaltsausschuß
gemäß § 96 der Geschäftsordnung zu überweisen. — Die Bundesregierung ist jedoch nicht der Mei-
Widerspruch erfolgt nicht. Es ist so beschlossen. nung, daß all e Beschränkungen fallen können. Der
Ich rufe Punkt 23 der Tagesordnung auf: Entwurf sieht deshalb nur den Abbau der Bestim-
mungen vor, deren Beseitigung am dringlichsten er-
Erste Beratung des von der Bundesregie- scheint. Dies sind vor allem die Vorschriften über
rung eingebrachten Entwurfs eines Dreiund- die Einkommens- und Vermögensgrenzen und über
zwanzigsten Gesetzes zur Änderung des La die Anrechnung wiedererworbenen Vermögens. Da-
stenausgleichsgesetzes (23. ÄndG LAG) mit werden nicht nur empfindliche Härten für die
— Drucksache VI/1000 — Betroffenen beseitigt, sondern es wird auch die
Das Wort zur Begründung hat Herr Staatssekre- Durchführung der Entschädigungsregelung für die
tär Dorn. Verwaltung stark vereinfacht. Dies wird die Ab-
wicklung der Leistungen wesentlich zügiger gestal-
ten.
Dorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bun-
desminister des Innern: Herr Präsident! Meine sehr Der Entwurf sieht eine weitere Maßnahme vor,
verehrten Damen und Herren! Der vorliegende Ent- die von Geschädigten und Verwaltung gleicherma-
wurf eines Dreiundzwanzigsten Gesetzes zur Ände- ßen als Verbesserung angesehen wird: die Anglei-
rung des Lastenausgleichsgesetzes ist eine gemein- chung des Schadensbegriffs in § 15 a des Lasten-
same Vorlage des Bundesministers der Finanzen ausgleichsgesetzes an den weitergehenden Schadens
und des Bundesministers des Innern. Die Vorlage begriff des Beweissicherungs- und Feststellungs-
wurde am 15. Mai 1970 von der Bundesregierung gesetzes.
beschlossen. Der Bundesrat hat in seiner- Sitzung
am 26. Juni 1970 keine Einwendungen gegen den Weitere Verbesserungen sind nach Meinung der
Gesetzentwurf erhoben. Dem Innenausschuß des Bundesregierung lediglich wegen der schon er-
Deutschen Bundestages liegt auch noch der von der wähnten Kostenfrage im Rahmen dieses Ände-
CDU/CSU-Fraktion eingebrachte Entwurf eines rungsgesetzes nicht möglich. Es bleibt also bei der
Dreiundzwanzigsten Gesetzes zur Änderung des Begrenzung der Hauptentschädigung auf 50 000 DM,
Lastenausgleichsgesetzes vor. wobei zu berücksichtigen ist, daß dieser Betrag bei
der im Lastenausgleich geltenden Degression einem
Der Regierungsentwurf sieht eine Verbesserung festgestellten Schaden von über 350 000 DM ent-
der Regelungen vor. Es handelt sich dabei um be- spricht. Auch die Bestimmung über die Verzinsung
stimmte nach dem Beweissicherungs- und Feststel- der Ansprüche ab 1. Januar 1970 bleibt unverändert,
lungsgesetz festgestellte Vermögensschäden, die
weil die Frühverzinsung einen erheblichen Teil der
durch Kriegseinwirkungen, durch Reparationslei-
zur Verfügung stehenden Mittel aufzehren würde.
stungen und durch Wegnahme aus politischen Grün-
Grundsätzliche und nicht finanzielle Überlegungen
den im Gebiet der DDR und in Ost-Berlin entstan-
gestatten auch nicht die Gewährung eines Entwur-
den sind. Zu den Wegnahmeschäden aus politischen
zelungszuschlags, wie ihn die Heimatvertriebenen
Gründen gehören auch die NS-Verfolgungsschäden.
erhalten.
Eine Entschädigungsregelung für den hier ange-
sprochenen Bereich wurde erstmals durch das am An der Verteilung der Kosten ändert der Gesetz-
30. September 1969 in Kraft getretene Einundzwan- entwurf gegenüber der bisherigen Regelung nichts.
zigste Gesetz zur Änderung des Lastenausgleichs- Die Aufwendungen trägt der Ausgleichsfonds; Bund
gesetzes getroffen. Es sieht eine Hauptentschädi- und Länder leisten Zuschüsse. Der Zuschuß des Bun-
gung für Zonenschäden vor. Da im Hinblick auf die des ist mit 700 Millionen DM festgelegt, der der
Finanzlage das Kostenvolumen auf 2,6 Milliarden Länder wird auf 900 Millionen DM geschätzt.
DM beschränkt war, waren Einschränkunen geboten. Ich wäre Ihnen, meine sehr verehrten Damen und
Sie wirkten sich in der Einführung von Einkom- Herren, dankbar, wenn eine schnelle Beratung in
mens- und Vermögensgrenzen, in der Anrechnung den zuständigen Ausschüssen eine möglichst baldige
bereits wiedererworbenen Vermögens, in der Fest-
Verabschiedung dieses Gesetzes ermöglichen
setzung eines Höchstbetrages von 50 000 DM, in der könnte.
erst am 1. Januar 1970 beginnenden Verzinsung und
in dem Verzicht auf einen Entwurzelungszuschlag (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3643
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der völlig auszuschließen ist, wird durch gesetzliche
Abgeordnete Freiherr von Fircks. Regelung sicherzustellen sein, daß mögliche Mehr-
aufwendungen auf Grund der einundzwanzigsten
Freiherr von Fircks (CDU/CSU): Herr Präsi- und dreiundzwanzigsten Änderung des Lastenaus-
dent! Meine Damen und Herren! Zu dem von der gleichsgesetzes nicht über den vorgesehenen Be-
Bundesregierung vorgelegten Entwurf eines Drei- trag von 1 Milliarde DM hinaus vom Lastenaus-
undzwanzigsten Gesetzes zur Änderung des La- gleichsfonds zu tragen sind.
stenausgleichsgesetzes gebe ich namens der CDU/ Auch wird nach einer befriedigenden Lösung für
CSU-Fraktion folgende Erklärung ab. Die Bundesre- eine gerechtere Regelung der Schäden an Reichs-
gierung hat den heute in diesem Hohen Hause zur mark-Sparguthaben in Mitteldeutschland gesucht
Beratung anstehenden Entwurf eines Dreiundzwan- werden müssen.
zigsten Gesetzes zur Änderung des Lastenaus-
Schließlich vermißt die CDU/CSU eine Regelung,
gleichsgesetzes vorgelegt, um — wie sich aus der
durch welche die Einbeziehung weiterer Jahrgänge
Begründung ergibt — die Situation der Zonenver-
ehemals Selbständiger in die Kriegsschadenrente
mögensgeschädigten zu verbessern. Die Fraktion
auch in den Jahren nach 1970 sichergestellt wird.
der CDU/CSU stellt mit Bedauern fest, daß der
vorgelegte Entwurf jedoch keinen Anlaß gibt, von (Beifall bei der CDU/CSU.)
einer grundsätzlichen Verbesserung zu sprechen, da
er im wesentlichen nur den schon aus Gründen einer Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Verwaltungsvereinfachung unumgänglichen Weg- Abgeordnete Dr. Hupka.
fall der gesetzlich festgelegten Sozialklausel vor-
sieht, es im übrigen jedoch bei einer Reihe erheb-
Dr. Hupka (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen,
licher Einschränkungen gegenüber der Grundrege-
meine Herren! Der vorliegende Gesetzentwurf der
lung des Lastenausgleichsgesetzes beläßt.
Bundesregierung zur dreiundzwanzigsten Novelle
Diese Einschränkungen haben im Durchschnitt des Lastenausgleichsgesetzes ist ein großer Schritt
aller Schadensfälle immerhin eine Minderung der nach vorn in Richtung einer längst überfälligen un-
Entschädigung im Einzelfall gegenüber den sonsti- eingeschränkten Gleichstellung von Flüchtlingen
gen Lastenausgleichsberechtigten von rd. 65 % zur und Vertriebenen in unserer Gesetzgebung. Sowohl
Folge. Hierzu heißt es in der Begründung des Ent- wegen dieses großen Schrittes nach vorn als auch
wurfs, daß nach Meinung der Bundesregierung die wegen der in der dreiundzwanzigsten LAG-Novelle
verbleibenden Einschränkungen angesichts der son- enthaltenen gesetzgeberischen Substanz begrüßt die
stigen entscheidenden Verbesserungen von den Ge- sozialdemokratische Bundestagsfraktion die dem
schädigten durchaus hingenommen werden könn- Bundestag vorgelegte Novelle.
ten. Daraus muß gefolgert werden, daß die Bundes-
regierung mit dieser Gesetzesvorlage die Gleichstel- Sie befindet sich diesbezüglich — was ich aus-
lung der Zonengeschädigten mit den übrigen Ge- drücklich vermerke — auch in Übereinstimmung mit
schädigtengruppen im wesentlichen als abgeschlos- dem Bund der Mitteldeutschen, dessen Rechts- und
sen betrachtet. Sozialausschuß vor wenigen Tagen in einer Ent-
schließung festgestellt hat — ich darf mit Erlaubnis
Demgegenüber vertritt die CDU/CSU-Fraktion des Herrn Präsidenten zitieren —:
nach wie vor den Standpunkt, daß eine volle Gleich-
stellung der Zonengeschädigten nicht nur aus recht- Es wurde mit Dankbarkeit begrüßt, daß die Bun-
lichen, sondern auch aus moralischen und politi- desregierung bereits relativ kurze Zeit nach
schen Gründen notwendig ist. Das ergibt sich be- Abgabe der Regierungserklärung, in der den
reits aus der Begründung des im Dezember 1969 Flüchtlingen eine gerechte Lösung ihrer Anlie-
eingebrachten Entwurfs der CDU/CSU zu einer gen zugesagt wurde, den Entwurf eines Ände-
dreiundzwanzigsten Änderung des Lastenaus- rungsgesetzes zum LAG vorgelegt hat. In dem
gleichsgesetzes, mit dem der Anstoß zu wei- Gesetzentwurf werden wesentliche Forderungen
teren Verbesserungen in diesem Bereich gegeben der Flüchtlinge berücksichtigt, so vor allem die
Aufhebung der Einkommens- und Vermögens-
worden ist.
grenzen, von deren Einhaltung nach der ein-
Wir halten es daher für erforderlich, unter Aus- undzwanzigsten Novelle des LAG die Gewäh-
schöpfung der tatsächlich vorhandenen Mittel wei- rung der Hauptentschädigung für Vermögens-
tere Verbesserungen der Entschädigungen anzu- schäden in der DDR abhängig war.
streben. Es wird in den Ausschüssen sorgfältig zu
Soweit das Zitat.
prüfen sein, inwieweit die vorhandenen Mittel un-
ter Zugrundelegung einer realistischen Schätzung (Zuruf von der CDU/CSU: Das geht aber
ausreichen, die Entschädigungsleistungen in ange- noch weiter!)
messener und gerechter Weise zu erhöhen. Dieses Ringen um die Gleichstellung der Flücht-
Die CDU/CSU wird einen Stufenplan für eine 'Re- linge mit den Vertriebenen fand vor 18 Jahren —
gelung der Zonenschäden vorlegen, der sich unter was gelegentlich vergessen wird — in einer von der
Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Mög- SPD-Bundestagsfraktion eingebrachten Entschlie-
lichkeiten und im Rahmen einer soliden Haushalts- ßung einen ersten Niederschlag. Es dauerte dann —
gestaltung in den Jahren nach 1973 verwirklichen mit der Zwischenstufe von 1965 — über 16 Jahre, bis
läßt. Da das Risiko eines über den Rahmen der ver- vor anderthalb Jahren mit der einundzwanzigsten
fügbaren Mittel hinausgehenden Finanzbedarfs nicht Novelle zum Lastenausgleichsgesetz die Gleichstel-
3644 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Dr. Hupka
lung der Flüchtlinge mit den Vertriebenen tatsäch- den von der CDU/CSU-Fraktion eingebrachten Ent-
lich in Gang gekommen ist. Heute haben wir das wurf hinausgegangen. Jetzt dürften mehr als 90 %
zweite Gesetz vor uns, das diesem Gebot der Gleich- aller Geschädigten entsprechend der Höhe ihrer
stellung entspricht. Vermögensverluste in Mitteldeutschland in den Ge-
Wir müssen allerdings zur Kenntnis nehmen, daß nuß der Hauptentschädigung gelangen. Der vorlie-
eine volle Gleichstellung auch mit dieser Novelle gende Entwurf ging leider noch nicht so weit, jede
noch nicht erreicht ist. Dies hat aber seinen Grund Begrenzung der Hauptentschädigung aufzuheben; er
— so meinen wir — nicht etwa in einer Mißachtung beläßt es bei der Begrenzung der Hauptentschädi-
des Gleichheitsgebots, sondern vor allem darin, daß gung auf 50 000 DM. Die Begründung hierfür muß
immer noch kein genauer Überblick über die Rela- einem angesichts der immer noch nicht zu über-
tion von Antragseingang, finanzieller Höhe der schauenden Zahl der Antragseingänge einleuchten.
Hauptentschädigung und der dadurch bedingten In- Allerdings muß hier angemerkt werden, daß dies,
anspruchnahme des zur Verfügung stehenden Vo- wie es auch in der offiziellen Begründung zum Ge-
lumens besteht. Bis spätestens zum Ende dieser setzentwurf der Bundesregierung heißt, „eine Ein-
Legislaturperiode werden wir wissen, wie hoch die schränkung gegenüber der Grundregelung des La-
Schätzungen anzusetzen sind, so daß dann auch stenausgleichsgesetzes" bedeutet.
eine volle Gleichstellung in der Abgeltung der Ver- Hier sei auch gleich eine weitere — wenn man
mögensschäden von Flüchtlingen mit derjenigen der so sagen darf — Benachteiligung der Flüchtlinge
Schäden durch die Vertreibung erfolgen kann. offen erwähnt. In der 23. Novelle ist gegenüber
Es entspricht darum dem wohlverstandenen Eigen- der 21. Novelle leider eine Änderung des Beginns
interesse der Geschädigten — und das sollte auch der Verzinsung des Anspruchs nicht vorgenommen
von dieser Stelle aus gesagt werden —, ihre Fest- worden. Man hat es bei den Bestimmungen der 21.
stellunganträge bei den örtlichen Ausgleichsämtern Novelle belassen und den Termin der Verzinsung
unverzüglich einzureichen; denn nur wenn ein zu- auch jetzt auf den 1. Januar 1970 festgesetzt. Die
verlässiger Überblick über die Zahl der Anträge und Frühverzinsung des Anspruchs bleibt ein Verlan-
deren finanzielles Volumen besteht, können auch gen auch der SPD-Fraktion. Aber es muß zugegeben
die letzten entscheidenden Verbesserungen der werden, daß im Augenblick eine hundertprozentige
Lastenausgleichgesetzgebung für die Flüchtlinge in Realisierung dieses Verlangens angesichts der un-
Angriff genommen werden. bekannten Zahl von Antragstellern das vorhandene
Volumen von 2,6 Milliarden DM sprengen müßte.
Um die unbefriedigende Diskrepanz zu verdeut- Es spricht übrigens für die Einsicht in die finanzi-
lichen, seien hier einige Zahlen angeführt. Der Re- ellen Gegebenheiten, daß in den Verbesserungs-
gierungsentwurf dieser 23. Novelle geht von etwa vorschlägen des Bundes der Mitteldeutschen diese
800 000 Anträgen aus. Bis jetzt wurden 275 000 An- Frühverzinsung nicht als akutes Postulat wieder-
träge registriert. Schätzungen gehen dahin, daß kehrt, ohne daß, wie wir wissen, dieses Postulat
vielleicht im ganzen mit 400 000 Feststellungsanträ- damit etwa gänzlich aufgegeben worden wäre.
gen zu rechnen sein wird. Da die finanziellen Lei-
Erfreulich ist, wie auch Herr Staatssekretär Dorn
stungen der 21. Novelle auch jetzt in der 23. No-
ausgeführt hat, daß der Wegnahme-Begriff nicht in
velle nicht überschritten werden dürfen, stoßen sich
seiner bisherigen engen Fassung, sondern in der
noch so gut gemeinte und auch notwendige Ver-
weitergehenden Fassung des Beweissicherungs- und
besserungen des vorliegenden Entwurfs, wie vom
Feststellungsgesetzes in diesen Gesetzentwurf der
Herrn Parlamentarischen Staatssekretär vorhin aus-
23. Novelle übernommen worden ist.
geführt worden ist, sowohl an den 2,6 Milliarden
DM Volumen als auch an der nicht so schnell zu Zur weiteren Vereinfachung der Praxis trägt
schließenden und uns ein wenig bedrückenden In- sicherlich auch bei, daß für anerkannte Sowjetzonen-
formationslücke. flüchtlinge der Stichtag des 31. Dezember 1969, an
dem ein Antragsteller im Geltungsbereich des Ge-
Die 23. LAG-Novelle sieht gegenüber der 21. No-
setzes gelebt haben muß, gestrichen worden ist. In
velle in ihrem Kern eine stark verbesserte Ent-
der Begründung hierzu wird von der Bundes-
schädigungsregelung vor. Sie wurde zunächst da-
regierung ausgeführt:
durch möglich, daß die — was auch der Parlamen-
tarische Staatssekretär erwähnte der 21. Novelle Da aber auch noch nach diesem Stichtag Sowjet-
zugrunde gelegten Schätzungen für die notwendi- zonenflüchtlinge und Evakuierte, wenn auch in
gen finanziellen Aufwendungen zu hoch angesetzt verhältnismäßig geringem Umfang, in die Bun-
waren. Die SPD-Fraktion begrüßt es daher, daß die desrepublik kommen, erscheint es gerechtfertigt,
vom Gesetzgeber in die 21. Novelle eingefügte Be- diesen Stichtag für den genannten Personen-
richtspflicht, die erstmalig 1972 fällig gewesen wäre, kreis zu beseitigen.
von der Bundesregierung nicht abgewartet wurde Ein großer Schritt nach vorn — mit diesen Worten
und die verbesserte Entschädigungsregelung schon hat die SPD-Fraktion den vorliegenden Gesetzent-
jetzt Gesetzeskraft erhalten kann. wurf begrüßt. Aber nichts ist so gut, daß es nicht
noch besser werden könnte. So auch die 23. Novelle.
Der entscheidende Fortschritt gegenüber der 21.
Hier nur wenige Andeutungen.
Novelle besteht im Wegfall der bisherigen Einkom-
mens- und Vermögensgrenzen sowie der Kürzung Erstens. Es sollten nicht nur weitere Jahrgänge
der Hauptentschädigung um das vorhandene Ver- in die Unterhaltshilfe eingeführt werden, also wei-
mögen. Hier ist der Regierungsentwurf weit über tere Jahrgänge über 1905 bei Männern und 1910 bei
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode - 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3645
Dr. Hupka
Frauen hinausgehend; vielmehr sollte erwogen wer- Ollesch (FDP): Herr Präsident! Meine sehr ver-
den, ob es nicht überhaupt möglich ist, die Jahr- ehrten Damen und Herren! Die Freien Demokra-
gangsbegrenzung grundsätzlich aufzuheben. Dies ten begrüßen es, daß die Bundesregierung und ins-
würde das immer wieder von neuem gesetzmäßig besondere der zuständige Bundesinnenminister
zu verankernde Hineinnehmen und Nachrücken von Hans-Dietrich Genscher so rasch die in der Regie-
Jahrgängen in den Kreis der Unterhaltshilfeberech- rungserklärung zum Ausdruck gebrachte Absicht,
tigten hinfällig machen und damit die Gesetzes- ein Gesetz zur Entschädigung der Sowjetzonen-
maschinerie erleichtern. flüchtlinge zur Gleichstellung mit den Heimatver-
triebenen einzubringen, verwirklicht haben. Die
Zweitens. Mit Recht bemerkt die Vizepräsidentin bisher bestehende Gefahr der sozialen Deklassie-
des Bundes der Mitteldeutschen und langjährige rung der Sowjetzonenflüchtlinge gegenüber den
Abgeordnete dieses Hohen Hauses, Frau Lisa Kors- Heimatvertriebenen und die daraus abgeleitete
peter, daß — ich darf zitieren — „die derzeitige Schaffung von unterschiedlich behandelten Geschä-
Regelung der Entschädigung von Sparerschäden digtengruppen scheinen nunmehr nach der Verab-
völlig unzulänglich ist. Die Inhaber von Spargut- schiedung der vorliegenden 23. Novelle zum La-
haben in Mitteldeutschland, also vor allem die so- stenausgleichsgesetz beseitigt zu werden.
genannten kleinen Leute, werden gegenüber den
Inhabern anderer Vermögensschäden erheblich be- Die Gleichstellung der Flüchtlinge mit den Hei-
nachteiligt". Hier ein Beispiel: Der Besitzer eines matvertriebenen in rechtlicher und sozialer Bezie-
Hauses mit einem Einheitswert von 10 000 Reichs- hung ist eine alte Forderung der FDP. Sie wird mit
mark erhält 8050 DM Hauptentschädigung. Der der jetzigen Vorlage weitgehend erfüllt. So, wie un-
Inhaber eines Sparbuches von 10 000 Reichsmark ter dem FDP-Vertriebenenminister Wolfgang Misch
muß sich eine doppelte Abwertung gefallen lassen, nik im Jahre 1961 mit der Änderung des Stichtages
einmal 1 : 10, wie allgemein üblich, und dann noch -und mit der Vorbereitung des Beweissicherungs
einmal 1 :4 entsprechend dem Verhältnis von D- und Feststellungsgesetzes der erste entscheidende
Mark West zu D-Mark Ost; seine Entschädigung Durchbruch zur Gleichstellung der Flüchtlinge mit
beträgt dann ganze 250 DM. den Heimatvertriebenen erzielt wurde, ist nunmehr
durch den ebenfalls der FDP angehörigen Ressort-
Drittens. Was den Wegnahme-Begriff betrifft, so minister Genscher der endgültige Durchbruch zur
sollte dieser nicht durch eine Negativdefinition ein- völligen Gleichstellung erreicht worden. Die FDP
geschränkt werden. Bei der Unterschiedlichkeit der stellt dies mit Befriedigung fest, weist jedoch darauf
Schadensfälle kann eine derartige Negativdefinition hin, daß auch die 23. Novelle noch einige Schön-
dem Geschädigten im konkreten Falle nichts nützen, heitsfehler aufweist, deren restlose Beseitigung erst
sondern im Gegenteil höchstens schaden. Die Fest- die totale Gleichstellung bringen wird. Hier geht
setzung der Hauptentschädigung wird dadurch nur es einmal um die im Gesetz verankerte Höchstent-
noch erschwert. schädigungssumme von 50 000 DM, den nicht in den
-
Entwurf aufgenommenen Entwurzelungszuschlag
Zu den ungelösten Problemen der völligen Inte-
und die dem Lastenausgleich nicht gleichgestellte
gration der Vertriebenen und Flüchtlinge zählt nach
wie vor das der Gleichstellung der Flüchtlinge mit Frühverzinsung.
den Vertriebenen auf dem Gebiet der Lastenaus- (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
gleichsgesetzgebung. Mit der vorliegenden 23. No- Erfreulich aber ist, daß der Bundesinnenminister
velle kommen wir dem angestrebten Ziel sehr nahe. die Korrektur dieser Schönheitsfehler durch eine
Das werden nicht nur die Flüchtlinge aus Mittel- weitere Gesetzesvorlage in absehbarer Zeit ange-
deutschland so sehen und empfinden; das sollte auch kündigt hat.
unsere Öffentlichkeit dankbar zur Kenntnis nehmen. (Abg. Frau Jacobi (Marl) : Wollen wir das
Jeder in unserer Gesellschaft hat den berechtigten beste hoffen!)
Anspruch auf den gleichen Rang und nicht zuletzt,
angesichts ihrer durch die Flucht bewiesenen Ent- In diesem Zusammenhang erhebt sich die Frage,
scheidung für die Freiheit gegen die Unfreiheit, die ob nicht im Rahmen der Beratungen und insbeson-
Millionen Flüchtlinge in unserem Land. Die vor- dere durch eine nochmalige Überprüfung der tat-
liegende 23. Novelle erfüllt diese selbstverständliche sächlichen Kosten ein Teil dieser noch notwendigen
Pflicht der rechtlichen Gleichstellung mit den ande- Korrekturen bereits im Ausschuß vollzogen werden
ren Opfern der gewaltsamen Spaltung unseres kann. Aus den Erfahrungen mit der 21. Novelle, die
Vaterlandes, auch wenn diese Gleichstellung erst mit 2,6 Milliarden DM Kosten angesetzt worden
annähernd und noch nicht zur Zufriedenheit von war, in Wirklichkeit aber weit über 1 Milliarde
allen erreicht ist. weniger beanspruchte, ist abzuleiten, daß auch die
23. Novelle die 2,6 Milliarden DM gebundener Mit-
Die SPD-Fraktion beantragt Überweisung des tel noch nicht ausschöpfen wird. Die FDP ist der
Entwurfs auf Drucksache VI/1000 an den zuständigen Auffassung, daß die Beseitigung aller noch beste-
Innenausschuß als federführenden und den Haus- henden Einschränkungen gegenüber der Regelung
haltsausschuß als mitberatenden Ausschuß. für Heimatvertriebene die Summe von 2,6 Milli-
arden DM nur geringfügig überschreiten würde,
(Beifall bei der SPD.) wobei die darüber liegenden Kosten erst in den
80er Jahren anfallen würden.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Die Freien Demokraten danken noch einmal der
Abgeordnete Ollesch. Bundesregierung und dem zuständigen Minister für
3646 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Ollesch
die rasche Vorlage dieses für einen großen Per- tisch gebunden sind, sind also bereits zu einem
sonenkreis in der Bundesrepublik so bedeutsamen wesentlich früheren Zeitpunkt gefallen. Wird die
Entschädigungsgesetzes. Wir hoffen, daß die Bera- Zustimmung verweigert, so ist der Zuschuß ver-
tungen im Innenausschuß zügig durchgeführt wer- loren, da er nicht landes-, sondern projektgebunden
den im Sinne der Ausführungen, die ich vorhin ist. Deswegen ist eine frühere Information der
schon einmal gemacht habe , Frau Kollegin Jacobi, Landesparlamente notwendig. Es sind landesgesetz-
damit auch Ihr Anliegen recht bald behandelt wer- liche Regelungen vorgesehen, z. B. in den Haus-
den kann. Meine Ausführungen bedeuteten gar haltsordnungen, so daß die Entscheidungen bereits
nicht, daß hier verzögert werden soll. Wir sind mit vor den Haushaltsentscheidungen getroffen werden
der Überweisung an den Innenausschuß einver- können.
standen.
Damit aber das Ganze funktionieren kann, ist es
(Allgemeiner Beifall.)
notwendig, die Fristen zu verändern. Die Kommis-
sion für Fragen der Parlamentsreform der Interpar-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Wortmeldungen lamentarischen Arbeitsgemeinschaft, in der ja auch
liegen nicht mehr vor. Ich schlage Ihnen vor, Über- die Ländervertreter mitarbeiten, hat sich deswegen
weisung an den Innenausschuß — federführend — genauso wie die Konferenz der Landtagspräsiden-
und an den Haushaltsausschuß gemäß § 96 der ten, die sich ebenfalls mit diesem Problem auf Län-
Geschäftsordnung. Einverstanden? — Kein Wider- derebene befaßt hat, dafür entschieden, die Fristen
spruch; es ist so beschlossen. in den Gesetzen über die Gemeinschaftsaufgaben
zu verändern, nämlich den Termin vom 1. Februar
Ich rufe auf Punkt 24:
auf den 1. April zu verlegen. Das heißt, der Anmel-
Erste Beratung des von den Abgeordneten determin soll in Zukunft der 1. April sein. Damit
Hirsch, Dichgans, Mertes, Dr. Müller (Mün- wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, die Parla-
chen) und Genossen eingebrachten Entwurfs mentsrechte zu sichern und den Föderalismus in
eines Gesetzes zur Änderung der Gesetze seiner Weiterentwicklung zu erhalten.
über die Gemeinschaftsaufgaben
Ich darf Sie bitten, den Gesetzentwurf an den
— Drucksache VI/1058 — Haushaltsausschuß — federführend — und zur Mit-
Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Müller (Mün- beratung an den Finanzausschuß, an den Wirt-
chen). schaftsausschuß und an den Ausschuß für Bildung
und Wissenschaft zu überweisen.
Dr. Müller (München) (SPD) : Herr Präsident! (Beifall.)
Meine Damen und Herren! Die Fortentwicklung des
Bund-Länder-Verhältnisses hat in der vergangenen
Legislaturperiode zur Einrichtung der Gemein- Vizepräsident Dr. Jaeger: Wortmeldungen
schaftsaufgaben im Rahmen des Grundgesetzes ge- liegen nicht mehr vor. — Die Überweisung ist aller-
führt. In der Diskussion über den Föderalismus hat dings im Ältestenrat anders vorgesehen worden.
die Problematik dieser Materie eine große Rolle Die Vorlage sollte nur an den Haushaltsausschuß
gespielt. Es galt Erfahrungen zu sammeln und sie — federführend - und an den Finanzausschuß —
auszuwerten. Eine dieser Erfahrungen besteht darin, mitberatend — überwiesen werden. Ich frage mich,
daß die parlamentarische Kontrolle durch die jetzige ob Sie dennoch Ihren weitergehenden Antrag auf-
Handhabung gefährdet ist. Der Rahmenplan ist Aus- rechterhalten.
gangspunkt und Grundlage für die Durchführung der (Abg. Dr. Müller/München: Nein!)
Gemeinschaftsaufgaben durch die Länder. Nach bis-
herigem Recht müssen die Anmeldungen für den — Dann ist das erledigt. Es soll also im Sinne der
Rahmenplan jährlich bis 1. Februar beim fachlich eben bekanntgegebenen Vereinbarung im Ältesten-
zuständigen Bundesministerium eingereicht werden. rat vorgegangen werden. Ist jemand gegen die
Ob die Etathoheit der Länderparlamente unange- Überweisung? — Das ist nicht der Fall; dann ist
tastet bleibt, hängt davon ab, wann und in welchem so beschlossen.
Umfang die Parlamente mit dem Vorhaben des
Ich rufe nunmehr Punkt 26 der Tagesordnung auf:
Rahmenplanes befaßt werden. Zum jetzt vorgese-
henen Zeitpunkt, dem 1. Februar, ist das Landes- a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
parlament mit den jeweiligen Projekten in der Dr. Schober, Dr. Martin, Dr. Stoltenberg und
Regel noch nicht befaßt, da die Regierung den Etat- Genossen eingebrachten Entwurfs eines Ge-
ansatz in Höhe der vom Land aufzubringenden setzes zur Änderung des Urheberrechtsgeset-
Summe erst in den Haushaltsentwurf für das fol- zes
gende Jahr aufnehmen kann. — Drucksache VI/911 —
Da die Gesetze über die Gemeinschaftsaufgaben b) Erste Beratung des von den Fraktionen der
von der Mitwirkung der Parlamente erst bei der SPD, FDP eingebrachten Entwurfs eines Ge-
Bereitstellung der Mittel in den Haushaltsplänen setzes zur Änderung des Urheberrechtsgeset-
ausgehen, hat der Planungsausschuß bereits eine zes
Auswahl aus den beantragten Projekten getroffen
— Drucksache VI/1076 —
und über die Höhe der Bundesbeteiligung entschie-
den. Die eigentliche Entscheidung, an die die Parla- Zur Begründung des ersten Gesetzentwurfes hat
mente zwar nicht rechtlich, aber doch faktisch-poli- der Abgeordnete Dr. Schober das Wort.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3647
Dr. Schober (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine oder in einer ähnlichen Sammlung etwas veröffent-
sehr verehrten Damen und Herren! Der Ihnen vor- lichen. Dieser letzte Paragraph stößt kaum noch auf
liegende Entwurf von Abgeordneten der CDU/CSU Widerspruch; ich hoffe, daß er ohne Schwierigkei-
geht zurück auf eine Debatte am 17. April dieses ten durchgehen wird.
Jahres. Es ging damals um eine Sozialenquete für (Abg. Moersch: Warten Sie mal den Bundes
die Komponisten, bildenden Künstler und Schrift- rat ab!)
steller. Wir haben damals schon zum Ausdruck ge-
bracht, daß wir nach dieser Enquete eine Ände- — Wir wollen die Entscheidung des Bundesrates ab-
rung des Urheberrechtes beantragen würden. Dieser warten; ich hoffe aber, daß wir die Schwierigkeiten
Antrag liegt nun vor. diesmal überwinden können.
Lassen Sie mich, bevor ich eine kurze Erklärung Bei § 27 verhält es sich etwas anders, meine
zu unserem Antrag selber abgebe, einige wenige Damen und Herren. Unser Entwurf hat sich sehr
Worte zum Schicksal der Enquete sagen. Alle Frak- eng an die Meinungen des Verbandes der Schrift-
tionen haben damals dem Antrag zugestimmt, die steller angeschlossen. Ich möchte einräumen, daß
Bundesregierung zu beauftragen, diese Enquete der Entwurf der Koalition, der ja acht Wochen spä-
durchführen zu lassen. Leider hat sich inzwischen ter kam, ein wenig perfektionierter ist, jedoch freue
eine neue Situation ergeben. Der Verband Deut- ich mich, daß er überhaupt gekommen ist. Herr Kol-
scher Schriftsteller, der sich zum erstenmal mit die- lege Raffert, Herr Kollege Moersch, ich glaube, daß
ser Sache beschäftigt hat, hat einen anderen Geld- wir mit unserer politischen Initiative, in diesen Din-
geber gefunden. Deswegen hat die Bundesregierung gen überhaupt tätig zu werden, Sie mindestens et-
jetzt nicht mehr die Möglichkeit, diese Enquete was beflügelt haben.
durchführen zu lassen. Wir bedauern das, weil wir (Heiterkeit bei der SPD.)
der Meinung sind, daß Fragen dieser Art vor das
Forum dieses Hauses gehören, und vor allen Dingen Wir sind der Auffassung — insofern würden wir
deswegen, weil wir die Möglichkeit gehabt hätten, unseren Vorschlag ein wenig erweitern —, daß wir
die Enquete um Fragen, die uns allen am Herzen nicht nur die Vermietung, sondern auch die Entleihe
liegen, zu vervollständigen. gebührenpflichtig machen sollten, weil das Aufkom-
men an Geld sonst einfach zu gering bleibt. Diese
Es ist damals gesagt worden, daß es sich nicht Erkenntnis ist in den letzten Monaten gereift; wir
nur um die Schriftsteller, bildenden Künstler und wollen uns ihr gern anschließen. — Es müßte dann
Komponisten handeln könne, sondern daß man noch der Begriff der „öffentlichen Bibliothek" ge-
eigentlich auch einmal das Schicksal der sogenann- klärt werden; das können wir sicher in den Ge-
ten reproduzierenden Künstler untersuchen sollte. sprächen im Ausschuß tun.
Ich weiß nicht, ob das jetzt noch möglich ist. Ich
hätte es jedenfalls für sehr gut gehalten, wenn wir Meine Damen und Herren, leider ist es nicht mög-
auch eine Untersuchung über die wirtschaftliche Lage lich, die Werkbüchereien aus diesen vorgesehenen
-
etwa der Schauspieler, der Musikerzieher und der Regelungen auszunehmen. Es hat seitens der Werk-
Pianisten bekommen hätten. Ich hoffe, daß wir noch büchereien Beschwerden gegeben; man meinte, die
einen Weg finden, das Problem zu lösen. Möglicher- Initiative der Unternehmer, solche Werkbüchereien
weise können wir eine Spezialenquete über diese zu errichten, würde geschmälert und behindert. Ich
Personengruppen durchführen. bin jedoch der Ansicht, daß die Ausnahme, die wir
gemacht haben, nämlich, daß solche Entleihen von
Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, worauf
der Gebührenpflicht frei bleiben sollen, die zur Er-
die Änderung der Sachlage zurückzuführen ist. Ich
füllung von Pflichten aus dem Dienst — oder Ar-
fürchte beinahe, daß sie darin begründet ist, daß sich
beitsverhältnis erforderlich sind, schon ein Entge-
die Bundesregierung nicht schlüssig werden konnte,
genkommen den Werkbüchereien gegenüber be-
wer eigentlich für die Enquete zuständig sein sollte,
deutet. Ich hoffe, daß wir auch hier mit der Industrie
und daß man vielleicht auch bei der Bereitstellung
und dem Handel zu einem Einverständnis kommen
der Mittel ein bißchen gezögert hat.
werden.
(Zuruf des Abg. Moersch.) Ein wenig Kummer bereiten uns die Pfarrbüche-
— Ich hoffe, daß das nicht der Fall gewesen ist, aber reien, meine Damen und Herren, die mit ehrenamt-
der Verdacht, Herr Moersch, liegt natürlich nahe. lichem Personal arbeiten. Ich hoffe, daß es uns ge-
Nun einige wenige Sätze zu dem Ihnen vorlie- lingt, diese Pfarrbüchereien, die Büchereien der Ge-
genden Antrag zur Änderung des Urheberrechts- meinden beider Konfessionen, in eine Regelung ein-
gesetzes. zubeziehen, die es ihnen möglich macht, die Gelder
nicht selber aus ihren Gemeindekassen aufbringen
Wir haben uns im wesentlichen auf zwei Vor- zu müssen.
schriften beschränkt, und zwar auf die §§ 27 und 46.
Damit komme ich zu dem Problem, meine Damen
Dabei handelt es sich einmal um unseren Wunsch,
und Herren, wie wir uns die Aufbringung der Mit-
über eine Gebührenpflicht für die Verleihung und
tel überhaupt vorstellen.
Vermietung von Büchern einen Sozialfonds für die
Altersversorgung von Schriftstellern einzurichten. Wir meinen, daß es bei der zunehmenden Gebüh-
Sodann haben wir uns auf § 46 konzentriert, den so- renfreiheit von Bibliotheken richtig wäre, ein mög-
genannten Lesebuch-Paragraphen, der vorsehen soll, lichst einfaches Abrechnungsverfahren zu finden.
daß Schriftsteller endlich auch dann ein Honorar Dieses möglichst einfache Abrechnungsverfahren
bekommen, wenn sie in einer Lesebuchsammlung wäre sicherlich dann gewährleistet, wenn es mög-
3648 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Dr. Schober
liehst wenig Stellen gäbe, die einen Beitrag für den hat, der größten Sorgen für sein Alter enthoben ist
Sozialfonds der Schriftsteller leisten. Wir sind der Wir haben damit zu rechnen, daß der Buchmarkt in
Auffassung - darüber müßte natürlich mit den Län- der Bundesrepublik Deutschland enger wird. Die
dern verhandelt werden —, daß es nicht unbillig Konkurrenz des Kassettenfernsehens etwa wirft
wäre, wenn der Betrag für die Altersversorgung der ihre Schatten voraus, und ich meine, wir sollten
Schriftsteller aus zwölf Länderkassen flösse. Wie Vorsorge treffen, daß für diesen wichtigen Berufs-
das im einzelnen zu regeln ist, kann man gewiß der stand in unserem Volke das getan wird, was wir
Verwertungsgesellschaft Wort, die hierfür zuständig als Bundestag dafür tun können, was natürlich nicht
ist, überlassen. bedeutet, daß wir in irgendeiner Weise als Vor-
Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang inter- mund eintreten wollen. Die Freiheit des geistigen
essant zu sagen, wie man sich etwa das Aufkommen Schaffens muß in jedem Fall gewährleistet sein.
aus der Bibliotheksgebühr vorstellt. Es müßte etwa Die CDU/CSU-Fraktion ist mit dem Überweisungs-
so sein, daß bei den 96 Millionen Entleihungen, die vorschlag des Ältestenrats einverstanden.
wir im Jahr haben, etwa 10 Pf auf jede Entleihe
(Beifall bei der CDU/CSU.)
berechnet würden; das würde ein Aufkommen von
9,6 Millionen DM im Jahr bedeuten. Diese 9,6 Mil-
lionen DM sollten einer Verwertungsgesellschaft Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort zur Be-
zugeführt und könnten etwa wie folgt aufgeteilt gründung des zweiten Gesetzentwurfs hat der Ab-
werden: 45 % individuell, 45 % für einen Sozial- geordnete Raffert.
fonds auf Versicherungsbasis, und dann sollte man,
wie ich meine, noch 10 % für die Künstlerhilfe des
Herrn Bundespräsidenten zur Verfügung stellen, Raffert (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
und zwar für Personen, die, weil sie schon zu alt Herren! Hier in dieser ersten Lesung der Novelle
sind, nicht in der Lage sind, eine Versicherung ab- zum Urheberrecht hat meine Fraktion nicht die Ab-
zuschließen. Ich bin der Ansicht, das wäre eine sicht, rhetorische Stilübungen über „die Bedeutung
ganz gerechte Lösung, und nach dem, was ich gehört des Schriftstellers in unserer Zeit" vortragen zu
habe, habe ich den Eindruck, daß auch die Autoren lassen. Es liegen jetzt ja schließlich von beiden
mit einer solchen Regelung einverstanden wären. Seiten des Hauses Entwürfe vor, die zur Sicherung
der materiellen Existenz der Schriftsteller beitragen
Meine Damen und Herren, ich glaube, wir brau- sollen. Das zeigt, daß auch diejenigen, die hier noch
chen hier nicht noch im einzelnen auf § 62 Abs. 4 ein bißchen Nachhilfeunterricht nötig hatten, ihr
Satz 3 zu sprechen zu kommen; darüber werden wir Pensum inzwischen offenbar nachzuholen versu-
uns sicherlich im Ausschuß unterhalten. chen. Und deshalb werde ich heute aus der Sicht
Zum Schluß möchte ich nur noch sagen, daß ich unserer Fraktion nur ein paar kurze, ergänzende
bei meinen vielen Bereisungen und Befragungen und erläuternde Bemerkungen zum Entwurf der
- Regierungspartei machen.
im Lande auf großes Interesse an diesem Vor-
haben des Bundestages gestoßen bin, ebenso aber Einer der wesentlichen Unterschiede — ich halte
auch auf weitere Forderungen. Ich möchte nur drei ihn sogar für ziemlich wesentlich — ist ja, daß der
ganz kurz am Schluß hier eben andeuten. Entwurf aus der Opposition heraus nur von einer
Gruppe von Abgeordneten getragen wird, während
Der Deutsche Journalistenverband ist der Mei-
der Entwurf der Regierungsparteien von beiden
nung — und es läßt sich sicher auch manches dafür
Fraktionen voll mitgetragen wird, auch nicht in der
sagen —, daß es eine gewisse Benachteiligung der
Eile verfertigt wurde wie offensichtlich der andere
Lichtbildwerke gibt, weil die Schutzfrist hier nur
und dadurch eben von höherer Qualität hat werden
25 Jahre beträgt. Man möchte sie gern auf 70 Jahre
können, was Sie, Herr Dr. Schober, uns auch bestä-
ausdehnen: § 64. Ob das möglich ist, wollen wir
tigt haben. Wir können also zunächst nur hoffen,
im Ausschuß untersuchen.
daß auch in den Reihen der Opposition die Einsicht
Die bildenden Künstler machen geltend, daß § 26 allgemeiner wird, — —
Abs. 1 — was das Folgerecht betrifft — bei der (Abg. Dr. Schober: Das macht die Ministe
Veräußerung von Werken der bildenden Kunst statt rialbürokratie!)
1 % jetzt 5 % beim Veräußerungserlös vorgesehen
werden sollten und daß die Grenze von 500 auf — Die Gewohnheit haben Sie 20 Jahre lang ge
100 DM herabgesetzt werden sollte. — Auch das ist, habt; wir können das natürlich auch sauber allein.
glaube ich, eine plausible Forderung. Ob sie durch- (Abg. Dr. Schober: Ich glaube, Sie zweifeln
zusetzen ist, ist eine andere Frage. Ich meine, es nicht daran, daß wir das in der nächsten
müßte eigentlich möglich sein. Zeit auch können!)
Die GEMA hat dann noch gefordert, u. a. die — Wir brauchen ja keine Zensuren zu erteilen.
§§ 52, 53 und 135 zu ändern. Auch darüber wird man
sprechen können, ohne daß ich jetzt hier in die (Abg. Dr. Schober: Das will ich nicht!)
Einzelheiten gehe.
Das habe ich eben auch nicht versucht. Ich habe
Meine Damen und Herren, zum Schluß folgendes. nur ein paar Sachfeststellungen zum Ablauf gemacht.
Es kommt uns darauf an, in unserer Zeit zunächst Wir können also nicht darauf rechnen, aber wir
einmal mit dieser Novellierung dafür zu sorgen, daß können darauf hoffen, daß auch bei der Opposition
der Schriftsteller, der sich als ein solcher erwiesen die Einsicht allgemeiner wird, daß den Autoren
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3649
Raffert
geholfen werden muß, und zwar nicht nur mit mil- unsere Formulierung in diesem Punkt unmißver-
den Gaben, ständlicher ist.
(Abg. Dr. Schober: Wir waren ja die ersten!) (Abg. Dr. Schober: Das habe ich eben
sondern mit rechtlich begründeten Ansprüchen. schon gesagt!)
(Abg. Dr. Schober: Wir waren immerhin die — Ja. Wir beziehen die unentgeltliche Ausleihe mit
ersten!) ein, und ich habe gern gehört, daß Sie das auch
wollen. Dann werden wir uns also auf diese For-
— Im übrigen, Herr Dr. Schober, sind ja die Unter- mulierung einigen können.
schiede in den beiden Entwürfen mindestens auf den Entscheidenden Wert legen wir darauf, daß die
ersten Blick nicht so gravierend, als daß wir in den Ansprüche der Schriftsteller auf Vergütung für das
Ausschüssen nicht zu gemeinsamen Lösungen kom- Vermieten und Verleihen ihrer Werke durch öffent-
men könnten; denn wir dürfen natürlich nicht und liche Büchereien durch eine Verwertungsgesellschaft
wir wollen das auf gar keinen Fall — die Autoren gewahrt werden. Das haben Sie, liebe Kollegen von
und die Rechte, die sie haben, insbesondere ihre der Opposition, in den entsprechenden Paragraphen
soziale Sicherung, die eine der Grundlagen geistiger nicht geschrieben. Wir haben das hineingeschrieben.
Freiheit ist, zu einem Gegenstand des Parteienstreits
machen. (Abg. Dr. Schober: Wir haben es in die
(Abg. Dr. Schober: Sehr richtig!) Begründung geschrieben!)
Wir sind uns aber einig; das höre ich sehr gern.
Zur Enquete eben eingeschoben: Wir freuen uns,
Wenn das so geschieht, dann entsteht für die Bü-
wenn private Initiativen auch in diesen Feldern
chereien auch kein überflüssiger Verwaltungsauf-
ergriffen werden. Möglicherweise hätte ja die Bun-
wand. Das ist uns ja in den Befürchtungen von
desregierung ein gleiches oder ähnliches Institut be-
dieser Seite — verständlicherweise — immer wie-
auftragt, wie das jetzt durch die Initiative aus der
der vorgetragen worden. Wir wollen pauschal ab-
„Spiegel"-Stiftung kommt. Wir können das Mate-
rechnen, und das geht auch ganz gut. Denn die
rial, das da angeliefert wird, in unseren Beratun-
Unterlagen dafür, nämlich die jährlichen Statisti-
gen genauso zur Grundlage machen wie irgend
ken, stehen uns in der Gesamtstatistik des Büche-
etwas anderes. Es gibt keinen Grund anzunehmen,
reiverbandes und in der Statistik der kirchlichen
hier seien Schwierigkeiten zwischen den Ministe-
Büchereien zur Verfügung. Für die Werkbüchereien
rien gewesen. Die Zuständigkeiten sind völlig klar!
ließe sich das natürlich unschwer auch machen. Die-
Worum sich die Regierung bemüht und worum wir
ser Vorgang kann also stark vereinfacht werden.
uns auch bemüht haben, ist, die Fragestellung so
zu formulieren, daß man auch die Antworten be- Es ist in diesem Zusammenhang übrigens inter-
kommt, die man vom Inhalt her braucht. Das war essant, wie die Entwicklung der Ausleihziffern in
auf der Grundlage des Antrags, den Sie gestellt den öffentlichen Büchereien aussieht. Wir haben
haben, unserer Auffassung nach noch nicht völlig einen ständigen, und zwar ziemlich starken Auf-
möglich. wärtstrend bei den öffentlichen Büchereien: 1966
waren es 90 Millionen, rund gerechnet, 1969 waren
Beiden Entwürfen, die vorliegen, ist gemeinsam, es 97 Millionen Entleihungen. Für mich bemerkens-
daß für die Autoren ein Vergütungsanspruch für wert war beim Blick in die Statistik übrigens, daß
die Ausleihe durch die öffentlichen Büchereien und entgegen meinen Erwartungen der prozentuale An-
durch die Werksbüchereien entsteht, und daß die teil der Fachbücher nicht wächst, sondern kontinuier-
Aufnahme ihrer Arbeiten in Schulbücher honorar- lich etwa bei 30 °/o liegt, daß also das, was man
pflichtig wird. Ähnliche Forderungen das hat früher „schöne Literatur" genannt hat, immer noch
Herr Dr. Schober schon gesagt — haben wir ja sehr stark verlangt wird. Gerade für diese Autoren
schon im Zusammenhang mit der Generalrevision sind ja die Maßnahmen, die wir jetzt durch die
des Urheberrechts 1965 im Vierten Bundestag ge- Novelle ermöglichen wollen, wichtig.
habt; die Regelung ist damals am Bundesrat ge-
Eine andere Entwicklung ist übrigens auch inter-
scheitert. Hier liegt ein weiterer Unterschied zwi-
essant: Gegenläufig sind die Trends für die öffent-
schen unseren beiden Entwürfen. Wir meinen, daß
lichen, also für die kommunalen und die kirchlichen
die kleine Novellierung, die wir vorhaben, nicht
Büchereien. Bei den kirchlichen Büchereien gehen
mehr zustimmungspflichtig ist, während der Ent-
die Entleihziffern zurück oder stagnieren minde-
wurf der CDU davon ausgeht, daß das ein zustim-
stens. Das Verhältnis jetzt ist etwa 81,5 zu 15,5 Mil-
mungspflichtiges Gesetz sei. Ich denke, unser Stand-
lionen.
punkt ist rechtlich so abgesichert, daß er dann auch
als Beschluß in dritter Lesung im Plenum aner- Setzen wir nun eine Tantieme von 10 Pf pro Aus-
kannt werden wird. leihe an, wie Sie es ja auch vorgeschlagen haben,
dann kommen wir auf einen jährlichen Anspruch
Ein weiterer Unterschied liegt in folgendem der Autoren von 10 Millionen DM, wenn, Herr
Punkt. Der Entwurf der CDU ist insofern mißver- Dr. Schober, Ihre Kollegen, die Verleger, bereit
ständlich, als die jetzige Formulierung möglicher- sind, auf einen eigenen Anspruch, der eventuell aus
weise nur zuläßt, die öffentlichen Büchereien dann der Entleihung abgeleitet würde, zu verzichten.
zu erfassen, wenn sie gegen Entgelt ausleihen. Aber Darauf rechnen wir und dürfen das nach den ersten
heute fordern ja diese Büchereien zum größten Teil Äußerungen aus dieser Richtung wohl auch erwar-
keine Leihgebühren mehr. Das soll auch so bleiben, ten.
das soll sich sogar noch ausdehnen. Ich meine, daß (Abg. Dr. Schober: Das unterstellen wir!)
3650 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Raffert
— Sie unterstellen es, wir erhoffen es; aber wir Erstens. Wir müssen darauf sehen, daß auch die
werden dazu beitragen, daß das Verständnis auf Übersetzer zu ihrem Recht kommen. Bisher ist ja
jener Seite noch wächst. deren geistig-schöpferische Leistung materiell nur
ungenügend anerkannt worden.
10 Millionen DM scheint auf den ersten Blick ein
sehr hoher Betrag zu sein. Wir müssen aber z. B. Zweitens. Wir müssen prüfen — hier stimme ich
daran erinnern, daß es im Verhältnis zu dem, was mit den Überlegungen der von Herrn Dr. Schober
die Komponisten durch die GEMA erlösen können, vertretenen Gruppe überein —, ob nicht auch eine
die sie ja seit langen Jahren als ihre Verwertungs- Verbesserung im Hinblick auf die bildenden Künst-
gesellschaft haben, gar nicht so sehr viel ist. ler erreicht werden kann. Die Anhebung ihres An-
teils an den Veräußerungserlösen im Kunsthandel
Wir müssen weiter sehen, daß doch nur 50 %— und bei Auktionen ist wirklich notwendig. Auch die
ich will mich hier nicht auf zweimal 45 und einmal Herabsetzung der Grenze von 500 DM auf 100 DM,
10 %einstellen — auf den Sozialfonds kämen; das die in etwa dem Durchschnitt in der EWG entspräche
wären dann 5 Millionen DM. Daß es 50 %sein — in Frankreich liegt die Grenze bei 100 Francs —,
sollen, ist in unserem Entwurf nicht ausdrücklich würde unsere Zustimmung finden. Ich meine, daß
aufgeführt. Das Verwertungsgesellschaftsgesetz das durchsetzbar ist und entsprechende Vorschriften
schreibt ja vor, daß über eine Einnahme von 1 Mil- während der Ausschußberatungen in den Gesetz-
lion DM hinaus Verwertungsgesellschaften Sozial- entwurf eingefügt werden können.
fonds bilden müssen. Wir erwarten, daß die „Ver-
wertungsgesellschaft Wort" ihre Statuten noch Drittens. Auf den Fonds für die Künstlerhilfe beim
Bundespräsidenten können wir nicht verzichten. Ich
während der Gesetzesberatungen dahin gehend än-
meine aber nicht, daß dieser Fonds aus diesen Mit-
dert, daß sie sich verpflichtet, 50 %dorthin abzu-
teln gespeist werden sollte. Ich trete dafür ein, hier
führen. Das wäre eine Voraussetzung dafür, daß das
auf Haushaltsmittel zurückzugreifen, denn dieser
Gesetz in dieser Form das Haus passiert. Auch dann
würden die zur Verfügung stehenden 5 Millionen Fonds betrifft auch eine ganze Reihe von Künstlern,
Autoren, Urhebern aus Bereichen, die mit dieser
DM natürlich nicht ausreichen, um alle Autoren
Abgabe gar nicht erfaßt werden können; sie bringt
sozial voll zu sichern. Für die meisten wäre aber
auch keineswegs Sicherheit für alle.
der Anschluß an die Sozialversicherung möglich,
etwa durch eine 50prozentige Beteiligung an den (Abg. Dr. Schober: Darüber läßt sich reden!)
Beiträgen. Das wäre eine sehr überlegens- und Viertens. Die soziale Sicherung der Schriftsteller
wünschenswerte Entwicklung. Die Mittel müßten muß im Zusammenhang gesehen werden mit den
aber auch verwandt werden, um ältere Schriftsteller Absichten der Regierung und den Wünschen der sie
voll abzusichern und jüngeren Stipendien geben zu tragenden Fraktionen, die Alterssicherung für Jour-
können. nalisten aller Medien bei Presse und Rundfunk zu
Wie die Ausleihtantiemen aufgebracht werden sol- einem möglichst einheitlichen System umzugestal-
len — ein sehr delikates Thema —, wird in beiden ten und auszubauen. Größere soziale Sicherheit er-
Entwürfen nicht gesagt. Wir wollen ja auf keinen leichtert ja die Mobilität zwischen Buchverlagen,
Fall, daß sie auf die Leser abgewälzt werden. Das Zeitungsverlagen, Zeitschriftenverlagen, Rundfunk-
kann unser Wunsch nicht sein. Wir werden aber zu und Fernsehanstalten. Diese Mobilität der Journa-
diesem Punkt — wie übrigens auch zu allen ande- listen und Schriftsteller ist ja eine ganz wichtige
ren Absichten, die unsere Entwürfe beinhalten — die Voraussetzung für die Freiheit der Information, der
Betroffenen und Beteiligten bei einem öffentlichen Meinung und, wenn Sie so wollen, des Geistes. Da-
Anhörtermin hören. In dem Hearing der beteiligten zu wollen wir beitragen. Das ist die Grundabsicht
Ausschüsse können die Standpunkte dann klarge- unseres Entwurfs, der nun an die Ausschüsse zur
macht werden. Beratung geht, die wir ohne Hast, aber zügig durch-
zuführen gedenken.
Wir — und auch die Bundesregierung — halten
(Beifall.)
die Übernahme von Erfahrungen aus dem skandi-
navischen Modell für möglich. In Skandinavien über-
nimmt die öffentliche Hand, der Staat, diese Kosten. Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
Herren, die beiden Gesetzentwürfe sind begründet.
Was die Ansprüche der Werksbüchereien angeht, Ich eröffne die mit der Begründung verbundene
so rechnen wir darauf, daß der Musterprozeß, der Aussprache. Das Wort hat der Abgeordnete Moersch.
vor dem Bundesgerichtshof anhängig ist, in abseh-
barer Zeit zu einem Urteil führt, das uns Orientie- Moersch (FDP) : Herr Präsident, meine Damen
rungshilfen geben kann. Die hohen Richter können und Herren! Als Mutantragsteller kann sich die
uns die Gesetzgebung zwar nicht abnehmen, aber Fraktion der FDP der Begründung des Kollegen
wir sehen dann auf Grund des Urteils, wie die recht- Raffert vollinhaltlich anschließen.
liche Lage ist.
Lassen Sie mich zu dem Prinzip, um das es geht,
Über das hinaus, was in den Formulierungen und aber doch noch einige Anmerkungen machen. Hier
in der Begründung unserer Entwürfe zu den §§ 27, sind Zahlen genannt worden: ein Aufkommen von
46 und 62 des Urheberrechtsgesetzes gesagt worden insgesamt 10 Millionen DM im Jahr für die
ist, möchte ich zum Abschluß noch auf ein paar Autoren. Wenn man etwa die Kosten einer ein-
Punkte hinweisen, die wir bei der weiteren Bera- stündigen Fernsehproduktion im Showbusiness be-
tung des Gesetzes beachten müssen. trachtet, ist das eine kleine Summe. Die Mißver-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3651
Moersch
hältnisse in der Bewertung geistiger Leistungen einem Entgelt heranzuziehen, weil dann jene Unter-
werden deutlich, wenn man einmal die Zahlen ver- nehmer bestraft würden, die sich bereits bildungs-
gleicht. Eine Fernsehstunde kann 500 000 DM politisch eingesetzt haben. Als ob das Entgelt für
kosten. Das Gesamtaufkommen zusätzlicher Art für eine geistige Leistung eine Strafe sein könnte, als
Schriftsteller in der Bundesrepublik könnte pro Jahr ob hier in Deutschland wirklich noch jemandem
10 Millionen DM betragen, wobei wir noch einen klargemacht werden müßte — aber offensichtlich
umfangreichen Apparat aufbauen müßten, um muß man das —, daß eben das geistige Eigentum
dieses Geld überhaupt jemals in die Kasse zu be- genauso ein Eigentum ist wie das Eigentum an
kommen. Grund und Boden oder das materielle Eigentum an-
Ich sage das und weise hier auf das Fernsehen derer Art.
hin, nicht um irgend jemanden anzugreifen — daß (Abg. Rommerskirchen: Das muß der Ver
das so ist, ist eine Tatsache, mit der wir leben müs- leger weitgehend berücksichtigen!)
sen —, sondern weil ich meine, daß in vielen Be-
reichen unseres öffentlichen Lebens die Frage des — Herr Rommerskirchen, das auf die Verleger zu
geistigen Eigentums und ,der Leistung auf diesem schieben, ist deswegen nicht mehr so ganz neu, weil
Gebiet nicht besonders hoch eingeschätzt wird, auch seit Napoleon die Verleger bekanntlich immer in
nicht die Frage der Verpflichtung, die man etwa irgendeinem Verdacht stehen; der Korse ließ einen
diesen freien Berufen — die die wirklich freien Be- Verleger erschießen, wie Sie wissen. Inzwischen
rufe sind — gegenüber hat. hat sich aber herumgesprochen, daß es so einfach
nicht geht, um die Probleme zu lösen.
Jüngst hat eine öffentlich-rechtliche Rundfunk-
anstalt durch den Verwaltungsdirektor aus Gründen Wenn hier ein Anspruch der Autoren begründet
angeblich notwendiger Einsparungen ihre Mitglied- wird, dann einfach deswegen, weil sonst die Frage
schaft in einer Stiftung gekündigt, die sich in be- der Abwälzbarkeit entsteht. Da aber beißen be-
scheidenem Maße solcher sozialen Härtefälle bei kanntlich den Letzten die Hunde. Das war im Zwei-
Autoren annimmt, der Deutschen Friedrich-Schiller- fel immer der Autor. Deswegen wollen wir den
Stiftung. Es handelt sich bei dem Betrag, den diese Autor hier besser sichern und wollen keine Kom-
Anstalt bisher pro Jahr für diese Stiftung aufge- plikationen anderer Art einführen. Es geht darum,
bracht hat, um 20 DM. Das sind die Tatsachen, mit daß geistiges Eigentum voll gilt.
denen wir anscheinend leben müssen.
Das ist nicht nur eine materielle Frage; denn am
Ich begrüße es außerordentlich, daß der Bundes-
Ende sind die Beträge, um die es hier geht — ich
präsident in der kommenden Woche eine Reihe von
habe die Summen genannt —, nicht sehr groß; die
Schriftstellern und Künstlern zu sich eingeladen
hat, um mit ihnen diese Fragen ihrer sozialen Siche- könnte man in der Tat auf andere Weise aufbringen.
Es geht vielmehr darum, daß die Gesellschaft selbst
rung und des Verhältnisses von Geist und Geld,
- respektiert, daß die geistige Leistung anderer, die
wenn man einmal so sagen darf, an praktischen Bei-
man in Anspruch nimmt, zu honorieren ist, daß sie
spielen zu besprechen. Das wird dann hoffentlich
bezahlt werden muß wie jede andere Leistung auch,
auch auf die öffentliche Meinung einwirken.
daß man nicht von anderen erwarten kann, daß sie
Was nun die öffentliche Meinung betrifft — oder einem diese Leistung unentgeltlich zur Verfügung
das, was man an Meinungen über das Recht eines stellen.
Autors auf geistiges Eigentum gelegentlich mitge-
teilt bekommt —, so ist der Briefeingang nach der Dabei sind wir uns als Antragsteller darüber im
Veröffentlichung unserer Gesetzentwürfe eine sehr klaren, daß die Möglichkeit der vollkommenen
erhellende Sache. Da gibt es z. B. die Stellungnahme Gerechtigkeit durch die rein rechtliche Regelung in
der Werksbüchereien. In dieser wird einfach impli- einem solchen Gesetz in umgekehrtem Verhältnis
ziert, daß die Autoren sozusagen die Pflicht hätten, zu der praktischen Anwendbarkeit eines solchen
mit ihrem geistigen Eigentum zur Bereicherung an- Gesetzes steht, weil der Verwaltungsaufwand ver-
derer beizutragen, ohne daß sie deswegen ohne hältnismäßig groß ist. Das dürfte man auch schon
weiteres auch einen Anspruch haben könnten, dafür bei der Musikverwertungsgesellschaft festgestellt
materiell entschädigt zu werden. Das sollen sie also haben.
offensichtlich für Gotteslohn tun. In diesen Fällen (Abg. Dr. Schober: Das muß man klein
ist das zum Leben manchmal etwas wenig, gerade halten!)
für Schriftsteller.
Es wird hier etwa gesagt, daß sich die Werks- — Ja, man muß es klein halten. Nur, Herr Dr.
büchereien, deren Verdienste ich keineswegs schmä- Schober, so ganz exakt geht das nicht. Das haben
lern möchte, von sozialen Erwägungen und nicht Sie schon bezüglich der Tonbandgeräte, bei der Ver-
von Gewinnstreben leiten lassen. Nun, von solchen wertung geistigen Eigentums anderer auf diesem
Worten können die Betroffenen nicht essen. Was Gebiet, gesehen. Wir haben das in vielen Fällen.
heißt hier „soziale Erwägungen"? Das heißt: auf Wir sind uns also darüber im klaren, daß es sich
Kosten anderer, und das nenne ich eine feine Art hier im wesentlichen sozusagen um einen mehr
von sozialer Einstellung. Aber solches Denken ist moralischen Beitrag zur allgemeinen Gerechtigkeit
weit verbreitet, und die Petenten haben das ganz gegenüber den Urhebern von Werken als um eine
arglos niedergeschrieben. materiell voll befriedigende Regelung handelt, die
wir ohnedies nicht erreichen können.
Und dann wird uns mitgeteilt, es wäre schon
deswegen falsch, die Werksbüchereien hier zu (Abg. Dr. Schober: Das ist richtig!)
3652 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Moersch
Wir sind uns also der Unfertigkeit unseres Tuns mit wenigen Ausnahmen —, an jene nämlich, die
durchaus bewußt. Wir glauben aber, daß es auch zur durch den Schutz des geistigen Eigentums von einer
Information der Öffentlichkeit über das Wesen gei- freien Gesellschaft respektiert werden wollen.
stigen Eigentums dringend notwendig ist, daß man
In diesem Sinne sollten wir die Beratung der Ge-
gerade wegen der Schulbücher die beantragten Ge- setzesnovelle in den Ausschüssen vornehmen und
setzesergänzungen vornimmt, damit der Eindruck
sollten dafür sorgen, daß die restriktiven Bestim-
verwischt wird, hier könne man sich z. B. bei be-
mungen, die damals bei der Novellierung durch die
stimmten Personen unter dem Stichwort der sozialen Einwirkung des Bundesrates mit hineingekommen
Erwägungen leicht bedienen. Es hat mir nie einge- sind, diesmal entfallen.
leuchtet, daß die Kultusministerien im Bundesrat bei (Beifall.)
der Novellierung des Urheberrechts ausgerechnet
die Schulbuchautoren sozusagen unter Ausnahme-
recht stellen konnten und gestellt haben. Das er- Vizepräsident Dr. Jaeger: Wird weiterhin
mutigt einen lebenden Schriftsteller natürlich nicht das Wort gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Ich
gerade, so zu schreiben, daß er in Schulbücher auf- schließe die Aussprache.
genommen wird. Eine solche Ermutigung wäre schon
Ich schlage Ihnen vor, beide Gesetzentwürfe an
allein deswegen nützlich, weil man in Schulbücher
den Rechtsausschuß — federführend — und an
nur allgemeinverständliche Texte aufnehmen kann.
den Ausschuß für Bildung und Wissenschaft sowie
Ich habe nie begriffen, daß man in den Kultusmini-
an den Innenausschuß — mitberatend — zu über-
sterien rein materielle Erwägungen vorangestellt
weisen. — Widerspruch erfolgt nicht; es ist so be-
hat, obwohl es sich doch wirklich nicht um große schlossen.
Summen handelt.
Uns ist damals entgegengehalten worden: Wenn Meine Damen und Herren, ich rufe nun als letzten
ihr die Schulbuchautoren rechtlich gleichstellt, wer- Punkt der Tagesordnung den Zusatzpunkt auf:
den die Schulbuchverleger, was ich nicht hoffe und Beratung des Schriftlichen Berichts des Aus-
auch nicht glaube, auf längst verstorbene Schriftstel- schusses für Wirtschaft über die
ler zurückgreifen, und dann wird eben in den Schul- Verordnung zur Änderung des Deutschen
büchern wieder jene Idylle von den zwar armen aber Teil-Zolltarifs (Nr. 14/70 — Waren der EGKS
reinlichen Menschen entstehen, der, aus dem Beginn 2. Halbjahr 1970)
des 19. Jahrhunderts stammend, hier sein Wesen
treibt, solange solche Darstellungen in jedem Fall Verordnung zur Änderung des Deutschen
honorar- und tantiemenfrei sind. Das will ich nicht Teil-Zolltarifs (Nr. 13/70 — 2. Verlängerung
hoffen und auch nicht befürchten. Hoffentlich wer- der Zollaussetzungen für Stahlerzeugnisse)
den auch die betroffenen Kultusverwaltungen dafür — Drucksachen VI/ 1131, V/1132, VI/1157 —
sorgen, daß nicht nur gut abgelagerte Beiträge, son- Berichterstatter: Abgeordneter Unland
dern auch Beiträge von lebenden Schriftstellern in
den Schulbüchern erscheinen. Das müßte man bei Ich danke dem Berichterstatter für seinen schrift-
dieser Gelegenheit noch erreichen können. Ich will lichen Bericht.
also dieses mögliche Augument gleich zurückweisen. Wird das Wort gewünscht? — Das ist nicht der
Die Besetzung dieses Hauses — das ist kein Vor- Fall. Ich lasse über den Ausschußantrag, den Ver-
wurf für die Anwesenden; es ist wie in der Kirche: ordnungen auf den Drucksachen VI/1131 und VI/1132
man kann nicht die Anwesenden für die Abwesen- zustimen,ab .Wrdmzusti,en
den haftbar machen — um diese Zeit ist sozusagen bitte ich um das Handzeichen. — Ich bitte um die
ortsüblich und bekannt. Nur würde ich diejenigen Gegenprobe. — Keine Gegenstimmen. Stimmenthal-
Kollegen, die sich sonst gern mit nahrhaften Dingen, tungen? — Keine Enthaltungen. Einstimmig ange-
mit materiellen Fragen beschäftigen und die in allen nommen.
wirtschaftlichen Fragen außerordentlich gewandt Meine Damen und Herren, wir stehen am Ende der
sind, bitten, vielleicht ein bißchen das Protokoll auch heutigen Tagesordnung. Ich berufe die nächste Sit-
der letzten Beratungen über solche Fragen nachzu- zung des Deutschen Bundestages auf Mittwoch, den
lesen, um zu erkennen, daß man, wenn man das 23. September, 9 Uhr ein.
Eigentum in einer freien Gesellschaft verteidigen
will, eben auch an jene denken muß, die nicht von Die Sitzung ist geschlossen.
der Vermögensteuer betroffen sind — dafür garan-
tiert normalerweise die Honorierung von Autoren, (Schluß der Sitzung: 12.20 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3653
zurückgestellt worden ist, sieht einen stufenweisen gen außergewöhnlicher Belastung würde eine Än-
Abbau der Ergänzungsabgabe vor. Sobald die kon- derung des Einkommensteuergesetzes voraussetzen.
junkturelle Lage eine Verabschiedung dieses Steuer- Es müßte abweichend von der ständigen höchst-
änderungsgesetzes zuläßt, würde die Ergänzungs- richterlichen Finanzrechtsprechung bestimmt wer-
abgabe also in zwei Stufen auslaufen. den, daß auch jede sittlich gebotene materielle Un-
Für die Finanzierung im Bereich der Bildung und terstützung zwangsläufig geleistet wird. Eine solche
Wissenschaft müssen aber weitere Mittel zur Ver- Maßnahme hält die Bundesregierung nicht für ver-
fügung stehen, so daß dann für höhere Einkommen tretbar.
eine neue — allerdings ebenfalls befristete — Sie würde dazu führen, daß im Besteuerungsver-
Ergänzungsabgabe eingeführt werden müßte. fahren alle Opfer, die der einzelne für notleidende
Mitmenschen erbringt, im Ergebnis teilweise auf die
Allgemeinheit überwälzt würden. Dies würde letzt-
lich auch zur Folge haben, daß weithin Spenden für
mildtätige und karitative Zwecke über die Berück-
Anlage 3
sichtigung als außergewöhnliche Belastung steuer-
lich unbeschränkt abzugsfähig wären, obwohl § 10 b
Schriftliche Antwort des Einkommensteuergesetzes die Berücksichtigung
nur unter besonderen Voraussetzungen und in be-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
schränktem Umfang zuläßt.
vom 17. September 1970 auf die Mündlichen Fragen
des Abgeordneten Roser (Drucksache VI/1138 Fragen
A 9 und 10) :
Ist der Bundesregierung bekannt, daß freiwillige Unterhalts-
leistungen für bedürftige Kinder in den Entwicklungsländern, Anlage 4
wenn überhaupt, nur im Rahmen der Spendenabzüge steuerlich
berücksichtigt werden?
Schriftliche Antwort
Ist die Bundesregierung bereit, diese auf privater Initiative
beruhende Entwicklungshilfe durch entsprechende steuerliche Be-
günstigung zu fördern? des Bundesministers Ertl vom 18. September 1970
auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten
Der Bundesregierung ist bekannt, daß freiwillige Baron von Wrangel (Drucksache VI/ 1138 Fragen
Unterhaltsleistungen für bedürftige Kinder in Ent- A 26 und 27) :
wicklungsländern, wenn überhaupt, grundsätzlich
nur im Rahmen der Spendenabzüge steuerlich be- Was hat die Bundesregierung unternommen, um Qualitäts-
weizen in die Bundesreserve aufzunehmen?
rücksichtigt werden.
Zu einer Steuerermäßigung wegen außergewöhn- Welche Maßnahmen hat man im Hinblick auf die Versorgung
der deutschen Mühlenindustrie für spätere Termine (Januar bis
licher Belastung können Unterhaltsaufwendungen Juni 1971) mit diesem europäischen Spitzenweizen ergriffen?
für Personen, für die der Steuerpflichtige keinen
Bei Fortbestehen der gegenwärtig geltenden, rela-
Kinderfreibetrag erhält, nur führen, wenn sie
tiv hohen Marktpreise, die schon für Standardquali-
zwangsläufig erwachsen. Diese Voraussetzung ist
tät bis zu 25 DM/t über den Interventionspreisen
nach der ständigen höchstrichterlichen Finanzrecht-
liegen, beabsichtigt die Bundesregierung nicht,
sprechung in solchen Fällen lediglich dann erfüllt,
Qualitätsweizen aus der eigenen Ernte in die Bun-
wenn der Steuerpflichtige sich auf Grund besonderer
desreserve aufzunehmen.
Verhältnisse im Einzelfall zur Hilfeleistung ver-
pflichtet fühlen kann. Solche besonderen Verpflich- Die Versorgung mit qualitativ hochwertigem Wei-
tungsgründe sind bei freiwilligen Unterhaltsleistun- zen auf dem Markt ist Sache der Mühlen selbst.
gen für bedürftige Kinder in Entwicklungsländern,
wenn nicht weitere Umstände den Zwang zur Hilfe- Die Bundesregierung hat den Mühlen zu Beginn
leistung unabweisbar machen, nicht gegeben. Die der diesjährigen Ernte eindringlich empfohlen, sich
allgemeine sittliche Verpflichtung, notleitenden Mit- rechtzeitig durch den Abschluß langfristiger Ver-
menschen zu helfen, reicht nicht aus, um eine Steuer- träge zu versorgen, denn langfristige Verträge kön-
ermäßigung wegen außergewöhnlicher Belastung nen entscheidend zu einem ausgeglichenen Markt-
zu gewähren, so anerkennenswert auch die Haltung verlauf beitragen.
dessen ist, der entsprechend dieser allgemeinen sitt-
lichen Verpflichtung handelt.
Die bezeichneten Unterhaltsleistungen stellen
aber Ausgaben für mildtätige Zwecke dar. Sie kön-
nen deshalb als Spenden abzugsfähig sein, wenn Anlage 5
der Empfänger der Zuwendung eine inländische
Körperschaft des öffentlichen Rechts, eine inlän- Schriftliche Antwort
dische öffentliche Dienststelle oder eine mildtätigen
Zwecken dienende inländische Körperschaft ist. Aus des Bundesministers Ertl vom 18. September 1970
der Spendenbescheinigung muß der Verwendungs- auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Höcherl
zweck der Spende hervorgehen. (Drucksache VI/ 1138 Frage A 28) :
Eine weitergehende steuerliche Begünstigung Ist die Bundesregierung bereit, zur Konsolidierung des deut-
schen Obstmarktes Maßnahmen zu ergreifen, wie sie der „Bun-
durch die Gewährung einer Steuerermäßigung we- desausschuß für Obst und Gemüse" erarbeitet hat?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3655
Die Anfrage des Herrn Kollegen Höcherl ist Be- Eine Förderungsschwelle, wie sie in dem jetzigen
standteil der Vorschläge für Sofortmaßnahmen, die Entwurf des Einzelbetrieblichen Förderungs- und so-
mir der Bundesausschuß für Obst und Gemüse in zialen Ergänzungsprogramms für die Land- und
seiner Darstellung über die wirtschaftliche Lage der Forstwirtschaft vorgesehen ist, besteht in den Mit-
Obstbaubetriebe der Bundesrepublik Deutschland gliedstaaten der EWG nicht, jedoch verlangen alle
1969/70 mit Schreiben vom 7. August 1970 unterbrei- Mitgliedstaaten wenn auch unterschiedliche, zum
tet hat. Diese Vorschläge werden derzeit in meinem Teil strenge Förderungsvoraussetzungen.
Hause eingehend geprüft; mit einer Stellungnahme
ist in. Kürze zu rechnen.
Im übrigen verweise ich auf die Beantwortung
der Kleinen Anfrage des Abgeordneten Bremer und Anlage 8
Genossen am 1. Juli 1970 (Drucksache VI/1020).
Schriftliche Antwort
politischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden soll- Der Deutsche Bundestag hat gestern den Entwurf
ten, um die Landwirtschaft über eine gewisse Er- eines Wohngeldgesetzes in erster Lesung beraten
höhung der Verkaufserlöse zur Selbsthilfe im An- und den Entwurf den Ausschüssen überwiesen. Auch
passungsprozeß zu befähigen. die Bundesregierung hält es für erforderlich, daß
Zur Zeit gibt es auf dem Zuckersektor der Gemein- das neue Wohngeldgesetz am 1. Januar 1971 in
schaft strukturelle Überschüsse, die nur unter Auf- Kraft tritt. Sie wird alles in ihren Kräften Stehende
wendung ganz erheblicher Mittel beseitigt werden tun, um die Beratungen in den gesetzgebenden
können. Dieser Umstand hat die Kommission und Körperschaften so zu unterstützen, daß dieses Ziel
andere Mitgliedstaaten veranlaßt, eine Preissenkung erreicht werden kann.
bei Zuckerrüben vorzuschlagen. Eine aktive Preis- Der Bundesregierung ist bekannt, daß die Um-
politik wird in Brüssel daher erst dann durchzuset- stellung auf das neue Recht eine gewisse Zeit in
zen sein, wenn durch geeignete Maßnahmen ein Anspruch nehmen wird. Auch sie hält es für zweck-
Gleichgewicht auf dem Zuckermarkt hergestellt ist. mäßig, zwischen Verkündung und Inkrafttreten des
Gesetzes eine ausreichende Umstellungsfrist vor-
zusehen. Bei einer zügigen Beratung des Gesetz-
entwurfs müßte dieses Ziel zu erreichen sein.
Anlage 7
Schriftliche Antwort
Anlage 9
des Bundesministers Ertl vom 18. September 1970
auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Ehnes
Schriftliche Antwort
(Drucksache VI/1138 Fragen 30 und 31) :
Kann die Bundesregierung darüber Auskunft geben, oh in des Parlamentarischen Staatssekretärs Ravens vom
anderen Mitgliedsländern der EWG landwirtschaftliche Förde-
rungsmaßnahmen durchgeführt werden, die denen des im Ent-
18. September 1970 auf die Mündliche Frage
wurf eines einzelbetrieblichen Förderungs- und sozialen Ergän- des Abgeordneten Weigl (Drucksache VI/1138
zungsprogramms für die Land- und Forstwirtschaft aufgeführten
entsprechen? Frage A 75):
Kann die Bundesregierung darüber Auskunft geben, ob vor Wird die Bundesregierung durch die Zurückstellung weniger
allem die im Förderungsprogramm vorgesehene Zielschwelle in wichtiger Bauvorhaben gemeinsam mit den Ländern einen Bei-
anderen Mitgliedstaaten der EWG praktiziert wird? trag zur Bekämpfung der Inflation der Baupreise leisten?
In allen Mitgliedstaaten der EWG bestehen land- In seiner Sitzung am 27. August 1970 hat das
wirtschaftliche Förderungsmaßnahmen, die mit den Bundeskabinett ein ganzes Bündel — in ihren Ein-
bisher in der Bundesrepublik bestehenden und den zelbereichen aufeinander abgestimmter — legis-
im Einzelbetrieblichen Förderungs- und sozialen lativer und administrativer Maßnahmen beschlossen,
Ergänzungsprogramm für die Land- und Forstwirt- die der derzeitigen Entwicklung am Wohnungs-
schaft vorgesehenen Maßnahmen vergleichbar sind. markt, vor allem aber der besorgniserregenden
3656 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
Steigerung der Baupreise, entgegenwirken sollen. Treffen Pressemeldungen zu, nach denen das Auswärtige Amt
beabsichtgt, afrikanischen Kritikern des Cabora - Bassa - Staudamm-
Dazu gehören vor allem auch Maßnahmen bautech- projektes für eine positive oder zurückhaltende Beurteilung Kre-
dithilfen bereitzustellen?
nischer und bauwirtschaftlicher Art, um zu gewähr-
leisten, daß alle kostensenkenden Rationalisierungs- Die Bundesregierung vermutet, daß es sich bei den
möglichkeiten ausgeschöpft werden. genannten Pressemeldungen um eine in der „Zeit"
vom 11. September wiedergegebene Darstellung
Darüber hinaus hat die Bundesregierung den
handelt, die dort als Gerücht gekennzeichnet wor-
Bundesminister für Städtebau und Wohnungs-
den ist. Dieses Gerücht ist ohne Grundlage. Es ist
wesen im Einvernehmen mit dem Bundesminister
nie die Absicht der Bundesregierung gewesen und
der Finanzen mit der Koordinierung des Einsatzes
es wird auch künftig nicht die Absicht der Bundes-
von Bundesmitteln für den Hochbau beauftragt. Es
regierung sein, Kritik, die von Dritten an Entschei-
geht jetzt darum, weitere Vorschläge zu erarbeiten,
dungen der Bundesregierung oder an Entscheidun-
um die Möglichkeiten einer solchen Koordinierung
gen von Privatfirmen in Deutschland geübt wird,
voll auszuschöpfen. Dabei wird es vor allem auch
mit Kapitalhilfemaßnahmen zu beschwichtigen.
um die zeitliche Koordinierung der Vergabe öffent-
licher Bauvorhaben gehen, und es wird unter diesem Im übrigen verweise ich darauf, daß die Rahmen-
Gesichtspunkt zu prüfen sein, ob die Vergabe planung der Bundesressorts für die bilaterale Kapi-
öffentlicher Bauvorhaben unter konjunkturellen talhilfe, die unter der Federführung des Bundes-
Aspekten und unter dem Gesichtspunkt der gleich- ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
mäßigen ganzjährigen Auslastung der Baukapazi- erfolgt, für das Jahr 1970 abgeschlossen ist und zu-
täten terminiert werden kann. sätzliche, über diese Rahmen hinausgehende, Zu-
sagen auch aus diesem Grunde nicht möglich sind.
Die Bundesregierung wird sich darüber hinaus
bemühen, in dieser Richtung auch auf die übrigen
Gebietskörperschaften einzuwirken.
Anlage 12
Anlage 11 Anlage 13
Schriftliche Antwort Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretärs Moersch vorn des Bundesministers Genscher vom 15. September
18. September 1970 auf die Mündliche Frage des 1970 auf die Schriftlichen Fragen des Abgeordneten
Abgeordneten Kiep (Drucksache VI/ 1138 Frage A 83) : Walkhoff (Drucksache VI/ 1138 Fragen B 2 und 3) :
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3657
im Hinblick darauf bereit, einen Gesetzentwurf einzubringen, tur Ostbayern die gleichen Präferenzen wie für Berlin einzufüh-
der ein absolutes Kündigungs- und Mietpreiserhöhungsverbot für ren (siehe Bericht über eine Pressekonferenz des DGB am
alle über 75 Jahre alten Mieter so lange vorsieht, bis ein aus- 24. Juli 1970 in Cham), einlösen?
reichendes Angebot würdiger Alters- und Pflegeheime im Bun-
desgebiet vorhanden ist? Kann mit einer Initiative der Bundesregierung gerechnet wer-
den, die in Berlin bewährten zinsgünstigen Familiengründungs-
Die Berichte im Spiegel vom 20. Juli 1970 und darlehen auch im übrigen Bundesgebiet zu ermöglichen?
im Stern vom 16. August 1970 über Kündigungen Die Bundesregierung hat stets die Auffassung
von Mietverhältnissen, insbesondere gegenüber vertreten, daß die Nachteile, die sich aus den be-
älteren Mietern, sind der Bundesregierung bekannt. sonderen politischen und wirtschaftlichen Verhält-
Nach § 556 a BGB kann der Mieter der Kündigung nissen in Berlin (West) ergeben mit den erschwerten
eines Mietverhältnisses über Wohnraum widerspre- wirtschaftlichen Verhältnissen in förderungsbedürf-
chen und die Fortsetzung des Mietverhältnisses ver- tigen Regionen des übrigen Bundesgebiets nicht
langen, wenn die vertragsmäßige Beendigung des vergleichbar sind und daß daher ein Präferenzvor-
Mietverhältnisses für ihn oder seine Familie eine sprung Berlins auch gegenüber dem förderungs-
Härte bedeuten würde, die auch unter Würdigung bedürftigen Regionen des übrigen Bundesgebiets
der berechtigten Interessen des Vermieters nicht zu gerechtfertigt und erforderlich ist. An diesem Stand-
rechtfertigen ist. Durch diese Vorschrift wird es je punkt hält die Bundesregierung unverändert fest.
nach den Umständen. des Einzelfalls ermöglicht, das Sie hat daher niemals, auch nicht gegenüber dem
Mietverhältnis zu verlängern, wenn der Mieter DGB-Landesbezirk Bayern, eine Zusage gegeben,
infolge hohen Alters schutzbedürftig ist. Ein abso- in Ostbayern die gleichen Präferenzen wie in Berlin
lutes Kündigungsverbot bei alten Mietern würde (West) einzuführen. Soweit ich feststellen konnte,
zu weit gehen, da Fälle denkbar sind, in denen ist eine solche Zusage auch in der Pressekonferenz
auch solche Mieter keines besonderen Schutzes be- des DGB-Landesbezirks Bayern am 23. Juli 1970
dürfen — etwa weil sie noch besonders rüstig oder nicht behauptet worden.
weil sie wohlhabend sind — oder in denen berech- Auch die Familiengründungsdarlehen finden ihre
tigte Interessen des Vermieters die Beendigung des Begründung in der besonderen Situation von Berlin.
Mietverhältnisses rechtfertigen. Sie sollen insbesondere dazu beitragen, eine Ab-
Ebenso dürfte es zu weit gehen, Mietpreiserhö- wanderung junger Arbeitskräfte aus Berlin zu ver-
hungen gegenüber alten Mietern absolut zu ver- hindern sowie Arbeitskräfte nach Berlin zu führen
bieten. Ein solches starres Verbot, das allein auf das und dort seßhaft zu machen. Die Bundesregierung
Alter des Mieters abstellen würde, könnte mit Här- beabsichtigt in absehbarer Zeit nicht, eine Initiative
ten nicht nur für den Vermieter, sondern auch für zur Ausweitung der Förderungsmaßnahmen auf das
den Mieter verbunden sein; denn es könnte die gesamte Bundesgebiet zu ergreifen. Sie ist aller-
Bereitschaft, an alte Menschen zu vermieten, erheb- dings auf Grund der bisher in Berlin mit den Fami-
lich beeinträchtigen. Im Hinblick darauf, daß sich die liengründungsdarlehen gesammelten Erfahrungen
genannten Presseberichte wohl besonders auf Alt- bereit, zu überprüfen, ob und inwieweit ähnliche
bauwohnungen in Hamburg beziehen, bemerke ich Regelungen geeignet sind, zu der von der Bundes-
im übrigen, daß dort für derartige Wohnungen regierung erstrebten besonderen Förderung der
— ausgenommen solche mit 6 oder mehr Wohnräu- jungen Ehe und Familie beizutragen. Dabei werden
men einschließlich Küche — noch Mietpreisbindung auch die erheblichen finanziellen Auswirkungen zu
bestehen. bedenken sein.
Die Bundesregierung beabsichtigt aus den ge-
nannten Gründen gegenwärtig nicht, einen Gesetz-
entwurf des von Ihnen erwähnten Inhalts einzubrin- Anlage 17
gen. Sie hat sich aber am 27. August 1970 im Grund-
satz für gewisse Maßnahmen ausgesprochen, durch Schriftliche Antwort
welche die Rechtsstellung des Mieters verbessert
und ungerechtfertigten Mietpreissteigerungen im des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
Rahmen des Möglichen allgemein entgegengewirkt vom 16. September 1970 auf die Schriftliche Frage
werden soll. des Abgeordneten Pieroth (Drucksache VI/ 1138,
Frage B 9) :
Ihre Frage bezüglich der finanziellen Unterstüt-
Hat die Bundesregierung bedacht, daß die beabsichtigte Strei-
zung des Baues von Alters- und Pflegeheimen wird chung der 50%igen Sektsteuerrückvergütung bei Verarbeitung
der Herr Bundesminister für Städtebau und Woh- von mehr als 75 % deutscher Grundweine (§ 10 Schaumwein-
steuergesetz) wahrscheinlich als Erlösminderung auf viele klei-
nungswesen. beantworten. nere Winzer durchschlagen wird, die ausschließlich oder zu einem
hohen Anteil ihre Weine an Sektkellereien liefern, und was
gedenkt die Bundesregierung zu tun, um den dadurch entstehen-
den Nachteil, der viele der betroffenen Winzer in der gegen-
wärtigen unsicheren Situation des deutschen Weinbaues beson-
ders hart treffen wird, auszugleichen?
Anlage 16
Die Bundesregierung hatte der EWG-Kommission
Schriftliche Antwort
1967 auf deren wiederholtes Drängen, § 10 Schaum-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl weinsteuergesetz zu beseitigen, mitgeteilt, daß sie
vom 15. September 1970 auf die Schriftlichen Fra- die Aufrechterhaltung dieser Vorschrift bis zum
gen des Abgeordneten Weigl (Drucksache VI/ 1138, Wirksamwerden der EWG-Weinmarktordnung für
Fragen B 7 und 8) : dringend notwendig halte. Die EW-Weinmarktord-
nung ist in ihren wesentlichen Vorschriften am
Bis wann
B- wird die Bundesregierung die dem bayerischen DG
Landesbezirksvorsitzenden Wilhelm Rothe gegebenen Zusagen, 1. Juni 1970 wirksam geworden. Die Beseitigung
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3659
des § 10 Schaumweinsteuergesetz läßt sich daher Dazu bedarf es jedoch noch des Einverständnisses
nicht mehr vermeiden. Ein Beschluß der Bundes- der belgischen Zollverwaltung; denn die Offnungs-
regierung über die Beseitigung ist allerdings noch zeiten der sich gegenüberliegenden Grenzzollstellen
nicht gefaßt worden. Es liegt bisher nur ein vor- werden stets aufeinander abgestimmt, um Stauun-
läufiger Referentenentwurf vor, der die Streichung gen und Leerlauf zu vermeiden. Die Verhandlungen
der in Rede stehenden Vorschrift vorsieht. mit der belgischen Zollverwaltung sind noch nicht
In einem überarbeiteten Entwurf ist vorgesehen, abgeschlossen.
die Erstattung noch für inländischen Grundwein zu Mit Inkrafttreten dieser Regelung sollen die Be-
gewähren, der im Jahre 1971 auf genußfertigen fugnisse der Zollämter Aachen-Bildchen, Aachen
Schaumwein verarbeitet werden wird. Hierdurch Köpfchen, Horbach und Vaalserquartier im Güter-
wäre gewährleistet, daß Wein aus der Ernte des verkehr eingeschränkt werden, um diese Ämter zu
Jahres 1970 noch unter den bisherigen Verhältnissen entlasten. Als Folge wird auch eine Verkehrsent-
von den Sektkellereien verarbeitet werden kann. lastung der Aachener Innenstadt zu erwarten sein.
Es wird nicht verkannt, daß die Streichung der Die Zustimmung der niederländischen und der
Schaumweinsteuererstattung nachteilige Folgen ha- belgischen Zollverwaltung zu dieser Maßnahme
ben kann. Sollten solche Nachteile auftreten, sind liegen ebenfalls noch nicht vor.
zu deren Milderung nach der EWG-Weinmarktord-
nung, auch für kleinere Winzer, Maßnahmen auf
Gemeinschaftsebene vorgesehen. Danach können für
jede Tafelweinart kurzfristige Lagerbeihilfen ge- Anlage 19
zahlt werden, wenn der Auslösungspreis für die be-
treffende Weinart unterschritten wird. Langfristige Schriftliche Antwort
Lagerbeihilfen werden gewährt, wenn sich zu Be-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Rohde vom
ginn eines Wirtschaftsjahres ergibt, daß die verfüg-
15. September 1970 auf die Schriftliche Frage des
bare Menge Tafelwein den voraussichtlichen Ge-
Abgeordneten Glombig (Drucksache VI/1138 Frage
samtbedarf um mehr als eine bestimmte Verbrauchs-
B 11):
menge überschreitet.
Ist die Bundesregierung bereit, eine Änderung der Reichs-
Sollten diese Maßnahmen zur Preisstabilisierung versicherungsordnung (RVO) zu veranlassen, wonach der Bun-
desminister für Arbeit und Sozialordnung durch Rechtsverord-
nicht ausreichen, erläßt der Rat der Europäischen nung mit Zustimmung des Bundesrates zulassen kann, daß der
Gemeinschaften die erforderlichen Vorschriften für Mitgliederkreis und der Bezirk einer Ersatzkasse geändert wer-
den, wenn sich die Berufsbilder von Mitgliedern gewandelt
die Destillation von Tafelwein. Außerdem kann der oder sich verwandte Berufe gebildet haben, die Verwaltungs-
Rat beschließen, daß — soweit dies für die Stützung bezirke, für die die Kasse zugelassen ist, neu abgegrenzt wur-
den oder der Mitgliederkreis einer Ersatzkasse bei der „Neu-
des Tafelweinmarktes erforderlich ist — auch für gliederung" der Angestelltenverbände im Jahre 1933 auf Grund
des Gesetzes über die Zulassung von Ersatzkassen der Kranken-
andere Weine. z. B. Qualitätsweine, Interventions- versicherung vom 5. Dezember 1933 eingeengt worden ist?
maßnahmen getroffen werden. -
Die Bundesregierung beabsichtigt, den von Ihnen
genannten Fragenkreis mit der zur Weiterentwick-
lung der Krankenversicherung gebildeten Sachver-
Anlage 18 ständigenkommission zu erörtern, in deren Arbeits-
katalog er enthalten ist. In diese Erörterung werden
Schriftliche Antwort sicher auch die Probleme einbezogen werden, die
Sie im einzelnen genannt haben. Ich bitte Sie um
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
Verständnis dafür, daß ich diesen Beratungen nicht
vom 15. September 1970 auf die Schriftliche Frage vorgreifen kann.
des Abgeordneten Koenig (Drucksache VI/1138 Fra-
ge B 10) : Ich werde die Kommission im übrigen von dem
Sachverhalt, der sich in Ihrer Frage ausdrückt, unter-
Gedenkt die Bundesregierung im Zusammenhang mit der E r-
öffnung des neuen Zollamtes Aachen-Nord, das im Tag- und richten.
Nachtdienst im Dezember 1970 zur Abfertigung des Warenver-
kehrs über die deutschniederländische Grenze in Betrieb genom-
men wird, auch das Autobahnzollamt Aachen-Süd (Lichtenbusch)
en der deutsch-belgischen Grenze rund um die Uhr zu öffnen
und die Warenabfertigung auf den bisherigen kleinen Grenz-
übergängen zu reduzieren, um damit neben einer besseren Aus- Anlage 20
lastung des modernen Autobahnzollamtes Lichtenbusch auch die
Aachener Innenstadt von dem Warendurchgangsverkehr zu ent-
lasten? Schriftliche Antwort
Nach Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Teile dieses Films, die insbesondere die Früh-
Rheumatologie ist die Gründung einer „Deutschen erkennung des weiblichen Genital- und Brustkrebses
Rheumaliga" beabsichtigt, die sich über die medizi- behandeln, wurden vom Zweiten Deutschen Fern-
nischen Fragen hinaus mi t allgemeinen und sozialen sehen in der Sendung „Medizin im Gespräch" ge-
Problemen der Rheumakranken befassen soll. Wäh- zeigt. Der Film steht ferner den Regionalprogram-
rend eines Kolloquiums, das anläßlich des im Oktober men zur Verfügung und wurde zum Beispiel vom
1970 stattfindenden Jahreskongresses der Deutschen Saarländischen Rundfunk bereits ausgewertet.
Gesellschaft für Rheumatologie abgehalten wird, Über das Zweite Deutsche Fernsehen konnten
sollen Aufgaben und Struktur dieser „Rheumaliga" Fernsehspots mit den 7 Warnzeichen vor Krebs
diskutiert werden. insgesamt 8mal im Abendprogramm ausgestahlt
Zu den Aufgaben sollen auch Vorschläge zur werden.
Rheumaprophylaxe gehören.
Eine Tonbildschau zum gleichen Themenkomplex
Nach Vorliegen. des Ergebnisses des erwähnten wurde den Gesundheitsämtern für deren Aufklä-
Kolloquiums wird die Bundeszentrale für gesund- rungsarbeit auf Abruf — ebenfalls kostenlos —
heitliche Aufklärung zusammen mit Rheumatologen zugestellt.
prüfen, ob und in welcher Form die Bevölkerung
über Vorschläge zur Rheumaprophylaxe informiert Neben diesen breitenwirksamen Maßnahmen hat
werden kann. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970 3661
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Bei der Wertung der Maßnahmen im Raum Reut-
16. September 1970 auf die Schriftlichen Fragen des lingen—Stuttgart mußte entsprechend der Verkehrs-
Abgeordneten Dr. Hammans (Drucksache VI/1138 bedeutung der Bundesstraße 27 und dem Zubringer
Fragen B 17 und 18) : Reutlingen der Vorzug gegeben werden. Ohne die
angestrebte Ausweitung der Finanzierungsgrund-
Ist die deutsche Schilderindustrie in der Lage, alle deutschen
Gemeinden und die übrigen Baulastträger rechtzeitig mit den
lage wird es leider nicht möglich sein, im Zeitraum
Verkehrszeichen zu beliefern, die am Tage des Inkrafttretens des 1. Fünfjahresplanes bereits größere Maßnahmen
der neuen Straßenverkehrs-Ordnung umgestellt werden müssen?
im Zuge der Bundesstraße 312 durchzuführen. Ver-
Wird die Bundesregierung aus dem Gesichtspunkt der Ver-
anlassung auf Grund einer weitgehenden Änderung der Rechts-
besserungen werden sich daher zwangsläufig hier
lage den Gemeinden einen Ausgleich ihrer Aufwendungen ge- auf kleinere Maßnahmen beschränken müssen, die
währen?
aus Verkehrssicherheitsgründen notwendig werden.
Die Hersteller derartiger Schilder sind vom Bun-
desverkehrsministerium schon sehr frühzeitig und
umfassend über die neuen Verkehrszeichen unter-
richtet worden. Dem Bundesverkehrsministerium ist
bisher keine Äußerung aus diesem Industriezweig Anlage 25
bekannt, daß eine rechtzeitige Belieferung der Bau- Schriftliche Antwort
lastträger nicht möglich wäre.
Die Kosten der Straßenverkehrszeichen gehören des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
zur Straßenbaulast. Nach deutschem Recht hat der 16. September 1970 auf die Schriftliche Frage der
Baulastträger für alle mit dem Bau- und der Unter- Frau Dr. Walz (Drucksache VI/1138 Abgeordnt
haltung zusammenhängenden Kosten aufzukommen. Frage B 21):
Die Bundesregierung hat keine rechtliche Möglich- Ist die Bundesregierung bereit, entsprechend der Empfehlung
keit, den Gemeinden einen Ausgleich ihrer Aufwen- 196 der Versammlung der Westdeutschen Union vom 2. Juni 1970
über die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
dungen zu gewähren. Ozeanographie gemeinsam mit der britischen Regierung ihre
nationalen Pläne zum Aufbau eines Systems von Wetterbeobach-
Die Aufwendungen werden sich aber in erträg- tunassatelliten in ein europäisches Programm für Ozeanographie
und Meteorologie einzufügen?
lichen Grenzen halten, weil nur die vorfahrtregeln-
den Verkehrszeichen schlagartig ausgetauscht wer- Auf dem Gebiet der Ozeanographie und der Me-
den müssen. Für alle anderen Zeichen sind aus- teorologie ist wegen der Großräumigkeit der zu be-
reichende Übergangsfristen vorgesehen. Weiterhin handelnden Erscheinungen mit geringfügigen Aus-
hat der Bundesminister für Verkehr durch Verkehrs- nahmen eine nationale Planung nur sinnvoll, wenn
blattverlautbarungen 1966 und im Mai 1970 ins- sie sich in einen weltweiten oder zumindest regio-
gesamt 44 neue Verkehrszeichen aus dem Entwurf nalen Rahmen einfügt. Aus diesem Grunde arbeitet
der Straßenverkehrs-Ordnung bereits zugelassen. die Bundesrepublik Deutschland in allen internatio-
Es ist also sichergestellt, daß die überwiegende nalen und regionalen Gremien, die sich mit diesen
Mehrzahl der neuen Verkehrszeichen im Zuge der Fachbereichen beschäftigen, in erheblichem Umfang
planmäßigen Erneuerung aufgestellt werden können. mit, insbesondere in der Weltorganisation für Me-
3662 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 66. Sitzung. Bonn, Freitag, den 18. September 1970
teorologie, der Zwischenstaatlichen Kommission für 1970 geführt haben, ist Übereinstimmung dahin er-
Ozeanographie und in der EWG-Arbeitsgruppe „Po- zielt worden, daß die Mehrbelastung der DDR-
litik auf dem Gebiet der wissenschaftlichen und tech- Postverwaltung durch eine jährliche Pauschale ab-
nischen Forschung" (AIGRAIN-Gruppe). Eine solche gegolten. werden soll. Die vereinbarte Pauschale von
Zusammenarbeit ist, wenn man an ein System von jährlich 30 Mio DM berücksichtigt sowohl die Lei-
Wetterbeobachtungssatelliten denkt, unerläßlich. stungen der Deutschen Bundespost als die der DDR-
Postverwaltung im Brief-, Paket-, Fernsprech-, Tele-
Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland
gramm-, Telex-, Seefunk- und Rundfunkübertra-
plant allerdings z. Z. lediglich den Bau eines me-
gungsverkehr sowie die Aufwendungen für Ersatz-
teorologischen Versuchssatelliten und hat bisher
leistungen und für Stromwege. Daß sich dabei ein
nicht die Entwicklung eines operationellen Wetter-
Betrag zugunsten der DDR ergibt, erklärt sich dar-
satelliten oder die Errichtung eines Netzes solcher
aus, daß in vielen Verkehrsbeziehungen, insbe-
Satelliten vorgesehen. Die 4. Europäische Welt
sondere im Paketverkehr, der Verkehrsstrom in
raumkonferenz vom 22. bis 24. Juni d. J. in Brüssel
östlicher Richtung stärker als in westlicher Richtung
hat dagegen beschlossen, Studien für einen in ein
fließt.
weltweites System von Wettersatelliten zu inte-
grierenden europäischen meteorologischen Satel- Eine Erhöhung der Postgebühren ist aus Anlaß
liten von den europäischen Weltraumorganisationen dieser Zahlungen nicht erforderlich.
durchführen zu lassen. Die Ausarbeitung der Stu-
dien erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Welt-
organisation für Meteorologie und der Zwischen-
staatlichen Kommission für Ozeanographie.
Anlage 27
Aus der Natur der Sache heraus wird die Bun-
desregierung immer bereit sein, die nationale Ent- Schriftliche Antwort
wicklung in den genannten Fachgebieten in euro-
päische oder noch großräumiger abzustimmende des Parlamentarischen Staatssekretärs Ravens vom
Programme einzufügen. 14. September 1970 auf die Schriftliche Frage des
Abgeordneten Dr. Beermann (Drucksache VI/1138,
Frage B 24) :
-
In welcher Weise hat der Bund bislang den Bau von Alters
und Pflegeheimen finanziell unterstützt, und wie gedenkt er
dies in Zukunft zu tun, damit möglichst rasch dem unwürdigen
Anlage 26 Zustand, daß ältere Mieter aus ihren häufig seit Jahrzehnten
innegehabten Wohnungen in Obdachlosenasyle abgedrängt wer-
Schriftliche Antwort den, ein Ende bereitet wird?
Fertiggestellte Wohnungen
(Bundesgebiet einschließlich Berlin-West)
davon
Freifinanzierter
Ins (einschließlich steuer
Sozialer
gesamt begünstigter)
Jahr
Wohnungsbau
Anzahl Anzahl v. H. Anzahl I v. H.