Eutscher: Bundestag
Eutscher: Bundestag
70. Sitzung
Inhalt:
Entwurf eines Gesetzes über die Feststel- Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) . . 3893 C
lung des Bundeshaushaltsplans für das Dr. Schäfer (Tübingen) (SPD) . . . 3894 C
Haushaltsjahr 1971 (Haushaltsgesetz
1971) (Drucksachen VI/ 1100, Ergänzung zu Dorn, Parlamentarischer
VI/1100) — Fortsetzung der ersten Bera- Staatssekretär . . . . . . . . 3895 D
tung — in Verbindung mit
Große Anfrage der Fraktion der CDU/CSU
Finanzplan des Bundes 1970 bis 1974 betr. Baukostenentwicklung und ihre
(Drucksache VI/1101) — Fortsetzung der Auswirkung auf den sozialen Wohnungs-
Beratung — und mit bau (Drucksachen VI/1189, VI/1216)
Erpenbeck (CDU/CSU) . . . . . . 3896 D
Antrag der Fraktion der CDU/CSU betr. Dr. Lauritzen, Bundesminister . . 3904 C
notwendige haushaltspolitische Maßnah-
men (Drucksache VI/1154 [neu]) — Fort- Henke (SPD) 3912 D
setzung der Beratung Wurbs (FDP) 3916 C
—Dr. Althammer (CDU/CSU) . . . . 3876 C Mick (CDU/CSU) . . . . . . 3919 B
Seidel (SPD) . . . . . . . . . 3881 D Frau Meermann (SPD) . . . . . 3924 B
Kirst (FDP) . . . . . . . . . 3884 D
Nächste Sitzung 3928 D
Dr. Heck (CDU/CSU) 3888 A
Dr. h. c. Dr.-Ing. E. h. Möller,
Bundesminister 3889 D
Anlagen
70. Sitzung
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine Zusatzfrage. Kiep (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind im
Zusammenhang mit den von Ihnen eben erwähnten
Ich rufe die Frage 2 des Abgeordneten Kiep auf: Arbeiten und Ermittlungen Zusammenstellungen
Ist es richtig, daß in diesem Zusammenhang im Bundesfinanz- von Zahlen, wie ich sie in meiner Frage genannt
ministerium Zahlen von zwischen 20 und 25 Milliarden genannt
werden? habe, aus dem Bundesfinanzministerium gekommen?
3856 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe die Frage 3 lapidar: daß mit diesem Vertrag nichts verschenkt wird", wie
es in der Erklärung vor dem Bundestag am 18. September 1970
des Abgeordneten von Eckardt auf: hieß,
Haben die UdSSR-Regierung und andere Ostblockregierungen und, fa ll s die erste der beiden Versionen - daß mit dem
in Gesprächen oder Verhandlungen mit der Bundesregierung der Vertrag nichts verloren geht, „ was nicht längst verspielt wor-
denden war" — die Meinung der Bundesregierung authentisch
-
a rtige Wiedergutmachungsforderungen angemeldet,
wie hat die Bundesregierung darauf geantwortet?
und wenn ja,
wiedergibt, welches sind die Fakten, die nach Meinung der
Bundesregierung der Formulierung „was nicht längst verspielt
Bitte, Herr Staatssekretär! worden war" zuzuordnen sind?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe die Frage 4 Bitte, Frau Staatssekretär!
des Abgeordneten von Eckardt auf:
Wieso hat die Bundesregierung, falls diese Meldungen zu-
Frau Dr. Focke, Parlamentarischer Staatssekre-
treffen und Verhandlungen oder Gespräche stattgefunden haben, tär beim Bundeskanzler: Herr Kollege, aus dem an-
die zuständigen Ausschüsse des Deutschen Bundestages hierüber
nicht informiert? gesprochenen Personenkreis hat niemand nur eine
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3857
Parlamentarischer Staatssekretär Frau Dr. Focke
ausländische Staatsangehörigkeit. Ein Parlamenta- Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich danke Ihnen,
rischer Staatssekretär besitzt neben der deutschen Frau Staatssekretär. Ich rufe Frage 102 des Herrn
Staatsangehörigkeit noch eine weitere, und zwar die Abgeordneten Dr. Schulze-Vorberg auf:
englische Staatsangehörigkeit. Das wird Sie sicher, Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die laufende
Anzeigenserie ihres Presse- und Informationsamtes „die Bundes-
Herr Kollege, angesichts der erstrebten Erweite- regierung informiert" nach Inhalt und Zeitplan eine Wahlpropa-
rung der EWG erfreuen. ganda — gezielt auf Bayern und Hessen — für die derzeitigen
Bonner Regierungsparteien sein soll, da offenbar auf objektive
und umfassende Informationen für unsere Bürger verzichtet wird?
(Heiterkeit.)
Wer beantwortet die nächste Frage? — Herr
Staatssekretär Ahlers, bitte sehr!
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Herr Abgeordneter Niegel.
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Präsi-
Niegel (CDU/CSU) : Sind in Ihrer Antwort, Frau dent! Ich möchte die Frage wie folgt beantworten.
Staatssekretärin, alle Mitglieder der Bundesregie-
rung berücksichtigt, wie sie in Art. 62 des Grund- Herr Abgeordneter, nein. Die Bundesregierung
gesetzes genannt sind? teilt diese Auffassung nicht. Weder Inhalt noch Zeit-
plan der Anzeigenserie sind Propaganda für die
Landtagswahlen in Hessen und Bayern. Es handelt
Frau Dr. Focke, Parlamentarischer Staatssekre- sich um vier Anzeigen in regionalen Tageszeitungen
tär beim Bundeskanzler: Jawohl. und Straßenverkaufszeitungen. Die erste erschien
am 19. 9., die letzte wird am 12. 10. erscheinen. The-
men waren der Bundeshaushalt, der Kampf gegen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zu-
die Mieterhöhungen, die innere Sicherheit, und das
satzfrage.
letzte Thema wird den Straßenbau betreffen. Dies
alles sind Themen, denen, bezogen auf die Regie-
Niegel (CDU/CSU) : Frau Staatssekretärin, ist es rungsarbeit, offensichtlich eine politisch-propagan-
in einem anderen Land möglich, daß ein Parlamenta- distische Bedeutung weder zukommt noch zugemes-
rischer Staatssekretär eine weitere Staatsangehö- sen werden kann. Es handelt sich um eine normale
rigkeit besitzt? Arbeit der werbenden Information.
Auch die Streuung, Herr Abgeordneter, läßt die-
Frau Dr. Focke, Parlamentarischer Staatssekre- sen Vorwurf nicht zu. Die Anzeigen sind im ganzen
tär beim Bundeskanzler: Mit der Frage, ob das in Bundesgebiet erschienen. Die Kosten betragen pro
einem anderen Land möglich ist, bin ich im Augen- Anzeige etwa 400 000 DM. Es kommt noch hinzu,
blick überfragt. In diesem Land ist es nach dem daß die Aktion von mir ausdrücklich in zeitlich ge-
Grundgesetz möglich, in den Vereinigten Staaten nügendem Abstand zu den Wahlen gelegt wurde
auch. Das gilt übrigens auch für die Wählbarkeit in und daß schon die Größe der Anzeigen eine propa-
den Deutschen Bundestag. gandistische Wirkung ausschließt. Ich glaube, man
kann einfach nicht mehr tun, um den von Ihnen er-
hobenen Vorwurf von vornherein zu entkräften.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Noch eine Zusatz-
frage.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Herr Abgeordneter Dr. Schulze-Vorberg.
Dasch (CDU/CSU) : Frau Staatssekretärin, ist da
nicht zu befürchten, daß diese Mitglieder der Bun-
desregierung bzw. der genannte Parlamentarische Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Ab- Herren, es liegen eine Reihe von weiteren Zusatz-
geordneter, ich würde auf jeden Fall einräumen, fragen vor. Zunächst der Abgeordnete Kiep.
daß dieser Eindruck bei jemandem, der das so
sieht, entstehen kann, allerdings nur in bezug auf Kiep (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, unter Be-
den zweiten von Ihnen genannten Punkt. Was den zugnahme auf die Anzeige in dieser Serie, die sich
ersten Punkt angeht, nämlich die Nennung ge- mit dem Thema Verbrechensbekämpfung befaßt,
wisser regionaler Bereiche, so möchte ich darauf möchte ich Sie fragen, ob Sie der Meinung sind, daß
hinweisen, daß nicht nur das Rhein-Main-Gebiet Formulierungen wie: „Wir werden sie" — die Ver-
und München genannt sind, sondern auch Hamburg brecher — „jagen, bei Tag und Nacht, unerbittlich
und das Rhein-Ruhr-Gebiet. Das sind nach unseren jagen" in einer Anzeige der Bundesregierung in
statistischen Erhebungen tatsächlich die Gebiete, in einem demokratischen Rechtsstaat in dieser Form
denen die Mietfrage besonders brennend ist, wäh- angemessen sind, oder ob daraus eine Meinungs-
rend in weiten Teilen des anderen Bundesgebietes änderung der Bundesregierung erkenntlich wird, die
die Mietfrage keine besondere Rolle spielt. Ich Strafverfolgung im Gegensatz zu den abgegebenen
glaube, insofern war es legitim, zu sagen, daß ,das Erklärungen nunmehr zu verschärfen.
in diesen Gebieten ein Thema ist, das vielen auf
den Nägeln brennt.
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Abge-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz- ordneter, das Problem der Strafverfolgung ist hier
frage, Herr Abgeordneter Dr. Schulze-Vorberg. an sich nicht berührt, aber der Wille der Bundes-
regierung, insbesondere des Innenministers, mehr
Dr. Schulze-Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats- für die innere Sicherheit zu tun, als bisher getan
sekretär, Ihnen ist sicher die Organklage der SPD wurde und getan werden konnte, ist selbstverständ-
wegen „verschleierter Parteienfinanzierung" be- lich vorhanden und kommt in dieser Anzeige auch
kannt — so hat das damals in einem Vorwurf gegen zum Ausdruck.
das Presse- und Informationsamt der -Bundesregie- Nun berühren Sie, Herr Abgeordneter, im Grunde
rung geheißen —, da eine propagandistische Ein- genommen eine Geschmacksfrage. Ich stimme Ihnen
heit, so hieß es in der Organklage der SPD, von Re- zu, daß auch mir diese Formulierung überzogen
gierungsparteien und Staat hergestellt werde. Wür- vorkam. Ich hatte deshalb noch einmal nachfragen
den Sie einräumen, Herr Staatssekretär — um noch lassen, ob man im Innenministerium damit einver-
einmal auf die Anzeige betreffend die Mieten zu- standen sei, nachdem dieser Entwurf von Werbe-
rückzukommen —, daß es sich nach Ihrer Definition beratern — das ist ja deren Metier, und das
um Propaganda handelt, weil Sie sich mit der Oppo- schlägt bei dieser Formulierung auch durch — vor-
sition auseinandersetzen, und daß es sich auf kei- gelegt worden war. Da bekamen wir die Auskunft,
nen Fall um Information handeln kann, da Sie im man sei einverstanden, und dann ist die Anzeige
Gegensatz zur tatsächlichen Lage durch die der- herausgegangen.
zeitige Bundesregierung nicht mehr Wohnungen
bauen, sondern jetzt schon ein Minus haben, das Was die Wirksamkeit angeht, Herr Abgeord-
gegenüber den früheren Regierungen nach Hun- neter, so ist leider zu befürchten, daß solche For-
derttausenden zu berechnen ist, und daß diese Ten- mulierungen oft wirksamer sind als mehr nüch-
denz anhält, wie ich feststelle, wenn ich mir die terne Formulierungen.
heutigen Zeitungen ansehe, daß z. B. für 1971 und (Abg. Kiep meldet sich zu einer weiteren
1972 allein in Bonn wieder 630 Sozialwohnungen Zusatzfrage.)
gestrichen worden sind?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Es gibt leider nur
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- eine Zusatzfrage. Es haben sich eine ganze Reihe
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Ab- von Abgeordneten hierzu gemeldet. Ich muß sie
geordneter, ich bin leider nicht sachkundig genug, der Reihe nach drannehmen. Die nächste Zusatz-
um auf diese Ausführungen zum Stand des Woh- frage stellt Herr Abgeordneter Dr. Häfele.
nungsbaus und der Wohnungsbaupolitik eingehen
zu können. Ich kann nur sagen, daß die Unterlagen,
Dr. Häfele (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
die wir in bezug auf dieses Problem, das Sie ge-
trifft es zu, was man heute in den Zeitungen lesen
nannt haben, zur Verfügung haben, nicht den von
kann, daß sich auch Herr Innenminister Genscher
Ihnen genannten Zahlen entsprechen.
gegen diese Anzeige gewandt und verlangt hat, daß
Was die damalige Organklage angeht, so ist ihm solche Anzeigen künftig vorgelegt würden?
meine Auffassung die: Es gibt eine gewisse Kon-
tinuität in der Leitung des Bundespresseamtes und Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
in bezug auf die Arbeitsweise des Bundespresse- formationsamts der Bundesregierung: Nur zum Teil,
amtes. Einen früheren Leiter des Hauses sehe ich Herr Abgeordneter.
vor mir sitzen. Als gegenwärtiger Leiter dieses
Hauses muß ich sagen, ich bin mit dieser Organklage (Lachen bei der CDU/CSU.)
nicht einverstanden und mache sie mir nicht zu Der Vorgang war folgender. Mir war vom Innen
eigen. ministerium gesagt worden, Herr Minister Genscher
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3859
Staatssekretär Ahlers
habe zugestimmt. Hier lag aber ein Fehler des — Ich meine, vom Verbreitungsgebiet der Zeitung
Innenministeriums vor. Herr Minister Genscher hat her gesehen, ist es ungewöhnlich schwierig.
mir gestern in sehr freundschaftlicher Form mit- Außerdem kommt etwas anderes hinzu. Wir haben
geteilt, er habe nicht zugestimmt und hätte nicht es hier immer mit der Frage der Gleichbehandlung
zugestimmt, d. h. er hätte meine Bedenken gegen der Verlage zu tun. Sie glauben gar nicht, was wir
die von Herrn Abgeordneten Kiep zitierte Formu- für Schwierigkeiten bekommen, wenn wir selek-
lierung auch geteilt, wenn er sie gesehen hätte. Das tieren und gewisse Anzeigen nur geographisch be-
ist der eine Vorgang. grenzt streuen! Dann habe ich am nächsten Tag oder
Was das zweite angeht, so ist es ganz richtig, in den nächsten Wochen einen Schwung von Be-
daß Herr Minister Genscher und ich vereinbart schwerden anderer Verlage, oft auch unterstützt
haben, daß in Zukunft alle Anzeigenvorlagen mei- durch wohlwollende Gönner, auf meinem Schreib-
nes Hauses, die zur Abstimmung an sein Haus tisch. Um diesem Problem zu entgehen, machen wir
gehen, ihm unmittelbar vorgelegt werden, damit in solchen Fällen eben die breite Streuung über das
solche, wenn Sie so wollen, Pannen, solche Mißver- ganze Bundesgebiet. Ich muß allerdings zugeben,
ständnisse nicht wieder vorkommen können. daß das rein von der Werbewirksamkeit her nicht
das ideale Konzept ist.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Wagner! Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Dr. Geßner!
Wagner (Günzburg) (CDU/CSU) : Herr Staats-
sekretär, ist durch diesen Vorgang im Innenmini- Dr. Geßner (SPD) : Herr Staatssekretär, können
sterium eigentlich nicht bewiesen, daß diese An- Sie uns sagen, ob frühere Bundesregierungen wäh-
zeigen fast ausschließlich nach propagandistischen rend der Landtagswahlkämpfe darauf verzichtet
Gesichtspunkten formuliert wurden und die Sache haben, die Bevölkerung zu informieren?
dabei eine geringe Rolle spielte?
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- formationsamtes der Bundesregierung: Nein, Herr
formationsamts der Bundesregierung: Nein, Herr Abgeordneter, frühere Bundesregierungen haben
Abgeordneter, diesen Schluß halte ich nicht für zu- keineswegs darauf verzichtet. Ich habe eine An-
lässig. Man muß immer zwischen Form und Inhalt gabe hier, wonach z. B. in Nordrhein-Westfalen
unterscheiden. Ich glaube, was den Inhalt dieser im Landtagswahlkampf 1966 auch vom Presseamt
Anzeigen angeht, so halten wir uns streng an die einiges getan worden ist. Das sind Dinge, die im
Sachlichkeit. Daß sich natürlich jeder, der an der Presseamt schon einmal vorgekommen sind.
Formulierung einer Anzeige beteiligt ist, bemüht,
Ich kann Ihnen hier nur versichern, daß seit Bil-
eine möglichst wirkungsvolle Aussage zu finden,
ist selbstverständlich. Und ich muß sagen, ich wäre dung der Großen Koalition — nennen wir es ein-
mal — solche Bevorzugungen einzelner Gruppie-
mein Geld nicht wert, wenn ich mich nicht selbst an
rungen in einem speziellen Landtagswahlkampf
der Suche nach solchen Formulierungen — manch-
mal mit Erfolg — beteiligen würde. nicht mehr vorgekommen sind und auch — solange
ich jedenfalls verantwortlich bin nicht vorkom-
men werden.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Niegel!
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage
des Abgeordneten Rasner.
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Sie sag-
ten vorhin, daß Sie die Anzeige wegen der Mieten
Rasner (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, hat sich
auf die Ballungsgebiete beschränkten. Warum ist Innenminister Genscher, wie Sie sagen, teilweise
dann diese Anzeige in ganz Bayern erschienen, wo von der Anzeige distanziert, oder hat er sich, wie
bekanntlich Mietprobleme vor allem in München uns mitgeteilt wurde, ganz von der Anzeige distan-
und Nürnberg, aber nicht so in den ländlichen Ge- ziert?
bieten vorhanden sind? Sie haben die Anzeige in
ganz Bayern gestreut. Folglich ist es doch eine
Wahlpropaganda. Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Abge-
ordneter, Sie haben meine Antwort nicht richtig
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- verstanden. „Teilweise" bezog sich auf die geteilte
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Abge- Fragestellung. Er hat sich, was die Formulierung
ordneter, erstens habe ich vorhin nicht gesagt, wir angeht, voll distanziert. Er hat sich bezüglich des
hätten es regional begrenzt. Ich habe nur gesagt, sachlichen Inhalts nicht distanziert.
daß in der Anzeige selber diese regionale Begren-
zung enthalten ist. Die Frage der Streuung hat einen
anderen Grund. Es ist dem Presseamt ungewöhnlich Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
schwierig, genau abzugrenzen, wie weit die Räume Dasch!
gehen, in denen solche Anzeigen noch wirksam wer-
den könnten. Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, nachdem
(Zurufe von der CDU/CSU.) Sie vorhin eingeräumt haben, daß durch diese An-
3860 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Dasch
Kann das Bundespresseamt, das die englischsprachige Zeit-
zeigen in Bayern und Hessen wenigstens teilweise schrift „German International" ganz oder teilweise finanziert,
der Eindruck entstehen könne, es werde zugunsten Einfluß auf den Inhalt der Veröffentlichungen nehmen?
der FDP und der SPD in die Landtagswahlkämpfe Ist der Bundesregierung bekannt, daß in einem Artikel der
Septembernummer 1970 die Ostpolitik der Bundesregierung da-
eingegriffen, frage ich Sie: Sind Sie bereit, zu erklä- durch in ein falsches Licht gerückt wird, daß sie als Fortsetzung
ren, daß bis zum 22. November 1970 weitere große der preußischen und nationalsozialistischen „Rußlandpolitik"
dargestellt wird?
Anzeigen unterbleiben, damit bei der Bevölkerung
nicht der Eindruck entsteht, die Bundesregierung
greife mit Steuergeldern in die Landtagswahlkämpfe Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
ein? formationsamtes der Bundesregierung: Das Presse-
und Informationsamt kauft jeweils einen Teil der
Auflage der in mehreren Sprachen erscheinenden
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- Zeitschrift an und hat die Möglichkeit, an die Re-
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Abge- daktion Wünsche zur inhaltlichen Gestaltung heran-
ordneter, erstens möchte ich betonen, daß ich das zutragen. Es besteht jedoch keine Handhabe, eine
nicht eingeräumt habe. Art Vorzensur bei dieser Zeitschrift auszuüben, ein-
Den zweiten Teil Ihrer Frage muß ich leider mit fach deshalb, weil uns die Artikel vorher nicht vor-
nein beantworten. Es liegt völlig außerhalb der Ein- gelegt werden. Wir sind hier auf die Sorgfaltspflicht
flußmöglichkeiten des Bundespresseamtes, den Jah- des Verlegers und seiner Mitarbeiter angewiesen.
restag der Bildung dieser Bundesregierung zu ver- Der Bundesregierung ist der in der Anfrage er-
legen. Er liegt Ende Oktober und steht damit in wähnte Artikel über die Geschichte der deutsch-
einem gewissen zeitlichen Zusammenhang mit den russischen Beziehungen demnach erst nach Erschei-
Landtagswahlen in Hessen und Bayern. Selbstver- nen der englischsprachigen Ausgabe bekannt-
ständlich wird das Presse- und Informationsamt zum geworden.
Jahrestag der Bildung dieser Bundesregierung auch
ein wenig Werbung treiben. Dieser Beitrag muß, wenn man ihn genau würdigt
— jedenfalls ist das der Hinweis des Verlages —,
im Zusammenhang mit dem anderen Artikel über
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr-Abgeordneter den Moskauer Vertrag in derselben Ausgabe ge-
Dr. Wagner (Trier) ! sehen werden, in dem die enge Zusammenarbeit mit
den westlichen Alliierten als unabdingbare Voraus-
Dr. Wagner (Trier) (CDU/CSU) : Herr Staats- setzung für den Abschluß des Vertrages dargestellt
sekretär, da diese Anzeigen ja der sachlichen Infor- wurde. Gleichwohl ist die Bundesregierung der Auf-
mation der Bevölkerung dienen, möchte ich Sie fra fassung, daß der angesprochene historisierende
gen, ob die kommende Anzeige über den Straßenbau Artikel in der vorliegenden Form besser nicht er-
auch die Feststellung enthalten wird, daß trotz eines schienen wäre. In den anderen Sprachausgaben der
erhöhten Mittelvolumens auf Grund der gestiegenen Zeitschrift wird der Artikel also auch nicht er-
Preise die effektive Straßenbauleistung im kommen- scheinen.
den Jahr geringer sein wird als zuvor. Nach dem Erscheinen des Heftes wurde der ver-
antwortliche Verleger und Herausgeber, Herr Möl-
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- ler, vom Leiter unserer Auslandsabteilung am
formationsamtes der Bundesregierung: Herr Abge- 17. September 1970 zur Rücksprache gebeten. Herr
ordneter, ich glaube: nein. Auf jeden Fall werde ich Ministerialdirektor Ahrens erklärte ihm, daß der
in dieser Frage den Herrn Bundesverkehrsminister Artikel nicht akzeptabel sei. Herr Möller erklärte
konsultieren. seinerseits, daß er den Artikel aus Zeitgründen
vorher leider nicht habe lesen können, und sagte
für die Zukunft eine sorgfältige Durchsicht aller
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Dr. Rutschke!
politisch relevanten Artikel zu.
Dr. Rutschke (FDP) : Herr Staatssekretär, um auf Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
die Frage der Verbrechensbekämpfung und der An- Herr Abgeordneter Walkhoff.
zeige dazu zurückzukommen: Würden Sie vielleicht
in Erwägung ziehen, in Zukunft den Rat der Oppo-
Walkhoff (SPD) : Herr Staatssekretär, trifft es zu,
sition — insbesondere den der CSU herbeizuzie-
daß die Zeitschrift „German International" auch
hen, die ja eine besondere Feinfühligkeit bei den
noch von einem anderen Bundesministerium finan-
Formulierungen bezüglich der Verbrechensbekämp-
ziert wird, um es genauer zu sagen: von dem Mini-
fung bewiesen hat?
sterium für Entwicklungshilfe?
(Beifall bei der SPD.)
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- formationsamtes: Ich muß gestehen, daß ich jetzt
formationsamtes der Bundesregierung: Ja, das will überfragt bin. Ich glaube, nein.
ich gerne tun, Herr Abgeordneter.
Walkhoff (SPD) : Glauben Sie, über das, was Sie
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe die in den letzten Sätzen andeuteten, hinausgehend
Fragen 103 und 104 des Abgeordneten Walkhoff noch etwas tun zu können, damit derartige Pannen,
auf: derartige Interpretationen durch diese Zeitschrift,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3861
Walkhoff
die, so meine ich, das Ansehen der Politik der Bun- Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen
desregierung im Ausland mindern, in Zukunft ver- seit Bismarck; nein, er geht noch weiter zurück. Er
hindert werden können? spricht von 150 Jahren und beginnt mit der Kon-
vention von Tauroggen. Dann kommt alles das, was
Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In- wir kennen, bis hin zu einer ausführlichen Dar-
formationsamtes: Herr Abgeordneter, die Zusam- stellung der Zusammenarbeit zwischen der Reichs-
menarbeit zwischen dem Bundespresseamt und dem wehr und der Roten Armee der Sowjetunion in den
Verlag, der diese Zeitschrift „German International" zwanziger Jahren. Das ist alles. Aber richtig ist, es
herausgibt, hat sich sozusagen über ein Jahrzehnt wird in dem Artikel ein wenig der Eindruck erweckt,
hinweg erstreckt. Nach meiner Erinnerung ist dies schon durch die Überschrift und auch durch die Dik-
das zweite Mal, daß es irgendeinen Grund zur Be- tion an einigen Stellen, als handle es sich hier um
anstandung gegeben hat. Insofern sehe ich letztlich eine kontinuierliche deutsche Politik. Ein Schaden
weder einen Sinn noch eine Möglichkeit darin, eine kann dadurch entstehen, daß auch der Rapallo
noch stärkere Kontrolle über die Arbeit dieser Zeit- Komplex in ein, zwei Absätzen angesprochen ist.
schrift auszuüben, einfach, weil die Zahl der Pannen
so gering ist. Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
Vogel, es waren zwei Hauptfragen. Sie haben je-
In dem Vertrag heißt es: Der Verlag wird dafür
weils eine Zusatzfrage.
Sorge tragen, daß die Redaktionen der Zeitschriften
eng mit dem Presse- und Informationsamt zusam-
menarbeiten. Wünsche des Presse- und Informa- Vogel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind Sie
tionsamtes hinsichtlich der redaktionellen Gestal- in der Lage, uns zu sagen, ob die Fakten, die in
tung sind, soweit es technisch möglich ist, zu berück- diesem Artikel mitgeteilt sind, der Wahrheit ent-
sichtigen. Diese Formulierung bezieht sich selbst- sprechen oder nicht?
verständlich auf die Gesamtgestaltung, während wir
uns einfach darauf verlassen müssen, daß der Her- Ahlers, Staatssekretär, Chef des Presse- und In-
ausgeber und die verantwortlichen Redakteure aus- formationsamtes: Herr Abgeordneter, ich bin kein
-
reichendes Fingerspitzengefühl bei der Behandlung Historiker. Es ist mir unmöglich, diesen Artikel auf
solcher Themen haben. Wenn das einmal nicht der den genauen historischen Wahrheitsgehalt hin zu
Fall ist, dann bedaure ich es so wie Sie. Aber ich prüfen. Wenn ich mich an meine Schulkenntnisse
sehe keine Möglichkeit, hier noch eine schärfere erinnere, dann kann ich nur feststellen: Vieles von
Kontrolle als die der Ermahnung einzuführen. dem, was hier steht, kommt mir bekannt vor.
(Heiterkeit.)
Walkhoff (SPD) : Würde es bei diesem Organ,
das einen recht offiziösen Eindruck macht, in Zu- Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage
kunft häufig zu Artikeln kommen, die möglicher- des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
weise das Ansehen der Bundespolitik im Ausland
schädigen, wäre man dann gegebenenfalls bereit,
von dem Recht Gebrauch zu machen, diese Zeitschrift Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
Sie es in Ihrer Frage zitiert haben. Dieses Zitat ist Bitte sehr, Herr Staatssekretär!
jedoch ein Teil eines wesentlich größeren Vermerks.
Ich bin bereit, Einzelheiten dem Verteidigungsaus-
schuß des Deutschen Bundestages, sofern dieser es Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wünscht, vorzutragen. Da der Bundesrechnungshof Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident
zur Zeit den Gesamtkomplex der Beschaffung des und Frau Kollegin, wenn Sie gestatten, würde ich
Waffensystems F-104 G überprüft, halte ich es für die beiden Fragen gleich im Zusammenhang beant-
wenig sinnvoll, jetzt Einzelfragen herauszugreifen. worten.
Vor einer Diskussion zu diesem Fragenkreis sollte
das Ergebnis der Prüfungen des Bundesrechnungs- Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe dann noch
hofes abgewartet werden. die Frage 61 der Abgeordneten Frau Huber auf:
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um eine bessere und
der Jahreszeit entsprechende Versorgung der Truppenteile mit
Dr. Geßner (SPD) : Ich verzichte auf Zusatz- frischem Obst sicherzustellen?
fragen.
Bitte sehr!
Frau Huber (SPD) : Herr Staatssekretär, es han- in meinem Gehirn keinen Computer. Die Zahlen
delt sich nicht darum, daß das Frischobst zu Lasten liegen mir nicht vor. Die Zahlen, die ich jetzt nenne,
anderer Verpflegung vermehrt angeboten werden sind Schätzungen, die mir von Beamten genannt
soll. Ich möchte Sie deshalb fragen, ob Sie in Fällen worden sind. Wir gehen davon aus, daß heute von
wirklicher bürokratischer Erschwernisse bereit wä- 100 jungen Männern, die zur Ableistung der Wehr-
ren, sich des Einzelfalles anzunehmen. pflicht aufgerufen sind, etwa 30 eingeschränkt taug-
lich sind. Von diesen 30 glauben wir, daß man die
Berkhan. Parlamentarischer Staatssekretär beim Hälfte, die unter körperlichen Beschwerden, wie
Bundesminister der Verteidigung: Frau Kollegin, z. B. Senkfuß, Zahnbeschwerden und dergleichen,
wenn Sie mich wissen lassen, wo diese bürokrati- zu leiden haben, zum Wehrdienst einziehen kann.
schen Erschwernisse vorgekommen sind, werde ich Wir gehen daher davon aus, daß bei einem 15mona-
sie prüfen lassen. Aber Sie müssen zugeben, Frau tigen Grundwehrdienst etwa 80 % oder etwas mehr
Kollegin, daß die Beschaffung für so viele Soldaten des aufgerufenen Jahrgangs wirklich zur Ablei-
und für so viele Arbeiter, Angestellte und Beamte, stung eines Grundwehrdienstes einberufen werden
die in den allgemeinen Kantinen im Bereich des könnten.
Bundesministeriums der Verteidigung ihre Mittags- Sofern Sie genauere Zahlen wünschen, Herr Kol-
mahlzeit oder andere Mahlzeiten einnehmen, ge- lege, schreiben Sie mir bitte einen Brief. Ich werde
wisse bürokratische Verfahren unumgänglich macht. dann die Bürokratie anweisen, die Statistiken durch-
zuforsten und Ihnen genaue Zahlenangaben zu
Frau Huber (SPD): Herr Staatssekretär, würden machen.
Sie nicht in dieser Antwort einen Widerspruch zu
Ihrer ersten Antwort erblicken? Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zu-
satzfrage, Herr Abgeordneter Niegel.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Das ist mir durch-
aus bewußt. Ich wollte meine erste Antwort auch
Niegel (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, wenn
die Frage der Verkürzung der Wehrdienstzeit erst
etwas einschränken.
durch eine Kommission geprüft wird, wieso kommt
dann Herr Bundesverteidigungsminister Schmidt
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich komme zur dazu, das als sein großes Ziel ständig anzukün-
Frage 62 des Abgeordneten Niegel: digen?
Treffen Meldungen zu, wonach die Bundesregierung dis Wehr-
pflicht im Jahre 1973 auf 15 Monate verkürzen will?
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Sie unterliegen
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim dem Irrtum, daß ein Bundesminister keine eigene
Bundesminister der Verteidigung: Über eine Ver- Meinung haben dürfte. Der Bundesminister ist
kürzung der Grundwehrdienstdauer hat die Bun- natürlich Politiker wie Sie auch, und er gehört die-
desregierung bisher keine Beschlüsse gefaßt. Sie sem Hause als Abgeordneter an. Selbstverständlich
hat vielmehr eine unabhängige Regierungskommis- hat er eine Meinung. Er setzt dabei das Ziel Wehr-
sion berufen, - die bis zum Ende dieses Jahres Vor- gerechtigkeit sehr hoch an, weil er der Überzeu-
schläge unterbreiten soll. Auf Grund der Vor- gung ist, daß die Abschreckung, die die Bundes-
schläge soll für dieses Jahrzehnt größere Wehr- wehr täglich sicherstellt, nicht nur von der Zahl der
gerechtigkeit verwirklicht werden und die Einsatz- Soldaten, von der Art der Bewaffnung, von der Aus-
bereitschaft der Bundeswehr bei gleichbleibendem bildung und von der Führungskunst der Offiziere
Umfang gewährleistet bleiben. Die Bundesregierung und Unteroffiziere abhängt. Sie hängt vielmehr
beabsichtigt, über diese Vorschläge im Frühjahr des auch von der inneren Bereitschaft des einzelnen
kommenden Jahres zu entscheiden. Es ist nicht aus- Mannes ab, wenn es einmal ernst werden sollte,
zuschließen, daß in dem Zusammenhang auch über seine Waffensysteme sorgfältig und korrekt zu be-
eine Verkürzung der Grundwehrdienstdauer ent- dienen und den Befehlen seiner Vorgesetzten, vor
schieden werden muß. allem auch den Weisungen der Regierung, wer dann
auch immer in der Regierungsverantwortung stehen
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage, mag, Folge zu leisten.
Herr abgeordneter Niegel.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Niegel (CDU/CSU) : Sind Sie der Meinung, Herr Herr Abgeordneter Dr. Klepsch.
Staatssekretär, daß durch eine Verkürzung des
Wehrdienstes auf 15 Monate eine größere Wehr- Dr. Klepsch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
gerechtigkeit erreicht werden könnte, und wie viele Sie haben soeben dem Kollegen Niegel auf seine
zusätzliche Wehrpflichtige würden dann zum Wehr- Frage geantwortet, daß die Kommission ihre Vor-
dienst herangezogen werden? schläge bis Ende dieses. Jahres unterbreiten wird.
Das steht in einem gewissen Gegensatz zu den
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim blauen Mitteilungen Ihres Hauses, die vom Ende
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich des nächsten Jahres sprechen. Was soll ich als
bin Parlamentarischer Staatssekretär, und ich habe richtig unterstellen?
3864 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim unter diese Linie bringt. Technische Geräte ermög-
Bundesminister der Verteidigung: Die Kommission lichen es aber, jeden Flug hinterher zu kontrollieren.
wird versuchen, in diesem Jahr einen ersten Bericht Seien Sie versichert, daß jeder Flugzeugführer der
vorzulegen, der auf die Schulentlassenen des näch- Bundesluftwaffe, der die Grenze unterschreitet, hier-
sten Jahres Auswirkungen hat. Die Kommission für Rede und Antwort stehen muß und daß die Vor-
wird auch das ganze nächste Jahr weiterarbeiten, gesetzten und die aufsichtführenden Offiziere es
weil man ja die Veränderung der Strukturen, die in dieser Hinsicht sehr ernst nehmen.
sich für das kommende Jahrzehnt andeutet, erst ein-
mal sehr sorgfältig - auch mit Hilfe moderner wis Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine zweite Zusatz-
senschaftlicher Methoden - zu untersuchen hat. frage, Herr Abgeordneter Rawe.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine Zusatzfrage. Rawe (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ich
Ich rufe die Frage 63 des Abgeordneten Rawe auf: zweifle nicht daran, daß sie das tun. Ich möchte
ist der Bundesregierung bekannt, daß in letzter Zeit die Lärm- meine Frage wiederholen: Sind Sie bereit, wenig-
belästigungen durch militärische Strahlflugzeuge erheblich zuge- stens in den Hauptgebieten ständige Kontrollen ein-
nommen haben?
zurichten, damit die Einhaltung dieser Vorschriften
Bitte sehr, Herr Staatssekretär! tatsächlich gewährleistet ist und die Maßnahmen
auch Erfolg haben können?
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Herr Präsident Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
und Herr Kollege, darf ich die Fragen 63 und 64 im Bundesminister der Verteidigung: Diese ständigen
Zusammenhang beantworten? Kontrollen sind heute schon über das ganze Bundes-
gebiet verbreitet. Sie wissen genau, daß jeder Flug-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Bitte sehr! Dann zeugführer vom Tower geführt wird. Sie selbst sind
rufe ich noch die Frage 64 des Abgeordneten Rawe vom Tower geführt worden. Sie wissen also, daß
auf: diese Kontrolle durch den Tower gewährleistet ist.
- uns die z. T. be-
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun,
drohlichen Lärmbelästigungen abzustellen?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage,
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Herr Abgeordneter Niegel.
Bundesminister der Verteidigung: Gegenüber frühe-
ren Jahren hat die Lärmbelästigung durch militä- Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, in die-
rische Strahlflugzeuge auf Grund vieler Einschrän- sem Zusammenhang stellt sich die Frage des Über-
kungen insgesamt abgenommen. In den Sommer- fliegens von Flugplätzen. Ich denke. hier insbeson-
monaten mag der Eindruck deshalb ein anderer sein, dere an den Zivilflugplatz Burg Feuerstein bei
weil in dieser Jahreszeit bestehende Schönwetter- Ebermannstadt, wo das Sperrgebiet von den Düsen-
lagen für den Flugbetrieb genützt werden missen. strahlflugzeugen ständig überflogen wird.
Die Bundesregierung sieht zur Zeit keine Möglich-
keit, die Lärmbelästigung überhaupt abzustellen. Es
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
sind jedoch Maßnahmen angeordnet, die Lärmbelä-
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, ich
stigung auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.
kann den Einzelfall jetzt nicht beurteilen. Wenn Sie
aber einmal eine Karte der Bundesrepublik Deutsch-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage, land nehmen und sich die Dislozierung unserer Bun-
Herr Abgeordneter Rawe. desluftwaffe vergegenwärtigen und wenn Sie sich
dann einmal mit Flugzeugführern unterhalten, wer-
Rawe (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Sie wer- den Sie erkennen, wie schwierig es ist, um die Sperr-
den sicher mit mir einig sein, daß man über das gebiete und die Gebiete, die besonders ausgespart
vertretbare Maß streiten kann. Beabsichtigen Sie werden sollen, herumzufliegen. Ich kann mir nicht
wenigstens, in den Gebieten, die besonders betrof- vorstellen, daß ein Sperrgebiet ständig in böswil-
fen sind, durch ständige Kontrollen sicherzustellen, liger Absicht überflogen wird. Geben Sie mir bitte
daß die Sicherheitsmindestflughöhen eingehalten eine Nachricht, wenn Sie meinen, daß das geschieht.
werden? Ich werde diesen Fall dann gesondert prüfen lassen.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe die Frage 65
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege des Abgeordneten Vogel auf:
Rawe, ich bin sicher, daß Sie selbst Ihre Erfahrun- Wann gedenkt die Bundesregierung die ausgewiesenen Tief-
gen gemacht haben. Ich habe in den Zeitungen ge- fluggebiete und Tiefflugstrecken zu überprüfen, um festzustellen,
welche der o. g. Gebiete und Strecken aufgehoben oder neu
lesen, daß Sie sich mit dem Instrument, auf das sich festgesetzt werden müssen, um einen besseren Schutz der Zivil-
Ihre Frage bezieht, zumindest was die Entwicklung bevölkerung vor Lärmbelästigungen sicherzustellen?
Vizepräsident Dr. Jaeger: Ich rufe die Frage 66 Franke (Osnabrück) (CDU/CSU) : Herr Staats-
des Abgeordneten Vogel auf: sekretär, Sie haben mir in den letzten Tagen auf
Ist die Bundesregierung bereit, über das Ergebnis ihrer Unter- ein Schreiben wegen des Überfliegens von Städten
suchungen zu Frage 65 alsbald dem Verteidigungsausschuß des
Deutschen Bundestages zu berichten? mit über 100 000 Einwohnern, z. B. Osnabrück, ge-
antwortet. Diese Antwort hat mich nicht ganz be-
friedigt und wird sicherlich auch die Osnabrücker
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bevölkerung nicht befriedigen. Darf ich Sie deshalb
Bundesminister der Verteidigung: Die nächste Frage fragen: Glauben Sie, daß in naher Zukunft mit
beantworte ich folgendermaßen. Die Bundesregie- Sicherheit gewährleistet wird, daß Ballungsgebiete
rung ist jederzeit bereit, dem Verteidigungsausschuß wie z. B. die Stadt Osnabrück mit 150 000 Einwoh-
über diese Angelegenheit zu berichten. Bereits im nern von Tieffliegern nicht mehr überflogen wer-
Oktober 1967 wurden dieses Haus und die Länder-
den?
regierungen über die Maßnahmen zur Verringerung
des Fluglärms eingehend schriftlich unterrichtet.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, Sie
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter müssen sich überlegen, wer diese Stadt überflogen
Rawe! hat, und es kommt darauf an, wie Sie den Schutz des
Bündnisses ansetzen.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Vizepräsident Dr. Jaeger: Bitte sehr! Ich rufe
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, die dann noch Frage 38 des Abgeordneten Varelmann
Bundesregierung hat bereits auf die NATO-Partner auf:
eingewirkt und erreicht, daß diese sich den Lärm- Sind nicht die Umstände, die 1967 zur Kürzung der Bundes
zuschüsse zur Rentenversicherung führten, längst überholt?
minderungsmaßnahmen der Bundesluftwaffe weit-
gehend angeschlossen haben.
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Zu-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Eine Zusatzfrage. nächst, Herr Kollege, ein Wort zu den Steuermehr-
einnahmen 1970, d. h. zu den Steuern, die über die
Berding (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist die Sollansätze im Haushaltsplan 1970 hinaus eingehen.
Bundesregierung bereit, dem einen oder anderen Diese Mittel stehen nicht zur freien Verfügung, son-
Einzelfall eines Verstoßes gegen die Vorschriften dern sind aus konjunkturpolitischen Gründen nach
über Mindestflughöhen, der natürlich konkret be- einem Haushaltsvermerk im Bundeshaushaltsplan
legt sein müßte, nachzugehen? 1970 einem Sonderkonto bei der Deutschen Bundes-
bank zuzuführen. Die 1971 zu erwartenden Steuer-
einnahmen sind in voller Höhe zur Ausgaben-
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim deckung eingesetzt. Es besteht insofern kein finan-
Bundesminister der Verteidigung: Selbstverständ- zieller Spielraum. Die Zahlung der ungekürzten Zu-
lich sind wir dazu bereit. Erfahrungen haben mir schüsse 1970 und 1971 an die Träger der gesetzlichen
gezeigt, daß es sehr schwer ist, die Flugzeuge, die Rentenversicherungen — Voraussetzung dafür wäre
solche Verletzungen begangen haben, zu identifi- eine entsprechende Änderung des Finanzänderungs-
zieren. Dort, wo sie identifiziert werden und ein- gesetzes von 1967 — hätte daher eine Deckungs-
wandfrei erkannt sind, werden wir auch mit den lücke im Bundeshaushalt zur Folge.
Verbündeten Kontakt aufnehmen.
Andererseits hat sich, wie Sie wissen, Herr Kol-
lege, die Finanzlage der gesetzlichen Rentenversi-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Keine Zusatztragen.
cherungen inzwischen verbessert. Zudem werden die
- Kürzungen der Bundeszuschüsse 1971 ohnehin aus-
Ich rufe die Frage 68 des Abgeordneten Berding
auf: laufen. Auch die mittelfristige Finanzplanung geht
Gibt es in der Bundesregierung Überlegungen, die Mindest- davon aus, daß die Zuschüsse ab 1972 wieder in vol-
flughöhen für Strahlflugzeuge heraufzusetzen?
ler Höhe gezahlt werden.
Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär beim Die in Ihrer zweiten Frage angesprochenen Um-
Bundesminister der Verteidigung: Herr Kollege, die stände, die 1967 zur Kürzung der Bundeszuschüsse
Mindestflughöhen für Strahlflugzeuge bei takti- geführt haben, waren in der Rezession begründet.
schen Tiefflügen wurden in der Vergangenheit Sie ist durch die Wirtschaftspolitik überwunden wor-
mehrfach heraufgesetzt. Sie liegen zur Zeit bei den. Damit wurden die Voraussetzungen dafür ge-
240 m für die F-104 und bei 150 m für die G-91. schaffen, die Bundeszuschüsse ab 1972 wieder unge-
kürzt zu zahlen.
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatzfrage
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Ich des Herrn Abgeordneten Varelmann.
darf bitten, Herr Präsident, diese Frage im Zu-
sammenhang mit der nächsten beantworten zu Varelmann (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, be-
können. inhaltet die derzeitige Finanzlage so, wie sie dar-
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3867
Varelmann
getan wird, nicht. einen Trugschluß, weil die Auf- der Wirtschaft auch den Vorschlag einer zyklisch gestuften
Arbeitslosenversicherungsleistung von John Kenneth Galbraith
besserungen der Rentenleistungen erheblich hinter berücksichtigen, wonach der Zusammenhang zwischen Produk-
tionsleistung und wirtschaftlicher Sicherheit dadurch gelockert
der Lohnentwicklung hinterherhinken? Wäre es wird, daß bei Vollbeschäftigung die Unterstützungssätze gerin-
nicht besser, diesen Zeitabschnitt zu verkürzen? ger, bei zunehmender Arbeitslosigkeit höher sind?
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr Abgeordneten Geisenhofer.
Kollege, ich kann wohl davon ausgehen, daß Sie
bestimmte Einzelfälle im Auge haben. Ich darf Geisenhofer (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
Ihnen versichern, daß ich, wenn Sie mir diese Fälle sieht die Bundesregierung bei der gegenwärtigen
übermitteln, diese Frage mit großer Aufgeschlossen- Personalnot in den Krankenhäusern keine Notwen-
heit auch für das Schicksal der Hinterbliebenen unter digkeit, durch eine vorgeschaltete Diagnostik im
den' Gesichtspunkt weiterer Konsequezen überprü- Krankenhaus zu vermeiden, daß geprüfte Kranken-
fen lassen werde. schwestern mit der Pflege von Patienten befaßt wer-
den, die auch ambulant weiterbehandelt werden
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 44 könnten, und sollte nicht zum Zwecke der erwähn-
des Abgeordneten Geisenhofer auf: ten und erwünschten Verkürzung der Verweil-
Sieht die Bundesregierung im Zusammenhang mit der „Euro-
dauer eine begrenzte Nachbehandlung für geeignete
päischen Ordnung der sozialen Sicherheit Artikel 10" keine Ver- Fälle im Krankenhaus ermöglicht werden?
pflichtung, das geltende deutsche Recht so zu ändern, daß als
Mindestleistung der gesetzlichen Krankenversicherung auch die
ambulante Behandlung durch Fachärzte in Krankenhäusern ge-
währleistet wird? Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
Zur Beantwortung, Herr Parlamentarischer Staats-
Kollege, ich bin sicher, daß der von Ihnen genannte
sekretär.
Gesichtspunkt mit in die Beratung der Sachverstän-
digenkommission einbezogen wird. Ich kann aber
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim nicht annehmen, daß es Ihrer Aufmerksamkeit ent-
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr gangen sein könnte, daß die Frage nach der ambu-
Präsident, ich möchte auch diese beiden Fragen im lanten Vordiagnostik und Nachbehandlung im Kran-
Zusammenhang beantworten. kenhaus eine sehr umstrittene Frage ist. Es ist sach-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3869
Parlamentarischer Staatssekretär Rohde
gerecht, in der Sachverständigenkommission Praxis beschrieben werden. Wir haben gerade zur Frage
und Wissenschaft eine Chance zu geben, diesen um- der Inflation Sachverständige in diesen Tagen ge-
strittenen Fragenbereich zu erörtern. hört.
(Zurufe von der SPD.)
Präsident von Hassel: Keine weiteren Zusatz- Ich muß etwas zur Vorgeschichte sagen. Der Bun-
fragen. Die Fragestunde mit 60 Minuten ist abgelau- desminister der Finanzen hat keine Haushaltsrede
fen. Ich danke Ihnen, Herr Parlamentarischer Staats- gehalten. Seine Erklärung war doch ein Versuch,
sekretär für die Beantwortung. durch Polemik gegenüber der CDU/CSU von den
Ungereimtheiten der eigenen Haushaltspolitik ab-
(Anhaltende Unruhe.) zulenken.
- Meine Damen und Herren, ich darf Sie bitten, (Beifall bei der CDU/CSU.)
Platz zu nehmen.
Vergessen Sie doch bitte nicht, meine Damen und
Ich rufe den Punkt 4 der Tagesordnung auf: Herren von der Bundesregierung und der Koalition,
der SPD in diesem Falle, daß diese mißglückte Rede
Beratung des Antrags der Fraktion der CDU/ des Finanzministers zu einem Zeitpunkt stattfand, da
CSU
wir noch Äußerungen im Ohr hatten, die damals
betr. Mißbilligung der Äußerungen des Bun- noch nicht zurückgenommen worden waren. Der
desministers der Finanzen Dr. h. c. Dr.- Herr Bundeskanzler — und wir haben dies, Herr
Ing. E. h. Alex Möller Bundeskanzler, ausdrücklich anerkannt hat das
— Drucksache VI/1193 - zurückgenommen, was er vor der SPD-Fraktion
sagte. Herr Kollege Wehner seinerseits hat seine
Zur Begründung hat der Abgeordnete von Wran- Äußerungen relativiert und verändert; aber es wäre
gel das Wort. uns lieber gewesen, wenn auch dies von diesem
Platz aus geschehen wäre und nicht außerhalb des
Bundestages.
Baron von Wrangel (CDU/CSU): Herr Präsi-
dent! Meine Damen und Herren! Es wäre - der CDU/ (Beifall bei der CDU/CSU.)
CSU-Bundestagsfraktion zweifellos lieber gewesen, Ich möchte im Interesse der Atmosphäre auf diese
wenn wir auf den Antrag, der Ihnen mit Drucksache Vorgänge jetzt nicht näher eingehen. Wer also mit
VI/1193 vorliegt, hätten verzichten können. Wir unseren Zwischenrufen die Äußerungen des Bun-
sehen uns nun leider doch nicht in der Lage, diesen desministers der Finanzen rechtfertigen will, ver-
Antrag zurückzuziehen, weil der Herr Bundesfinanz- wechselt Ursache, Wirkung und Folgen.
minister die kollektiven Beleidigungen gegenüber
der CDU/CSU-Fraktion nicht zurückgenommen hat. (Beifall bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Es wäre doch nicht Sache der CDU/CSU gewesen,
jetzt noch Signale der Verständigung zu setzen,
Es macht die Sache schlimmer, weil der Minister
nachdem die Brücken, insbesondere die Brücke, die
selbst oder seine Mitarbeiter zu dieser Äußerung
Herr Dr. Barzel hier Herrn Möller gebaut hatte,
Beifallsbekundungen verbreitet haben, so z. B. von
nicht betreten worden sind.
den Jungsozialisten und von Herrn Steffen, die sich
nun in ihren extremen Ansichten durch einen Bun- (Beifall bei der CDU/CSU. — Oh-Rufe von
desminister bestätigt fühlen. der SPD.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Die CDU/CSU — dies ist gestern geschehen, und
Dieses Verhalten zeigt, daß der Bundesminister dies wird heute geschehen — wird die Finanz-,
der Finanzen jenes Maß an demokratischer Fairneß Wirtschafts-, Haushalts- und Konjunkturpolitik
aufzubringen nicht in der Lage ist, das die Grund- dieser Regierung weiterhin mit Härte und Leiden-
voraussetzung für die Beratungen in diesem Hohen schaft kritisieren. Dies ist nicht nur das Recht der
Hause ist. Opposition, dies ist eine so selbstverständliche
demokratische Pflicht, daß ich darüber nicht zu
(Beifall bei der CDU/CSU. — Oh-Rufe von sprechen brauche. Wir treten aber — das werden
der SPD.) Sie gestern gemerkt haben — für eine sachliche
Meine Damen und Herren, ein Bundesminister darf Beratung ein. Ich glaube, daß die Beratungen und
die Gesetze des Parlamentarismus auch dann nicht die ganze Zusammenarbeit in diesem Hohen Hause
in Frage stellen, wenn ihm die berechtigte Kritik doch entscheidend beeinflußt und auch beeinträch-
der Opposition auf die Nerven geht. Ich möchte mit tigt werden kann durch das Verhalten des Bundes-
Nachdruck darauf hinweisen, daß nach Durchsicht ministers der Finanzen.
des Protokolls vom 23. September 1970 weder vor- (Beifall bei der CDU/CSU.)
her gemachte Äußerungen unsererseits noch der
Zwischenruf meines Kollegen Haase (Kassel) die Herr Schiller sprach gestern vom Entspannungs-
Äußerung des Bundesministers der Finanzen in ir- kurs. Ich meine, Herr Minister, daß Sie den ersten
gendeiner Form rechtfertigen. Beitrag zu dieser Entspannung leisten müßten.
(Beifall bei der CDU/CSU.) (Beifall bei der CDU/CSU.)
Denn es gehört eben zur wirtschaftspolitischen Aus Ich muß hier noch einmal sagen, daß mit diesen
einandersetzung, daß Tatbestände als Tatbestände Äußerungen ja nicht nur die CDU/CSU-Fraktion,
3870 Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Sie hat den Mut, echte Prioritäten zu setzen und Das heißt, meine sehr geehrten Damen und Her-
dafür einzustehen. ren — und hier kommen wir wieder an das General-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — problem in diesem Hause, und wir Sozialdemokraten
Abg. Dr. Wörner: Sind Sie denn der haben hier unseren Weg hinter uns —, der Schritt
gestrigen Debatte nicht gefolgt?) von der Oppositionsrolle zur Obstruktionsrolle ist
der Schritt zur Frustrierung des Parlaments.
— Das ist Ihnen unangenehm, meine Damen und
Herren. (Beifall bei der SPD.)
Nehmen Sie sich doch einmal die Zeit und lesen Ich bin überzeugt, daß niemand in den Reihen der
Sie im Protokoll nach, wie das in der Sitzung vom CDU/CSU eine solche Frustrierung will. Ich bin über-
23. 9. eskalierte. Da geht es um eine Frage, die uns zeugt, daß Sie mit uns zusammen genau wissen, daß
unabhängig von diesem besonderen Vorkommnis ein Parlament nur dann funktioniert, wenn die Frak-
beschäftigen muß, tion der Opposition durch ihre sachlich-kritischen
Beiträge zur Klärung der Fragen zwingt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Nein, hier geht
es um Möller!) (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
eine Frage, die das ganze Haus angeht und uns bei — Ich freue mich über die Zwischenrufe. — Das ist
Haushaltsberatungen besonders beschäftigen muß, für eine Opposition, die nicht über die Mehrheit
nämlich die notwendige sachliche Basis zu schaffen, verfügt — sonst wäre sie ja nicht Opposition —,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3873
Dr. Schäfer (Tübingen)
häufig mit entsagungsvollen Konsequenzen verbun- Meine Herren und Damen, wir haben das Fern-
den. sehen im Haus. Das bedeutet, daß Menschen an un-
(Abg. Strauß: Da hätten Sie sich etwas Bes seren Debatten teilnehmen, die nicht gleichermaßen
seres einfallen lassen können! — Zuruf des die Atmosphäre, in der wir handeln, räumlich und
Abg. Stücklen.) zeitlich miterleben. Das legt uns eine besondere
Das fällt Ihnen, nachdem Sie es noch nicht ganz ge- Verantwortung auf. Denn Sinn und Ziel der öffent-
lernt haben, in dieser Rolle zu agieren, schwer, und lich übertragenen Sitzungen des Parlaments ist es
nun suchen Sie deshalb diesen Ausweg. Das ist Ihre doch, die sachliche Arbeit des Parlaments durchsich-
Angelegenheit. tig und verständlich zu machen,
Wir werden Ihren Antrag ablehnen. Wir meinen, (Zuruf von der CDU/CSU: Für Beleidigun
daß wir uns der Sacharbeit zuwenden sollten. gen!)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) nicht aber, die Menschen emotional aufzuheizen
oder abzuschrecken.
Präsident von Hassel: Das Wort hat die Ab- (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
geordnete Frau Funcke. Abgeordneten der CDU/CSU.)
Frau Funcke
wenn diejenigen, die selbst nicht zimperlich sind im Brandt, Bundeskanzler: Meine Damen und Her-
Austeilen, umgekehrt empfindlich reagieren. ren! Ich muß ehrlich sagen, dies war eine weitere
(Erneuter Beifall bei den Regierungspar Eskalation.
teien. — Zurufe von der CDU/CSU: Siehe (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
Möller! — Abg. Dr. Schmidt [Wuppertal] :
Sie müssen aber auch die Geschichte noch Aber wenn es schon sein muß, dann darf ich aus
einmal nachlesen! — Weitere Zurufe von meiner Sicht und Verantwortung doch noch einmal
der CDU/CSU.) dieses Hohe Haus und die, die uns zuhören, an den
Sicher wäre es besser, wenn das Wort des Be- Zusammenhang erinnern. Vielleicht sehen wir ihn
dauerns sich leichter aussprechen ließe. nicht alle gleichermaßen. Sie müssen bitte den Zu-
sammenhang so akzeptieren, wie er sich anderen
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Stück darstellt.
len: Dann fordern Sie ihn doch dazu auf!)
Am 23. September wurde dem Bundesminister der
Aber, meine Damen und Herren, mit der Methode
Finanzen beim Einbringen des Haushalts — diese
der „Haupt- und Staatsaktion" kann man nur allen Einbringung geschah wie immer im Auftrag der
schaden. Regierung — aus der Mitte dieses Hauses zugeru-
Darum wird die FDP-Fraktion den Antrag der fen, er mache die dritte Inflation. „Dritte" kann man
CDU/CSU ablehnen. nur sagen, wenn man das auf die erste nach dem
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ersten Weltkrieg und die zweite nach dem zweiten
Weltkrieg bezieht. Hierdurch fühlte sich der Bun-
desminister der Finanzen — das kann ich ihm voll
Präsident von Hassel: Das Wort hat der Ab- nachempfinden — gereizt und beleidigt.
geordnete Dr. Barzel.
(Beifall bei der SPD.)
(Unruhe bei der SPD.)
Diese Herausforderung richtete sich gegen einen
- Mann, der wie andere auch — so aber auch er —,
Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine und zwar schon in jungen Jahren, sich um die Demo-
Damen und Herren! Zunächst ein Wort an meine kratie in Deutschland verdient gemacht hat.
Vorrednerin. Wir glauben, der Umgang der Demo-
kraten miteinander gehört zur Sache und ist die (Lebhafter Beifall bei der SPD und bei
erste Sache dieses Hauses. Abgeordneten der FDP.)
(Beifall bei der CDU/CSU.) Ich habe am nächsten Tage von dieser Stelle
Nachdem der Bundesminister der Finanzen sich aus gesagt, daß die aus der Situation heraus, im-
nicht zu Wort gemeldet hat, bleibt uns nur dies provisiert, wie das in solchen Zusammenhängen ist,
eine: Sie, Herr Bundeskanzler, zu fragen: gefallene Äußerung niemandes politische und per-
sönliche Ehre habe verletzen sollen. Das können Sie
(Lachen bei den Regierungsparteien. — im Protokoll nachlesen. Ich habe in derselben Rede
Zuruf von der SPD: Kommen Sie zur Sache!) — auch das dürften diejenigen nicht überhört haben,
Wollen Sie wirklich die Verantwortung dafür über- die anwesend waren — von den beiden schreck-
nehmen, daß ein Mitglied Ihrer Regierung von die- lichen Kriegen gesprochen, an deren Zustandekom-
ser Stelle aus die Hälfte des deutschen Volkes in die men keiner von uns beteiligt war. Verehrte Anwe-
Nähe derer rückt, sende, meine Damen und Herren, bitte machen Sie
sich den Zusammenhang noch einmal klar: Der Kol-
(Pfui-Rufe von den Regierungsparteien) lege Möller hat doch klarstellen wollen, daß die
die verantwortlich für Krieg und zwei Inflationen Kräfte, von denen er sprach — herausgefordert
sind? — Herr Bundeskanzler, Sie schütteln mit dem durch den Zuruf über die dritte Inflation —, ihm,
Kopf. Dann kommen Sie her und erklären das. seiner Partei, dieser Regierung, dieser Koalition
Sonst werden draußen im Lande Instinkte und Radi- geistig jedenfalls nicht nahestehen.
kalität geweckt, meine Damen und Herren.
Nun lassen Sie mich, Herr Kollege Barzel, nach-
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU. — Leb dem Sie hier noch einmal das Wort ergriffen haben,
hafte Pfui-Rufe von den Regierungspar in aller Offenheit auch folgendes sagen. Die Oppo-
teien.) sition zieht an manchen Tagen hier, draußen im
Wir bitten herzlich, nicht an der Sache vorbeizu- Lande aber noch mehr als hier alle Register, gele-
reden. Der Vorwurf „verantwortlich für zwei gentlich auch solche der Verdrehung, des Weckens
Kriege" ist doch ungeheuerlich, und er muß vom versteckter Ängste
Tisch, meine Damen und Herren. (Widerspruch von der CDU/CSU)
(Beifall bei der CDU/CSU. — Anhaltende
Pfui-Rufe von den Regierungsparteien.) und der Mobilisierung von Gefühlen.
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Präsident von Hassel: Das Wort hat der Herr Dann sollte sie nicht überempfindlich reagieren,
Bundeskanzler. wenn einmal eine solche Äußerung provoziert wird,
(Zuruf von der CDU/CSU: Endlich!) wie sie provoziert wurde, denn Überempfindlichkeit
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3875
Bundeskanzler Brandt
ist nicht das Privileg einer Partei, die immer noch die ja hier von meinem Kollegen Schäfer zitiert wor-
versucht ist, sich mit dem Staat zu identifizieren. den ist, daß er sogar kein Mitglied Ihrer Fraktion ge-
(Beifall bei den Regierungsparteien. — meint habe.
Zuruf von der CDU/CSU: Immer schlimmer!) (Zurufe von der CDU/CSU.)
Ich finde es bedauerlich, daß auf Ihrer Seite in dieser
Ich habe von meinen eigenen Äußerungen vom Zeit seit diesen Vorkommnissen keinerlei Neigung
24. September von dieser Stelle aus als Bundes- bestanden hat, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß
kanzler gesprochen. Der Bundesfinanzminister hat eine Erhitzung in jener Sitzung bestand. Sie haben
sich am gleichen Tage geäußert. Er hat eine Erklä- heute hier noch einmal das zu rechtfertigen und zu
rung abgegeben. Wer gewollt hätte, daß man zur salvieren versucht, was bis zu jenem Punkt geführt
sachlichen Arbeit kommt, hätte daraus den vernünf- hat. Das nehmen wir zur Kenntnis. Das ist eine
tigen parlamentarischen Stil abgeleitet und den Frage Ihres Taktes.
Zwischenfall beigelegt, anstatt ihn weiter hochzu-
spielen. (Zurufe von der CDU/CSU.)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Aber Ihre Kennzeichnungen des Bundesministers der
Finanzen und unseres Kollegen Dr. Alex Möller mit
Bei allem gebührenden Respekt vor der Meinung
den Begriffen „Selbstzufriedenheit" und „Unbelehr-
der Opposition und vor den Empfindungen der Kol-
barkeit", die ich Ihnen nicht zurückgebe, meine Da-
legen der Opposition muß ich dem Hohen Hause
men und Herren von der CDU/CSU, sind ebenso
vor dieser Abstimmung zur Kenntnis bringen: Die-
kränkend gemeint wie die nach der Erklärung des
ser Bundesminister der Finanzen, den der Bundes-
Bundesfinanzministers überflüssigerweise von Ihnen
präsident auf meinen Vorschlag ernannt hat, hat
hier erneut, wiederholt und bekräftigend gewollte
mein volles Vertrauen.
Beleidigung des Bundesministers der Finanzen als
(Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.) eines Demokraten, den Sie unter Ausnahmerecht
stellen wollen.
Präsident von Hassel: Das Wort hat der Ab- (Lachen und Zurufe von der CDU/CSU.)
geordnete Wehner. Wir werden überzeugt und geschlossen gegen die-
sen Antrag stimmen.
Wehner (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
und Herren! Hier ist wiederholt und mit verschiede- der FDP. — Zurufe von der CDU/CSU.)
nen Akzenten gesagt worden, daß es gewünscht
werde, zur Sache zu kommen. Ich verstehe unter „zur
Sache kommen", in sachlichem Gegeneinander und,
Präsident von Hassel: Das Wort hat der Ab-
geordnete Dr. Barzel.
soweit das denkbar ist, in nationalem Miteinander
zu ringen. Darüber ist hier vieles gesagt worden.
Ich habe jetzt die Pflicht und das Recht, im Namen
Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Die Reden des Bundeskanzlers
der ganzen sozialdemokratischen Bundestagsfraktion
und des Kollegen Wehner haben versucht darzutun,
den Versuch des verehrten Herrn Vorsitzenden der
daß der Kollege Möller hier erregt gewesen sei. Die
CDU/CSU-Fraktion zurückzuweisen, das Vorkomm-
Einlassung des ersten Sprechers der sozialdemokra-
nis einer erhitzten Debattensituation vom 23. Sep-
tischen Bundestagsfraktion, Herrn Schäfer, hat ver-
tember in eine für den Gebrauch draußen dramati-
sucht darzutun, daß es sich um einen seit langem er-
sierte Fassung zu bringen. Diesen Versuch beanstan-
hobenen Vorwurf gegen uns handele.
den wir.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP.) Dies beides muß man doch wohl hier als einen
Widerspruch festhalten, und man muß festhalten,
Herr Kollege Dr. Barzel, nach der Erklärung, die daß ein Minister dieser Regierung vor diesem Hohen
der Bundesminister der Finanzen, unser Bundestags- Hause diese Erklärungen abgegeben hat.
kollege Dr. Alex Möller, hier am 24. September ab-
gegeben hat, hätten Sie auf diesen heutigen Punkt Herr Bundeskanzler, Sie haben hier gesagt, nie-
verzichten können. Sie haben das nicht nur nicht ge- mand hier sei an den zwei Kriegen und den zwei In-
tan, sondern Sie haben auch in der Erklärung, die flationen beteiligt. Warum erklärt dies nicht Ihr Bun-
hier Ihr parlamentarischer Geschäftsführer von desminister der Finanzen, und warum erklären Sie
Wrangel abgegeben hat und die ja sicher wohlüber- dies und sprechen hinterher Herrn Möller von dieser
legt war, die völlig unbegründete Behauptung an die Stelle Ihr Vertrauen aus? Das verschärft doch die
Spitze gestellt, es handle sich bei dem, was Herr Sache nur.
Möller gesagt habe und was Sie mit dieser Erklä- (Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von
rung vom 24. September offenbar immer wieder als der SPD.)
weiter gesteigert wirken lassen wollen, um eine kol-
lektive Beleidigung. Es ist aus der Erklärung des
Bundesministers der Finanzen vom 24. September Präsident von Hassel: Wortmeldungen liegen
klar herauszulesen, nicht mehr vor. Wir kommen zur Abstimmung über
den Antrag der Fraktion der CDU/CSU auf Druck-
(lebhafter Beifall bei der CDU/CSU) sache VI/1193. — Darf ich bitten, Platz zu nehmen.
3876 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Dr. Althammer
dern über 10 % waren, die die Steigerung aus- fer habe auch ich frühere Protokolle nachgelesen.
machte. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich dabei auf eine Rede
(Zurufe von der CDU/CSU: Das ist typisch! gestoßen bin, die ich selber am 21. Oktober 1964 zu
— Unseriös!) dieser Frage der Reformen und der Prioritäten ge-
Die CDU/CSU hat, als die Diskussion um die halten habe.
Gestaltung des Haushalts 1971 geführt wurde, so- (Abg. Hermsdorf [Cuxhaven]: So ein Zufall!)
fort ihrerseits einen konkreten konstruktiven Vor-
— Herr Kollege Hermsdorf, es ist interessant, daß
schlag gemacht. Ich habe diesen Vorschlag bereits
der erste Redner damals, Herr Kollege Conring, fest-
vor der Sommerpause von dieser Stelle aus vorge-
gestellt hat, daß 1964 der Etat für das nächste Jahr
tragen. Der Vorschlag geht dahin, angesichts der
-- 1965 — zum erstenmal schon vor der Sommer-
vorhandenen konjunkturpolitischen Daten — diese
Daten wurden ja gestern noch einmal erörtert — pause im Bundesrat eingebracht und, wie Sie sehen,
einen Kern- und einen Eventualhaushalt für 1971 dem Bundestag im Oktober vorgelegt werden
konnte. Sie sehen, so einmalig ist der Vorgang aus
vorzusehen. Ich möchte mit aller Deutlichkeit darauf
hinweisen, daß die Zurückstellung gewisser Aus- des Jahre 1970 auch nicht. Aber das nur am Rande.
gaben in einem Eventualhaushalt nicht deren Strei- Damals wurde dargestellt, welche immensen Lei-
chung bedeutet, sondern lediglich eine zeitliche stungen in den Jahren seit 1948 erbracht werden
Flexibilität für den Zeitpunkt der Ausgaben ermög- mußten. Allein die Kriegsfolgelasten haben bis zum
lichen soll. Jahre 1964 die Summe von 264 Milliarden DM aus-
(Beifall bei der CDU/CSU.) gemacht. Wenn heute von Ihrer Seite so gern von
Die Regierung und die Koalitonsparteien haben den angeblichen Versäumnissen gesprochen wird,
bereits zu Beginn der Sommerpause diese unsere dann sollte man doch hier und da berücksichtigen, in
Vorschläge wiederum abgelehnt. Dabei waren die welcher Ausgangsposition die Bundesrepublik
Begründungen und anderen Äußerungen dazu sehr Deutschland z. B. im Vergleich zu anderen Ländern
interessant. Einerseits wurde von der Regierung — wie Schweden oder die USA, die so gerne zum
gesagt, man könne eine Aufspaltung in einen Kern- Vergleich herangezogen werden — stand.
und einen Eventualhaushalt deshalb nicht
- vorneh- (Beifall bei der CDU/CSU.)
men, weil diese exorbitante und konjunkturwidrige
Wenn wir insbesondere unserer jungen Generation
Steigerungsrate von 12,6 % — über die Prozentzahl
einmal die Bilder dieser berühmten Stunde Null vor-
wird bekanntlich gestritten — zur Verwirklichung legen würden, würde vielleicht auch heute die Auf-
der Reformen unabdingbar notwendig sei. Gleich-
bauleistung einer ganzen Generation unseres Volkes
zeitig konnte man von dieser Regierung hören, daß
wieder deutlicher werden, als sie ist, wenn Sie
man sich, wenn sich im Januar 1971 die Konjunktur-
immer nur von Versäumnissen sprechen.
daten nicht verändert hätten, vorbehalte, haushalts-
politische Maßnahmen noch vor der Verabschiedung (Beifall bei der CDU/CSU.)
des Bundeshaushalts 1971 zu ergreifen.
Wir haben unmittelbar im Anschluß an die Be-
Nun muß sich der Beobachter der Szene doch fra- wältigung der Kriegsfolgelasten, die ja heute immer
gen: Wenn im Juli 1970 Reformen angeblich zeitlich noch getragen werden müssen — das wissen Sie
absolut unaufschiebbar sind, sollen sie dann etwa auch —, in der Bundesrepublik eine Sozialordnung
im Januar 1971 aufschiebbar sein? aufgebaut, die nach der Erklärung einer internatio-
(Beifall bei der CDU/CSU.) nalen Organisation in Genf an der Spitze der ge-
samten Sozialpolitik in der Welt steht.
Hier liegt also doch ganz eindeutig ein Widerspruch
in der Argumentation, und hier zeigt sich meines (Beifall bei der CDU/CSU.)
Erachtens deutlich, daß man nur versucht hat, ge- Wir haben darüber hinaus die schwierigen Pro-
wisse Beruhigungspillen zu geben angesichts des bleme des deutschen Verteidigungsbeitrages, die
verheerenden Echos in der Öffentlichkeit, die es Probleme des Wohnungsbaus und insbesondere des
mit Recht beanstandet hat, daß in der gleichen Straßenbaus zu bewältigen gehabt. Und wenn heute
Woche zwar dem privaten Verbraucher Opfer zu- mit den Mehrjahresprogrammen so schöne Zusatz-
gemutet worden sind — durch eine 10prozentige raten im Straßenbau verkündet werden, dann möchte
Steuervorauszahlung —, ich daran erinnern, daß die Basis all dieser Zu-
(Abg. Baier: Sehr wahr!) wachsraten das Straßenverkehrsfinanzierungsgesetz
mit seiner Dynamisierung der jährlichen Zuwachs-
aber der Staat, also der Bund, sich bei der Aus- leistungen ist, das ebenfalls in diesen Jahren be-
gabensteigerung in seiner Etatgestaltung keinerlei schlossen worden ist.
Hemmungen auferlegen wollte.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Breid- Herr Kollege Hermsdorf, ich habe schon damals im
bach: Die sogenannte Arbeiterregierung!) Jahre 1964 als nächste Priorität Wissenschaft und.
Forschung in den Vordergrund gestellt. Aber, meine
Ich möchte zu diesen berühmten „unaufschiebba- sehr verehrten Damen und Herren, Sie wissen genau
ren Reformen" noch ein Wort sagen. Einerseits wird so gut wie die Fachleute in diesem Bereich, daß die
immer behauptet, diese Reformen seien in der Ver- stolzen Zuwachsraten im Bereich von Wissenschaft
gangenheit vernachlässigt worden, man habe Ver- und Forschung natürlich sehr viel von ihrem Glanz
säumnisse nachzuholen. Nun, meine sehr verehrten verlieren, wenn Sie das bedenken, was gestern schon
Damen und Herren, genauso wie Herr Kollege Schä Herr Kollege Höcherl ausgeführt hat, daß nämlich
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3879
Dr. Althammer
der Bund lediglich 5 % der Leistungen auf diesem der erreicht werden, und dann kann man sich über
Gebiet aufzubringen hat. weitere Reformen unterhalten.
(Abg. Raffert: Das verändern wir ja gerade!) Es ist auch gestern schon an verschiedenen Bei-
— Wir werden uns, Herr Kollege Raffert, in der spielen deutlich gemacht worden, daß wir heute in
nächsten Woche über einen Punkt zu unterhalten einer Situation sind, wo die stolzen Steigerungs-
haben, in dem sich allerdings — das ist meine Über- raten, die Sie für den Haushalt 1971 hier vortragen,
zeugung — der Unterschied zwischen der Reform- durch die auf gewissen Gebieten trabenden, manch-
politik der CDU/CSU und der Reformpolitik der SPD mal sogar galoppierenden Preissteigerungen aufge-
ganz deutlich zeigt. fressen werden, ja, daß die Steigerungsraten in
bestimmten Bereichen sogar unter dem liegen, was
(Abg. Dr. Schmid (Frankfurt) : Sie haben doch an Kosteninflation festzustellen ist, so daß Sie nicht
gar keine Reformpolitik!) mehr, sondern weniger mit diesem Geld bauen kön-
Sie haben eine Bildungsplanung bis zum Jahre 1980 nen.
vorgelegt, für die die Fachleute das steht auch in (Beifall bei der CDU/CSU.)
dem Bildungsbericht — einen Voranschlag zwischen Die CDU/CSU hat versucht, aus dieser Situation
80 und 100 Milliarden DM machen. Dabei wird heute die konstruktive Schlußfolgerung zu ziehen, durch
bereits festgestellt, daß diese Voranschläge ange- die Aufteilung in einen Kernhaushalt und einen
sichts der Preissteigerungsraten auf den verschie- Eventualhaushalt erst einmal Stabilität wiederzu-
densten Sektoren bei den Investitionen, angesichts gewinnen und dann die dringend erforderlichen
der Steigerungsraten bei den Gehältern weit über- Reformmaßnahmen, die niemand hier bestreiten
holt sind, so daß wir nicht mit 100 Milliarden DM, wird, anzugehen.
sondern, wenn alle diese Dinge finanziert werden
sollen, mit 150 Milliarden DM zu rechnen haben. Meine sehr verehrten Damen und Herren, es war
interessant, die Reaktion darauf zu hören. Erst ein-
(Abg. Raffert: Heute reden wir erst einmal mal hat der Kollege Schäfer heute von dieser Stelle
über das nächste Jahr!) das wiederholt, was der Herr Bundeskanzler schon
Wenn die Bundesregierung schon eine solche
- Sache einmal hier erklärt hat, nämlich daß wir uns durch
vorlegt, stellen wir natürlich die Frage: Was sagt unsere Erklärung, man möge diesen Bundeshaus-
sie dann eigentlich zu den Möglichkeiten der Finan- halt jetzt nicht behandeln, sondern der Regierung
zierung? zurückgeben, weigern würden, den Haushalt 1971
überhaupt anzugehen.
(Abg. Leicht: Genau! Darüber ist nichts gesagt!)
(Zuruf des Abg. Dr. Schäfer [Tübingen].)
Sie sagt, sie müsse erst einmal überlegen, wie das
finanziert werden solle. Das ist absolut unrichtig. Wir wollten vielmehr
(Abg. Dr. Schäfer (Tübingen) : Es ist immer mit aller Deutlichkeit klarmachen, daß die Regie-
gut, wenn man überlegt!) rung die Aufgabe hat, einen konjunkturgerechten
Haushalt vorzulegen.
Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit eine Gefahr:
Es werden jetzt große Gemälde von Reformwerken (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Leicht:
an die Wand geworfen, von denen heute kein Wie der § 5 des Stabilitätsgesetzes es vor
Mensch weiß, wie sie überhaupt nur im Ansatz schreibt!)
finanziert werden sollen. Man wundert sich eigentlich, daß von Ihnen die-
(Beifall bei der CDU/CSU.) ser unser konstruktiver Vorschlag heute mit leich-
ter Hand vom Tisch gewischt wird. Wir wissen,
Das gilt nicht nur für diesen Bereich. Ich könnte daß dieser Vorschlag innerhalb des Kabinetts eine
Ihnen genau so gut andere Beispiele geben: Umwelt- sehr bedeutsame Rolle gespielt hat. In der Mappe
schutz, Krankenhausfinanzierung u. a. Sehen Sie, des Bundesfinanzministers, so nehme ich an, waren
meine Damen und Herren, die CDU/CSU hat es sich genaue, ausgearbeitete Vorschläge, die etwa dahin
in all den Jahren, in denen sie die Regierungsver- gingen, entweder durch gezielte Herausnahmen aus
antwortung getragen hat, versagt, Reformpro- dem Etat 1971 einen Eventualhaushalt zu bilden
gramme auf der Basis einer inflationistischen Ent- oder, wie man gehört hat, auch durch eine globale
wicklung zu machen. Reduzierung aller verfügbaren Beträge eine solche
(Beifall bei der CDU/CSU.) Aufspaltung zu erreichen.
Genau diesen Punkt sprechen wir an, wenn wir (Abg. Leicht: Immerhin 5 Milliarden!)
jetzt fordern, daß zuerst die Stabilität wieder er-
Es ist auch klargeworden, daß nur der Ressortegois-
reicht wird, und feststellen, daß erst von einer sta-
mus im Kabinett verhindert hat, daß sich diese ver-
bilen Basis aus dann die wichtigen Reformpro- nünftige Auffassung durchsetzen konnte.
gramme angegangen werden können.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Ich möchte jetzt noch einen anderen Punkt anspre-
chen, weil er in der Debatte immer eine große Rolle
Denn, meine sehr verehrten Damen und Herren, was gespielt hat. Da wird uns von der SPD immer ge-
hätte es für einen Sinn, sich über schöne Neubau- sagt: Ja, wenn diese CDU/CSU kürzen will, dann
ten an einem Hause zu unterhalten, wenn dieses soll sie uns doch sagen, wo sie kürzen will. Es ist
Haus in Brand geraten ist? Hier, meine ich, muß schade, daß der Herr Kollege Haehser jetzt nicht
zuerst gelöscht werden, hier muß die Stabilität wie da ist; er ist einer der Hauptvertreter dieser Auf-
3880 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Dr. Althammer
fassung. Sehen Sie, meine Damen und Herren, so Steuererleichterungen gewähren wollten. Wir haben
jedenfalls kann man eine vernünftige Zusammen- in dieser Woche in der Fraktion beschlossen: Nach-
arbeit zwischen Regierungskoalition und Opposition dem diese Deckungsmöglichkeit nicht vorhanden ist,
in diesem Hause nicht handhaben, werden wir jetzt in unseren Anträgen nur den Teil
aufnehmen — in der zweiten und dritten Lesung —,
(Zuruf von der SPD: Wie denn?)
für den wir hier auch Deckung vorsehen können. Die
daß man selber sagt: Wir wollen 12,6 % Steigerung, anderen Dinge müssen wir leider Gottes, weil Sie
wir sind also nicht bereit, mit uns darüber reden nicht bereit sind, auf diesem Gebiet einen Schritt
zu lassen, konjunkturgerechter zu verfahren, daß weiterzugehen, zurückstellen. Genauso ist es auch
man trotz dieser Äußerung aber die Opposition fest- in anderen Bereichen. Wir verhalten uns auch bei
nageln möchte auf Minderausgaben im Straßenbau, der politischen Programmatik verantwortungsvoll,
im Wohnungsbau, in der Wissenschaft und wo und wir haben Ihnen dieses Angebot unterbreitet
immer Sie wollen. Ein so vordergründiges, primi- — und ich tue es weiterhin —, daß wir jederzeit be-
tives parteitaktisches Spiel reit sind, gemeinsam mit Ihnen, wenn Sie Veranlas-
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei sung dazu sehen, ein Stabilisierungsprogramm
der SPD) durchzuführen.
zeigt doch, mit wie wenig Ernst Sie überhaupt an (Abg. Leicht: Hätten Sie es beim Haushalt
dieses Angebot der CDU/CSU herangehen. 1970 gemacht, wären wir heute weiter!)
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zurufe von Meine Damen und Herren, wenn Sie dazu nicht
der SPD.) bereit sind, werden Sie im nächsten Jahr ein bitteres
Erwachen erleben. Sie brauchen ja nur einmal in die
Nein, meine sehr verehrten Damen und Herren, mittelfristige Finanzplanung hineinzusehen. Was
Sie wissen genau wie wir: Wenn man stabilisieren finden Sie dort? Sie finden dort die Finanzierung
will, dann tut das weh, und wenn man so etwas all der Vorhaben für die nächsten vier Jahre mit
erreichen will, dann kann man es nur, wenn man einer Verschuldungsrate, die bei über 8 Milliarden
gemeinsam willens ist, diesen Weg zu gehen. Aber DM im Jahre 1971 beginnt und bis 1974 auf über
sich selber davon auszuschließen und zu glauben, 16 Milliarden DM ansteigt.
man könne uns im Regen stehen lassen mit sol-
(Abg. Leicht: Dafür wird der Staatsbürger
chen Vorschlägen, — so primitiv und so partei-
Eigentümer der Straßen!)
taktisch geht das nicht.
Wenn man die Frage stellt, wie denn diese Schul-
Lassen Sie mich noch ein weiteres sagen. Das ist
den überhaupt auf dem Kapitalmarkt aufgenom-
ja gestern beim Kollegen Junghans angeklungen
men werden sollen, dann liest man dort, daß die Re-
und heute früh auch wieder beim Kollegen Schäfer.
gierung erwarte, die Sparneigung der deutschen Be-
Kollege Schäfer hat dabei auch mich zitiert. Da wird
völkerung werde sich fortsetzen und aus der stei-
also immer gesagt, die CDU/CSU verlangt auf der
genden Sparrate werde diese staatliche Schuldauf-
einen Seite Einsparungen, auf der anderen Seite
nahme ermöglicht werden können. Gleichzeitig steht
stellt sie Anträge, bringt Gesetzentwürfe ein, die
dort, daß man das deutliche Anwachsen der Steuer-
Millionen und Milliarden mehr kosten. Und dann
einnahmen erwarte, z. B. im Bereich der Einkom-
fragt man uns: Wie soll das eigentlich miteinander
men- und Lohnsteuer in diesen vier Jahren allein
vereinbar sein? — Wir wissen alle, daß das so die
ein Anwachsen um über 50 %, nämlich um 51,4 %.
parteigängige Argumentation draußen in den Ver-
Gleichzeitig ist dort festgehalten, man gehe davon
sammlungen ist.
aus, daß der private Verbrauch reduziert und der
(Zuruf von der SPD: Das kommt alles in den öffentliche Verbrauch ausgeweitet werde.
Eventualhaushalt!)
Nun stelle ich Ihnen die Frage, meine sehr ver-
Aber bitte, beachten Sie doch eines: Wenn diese ehrten Damen und Herren: In welcher Verfassung
Regierung und diese Regierungsparteien sich durch muß eigentlich unsere Wirtschafts- und Finanzpolitik
nichts und durch keinerlei Beschwörungen davon ab- sein, damit Sie solche Ziele realisieren können?
halten lassen, nun diesen konjunkturwidrigen Weg Doch nicht so, wie es im Moment aussieht — das
zu gehen, und wenn auf der anderen Seite nach Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut des
wie vor das Angebot der CDU/CSU steht, zu je- Herrn Arndt in Berlin hat das jetzt wiederum fest-
dem Zeitpunkt über all diese Maßnahmen mit sich gehalten : mit einer erwarteten Steigerungsrate
reden zu lassen, dann ist für Sie doch jetzt der der Kaufpreise im nächsten Halbjahr von zwischen
Platz und die Zeit, auf dieses unser Angebot einzu- 4 und 5 %! Wenn Sie davon ausgehen, daß die Spar-
gehen. Aber zu glauben, Sie könnten draußen große neigung unserer Bevölkerung, die jetzt erwiesener-
Erfolgsbilanzen ankündigen, und die CDU/CSU maßen rückläufig ist, wieder zunehmen soll, dann
würde es sich versagten, ein politisches Alternativ- müssen Sie dafür doch erst die Grundlage der Stabi-
programm dazu zu entwickeln, das, meine sehr ver- lität schaffen.
ehrten Damen und Herren, kann auch nicht der Weg (Beifall bei der CDU/CSU.)
sein, der hier zu gehen ist.
Wenn Sie das nicht tun wollen, meine sehr ver-
Wir haben diese Dinge in konkreten Fällen präzi- ehrten Damen und Herren, werden Sie auch nicht
siert. Wir haben z. B. bei dem angesprochenen Punkt die Möglichkeit haben, Ihre Programme zu reali-
Kindergeldregelung ganz klar gesagt: wir suchen sieren, sondern dann wird sich das fortsetzen, was
die Deckung in dem Bereich, in dem Sie damals sich jetzt schon abzeichnet: daß Sie große Auswei-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3881
Dr. Althammer
tungen beschließen und mit herrlichen Geldausga- Vorlage dieses Investitionsprogramms die Bundes-
ben arbeiten. Wenn man dann aber fragt, wie viele regierung veranlaßt, die Alternativrechnung, die
Straßen, wie viele Schulen, wie viele Universitäten vorgesehen ist, nachzuholen, um uns damit das Ma-
damit gebaut worden sind, dann werden Sie fest- terial an die Hand zu geben, damit ein solcher Kern-
stellen müssen, daß trotz dieser riesigen Geldaus- haushalt und Eventualhaushalt realisiert werden
weitungen nicht mehr, sondern weniger gebaut kann. Das ist eine Verpflichtung, die nach § 50 des
wird. Haushaltsgrundsätzegesetzes der Bundesregierung
obliegt. Wenn man das jetzt sofort in Angriff nimmt,
Es gibt einen konkreten Weg, wie wir unserem dann hätten wir die Möglichkeit, wenigstens jetzt,
Ziel der Stabilisierung näher kommen können. Ich nachdem es vom Juli dieses Jahres an bisher nicht
möchte nur einen Aspekt hier aufzeigen. Es gibt
geschehen ist, die Voraussetzungen für ein kon-
Investitionsprogramme der deutschen Bundesregie- junkturgerechtes Verhalten zu schaffen.
rung. Die alte Regierung hat durch Finanzminister
Strauß das Investitionsprogramm des Bundes bis Wenn Sie das wiederum ablehnen und sagen: Bis
zum Jahre 1972 vorgelegt. In diesem Investitions- zum Januar 1971 geschieht hier nichts, als daß wir
programm ist eine Alternativrechnung enthalten, Beschwörungsformeln vortragen, daß die Konjunk-
wie die Investitionen in diesen Jahren laufen müs- tur ja schon Anzeichen zeige, daß sie zurückgehen
sen, wenn man sich expansiv verhalten will, und werde usw., dann — das möchte ich Ihnen heute
wie sie gestaltet werden können, wenn man sich schon sagen — tragen Sie die Verantwortung da-
restriktiv verhalten will. Ich habe diese Ausführun- für, daß weitere vier Monate keine Vorbereitungen
gen hier und darf nur eine Stelle mit Genehmigung getroffen werden, wirksame Stabilisierungsmaßnah-
des Herrn Präsidenten hier vortragen. Da heißt es: men beschließen zu können.
Insgesamt erscheint das Bild der technischen (Beifall bei der CDU/CSU.)
Möglichkeiten einer kontraktiven Politik recht
günstig. Von den für 1969 vorgesehenen Aus- Ich meine, es wäre nicht der richtige Weg, sich jetzt
gaben für Eigeninvestitionen ... könnten Auf- geruhsam aufs Ohr zu legen und zu warten, bis der
träge im Gesamtwert von 11 Milliarden DM Februar 1971 erreicht ist, um dann vielleicht sich
grundsätzlich aufgeschoben werden. eine Liste der Bundesregierung in den Ausschuß
So damals die Alternativrechnung für das Investi- schieben zu lassen und das dann schnell zu beschlie-
ßen. Die Arbeit müßte jetzt, heute und morgen,
tionsprogramm des Bundes bis 1972 von Finanz-
minister Strauß. beginnen. Meine sehr verehrten Damen und Herren,
nicht nur die Opposition wird Ihnen die Frage stel-
Nehmen Sie nun zum Vergleich dazu bitte das len, wie Sie auf diese unsere konkreten Vorschläge
neue Investitionsprogramm des Finanzministers reagieren. Ich glaube, auch unser ganzes deutsches
Möller vom 18. September 1970. Auch daraus darf Volk wird aufmerksam verfolgen, wie Sie sich in
ich einige Zeilen zitieren: diesen Monaten, in dieser Situation, verhalten, und
es wird — genauso wie wir — sein Urteil davon
Der Wert des vorliegenden, erstmals gemäß § 50 abhängig machen, ob Sie wenigstens jetzt bereit
Abs. 5 des Haushaltsgrundsätzegesetzes den sind, Ihren Beitrag zur Stabilität zu leisten.
gesetzgebenden Körperschaften vorzulegenden
Programms liegt vor allem in den Informatio- (Beifall bei der CDU/CSU.)
nen zur Struktur der Investitionsausgaben.
Diese Informationen sind erforderlich, um sach-
gerechte Entscheidungen im Sinne einer even- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
tuell erforderlichen konjunkturellen Stabilisie- Das Wort hat der Herr Abgeordnete Seidel.
rung treffen zu können.
So steht es hier.
Seidel (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Nun fragen Sie natürlich: Wo sind die Vorschläge, Herren! Die erste Lesung des Bundeshaushalts 1971
um solche Gestaltungen zur Stabilisierung treffen zu ist mit viel Zeitaufwand betrieben worden. Mit die-
können? Sie finden an konkreten Vorschlägen keine ser Feststellung erhebe ich keine Kritik; denn ich
einzige Zeile, meine sehr verehrten Damen und setze voraus, daß alle Beteiligten am Ende den Ein-
Herren. Es ist doch sehr interessant, diesen Ver- druck gewonnen haben, daß dieser Zeitaufwand not-
gleich einmal anzustellen und zu sehen, wie die wendig war, um die Standpunkte — hier Koalition,
neue Regierung mit all ihren großen Ansprüchen, dort Opposition — deutlich gegeneinander abzuklä-
die sie in der Regierungserklärung angemeldet hat, ren. Sollte das erreicht worden sein, wäre die aufge-
sich nun konkret bei der Bedienung des Parlaments wandte Zeit nicht vertan. Eine solche Klärung der
mit solchem Werkzeug verhält. Standpunkte käme ja auch den Mitgliedern des
Haushaltsausschusses zugute, die nun in die Einzel-
Daraus ziehen wir eine ganz konkrete Schlußfol- beratung des Etats eintreten müssen.
gerung, die sich an unseren Vorschlag anschließt,
den wir nach wie vor aufrechterhalten, einen Kern- Nach all dem Streit über die Grundkonzeption des
haushalt und einen Eventualhaushalt für 1971 zu Haushalts 1971 wird sich bei der Beratung und Ent-
schaffen. Diese Schlußfolgerung würde lauten, scheidung über die Einzelpositionen erweisen, wer
daß man sofort nach Überweisung des Bundeshaus- was will. Über die Ergebnisse dieser Beratung wird
halts 1971 an den Haushaltsausschuß und nach der das Hohe Haus in der zweiten und dritten Lesung
3882 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Seidel
entscheiden. Ob das noch in diesem Jahr oder erst von der geschätzten Summe des Jahres 1971 mit
Anfang 1971 geschehen kann, ist zur Zeit noch unge- 726 Milliarden DM?
wiß. Auf jeden Fall wird die Verabschiedung des (Abg. Leicht: Haben Sie schon einmal was
Bundeshaushalts dank der zeitgerechten Vorlage von Psychologie gehört? — Abg. Prinz zu
des Haushaltsentwurfs früher erfolgen als in den Sayn-Wittgenstein-Hohenstein: Die Signal
vorhergegangenen Jahren. wirkung!)
Meine Damen und Herren, wenn wir einmal von Wenn die Opposition sich so am Schema Kern-
den Begleiterscheinungen der ersten Lesung abse- und Eventualhaushalt festbeißt, weil dies anschei-
hen, so läßt sich der Gegensatz von Koalition und nend ihr Patentrezept zur konjunkturpolitischen
Opposition in der Beurteilung des Bundeshaushalts Haushaltsführung ist, so müßte sie doch das zur
nach meiner Auffassung vereinfacht in zwei Fragen Kenntnis nehmen, was die Bundesregierung bei der
darstellen. Erstens: Kann mit dem Instrument „Bun- Einbringung des Haushalts 1971 erklärt hat — ich
deshaushalt" die Konjunktur entscheidend gesteuert zitiere —:
werden? Zweitens: Ist die Ausweitung des Haus-
Sollte sich die Beruhigung der Konjunktur ver-
halts 1971 um 12 % gegenüber dem Haushalt 1970
gerechtfertigt? zögern, so wird das Kabinett dem Deutschen
Bundestag die der Lage gemäßen Maßnahmen
Ich versuche, auf diese zwei Fragen kurz zu ant- vorschlagen.
worten. Wie jedermann in diesem Hohen Hause Daraus sehen Sie doch, daß wir darüber mit uns
weiß, sieht das „Gesetz zur Förderung der Stabilität reden lassen. Das ist doch hier klar und deutlich aus-
und des Wachstums der Wirtschaft" mehrere Maß- gedrückt worden.
nahmen zur Steuerung der Konjunktur vor. Diese
Maßnahmen, Herr Dr. Althammer, beziehen sich (Abg. Windelen: Warum denn nicht jetzt
nicht allein auf die Ausgabenseite, sondern zum Teil schon?)
auch auf die Einnahmenseite der öffentlichen Haus-
halte. Es dürfte wohl jedem klar sein, daß eine ra- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Meine zweite Frage im Zusammenhang mit dem (Abg. Leicht: Wenn es so weitergeht, wird
Haushaltsentwurf lautete: Ist die Steigerung des es noch schwieriger!)
Haushalts 1971 um 12 % gegenüber dem Haushalt
Kein Wunder, meine Damen und Herren, wenn die
1970 gerechtfertigt? Bei diesem Streit — —
Bürger gegen die mangelnde Fortentwicklung der
(Abg. Dasch meldet sich zu einer Zwischen öffentlichen Dienstleistungen Protest erheben!
frage.)
Und nun ein Wort, an die Opposition gerichtet: Im
— Bitte!
- Chor der Protestierenden daheim — und das ist die
Eigenart und die Pikanterie dieser politischen Si-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- tuation — stehen auch jene Damen und Herren, die
Herr Abgeordneter, Sie genehmigen die Zwischen- hier gegenüber der Koalition bremsend wirken,
frage? wenn es um den Ausbau der Gemeinschaftsaufgaben
geht.
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
Seidel (SPD) : Gern.
ruf von der SPD: So ist es!)
Daheim im Lande und im Wahlkreis wird mit guten
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
Gründen von der Bundesregierung u. a. verlangt:
-
Bei diesem Streit um die 12 % Steigerung des Bun- Und ich brauchte mich jetzt nur hier im Kreise der
deshaushalts 1971 geht es letztens in Wahrheit um Oppositionskollegen umzuschauen, um unter Ihnen
vielleicht 3 bis 4 %, denn auch die Opposition billigt die vielen zu sehen, die Eingaben und Besuche bei
bei ihrem Schema mit dem Eventualhaushalt dem den verschiedensten Ministerien machen, um eben
Kernhaushalt eine Steigerungsrate von 8 bis 9 % zu. auch zur Förderung dieser Aufgaben beizutragen,
Niemand in diesem Hohen Hause hat bisher bestrit die hier gerade von mir dargestellt worden sind.
ten, daß wir 1969 und 1970 gegenüber ursprüngli (Beifall bei der SPD.)
3884 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
ten tatsächlich der Erfüllung der erhobenen Forde- Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr
rungen verschließen? Abgeordnete Kirst.
(Abg. Windelen: Sie soll nur ihr Verspre-
chen halten und für Stabilität sorgen!)
Kirst (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr geehr-
Das können Sie, sehr verehrte Kollegen von der ten Damen und Herren! Ich habe den Eindruck — ich
Opposition, im Ernst nicht erwarten. Wir müssen auf hatte ihn zumindest bis heute vormittag, und ich
Grund Ihrer Einwände jetzt komme ich zu dem möchte ihn trotz manchem, was inzwischen gesche-
Punkt — der Bevölkerung klarer und dringlicher als hen ist, eigentlich auch behalten —, daß die gestri-
bisher sagen: Der geforderte Ausbau öffentlicher ge Debatte über die Konjunkturpolitik, die vielleicht
Dienstleistungen, den niemand aus privaten Mitteln nicht ohne Grund und nicht durch Zufall in die Haus-
selbst schaffen kann, muß mit höheren öffentlichen haltsdebatte eingefügt worden ist — ich möchte sie
finanziellen Leistungen zum Nutzen aller Bürger er- damit keinesfalls wieder aufwärmen —, doch den
folgen. Weg zu einer sachlichen Haushaltsberatung frei-
(Beifall bei der SPD. — Abg. Windelen: gelegt hat. Denn sie hat meiner Ansicht nach — das
Aber doch nicht durch Geldwertverdün ist der enge Bezug — insbesondere die Gewichte
nung!) innerhalb der Konjunktur- und Wirtschaftspolitik
verdeutlicht, z. B. die zwar vorhandenen, aber nur
Die Bundesregierung und die Regierungsparteien sehr begrenzten Gewichte der Haushaltspolitik als
haben den Mut, die Dämpfung der privaten Nach- Mittel der Konjunkturpolitik.
frage zugunsten der zügigen Weiterentwicklung der
Gemeinschaftsaufgaben zu vertreten. Die Opposition Die gestrige Debatte hat, glaube ich, auch bestä-
sollte die Mahnung eines ihrer verantwortlichen tigt, daß sich das Konzept, mit dem Regierung und
Landesminister nicht unbeachtet lassen, Ich zitiere: Koalition in die Haushaltsberatungen hineingegan-
gen sind, als durchaus richtig und vertretbar erwie-
Je größer der private Wohlstand ist, desto um- sen hat.
fassender sind die Anforderungen an die öffent-
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
liche Hand, besonders die Nachfrage nach öf-
fentlichen Dienstleistungen der verschiedensten Sie hat zugleich die Entschlossenheit bestätigt —
Art. und deshalb finde ich die Worte von Herrn Alt
(Abg. Haase [Kassel] : Sehr richtig!) hammer zum Teil unverständlich, aber sie waren
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3885
Kirst
ten. Was
natürlich bleibt,
vorbereitet ist 1971
—, den Haushalt dochkon- nicht mehr als ein Metho-
junkturgerecht zu gestalten. denstreit, nämlich: sollen wir den Weg des Even-
tualhaushalts, der hier als Wundermittel gepriesen
(Abg. Leicht: Wenn es zu spät ist!)
wird, obwohl er eigentlich nur eine einfache tech-
-- Lieber Herr Leicht, ich hatte mir auf Grund nische Lösung ist, gehen oder den Weg, den wir nun
Ihrer Zwischenfrage schon etwas vorgemerkt. Auf einmal für richtig halten und der der beste ist, eine
Sie trifft, glaube ich, ein Wort zu, das ich später zeitnahe Entscheidung bei der Verabschiedung in
noch bringen wollte. Ich vermag es bald nicht mehr zweiter und dritter Lesung zu bringen? Dabei wis
sagen, aber ich versuche es noch einmal. Churchill sen wir alle nicht, wie diese Entscheidung dann aus-
hat einmal gesagt, die Wiederholung sei die Mutter fallen wird und muß.
der Weisheit. Vielleicht wirkt das eines Tages auch
bei der gegenwärtigen Opposition. Sehr verehrter (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Herr Kollege Leicht, Sie werden doch nicht ab- Um es sehr drastisch zu sagen, damit Sie vielleicht
streiten, daß dieser Haushalt 1971 mit dem Tag des verstehen, was ich meine: Sie kommen mir mit
Inkrafttretens -- das wird im Januar oder Februar Ihrem Wunsch, heute einen Eventualhaushalt zu
sein — bestimmt wirksam wird, von den normal machen, wie Leute vor, die Schnee räumen wollen,
weiterlaufenden Ausgaben einmal abgesehen, wenn der noch gar nicht gefallen ist und von dem sie auch
der Haushalt nicht bis 31. Dezember verabschiedet nicht wissen, ob er fällt.
wird, was nach dem heutigen Erkenntnisstand nicht
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
der Fall sein wird. Sie werden auch nicht abstreiten
können, daß der Haushalt 1971 eben ein Haushalt
1971 ist und nicht, wie Sie es uns hier immer zu Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
suggerieren versuchen, ein Haushalt für das vierte Herr Abgeordneter Kirst, gestatten Sie eine Zwi-
Quartal 1970. schenfrage des Abgeordneten Leicht?
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Leicht (CDU/CSU) : Würden Sie es sich vielleicht
- nicht so einfach machen, Herr Kollege Kirst, und
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
wenigstens zugeben, daß es einen § 5 des Stabili-
Herr Abgeordneter Kirst, gestatten Sie eine Zwi- tätsgesetzes gibt, der die Regierung verpflichtet,
schenfrage des Abgeordneten Dasch? einen Haushalt vorzulegen, der der konjunkturellen
Situation Rechnung trägt?
Dasch (CDU/CSU): Herr Kollege Kirst, haben Sie
nicht überlegt, welche Wirkung die Ankündigung Kirst (FDP) : Herr Kollege Leicht, das werden wir
des um 11 Milliarden DM erhöhten Haushalts genau ja tun. Der Haushalt wird, wenn er verabschiedet ist,
in der Juli-Woche hatte, in der wir hierhergebeten konjunkturgerecht sein. Nur werden Sie doch nicht
wurden, um Stabilitätsmaßnahmen zu beschließen? abstreiten können, daß heute, am 8. Oktober 1970,
Wollen Sie nicht endlich begreifen, daß hier eine niemand verantwortlich feststellen kann, was 1971
ganz gegensätzliche Wirkung ausgeübt und damit sein wird.
bei der Bevölkerung der Eindruck erweckt wurde, (Zuruf des Abg. Leicht.)
sie solle der Stabilität dienen, aber der Staat könne
das für 1971 noch nicht voraussagen? Herr Kollege Dasch, ich darf noch einmal Ihre Be-
merkung von dem Ankündigungseffekt aufnehmen.
Ich glaube, wir sollten die Psychologie, so wichtig
Kirst (FDP) : Herr Dasch, auch darauf wollte ich sie ist, nicht überschätzen. Wir sollten sie aber auch
kommen, weil Ihr liebenswerter Kollege Althammer nicht unterschätzen. Wenn wir sie nicht unterschät-
noch einmal - ich komme auf Herrn Leicht später zen, sollten wir die Konsequenzen daraus ziehen.
wieder zurück, um jetzt die Frage zu beantworten
Denn eines steht doch fest: wenn hier ein Ankündi-
— den Versuch gemacht hat, den ich hier schon am
gungseffekt negativ gewirkt haben sollte, dann doch
24. September gegeißelt habe, weil er zu geißeln
nur durch die Multiplikatorenwirkung der Opposi-
ist, einen Zusammenhang zwischen dem Konjunk-
tion und anderer, nicht von sich aus.
turzuschlag, der die finanzielle Verfügungsgewalt
des Bundes um keinen Pfennig erhöht — das müssen (Beifall bei den Regierungsparteien.- Abg.
Sie doch endlich einmal anerkennen —, und der Leicht: Auch die Deutsche Bundesbank! —
Steigerungsrate des Haushalts herzustellen, diesen Weitere Zurufe von der CDU/CSU: Herr
künstlich konstruierten Gegensatz zwischen dem Klasen! — Der sicher nicht der CDU ange
zum Maßhalten gezwungenen Bürger und dem ver- hört!)
schwenderischen Staat. Ich will nicht all das wieder- Ich möchte es noch einmal deutlich sagen, weil es
holen, was ich an grundsätzlichen Bemerkungen nicht oft genug gesagt werden kann: wenn die kon-
dazu hier am 24. September gesagt habe, aber offen- junkturelle Situation zum Zeitpunkt der zweiten und
bar wird das von Ihnen einfach nicht zur Kenntnis dritten Lesung unverändert bzw. aus der Sicht der
genommen. Stabilität verschlechtert ist, würde der Haushalt 1971
Herr Leicht, ich meine — und damit komme ich entsprechend geändert. Man kann es auch so formu-
noch einmal auf Ihren Zwischenruf zurück , von lieren: nur wenn die Entspannungschancen, die sich
Regierung und Koalition ist die Entschlossenheit durchzusetzen scheinen, unverändert sein werden
bestätigt worden — da hakten Sie wohl ein —, die sich gestern in der Debatte auch niederge-
auch den Haushalt 1971 konjunkturgerecht zu gestal- schlagen haben —, würde der Haushalt in der jetzi-
3886 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Kirst
gen Form bestehenbleiben können. Das ist hier deut- ein solcher globaler Antrag ein konkreter Antrag ist.
lich genug erklärt worden. Der Grad der Wahr- Konkret wäre gewesen: Da weniger Straßen, da we-
scheinlichkeit der bei der zweiten und dritten Le- niger Schulen, Hochschulen, da weniger militärische
sung gegebenen Einschätzung der Situation wird Beschaffung usw. Das ist konkret, wenn die Sprache
dann wohl auch über die Form der Anpassung ent- einen Sinn hat.
scheiden. Wir haben ja verschiedene Möglichkeiten. (Beifall bei der SPD.)
Wenn mit Sicherheit 1971 eine unveränderte Si-
tuation vorliegen würde — wir alle haben, glaube Nun haben Sie auf Zwischenfragen, glaube ich,
ich, nach der gestrigen Debatte den Eindruck, daß oder auch so darauf geantwortet, das sei ja nicht die
das Theorie ist , würde die Kürzung den Vorzug Aufgabe der Opposition. Sie haben gesagt: „Ihr legt
verdienen. Wenn für 1971 eine durchgreifende Än- jetzt diesen Haushalt so vor, und wir sollen mit kon-
derung sich weiterhin abzeichnen würde, die aber kreten Angaben kommen." Sie machen es sich natür-
noch nicht so deutlich wäre, daß man den Haushalt lich überflüssig schwer, wenn Sie meinen, man müs-
unverändert verabschieden könnte, wäre der Weg se jetzt darüber entscheiden. Zu dem Zeitpunkt, wo
der Sperren zu gehen, und das wäre dann das soge- entschieden wird, sind wir ja auch zu konkreten
nannte Wundermittel „Eventualhaushalt". Aussagen bereit, weil es anders nicht geht; und dann
erwarten wir auch Ihre konkreten Anträge. Warum
Die Einzelberatung, in die wir ja nun bald eintre- machen Sie es also so voreilig?
ten werden, wird auch eine Bestandsaufnahme für
einen solchen, möglicherweise notwendigen Even- Herr Kollege Althammer, Sie haben den Zusam-
tualhaushalt — oder Kürzungen — bringen. Wir menhang — das brauche ich nicht zu wiederholen —
werden uns dabei auch das Ausmaß der Bindung zwischen Konjunkturzuschlag und Steigerungsrate
gesetzlicher oder vertraglicher Art Herr Kollege angeführt. Ich habe das bereits entsprechend gewür-
Seidel ist eben schon darauf eingegangen — wieder digt.
bewußt machen müssen; wir kennen es ja. Nun noch eine Bemerkung zu Ihrem Hinweis auf
Wenn man hier — wie die CDU/CSU — sagt: 4 % die Verschuldung. Auch das ist wieder ein Beispiel
weniger, d. h. 4 Milliarden weniger will, dann sind dafür, wie man, vielleicht unbeabsichtgt, aber viel-
- leicht auch beabsichtigt, falsche Vorstellungen in der
das, bezogen auf das Volumen der freien, der ver-
fügbaren Masse — Herr Seidel hat es schon ange- Öffentlichkeit weckt. Sie haben im Zusammenhang
sprochen, und ich darf es mit dieser Feststellung mit der Finanzplanung davon gesprochen, daß der
wiederholen —, 40 bis 50 % der allein in Wirklich- Finanzierungssaldo von 8,5 Milliarden DM im Jahre
keit noch verfügbaren Masse. Auch ich habe ja am 1971 auf 16 Milliarden DM im Jahre 1974 steigen
24. September unter genauer Nennung der einzel- wird. Sie haben nur vergessen — ich muß anneh-
nen Bereiche gesagt, welche Konsequenzen eine sol- men, bewußt hier nicht gesagt —, bei diesen Zahlen
che Maßnahme, wenn sie erforderlich wäre, haben handelt es sich nicht um den Bund — Sie sprachen
würde. im Moment vom Bundeshaushalt —, sondern um
den Finanzierungssaldo, wie es hier heißt, für alle
Ich darf noch einige Bemerkungen — erst zum Gebietskörperschaften, Bund, Länder, Gemeinden,
Kollegen Althammer und dann zu dem Antrag der Gemeindeverbände, Lastenausgleichsfonds, ERP, das
CDU/CSU-Fraktion — machen. Ich hatte einleitend alles zusammen. Für den Bund allein hört sich das
gesagt, daß die gestrige Debatte eigentlich den Weg nicht so dramatisch an, deshalb haben Sie es nicht
zu einer sachlichen Haushaltsberatung freigegeben gesagt, deshalb darf ich es sagen. Für den Bund
habe. Nun habe ich nach Ihren Ausführungen, Herr steigt der Finanzierungssaldo von 2,9 Milliarden
Althammer, den Eindruck — jedenfalls über weite DM im Jahre 1971 auf 9,6 Milliarden DM im Jahre
Strecken hin —, daß offenbar die CDU/CSU den 1974.
Versuch der begrenzten Sachlichkeit, den sie zugege- (Zuruf des Abg. Leicht.)
benermaßen hier gestern unternommen hat, eigent-
lich schon wieder bereut. Denn sie hat ja feststellen — Herr Kollege Leicht, das ist sicher auch genug.
müssen, wenn man das Echo in der Öffentlichkeit Ich kann dazu nur folgendes sagen. Ich glaube, alle
sieht — es gibt solche Kommentare, „Punktsieg der Erfahrungen mit Finanzplanung haben jedenfalls
Regierung" usw. —, daß wir, die Regierung und die bisher bewiesen, daß wir auf beiden Seiten, auf den
Koalition, wahrscheinlich mit der Sachlichkeit besser Einnahmeseiten wie auf den Ausgabeseiten, gewis-
fahren. Das erklärt eben so manches aus den letzten se Reserven zu berücksichtigen haben, allein — das
Monaten. kommt auch in der Darstellung der Regierung ir-
gendwo zum Ausdruck — 4 bis 5 Milliarden DM
Herr Kollege Althammer hat gemeint, die Opposi- noch nicht im einzelnen konkretisierte Ausgaben.
tion habe zum Haushalt 1970 konkrete ich unter- Wir wissen nach den Erfahrungen alle, daß wahr-
streiche: konkrete — Vorschläge gemacht. Dann hat scheinlich auf der Einnahmenseite — wenn auch für
er den 2-Milliarden-Globalkürzungsantrag zitiert, — 1971, das sei festgestellt, die konkreten Steuerschät-
oder es waren 1,5; Sie haben eben 2 Milliarden ge- zungen sehr exakt sind, soweit das heute möglich
sagt, Sie kennen also Ihre eigenen Anträge auch ist, und keine Reserven drin sind — in den weiteren
nicht mehr so genau. Jahren hier möglicherweise noch Reserven liegen.
(Zuruf von der CDU/CSU.) Im übrigen ist die Frage der Verschuldung auch
— Schön. Es geht ja in diesem Zusammenhang auch in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Ich darf
nicht um die Größenordnung, sondern um das „kon noch darauf verweisen, Herr Kollege Althammer,
kret". Es wird Ihnen doch niemand abnehmen, daß was man dann wohl auch zitieren muß, wenn Sie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3887
Kirst
auf die Sparfähigkeit und die Sparquote ansprechen, Finanzplanung nach Abschnitt II überarbeitet wer-
daß hier der Zusammenhang mit der Vermögensbil- den. Nun fragt es sich natürlich, auf welchen Grund-
dung und Vermögenspolitik gesehen worden ist. lagen z. B. die Finanzplanung beruhen würde, wenn
Wir haben hier etwas getan und werden sicher, alle politischen Wünsche der CDU/CSU erfüllt wür-
wenn möglich, weiteres tun. Man muß hier den Ge- den. Wir haben Aufrechnungen, die besagen, daß
samtzusammenhang sehen. Ich erinnere an den die Wünsche der CDU/CSU, die bis jetzt vorliegen
Grundsatz, der eigentlich auch Ihr Grundsatz sein — es kommen ja laufend neue —, gegenüber der
müßte, daß es besser ist, wenn der Bürger auf di- Finanzplanung im Jahre 1971 Mehrausgaben von
rektem oder indirektem Wege über die Kapitalsam- — ich darf abrunden — 2,5 Milliarden, 1972 von
melstellen auf dem Anleihewege in höherem Maße 3,14 Milliarden, 1973 von 3,6 Milliarden und 1974
als jetzt zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben bei- von 4,2 Milliarden DM bedeuten würden. Das sollte
trägt als über Steuern. Sie wissen, daß wir an der man immer im Zusammenhang mit dem Antrag
Steuerlastquote festhalten wollen. Auch Herr Kol- sehen, den Sie hier vorgelegt, und mit den Reden,
lege Strauß - ich glaube, das ist gestern hier zitiert die Sie hier gehalten haben.
worden hat ja darauf hingewiesen, unter welchen Zu § 6 des Stabilitätsgesetzes. Einmal ist das nicht
Umständen eine höhere Verschuldung erforderlich eine Frage des Bundestages, sondern eine Ermäch-
ist. Diese Umstände sind zweifellos hier zugrunde
tigung innerhalb der Regierung. Sie könnte von der
gelegt.
Regierung gegenüber dem Bundesfinanzminister ge-
geben werden. Wir meinen, daß wir uns hier wegen
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
der Gewaltenteilung gar nicht einzumischen haben.
Herr Abgeordneter Kirst, gestatten Sie eine Zwi- Wenn es die Regierung für erforderlich hält, wird
schenfrage des Abgeordneten Dr. Althammer? sie es tun. Im übrigen wissen wir — auch Sie wis-
sen es —, daß der Finanzminister zur Zeit eine sehr
Dr. Althammer (CDU/CSU) : Ich möchte mit mei- strenge Bewirtschaftung der Betriebsmittel durch-
ner Frage nur eine Behauptung von Ihnen klarstel- führt, um in diesem Augenblick über den Haushalt
len: Ist Ihnen, Herr Kollege Kirst, nicht klar, daß 1970 noch eine dämpfende Wirkung zu erzielen.
ich im Zusammenhang mit der Gesamtverschuldung Ich hatte vorhin schon darauf hingewiesen, daß
von dem Gesamtsparaufkommen gesprochen habe, es nicht genügt, generelle Aussagen zu machen. Das
so daß Ihre Unterstellung, ich hätte hier absichtlich trifft natürlich auch für Ihren Antrag zu, womit Sie
oder unabsichtlich die Schuldenaufnahme beim Bund wieder durch zusätzliche Einsparungen die Konjunk-
und die Gesamtschuldenaufnahme verwechselt, doch tursperre erhöhen wollen. Das ist gar nicht erfor-
wohl nicht zutreffen kann? derlich. Ich darf daran erinnern, daß es eine Ent-
schließung gibt, die die Koalition in der dritten Le-
Kirst (FDP): Ich freue mich, wenn Sie klarstel- sung im Juni vorgelegt hatte, bei der Sie sich ent-
len, daß Sie es hier nicht falsch darstellen wollten. halten hatten, weil Sie irgendein Wort daran störte,
Vielleicht sind Sie mir dankbar, daß ich Ihnen diese das aber richtig war. Insofern ist dieser Antrag also
Gelegenheit zur Klarstellung gegeben habe. gar nicht erforderlich.
(Heiterkeit bei den Regierungsparteien.) Was die Verpflichtungserklärung anbelangt, so
kann man nur wieder sagen: auch hier kann man
Im übrigen bitte ich um Entschuldigung, daß Sie
Haushaltspolitik nicht feuilletonistisch machen, son-
wegen meines sehr langen Satzes so lange warten
dern sie muß mit präzisen Zahlen betrieben werden.
mußten.
(Beifall bei den Regierungparteien.)
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich nun
noch einige Worte zu dem Antrag der Fraktion der Richtig und bedeutsam erscheint mir in Ihrem
CDU/CSU auf Drucksache VI/1154 sagen, der, wenn Antrag der Abschnitt IV, weil er eines noch einmal
ich richtig orientiert bin, ja mit dem Haushalt an unterstreicht, was auch in der Debatte vor 14 Ta-
den Haushaltsausschuß überwiesen wird. In der Zif- gen zum Ausdruck gebracht worden ist, was nicht
fer 1 wird die umgehende Vorlage eines Ergän- genug wiederholt werden kann. Wenn überhaupt,
zungsentwurfs zum Entwurf des Haushaltsplanes so darf man in dem Rahmen, in dem eine Beeinflus-
vorgeschlagen bzw. gefordert. Ich kann mich da auf sung der Konjunktur durch die Haushaltspolitik mög-
das beziehen, was ich soeben einleitend gesagt habe. lich ist, den Bund nicht allein sehen, sondern es müs-
Das nutzt uns heute nichts. Der richtige Zeitpunkt sen auch die Länder und die Gemeinden berück-
ist noch nicht gekommen. Wir haben ja die Zusage sichtigt werden. Dabei wissen wir auch — ich habe
der Regierung — ich kann es nur immer wieder- es schon vor 14 Tagen ausgeführt —, daß die Kon-
holen — vom 9. Juli, so daß die ganze Aufregung, junkturwirksamkeit aus der Struktur der Ausgaben
wenn man sie nicht aus anderen Gründen gewollt heraus bei den Ländern und bei den Gemeinden
hätte, gar nicht nötig gewesen wäre. Die Regierung höher ist als im Bundeshaushalt.
wird diese konjunkturelle Feinabstimmung vor-
Meine Damen und Herren, ich möchte aus der
nehmen.
Debatte vor 14 Tagen nicht Unnützes wiederholen.
Meine Damen und Herren, dabei sollte man aber Ich meine, es ist jetzt, nach dieser zeitlich sehr
noch ein Wort aufnehmen, das hier heute morgen ausgedehnten Debatte in der ersten Lesung, an der
in anderem Zusammenhang gebraucht worden ist, Zeit, daß wir nun endlich im Haushaltsausschuß
das ist nämlich der Hinweis auf die sonstige politi- zur Sache kommen, damit sich, wie es sich heute
sche Aktivität der Opposition. Hier soll ja auch die wieder als nützlich bzw. nötig erwiesen hat, die
3888 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Kirst
Opposition und wir alle uns in sachlicher Arbeit ren. Sie können ja anschließend Fragen an mich
der nüchternen Realitäten dieses Haushalts bewußt stellen.
werden. (Oh-Rufe von der SPD. — Abg. Wehner:
(Beifall bei den Regierungsparteien.) So sicher ist er in dem Thema nicht! —
Weitere Zurufe von der SPD: Da ist er
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
schwach!)
Das Wort hat Herr Abgeordneter Heck.
- Sprechen Sie sich ruhig aus. Ich bin gebeten
worden, mich darüber zu äußern, wie ich zu den
Dr. Heck (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine 15 Milliarden DM gekommen bin.
Damen und meine Herren! Vorvorige Woche hat
mich der Herr Bundeskanzler von hier aus aufge- Zur staatlichen Sparförderung. Herr Kollege Möl-
fordert, mich, wie er sagte, zu meinen 15 Milliarden ler, die staatliche Sparförderung könnte doch von
DM zu äußern. Ich tue dies gern, zumal da mich in Ihnen nur dann angeführt werden, wenn sie nicht
der Zwischenzeit auch der Finanzminister und der unabhängig von der Währungssituation erfolgen
Wirtschaftsminister darauf angesprochen haben. würde. Kein Mensch in diesem Lande kann doch
der derzeitigen Regierung unterstellen, daß sie etwa
(Zuruf von der FDP.) die staatliche Sparförderung eingestellt hätte, wenn
Ich möchte aber zuvor doch anmerken — hören es ihr gelungen wäre, die D-Mark stabil zu halten.
Sie genau zu! —, daß diese 15 Milliarden DM mit Dann hat gestern vormittag der Kollege Schiller
viel mehr Recht als die 15 Milliarden DM dieser eine interessante Rechnung aufgemacht, nämlich die,
Bundesregierung genannt werden können. Ich bin daß die Sparer von 1969 auf 1970 sogar 9 Milliarden
an den 15 Milliarden DM nur mit dem, was meine DM gewonnen hätten. Daß er dabei so nebenher
Ersparnisse mit den Ersparnissen von Millionen meine Aussage, die Sparer hätten einen Verlust von
Sparern gemeinsam getroffen hat, beteiligt. 15 Milliarden DM hinnehmen müssen,
(Zuruf von der SPD: Bruno Heck, der Spa (Abg. Leicht: Genau! Sehr gut!)
rerschreck ! - Heiterkeit bei der SPD.)
- gleichzeitig bestätigt hat — und das unter dem
— Richtig! Beifall seiner Fraktion —, ist Herrn Schiller wohl
Im übrigen hat inzwischen ein Mann vom Fach, ebenso entgangen wie seiner Fraktion.
ein angesehener Wirtschaftsjournalist, Herr Slo- (Zuruf von der CDU/CSU: Das haben sie
tosch, dem Parlamentarischen Staatssekretär beim nicht gemerkt!)
Bundeswirtschaftsminister, Herrn Rosenthal, in der
„Süddeutschen Zeitung" vom 3. Oktober einen Ver- Herr Schiller hat nämlich erklärt, von 1969 auf 1970
lust der Sparer von sage und schreibe 28 Milliarden hätten die 377 Millarden DM Sparvermögen in Form
DM vorgerechnet. Er ist dabei von der Preisent- von Zinsen, Dividenden, Sparprämien, Erträgen aus
wicklung beim Bruttosozialprodukt ausgegangen, Steuerersparnissen nach dem 624-DM-Gesetz und
was man ja auch tun könnte. Darauf ist unser Kol- nach dem Bausparprämiengesetz Erträge in einer
Höhe von 24 Milliarden DM abgeworfen. Der Rein-
lege Schiller gestern vormittag nicht eingegangen.
gewinn der Geldvermögen nach Abzug der durch
Das hat er sehr freundlich überschwiegen.
die Preissteigerungen bewirkten Verluste betrage
Aber nun zur Sache. In der Haushaltsrede am 23. daher 1970 über 9 Milliarden DM. Nun, meine Da-
September 1970 hat der Bundesfinanzminister Möl- men und Herren, wenn Sie von 24 Milliarden DM
ler im Zusammenhang mit den 15 Milliarden DM diese 9 Milliarden DM, die übriggeblieben sind, ab-
von seiner Simplifizierung gesprochen, die zwei ziehen, bleiben die 15 Milliarden DM übrig, die vom
Dinge nicht berücksichtige, nämlich daß die Zinsen Kollegen Schiller als Währungsverluste bezeichnet
für die Spareinlagen höher geworden seien und der worden sind.
Staat das Sparen in beträchtlichen Umfang gefördert
(Lachen und Beifall bei der CDU/CSU.)
habe. Dazu möchte ich folgendes ausführen.
Wir sehen in höheren Zinsen keine Inflations- Herr Kollege Schiller, Sie sind also zwar auf einem
anderen Wege, aber schließlich doch zum gleichen
ausgleichszulage. Was die Sparer das eine Mal
Ergebnis wie ich gekommen.
mehr an Zinsen erhalten, erhalten sie das andere
Mal weniger, und beides zusammen ergibt erst die Ich habe, wie gesagt, die Zinsentwicklung und die
gesunde Mitte. Im übrigen — auch darauf muß staatliche Sparförderung — ich meine zu Recht -
man in diesem Zusammenhang aufmerksam machen nicht berücksichtigt. Dagegen habe ich bei meiner
— geht den höheren Zinsen für die Sparer doch eine Rechnung etwas anderes einbezogen, nämlich das
Teuerung des Geldes voraus. Das trifft dann die von der SPD 1965 beschlossene und vom damaligen
Bausparer beispielsweise zum zweiten Mal. Abgeordneten Schiller in diesem Haus zitierte Pro-
gramm zur schrittweisen Zurückdrängung der schlei-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
chenden Inflation. Damals durfte von schleichender
Herr Abgeordneter Heck, erlauben Sie eine Zwi- Inflation gesprochen werden, ohne daß Rügen erteilt
schenfrage des Abgeordneten Moersch? wurden. Nach diesem Programm sollte die Preis-
steigerungsrate von Jahr zu Jahr von 3 % auf 2 %
und dann auf 1 % reduziert werden.
Dr. Heck (CDU/CSU) : Da ich gebeten worden
bin, zu informieren, wie ich zu den 15 Milliarden (Abg. Haehser: Er war gestern wieder
DM gekommen bin, möchte ich zunächst informie- nicht hier!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3889
Dr. Heck
Herr Kollege Schiller, Sie sind seit Dezember 1966, Verlust von rund 11 Milliarden DM. Das Bausparen
bis heute also fast vier Jahre, Wirtschaftsminister. muß man hier gesondert betrachten; denn da sind
Ich nehme an, daß Sie es als Ihre Aufgabe ange- die Preise um 17 % gestiegen.
sehen haben, in der Verantwortung das sozialdemo- (Abg. Haase [Kassel] : Die werden enteignet!)
kratische Programm zur schrittweisen Zurückdrän-
gung der schleichenden Inflation durchzuführen. Das ergibt, wenn ich wiederum das eine Prozent
Deswegen habe ich dieses eine Prozent, das in die- abziehe, Verluste bei den Bausparern von 5,6 Mil-
sem Programm als unvermeidbar angesehen wurde, liarden DM. 11 Milliarden DM plus 5,6 Milliarden
auch bei meiner Rechnung als unvermeidbar abge- DM ergibt zusammen 16,6 Milliarden DM. Sie
zogen. sehen, ich habe außerordentlich großzügig nach
unten abgerundet.
Im übrigen ist es ganz interessant, festzustellen,
daß vor vier Jahren nicht nur von schleichender Meine Damen und Herren, der Herr Bundeskanz-
Inflation gesprochen werden durfte, sondern daß ler — ich habe Verständnis dafür, daß er nicht da
die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen fast ist — hatte, als er hier sprach, offensichtlich gleich
ausschließlich mit diesem Thema geführt wurden. das ganz richtige Gefühl, daß diese Aussage mit
Ich möchte Sie hier nur an eines, an das böseste den 15 Milliarden DM eigentlich nichts dafür her-
von vielen Beispielen erinnern, nämlich an jenen gibt, von Volksverhetzung zu sprechen. Er hat
Fernsehfilm, in dem die SPD zeigte, wie Bürger eine mir deswegen noch einen anderen Vorwurf ge-
Sparkasse stürmen. Der Text dazu lautete: „Nur macht, den ich sehr ernst nehme und der mich
wer die D-Mark ausgibt, kann auch an ihr verdie- getroffen hat. Er hat mir gegenüber den Vorwurf
nen. Heute kaufen, weil es morgen teurer wird!" erhoben, ich hätte in den letzten Wochen wieder-
Meine Damen und Herren, mir scheint das ein Mu- holt den Versuch unternommen — wenn auch zu-
sterbeispiel dafür zu sein, wie man Inflationsmen- weilen gekonnt verklausuliert —, die SPD in die
talität erzeugt und schürt. Nähe des Kommunismus zu rücken. Das, meine
Damen und Herren, ist in der Tat ein böser und,
(Abg. Haase [Kassel] : Waren das Verbrecher, so muß ich Ihnen nach sorgfältiger Prüfung sagen,
Herr Heck?) ein durch nichts zu rechtfertigender Vorwurf.
-
— Ich habe mir die Mahnungen meines Landsmanns Ich habe jeden Satz, den ich in diesem Jahr über
Schäfer von heute morgen sehr zu Herzen gehen das Thema, das Ihnen sehr unangenehm ist, das
lassen. Thema der verschiedenen Sozialismen in der SPD,
Bei den Bundestagswahlen 1969 haben Sie von gesprochen bzw. geschrieben habe, noch einmal
der SPD dann in Ihrem Wahlprogramm der Stabi- sorgfältig durchgelesen. Ich habe auch nicht einen
lität eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. einzigen Ansatzpunkt für eine solche Interpreta-
Sie haben die Wahlschlacht von Nordrhein-West- tion gefunden.
falen diesmal mit umgekehrter Schlachtordnung ein Ich will diese Sache hier nicht hochspielen, aber
zweites Mal versucht. In Ihrer Wahlillustrierten hieß ich glaube, sie muß zwischen dem Herrn Bundes-
es — damals an die Frauen gerichtet, Herr Kollege kanzler und mir bereinigt werden
Schiller —: „Um an mehr Wirtschaftsgeld zu kom-
men, brauchen Sie nicht nur Ihren Mann. Es gibt (Lachen bei der SPD)
noch einen anderen: Wirtschaftsminister Schiller von in der Weise, daß er mir diese allgemeine Anschul-
der SPD. digung konkret begründet.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
Er wird auch dafür sorgen, daß Sie vieles billiger Sonst gehen Sie wieder raus, nicht wahr?)
kaufen können." In der gleichen Wahlillustrierten
hat der damalige Kanzlerkandidat mit großer Sicher-
heit erklärt: „Als Bundeskanzler werde ich die Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Deutsche Mark hart und stabil halten." Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr
Bundesfinanzminister.
(Beifall bei der SPD. — Abg. Haase [Kas
sel] : Und wie sieht es aus? Ganz trübe!)
Dr. h. c. Dr. Ing. E. h. Möller, Bundesminister
-
Nun, meine Damen und Herren, was ist daraus der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und
geworden? Was haben Sie getan? Aus dem einen Herren! Bevor ich einige Sachbemerkungen mache,
Prozent, das Sie Schritt für Schritt erreichen woll- liegt mir daran, im Hinblick auf die heute vormittag
ten, sind inzwischen 4,1 % geworden. Auf dieser stattgefundene Erörterung über eine von mir ge-
Basis, meine Damen und Herren von der Opposi- machte Bemerkung und die sich daran anschlie-
tion, habe ich die 15 Milliarden DM errechnet, die ßende Abstimmung über einen von der CDU/CSU-
Sie im übrigen nur nervös gemacht haben, weil sie Fraktion eingereichten Mißbilligungsantrag aus-
von der Presse und vorzüglich von der BILD-Zeitung drücklich zu erklären, daß ich mit dieser umstritte-
übernommen worden sind. nen Bemerkung niemandes politische und persön-
(Zuruf des Abg. Moersch.) liche Ehre verletzen wollte.
Die 3,1 % inflationär bedingten Verluste, Herr (Beifall bei den Regierungsparteien. —
Moersch, ergeben für die 195 Milliarden DM Spar- Abg. Dasch: Die Behauptung zurückneh
einlagen und für die 164 Milliarden DM Ansprüche men! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU
aus Lebensversicherungen und Wertpapieren einen und der SPD.)
3890 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Lesen Sie einmal die Inserate der deutschen Lebens- Herr Bundesfinanzminister, gestatten Sie eine Zwi-
versicherungsunternehmen, lesen Sie bitte die schenfrage des Abgeordneten Leicht? —
Erpenbeck
rechtfertigenden Wohnungspolitik mit den der Sach- Wie könnte es sonst sein, meine Damen und Herren,
lage angemessenen Vorschlägen und Maßnahmen daß der soziale Wohnungsbau von 40 und mehr Pro-
erwarteten. Jeder wird Verständnis dafür aufbrin- zent Anteil am gesamten Wohnungsbauvolumen in
gen, daß wegen der durch die allgemeine Wirt- der Amtszeit Minister Lückes auf 30 und weniger
schafts-, Konjunktur- und Preissituation gegebenen Prozent Anteil in der Amtszeit von Herrn Minister
Schwierigkeiten eine allseits befriedigende Antwort Lauritzen zurückgegangen ist? Dabei ist anzumer-
nur sehr schwer zu geben ist. Kein Verständnis kann ken, daß diese Tatsache um so schwerer wiegt, als
man allerdings dafür haben, daß mit so leichter auch das Gesamtvolumen des Wohnungsbaus we-
Hand bzw. ausweichend Fragen beantwortet oder sentlich niedriger liegt als zuvor.
nicht beantwortet werden, die doch letztlich die
große Sorge in der Wohnungswirtschaft und damit
die Sorge von Millionen betroffenen Mietern, Ver-
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
Erpenbeck, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
mietern, Wohnungsuchenden und auch Wohnungs-
Herrn Abgeordneten Jung?
bauenden zum Ausdruck bringen.
In der gestrigen Konjunkturdebatte ist die Gefahr
einer Stagnation bei steigenden Preisen aufgezeigt Erpenbeck (CDU/ CSU) : Bitte sehr!
worden. In der Wohnungswirtschaft und auf dem
Baumarkt haben wir diesen Tatbestand bereits seit
Monaten, meine Damen und Herren. Um so bedauer- Jung (FDP) : Herr Kollege Erpenbeck, ist Ihnen
licher ist es, daß die Regierung, statt in ihrer Ant- bekannt, daß der Anteil des sozialen Wohnungs-
wort die tatsächlichen Verhältnisse offenzulegen, baus am Wohnungsbauvolumen nicht, wie Sie so-
zu Verschleierungen, Verniedlichungen und Aus- eben sagten, 30 % , sondern 40,8 % beträgt?
flüchten ihre Zuflucht nimmt. Damit wird der Ein-
druck verstärkt, daß diese Bundesregierung nicht Erpenbeck (CDU/CSU): Ich werde Ihnen die Zah-
nur eine äußerst fragwürdige Konjunktur- und len noch vorlegen.
Preispolitik zu verantworten hat, sondern auch spe-
ziell im Bereich der Bau- und Wohnungswirtschaft
miserabel operiert und sich damit der Situation und Jung (FDP) : Ich werde sie Ihnen nachher insge-
ihren Notwendigkeiten als nicht gewachsen erweist. samt vorlegen.
Meine Damen und Herren, ich weiß, daß das selbst-
verständlich den Widerspruch des Herrn Ministers Erpenbeck (CDU/CSU) : Ich gebe sie Ihnen ins-
für Städtebau und Wohnungswesen herausfordert. gesamt.
Ich lehne dabei prinzipiell eine Kollektivhaftung ab
Wo die Versäumnisse liegen, meine sehr verehr-
und bin bereit zu differenzieren, und zwar derge-
ten Damen und Herren, läßt sich — und damit
stalt zu differenzieren, daß ich anerkenne, daß die
komme ich zur Antwort auf die Frage des Kollegen
Hauptursachen der Misere in der verfehlten Kon-
Jung — eindeutig an Zahlen ablesen, und diese
junkturpolitik liegen.
sehen so aus, Herr Kollege Jung. Von 1962 bis 1965
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Sehr wahr!) wurden insgesamt 2 358 700 neue Wohnungen er-
Insofern sind Sie, Herr Minister Lauritzen, sicher baut, davon im sozialen Wohnungsbau 948 400 Woh-
nicht gerade in einer beneidenswerten Lage. Auf nungen. Im gleichen Zeitraum, der Amtszeit von
der Suche nach einem Schuldigen aber sollten Sie, Herrn Minister Lauritzen, 1967 bis zum Ende dieses
nachdem Sie nun bereits vier Jahre im Amt sind, Jahres, werden unter der Voraussetzung, daß die
nicht versuchen, sich auf angebliche Versäumnisse Zahlenangaben aus dem Wohnungsbauministerium
und Fehler eines Amtsvorgängers zu berufen, zutreffen, insgesamt rund 2 Millionen neuer Woh-
nungen gebaut sein, davon rund 600 000 öffentlich
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf des
geförderte Sozialwohnungen.
Abg. Dr. Schäfer [Tübingen])
sondern besser — nach unserer Meinung auch durch-
aus zu Recht — Ihre Kollegen Professor Schiller, Dr. Vizepräsident Fau Funcke: Herr Kollege
Möller und auch Ihren Kabinettschef als Verantwort- Erpenbeck, gestatten Sie eine Zwischenfrage der Ab-
liche für den Kurs der Wirtschafts- und Finanzpoli- geordneten Frau Meermann?
tik und der allgemeinen Politik, wenn Sie es benö-
tigen, als Schutzschild für sich verwenden. Frau Meermann (SPD) : Herr Kollege Erpen-
Wir haben gar nichts gegen eine gründliche Feh- beck, wären Sie, da Sie ja alle Zahlen so genau zur
lersuche; denn unter allen menschlichen Entdeckun- Hand haben, auch bereit, einmal darzutun, wie Sie
gen sollte die Entdeckung der Fehler die wichtigste das Verdienst aufteilen auf die Förderung durch
sein. Nun darf man bei der Fehlersuche sich selbst Bund und Länder, zumal in den letzten Jahren der
nicht ausnehmen. CDU-Kanzlerschaft?
(Beifall bei der SPD.)
Ich wiederhole, wir haben es heute mit der mise- Erpenbeck (CDU/CSU) : Meine sehr verehrten
rabelsten Wohnungspolitik der letzten zwei Jahr- Damen und Herren, die Frage von Frau Kollegin
zehnte zu tun. Meermann ist sehr leicht dahin gehend zu beantwor-
(Beifall bei der CDU/CSU. — Lachen bei ten, daß es in gemeinsamen Anstrengungen von
der SPD.) Bund und Land gelungen ist, eine Wohnungsbau-
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Erpenbeck
zahl zu erreichen, wie sie heute schon gar nicht und daß wir in diesen Jahren — nicht mit Ihren Mitteln,
auch vordem nicht möglich gewesen ist. sondern mit den vorhandenen Mitteln — noch über
(Abg. Dr. Schäfer (Tübingen) : Das ist die 200 000 Sozialwohnungen bauen konnten.
Degression, die sie beschlossen haben!)
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
— Ich komme noch auf die Degression. Ich bedanke
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge-
mich für diesen Zwischenruf.
ordneten Müller?
Wenn Sie heute die Degression der Mittel für den
Wohnungsbau nach den Bestimmungen des Zweiten Müller (Berlin) (CDU/CSU) : Herr Kollege Erpen-
Wohnungsbaugesetzes, also vom 1. Januar 1957 bis beck, wollen Sie dem Kollegen Schäfer, wenn er vom
31. Dezember 1966 beklagen Nullpunkt spricht, nicht mitteilen, daß im Jahre 1966
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Halten Sie es 604 000 Wohneinheiten fertig wurden, im Jahre
noch für richtig? Nicht ausweichen!) 1967 572 000 und im Jahre 1969 nicht einmal 500 000
Wohneinheiten? Wo ist also da der Nullpunkt?
- ich weiche Ihnen nicht aus; ich gebe Ihnen eine
Antwort —, können Sie doch nicht daran vorbei- (Zuruf von der CDU/CSU: Bei Herrn Schäfer!)
gehen, daß gerade in dieser Zeit die höchste Zahl
fertiggestellter und geförderter Wohnungen erreicht Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller,
werden konnte, aber natürlich nur deswegen, weil ich bin gern bereit, diese Zahlen, die Sie gerade
es eine gesunde Wirtschaftspolitik und damit gleich- nannten, zu bestätigen. Da ich hier die Antwort, die
zeitig einen funktionierenden Kapital- und Kredit- auf eine Ihrer Fragen vom Ministerium gegeben
markt gab worden ist, zur Hand habe, darf ich Ihnen die ge-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Sehr wahr!) nauen Zahlen verlesen: 1966 — also der Null-
punkt — 604 799 Wohnungen.
und weil — und das ist das Entscheidende, meine
Damen und Herren —, das Vertrauen der Bürger (Abg. Dr. Müller-Hermann: Lauter Nullen!)
in die Wirtschaftspolitik vorhanden war und da- Wenn das Null ist, Herr Kollege Dr. Schäfer, weiß
-
durch ihre Eigeninitiative in einem Maß aktivert ich nicht, auf welcher Basis Sie hier überhaupt noch
wurde, das zu unserer aller Nutzen war. argumentieren.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Ich glaube, das sollten wir uns sehr wohl einmal ins
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
statten Sie eine Zwischenfrage?
Gedächtnis rufen.
Erpenbeck (CDU/CSU): Herr Kollege Dr. Schä- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
fer, der Herr Minister oder auch die Sprecher der Erpenbeck, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Koalition werden ja aller Wahrscheinlichkeit nach Herrn Abgeordneten Professor Dr. Schäfer?
gleich noch hier darstellen, wie viele Wohnungen in
den Jahren von 1966 bzw. nach Eintritt in die Große
Koalition ab 1967 bis heute neu erstellt worden sind. Dr. Schäfer (Tübingen) (SPD) : Herr Kollege,
haben Sie die Freundlichkeit, diese Zahlen zu ergän-
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]: Weil Sie zen durch die Mitteilung, wieviel Geld der Bund
keine Mittel mehr gaben!) in den Jahren 1965 bis 1969 für den sozialen Woh-
Wenn Sie diese Zahlen hören, werden Sie auch nicht nungsbau zur Verfügung gestellt hat?
feststellen, daß wir an diese Zahlen von einem Null- (Zurufe von der CDU/CSU.)
punkt her herankommen konnten, sondern nur da-
durch, Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Schä-
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen] : Daß sie unter fer, ich bin gerne bereit, Ihnen das mitzuteilen. Ich
Null waren!) habe hier schon genug Akten bei mir. Ich will aber
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3899
Erpenbeck
keine falsche Zahl nennen, da ich auch soeben schon hat in diesem Land zu einem Wohnungsbau geführt,
die genauen Zahlen gegeben habe. Ich bin deshalb der in der Welt beachtet und vielfach bewundert
gerne bereit, das gleich nachzuholen, wenn ich meine wird. Meine Damen und Herren, damit ist der Name
Akten vervollständigt habe. Paul Lücke verbunden.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge- Die heutige Baukostensituation ist nicht das Ergeb-
ordneten Jung? nis von Versäumnissen und Fehlleistungen der
Jahre vor 1965. Der Oktober 1965 war der Zeitpunkt,
in dem Herr Lücke das Ministerium für Wohnungs-
Jung (FDP) : Herr Kollege Erpenbeck, stimmen wesen abgab.
Sie mir in der Feststellung zu, daß Sie und Ihre
Fraktion bis zum September 1969, also bis zu die- (Abg. Frau Meermann: Ab 1965 haben Sie
sem Tiefpunkt, den Sie soeben aufzeigten, die nicht mehr regiert, daran erinnere ich mich
Regierungsverantwortung hatten und damit für den genau!)
Rückgang des Wohnungsbaus mitverantwortlich — Ich beziehe mich auf Ihre Argumentation und
waren? habe nicht Stellung genommen zu der Zeit, in der
die CDU regiert hat. Man weiß im deutschen Volk
Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Jung, Sie sowieso, daß das bis 1969 war.
haben es anscheinend noch immer nicht verwunden, (Zurufe von der SPD: Das weiß man! —
daß Sie einige Jahre in der Opposition waren, von Man merkt es auch!)
1966 bis 1969, und wollen auch heute noch einmal
daran erinnern. Wer diese Argumentation auch heute noch aufrecht-
erhält, handelt doch wider besseres Wissen, oder er
(Zurufe von den Regierungsparteien: Billig!)
hat es versäumt, sich an den Zahlen und Fakten zu
orientieren, und beides, meine Damen und Herren,
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
- ge- ist gleich schlimm.
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord-
(Abg. Dr. Schäfer [Tübingen]: Ihre Selbst
neten Ott?
gerechtigkeit ist bewundernswert!)
Erpenbeck (CDU/CSU) : Das wäre dann aber zu- Die derzeitige Regierung und niemand anders hat
nächst die letzte. die Misere in der Wohnungswirtschaft der heutigen
Tage zu verantworten. Wenn ich auch sehr viel Ver-
ständnis für die Nervosität, die Sie auch hier heute
Vizepräsident Frau Funcke: Das ist die letzte,
demonstrieren, habe, ist doch die Taktik des Ab-
(Abg. Erpenbeck: Zunächst!) lenkens durch unhaltbare Unterstellungen,
darf ich das dem Hause sagen. Bitte schön! (Zuruf von der SPD: Wer lenkt denn
hier ab?)
Ott (CDU/CSU) : Herr Kollege Erpenbeck, würden
wie sie auch in der Etatrede des Herrn Finanzmini-
Sie mir angesichts der Ausführungen des Herrn Kol-
sters und in den Äußerungen des stellvertretenden
legen Schäfer beipflichten, wenn ich behaupte, daß
Vorsitzenden der SPD-Fraktion, des Herrn Dr. Apel,
viel mehr Wohnungen im öffentlich geförderten so-
in der gestrigen Debatte gemacht wurden, aufs
zialen Wohnungsbau hätten hergestellt werden kön-
Schärfste abzulehnen. Aber gerade das kennzeichnet
nen, wenn gewisse große gemeinnützige Wohnungs-
ja die schwache Position der Bundesregierung, die
baugesellschaften, darunter auch die der SPD-Frak-
auch in der schriftlichen Antwort zum Ausdruck
tion sehr nahestehende Neue Heimat, mit etwas
kommt. Statt konkrete Maßnahmen zur Eindämmung
mehr Eigenkapital und weniger öffentlichen Mitteln
der Kosten auf dem Bausektor und zur Sicherung
die öffentlich geförderten Wohnungen finanziert hät-
eines ausreichenden sozialen Wohnungsbaus zu er-
ten?
greifen, weicht sie auf Fehlinterpretationen aus. Hier
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von der
und heute ist aber über die bisher nicht erlebte Bau-
SPD: Geistvoller Beitrag!)
kostenexplosion und ihre negativen Auswirkungen
auf den Wohnungsbau im allgemeinen und den so-
Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Ott, ich zialen Wohnungsbau im besonderen zu sprechen.
darf es mir ersparen, Ihnen zu antworten! Denn ich (Abg. Henke: Können Sie die konkreten
möchte Ihnen nicht den Beifall nehmen. Maßnahmen mal nennen?)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, der
schrittweise Abbau einer jahrzehntelangen Woh- — Gerade die konkreten Maßnahmen sollten ja
nungszwangswirtschaft — das ist ja Ihr nächstes Ar- genannt werden.
gument - mit der gleichlaufenden Einführung eines (Zuruf von der SPD: Dann tun Sie das mal!)
sozialen Wohn- und Mietrechtes, wie es seinesglei-
chen in der Welt sucht, Die Darstellung der konkreten Maßnahmen vermis-
(Zuruf von der SPD: Der größte Fortschritt sen wir in der schriftlichen Antwort
aller Zeiten!) (Zustimmung bei der CDU/CSU)
3900 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Erpenbeck
genauso wie in der öffentlichen Diskussion, die von Herren, dann müssen wir hier sagen, daß es sehr
der SPD-Fraktion und von dieser Bundesregierung erheblich ist, wenn heute mit Bausparmitteln nur
draußen hinsichtlich dieser Frage geführt wird. noch zirka 70 % der Bauleistung erzielt werden
kann, die noch vor Jahresfrist hätte erzielt werden
(Zuruf von der SPD: Das ist doch Ge
können.
schwafel!)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Entgegen den Verheißungen in der Antwort auf Diese Tatsache hat ja heute morgen in der Dis-
unsere Große Anfrage vom 25. März 1970 — die kussion bereits eine Rolle gespielt, und wir sollten
Antwort wurde am 30. April 1970 gegeben und fin- es nicht und auch Sie, Herr Minister, sollten es nicht
det sich in Drucksache VI/716 -, daß nach den Fest- auf die leichte Schulter nehmen, wenn ein großer
stellungen der amtlichen Statistik die Wohnungs- Teil in der Regel nicht sehr vermögender Bausparer
baupreise von Februar 1969 bis Februar 1970 um wegen der schlechten Politik dieser Regierung einen
rund 15 % gestiegen seien und daß sich der Bau- Wertverlust bis zu 30 % ihrer sauer ersparten Gelder
preisanstieg in den daran anschließenden 12 Mona- hinnehmen müssen.
ten zunehmend abschwächen werde, ist der Preis-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
index für Bauleistungen an Wohngebäuden weiter-
hin gestiegen. Er stieg von August 1969 bis August Im weiteren Verlauf Ihrer Antwort auf unsere
1970 um 16,9 %. Hierbei handelt es sich aber nur Fragen 3 und 4 heben Sie auf das von Ihnen beab-
um eine Durchschnittszahl. Herr Minister Lauritzen sichtigte langfristige Wohnungsbauprogramm im
hat in seinen amtlichen Pressemitteilungen vom Laufe der nächsten fünf Jahre ab. Danach wollen
27. August selbst angegeben, daß die Baupreisstei- Sie jährlich 100 000 Sozialwohnungen mehr bauen.
gerungen - über die durchschnittliche Steigerung Der Soziale Wohnungsbau soll in den kommenden
hinausgehend — bis zu 40 % betragen. Das können Jahren also auf eine Förderungszahl von 250 000
Sie in den Mitteilungen des Bundesministeriums für Wohnungen gesteigert werden, wie wir sie schon
Städtebau und Wohnungswesen vom 27. August in früheren Jahren hatten. Das klingt gut und
1970 nachlesen. könnte an sich sehr begrüßt werden. Wir müssen
aber doch die Frage stellen und sie auch beantwortet
Es bleibt also festzustellen, daß trotz
- der damali- haben, wo die Förderungsmittel für die zusätz-
gen beschwichtigenden Erklärungen noch keines-
lichen 100 000 Sozialwohnungen herkommen sollen.
wegs ein Stopp der Kostensteigerungen auf dem
In der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes
Bausektor erreicht worden ist. Diese Tatsache in der
vom 13. September 1970 Drucksache VI/1101 —
schriftlichen Antwort nun mit den Ergebnissen des
sind folgende Bundesmittel für das langfristige
Ifo-Konjunkturtestes über die Baupreiserwartungen
Wohnungsbauprogramm vorgesehen: 1971 172,5
der Firmen in den nächsten drei Monaten kaschie-
Millionen, 1972 448 Millionen, 1973 502,4 Millionen
ren zu wollen, mutet doch außerordentlich seltsam
und 1974 550,6 Millionen DM, insgesamt also nicht
an. Wir alle erwarten — wer von uns täte das nicht?
ganz 1,7 Milliarden DM für vier Jahre. Dieser Be-
— aus verständlichen Gründen eine Verbesserung
trag reicht — so bitter das ist; aber wir können uns
der konjunkturellen Situation, weil sie dringend not-
doch nicht selbst Sand in die Augen streuen — noch
wendig ist. Meine Damen und Herren, von Erwar-
nicht einmal aus, um den sozialen Wohnungsbau
tungen ist aber noch niemals eine konkrete Preis-
und seine Mieten auf dem Stand von 1969 zu halten.
beruhigung ausgegangen.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: So ist es!)
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das ist richtig!)
Der Rheinische Verband gemeinnütziger Woh-
Die Preise werden immer noch durch die Kosten nungsunternehmungen hat vor wenigen Monaten
bestimmt. Gerade deshalb haben wir die Frage nach eine Repräsentativerhebung über die Baukosten-
den konkreten Maßnahmen der Bundesregierung steigerung und den zusätzlichen Subventionsbedarf
zur Eindämmung der noch ständig steigenden Bau- für den sozialen Wohnungsbau durchgeführt. Die
und Finanzierungskosten auf dem Wohnungsmarkt am 24. Juli veröffentlichte Umfrage hat ergeben,
gestellt, Herr Kollege Henke. daß infolge Baukostensteigerung für eine 75 qm
(Zuruf von der SPD: Und der Bodenpreise!) große Sozialwohnung ein zusätzlicher Bedarf —
über die bisherigen Förderungsbestimmungen und
In der schriftlichen Antwort wird aber auch darüber -maßnahmen im Lande Nordrhein-Westfalen hinaus
nichts gesagt. — von über 20 000 DM an zinslosen öffentlichen
Auf die angekündigten Initiativen des intermini- Mitteln erforderlich ist, wenn die Mieten auf dem
steriellen Arbeitsausschusses in Richtung auf eine bisherigen Stand gehalten werden sollen. Legt man
Begrenzung des Mietanstiegs, die im Ergebnis bisher diese Zahlen zugrunde, so ergibt sich doch für die
nur eine verbale Gesetzeskosmetik auf dem Gebiet Förderung von rund 130 000 Sozialwohnungen -
des Miet- und Strafrechts erwarten lassen, gibt auch das ist nämlich das Förderungsvolumen 1969 — ein
die schriftliche Antwort keinerlei konkreten Hin- zusätzlicher Mittelbedarf von 2 bis 3 Milliarden
weis. Von echten Maßnahmen zur Verbesserung DM. Die für das langfristige Wohnungsbauprogramm
oder Beruhigung der Kostensituation ist nicht die in Aussicht gestellten zusätzlichen Mittel werden
Rede. Wenn die Bundesregierung meint, daß das also für die Förderung des sozialen Wohnungsbaus
Auf und Ab der Finanzierungskosten auf dem freien in seiner bisher niedrigsten Größenordnung völlig
Kapitalmarkt für die Wohnungsbaufinanzierung, für verbraucht.
die Schaffung von Eigentum mit Hilfe der Bau- (Abg. Dr. Müller-Hermann: Da fehlen die
sparfinanzierung unerheblich sei, meine Damen und Zwischenrufe!)
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3901
Erpenbeck
Nun haben Sie darauf hingewiesen, daß auch die werden, wobei, wie uns gesagt wird, an eine Ver-
Länder — das steht in der Antwort auf die Große billigung um 2,70 DM pro Quadratmeter Wohn-
Anfrage expressis verbis — mit erheblichen Ergän- fläche gedacht ist. Hier erhebt sich doch die Frage,
zungsmitteln beitreten müßten. Aber Sie wissen wie hoch nach Auffassung der Bundesregierung die
doch ganz genau, Herr Minister, daß bei der Konfe- Kostenmiete steigen darf, wenn überhaupt noch
renz am 10. September dieses Jahres in Ihrem eine tragbare Miethöhe gegeben sein soll.
Hause die Länderminister unter Führung des nord-
Durch die ständigen Kostensteigerungen haben
rhein-westfälischen Innenministers Weyer katego-
wir im sozialen Wohnungsbau bereits Miethöhen
risch erklärt haben, daß sie nicht bereit seien, auch
von über 4 und gar von 5 DM erreicht. Ich nehme
nur einen Pfennig mehr für den sozialen Wohnungs-
sicher an, daß die Kollegen aus Hamburg und ande-
bau herzugeben als im vergangenen Jahr.
ren Bereichen diese Zahl bestätigen werden.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) (Zuruf von der SPD: Ja, da ist die Frage:
Und aus dem Bulletin vom 6. Oktober 1970 geht wer ist schuld? Das ging ja nicht über
hervor, daß die Gesamtleistungen der Länder für Nacht!)
den Wohnungsbau 1969 gegenüber dem Vorjahr Das sind Miethöhen, die doch beim besten Willen
um 15,2 % — das sind 551 Millionen DM — zurück- die Bezeichnung „sozialer Wohnungsbau" nicht
gegangen sind. Dann, meine Damen und Herren, zu mehr rechtfertigen.
sagen, das langfristige Wohnungsbauprogramm
(Zuruf von der SPD: Alles durch Lücke!)
werde natürlich nur durchgeführt werden können,
wenn die Länder mit erheblichen Ergänzungsantei- Meine Damen und Herren, es bleibt festzustellen:
len eintreten, ist zumindest, meine ich, uns gegen- nicht nur eine Verstärkung des sozialen Wohnungs-
über eine nicht klare und vollständige Darstellung baus ist höchst fraglich und bleibt finanziell unge-
der Situation, in der wir heute stehen — um es deckt, sondern es ist sogar zu befürchten, daß selbst
nicht anders auszudrücken. bei der angekündigten Mittelerhöhung das bis-
(Beifall bei der CDU/CSU.) herige Volumen öffentlich geförderter Wohnungen
für die nächsten Jahre nicht sichergestellt werden
- Ankündi-
Im Wissen um diese Tatsachen sind die kann.
gungen zwar ein möglicher Wunschtraum, objektiv
aber doch ein Ablenkungsmanöver.
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
(Sehr richtig! hei der CDU/CSU.) eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dr.
Rutschke?
Auch die Ankündigung eines Sozialprogramms
mit zusätzlich 50 000 Wohnungen jährlich, für das
jährlich 250 Millionen DM bereitgestellt werden sol- Dr. Rutschke (FDP) : Herr Kollege Erpenbeck,
len, erweist sich als eine Fata Morgana. Die Tat- würden Sie so freundlich sein, mir zu sagen, in wel-
sachen sehen so aus, daß zur Zeit — nach Auskunft cher Höhe die CDU eine zusätzliche Einstellung von
der Wohnungsbaukreditanstalt Schleswig-Holstein Mitteln in den Haushalt beantragen würde,
— die Gesamtkosten einer 60 qm großen Wohnung (Zuruf von der SPD: Jawohl!)
66 500 DM betragen und daß dafür zur Erzielung
um das, was Sie fordern,
einer Finanzierungsmiete von 4,70 DM — 3,70 DM
Kostenmiete plus 1 DM Aufwendungszuschuß — (Abg. Baier: Das ist aber gescheit!)
ein Kapital an öffentlichen Mitteln von 30 000 DM konjunkturgerecht zu erledigen?
zur Verfügung gestellt werden muß. Wenn der
Bund mit den genannten 250 Millionen DM 50 000 (Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu
Wohnungen im Sozialprogramm fördern will, ent- rufe von der CDU/CSU.)
fallen auf eine Wohnungseinheit von seiten des
Bundes ganze 5000 DM. Erpenbeck (CDU/CSU) : Meine Damen und Her-
ren, wir haben gestern, aber auch schon bei der
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
ersten Lesung des Haushalts und heute morgen
Das würde doch, wenn man es zunächst einmal so wieder deutlich gemacht, daß der Haushaltsplan so,
hinnimmt, wie es geschrieben ist und gesagt wird, wie er uns vorgelegt worden ist, nicht unsere Zu-
bedeuten, daß die übrigen 25 000 DM von den Län- stimmung erhalten kann und es einfach nicht mög-
dern aufgebracht werden müssen. Das heißt also, lich ist, mit den finanziellen Problemen fertig zu
daß der Bund für dieses sogenannte Sozialprogramm werden, wenn wir nicht Prioritäten setzen.
nur ein Sechstel der benötigten öffentlichen Mittel
(Zuruf von der SPD: Das ist doch keine Ant
zur Verfügung stellen kann.
wort! — Weitere Zurufe von der SPD.)
(Zurufe von der SPD.)
Was das nach der Erklärung der Landesminister Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
bedeutet, ist klar. Das Sozialprogramm wäre dem- gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge-
nach nicht realisierbar. ordneten Leicht?
In einem angekündigten Regionalprogramm
—dasitjaeinweitr PunktimlangfristgenWoh- Leicht (CDU/CSU) : Herr Kollege Erpenbeck, wür-
nungsbauprogramm — soll eine Verbilligung der den Sie vielleicht Herrn Rutschke sagen, daß Sie
Mieten oder Lasten um feste Beträge vorgenommen nicht gefordert haben, mehr Mittel bereitzustellen,
3902 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Leicht
sondern daß Sie sich mil den Illusionen, die die zeichnen. Das macht in besonderem Maße die Sorge
Regierung unserem Volk vormacht, befaßt haben. der Bauherren um einen weiteren Preisverfall deut-
(Beifall bei der CDU/CSU.) lich. Hier sollte die Bundesregierung aus der Not
eine Tugend machen und dafür Sorge tragen, daß
den Bauwilligen, die unter größten finanziellen
Erpenbeck (CDU/CSU): Herr Kollege Leicht, ich Opfern Wohnungen bauen, entsprechende Hilfe ge-
bin Ihnen sehr dankbar. Ich hatte allerdings vor-
geben wird .
ausgesetzt, daß das, was ich gesagt habe — ich
(Abg. Dr. Rutschke: Woher?)
meine mich klar ausgedrückt zu haben —, auch
durchaus so verstanden werden konnte. - Herr Wurbs, auf Ihre Frage „Woher?" darf ich
Ihnen sagen - -
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge- (Abg. Wurbs: Das war ich nicht! Jetzt ha
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord- ben Sie nicht zugehört!)
neten Wurbs? — Ich glaubte, Ihre Stimme gehört zu haben. Ent-
schuldigen Sie bitte!
Erpenbeck (CDU/CSU) : Bitte sehr, Herr Wurbs!
Meine Damen und Herren, Konkretes läßt sich in
der Antwort der Bundesregierung nicht entdecken.
Wurbs (FDP) : Herr Kollege Erpenbeck, geben Sie Seit Monaten werden die Schlachten auf Rand- und
zu, daß die Opposition argumentiert hat, sie werde
Nebenkriegsschauplätzen geschlagen.
den Haushalt ablehnen, weil er nicht konjunktur-
gerecht, weil er zu hoch sei? Sie haben soeben ge- (Zurufe von der SPD: Sehr richtig! Genau!
sagt, Sie könnten dem Haushalt nicht Ihre Zustim- Wer zwingt uns denn dazu?)
mung geben, weil die für den Wohnungsbau be-
— Damit geben Sie zu, daß Sie sich auf Neben-
nötigten Mittel nicht entsprechend berücksichtigt
kriegsschauplätzen bewegen.
worden seien.
(Abg. Frau Meermann: Die sollen wir
(Lebhafte Zurufe von der CDU; CSU.)
Ihnen wohl allein überlassen?!)
-
Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Wurbs, ich Es ist einfach nicht wahr, daß die Kosten- und
kenne Sie lange genug, um zu wissen, daß Sie sonst Preissituation der Uneinsichtigkeit wucherischer
ein durchaus guter Zuhörer sind. Daß ich das, was Vermieter, einer Vielzahl gewinnsüchtiger Speku-
Sie jetzt in Ihrer Frage behauptet haben, nicht ge- lanten und überzogener Profitgier der Bauunter-
sagt habe, werden Sie mir ohne weiteres zugeben. nehmer anzulasten ist. Kein verantwortlicher Bür-
ger, kein Mitglied dieses Hauses wird Ausuferun-
(Zuruf des Abg. Mattick.) gen, Übertreibungen und offensichtliche Straftatbe-
Ich habe nicht zu der Frage Stellung genommen, stände rechtfertigen. Bei tatsächlichen Verstößen
warum wir diesem Haushalt nicht zustimmen, son- muß selbstverständlich mit aller Schärfe des Geset-
dern habe gesagt: Wir stimmen ihm nicht zu, und zes eingegriffen werden. Aber das setzt doch nicht
zwar aus konjunkturellen Gründen. Wenn man ihm die Binsenwahrheit außer Kraft, daß Kosten einfach
aber schon aus konjunkturellen Gründen nicht zu- zu bezahlen sind: vom Mieter, vom Vermieter, vom
stimmen kann, ist unsere Verantwortung dafür, daß Bauherrn, vom Unternehmer oder von der öffent-
die Prioritäten richtig gesetzt werden, um so größer. lichen Hand. Meine Damen und Herren, da kann
sich nicht einfach der eine auf Kosten des anderen
(Beifall bei der CDU/CSU.— Zurufe von
herauslügen wollen. Deswegen ist es auch unse-
den Regierungsparteien.)
riös, ungerecht und unentschuldbar, wenn in der
Öffentlichkeit eine einzelne Gruppe verteufelt wird,
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, obwohl sie genausowenig auf die Kostenentwick-
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge- lung Einfluß nehmen kann wie eine andere Gruppe.
ordneten Junghans?
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Junghans (SPD) : Herr Kollege Erpenbeck, sind Hier erhebe ich den Vorwurf gegenüber der Bun-
Sie bereit, in diesem Zusammenhang die Priori- desregierung, daß sie tatenlos zusieht und die emo-
tionell aufgeladenen Beschuldigungen dadurch ver-
täten, die Sie setzen wollen, zu nennen?
stärkt, daß sie den Eindruck erweckt, als seien die
(Zuruf von der SPD: Endlich mal zu nennen!) Mieten die Ursache der Misere. Die Mieten sind
nicht Ursache, sondern Folge.
Erpenbeck (CDU/CSU) : Meine sehr verehrten (Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
Damen und Herren, ich werde am Schluß meiner SPD: Von Lücke!)
Ausführungen deutlich machen, welche Priorität
ich dem Wohnungsbau zumesse. Das ist das Thema Folge der ständig gestiegenen und noch steigenden
der Debatte, die wir hier und heute zu führen haben. Kosten. Aber in der Beurteilung von Ursache und
Wirkung war diese Regierung bisher kein Meister,
(Weitere Zurufe von der SPD.) und auf die Zwischenrufe eben muß ich sagen, offen-
Meine Damen und Herren, zur Zeit ist trotz der bar auch nicht die Fraktionen der Koalition. Wie
Kostenerhöhung eine unverkennbare Zunahme im könnte es sonst sein, daß ein interministerieller
Eigenheim- und Eigentumswohnungsbau zu ver Arbeitskreis zur Begrenzung des Mietanstiegs ge-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3903
Erpenbeck
bildet wurde, der einige Wortumstellungen im all- Meine Damen und Herren, es ist vorher schon
gemeinen und. Wirtschaftsstrafrecht als Ergebnis durch einige Zwischenrufe von Ihnen gesagt bzw.
melden konnte. Dabei entspricht doch der Mietan- angedeutet worden: wo bleibt die Alternative der
stieg dieses Jahres — ich darf mich auf Zahlen des CDU/CSU in der Wohnungsbaupolitik?
Bundesministeriums für Städtebau und Wohnungs-
Dazu lassen Sie mich sagen, daß es die erste Auf-
wesen berufen — den gestiegenen Lebenshaltungs-
gabe jeder Oppositionspartei ist — das wissen Sie
kosten mit 4 % und einigen Zehntelpunkten dar-
aus langjähriger Erfahrung genauso gut oder viel-
über, während wir aber einen Baukostenanstieg
leicht noch viel besser als wir —, wenn es schon
von durchschnittlich 17 % verzeichnen. Wo sind da
keine Handlungen der Bundesregierung auf dem
die konkreten Ergebnisse und Maßnahmen?
Gebiete der Wohnungspolitik „mangels Masse"
Sie sagen immer, daß früher, bis 1965, Fehler kritisch zu beurteilen und zu kontrollieren gibt, wir
und Versäumnisse vorgekommen seien. Wir be- sie zunächst einmal auf die Tatsachen stoßen, die
haupten, daß früher, zumindest unter Paul Lücke, von ihr zumindest dem Anschein nach übersehen
eine gewaltige positive Entwicklung in der Woh- oder falsch beurteilt werden.
nungswirtschaft vorhanden war und unter widrigen (Zurufe von der SPD.)
Verhältnissen Erstaunliches geleistet wurde.
— Ich bin sehr vorsichtig! — Ich werde alles gern
(Beifall bei der CDU/CSU.)
hier an dieser Stelle und auch im Ausschuß und
Heute stellen wir auf diesem Gebiet bei Ihnen eine sonst draußen entgegennehmen, was an tatsäch-
erstaunliche Einfallslosigkeit fest. lichen konkreten Vorstellungen oder Maßnahmen
(Beifall bei der CDU/CSU.— Zurufe von der von dieser Regierung für eine positive Entwicklung
SPD.) der Wohnungspolitik ins Auge gefaßt ist.
Auf die Alternative angesprochen, habe ich hier
heute — verständlicherweise kann ich es nur kurz
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
und knapp tun — folgendes zu sagen.
gestatten Sie eine Zwischenfrage der Abgeordne-
ten Frau Meermann? Erstens. Eine gesunde Wohnungswirtschaft ist nur
erreichbar in einer stabilitätsorientierten Wirt-
schafts-, Konjunktur- und Finanzpolitik.
Frau Meermann (SPD) : Herr Erpenbeck, wür-
den Sie trotzdem konzedieren, daß, wenn die Bun- (Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von der
desregierung und dieses Haus sich demnächst mit SPD: Tolle Erkenntnis!)
Maßnahmen zum besseren Schutz der Mieter in Dort zuallererst ist der Hebel anzusetzen. In der
ihren Wohnungen und zu vernünftigeren Mieten im gestrigen Debatte ist das genügend verdeutlicht
Einzelfall ich spreche nur vom Einzelfall — be- worden. Sie sollten doch wenigstens einen Augen-
fassen müssen, das auf eine Gesetzgebung zurück- blick darüber nachdenken, ob diese Darstellung
geht, die nicht wir zu verantworten haben? nicht doch wohl richtig ist. Denn wenn Sie nicht
(Zurufe von der CDU/CSU.) von der Richtigkeit dieser Darstellung überzeugt
sind, dann werden Sie nie zu einer vernünftigen
und richtigen Wohnungspolitik kommen können.
Erpenbeck (CDU/CSU) : Liebe Frau Kollegin
Meermann, ich habe vorher schon einmal gesagt, Zweitens. Dem Wohnungsbau ist innerhalb der
wir haben durch die Initiativen der Regierungen Rangliste ein höherer Stellenwert einzuräumen und
unter Führung der CDU/CSU und hinsichtlich der im Rahmen der gesamten Baukapazität Vorrang zu
Wohnungsbaupolitik bis 1965 unter Führung des geben. Dazu gehört eine bessere Koordinierung der
Herrn Kollegen Lücke ein soziales Miet- und Wohn- öffentlichen Bautätigkeit in einer gemeinsamen Ab-
recht geschaffen, das in der Welt seinesgleichen sprache zwischen Bund, Ländern und Gemeinden,
sucht. wobei bis zur Erreichung eines Gleichgewichts auf
(Beifall bei der CDU/CSU.) Teilmärkten des Wohnungsmarktes — ich betone
ausdrücklich: Teilmärkten des Wohnungsmarktes —
Wenn es um den ausreichenden Schutz der Mie- eine höhere Priorität für den Wohnungsbau Platz
ter geht — ich möchte sagen, wenn es um den greifen muß.
ausreichenden Schutz all derer geht, die des Schut-
zes bedürfen —, dann wird diese CDU/CSU-Frak- Drittens: Eine Verstetigung der Bautätigkeit des
tion ihre Möglichkeiten auch innerhalb der Oppo- Staates und der Privaten ist sicherzustellen, denn
sition voll einsetzen; denn darin werden wir uns nur so bietet sich die Chance der Einführung indu-
sicherlich nicht von Ihnen übertreffen lassen. striellen Bauens und anderer Rationalisierungsef-
fekte. Zu diesen Fragen wird ganz sicher gleich noch
(Zurufe von der SPD.) mein Kollege Mick einiges anzufügen haben.
Nur ist die Frage, ob das, was Sie dazu bislang an
Viertens: Die Eigeninitiative der Bürger muß
Vorstellungen entwickelt haben, in jeder Weise
durch vernünftige Anreize verstärkt werden. Dazu
sachdienlich oder sachgerecht ist.
ist natürlich Vertrauen notwendig, Vertrauen zu
(Beifall bei der CDU/CSU. — Zuruf von der einer stabilitätsbewußten Politik und der positiven
SPD: Wir werden Sie daran erinnern! — Einstellung der Regierung zu Eigentum an Grund
Abg. Frau Meermann: Darin lassen wir uns und Boden und Wohnung. Das heißt allerdings
gern übertreffen!) auch: die Bereitschaft der Regierung, neue Eigen-
3904 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Erpenbeck
tums- und Vermögensbildung auch in allen mög- sächlichen Bedarf und Bedürfnis. Dazu bedarf es der
lichen Wohn- und Rechtsformen zu fördern. Da wird Mobilisierung aller verfügbaren Kräfte. Erfolg wer-
ein klares Wort notwendig sein, ob diese Regierung den wir aber alle miteinander nur haben, wenn wir
in der Politik den Vorstellungen Raum geben will, auf den Weg vernünftiger stabilitätsorientierter
die auf dem Saarbrücker Parteitag der Sozialdemo- Politik zurückfinden. Damit die Regierung diesen
kratischen Partei formuliert worden sind. Weg ansteuern kann, haben wir die Große Anfrage
der CDU/CSU-Fraktion zur Entwicklung der Bau-
(Zurufe von der SPD.)
kosten und ihrer Auswirkung auf den sozialen
Fünftens. Die Blockierung mehrerer hunderttau- Wohnungsbau eingebracht. Die Fähigkeit dazu hat
send Sozialwohnungen durch Fehlbelegungen diese Regierung allerdings selbst in Zweifel gestellt.
(Abg. Frau Meermann meldet sich zu einer (Beifall bei der CDU/CSU.)
Zwischenfrage)
— darf ich um einen kleinen Moment bitten, Frau Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
Meermann — muß einer vernünftigen Lösung zu- Herr Bundesminister Lauritzen.
geführt werden, die dem derzeitigen Wohnungsin-
haber die freie Wahl zwischen Verbleib in der Woh-
nung bei angemessener Zahlung eines Zusatzbetra- Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
und Wohnungswesen: Frau Präsident! Meine Damen
ges zur Sozialmiete oder Wechsel der Wohnung
und Herren! Baukonjunkturen haben keine unbe-
ermöglicht.
grenzte Lebensdauer und keine unerschütterliche
Wenn die Regierung und wir haben einiges Gesundheit. Auch Konjunkturen in Beton und Stahl
Verständnis dafür — schon keinen Mut zu solchen sind längst nicht so robust und unveränderbar wie
Maßnahmen hat, warum hat sie dann noch nichts die Materialien, mit denen sie es zu tun haben. Bau-
unternommen, um zu einer inneren Umsetzung im konjunkturen sind im Gegenteil recht labile und
sozialen Wohnungsbau zu kommen? Auf dem Ge- daher sorgsam zu behandelnde Gebilde, denn thera-
biet der Wohnungen in Altbauten spielt sie immer peutische Mittel wirken wegen der langen Pla-
wieder mit den Mitteln staatlicher Bewirtschaftung, nungs- und Baufristen nur sehr langsam, mit großen
hat aber noch nichts an Initiativen zur-Harmonisie- Verzögerungen und mit vielfach nur schwer vorher-
rung im Bereich der Sozialwohnungen gezeigt. sehbaren Wirkungen. Nirgendwo ist deshalb das
Risiko größer, daß man mit Ungeduld und Über-
Wenn dann hier immer wieder an dieser Stelle
eifer des Guten zuviel tut. Wer Dämpfung sät, kann
das Wort „Lücke-Plan" auftaucht, dann frage ich Sie,
sehr leicht Stagnation ernten. Die Gefahr einer
wo denn heute die Schwierigkeiten liegen: in den
Übersteuerung ist um so größer, je mehr man sich
Kreisen, die zum Teil seit 1963 weiß sind — den
in seinen Entscheidungen an der Entwicklung der
über 500 Landkreisen und Stadtkreisen in der Bun-
Vergangenheit orientiert und nicht versucht, alle
desrepublik —, oder in den zwei Kreisen, die heute
Indikatoren über die Zukunft und die zukünftige
nicht mehr schwarz, sondern grau sind.
Entwicklung zu berücksichtigen.
(Abg. Baier: Sehr richtig! — Zurufe von der
Ich schicke diese Warnungen bewußt voraus, denn
SPD: Und warum? — Warum sind sie
die CDU/CSU scheint mir ihre Entscheidungen über
grau?)
die Zukunft immer noch zusehr unter dem Blick-
Sechstens. Die Probleme der Wohnungswirtschaft winkel vergangener und abgeschlossener Ereignisse
lassen sich nur dann einigermaßen zufriedenstellend zu fällen. Im August/September 1969 wiesen Sie
lösen, wenn es zu einem besseren partnerschaft- doch alle Warnungen vor zukünftigen Preissteige-
lichen Verhältnis aller an der Wohnungswirtschaft rungen mit dem Hinweis auf die geringen jährlichen
Beteiligten kommt. Hier hätte die Regierung eine Preissteigerungen der Vergangenheit zurück, im
ihr zukommende Mittlerrolle längst übernehmen August/September 1970 starren Sie aber bei der
müssen und können. Wie ist es denn mit der schon Beurteilung der Baukonjunktur wieder einmal nur
lange im Gespräch befindlichen Schlichtungsstelle? wie gebannt auf die Vergleichsdaten der letzten
Wie steht es mit der Ermutigung zur Einrichtung zwölf Monate und wollen nicht zur Kenntnis neh-
von Beratungsstellen der Fachverbände der Ver- men, daß sich die Lage gerade im letzten Quartal
mieter und Mieter? schon erheblich entspannt hat und weiter entspan-
Wohnungspolitik ist nun einmal angewandte Ge- nen wird.
sellschaftspolitik, und hier geht es unmittelbar um (Abg. Dr. Müller-Hermann: Vorsicht, Vor
die Wohlfahrt der Familie und des einzelnen. Was sicht, es wird alles wieder zitiert!)
die Verantwortung und die Verpflichtung ihnen
— Ja, gut, ich habe ja zur Vorsicht gemahnt.
gegenüber angeht, sollte sich niemand hier im Hause
übertreffen lassen. Ich setze voraus, daß der gute Mir scheinen einige Hinweise auf die Lage der
Wille überall vorhanden ist. Diese Regierung sollte Bauwirtschaft notwendig zu sein. Alle reden von
sich nun doch wirklich anstrengen und durch Taten den Preisen, ich auch. Denn wenn der Preisindex für
beweisen, daß es ihr ernst ist mit den vielen großen Wohngebäude im August um 16,9 % über dem Vor-
Worten, und ablassen von Ablenkungsmanövern, jahresstand lag, so ist das sicher eine Zahl, an der
von Verniedlichungen und Verschleierung. Die vor man nicht vorbeigehen darf. Die Preise im Bau-
uns liegenden Monate und Jahre müssen eine Zeit sektor sind insgesamt gesehen im letzten Jahr zu
des Bauens sein, des Bauens von menschen- und fa- rasch gestiegen. Daran kann es keinen Zweifel ge-
miliengerechten Wohnungen entsprechend dem tat ben, und das will niemand leugnen. Das Niveau
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3905
Bundesminister Dr. Lauritzen
der jetzt erreichten Entwicklung gibt jedoch noch kein notwendiges Korrektiv zur Meinung der Bun-
keinen Hinweis auf die Veränderungen der Zu- desregierung, sondern sät bei unseren Bürgern un-
wachsraten der jüngsten Vergangenheit. nötige Angst und Unsicherheit. Die Bundesregierung
ist jedenfalls der Ansicht, daß ihre Dämpfungsmaß-
Meine Damen und Herren, Jahresvergleiche sind
nahmen wirken und ihre volle Wirkung erst noch
ein viel zu grober Raster, an dem die Feineinstel-
entfalten werden. Sie hält diese Maßnahmen nach
lung von Maßnahmen nicht orientiert werden kann.
Prüfung aller Daten, die ihr zur Verfügung stehen,
Da wir leider Daten über die Entwicklung der
für ausreichend.
Preise von Monat zu Monat nicht haben, kann ich
Ihnen nur Vierteljahreswerte angeben. Doch schon Wir werden bei unseren weiteren Beratungen des-
die Aufspaltung des Zwölfmonatszeitraums ist recht halb in der Sorge um die Stabilität nicht in eine Sta-
aufschlußreich. Von November 1969 bis Februar 1970 bilitätshysterie verfallen. Wer in der Politik Lösun-
stieg der Preisindex für Wohngebäude um 6,2 %, gen hier und jetzt mit Gewalt erzwingen will, er-
von Februar 1970 bis Mai 1970 um 4,7 %, von Mai reicht immer weniger, als wenn er mit der gebotenen
1970 bis August 1970 um 1,5 %. Sie werden zugeben Sorgfalt und Geduld zu Werke geht. Vergessen Sie
müssen, daß selbst kritische oder gar überkritische bei allen Debatten um die Stabilisierung der Bau-
Oppositionsaugen dieses deutliche und scharfe Ab- konjunktur nicht: Gebäude, die heute fertiggestellt
fallen der Preiszuwachsraten von Vierteljahr zu werden, wurden im Normalfall im letzten Sommer
Vierteljahr einfach nicht übersehen können. Es ist geplant; Planungen, die heute in das Entscheidungs-
mir unverständlich, wie die CDU/CSU trotzdem die stadium kommen, werden erst im nächsten Frühjahr
Meinung vertreten kann, die Preissteigerungen gin- oder Sommer wirklich nachfragewirksam.
gen unvermindert weiter und würden sich sogar
noch beschleunigen. Die Zahlen der letzten Viertel- Diese vorgegebenen Fristen bestimmen auch die
jahre sprechen das Gegenteil aus. Zeitverzögerungen in der Wirkung wirtschaftspoli-
tischer Entscheidungen. Dafür sollte doch auch die
(Zuruf von der CDU/CSU: Das hören wir CDU/CSU Verständnis haben; denn gerade Ihre
nun seit Januar!) Wirtschaftspolitiker haben doch 1966/67 ihre letzte
große wirtschaftspolitische Lektion erhalten, als sie
Dieses Bild einer deutlichen konjunkturellen Be-
diese Voraussetzungen für eine Konjunkturpolitik
ruhigung der Bauwirtschaft, wie sie in dieser Preis-
nicht sehen. wollten. Damals haben sie ohne Rück-
entwicklung zum Ausdruck kommt, zeichnet sich
sicht auf diese Wirkungsverzögerungen zu lange
doch auch hei anderen Indikatoren ab. Die Unter-
gegengesteuert mit dem Erfolg, daß die Bauwirt-
nehmenserwartungen für die Zukunft spiegeln mehr
schaft einen Rückschlag hinnehmen mußte, der eine
und mehr wider, daß die konjunkturpolitischen Maß-
Amputation ihrer Kapazitäten und der Beschäftigung
nahmen der Bundesregierung auch die Erwartungen
bedeutete.
und das Verhalten der Unternehmen beeinflussen
und bereits beeinflußt haben. Noch im Februar er-
warteten z. B. 84 % aller im Ifo-Test befragten Fir- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Minister,
men Preissteigerungen für die kommenden drei gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abge-
Monate. Niemand rechnete aus damaliger Sicht mit ordneten Ott? - Bitte schön!
fallenden Preisen. Heute dagegen, meine Damen und
Herren, ist die Zahl der Unternehmungen, die von
weiteren Preiserhöhungen in den nächsten Monaten Ott (CDU/CSU): Herr Minister, sind Sie bereit,
ausgehen, von 84 auf 19 % abgesunken und 7 % er- mir beizupflichten, wenn ich angesichts Ihrer Erklä-
warten sogar Preissenkungen. rungen behaupte, daß der Rückgang des Wohnungs-
baus im Jahre 1966/67 entscheidend auch auf die
Natürlich — und darauf hat ja auch Herr Erpen- Maßnahmen der Bundesbank - Diskonterhöhung,
beck hinweisen wollen — handelt es sich bei diesen Zinserhöhung — zurückzuführen war und daß die
Meldungen immer nur um Erwartungen und nicht Bundesbank gegenwärtig noch mehr getan hat, weil
um objektiv eingetretene Ereignisse. Aber Unter- die gegenwärtige Bundesregierung keine echte Kon-
nehmererwartungen sind nicht irgendwelche x-belie- junkturpolitik betreibt?
bigen Meinungen eines Herrn Meier und Herrn Mül-
ler. ,Sie sind Reflexe aus Vertragsverhandlungen,
Geschäftsabschlüssen, Auftragseingängen und vielen Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
anderen Kalkulationsdaten. Deshalb sollten wir die- und Wohnungswesen: Ich stimme Ihnen nicht zu,
sen eindeutigen — um nicht zu sagen: radikalen — Herr Kollege Ott. Ich komme gleich auf den Null-
Stimmungsumschwung zur Kenntnis nehmen und punkt im Jahre 1966 zurück.
bei unserer Urteilsbildung auch berücksichtigen. (Abg. Dr. Müller-Hermann: Hören Sie doch
Angesichts dieser Lage erscheint mir die Erwar- auf mit dem Nullpunkt, das ist albern! —
tung der CDU/CSU, die von einem weiteren raschen Weitere Zurufe von der CDU/CSU.)
Anstieg der Baupreise ausgeht, zu pessimistisch zu Ich werde Ihnen mit einigen Zahlen nachweisen,
sein. Sicher wird jede Opposition sozusagen zum worauf er zurückzuführen ist.
Berufspessimisten, was die Erfolgsaussichten und
die Ergebnisse von Regierungsprogrammen angeht;
das gehört nun einmal zum Geschäft. Ihr seit Mona- Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
ten überall betriebener Zweckpessimismus, meine eine weitere Zwischenfrage des Herrn Abgeordne-
Damen und Herren, geht jedoch zu weit; denn er ist ten Müller? — Bitte!
3906 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Mü ller (Berlin) (CDU/CSU) : Herr Bundesmini- Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
ster, wie erklären Sie sich folgendes — ich nehme und Wohnungswesen: Ja, wenn sie zu diesem Punkt
Ihre Zahlen zur Hand —: In den fünf Jahren von meiner Ausführungen gehört.
1961 bis 1965 wurden für den sozialen Wohnungs-
bau im Haushalt ständig 1,3 bis 1,5 Milliarden DM Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Bun-
-
— ich nenne runde Zahlen — eingesetzt, und in die- desminister, da Sie jetzt entscheidenden Wert dar-
ser Zeit sind jedes Jahr 230 000 bis 248 000 — da- auf legen, die Zahl der fertiggestellten Wohnungen
zwischen liegen noch ein paar Zahlen — Wohnun- zu nennen — 50 000 weniger —, darf ich zu dem
gen im sozialen Wohnungsbau fertiggestellt wor- Kernpunkt aller Überlegungen, nämlich den fertig-
den. In den fünf Jahren von 1964 bis 1969 dagegen gestellten Wohnungen fragen: Trifft es auch Ihrer
— da gehe ich mit Ihnen konform, daß die Haus- Kenntnis nach zu, daß in der Amtszeit Ihres Vor-
haltsmittel sich erst ein Jahr später auswirken — gängers, des Bundesministers Lücke, jährlich min-
sah es so aus, daß bei einem Ansatz im Haushalt destens 600 000 Wohnungen, zum Teil bis an
1963 von 1,5 Milliarden DM im Jahre 1964 noch 700 000 Wohnungen fertiggestellt worden sind und
228 000 Sozialwohnungen fertiggestellt worden sind, daß wir in Ihrem letzten Amtsjahr — das war ja
aber 1969 — unter Zugrundelegung der Mittel von nicht Ihr erstes Ministerjahr —, also 1969, zum er-
1968 in Höhe von ebenfalls 1,5 Milliarden DM — stenmal den traurigen Rekord zu verzeichnen hat-
nur noch 190 000 Sozialwohnungen fertiggestellt ten, weniger als 500 000 Wohnungen zu haben?
worden sind. Mit anderen Worten: in diesen fünf
Jahren sind die Mittel um 20 % gestiegen, jedoch Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
25 % weniger Wohnungen im sozialen Wohnungs- und Wohnungswesen: Ein paar hundert; nun wer-
bau entstanden. den Sie nicht kleinlich! 499 800 oder 499 700.
Vizepräsident Frau Funcke: Ich bitte Zwi- Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Also unter
-
— Ich habe mich ganz allgemein mit der Entwick- Minister, einverstanden. — Daß wir also von über
lung der Baukonjunktur beschäftigt. 600 000 Wohnungen bei Lücke bei Ihnen zum ersten-
(Abg. Müller [Berlin] : Preisentwicklung!) mal unter 500 000 geraten sind und die Erwartungen
für dieses Jahr weiter rückläufig sind, daß wir also
— Damit hat diese Frage gar nichts zu tun. Ich werde in diesem Jahr deutlich unter die 500 000 kommen
darauf an einer anderen Stelle meiner Ausführun- werden.
gen zurückkommen.
(Abg. Müller [Berlin]: Preisentwicklung der Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
letzten Jahre!) und Wohnungswesen: Wir werden in diesem Jahr,
wie Sie aus der schriftlichen Beantwortung der Gro-
— Ich komme darauf zurück.
ßen Anfrage sehen, wieder auf 500 000 kommen.
Meine Damen und Herren, ich hatte darauf hinge- Wir sind mit einem ganz erheblichen Überhang in
wiesen, daß 1966/67 die Bauwirtschaft einen ent- dieses Jahr hineingegangen, weil der Winter sehr
scheidenden Rückschlag hat hinnehmen müssen, der lang war, und das wird dazu führen, daß wir in
eine Amputation ihrer Kapazität und ihrer Beschäf- diesem Jahr wieder auf 500 000 kommen. Vielleicht
tigung bedeutet. Fast jeder siebte Arbeiter — ins- sind es 200 weniger.
gesamt rund 200 000 Beschäftigte — verloren damals
ihren Arbeitsplatz, und 50 000 Wohnungen wurden Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Darf ich fra-
-
von einem Jahr auf das andere weniger gebaut. Die- gen, Herr Minister, wie Sie es erklären, daß wir
sen Rückschlag, von dem ich spreche, hat die Bau- danach gegenüber der Amtszeit von Paul Lücke ein
wirtschaft bis heute noch nicht ganz wieder aufho- Minus von über 100 000 Wohnungen jährlich in
len können, Ihrer Amtszeit haben?
(Abg. Ott: Im Winter friert es doch
überall!) Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
und er erklärt auch, warum bei wiederansteigender und Wohnungswesen: Ich habe nicht von der Amts-
Nachfrage nach Bauleistungen bei leergefegtem Ar- zeit von Paul Lücke gesprochen, sondern beschäftige
beitsmarkt so gewaltige Schwierigkeiten auftraten, mich mit den Auswirkungen der damaligen Rezes-
um die notwendigen Kapazitätsausweitungen vor- sion auf die Baukonjunktur. Das war meine Dar-
zunehmen. stellung. Ich komme auf diese Zahlen gleich zurück.
Meine Damen und Herren, diese sehr schweren
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Bundes- Auswirkungen auf die Bauwirtschaft in den Jahren
desminister, gestatten Sie eine Zwischenfrage des 1966 und 1967 sollten uns davor bewahren, eine
Herrn Abgeordneten Dr. Schulze-Vorberg? Art Schocktherapie anwenden zu wollen; denn sie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3907
Henke
— Darüber reden wir noch, Herr Erpenbeck. Es wäre Henke (SPD) : Entschuldigen Sie, Herr Niegel, Sie
sicher sinnvoller, wenn wir die Zeit für die Arbeit können doch grundsätzliche Mängel des Wohnungs-
an dringend notwendigen Gesetzen, beispielsweise marktes jetzt nicht auf eine Baukostensituation
dem Städtebauförderungsgesetz, verwendeten. beschränken wollen, die seit 12 Monaten gegeben
ist. Das scheint mir doch am Problem vorbeigeredet
(Beifall bei der SPD.) zu sein.
Ich habe Ihnen bereits im Mai von dieser Stelle (Beifall bei der SPD.)
aus gesagt: Der Sektor Wohnungswesen eignet sich
besonders gut dazu, Ihnen nachzuweisen, daß die Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
heutigen Schwierigkeiten, die nicht wegdiskutiert Henke, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kolle-
werden sollen, entscheidend auf die Fehlanlage Ihrer gen Müller?
Wohnungspolitik, meine Damen und Herren von
der Opposition, in den vergangenen 10 Jahren zu- Henke (SPD) : Herr Müller, ich möchte Sie vor-
rückzuführen sind. her darum bitten, daß es keine eigene Rede wird, so
wie Sie es soeben bei Herrn Lauritzen praktiziert
(Abg. Ott: In den vergangenen vier Jahren! haben. Dann würden Sie sich besser hier zu Wort
— Abg. Erpenbeck: Es ist schwer, zu ler melden. — Bitte schön!
nen!)
Müller (Berlin) (CDU/CSU) : Herr Kollege, ist
- Die Hauptursache der Misere, Herr Erpenbeck,
Ihnen bekannt, daß in den Jahren von 1960 bis 1966
liegt nicht, wie Sie hier ausgeführt haben, in der
jedes Jahr etwa die gleichen Mittel für den sozialen
Konjunktur-, sondern in der Struktursituation. Die
Wohnungsbau zur Verfügung gestellt worden sind
gegenwärtige Situation auf dem Bau- und Woh-
und auch etwa die gleiche Anzahl von 220 000 bis
nungsmarkt ist durch erhebliche Strukturmängel ge-
250 000 Sozialwohnungen entstanden ist und daß
kennzeichnet, die allerdings durch die jetzige Kon-
seit dieser Zeit bis heute die Mittel um 20 % gestie-
junkturlage scharf hervorgetreten sind.
gen sind, aber die Zahl der Sozialwohnungen um
Die Fehlentwicklung unseres Wohnungsmarktes
- etwa 25 % heruntergegangen ist?
ist durch zwei grundsätzliche politische Entscheidun-
gen eingeleitet worden, die Sie, meine Damen und Henke (SPD) : Herr Kollege Müller, mir ist be-
Herren von der Union, gegen Ende der 50er Jahre kannt, daß die fortfallenden Bundesmittel seit Be-
gefällt haben: erstens durch den stufenweisen Ab- ginn der 60er Jahre durch zusätzliche Leistungen
bau der Bundesmittel für den sozialen Wohnungs- der Länder — insbesondere der sozialdemokrati-
bau und zweitens durch die Freigabe des Wohnungs- schen Länder — und der Gemeinden ausgeglichen
marktes nach dem sogenannten Lücke-Plan. Beide worden sind.
Maßnahmen, gegen den Widerstand meiner Frak- (Beifall bei der SPD.)
tion durchgepaukt, überließen im Laufe der 60er
Jahre einen Sektor dem Markt, der, wie sich jetzt Nur darauf ist nämlich das gute Ergebnis bis Mitte
eindeutig zeigt, keinerlei Voraussetzungen für einen der 60er Jahre, das Sie hier soeben zitiert haben,
solchen Schritt mitbrachte. zurückzuführen, nicht auf den Einsatz von Bundes-
mitteln. Herr Erpenbeck ist der präzisen Frage zu
(Abg. Erpenbeck: Er hat aber Wohnungs diesem Bereich soeben auch sehr geschickt ausgewi-
bauzahlen gebracht wie nie zuvor und nie chen. Er hat nicht differenziert, wo der Anteil des
danach!) Bundes liegt und wo der Anteil der Länder bzw. der
Gemeinden liegt.
— Dazu komme ich noch.
(Abg. Erpenbeck: Sagen Sie doch den Anteil
Der gewaltige Nachfrageüberhang, ergänzt durch genau! — Weitere Zurufe von der CDU/
ein absolut unzulängliches Mietrecht, trieb die Mie- CSU.)
ten hoch und ließ Wohnungssuchende verzweifeln.
— Lassen Sie mich zu meinem Text kommen.
Da helfen keine Durchschnittszahlen. In den Bal-
lungsräumen ist die Situation sehr, sehr viel härter; (V o r sitz : Vizepräsident Dr. Schmid.)
sie macht zur Zeit die größten Schwierigkeiten.
Der Wohnungsfehlbestand in den Ballungsräumen
und die daraus resultierenden sozialen Härten sind
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
heute zu einem Problem ganz besonderer Brisanz für
Henke, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
unsere Gesellschaftsordnung geworden.
Abgeordneten Niegel?
Henke (SPD) : Herr Kollege Ott, ich will Ihnen Grunde eine mechanische marktwirtschaftliche Be-
gleich sagen, daß es überhaupt keine Wohnungsnot trachtungsweise ablehnte, forderte einen Überhang
gegeben hätte, wenn Sie Ende der 50er Jahre den von 3 %, um den gesellschaftlichen Besonderheiten
sozialdemokratischen Vorstellungen gefolgt wären. dieses Marktes Rechnung zu tragen. Dieser Auffas-
Aber darauf komme ich, es wird nicht lange dauern. sungsunterschied von insgesamt 6 % — in Woh-
(Beifall bei der SPD. — Abg. Niegel: Dann nungseinheiten ausgedrückt, mehr als 1,2 Millionen
gäbe es nur noch „Neue Heimat" !) Wohnungen - ist die tiefere Ursache für die Misere
— Sie, die heutige Opposition, waren doch schon am Wohnungsmarkt.
vor zehn Jahren der Meinung, daß es in diesem (Zustimmung bei der SPD.)
Lande grundsätzlich keine Wohnungsprobleme mehr
Eine, wie wir heute wissen, fehlerhafte Statistik
geben würde und erst recht keine Wohnungsnot
verschärfte das Problem. Zwei Zitate aus der schon
mehr geben würde.
genannten Debatte am 12. November 1959 zeigen
(Fortgesetzte Zurufe von der CDU/CSU.) die damalige Position Ihrer Partei.
Lassen Sie mich dies mit Zitaten des damaligen (Abg. Dr. Schulze-Vorberg meldet sich zu
Wohnungsbauministers Lücke - Herr Lücke ist ja einer Zwischenfrage.)
hier verdeutlichen. Bei der Einbringung des Ge-
setzes über den Abbau der Wohnungszwangswirt- - Lassen Sie mich bitte die beiden Zitate noch brin-
schaft und über ein soziales Mietrecht führte er am gen, Herr Schulze-Vorberg.
12. November 1959 unter anderem folgendes aus:
Das Gesetz wird nicht nur der Gesundung des Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Hausbesitzes dienen, sondern ebenso in wohl- Zwischenfrage?
verstandenem Interesse der Mieter liegen.
Und weiter: Henke (SPD): Ja, nach den beiden Zitaten, Herr
Präsident.
Ihre Entscheidung wird aber auch die letzte In-
sel der Zwangswirtschaft zum Wohle aller Bür- Der damalige Bundeswohnungsbauminister Lücke
ger beseitigen. Eine neue Epoche des deutschen meinte in dieser Diskussion:
Wohnungswesens kann dann eingeleitet wer- Wie Sie sehen, macht die Feststellung des Woh-
den. nungsfehlbestandes keine praktischen Schwie-
(Abg. Lücke [Bensberg] : Sehr richtig!) rigkeiten, vor allem ist sie objektiv. Ich möchte
- Fürwahr. Obdachlose und Mieterorganisationen in diesem Zusammenhang darauf hinweisen,
machen bei ihren Demonstrationen zur Zeit sehr daß die Statistiken einen viel höheren Bedarf
deutlich, was mit dieser neuen Epoche los ist. ausweisen, als er in Wirklichkeit besteht.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das ist reine Und Ihr Parteifreund Dr. Hesberg in der gleichen
Demagogie!) Debatte:
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, Der ermittelte ungedeckte Bedarf ist eher ge-
daß der damalige DP-Abgeordnete und heutige Prä- ringer, als er sich aus den Berechnungen des
sident des Haus- und Grundbesitzervereins, Preus- Wohnungsbauministeriums ergibt und als in
ker, in der gleichen Debatte befürchtete, wir würden der Vorlage unterstellt worden ist.
eine Wohnungshaldenlage bekommen. Es ist sehr
interessant, wenn man nach mehr als zehn Jahren (Abg. Frau Meermann: Hört! Hört!)
solche Debatten nachliest und sie mit der gegebe- Das waren, so meine ich, folgenschwere Irrtümer. - -
nen politischen Wirklichkeit vergleicht. Für die SPD Bitte schön!
erklärte damals Herr Abgeordneter Hauffe:
Ferner müssen wir darum bitten, daß der so- Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Darf ich fra-
-
ziale Wohnungsbau auch über den Auslaufter- gen — nachdem wir in der Frage an Herrn Minister
min des Zweiten Wohnungsbaugesetzes hinaus Lauritzen festgestellt hatten, daß in seinem vierten
weitergeführt wird. Es ist einfach unvorstellbar, Amtsjahr 100 000 Wohnungen weniger gebaut wor-
daß bis zu diesem Termin in den Ballungsgebie- den sind
ten der Bedarf auch nur eingermaßen gedeckt
(Zuruf von der SPD: Das sagen Sie zum
sein wird.
vierten Mal!)
Und weiter:
— die Zahl wird deswegen nicht falscher! — als im
Der Mieterschutz darf nicht abgebaut werden, langjährigen Durchschnitt unter Wohnungsbaumi-
sondern er muß durch ein modernes Mieter- nister Lücke: Wie erklären Sie bei den Vorhaben
schutzgesetz ersetzt werden. der Sozialdemokratischen Partei, die Sie sicher völ-
Wie recht Herr Hauffe hatte! Ich will hier nicht alle lig zu Recht hier zitiert haben, daß bei Lücke die ge-
Auffassungsunterschiede von damals aufwärmen. förderten Sozialwohnungen im Durchschnitt über
Aber auf den Kern der Auseinandersetzung muß ich 300 000 Wohnungen lagen ich kann die Zahlen
hinweisen, und damit komme ich zu der Frage, die im einzelnen nennen, sie lagen im Durchschnitt
der Kollege Ott hier soeben gestellt hat. Die Unions- über 300 000 während bei Herrn Minister Lau-
parteien glaubten damals, 3 % Defizit, gemessen am ritzen die Zahlenkurve so ist: 1967 170 000 Sozial-
tatsächlichen Bedarf, würden das Funktionieren des wohnungen, 1968 150 000 Sozialwohnungen, 1969
Marktes nicht verhindern. Die SPD-Fraktion, die im 131 000 Sozialwohnungen, und 1970 fast von einem
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3915
Dr. Schulze Vorberg
-
Zusammenbruch des sozialen Wohnungsbaues ge- sieren, die zu diesen Höchstleistungen geführt oder
sprochen werden muß? Wie erklären Sie diesen gro- beigetragen haben?
ßen Unterschied zwischen Theorie und Praxis? (Beifall bei der CDU/CSU.)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Vizepräsident Dr. Schmid: Eine weitere Zwi-
Henke (SPD) : Das ist auf die Fehlanlage Ihrer schenfrage, Herr Orgaß.
Politik bereits zu Beginn der sechziger Jahre zu-
rückzuführen. Orgaß (CDU/CSU) : Herr Kollege Henke, wie ist
(Widerspruch von der CDU/CSU.) der Widerspruch in Ihrer Argumentation aufzuklä-
ren, wenn Sie sagen, die Zahl sei nur deswegen
— Aber natürlich. Das ist doch der wesentliche erreicht, weil wir unter der Verantwortung von
Punkt. Damals haben Sie die Last des Wohnungs- Minister Lücke den Ländern und Gemeinden die
baus den Ländern und den Gemeinden aufgeladen. Last zugeschoben haben, während in der Antwort
Länder und Gemeinden sind auf Grund ihrer finan- auf die Große Anfrage durch Ihren Minister erklärt
ziellen Situation im Laufe der letzten Jahre in zu- wird, daß die zusätzlichen Leistungen, die Sie vor-
nehmendem Maße in Schwierigkeiten gekommen. gesehen haben, nur dann erreicht werden können,
Das hat den Rückfall bedingt. wenn die Länder zusätzliche Aufwendungen ma-
Ein Weiteres! Das wissen Sie doch auch, oder chen?
Ihre Wohnungsbauexperten müßten es bestätigen:
es war doch übereinstimmende Linie dieses Hauses Henke (SPD) : Herr Orgaß, vielleicht ist Ihnen
bei allen Fraktionen, daß wir mit 500 000 Wohnun- entgangen, daß wir bisher von der Vergangenheit
gen pro Jahr uns jetzt in den Markt einpendeln soll- sprachen und daß das ein Zukunftsprogramm ist.
ten. Oder gibt es Widersprüche, Herr Mick? — Das
(Zuruf des Abg. Orgaß.)
war die Linie der Wohnungsbaupolitiker aller Frak-
tionen — Herr Müller-Hermann? — So kommen wir ja nicht weiter.
- Nun fragen Sie in Ihrer Großen Anfrage nach der
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine Baukostenentwicklung
Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Schmidt (Abg. Dr. Müller-Hermann: Wollen Sie
(München)? — Sie kommen gleich dran, Herr Abge- meine Frage nicht beantworten? — Wei
ordneter Müller-Hermann. tere Zurufe von der CDU/CSU)
— ich glaube das getan zu haben — und ihren Aus-
Schmidt (München) (SPD) : Herr Kollege Henke, wirkungen auf den sozialen Wohnungsbau. Auch
fühlen Sie sich bei der Wiederholung der Fragen hier weist die Tatsache, daß die Preisentwicklung in
des Kollegen Schulze-Vorberg auch an das Goethe der Bauwirtschaft alle übrigen Wirtschaftszweige
Wort erinnert, daß getretener Quark breit und nicht um ein Mehrfaches übersteigt, auf eindeutige Struk-
stark wird? turmängel hin. Zumindest im Bereich des Hochbaus
(Heiterkeit.) hat die Nachfrage das Angebot ganz erheblich über-
stiegen. Preissteigerungen von 40 % — hier stimme
Henke (SPD) : Ein treffliches Zitat. Herzlichen ich dem Herrn Kollegen Erpenbeck zu — in den Bal-
Dank. lungsräumen im Laufe eines Jahres sind keine
Seltenheit. Der organisatorische und technische
Standard unserer Bauwirtschaft hinkt gewaltig hin-
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter ter den Erfordernissen des Marktes her. Wer ins
Müller-Hermann! Ausland reist, ist immer wieder überrascht über die
Entwicklung in anderen Ländern. Unsere Bauweise
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Kollege
-
wirkt dagegen vergleichsweise auch bei Großbau-
Henke, wie erklären Sie sich bei Ihrer Argumen- vorhaben zum Teil recht mittelalterlich. Erst seitdem
tation, daß während der Amtszeit des Herrn Kolle- ein Sozialdemokrat dieses Ressort verwaltet, wird
gen Lücke als Wohnungsbauminister trotz des stu- die Bauforschung durch die Bundesregierung for-
fenweisen Abbaus der Bundesmittel die Leistungen ciert. Das neue Wohnungsbauprogramm wird unter
gestiegen sind und zu beachtlichen Höhepunkten anderem Bestimmungen enthalten, die den Prozeß
geführt haben? der Rationalisierung, Industrialisierung und Koope-
ration in unserer Bauwirtschaft zu fördern vermö-
gen.
Henke (SPD) : Ich glaubte das gesagt zu haben: (Abg. Erpenbeck: Von Demonstrativbau
durch die Mehrleistungen der Länder und der Ge- vorhaben haben Sie noch nichts gehört?!)
meinden, Herr Müller-Hermann.
Bau- und Wohnungsmarkt werden erst funktionie-
(Widerspruch von der CDU/CSU.) ren, wenn sie in ihrer Struktur gesunden. Das wird
bedauerlicherweise nicht von heute auf morgen
möglich sein. Man kann Wohnungen nicht wie
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU): Sind Sie
-
Brötchen backen und einen ganzen Wirtschaftszweig
schon mal auf den Gedanken gekommen, daß es der
nicht in einem Jahr der Entwicklung anpassen.
klugen und einfallsreichen Politik von Herrn Lücke
damals gelungen ist, auch andere Kräfte zu mobili (Abg. Ott: Vier Jahre Lauritzen!)
3916 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Henke
Das bedeutet mit Sicherheit noch einige Jahre schaftspolitik zukommt. Die SPD-Fraktion bedankt
Schwierigkeiten. Wie schwierig, mögen Sie aus sich dafür.
meiner Erläuterung zu Ihrer Frage 4 entnehmen: (Beifall bei der SPD.)
„In welchem Umfang werden die im Haushaltsplan
1971 und in der mittelfristigen Finanzplanung bis Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
1974 zusätzlich angekündigten Bundesmittel durch Herren, um es uns allen zu erleichtern, diesen Abend
die gegenwärtig hohen Baupreissteigerungen absor- vernünftig zu organisieren, teile ich Ihnen mit, daß
biert?" Wenn es nicht gelingt — es wird nicht leicht wir noch sieben Redner haben. Aber die Liste ist
sein, obwohl die öffentliche Hand hier einige Steue-
noch offen.
rungsmöglichkeiten hat —, eine Verlagerung im
Gesamtvolumen der Bauwirtschaft zugunsten des Das Wort hat Herr Abgeordneter Wurbs. Er hat
sozialen Wohnungsbaus zu erreichen, besteht die um 20 Minuten Redezeit gebeten.
Gefahr, daß Mehrausgaben des Bundes grundsätzlich
eine baupreis- und damit letztlich auch eine miet
Wurbs (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
preistreibende Wirkung haben könnten. Ich sehe
ehrten Damen und Herren! Es ist bereits zur Übung
diese Gefahr durchaus. Würden wir aus diesem
geworden, daß von der Opposition in regelmäßigen
Grunde für eine restriktive Ausgabenpolitik sein,
Abständen Konjunkturdebatten beantragt werden.
bleibt der Wohnungsmarkt unausgeglichen. Bei die-
Das gleiche gilt für den Sektor des Wohnungsbaus.
ser Alternative wären Mietpreissteigerungen vom
Bereits in ihrer Anfrage vom April 1970 hat die
Wohnungsmarkt her die Konsequenz. Die SPD-
Opposition den gleichen Fragenkomplex angeschnit-
Fraktion begrüßt es daher, daß die Bundesregierung
ten, der hier eingehend diskutiert wurde.
mit ihrem langfristigen Wohnungsbauprogramm in
diesem Zielkonflikt zugunsten der Wohnungsuchen- Ich will nicht beschönigen, daß auch uns die Situa-
den und Mieter entschieden hat. tion auf dem Wohnungsmarkt Sorge bereitet. Es ist
aber nicht damit getan, daß seitens der Opposition in
Diese Schwierigkeiten, meine Damen und Herren gewissen Abständen Anfragen an die Regierung ge-
von der CDU, haben Sie durch eine über viele Jahre richtet werden, die sicher nicht dazu beitragen, die
-
betriebene falsche Politik zu verantworten. So ge- Unruhe im Kreise der Betroffenen zu beseitigen.
sehen ist Ihre Große Anfrage nützlich. Sie gibt uns Argumente werden nicht besser, wenn man sie lau-
Gelegenheit, die wahren Ursachen für die heutigen fend und lauthals vorbringt.
Schwierigkeiten noch einmal zu verdeutlichen.
(Sehr richtig! links.)
(Abg. Erpenbeck: Ursache und Wirkung
werden verwechselt! — Abg. Ott: Vier Ich muß auch den Vorwurf der CDU/CSU zurück-
Jahre Lauritzen!) weisen, daß für die Entwicklung auf dem Wohnungs-
markt allein die Bundesregierung verantwortlich zu
Die Große Anfrage und insbesondere die Begrün- machen ist. Die Lage auf dem Wohnungssektor muß
dung des Oppositionssprechers sind im Grunde ge- im engen Zusammenhang mit der allgemeinen Kon-
nommen nichts anderes als die billige Methode: junkturlage gesehen werden. In der gestrigen Kon-
„Haltet den Dieb!" junkturdebatte hat die Bundesregierung ihren Stand-
Lassen Sie mich zum Schluß kommen. Das Klima punkt hier im einzelnen klar dargelegt. Ich kann es
im Städtebau und Wohnungswesen hat sich grund- mir wohl ersparen, dazu hier noch im einzelnen Aus-
sätzlich verändert. Beide stehen nicht mehr irgend- führungen zu machen.
wo am Ende der Dringlichkeitsskala der gesell-
Uns allen ist nicht damit gedient, das Problem zu
schafts- und wirtschaftspolitischen Prioritäten. An
verniedlichen, aber ganz sicher auch nicht dadurch,
Stelle der von früheren Bundeswohnungsbaumini-
damit laufend Zweckpessimismus zu betreiben. Auch
stern eingeführten Degression der öffentlichen Mit-
dürfte Ihnen bekannt sein, meine Damen und Her-
tel ist es dem jetzigen Ressortminister gelungen, für
ren von der Opposition, daß die Lage auf dem Woh-
den sozialen Wohnungsbau im Bundeshaushalt und
nungsmarkt nicht von heute auf morgen zu ändern
im Finanzplan des Bundes einen höheren Stellen-
ist, sondern daß hier langfristige Lösungsmöglich-
wert zu erreichen. Wenn der Bund im Haushalt
keiten angestrebt werden müssen.
1971 und in der Finanzplanung bis 1974 1,7 Milliar-
den DM zusätzlich für das langfristige Wohnungs- Bei dem angesprochenen Problem handelt es sich
bauprogramm zur Verfügung stellt, so ist das eine im wesentlichen um ein Strukturproblem sowohl des
Leistung, die man nicht verniedlichen sollte. Inso- Wohnungsbaus wie auch des Wohnungsmarktes ins-
weit sollte auch die Opposition, die doch gleich- gesamt. Daß dieses Strukturproblem durch die kon-
zeitig mit der Baupreisentwicklung so lebhaft den junkturellen Auswirkungen lediglich verstärkt
Rückgang des sozialen Wohnungsbaus beklagt, dem wurde, wurde an dieser Stelle deutlich.
jetzigen Ressortminister dankbar sein. Es ist aber geradezu absurd, auf der einen Seite
Die eingeleiteten Maßnahmen bedeuten einen konjunkturdämpfende Maßnahmen von der Bundes-
Kurswechsel in der Wohnungsbapolitik. Der rosa- regierung zu verlangen, auf der anderen Seite eine
roten Betrachtungsweise früherer Bundesregierun- Forcierung des Wohnungsbaus zu fordern. Hier muß
gen steht die harte Realität des Marktes gegenüber. einmal festgestellt werden — ich glaube, daß ich das
Diese Bundesregierung ist gewillt das haben die unbefangen tun kann —, daß in den Jahren 1968
Ausführungen von Herrn Minister Lauritzen sehr und 1969 der Anteil des sozialen Wohnungsbaus
deutlich gemacht —, der Wohnungspolitik den zurückgegangen ist, also in einer Zeit, als Sie, meine
Rang zuzuweisen, der ihr im Rahmen der Gesell- Damen und Herren von der CDU/CSU, den Bundes-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3917
Wurbs
kanzler stellten. Ich muß hier ein Argument des Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
Herrn Kollegen Erpenbeck zurechtrücken, der ver- Zwischenfrage des Abgeordneten Ott? Bitte sehr!
sucht hat, dem Ministerium und dem zuständigen
Minister einen Vorwurf anzulasten. Denn eines ist Ott (CDU/CSU): Herr Kollege, da Sie erklären,
doch klar: Die Wohnungsbauvorhaben, die 1969 ab- daß die Bundesregierung nicht untätig gewesen sei,
geschlossen wurden, wurden doch zumindest ge- frage ich Sie: Können Sie mir sagen, was die Bun-
plant und projektiert im Jahre 1968, wenn nicht desregierung getan hat, damit die überhöhten Hypo-
schon früher. Man kann nicht allein dem Ressort- thekenzinsen von 8 1 /2 % wieder auf ein normales
minister die Schuld geben, sondern man muß sie Maß gesenkt werden und damit die monatliche Miet-
auch demjenigen zumessen, der die Richtlinien der belastung um 50 DM verringert wird?
Politik bestimmt.
(Abg. Baier: Aber zumindest trägt der Wurbs (FDP) : Herr Kollege Ott, ich möchte das
Ressortminister die gleiche Schuld! Und vor als eine hypothetische Frage ansehen. Auf der einen
Herrn Lauritzen war jemand Minister, der Seite werfen Sie der Bundesregierung vor, sie tue
Ihrer Partei angehört hat!) nicht genug, die Konjunktur zu dämpfen. Sie wis-
— Das habe ich auch gar nicht bestritten. Ich habe sen, daß gerade die Diskonterhöhung eine konjunk-
mich nur mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, turdämpfende Maßnahme ist.
die Sie im Augenblick gegen die Bundesregierung (Zuruf des Abg. Ott.)
vorbringen. - Lassen Sie mich doch einmal ausreden. Sie kom
(Abg. Ott: Der Ressortminister hat eine men ja noch an die Reihe.
eigene Verantwortung!) Ich geben Ihnen zu, daß sich diese Diskonter-
— Bitte melden Sie sich doch, Herr Ott. Hier stehen höhung für einen großen Bereich, vor allem für den
so viele Mikrophone. Sie haben zwar ein durch- mittelständischen Bereich nachteilig auswirkt. Aber
dringendes Organ, aber man bekommt akustisch solange sich die Konjunktur nicht im wesentlichen
nicht alles mit. gebessert hat, können wir keine Senkung des Dis-
- kontsatzes verlangen, zumal da die Bundesbank in
Es ist nicht zu bestreiten, daß sich der Preisanstieg
vom November 1969 bis zum heutigen Tage laufend ihrer Entscheidung autonom ist und wir darauf kei-
nen Einfluß haben.
verringert hat, nämlich von 6,2 % auf 1,5 %. Diese
statistischen Zahlen sollen uns jedoch nicht dazu (Zuruf von der SPD: Natürlich ist die Bun
veranlassen, die Hände in den Schoß zu legen. Ich desbank unabhängig! Oder nicht? — Abg.
gebe auch zu, daß mit einem Rückgang der Bau- Frau Meermann: Wann haben Sie den Vor
preise für die kommenden Jahre nicht zu rechnen schlag gemacht? — Abg. Ott: Schiller ist
ist. Aber die Behauptungen, daß die von der Bundes- doch schuld an der Fehlbeurteilung! —
regierung veranlaßten Dämpfungsmaßnahmen bisher Weitere Zurufe.)
nicht gegriffen haben, stimmen nicht.
Wir Freien Demokraten messen der Stabilität Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Kollege Ott,
große Bedeutung bei; aber nicht um den Preis einer Sie scheinen noch sehr viel sagen zu wollen. Es wäre
Rezession. Wir sind über die Preissteigerungsraten besser, Sie täten es auf Grund einer Wortmeldung,
der letzten Wochen und Monate keinesfalls glück- die Ihnen das Rednerpult zugänglich machen würde,
lich. Ihr Kollege Strauß hat in der Finanzdebatte als durch Zwischenrufe, die man trotz Ihres guten
eine Steigerungsrate von etwa 2 % auch als nicht Organs nur schwer verstehen kann.
in jedem Falle schädlich bezeichnet. Die Bundesre-
gierung wird alles daran setzen, die Preissteige- Wurbs (FDP) : Meine Damen und Herren, zu den
rungsrate Zug um Zug, aber nicht ad hoc auf das Mietpreis- und Baukostenerhöhungen haben eine
zulässige Maß zurückzuführen. Reihe Faktoren beigetragen, die zum Teil kumulie-
Wenn Sie ehrlich sind, meine Damen und Her- rend wirken. Ich muß diese Fakten noch einmal auf-
ren von der CDU/CSU, müssen Sie doch zugeben, zählen, auch wenn ich mich vielleicht wiederholen
daß Sie kein Patentrezept haben, um die Situation sollte.
auf dem Wohnungsmarkt ad hoc zu ändern. Ich be- Es sind dies erstens Lohn- und Preiserhöhungen im
haupte sogar, daß die Situation nicht anders — zu- Bau- und Ausbaugewerbe. Ich darf hier vielleicht
mindest nicht besser — wäre, wenn Sie im Augen- einmal eine Zahl nennen. Von April 1969 bis August
blick die Regierungsverantwortung tragen würden. 1970 hat es Lohnerhöhungen von 30 % gegeben.
Hinzu kommen weitere Faktoren, beispielsweise die
Die Bundesregierung ist keineswegs untätig ge-
Auswirkung der Lohnfortzahlung. Wenn man zu
wesen, wie Sie immer darzustellen versuchen. Viel-
diesen Faktoren die normalen Zuschläge hinzu-
mehr hat die Bundesregierung eine Reihe von Maß-
nimmt, kommt man schon auf eine Belastung von
nahmen beschlossen, um die Situation in den Griff
etwa 20 %. Ich darf hier anfügen, daß diese Lohn-
zu bekommen. Wir werden uns in den kommenden
erhöhung im Baugewerbe in jedem Fall erforderlich
Wochen mit diesen Maßnahmen auseinanderzuset-
gewesen ist. Ich darf in Erinnerung rufen, daß wäh-
zen haben.
rend der Rezession und während der Wintermonate
Zu den Mietpreis- und Baukostenerhöhungen ha- etwa 200 000 Arbeitskräfte aus dem Baugewerbe ab-
ben eine ganze Reihe von Fakto re n beigetragen, gewandert sind. Wenn wir dieser Entwicklung Ein-
die zum Teil kumulierend wirken. halt gebieten wollen, müssen wir den Bauberuf
3918 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Wurbs
attraktiv gestalten, um überhaupt noch Wohnungen gen Ober die Maßnahmen kommen, ausrechnen. Es ist
bauen zu können. aber nicht unbedingt gesagt, daß das einzelne Objekt
mit 30000 DM Darlehen finanziert werden muß, son-
Des weiteren kommt der Anstieg der Bodenpreise
dern man kann es vielleicht mit 5000 oder 10 000 DM
hinzu. Wir haben im Augenblick das Städtebauför-
finanzieren und den Rest im Wege einer Annuitäts-
derungsgesetz in der Beratung. Ich möchte hoffen,
beihilfe geben. Da erzielt man den gleichen Effekt;
daß wir mit der Beratung zügig vorankommen und
das werden Sie mir doch zugeben.
daß wir das Gesetz Anfang nächsten Jahres so weit
haben, daß wir es verabschieden können. (Abg. Erpenbeck: Über die Finanzierungs
Ich will die anderen Faktoren wie Erhöhung der methoden müssen wir uns dann unter
halten!)
kommunalen Abgaben, Wegfall der Grundsteuer-
vergünstigung hier nur am Rande erwähnen. Vor — Das ist selbstverständlich.
allem aber kommt ein Faktor hinzu: daß sich eine Darüber hinaus liegt dem Ausschuß der Entwurf
verstärkte Nachfrage nach Sachwerten in Form von eines Zweiten Wohngeldgesetzes vor, der wesent-
Eigentumswohnungen, Eigenheimen und Grund- liche Verbesserungen bringen soll. Weitere flankie-
stücken bemerkbar macht. Diese verstärkte Nach- rende Maßnahmen, vor allem im Bereich der Ratio-
frage resultiert aus einer gewissen Inflationsmentali- nalisierung, sind vorgesehen.
tät, in der man vermeintliche Wertsteigerungen mit-
nehmen will. Ich darf aber hier an dieser Stelle ganz ausdrück-
lich erklären, daß die Koalitionsfraktionen und die
Die Bundesregierung hat zur Verbesserung der Regierung einen Mietpreisstopp kategorisch ableh-
Wohnungs- und Mietsituation ein breit angeleg- nen, weil sie der Auffassung sind, daß ein Mietpreis-
tes Sofortprogramm beschlossen, das unter anderem stopp keine Lösung bietet, sondern nur einen Stau
die Verstärkung des sozialen Wohnungsbaus um erzeugen würde und daß nach Freigabe der Miet-
jährlic10Wonugevrsiht.Daß, preise eine Kostenlawine einsetzen würde, daß
werden bis zum Jahre 1974 rund 1,7 Milliarden DM darüber hinaus aber während der Zeit des Miet-
mehr aufgewendet werden. preisstopps der private Wohnungsbau stark beein-
- ein kurzes
Herr Erpenbeck, ich darf hier vielleicht trächtigt und vor allen Dingen auch der Althaus
Zahlenbeispiel geben, das ich mir während Ihrer bestand gefährdet würde. Nach meiner Auffassung,
Ausführungen notiert habe. Wenn ich von Ihrem meine Damen und Herren, müßte künftig der Ein-
schleswig-holsteinischen Beispiel ausgehe, daß eine fluß des Wohnungsbauministeriums bei der Ver-
Wohnung normalerweise 66 000 DM kostet, würden gabe und bei dem Einsatz der Mittel verstärkt wer-
100 000 Wohnungen 6,6 Milliarden DM erfordern. den, um mehr Prioritäten zu setzen, um die Mittel
Wenn ich davon ausgehe, daß 15 % Eigenkapital zu sinnvoller einzusetzen, als das bisher der Fall
erbringen sind, daß die Länder 20 % aufbringen, der war. In Abstimmung mit den übrigen Ressorts und
Bund 26 % — wobei man über die Höhe des Bun- den Ländern muß im Wege der Kooperation und
desanteils noch streitet; ich will hier nur einmal der Koordination ein kontinuierliches Bauen er-
darlegen, daß eine Finanzierungsmöglichkeit durch- reicht werden.
aus gegeben ist — und wenn etwa 38 % vom Kapi- Meine Damen und Herren! Wie ich schon aus-
talmarkt aufgebracht werden müssen, ist der Beweis führte, sind auch wir über die Lage auf dem Woh-
erbracht, daß mit dieser Summe von 1,7 Milliarden nungsmarkt in Sorge. Es ist aber niemandem damit
DM die Finanzierungsmöglichkeiten durchaus gege- gedient, wenn man die Verhältnisse dramatisiert
ben sind. — Bitte sehr, Herr Erpenbeck! oder sie herunterspielt.
Ein Beispiel. Die gesetzlichen Bestimmungen lassen
Erpenbeck (CDU/CSU) : Herr Kollege Wurbs, nicht in jedem Fall, wie häufig behauptet wird, eine
würden Sie bei diesem Ihrem Zahlenbeispiel aber Mietpreiserhöhung zu. Eine Mieterhöhung ist nur
berücksichtigen, daß ich darauf hingewiesen habe, im Wege einer Kündigung möglich, wenn es nicht
daß die Bundesregierung für 250 Millionen DM zu freien Vereinbarungen gekommen ist. Bei einem
50 000 Wohnungen im Sozialprogramm erstellen sich möglicherweise ergebenden Rechtsstreit aber
will, daß dafür auf jede dieser Sozialwohnungen um- hat der Mieter die höhere Miete erst nach Ablauf
gerechnet 5000 DM Bundesmittel kommen und die der Kündigungsfrist zu zahlen. Die Fristen richten
von der Landeskreditanstalt Schleswig-Holstein er- sich nach der Mietdauer. Mir erscheint es wichtig
rechneten 30 000 DM öffentlicher Zuschuß dann nur zu sein, hier entsprechende Aufklärung zu betrei-
erreicht werden können, wenn die Länder mit ben, um den Mieter auf seine ihm zustehenden
25 000 DM je Wohnung einsteigen? Rechte hinzuweisen.
Ich möchte noch ganz kurz ein weiteres Problem
Wurbs (FDP) : Das ist nicht ganz richtig, Herr anreißen, das Problem der Fehlbelegungen. Es ist
Erpenbeck. Man braucht ja die Wohnungen nicht in bisher keiner Regierung gelungen — aus den ver-
jedem Falle mit Darlehen zu fördern, sondern man schiedensten Gründen dieses Problem einer Lö-
kann ja den gleichen Effekt erzielen, indem man mit sung zuzuführen. Ich darf mir vielleicht an dieser
Annuitätsgeschäften mit Zinsgeschäften arbeitet. Stelle die Anregung erlauben, zu prüfen, ob es nicht
Man kann beispielsweise mit 100 000 DM, 1 Million möglich ist, eine Tabelle zu erstellen, aus der zu
DM oder 100 Millionen DM Zinszuschüssen eine ersehen ist, ob der betreffende Antragsberechtigte
Vielzahl von Wohnungen finanzieren. Wir müssen noch zu dem Berechtigtenkreis gehört. Es wurde bis-
uns dieses Beispiel, wenn wir zu den Einzelberatun her immer argumentiert, man würde dadurch das
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3919
Wurbs
Steuergeheimnis verletzen. Wenn man aber sein Vergangenes zu glorifizieren, um Gegenwärtiges
Einkommen nicht auf Heller und Pfennig offenlegen besser verteufeln zu können. In diesem Hause hat
muß, so könnte man, glaube ich, den beabsichtigten es immer so etwas gegeben wie eine „Fraktion
Zweck mit Hilfe einer Tabelle erreichen: Das Finanz- Wohnungsbau", die sich in entscheidenden Fragen
amt oder die Behörde brauchte nur Auskunft zu getroffen hat, wenn auch auf verschiedenen Wegen,
geben, ob der Betreffende über oder unter der und die gegen mannigfaltige Widerstände sich auch
Grenze liegt. durchsetzen konnte.
(Abg. Ott: Wenn ich ein Geschenk aus (Abg. Wiefel: Das ist auch heute noch so!)
Steuermitteln haben will, muß ich auch
— Diese Debatte mit dieser unbedingten Rechthabe-
meine Verhältnisse offenbaren!)
rei hat leider nicht den Anschein, verehrter Herr
- Ja, er soll sie offenbaren, aber das Finanzamt soll Kollege.
nur sagen, ob er darüber oder darunter liegt. Er (Abg. Wiefel: Beispiele!)
muß der Wohnungsbehörde, aber nicht auf Heller
Politiker sind leider etwas dazu verurteilt, recht
und Pfennig, mitteilen, wieviel er verdient. Dem
haben zu müssen. Aber ich meine, hier und heute
Finanzamt dagegen muß er ja seine Papiere offen
geht es etwas zu weit.
auf den Tisch legen.
(Abg. Wiefel: Nennen Sie doch einmal
(Abg. Baier: Aber Herr Wurbs, warum so
Beispiele!)
vorsichtig? Wenn Sie Wohngeld wollen,
müssen Sie ja auch angeben, was Sie ver — Ich komme noch darauf. Lassen wir uns nicht
dienen!) gegenseitig die Redezeit stehlen. Damit kommen
wir ja nicht weiter.
- Ja, Herr Baier. Es ist nur bisher das Argument
gebracht worden, man könne das aus diesem Ich huldige nicht dem Motto: „Was in der Gegen-
Grunde nicht machen. wart schlecht ist, ist Schuld der Vergangenheit."
Und Sie sollten nicht dem Motto huldigen: „Was in
(Abg. Baier: Das ist ein falsches Argument!) der Gegenwart gut ist, hat mit der Vergangenheit
- Das mag sein. Aber man sollte dieses - Problem überhaupt nichts zu tun." Denn sonst wird aus dem
hier angreifen. Ich glaube, wir werden dann die Ganzen ein munteres Spielchen, um die deutsche
gesamte Wohnungssituation schnell abmildern kön- Öffentlichkeit zu verwirren, Emotionen zu wecken,
nen. Mieter und Vermieter gegeneinander statt zu einem
(Abg. Baier: Das habe ich hier schon Miteinander zu bringen.
wiederholt gefordert!)
Die außerparlamentarischen Koalitionspartner,
— Völlig klar. Da sind wir uns einig. Wir hatten die ihr Zusammenspiel mit der Sozialdemokratie als
nur bisher keine Lösungsmöglichkeit, und zwar Oppositionspartei reibungslos gespielt haben, schei-
- das müssen Sie mir zugestehen — auch die vo- nen sich auf die neue Situation noch nicht einge-
rige Regierung nicht. Wir sollten versuchen, zu ei- stellt zu haben; denn hier wird weiß Gott mancher-
ner gemeinsamen Lösung zu kommen. lei getan, um Tatbestände zu vernebeln, die an sich
Meine Damen und Herren, das waren ein paar sonnenklar sind. Eine dieser Vernebelungsbemü-
Bemerkungen zu der Anfrage der CDU/CSU aus der hungen gipfelt in dem Schlagwort: „Lücke ist an
Sicht der Freien Demokraten. Sie werden bald die allem schuld und mit Lücke natürlich diese CDU/
Möglichkeit haben, sich mit dem Sofortprogramm CSU."
zu befassen. Aber ich möchte darum bitten, daß man (Sehr richtig! bei der SPD. — Zuruf von
das Sofortprogramm als ein geschlossenes Ganzes der SPD: Natürlich!)
betrachtet und nicht punktuell die einzelnen Punkte — Ich nehme das Wort „natürlich" als einen sach-
auf ihre Praktikabilität hin überprüft. Man sollte lichen Beitrag zur Kenntnis. Damit ist dann der
vielmehr das Gesamtkonzept in einem sehen. Ich Marsch in die Vergangenheit angetreten, in Wirk-
hoffe, wenn wir im Ausschuß über diese Maßnah- lichkeit nur deshalb, um von der Gegenwart abzu-
men zu beraten haben, daß sich dann die heute auf- lenken. Es ist doch geradezu grotesk, wenn etwa
gekommenen Emotionen etwas gelegt haben und maßgebliche Gewerkschaftler die Sorgen der Oppo-
wir in einer sachlichen Atmosphäre uns der Arbeit sition wegen der Preissteigerung als Volksverhet-
zuwenden können zum Wohle aller, die von den zung und was weiß ich, abtun, aber auf der anderen
derzeitigen Mißständen betroffen sind. Seite sich in großen Protestaktionen wegen steigen-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) der Mieten ergehen, wobei diese Mieten natürlich
nur deshalb steigen — immer im Jargon dieser Her-
ren —, weil die Mieten zu frühzeitig freigegeben
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der worden sind usw. Die weißen Kreise sind der Po-
Abgeordnete Mick. Er möchte gern 35 Minuten
panz und der Buhmann für alle die, die es nicht bes-
sprechen.
ser wissen und sich auf ihre Interessenorganisation
verlassen. Demnach müßte
Mick (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr (Abg. Dr. Ahrens meldet sich zu einer
verehrten Damen und Herren! Aus der Formulie- Zwischenfrage)
rung der Großen Anfrage der CDU/CSU haben Sie
gewiß entnommen, daß sie auf die Gegenwart be- — lassen Sie mich den Satz zu Ende führen — in
zogen, nach vorn gerichtet ist und nicht versucht, München und in Hamburg - Herr Kollege Schmidt,
3920 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Mick
Sie haben in Ihrer flammenden Jungfernrede hier Ich habe allerdings auch etwas dagegen — lassen
gefordert, daß München schwarzer Kreis bleibt — Sie mich auch das in aller Offenheit aussprechen -,
alles in bester Ordnung sein. Berlin nehme ich hier daß, wie es in den letzten Tagen in Köln geschehen
einmal aus. Wer. eine solche Behauptung aufstellen ist, ein sozialdemokratischer Stadtverordneter we-
würde, dem würde ich das Zeugnis ausstellen, er gen vermeintlichen oder tatsächlichen Mietwuchers
sei nicht recht bei Trost. in Ach und Weh ausbricht und der SPD-Bundestags-
Bitte, Herr Kollege Ahrens! abgeordnete es war nicht der Herr Kollege Henke
— dann erklärt: Das, was hier geschieht, ist zwar
Wucher, aber leider können wir nichts dagegen
Dr. Ahrens (SPD) : Herr Kollege Mick, sind Sie tun, weil die Gesetzgebung nicht ausreicht, den
geneigt, mir darin zuzustimmen, daß die Höhe der wucherischen Vermieter zur Rechenschaft zu zie-
Mieten nicht allein von den Baukosten, sondern vor hen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, mir
allem und wahrscheinlich in erster Linie von Ange- wäre es lieber gewesen, einer der beiden Herren
bot und Nachfrage abhängt, und sind Sie geneigt, hätte eine Anzeige wegen Mietwuchers bei der
im Lichte dieser Erfahrung auch auf die zwei Mil- Staatsanwaltschaft in Köln erstattet,
lionen Wohnungen einzugehen, die seinerzeit fehl-
ten, als die weißen Kreise gebildet wurden? (Beifall bei der CDU/CSU)
so wie es der damalige Wohnungsbauminister Lücke
Mick (CDU/CSU) : Verehrter Herr Kollege tat, der einen Hausbesitzer in Wilster in Schles-
Ahrens, ich habe gerade darauf aufmerksam ge- wig-Holstein kurz entschlossen per Fernschreiben
macht, daß z. B. in München und Hamburg das Ge- anzeigte, als dieser für eine 32 qm große Altbau-
setz von Angebot und Nachfrage noch nicht Gesetz wohnung ohne Komfort statt bisher 64,60 DM in
ist. Wir haben durch eine gesetzliche Regelung das zwei Etappen 184,70 DM verlangte, weniger mit
Handeln nach diesem Gesetz aufzuhalten versucht, dem Ziel, diese Miete tatsächlich zu bekommen, als
und zwar mit einem Erfolg, der ja nun jedem offen- vielmehr die Mieter aus der Wohnung zu setzen.
kundig ist. Das Rezept von Herrn Nevermann, der Die Anklage wurde auch unter den damaligen ge-
heute wirklich eine große Aufgabe hätte,- mit sei- setzlichen Möglichkeiten durch den Staatsanwalt
nen Helfershelfern von der Gegenwart abzulenken erhoben, und der Vermieter wurde mit einer Ge-
und sich der Vergangenheit zuzuwenden, scheint fängnisstrafe von sechs Wochen mit Bewährungs-
mir nicht tauglich zu sein. Wir sind auch heute noch frist von zwei Jahren und mit einer Geldbuße von
der Meinung, daß Mieter und Vermieter Partner 400 DM zugunsten des Roten Kreuzes belegt, wobei
sind und daß einer auf den anderen angewiesen ist. ich Ihnen offen zugebe, daß von mir aus diese
Geldstrafe um ein Vielfaches höher hätte ausfallen
(Beifall bei der CDU/CSU.)
können. Das Urteil wurde übrigens rechtskräftig.
Im Grunde genommen wird das auch von der Be-
völkerung, vom einzelnen Hausbesitzer und vom Ich begrüße — um auch dieses Beispiel hier zu
einzelnen Mieter, anerkannt. Wenn das nicht der nennen — die Initiative aus der Kölner Stadtver-
Fall wäre, herrschte in bundesdeutschen Landen waltung heraus, im Kölner Rathaus Beratungsstel-
eine Situation, die man nur noch mit dem Wort len für Mieter und Vermieter einzurichten. Auch
„Kriegszustand" bezeichnen könnte. Allerdings das scheint mir ein sachlicher Beitrag zu sein,
scheint mir das Verhalten sowohl des Mieterbundes (Abg. Henke: Aber warum ist das so not
als auch des Verbandes der Haus- und Grundbesit- wendig, Herr Mick?)
zer — ich drücke mich sehr gewählt aus — nicht
immer dazu angetan zu sein, diesen Tatbestand der um von Emotionen weg wieder auf einen sachlichen
Partnerschaft auch nach außen zu dokumentieren. Grund zu kommen.
(Abg. Lücke [Bensberg] : Sehr richtig!) Hier ist das soziale Mietrecht angesprochen wor-
Wir haben damals schon angeregt - ich tue es den. Ich bin heute noch stolz darauf, daß ich an
heute wieder —, daß man gemeinsame Haus- und den Beratungen über dieses soziale Mietrecht nicht
Grundbesitzer- und Mieterberatungsstellen einrich- unmaßgeblich — Herr Lücke, Sie werden mir das
ten sollte, um beide Teile, Mieter und Vermieter, zugeben mitbeteiligt war.
zu beraten, was sie als gerechte Sachwalter zu tun (Zurufe von der SPD.)
und zu lassen haben. Ich plädiere sogar dafür, daß
der Bundeswohnungsbauminister sich einmal Ge- Mancher Jurist in diesem Hause — ohne Rücksicht
danken darüber macht, wie man solche Beratungs- auf die Fraktion — hat bittere Tränen darüber ge-
stellen auch finanziell fördern könnte, damit den weint, daß wir das reine Sachenrecht des BGB in
Organisationen der Mieter und Vermieter nicht bezug auf das Gut „Wohnung" auf Grund einer so-
finanzielle Opfer zugemutet werden, die sie nicht zialen Komponente beseitigt haben. Das war nach
erbringen können. Das Geschrei: Die Hausbesitzer meiner Meinung ich bin kein Jurist, sondern
sind schuld! und die Gegenbeteuerung: Auch wir Buchdrucker von Hause aus — ein Durchbruch in
sind gegen Mietwucher!, ohne daß man sich end- unserem Rechtsdenken, wie ihn sich mancher Jurist
lich einmal konkrete Fälle, die ärgerniserregend ohne Rücksicht auf die Fraktion hier nicht hat träu-
sind, auf die Hörner nimmt, scheint mir wenig ge- men lassen und wie er von manchen auch nicht ge-
eignet zu sein, in dem zum Teil krassen Fällen, in wünscht wurde, weil das sehr viel Umdenken ver-
denen dann auch Emotionen eine Rolle spielen, Ab- langte. Wir haben die erste Novelle zu diesem Ge-
hilfe zu schaffen. setz, und Sie wissen alle, daß man, wenn man etwas
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3921
Mick
weiter ausbauen will und muß, dies nur auf dem höhungen, die oft als Mieterhöhungen deklariert
Grund tun kann, der bereits gelegt worden ist. wurden, berichtete und die Bevölkerung in perma-
nenter Unruhe hielt.
Aus Pressemitteilungen ist mir bekannt, daß die
Bundesregierung an einer Verbesserung des Wu- (Sehr wahr! bei der CDU/CSU. — Abg.
cherparagraphen arbeitet. Ich wünsche ihr wirklich Henke: Das ist wie mit der Beamtenbesol
guten Erfolg und gestehe dabei, daß wir uns schon dung!)
vor dem von mir soeben zitierten Urteil über die Mir ist bekannt, daß mit so etwas auch Politik ge-
Frage des Mietwuchers unsere Gedanken gemacht macht werden kann. Meine sehr verehrten Damen
haben, aber nicht die Quadratur des Zirkels gefun- und Herren, vielleicht machen Sie einmal Ihren
den haben. Auch das gebe ich hier in aller Offenheit Einfluß auf die sozialistischen Stadtverwaltungen
zu. Es ist uns nicht gelungen, einen passenden Miet- Nordrhein-Westfalens geltend - Herr Kollege
wucherparagraphen zu finden, der wirklich alles das Henke, Sie kennen etwas davon, denn Sie waren in
abzudecken in der Lage ist, was ungerechtfertigter- Köln im Apparat drin —, damit hier etwas anderes
weise passiert. Wir waren uns darüber klar, daß ein praktiziert wird, als das in der Vergangenheit oft
solcher Mietwucherparagraph kaum passend zu der Fall war.
machen ist, ohne daß zumindest die Gefahr besteht,
allgemeine Preisauftriebstendenzen in der Woh- Ich habe hier gegen eine weitere Behauptung
nungswirtschaft zu fördern. Das Phantom der soge- Front zu machen, nämlich gegen die, daß in der Ära
nannten Kostenmiete fördert ja geradezu die kost- der CDU/CSU die Mittel für den sozialen Woh-
spieligsten Mietobjekte. Nicht zuletzt sind es — das nungsbau in einem geringeren Maße geflossen seien.
liegt in der Natur der Sache — die ältesten und am Meine Damen und Herren, wer diese Behauptung
schlechtesten gebauten Kästen, die die größten aufstellt, der hat, offen gesagt — ich muß das in
Kosten verursachen. Wir sind uns wohl alle darüber aller Härte sagen -,
einig, daß in der Bundesrepublik eine große Zahl (Zuruf von der CDU/CSU: Bewußtseinspal
von Wohnungen schon längst den Abbruchhämmern tung!)
hätte zum Opfer fallen müssen. Das ist nur deshalb
von der Finanzierung des sozialen Wohnungsbaus
- Aufgaben
nicht geschehen, weil wir vordringlichere
in der Ara Lücke keine Ahnung.
hatten.
(Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Baier:
(Abg. Henke: Der Kreis von Wohnungen,
Sehr wahr!- Zuruf des Abg. Henke.)
den Sie hier erwähnen, hat doch kein
Kostenmietenprinzip!) Herr Kollege Henke, das ist die schwächste For-
mel, die ich finden kann. Wer nämlich Ahnung hat
Entschuldigung, verehrter Herr Kollege Henke,
und trotzdem solche Behauptungen aufstellt, stellt
ich stelle hier nur fest, daß die wackligsten Buden
sie böswillig auf.
die höchsten Kosten verursachen, wenn aus ihnen
Wohnungen gemacht werden sollten. Das setze ich Ich bin jetzt 13 Jahre in diesem Hause und 13
natürlich voraus. Jahre in diesem Geschäft, in der vergangenen Legis-
Durch Paragraphen zu einer vermeintlichen Ge- laturperiode allerdings mit verringerter Intensität,
rechtigkeit, aber auch zu einer wirtschaftlich nega- weil ich eine andere Hauptaufgabe hatte. Wir haben
tiven Auslese zu kommen, scheint mir ein gefähr- bei der Finanzierung des sozialen Wohnungsbaues
licher Weg zu sein. Wie gesagt, ich wäre froh, wenn immer vor Dilemmas gestanden. Wir hatten einmal
die Regierung hier den Stein der Weisen fände. öffentliche Mittel zuhauf in den Kassen; dann fehl-
Dann wäre ich der erste, der anerkennt, daß hier die ten uns die ersten Hypotheken, weil die Kreditin-
CDU/CSU-Politik vergangener Jahre positiv weiter- stitute nicht flüssig waren. Dann haben wir die
geschrieben wird. öffentlichen Zuschüsse erhöht, um den Wohnungs-
bau in Gang zu halten. Und dann flossen auf einmal
Es ist übrigens unbestritten, daß etwa 50 % der die Kreditmittel der öffentlichen Kassen in einer
Steigerung der Mieten von Altbauwohnungen auf ungeahnten Fülle. Da hat sich der Herr Minister
die Erhöhung von Gebühren und den Wegfall von Lücke, um es konkret zu sagen, auf seinen Geldsack
Vergünstigungsmaßnahmen usw. zurückzuführen gesetzt, hat Zuschüsse der Kreditinstitute mit öffent-
sind. Die Zahl von 50 % ist unter Fachleuten unbe- lichen Mitteln zinsverbilligt und hat in Wahrheit
stritten. Es wäre gewiß zur Beruhigung etwas über- nur einen Bruchteil dessen ausgegeben, was er hätte
hitzter Gemüter eine lohnende Aufgabe, sich einmal ausgeben können,
Gedanken darüber zu machen — natürlich in Verbin-
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das war Phan
dung mit den Ländern und den Kommunen, vor
tasie!)
allem den großen Kommunen —, wie man, wenn
schon Gebührenerhöhungen nicht zu umgehen sind, wenn er nur die öffentlichen Kassen zur Ader ge-
solche Erhöhungen, die auf denselben Tatbeständen lassen hätte.
basieren, nicht über Monate verstreut, sondern ein- Sie kamen auf diese 70 Millionen, verehrter Herr
heitlich durchführt. Kollege Henke, und ich will jetzt nicht sagen, daß
Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, diese ich Ihnen das übelnehme. Da müßte ich zunächst
Frage im Ruhrrevier unter die Lupe zu nehmen, mit Ihnen unter vier Augen gesprochen haben, und
und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß kaum ein danach würde ich Ihnen sagen, ob ich es Ihnen übel-
Monat, um nicht zu sagen kaum eine Woche ver- nehme oder nicht. Sie lassen dabei z. B. die stetig
ging, ohne daß die Presse von neuen Gebührener- steigende Summe der Rückflußmittel aus dem sozia-
3922 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Mick
len Wohnungsbau — auch aus dem Beitrag des denke dabei an die Durchführung und auch an die
Bundes — völlig unerwähnt. Sie lassen alle ande- Finanzierung des Wohnungsbaus. Wir beide wissen,
ren Programme unerwähnt, die mit Mitteln des daß letzte Feinheiten etwa in unserer gemeinsamen
Bundes gespeist worden sind und zum Teil beträcht- Vaterstadt Köln nur durch die Mithilfe der Stadt
liche Effekte erzielt haben. Ich will nur einen Fall Köln gemeistert werden konnten,
nennen. (Abg. Henke: Das ist bekannt!)
Wir hatten einmal eine Aktion — so etwas gab
es auch; es waren Sonderzuteilungen, wenn Sie so weil sie mit den Problemen am besten vertraut ist.
wollen — „Junge Familie" und „Besser und schö- Entscheidend ist nicht die Summe, die zur Verfügung
ner wohnen". In neun Jahren warf diese Aktion aus gestellt worden ist oder zur Verfügung gestellt wird;
Bundesmitteln 380 Millionen DM nur für Zinsver- entscheidend ist vielmehr, welche Impulse die Sum-
billigungen aus. Ich bitte jetzt jeden Fachmann, ein- men ausgelöst haben.
mal zu bedenken, welche Summe 380 Millionen DM (Beifall bei der CDU/CSU. — Abg. Baier:
Zinsverbilligungen darstellen. Das war eine ideenreiche Wohnungspolitik,
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Sehr richtig!) die wir nicht mehr haben!)
Aus derselben Aktion konnte man auch Objektzu- Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe
schüsse bekommen. An Objektzuschüssen wurden in von den Wohnungsbauprämien gesprochen. Ich
neun Jahren sage und schreibe 20 Millionen DM in möchte noch einmal auf dieses Beispiel zurückkom-
Anspruch genommen, weil eben die zinsverbilligten men. Siehen Sie, vier Jahre später, nachdem der
Mittel viel attraktiver waren. Bund den Ländern 50 °/o der Wohnungsbauprämie
Nun sage ich nicht, meine sehr verehrten Damen aufgebürdet hatte, war seine Leistung schon fast
und Herren: Das haben wir so gemacht, also kön- wieder auf der gleichen Höhe. Sie betrug nämlich
nen Sie es ebenso machen. Ich will damit nur deut- nach vier Jahren schon wieder über 400 Mil-
lich machen, daß wir bei unserer Wohnungsbaupoli- lionen DM, Ich habe mir die heutigen Zahlen gar
tik immerhin einige Phantasie entwickelt haben, um nicht angesehen. Ich möchte annehmen, daß sie bei
laufend Mittel flüssig zu machen. rung 2 Milliarden DM für den Bund liegen, ohne daß
ich nachgesehen habe. Allein aus der Entwicklung
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Das Ergebnis
der Bausparkassen kann ich mir das ausrechnen.
ist entscheidend!)
Auch das sind Mittel für den Wohnungsbau.
Ich überlasse Ihnen, meine Damen und Herren,
gern das Recht der Erstgeburt, wenn Sie wollen, Dann, meine Damen und Herren, etwas, was wir
daß es eine Erstgeburt sein soll, daß Sie für den schon fast vergessen haben. Haben Sie schon einmal
Wohnungsbau mehr Bundesmittel als wir bereitge- etwas von SBZ-Mitteln gehört, da damals, als es den
stellt haben. Dafür haben wir aber im Rahmen des Flüchtlingsstrom aus der Zone aufzufangen galt,
sozialen und des allgemeinen Wohnungsbaus mehr nicht allgemeine Wohnungsbaumittel, sondern Son-
Wohnungen gebaut. dermittel, Mittel aus dem Lastenausgleich usw. ge-
braucht wurden? Sie werden sehen, daß man hier
(Beifall bei der CDU/CSU.)
wirklich nicht mit dem Holzhammer argumentieren
Ich will hier jetzt kein Zahlenbeispiel beginnen, kann, sondern daß man in die Dinge etwas differen-
obwohl man sagen könnte: So wie man mit Worte ziert hineingehen muß. Ich erinnere Sie daran, wel-
trefflich streiten kann, kann man zumindest in die- che Auseinandersetzungen es in diesem Hause um
sem Hohen Hause mit Zahlen noch trefflicher strei- die Lex Lepinski, nämlich diese Lex, daß die Bundes-
ten. Die öffentlichen Mittel auch des Bundes flossen förderungsmittel zum sozialen Wohnungsbau auch
je nach der Kapitalsituation in stets wechselnder immer wieder zurückflössen, gegeben hat und wie
Höhe in den Wohnungsbau. Eines, verehrter Herr gierige Finanzminister — Finanzminister müssen
Henke, hätten Sie zumindest sehen müssen. Sehen von Natur aus gierig sein, sonst haben sie ihren
Sie sich nur einmal die Summen an, die z. B. durch Beruf verfehlt — die Hand darauf legen wollten, um
die Wohnungsbauprämie für den Wohnungsbau be- sie zu allgemeinen Deckungsmitteln zu verarbeiten.
wegt worden sind. Die Wohnungsbauprämie haben
All das muß man doch sehen, und, verehrter Herr
wie damals zu 50 % den Ländern aufgehalst,
Minister Lauritzen, das sind doch wirklich Maßnah-
(Abg. Baier: Sehr wahr!) men, von denen auch Sie heute noch profitieren. Es
weil der Bund allein nicht mehr in der Lage war, schien mir notwendig, diesen Rückblick in die Ver-
diese Mittel aufzubringen. Sie wissen doch selber, gangenheit noch einmal anzustellen, um hier Ent-
daß der Bund bis heute und wahrscheinlich bis mor- wicklungen aufzuzeigen und Behauptungen ent-
gen und übermorgen, solange er überhaupt existiert, gegenzutreten, die sich selbst ab absurdum führen.
mit zusätzlichen Aufgaben belastet wird. Denken Sie Ich möchte aber — hier mache ich Ihnen ein An-
nur an die Bildungsexplosion, die wir zu verkraften gebot, meine Damen und Herren —, daß dies das
haben! Denken Sie an das, was wir hier zu leisten letzte Mal sein sollte -- in der allgemeinen Wirt-
haben, obwohl wir daran nach dem Grundgesetz schaftspolitik ist man in der Debatte bereits ein
ursprünglich mit keinem Pfennig beteiligt waren. gutes Stück weiter als wir —, und daß wir in Zukunft
Deshalb ist es doch nicht mehr als recht und billig, Probleme, die anstehen und die zu lösen sind und
daß man auf anderen Gebieten versucht, dem Bund zu denen jeder von uns seinen speziellen Beitrag
Entlastung zu verschaffen, indem man diese Leistung zu leisten hat, gemeinsam lösen. Aber wir sollten
vor allem durch diejenigen erbringen läßt, die näher dann nicht suchen, wer etwa in der Vergangenheit
an den Tatbeständen sind, als der Bund es ist. Ich schuld gewesen sein kann. Denn Ihre Vergangenheit
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3923
Mick
und die Vergangenheit dieses Ministers umfaßt in- sehr wackelig, und man kann dabei leicht zu Fall
zwischen auch vier Jahre, kommen.
(Zurufe von der CDU/CSU: Sehr richtig! In Es kommt nun darauf an, verehrter Herr Minister,
der Tat!) um Ihnen das zu sagen, daß die Situation in der
das ist parlamentarisch eine sehr lange Zeit. Ich Wohnungsbaupolitik umgedreht und aus dem
möchte heute hier nach vorn denken. schwindenden Erfolg bei höheren Mitteln ein höhe-
Das setzt aber voraus, Herr Minister, — Sie haben rer Erfolg bei weniger Mitteln wird. Da muß ich
es heute leider nicht getan — daß Sie sich endlich allerdings sagen, daß mir Ihre Prognose, was die
vollinhaltlich und ohne Rücksicht darauf, was einmal Baukapazität angeht, etwas sehr vage war.
gewesen ist, zu Ihrer Verantwortung und zu Ihren (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Taten bekennen und dazu, daß Sie allein oder zu- Ich weiß nicht, Herr Minister, ob Sie Friedrich
mindest in der Hauptsache zu verantworten haben, Wilhelm Weber kennen. Er hat „Dreizehnlinden"
was in der Gegenwart ist. geschrieben. Dieses „Dreizehnlinden" gehört in das
(Beifall bei der CDU/CSU.) literarische Gepäck eines jeden Christlich-Sozialen;
Meine Damen und Herren, was ist Gegenwart? daher kenne ich es so gut. Da heißt es einmal: „Ach,
Gegenwart ist, daß wir nach einer Explosion der es sind die alten Töne, die bekannten, längst ver-
Baupreise nun an einem Punkt angelangt sind, an trauten." Und Ihr Wunsch, Herr Minister, dürfte es
dem die Explosionen nicht mehr so kräftig sind wohl sein — ich zitiere frei weiter —: „Doch die
— Gott Lob und Dank —, daß Preise nicht mehr in Bundesbürger lauschen gern den süßen, lieben Lau-
einem so atemberaubenden Tempo in die Höhe ten, die aus Ihrem Mund erklingen." Ich fürchte nur,
schnellen. Aber die Explosionen reichen immer noch Herr Minister, daß das nicht standhalten wird. Das
dazu aus, den Aufwärtstrend fortzusetzen, wenn ist Wunschdenken und keine Realität.
auch langsamer zu machen. (Sehr wahr! bei der CDU/CSU.)
Verehrter Herr Minister, Sie fingen Ihre Rede Wir haben uns in früheren Jahren — warum soll
damit an, daß die Baukonjunktur keine Dauerange- das verschwiegen werden? — mit denselben Pro-
legenheit sei. Verehrter Herr Minister, ich glaube, blemen herumgeschlagen. Wir haben tage- und
Sie haben hier — ich will mich sehr vorsichtig wochenlang hitzig diskutiert, die Köpfe zusammen-
ausdrücken — eine sehr gewagte Prognose getrof- gesteckt, um Auswege zu finden. Die Wohnungs-
fen. Bei den Aufgaben, die Sie uns etwa mit Ihrer bauleistung der vergangenen Jahre beweist, Herr
Vorlage zum Städtebauförderungsgesetz zur Bera- Minister, daß dieses Köpfe-Zusammenstecken Erfolg
tung vorgelegt haben, steht uns, wie Sie wissen, hatte. Ich brauche dafür kein Plädoyer zu halten,
I noch vieles bevor. da sprechen die Leistungen für sich. Wenn Sie z. B.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) ankündigen, daß eine Reihe von bautechnischen,
bauwirtschaftlichen, rechtlichen und organisatori-
Wir können also in keiner Weise damit rechnen,
schen Maßnahmen eingeleitet wird, die dem Bau-
daß sich die Nachfrage nach Bauleistungen irgend-
kostenanstieg entgegenwirken sollen, dann muß
wie verringert. Diese Nachfrage wird sich im Ge-
ich Sie doch fragen, Herr Minister: Was sind denn
genteil noch steigern. Wir stehen also in der ganz
das für Maßnahmen? Lassen Sie doch einmal die
akuten Gefahr, daß diese Entwicklung in der Tat von
Katze aus dem Sack, damit wir über diese Maßnah-
Dauer werden kann; ich sage: werden kann. Ich
men diskutieren können.
sage Ihnen auch, wie man einer solchen Entwicklung
nach meiner Meinung entgegenarbeiten muß. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Ich habe gesagt, ich will nicht mehr auf die. Als Ihre Herren im vergangenen Jahr in meinem
Vergangenheit eingehen; denn dann hätte ich jetzt Büro waren und mir sagten: „Wir haben 7,5 Mil-
sagen müssen, daß wir ohne die Mithilfe vom Bund lionen DM neu für Forschungszwecke in den Etat
bzw. von den Ländern — Kommunen hat der Mini- eingesetzt", da habe ich gesagt: „Das ist in Ord-
ster nicht genannt, er hat sie wahrscheinlich still- nung und das ist notwendig." Aber jetzt so zu tun,
schweigend mitgedacht auch heute nicht in der als wenn auf diesem Gebiet früher nichts getan wor-
Lage sind, ein Wohnungsbauprogramm allein durch- den wäre, Herr Minister, das ist doch Geschichts-
zuführen. Ich gebe Ihnen gern zu, Herr Minister, klitterung. Sie haben doch schon etwas von Demon-
daß das, was heute in der Bauwirtschaft zu verzeich- strativ- und Vergleichsbauten gehört, wo Milliar-
nen ist, vor allem in der Wohnungsbauwirtschaft, den Summen investiert worden sind, um Beispiele,
nicht allein von Ihnen zu vertreten ist, sondern von neue Erkenntnisse in die Tat umzusetzen,
der Wirtschafts- und Finanzpolitik überhaupt. Mir (Zurufe von der CDU/CSU)
scheint es aber eine gewagte Behauptung zu sein, um sie auch dem jüngsten Architektenlehrling hand-
wenn Sie etwa sagen — hier ist sogar das Wort greiflich vorzeigen zu können.
von der Stunde Null gefallen —, in der Rezession
seien 50 000 Wohnungen weniger gebaut worden, (Beifall bei der CDU/CSU.)
obwohl wir zu keinem Zeitpunkt unter eine Zahl Es ist doch völlig falsch, Herr Minister, was Sie
von 500 000 Wohnungen gekommen sind. Im Jahr unterstellt haben, daß wir hier nur sagen: „Mehr
1967 wurden 572 000 Wohnungen gebaut, und 1966 Geld, mehr Geld, mehr Geld in den Wohnungsbau!"
waren es sogar 604 000 Wohnungen. Man mag sich Das ist doch keine Politik. Wenn dem so wäre,
auf den Standpunkt stellen, es hätten noch 50 000 hätten Sie mit Ihrer Beweisführung recht, daß wir
mehr sein können. Ich halte einen solchen Stand- auf der einen Seite sparsames Haushalten verlan-
punkt — wie man bei uns zu sagen pflegt — für gen, Verringerung der öffentlichen Ausgaben, aber
3924 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
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hier nach mehr, mehr und noch mehr schreien. Wir damit Sie Gelegenheit haben, unsere Ausführungen
wissen doch alle, daß dieses Faß Bauwirtschaft bis zur Kenntnis zu nehmen.
auf den letzten Tropfen gefüllt ist, wirklich bis auf (Abg. Erpenbeck: Die Widmung erscheint
den letzten Tropfen, und daß jeder Tropfen mehr mir am wichtigsten!)
dieses Faß zum Überlaufen bringt, und dieses Faß Schade, daß Herr Müller-Hermann nicht mehr da
läuft in Permanenz über. ist. Ihm wollte ich einen Vorschlag machen. Er hat
Vizepräsident Dr. Schmid: Kommen Sie bitte nämlich eben immer so dringend nach Herrn Never
zum Schluß! mann gerufen. Da Herr Nevermann nicht Mitglied
dieses Parlaments ist, wollte ich Herrn Müller-Her-
Mick (CDU/CSU) : Herr Minister, ich mache Ihnen mann vorschlagen, daß ich in dieser Frage gern bei
Herrn Nevermann vermitteln will, ob nicht beide
ein Angebot. Wir gehen mit Ihnen eine Durst-
einmal gemeinsam auf einer Mieterversammlung
strecke, auch was die Wohnungsbauleistungen an-
sprechen; vielleicht dient das der gegenseitigen Klä-
geht, und Sie stecken einen Teil der Beträge, die
rung der Standpunkte.
Ihnen der Finanzminister zur Verfügung gestellt
hat, in Maßnahmen, die wirklich Anreiz zur Ratio- (Abg. Dr. Klepsch und Abg. Baier: Lauritzen
nalisierung, zur Anwendung neuer Bautechniken und Nevermann!)
bieten. Fördern Sie Investitionen auf diesem Ge- Nun zu Ihrer Großen Anfrage, Herr Erpenbeck.
biet aus diesen Wohnungsbaumitteln. Hier muß et- Sie haben bedauert, daß die Antworten der Bundes-
was langfristig angelegt werden, wenn der Abstand regierung auf die Große Anfrage der CDU/CSU für
zur Wirklichkeit nicht immer größer und die Ihre Begriffe nicht zureichend gewesen seien. Nun,
Zunge, mit der wir hinter dieser Entwicklung her- Herr Erpenbeck, auf unrichtig gestellte Fragen kann
laufen, nicht immer länger werden soll. Ich glaube, man schlecht richtige Antworten verlangen. Sehen
das ist ein Angebot für eine Vermehrung der Kapa- Sie sich einmal Ihre Frage 1 an. Da heißt es:
zität unter Verzicht für ein, vielleicht auch für zwei Wie beurteilt die Bundesregierung die weitere
Jahre auf imponierende Wohnungsbauleistungen, Entwicklung der bis heute gegenüber dem Vor-
die Sie nicht erreichen werden. jahr exorbitant gestiegenen Baukosten?
-
Sie wissen, was sich jetzt im Bonner Raum an (Zuruf von der CDU/CSU: Das ist eine
Ereignissen zugetragen hat. Ich will nicht länger präzise Frage!)
darauf eingehen. Schaffen Sie die Voraussetzungen Wir haben am 26. Mai hier eine Debatte zur Bau-
für Rationalisierung, schaffen Sie die Voraussetzung konjunktur gehabt, und im gleichen Monat, nämlich
für größere Baumöglichkeiten. Das kostet Geld. Rei- im Mai, ist schon der Bruch in der Steigerung der
zen Sie hier unternehmerische Leistungen an. Ich Baukosten eingetreten. Wir haben von Mai bis
glaube, wir werden dann einen Anfang finden un d August noch einen Anstieg des Indexes von 1,5 %
auch eine zweite Hochkonjunktur im sozialen Woh- zu verzeichnen. Und Sie sprechen noch am 24. Sep-
nungsbau und im Wohnungsbau allgemein. tember von „bis heute gegenüber dem Vorjahr ex-
(Beifall bei der CDU/CSU.) orbitant gestiegenen Kosten". Man braucht wirklich
kein großer Wirtschaftspolitiker zu sein, um zu wis-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Frau sen, daß im Auf und Ab der Konjunkturen die Bau-
Abgeordnete Meermann. Sie hat 30 Minuten Rede- wirtschaft Zeichen setzt. Hier haben Sie in diesem
zeit. Schlüsselbereich der Wirtschaft den konkreten Nach-
weis für die Abschwächung der Hochkonjunktur.
Frau Meermann (SPD) : Herr Präsident! Meine Sie haben uns also mit Ihrer Anfrage die will-
Damen und Herren! Mein sehr geehrter Herr Aus- kommene Gelegenheit gegeben, im Deutschen Bun-
schußvorsitzender, der Herr Mick, wird sicher Ver- destag und vor der ganzen deutschen Öffentlichkeit
ständnis dafür haben, wenn ich nach seinen großen festzustellen: Die Vorausschätzung der Bundesregie-
Ausführungen zur allgemeinen Wohnungspolitik rung über die Abschwächung der Baupreissteige-
nun wieder auf den Gegenstand unserer heutigen rung ist voll und ganz eingetroffen. Ohne die Ge-
Diskussion zurückkomme, nämlich auf die Anfrage gensteuerung, die viele Ihrer Freunde landauf, land-
der CDU/CSU zur Baukostenentwicklung. ab betreiben, hätte diese Vorausschätzung vielleicht
Herr Erpenbeck, bevor ich das tue, möchte ich sogar noch übertroffen werden können. Bei jeder
Ihnen aber noch ein Geschenk anbieten. Sie waren Gelegenheit, in jedem Wahlkampf predigt Ihre Par-
so liebenswürdig, unseren Saarbrücker Parteitag zu tei zur Zeit Inflation. Sie verängstigen und verun-
zitieren. Es tut mir nun leid, daß Sie offensichtlich sichern die Menschen. Und dann wundern Sie sich,
das falsche Protokoll erwischt haben. Jedenfalls wenn manch einer in die Sachwerte flüchtet und be-
haben das, was Sie zur Förderung des Wohnungs- reit ist, einen unangemessenen und ihn drückenden,
baus und der Eigentumsbildung im Wohnungsbau hohen Preis für eine Wohnung oder ein Haus zu
als angeblich auf dem Saarbrücker Parteitag prä- zahlen. Das ist der Beitrag, den Sie zur „Preisdämp-
dominierend gesagt hier zitiert haben, weder der fung im Wohnungsbau" geleistet haben. Ich glaube,
Herr Bundeswohnungsbauminister noch Herr Staats- das muß man hier auch einmal in aller Offenheit
sekretär Ravens, noch etwa ich gesagt. Ich bin gern sagen.
bereit, Ihnen dieses Buch auch noch mit Widmung zu (Zurufe von der CDU/CSU.)
schicken, 1,5 %, Herr Erpenbeck — darüber sind wir uns
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von der alle im klaren —, sind eine Durchschnittszahl. Sie
CDU/CSU: Wie charmant!) sagt nichts über große Baukostensteigerungen in
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3925
Frau Meermann
manchen Orten aus, denen minimale in anderen Or- discher Baufirmen, Verbesserung der Einfuhrmög-
ten gegenüberstehen. Wir wissen alle, daß wir z. B. lichkeiten für Fertighäuser und Fertigteile, Erleich-
hier in Bonn eine ganz besondere Situation haben. terung der Kooperation in der Bauwirtschaft.
Aber, Herr Orgaß, da Sie danach gefragt haben, In diesem Zusammenhang komme ich zu dem,
würde ich Ihnen empfehlen, sich doch einmal die was Herr Mick am Schluß seiner Rede gesagt hat.
Statistik in Hamburg anzusehen; da kennen Sie sich Die Verschärfung der Auswahlkriterien bei der
doch aus. Mittelvergabe kann z. B. auch zu sehr viel größeren
(Abg. Orgaß: Dann kommen mir immer Rationalisierungserfolgen führen. Hier gibt es posi-
die Tränen!) tive Beispiele, wie etwa bei den Demonstrativvor-
- Ja, mir kommen die Tränen, weil Sie so schlecht haben, auf die Sie mit Recht hingewiesen haben, die
informiert sind. In Hamburg beträgt nämlich die frühere Regierungen begonnen haben und die jetzt
Steigerung des Preisindexes für Baukosten von Mai fortgeführt werden. Gerade in der letzten Zeit ist
bis August genau 1,8 %, während sie im Bundes- ein sehr deutliches Beispiel bei dem Demonstrativ
vorhaben der Bundesregierung in Sarstedt/Hildes-
durchschnitt 1,5 % beträgt. Es gibt also hier zum
mindesten in den letzten Monaten keine wesent- heim gegeben worden. Dort konnten z. B. durch
liche Abweichung. Gehen Sie einmal zu Ihrem fortschrittliche Bauweise und vor allem vernünftige
statistischen Amt und schauen sich das an. Koordination bei einem Voranschlag von 15 Millio-
nen DM 1,5 Millionen DM eingespart werden.
(Abg. Erpenbeck: Bis 40 % und mehr! -
Weitere Zurufe von der CDU/CSU.) Durch bessere Koordination aller am Bau Be-
teiligten könnte manche Finanzierung erleichtert
Selbstverständlich machen uns Baupreissteigerun- werden. Es muß ja nicht unbedingt so sein, daß die
gen insbesondere in den Ballungsgebieten Sorge. Bauzeit für ein Haus 1 1/2 Jahre beträgt, wo doch
Aber auch in den Ballungsgebieten sind sehr unter- die meiste Zeit niemand am Bau ist, sondern einer
schiedliche Preisbewegungen ja bekannt. Wenn Sie auf den anderen wartet.
nach der künftigen Entwicklung fragen, dürfen Sie
(Abg. Mick meldet sich zu einer Zwischen
ja nicht nur das sehen, was im Februar und März
frage.)
dieses Jahres passiert ist, sondern Sie müssen auch
-
zur Kenntnis nehmen, wie sich die Preisentwicklung - Bitte sehr.
augenblicklich dartut. Mick (CDU/CSU): Frau Kollegin Meermann, sind
(Abg. Franke [Osnabrück] meldet sich zu Sie mit mir der Meinung, daß man solche Möglich-
einer Zwischenfrage.) keiten aus normalen Mitteln des sozialen Woh-
— Bitte sehr. nungsbaues unter allen Umständen fördern sollte?
Franke (Osnabrück) (CDU/CSU) : Frau Kollegin Frau Meermann (SPD) : Herr Mick, ich teile
Meermann, ich habe eben gerade in der Zeitung Ihre Auffassung insofern - ich möchte es etwas
gelesen, daß Ausschreibungen für ein Bundesbau- einschränken -, als man das vorzugsweise bei
vorhaben statt der erwarteten 800 DM Kosten pro Großvorhaben wird machen können. Es wird
Quadratmeter zur Errichtung 1050 bis 1150 DM plus schwierig sein, genau die gleichen Erfolge beim
Nebenkosten von 650 DM ergeben haben, d. h. es Bau von Einzelhäusern in kleineren Gemeinden
wird sich ein Quadratmeterpreis von etwa 1700 DM und Städten zu erzielen. Aber die öffentliche Hand
in diesem Gebiet ergeben. Ich darf Sie fragen, ob Sie muß die Beispiele setzen, da stimme ich Ihnen völ-
das wirklich als eine rückläufige Tendenz ansehen. lig zu. Das dürfte nach meiner Unterrichtung auch
durchaus die Intention der Bundesregierung treffen.
Frau Meermann (SPD) : Herr Kollege, wenn Sie Mir scheint, daß auch eine stärkere Berücksichti-
zugehört hätten, hätten Sie gemerkt, daß ich gerade gung des Fertighausbaus noch preisdämpfend wir-
vorhin auf die hohen Preissteigerungen im Bonner ken könnte. Laut Statistischem Bundesamt hat sich
Gebiet hingewiesen habe. Mir ging es darum, zu der Preis für Einfamilienhäuser in Fertigbauweise
zeigen, daß nicht in allen Ballungsgebieten die Preis- in den letzten zwei Jahren - in zwei Jahren, wohl-
steigerungen automatisch gleich hoch sind, sondern gemerkt — um rund 9 % erhöht. Dem steht im tra-
daß das auch von manchen anderen Faktoren ab- ditionellen Bau eine durchschnittliche Kostenstei-
hängt. gerung, auch in den letzten zwei Jahren, von 20 %
In Frage 2 der Drucksache VI/1189 sprechen Sie gegenüber. Hier liegen ganz gewiß noch weitere
von ständig steigenden Finanzierungskosten. Herr Möglichkeiten zur Preisstabilisierung. Natürlich
Erpenbeck, das stimmt doch einfach nicht. Die liegt mir nichts ferner, als für die eine oder die
Finanzierungskosten sind hoch, aber sie steigen doch andere Bauweise zu werben. Darum geht es nicht,
nicht ständig. Nach den letzten Äußerungen der sondern es geht darum, daß auf dem Wohnungs-
Bundesbank und des Wirtschaftsministers wird man markt wirklich marktkonforme Verhältnisse ge-
sagen können, daß — wenn auch zeitlich noch nicht schaffen werden, d. h. daß eine Stärkung des Ange-
exakt bestimmbar -- es zu einer Erleichterung kom- bots erreicht wird. Die Wohnungsbauunternehmen
men kann; zweifellos liegt keine Erhöhung, keine müssen wieder um die Aufträge wetteifern. Der
ständige Steigerung in der Perspektive vor. Zustand, daß die Bauherren den Baufirmen nachlau-
Die Bundesregierung wirkt den Baupreissteige- fen, ist ungesund, nicht zuletzt auch für die Bau-
rungen in zweifacher Weise entgegen, und zwar ein- industrie und das Baugewerbe selbst. Wir können
mal durch Maßnahmen zur Verbesserung und Er- schließlich aus der ganzen Entwicklung der letzten
weiterung des Angebots, stetigere Beschäftigung, 20 Jahre verfolgen, daß unsere Industrie am Wett-
verstärkte Rationalisierung, Heranziehung auslän- bewerb im In- und Ausland erstarkt und leistungs-
3926 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970
Frau Meermann
fähig geworden ist. Die gleichen Möglichkeiten las- begegnet werden. Damals hat in der Tat der Anteil
sen sich mit staatlicher Hilfe auch für die Bau- des Bundes am sozialen Wohnungsbau 83 % be-
industrie und für das Baugewerbe erreichen. tragen. Aber niemand - auch niemand von Ihnen,
(Abg. Dr. Klepsch: Richtig!) meine Herren — hat sich vorgestellt, daß das immer
Als weiteres Mittel, um zu vernünftigeren Bau- so weitergehen sollte. Ich mache heute niemandem
preisen zu kommen, wirken die allgemeinen kon- einen Vorwurf, wenn er damals geglaubt hat, daß
junkturellen Maßnahmen zur Preisdämpfung, mit man in einem Zehnjahresprogramm die Wohnungs-
denen einer Erhöhung der Neuestbaumieten ent- not wirklich beseitigen könne. In diesem Hause gibt
gegengewirkt wird. es wohl niemanden, der nicht schon in seinen Pro-
gnosen geirrt hätte.
Zu den Fragen 2, 3 und 4 habe ich mir Ihre Be-
gründung angesehen. Da heißt es, daß die Bundes- (Zuruf von der CDU/CSU: Das zeigt gerade
mittel für die Finanzierung des sozialen Wohnungs- die jüngste Zeit!)
baus bei weitem nicht ausreichen, um die Mehr- Was wir Ihnen zum Vorwurf machen — und das
kosten zu decken. Herr Erpenbeck hat da sicher noch haben die Kollegen von der SPD getan —, ist, daß
nicht die Rede von Herrn Mick gekannt. Sonst hätte Sie später, als zu sehen war, daß die in der Degres-
er nicht so auf dem Bundesmittelanteil von nur sion zusammengeschrumpften Mittel nicht mehr aus-
5000 DM am gesamten Baupreis einer Wohnung reichten, um den in diesem Zeitpunkt bestehenden
insistiert. großen Bedarf zu decken, nicht mehr Bundesmittel in
(Abg. Erpenbeck: Das widerspricht sich gar den Wohnungsbauhaushalt hineingesteckt haben.
nicht!) (Abg. Dr. Klepsch: Das müssen Sie Herrn
Herr Erpenbeck, im übrigen ist es Ihnen mit Ihrer Lauritzen sagen!)
Prozentrechnung so ähnlich gegangen wie dem — Nein, ich spreche jetzt von den Jahren 1965/66.
Herrn Heck mit seiner Gruselsparergeschichte. Ich habe mit Aufmerksamkeit gehört, was Herr
(Widerspruch bei der CDU/CSU.) Mick über den Ausgleich der Mittel gesagt hat, die
Ich nehme nur den Posten „allgemeiner sozialer mal von da, mal von dort flossen. Aber sehr ge-
Wohnungsbau" heraus. Da haben Sie -im Haushalt ehrter Herr Mick, Sie wissen genauso wie ich, wie
1971 eine Steigerung von 20 % gegenüber 1970. Es sehr damals auch die Wohnungspolitiker Ihrer Partei
dürfte wohl schwierig sein, zu beweisen, daß eine unglücklich darüber waren, daß in dem Posten „all-
Steigerung der Haushaltsmittel um 20 % nicht aus- gemeiner sozialer Wohnungsbau" in den Jahren
reicht, um eine Baukostensteigerung von 15 % auf- 1965 150 und 1966 nur noch 70 Millionen DM waren.
zufangen. Genau das haben Sie erfolglos versucht. In diesem Punkt zumindest waren auch Sie mit der
(Zurufe von der CDU/CSU.) Politik Ihrer Regierung nicht einverstanden. Wir ha-
- Die Zahlen? Aber gern. Ich gebe Ihnen auch gern ben dann in den nächsten Jahren durch die Konjunk-
den ganzen Haushaltsplan. Über das, was endgültig turförderungsprogramme der Bundesregierung wie-
drinstehen wird, haben Sie ja mitzuentscheiden. der einmal zusätzlich Geld in den sozialen Woh-
Hier haben wir im sozialen Wohnungsbau in Kap. nungsbau gepumpt, und im Jahre 1969 sind wir dann
25 03 283,5 Millionen DM, 20 % mehr als im ver- wieder in den normalen Kurs gekommen und bauen
gangenen .Jahr. auf den früheren Ansätzen auf, die wir allerdings
erheblich verstärkt haben.
(Abg. Dr. Schulze-Vorberg: Aber weniger
Wohnungen, gnädige Frau!) Die Wohnungspolitiker unter Ihnen dürften mit
Freuden die starke Steigerung im Bundeshaushalt
— Darüber reden wir noch, Herr Schulze-Vorberg.
und die finanzielle Priorität, die wir dem Woh-
Damit komme ich zu Ihren 500 000 bzw. 600 000 nungsbau geben, festgestellt haben.
Wohnungen.
(Abg. Baier: Das waren Zeiten!) Aber jetzt komme ich zu Ihren 600 000 Wohnun-
gen, Herr Schulze-Vorberg. Ich erinnere mich, es wa-
Ich bin der erste Redner, den Sie nicht danach fra- ren manchmal sogar noch mehr.
gen. Aber da mir das wahrscheinlich nicht erspart
(Abg. Dr. Klepsch: Ja, richtig! Sehr gut!)
bleibt, will ich lieber von vornherein darauf anwor-
ten. Ich erinnere mich an ein Jahr mit 623 000 Woh-
(Heiterkeit.) nungen.
(Abg. Erpenbeck: Das waren die guten
Niemand verkennt die große Wohnungsbauleistung
in der Bundesrepublik, die für viele Länder bei- Lücke-Zeiten!)
spielgebend ist. Das war eine stolze Leistung. Herr Lücke ist ja
(Beifall bei der CDU/CSU.) anwesend; er wird nichts dagegen haben, wenn
Einer großen Notlage ist mit einer immensen Lei- ich das Verdienst nicht allein auf ihn konzentriere,
stung begegnet worden. Wenn ich mir z. B. überlege, sondern sage: das war eine — —
was im Bundeshaushalt 1958 700 Millionen DM für (Abg. Erpenbeck: Die CDU CSU-Politik na
den sozialen Wohnungsbau anteilsmäßig bedeutet türlich! — Abg. Lücke [Bensberg] : Trotz
haben, so muß ich wirklich sagen: das ist eine große Lücke! — Heiterkeit.)
Leistung, eine Leistung nebenbei, für die Sie nicht — Nein, nein! Bitte, meine Herren, in dieser Frage
durchkämpfen mußten, sondern für die Sie Stimme hat das ganze Haus, zusammengewirkt. Unterschie-
und Mitwirkung der damaligen Opposition gehabt den haben wir uns von Herrn Lücke nachher in der
haben. Und so konnte in einem gewaltigen Kraft- sogenannten Abbaugesetzgebung. Aber in der Frage
akt des ganzen deutschen Volkes der Wohnungsnot der Zurverfügungstellung von Mitteln werden Sie
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 70. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1970 3927
Frau Meermann
wirklich nicht behaupten können, daß etwa die CDU die Abschwächung der Bundeshilfen für den Woh
gegen die Opposition habe ankämpfen müssen. nungsbau in den .Jahren 1965 und 1966 gegenüber-
(Abg. Dr. Klepsch: So sind denn nun die gestellt. Die jetzige Bundesregierung hat aber recht,
100 000 Wohnungen geblieben?) wenn sie sagt, daß in ihrer Zeit ein Ansteigen der
finanziellen Leistung für den Wohnungsbau erfolgt
Aber ich muß jetzt endlich zu Herrn Schulze-Vor
ist. Das stimmt doch.
bergs 500 000 Wohnungen kommen. Gestatten Sie!
(Abg. Dr. Schulze-Vorberg: Es geht nicht
(Abg. Baier meldet sich zu einer Zwischen
um die Mittel, es geht um die fertiggestellten
frage.)
Wohnungen!)
— Ich möchte das gerade zu Ende führen.
— Jetzt fangen wir aber nicht wieder bei Adam und
(Abg. Baier: Ich wollte Ihnen dazu nur Eva an. Sie wissen ja auch aus eigener Erfahrung —
etwas sagen!) darauf ist hingewiesen worden —, daß die Bundes-
Alle Wohnungsbaupolitiker und Fachleute — auch mittel für den sozialen Wohnungsbau, gleich bei
außerhalb dieses Hauses — waren aber spätestens welcher Kostensituation, ergänzt werden müssen
vom Jahre 1965'66 an der Auffassung, daß diese durch die Länder und durch die Gemeinden, auch
sehr große Leistung, wie sie aus der Notlage nach durch die Betriebe für ihren Werkswohnungsbau;
dem Kriege erbracht werden mußte, keine Dauer- das wollen wir nicht vergessen. Auch die Kirchen
erscheinung sein würde. Man war vielmehr allge- beteiligen sich am Wohnungsbau, und soeben hat
mein der Auffassung, die Wohnungsbauleistung Herr Mick auf die Möglichkeit weiterer Mitfinanzie-
werde sich so auf etwa 500 000 Wohnungen pro Jahr rer hingewiesen.
einpendeln. Ja, es gab auch manche, die von 400 000 (Abg. Mick: Rentenanstalten!)
gesprochen haben. Das war gar kein Streit zwischen
— Rentenanstalten natürlich.
den Parteien, Herr Schulze-Vorberg. Infolgedessen
hat es gar keinen Sinn, daß wir uns hier über 500 000 Selbstverständlich ist auch diese Bundesregierung
Wohnungen gegenseitig Vorwürfe machen. Es war darauf angewiesen, daß die Länder und alle anderen
eine gemeinsame Auffassung aller Wohnungsbau- Mitfinanzierer mitmachen. Aber diese Bundesregie-
politiker, daß das so vernünftig wäre. - Auf diesen rung — das ist der Unterschied gegenüber dem Zu-
Stand von 500 000 gebauten Wohnungen pendelt stand von 1966 — hat ja auch finanziell etwas ein-
sich nun zur Zeit die Wohnungsbauleistung ein. zubringen. Im Gegensatz zu der Befürchtung, die
Herr Erpenbeck bei der Begründung Ihrer Großen
(Abg. Dr. Klepsch: Sie verlangen doch von
Anfrage geäußert hat, habe ich gar keine Angst, daß
allen Vorausblick! Warum nicht auch von
wir auf den Bundesmitteln sitzen bleiben. Die Länder
Herrn Lauritzen?)
sind in den letzten Jahren — wenn Sie wollen, etwas
— Ich halte eine auf längere Zeit erbrachte jährliche verspätet - einer Entwicklung gefolgt, die Sie in
Bauleistung von 500 000 Wohnungen für geeignet, den Jahren 1965 und 1966 eingeleitet hatten. Nach
mit dein noch bestehenden Wohnungsbedarf fertig meinen Informationen stellen sich die Länder aber
zu werden. — Bitte sehr! jetzt darauf ein, daß ihre Wohnungsbauprogramme
für das Jahr 1971 über das besonders niedrige För-
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Gnädige
-
derungsprogramm des Jahres 1970 hinausgehen
Frau, darf ich ausdrücklich feststellen, daß ich Ihren
werden. Es ist damit zu rechnen, daß dem sozialen
Ausführungen zustimme. Nur, würden Sie mir dann
Wohnungsbau auch in den Haushalten und Finanz-
zustimmen, daß angesichts der Situation, die Sie zu-
planungen der Länder wieder ein höherer Stellen-
treffend geschildert haben, die derzeit laufende An-
wert eingeräumt wird. — Bitte, Herr Kollege, Sie
zeigenaktion der Bundesregierung, in der von Feh-
wollten etwas fragen.
lern und Fehlleistungen und Minderleistungen der
früheren Regierungen gesprochen wird, schlicht Dr. Klepsch (CDU/CSU) : Mich hätte nur einmal
falsch ist und daß man jetzt so tut, als ob jetzt erst interessiert, was eigentlich in den Jahren 1967, 1968
die großen Bauleistungen kämen, daß also die Situa- und 1969 gewesen ist, weil diese Jahre in Ihren
tion völlig verzeichnet wird? Während wir früher Ausführungen wie ein großes Loch in Erscheinung
viel mehr Wohnungen gebaut haben, bauen wir treten. Sie sprechen immer von 1966 und von heute.
jetzt weniger, und die Bundesregierung tut in einer
angeblichen Informationsanzeige gegenüber der Be- Frau Meermann (SPD) : Das tue ich gern. 1967
völkerung so, als ob jetzt mehr gebaut würde als und 1968 haben wir Konjunkturförderungsmittel
früher. in den Wohnungsbau gesteckt, und die Fertigstel-
(Abg. Dr. Klepsch: Lauritzen annonciert lungszahlen im sozialen Wohnungsbau können sich
gegen Lauritzen!) sehen lassen. Sehen Sie, ich antworte Ihnen. 1967
waren es nämlich 198 333 Wohnungen, und 1968
Frau Meermann (SPD) : Herr Schulze-Vorberg, waren es 203 931 Wohnungen. Sondermittel der
ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich die An-
Konjunkturprogramme machten eine Wohnungsför-
zeige nicht gesehen habe. derung in diesem Ausmaß möglich. 1969 standen
(Abg. Dr. Ritz: Das spricht für Sie! — Abg. solche Mittel in der Tat nicht zur Verfügung; im
Baier: Sie ist wahrscheinlich nur in Bayern Jahre 1969 wurden 165 000 Wohnungen fertigge-
erschienen!) stellt. Das sind die genauen Zahlen. Ich habe keine
Aber wir reden von verschiedenen Dingen. Ich rede Veranlassung, nur von früheren Zeiten zu reden.
über die Wohnungsbauleistung, so wie sie in den Ich finde die Wohnungspolitik, die wir betreiben, so
Anfängen 1958/59 initiiert worden ist. Ich habe nur vernünftig, daß ich gern von der Jetztzeit spreche.
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Frau Meermann
In Frage 5 fragen Sie nach der Fertigstellung von immer so gelaufen, daß Sie, Herr Erpenbeck, wenn
Sozialwohnungen im Jahre 1970. Was in diesem Sie ehrlich wären, hätten zugeben müssen: Ich bin
Jahr fertiggestellt wird, ist auf die Bewilligungen gegen alles, was die Regierung tut, aber mir selber
früherer Jahre und anderer Bundesregierungen zu- fällt leider gar nichts ein. So muß ich das, was Sie
rückzuführen. Wir haben - ich sagte es eben schon zu dieser Frage hier gesagt haben, jedenfalls wer-
- eine Weile gebraucht, um die Etatsätze, die her- ten.
untergedrückt worden wa ren, wieder auf die heutige (Abg. Erpenbeck: Sie haben mir aber gut
Höhe zu bringen. Die Baubewilligungen — sie sind zugehört!)
ja entscheidend für das künftige Fertigstellungs- Ich konzediere gerne, daß der Vorschlag, den Herr
ergebnis sind im Jahre 1970 gegenüber dem Mick vorhin gemacht hat, durchaus des Aufgreifens
Jahre 1969 insgesamt nicht rückläufig; ihre Zahl wert ist.
steigt an. Die Bewilligungen im sozialen Wohnungs- Die Bundesregierung hat mit den Gesetzes- und
bau haben bis Juli dieses Jahres den Vorjahres- Haushaltsvorschlägen, über die dieses Haus zur
stand nicht erreicht, weil wegen der plötzlich ange- Zeit berät, die Ausgaben für den Wohnungsbau von
zogenen Baupreise und der nicht voraussehbaren 1970 auf 1971 um mehr als ein Drittel gesteigert und
Weiterentwicklung viele große Projekte zurück- bis zum Jahre 1974 nahezu verdoppelt. Das ist die
gestellt worden sind. Das war vernünftig, denn mit zweithöchste Steigerungsrate nach den Ausgaben
einem sozialen Wohnungsbau um jeden Preis und für die Bildung. Hinzu kommen das Städtebauförde-
zu jedem Preis ist niemandem gedient. Wir beken- rungsgesetz, das den Menschen in Stadt und Land
nen uns zu dem konjunkturgerechten Verhalten, gesunde Lebens- und Wohnverhältnisse sichern
das viele Wohnungsunternehmen gezeigt haben, soll, das den überfälligen ersten Schritt zu der im
indem sie in einer Zeit nicht voraussehbarer Bau- Grundgesetz verankerten Sozialgebundenheit des
preissteigerungen ihre Aufträge zurückgehalten Eigentums darstellt und endlich auch eine Brems-
haben. Jetzt, da die Entwicklung übersichtlich ge- wirkung bei den Bodenpreisen einleitet, ferner das
worden ist, laufen auch zurückgestellte Projekte Wohngeldgesetz, das auch denjenigen, die es aus
mehr und mehr an. eigener Kraft nicht schaffen können, eine angemes-
Das Bauvolumen insgesamt ist ja nicht gesunken, sene familiengerechte Wohnung sichert und das
sondern auf dem gleichen Stand geblieben. Nun wir wohl hoffentlich bald in seiner neuen Fassung
ist es an der Bundesregierung, die politischen Wei- verabschieden werden, weiter die Gesetzentwürfe,
chen so zu stellen, daß der Anteil des sozialen die Ihnen demnächst zugehen werden und die dem
Wohnungsbaus an diesem Volumen steigt. Die Vor- besseren Schutz des Mieters in seiner Wohnung und
aussetzungen dafür hat die Bundesregierung in gegen ungerechtfertigte Mieten dienen, schließlich
ihrem langfristigen Wohnungsbauprogramm und mit die Maßnahmen, die die Bundesregierung zur Bes-
den sonstigen Maßnahmen geschaffen. serung der Struktur in der Bauwirtschaft und damit
Frage 6 lautet: zur Senkung der Baukosten treffen will. Das alles
Ist die Bundesregierung bereit, Maßnahmen zu ist ein geschlossenes Konzept. Aber es ist nicht nur
ergreifen, die geeignet sind, dem Wohnungs- ein Konzept, sondern auch ein Programm, dessen
bau im Rahmen der gesamten Kapazität des Verwirklichung bereits begonnen hat, ein Pro-
Baumarktes die notwendige Priorität einzuräu- gramm, das aus aktuellen Wohnungsnotständen
men? dort, wo sie noch bestehen, hinausführt, das aber
auch deutlich macht, daß die sozial-liberale Bundes-
Bevor ich Herrn Mick gehört habe, war ich wirk-
regierung die Sorge um die Wohnung der Menschen
lich bereit, zu fragen: Wie hätten Sie's denn gerne?
auch in einer Gesellschaft des fortschreitenden
Welche Vorstellungen haben Sie denn, meine Da-
Wohlstandes als eine Aufgabe mit besonderer Prio-
men und Herren von der Opposition? Als wir im
rität betrachtet.
Juli 1970 dem Wohnungsbau Priorität vor dem Wirt-
schaftsbau gaben, indem wir die Aussetzung der (Beifall bei den Regierungsparteien.)
degressiven Abschreibung nur für den Wirtschafts-
bau beschlossen, den Wohnungsbau aber ausdrück- Vizepräsident Dr. Schmid: Ich hatte gehofft,
noch von den Ausführungen der acht Redner, die
lich davon ausnahmen, wußten Sie nichts dazu zu
uns ins Haus standen, profitieren zu können. Leider
sagen. Sie enthielten sich der Stimme. Im Haushalts-
haben aber die Herren Fraktionsgeschäftsführer an-
entwurf 1971 hat die Bundesregierung dem Woh-
ders entschieden.
nungsbau deutlich eine Priorität eingeräumt: Erhö-
hung um ein Drittel gegenüber 1970. Sie haben hier (Abg. Dr. Ritz: Immer dieselben!)
über die finanziellen Prioritäten aber wiederum Sie haben alle weiteren Redner gestrichen. Das ist
nichts gesagt. Ich vermisse wirklich noch die Erklä- unser Pech; aber wir müssen uns fügen.
rung Ihrer Haushaltsexperten, daß Sie den Woh- Wir sind am Ende unserer heutigen Tagesord-
nungsbau von den Sparmaßnahmen, von denen nung.
Sie ja immer allgemein reden, ohne konkret zu Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
sagen, wo sie einsetzen sollen, ausdrücklich aus- destages auf morgen, Freitag, den 9. Oktober 1970,
nehmen. 9 Uhr, ein. Wir werden mit der Fragestunde begin-
Ich nehme nicht an, daß Sie stärkere Maßnahmen nen. Um 10 Uhr folgt eine Erklärung des Herrn
— etwa in der Art von Zwangsmaßnahmen — an- Außenministers.
streben. Das unterstelle ich Ihnen nicht. Über ver-
Die Sitzung ist geschlossen.
nünftige Vorschläge kann man mit uns immer reden.
Bislang ist die Diskussion auf diesem Gebiet aber (Schluß der Sitzung: 18.48 Uhr.)
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