Eutscher Bundestag: 62. Sitzung
Eutscher Bundestag: 62. Sitzung
62. Sitzung
Inhalt:
Begrüßung des Präsidenten des Parlaments Fragen des Abg. Bauer (Wasserburg) :
von Vietnam 2818 C Preise für Brau- und Saatgerste, Saat-
weizen und Saatroggen
Glückwünsche zu den Geburtstagen der Schwarz, Bundesminister . . . 2806 C, D,
Abg. Kriedemann und Gaßmann . . . 2805 A 2807 A, B
Bauer (Wasserburg) (CDU/CSU) . . 2806 D,
Die Abg. Schlee und Flämig treten in den 2807 A
Bundestag ein 2805 A Ertl (FDP) . . . . . . . . . . 2807 B
Frage des Abg. Ertl: Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Rasthaus am Chiemsee Haushaltsgesetzes 1962 (SPD) (Druck-
sache IV/436); Mündlicher Bericht
Grund, Staatssekretär . 2814 C, D, 2815 A des Haushaltsausschusses (Drucksache
Ertl (FDP) 2814D, 2815 A IV/955) — Zweite Beratung — 2819 B, 2823 B
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 III
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung vom Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) . . 2824 B,
4. Oktober 1961 der Satzung der Inter- 2832 C
nationalen Atomkernenergie-Organisa- Dr. Schmidt (Offenbach) (SPD) . . . 2825 D,
tion (Drucksache IV/852); Schriftlicher 2830 A
Bericht des Ausschusses für Atomkern-
Porten (CDU/CSU) . . . 2827 A, 2861 D
energie und Wasserwirtschaft (Druck-
sache IV/1007) — Zweite und dritte Be- Dr. Jungmann (CDU/CSU) 2828 A, 2833 D,
ratung — 2819 C 2835 C
Memmel (CDU/CSU) . . 2830 C, 2876 A
Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Ände- Berberich (CDU/CSU) . . 2831 B, 2843 C,
rung und Ergänzung des Atomgesetzes 2856 D, 2872 B, 2884 D
(Drucksache IV/966) ; Schriftlicher Bericht
Dr. Dittrich (CDU/CSU) . . . . . 2831 D
des Ausschusses für Atomkernenergie
und Wasserwirtschaft (Drucksache Dr.-Ing. Balke (CDU/CSU) 2833 A, 2874 B
IV/1008) — Zweite und dritte Bera- Dr. Schellenberg (SPD) . 2833 D, 2867 D,
tung — 2819 D 2873 C
Killat (SPD) . . 2834 D, 2836 A, 2838 D,
Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkom- 2851 D, 2869 C, 2871 B, 2872 C,
men vom 14. Juli 1960 mit dem Groß- 2874 D, 2886 A, 2886 B, 2886 C
herzogtum Luxemburg über die Soziale
Spitzmüller (FDP) 2836 B, 2854 C, 2875 B
Sicherheit der Grenzgänger (Drucksache
IV/595) ; Schriftlicher Bericht des Sozial- Klein (Saarbrücken) (CDU/CSU) . . 2837 B
pol. Ausschusses (Drucksache IV/1011) Langebeck (SPD) . . . 2837 D, 2839 C
— Zweite und dritte Beratung — . . . 2820 A
Becker (CDU/CSU) . . . 2838 B, 2855 D
Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkommen Stingl (CDU/CSU) 2839 A, D, 2842 D,
vom 14. Juli 1960 mit dem Großherzog- 2857 B, 2871 A
tum Luxemburg über die Gewährung Ollesch (FDP) . 2840 A, 2850 C, 2866 C,
von Leistungen bei Krankheit und Mut- 2879 D
terschaft usw. (Drucksache IV/596); Biermann (SPD) 2840 B
Schriftlicher Bericht des Sozialpol. Aus-
Meyer (Wanne-Eickel) (SPD) . . 2841 C
schusses (Drucksache IV/1012) — Zweite
und dritte Beratung — . . . . . . . 2820 B Geiger (SPD) . . 2842 A, 2845 D, 2853 B
Weber (Georgenau) (FDP) . . . . 2842 C
Entwurf eines Gesetzes zu dem Abkom-
men vom 25. April 1961 mit dem König- Lang (München) (CDU/CSU) . . . 2844 B
reich Griechenland über Soziale Sicher- Dr. Franz (CDU/CSU) . . 2847 D, 2878 D,
heit (Drucksache IV/720) ; Schriftlicher 2886 A
Bericht des Sozialpol. Ausschusses Gaßmann (CDU/CSU) 2857 A
(Drucksache 1013) — Zweite und Dritte
Beratung — . . . . . . . . . . . 2820 C Blank, Bundesminister . 2860 B, 2881 B
Dr.-Ing. Philipp (CDU/CSU) . . . . 2862 B
Entwurf eines Gesetzes zu dem Allgemei- Dr. Atzenroth (FDP) 2865 A
nen Abkommen vom 7. Dezember 1957
mit dem Königreich Belgien über Soziale Scheppmann (CDU/CSU) . . . . 2866 D
Sicherheit (Drucksache IV/870) ; Schrift- Burgemeister (CDU/CSU) . . . 2868 B
licher Bericht des Sozialpol. Ausschusses Teriete (CDU/CSU) 2869 A
(Drucksache IV/1014) — Zweite und
Dritte Beratung — . . . . . . . . 2820 C Frehsee (SPD) . 2871 D, 2883 D, 2885 A
Dr. Rutschke (FDP) 2881 D
Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung
des Rechts der gesetzlichen Unfallversi- Entwurf eines Gesetzes über die Hand-
cherung (Unfallversicherungs-Neurege- werkszählung 1963 (Handwerkszählungs-
lungsgesetz — UVNG) (CDU/CSU) gesetz 1963) (Drucksache IV/876); Schrift-
(Drucksache IV/120); Schriftlicher Bericht licher Bericht des Wirtschaftsausschusses
des Sozialpol. Ausschusses (Drucksache (Drucksache IV/988 — Zweite Beratung—
IV/938 [neu]) — Zweite und dritte Bera-
Schmitt-Vockenhausen (SPD) . . . 2887 A,
tung —
2888 A
Frau Döhring (Stuttgart) (SPD) . . 2821 B, Wieninger (CDU/CSU) . . . . 2887 B
2836 C
Dürr (FDP) 2888 A
Ruf (CDU/CSU) . 2823 C, 2840 D, 2845 B,
2867 C Nächste Sitzung 2888 C
Börner (SPD) . 2823 D, 2837 C, 2856 B, D,
2858 B, 2861 A, 2865 D, 2876 C Anlagen 2889
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2805
62. Sitzung
Kaffka (SPD) : Herr Staatssekretär, ich möchte Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land-
im Hinblick auf ähnlich gelagerte Fälle in der Ver- wirtschaft und Forsten: Herr Kollege, Ihre Frage-
gangenheit fragen: Welche Maßnahmen hat die stellung geht dahin, ob ich Ihnen eine Mitteilung
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2807
Bundesminister Schwarz
machen kann, daß wir bis dahin zu einem erfolg- bindend auslassen, weil die Herstellungs- und
reichen Ende kommen werden. Diese Zusicherung Kostenmomente gerade bei Saatgetreide doch sehr
kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich kann Ihnen unterschiedlich sind. Die Frage der einheitlichen
nur die Zusicherung geben, daß wir uns alle Mühe Standards bei Futtergerste bzw. bei Brotgetreide
geben, von seiten der deutschen Delegation aus — dagegen werden wir in kürzester Zeit in Brüssel zu
auch die Kommission hat sich bereit erklärt — behandeln haben.
diese außerordentlich diffizile Frage zu klären. Die
Schwierigkeit liegt darin, daß man die Kriterien für Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen.
Braugerste und für Futtergerste — und zwar so, Herr Minister.
daß auch die Zollbeamten beides unterscheiden
können — so außerordentlich schwer feststellen Wir kommen zu der Frage aus dem Geschäfts-
bereich des Bundesministers der Verteidigung —
kann.
Frage III, gestellt von Herrn Abgeordneten Bau-
knecht —:
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
Ist der Herr Bundesverteidigungsminister bereit, sich dafür
satzfrage. einzusetzen, daß in den Bundeswehrkantinen bzw. -unterkünften
die bei der Industrie bereits bewährten und durch den
Grünen Plan geförderten Milchautomaten aufgestellt werden?
Bauer (Wasserburg) (CDU/CSU) : Ihr Haus, Herr
Minister, ist aber nach wie vor der Meinung, daß Bitte, Herr Staatssekretär.
es zu einer solchen Regelung kommen muß?
Hopf, Staatssekretär im Bundesministerium der
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- Verteidigung: Milch ist für die Ernährung insbeson-
wirtschaft und Forsten: Das Haus ist davon über- dere der jüngeren Wehrpflichtigen und freiwilligen
zeugt, daß die weitere Abwicklung unserer Ge- Soldaten besser als manches andere Getränk.
treidepreisfragen, ausgehend von Futtergerste über (Heiterkeit.)
Braugerste, Roggenbewertung usw., tatsächlich da-
von abhängig ist. Deshalb wird der Milchverbrauch durch verstärkte
Werbung, verbesserte Kühlmöglichkeiten, niedrigen
Preis und verbesserte Verkaufsmöglichkeiten in den
Vizepräsident Dr. Dehler: Frage II/2 — des Kantinen, ferner durch Ausgabe von Milch im Rah-
Herrn Abgeordneten Bauer (Wasserburg) —: men der Truppenverpflegung und durch andere
Ist die Bundesregierung gegebenenfalls bereit, den Preis für Maßnahmen gefördert.
Brau- und Saatgerste, Saatweizen und Saatroggen über die
deutsche Gesetzgebung angemessen festzusetzen? In diesem Zusammenhang ist auch die Versor-
1) Bitte, Herr Minister! gung mit Milch durch Automaten geprüft worden.
Dabei hat sich gezeigt, daß der Preis für Milch aus
Automaten höher liegt als der Preis der Flaschen-
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- milch. In besonders gelagerten Fällen, vor allem bei
wirtschaft und Forsten: Der deutsche Gesetzgeber abgelegenen Truppenunterkünften, deren Versor-
hat zur Zeit keine Möglichkeit, im Rahmen der von gung durch eine Kantine nicht möglich ist, werden
ihm zu treffenden Durchführungsvorschriften zur solche Automaten für Milch trotz des höheren
Verordnung Nr. 19 des Rates der EWG besondere Preises aufgestellt. Für eine allgemeine Aufstellung
Richt-, Interventions- und Schwellenpreise für Saat- von Milchautomaten kann sich der Verteidigungs-
getreide und Braugerste festzusetzen. Hierzu wäre minister aber erst dann einsetzen, wenn der Preis
eine Änderung der geltenden EWG-Getreidemarkt- der Automatenmilch nicht höher ist als der anderer
ordnung notwendig. Dagegen prüft die Bundes- Milch. Der Verteidigungsminister muß darauf Rück-
regierung, ob für das Getreidewirtschaftsjahr sicht nehmen, daß die jungen Soldaten, insbeson-
1963/64 ebenso wie für das laufende Getreidewirt- dere die Wehrpflichtigen, ein geringes Einkommen
schaftsjahr bei der Intervention von inländischer haben.
Gerste durch die Einfuhr- und Vorratsstelle beson-
dere Zuschläge für Braugerste bestimmter Qualität
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz-
mit Zustimmung des Bundesrates festgesetzt wer-
frage Herr Abgeordneter Bauknecht.
den sollen.
Vizepräsident Dr. Dehler: Zu einer Zusatz- Bauknecht (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist
Ihr Haus bereit, trotz der Bedenken, die Sie jetzt
frage Herr Abgeordneter Ertl.
wegen des Preises haben, einmal zu prüfen, ob
nicht Milch aus Automaten durch Zuschüsse Ihres
Ertl (FDP) : Herr Minister, ist es möglich, daß im Hauses zu gleichen Preisen abgegeben werden kann,
Zuge der europäischen Marktregelungen einheit- wie wenn sie lose oder in Flaschen verkauft wird?
lich Qualitätsbestimmungen sowohl für Saatgetreide
wie für Braugerste erlassen werden? Hopf, Staatssekretär im Bundesministerium der
Verteidigung: Herr Abgeordneter, es handelt sich
Schwarz, Bundesminister für Ernährung, Land- um die Frage, ob der Verteidigungsminister aus
wirtschaft und Forsten: Herr Kollege, das ist durch- dem Bundeshaushalt Mittel aufwenden darf, um
aus möglich. Wir müssen aber gerade die Vorschrif- einen Zuschuß für eine Art von Milch zu geben,
ten für Saatgetreide sehr eingehend prüfen und obwohl andere Milch, nämlich Flaschentrinkmilch, in
sollten uns über diese Dinge heute noch nicht so den Kantinen zu einem geringeren Preis erhältlich
2808 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Staatssekretär Hopf
k)
ist. Ich glaube nicht, daß der Verteidigungsausschuß Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
des Deutschen Bundestages einen solchen Zuschuß satzfrage.
bewilligen würde. Ich würde ihn wahrscheinlich
auch nicht beantragen. Dürr (FDP) : Herr Minister, teilen Sie meine Mei-
nung, daß der Übergang zwischen Krankenanstalten
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen, und Kinderheimen nahezu fließend sein kann und
Herr Staatssekretär. daß es deshalb zweckmäßig ist, einmal zu prüfen,
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts- ob Kinderheime nicht wie vergleichbare Kranken-
bereich des Bundesministers für Familien- und anstalten gestellt werden können?
Jugendfragen. Ich rufe auf die Frage IV/1 — des
Herrn Abgeordneten Eisenmann —: Heck, Bundesminister für Familien- und Jugend-
Teilt die Bundesregierung die Ansicht, daß die privaten Kin- fragen: Herr Abgeordneter, ich möchte doch einen
derheime, die zu mehr als 40°/o durch soziale Entsendestellen wie
Wohlfahrtsverbände, Krankenkassen, Fürsorgeverbände, Werks- Unterschied zwischen einem Kinderheim und einem
fürsorgen, Gesundheitsämter und dergleichen belegt werden, Krankenhaus beibehalten wissen. Aber die Frage
gegenüber den gemeinnützigen Kinderheimen und den Kinder-
heimen der öffentlichen Hand im Wettbewerb benachteiligt sind? als solche kann durchaus geprüft werden.
Der Fragesteller wird durch den Abgeordneten Dürr
vertreten. Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe die zweite
Frage des Abgeordneten Eisenmann auf, Frage IV/2:
Bitte, Herr Minister.
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um Ungleichheiten
im Wettbewerb zwischen privaten und gleichartigen öffentlichen
Dr. Heck, Bundesminister für Familien- und und gemeinnützigen Kinderheimen zu beseitigen?
Jugendfragen: Von gleichen Wettbewerbsbedingun- Auch hier wird der Fragesteller durch den Abge-
gen kann nur bei vergleichbaren Einrichtungen ge- ordneten Dürr vertreten.
sprochen werden. In der Fragestellung werden aber
Bitte, Herr Minister!
Einrichtungen, deren Ziel auf einen Erwerb gerichtet
ist, den gemeinnützigen Einrichtungen der privaten
und der öffentlichen Hand gegenübergestellt. Die Heck, Bundesminister für Familien- und Jugend-
Bundesregierung ist der Auffassung, daß zwischen fragen: Da zur Zeit die privaten Kinderheime hin-
beiden eine Wettbewerbssituation gar nicht beste- sichtlich der Wettbewerbsbedingungen nicht die not-
hen kann. wendigen vergleichbaren Voraussetzungen erfüllen,
kann von einer Benachteiligung im Wettbewerb
nicht gesprochen werden. Die Bundesregierung ver-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage. mag daher zur Zeit auch keine gesetzgeberischen
Maßnahmen zugunsten dieser kommerziell arbei-
Dürr (FDP) : Herr Minister, beharren Sie auf tenden Kinderheime vorzuschlagen.
Ihrer Antwort, nachdem gemeinnützige Kranken-
anstalten und private Krankenanstalten auch mit-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage!
einander verglichen werden, wenn man den privaten
Krankenanstalten Steuererleichterungen gewährt,
sofern sie zu mehr als 40% Patienten aus der Dürr (FDP) : Herr Minister, darf ich aus Ihrer
Sozialversicherung haben? Antwort auf meine zweite Zusatzfrage zur vorheri-
gen Frage entnehmen, daß Sie das Problem noch
einmal prüfen werden?
Dr. Heck, Bundesminister für Familien- und
Jugendfragen: Die Wettbewerbssituation, von der
Heck, Bundesminister für Familien- und Jugend-
hier gesprochen worden ist, scheint mir deswegen
fragen: Jawohl.
nicht gegeben zu sein, weil die Gemeinnützigkeit,
die bestimmte Vergünstigungen — insbesondere
steuerlicher Art — zuläßt, nach der Gemeinnützig- Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
keitsverordnung an zahlreiche Einschränkungen ge- Herr Minister. Ich rufe auf die Frage unter V —
knüpft ist. Solche gemeinnützigen Einrichtungen Geschäftsbereich des Bundesministers für wissen-
müssen ausschließlich und unmittelbar gemeinnüt- schaftliche Forschung —, gestellt von der Abgeord-
zigen Zwecken dienen. Sie müssen dies in ihrer neten Frau Dr. Maxsein:
Satzung festlegen und ihre Geschäftsführung ent- Bis wann kann mit der Ratifizierung des im Rahmen der OECD
abgeschlossenen Ü bereinkommens über die Haftpflicht auf dem
sprechend einrichten. Etwaige Gewinne dürfen nur Gebiet der Atomenergie und des Zusatzabkommens gerechnet
werden?
für gemeinnützige Zwecke verwandt werden. Mit-
glieder dieser gemeinnützigen Einrichtungen dürfen Herr Staatssekretär, bitte!
keinen Gewinnanteil oder sonstige Zuwendungen
erhalten. Bei Auflösung muß das Vermögen, das die Dr. Cartellieri, Staatssekretär im Bundesmini-
Einlagen der Mitglieder übersteigt, steuerbegünstig-
sterium für wissenschaftliche Forschung: Zu dem im
ten Zwecken zugeführt werden. Rahmen der früheren OEEC jetzt OECD — am
—
Ich vermag nicht zu beurteilen, Herr Abgeord- 29. Juli 1960 abgeschlossenen Übereinkommen über
neter, ob in dem Fall, den Sie jetzt im Auge haben, die Haftung gegenüber Dritten auf dem Gebiet der
entsprechende Voraussetzungen geschaffen worden Kernenergie wurde am 31. Januar 1963 von den 16
sind. europäischen OECD-Mitgliedstaaten ein Zusatzab-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2809
Staatssekretär Dr. Cartellieri
kommen abgeschlossen, das von der Bundesregie- hat, wird es sich mit den beteiligten deutschen
rung am 27. Februar 1963 unterzeichnet wurde. Stellen in Verbindung setzen. Auf jeden Fall wird
Beide Übereinkommen bilden sachlich eine Einheit dafür gesorgt werden, daß auch weiterhin eine sach-
und werden deshalb gemeinsam zur Ratifikation gemäße Vertretung der deutschen Interessen in der
vorgeschlagen werden. - UNESCO gewährleistet ist.
Insgesamt werden die beiden Übereinkommsn auf
europäischer Ebene einen ähnlichen Rechtszustand Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage?
herbeiführen, wie er in der Bundesrepublik bereits
auf Grund des seit mehr als drei Jahren geltenden Kahn-Ackermann (SPD) : Herr Staatssekretär,
Atomgesetzes besteht. Um jedoch zu gewährleisten, ist sich das Auswärtige Amt bei dieser Überlegung
daß sich aus den unterschiedlichen Formulierungen darüber im klaren, daß mit der Ablösung unseres
in den Übereinkommen und in den Haftungsvor- gegenwärtigen Vertreters im Exekutivrat zugleich
schriften des Atomgesetzes keine Widersprüche er- der Sitz im Exekutivrat in Frage gestellt ist, da die
geben, ist beabsichtigt, mit dem Entwurf des Rati- Bundesrepublik dort keinen ständigen Sitz hat?
fikationsgesetzes den Entwurf eines umfangreiche-
ren Änderungsgesetzes zum Atomgesetz zu verbin- Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
den, durch das , der Inhalt der Übereinkommen in Amts: Herr Abgeordneter, die Bundesregierung ist
das Atomgesetz eingearbeitet wird. Solche Über- sich über diese Problematik im klaren, und sie wird
arbeitungen erfordern eine gründliche Vorarbeit, bei Lösungen, die sie ins Auge faßt, dieser Proble-
insbesondere Abstimmung mit den beteiligten Wirt- matik Rechnung tragen.
schaftskreisen. Die besondere Schwierigkeit ist, tech-
nische Tatbestände in juristische Formulierungen Vizepräsident Dr. Dehler: Ich rufe auf Frage
umzusetzen. Nach den bisherigen Erfahrungen wird VI/3 — des Herrn Abgeordneten Hansing — :
das noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Ist die Bundesregierung bereit, mit der dänischen Regierung in
Verhandlungen zu treten, um zu verhindern, daß die Absicht
verwirklicht wird, am 1. April 1963 die grönländischen Fischerei-
grenzen von drei auf zwölf Seemeilen zu erweitern?
Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
Herr Staatssekretär. Bitte, Herr Staatssekretär.
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts-
bereich des Auswärtigen Amts. Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen
Amts: Ich darf die Frage des Herrn Abgeordneten
Die Frage des Abgeordneten Dr. Friedensburg,
Hansing wie folgt beantworten.
Frage VI/1, ist zurückgezogen.
Ich rufe die von dem Abgeordneten Kahn-Acker- Die Bundesregierung beabsichtigt, mit der däni-
mann gestellte Frage VI/2. auf: schen Regierung wegen der Erweiterung der
Fischereigrenze vor Grönland auf 12 Seemeilen Ver-
Trifft es zu, daß beabsichtigt ist, den gegenwärtigen deutschen
Vertreter im Exekutivrat der UNESCO abzulösen? handlungen zu führen. In der völkerrechtlichen
Frage der einseitigen Ausdehnung der Fischerei-
Bitte, Herr Staatssekretär! zonen vertreten die beiden Regierungen verschie-
dene Rechtsstandpunkte. Nach wie vor ist die Bun-
Dr. Carstens, Staatssekretär des Auswärtigen desregierung der Auffassung, daß jede einseitige
Amts: Ich darf die Frage des Abgeordneten Kahn- Maßnahme von Staaten, ihre Jurisdiktion über
Ackermann wie folgt beantworten. 3 Seemeilen hinaus zu erweitern, nicht dem gelten-
Für das Auswärtige Amt besteht ein organisa- den Völkerrecht entspricht. Diese Haltung der Bun-
torisches Problem. Bevor Professor von Simson zum desregierung ist der dänischen Regierung bekannt.
deutschen Mitglied des Exekutivrates der UNESCO Demgegenüber hält sich die dänische Regierung je-
gewählt wurde, hatte diesen Sitz eine Persönlichkeit doch für befugt, die Fischereizone vor den Küsten
inne, die nicht Angehöriger des Auswärtigen Dien- Grönlands ab 1. April 1963 zu erweitern. Zur Wah-
stes war. Herr von Simson ist Angehöriger des rung ihrer Rechtsauffassung wird die Bundesregie-
Auswärtigen Dienstes. Er ist als Botschaftsrat rung deshalb, wie sie es unter anderem auch schon
I. Klasse der Botschaft in Paris zugeteilt. Eine Plan- gegenüber Dänemark bei der Erweiterung der
stelle steht bei der Botschaft hierfür jedoch nicht Fischereigrenze um die Faröer und gegenüber Is-
zur Verfügung. Herr von Simson wird vielmehr auf land und Norwegen getan hat, der dänischen Regie-
der Planstelle geführt, die für den Leiter der Wirt- rung gegenüber zum Ausdruck bringen, daß sie die
schaftsabteilung der Botschaft in Paris vorgesehen beabsichtigte dänische Maßnahme als nicht mit dein
ist. Völkerrecht vereinbar ansieht.
Das Problem, das sich dem Auswärtigen Amt Die Bundesregierung ist sich der Bedeutung der
stellt, ist daher, eine Lösung zu finden, die es ver- möglichen Konsequenzen, die die beabsichtigte dä-
hindert, daß mit Rücksicht auf eine angemessene nische Maßnahme für die deutsche Hochseefischerei
Vertretung der Bundesrepublik im Exekutivrat der und für die deutsche Fischwirtschaft haben wird,
UNESCO eine für andere Zwecke vorgesehene Plan- voll bewußt. Sie prüft daher zur Zeit, auf welche
stelle der Besoldungsgruppe A 16 dauernd blockiert Weise die historischen Rechte der deutschen Hoch-
wird. Welche Lösung sich hier finden läßt, ist im seefischer vor der grönländischen Küste in ange-
Augenblick noch nicht zu übersehen. Sobald sich das messener Form gesichert werden können. Die Bun-
Auswärtige Amt darüber eine Meinung gebildet desregierung hofft, in Verhandlungen mit der däni-
2810 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Vizepräsident Dr. Dehler: Keine weiteren Zu- Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich glaube
satzfragen. nicht, Herr Kollege, daß das eine ungewöhnliche
Laufbahn ist. Saevecke ist mit der Primareife abge-
Ich rufe auf Frage VII/2 — des Herrn Abgeord- gangen und wollte Seeoffizier werden. Er mußte aus
neten Sänger — :
Gesundheitsgründen nach dreijähriger Tätigkeit den
War der Bundesregierung bei der Einstellung des Regierungs- Beruf als Seemann aufgeben und ist im Jahre 1934
kriminalrates Theo Saevecke in das Bundeskriminalamt bekannt,
daß Herr Saevecke nicht nur den Rang eines SS-Sturmführers, als Kriminalkommissaranwärter eingetreten. Nach
sondern vorher bereits den eines SA-Sturmführers z. b. V.
bekleidet hatte? gut bestandener Prüfung wurde er 1937 Hilfskrimi-
nalkommissar und im Jahre 1938 Kriminalkommissar.
Bitte, Herr Minister. Bis zum Jahre 1945 wurde Saevecke nur ein einziges
Mal, nämlich 1943 zum Kriminalrat, befördert, der
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich darf dem heutigen Kriminalhauptkommissar nach der
die Frage mit Ja beantworten. Der Bundesregierung Besoldungsgruppe A 11 entspricht. Nach dem Kriege
war dieser Umstand aus den Akten, aus den Per- wurde Saevecke wegen guter Leistungen im Jahre
sonal- und Entnazifizierungsakten, bekannt. 1956 zum Regierungskriminalrat nach der Besol-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2811
Bundesminister Höcherl
dungsgruppe A 13 befördert. Diese Laufbahn ist für Vizepräsident Dr. Dehler: Frage VII/3 — des
einen befähigten Beamten eher als bescheiden denn Herrn Abgeordneten Sänger —:
als ungewöhnlich oder schnell zu bezeichnen. War der Bundesregierung bei der Erteilung des Auftrages an
den Regierungskriminalrat Theo Saevecke, das Referat Hoch-
und Landesverrat in der Sicherungsgruppe Bonn des Bundes-
kriminalamtes zu übernehmen, bekannt, daß Herr Saevecke erst
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage am 1. Oktober 1934 Polizeibeamter geworden ist und vorher
einen anderen Beruf ausübte?
des Herrn Abgeordneten Dr. Kohut.
Dr. Kohut (FDP) : Herr Minister, ist schon ein- zuständigen Ausschusses dieses Hohen Hauses
mal geprüft worden, ob nicht in unserer Verwaltung sichergestellt, daß bei der Bewilligung von Aus-
Personen sitzen, die aus eigener guter Kamerad- nahmen großzügig verfahren wird. Hierzu gehört
schaft — SA, SS und so etwas — die Leute nach- auch der Fall eines Wohnsitzes in den EWG-Ländern.
ziehen, die jetzt in unserer Verwaltung so unan- Die Regelung des § 159 des Bundesbeamtengesetzes
genehm auffallen? erfaßt alle Länder; eine gesetzliche Sonderregelung
(Beifall bei der SPD.) für die EWG-Länder hätte schwierige politische
Rücksichtnahmen auf andere Länder zur Folge.
Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Kol- Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage.
lege, eine solche Prüfung ist sehr schwer. Wir sind
bereit, in dem Augenblick, in dem wir über die bis-
herigen Feststellungen hinaus — wobei wir heute Hammersen (FDP) : Herr Minister, ist die Bun-
die Zentralstelle in Ludwigsburg zusätzlich einsetzen desregierung bereit, jedenfalls die Verwaltungsvor-
können — etwas erfahren, jeder Anregung nach- schriften zu § 159 des Bundesbeamtengesetzes als-
zugehen. Aber eine solche allgemeine Prüfung, wie bald in dem Sinne zu ändern, daß es bei Wohnsitz
Sie sich das vorstellen, wer wen nachzieht und wo oder dauerndem Aufenthalt eines Versorgungsbe-
das der Fall ist, halte ich für verwaltungsmäßig doch rechtigten in einem der EWG-Länder keines Antra-
recht kompliziert. Eine solche Frage ist aus wenig ges bedarf, um das Ruhen der Versorgungsbezüge
Verwaltungserfahrung heraus gestellt. auszuschließen?
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Frage, Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Kol-
Herr Abgeordneter Dr. Kohut. lege, ich bin der Meinung, daß wir das nicht auf die
EWG-Länder beschränken können — aus den Grün-
den, die ich soeben angeführt habe —; aber ich
Dr. Kohut (FDP) : Herr Minister, sind Sie davon stehe einer solchen Ergänzung grundsätzlich auch
überzeugt, daß diese Antwort hundertprozentig zu- für die übrigen Ländern durchaus wohlwollend ge-
trifft? genüber.
(Lachen bei der SPD.)
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu-
Höcherl, Bundesminister des Innern: Immer, satzfrage.
Herr Kollege!
Hammersen (FDP) : Darf ich aus dieser Antwort
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage schließen, Herr Minister, daß Sie nicht mit mir der
des Abgeordneten Ertl. dem. § 159 des Bun- Meinugsd,aßchbei
desbeamtengesetzes trotz der Möglichkeiten der
Ertl (FDP) : Herr Minister, sind Sie nicht auch der Verwaltungsvorschriften, Ausnahmen großzügig zu-
Auffassung, daß mit der Entnazifizierung Schluß zulassen, doch um eine mit dem Geist des EWG-
sein sollte, soweit es sich nicht um kriminelle Delikte Vertrages nicht zu vereinbarende Vorschrift han-
handelt? delt?
Höcherl, Bundesminister des Innern: Ich bin Höcherl, Bundesminister des Innern: Nein. Ich
ganz Ihrer Meinung. bin der Meinung, daß Ihrem Anliegen durch die
Verwaltungsvorschriften und deren Handhabung
jetzt schon durchaus Rechnung getragen werden
Vizepräsident Dr. Dehler: Frage VII/4 — des kann und daß man das noch verbessern sollte in
Herrn Abgeordneten Hammersen —:
dem Sinne, wie Sie angeregt haben.
Wann beabsichtigt die Bundesregierung eine Novellierung des
§ 159 des Bundesbeamtengesetzes in der Richtung vorzunehmen,
daß diese mit dem Geist und der Zielsetzung des EWG-Vertrages
nicht zu vereinbarenden Bestimmungen dann keine Anwendung Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage
finden, wenn der Versorgungsberechtigte seinen Wohnsitz in des Herrn Abgeordneten Dr. Mommer.
einem der Länder des Gemeinsamen Marktes nimmt?
Bitte, Herr Minister! Dr. Mommer (SPD) : Herr Minister, meinen Sie
nicht, daß eine solche Bestimmung auch mit den
Höcherl, Bundesminister des Innern: Die Bun- Freizügigkeitsbestimmungen innerhalb der EWG
desregierung beabsichtigt nicht, eine Novellierung unvereinbar ist, selbst dann, wenn es sich um ehe-
des § 159 des Bundesbeamtengesetzes vorzuschlagen, malige Arbeitskräfte handelt?
weil die jetzige Fassung durchaus die Berücksichti-
gung der Zielsetzung des EWG-Vertrages zuläßt. Höcherl, Bundesminister des Innern: Das werde
Das Gesetz läßt Ausnahmen von dem Ruhen der ich prüfen, Herr Kollege.
Versorgungsbezüge zu, solange der Versorgungs-
berechtigte seinen Wohnsitz im Ausland hat. Durch
die Verwaltungsvorschriften zu § 159 des Bundes- Vizepräsident Dr. Dehler: Ich danke Ihnen,
beamtengesetzes ist entsprechend dem Wunsche des Herr Minister.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2813
geordneten Wittrock —: Warum ist die Vorlage des Entwurfs eines Straftilgungsgeset-
zes bisher unterblieben, obgleich die Bundesregierung gemäß den
Trifft es zu, daß das wiederholt von dem Bundesjustizminister Ausführungen des Staatssekretärs im Bundesjustizministerium in
angekündigte Gutachten des Bundesgesundheitsamtes zu der der Fragestunde des Bundestages vom 14. März 1962 der Hoff-
Frage, welcher Blutalkoholgehalt eine Beeinträchtigung der Fahr- nung Ausdruck gegeben hatte, spätestens bis zum Juli 1962 einen
tüchtigkeit begründet, inzwischen dem Bundesjustizminister vor- solchen Gesetzentwurf den gesetzgebenden Körperschaften zu-
gelegt worden ist? leiten zu können?
Dr. Bucher, Bundesminister der Justiz: Wir sind Wittrock (SPD) : Herr Minister, würden Sie es
glaube ich, nicht in der Lage, der Wissenschaft eine für zweckmäßig und empfehlenswert halten, die
Frist zu setzen. Aber ich habe die bestimmte Erwar- etwaigen Gesetzentwürfe, unabhängig von der Ar-
tung, daß diese anderen Gutachten noch vor der beitslage des Bundestages, frühzeitig zu veröffent-
Sommerpause eingehen und dann insgesamt auch lichen, damit sich eine Diskussion darüber ent-
veröffentlicht werden können. wickeln kann, zumal dieses Sachgebiet — also vom
2814 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Wittrock
rein Sachlichen her gesehen — in einem gewissen Für das Jahr 1962 liegen noch keine Zahlen vor,
Zusammenhang zu den Grundzielen der Strafrechts- weil der Lohnsteuerjahresausgleich noch nicht abge-
reform steht? schlossen ist.
In den vorbezeichneten Beträgen sind Erstattun-
Dr. Bucher, Bundesminister der Justiz: Ich gen und Aufrechnungen, die beim Lohnsteuer-
glaube, mein Haus ist dafür bekannt, daß es im jahresausgleich durch die Arbeitgeber erfolgt sind,
allgemeinen großzügig im Hinblick auf die Ver- nicht enthalten, weil hierüber Statistiken nicht vor-
öffentlichung von fertiggestellten Entwürfen ver- liegen und auch nicht möglich sind.
fährt. Es ist auch in diesem Fall damit zu rechnen,
daß der Entwurf, wenn er fertiggestellt ist, veröf- Vizepräsident Dr. Dehler: Wir kommen zur
fentlicht wird.
Frage IX/2 — des Herrn Abgeordneten Ertl —:
Wann ist damit zu rechnen, daß das Rasthaus am Chiemsee
von den verbündeten Streitkräften freigemacht wird und für
Vizepräsident Dr. Dehler: Wir kommen zur deutsche Touristen wieder zur Verfügung steht?
Frage VIII/3 — der Abgeordneten Frau Dr. Max-
sein —: Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
Welches ist der gegenwärtige Stand der Ratifizierung des
Europäischen Übereinkommens vom 20. April 1959 über die der Finanzen: Das Rasthaus am Chiemsee ist seit
obligatorische Haftpflichtversicherung für Kraftfahrzeuge, für dem Ende des 2. Weltkrieges von den amerikani-
das nach Auskunft des Bundesjustizministeriums in der Frage-
stunde vom 7. Dezember 1961 der Entwurf des Zustimmungsgeset- schen Streitkräften in Anspruch genommen.
zes bereits vor mehr als einem Jahr fertiggestellt war?
Die Liegenschaft, die Eigentum der Bundesrepu-
Bitte, Herr Minister! blik ist, dient .den Angehörigen der amerikanischen
Streitkräfte als Erholungszentrum; sie wird entspre-
Dr. Bucher, Bundesminister der Justiz: Der Ent- chend den Bestimmungen des Truppenvertrages un-
wurf eines Zustimmungsgesetzes zu dem Europäi- entgeltlich genutzt.
schen Übereinkommen vom 20. April 1959 über die Die amerikanischen Streitkräfte haben für das
obligatorische Haftpflichtversicherung für Kraft- Rasthaus am Chiemsee einen Dauerbedarf geltend
fahrzeuge ist bereits seit längerer Zeit fertiggestellt. gemacht, so daß den vielfachen Freimachungsbemü-
Da aber das Übereinkommen eine Reihe von Ände- hungen der Bundesregierung und ,der Regierung des
rungen des deutschen Rechts erforderlich macht, die Freistaates Bayern kein Erfolg beschieden war.
innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach dem
Hierüber hat die Bundesregierung das Hohe Haus
Wirksamwerden des Übereinkommens durchge-
schon mit Schreiben vom 24. November 1960 —
führt sein müssen, muß zusammen mit diesem Zu-
Drucksache 2251 der 3. Wahlperiode — ausführlich
stimmungsgesetz ein Gesetz zur Durchführung des
Übereinkommens vorgelegt werden. Auch die Ar- unterrichtet. Der Bedarf der amerikanischen Streit-
beiten an diesem Gesetz sind weit fortgeschritten kräfte an der Nutzung der Anlage besteht auch
und werden nach Eingang der noch ausstehenden heute unverändert weiter. Er wird jetzt auch damit
Stellungnahmen der betroffenen Behörden und Ver- begründet, daß in den Erholungszentren der ameri-
bände voraussichtlich bald abgeschlossen werden kanischen Streitkräfte in den Gebieten um Gar-
können. Ich hoffe daher, daß die Gesetzentwürfe misch-Partenkirchen und Berchtesgaden inzwischen
noch in diesem Jahr dem Bundeskabinett vorgelegt Einschränkungen erfolgt sind. Sofern nicht beson-
werden können. dere Umstände eintreten, kann daher in absehbarer
Zeit nicht damit gerechnet werden, daß das Rast-
haus am Chiemsee wieder dem deutschen Reisever-
Vizepräsident Dr. Dehler: Keine Zusatzfrage. kehr zugänglich gemacht werden kann.
Die Frage VIII/4 — des Herrn Abgeordneten
Jahn — wird am Freitag aufgerufen und vom Mini- Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage!
ster beantwortet werden.
Wir kommen zu den Fragen aus dem Geschäfts- Ertl (FDP): Herr Staatssekretär, gedenkt die Bun-
bereich des Bundesministers der Finanzen, zunächst desregierung am Chiemsee oder in der Nähe des
zur Frage IX/1 — des Herrn Abgeordneten Porten, Chiemsees für die deutschen Touristen ein neues
der durch Herrn Abgeordneten Riedel vertreten Rasthaus oder eine geeignete Raststätte zu errich-
wird —: ten?
Wie hoch waren die Steuerrückerstattungen aus dem Lohn-
steuerjahresausgleich in den letzten drei Jahren? Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
der Finanzen: Herr Abgeordneter, nicht gerade am
Bitte, Herr Staatssekretär! Chiemsee! Wir sind der Meinung, daß an der Auto-
bahnstrecke München—Salzburg bzw. Berchtesgaden
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums genügend Rasthäuser vorhanden sind: das Rasthaus
der Finanzen: Zahlenangaben liegen nur über die Autobahnausfahrt Holzkirchen, das Rasthaus mit
von den Finanzämtern bearbeiteten Lohnsteuer- Motel Irschenberg, die Raststätte Siegsdorf, die
Jahresausgleichsanträge vor. Von den Finanz- Raststätte Freilassing sowie die Raststätte bei Bad
ämtern sind erstattet worden: für das Jahr 1959 Reichenhall. Außerdem ist auf der Strecke der Inn-
rund 637 Millionen DM, für das Jahr 1960 rund tal-Autobahn bei der Abzweigung bei Rosenheim
897 Millionen DM und für das Jahr 1961 rund 1,1 der Bau eines Rasthauses an einem kleinen See
Milliarden DM. bereits eingeplant.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2815
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Zu- Die Ausgangslage des Fonds im Jahre 1963 ist
satzfrage! von vornherein wesentlich ungünstiger: Die laufen-
den Einnahmen sind rückläufig; das ist teilweise
durch vorausgehende Ablösungen veranlaßt. Die
Ertl (FDP) : Herr Staatssekretär, warum benutzen Sondereinnahmen fallen weg. Der Vorgriff auf die
die Amerikaner nicht die allgemeinen Hotels, die Einahme1963vrküztugmäßdienochvr-
im Raume des Chiemsees für den Reisestrom zur fügbaren Ausgabemittel. Rückzahlungsverpflichtun-
Verfügung stehen, und warum beanspruchen sie gen aus den Vorfinanzierungsmaßnahmen der Vor-
ausgerechnet dieses für die Touristik so bedeutungs- jahre werden jetzt fällig.
volle Objekt ausschließlich für sich?
In Würdigung dieser Schwierigkeiten hat die Bun-
desregierung trotz gewisser Bedenken den Kredit-
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums rahmen, der in den Vorjahren mit 300 Millionen DM
der Finanzen: Herr Abgeordneter, das Rasthaus gezogen war, bis zur Höhe von 500 Millionen DM
Chiemsee ist von den amerikanischen Streitkräften, erhöht. Sie hat ferner vor einigen Wochen im Wege
nachdem es in Benutzung genommen worden ist, für der Rechtsverordnung die Möglichkeit der Erfül-
ihre Zwecke weitgehend ausgebaut und erweitert lung von Ansprüchen durch die Begründung von
worden. Bei der Beantwortung im Jahre 1960 hat Spareinlagen erheblich erweitert, so daß auf diesem
die Bundesregierung bereits darauf hingewiesen, Wege im Jahre 1963 bei einem Aufwand des Aus-
daß geprüft worden ist, ob nicht andere Möglich- gleichsfonds von nur 100 Millionen DM nunmehr
keiten vorhanden sind, ob z. B. nicht die Gesell- ein Mehrfaches dieses Betrages zusätzlich an An-
schaft für Nebenbetriebe bereit wäre, das Rasthaus sprüchen erfüllt werden kann. Soweit meine allge-
Chiemsee wieder zu übernehmen. Es hat sich erwie- meinen Vorbemerkungen.
sen, daß ein Interesse an diesem Rasthaus nicht vor- Zu der speziellen Frage, Herr Abgeordneter Krü-
handen war, weil es zu aufwendig und für die ger, ob der Kreditrahmen für den Ausgleichsfonds
Zwecke .des normalen Verkehrs auf der Autobahn 1963 über 500 Millionen DM hinaus weiter erhöht
nicht so geeignet ist, wie es wünschenswert wäre. werden kann — nach Ihren Vorstellungen ja offen-
bar auf 700 Millionen DM —, vermag ich im gegen-
Vizepräsident Dr. Dehler: Frage IX/3 — des wärtigen Zeitpunkt eine befriedigende Antwort lei-
Herrn Abgeordneten Krüger —:
der nicht zu geben. Der Präsident der Deutschen
Bundesbank hat gerade in diesen Tagen dringend
Glaubt die Bundesregierung die für die Hauptentschädigungs-
auszahlung erforderlichen Vorfinanzierungsmittel in Höhe von davon abgeraten, in dieser Beziehung zur Zeit eine
insgesamt 700 Millionen DM rechtzeitig beschaffen zu können? Zusage zu machen, zumal der eigene Kreditbedarf
des Bundes noch nicht übersehbar ist. Die weitere
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums Entwicklung wird jedoch von der Bundesregierung
der Finanzen: Die Beantwortung dieser Frage erfor- beobachtet und auf etwaige weitere Möglichkeiten
dert — auch im Hinblick auf die folgenden Fragen der Vorfinanzierung laufend geprüft werden.
des Herrn Abgeordneten Dr. Czaja — einige Vor-
bemerkungen, die ich vorausschicken möchte, da- Vizepräsident Dr. Dehler: Herr Abgeordneter
mit Wiederholungen vermieden werden. Krüger, eine Zusatzfrage!
Die Bundesregierung hat bereits bei früheren An-
lässen vielfach zu erkennen gegeben, daß die be- Krüger (CDU/CSU) : Ist man bei diesen Er-
schleunigte Abwicklung der Hauptentschädigung ihr wägungen davon ausgegangen, daß der Kontroll
ganz besonderes Anliegen ist. Diese beschleunigte ausschuß vorgeschlagen hat, 700 Millionen DM Vor-
Abwicklung verdient sogar den Vorrang vor einer finanzierungsmittel zur Verfügung zu stellen?
an sich wünschenswerten weiteren Verbesserung
der Leistungen, weil jede Änderung zwangsläufig Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
den Ablauf verzögert. Diese Auffassung besteht der Finanzen: Herr Abgeordneter Krüger, mir ist
nach wie vor fort. bekannt, daß der Kontrollausschuß und der Beirat
700 Millionen DM genannt haben. Diese 700 Mil-
Nun hat der Lastenausgleichsfonds im Jahre 1962
lionen DM beruhen aber nicht etwa auf einem ge-
bekanntlich außergewöhnlich hohe Auszahlungen
nau ermittelten Bedarf, sondern auf einer Schät-
an Hauptentschädigungen erbracht, nämlich 1619
zung. Wir sind zur Zeit, wie ich soeben sagte, nicht
Millionen DM gegenüber 1165 Millionen DM im
in der Lage, jetzt eine Erhöhung des Kreditrahmens
Jahre 1961. Von den Auszahlungen bis Ende 1962
des Fonds für 1963 von 500 auf 700 Millionen DM
entfällt über 1 Milliarde auf Ansprüche, die nach-
träglich durch die 14. Novelle zum Lastenausgleichs- zuzusagen.
gesetz begründet worden waren. Dieser hohe Aus-
gabenstand im Jahre 1962 konnte jedoch nur auf Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere
Grund besonderer Verhältnisse erreicht werden, vor Frage!
allem auf Grund sehr namhafter einmaliger Sonder-
einnahmen durch Ablösung von Abgabeverpflich- Krüger (CDU/CSU) : Sind bei den bisher zur Ver-
tungen sowie aber auch durch Vorgriffe auf Einnah- fügung gestellten 500 Millionen DM irgendwelche
- Erwägungen angestellt, bis zu welchem Zeitpunkt
men aus dem Jahre 1963, die bereits Ende 1962
durch die Länder vorfinanziert wurden. 1 diese Beträge zur Verfügung gestellt werden?
2816 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums einmal erwähnen: wir waren der Meinung, daß
der Finanzen: Wir hatten solche Erwägungen mit den wir Ende April/Mai darüber befinden könnten. Die
beteiligten Ressorts angestellt. Sie sind aber durch Situation ist aber durch das Schreiben des Präsi-
das von mir soeben erwähnte Schreiben des Prä- denten der Bundesbank geändert, der seine war-
sidenten der Bundesbank wieder etwas überholt. nende Stimme mit Rücksicht auf den anderen Be-
darf des Bundes erhoben hat. Darüber können wir
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage nicht hinweggehen. Wir hoffen aber, daß es recht-
des Abgeordneten Rehs. zeitig geschehen wird, so daß keine Unterbrechung
erfolgt.
Rehs (SPD) : Herr Staatssekretär, auch wenn die
Ursachen in die Zeit vor Ihrem Amtsbeginn zurück- Vizepräsident Dr. Dehler: Eine zweite Frage,
reichen: Warum konnte seitens der Bundesregierung Herr Abgeordneter Kuntscher!
nicht rechtzeitig dafür gesorgt werden, daß diese
Unterbrechung in den Hauptentschädigungszahlun- Kuntscher (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
gen, die sehr viel Unruhe und Sorge in den Ländern sehen Sie nicht ein, daß es durch die entstandene
bereitet hat, überhaupt nicht erst eintrat? Unruhe unbedingt notwendig ist, daß diese Mittel
so schnell wie möglich und ohne bürokratische
Hemmungen flüssig gemacht werden?
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
der Finanzen: Herr Abgeordneter, diese Frage hängt
bereits mit der nächsten offiziell gestellten Frage zu- Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
sammen. Ich darf sie vielleicht gleichzeitig damit der Finanzen: Ich bin mit Ihnen der Meinung, daß
beantworten. bürokratische Hemmungen dabei keine Rolle spie-
len sollten, kann aber nicht anerkennen, daß die
Erwägungen des Präsidenten der Bundesbank auf
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine weitere Frage. bürokratischen Überlegungen beruhen.
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums Dr. Czaja (CDU/CSU) : Darf ich, Herr Staats
der Finanzen: Wenn es Ihnen recht ist, darf ich sekretär, Ihre Antwort so verstehen, daß die dan-
vielleicht die Beantwortung der beiden Fragen IX/5 kenswerten Maßnahmen der Bundesregierung jetzt
und IX/6 zusammenfassen, weil diese beiden Fragen unmittelbar dazu führen werden, daß die Landesaus-
eng zusammenhängen. gleichsämter und die Ausgleichsämter, die die Aus-
zahlungen derzeit nicht vornehmen, in den nächsten
Tagen und Wochen die Auszahlungen auch bei
Vizepräsident Dr. Dehler: Einverstanden! Kleinbeträgen und insbesondere bei den ebenfalls
Dann rufe ich zusätzlich die Frage IX/6 — des Abge- eingestellten Eigentumsmaßnahmen wiederaufneh-
ordneten Dr. Czaja — auf: men können?
Ist sichergestellt, daß in gleichem Umfang wie bisher aner-
kannte und nach den Tatbeständen der Hauptentschädigungsan-
weisung auszahlungsreife Anträge auf Hauptentschädigung nach
normaler Bearbeitungszeit in den nächsten Wochen und Monaten
auch mit Barzahlungen bei allen Ausgleichsämtern bedient wer-
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums
den? der Finanzen: Ja, so will meine Antwort verstanden
sein.
Bitte, Herr Staatssekretär!
Grund, Staatssekretär des Bundesministeriums Vizepräsident Dr. Dehler: Wir sind jetzt am
der Finanzen: Der Bundesregierung ist bekannt, daß Ende der heutigen Fragestunde. Ich danke Ihnen,
die Folgerungen, die die Ausgleichsverwaltung aus Herr Staatssekretär.
der dargelegten zeitweisen Verknappung der Aus-
Die weiteren Fragen werden in der Freitagsitzung
gabemittel ziehen mußte, nicht immer auf Verständ-
beantwortet.
nis, sondern teilweise auf lebhafte Kritik der Ge-
schädigten und ihrer Verbände gestoßen sind. Die Meine Damen und Herren, wir haben die Ehre, den
Bundesregierung hat, wie bereits dargelegt, die ihr Herrn Präsidenten des Parlaments von Vietnam,
möglich und geeignet erscheinenden Maßnahmen Herrn Truong-Vinh-Le, in unserem Hause willkom-
ergriffen, um die Situation zu erleichtern und zu men zu heißen.
verbessern. 150 Millionen DM wurden bereits im (Beifall.)
Januar durch eine Anleihe der Lastenausgleichsbank
beschafft. Der inzwischen um 200 Millionen DM er- Wir freuen uns darüber. Ich hoffe, daß ihm auf sei-
höhte Kreditrahmen für 1963 soll im April oder im ner Reise durch Deutschland gute Eindrücke zuteil
Mai durch Ausgabe von Kassenobligationen ausge- werden.
füllt werden. Teilbeträge werden den Ausgleichs-
ämtern seit Februar hierauf laufend zugewiesen. Ich rufe auf Punkt 2 der Tagesordnung:
Der Zeitpunkt der Aufnahme der weiteren 150 Mil- Erste Beratung des von den Fraktionen der
lionen DM hängt, wie bereits ausgeführt, von der CDU/CSU, FDP eingebrachten Entwurfs eines
Lage am Kapitalmarkt ab und kann im Augenblick Zweiten Gesetzes zur Verlängerung der Gel-
noch nicht festgelegt werden. tungsdauer des Gesetzes über die Sicherstel-
Als Ihnen bekannt, Herr Abgeordneter, darf ich lung von Leistungen auf dem Gebiet der ge-
voraussetzen, daß in zunehmendem Maße neue Er- werblichen Wirtschaft (Drucksache IV/979).
füllungsmaßnahmen in den Vordergrund treten. Da- Es ist vorgesehen, daß der Entwurf an den Wirt-
bei möchte ich besonders darauf hinweisen, daß 1963 schaftsausschuß überwiesen wird. Besteht Einver-
erstmals Barzinsen zur Hauptentschädigung mit ständnis? — Ich stelle fest, daß so beschlossen ist.
einem geschätzten Betrag von 170 Millionen DM
bezahlt werden. Die Zinsen sind ein Teil der Haupt- Die zweite und dritte Beratung sollen am Freitag
entschädigung. Außerdem möchte ich auf die bereits erfolgen.
erwähnten erweiterten Möglichkeiten der Erfüllung
über die Begründung von Sparkonten hinweisen. Ich rufe dann auf Punkt 3 der Tagesordnung:
Die Ausgleichsverwaltung wird bemüht bleiben, Erste Beratung des von den Fraktionen der
diese neuen Erfüllungsmöglichkeiten mit den bis- CDU/CSU, SDP, FDP eingebrachten Entwurfs
herigen in Einklang zu bringen und dabei Härten eines Gesetzes zur Änderung der Finanz-
zu vermeiden. gerichtsordnung des Saarlandes (Drucksache
Die Knappheit an Mitteln ist jedenfalls — ich er- IV/995).
wähnte es schon — . zur Zeit erheblich geringer. Wie Auch hier ist unmittelbare Überweisung beabsich-
weit die Auswirkungen gehen, werden erst die prak- tigt, und zwar an den Rechtsausschuß — federfüh-
tischen Erfahrungen zeigen können, da es eine rend — sowie an den Finanzausschuß — mitbera-
Statistik der Erfüllungsfälle, in denen ein Antrag tend —. — Ich darf feststellen, daß so beschlossen
nach der Hauptentschädigungsweisung vorliegt und ist.
in denen ein solcher Antrag zu erwarten ist, nicht
gibt und wohl auch nicht geben kann. Der Tagesordnungspunkt 4 — zweite und dritte
Beratung des Entwurfs eines Gesetzes über die
- Handwerkszählung 1963 — soll nach einer inter-
Vizepräsident Dr. Dehler: Eine Zusatzfrage, fraktionellen Vereinbarung kurz zurückgestellt und
Herr Abgeordneter Czaja! später aufgerufen werden.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2819
Vizepräsident Dr. Dehler
Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung: Mündlicher Bericht des Haushaltsausschusses
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- (13. Ausschuß) (Drucksache IV/955)
desregierung eingebrachten Entwurfs eines (Erste Beratung 33. Sitzung).
Gesetzes über die Allgemeine Statistik in der Ich danke dem Herrn Berichterstatter, dem Abge-
Elektrizitäts- und Gaswirtschaft und die ordneten Dr. Conring.
Durchführung des Europäischen Industriezen-
sus in der Versorgungswirtschaft (Drucksache Wir treten in die Einzelberatung ein. Ich rufe
IV/877; Art. 1, 2 und 3 sowie Einleitung und Überschrift auf.
Wer zustimmt, gebe das Handzeichen. — Gegen-
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus- probe! — Enthaltungen? — Bei einer Enthaltung
ses (16. Ausschuß) (Drucksache IV/992) angenommen.
(Erste Beratung 54. Sitzung). Ich schließe die zweite Beratung und eröffne die
Ich danke dem Berichterstatter, Herrn Abgeord- dritte Beratung.
neten Stein. Wird eine Ergänzung des Berichts ge- Wer dem Gesetzentwurf zustimmt, erhebe sich. —
wünscht? — Das ist nicht der Fall. Gegenprobe! — Enthaltungen? — Ich darf einstim-
Wir treten dann in die Einzelberatung ein. Ich mige Annahme feststellen.
rufe auf die §§ 1,-2,-3,-4,-5,-6,-7,- Weiterhin ist über den Antrag des Ausschusses
8, — 9, — 10, — 11, — 12, — 13 — und 14 des Ent- abzustimmen, daß der Gesetzentwurf Drucksache
wurfs, — ferner Einleitung und Überschrift, — alle 436 durch den Ablauf des Haushaltsjahres für ge-
entsprechend dem Antrag des Ausschusses. Wer zu- genstandslos erklärt wird. Ich nehme an, daß die-
stimmt, gebe bitte ein Zeichen. — Ich bitte, das Zei- sem Antrag zugestimmt wird. — Kein Widerspruch.
chen zu wiederholen. — Gegenstimmen? — Keine
Gegenstimme. Enthaltungen? — Keine Enthaltung. Dann rufe ich Tagesordnungspunkt 8 auf:
Also einstimmige Annahme in der zweiten Beratung. Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
Ich schließe die zweite Beratung und eröffne die desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung vom 4. Oktober 1961
dritte Beratung.
der Satzung der Internationalen Atomkern-
Wir kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem Ge- energie-Organisation (Drucksache IV/852) ;
setz zustimmt, den bitte ich, sich zu erheben. —
Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Einstimmige An-
Atomkernenergie und Wasserwirtschaft (26.
nahme.
Ausschuß) (Drucksache IV/1007)
Ich rufe auf Punkt 6 der Tagesordnung: (Erste Beratung 54. Sitzung).
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- Ich danke der Berichterstatterin, Frau Abgeord-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines neten Geisendörfer. Eine Ergänzung des Schrift-
Zweiten Gesetzes zur Ergänzung des Gesetzes lichen Berichts wird nicht gewünscht.
über die Allgemeine Statistik in der Industrie Wir treten in die Einzelberatung ein. Ich rufe
und im Bauhauptgewerbe (Drucksache IV/878) ; Art. 1, Art. 2, Art. 3 sowie Einleitung und Über-
Schriftlicher Bericht des Wirtschaftsausschus- schrift nach dem Antrag des Ausschusses auf. Wer
ses (16. Ausschuß) (Drucksache IV/993) zustimmt, gebe bitte Zeichen. Gegenprobe! — Ent-
(Erste Beratung 54. Sitzung). haltungen? — Einstimmige Annahme.
Ich danke dem Berichterstatter, Herrn Abgeord- Ich schließe die zweite Beratung und eröffne die
neten Stein. dritte Beratung.
Eine allgemeine Aussprache wird nicht ge- Wer zustimmt, erhebe sich. Gegenprobe! — Enthal-
wünscht. Wir treten daher in die Einzelberatung tungen? — Einstimmige Annahme.
nach dem Antrag des Ausschusses ein. Ich rufe auf
Tagesordnungspunkt 9:
Art. 1, — Art. 2, — Art. 3, — Einleitung und Über-
schrift. — Wer zustimmt, gebe bitte ein Zeichen. — Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Einstimmige An- desregierung eingebrachten Entwurfs eines
nahme. Ersten Gesetzes zur Änderung und Ergän-
zung des Atomgesetzes (Drucksache IV/966) ;
Ich schließe die zweite Beratung und eröffne die
dritte Beratung. Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Atomkernenergie und Wasserwirtschaft (26.
Wer dem Gesetz in dieser Fassung zustimmt,
Ausschuß) (Drucksache IV/1008)
erhebe sich. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
Einstimmige Annahme. (Erste Beratung 60. Sitzung).
Ich danke dem Herrn Berichterstatter, Herrn Ab-
Ich rufe Punkt 7 der Tagesordnung auf: geordneten Memmel. Eine Ergänzung des Berichts
wird nicht gewünscht.
Zweite Beratung des von der Fraktion der
SPDeingbrachtEwufseGz Wir können dann in die Einzelberatung eintreten.
zur Änderung des Haushaltsgesetzes 1962 Ich rufe Art. 1, 2 und 3 sowie Einleitung und Über-
(Drucksache IV/436) ; schrift auf. Wer zustimmt, gebe bitte Zeichen. —
2820 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Meine Herren und Damen, ich habe Ihnen an (Abg. Dr. Schellenberg: Haben Sie die Aus-
einigen Beispielen die schweren Belastungen dieser führungen von Frau Döhring nicht gehört?)
Familien aufgezeigt. Sicherlich kennen auch Sie den — Jawohl, die habe ich gehört.
einen oder anderen traurigen Fall, und auch ich Im übrigen gibt es im Leben immer Schicksals-
könnte noch weitere hier nennen. Das würde jedoch schläge, die man nicht auf die Unfallversicherung
zu weit führen. Ich möchte annehmen, daß ich Ihnen und auf die Haftpflicht der Unternehmer abwälzen
mit den genannten Beispielen deutlich machen kann und darf. Es gibt Schicksalsschläge, die der
konnte, wie notwendig es auch aus menschlichen einzelne tragen muß. Wenn er sie nicht tragen kann,
und nicht zuletzt aus familienpolitischen Gründen muß eben die Allgemeinheit, die Gemeinschaft ein-
ist, nunmehr auch in der Unfallversicherung den treten, aber nicht die Unfallversicherung. Wir haben
Entschädigungsanspruch für Personen, die im Zu- dafür vorgesorgt durch ein entsprechendes Sozial-
stand des Nasciturus wissenschaftlich nachweisbar hilfegesetz.
geschädigt worden sind, zu schaffen.
Ich bitte Sie deshalb, den Antrag der SPD-Fraktion
Wir sollten also, meine Herren und Damen, da abzulehnen.
wir das Unfallversicherungsgesetz jetzt neu regeln,
das Problem des geschädigten Kindes nunmehr auch
im Bereich der Arbeitswelt aus all den angeführten Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der
Gründen und nicht zuletzt um der Gerechtigkeit Abgeordnete Börner.
gegenüber dem Kinde und der Familie willen heute
und hier regeln. Denn das Schicksal eines solchen Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
Kindes geht auf die Unfallgefährdung zurück, und ehrten Damen und Herren! Die Ausführungen des
hierfür hat die Unfallversicherung einzustehen. Herrn Kollegen Ruf von der CDU/CSU-Fraktion
Ich bitte Sie daher namens meiner Fraktion, dem veranlassen uns, noch einmal mit aller Deutlich-
keit darauf hinzuweisen, 'daß es hier nicht darum
Antrag Ihre Zustimmung zu geben.
geht, einen Schicksalsschlag in irgendeiner Form
(Beifall bei der SPD.) in diesem Gesetz zu umschreiben und eine ent-
sprechende Absicherung für die Schädigung einzu-
bauen.
Vizepräsident Dr. Dehler: Meine Damen und
Herren, ich unterbreche einen Augenblick die Be- Im Antrag der SPD ist klar der Kausalzusammen-
ratung des Unfallversicherungs-Neuregelungsgeset- hang zwischen dem Arbeitsunfall und der Schädi-
zes, um einen Irrtum zu beseitigen, der bei der gung des Nasciturus herausgestellt. Zum 'anderen
Behandlung des Punktes 7 — Gesetz zur Änderung wird — und das ist das Wesentliche — deutlich
des Haushaltsgesetzes 1962 — unterlaufen ist. Der - darauf Bezug genommen, daß die Beweislast bei
Gesetzentwurf sollte nur in zweiter, nicht in dritter dem geschädigten Elternteil dieses Kindes liegt. Es
Beratung behandelt und gemäß dem Antrag des Aus- kann hier also nicht davon gesprochen werden, daß
2824 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Börner
mit dieser Bestimmung eine Ausuferung des Sozial- gemäßen und schnellen Unfallbehandlung befähigt
staatsbegriffs des Grundgesetzes gewollt sei. sind, die die dazu notwendigen Einrichtungen haben
Gewollt ist in Anerkennung bestimmter Wand- und die zur Übernahme der damit verbundenen
lungen der modernen Industriegesellschaft und der Pflichten bereit sind. Bisher haben — und dieses
stärkeren Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte Verfahren würde nach der Ausschußvorlage eine
in der Industrie eine Absicherung gegen Unfälle gesetzliche Grundlage erhalten — die Berufsgenos-
bzw. Folgeerscheinungen für noch ungeborene Kin- senschaften aus einer größeren Anzahl gleich quali-
der, wie sie sich hin und wieder in den letzten fizierter Ärzte nur einen beschränkten Kreis aus-
Jahren herausgestellt haben. Ich weise nur dar- gewählt und zugelassen. Sie haben eine Bedürfnis-
auf hin, welche Auswirkungen die Beschäftigung prüfung für die ärztliche Versorgung angestellt.
mit Giftstoffen oder mit ionisierenden Strahlen un- Dabei konnte nicht immer vermieden werden, daß
ter Umständen auf noch ungeborene Kinder haben, neben sachgerechten auch sachfremde Erwägungen
um klarzumachen, um welches entscheidende Pro- Berücksichtigung fanden.
blem es sich hier handelt.
Mit dem Änderungsantrag auf Umdruck 172 wird
Ich bedaure sehr, daß die Koalitionsfraktionen die nach wie vor, sichergestellt, daß nur der zur Unfall-
Wichtigkeit dieses Punktes, auch in bezug auf die behandlung qualifizierte Arzt zugelassen wird. Er
Sicherung der Familie, die das Grundgesetz ein- muß auch entsprechend ausgestattet sein, und er
deutig fordert, nicht erkennen und glauben, unseren muß schließlich die mit der Unfallbehandlung ver-
Antrag ablehnen zu müssen. bundenen Pflichten übernehmen, wozu insbesondere
(Beifall bei der SPD.) die Dokumentation der Unfallfolgen gehört, die
wegen später möglicher Rentenauseinandersetzun-
gen unerläßlich ist. Die Voraussetzungen für die
Vizepräsident Dr. Dehler: Wir kommen zur ärztliche Zulassung bleiben also dieselben, wie sie
Abstimmung. Ich rufe auf den Änderungsantrag heute sind und wie sie wären, wenn die Ausschuß-
der Fraktion der SPD Umdruck 189 Ziffer 1 auf vorlage Gesetz würde. Auch fernerhin wird nach
Einfügung eines neuen § 548 a. Wer zustimmen dem Antrag ebenso wie nach der Ausschußvorlage
will, gebe bitte das Handzeichen. — Gegenprobe! verlangt, daß im Interesse einer optimalen Behand-
— Enthaltungen? — Wir müssen die Abstimmung lung der Unfallverletzten nur der wirklich qualifi-
wiederholen. Wer zustimmen will, den bitte ich, zierte, nur der befähigte Arzt zugelassen wird.
sich zu erheben. — Gegenprobe! — Der Antrag ist
abgelehnt. Es geht demnach bei dem Änderungsantrag allein
Ich rufe auf die §§ 549, — 550, — 551, — 552, — um die Frage, ob es nicht im Interesse des Heil-
552 a, — 553, — 554, --- 555 und 556. — Wer zu- verfahrens liegt, von der bisherigen Behandlung
stimmen will, gebe bitte das Handzeichen. — Ge- abzugehen und alle — nicht nur einen kleinen
genprobe! — Enthaltungen? — Einstimmige An- Kreis — befähigten Ärzte — aber auch nur diese —
nahme. an der Durchführung des Heilverfahrens zu betei-
ligen. Der Antrag auf Umdruck 172 bejaht das. Er
Der Herr Berichterstatter Abgeordneter Meyer will alle qualifizierten Ärzte unter den Vorausset-
(Wanne-Eickel) hat zu seinem Schriftlichen Bericht zungen, die im Antrag niedergelegt sind, zugelassen
eine Ergänzung zu den Ausführungen im Zusam- wissen.
menhang mit § 557 Abs. 2 a eingereicht. Sie lautet:
Bei der Beratung des Durchgangsarztverfahrens Gelegentlich wird als Begründung für eine Be-
ist auch das Werksarztproblem angesprochen schränkung der Zulassung durch die Berufsgenossen-
worden. Der Ausschuß ist zu der Auffassung schaften dargetan, dem einzelnen Unfallarzt müsse,
gekommen, daß bei der Bedeutung der Stellung um ihn mit der speziellen Aufgabe der Unfall-
der Werksärzte als Arbeitsmediziner eine be- behandlung vertraut zu halten, eine genügende
sondere gesetzliche Regelung getroffen werden Anzahl von Behandlungsfällen sichergestellt wer-
muß. den; er müsse, wie man sagt, in Übung bleiben.
Tatsache ist aber, daß die Arbeitsunfälle nur einen
Ich rufe § 557 auf. Hierzu liegen die Änderungs- Teil aller Unfälle darstellen. Bedauerlicherweise
anträge Umdruck 172 und Umdruck 189 Ziffer 2 vor. steigt die Zahl der Verkehrs-, Sport- und Haus-
Den Antrag auf Umdruck 172 begründet der Ab- unfälle, die nicht Arbeitsunfälle sind, ständig. Es
geordnete Dr. Hamm. Ich erteile ihm das Wort. wird wohl niemand so vermessen sein, zu behaup-
ten, daß die Behandlung dieser Unfälle, die nicht
Arbeitsunfälle sind, etwa minderer A rt sei, weil sie
Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Herr Präsi- von allen Chirurgen und allen Orthopäden und
dent! Meine Damen und Herren! Mit dem Ände- nicht nur von einem beschränkten Kreis ausgeführt
rungsantrag auf Umdruck 172, den ich begründen
werden könne. Uns scheint, Unterschiede vom Be-
möchte, soll eine Verbesserung des berufsgenossen- handlungserfolg her gesehen können in dieser Hin-
schaftlichen Heilverfahrens erreicht werden. Dazu
sicht nicht gemacht werden. Der Unfallarzt der
soll der Kreis der Ärzte, die an der Behandlung
gesetzlichen Unfallversicherung wird bei der hohen
Unfallverletzter mitwirken, sinnvoll erweitert wer-
Zahl aller Unfälle genügend laufende Erfahrung
den.
sammeln können, auch wenn in Zukunft alle quali-
Nach dem Antrag müssen in Zukunft alle die fizierten Ärzte zugelassen werden. Er wird auf dem
Ärzte zugelassen werden, die fachlich zu einer sach- laufenden bleiben. Das Heilverfahren wird nicht nur
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2825
Dr. Hamm (Kaiserslautern)
nicht eine Verschlechterung, sondern vielmehr eine hausarzt, der am Heilverfahren beteiligt war, nicht
Verbesserung erfahren. mehr zugelassen wurde, als er sich in eigener Praxis
niederließ. Er mußte zusehen, wie ein jüngerer Kol-
Wir sind der Meinung, es ist nicht zu verant-
lege aus dem gleichen Krankenhaus, der vorher
worten, den weiten Kreis wirklicher Befähigung und
nicht Unfallarzt war, nunmehr in der Nähe des Erst-
die große Erfahrung, die auf dem Facharztgebiet vor-
genannten eine Zulassung von der Berufsgenossen-
handen ist, dem Heilerfolg nicht nutzbar zu machen.
schaft erhielt.
Wir sind der Meinung, daß es nicht sinnvoll ist,
einen kleinen Kreis von Ärzten herauszunehmen Wenn man versucht, die ärztliche Versorgung
und im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung etwas aufzulockern, wird immer wieder eingewen-
zu Spezialisten zu machen und auf dem sonstigen det, man wolle den Berufsgenossenschaften und den
Arbeitsgebiet der Unfallmedizin diese Erfahrungen Versicherungsträgern das Recht der Selbstverwal-
des Arbeitsunfalls nicht zum Tragen kommen zu tung beschneiden. Meine Damen und Herren, der
lassen. Änderungsantrag bedeutet nicht, daß bestehende
Einrichtungen beseitigt und die Versicherungsträger
Es geht aber nicht nur um die sachgemäße Heil- aus ihrer gesetzlichen Verantwortung für die Durch-
behandlung allein — und in diesem Punkt unter- führung des Heilverfahrens entlassen werden sollen.
scheiden wir uns nicht von der bisherigen Regelung Diese Verantwortlichkeit soll vielmehr nach wie vor
und auch nicht von der Ausschußvorlage —, sondern bestehenbleiben. Einmal ergibt sich das schon aus
es geht auch um die möglichst bald nach dem Ar- der Gesetzesformulierung. Die beantragte Ergän-
beitsunfall einsetzende schnelle Behandlung. Da zung des § 557 Abs. 2 ordnet sich ohne logischen
sprechen die Erfahrungen gegen die bisherige Re- Bruch in die Formulierung der Ausschußvorlage ein.
gelung und gegen die Ausschußvorlage. Es kommt Es bleiben die Berufsgenossenschaften, die alle Maß-
insbesondere in verkehrsbelasteten Großstädten nahmen zu treffen haben, durch die eine möglichst
immer wieder vor, daß ein Unfallverletzter nicht schnell nach dem Arbeitsunfall einsetzende schnelle
schnell genug zum Arzt kommt, daß es nicht möglich und sachgemäße Heilbehandlung gewährleistet wird,
ist, möglichst bald nach dem Arbeitsunfall eine Be- wie es in Satz 1 des zweiten Absatzes des § 557
handlung einsetzen zu lassen. Es kommt immer wie- unverändert heißt.
der vor, daß ein Unfallverletzter, ein Schwerverletz-
ter an mehreren Krankenhäusern vorbeigefahren Hinzu kommt, daß im Abs. 2 a der Bestimmung
werden muß, die entsprechend qualifizierte Ärzte nochmals ausdrücklich die gesetzliche Verantwort-
beschäftigen, die auch die entsprechende Ausstattung lichkeit der Versicherungsträger für die Durchfüh-
haben, daß er zu einem dritten oder vierten Kran- rung der Heilbehandlung festgestellt ist. Zum ande-
kenhaus gefahren werden muß, weil nur dieses ren setzt die Zulassung nach wie vor einen Antrag
Krankenhaus Ärzte hat, die zu der Unfallbehandlung des Arztes an die Berufsgenossenschaft voraus.
zugelassen sind. Uns scheint, nur dadurch, daß man Nicht alle Ärzte, die fachlich befähigt sind, werden
alle qualifizierten Ärzte zur Unfallbehandlung zu- einen solchen Antrag stellen. Aber diejenigen, die
läßt, wird der Heilerfolg sichergestellt, nur dann einen Antrag stellen, müssen nach unserem Ände-
wird eine möglichst bald nach dem Arbeitsunfall rungsantrag zugelassen werden.
einsetzende Behandlung ermöglicht, und nur dann Nach wie vor wird die Berufsgenossenschaft nicht
erfolgt eine schnelle Behandlung im Interesse des anders als bisher zu prüfen haben, ob der Arzt die
Heilerfolges. im Änderungsantrag verlangten Voraussetzungen
Lassen Sie mich zur Begründung noch einen wei- der Zulassung erfüllt. Dem Versicherungsträger
teren Gesichtspunkt erwähnen, der sicherlich nicht bleibt also die Disposition über die Durchführung
gegenüber dem Interesse des Unfallverletzten im des Heilverfahrens. Er hat — wenn der Änderungs-
Vordergrund stehen darf. Ich bin der Meinung, daß antrag angenommen wird — lediglich nicht mehr
es aus allgemein rechtlichen, aus allgemein politi- die Möglichkeit, aus einer Anzahl gleichbefähigter
schen und aus gesundheitspolitischen Gründen be- Ärzte nur einige auszuwählen, sondern er muß einen
sonders wichtig erscheint, einen breiten Leistungs- Arzt zulassen, wenn dieser die Voraussetzungen
stand in der Unfallmedizin zu erreichen. Wir wün- erfüllt und einen Antrag stellt.
schen alle, daß ein Katastrophenfall nicht eintritt. Wir sind deshalb der Ansicht, daß das Zulassungs-
Aber wir müssen dafür gewappnet sein. Es ist einer verfahren im Sinne des Änderungsantrages aufge-
solchen Vorbereitung sicherlich nicht zuträglich, lockert werden muß. Ich bitte um Ihre Zustimmung
wenn nicht die Unfallmedizin insgesamt auf ein zu dem Änderungsantrag Umdruck 172.
höheres, auf ein noch besseres Niveau gehoben wird.
(Beifall bei Abgeordneten der Regierungs
Es ist auch nicht gerechtfertigt, aus einer Zahl parteien.)
gleich qualifizierter Ärzte nur einen kleinen Kreis
herauszunehmen und die anderen damit in einem Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der
gewissen Grade zu diskriminieren. Wir müssen im Abgeordnete Dr. Schmidt (Offenbach).
Interesse der gesamten Gesundheitsversorgung un-
serer Bevölkerung dafür Sorge tragen, daß auch der Dr. Schmidt (Offenbach) (SPD) : Herr Präsident!
ärztliche Stand entsprechend unserem Grundgesetz, Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich habe
entsprechend unseren rechtlichen Vorstellungen be- einen ähnlich gelagerten wie den von Herrn Dr.
handelt wird. Es ist nicht Theorie, was ich hier sage. - Hamm begründeten interfraktionellen Antrag zu
Es ist tatsächlich vorgekommen, daß ein Kranken- begründen, den wir allerdings für weitergehend
2826 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der stimmten Auflockerung einverstanden, weil zweifel-
Abgeordnete Porten. los erkannt worden ist, daß das Problem in einigen
Gebieten nicht ausreichend gelöst war.
Porten (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da- Ich darf insbesondere darauf hinweisen, daß sich
men und Herren! Lassen Sie mich Ihnen zu der im
die Entschließung des DGB-Kongresses im Herbst
Augenblick zur Entscheidung stehenden Frage zu-
1962 in Hannover auf ,den Standpunkt der Versicher-
sätzlich folgendes sagen. Jede Berufsausübung findet
ten in der Selbstverwaltung der Berufsgenossen-
dort ihre natürliche Grenze, wo gesetzliche Rege-
schaften gestellt hat Das hat wohl besonders seinen
lungen für bestimmte Sachgebiete aus wohlerwoge-
Grund darin, daß die Sozialpartner erkannt haben,
nen Gründen Abweichendes vorschreiben. Die Frei-
wie segensreich sich für die Verletzten die statistisch
heit des einzelnen kann sich aber nur ganz allgemein,
nachweisbaren Erfolge des berufsgenossenschaft-
also nur im Rahmen der durch die Gesetze
lichen Heilverfahrens ausgewirkt haben. Das über-
geschaffenen Rechts- und Gesellschaftsordnung aus-
geordnete Interesse an einer möglichst guten Hei-
wirken. Die Arztwahl wird auch von seiten der
lung des Verletzten geht, wie die Versicherten selbst
Berufsgenossenschaften grundsätzlich anerkannt und
anerkennen, einer unbeschränkten freien Arztwahl
gilt auch im Bereich der Unfallversicherung unter
all den Ärzten, die infolge ihrer beruflichen Aus- vor. Es ist doch wohl richtig, daß die Berufsgenos-
bildung und Qualifikation die notwendige persön- senschaften und damit die Wirtschaft die Folgen
liche Gewähr für beste unfallmedizinische Versor- einer guten oder schlechten ärztlichen Versorgung
gung bieten. Diese Voraussetzungen erfüllen die des Verletzten zu tragen haben, weil sie bei einer
Fachärzte, die auf Grund einer besonderen Ordnung schlechten Versorgung dem Verletzten auf Lebens-
und ihres Spezialkönnens und durch ihre laufende zeit eine entsprechend höhere Rente zahlen müssen.
praktische Erfahrung nachgewiesen haben, daß sie Auch diese Überlegungen tragen dazu bei, daß die
sich hierzu eignen. Berufsgenossenschaften um eine möglichst gute und
den modernsten Erkenntnissen entsprechende Heil-
Hier ist auch die Forderung zu stellen, daß wir behandlung besorgt sind. Sie dienen damit dem Ver-
im Heilverfahren die bestmögliche Versorgung letzten und entlasten die Wirtschaft von unnötigen
unserer Verletzten sicherstellen, damit auch durch Kosten.
das Heilverfahren die Erwerbsfähigkeit des ein-
zelnen wiederhergestellt wird. Es wird gesagt, daß Zur Frage des Katastropheneinsatzes möchte ich
es auch praktische Ärzte gebe, die chirurgisch aus- Ihnen sagen, daß wir es doch ablehnen sollten, die
gebildet seien. Das mag sein. Diese Ausbildung Verletzten als Übungsobjekte für mögliche Kata-
genügt aber nach meiner Auffassung nicht, sondern strophenfälle anzusehen.
angesichts der raschen Entwicklung ist eine ständige (Na, na! bei der SPD.)
spezielle Erfahrung erforderlich, um auf dem neue-
sten Stand zu bleiben. Eine Gewähr hierfür ist bei Im übrigen haben die Ärzte selbst vorgetragen, daß
den allgemein praktizierenden Ärzten aber wohl ständig soviel Unfälle außerhalb des Zuständigkeits-
hinsichtlich der Spezialfächer nicht immer gegeben. bereichs der Berufsgenossenschaften geschehen, daß
Vor allem aber, meine Damen und Herren, die- die notwendige Übung auf diesem Wege erworben
jenigen, die es angeht, — — werden könnte.
(Zuruf von der SPD: Also!)
Vizepräsident Dr. Dehler: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage? Alle fachlich geeigneten Ärzte sollen zugelassen
werden. Ich betone: fachlich geeignete Ärzte. Aber
Porten (CDU/CSU) : Bitte! ich darf darauf hinweisen, welche Folgen eine solche
Vorschrift praktisch haben wird, wie sie jetzt auf
Umdruck 172 beantragt wird. Daraus werden sich bei
Börner (SPD) : Herr Kollege Porten, ist Ihnen der Zulassung und bei der Entscheidung, wer zuge-
entgangen, daß der SPD-Antrag nicht von allgemein lassen wird, zweifellos zahllose Streitigkeiten erge-
praktizierenden Ärzten, sondern von fachlich vorge- ben. Damit tritt in dem guten Verhältnis zwischen
bildeten Ärzten spricht? Darf ich Ihre Argumentation den Berufsgenossenschaften und den ärztlichen Ver-
so verstehen, daß Sie die bisherige Praxis des D- bänden eine Störung der Beziehungen ein, was un-
Arzt-Verfahrens für ausreichend halten? weigerlich auch zu einer Verschlechterung des Kli-
mas zwischen Arzt und Berufsgenossenschaft führen
Porten (CDU/CSU) : Herr Kollege, das war eine wird. Dazu könnte es kommen, wenn der vorlie-
ganz allgemeine Bemerkung. Bei der Begründung gende Antrag angenommen wird. Ich bin 'daher der
Ihres Antrages habe ich sehr aufmerksam zugehört. Meinung, daß die im Ausschuß gefundene Formu-
Ich komme gleich auf diese Bemerkung zurück. Ich bin lierung insbesondere des Abs. 2 a) alle Möglichkei-
nämlich der Meinung, daß in der Selbstverwaltung ten bietet, die Wünsche, die 'die Ärzte vorgetragen
der Berufsgenossenschaft sowohl die Versicherten haben, zu erfüllen.
als auch die Arbeitgeber die freie Arztwahl auf dem (Beifall bei der CDU/CSU.)
Gebiete der Unfallversicherung nicht absolut wün-
schen, sondern mit aller Entschiedenheit die Auf-
rechterhaltung des berufsgenossenschaftlichen Heil- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr
verfahrens fordern. Sie sind ja doch mit einer be- Abgeordneter Jungmann.
2828 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Präsident! die dem Sinn nach mehr der Unfallversicherung
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich habe als der Krankenversicherung zukommen.
den Ausführungen meines Freundes Porten sehr
Solange die Aufgaben der Krankenversicherung
aufmerksam zugehört und glaube, daß seine Aus-
und der Unfallversicherung nicht eindeutig von-
führungen gegenüber den Rednern, die vorher ge-
sprochen haben, keine nennenswerten Unterschiede einander abgegrenzt werden können, müssen die da-
enthalten. Denn auch Herr Kollege Porten hat zum bei auftretenden Fragen durch das Zusammenwir-
Ausdruck gebracht, daß alle diejenigen Ärzte, die ken der Beteiligten geregelt werden. Nach dean
über die nötige Ausbildung verfügen, an der Be- Motto „Wer zahlt, schafft an" haben sich die Träger
handlung Unfallverletzter teilnehmen sollten. der Unfallversicherung in den vergangenen Jahr-
zehnten als Inhaber einer autonomen Monopolstel-
Die Unterschiede müssen also woanders liegen, lung; als Herr im Hause, wie sie es selbst ausge-
und ich glaube, Ihnen sagen zu können, wo sie drückt haben, gefühlt. Mit dem Recht des Auftrag-
liegen. Die Unterschiede liegen darin, daß nach der gebers, mit dem Recht des Herrn im Hause haben
bisherigen Gesetzgebung und auch nach dem, was sie eisern und unerbittlich insbesondere darauf be-
dieser Gesetzentwurf wieder vorschlägt, die Träger standen, daß nur sie zu bestimmen hätten, welcher
der Unfallversicherung die Heilbehandlung zwar Arzt mit der Behandlung Unfallverletzter beauf-
übernehmen können, aber sie nicht zu übernehmen tragt wird. Ich will mich hier nicht im einzelnen
brauchen. Übernehmen sie die Heilbehandlung, dann mit den Mißhelligkeiten beschäftigen, die sich aus
müssen sie auch die Kosten dafür übernehmen. dieser Situation ergeben. Sie haben viel böses Blut
Übernehmen sie die Heilbehandlung nicht, dann gemacht, aber wir sollten uns hier mit diesen mehr
trägt die Kosten die Krankenversicherung. emotionalen Fragen nicht befassen. Ich stehe im
Nun liegt in dieser Kann-Bestimmung insofern übrigen auch nicht an, so wie es mein Herr Vor-
aber doch auch ein Muß, als die Berufsgenossen- redner schon getan hat, an dieser Stelle festzustel-
schaften auch in Zukunft verpflichtet sein werden len, daß das, was von den Ärzten im bisherigen be-
und verpflichtet sein sollen, mit allen geeigneten rufsgenossenschaftlichen Heilverfahren geleistet wor-
Mitteln für die Wiederherstellung Unfallverletzter den ist, durchaus die Anerkennung auch dieses Hau-
zu sorgen. Die Berufsgenossenschaften haben also ses verdient. Es ist keineswegs optimal, was da ge-
in jedem Falle zu prüfen, wie sie dieser gesetzlichen leistet worden ist. Es kann schon allein deshalb
Vorschrift am besten gerecht werden können. In nicht optimal sein, weil den Unfallverletzten auf
früheren Jahrzehnten hat das Schwergewicht dieser diese Weise sehr häufig nicht so viele unfallverlet-
Bestimmung „mit allen geeigneten Mitteln" auf dem zungserfahrene Ärzte zur Verfügung gestanden
Gebiet der chirurgischen Unfallversorgung gelegen. haben, wie tatsächlich vorhanden sind.
Mit der Verbesserung der allgemeinen unfallchirur-
Die Zahl der Chirurgen betrug nach amtlichen Un-
gischen Versorgung der gesamten Bevölkerung hat terlagen am 1. Januar dieses Jahres 4488. Darunter
diese Frage in gewisser Weise an Bedeutung ver-
waren über 1000 Chefärzte, über 1300 Oberärzte
loren. Das Schwergewicht liegt heute mehr auf dem
und wissenschaftliche Assistenten und eine ganze
Gebiet der Rehabilitation, wo das allgemeine Kran-
Anzahl anderer Krankenhausärzte sowie 1230 Ärzte
kenhaus, wo die allgemeine Chirurgie längst nicht
in eigener Praxis. Zählt man zu diesen Fachärzten
das leisten kann, was die Berufsgenossenschaften,
für Chirurgie, die als solche tätig sind, noch die
wenn sie ihre gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen
sicherlich mehr ,als 3000 Fachärzte für Chirurgie,
wollen, tatsächlich leisten müssen.
die sich im Laufe der Jahre aus äußeren Gründen
Die Träger der Unfallversicherung haben in jedem als praktische Ärzte niedergelassen haben, sowie
einzelnen Fall zu prüfen, was sie im Interesse des diemnst10ufaedZhlrciu-
Verletzten tun können. Ich meine, wir sollten hier gisch-orthopädisch ausgebildeten Fachärzte hinzu,
nicht immer nur davon reden, daß sie in ihrem so kommt man auf eine sehr große Zahl, der gegen-
finanziellen Interesse handeln. Das ist eine Selbst- über die Zahl der heute an diesem Heilverfahren
verständlichkeit. Das Interesse des Verletzten dürfte beteiligten Ärzte sehr klein erscheint. Das Verhält-
im übrigen ja auch mit den finanziellen Interessen nis beträgt etwa 8- bis 9000 zu 1300.
der Träger der Unfallversicherung identisch sein.
Das ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten
In der Praxis kann das auch in Zukunft nur so können! Das führt nicht nur dazu, daß die Verletz-
gehandhabt werden, daß die Träger der Unfallver- ten unvernünftig weite Wege und unverhält-
sicherung für alle schweren und folgenschweren nismäßig lange Wartezeiten in Kauf nehmen müs-
Unfälle aufkommen — die Folgen sind bei Unfall- sen. Das sind nicht einmal die wichtigsten nachteili-
verletzungen ja oft im voraus nicht zu übersehen gen Folgen. Wenn sich heute ein junger Arzt für
— und daß sie dabei sehr großzügig verfahren und die langwierige Ausbildung auf dem Gebiete der
alle auch nur mit dem Verdacht von Folgen belaste- Unfallmedizin interessieren soll, dann muß er auch
ten Unfälle übernehmen. eine Chance sehen, daß er später einmal auf die-
Das deckt sich mit den Interessen der Kranken- sem Arbeitsfeld eine ausreichende berufliche Tätig-
kassen, die von dem Unfallrisiko so weit wie mög- keit ausüben kann. Wenn der junge Arzt eine
lich entlastet werden sollen. Es entspricht aber auch solche Möglichkeit aber nicht sieht, dann ist er auch
den grundsätzlichen Bestrebungen, ich glaube, aller nicht bereit, sich den jahrelangen Mühen einer sol-
Fraktionen dieses Hauses, die Krankenversiche- chen Ausbildung zu unterziehen. Es sind in der Tat
rung so weit wie möglich von Lasten zu befreien, Mühen. Wer die Verhältnisse in unseren Kranken-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2829
Dr. Jungmann
häusern, wer insbesondere den chronischen Assi- diesem Bestreben mit unserem Antrag tatsächlich
stentenmangel in den chirurgischen Abteilungen nur entgegenkommen.
kennt und wer sich nach den Gründen erkundigt, Worum es hier geht, ist also einzig und allein
der wird erfahren — wenn er es nicht schon weiß —, die Heilbehandlung der Unfallverletzten. In Zu-
daß hier einer der wesentlichen Gründe für den As- kunft sollen für diese Heilbehandlung der Unfall-
sistentenmangel in den chirurgischen Abteilungen verletzten alle fachlich geeigneten Ärzte zur Ver-
liegt, weil die jungen Ärzte keine Möglichkeit
fügung stehen.
sehen, diese speziellen Kenntnisse in der Zukunft
noch einmal zu verwerten. Ich habe gehört, daß man hier lieber das Wort
„Fachärzte" sähe. Ich muß dazu feststellen, daß in
Es ist von ärztlicher Seite immer wieder darauf dem Satz vorher, der in dem Gesetzentwurf steht,
hingewiesen worden, daß man bei all diesen Über- ausdrücklich schon von Fachärzten die Rede ist und
legungen auch an den Katastrophenfall denken daß die Formulierung „fachlich geeignete Ärzte"
müsse. Herr Kollege Schmidt hat ebenfalls schon mit großem Bedacht gewählt worden ist, weil unsere
darauf hingewiesen. Man braucht dabei nicht nur deutschen Facharztbezeichnungen im Gegensatz zu
an den Katastrophenfall eines Krieges zu denken. den ausländischen Facharztbezeichnungen einen
Man sollte auch an die unzähligen großen und klei- Facharzt für Unfallheilkunde nicht kennen. Es gibt
nen Katastrophen denken, die sich an jedem Tag Chirurgen, Orthopäden, Augenärzte und andere
auf der Straße und in den Betrieben ereignen. Wir Ärzte, ohne deren Mitwirkung die Versorgung Un-
sollten auch daran denken, wie störanfällig unsere fallverletzter heutzutage gar nicht vorstellbar ist,
Großstädte heute geworden sind. Denken Sie nur die die einschlägigen Facharztanerkennungen haben,
an die Flutkatastrophe in Hamburg, wo sich sehr die aber nicht die entsprechenden unfallchirurgi-
große Schwierigkeiten gezeigt haben, die heute schen oder unfallmedizinischen Voraussetzungen
eigentlich nicht mehr möglich sein sollten. mitbringen. Das muß in jedem Einzelfall geprüft
Man hat es sehr zu Unrecht als ein Scheinargu- werden; dafür müssen Richtlinien erarbeitet werden.
ment, als eine Chimäre, als Spiegelfechterei der Nun ist weiterhin gesagt worden, es werde eine
Ärzte hingestellt, wenn sie erklärt haben, daß mög- Fülle von Streitigkeiten geben, und es ist gefragt
lichst viele Ärzte an der Behandlung Unfallverletz- worden, wer denn nun bestimmen solle, welche
ter beteiligt werden sollten. Ich bedaure, daß der Ärzte geeignet sind und welche nicht. Ich wundere
Herr Kollege Porten es in dem Zusammenhang ab- mich, daß dieses Argument vorgetragen wird, weil
gelehnt hat, daß die bei den Berufsgenossenschaften diese Entscheidung bisher ja auch getroffen worden
versicherten Unfallverletzten zum „Inübunghalten" ist, und zwar Jahrzehnte hindurch allein von den
I) der Ärzte benutzt werden. Das ist eine Ausdrucks-
Selbstverwaltungen der Unfallversicherungsträger.
weise, Herr Kollege, die dem Sachverhalt nicht ge- Diese haben sich dabei wohl in der Regel des
recht wird. Wir sollten einen Blick über die Grenzen Rates eines Arztes bedient, durch den sie vor Miß-
werfen. Wir werden dann feststellen, daß man in griffen bewahrt geblieben sind. Es kann aber kei-
anderen Ländern über diese Dinge grundsätzlich neswegs die Rede davon sein, daß sich die Berufs-
anders denkt und peinlich bemüht ist, möglichst genossenschaften etwa nicht zugetraut hätten, eine
viele Ärzte gerade auf chirurgischem Gebiet in solche Auswahl selbst zu treffen.
Übung zu halten. Was nützen uns die schönsten
Organisationspläne für den Katastrophenfall, die Wenn eine solche Auswahl in Zukunft getroffen
beim Roten Kreuz und bei den Behörden in der werden muß, dann soll sie nach objektiven Maß-
Schublade liegen, wenn in bezug auf diese einfachen, stäben getroffen werden, nach Maßstäben, die zwi-
primitiven Voraussetzungen der Vorsorge für den schen den beteiligten Selbstverwaltungen, der Un-
fallversicherungsträger und der Ärzte, gemeinsam
Katastrophenfall in dieser Weise gesündigt wird?!
erarbeitet worden sind. Diese Maßstäbe müssen
Sie werden sich wohl gefragt haben, weswegen natürlich so hieb- und stichfest sein, daß sie auch
ich das Wort Durchgangsarzt bisher noch nicht in vor dem Sozialgericht Bestand haben können. Das
den Mund genommen habe. Ich habe einen guten setze ich als selbstverständlich voraus. Ich sehe
Grund dafür. Das Durchgangsarztverfahren ist in darin aber auch gar keine Schwierigkeit, weil ge-
einer heute noch gültigen Rechtsverordnung gere- rade diese Frage in der deutschen Praxis der Selbst-
gelt , die sich auf das Fünfte Buch der Reichsver- verwaltungen im Bereich der Sozialversicherung
sicherungsordnung bezieht. In unserem Gesetzent- eigentlich immer anstandslos gelöst werden konnte.
wurf, der hier zur Beratung vorliegt, ist von diesem Im Gegenteil! Je weniger Willkür und je weniger
Fragenkomplex überhaupt nicht die Rede, und es subjektive Meinungen mitspielten, um so eher hat
sich eine befriedigende Lösung finden lassen.
handelt sich hier in der Tat ausschließlich um das
Heilverfahren. Aber wenn wir schon vom Durch- Meine Damen und Herren, wir haben hier nicht
gangsarztverfahren sprechen, dann darf auch ich die Wünsche der einen oder der anderen Seite zu
betonen, was schon einer meiner Herren Vorred- erfüllen. Ich würde es auch ablehnen, einen solchen
ner — ich glaube, es war Herr Porten — gesagt hat: Standpunkt einzunehmen. Ich glaube, es handelt
daß die Berufsgenossenschaften ja schon selbst er- sich hier nicht um Interessen dieser oder jener
kannt haben, daß die bisherige Handhabung zu Gruppe. Es handelt sich darum, daß wir hier klare
starr, zu engherzig gewesen ist. Sie haben eine we- und verständliche Verhältnisse schaffen. Wir brau-
sentliche Auflockerung in Aussicht gestellt. Das ist chen, wie gesagt, nicht in allen Einzelheiten fest-
außerordentlich erfreulich, und ich glaube, daß wir zulegen, was aus der Sache heraus viel vernünftiger
2830 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Jungmann
und besser geregelt werden kann. Wir müssen nochmals, unserem Antrag auf Erweiterung des
aber die Voraussetzungen dafür schaffen, daß sich D-Arztverfahrens zuzustimmen.
diese Entwicklung vernünftig und sachgerecht voll-
ziehen kann. (Beifall bei der SPD.)
Ich bitte Sie also, den Antrag von Hamm und Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordne-
Genossen anzunehmen. ter Memmel.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Memmel (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Schmidt Damen und Herren! Den Antrag auf Umdruck 172
(Offenbach) ! hat Herr Dr. Hamm, den auf Umdruck 189 Herr Dr.
Schmidt (Offenbach) begründet, und Herr Dr. Jung-
Dr. Schmidt (Offenbach) (SPD) : Herr Präsident! mann hat sich, glaube ich, hinter die beiden Anträge
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Gestat- gestellt. Ich unterstelle, daß die drei Herren, da sie
ten Sie mir bitte einige kurze Worte der Erwide- Ärzte sind, — einer davon ist sogar Facharzt, wenn
rung auf die Ausführungen des Herrn Kollegen ich mich nicht täusche —,
Porten. Herr Kollege Porten hat im Zusammenhang (Abg. Ruf: Herr Hamm ist Jurist!)
mit einer möglichen Ausdehnung des Durchgangs-
arztverfahrens von einer möglichen Klimaver- mehr davon verstehen als der „nomalverbrau-
schlechterung in diesem unfallärztlichen Bereich ge- chende" Abgeordnete im Hause. Aber ich muß nun
sprochen. Ich bin der Auffassung, daß eine Aus- folgendes sagen. Mir ist klar, daß der exklusive
dehnung und Erweiterung auf alle fachlich befähig- Kreis der Durchgangsärzte ein bißchen erweitert
ten Ärzte gerade eine Klimaverbesserung gegen- werden soll, und zwar — so sagen Sie, Herr
über dem jetzigen Zustand herbeiführen würde. Dr. Jungmann und Herr Dr. Schmidt, — im Interesse
der Wundversorgung, im Interesse der Heilbehan-
(Beifall bei der SPD.)
lung der Verletzten. Das ist ein Argument, das ich
Lassen Sie mich das an einem kleinen Beispiel gelten lasse. Es hat aber so im Unterton ein bißchen
aus der heutigen Praxis aufzeigen. In einer Mittel- mitgeschwungen, daß der Kreis der Durchgangsärzte
stadt sind vier Unfallchirurgen oder fachlich be- auch deswegen erweitert werden muß, weil das
fähigte Unfallärzte. Diese vier Ärzte versorgen alle Durchgangsarztverfahren anscheinend ein sehr lu-
vorkommenden Unfälle. Aber nur zwei dieser Ärzte kratives Geschäft ist und die anderen auch ein biß-
sind zum D-Arzt-Verfahren zugelassen, nur zwei chen Anteil daran bekommen müssen.
dürfen also die Arbeitsunfälle versorgen. Auf diese
(Heiterkeit und Zurufe.)
Weise wird zwischen vier gleichbefähigten und im
Grunde gleich berechtigten Ärzten eine nicht ver- Ich habe das, meine ich nur, so ein bißchen heraus-
tretbare Deklassierung geschaffen, die wir nicht gehört.
wollen. Wir wollen das jetzige System dahin er- (Zuruf von der Mitte: Ist das vielleicht ver
weitert sehen, daß alle fachlich Befähigten — das boten?)
möchte ich nochmals betonen — zu der unfallärzt- — Nein, es ist gar nicht verboten.
lichen Versorgung zugelassen werden.
(Zurufe: Was soll es denn dann? — Am
Das andere Argument, das hier angeführt wurde, Golde hängt alles! — Abg. Schmücker: Ich
daß die Unfallärzte in der Unfallversicherung eine bin der Meinung, wenn jemand Geld ver
ständige, spezielle Erfahrung brauchten und deshalb dient, tut er nichts Unrechtes!)
der Kreis möglichst klein gehalten werden müsse,
— Herr Schmücker, ich bin aber dafür, daß man das
wurde von Herrn Kollegen Porten selbst entkräf-
dann hier auch ein bißchen ausspricht, daß man nicht
tigt, als er etwas später sagte, daß die anderen
alles nur unter dem Gesichtspunkt der Heilbehand-
durch die Versorgung bei anderen Unfällen durch-
lung der Verletzten sieht.
aus in der Lage seien, sich in der unfallärztlichen
Versorgung auf dem laufenden zu halten. Er hat Nun also zur Sache! Herr Dr. Schmidt (Offenbach),
sich also in seiner Argumentation selbst wider- ich bin unbedingt dafür, daß man diesen exklusiven
sprochen. Kreis der Durchgangsärzte erweitert, besonders
wenn gesagt wird, wie ich vorhin hörte, daß in einer
Noch ein Letztes! Herr Kollege Porten hat davor
bestimmten Stadt von soundsoviel Fachärzten nur
gewarnt, daß durch eine eventuelle Ausdehnung
zwei oder drei zugelassen sind. Aber mir kommen
des D-Arztverfahrens Experimenten Tür und Tor
Bedenken insofern: Sie sagen, es sollen also alle
geöffnet werden könne. Ich glaube, daß ich im
Ärzte beteiligt werden, die zur unfallmedizinischen
Namen aller, auch der im Bundestag vertretenen
Versorgung fachlich befähigt sind. Wer stellt das
Ärzte diese Feststellung hier scharf zurückweisen
fest? Wäre es nicht besser, wenn man hier fest-
muß.
stehende Termini technici verwendete, also sagte:
(Beifall bei der SPD.)
Facharzt für Chirurgie und für Orthopädie meinet-
Denn die Unfallversorgung wird von den Ärzten, wegen? Sonst kann es vorkommen, daß mancher
die fachlich dazu geeignet sind und daran teilneh- Arzt sagt: Ich bin fachlich befähigt, ich lasse das vom
men wollen, nicht als ein Experimentierfeld ange- Verwaltungsgericht oder vom Sozialgericht feststel-
sehen, sondern alle haben nur den Wunsch, daß len. Wenn man feste Begriffe nimmt, wie ich es
eine optimale und schnelle Versorgung der Unfall- - angedeutet habe, wird der Kreis auch erweitert und
verletzten erfolgt. In diesem Sinne bitte ich Sie der Zweck, den Sie im Auge haben, auch erreicht.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2831
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine wundern, die heute vorgeschoben wird, um diese'
Zwischenfrage? Erweiterung durchzusetzen.
Die Berufsgenossenschaften sind bisher keines-
Dr. Schmidt (Offenbach) (SPD) : Herr Kollege wegs nach dem Grundsatz „Wer zahlt, schafft an"
Memmel, ist Ihnen nicht bekannt, daß zur Zeit die und nach dem Standpunkt des Herrn im Hause ver-
Auslese von den Berufsgenossenschaften durchge- fahren, wie hier argumentiert worden ist.
führt wird, und meinen Sie nicht, daß das auch in
(Zuruf von der CDU/CSU: Doch!)
Zukunft für alle fachlich befähigten Ärzte nach dem-
selben Verfahren durchgeführt werden kann? Ich — Da muß ich Ihnen einfach widersprechen. Diese
wollte Ihnen damit in Form einer Frage die Antwort Praxis ist nicht geübt worden. Man hat sich viel-
geben. mehr auch schon bisher mit der Ärzteschaft über die
Zulassung verständigt. In einzelnen Gebieten mögen
Memmel (CDU/CSU) : Es ist mir bekannt, Herr die Dinge nicht befriedigend geregelt sein. Aber
Dr. Schmidt, daß die Berufsgenossenschaften sich bis mit dieser Erweiterung machen wir praktisch genau
jetzt die Ärzte heraussuchen konnten, die sie zu das Gegenteil von dem, was bisher war. Wir schüt-
Durchgangsärzten ernannt haben. Durch Ihren An- ten das Kind mit dem Bade aus.
trag soll der Kreis, aus dem sie die Ärzte heraus- Mit der Formulierung, die wir im Sozialpoliti-
suchen, nur erweitert werden. Aber ich meine, man schen Ausschuß gefunden hatten, wäre den berech-
sollte das etwas genauer umreißen und konkreti- tigten Belangen der Ärzteschaft, nämlich einer ver-
sieren, indem man es auf die Fachärzte für Chir-
nünftigen Erweiterung des Kreises der zugelassenen
urgie und für Orthopädie beschränkt. — Bitte.
Ärzte, durchaus Rechnung zu tragen gewesen. Das,
was man hier anstrebt, widerspricht eigentlich dem
Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Kollege Mem- Auftrag, den die Berufsgenossenschaften haben,
mel, erinnern Sie sich noch, daß ich gesagt habe: nämlich die Verantwortung dafür zu übernehmen,
Es geht gar nicht um die Durchgangsärzte, sondern daß eine ballmögliche und sachgerechte Behandlung
es geht um die Heilbehandlung? Vielleicht geben der Unfallverletzten durchgeführt wird.
Sie uns darauf einmal Auskunft.
(Abg. Ruf: Sehr gut! Nur darum geht es!)
(Abg. Ruf: Die Heilbehandlung wird in den
meisten Fällen schon heute von praktischen Wenn die Unfallversicherungen nicht mehr die Be-
Ärzten durchgeführt!) rechtigung haben, sich den Kreis der Ärzte auszu-
wählen, den sie mit der Behandlung beauftragen
Memmel (CDU/CSU) : Herr Dr. Jungmann, so- wollen,
viel mir bekannt ist, gibt es auf dem Lande über- (Abg. Börner: Wo steht denn das?)
haupt keine Durchgangsärzte. Auf dem Lande muß dann kann man ihnen auch nicht mehr die Verant-
also jeder Praktiker einen Beinbruch behandeln, er wortung für die sachgerechte Behandlung zuschie-
muß den Bauern heilen, der sich mit der Sichel ins ben. — Herr Kollege Börner, Sie wissen ganz genau,
Bein hackt. Auf dem flachen Lande ist das ohne- daß diese Erweiterung praktisch die Möglichkeiten
hin so. der Unfallversicherungen aushöhlt. Das haben Sie in
(Widerspruch und Zurufe von der CDU/CSU.) den Beratungen im Sozialpolitischen Ausschuß bei
— Welche Erregung?! Ihrer damaligen Stellungnahme auch sehr deutlich
zum Ausdruck gebracht.
Nun zum Schluß. Meine Damen und Herren, ich
bin mit Ihrem Antrag einverstanden, daß wir den (Abg. Börner: Nein! — Abg. Ruf: Im übri
Kreis erweitern. Aber ich bitte doch, daß man diese gen steht es in § 557 Abs. 2!)
etwas dehnbare Bestimmung: „ ... die zur unfall-
medizinischen Versorgung fachlich befähigt sind ..."
etwas konkretisiert. Bei Ihnen, Herr Dr. Hamm, Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
heißt es: „ ... die dazu fachlich befähigt sind ...". Abgeordnete Dittrich.
Auch das könnte man noch etwas konkretisieren.
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
Vizepräsident Dr. Dehler: Das Wort hat der Damen und Herren! Wer der Debatte über diesen
Abgeordnete Berberich. Punkt aufmerksam folgt, der wird sich fragen:
Warum erhitzen sich eigentlich die Gemüter gerade
bei der Frage des Durchgangsarztverfahrens? Der-
Berberich (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine jenige, der mit der Materie nicht besonders ver-
Damen und Herren! Nach den ausgiebigen Bera- traut ist, wird das vielleicht gar nicht verstehen.
tungen dieses Punktes im Sozialpolitischen Aus-
schuß bin ich einigermaßen überrascht, in welcher In der Tat wird an der bisherigen Übung seit
Form unsere Ärzteschaft hier ihre Angelegenheit Jahren und seit Jahrzehnten Kritik geübt. Es ist
nen aufrollt. Wir haben uns damals nach langwie- heute der Zeitpunkt, endlich einmal mit dem bishe-
rigen Verhandlungen im Sozialpolitischen Ausschuß rigen Brauch Schluß zu machen. Wenn Herr Kollege
auf die Formulierung des Abs. 2 a geeinigt. Damit Berberich soeben davon sprach, daß nicht allein die
hatten sich ursprünglich auch die Ärzte einverstan- - Berufsgenossenschaften die Durchgangsärzte ausge-
den erklärt. Um so mehr muß die Begründung ver- wählt hätten, sondern daß auch andere beteiligt ge-
2832 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Dittrich
wesen seien, so ist dem mit aller Entschiedenheit Heilbehandlung so gut und so schnell wie möglich
zu widersprechen. durchzuführen. Das Argument, das Sie in dieser
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) Hinsicht gebracht haben, schlägt Sie eigentlich sel-
ber mit Ihrer Entscheidung.
Daran, Herr Kollege Berberich, rankt sich ja die Kri-
tik auf: daß ausschließlich die Berufsgenossenschaf- Man hat mich gefragt: welches ist der weiter-
ten eine Auswahl von relativ wenigen fachlich be- gehende Antrag? Herr Dr. Schmidt, ich bin der An-
fähigten Ärzten vorgenommen haben und die ande- sicht, 'daß der weitergehende Antrag der auf Um-
ren alle links liegen geblieben sind. druck 172 ist, den Sie selber mit unterschrieben
haben. Denn dieser Antrag ist doch in Zusammen-
hang zu setzen mit dem Abs. 2 des § 557, so wie er
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter,
sich nun in der Ausschußfassung darstellt. Das ist
gestatten Sie eine Zwischenfrage?
doch im Zusammenhang zu sehen, und der Satz, der
noch in dem Antrag der SPD steht: „Der Verletzte
Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Ich wollte den Gedan- hat das Recht, unter diesen Ärzten frei zu wählen",
ken noch zu Ende führen; dann bin ich gern bereit, ist für uns eine Selbstverständlichkeit; er ergibt sich
eine Frage zu beantworten. — Das ist ja die Pro-
eo ipso aus unserem Antrag.
blematik, die sich im gegenwärtigen Zeitpunkt dar-
stellt: daß man den Kreis derer, die Durchgangsärzte (Widerspruch bei der SPD.)
sein können — und wir halten am Durchgangsarzt-
Ich empfehle deshalb — aus rein sachlichen Ge-
verfahren fest —, ausweitet.
sichtspunkten und nicht etwa mit Rücksicht auf
Herr Kollege Memmel war der Ansicht, daß eine , die Interessen der Berufsgenossenschaften oder die
Ausweitung des Kreises der Durchgangsärzte vorge- Interessen der Ärzte —, den Antrag Umdruck 172
nommen werden sollte, und anscheinend sind Herr anzunehmen.
Kollege Berberich und auch Herr Kollege Porten der-
selben Ansicht gewesen. Aber man sollte nicht eine Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
so weite Ausdehnung schaffen, wie Sie vermeinen, Killat verzichtet. — Dann zur Abstimmung Herr
daß das in beiden Anträgen, dem, der interfraktio- Dr. Hamm!
nell gestellt wurde und die Bezeichnung „Dr Hamm
und Genossen" trägt, und dem der SPD, beinhaltet
ist. Meine Damen und Herren, was passiert denn Dr. Hamm (Kaiserslautern) (FDP) : Herr Präsi-
bei diesen beiden Anträgen, die ich sachlich für dent! Meine Damen und Herren! Wenn ich für die
gleichgeartet halte? — Wenn sie nicht gleichgeartet Feststellung spreche, daß der Antrag Umdruck 172
wären, dann hätten wahrscheinlich Frau Kollegin der weitergehende ist, so gehe ich davon aus, daß
Dr. Hubert und Herr Kollege Dr. Schmidt den Antrag es im Sinne aller liegt, ein möglichst kurzes, mög-
auf Umdruck 172 nicht mit unterschrieben; diese bei- lichst prägnantes Gesetz zu fassen. Ich bemühe mich,
den Anträge sind praktisch identisch, sie laufen auf beide Anträge zu vergleichen, und muß dabei fest-
dasselbe hinaus. stellen, daß der Antrag der SPD-Fraktion zweifellos
mehr Worte hat, aber inhaltlich haargenau dem
(Abg. Dr. Schmidt [Offenbach] : Der SPD- Antrag Umdruck 172 entspricht.
Antrag ist der weitergehende!)
(Zuruf des Abg. Börner.)
Worum geht es? Es geht vor allem darum — und
deshalb habe ich mich hier zum Wort gemeldet —, — Einen Moment, Herr Kollege, ich will Ihnen das
auch der Provinz draußen außerhalb der Großstädte erklären.
und großen Städte ein Netz von Durchgangsärzten Ich weiß, worum es Ihnen geht. Wenn Sie den
zu schaffen, damit nicht der Unfallverletzte gege- Satz „Der Verletzte hat das Recht, unter diesen
benenfalls einen längeren, weiteren Weg machen Ärzten frei zu wählen" hinzufügen, nehmen Sie eine
muß, uni den nächsten Durchgangsarzt überhaupt Folgerung aus der gesetzlichen Formulierung Ihres
aufsuchen zu können. Deshalb, meine Damen und Antrags mit hinzu.
Herren, fühlte ich mich verpflichtet, als einer, der
nicht in einer Großstadt beheimatet ist, sondern (Abg. Börner: Das dient der Klarstellung!)
draußen — in diesem Falle im Bayrischen Wald — Bekanntlich muß man aber im Gesetz nur das nie-
seine Heimat hat, mich dafür einzusetzen, daß der
derlegen, was verlangt wird; was daraus zu folgern
Unfallverletzte — und nur um die Heilbehandlung
ist, ergibt sich von selbst.
geht es, nicht um die Ärzte als solche — die Mög-
lichkeit bekommt, den Durchgangsarzt möglichst Betrachten Sie einmal den Antrag Umdruck 172!
nahe bei sich zu haben und ihn möglichst schnell Danach sind alle fachlich qualifizierten Ärzte, alle
aufzusuchen. Ärzte, die eine entsprechende Einrichtung haben,
alle Ärzte, die zur Übernahme der Pflichten bereit
Herr Kollege Berberich hat etwas gesagt, das nicht
sind, zuzulassen, und damit haben Sie automatisch
unwidersprochen bleiben kann, nämlich: den Berufs-
nach der seitherigen Handhabung bei 'den Berufs-
genossenschaften geht es in erster Linie darum, die
genossenschaften unter diesen Ärzten die freie
Heilbehandlung so gut und so schnell wie möglich
Arztwahl.
durchzuführen. Herr Kollege Berberich, nicht nur
den Berufsgenossenschaften geht es darum, sondern Ich gebe Ihnen zu, Herr Kollege Schmidt: Ihr
allen geht es darum, insbesondere auch den Ärzten, Antrag enthält ein sehr schönes Wort; der Satz ist
die verantwortungsbewußt sind, geht es darum, die ausgezeichnet und paßt wunderbar. Aber wir als
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2833
Dr. Hamm (Kaiserslautern)
Gesetzgeber haben die Pflicht, nicht in schönen Nun kommt die Frage, ob man das D-Arztverfah-
Worten ausführlich etwas darzustellen, sondern die ren — besonders auf dem flachen Lande — erwei-
Bestimmungen prägnant und so zu fassen, daß sie tern kann. Dieses D-Arztverfahren ist seinerzeit aus
jedermann verstehen kann. ärztlichen Gründen eingeführt worden, weil ein
Lassen Sie mich noch etwas hinzufügen; denn die großer Teil der Arbeitsunfälle nach der ersten Be-
Frau Kollegin Dr. Hubert, der Herr Kollege Dr. handlung, wenn sie von den Ärzten — nicht von den
Schmidt und auch der Herr Kollege Dr. Nissen D-Ärzten — kommen, noch einmal nachbehandelt
wenden muß. Deshalb sind auch die Unfallkranken-
haben ja den Antrag, der seinerzeit gestellt wor-
häuser der Berufsgenossenschaften damit betraut.
den ist, mit unterschrieben: Es wäre wohl nicht
Ich weiß aus eigener praktischer Erfahrung, wieviel
sinnvoll und würde auch nicht zum 'Stil dieses Hau-
— sagen wir ruhig — verunglückte Fälle von Ver-
ses, insbesondere des Geistes unter den Gesund-
letzten nachher noch einmal behandelt werden müs-
heitspolitikern, passen, wenn man hier eine Prio- sen. Das D-Arztverfahren hat den Zweck, das im
rität nur deshalb konstruierte, weil man ein zugege- Interesse des Verletzten zu verhindern. Dazu ist es
benermaßen schmückendes Sätzchen hinzusetzt, das notwendig, daß der zugelassene Arzt von einer
eine Folgerung ist, aber keine notwendige Geset- Kontrollinstanz ausgesucht wird.
zesformulierung. In dem Antrag Umdruck 172 ist
das gleiche von vornherein enthalten. Bei den Anträgen handelt es sich doch eigentlich
um nichts anderes als um eine nochmalige Betonung
(Beifall rechts.) einer Bestimmung, die im Gesetz schon festgelegt
ist. Die Fassung des Ausschusses genügt den Erfor-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der dernissen, die hier vertreten werden, das D-Arztver-
Abgeordnete Dr. Balke. fahren auszuweiten; denn es liegt ja dazu ein ge-
setzlicher Auftrag an die Berufsgenossenschaften vor.
Dr.-Ing. Balke (CDU/CSU): Herr Präsident! Mit anderen Worten, die beiden Anträge sind nicht
Meine Damen und Herren! Es ist etwas vom Stand- falsch, sie sind überflüssig; es steht alles schon in
punkt der Praxis dazu zu sagen. Ich bin weder Arzt der Ausschußfassung. Ich bitte Sie, diese zu be-
noch Jurist, also nicht an etwaigen materiellen Din- schließen.
gen interessiert. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU.)
(Zuruf von der Mitte: Ganz unverdächtig!)
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Dr. Schellen-
Ich befürchte nur, daß, wenn der Antrag angenom- berg!
men wird, allerdings ein Berufsstand wieder Geld
verdienen wird, nämlich die Juristen, weil das sehr
viel Streit geben wird. Dr. Schellenberg (SPD) : Der Herr Kollege Pro-
fessor Dr. Balke hat eigentlich die Aussprache wie-
(Zustimmung in der Mitte.) der aufgenommen, die meines Erachtens schon ab-
Wir sind uns darüber einig, daß das D-Arztver- geschlossen war. Wir sprachen schon zur Abstim-
fahren gut ist und erhalten bleiben soll. Der Wunsch mung. Ich möchte darauf hinweisen, Herr Kollege
geht dahin, daß es erweitert 'werden soll. Wenn dem Balke, daß die Auswahl in dem Abs. 2 a geregelt
so ist, muß man auch die Kontrollinstanz in die Lage wird. Darin heißt es, daß unbeschadet der gesetz-
versetzen, die D-Ärzte auszusuchen. Ich darf daran lichen Verantwortlichkeit der Versicherungsträger
erinnern, daß das D-Arztverfahren nicht angetastet die Beziehungen durch Verträge geregelt werden.
worden ist, als die Berufsgenossenschaften in den Aber nun zu der Frage, die Herr Kollege
Organen paritätisch mit den Versicherten besetzt Dr. Hamm in seinen Ausführungen zur Abstimmung
wurden. Es ist also allgemeine Überzeugung der aufgeworfen hat. Es besteht ein entscheidender
Versicherten und der Arbeitgeber, daß das D-Arzt- Unterschied zwischen den beiden Anträgen auf den
verfahren als Prinzip gut ist. Umdrucken 172 und 189. In dem Antrag der SPD
'Hier handelt es sich um die Frage der quan- auf Umdruck 189 wird ausdrücklich das Recht des
titativen Ausweitung. Zunächst 'einmal ist festzu- Verletzten auf freie Arztwahl festgelegt und unter-
stellen, daß von den Arbeitsunfällen sowieso nur strichen. Bisher wurden von den Verletzten Bean-
11 bis 12 % heute durch die D-Ärzte gehen. Die standungen vorgebracht, weil sie keine völlig freie
Ärzte sind also zu beinahe 88 bis 89 % ohnehin an Arztwahl hatten. Deshalb scheint es uns im Interesse
den Arbeitsunfällen beteiligt. der Verletzten notwendig zu sein, in das Gesetz
die Vorschrift aufzunehmen: Der Verletzte hat die
(Zustimmung in der Mitte.)
freie Arztwahl. Darum ist der Antrag auf Um-
Erst wenn der Verletzte dem Arzt arbeitsunfähig er- druck 189 der weitergehende.
scheint, wird er mit der bekannten braunen Karte
(Beifall bei der SPD.)
zum D-Arzt geschickt. Wenn Sie die Zahlen auf die
gesamten Unfälle im Volksleben beziehen, ist der
Prozentsatz noch sehr viel kleiner. Es ist also nicht Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Dr. Jung-
richtig, wenn hier der Eindruck entstanden sein mann!
sollte, daß durch das bisherige D-Arztverfahren dem
Arzt als solchem ein großer Teil der Behandlung der Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Präsident!
Arbeitsunfälle entzogen worden ist. Es 'handelt sich Meine sehr verehrten Damen und Herren! Herr
vielmehr um einen ganz kleinen Prozentsatz. Professor Balke ist in diesem Hause sicher ein hoch-
2834 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Jungmann
geachteter Mann, und er wird auch von mir hoch- den; denn die deutsche Bezeichnung Facharzt ist
geachtet. Aber ganz so unbeteiligt, wie er es gesagt nicht ohne weiteres identisch mit einer entsprechen-
hat, scheint er mir an diesen Dingen auch nicht zu den Bezeichnung in der Unfallmedizin. Herr Profes-
sein. sor Balke, ich glaube, daß das auch Ihre Zustim-
(Zuruf von der Mitte: Sind Sie es?) mung wird finden können.
— Vielleicht sind wir alle nicht unbeteiligt. Je mehr
wir an dieser Sache interessiert sind, je mehr wir Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
sie verstehen, um so besser ist es. Herren, wir müssen abstimmen. Es obliegt mir, fest-
Ich möchte aber noch einmal betonen: es handelt zustellen, welcher Antrag der weitergehende ist.
sich überhaupt nicht um das Durchgangsarztverfah- Ich muß Ihnen gestehen, daß ich keinen der beiden
ren, sondern um die Heilbehandlung. Das ist ein Anträge in seiner Formulierung für ganz eindeutig
wesentlicher Unterschied, und nur darüber haben halte. Ich störe mich an dem Wort „die Ärzte zu be-
teiligen". Das ist mir etwas zu bestimmt und zu
wir zu befinden.
direkt. Wie wäre es, wenn man es so faßte — es ist
Aber es ist Herrn Professor Balke leider auch ein ein ,Vorschlag von mir; ich weiß, der Präsident hat
sachlicher Irrtum unterlaufen, nämlich der Irrtum, dieses Recht nicht, aber ich usurpiere hier ein
der sich in einem bestimmten Schrifttum immer wie- Recht—:
der findet; daß nur 10% bis 12% der Unfälle über-
An der Durchführung der Heilbehandlung sind
haupt von den Durchgangsärzten behandelt würden.
nach Wahl des Verletzten Ärzte zu beteiligen,
Die Durchgangsärzte haben von Hause aus gar nicht
die...
zu behandeln; das ist gar nicht ihre Aufgabe. Aber
(Widerspruch.)
auch die Zahlen sind mißverständlich. Es handelt
sich nämlich nur um die Weiterbehandlung solcher — Gut, Sie nehmen den Vorschlag nicht an.
Fälle — — Dann müssen wir abstimmen. Nach meinem Da-
fürhalten ist der Antrag Umdruck 189 der weiter-
Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine gehende, weil er bestimmter ist. Ich lasse zuerst
Zwischenfrage? über ihn abstimmen. Wer den Änderungsantrag
Umdruck 189 Ziffer 2 annehmen will, der gebe das
Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Ja. Handzeichen. — Gegenprobe! — Das ist die Mehr-
heit; abgelehnt.
Ruf (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Jungmann, Sie Wir kommen zur Abstimmung über den Ände-
sprachen von einem „besonderen" Schrifttum. Darf rungsantrag Umdruck 172. Wer ihm zustimmen will,
B) ich Sie fragen: Kennen Sie die „Ärztlichen Mittei- gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal-
lungen" und einen Aufsatz Ihres Kollegen Dr. Nien- tungen? — Ersteres war die Mehrheit; gegen zahl-
haus in der Nummer vom 15. September 1962, wo reiche Gegenstimmen angenommen.
er. sagt, daß der Anteil der praktischen Ärzte am Dann stimmen wir über § 557 in der nunmehrigen
Durchgangsarztverfahren auf 85% zu beziffern sei? Fassung ab. Wer zustimmen will, gebe das Hand-
zeichen. — Das ist die große Mehrheit; angenom-
Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Auch hier hat Herr men.
Dr. Nienhaus, der mir sehr gut bekannt ist, ein be- Ich rufe auf die §§ 558, 559, 560, 561, 562, 563, 564,
stimmtes Schrifttum verwendet. 565, 566, 567, 568, 569, 570, 571, 572, 573. Wer die-
Es handelt sich hier nämlich um die sehr große sen Bestimmungen, zu denen keine Anträge vorlie-
Zahl von leichten Fällen, von sogenannten „Leer- gen, zustimmen will, gebe das Handzeichen. — Ge-
lauffällen", die, nachdem sie vom Durchgangsarzt genprobe! — Einstimmige Annahme.
behandelt worden sind, dem praktischen Arzt über- Ich rufe auf § 574. Dazu liegt ein Änderungs-
wiesen werden. Es handelt sich hier aber gar nicht antrag auf Umdruck 189 Ziffer 3 vor. Zur Begrün-
um den praktischen Arzt, und ich habe das Wort dung hat das Wort der Abgeordnete Killat.
„praktischer Arzt" auch nicht in den Mund genom-
men. Mir ist die ganze Diskussion etwas peinlich,
weil immer wieder unsachliche Argumente hinein- Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
zugeraten drohen. Es handelt sich hier lediglich Herren! Zu § 574 Abs. 3 beantragt die sozialdemo-
darum, welche Fachärzte am berufsgenossenschaft- kratische Bundestagsfraktion, den ersten Halbsatz
lichen Heilverfahren beteiligt werden sollen. Das zu streichen und durch den Halbsatz zu ersetzen:
berufsgenossenschaftliche Heilverfahren ist seinem Ist die Erwerbsfähigkeit einer in den Absätzen
Wesen nach ein Facharztverfahren. Das steht in 1 oder 2 genannten Person infolge des Arbeits-
dem ersten Satz, den Sie jetzt vielleicht nicht vor unfalles um wenigstens 80 vom Hundert gemin-
sich liegen haben, ganz eindeutig und klar. An dert, . . .
dieser Bestimmung soll überhaupt nichts geändert
werden. Unter diesen Fachärzten — ich habe die Dann sollen die Folgen eintreten, d. h. die Rente
Zahl mit etwa 9000 beziffert — soll nun nicht mehr soll entsprechend höher berechnet werden.
eine willkürliche Auswahl getroffen werden, son- Zur Begründung möchte ich auf folgendes verwei-
dern da soll, so wie auch meine Herren Vorredner, sen. Die Geldleistungen in der Unfallversicherung
insbesondere Herr Kollege Schmidt, schon gesagt werden bekanntlich nach dem Jahresarbeitsver-
haben, eine sachgerechte Auswahl getroffen wer- dienst berechnet, den der Versicherte im letzten
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2835
Killat
Jahr vor seinem Unfallschaden gehabt hat. In § 574 Seite würden wir für den geschädigten Menschen
wird die Berechnung geregelt für den Fall, daß der nicht das vernichtende ,Urteil „absolute Erwerbs-
Verletzte vor dem Arbeitsunfall kein Arbeitsein- unfähigkeit" sprechen oder geradezu ein Betäti-
kommen bezogen hatte, beispielsweise Schüler oder gungsverbot fordern. Wir glauben also, daß mit die-
sonst in Berufsausbildung befindliche oder Perso- sem Vorschlag keine materielle Änderung verbun-
nen, die infolge ihres jugendlichen Alters noch nicht den ist und daß daher auch die Damen und Herren
die dem Berufs- oder Lebensalter entsprechenden der übrigen Fraktionen unserem Änderungsantrag
Höchstsätze für ihre Tätigkeit erreicht haben. zustimmen können.
Mit der Bestimmung in Abs. 3 dieses Paragraphen (Beifall bei der SPD.)
soll erreicht werden, daß Verletzten, die das 25. Le-
bensjahr noch nicht überschritten haben, auch dann Vizepräsident Dr. Schmid: Wird das Wort ge-
eine höhere Berechnungsgrundlage nach Lebensalter wünscht? — Bitte schön, Herr Dr. Jungmann!
oder Berufsjahren — über das 25. Jahr hinaus —
zuerkannt werden kann, wenn sie, wie es hier heißt,
„einer Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgehen". Dr. Jungmann (CDU/CSU) : Herr Präsident!
Diese Formulierung „einer Erwerbstätigkeit nicht Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir ha-
mehr nachgehen" würde nach unserer Auffassung ben uns mit dieser Frage auch im Kreis unserer
einen neuen Begriff des Grades der Erwerbsunfähig- politischen Freunde sehr sorgfältig und eingehend
keit schaffen, der bisher in der RVO nicht enthalten auseinandergesetzt und auch im Sozialpolitischen
ist. In der Unfallversicherung wie auch in der Kran- Ausschuß ist sie sehr sorgfältig beraten worden. Die
kenversicherung kennen wir nur den Begriff „Er- Ausführungen, die Herr Kollege Killat gemacht hat,
werbsunfähigkeit", in der Unfallversicherung die sind auf den ersten Blick sicherlich sehr einleuch-
„völlige Erwerbsunfähigkeit" oder noch speziell die tend. Sie dürfen dabei aber doch nicht völlig außer
„teilweise Erwerbsunfähigkeit". Nirgendwo sonst acht lassen, daß es sich nicht nur darum handelt, nun
wird in der Unfallversicherung davon ausgegangen, mit dem Begriff „80% Erwerbsunfähigkeit" klarere
daß eine Rente oder Leistung dann erhöht werden Verhältnisse zu schaffen. Es handelt sich auch nicht
soll, wenn der Versicherte keiner Erwerbstätigkeit darum, daß man dem Betreffenden nun alle Hoff-
mehr nachgeht. Wir sind der Meinung, daß zur Er- nung nehmen würde, indem man ihm, wie Herr
haltung der Klarheit der bisherigen Begriffsbestim- Kollege Killat sagte, das vernichtende Urteil ent-
mungen die Änderung dieses Halbsatzes vorgenom- gegenhält, daß er überhaupt nicht mehr erwerbs-
men werden sollte. Man sollte keine weiteren Be- fähig sei. Wir wollen mit dieser Bestimmung viel-
griffe zu den bisherigen in der RVO hinzufügen. mehr gerade diejenigen besonders hart getroffenen
Menschen vor den Folgen des Unfalls schützen, die
Wir halten aber die Änderung der vom Ausschuß wirklich keinem Beruf mehr nachgehen können. Wir
beschlossenen Fassung besonders deshalb für not- möchten aber alle diejenigen ausgenommen wissen,
wendig, weil man in der vorliegenden Fassung jun- die trotz schwerer Schädigung wieder den Mut und
gen Menschen bescheinigt, daß sie nie oder jeden- den Willen zur Arbeit, zur Eingliederung, zur Re-
falls auf absehbare Zeit nicht mehr in der Lage habilitation finden sollen. Jeder, der als Arzt mit
sein werden, einer Erwerbstätigkeit — auch nur diesen Dingen zu tun hat, weiß, daß die Mobilisie-
einer geringfügigen — nachzugehen. Wir meinen, rung des eigenen Leistungswillens und der eigenen
daß mit einer solchen Formulierung — ich bitte, das Leistungskraft für den von einem schweren Unfall
zu verstehen — geradezu ein Anreiz gegeben wird, Getroffenen eine dringende Notwendigkeit ist.
der Erwerbstätigkeit fernzubleiben, und zwar fern-
Ich glaube, Sie sollten nicht auf das Nein sehen,
zubleiben, um einen höheren Rentenanspruch zu er-
wenn ich Ihrem Antrag hier widerspreche, sondern
wirken. Das würde nach unserer Auffassung auch
Sie sollten die gute Absicht erkennen, daß wir den
für die Erhaltung oder Weckung des Rehabilitations-
Menschen, die zwar schwer geschädigt sind, die aber
willens gerade bei den jugendlichen Versicherten nach unserer Gesetzgebung ganz generell wieder
unter Umständen verheerende Folgen haben.
in den Arbeitsprozeß — auch mit lohnender Arbeit
Im übrigen ist nach den zwingenden Vorschriften — eingegliedert werden können und tatsächlich in
der RVO — § 1588 — jede Erwerbsminderung im aller Regel auch eingegliedert werden, den inneren
Bescheid in Prozentsätzen anzugeben. Wir glauben, Auftrieb und den nötigen Schwung geben möchten,
daß wir der Sache und besonders den jungen Men- ihre Kräfte voll einzusetzen. Sollte sich im Verlauf
schen dienen, wenn wir — und dahin geht der SPD- ihres Erwerbslebens zeigen, daß ihre verbliebenen
Vorschlag — dem Geschädigten eine erhöhte An- Kräfte nicht ausreichen, würde dieser Paragraph ja
passung des Jahresarbeitsverdienstes zubilligen, noch voll und ganz zum Zuge kommen können.
wenn der Grad seiner Erwerbsminderung minde- Ich glaube, daß wir mit dieser neuen, vom Aus-
stens 80 v. H. erreicht. Das ist ein eindeutiger, klarer schuß vorgeschlagenen Regelung, die es ja bisher
Begriff und bedeutet nicht eine Ausschließung einer im Unfallversicherungsgesetz noch nicht gegeben
Erwerbstätigkeit, die der Betreffende vielleicht noch hat, bereits einem sehr menschlichen Bedürfnis
leisten kann oder gar anstrebt. Rechnung tragen. Ich bitte Sie deshalb, bei dem
Mit unserem Vorschlag nehmen wir materiell Ausschußantrag zu bleiben.
keine Ausweitung vor, sondern erfassen genau den
gleichen Personenkreis, der auch nach dem Vor- Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
schlag des Ausschusses erfaßt wird. Auf der anderen Killat!
2836 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und § 574 bis § 581.
Herren! Herr Dr. Jungmann, Sie haben hier erklärt, (Abg. Stingl: Bis § 580, Herr Präsident! Zu
daß Sie durch die vom Ausschuß vorgeschlagene § 581 liegt ein Änderungsantrag vor!)
Lösung den jungen Menschen, die den entsprechen-
den inneren Schwung zur Arbeit haben, helfen — Verzeihung. Ich habe wieder einmal nach rechts
wollen. Deshalb haben Sie noch einmal für die Aus- geschaut,
schußfassung plädiert. Ich muß sagen, ich habe hier (Abg. Stingl: Herr Präsident, tun Sie das
— auch vom Standpunkt eines Arztes — kein be- öfter? — Heiterkeit)
gründetes Argument gehört, das gegen unseren — Ja, weil man als Präsident nach allen Seiten auf-
Vorschlag spricht. Im Gegenteil, wir haben bei- passen muß.
spielsweise in der Rentenversicherung eine Bestim- (Abg. Stingl: Rechts und links zu ver
mung, nach der außer der Berufsunfähigkeitsrente wechseln?)
unter Umständen eine Erwerbsunfähigkeitsrente
anfallen kann, wenn der Schaden zur völligen Er- — Herr Stingl, bei Ihnen weiß man es nie.
werbsunfähigkeit führt. Aber auch in der Renten- (Heiterkeit. — Abg. Stingl: Ist 'das ein
versicherung wird eine mögliche Erwerbstätigkeit Kompliment?)
eines Rentenempfängers, der an sich erwerbsunfähig
— Das steht in Ihrer Entscheidung und Bewertung.
ist, nicht ausgeschlossen. In der Reichsversiche-
rungsordnung heißt es nämlich: Erwerbsunfähig ist Aber: In dubio pro reo.
der Versicherte, der infolge Krankheit oder anderer (Abg. Stingl: Danke sehr! — Erneute
Gebrechen usw. auf nicht absehbare Zeit keine Er- Heiterkeit.)
werbstätigkeit in gewisser Regelmäßigkeit ausüben
oder nicht mehr als nur geringfügige Einkünfte ver- Also § 574 Ibis § 580. Wer damit einverstanden
ist, gebe das Handzeichen. — 'Gegenprobe! — Ein-
dienen kann.
stimmige Annahme.
Ich will jetzt Ihren Argumenten, Herr Dr. Jung- Zu § 581 liegt der Änderungsantrag Umdruck 189
mann, folgen. Diesem jungen Menschen, der nach Ziffer 4 vor.
Ihrer Erklärung den Willen hat, es noch einmal zu
versuchen, nehmen Sie doch den Willen dazu, be- Frau Döhring hat 'das Wort.
grenzt, vorübergehend oder auch nur versuchsweise
eine Tätigkeit aufzunehmen, wenn damit die höhere Frau Döhring (Stuttgart) (SPD): Herr Präsident!
Rente nicht gegeben wird. Ich glaube also, wenn Meine Herren und Damen! Unter Punkt 4 des Um-
Sie sich das noch einmal überlegen, müssen Sie drucks 189 beantragt meine Fraktion, dem § 581
gerade aus Ihren Erwägungen heraus unserem An- Abs. 2 einen zweiten Satz mit folgendem Inhalt an-
trag zustimmen. zufügen:
(Beifall bei der SPD.) War die Erwerbsfähigkeit des Verletzten schon
vor dem Arbeitsunfall dauernd gemindert, so
gilt der Verletzte insoweit als erwerbsfähig, als
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Spitzmüller! er zur Zeit des Unfalles erwerbstätig gewesen
ist.
Spitzmüller (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr Durch die Aufnahme dieser ergänzenden Bestim-
verehrten Damen! Meine Herren! Zu dem Antrag mung in das Gesetz soll klargestellt werden, daß
der SPD möchte ich noch einmal auf folgendes hin- dem Verletzten, der schon vor dem Arbeitsunfall als
weisen. Wer eine Rente bekommt, weil er zu 80 erwerbsgemindert galt, im Augenblick des Unfalles
oder 90% erwerbsgemindert ist, nimmt nach dem sein tatsächliches Arbeitseinkommen für die Ver-
SPD-Antrag an der allgemeinen Aktualisierung der letztenrente zugrunde gelegt wird. Ohne diese Be-
Renten teil. Er nimmt an den Erhöhungen teil, die stimmung könnten unter Umständen für die Betrof-
in § 574 vorgesehen sind, und er nimmt, wenn er zu fenen, bei denen es sich in der Regel um schwerst-
80 oder 90% erwerbsgemindert ist und noch im Er- beschädigte Menschen handelt, unbillige Härten
werbsleben steht, auch an den allgemeinen Ver- auftreten.
diensterhöhungen teil, insgesamt also an einer drei-
fachen Steigerung. Im Ausschuß sind wir ohnehin Ein Beispiel: Ein Blinder ist als Stenotypist wie-
schon über die Vorlage hinausgegangen. Wir soll- der in das Erwerbsleben eingegliedert. Infolge eines
ten es, glaube ich, bei diesem ersten Schritt, 'den Arbeitsunfalles verliert er eine Hand und kann nun
zu tun wir im Ausschuß beschlossen haben, belassen zu allem anderen Unglück seinen Beruf nicht mehr
und nicht im Gesetz plötzlich die Möglichkeit ver- ausüben. Dann geht es darum, daß dieser blinde
ankern, drei Steigerungsfaktoren anzuwenden. Stenotypist die volle Entschädigung für den Arbeits-
unfall erhält, obwohl er als Blinder als erheblich
(Abg. Killat: Aber S i e stellen ja einen erwerbsgemindert galt.
Antrag zur Verschlechterung, nicht wir!)
Durch den vorliegenden Antrag soll also im Ge-
setz unmißverständlich festgelegt werden, daß die-
Vizepräsident Dr. Schmid: Wir stimmen ab. ser Blinde — um bei meinem kleinen Beispiel zu
Wer Ziffer 3 des Antrags Umdruck 189 zustimmen - bleiben — nicht entschädigungslos ausgeht; viel-
will, gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Das mehr soll seine Erwerbsfähigkeit zum Zeitpunkt des
ist die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. Unfalles mit 100% angenommen werden, d. h. sei-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2837
Frau Döhring (Stuttgart)
ner Verletztenrente ist bei der Berechnung das tat- Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
sächliche Arbeitseinkommen zugrunde zu legen. ehrten Damen und Herren! Die Begründung, die
Darüber, daß bei der Festsetzung der Unfallrente .soeben von der CDU für die Ablehnung unseres
s o und nicht anders verfahren werden soll, besteht Antrages gegeben wurde, zeigt an sich, daß es not-
bei allen Fraktionen dieses Hohen Hauses Überein- wendig ist,. den Antrag anzunehmen. Hier ist gesagt
stimmung. Das haben wenigstens die Beratungen im worden, es gehe nicht um den Zusammenhang zwi-
Sozialpolitischen Ausschuß ergeben. Meinungsver- schen der schon bestehenden Erwerbsminderung und
schiedenheiten bestanden nur darüber, ob diese Re- dem Unfall. Aber gerade das Beispiel, das Frau Kol-
gelung ausdrücklich in das Gesetz aufgenommen legin Döhring dem Hause vorgetragen hat, zeigt,
werden sollte oder nicht. daß der Blinde, der noch im Erwerbsleben steht,
Meine Herren und Damen, ich darf Sie daran er- selbstverständlich einem viel höheren Risiko aus-
innern, daß dem von der Bundesregierung vorgeleg- gesetzt ist, in einen Arbeitsunfall verwickelt zu
ten Gesetzentwurf vom 21. März 1957 — Bundes- werden, weil er sich nicht im gleichen Maße wie
tagsdrucksache 3318 — die gleiche Auffassung zu- der Sehende gegen Unfallgefahren absichern kann.
grunde lag. Die im vorliegenden Antrag meiner Ich glaube also, gerade mit der — lassen Sie mich
Fraktion gewünschte Fassung entspricht dem § 559 das sagen — so dünnen Begründung für die Ableh-
Abs. 2 der damaligen Regierungsvorlage. In dem nung unseres Antrages ist die Notwendigkeit sei-
jetzigen Gesetzentwurf hat diese Bestimmung ner Annahme bewiesen worden.
allerdings gefehlt. Man hielt sie, wie in den Bera-
tungen des Ausschusses gesagt wurde, für über- (Beifall bei der SPD.)
flüssig, weil nach einer bestehenden Übung der
Rechtsprechung bereits so verfahren werde. Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weiteren
Das ist alles recht und schön, aber uns Sozial- Wortmeldungen.
demokraten genügt das nicht. Wir möchten vermei- Wer dem Antrag Umdruck 189 Ziffer 4 zustimmen
den — und das sollte das Anliegen von uns allen will, gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Das
hier sein —, daß die betroffenen Versicherten unter ist die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt.
Umständen erst auf den oft so dornenvollen Rechts-
Wer § 581 in der Ausschußfassung zustimmen
weg angewiesen sind. Wir halten deshalb die Auf-
will, gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Ent-
nahme der vorgeschlagenen Bestimmung in das Ge-
haltungen? — Bei zahlreichen Enthaltungen ange-
setz der Klarstellung wegen für erforderlich. Dies
nommen.
liegt nicht nur im Interesse der Verletzten, sondern
auch im Interesse der Verwaltung. Durch diese Klar- Ich rufe auf § 581 a. Hierzu liegt der Antrag Um-
stellung im Gesetz würde — und das ist äußerst druck 189 Ziffer 5 vor. Das Wort zur Begründung
wichtig — insbesondere eine unnötige Inanspruch- hat der Abgeordnete Langebeck.
nahme der Sozialgerichte vermieden werden.
Wir sind jetzt dabei, das Unfallversicherungs- Langebeck (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
gesetz neu zu fassen. Der Gesetzgeber sollte dies so und Herren! Die Mehrheit des Ausschusses hat nach
klar und so unmißverständlich wie möglich tun. Da längerer Diskussion beschlossen, folgenden § 581 a
über die materielle Seite unseres Anliegens keine einzufügen:
Meinungsverschiedenheiten bestehen, möchte ich Kann ein Schwerverletzter ... infolge des
Sie namens meiner Fraktion bitten, zur Schaffung Arbeitsunfalls einer Erwerbstätigkeit nicht
von Rechtsklarheit unserem Antrag Ihre Zustim- mehr nachgehen und erhält er keine Rente aus
mung zu geben. den Rentenversicherungen der Arbeiter oder
(Beifall bei der SDP.) der Angestellten oder der knappschaftlichen
Rentenversicherung, so erhöht sich die Ver-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr letztenrente um 10 vom Hundert.
Abgeordneter Klein. Diese Regelung ist unbefriedigend. Durch sie wird
derjenige begünstigt, der keine Altersvorsorge ge-
Klein (Saarbrücken) (CDU/CSU) : Herr Präsident! troffen hat, und derjenige benachteiligt, der Zeit sei-
Meine Damen und Herren! Die Fraktion der CDU/ nes Lebens Beiträge für die Alterssicherung bzw. für
CSU hat sich mit diesem Zusatzantrag zu § 581 den Fall der Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit gelei-
Abs. 2 beschäftigt und ist zu dem Entschluß gekom- stet hat. Sie, meine Damen und Herren von der
men, ihn abzulehnen mit der Begründung, daß ein Regierungspartei, haben so häufig auf das Subsi-
Unfall, der nach einer schon bestehenden Erwerbs- diaritätsprinzip hingewiesen. Dazu steht im Wider-
minderung eintritt, in keinem Zusammenhang mit spruch, wenn Sie der Auffassung sind, daß man nur
dieser steht und .daß der Unfallgeschädigte, dessen demjenigen einen Zuschlag gewähren sollte, der
Rente sowieso nach dem dann gezahlten Arbeits- keine Altersvorsorge getroffen hat.
entgelt verrechnet wird, dadurch auch keinen Scha- Im Ausschuß ist darüber gesprochen worden, ob
den erleidet. Wir werden daher diesem Antrag nicht das Pflegegeld gemäß § 558 Abs. 3 ein Aus-
nicht zustimmen. gleich sei. Ich darf darauf hinweisen, daß das Pfle-
gegeld gewährt werden k a n n. Es handelt sich also
Vizepräsident Dr. Schmid: Abgeordneter Bör- um eine Kann-Bestimmung. Auf der anderen Seite
ner! sind wir ,der Auffassung, daß das Pflegegeld für den
2838 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Langebeck
Pfleger, aber nicht für den Pflegebedürftigen be- Wir haben aber den Kreis bewußt auf diejenigen
stimmt ist. begrenzt, die keinen Anspruch auf Sozialrente, also
auf Rente aus der Arbeiterrentenversicherung, An-
Wir haben bei der Beratung im Ausschuß ver-
gestelltenversicherung oder auch aus der Knapp-
schiedene Vorschläge, insbesondere von Arbeitneh-
schaftsversicherung haben, sondern nur einen An-
merseite, hinsichtlich der Leistungsverbesserung
spruch auf die Unfallrente.
entgegengenommen, z. B. auch den Vorschlag, daß
die Vollrente künftig drei Viertel 'des Jahresarbeits- Meine verehrten Damen und Herren, es ist heute
verdienstes statt zwei Drittel betragen soll. Vom morgen schon einige Male gesagt worden, und ich
Christlichen Gewerkschaftsbund wurde vorgeschla- brauche es deshalb nicht zu vertiefen: der Vorschlag
gen, , daß künftig eine Rente auch gewährt werden der SPD geht uns zu weit, und ich glaube, er hilft
soll, wenn die Erwerbsminderung nur 10% be- auch in vielen Fällen nicht wie gewollt. Mein ver-
trägt. Die Mehrheit des Ausschusses ist diesen Vor- ehrter Herr Vorredner hat ja schon angedeutet, daß
schlägen nicht gefolgt, und zwar mit der Begrün- im Laufe der Beratung noch von etwas mehr die
dung, man wolle den Schwerstbetroffenen etwas Rede sein sollte. Bei einer generellen Erhöhung der
mehr geben. Hier stehen wir jetzt vor 'der Frage, ob Unfallrente ist nämlich in sehr vielen Fällen nicht
den Schwerstbetroffenen nicht eine Sonderzulage der Unfallversicherte, sondern eben die Angestell-
gewährt werden soll. Darauf ist der Antrag der ten- oder Arbeiterrentenversicherung der Nutz-
Sozialdemokratischen Partei abgestellt. nießer.
(Abg. Dr. Schellenberg: Dann haben Sie
Unser Antrag unterscheidet sich insofern von dem den Antrag schlecht gelesen! Sie müssen
Ausschußantrag, als nach unserer Fassung vorge-
weiterlesen!)
sehen ist, daß jeder Unfallverletzte, der „durch die
Unfallfolgen gesundheitlich außergewöhnlich be- — Ich halte mich an die Formulierung, wie sie hier
troffen " ist, zu seiner Vollrente eine Schwerstver- steht.
letztenzulage in Höhe von einem Zehntel des Jah- (Abg. Dr. Schellenberg: „Zulage" steht hier!)
resarbeitsverdienstes erhält. Wir räumen ein, daß — Entschuldigen Sie, ob Zulage oder Rente, ich
bei der Entscheidung darüber, wer als „gesundheit- glaube, es ist im Augenblick nicht am Platze, die
lich außergewöhnlich betroffen" zu gelten hat, Fra- Frage der gegenseitigen Anrechnung von Sozial-
gen auftreten, und haben daher vorgesehen, daß die renten jetzt zu klären. Das müßte bei einer anderen
Abgrenzung dieses Personenkreises' durch Rechts- Gelegenheit geschehen. Mit unserem § 581 a möch-
verordnung geregelt wird. ten wir im Augenblick demjenigen, der keinen An-
Wir werden im weiteren Verlauf der Beratungen, spruch auf Sozialrente hat, ebenfalls an die 85 %-
insbesondere bei der Beratung des Art. 2 — Ände- Grenze, die in der Sozialversicherung gesetzt ist, 1
rung weiterer Vorschriften der RVO, des Angestell- heranfü.ÜbdisGezhnaubrmöc-
tenversicherungsgesetzes usw. —, noch einmal auf ten wir im Augenblick nicht gehen. Wir bitten des-
dieses Thema zurückkommen. Wir sind nämlich der halb, den Antrag der SPD-Fraktion abzulehnen.
Auffassung, daß, falls dieses Hohe Haus unserem
Antrag zustimmt, die darin vorgesehene Zulage bei Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
der Anrechnung anderer Leistungen aus der Renten- Abgeordnete Killat.
versicherung unberücksichtigt bleiben sollte.
Ich darf Sie bitten, unseren Antrag anzunehmen. Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich bedaure sehr, daß gerade Sie, Herr
(Beifall bei der SPD.) Kollege Becker, sich nun zum Sprecher gegen unse-
ren Antrag gemacht haben. Sie haben zunächst dar-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der auf abgehoben, daß der Schwerverletzte unter Um-
Abgeordnete Becker. ständen von der zehnprozentigen Zulage — ich be-
tone: Zulage — nichts habe, weil diese Zulage bei
einer Kumulierung von Renten oder Unfallrenten
Becker (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da-
— die bekanntlich 85 % der Bemessungsgrundlage
men und Herren! Die Fraktion der CDU/CSU und
oder des gehabten Einkommens nicht übersteigen
auch der FDP können diesem Änderungsantrag der
sollen — aufgezehrt werde. Das stimmt nicht. Diese
SPD-Fraktion nicht zustimmen. Wir waren uns im
Frage ist in § 583 geregelt. Die Zulage soll unab-
Sozialpolitischen Ausschuß einig darüber, daß wir
hängig von der Rentenkumulierung und -beschnei
demjenigen, der durch einen Arbeitsunfall beson-
dung gezahlt werden.
ders schwer getroffen und arbeitsunfähig geworden
ist, eine besondere und zusätzliche Hilfe geben Sie selber haben den § 581 a angeführt. Mit dieser
wollen; deshalb auch die Schaffung des § 581 a in Bestimmung, die von Ihnen stammt, haben Sie in
der uns vorliegenden Ausschußfassung, wonach die das Gesetz hineingeschrieben, daß alle diejenigen,
Betroffenen eine zehnprozentige Verbesserung der die keine Beiträge beispielsweise zur Rentenver-
Unfallrente haben sollen. sicherung zahlen und somit keine Vorsorge betrie-
(Abg. Börner: Ein bestimmter Teil der ben haben, obendrein noch eine zehnprozentige Zu-
Betroffenen!) lage bekommen sollen, weil sie nicht rentenver-
- sichert waren. Ich glaube, Herr Kollege Becker und
— Das wollte ich gerade sagen, Herr Kollege meine Damen und Herren von der CDU/CSU-Frak
Börner. tion, Sie werden einsehen, daß man hier eine ge-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2839
Killat
wisse Gleichheit des Rechts herbeiführen sollte. Man Langebeck (SPD) .: Herr Präsident! Meine Damen
sollte also diese zehnprozentige Zulage nicht auf und Herren! Ich muß doch dem Herrn Kollegen
einen Personenkreis begrenzen, der keine Vorsorge Stingl einiges entgegenhalten. Wir haben hier in
betrieben hat, man sollte vielmehr die Zulage allen aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, und wir kom-
Schwerstverletzten geben. men jetzt wirklich dazu, daß wir, wenn wir der
Ausschußmehrheit folgen, demjenigen, der keine
(Beifall bei der SPD.)
Altersvorsorge getroffen hat, in Wahrheit aus der
Unfallversicherung eine 10%ige Erhöhung geben.
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Ich will in diesem Zusammenhang nicht über das
Abgeordnete Stingl. Problem Haftpflichtcharakter oder Sozialversiche-
rungscharakter sprechen, meine aber, es müsse an
Stingl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen dieser Stelle gesagt werden, daß eine Benachteili-
und Herren! Ich hoffe, auch Herr Killat bedauert, gung desjenigen, der Vorsorge getroffen hat, nicht
daß ich gegen ihn spreche. Ich weiß nicht, ob er das erfolgen sollte. Wenn ich insoweit aber den Haft-
tut. pflichtcharakter bejahe, dann hat der Arbeitgeber
(Abg. Killat: Nein, Sie sind ja rentenver- eine Leistungspflicht für den Unfall, der sich in sei-
sichert!) nem Betrieb ereignet hat.
— Aber, Herr Kollege Killat, hier geht es einfach in (Beifall bei der SPD.)
der Sache um etwas anderes, als Sie es dargestellt In diesem Zusammenhang sollte man also von der
haben. Wer eine Rente aus der Rentenversicherung Haftpflicht sprechen. Wenn wir das tun, haben wir
der Angestellten oder der Arbeiter oder aus der tatsächlich zweierlei Recht.
knappschaftlichen Rentenversicherung bekommt, er-
hält neben seiner Rente aus der Unfallversicherung Meine Damen und Herren, ich weiß sehr genau,
eben diese Rente aus der Angestelltenversicherung daß wir demjenigen, der durch einen Unfall beide
usw. Dabei sind als Obergrenze für die zu bezie- Beine oder das Augenlicht verloren hat, die seeli-
hende Rente 85 % entweder des letzten Jahres- sche Belastung, die er nun mit sich trägt, nicht mit
arbeitsverdienstes, , das der Unfallrente zugrunde dieser Leistung abnehmen können. Wir wollen aber
liegt, oder der persönlichen Bemessungsgrundlage nicht, daß zu der seelischen Belastung möglicher-
bestimmt. Das heißt, derjenige, der eine Rente be- weise noch materielle Sorgen kommen.
zieht, hat eo ipso diese Zulage, meine Damen und
(Zustimmung bei der SPD.)
Herren, die wir dem, der nicht in der Rentenver-
sicherung versichert ist, gewähren wollen. Das ist doch der Sinn unseres Vorschlags. Ich darf
Sie sehr dringend bitten, ihm zuzustimmen.
Damit ergibt sich, daß hier nicht zweierlei Recht
geschaffen wird, sondern daß im Gegenteil der, der Nun noch etwas über die Größenordnung! Ich
nicht rentenversichert ist, auf einen Stand gebracht will einmal davon ausgehen, der Arbeitnehmer ver-
ist, den der Rentenversicherte ohne weiteres hat. diene 600 DM im Monat. Hat er die volle Rente, so
Es wäre also eine Vergünstigung der Rentenver- wird er bei unserer jetzigen Formulierung etwa
sicherten gegenüber den Nichtrentenversicherten in 400 DM im Monat an Rente bekommen. Die Vor-
der Höhe der Unfallrente. Sinn der Bestimmung ist schläge der Arbeitnehmerorganisationen — sowohl
es jedenfalls, daß der, der auf die Rente angewiesen des DGB als auch des CGB — gingen von drei Vier-
ist, und 'zwar auf die Unfallrente allein, die Zulage teln aus; er würde also 450 DM im Monat erhalten.
erhält, daß der andere aber, der Unfallrente und Der Ausschußvorschlag will die 10 % zu der Unfall-
andere Rente erhält, auf 85 % des letzten Jahres- rente geben — das sind 40 DM —, aber nur jenem
arbeitsverdienstes kommt. Kreis, der keine Altersvorsorge getroffen hat. Wir
(Zuruf von der SPD: Die eigene Vorsorge wollen den Schwerstverletzten — durch eine beson-
wird also bestraft!) dere Verordnung soll festgelegt werden, wer
Schwerstverletzter ist — einen Zuschlag geben, der
— Hier wird keineswegs die eigene Vorsorge be- 10% des Jahresarbeitsverdienstes entspricht, so
straft. daß in diesem Falle eine Rente von 460 DM ermög-
(Abg. Dr. Schellenberg: Sondern mangelnd licht wird. Ich glaube, das ist in jeder Weise sozial
belohnt!) gerechtfertigt.
Ich darf Sie noch einmal bitten, unserem Antrag
Nein, Herr Kollege Schellenberg und Herr Kol-
zuzustimmen.
lege Killat, ich meine, das würde unsere gesamte
Rentenversicherung, unser gesamtes Versicherungs- (Beifall bei der SPD.)
system — in Ihrem Sinne, vielleicht zu Recht —
angreifen; denn der, der nicht in der Rentenversiche- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
rung versichert ist, kann nicht schlechtweg als ein Abgeordnete Stingl.
Verantwortungsloser bezeichnet werden, wenn er
seine Sicherung anderwärts sucht.
Stingl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich muß noch einmal richtigstellen: Der
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Betroffene — nach dem Beispiel — bekommt nicht
Abgeordnete Langebeck. 460 DM, wie Sie sagen, sondern er bekommt, weil
2840 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Stingl
er die Rente aus der Rentenversicherung zusätzlich Lage sind, für ihren Lebensunterhalt selbst auf-
bekommt zukommen, nur bis zu ihrem 25. Lebensjahr ge-
(Zuruf von der SPD: Weil er Beiträge währt. Diese Begrenzung der Kinderzulage auf ein
gezahlt hat!) bestimmtes Lebensalter bringt in den vorerwähnten
Fällen unbillige soziale Härten für das Kind, für den
— jawohl, weil er Beiträge gezahlt hat —, aus der Unfallverletzten und damit den Unterhaltsverpflich-
Unfallversicherung und der Rente von den anderen
teten, praktisch also für die gesamte Familie. Ein
Rentenversicherungsträgern 510 DM. Wenn Sie ihm
Unfallverletzter hat, obwohl er infolge des Unfalls
jetzt noch 60 DM Zuschlag geben wollen, erhält er
eine erhebliche Einkommenseinbuße hinnehmen
570 DM, also mehr als derjenige, der nicht geschä-
muß, für sein unterhaltsberechtigtes gebrechliches
digt ist und in seinem Beruf weiterarbeitet.
Kind bis zu seinem Lebensende oder aber bis zum
(Abg. Dr. Schellenberg: Aber gesundheit- Lebensende dieses Kindes zu sorgen. Sein Einkom-
lich außergewöhnlich betroffen ist!) men aus der Unfallversicherung, also seine Rente,
ist zweifellos erheblich niedriger als sein vorher
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter durch seine Tätigkeit erzielter Verdienst. Dieses
Olesch. Weniger an Einkommen muß er auf seine Familie,
also auch auf das Kind, umlegen. Sie müssen sich
Ollesch (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver- entsprechend einschränken.
ehrten Damen und Herren! Ich glaube, wir sollten Wenn das Kind nunmehr 25 Jahre alt geworden
es bei der Ausschußfassung belassen. Sie verbessert ist, muß dieser Unfallverletzte nach dem vorliegen-
die Situation derjenigen, die von dieser Rente le- den Gesetzentwurf eine weitere Einkommensein-
ben müssen. Es kann gar nicht die Rede davon buße hinnehmen. Ihm wird nämlich die Kinderzu-
sein, daß der Kreis derer, die keine Vorsorge ge- lage entzogen. Es kommt zu weiteren finanziellen
troffen haben, begünstigt wird. Es kann nicht unser Einschränkungen.
Ziel sein, jeden Menschen in die gesetzliche Alters- Wir sind der Auffassung, daß das ein wenig zu
versorgung hineinzudrängen. Deswegen wäre die-
weit geht. Die Kinderzulage für- körperlich oder gei-
ser Satz fehl am Platze. Ich bin der Meinung, daß
stig gebrechliche Kinder sollte über das 25. Lebens-
die Ausschußfassung alle Fälle weitgehend berück- jahr hinaus gewährt werden.
sichtigt.
Die Frage ist, das darf ich hier anfügen, in unserer
(Abg. Dr. Schellenberg: Was sagt denn Sozialversicherung nicht einmal neu; ich darf dar-
Herr Mischnick zur Volksrente? Weitere auf verweisen, daß eine solche Regelung bereits
Zurufe von der SPD.) nach dem Bundesversorgungsgesetz, nach dem Bun-
desbesoldungsgesetz und für Unterhaltshilfeempfän-
Vizepräsident Dr. Schmid: Keine Wortmeldun- ger nach dem Lastenausgleichsgesetz besteht.
gen mehr; dann stimmen wir ab.
(Abg. Ruf: Das sind Versorgungsgesetze
Wer dem Änderungsantrag Ziffer 5 auf Umdruck und keine Versicherungsgesetze!)
189 zustimmen will, gebe das Handzeichen. — Ge-
genprobe! — Das ist die Mehrheit; der Antrag ist Ich darf aber auch darauf hinweisen, daß die Bun-
abgelehnt. desregierung in ihrer Vorlage zum Bundeskinder-
geldgesetz eine. gleichlautende Regelung vorschlägt.
Wer § 581 a in der Ausschußfassung annehmen Ich bin mit meinen Freunden der Auffassung, daß
will, gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Ent- man deshalb bei gleichen sozialen Tatbeständen im
haltungen? — Bei zahlreichen Enthaltungen ange- Sozialrecht auch gleichartige Regelungen sollte er-
nommen. warten dürfen.
§ 582. Hier sind zwei Änderungsanträge angekün- Deshalb bitte ich um Ihre Zustimmung zu unserem
digt, Umdruck 189 Ziffer 6 a) und b). Ziffer b) ist Antrag.
gegenstandslos, da der Antrag Umdruck 189 Ziffer 5 (Beifall bei der SPD.)
abgelehnt worden ist.
(Widerspruch.) Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeordneter
— Gut, dann wollen wir über beide sprechen. Ich Ruf hat das Wort.
habe gedacht, die Verletztenrente und die Schwerst-
verletzenzulage seien hinfällig. — Wer begründet? Ruf (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
Das Wort zur Begründung hat der Abgeordnete ehrten Damen und Herren! Ich habe die Ehre, Ihnen
Biermann. mitzuteilen, daß die CDU/CSU-Fraktion und die
FDP-Fraktion vorhaben, dem Abs. b) dieses Antra-
ges zuzustimmen. Wir wollen Ihnen allerdings
Biermann (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ge- empfehlen, auf die Buchstaben „st" zu verzichten
ehrten Damen und Herren! Ich darf Ihnen den An-
trag meiner Fraktion auf Umdruck 189 Ziffer 6 a) (Abg. Dr. Schellenberg: Wir stimmen zu!)
zu § 582 Abs. 3 begründen. und zu sagen: „Schwerverletzten", damit der Wort-
Nach dem vorliegenden Gesetzentwurf wird Kin- laut übereinstimmt.
derzulage für unverheiratete Kinder mit körper- Dem Abs. a) aber können wir nicht zustimmen.
lichen oder geistigen Gebrechen, die nicht in der Wenn mein Vorredner gesagt hat, man müsse gleich-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2841
Ruf
ziehen mit dem Lastenausgleichsgesetz, dem Bun- druck 191 hat zum Ziel, in der Unfallversiche ru ng
desversorgungsgesetz und den Beamtengesetzen, so das gleiche Recht wie in der üblichen Rentenver-
möchte ich dazu sagen: das sind Versorgungsgesetze. sicherung herzustellen. In der Rentenversicherung
Hier haben wir es mit einem Versicherungsgesetz der Arbeiter und der Angestellten wie auch in der
zu tun, und wir haben bei unserer Ausschußfassung, knappschaftlichen Rentenversicherung wird voraus-
meine sehr verehrten Damen und Herren von der gesetzt, daß die verstorbene Ehefrau den Unterhalt
Opposition, mit der Rentenversicherung gleichgezo- der Familie überwiegend bestritten hat. Das soll
gen. Ich habe mir die RVO für alle Fälle mitgenom- nun auch in der Unfallversicherung gelten.
men. Wir bitten Sie deshalb, unseren Antrag anzu-
(Abg. Killat: Wir kennen sie!)
nehmen.
— Sie kennen sie natürlich, Herr Killat, das habe
ich bei Ihnen vorausgesetzt —. Wenn Sie da nach- Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weiteren
lesen, werden Sie feststellen, daß wir mit der Ren- Wortmeldungen. Wir stimmen über den Antrag Um-
tenversicherung gleichgezogen haben. Wir beschrän- druck 191 ab. Wer zustimmen will, gebe bitte das
ken die Leistungspflicht bis zum 25. Lebensjahr. Wir Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
haben allerdings den § 1262 der RVO sogar noch Einstimmig angenommen.
verbessert, indem wir nicht zur Voraussetzung ge-
Wir stimmen nun über § 591 in der neuen Fas-
macht haben, daß die Gebrechlichkeit schon vor dem
sung sowie über § 592 und § 593 ab. Wer zustim-
18. Lebensjahr vorgelegen haben muß; sie kann auch
men will, gebe ein Handzeichen. — Gegenprobe! —
erst nach dem 18. Lebensjahr eingetreten sein. Das
Enthaltungen? — Einstimmige Annahme.
ist eine Verbesserung gegenüber der Rentenver-
sicherung. Wir wollen, Kollege Stingl, bei gegebener Jetzt Herr Abgeordneter Meyer zur Begründung
Gelegenheit daran denken, daß wir auch dort eine des Antrags Umdruck 189 Ziffer 8!
solche Korrektur vornehmen. Wir glauben Ihnen
aber empfehlen zu müssen, es bei der Ausschußfas- Meyer (Wanne-Eickel) (SPD) : Herr Präsident!
sung zu belassen. Ich bitte, diesen Antrag der SPD- Meine Damen und Herren! Ich habe den SPD-Antrag
Fraktion abzulehnen. zur Elternrente zu begründen. Mancher wird sich an
(Abg. Börner: Tief bedauerlich, Herr Kollege!) die vielen Zuschriften erinnern, die er zu diesem
Problem bekommen hat. Ich will die Frage hier
Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weitere Wort- nicht grundsätzlich behandeln. Bei der Rentenreform
meldung? — Dann stimmen wir ab; zunächst über konnte die Elternrente nicht durchgesetzt werden.
Antrag Umdruck 189 Ziffer 6 Buchstabe a. — Wer In der Kriegsopferversorgung ist sie durchaus unzu-
zustimmen will, gebe das Handzeichen. — Gegen- lässig und immer wieder Gegenstand von Erörte-
probe! — Das ist die Mehrheit; der Antrag ist ab- rungen und Beschwerden.
gelehnt. Hier soll eine Regelung dahin gehend getroffen
Nun Ziffer 6 Buchstabe b, mit der Änderung, daß werden, daß die Elternrente gewährt wird, wenn
es statt „Schwerstverletztenzulage" „Schwerverletz- der Verstorbene „wesentlich zum Unterhalt" der
tenzulage" heißen soll. Wer zustimmen will, gebe Eltern beigetragen hat oder beigetragen haben
das Handzeichen. — Gegenprobe! — Einstimmig würde.
angenommen. Bisher ist die Elternrente auf ein Fünftel des
Jahresarbeitsverdienstes festgesetzt. Fälle aus der
Nun stimmen wir ab über den § 582 in der so Praxis, die mir im Laufe der Jahre immer wieder
geänderten Fassung. Wer zustimmen will, gebe das bekanntgeworden sind, haben gezeigt, daß diese
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Elternrente viel zu gering ist.
Einstimmig angenommen.
Wir gehen aber von den Bestimmungen aus, die
§ 583! Hierzu liegt ein Änderungsantrag — Um- der Ausschuß beschlossen hat. Wenn die alte Mut-
druck 189 Ziffer 7 — vor. ter ihren einzigen Ernährer plötzlich durch einen
(Abg. Ruf: Wir stimmen zu, wenn das „st" tödlichen Unfall verloren hat, sollen zwei Zehntel
gestrichen wird!) des Jahresarbeitsverdienstes gewährt werden. Wir
sind aber der Auffassung, daß einem Elternpaar —
— Das „st" wollen wir durchweg streichen. Wir immer unter der Voraussetzung, daß die Bedin-
müssen aber trotzdem abstimmen. Wer zustimmen gung hinsichtlich des Unterhalts erfüllt ist — eine
will, der gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — etwas höhere Elternrente gewährt werden sollte,
Enthaltungen? — Einstimmig angenommen. und schlagen Ihnen deshalb vor, diese Elternrente
Nunmehr stimmen wir ab über § 583 in der so um ein Zehntel auf drei Zehntel des Jahresarbeits-
geänderten Fassung bis § 590. Wer zustimmen will, verdienstes aufzustocken, wenn ein Elternpaar durch
gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal- den tödlichen Unfall den einzigen Ernährer verloren
tungen? — Einstimmig angenommen. hat und keine andere Versorgung hat. Diese Fälle
§ 591 ! Hierzu liegt ein Änderungsantrag auf Um- sind nicht sehr zahlreich; es handelt sich aber um
druck 191 vor. Herr Abgeordneter Klein zur Be- ein sozialpolitisch berechtigtes Anliegen.
gründung des Antrags. Ich glaube, daß sich die Mehrheit des Hauses für
diesen Antrag entscheiden kann und wird.
Dr. Klein (Saarbrücken) (CDU/CSU) : Herr Präsi- (Beifall bei der SPD. — Abg. Ruf: Wir sind
dent! Meine Damen la nd Herren! Der Antrag Um- einverstanden!)
2842 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weiteren sein. Es wäre dann die Sicherheit gegeben, daß mög-
Wortmeldungen. lichts viele solcher Renten abgefunden werden und
Wer dem Antrag Umdruck 189 Ziffer 8 zustimmen daß dadurch die Verwaltungsarbeit wesentlich ein-
will, gebe bitte ein Handzeichen. — Gegenprobe! — geschränkt wird. Denken Sie auch daran, daß es
Einstimmige Annahme. viele solcher Renten in der Landwirtschaft gibt.
Dort ist es ganz besonders notwendig, Anreize zur
Ich lasse nunmehr über den § 594 in der neuen Wahl der Abfindung zu schaffen. Manch kleiner
Fassung sowie über die §§ 595 bis 600 abstimmen. Landwirt könnte dann mit der Abfindung ein Häus-
Wer zustimmen will, der gebe das Handzeichen. — chen bauen oder Investitionen für seinen Betrieb
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Einstimmige An- vornehmen. Unter den jetzigen Voraussetzungen ist
nahme. das aber nicht möglich.
§ 601 ! Dazu der Antrag Umdruck 189 Ziffer 9. Wir bitten Sie deshalb, daß Sie Ihrem Herzen
Wer begründet? — Herr Abgeordneter Geiger! einen Stoß geben und nicht nur halbe Dinge, son-
(Abg. Stingl: Mach's kurz!) dern, wie mein Kollege Börner immer sagt, Nägel
mit Köpfen machen und einer Abfindung nach dem
Kapitalwert der einzelnen Rente zustimmen.
Geiger (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich habe volles Verständnis, wenn die Par- (Beifall bei der SPD.)
teien der Regierungskoalition zu Mittag essen wol-
len. Ich kann Ihnen aber wegen der Bedeutung die- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
ses Antrages diesen Wunsch nicht ganz erfüllen. Abgeordnete Weber (Georgenau).
Das Anliegen, das ich hier vortrage, begründet sich
fast von selbst, so daß ich meine Ausführungen nicht Weber (Georgenau) (FDP) : Herr Präsident! Meine
nicht lange auszudehnen brauche. sehr verehrten Damen und Herren! Dieser Antrag
Seit einer Reihe von Jahren sind die Auseinander- ist im Ausschuß mit Stimmengleichheit abgelehnt
setzungen um die Rentenabfindung im Gange. Ich worden. Das, was der SPD-Antrag will, ist das seit-
darf Sie daran erinnern, daß nach dem ersten Vor- herige Recht. Es ist die Auffassung der Mehreit
schlag des Herrn Ministers für Arbeit und Sozial- meiner politischen Freunde, daß das gegenwärtige
ordnung die Renten für Erwerbsbeschränkungen bis Recht bleiben soll.
zu 25 %, völlig gestrichen werden sollten; ich darf Der Bundesrat hat als Abfindung den zehnfachen
weiter daran erinnern, daß darüber hinaus die Ren- Betrag vorgeschlagen. Das könnte in einem Falle
ten für Erwerbsbeschränkungen zwischen 25 und mehr, in einem anderen weniger !sein. Sachlich wäre
50 v. H. zwangsweise, ohne einen Antrag des Ren- das nicht richtig.
tenbeziehers, mit dem fünffachen Jahresbetrag Das gegenwärtige Recht erreicht das, was wir
abgefunden werden sollten. Hier haben Sie erfreu- eigentlich wollen: der Leichtverletzte soll aus der
licherweise Ihren Standpunkt geändert. Wir Sozial- Rentenpsychose herauskommen. Es wird die Mög-
demokraten freuen uns, daß unsere jahrelange Ar- lichkeit geschaffen, ihm, wenn er es will, praktisch
beit gegen diese Pläne erfolgreich geblieben ist, zu einer Vermögensbildung zu verhelfen.
wenn sie auch nicht so erfolgreich war, daß Sie
diese Festlegung, die einer besonderen Idee des Schließlich darf ich noch sagen, daß es immerhin
Herrn Bundesarbeitsministers entsprach, ganz fal- im Entscheidungsbereich der Berufsgenossenschaf-
lenließen. Heute sind Sie wenigstens bereit, die ten liegt; denn es ist eine Kann-Bestimmung. Wenn
Rentenabfindung nur noch auf Antrag vorzuneh- es überhand nehmen sollte und wenn die Berufs-
men. Aber Sie wollen bei einer solchen Renten- genossenschaften überfordert werden sollten, kön-
abfindung auf Antrag nur den fünffachen Jahres- nen sie sagen: Nein, es geht nicht. Sie haben dann
betrag abgelten. Wir Sozialdemokraten finden es auch die Möglichkeit, in fragwürdigen Fällen aus-
einfach unverständlich, daß man ganz unabhängig zulesen.
vom Lebensalter der Verletzten — ob sie nun 20 Ich bitte Sie deshalb, diesem sehr vernünftigen
oder 60 Jahre alt sind — nur den fünffachen Jahres- Antrag zuzustimmen.
betrag abgelten will.
(Beifall bei der FDP und bei der SPD.)
Die Kapitalisierung der Rente oder, wenn Sie so
wollen, die Abfindung der Rente hat sich in der Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Kriegsopferversorgung bewährt. Dort lebt aber eine Abgeordnete Stingl.
Rente nach einem bestimmten Zeitpunkt jeweils
wieder auf. Warum das, was in der Kriegsopferver-
Stingl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
sorgung möglich ist, nicht auch bei der Unfallversi-
und Herren! Herr Kollege Geiger hat gesagt, wir
cherung gemacht wird, ist einfach unverständlich.
sollten unserem Herzen einen Stoß geben, und zu-
Darum beantragen wir, daß diese Bestimmung ge- letzt wurde gesagt, es sei ein sehr vernünftiger
ändert wird und daß an die Stelle eines fünffachen Antrag. Wir haben uns trotzdem lange überlegen
Betrages der Jahresrente ein dem Kapitalwert der müssen, was wir zu diesem Antrag sagen sollten.
Rente entsprechender Betrag gesetzt wird; er soll Ich bin nicht hier heraufgegangen, um die Verhand-
in seiner Höhe jeweils von dem Lebensalter des lungen aufzuhalten. Wir werden dem Antrag zu-
einzelnen abhängig sein. Wenn das festgelegt stimmen.
würde, würde auch ein Teil Ihres Zieles erreicht (Beifall bei der SPD und der FDP.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2843
Stingl
Aber es sei doch gestattet, einige Bemerkungen Dann stimmen wir ab über die §§ 603 bis, wenn
dazu zu machen. Zunächst einmal stimmen wir dem ich mich nicht täusche, 630. Wer zustimmen will,
Antrag deshalb zu, weil das, was in unserem An- gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal-
trag ursprünglich dazu stand, gar nicht mehr vor- tungen? — Einstimmige Annahme.
handen ist. Es ging uns darum, diese Unfallquote Meine Damen und Herren, nun schlage ich vor,
von 20, 25% überhaupt aus der Dauerleistung in die Mittagspause einzutreten. Bis 14.30 Uhr. Ein-
herauszunehmen. Nun aber bleibt sie in der Dauer- verstanden? — Dann unterbrechen wir die Sitzung
leistung, und es steht in dem Ermessen des Betrof- bis 14.30 Uhr.
fenen, einen Antrag zu stellen, und in dem Ermes-
sen der Unfallberufsgenossenschaft, diesem Antrag (Unterbrechung der Sitzung von 12.55 bis
zuzustimmen. Das ursprüngliche Bestreben, auf 14.31 Uhr.)
jeden Fall aus diesem Bereich der Renten herauszu-
kommen, wird auch in der Ausschußdrucksache Vizepräsident Schoettle: Die Sitzung ist wie-
nicht mehr erfüllt. Wenn die Berufsgenossenschaften der eröffnet. Wir fahren in der zweiten Beratung
den Antrag sowieso annehmen oder ablehnen kön- des Unfallversicherungs-Neuregelungsgesetzes fort.
nen, 'scheint es uns richtig, eine richtige Abfindung Wir stehen bei § 631 und dem Antrag auf Umdruck
zu schaffen, damit der Betroffene selber einen An- 192. — Herr Abgeordneter Berberich, Sie haben
reiz bekommt, den Antrag zu stellen. Insofern das Wort.
haben Sie recht.
Ich darf auf meine Einbringungsrede verweisen, Berberich (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
die hier schon Konzessionsbereitschaft zeigte. Sie Damen und Herren! Wir haben zu § 631 einen Ände-
können also nicht von einem Wunder sprechen, rungsantrag gestellt. Bei der Überprüfung der Be-
wenn wir jetzt zustimmen. schlüsse des Ausschusses hat sich ergeben, daß die
Allerdings müssen wir noch einen Satz anfügen, vom Ausschuß beschlossene Fassung des § 631 nicht
gegen den Sie sicher keine Bedenken haben werden: ganz mit dem übereinstimmt, was wir erreichen
Für die Abfindung dieser Leistungen bestimmt wollten. Wenn nämlich, wie es dort heißt, Ver-
die Bundesregierung durch Rechtsverordnung letztengeld gewährt werden kann, führt das dazu,
mit Zustimmung des Bundesrates die Berech- daß in schweren Fällen durch die Satzung dieses
nung des Kapitalwertes. Verletzengeld nicht gewährt werden kann, während
bei leichteren Unfällen, die nicht zu einer dauernden
Genauso ist es in § 613. Das müßte also angefügt Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit geführt haben, vom
werden, Herr Präsident. Ich bitte, dann gemeinsam ersten Tag an Rente gewährt wird. Das kann natür-
darüber abstimmen zu lassen. lich nicht Sinn der Sache sein, sondern beide Tat-
bestände sollen gleich behandelt werden. Deshalb
Vizepräsident Dr. Schmid: Ist das genügend beantragen wir, daß in § 631 Abs. 1 das Wort „Ver-
zur Kenntnis genommen? letztengeld" durch das Wort „Geldleistungen" er-
(Zustimmung.) setzt wird. Damit erfolgt dann eine Gleichstellung.
— Und da soll jemand sagen, Plenarsitzungen
seien überflüssig. Vizepräsident Schoettle: Wird das Wort ge-
wünscht? — Das ist nicht der Fall. Wir kommen zur
(Heiterkeit. — Abg. Winkelheide: Das
Abstimmung über diesen Antrag. Wer stimmt dem
kann man wohl sagen!)
Antrag zu? — Ich bitte um die Gegenprobe. — Keine
Dann stimmen wir ab über diese beiden Ände- Gegenstimmen. Enthaltungen? — Ebenfalls nicht.
rungsanträge, über den von den Regierungsparteien Der Antrag ist einstimmig angenommen.
ergänzten Antrag der Opposition — Umdruck 189
(Zuruf des Abg. Dr. Schellenberg.)
Ziffer 9 — und den ziffernlosen Antrag, den Sie
kennen. Wer zustimmen will, gebe das Handzeichen. — Ja, meine Damen und Herren, Sie werden ver-
— Gegenprobe! — Enthaltungen? — Eine Stimment- stehen, daß ich mit dem Blick auf das Haus bei der
haltung; ich will den Namen nicht nennen. Abstimmung nicht ganz sicher war. Angesichts des
(Heiterkeit.) Abstimmungsergebnisses scheint das aber nicht
nötig gewesen zu sein, Herr Kollege Schellenberg.
Das erste war die Mehrheit.
(Abg. Dr. Schellenberg: Vielen Dank, Herr
Wir stimmen nunmehr über § 601 in der jetzigen
Präsident!)
Fassung ab. Wer zustimmen will, gebe das Hand-
zeichen. — Einstimmige Annahme. Zu den weiteren Absätzen dieses Paragraphen
§ 602! Wer zustimmen will, gebe das Handzei- liegen keine Anträge vor. Ich kann deshalb über den
chen. — Gegenprobe! — Einstimmige Annahme. § 631 im ganzen mit der soeben beschlossenen Ände-
rung abstimmen lassen. Wer stimmt dem § 631 mit
§ 603, dazu Antrag Umdruck 189 Ziffer 10. Wer der soeben beschlossenen Änderung in Abs. 1 zu?
begründet? — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der § 631 ist
(Abg. Dr. Schellenberg: Keine Begründung!) einstimmig angenommen worden.
— Ohne Begründung. Das ist die Folge aus der Ich rufe § 632 auf. Wer stimmt dem § 632 zu? —
voraufgegangenen Änderung. Wer zustimmen will, Danke. Gegenprobe! "— Enthaltungen? — Einstim-
gebe das Handzeichen, — Einstimmige Annahme. mig beschlossen,
2844 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Vizepräsident Schoettle
Wir kommen zum Dritten Abschnitt des Gesetzes wähnten Erlaß aufgehoben, weil die kriegswirt-
in der Fassung des Ausschusses, §§ 633, — 634, — schaftlichen Gründe, die dafür maßgebend gewesen
637, — 638, — 639, — 640, — 641, — anschließend waren, inzwischen weggefallen waren. Damit wurde
zum Zweiten Teil, §§ 642, — 643, — 644. — Wer in Bayern dem Willen des früheren Reichsgesetz-
stimmt den aufgerufenen Paragraphen zu? — Die gebers entsprechend in der allgemeinen Unfallver-
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Keine Gegen- sicherung die unbeschränkte gemeindliche Unfall-
stimmen, keine Enthaltungen; die Paragraphen sind versicherung wieder eingeführt.
einstimmig beschlossen.
Für die Beibehaltung der technischen Zuständig-
§ 645. Hier liegen Änderungsanträge vor, und zwar keitsregelung, die ohnehin nur für die Dauer des
auf Umdruck 201 und auf Umdruck 206 Ziffer 1. Krieges gedacht war, ist bisher im wesentlichen
Beide sind materiell gleich. vorgebracht worden, daß sie im Interesse des Wei-
(Abg. Stingl: Keine Begründung, Herr terbestehens der beteiligten Berufsgenossenschaften
Präsident! — Abg. Dr. Schellenberg: Keine und zur Sicherung des Beitragsaufkommens notwen-
Begründung!) dig sei, ohne daß jedoch zwingende sachliche Gründe
für die Berechtigung der jetzigen Ausnahmerege-
— Die Anträge werden nicht begründet; wir kom- lung angeführt werden konnten. Wie die Erfahrun-
men gleich zur Abstimmung. Wer stimmt den Ände- gen im Lande Bayern seit vielen Jahren gezeigt
rungsanträgen auf Umdruck 201 und Umdruck 206 haben, gibt es keine überzeugenden Gesichtspunkte
Ziffer 1 zu? — Gegenprobe! -- Enthaltungen? — für die Beibehaltung der bisherigen Zuständigkeits-
Die Änderungsanträge sind einstimmig angenom- regelung. Insbesondere trifft die Behauptung nicht
men. zu, die gemeindlichen Unfallversicherungsverbände
Wir stimmen über den so abgeänderten § 645 ab. könnten die Unfallverhütung nicht so wirksam
Wer stimmt ihm in der neuen Fassung zu? — Die durchführen wie die Berufsgenossenschaften.
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der Paragraph ist Die im Sozialpolitischen Ausschuß aufgestellte Be-
einstimmig angenommen. hauptung, bei der gemeindlichen Unfallversicherung
Ich rufe auf die §§ 648, — 649, — 650, — 651, — kämen auf eine Million Versicherte nur 1,5 tech-
652, — 653, — 654, — 655, — 656, — 657. — Hierzu nische Aufsichtsbeamte, trifft nicht zu.
liegen keine Änderungsanträge vor. Wir kommen (Abg. Dr. Schellenberg: Die stammt aber
zur Abstimmung. Wer stimmt diesen Paragraphen aus Bayern, Herr Kollege Lang! Was sagen
zu? — Die Gegenprobe! — Enthaltungen? — Die Sie dazu?)
Paragraphen sind einstimmig angenommen.
— Nein, entschuldigen Sie, Herr Kollege Schellen-
Zum § 658 liegt ein Änderungsantrag auf Um-
berg. Man müßte vergleichbare Berufsgenossen-
druck 213 vor. Wird der Antrag begründet? — Bitte,
Herr Abgeordneter Lang. schaften heranziehen, also nicht den Bergbau usw.
Eine solche Untersuchung mit vergleichbaren Be-
rufsgenossenschaften, Herr Professor Schellenberg,
Lang (München) (CDU/CSU) : Herr Präsident! ergibt, daß wir es bei der gemeindlichen Unfallver-
Meine sehr geehrten Damen und Herren! In der sicherung im Schnitt mit 23 Aufsichtsbeamten zu
deutschen Unfallversicherung bestehen ebenso wie tun haben, während vergleichbare Berufsgenossen-
in den Unfallversicherungen anderer Länder neben schaften diese Zahl nicht nachweisen können, d. h.
fachlich gegliederten Berufsgenossenschaften die weniger haben.
Eigenunfallversicherungen der Unternehmen der öf-
fentlichen Hand. Die gemeindliche Eigenunfallver- (Abg. Dr. Schellenberg: Sie vergleichen
sicherung ist im Laufe der Jahrzehnte aus kleinen dann nur die Verwaltung! — Abg. Stingl:
Anfängen heraus immer umfassender geworden. Das Die sind doch fachlich viel besser vorgebil
Sechste Gesetz über Änderungen in der Unfallver- det!)
sicherung vom 9. Februar 1942 hat unter diese Ent- Die gemeindlichen Unfallversicherungsträger ha-
wicklung den Schlußstrich gezogen, indem es in der ben ihren technischen Aufsichtsdienst fachlich ge-
allgemeinen Unfallversicherung die unbeschränkte gliedert, führen darüber hinaus einen überregiona-
Zuständigkeit der gemeindlichen Unfallversiche- len technischen Aufsichtsdienst durch und unter-
rungsträger verankerte. Der frühere Reichsarbeits- halten auf Bundesebene eine Zentralstelle für Un-
minister wurde jedoch mit der Bestimmung des fallverhütung. Auch bezüglich der Heilbehandlung
§ 628 Abs. 2 der Reichsversicherungsordnung er- von Unfallfolgen sind die gemeindlichen Unfallver-
mächtigt, im Einvernehmen mit den beteiligten sicherungsträger in gleicher Weise leistungsfähig
Reichsministerien Näheres, auch Abweichendes, wie die Berufsgenossenschaften.
hinsichtlich der gemeindlichen Unternehmen zu be-
stimmen. Von dieser Ermächtigung wurde Gebrauch Die Versicherten haben selbstverständlich An-
gemacht, indem durch den Erlaß vom 16. März 1942 spruch auf die gleichen Geldleistungen wie die Ver-
die gemeindlichen Verkehrsunternehmen, Elektrizi- sicherten der Berufsgenossenschaften. Auch hier
täts-, Gas- und Wasserwerke von der Zuständigkeit wird behauptet, die Leistungen bei der gemeind-
der gemeindlichen Eigenunfallversicherungen aus- lichen Unfallversicherung seien schlecht. Diese Be-
genommen und bei den bisher zuständigen Ver- hauptung kann mit Zahlen widerlegt werden. Der
sicherungsträgern, den Berufsgenossenschaften, be-- Jahresarbeitsverdienst wurde im Schnitt von 9000
lassen wurden. Der bayerische Arbeitsminister hat DM nämlich auf 15 000 bis 18 000 DM ohne die jetzige
mit Verordnung Nr. 63 vom 28. Mai 1946 den er- Gesetzgebung erhöht.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2845
Lang (München)
Es gibt somit keine ausreichenden Gründe, einem Vizepräsident Schoettle: Wir kommen zur
Teil der öffentlichen Hand, nämlich dem Bund und Abstimmung über den Antrag Umdruck 213. Wer
den Ländern, das Recht auf Eigenunfallversicherung diesem Antrag zustimmt, den bitte ich um ein Hand-
zuzugestehen und einem anderen Teil der öffent- zeichen. — Gegenprobe! — Das Präsidium ist sich
lichen Hand, nämlich den Gemeinden und Gemeinde- nicht ganz einig. Wir wollen es mal durch Auf-
verbänden, dieses Recht zu versagen oder zu be- stehen probieren. Wer dem Antrag zustimmt, den
schneiden. Es dürfte vielmehr an der Zeit sein, die bitte ich, sich zu erheben. — Die Gegenprobe! —
seit vielen Jahren immer wieder hinausgeschobene Meine Damen und Herren, allein das Geräusch bei
Regelung des Rechts der unbeschränkten gemeind- den Nein-Stimmen
lichen Eigenunfallversicherung endlich zu verwirk- (Heiterkeit)
lichen. war so stark, daß es unverkennbar die Mehrheit
Der Bundesrat hat sich bereits im Jahre 1958 für anzeigte. Der Antrag ist abgelehnt.
die Einführung der unbeschränkten gemeindlichen Wir kommen zur Abstimmung über § 658 in der
Eigenunfallversicherung ausgesprochen. Bei der Be- vom Ausschuß vorgeschlagenen Fassung. Wer zu-
ratung des in der 4. Legislaturperiode eingebrach- stimmt, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen-
ten Gesetzentwurfes durch die Fachreferenten der probe! — Enthaltungen? — Gegen wenige Stimmen
Länder haben sich diese ebenfalls für eine Ände- und bei wenigen Enthaltungen angenommen.
rung des § 658 des Unfallversicherungs-Neurege-
lungsgesetzes ausgesprochen. Das sind die Fakten. Ich rufe auf die §§ 659, — 660, — 661, — 662,
663, — 664, — 665, — 666, — 667, — 668 — 669,
Der Antrag Umdruck 213 sieht vor, in der allge- — 670, — 671, — 672, — 673, — 674, — 675 . und
meinen Unfallversicherung die unbeschränkte ge- 676. — Wer den aufgerufenen Paragraphen in der
meindliche Eigenunfallversicherung — mit Aus- Ausschußfassung zustimmt, den bitte ich um ein
nahme der Landwirtschaft — einzuführen. Ich bitte Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
das Hohe Haus, vor allem alle Damen und Herren, Die Paragraphen sind einstimmig beschlossen.
die den Gemeinden gut gesinnt sind oder die den
Hier wird offenbar eine gewisse Vorratswirtschaft
politischen Weg dort begonnen haben, diesem An-
getrieben: „§§ 677 bis 689 bleiben frei", heißt es
trag zuzustimmen.
in der Vorlage, anscheinend für künftige Fälle.
(Abg. Stingl: Das hat mit Bayern nichts zu
Ich rufe auf die §§ 705, — 706 und 707. — Dazu
tun!)
liegen keine Änderungsanträge vor. Wer den auf-
gerufenen Paragraphen zustimmt, den bitte ich um
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen?
Abgeordnete Ruf. — Keine Gegenstimmen, keine Enthaltungen. Die
aufgerufenen Paragraphen sind einstimmig be-
Ruf (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine sehr ge- schlossen.
ehrten Damen und Herren! Es tut mir leid, daß ich Zu § 708 liegt der Änderungsantrag Umdruck 189
meinem CSU-Kollegen widersprechen muß. Ich bin Ziffer 11 vor. Das Wort zur Begründung hat der
aber davon überzeugt, daß ich deswegen im Frei- Abgeordnete Geiger.
staate Bayern weder in München noch in Vilshofen
geprügelt werde, genausowenig wie ich von den Geiger (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
Bürgermeistern meines Wahlkreises geprügelt ehrten Damen und Herren! Es handelt sich hier um
werde, wenn ich gegen diesen Antrag spreche. einen verhältnismäßig geschlossenen Komplex, und
Der § 645 des Gesetzentwurfs, den Sie vorhin be- ich möchte deshalb die nachfolgenden Anträge
schlossen haben, sieht vor, daß Träger der allge- gleichzeitig mitbegründen.
meinen Unfallversicherung die Berufsgenossenschaf- Im bisherigen Teil des Unfallversicherungs-Neu-
ten sind. In bestimmten Fällen sind einige Ausnah- regelungsgesetzes haben wir die wichtigen Ab-
men vorgesehen für den Bund, für die Länder und schnitte über die Unfallversicherung und die Ent-
für die Gemeinden. Aber man sollte die Kirche im schädigung der vorgekommenen Betriebsunfälle be-
Dorf lassen und die Dinge nicht übertreiben. Man handelt. Wir kommen jetzt zu dem Teil, der nach
sollte eine vernünftige Handhabung Platz greifen Meinung der SPD einer der wichtigsten Teile dieses
lassen, vor allem im Interesse der Unfallverhütung. Gesetzes ist oder zumindest werden sollte, nämlich
Das ist der entscheidende Gesichtspunkt, weswegen zur Unfallverhütung.
wir für die Beibehaltung der Ausschußfassung ein-
treten. Man sollte also die Versorgungsbetriebe der Wir sind der Auffassung, daß eine wirkliche
Gemeinden nicht der gemeindlichen Unfallversiche- Reform der Unfallversicherung an den für unser
rung anschließen, wie es der Antrag des Herrn Kol- ganzes soziales Wirken wichtigen Fragen der Ver-
legen Lang versteckt anstrebt, sondern sollte die hütung von Betriebsunfällen nicht vorbeigehen
Versorgungsbetriebe der Gemeinden bei den zu- kann. Auch heute noch gilt das Wort: Vorbeugen ist
ständigen Berufsgenossenschaften belassen. Wir besser als heilen. Alle sozialpolitischen Maßnahmen
sind für die fachlich gegliederte Berufsgenossen- müssen in erster Linie auf das Vermeiden von Tat-
schaft. Davon wollen wir ohne Not nicht abweichen. beständen, die eine Entschädigungspflicht zur Folge
haben, hinwirken. Nach Meinung der Sozialdemo-
Ich bitte Sie, den Antrag abzulehnen. kratischen Partei müssen jetzt und in diesem Gesetz
(Beifall bei Abgeordneten aller Fraktionen.) die entsprechenden Festlegungen getroffen und die
2846 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Geiger
Beteiligten verpflichtet werden, alles zu tun, um die Niemand, meine Damen und Herren, will eine
Entstehung von Betriebsunfällen auf das unver- s o traurige Bilanz, die übrigens auch ein Teil unse-
meidbare Maß einzudämmen. Wir halten gesetz- res Wirtschaftswunders darstellt. Viele Kräfte wir-
liche Vorschriften zur Erfüllung dieser Aufgaben für ken, um diese Verhältnisse zu ändern. Es kommt
notwendig, ohne daß wir hierzu bis ins einzelne aber jetzt darauf an, die Trägheit zu überwinden
gehende Vorschriften haben wollen. und alle Kräfte sinnvoll zusammenzufassen,
Die Diskussion um die Probleme der Unfallver-
(Beifall bei der SPD)
hütung ist in vollem Gange. Sie wird in den Kreisen
aller Beteiligten geführt, und es wird erkannt, daß damit in diesem Gesetz zur Neuordnung der Unfall-
das Verhüten von Betriebsunfällen nicht. nur wegen versicherung nicht nur die Probleme der Entschä-
der Belastung unserer Volkswirtschaft wichtig ist, digung stattgefundener Betriebsunfälle behandelt,
sondern daß es vor allem moralische Gründe, sondern auch die Voraussetzungen zu einer Verbes-
Gründe der Menschlichkeit sind, die uns veran- serung der Unfallverhütung geschaffen werden.
lassen, darauf hinzuwirken, daß Betriebsunfälle Meine Damen und Herren, es handelt sich bei
nicht nur entschädigt werden, sondern daß in erster den Arbeitsunfällen zu einem großen Teil nicht
Linie alle Voraussetzungen geschaffen werden, um
um ein unabwendbares Schicksal für die Betroffe-
ihr Entstehen auf das schon angesprochene unver-
nen, sondern um die Frage, wie weit wir Sicher-
meidbare Maß zu beschränken.
heitsvoraussetzungen schaffen, die dass Entstehen
Meine Damen und Herren, ein modernes Unfall- von Betriebsunfällen so weit wie möglich verhin-
versicherungsgesetz oder gar die Reform unseres dern.
Unfallversicherungsrechts kann an diesen Proble-
men nicht vorbeigehen. Wir freuen uns über die Ich habe schon einmal auf die Aufwendungen der
Festlegungen, die der Ausschuß auf unser Drängen gesamten Volkswirtschaft für die Betriebsunfälle
in dieser Richtung geschaffen hat. Aber diese Fest- hingewiesen. Allein im Jahre 1961 mußten die 36
legungen sind zur Unfallverhütung nicht aus- gewerblichen Berufsgenossenschaften 1,7 Milliarden
reichend. Wir schlagen Ihnen daher eine ganze DM für die Entschädigung von Betriebsunfällen auf-
Reihe von Änderungen vor, auf die wir im einzel- wenden. Das sind 17% mehr als im Vorjahre. Die
nen noch zu sprechen kommen. Fachleute errechneten, daß ein tödlicher Betriebs-
unfall etwa 100 000 DM an Kosten verursacht. Wie-
Es geht uns bei unseren Vorschlägen insbesondere
viel größer aber, meine Damen und Herren, ist das
damm, das sicherheitsbewußte Interesse der Men-
Leid, das die Familien der Betroffenen tragen
schen zu wecken und das Unfallbewußtsein zu stär- müssen!
ken. Daß bei einem solchen Bemühen Erfolge erzielt
werden können, zeigen die Ergebnisse in anderen Wir schlagen 7 konkrete Maßnahmen zur Ver-
Staaten, von denen wir uns teils auch durch Besuche besserung der Betriebsüberwachung und zur Ver-
selbst überzeugen konnten. Wenn auch die Statisti- besserung der Unfallverhütung vor. Im einzelnen
ken der einzelnen Länder wegen ihrer ungleichen sind dies folgende.
Ausgangsbasis nicht absolut miteinander verglichen Erstens eine Ergänzung des § 708. Diese Ergän-
werden können, so ergibt sich aus ihnen doch zung geht dahin, daß die Beschäftigten vor ihrer
offensichtlich, daß wir, was die Zahl der Betriebs- Beschäftigung mit Arbeiten, deren Verrichtung mit
unfälle betrifft, mit an der Spitze liegen. Wir liegen
außergewöhnlichen Unfall- oder Gesundheitsgefah-
nicht nur an der Spitze, sondern die Zahl der Be- ren für sie oder Dritte verbunden ist, vor Beginn
triebsunfälle ist darüber hinaus bei uns auch jetzt ihrer Beschäftigung auf ihre Eignung ärztlich unter-
noch weit über die Zunahme der Beschäftigten hin-
sucht werden. Eine solche Verpflichtung besteht bis
aus im Steigen begriffen. In den zehn Jahren von
heute nicht; eine ärztliche Untersuchung wird nur in
1950 bis 1960 hat sich die Zahl der Beschäftigten in
Einzelfällen durchgeführt. Es kommt deswegen im-
der gesamten Wirtschaft um 16% erhöht, während
mer wieder vor, daß ungeeignete Menschen mit
sich die Zahl der Betriebsunfälle, die eine Arbeits-
Arbeiten, die besondere Unfall- und Gesundheits-
unfähigkeit von mehr als drei Tagen zur Folge
gefahren in sich bergen, betraut werden.
hatten, mehr als verdoppelt hat. Im Jahre 1961 wur-
den allein im Bereich der 36 gewerblichen Berufs- Zweitens sollen nach unseren Vorschlägen die
genossenschaften 2,7 Millionen Menschen durch Berufsgenossenschaften verpflichtet werden, in der
Arbeitsunfälle verletzt, d. h. durchschnittlich muß Regel einmal im Jahr eine Betriebsinspektion
jeder siebente Arbeitnehmer mit einem Unfall in durchzuführen. Für Betriebe mit geringerer Unfall-
den Betrieben der gewerblichen Wirtschaft oder auf gefahr soll eine Ausnahme gemacht werden kön-
dem Wege zur Arbeit rechnen. Allein 66 500 Arbei- nen.
ter und Angestellte erlitten in diesem Jahre 1961
Drittens. Für die nach § 718 a zu bestellenden
einen Betriebsunfall, der eine völlige, dauernde oder
langjährige Erwerbsunfähigkeit mit sich brachte. Sicherheitsbeauftragten sollen die konkreten Auf-
Für 5052 Versicherte verlief der Unfall bzw. die gaben in das Gesetz aufgenommen werden, wobei
Berufskrankheit tödlich. Meine Damen und Herren, die Verantwortung des Unternehmers für die
das sind 241 Todesfälle mehr als im voraufgegange- Arbeitssicherheit nach §§ 913 noch einmal unterstri-
nen Jahr 1960, obwohl im Jahre 1960 allein im chen wird.
Bergbau, wo die Verhältnisse ja besonders schwie- Viertens sollen in Betrieben, die in der Regel
rig sind, 766 Männer ihr Leben lassen und den Berg- 2000 oder mehr Versicherte beschäftigen, hauptamt-
mannstod, wie man so schön sagt, erleiden mußten. liche Sicherheitsbeauftragte tätig sein, Auch hier
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2847
Geiger
sollen den Verhältnissen entsprechend für weniger müssen in den Hintergrund treten. Wenn es möglich
gefährliche Betriebe nach näherer Vorschrift der ist, durch Gesetz einen Verein zur Durchführung
Berufsgenossenschaften Ausnahmen gemacht wer- staatlicher Warenteste zu schaffen, muß es erst recht
den können. möglich sein, ein Kuratorium für Unfallverhütung zu
schaffen, dessen Arbeit für das Lebens- und Arbeits-
Fünftens. In Betrieben mit in der Regel 2000 oder
verhältnis der Menschen von besonderer Bedeutung
mehr Versicherten soll ein Betriebsarzt beschäftigt
ist.
werden. Sind 5000 oder mehr Beschäftigte in einem
(Beifall bei der SPD.)
Betrieb, so soll dieser Betriebsarzt hauptamtlich
sein. Vor Einstellung und Entlassung von Betriebs- Wir bitten Sie daher, unseren Vorschlägen zuzu-
ärzten sollen der Betriebsrat und der zuständige stimmen. Es kommt mit der Inkraftsetzung dieses
Gewerbearzt gehört werden. Bei außergewöhnlich Gesetzes darauf an — ich will das noch einmal be-
hoher Unfall- und Gesundheitsgefährdung sollen sonders betonen—, die Zusammenarbeit aller Inter-
die Berufsgenossenschaften auch bei geringerer Be- essierten für die Unfallverhütung zu ermöglichen
schäftigtenzahl die Bestellung eines Betriebsarztes und zu fördern, ebenso wie das unfallbewußte Ver-
verlangen können. halten der Menschen zu stärken. Es kommt darauf
an, durch Forschung über die Unfallursachen neue
Sechstens. Durch Zu- und Abschläge, die in der Erkenntnisse zu ermitteln. Die Sicherheit am Ar-
Regel jeweils mindestens 25 v. H. des Jahresbedarfs beitsplatz ist ein Teil unserer Produktivität. Bei der
für die Unfallversicherung betragen sollen, soll das Behandlung all dieser Probleme muß der Mensch
wirtschaftliche Eigeninteresse der Betriebe an der im Mittelpunkt aller Betrachtungen stehen. Eine
Unfallverhütung gesteigert werden. Es kommt uns solche Aufgabe könnte unter Ausnutzung aller mo-
darauf an, daß der Betrieb, der für die Unfallver- dernen Werbemittel und mit Unterstützung namhaf-
hütung mehr tut, auch einen entsprechenden wirt- ter Persönlichkeiten dieses Kuratorium übernehmen.
schaftlichen Nutzen davon hat.
Wir bitten Sie, meine Damen und Herren, darum
Meine Damen und Herren, alle diese Maßnahmen im Interesse der Menschen noch einmal um Ihre Zu-
sind nach unserer Auffassung eine notwendige Vor- stimmung.
aussetzung für die Verbesserung des Unfallschutzes. (Beifall bei der SPD.)
Die Erfahrungen in der Vergangenheit haben ge-
zeigt, daß durch Schaffung dieser Organe bessere
Ergebnisse erzielt werden können. Hierüber gibt es Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
auch Empfehlungen der Europäischen Wirtschaftsge- Herr Abgeordnete Dr. Franz.
meinschaft, denen wir im Rahmen unserer Verpflich-
tungen nachkommen müssen. In den Betrieben der Dr. Franz (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
Bundesrepublik gibt es bisher nur etwa 300 haupt- sehr verehrten Damen und Herren! Es ist ganz be-
amtliche 'Sicherheitsingenieure und 1000 Werks- stimmt nicht zufällig, daß im Aufgabenkatalog der
ärzte, von denen 400 hauptberuflich tätig sind. Unfallversicherung die Unfallverhütung an der
Diese Zahlen entsprechen nicht den EWG-Verein- ersten Stelle steht. Darüber sind wir uns einig;
barungen, vor allem aber auch nicht der Notwendig- denn wir wissen, welche gewaltigen menschlichen
keit einer modernen Unfallverhütung. Probleme alljährlich durch das Unfallgeschehen in
Siebtens. Um all diese Anstrengungen der Unfall- den Betrieben aufgeworfen werden und wie hoch
verhütung zu koordinieren und vor allen Dingen die Summen sind, die den einzelnen Familien und
das Unfallbewußtsein und das sicherheitsbewußte unserer Volkswirtschaft durch dieses Unfallgesche-
Verhalten in der gesamten Öffentlichkeit zu för- hen alljährlich verlorengehen.
dern, beantragen wir, durch § 894 die Träger der Was der Kollege Geiger, auf dessen Ausführun-
Unfallversicherung zu verpflichten, ein Kuratorium gen ich jetzt im Namen der CDU/CSU-Fraktion ant-
für Unfallverhütung in der Rechtsform eines einge- worten darf — wobei ich gleichzeitig unseren An-
tragenen Vereins zu gründen. Gerade von solch trag auf Umdruck 193 begründen möchte —, zu
einer Maßnahme versprechen wir uns für die Ver- diesem Gesamtkomplex gesägt hat, war für mich
besserung der Unfallverhütung einen großen Erfolg. äußerst aufschlußreich. Ich darf aus Ihren Ausfüh-
Daß auf diesem Gebiete etwas getan und geleistet rungen, lieber Herr Kollege Geiger, zwei Kern-
werden kann und muß, hat nicht nur der Erfolg punkte herausgreifen. Sie wollen die Aufgabe der
des Auslands gezeigt, sondern ist vor allen Dingen Unfallverhütung erstens durch weitere Institutio-
auch durch das große von der SPD-Fraktion veran- nalisierung und zweitens durch ein gezieltes finan-
laßte Hearing von Sachverständigen über Fragen der zielles Engagement der beteiligten Betriebe bewäl-
Unfallverhütung klargeworden. Ebenso hat die Ar- tigen.
beitstagung der Industriegewerkschaft Metall über
die Probleme der Unfallverhütung wesentliche Er- Für die letzte Feststellung bin ich Ihnen besonders
kenntnisse vermittelt, die ebenfalls in unseren Ge- dankbar. Denn hier haben Sie zum erstenmal zu-
setzesvorschlägen ihren Niederschlag gefunden ha- gegeben, daß Sie glauben, in einem Zweig der
ben. sozialen Sicherung durch eine Stärkung der Eigen-
verantwortung — man könnte sie auch „Selbstbe-
Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier
teiligung" nennen — ein sozialpolitisches Ziel er-
geht es um ein großes Problem, das zur Bewältigung
reichen zu können.
der Anstrengung aller bedarf. Kleinliche Erwägun-
gen wie die Frage, ob der Gesetzgeber die Bildung Das Zweite ist die Frage der Institutionalisierung.
eines Vereins zum Gesetzesbefehl machen kann, Ich muß feststellen, daß es hier noch keinen New
2848 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Franz
look der sozialdemokratischen Politik gibt. Diesen nalen Unfallquote haben. Das ist das System, das
New Look der sozialdemokratischen Politik wird e s wir hier haben, und das habe ich gemeint, als ich
wohl nie geben können, wenn Sie sich nicht selber sagte, daß Ihr gezieltes finanzielles Engagement an
aufgeben wollen. Ihr Glaube an die Institution ist der Umlage als solcher seine ganz natürliche Grenze
unerschütterlich. Ich meine aber, es gibt niemanden, findet.
der vom Unfallgeschehen in den Betrieben weiter Ich möchte behaupten: Die Unfallverhütung —
weg ist als der Gesetzgeber oder auch als die Exe- über deren Wichtigkeit wir uns klar sind; ich glaube,
kutive; Sie alle wissen, wie schwerfällig das Ver- ich finde Ihre Zustimmung, wenn ich sage, daß die
fahren ist, eine neue Berufskrankheit in den Be- Unfallverhütung das Politikum dieser heutigen Aus-
rufskrankheitenkatalog hineinzubringen; eine un- einandersetzung ist — ist keine Verwaltungsauf-
geheuer schwerfällige Maschinerie. gabe, sondern eine wirtschaftliche Führungsaufgabe.
Wir alle haben von den Erfahrungen profitiert, (Abg. Dr. Schellenberg: Ja, und wie mei
die wir im Laufe des letzten Jahres auf zwei sehr stern wie sie? Darum geht es doch!)
interessanten Auslandsreisen sammeln konnten.
(Abg. Börner: Antrag der SPD! — Abg. Ruf: Vizepräsident Schoettle: Herr Kollege, ge-
In welcher Beziehung interessant?) statten Sie eine Zwischenfrage?
Ich darf sagen, daß ich kein Verständnis dafür habe, (Abg. Dr. Franz: Bitte, Herr Kollege Börner!)
wenn da und dort Kritik an solchen Auslandsreisen
geübt wird. Die jüngste Erfahrung der deutschen Börner (SPD) : Herr Kollege, halten Sie unter
Geschichte sollte uns ja gelehrt haben, daß unter Würdigung dieses Gesichtspunktes, daß es keine
Umständen ein ganzes Volk es sehr teuer bezahlen Verwaltungsaufgabe, sondern eine innerbetriebliche
muß, wenn seine verantwortlichen Männer keinen Aufgabe ist,
Überblick haben über das, was in der Welt draußen (Abg. Dr. Franz: Führungsaufgabe!)
wirklich los ist.
unseren Antrag auf Einfügung eines § 718 c, der
(Abg. Stingl: Sehr richtig!) sich mit dem Betriebsarztsystem beschäftigt, für ver-
Ich täusche mich bestimmt nicht, wenn ich den Ein- fehlt, oder würden Sie ihm zustimmen, als Konse-
druck hatte, daß die Regelung, wie sie in den Ver- quenz Ihrer soeben gemachten Ausführungen?
einigten Staaten von Amerika besteht, Sie sehr be-
eindruckt hat. Dr. Franz (CDU/CSU) : Sie meinen, die Frage des
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie auch!) Betriebsarztes? Herr Kollege Börner, zu diesem Teil
Ihres Antrags möchte ich sagen, daß hier der Ge-
Auch mich hat sie sehr beeindruckt; da gibt es kei- setzgeber in der Gefahr steht, von seinem Volk
nen Zweifel. Ich glaube aber, Sie haben aus diesen etwas zu fordern, was dieses Volk nicht erfüllen
Eindrücken die falschen Konsequenzen gezogen. kann.
(Abg. Dr. Schellenberg: Wir wollen näm- (Abg. Dr. Schellenberg: Weil wir auf
lich handeln! — Heiterkeit bei der SPD.) dem Gebiet des betrieblichen Gesundheits
wesens rückständig sind!)
In den Vereinigten Staaten besteht ein dreigeteil-
tes System der Unfallversicherung, während bei uns Ich habe das Wortprotokoll über das Hearing genau
diesem finanziellen Engagement, das aus Ihren An- gelesen. Zuerst müssen Lehrstühle für Arbeitsmedi-
trägen spricht, durch die Umlage als solche eine zin errichtet werden, und als Konsequenz davon
ganz natürliche Grenze gesetzt ist. In Amerika ist werden wir in einigen Jahren die nötige Anzahl
es den wirtschaftlich führenden Betrieben des Lan- von ausgebildeten Ärzten haben. Denn, Herr Kol-
des erlaubt, das gesamte Unfallgeschehen in eigener lege Geiger, mit dem Erfolg der Ärzte, die neben-
finanzieller Zuständigkeit zu regeln. Das hat zur amtlich in der Unfallverhütung tätig sind, können
Konsequenz, daß das System der Überwachung bis die Betriebe wohl noch nicht ganz zu frieden sein,
ins letzte durchorganisiert ist und daß diese Be- und sie sind es auch nicht.
triebe nur auf die Hälfte der nationalen Durch- Ich möchte noch einmal betonen: es handelt sich
schnittsquote an Unfällen kommen. nicht um eine Verwaltungsaufgabe, sondern um eine
(Abg. Börner: Na und? — Abg. Dr. Schel- betriebliche Führungsaufgabe. Ich habe mich ge-
lenberg: Und was wollen Sie machen?) freut, lieber Kollege, daß Sie anerkennen, welche
großen Erfolge die Betriebe, die wir in Amerika be-
Ein weiterer, größerer Teil der amerikanischen
sichtigt haben, auf dem Gebiet der Unfallverhütung
Wirtschaft — ich möchte ihn als den gehobenen
erzielt haben, und ich stehe nicht an, zu behaupten,
Mittelstand bezeichnen — deckt sein Unfallrisiko
daß diese Erfolge eine brillante Leistung der freien
bei der Privatversicherung. Wir haben die Erfah-
Wirtschaft sind.
rung gemacht, daß diese Betriebe bis ins einzelne
genau kalkuliert werden, daß die Beitragsleistung Auch im Zusammenhang mit der Unfallversiche-
dieser Betriebe sich im Laufe eines Jahres verzehn- rung ist viel vom Mißtrauen die Rede. Es ist ge-
fachen kann, wenn das Unfallgeschehen über dem fragt worden, wie hoch denn der Prozentsatz der
Durchschnitt liegt. Nur der Rest — Gott sei es ge- Betriebsunfälle sei, die auf technisches Versagen zu-
klagt: der größere Rest — der amerikanischen Wirt- - rückzuführen seien im Vergleich zu den auf mensch-
schaft unterliegt der staatlichen Unfallversicherung; licher Unzulänglichkeit beruhenden Betriebsunfäl-
mit der Folge, daß diese Betriebe 200% der natio- len. Hier gilt das Wort, daß sich mit Zahlen trefflich
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2849
Dr. Franz
streiten läßt. Sie werden sich sicher an die harten über Bestellung, Ausbildung und arbeitsrechtliche
Auseinandersetzungen bei dem Hearing erinnern, Position der Sicherheitsbeauftragten vorzulegen.
die es auch in Ihrer Fraktion gegeben hat. Zur Verdeutlichung möchte ich sagen: ich ver-
(Abg. Dr. Schellenberg: Sie waren leider stehe diesen Entschließungsantrag nicht so, daß
nicht da!) nun in einem halben Jahr nachträglich Ihrem An-
liegen institutionell Rechnung getragen werden soll.
— Aber Sie waren so freundlich, mir das Wortproto-
koll zu schicken, wofür ich Ihnen herzlich danke. (Abg. Dr. Schellenberg: Wann?)
Jedenfalls ist der subjektive Faktor — und das — Ich meine, daß der Gesetzentwurf in einem hal-
ist die Quintessenz einer solchen Diskussion — im ben Jahr da sein müßte — ich stelle mir das so
betrieblichen Unfallgeschehen außerordentlich groß. vor; ich kann nicht versprechen, denn ich bin nicht
Wenn da und dort gesagt wird, daß es bei den Füh- der Bundesminister —, und ich wäre dankbar, wenn
rungskräften im Betrieb am Interesse und bei den dieser Termin eingehalten werden könnte. Sie stim-
untergeordneten Aufsichtsinstanzen an der genü- men sicher mit mir darin überein, daß die Ausbil-
genden Aufmerksamkeit fehle, so muß ich anwor- dung und die arbeitsrechtliche Stellung dieser
ten, daß ich darin auch ein Mißtrauen gegen den Sicherheitsbeauftragten im Betrieb ehestens gere-
arbeitenden Menschen sehe; denn die Frage der gelt werden muß.
Unfallverhütung richtet sich direkt an den arbeiten- Wir wissen, daß in der Frage (der Unfallverhü-
den Menschen. Man kann nicht die ausschließliche tung (die Psychologie eine außerordentlich große
Verantwortung bei den betrieblichen Führungskräf- Rolle spielt. Ich muß gestehen, daß ich hier kein
ten suchen. Darüber gibt es gar keinen Zweifel. besseres Beispiel als dasjenige anführen kann, das
(Abg. Dr. Schellenberg: Bei beiden!) in der Broschüre über dieses Hearing steht: Zwei
Betriebe haben ungefähr gleichzeitig eine beschränkte
— Ja. Anzahl der in der Schwer- und Bauindustrie so
Wir sind uns darüber einig, daß es entscheidend wichtigen Schutzhelme gekauft. Der eine Betrieb
auf die Hebung des Sicherheitsbewußtseins insge- hat die zehn Helme zuerst den betrieblichen Füh-
samt ankommt. Der Herr Kollege Geiger hat das rungskräften gegeben. Die Arbeiter haben darauf so
schon ausgesprochen. Das angelsächsische Beispiel reagiert, daß sie gesagt haben: Die Köpfe der füh-
ist wirklich ausgezeichnet. Sowohl in England wie renden Leute sind anscheinend kostbarer als unsere
in Amerika werden solche nationalen Aufgaben eigenen Köpfe; wir wollen auch solche Helme
wie die Unfallverhütung in der modernen Industrie- haben. Der andere Betrieb hat die gleiche Anzahl
gesellschaft irgendwie spontan in Angriff genom- Helme an die am stärksten gefährdeten Arbeits-
men. kräfte ausgegeben. Diese Kollegen haben sich zum
Sie fordern in Ihrem Antrag ein Kuratorium. Da- Teil Hohn und Spott gefallen lassen müssen, und
bei hat Ihnen ganz sicher das National Safety Coun- kein anderer Arbeiter hat daran gedacht, auch einen
cil als Vorbild gedient. solchen Helm haben zu wollen. Ich glaube, dieses
Beispiel ist sehr dazu geeignet, die ausschlag-
(Zuruf von der SPD: Genau! — Abg. Dr. gebende Rolle psychologischer Gesichtspunkte in
Schellenberg: Na und? Ist das nicht ein gu- den Fragen der Unfallverhütung herauszustellen.
tes Vorbild?) — Bitte, Herr Kollege.
— Ich sehe in Ihrem Antrag, so wie er heute vor
uns liegt, ein gewisses Mißtrauen. Ich will es nicht Matthöfer (SPD) : Wenn Sie die psychologischen
so stark ausdrücken, glaube aber, daß Sie doch nicht Gesichtspunkte so betonen, Herr Franz, wie erklä-
ganz auf das vertrauen, was die Berufsgenossen- ren Sie dann die unterschiedlichen Unfallquoten in
schaften in ihrem Gesamtverband, in ihrer Zusam- den finanziell unterschiedlich belasteten amerikani-
menarbeit bis zum heutigen Tag getan haben. Sie schen Unternehmen?
setzen auch keine besonderen Hoffnungen auf die
Arbeitsgemeinschaft für Arbeitssicherheit, die von Dr. Franz (CDU/CSU): Es würde jetzt reizen,
Arbeitgebern und Gewerkschaften in Deutschland Herr Kollege, längere Ausführungen darüber zu
gegründet worden ist. Vielleicht hat sie noch keine machen, wie das Unfallgeschehen als solches in
genügende Anlaufzeit gehabt, Amerika angefaßt wird. Herr Professor Schellenberg
(Abg. Börner: Und kein Geld!) wird mir recht geben, wenn ich sage, daß nicht nur
die scharfe gezielte finanzielle Belastung der Be-
um die ihr zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Auf triebe der Spitzenklasse und der Mittelklasse dieses
alle Fälle glaube ich, daß ein solches Kuratorium günstige Ergebnis gehabt hat, sondern daß man
nicht der Weisheit letzter Schluß ist. auch vermocht hat, mit den verschiedensten moder-
Lassen Sie mich jetzt ein paar Worte zu unserem nen Beeinflussungsmitteln den Arbeitnehmer sicher-
Entschließungsantrag sagen, den wir Ihnen in der heitsbewußt zu machen. Ich bin weit davon entfernt,
dritten Lesung vorlegen werden. Sie haben ihn viel- zu glauben, daß — wenn es auch eine Rolle spielen
leicht schon in Händen. Er ist die Konsequenz der dürfte — die zum Teil sehr unzulängliche materielle
letzten Regierungserklärung. Wir bitten Sie, diesem Sicherung der Arbeitnehmer in manchen amerikani-
Entschließungsantrag zuzustimmen, in dem die Bun- schen Einzelstaaten die Furcht vor dem Unfall erheb-
desregierung aufgefordert wird, baldigst ein Gesetz lich verstärkt. Ich halte das für einen Gesichtspunkt,
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Dr. Franz
der am Rande — der Vollständigkeit halber — vollem Umfang auch für den Unfall. Sie werden mir
erwähnt werden sollte. auch recht geben, wenn ich sage, daß ein Arbeiter,
der familiär großen Kummer hat, dem ein Kind
Ich bin dankbar gewesen, aus dem Munde des
krank ist, dessen Frau krank ist, objektiv mehr
Geschäftsführers des Gesamtverbandes der Berufs-
unfallgefährdet ist als irgendein anderer, bei dem
genossenschaften gehört zu haben, daß man die
die Dinge in der Familie zum besten stehen. Aber
sehr zähflüssigen, manchmal unverständlichen, un-
ich glaube, an dieser unbestrittenen Feststellung
verdaulichen Sicherheitsvorschriften nun langsam
wird auch die Grenze der institutionalisierten Ord-
doch in eine etwas menschlich -ansprechende und
nung dieses Problems ganz deutlich sichtbar. Wir
interessante Form zu gießen gedenkt.
wollen einen systematischen Fortschritt auf diesem
(Abg. Dr. Schellenberg: Nicht nur langsam, wesentlichen Gebiete durch eine Art von Rahmen-
sondern schnell!) bestimmungen. Wir sind überzeugt, daß wir einen
— Ich hoffe darauf, Herr Professor Schellenberg. größeren Fortschritt durch vernünftige Darlegungen
erreichen werden, wenn sie zu überzeugen vermö-
Ich habe schon über die große Notwendigkeit der gen, als wenn wir versuchen, die Leute durch Ge-
Schaffung von Lehrstühlen für Arbeitsmedizin ge- setze zu zwingen.
sprochen, von denen es jetzt nach meinem Wissen
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
in der Bundesrepublik Deutschland nur einen ein-
zigen gibt. Nur wenn es solche Lehrstühle gibt,
werden wir im Laufe einiger Jahre einen geschulten Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Nachwuchs von Werksärzten haben. Abgeordnete Ollesch.
(Abg. Dr. Schellenberg: Das können Sie
erreichen, wenn Sie unseren Antrag an- Ollesch (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
nehmen!) ehrten Damen * und Herren! Anläßlich der ersten Le-
sung unseres Unfallversicherungs-Neuregelungsge-
— Ich habe nicht die Hoffnung, Herr Professor setzes haben wir schon den Ausführungen des
Schellenberg, daß wir mit der Annahme eines An- Sprechers Ihrer Fraktion, des Herrn Kollegen Pro-
trages über Nacht die genügende Zahl von Ärzten fessor Schellenberg, entnommen, daß uns in dem
herbeizaubern können; davon bin ich nicht über- vorliegenden Gesetzentwurf nicht Neues bezüglich
zeugt. der Unfallverhütung eingefallen sei und daß dieser
Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, daß die Gesetzentwurf überhaupt auf diesem Gebiete bar
Unfallverhütung künftig sowohl auf den Berufs- jeder neuen Erkenntnis sei.
schulen wie auf den Ingenieurschulen und auf den (Abg. Dr. Schellenberg: Das haben wir
Technischen Hochschulen ihren festen und sicheren doch im Ausschuß etwas geändert!)
Platz haben sollte.
— Nun, Herr Professor, wir waren gespannt auf
(Zustimmung in der Mitte.) Ihre neuen Erkenntnisse, und wir haben sie heute
Ich bin der Meinung, daß ein Techniker sich nicht hier schriftlich bekommen. Sie wünschen eine ver-
damit zufrieden geben kann, daß die Maschine, die stärkte Überwachung, Sie wünschen den gesetz-
er konstruiert hat, zwar technisch optimal ist, aber lichen Zwang zur Anstellung von Betriebsärzten,
keinerlei Rücksicht auf die Sicherheit des Menschen und Sie wünschen die Einrichtung einer neuen In-
zu nehmen vermag, der später einmal an ihr' arbei- stitution ähnlich des National Safety Council in
ten und mit ihr das Brot für sich und die Familie Chikago.
verdienen soll. Meine Damen und Herren, ich bin der Meinung
Wir waren uns immer einig *in der Feststellung, — und meine Fraktion teilt sie —, daß wir mit ver-
daß die Unfallverhütung eine Frage des Betriebs- stärkter Überwachung und mit neuen Institutionen
klimas, eine Führungsaufgabe ist. Da fällt mir ein, dem Problem der Unfallverhütung und der Verhin-
daß ungefähr vor Jahresfrist die Frankfurter Allge- derung von Unfällen nicht näherkommen, sondern
meine Zeitung einen hochinteressanten Beitrag dar- daß es auf den einzelnen Menschen ankommt, der
über gebracht hat, wie das Betriebsklima sich auf allein in der Lage ist, durch Unterlassung von
den Krankenstand, und zwar auf den objektiven Handlungen und durch sorgsamste Beachtung aller
Krankenstand, und auf die Unfallbereitschaft aus- Vorschriften Unfälle zu vermeiden. Es steht unum-
wirkt. Genauso wie es eine objektive Krankheits- stritten fest, daß wir die besten und ausgefeiltesten
bereitschaft gibt — hervorgerufen durch ungünstige Unfallverhütungsvorschriften haben. Trotzdem —
äußere Umstände —, genauso gibt es eine gewisse wir geben es zu — liegt unsere Unfallquote höher,
Unfallbereitschaft. als es beispielsweise in den USA der Fall ist. Nur
ein Narr könnte es leugnen, wenn man die Dinge
(Zuruf von der SPD: Arbeitstempo!) einmal verglichen hat. Herr Professor, da gebe ich
Die Spanne kann man mit 1 : 3 angeben. Das heißt, Ihnen recht.
ein Arbeitnehmer, der berechtigten Grund zur Klage Aber wie kommt das dort drüben zustande?
über seinen Vorgesetzten, über seine Arbeitskolle- Warum hat der Amerikaner weniger Unfälle als
gen, über die Situation am Arbeitsplatz hat, ist bis wir? Nur durch die Einrichtung von Sicherheitsaus-
zu dreimal mehr gefährdet, objektiv krank zu wer- schüssen oder die Einrichtung des National Safety
den als ein anderer, bei dem die Umstände am Ar- Council? Ich bin der Meinung, dort wirken mehrere
beitsplatz als geordnet gelten können. Das gilt in Faktoren zusammen, und ich habe — das ist meine
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2851
Ollesch
Erkenntnis aus der Reise drei besondere Fakto- bei uns, nämlich einmal die Tatsache, daß der Ar-
ren vordergründig gesehen. Ich meine, man sollte beiter im Falle der Krankheit durch einen Unfall
sie auch einmal aussprechen. Nur im Zusammenwir- nur noch auf 60% seiner vorher erhaltenen Bezüge
ken dieser drei Faktoren kommen diese Erfolge zu- kommt. Ich will damit nicht sagen, daß wir unsere
stande. Leistungen wieder herunterdrücken sollten. Aber
Einmal das bessere Verhältnis des einzelnen Mit- wir wollen doch ganz deutlich feststellen, daß der
arbeiters im Betrieb zu seiner Arbeit, ich will sagen: finanzielle Schaden durch einen Unfall auch ein
das bessere Unfallbewußtsein. Es achtet eben von Anreiz für den Arbeitnehmer ist, darauf zu achten,
jeher jeder mehr darauf, Unfälle zu verhüten. Es daß kein Unfall eintritt. Kein vernünftiger Mensch
gibt dafür gewisse Parallelen. Meine Damen und kann diesen starken Anreiz leugnen.
'Herren, wir haben die besten Straßenverkehrsvor- Zum anderen besteht ein Unterschied in der Ver-
schriften und wahrscheinlich die schärfste Über- sicherungsart. Wir erheben unsere Beiträge durch
wachung unseres Verkehrs im Gegensatz zu den Umlagen innerhalb der Berufsgenossenschaften. Wir
anderen Ländern. Aber wir haben mehr Unfälle, als haben in Amerika festgestellt, daß in der Mehrheit
verschiedene andere Länder sie aufzuweisen haben. der Staaten die individuelle Versicherung besteht
(Abg. Killat: Auch die Straßenverhältnisse und daß von daher auch ein stärkerer Anreiz für
müssen Sie berücksichtigen!) die Betriebsführung da ist, das leugne ich gar nicht.
Wir versuchen einen ähnlichen Weg, soweit er uns
— Herr Kollege Killat, nicht nur die Straßenver-
gangbar erscheint, mit der Gewährung von Zu- und
hältnisse, auch unser eigenes Verhältnis zur Tech-
Abschlägen, die wir nun obligatorisch machen. Das
nik, zur Maschine! Wir haben wahrscheinlich etwas
sind Anfänge. Wir wollen einmal abwarten, wie
mehr schlechte Autofahrer, als die anderen Länder
sie sich auswirken werden.
sie haben. Daran gibt es auch keinen Zweifel. Es
gibt gewisse Nationaleigenschaften. Sie wissen, Von den hier vorgelegten Anträgen der SPD-
daß beispielsweise der Amerikaner ein gutes Ver- Fraktion werden wir dem Änderungsantrag zu
hältnis zur Maschine hat, daß er beispielsweise ein § 708 zustimmen, soweit er die ärztliche Unter-
guter Flugzeugführer ist; das läßt sich auch nicht suchung von Versicherten betrifft. Wir tun das in
leugnen. Erkenntnis der Tatsache, daß dieser Vorschlag an
Ich meine, daß wir diesem Problem nur mit der sich kein Neuland bringt. In den meisten Betrieben
verstärkten Überwachung und mit der Schaffung wird schon so verfahren. Wir hoffen, daß sich in
von Institutionen nicht näherkommen, wenn es uns den restlichen Betrieben nun die Erkenntnis Bahn
nicht gelingt, auch durch eine bessere Menschen- bricht, daß man dort etwas mehr den Arzt einschal-
führung im Betriebe von vornherein dafür zu ten sollte. Von daher haben wir keine Bedenken,
sorgen, daß mancher Unfall ausgeschaltet wird. Wir diesem Änderungsantrag zuzustimmen.
sind doch vielfach auf dem besten Wege dazu. Es Bezüglich des Kuratoriums, Herr Professor Schel-
ist eben eine Führungsaufgabe. Es gibt eben Men- lenberg, wollen wir Ihnen heute noch nicht folgen.
schen, die neigen zum Unfall. Es gibt auch Betriebs- Wir haben eine Arbeitsgemeinschaft aller Träger
angehörige, die neigen mehr zum Unfall als ein der Unfallversicherung. Vielleicht entwickelt sich
anderer. Es gibt typische „Unfaller". aus dieser Arbeitsgemeinschaft das, was Sie durch
(Zurufe von der SPD: Umfaller! Umfall! — das Gesetz erzwingen wollen. Lassen wir die Dinge
Heiterkeit. — Abg. Börner: Mit m oder n?) lieber reifen! Ich glaube, wir werden denselben Ef-
fekt haben.
— Nein, ich sage ganz deutlich „Unfaller". „Um-
faller" soll es in allen Schichten und, ich glaube, Damit bin ich eigentlich am Ende. Ich will nur
auch in allen Parteien geben. noch einmal betonen: wir sind der Meinung, daß
die besten Gesetze und die besten Vorschriften uns
(Erneute Heiterkeit.) nicht zum Ziel bringen, wenn wir in den Menschen
Es ist die Aufgabe der Führung, diese typischen nicht die Erkenntnis wecken, daß der Unfall, der
„Unfaller" zu erkennen und sie an ungefährdetere den einzelnen betrifft, ihm Schmerzen und Ver-
Arbeitsplätze zu bringen. Nur auf diese Art und dienstausfall und uns insgesamt Schaden bringt.
Weise werden wir in der Lage sein — nicht durch Wir glauben, daß wir mit psychologischen Maßnah-
Schaffung neuer Institutionen —, das Unfallgesche- men auf die Dauer gesehen zu besseren Erfolgen
hen auf einen vernünftigen Stand herabzudrücken. kommen werden, als wenn wir durch eine Vielzahl
von Gesetzen die Dinge so unübersichtlich machen,
Ich bin überhaupt der Meinung, wir sollten weni- daß wir hinterher feststellen: wir haben die besten
ger Gesetze machen, wir sollten viel weniger in Gesetze, wir haben die besten Unfallverhütungsvor-
Gesetze fassen und viel mehr der Entwicklung und schriften, leider haben wir nicht die besten Erfolge
auch dem gesunden Menschenverstand überlassen. in der Unfallbekämpfung.
Wir sollten von aus versuchen, zu leiten, und nicht,
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
gesetzlich verpflichten.
Auch wir haben aus der Amerikareise eine kleine Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Erkenntnis gewonnen, Herr Professor: wir wollen Abgeordnete Killat.
es einmal mit den Sicherheitsausschüssen versuchen.
Ob wir große Erfolge erreichen werden, das wissen Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
wir nicht. Denn die beiden anderen Faktoren fehlen Herren! Wenn man sich die Diskussionsbeiträge der
2852 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Killat
Vertreter der Mehrheitsparteien anhört, kann man ten. Wir haben seinerzeit bei den Beratungen im
den Eindruck gewinnen, daß diese Kollegen für Ausschuß von der Regierung Material erhalten, mit
die Anträge sprechen, die wir zum Kapitel Unfall- dem uns gleichzeitig eine Empfehlung einer Kom-
verhütung gestellt haben. Herr Kollege Ollesch hat mission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
die Frage gestellt, welche Vorschläge von der SPD vorgelegt wurde, in der die Mitgliedstaaten aufge-
vorliegen. Dazu darf ich sagen, einmal sind all die fordert werden, betriebsärztliche Dienste in den Be-
Anträge, die nun hier im Plenum wieder vorge- triebsstätten zu errichten. Zu dieser Empfehlung
bracht werden, Vorschläge, die wir dem Ausschuß muß die Bundesregierung noch in irgendeiner Weise
vorgelegt hatten und die Sie abgelehnt haben. Zum Stellung nehmen. Der betriebsärztliche Dienst wird
anderen darf ich feststellen, daß wir in den Bera- gefordert einmal zum Schutze der Gesundheit, zum
tungen im Sozialpolitischen Ausschuß Gott sei Dank andern zur Verhütung von Arbeitsunfällen. In der
immerhin einige Maßnahmen mit Ihnen gemeinsam Empfehlung wird vorgeschlagen, daß ein hauptamt-
beschlossen haben, die auch der Unfallverhütung licher Werksarzt für Betriebe mit nicht mehr als
und der Gesundheitsfürsorge für die Beschäftigten 2500 Beschäftigten angestrebt wird, und es wird
dienen sollen. Ich denke an den Sicherheitsbeauf- weiter empfohlen, daß schon in Betrieben mit 200
tragten, an die Sicherheitsausschüsse, an den Unfall- Beschäftigten ein Betriebsarzt, wenn auch nur neben-
bericht, der zu erstatten ist, usw. beruflich, als Vertragsarzt, tätig werden soll. Inso-
fern sind wir sehr verwundert, daß angesichts einer
Aber ich glaube, ich würde meine Aufgabe hier solchen Empfehlung, die seit 1961 vorliegt, bei der
jetzt nicht erfüllen, wenn ich nicht auf einige Dinge Verabschiedung eines Neuregelungsgesetzes zur
einginge, die doch noch etwas detaillierter vorgetra- Unfallversicherung — nach Ihren Auslassungen
gen wurden. auch in der Begründung ein entscheidendes Reform-
Herr Kollege Dr. Franz, Sie glaubten, mit der gesetz — auf diesem Gebiete weder das getan wird,
Auffassung der SPD — der Sie ja teilweise auch was in modernen Industriestaaten, in Frankreich
schon zugestimmt haben —, man sollte eine stär- oder Amerika, in Schweden oder England, schon
kere Beteiligung der Unternehmer erwirken, die gang und gäbe ist, noch das getan wird, was in der
höhere Unfallschäden oder größere Berufskrank- Empfehlung von den sechs Mitgliedstaaten der
heitsquoten hätten, sei eigentlich von der SPD im EWG gefordert wird. Unter diesen Umständen ist es
Grunde auch die Kostenbeteiligung in der Kranken- fast makaber, wenn man sich hier hinstellt und die
versicherung mitbejaht worden. Nun, Herr Dr. Franz, Notwendigkeit bejaht, aber in den Ausschüssen
Sie wissen genauso wie wir, daß es sich bei der alles abgelehnt hat. Das gilt in gleicher Weise für
Frage der Kostenbeteiligung in der Krankenver- die Frage des hauptamtlichen Sicherheitsbeauftrag-
sicherung nicht nur um einen völlig anderen Kom- ten für Betriebe von einer bestimmten Größe an.
plex handelt, sondern daß, soweit es die Unfallver- Nun ist hier auch vorgetragen worden, daß die
sicherung betrifft, der Unternehmer mit seinen Ein- Verantwortlichkeit für das Unfallgeschehen, für die
richtungen, Arbeitsmethoden, Arbeitsvorgängen, der Unfallverhütung, für den Gesundheitsschutz nicht
Arbeitsorganisation, der Arbeitsplatzgestaltung usw. nur auf die Unternehmer abzuwälzen ist, daß viel-
Berufskrankheiten und Unfälle verursachen kann, mehr auch die Arbeitnehmer und die Ärzteschaft,
die zu Lasten Dritter gehen. Hier ist eine ganz an- vielleicht auch die Öffentlichkeit mitwirken sollen.
dere Verantwortlichkeit gegeben. Wenn diese Ver- Herr Kollege Ollesch hat von den psychologischen
antwortlichkeit von dem Unternehmer nicht erfüllt Momenten gesprochen. Auch das, meine Damen
wird, kommen a) zu Schaden die dort Beschäftigten,
und Herren, ist uns bekannt. Auch dafür gibt es
also Dritte, und b) trägt unter Umständen — oder
praktische Beispiele im Ausland. Nicht zuletzt hat
bei dem bisherigen System überhaupt — die Kosten
ja das Hearing, das wir Sozialdemokraten veranstal-
die Gesamtheit der Versicherten innerhalb einer Be-
tet haben, dazu beitragen sollen, das. Verständnis
rufsgenossenschaft oder Gefahrengemeinschaft. Wir
für die Notwendigkeit einer zeitgerechten Unfall-
sind nicht der Auffassung, daß diese Art von Ver-
verhütung zu wecken; und unser Vorschlag, ein
antwortung auf Grund der Unternehmensführung,
aber auch auf Grund des Fürsorgegedankens gleich- Kuratorium zu errichten, das sich mit allen Maß-
gesetzt werden kann mit der Eigenverantwortung nahmen und Fragen beschäftigt, die zur Unfallver-
des einzelnen in der Krankenversicherung, die nun hütung in allen betrieblichen Bereichen führen kön-
einmal anders zu sehen ist. nen, war mit darauf abgestellt, .daß nicht nur be-
trieblich Beteiligte, sondern auch Wissenschaft und
Wir stimmen Ihnen in diesem Punkt zu, und wir Forschung sowie der Staat und sonstige an der
hätten erwartet, daß Sie seinerzeit unseren Vor- Unfallverhütung Interessierte herangezogen werden
schlägen im Ausschuß, die auf eine stärkere Be- sollen. Zu unserem großen Bedauern müssen wir
lastung der Unternehmen und Betriebe zielten, die feststellen, daß Sie diesen sehr lockeren Vorschlag
höhere Unfallquoten und eine größere Zahl von Be- für einen ersten Versuch abgelehnt haben.
rufskrankheitsschäden verursachen, gefolgt wären.
Aber auch da haben Sie sich doch immerhin nur Ich könnte noch eine Vielzahl von Beispielen da-
negierend auf einen Prozentsatz der Beteiligung für bringen, wie sehr Ihre hier vorgetragenen
verstanden, der nach unserer Auffassung nicht aus- Begründungen und Argumente im Widerspruch
reichend ist. stehen zu den Taten, die Sie im Ausschuß und auch
heute hier im Plenum bei der Verabschiedung die-
Nun zu dem Problem der Werksärzte, zu dem ses Gesetzes zeigen. So wird uns jetzt ein Entschlie-
Problem der hauptamtlichen Sicherheitsbeauftrag- ßungsantrag der CDU/CSU-Fraktion zur dritten
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2853
Killat
Lesung vorgelegt, wonach die Bundesregierung ent- genüber den Berufsgenossenschaften haben. Wir
sprechend einer Ankündigung in einer Regie- haben sie gemacht, weil die bisherigen Leistungen
rungserklärung ein Gesetz über hauptamtliche auf diesem Gebiet für die Gesamtheit einfach nicht
Sicherheitsbeauftragte und Sicherheitsingenieure befriedigend sind und weil es darauf ankommt, bei
vorlegen soll. Meine Damen und Herren, das hät- den mehr und mehr steigenden Unfallzahlen und
ten Sie hinsichtlich der Verpflichtung dieser Kräfte den immer noch steigenden Zahlen tödlicher Un-
bei den Betrieben durch eine entsprechende Bestim- fälle alle Kräfte zusammenzufassen und in gemein-
mung und Auflage in diesem Gesetz regeln können. samen Überlegungen neue Wege zu suchen. Das
Aber wir erleben es so oft, daß richtige Erkennt- Kuratorium wäre hierfür ein Anfang, das all die
nisse und Vorschläge über notwendige Maßnahmen von Ihnen erwähnten psychologischen Vorausset-
von Ihnen nicht aufgegriffen und entschieden, son- zungen schaffen, das Forschung betreiben und uns
dern weiter auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hin- allen miteinander helfen könnte, dieses große und
ausgeschoben werden. schwierige Problem der Unfallverhütung zu lösen.
Nach unserer Meinung — das möchte ich hier Wir haben uns im Ausschuß bei vielen Lesungen
ganz eindeutig zum Ausdruck bringen — darf es dieses Gesetzes und in vielen Auseinandersetzun-
auf die Dauer von niemandem mehr hingenommen gen bemüht, die Grundlage zu schaffen. Herr Kol-
und ertragen werden, daß die Bundesrepublik mit lege Ollesch, die Frage ist deshalb müßig, wo unsere
ihren steigenden Unfallquoten an der Spitze der Vorschläge sind. Ich möchte es noch einmal betonen
modernen Industriestaaten in der westlichen Welt — Herr Kollege Killat hat schon darauf hingewie-
steht. Die Beispiele in anderen Ländern haben sen —: Alles, was bezüglich der Unfallverhütung im
gezeigt — das ist auch bei unseren Besuchen in Gesetz steht, ist im Ausschuß erarbeitet worden und
diesen Ländern nachgewiesen worden —, daß ihre trägt den Stempel der SPD, die in allen Fällen die
Unfallquoten durch die Maßnahmen, die diese Län- Initiative ergriffen hatte. Darüber sind wir froh.
der vorgeschlagen und in den letzten sieben, acht Das ist keinerlei Vorwurf, sondern wir sind für Ihre
oder zehn Jahren eingeführt haben, gesunken sind. Erkenntnis dankbar.
Wir dürfen Sie deshalb bitten, diesen Anträgen, Herr Kollege Dr. Franz, Sie wollen jetzt durch
einen Entschließungsantrag die Regierung veranlas-
die von meinem Kollegen Geiger begründet worden
sen, Rechtsstellung und Aufgaben dieser Organe
sind, jetzt zuzustimmen und die Einführung der
festzulegen. Seien Sie doch ehrlich: Bedeutet das
Unfalverhütugsmßnicafespät-
irgend etwas anderes als eine kleine Gewis-
ren Zeitpunkt zu verschieben.
sensberuhigung gegenüber den vielen verunglück-
(Beifall bei der SPD.) ten Menschen und der Unruhe, die draußen bei der
sich immer weiter vergrößernden Zahl von Betriebs-
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat Herr unfällen sichtbar wird? Sie sagen, wir wollten die
Abgeordneter Geiger. Dinge institutionalisieren. Nein, wir wollen mit sol-
chen Instituten Voraussetzungen für eine bessere
Unfallverhütung schaffen. Diese Institutionen sind
Geiger (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- uns also nicht Selbstzweck, sondern sie sind uns Mit-
ehrten Damen und Herren! Es hat eigentlich nicht tel zu dem Zweck, das Optimum auf dem Gebiet
allzuviel Scharfsinn dazu gehört, schon vorher zu der Unfallverhütung zu erreichen.
wissen, daß Sie, Herr Kollege Dr. Franz, das Pro-
blem der Rückgewährung eines Beitragsanteils zur Daß hier Erfolge möglich sind, zeigen die Ergeb-
bewußten Verantwortlichmachung bei Betriebsunfäl- nisse der Betriebe, die sich dieser Aufgabe beson-
len aufgreifen und mit der Krankenversicherung ders verschrieben haben. Ich könnte Ihnen Beispiele
verknüpfen. Das war fast selbstverständlich; ohne nennen von der Gutehoffnungshütte über die Hüt-
tenwerke Oberhausen und eine ganze Reihe ande-
Gedanken lesen zu können, hätte man das von vorn-
rer Firmen bis zu der Aktion Unfallverhütung, die
herein sagen können.
in Baden-Württemberg durchgeführt worden ist. Es
Aber das zeigt auch, meine sehr verehrten Damen gibt doch eine Fülle von Voraussetzungen, deren
und Herren, wie Sie die Dinge verwechseln und wie Erfüllung man mit dem Bekenntnis des Glaubens,
Sie sie immer wieder im falschen Augenblick be- daß alles Notwendige und Mögliche getan werde,
handeln. Es ist doch längst auch Ihnen aufgegangen, nicht näherkommt. Es kommt daher darauf an, in
daß es ein Unterschied ist, ob es sich um Sachen einem Gesetz die entsprechenden Regelungen zu
handelt wie bei der Unfallverhütung und bei der schaffen, die dann auch die Privatinitiative anregen
Unfallversicherung oder ob es sich um Menschen, und veranlassen, daß man sich mit der Problematik
die in der Krankenversicherung sind, und ihr kör- wirklich beschäftigt.
perliches Wohlbefinden handelt. Während das eine
Natürlich, Herr Kollege Ollesch, ist das Entstehen
ein objektiver Tatbestand ist, den man verändern
'von Unfällen vom Handeln der Menschen abhängig.
kann, sind die anderen Voraussetzungen subjektiver Aber Ihre Argumentation ist doch schief: daß etwa
Natur, und der einzelne kann zu den Dingen gar deshalb, weil man nachher wenig Rente erhält, sich
nicht das Notwendige beitragen. Hier geht es um weniger Betriebsunfälle ereignen. Was kann denn
die Gesundheit der Menschen und dort um sachliche der Mensch, der in den heutigen Produktionsprozeß
Notwendigkeiten und Voraussetzungen. eingerammt ist, der am Band arbeitet und vom Takt
Meine Damen und Herren, wir haben unsere Vor- der Maschine abhängig ist, noch groß an Überlegun-
schläge nicht gemacht, weil wir ein Mißtrauen ge- gen anstellen, ob er etwa nach einem Betriebsunfall
2854 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Geiger
auch eine entsprechende Entschädigung erhalten tungen? — Bei einer Enthaltung mit großer Mehr-
wird! heit angenommen.
(Beifall bei der SPD.)
Dann kommen wir zur Abstimmung über § 708
in der durch den soeben gefaßten Beschluß festge-
Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter, stellten Fassung. Wer zustimmt, den bitte ich um
gestatten Sie eine Zwischenfrage? ein Zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? —
Keine Gegenstimmen, keine Enthaltungen; der Para-
Geiger (SPD) : Bitte. graph ist einstimmig angenommen.
Ich rufe auf § 709. Hierzu liegen keine Ände-
Rauhaus (CDU/CSU) : Herr Abgeordneter, ist rungsanträge vor. Wir kommen zur Abstimmung.
Ihnen bekannt, daß wir im Jahre 1959 weniger töd- Wer stimmt dem § 709 zu? — Danke. Gegenprobe!
liche Unfälle hatten als im Jahre 1900 bei einer
— Enthaltungen? — § 709 ist angenommen.
sechsfachen Beschäftigtenzahl?
§ 710! Hierzu liegt ein Änderungsantrag der Frak-
Geiger (SPD) : Es ist mir nicht bekannt, wie ich tion der FDP auf Umdruck 209 vor. Wird der An-
Ihnen ganz ehrlich sagen will. Meine Studien gin- trag begründet? — Herr Abgeordneter Spitzmüller!
gen nicht bis zum Jahre 1900 zurück. Ich will Ihnen
aber eine einfache Antwort darauf geben: Wir Spitzmüller (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr
leben heute, im zweiten Drittel des zwanzigsten verehrten Damen! Meine Herren! Wir schlagen Ih-
Jahrhunderts, unter völlig anderen technischen Vor- nen vor, vor das Wort „fahrlässig" das Wort „grob"
aussetzungen und mit ganz anderen technischen einzufügen, so daß es heißt, daß eine Strafe vorzu-
Möglichkeiten. Heute sind etwa Bergwerkskatastro- sehen ist bei vorsätzlicher oder grob fahrlässiger
phen, wie ich sie vorhin genannt habe, erfreulicher- Handlung gegen Unfallverhütungsvorschriften. Wir
weise Ausnahmen, während sie im Jahre 1900 noch glauben, daß es der Unfallverhütung nicht dienlich
an der Tagesordnung waren, eben weil man damals ist, wenn auch der leichteste fahrlässige Verstoß
noch nicht die technischen Voraussetzungen für die gegen Unfallverhütungsvorschriften gesetzlich zwin-
Verhütung hatte. gend die Verhängung einer Ordnungsstrafe nach
sich zieht. Wir möchten aber ausdrücklich betonen,
Rauhaus (CDU/CSU) : Sind Ihnen nicht die Aus- daß durch den zweiten Satz, der ja im Gesetz er-
arbeitungen der Gewerbeaufsicht bekannt, die über halten bleibt, klar zum Ausdruck kommt, daß selbst-
diese Frage sehr Bedeutungsvolles aussagen? Jeder verständlich auch leichtere fahrlässige Verstöße
von Ihnen hat diese Ausarbeitungen bekommen. bestraft werden können. Es braucht aber nicht der
gesetzliche Zwang hinter einer solchen Vorschrift
Geiger (SPD) : Jawohl. zu stecken.
Ich bitte um Annahme unsere Antrages.
Ruf (CDU/CSU) : Herr Kollege Geiger, ist Ihnen
nicht bekannt, daß in den letzten Jahren die Zahl Vizepräsident Schoettle: Wird dazu das Wort
der tödlichen Unfälle ständig rückläufig ist? gewünscht? — Das ist nicht der Fall.
(Zurufe von der SPD.) Wir kommen zur Abstimmung. Wer stimmt dem
— Das läßt sich nicht leugnen. Antrag auf Umdruck 209 zu? — Danke. Die Gegen-
probe! — Enthaltungen? — Der Antrag ist einstim-
mig angenommen.
Geiger (SPD) : Herr Kollege Ruf, das trifft nicht
zu. Wenn Sie einmal die Statistiken prüfen, werden Ich rufe auf § 710 in der soeben geänderten
Sie feststellen, wie widersprechend diese Statistiken Fassung. Wer stimmt dieser Bestimmung zu? —
sind. Es kommt nämlich darauf an, ob die Statistiken Danke. Gegenprobe! — Enthaltungen? — Die Be-
von den Gewerbeaufsichtsämtern oder von den Be- stimmung ist in der durch den soeben gefaßten Be-
schluß geänderten Fassung einstimmig angenommen.
rufsgenossenschaften selber gemacht werden.
Zu § 711 liegen keine Änderungsvorschläge vor;
Das ist unser Problem, und dieses Problem woll-
wir kommen zur Abstimmung. Wer stimmt dem
ten wir mit den von uns gemachten Vorschlägen
§ 711 zu? — Danke. Gegenprobe! — Enthaltungen?
lösen. Alles andere ist nichts als eine Gewissens-
— Auch dieser Paragraph ist einstimmig angenom-
beruhigung und kein Beitrag zu einer besseren Un- men.
fallverhütung in der Zukunft.
Ich rufe auf § 712. Dazu liegt ein Änderungs-
(Beifall bei der SPD.)
antrag auf Umdruck 189 Ziff. 12 vor. Wird dieser
Antrag noch einmal begründet, oder reicht die erste
Vizepräsident Schoettle: Weitere Wortmel- Begründung aus? — Dann kommen wir gleich zur
dungen liegen nicht vor. Abstimmung. Wer stimmt diesem Änderungsantrag
Wir kommen zur Abstimmung über den Ände- zu? — Danke. Gegenprobe! — Das letzte ist die
rungsantrag Umdruck 189 Ziffer 11 zu § 708. Prak- Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt.
tisch handelt es sich darum, daß in Abs. 1 eine neue (Abg. Geiger: Dann hat die Begründung
Nr. 3 eingeführt werden soll. Wer stimmt diesem nicht ausgereicht! — Abg. Becker: Nicht
Änderungsantrag zu? — Gegenprobe! — Enthal- ganz!)
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2855
Vizepräsident Schoettle
— Das war Ihr Pech, Herr Kollege Geiger. Wer stimmt dem Änderungsantrag zu? - Ich habe
Wir stimmen ab über § 712 in der Fassung des den Eindruck, daß das etwas müde ist. -
Ausschusses. Wer stimmt dem Paragraphen zu? — (Zuruf von der Mitte: Kaffee, Kaffee bitte!
Danke. Die Gegenprobe! - Enthaltungen? - Bei — Abg. Frau Döhring: Nein, es geht jetzt
zahlreichen Enthaltungen ist § 712 mit Mehrheit an- zu rasch!)
genommen.
Danke. Gegenprobe! - Letzteres ist die Mehrheit;
Ich rufe auf die §§ 713, 714, 715, 716, 717 und 718.
der Änderungsantrag ist abgelehnt.
Zu diesen Paragraphen liegen keine Änderungs-
anträge vor. Wir kommen zur Abstimmung. Wer Wir kommen zur Abstimmung über § 722. Wer
stimmt den aufgerufenen Paragraphen zu? Danke. stimmt dem Paragraphen in der Fassung des Aus-
Gegenprobe! - Enthaltungen? — Die Paragraphen schusses zu? - Danke. Die Gegenprobe! - Enthal-
sind einstimmig angenommen. tungen? - Der Paragraph ist einstimmig ange-
nommen.
Zu § 718 a liegen Änderungsanträge auf Um- Ich rufe auf die §§ 723, - 724, - 725, - 726, -
druck 193 und auf Umdruck 189 unter Ziff. 13 vor. 727, - 728, - 729, - 730, - 731, - 733, - 734, -
Der Änderungsantrag auf Umdruck 193 bezieht sich 735, - 736, - 737 und 738. - Hierzu liegen keine
auf den Abs. 1 des § 718 a. Soll dieser Antrag be- Änderungsanträge vor. Wir kommen zur Abstim-
gründet werden? - Er ist begründet. Wir kommen mung Wer stimmt den aufgerufenen Paragra-
dann zur Abstimmung. Wer stimmt dem Änderungs- phen zu? - Danke. Gegenprobe! - Die Paragra-
antrag auf Umdruck 193 zu? - Danke. Gegenprobe! phen sind einstimmig angenommen. - Der Antrag
Enthaltungen? - Der Antrag ist einstimmig an- der Fraktion der FDP auf Umdruck 216 ist zurück-
genommen. gezogen.
Zu § 739 liegt ein Änderungsantrag auf Umdruck
Wir kommen zu dem Änderungsantrag auf Um-
194 vor. Soll er begründet werden? —
druck 189 Ziff. 13, der sich auf den Abs. 2 des § 718 a
bezieht. Der Antrag scheint ebenfalls schon begrün- (Abg. Winkelheide: Nein, es wird verzichtet!)
det zu sein. Wir kommen zur Abstimmung. Wer — Auf Begründung wird verzichtet. Wir kommen
stimmt diesem Änderungsantrag zu? - Danke. Die zur Abstimmung. Wer stimmt dem Änderungsantrag
Gegenprobe! - Das letzte war die Mehrheit; der zu? - Danke. Gegenprobe! - Enthaltungen? -
Antrag ist abgelehnt. Der Änderungsantrag ist einstimmig angenommen.
Wir kommen zur Abstimmung über § 718 a mit Wir stimmen jetzt über den § 739 in der so ge-
der vorhin beschlossenen Änderung. Ich unterstelle, änderten Fassung ab. Wer stimmt diesem § 739 zu?
meine Damen und Herren, daß bei der Abstimmung Ich bitte um ein Handzeichen. - Danke. Gegen-
vorhin über Ziff. 13 a und 13 b abgestimmt wurde. probe! - Enthaltungen? - Der Paragraph ist in der
neuen Fassung einstimmig angenommen.
(Zustimmung.)
Ich rufe auf die §§ 740, - 741, - 742, - 743, -
Wer stimmt dem § 718 a mit der vorhin beschlosse- 744, - 745, - 746, - 747, - 748, - 749, - 750, -
nen Änderung zu? - Danke. Die Gegenprobe! — 751, - 752, - 753, - 754, - 755, - 756, - 757, -
Enthaltungen? - Einstimmig angenommen. 758, - 759, - 760, - 761, - 761 a, - 762, - 763, -
§ 718 b. - Dazu liegen keine Änderungsanträge 764, - 765, - 766, - 767, - 768, - 769, - 770, -
vor. Wir kommen zur Abstimmung. Wer stimmt 771, - 772 und 773. - Änderungsanträge zu diesen
dem § 718 b zu? - Danke. Die Gegenprobe! - Ent- Paragraphen liegen nicht vor. Wer stimmt diesen
haltungen? - § 718 b ist ebenfalls einstimmig ange- Paragraphen zu? - Danke. Gegenprobe! - Ent-
nommen. haltungen? - Keine Nein-Stimmen, keine Enthal-
tungen; diese Paragraphen sind einstimmig be-
Auf Umdruck 189 liegt unter Ziff. 14 der Ände- schlossen.
rungsantrag vor, hinter § 718 b einen neuen § 718 c Zu § 774 liegt ein Änderungsantrag auf Umdruck
einzufügen. Auch dieser Änderungsantrag ist be- 195 vor. Wird er begründet? - Herr Abgeordneter
gründet. Wir kommen zur Abstimmung. Wer stimmt Becker zur Begründung.
dem Änderungsantrag zu? - Danke. Die Gegen-
(Abg. Dr. Schellenberg: Wir stimmen zu!)
probe! - Das letzte war die Mehrheit; der Antrag
ist abgelehnt. Becker (CDU/CSU) : Herzlichen Dank, daß Sie
unserem Antrag zustimmen wollen. Aber ich glaube,
Ich rufe auf: § 719, - § 719 a, - § 720, - § 721.
die Materie ist etwas unbekannt, und deswegen
-- Dazu liegen keine Änderungsanträge vor. Wir
sollte man hier etwas dazu sagen.
kommen zur Abstimmung. Wer stimmt den aufge-
rufenen Paragraphen zu? - Danke. Die Gegen- Die Aufbaugemeinschaften im rheinland-pfäl-
probe! - Enthaltungen? - Diese Paragraphen sind zischen Weinbaugebiet sind als Körperschaften des
einstimmig angenommen. öffentlichen Rechts versicherungsrechtlich ebenso
wie die Wasser- und Bodenverbände, wie die Teil-
Ich rufe den § 722 auf. Dazu liegt ein Änderungs- nehmergemeinschaften in Flurbereinigungsverfah-
antrag auf Umdruck 189 unter Ziff. 15 vor. Gehört ren usw. zu behandeln. Sie sind deshalb in § 774
er zu den bereits begründeten Änderungsanträgen? Nr. 4 mit aufzuführen, damit auch bei den Aufbau-
Gut, dann kommen wir gleich zur Abstimmung. gemeinschaften des Weinbaus Arbeiten die entwe-
2856 Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Becker
der als Pflicht oder zur Ablösung einer Zahlungs- der Renten. Sie wissen, daß es verschiedene Arten
verpflichtung geleistet werden, versichert sind. Es der Berechnung für die Unfallrenten gibt. Für die-
will zwar niemand diese Personenkreise aus dem jenigen Renten, die nach dem Jahresarbeitsver-
Versicherungsschutz ausnehmen; aber es ist in Fach- dienst berechnet werden, sieht das Gesetz eine
kreisen eine Diskussion darüber entstanden, ob Reihe von wichtigen Paragraphen vor, auf die wir
der Versicherungsschutz oder die Versicherungs- noch zu sprechen kommen werden. Wir meinen, daß
pflicht in den genannten Fällen gegeben ist, wenn auch die Renten, die nach dem Ortslohn berechnet
das nicht eigens im Gesetz steht. Im Interesse der werden - meistens handelt es sich um ihrer Struk-
Klarstellung - es ist keine Ausweitung und keine tur nach kleine Renten -, zusammen mit den ande-
Änderung - bitte ich um Annahme unseres Antra- ren Renten angepaßt werden müssen, um ein Aus-
ges. einanderklaffen verschieden berechneter Unfall-
renten zu verhindern. Wir haben uns schon bei
Vizepräsident Schoettle: Weitere Wortmel- früheren Anpassungsgesetzen mit dieser Frage aus-
dungen liegen nicht vor. Wir kommen zur Abstim- einandergesetzt. Ich kann mich auf unsere grund-
mung über diesen Änderungsantrag. Wer stimmt sätzliche Haltung zu diesem Problem beziehen.
ihm zu? - Gegenprobe! - Enthaltungen? - Der Namens meiner Freunde möchte ich Sie nur herz-
Änderungsantrag ist einstimmig angenommen. lich bitten, dem Antrag auf eine Synchronisierung
Wir kommen zur Abstimmung über den so geän- der Renten, die nach dem Ortslohnsystem, und der
derten § 774. Wer stimmt dem Paragraphen zu? - Renten, die nach dem Jahresarbeitsverdienst be-
Gegenprobe! - Enthaltungen? - Der § 774 ist ein- rechnet werden, zuzustimmen, damit sich in Zukunft
stimmig angenommen. die Unfallrenten nicht auseinanderentwickeln, son-
dern alle vom Gesetz Betroffenen gleichmäßig die
Ich rufe auf die §§ 775, - 776, - 777, - 778, - 779, Möglichkeit einer Anpassung ihrer Rente erhalten.
- 780, - 781, - 783, - 784, - 785, - 786, - 787, -
788, - 789, - 790, - 791, - 792, - 793, - 794, - (Beifall bei der SPD.)
795, - 796, - 797, - 798, - 799, - 800, - 801, -
802, - 803, - 804, - 805, - 806, - 807, - 808, - Vizepräsident Schoettle: Wird dazu weiter
809, - 809 a, - 810, - 811, - 812, - 813, - 814, das Wort gewünscht? - Herr Abgeordneter Ber-
-815,-816,-817,-818,-819,-820,-821, berich!
- 822, - 823, - 824, - 825, - 826, - 827, - 828,
- 829, - 830, - 831, - 832, - 833, - 834, - 835,
- 836, - 837, - 838, - 839, - 840, - 841, - 842, Berberich (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
- 843, - 844, - 845, - 846, - 847, - 848, - 849, Damen und Herren! Wir halten die Einfügung die-
- 850, - 851, - 852, - 853, - 854, - 855, - 856, ser Bestimmung für überflüssig, weil die Frage schon
- 857, - 858, - 859, - 860, - 861, - 862, - 863, in der Unfallversicherung selbst durch die Festset-
- 864, - 865, - 866, - 868, - 869, - 870, - 871, zungsausschüsse geregelt wird. Man braucht also
- 872, - 873, - 874, - 875, - 876, - 877, - 878, diese Frage nicht noch einmal im Gesetz zu regeln.
- 879, - 880, - 881, - 882, - 883, - 884, - 885, Wir bitten Sie deshalb, den Antrag abzulehnen.
- 886, - 887, - 888, - 889, - 890, - 891, - 892
und 893 -. Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter
Zu allen diesen Paragraphen liegen keine An- Börner!
träge vor. Wir kommen zur Abstimmung über die
soeben aufgerufenen Paragraphen. Wer stimmt
ihnen zu? - Die Gegenprobe! - Enthaltungen? —
Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
ehrten Damen und Herren! Die Begründung, die
Keine Gegenstimmen, keine Enthaltungen; diese
Herr Kollege Berberich hier soeben gegeben hat,
Paragraphen sind einstimmig angenommen.
betrifft nur einen Teil des Problems. Man kann sol-
Auf Umdruck 189, Ziffer 16, liegt ein Antrag auf che Fragen nicht vom Gesetzgeber wegdelegieren.
Anfügung eines § 894 vor. Er ist schon begründet Die Bestimmung ist auch nicht überflüssig. Ich muß
worden. Es handelt sich um die Schaffung eines eindeutig feststellen: wenn wir hier nicht einen kla-
Kuratoriums für Unfallverhütung. Wir kommen zur ren gesetzgeberischen Auftrag geben, besteht die Ge-
Abstimmung über diesen Änderungsantrag. Wer fahr, daß in Zukunft die Unfallrenten, die nach dem
stimmt ihm zu? - Gegenprobe! - Das letzte ist Jahresarbeitsverdienst berechnet worden sind, durch
die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. den Gesetzgeber angepaßt werden und daß die nach
dem Ortslohnprinzip berechneten Renten hinterher-
Ich rufe auf Art. 2 Nr. vor 1. Es liegt ein Antrag,
hinken. Da sich aber schon in den letzten Jahren
Umdruck 189 Ziffer 17, vor, hinter Nr. „vor 1" eine
sozialpolitisch nicht zu vertretende Differenzen er-
neue Nummer „nach vor 1" einzufügen. Soll dieser
geben haben, halten wir es für dringend erforder-
Antrag begründet werden? - Herr Abgeordneter
lich, daß im Gesetz klar festgelegt wird, daß paral-
Börner.
lel mit der Anpassung der Renten nach dem Jahres-
arbeitsverdienstprinzip auch eine Anpassung der
Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- Renten nach dem Ortslohnprinzip zu erfolgen hat.
ehrten Damen und Herren! Die Begründung dieses Sonst würden sich die unliebsamen Zustände wie-
Antrags ergibt sich eigentlich aus den im Gesetz derholen, die Sie, Herr Kollege Berberich, aus der
vorgesehenen Bestimmungen über die Anpassung Vergangenheit sehr genau kennen.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2857
Vizepräsident Schoettle: Weitere Wortmel- nigen verwandten Berufsgruppen hin aufgeteilt wer-
dungen liegen nicht vor. den.
Wir kommen zur Abstimmung über den Ände- Aber schon dieser Antrag, den wir im Ausschuß
rungsantrag Umdruck 189 Ziffer 17. Wer zustimmen vorgelegt, mehrfach eingehend begründet und dort
will, den bitte ich um das Handzeichen. — Gegen- besprochen haben, hat eine Bestimmung enthalten,
probe! — Das letzte war die Mehrheit; der Antrag die besagt, daß, wenn sich die Zahler der Beiträge,
ist abgelehnt. d. h. die Kreise der Wirtschaft oder die Angehörigen
Jetzt müssen wir über die Nummer „vor 1" ab- der Berufsgenossenschaften, zu einem anderen Ver-
stimmen. Wer dieser Nummer „vor 1" zustimmen fahren entschließen, die unterschiedlich gewordene
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen- Belastung aufzuteilen und eine neue Form der Auf-
probe! — Enthaltungen? — Die Nummer „vor 1" ist teilung zu finden, die Bestimmungen des Art. 2 a
angenommen. nicht in Kraft treten sollen. Meine Damen und Her-
ren, an sich könnte es dabei bleiben. Jedoch hat
Ich rufe auf die Nummern 1 und 2. Da der Ände- diese Bestimmung dazu geführt, daß die betroffenen
rungsantrag Umdruck 189 Ziffer 18 durch die Ab-
Kreise in sehr intensiven Verhandlungen — dan-
lehnung des Änderungsantrags Umdruck 189 Zif-
kenswerterweise der Hauptverband der gewerb-
fer 5 gegenstandslos geworden ist, kann ich gleich
lichen Berufsgenossenschaften — in einer Sonder-
aufrufen die Nummern 2 a, — 3, — 4, — 5, — 6, —
sitzung beschlossen haben, dem Gesetzgeber vorzu-
7, — 8, — 9, — 10, — 11, — 12, — 13, — 13 a, —
schlagen, er möge eine andere Regelung treffen, um
13 b. — Wir kommen zur Abstimmung. Wer diesen
Nummern zustimmen will, den bitte ich um das der unterschiedlichen Belastung des Bergbaus, die
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen ? — nicht mehr der Relation des Unfallgeschehens im
Die Bestimmungen sind einstimmig angenommen. Bergbau gegenüber den anderen entspricht und an-
dere Ursachen hat, Rechnung zu tragen.
Zu Nr. 13 c liegt auf Umdruck 196 ein Ände-
rungsantrag vor. Das Wort zur Begründung hat der Da wir selbst zum Ausdruck gebracht hatten, daß
Abgeordnete Gaßmann. wir durchaus bereit sind, andere Vorstellungen Ge-
setz werden zu lassen, stehen wir nicht an, Ihnen
heute den Änderungsantrag Umdruck 197 vorzu-
Gaßmann (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
legen. Dieser Änderungsantrag verteilt die alte Last
Damen und Herren! Nachdem mir soeben von den
des Bergbaus aus der Unfallversicherung, die am
Kollegen von der SPD zugerufen worden ist, daß
1. Januar 1953 bestand und die demnach genau fest-
sie dem Änderungsantrag der CDU/CSU-Fraktion
steht — und nicht die laufend zugehende Last —,
— Umdruck 196 — zustimmen würden, glaube ich
auf die Gesamtheit der gewerblichen Berufsgenos
keine weitere Begründung für diesen Antrag mehr
senschaften. Da dies der Vorschlag aus dem Kreise
geben zu sollen. ich bitte, dem Antrag zuzustimmen.
der gewerblichen Berufsgenossenschaften selbst ist,
halten wir dieses Verfahren für zulässig, und wir
Vizepräsident Schoettle: Wir kommen zur begrüßen diesen Entschluß.
Abstimmung über den Änderungsantrag Umdruck
196. Wer stimmt diesem Änderungsantrag zu? — Wir schlagen Ihnen dabei allerdings vor, eine
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der Änderungs- Lohnsumme von 30 000 DM aus diesem Verfahren
antrag ist einstimmig angenommen. und der Verteilung der alten Bergbaulast herauszu-
nehmen, weil wir der Meinung sind, daß es in die-
Wir müssen jetzt noch über die Nr. 13 c abstim- sem Bereich Bagatellfälle geben könnte, die mehr
men. Wer stimmt dieser Nr. 13 c zu? — Gegenprobe! Verwaltungsverfahren verursachen, als überhaupt
— Enthaltungen? — Einstimmig angenommen. an Beiträgen einkommen könnte. Zum andern glau-
Der zu Nr. 13 d vorgelegte Änderungsantrag ist ben wir auch, daß das eine für den Mittelstand not-
gegenstandslos geworden. Dann können wir gleich wendige Maßnahme ist, um nicht allzusehr auch bei
über die Nummern 13 d, 14, 15, 16, 17, 18, 19 und 20 den kleinen Betrieben eine Neubelastung einzufüh-
abstimmen. Wer stimmt ihnen zu? — Danke. Ge- ren.
genprobe! — Enthaltungen? — Diese Nummern sind Meine Damen und Herren, wir wissen sehr wohl,
einstimmig beschlossen. daß diese Regelung sicherlich nicht die Zustimmung
Wir kommen zu Art. 2 a. Hier liegen Änderungs- eines jeden Mitgliedsverbandes finden wird, viel-
anträge vor, und zwar auf Umdruck 197 eine Neu- leicht auch nicht eines jeden Mitglieds. Wir sind
fassung des gesamten Artikels. Wird hierzu das aber der Meinung, daß aus der Begründung der Un-
Wort gewünscht? — Herr Abgeordneter Stingl! fallversicherung, die Haftung des Unternehmers
durch eine solche Solidargemeinschaft der Unter-
Stingl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen nehmer ablösen zu lassen, sich auch diese Regelung
und Herren! In der Ausschußfassung liegt Ihnen ergibt. Es ist keine Verpflichtung der Allgemeinheit
ein Art. 2 a dieses Gesetzes vor, der, ausgehend von und des Staates, es ist auch nicht ein Energiepro-
der Überlegung, daß sich seit der Begründung der blem, sondern es ist ein Problem der Unfallversiche-
Unfallversicherung eine Reihe von 'Verschiebungen rung und der Solidargemeinschaft der Unternehmer
sowohl in den Risiken wie auch in der Zahl der be- untereinander, diese Last erträglich zu machen.
schäftigten Personen und der damit verbundenen Der seinerzeitige Gesetzgeber hätte ja auch von
Lohnsummen ergeben haben, bestimmt, daß diese -
sich aus durchaus eine andere Abgrenzung der Un-
unterschiedlich gewordenen Belastungen nach ei-fallversicherungen bringen können. Die heutige Ab-
2858 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Stingl
grenzung hat zu diesen unliebsamen Zuständen ge- Dinge einzugehen, die schon Gegenstand einer sehr
führt. Wir glauben, daß wir deshalb recht tun, Ihnen ausgedehnten Ausschußaussprache über diese Fra-
dies hier vorzuschlagen. gen gewesen .sind und die auch — das darf ich doch
wohl heute sagen — innerhalb der Koalition und
Dabei darf ich Ihnen einiges nicht verschweigen.
der CDU zu erheblichen politischen Bauchschmerzen
Die Mitglieder des Ausschusses haben sicherlich sehr
geführt haben.
viele Protesttelegramme gegen die bisher vorgese-
hene Regelung des Art. 2 a bekommen. Nun werden (Abg. Ruf: Wir arbeiten doch nicht mit dem
wiederum einige, die gegen die vorige Regelung Bauch, wir arbeiten doch mit dem Kopf!)
protestiert haben, auch gegen die jetzige Regelung Denn als die CDU-Fraktion vor Jahresfrist ihren
protestieren. Daran wird nur deutlich, daß der Ge- Gesetzentwurf — oder die Bundesregierung ihren
setzgeber oder der Ausschuß oder die Betroffenen, Gesetzentwurf unter der Flagge der CDU — hier
die damit zu tun haben, sich sehr eingehend damit einbrachte, da waren darin nicht die Regelungen,
auseinandergesetzt hatten und daß man in der die heute angestrebt werden. Vielmehr entstand im
Öffentlichkeit geneigt war, vorschnell zu protestie- Rahmen des nordrhein-westfälischen Landtagswahl-
ren. kampfes ein hochpolitischer Gesichtspunkt für Herrn
(Abg. Dr. Schellenberg: Oder daß das Ganze Blank, — der uns heute die Ehre seiner Anwesen-
höchst problematisch ist, so oder so!) heit gibt, im Gegensatz zu den Beratungen des So-
— Herr Kollege Schellenberg, das Ganze ist nicht zialpolitischen Ausschusses über dieses Thema.
höchst problematisch. Allerdings ist es dann höchst (Zuruf von der SPD: Ausnahmsweise! —
problematisch, wenn man überhaupt nicht mehr da- Abg. Memmel: Wenn schon so ein bißchen
bei bleiben will, daß es weiterhin auf eine Eintei- theatralisch, dann „schenkt": „die Ehre
lung in Berufsgenossenschaften ankommt, wenn man seiner Anwesenheit schenkt"!)
will, daß es eine Staatslast wird, oder wenn man
überhaupt ein fortwirkendes Gemeinlastverfahren — Wissen Sie, wir kommen im Rahmen der weite-
einführen will. Dies hier ist kein Gemeinlastverfah- ren Beratung noch darauf zu sprechen, ob es nicht
sinnvoll gewesen wäre, wenn sich der Herr Bundes-
ren!
arbeitsminister, der ja sozusagen der geistige Stief-
Ich bitte Sie, dem Antrag zuzustimmen. Insbeson- vater dieses Antrages ist, der Ausschußdebatte ge-
dere darf ich noch einmal darauf hinweisen, daß er stellt hätte. Nun müssen wir die Auseinanderset-
den Wünschen der betroffenen Wirtschaftskreise zung mit ihm hier führen, und ich nehme an, er
entspricht. wird sicher noch in seiner bekannten temperament-
(Abg. Dr. Schellenberg: Na, na!) vollen Art in dieses Gespräch eingreifen.
Aber, meine Damen und Herren, worum geht es
Vizepräsident Schoettle: Herr Abgeordneter denn letztlich? Herr Kollege Stingl hat schon darauf
verwiesen, daß eine Reihe von sehr ernsten Beden-
Börner hat das Wort.
ken gegen dieses Verfahren spricht, was seiner
Meinung nach nicht die Übernahme einer Gemein-
Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- last wäre, was jedoch nach unserer Meinung die
ehrten Damen und Herren! Die Anwesenheit des Übernahme einer Gemeinlast ist. Nun, wie dem
Herrn Bundesfinanzministers unterstreicht die Wich- auch sei, es geht hier nicht um das Wort „Gemein-
tigkeit dieses Tagesordnungspunktes und des Pro- last", sondern darum: Was steckt hier drin? Sie
blems, das nunmehr im Rahmen dieses Gesetzent- wollen mit Ihrem Antrag versuchen, eine sehr hohe
wurfs behandelt wird. Wir Sozialdemokraten hätten wirtschaftpolitische, sozialpolitische Last der Berg-
uns gewünscht, daß auch der für die Wirtschafts- bauberufsgenossenschaft auf die anderen Berufsge-
politik in der Bundesrepublik Deutschland zustän- nossenschaften zu verlagern, und Sie verweisen
dige Ressortminister bei dieser Debatte anwesend darauf, daß es in der Struktur der Unfallversiche-
gewesen wäre, weil nämlich in diesem Änderungs- rung liege, daß der eine für den anderen betrieblich
antrag eine Frage von höchster wirtschaftspolitischer einzustehen habe.
Bedeutung steckt. Meine Freunde und ich glauben, daß hier die Axt
(Beifall bei der SPD.) an die Wurzel des berufsgenossenschaftlichen Prin-
Damit wir uns von vornherein über die Größen- zips gelegt wird.
ordnungen klar sind: hier geht es nicht um eine (Beifall bei der SPD.)
Bagatelle, hier geht es nicht um ein paar Millionen, Denn das, was Sie hier tun, bedeutet in der Aus-
sondern hier geht es um die volkswirtschaftliche wirkung doch, daß die bisher durch die Betriebsart,
Verlagerung von Milliardenbeträgen. Das muß sich durch die Struktur des Betriebes im Rahmen einer
jeder klarmachen, der über diesen Antrag abstimmt. Branche gegebene überschaubare Last, die jeder
Weil nicht nur für ein Jahr, sondern weil durch die Gewerbezweig selbst zu tragen hatte, nun ganz an-
Struktur des Gesetzentwurfs bzw. der dann von dere Dimensionen bekommt und etwas zunichte
der CDU gestellten Änderungsanträge Weichen ge- macht, was Sie auf Grund unserer sehr ernsten Vor-
stellt werden und diese Weichenstellung nicht nur stellungen im Sozialpolitischen Ausschuß teilweise
für die Sozialpolitik, sondern auch für die Wirt- mit in dieses Gesetz hineingenommen haben, näm-
schaftspolitik unseres Landes auf mindestens ein lich einen Anreiz für die Betriebe, die Zahl der Un-
Jahrzehnt von Bedeutung ist, meinen wir, daß es fälle zu senken. Die Auswirkung Ihres Änderungs-
nützlich ist, an diesem Punkt der Debatte auf einige antrages ist, daß sich in bestimmten Wirtschaftsbe-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2859
Börner
re i chen die Umlage verdoppeln oder gar verdrei- man hört ja so einiges im Hause —, kommt die
fachen wird. Wir sind sehr gern bereit, mit Ihnen ganze Spannung, die in der CDU bei diesem Pro-
über die Zahlen, die sich hier ergeben, zu spre- blem besteht, zum Ausdruck. Sie tritt in diesen ver-
chen. Aber wir müssen darauf hinweisen, daß Sie schiedenartigen und, wie ich meine, sehr unausge-
auch mit Ihren heute vorgelegten Änderungsanträ- gorenen Vorschlägen zutage.
gen zum Ausschußantrag nicht um das Problem
herumkommen, daß hier letztlich die Last eines (Abg. Memmel: Das soll bei Ihnen auch
Wirtschaftszweiges auf andere Wirtschaftszweige manchmal vorkommen!)
delegiert wird, die mit dem Berufsrisiko dieses — Nur mit dem Unterschied, daß wir nicht so leicht-
Wirtschaftszweiges überhaupt nichts zu tun haben. sinnig mit den Milliarden umgehen, meine Herren!
Ich möchte aber an dieser Stelle auch etwas zur (Lachen und Widerspruch bei der CDU/CSU.)
Klärung der Fronten sagen, damit hier nicht mit
dem Argument gearbeitet werden kann, wir wollten — Meine Damen und Herren, Ihnen wird das Lachen
den Bergbau in seiner heutigen Situation lassen, in dieser Frage noch vergehen. Denn wissen Sie,
wir hätten kein Interesse daran, das, was die Berg- was Sie hier mit diesem Vorschlag machen? Hier
bauberufsgenossenschaft heute an Lasten zu tragen haben Sie praktisch eine Zeitbombe in die Mittel-
hat, abzunehmen. Meine Damen und Herren, wer so standspolitik hineingelegt. Was wollen Sie mit
argumentiert, der argumentiert einfach falsch und Ihrem Antrag? Sie wollen überall in der Umlage
gegen die Tatsachen. Denn es ist nicht erst seit 30 000 DM Lohnsumme ausnehmen. Das bedeutet
gestern, sondern schon seit Jahren die Auffassung bei der heutigen Lohnhöhe in der Tendenz, daß alle
der sozialdemokratischen Fraktion dieses Hauses, Betriebe mit mehr als acht Beschäftigten von Ihrem
daß dem Bergbau durchgreifend geholfen werden Vorschlag, einschneidende Umlageerhöhungen bei
muß. Man kann aber einem so wichtigen Wirt- der Berufsgenossenschaftsumlage vorzunehmen, be-
schaftszweig, der auch für künftige Jahrzehnte in troffen werden.
unserer Volkswirtschaft seine Bedeutung haben
wird, nicht mit sozialpolitischer Flickschusterei hel- (Sehr richtig! bei . der SPD.)
fen, sondern man muß eine vernünftige Energiepoli- Wie Sie das mit Ihrer Mittelstandspolitik in Ein-
tik treiben. klang bringen wollen, müssen Sie uns erst noch
(Beifall bei der SPD.) klarmachen.
Wenn Sie meinen, Sie könnten das Dilemma der (Abg. Stingl: Das ist aber ein glatter Irr
deutschen Energiepolitik hier praktisch noch zwei tum!)
Jahre vor sich herschieben, verkennen Sie die — Wieso?
Schwierigkeiten, die im deutschen Bergbau wirklich
vorliegen. (Abg. Stingl: Weil dann bei acht Beschäf
tigten mit einer Lohnsumme von 40 000 DM
Wir glauben aber auch, daß es keine gute Art ist, nur 10 000 DM übrig bleibt, die belastet ist!)
nun hier so zu tun, als könnte man mit diesem
Ad-hoc-Antrag, der erst Mitte Januar gekommen — Nun, Herr Stingl, Zahlen hin, Zahlen her, — Sie
ist und der nach Ihrem ursprünglichen Willen schon werden nicht abstreiten können, was viele Berufs-
gleich Ende Januar verabschiedet werden sollte — genossenschaften zu Ihrem ersten Vorschlag ganz
damit um Gottes willen niemand merkt, was da eindeutig festgestellt haben, daß die Tendenz dieses
drinsteckt —, der sozialpolitischen Seite des Pro- Vorschlags in der stärkeren Belastung der mittel-
blems gerecht werden. ständischen Betriebe besteht. Daß diese Tendenz
Wir meinen, daß man, wenn man dem Bergbau durch Ihren Änderungsantrag beseitigt worden ist,
helfen will, Wege gehen muß, die sich von der können Sie niemandem erzählen.
Energiepolitik, von der Wirtschaftspolitik und von Nun noch eine andere Frage, die sich gerade aus
der Steuerpolitik her anbieten. Sie alle kennen der Begründung ergibt, die Herr Kollege Stingl vor-
sicher eine Reihe von Vorschlägen, die in den ver- getragen hat. Er hat gesagt, man solle das dem
gangenen Wochen nicht nur von den Wirtschafts- Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossen-
zweigen gemacht worden sind, die hier jetzt mehr schaften überlassen; dieser habe in einer Sonder-
bezahlen sollen, sondern auch von ernstzunehmen- sitzung zugesagt, man werde sich schon einigen.
den Menschen, die an diesem Problem finanziell Aber Herr Stingl war so freundlich, auch gleich dar-
überhaupt nicht interessiert sind. Es ist daher sinn- auf hinzuweisen, daß einige wohl mit dieser Eini-
voll, an dieser Stelle einmal im einzelnen zu unter- gung nicht einverstanden wären. Nun, ich will die
suchen, welche wirtschaftspolitischen Auswirkungen Frage nicht untersuchen, ob der Hauptverband der
die Ausschußvorlage, die mit Ihren Stimmen ange- gewerblichen Berufsgenossenschaften innerhalb von
nommen worden ist, und Ihre heute vorgelegten vierzehn Tagen legitimiert ist, für Hunderttausende
Änderungsanträge haben. Meine Damen und Her- von Betrieben solche entscheidenden Versicherungen
ren, in diesen noch etwas unvollständigen Unter- abzugeben.
lagen, die wir im Laufe des Vormittags zusammen- (Sehr richtig! bei der SPD.)
stellen konnten — wir hätten es gern eher getan;
aber Sie haben ja bis in die Nacht noch an der Ge- Ich will nicht untersuchen, wie die Berufsgenossen
meinlast herumgeraten; - schaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
(Heiterkeit und Zurufe) nach Ihrem Vorschlag betroffen wird und welche
2860 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Börner
Weiterungen sich für andere Berufsgenossenschaften — Das will ich Ihnen einmal darlegen, Herr Geiger.
vorwiegend mit Kleinbetrieben ergeben. Ich habe alle Unterlagen d a. Ich kann Ihnen
(Abg. Ruf: Ordnungsgemäß einberufene die Unterschriften zeigen und was vereinbart ist.
außerordentliche Mitgliederversammlung!) Seit Jahren haben wir im Bergbau eine überhöhte
— Ich komme gleich noch darauf. — Nur ein Bei- Unfallast. Das ist jedermann bekannt, auch Ihnen.
spiel: Auch in der chemischen Industrie, die ja bei Seit Jahren laufen Besprechungen unter den Be-
der wirtschaftspolitischen Betrachtung dieses Pro- teiligten in der Absicht, durch Übernahme dieser
blems wirklich nicht in .der schlechtesten Lage ist, Lasten auf andere Berufsgenossenschaften den Berg-
wird — das liegt in der Struktur ihrer Betriebs- bau zu entlasten. Es ist allerdings nicht zu Ab-
größen — mit einer erheblichen Erhöhung der Bei- schlüssen gekommen. Das ist verständlich, wenn
träge zu rechnen sein. man die Größenordnungen betrachtet, um die es
sich handelt.
Meine Damen und Herren, alles in allem frage
ich: Wer hat denn überhaupt noch ein Interesse an Wir hätten auch gewisse rechtliche Möglichkeiten
der Unfallverhütung, wenn durch einen solchen Be- gehabt; denn Sie wissen, daß es seit langem gelten-
schluß seine Beiträge zur Berufsgenossenschaft prak- des Recht ist, daß der Bundesarbeitsminister — frü-
tisch verdoppelt werden? In der Begründung wird her der Reichsarbeitsminister—mit Zustimmung des
immer hervorgehoben, daß man dem Bergbau Bundesrates bestimmen kann, daß mehrere Berufsge-
helfen müsse. Es wird aber verschwiegen, daß nach nossenschaften ihre Entschädigungslasten ganz oder
Ihrem Vorschlag die doch wirklich nicht mit guter teilweise gemeinsam zu tragen haben. Wir haben
Konjunktur gesegnete deutsche Textilindustrie er- von der Möglichkeit, diesen Rechtsweg zu gehen,
heblich mehr belastet wird. In Ihrem Vorschlag keinen Gebrauch gemacht, weil wir uns immer auf
wird nicht darauf eingegangen, daß der deutschen den Standpunkt gestellt haben, es sei besser und
Werftindustrie, deren wirtschaftspolitische Sorgen zweckmäßiger, wenn sich die Beteiligten in dieser
der Bundesregierung hinreichend bekannt sind, in- Frage selber einigten.
folge dieses Antrags erhebliche Mehrkosten erwach- Herr Börner, nehmen Sie es zur Kenntnis, und
sen. fragen Sie bei der IG Bergbau an: Als meine ehe-
Wir glauben also, daß dieser Vorschlag, der aus maligen Kameraden, die drei Sozialdemokraten
einem unguten Wahlversprechen des Herrn Bundes- Gutermuth, Dahlmann und van Berg — nicht von
arbeitsministers an den Herrn Generaldirektor der CDU! —, in ihrer großen Not bei mir erschienen
Burckhardt entstanden ist, durch den Gesetzgeber und an mich appellierten, habe ich ihnen gesagt, daß
) nicht honoriert werden darf. man jetzt unter Umständen die Ü bernahme eines
Teiles dieser auf den Bergbau entfallenden Sozial-
(Beifall bei der SPD.) lasten im Zusammenhang mit der Reform der Unfall-
Nach unserer Meinung muß die Bundesregierung — versicherung betreiben müsse. Bis dahin waren wir
da stimmen wir mit allen hier im Hause überein —, des Glaubens, daß die Beteiligten das selber lösen
wenn sie die Notlage des deutschen Bergbaus würden. Dann ist ein Antrag der CDU/CSU-Frak-
ändern will, endlich einimal entscheidende Vor- tion behandelt worden. Wie Sie sehen, sind die Be-
schläge zur Strukturverbesserung und zur Energie- teiligten, weil sie diese Lösung nicht schön fanden,
politik machen. so übereingekommen, wie es jetzt als Antrag ver-
Wir halten eine Entscheidung für dieses Verfah- dichtet vor Ihnen liegt.
ren für eine so große sozialpolitische Fehlentschei- Was beklagen Sie eigentlich, Herr Börner? Sie
dung — um nicht zu sagen: sozialpolitische Flick- beklagen, daß sich ,die beteiligten Berufsgenossen-
schusterei —, daß wir keinem Ihrer Änderungs- schaften bereiterklärt haben, einen Teil der über-
anträge zustimmen werden. höhten Soziallasten des deutschen Bergbaues zu
(Beifall bei der SPD.) übernehmen. Warum beklagen Sie das? Haben Sie
etwa die Zeiten vergessen, wo wir von den Berg-
leuten das Alleräußerste verlangt haben? Ist etwa
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der vergessen, wie wir hier in diesem Hause an die
Herr Bundesarbeitsminister. Bergarbeiter appelliert haben, sie möchten Sonn-
tagsschichten machen, sie möchten Überstunden
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord- leisten?
nung: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! (Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Ich möchte mich zu einigem, was Sie, Herr Börner,
gesagt haben, äußern. Ist etwa vergessen, daß wir von den Bergleuten im
ersten Aufbaustadium dieses Wirtschaftssystems
Ich habe Herrn Burckhardt kein Versprechen ge- eine Arbeitslast verlangt haben wie von keinem
geben, sondern ich habe Herrn Burckhardt und der anderen Beruf?
IG Bergbau, die in ihrer Not zu mir gekommen sind,
am 19. und am 22. Juni des vergangenen Jahres das (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Versprechen gegeben, dem Bergbau in einer be-
Durch Umstände, die wir miteinander nicht in
stimmten Weise zu helfen. Das will ich Ihnen ein-
der Hand haben, sind die Versicherungslasten für
mal darlegen.
den Bergbau so hoch angestiegen, daß sie mit über
(Abg. Geiger: Und in dem Jahr vorher!) 13 % der Lohnsumme zu Buche schlagen. Es stellt
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2861
Bundesminister Blank
der deutschen Wirtschaft ein ehrendes Zeugnis aus, stehen wie der Bergbau, zugegebenermaßen aus an-
wenn sie jetzt in dieser Situation übereingekommen deren Gründen.
ist, einen Teil dieser Last auf sich zu nehmen. Wir Sozialdemokraten haben uns deshalb am An-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) fang dieser Diskussion dafür entschieden, daß über
das Problem des Bergbaues, gerade weil es ein na-
Das hatte ich, Herr Professor Schellenberg, damals tionales Problem ist, weil es unter gesamtwirtschaft-
den drei Sozialdemokraten, meinen Gewerkschafts- lichen Gesichtspunkten zu sehen ist — nicht Berg-
kollegen, versprochen, und ich bin dem Hohen bau kontra andere Wirtschaftszweige, sondern Bun-
Hause dankbar, wenn es heute durch ,die Annahme desregierung kontra Bergbau —, weiter beraten
dieses Vorschlags dieses Versprechen realisiert; werden muß. Wo ist denn die Bereitwilligkeit der
denn die deutschen Bergleute haben es verdient. Bundesregierung, aus dem Aufkommen an Mineral-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ölsteuer hier etwas abzuzweigen und damit even-
tuell das Problem zu lösen? Muß denn der Uhrmacher
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der im Schwarzwald mit einer Verdopplung seiner Um-
Abgeordnete Porten. lage bestraft werden, nur weil der CDU nichts Bes-
seres eingefallen ist?
(Zuruf des Abgeordneten Porten.)
(Beifall bei der SPD.)
— Wenn Sie bereit sind zurückzustehen, dann
erteile ich das Wort zunächst dem Abgeordneten Dazu können Sie die Sozialdemokraten nicht zwin-
gen. Sie werden diesen Entschluß, das kann ich Ihnen
Börner.
heute schon sagen, genauso bitter bereuen wie an-
dere wirtschaftspolitische Flickschusterei, die Sie
Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver- in den vergangenen Jahren gemacht haben. Machen
ehrten Damen und Herren! Der Herr Bundesarbeits- Sie nur so weiter! Um so sicherer wird die SPD in
minister hat die Situation von 1945 vor unserem Zukunft die Wirtschaftspolitik dieses Landes be-
geistigen Auge beschworen und gute Worte für die stimmen.
Kumpel an der Ruhr gefunden, die damals die (Beifall bei der SPD.)
deutsche Wirtschaft mit ihrer Arbeitskraft wieder in
Gang gebracht haben. Ich wäre sehr froh, wenn die
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Mehrheitsparteien dieses Hauses bei anderen Ent-
Abgeordnete Porten.
scheidungen das auch immer so getan hätten.
(Beifall bei der SPD. — Abg. Dr. Schellen-
Porten (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da-
Altersrente!) men und Herren! Wir haben auf Umdruck 212 einen
Wenn man die Worte von Herrn Minister Blank Änderungsantrag vorgelegt, der die Erhöhung des
anhört, dann könnte man fast den Eindruck gewin- Freibetrages von 30 000 auf 50 000 DM für alle Be-
nen, es gehe um einen Zuschuß an die IG Bergbau. triebe sichern soll, so daß dann auf dieser Basis die
Es geht aber um einen Zuschuß an die Berufsgenos- Beiträge errechnet würden.
senschaft Bergbau bzw. um die Abwälzung einer Ich will auf die Ausführungen des Kollegen Bör-
Last der Unternehmer. ner jetzt nicht eingehen. Ich glaube, Herr Kollege
Ich möchte in dieser Debatte auch einmal ein Börner, wir haben an anderer Stelle, zu späterer
Argument aufnehmen, das in den vielen Zuschrif- Zeit noch Gelegenheit, uns über echte Mittelstands-
ten, die wir bekommen haben, immer wiederkehrt: politik auseinanderzusetzen. Wir brauchen das nicht
daß mit dieser Regelung, Herr Minister, die Ihre bei diesem kleinen Objekt
Koalitionsfreunde vorschlagen, unter Umständen (Zurufe von der SPD)
Bundesbetriebe subventioniert werden, die es gar zu tun, wo wirklich nur die Aufgabe besteht, dem
nicht nötig haben, in Bundesbesitz befindliche Teile Bergbau zu helfen, wozu auch der Mittelstand seine
des deutschen Bergbaues, die nicht in der gleichen Zustimmung gegeben hat.
Situation sind wie die Zechen, die an der Grenze
der wirtschaftlichen Rentabilität stehen. Meine Damen und Herren, die Gespräche, die
wegen der Verteilung der Last geführt worden sind,
Die Darstellung, daß der Großmut der deutschen waren sehr unterschiedlicher Struktur, und in der
Wirtschaft hier sozusagen in letzter Stunde eine Selbstverwaltung der Berufsgenossenschaften wa-
Einigung zustande gebracht hat, ist einfach sachlich ren, als es um die Frage des Freibetrages ging,
unrichtig. Vielmehr hat der gesetzgeberische Druck, sehr unterschiedliche Auffassungen vorhanden. Dar-
der aus dem Willen der Mehrheitsfraktion von Mitte um hat die Selbstverwaltung eine Entscheidung zu
Januar an klar erkennbar war, diese Änderung zu- diesem Punkt nicht getroffen. Ich glaube, es war
stande gebracht. Sie haben also der Freiwilligkeit gut so, daß wir diese Entscheidung in diesem Hohen
etwas nachgeholfen. Meine Damen und Herren, das Hause als politische Entscheidung herausstellten.
müssen Sie parteipolitisch verantworten. Aber so-
zialpolitisch und wirtschaftspolitisch haben wir die Nun lassen Sie mich einige Bemerkungen zu un-
Auswirkungen dieses Vorschlags alle miteinander serem Änderungsantrag Umdruck 212 machen. Wir
zu verantworten. Wir halten sie für höchst verderb- stellen den Antrag, den Freibetrag von 30 000 auf
lich für verschiedene Wirtschaftszweige in unserem 50 000 DM zu erhöhen, und können dafür zwei Ar-
Land, die schon heute in einer ähnlichen Situation gumente ins Feld führen.
2862 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Porten
Erstens geht es um die Verwaltungskosten. Wir gen in der Wirtschaft eingetreten sind. Diese schla-
haben drei Berufsgenossenschaften, die noch das gen sich natürlich auch in der Unfallversicherung
System der sogenannten Kopfbeiträge haben. Das nieder. Sie wissen selbst ganz genau, welche Ent-
heißt, daß Betriebe mit fünf Beschäftigten den Bei- wicklung Belegschaftsstärke und Arbeitsmarktsitua-
trag nicht nach der Lohnsumme, sondern nach der tion in einzelnen Wirtschaftszweigen genommen
Beschäftigtenzahl entrichten. Diese drei Berufsge- haben. Sie werden nicht verkennen, daß uns ein
nossenschaften wären praktisch nicht in der Lage, ausgesprochen sozialpolitisches Anliegen veranlaßt
bei 30 000 DM diese Verwaltungsaufgabe durchzu- hat, im Sozialpolitischen Ausschuß diese Regelung
führen; denn 30 000 DM, das bedeutet bei dem heu- vorzuschlagen. Sie haben im Grunde genommen
tigen Lohnniveau eine Beschäftigtenzahl von drei diese Erkenntnis sogar anerkannt, nur wollten Sie
bis vier Personen. Wir glauben, mit der Erhöhung einen anderen Weg wählen, nämlich den Weg über
auf 50 000 DM die Betriebe mit sechs und acht Be- den Staat. Sie schlugen seinerzeit vor, dem Bergbau
schäftigten zu erfassen und so auch für unsere Be- die Silikoselasten abzunehmen und überhaupt die
rufsgenossenschaften die Erfüllung dieser Aufgabe ganze Frage der Unfallversicherung über den Staats-
verwaltungsmäßig etwas zu vereinfachen. sektor zu lösen.
Durch die Veränderung des Betrages von 30 000 Darin unterscheiden sich eben unsere Auffassun-
auf 50 000 DM — ich sagte, daß wir drei Berufsge- gen grundsätzlich, Herr Börner. Wir sind der Mei-
nossenschaften haben, die den Beitrag noch nach nung, daß die Unfallversicherung — das wissen Sie
der Kopfzahl erheben; diese Berufsgenossenschaften ganz genau — eine Ablösung der Haftung der
haben eine Mitgliederzahl von 250 000 bis 300 000 Unternehmen gegenüber den Arbeitnehmern ist und
Betrieben — würde sich die Belastung der einzelnen daß diese Haftungsablösung genossenschaftlich ge-
Betriebe nach unseren Vorstellungen verlagern. regelt ist.
Wenn wir einen Freibetrag von 0 DM vorsehen, er- Diese Probleme kennen Sie, wie gesagt, ganz ge-
geben sich 22 Pfennig je 100 DM, und wenn wir nau. Sie wollen nur im Moment den Weg nicht mit-
einen Freibetrag von 50 000 DM einsetzen, sind es gehen, den wir aus der richtigen Erkenntnis der
etwa 27 Pfennig je 100 DM Lohnsumme. genossenschaftlichen Haftung gehen wollen. Es ist
Bei diesem Anliegen haben wir in diesem Hohen nach unserer Auffassung einfach ein Ding der Un-
Hause einige Vorbilder. Ich darf daran erinnern, möglichkeit, diese Haftung von der Wirtschaft zu
daß bei der Kindergeldgesetzgebung auch für die nehmen und dem Staat aufzuerlegen. Hierin unter-
kleineren Betriebe eine Ausnahme gemacht wurde, scheiden wir uns grundsätzlich.
indem ein Freibetrag festgesetzt wurde. Ich darf an Noch eines! Sie stellen es heute so hin, als ob
die Gewerbesteuer erinnern, wo auch Ausnahmen diese Frage der Gemeinlast, wie Sie die Altlastver-
für die kleineren Betriebe gemacht wurden. Insbe- teilung nennen — es ist keine Gemeinlast —, nicht
sondere darf ich einmal darauf hinweisen: Wir schon überhaupt — —
müssen für den Nachwuchs in Handwerk und Ein-
(Zuruf des Abg. Dr. Schellenberg)
zelhandel bei Existenzgründung innerhalb der soge-
nannten Durststrecke etwas tun, um für den Anlauf — Sie war ja bereits, Herr Schellenberg, seit Anno
die notwendige breitere finanzielle Grundlage zu Tobak — bereits seit 1880 — im Gesetz verankert,
bieten. Ich darf z. B. darauf hinweisen, daß im (Abg. Dr. Schellenberg: Aber nie praktiziert,
Handwerk in den vergangenen Jahren durchschnitt- mit gutem Grund!)
lich 35 000 Meisterprüfungen abgelegt wurden, daß
sich aber nur rund 20 000 Meister selbständig ge- Sie wissen also ganz genau, daß § 715 RVO — —
macht haben. Für die Versorgung der Bevölkerung (Erneute Zurufe von der SPD)
durch Handwerks- und Handelsbetriebe wäre es — Bitte?
immerhin notwendig, daß sich jährlich 25 000 bis (Abg. Dr. Schellenberg: Aber nie praktiziert!)
30 000 Leute selbständig machten.
— Ob er nie praktiziert worden ist, ist eine andere
Aus diesen zwei Gründen bitte ich, unserem Än- Frage, weil nämlich die heutige Situation — Gott
derungsantrag auf Umdruck 212 die Zustimmung zu
sei Dank, müssen wir vielleicht sagen — in den
geben. letzten 80 Jahren noch nicht eingetreten war. Aber
(Beifall bei 'der CDU/CSU.) heute ist sie eben eingetreten. Sie müssen erkennen,
wie sich die gesamte Belegschaftsentwicklung in der
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der übrigen Wirtschaft von 1956 zu heute darstellt. Sie
Abgeordnete Philipp. beträgt heute rund 114% gegenüber derjenigen von
1956, während es im Bergbau nur noch 82 % sind.
Dr.-Ing. Philipp (CDU/CSU) : Herr Präsident! Diese Diskrepanz können Sie nicht negieren, Sie
Meine Damen und Herren! Die Bemerkungen des müssen sie sehen und im Rahmen der Unfallver-
Herrn Abgeordneten Börner veranlassen mich zu sicherung — also sozialpolitisch — darauf Rücksicht
einer sachlichen Bemerkung zur Struktur der Berufs- nehmen.
genossenschaften. Ich wiederhole: Sie stellen es heute so hin, als ob
Herr Börner, Sie wissen selbst ganz genau, daß die Gemeinlastregelung überhaupt niemals gesetz-
seit den achtziger Jahren — die Bismarcksche Sozial- lich dagewesen wäre. Natürlich ist sie dagewesen.
versicherung stammt ja aus dem vorigen Jahrhun- Sie ist seit 1880 als gesetzliche Bestimmung da. Im
dert — naturgemäß gewisse strukturelle Änderun- Jahre 1925, Herr Börner, ist sogar eine weitere Be-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2863
Dr.-Ing. Philipp
stimmung eingebaut worden, daß dann, wenn sich Erzbergbaus, mit dem diese Wirtschaftszweige we-
die Berufsgenossenschaften nicht einigen, durch der verwandt noch verschwägert sind. Hier wird
Verordnung des zuständigen Ministers eine Rege- also bereits intern in einer Berufsgenossenschaft der
lung erfolgen soll. Grundsatz der Gemeinlast praktiziert. Und Sie stel-
len sich hier hin, als ob es eine Gemeinlast über-
Sie haben eine Frage? Bitte, Herr Börner!
haupt nicht gäbe.
Börner (SPD) : Herr Kollege Philipp, wenn Sie Sie sagen, die Unfallverhütung werde dadurch
dieses Problem jetzt zu einer Auseinandersetzung gefährdet. Das ist absolut nicht der Fall. Sie wissen
über berufsgenossenschaftliches oder staatliches ganz genau, daß auch heute trotz dieser Maßnah-
Denken machen wollen und uns dabei staatliches men das Verhältnis der Lasten immer noch 1 : 7 ist,
Denken anlasten wollen, sind Sie dann auch bereit, also der Bergbau auch nach dieser Gesetzeslage
zuzugeben, daß das Argument, der Bergbau könne noch den siebenfachen Betrag zu leisten hat und
die Lasten nicht tragen, nur teilweise richtig ist daß nur die alten Lasten abgenommen werden, die
und daß die Ertragslage im Bergbau in den verschie- zehn Jahre zurückliegen.
denen Zechen genauso unterschiedlich ist wie die (Abg. Stingl: Auch bei den Bezahlenden
Ertragslage in anderen Branchen unserer Wirt- bleibt ja die Gesamtbelastung unterschied
schaft? lich!)
— Selbstverständlich, die Gefahrklassen und die
Dr.-Ing. Philipp (CDU/CSU) : Herr Börner, das Gefahrtarife, die wir in der Berufsgenossenschaft
hat mit der Ertragslage an sich nichts zu tun. Ich haben, werden nicht angetastet und bleiben nach
habe versucht, Ihnen klarzumachen, daß es sich in wie vor bestehen.
erster Linie um ein sozialpolitisches Problem han-
delt, das sich aus der Änderung der Struktur unserer Ich möchte also zusammenfassend sagen: Sie ha-
Volkswirtschaft ergeben hat. Das ist eben ein Un- ben keine Argumente vorgetragen, die irgendwie
terschied. Sie wissen genau, daß bei den Berufs- geeignet wären, uns von dem vorliegenden Antrag
genossenschaften die Kosten pro anno durch Umlage abzubringen. Ich muß feststellen, ich bin erschüttert,
aufgebracht werden und daß diejenigen Betriebe daß Sie uns einfach keine Lösung dieses sozial-
im Bergbau, die jetzt stillgelegt werden, in der Zu- politischen Problems vorlegen können. Sie machen
kunft für diese Lasten, die sie selbst verursacht der Regierung den Vorwurf, die Dinge laufen zu
haben, nicht mehr haften, sondern daß die Übrig- lassen. Ich muß Ihnen den Vorwurf machen, daß Sie
bleibenden für diese Beträge haften müssen. Das die sozialpolitischen Dinge genauso laufen lassen
sind Strukturfragen, die Sie doch nicht einfach ne- und überhaupt jede Konzeption vermissen lassen.
gieren und auch nicht mit der Energiepolitik abtun (Beifall bei der CDU/CSU.)
können.
(Abg. Börner: Aber natürlich!) Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat der
Ich muß daran erinnern, daß Sie dieses Problem Abgeordnete Professor Balke.
im Ausschuß grundsätzlich auch erkannt hatten und
daß Sie nur einen anderen Weg gehen wollten als Dr.-Ing. Balke (CDU/CSU) : Herr Präsident!
wir, nämlich über den Staat. Wir wollten den Weg Meine Damen und Herren! Ich möchte vorschlagen,
über die Wirtschaft gehen, weil die Selbsthilfe der daß wir das jetzt anstehende Problem von Emotio-
Wirtschaft bei einer Änderung in der Volkswirt- nen freihalten und uns wieder einmal auf die Tat-
schaft unserer Politik entspricht. bestände zurückziehen.
Herr Börner, Sie sprachen dann von der Energie- (Sehr richtig! bei der CDU/CSU. — Zuruf
politik. Wir haben heute keine energiepolitische De- von der SPD: Das müssen Sie Ihrem
batte. Ich habe mich gefreut, eine Große Anfrage der Minister sagen!)
Fraktion der SPD zur Energiepolitik vorzufinden. Es sind hier zwei Probleme angesprochen worden.
Aber in der Sozialdebatte sagen Sie: Es ist keine Das eine ist die Energiepolitik, und das andere ist
sozialpolitische Angelegenheit, und in Ihrer Anfrage ein Problem, das wir über die Unfallversicherung
zur Energiepolitik finde ich zu meinem Erstaunen lösen wollen; zwei Gegensätze, wenn Sie so wollen.
ebenfalls kein Wort über dieses Problem. Ich möchte Nun, die energiepolitische Frage, die Sie ange-
Ihnen mit Herrn Blank sagen, ich bin erstaunt über sprochen haben, Herr Börner, liegt uns auch sehr
diese Einstellung. Die Bergarbeiter an Rhein und am Herzen, und ich muß gestehen, mir wäre es auch
Ruhr werden sich darüber ihre eigenen Gedanken lieber, diese Frage wäre über eine Energiewirt-
machen. schaftspolitik gelöst worden. Dieses Problem ist
Ich hatte hervorgehoben, daß diese Regelung be- aber nicht nur bei uns ungelöst. Wenn Sie sich in
reits seit 80 Jahren eine gesetzliche Grundlage hat der Welt umschauen: in allen Industriestaaten ein-
und daß sie auch heute schon praktiziert wird. Ich schließlich der Vereinigten Staaten von Amerika
kenne einen Berufsgenossenschaftszweig, eine Sek- warten wir immer noch auf eine nationale und in-
tion der Bergbauberufsgenossenschaft, in der das ternationale — in integrierten Räumen — Energie-
Prinzip der Gemeinlast intern bereits praktiziert wirtschaftspolitik. Sie wissen, daß dieses Problem
wird. Der Aachener Bergbau, der niederrheinische im Gemeinsamen Markt, in den sechs EWG-Staaten,
Bergbau und rheinische Braunkohlenbergbau tragen - eine genauso große Rolle spielt wie bei uns und
bereits heute jährlich 8 Millionen DM des toten daß dieses Problem vorerst nicht zu lösen ist. Es ist
2864 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr.-Ing. Balke
also, glaube ich, wenig sinnvoll, wenn man irgend- Auf der außerordentlichen Mitgliederversamm-
einer Regierung, auch der unsrigen, vorwirft: „Das lung des Hauptverbandes der gewerblichen Be-
energiepolitische Problem ist noch nicht gelöst." Die rufsgenossenschaften wurde nach langen Aus-
Lösung wird leider noch einige Zeit auf sich warten einandersetzungen folgende Entschließung ge-
lassen. faßt:
Wir haben hier einen anderen Tatbestand. Es Zur Konsolidierung der durch die anerkannt
handelt sich darum, eine Altlast abzulösen. Ich hohe Last der Bergbauberufsgenossenschaft ent-
möchte bitten, eine Altlast von einer Gemeinlast zu standenen schwierigen Lage hat die Mitglieder-
unterscheiden. Unter einer Gemeinlast würden wir versammlung zur Abwendung einer Gemeinlast
eine Belastung verstehen, die laufend weitergeht im Sinne des Artikels 2 a des Entwurfs des Un-
und unabsehbare Folgen hat. fallversicherungs-Neuregelungsgesetzes äußer-
stenfalls folgende Regelung mit dem System der
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) gesetzlichen Unfallversicherung für vereinbar
Dagegen wäre ich auch. Hier handelt es sich nur erachtet:
um die Ablösung einer Altlast bei einer Wirtschafts- 1. Artikel 2 .a des Entwurfs wird gestrichen.
gruppe, bei einem Gewerbezweig, der, wie wir wis-
sen, nicht in der Lage. ist, diese aus seinen eigenen 2. Artikel 2 a erhält folgende neue Fassung:
Erträgen zu decken. Und jetzt ist eine methodische „Die Rentenlast der Bergbauberufsgenossen-
Frage entstanden: Soll man das über die Betrof- schaft aus Versicherungsfällen vor dem
fenen lösen, in diesem Falle über die gewerblichen 1. 1. 53 tragen von dem 1. 1. 63 ab die ge-
Berufsgenossenschaften — die landwirtschaftlichen werblichen Berufsgenossenschaften gemein-
sind nicht angesprochen —, oder soll man es, wie sam."
Sie vorschlagen, durch eine allgemeine staatliche
Belastung, die also den einzelnen Staatsbürger 3. Die Verteilung dieser Last erfolgt im Ver-
trifft, machen? Auf jeden Fall würde ja auch bei hältnis ihrer Lohnsummen.
Ihrem Vorschlag die Belastung von der Wirtschaft
aufzubringen sein. Ob sie das nun über ein bekann- Viertens kommt eine Bestimmung, die noch disku-
tes System der Sozialversicherung aufbringt oder tiert werden müßte: „Das Nähere bestimmt der
auf Grund eines neuen Gesetzes mit der Verteilung Bundesminister für Arbeit."
einer solchen Last auf alle Schultern — es bleibt Ich glaube, nach Lage der Dinge entspricht der
immer die Aufgabe, diese Summe aus dem Sozial- Antrag unserer Fraktion der Sachlage am besten.
produkt zu decken, ganz gleich, welchen Weg Sie Ich will aus den Gründen, die ich genannt habe, gar
wählen. nicht behaupten, daß es eine ideale Lösung wäre.
Es ist also meiner Ansicht nach eine Frage der (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
Zweckmäßigkeit, wie man so etwas macht. Hier hat Aber wir sollten auf diesem Wege nicht versuchen,
sich die Lösung über die Unfallversicherungsträger eine Regelung zu finden, die doch wieder auf eine
angeboten. Der Herr Bundesarbeitsminister hat klar- Sozialisierungsmaßnahme hinausliefe. Deswegen
gelegt, daß das gar nicht so einfach war; das wissen glaube ich, daß es besser ist, die Beteiligten, die nun
wir. Der erste Vorschlag, Gruppen zu bilden, die auf einmal zahlen müssen, in einem vernünftigen Maße
Grund ihrer besseren Ertragslage diese Last über- heranzuziehen. Ich betone: das darf kein Präzedenz-
nehmen könnten, ist verfassungsrechtlich bedenklich fall sein, auch nicht für den Gesetzgeber. Diese
gewesen. Nun hat sich ein Vorschlag herausgebil- Methode darf nicht später wiederholt werden. Es
det, der vielleicht — ich weiß es nicht, ich bin kein geht nur um die Ablösung der Altlast für einen not-
Verfassungsjurist — auch noch Angriffspunkte bie- leidenden Gewerbezweig.
ten kann, der aber doch wenigstens praktikabel er-
scheint. (Zustimmung.)
Darüber sind wir uns wohl in diesem Hause einig.
Und nun möchte ich zunächst einmal den Beschluß
vorlesen, den der Hauptverband der gewerblichen Ich habe sehr viel Verständnis für die Argumente
Berufsgenossenschaften in einer ordnungsgemäß ein- der SPD-Fraktion. Aber der Antrag, den Art. 2 a
berufenen außerordentlichen Mitgliederversamm- einfach ersatzlos zu streichen, scheint mir der Sach-
lung, die praktisch vollzählig besucht war, gefaßt lage nicht gerecht zu werden. Deshalb glaube ich,
hat, und zwar mit großer Mehrheit. Sie wissen, im wir tun im allgemeinen Interesse des Bergbaus und
Hauptverband hat jede Berufsgenossenschaft zwei der Volkswirtschaft — —
Stimmen, ein Arbeitgeber und ein Versicherter. Die- (Abg. Stingl: Nicht das Beste, aber das
ser Beschluß ist ordnungsgemäß mit praktisch voll- Bestmögliche!)
ständiger Mehrheit zustande gekommen. Er stellt
aber, das möchte ich klarstellen, keine Empfehlung — Richtig, Herr Kollege Stingl. Ideal ist die Lösung
und keinen Vorschlag dar. nicht, aber sie ist praktikabel. Sie schafft ein Pro-
blem aus der Welt, das uns sonst noch sehr lange
(Abg. Dr. Schellenberg: Und keine Bindung nutzlos beschäftigen wird. Ich glaube, wir können
für die einzelne Berufsgenossenschaft!) diese Lösung mit gutem Gewissen vertreten und den
— Das können diese ja gar nicht, das müssen sie Antrag der CDU/CSU-Fraktion annehmen.
unter sich ausmachen. — Der Beschluß lautet: (Beifall bei der CDU/CSU.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2865
Vizepräsident Schoettle: Das Wort hat Herr — Auf diesen Zwischenruf habe ich gewartet, denn
Abgeordnete Dr. Atzenroth. Herr Professor Balke hat mir dieselbe Erklärung
abgegeben, daß es in der Möglichkeit der Berufs-
Dr. Atzenroth (FDP) : Herr Präsident! Meine Da- genossenschaften liege. Wenn das der Fall ist, ist
men und Herren! Ich habe das Wort erbeten, uni unser Antrag hinfällig. Wenn ich diese Bestätigung
den Änderungsantrag Umdruck 215 zu begründen. bekommen könnte, würde ich unseren Antrag gern
Dieser Änderungsantrag betrifft nicht das Problem, zurückziehen. Aber aus dem Wortlaut dieses An-
ob es richtig ist, die Altlast des Bergbaus auf die trags kann ich das leider nicht entnehmen. Denn in
Berufsgenossenschaften zu übertragen, sondern bei dem Antrag auf Umdruck 197, Herr Professor Balke,
ihm wird die Annahme des Änderungsantrags Um- heißt es wörtlich:
druck 197 unterstellt. Die Beiträge der Mitglieder einer Berufsgenos-
Der Änderungsantrag Umdruck 197 birgt aber senschaft für deren Anteil an der gemeinsamen
noch Schwierigkeiten in sich. Das hat sich daran ge- Last werden ausschließlich nach dem Entgelt
zeigt, daß eine Reihe von Vertretern der Berufs- der Versicherten in den Unternehmen umgelegt.
genossenschaften zwar zum Teil in der Sitzung, von (Abg. Ruf: Der Berufsgenossenschaft!)
der Herr Professor Balke gesprochen hat, ihre Zu-
— Ja, das heißt doch, die Lohnsumme ist maßge-
stimmung gegeben haben, zum Teil aber auch den
bend, nicht aber der Anteil an der eigenen alten
Beschluß abgelehnt haben. Dabei ist auf die Schwie-
Last vor dem 1. Januar 1953. Hier herrscht doch das
rigkeiten hingewiesen worden, die sich bei der An-
nahme dieses Antrags eventuell ergeben könnten. Begehren nach einem größeren Maß an Gerechtig-
keit vor.
Durch die Übernahme der Altlast des Bergbaus (Abg. Stingl: Ein einzelner Betrieb hat doch
soll dem Bergbau geholfen werden. Seine Lasten keine alte Last, sondern nur die Berufs
sollen von ungefähr 13 % der Lohnsumme auf etwa genossenschaft!)
7 % gesenkt werden. Das sind globale Zahlen. An-
dere Berufszweige müssen also eine neue Last auf — Ich habe doch nicht von Einzelbetrieben gespro-
sich nehmen, und zwar in ganz unterschiedlicher chen, 'sondern von einem oder mehreren Berufs-
Höhe. Es gibt Berufszweige, bei denen die Verhält- zweigen.
nisse ähnlich wie beim Bergbau gelagert sind. Es
(Abg. Stingl: In Abs. 2 geht es um die ein
gibt Berufszweige, die auch eine sehr alte Last tra-
zelne Unternehmung!)
gen, weil sie verhältnismäßig viele Unfälle hatten.
Berufszweige, die früher in großer Zahl in den Ost- Ich habe klarzulegen versucht, daß hier Ungerech-
provinzen des Reiches ansässig waren und infolge- tigkeiten entstehen, daß ganze Berufszweige — ich
dessen die Unfallverletzten aus diesem Bezirk heute habe die Sägeindustrie genannt — dadurch in
noch mit betreuen müssen, erleben dasselbe wie der dichte Nähe des Bergbaus kommen. Wir werden
Bergbau, nämlich die Tatsache, daß die Zahl ihrer dann in einigen Jahren bei diesen Industrien vor
Arbeitnehmer nach 1945 abgesunken ist und immer dieselbe Frage wie heute beim Bergbau gestellt
weiter absinkt, so daß sich die Lasten auf eine klei- sein.
nere Lohnsumme verteilen. Das sind alles Argu-
(Vorsitz : Präsident D. Dr. Gerstenmaier.)
mente, die auch der Bergbau vorbringt. Mir ist von
einem Teil der in einer Berufsgenossenschaft ver- Ich müßte eigentlich annehmen, daß die SPD mei-
pflichteten Mitglieder bekannt, daß dort eine Um- nem Antrag zustimmt. Die Ausführungen von Herrn
lage, so linear durchgeführt, wie das hier vorge- Kollegen Börner haben gezeigt, daß er gleichartige
schlagen wird, die Belastung von 3% der Lohn- Erfahrungen gemacht hat. Ich wäre Ihnen also dank-
summe auf 5% anheben würde, so daß zwischen bar, wenn mein Antrag angenommen würde oder
dem Bergbau und diesem Berufszweig nur noch die wenn die entstandenen Unklarheiten geklärt wer-
kleine Spanne von 2% bestehen würde. den könnten.
(Zuruf von der Mitte.)
— Ja, das ist die Sägeindustrie. Bitte, Herr Stein, Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge-
das können Sie nachrechnen. Wir stehen also vor ordneter Börner, Sie haben das Wort.
der Gefahr, daß in einiger Zeit das Problem, das
sich beim Bergbau stellt, bei einem anderen Berufs- Börner (SPD): Herr Präsident! Meine sehr ver-
zweig wieder auftaucht. Bei der Textilindustrie ist ehrten Damen und Herren! Der Herr Kollege Balke
die Belastung nicht ganz so kraß, jedenfalls nach hat in dankenswerter Objektivität und, wie ich
dem, was mir diese Kreise mitteilen. meine, auch in sehr richtiger Betrachtung dieses
Problem als relativ bezeichnet und praktisch als
Aus diesen Gründen schlagen wir vor, die Um-
legung dieser Altlast nicht einfach linear nach dem das kleinere Übel angesehen, wenn auch das Wort
von ihm nicht genannt wurde. Ich hätte mich in die-
Verhältnis der Lohnsummen vorzunehmen, sondern
dabei die eigene Belastung aus Versicherungsfällen, ser Debatte nicht noch einmal gemeldet, wenn hier
die sich vor dem 1. Januar 1953 ereignet haben, an- in der Argumentation unseres verehrten Kollegen
gemessen zu berücksichtigen. Dr. Philipp nicht wieder bestimmte Klischeevorstel-
lungen angeklungen wären, die der SPD in dieser
(Abg. Ruf: Bei der Berufsgenossenschaft! - Frage Motive unterschieben, die einfach nicht den
Nicht beim einzelnen Betrieb!) Tatsachen entsprechen. Daß wir heute mit diesem
2866 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Börner
Gesetz in diese schwierige Lage gekommen sind, und Herren, ist der ungeeigneste Weg zur Lösung
liegt nicht an der sozialdemokratischen Bundestags- einer sehr schwierigen wirtschaftspolitischen Frage.
fraktion, sondern an Ihnen, die Sie praktisch bis (Beifall bei der SPD.)
gestern abend 11 Uhr an dieser Frage herumgeba-
stelt haben, ohne daß sich die anderen Fraktionen
des Hauses bis heute morgen über Ihre Änderungs- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
vorschläge haben Gedanken machen können. der Herr Abgeordnete Ollesch.
Im Augenblick liegen die Dinge so, daß der Berg- Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine
bau in einer schwierigen Situation ist. Wir alle Damen und Herren! Der Änderungsantrag, den Herr
sind bemüht, den Bergbau aus ihr herauszuführen, Kollege Ruf soeben vorgetragen hat, zeigt, wie un-
um auch die Arbeitsplätze für die Kumpel — um
ausgegoren die Angelegenheit mit der Gemeinlast
den Ausdruck zu gebrauchen — zu sichern.
ist. Der Antrag verändert erheblich die finanzielle
(Abg. Börner: Aber mit untauglichen Mitteln!) Struktur gegenüber der Fassung des ursprünglichen
Wir wissen, daß die Umlage zur Berufsgenossen- Antrages und zeigt, daß Sie bei Ihrer Nachtarbeit
schaft im Bergbau bei 15.5% liegt, d. h., daß 15 % sehr unter Zeitdruck standen,
von der Lohn- und Gehaltssumme eine große Be- (Abg. Ruf: Wenn Sie wüßten, was wir
lastung allein für den Bergbau darstellt. Wir wollen heute nacht getan haben! — Heiterkeit)
durch unseren Antrag bewerkstelligen, daß diese
hohe Belastung nunmehr auf 7 % heruntergedrückt als Sie beschlossen, hier im Plenum einen wichtigen
wird. Ich glaube, das ist ein wesentlicher Beitrag Änderungsantrag zur Lastenverteilung einzubrin-
gen.
dazu, die soziale Sicherheit für die im Bergbau Be-
schäftigten in bester Weise zu fördern und zu si- Im übrigen, Herr Kollege Ruf, Sie haben von
chern. 22 Pfennig je 100 DM Lohnsumme gesprochen. Die
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) Beitragserhöhung beträgt, da man praktisch das
Deshalb bin ich der Meinung, daß man den An- Aufkommen des Bergbaus absetzen muß, 22 % der
trag, den die Fraktionen der CDU/CSU und der gegenwärtigen Beitragssätze. Wenn für die Beiträge
eine Lohnsumme bis je 30 000 DM — wie der Än-
FDP hier vorgelegt haben, wirklich unterstützen
sollte. Wenn Sie sonst bei jeder Gelegenheit sagen, derungsantrag lautet — außer Ansatz bleiben soll,
die SPD unterstütze alle Wünsche und Forderungen (Abg. Stingl: Das stimmt nicht!)
der Gewerkschaften, dann muß ich eigentlich jetzt so ergibt sich eine Erhöhung aller Beiträge zu den
von Ihnen erwarten, daß Sie diesem Antrag zu- Berufsgenossenschaften von über 30%. Das ist der
stimmen. wirtschaftliche Inhalt der Gemeinlastverfahren.
(Beifall bei der CDU /CSU und FDP. — La-
(Abg. Stingl: Das ist einfach falsch!)
chen bei der SPD.)
Präsident D. Dr. Gerstenmaner: Herr Abge- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine weite-
ordneter Ruf. ren Wortmeldungen. Wir kommen zur Abstimmung.
2868 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
Ich lasse zunächst abstimmen über den Ände- Jetzt der Änderungsantrag Umdruck 214 der Ab-
rungsantrag der Fraktion der SPD auf Umdruck 189 geordneten Dr. Jungmann, Dr. Franz, Frau Welter
Ziffer 20 — Art. 2 a —; das ist ohne Zweifel der zum Änderungsantrag Umdruck 197 der Fraktionen
weitestgehende Antrag. Nach ihm soll der Art. 2 a der CDU/CSU, FDP. — Herr Dr. Jungmann, wollen
einschließlich Anlage 3 gestrichen werden. Wer die- Sie zur Abstimmung sprechen?
sem Änderungsantrag der Fraktion der SPD zustim-
men will, den bitte ich um ein Handzeichen. — (Abg. Dr. Jungmann: Ich hatte mich schon
Gegenprobe! — Das letztere ist die Mehrheit; der vorher gemeldet!)
Änderungsantrag der Fraktion der SPD auf Um-
— Tut mir leid; jetzt sind wir in der Abstimmung.
druck 189 Ziffer 20 ist abgelehnt.
Ich kann Ihnen das Wort nicht geben.
Nun kommen drei Änderungsanträge zu dem Än-
derungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und (Zuruf des Abg. Dr. Jungmann.)
der FDP auf Umdruck 197.
— Einen Schriftführer können Sie dafür nicht haft-
Ich lasse zunächst abstimmen über den Ände- bar machen.
rungsantrag der Fraktion der FDP auf Umdruck 215. (Heiterkeit.)
Wer diesem Änderungsantrag zustimmen will, den Tut mir leid!
bitte ich um ein Handzeichen. — Gegenprobe! —
Enthaltungen? — Bei zahlreichen Enthaltungen Wer diesem Änderungsantrag Umdruck 214 zu-
stimmen will, gebe ein Handzeichen. — Ich habe den
(Abg. Ruf: Das führt zu keiner Koalitions- Eindruck, einzelne überlegen sich das noch.
krise!)
(Heiterkeit.)
— ach, so hochdramatisch ist es gar nicht — ist der
Änderungsantrag der Fraktion der FDP auf Um- Gegenprobe! — Enthaltungen? — Meine Damen und
druck 215 abgelehnt. Herren, icht halte das erste für die Mehrheit; aber
Nun folgt der Änderungsantrag der Abgeordne- wenn mich die Schriftführer fragend ansehen, ist
ten Porten, Burgemeister, Wieninger, Soetebier und das doch keine Zustimmung.
Genossen zum Änderungsantrag der Fraktionen
(Heiterkeit.)
der CDU/CSU und der FDP auf Umdruck 197. Es
handelt sich um den Änderungsantrag auf Um- Die Abstimmung muß wiederholt werden. Wer die-
druck 212. sem Änderungsantrag Umdruck 214 — Änderungs-
(Abg. Burgemeister: Der muß auch geändert antrag der Abgeordneten Dr. Jungmann, Dr. Franz
werden!) usw. — zustimmen will, den bitte ich, sich zu er-
heben. — Gegenprobe! — Das ist erst einmal eine
— Ich lasse jetzt über den Änderungsantrag auf
Minderheit. Enthaltungen? — Das ändert nichts am
Umdruck 212 abstimmen. Herr Abgeordneten Burge-
Bild. Der Antrag ist angenommen; denn das erste
meister, wollen Sie dazu etwas sagen?
war eine klare Mehrheit. Wenn diejenigen, die sich
(Abg. Burgemeister: Ja!) enthalten haben, mit Nein gestimmt hätten, wäre
— Aber Sie dürfen nur zur Abstimmung sprechen. der Antrag durchgefallen.
Jetzt geht es weiter mit dem Änderungsantrag der
Burgemeister (CDU/CSU) : Nachdem der Antrag Fraktionen der CDU/CSU, FDP Umdruck 197. Wer
gestellt worden ist, einen neuen Abs. 3 einzufügen, dem Änderungsantrag Umdruck 197 in der durch
muß auch auf dem Antrag Umdruck 212 an Stelle die Annahme des Änderungsantrags Umdruck 214
„Abs. 2" „Abs. 3" eingesetzt werden. geänderten Fassung zuzustimmen wünscht, den bitte
ich um ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Ent-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Wo muß es haltungen? — Das erste war die Mehrheit; der
heißen „Abs. 3"? Änderungsantrag Umdruck 197 ist in der geänderten
Fassung angenommen.
Burgemeister (CDU/CSU) : Es muß heißen: Damit ist Art. 2 a zur Abstimmung gestellt. Wer
In Artikel 2 a wird in § 2 Abs. 3 ... dem Art. 2 a in der so geänderten Fassung zuzustim-
men wünscht, den bitte ich um ein Handzeichen. —
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das wird kor- Gegenprobe! — Enthaltungen? — Art. 2 a ist in der
rigiert, meine Damen und Herren. Jedermann hat so geänderten Fassung angenommen.
es mitbekommen. Wir stimmen also ab über den Nun Art. 3. Ich rufe auf die §§ 1, —2 — und 2 a.
redigierten Antrag der Abgeordneten Porten, Burge- — Soweit keine Änderungsanträge. Wind das Wort
meister, Wieninger, Soetebier und Genossen auf gewünscht? — Das Wort wird nicht gewünscht. —
Umdruck 212. Wer diesem Antrag zustimmen will, Wer den aufgerufenen §§ 1, 2 und 2 a zustimmen
den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegenprobe! will, gebe ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Ent-
— Ich muß die Abstimmung wiederholen lassen. haltungen? — Einstimmig angenommen.
Wer diesem Änderungsantrag auf Umdruck 212 zu-
stimmen will, den bitte ich, sich zu erheben. — Jetzt der Änderungsantrag auf Umdruck 198, ein
Gegenprobe! -- Das letztere halte ich für die Mehr- Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU. Ich
heit; der Änderungsantrag auf Umdruck 212 ist ab- frage, ob zur Begründung das Wort gewünscht wird?
gelehnt. — Bitte sehr!
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2869
Teriete (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da- Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
men und Herren! Ich habe den Auftrag, den Ände- Herren! Ich glaube, daß ich mit der Begründung des
rungsantrag der CDU/CSU-Fraktion auf Umdruck 198 Antrags Ziffer 21 die Begründung der Anträge Zif-
zu begründen. Unser Antrag bezweckt die Einfügung fern 23 und 24 verbinden kann.
eines neuen § 2 b in Art. 3. Dies erscheint notwen-
dig, um die in § 1504 der Reichsversicherungsord- Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Einen Augen-
nung vorgesehene Veränderung auch für bestimmte blick! Sie wollen also die Anträge Ziffern 23 und
Betriebsunfälle vor Inkrafttreten des Gesetzes be- 24 gleich mitbegründen. Sie haben aber doch auch
rücksichtigen zu können. Im Gegensatz zum alten noch den Eventualantrag Ziffer 22.
Recht, nach dem 45 Tage bestimmend waren, sieht
die neue Fassung vor, daß seitens der Unfallver- Killat (SPD) : Herr Präsident, die Anträge Zif
sicherung der Krankenversicherung bestimmte Ko- fern 23 und 24 sind eine logische Folgerung aus dem
sten für Arbeitsunfälle vergütet werden, die nach Antrag Ziffer 21. Ist dieser Antrag angenommen,
Ablauf von 18 Tagen nach dem Arbeitsunfall ent- dann erübrigt sich die Abstimmung über den An-
stehen. Mit unserem Antrag sind allerdings nur trag Ziffer 22.
Unfälle gemeint, die nicht früher als am 45. Tage
vor dem Inkrafttreten des Gesetzes eingetreten sind.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Einverstan-
Ich möchte Sie um Annahme dieses Antrags bitten.
den.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Wird dazu Killat (SPD) : Meine sehr verehrten Damen und
das Wort gewünscht? — Keine weiteren Wortmel- Herren, ich hoffe, daß wir bei dem, ich möchte
dungen. sagen, letzten entscheidenden Antrag, den ich zu
Ich lasse abstimmen über den soeben begründe- vertreten habe und der für die Versicherten, und
ten Änderungsantrag Umdruck 198 betreffend die zwar für die Altrentner, von außerordentlicher Be-
Einfügung eines neuen § 2 b. Wer zustimmen will, deutung ist, doch eine Übereinstimmung erzielen
gebe ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal- können. Mit der Annahme des § 579 hat das Hohe
tungen? — Der Änderungsantrag ist einstimmig an- Haus beschlossen, daß bei Veränderungen der
genommen. Damit ist ein § 2 b eingefügt. durchschnittlichen Bruttolohn- und -gehaltssumme
die vom Jahresarbeitsverdienst abhängigen Geld-
Meine Damen und Herren, es tut mir leid, ich leistungen in der Unfallversicherung durch Gesetz
muß noch einmal zu A rt . 3 § 2 zurück. Ich wurde angepaßt werden. Das ist heute zwingend und ein-
darauf aufmerksam gemacht, daß in diesem Para- deutig beschlossen worden. Es wird für die Zukunft
graphen, über den wir soeben abgestimmt haben, ebenso gelten wie bisher schon für die Versicherten
in die zweite Zeile noch eingefügt werden muß: in der Rentenversicherung.
§ 558 Abs. 3. Ich nehme an, daß sich die Sachver-
Aus Abs. 3 dieses Paragraphen geht weiter her-
ständigen aller Fraktionen darüber einig sind. Ich
vor, daß aus der analogen Anwendung der §§ 1272
möchte es jetzt und nicht in der dritten Lesung
korrigieren. Meine Herren Sachverständigen, und 1273 gewollt ist, daß auch die Unfallrenten
jährlich, wie es in der Rentenversicherung der Fall
stimmt das so?
ist, angepaßt werden. Insoweit begrüßen wir den
(Zurufe: Jawohl!) heutigen Beschluß, und ich hoffe, daß nun für die
— Ich stelle fest: Auf Seite 139 wird unten in die praktischen Folgerungen hieraus die Zustimmung
zweite Zeile des § 2 eingefügt: § 558 Abs. 3. Ist das gefunden wird.
Haus einverstanden? — Es ist so beschlossen. In § 579 Abs. 2 wird, allerdings in einem für den
Nun kommt § 3. Hierzu liegt der Änderungsan- Laien schwer verständlichen Amtschinesisch, be-
trag Umdruck 199 der Fraktion der CDU/CSU vor. stimmt:
Wird das Wort zur Begründung dieses Antrags Die Anpassung erstreckt sich auf Geldleistun-
gewünscht? — Keine Wortmeldung. Ich lasse ab- gen für Unfälle, die vor Beginn des zweiten
stimmen. Wer dem Änderungsantrag Umdruck 199 vor dem Zeitpunkt der Anpassung liegenden
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um ein Hand- Kalenderjahres eingetreten sind.
zeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Eben- Für den Laien ins Deutsche übersetzt heißt das, daß
falls einstimmig angenommen. alle über zwei und mehr Jahre zurückliegenden
Ich lasse über § 3 im ganzen in der so geänderten Altrenten aus der Unfallversicherung entsprechend
Fassung abstimmen. Ich verbinde damit die Abstim- der inzwischen eingetretenen Veränderung des
mung über die §§ 4, 5 und 6, zu denen Änderungs- Bruttolohn- und -gehaltsniveaus angepaßt werden
anträge nicht vorliegen. Wer zuzustimmen wünscht, sollen. Wenn ich unterstelle, daß die Anpas-
den bitte ich um ein Handzeichen.—Gegenprobe!- sung, wie es unser Vorschlag vorsieht, am 1. Januar
Enthaltungen? — Angenommen. 1963 erfolgt, so werden damit alle Unfallrenten
erfaßt, die vor dem 31. Dezember 1960 bestanden
Ich rufe § 7 auf. Hierzu liegen wieder eine Reihe
haben.
von Änderungsanträgen vor, sämtlich Änderungs-
anträge der Fraktion der SPD auf Umdruck 189. Ich Zur Ergänzung möchte ich noch bemerken, daß
rufe zunächst den Änderungsantrag Ziffer 21 auf. die letzte Anpassung in der Unfallversicherung
Herr Abgeordneter Killat bitte zur Begründung. durchasZweitGzurvoläfgn'Ne-
2870 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Killat
lung von Geldleistungen in der gesetzlichen Unf all- unrichtige Darstellung wird auch nicht wahrheits
versicherung vom Dezember 1960 erfolgt ist. Durch trächtiger, Herr Kollege Ollesch, wenn Sie sie in
jenes Gesetz wurden seinerzeit alle Unfallrenten Ihrem Bericht wiederholen.
angepaßt, die 1956 bis einschließlich 1958 als Alt- Tatsache ist, und das läßt sich aus dem Zweiten
rentenbestand vorhanden waren. Die weiter zurück- Gesetz zur Neueregelung der Geldleistungen in der
liegenden Altrenten waren schon mit dem Ersten Unfallversicherung ersehen, daß die seit dem 1. Ja-
Neuregelungsgesetz von 1957 angepaßt worden. nuar 1959 festgelegten Unfallrenten bis heute we-
der der inzwischen eingetretenen Lohnentwicklung
Daraus ergibt sich, daß zur Anpassung alle seit noch der Entwicklung der allgemeinen Bemessungs-
dem 1. Januar 1959 in der Unfallversicherung neu grundlage angepaßt worden sind. Diesbezügliche
festgesetzten Renten anstehen. Das sind also Ren- Anträge — auch seinerzeit im Hinblick auf die Ren-
ten, die heute schon über vier Jahre hinter der tenanpassung — sind immer wieder vom Hohen
Einkommensentwicklung zurückliegen und deshalb 'Hause mit der Begründung zurückgestellt worden:
selbstverständlich dringend einer Anpassung bedür- das soll mit der Verabschiedung des Reformgesetzes
fen. zur Unfallversicherung endgültig geschehen.
In den Übergangsvorschriften zu dem vorliegen- Wenn in der Begründung auch des Herrn Bericht-
den Gesetz ist allgemein keine Anpassung vorgese- erstatters zu § 7 noch einmal gesagt wird, daß die
hen. Eine Ausnahme bildet die erstmalige Neufest- von der SPD angestrebte Anpassung im Augenblick
setzung der Jahresarbeitsverdienste für die Gruppe 'nicht vorgenommen werden könne, weil das Aus-
der Selbständigen in der Landwirtschaft. Hier wird maß der Lohn- und Gehaltsentwicklung zwischen
vorgeschlagen, eine solche Anpassung mit Wirkung den Kalenderjahren 1961 und 1962 noch nicht be-
vom 1. Januar 1965 vorzunehmen. Dieses Verfah- kannt sei, so ist auch das unrichtig. Ich verweise
ren, auf alle Unfallrenten übertragen, würde prak- nur auf die Mitteilungen des Statistischen Wochen-
tisch bedeuten, .daß ,die Bezieher nach dem 1: Januar dienstes vom 8. Februar 1963. In diesen Mitteilun-
1959 festgesetzter Renten sechs Jahre lang keine gen wird ausgewiesen, daß das Einkommen aus
Anpassung erhalten, obwohl wir heute in § 579 be- unselbständiger Arbeit für diesen Zeitraum um
schlossen haben, daß alle Renten, die mehr als zwei 10,6 % zugenommen hat. In diesem Bericht sind
Jahre zum Anpassungszeitraum zurückliegen, der auch alle übrigen Faktoren — Volkseinkommen,
Lohn- und Gehaltsentwicklung angepaßt, d. h. Bruttosozialprodukt usw. — enthalten, so daß auch
erhöht werden sollen. Es kann wohl nicht in der in dieser Beziehung kein Hinderungsgrund vorliegt,
Absicht dieses Hauses liegen, für den bezeichneten heute eine Anpassung zu beschließen.
Kreis von Altrentnern die Anpassung bis zu sechs Ich möchte, ohne auf Einzelheiten unserer Vor-
Jahren zurückzustellen. schläge einzugehen, zu den vorliegenden Ände-
In der Begründung zu § 7 wird von den Antrag- rungsvorschlägen für die §§ 7, 7 a und 7 b — Um-
stellern zwar gesagt, diese Vorschrift setze die druck 189 — nur darauf hinweisen, daß wir mit
„vierjährige Frist" des § 781 Abs. 1 „erstmalig in unseren Vorschlägen der Systematik des Ersten und
Lauf". Dabei verweist man auf die Verabschiedung des Zweiten Neuregelungsgesetzes zur Anpassung
des Ersten und des Zweiten Neuregelungsgesetzes der Geldleistungen in der Unfallversicherung gefolgt
von 1957 bzw. 1960. Aber wir alle wissen ja, daß sind. Ich möchte weiter darauf hinweisen, daß wir
die vorläufigen Neuregelungsgesetze für Geldlei- entsprechend dem heute beschlossenen § 579 vor-
stungen in der Unfallversicherung seinerzeit nur schlagen, die Altrenten, die bis zum Jahre 1959 und
verabschiedet wurden, weil der Bundestag weder bis zum 31. Dezember 1960 angefallen sind, mit Wir-
in seiner zweiten, noch in seiner dritten, noch bis- kung vom 1. Januar 1963 um 12 °/o zu erhöhen.
her in seiner vierten Legislaturperiode die seiner- Diese 12%ige Erhöhung entspricht der in dem glei-
zeit vorliegenden Unfallversicherungs-Neurege- chen Zeitraum vorgenommenen Anpassung der Ar-
lungsgesetze verabschieden konnte. Wir dürfen des- beiter- und Angestelltenrenten und auch der Erhö-
halb annehmen — das darf man auch aus der Fas- hung der Lohn- und Gehaltssumme allein für das
sung der Anpassungsbestimmung, § 579, schließen—, einzige Jahr 1961.
daß die Anpassungsvorschriften aus der Rentenver- Meine Damen und Herren, ich glaube, das Hohe
sicherung analog angewandt werden sollen. Dafür Haus wird mir darin zustimmen, daß das Unfallver-
spricht auch der Vorschlag in Art. 3 § 8, wonach bei sicherungs-Neuregelungsgesetz, das Verbesserungen
der erstmaligen Anpassung die Veränderung der materieller und grundsätzlicher Art und größtenteils
Lohn- und Gehaltssumme zwischen den Kalender- mit rückwirkender Kraft vorsieht, unvollständig
jahren 1961 und 1962 berücksichtigt werden soll. wäre, wenn man nicht wenigstens die Altrenten aus
Meine Damen und Herren, wenn bisher im Aus- den Jahren 1959 und 1960, die teilweise schon über
schuß eine von uns beantragte Anpassung noch 4 Jahre zurückliegen, anheben würde.
nicht erreicht werden konnte, so ist dies wohl nicht Ich glaube, die Enttäuschung der Versicherten aus
zuletzt darauf zurückzuführen, daß eine irrtümliche der Unfallversicherung, deren Schäden ja besonders
Darstellung über den Stand der Anpassung der Un- schicksalhaft sind und die aus dem Berufs- und Er-
fallrenten abgegeben worden ist. In der Begründung werbsleben stammen, müßte grenzenlos sein, wenn
zu § 579 dieses Entwurfs wird von den Antrag- mit der Verabschiedung dieses Gesetzes, das tat-
stellern behauptet, daß alle Geldleistungen aus frü- sächlich in großen Teilen einen Fortschritt für die
-
heren Unfällen dem Stande der Lohnentwicklung gesamte Unfallversicherung darstellt, nicht auch für
vom 1. Januar 1961 angeglichen worden sind. Diese die Altrentner eine entsprechende Anpassung er-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2871
Killat
folgte. Ich darf Sie bitten, unseren Anträgen unter tuell sind und eigentlich immer aktualisiert werden
den Ziffern 21, 23 und 24 Ihre Zustimmung zu ge- sollten. Man kann sich noch darüber streiten, ob es
ben. in der Rentenversicherung einen unterschiedlichen
(Beifall bei der SPD.) Berechnungsmodus geben sollte. Dort wird in einem
Anpassungszeitraum von vier Jahren jeweils ein
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Damen Jahr bei der Anpassung ausgelassen. Aber für die
und Herren, Sie haben die Begründung dieser Ände- Unfallgeschädigten, für die aus der Haftungsent-
rungsanträge gehört. Wird dazu das Wort ge- wicklung heraus der jetzt entfallende Lohn oder das
wünscht? — Herr Abgeordneter Stingl! entfallende Gehalt ersetzt werden sollen, ist es völ-
lig unverständlich, daß die Unfallrentner, die in-
Stingl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen folge eines Betriebsunfalles aus der Produktion aus-
und Herren! Herr Abgeordneter Killat hat den An- geschieden sind, nicht mindestens in gleichem Um-
trag der sozialdemokratischen Fraktion, die Altren- fang an der Erhöhung teilhaben sollen wie die Rent-
ten anzuheben, sehr eingehend begründet. Ich ge- ner aus der Rentenversicherung. Wenn es nach uns
stehe ihm zu, daß er dazu so viele Argumente an- gegangen wäre — wir wollten die Debatte und die
führen mußte. Verabschiedung dieses Gesetzes nicht mehr aufhal-
ten —, hätte man überhaupt eine noch aktuellere
Meine Damen und Herren, wie sind der Meinung, Anpassung beschließen müssen.
daß die Neuregelung der gesetzlichen Unfallver-
sicherung, wie wir sie vor uns haben, nicht zum Wir bitten also noch einmal die Mehrheitspar-
Anlaß genommen werden sollte, jetzt schon die Alt- teien, unseren Vorschlag zu prüfen und anzuneh-
renten anzuheben. Wir muten mit der Neuregelung men.
den Beitragszahlern, den Unternehmen, sowieso eine
ganze Menge Neubelastungen zu. Wir wollen, daß Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Keine weite-
diese Neubelastungen, wie man so schön sagt — ich ren Wortmeldungen. Wir kommen zur Abstimmung,
glaube, es ist ein nicht ganz korrektes Deutsch —, und zwar zunächst über den Änderungsantrag der
erst „verkraftet" werden. Dann mag sich dieses Fraktion der SPD Umdruck 189 Ziffer 21. Wer zu-
Hohe Haus wieder mit der Anpassung der Altrenten stimmen will, gebe bitte ein Handzeichen. — Gegen-
beschäftigen. probe! — Das ist die Mehrheit; der Antrag ist ab-
gelehnt.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge- Jetzt kommt der Eventualantrag Umdruck 189
ordneter Killat. Ziffer 22. Zur Begründung der Herr Abgeordnete
Frehsee.
Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Herr Kollege Stingl, ich muß sagen, daß mir
Frehsee (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Ihr Argument, man mute den Unternehmern etwa
und Herren! Nachdem vorhin so eingehend über
zu, doch sehr mager erscheint. Ich will nicht davon
den Bergbau gesprochen wurde, ist jetzt die Land-
sprechen, wie sehr Sie sich dafür eingesetzt haben
wirtschaft an der Reihe, der andere Wirtschafts-
— dafür haben Sie zum Teil auch gute Gründe —,
zweig, der sich in Nöten befindet.
daß beispielsweise in der Altlast zur Entlastung
einer bestimmten Gruppe von Unternehmen Lei- In dem Antrag Umdruck 189 Ziffer 22 wird ge-
stungen im Gemeinlastverfahren von allen aufge- fordert, daß die nächste Festsetzung der sogenann-
bracht werden sollen. Das sind einige hundert Mil- ten durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienste in
lionen, die dort anfallen! Auf der anderen Seite der landwirtschaftlichen Unfallversicherung nicht
haben Sie überhaupt nicht an die Rentner gedacht. erst zum 1. Januar 1965, sondern schon zum 1. Juli
Sie haben gar nicht von den Rentnern gesprochen, 1963 erfolgt. — Ich darf für die Kolleginnen und
deren Renten seit über 4 Jahren keine Anpassung Kollegen, die nicht Spezialisten sind, sagen: Das
erfahren haben. Sie und Ihre Fraktion haben seiner- sind fiktive Jahresarbeitsverdienste, nicht die tat-
zeit immer darauf hingewiesen: Wir müssen zuerst sächlichen Jahresarbeitsverdienste. Diese sogenann-
das Neuregelungsgesetz verabschieden; darin wer- ten festgesetzten durchschnittlichen Jahresarbeits-
den wir dann analoge Anpassungsbestimmungen verdienste in der landwirtschaftlichen Unfallver-
auch für die Unfallrentner, wie sie für die Renten- sicherung sind die Bemessungsgrundlage für die Un-
versicherung gelten, aufnehmen. fallrenten der in der Landwirtschaft tätigen Selb-
Nun, meine Damen und Herren, ich gebe zu, es ständigen, also der selbständigen Bauern und Land-
istenhrdugpolisceFa,jtz wirte und ihrer Ehegatten. — Die letzte Festsetzung
durch Abstimmung entschieden wird. Auf jeden Fall dieser sogenannten durchschnittlichen Jahresarbeits-
möchte ich jetzt schon darauf hinweisen, daß Sie im verdienste erfolgte mit Wirkung vom 1. Januar 1961.
Falle der Ablehnung die Unfallrentner wesentlich Das ist also mehr als zwei Jahre her. Nun soll noch
schlechter stellen als die Versicherten der Renten- fast zwei Jahre gewartet werden, bis eine Neufest-
versicherung, obwohl besonders Sie, Herr Kollege setzung erfolgt.
Stingl, in den Beratungen des Ersten und des Zwei- Die mit Wirkung vom 1. Januar 1961 festgesetz-
ten Anpassungsgesetzes der Unfallversicherung im- ten durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienste sind
mer wieder darauf hingewiesen haben, daß die außerordentlich niedrig. Sie schwanken zwischen
Unfallrenten schon durch die Berücksichtigung der 2100 und 3240 DM im Jahr. Im Durchschnitt liegen
unmittelbaren Jahresarbeitsverdienste immer ak- diese sogenannten festgesetzten durchschnittlichen
2872 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Frehsee
Jahresarbeitsverdienste in der landwirtschaftlichen gelegt, warum die Anpassung ab 1. Juli 1963 er-
Unfallversicherung also bei 2700 DM. Die Unfall- folgen soll. Aber das, was für eine Anpassung der
renten der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer wer- durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienste der Aus-
den nach dem Gesetz über die vorläufige Neurege- gangspunkt ist, nämlich die Beschaffung der Geld-
lung der Geldleistungen in der Unfallversicherung, mittel, ist leider mit der Anpassung noch nicht er-
von denen der Kollege Killat soeben gesprochen hat, ledigt. Herr Kollege Frehsee hat angekündigt, daß
nach dem tatsächlichen Jahresarbeitsverdienst be- er bei der Beratung der Entschließungsanträge noch
messen; sie sind davon also nicht betroffen. Auch auf verschiedene Probleme zurückkommen wird. Das
die mithelfenden Familienangehörigen sind nicht behalte ich mir ebenfalls vor. Da wir aber im Mo-
davon betroffen; denn ihre Unfallrenten werden nach ment keine Möglichkeit sehen, die Beiträge so zu
dein Dreihundertfachen des Ortslohnes bemessen. erhöhen, daß die Anpassung der durchschnittlichen
Nur die Bauern und Landwirte und ihre Ehegatten Jahresarbeitsverdienste wirklich vernünftig durch-
sind also hier betroffen, und um die geht es. geführt werden kann, hat es keinen Sinn, die An-
passung ab 1. Juli zu verlangen, ohne sie realisieren
Die Unfallrenten betragen bei einem durchschnitt-
zu können.
lichen Jahresarbeitsverdienst von 2700 DM im
Durchschnitt der 18 landwirtschaftlichen Berufsgenos- (Beifall bei der CDU/CSU.)
senschaften im Höchstfall 1800 DM — im Höchst-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge-
falle! —; das sind also 150 DM monatlich als Un-
ordneter Killat.
fallvolirente. Im statistischen Durchschnitt betragen
die Unfallrenten in der landwirtschaftlichen Unfall-
versicherung nur etwas mehr als 50 DM im Monat.
Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Herr Kollege Berberich erklärte, er sehe
Meine Damen und Herren, das ist ein Mißstand, keine Möglichkeit, diesen Antrag zu realisieren,
das ist ein sozialer Notstand, der bei den selbstän- weil es an den nötigen Mitteln fehle. Ich möchte
digen Unfallrentnern in der Landwirtschaft zu ver- zu der Frage der Mittelbereitstellung hinsichtlich
zeichnen ist. Wir müssen diesen sozialen Notstand der Unfallversicherung generell darauf hinweisen,
beheben. Die sozialdemokratische Fraktion hat zu daß ja in der Unfallversicherung grundsätzlich die
diesem Zweck im Zusammenhang mit der Beratung Beiträge als Kostenfaktoren entsprechend von der
des Berichts der Bundesregierung über die Lage Volksgesamtheit getragen werden. Ich gebe zu, daß
der Landwirtschaft vor wenigen Wochen einen für die Landwirtschaft aus ihrer schwierigen Situa-
Finanzierungsantrag eingebracht; er wird zur Zeit tion heraus noch besondere Schwierigkeiten beste-
in den Ausschüssen beraten. Wie verlautet, hat auch hen. Wir glauben aber — gerade auch aus den An-
die Bundesregierung Überlegungen in dieser Rich- kündigungen des Herrn Bundeskanzlers — gewisse
tung angestellt. Der Bundeskanzler hat in seiner Wege zu sehen, eine solche vorfristige Anpassung
Regierungserklärung vom 6. Februar Andeutungen zu realisieren.
in dieser Richtung gemacht. Meine Damen und Her- Aber, meine Damen und Herren, warum ich mich
ren, wir sind der Auffassung, man kann nicht bis eigentlich noch einmal zum Wort gemeldet habe:
zum 1. Januar 1965 warten, sondern muß — auch Sie schlagen einen Termin vor, den 1. 1. 1965.
unter dem Eindruck des Grünen Berichts, der aus-
gewiesen hat, daß die Einkommen der in der Land- (Abg. Börner: Nachtigall, ick hör dir
wirtschaft Tätigen um 38 % unter dem Einkommen trapsen!)
der gewerblichen Arbeitnehmer liegen, die auf dem Die erste Anpassung der Geldleistungen in der Un-
Lande wohnen — auch in dieser Beziehung sozial- fallversicherung erfolgte mit einem Gesetz vom
politisch, hier in der Unfallversicherung, schnell hel- Juli 1957. Die zweite Anpassung erfolgte mit einem
fen. Das wollen wir mit dem Antrag unter Num- Gesetz vom Januar 1961, und Sie beabsichtigen, die
mer 22 des Umdrucks 189 erreichen. Wir werden nächste Anpassung zum 1. Januar 1956,,
über die Situation im ganzen noch im Zusammen-
hang mit den vorgelegten zwei Entschließungsan- (Abg. Geiger: Wahljahr!)
trägen nach Abschluß der dritten Lesung 'zu sprechen das heißt mit einem vierjährigen Turnus vorzuneh-
haben, deswegen will ich mich jetzt beschränken und men. In Ihrer Begründung zum Art. 3 § 7 haben Sie
Sie nicht mehr strapazieren. Aber dem Antrag auf auch von einer „vierjährigen Frist" gesprochen, die
Umdruck 189, Nummer 22, muß entsprochen werden, mit diesem Vorschlag „erstmalig in Lauf" gesetzt
wenn zum 1. Juli 1963, in welcher Form auch immer, werden sollte.
eine Anhebung der Unfallrenten der Bauern und Meine Damen und Herren von den Mehrheits-
Landwirte und ihrer Ehefrauen erfolgen soll. parteien, insbesondere von der CDU/CSU, ich
Ich bitte deswegen um Zustimmung zu diesem möchte vor dieser Art der Sozialpolitik warnen.
Eventualantrag. (Beifall bei der SPD.)
(Beifall bei der SPD.) Es kann auf die Dauer nicht hingenommen werden,
daß nur in jedem Wahljahr die Anpassung erfolgt'
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat und die Rentner und die Unfallgeschädigten drei
Herr Abgeordneter Berberich. oder vier Jahre lang warten müssen, bis sie in den
Genuß der ihnen rechtlich zustehenden Anpassung
Berberich (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine kommen.
Damen und Herren! Herr Kollege Frehsee hat dar- (Erneuter Beifall bei der SPD.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2873
Killat
Wir befinden uns dabei in bester Gesellschaft. Der probe! — Enthaltungen? — Die beiden Paragraphen
Herr Bundespräsident Lübke hat in einer Rede vor sind angenommen.
der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft — die „Welt" §§ 10 und 11 entfallen.
hat darüber in ihrer Ausgabe vom 4. März berich-
tet — u. a. auf die Verantwortlichkeit der Staatsbür- Ich rufe den § 11 a auf. Dazu liegt der Änderungs-
ger hingewiesen, deren Verantwortungsbewußtsein antrag der Fraktionen der CDU/CSU, FDP auf Um-
gestärkt werden müsse. Er hat auch die Verantwort- druck 200 Ziffer 1 vor. Wird zur Begründung des
lichen in der Politik gewarnt, indem er sagte, es Änderungsantrags das Wort gewünscht? — Bitte
gebe immer noch Politiker, die glaubten, sich um sehr!
der Wahlen willen durch Geschenke beliebt machen
zu müssen. Porten (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da-
(Abg. Baier [Mosbach] : Ihr seid doch dabei, men und Herren! Mit dem Änderungsantrag Um-
Geschenke zu verteilen!) druck 200 der Fraktionen der CDU/CSU, FDP wird
beantragt, Art. 3 § 11 a die vorgelegte neue Fassung
— Werter Herr Kollege, wir haben aus 'sachlichen zu geben und die §§ 11 b bis 11 d zu streichen. Wir
Gründen immer dann Anträge gestellt, wenn sie bitten, dem Antrag zu entsprechen.
sich aus der Situation heraus ergeben haben. Sie
dagegen — das können wir auch jetzt wieder ver-
folgen; ich möchte beinahe sagen: 'daß es so plump Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Wird dazu
gemacht werden würde, hätte ich gar nicht erwar- weiter das Wort gewünscht? — Herr Abgeordneter
tet — wollen eine Vierteljahresfrist in Lauf setzen Schellenberg.
— Sie begründeten diese Absicht sogar —, und
diese Frist fällt jedesmal in das Wahljahr. Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine
Ich glaube, es ist notwendig, die Öffentlichkeit Damen und Herren! Jedermann in diesem Hause
einmal auf die Unmöglichkeit nicht nur dieser Art wird bereit sein, alles zu tun, um die Selbstverwal-
von Sozialpolitik, sondern dieser Art von Politik tung zu stärken. Wir Sozialdemokraten lassen uns
in dieser Hinsicht von niemand übertreffen, was
überhaupt hinzuweisen.
wir immer bewiesen haben. Aber wir haben doch
(Beifall bei der SPD.) sehr ernste Bedenken, einen eingetragenen Verein,
nämlich den Hauptverband, mit einer so heiklen
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Weitere Wort- Aufgabe wie der Vorlage eines Planes zur Auf-
meldungen liegen nicht vor. lösung bzw. Zusammenlegung von Berufsgenossen-
Wir kommen zur Abstimmung über den Ände- schaften zu beauftragen. Ich will die rechtliche Seite
rungsantrag der Fraktion der SPD Umdruck 189 Zif- der Angelegenheit, wie nämlich der Gesetzgeber
fer 22. Wer diesem Änderungsantrag zustimmen das Anliegen gegenüber einem eingetragenen Ver-
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen- ein durchsetzen könnte, hier nicht untersuchen. Sie
probe! — Enthaltungen? — Der Änderungsantrag werden uns darin zustimmen, daß der Hauptverband
gegenüber seinen eigenen Mitgliedern dadurch in
Umdruck 189 Ziffer 22 ist abgelehnt.
eine sehr schwierige Situation kommt.
Nunmehr lasse ich über den § 7, nachdem alle
Ich darf Sie — vor allen Dingen die Mitglieder
dazu gestellten Änderungsanträge abgelehnt wor-
des Ausschusses für Sozialpolitik — daran erinnern,
den sind, in 'der vorliegenden Fassung abstimmen.
was wir in den letzten Tagen und Wochen hinsicht-
Wer zustimmen will, den bitte ich um ein Handzei-
lich der Beschlußfassung des Ausschusses über die
chen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Bei zahl-
Frage Zusammenlegung und Auflösung erlebt
reichen Enthaltungen angenommen.
haben. Es ist ein offenes Geheimnis, daß prominente
Ich rufe § 8 auf. Wird der Änderungsantrag Um- Repräsentanten des Hauptverbandes an der Vor-
druck 189 Ziffer 25, § 8 zu streichen, begründet? bereitung der Beschlußfassung über die Zusammen-
— Herr Kollege Schellenberg, keine Begründung legung nicht nur passiv, sondern recht aktiv betei-
des Streichungsantrags? ligt waren.
(Abg. Dr. Schellenberg: Nein!) (Hört! Hört! bei der SPD.)
— Dann lasse ich über diesen Änderungsantrag Als dann die Schwierigkeiten in der Öffentlichkeit
Umdruck 189 Ziffer 25 abstimmen. Wer zustimmen auftraten, wurde von einsamen Beschlüssen des
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen- Ausschusses gesprochen und das auch in Mitteilun-
probe! — Damit ist dieser Änderungsantrag abge- gen an die Presse weitergegeben.
lehnt.
(Hört! Hört! bei der SPD.)
Wer .dem § 8 zustimmen will, gebe bitte ein
Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Solches Hin und Her passiert uns nur einmal.
Bei einer Reihe von Enthaltungen ist der § 8 an- (Beifall bei der SPD.)
genommen. Wir sind deshalb nicht bereit, einem eingetrage-
Ich rufe auf die §§ 8 a und 9. Wird das Wort nen Verein durch Gesetz einen Auftrag zu erteilen,
gewünscht? — Das Wort wird nicht gewünscht. der aus der Sache heraus für diese Einrichtung un-
Änderungsanträge liegen nicht vor. Wer zustimmen durchführbar sein könnte. Wenn dies gewährlei-
will, den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegen- stet sein sollte, müßte dem Hauptverband der Sta-
2874 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Schellenberg
tus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts ge- ansprechen, ihr die Unterlagen zu geben. Ich bin der
geben werden, wie dies bei den Organisationen der Meinung, es ist sehr vernünftig, wenn man die Sach-
Krankenversicherung Rechtens ist. Das ist hier nicht verständigen, die in diesem Hauptverband doch
beantragt und wird nicht gewünscht. Aber ich vorhanden sind, bittet oder beauftragt, einen ver-
mache darauf aufmerksam, daß das beantragte Ver- nünftigen Plan vorzulegen. Der geht dann auf dem
fahren unmöglich ist. üblichen Wege an die gesetzgebenden Körperschaf-
ten, und dann können wir ihn zerreißen oder wir
Wenn hinsichtlich der Änderung der Organisation
können ihn annehmen, je nach der Sachlage. Ich
etwas getan werden soll — die Mitglieder des Aus-
glaube, Herr Kollege Schellenberg, wir tun allen
schusses für Sozialpolitik sind doch wohl der Auf-
Beteiligten einen Gefallen, wenn wir dieses schwie-
fassung, das könnte aus Gründen einer zweck-
rige Problem zunächst einmal dahin geben, wohin
mäßigen Gestaltung der Verwaltung und besseren
wir es hinterher bei der Beratung doch geben. Sie
Unfallverhütung ratsam sein —, dann muß der Bun-
werden wieder Hearings veranstalten, oder wir
desregierung ein Auftrag erteilt werden, uns einen
werden das tun, und dann sind wir nur ein Jahr
Gesetzentwurf hierüber vorzulegen. Wir haben
später an dem Punkt, an dem wir gleich sein könn-
einen diesbezüglichen Entschließungsantrag einge-
ten.
reicht. Selbstverständlich hätte dann die Bundesre-
gierung vor Ausarbeitung dieser Regierungsvor- Ich bitte Sie, Ihre Bedenken zurückzustellen. Be-
lage die Verpflichtung, mit allen, die es angeht, die auftragen Sie diejenigen, die das verstehen, und
Dinge eingehend zu besprechen. Dann würde das quälen Sie nicht die arme Bundesregierung mit Din-
Haus, dann würde der zuständige Ausschuß selbst- gen, die sie so nicht lösen kann!
verständlich bei Beratung der späteren Vorlage alle, (Beifall bei der CDU/CSU.)
die interessiert sind, eingehend hören. Aber die
Methode, durch Gesetz einem eingetragenen Verein
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Damen
den Auftrag zu erteilen, Pläne zur Umorganisation
und Herren, ich habe zwei Änderungsanträge. Die
der gesetzlichen Unfallversicherung vorzulegen, hal-
Gelehrten können sich darüber streiten, welcher der
ten wir für nicht gangbar.
weitergehende ist. Ich entscheide, daß der SPD-
(Beifall bei der SPD.) Antrag der weitergehende ist und daß über ihn zu-
erst abgestimmt wird. Wenn Sie wollen: „a 11 e
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat Ziffern streichen". Ich sage: Die Gelehrten können
der Herr Abgeordnete Dr. Balke. sich darüber streiten; denn der andere Antrag ent-
hält einen völlig anderen Text, als er in § 11 a des
Gesetzentwurfs steht. — Möchten Sie dazu noch das
Dr.-Ing. Balke (CDU/CSU): Herr Präsident! Wort, Herr Abgeordneter Killat?
Meine Damen und Herren! Verehrter Herr Kollege
Schellenberg, Sie wissen, wir beide laufen, wenn
wir hier sprechen, immer Gefahr, daß wir durch
Killat (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich glaube, daß wir alle, die wir mehr oder
Sachkenntnis zu stark belastet sind. Ich möchte auf
weniger sozialpolitisch sachkundig sind, wissen, daß
einen Irrtum hinweisen, der hier entstehen kann.
auch bei der Frage der Organisation von Sozial-
Der Antrag, den Hauptverband der gewerblichen
Berufsgenossenschaften zu beauftragen, einen Plan versicherungsträgern nicht nur Verbandsüberlegun-
gen oder etwa Überlegungen einer einzelnen Be-
vorzulegen, bedeutet ja nicht, daß der Hauptverband
rufsgenossenschaft ausschlaggebend sein können,
diesen Plan dann durchzuführen hat. Das ist nur ein
sondern daß letztlich die Frage der Zweckmäßigkeit
Vorschlag für die gesetzgebenden Körperschaften,
und der Notwendigkeit von vielerlei Faktoren ab-
etwas Vernünftiges zu tun.
hängt, u. a. auch von sozialpolitischen und politi-
Nun lassen Sie mich ein ganz offenes Wort dazu schen Überlegungen.
sprechen. Dieses Problem ist ja für die Berufsge-
Ich meine, Herr Kollege Dr. Balke, daß die Bun-
nossenschaften eines der schwierigsten, die sie zu
— desregierung jederzeit so verfahren kann, wie Sie
lösen haben. Wir wissen, was das Wort —
schilderten. Ich würde sogar erwarten, daß sie im-
(Abg. Dr. Schellenberg: Haben wir erlebt!) mer so handelt, wenn ein solcher Vorschlag gemacht
— Kennen wir. Nun ist wieder die Frage der zweck- wird, wie er beispielsweise mit den Anträgen zur
mäßigsten Lösung, und da sind Sie der Meinung, Ergänzung des CDU/CSU-Entwurfs seinerzeit ge-
man sollte die Regierung beauftragen, einen Ge- macht worden ist: daß vorher die Bundesregierung
setzentwurf zu machen. Vielleicht habe ich ein Urteil die Betroffenen, die Beteiligten, die Interessenten
darüber, welches Maß an Sachkenntnis man einer usw. hört. Aber es ist doch, glaube ich, ein fast un-
Regierung zumuten kann. Ich darf Ihnen versichern mögliches Verfahren, daß der Gesetzgeber die Re-
— ich glaube nicht, daß der Herr Bundesarbeits- gierung beauftragt, daß der Hauptverband, ein ein-
minister mir widersprechen wird —: mit einem sol- getragener Verein, erst einmal einen solchen Plan
chen Auftrag an eine Regierung ist sie ganz einfach erarbeiten soll, und damit hat sich dann die Sache.
überfordert. Wir sind der Meinung, das Parlament sollte den
Auftrag an die Bundesregierung erteilen, und es ist
(Abg. Dr. Schellenberg: Da trauen wir die- Sache der Bundesregierung, welche Form, welchen
ser Regierung doch einiges zu!) Weg und welche Methoden sie wählt, um auf
Was würde die Regierung dann tun müssen? Sie zweckmäßigste Weise zu dem notwendigen Ergeb-
müßte denselben Kreis bitten, den wir hier direkt nis zu kommen. Deshalb beantrage ich, Herr Präsi-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2875
Killat
dent, den SPD-Antrag zuerst zur Abstimmung zu ten Gesetzes nicht zweckmäßig und sinnvoll er-
stellen. Denn er scheint auch aus der Sache heraus scheint, da die Berufsgenossenschaften ja noch eine
der weitergehende Antrag zu sein. Fülle von Aufgaben zu bewältigen haben, bevor sie
das Gesetz wirklich durchführen können. Die Be-
Da ich selbst die Ehre hatte, auch in den Selbst-
rufsgenossenschaften werden die Frage der Neufas-
verwaltungsorganen der Berufsgenossenschaft tätig sung der Satzungen überprüfen müssen, die sie den
sein zu können, kann man mir nicht unterstellen, neuen Gesetzesbestimmungen anpassen müssen.
daß die Selbstverwaltungsorgane ausgeschlossen Selbst der Zeitpunkt 1. Juli 1963 bringt den Selbst-
werden sollten. Wenn das bisher von der Regierung verwaltungsorganen der Berufsgenossenschaften
verabsäumt worden ist, war das ein Fehlverhalten. ohnehin eine Fülle von Arbeit, die kaum zu bewäl-
Wir hoffen, daß die Regierung bei Erfüllung des tigen ist.
Auftrages, dem Bundestag ein entsprechendes Ge-
setz vorzulegen, auch die richtigen Mittel und Wege Aus diesem Grunde darf ich Sie bitten, dem An-
wählen wird. trag, das Gesetz mit Wirkung vom 1. Juli in Kraft
zu setzen, zuzustimmen. Gleichzeitig darf ich darum
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Herr Abge- bitten, dem Antrag, daß Art. 2 a mit Wirkung vom
ordneter Killat, ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich 1. Januar 1963 in Kraft tritt, Ihre Zustimmung zu
den SPD-Antrag zuerst zur Abstimmung stelle. Ich geben, da ja ohnehin bei der Tagung der Berufsge-
lasse mich von Ihrem Sachverstand gern belehren. nossenschaften in Frankfurt eine Einigung bezüglich
Man kann vom Präsidenten in den seltensten Fäl- der Übernahme der Altenlast des Bergbaus vom
len verlangen, daß er aus dem Sachverstand heraus 1. Januar 1963 an erreicht werden konnte.
entscheidet. Das ist überfordert. Ich kenne meine
Grenzen. Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Haus hat
Meine Damen und Herren, wer dem Antrag Um- die Ergänzung des Antrags auf Umdruck 202 —
druck 206 der Fraktion der SPD zustimmen möchte „Artikel 2 a tritt mit Wirkung vom 1. Januar 1963
— also Streichung —, den bitte ich um ein Handzei- in Kraft" — zur Kenntnis genommen. Wird dazu
chen. — Gegenprobe! — Abgelehnt! das Wort gewünscht? — Keine Wortmeldungen.
Abstimmung! Wer diesem erweiterten Änderungs-
Jetzt kommt der Änderungsantrag Umdruck 200. antrag der Fraktionen der CDU/CSU und der FDP
Danach werden § 11 b bis § 11 d gestrichen. Ich auf Umdruck 202 zuzustimmen wünscht, — —
unterstelle, daß insofern Einvernehmen besteht. Ich
lasse abstimmen über den Antrag unter Ziffer 1 des (Abg. Dr. Schellenberg: Ich schlage vor,
Umdrucks 200; das ist ein Änderungsantrag zu satzweise abzustimmen, weil wir dem
§ 11 a. Wer diesem Änderungsantrag auf Umdruck Art. 2 a nicht zugestimmt haben!)
200 — der CDU/CSU und FDP — zustimmen will, — Ach, Sie haben dem nicht zugestimmt. Im übri-
den bitte ich um ein Handzeichen. — Gegenprobe! gen würden Sie diesem Änderungsantrag zustim-
— Das erste war die Mehrheit. Der Änderungsan- men? — Nun gut, der Sprecher der SPD stellt fest,
trag Umdruck 200 Ziffer 1 ist angenommen. Ziffer 2 daß die SPD-Fraktion dem Art. 2 a nicht zugestimmt
— die Streichung — ist ebenfalls erledigt. Damit ist hat und daß die Zustimmung zu diesem Änderungs-
§ 11 a in neuer Fassung, wie sie soeben angenom- antrag nicht eine nachträgliche materielle Zustim-
men worden ist, beschlossen. mung zu dem Art. 2 a bedeutet.
Wir gehen weiter zu den §§ 12 und 13, soweit (Abg. Dr. Schellenberg: Jawohl!)
keine Änderungsanträge vorliegen. Wird das Wort
dazu gewünscht? — Wer zuzustimmen wünscht, den — Das Haus hat das zur Kenntnis genommen; es
bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — kommt ins Protokoll.
Enthaltungen? — Die §§ 12 und 13 sind angenom- Meine Damen und Herren, wer dem so erweiter-
men. ten Änderungsantrag auf Umdruck 202 zuzustimmen
Zu § 14 liegen Änderungsanträge auf den Um- wünscht, den bitte ich um ein Handzeichen. — Ge-
drucken 202, 210 und 203 vor, die ich in folgender genprobe! — Enthaltungen? — Das ist einstimmig
Reihenfolge aufrufe. Zunächst Änderungsantrag der angenommen.
CDU/CSU, FDP, Umdruck 202, und zwar ist mir hier
Nun kommt der Änderungsantrag der Fraktion
eine Neufassung vorgelegt worden. Ist das Haus
der SPD auf Umdruck 210. Wird das Wort zur Be-
davon unterrichtet? — Wahrscheinlich haben Sie
das noch nicht verteilt? gründung gewünscht?
(Abg. Spitzmüller: Nein, verteilt ist es (Abg. Stingl: Wir stimmen zu! — Abg. Dr.
noch nicht!) Schellenberg: Ich verzichte, Herr Präsident,
da die Regierungsparteien zustimmen!)
Zur Begründung Herr Abgeordneter Spitzmüller!
— Sie stimmen zu? — Also keine weitere Diskus-
sion.
Spitzmüller (FDP) : Ich darf Ihnen den Ände-
rungsantrag Umdruck 202 begründen und Sie bitten, Abstimmung! Wer dem Änderungsantrag auf
unter den vorgesehenen Text noch zu schreiben: Umdruck 210 zuzustimmen wünscht, den bitte ich
„Artikel 2 a tritt mit Wirkung vom 1. Januar 1963 um ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltun-
in Kraft." Zu diesem Änderungsantrag darf ich be- gen? — Dieser Änderungsantrag ist einstimmig an-
merken, daß ein früheres Inkraftsetzen des gesam- genommen.
2876 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
Jetzt kommt der Änderungsantrag auf Umdruck Dafür bedanke ich mich; denn schließlich muß auch
203. diese Sache fertig werden.
(Abg. Stingl: Der ist identisch mit dem An- (Abg. Ruf: Über ein Jahr!)
trag auf Umdruck 210 Buchstabe b!)
— Immerhin muß man natürlich auch demjenigen,
— Ja, das ist richtig. Die beiden Anträge sind der sachverständig ist und hier Einwendungen
identisch. Darüber ist schon abgestimmt. Damit ist erhebt, Rechnung tragen, wenn er sagt: Bevor ich
der Antrag auf Umdruck 203 erledigt. zustimme, möchte ich ganz genau wissen, was die
Wenn ich recht sehe, kann ich nunmehr den § 14 Änderungen bedeuten. Also wenn die zehn Mitglie-
in der s o geänderten Fassung im ganzen zur Ab- der des Hauses darauf bestanden hätten, gäbe es
stimmung stellen. In Abs. 2 fällt also die Nr. 3 jetzt keine dritte Lesung. Darüber sind wir uns im
weg. Das ist klar. Wer dem § 14 in der so geän- klaren.
derten Fassung zuzustimmen wünscht, den bitte (Abg. Ruf: Ich möchte wissen, ob diese
ich um ein Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal- zehn morgen die Anträge durchsehen! —
tungen? — Einstimmig angenommen. Heiterkeit.)
Einleitung und Überschrift. — Wer zuzustimmen Jetzt hat der Herr Abgeordneter Börner das Wort.
wünscht, den bitte ich um ein Handzeichen. — Ge-
genprobe! — Enthaltungen? — Angenommen.
Börner (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
Damit, meine Damen und Herren, sind wir am
ehrten Damen und Herren! Ohne die Geduld des
Ende , der zweiten Beratung.
Hohen Hauses noch auf eine harte Probe stellen zu
wollen, hält es die Fraktion der SPD wegen der be-
Ich rufe auf zur
sonderen sozialpolitischen Bedeutung dieses Gesetz-
dritten Beratung. entwurfs für nötig, in der dritten Lesung noch einige
allgemeine Bemerkungen zu machen.
Allgemeine Aussprache! Wird das Wort ge-
wünscht? — Herr Abgeordneter Memmel, bitte Als ich vor etwa einem Jahr namens meiner
sehr! Freunde in der ersten Lesung zum Unfallversiche-
rungs-Neuregelungsgesetz hier sprechen durfte, habe
ich gesagt, daß die sozialdemokratische Fraktion bei
Memmel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Da- diesem Gesetz wegen seiner Schwierigkeit, aber
men und Herren! Ich möchte vor der dritten Lesung auch wegen seiner besonderen Bedeutung für die
folgendes sagen. Es sind sehr viele Änderungs- Sozialpolitik unseres Landes Paragraph für Para-
anträge gestellt worden; eine große Zahl von Ände- graph konstruktiv mitarbeiten werde. Wir haben
rungsanträgen ist angenommen worden. An sich dies nicht nur in den zurückliegenden 13 Monaten
müßte sich das Haus auf den § 85 Buchstabe a verwirklicht, sondern praktisch schon in dem zurück-
der Geschäftsordnung berufen, wonach jeder Abge- liegenden Jahrzehnt immer wieder in den Beratun-
ordnete das Recht hat, sich zunächst Klarheit dar- gen dieses Bundestages und früherer Legislatur-
über zu verschaffen, was alles an Änderungsanträ- perioden gesagt, daß nach unserer Meinung bei der
gen in der zweiten Lesung durchgegangen ist. Gestaltung moderner Sozialpolitik die Unfallver-
sicherung eine besondere Dringlichkeit hat.
Zweitens: denjenigen, die vorhaben, zur dritten
Lesung Änderungsanträge zu stellen, müßte Gele- Die sozialdemokratische Fraktion hat sich bei der
genheit gegeben werden, das zu tun. Dazu braucht Mitarbeit an diesem Gesetz von zwei Prinzipien
man bekanntlich 15 Unterschriften. Das muß ge- leiten lassen:
schrieben werden; dazu braucht man auch Zeit. Es Erstens. Wir waren der Meinung, daß die Unfall-
wäre eigentlich in Ordnung, wenn deswegen von versicherung genau wie andere Bereiche der Sozial-
Amts wegen — von Amts wegen, Herr Präsident! versicherung den Gegebenheiten des modernen Ar-
— auf § 85 a hingewiesen werden würde. beitslebens und der modernen Sozialpolitik ange-
Drittens: ein so umfangreiches und bedeutendes paßt werden müßte, sowohl in ihrer Konstruktion
Gesetzgebungswerk, wie es dieses Unfaliversiche- als auch vor allem in ihrem Leistungsrecht. Wir
rungs-Neuregelungsgesetz darstellt, verdient es haben daher 'die Gelegenheit der Beratung dieses
eigentlich nicht, daß es an einem Nachmittag durch- Gesetzentwurfs benutzt, um in zäher Kleinarbeit, die
gepeitscht wird. Dazu ist es wirklich zu umfangreich. Substanz des Leistungsrechts so zu verbessern, daß
wir heute sagen können, daß der zur Verabschie-
Das wollte ich hier zu Protokoll gegeben haben. dung stehende Gesetzentwurf weit bessere sozial-
politische Grundsätze enthält und auch weit bes-
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Ich habe sere materielle Leistungen bringt als die Vorlage
Herrn Kollegen Memmel vorhin gesagt, er möge der CDU im vergangenen Jahr.
zehn Unterschriften bringen. Zweitens. Wir waren der Meinung, daß bei dieser
(Abg. Memmel: Ich habe sie ja!) Beratung die große Frage der Unfallverhütung Vor-
rang vor allen anderen Problemen haben müßte.
— Die hat er gebracht, aber er hat sich dann höhe- Wir haben vom ersten Tage der Ausschußberatung
rer Einsicht gefügt und das wieder zurückgezogen. an unsere Bemühungen mit besonderem Gewicht auf
(Abg. Ruf: Über ein Jahr Ausschußberatung!) den Ausbau der Bestimmungen über Unfallver-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2877
Börner
hütung gelegt. Wir bedauern, daß der Ausschuß in Sparkasse bzw. die Bank aufzusuchen. Wir sind
seiner Arbeit zum Teil durch Einwirkungen der froh, daß hier eine Übereinstimmung zwischen den
Bundesregierung bzw. des Bundesarbeitsministers Fraktionen erzielt werden konnte,
gehemmt wurde. Dieser hat zusammen mit seinen
(Abg. Ruf: Das war aber sehr perfektioni
Freunden die breite Sachverständigenanhörung, die
stisch!)
wir gewünscht hätten, verhindert, so daß wir ge-
zwungen waren, diese Sachverständigenanhörung weil hier der Entwicklung, die sich aus der moder-
vor einem Gremium unserer Fraktion allein durch- nen Industriegesellschaft ergeben hat, im Gesetz
zuführen. Trotzdem hat die Anhörung der Sachver- entsprochen wurde.
ständigen eine Reihe wertvoller Gesichtspunkte in
unsere Gesetzgebungsberatungen hineingebracht. Ich Meine Damen und Herren, meine Kolleginnen
möchte heute namens meiner Freunde all denjenigen und Kollegen haben heute in der zweiten Beratung
Sachverständigen herzlich danken, die uns im Rah- des Gesetzes Kritik an den nach unserer Meinung
men dieser Beratung zur Verfügung gestanden und nicht vollkommenen Bestimmungen über die Unfall-
die unsere Arbeit durch ihren sachverständigen Rat verhütung geübt. Das ist kein Hang zum Perfektio-
erleichtert haben. nismus, sondern eine ernste Sorge. Sie kommt auf
Grund der uns vorliegenden Statistiken über Ar-
(Beifall bei der SPD.) beitsunfälle zum Ausdruck. Wir sind nicht der Mei-
Daß es nicht umsonst war, daß die Opposition in nung, daß schon nach allen Wegen gesucht worden
diesem Hause ein besonderes Gewicht auf das Ka- ist bzw. daß die Bestimmungen des Gesetzes aus-
pitel der Unfallverhütung gelegt hat, haben Sie reichen, um uns, wie es dem Sinn eines Reform-
schon aus den Beratungen der zweiten Lesung ent- vorschlags entsprochen hätte, für zehn oder fünf-
nehmen können. Was hier an Vorstellungen über zehn Jahre völlig von jeder weiteren Arbeit an
moderne Methoden der Unfallverhütung im Gesetz dieser Gesetzesmaterie freizustellen.
enthalten ist, ist zu einem großen Teil durch Ände-
rungsanträge der SPD geschaffen worden. Wir sind Die Statistik von 1962 weist immerhin 500 tödliche
stolz darauf, daß die Qualität unserer Argumente Unfälle mehr als im Vorjahr aus, und die Zahl der
von den Mehrheitsfraktionen gewürdigt wurde. entschädigungspflichtigen Unfälle ist von 37 000 auf
Wenn wir heute unsere Vorstellungen in dem Ge- 40 000 gestiegen. Dieses Steigen der Zahlen ist nicht
setz auch nicht hundertprozentig verwirklicht finden, dazu angetan, uns zu beruhigen, sondern sagt im
so können wir doch sagen, daß die nun geschaffenen Gegenteil uns allen, daß das Problem der Unfall-
Bestimmungen eine gute Plattform für künftige Be- verhütung auch in Zukunft das Problem Nummer 1
mühungen darstellen. im Rahmen dieses ganzen Gesetzeskomplexes ist
und bleibt.
Die Sorge um die gerechte Behandlung des Pro-
blems der Unfallverhütung hat im Rahmen der Be- Gerade weil wir das Problem der Unfallverhütung
ratungen auch zu Auslandsreisen geführt, die von auch über den Betrieb hinaus in das Bewußtsein
der sozialdemokratischen Fraktion angeregt wurden. der breiten Öffentlichkeit bringen wollten, ist der
Sie haben sicher zu einer guten Bereicherung des Vorschlag entstanden, ein Kuratorium für Unfall-
Sachwissens aller beteiligten Kollegen geführt. Wir verhütung zu schaffen. Wir bedauern, daß sich die
glauben, daß der Blick über die Grenzen, den zu Mehrheit des Hauses nicht bereitfinden konnte, un-
tun wir bei der Beratung dieses Gesetzes veranlaßt seren Vorstellungen zu folgen. Wir hoffen, daß bei
haben, auch im Hinblick auf die Lösung größerer späterer Gelegenheit Ihre Einsicht in diese Frage
sozialpolitischer Probleme, die in Zukunft im euro- größer ist, als sich heute in den Abstimmungs-
päischen Raum auf uns zukommen, sehr nützlich ge- ergebnissen ausgedrückt hat.
wesen ist. Gestatten Sie mir nun noch, ehe ich Ihnen die Hal-
(Beifall bei der SPD.) tung meiner Freunde zur Schlußabstimmung dar-
Wenn wir heute das Leistungsrecht dieses Ge legen darf, einige kritische Bemerkungen, die den
setzes analysieren und gewisse Vergleiche mit un- heutigen Tag und die in der zweiten Lesung er-
seren Forderungen vom vergangenen Jahr anstel- arbeitete Vorlage betreffen.
len, so müssen wir sagen, daß einige auch für uns Wir bedauern, daß heute in der zweiten Lesung
wesentliche Punkte im Gesetz voll verwirklicht auch die Frage der Abgrenzung zwischen Unfall-
worden sind. Die SPD ist sehr froh, bei der Ver- und Krankenversicherung sich nicht in einer über
abschiedung dieses Gesetzes feststellen zu können, die Ausschußfassung hinausgehenden Regelung
daß das Prinzip der Zwangsabfindung, das im Ent- niedergeschlagen hat. Wir haben keinen Antrag
wurf enthalten war, endgültig gefallen ist. gestellt, weil die Haltung der Koalitionsfraktionen
(Beifall bei der SPD.) im Sozialpolitischen Ausschuß uns von vornherein
die Hoffnungslosigkeit eines solchen Unterfangens
Die SPD begrüßt, daß bestimmte Entwicklungen, die aufgezeigt hat. Wir bedauern aber auch, daß der
schon durch die Rechtsprechung aufgegriffen waren, Antrag, der heute von Frau Kollegin Döhring ver-
nun im Gesetz ihre Kodifizierung gefunden haben. treten worden ist und dessen Inhalt weit über die
Ich möchte hier nur das Problem des Wegeunfalls, materiellen Probleme dieses Gesetzes hinausgeht,
aber auch die Frage nennen, die mit dem Unfall- bei Ihnen auf eine so starre Ablehnung gestoßen
-
schutz des Versicherten zusammenhängt, wenn er ist. Wir sind der Meinung, daß die Ausdehnung des
durch bargeldlose Lohnzahlung genötigt ist, die Versicherungsschutzes auf diese wenigen Einzel-
2878 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Börner
fälle ein Akt des guten Willens auch im Hinblick men —, zu schwerwiegenden Rückwirkungen führen
auf die Familienpolitik gewesen wäre. kann. Wir haben die bedauerliche Tatsache zu ver-
(Beifall bei der SPD.) zeichnen gehabt, daß noch bis gestern abend 23 Uhr
in den Mehrheitsfraktionen die Auffassungen hip.-
Es wäre sicher zu diesen Komplexen, die das und herwogten. Sie können sagen, das sei positiv
Leistungsrecht betreffen, noch eine ganze Menge zu sehen, das sei ein Spiegelbild der demokratischen
zu sagen. Ich möchte darauf nicht mehr zurückkom- Vielschichtigkeit Ihrer Parteien. Wir meinen aber,
men. Ich bedaure nur, daß Sie sich nicht unseren das ist nur ein Beispiel dafür, wie man Gesetze mit
Vorstellungen über die Anpassung der Renten an- so einschneidender sozialpolitischer Zielsetzung nicht
schließen konnten, weil wir nun befürchten müssen, machen kann. Wir bedauern es, daß der Bundestag
daß das Schicksal der Unfallrentner immer wieder in absehbarer Zeit diese leidigen Organisationspro-
mit in wahltaktische Überlegungen einbezogen wird. bleme noch einmal beraten und entsprechende Ge-
Das halten wir nicht nur für sozialpolitisch bedenk- setze verabschieden muß.
lich, sondern auch im Hinblick auf "die sachliche Ar- Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn
beit unseres Hauses für auf die Dauer verderblich. wir Sozialdemokraten nun zum Schluß die Vor-
Wir würden uns freuen, wenn Sie bei späterer Ge- schläge abwägen, die nicht angenommen worden
legenheit hier eine Korrektur des Gesetzes zulassen sind, und wenn wir das abwägen, was von Ihnen in
könnten. diesen Gesetzentwurf mit übernommen worden ist
Wenn ich zum Schluß einmal kritisch die Arbeit und was wir als gemeinsames Anliegen betrachten
betrachte, die der Sozialpolitische Ausschuß in den können, ergibt sich für uns in der Schlußbetrachtung
letzten Wochen und Monaten leisten mußte, dann das Fazit, daß dieses Gesetz zwar nicht die Summe
möchte ich zwei Feststellungen daraus ableiten: unserer Wünsche verwirklicht, aber eine prakti-
Erstens. Entgegen den Prophezeihungen des Bun- kable Lösung mit Leistungsverbesserungen dar-
desarbeitsministers war das kein vollkommener stellt, die wir alle anstreben. Deshalb wird die SPD
Gesetzentwurf, der sich in wenigen Wochen durch- diesem Gesetzentwurf in dritter Lesung zustimmen.
peitschen ließ. Vielmehr haben gerade auch die (Beifall bei der SPD.)
Änderungsanträge seiner politischen Freunde ge-
zeigt, daß viele Vorschriften des Entwurfs nur halb Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
durchdacht waren und einer kritischen fachlichen der Herr Abgeordnete Dr. Franz.
Überprüfung bedurften.
(Zuruf von der CDU/CSU: Weil verschie- Dr. Franz (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
dene Interessen vorhanden sind!) sehr verehrten Damen und Herren! Im Namen der
Bundestagsfraktion der CDU/CSU darf ich meiner
— Darauf komme ich gleich.
Freude darüber Ausdruck geben, daß dieser Gesetz-
(Abg. Becker: Was soll denn das, Herr entwurf im dritten Anlauf heute in diesem Hause
Kollege?) fertiggestellt werden konnte und daß er auch die
Wenn wir uns heute daran erinnern, dann im Hin- letzte Klippe, nämlich die Klippe des Einspruches
blick darauf, sehr verehrte Damen und Herren, liebe meines Kollegen Memmel, zu überwinden ver-
Kolleginnen und Kollegen, daß auch bei anderen mochte. Auch wir glauben, daß das Ergebnis dieser
künftigen sozialpolitischen Gesetzen das geübt wer- mehr als einjährigen Beratung im Sozialpolitischen
den sollte, was diesen Gesetzentwurf heute wahr- Ausschuß des Bundestages positiv zu bewerten ist.
scheinlich zu einer gemeinsamen Abstimmung reif Es wäre ein aussichtsloses Beginnen, wollte ich
macht; es wurde nämlich das Qualitätsprinzip über jetzt die ganze Anzahl tiefgreifender Verbesserun-
das Prinzip der Schnelligkeit der Beratung gestellt. gen aufzählen, die in diesem Gesetz verwirklicht
werden. Ich darf mich auf einige, wie ich glaube,
(Zustimmung bei der SPD.)
sehr wesentliche Dinge beschränken. Denken wir
Insofern ist es eine ungute Sache — und das daran, daß die Grenze des Jahresarbeitsverdienstes
bleibt zu bedauern —, daß wichtige Teile des Ge- 'in diesem Gesetz auf 36 000 DM festgesetzt worden
setzentwurfs, z. B. die Organisationsfrage, durch die ist. Das entspricht dem Schadenersatzprinzip und
Unschlüssigkeit — ich will nicht sagen: durch die verhindert den sozialen Abstieg von Verunglück-
Uneinigkeit — der Koalitionsfraktionen nun einer ten, und den verdienen sie nicht. Wir tragen auch
späteren Beratung vorbehalten bleiben. Wir hatten dem Anliegen der Menschen Rechnung, die in jun-
gehofft, mit Ihnen zusammen eine Reform verab- gen Jahren das Unglück hatten, einen Unfall zu er-
schieden zu können. Was wir verabschieden, ist leiden, und legen ihrer Rente ein dem Lebensalter
keine Reform, sondern ein Verbesserungsgesetz. Es entsprechendes Entgelt vergleichbarer Arbeitneh-
ist im Grunde doch nur die Hälfte von dem, was sich mergruppen zugrunde. Wir haben dem Schwerver-
die Optimisten in allen Fraktionen von einem sol- letzten, der keinen Anspruch an die verschiedenen
chen Gesetzentwurf erhofft hatten. Zweige der sozialen Rentenversicherung hat, durch
Meine Damen und Herren, dieser Gedanke ist die Bestimmung in § 561 a eine Verbesserung von
nicht ein Gedanke parteipolitischer Taktik, sondern 10 % gegeben.
ist eine sehr ernste Betrachtung allgemein sozial- Ein jeder von uns weiß, daß bei dem Ableben
politischer Natur, weil nämlich diese Art, Organisa- eines arbeitenden Menschen die Hinterbliebenen
tionsfragen auszuklammern — wenn man das ein- besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Wir ge-
mal auf die Gesetze überträgt, die jetzt noch kom- währen der Witwe, die keine Kinder hat und noch
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2879
Dr. Franz
y nicht 45 Jahre ist, künftig statt einem Fünftel des lich-rechtlich dem einen etwas genommen — denn
Jahresarbeitsverdienstes drei Zehntel des Jahres- unter Umständen kann er keinen vollen Schadens-
arbeitsverdienstes. Für die ersten drei Monate nach ersatz erwarten und erhält kein Schmerzensgeld,
dem Tode des Ernährers bekommt sie zwei Drittel was bürgerlich-rechtlich durchzusetzen wäre —, auf
des Jahresarbeitsverdienstes als Überbrückungs- der anderen Seite aber werden Leistungen ohne Be-
geld. In Härtefällen werden künftig laufende Bei- rücksichtigung eines eventuellen eigenen Verschul-
hilfen gewährt, wenn ein Verstorbener länger als dens des Versicherten gewährt.
zehn Jahre 80 °/o erwerbsbeschränkt war, aber nicht
Auch wir haben es bedauert, daß es im früheren
an den Unfallfolgen gestorben ist. Hier könnten
Stadium der Ausschußberatungen gewisse Reibe-
sich nämlich die geringen Beiträge zur Rentenver-
reien wegen des schnellen oder langsamen Fort-
sicherung, die derjenige, der einen Unfall hatte, zu
leisten vermag, sehr negativ für seine Hinterblie- gangs der Verhandlungen gegeben hat;
benen auswirken. (Zustimmung bei der SPD)
In der Vergangenheit und in den verschiedenen aber ich möchte besonders deutlich herausstellen,
Zweigen der Rentenversicherung haben sich wegen daß die folgenden Verhandlungen davon nicht oder
der Rückzahlungsforderungen besondere Härtefälle kaum berührt worden sind. Auch ich möchte darauf
ergeben. Wir haben nun erreicht, daß diese Rück-
hinweisen, daß unser Kollege Stingl schon in der
zahlungsforderungen gemildert werden und nur
ersten Lesung eine Kompromißbereitschaft unserer
dann erhoben werden können, wenn sich der
Fraktion in so kritischen Punkten wie dem Abfin-
Empfänger wirklich bewußt war, daß er eine Lei-
dungsparagraphen hat erkennen lassen. Das hat uns
stung empfängt, die ihm nach Recht und Gesetz
zu einer Lösung geführt, von der ich glaube, daß sie
nicht zusteht.
alle Teile dieses Hauses befriedigt hat. Denken wir
Ein besonders heikles Kapitel wird in § 588 des auch an die Regelung des ersten Weges zum Bank-
vorliegenden Entwurfs behandelt. Es kam gerade institut! Wir wissen, daß sich der Deutsche Gewerk-
bei an Silikose Erkrankten in der Vergangenheit schaftsbund, bevor diese Regelung Gesetz geworden
in Hunderten von Fällen zu Leichenobduktionen, ist, wegen des fehlenden Schutzes der Unfallver-
um die Rechtmäßigkeit von Rentenansprüchen nach- sicherung Gedanken darüber gemacht hat, ob man
zuweisen. Das ist durch die neue Fassung des § 588 ein solches Angebot der Arbeitgeberseite, die Lohn-
weitgehend ausgeräumt worden. zahlung zu vereinfachen, akzeptieren könne. Wir
Wesentlich ist auch noch die Bestimmung, daß denken auch an den § 1546, wonach bisher — jeden-
künftig Krankheiten in einzelnen Fällen wie Berufs falls nach dem Gesetzestext — jemand, der seinen
krankheiten behandelt werden können, wenn sie Anspruch nicht innerhalb von zwei Jahren anmel-
auch noch nicht in dem mehrfach angezogenen Be- dete, nichts bekommen sollte. Hier hat ,die neue Fas-
rufskrankheitenkatalog enthalten sind. sung des Gesetzes der bisherigen Rechtsprechung
Rechnung getragen. Letzten Endes ist noch festzu-
Ein einziger Paragraph des Gesetzes, nämlich der stellen, daß alle Leistungsverbesserungen dieses Ge-
§ 539, genügt, um den geschichtlichen Weg dieser setzes auch für Unfälle gelten, die sich vor Inkraft-
Gesetzgebung der sozialen Sicherung nachzuzeich- treten des Gesetzes ereignet haben.
nen. In den Nummern 1 bis 4 sind die Personen-
gruppen erfaßt, die schon in der Vergangenheit von Ich freue mich, daß die Opposition ausdrücklich
diesem Gesetz abgedeckt worden sind. Unter den anerkannt hat, daß sie im Laufe dieses einen Jahres
Nummern 5 und 6 hat man dann später die schutz- die Möglichkeit konstruktiver und positiver Mit-
bedürftigen Unternehmer einbezogen. In den Num- arbeit bei der endgültigen Ausgestaltung der Vor-
mern 7 bis 13 wird ein Aufopferungsanspruch der- lage gehabt hat, und deute das als ein gutes Omen
jenigen Personen festgehalten, die im Interesse des für die künftigen Verhandlungen im Sozialpoli-
allgemeinen Wohls tätig werden. In den Nummern tischen Ausschuß des Bundestages und in diesem
14 und 15 sind Sondertatbestände — Lehrende und Parlament.
Lernende — erfaßt. (Beifall im ganzen Hause.)
Die Grundkonzeption der sozialen Unfallversiche-
rung ist auch in dieser Gesetzesvorlage beibehalten, Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Das Wort hat
wiewohl ich dem Kollegen Börner nicht recht geben der Herr Abgeordnete Ollesch.
kann, wenn er daraus folgert, daß wir nur von einem
Verbesserungsgesetz und nicht von einer Reform Ollesch (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
sprechen könnten. Die Grundkonzeption ist nämlich ehrten Damen und Herren! Nach fast eineinviertel-
die genossenschaftliche Ablösung der Unternehmer- jähriger Beratung verabschieden wir heute das Un-
haftpflicht. Diese ist nicht geändert. In den §§ 633 fallversicherungs-Neuregelungsgesetz in dritter Le-
und 634 ist aber das Haftungsprivileg ausgeweitet. sung. Wohl niemand hat bei der Einbringung damit
Bisher stand es nur dem Unternehmer und seinen gerechnet, daß ein so langer Zeitraum benötigt
Repräsentanten im Betrieb zu. Künftig sind im Inte- werden würde. Ich glaube aber, daß die Länge der
resse des Betriebsfriedens auch die Arbeitskollegen Beratung dem Gesetzentwurf dienlich gewesen ist.
von diesem Haftungsprivileg gedeckt. Wir können am Ende anläßlich der dritten Lesung
Man kann sich dieses Gesetz der sozialen Unfall- - feststellen, daß wir in der Lage waren, in eingehen-
versicherung als in einem Gleichgewichtszustand be- der Beratung zwar nicht immer gemeinsame Auf-
findlich vorstellen. Auf der einen Seite wird bürger- fassungen zu finden und zu gemeinsamen Entschlüs-
2880 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Ollesch
sen zu kommen, aber vieles gemeinsam durchzu- großen Teil .der Beratung nahm dann die Umvertei
bringen. lung der alten Last in Anspruch, ein Problem, das
sich uns vor eineinviertel Jahr noch nicht stellte.
Wir können abschließend auch feststellen, daß
sich im Laufe der Zeit einige Probleme entschärft Meine Damen und Herren von der SPD, daß Sie
haben. Probleme, von denen wir erwarteten, daß in Fragen der Unfallverhütung nicht ganz zum Zuge
sie große Diskussionen auslösen würden, haben kommen, liegt nicht etwa daran, daß wir diesen Fra-
sich im Laufe der Zeit als nicht so schwerwiegend gen nicht die gleiche Aufmerksamkeit widmeten wie
erwiesen. Das scheint mir ein Vorteil gewesen zu Sie. Wir wollen uns bemühen, unsere Gesetze etwas
sein. Ich glaube, daß sich die Dinge dabei zum Guten weniger kompliziert und personalaufwendig zu
gewendet haben. Ich denke nur daran, daß die Auf- machen;
teilung der Lasten zwischen den Trägern der Kran- (Abg. Dr. Schellenberg: Die Personalzahlen
kenversicherung und den Trägern der gesetzlichen bei der Unfallverhütung sind die niedrig
Unfallversicherung dazu führte, daß schon einmal sten!)
ein Gesetzentwurf scheiterte. Heute ist Sprengstoff
heraus aus dem Gesetz, und nicht zuletzt durch 'zu auf das letztere lege ich besonderen Wert. — Herr
erwartende Gesetze. Professor Schellenberg, ich bin neu in diesem Hause
und vielleicht etwas empfänglicher für gewisse
(Abg. Dr. Schellenberg: Den Sprengstoff Dinge. Mir wurde letzthin von jemand, der mit der
haben Sie hereingebracht!) Ausführung sozialpolitischer Gesetze zu tun hat,
— Nun ist er heraus, Herr Professor Schellenberg. gesagt: „Wenn ihr in Bonn derartige Gesetze be-
Sie sehen die Dinge jedenfalls nicht mehr als schließt, dann denkt doch nicht nur an die Kosten,
Sprengstoff an; Sie haben sich nicht mehr sehr be- die die Leistungsverbesserungen bringen, sondern
müht, auf den Tag Null zu kommen. Das muß ich denkt einmal daran, daß die Gesetze praktiziert
hier feststellen. werden sollen, ohne daß neues Personal zur Durch-
führung dieser Gesetze benötigt wird."
Zweifellos hat die Beratung in der letzten Zeit
nicht mehr im' Blickpunkt der Öffentlichkeit gestan- (Abg. Dr. Schellenberg: Sprechen Sie vom
den, zumindest nachdem die Diskussionen über das besonderen Beitrag in der Krankenversi
Sozialpaket begannen, als der Inhalt des Sozial- cherung? — Weiterer Zuruf von der SPD:
pakets der Öffentlichkeit bekannt wurde. Ich glaube, Und ,dem Rückzahlungssystem? — Heiter
diese Tatsache, daß die Beratungen aus dem Bewußt- keit bei der SPD.)
sein der Öffentlichkeit herausgerückt waren, war — Herr Professor Schellenberg, wir sind noch nicht
ihnen dienlich. Im letzten Stadium, als wir wieder bei der Krankenversicherung. Wenn es soweit ist,
interessant wurden — das haben Sie ja gesehen—, werden Sie meine Stellungnahme dazu hören; ich
reiften die Probleme doch nicht so, wie sie reifen werde meine Meinung dazu sehr freimütig äußern,
sollten, und Irrtümer unterlaufen dann nicht nur auch hier im Plenum. Ich mache mir auch da meine
uns, sondern auch der linken Seite des Hauses; denn eigenen Gedanken, zumal ich auch selber betroffen
auch in bezug auf die vorgesehene Auflösung der bin. — Wir wollen in der Unfallverhütung weniger
Berufsgenossenschaften war nicht alles ganz reif- auf die hauptamtliche Tätigkeit abstellen als Sie;
lich überlegt. wir wollen es der Organisationsform eines Betrie-
Herr Börner, wenn Sie bedauern, daß wir die bes überlassen, der Organisationsfreudigkeit und
Organisationsfrage nicht gelöst haben, daß wir den den Möglichkeiten eines Betriebes, mit Sicherheits-
Mut nicht fanden, dann möchte ich sagen: Gott sei beauftragten zu arbeiten, ohne daß 'der Zwang zur
Dank; denn der vorliegende Entwurf war auch nicht Hauptamtlichkeit besteht und ohne daß die Betriebe
so sehr durchdacht. gezwungen werden, Sicherheitsingenieure anzustel-
len; sie sollen das aus freier Überlegung heraus
(Abg. Börner: Die Organisationsfragen tun.
wurden von uns nicht provoziert!)
Meine Damen und Herren, wir haben heute fast
Es sollte bei einer Neuorganisation die Zusammen- gar nichts mehr von den Belastungen gehört, die
legung sinnvoll erfolgen; und wir geben es ehrlich auch 'dieses Gesetz der deutschen Wirtschaft brin-
zu: so ganz sinnvoll ist die Geschichte nicht gewe- gen wird. Es sind rund 320 Millionen DM.
sen. Wollen wir hoffen, daß wir bei der späteren
Behandlung, genauso wie wir jetzt einige Dinge (Abg. Ruf: Mehr! Mehr!)
nicht mehr so schwerwiegend fanden, wie wir sie zu — Na, es sollten 250 Millionen DM sein; der Aus-
Anfang ansahen, uns auch mit diesen Dingen nicht schuß hat noch einige -zig Millionen durch Lei-
mehr so schwer tun wie bisher. stungsverbesserung dazugepackt. Rechnen wir rund
Wenn wir die Beratung verfolgen, stellen wir 350 Millionen, Herr Ruf. Das scheint angesichts der
fest: Es ging heute nicht so sehr um die Aktuali- Milliardenbeträge, mit denen wir für die Zukunft
sierung, es ging nicht mehr um 'die Abfindung, es jonglieren, ein immerhin etwas geringer Betrag zu
ging nicht um die Grenzen, es ging bei den Anträ- sein. Aber ich meine, wir sollten die Belastung
gen auch nicht so sehr um Leistungsverbesserungen, erkennen und anerkennen, und wir sollten uns
sondern um einige andere Dinge. Wir haben uns - gemeinsam darüber klar sein, daß es einmal ein
sehr lange über das D-Arzt-Verfahren unterhalten. Ende haben muß mit der fortwährend steigenden
Wer hätte das vor eineinviertel Jahr gedacht! Einen Belastung der Wirtschaft, von der ja nicht nur die
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2881
Ollesch
Unternehmer, sondern auch die Arbeitnehmer und Auch dieses Gesetz ist Menschenwerk. Es wird
wir alle als Volk betroffen werden. sicher mit Fehlern und Mängeln behaftet sein. Das
liegt in der Natur der Sache.
(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Jaeger.)
Ich habe den ganzen Tag Ihre Beratungen mit
Deswegen, meine ich, ist es gut, daß heute nicht Aufmerksamkeit verfolgt und möchte Ihnen doch
mehr sosehr von Leistungsverbesserung die Rede heute abend sagen, daß wir alle miteinander über
war. Es ist ein Zeichen dafür, daß wir uns gemein- das Ergebnis sehr glücklich sein dürfen.
sam im Ausschuß auf das mögliche Maß geeinigt
haben. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Es bleibt mir am Schluß nur noch festzustellen, Da mir an der Verwirklichung dieses Gesetzes im-
daß wir im Sozialausschuß bei dieser immerhin mer sehr viel gelegen , war, möchte ich den Dank
recht schwierigen Materie recht gut miteinander ge- der Bundesregierung allen beteiligten Fraktionen
arbeitet haben. Das gibt mir die Hoffnung auf eine dieses Hauses für die geleistete Arbeit aussprechen.
gute Behandlung weitaus schwierigerer Gesetze, die
Angesichts dessen, was im letzten anderthalb
jetzt nach Beendigung dieser Arbeit anstehen.
Jahr, seitdem dieser Bundestag in der vierten Legis-
Zu Anfang sind wir von der linken Seite des Hau- laturperiode zusammen ist, auf sozialpolitischem
ses als sozial rückschrittlich bezeichnet worden. An- Gebiet behandelt worden ist, können die Sozial-
läßlich der Koalitionsbildung hieß es doch von Ihrer politiker sagen, daß sie mit die Fleißigsten in diesem
Seite: Jetzt ist die sozialreaktionäre Regierung am Deutschen Bundestag gewesen sind und daß nichts
Werke. — Ich meine, Sie werden heute mit uns falscher war als die Prognose, die Sozialpolitik
feststellen, daß zumindest bei diesem Gesetzentwurf würde stagnieren und die Reformen würden nicht
von „Sozialreaktionären" nicht gesprochen werden vorwärtsgehen.
kann. Herr Kollege Börner, vertrauen Sie darauf, Meine Damen und Herren, Sie haben sehr viel
daß wir mit Vernunft und Sachlichkeit bei der kom- Arbeit geleistet. Sie haben sieh in vielen Punkten
menden Gesetzgebung viele Gesetzentwürfe ge- zusammengefunden. Sie sind nicht in allen Fragen
meinsam mit Ihnen erarbeiten können! der Meinung der Bundesregierung gewesen, aber
(Abg. Börner: Herr Ollesch, Sie sind durch das ist auch nicht die Aufgabe eines Parlaments. Sie
die Amerika-Reise geläutert worden!) haben gemeinsam ein Werk, geschaffen, auf das Sie
stolz sein dürfen. Ich wollte Sie dazu beglückwün-
— Nein, keineswegs. Wenn ich mir das alles zum schen.
Vorbild genommen hätte, dann hätten Sie mich mit
Recht als „sozialreaktionär" verschrien. Das wollen (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und bei
wir doch einmal festhalten. Abgeordneten der SPD.)
(Zuruf des Abg. Geiger.) Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
— Herr Geiger, auch Sie wissen ganz genau, daß Abgeordnete Rutschke.
wir das keineswegs sind und daß auch ich kein
Sozialreaktionär bin. Dr. Rutschke (FDP) : Herr Präsident! Meine Da-
Abschließend möchte ich sagen, daß wir dem Ge- men und Herren! Die Weiterentwicklung der Un-
setzeswerk in der jetzt auch mit unseren Stimmen fallversicherung ist sicherlich ein erstrebenswertes
beschlossenen Fassung unsere Zustimmung geben Ziel und wird von jedermann befürwortet werden
werden. müssen. Jeder wird gerne arbeitsversehrten Men-
(Allseitiger Beifall.) schen helfen wollen, soweit das möglich ist. Aber es
gilt auch, die richtige Rangfolge und die richtige
Einordnung in die sozialen Tatbestände zu finden.
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der
Herr Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. (Abg. Ruf: Das ist doch am Freitag unser
Thema!)
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozialord- — Nein, Herr Kollege Ruf, wenn wir Gesetze ver-
nung: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen abschieden, die die Wirtschaft oder den Bundeshaus-
und Herren! Nachdem Sie, wie es den Anschein hat, halt belasten, bleibt für noch ausstehende Gesetze,
zum Ende der über den ganzen Tag geführten De- die möglicherweise eine höhere Dringlichkeit haben,
nichts mehr übrig. Deshalb muß man rechtzeitig auf
batte über dieses bedeutende Gesetzgebungswerk
eine vernünftige Rangfolge hinweisen. Ich erlaube
kommen, seien mir ein paar Worte erlaubt.
mir nur — ich habe das schon einmal bei der Verab-
Ich möchte einen Satz aufgreifen, den Herr Börner schiedung des Sparprämiengesetzes im vorigen Bun-
gesagt hat. Er hat erklärt, dieses Gesetz sei nicht destag getan —, darauf zu verweisen, daß es Fragen
die Summe aller Wünsche. Das ist sicher richtig, von höherer Dringlichkeit gibt, als sie seinerzeit bei
besonders wenn man die Frage stellt: Wessen Wün- dem Sparprämiengesetz anstanden oder möglicher-
sche? Dabei wird man feststellen müssen, daß ein weise hier anstehen.
Gesetz niemals alle Wünsche erfüllen kann. Man
(Zuruf von der Mitte.)
kann nur die Frage stellen, ob es ein Optimum
bringt, und diese Frage kann, so meine ich, im vor- - Dieser Gedanke ist auch in meiner Fraktion aufge
liegenden Falle bejaht werden. taucht. Aber die Entwicklung ist jetzt hier schon so
2882 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Dr. Rutschke
weit gegangen, daß eine Änderung dieser Entwick- — Nein, das habe ich nicht gesagt, Herr Kollege. Es
lung kaum mehr möglich erscheint. ist sehr schwierig, Ihnen etwas klarzumachen, wenn
(Hört! Hört! bei der SPD.) Sie vorher nicht zugehört haben. Haben Sie aber
nicht zugehört, so sollten Sie auf Zwischenrufe ver-
— Eine Änderung, Herr Kollege von der SPD, hin- zichten. Ich will Ihnen gern noch weitere Unter-
sichtlich der Rangfolge der Notwendigkeit von Ge- schiede zeigen, die vorhanden sind: Ein zu 40 %
setzen; nur in der Richtung bitte ich das zu ver- Kriegsbeschädigter erhält eine Rente von 45 DM.
stehen, und so habe ich 'das nur gemeint. Nunmehr bekommt ein zu 40 % Arbeitsbeschädigter
(Abg. Dr. Schellenberg: Kriegsopferversor- eine Rente von 126,20 DM.
gung wollen wir Freitag behandeln!) (Abg. Stingl: Das ist doch ein völliger
Unterschied der Renten bei uns!)
— Verehrter Herr Kollege Schellenberg, Sie werden
mir sicherlich zugeben, daß sich ein Familienvater, — Das ist leider nicht so unterschiedlich. Ich weiß,
ehe er ein Wohnzimmer einrichtet, wahrscheinlich daß es in diesem Fall auf eine Bemessungsgrund-
erst darum kümmert, ob seine Kinder noch auf lage von einem durchschnittlichen Betrag von
Strohsäcken schlafen; denn dann wird es besser sein, 475 DM Einkommen bezogen ist.
zunächst einmal Betten zu beschaffen, ehe er eine (Abg. Stingl: Das müssen Sie dazu sagen!)
Wohnzimmereinrichtung kauft. So ist es auch mit
der Rangfolge in der Sozialpolitik. Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter
(Abg. Killat: Wir sprechen doch nicht über Rutschke, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Ab-
das Sozialhilfegesetz!) geordneten Dittrich?
Ich bezweifle gar nicht, daß beides notwendig sein
mag. Dr. Rutschke (FDP) : Bitte sehr!
Hier stehen die versehrten Menschen — in diesem
Falle die Arbeitsopfer — zur Debatte. Es gibt aber Dr. Dittrich (CDU/CSU) : Sagen Sie mal, Herr
auch noch andere, die Kriegsopfer. Rutschke, kennen Sie nicht den Unterschied zwi-
schen der Versicherung und der Versorgung?
(Abg. Dr. Schellenberg: Über die sprechen
wir noch in dieser Woche!) Dr. Rutschke (FDP) : Der Unterschied ist mir
— Herr Kollege Schellenberg, ich habe mir erlaubt, wohl bekannt. Sie müssen daran denken, daß auch
darauf hinzuweisen, daß es Prioritäten gibt und daß die Bundeswehrsoldaten davon betroffen werden.
man ihnen nur dann sinnvoll gerecht werden kann, (Abg. Stingl: Die sind nicht versichert!)
wenn man sie zur rechten Zeit sieht und wenn noch
nicht alles entschieden ist. Sie kennen ja die Beispiele, die vielfach gebracht
werden: Der Bundeswehrsoldat und der Mann aus
(Abg. Dr. Schellenberg: Darf ich eine Zwi- der Panzerwerkstatt erleiden denselben Unfall, und
schenfrage stellen?) der eine bekommt doppelt soviel wie der andere.
— Nein, lassen Sie mich das erst mal zu Ende füh- Wenn Sie meinen, daß die Versorgung auf jeden
ren: dann bin ich gern bereit, Ihre Frage anzuhören. Fall geringer sein muß als der Versicherungsbetrag,
dann sind wir nicht ganz einer Meinung. Es scheint
(Abg. Dr. Schellenberg: Gehören Sie einer mir nicht richtig zu sein, daß derjenige, der der
Regierungspartei an? — Abg. Ruf: Er Allgemeinheit dient, g rundsätzlich nur die Hälfte
spricht für seine Person!) dessen bekommen soll, was der andere erhält, der
Sie können natürlich sagen, daß hier Unterschiede im Arbeitsleben steht, im Wirtschaftsleben tätig ist
seien. Sicherlich sind Unterschiede da. Demjenigen, und sein Geld durch Arbeit verdient, der also mit
der im Krieg gewesen ist, wird man sicherlich in einem Gewinnstreben seinem Broterwerb nachgeht.
bezug auf seine Verwundung oder das, was er erlit- Man sollte daran denken, daß es hier zwangs-
ten hat, keine Fahrlässigkeit vorwerfen können, läufig Prioritäten gibt und daß wir vielleicht besser
während das bei Arbeitsunfällen durchaus möglich beraten gewesen wären, wenn wir zunächst die
ist, wenn ich auch nicht unterstelle, daß das jedes- dringenderen Forderungen, die nun einmal vorhan-
mal so sein muß. den sind, befriedigt hätten. Auch die Sozialpolitik
Es mag auch noch einen anderen Unterschied kann nur in einem Rahmen gesehen werden, und
geben: die Finanzierung. Sie können sagen: Das dieser Rahmen sollte sich nach dem bemessen, was
hier zahlen die Arbeitgeber, während die Kriegs- am dringendsten notwendig ist.
opfer aus Steuermitteln versorgt werden müssen. Deshalb ist es für mich nicht möglich, diesem
Aber, meine verehrten Damen und Herren, auch das Gesetz zuzustimmen.
sollten Sie zur Kenntnis nehmen: daß letztlich auch
die Leistungen für die Arbeitsopfer vom Volk be- Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
zahlt werden, denn diese Aufwendungen sind ein Herren, die Rednerliste ist erschöpft. Ich schließe
Kalkulationsmoment und werden sicherlich in den die allgemeine Aussprache.
Preisen weitergegeben.
Ich komme zur Einzelberatung der dritten Lesung
(Abg. Killat: Sollen die Opfer der Arbeit und rufe auf Art. 1 § 658 Abs. 2 mit dem Ände-
also zurückstehen?) rungsantrag der Abgeordneten Lang (München),
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2883
Vizepräsident Dr. Jaeger
Dr. Franz, Wieninger, Seidl (München) und Genos- Enthaltungen? — Das zweite war die Mehrheit; der
sen auf Umdruck 218. Bedarf der Antrag noch einer Antrag ist abgelehnt.
besonderen Begründung? — Das ist nicht der Fall. Ich lasse nunmehr noch über den gesamten
Wird eine Aussprache gewünscht? — Das ist nicht Art. 2 a mit der soeben beschlossenen Änderung
der Fall. abstimmen. Wer zuzustimmen wünscht, den bitte
Dann lasse ich über den aufgerufenen Änderungs- ich um das Handzeichen. — Meine Damen und Her-
antrag Umdruck 218 abstimmen. Wer zuzustimmen ren, ich mache darauf aufmerksam, daß der ganze
wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. — Ich Art. 2 a fällt, wenn ihm nicht zugestimmt wird. Es
bitte um die Gegenprobe. — Enthaltungen? — Das ist nur eine einzige von der CDU/CSU-Fraktion ge-
zweite war die Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. wünschte Änderung beschlossen worden. Wer nun
— Es bestehen doch Zweifel. Ich muß widerrufen. der Gesamtfassung mit der vorhin beschlossenen
Wer zuzustimmen wünscht, den bitte ich, sich zu er- Änderung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um
heben. — Ich bitte um die Gegenprobe auch durch das Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
Erheben. — Wer sich enthalten will, den bitte ich Enthaltungen? — Art. 2 a ist angenommen.
ebenfalls, sich zu erheben. — Das zweite war die Meine Damen und Herren, ich werde darauf auf-
Mehrheit; der Antrag ist abgelehnt. merksam gemacht, daß mit Rücksicht auf die Fülle
Damit komme ich zu dein Antrag der Fraktion der Änderungen, die heute beschlossen worden
sind, der Präsident ermächtigt werden sollte, not-
der CDU/CSU auf Umdruck 219, in Art. 2 a § 1 den
falls erforderliche redaktionelle Änderungen, die
Satz 2 neu zu formulieren und den § 2 Abs. 4 zu
nicht berücksichtigt worden sind, noch vorzuneh-
streichen. Der Antrag liegt Ihnen vor. Wird er be-
men.
gründet? —
(Allseitige Zustimmung.)
(Wird verneint.)
— Allgemeines Einverständnis; es ist so beschlos-
Wünschen Sie eine Aussprache? — sen.
(Wird ebenfalls verneint.) Dann kommen wir zur Schlußabstimmung. Erklä-
Ich lasse abstimmen. Wer dem Änderungsantrag rungen dazu werden nicht mehr abgegeben. Wer
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das Hand- dem Gesetzentwurf als Ganzem in der Schlußab-
zeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. — Ent- stimmung zuzustimmen wünscht, den bitte ich, sich
haltungen? — Das erste war die Mehrheit; der An- zu erheben. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
trag ist angenommen. Einige Gegenstimmen. Enthaltungen? — Ohne Ent-
haltungen gegen einige Stimmen angenommen.
Ich komme zum Änderungsantrag der Abgeord-
neten Porten, Burgemeister, Wieninger, Soetebier Ich darf die Gelegenheit benutzen, dem Ausschuß
und Genossen. vorsitzenden und den Berichterstattern den Dank
des Hauses für die umfangreiche Arbeit auszuspre-
(Zurufe: Nicht verteilt!) chen.
— Ich muß ihn vorlesen: (Beifall.)
Zu der Fassung, die in der vorigen Lesung be- Ich komme nunmehr zu Punkt 2 des Antrages des
schlossen worden ist, dort benannt als Ände- Ausschusses auf Seite 38 der Drucksache, die Ein-
rungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU, FDP, gaben und Petitionen für erledigt zu erklären. —
Umdruck 197, in der dritten Beratung: Einstimmig beschlossen.
Frehsee
trächtigen. Ich möchte unter gar keinen Umständen entschieden hat. Gesetzestechnisch läßt sich diese I
einen Mißton hineinbringen. Aber ich muß doch in Angleichung der Unfallrenten verhältnismäßig ein-
aller Sachlichkeit feststellen, daß die Unfallversiche- fach bewerkstelligen. Wir hatten die notwendigen
rungsreform, die nun verabschiedet worden ist, Änderungen der einschlägigen Paragraphen bereits
wirklich nicht die Summe aller Wünsche erfüllt, vorbereitet, meine Damen und Herren. Sie liegen
wirklich auch nicht das Optimum darstellt, wie es dort auf meinem Platz in meiner Akte. Es handelt
der Herr Bundesminister für Arbeit und Sozialord- sich um die Änderung der §§ 779, 781 und 800 im
nung hier gesagt hat, und im besonderen Maße, Art. 1 und des § 7 im Art. 3 dieses nun beschlossenen
meine Damen und Herren, nicht für die Landwirt- Unfallversicherungs-Neuregelungsgesetzes. Wir ha-
schaft. Für die Landwirtschaft stellt diese Unfall- ben diese Änderungsvorschläge heute dem Hohen
versicherungsreform in keiner Weise eine Verbes- Hause nur deshalb nicht in zweiter und dritter Be-
serung dar. Sie bringt ihr neue Belastungen, und ratung vorgelegt, weil wir den hier geübten Ge-
zwar von 70 Millionen DM im Jahr, da sie am pflogenheiten Rechnung tragen wollten. Diese Dinge
1. Juli dieses Jahres in Kraft treten wird, von sind erst spruchreif geworden, als der Sozialpoli-
35 Millionen DM für das Jahr 1963. tische Ausschuß bereits mit der Beratung des Unfall-
versicherungs-Neuregelungsgesetzes fertig geworden
Wir haben uns bemüht, durch den Antrag auf war. Wir wollten Sie mit dieser verhältnismäßig
Änderung des § 7 in Art. 3 die gesetzliche Voraus- neuen Materie nicht überfallen. Aber es besteht kei-
setzung dafür zu schaffen, daß die Unfallrenten der nerlei Veranlassung, nun unter Hinweis auf die für
landwirtschaftlichen Selbständigen angehoben wer- die Erarbeitung eines solchen Gesetzentwurfes not-
den können. Sie haben diesem Antrag der sozial- wendige Zeit einen anderen Termin als den in die-
demokratischen Fraktion Ihre Zustimmung verwei- sem sozialdemokratischen Entschließungsantrag vor-
gert. Wir bitten Sie nun mit diesem Entschließungs- gesehenen 1. Juli 1963 zu wählen.
antrag auf Umdruck 190, die Bundesregierung zu Ich bitte Sie in Anbetracht der Stimmung, die hier
ersuchen, so rechtzeitig einen Gesetzentwurf vorzu- besteht, und in Anbetracht dessen, daß die Land-
legen, daß wenigstens die Angleichung der Unfall- wirtschaft wirklich nur b e lastet wird und keinerlei
renten der Bauern und Landwirte sowie der Bäue- Verbesserungen durch diese Unfallversicherungsre-
rinnen und Landfrauen an die Unfallrenten der form erfährt — gut, es ist richtig: das bezieht sich
landwirtschaftlichen Arbeitnehmer ab 1. Juli 1963 auf die Selbständigen; die anderen erfahren Ver-
möglich wird. Sie müssen doch wirklich zugeben, besserungen, gar kein Zweifel! —, sehr dringend,
daß das eine sehr maßvolle Forderung ist. diesem Entschließungsantrag auf Umdruck 190 Ihre
Ich darf Bezug nehmen auf die Ausführungen, die Zustimmung nicht auch noch zu verweigern.
ich vorhin zur Begründung des Antrags auf Umdruck
(Beifall bei der SPD.)
189 gemacht habe. Der festgesetzte durchschnittliche
Jahresarbeitsverdienst, nach dem die Unfallrenten
der Bauern und Bäuerinnen bemessen werden, be- Vizepräsident Dr. Jaeger: Wird das Wort
trägt im Durchschnitt bei den 18 landwirtschaftlichen weiter gewünscht? — Bitte sehr, Herr Abgeordneter
Berufsgenossenschaften 2700 DM. Die tatsächlichen Berberich.
Jahresarbeitsverdienste der landwirtschaftlichen Ar-
beitnehmer, nach denen deren Unfallrenten bemessen Berberich (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
werden, betragen jetzt etwa 5100 DM. Dieser Gesetz- Damen und Herren! Ich darf in Erwiderung auf die
entwurf der Bundesregierung soll also die Anglei- Begründung des Antrags von Herrn Kollegen Freh-
chung der Jahresarbeitsverdienste für Bauern und see gleichzeitig unseren eigenen Entschließungsan-
Bäuerinnen in Höhe von 2700 DM etwa an die Jah- trag auf Umdruck 205 begründen.
resarbeitsverdienste der landwirtschaftlichen Arbeit-
nehmer — 5100 DM — vorsehen. Meine Damen und Herren, auch in unserer Frak-
tion ist man sich darüber im klaren, daß das Unfall-
Wir schlagen Ihnen vor, meine Damen und Her- versicherungs-Neuregelungsgesetz eine erhebliche
ren, zu beschließen, daß das so rechtzeitig erfolgt, Neubelastung für die Landwirtschaft bringt, ohne
daß die Anhebung dieser Renten ab 1. Juli 1963
daß die Renten für . die Selbständigen angehoben
möglich wird. Das ist ein verhältnismäßig kurzer
werden können. Diese Belastung wird insbesondere
Zeitraum. Und trotzdem: das läßt sich bewerkstelli-
dadurch verstärkt, daß im Rahmen des Strukturwan-
gen, wenn der gute Wille vorhanden ist und wenn
dels sowieso eine erhebliche Last auf die verblie-
man in bezug auf die Finanzierung entschlossen zu
benen bäuerlichen Betriebe zukommt, und dieser
handeln bereit ist.
Trend wird im Rahmen der EWG noch wesentlich
Über diese Erhöhung der Unfallrenten wurde, wie fortgesetzt. Aus diesem Grunde ist unsere Fraktion
wir wissen, im Kabinett gesprochen. Es gab einen der Meinung, daß die landwirtschaftliche Unfallver-
Kabinettsbeschluß vom 16. Januar, durch den der sicherung für die Selbständigen und die mitarbeiten-
Bundesminister Schwarz beauftragt wurde, konkrete den Familienangehörigen aus dem allgemeinen Rah-
Vorschläge zu entwickeln, es gab hier die Regie- men der Unfallversicherung herausgelöst werden
rungserklärung des Bundeskanzlers, und es gab die sollte, zumindest insoweit, als zwei Sondervermö-
Bezugnahme des Ministers Schwarz auf diese Dinge, gen für einen Rechtsträger geschaffen werden sol-
als er den Grünen Plan einbrachte. len. Aber wir sind im Gegensatz zu Herrn Kollegen
Es ist eine verhältnismäßig einfache Angelegen- Frehsee und der SPD-Fraktion der Ansicht, daß sich
heit, wenn man sich hinsichtlich der Finanzierung das nicht innerhalb von wenigen Wochen durchfüh-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2885
Berberich
ren läßt; denn unserer Meinung nach ist nicht nur müßten Sie sich doch logischerweise schon für den
die Änderung von drei Paragraphen erforderlich, Termin 1. Juli 1963 einsetzen, den wir genannt
sondern diese Änderung muß wesentlich weiter- haben.
gehen. Wir bitten deshalb die SPD-Fraktion, ihren Sie sagen im ersten Absatz, „daß die gesetzliche
Antrag zurückzuziehen; andernfalls müßten wir die- landwirtschaftliche Unfallversicherung auf Grund
sen Antrag ablehnen. der besonderen Lage der deutschen Land- und Forst-
Ich will gar nicht auf die Einzelheiten eingehen, wirtschaft in vielfacher Hinsicht von den Verhält-
die Herr Kollege Frehsee vorgetragen hat. Es ist nissen im gewerblichen Bereich abweicht". Das ist
zweifellos richtig, daß die Renten für die bäuerliche ja eine alte Sache, daß die landwirtschaftliche Un-
Bevölkerung erheblich niedriger sind als für die fallversicherung von Anfang an ganz anders konzi-
übrigen Sozialversicherten und Unfallversicherten. piert war als die gewerbliche Unfallversicherung.
Aber es geht hier nicht um ein Problem allein der Aber die Entwicklung in der landwirtschaftlichen
Anhebung der Jahresarbeitsverdienste, sondern Unfallversicherung war doch nicht, wie Sie im
ganz besonders um das Problem der Finanzierung. Abs. 2 sagen, mit einem wirtschaftlichen Struktur-
Auch Aufträge, diese Frage innerhalb des Kabinetts wandel verbunden. Umgekehrt wird ein Schuh dar-
zu untersuchen, sind nicht dazu angetan, uns zu aus, und genau das habe ich vorhin ausgeführt. Die
veranlassen, bereits heute Beschlüsse zu fassen, die Tatsache, daß sich die Landwirtschaft in einem sol-
noch nicht realisierbar sind. Wir bitten deshalb, chen Strukturwandel, in einer wirtschaftlich und so-
unseren Antrag anzunehmen. zial sehr unglücklichen Situation befindet, wie sie
(Beifall bei der CDU/CSU.) der Grüne Bericht 1963 im besonderen Maße aus-
gewiesen hat, rechtfertigt eben Hilfsmaßnahmen be-
Vizepräsident Dr. Jaeger: Herr Abgeordneter sonderer Art, und hier kommt es im Rahmen des
Frehsee! Grünen Plans jetzt auf eine sozialpolitische Hilfs-
maßnahme an.
Frehsee (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
Ich kann also dem, was in dem Antrag Umdruck
und Herren! Ich bedaure es außerordentlich, aber
205 und zur Begründung dessen gesagt wurde, was
zu diesen Ausführungen des Kollegen Berberich
am Ende gefordert worden ist, in keiner Weise fol-
muß ich Stellung nehmen. Er sagt, es handle sich
nicht nur um drei Paragraphen. Es handelt sich gen. Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, sich
nicht nur um drei Paragraphen, wenn Sie die land- das auch noch einmal eingehend anzusehen. Die
Logik spricht für den Antrag auf Umdruck 190! Es
wirtschaftliche Unfallversicherung aus der Reichs-
kommt lediglich auf den politischen Willen an.
versicherungsordnung herausnehmen wollen. Dazu
I Wenn Sie den haben, wie verschiedentlich erklärt,
besteht aber keinerlei Veranlassung. Ich möchte das
dann müssen Sie dem sozialdemokratischen Ent-
im Namen der Fraktion der Sozialdemokratischen
schließungsantrag Umdruck 190 zustimmen. Ich bitte
Partei ausdrücklich erklären. Wenn Sie das nicht
Sie noch einmal sehr darum.
wollen, dann handelt es sich tatsächlich nur um die
Änderung der drei von mir genannten Paragraphen (Beifall bei der SPD.)
im Art. 1 und des einen Paragraphen im Art. 3. Es
kommt also darauf an, was Sie politisch wollen und Vizepräsident Dr. Jaeger: Meine Damen und
wie Sie sich entscheiden. Herren, wir stehen in der Aussprache über die Ent-
Selbstverständlich kommt es, wie ich ja auch schließungsanträge Umdrucke 190 und 205. Wird
gesagt habe, in erster Linie auf die Finanzierung an. hierzu noch das Wort gewünscht? — Das ist nicht
Selbstverständlich kommt es darauf an, ob Sie der Fall.
bereit sind, über den Grünen Plan, wovon vielfach Dann lasse ich abstimmen zuerst über den Ent-
die Rede war, diese Anhebung der Unfallrenten der schließungsantrag der Fraktion der SPD auf Um-
Selbständigen zu finanzieren, wie auch in der druck 190. Wer diesem Antrag zuzustimmen
Öffentlichkeit von namhaften Vertretern der Regie- wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. — Ich
rung und der Bundestagsmehrheit vielfach erklärt bitte um die Gegenprobe. — Ich muß die Abstim-
worden ist. Ich erkläre hier für die Opposition, daß mung wiederholen lassen. Wer zuzustimmen
sie dazu bereit ist und daß sie im Zusammenhang wünscht, den bitte ich, sich zu erheben. — Ich bitte
mit den Anträgen zum Grünen Plan einen konkre- um die Gegenprobe. — Das zweite ist die Mehrheit;
ten Antrag auf Einsetzung von 70 Millionen DM der Antrag ist abgelehnt.
im Grünen Plan 1963 zur Finanzierung dieser Auf-
gabe eingebracht hat. Nun lasse ich über den Entschließungsantrag der
Fraktion der CDU/CSU auf Umdruck 205 abstimmen.
Wenn Sie sich den Antrag Umdruck 205 einmal
Wer zuzustimmen wünscht; den bitte ich um das
im einzelnen ansehen, geht es Ihnen vielleicht ähn-
Handzeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
lich wie mir; ich mußte mit dem Kopf schütteln, als
Enthaltungen? — Das erste war die große Mehr-
ich das las. Ich will hinten anfangen. Was ist das
heit; angenommen.
für eine Logik, wenn man begründet: Da diese
Entwicklung keinen Aufschub duldet, sollte das Wir kommen zu dem Entschließungsantrag der
Gesetz bis zum 1. Januar 1964 in Kraft treten! — Fraktion der CDU/CSU auf Umdruck 204. Ich erteile
Wenn man sagt, die Regelung dieser Frage dulde das Wort zur Begründung dem Abgeordneten Dr.
keinen Aufschub, kann man doch nicht sagen, das Franz.
Gesetz soll am 1. Januar 1964 in Kraft treten. Dann (Abg. Dr. Franz: Ist schon begründet!)
2886 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963
Schmitt-Vockenhausen (SPD) : Meine Damen führt, als wenn die Angaben in allen Handwerks-
und Herren, mit Recht haben Sie „siehste" gesagt; betrieben verlangt werden.
denn auf diese Gründe muß man ja doch noch einmal Lieber Herr Kollege Wieninger, Sie machen ein
anworten. betrübtes Gesicht; aber ich glaube, die wesent-
Ich möchte zunächst sagen, daß der Bundesrat lichste Frage für das deutsche Handwerk ist diese
einmütig, also mit den Stimmen aller Länder, be- Geschichte nicht.
schlossen hat, daß diese Angaben statt in der all- (Beifall bei der FDP und der SPD.)
gemeinen Statistik in der Repräsentativstatistik ge-
bracht werden sollen. Zweitens, Herr Kollege, han-
delt es sich hier nicht um die Frage des Altersauf- Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort wird
baues des Handwerks, sondern eben nur um die nicht mehr gewünscht. Ich lasse abstimmen über
der juristischen Inhaber. Damit ist alles gesagt, und den Änderungsantrag der Fraktion der SPD auf Um-
es ist klargestellt, daß hier in Wirklichkeit wieder druck 207, und zwar zuerst über Ziffer 1: „In § 4
einmal eine der vielen Statistiken mehr gemacht wird Abs. 1 Nr. 2 Buchstabe a gestrichen". Wer zu-
wird, die im Grunde nachher wirklich gar nichts zustimmen wünscht, den bitte ich um das Hand-
aussagen. Ich könnte Ihnen das an vielen anderen zeichen. — Ich bitte um die Gegenprobe. — Meine
Statistiken nachweisen. Aber Sie haben sich nun Damen und Herren, ich muß die Abstimmung wie-
mal festgelegt. Ich hoffe, daß trotzdem noch viele derholen. Wer zuzustimmen wünscht, den bitte ich,
Kollegen für diese Mehrarbeit, die man den Betrie- sich zu erheben. — Ich bitte um die Gegenprobe. —
ben und der Verwaltung aufbürdet, kein Verständ- Meine Damen und Herren, das ist nicht festzustel-
nis haben und unserem Antrag zustimmen. len. Das Haus ist durchweg schütter besetzt. Ich
muß auszählen lassen. —
Vizepräsident Dr. Jaeger: Das Wort hat der Ich gebe das Ergebnis der Auszählung bekannt.
Abgeordnete Dürr. Mit Ja haben 94 Mitglieder des Hauses gestimmt,
mit Nein 121 Mitglieder, enthalten haben sich 10.
Dürr (FDP) : Herr Präsident! Meine Damen und Damit haben sich 225 Mitglieder an der Abstim-
Herren! Ich weiß nicht, ob ich in dieser „weltbewe- mung beteiligt. 250 wären notwendig. Das Haus
genden" Frage für meine ganze Fraktion sprechen ist nicht beschlußfähig.
kann. Aber mir erscheint letzten Endes ein Argu-
Ich berufe die nächste Sitzung auf Freitag, den
ment wesentlich: Die Handwerker beklagen sich
8. März, 9 Uhr.
mit Recht über den immer mehr überhandnehmen-
den Papierkrieg, der sie neben ihrer Arbeitszeit
belastet. Den wollen wir nicht noch vergrößern, Die Sitzung ist geschlossen.
wenn es nicht nötig ist. Ich glaube nicht, daß die
Repräsentativstatistik zu einem anderen Ergebnis (Schluß der Sitzung: 20.08 Uhr.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2889
IV/938 [neu]).
über die übernommene Rentenlast zu prüfen."
Der Bundestag wolle beschließen:
2. Anlage 3 wird gestrichen.
1. In Artikel 3 erhält § 11 a folgende Fassung:
Bonn, den 6. März 1963
„§ 11 a
Schmücker und Fraktion Der Hauptverband der gewerblichen Berufsge-
Zoglmann und Fraktion nossenschaften e. V. legt dem Bundesminister für
Arbeit und Sozialordnung bis zum 30. Juni 1964
einen Plan für eine Zusammenlegung von
Anlage 15 Umdruck 198 gewerblichen Berufsgenossenschaften vor."
Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU 2. In Artikel 3 werden § 11 b bis § 11 d gestrichen.
zur zweiten Beratung des von der Fraktion der - Bonn, den 6. März 1963
CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes Arndgen und Fraktion
zur Neuregelung des Rechts der gesetzlichen Unfall- Zoglmann und Fraktion
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 62. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 6. März 1963 2897
gen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten Anlage 25 Umdruck 208
gewandelt. Mit dieser Entwicklung ist ein wirtschaft-
licher Strukturwandel verbunden, der durch die In- Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/
tegration in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft CSU, SPD, FDP zur zweiten Beratung des von der
wesentlich verstärkt wird. Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der
Im Rahmen der Beratungen über die Neuregelung
gesetzlichen Unfallversicherung (Unfallversiche-
der gesamten Unfallversicherung konnten diese
rungs Neuregelungsgesetz
- UVNG) (Drucksachen
Umstände indessen noch nicht berücksichtigt wer-
—
Gericht, einem Staatsanwalt oder einer sonst ständigkeit der Träger der gesetzlichen Unfallver-
dazu berechtigten Stelle zur Beweiserhebung sicherung vorzulegen.
herangezogenen Zeugen." Bonn, den 6. März 1963
Bonn, den 6. März 1963 Ollenhauer und Fraktion
Dr. von Brentano und Fraktion
Ollenhauer und Fraktion Anlage 29 Umdruck 212
Dr. Mende und Fraktion
Änderungsantrag der Abgeordneten Porten,
Burgemeister, Wieninger, Soetebier und Genossen
Anlage 26 Umdruck 209 zum Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/
Änderungsantrag der Fraktion der FDP zur CSU, FDP — Umdruck 197 — zur zweiten Beratung
zweiten Beratung des von der Fraktion der CDU/ des von der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten
CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Entwurfs eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts
Neuregelung des Rechts der gesetzlichen Unfallver- der gesetzlichen Unfallversicherung (Unfallver-
sicherung (Unfallversicherungs Neuregelungsgesetz
-
sicherungs Neuregelungsgesetz
- — UVNG) (Druck-
— UVNG) (Drucksachen IV/120, IV/938 [neu]). sachen IV/120, IV/938 [neu]).
Der Bundestag wolle beschließen:
Der Bundestag wolle beschließen:
Zu Nr. 1 des Änderungsantrags — Umdruck 197 —
In Artikel 1 wird § 710 wie folgt geändert:
In Artikel 2 a wird in § 2 Abs. 2 die Zahl „30 000"
In Satz 1 wird zwischen die Worte „oder fahr- durch die Zahl „50 000" ersetzt.
lässig" das Wort „grob" eingefügt.
Dem Absatz 2 wird folgender Satz angefügt:
Bonn, den 6. März 1963 „Rücklagen werden nicht gebildet."
Freiherr von Kühlmann-Stumm und Fraktion Bonn, den 6. März 1963
Porten Riedel (Frankfurt)
Anlage 27 Umdruck 210 Burgemeister Schulhoff
Wieninger Falke
Änderungsantrag der Fraktion der SPD zur Soetebier Blöcker
zweiten Beratung des von der Fraktion der CDU/
CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Neuregelung des Rechts der gesetzlichen Unfallver- Anlage 30 Umdruck 213
sicherung (Unfallversicherungs Neuregelungsgesetz
-
Änderungsantrag der Abgeordneten Lang (Mün-
— UVNG) (Drucksachen IV/120, IV/ 938 [neu]).
chen), Dr. Franz, Wieninger, Seidl (München) und
Der Bundestag wolle beschließen: Genossen zur zweiten Beratung des von der Frak-
tion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines
In Artikel 3 § 14 Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der gesetz-
a) erhält Absatz 1 Satz 2 folgende Fassung: lichen Unfallversicherung (Unfallversicherungs Neu-
-
Hilbert. Lenze (Attendorn) „Hierbei ist die eigene Belastung aus Versiche-
Maucher Dr. Althammer rungsfällen, die sich vor dem 1. Januar 1953 ereig-
Spies Ehren net haben, angemessen zu berücksichtigen."
Dr. Kempfler Stiller
Krug Dr. Seffrin Bonn, den 6. März 1963
Dr. Willeke Gibbert Dr. Atzenroth
Dr. Martin Schneider (Hamburg) Freiherr von Kühlmann-Stumm und Fraktion
Bauer (Wasserburg) Heix
Freiherr zu Guttenberg Dr. Zimmermann
Dr. Gleissner (München) Anlage 33 Umdruck 218
Dr. Jaeger Memmel
Dr. von Haniel Dr. Winter Änderungsantrag der Abgeordneten Lang (Mün-
Schlee -Nietham er chen), Dr. Franz, Wieninger, Seidl (München) und
Dr. Aigner Ehnes Genossen zur dritten Beratung des von der Fraktion
Frau Dr. Maxsein Böhme (Hildesheim) der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Geset-
Frau Dr. Probst Sühler zes zur Neuregelung des Rechts der gesetzlichen
Schmidt (Kempten) Dr. Knorr Unfallversicherung (Unfallversicherungs-Neurege-
Ertl Unertl lungsgesetz — UVNG) (Drucksachen IV/120, IV/938
Dr. Supf Benda [neu]).
Dr. Dittrich
Vogt eine Unterschrift Der Bundestag wolle beschließen:
Dr. Czaja unleserlich In Artikel 1 erhält der § 658 Abs. 2 folgende Fas-
sung:
Anlage 31 Umdruck 214 „ (2) Personen, die in gemeindlichen landwirt-
schaftlichen Unternehmen (§ 773 Abs. 1 Nr. 1) be-
Änderungsantrag der Abgeordneten Dr. Jung- schäftigt werden, sind bei der zuständigen land-
mann, Dr. Franz, Frau Welter (Aachen) zum Ände- wirtschaftlichen Berufsgenossenschaft versichert."
rungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU, FDP —
Umdruck 197 — zur zweiten Beratung des von der Bonn, den 6. März 1963
Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Lang (München) Dr. Althammer
Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der gesetz-
Dr. Franz Memmel
lichen Unfallversicherung (Unfallversicherungs-Neu- Wieninger Dr. Besold
regelungsgesetz — UVNG) (Drucksachen IV/120, Seidl (München) Kempfler
IV/938 [neu]). Schmidt (Kempten) Dr. Winter
Der Bundestag wolle beschließen: Wagner Dr. von Haniel-
Niethammer
Zu Nr. 1 des Änderungsantrags — Umdruck 197 — Bauer (Wasserburg) Vogt
In Artikel 2 a § 2 wird folgender neuer Absatz 3 Stiller Krug
angefügt: Sühler Dr. Ramminger
„(3) Von der Verteilung der gemeinsamen Last Ehnes Dr. Seffrin
sind ausgenommen die Einrichtungen der öffent- Willeke Weinzierl
lichen und freien Wohlfahrtspflege." Heix Hösl
Bonn, den 6. März 1963
Dr. Jungmann Anlage 34 Umdruck 219
Dr. Franz
Frau Welter (Aachen) Änderungsantrag der Fraktion der CDU/CSU
zur dritten Beratung des von der Fraktion der CDU/
CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Anlage 32 Umdruck 215 Neuregelung des Rechts der gesetzlichen Unfall-
versicherung (Unfallversicherungs-Neuregelungs-
Änderungsantrag der Fraktion der FDP zum
gesetz — UVNG) (Drucksachen IV/120, IV/938
Änderungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU,
FDP — Umdruck 197 — zur zweiten Beratung des [neu]).
von der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Ent- Der Bundestag wolle beschließen:
wurfs eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts
der gesetzlichen Unfallversicherung (Unfallversiche- In Artikel 2 a erhält § 1 folgenden Satz 2:
rungs-Neuregelungsgesetz — UVNG) (Drucksachen
„Bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst
IV/120, IV/938 [neu]).
und Wohlfahrtspflege bleiben die Einrichtungen der
Der Bundestag wolle beschließen: freien Wohlfahrtspflege außer Betracht."
In Artikel 2 a § 2 wird der Absatz 4 gestrichen.
Zu Nr. 1 des Änderungsantrags — Umdruck 197 —
Bonn, den 6. März 1963
In Artikel 2 a § 2 Absatz 2 wird nach Satz 1 folgen-
der Satz eingefügt: Arndgen und Fraktion