Rosmersholm
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REBEKKA WEST.
PETER MORTENSGAARD.
ULRICH BRENDEL.
Der Schauplatz ist auf Rosmersholm, einem alten Herrensitz in der Nähe einer kleinen Fjordstadt im
westlichen Norwegen.
Erster Aufzug.
Das Wohnzimmer auf Rosmersholm; gross und anheimelnd; alte Möbel. Vorn rechts ein Kachelofen, der mit
frischen Birkenzweigen und Feldblumen geschmückt ist. Etwas weiter zurück eine Tür. An der Hinterwand
eine Flügeltür, die zum Vorzimmer führt. Links ein Fenster, und vor diesem ein Aufsatz mit Blumen und
Pflanzen. Neben dem Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnstühlen. Rings an den Wänden alte und neue
Porträts, die Geistliche, Offiziere und Beamte in Amtstracht darstellen. Das Fenster steht offen. Ebenso die
Tür zum Vorzimmer und die Haustür. Durch diese sieht man draussen in einer Allee, die nach dem Hause
führt, grosse alte Bäume.
REBEKKA sitzt in einem Lehnstuhl neben dem Fenster und häkelt an einem grossen weissen Wollshawl, der
nahezu fertig ist. Von Zeit zu Zeit blickt sie zwischen den Blumen hindurch spähend hinaus. Kurz darauf
kommt FRAU HILSETH von rechts.
FRAU HILSETH. Nicht wahr, Fräulein, 's ist wohl das beste, ich fang so langsam an, den Abendtisch zu
decken?
REBEKKA. Ja, tun Sie das. Der Pastor muß ja bald kommen.
(FRAU HILSETH geht zur Vorzimmertür und schliesst diese; dann tritt sie ans Fenster.)
FRAU HILSETH (will schliessen, sieht hinaus). Aber ist das nicht der Pastor .. der da drüben?
REBEKKA (lebhaft). Wo? (Steht auf.) Ja, das ist er. (Hinter der Gardine.) Gehn Sie beiseite. Daß er uns hier
nicht sieht.
FRAU HILSETH (vom Fenster zurücktretend). Denken Sie, Fräulein, er schlägt wieder den Mühlweg ein!
REBEKKA. Er kam schon vorgestern über den Mühlweg. (Blickt zwischen Gardine und Fensterrahmen
hindurch.) Nun woll'n wir aber mal sehn, ob er auch –
FRAU HILSETH. Herrgott ja. Muß ja auch dem Herrn Pastor schwer fallen, über den Steg zu gehn. Da, wo
so was passiert ist; wo –
REBEKKA (legt ihre Häkelei zusammen). Sie hängen lang an ihren Toten hier auf Rosmersholm.
FRAU HILSETH. Nein, Fräulein, ich glaub, die Toten hängen hier lange an Rosmersholm.
FRAU HILSETH. Ja, 's ist beinah, als könnten sie sich von den Zurückgebliebnen nicht so recht trennen.
FRAU HILSETH. Na, denn sonst, denk ich mir, würds hier doch dies weiße Roß nicht geben.
REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, wie verhält sichs eigentlich mit diesem weißen Rosse?
FRAU HILSETH. Äh, davon woll'n wir lieber nicht reden. An so was glauben Sie ja doch nicht.
FRAU HILSETH (tritt ans Fenster und schliesst es). Ach, ich laß mich von Fräulein nicht zum Narren halten.
(Blickt hinaus.) Nein – aber ist das nicht wieder der Pastor da auf dem Mühlweg –?
REBEKKA (sieht ebenfalls hinaus). Der Mann da? (Tritt ans Fenster.) Das ist ja der Rektor.
REBEKKA. Das ist aber merkwürdig! Denn Sie sollen sehn, er kommt zu uns.
FRAU HILSETH. Wahrhaftig, er geht gradaus über den Steg. Und sie war doch seine leibliche Schwester ...
Na, Fräulein, nu geh ich den Abendtisch decken.
(Sie geht rechts hinaus. – REBEKKA bleibt eine Weile am Fenster stehn; dann grüsst sie, lächelt und winkt
hinaus. – Es beginnt dunkel zu werden.)
REBEKKA (geht an die Tür rechts und spricht durch diese hinaus). Ach, liebe Frau Hilseth, Sie sorgen wohl
für 'n bißchen extragutes. Sie wissen ja, was der Rektor gern ißt.
REBEKKA (öffnet die Tür zum Vorzimmer). Na, endlich mal –! Herzlich willkommen, lieber Herr Rektor!
KROLL (im Vorzimmer, stellt den Stock fort). Danke. Ich stör also nicht?
KROLL (eintretend). Immer liebenswürdig. (Sich umsehend). Ist Rosmer vielleicht oben auf seinem Zimmer?
REBEKKA. Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Er bleibt heut etwas länger als gewöhnlich. Aber er
muß jeden Augenblick kommen. (Zeigt auf das Sofa). Bitte, nehmen Sie so lange Platz.
KROLL (legt den Hut fort). Danke bestens. (Setzt sich und sieht sich um.) Nein, wie freundlich Sie das alte
Zimmer ausgeschmückt haben. Überall Blumen, oben und unten.
KROLL (nickt traurig). Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen.
REBEKKA. Und die Farben auch nicht. Sie wurde ganz wirr im Kopfe davon –
KROLL. Ich erinnre mich. (In leichterm Ton.) Na, wie gehts denn hier draußen?
REBEKKA. Nun, hier geht alles seinen ruhigen gleichmäßigen Gang. Ein Tag wie der andre ... Und bei
Ihnen? Ihre Frau?
KROLL. Ach, liebes Fräulein West, reden wir nicht von mir und den meinen. In einer Familie gibts immer
etwas, das nicht klappt. Namentlich in solchen Zeiten wie diesen.
REBEKKA (nach kurzem Schweigen setzt sich neben das Sofa in einen Lehnstuhl). Warum haben Sie uns
während der ganzen Schulferien nicht ein einziges mal besucht?
KROLL. Äh, man kann den Leuten doch nicht immer das Haus einrennen –
KROLL (nickt). Und was sagen Sie dazu? Hätten Sie das gedacht, daß ich auf meine alten Tage noch
politischer Agitator werden könnte? Was?
REBEKKA (lächelnd). Ein wenig, Herr Rektor, haben Sie immer agitiert.
KROLL. Nu ja; so zu meinem Privatvergnügen. Aber nun wirds ernst, verlassen Sie sich drauf ... Lesen Sie
bisweilen diese radikalen Blätter?
KROLL. Liebes Fräulein West, dagegen ist nichts einzuwenden. So weit Sie persönlich in Frage kommen.
REBEKKA. Das scheint mir auch. Ich muß doch wissen, was in der Welt vorgeht. Mich auf dem Laufenden
halten –
KROLL. Na, jedenfalls kann ich von Ihnen, einer Dame, nicht verlangen, daß Sie entschieden Partei
ergreifen in dem Bürgerkampf – Bürgerkrieg, möcht ich fast sagen –, der hier unter uns tobt ... Sie haben
also gelesen, wie diese Herrn vom »Volke« sich erlaubt haben, mich zu behandeln? Was für infamer
Beschimpfungen sie sich gegen mich erdreistet haben?
REBEKKA. Jawohl. Aber mir scheint, Sie haben auch sehr kräftig um sich gebissen.
KROLL. Das hab ich. Das Zeugnis darf ich mir geben. Denn nun hab ich Blut geleckt. Und sie sollens zu
fühlen kriegen, daß ich nicht der Mann bin, der gutwillig den Buckel hinhält ... (Bricht ab.) Aber nein, –
lassen wir diesen Gegenstand heut abend ... 's ist zu traurig und aufregend.
REBEKKA. Sie haben recht, lieber Rektor; reden wir nicht mehr davon.
KROLL. Sagen Sie mir lieber, wies Ihnen eigentlich geht hier auf Rosmersholm, jetzt, wo Sie allein sind?
Nachdem unsre arme Beate –?
REBEKKA. Danke; mir gehts hier ganz gut. Freilich, eine große Leere hat sie ja in mancher Beziehung
zurückgelassen. Und Trauer und Sehnsucht natürlich auch. Aber sonst –
KROLL. Gedenken Sie hier zu bleiben? Ich meine, für immer.
REBEKKA. Ach, lieber Rektor, darüber hab ich wirklich noch gar nicht nachgedacht. Ich hab mich so sehr
an Rosmersholm gewöhnt, daß es mir beinah ist, als gehört ich ebenfalls hierher.
REBEKKA. Und solang Herr Rosmer findet, daß ich ihm irgendwie nützlich und angenehm sein könne, – ja,
so lange bleib ich wahrscheinlich hier.
KROLL (sieht sie bewegt an). Wissen Sie auch, daß etwas großes darin liegt, wenn eine Frau so ihre ganze
Jugend dahingehn läßt, um sich für andre aufzuopfern?
REBEKKA. Ach, wofür hätt ich denn sonst hier leben sollen?
KROLL. Erst diese unermüdliche Hingebung für Ihren gelähmten unleidlichen Pflegevater –
REBEKKA. Glauben Sie ja nicht, Doktor West sei da oben in der Finnmark so unleidlich gewesen. Es waren
diese schrecklichen Seereisen, die ihn knickten. Aber als wir später hierher zogen, – ja, da kamen freilich
ein paar schwere Jahre, eh er ausgelitten hatte.
KROLL. Die Jahre, die dann folgten – waren die nicht noch schwerer für Sie?
REBEKKA. Aber wie können Sie nur so reden! Ich, die Beate so innig zugetan war –! Und sie, die Ärmste,
die so sehr der Pflege und Schonung bedurfte.
KROLL. Haben Sie Dank, daß Sie ihrer mit solcher Nachsicht gedenken.
REBEKKA (etwas näher rückend). Lieber Rektor, Sie sagen das so schön und herzlich, daß ich überzeugt
bin, Sie hegen keinerlei Verstimmung gegen mich.
REBEKKA. Nun, es war doch ganz natürlich, wenn es Sie etwas peinlich berührte, mich, die Fremde, hier
auf Rosmersholm schalten und walten zu sehn.
REBEKKA. Also Sie hegen keine solche Empfindung gegen mich. (Reicht ihm die Hand.) Dank, lieber
Rektor! Haben Sie herzlichen Dank!
KROLL. Aber wie in aller Welt sind Sie nur auf einen solchen Gedanken gekommen?
REBEKKA. Da Sie so selten zu uns kamen, begann ich etwas ängstlich zu werden.
KROLL. Da sind Sie aber wirklich ganz gehörig auf dem Holzweg gewesen, Fräulein West. Und zudem, – in
der Sache selbst hat sich hier ja gar nichts geändert! Sie, – Sie allein, – leiteten den ganzen Haushalt ja
schon in den letzten unglücklichen Lebensjahren der armen Beate.
REBEKKA. Nun, es war wohl mehr eine Art Regentschaft im Namen der Hausfrau.
KROLL. Wie dem auch sei –. Wissen Sie was, Fräulein West, – ich für meine Person würde wirklich nichts
dagegen haben, wenn Sie –. Aber 's ist wohl nicht erlaubt, so was zu sagen.
KROLL. Wenn es sich so fügte, daß .. daß Sie den leeren Platz einnehmen würden –
REBEKKA. Herr Rektor, ich habe den Platz, den ich mir wünsche.
KROLL. Was die Arbeit angeht, allerdings; aber nicht in Bezug auf –
REBEKKA (ihn ernst unterbrechend). Schämen Sie sich, Herr Rektor. Wie können Sie über so etwas
scherzen?
KROLL. Ach ja, unser guter Johannes ist vermutlich der Ansicht, vom Ehestande hab er schon mehr als
genug zu kosten bekommen. Aber trotzdem –
REBEKKA. Wissen Sie was, – ich könnte fast über Sie lachen.
KROLL. Aber trotzdem –. Sagen Sie mal, Fräulein West –. Wenns gestattet ist, danach zu fragen –. Wie alt
sind Sie eigentlich?
REBEKKA. Zu meiner Schande muss ich Ihnen gestehn, Herr Rektor, ich hab schon volle neunundzwanzig
hinter mir. Ich geh nun ins dreißigste.
KROLL. Sehr schön. Und Rosmer, – wie alt ist er? Warten Sie mal. Er ist fünf Jahr jünger als ich. Na, ist also
gut und gern dreiundvierzig. Mir scheint, 's würde ausgezeichnet passen.
REBEKKA (aufstehend). Jawohl, jawohl. Ganz ausgezeichnet ... Trinken Sie Tee mit uns heut abend?
KROLL. Danke sehr, gewiß. Heut abend gedenk ich hier zu bleiben. Ich hab etwas zu besprechen mit
unserm guten Freunde. – Und übrigens, Fräulein West, – damit Sie sich nicht wieder närrische Gedanken in
den Kopf setzen: in Zukunft komm ich wieder recht oft zu euch heraus, – so wie in frühern Tagen.
REBEKKA. Ach ja; bitte, tun Sie das. (Schüttelt ihm die Hände). Dank, besten Dank! Im Grunde sind Sie
doch ein ganz lieber netter Mensch.
KROLL (brummt). So, wirklich? Bei mir zu Hause hat das noch niemand behauptet.
ROSMER (mild und gedämpft, drückt ihm die Hände). Herzlich willkommen in meinem Hause, lieber Kroll!
(Legt ihm die Hände auf die Schultern und blickt ihm in die Augen.) Du lieber alter Freund! Ich wußt es ja,
früher oder später müßt es zwischen uns wieder werden wie in alten Zeiten.
KROLL. Aber mein bester Johannes, hast du auch in der verrückten Einbildung gelebt, es wäre was im
Wege!
REBEKKA (zu ROSMER). Ja, denken Sie, – es war nur Einbildung. Ist das nicht schön?
ROSMER. War es das wirklich, Kroll? Aber warum zogst du dich denn vollständig von uns zurück?
KROLL (ernst und gedämpft). Weil ich hier nicht umhergehn wollte wie eine leibhaftige Erinnrung an deine
Unglücksjahre, – und an sie, die – im Mühlbach endete.
ROSMER. Das war sehr schön von dir gemeint. Du bist ja immer so rücksichtsvoll. Aber es war ganz
unnötig, deshalb fortzubleiben. – Komm, Lieber; setzen wir uns aufs Sofa. (Sie setzen sich.) Nein, sei
versichert, der Gedanke an Beate hat gar nichts peinliches für mich. Wir sprechen täglich von ihr. Es ist
uns, als gehörte sie noch zum Hause.
KROLL. Wirklich?
KROLL. Ihr lieben prächtigen Menschen! Von jetzt an komm ich täglich zu euch heraus.
REBEKKA (sich in einen Lehnstuhl setzend). Na, wir wollen mal sehn, ob Sie Wort halten.
ROSMER (etwas zögernd). Du, Kroll, – ich gäbe viel darum, wäre unser Verkehr niemals unterbrochen
worden. So lange wir uns kennen, – von meiner ersten Studentenzeit an bist du immer mein natürlicher
Berater gewesen.
KROLL. Ach ja; und darauf bin ich außerordentlich stolz. Hast du jetzt vielleicht etwas besondres –?
ROSMER. Da ist mancherlei, worüber ich gern frei und offen mit dir sprechen möchte.
REBEKKA. Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich denke mir, das müßt Ihnen eine Erleichterung sein – so
zwischen alten Freunden –
KROLL. O, glaube mir, ich hab dir noch weit mehr mitzuteilen. Du weißt ja, ich bin jetzt aktiver Politiker
geworden.
KROLL. Du, ich mußte. Mußte wirklich, so unangenehm es mir auch war. Es geht unmöglich mehr an, noch
länger als bloßer Zuschauer müßig am Markte zu stehn. Jetzt, wo die Radikalen bedauerlicherweise die
Macht in die Hände bekommen haben, – jetzt ist es hohe Zeit –. Darum hab ich denn auch unsern kleinen
Freundeskreis in der Stadt veranlaßt, sich fester zusammenzuschließen. Ich sage dir, es ist hohe Zeit!
REBEKKA (mit einem leichten Lächeln). Ist es nun eigentlich nicht schon etwas spät?
KROLL. Unzweifelhaft wärs besser gewesen, wir hätten den Strom schon früher aufgehalten. Aber wer
konnte voraussehn, was kommen würde? Ich jedenfalls nicht. (Steht auf und geht mit grossen Schritten im
Zimmer umher.) Aber nun sind mir die Augen aufgegangen. Denn der Geist der Empörung hat sich sogar
schon in die Schule hineingeschlichen.
KROLL. Jawohl, in meine Schule. In meine eigne Schule. Wie findest du das! Ich bin dahinter gekommen,
daß die Knaben der obersten Klasse, – d. h. ein Teil davon, – schon vor länger als einem halben Jahr einen
geheimen Verein gebildet und auf Mortensgaards Zeitung abonniert haben!
KROLL. Nicht wahr, eine gesunde geistige Nahrung für zukünftige Beamte? Aber das traurigste an der
Sache ist, daß grade alle begabten Schüler sich zusammengerottet und dies Komplott gegen mich
geschmiedet haben. Nur die Faulpelze und Dummköpfe haben sich fern gehalten.
REBEKKA. Geht Ihnen denn die Sache sehr nahe, Herr Rektor?
KROLL. Na ob! Mich so in meiner Berufstätigkeit gehemmt und bekämpft zu sehn! (Leiser.) Und doch möcht
ich fast sagen: die Schülerverschwörung könnte noch hingehn. Aber nun kommt das allerschlimmste. (Sieht
sich um.) Da horcht doch niemand an den Türen?
KROLL. Nun, so wißt denn, die Zwietracht und Empörung sind sogar in mein eignes Haus eingedrungen. In
mein eignes ruhiges Heim. Haben den Frieden meines Familienlebens zerstört.
ROSMER (aufstehend). Was sagst du! In deinem eignen Hause –?
REBEKKA (sich dem Rektor nähernd). Aber, lieber Rektor, was ist denn geschehn?
KROLL. Können Sie sich das vorstellen, daß meine eignen Kinder –! Kurz und gut – Lorenz ist der
Rädelsführer des Schülerkomplotts. Und Hilda hat eine rote Mappe gestickt, um darin den »Leuchtturm«
aufzubewahren.
ROSMER. Das hätt ich mir nie träumen lassen, – daß bei dir, – in deinem Hause –
KROLL. Ja, wer könnte sich auch so was je träumen lassen! In meinem Hause, wo immer Zucht und
Ordnung geherrscht, – wo bisher nur ein einziger einträchtiger Wille regiert hat –
KROLL. Ja, sehn Sie, das ist nun das unglaublichste von allem. Sie, die ihr ganzes Leben lang – im grossen
wie im kleinen – meine Meinungen geteilt und all meine Anschauungen gebilligt hat, – sie ist tatsächlich
geneigt, sich in manchen Punkten auf die Seite der Kinder zu stellen! Und dabei mißt sie mir die Schuld bei
wegen des Geschehnen. Sie behauptet, ich tyrannisiere die Jugend. Als ob es nicht unbedingt notwendig
wäre, sie –. Na, so also herrscht Unfrieden in meiner Familie. Aber natürlich sprech ich so wenig wie
möglich davon. Sowas vertuscht man am besten. (Geht im Zimmer hin und her.) Ach ja; jaja. (Er stellt sich
mit den Händen auf dem Rücken ans Fenster und sieht hinaus.)
REBEKKA (hat sich ROSMER genähert und sagt leise und schnell, ohne vom Rektor bemerkt zu werden).
Tus!
REBEKKA (wie vorhin). Ja grade! (Tritt an den Tisch und macht sich mit der Lampe zu schaffen.)
KROLL (kommt nach vorn). Ja, mein lieber Rosmer, nun weißt du also, wie der Zeitgeist seine Schatten auf
mein Familienleben und meine Berufstätigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, alles
niederreißenden und auflösenden Zeitgeist sollt ich nicht bekämpfen mit all den Waffen, deren ich habhaft
werden kann! Ja, mein Lieber, ich werd ihn bekämpfen, verlaß dich drauf. In Wort und Schrift.
KROLL. Jedenfalls will ich meiner staatsbürgerlichen Dienstpflicht genügen. Und ich meine, es ist jedes
patriotisch gesinnten und um die gute Sache besorgten Mannes Pflicht und Schuldigkeit, dasselbe zu tun.
Siehst du, – das ist der Hauptgrund, weshalb ich heut abend zu dir gekommen bin.
KROLL. Du sollst deinen alten Freunden zu Hülfe kommen. Tun, was wir tun. Mit Hand anlegen, wo und wie
du kannst.
REBEKKA. Aber Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Abneigung gegen all diese Dinge.
KROLL. Diese Abneigung muß er jetzt zu überwinden suchen ... Du hältst nicht Schritt mit dem politischen
Leben, Rosmer. Da sitzest du hier einsam und mauerst dich ein mit deinen historischen Sammlungen. Du
lieber Gott, – alle Achtung vor Stammbäumen und was da drum und dran hängt. Aber zu solchen
Beschäftigungen – dazu ist die Zeit leider nicht angetan. Du machst dir keine Vorstellung davon, welche
Zustände im Lande herrschen. Alle Begriffe stehn gewissermaßen auf dem Kopfe. 'S wird eine Riesenarbeit
werden, all die Irrlehren wieder auszurotten.
ROSMER. Das glaub ich auch. Aber zu solcher Arbeit bin ich nicht geschaffen.
REBEKKA. Und dann glaub ich auch, Herr Rosmer sieht auf die Dinge im Leben jetzt mit offnern Augen als
früher.
KROLL. Was bedeutet das? Rosmer, – du kannst doch unmöglich so schwach sein, dich durch eine solche
Zufälligkeit wie diesen augenblicklichen Sieg der Massenhäuptlinge betören zu lassen?
ROSMER. Lieber Kroll, du weißt doch, wie wenig ich von Politik verstehe. Aber das find ich allerdings, daß
das Volk seit einigen Jahren in seinem Denken mehr Selbständigkeit zeigt.
KROLL. Aha!... Und das betrachtest du so ohne weiters als einen Gewinn! Im übrigen, lieber Freund, irrst
du dich ganz gewaltig. Erkundige dich nur, was für Ansichten unter den Radikalen hier auf dem Lande und
in der Stadt Kurs haben. 'S ist weiter nichts als die Weisheit, die der »Leuchtturm« verkündet.
REBEKKA. Ja, Mortensgaard hat über viele hier in der Gegend eine große Macht.
KROLL. Ja, denke dir! Ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit. Ein wegen Unsittlichkeit
fortgejagter Schulmeister –! Ein solcher Mensch spielt sich als Volksführer auf! Und es geht! Geht wirklich!
Jetzt will er, hör ich, sein Blatt erweitern. Aus sichrer Quelle weiß ich, daß er einen tüchtigen
Hülfsredakteur sucht.
REBEKKA. Es wundert mich, daß Sie und Ihre Freunde ihm nichts entgegenstellen.
KROLL. Grade das soll nun geschehen. Heut haben wir das »Kreisblatt« gekauft. Die Geldfrage bot keine
Schwierigkeiten. Aber – (Wendet sich zu ROSMER.) Ja, nun komm ich zu meinem eigentlichen Gegenstande.
Die Leitung, – die journalistische Leitung – siehst du, damit haperts. Sag mal, Rosmer, – solltest du dich der
guten Sache wegen nicht veranlaßt fühlen, die Leitung zu übernehmen?
REBEKKA. Aber wie können Sie das nur für möglich halten?
KROLL. Daß du vor Volksversammlungen zurückschreckst und dich dem Konfekt, das einem dort an den
Kopf fliegt, nicht aussetzen willst, find ich sehr begreiflich. Aber der weniger exponierte Posten eines
Redakteurs, oder vielmehr –
ROSMER. Nein nein, lieber Freund, mit einer solchen Bitte mußt du mir nicht kommen.
KROLL. Ich selbst würde mich mit besonderm Vergnügen auch in diesem Fache versuchen. Aber 's wäre mir
gar nicht möglich, all die Arbeit zu bewältigen. Ich bin nun schon mit einer solchen Unmasse von
Geschäften belastet –. Du dagegen, der keine amtliche Bürde mehr zu tragen hat –. Natürlich werden wir
andern dich nach besten Kräften unterstützen.
KROLL. Taugst nicht dazu? Dasselbe sagtest du, als dein Vater dir deine Pfarrei verschaffte –
ROSMER. Und ich hatte recht. Deshalb entsagt ich meinem Berufe.
KROLL. O, werde nur ebenso tüchtig als Redakteur, wie dus als Geistlicher warst, dann sind wir
vollkommen zufrieden.
KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen?
KROLL (zeigt auf die Porträts). Lauter Rosmers von Rosmersholm, – Priester und Soldaten! Hochgestellte
Würdenträger. Alle ohne Ausnahme korrekte Ehrenmänner, – ein Geschlecht, das nun schon durch mehrere
Jahrhunderte als das erste hier im Kreise seinen Sitz hat. (Legt ihm die Hand auf die Schulter.) Rosmer, –
dir selbst und den Traditionen deines Hauses bist dus schuldig, dich uns anzuschließen, um all das zu
verteidigen, was in unsern Kreisen bisher als heilig galt. (Wendet sich um.) Ja, was sagen Sie dazu, Fräulein
West?
REBEKKA (mit leichtem stillem Lachen). Lieber Herr Rektor, – mir kommt dies alles so unsagbar lächerlich
vor –
REBEKKA. Ja lächerlich. Denn nun will ich Ihnen offen heraus sagen –
KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller Welt –? (Bricht ab.) Hm!
FRAU HILSETH (kommt durch die Tür rechts.) Da ist ein Mann im Küchenflur. Er sagt, er müsse den Herrn
Pastor sprechen.
ROSMER. Ja gewiß.
FRAU HILSETH. Aber so sieht er doch nicht aus, daß man ihn ins Zimmer lassen könnte.
FRAU HILSETH. Na, mit dem Aussehn, Fräulein, damit ists nicht weit her.
FRAU HILSETH. Ja, ich glaub, er sagt, er heiße Hekmann – oder so ähnlich.
REBEKKA. Das war ja der Name, unter dem jener seltsame Mann schrieb, der –
ROSMER (zu KROLL). Es war Ulrich Brendels Schriftstellername.
KROLL. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, er säße im Arbeitshause.
KROLL. Jawohl, ich weiß, daß er dir den Kopf mit revolutionären Ideen vollpfropfte, bis dein Vater ihn mit
der Reitpeitsche zum Tor hinaus jagte.
KROLL. Mein lieber Rosmer, dafür solltest du ihm noch in seinem Grabe dankbar sein... Aha!
(FRAU HILSETH öffnet ULRICH BRENDEL die Tür rechts, geht wieder und schliesst hinter ihm. Er ist ein
stattlicher Mann mit grauem Haar und Bart; etwas abgemagert, aber leicht und ungezwungen in seinen
Bewegungen. Im übrigen gekleidet wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Fadenscheiniger Rock; schlechtes
Schuhwerk; von einem Hemd ist nichts zu sehen. An den Händen alte schwarze Handschuh; unter dem Arm
hat er einen zusammengeklappten schmutzigen weichen Filzhut und in der Hand einen Spazierstock.)
BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm die Hand hin). Guten Abend,
Johannes!
BRENDEL. Hattest du das erwartet, mich noch mal wiederzusehn? Und noch unter diesem verhaßten
Dache?
BRENDEL (wendet sich um). Ah, richtig. Da ist er ja. Johannes, – mein Junge, – du, den ich am meisten
geliebt habe –!
BRENDEL. Trotz gewisser Erinnrungen wollt ich Rosmersholm nicht passieren, ohne eine flüchtige Visite
abzustatten.
ROSMER. Hier sind Sie jetzt herzlich willkommen. Das können Sie mir glauben.
BRENDEL. Ah, diese verlockende Dame –? (Verbeugt sich.) Natürlich die Frau Pastorin.
BRENDEL. Vermutlich eine nahe Verwandte. Und jener Unbekannte –? Ein Amtsbruder, wie ich seh.
BRENDEL. Kroll? Kroll? Warte mal. Haben Sie in Ihren jungen Tagen nicht Philologie studiert?
KROLL. Selbstverständlich.
BRENDEL. – einer von jenen Tugendhusaren, die mich aus dem Debattierverein ausschlossen?
KROLL. Kann schon sein. Aber ich protestiere gegen jede nähere Bekanntschaft.
BRENDEL. Nu nu! As you like it, Mister Kroll. Kann mir höchst gleichgültig sein, Ulrich Brendel bleibt doch,
was er ist.
BRENDEL. Die Frau Pastorin habens getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich genötigt, in dem Kampf ums Dasein
eine Schlacht zu schlagen. Ich tus nicht gern; aber – enfin – die unerbittliche Notwendigkeit –
ROSMER. Aber lieber Herr Brendel, Sie werden mir doch gestatten, Sie mit irgend etwas zu unterstützen?
Auf die ein oder andre Weise –
BRENDEL. Ha, ein solcher Vorschlag! Du könntest das Band beflecken, das uns vereint? Niemals, Johannes,
– niemals!
ROSMER. Aber was gedenken Sie in der Stadt anzufangen? Glauben Sie mir, so leicht werden Sie da Ihr
Fortkommen nicht finden –
BRENDEL. Das überlaß mir, mein Junge. Die Würfel sind gefallen. So wie ich hier vor dir steh, befind ich
mich auf einer großen Reise. Weit größer als all meine frühern Streifzüge zusammen. (Zu KROLL.) Darf ich
den Herrn Professor etwas fragen, – d. h. entre nous? Gibt es nämlich in Ihrer wohllöblichen Stadt ein
leidlich anständiges, reputierliches und geräumiges Versammlungslokal?
BRENDEL. Haben der Herr Doktor irgend welchen qualifizierten Einfluß in diesem ohne Zweifel sehr
nützlichen Verein?
BRENDEL. Hör ichs dem Namen nicht sofort an, daß er einem Plebejer gehört?
BRENDEL. Aber ich will mir Zwang antun. Bleibt mir keine andre Wahl. Wenn man, – wie ich, – an einem
Wendepunkt seines Lebens steht –. Abgemacht. Ich setze mich mit dem Individuum in Verbindung, – knüpfe
direkte Unterhandlungen an –
BRENDEL. Weiß denn mein braver Johannes nicht, daß, wo Ulrich Brendel steht, er dort immer ernstlich
steht?... Ja, mein Junge, nun will ich mir einen neuen Menschen anziehn. Die bescheidne Zurückhaltung
aufgeben, die ich bisher beobachtet habe.
BRENDEL. Mit tatkräftiger Hand will ich ins Leben eingreifen. Hervortreten. Auftreten. Wir leben in der
sturmbewegten Zeit der Sonnenwende ... Nun will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung
niederlegen.
BRENDEL (zu allen). Besitzt das anwesende Publikum eine etwas genauere Kenntnis meiner Flugschriften?
BRENDEL. Schöne Hausfrau, – da haben Sie Ihre Zeit vergeudet. Denn 's ist lauter Plunder.
REBEKKA. So?
BRENDEL. Was Sie gelesen haben, alles. Meine wirklich bedeutenden Werke kennt weder Mann noch Weib.
Niemand – außer mir.
BRENDEL. Du weißt, mein wackrer Johannes, ich bin ein Stück Sybarit. Feinschmecker. Wars all mein
Lebtag. Ich lieb es, einsam zu genießen. Denn dann genieß ich doppelt. Zehnfach. Siehst du, – wenn goldne
Träume sich auf mich herabsenkten, – mich umfingen, – wenn mein Hirn neue schwindelerregende
weltumspannende Gedanken gebar, – und diese mich mit kräftigen Schwingen umrauschten, – dann formt
ich sie zu Gedichten, Bildern, Visionen. Verstehst du, so in großen Umrissen.
BRENDEL. O, du, wie hab ich Zeit meines Lebens genossen und geschwelgt! Die geheimnisvolle
Glückseligkeit der Ausgestaltung, – wie gesagt, in großen Umrissen, – Beifall, Dank, Ruhm, Lorbeerkränze, –
alles hab ich mit vollen freudezitternden Händen einkassiert. Mich an meinen geheimen Visionen mit einer
Wonne gesättigt, – o, so berauschend groß –!
KROLL. Hm –
BRENDEL. Kein Wort. Dies platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen herzhaften Widerwillen
verursacht. Und warum sollt ich auch meine eignen Ideale profanieren, wenn ich sie allein und in ihrer
ganzen Reinheit genießen konnte? Aber nun sollen sie geopfert werden. Wahrhaftig, – mir ist dabei zu Mut
wie einer Mutter, die ihre jungen Töchter den Ehemännern in die Arme legt. Aber trotzdem, – ich opfre sie,
– opfre sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe sorgfältig ausgearbeiteter Vorträge – rings im ganzen
Lande –!
REBEKKA (lebhaft). Das ist edel von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das teuerste, was Sie besitzen.
REBEKKA (sieht ROSMER vielsagend an). Wie viele gibt es wohl, die das tun? Die den Mut dazu haben?
ROSMER (erwidert den Blick). Wer weiß?
BRENDEL. Die Versammlung ist ergriffen. Das erquickt mir das Herz und stählt den Willen. Und nun ans
Werk ... Aber noch eins. (Zum Rektor.) Herr Präzeptor, können Sie mir sagen, gibts in der Stadt einen
Mäßigkeitsverein? Einen Totalmäßigkeitsverein? Selbstverständlich gibt es dort einen.
BRENDEL. Hab ichs Ihnen nicht angesehn! Na, da ists nicht unmöglich, daß ich Sie aufsuche und auf acht
Tage Mitglied werde.
KROLL. Entschuldigen Sie – auf Wochen nehmen wir keine Mitglieder an.
BRENDEL. A la bonne heure, Herr Pädagoge. Solchen Vereinen ist Ulrich Brendel noch nie nachgelaufen.
(Wendet sich an ROSMER.) Aber ich darf meinen Aufenthalt in diesem an Erinnrungen so reichen Hause
nicht weiter verlängern. Ich muß zur Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es gibt dort hoffentlich ein
anständiges Hotel.
BRENDEL. Des Hauses freigebigen Schaffnerin meinen Dank. Aber auf die private Gastfreundschaft leg ich
nicht gern Beschlag. (Grüsst mit der Hand.) Leben Sie wohl, meine Herrschaften! (Geht nach der Tür,
wendet sich aber wieder um.) Ah, richtig –. Johannes, – Pastor Rosmer, – willst du, – um langjähriger
Freundschaft willen, – deinem ehmaligen Lehrer einen Dienst erweisen?
BRENDEL. Gut. So leih mir – auf ein oder zwei Tage – ein geplättetes Oberhemd.
BRENDEL. Denn siehst du, diesmal reis ich zu Fuß. Mein Koffer wird mir nachgeschickt.
BRENDEL. Ja, weißt du, – vielleicht kannst du einen gebrauchten ältern Sommerüberzieher entbehren?
ROSMER. Auch dazu wird Rat. Sobald wir Ihre Adresse wissen, schicken wir Ihnen die Sachen.
BRENDEL. Unter keinen Umständen. Meinethalb keine besondre Mühe! Ich nehme die Bagatellen gleich
mit.
REBEKKA. Lassen Sie mich gehn. Frau Hilseth und ich wollen das schon besorgen.
ROSMER (hält ihn zurück). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts für Sie tun?
BRENDEL. Ich weiß wahrhaftig nicht was. Donnerwetter – ja da fällts mir ein –! Johannes, – hast du zufällig
acht Kronen in der Tasche?
ROSMER. Wollen mal sehn. (Öffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei Zehnkronenscheine.
BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt schon gewechselt. Vorläufig meinen
Dank. Vergiß nicht, es waren zwei Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber Junge!
Gute Nacht, hochedler Herr!
(Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tür hinter ihm schliesst.)
KROLL. Barmherziger Gott, – das also war jener Ulrich Brendel, von dem einst die Leute glaubten, er würde
noch mal ein großer Mann!
ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem eignen Sinn zu leben. Mir
scheint, das ist nicht wenig.
KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wäre fähig, dir noch mal den Kopf zu
verdrehen.
ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen.
KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so außerordentlich empfänglich für fremde Eindrücke.
KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)
ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein angenehmes behagliches Leben
führen?
KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich – und friedlich. Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit
geschaffen. Und ich hab die meine verloren.
ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon wieder heilen.
KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder werden.
ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden uns nahe gestanden. Hältst du es
für denkbar, daß unsre Freundschaft mal Schiffbruch leiden könnte?
KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden könnte. Wie kommst du darauf?
ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein so entscheidendes Gewicht
legst.
KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in den großen Haupt- und Kernfragen.
ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich, Kroll.
KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!
ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe wieder mit den Augen der Jugend.
Und darum steh ich jetzt dort –
ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was du meine Abtrünnigkeit nennst.
Aber ich litt furchtbar darunter. Denn ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen.
KROLL. Rosmer, – Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig an.) O, daß auch du mitwirken, mit
Hand anlegen kannst bei dem Werke der Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande!
ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.
KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten. Aber glaubst du denn, von dem
Geiste, der jetzt unser ganzes soziales Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?
ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch einer der streitenden Parteien
an. Ich will versuchen, von allen Seiten Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen,
als ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke weihen, eine wahre Demokratie
hier im Lande zu schaffen.
KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug! Ich für meine Person finde
vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der
Pöbel sich wohl fühlt.
ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie.
KROLL. Alle –!
ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen geläutert werden.
KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst du die Geister befreien? Willst du die menschlichen Triebe
läutern?
ROSMER. Nein, mein Lieber, – ich will nur versuchen, die Menschen aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe
erfüllen, – das müssen sie selber.
ROSMER. Ja.
ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.
ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich mußte ihn aufgeben.
KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. – Ja ja ja. Das eine ist die notwendige Folge des andern. –
War das vielleicht der Grund, daß du den Kirchendienst verließest?
ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, – als ich die volle Gewißheit erlangt hatte, daß es
keine bloß vorübergehende Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien konnte
noch wollte, – da ging ich.
KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, – deine Freunde erfuhren nichts davon. Rosmer,
Rosmer, – wie konntest du uns diese traurige Wahrheit verheimlichen!
ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich selbst anging. Auch wollt ich dir und
den andern Freunden keinen unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben hier
weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und lesen, mich in all die Werke vertiefen, die
mir bisher versiegelte Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in die
große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.
KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies Bekenntnis deines heimlichen
Abfalls? Und warum grade jetzt?
ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen hörte, – als ich von all den lieblosen
Reden erfuhr, die du dort hieltest, – von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die auf der
andern Seite stehn, – von deinem höhnischen Verdammungsurteil über die Gegner –. O, Kroll, daß du, du so
werden konntest! Da war mir meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht in
diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die Gemüter einkehren. Darum tret ich
jetzt hervor und bekenne offen, wer und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben.
Könntest du, Kroll – deinerseits – dich uns nicht anschließen?
KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer Gesellschaft.
ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, – wenn denn unbedingt gekämpft werden
muß.
KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den kenn ich nicht. Dem schuld ich
keine Rücksicht.
KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe standen. Jetzt mußt du die Folgen
tragen.
(REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.)
REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt können wir zu Tisch gehn. Haben
Sie die Güte, Herr Rektor.
KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts mehr zu suchen.
REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt näher.) Haben Sie gesprochen –?
KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich zwingen, zu uns zurückzukehren.
KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen, einsam für sich zu stehen.
ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die Einsamkeit zu ertragen.
KROLL. Ah –! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens Worte –!
KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, – das war gemein –. Verzeihe.
KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der Vorzimmertür.)
ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen komm ich zu dir.
KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In mein Haus setzest du keinen Fuß mehr!
(ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst er sie und tritt an den Tisch.)
ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon aushalten. Wir beiden treuen
Freunde. Du und ich.
REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen?
ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja selbst nicht daran. Aber morgen
geh ich zu ihm. Gute Nacht!
REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem solchen Vorfall?
ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber ist. Du siehst ja, – ich bin ganz ruhig,
liebe Rebekka. Nimm es ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!
(ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine Treppe hinaufgehen.)
(REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem befindlichen Klingelzug. Kurz darauf
kommt FRAU HILSETH von rechts.)
REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will nichts mehr genießen, – und der
Rektor ist nach Haus gegangen.
FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die Leber gelaufen?
REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär im Anzug –
FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel auch nicht 'n Flöckchen von
einer Wolke zu sehn.
REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte, nächstens bekommen wir hier
was zu hören von einem solchen Spuk.
FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch nicht solch gottlose Reden.
REBEKKA. Nu nu nu –
FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Fräulein wirklich, nächstens müsse einer von hier fort?
REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser Welt gibt es so viele Arten von
weißen Rossen ... Na, gute Nacht. Nun geh ich auf mein Zimmer.
FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin): Jesses, – Jesses.
Dies Fräulein West. Was die doch manchesmal für Reden führen kann!
Zweiter Aufzug.
ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstür. Im Hintergrunde die zum Schlafzimmer führende Tür,
deren Portieren zurückgezogen sind. Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Büchern und Papieren
bedeckte Schreibtisch. An den Wänden Bücherregale und -Schränke. Bescheidne Möbel. Links ein
altfränkisches Kanapee und vor diesem ein Tisch.
ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre
auf und blättert darin; hin und wieder liest er ein wenig. – Es klopft an die Tür links.
ROSMER (schlägt in der Broschüre nach). Guten Morgen, meine Liebe. Wünschest du was?
ROSMER. O, ich habe so schön und ruhig geschlafen. Ohne zu träumen... (Wendet sich). Und du?
ROSMER. Ich weiß nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht so leicht ums Herz gewesen wie
jetzt. Ach, es ist wirklich gut, daß ich mich endlich ausgesprochen habe.
ROSMER. Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte.
ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund seh, etwas Feigheit war doch
mit im Spiel.
REBEKKA. Um so mehr Mut gehörte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt sich zu ihm auf einen Stuhl
neben dem Schreibtisch.) Aber nun muß ich dir von etwas erzählen, das ich getan habe, – und das du mir
nicht übel nehmen mußt.
REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmächtig von mir gehandelt; aber –
ROSMER. Na, so laß hören.
REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, – da gab ich ihm ein paar Zeilen an
Mortensgaard mit.
ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka –. Nun, was hast du denn geschrieben?
REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er würde dir einen großen Dienst erweisen, wenn er sich des
unglücklichen Menschen ein wenig annehmen und ihm nach besten Kräften forthelfen wollte.
ROSMER. Liebe Rebekka, das hättest du nicht tun sollen. Brendel hast du dadurch nur geschadet. Und
Mortensgaard gehört zu denen, die ich mir am liebsten vom Leibe halten möchte. Du weißt ja, was ich mal
mit ihm gehabt habe.
REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wäre vielleicht ganz gut, wenn du jetzt wieder in bessre
Beziehungen zu ihm kämst?
REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr fühlen, – nachdem du mit deinen
Freunden gebrochen hast.
ROSMER (sieht sie an und schüttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben können, Kroll oder einer der
andern würde es versuchen, sich zu rächen –? Sie wären fähig, mich –?
REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes –. Das kann man nie mit Bestimmtheit wissen. Mir scheint, –
nach der Art, wie der Rektor es aufnahm –
ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann durch und durch. Heut nachmittag
geh ich nach der Stadt und rede mit ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht –
FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen könnte.
ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natürlich kann er das. (Geht zur Tür und ruft die Treppe
hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist herzlich willkommen!
(ROSMER steht in der Tür und hält sie offen. – FRAU HILSETH geht. – REBEKKA zieht die Portieren vor der
Tür zum Schlafzimmer zu. Dann ordnet sie dies und jenes.)
ROSMER (leise, bewegt). Ich wußte ja, es war nicht das letzte mal –
KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern.
ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt, nachdem du darüber nachgedacht hast –
KROLL. Du mißverstehst mich vollständig. (Legt den Hut auf den Tisch neben dem Kanapee.) Es liegt mir
daran, unter vier Augen mit dir zu sprechen.
ROSMER. Warum soll denn Fräulein West nicht –?
KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann muß ich das Fräulein um Entschuldigung bitten, daß ich
so früh am Tage komme. Daß ich sie überrasche, eh sie Zeit gefunden –
REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, daß ich zu Hause ein Hauskleid trage?
KROLL. Gott bewahre! Ich weiß ja überhaupt nicht, was jetzt auf Rosmersholm Sitte ist.
ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemütlich und reden mit einander. (Er setzt sich KROLL
gegenüber auf einen Stuhl.)
KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab ich gegrübelt und gegrübelt.
KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. Laß mich mit einer Art Einleitung anfangen. Ich kann dir von Ulrich
Brendel was neues erzählen.
KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinären Kneipe fest. Natürlich in der ordinärsten Gesellschaft. Trank
und traktierte, so lang er noch 'n Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pöbel und
Pack, – übrigens mit Recht, – worauf sie ihn durchprügelten und in die Gosse warfen.
KROLL. Auch hatte er den Überzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der soll für ihn eingelöst sein. Rate
mal, von wem?
ROSMER. Ah so.
KROLL. Wie ich hörte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und Plebejer.
KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu nähern.) Aber nun kommen wir zu
einer Sache, von der ich unsrer alten – unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in
Kenntnis zu setzen.
KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter deinem Rücken irgend ein Spiel
getrieben wird.
ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb – Fräulein West, auf die du anspielst?
KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für ihre Handlungsweise volles Verständnis. Sie ist ja schon so lange
gewohnt, hier zu herrschen –! Aber trotzdem –
ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich – wir haben gar keine Geheimnisse vor
einander.
KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des »Leuchtturms« in Briefwechsel getreten
ist?
ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel mitgab?
KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich in Verbindung setzt mit diesem
Skandaljournalisten, der mich als Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen
sucht?
ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich nicht einmal daran gedacht. Und
übrigens hat sie selbstverständlich die Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, – grade wie ich.
KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du eingeschlagen hast. Und wo du
stehst, da steht Fräulein West vermutlich ebenfalls?
ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg gebahnt.
KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!
KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage – nicht denken will. Nein, nein; laß mich zu Ende
reden ... Rosmer, du legst ja wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls?
Nicht wahr?
KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, – und die verlangen eine Antwort – eine vollständige
Erklärung deinerseits ... Bist du damit einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle?
ROSMER. Verhör?
KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu werden dich vielleicht peinlich
berührt. Siehst du, – die Sache mit deinem Abfall, – na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst – die
hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir in deinem eignen Interesse
Auskunft geben.
ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu verheimlichen.
KROLL. Schön. So sage mir denn, – was war nach deiner Ansicht der eigentliche tiefste Grund, weshalb
Beate ihrem Leben ein Ende machte?
ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger ausgedrückt: kann man nach den
Gründen forschen, die ein unglückliches krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen
leiten?
KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war? Jedenfalls waren die Ärzte der
Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen.
ROSMER. Hätten die Ärzte sie einmal so gesehn, wie ich sie bei Tag und bei Nacht unzähligemal gesehn, sie
hätten nicht gezweifelt.
KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne Kinder bleiben würde.
ROSMER. Ja, überlege dir also selbst –! Eine solch jagende grauenvolle Seelenqual wegen etwas ganz
unverschuldeten –! Und sie wäre zurechnungsfähig gewesen!
KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest, die vom Zweck der Ehe handelten
– nach der fortgeschrittnen Auffassung unsrer Zeit selbstverständlich.
ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk geliehen hatte. Denn wie du weißt,
erbte sie des Doktors Büchersammlung. Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so
unvorsichtig waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch und heilig versichern,
wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.
KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme gequälte überspannte Beate
ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du glücklich – und frei – und nach deinem Belieben leben
könntest.
KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In ihrem letzten Lebensjahr war
sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und Verzweiflung zu klagen.
KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben
deiner Väter brechen.
ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar unmöglich! In diesem Punkte mußt
du dich irren.
KROLL. Warum?
ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen Zweifeln kämpfte. Und diesen
Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal
Rebekka –
KROLL. Rebekka?
ROSMER. Nun ja, – Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.
ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen Gedanken kommen konnte. Und
warum sprach sie nicht selbst mit mir darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.
KROLL. Die Ärmste, – sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden.
KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne verwirrt waren? Eine solche Anklage
gegen einen Mann wie du!... Und dann kam sie zum zweitenmal – etwa vier Wochen später. Da war sie
anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf Rosmersholm bald das weiße Roß
erwarten.«
KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte sie sich vom Steg hinab in den
Mühlbach.
KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald sterben.
ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem –; es war deine Pflicht, uns zu warnen.
KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät.
ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später –? Warum hast du mir dies alles verschwiegen?
KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen? Ich hielt ja das alles für lauter
leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis gestern abend.
KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du würdest dem Glauben deiner Väter
untreu werden?
ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das unbegreiflichste, was ich mir denken
kann.
KROLL. Unbegreiflich oder nicht, – so verhält es sich nun einmal. Und jetzt frag ich dich, Rosmer, – wie viel
Wahrheit liegt in ihrer zweiten Anklage? In der letzten, mein ich.
KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den Wortlaut geachtet. Sie wolle fortgehn, sagte sie –. Warum? Nun?
KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus. Sie sagte: »Ich habe nicht lange
mehr Zeit. Denn nun muß Johannes sich bald mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich dich, Kroll.
ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so unerhörtes –! Die einzig richtige
Antwort wäre, dir die Tür zu weisen.
ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr, – seit dem Tage, da Beate uns
verließ, – haben Rebekka West und ich immer hier allein auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du
Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen Augenblick bemerkt, daß du an
unserm Zusammenleben Anstoß genommen hättest.
KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine – Freigewordne waren, die dies
Zusammenleben führten.
ROSMER. Ah –! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und Freigewordne das Reinheitsgefühl haben
können? Du glaubst nicht, daß sie das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können!
KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen Glauben hat, leg ich keinen großen
Wert.
ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem Verhältnis zwischen mir und
Rebekka –?
KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es wohl keinen unergründlichen
Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken und – hm.
KROLL. – und der freien Liebe, – wenn dus denn unbedingt hören willst.
ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich seit meiner frühsten Jugend
kennt!
KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit denen du verkehrst, beeinflussen
läßt. Und diese deine Rebekka –. Na, dies Fräulein West, – die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher. Kurz
und gut, Rosmer, – ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, – suche dich bei Zeiten zu retten.
FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwürdig. (Sie geht.)
ROSMER. Du sagtest –?
KROLL. Höre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch lebte, – und was hier jetzt noch vor
sich geht, – das will ich nicht näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in deiner Ehe. Und das muß
dir gewissermaßen zur Entschuldigung dienen.
KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies Zusammenleben mit Fräulein West
fortgesetzt werden, so ist es unbedingt notwendig, daß du diesen Umfall, – diesen traurigen Abfall, – wozu
sie dich verführt hat, vertuschest. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich sage: gehts gar nicht anders, so
denk und meine und glaub in Gottes Namen alles was du willst – und inbezug auf alle Dinge unter der
Sonne. Aber behalt deine Meinungen hübsch für dich. 'S ist ja doch eine rein persönliche Sache. Es liegt gar
keine Notwendigkeit vor, so etwas ins ganze Land hinauszurufen.
ROSMER. Für mich liegt die Notwendigkeit vor, daß ich aus einer falschen und zweideutigen Stellung
herauskomme.
KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts, Rosmer! Das bedenke wohl! Seit
unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm eine Pflegestätte der Zucht und Ordnung, – der respektvollen
Achtung vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten haben. Von Rosmersholm hat
die ganze Gegend ihren Stempel empfangen. Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung
entsteht, wird es ruchbar: du selber hättest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen
Familiengedanken nennen möchte!
ROSMER. Lieber Kroll, – so kann ich die Sache nicht ansehn. Ich halt es für meine unabweisbare Pflicht,
hier, wo durch all die langen langen Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrückung
ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten.
KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wäre eine würdige Tat für den Mann, mit dem das Geschlecht
ausstirbt. Du, das laß bleiben. Das ist keine angemessne Arbeit für dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller
Forscher zu leben.
ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des Lebens.
KROLL. Am Kampf des Lebens –! Weißt du, was für ein Kampf das für dich wird? Ein Kampf auf Leben und
Tod mit all deinen Freunden.
ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht alle so fanatisch sein wie du.
KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein Kind. Du ahnst nicht, welch
übermächtiger Sturm über dich hereinbrechen wird.
FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n Augenblick sprechen möchte.
ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war?
ROSMER. Mortensgaard!
ROSMER. Was will er von mir? Warum ließen Sie ihn nicht wieder gehn?
FRAU HILSETH. Fräulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen dürfe.
KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld – das heißt vorläufig. Die Hauptschlacht muß noch
geschlagen werden.
ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, – ich habe mit Mortensgaard nichts zu schaffen.
KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein mag – von nun an glaub ich dir
nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich
machen können.
KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!
KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines Gewissens, – wenn du etwas
derartiges noch hast.
(PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er ist ein kleiner schmächtiger Mann
mit dünnem rötlichem Haar und Bart.)
KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also –. Auf Rosmersholm angezündet.
(Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.
MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem Herrn Rektor
heimzuleuchten.
KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings gibts ein Gebot, das vorschreibt,
wir sollen nicht falsches Zeugnis geben wider unsern Nächsten –
MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu unterrichten.
ROSMER. Kroll –!
MORTENSGAARD. Tritt die Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr Pastor die kompetente Behörde.
KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in diesem Kapitel ist Pastor Rosmer in erster Linie
kompetent – gar keine Frage ... Wünsche segensreiche Verhandlung, meine Herren!
(Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.)
ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet und sagt für sich). Wohlan, –
wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was
Sie zu mir führt?
MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich für den freundlichen Brief
bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.
ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?
MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich höre, haben sich die Ansichten
hier auf Rosmersholm in einigen Punkten geändert.
ROSMER. Meine Ansichten haben sich in vielen Punkten geändert. Ich kann wohl sagen – in allem.
MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte hinaufgehn und mit dem Herrn
Pastor mich ein wenig darüber unterhalten.
MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre Gesinnungen hegen, – und sich
der freisinnigen und fortschrittlichen Sache angeschlossen haben?
MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große wichtige Neuigkeit, daß Pastor
Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne für die Sache des Lichts auch in diesem Sinne eintreten.
MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische Stütze, so oft wir einen ernsten
christlich gesinnten Anhänger gewinnen.
ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht –? Hat Ihnen Fräulein West das nicht gesagt?
MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie sagte, ich möchte hinaufgehn und
das übrige von Ihnen selbst hören.
ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht habe. Nach allen Seiten. Zu den
Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts
mehr an.
MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, – wenn der Mond herabgefallen wäre, ich könnte nicht
verblüffter –! Der Herr Pastor sagt sich los –!
ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese Nachricht kann also der »Leuchtturm«
morgen verbreiten.
MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor –. Entschuldigen Sie, – aber diesen Teil der
Sache wollen wir doch lieber nicht berühren.
MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor –. Vermutlich sind Sie mit den Verhältnissen nicht so vertraut
wie ich. Aber wenn Sie nun also zur freisinnigen Richtung übergegangen sind, – und wenn Sie – wie
Fräulein West sagte, – an der Bewegung teilnehmen wollen, – so tun Sie das doch gewiß mit dem Wunsche,
der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich zu nützen.
MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie frei und offen mit dieser
Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände.
MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier in der Gegend nicht aus. Und
zudem, – Freidenker haben wir schon genug auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, – wir haben schon
viel zu viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das christliche Element, – etwas,
wovor alle Respekt haben müssen. Daran aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das
ratsamste, Sie behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts angeht... Das ist meine Ansicht
von der Sache.
ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies nicht, sich mit mir einzulassen?
MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor. In der letzten Zeit hab ichs mir
zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe
will.
ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche zurückgekehrt?
MORTENSGAARD. Herr Pastor, – Sie dürfen nicht vergessen, daß ich – vor allem ich, – keine freie Hand
habe.
MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin.
ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr Vergehen mit behutsamern Händen
angefaßt.
MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben mich ein für allemal
gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben. Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas
zu bedeuten hat. Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun selber zu
fühlen.
ROSMER. Ich!
MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll und sein Anhang für ein
Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig
werden. 'S kann leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden.
ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein
Lebenswandel bietet keine Angriffspunkte.
MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr Pastor.
MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie Sie einst den meinen
prüften?
ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie an? Auf etwas bestimmtes?
MORTENSGAARD. Ja, auf eine bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber die dürfte schlimm genug
werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon erhalten.
ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist?
MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In meinem Besitz befindet sich ein
seltsamer Brief, der hier auf Rosmersholm geschrieben ist.
MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab ich mal einen andern Brief
erhalten.
ROSMER. Von meiner Frau! Sie haben von meiner Frau einen Brief erhalten!
MORTENSGAARD. Jawohl.
ROSMER. Wann?
MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es mag jetzt etwa anderthalb Jahr
her sein. Eben diesen Brief nenn ich seltsam.
ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.
MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem Briefe konnte man so etwas nicht
anmerken. Wenn ich den Brief seltsam nenne, so mein ich etwas andres damit.
ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben können?
MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit, daß sie in großer Furcht und
Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen
wären nur darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten.
ROSMER. Mir?
MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll ich es sagen, Herr Pastor?
MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu sein. Sie wisse, sagt sie, daß
es der Herr Pastor gewesen, der meine Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich
möchte mich nicht rächen.
ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten?
MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein sündiges Treiben auf Rosmersholm
zu Ohren kommen sollten, so möchte ich alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten
solche Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen.
ROSMER. Aber ich begreife nicht –! Und auf was liefen, – nach ihrer Einbildung, – die bösen Gerüchte
hinaus?
MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben seiner Kindheit abgefallen sei.
Das leugnete Ihre selige Gattin damals auf das bestimmteste. Und dann – hm –
ROSMER. Dann?
MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, – in etwas konfuser Weise, – von einem sündhaften Verhältnis auf
Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so
bitte sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen.
MORTENSGAARD. Nein.
MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er wurde mir eines Abends in der
Dämmrung gebracht.
ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß meine arme unglückliche Frau
nicht ganz zurechnungsfähig war.
MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen, einen solchen Eindruck
erhielt ich nicht.
ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über diesen alten konfusen Brief auf?
MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr Pastor.
MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig.
ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu verheimlichen?
MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen sollte, sein Leben so
vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den
Herrn Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden Vorurteile verstieße, so können
Sie überzeugt sein, die ganze freie Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie
wohl, Herr Pastor.
MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe die große Neuigkeit in den
»Leuchtturm«.
MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu wissen braucht.
(Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die Treppe hinunter geht. Man hört, wie,
die Haustür geschlossen wird.)
ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re–. Hm. (Laut.) Frau Hilseth, – ist Fräulein West nicht
unten?
FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist sie nicht.
(Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA wird in der Türöffnung sichtbar.)
REBEKKA. Rosmer!
ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was hast du da gemacht?
REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, – das über mein Hauskleid –
REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit seinen eignen Worten.
REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen Augenblick hinunter.
REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen müßte.
ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schönes reines Freundschaftsverhältnis könnte früher
oder später verdächtigt oder beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm hätt ich mir so etwas niemals
denken können. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und den unedlen Augen. Ach ja, du, – ich hatte
guten Grund dazu, wenn ich so eifersüchtig einen Schleier über unsern Bund breitete. Es war ein
gefährliches Geheimnis.
REBEKKA. Ach, warum sich darum kümmern, was all die andern sagen oder denken! Wir wissens ja doch,
daß wir frei von Schuld sind.
ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings – bis heute. Aber jetzt, – jetzt, Rebekka –
REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht mehr an Beaten! Endlich war es
dir so schön geglückt, von ihr, der Toten loszukommen –
ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stände sie wieder in unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir.
ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis müssen wir auf den Grund zu kommen suchen. Wie kann sie
sich nur in diesen unheilvollen Irrtum verstrickt haben?
REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, daß sie fast wahnsinnig war?
ROSMER. Ach ja, Rebekka, – das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz fest überzeugt sein kann. Und
zudem, wäre sie das auch gewesen –
ROSMER. Ich meine, – wo sollen wir den entscheidenden Grund dafür suchen, daß ihre krankhafte
Gemütsstimmung in Wahnsinn überging?
ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel nicht von mir abschütteln, so
gern ich auch möchte.
REBEKKA. Aber das kann ja gefährlich werden – dies ewige Herumkreisen um diesen einen unglückseligen
Gegenstand.
ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre Weise muß ich mich verraten
haben. Sie muß es gemerkt haben, wie glücklich ich mich zu fühlen anfing seit dem Augenblick, da du zu
uns ins Haus kamst.
REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wäre –!
ROSMER. Denn siehst du, – es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben Bücher lasen. Daß wir einander
suchten und zusammen sprachen von all den neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu
schonen, war ich so vorsichtig. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätt ich es mir zur
Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte, fern zu halten. Oder tat ich das nicht,
Rebekka?
ROSMER. Und du auch. Und dennoch –! O, der Gedanke daran ist schrecklich! Sie ist also hier
umhergegangen, – mit ihrem Herzen voll krankhafter Liebe, – schweigend, immer schweigend, – hat uns
beobachtet, bewacht, – auf alles geachtet, und – und alles mißdeutet!
REBEKKA (ringt die Hände). O, wär ich doch niemals nach Rosmersholm gekommen!
ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All das häßliche, was ihr krankes
Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung brachte!... Hat sie niemals mit dir über etwas gesprochen, das
dich auf eine Art Spur hätte bringen können?
REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wär ich auch nur noch einen Tag hier geblieben?
ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf muß sie gekämpft haben! Und sie kämpfte
allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz allein ... Und dann zum Schluß dieser erschütternde – anklagende
Sieg – im Mühlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, stützt die Ellbogen auf den Tisch und
bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
REBEKKA (nähert sich ihm behutsam von hinten). Nun höre, Rosmer. Wenn es in deiner Macht stände,
Beate zurückzurufen – zu dir – nach Rosmersholm, – würdest du es dann tun?
ROSMER. Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde! Ich habe keine Gedanken für etwas andres
als dies eine, – das unwiderruflich ist.
REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon angefangen. Du hattest dich
vollständig frei gemacht – nach allen Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut –
ROSMER. Ach ja, du, – so froh und so leicht ... Und da kommt dieser zermalmende Schlag.
REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schön war es, wenn wir abends in der
Dämmrung unten im Zimmer saßen. Und dann gemeinschaftlich die neuen Lebenspläne zurechtlegten. Du
wolltest in das lebendige Leben eingreifen, – in das lebendige Leben des Tages, – wie du sagtest. Wie ein
befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus wandern. Den Geist und den Willen der Menschen für dich
gewinnen. Adelsmenschen schaffen rings um dich her, – in weitern, immer weitern Kreisen. Adelsmenschen.
REBEKKA. Ja – frohe.
ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka.
ROSMER. Ja, – wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darüber hinweg.
ROSMER (schüttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darüber hinweg kommen. Immer wird ein
Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Niemals werd ich wieder in dem schwelgen können, was das Leben so
wunderbar schön macht.
(Kurze Pause.)
ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, stützt den Kopf in die Hand und blickt vor sich hin). Und dann,
wie sie zu kombinieren verstand. Wie systematisch sie es zusammenfügte ... Erst beginnt sie Zweifel zu
hegen an meiner Rechtgläubigkeit –. Wie sie zu der Zeit darauf verfallen konnte! Aber sie verfiel darauf.
Und dann wuchs es zur Gewißheit. Und dann, – ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre für möglich zu
halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durch das Haar.) O, all diese wilden
Phantasien! Niemals werd ich mich von ihnen befreien. Das fühl ich lebhaft. Das weiß ich. Jeden Augenblick
werden sie auf mich einstürmen und mich an die Tote erinnern.
REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das lebendige Leben, das du schon erfaßt
hattest, wieder fahren lassen?
ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht in meiner Macht zu wählen. Wie
könnt ich wohl jemals hierüber hinweg kommen!
REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, daß du dir neue Verhältnisse schaffst.
REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da draußen. Leben, schaffen, handeln. Nicht hier sitzen und
grübeln und brüten über unlösbaren Rätseln.
ROSMER (steht auf). Neue Verhältnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt an der Tür stehn und kommt
dann zurück.) Da geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon
gekommen?
ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich unser Verhältnis gestalten?
REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hält es schon aus – was auch kommen mag.
ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen führte, – und was uns
einander so innig vereint, – unser gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann
und Weib –
REBEKKA. Ja ja – nun?
ROSMER. Ich meine, ein solches Verhältnis, – wie das unsre also, – eignet sich das nicht vorzugsweise zu
einer stillen friedlich-glücklichen Lebensführung –?
ROSMER. Aber nun öffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und starker Gemütsbewegungen. Denn
ich will mich ausleben, Rebekka! Ich lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden schlagen.
Ich lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch von – sonst jemand.
REBEKKA. Nein nein, – tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann, Rosmer.
ROSMER. Aber weißt du nun, woran ich denke?.. Weißt dus nicht? Siehst du nicht, wie ich am besten all
diese nagenden Erinnrungen, – diese ganze unglückliche Vergangenheit abschüttle?
REBEKKA. Nun!
ROSMER. Dadurch, daß ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit entgegen stelle.
REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige –? Was meinst du damit?
ROSMER (näher). Rebekka, – wenn ich dich nun fragte, – willst du meine zweite Frau werden?
REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine Frau –! Deine –! Ich!
ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der Toten darf nicht länger leer
bleiben.
ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollständig. Für alle Ewigkeit.
ROSMER. Es muß sein! Es muß! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn mit einer Leiche auf dem
Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und dann laß uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude,
in Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war.
REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau werd ich niemals.
ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du würdest mich nie lieben können? Ist nicht schon in
unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe!
REBEKKA (hält sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer! Sprich solche Worte nicht aus!
ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, – es gibt noch eine Möglichkeit für uns. O, ich sehs dir an, du fühlst
dasselbe! Nicht wahr, Rebekka?
REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun höre. Das sag ich dir, – bestehst du hierauf, so reis ich ab.
REBEKKA. Daß ich deine Frau werde, ist noch unmöglicher. Das kann ich nie und nimmer.
ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du kannst es nicht. Und das sagst du so seltsam. Warum kannst
dus denn nicht?
REBEKKA (ergreift seine beiden Hände). Teuerster Freund, – um deinet- und meinetwillen, – frage nicht,
warum. (Lässt ihn los). Frage nicht, Rosmer. (Sie geht nach der Tür links).
ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: – warum?
REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus.
REBEKKA. Ja.
ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von Rosmersholm fort.
REBEKKA (mit der Hand auf der Türklinke). Nein, das werd ich wohl nie. Aber fragst du mich noch einmal, –
dann ist es trotzdem aus.
REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weißt dus, Rosmer.
ROSMER. Rebekka –!
REBEKKA (in der Tür, nickt langsam). Nun weißt dus. (Sie geht.)
ROSMER (starrt verblüfft und wie in Gedanken verloren nach der geschlossnen Tür und spricht vor sich
hin): Was – ist – das?
Dritter Aufzug.
Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum Vorzimmer stehen offen. Draussen
scheint die Vormittagssonne.
REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt und ordnet die Blumen. Ihre
Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. – FRAU HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt
die Möbel ab.
REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor heut so lange oben bleibt.
FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald runter.
FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging er ins Schlafzimmer und zog sich
an.
FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht wundern, wenn er was mit
seinen Schwager gehabt hätte.
FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser Mortensgaard, der die beiden aneinander
gehetzt hat.
REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?
FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie der!
FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal davon gehört, daß er 'n Kind hat mit
'ner verheirateten Frau, der ihr Mann davongelaufen war?
REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher kam.
FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch verständiger sein müssen als er.
Heiraten wollt er sie ja auch. Aber dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür
büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf gekommen! 'S gibt so manche, die
den Mann aufsuchen.
REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat und Hülfe brauchen.
FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben, die –
FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche Leute sein, Fräulein, von denen
mans am wenigsten gedacht hätte.
REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch bloß so vor, Frau Hilseth. Denn
bestimmt wissen können Sie sowas doch nicht.
FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs wissen kann! Nämlich, – wenns
denn absolut heraus muß, – ich bin selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.
FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief – wissen Sie, wo der geschrieben war? Auf
Rosmersholm!
FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er geschrieben. Und hinten drauf war
feiner roter Siegellack.
REBEKKA. Und Ihnen ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe Frau Hilseth, dann ist es ja nicht
schwer zu erraten, von wem er war.
REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem krankhaften Zustande –
REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, – das können Sie ja nicht wissen.
FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte.
FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn gelesen hatte, da fing er an mich
kreuz und quer auszufragen, so daß ichs schon erraten konnte, was drin stand.
REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau Hilseth, erzählen Sie mir das doch?
REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute Freunde.
FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen davon was zu erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts
sagen, als daß es was abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt hatten.
REBEKKA. Schlechte –?
FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens gewesen sein.
FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine Zunge ... In der Stadt, da gibts
'ne gewisse feine Dame, die – hm!
FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig. Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n
gutes Auge gehabt.
REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie den Brief an Mortensgaard
schrieb?
FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne wunderliche Sache. Ganz von
Sinnen, glaub ich, war sie nicht.
REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte keine Kinder bekommen. Da kam
der Wahnsinn zum Ausbruch.
FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau.
REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster). Übrigens, glauben Sie nicht auch,
Frau Hilseth, es war im Grunde gut für den Herrn Pastor?
FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.
REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer ist nicht der Mann dazu,
Kindergeschrei anzuhören.
FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder nicht.
FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit Menschengedenken niemals
geschrien.
FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der Familie. Und dann ist da noch was
merkwürdiges. Wenn sie grösser werden, lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.
FRAU HILSETH. Hat Fräulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal lachen hören oder sehen?
REBEKKA. Ja, – wenn ich darüber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben recht. Aber mir scheint, hier in der
Gegend lachen die Menschen überhaupt nicht viel.
FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute, fings an. Und dann hat sich
auch dies, denk ich mir, immer weiter verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung.
FRAU HILSETH. Ach, Fräulein muß sich nicht über mir lustig machen –. (Lauscht.) St, st, – da kommt der
Herr Pastor runter. Den Flederwisch mag er hier drin nicht sehn.
(ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.)
REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie häkelt.) Willst du ausgehn?
ROSMER. Ja.
REBEKKA. Ja.
ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). – Was! – – »können nicht genug vor
charakterlosen Überläufern warnen« –. (Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen Überläufer.
ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). – »heimliche Verräter an der guten Sache« –. –
»Judasnaturen, die frech ihren Abfall bekennen, sobald sie den geeigneten und – profitabelsten Zeitpunkt
gekommen glauben.« »Rücksichtsloses Attentat auf den Namen berühmter Ahnen« –. – »in der Erwartung,
daß die augenblicklichen Machthaber eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden.« (Legt die
Zeitung auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so lange und so genau kennen.
Dinge, an die sie selbst nicht glauben. Dinge, von denen sie wissen, daß nicht ein einziges Wort daran wahr
ist ... und doch schreiben sie es.
ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). – »die einzige Entschuldigung ist das schwache, wenig geübte
Denkvermögen« –. – »verderblicher Einfluß, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der
Hand wollen wir den Herrn deshalb öffentlich weder beklagen noch anklagen« –. (Sieht sie an). Was ist das?
ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, – so handeln nur unehrenhafte Männer.
ROSMER (geht auf und ab). Hier muß etwas geschehen. Alles was gut ist in den Menschen, wird erstickt,
wenn dies so weitergeht. Aber das soll es nicht. O, wie froh, – wie glücklich würd ich mich fühlen, könnt ich
in diesen Abgrund von Finsternis und Häßlichkeit ein wenig Licht bringen.
REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wäre für dich eine große herrliche Aufgabe.
ROSMER. Bedenke nur, könnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrütteln. Sie zur Reue und Scham über sich
selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich einander in Verträglichkeit und Liebe zu nähern.
REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfür ein, und du sollst sehen, du gewinnst.
ROSMER. Mir scheint, es muß glücken. O, welche Freude es dann sein würde zu leben! Kein gehässiger
Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwärts
strebend, – empor, – jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glück aller, – geschaffen durch
alle. (Sieht zufällig durchs Fenster ins Freie, fährt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich.
ROSMER. Glück, – liebe Rebekka, – Glück, das ist vor allen Dingen das stille frohe sichre Bewußtsein der
Schuldlosigkeit.
REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld –.
REBEKKA. Du am allerwenigsten!
REBEKKA. O, Rosmer –!
(REBEKKA geht nach der Tür. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie sprechen einen Augenblick flüsternd
zusammen. FRAU HILSETH nickt und geht.)
REBEKKA. Nein, nur häusliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die frische Luft gehen, lieber Rosmer.
Einen recht weiten Spaziergang machen.
ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen.
REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mußt allein gehn. Aber schüttle nun all diese schweren
Gedanken von dir ab. Versprich mir das.
REBEKKA. O, aber daß etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen kann –!
ROSMER. Leider, – so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich drüber nachgegrübelt. Beate hat
vielleicht doch richtig gesehn.
ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka.
ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhörlich die Frage im Kopf herum, ob wir beiden uns
nicht während der ganzen Zeit selber getäuscht haben, als wir unser Verhältnis Freundschaft nannten.
REBEKKA (kämpft mit sich). O, – ich weiß nicht, was ich dir antworten soll.
ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und für einander hielten wir für Freundschaft. Nein, Rebekka, –
unser Verhältnis war eine geistige Ehe – vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit
einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, – durfte nicht, Beatens wegen.
ROSMER. Sie betrachtete unser Verhältnis mit den Augen ihrer Liebe. Beurteilte es nach ihrer Art zu
lieben. Natürlich. Beate konnte nicht anders urteilen.
ROSMER. Weil sie mich, – in ihrer Weise, – liebte, ging sie in den Mühlbach. Die Tatsache, Rebekka, steht
fest. Darüber komm ich niemals hinweg.
REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die große schöne Aufgabe, für die du dein Leben
eingesetzt hast!
ROSMER (schüttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgeführt werden. Nicht von mir. Jetzt nicht mehr,
nachdem ich dies erfahren habe.
ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege führen kann, die ihren Ursprung in einem Verbrechen
hat.
REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst – das sind angeborne
Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren hier die Toten zurück als jagende weiße Rosse. Ich
glaube, dies ist etwas ähnliches.
ROSMER. Mag sein. Aber was nützt mir das, wenn ich nun einmal nicht darüber hinwegkommen kann? Und
glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg geführt werden soll, – die
muß von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden.
REBEKKA. Ist denn dir, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich?
ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Fröhlichkeit.
REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, – ganz weit. Hörst du?... Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du
den Stock.
ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit?
(Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter der offnen Tür her hinaus. Dann
geht sie nach der Tür rechts.)
REBEKKA (öffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun können Sie ihn hereinlassen.
(Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er grüsst stumm und gemessen und
behält den Hut in der Hand.)
REBEKKA. Ja.
REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also nicht treffen wollen –
KROLL. Nein nein. Ich wünsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein.
REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz, Herr Rektor.
(Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf einen Stuhl neben ihr.)
KROLL. Fräulein West, – Sie können sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen, wie tief es mich
schmerzt, dieses – diese Veränderung, die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist.
REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, daß es Ihnen sehr zu Herzen gehn würde – das heißt im Anfang.
REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, früher oder später würden Sie auf seine Seite treten.
KROLL. Ich!
KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die Menschen und das praktische
Leben betrifft.
REBEKKA. Übrigens, – wenns ihm nun einmal ein Bedürfnis ist, sich nach jeder Richtung hin frei zu
machen –
KROLL. Das ist gleichgültig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest: wenn ich mir alles überlege und mir
Ihr ganzes Verhalten zu erklären suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann
erwacht in mir ein starker Verdacht, – ein außerordentlich starker Verdacht.
REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es gab eine Zeit, da hegten Sie ein
außerordentlich starkes Vertrauen zu mir. Ein warmes Vertrauen, hätt ich bald gesagt.
KROLL (gedämpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, – wenn Sies drauf anlegten?
KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir einzubilden, es sei irgend ein Gefühl
mit im Spiel gewesen. Sie wollten sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier
festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behülflich sein. Nun seh ichs.
REBEKKA. Sie haben also vollständig vergessen, daß es Beate war, die mich bat und anflehte, hierher zu
kommen.
KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das Gefühl, das Beate für Sie empfand,
vielleicht Freundschaft nennen? Es schlug um in Vergötterung, – in Anbetung. Es artete aus in, – wie soll
ichs nennen? – in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das richtige Wort.
REBEKKA. Sie wollen sich gütigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre Schwester befand. Was mich
betrifft, so glaub ich nicht, daß man mich der Überspanntheit beschuldigen kann.
KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie denen, die Sie in Ihre Gewalt haben
wollen. Es fällt Ihnen so leicht, mit Überlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, – eben weil Ihr
Herz kalt ist.
KROLL. Jetzt weiß ichs ganz bestimmt. Sonst hätten Sie hier nicht jahrelang Ihr Ziel mit so
unerschütterlicher Sicherheit verfolgen können. Ja ja, – Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht
bloß ihn, – alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies alles durchzusetzen, sind Sie nicht
davor zurückgeschreckt, ihn unglücklich zu machen.
REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglücklich gemacht.
KROLL. Ich!
REBEKKA. Ja Sie! – indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wäre schuld an Beatens schrecklichem
Ende.
REBEKKA. Das können Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemüt –
KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wär über all solche Skrupel erhaben ... So also stehts
mit uns! Ach ja, – offen gesagt: das hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Männer, die von den Wänden
dort auf uns herabschauen, – es gelingt ihm nicht, sich von all dem loszureißen, was von Geschlecht zu
Geschlecht sich auf ihn vererbt hat.
REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit sehr starken Wurzeln an sein
Geschlecht gebunden. Das ist wahr.
KROLL. Und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen müssen, wenn Sie ein Herz für ihn gehabt hätten. Aber
derartige Rücksichten konnten Sie nicht gut nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so
himmelweit verschieden.
KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Fräulein West, die sich auf die Familie, – die Geburt beziehen.
REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, – ich bin von sehr geringer Herkunft. Aber trotzdem –
KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die sittlichen Voraussetzungen.
REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklärung!
KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie noch eine Erklärung brauchten. Sonst wärs doch seltsam, daß
Sie sich von Doktor West adoptieren ließen –
KROLL. – daß Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hieß Gamwik.
REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hieß Gamwik, Herr Rektor.
KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgemäß mit dem Kreisarzt in beständige Verbindung.
KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, – gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch
bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie bekamen
ja auch bloß einen Kasten voll Bücher. Und doch halten Sie bei ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn
bis an sein Ende.
REBEKKA (am Tische, sieht ihn höhnisch an). Und daß ich dies alles tat, – das erklären Sie sich daraus, daß
an meiner Geburt etwas unsittliches haftet, – etwas verbrecherisches!
KROLL. Was Sie für ihn taten, führ ich auf einen unbewußten kindlichen Instinkt zurück. Übrigens wurde
Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft bestimmt.
REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da sagen! Und das kann ich
beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in der Finnmark, als ich geboren wurde.
KROLL. Bitt um Entschuldigung, – Fräulein. Er kam in dem Jahr vorher. Das hab ich festgestellt.
KROLL. Sie sagten gestern, Sie wären neunundzwanzig. Gingen ins dreißigste.
REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein
Jahr älter als ich mich ausgebe.
KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?
REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, – unverheiratet wie ich war, – ich würde zu
alt. Und so begann ich ein Jahr abzulügen.
KROLL. Sie? Eine Freigewordne? Sie hegen noch Vorurteile inbezug auf das heiratsfähige Alter?
REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, – und obendrein lächerlich. Aber dies und jenes, von dem man sich nicht
losmachen kann, bleibt immer an einem haften. Wir sind nun mal so.
KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor West war ein Jahr vor seiner
Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da oben in der Finnmark.
REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!
KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein Jahr zu überspringen? Grad so wie
Sie eins übersprungen haben. Das ist vielleicht ein Familienzug.
REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das wollen Sie mir nur einreden.
Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer! In alle Ewigkeit nicht –!
KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, – warum in Himmels Namen nehmen Sies in der Weise? Sie
erschrecken mich förmlich! Was soll ich da glauben und denken –!
KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese Sache, – diese Möglichkeit sich so zu
Herzen nehmen.
REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe nicht Lust, hier als ein
uneheliches Kind zu gelten.
KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, – vorläufig, – bei dieser Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also
auch in diesem Punkte noch ein gewisses – Vorurteil bewahrt.
KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem meisten von dem, was Sie Ihre
Befreiung nennen. Sie haben sich einen ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie
wissen einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, – Forschungen, die
manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber
dies alles, Fräulein West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist Ihnen nicht in
Fleisch und Blut übergegangen.
KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es so mit Ihnen steht, kann man
sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, – es heißt
schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich als Abtrünnigen bekennen will!
Bedenken Sie, – er mit diesem scheuen Gemüt! Stellen Sie sich ihn vor als verstoßen, – verfolgt von dem
Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt von den besten unsrer
Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem die Stirn zu bieten.
REBEKKA. All dem muß er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu spät, sich zurückzuziehen.
KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist, kann totgeschwiegen, – oder doch
jedenfalls als eine bloß vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber – eine
Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig.
KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu legalisieren.
KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen.
REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen, unser Verhältnis bedürfe der –
Legalisierung, wie Sies nennen?
KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings aber glaub ich beobachtet zu haben,
daß man dort am leichtesten mit allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um – hm.
REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor Kroll, beinah hätt ich gesagt, –
möchten Sie nur recht haben.
KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.
REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, – da kommt er.
REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas erfahren.
REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden Sie es später bereuen. Es ist das
letzte Mal, daß ich Sie um etwas bitte.
KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein West. Es mag sein.
(Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.)
ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen). Was! – du hier!
REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich – wir duzen uns. Unser Verhältnis hat das so mit sich gebracht.
ROSMER (kommt näher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches?
KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und zurückzugewinnen.
ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was dort steht?
KROLL. Das wär ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der ich diene. Auch stand es nicht in
meiner Macht.
REBEKKA (reisst die Zeitung in Stücke, ballt diese zusammen und wirft sie hinter den Ofen). So. Nun ists
aus den Augen. Und entfern es auch aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht
wieder.
REBEKKA. Komm, Lieber, setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles sagen.
ROSMER (setzt sich unwillkürlich). Rebekka, was ist mit dir vorgegangen! Diese unheimliche Ruhe –. Was
bedeutet das?
REBEKKA. Diese Ruhe bedeutet, daß ich einen Entschluß gefaßt habe. (Setzt sich.) Nehmen Sie ebenfalls
Platz, Herr Rektor.
REBEKKA. Ich will dir wiedergeben, was du brauchst, um das Leben zu ertragen. Du sollst deine frohe
Schuldlosigkeit zurückerhalten, lieber Freund.
ROSMER. Nun!
REBEKKA. Als ich, – mit Doktor West, – aus der Finnmark hierher kam, da wars mir, als hätt eine neue
große weite Welt sich mir aufgetan. Der Doktor hatte mich mancherlei gelehrt. All das Verschiedenartige,
was ich damals vom Leben und den menschlichen Dingen wußte. (Mit sich kämpfend und kaum hörbar.)
Und da –
REBEKKA (nimmt sich zusammen). Ja ja, – darin hast du eigentlich recht. Du weißt genug davon.
REBEKKA. Nein, Sie sollen bleiben, lieber Rektor. (Zu ROSMER.) Ja, siehst du, das also war es: ich wollte
Anteil haben an der neuen Zeit, die anbrach. Anteil haben an all den neuen Gedanken... Rektor Kroll
erzählte mir eines Tages, Ulrich Brendel hätte eine große Macht über dich gehabt, als du noch ein Knabe
warst. Mir schien, es müsse doch möglich sein, diese Macht an mich zu bringen.
REBEKKA. Gemeinsam mit dir wollt ich vorwärts, der Freiheit entgegen gehn. Immer weiter, immer weiter
bis an die Gränze.... Aber zwischen dir und der vollen Unabhängigkeit erhob sich ja diese finstere
unübersteigliche Mauer.
REBEKKA. Ich meine, Rosmer: nur im hellen frischen Sonnenschein konntest du die Freiheit erlangen, und
da sah ich dich kranken und hinsiechen in der Finsternis einer solchen Ehe.
ROSMER. Bis zu dem heutigen Tage hast du in der Weise über meine Ehe noch nie mit mir gesprochen.
REBEKKA (fährt fort). Aber ich sah bald deutlich, wo dir Rettung werden konnte. Die einzige Rettung. Und
da handelte ich.
REBEKKA. Auf die Wege, – die zum Mühlbach führten. Nun wißt Ihrs, alle beide.
ROSMER (wie betäubt). Aber ich begreife nicht –. Was sagt sie? Ich begreife kein Wort –!
ROSMER. Aber was hast du denn getan! Was hast du ihr nur sagen können? Es lag ja nichts vor. Garnichts!
REBEKKA. Sie erfuhr, daß du dich von all den alten Vorurteilen zu befreien suchtest.
ROSMER. Und dann? Was weiter? Ich will jetzt alles wissen.
REBEKKA. Einige Zeit darauf – da bat ich sie, mich abreisen zu lassen.
REBEKKA. Ich wollte nicht reisen. Ich wollte bleiben, wo ich war. Aber ich sagt ihr, es wäre für uns alle das
beste ... wenn ich bei Zeiten fortkäme. Ich gab ihr zu verstehn, wenn ich noch länger bliebe, – so könnte –
könnte sich – etwas schlimmes ereignen.
REBEKKA. Ja.
REBEKKA (sieht ihn erschreckt an). Was sollt ich denn sonst noch haben?
KROLL. Gaben Sie schließlich Beate nicht zu verstehn, es wäre notwendig, – nicht bloß das beste, – sondern
notwendig, aus Rücksicht auf Sie und Rosmer, daß Sie anderswohin reisten, – und zwar so schnell wie
möglich? – Nun?
REBEKKA (leise und undeutlich). Vielleicht hab ich etwas ähnliches gesagt.
ROSMER (sinkt in den Lehnstuhl am Fenster). Und an dieses Lug- und Truggewebe hat sie geglaubt, die
unglückliche Kranke! Hartnäckig und fest geglaubt! Unerschütterlich! (Sieht REBEKKA an.) Und niemals
wendete sie sich an mich. Niemals auch nur mit einem Worte! O Rebekka, – ich sehs dir an, – du hast ihr
davon abgeraten!
REBEKKA. Sie hatte sichs ja in den Kopf gesetzt, sie habe – als kinderlose Frau, – nicht das Recht, hier zu
sein. Und so bildete sie sich ein, ihre Pflicht gegen dich gebiete ihr, Platz zu machen.
REBEKKA. Nein.
KROLL. Vielleicht bestärkten Sie sie noch darin? Antworten Sie! Bestärkten Sie sie noch?
ROSMER. Ja ja, – und vor deinem Willen beugte sie sich in allem. Und da machte sie Platz. (Springt auf.)
Wie konntest, – wie konntest du dies entsetzliche Spiel unternehmen!
REBEKKA. Ich glaubte, Rosmer, hier gelte es, zwischen deinem und ihrem Leben zu wählen.
KROLL (streng und nachdrücklich). Sie hatten kein Recht, eine solche Wahl zu treffen.
REBEKKA (heftig). Aber glauben Sie denn, ich hätte mit kalter berechnender Überlegung gehandelt!
Denken Sie, ich wäre damals dieselbe gewesen wie jetzt, wo ichs Ihnen erzähle?... Und dann wohnen auch,
glaub ich, im Menschen zwei Arten von Willen! Ich wollte Beate fort haben. Auf die ein oder andre Weise.
Aber niemals glaubt ich, daß es dahin kommen würde. Bei jedem Schritt, den ich versuchte, den ich
vorwärts wagte, war mirs, als schrie etwas in mir: Nicht weiter! Keinen Schritt weiter!... Und doch konnt ich
nicht stehn bleiben. Ich mußte mich noch ein ganz klein wenig weiter wagen. Nur einen einzigen Schritt.
Und dann noch einen – immer noch einen ... Und dann kam es ... In der Weise geschehn solche Dinge.
(Kurzes Schweigen.)
ROSMER (zu Rebekka). Und was wird jetzt aus dir? Nach diesem Geständnis?
REBEKKA. Aus mir mag werden was will. Darauf kommt wenig an.
KROLL. Nicht ein Wort der Reue! Vielleicht fühlen Sie gar keine?
REBEKKA (kalt abweisend). Entschuldigen Sie, Herr Rektor, – das ist eine Sache, die andre nichts angeht.
Das mach ich schon mit mir selbst ab.
KROLL (zu ROSMER). Und mit diesem Weibe lebst du zusammen unter einem Dache! In vertraulicher
Gemeinschaft! (Blickt umher auf die Porträts.) O, – wenn diese da jetzt auf uns herabsehn könnten!
KROLL. Du gehst mit! Ach ja, das wußt ich, daß wir dich noch nicht ganz verloren hatten.
(Sie gehn beide durch das Vorzimmer hinaus, ohne Rebekka anzusehn. – Kurz darauf tritt sie vorsichtig ans
Fenster und blickt zwischen den Blumen hindurch hinaus.)
REBEKKA (spricht halblaut mit sich selbst). Auch heute nicht über den Steg. Geht oben herum. Kommt
niemals über den Mühlbach. Niemals. (Geht vom Fenster weg.) Ja, ja! Wohlan!
(Sie geht und zieht am Klingelzug. – Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts).
FRAU HILSETH. Jawoll. Aber mein Gott, – will Fräulein denn verreisen?
FRAU HILSETH. Hat man je sowas gehört! Aber Fräulein kommt doch bald wieder?
FRAU HILSETH. Nie! Aber Herr du mein Gott, was soll denn auf Rosmersholm werden, wenn Fräulein West
nicht mehr da ist! Der arme Pastor hatte es nu so schön und angenehm.
REBEKKA. Ja, aber, Frau Hilseth, heut hab ich Angst bekommen.
REBEKKA. Ja, mir ist, als hätt ich ganz flüchtig das weiße Roß gesehn.
REBEKKA. O, die sind früh und spät auf den Beinen, – die weißen Rosse von Rosmersholm. (Schlägt einen
andern Ton an.) Nun, – also den Reisekoffer, Frau Hilseth.
Vierter Aufzug.
Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Es ist spät am Abend. Die mit einem Schirm versehene Lampe steht
angezündet auf dem Tische.
REBEKKA steht am Tische und packt verschiedene kleine Gegenstände in eine Reisetasche. Ihr Mantel und
ihr Hut sowie der gehäkelte Wollshawl hängen über der Sofalehne. – FRAU HILSETH kommt von rechts.
FRAU HILSETH (spricht gedämpft und scheint zurückhaltend). Ja, Fräulein, nu sind also die Sachen alle
'rausgetragen. Sie stehn im Küchengang.
REBEKKA. Gut. Und dem Kutscher haben Sie doch Bescheid gesagt?
FRAU HILSETH. Jawoll. Er fragt, wann er mit den Wagen hier sein soll.
REBEKKA. Ich denke, so gegen elf. Der Dampfer geht um Mitternacht ab.
FRAU HILSETH (etwas zögernd). Aber der Herr Pastor? Wenn der nu bis dahin noch nicht zurück ist?
REBEKKA. Dann reis ich trotzdem. Sollt ich ihn nicht mehr sehn, können Sie ihm sagen, ich würd ihm
schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie das.
FRAU HILSETH. Ja, das ist nu alles gut und schön – das mit dem Schreiben. Aber, armes Fräulein, – meine
Meinung ist nun die, Sie sollten versuchen noch mal mit ihm zu reden.
REBEKKA. Vielleicht. Oder vielleicht doch lieber nicht.
FRAU HILSETH. Nein, – daß ich sowas erleben muß, – das hätt ich mein Lebtag nicht gedacht!
FRAU HILSETH. Na, ich hatte mir Pastor Rosmer doch 'n bißchen reeller vorgestellt.
REBEKKA. Reeller?
FRAU HILSETH. Ich, Fräulein, meine, was recht und billig ist. Auf die Art und Weise mußt er sich nicht los
und ledig machen; auf die nicht.
REBEKKA (sieht sie an). Nun hören Sie mal, Frau Hilseth. Sagen Sie mir offen und ehrlich, – warum, meinen
Sie, reis ich weg?
FRAU HILSETH. Herrgott, Fräulein, das ist ja doch wohl 'n Müssen! Ach ja, ja, ja! Aber meine Meinung ist
nun die, schön ist das nicht vom Herrn Pastor. Der Mortensgaard, na der war ja entschuldigt. Nämlich sie
hatte ja noch ihren Mann am Leben. Also die beiden, die konnten sich nicht heiraten, so gern sie auch
mochten. Aber der Herr Pastor, sehn Sie, der – hm!
REBEKKA (mit schwachem Lächeln). Hätten Sie sich von Pastor Rosmer und mir sowas denken können?
FRAU HILSETH. Mein Lebtag nicht. Ja, ich meine, – bis heute nicht.
FRAU HILSETH. Na, – nach all den Schlechtigkeiten, die, wie die Leute sagen, vom Herrn Pastor in die
Zeitungen stehn sollen –
REBEKKA. Aha!
FRAU HILSETH. Denn meine Meinung ist nun die: dem Mann, der zu dem Mortensgaard seine Reljohn
übertreten kann, dem ist weiß Gott alles zuzutrauen.
REBEKKA. Ach ja, das mag schon sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir?
FRAU HILSETH. Du lieber Gott, Fräulein, – was wär denn gegen Ihnen groß zu sagen! Für 'ne
Alleinstehende, denk ich mir, ists nicht so leicht, Stand zu halten... Wir sind ja doch alle Menschen, Fräulein
West, – alle mit 'nander.
REBEKKA. Sehr wahr, Frau Hilseth. Wir sind alle miteinander Menschen. – Wonach horchen Sie?
ROSMER (erblickt das Reisezeug, wendet sich an REBEKKA und fragt). Was hat das zu bedeuten?
REBEKKA. Das weiß ich noch nicht. Ich will nur sehen, der Sache ein Ende zu machen.
REBEKKA. Geknickt und gebrochen ... Als ich hierher kam, hatt ich einen so frischen und mutigen Willen.
Jetzt hab ich mich unter ein fremdes Gesetz gebeugt ... Von nun an, das fühl ich, hab ich zu nichts, zu gar
nichts mehr Mut.
ROSMER. Warum denn nicht? Und was ist das für ein Gesetz, unter das du –?
REBEKKA. Rosmer, davon wollen wir heut lieber nicht sprechen ... Wie steht es jetzt mit dir und dem
Rektor?
ROSMER. Er ließ all unsre alten Freunde zu sich kommen. Sie haben mich überzeugt, daß ich für eine
solche Mission, – die Geister der Menschen zu adeln, – ganz und gar nicht geschaffen bin ... Und übrigens,
Rebekka, ist das auch an und für sich etwas so Hoffnungloses ... Ich befasse mich nicht damit.
REBEKKA. Ja, zu dieser Ansicht bin ich gekommen. In den letzten paar Tagen.
ROSMER. Ja, du lügst. Du hast nie an mich geglaubt. Niemals hast du geglaubt, ich sei der Mann, diese
Sache siegreich durchzukämpfen.
REBEKKA. Ich glaubte, wir beide zusammen würden sie zum Siege führen.
ROSMER. Das ist nicht wahr. Du glaubtest selber etwas großes im Leben vollbringen zu können. Und mich
glaubtest du als Werkzeug für deine Absichten, deine Zwecke gebrauchen zu können. Dazu war ich
geeignet. Das hast du geglaubt!
REBEKKA. Rosmer, hör mich an. Sprechen wir uns hierüber aus. Es ist das letzte Mal. (Sie setzt sich auf
einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte die Absicht, dir über all das zu schreiben, – nach meiner Rückkehr in
die Finnmark. Aber es ist wohl das beste, ich sag es dir jetzt gleich.
REBEKKA. Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und Schatten gibt.
REBEKKA. Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier auf Rosmersholm Einlaß zu
erhalten. Denn ich glaubte, hier würd ich wohl mein Glück machen. Du begreifst – auf die ein oder andre
Weise.
REBEKKA. Ich glaube, damals hätt ich alles erreicht. Denn da hatt ich noch meinen ungebändigten
freigebornen Willen. Rücksichten kannt ich nicht. Menschliche Verhältnisse schreckten mich nicht... Aber
dann begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so jämmerlich feig gemacht
hat.
ROSMER. Was begann? Rede so, daß ich dich verstehn kann.
REBEKKA. Damals glaubt ich, es müßte Liebe genannt werden. Und ich hielt es auch für Liebe. Aber es war
keine. Es war so, wie ich sagte. Ein wildes unbezwingliches Verlangen.
ROSMER (mit Mühe). Rebekka, – bist du es selbst, – bist du es wirklich selbst, von der du dies alles erzählst!
ROSMER. Also darum, – von dieser Leidenschaft gestachelt, – hast du gehandelt, wie dus nennst.
REBEKKA. Es kam über mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener Orkane, wie wir sie zur Winterzeit
da oben im Norden haben. Er packt einen, – und reißt einen mit fort, – so weit er will. An Widerstand kein
Gedanke.
ROSMER. Und dieser Sturm fegte die unglückliche Beate hinab in den Mühlbach.
REBEKKA. Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf Leben und Tod, – wie wenn auf
einem Wrack zwei Schiffbrüchige miteinander ringen.
ROSMER. Und du warst ja die stärkste auf Rosmersholm. Stärker als Beate und ich zusammen.
REBEKKA. Dich kannt ich genügend, um zu wissen: kein Weg führte zu dir, solange du unfrei warst in
deinen Verhältnissen – und in deinem Denken.
ROSMER. Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, – du selbst, – dein ganzes Verhalten – alles ist mir ein
unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich ja frei, – in meinem Denken und in meinen Verhältnissen. Du stehst nun nah
an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und dennoch –!
ROSMER. – und dennoch, sag ich, – als ich dich gestern fragte, – dich bat: werde mein Weib, – da schriest
du wie erschreckt auf: mein Weib könntest du niemals werden!
ROSMER. Warum?
REBEKKA. Weil Rosmersholm mich gelähmt hat. Meinem kraftvollen Willen sind hier die Schwungfedern
beschnitten. Und gebrochen! Für mich ist die Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen.
Rosmer, ich habe die Kraft zum Handeln verloren.
REBEKKA. Als ich hier allein mit dir war, – und als du wieder du selbst geworden –
REBEKKA. Aber als ich dann hier zusammen mit dir lebte, – in der Stille, – in der Einsamkeit, – als du mir
rückhaltlos all deine Gedanken gabst, – jede Stimmung, so zart und so fein wie du selbst sie empfandest – da
vollzog sich die große Wandlung. Du begreifst: ganz allmählich. Fast unmerklich, – aber zuletzt mit so
überwältigender Macht –! Bis auf den innersten Grund meiner Seele.
REBEKKA. All das andre, – jenes häßliche sinnenberauschende Verlangen, das entrückte mir so weit, so
weit! All diese empörten Mächte beruhigten sich, wurden friedlich und stumm. Eine Gemütsruhe kam über
mich, – eine Stille, wie bei uns da oben auf einem Vogelberg unter der Mitternachtssonne.
REBEKKA. Es ist nicht viel mehr, Lieber. Nur dies eine noch, daß dann die Liebe kam. Jene große
entsagende Liebe, die sich mit dem Zusammenleben begnügt; derart, wie es zwischen uns beiden war.
ROSMER. O, hätt ich von alldem nur die leiseste Ahnung gehabt!
REBEKKA. Wie es ist, so ist es am besten. Gestern, – als du mich fragtest, ob ich dein Weib werden wollte, –
da jubelt es in mir auf –
REBEKKA. Einen Augenblick, ja. In meiner Selbstvergessenheit. Denn es war mein alter stolzer Wille, der
nach Freiheit rang. Aber jetzt hat er keine Schwungkraft mehr, – keine Ausdauer.
ROSMER. Wie erklärst du dir das, was mit dir geschehen ist?
REBEKKA. Es ist die Lebensanschauung der Rosmers, – oder doch jedenfalls deine Lebensanschauung, – die
hat meinen Willen angesteckt.
ROSMER. Angesteckt?
REBEKKA. Und krank gemacht. Unter Gesetze gebeugt, die für mich früher keine Geltung hatten. Rosmer, –
das Zusammenleben mit dir hat meine Seele geadelt.
REBEKKA. Du kannst es getrost glauben. Die Lebensanschauung der Rosmers adelt. Aber – (schüttelt den
Kopf) – aber, – aber –
ROSMER. Aber weißt du das so gewiß? Wenn ich dich jetzt noch einmal fragte –? Dich flehentlich bäte –?
REBEKKA. O, Liebster – komm nie wieder darauf zurück. Es ist unmöglich! Denn du mußt wissen, Rosmer,
ich habe – eine Vergangenheit!
ROSMER (mit schwachem Lächeln). Du, Rebekka, ist es nicht seltsam? Denke dir, eine Ahnung von so etwas
ging mir bisweilen flüchtig durch den Sinn.
ROSMER. Ich hab nie daran geglaubt. Nur damit gespielt, – verstehst du, so in Gedanken.
REBEKKA. Wenn dus verlangst, will ich dir auch dies gleich erzählen.
ROSMER (abwehrend). Nein nein! Nicht ein Wort will ich hören. Was es auch sei, – ich kann vergessen.
ROSMER. O, Rebekka –!
REBEKKA. Ja Rosmer, – das ist das Furchtbare an meinem Schicksal: jetzt, wo alles Erdenglück mir mit
vollen Händen geboten wird, – jetzt bin ich so verwandelt, daß meine eigne Vergangenheit es mir versagt.
ROSMER. Deine Vergangenheit, Rebekka, ist tot. Sie hat keine Macht mehr über dich, – keine Beziehung
mehr zu dir, – so wie du jetzt bist.
REBEKKA. Ach, lieber Freund, das sind nur leere Worte. Und die Schuldlosigkeit? Wo nehm ich die her?
REBEKKA. Die Schuldlosigkeit, ja. Die gewährt das Glück und die Freude. Das war ja die Lehre, die du all
diesen zukünftigen fröhlichen Adelsmenschen einpflanzen wolltest –
ROSMER. O, erinnre mich nicht daran. Rebekka, das war nur ein nebelhafter Traum. Eine voreilige Idee, an
die ich selbst nicht mehr glaube .. Die Menschen, liebe Freundin, lassen sich nicht von außen her adeln.
ROSMER (gedankenvoll). Ja, das wäre das Große. Ich glaube, wohl das Herrlichste im ganzen Leben ...
Wenn es so wäre. (Rückt unruhig hin und her.) Aber wie soll ich mit dieser Frage ins reine kommen? Wie sie
lösen?
ROSMER. Ach Rebekka, – wie kann ich rückhaltlos an dich glauben? An dich, die du hier so außerordentlich
viel verdeckt und verheimlicht hast!... Und nun kommst du mit diesem Neuen. Steckt eine Absicht dahinter,
so sage frei heraus, was es ist. Wünschest du vielleicht dies oder jenes zu erlangen? Von Herzen gern will
ich alles für dich tun, was in meiner Macht steht.
ROSMER. Ja, Rebekka, ist das nicht furchtbar? Aber ich kann es nicht ändern. Niemals wird es mir
gelingen, mich von den Zweifeln zu befreien. Niemals werd ich die volle Gewißheit haben, ob du mit ganzer
reiner Liebe mein bist.
REBEKKA. Aber ist denn nichts in deiner eignen Brust, das dir bezeugt, welche Wandlung mit mir
geschehen ist! Und daß diese Wandlung durch dich, – nur durch dich geschehen ist!
ROSMER. Ach, Rebekka, an meine Fähigkeit, Menschen umzuwandeln, glaub ich nicht mehr. Ich glaube
nicht mehr an mich selbst; in keiner Beziehung. Ich glaube weder an dich noch an mich.
REBEKKA (sieht ihn finster an). Wie willst du da das Leben noch länger ertragen?
ROSMER. Ja, das weiß ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich glaub auch nicht, daß ichs noch zu
ertragen vermag ... Und nichts, nichts weiß ich auf der ganzen Welt, was mir das Leben lebenswert machen
könnte.
REBEKKA. O, das Leben erneuert uns mit jedem Tage. Laß uns daran festhalten, Rosmer ... Wir verlassen es
noch früh genug.
ROSMER (springt unruhig auf). Dann gib mir meinen Glauben wieder! Den Glauben an dich, Rebekka! Den
Glauben an deine Liebe! Beweise! Beweise will ich haben!
ROSMER. Du mußt! (Geht umher.) Ich ertrage sie nicht, diese Öde, – diese fürchterliche Leere, – diese, –
diese –
(Die Tür geht auf. BRENDEL kommt herein. Er hat ein Oberhemd, schwarzen Überzieher und gute Stiefel
an. Die Beinkleider stecken in den Stiefeln. Im übrigen ist er wie das vorige Mal gekleidet. Er sieht verstört
aus.)
ROSMER. Wie –?
BRENDEL. Jetzt geh ich heimwärts, mein geliebter Jünger. Hab Heimweh bekommen nach dem großen
Nichts.
BRENDEL. Ah, du hast die Verwandlung bemerkt? Na, – wundert mich nicht. Als ich zum letzten Mal diese
Hallen betrat, – da stand ich als reicher Mann vor dir und klopfte mir stolz auf die Brust.
BRENDEL. Aber so wie du mich heute nacht siehst, bin ich ein entthronter König, sitzend auf den
Trümmern meines niedergebrannten Schlosses.
BRENDEL. Du hast dir dein Kindergemüt bewahrt, Johannes. Kannst du mir ein Darlehn gewähren?
BRENDEL. Ein paar abgelegte Ideale. Dann tust du ein gutes Werk. Denn nun bin ich blank, mein guter
Junge. Gesiebt und gebeutelt.
BRENDEL. Nein, meine verlockende Dame. Denken Sie: just da ich parat stehe mein Füllhorn
auszuschütten, mach ich die schmerzhafte Entdeckung, daß ich bankrott bin.
BRENDEL. Fünfundzwanzig Jahr hab ich da gesessen wie der Geizhals auf seiner verschlossnen Geldkiste.
Und da gestern abend, – als ich öffne und den Schatz hervorholen will, – ist keiner drin! Der Zahn der Zeit
hatte ihn zu Staub zernagt. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts übrig geblieben, – assolutamente niente.
BRENDEL. Für Zweifel, mein Liebling, ist hier kein Raum mehr. Der Präsident hat mich davon überzeugt.
ROSMER. Was!
BRENDEL (geheimnisvoll). Pst, pst, pst! Peter Mortensgaard ist der Herr und Häuptling der Zukunft.
Niemals stand ich vor eines Größern Angesicht. Peter Mortensgaard besitzt die Gabe der Allmacht. Er kann
alles, was er will.
ROSMER (leise). Jetzt begreif ich, daß Sie ärmer von hier fortgehn als Sie kamen.
BRENDEL. Bien! Nimm dir also ein Exempel an deinem alten Lehrer. Lösch alles aus, was er dir einst
eingeprägt hat. Baue dein Schloß nicht auf Flugsand. Und sieh dich vor, – und untersuche erst deine
Fahrstraße, – eh du auf dies anmutreiche Wesen baust, das dir hier das Leben versüßt.
BRENDEL (kommt einen Schritt näher). Mir ist die Mitteilung geworden, daß mein ehmaliger Jünger eine
Lebensaufgabe zum Siege führen will.
BRENDEL. Der Sieg ist ihm sicher. Aber, – wohlgemerkt, – unter einer unerläßlichen Bedingung.
BRENDEL (fasst sie zart am Handgelenk). Daß die Frau, die ihn liebt, fröhlich in die Küche geht und ihren
feinen rosaweißen kleinen Finger abhackt, – hier, – just hier am Mittelglied. Item, daß bemeldetes liebendes
Weib – wiederum fröhlich – sich dies so unvergleichlich geformte linke Ohr abschneidet. (Lässt sie los und
wendet sich zu ROSMER). Leb wohl, Johannes der Siegreiche.
BRENDEL. Die finstre Nacht – das ist noch mein bester Freund. Friede sei mit euch.
REBEKKA (atmet schwer auf). Ach, wie dumpf und schwül es hier ist! (Sie geht ans Fenster, öffnet es und
bleibt dort stehen.)
ROSMER (setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen). Es bleibt uns wohl nichts andres übrig, Rebekka. Ich sehs.
Du mußt reisen.
ROSMER. Nützen wir die letzten Augenblicke. Komm, setz dich hier zu mir.
REBEKKA (geht hin und setzt sich aufs Sofa). Was wünschest du von mir, Rosmer?
ROSMER. Zunächst möcht ich dir sagen, daß du um deine Zukunft nicht besorgt zu sein brauchst.
ROSMER. Ich hab an alle Möglichkeiten gedacht. Schon lange. Was auch kommen mag, für dich ist gesorgt.
REBEKKA. Seit Jahr und Tag hab ich an so etwas nicht mehr gedacht.
ROSMER. Ja ja – du meintest wohl, es könnte nie anders zwischen uns werden als es war.
REBEKKA. Ja, das glaubt ich.
ROSMER. Über dies erbärmliche Leben darf ich doch wohl selbst verfügen.
ROSMER. Scheint dir das so seltsam? Nach der schmachvollen jämmerlichen Niederlage, die ich erlitten
habe! Ich, der ich meine Lebensaufgabe zum Siege führen wollte –. Und nun hab ich die Flucht ergriffen, –
noch bevor die Schlacht ordentlich begonnen hatte!
REBEKKA. Rosmer, nimm den Kampf wieder auf! Versuchs nur, – und du sollst sehn, du siegst! Hunderte, –
Tausende von Geistern wirst du adeln. Versuch es nur!
ROSMER. Ach, Rebekka, – ich, der ich nicht mehr an meine eigne Lebensaufgabe glaube.
REBEKKA. Aber deine Sache hat ja schon die Probe bestanden. Einen Menschen hast du jedenfalls geadelt.
Mich ... für mein ganzes übrige Leben.
REBEKKA (presst die Hände zusammen). Ach, Rosmer, – gibt es denn nichts, – garnichts, was dich davon
überzeugen könnte?
ROSMER (fährt wie von Angst ergriffen zusammen). Hör auf! Rebekka, rühre nicht mehr daran! Kein Wort
mehr!
REBEKKA. Ja, grade hiervon müssen wir sprechen. Weißt du etwas, das den Zweifel ersticken könnte? Ich
weiß nichts.
ROSMER. Es ist für dich am besten so, daß du nichts weißt ... Am besten so für uns beide.
REBEKKA. Nein nein nein, – damit geb ich mich nicht zufrieden! Weißt du etwas, das mich in deinen Augen
freispricht, so fordre ich als mein Recht, daß dus nennst.
ROSMER (wie unwillkürlich, gegen seinen eignen Willen gezwungen zu sprechen). Dann laß uns sehen ...
Du sagst, du hättest die große Liebe. Durch mich sei dein ganzes Wesen geadelt. Ist das wahr? Ist deine
Rechnung richtig, Rebekka? Sollen wir die Probe auf das Exempel machen? Ja?
ROSMER. Jederzeit?
ROSMER. Wohlan, Rebekka, – beweise mir, – ob du, – um meinetwillen, – noch heut abend –. (Bricht ab.)
Ach nein, nein nein!
ROSMER. Hast du den Mut, – bist du bereit, – fröhlich, wie Ulrich Brendel sagte, – um meinetwillen, noch in
dieser Nacht, – fröhlich, – denselben Weg zu gehn, – den Beate ging?
REBEKKA (erhebt sich langsam vom Sofa und sagt fast unhörbar). Rosmer –!
ROSMER. Ja, Rebekka, – das ist die Frage, die mir ewig durch den Kopf gehn wird, – wenn du abgereist bist.
Zu jeder Stund und Minute wird sie sich einstellen. O, mir ist, als seh ich dich leibhaftig vor mir. Du stehst
draußen auf dem Steg. Grad in der Mitte. Nun beugst du dich übers Geländer! Ein Schwindel packt dich, es
zieht dich hinab in die rauschende Flut! Nein. Du weichst zurück. Wagst nicht, – was sie wagte.
REBEKKA. Aber wenn ich nun doch diesen Mut hätte? Und den fröhlichen Willen? Was dann?
ROSMER. Dann müßt ich dir wohl glauben. Dann müßt ich wohl den Glauben an meine Lebensaufgabe
wiedergewinnen. Den Glauben an meine Fähigkeit, die Herzen der Menschen zu adeln. Den Glauben, daß
die Menschenherzen adelsfähig sind.
REBEKKA (nimmt langsam ihren Schal, schlägt ihn über den Kopf und sagt mit Ruhe). Du sollst deinen
Glauben wieder haben.
ROSMER. Rebekka, du hast den Mut und den Willen – zu diesem Schritt?
REBEKKA. Darüber magst du dir morgen ein Urteil bilden, – oder später, – wenn sie mich aufgefunden
haben.
ROSMER (fasst sich an die Stirn). Ha! Welch verlockendes Grauen packt mich –!
REBEKKA. Denn ich möchte nicht gern da unten liegen bleiben. Nicht länger als notwendig ist. Es muß
dafür gesorgt werden, daß sie mich finden.
ROSMER (springt auf). Aber dies alles, – das ist ja Wahnsinn! Reise, – oder bleib! Ich will dir auch diesmal
auf dein bloßes Wort glauben.
REBEKKA. Redensarten, Rosmer. Du, jetzt nicht wieder Feigheit und Flucht! Wie kannst du fortan mir je
wieder auf mein bloßes Wort hin glauben?
ROSMER. Doch, doch! Niemals wirst dus über dich bringen, Beatens Weg zu gehen.
ROSMER. Niemals. Du bist nicht wie Beate. Du stehst nicht unter der Herrschaft einer verpfuschten
Lebensanschauung.
REBEKKA. Aber ich befinde mich jetzt in der Gewalt der Rosmerschen Lebensanschauung. Was ich
verbrochen, – das muß ich sühnen.
REBEKKA. Ja.
ROSMER (entschlossen). Nun gut. Dann, Rebekka, steh ich unter der Herrschaft unsrer freiern
Lebensanschauung. Über uns gibt es keinen Richter. Und deshalb müssen wir uns selber richten.
REBEKKA (missdeutet seine Worte). Auch das. Auch das. Mein Fortgehen wird das Beste in dir retten.
REBEKKA. Doch. Aber ich, – fortan würd ich nur noch einem Meergespenst gleichen, das das Schiff, auf
dem du dahinsegeln sollst, in seinem Lauf hemmte. Ich muß über Bord. Oder soll ich vielleicht hier oben auf
der Welt bleiben und mein verkrüppeltes Leben noch weiter hinschleppen? Ewig brüten und grübeln über
das Glück, um das meine Vergangenheit mich betrogen hat? Ich, Rosmer, muß das Spiel aufgeben.
REBEKKA. Bis zum Steg, ja. Ihn zu betreten getraust du dich ja nicht.
REBEKKA (traurig und gebrochen). Ja ... Das wars, was meine Liebe hoffnungslos machte.
ROSMER. Rebekka, – nun leg ich meine Hand auf dein Haupt. (Tut es.) Und traue dich mir an als mein
Weib.
REBEKKA (ergreift seine beiden Hände und neigt den Kopf an seine Brust). Dank, Rosmer, Dank. (Lässt ihn
los.) Und nun geh ich – fröhlich.
ROSMER. Auch auf den Steg. So weit du gehst, – so weit geh ich mit. Denn jetzt getrau ich mich.
REBEKKA. Bist du überzeugt, unerschütterlich fest überzeugt, – daß dieser Weg für dich der beste ist?
REBEKKA. Wenn du dich darin irrtest? Wenn es nur eine Sinnestäuschung wäre? Eins von diesen weißen
Rossen auf Rosmersholm.
ROSMER. Mag sein. Denn diesen entgehn wir ja doch nicht, – wir hier auf dem Hofe.
ROSMER. Der Mann muß seinem Weibe folgen, wie das Weib dem Manne.
REBEKKA. Ja, das sage mir erst. Folgst du mir? Oder folg ich dir?
ROSMER. Ja. Nun sind wir eins. Komm! Wir gehn fröhlich.
(Sie gehen Hand in Hand durch das Vorzimmer hinaus. Man sieht, dass sie sich nach links wenden. Die Tür
bleibt hinter ihnen offen. – Das Zimmer bleibt eine kleine Weile leer. Dann wird die Tür rechts von FRAU
HILSETH geöffnet.)
FRAU HILSETH. Fräulein, – nu ist der Wagen –. (Sieht sich um.) Nicht hier? Um diese Zeit zusammen aus?
Na, sowas, – da muß ich doch sagen –! Hm! (Geht ins Vorzimmer, sieht sich um und kommt wieder herein.)
Auch nicht auf der Bank. Ach nein, nein. (Tritt ans Fenster und blickt hinaus.) Jesus Christus! Das Weiße
dort –! – Ja, wahr und wahrhaftig, stehn beide auf dem Steg! O, die sündigen Menschen! Gott verzeih ihnen!
Schlingen die Arm um 'nander! (Schreit laut auf.) Ha! – hinab – alle beide! Hinab in die Flut! Hülfe! Hülfe!
(Die Knie schlottern ihr, sie hält sich zitternd an der Stuhllehne fest und vermag die Worte kaum
hervorzubringen.) Nein. Da ist keine Rettung möglich ... Die selige Frau hat sie geholt.
Schiemann & Co, g.m.b.h., Zittau.
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original,
danach die geänderte Stelle steht.
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uns zurückzukehreu.
uns zurückzukehren.
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REBEKKA (leidensehaftlich). O, sprich mir nicht
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REBEKKA, Ja.
REBEKKA. Ja.
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ROSEMR. Wie –?
ROSMER. Wie –?
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