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Eutscher Bundestag: Sitzung

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 29. November 1961. Es werden Glückwünsche zu Geburtstagen ausgesprochen und über die Konstituierung von Ausschüssen sowie die Tagesordnung diskutiert.

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Eutscher Bundestag: Sitzung

Das Dokument enthält den Protokolltext einer Sitzung des Deutschen Bundestags vom 29. November 1961. Es werden Glückwünsche zu Geburtstagen ausgesprochen und über die Konstituierung von Ausschüssen sowie die Tagesordnung diskutiert.

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D eutscher Bundestag

5. Sitzung

Bonn, den 29. November 1961

Inhalt:

Glückwünsche zu den Geburtstagen der Ruf (CDU/CSU) . . . . . . . . 40 C


Abg. Dr. Dr. h. c. Friedensburg, Altmaier, Weber (Georgenau) (FDP) . . . . 42 B
Dr. Poepke und Bäumer . . . . . . . 21A
Wahl der Vertreter der Bundesrepublik
Anteilnahme des Bundestages am Tode des Deutschland zur Beratenden Versamm-
Präsidenten des amerikanischen Reprä- lung des Europarates (Drucksache IV/32) 44 A
sentantenhauses . . . . . . . . . 21 A
Wahl der Vertreter der Bundesrepublik
Begrüßung des Präsidenten der Versamm- Deutschland zum Europäischen Parlament
lung der Westeuropäischen Union, M (Drucksache IV/33) . . . . . . . . 44 B
Arthur Conte 33 D
Antrag betr. Zahlung eines Weihnachts-
Erweiterung der Tagesordnung 21 B geldes an Beamte und Versorgungsemp-
fänger des Bundes (SPD) (Drucksache
Vorläufige Konstituierung von Ausschüssen 21 C IV/27)
Gscheidle (SPD) 44 C
Abgabe einer Erklärung der Bundesregie-
rung Höcherl, Bundesminister 45 B, 48 C
Dr. Dr. h. c. Erhard, Stellvertreter Schmitt-Vockenhausen (SPD) . . . 46 B
des Bundeskanzlens 22 A Hübner (CDU/CSU) . . . . . 46 D
Dorn (FDP) 47 C
Entwurf eines Vierten Gesetzes über die
Schoettle (SPD) . . . . . . . 48 B
Anpassung der Renten aus den gesetz-
chen Rentenversicherungen (Viertes Ren-
tenanpassungsgesetz (Drucksache IV/16) Antrag betr. Wahl der Mitglieder des
— Erste Beratung — Wahlprüfungsausschusses (CDU/CSU,
SPD, FDP) (Drucksache IV/31) . . . 49 A
Blank, Bundesminister . . 34 A, 43 B
Dr. Schellenberg (SPD) . 36 A, 42 A, Nächste Sitzung 49 C
43 D
Spitzmüller (FDP) 38 D Anlage 51
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 21

5. Sitzung

Bonn, den 29. November 1961

Stenographischer Bericht Der Herr Bundesminister für Verkehr hat unter dem 18. No-
vember 1961 die Kleine Anfrage der Abgeordneten Richarts,
Gibbert, Holkenbrink, Dr. Zimmer und Genossen betr. Rationa-
lisierungsmaßnahmen der Deutschen Bundesbahn Im Eifelgrenz-
Beginn: 15.02 Uhr. raum — Drucksache IV/7 — beantwortet. Sein Schreiben ist als
Drucksache IV/23 verteilt.
Der Herr Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hat
unter dem 20. November 1961 die Kleine Anfrage der Abgeord-
neten Dr. Stecker und Genossen betr. Sicherheitsvorschriften für
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Die Sitzung Erdölfernleitungen — Drucksache IV/2 — beantwortet. Sein
Schreiben ist als Drucksache IV/25 verteilt.
ist eröffnet. Der Herr Staatssekretär des Bundesministeriums für Verteidi-
gung hat unter dem 24. November 1961 die Kleine Anfrage der
Meine Damen und Herren, vor Eintritt in die Fraktion der SPD betr. Verlängerung der Dienstzeit der Sol-
Tagesordnung teile ich dem Hause mit, daß ich aus daten auf Zeit um 3 Monate und Einberufung der Wehrpflich-
tigen zu einer 3 Monate dauernden Wehrübung im Anschluß an
Anlaß des Todes des Präsidenten des amerikani- denGruwhist—DckaeIV/10bntwor.Sei
Schreiben ist als Drucksache IV/29 verteilt.
schen Repräsentantenhauses dem Präsidium und
Der Herr Präsident der Versammlung der Westeuropäischen
dem Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten Union hat die Texte von sechs Empfehlungen, die von der
von Amerika die herzliche Anteilnahme dieses Versammlung während des Ersten Teils ihrer Siebten Ordent-
lichen Sitzungsperiode vom 29. Mai bis . Juni 1961 in London a
Hauses zum Ausdruck gebracht habe. angenommen wurden, sowie die von den zuständigen Aus-
schüssen hierzu ausgearbeiteten Begründungen übersandt. Sie
Glückwünsche zu Geburtstagen spreche ich aus sind als Drucksache IV/3 verteilt.

Herrn Dr. Dr. h. c. Friedensburg zum 75. Geburtstag, Meine Damen und Herren, ich befinde mich vor
(Beifall) einer anderen Schwierigkeit; wir haben sie heute im
Ältestenrat erörtert. Wir brauchen unbedingt min-
dem Herrn Abgeordneten Jakob Altmaier zum 72. destens drei Ausschüsse, die jetzt an die Arbeit
Geburtstag, gehen müssen: den Haushaltsausschuß, den Sozial-
(Beifall) politischen Ausschuß und den Außenhandelsaus-
dem neuen Mitglied des Hauses Herrn Dr. Poepke schuß. Ich schlage dem Hause vor, daß wir diese
zum 60. Geburtstag. Ausschüsse bitten, sich zu konstituieren — ich
(Beifall.) nehme an, daß die Benennungen für diese Aus-
schüsse von den Fraktionen erfolgt sind oder in
Heute hat auch ein jüngerer Kollege Geburtstag; diesen Tagen erfolgen werden —, und daß wir
er liegt jedoch noch unter der Grenze, von der ab bitten, daß so lange der Älteste in diesen. Aus-
er hier verkündigt wird. schüssen den Vorsitz führt, bis über die allgemeine
(Heiterkeit.) Frage der Ausschußorganisation für die 4. Legis-
laturperiode in diesem Hause entschieden ist. Ich
Aber der Herr Abgeordnete Bäumer feiert heute habe heute die Herren Fraktionsgeschäftsführer ge-
den 60. Geburtstag und hat damit gerade die Grenze beten, ihre endgültigen Meldungen darüber bis zum
erreicht. 12. Dezember, vormittags 10 Uhr, dem Präsidenten
(Beifall.) des Hauses abzugeben.
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll Wir müssen versuchen, jetzt möglichst alle Aus-
die heutige Tagesordnung erweitert werden um die schüsse zu konstituieren und an die Arbeit zu brin-
Behandlung des Antrags der Fraktionen der CDU/ gen. Ich wiederholte meinen Vorschlag, daß, bis alle
CSU, SPD, FDP betr. Wahl der Mitglieder des Wahl- Ausschüsse konstituiert sind, in diesen drei Aus-
prüfungsausschusses — Drucksache IV/31 —. Ich schüssen der jeweils Älteste den Vorsitz führt. Ein-
höre keinen Widerspruch; es ist so beschlossen. verstanden? — Ich höre keinen Widerspruch; es ist
so beschlossen. Insoweit ist also die bereits be-
Es ist eingegangen die Zusammenstellung der
schlossene Überweisung einer Vorlage an den
über- und außerplanmäßigen Haushaltsausgaben im
Haushaltsausschuß bestätigt.
2. Vierteljahr des Rechnungsjahres 1961 — Druck-
sache IV/4 —. Ist das Haus mit der Überweisung Meine Damen und Herren, wir kommen zur
der Vorlage an den Haushaltsausschuß einverstan- Tagesordnung.
den? — Ich höre keinen Widerspruch. — Es ist so Ich rufe Punkt 1 auf:
beschlossen.
Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung.
Folgende amtliche Mitteilungen werden ohne
Verlesung in den Stenographischen Bericht aufge- Ich gebe das Wort dem Herrn Stellvertreter des
nommen: Bundeskanzlers.
22 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Dr. Dr. h. c. Erhard, Stellvertreter des Bundes- In der Koalitionsvereinbarung wurde im Geiste
kanzlers: Herr Präsident! Meine Damen und Her- loyaler Partnerschaft eine gemeinsame Konzeption
ren! Als Stellvertreter des Herrn Bundeskanzlers der Grundzüge der uns erwartenden Regierungs-
habe ich die Ehre, in seinem Namen dem Hohen arbeit niedergelegt. Die in der letzten Zeit erhobe-
Hause zu Beginn der Arbeit der 4. Legislaturperiode nen Vorwürfe, eine solche Vereinbarung stehe nicht
die Erklärung der Bundesregierung zur Kenntnis zu im Einklang mit unserer Verfassung, halte ich für
bringen. unberechtigt. Diese Arbeitsrichtlinien, bei denen es
Die Wahlen zum 4. Deutschen Bundestag und die sich praktisch um das Ergebnis sorgfältiger Prüfung
Bildung einer neuen Bundesregierung vollzogen handelt, inwieweit die einen gemeinsamen Weg
sich in einer besonders spannungsreichen Zeit. Der suchenden Partner in ihren Auffassungen überein-
Ost-West-Gegensatz, die Berlin-Krise, deren welt- stimmen, können so wenig verfassungswidrig sein
weite Bedeutung durch die Wiederaufnahme der wie etwa programmatische Festlegungen einer ein-
sowjetischen Atomversuche und durch die Drohung zelnen Partei. Weder die Verfassung noch der von
mit der Superbombe sichtbar wurde, erfüllen uns den Mitgliedern dieser Regierung geleistete Eid
alle mit Sorge. Um so höher ist die Besonnenheit werden durch das Vorhandensein einer solchen Ver-
unserer Bevölkerung zu werten. einbarung beeinträchtigt, sie bleiben vielmehr bei
Die Bundestagswahlen haben eine weitere Kon- jeder einzelnen Entscheidung verbindlich. Es ver-
zentration des Wählerwillens ergeben. Während im steht sich von selbst, daß auch die in der Verfas-
ersten Deutschen Bundestag zwölf Parteien vertre- sung garantierte freie Gewissensentscheidung der
ten waren, gehören unserem Parlament jetzt nur zur Koalition gehörigen Abgeordneten dieses
noch Vertreter von drei Fraktionen an. Radikale Hohen Hauses unangetastet bleibt.
Splittergruppen sind durch den Wähler zur völligen (Zurufe von der SPD: Na! Na!)
Bedeutungslosigkeit verurteilt worden, — ein er- Unser Vorgehen ist auch nicht ohne Beispiel. Die
mutigendes Zeichen. Parteiengruppierung, welche die gegenwärtige nie-
Da es bei dieser Wahl keiner Partei gelungen ist, dersächsische Landesregierung bildet, hat ebenfalls
die absolute Mehrheit im Bundestag zu erreichen, einen Koalitionsvertrag abgeschlossen, ohne daß
stellte sich die Aufgabe, eine Koalitionsregierung seit Jahr und Tag irgend jemand darin einen Ver-
zu bilden. Es hat Befürworter einer All-Parteien- fassungsverstoß gefunden hätte.
Regierung gegeben. Wir hielten eine solche Lösung Der heutigen Bundesregierung gehören 20 Bun-
nicht für angebracht. Ich selbst habe stets aus all- desminister an.
gemein staatspolitischen Erwägungen die Auffassung
vertreten, daß in diesem demokratischen System (Zuruf von der SPD: Mehr nicht?)
eine Opposition absolut notwendig ist. Das be- Neugeschaffen wurden das Bundesministerium für
deutet nicht, daß wir nicht alle Bemühungen unter- wirtschaftliche Zusammenarbeit und das Bundes-
nehmen sollten, um gerade in den wichtigsten Le- ministerium für Gesundheitswesen. Außerdem ist
bensfragen unseres Volkes zu übereinstimmenden ein Bundesminister für besondere Aufgaben beru-
Auffassungen und zu gemeinsamem Handeln aller fen worden.
im Bundestag vertretenen Parteien zu kommen. (Hört! Hört! bei der SPD.)
Eine Koalition zwischen CDU/CSU und FDP bot Lassen Sie mich an dieser Stelle den ausscheiden-
sich als die naheliegende' Lösung an, zumal diese den Mitgliedern der bisherigen Bundesregierung für
Parteien im Verlaufe der für den Aufbau unseres ihre hingebungsvolle Arbeit, mit der sie dem Wohle
Staatswesens entscheidenden Jahre schon zusam- unseres Volkes und Landes gedient haben, den
mengearbeitet hatten. Ein erneutes Zusammengehen herzlichsten Dank aussprechen.
entsprach nach unserer Auffassung am besten dem (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Willen der Wählerschaft. Die Verhandlungen zwi-
schen CDU/CSU und FDP führten nach eingehender Die Kritik an der Vergrößerung der Zahl der
Überprüfung der wichtigen Fragen unserer Politik zu Bundesminister erscheint nicht berechtigt. Die
jener Übereinstimmung, die die Bildung der amtie- Kritiker verkennen, daß die Zahl der Ministerien
renden Bundesregierung ermöglichte. nur Ausdruck dafür ist, daß zahlreiche Aufgaben für
den Staat neu entstanden sind,
Verschiedentlich wurde die Dauer dieser Ver-
handlungen gerügt. Dazu möchte ich feststellen, daß (Zuruf von der SPD: Erst jetzt?)
auch nach den Bundestagswahlen der Jahre 1949, sei es aus der besonderen politischen Situation un-
1953 und 1957 jeweils eine Frist von über einem serer Zeit, aus der ständigen Komplizierung der
Monat bis zur Ernennung und Vereidigung einer modernen Gesellschaft oder auch aus der manchmal
neuen Bundesregierung benötigt wurde. Wenn es beklemmenden technischen Entwicklung.
diesmal um ein Geringes länger gedauert hat, so (Lachen bei der SPD.)
kann ich darin keinen Grund zur Beanstandung fin-
den. Die Bundesregierung ist vielmehr der Auffas- Schon in der Regierungserklärung vom 20. Septem-
sung, daß diese Verhandlungen der Koalitionspart- ber 1949 hat der Herr Bundeskanzler auf diesen
ner notwendig waren, weil dadurch eine zuverläs- Sachverhalt hingewiesen, ohne daß damals schon
sige, solide Basis für die gemeinsame Arbeit ge- das ganze Ausmaß der sich uns ständig neu stellen-
schaffen wurde, deren eine handlungsfähige Regie- den Probleme erkennbar war. Ein Ministerium muß
rung in einer so unruhigen Zeit wie der unsrigen für seinen Chef überschaubar bleiben,
bedarf. (Lachen bei der SPD)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 23
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
wenn er nicht in der Routine der Verwaltungsauf- desregierung bekennt sich aus Überzeugung zu dem
gaben aufgehen soll, sondern wenn er — wie es in der Verfassung niedergelegten Grundsatz eines
notwendig ist — sich den Blick frei halten will für föderativen Staatsaufbaus und zur gegenseitigen
seine politischen Aufgaben, für seine Verantwor- Treuepflicht zwischen Bund und Ländern. Ihr kommt
tung für das Ganze. Um diesem Erfordernis zu ent- es aber auch zu, das Wohl der Bundesrepublik als
sprechen, mußten wir — nicht erst bei dieser Re- Ganzes nachdrücklich zu wahren und zu vertreten.
gierungsbildung — für einige in ihrer Bedeutung (Beifall bei der CDU/CSU.)
enorm gewachsene Zweige bisheriger sogenannter
klassischer Ministerien besondere Ressorts schaffen. In den vergangenen Legislaturperioden war es
leider noch nicht möglich, ein Parteiengesetz zu ver-
Davon abgesehen aber bin ich der Meinung, daß abschieden.
wir im internationalen Vergleich durchaus bestehen (Zuruf von der SPD: Leider!)
können, selbst wenn man die nach dem föderativen
Aufbau unseres Staatswesens gegebene Aufgaben- Ich glaube aber, daß die Erörterung der damit zu-
teilung zwischen Bund und Ländern berücksichtigt. sammenhängenden schwierigen Probleme inzwi-
Großbritannien z. B. hat ein Kabinett von 30 Mit- schen so weit fortgeschritten ist, daß eis in dieser
gliedern, von denen 21 stimmberechtigt sind. Die Legislaturperiode gelingen wird, ein Gesetz zu
Regierung Italiens besteht aus 24 Mitgliedern, die schaffen, das den politischen Parteien die Erfüllung
alle stimmberechtigt sind, davon drei ohne Porte- ihres verfassungsmäßigen Auftrags gewährleistet.
feuille. In Frankreich hat das unter dem Staatspräsi- Für die Bewältigung der uns gestellten Aufgaben
denten de Gaulle gebildete Kabinett 28 Mitglieder, ist ein zuverlässiges, unbestechliches und pflicht-
alle stimmberechtigt, davon 18 Minister; zehn sind getreues Berufsbeamtentum eine wesentliche Vor-
Staatsminister und Staatssekretäre. aussetzung. Es zu erhalten und zu festigen sowie
Schließlich möchte ich auch ein Wort dazu sagen, in seiner rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung
warum abweichend von der bisherigen Gepflogen- zu sichern, wird auch für die kommende Legislatur-
heit diese Regierungserklärung nicht am Tage der periode eine wichtige Aufgabe sein.
Vorstellung und Vereidigung des Bundeskabinetts Die Bundesregierung sieht es nach wie vor als
abgegeben wurde. Zwar sind, wie ich schon ausge- eines ihrer grundsätzlichen Anliegen an, die rechts-
führt habe, in den Koalitionsverhandlungen klare staatliche Ordnung in der Bundesrepublik zu sichern
Vorstellungen über die Grundsätze des Regierungs- und auszugestalten.
programms erarbeitet worden. Es ist aber selbstver-
Rechtspolitisch ist in der letzten Legislaturperiode
ständlich, daß die neu in die Regierung eingetrete- ein gewisser Abschnitt erreicht worden: Die Berei-
nen Mitglieder ein Recht darauf hatten, bei der Fest-
nigung des deutschen Rechts gegenüber der Zeit
legung der Einzelheiten dieser Regierungserklärung von 1933 bis 1945 und die Wiederherstellung der
ihren persönlichen Einfluß geltend zu machen. deutschen Rechtseinheit gegenüber den Jahren von
(Zuruf von der SPD: Früher nicht?) 1945 bis 1949 konnten im wesentlichen ebenso voll-
endet werden wie die Ablösung des Besatzungs-
Das aber war in der bis zur Vereidigung der Bun- rechts. Die Sammlung des bereinigten Bundesrechts
desregierung zur Verfügung stehenden Zeit schon steht unmittelbar vor ihrem Abschluß; sie wird der
deshalb nicht möglich, weil unmittelbar nach der Praxis eine große Hilfe bedeuten.
Wahl und Ernennung des Bundeskanzlers eine aus
der außenpolitischen Situation sich ergebende außer- Im Mittelpunkt der Aufgaben der neuen Wahl-
gewöhnliche Beanspruchung des Regierungschefs periode werden drei große Reformwerke stehen:
einsetzte, die es ihm zur Pflicht machte, dieser Ar- das neue Strafgesetzbuch, das neue Aktiengesetz
beit vorübergehend alle anderen Belange unterzu- und das neue Urheberrechtsgesetz.
ordnen. Er ist der Meinung, daß er sich nach der Als Ergebnis jahrelanger Vorarbeiten werden
Aussprache, die er vor seiner Abreise nach Wash- diese Entwürfe bereits in nächster Zeit dem Bundes-
ington am 17. November 1961 mit den Vorsitzenden tag vorgelegt werden können.
der Bundestagsfraktionen hatte, auf diese Ausfüh-
Als besonders dringlich ist die Verabschiedung
rungen beschränken kann. der Strafprozeßnovelle anzusehen, die bereits dem
Lassen Sie mich nun einigen Schwerpunkten der letzten Bundestag zugegangen war. Die europäische
künftigen Regierungsarbeit mich zuwenden. Rechtsangleichung werden wir weiter nachdrücklich
zu fördern haben.
Mit einer gewissen Sorge hat die Bundesregie-
rung der vergangenen Legislaturperiode die Ent- Wie in der Vergangenheit wird es auch in der
wicklung des Bund-Länder-Verhältnisses beobachtet. Zukunft besonderer Anstrengungen zur Förderung
Die Bewältigung der vor uns allen liegenden schwe- von Wissenschaft und Forschung bedürfen. Dies ist
ren Aufgaben macht es notwendig, daß alles getan von zentraler Bedeutung für die Entfaltung der gei-
wird, eine fruchtbare und reibungslose Zusammen- stigen Kräfte unseres Volkes und für seine Geltung
arbeit zwischen Bund und Ländern zu sichern. in der Welt. Die eingeleiteten Maßnahmen werden
unter Berücksichtigung der Vorschläge des Wissen-
(Hört! Hört! bei der SPD.)
schaftsrats in enger Zusammenarbeit mit den Län-
Ohne eine solche sind diese Aufgaben nicht zu dern durchgeführt. Die Bundesregierung erklärt er-
meistern; bei ihrer Durchführung wird die Bundes- neut ihre Bereitschaft, sich an der Errichtung neuer
regierung vielmehr in verstärktem Maße auf die wissenschaftlicher Hochschulen zu beteiligen. Ange-
Mitwirkung der Länder angewiesen sein. Die Bun- sichts der wachsenden Zahl von Studierenden soll-
24 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
ten die zuständigen Stellen unverzüglich. alles tun, Volkswirtschaft zügig weiterzuentwickeln. Die Bun-
damit unsere wissenschaftlichen Hochschulen ihre desregierung sieht daher in der konsequenten Fort-
Aufgaben sachgemäß erfüllen können. führung der nunmehr seit zwölf Jahren bewährten
Sozialen Marktwirtschaft das beste Mittel, um die-
Die Bundesregierung wird ihre Anstrengungen
sen Notwendigkeiten gerecht zu werden.
zur Förderung der Kernforschung und zum Aufbau
einer Atomwirtschaft fortsetzen. Sie wird sich dabei (Beifall bei den Regierungsparteien.)
auch der Weltraumforschung und der Raumfahrt-
Damit ist die Möglichkeit für weiteres wirtschaft-
technik annehmen.
liches Wachstum und die Gewißheit für wirtschaft-
Angesichts der großen Bedeutung, die die Erhal- liche Sicherheit im besten Wortsinn gegeben. West-
tung der Gesundheit für den einzelnen und für deutschland leistet damit an der Nahtstelle zwischen
unser Volk hat, hat sich die Bundesregierung ent- Ost und West einen entscheidenden Beitrag zum
schlossen, ein Bundesministerium für Gesundheits- Schutz der westlichen Welt vor kommunistischer
wesen einzurichten. Zu dessen vordringlichen Auf- Zersetzung und Infiltration.
gaben wird es gehören, sich der Fragen der Rein- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
haltung des Wassers und der Luft
Die Fortführung und Weiterentwicklung der So-
(Abg. Wehner: Hört! Hört!)
zialen Marktwirtschaft wird es gestatten, die immer
sowie der Bekämpfung des Lärms anzunehmen. neuen Probleme, vor die uns die moderne Industrie-
gesellschaft stellt, befriedigend zu lösen. Nur so
(Abg. Wehner: Hört! Hört! — Weitere Zu-
werden wir in der Lage sein, den in letzter Zeit
rufe und Lachen bei der SPD.)
verschärften internationalen Wettbewerb zu beste-
Vor allem in den Ballungsgebieten haben die nega- hen. Die enge internationale Verflechtung hat mit
tiven Begleiterscheinungen unserer Zivilisation dazu beigetragen, in Deutschland die Vollbeschäfti-
einen besorgniserregenden Umfang angenommen. gung zu sichern und den Millionen von Heimatver-
Es wird alles getan werden müssen, um die auf triebenen eine neue Existenz zu gewähren. Aus
diesem Gebiet notwendigen Maßnahmen mit Ener- dieser führenden Position erwächst aber auch die
gie voranzutreiben. Verpflichtung, um die Ordnung der internationalen
(Sehr gut! bei der SPD. — Beifall bei den Beziehungen, besonders auch des internationalen
Regierungsparteien. — Wiederholter Bei Zahlungsverkehrs, bemüht zu sein.
fall und Lachen bei der SPD. — Abg. Weh Wichtigste Voraussetzung für diese gesunde wirt-
ner: Ein Energieminister!) schaftliche Entwicklung bietet die Stabilität unserer
Ich rechne hierbei auf eine enge Zusammenarbeit Währung. Wirtschaftswachstum darf nicht mit Preis-
mit den Ländern, der Industrie und den Gemeinden. steigerungen erkauft werden.
Das Bundesministerium für Gesundheitswesen wird (Sehr richtig! bei der SPD.)
sich ferner mit der Verbesserung der Verhältnisse
unserer Krankenhäuser befassen müssen. Es ist auch notwendig, für eine verstärkte Koordi
nierung der Konjunkturpolitik, nicht zuletzt im
(Hört! Hört! und Zustimmung bei der SPD.) internationalen Rahmen, zu sorgen. Wir müssen
Die in der dritten Legislaturperiode des Deutschen dabei für eine Erweiterung des konjunkturpoliti-
Bundestags verabschiedeten grundlegenden Gesund- schen Instrumentariums sorgen.
heitsgesetze sollten beschleunigt durchgeführt und (Sehr gut! bei der SPD.)
die Vorarbeiten für die noch ausstehenden Rege-
lungen auf den Gebieten der Heilmittelwerbung, der Von den Sozialpartnern erwartet die Bundesregie-
Gesundheitsfürsorge für Mutter und Kind und des - rung Unterstützung durch eine maßvolle und beson-
gesundheitlichen Schutzes gegen Strahlengefahren nene Lohnpolitik. Diese muß den Produktivitätsfort-
sowie für die Gesamtreform des Lebensmittelrechts schritt berücksichtigen. Von der Einhaltung der
baldigst abgeschlossen werden. durch Predsstabilität und Sicherung eines gesunden
wirtschaftlichen Wachstums gesetzten Grenzen wird
Der Sport wird unter Berücksichtigung des vom
es abhängen, ob gegebenenfalls neue Lösungen und
Deutschen Olympischen Komitee vorgelegten „Gol
Formen der Zusammenarbeit der Sozialpartner ge-
denen Plans" funden werden müssen.
(Lachen und lebhafter Beifall bei der SPD)
(Abg. Wehner: Was ist denn das? — Abg.
zur sportlichen Ertüchtigung unseres Volkes ver- Erler: Ist das eine Drohung? — Abg. Brandt
stärkt gefördert werden. — Ich freue mich über (Berlin) : Nur an eine Seite! — Abg. Weh
Ihren Beifall. ner: Hört! Hört! — Weitere Zurufe von der
(Anhaltendes Lachen bei der SPD. — Leb SPD. — Beifall bei der CDU/CSU.)
hafter Beifall bei den Regierungsparteien. Die Bundesregierung wird den Leistungswettbe-
— Zurufe von der SPD.) werb weiter fördern. Sie wird die Entstehung wirt-
schaftspolitisch schädlicher marktbeherrschender
Angesichts der großen Aufgaben und Anforderun-
Unternehmen wie auch den Mißbrauch bereits vor-
gen, die von der Bundesrepublik in den nächsten handener Macht verhindern.
Jahren bewältigt werden müssen, kommt es ganz
entscheidend darauf an, die Leistungskraft unserer (Hört! Hört! bei der SPD.)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 25
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Das Kartellgesetz wird unter diesem Gesichtspunkt zivile Verteidigung erfordern die Erhaltung der
überprüft and verbessert werden, wobei die Siche- Lebensfähigkeit Berlins, die Anpassung unserer
rung der Preiselastizität in der Wirtschaft beson- Landwirtschaft an eine veränderte Wirtschaftsstruk-
dere Aufmerksamkeit verdient. Der Kartellpolitik tur und ihre allmähliche Einfügung in den gemein-
im Rahmen des Gemeinsamen Markts kommt wach- samen europäischen Markt, die Entwicklungshilfe an
sende Bedeutung zu. Die Ergebnisse der bereits ein- andere Völker sowie der kulturelle Fortschritt in
geleiteten Enquete über Entstehen und Vorhanden- Wissenschaft und Bildung wachsende finanzielle
sein wirtschaftlicher Macht wird die Grundlage für Anstrengungen. Der Ausgleich des Bundeshaushalts
Vorschläge und Maßnahmen der neuen Regierung wird in den kommenden Jahren Deckungsprobleme
bilden. aufwerfen, die wir in den vergangenen Jahren nicht
gekannt haben. Zur Sicherung des Haushaltsaus-
In der Mittelstandspolitik werden wir fortfahren,
gute Lebensbedingungen für die breite Mittel- gleichs werden strenge Sparsamkeit bei allen Bun-
schicht mit den vielen gesunden selbständigen Exi- desausgaben und die Aufnahme von Kredit beitra-
stenzen im Handwerk, Handel und Gewerbe, in der gen müssen. Alle Ausgleichsmöglichkeiten im Rah-
Landwirtschaft und in, den freien Berufen zu fördern. men des Gesamthaushalts von Bund und Ländern
Neben dem Willen, die Leistungs- und Wettbe- müssen erschöpft werden, bevor etwa zur Deckung
werbsfähigkeit der vorhandenen Betriebe zu stär- von wirklich unausweichlichen Mehrausgaben des
ken, steht als wichtige Aufgabe, das Selbständig Bundeshaushalts Steuererhöhungen erwogen wer-
werden bisher abhängiger Existenzen zu ermög- den können. Steuerausgleich und Steuerumbau ge-
lichen. hen vor Steuererhöhung.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Steuerung des wirtschaftlichen Prozesses Im Rahmen dieser grundsätzlichen Überlegungen
durch Markt, Preise und Wettbewerb stellt die wird eine Reihe von steuerlichen Maßnahmen ver-
Wirtschaft vor die Aufgabe, sich den ständigen wirklicht werden müssen, für (die gewisse Vor-
Änderungen der Marktverhältnisse anzupassen. arbeiten schon in der abgelaufenen Legislatur-
Derartige Anpassungsvorgänge sind unvermeidlich, periode geleistet worden sind. Unter diesen Maß-
ja, sie bewirken den sozialen und wirtschaftlichen nahmen erwähne ich besonders die Reform der Um-
Fortschritt. Es wäre weder ökonomisch noch gesell- satzsteuer, die wettbewerbsneutral gestaltet werden
schaftspolitisch zu rechtfertigen, sie verhindern zu muß und keinen steuerlichen Anreiz zur Konzentra-
wollen. Staatliche Hilfe erscheint aber dort vertret- tion in der Wirtschaft bieten darf.
bar, wo aus der Eigenart der Produktionsbedingun- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gen ungewöhnliche Anpassungsschwierigkeiten ent-
stehen und die betreffenden Wirtschaftszweige aus Nach der Meinung der Bundesregierung bedarf
eigenen Kräften alles tun, um die Schwierigkeiten unser gesamtes Steuersystem in Bund, Ländern und
zu bewältigen. So wird auch der Steinkohlenberg- Gemeinden-einer sehr sorgfältigen Überprüfung und
bau künftig bei seinen Anpassungsbemühungen Anpassung an veränderte wirtschaftliche Verhält-
unterstützt werden. nisse und politische Ziele. Das ist eine Aufgabe für
viele Jahre, die nicht in einem einzigen großen
Die räumliche Verteilung der Wirtschaft muß Reform-Gesetzgebungswerk gelöst werden kann.
durch geeignete Maßnahmen der regionalen Wirt- Wir sollten uns aber bemühen, aus der allzu gele-
schafts- und Strukturpolitik so beeinflußt werden, gentlichen Steuerflickarbeit herauszukommen, die
daß übermäßige Zusammenballungen vermieden Jahr um Jahr hier und dort Kleinigkeiten ändert
und für die Bevölkerung in allen Teilen der Bun- und die unser Steuersystem als ganzes auf die
desrepublik befriedigende Lebens- und Erwerbsbe- Dauer eher verschlechtert als verbessert.
dingungen gegeben sind.
- (Allgemeiner Beifall.)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
Maßstab dieser Überprüfung und Anpassung der
Daher wird die Hilfe für strukturell schwache Ge- Steuergesetze müssen unter anderem sein die volks-
biete und Zonenrandgebiete fortgesetzt werden. Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit, die Stärkung der
wirtschaftliche Hilfe für Berlin stellt eine besondere wirtschaftlichen Eigenverantwortung in einer frei-
Aufgabe und Verpflichtung dar. Ihr Vorrang bedarf heitlichen Gesellschaft, die Förderung der Vermö-
keiner besonderen Erläuterung. gensbildung in breiten Schichten und nicht zuletzt
(Allseitiger Beifall.) die Vereinfachung des Steuerrechts.
Besondere Aufmerksamkeit wird die Bundesregie-
Die Finanzpolitik der Bundesregierung steht in
den kommenden Jahren vor vielfältigen und schwie- rung den Finanzproblemen der Gemeinden zuwen-
rigen Aufgaben. Auch sie wird einen wichtigen und den.
unentbehrlichen Beitrag zur Sicherung von Konjunk- (Hört! Hört! und Zuruf von der SPD: Das
tur und Beschäftigung zu leisten haben. Sie muß zu wird auch Zeit!)
ihrem Teile auch dazu beitragen, daß unsere ge- Das innere Gleichgewicht der Gemeindehaushalte
samte Volkswirtschaft weiter wächst. Ihr oberstes ist infolge der zurückgebliebenen Bewertung des
Ziel ist die Sicherung der Kaufkraft unseres Geldes. Grundvermögens einerseits und des mächtigen
An den Bundeshaushalt werden in den kommen- Wachstums der Gewerbesteuer andererseits gestört.
den Jahren erhebliche Mehranforderungen heran- Bei der Neuordnung der Gemeindesteuern müssen
treten. Neben Mehrlasten für die militärische und der Bund und die Länder eng zusammenarbeiten. Im
26 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Vizekanzler Dr. D r. h. c. Erhard


Rahmen eines ausgewogenen Systems gemeinde- Die Bundesregierung vertritt jedoch die Auffas-
eigener Steuereinnahmen muß die Selbstverantwor- sung, daß dieser Eingliederungsprozeß organisch
tung der Gemeinden für ihre Ausgabengebarung und behutsam vor sich gehen muß. Sie ist weiter
und für dire Höhe der örtlichen Steuern im größt- der Auffassung, daß die deutsche Agrarpolitik sich
möglichen Umfange gewahrt bleiben. nach wie vor nach den Zielen des deutschen Land-
wirtschaftsgesetzes auszurichten hat. Die derzeitige
(Beifall.)
Wirtschafts- und Einkommenslage der deutschen
Die Neuordnung der Gemeindesteuern ist Teil Landwirtschaft darf nicht verschlechtert, sie muß, wo
einer der wichtigsten finanzpolitischen Aufgaben, sie unzureichend ist, verbessert werden. Bei ihren
die jetzt vorbereitet werden müssen, nämlich der Entscheidungen zur Entwicklung einer gemeinsamen
Neugestaltung der Finanzverfassung für Bund, Län- Agrar- und Ernährungspolitik unter den sechs EWG-
der und Gemeinden auf längere Sicht. Die derzei- Ländern, insbesondere in den Fragen des Agrar-
tige Trennung von Steuerquellen und Steuererträ- schutzes und der Preisbildung, wird die Bundes-
gen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden er- regierung diesem Grundgedanken Rechnung tragen.
weist sich zunehmend als überprüfungsbedürftig.
(Beifall bei den Regierungsparteien)
Eine verbesserte Finanzverfassung wird davon aus-
gehen müssen, daß der gesamte öffentliche Finanz- Landwirtschaft und Forstwirtschaft bleiben auch
bedarf von der gesamten Volkswirtschaft aufge- in unserem Industriestaat ein unentbehrlicher Teil
bracht werden muß. Der Einheit von Wirtschaft und der Volkswirtschaft. Die Förderung des Leistungs-
Gesellschaft in einem einheitlichen Wirtschaftsge- vermögens der Landwirtschaft und ihrer Kaufkraft
biet muß eine Einheit der öffentlichen Aufgaben ist ein wichtiger Bestandteil unserer eigenen volks-
und des Finanzbedarfs im öffentlichen Gesamthaus- wirtschaftlichen Interessen. Die Erhaltung einer
halt von Bund, Ländern und Gemeinden entspre- breiten Schicht eigentumsbejahender und heimat-
chen. verbundener Bauern und Landarbeiter sowie der
(Allgemeiner Beifall.) mit ihnen verbundenen mittelständischen Existenzen
Die Aufgaben von Bund, Ländern und Gemeinden, auf dem Lande und in den kleinen Städten ist auch
wie sie durch die Verfassung zugewiesen werden, aus vielen anderen Gründen für uns von größter
Bedeutung.
sind grundsätzlich gleichwertig. Für diese legitimen
Aufgaben sollten jedem Aufgabenträger ausrei- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
chende Deckungsmittel in einem ausgewogenen, Wir wollen daher die Landwirtschaft in ihrer wirt-
unter sich verbundenen und beweglichen System schaftlichen Entwicklung, aber auch die Landbevöl-
eigener Steuerquellen und großer Überweisungs- kerung in ihrer Sozial- und Lebensordnung fördern.
steuern zugewiesen werden. Damit soll den Gefahren weiterer Menschenzusam-
(Abg. Dr. Schäfer: Wo ist das abgeschrieben?) menballungen in Großstädten und Industriezentren
begegnet werden. Diese Förderung wird die Kosten-
Diese Neuordnung der Finanzverfassung des und Ertragslage auf Grund der gemeinsamen Agrar-
Grundgesetzes, deren außergewöhnlichen politi- politik im Rahmen der EWG zu berücksichtigen
schen Rang ich nicht hervorzuheben brauche, erfor- haben, um ordnungsgemäß geführten Bauernbetrie-
dert eine sorgfältige Vorbereitung. Die Bundes- ben mit durchschnittlichen Produktionsbedingungen
regierung wird die politischen, wirtschaftlichen und die wirtschaftliche Existenz einer bäuerlichen Fami-
finanziellen Zusammenhänge durch eine Kommis- lie zu gewährleisten ; das Landwirtschaftsgesetz ist
sion erfahrener und unabhängiger Persönlichkeiten — soweit erforderlich — entsprechend zu ergänzen.
untersuchen lassen. Diese Kommission soll der Bun-
desregierung in angemessener Frist geeignete Vor- Unverändertes Ziel der Agrarpolitik bleibt es, die
schläge zur Verbesserung der Finanzverfassung un- Produktion von Bodenerzeugnissen in einer durch
terbreiten. intensiven Landbau geprägten Kulturlandschaft
gesund zu erhalten.
(Abg. Brandt: Das haben wir alles schon
einmal irgendwo gelesen!) Bei der steigenden Bedeutung der Veredelungs-
wirtschaft wird aber neben der Bodenproduktion
Wir kennen die Sorgen und Schwierigkeiten der die Veredelungserzeugung besonders gefördert wer-
Landwirtschaft. Wir kennen ihren Mangel an Ar- den müssen.
beitskräften und die dadurch noch verstärkte Not-
wendigkeit einer kostspieligen Technisierung. Wir Die Verbesserung der Agrarstruktur soll fort-
kennen auch ihre Sorgen, daß durch die Europäische geführt, das ländliche Bildungswesen und die Wirt-
Wirtschaftsgemeinschaft die Lage der deutschen schaftsberatung weiter ausgebaut werden.
Landwirtschaft noch schwieriger werden könnte. Auch sollen die allgemeinen Lebensbedingungen
Mit der fortschreitenden Verwirklichung des Ge- für die auf dem Lande lebenden Menschen durch
meinsamen Marktes und der Eingliederung der Schaffung der notwendigen Grundausrüstung in den
deutschen Landwirtschaft in diesen Integrationspro- Dörfern und durch Entwicklung sogenannter zen-
zeß werden die deutsche Agrarpolitik und damit traler Orte verbessert und die schwach strukturier-
ten Gebiete gefördert werden.
auch die deutsche Landwirtschaft sehr bald vor
ernste Entscheidungen gestellt werden. Von diesem Die durch den Mangel an Arbeitskräften zuneh-
Integrationsprozeß, der eine notwendige Folge der mende Arbeitsbelastung der in der Landwirtschaft
Römischen Verträge ist, kann die Landwirtschaft tätigen Menschen soll durch weitere Rationalisie-
nicht ausgenommen werden. rung mit zinsgünstigen Krediten gemildert werden.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 27
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Auch die bäuerliche Hauswirtschaft muß weiter Arbeitsgebiete erneuert, die Städte aufgelockert und
gefördert werden, um die schwer arbeitende Haus- durchgrünt, die Baudichte im Zusammenhang mit der
frau zu entlasten. Beseitigung der Verkehrsnotstände vermindert wer-
In verstärktem Maße wird jedoch der Selbsthilfe- den.
wille der Landbevölkerung unterstützt werden, ins- Alle diese Maßnahmen sind ein wesentlicher Teil
besondere da, wo sich eine Anpassung der Erzeu- der nach Maßgabe der Verfassung dringlich in An-
gung, des Angebots und des Absatzes an veränderte griff zu nehmenden großen Aufgabe der Raumord-
Umweltbedingungen oder Marktverhältnisse als nung.
notwendig erweist. Der Agrarkredit wird bei der (Beifall in der Mitte.)
Finanzierung solcher Maßnahmen sehr wichtig sein. Hierzu gehören nicht nur die Entlastung der Bal-
Eine gute Unterbringung der Menschen ist eine lungsgebiete, die Ordnung des überörtlichen Ver-
Voraussetzung für ihr soziales Wohlbefinden, ihre kehrs und die Erhaltung der Erholungsflächen, son-
innere Aufgeschlossenheit und ihre berufliche Lei- dern ebenso die Förderung der Wirtschaftskraft der
stungsfähigkeit. Die Förderung des Wohnungs- schwach strukturierten Gebiete der Bundesrepublik
baus gehört deshalb zu unseren vordringlichen sowie die Verbesserung der Agrarstruktur.
Aufgaben. Wir werden trotz aller früheren Erfolge (Abg. Erler: Sehr gut!)
nicht ruhen, bis auch die letzte Wohnungsnot besei- Eine wirksame Raumordnung ist die Voraussetzung
tigt ist. Aber nicht die Wohnungsbeschaffung allein für unsere gesellschaftspolitische Entwicklung. Sie
ist wichtig, es ist auch wichtig, möglichst vielen erfordert gemeinsame Anstrengungen von Bund,
Menschen eine unmittelbare Beziehung zu Haus und Ländern und Gemeinden sowie innerhalb der Bun-
Boden zu verschaffen. desregierung selbst die Mitwirkung mehrerer Res-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) sorts. Für diese Arbeit sind die gesetzlichen und
Der Bau von Familienheimen wird daher bei allen finanziellen Voraussetzungen schnellstens zu schaf-
Förderungsmaßnahmen den Vorrang behalten, fen.
ebenso die Unterbringung kinderreicher und junger Aber nicht nur das Eigentum an Haus und Boden,
Familien. Für alle diese Maßnahmen bleiben die auch die sonstige Eigentumsbildung in allen sozialen
Baulandbeschaffung sowie vernünftige Baupreise Schichten und eine breite Streuung des sich neu bil-
ein dringendes Gebot. denden Vermögens sind für uns in Zukunft ein vor-
(Lebhafter Beifall bei der SPD.) dringliches Anliegen. Privates Eigentum stärkt die
wirtschaftliche Freiheit und Unabhängigkeit des ein-
— Das verspricht ja eine gute Zusammenarbeit, zelnen und der Familie.
meine Herren! (Beifall bei allen Parteien.)
(Zurufe von der SPD.)
Die breite Streuung des privaten Eigentums ist eine
In dem Maße, in dem die Wohnungsnot beseitigt Voraussetzung für die Stabilität unserer freiheit-
wird, soll der ganze Wohnungsbestand in die So- lichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die
ziale Marktwirtschaft übergeführt werden. Entstehung neuen Vermögens der öffentlichen Hand
(Beifall bei den Regierungsparteien.) soll daher, soweit irgend möglich, verhindert wer-
Die Eigentumspolitik im Wohnungsbau behält da- den.
neben ihren Vorrang. Die so erfolgreichen Maßnahmen zur breiten Ver-
mögensbildung werden durch weitere Privatisierung
(Erneuter Beifall bei den Regierungs
des Erwerbsvermögens des Bundes und Ausgabe
parteien.)
weiterer Volksaktien fortgesetzt werden.
Die finanziellen und steuerlichen Hilfsmaßnahmen
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
zur Instandsetzung und Modernisierung des Altwoh-
nungsbestandes werden fortgesetzt. - Die Zahl der seit 1957 bereits um das Vierfache auf
zwei Millionen gestiegenen Besitzer von Aktien
Das soziale Miet- und Wohnrecht wird weiter aus-
wird sich weiter erhöhen.
gebaut. Ein endgültiges Gesetz über Wohnbeihilfen
soll jeder Familie das notwendige Mindestmaß an Vermehrte Eigentumsbildung erfordert vermehr-
Wohnraum wirtschaftlich sichern. Der Mieter wird tes Sparen. Die Sparfähigkeit, namentlich der unte-
auch nach dem Auslaufen des Mieterschutzgesetzes ren und mittleren Einkommensschichten, wird ver-
den notwendigen rechtlichen Schutz genießen. stärkt werden.
(Abg. Dr. Deist: Wie?)
Im Zuge der Umstellung auf die Soziale Markt-
wirtschaft wird die Wohnungswirtschaft neue Auf- Den Vertriebenen und Flüchtlingen wird dabei
gaben erhalten. Dabei wird in besonderem Maße unsere besondere Aufmerksamkeit gelten.
den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen die Die Aufgaben des ERP-Sondervermögens werden
Aufgabe zukommen, zur Schaffung von Eigentum fortgeführt und erweitert. Dieser Kapitalfonds für
für breite Schichten der Bevölkerung beizutragen. Struktur- und Entwicklungsaufgaben im In- und
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Ausland wird insbesondere künftig der Förderung
Die Erfolge der bisherigen Wohnungsbaupolitik der Berliner Wirtschaft, der Erleichterung von Start-
der Bundesregierung haben die Voraussetzung bedingungen des Mittelstandes, aber auch der För-
dafür geschaffen, jetzt eine umfassende Städtebau- derung von Investitionen in Entwicklungsländern
politik in Angriff zu nehmen. Dabei müssen zunächst und der Reinhaltung von Wasser und Luft dienen.
die überalterten und ungesunden Wohn- und (Zustimmung bei der SPD.)
28 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard


Die wirtschaftliche und technische Entwicklung das Verhältnis der Deutschen Bundespost zu den
machen eine großzügige Förderung der Bildung und Benutzern ihrer Einrichtungen durch ein neues Post-
Ausbildung der Jugend, insbesondere auch der Ar- gesetz und eine neue Postordnung sowie durch eine
beiterjugend notwendig. Die Bundesregierung wird Reform des Gebührenwesens auf eine zeitgemäße
daher ihre Bemühungen zur Leistungsförderung und Grundlage gestellt wird. Die Bundesregierung ist
Ausbildung verstärken. Sie erwägt, Einnahmen aus sich bewußt, daß ein den Anforderungen des Ver-
dem Privatisierungserlös des Volkswagenwerks in kehrs gerecht werdendes Nachrichtennetz nicht nur
Höhe von 500 Millionen DM für einen solchen groß- von nationaler, sondern bei der Lage der Bundes-
zügigen Bundesplan einzusetzen. republik im Herzen Europas auch von internationaler
Bedeutung ist. Es wird daher das Bestreben der
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Bundesregierung sein, zur Verbesserung des inter-
Auf dem Gebiet des Verkehrs muß dafür gesorgt nationalen Post- und Fernmeldeverkehrs beizutra-
werden, daß die Verkehrsträger Kraftverkehr und gen.
Binnenschiffahrt und das sie tragende mittelstän- (Bravo! bei der CDU/CSU.)
dische Gewerbe gesund und leistungsfähig bleiben.
Die Bundesrepublik steht seit langem im Zeichen
Wir werden auch die weitere Gesundung der Bun-
der Vollbeschäftigung. Die Bundesregierung wird
desbahn anstreben und sie bei der Rationalisierung
alles daransetzen, diesen hohen Beschäftigungsstand
und Modernisierung ihres Betriebs unterstützen.
zu halten. Sie rechnet ,auch in der neuen Legislatur-
Wir werden auch künftig auf die Angleichung der periode mit der verantwortungsvollen Unterstüt-
Wettbewerbsbedingungen der binnenländischen Ver- zung und Mithilfe der Sozialpartner. Aufgetretene
kehrsträger hinwirken, um sie auf der Grundlage Spannungen auf dem Arbeitsmarkt wird sie durch
der Verkehrsgesetzgebung der 3. Legislaturperiode geeignete Maßnahmen zu mildern versuchen.
an die Soziale Marktwirtschaft heranzuführen. Wir
werden damit einen verstärkten Preiswettbewerb Ihre besondere Aufmerksamkeit wird die Bundes-
und gleichzeitig eine volkswirtschaftlich sinnvolle regierung auch weiterhin den Fragen der beruflichen
Aufgabenteilung unter den Verkehrsträgern fördern. Aus und Fortbildung widmen. Sie ist der Über-
-

An den gemeinwirtschaftlichen Aufgaben der Deut- zeugung, daß den Investitionen und Förderungsmaß-
schen Bundesbahn wird auch in Zukunft grundsätz- nahmen auf diesem Gebiete kein geringerer Wert als
lich festgehalten werden. anderen Investitionen zukommt. Eine stetig wach-
sende Zahl von Menschen mit sehr hohem Bildungs-
Das dringlichste Anliegen unserer Verkehrspolitik stand ist in der Welt der industriellen und gewerb-
ist die Sorge für die Sicherheit des Menschen im lichen Arbeit für die wirtschaftliche und soziale
Straßenverkehr. Wir werden deshalb vor allem den Entwicklung eine unabdingbare Voraussetzung.
steigenden Anforderungen an den Straßenbau Rech-
nung zu tragen haben. Die Mittel für den Ausbau Die Bundesrepublik ist ein sozialer Rechtsstaat.
der Bundesfernstraßen müssen weiter erhöht wer- (Abg. Brandt [Berlin] : Soll es werden!)
den. Um zu einem leistungsfähigen Gesamtstraßen-
netz zu kommen, werden wir auch die Interessen — Sie ist es!
der kommunalen Baulastträger berücksichtigen. Den (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Verkehrsnotständen in den Gemeinden und großen
Städten werden wir nähertreten, sobald die von uns Die in den vergangenen Legislaturperioden erziel-
berufene Sachverständigenkommission ihre Unter- ten Fortschritte auf sozialpolitischem Gebiet können
suchungen abgeschlossen hat. uns alle mit Genugtuung erfüllen.
Der Ausbau der Wasserstraßen wird, soweit (Sehr gut! bei der CDU/CSU.)
zweckmäßig und notwendig, fortgesetzt werden.
Sie zu erhalten, zu festigen und auszugestalten er-
Das Bestreben der Seehäfen, der Seeschiffahrt und achtet die Bundesregierung für ihre verfassungsmä-
der zivilen Luftfahrt, mit der Entwicklung des mo- ßige Pflicht. Sie wird weiterhin den sozialpolitischen
dernen Weltverkehrs trotz des verstärkten inter- Belangen größte Aufmerksamkeit widmen und be-
nationalen Wettbewerbs Schritt zu halten, erkennen strebt sein, den sozialen Fortschritt zu fördern.
wir ausdrücklich als förderungswürdig an.
Soziale Sicherung ist notwendig. Ihre Grenze liegt
An der Entwicklung und Verwirklichung einer ge- aber dort, wo die persönliche Freiheit des einzelnen
meinsamen europäischen Verkehrsordnung werden gefährdet und durch ein Übermaß von Forderungen
wir weiterhin nach Kräften mitarbeiten. Dabei wer- die Grundlage aller sozialen Sicherheit, die Wäh-
den auch die Voraussetzungen ,des Wettbewerbs der rungsstabilität, bedroht wird.
deutschen Verkehrsträger gegenüber ausländischen
Verkehrsträgern überprüft werden müssen. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Die Sozialpolitik darf nicht Selbstzweck sein, sie
Auf dem Gebiet des Post und Fernmeldewesens
-

wird die Bundesregierung durch weitere Maßnah- ist aber überall dort berechtigt, wo die Verhältnisse
men zur Technisierung, Automatisierung und Ratio- sie erfordern. Sie hat dem Menschen bei der Entfal-
nalisierung des Betriebs den Leistungsstand der tung seiner Persönlichkeit zu dienen und soll ihm
Deutschen Bundespost aufrechterhalten, um den An- helfen, die Lebensrisiken zu bewältigen. Was der
forderungen der deutschen Volkswirtschaft auch in Mensch für sich und die Seinen aus eigener Kraft
Zukunft voll gerecht werden zu können. Sie wird leisten kann, bedarf nicht der gesetzlichen Regelung.
ihr Augenmerk besonders auch darauf richten, daß (Abg. Wehner: Wie schön!)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 29
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Die Bundesregierung wird daher bei allen sozial- gislaturperiode im wesentlichen zu Ende geführt
politischen Maßnahmen auch Bedacht darauf neh- werden können. Gewisse, vor allem technische Er-
men, daß die Eigenverantwortung des Menschen ge- gänzungen und Änderungen der bisherigen Bestim-
stärkt und seine persönliche Freiheit nicht geschmä- mungen werden in einem Wiedergutmachungs-
lert wird. schlußgesetz zusammenzufassen sein.
(Beifall bei den Regierungsparteien.) Lassen Sie mich nun zur Außenpolitik kommen.
Die Sozialreform wird fortgeführt, das ist selbst- Seit ihrem Bestehen bemüht sich die Bundes-
verständlich. Die Bundesregierung wird Entwürfe republik um gute Beziehungen zu allen Staaten. Es
für die Reform der Krankenversicherung und der ist ihr gelungen, mit den meisten Ländern freund-
Unfallversicherung, die diesen Grundsätzen entspre- schaftliche Verbindungen aufzunehmen und sie von
chen, vorlegen. Jahr zu Jahr enger und fester zu gestalten.
Neben den Fragen der Arbeit und des Arbeits- Das gilt für viele Staaten Asiens. Auch die Bezie-
platzes steht die Sorge für die Familie, die der Mit- hungen zu den lateinamerikanischen Ländern. ha-
telpunkt der Menschen ist und deren wirtschaftliche ben sich sehr erfreulich entwickelt. Die Regierungen
und soziale Stellung von höchster, auch politischer dieses Kontinents haben sich in, den letzten Mona-
Bedeutung ist. Wir wollen unsere Arbeit für die Fa- ten fast einmütig, zuletzt noch auf der 16. Vollver-
milie konsequent fortsetzen. Beispielsweise werden sammlung der Vereinten Nationen, für die Forde-
wir dem Schutz der Mutter mit pflege- und erzie- rungen des deutschen Volkes auf Wiedervereini-
hungsbedürftigen Kindern unsere besondere Auf- gung und Selbstbestimmung eingesetzt, wofür ich
merksamkeit widmen. Ein Gesetzentwurf zur Ver- ihnen auch von dieser Stelle aus danken möchte.
einheitlichung des Kindergeldrechts soll, sobald es (Beifall bei den Regierungsparteien.)
möglich ist, die Aufbringung der für die Zahlung
von Kindergeld insgesamt erforderlichen Mittel Den politischen Umwandlungsprozeß auf dem
regeln. afrikanischen Kontinent verfolgt die Bundesregie-
rung mit Sympathie und lebhaftem Interesse. Sie
Die Sorge für die Kriegsopfer wird uns auch wei- ist an einer ungestörten und gesunden politischen
terhin ein wichtiges Anliegen sein. Wir werden uns und wirtschaftlichen Entwicklung der afrikanischen
insbesondere bemühen, den Kriegsopfern eine Heil- Staaten interessiert, und sie ist bereit, ihnen bei
behandlung zu ermöglichen, die dem neuesten Stand ihrem wirtschaftlichen Aufbau im Rahmen ihrer
der wissenschaftlichen Erkenntnisse entspricht. Kräfte zu helfen. Mit Genugtuung hat sie die Ent-
(Abg. Jahn [Marburg] : Das ist alles?) schließung der zwölf afrikanischen Staaten, die
kürzlich in Tananarive zusammentrafen, zur Kennt-
Die Sorge für die Vertriebenen und Flüchtlinge nis genommen, die sich gegen die gewaltsame Ab-
bleibt uns eine soziale Verpflichtung und ein natio- trennung des östlichen Teils von Berlins wendet
nales Anliegen. und eine baldige Lösung der Deutschland-Frage auf
(Abg. Wehner: Schon wieder?!) der Basis des Selbstbestimmungsrechts fordert. Auch
hierfür möchte ich im Namen der Bundesregierung
Wir werden bestrebt sein, die notwendigen Woh- danken.
nungen zu erstellen, eine Verbesserung des Lasten-
In den Rahmen unserer Bemühungen um ein fried-
ausgleichs zu erreichen und eine beschleunigte Aus-
zahlung der Hauptentschädigungen zu sichern. liches Zusammenleben mit allen Völkern fällt auch
unser Bestreben, den Entwicklungsländern zu hel-
Wir werden ihnen helfen, neues Vermögen zu bil-
fen. Wir haben schon Erhebliches geleistet. Allein
den, und uns bemühen, die durch Vertreibung und
für die Jahre 1961 und 1962 sind Kapitalhilfen in
Flucht auseinandergerissenen Familien wieder zu-
Höhe von insgesamt 5 Mrd. DM vorgesehen. Zur
sammenzuführen. Die Ansiedlung der vertriebenen Ergänzung dieser öffentlichen Leistungen bemühen
und geflüchteten Bauern wird entsprechend der bis- - wir uns, die Initiative der Wirtschaft
zu fördern.
herigen Planung fortgesetzt. In einem Gesetzent- Von privatwirtschaftlichen Investitionen erwarten
wurf der Bundesregierung soll die Gleichstellung wir auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe eine be-
der Sowjetzonenflüchtlinge mit den Heimatvertrie- sonders große Wirkung. Wir werden die Entwick-
benen auf allen sozialen Gebieten erreicht werden. lungshilfe wie bisher ohne politische Bindungen
Ein weiterer Gesetzentwurf wird zur Beweissiche- leisten. Wir werden dabei aber nicht außer acht
rung oder zur Feststellung der in der sowjetischen lassen dürfen, daß das deutsche Volk es nicht ver-
Besatzungszone und , dem Sowjetsektor von Berlin stehen würde, wenn wir in eine Entwicklungspart-
erlittenen Schäden vorgelegt werden. nerschaft mit Staaten träten, die unser Selbstbestim-
Die Pflege des mittel- und ostdeutschen Kultur- mungsrecht nicht anerkennen.
guts wird fortgesetzt. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
In der 4. Legislaturperiode des Deutschen Bun-
Mehr noch als bisher wird die Bundesregierung
destags wird auch versucht werden, auf allen Ge-
in der Zukunft darauf achten, daß sich unsere För-
bieten der Kriegsfolgengesetzgebung zu einer derungsmaßnahmen in eine sinnvolle Gesamtpla-
Schlußgesetzgebung zu kommen. Hierzu würde nung für den Wirtschaftsaufbau der Entwicklungs-
auch vordringlich das Schlußgesetz zu Artikel 131
länder eingliedern. Gerade bei der Finanzhilfe sollte
des Grundgesetzes gehören. es zu einer dauerhaften Zusammenarbeit zwischen
Die uns allen am Herzen liegende Wiedergut- Geberländern und Entwicklungsländern kommen.
machung wird aller Voraussicht nach in dieser Le Hier eine geeignete Form — auch auf multilateraler
30 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Basis — zu finden ist eine wichtige Aufgabe. Wir Eine besonders erfreuliche Entwicklung — trotz
werden uns aber auch nicht dem Appell entziehen, aller Krisen in der Welt — ist auf dem Gebiete des
soweit wie möglich durch den Abbau der noch be- europäischen Zusammenschlusses zu verzeichnen.
stehenden Handelsschranken und der für einige Unsere vor elf Jahren begonnene Arbeit für die
Erzeugnisse hohen Fiskalabgaben die Absatzmög- Integration Europas hat bereits zur Bildung eines
lichkeiten für Produkte der Entwicklungsländer zu Kraftzentrums in Europa geführt, dem wirtschaftlich
vergrößern. und politisch große Bedeutung zukommt und das
(Beifall bei der SPD.) auch zur inneren Stabilität der Mitgliedstaaten bei-
Bei der Bedeutung der Entwicklungshilfe schien trägt. Die Bundesregierung hofft, daß in den kom-
es uns daher gerechtfertigt, Aufgaben auf diesem menden Jahren ein weiterer bedeutender Schritt in
Gebiet einem besonderen Ministerium für wirt- Richtung auf einen politischen Zusammenschluß der
schaftliche Zusammenarbeit zu übertragen. Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsge-
meinschaft getan werden kann.
Auch die. kulturpolitischen Beziehungen der Bun-
desrepublik mit dem Ausland werden in der vor Grundlage dieser europäischen Einigungspolitik
uns liegenden Legislaturperiode verstärkt werden war die deutsch-französische Aussöhnung. Die in-
müssen, wobei wir besondere Anstrengungen auf zwischen entstandene enge deutsch französische
-

dem Gebiet der Bildungshilfe machen werden, die Freundschaft betrachtet die Bundesregierung als
zugleich auch eine wirksame Entwicklungshilfe ist. eines der großen Ereignisse der jüngsten Geschichte
Die Kulturarbeit im Ausland darf nicht mit der und als eine Garantie für Frieden, Sicherheit und
Information- und Ö ffentlichkeitsarbeit verwech- Wohlstand in Europa.
selt werden. (Beifall bei den Regierungsparteien und
(Sehr gut! bei der SPD.) Abgeordneten der SPD.)
Aber auch sie, die seit dem Beginn der Berlin Die Bundesrepublik, die mit den fünf anderen
Krise in größerem Umfange aufgenommen wurde, europäischen Staaten zu einer immer engeren Ge-
und die — besonders durch das Berlin-Besucher- meinschaft zusammenwächst, wünscht und hofft, daß
Programm — nachhaltige Erfolge gebracht hat, be- Großbritannien und andere europäische Staaten
darf der Verstärkung und Verbesserung. Die Zu- baldmöglichst den Europäischen Gemeinschaften
sammenarbeit mit den drei Westmächten hat sich beitreten.
erfreulich entwickelt. Wir müssen aber noch mehr (Beifall auf allen Seiten des Hauses.)
tun, der Weltöffentlichkeit die Berlin- und Deutsch-
land-Frage nahezubringen, damit sie erkennt, daß Ein gesundes, starkes und freies Europa wird nur
es dabei auch um ihre eigenen vitalen Interessen unter gewissen Opfern und in unablässiger Arbeit
geht. geschaffen werden können. Europa ist aber unsere
(Beifall bei der CDU/CSU.) Hoffnung. Gelingt es uns, es zu schaffen, so wird
In ihrem Bemühen um freundschaftliche Bezie- das entscheidend dazu beitragen, daß uns und unse-
hungen sieht es die Bundesregierung nach wie vor ren Kindern Frieden und Freiheit erhalten bleiben.
als eine ihrer vornehmsten Aufgaben an, national- (Beifall bei den Regierungsparteien und
sozialistisches Unrecht wiedergutzumachen. Neben Abgeordneten der SPD.)
den gesetzlichen Regelungen, die ich schon erwähnt
habe, sind in den letzten Jahren Verträge auf dem So positiv die eben erwähnten Punkte zu bewer-
Gebiet der Wiedergutmachung abgeschlossen und ten sind, so ernst ist die Lage im Hinblick auf den
Verpflichtungen von rund einer Milliarde D-Mark Sowjetblock. Ende 1958 begann die Berlin Krise, die
-

zugunsten der geschädigten Angehörigen einer seit dem Sommer dieses Jahres erneut in ein akutes
Reihe von Ländern übernommen worden. Stadium getreten ist. Die Sowjetunion hat angekün-
- digt, daß sie mit der sowjetischen Besatzungszone
Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt die einen Separatfriedensvertrag abschließen will. Die-
Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten ser Vertrag würde den Namen Friedensvertrag
Nationen, wenn wir auch der UNO nicht angehören. nicht verdienen. Die Sowjetunion möchte einen
Wir sind aber Mitglied in allen Sonderorganisatio- Separationsvertrag herbeiführen, einen Vertrag, der
nen und arbeiten auch in vielen Gremien der Ver- die Teilung Deutschlands zementieren soll. Die So-
einten Nationen aktiv mit, besonders in solchen wjetunion behauptet, mit diesem Vertrag nur ihren
humanitären Charakters. Wir haben von Jahr zu Machtbereich konsolidieren zu . wollen. Aber dazu
Jahr größere finanzielle Beiträge geleistet, auch für braucht sie keine Abmachung mit einem von ihr
die Entwicklungsprojekte der Vereinten Nationen. besetzten Gebiet! Die Erklärung Chruschtschows,
Die Bundesregierung erhofft ihrerseits, daß diese daß er die Folgen dieses Separatvertrages auch mit
Mitarbeit eines Nicht-Mitgliedstaates dadurch an- Gewalt durchsetzen, d. h. den Krieg mit Atomwaf-
erkannt wird, daß die Vereinten Nationen unseren fen riskieren will, zeigt klar, daß er viel mehr da-
deutschen Problemen Verständnis entgegenbringen. von erwartet, als er sagt. Ihm geht es in Wirklich-
Wir haben daher mit großer Genugtuung festge- keit nicht um die Konsolidierung seines Machtbe-
stellt, daß eine eindrucksvolle Mehrheit der Dele- reichs, sondern um die Isolierung der Bundesrepu-
gierten für das Selbstbestimmungsrecht des ganzen blik und die Zerstörung der NATO. Chruschtschow
deutschen Volkes während der jüngsten General- hofft, daß eine irgendwie geartete Anerkennung
debatte eingetreten ist. der Sowjetzone das Bündnis zwischen der Bundes-
(Beifall auf allen Seiten des Hauses.) republik und ihren Partnern zersetzen wird. Gleich-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 31
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
zeitig versucht er, der Bundesrepublik innerhalb des Drohung mit Gewalt zur Erreichung ihrer politischen
atlantischen Bündnisses einen minderen Status auf- Ziele ein für allemal verzichtet. Sie erneuert diese
zwingen und auch auf diese Weise die von ihm ge- Versicherung in diesem Augenblick, und sie ist be-
wünschte Isolierung einzuleiten. reit, in jeder geeigneten Weise diesen Gewaltver-
zicht auch zum Gegenstand internationaler Ver-
Es kommt ihm nicht auf juristische Konstruktionen handlungen zu machen.
an, sondern auf die langsame Aushöhlung der Frei-
heit Berlins, die Stabilisierung der sowjetischen Be- (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
satzungszone, um von dort aus seine Expansions- Abgeordneten der SPD.)
politik gegen den Westen fortsetzen zu können, die
Die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands
Herauslösung der Bundesrepublik aus der NATO
in Frieden und Freiheit bleibt das unverrückbare
und damit die tödliche Schwächung beider.
Ziel der deutschen Politik, auch wenn wir heute
Der Präsident der Vereinigten Staaten hat mit noch keinen Zeitpunkt für seine Verwirklichung an-
aller Deutlichkeit erklärt, daß es in Berlin drei geben können. Keinem Volk kann das Selbstbestim-
vitale Interessen gibt, die die Vereinigten Staaten mungsrecht auf die Dauer vorenthalten werden. Die
verteidigen werden und für die sie auch die größten derzeitige unnatürliche Spaltung unseres Volkes hat
Risiken zu übernehmen bereit sind. Es sind diese: immer wieder zu schweren Spannungen und Krisen
die Anwesenheit der Truppen der drei Mächte in geführt. Die Bundesregierung fordert daher die
Berlin, der freie Zugang nach Berlin und die Freiheit Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf der
und Lebensfähigkeit Berlins. Grundlage des Selbstbestimmungsrechts, eine
Rechts, das zu einem verbindlichen allgemeinen
Dieser Erklärung stimmen wir voll und ganz zu. Grundsatz des Völkerrechts geworden und in der
Auch die Bundesrepublik ist bereit, die zur Vertei- Satzung der UNO verankert ist.
digung dieser Interessen notwendigen Opfer und
Risiken auf sich zu nehmen. Wir stimmen auch dar- Die Bundesregierung wird sich daher auch dafür
in mit unseren Verbündeten überein, daß jeder ver- einsetzen, daß nichts geschieht, was die Wiederver-
tretbare Versuch gemacht werden sollte, um diese einigung erschweren oder verhindern könnte. Eine
Gefahren abzuwenden, die Lage zu entschärfen und Anerkennung des kommunistischen Regimes in Mit-
insbesondere auch zu Verhandlungen zwischen den teldeutschland lehnt sie entschieden ab. Die Macht-
beteiligten Mächten zu kommen. haber Mitteldeutschlands sind keine Regierung, die
auf Grund des nationalen Selbstbestimmungsrechts
Auf Grund schmerzlicher Erfahrungen hält es die zustandegekommen ist. Sie sind lediglich Vollzugs-
Bundesregierung jedoch für ihre Pflicht, darauf hin organe der sowjetischen Besatzungsmacht. Selbst zu
zuweisen, daß Verhandlungen nur dann Aussicht Regimen, die mit totalitären Mitteln arbeiten, be-
auf Erfolg bieten, wenn sie von beiden Seiten in steht ein fundamentaler Unterschied: In der sowje-
dem Willen geführt werden, zu einem vernünftigen tisch besetzten Zone lehnt das Volk mit überwälti-
Ausgleich zu kommen. Verhandlungen, die nicht in gender Mehrheit nicht nur das Regime, sondern
diesem Geiste aufgenommen werden, sind zum auch die Existenz eines separaten deutschen Tei-
Scheitern verurteilt und tragen nicht zur Verbesse- staates ab.
rung der Lage bei, sondern eher zu einer Erhöhung
(Beifall im ganzen Haus.)
der Spannung.
Dies vor allem ist es, was die sowjetisch besetzte
Bei den bevorstehenden Verhandlungen sind drei
Zone von allen Staaten in der Welt unterscheidet.
Grundsätze zu beachten, die nicht preisgegeben wer-
Dies ist der Grund, warum die Bundesregierung die
den dürfen: die Sicherheit der Bundesrepublik, die
Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Re-
Erhaltung der bestehenden politischen, rechtlichen
gime der sowjetisch besetzten Zone oder die Unter-
und wirtschaftlichen Bindungen zwischen Berlin und -
zeichnung eine separaten sogenannten Friedensver-
der Bundesrepublik, freier Zugang der Zivilbevöl-
trages mit dem Regime der Zone als einen un-
kerung und die Aufrechterhaltung der gemeinsamen
freundlichen Akt gegen das deutsche Volk und als
Deutschland-Politik, d. h. die Wiedervereinigung
Stellungnahme gegen die. Wiedervereinigung und
unseres Landes in Frieden und Freiheit, die Nicht-
für die fortdauernde Spaltung Deutschlands ansehen
anerkennung des sowjetisch besetzten Teils Deutsch-
muß.
lands und des dort herrschenden Regimes, die Rege-
lung der Grenzfragen in einem wirklichen Friedens- Mit den Gewaltmaßnahmen des 13. August 1961
vertrag, der mit einer gesamtdeutschen Regierung in Berlin, mit den Evakuierungen an der Demarka-
abzuschließen ist und für dessen Zustandekommen tionslinie und mit der Steigerung des Terrors in
wir uns weiter mit aller Kraft einsetzen wollen. ganz Mitteldeutschland hat das dortige Regime von
neuem seine brutale Unmenschlichkeit offenbart.
(Abg. Wehner: Die Mauer muß weg!) Unablässig werden menschliche Grundrechte ver-
Die Bundesregierung weiß, daß diese Ziele nicht letzt. Unbeschreiblich ist die seelische Not der durch
mit Gewalt erreicht werden können. Jeder dahin- Stacheldraht und Betonmauern von uns getrennten
gehende Versuch würde zur Zerstörung unseres Lan- Menschen. Die Bundesregierung fordert mit Nach-
des und großer Teile der übrigen Welt führen. Es druck die Wiederherstellung des Rechts in ganz
wäre das Ende jeder Deutschland-Politik. Die Bun- Deutschland. Vor allem müssen die Sperrmaßnah-
desregierung hat daher mehrfach feierlich erklärt, men in Berlin wieder aufgehoben werden.
daß sie auf die Anwendung von Gewalt oder die (Beifall im ganzen Hause.)
32 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
Die Schandmauer muß verschwinden! Verhandlungen am 28. November in Genf zu einem
(Starker Beifall im ganzen Hause.) Ergebnis führen wird.
Die Aussichten, der Welt durch Abrüstung den
Freie Verbindungswege zwischen Berlin und West- Frieden zu erhalten und zu sichern, sind leider nicht
deutschland müssen gewährleistet sein. ermutigend. Im Gegenteil, die von der Sowjetunion
Ich komme nun zu einer Frage, die für das Schick- hervorgerufene Krise um Berlin zeigt mit aller
sal des deutschen Volkes und auch aller europäischen Deutlichkeit, daß die freien Völker sich gegen einen
Völker von entscheidender Bedeutung ist: zur Frage mit militärischen Mitteln ausgeübten Druck gemein-
der europäischen Sicherheit. Für die Bundesregie- sam sichern müssen.
rung gibt es in dieser Frage einige Grundsätze, die Daher betrachtet die Bundesregierung die Stär-
sie nicht preisgeben kann. Nach Auffasung der Bun- kung der NATO als das Gebot der Stunde, und
desregierung gehört die Frage der europäischen zwar durch verbesserte politische Konsultationen
Sicherheit nicht in den Zusammenhang der Berlin- und durch militärische Verstärkung.
Krise. Die Probleme der europäischen Sicherheit
können nur in Verbindung mit der Wiederherstel- Nach Auffassung der Bundesregierung sollte der
lung der deutschen Einheit erörtert werden. Plan einer NATO Atom Streitmacht baldmöglichst
- -

Wir lehnen auch regionale Sicherheitsmaßnahmen verwirklicht werden. Die Aufstellung einer solchen
in Europa ab, wenn sie als Vorstufe eines Abkom- Streitmacht ist erforderlich, um die Streitkräfte der
mens über eine allgemeine Abrüstung deklariert NATO in ihrer Abwehrkraft auf die gleiche waffen-
werden, da die Hauptforderung des Westens — Auf- technische Stufe zu heben, auf der sich der Gegner
rechterhaltung eines ausgeglichenen Kräfteverhält- befindet. Mit dieser Forderung entkräftet die Bun-
nisses Ost-West — nur in weltweitem Rahmen er- desregierung zugleich den Vorwurf, atomare Waf-
fen für sich selbst erwerben zu wollen. Die Bundes-
füllt werden kann.
regierung hat diese Forderung niemals erhoben.
Die Bundesregierung ist dagegen bereit, sich an
Überlegungen zu beteiligen, die dem Ziel dienen, (Abg. Brandt [Berlin] : Der Kanzler gehört
wohl nicht zur Bundesregierung?!)
die Gefahr von Überraschungsangriffen zu vermin
dern oder zu beseitigen, soweit es sich dabei um Die Organisation des Nordatlantik-Pakts ist ein
weltweite Maßnahmen handelt. auf Verteidigung der gemeinsamen Interessen ge-
Ich wiederhole also: die Bundesregierung ist nicht richtetes Bündnis der freien Völker. Die Bundes-
bereit, Maßnahmen zuzustimmen, die unter der Be- republik ist ein loyaler Partner dieses Bündnisses.
zeichnung „Europäische Sicherheit" in Wirklichkeit Der Verteidigungscharakter der deutschen Streit
die Unsicherheit vergrößern würden. kräfte kann nicht besser demonstriert werden als
durch die Tatsache, daß die deutschen Verbände
(Beifall bei den Regierungsparteien.) dem alliierten Oberbefehlshaber unterstellt sind.
Sie ist indessen bereit, nicht nur solchen Maßnah- Wenn wir die Stärkung der NATO als die drin-
men zuzustimmen, die geeignet sind, die Lösung der gendste Aufgabe ansehen, die es zu bewältigen gilt,
politischen Probleme Europas zu ermöglichen, son- so kommt es darauf an, unsere Mitarbeit durch
dern darüber hinaus auch solchen, die der Wahrung praktische Maßnahmen zu beweisen, d. h. wir müs-
eines gerechten Friedens dienen. sen alle Anstrengungen unternehmen, um unsere
(Abg. Wehner: Sogar Berlin zu isolieren!) Verpflichtungen in der NATO zu erfüllen. Wir wer-
den zu diesem Zweck die Wehrdienstpflicht auf
Eines der obersten Ziele der deutschen Außen- 18 Monate verlängern müssen, und wir werden die
politik bleibt daher die allgemeine und kontrollierte für die Erhaltung unserer inneren und äußeren
Abrüstung. Die Bundesregierung begrüßt das von - Sicherheit erforderliche Gesetzgebung umgehend zu
der amerikanischen Regierung im September dieses verabschieden haben. Das Grundgesetz bedarf der Er-
Jahres den Vereinten Nationen vorgelegte Pro- gänzung, um für den Fall Vorsorge zu treffen, daß
gramm für eine allgemeine und vollständige Ab- der Bestand oder die freiheitlich demokratische
rüstung in einer friedlichen Welt. Sie betrachtet Grundordnung unseres Staates bedroht werden. Auch
dieses Programm als eine realistische Grundlage andere Gesetzentwürfe, die der Vorsorge für den
weiterer Abrüstungsverhandlungen. Krisenfall dienen sollen, wird die Bundesregierung
Die Bundesregierung bedauert, daß die Abrü- dem Bundestag bald vorlegen. Ich erwähne nur den
stungsverhandlungen seit Juni 1960 unterbrochen Schutz der Bevölkerung in den Wohnungen und Be-
sind; sie hofft, daß eine Wiederaufnahme dieser trieben, die Regelung einer Umstellung von Wirt-
Verhandlungen alsbald ermöglicht wird. schaft, Ernährung und Verkehr auf die besonderen
Die Bundesregierung bedauert besonders, daß Erfordernisse eines Krisenfalles und die Einführung
durch das Verhalten der sowjetischen Regierung einer zivilen Dienstpflicht, um im Ernstfall die Ver-
die Verhandlungen für eine kontrollierte Einstel- sorgung und den Schutz der zivilen Bevölkerung so-
lung der Kernwaffenversuche, die zeitweise vor wie die Aufrechterhaltung öffentlicher Dienste
sicherzustellen.
einem positiven Abschluß zu stehen schienen, er-
neut verzögert worden sind. Die Bundesregierung Die zur Verbesserung der Kampfkraft unserer
wünscht dringend einen baldigen Vertrag der Atom- Streitkräfte erforderlichen Maßnahmen führen
Mächte über die kontrollierte Einstellung dieser zwangsläufig zu einer wesentlichen Erhöhung der
Versuche. Sie hofft, daß die Wiederaufnahme der Verteidigungslasten. An Länder und Gemeinden,
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 33
Vizekanzler Dr. Dr. h. c. Erhard
aber auch an Wirtschaft und Bevölkerung richten stärker werden wir sein. Wir müssen den Rahmen,
wir den dringenden Appell, unsere zur Verstärkung der in der Organisation des Nordatlantik-Paktes ge-
der gemeinsamen Verteidigung notwendigen Maß- geben ist, ausfüllen. Wir müssen die gemeinsame
nahmen, vor allem auf dem Gebiet der Landbeschaf- Verteidigungskraft stärken, unsere wirtschaftliche
fung, der Produktion und der Bauten, zu unter- Zusammenarbeit ausbauen und unsere Politik noch
stützen. Viele der Maßnahmen, die die Bundes- enger aufeinander abstimmen. Dann werden wir
regierung treffen muß, werden tief in das Leben nicht nur den Anforderungen der Gegenwart ent-
jedes einzelnen Deutschen eingreifen. Die Bundes- sprechen können, sondern auch den Grundstein für
regierung ist sich dessen bewußt. Sie muß diese eine Zukunft legen, in der Frieden und Freiheit
Opfer, die dem Ernst der Lage entsprechen, vom Wirklichkeit sind.
deutschen Volk verlangen. (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Wir sind davon überzeugt, daß nur eine ganz
klare, entschlossene Haltung uns helfen kann, Vor uns stehen große und schwierige Aufgaben.
Sicherheit und Frieden zu erhalten. Je stärker wir (Sehr wahr! bei der SPD.)
Deutschen innerhalb der NATO diese entschlossene
Diese können nur gelöst werden, wenn wir alle
Haltung durch Taten beweisen, um so mehr dürfen
Kräfte zusammenfassen.
wir darauf vertrauen, daß unsere Verbündeten in
künftigen Verhandlungen mit der gleichen Ent- (Beifall bei :der SPD. — Beifall bei den Re
schlossenheit und Festigkeit den sowjetischen For- gierungsparteien.)
derungen begegnen werden.
Die Gemeinschaft der deutschen Anstrengungen
Das Bündnis der freien Völker ist ein unteilbares sollte sichtbaren Ausdruck finden.
Ganzes. Die Bundesregierung ist sich in besonde-
(Abg. Dr. Mommer: Bravo! — Beifall und
rem Maße der Verpflichtungen bewußt, die ihr aus
Zurufe von der SPD.)
der Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO
erwachsen. Sie ist zutiefst davon überzeugt, daß — Sofort!
Sicherheit und Freiheit des deutschen Volkes nur
Die Bundesregierung ist zuversichtlich, daß alle
in dieser engen Gemeinschaft mit ihren Verbünde-
Mitglieder dieses Hohen Hauses den Grundprinzi-
ten gewährleistet werden können.
pien ihrer Außenpolitik und ihrer Verteidigungs-
Die Begegnung, die vor wenigen Tagen mit dem poltik als dem zentralen Anliegen des deutschen
Präsidenten der Vereinigten Staaten stattfand, ist Volkes zustimmen.
sinnfälliger Ausdruck für die engen und fruchtbaren
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Bindungen, die sich zwischen den Mitgliedern des
Nordatlantik-Bündnisses entwickelt haben. Nur wenn wir diese Grundprinzipien befolgen,
Es ist selbstverständlich, daß in dieser Allianz den (Abg. Brandt [Berlin] : Die Prinzipien stehen
VeringtSavoAmeriknbsd ja nicht drin! Wo sind sie? — Weitere Zu
Führungsrolle zufällt. Daher ist es besonders dan- rufe von der SPD.)
kenswert, daß gleich zu Beginn der Amtszeit der
Bundesregierung Gelegenheit zu einem offenen und kann — das ist die Auffassung der Bundesregierung
herzlichen Gedankenaustausch mit Präsident — das Leben des deutschen Volkes auch in Zukunft
Kennedy gegeben worden ist. gesichert bleiben.
Diese Gespräche haben, wie Sie wissen, zu einer (Anhaltender lebhafter Beifall bei den Re
Übereinstimmung der Auffassungen in den wesent- gierungsparteien.)
lichen Fragen geführt. Sie haben erneut bestätigt,
daß, wie seit vielen Jahren, das Verhältnis nicht nur - Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Meine Da-
der Regierungen, sondern auch des amerikanischen men und Herren, Sie haben die Erklärung der Bun-
und des deutschen Volkes zueinander durch gegen- desregierung gehört.
seitiges Vertrauen und Freundschaft bestimmt wird.
Ehe ich den nächsten Punkt der Tagesordnung
Die Gespräche in Washington haben erneut den Be-
aufrufe, begrüße ich den Präsidenten der Versamm-
weis dafür erbracht, daß wir — Amerikaner und
lung der Westeuropäischen Union, M. Arthur Conte,
Deutsche — uns aufeinander verlassen können.
und heiße ihn hier in diesem Hause herzlich will-
In Kürze werden Gespräche mit General de Gaulle kommen.
und Premierminister Macmillan stattfinden. Für De- (Allseitiger Beifall.)
zember ist die alljährliche Konferenz der NATO-
Meine Damen und Herren, ich rufe auf Punkt 2
Mitglieder in Paris anberaumt. Auch diese Begeg-
der Tagesordnung:
nungen dienen dem Ziel, den Zusammenhalt und die
Festigkeit unseres Bündnisses zu stärken. Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Vierten Geset-
Unsere Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft freier
zes über die Anpassung der Renten aus den
Völker gibt uns die Zuversicht, daß wir die vor uns
gesetzlichen Rentenversicherungen aus Anlaß
liegenden Schwierigkeiten meistern werden.
der Veränderung der allgemeinen Bemes-
Je fester wir alle in diese Gemeinschaft hinein- sungsgrundlage für das Jahr 1961
wachsen, je mehr wir das Gemeinsame in Rechten (Viertes Rentenanpassungsgesetz 4. RAG)

und Pflichten begreifen und verwirklichen, um so (Drucksache IV/16).


34 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Präsident D. Dr. Gerstenmaier
Das Wort zur Einbringung hat der Herr Bundes- einen Jahresbetrag von 760 Millionen DM. Aus
arbeitsminister. verwaltungstechnischen Gründen kommt die erste
(Unruhe.) volle Monatsrate der Anpassung Ende März für
April 1962 zur Auszahlung; für die ersten drei Mo-
— Meine Damen und Herren, ich bitte Platz zu
behalten, die Arbeit geht weiter. Wir sind bei Punkt nate des Jahres 1962 erfolgt voraussichtlich wie bei
2 der Tagesordnung und haben noch vier weitere zu den drei voraufgegangenen Rentenanpassungen
erledigen. eine Einmalzahlung Mitte März 1962. Auf Grund
(Anhaltende Unruhe.) der durch die konjunkturpolitischen Maßnahmen
der Bundesregierung und der Deutschen Bundes-
— Meine Herren, Sie können von einem Minister , bank veränderten Bedingungen ist die Erwartung
unmöglich verlangen, daß er hier spricht, während gerechtfertigt, daß eine Anpassung der laufenden
Sie an der „Klagemauer" stehen. Renten in dem bezeichneten Ausmaß mit den Be-
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD.) mühungen zur Stabilisierung des gesamtwirtschaft-
lichen Gleichgewichts vereinbar ist. Diese Erwartung
Daß der Herr Kollege Dr. Friedensburg jetzt weitere berücksichtigt nicht nur das Größenverhältnis zwi-
Glückwünsche in Empfang nehmen muß, das ver- schen der aus einer Rentenanpassung in Höhe von
stehen wir. — Herr Arbeitsminister, fangen Sie 760 Millionen DM im kommenden Jahr erwachsen-
bitte an! den zusätzlichen Konsumgüternachfrage und dem im
(Zurufe von der SPD: Die Mauer muß weg!) Jahre 1962 zu erwartenden Zuwachs des Angebots,
sondern auch die zeitliche Verteilung der Er-
— Die Mauer muß weg! Ja, auch diese! höhungsbeträge innerhalb des Jahres, die eine
Massierung der zusätzlichen Kaufkraft ausschließt.
Meine Damen und Herren, ich bitte Platz zu neh-
men. Bitte sehr, Herr Minister! Zur Finanzlage der gesetzlichen Rentenversiche-
rung möchte ich auf folgendes hinweisen. Für das
Jahr 1961 ist im Sozialbericht 1961 ein Ü berschuß
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozial- der Einnahmen über die Ausgaben von etwa
ordnung: Herr Präsident, meine Damen und Herren! 1260 Millionen DM in der Arbeiterversicherung und
Mit der Vorlage des Sozialberichts 1961 erfüllt die 720 Millionen DM in der Angestelltenversicherung
Bundesregierung ihre Verpflichtung, über die Finanz- vorausgeschätzt worden., Die Finanzlage der Ren-
lage der gesetzlichen Rentenversicherung, die Ent- tenversicherung hat sich besonders durch das er-
wicklung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und höhte Beitragsaufkommen, in dem sich der hohe
der Produktivität sowie die Veränderung des Volks Grad der Beschäftigung und die Zunahme der Ver-
einkommens je Erwerbstätigen in dem voraufgegan- sichertenentgelte spiegelt, günstiger gestaltet, als
genen Kalenderjahr zu berichten. Der Sozialbericht vorher angenommen wurde. Jedoch wird die Finanz-
ist den gesetzlichen Vorschriften entsprechend von lage nicht nur durch die derzeitigen Kassenüber-
der Bundesregierung bis zum 30. September 1961 schüsse bestimmt, sondern auch dadurch, wie sich
dem Deutschen Bundestag zugeleitet worden. Die in Zukunft die Ausgaben und die Einanhmen ent-
in diesem Ihnen, meine Damen und Herren, vor- wickeln werden, und das ist im wesentlichen wieder
liegenden Bericht vertretenen Auffassungen wer- abhängig von der künftigen Entwicklung der Anzahl
den auch von der neuen Bundesregierung geteilt. der Rentner und der Beitragszahler.
Der Aufbau dieses Berichtes ist der gleiche wie bei Da ist nun festzustellen, daß sich das Verhältnis
den vorhergehenden. In Teil A wird über die wirt- der Anzahl der Rentner zur Anzahl der Beitrags-
schaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik im zahler verändern wird. Denn während zur Zeit noch
Jahre 1960 mit einem Ausblick auf die Jahre 1961 die Mehrzahl der Rentner aus den noch nicht so
und 1962 berichtet. Teil B enthält die Darstellung geburtsstarken Jahrgängen vor der Jahrhundert-
der Finanzlage der gesetzlichen Rentenversicherun- - wende stammt und ein Großteil der Versicherten
gen. In Teil C sind die Schlußfolgerungen gezogen, noch aus den starken Geburtsjahrgängen zwischen
die sich im Hinblick auf eine Rentenanpassung aus 1900 und 1914, werden später die starken Geburts-
den Teilen A und B ergeben. jahrgänge zwischen 1900 und 1914 von Beitragszah-
Ich möchte mich auf die im Vordergrund stehen- lern zu Rentnern geworden sein. In die Gruppe der
den zwei Fragen beschränken: erstens die Entwick- Beitragszahler werden immer mehr die schwächeren
lung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Geburtsjahrgänge seit dem ersten Weltkrieg hin-
zweitens die Finanzlage der Rentenversicherungen. einwachsen. Diese Entwicklung muß man sich vor
Augen halten, wenn man die Möglichkeiten der
Auch in diesem Jahr hat sich die Bundesregie- jetzigen Rentenanpassung untersucht.
rung mit der Frage beschäftigt, ob zwischen einer
Anpassung der laufenden Renten an die Erhöhung Die vorgeschlagene Erhöhung um 5 v. H. verur-
der allgemeinen Bemessungsgrundlage des Jahres sacht Mehraufwendungen, wie ich sagte, in Höhe
1961 und dem Ziel der Wirtschaftspolitik, den Geld- von 760 Millionen DM für das Jahr 1962, von denen
wert stabil zu halten, Einklang besteht. Dafür ist 455 Millionen DM auf die Arbeiterversicherung,
neben der voraussichtlichen Konjunktursituation im 220 Millionen DM auf die Angestelltenversicherung
Zeitpunkt der Rentenanpassung vor allem Höhe und :und 85 Millionen DM auf die knappschaftliche Ren-
Art der Verwendung der zusätzlichen Renten- tenversicherung entfallen.
beträge von Bedeutung. Eine Anpassung der laufen- Es ist darauf hingewiesen worden, daß in diesem
den Renten um 5 v. H. ab 1. Januar 1962 erfordert Jahre ein Nachholen der Anpassung durchgeführt
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 35
Bundesarbeitsminister Blank
werden sollte. Wir liegen bekanntlich mit unseren im Prinzip an die bisherigen Rentenanpassungs-
Anpassungen immer uni ein Jahr gegenüber den gesetze an. Er sieht eine Erhöhung sämtlicher Ren-
neu zugehenden Renten zurück. Das hat die Bundes- t en, die auf Versicherungsfällen beruhen, die im
regierung bei den bisherigen Anpassungsgesetzen Jahre 1960 oder früher eingetreten sind, um 5 v. H.
in Kauf genommen. Grund hierfür war, daß die vor, d. h. um den Vomhundertsatz, um den die all-
finanzielle Entwicklung der Rentenversicherungen gemeine Bemessungsgrundlage für die im Jahre
zur Vorsicht mahnt. Auch in diesem Jahr ist von 1961 neu zugegangenen Renten gegenüber dein Vor-
der Bundesregierung und dem Sozialbeirat einge- jahre erhöht worden ist. Mit der Erhöhung der all-
hend die Möglichkeit einer nachholenden Anpas- gemeinen Bemessungsgrundlage von 1960 auf 1961
sung geprüft worden. Die Bundesregierung hat es war ab 1. Januar 1961 auch eine Erhöhung der Bei-
jedoch für richtig gehalten, nicht durch eine nach- tragsbemessungsgrenze sowohl in den Rentenversi-
holende Anpassung in diesem Jahr weitere Anpas- cherungen der Arbeiter und Angestellten — nämlich
sungen in der Zukunft zu gefährden. Die Kosten von 10 200 DM auf 10 800 DM jährlich — als auch
der nachholenden Anpassung würden sich für das in der knappschaftlichen Rentenversicherung — von
Jahr 1962 auf 1960 Millionen DM belaufen, von 12 000 DM auf 13 200 DM — verbunden.
denen 1170 Millionen DM auf die Arbeiterversiche-
In praktischer Hinsicht wird die Regelung der bis-
rung, 570 Millionen DM auf die Angestelltenver-
herigen Rentenanpassungsgesetze dadurch verbes-
sicherung und 220 Millionen DM auf die knapp-
sert, daß der Gesetzentwurf den Versicherungsträ-
schaftliche Rentenversicherung entfallen würden.
gern nicht mehr bis ins einzelne das technische Ver-
Der Mehrbedarf der nachholenden Anpassung an fahren der Anpassung vorschreibt. Um die Durch-
die allgemeine Bemessungsgrundlage des Jahres führung des Gesetzes unter Berücksichtigung von
1962 gegenüber der Anpassung an die allgemeine Wünschen der Versicherungsträger zu erleichtern,
Bemessungsgrundlage -des Jahres 1961 in Höhe von bestimmt der Entwurf nur noch das Ergebnis, das
insgesamt 1200 Millionen DM würde, soweit er mit durch die Anpassung erreicht werden soll. Im übri-
715 Millionen DM auf die Arbeiterversicherung und gen bleibt es den Versicherungsträgern überlassen,
mit 350 Millionen DM auf die Angestelltenversiche- wie sie die vorgesehene Erhöhung der Renten ver-
rung entfällt, von diesen Versicherungsträgern zu waltungstechnisch erreichen.
tragen sein, soweit er mit 135 Millionen DM auf Da sich die Beitragsbemessungsgrenze in sämt-
die knappschaftliche Rentenversicherung entfällt, lichen drei Zweigen der Rentenversicherung erhöht
vom Bund zu übernehmen sein. hat, haben sich nicht nur die Renten-Höchstbeträge
Die Bundesregierung hat auch untersucht, ob die in den Rentenversicherungen der Arbeiter und An-
Mehrkosten der nachholenden Anpassung gegen- gestellten, sondern diesmal auch in der knapp
über der Anpassung an die allgemeine Bemessungs- schaftlichen Rentenversicherung erhöht. Das hat zur
grundlage des Vorjahres bei der derzeitigen Finanz- Folge, daß in der knappschaftlichen Rentenversiche-
lage der Rentenversicherungen der Arbeiter und der rung an der diesjährigen Anpassung auch die Ren-
ten teilnehmen, die infolge Erreichens oder Über-
Angestellten diesen beiden Versicherungen aufer-
schreitens der Rentenhöchstbeträge bei den vorher-
legt werden können.
gehenden Anpassungen ganz oder zum Teil ausge-
Die Vorausberechnungen haben zu dem Ergebnis schlossen waren. Das gilt auch für den Leistungs-
geführt, daß bei Anpassung an die allgemeine Be- zuschlag und den Silikosefreibetrag, die entspre-
messungsgrundlage des Jahres der Anpassung chend der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze
schon die 5. Rentenanpassung ab 1. Januar 1963 angepaßt werden.
kaum mehr durchgeführt werde könnte, ohne daß In der Vergangenheit ist immer wieder die unter-
das gesetzlich vorgeschriebene Rücklage Soll am schiedliche Höhe der Kinderzuschüsse zu den nach
-

31. Dezember 1966 unterschritten würde, und daß altem Recht berechneten Vergleichsrenten bemän-
durch die 7. und 8. Rentenanpassung das Rücklage - gelt worden. Der Gesetzentwurf sieht auch hier eine
Soll sogar um mehr als 50 Prozent angegriffen Bereinigung vor, die für viele Rentner eine Vergün-
würde. Bei der Anpassung an die allgemeine Be- stigung bedeutet. Es ist vorgesehen, daß im Wege
messungsgrundlage des Vorjahres dagegen ist noch der Anpassung der Kinderzuschuß nach der allge-
die 5. Rentenanpassung und die 6. ohne wesentliche meinen Bemessungsgrundlage des Jahres 1961 zu
Unterschreitung des Rücklage-Solls möglich; auch berechnen ist. Damit wird erreicht, daß die K i nder-
bei der dann folgenden 7. und 8. Rentenanpassung zuschüsse bei den Renten, die der Anpassung unter
würde das Vermögen am 31. Dezember 1966 noch -li egen, nunmehr 'einheitlich nach neuem Recht be-
erheblich über 50 v. H. des Rücklage-Solls Liegen. messen werden.
Da die Bundesregierung im Interesse der Rentner Da den Versicherungsträgern nicht vorgeschrie-
eine gleichmäßige Regelung für mehrere Jahre für ben ist, wie sie die Anpassung durchzuführen haben,
günstiger hält als den Wechsel von besonders gün- kann die Masse der anzupassenden Renten von
stigen und besonders ungünstigen Regelungen, hat den Rentenrechnungsstellen der Bundespost mit
sie sich beim Entwurf des 4. Rentenanpassungs- elektronischer Rechenautomaten umgerechnet Hilfe
gesetzes für die Anpassung an die allgemeine Be- werden, ohne daß die Versicherungsträger dabei
messungsgrundlage des Vorjahres entschieden. eingeschaltet werden müssen.
Der Ihnen, meine Damen und Herren, vorgelegte Die Renten werden — wenn das Gesetz noch in
Entwurf der Bundesregierung für ein 4. Renten- diesem Jahre in der vorgeschlagenen Fassung ver-
anpassungsgesetz schließt mit seinen Regelungen abschiedet wird — nach dem eingespielten Verfah-
36 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Bundesarbeitsminister Blank
ren umgerechnet. Der Berechtigte erhält bei der Aus- hat wenige Tage später mitgeteilt, daß diese Stei-
zahlung der Rente für den Monat März 1962 eine gerung sogar 11,6 % betrage. Gegenüber dieser
schriftliche Mitteilung über die Anpassung. Die Post Wirtschaftsentwicklung muß es als unbefriedigend
wird dann in der Lage sein, die Erhöhungsbeträge bezeichnet werden, daß die Bundesregierung in dem
für die Monate Januar, Februar und März im Laufe Entwurf ides Rentenanpassungsgesetzes nur eine
des Monats März 1962 auszuzahlen. Die laufende Anpassung der Renten in Höhe von 5 % vorschlägt.
Auszahlung des neuen Rentenzahlbetrages wird ab Der Herr Bundesarbeitsminister hat soeben darge-
April 1962 erfolgen. legt, diese Anpassung um nur 5 % hänge auch mit
der allgemeinen Bemessungsgrundlage zusammen.
Ich möchte auch in diesem Jahre, wo ich zum
Diese allgemeine Bemessungsgrundlage stützt sich
viertenmal ein Rentenanpassungsgesetz vorlege —
auf die Lohn- und Gehaltsentwicklung der Jahre
es ist das erste Gesetz, das diesem Hohen Hause
1957 bis 1959. Meine Damen und Herren, diese
vorgelegt wird —, nicht verfehlen, dem Sozialbei-
Praxis, eine durchschnittlich vier Jahre zurücklie-
rat zu danken, der in eingehenden Beratungen in
genden Lohnentwicklung als Bemessungsgrundlage
verantwortungsbewußter Arbeit sein Gutachten er-
für die Anpassung zu nehmen, ist sozialpolitisch
stellt hat, das der Bundesregierung mit eine wesent-
völlig unbefriedigend.
liche Grundlage für ihren Gesetzentwurf gegeben
hat. (Sehr wahr! bei der SPD.)
(Beifall in der Mitte.) Das ergibt sich aus den Zielen der Rentenreform.
Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, dieses Aufgabe der Rentenversicherungs-Neuregelungs-
Gesetz im Interesse der deutschen Rentner so bald gesetze war und ist es doch, daß die Alten, die Ar-
wie möglich zu verabschieden. beitsunfähigen, die Witwen und die Waisen mit
(Beifall bei 'den Regierungsparteien.) ihren Renten nicht hinter der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung zurückbleiben.
Präsident D. Dr. Gerstenmaier: Der Gesetz- (Beifall bei der SPD.)
entwurf ist eingebracht. Ich eröffne die Beratung
der ersten Lesung. Mit diesem Ziel ist eine Anpassung in Höhe von 5 %
bei gleichzeitiger Steigerung des Sozialprodukts um
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Dr. Schellen- über 11 °/o unvereinbar.
berg.
(Erneuter Beifall bei der SPD.)
Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine Eine dritte Feststellung. Es ist ein schwerwiegen-
Damen und Herren! Zur ersten Beratung dieses Ge gender Mangel der bisherigen Rentenanpassung,
setzes habe ich für die sozialdemokratische Fraktion daß — der Herr Bundesarbeitsminister hat nur kurz
einige Feststellungen zu treffen. darüber gesprochen — die Altrenten ein Jahr hinter
den Neurenten zurückbleiben. Wir Sozialdemokraten
Erstens. Wenn wir dieses Rentenanpassungsgesetz, sind der Auffassung, daß diese ausgefallene Anpas-
das am 1. Januar 1962 in Kraft treten soll und zu sung unbedingt nachgeholt werden muß, damit end-
dessen Vorbereitung noch eine Reihe von Maßnah- lich die Gleichbehandlung der Alt- und Neurentner
men erforderlich ist, erst heute in der ersten Lesung verwirklicht wird. Das ist ein Gebot der Gerechtig-
beraten können, so ist das auch eine Folge des Hin keit.
und Her bei der Regierungsbildung. Im Zusammen- (Beifall bei der SPD.)
hang damit steht auch der Tatbestand, daß der So-
zialbericht nicht auf die Tagesordnung gesetzt wer- Darüber hinaus würde durch eine solche Nachholung
den konnte, wie das bisher immer die Übung war, der Anpassung, die wir für unbedingt erforderlich
und zwar deshalb, weil die neue Bundesregierung halten, die Kluft zwischen dem Anpassungssatz von
— wegen der Verzögerung in der Regierungsbil- - 5 °/o, den die Bundesregierung vorschlägt, und der
dung — diesen Sozialbericht dem Hause nicht zuge- tatsächlichen Entwicklung des Sozialprodukts besei-
leitet hat. So wird uns als sogenanntes Material tigt.
zu Drucksache IV/16 formlos der Sozialbericht der Im Sozialbeirat wurde, wie wir aus dem Sozial-
früheren Bundesregierung zugeleitet. bericht entnehmen können, eine nachholende An-
(Abg. Winkelheide: Ist aber doch gleich!) passung von der Hälfte der Beiratsmitglieder — also
über die Vertreter der Versicherten hinaus auch von
— Der Bundesarbeitsminister hat zwar soeben er- den Vertretern der Wirtschaftswissenschaften —,
klärt, die neue Bundesregierung teile die Auffas- wie es wörtlich im Sozialbericht und im Gutachten
sungen des Sozialberichts der früheren Bundesre- des Beirats heißt, „mit besonderem Nachdruck befür-
gierung. Es muß aber beanstandet werden, daß die wortet".
neue Bundesregierung diesen Sozialbericht dem (Hört! Hört! bei der SPD.)
4. Bundestag nicht offiziell zugeleitet hat,
Das bestärkt uns in der Auffassung, daß diese Nach-
(Beifall bei der SPD)
holung der Anpassung nun endlich vollzogen wer-
damit er ordnungsgemäß auf die Tagesordnung den muß.
hätte gesetzt werden können. Nun hat — damit komme ich zur vierten Feststel-
Zweitens. Aus diesem Sozialbericht ergibt sich lung — der Herr Bundesarbeitsminister behauptet
eine Steigerung des Bruttosozialprodukts in jewei- — das kommt auch in dem Gesetzentwurf zum Aus-
ligen. Preisen um 11,3 %. Das Statistische Bundesamt druck —, daß eine über den Satz von 5 % hinaus-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 37
Dr. Schellenberg
gehende Anpassung wegen der Auswirkungen auf zu studieren. Sie werden daraus entnehmen, daß die
die Finanzen der Rentenversicherungen und in Bundesregierung jedes Jahr erklärt hat, es könne
Rücksicht auf die zukünftigen Anpassungen nicht gerade — gewissermaßen mit Ach und Krach —
vertreten werden könne. noch eine Anpassung durchgeführt werden, jede
Die tatsächliche Entwicklung der Finanzen der weitere Anpassung sei finanziell unmöglich.
Rentenversicherungen spricht gegen die Bedenken Wir Sozialdemokraten sind der Auffassung, daß
der Bundesregierung, die der Herr Bundesarbeits- Erklärungen, wie sie der Herr Bundesarbeitsminister
minister soeben vorgetragen hat. Ich stütze mich hier hinsichtlich der Schwierigkeiten von weiteren
dabei auf das Material, das die Bundesregierung Anpassungen vorgetragen hat, konkret und detail-
dem Bundestag vorgelegt hat. Die einzige spezi- liert begründet und belegt werden müssen. Das,
fizierte Vorausschätzung, die die Bundesregierung meine Damen und Herren, sollte und muß geschehen
bisher unterbreitet hat, ist im Sozialbericht des Jah- durch sogenannte versicherungstechnische Bilanzen.
res 1958 enthalten. Damals rechnete die Bundesregie-
rung für die Jahre 1959, 1960 und 1961 unter Berück- Bekanntlich war nach den Rentenversicherungs-
sichtigung von laufenden Anpassungen mit Über- gesetzen erstmalig für den 1. Januar 159 eine ver-
schüssen in der Rentenversicherung der Arbeiter sicherungstechnische Bilanz aufzustellen. Dann soll-
und Angestellten von zusammen 966 Millionen DM. ten alle zwei Jahre weitere Bilanzen vorgelegt
Tatsächlich haben aber die Überschüsse, wie sich werden. Wir haben in diesem Haus die Bundes-
aus dem heute vorliegenden Sozialbericht errechnen regierung wiederholt daran erinnert. Im letzten
läßt, in den letzten drei Jahren 4314 Millionen DM Jahr, bei der Verabschiedung des 3. Rentenanpas-
betragen. sungsgesetzes, hat das Haus ausdrücklich beschlos-
(Hört! Hört! bei der SPD.) sen, die Bundesregierung zu beauftragen, diese
Die Überschüsse betrugen also tatsächlich mehr als Bilanz für den 1. Januar 1959 spätestens im Zusam-
das Vierfache dessen, was die Bundesregierung in menhang mit dem neuen Rentenanpassungsgesetz
ihrer letzten offiziellen Kalkulation am 15. Oktober vorzulegen. Wir Sozialdemokraten stellen fest, daß
1958 dem Bundestag und der Offentlichkeit mit- die Bundesregierung diesen Auftrag des Hauses
wiederum nicht erfüllt hat.
geteilt hat.
(Abg. Winkelheide: Darüber sollte man Beim ersten Durchgang dieses Rentenanpassungs-
doch froh sein!) gesetzes im Bundesrat hat der Herr Staatssekretär
im Bundesarbeitsministerium erklärt, daß der Aus-
— Natürlich wollen wir darüber ,froh sein. Das sagewert solcher Bilanzen im allgemeinen über-
erleichtert es uns auch, gewisse Vorschläge zu ma schätzt werde und daß sie nur begrenzte Bedeutung
chen, zu denen Sie, Herr Winkelheide, sich bei der hätten. Der Herr Staatssekretär hat — das möchte
Abstimmung dann bekennen können. ich zugeben — dafür eine Reihe beachtlicher Gründe
(Beifall bei der SPD.) angeführt. Aber das kann doch keine Entschuldi-
gung dafür sein, daß die Bundesregierung den
Im Hinblick auf die Ausführungen des Herrn Bun- Auftrag, die Bilanzen auf den Tisch des Hauses zu
desarbeitsministers muß ich noch auf einen anderen
legen, bisher nicht erfüllt hat.
finanziellen Tatbestand hinweisen. Bei der Verab-
schiedung der Rentenreformgesetze hat die Bundes- Wir sind bereit, im Ausschuß mit den Regierungs-
regierung erklärt, daß das Vermögen der Renten- parteien und der Regierung gemeinsam die vielfäl-
versicherung — Stand Mitte 1956 — 8363 Millionen tigen Probleme zu erörtern, die mit der Verzöge-
DM betrage. Aus dem vorliegenden Sozialbericht rung der Vorlage dieser Bilanzen zusammenhängen,
ergibt sich, daß das Vermögen der Rentenversiche- und das gesamte Problem mit allem Für und Wider
rung am Ende dieses Jahres einschließlich der Er- eingehend zu besprechen. Es ist festzustellen, daß
stattung nach § 90 des Bundesversorgungsgesetzes - die Bundesregierung bisher Finanzunterlagen nicht
18,350 Milliarden DM betragen wird. Er hat sich also vorgelegt, aber der Herr Bundesarbeitsminister
seit Beginn der Rentenreform mehr als verdoppelt dennoch ohne eindeutige Begründung erklärt hat,
und ist um mehr als 10 Milliarden DM gestiegen. weitere Anpassungen seien gefährdet, wenn den
Nun noch eine fünfte Feststellung und Entgeg- Altrentnern Gerechtigkeit bei der Anpassung zuteil
wird.
nung auf die Ausführungen des Herrn Bundes-
arbeitsministers. Die Bundesregierung und der Herr Eine sechste Feststellung. Schon im vergangenen
Bundesarbeitsminister sind der Auffassung, daß un- Jahr mußten wir beanstanden, daß der Sozialbericht
geachtet dieser günstigen finanziellen Entwicklung in seinen Aussagen über die zukünftige finanzielle
eine Nachholung der ausgefallenen Anpassung, eine Entwicklung immer dürftiger wird. Diesmal sind im
sozial gerechtfertigte und volkswirtschaftlich begrün- Sozialbericht überhaupt keine konkreten Zahlen
dete Anpassung nicht durchgeführt werden könne, über die zukünftige finanzielle Entwicklung der
damit, wie der Herr Bundesarbeitsminister wörtlich Rentenversicherung enthalten, sondern es werden
sagte, weitere Anpassungen in den nächsten Jahren nur Prozentsätze genannt. Offenbar will es die Bun-
nicht gefährdet werden. Meine Damen und Herren, desregierung mit dieser sehr eigenartigen Praxis
derartige Erklärungen haben wir von der Bundes- unmöglich machen, daß in Zukunft ihre Voraus-
regierung bei jeder Anpassung und bei jedem schätzungen mit den tatsächlichen Rechnungsergeb-
Sozialbericht vernommen. Ich bitte auch die neu- nissen konfrontiert werden können. Durch derartige
gewählten Damen und Herren, sich der Mühe zu Methoden können unsere Forderungen auf Gleich-
unterziehen, die Sozialberichte 1958, 1959 und 1960 behandlung der Altrentner mit den Neurentnern
38 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Dr. Schellenberg
und auf eine wirtschaftlich und finanziell gerechte die eine Hand gibt, und die andere Hand nimmt es
Anpassung aller Renten nicht abgetan werden! wieder durch die Anrechnung.
Im übrigen ist festzustellen, daß die finanziellen (Sehr wahr! bei der SPD.)
Perspektiven, die sich ergeben, wenn man versucht,
aus diesen Prozentsätzen Prognosen für die zu- Wir haben uns hier im Hause mit beiden Problemen
künftige finanzielle Entwicklung abzuleiten, weit schon in den vergangenen Jahren beschäftigt. In
günstiger sind, als von der Bundesregierung bisher diesem Zusammenhang darf ich eine Bemerkung an
behauptet wurde. die Kollegen von der FDP richten. Sie haben uns bei
unseren beiden Anliegen, nämlich Einbeziehung des
Dennoch, ungeachtet der günstigen finanziellen Sonderzuschusses in die Anpassung und Ausschluß
Entwicklung, sind wir bereit, um allen möglichen der Anrechnung bei Anpassungsbeträgen, in der
Bedenken über die zukünftige finanzielle Entwick- vorigen Legislaturperiode zugestimmt.
lung, (Hört! Hört! bei der SPD.)
(Abg. Ruf: Also doch Bedenken!)
So haben wir eine starke Hoffnung, daß wir bei
die uns allen gleichermaßen am Herzen liegt — und
diesen Anliegen im Hause eine Mehrheit gewinnen
darin lassen wir uns von niemandem im Hause
können.
übertreffen — , (Beifall bei der SPD.)
(Beifall bei der SPD)
Lassen Sie mich zum Schluß noch kurz über eine
Rechnung zu tragen, mit Ihnen zu erörtern, ob die Frage sprechen, die die Öffentlichkeit bewegt. Im
unbedingt notwendige Nachholung der Anpassung Hinblick auf das Weihnachtsfest erhalten Beamte
schrittweise vorgenommen werden kann. Das und Versorgungsempfänger des öffentlichen Dien-
könnte etwa in der Weise geschehen, daß jetzt als stes gewisse Sonderzuwendungen. Diese Leistungen
erster Schritt zur Nachholung der Anpassung die stehen rechtlich in keiner Beziehung zur Rentenver-
Hälfte der ausgefallenen Anpassung von 6,6 % ge- sicherung, aber moralisch besteht doch unbestreit-
zahlt wird. Danach würde sich praktisch ergeben: bar ein Zusammenhang.
5 % Anpassung nach dem Vorschlag der Bundes- (Abg. Büttner: Sehr richtig!)
regierung plus die Hälfte der Nachholung = 3,3 %,
insgesamt ein Anpassungssatz von 8,3 % für 1962. Das gibt uns Sozialdemokraten die Hoffnung, daß
Dadurch würde sich der Mehraufwand für die Ar- Sie unseren Vorschlägen für eine verbesserte An-
beiter- und Angestelltenrentenversicherung um passung und eine Beseitigung der Härten bei der
425 Millionen DM für das nächste Jahr erhöhen. Anpassung zustimmen werden. Auf diese Weise
(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Schmid.) könnte dem sozialen Anliegen, um das es im
Grunde geht, in einer Art Rechnung getragen wer-
Meine Damen und Herren, wir sind der Auffassung, den, die den Prinzipien und Methoden der Renten-
daß ein Betrag in dieser Größenordnung bei einem versicherung entspricht.
Vermögen von 18 Milliarden DM ohne jedes Risiko
Über den Rahmen des hier zur Beratung anste-
für die zukünftige finanzielle Sicherheit und ohne henden Gesetzentwurfs hinaus haben wir Sozial-
Gefahr für die Anpassungen in den späteren Jahren
demokraten, wie Ihnen nicht unbekannt sein wird,
von der Rentenversicherung verkraftet werden zur Beseitigung der Härten und Ungerechtigkeiten
kann. in der Rentenversicherung und zur Weiterentwick-
(Beifall bei der SPD.)
lung der Rentenreform konkrete Vorstellungen ent-
Siebentens noch zwei Dinge, die finanziell kein wickelt. Wir werden darauf zu gegebener Zeit zu-
großes Gewicht haben, aber für die Betroffenen von rückkommen. Ich fühle mich verpflichtet, das schon
- heute zu betonen, weil in der Regierungserklärung,
großer sozialer Bedeutung sind. Einmal geht es dar-
um, daß auch die Bezieher der kleinsten Renten in die wir soeben gehört haben, kein Wort über die
den Genuß des vollen Anpassungsbetrages kommen soziale Sicherung für unsere Alten, Arbeitsunfähi-
sollten, gen und Witwen gesagt wird.
(Zustimmung bei der SPD) (Beifall bei der SPD. — Abg. Wehner:
das heißt also, daß der sogenannte Sonderzuschuß Leider wahr!)
nicht von der Anpassung ausgenommen werden
sollte. Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat Herr
(Unruhe. — Zuruf des Abgeordneten Win Abgeordneter Spitzmüller.
kelheide. — Abg. Büttner: Herr Winkel
heide, was gibt es denn da zu lachen?) Spitzmüller (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr
— Ich nehme das als freudige Zustimmung, was Sie verehrten Damen! Meine Herren! Lieber Kollege
da sagen, Herr Kollege Winkelheide. Schellenberg, in der Zwischenzeit haben sich die
Fronten in diesem Hause durch das Wahlergebnis
Und noch ein anderes Problem. Es ist ein wich- ja etwas geändert.
tiges soziales Anliegen, daß die Anpassungsbeträge
nicht auf andere Sozialleistungen angerechnet wer- (Lachen und Zurufe von der SPD.)
den, damit endlich mit der unerfreulichen Praxis Da wir uns aber so lange kennen, lieber Kollege
Schluß gemacht wird, von der die Menschen sagen: Schellenberg, muß ich doch eines sagen: Was hätte
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 39
Spitzmüller
die Bundesregierung eigentlich tun sollen oder tun rung wird aber durch die Anhebung nicht vermin-
müssen, um nicht vorweg Ihr Mißfallen zu erregen? dert, sondern sie wird sich gerade für die Klein-
rentner verstärken, weil eben dort die Anhebung
(Abg. Dr. Schellenberg: Nun hören Sie mal!)
nur um den gleichen Prozentsatz erfolgt wie bei
Sie wissen doch genau wie wir alle, daß dieser denen, deren Renten weit oberhalb des allgemeinen
Sozialbericht bis zum 30. September vorzulegen ist Fürsorgerichtsatzes liegen.
und daß ,die dritte Bundesregierung das getan hat.
Für viele Rentenempfänger, gerade diejenigen,
(Abg. Ruf: Am 15. sogar!) die kleine Renten beziehen, stellt die Rentenerhö-
hung, das Nachziehen, nichts anderes dar als einen
Sie wissen auch, daß wir, der 3. Deutsche Bundes- billigen Ausgleich für die inzwischen eingetretene
tag und die dritte deutsche Bundesregierung, bis Teuerung. Man hat ursprünglich gesagt: Der alte
zum 15. Oktober im Amt gewesen sind. Die dritte Mensch soll nicht von der Entwicklung ausgeschlos-
Bundesregierung hat also zweifellos ihre gesetzliche sen sein, die er durch seine eigene Arbeit mit her-
Verpflichtung erfüllt. beigeführt hat; es soll ermöglicht werden, daß er
Nun hätte die vierte Bundesregierung die Mög- auch im Alter an den Früchten seiner früheren Ar-
lichkeit gehabt, den Bericht (noch einmal) zu über- beit partizipiert. Jedoch gerade die Automatik ist
senden. Aber, sehr geehrter Herr Kollege Schellen- es, die die Unterschiedlichkeiten schafft. Das Den-
berg, welche Argumentation hätten Sie dann ge- ken in Quoten, Prozenten und Indexziffern hat man-
funden, um vielleicht zu sagen, daß hier eine Frist- ches Verführerische, so etwas wie die Zauberformel
versäumnis vorliege, weil der Bericht erst im Okto- „Sesam, öffne dich". Aber erkennen wir doch nach
ber oder November zugeschickt worden sei. vier Jahren Anlaufzeit der Rentenreform, daß diese
Zauberformel der Vielfalt ides menschlichen Lebens
(Widerspruch und Zurufe von der SPD.) doch nicht in allen Bereichen gerecht werden kann!
Lieber Kollege Schellenberg, ich glaube, wir können Nach dem jetzt geltenden Recht hinken die Alt-
hier ganz eindeutig feststellen: Die Bundesregierung renten hinter den Neurenten her — das ist sehr
hat ihre gesetzlichen Verpflichtungen erfüllt. deutlich angesprochen worden —, und daß das kein
Etwas anderes ist es mit der Gesamtproblematik, guter Zustand ist, ist ebenfalls unumstritten; denn
von der Sie gesprochen haben. Da stimme ich Ihnen mit ihm klassifiziert man .die Rentenempfänger in
zwei Schichten.
durchaus darin zu, daß wir zum vierten Male hier
im Bundestag vor der Entscheidung stehen, in wel- Wir stehen aber heute unter dem Zwang des
cher Weise die Bestandsrenten , den Zugangsrenten Handelns. Die Altrenten müssen nachgezogen wer-
angepaßt bzw. nachträglich an diese herangezogen den. Ob sie aber in der Form nachgezogen werden
werden sollen. Wenn man reformerisches Neuland können, daß man sie tatsächlich auf den Stand der
in der Gesetzgebung beschreitet, ist es klar, daß man Neurenten anhebt, auf den der Zugangsrenten, das
immer mit Imponderabilien zu rechnen hat. Die bis- wage ich zu bezweifeln, jedenfalls so lange zu be-
herige Entwicklung hat hier doch eigentlich einiges zweifeln, wie uns die versicherungsmathematische
erkennen lassen. Daher meinen auch wir Freien Bilanz nicht vorliegt und damit keinerlei Schlüsse
Demokraten, daß man darangehen könnte, hier und auf die Zukunft gezogen werden können.
dort mit einer wirksamen Korrektur anzusetzen.
Die FDP hat bereits dem vergangenen Bundestag
Wenn wir Abgeordneten dieses Haus vor einem einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die ganze Ent-
Gesetz mit einer so großen finanziellen Tragweite wicklung in etwas ruhigere Bahnen lenken sollte.
stehen, können wir ihm unsere Zustimmung aus Wir meinen, daß es zweckmäßig wäre, diese Dinge
ehrlichem Herzen nur geben, wenn uns gewisse noch einmal in aller Ruhe zu überprüfen und neu
Daten, gewisse Unterlagen zur Verfügung stehen. zu durchdenken. Wir sind am Anfang einer Legisla-
Wir bedauern es mit der Fraktion der CDU/CSU - turperiode. Wir sollten nicht sagen: „Wir haben
und mit Ihnen von der SPD, daß die versicherungs- viel Zeit", sondern wir sollten jetzt die Zeit wirk-
mathematische Bilanz nicht vorgelegt wurde. Wir
lich nützen, auch schon bei der Beratung dieses Ge-
sind der Meinung, daß diejenigen, die alle diese
setzentwurfs. Wir sollten im Sozialpolitischen Aus-
Gesetze im Jahre 1957 beschlossen haben, heute,
schuß des Deutschen Bundestages versuchen, über
wenn sie ehrlich sind, erkennen müssen, daß die
das Trennende hinweg schließlich das Gemeinsame
Gesamtgestaltung dieser Materie wesentlich schwie-
zu finden, das in so großem Maße vorhanden ist,
riger ist, als es bei der Geburt der Idee damals
und uns zusammenraufen im Interesse der alten
schien.
Rentner, aber auch im Interesse derer, die erst in
Damit käme ich im Grunde genommen auf die Zukunft Rentenempfänger sein werden.
Rentenformel. Müssen wir uns hier nicht wirklich
einmal überlegen, ob es nicht durch eine Korrektur Wir haben — das möchte ich sehr klar zum Aus-
der jetzt geltenden Rentenformel möglich wäre, druck bringen — nicht nur die Verpflichtung, für
Härten, die insbesondere bei den Beziehern der das Wohlergehen der Rentner von heute, sondern
Kleinrenten festzustellen sind, zu mildern? Die An- auch für die Rentner von morgen zu sorgen, d. h.
passungen, die nach dem jetzt geltenden Recht vor- für die Arbeiter von heute. Wir dürfen uns den
genommen werden, schaffen einen Zustand — das Blick nicht trüben lassen und müssen deshalb diese
müssen wir ehrlich bekennen —, der von vielen als Probleme sehr vorsichtig anpacken.
soziales Unrecht empfunden wird. Die Differenzie (Sehr richtig! in der Mitte.)
40 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Spitzmüller
Ich bin der Überzeugung, daß die Politik und ge- einer Erhöhung auch mit gutem Gewissen zustim-
rade die Sozialpolitik sich nicht danach ausrichten men können.
sollte, daß man gut über die nächste und die über- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
nächste Runde kommt, sondern man sollte bei einem
solchen Gesetzgebungswerk wirklich auf lange Sicht
planen und vorkalkulieren. Wir dürfen uns nicht Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
durch die im Augenblick günstige finanzielle Lage Abgeordnete Ruf.
der Rentenversicherung verführen lassen, denn
diese hat bestimmte Ursachen. Die Ursache liegt zu- Ruf (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen
nächst einmal in der Lohnbezogenheit der sozialen und Herren! Daß unsere sozialdemokratische Oppo-
Abgaben und zum anderen in der völligen Aus- sition mit dem vorliegenden Gesetzentwurf nicht
schöpfung unserer Arbeitsreserven. Sogar auslän- voll zufrieden sein wird, war von vornherein nicht
dische Arbeitskräfte, die in großer Zahl hereinkom- anders zu erwarten. Ähnliche Diskussionen haben
men, zahlen ihre Beiträge an die Versicherungen. wir in den letzten Jahren bei allen Rentenanpas-
Diese Erfassung aller möglichen Arbeitskräfte, diese sungen erlebt. Wir haben aber seinerzeit bei der
Eingliederung in den Arbeitsprozeß wirkt sich im Rentenreform in Kauf genommen, daß wir uns Jahr
Moment nur nach der positiven Seite aus, nämlich für Jahr in diesem Saal mit dem Problem der Ren-
in der Form, daß erhöhte Eingänge von Zahlungen tenanpassung auseinandersetzen müssen.
für spätere Rentenansprüche festzustellen sind. Eben (Abg. Frau Döhring [Stuttgart]: Das werden
diesen Zahlungen aber stehen Verpflichtungen in Sie auch in Zukunft müssen!)
den nächsten zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig Jah-
ren gegenüber. Als Negativum muß — das hat der Wir haben das deswegen getan — Herr Kollege
Herr Bundesarbeitsminister schon sehr klar gesagt Spitzmüller, das gilt Ihnen —, weil wir damals wie
- auch die ungünstige Entwicklung der Alterspyra- heute gemeint haben, man dürfe die Anpassung der
mide im deutschen Volk betrachtet werden, von der Bestandsrenten nicht einer Automatik überlassen,
der Herr Familienminister ein besonderes Lied sin- sondern müsse die Anpassung der laufenden Renten
gen könnte. für die 8 Millionen Rentenempfänger in die Hand
nehmen und Jahr für Jahr in eigener Verantwor-
Ich komme zum Schluß. Bei dem uns vorliegenden tung entscheiden, ob und in welchem Umfang ange-
Gesetzentwurf geht es um die Anhebung der Be- paßt werden soll.
standsrenten. Auf die Dauer gesehen halten wir es
Herr Kollege Schellenberg hat mit Recht auf
für schlecht und für nicht gerecht, wenn die unter-
die relativ erfreuliche Entwicklung der Finanzlage
schiedliche Behandlung der Alt und Neurentner
bei den Rentenversicherungsträgern hingewiesen.
-

keine Korrektur erfährt. Hier muß ich auf Ihre Aus-


Die Überschüsse der Rentenversicherungsträger
führungen, sehr geehrter Herr Kollege Schellenberg,
haben sich Jahr für Jahr vermehrt. Das läßt sich
noch einmal zurückkommen. Sie haben davon ge-
nicht leugnen. Im Jahre 1958 betrugen die Über-
sprochen, daß Alt- und Neurentner gleichbehandelt
schüsse der Einnahmen gegenüber den Ausgaben
werden müssen. Wenn ich das Wort „Gleichbehand-
0,7 Milliarden, 1959 0,9 Milliarden, 1960 1,4 Milliar
lung" aus Ihrem Munde höre, habe ich den Ver-
den und 1961 2 Milliarden DM.
dacht, daß Sie damit die volle Automatik für die
Neurentner und für die Altrentner fordern, und da Herr Kollege Schellenberg hat ferner mit Recht
muß ich nun sagen: Es gibt doch in der Wirtschaft auf Seite 15 des Sozialberichts hingewiesen, wo ver-
Apparaturen, die, wenn sie einmal in Gang gekom- schiedene Daten der wirtschaftlichen Entwicklung
men sind, den Menschen das Tempo vorschreiben, angegeben sind. Es heißt dort — das läßt sich nicht
ohne daß danach gefragt wird, ob der einzelne bestreiten —, daß sich die wirtschaftliche Leistungs-
Mensch dieser Belastung gewachsen ist. Gerade das fähigkeit, die in der Zunahme des Sozialprodukts
sollten wir verhindern, daß der Mensch zum Werk- - 1960 zum Ausdruck kommt, nominell um 11,3%, real
zeug von Apparaturen, Mechanismen und Automa- um 8 % entwickelt hat und daß sich die gesamtwirt-
tismen wird. schaftliche Produktivität um 5,9 % und das Volks-
(Zurufe von der SPD.) einkommen je Erwerbstätigen um 9,8 % erhöht hat.
Meine Damen und Herren, das spricht für unsere
Was aber in diesem Zusammenhang gilt, gilt um
Wirtschafpolk,dewntzJahr
so mehr im politischen Bereich. Gerade im poli-
betrieben haben.
tischen Bereich. müssen wir uns davor hüten, uns
immer mehr in Schemata einzuzwängen; je mehr (Beifall in der Mitte.)
das geschieht, um so mehr beschneiden wir unsere Das haben wir unserer Wirtschaftspolitik und unse-
politische Entscheidungsfreiheit. ren gemeinsamen Anstrengungen zu verdanken.
(Beifall bei der FDP.) (Sehr richtig! in der Mitte.)
Nachdem von der Regierung im Bundesrat aus- Wir dürfen aber nicht übersehen, daß es durchaus
geführt worden ist, daß die versicherungsmathema- möglich ist, daß sich auf der einen Seite jahrelang
tische Bilanz kurz vor dem Abschluß stehe — „nahe- die Produktivität unserer Wirtschaft relativ günstig
zu fertig" sei, heißt es dort wörtlich —, haben wir nach oben entwickelt, daß sich auf der anderen
immer noch die Hoffnung, daß es möglich ist, diese Seite unabhängig davon die Finanzlage bed den
versicherungsmathematische Bilanz noch zu Rate zu Rentenversicherungsträgern anders, ja sogar gegen-
ziehen, damit wir dann an Hand der Unterlagen läufig entwickelt. Wir dürfen uns von der derzeiti-
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 41
Ruf
gen Kassenfülle der Rentenversicherungsträger auf Es ist Ihnen bekannt, daß von den Sowjetzonen
keinen Fall täuschen lassen. Die Bank deutscher flüchtlingen, die in letzter Zeit zu uns gekommen
Länder, eine unabhängige Institution, hat schon im sind, 60 bis 65 % erwerbsfähig waren, junge Men-
Juli-Bericht darauf hingewiesen, daß die gegen- schen waren, die hier sofort ins Arbeitsleben über-
wärtige günstige Finanzlage der Rentenversicherun- nommen werden konnten. Auch hier hat sich in der
gen nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß bei Zwischenzeit einiges geändert.
fortgesetzter Anpassung der Renten an die Bemes-
sungsgrundlage sich schon im laufenden Deckungs- Die Bundesregierung spricht im Sozialbericht mit
abschnitt die Frage einer zusätzlichen Erhöhung der Recht von gewissen demographischen Zwangsläufig-
Einnahmen stellen kann. Die Bundesregierung hat keiten. Ich empfehle Ihnen, gerade auch dieses
auch im jetzigen Sozialbericht, der etwas optimi- Kapitel über die Entwicklung der Bevölkerung und
stisch und günstig gestimmt ist, immerhin gesagt, der Erwerbstätigkeit noch einmal nachzulesen.
daß die Finanzsituation der Rentenversicherungen Aber vor allen Dingen ist für uns entscheidend,
auf der Grundlage neuester Zahlenergebnisse es was der Herr Bundesarbeitsminister gesagt hat und
gebiete, Entscheidungen über Anpassungen mit Vor- was auch im Sozialbericht steht: Die Vorausberech-
sicht zu treffen. Nur darum geht es, meine sehr ver- nungen, die von verantwortlichen Stellen gemacht
ehrten Damen und Herren, daß wir diese Entschei- worden sind, haben ergeben, daß sowohl in der
dungen mit Vorsicht treffen. Rentenversicherung der Arbeiter als auch in der
Wir müssen sie deswegen mit Vorsicht treffen, Rentenversicherung der Angestellten nur die vierte
weil wir genau wissen, worauf die relativ günstige und die fünfte Rentenanpassung durchgeführt wer-
Kassenlage der Rentenversicherungen zurückzufüh- den können, ohne daß die gesetzlich vorgeschrie-
ren ist. Sie hat sich insbesondere deswegen günstig bene Rücklage unterschritten wird. Das bedeutet,
gestaltet — das wurde noch nicht erwähnt, deshalb meine Damen und Herren, daß die sechste vielleicht
darf ich darauf hinweisen —, weil die allgemeine noch, die siebte und achte Rentenanpassung aber
Bemessungsgrundlage in den letzten Jahren Jahr dann nicht durchgeführt werden können. Nach dem
für Jahr weniger gestiegen ist als die Durchschnitts- Rentenanpassungsgesetz, das wir seinerzeit be-
arbeitsverdienste aller Arbeitnehmer in den Ren- schlossen haben, könnten wir zu bestimmten sehr
tenversicherungsträgern. Sie wissen, wir haben die unpopulären und unbequemen Maßnahmen gezwun-
Renten um 6,1 %, dann um 5,94 %, dann um 5 % gen sein, wenn wir jetzt nicht entsprechend ver-
angepaßt. Die effektiven Verdienste sind aber in antwortungsbewußt und vorsichtig verfahren.
dem letzten Jahr, im Jahre 1960, z. B. um 9,45
gestiegen. Sie werden nach Schätzungen im Jahre Herr Kollege Schellenberg, Sie haben am Schluß
1961 um 9,7 % steigen. Ihrer Ausführungen einen Vorschlag gemacht. Wir
Das bedeutet nach der Gestaltung unserer Ren- werden, davon dürfen Sie überzeugt sein, im Aus-
tenformel, bei der die allgemeine Bemessungsgrund- schuß über diesen Vorschlag reden; nicht nur reden,
lage nun einmal die Grundgröße ist, daß sich diese sondern wir werden den Vorschlag prüfen. Aber
Lohnerhöhung der letzten beiden Jahre erst im sehen Sie: Sie haben selber darauf hingewiesen,
Jahre 1962 auswirken wird. Sie wird sich voll erst daß Sie hinsichtlich der Rentengestaltung noch
in weiteren zwei Jahren auswirken. Höhere Ein- einige Wünsche an die Rentenversicherungen haben.
nahmen in der Rentenversicherung bedeuten nun Auch wir haben Wünsche; auch wir wissen, daß
einmal zu einem späteren Zeitpunkt zwangsläufig da noch nicht alles befriedigend geregelt ist und daß
höhere Ausgaben. Das läßt sich nicht vermeiden. einige Dinge noch zu ändern sind. Ich erinnere nur
an die Witwenrenten; ich könnte noch mehr anfüh-
Es wurde schon wiederholt gesagt, daß die Er- ren. Aber gerade weil wir das wissen und weil wir
werbsquote und das Verhältnis der Erwerbstätigen das noch vorhaben im Interesse derjenigen Rentner,
zu den Rentnern sich verschlechtern. Es wurde auch die wirklich darauf angewiesen sind, müssen wir
schon darauf hingewiesen, daß wir das Reservoir an - uns hier bei den prozentualen Rentenanpassungen
Arbeitskräften ausgeschöpft haben. Es wäre noch entsprechend zurückhalten.
zu sagen, daß wir selbstverständlich sehr viele Bei-
tragseinnahmen der Zuwanderung von ausländi- Wir sollten, glaube ich, sowieso darauf sehen,
schen Arbeitskräften zu verdanken haben. Man nicht so sehr eine quantifizierende Sozialpolitik zu
kann ungefähr sagen, daß 500 000 ausländische treiben, die jeweils die Leistungen prozentual
Arbeitskräfte im Jahr eine Zunahme der Beitrags- erhöht. Das bewirkt nämlich, daß diejenigen, die
einnahmen von etwa einer halben Milliarde D-Mark viel haben, noch mehr bekommen und diejenigen,
mit sich bringen. Aber wer sagt Ihnen, meine Damen die wenig haben, nicht das bekommen, was sie
und Herren, daß diese ausländischen Arbeitskräfte eigentlich haben sollten.
auf die Dauer und für alle Zeiten bei uns sein wer- Wir sind also dafür — es ist eigentlich überflüs-
den? Wer sagt überhaupt, daß die wirtschaftliche sig, das noch einmal zu betonen —, daß die Rentner
Entwicklung weiterhin in alle Zukunft unbedingt an der wirtschaftlichen Entwicklung teilnehmen.
in einer Einbahnstraße steil nach oben gehen wird? Deswegen haben wir ja letzten Endes seinerzeit die
Wir müssen uns auch auf andere Tatbestände ein- Rentenreform beschlossen und die Gesetze so
stellen, wenn wir verantwortungsbewußt handeln gemacht, daß in Zukunft die Arbeitnehmer, wenn
wollen. sie aus dem Arbeitsleben ausscheiden, nicht in
Ferner wäre darauf hinzuweisen, daß wir in den ihrem Lebensstandard absinken. Wir haben aber
letzten Jahren einen sehr starken Wanderungs- seinerzeit auch die Verantwortung dafür mit über-
gewinn durch die Sowjetzonenflüchtlinge hatten. nommen, daß das, was wir jetzt gewähren, auch für
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Ruf
die Dauer sichergestellt bleibt und daß die Renten unser Anliegen, meine sehr verehrten Damen und
auch in aller Zukunft nach diesen Regeln gezahlt Herren von der Opposition.
und finanziert werden können. Das liegt in unserer
Verantwortung; das tun wir im Interesse der Rent- (Beifall bei der SPD.)
ner und nicht zuletzt auch im Interesse der aktiven Herr Professor Schellenberg, ich möchte Ihnen
Arbeitnehmer, um deren Einkommen nicht über eines sagen: In dem Moment, wo die automatische
Gebühr durch Beiträge beanspruchen zu müssen. Dynamik bei der Änderung der Rentenformel be-
Auch hier liegt eine Verpflichtung, meine sehr seitigt wird, in dem Moment — ich möchte sehr ge-
verehrten Damen und Herren, der wir uns nicht ent- nau unterscheiden —, wo die Automatik beseitigt
ziehen dürfen. wird und die Renten durch Gesetz der Entwicklung
Wir werden die Dinge im Ausschuß gewissenhaft angepaßt werden, wird auch die FDP ihr volles Ja
prüfen, und wir hoffen, daß wir uns recht bald hier dazu geben; dann wird nämlich diese Schere sofort
bei der zweiten und dritten Lesung wiedersehen. beseitigt. In dem Moment werden diese 6,6 % sofort
nachgeholt werden.
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Lachen bei der SPD.)
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Noch etwas in diesem Zusammenhang zu unseren
Abgeordnete Schellenberg. Bemühungen, Herr Kollege Schellenberg, die das
Problem des Mitziehens, Ihren Antrag mit den
Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine Sätzen 14 und 21 DM, betreffen. Darf rich Ihnen ganz
Damen und Herren! Nur zwei kurze Feststellungen! offen sagen, daß wir so das Problem nicht lösen. In
Der Kern der Ausführungen der beiden Vorred- Wirklichkeit liegt es viel tiefer, nämlich in der gan-
ner war, daß praktisch die Renten hinter der Steige- zen Systematik dieses Gesetzes, das die Aufmerk-
rung des Sozialprodukts zurückbleiben sollten. — samkeit des Hohen Hauses noch sehr oft in An-
Erste Feststellung. spruch nehmen wird. Es geht nämlich um die Frage,
Zweite,, interessante Feststellung: Die Koalitions- ob wir den Bundeszuschuß, der zur Aufbringung
parteien haben heute als Sprecher zwei Persönlich- der Mittel gegeben werden muß, wirklich gerecht
keiten benannt, die prinzipielle Gegner der Renten- verteilen. Das heutige Verfahren ist falsch. Die
dynamisierung waren. Rentenanpassung partizipiert an den Bundesmitteln
und nimmt den Bundeszuschuß mit in die Höhe.
(Zurufe von der CDU/CSU.)
Ich werfe diese Frage auf und möchte sie an
B) Über alles andere werden wir im Ausschuß bera einem ganz einfachen Beispiel drastisch erklären.
ten. Seit der Rentenneuregelung sind die Renten um
(Beifall bei der SPD.) rund 20 % erhöht worden. Das heißt, die 400-DM-
Rente ist — nur um ein theoretisches Beispiel zu
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der geben — um 80 DM auf 480 DM erhöht worden.
Abgeordnete Weber. Von diesen 80 DM muß rund ein Drittel — wenn ich
nur die eine Gruppe der Arbeiterrentenversicherung
Weber (Georgenau) (FDP) : Herr Präsident! nehme — als Bundeszuschuß gegeben werden. Das
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Haben sind rund 27 DM. Der Schnitt bei allen drei Renten-
Sie keine Sorge — wenn auch die Sozialpolitiker als versicherungsträgern liegt tiefer; dus weiß ich. Ich
Monomanen beschimpft werden —, ich werde mich will nur das Beispiel geben.
bemühen, es kurz zu machen; aber ich sehe mich Auch die 40-Mark-Rente ist um 20 % erhöht wor-
genötigt, Herrn Professor Schellenberg noch eine- den, also auf 48 DM. Von dem Differenzbetrag von
Antwort zu geben, und zwar vom Grundsätzlichen 8 DM ist ebenfalls ein Drittel Staatszuschuß. Es sind
her. rund 2,70 DM gegen 27 DM bei der 400-DM-Rente.
Alle Jahre wieder stehen wir hier und werden wir Die Mittel des Bundes werden heute nach folgen-
in Zukunft wieder hier stehen, so lange, bis das dem Prinzip gegeben — ich will Ihnen dazu einen
Rentenneuregelungsgesetz geändert sein wird, so alten Bibelspruch sagen —: Wer da hat, dem wird
lange, ,bis entweder die SPD mit ihrer Meinung gegeben, daß er die Fülle habe, und ich könnte
gesiegt hat und alles bis zum letzten automatisch fortfahren: wer da wenig hat, bekommt weniger.
gemacht ist oder diese Zwitterstellung beseitigt ist Meine Damen und Herren, das ist eine Ungerechtig-
und nicht die automatische, sondern die wirkliche keit.
Produktivitätsrente geschaffen wird.
(Abg. Ruf: Dann hätten Sie genau den Vizepräsident Dr. Schmid: Gestatten Sie eine
gleichen Prozentsatz!) Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Schellenberg?
— Und wenn wir den gleichen Prozentsatz haben!
Herr Kollege Ruf, lassen Sie sich folgendes sagen: Weber (Georgenau) (FDP): Bitte!
Die Sorgen, die Sie vorgetragen haben, die im So-
zialbericht enthalten sind, und die Sorgen wegen
des Nachhinkens, die Herr Kollege Schellenberg Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Kollege Weber,
vorgetragen hat, sind berechtigt. Die Beseitigung wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht das Leistungs-
des Nachhinkens, der Rentenschere, ist genauso prinzip in der Rentenversicherung bejahen?
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 43

Weber (Georgenau) (FDP) : Doch, Herr Kollege Ich glaube, es ist nicht an der Zeit, von einer
Dr. Schellenberg, sogar sehr wohl. Aber wir aner- Reform dieser Rentenreform zu sprechen, dies um
kennen den Grundsatz der Gleichheit vor dem Ge- so weniger, als wir, wie Sie alle wissen, erhebliche
setz als den höchsten, und Bundesmittel haben Mühe hatten, die Rentenumstellungen vorzuneh-
nichts mit dem Leistungsprinzip zu tun. Sie sind men, als das neue Gesetz geschaffen war, und es
nach unserer Auffassung als erstes auszusondern trotz vieler Mühe noch immer nicht fertig gebracht
und gerecht aufzuteilen. Deshalb haben wir uns haben, daß es keinen Stau von Rentenanträgen gibt.
seinerzeit auch für die Mindestrente eingesetzt. Deshalb möchte ich Sie, unbeschadet des einen oder
Solche öffentlichen Mittel sind in erster Linie den anderen, was Sie bei Ihrer Beratung finden mögen,
Armen, und zwar mindestens in gleichem Maße wie bitten abzuwarten, bis sich einmal diese gesamten
den anderen, wenn nicht in noch höherem Maße, Verhältnisse normalisiert haben. Das, glaube ich,
zu geben. erwarten die deutschen Rentner.
Meine Damen und Herren, Sie sehen, daß in dem Noch ein Wort zu der versicherungstechnischen
ganzen Problem sehr viele Schwierigkeiten stecken, Bilanz! Meine Damen und Herren, erwarten Sie
und es wird notwendig sein, diese Dinge zu bereini- doch keine Wunderdinge von einer solchen Bilanz,
gen. Herr Kollege Dr. Schellenberg, gute Sozial- mit der man die Entwicklung über einen Zeitraum
demokraten, Männer Ihrer Partei, haben mir schon von einem Vierteljahrhundert voraussehen soll.
offen zugestanden, daß es ihnen bei der Automatik, Eine solche Vorausschau ist mit so vielen Unsicher-
die der heutigen Rentenberechnung innewohnt, heitsfaktoren behaftet, daß es vermessen wäre, zu
nicht wohl ist. Es ist meine felsenfeste Überzeugung, glauben, wenn man im Besitz dieser Bilanz sei,
daß die Automatik beseitigt werden muß, um zu habe man den Stein der Weisen und könne nun-
einer wirklichen Produktivitätsrente zu kommen. mehr Beschlüsse fassen, die in keiner Weise mehr
Die Renten müssen in Zukunft durch den Gesetz- irrig seien. So ist das nicht. Ich habe veranlaßt, daß
geber in uneingeschränkter Verantwortung ent- die aufgestellten Berechnungen noch in mehrfacher
sprechend der Lohnentwicklung — dies muß der Weise variiert wurden. Ich glaube, Sie können sich
Hauptmaßstab sein —, entsprechend der Entwick- der Hoffnung hingeben, daß diese Bilanz in Kürze
lung des Sozialprodukts und entsprechend der Ent- dem Sozialbeirat vorgelegt wird und daß ich sie
wicklung des Einkommens je Erwerbstätigen fest- dann zusammen mit dem Gutachten des Beirats
gesetzt werden. Ihnen vorlegen werde.
Aber, worum ich Sie gerade im Hinblick auf die
Ich sage Ihnen noch eins: nicht nur der Erwerbs-
Diskussion bitten wollte, war dieses: Verabschieden
tätige gehört zu diesem Maßstab, sondern auch die
Sie dieses Rentenanpassungsgesetz! Darauf warten
Entwicklung des Einkommens je Einwohner; denn
die Rentner, nicht auf eine „Reform der Reform".
die jeweils arbeitende Generation in einem Volk
muß die Alten tragen. Wenn im Endergebnis alle (Beifall in der Mitte und vereinzelt bei der
diese Gesichtspunkte in der versicherungstech- FDP.)
nischen Bilanz, die uns vorgelegt werden wird,
ihren Niederschlag finden werden, dann erst kön- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
nen wir an die wirkliche Bereinigung, an die Kor- Abgeordnete Schellenberg.
rektur oder, wenn Sie so wollen, an die notwendige
Reform der seitherigen Rentenreform gehen, um Dr. Schellenberg (SPD) : Herr Präsident! Meine
alle diese Ungerechtigkeiten zu beheben. Damen und Herren! Gewiß werden wir dieses Ren-
(Beifall bei der FDP.) tenanpassungsgesetz möglichst schnell beraten. Daß
wir das Gesetz nicht früher beraten konnten, hängt,
wie ich vorhin schon erklärt habe, mit der verzöger-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der ten Regierungsbildung zusammen.
Arbeitsminister. Meine Damen und Herren, der Herr Bundesar-
beitsminister ist in seinen letzten Ausführungen an
der Kardinalfrage des heutigen Gedankenaustau-
Blank, Bundesminister für Arbeit und Sozial- sches vorbeigegangen. Die Kardinalfrage ist die
ordnung: Herr Präsident! Meine Damen und Her-
Höhe der Anpassung. Darüber werden wir uns im
ren! Gestatten Sie mir nur noch ein paar Worte!
Interesse der Rentner nun im Ausschuß auseinan-
Der bisherige Verlauf der Debatte veranlaßt mich,
dersetzen.
Sie zu bitten, sich doch so bald wie möglich mit
(Beifall bei der SPD.)
dem vorgelegten Gesetzentwurf, nämlich .mit der
von den Rentnern erwarteten Rentenanpassung, zu
beschäftigen. Denn, meine Damen und Herren, jeder Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
von uns weiß, daß das große Werk der Renten- Herren! Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor.
reform vom Jahre 1957 wie alles menschliche Werk Die Vorlage soll dem Ausschuß für Sozialpolitik
auch mit Fehlern und Irrtümern behaftet ist, und — federführend — und dem Haushaltsausschuß
jeder weiß, daß wir seit Jahren registrieren, was überwiesen werden. Ist das Haus einverstanden? —
wir später einmal ändern zu müssen glauben. Was Es ist so beschlossen.
aber dieses Rentengesetz braucht, ist einmal eine Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige Ausfüh-
Reihe von Jahren ungestörter Entwicklung; das ist rungen des Herrn Präsidenten ergänzen. Wir haben
das Entscheidende für die Rentner. zwar heute morgen im Ältestenrat die Ausschüsse
44 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Vizepräsident Dr. Schmid


noch nicht konstituieren können, haben aber doch nachtsgeldes an die Beamten und Versorgungs-
eine Zwischenlösung vereinbart. Danach sollen alle empfänger des Bundes zu schaffen.
Ausschüsse, die in dieser Zeit arbeiten müssen, sich Das Thema ist allgemein bekannt. Seat ungefähr
provisorisch konstituieren: jeweils der älteste Ab- zehn Jahren wird in der Öffentlichkeit unter der
geordnete soll den Ausschuß einberufen, und der Überschrift „Alle Jahre wieder" das Für und Wider
Ausschuß wählt dann für die Zeit bis zum 15. Ja- eröt.ImNovb1960antwrediBus-
nuar einen provisorischen Vorsitzenden und einen regierung auf eine Kleine Anfrage der sozialdemo-
stellvertretenden Vorsitzenden. Nach dem 15. Ja- kratischen Fraktion, daß die Gewährung von Weih-
nuar wird hoffentlich eine Einigung der Parteien nachtszuwendungen an Beamte, Soldaten, Richter
über die Verteilung der Ausschußvorsitze erzielt und Versorgungsempfänger des Bundes im Zusam-
sein. Auf diese Weise können alle Ausschüsse ar- menhang mit den Vorarbeiten für eine Novelle zum
beiten, die vom Hause mit Arbeit versehen werden; Bundesbesoldungsgesetz erneut geprüft werde. Bei
auch die Ausschüsse, die glauben, ohne einen be- den Beratungen des Zweiten Besoldungserhöhungs-
sonderen Auftrag zusammenkommen zu sollen, kön- gesetzes hat der Abgeordnete Kühlthau im Namen
nen dann tätig werden. Ich denke, daß ich verstan- der CDU/CSU-Fraktion erklärt, daß die Gewährung
den worden bin. Diese Regelung bezieht sich also einer Weihnachtszuwendung mit den hergebrachten
nicht nur auf die drei Ausschüsse, die heute mittag Grundsätzen des Berufsbeamtentums nicht zu ver-
genannt wurden, vielmehr sollen sich alle Aus- einbaren sei. Er hat jedoch gleichzeitig darauf hin-
schüsse, für die es Arbeit gibt, auf diese Weise kon- gewiesen, daß er sich nicht gegen eine gesunde
stituieren. Fortentwicklung dieser Grundsätze stellen werde.
(Abg. Dr. Mommer: Jawohl, einverstan Die Fraktion der Sozialdemokratischen Partei hat
den!) im Juni bei der Änderung des Bundesbeamten-
gesetzes noch einmal versucht, eine Rechtsgrund-
Ich rufe auf Punkt 3 der Tagesordnung:
lage für diese Zahlung zu finden. Ihr Antrag wurde
Wahl der Vertreter der Bundesrepublik abgelehnt. Dagegen wurde ein Antrag der CDU/
Deutschland zur Beratenden Versammlung CSU-Fraktion angenommen, mit dem die Bundes-
des Europarates (Drucksache IV/32). regierung erneut ersucht wurde, die Frage der Ge-
Die Fraktionen haben im Wege einer interfraktio- währung von Weihnachtszuwendungen zu prüfen.
nellen Vereinbarung eine Liste vorgelegt, die Sie Ich stelle diese Tatsachen fest, um klarzumachen,
auf Drucksache IV/32 finden. Ich brauche sie wohl daß es nicht an Anregungen seitens dieses Hauses
nicht zu verlesen. — Ist das Haus einverstanden, gefehlt hat und daß auch ausreichend Zeit zur Prü-
I daß die dort genannten Abgeordneten die Vertre- fung der Frage vorhanden war.
ter der Bundesrepublik in der Beratenden Ver- Inzwischen haben die meisten Länder für ihre
sammlung des Europarats sein sollen? — Wer da- Beamten die Vereinbarkeit von Weihnachtszuwen-
für ist, der erhebe die Hand. — Gegenprobe! — dungen mit den hergebrachten Grundsätzen des
Enthaltungen? — Abgesehen von zwei Enthaltungen Berufsbeamtentums durch Erlaß entsprechender
einstimmige Wahl. Regelungen bejaht.
In der öffentlichen Diskussion wurde im Zusam-
Punkt 4 der Tagesordnung:
menhang mit der Forderung nach einem Weih-
Wahl der Vertreter der Bundesrepublik nachtsgeld für Beamte auch die Frage von Weih-
Deutschland zum Europäischen Parlament nachtszuwendungen an Rentner diskutiert. Der Ab-
(Drucksache IV/33). geordnete Schellenberg hat darauf bereits hinge-
In der Drucksache IV/33 finden Sie einen Vor- wiesen; ich brauche dem nichts hinzuzufügen.
schlag der Fraktionen des Hauses. Ich brauche ihn Das neue Bundeskabinett hat sich am 23. Novem-
wohl nicht zu verlesen. — Wer damit einverstan- - ber dieses Jahres offenbar mit der Gewährung von
d en ist, daß die dort genannten Abgeordneten die Weihnachtsgeld an Bundesbeamte beschäftigt. Das
Vertreter der Bundesrepublik im Europäischen Par- Bundespresse- und Informationsamt hat über den
lament sein sollen, den bitte ich um das Handzei- Beschluß der Bundesregierung mitgeteilt, die Bun-
chen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Ich stelle desregierung beabsichtige, im kommenden Früh-
einstimmige Wahl fest. jahr eine Novelle zum Beamtenbesoldungsgesetz
vorzulegen. Nach dieser Meldung hat das Kabinett
Ich rufe auf Punkt 5 der Tagesordnung: ferner beschlossen, im Hinblick auf diese Vorlage
Beratung des Antrags der Fraktion der SPD den Bundesbeamten, Richtern und Soldaten einen
betreffend Zahlung eines Weihnachtsgeldes Vorschuß zu gewähren; die Höhe dieses Vor-
an Beamte und Versorgungsempfänger des schusses wurde in der Meldung genannt. Die Mel-
Bundes (Drucksache IV/27). dung spricht nicht von Weihnachtszuwendungen
oder von Weihnachtsgeld, sondern von einem Vor-
Das Wort zur Begründung hat der Abgeordnete schuß auf eine Erhöhung, die durch eine Novelle
Gscheidle. zum Beamtenbesoldungsgesetz vorgenommen wer-
den soll. Eine Verbindung mit dem hier zur Dis-
Gscheidle (SPD); Herr Präsident! Meine Damen kussion stehenden Weihnachtsgeld besteht nur
und Herren! Die SPD-Fraktion ersucht in ihrem insofern, als die genannten Sätze in ihrer Höhe
Antrag Drucksache IV/27 die Bundesregierung, eine dem tariflichen Weihnachtsgeld entsprechen, das
Rechtsgrundlage far die Gewährung eines Weih- die Angestellten und Arbeiter des Bundes erhalten.
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 45
Gscheidle
Einige Abgeordnete dieses Hauses erinnern sich reichen. Zweitens soll sie alle technischen Voraus
noch an die Erregung, die im Jahre 1960 auf Grund setzungen dafür treffen, daß nach dem Gesetz, das
der Tatsache entstanden ist, daß das Bundesinnen- hier beschlossen werden soll, noch rechtzeitig vor
ministerium mit Hilfe eines Tricks das abgelehnte Weihnachten diese und jene Zahlungen geleistet
Weihnachtsgeld ersetzt hat; damals wurden die werden können. Meine Damen und Herren, selbst
Januarbezüge bereits im Dezember ausbezahlt. wenn das Hohe Haus einen solchen Gesetzentwurf
der Bundesregierung in der vorgeschriebenen Zeit
Die Reaktion in der Beamtenschaft, die im Augen-
noch akzeptieren und für zweckmäßig halten würde,
blick auf Grund der angeführten Pressemitteilung
wäre es, nachdem sich das Parlament so spät kon-
vorhanden ist, ist die gleiche wie damals. Es ist
nämlich unklar geblieben, wie dieser Beschluß aus- stituiert hat, technisch unmöglich, diese Dinge
zulegen ist. Wie groß die Unklarheit war, zeigen durchzuführen.
am besten die Überschriften von vier großen Tages- (Zuruf von der SPD: Jetzt haben wir's!)
zeitungen, die am 24. November 1961 darüber be-
Das erschöpft aber die Problematik keineswegs.
richtet haben. Die Bonner Rundschau schrieb „Vor-
Die Bundesregierung hat, wie der Herr Kollege
schuß für Bundesbeamte vor Weihnachten", die
Gscheidle vorgetragen hat, einen Beschluß gefaßt,
Frankfurter Allgemeine Zeitung „Der Bund zahlt
der aus zwei Teilen besteht. Einmal wird darauf
Weihnachtsgeld", die Deutsche Zeitung „Weih-
hingewiesen, daß im Frühjahr eine Besoldungs-
nachtsgeld für Beamte" und Die Welt „Statt Weih-
novelle zu erwarten ist. Diese wird einen Schwer-
nachtsgeld Vorschuß für Beamte". Nach den Mel-
dungen handelt es sich um einen Vorschuß auf eine punkt haben, und zwar einen Schwerpunkt, der auf
Erhöhung, die eine Gesetzesvorlage der Bundes- Vorarbeiten beruht, die eine Bund-Länder-Kommis-
regierung mit unbestimmtem Inhalt bringen soll. sion seit dem Frühjahr trifft. In erster Linie soll
Diese Absicht wurde inzwischen durch eine neuere etwas erreicht werden, was schon seit längerer Zeit
Erklärung des Herrn Bundesinnenministers bestä- dringend notwendig ist, nämlich eine Harmonisie-
tigt. rung des Bundesrechts und des Länderrechts auf
dem Gebiet der Besoldung. Diese Dinge haben sich
Folgendes wäre unseres Erachtens zu klären, auf der Kommunalebene wie auf der Länderebene,
erstens: Beabsichtigt die Bundesregierung, im Früh- wie auf der Bundesebene so auseinanderentwickelt,
jahr bei einer Novelle zum Besoldungsgesetz eine daß es erstens dem Berufsbeamtentum selbst und
Rechtsgrundlage für die Zahlung von Weihnachts- zweitens diesen drei Ebenen zum Schaden gereicht.
geld an den genannten Personenkreis zu schaffen? Das wird der Schwerpunkt dieser Novelle sein.
Zweitens: Erhalten die Bundesbeamten, Richter und
Soldaten im Beamtenverhältnis sowie die Versor- Was die Novelle sonst noch enthalten wird, wird
gungsempfänger des Bundes die vorgesehenen Be- das Hohe Haus in weitem Umfang selbst mit zu be
träge im Dezember 1961 ohne Anrechnung auf spä- stimmen haben.
tere Zahlungen nach dem Bundesbesoldungsgesetz? Nun gibt es keinen Zweifel darüber, daß der
Beide Fragen können weder auf Grund von frühe- Begriff des Weihnachtsgeldes aus dem Wirtschafts-
ren Meldungen noch auf 'Grund der jüngsten Mel- leben stammt. Dort wurde es zunächst als freiwillige
dung beantwortet werden. soziale Leistung gewährt. Das ist nicht ohne An-
fechtung, ohne Kritik geblieben. So ist z. B. aus
Wir ersuchen deshalb die Bundesregierung drin- mittelständischen Kreisen dieser Umfang der frei-
gend, nach den bis heute eingetretenen und von willigen sozialen Leistungen mit Recht als wettbe-
uns nicht verschuldeten Verzögerungen nunmehr werbsverfälschend und -gefährdend angesehen wor-
rasch zu einer klaren Regelung zu kommen. Wir den. Andere Kreise haben diese freiwilligen sozia-
beantragen, unseren Antrag an den Ausschuß für len Leistungen aus anderen Gründen angefochten.
Inneres und an den Haushaltsausschuß zu über- Immerhin kam aus diesem Bezirk der freiwilligen
weisen. - sozialen Leistungen in der Wirtschaft im Jahre 1955
(Beifall bei der SPD.) durch eine Art Durchsickerung der Begriff „Weih-
nachtsgeld" in den Tarifbereich des öffentlichen
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Dienstes, wo es nun in der Höhe besteht, die vor-
Bundesinnenminister. hin mitgeteilt worden ist.
Sie werden mir gleichzeitig zugeben müssen,
Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Präsi- meine Damen und Herren, daß es im Berufsbeam-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! tentum noch niemals ein Element „Weihnachtsgeld"
Der Herr Kollege Gscheidle hat in weiten Zügen im klassischen Sinne gegeben hat. Es würde auch
eine sehr zutreffende Wiedergabe der ganzen Ent- schon in der Anlage dem Aufbau der Beamtenbe-
wicklung gegeben, die ich bestätigen kann. Ich darf soldung mit all den Differenzierungen nachdrücklich
nun auf einige weitere Fragen eingehen. Es ist be- widerstreben und widersprechen.
reits gesagt worden, daß auch der neue Bundestag Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man einen
— nun schon in der vorweihnachtlichen Zeit — wie solchen Begriff, der dem bisherigen Aufbau der Be-
alle seine Vorgänger mit dieser Frage konfrontiert soldungsgesetzgebung des Bundes und auch der
wird. Länder — bis auf die letzten Ereignisse — absolut
Der Antrag, den die verehrliche Opposition vor- widerspricht, der ganzen Tradition widerspricht, ein-
legt, enthält zwei Dinge. Einmal wird die Bundes- führen will oder nicht. Das ist eine sehr wichtige
regierung aufgefordert, einen Gesetzentwurf einzu- Grundsatzentscheidung. Wenn den Beamten insge-
46 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961

Bundesinnenminister Höcherl
samt in der Verfassung eine bestimmte Stellung ein- ihn „anzuknabbern", so wie an seinem Ministerium
geräumt wird, so muß sich das in der Besoldungs- „geknabbert" wird.
gesetzgebung widerspiegeln. Diese Besoldungs- Herr Minister, der Deutsche Bundestag und die
rechtsgesetzgebung sollte sich meines Erachtens von Bundesregierung beschäftigen sich seit Jahren mit
den bisherigen klassischen Grundsätzen trotz aller der Frage des Weihnachtsgeldes. Auch die CDU/
Entwicklungen und Fortentwicklungen nicht ent- CSU-Fraktion hat bereits im Sommer die Bundes-
fernen. Wir werden ,im Frühjahr Gelegenheit haben, regierung zu einer Klärung dieser Frage aufgefor-
uns darüber zu unterhalten. dert. Leider ist die Klärung dieser Frage zurück-
Die Bundesregierung hat nun, meine sehr ver- gestellt worden, obwohl sie leichter zu klären ge-
ehrten Damen und Herren, den Beschluß gefaßt, daß wesen wäre, als manches neue Ministerium zu er-
neben der zu erwartenden Novelle eine Zahlung, richten.
und zwar ein Vorschuß in der Höhe zu leisten ist,
,
Nun stehen wir vor der Tatsache, daß Sie sich
die dem Weihnachtsgeld in dem übrigen Bereich nicht zu einer klaren Entscheidung durchringen
gleichkommt. Die Bundesregierung hätte, selbst können. Es ist ein betrübliches Gefühl für Millionen
wenn sie die Absicht gehabt hätte, ein Weihnachts- Beamte draußen, daß man hier einen Vorschuß ins
geld zu zahlen, gar nicht mehr die Möglichkeit ge- Ungewisse gibt, anstatt eine klare Regelung im
habt, eine solche Absicht gesetzgeberisch zu ver- Sinne , des Weihnachtsgeldes zu fällen. Wir haben
wirklichen, allein aus zeitlichen Gründen nicht. Wir diese Regelung bei den Arbeitern und Angestellten
müssen vielmehr an den Haushaltsausschuß heran- seit Jahren. Sie ist jetzt im Bundesangestelltentarif
treten und ihn um Zustimmung bitten. Der Haus- enthalten. Für die Beamten haben sich fast alle
haltsausschuß kann aber nur über die Ausgabe, Länder, Herr Minister, auch Nordrhein-Westfalen,
nicht über den Titel und die gesetzliche Grundlage zu einer entsprechenden Regelung durchgerungen.
entscheiden. Dazu ist vielmehr eine Änderung des Das Weihnachtsgeld ist ein Element der Besoldungs-
Besoldungsgesetzes notwendig, die nicht mehr gesetzgebung geworden.
durchgeführt werden kann,
Im Sinne des Art. 33 des Grundgesetzes ist jeder
(Abg. Matzner: Wir haben sie zweimal be soziale Ausbau der Besoldungsgesetzgebung des
antragt!) Bundes und .der Länder möglich; daran kann doch
was Sie selbst genau wissen. kein Zweifel bestehen. Es handelt sich hier um einen
solchen sozialen Ausbau.
Die Bundesregierung hat aber auch gar nicht eine Ich habe heute gelesen, .daß das Bundeskabinett
solche Absicht. Die Bundesregierung steht vielmehr sich noch einmal für die Vorschußregelung ausge-
auf folgendem Standpunkt. Zunächst muß ein sprochen hat. Zu meiner Freude habe ich aber er
Höchstmaß von Gleichheit in der Besoldungsgesetz- fahren, daß in der CDU/CSU-Fraktion heftige Kritik
gebung auf den drei Ebenen — Bund, Länder und daran geübt worden ist, daß keine klare Regelung
Gemeinden — erreicht und die Grundsatzentschei- geschaffen worden ist. Wir hoffen, daß wir in den
dung gefällt werden, ob man einen solchen Fremd- Ausschüssen recht bald zu einer völligen Klärung
körper einbeziehen kann. Solange diese Grundsatz- kommen. Sie liegt im Interesse der Beamten, die
entscheidung nicht gefallen ist, steht die Bundes- keine Vorschüsse für die Zukunft, sondern heute,
regierung — meines Erachtens im Interesse des Be- vor Weihnachten, Klarheit haben wollen.
rufsbeamtentums — auf dem Standpunkt, daß ein
solcher Fremdkörper nicht eingeführt werden sollte, (Beifall bei .der SPD.)
sondern daß es bei den bisherigen Elementen der
Besoldung verbleiben sollte. Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
Abgeordnete Hübner.
Im übrigen darf ich dem Hohen Hause versichern,-
daß wir alles daransetzen werden, die Arbeiten die-
ser Kommission zu beschleunigen, damit Sie recht Hübner (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
bald Gelegenheit haben, die Entscheidung zu tref- Damen und Herren! Ich sehe mich leider genötigt,
fen. Nach wie vor steht die Bundesregierung auf die Ausführungen des Herrn Kollegen Schmitt
dem Standpunkt, daß, wenn auch nicht eine indivi- Vockenhausen in einem Punkte zu berichtigen.
duelle, so doch eine globale Verrechnung dieses Es ist in der Tat so gewesen, daß die Zahlung
Vorschusses in irgendeiner Form und zu einer pas-
eines Weihnachtsgeldes den Ausschuß für Inneres
senden Gelegenheit — vielleicht schon bei der und dieses Hohe Haus in .der vergangenen Legis-
nächsten Novelle — zu erfolgen hat. laturperiode mehrfach beschäftigt hat. Meine Frak-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) tion hat in allen diesen Beratungen den Standpunkt
vertreten, daß diese Frage ihre grundsätzliche Er-
örterung nur im Zusammenhang mit einer Besol-
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der dungsneuregelung finden kann, die einer Besol-
Abgeordnete Schmitt Vockenhausen.
-
dungsvereinheitlichung in Bund und Ländern dient.
Deshalb, Herr Kollege Schmitt-Vockenhausen, ist
Schmitt - Vockenhausen (SPD) : Herr Präsident! es nicht ganz richtig, wenn Sie sagen, wir hätten
Meine Damen und Herren! Sie wissen, daß wir dem 'eine Zusage gegeben. Im Gegenteil!
Herrn Bundesinnenminister einen Vorschuß geben. (Abg. Schmitt-Vockenhausen: Sie haben die
Aber ich habe Sorge, daß er schon jetzt dabei ist, Prüfung zugesagt!)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 47
Hübner
— Wir haben die Prüfung im Rahmen der Besol- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
dungsneuregelung zugesagt. Uns liegt diese Besol- Abgeordnete Dorn.
dungsneuregelung deswegen am Herzen, weil doch
durch die Zersplitterung des Besoldungsrechts so- Dorn (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver-
wohl der Dienstbetrieb leidet als auch Schwierig- ehrten Damen und Herren! Wir Freien Demokraten
keiten für die Beamten entstehen und sogar Unruhe begrüßen die von der Bundesregierung getroffene
unter den Beamten hervorgerufen wird. Entscheidung, den Beamten und Versorgungsberech-
(Abg. Schmitt-Vockenhausen: .Ihre jetzige tigten diesen Vorschuß noch vor Weihnachten als
Entscheidung wird noch viel mehr Unruhe Vorschuß auf eine künftige Besoldungsneuregelung
bei den Beamten schaffen!) zu zahlen. Wir begrüßen sie, Herr Kollege Schmitt-
Vockenhausen, weil wir der Auffassung sind, daß
— Nein, in gar keiner Weise; denn wir wollen ja diese gesetzliche Regelung vor Weihnachten sowie-
diese Frage jetzt in den Rahmen einer Gesamtrege- so nicht mehr getroffen werden könnte. Der Herr
lung stellen, ganz gleich, wie die Neuregelung aus- Innenminister hat Ihnen schon auf Ihren Antrag hin
fällt. Wir halten es für einen Nachteil, daß die Län- dargelegt, daß die Zeit nicht mehr ausreichen würde,
der in dieser Frage vorgeprellt sind. das alles über die Bühne zu bringen.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) Die von der Bundesregierung getroffene Entschei-
Wir wollten unsererseits eine Präjudizierung ver- dung bringt drei für uns wesentliche neue Gesichts-
meiden. Jetzt befinden wir uns aber in einer wesent- punkte, die auch uns dazu veranlassen, ihr mit
lich schwierigeren Lage als vorher. einem sehr klaren Wort zuzustimmen. Die Zahlung
Sie sprechen davon, daß Sie beabsichtigten, hier erfolgt noch vor Weihnachten in der gleichen Höhe,
eine Sozialmaßnahme zu treffen. Wenn das beste- wie sie nunmehr die Beamten in den Ländern und
hende Vorbild Geltung haben soll, dann sehe ich Gemeinden erhalten werden.
darin nicht einmal unbedingt eine Sozialmaßnahme. (Abg. Matzner: Aber nicht als Vorschuß!)
Auch Ihnen ist bekannt, daß bei den jetzigen Rege- — Aber Herr Kollege, ob das ein Vorschuß oder ein
lungen sowohl der Staatssekretär als auch der Amts- Weihnachtsgeld i s t, ist doch eine Frage, über die
gehilfe die gleichen Beträge erhält. Eine solche Re- wir heute im Wege der Gesetzgebung nicht ent-
gelung kann man wohl nicht unter den Begriff scheiden können. Sie verlangen doch, daß die Bun-
„Sozialmaßnahme" stellen. desregierung eine solche gesetzliche Regelung nun-
mehr vorbereitet. Sie verlangen darüber hinaus
Vizepräsident Dr. Schmid: Herr Abgeord- gleichzeitig, daß die technischen Voraussetzungen
neter, gestatten Sie eine Zwischenfrage? erfüllt werden, obwohl Sie genau wissen, daß über
das Grundsätzliche im Zusammenhang mit dem
Weihnachtsgeld heute überhaupt nicht entschieden
Hübner (CDU/CSU) : Bitte sehr! werden kann.
(Abg. Matzner: Wir wollen aber wissen:
Gscheidle (SPD) : Herr Abgeordneter Hübner, Vorschuß wofür?!)
Sie haben ja genauso gute Verbindungen zu der
Beamtenschaft. Sie wissen doch, daß im Augenblick — Herr Kollege, Sie fragen: Vorschuß für wann und
die Beamten die Frage erregt, worauf sie einen auf was? Aber gerade dazu ist doch die Entschei-
Vorschuß erhalten. dung der Bundesregierung sehr deutlich bekannt-
gegeben worden! Es handelt sich um einen Vor-
(Zurufe von der CDU/CSU: Das ist keine schuß auf die Besoldungsneuregelung, die im kom-
Frage! — Abg. Schmitt-Vockenhausen: Er menden Frühjahr auf uns zukommen wird. Darüber,
hat seine Jungfernrede gehalten! — Abg. daß darüber hinaus mit dieser Entscheidung der
Dr. Willeke: Wir müssen dahinter ein Bundesregierung zum erstenmal Beamte, die noch
Fragezeichen setzen!) im aktiven Dienst sind, und Versorgungsberechtig-
te gleich behandelt werden, sind wir sehr erfreut.
Hübner (CDU/CSU): Wir möchten jede Vorgriffs- Wir sehen darin die Erfüllung eines alten Wunsches
lösung vermeiden. Wir halten es für gut, daß die unserer Fraktion und unserer Partei, auch in der
Problematik nicht hier — es handelt sich um eine Frage der Gleichbehandlung der Versorgungsbe-
sehr komplexe Problematik —, sondern sehr aus- rechtigten eine wirklich vernünftige Regelung zu
giebig im Ausschuß beraten wird. Deshalb folgen finden. Wir betrachten diese Entscheidung der Bun-
wir Ihrem Vorschlag, diesen Antrag dem Ausschuß desregierung als einen ersten Schritt auf dem Wege
für Inneres — federführend — und dem Haushalts- zu einer neuen Diskussion über eine individuelle
ausschuß — mitberatend - zu überweisen. Überleitung.

(Abg. Schmitt-Vockenhausen: Man kann Darüber hinaus ist doch nach dem Beschluß der
natürlich auch klare Sachen problematisch Bundesregierung sehr klar erkennbar, daß die drin-
machen!) gend notwendige Novellierung der Besoldungsord-
nung für die Bundesbeamten nunmehr im nächsten
— Ich muß mich allerdings dagegen wehren, diese Jahre erfolgen wird. Mit dieser Novelle dürften
Frage für sehr einfach zu halten; sie ist in der Tat nach unserer Auffassung auch die größten Härten
sehr komplex. in der Besoldung für die Bundesbeamten — ver-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) glichen mit der Besoldungsregelung, die für die
48 Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961
Dorn
Beamten der Länder und Gemeinden in den letzten Aber ein Vorschuß — vor allem ein materieller
Jahren getroffen worden ist — ausgeglichen wer- Vorschuß — auf eine Regelung, die erst später er-
den. folgen soll, ist doch an sich beinahe eine Zumutung,
Nun ist die Frage aufgeworfen worden, ob der und ich wundere mich gar nicht, daß ein Beamter
Vorschuß, der jetzt gezahlt werden soll, bei einer mir gesagt hat: Ich habe keinen Vorschuß verlangt,
späteren, endgültigen Entscheidung als Weihnachts- und ich schicke ihn zurück.
geld zu betrachten sei oder nicht. Meine Damen und (Beifall bei der SPD.)
Herren, wir sind der Auffassung, daß man jetzt
nicht vor Weihnachten ad hoc eine derartige Einzel- Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der
regelung treffen sollte, weil die Novelle zur Besol- Bundesinnenminister.
dungsordnung für die Bundesbeamten sowieso in
wenigen Monaten in diesem Hause ausführlich be- Höcherl, Bundesminister des Innern: Herr Prä-
sprochen werden muß. Über die Gewährung eines sident! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Weihnachtsgeldes wird spätestens im Frühjahr in Zunächst zum Herrn Schmitt-Vockenhausen, mit dem
diesem Hause eine Entscheidung gefällt werden. ich, d a er ja Vorsitzender des Innenausschusses
Sollte die Entscheidung dann so aussehen, daß das wird, sehr viel Gelegenheit zur Zusammenarbeit
Weihnachtsgeld Bestandteil der Besoldung wird, haben werde! Ich weiß gar nicht, warum Sie mir
kann man über die Frage, auf welchem Wege dieser schon gleich beim ersten Mal den guten Kredit, den
rückzahlbare Vorschuß verrechnet werden soll, im ich angeblich bei Ihnen habe; absprechen.
Ausschuß erneut sprechen. ,(Abg. Schmitt-Vockenhausen: Ich habe nur
(Zuruf von der SPD: Rückzahlbarer Vor Sorge, daß Sie den Kredit durch solche
schuß!?) Dinge verlieren!)
Aber man kann doch nicht heute eine Einzelrege- — Sie brauchen keine Angst zu haben!
lung für diesen Gesamtkomplex fordern. Wir wissen alle, daß Herr Schmitt-Vockenhausen
(Abg. Matzner: Wir haben es zweimal in der Darstellung ein großes Temperament besitzt.
beantragt!) Die Erregung der Beamten, auf die hier von seiten
der SPD hingewiesen worden ist, ist, glaube ich,
— Aber, sehr verehrter Herr Kollege, Sie haben nicht so groß.
selbst beantragt, daß Ihr Antrag und damit diese
(Abg. Schmitt-Vockenhausen: Doch, doch!)
Materie an den Ausschuß überwiesen und im Aus-
schuß behandelt wird. Wir sind bereit, dieser An- Ich bin sogar der Meinung, daß die Beamten mit
regung zu folgen, auch wir stimmen der Überwei- dem Beschluß der Bundesregierung und vor allem
sung Ihres Antrages an die Ausschüsse zu. Nach damit, daß sie wegen der gelungenen technischen
einer ausführlichen Sachdiskussion im Ausschuß Vorbereitungen nunmehr sehr rasch in den Genuß
werden wir uns dann hoffentlich sehr bald, Herr dieser Zahlung kommen, außerordentlich zufrieden
Kollege Schmitt, zu einer einheitlichen Regelung sind. Ich meine, daß die Beamten gar keine Angst
zuammenraufen können. haben — so, wie Sie es darstellen.
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg. Nun, Herr Kollege Schoettle, folgendes! Sie stoßen
Schmitt-Vockenhausen: Jetzt würde ich sich aus haushaltsmäßigen Gründen daran, daß,
gern mal wissen, was Sie eigentlich wenn ein Vorschuß gewährt wird, verwaltungs-
wollen!) mäßige Schwierigkeiten entstehen, Verrechnungen
notwendig werden usw.; man solle doch eine einma-
lige Zahlung daraus machen. Sie wissen ganz genau,
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der daß wir das gar nicht mehr vermögen. Das müßte
Abgeordnete Schoettle. - durch einen Gesetzgebungsakt erfolgen. Durch Zu-
stimmung des Haushaltsausschusses, daß diese Aus-
Schoettle (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen gabe getätigt werden kann, wird eine einmalige Lei-
und Herren! Es ist durchaus einzusehen, daß eine stung zu einem Bestandteil einer Besoldungsregelung
gesetzliche Regelung in dieser Frage jetzt vor für ein Jahr. Mit einer solchen schlechten Übung soll-
Weihnachten nicht mehr möglich ist. Darüber wird ten wir gar nicht beginnen, sondern wir sollten uns
wahrscheinlich nicht einmal eine Meinungsverschie- darüber im klaren sein, daß es eine ernst zu dis-
denheit bestehen. Woran ich mich und woran sich kutierende Frage ist, ob man eine Regelung mit
wahrscheinlich sehr viele, gerade auch die Beamten, solchen Bestandteilen, die gleichmäßig für jeden,
stoßen, ist die Bezeichnung „Vorschuß". Ich sehe ohne jede Differenzierung, gegeben werden — ob-
nicht ein, was gegen eine einmalige Zahlung der wohl die Differenzierung sonst ein wesentlicher
Bundeskasse an die Beamten des Bundes sprechen Bestandteil ,des Besoldungsrechtes ist —, im Inter-
soll, eine einmalige Zahlung, die ausdrücklich als esse der Berufsbeamten überhaupt machen kann.
solche bezeichnet wird. Das kann nach meiner Mei- Ob die das wünschen, ist die große Frage. Wenn
nung auch keine verwaltungsmäßigen Schwierig- wir in diesem Fall mit einer kleinen Sünde anfingen,
keiten bereiten. Ich glaube, dafür wird man in die- würden wir vielleicht mit einer großen aufhören.
sem Hause — und dann meinetwegen im Haushalts- Vor Weihnachten möchte ich das nicht empfehlen.
ausschuß — die Zustimmung finden. Die gesetzliche (Beifall bei den Regierungsparteien.—Abg.
Regelung kann ja dann zu einem späteren Zeitpunkt Matzner: Herr Minister, wir haben es aber
erfolgen. schon gemacht!)
Deutscher Bundestag — 4. Wahlperiode — 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 49

Vizepräsident Dr. Schmid: Weitere Wortmel- Der Antrag Drucksache IV/31 liegt Ihnen vor. Ich
dungen liegen nicht vor; die Aussprache ist ge- brauche ihn wohl nicht zu verlesen. Wer damit ein-
schlossen. verstanden ist, daß die dort aufgeführten Abgeord-
Es ist beantragt, die Vorlage an den Ausschuß für neten Mitglieder des Wahlprüfungsausschusses
Inneres — federführend — und an den Haushalts- werden sollen, den bitte ich um das Handzeichen.
ausschuß — mitberatend — zu überweisen. Ist das — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Keine Enthal-
Haus damit einverstanden? — Es ist so beschlossen. tungen; die betreffenden Damen und Herren sind
Die Herren Fraktionsgeschäftsführer haben ver- damit gewählt.
einbart, daß Punkt 6 von der' Tagesordnung abge- Wir sind damit am Ende unserer Tagesordnung.
setzt werden soll, weil offensichtlich Aussicht be- Ich berufe die nächste Sitzung ein auf Mittwoch, den
steht, daß man sich hier einigt. 6. Dezember 1961, 9 Uhr.
Ich rufe auf Punkt 7 der Tagesordnung:
Ich schließe die heutige Sitzung.
Antrag der Fraktionen der CDU/CSU, SPD
und FDP betreffend Wahl der Mitglieder des
Wahlprüfungsausschusses (Drucksache IV/31). (Schluß der Sitzung: 18.23 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 4. Wahlperiode - 5. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 29. November 1961 51

Anlage zum Stenographischen Bericht

Anlage Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich

Liste der beurlaubten Abgeordneten Lenz (Bremerhaven) 1. 12.


Maucher 2. 12.
Abgeordneter) beurlaubt bis einschließlich Dr. von Merkatz 29. 11.
Dr. Menzel 15. 12.
a) Beurlaubungen Meyer (Oppertshofen) . 2. 12.
Frau Albertz 29. 11. Müller-Hermann 29. 11.
Bäumer 29. 11. Dr. h. c. Pferdmenges 29. 11.
Bazille . 29. 11. Ramms 29. 11.
Berkhan 29. 11: Reitzner 30. 12.
Frau Dr. Bleyler 29. 11. Dr. Serres 29. 11.
Dr. Bucerius 29. 11. Schulhoff 29. 11.
Dr. Bucher 29. 11. Schultz 29. 11.
Burckardt 29. 11. Strauß 29. 11.
Cramer 30. 11. Weinkamm 29. 11.
Deringer 29. 11. Wendelborn 2. 12.
Döring (Düsseldorf) 1. 12. Werner 29. 11.
Dr. Dörinkel 29. 11. Wilhelm 2. 12.
Engelbrecht-Grewe 29. 11.
Gehring 1. 12. b) Urlaubsanträge
Geiger 29. 11.
Giencke 29. 11. Dr. Arndt 31. 12.
Dr. Gleissner 29. 11. Gaßmann 9. 12.
Dr. Dr. Heinemann 10. 12. Dr. Menne 12. 12.
Hirsch 29. 11. Frau Rudoll 31. 12.
Dr. Hoegner 30. 11. Dr. Schneider 15. 12.
Dr. Imle 29. 11. Stingl 22. 12.
Dr. Kempfler 29. 11. Vogt 20. 12.
Leber 29. 11. Windelen 5. 12.

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