Eutscher: Bundestag
Eutscher: Bundestag
28. Sitzung
Inhalt:
Fragen des Abg. Haehser: Entwurf eines Gesetzes über den Volksent-
Höhere Fahrpreise im Postreisedienst scheid im Gebietsteil Baden des Landes
bei Umwegen infolge von Straßenbau- Baden-Württemberg gemäß Art. 29 Abs. 3
maßnahmen des Grundgesetzes (Drucksache VI/211);
Schriftlicher Bericht des Innenausschusses
Börner, Parlamentarischer (Drucksache VI/303) — Zweite und dritte
Staatssekretär . . . . 1203 D, 1204 A Beratung —
Haehser (SPD) . . . . . . . . 1204 A Dr. Gruhl (CDU/CSU) 1219 B
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 III
Anlage 10
Anlagen Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Dr. Schmidt (Krefeld)
Anlage 1 betr. Ergebnisse der Vorsorgeunter-
suchungen in Baden-Württemberg — Ge-
Liste der beurlaubten Abgeordneten . . 1227 A setzesinitiativen zur Durchführung von
Vorsorgeuntersuchungen 1231 B
Anlage 2
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen Anlage 11
Fragen des Abg. Dr. Schmidt (Krefeld)
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
betr. Bekämpfung der infektiösen Hepa-
Fragen des Abg. Dr. Gleissner betr.
titis und Versorgung der Bevölkerung
Steuervergünstigungen für Elektromobile
mit einwandfreiem Trinkwasser . . . 1227 D
in England — Zahl der Elektromobile in
England und in der Bundesrepublik . . 1231 C
Anlage 3
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 12
Frage des Abg. Baier betr. Verstärkung
des deutsch-französischen Familienaus- Schriftliche Antwort auf die Mündliche
tauschs 1228 B Frage des Abg. Dr. Hauff betr. Koordi-
nierung der Ausbauplanungen der deut-
schen Flughäfen 1231 D
Anlage 4
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 13
Frage des Abg. Rollmann betr. Neuglie-
derung der Referate in den Abteilungen Schriftliche Antwort auf die Mündliche
des Bundesministeriums für Jugend, Fa- Frage des Abg. Schmidt (Kempten) betr.
milie und Gesundheit 1228 D Entwicklung der Unfälle von schweren
Lastkraftwagen während des Ferienreise-
verkehrs . . . . . . . . . . . 1232 A
Anlage 5
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen Anlage 14
Fragen des Abg. Dr. Kreutzmann betr.
Anrechnung von Zuwendungen der Stif- Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
tung Volkswagenwerk auf die Erzie- Fragen des Abg. Tobaben betr. Tarif-
hungsbeihilfe . . . . . . . . . . 1229 A erhöhungsanträge der Bundesbahn . . . 1232 B
IV Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Anlage 15 Anlage 25
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Frage des Abg. Dr. Müller-Hermann betr. Fragen des Abg. Müller (Mülheim) betr.
Maßnahmen auf dem Gebiet der Güter- Ergebnisse der Beratungen der Interna-
tarife 1232 C tionalen Kommission zum Schutze des
Rheins gegen Verunreinigung . . . . 1235 A
Anlage 16
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 26
Frage des Abg. Dr. Müller-Hermann betr.
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
nicht genehmigte Tariferhöhungsanträge
Fragen des Abg. Kater betr. Schwierig-
von Verkehrsunternehmen . . . . . 1232 D
keiten der Aussiedler aus den Ostblock-
staaten bei der wirtschaftlichen und ge-
Anlage 17 sellschaftlichen Eingliederung . . . . 1235 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Pieroth betr. Tariferhö- Anlage 27
hungsanträge der Bundesbahn und des
Güterfernverkehrs . . . . . . . . 1232 D Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Matthöfer betr. Grund-
rechtseinschränkungen seit der Verkün-
Anlage 18
dung des Grundgesetzes 1236 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Schmitt (Lockweiler) betr.
Wagenladungsverkehr der Bundesbahn Anlage 28
1960 und 1968 . . . . . . . . . . 1233 A Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Erhard (Bad Schwalbach)
Anlage 19 betr. Erhöhung der Dienstwohnungsver-
gütungen 1237 A
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Vehar betr. Steigerung
der Personalkosten und Tariferhöhungen Anlage 29
der nichtbundeseigenen Eisenbahnen . 1233 B
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dröscher betr. Einfluß
Anlage 20 von Produzenten auf die Programm-
Schriftliche Antwort auf die Mündliche gestaltung des Fernsehens 1237 C
Frage des Abg. Strohmayr betr. Ge-
schwindigkeitszulassungen für landwirt-
Anlage 30
schaftliche Zugmaschinen 1233 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Anlage 21 Frage des Abg. Dröscher betr. Erfrierun-
gen als Kriegsverwundung 1238 A
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Ollesch betr. Regelung
des aktiven und passiven Wahlalters in Anlage 31
den einzelnen Bundesländern . . . . . 1233 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Seefeld betr. Fehlen von
Anlage 22 Rettungswagen 1238 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Schmidt (Kempten) betr. Anlage 32
Entwicklung von Elektromotoren . . . 1234 B
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Seefeld betr. Kürzung der
Anlage 23
Mittel zur Ausbildung in erster Hilfe . . 1238 D
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Alber betr. Staatsbürger-
schaft der in der Bundesrepublik leben-
den SBZ-Flüchtlinge . . . . . . . . 1234 C
Anlage 33
Anlage 24 Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Fragen des Abg. Tallert betr. Einreise
Frage des Abg. Wagner (Günzburg) betr. von Nordvietnamesen und Vertretern
Abbau von Beförderungsstellen nach, dem der „Befreiungsfront" Südvietnams in die
Zweiten Besoldungsneuregelungsgesetz 1234 D Bundesrepublik 1239 A
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 V
Anlage 34 Anlage 40
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Frage des Abg. Dr. Haack betr. Ausdeh- Fragen des Abg. Wienand betr. Presse-
nung der für Beamte im Ruhestand gel- meldungen über ein Angebot von 60 000
tenden Beihilfevorschriften auf Arbeiter Arzneimitteln — Einführung einer amt-
und Angestellte . . . . . . . . . 1239 B lichen Arzneimittelkontrolle 1241 B
Anlage 35 Anlage 41
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Fragen des Abg. Dr. Müller-Emmert betr. Frage des Abg. Dr. Haack betr. Freigabe
Aktivierung der innerdeutschen Sport- der Autobahnausfahrt Alfeld 1242 A
beziehungen 1239 D
Anlage 36 Anlage 42
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Frage des Abg. Dr. Becker (Mönchen- Fragen des Abg. Biechele betr. Bau einer
gladbach) betr. Einstufung geschiedener Brücke über den Überlinger See . . . . 1242 A
und lediger Frauen mit Kindern in die
Steuerklasse II 1240 A Anlage 43
28. Sitzung
Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, nach- Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
der Frau Abgeordneten Dr. Wolf.
dem Sie das Beispiel Tunesien nannten, frage ich
Sie: Ist Ihnen bekannt, daß z. B. die Hilfe der Bun-
desrepublik in Tunesien deshalb besonders wir- Frau Dr. Wolf (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
kungsvoll war, weil die Luftwaffe Einsätze i n den Ihnen ist wahrscheinlich schon aus Ihrer Tätig-
betroffenen Gebieten Tunesiens flog und sich hierzu keit bekannt, daß Koordinierung zu den Schwierig-
einen eigenen Lufttransportstütztpunkt in der Nähe keiten der deutschen Verwaltung gehört. Ich möchte
von Tunis angelegt hatte, und halten Sie es daher gern wissen, ob Sie daran denken, eines dieser von
nicht für zweckmäßig, daß alle diese Erfahrungen Ihnen genannten Ministerien für ,den Einzelfall oder
bei einer Planungsgruppe oder gegebenenfalls in für die Dauer als federführend zu bezeichnen.
einer Abteilung Ihres Ministeriums gesammelt wer-
den? Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister , des Auswärtigen: Es gibt
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Regelungen, wann und wie solche Hilfsmaßnahmen
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: All diese geleistet werden. Nach diesen Regelungen, die
Erfahrungen werden gesammelt. Aber das Beispiel, gegenwärtig gelten, ist die Zuteilung der Fragen
das Sie geben, zeigt im Vergleich mit der jetzt für die heutige Fragestunde erfolgt.
aktuellen Frage in Nigeria, daß sich die Erfahrungen
des einen Landes nicht ohne weiteres auf das andere Vizepräsident Frau Funcke: Keine weiteren
übertragen lassen; denn in Nigeria bestand eines Zusatzfragen. Wir kommen zu der Frage 138 des
der Probleme gerade darin, daß die Luftwaffe als Herrn Abgeordneten Werner:
solche hier nicht tätig werden konnte. Ist es richtig, daß die nigerianische Regierung durch eine
Anzahl oft sehr hinderlicher und in dieser Situation schwer ver-
ständlicher formaler Einwände den Fluß unserer Hilfsmaßnahmen
verzögert und Menschenleben dadurch gefährdet werden?
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Breidbach. Bitte, Herr Staatssekretär!
erklärungen -, sondern die Nichtverbreitung von sekretär, da aus Ihrer Antwort hervorgeht, daß im
Kernwaffen. Der Vertrag enthält daher keine opera- Auswärtigen Amt die Auffassung des Abgeordneten
tiven Bestimmungen der genannten Art. Scheel von damals sehr genau bekannt war, darf ich
Sie fragen: wie erklärt sich die Sinneswandlung des
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Herrn Außenministers, der damals als Abgeord-
des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg. neter eindeutig gefordert hat, daß solche Bestim-
mungen im Vertrag stehen müssen?
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
sekretär, ist Ihnen bekannt, daß der Herr Abgeord- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
nete Scheel in der 126. Sitzung des Deutschen Bun- tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
destages am 13. Oktober 1967 mit einer deutlichen Kollege, ich glaube, es hat sehr viele in diesem
Kritik gegenüber dem damaligen Bundesaußenmini- Haus gegeben — Sie haben soeben den Beifall Ihrer
eigenen Fraktion zitiert —, die eine gewisse Zeit-
ster Brandt u. a. folgendes sagte:
lang meinten, es sei in unserer Kraft, Veränderun-
Es fehlte mir eine Bemerkung, die den Willen gen des Vertragstextes in bestimmter Hinsicht vor-
und die Entschlossenheit der Bundesregierung zunehmen, und die seither feststellen mußten, daß
ausdrückt, auf die Partner beim Abschluß eines das nicht möglich ist und wir daher zusätzlich zu
solchen Vertrages — und zwar auf die, die ihn dem NV-Vertrag andersgeartete Abmachungen, ins-
konzipiert haben — einzuwirken, daß der Ver- besondere auch die Supermächte bindende Ab-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1199
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
machungen, brauchen. Eine solche Erfahrung, wie Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
man sie im Gange der Verhandlungen macht, stellt tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
keinen Sinneswandel dar, sondern allenfalls einen Präsident, Herr Kollege, ich bitte Sie zunächst, mir
Wandel in den Mitteln, die man wählt, um die eine Vorbemerkung zu dieser Frage nicht zu ver-
gleichbleibenden Ziele zu erreichen. übeln. Wir haben über diese Fragen sehr gründlich
nachgedacht. Es handelt sich hier um Fragen, bei
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
denen es unter Umständen nicht im Interesse der
Bundesrepublik Deutschland liegt, im einzelnen eine
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage ausführliche öffentliche Diskussion zu führen.
des Herrn Abgeordneten Ott.
(Zustimmung des Abg. Wehner.)
Ich sage das nicht leichten Herzens, weil mein
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, kann ich
diesen Ihren Ausführungen entnehmen, daß der Respekt vor diesem Hohen Hause es für mich
selbstverständlich macht, möglichst gründlich Aus-
Abgeordnete Scheel nicht in der Lage war, die
Situation zu überblicken? kunft zu geben. Ich bitte Sie daher, die verkürzte
Antwort, die ich Ihnen gebe, hinzunehmen.
(Lachen bei den Regierungsparteien.)
Es gibt in diesem Artikel wie auch in anderen
Erklärungen eine Stelle, an der von der Weitergabe
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- von Kernwaffen die Rede ist. Es Ist nicht die Rede
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr davon, was geschieht, wenn Kernwaffen gleichsam
Kollege, das dürfen Sie daraus nicht entnehmen, es geerbt werden, wenn ich es einmal so ausdrücken
sei denn, Sie haben die Absicht, daraus zu entneh-
- darf. Auf diesen gedanklichen Zusammenhang bezo-
men, daß auch die Bundesregierung und das gesamte gen sich die Bemerkungen des Herrn Bundesaußen-
Hohe Haus dazu nicht in der Lage waren. Das wäre ministers.
eine Unterstellung, zu der ich mich nicht hinreißen
lassen würde.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
frage.
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
Ich rufe die Frage 140 des Abgeordneten Schulze- sekretär, bei voller Würdigung Ihrer Bemerkung,
Vorberg auf: daß in bezug auf diesen Vertrag manches nicht in
Kann die Bundesregierung die Übersetzung — und schriftlich aller Öffentlichkeit diskutiert werden kann, möchte
auch den Originaltext — der vom Bundesminister des Auswärti-
gen in der 14. Sitzung am 27. November 1969 erwähnten Rechts- ich doch feststellen, daß der Herr Außenminister
meinung des Herrn Prof. Schostow in der Zeitschrift „Mesh- hier — —
dunarudnaja Schisn" vorlegen, aus der u. a. sich angeblich für
die Bundesregierung die Sicherheit ergibt, daß der Atomsperr-
vertrag eine europäische Option nicht verbietet?
Vizepräsident Frau Funcke: Sie dürfen nicht
feststellen, Sie müssen fragen!
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Präsident, sowohl der Originaltext als auch eine Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Der Herr
-
vom Sprachendienst des Auswärtigen Amtes her- Außenminister hat hier zitiert. Meine Frage zielte
gestellte deutsche Übersetzung des zitierten Auf- darauf ab, das wörtliche Zitat zu bekommen, das
satzes können vorgelegt werden. Im übrigen ver- der Herr Außenminister vorgetragen hat. Ich bitte
weise ich Sie darauf, daß die fragliche Zeitschrift noch einmal darum. Es handelt sich hier, wie Sie
auch auf englisch in einer gleichsam offiziösen Aus- sagen, um eine Zeitschrift, die sogar in aller Öffent-
gabe erscheint. lichkeit erschienen ist. Welche Schwierigkeit könnte
es geben, diesen Text dem Hohen Hause vorzutra-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage gen?
des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
sekretär, der Herr Bundesaußenmister hat damals Kollege, ich will Ihnen gern einen Hinweis geben.
Es handelt sich um einen Absatz in diesem Artikel
auf Fragen des Abgeordneten von Guttenberg er-
klärt, daß aus diesem Aufsatz von Professor — ich will ihn aus Gründen der Ausführlichkeit
Schostow hervorgehe, daß der Atomsperrvertrag nicht ganz verlesen —, der mit den Worten be-
eine europäische Option nicht verbiete. Der Herr ginnt: „Der Sinn des Art. 1 ist klar. Die Staaten,
die dem Vertrag beigetreten sind und Kernwaffen
Außenminister hat die Ausführungen des Herrn
besitzen, werden verpflichtet sein, die Weitergabe
Professor Schostow sozusagen als sowjetamtlich dar-
dieser Waffen an Nichtkernwaffenstaaten zu unter-
gestellt und sogar erklärt, weitere Nachforschungen
lassen". Ich möchte Sie auf diese Stelle verweisen.
bei der sowjetischen Regierung seien nicht nötig.
Welche Stelle aus dem Ihnen vorliegenden Aufsatz (Abg. Dr. Schulze-Vorberg: Das ist genau
gibt zu dieser Rechtsmeinung Anlaß? Ich habe sie das Gegenteil dessen, was der Außenmi
nicht gefunden. nister hier gesagt hat!)
1200 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich danke bekannt, daß es sich hier lediglich um 15 oder 20
Ihnen für den Hinweis, Herr Kollege. Ja, ich weise Lastkraftwagen handelt, die die Autobahn im we-
darauf ausdrücklich noch einmal hin. sentlichen in der Süd-Nord-Richtung benutzen, wo
sowieso kein Ferienreiseverkehr stattfindet, und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage daß es sich um Produkte handelt, die so leicht ver-
des Herrn Abgeordneten Czaja. derblich sind, daß dann der Erzeuger auf seiner
Ware sitzenbleibt?
Dr. Czaja (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist
es nicht so, daß es sich hierbei eigentlich nicht um Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
den Artikel von Schostow und seinen Wortlaut Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
handelt, sondern um eine Interpretation, die bisher Fernmeldewesen: Herr Kollege, in Übereinstimmung
durch nichts gedeckt ist? mit der bisherigen Auffassung des Bundesrates sieht
sich der Bundesminister für Verkehr außerstande,
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- in die Verordnung zur Erleichterung des Ferien-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr reiseverkehrs auf der Straße im Jahre 1970 Vor-
Kollege, auch hier könnte ich Ihnen eine ausführ- schriften über die Erteilung von Ausnahmegenehmi-
lichere Antwort geben, als ich es jetzt im Grunde gungen für Obsttransporte auf Bundesautobahnen
vertreten kann. Es handelt sich ganz gewiß um ein aufzunehmen. Diese Bestimmung würde zu zahl-
Verständnis von Äußerungen, wobei übrigens, wie losen Berufungen führen und damit den Zweck der
Sie feststellen können, wenn Sie das Protokoll nach- Verordnung in Frage stellen. Im Vorjahr ist kein
lesen, der fragliche Artikel keineswegs als Haupt- einziger Fall bekanntgeworden, daß Obst wegen
stütze dieses Verständnisses genommen wurde, des Lkw-Verbots verdorben wäre. Die Versorgung
der Großmärkte war völlig normal.
(Sehr gut! bei der SPD)
sondern Äußerungen des sowjetischen Außenmini- Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
sters wurden als Hauptstütze genommen und schei- satzfrage des Herrn Abgeordneten Niegel.
nen in diesem Zusammenhang auch die zentrale
Bedeutung zu haben.
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen
Es ist nun einmal so, daß, wenn darauf verzichtet bekannt, daß im vergangenen Jahr a) die Ernte-
wird, bestimmte andere Interpretationen vorzu- menge ,sehr gering und b) die Erntewitterung aus-
legen, auch darin eine politische Tatsache zu sehen gewogen war und es möglich ist, daß bei schlech-
ist, selbst wenn man nicht unterstellt, daß der an- tem Wetter die Ernte am Wochenende zusammen-
dere mit diesem Verzicht alles das verbindet, das trifft und dann die ganze Versorgung nicht mehr
wir damit verbinden. — Entschuldigen Sie die etwas gewährleistet ist?
kritische Antwort.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
frage. Damit sind die Fragen aus dem Geschäftsbe- Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich darf Sie darauf
reich des Auswärtigen Amts beantwortet. Ich danke aufmerksam machen, daß die Deutsche Bundesbahn
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1201
Parlamentarischer Staatssekretär Börner
im letzten Jahr zur Bewältigung dieser Probleme, Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU): Herr Staats-
von denen Sie sprachen, ein besonderes Angebot an sekretär, ist Ihnen bekannt, daß die Bundesbahn im
die Obsterzeuger gemacht hatte, das eine völlige letzten Jahr zugeben mußte, daß sie keineswegs alle
Beförderungsgarantie und eine Haftung für even- Orte in der notwendigen Zeit, um die Frischobst-
tuelle Verderbnis einschloß. Von diesem Angebot ernte zeitgerecht unterzubringen, zu erreichen in der
ist nicht Gebrauch gemacht worden. Lage ist?
(Abg. Wehner: Hört! Hört!)
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Fernmeldewesen: Mir ist bekannt, daß die Bundes-
des Herrn Abgeordneten Müller-Hermann. bahn ihren Betrieb in den letzten Jahren erheblich
modernisiert hat und daß sie mit allen Problemen,
sowohl mit dem Ernteverkehr im Herbst als auch
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
sekretär, meinen Sie nicht, daß es möglich sein insbesondere in den letzten Monaten mit den
müßte, die berechtigten Wünsche der Ferienreisen- Schwierigkeiten einer sehr problematischen Ver-
den mit den unabweisbaren Bedürfnissen unserer kehrssituation durch den frühen Wintereinbruch
Wirtschaft in Einklang zu bringen? fertig geworden ist. Ich habe keinen Zweifel daran,
daß sie auch die Dinge bewältigt, die jetzt hier in
Rede stehen.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
Fernmeldewesen: Der Bundesminister für Verkehr Zusatzfrage. — Herr Abgeordneter Müller-Hermann,
hat sich darum sehr bemüht. Ich kann mich an eine im Interesse Ihrer selbst, der Sie die nächste Frage
Diskussion erinnern, Herr Kollege, bei der Sie zu haben, kann ich nur eine Zusatzfrage von jedem zu-
diesem Lkw-Fahrverbot sehr positiv Stellung ge- lassen. — Zu einer Zusatzfrage Herr Abgeordneter
nommen haben. Wir werden auch in diesem Jahr Meister.
wieder diese Überlegung anstellen. Die entspre-
chenden Gespräche sind angelaufen. Aber ich muß
darauf hinweisen, daß die berechtigten Interessen Meister (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist die
der Wirtschaft am Wochenendverkehr hinter dem Bundesregierung oder sind Sie bereit, darauf hinzu-
Bedürfnis vieler Millionen Ferienreisender, ohne wirken, daß in diesem Falle die Kraftfahrzeugsteuer
Unfälle und möglichst schnell in ihren Ferienort zu für die Ausfalltage eine Ermäßigung erfährt?
kommen, zurücktreten sollten.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Fernmeldewesen: Ich kann den Zusammenhang mit
des Herrn Abgeordneten Dasch. dem Problem, das hier angesprochen ist, nicht sehen.
Ich darf darauf hinweisen, daß die Kraftfahrzeug-
steuer den Ländern zugute kommt und mit Obst-
Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, haben die
transporten sehr wenig zu tun hat.
anderen EWG-Partner ähnliche Beschränkungen ge-
habt, und wenn nicht, befürchtet nicht die Bundes-
regierung, daß damit für einen Teil der Erzeuger Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
eine Wettbewerbsverzerrung eintritt? Zusatzfrage? — Jeder nur eine, bitte! Sonst kommt
Herr Müller-Hermann mit seiner Frage 63 nicht
mehr dran.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Ich rufe dann die Frage 63 des Abgeordneten Dr.
Fernmeldewesen: Herr Kollege, andere EWG-Part- Müller-Hermann auf:
ner haben nicht die gleiche verkehrspolitische Situa- Welche Vorstellung hat die Bundesregierung bezüglich Stand-
ort und Ausbau eines Tiefwasserhafens an der Nordseeküste und
tion wie die Bundesrepublik Deutschland, die wegen der dafür benötigten Investitionen, um die Wettbewerbsfähigkeit
der deutschen Seehäfen angesichts der strukturellen Verände-
einer besonders starken Bevölkerungszunahme in rungen in der Seeschiffahrt zu erhalten?
den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg und des
Bitte, Herr Staatssekretär!
Wohnens vieler Millionen Menschen in Ballungs-
gebieten besondere Verkehrsprobleme hat. Andere
EWG-Partner haben auch nicht in dem Maße wie Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wir die Situation, daß sie in dieser Zeit als Transit- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
land einen zusätzlichen Ferienverkehr von Nachbar- Fernmeldewesen: Da der Bundesminister für Ver-
ländern zu bewältigen haben. Ich denke nur daran, kehr die Aufgabenstellung durchaus im Sinne der
daß z. B. die Urlaubstermine von Nordrhein-West- gestellten Frage sieht, hat er gemeinsam mit den
falen und der Niederlande hier im Zusammenhang Verkehrsministern der Küstenländer vor einigen
gesehen werden müssen, was die Straßenbelastung Monaten eine Tiefwasserhafenkommission gebildet,
an bestimmten Wochenenden betrifft. die alle in Betracht kommenden Fragen behandelt.
Es wäre für die Zusammenarbeit in dieser Kommis-
sion nicht hilfreich, ihrem Arbeitsergebnis durch
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage eine vorzeitige Stellungnahme zu Einzelfragen vor-
des Herrn Abgeordneten Hauser. zugreifen.
1202 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Pieroth (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind
des Herrn Abgeordneten Dr. Müller-Hermann. Sie der Ansicht, daß gerade in der jetzigen kon-
junkturellen Situation niedrigere Tarife ein wirk-
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
samer Beitrag gegen die Preissteigerungen wären
sekretär, wann meinen Sie statt einer sibyllinischen und daß gerade staatliche und halbstaatliche Stellen
Auskunft einmal eine konkretere Auskunft in die- hier forciert beispielgebend vorgehen sollten?
ser Frage geben zu können?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Fernmeldewesen: Herr Kollege, dieses Problem wird
Fernmeldewesen: Herr Kollege Müller-Hermann, ich in einer späteren Fragestellung noch eine Rolle
nehme an, daß Ihnen als einem Abgeordneten aus spielen. Ich darf insoweit auch auf die gestern
dem Bereich, um den es hier geht, bekannt ist, daß gegebene Antwort meines Kollegen Staatssekretär
Investitionsentscheidungen dieser Größenordnung Dr. Arndt vom Wirtschaftsministerium zu dem Ge-
natürlich einer sehr sorgsamen Prüfung durch alle samtkomplex verweisen. Ich muß aber auch darauf
Beteiligten bedürfen, daß aber umgekehrt die tech- hinweisen, daß in dem Nahverkehr, von dem hier
nische Entwicklung im Schiffsbau und die inter- die Rede ist, keine hohen Gewinne zu machen sind.
nationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Ich darf Sie in diesem Zusammenhang daran erin-
im Welthandel es erfordern, daß wir möglichst bald nern, daß der Omnibusverkehr durch Bahn und Post
zu konkreten Ergebnissen kommen. Ich habe keinen praktisch ein Zuschußunternehmen ist bzw. daß hier
Anlaß zu der Vermutung, daß diese Kommisison jede Kostensteigerung, z. B. der Personal- und Sach-
nicht in absehbarer Zeit zu einem vernünftigen Er- kosten, in eine Kostenunterdeckung führen wird.
gebnis käme. Von daher muß man sehen, daß gestiegene Löhne
und Gehälter auch hier zu bestimmten Schlußfolge-
rungen bei diesem gesamten Komplex führen.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Müller-Her-
mann. Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Pieroth.
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Darf ich dann
-
meine Frage in drei Monaten wiederholen? Pieroth (CDU/CSU) : Wenn aber die Situation
in diesem Nahverkehrsbereich bisher schon so war
und wenn Rationalisierungen Einsparungen bedeu-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim ten, sollte man dann nicht in diesem Zusammenhang
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und sehr rasch handeln und nicht irgendwann? Denn die
Fernmeldewesen: Herr Kollege, Sie können sie jetzige konjunkturelle Situation erfordert hier doch
jederzeit wiederholen. Dieses Recht haben Sie nach Maßnahmen.
der Geschäftsordnung.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Vizepräsident Frau Funcke: Ich rufe dann die Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Frage 64 des Abgeordneten Pieroth auf: Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich möchte hier
Wird die Bundesregierung dafür sorgen, daß die Rationali- keine generelle Antwort geben. Ich muß nur darauf
sierungseinsparungen durch die Zusammenlegung der Omnibus-
dienste von Bundesbahn und Bundespost auch an die Reisenden
hinweisen, daß diese Verkehre, um die es hier geht,
weitergegeben werden in Gestalt niedrigerer Tarife? bisher keine lukrativen Einnahmen für Bahn und
Ist der Herr Abgeordnete Pieroth im Saal? — Bitte Post ergeben haben und daß die Rationalisierungs-
sehr, Herr Staatssekretär! reserve, die hier besteht, auch sehr begrenzt ist. Sie
können im Werkstättenwesen und in verschiedenen
anderen Dingen rationalisieren, aber der Fahrer
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim muß ja (immer im Omnibus bleiben. Von daher ha-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ben die Personalkosten natürlich eine bestimmte
Fernmeldewesen: Die nach Errichtung einer Ver- Größe, die es auch bei der Festsetzung von Tarifen
kehrsgemeinschaft der Omnibusdienste von Bahn zu beachten gilt.
und Post durchzuführenden Rationalisierungsmaß-
nahmen und dadurch mögliche Einsparungen sind
noch nicht überschaubar. Mit Sicherheit werden Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
eventuelle Einsparungen dazu beitragen, angesichts Zusatzfr age.
der gestiegenen und steigenden Personal- und Sach- Ich rufe die Frage 65 des Herrn Abgeordneten
kosten
- eine ungünstige Entwicklung der Kosten Niegel auf:
Ertrags-Situation aufzufangen. Sollten dennoch lang-
Ist die Bundesregierung i: absehbarer Zeit bereit, die Be-
fristig Überschüsse erzielt werden, würden die be- nachteiligung der ländlichen Räume gegenüber den Ballungs-
teiligten Verkehrsverwaltungen prüfen, inwieweit zentren bei der Festsetzung von Telefongebühren durch Erwei-
terung bzw. Zusammenlegung von Knotenämtern auf mindestens
diese den Kunden zugute kommen könnten. Landkreisgröße bzw. Größe einer wirtschaftlichen Region zu
beseitigen, damit dann dort von der Bevölkerung mit den
gleichen Gebühren telefoniert werden kann wie in den Ballungs-
zentren?
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Pieroth. Bitte schön, Herr Staatssekretär!
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1203
Niegel (CDU/CSU) : Denkt die Bundesregierung Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
also nicht daran, für das flache Land eine Gebühren- Zusatzfrage.
ermäßigung einzuführen, damit die Benachteiligung Ich rufe die Frage 66 des Herrn Abgeordneten
gegenüber den Ballungszentren ausgeglichen wird? Haehser ,auf:
Hält es die Bundesregierung für gerechtfertigt, daß Umwege,
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim die im Postreisedienst durch Straßenbaumaßnahmen notwendig
werden, den Benutzern des Postreisedienstes durch die Forde-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und rung nach höheren Fahrpreisen angelastet werden?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich habe darauf
hingewiesen, daß sich die Bundespost bemüht. Aber Bitte schön!
die Investitionen, die hier vorgenommen werden
müssen, gehen in die Hunderte von Millionen. Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Ich bitte zu berücksichtigen, daß auch die Post Fernmeldewesen: Frau Präsidentin, ich bitte um Ihre
von der finanziellen Seite her und die betroffene Zustimmung, die beiden Fragen , des Herrn Kollegen
Industrie von der Kapazitätsseite her hier nur be- Haehser gemeinsam beantworten ,zu dürfen, wenn
grenzte Möglichkeiten haben. Daß wir das Problem der Herr Kollege damit einverstanden ist.
anpacken und lösen wollen, habe ich eben schon ge-
sagt.
Vizepräsident Frau Funcke: Dann rufe ich
auch die Frage 67 des Abgeordneten Haehser auf:
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Niegel. Wenn nein, sieht die Bundesregierung Möglichkeiten, die jetzt
geübte Praxis zu verändern?
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage menwirken mit den übrigen Nahverkehrsträgern in
des Herrn Abgeordneten Haehser. Verdichtungsgebieten Einheitsfahrscheine einzufüh-
ren, die zur Benutzung aller vorhandenen Nahver-
Haehser (SPD) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen kehrsmittel berechtigen.
bekannt, daß private Omnibusunternehmer anders
verfahren als (die Deutsche Bundespost, indem sie Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
(die Lasten für Mehrfahrten nicht den Fahrtteilneh- des Herrn Abgeordneten Flämig.
mern aufbürden?
Flämig (SPD) : Herr Staatssekretär, wann ist da-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim mit zu rechnen, daß z. B. im Ballungsgebiet Rhein-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Main diese Regelung in Kraft tritt?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich nehme an, daß
es sich dann um Unternehmer handelt, die auch
andere Tarife kalkulieren, welche sich nicht an den Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Selbstkosten orientieren, sondern eine gewisse Ge- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
winnmarge haben und daher natürlich auch solche Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich darf darauf hin-
Wechselfälle deis Schicksals, wie ich sie einmal be- weisen, daß die Deutsche Bundesbahn zur Zeit Ge-
zeichnen darf, entsprechend auffangen könnten. spräche über die Einführung von Einheitsfahrschei-
nen mit den Nahverkehrsträgern in den Verdich-
Vizepräsident Frau Funcke: Zweite Zusatz- -tungsgebieten München, Stuttgart, Rhein-Wupper
frage des Herrn Abgeordneten Haehser. Raum und Raum Frankfurt führt. Ich hoffe sehr,
daß diese Gespräche mit allen Beteiligten noch im
Laufe dieses Jahres konkrete Ergebnisse zeitigen.
Haehser (SPD) : Herr Staatssekretär, darf ich
Ihrer Antwort entnehmen, daß Sie wissen, daß
private Unternehmen den Betroffenen die Lasten oft Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
nicht (aufbürden? Darf ich Sie fragen, ob Sie Ihre satzfrage ides Herrn Abgeordneten Flämig.
Antworten heute als ein für allemal gegeben anse-
hen? Flämig (SPD) : Herr Staatssekretär, habe ich Sie
recht verstanden, daß der Zweck dieser Maßnahme
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim vor allen Dingen darin besteht, den Nahverkehr zu
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und erleichtern und dadurch einen Beitrag zur Lösung
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich bin gern bereit, der Verkehrsprobleme insbesondere in den Spitzen-
diese Frage auch im Zusammenhang mit den Be- zeiten zu leisten?
lastungen des Haushalts neu zu prüfen. Nur rechne
ich dann auf ihre sachverständige Unterstützung, Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wenn sich daraus ein gewisses Risiko 'für den öffent- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
lichen Haushalt ergibt. Fernmeldewesen: Ja, natürlich, das ist der Anlaß.
Sie wissen, daß wir, ausgehend vom Verkehrspoli-
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz- tischen Programm, bemüht sind, dem öffentlichen
frage. — Ich rufe die Fragen 68 und 69 des Herrn Nahverkehr in den Ballungsgebieten, was sowohl
Abgeordneten Dr. Gleissner (auf. Ist der Herr Ab- die Investitionen als auch die Koordinierung der
geordnete Gleissner im Saal? — Das ist nicht der entsprechenden Nahverkehrsunternehmen betrifft,
Fall. Dann werden die beiden Fragen schriftlich besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Mög-
beantwortet. ichkeit, die Benutzung verschiedener Nahver-
Ich rufe die Frage 70 des Herrn Abgeordneten kehrsunternehmen mit verschiedenen Eigentümern
Dr. Hauff auf. — Ist der Herr Abgeordnete Dr. Hauff durch den gleichen Kunden attraktiver zu machen
im Saal? — Das ist nicht der Fall. Die Frage wird und damit den Individualverkehr zu entlasten, ist
schriftlich beantwortet. dieser Einheitsfahrschein oder auch das Modell, das
in Hamburg bereits praktiziert wird, nämlich der
Ich rufe die Frage 71 des Herrn Abgeordneten sogenannte Verkehrsverbund.
Flämig auf:
Besteht die Möglichkeit, im Zuge der Verbesserung der Nah- Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
verkehrs-Verhältnisse in den Verdichtungsgebieten der Bundes-
republik Deutschland die Tarife der Bundesbahnzüge und der Zusatzfrage.
Bundesbahnautobusse in der Weise anzugleichen, daß beim
Übergang die Zugkarte auch für den Autobus und die Autobus- Ich rufe die Fragen 72 und 73 des Herrn Abgeord-
karte auch für den Zug gilt?
neten Ruf auf:
Bitte schön, Herr Staatssekretär! Bleibt der Bundesverkehrsminister bei seiner Auffassung, daß
der Flughafen Stuttgart-Echterdingen nicht zu einem Weltflug-
hafen ausgebaut werden soll und daß der Bund entsprechend
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim dem Verkehrspolitischen Programm der Bundesregierung der
Großen Koalition V/2494 sich auch weiterhin bei seiner finan-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ziellen Beteiligung zunächst auf den Ausbau der Flughäfen
Berlin, Frankfurt, Köln/Bonn, Hamburg und München beschränkt?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, diese Möglichkeit
Wie stehen die Verhandlungen, die das baden-württember-
besteht durchaus. In vielen Fällen gelten schon heute gische Innenministerium über eine finanzielle Beteiligung des
die Schienenfahrkarten auch auf den Bahnbuslinien. Bundes am Ausbau des Flughafens Stuttgart-Echterdingen ange-
sichts dessen übergeordneter Verkehrsbedeutung mit dem Bun-
Die deutsche Bundesbahn bemüht sich, im Zusam- desverkehrsministerium führt?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1205
Vizepräsident Frau Funcke
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- durch die Erhöhung , der Löhne, Gehälter und Ver-
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des sorgungsbezüge Mehrausgaben in Höhe von rund
Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom 900 Millionen DM. Weitere Kostensteigerungen er-
30. Januar 1970 lautet: wartet die Deutsche Bundesbahn bei ,den Betriebs-
Der Bund hat nicht die Auffassung vertreten, daß der Flug- ausgaben infolge höherer Verkehrsleistungen bei
hafen Stuttgart nicht zu einem Weltflughafen ausgebaut werden
solle. Er hat lediglich zum Ausdruck gebracht, daß er sich mit
der Unterhaltung und den Abschreibungen der An-
Rücksicht auf die ihm zur Verfügung stehenden beschränkten lagen und beim Zinsendienst. Dank aufwandsmin-
finanziellen Mittel schwerpunktmäßig auf gewisse Projekte kon-
zentriert: auf die Flughäfen Berlin, Köln-Bonn, Frankfurt und dernder Rationalsierungserfolge ,der Deutschen Bun-
die neuen Flughäfen in Hamburg-Kaltenkirchen und München, desbahn werden die Kostensteigerungen im Ver-
so wie es im Verkehrspolitischen Programm verankert ist.
Das Baden-württembergische Innenministerium hat eine schrift-
gleich zum Vorjahr jedoch nur rund 850 Millionen
liche Anfrage an den Bundesminister für Verkehr gerichtet, um DM betragen.
die Möglichkeit einer finanziellen Beteiligung des Bundes am
Ausbau des Flughafens Stuttgart zu erörtern. Der Bund hat auf
diese Anfrage geantwortet, daß er bereit sei, zu der weiteren
Planungsarbeit für den Flughafen Stuttgart unverbindlich seinen Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
fachlichen Rat zu erteilen. Er sehe sich aber zu seinem Bedau-
e rn nicht in der Lage, eine Förderung des Flughafenausbaues des Herrn Abgeordneten Weber.
mit Mitteln des Bundes in Aussicht zu stellen. Mit Rücksicht auf
die ihm zur Verfügung stehenden beschränkten finanziellen Mit-
tel muß der Bund seine finanzielle Beteiligung an Verkehrsflug-
häfen zunächst auf die im Verkehrspolitischen Programm genann-
Weber (Heidelberg) (CDU/CSU) : Herr Staats-
ten Schwerpunkte beschränken. sekretär, wird sich ,das Defizit der Deutschen Bun-
Ich rufe die Frage 74 des Herrn Abgeordneten desbahn dann etwa um diese Summe erhöhen, oder
Dr. Jenninger auf: wird nach Auffassung der Bundesregierung diese
Summe unter Umständen über Tariferhöhungen
Sieht der Bundesminister für Verkehr die Möglichkeit, die
Höchstgeschwindigkeit für Omnibusse auf den Autobahnen von reduziert werden können?
80 auf 100 km/h zu erhöhen und das Überholverbot für Omni-
busse aufzuheben, um dadurch einen reibungsloseren Verkehrs-
ablauf an Autobahn-Bergstrecken zu gewährleisten?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des Fernmeldewesen: Herr Kollege, Sie wissen, daß zur
Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Zeit Tariferhöhungsanträge, übrigens nicht nur von
30. Januar 1970 lautet: der Deutschen Bundesbahn, sondern von allen Ver-
Im Einvernehmen mit den für den Verkehr und für die Ver- kehrsträgern, gestellt worden sind. Diese Tariferhö-
kehrspolizei zuständigen obersten Landesbehörden ist der
BMV der Ansicht, daß es nicht verantwortet werden kann, die
huungsanträge sind auf Grund bestimmter Gesetze,
höchstzulässige Fahrgeschwindigkeit für Kraftomnibusse auf den die das Hohe Haus beschlossen hat, von der Bun-
Autobahnen auf 100 km/h heraufzusetzen, solange in der Bun-
desrepublik Deutschland die Zahl der im Straßenverkehr Ge- desregierung in den 'nächsten Wochen zu entschei-
töteten und Verletzten ständig steigt. den. Es handelt sich hier um leinen Vorgang, der
Für die Anordnung von Überholverboten auf Autobahn-Berg- zur Zeit in der Exekutive entsprechend vorbereitet
strecken sind die Verkehrsbehörden der Länder zuständig. Sie
halten auf geeigneten Strecken Überholverbote für Omnibusse wird. Ich möchte diese Entscheidungen durch eine
für nötig, um einen gleichmäßigen Verkehrsfluß zu gewährlei- Erklärung hier heute morgen nicht präjudizieren.
sten.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage vielen Fachzeitschriften eine ähnliche Meinung ver-
des Abgeordneten Fellermaier. treten haben.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Handeln Sie
Fellermaier (SPD) : Herr Staatssekretär, würden endlich!)
Sie mir zustimmen, wenn ich hier formuliere, daß
man erwarten kann, daß durch die Rationalisierung Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
und durch die Modernisierung der Bundesbahn, die Zusatzfrage. Die Fragen 107 und 108 sind zurück-
beim Leber-Plan erfolgreich eingetreten ist, auch im gezogen.
Jahre 1970 die Gewinnseite der Deutschen Bundes-
bahn weiter verbessert wird? Damit sind wir am Ende der Fragestunde. Ich
danke dem Herrn Parlamentarischen Staatssekretär
Börner.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 19:
Fernmeldewesen: Natürlich, das ist im vergangenen a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Jahr schon erfolgt, und wir erwarten auch aus den Vogel, Benda, Erhard (Bad Schwalbach), Dr.
Gegebenheiten, von denen Sie eben gesprochen Eyrich, Dr. Lenz (Bergstraße), Dr. Pinger und
haben, eine entsprechende Entwicklung in diesem der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten
Jahr. Das wird mit in unsere Überlegungen einbe- Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur Reform
zogen sein. Andererseits muß natürlich die hier ge- des Strafrechts (3. StrRG)
gebene Größenordnung, von der zur Zeit die Rede — Drucksache VI/261 —
ist, auch zu der Überlegung führen, inwieweit be-
-
stimmte Tariferhöhungsanträge gerechtfertigt sind. b) Beratung des Schriftlichen Berichts des Son-
Die Bundesregierung hat dazu eine bestimmte Mei- derausschusses für die Strafrechtsreform über
nung, auf die gestern im Zusammenhang mit der den Antrag der Fraktion der CDU/CSU
Vorlage des Jahreswirtschaftsberichtes schon abge- betr. Beeinträchtigung von Grundrechten
hoben wurde. durch gewalttätige Aktionen
Drucksachen VI/157, VI/270 —
—
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Das Wort zur Begründung des Antrags der CDU/
des Abgeordneten Müller-Hermann. CSU hat Herr Dr. Eyrich. Er hat um 30 Minuten
Redezeit gebeten. Bitte schön, Herr Dr. Eyrich!
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
sekretär, ich unterstelle, daß Sie nicht dem Hohen Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine
Hause und der Öffentlichkeit weismachen wollen, Damen und Herren! Ihnen liegt die Drucksache
daß die Kostensteigerungen bei der Bundesbahn VI/261 der CDU/CSU-Fraktion vor, ein Antrag auf
in einer Größenordnung von 900 Millionen DM auch Änderung des Strafgesetzbuches hinsichtlich der
nur im entferntesten durch zusätzliche Rationalisie- Verbrechen und Vergehen gegen den Gemein-
rungsmaßnahmen aufgefangen werden können, und schaftsfrieden. Wir wollten mit diesem Entwurf,
sollten Sie nicht sagen, daß innerhalb der Bundes- den wir Ihnen vorlegen, unsere eigene Meinung
regierung grundsätzliche, aber auch taktisch be- darstellen, weil wir glauben, daß das, was der Ent-
dingte erhebliche Meinungsverschiedenheiten dar- wurf der Koalitionsfraktionen enthält, nicht befriedi-
über bestehen, wie man mit diesem Problem fertig gende Lösungen auf diesem Gebiete zeigt.
werden soll, und daher eben auch der Bundesbahn
Lassen Sie mich aber zuvor einige Vorbemerkun-
die Tarifanhebungsanträge nicht genehmigt werden?
gen machen, weil ich glaube, daß es erforderlich ist,
(Abg. Wehner: Dort fehlt eben ein Müller- aus der einseitigen Betrachtung dieser Dinge allein
Hermann!) im Hinblick auf die Demonstrationsdelikte heraus-
zukommen. Wir haben es nicht nur mit Demon-
strationsdelikten zu tun, sondern wir haben es mit
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Ordnung zu tun, eine Erscheinung, die sich nicht nur
Fernmeldewesen: Herr Kollege, meine bisherigen
darin äußert, daß diese öffentliche Ordnung durch
Erklärungen geben für eine solche Interpretation Demonstrationen gestört wird, sondern auch in
nicht den geringsten Anlaß. Ich muß ausdrücklich mannigfaltiger Beziehung durch einzelne Bürger.
darauf hinweisen — ich nehme an, daß Sie das aus
Ihrem verkehrspolitischen Sachverstand wissen —, Ich glaube, wir sollten auch sagen, daß sich die
daß ich nicht gesagt habe, daß eine Größenordnung, Gültigkeit dessen, was wir hier gemeinsam ent-
wie sie hier in Rede steht, durch Rationalisierung werfen, nicht allein an den bekannten Erscheinungs
aufgefangen werden kann. Die Bundesregierung hat formen, die wir haben, orientieren kann, sondern
auch nirgends erklärt, daß sie keine Tariferhöhun- für die Zukunft an allen nicht voraussehbaren For-
gen zulassen wird, sondern sie hat nur mit der Prü- men und vor allen Dingen an von allen extremen
fung dieser Dinge z. B. die Frage verknüpft, ob nicht politischen Richtungen möglichen Aktionen. Eine
ein mehr marktwirtschaftliches Verhalten bestimm- solche Regelung darf nicht kurzfristig sein, sondern
ter Verkehrsträger hier angemessen wäre. Ich darf sie hat das zu beachten, was wir in den nächsten
daran erinnern, daß Sie in vielen Erklärungen vor Jahrzehnten auf diesem Gebiet brauchen. Gleich-
dem Hohen Hause als Abgeordneter und auch in wohl — und darüber sind wir uns im klaren, wenn
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1207
Dr. Eyrich
auch oft emotionell - ist diese Frage in der Vergan- hin, die Demonstration nicht nur zu bejahen, son-
genheit allein unter dem Gesichtspunkt der Demon- dern auch zu schützen, solange und soweit sie fried-
strationsdelikte gesehen worden. Dazu darf ich im lich ist. Wir sollten auch den Mut haben, zu sagen,
Namen der CDU/CSU-Fraktion folgendes deutlich daß wir diese Demonstration auch als Spontan-
machen. demonstration anerkennen, und auch ich persönlich
Art. 5 und Art. 8 des Grundgesetzes und die in bin hier durchaus der Meinung, daß der Bürger im
diesen Artikeln zum Ausdruck kommenden Frei- Hinblick auf diese Dinge die eine oder andere Un-
heitsrechte, nämlich, die eigene Meinung in Schrift, bequemlichkeit wird auf sich nehmen müssen. Aber
Wort und Bild zu äußern, und schließlich die Mög- das darf man nicht damit verwechseln, daß man dem
lichkeit, Versammlungen unter freiem Himmel abzu- Bürger zumutet, Gewalt gegen sich selbst, Gewalt
halten, werden von unserer Fraktion nicht nur be- gegen sein Eigentum und Gewalt gegen seine freie
jaht; das Ziel unseres Entwurfs ist nicht nur die Meinungsäußerung hinzunehmen. Dort sind mit
Bejahung, sondern auch der Schutz dieser Meinungs- Sicherheit die Grenzen, die wir setzen müssen. An-
freiheit im Rahmen des Art. 5 und des Art. 8. Ich dernfalls werden wir die Klarheit, die erforderlich
hin der Auffassung, daß wir das nicht klar genug ist, in diesem Gesetz niemals erreichen.
sagen können. Wir müssen aber dazu sagen, daß Zum anderen geht unser Bemühen dahin, Klarheit
Art. 5 und Art. 8 des Grundgesetzes von friedlichen und Durchschaubarkeit der gesetzlichen Regelungen
Demonstrationen sprechen, d. h. von Demonstratio- zu schaffen, die die friedliche Demonstration von der
nen, die nicht die Rechte anderer beeinträchtigen scheiden, bei der Gewalt gegen Personen und Sachen
können. angewandt wird und Handlungen vorgenommen
Wir haben in dieser Frage in dem durchgeführten werden, die die öffentliche Sicherheit gefährden.
Hearing eine nahezu völlige Übereinstimmung der Wir glauben, daß wir dem mit dem vorliegenden
angehörten Personen feststellen können. Wir haben Entwurf Rechnung tragen, der — und das sei aus-
dort eindeutig gesehen, daß sich alle, die gehört drücklich festgestellt -- nicht die Aufgabe und nicht
worden sind, dahin gehend geäußert haben. Es kann den Sinn haben soll, zu verschärfen, sondern den
keine Frage sein, daß eine Demonstration ledig- allein das Bemühen kennzeichnet, nach dem Maß
lich unter Beachtung der Rechte anderer durchge- der persönlichen Schuld zu differenzieren und den
führt werden darf. Allerdings — und auch das muß Gerichten eine klare Handhabe für ihre Entschei-
man hinzufügen — sind andere Stimmen laut gewor- dung zu bieten.
den, die Wertungen vornehmen, die wir nicht billi-
Meine Damen und Herren von den Koalitions-
gen können und die auch nicht verfassungskonform
parteien, ich glaube, wir sollten sachlich eines fest-
sind und die wir ablehnen. Ich meine etwa folgende
stellen. Das Bemühen hinsichtlich dieser Klarheit ist
Wertung, die anläßlich dieses Hearings aufgetreten
in jeder Fraktion dasselbe.
ist. Studentenvertreter und auch Hochschullehrer
haben dort erklärt, ihre Wertung der Dinge sei die, (Beifall bei der CDU/CSU.)
daß zwar die körperliche Integrität geschützt wer- Wenn wir uns in Einzelheiten unterscheiden, sollten
den müsse — allerdings bleibt eben die Frage, ob wir das ohne Emotionen tun; wir sollten es tun in
die körperliche Integrität auch dann noch geschützt dem Bemühen, ein Gesetz zu schaffen, von dem wir
wird, wenn statt der Argumente die Pflastersteine sagen können, daß es liberal genug ist, die Mei-
fallen —, daß dann aber die politischen Aktivrechte nungsfreiheit zu gewährleisten, daß es aber auch
kämen und daß dann vielleicht und möglicherweise wirksam genug ist, um Exzesse zu unterbinden.
das Eigentum und dann vielleicht und möglicher-
weise auch wirtschaftliche Güter kämen. (Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.)
Die Frage, die wir an diese angehörten Personen Meine Damen und Herren! Es wird allerorten ge-
gestellt haben, lautete immer wieder so: Sind Sie sagt — und damit komme ich zu einzelnen Punkten
eigentlich bereit, den Katalog, den das Grundgesetz unserer Vorlage —, daß sehr viele Bestimmungen
aufstellt — auch in Art. 14 —, zu achten? Und die des Strafgesetzbuches in dieser Richtung überholt
Antwort, die wir darauf erhalten haben, meine Da- seien. Ich glaube, „überholt" oder „überaltert" wird
men und Herren, war in manchen Fällen allerdings man nicht sagen können. Man wird aber sagen
eindeutig ein Vielleicht und manchmal auch ein- können, daß sie dem nicht in jeder Form entspre-
deutig ein Nein. Ich meine, das muß man sagen, chen, was wir an Klarheit fordern und für erforder-
wenn man an diese Frage herangeht. lich halten. Ich bin mit Ihnen der Meinung, daß es
Der Kernpunkt aller Überlegungen, die wir anstel- unsere Aufgabe sein wird, diese Bestimmungen dar-
len, ist doch letztlich der: Wie ist das Verhältnis aufhin zu überprüfen, ob sie verfassungskonform
zwischen der Demonstrationsfreiheit auf der einen sind, und das heißt nichts anderes, als zu prüfen, ob
und der Garantie der Grundrechte auf der anderen diese Bestimmungen mit unserem Grundgesetz ver-
Seite? Und wenn so sehr viel von Konfliktsituation einbar sind.
und von Verfassungskonformität gesprochen wird, Unter diesem Gesichtspunkt lassen Sie mich Stel-
dann würde ich allerdings sagen, das Grundgesetz lung nehmen zu den §§ 110, 111 und 112 unseres
löst diese Konfliktsituation ganz eindeutig in Art. 5 Antrages auf Drucksache VI/261. Ich kann nicht völ-
und Art. 8, und zwar eindeutig unter dem Gesetzes- lig übereinstimmen mit den Sprechern der Koalition,
vorbehalt. die bei der ersten Lesung ihres Entwurfes zum
Wir sollten und können sagen, daß unser Be- Ausdruck gebracht haben, daß die Aufforderung, ein
mühen in zwei Richtungen geht, nämlich einmal da- Gesetz, eine Verordnung oder eine Verwaltungs-
1208 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. J anuar 1970
Dr. Eyrich
anordnung nicht zu befolgen, nicht strafbar sein soll keit bleiben sollte. Wir sind uns bewußt, daß dieses
und daß die entsprechende Bestimmung obrigkeits- Festhalten an der objektiven Bedingung der Straf-
staatlichen Charakter habe und deshalb aus dem barkeit auf harte Kritik gestoßen ist. Man hält uns
Strafgesetzbuch verschwinden könne. Meine Damen immer wieder entgegen: Ihr berücksichtigt nicht die
und Herren, wenn damit gemeint ist — ich möchte Tatsache, daß ,sich die 'Rechtsprechung seit langem
es nicht unterstellen, aber ich möchte es klarstel- auf dem Wega zum Schuldstrafrecht hin bewegt;
len —, daß eine Gemeinschaft leben könne, ohne und solange ihr dieser Tendenz nicht Rechnung
die Bereitschaft der Bürger zu haben und auch zu tragt, werdet ihr ein modernes und dein Anforderun-
sichern, die öffentliche Ordnung und das friedliche gen dieser Zeit gerecht werdendes Strafrecht nicht
Zusammenleben zu garantieren, würde ich dem schaffen können.
energisch widersprechen. Darum kann es nämlich
nicht gehen. Keine Staatsordnung und schon gar Es ist sicher wirkungsvoll, wenn in der Debatte
nicht die Demokratie wird darauf verzichten kön- etwa gesagt wird, daß jeder Bürger das Recht habe,
nen, den Gehorsam der Bürger auf Grund von Ge- sich zu irren. Ich meine auch, daß er dieses Recht
setzen zu fordern, die dieses Parlament selber in haben muß und daß jeder dieses Recht für sich in
Übereinstimmung mit dem Grundgesetz beschlossen Anspruch nehmen kann. Neben diesem etwas pla-
hat. Wenn damit allerdings — und darüber, meine kativ wirkenden Satz muß man doch auch fragen:
ich, sollten wir uns auch unterhalten — gesagt sein Wo liegen idle Gefahren der Regelung des Irrtums
soll, daß wir zu prüfen haben, ob wir, statt diese in § 113 beim Widerstandleisten gegen die Staats-
Vorschrift zu ändern, eine andere Vorschrift ergän- gewalt? Herr Kollege Dr. Müller-Emmert hat in der
zen sollten, die uns einen wirksamen Schutz bietet, Begründung des Antrages der Koalitiosfraktionen
würde ich sagen: auch darüber wird man reden das berühmte Beispiel der irrigen Festnahme des
müssen. vom Polizisten als „Täter" erkannten Nichttäters
In dem Hearing, das wir durchgeführt haben, sind gebracht. Dieses Beispiel kann nicht befriedigen.
alle Vertreter der Polizei für die Beibehaltung des Selbst wenn wir in § 113 die Irrtumsregelung hät-
§ 110 mit dem Argument eingetreten, daß dadurch ten, würde dieser Mann mit .zur Wache gehen müs-
die „Aasheizer" und das Vorfeld der Demonstratio- sen. Er würde allerdings riskieren, daß sein Wider-
nen erfaßt werden würden. Fast alle aber meinten stand gebrochen werden würde. Aber letztlich muß
— auch jene, die den § 110 für entbehrlich hiel- eben dieser Mann doch mit zur Wache genommen
ten —, daß diese Bestimmung nicht völlig ersatz- werden. Darauf können wir nicht verzichten. Die
los gestrichen werden könne. Gefahr, die dieser § 113 in sich birgt, liegt doch
u. a. darin, daß wir letztlich zu 'einem Faustrecht
Meine Damen und Herren, man kann über § 110 auf der Straße kämen, wollten wir hier jedwedem
durchaus unterschiedlicher Auffassung sein . Aber Irrtum, mindestens aber manchen Irrtümern, die wir
eines muß man auch ,sagen: Was die Koalitions- heute schon angekündigt bekommen, in jedem Fall
fraktionen in § 111 haben, genügt nicht; das ist kein nachgehen.
genügender Schutz, solange nur die Aufforderung
zu Verbrechen und Vergehen unter Strafe gestellt Zum anderen haben uns alle Vertreter der Poli-
wird. Wir glauben, daß — das ist die Mindestforde- zeibeamten im Hearing gesagt: Verunsichert uns
rung, di e gestellt werden muß — auch die Aufforde- nicht die Polizisten dadurch, daß ihr hier durch die
rung zu Ordnungswidrigkeiten in dieses Gesetz Irrtumsregelung eine plakative Wirkung und prak-
hineingehört. Andernfalls ist der Schutz nicht aus- tisch eine Einladung, sich zu irren, schafft! Dieses
reichend. Ich glaube, wir sollten diese Erörterung Argument sollte man so würdigen, daß man ihm ge-
in jedem Falle fortsetzen, ohne die Position des recht wird. Rechtlich wird durch eine Irrtumsrege-
§ 110 völlig aufgeben zu wollen. lung auch die Polizei nicht schlechter gestellt. Sie
Die Frage, ob die Aufforderung zu Ordnungs- handelt nach wie vor objektiv rechtmäßig. Psycholo-
widrigkeiten letztlich als ein Vergehen oder 'als gisch allerdings — und das muß man hinzusetzen —
eine Ordnungswidrigkeit qualifiziert werden sollte, wird eine Unsicherheit in die Reihen dieser Beamten
sollten wir zugunsten des Vergehens lösen, nicht getragen. Es fragt sich aber, welchen Argumenten
etwa, weil sehr viele Polizeibeamte das Bedürfnis wir eigentlich die Türe öffnen, wenn wir die Irr-
haben, hier schon im Vorfeld eingreifen zu können, tumsregelung hineinnehmen. Soll etwa das Argu-
sondern weil 'die Aufforderung zur Nichtbefolgung ment gelten, die Interessen der Demonstranten —
derartiger Vorschriften, wie ich meine, ein hohes das Bewußtseinsbilden — gehen anderen Rechten
Maß an Gefährlichkeit beinhaltet. Derjenige, der vor? Was ist, wenn der Widerstandsleistende sagt:
diese Aufforderung ausspricht, hat nämlich den un- ich habe mich für berechtigt gehalten, Widerstand zu
bestimmten Teil der Bevölkerung, den er auffordert, leisten, weil mein Anliegen ungleich wichtiger ist
dann nicht mehr in 'der Hand. Ich glaube, daß dies als etwa der Durchsetzungsanspruch der Polizeibe-
es doch rechtfertigt, diesen Tatbestand in das Ver- amten? Die Gefahr ist sichtbar. Wir bürden nicht et-
gehensstrafrecht 'hineinzunehmen. Ich kenne durch- wa nur den Gerichten, sondern auch den Polizisten
aus die Schwierigkeiten, die sich hier auftun. Ich die Entscheidung darüber auf, inwieweit eine Güter-
glaube aber, sie lassen sich lösen. abwägung vorgenommen werden muß, und kommen
Ein Wort — es ist erforderlich — zu der Vor- damit genau dorthin, wo wir eigentlich nicht hin-
kommen wollten: zu einer allgemein eintretenden
schrift des § 113 des Strafgesetzbuches. Im Gegen-
Unsicherheit.
satz zu den Koalitionsparteien ,gehen wir in unserem
Entwurf davon aus, daß die Rechtmäßigkeit der Auch Herr Professor Bockelmann, der die Irrtums-
Amtsausübung objektive Bedingung der Strafbar- regelung, wie sie im Entwurf der Koalitionsparteien
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1209
Dr. Eyrich
zum Ausdruck gekommen ist, begrüßt hat, hat im- Lassen Sie mich abschließend noch kurz zu der
merhin darauf hingewiesen, daß dann eben das Frage des § 125 des Strafgesetzbuchs, des sogenann-
Dilemma des Ü berzeugungstäters nicht gelöst wer- ten Landfriedensbruchs, Stellung nehmen. Die Koali-
den kann. Professor Klug hat es uns anläßlich des tion hat in ihrer Vorlage das Ziel, nur noch den-
Hearings nicht leichter gemacht. Er meint — und er jenigen, der Täter und Teilnehmer an der Demon-
hat einen entsprechenden Entwurf vorgelegt —, stration und an den Gewalttätigkeiten ist, nach dem
man müsse beim Überzeugungstäter von Strafe ab- Maß seiner persönlichen Schuld zu bestrafen. Dieser
sehen, wenn für den Täter der Beweggrund aus- Grundsatz ist durchaus richtig, aber wir müssen doch
schlaggebend gewesen sei, daß er sich aus sittlicher, auch fragen: wie ist es eigentlich mit jenen, die neu-
religiöser oder politischer Überzeugung für ver- gierig dabeistehen, wie ist es mit jenen, die sympa-
pflichtet gehalten habe, die Tat zu begehen. Daraus thisieren, und wie ist es schließlich mit jenen, die
ersehen wir doch, welche Gefahren auf uns zukom- diese Gewalttätigkeiten nicht nur ansehen, sondern
men. Wir würden eine Irrtumsregelung überneh- auch fördern? Wir sollten diesen Tatbestand nicht
men, die wir nicht mehr in der Hand hätten. Der Ein- verharmlosen; davor warne ich. Wir können den
wand ist bekannt. Es wird auf ein Urteil des Bundes- Charakter des Massendelikts ohne Not nicht auf-
gerichtshofs verwiesen. Ich darf mit freundlicher Ge- geben. Die Frage der Abgrenzung bleibt.
nehmigung der Frau Präsidentin daraus zitieren. Der
Bundesgerichtshof sagt: Eines ist sicher: der aktiv Fördernde wird auch
möglicherweise nach dem Entwurf der Koalition
Eine Schuld ist nur ausgeschlossen, wenn das
bestraft werden können. Er muß mit Sicherheit vom
Wagnis der Widerstandsleistung ebensowenig
vorgeworfen werden kann wie die Art und Straftatbestand des § 125 erfaßt werden. Wir haben
Weise dieses Widerstandes. Dies wird etwa gel- doch immer wieder von allen Beteiligten, die jemals
- Demonstrationen beobachtet oder auch bekämpft ha-
ten können, wenn bei Verzicht auf Widerstand
ein nicht wiedergutzumachender unzumutbarer ben oder auch nur mit dabeigewesen sind, gehört,
Schaden zu besorgen ist. Dann daß es nicht allein um die Täter und Teilnehmer im
engeren Sinne geht, sondern daß auch die Schutz-
— so fährt er fort —
funktion der Masse und ebenso ein gewisses
könnte es in der Tat fraglich sein, ob eine Aggressivelement berücksichtigt werden muß, das in
strenge Anwendung der Rechtsauffassung, daß der Masse begründet liegt. Die Sympathisanten und
die Rechtmäßigkeit der Amtsausübung nur eine die Neugierigen sind entgegen vielen Meinungen
Bedingung der Strafbarkeit sei. noch mit dem und Meldungen in der Presse nach unserem Ent-
Schuldstrafrecht vereinbar ist.
wurf nicht von vornherein unter Strafe gestellt. Das
Darauf wird immer wieder hingewiesen, wenn ge- Problem liegt aber darin, wie es damit aussieht,
sagt wird: wir brauchen in diesem § 113 auch das wenn eine Demonstration unter friedlichen Gesichts-
Prinzip der Schuld und die Irrtumsregelung. punkten beginnt und dann erst Gewalttätigkeiten
vorkommen. Solange ein Sympathisant, ein Neugie-
Der Bundesgerichtshof sagt in derselben Entschei- riger oder ein anderer von diesen Gewalttätigkeiten
dung — und ich bitte, auch das noch vorlesen zu keine Kenntnis hat und auch nicht haben kann, wird
dürfen —: man ihn auch nicht bestrafen können. Wenn er aber
Sind die äußeren Voraussetzungen zum Eingrei- noch stehenbleibt, wenn er sieht, daß Gewalttätig-
fen des Beamten gegeben, ist er also örtlich und keiten verübt werden, wird man doch fragen müssen,
sachlich zuständig, wahrt er die vorgeschriebe- ob er sich nicht bewußt ist — er ist sich dann doch
nen wesentlichen Förmlichkeiten und handelt er dessen bewußt —, daß er die Gewalttätigkeiten in
nach seinem pflichtgemäßen Ermessen, so übt der Anonymität der von ihm mit gebildeten Masse
er sein Amt rechtmäßig aus. Auf die sachliche zum großen Teil ermöglicht. Er hat doch die Mög-
Rechtmäßigkeit der Vollzugshandlung und auf lichkeit, dort wegzugehen. Wenn der Neugierige
einen Irrtum des Widerstand Leistenden dar- und der Sympathisant nur dabeisein wollen, um
über kommt er nicht an. Diese Auslegung des ihrer Meinung friedlich Ausdruck zu verleihen, wie
§ 113 entspricht seiner Entstehungsgeschichte uns immer wieder gesagt wird, dann ist es doch
und dem berechtigten rechtsstaatlichen Ord- kein unbilliges Verlangen, ihm zu sagen: Wenn du
nungsbedürfnis, das auch ein Bedürfnis der All- aber erkennst, daß hier Gewalttätigkeiten vorkom-
gemeinheit ist. men, wird das Ziel, daß du ursprünglich angestrebt
hast, mit anderen Mitteln verfolgt. Dann wird man
Auf dieser Linie bewegt sich der Entwurf der ihm zumuten können, sich von diesem Platz zu ent
CDU/CSU. Der Begründung des Bundesgerichtshofs kasten überlegen. Die Solidarität bei der Gewalt-
ist wohl nichts hinzuzufügen. Einer Irrtumsregelung, tätigkeiten nicht erkennen können, habe ich bereits
die beiden berechtigten Interessen, die hier in dem gesagt. Verschließen wir doch, meine Damen und
Urteil zum Ausdruck kommen, gerecht werden Herren, die Augen nicht vor der Wirklichkeit! Sie
könnte und den Grundsätzen auch dieser Entschei- ist oftmals anders, als wir das vielleicht am Sand-
dung entspricht, wird eine Zustimmung nicht ver- kasten überlegen. Die Soladirität bei der Gewalt-
sagt bleiben, wenn sie diesem Erfordernis des Ur- anwendung, die Solidarität, die dazu führt, diese
teils entspricht. Ich glaube, daß darauf die Bemühun- Gewalttätigkeiten zu ermöglichen, muß in gleichem
gen gerichtet werden müßten. Inwieweit sie erfor- Maße von diesem Massendelikt ergriffen werden.
derlich sind, scheint mir eine Frage der Beratung Anderenfalls werden wir einen wirksamen Schutz
im Sonderausschuß zu sein. nicht haben.
1210 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. Eyrich
Es gäbe noch sehr viele Punkte im Zusammen- Dichgans (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller-
hang mit unserem Entwurf. Ich möchte mich auf die Emmert, sind Sie wirklich der Auffassung, daß eine
bereits angeführten Punkte beschränken, auch weil Aufforderung — etwa in einer Zeitungsanzeige —,
sonst die mir zur Verfügung stehende Zeit über- an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit
schritten würde. Es ist also nicht möglich, die Dinge alle in einer Stadt vorhandenen Kraftwagen auf
erschöpfend darzustellen. Meine Ausführungen soll- sämtlichen Hauptverkehrsstraßen zu parken, was
ten das Bemühen sichtbar machen, die Gemeinschaft eine Ordnungswidrigkeit sein würde, straflos blei-
zu schützen und die Freiheit zur friedlichen Demon- ben sollte?
stration zu gewährleisten. Lösungen zugänglich zu
sein, der Gewalt aber in jeder Form eine Absage zu Dr. Müller-Emmert (SPD) : Eine solche öffent-
erteilen, das ist der Sinn dieses Ihnen vorliegenden liche Aufforderung dürfte wohl verhältnismäßig
Entwurfs. wenig Gehör finden,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Abg. Vogel: Darauf kommt es doch gar
nicht an! — Weitere Zurufe von der CDU/
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der CSU)
Abgeordnete Dr. Müller-Emmert.
und zwar deshalb, weil eine solche Aktion in sich
Dr. Müller-Emmert (SPD) : Frau Präsidentin! selbst kaum durchführbar ist.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lassen Sie (Zuruf von der CDU/CSU: Alles Ideologie!)
mich in der gebotenen Kürze folgende Feststellun-
Es gibt eine Fülle von Verkehrsteilnehmern, die
gen treffen. Es wäre sicher besser gewesen, wenn
dieser Aufforderung gar nicht folgen würde, die
die Fraktion der CDU/CSU ihren Initiativantrag- also so verfahren würden, wie Sie es für richtig
dem Hohen Hause etwas früher vorgelegt hätte.
hielten. Wenn tatsächlich trotzdem einige Verkehrs-
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wir hatten teilnehmer dieser Aufforderung Folge leisteten —
uns auf eine Regierungsvorlage eingestellt! das ist der zweite entscheidende Punkt —, so hat die
Abg. Vogel: Wäre es nicht besser gewesen, Polizei genugsam Möglichkeiten, im Rahmen des
die Regierung hätte eine Vorlage gemacht?) Polizeirechtes — sogar mit Gewalt und Zwangsmit-
Man hätte dann die Vorstellungen der CDU/CSU im teln — gegen diese Personen vorzugehen.
Rahmen der öffentlichen Anhörung besser berück- (Zuruf des Abg. Dr. Lenz [Bergstraße].)
sichtigen können, und man wäre sicher auch bei den
— Herr Lenz, melden Sie sich doch zu Wort. Dann
Einzelberatungen im Ausschuß schneller vorange
höre ich Sie gerne an. Sie haben wohl eine laute
kommen.
Stimme, aber sie kommt nicht ganz bis zu mir. Mel-
Lassen Sie mich zum zweiten sagen, daß die Vor- den Sie sich bitte; dann gebe ich Ihnen gerne eine
stellungen der CDU/CSU Fraktion letztlich keine
- Antwort.
echte Alternative zu den Vorstellungen der Koali-
tionsfraktionen darstellen, und zwar deshalb, weil
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
dieser Entwurf keine entscheidenden Neuerungen
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Lenz?
bringt, in einzelnen Punkten lediglich Verschärfun-
gen im Verhältnis zum geltenden Recht und dar-
über hinaus lediglich andere Umschreibungen des Dr. Müller-Emmert (SPD) : Bitte sehr!
jetzignRchsuad.Demßklrfstg
werden. Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Ich danke
Zu Einzelfragen ist folgendes zu sagen. Im Be- Ihnen, Herr Kollege Müller-Emmert, für diese Gele-
reich der §§ 110, 111 und 112 StGB liegt eine Ver- genheit zu einer Zwischenfrage. Meinen Sie wirk-
schärfung des jetzigen Rechtszustandes vor, weil lich — um bei dem Beispiel zu bleiben, das Herr
der Entwurf der CDU/CSU auch die öffentliche Auf- Dichgans eben gebracht hat —, daß, wenn auf den
forderung zu einer Ordnungswidrigkeit unter Strafe Straßen Düsseldorfs nachmittags um fünf Uhr Tau-
stellen will. Nach dem geltenden Recht ist ein sol- sende von Fahrzeugen parken und die Kreuzungen
cher Sachverhalt nicht unter Strafe gestellt. versperren, irgendeine Polizei auf dieser Erde in der
Lage ist, dieses Chaos mit allen ihr zu Gebote
(Abg. Vogel: Das ist eine rein formale Be stehenden Zwangsmitteln in mehreren Stunden zu
trachtungsweise!) beseitigen?
Insofern stimmt das, was als Schlagzeilen der letz-
ten Tage zu lesen war, also durchaus, daß nämlich Dr. Müller-Emmert (SPD) : Das ist u. a. selbst-
der Entwurf der CDU/CSU Verschärfungen im verständlich auch eine Frage der Praktikabilität und
Demonstrationsrecht vorsehe. der Vorbereitung durch die Polizei, eine Frage der
(Abg. Vogel: Eine reine Schlagzeile!) organisatorischen Fähigkeiten der Polizei. Erstens
verfügt wohl jeder vernünftige Polizeipräsident
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie über die Möglichkeit, rechtzeitig Informationen dar-
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dich- über zu erhalten, daß solche Aktionen geplant sind.
gans? Er kann dann entsprechende Gegenmaßnahmen er-
greifen. Zweitens hätte er, wenn solche wider-
Dr. Müller-Emmert (SPD) : Bitte sehr, Herr sinnigen Aufforderungen überhaupt befolgt würden,
Kollege Dichgans! genügend Zeit, rechtzeitig entsprechende Einsatz-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1211
Dr. Müller-Emmert
gruppen auch aus anderen Städten heranzuziehen, nungswidrigkeiten handle. Ich bin Ihnen also sehr
so daß er mit diesem Problem mit Sicherheit fertig entgegengekommen, Herr Kollege Dichgans. Ich
werden könnte. muß, wenn ich die Frage des Herrn Kollegen de
With richtig werte, ergänzend von meiner Seite noch
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie sagen, daß, was juristisch eindeutig richtig ist, auch
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Schlee? immer noch die §§ 315 ff. des Strafgesetzbuches vor-
handen sind, die einen Großteil dessen, was Sie vor-
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Bitte sehr! getragen haben, ohnehin abdecken würden.
Ich darf weiter zu dem Problemkreis des Wider-
Schlee (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Müller- stands gegen die Staatsgewalt kommen. Auch hier
Emmert, meinen Sie nicht, daß es bei der strafrecht- muß man feststellen, daß die CDU/CSU-Fraktion in
lichen Beurteilung einer allgemeinen Aufforderung gar keiner Weise zu einer fortschrittlichen Lösung
zu einer Ordnungswidrigkeit auf die Gefährdung neigt. Es ist eine Realität, daß der § 113 und mit ihm
ankommt, die eintreten würde, wenn diese Auffor- auch der § 125, also die Vorschriften über die Ver-
derung befolgt würde? Es kommt hier unter straf- gehen des Widerstands gegen die Staatsgewalt und
rechtlichen Gesichtspunkten nicht darauf an, ob es des Landfriedensbruchs, die einzigen Vorschriften in
möglich wäre, die tatsächlich eingetretenen Zu- unserem Strafgesetzbuch sind, bei denen die Prin-
stände zu beseitigen. zipien des Irrtums bisher noch keinen Niederschlag
gefunden haben.
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Herr Kollege Schlee, (Abg. Dr. Vogel: Das stimmt doch mit
Sie wissen ja, daß wir im Rahmen unserer gemein- Sicherheit nicht, Herr Müller-Emmert!)
samen Reformbemühungen die Übertretungen im-
mer mehr in Ordnungswidrigkeiten umwandeln, die — Herr Kollege Vogel; sie haben etwas lauter ge-
ja bekanntlich keine Straftaten sind. Es wäre in sich sprochen, deshalb habe ich Sie verstanden.
unlogisch und kriminalpolitisch nicht gerechtfertigt, (Abg. Dr. Vogel: Freut mich!)
einerseits eine Ordnungswidrigkeit, die nicht in das
— Freut mich auch. — Wenn Sie gestatten, Herr
Kriminalstrafrecht fällt mit einer Geldbuße zu ahn-
Kollege Vogel: Die Sache ist so. Es gibt wohl ver-
den, andererseits aber denjenigen, der öffentlich zu
schiedene Urteile des BGH. Das heißt, dieser Pro-
einer solchen Ordnungswidrigkeit, die keine Straf-
blemkreis ist bisher auch von seiten des BGH nicht
tat ist, auffordert, mit einer Kriminalstrafe zu be- eindeutig behandelt worden. Es gibt verschiedene
drohen.
Urteile, die in die Richtung gehen, daß auch im
(Abg. Dr. Vogel: Das sind doch zwei Paar Rahmen des § 113 des Strafgesetzbuches — Stichwort
Schuhe!) für uns Juristen: objektive Bedingung der Strafbar-
Dies wäre ein unlogisches Unterfangen. Man kann keit — der Verbotsirrtum im Laufe der Zeit zuge-
allenfalls — Sie wissen, Herr Kollege Schlee, daß lassen werden könnte, während die andere Seite
wir darüber gesprochen haben — die Überlegung des BGH gewissermaßen streng davon ausgeht, daß
anstellen, ob man denjenigen, der öffentlich zu einer dann, wenn ein Tatbestand so ausgestaltet ist, daß
Ordnungswidrigkeit auffordert, so behandeln sollte, eine objektive Bedingung der Strafbarkeit in ihm
als wenn er selbst eine Ordnungswidrigkeit began- enthalten ist, aus rechtstheoretischen Gründen ein-
gen hätte. Dies wäre in sich schlüssig und logisch, mal ein Tatbestandsirrtum ohnehin nicht in Frage
während sich Ihre Lösung doch nicht mehr im Rah- kommt und zum zweiten auch ein Verbotsirrtum
men unseres bisher gemeinsam getragenen krimi- nicht zugelassen werden soll.
nalpolitischen Konzeptes bewegt.
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge- statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord-
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord- neten Pinger?
neten de With?
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Jawohl, sofort. —
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Bitte sehr, Herr Kol- Ich glaube, Sie müßten dies gerechterweise berück-
lege de With! sichtigen, Herr Vogel. Wenn Sie das nämlich getan
hätten, hätten Sie diesen Zwischenruf überhaupt
nicht gemacht.
Dr. de With (SPD) : Herr Müller-Emmert, glauben
Sie nicht, daß das Beispiel des Herrn Kollegen Bitte sehr, Herr Kollege Pinger!
Dichgans nach unserer Vorlage durch § 111 in Ver-
bindung mit § 315 a oder b abgedeckt wäre, weil Dr. Pinger (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller-
das einer Aufforderung gleichkäme, eine Straßen- Emmert, Sie haben eben behauptet, daß eine objek-
verkehrsgefährdung zu begehen, so daß bei diesem tive Bedingung der Strafbarkeit nur in den §§ 110 ff.
Beispiel die Frage eigentlich ins Leere stieße? zu finden sei und daß das ein Widerspruch gegen
das Schuldstrafrecht sei. Ist Ihnen bekannt, daß es
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Ich bin zugunsten weitere wesentliche Vorschriften im Strafgesetzbuch
des Herrn Kollegen Dr. Dichgans davon ausgegan- gibt, in denen eine objektive Bedingung der Straf-
gen, daß er die Vorstellung hat, daß es sich bei die- barkeit enthalten ist? Bei Volltrunkenheit, § 330 a,
sem von ihm geschilderten Verhalten nur um Ord- ist, wenn im Vollrausch eine mit Strafe bedrohte
1212 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. Pinger
Handlung begangen wird, letzteres nach ganz herr- Der dritte Problemkreis, der kurz angesprochen
schender Meinung eine objektive Bedingung der werden muß, ist der des Landfriedensbruchs. Hier
Strafbarkeit. Weiter — — muß die CDU/CSU-Fraktion wohl mit Sicherheit ein-
räumen, daß eine Verbesserung in Richtung auf eine
maßvolle Liberalisierung überhaupt nicht gegeben
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
ist. Denn die CDU/CSU-Fraktion stellt unter Um-
kommen Sie bitte zur Frage!
ständen auch den nur zufällig vorübergehenden
Passanten, sie stellt den Neugierigen, sie stellt den
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Ist Ihnen bekannt, daß Abwiegler unter Strafe, und sie stellt erst recht
abgesehen von § 330 a in § 186 — üble Nachrede —, denjenigen unter Strafe, der ein echter politischer
§ 127 — Schlägerei — und anderen Vorschriften Demonstrant ist, der die politischen Ziele dieser
eine objektive Bedingung der Strafbarkeit enthalten Demonstration in jeder Weise für richtig erachtet,
ist? Würden Sie das als einen Widerspruch gegen aber von irgendwelchen Gewalttaten voll abrückt.
das Schuldstrafrecht ansehen, und würden Sie eine (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wie macht der
sofortige Reform auch dieser Vorschriften für not- das?)
wendig halten?
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
Dr. Müller Emmert (SPD) : Ich räume Ihnen ein,
- statten Sie eine Zwischenfrage? —
tet, als nur das aktive oder möglicherweise das Zu dem, was der Herr Kollege Eyrich zur Begrün-
passive Wahlrecht auszuüben, daß vielmehr zur De- dung des Gesetzentwurfs der CDU/CSU vorgetragen
mokratie auch das Recht der freien Meinungsäuße- hat, möchte ich folgendes sagen. Seine Ausführungen
rung gehört. Dabei beinhaltet freie Meinungsäuße- am Anfang haben mich an das erinnert, was beim
rung unter Umständen auch Protest und Kritik; denn Hearing deutlich gesagt wurde: daß natürlich von
— das müssen wir erkennen, meine Damen und allen Seiten, auch von seiten der Polizeipräsidenten,
Herren — Kritik ist für unsere Demokratie lebens- zunächst einmal die Grundrechte der Art. 5 und 8
notwendig. Wenn manche Bürger heute noch Ruhe des Grundgesetzes absolut bejaht werden.
als erste Bürgerpflicht und Untertanenmentalität
In den Grundsätzen ist man sich so leicht einig.
als erstrebenswertes Ideal betrachten, muß man ge-
Wenn es aber — jetzt kommt natürlich das Aber —
gen solche Vorstellungen in einer lebenden Demo-
darum geht, die tatsächlich notwendigen Regelun-
kratie vorgehen.
gen zu treffen, scheiden sich die Geister.
Es ist das Anliegen des Reformentwurfs, allen
Bürgern zu garantieren, daß sie ihre Meinung ohne Schon bei der ersten Lesung haben wir klar zum
Angst vor strafrechtlicher Verfolgung vortragen Ausdruck gebracht, daß keinerlei Gewalttätigkeiten
können, ganz gleich, ob sie es als einzelne oder in gegen Personen und Sachen, auch nicht im Zusam-
der Gemeinschaft tun, ob sie es zustimmend oder ab- menhang mit Demonstrationen, irgendwie gedeckt
lehnend tun. Genauso deutlich stellt nach unseren werden sollen. Das Hearing und auch heute die Aus-
Vorstellungen aber der Reformentwurf klar, daß das führungen von Herrn Kollegen Eyrich haben gezeigt,
Recht einer Gruppe da endet, wo es unverhältnis- daß heute noch eine große Unsicherheit vorhanden
mäßig stark in die Rechtssphäre anderer eingreift ist: eine Unsicherheit auf seiten der Polizei, die nicht
und die Rechte anderer verletzt oder gefährdet. Die weiß, was sie wirklich tun und wie sie sich ver-
Ansicht, die immer wieder vorgetragen wird, daß halten darf, und eine Unsicherheit bei den Richtern,
das neue Demonstrationsrecht zu einer Legalisierung die vor der Frage stehen, wie sie die Grundrechte
von Gewalttaten in der Öffentlichkeit und zur Ver- von dem abgrenzen sollen, was kriminell ist und
unsicherung der Polizei führe, ist absurd, da der Re- daher zum Schutze der Freiheitsrechte anderer Bür-
formentwurf davon ausgeht, daß jede Form von ger, die nicht demonstrieren, strafbar sein muß. Hier
Gewalt gegen Personen oder Sachen die Grenze liegt die Aufgabe des Gesetzgebers.
überschreitet, die das Strafrecht setzt — ganz gleich, Heute wurde immer nur von den Demonstrations-
ob eine solche Gewalt von politischen Demonstran- delikten und von Änderungen im Strafgesetzbuch
ten oder unter Umständen von Kriminellen begangen gesprochen. Wenn man aber tatsächlich sehen will,
wird. wie weit der Schutz heute geht und was auch die
Polizei gegebenenfalls tun darf, darf man sich nicht
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge- nur auf die Bestimmungen des Strafgesetzbuches
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord- beschränken. Von großer Bedeutung für die Polizei
neten Schlee? ist vor allem die Frage, welche Befugnisse sie auf
Grund anderer Gesetze hat. Wie steht es denn mit
Dr. Müller Emmert (SPD) : Verzeihen Sie, Herr
- dem Versammlungsgesetz? Welche Rechte gibt
Kollege, ich bin am Ende meiner Ausführungen; ich eigentlich das Versammlungsgesetz der Polizei? Wie
wollte sowieso nur noch zwei, drei Sätze sagen. steht es mit den einzelnen Polizeigesetzen in den
Ländern? Ist die Polizei nicht schon auf Grund der
Die Koalitionsfraktionen werden' die Einwände
und Bedenken, die im Rahmen der öffentlichen An- geltenden Polizeibestimmungen in der Lage, Demon-
hörung vorgetragen worden sind, genauso prüfen strationen, solange sie friedlich sind, entsprechend
wie die Vorstellungen der Fraktion der CDU/CSU. zu schützen und, wenn sie „umzukippen" drohen,
Es wird eine eingehende Nachprüfung all dieser Ein- vorbeugend einzugreifen, d. h. daß sie, wenn daraus
wände und Bedenken erfolgen. Gewalttaten erwachsen, gegen einzelne Gewalttäter
vorgehen kann. Das alles kann sie.
Aber eines muß festgestellt werden: daß sich die
Koalitionsfraktionen nicht darin beirren lassen, Es kann z. B. sein, daß eine große Demonstration
eine maßvolle und trotzdem deutlich liberale Re- — um es plastisch zu machen, darf ich das Beispiel
form des Demonstrationsstrafrechts durchzusetzen. von Herrn Kollegen Müller-Emmert aufgreifen —
durchaus friedlich verläuft. Wenn nun aber einige
(Beifall bei den Regierungsparteien.) versuchen, sie umzufunktionieren, und Gewalttätig-
keiten begehen, hat die Polizei die Möglichkeit, sie
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat herauszugreifen
Frau Abgeordnete Dr. Diemer-Nicolaus. (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wie macht sie
denn das?)
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Frau Präsi-
-
und die Demonstration weiter ablaufen zu lassen.
dentin! Meine sehr verehrten Kollegen und Kolle-
ginnen! Wenn sich die Regierungsparteien in einer (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Das steht doch
Fragehundertprozentig einig sind, so darin, wie die bloß auf dem Papier!)
Demonstrationsdelikte zu regeln sind. Ich kann des- — Sie hat aber auch die Möglichkeit, Herr Kollege
halb in vollem Umfang dem zustimmen, was von Lenz, die Demonstration vollkommen aufzulösen.
seiten meines Kollegen Müller-Emmert gesagt wor- Sie hat ohne eine besondere kriminelle Strafbestim-
den ist. mung die Möglichkeit, diejenigen, die trotz der Auf-
1214 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Frau Dr. Diemer Nicolaus
-
lösung verbleiben, festzunehmen, ihre Personalien Ich möchte hie r davor warnen, daß man nur die
festzustellen und dafür zu sorgen, daß wieder Ruhe Strafgesetze und nicht die anderen Gesetze sieht.
und Ordnung auf der Straße eintreten. Ich komme jetzt zu den Polizeigesetzen der Län-
der. Gestern hat sich in der gemeinsamen Sitzung
Vizepräsident Frau Funcke: Frau Kollegin von Innenausschuß und Sonderausschuß für die
Diemer-Nicolaus, gestatten Sie eine Zwischenfrage Strafrechtsreform gezeigt, daß es gut wäre, wenn
zunächst von Herrn Abgeordneten Erhard? sich die Länder, die die Kompetenz haben, über die
materielle Gestaltung des Polizeirechts in den ein-
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Ja.
- zelnen Ländern einigten. Ich hoffe, daß jetzt gerade
die Frage der Demonstrationsdelikte dazu führt, daß
die Länder zu mehr übereinstimmenden Regelungen
Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Frau Kol-
kommen, als es bisher der Fall ist.
legin, halten Sie es für richtig, daß die Teilnehmer
an einer sogenannten Spontandemonstration, die in Lassen Sie mich ganz kurz die drei wesentlichen
der Öffentlichkeit stattfindet und, weil sie eben Punkte ansprechen, die auch von Herrn Kollegen
spontan ist, nicht 48 Stunden vorher angemeldet Eyrich hervorgehoben worden sind.
wurde, sich nach dem Versammlungsgesetz eines Zunächst die Frage der Aufforderung zum Unge-
Vergehens schuldig machen und mit Strafe bedroht horsam gegenüber Verordnungen. Soweit es sich
sind, was Sie in Ihrem Entwurf nicht zu ändern ge- um Straftatbestände handelt, sind wir uns ja einig.
denken? Es ist ganz sicher so, daß der Staat nicht darauf
verzichten kann — auch keine Demokratie, auch
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kollege
-
- nicht die freiheitlichste —, darauf zu bestehen, daß
Erhard, ich habe gerade dargelegt, welche Möglich- nicht nur seine Gesetze, sondern auch seine Verwal-
keiten tungsvorschriften beachtet werden. Eine ganz andere
Frage ist es, inwieweit ein krimineller Tatbestand
(Abg. Erhard [Bad Schwalbach] : ... die
erfüllt sein soll, wenn etwa jemand auffordert —
Polizei nach dem Versammlungsgesetz
auch öffentlich auffordert —, eine Verwaltungsvor-
habe!)
schrift nicht einzuhalten. Das bezieht sich gar nicht
die Polizei hat, um ihren Aufgaben nachzukommen, so sehr auf Demonstrationen. Ich habe im Ausschuß
d. h. bei Demonstrationen, ob es nun angemeldete auf folgendes Beispiel hingewiesen: Es werden Mit-
oder Spontandemonstrationen sind, für Ruhe und telpunktschulen geschaffen. Zwischen zwei solchen
Ordnung auf den Straßen zu sorgen. Mittelpunktschulen liegen verschiedene Dörfer. Nun
kann es sein, daß die Eltern nicht damit einverstan-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage den sind, daß von seiten der Obrigkeit, der Regie-
von Herrn Abgeordneten Lenz. rung, einfach verordnet wird, in welche der beiden
Mittelpunktschulen die Kinder gehen sollen. Er wird
unter Umständen zu einem Schulstreik aufgefordert.
Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Gnädige Frau, Solche Fälle sind tatsächlich passiert. Wollen Sie
meine Frage bezieht sich nicht auf die rechtlichen, diese Eltern deswegen auf Jahrzehnte mit einer kri-
sondern auf die tatsächlichen Möglichkeiten. Glau- minellen Vorstrafe belasten? Mit Ihrer Vorschrift
ben Sie wirklich, daß die Polizei die tatsächliche tun Sie es.
Möglichkeit hat, einige Friedensstörer aus einer
großen Demonstration heraus zu verhaften, was Sie Hier liegt eben der Unterschied: Man kann im
eben als richtig und notwendig bezeichnet haben, Rahmen der Verwaltungsvorschriften selber und des
wenn Tausende von Herumstehenden keineswegs sonstigen Verwaltungsrechts durchaus dazu beitra-
daran gehindert sind, stur auf der Stelle stehenzu- gen, daß auch Verwaltungsvorschriften entsprechend
bleiben, wobei sie durch ihre bloße Präsenz den beachtet werden. Nehmen Sie aber doch nicht immer
Zugriff der Polizei unmöglich machen können? den schweren Hammer der kriminellen Strafen, son-
dern behalten Sie diese schwerste Sanktion den ech-
ten kriminellen Taten vor!
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kollege
-
Lenz, das ist eine Tatfrage. Deswegen bin ich nach wie vor der Meinung,
daß man die Aufforderung zu Übertretungen oder
(Lachen bei der CDU/CSU. — Abg. Mem
Ordnungswidrigkeiten nicht als kriminelle Straftat
mel: Das weiß doch jeder von uns!)
einstufen sollte. Im übrigen ist die öffentliche Auf-
Es kommt ganz darauf an, wo sich die Betreffenden forderung am ehesten geeignet, die entsprechenden
befinden und ob man sie leicht herausgreifen kann. Gegenmaßnahmen von seiten der öffentlichen Hand
Ist es aber so, Herr Kollege Lenz — das steht dann auszulösen.
im Ermessen der Polizei —, daß die Polizei nicht
Soweit es sich um den § 113 handelt, möchte ich
an sie herankommt, wird sie wahrscheinlich die ge-
jetzt hier im Plenum nicht in eine juristische Ausein-
samte Demonstration auflösen, um an die Täter her-
andersetzung über die objektive Bedingung der
anzukommen. Dann darf eben niemand mehr ver-
Strafbarkeit und die Irrtumsregelung eintreten. Ich
bleiben, sondern dann müssen sich alle entfernen.
darf nur bemerken: Es ist richtig, wir haben heute
Über alle diese Einzelheiten wird noch gesprochen
noch objektive Bedingungen der Strafbarkeit, nicht
werden müssen.
nur in § 113. Meine Auffassung ist jedoch die, daß
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wann denn?) das mit dem Schuldprinzip, wie wir es bei der Reform
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1215
Frau Dr. Diemer Nicolaus
-
des Allgemeinen Teils, also in unserem Zweiten sprechend geschützt wäre. Das ist einfach nicht rich-
Strafrechtsreformgesetz, akzeptiert haben, nicht tig.
übereinstimmt und daß wir jetzt bei der Fortsetzung (Abg. Memmel: Da müssen Sie mal Polizei
der Reform überall, wo noch objektive Bedingungen präsident werden!)
der Strafbarkeit in den Straftatbeständen enthalten
— Herr Kollege Memme], wenn Sie vom Platz aus
sind, diese beseitigen sollten. Darüber wird noch
sprechen, verstehe ich Sie nicht; ich darf das erst
zu sprechen sein.
einmal zu Ende führen. — Etwas anderes aber hat
Herr Kollege, bitte! die Irrtumsregelung zur Folge: Sie bewirkt, daß die
Verwaltungsbehörden jedesmal sehr sorgfältig prü-
fen müssen, ob das, was sie anordnen, tatsächlich
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
rechtmäßig ist. Das dient auch unserem Rechtsstaat
Frau Kollegin, Sie lassen die Zwischenfrage zu. — und dem Schutz des Bürgers. Um so weniger wird es
Bitte schön, Herr Kollege! vorkommen, daß ein derartiger Irrtum entstehen
kann, und um so weniger wird es möglich sein, daß
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Frau Kollegin Diemer- ein solcher Täter — es klang so durch: die reden
Nicolaus, stimmen Sie mir zu, daß sich der § 113, sich nachher alle aus diesem Irrtum heraus — die
wie er auch in Ihrem Entwurf enthalten ist, insofern Irrtumsregelung ungerechtfertigt für sich in An-
nicht voll in das Schuldstrafrecht integriert, als eine spruch nehmen kann; das wird ihm dann vom Ge-
Irrtumsregelung als Verbotsirrtum vorgesehen ist, richt nicht abgenommen.
nicht aber die Schuldform als Voraussetzung für
die Strafbarkeit vorgesehen ist, und zwar insofern, Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
als im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit der Amtsaus- - Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
übung weder Vorsatz noch Fahrlässigkeit erforder- Kollegen Erhard?
lich ist?
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP): Ich bitte, daß
-
strafrechtes. lege, was ich haben möchte, ist, daß die Verwaltung
gerade dann, wenn sie eine Vollzugsmaßnahme
trifft — und das ist ja beim § 113 der Fall —, stets
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
sehr sorgfältig prüft, ob dies auch die richtige Maß-
Frau Kollegin, würden Sie eine weitere Zwischen- nahme ist. Ich möchte nicht behaupten, daß das bis-
frage des Kollegen Pinger zulassen? her nicht überall geschieht, aber Sie wissen, daß es
auch bei einer Verwaltungsbehörde vorkommen
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Wenn sie
- kann, daß man einmal nicht ganz so sorgfältig prüft,
nicht zu juristisch ist, bin ich gern dazu bereit, Herr wie es im Interesse der Bürger geschehen sollte.
Kollege. Wir werden über diese Fragen im Aus-
Zu dem § 125 möchte ich noch darauf hinweisen,
schuß sehr eingehend sprechen, und zwar unter rein
daß hier wieder die echt Kriminellen, nämlich die,
juristischen Gesichtspunkten.
die nach unserem Entwurf nach § 125 wegen Land-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) friedensbruchs bestraft werden sollen, nicht von
denen unterschieden werden, die tatsächlich nur da-
Aber ich halte es nicht für richtig, in der ersten bei gewesen sind. Herr Kollege Müller-Emmert hat
Lesung hier subtilste theoretische juristische Fragen hierzu außerordentlich treffende Ausführungen ge-
zu erörtern. macht. Ich kann mich ihnen nur anschließen. Ich
wehre mich dagegen, daß solche, die nicht eine echte
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Darf ich es allgemein kriminelle Schuld auf sich geladen haben, in ihrem
formulieren: Würden Sie zugeben, daß sich der § 113 weiteren Leben als Vorbestrafte belastet sein sollen.
nach Ihrem Entwurf von der Sache her einer vollen Deswegen muß diese Abgrenzung in § 125 sehr
Integration ins Schuldstrafrecht entzieht? sorgfältig überlegt werden.
Es ist keineswegs so, daß wir die Augen vor der
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kol-
- Wirklichkeit verschließen; wir halten sie gerade für
lege, ich möchte jetzt auf das eingehen, was im die Wirklichkeit offen, indem wir eine andere Ab-
Hearing von seiten der Polizei gegen den § 113 vor- grenzung vorsehen, als sie der Entwurf der CDU/
gebracht wurde. Sie glaubt, daß sie, wenn diese CSU enthält. Wir wünschen, daß beachtet wird, daß
Irrtumsregelung geschaffen würde, nicht mehr ent- das Demonstrationsrecht ausgeübt werden kann.
1216 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Wir wünschen, daß die Demonstrationen friedlich aber man könnte formal mit Recht sagen: Nach § 112
verlaufen, und wir sind überzeugt, daß die Polizei wird das von Ihrer Vorlage erfaßt. Und vielleicht
in der Lage ist, auf Grund der von uns vorgeschla- wird der eine oder andere nach dem Legalitätsprin-
genen gesetzlichen Bestimmungen, auf Grund der zip doch ein Verfahren einleiten.
Polizeigesetze, auf Grund des Versammlungsgeset- Ein weiteres Beispiel zu § 113. Es kann doch der
zes, auf Grund der verschiedenen Gesetze zur An- Umstand eintreten, daß ein Polizist ein Fahndungs-
wendung des unmittelbaren Zwangs solche Demon- foto erhält, das einen Mann mit schwarzen Haaren,
strationen, die nicht friedlich bleiben, die nicht mehr Brille, Schnurrbärtchen und ovalem, schmalen Ge-
durch die Grundrechte geschützt sind, aufzulösen, sicht zeigt. Er sieht einen solchen Mann, der der
für Ruhe und Ordnung auf den Straßen zu sorgen Falsche ist und der sagt: Entschuldigen Sie bitte,
und dafür Sorge zu tragen, daß Freiheit und Eigen- ich bin der Oberbürgermeister von Köln. Wenn die-
tum der anderen Bürger geschützt sind. ser sich dann wehrt, weil er der Falsche ist, dann
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ist das nach unserer Vorschrift natürlich nicht derge-
stalt auszulegen, daß das ein Irrtum mit mildernden
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Folgen wäre. — Wenn aber derselbe Polizist durch
Das Wort hat der Herr Kollege de With. einen Anruf darauf aufmerksam gemacht wird, die
Haare seien inzwischen gefärbt, die Brille ver-
Dr. de With (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr schwunden und ebenso der Bart, so daß das Ge-
verehrten Damen und Herren! Ich möchte nur sicht nicht mehr oval, sondern rund aussehe, und er
noch kurz einige Anmerkungen machen. trifft einen Mann, der so aussieht, hält ihn fest und
Ich meine, die Vorlage der CDU/CSU-Fraktion zeigt auf die Frage, wo denn sein Fahndungsbild sei,
ist tatsächlich nicht geeignet, die nach geltendem das alte vor, was zu einer Gegenwehr dieses Man-
Recht bestehenden Unklarheiten zu beseitigen. Ich nes führt, dann wird nach unserer Auffassung dieser
möchte das an Hand einiger Beispiele belegen. Person, die sich völlig ungerechtfertigt festgenom-
Außerdem meine ich, daß Sie sich mit Ihrem Ent- men sieht, ein Widerstandsrecht dergestalt zugebil-
wurf, meine Damen und Herren von der CDU/CSU, ligt werden müssen, daß das strafmildernde Folgen
einen Schritt zurück, auch von Ihren eigenen frühe- haben kann.
ren Gedanken zum geltenden Recht, bewegen. (Zuruf von der CDU/CSU: Hat das etwas
(Abg. Memmel: Vielen Dank, Herr Land- mit Demonstrationen zu tun, Herr Dr. de
gerichtsrat!) With?)
Ich darf mit Genehmigung des Herrn Präsidenten — Jedenfalls ist dies eine Vorschrift, die in unserem
aus Ihrem Entwurf 1962 eine Passage zum Schuld- Entwurf steht, und wir alle müssen darüber rechten.
prinzip zitieren. Dort heißt es: Es ist doch unzweifelhaft, daß der Entwurf nicht
nur auf die fest umrissene Demonstration anzuwen-
Es könnte fraglich sein, ob sich ein Strafrecht,
das wie das des Entwurfs auf dem Schuldgedan- den ist.
ken aufbaut, einer Rechtsfigur wie der Bedin-
gung der Strafbarkeit überhaupt bedienen darf, Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
ohne mit sich selbst in Widerspruch zu geraten. Herr Kollege, würden Sie eine Zwischenfrage Ihres
Kollegen zulassen?
Weiter unten heißt es dann:
Derartige Umstände dürfen daher nicht zur blo- Dr. de With (SPD) : Bitte schön!
ßen Bedingung der Strafbarkeit gemacht wer-
den, wenn nicht ein Widerspruch zum Schuld-
grundsatz entstehen soll.
Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Herr Kollege de With,
würden Sie dieses Beispiel nicht auf den Fall be-
Damals haben Sie deshalb folgerichtig in den § 419, schränken, daß bei dem Irrenden oder bei dem, der
der dem § 113 entspricht, die Irrtumsregelung ein- Widerstand leistet, höhere Gesichtspunkte, d. h.
gebaut. Heute tun Sie es nicht mehr. höhere Werte in Frage stehen? Muß dieses Korrek-
(Abg. Dr. Müller-Emmert: Sehr wahr!) tiv in Ihrem Beispiel nicht noch dazukommen?
hineingeschrieben ist und im Grunde genommen Sie gestatten offenbar eine Zwischenfrage?
keine Erweiterung des geschützten Personenkreises
bedeutet?
Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Herr Kollege
de With, wenn das, was Sie gesagt haben, richtig
Dr. de With (SPD) : Ich glaubte, Ihre Frage schon ist, wie erklären Sie sich dann die Tatsache, daß
vorher beantwortet zu haben, indem ich sagte: durch alle Polizeipräsidenten und -beamten genau das Ge-
die plakative Wirkung. genteil behauptet haben?
Ein weiterer Hinweis auf Ihre Regelung des § 116
— Auflauf — im Verhältnis zu § 125. Zunächst ein- Dr. de With (SPD) : Herr Lenz, das ist in dieser
mal möchte man meinen, Sie streichen — wie es verallgemeinernden Formulierung nicht richtig. Auf
auch unsere Intention ist — die Vorschrift über den meine Fragen haben die Polizeibeamten generell
Auflauf und drücken den Tatbestand herab zu einer gesagt, sie bräuchten das Strafgesetz, weil das psy-
Ordnungswidrigkeit. Aber dann muß man mit größ- chologisch ein größeres Gewicht zum Eingreifen
tem Erstaunen feststellen, daß in § 119 der Auflauf- verleihe. Aber wollen wir nicht alle von dem schwe-
Paragraph im Grunde genommen wieder im Straf- ren Knüppel des Strafrechts wegkommen, wenn wir
gesetzbuch auftaucht, auch wenn es dort noch den mit Verwaltungsrecht dasselbe erreichen?
Zusatz gibt: „die die öffentliche Sicherheit bedroht".
Jetzt frage ich: Der Polizeibeamte, der schnell ent- (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
scheiden muß, wird doch oft sehr leicht geneigt sein, CDU/CSU: Zum Polizeiknüppel kommen!)
zu sagen: Durch einige Gewalttäter wird die öffent- Ein weiteres Beispiel, um das zu erhellen.
liche Sicherheit bedroht. Dann aber wird für jeden
(Abg. Vogel meldet sich zu einer Zwischen
Demonstranten, wenn er nicht weggeht, diese Hand-
frage.)
lung wieder strafbar, und wir sind genau wieder bei
dem alten Recht, von dem wir uns entfernen wollen. — Einen kleinen Moment; ich möchte mein Beispiel
zu Ende führen.
Was hat das zur Folge? — Wir 'stehen auf dem
Standpunkt, die Polizei muß ein modernes Instru- Als das Straßenverkehrsrecht weitgehend zum
mentariaum erhalten, Ordnungswidrigkeitenrecht abgestuft wurde, kamen
zunächst auch Bedenken, ob denn die Polizei noch
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Aber Sie neh- in der Lage wäre, entsprechend zuzugreifen, weil
men es ihr doch weg!) das psychologische Gewicht zum Eingreifen wegen
um bei Demonstrationen, die aus dem Leim gera- der Abstufung geringer geworden sei. Wir alle wis-
ten, zugreifen zu können. Das kann sie nach dem sen doch — und gestern hat das der Vertreter des
heutigen Recht in flexibler Weise nicht. Warum Innenministeriums in den Ausschüssen bestätigt —,
nicht? — Weil . praktisch alle Handlungen nicht mit daß die Polizei ihre Verhaltensweise noch genauso
Ordnungswidrigkeitsbußen bedroht sind, sondern ausrichtet und daß der fließende Verkehr nicht ge-
mit Strafe, was zur Folge hat, daß die Polizei nach stört ist, sondern daß im Gegenteil durch die flexib-
dem Legalitätsprinzip vorzugehen hat. Die Demon- lere Behandlung eine Besserung eingetreten ist. Ich
1218 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. de With
meine, dasselbe wird bei den Demonstrationen der sind Ausführungen, die am Platz sind, wenn die
Fall sein. Überlegungen und Beschlüsse des Ausschusses zur
Entscheidung anstehen. Vor allem haben wir nichts
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: davon, wenn hier mit Beispielen gearbeitet wird,
Herr Kollege Vogel, wollen Sie Ihre Zwischenfrage die ganz abseits liegen, wie das öfters der Fall ge-
zurückziehen! wesen ist, oder wenn Mißverständnisse auftreten,
wie z. B. die Frage des Herrn Kollegen Vogel, die
(Abg. Vogel: Sie paßt jetzt nicht mehr in völlig berechtigt war, gezeigt hat. Daß die Richter
den Zusammenhang!) in den Bestimmungen besonders genannt werden,
— Gut. — Bitte schön! entspricht der neuen Auffassung unseres Grund-
gesetzes.
Dr. de With (SPD) : Ich bin am Ende und darf Ich möchte nur folgendes sagen. In Art. 83 unseres
mit folgenden Worten schließen. Grundgesetzes ist die Rede von den Gesetzen, die
Ich glaube nicht, daß durch Ihre Vorlage im End- grundsätzlich von den Ländern ausgeführt werden.
effekt Rechtsfrieden geschaffen werden würde; denn Solche Gesetze werden in diesem Hause in großem
zur Zeit haben wir auf diesem Teilgebiet keinen Maße produziert. Das sind die Gesetze für die
Rechtsfrieden. Um Rechtsfrieden zu schaffen, muß Verwaltung. Wir haben hier über ein Strafgesetz zu
man auch den Mut haben, Vorstellungen bei be- entscheiden, und das ist ein Gesetz, nach dem Recht
stimmten Personengruppen begegnen zu können. gesprochen werden soll. Das bürgerliche Recht und
Wenn das das Parlament nicht tut, handelt es sich das Strafrecht sind die unmittelbare Grundlage der
nach Acton mit Recht den Vorwurf ein, es handle - Rechtsprechung durch unsere Gerichte, ja sie sind
nur politisch, weil es an die nächsten Tage denke, eigentlich der Anfang und die Grundlage des Rechts-
und nicht staatsmännisch, weil es nicht an die näch- staates und der Stellung des Bürgers im Rechtsstaat,
sten Jahre denke. Ich meine, wir sollten uns dazu wo er nicht der Exekutive, sondern unmittelbar der
aufraffen, etwas mehr in die Zukunft zu schauen unabhängigen Gerichtsbarkeit gegenübersteht.
und nicht nur auf die nächsten Wochen und Monate.
Es ist verständlich, daß die beiden Vorlagen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) in einer Frontstellung einander gegenübergestellt
werden. Man kann sagen, beide haben ihre Pro-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: bleme. Ich räume durchaus ein, daß die Regelung
Als letzter Redner in dieser Debatte hat sich der des § 113, die in der Vorlage der CDU/CSU vor-
Kollege Schlee gemeldet. Bitte schön! gesehen ist, im Hinblick auf die Rechtsprechung und
auf die Rechtslehre große Probleme aufwirft. Auf
Schlee (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen der anderen Seite sind die Vorschläge der Koali-
und Herren! Gestatten Sie mir, aus dem Stegreif tionsparteien zur Regelung des § 125 — Landfrie-
noch einige Worte zu dieser Debatte zu sagen. Ich densbruch — meiner Meinung nach völlig unge-
möchte das deswegen tun, weil ich die Ehre habe, nügend und tragen nicht den Bedürfnissen nach
im Ausschuß der Berichterstatter zu sein. Schutz und Sicherheit der Öffentlichkeit und des
Bürgers, der mit seinem Eigentum und seiner Per
Ich halte es für unglücklich, daß hier immer nur son nicht Objekt von Willenskundgebungen und
von Demonstrationsdelikten und vom Recht zu De- Angriffen werden will, Rechnung.
monstrationen die Rede ist. Es handelt sich um die
Reform der Strafvorschriften über den Widerstand Es ist die Aufgabe des Ausschusses, zunächst ein-
gegen die Staatsgewalt und gegen die öffentliche mal zu versuchen, ob er aus beiden Vorlagen eine
Ordnung. Natürlich rücken die Vorgänge der jüng- gemeinsame Lösung erarbeiten kann, die eine große
sten Jahre Erscheinungen der Demonstrationen in Mehrheit des Hauses findet. Denn um auf das
den Vordergrund. Aber wir alle sind wohl einig in zurückzukommen, was ich eben gesagt habe: Ge-
der Meinung, daß Demonstrationen, Willensbekun- setze, die ,die Grundlage der Rechtsprechung sind,
dungen durch öffentliche Versammlungen und kann man nicht heute und morgen, in Monaten oder
Jahren immer wieder ändern; es sind Gesetze, die
öffentliche Aufzüge, an sich etwas ganz Legales sind,
dauern sollen, Gesetze, die in das Rechtsbewußt-
was nicht geduldet, sondern auch geschützt werden
sein des Volkes eingehen sollen. Daher waren wir
muß, und daß es sich bei den Strafvorschriften, die
uns im Ausschuß einig, daß wir uns bemühen müs-
der Ausschuß jetzt ins Auge fassen muß, um Er-
sen, Regelungen zu treffen und Gesetze zu schaffen,
scheinungen handelt, die auch auf anderen Gebieten,
die nicht nur hier im Hause eine große Mehrheit
bei anderen Gelegenheiten vorkommen, dann aller-
finden; vielmehr sollte die Mehrheit, die hier im
dings manchmal auch im Auslauf von Demonstra-
Hause zustande kommt, auch zum Ausdruck brin-
tionen. gen, daß , die gefundene Lösung weitgehend dem
Nachdem die Regierung keine Vorlage einge- Rechtsbewußtsein unseres Volkes oder der über-
bracht hat, wohl aber die Koalitionsparteien, ist es wiegenden Mehrheit der Bevölkerung entspricht.
ja verständlich und richtig, daß nun auch die Frak-
tion der CDU/CSU ihre Vorlage eingebracht und (Beifall bei der CDU/CSU.)
heute ausführlich begründet hat. Ich verspreche mir Wenn wir dieses Ziel im Ausschuß nicht erreichen,
aber nichts davon, daß wir hier in der Abwägung wird es selbstverständlich in den Abstimmungen
und Beurteilung der Vorlagen zu sehr ins Detail hier auch einmal zu Frontstellungen kommen; das
gehen. Davon hat das Hohe Haus gar nichts. Das ist nicht zu vermeiden. Vorerst aber ist es Aufgabe
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1219
Schlee
des Ausschusses, Lösungen zu suchen, die die Aner- Grundgesetzes den Vorrang gegeben, wonach ein
kennung des Hauses insgesamt finden können. Viertel der zum Landtag Wahlberechtigten ihre
(Beifall bei der CDU/CSU.) Stimme in dem Sinne der Wiederherstellung abge-
ben müssen. Das hatte zur Folge, daß das Gesetz
über Volksbegehren und Volksentscheid von 1955
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: im § 22 Abs. 2 geändert werden mußte. Der Aus-
Damit sind wir am Ende der Aussprache. Der Älte-
schuß hat die Streichung dieses Paragraphen emp-
stenrat schlägt vor, den Entwurf eines Dritten Ge-
fohlen.
setzes zur Reform des Strafrechts, Drucksache
VI/261,Antragdebo Vl,Benda Ich bitte bei dieser Gelegenheit, einen Druckfehler
Erhard (Bad Schwalbach), Dr. Eyrich, Dr. Lenz (Berg- zu berichtigen, der auf der vorletzten Seite des
straße), Dr. Pinger und der Fraktion der CDU/CSU, Schriftlichen Berichts Drucksache VI/303 zu finden
an den Sonderausschuß für die Strafrechtsreform — ist. Dort heißt es in Art. 2 a in dem unterstrichenen
federführend — und zur Mitberatung an den Innen- Text „Das Gesetz ... vom 23. Dezember 1966". Das
ausschuß zu überweisen. — Es ist so beschlossen. ist ein Fehler. Es muß dort heißen „Das Gesetz ...
vom 23. Dezember 1955". Ich bitte das zu berichti-
Zu Punkt 19b liegt der Bericht des Ausschusses gen.
auf Drucksache VI/270 vor. Das Wort wird nicht
gewünscht. Wer dem Bericht und der entsprechen- Das zweite Problem, welches den Innenausschuß
den Beschlußfassung zustimmt, den bitte ich um das beschäftigt hat, war die Frage der Wahlkampfko-
Zeichen. — Ich danke. Gegenprobe! — Stimment- stenerstattung. Der Innenausschuß hält es für ange-
haltungen? — Ich stelle einstimmige Annahme fest. bracht, in diesem Falle, da es sich ja um eine Ab-
stimmung laut Grundgesetz handelt, eine Wahl-
Gemäß einer interfraktionellen Vereinbarung kampfkostenerstattung zu gewähren. Um aber nicht
wird jetzt der Zusatzpunkt der heutigen Tagesord- für andere Abstimmungen etwas zu präjudizieren,
nung aufgerufen: ist die Wahlkampfkostenerstattung aus dem Gesetz
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- herausgenommen worden. Sie finden in der beilie-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines genden Entschließung das Ersuchen an die Bundes-
Gesetzes über den Volksentscheid im Ge- regierung, die Frage im Rahmen des Haushalts 1970
bietsteil Baden des Landes Baden-Württem- zu lösen, indem 1,2 Millionen DM für die Vereini-
berg gemäß Artikel 29 Abs. 3 des Grund- gungen, die sich aktiv am Abstimmungskampf
gesetzes beteiligen, eingesetzt werden. Es heißt also nicht
— Drucksache VI/211 — „die Parteien".
Schriftlicher Bericht des Innenausschusses Der Innenausschuß hat das Gesetz in drei Sit-
(4. Ausschuß) zungen gründlich beraten und empfiehlt dem Hohen
— Drucksache VI/303 — Haus die Annahme.
Das Wort hat der Herr Berichterstatter, der Herr Zum Schluß möchte ich bemerken, daß es etwas
Abgeordnete Dr. Gruhl. eigenartig erscheint, wenn heute, wo allenthalben
von einer Neuregelung des Bundesgebietes gespro-
Dr. Gruhl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine chen wird, unter der man meistens die Zusammen-
sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte den fassung zu größeren Einheiten versteht, ein Volks-
Schriftlichen Bericht, der Ihnen heute morgen auf entscheid über die Abtrennung eines Landesteiles
die Plätze gelegt worden ist, nur um einige Bemer- durchgeführt wird. Aber unsere demokratische
kungen ergänzen. Grundordnung gibt auch den Bürgern dieses Lan-
Der Volksentscheid im Gebietsteil Baden des Lan- desteiles das Recht, ihren Willen frei zu äußern. Der
des Baden-Württemberg ist bis zum 30. Juni 1970 Innenausschuß war bemüht, diese Frage so zu re-
durchzuführen. Demnach ist die Verabschiedung des geln, daß eine möglichst unbeeinflußte Durchführung
Gesetzes eilbedürftig. Das Grundgesetz regelt die- des Volksentscheids möglich ist.
sen Termin, und es schreibt außerdem vor, daß für
eine erfolgreiche Abstimmung ein Vietel der Wahl- Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
berechtigten des früheren Landes Baden ihre Stimme Ich danke dem Herrn Berichterstatter. — Wortmel-
für die Wiederherstellung abgeben müssen. dungen liegen nicht mehr vor.
Damit sind wir bei dem ersten Problem, das den Ich rufe in der zweiten Beratung auf Art. 1, Art. 2,
Innenausschuß zu beschäftigen hatte. Denn im Ge- Art. 2 a — mit der Änderung, die der Herr Bericht-
setz über Volksbegehren und Volksentscheid von erstatter soeben hier vorgetragen hat —, Art. 3,
1955 ist vorgesehen, daß nicht nur die wahlberech- Art. 4 Einleitung und Überschrift. — Es ist so be-
tigten Bürger des Landes, sondern daß auch die in schlossen.
dem Land Geborenen Stimmrecht haben sollen. Dies
steht im Widerspruch zu der Regelung im Grund- Wir treten in die
gesetz; denn die Anzahl derer, die im Lande Baden
geboren sind und nicht mehr dort wohnen, ist weder dritte Beratung
ihrer Zahl nach festzustellen noch ist vorauszusehen, ein. Das Wort wird nicht gewünscht. Wir kommen
eine wie große Anzahl von Wahlberechtigten ihre zur Schlußabstimmung. Wer dem Gesetzentwurf
Stimme bei diesem Volksentscheid abgeben würden. in dritter Lesung zustimmen will, den bitte ich, sich
Der Innenausschuß hat darum der Regelung des zu erheben. — Ich danke Ihnen. Gegenprobe! —
1220 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. J an uar 1970
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen
-
Keine Gegenstimmen. — Stimmenthaltungen? — Ich Wenn Sie einmal die Güte haben, in Drucksache
stelle einstimmige Annahme des Gesetzentwurfs III/1449 und den Schriftlichen Bericht in Drucksache
fest. III/1819 nachzulesen, werden Sie feststellen, daß
man sich, wenn man der damaligen Initiative der
Meine Damen und Herren, wir müssen dann noch
drei Kollegen gefolgt wäre, das Zehnte Strafrechts-
über den Antrag des Ausschusses unter Ziffer II, den
änderungsgesetz, das jetzt hier im Entwurf vorliegt,
Sie auf Seite 5 der Drucksache finden, abstimmen.
vielleicht hätte ersparen können. Ich schlage daher
Wer diesem Entschließungsantrag zustimmt, den
vor, daß der Vorsitzende des Rechtsausschusses, der
bitte ich um das Zeichen. — Danke. Gegenprobe! —
Herr Kollege Lenz, bei den Beratungen des Zehnten
Stimmenthaltungen? — Ich stelle auch hier einstim-
Strafrechtsänderungsgesetzes auf die Drucksachen
mige Annahme fest.
III/1449 und III/1819 — das sind Drucksachen aus der
Meine Damen und Herren, damit ist dieser Punkt dritten Legislaturperiode — zurückgreift.
der Tagesordnung abgeschlossen. (Zuruf von der CDU/CSU: Nicht zuständig!)
Ich rufe Punkt 11 der Tagesordnung auf:
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
Erste Beratung des von der Bundesregierung Herr Kollege, ich mache Sie auf einen Irrtum auf-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur merksam. Nach dem Vorschlag des Ältestenrates
nÄderugsRchtpflez soll der Sonderausschuß für die Strafrechtsreform
— Drucksache VI/289 — diese Materie beraten.
Das Wort wird dazu nicht gewünscht. Nach dem
Beschluß des Altestenrates soll der Gesetzentwurf Memmel (CDU/CSU) : Vielen Dank, Herr Präsi-
dem Rechtsausschuß überwiesen werden. — Es ist dent. Dann muß ich meine Empfehlung an den Vor-
so beschlossen. sitzenden des Sonderausschusses richten. Ich freue
mich, daß dieser Einwand, der damals gegenüber
Ich rufe Punkt 12 der Tagesordnung auf: dem Antrag in der 3. Legislaturperiode gebracht
Erste Beratung des vom Bundesrat einge- worden ist, nämlich daß das doch ein unzulässiger
brachten Entwurfs eines Zehnten Strafrechts- Vorgriff auf die kommende Strafrechtsreform sei,
änderungsgesetzes weil das in dem Entwurf 1959 II in § 229 geregelt
— Drucksache VI/293 — werde, dieser Einwand, der zu einer großen Verzö-
gerung geführt hat, die Leute damals nicht gehindert
Der Herr Kollege Memmel hat das Wort. hat, das doch durchzusetzen. Denn Sie sehen, bis
heute haben wir noch keine Große Strafrechtsreform.
Memmel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine (Beifall bei der CDU/CSU.)
Damen und Herren! Mit großem Interesse habe ich
den Bericht über die 347. Sitzung des Bundesrates
vom 23. Januar 1970 gelesen. In dieser Sitzung hat Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
sieht jedoch nach dem Willen des Gesetzgebers und Das Wort wird nicht mehr begehrt.
nach der Rechtsprechung nur ein Vollverbot für den Der Ältestenrat schlägt vor, den Entwurf dem
ganzen Bezirk und für 24 Stunden vor, also ein Ver- Sonderausschuß für die Strafrechtsreform zu über-
bot rund um die Uhr. weisen. — Es ist so beschlossen.
Wir wollen gern, daß die Möglichkeit geschaffen
wird, dieses Verbot in einem bestimmten Bezirk Ich komme nunmehr zu dem letzten Punkt der
heutigen Tagesordnung, Punkt 18:
für bestimmte Straßen und für bestimmte Plätze aus-
zunehmen, z. B. für Eros-Zentren und ähnliche Beratung des Berichts der Bundesregierung
Etablissements. Wir wollen weiter, daß dieses Ver- über den Stand der Unfallverhütung und das
bot für bestimmte Zeiten eingeschränkt wird, z. B. Unfallgeschehen in der Bundesrepublik für
für die Nachtzeit. St. Pauli ist ja nicht nur ein welt- das Jahr 1967 (Unfallverhütungsbericht 1967)
bekanntes Vergnügungszentrum — ich möchte Sie — Drucksache VI/ 183 —
alle einladen, wenn ich das darf, sich das ruhig ein- Für die Bundesregierung erläutert den Bericht
mal anzusehen; es ist sehenswert — — Herr Staatssekretär Rohde.
(Zuruf des Abg. Memmel.)
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
— Sie waren noch nicht da?
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
(Abg. Memmel: Ich gehe mit Ihnen gern Präsident! Meine Damen und Herren! Den am
hin, Herr Kollege!) 10. September 1969 abgeschlossenen Unfallver-
hütungsbericht für das Jahr 1967 lege ich hiermit
— Ich würde mich sogar anbieten, dann Ihr „Bären- dem Hohen Hause vor. Es ist ein verkürzter Bericht.
führer" zu sein. Das sollte mir ein besonderes Ver- Er entspricht in dieser Form dem Wunsche des
gnügen sein, einen Kollegen von der bayerischen Hohen Hauses, in Jahren mit ungerader Zahl die
CSU auf St. Pauli begrüßen zu können. Berichte der Träger der Unfallversicherung und der
Meine Damen und Herren, St. Pauli ist darüber Gewerbeaufsichtsbehörden in gedrängter Form zu-
sammenzufassen.
hinaus auch ein Wohngebiet, in dem Tausende von
Menschen wohnen und ihrer Arbeit nachgehen. Es In diesem Zusammenhang will ich gleich eine kri-
gibt dort Tausende von Familien mit Kindern, und tische Anmerkung machen. Wir werden die Frage
diese Kinder müssen unter Umständen beim Spielen prüfen, wie Form und Inhalt künftiger Unfallver-
auf den Straßen, auf dem Schulweg, d. h. auf dem hütungsberichte anders gefaßt werden können. Es
Weg zur Schule und auf dem Weg von der Schule ist z. B. zu untersuchen, ob nicht eine Akzentver-
nach Hause, Dinge mit ansehen, die einen Teil der schiebung in der Richtung vorgenommen werden
Prostitution darstellen, nämlich z. B. die Anbah- sollte, den Bericht mehr zu einem Arbeitssicher-
nungsgespräche. Es kommt dort zu Belästigungen heitsbericht werden zu lassen, um damit die beson-
und Gefährdungen der Kinder. Die Empörung der dere Zielsetzung der Vorsorge im Arbeitsleben in
Eltern ist sehr groß. Wir haben im Sommer des ver- den Vordergrund zu rücken. Durch eine neue Art
gangenen Jahres bereits Schulstreiks in diesem der Berichte wollen wir für die Zukunft auch dazu
Bezirk gehabt, und es gibt die Androhung, daß, beitragen, daß sie eine größere öffentliche Resonanz
wenn hier nicht recht bald gesetzgeberisch einge- finden. Dieses unser Bemühen geht davon aus, daß
1222 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr Ich möchte auch das noch aufgreifen, was der Herr
Kollege Lampersbach. Parlamentarische Staatssekretär vorhin gesagt hat,
als er von den Anregungen, Wünschen und Aufträ-
gen bei der Beratung des letzten Unfallverhütungs-
Lampersbach (CDU/CSU): Herr Präsident! berichts sprach. Wir haben seinerzeit im Teil B der
Meine sehr verehrten Damen, meine Herren! Der uns Drucksache V/3031 einen ganzen Katalog von An-
vorliegende Bericht der Bundesregierung über den regungen und Wünschen festgehalten. Im nächsten
Stand der Unfallverhütung und das Unfallgeschehen Unfallverhütungsbericht wird darauf sicherlich in
ist auf Grund eines Beschlusses des 5. Deutschen der Kommentierung auch im weiteren Rahmen ein-
Bundestages erstmals in Kurzfassung erschienen. gegangen werden. Wir sollten uns aber doch der
Der Deutsche Bundestag hatte seinerzeit nach sehr Mühe unterziehen, jetzt schon bei den Beratungen im
eingehenden Beratungen im zuständigen Ausschuß Ausschuß Vergleiche anzustellen, Erhebungen durch-
für Sozialpolitik festgestellt, daß der Zeitraum für zuführen, inwieweit diese Wünsche und Anträge in
einen umfassenden Bericht länger als ein Jahr sein der Vergangenheit Berücksichtigung gefunden ha-
müsse, wenn er auch in der Form entsprechend be- ben. Ich hoffe, Herr Staatssekretär Rohde, daß wir
handelt werden soll und die Beratungen darin ihren für diesen Zweck aus dem Arbeitsministerium die
Niederschlag finden sollen. erforderlichen Unterlagen und Materialien in aus-
reichendem Maße zur Verfügung gestellt bekom-
Heute haben wir, möchte ich sagen, eine Auf-
men. Ich bin sicher, daß Ihr Haus trotz der Kürze
machung vor uns, die eine kurze Statistik mit spar-
der Zeit bereits sehr eingehende Untersuchungen
samer Kommentierung darstellt. Zu bedauern ist
vorliegen hat.
hierbei, daß das vorliegende Zahlenmaterial nicht
mehr absolut aktuell und neu ist — ich würde Meine sehr verehrten Damen und Heren, wenn
sagen: es ist bereits überholt —, da heute auch wir — und ich begrüße das — diesen verkürzten
schon die Zahlen des Jahres 1968 und des ersten Bericht heute der Öffentlichkeit vorstellen, so ge-
Halbjahres 1969 vorliegen. Sie sind bereits von den schieht es nicht, um ein Zahlenwerk zu präsentieren,
Versicherungsträgern veröffentlicht worden. Dieser sondern sehr viel mehr, um mit großem Nachdruck,
Tatbestand sollte uns aber nicht entmutigen, den mit großem Ernst auf die Gefahren des täglichen
vorliegenden Bericht in allen Details sachlich zu Lebens hinzuweisen. Wenn ich sagte, daß wir 2,4
prüfen, um im Vergleich zu den vorherigen Berich- Millionen Arbeits- und Wegeunfälle haben, wenn
ten festzustellen, inwieweit sich die in der Vergan- Sie überlegen, daß diese 2,4 Millionen nicht nur
genheit vorgeschlagenen und ergriffenen Maßnah- volkswirtschaftlich die enorme Summe von fast
men und Anregungen niedergeschlagen haben. 4 Milliarden DM, soweit ausgewiesen und errech-
1224 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Lampersbach
net, ausmachen, sondern daß in sehr vielen Fällen Ich glaube, auch ein verkürzter Bericht — und dar-
Leiden und sogar der Tod von Menschen dahinter- über müssen wir uns im klaren sein — soll einen
stehen, so mag das Rechtfertigung genug sein, daß gewissen Aussagewert haben, damit wir — und das
wir auch mit diesen statistischen Darstellungen im- bleibt dem Ausschuß vorbehalten — echt prüfen
mer wieder und laut und deutlich an die Öffentlich- können, was in der Gegenwart zu tun ist. Ich weise
keit herantreten. darauf hin, daß wir den vorjährigen Bericht, der
größer und umfangreicher war, wegen der Ge-
Meine Damen und Herren, ich bin mir darüber schäftslage des Ausschusses nicht im einzelnen be-
im klaren, daß bei allem guten Wollen und bei aller raten konnten, und daraus erwächst nun die Ver-
Perfektionierung der Einrichtungen und Möglich- pflichtung, hier etwas mehr zu tun.
keiten — auch die Umbenennung, Herr Kollege
Rohde, der „Unfallverhütung" in „Arbeitssiche- Ich darf einige kritische Bemerkungen machen.
rungsvorgang" wird das sicher nicht beschleunigen Wenn wir in den Bericht hineinschauen, sehen wir
können — immer wieder der Mensch primär auf die alle recht gut: die Unfallzahlen haben sich wesent-
Gefahren aufmerksam gemacht und hingewiesen lich reduziert, in der gewerblichen Wirtschaft sogar
werden muß, die ihm durch die Umwelt drohen. um 17 %, allgemein um 14 %. Aber das, was ich hier
Unfallschutz ist insofern sicherlich in allererster Linie kritisiere, ist, daß die Bezugszahlen nicht ganz
eine Aufgabe des einzelnen, ob im Hause, ob auf deutlich werden. Herr Kollege Lampersbach, ich
dem Wege von oder zur Arbeit oder am Arbeits- spreche das an, was Sie mit der rückläufigen Ent-
platz selbst. Daß wir uns darüber hinaus bemühen wicklung in diesem Jahr, in dem Berichtsjahr hin-
sollen und müssen, innerhalb der Betriebe die Ein- sichtlich der Arbeitsstunden meinten. Erst dann,
richtungen zur Steigerung der Arbeitssicherheit zu wenn ich die Bezugszahlen kenne, komme ich zu
-
verstärken, ist eine Selbstverständlichkeit. Ich hoffe, einem Ergebnis. Ich meine, das macht der Bericht
daß auch die Beratungen und die Beschlußfassung nicht hinreichend deutlich. Wenn wir das nicht ge-
hier in diesem Hause mit dazu beitragen, daß wir nau untersuchen, kommen wir unter Umständen zu
in den nächsten Jahren immer wieder feststellen falschen Erkenntnissen.
können: Die Tendenz der Unfälle geht erfreulicher- (Abg. Lampersbach: Herr Kollege, das war
weise — wenn auch langsam. so doch stetig — zu eine Adresse an das Ministerium!)
rück.
(Beifall.) — Selbstverständlich, Herr Kollege Lampersbach.
Ich bin mit Ihnen vollkommen einig, und darüber
werde ich noch einiges sagen.
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Das Wort hat der Herr Kollege Langebeck. Ich habe in dieser Richtung aus meiner beruflichen
Tätigkeit einige Erfahrungen. Ich stelle mir nun vor,
was derjenige sagen wird, der unmittelbar in diesem
Langebeck (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen Geschehen steht. Da gibt es schon die Unfallbeauf-
und Herren! Es ist der vierte Bericht, den die Bun- tragten, da gibt es Betriebsräte, die sich mit diesen
desregierung diesem Hohen Hause mit der Druck- Fragen beschäftigen. Wenn man nun hinsichtlich der
sache VI/ 183 vorlegt, und es ist die erste Vorlage Arbeitssicherheit etwas sagt, dann werden uns die,
dieser Bundesregierung, wenngleich der Bericht von die für die Sicherheit verantwortlich zeichnen, immer
der alten Bundesregierung erstellt wurde. Ich bitte sagen: Ja, unseren Bemühungen stehen aber andere
deshalb nachzusehen, wenn ich einige kritische An- Faktoren entgegen. Und dann heißt es in der Spra-
merkungen zu diesem Bericht mache. che derer, die dort beschäftigt sind: Der „Termin-
jäger" und diejenigen, die für den erhöhten Produk-
Wenn man den Bericht werten will, muß man da-
tionsausstoß mitverantwortlich sind, stehen unseren
von ausgehen, was eigentlich Sinn und Zweck war,
als man der Regierung den Auftrag gab, alljährlich Bemühungen manches Mal sehr entscheidend ent-
einen Unfallverhütungsbericht vorzulegen. Der zu- gegen. Das wird ja häufig in den Betrieben festzu-
stellen sein; darüber gibt es keinen Zweifel. Ich
ständige Ausschuß und das Hohe Haus wollen aus
diesen immer wiederkehrenden Berichten erken- habe bei der Beratung unseres Unfallneuregelungs-
gesetzes auch selbst solche Gespräche geführt.
nen, welche Maßnahmen des Gesetzgebers erfor-
derlich sind und wieweit wir die Bundesregierung Aber was ich deutlich machen wollte, ist, daß sich
ermuntern sollten, in dem einen oder anderen Be- — der Herr Parlamentarische Staatssekretär hat
reich auf dem Wege der Verordnung dazu beizu- darauf hingewiesen . — bei diesem Unfallbericht das
tragen, eine größtmögliche Sicherheit am Arbeits- Jahr 1967, das Jahr der Rezession, deutlich bemerk-
platz zu garantieren. Das war der eigentliche Sinn. bar macht. Wer darüber einen Zweifel hat, mag nur
einen Einblick in bereits bekanntgewordene Zahlen
Wenn es hier um Prämissen geht, dann möchte der Arbeits- und Sozialstatistik 1968/69 nehmen;
ich an die Spitze aller Betrachtungen stellen: Uns
dann wird die Entwicklung wieder deutlicher. Wir
geht es zunächst — zunächst! — darum, den
haben Anlaß, diese Zahlen, die uns hier gegeben
Menschen gesund zu erhalten und Wunden zu ver-
wurden, sehr vorsichtig zu behandeln.
hüten. Das ist Nummer eins. Selbstverständlich sind
auch andere Perspektiven hier in Betracht zu zie- Ich möchte ein weiteres Beispiel geben; dies sind
hen. Ich denke daran, daß alle Beteiligten in diesem alles nur einige Punkte, wo ich einfach nicht zufrie-
Bereich daran interessiert sind, daß die Kosten und den bin. Wir haben mit dem Unfallneuregelungs-
die Belastungen durch die Unfallfolgen möglichst gesetz die Bestellung von Sicherheitsbeauftragten
gering gehalten werden. vorgesehen. Wenn wir jetzt die Zahl aus dem
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1225
Langebeck
Bericht nehmen, stellen wir fest, daß 15 000 Betriebe Bundesgebiet einheitliche Unfallanzeige dieses Ge-
in der Bundesrepublik noch keinen Sicherheitsbe- biet unter besonderer Berücksichtigung der Mög-
auftragten bestellt haben. Die Ursache weiß ich lichkeiten der Datenverarbeitung überschaubar zu
nicht; das wird nicht gesagt. Sicher gibt der § 719 machen? Kommen wir dann nicht zu einem Ergebnis,
eine Möglichkeit, daß die Berufsgenossenschaften das uns in dieser Frage behilflich sein kann?
die Zahl von 20 Beschäftigten erhöhen können, (Beifall bei der SPD.)
wenn das Unfallrisiko geringer ist. Aber ich kann
nicht sagen, woher es kommt, daß in 15 000 Betrie- Das sind Anregungen, die ich machen möchte.
ben Sicherheitsbeauftragte fehlen. Welches sind
Etwas über die Kosten! Kollege Lampersbach, Sie
die Ursachen? Hängt das möglicherweise damit zu-
sind darauf eingegangen. Wir haben 3,8 Milliarden
sammen, daß das Angebot auch von Beauftragten
DM Ausgaben der Berufsgenossenschaften, und wir
nicht groß genug ist oder daß die Schulungen nicht
haben 77 Millionen DM für die Unfallverhütung. Ich
ausreichen, weil es sich überwiegend um Halbtags-
halte diese Darstellung zu diesem Problem nicht für
schulen handelt? Auch hier hätte der Bericht nach
aufschlußreich. Wir haben wiederholt davon gespro-
meinem Dafürhalten mehr aussagen können.
dien. Zunächst möchte ich die Bundesregierung er-
Nun zur Frage, wie es mit den Sicherheitsinge- mutigen, mit den Rentenversicherungsträgern, mit
nieuren ist; wir haben diese Frage bei allen Beratun- den Krankenversicherungsträgern nun die Verhand-
gen behandelt. Ich glaube, hier muß man einige Be- lungen über die Frage abzuschließen, wieweit ihre
trachtungen unter Berücksichtigung dessen, was wir Kosten hier mit zuzurechnen sind, soweit sie unfall-
von den Sachverständigen im Juni 1967 gehört ha- bedingt sind. Dann erst bekommen wir das richtige
ben, anstellen. Welche Vorbildung ist für den Sicher- Bild und die richtigen Relationen. Dabei gebe ich zu:
heitsingenieur nötig, gerade hinsichtlich des Unfall- Wir sollten versuchen, auch jene Kosten mit aufzu-
geschehens? Da kann es sicherlich nicht richtig sein, führen, die für den Arbeitsschutz nicht von den Be-
daß Ingenieure, die ihrem eigentlichen Auftrag im rufsgenossenschaften, sondern individuell von den
Betrieb meinetwegen auf Grund hohen Alters oder Betrieben gegeben werden. Auch das gehört dazu,
sonstiger Umstände nicht mehr nachkommen, nun zu damit wir hier das gute Gewicht bekommen.
Sicherheitsingenieuren gemacht werden. Das würde Nun etwas über die Aufsichtsbehörden! Ich weiß,
der Sache, die wir hier verfolgen, nicht entsprechen. daß die Bundeszuständigkeit fehlt. Hier sind die
Eine andere Frage: Ist die Tätigkeit dieser Leute Länder zuständig. Den Ländern sind die Gewerbe-
— und hier meine ich zunächst die Sicherheitsinge- aufsichtsämter unterstellt. Aber schauen wir uns die
nieure — auch lukrativ? In welchem Verhältnis Statistik an! Sie befriedigt nicht ganz. Wir haben
I steht ihr Einkommen zu dem ihres Kollegen am an- jetzt über einige Jahre 68 Gewerbeärzte. Und womit
deren Arbeitsplatz? Das zu hören wäre auch einmal werden die Gewerbeärzte überwiegend beschäftigt?
ganz interessant. — Ähnliche Untersuchungen müß- — Als Gutachter, wenn es um Streitigkeiten in der
ten wir über die Werksärzte anstellen, auch hin- Unfallversicherung geht. Ich glaube, hier kann eini-
sichtlich der Ausbildung der Werksärzte als Arbeits- ges getan werden; ich will das nur als Anregung
mediziner. Was ist dort geschehen? sagen.
Meine Damen und Herren, ich glaube, die Details Nun aus meinen Erfahrungen einige persönliche
bleiben zur Beratung dem Ausschuß vorbehalten, Anregungen: Wir wissen, daß sich in unserer Zeit
und dennoch möchte ich auf das Sachverständigen- die Arbeitswelt völlig verändert hat. Aber auch das
gutachten noch einmal kurz hinweisen. In einem Krankheitsbild der Menschen hat sich entscheidend
verändert. Früher war es der Verschleiß der
Großbetrieb ist es, wenn man den Arbeitsschutz so
Arbeitskraft durch physische Überbelastung, heute
günstig wie möglich gestalten wi ll , sicherlich sinn-
sind es Überbelastungen, die psychischer Art sind.
voll, daß die Ingenieure, die Ärzte, die Techniker,
Das müssen wir ganz deutlich sehen. Durch diese
die Meister und die Unfallbeauftragten zusammen-
psychischen Ausfallerscheinungen wird aber auch
arbeiten. Hier würde ich empfehlen, daß der Aus-
das Unfallgeschehen beeinflußt. Wir kommen auf
schuß einmal erwägt, einen Betrieb aufzusuchen, der
die Dauer nicht damit aus, zu sagen: Unfallursache
das Zusammenwirken dieser dafür bestimmten
ist menschliches Versagen. Da muß ich wiederum
Gruppen mustergültig gestaltet hat. Daraus ergäben
fragen: Was ist denn die Ursache des menschlichen
sich dann vielleicht auch einige gute Anregungen
Versagens? Da gibt es sicherlich einige Perspek-
für uns in der Gesetzgebung.
tiven.
(Zustimmung bei der SPD.) Wir werden zum 'Beispiel, wenn es sich um psy-
Wir würden darum bitten, daß man irgend etwas chische Ausfallerscheinungen handelt, nicht aus dem
dieser Art anstellt. Betrieb herausgehen können, um festzustellen,
Nun ganz kurz zur Unfallforschung, die hier ange- welche Spannungen in den zwischenmenschlichen
sprochen ist. Mir ist das Gesagte nach dem Anliegen, Beziehungen außerhalb des Arbeitsplatzes vorlie-
gen, sondern wir sollten versuchen, die Spannungs-
das wir wiederholt vorgetragen haben, einfach zu
felder festzustellen, die sich innerhalb der Arbeits-
dünn. Das gilt für die Aufträge, die hier erteilt wur-
welt ergeben, und auch dem Werksarzt, der in dieser
den, und das gilt vor allem für das Ergebnis.
Richtung einige Fachkenntnisse besitzen sollte, Rat-
Ich möchte noch eine Anregung geben, mit der wir schläge zu geben. Ich glaube, das wäre das große,
uns im Ausschuß noch beschäftigen sollten. Bestünde weite Feld der Arbeitspsychologie auch im Hinblick
nicht die Möglichkeit, durch eine für das ganze auf dieses Unfallgeschehen.
1226 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Langebeck
Herr Staatssekretär, Sie haben hier einiges ange- Besonders auffallend ist die Steigerung der Be-
kündigt. Wir sind Ihnen äußerst dankbar, daß Sie rufskrankheiten bei der landwirtschaftlichen Be-
an dieses Problem umfassender herangehen wollen. rufsgenossenschaft und der Eigenunfallversicherung
Ich darf Ihnen versichern: Die sozialdemokratischen um 40,8 bzw. 22,4 %. In den Ausschußberatungen
Mitglieder des Sozialpolitischen Ausschusses und werden wir uns mit dem Problem der Bekämpfung
der ganzen Fraktion werden sich ganz aktiv ein- der Berufskrankheiten sehr intensiv befassen müs-
schalten, damit wir in dieser Richtung ein Stück sen.
weiterkommen. Die Zahlen und das Schaubild zu den Unfällen
Hinsichtlich des Berichts habe ich einige kritische und Erkrankungen, die die Zahlung einer Rente,
Anmerkungen gemacht. Ich möchte es nicht versäu- einer Abfindung oder eines Sterbegeldes zur Folge
men, den Beamten des Bundesarbeitsministeriums haben, lassen eine gewisse unklare Tendenz erken-
für die Erstellung dieses Berichts zu danken, ebenso nen. Einmal wird nämlich darauf hingewiesen, daß
den Beamten der Berufsgenossenschaften und der dies nur 4,3 % der erstmals entschädigten Unfälle
Sicherheitsbehörden. Wir werden sicherlich einige seien. Gleichzeitig werden wir jedoch mit dem Vor-
gute Anhaltspunkte haben. Für das Arbeitsministe- jahresanteil, der bei 3,9 % liegt, darauf aufmerksam
rium darf ich einen besonderen Dank Frau Dr. gemacht, daß es leider nicht möglich war, die schwe-
Wendland aussprechen. ren Unfälle im gleichen Maße zu reduzieren wie die
(Beifall bei der SPD.) leichteren. Betrachtet man das Schaubild 3, so läßt
sich zumindest ab 1965 für alle ausgewiesenen Be-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: reiche eine fallende Tendenz der Fallzahl je tausend
Meine Damen und Herren, das Wort hat Herr Kol- Vollarbeiter in der graphischen Darstellung beob-
- achten. In den Ausschußberatungen werden wir die-
lege Geldner.
sem Sektor unser besonderes Augenmerk widmen
Geldner (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver- müssen, weil gerade hier nicht nur der Kostenanteil
ehrten Damen! Meine Herren! Wir begrüßen es, der Unfälle der höchste ist, sondern auch für den
daß im Zusammenhang mit dem Unfallverhütungs- einzelnen Unfallgeschädigten bzw. seine Angehöri-
bericht Herr Staatssekretär Rohde in seinen Ausfüh- gen die schlimmsten Folgen zu registrieren sind.
rungen kundgetan hat, er wolle die Unfallursachen- Ich komme zum Schluß. Der Bericht beschränkt
forschung und damit auch die Unfallverhütung in sich bewußt auf eine Zusammenfassung von Einzel-
Zukunft forciert vorantreiben. Wenn wir aber den berichten der Träger der gesetzlichen Unfallversiche-
Bericht etwas analysieren, können wir eine gewisse rung und der Arbeitsschutzbehörden. Die weiteren
unterschiedliche Entwicklungstendenz feststellen: Ausschußberatungen werden zeigen, in welchen Be-
einmal einen erfreulichen Rückgang der Arbeits- reichen weitere Schritte zu unternehmen sein wer-
unfälle einschließlich der Wegeunfälle im gewerb- den — abgesehen von den angekündigten und lau-
lichen Bereich, zum anderen eine etwas unerfreu fenden Vorhaben —, um das Schadensausmaß bei
liche Entwicklung in der Landwirtschaft. Wir müs- den Betroffenen in Zukunft weiter zu reduzieren.
sen alles daransetzen, auch im Bereich der Land- Das muß unser aller Anliegen sein. Wir müssen in
wirtschaft die Unfälle weiter zu reduzieren. den zukünftigen Ausschußberatungen alles daran-
Die Entwicklung der Kosten, die insgesamt durch setzen, die Unfälle zu reduzieren und das Los der
Unfälle verursacht werden, kann bisher leider nur Geschädigten zu verbessern.
unvollständig erfaßt werden, wie aus dem Bericht
auf Seite 20 zu ersehen ist. Der Bericht bezieht sich (Beifall.)
daher im wesentlichen auf die Ausgaben, die bei
der gesetzlichen Unfallversicherung angefallen sind. Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
Wir . Freien Demokraten begrüßen die Ankün- Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Der
digung der Bundesregierung, daß in Zukunft das Ältestenrat schlägt Ihnen vor, den Unfallverhütungs-
Material über die Kosten, die darüber hinaus be- bericht 1967 dem Ausschuß für Arbeit und Sozial-
trieblich und volkswirtschaftlich entstehen, zusam- ordnung zu überweisen. — Keine anderen Anträge.
mengestellt und in den Bericht aufgenommen wer- — Es ist so beschlossen.
den soll.
Wir stehen damit am Ende der heutigen Tages-
Die Ubersicht im Teil D läßt erkennen, daß die ordnung. Ich berufe die nächste Plenarsitzung auf
Bemühungen der Träger der gesetzlichen Unfallver-
Dienstag, 17. Februar 1970, 9.00 Uhr, ein.
sicherung und Unfallverhütung weiter forciert wer-
den. Es ist zu hoffen, daß diese Bemühungen zu wei- Die Sitzung ist geschlossen.
teren positiven Ergebnissen in der Unfallverhütung
führen werden. (Schluß der Sitzung: 12.26 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1227
weitere speziell auf die Virus-Hepatitis gerichtete aller Franzosen und Deutschen umfaßt, im Jahre 1970 durch eine
höhere Mittelbereitstellung verstärkt wird?
gesetzliche Maßnahmen nicht möglich. Man wird
sich auf allgemeinhygienische Maßnahmen beschrän- Das Abkommen über die Errichtung des Deutsch-
ken müssen und darf annehmen, daß auch diese Französischen Jugendwerks vom 5. Juli 1963 sieht
zu einer weiteren Minderung der Hepatitis beitra- auch die Förderung von Kinder-, Jugend- und Fami-
gen. Hier wäre die Novelle zum Lebensmittelgesetz lienerholung vor. Die für die Familienerholung vor-
zu nennen sowie das Abfallbeseitigungsgesetz und gesehenen Mittel mußten im Haushaltsjahr 1969 ge-
ein allerdings erst geplantes Wasserhygienegesetz. kürzt werden, weil der gemeinsame Beitrag der bei-
Eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche den Regierungen um 10 % gekürzt worden ist. Bei
Bekämpfung der infektiösen Hepatitis ist der voll- der Beratung des Haushaltes der DFJW für das Jahr
ständige Ausbau der Trinkwasserversorgung und 1969 hat sich der Vertreter der Bundesregierung für
die Sanierung der Abwasserverhältnisse im gesam- eine lineare Kürzung des gesamten Haushalts ein-
ten Gebiet der BRD. Die Bundesregierung bemüht gesetzt; das hätte bedeutet, daß auch die Förderungs-
sich gemeinsam mit den Ländern darum, daß mög- mittel für die Familienerholung nur um 10% ge-
lichst alle Einwohner ihr Trinkwasser aus den der kürzt worden wären. Dieser Vorschlag wurde vom
gesundheitlichen Kontrolle unterliegenden Einrich- Kuratorium des DFJW nicht angenommen, so daß
tungen der öffentlichen Trinkwasserversorgung be- die Mittel für die Familienerholung stärker als die
ziehen können. Während in Städten mit über 100 000 Mittel für die Programme der Jugendbewegungen
Einwohnern z. Z. etwa 96 % der Bevölkerung aus auf den verschiedenen Gebieten gekürzt wurden.
diesen öffentlichen Trinkwasserversorgungsanlagen Die Bundesregierung ist durchaus bereit, für die Aus-
versorgt werden, ist das in ländlichen Gemeinden tauschmaßnahmen der Familienerholung auch für
mit weniger als 2000 Einwohnern gegenwärtig nur das Haushaltsjahr 1970 einen gerechten Anteil am
bei etwa 80 % der Bevölkerung der Fall. Es wird Gesamtvolumen zu befürworten. Ob aber das Kura-
voraussichtlich im Laufe der nächsten Jahre möglich torium des Deutsch-Französischen Jugendwerks die-
sein, insgesamt etwa 95 % der Bevölkerung aus ser Auffassung beipflichtet, ist angesichts der Haus-
öffentlichen Einrichtungen mit Trinkwasser zu ver- haltslage für das Jahr 1970 ungewiß.
sorgen.
Um dieses Ziel zu erreichen und um die vorhan-
denen Trinkwasserversorgungsanlagen zu erhalten,
wurden 1969 etwa 1,1 Milliarden DM investiert. Die Anlage 4
gleiche Summe wird jährlich etwa bis zum Jahre
1980 aufzuwenden sein. Schriftliche Antwort
Für die Sicherung der für die Trinkwasserversor-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal
gung genützten ober- und unterirdischen Wasser-
vom 29. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des
vorkommen, ist die Ausweisung von Trinkwasser-
Abgeordneten Rollmann (Drucksache VI/273 Frage
schutzgebieten besonders wichtig. Die dafür erfor- A38):
derlichen Richtlinien werden z. Z. überarbeitet und Welche Gründe haben den Bundesminister für Jugend, Familie
dem neuesten Stand der Erkenntnisse angepaßt. und Gesundheit veranlaßt, den Leiter des Referats „politische
Bildung der Jugend usw." in der Abteilung Jugendpolitik trotz
dessen beruflicher Erfahrung von dieser Aufgabe zu entbinden?
Von den etwa 12 Millionen Kubikmeter Abwas-
ser, die täglich aus öffentlichen Kanalisationen in Die Zusammenfassung der früheren Bundesmini-
die Gewässer eingeleitet werden, unterliegen nur sterien für Gesundheit und für Familie und Jugend
etwa 40 % einer biologischen Reinigung. In den sowie der Abteilung Sozialwesen aus dem Bundes-
kommenden Jahren sind demnach weitere erhebliche innenministerium zum neuen Bundesministerium für
Anstrengungen erforderlich, um den Zustand der Jugend, Familie und Gesundheit hat eine Neuglie-
Gewässer spürbar zu verbessern. Hierbei handelt es derung der Referate in den Abteilungen in gewis-
sich vor allem um ein finanzielles Problem. Für Ka- sem Umfang erforderlich gemacht. Dabei ging es um
nalisationen und Kläranlagen wurden bisher im die Vermeidung von Doppelarbeit und die Berück-
öffentlichen Bereich etwa 18 Milliarden DM in- sichtigung neuer Schwerpunkte, allerdings möglichst
vestiert, für eine ausreichende Sanierung in diesem ohne die Zahl der vorhandenen Referate zu erhö-
Bereich sind etwa noch weitere 28 Milliarden DM hen. Im Wege dieser Maßnahmen wurde ein nenes
erforderlich. Querschnittsreferat „Aus- und Fortbildung, Sozial-
berufe" geschaffen. Im gleichen Veränderungspro-
zeß wurde das frühere Referat „Politische Bildung"
aufgelöst und seine Aufgaben teils an das Referat
„Inte rn ationale Jugendpolitik" übergeben, teils zu
Anlage 3
einem neuen Schwerpunkt mit dem bisherigen Refe-
Schriftliche Antwort rat „Jugend- und Studentenverbände" zusammenge-
faßt. Diese Veränderungen machten es notwendig,
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal auch über die Leitung von Referaten im Kreise der
vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des bisher tätigen Referenten neu zu entscheiden. Eine
Abgeordneten Baier (Drucksache VI/273 Frage A 37) : dieser Entscheidungen betraf den von Ihnen, Herr
Ist der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit Kollege Rollmann, gemeinten Ministerialrat, der
bereit, dafür zu sorgen, daß der deutsch-französische Familien- Referent des oben genannten neuen Referats „Aus-
austausch, welcher infolge des geringen Förderungsanteiles im
Rahmen des deutsch-französischen Jugendwerkes nur 0,02 % und Fortbildung, Sozialberufe" wurde.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1229
Rahmen der Vorarbeiten an einem bundeseinheit- des Abgeordneten Dr. Bechert (Gau-Algesheim)
lichen Gesetz über den Verkehr mit Giften (Bundes- (Drucksache VI/273 Fragen A 44 und 45) :
giftgesetz) ist die Kennzeichnung von giftigen Stof-
Welche der 10 Forderungen, die die Konferenz zur Frage der
fen und Zubereitungen nach Art und Menge nach Tabakgefahren vom 14. bis 16. Oktober 1968 in Heidelberg
unter der Ehrenpräsidentschaft von Professor Dr. med. K. H.
einheitlicher Nomenklatur vorgesehen. Bauer, Heidelberg, in ihrem 10-Punkte-Programm zur Bekämpfung
der Tabakgefahren erhoben hat, gedenkt die Bundesregierung
zu erfüllen?
Sollte sich Ihre Frage auch auf Arzneimittel be-
ziehen, so ist zu sagen, daß das Arzneimittelgesetz Hält die Bundesregierung summarische Vorschriften über das
Rauchen am Arbeitsplatz zum Schutze der Nichtraucher für un-
eine solche Kennzeichnung bereits zwingend vor- durchführbar, obwohl doch nicht bestritten werden kann, daß
sieht. Die Frage, ob durch eine gesetzliche Vor- Nichtraucher durch Tabaksqualm ebenfalls geschädigt werden,
nicht nur die Raucher, die also für die wissentlich herbeigeführte
schrift der Aufdruck geeigneter Gegenmittel obliga- Gesundheitsgefährdung der Nichtraucher verantwortlich sind?
torisch werden soll, ist schon mehrfach in Fach-
Die wissenschaftliche Fachkonferenz zur Erfor-
gremien erörtert worden. Aufgrund dieser Erörte- schung der Tabakgefahren vom 14. bis 16. Oktober
rungen ist es nicht vorgesehen, eine solche Angabe
1968 in Heidelberg wurde von der Deutschen Haupt-
gesetzlich vorzuschreiben. Es gilt nämlich zu berück-
stelle gegen die Suchtgefahren unter der Ehrenprä-
sichtigen, daß nur für relativ wenige Gifte spezi-
sidentschaft des Stiftungsvorsitzenden des Deutschen
fische Gegenmittel, sogenannte Antidota, zur Ver-
Krebsforschungszentrums, Herrn Professor Dr.
fügung stehen und in der Mehrzahl der Vergiftungs-
Bauer, durchgeführt.
fälle sich die Therapie nach dem jeweiligen Ver-
giftungsbild richten muß, wie es sich dem Arzt dar- Das mir auf Anfrage von der Deutschen Haupt-
stellt. -stelle gegen die Suchtgefahren mitgeteilte 10
Punkte-Programm wurde von einigen Teilnehmern
Die Angabe von Gegenmitteln bei einem Erzeug- der Fachkonferenz zusammengestellt. Es ist wäh-
nis würde gegebenenfalls zu einer Behandlung rend der Konferenz aber weder diskutiert, noch ver-
durch Laien verleiten. Die Bundesregierung ist aber abschiedet oder herausgestellt worden.
der Auffassung, daß eine Behandlung von Vergif-
tungsfällen in die Hand des Arztes gehört. Das 10-Punkte-Programm war dem Bundesmini-
sterium für Jugend, Familie und Gesundheit bisher
offiziell nicht bekannt, zumal es in dem Bericht der
Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren
über die Fachkonferenz nicht erwähnt wird.
Anlage 7 Eine Prüfung war wegen der Kürze der zur Ver-
fügung stehenden Zeit nicht möglich. Die Bundes-
Schriftliche Antwort
regierung wird die 10 Punkte durch die beteiligten
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Bundesressorts und im Bundesgesundheitsamt prü-
vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des fen und beabsichtigt, den Stiftungsvorsitzenden des
Abgeordneten Ollesch (Drucksache VI/273 Frage Deutschen Krebsforschungszentrums, Herrn Profes-
A 43) : sor Dr. Bauer, um Stellungnahme zu einzelnen
Fragen zu bitten. Ich bin bereit, nach Vorliegen der
Wie ist es möglich, daß apothekenpflichtige Mittel im Be-
hörden- und Betriebshandel an jedermann in beliebiger Menge Ergebnisse diese mitzuteilen.
abgegeben werden können?
Die Bundesregierung ist der Ansicht, daß die
Nach § 28 Abs. 1 des Arzneimittelgesetzes (AMG) Frage des Rauchens am Arbeitsplatz für eine sum-
dürfen Arzneimittel, die nicht für den Verkehr marisch gesetzliche Regelung nicht geeignet ist.
außerhalb der Apotheken zugelassen sind, im Ein- Aufgrund der Fürsorgepflicht (§ 618 BGB, 62 HGB,
zelhandel nur in Apotheken abgegeben werden. Die 120 a Gewerbeordnung, 79 BBG, 48 BRRG) hat der
Abgabe apothekenpflichtiger Arzneimittel im Be- Arbeitgeber (Dienstherr) im Rahmen des Zumutba-
hörden- und Betriebshandel ist rechtlich als Abgabe ren die Rechte und Belange des Arbeitnehmers
im Einzelhandel im Sinne des § 28 Abs. 1 AMG (Bediensteten) zu wahren und ihm die Erfüllung
anzusehen und ist damit nicht zulässig. Nach § 28 seiner Aufgaben zu erleichtern. Er hat das Leben
Abs. 2 AMG ist die Abgabe apothekenpflichtiger und die Gesundheit des Beschäftigten zu schützen
Arzneimittel von juristischen Personen, nicht rechts- und u. a. den Arbeitsplatz in einem Zustand zu er-
fähigen Vereinen und Gesellschaften des bürger- halten, der gesundheitliche Schäden (der Nichtrau-
lichen Rechts an ihre Mitglieder unzulässig. Wenn cher durch Tabakqualm) nicht auftreten läßt. Falls
der Behörden- oder Betriebshandel in einer dieser die Gesundheit des Nichtrauchers durch Tabakrauch
Formen betrieben wird, also nicht in der Form des beeinträchtigt wird, kann der Nichtraucher von sei-
Einzelhandels, wäre das ebenfalls unzulässig. nem Arbeitgeber (Dienstherren) Maßnahmen ver-
langen, damit gesundheitliche Schäden für ihn ver-
mieden werden.
Rauchverbote können, soweit nicht bereits eine
Anlage 8 gesetzliche Regelung — z. B. zur Vermeidung von
Brandgefahr — besteht, aufgrund eines Tarifver-
Schriftliche Antwort trages, einer Betriebsvereinbarung oder eines Ein-
zelvertrages vorgesehen werden. Unter Umständen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal kann auch der Arbeitgeber Kraft seines Direktions-
vom 29. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen rechts ein Rauchverbot einseitig erlassen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1231
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Es trifft zu, daß in Großbritannien Fahrzeuge mit
Elektroantrieb steuerlich begünstigt werden.
vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des
Abgeordneten Dr. Schmidt (Krefeld) (Drucksache In Großbritannien waren 1968 31 070 Fahrzeuge
VI/273 Fragen A 47 und 48) : mit Elektroantrieb, in der Bundesrepublik Deutsch-
Sind der Bundesregierung die Ergebnisse der Vorsorgeunter- land nach dem Stand vom 1. Juli 1969 3217 Fahr-
suchungen in Baden-Württemberg im Bereich von sechs Allge-
meinen Ortskrankenkassen bekannt, die allein bei der AOK
zeuge mit Elektroantrieb zugelassen.
Pforzheim von 1000 Untersuchungen 400 Weiterbehandlungen
beim untersuchenden Arzt, 240 Facharztüberweisungen, 15 Kran- Der wesentliche Grund für den geringen Elektro-
kenhauseinweisungen und 135 Kuren notwendig machten?
fahrzeugbestand liegt darin, daß trotz jahrzehnte-
Ist die Regierung bei diesem alarmierenden Ergebnis bereit, langer intensiver Forschungs- und Entwicklungs-
Gesetzesinitiativen zu ergreifen, um Vorsorgeuntersuchungen
bei allen Bundesbürgern ab 40. Lebensjahr regelmäßig durch- arbeiten im In- und Ausland es der Industrie noch
führen zu lassen und ebenfalls Vorsorgeuntersuchungen bei
allen Schulkindern und Studenten aller Fakultäten zu erreichen? nicht gelungen ist, die Schwierigkeiten dieser An-
triebsart entsprechend den Bedürfnissen der Praxis
Der Bundesregierung sind die Vorsorgeuntersu- wirtschaftlich zufriedenstellend zu lösen.
chungen in Baden Württemberg, die im Bereich von
-
6Ortskane duchgfürtwoensi,
be-
kant.DiebshrvolgdnEebis ur
sehr begrenzt verwertbar, da sich aus ihnen nicht
egibt,
rob die Patienten bereits in ärztlicher Be- Anlage 12
handlung waren oder ihre Leiden neu entdeckt wur-
den. Endgültige Ergebnisse werden nicht vor Som- Schriftliche Antwort
mer 1970 erwartet.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
Ich bin bereit, Ihnen zu gegebener Zeit die Ana- 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
lyse zugänglich zu machen. ordneten Dr. Hauff (Drucksache VI/273 Frage A 70) :
1232 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Schriftliche Antwort
Frage A 80) :
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Wenn die Tariferhöhungsanträge der Deutschen Bundesbahn
30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge- nicht genehmigt würden, um welchen Betrag müßten dann die
Bundeszuwendungen an die Deutsche Bundesbahn steigen, und
ordneten Schmidt (Kempten) (Drucksache VI/273 sind entsprechende Mehrbelastungen bei der Aufstellung des
Frage A 75) : Bundeshaushalts 1970 berücksichtigt?
Ist die Bundesregierung in der Lage, den Bundestag ge- Da in der Antwort auf die Frage des Abg.
nauestens darüber zu unterrichten, um wieweit sich die Unfall-
zahlen einschließlich ihrer Folgen, an denen schwere LKW über Tobaben bereits darauf hinzuweisen war, daß die
7,5 t schuldhaft beteiligt waren, an den im Sommer 1969 für Bundesregierung Maßnahmen auf dem Gebiet der
LKW über 7,5 t gesperrten Wochenenden gegenüber den gleichen
Wochenenden in den Jahren 1968, 1967 und 1966 verändert Gütertarife für unvermeidbar hält, hat die jetzt zu
haben, so daß sich daraus eine Rechtfertigung für die geplante beantwortende Frage rein hypothetischen Charak-
Wiederholung des Fahrverbots an Wochenenden mit einer sogar
vorgesehenen Ausweitung im Sommer 1970 folgerichtig ergibt? ter. Ich bitte um Verständnis, daß ich deshalb die
Frage nicht beantworten werde.
Die Untersuchung des Statistischen Bundesamtes
über die Unfallentwicklung während des Lkw Fahr- -
nen. Darüber hinaus ist aber eine Einflußnahme des Eine größere Bedeutung wird dem elektrisch ange-
Bundes im Sinne einer restlosen Angleichung der triebenen Auto erst dann zukommen, wenn es ge-
wahlrechtlichen Altersgrenzen nicht möglich. lingt, Gewicht und Preis der Stromquellen entschei-
dend zu senken. Der Stand der Technik auf diesem
Für eine etwaige Bindung der Länder an Wahl-
Gebiete erlaubt es nicht, hierzu jetzt schon eine Vor-
rechtsvorschriften des Bundes ist die Homogenitäts-
vorschrift des Art. 28 Abs. 1 GG maßgeblich. Diese aussage zu machen.
hat zwar die Wahlrechtsgrundsätze des A rt . 38
Abs. 1 GG übernommen, nicht jedoch die Vorschrif-
ten des Art. 38 Abs. 2 GG über die Wahlaltersgren-
zen. Zu der grundsätzlich freien Gestaltung des Anlage 23
Landeswahlrechts im Rahmen dieser Wahlrechts-
grundsätze hat das Bundesverfassungsgericht die Schriftliche Antwort
Auffassung vertreten, daß die Freiheit des Landes-
gesetzgebers höchstens dann eingeschränkt werden des Bundesminister Genscher vom 28. Januar 1970
könnte, wenn es sich um grundsätzliche Bestimmun- auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Alber
gen handelt, in deren Bereich entscheidende Abwei- (Drucksache VI/273 Frage A 89) :
chungen des Landeswahlrechts zu Unstimmigkeiten Hat eine Anerkennung der DDR als zweiter deutscher Staat
führen müßten, die im bundesstaatlichen Gefüge auch ohne ihre völkerrechtliche Anerkennung nicht schon die
rechtliche Konsequenz, daß u. a. das Gesetz üiber die Staats-
schwer ertragen werden könnten. Als solche können bürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik vom
20. Februar 1967 von der Bundesrepublik Deutschland beachtet
wahlrechtliche Altersgrenzen, insbesondere wenn werden muß, und wenn ja, hat diese Beachtung ihrerseits nicht
sie nicht zu stark abweichen, wohl nicht angesehen zur Folge, daß die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden
SBZ-Flüchtlinge dann DDR-Bürger geworden und geblieben sind,
werden. Ihre übereinstimmende Regelung in Bund wenn sie im Zeitpunkt der Gründung der DDR deutsche Staats-
und Ländern ist daher verfassungsrechtlich nicht angehörige waren und in der DDR ihren Wohnsitz oder ständi-
gen Aufenthalt hatten?
zwingend, bliebe aber weiterhin verfassungspolitisch
wünschenswert. Die Feststellung des Bundeskanzlers in der Re-
gierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag
am 28. Oktober 1969: „Eine völkerrechtliche An-
erkennung der DDR durch die Bundesregierung
kann nicht in Betracht kommen. Auch wenn zwei
Anlage 22 Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch für-
einander nicht Ausland" bedeutet:
Schriftliche Antwort Nach Auffassung der Bundesregierung ist das
Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Schmidt nach wie vor geltendes Recht. Wer nach diesem
(Kempten) (Drucksache VI/273 Frage A 88) : Gesetz die deutsche Staatsangehörigkeit erworben
hat, ist und bleibt deutscher Staatsangehöriger; das
Warum nennt die Bundesregierung in ihrer Antwort, die als
Anlage 36 im Stenographischen Bericht (Seite 991) über die
gilt gleichermaßen für die Bewohner der BRD und
24. Sitzung des Bundestages abgedruckt ist, unter den Maßnah- der DDR.
men gegen die Luftverunreinigung durch Autoabgase nicht die
Notwendigkeit der raschen Entwicklung von Elektromotoren, oder
wird diese Entwicklung von der Bundesregierung etwa nicht ge-
fördert?
Ausgangsbasis zu schaffen. Ohne eine solche ein- stellen weiter. Die fachlich berührten Ressorts des
heitliche Basis können konkretisierte Grundsätze Bundes werden ebenfalls benachrichtigt.
der Ämterbewertung, die dann in die Praxis um- In Maastricht sind die Schweiz und Frankreich ge-
setzbar sein müßten, nicht aufgestellt werden. beten worden, sich diesem Warnsystem anzuschlie-
ßen und Warnmeldungen an die Meldezentrale in
Die von Ihnen hier angesprochene Vorschrift des
Mannheim zu geben. Der Vorschlag wird von der
Artikels I § 4 Abs. 3 des Zweiten Besoldungsneu- Kommission weiter verfolgt. Es darf erwartet wer-
regelungsgesetzes sieht Umwandlungen von Plan-
den, daß nach den notwendigen organisatorischen
stellen, die die Obergrenzen des § 5 Abs. 6 über-
Vorbereitungen in den beiden Nachbarstaaten ein
schreiten, nur vor, wenn solche Stellen frei werden, neues, verbessertes Warnsystem am ganzen Rhein
und dann auch nur für jede dritte Stelle. Diese Re- vorhanden sein wird.
gelung vermeidet Härten, ist andererseits aber not-
wendig, um für alle Dienstherren die bereits mehr- Das Warnsystem liegt im Verantwortungsbereich
fach genannte gleiche Ausgangsbasis anzustreben. der für die Wasserwirtschaft zuständigen Landes-
behörden. Es wird von fachkundigen Dienststellen
Dies waren auch die Überlegungen, die den maß- der in der Arbeitsgemeinschaft der Länder zur
geblich auch von der Fraktion der CDU/CSU mitge- Reinhaltung des 'Rheins zusammengeschlossenen
tragenen Regelungen zugrunde lagen. Dies geht be- Bundesländer wahrgenommen und ist vor etwa
sonders deutlich aus den Darlegungen im Schrift- einem halben Jahr für das deutsche Rheingebiet neu
lichen Bericht des Innenausschusses — Drucksache geordnet worden. Die Bundesregierung hat z. Z. kei-
V/3827 — zum Zweiten Besoldungsneuregelungsge- nen Anlaß für Initiativen zur weiteren Verbesse-
setz hervor, der von Ihnen, Herr Kollege Wagner,- rung des Warnsystems.
unterzeichnet ist.
Anlage 26
Anlage 25
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Bundesministers Genscher vom 29. Januar 1970
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Kater
auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Mül (Drucksache VI/273 Fragen A 93 und 94) :
ler (Mülheim) (Drucksache VI/273 Fragen A 91 Ist der Bundesregierung die Zahl der Aussiedler aus den Ost-
blockstaaten bekannt, die auf Grund ihres Alters und der da-
und 92) : durch bedingten Schulbildung besondere Schwierigkeiten bei
ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eingliederung haben?
Hat die Bundesregierung den Eindruck gewonnen, daß die
Ergebnisse der Beratungen der internationalen Rheinwasser Was beabsichtigt die Bundesregierung zu tun bzw. zu veran-
kommission in Maastricht die Erwartungen verstärken, in ab- lassen, um die bereits vorhandenen Möglichkeiten und Mittel
sehbarer Zeit ein neues, verbessertes Warnsystem zu erreichen? für die Eingliederung dieser Aussiedler zu erweitern bzw. zu
verbessern?
Wird die Bundesregierung von sich aus alles tun und ihren
Einfluß auf alle beteiligten deutschen Instanzen geltend machen,
um eine Verbesserung des Warnsystems zu bewirken?
Die Bundesregierung ist nicht in der Lage, exakte
Angaben über die Zahl der Aussiedler zu machen,
Die letzte Sitzung der Internationalen Kommis- die wegen ihres Alters, ihrer Schulausbildung,
sion zum Schutze des Rheins gegen Verunreinigung hauptsächlich aber wegen fehlender oder unzurei-
fand auf Antrag der niederländischen Delegation im chender Kenntnis der deutschen Sprache Schwierig-
November 1969 in Maastricht statt. Sie hatte gebe- keiten bei ihrer schulischen, gesellschaftlichen und
ten, auf dieser Sondersitzung u. a. auch das Zustan- beruflichen Eingliederung haben. Allerdings liegen
dekommen eines wirksamen Warnsystems zu bera- Schätzungen vor.
ten, damit bei groben Verschmutzungen rechtzeitige
Abwehrmaßnahmen , der Unterlieger durch schnelle Von den Schwierigkeiten sind fast ausschließlich
Nachrichtenübermittlung ermöglicht werden. Aussiedler der Geburtsjahrgänge nach 1939, also
der bis 30jährigen, besonders betroffen.
Die deutsche Delegation berichtete in Maastricht Nach dem Durchschnitt der Jahre 1968/69 sind das
über die auf der deutschen Rheinstrecke bereits er- etwa 43 v. H. aller Aussiedler, oder — auf die Zahl
zielte Verbesserung und Neuordnung: Alle solche der Zugänge im Jahre 1969 von rd. 30 000 bezogen
Vorkommnisse im Einzugsgebiet des Rheins werden — rd. 13 000 Personen.
neuerdings von einer fachkundigen amtlichen
Dienststelle des jeweiligen Bundeslandes, die als In der ersten Hälfte 1969 sind die Aussiedler im
Meldezentrale bestimmt worden ist, sofort an die Grenzdurchgangslager Friedland laufend befragt
Meldezentrale des unterhalb gelegenen Bundeslan- worden. Der Beauftragte der Bundesregierung für
des weitergegeben. Südlichste Meldezentrale ist in die Verteilung in Friedland und Nürnberg hat im
Baden-Württemberg die Wasserschutzpolizeidirek- Registrierungs- und Verteilungsverfahren besondere
tion in Mannheim, nördlichste ist in Nordrhein- Erkenntnisse gewonnen. Auch die Behörden in den
Westfalen der Regierungspräsident in Düsseldorf. Landesaufnahmelagern haben ihre Erfahrungen. Auf-
Er ist, wie auch die anderen Meldezentralen, ständig grund dieser 3 Quellen muß der Anteil der 13 000
dienstbereit und gibt die Meldungen bzw. Alarm- Aussiedler, welche die deutsche Sprache nur man-
oder Warnnachrichten an die mit der niederlän- gelhaft oder gar nicht beherrschen, auf 85 v. H. be-
dischen Seite vereinbarten niederländischen Dienst ziffert werden.
1236 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Der Anteil derjenigen — hauptsächlich Kinder —, Ausgestaltung der Richtlinien über den Garantie-
die nur die Sprache des Herkunftslandes sprechen fonds (Abschnitt XXII der Richtlinien für den Bun-
und verstehen, wird von allen kompetenten Stellen desjugendplan) fördern.
auf 25 v. H., für das Jahr 1969 also auf 3200 ge- Die berrufliche Eingliederung von Angehörigen
schätzt. nichtakademischer, insbesondere technischer und
Wenn die bis zu 10 Jahren alten etwa 2000 Kin- kaufmännischer Berufe, gestaltet sich besonders
der außer Betracht bleiben, denen die Kenntnis der schwierig. Unterschiedliche Berufsbilder und Aus-
deutschen Sprache durch das Elternhaus und im nor- bildungssysteme, Unkenntnis moderner Arbeitsme-
malen Volksschulunterricht vermittelt werden kann, thoden, Schwierigkeiten bei der Anerkennung der
verbleiben für 1969 rd. 11 000 Jugendliche und Per- in den Herkunftsländern erworbenen Zeugnisse und
sonen bis zu 30 Jahren, die zur Erlangung des An- Befähigungsnachweise sind die hauptsächlichen Ur-
schlusses a n die dem Alter gemäße Schulklasse oder sachen. Auf Empfehlung des damaligen Bundes-
eines Qualifikationsnachweises zur Ausübung des ministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und
im Herkunftsland erlernten oder in der Bundes- Kriegsgeschädigte wird dieses Problem von der Ar-
republik , aufgenommenen Berufs einer besonderen beitsgemeinschaft der Landesflüchtlingsverwaltun-
Förderung (Förderschule, deutsche Sprachkurse gen untersucht, die zu diesem Zwecke eine Sonder-
usw.) bedürfen. kommission mit der Sammlung des erforderlichen
Die Zahl der förderungsbedürftigen Aussiedler Materials und der Erarbeitung eines Memorandums
wird sich in den folgenden Jahren jeweils um einen beauftragt hat. Dieses Memorandum wird, wie jenes
Geburtsjahrgang erhöhen. über die Förderschulen für die spätausgesiedelte
- Jugend, Grundlage für die Verbesserung und mög-
Die Bundesregierung unterstützt im Rahmen ihrer
lichts umfassende sachgerechte Eingliederung dieser
Zuständigkeit und der ihr durch Gesetz eingeräum-
Aussiedler sein.
ten Möglichkeiten die Bemühungen der Länder, der
Verbände der freien Wohlfahrtspflege und der freien
Trägergruppen, die Eingliederungsarbeit zu intensi-
vieren. Zu dieser gehören hauptsächlich die lücken-
lose Erfassung aller förderungsbedürftigen Aussied- Anlage 27
ler, ihre umfassende Beratung und Heranführung an
die bestehenden Förderungseinrichtungen. Zu diesen Schriftliche Antwort
zählen vorrangig:
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
1. die Förderschulen — Internatsförderschulen und auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Matt-
offene Einrichtungen, die durch deutschen
höfer (Drucksache VI/273 Frage A 95) :
Sprach- und Ergänzungsunterricht zum deutschen
Volksschulabschluß oder Anschluß an die dem Hat die Bundesregierung eine systematische, lückenlose Über-
sicht über alle Grundrechtseinschränkungen, die seit der Ver-
Alter entsprechende Klasse der Normalschulen, kündung des Grundgesetzes vorgenommen wurden?
in einigen Einrichtungen auch in weiterführen-
Eine systematische, lückenlose Übersicht über alle
den Schulen führen;
Grundrechtseinschränkungen, die seit Verkündung
2. die- aus Bundesmitteln geförderte Otto-Benecke des Grundgesetzes vorgenommen wurden, ließe sich
Stiftung — das frühere Sozialamt des deutschen unter erheblichem Zeit- und Arbeitsaufwand bei
Bundesstudentenringes —, die sich der akade- Durchsicht aller Bundes- und Landesgesetze für die-
mischen Jugend annimmt. Ihre Aufgabe: Einfüh- jenigen Grundrechte gewinnen, deren gesetzliche
rungslehrgänge zur allgemeinen Orientierung Einschränkung dem ausdrücklichen Zitiergebot des
und Feststellung der im Einzelfall notwendigen Art. 19 Abs. 1 Satz 2 GG unterliegen. Doch ist in
Bildungs- und Studiengänge, Vermittlung in der früheren Staatspraxis dieses Zitiergebot nicht
Sprachkurse an Goethe-Instituten und in Vor- einheitlich gehandhabt worden.
studienkurse zur Erlangung des deutschen Hoch-
Hingegen lassen sich nicht erfassen diejenigen
schulzugangszeugnisses, Vermittlung von Aus-
Einschränkungen von 'Grundrechten, die nicht dem
bildungs- und Studienplätzen. Die Integrations-
Zitiergebot unterliegen.
arbeit der Stiftung hat sich bewährt. Sie soll ver-
stärkt werden; Hierzu gehören die Grundrechte, in denen die
nähere Bestimmung über Inhalt und Schranken dem
3. die Beratungs- und Betreuungsdienste der Ju-
Gesetz vorbehalten wird — wie z. B. beim Eigen
gendgemeinschaftswerke in der Bundesarbeitsge-
meinschaft Jugendaufbauwerk. Die Betreuungs- tum — sowie die Grundrechtsbegrenzungen, die im
Grundrechtsartikel selbst schon umschrieben sind —
kräfte der Jugendgemeinschaftswerke, deren Ar-
wie z. B. bei Art. 2 Abs. 1 und Art. 12 Abs. 1 GG.
beit in der Vergangenheit vorwiegend jugend-
lichen Flüchtlingen aus der SBZ diente, sollen Weiterhin fallen hierunter die Grundrechtsein-
durch entsprechende Schulung auf die Beratungs- schränkungen durch „allgemeine Gesetze" nach
und Betreuungstätigkeit zugunsten jugendlicher Art. 5 Abs. 2 GG.
Aussiedler umgeschult werden. Die Jugendge- Darüber hinaus gibt es gewisse Schranken der
meinschaftswerke werden aus Mitteln des Bun- Grundrechte, die sich nicht aus ihrem Wortlaut
desjugendplanes finanziert. selbst, sondern aus ihrem systematischen Zusam-
Die Bundesregierung wird die Integration jugend- menhang mit anderen Grundrechten ergeben. So
licher Aussiedler durch eine möglichst großzügige schützt beispielsweise das Grundrecht der Versamm-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1237
Bundesminister der Finanzen um Erhöhung der Mit- für das Wohl des Beamten und seiner Familie auch
tel für 1970 um 1 Million DM auf 5 Millionen DM für die Zeit nach Beendigung des Beamtenverhält-
verwandt. Das Ergebnis dieser Bemühungen muß nisses zu sorgen (vgl. § 79 Bundesbeamtengesetz,
den weiteren Haushaltsverhandlungen überlassen § 48 Beamtenrechtsrahmengesetz). Diese Beihilfen
bleiben. betragen je nach dem Familienstand des Ruhestands-
beamten 50 bis 70 v. H. der beihilfefähigen Aufwen-
dungen; die verbleibenden Restkosten muß der
Ruhestandsbeamte selbst aufbringen.
des Bundesministers Genscher vom 29. Januar 1970 Welche Bedeutung mißt die Bundesregierung der DDR-Sport-
schau bei, die in letzter Zeit immer häufiger im Rahmen von
auf die Schriftliche Frage des Abgeordneten Dr. Veranstaltungen von Turn- und Sportvereinen in der Bundes-
Haack (Drucksache V1/273 Frage B 3) : republik Deutschland auftritt?
Beabsichtigt die Bundesregierung, die für Beamte im Ruhe- In Ihren Bemühungen, die Folgen der Spaltung
stand geltenden Beihilfevorschriften auch auf die im Ruhestand
befindlichen anderen Angehörigen des öffentlichen Dienstes unseres Vaterlandes auf menschlichem Gebiet zu
auszudehnen, die während ihrer Dienstzeit beihilfeberechtigt mildern, begrüßt die Bundesregierung sportliche
waren?
Treffen mit unseren Landsleuten aus der DDR. Sie
Die Ruhestandsbeamten und ihre Hinterbliebenen unterstützt daher die angekündigte Initiative des
erhalten Beihilfen in Krankheits-, Geburts- und Todes- Deutschen Sportbundes zur Belebung des in den letz-
fällen auf Grund der Verpflichtung des Dienstherrn, ten Jahren sehr geringen innerdeutschen Sportver-
1240 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
kehrs und hofft, daß diese Bemühungen Erfolg wird. Deshalb wird unverheirateten Personen, die
haben werden. ein Kind zu unterhalten haben, neben dem Kinder-
Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß der freibetrag ein Sonderfreibetrag von 1200 DM im
innerdeutsche Sportverkehr von politischen Fragen Kalenderjahr zugebilligt (§ 32 Abs. 3 Ziff. 1
freigehalten werden soll. Sie mißt der DDR-Sport- Buchst. b EStG).
schau aber keine wesentliche Bedeutung bei, da das Im Rahmen der eingeleiteten Steuerreform wird
Publikumsinteresse an diesen Veranstaltungen mit auch die Frage der Besteuerung von Alleinstehenden
politischem Akzent, die allein von Sportlern und mit Kindern einer Prüfung unterzogen werden.
Funktionären der DDR getragen werden, durch-
weg gering ist.
Anlage 37
Die Bundesregierung hält eine Erhöhung der Rah- führende Spezialitätenregister einzutragen sind. Da-
menbeträge für das Pflegegeld in der gesetzlichen bei werden die verschiedenen Darreichungsformen
Unfallversicherung für erforderlich. Ein entsprechen- und Konzentrationen eines Arzneimittels jeweils als
der Gesetzentwurf ist in meinem Hause in Vor- eine besondere Arzneispezialität registriert.
bereitung. Ich beabsichtige, die Erhöhung des Im übrigen trifft zumeist der Arzt die Auswahl
Pflegegeldes nach Möglichkeit mit dem nächsten des anzuwendenden Arzneimittels und nicht der ein-
Rentenanpassungsgesetz, das in diesem Jahre sehr zelne Bürger. Der Großteil der Arzneimittel wird nur
früh vorgelegt werden soll, zu verbinden. auf ärztliche Verschreibung abgegeben. Der Patient
würde auch bei einem zahlenmäßig geringeren An-
gebot nur sehr schwer Qualität und Anwendungs-
möglichkeiten eines Arzneimittels richtig beurteilen
Anlage 39 können.
Eine Beschränkung des Angebots von Arzneispe-
Schriftliche Antwort zialitäten wirft eine Fülle von Fragen, insbesondere
auch verfassungsrechtlicher Natur auf. Sie dürfen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
versichert sein, daß dieses Problem meine ganze
28. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
Aufmerksamkeit hat.
Abgeordneten Hussing (Drucksache VI/273 Fragen
B 10 und 11) : Das geltende Arzneimittelgesetz, das auf dem
Wieviel Soldatenheime stehen derzeit in wieviel Standorten
Grundsatz der Verantwortung des Herstellers be-
(Garnisonen) zur Verfügung und in wieviel Standorten fehlt ein ruht, enthält wirksame rechtliche Handhaben, um
solches Heim?
den einzelnen und die Allgemeinheit vor Schäden
Wie sieht dieses Zahlenverhältnis bei Offizier- und Unter- an Leib und Leben zu bewahren. Ich verweise auf
offizierheimen aus?
die Vorschriften der §§ 6 und 8 in Verbindung mit
Bisher sind in 48 Garnisonen 50 Soldatenheime § 44 sowie des § 42 des Arzneimittelgesetzes. Zudem
eingerichtet worden; für weitere 10 Standorte sind bedarf derjenige, der Arzneimittel herstellen will,
Soldatenheime im Bau. 143 Heime für 140 Standorte einer Erlaubnis, deren Erteilung an strenge Voraus-
sind noch von mir vorgesehen. setzungen geknüpft ist (§§ 12 ff. AMG).
Insgesamt sind 183 Offiziersheime an 165 Stand- Bevor Arzneispezialitäten in den Verkehr ge-
orten in Betrieb; 9 weitere Heime werden z. Z. ge- bracht werden dürfen, müssen sie in dem beim
baut. Für 149 Garnisonen werden noch 158 Offizier- Bundesgesundheitsamt geführten Spezialitätenregi-
heime gefordert. ster eingetragen sein (§ 20 AMG). Als Vorausset-
zung für diese Eintragung hat der Antragsteller eine
Es bestehen 422 Unteroffizierheime und Unter-
umfassende Dokumentation vorzulegen. Der Umfang
offizierheimräume; 5 weitere Heime sind noch im
der Dokumentation ergibt sich aus § 21 AMG. Dar-
Bau. Projektiert sind weitere 17 Unteroffizierheime.
über hinaus lehnt das Bundesgesundheitsamt die
An größeren Standorten sind in der Regel meh- Eintragung einer Arzneispezialität aus Stoffen nicht
rere Unteroffizierheime bzw. -heimräume eingerich- allgemein bekannter Wirksamkeit ab, wenn sich auf
tet. Die Zahl der Garnisonen, an denen Unteroffizier- Grund der Dokumentation ergibt, daß diese
heime eingerichtet sind, werde ich Ihnen mitteilen,
1. nicht nach dem jeweiligen Stand der Wissen-
sobald mir hierüber genaue Angaben vorliegen.
schaft ausreichend pharmakologisch geprüft und
klinisch erprobt worden ist,
2. schädliche Wirkungen hat, die nach medizini-
schem Urteil nicht zu vertreten sind und
Anlage 40
3. nicht die vom Hersteller behaupteten Wirkungen
Schriftliche Antwort hat.
Diese Handhabung der Registrierung entspricht
des Bundesministers Frau Strobel vom 27. Januar
bereits weitgehend den Anforderungen an die Ge-
1970 auf die Schriftlichen Fragen des Abgeordneten
nehmigung einer Arzneispezialität, auf die sich die
Wienand (Drucksache V11273 Fragen B 12 und 13) :
Mitgliedstaaten der EWG geeinigt haben. Es bleibt
Wie beurteilt die Bundesregierung wiederholt auftauchende allerdings noch notwendig, das Bundesgesundheits-
Pressemeldungen, nach denen die Bürger der Bundesrepublik
Deutschland vor einem Angebot von etwa 60 000 verschiedenen amt für die Erfüllung dieser Aufgaben entsprechend
Arzneimitteln stehen und wegen des großen Angebots keine auszustatten.
Möglichkeit haben, Qualität und Brauchbarkeit der pharmazeuti-
schen Erzeugnisse zu überprüfen?
Es ist noch zu erwähnen, daß Arzneimittel aus
Hat die Bundesregierung die Absicht, ähnlich wie in anderen
Ländern eine amtliche Arzneimittelkontrolle einzuführen und
Stoffen nicht allgemein bekannter Wirksamkeit zu-
durch staatliche, für jedermann erkennbare Kontrollmaßnahmen nächst ohne Unterschied einer dreijährigen Rezept-
eine Situation herbeizuführen, durch die die Bevölkerung vor
Schäden an Leib und Leben bewahrt und skrupellosen Geschäfte- pflicht unterworfen werden (§ 35 a AMG). Während
machern das Handwerk gelegt werden könnte? dieser Zeit werden sie von den anwendenden Ärzten
Die Zahl der eigentlichen Arzneimittel, die sich in auf eventuell noch unbekannt gebliebene Nebenwir-
der Bundesrepublik im Verkehr befinden, ist wesent- kungen beobachtet.
lich niedriger, als die von Ihnen genannte Zahl von Ich möchte zusammenfassend sagen, daß das Arz-
60 000. Diese Zahl bezieht sich auf die Arzneispezia- neimittelrecht, so wie es gehandhabt wird, den
litäten, die in das beim Bundesgesundheitsamt zu Schutz der Allgemeinheit ausreichend gewährleistet.
1242 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Im übrigen vermag auch der aufwendigste staatliche Nachdem in Kürze der Ausbau der B 12 mit der Ortsum-
gehung Haag weitergeführt werden soll, frage ich die Bundes-
Kontrollapparat keine absolute Sicherheit auf diesem regierung, bis wann mit dem Ausbau der B 15 sowohl der Orts-
umgehung von Haag als auch der nördlich und südlich von
Gebiet zu garantieren. Haag dazu notwendigen Anschlußstrecken gerechnet werden
kann?