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Eutscher: Bundestag

Das Dokument enthält den Inhalt und die Diskussion einer Sitzung des Deutschen Bundestags am 30. Januar 1970. Es geht um humanitäre Hilfe für Biafra, Menschenrechte, Strafrechtsreform, Verkehrsfragen und andere Themen der Tagesordnung.

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Eutscher: Bundestag

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D eutscher Bundestag

28. Sitzung

Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Inhalt:

Erweiterung der Tagesordnung 1191 A Fragen des Abg. Ernesti:


Humanitäre Transportflüge der Bun-
Fragestunde (Drucksachen VI/273, VI/302) desluftwaffe in Katastrophengebiete im
Innnern Nigerias
Fragen der Abg. Kiep, Dr. Wulff und Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer
Josten: Staatssekretär . 1196 A, B, C, D, 1197 A
Humanitäre Hilfsmaßnahmen für Biafra Ernesti (CDU/CSU) 1196 B, A
— Lufttransport von Kraftfahrzeugen Josten (CDU/CSU) . . . . . . 1196 B
— Einrichtung einer Planungsgruppe . 1196 C
Breidbach (CDU/CSU) . . . .
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Brück (SPD) . . . . . . . . 1197 A
Staatssekretär . . 1191 B, 1192 B, C, D,
1193 A, B, C, D, 1194 A, B, C, D,
Frage des Abg. Matthöfer:
1195 A, B, C, D
Rückkehr des Physikers Chung Kyu
Kiep (CDU/CSU) . . 1192 B, C, 1194 A, B Myung in die Bundesrepublik . . . . 1197 A
Josten (CDU/CSU) . . . 1192 C, 1194 D,
1195 A, B Fragen der Abg. Wohlrabe und Prinz zu
Sayn-Wittgenstein-Hohenstein:
Breidbach (CDU/CSU) . . 1193 A, 1195 B
Abberufung des derzeitigen General-
Brück (SPD) 1193 B konsuls in Kalkutta
Dr. Marx (Kaiserslautern) (CDU/CSU) 1193 B Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer
Staatssekretär . . 1197 B, C, D, 1198 A
Wienand (SPD) 1193 C
Wohlrabe (CDU/CSU) . . 1197 C, 1198 A
Mattick (SPD) 1193 D
Sieglerschmidt (SPD) 1197 C
Frau Dr. Wolf (CDU/CSU) . . . 1195 D
Frage des Abg. Dr. Schulze-Vorberg:
Frage des Abg. Werner: Schutz der Nichtkernwaffenstaaten vor
atomarer Bedrohung und Erpressung
Angebliche Verzögerung der Hilfsmaß-
nahmen durch die nigerianische Regie- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer
rung Staatssekretär . . 1198 B, C, D, 1199 A
Dr. Schulze-Vorberg (CDU/CSU) . 1198 B, D
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . . . 1195 D Ott (CDU/CSU) 1199 A
II Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Frage des Abg. Dr. Schulze-Vorberg: Frage des Abg. Flämig:


Rechtsansicht des Professors Schostow Wechselweise Gültigkeit der Fahrtaus-
betr. eine europäische Option weise für Bundesbahnzüge und -auto-
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer busse
Staatssekretär . 1199 B, C, D, 1200 A, B Börner, Parlamentarischer
Dr. Schulze-Vorberg (CDU/CSU) 1199 B, C, D Staatssekretär . . . . . . . 1204 B, C

Wienand (SPD) . . . . . . . 1200 A Flämig (SPD) . . . . . . . . 1204 C, D

Dr. Czaja (CDU/CSU) 1200 B Fragen des Abg. Ruf:


Ausbau des Flughafens Stuttgart-Ech-
Frage des Abg. Niegel: terdingen — Beteiligung des Bundes 1204 D
Beförderung leichtverderblicher Güter
auf der Autobahn während des Ferien- Frage des Abg. Dr. Jenninger:
reiseverkehrs
Höchstgeschwindigkeit und Überhol-
Börner, Parlamentarischer verbot für Omnibusse auf den Auto-
Staatssekretär . . . . . . . 1200 C, D, bahnen 1205 A
1201 A, B, C, D
Niegel (CDU/CSU) . . . . . . 1200 C, D Fragen des Abg. Weber (Heidelberg) :
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) . . 1201 A Kostensteigerungen der Bundesbahn im
Dasch (CDU/CSU) . . . . . . . 1201 B Jahre 1970 — Mehraufwendungen für
Personalkosten
Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU) . 1201 C
Börner, Parlamentarischer
Meister (CDU/CSU) 1201 C Staatssekretär . 1205 B, C, D, 1206 A, B
Weber (Heidelberg) (CDU/CSU) . . 1205 C
Frage des Abg. Dr. Müller-Hermann:
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) . . 1205 D,
Tiefwasserhafen an der Nordseeküste 1206 B
Börner, Parlamentarischer Fellermaier (SPD) . . . . . . . 1206 A
Staatssekretär . . . 1201 D, 1202 A, B
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) . . 1202 A Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Reform
des Strafrechts (Abg. Vogel, Benda, Er-
hard [Bad Schwalbach], Dr, Eyrich, Dr.
Frage des Abg. Pieroth:
Lenz [Bergstraße], Dr. Pinger und Frak-
Zusammenlegung der Omnibusdienste tion der CDU/CSU) (Drucksache VI/261)
von Bundesbahn und Bundespost — Erste Beratung — in Verbindung mit
Börner, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . . 1202 B, C Schriftlicher Bericht des Sonderausschusses
Pieroth (CDU/CSU) . . . . . . . 1202 C für die Strafrechtsreform über den An-
trag der Fraktion der CDU/CSU betr. Be-
einträchtigung von Grundrechten durch
Frage des Abg. Niegel: gewalttätige Aktionen (Drucksachen
Benachteiligung der ländlichen Räume VI/157, VI/270)
bei der Festsetzung von Telefongebüh- Dr. Eyrich (CDU/CSU) . . . . . . 1206 D
ren
Börner, Parlamentarischer Dr. Müller-Emmert (SPD) . . . . 1210 A
Staatssekretär 1203 A, B, C Frau Dr. Diemer-Nicolaus (FDP) . . 1213 B
Niegel (CDU/CSU) . . . . . 1203 A, B Dr, de With (SPD) . . . . . . . 1216 A
Dasch (CDU/CSU) . . . . . . 1203 C Schlee (CDU/CSU) . . . . . . . 1218 B

Fragen des Abg. Haehser: Entwurf eines Gesetzes über den Volksent-
Höhere Fahrpreise im Postreisedienst scheid im Gebietsteil Baden des Landes
bei Umwegen infolge von Straßenbau- Baden-Württemberg gemäß Art. 29 Abs. 3
maßnahmen des Grundgesetzes (Drucksache VI/211);
Schriftlicher Bericht des Innenausschusses
Börner, Parlamentarischer (Drucksache VI/303) — Zweite und dritte
Staatssekretär . . . . 1203 D, 1204 A Beratung —
Haehser (SPD) . . . . . . . . 1204 A Dr. Gruhl (CDU/CSU) 1219 B
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 III

Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Anlage 6


Rechtspflegergesetzes (Drucksache VI/289) Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
— Erste Beratung . . . . . . . . 1220 A Fragen des Abg. Hussing betr. Gefähr-
dung der Gesundheit durch zunehmende
Entwurf eines Zehnten Strafrechtsände- Verwendung chemischer Substanzen —
rungsgesetzes (Bundesrat) (Drucksache Einführung einer Kennzeichnungspflicht 1229 D
VI/293 )— Erste Beratung
—Memmel (CDU/CSU) . . . . . 1220 B Anlage 7
Glombig (SPD) 1220 D Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Ollesch betr. Abgabe von
apothekenpflichtigen Mitteln im Behör-
Bericht der Bundesregierung über den Stand den- und Betriebshandel 1230 B
der Unfallverhütung und das Unfallge-
schehen in der Bundesrepublik für das
Jahr 1967 (Unfallverhütungsbericht 1967) Anlage 8
(Drucksache VI/ 183) Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Rohde, Parlamentarischer Fragen des Abg. Dr. Bechert (Gau-Alges-
Staatssekretär 1221 D heim) betr. Forderungen der Konferenz
zur Frage der Tabakgefahren 1230 B
Lampersbach (CDU/CSU) . . . . 1223 B
Langebeck (SPD) 1224 B
Anlage 9
Geldner (FDP) 1226 A
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dr. Haack betr. Pflicht-
Nächste Sitzung 1226 D impfung gegen Tbc 1231 A

Anlage 10
Anlagen Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Dr. Schmidt (Krefeld)
Anlage 1 betr. Ergebnisse der Vorsorgeunter-
suchungen in Baden-Württemberg — Ge-
Liste der beurlaubten Abgeordneten . . 1227 A setzesinitiativen zur Durchführung von
Vorsorgeuntersuchungen 1231 B
Anlage 2
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen Anlage 11
Fragen des Abg. Dr. Schmidt (Krefeld)
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
betr. Bekämpfung der infektiösen Hepa-
Fragen des Abg. Dr. Gleissner betr.
titis und Versorgung der Bevölkerung
Steuervergünstigungen für Elektromobile
mit einwandfreiem Trinkwasser . . . 1227 D
in England — Zahl der Elektromobile in
England und in der Bundesrepublik . . 1231 C
Anlage 3
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 12
Frage des Abg. Baier betr. Verstärkung
des deutsch-französischen Familienaus- Schriftliche Antwort auf die Mündliche
tauschs 1228 B Frage des Abg. Dr. Hauff betr. Koordi-
nierung der Ausbauplanungen der deut-
schen Flughäfen 1231 D
Anlage 4
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 13
Frage des Abg. Rollmann betr. Neuglie-
derung der Referate in den Abteilungen Schriftliche Antwort auf die Mündliche
des Bundesministeriums für Jugend, Fa- Frage des Abg. Schmidt (Kempten) betr.
milie und Gesundheit 1228 D Entwicklung der Unfälle von schweren
Lastkraftwagen während des Ferienreise-
verkehrs . . . . . . . . . . . 1232 A
Anlage 5
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen Anlage 14
Fragen des Abg. Dr. Kreutzmann betr.
Anrechnung von Zuwendungen der Stif- Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
tung Volkswagenwerk auf die Erzie- Fragen des Abg. Tobaben betr. Tarif-
hungsbeihilfe . . . . . . . . . . 1229 A erhöhungsanträge der Bundesbahn . . . 1232 B
IV Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Anlage 15 Anlage 25
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Frage des Abg. Dr. Müller-Hermann betr. Fragen des Abg. Müller (Mülheim) betr.
Maßnahmen auf dem Gebiet der Güter- Ergebnisse der Beratungen der Interna-
tarife 1232 C tionalen Kommission zum Schutze des
Rheins gegen Verunreinigung . . . . 1235 A
Anlage 16
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Anlage 26
Frage des Abg. Dr. Müller-Hermann betr.
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
nicht genehmigte Tariferhöhungsanträge
Fragen des Abg. Kater betr. Schwierig-
von Verkehrsunternehmen . . . . . 1232 D
keiten der Aussiedler aus den Ostblock-
staaten bei der wirtschaftlichen und ge-
Anlage 17 sellschaftlichen Eingliederung . . . . 1235 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Pieroth betr. Tariferhö- Anlage 27
hungsanträge der Bundesbahn und des
Güterfernverkehrs . . . . . . . . 1232 D Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Matthöfer betr. Grund-
rechtseinschränkungen seit der Verkün-
Anlage 18
dung des Grundgesetzes 1236 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Schmitt (Lockweiler) betr.
Wagenladungsverkehr der Bundesbahn Anlage 28
1960 und 1968 . . . . . . . . . . 1233 A Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Erhard (Bad Schwalbach)
Anlage 19 betr. Erhöhung der Dienstwohnungsver-
gütungen 1237 A
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Fragen des Abg. Vehar betr. Steigerung
der Personalkosten und Tariferhöhungen Anlage 29
der nichtbundeseigenen Eisenbahnen . 1233 B
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dröscher betr. Einfluß
Anlage 20 von Produzenten auf die Programm-
Schriftliche Antwort auf die Mündliche gestaltung des Fernsehens 1237 C
Frage des Abg. Strohmayr betr. Ge-
schwindigkeitszulassungen für landwirt-
Anlage 30
schaftliche Zugmaschinen 1233 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Anlage 21 Frage des Abg. Dröscher betr. Erfrierun-
gen als Kriegsverwundung 1238 A
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Ollesch betr. Regelung
des aktiven und passiven Wahlalters in Anlage 31
den einzelnen Bundesländern . . . . . 1233 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Seefeld betr. Fehlen von
Anlage 22 Rettungswagen 1238 C
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Schmidt (Kempten) betr. Anlage 32
Entwicklung von Elektromotoren . . . 1234 B
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Seefeld betr. Kürzung der
Anlage 23
Mittel zur Ausbildung in erster Hilfe . . 1238 D
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Alber betr. Staatsbürger-
schaft der in der Bundesrepublik leben-
den SBZ-Flüchtlinge . . . . . . . . 1234 C
Anlage 33
Anlage 24 Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Fragen des Abg. Tallert betr. Einreise
Frage des Abg. Wagner (Günzburg) betr. von Nordvietnamesen und Vertretern
Abbau von Beförderungsstellen nach, dem der „Befreiungsfront" Südvietnams in die
Zweiten Besoldungsneuregelungsgesetz 1234 D Bundesrepublik 1239 A
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 V

Anlage 34 Anlage 40
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Frage des Abg. Dr. Haack betr. Ausdeh- Fragen des Abg. Wienand betr. Presse-
nung der für Beamte im Ruhestand gel- meldungen über ein Angebot von 60 000
tenden Beihilfevorschriften auf Arbeiter Arzneimitteln — Einführung einer amt-
und Angestellte . . . . . . . . . 1239 B lichen Arzneimittelkontrolle 1241 B

Anlage 35 Anlage 41
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Fragen des Abg. Dr. Müller-Emmert betr. Frage des Abg. Dr. Haack betr. Freigabe
Aktivierung der innerdeutschen Sport- der Autobahnausfahrt Alfeld 1242 A
beziehungen 1239 D

Anlage 36 Anlage 42
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Frage des Abg. Dr. Becker (Mönchen- Fragen des Abg. Biechele betr. Bau einer
gladbach) betr. Einstufung geschiedener Brücke über den Überlinger See . . . . 1242 A
und lediger Frauen mit Kindern in die
Steuerklasse II 1240 A Anlage 43

Anlage 37 Schriftliche Antwort auf die Schriftliche


Frage des Abg. Dasch betr. Ausbau der
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen B 15 1242 B
Fragen des Abg. Dr. Schwörer betr. Ko-
ordinierung des Sportstätten- und Woh-
nungsbaus in Sigmaringen . . . . . . 1240 C Anlage 44
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Anlage 38 Frage des Abg. Burger betr. Beeinträchti-
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche der Ausstrahlung des Fernsehsenders
Frage des Abg. Burger betr. Erhöhung Feldberg (Schwarzwald) durch militäri-
der Rahmenbeträge für das Pflegegeld in sche Bauten 1242 D
der gesetzlichen Unfallversicherung . . 1240 D
Anlage 45
Anlage 39 Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Fragen des Abg. Weigl betr. Bereitstel-
Fragen des Abg. Hussing betr. Soldaten-, lung von Mitteln für kulturelle Maßnah-
Offizier- und Unteroffizierheime . . . 1241 A men in Bayern 1243 A
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1191

28. Sitzung

Bonn, den 30. Januar 1970

Stenographischer Bericht antworte, um nachher die anderen Fragen um so


kürzer beantworten zu können.
Beginn: 9.00 Uhr
Vizepräsident Frau Funcke: Bitte schön!
Vizepräsident Frau Funcke: Die Sitzung ist
eröffnet. Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll
Präsident, mit dem Eintreffen der ersten sicheren
die heutige Tagesordnung ergänzt werden um die-
Nachrichten von dem Ende der bewaffneten Ausein-
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- andersetzungen in Nigeria wurde der deutsche Bot-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines schafter in Lagos unverzüglich, nämlich am 12. Ja-
Gesetzes über den Volksentscheid im Gebiets- nuar 1970, fernschriftlich angewiesen, der nigeriani-
teil Baden des Landes Baden-Württemberg schen Regierung die deutsche Bereitschaft zur huma-
gemäß Artikel 29 Abs. 3 des Grundgesetzes nitären Hilfe sowie unsere Bitte zu übermitteln, daß
— Drucksachen VI/211, VI/303 —. die nigerianische Regierung den humanitären Hilfs-
organisationen eine möglichst bruchlose Weiter-
Das Haus ist damit einverstanden? — Die Erwei-
führung der Hilfe für die notleidende Zivilbevölke-
terung der Tagesordnung ist damit beschlossen. Ich
rung ermöglichen möge. Am 14. Januar wurde der
schlage vor, den Punkt nach der Beratung des Punk-
nigerianische Botschafter in Bonn vom Bundesmini-
tes 19 der Tagesordnung aufzurufen, weil er im Zu-
ster des Auswärtigen und vom Bundesminister für
sammenhang mit Angelegenheiten des Innenressorts
wirtschaftliche Zusammenarbeit empfangen, um
steht. — Sie sind damit einverstanden.
Hilfsmaßnahmen für die notleidende Bevölkerung in
Wir kommen dann zu Punkt 1 der Tagesordnung: Ostnigeria zu besprechen. Am 15. und 16. Januar
führte das Bundesministerium des Innern die erfor-
Fragestunde — Drucksachen VI/273, VI/302.— derlichen Besprechungen über Soforthilfe mit den
Für den Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts deutschen Hilfsorganisationen. Am 20. Januar wurde
ist Herr Staatssekretär Professor Dahrendorf an- ein Sonderbeauftragter der Bundesregierung nach
wesend. Wir rufen zunächst die normal eingebrach- Lagos entsandt, am 22. Januar reiste eine Experten-
ten Fragen auf und im Anschluß daran die Dring- gruppe des Bundesministeriums für Wirtschaft, des
lichkeitsfragen gemäß Drucksache VI/302. Bundesministeriums für Verkehr und des Bundes-
ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
Ich rufe die Frage 98 des Herrn Abgeordneten nach Lagos, um zusammen mit der nigerianischen
Breidbach auf. Ist Herr Abgeordneter Breidbach im Regierung die Möglichkeiten für eine rasche Wieder-
Saal? — Das ist nicht der Fall. Die Frage wird aufbauhilfe zu prüfen. Die ersten Feststellungen der
schriftlich beantwortet. Bundesregierung über die Hilfsbedürfnisse ergaben,
daß in Depots in der Nähe der Notgebiete Lebens-
Ich rufe die Frage 99 des Abgeordneten Kiep auf: mittel und andere Hilfsgüter noch für einige Wochen
Ist es möglich, daß die Bundesregierung, wenn schon nicht für vorhanden waren, daß aber ein dringender Bedarf an
den Normalfall, mindestens für kurzfristige humanitäre Hi lfs Transportmitteln bestand.
maßnahmen ihre prinzipiellen Schwierigkeiten in den Abgren-
zungen der Kompetenzen zeitweilig überbrückt?
Obwohl die nigerianische Regierung bis dahin
Herr Kiep ist im Saal. Bitte schön, Herr Staats- alle Anträge ausländischer Regierungen zum Einsatz
sekretär! von Militärflugzeugen zum Transport von Hilfs-
gütern nach Lagos oder in die Notgebiete abgelehnt
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- hatte, wurde die deutsche Botschaft gemäß einer
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau Prä- Bereitschaft des Bundesverteidigungsministeriums
sident, es liegen insgesamt, wenn ich es recht sehe, dennoch am 21. Januar fernschriftlich angewiesen,
sieben Fragen zum gleichen Themenbereich vor. Ich die Voraussetzungen für den Transport von Hilfs-
habe nicht die Absicht, zu bitten, daß ich eine zusam- gütern und Transportmitteln mit Flugzeugen der
menfassende Beantwortung geben darf, möchte Sie Bundesluftwaffe nach Lagos zu klären und zugleich
aber bitten, Nachsicht zu üben, wenn ich im Zusam- vorsorglich sicherzustellen, daß die deutschen Hilfs-
menhang mit der ersten Frage etwas ausführlicher sendungen aus dem Nachbarland Dahomé nach
1192 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
N i ger i a hineingelassen werden, falls die Lande- — wie das Auswärtige Amt zu den Fragen der aus-
genehmigung für Lagos nicht erteilt werden würde. wärtigen Politik — in diesem Zusammenhang ihren
Entsprechende fernschriftliche Anweisungen erhielt Rat geben.
auch die deutsche Botschaft in Cotonou.
In den Besprechungen mit der nigerianischen Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
Regierung gelang es nach anfänglichen Schwierig- satzfrage des Herrn Abgeordneten Kiep.
keiten, die erforderliche Genehmigung zum Luft-
transport nach Lagos zu erhalten unter der Bedin- Kiep (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, glauben
gung, daß jeder Anschein eines militärischen Ein- Sie nicht, daß die Intervention des Kollegen Wisch-
satzes der deutschen Flugzeuge vermieden werde. newski aus dem Ausschuß heraus beim Bundeskanz-
Daraufhin wurden am 27., 28. und 29. Januar ler dazu beigetragen hat, daß sich Auswärtiges Amt
10 Lastkraftwagen auf dem Luftwege nach Nigeria und Innenministerium in der Frage des Flugtrans-
gebracht. Ferner wurden 11,5 t Medikamente, 1 Hub- ports sehr schnell einig geworden sind?
schrauber mit Gerätewagen, 2 Gabelstapler, Kraft-
fahrzeugersatzteile und Werkzeuge sowie 175 Bal- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekretär
len Decken nach Lagos geflogen. beim Bundesminister des Auswärtigen: Auswärtiges
Zur weiteren Bereitstellung von Transportraum Amt und Innenministerium werden sich in allen Fra-
hat die Bundesregierung zu dem bereits vor einem gen sehr schnell einig. Ich bin allerdings der Mei-
halben Jahr in Dienst gestellten Frachter „Pluto" ein nung, daß die Interventionen vieler Kollegen aus
zweites deutsches Schiff, die „Priamos", gechartert, dem Hause in der Sachfrage dazu beigetragen haben,
die .am 24. Januar mit einer Ladung von 6 Lastkraft- daß auch nach außen sichtbar wurde, daß die Bun-
wagen, 500 t hochwertigen Lebensmitteln und einer desregierung ihre Hilfe in Nigeria entschieden und
fahrbaren Kfz-Werkstatt Cuxhaven verlassen hat. rasch leisten will.
Die „Priamos" wird voraussichtlich am 11. Februar
in Lagos eintreffen und soll von dort sofort nach Port Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
Harcourt in unmittelbare Nähe des Notgebietes des Herrn Abgeordneten Josten.
weiterfahren.
Ich habe diese Antwort gegeben, um zugleich zu Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, darf ich
dokumentieren, was die Bundesregierung getan hat Sie fragen, nachdem in vielen Zeitungen und Zeit-
und daß es , an Koordination nicht gemangelt hat. schriften und auch im Rahmen eines Sonderberichts
Ich komme präzise zu der Frage 99. Herr Kollege am letzten Sonntagabend vom Ersten Deutschen
I Kiep, die Bundesregierung hat mit großem Ver- Fernsehen Bilder gezeigt wurden, welche die trost-
ständnis für die Nuancen und die Ironie Ihrer Frage lose Lage besonders der Kinder im ehemaligen
diese geprüft und wäre Ihnen angesichts der vor- Kampfgebiet von Biafra darstellten, warum das Aus-
züglichen Formulierung gern wenigstens einen wärtige Amt und das Innenministerium die humani-
Schritt entgegengekommen. Ich muß ,aber feststellen, täre Hilfe in so schleppender Form in die Wege ge-
daß weder für den Normalfall noch für kurzfristige leitet haben, wie die Mitglieder des Ausschusses Für
humanitäre Hilfsmaßnahmen die Notwendigkeit wirtschaftliche Zusammenarbeit bei einer Sitzung
besteht, prinzipielle Schwierigkeiten zwischen den feststellen konnten, auf die vorhin der Kollege Kiep
Ressorts zu überbrücken. hingewiesen hat.
(Zustimmung bei der SPD.)
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Kollege, ich glaube nicht, daß es richtig ist, von
des Herrn Abgeordneten Kiep.
einer schleppenden Hilfeleistung zu sprechen. Ich
habe soeben , einleitend noch einmal die ganze Ab-
Kiep (CDU/CSU) : Ohne daß ich hier die Behaup- folge der Daten dargestellt. Am 14. Januar ist die
tung aufstellen möchte, Herr Staatssekretär, daß die Kapitulation der Ostregion deutlich , geworden.
Schwierigkeiten prinzipieller Natur sind, darf ich Sie Heute haben wir den 30. Januar. In der Zwischen-
doch an die Sitzung des Ausschusses in der vorigen zeit ist vieles geschehen. Sie können mich darauf
Woche erinnern und Sie fragen, ob Sie nicht doch aufmerksam machen, ,daß an jedem Tag — leider —
der Meinung sind, daß die Diskussion im Ausschuß, viele Menschen und auch viele Kinder in dem
und zwar die Beiträge aller Fraktionen, dazu beige- Kampfgebiet sterben. Aber wir konnten unsere
tragen hat, das gewisse Zögern zwischen den Res- Hilfe nur leisten, wenn ,sichergestellt war, daß diese
sorts zu überwinden und zu einem gemeinsamen Hilfe in Nigeria auch ankommt. Das, was Sie als
Handeln zu führen. schleppend empfinden, ist tatsächlich der Versuch,
konkret , die Landegenehmigungen für deutsche
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Flugzeuge in Lagos zu bekommen. Dieser Versuch
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Das ge- mußte unternommen werden; er war nicht ganz
meinsame Handeln der Ressorts hat von Anfang an einfach. Wir konnten unsere Hilfe also erst leisten,
stattgefunden. Die verschiedenen Ressorts tragen in als diese Landegenehmigungen da waren. Wir
unterschiedlicher Weise zu derselben Aufgabe bei, hätten vom Technischen her unsere Hilfe einige
d. h. einzelne Ressorts tragen im wesentlichen in Tage früher leisten können. Aber dem standen not-
technischer Weise dazu bei, andere dadurch, daß sie wendige Verhandlungen im Wege, die zu Ende ge-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1193
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
führt werden mußten; denn es konnte niemandem Formen bürokratischer Hemmnisse unsere Hilfe
von uns daran gelegen sein, Flugzeuge nach nicht zurückhalten.
Nigeria zu schicken, die dann nicht landen dürfen (Abg. Wehner: Sie können die ganze Welt
und wieder umkehren müssen. regieren!)
— Herr Wehner, ich denke, das ist doch eine hilf-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage reiche Frage gewesen, oder nicht?
des Herrn Abgeordneten Breidbach.
(Abg. Wehner: Natürlich, alles, was Sie
Breidbach (CDU/CSU) : Herr Parlamentarischer tun, ist hilfreich!)
Staatssekretär, ist Ihnen nicht bekannt, daß im Aus-
schuß darüber Auskunft gegeben wurde, daß z. B. Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
das Innenministerium nicht davon unterrichtet war, tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Wir
daß eine Delegation des Außenministeriums nach haben sehr wenige Möglichkeiten, darauf hinzuwir-
Nigeria fliegen würde bzw., daß die Vertreter des ken, Herr Kollege. Ich habe mich bemüht, in einer
Innenministeriums im zuständigen Ausschuß selber Reihe von Fragestunden in diesem Hause deutlich
ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck gebracht zu machen, daß die Bundesregierung vor allem
haben, daß sie als die Durchführenden der tech- an der Wirksamkeit ihrer Hilfe interessiert ist. Wir
nischen Hilfe an einer solchen Delegation nicht be- sind daher bereit, die Lastwagen weiß zu streichen,
teiligt sind? wenn sie auf diese Weise schneller hinkommen.
(Abg. Wehner: Sehr gut!)
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Nein,
das ist mir nicht bekannt, da ich insbesondere weiß, Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
daß das, was Sie jetzt darstellen, für den Herrn des Herrn Abgeordneten Wienand.
Innenminister nicht gilt, da dieser nicht nur die
Vorgänge hier im Parlament aufmerksam verfolgt, Wienand (SPD) : Ist die Bundesregierung bereit,
sondern wir auch ständig direkte Gespräche in einmal in absehbarer Zeit, um Legendenbildungen
dieser Frage geführt haben. vorzubeugen, einen Überblick über das zu geben,
(Beifall bei der SPD.) was sie wirklich getan und veranlaßt hat, damit
nicht der Eindruck vertieft wird, als hätte die Bun-
desregierung hier primitivste Vorsorgegrundsätze
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage gegenüber anderen vernachlässigt?
des Herrn Abgeordneten Brück.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Brück (SPD) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen be-
kannt, daß diese Delegation die Aufgabe hat, zu Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
überprüfen, welche Projekte der Entwicklungshilfe tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja, Herr
infolge des Krieges in Angriff genommen werden Kollege.
sollen?
(Abg. Breidbach meldet sich zu einer
Zusatzfrage.)
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Sie
meinen die Delegation, die jetzt nach Nigeria ge- Vizepräsident Frau Funcke: Sie haben bereits
fahren ist, um technische Fragen längerfristiger Art eine Zusatzfrage gestellt. Sie haben Gelegenheit, bei
zu prüfen. Das ist mir bekannt. Ich kann im übrigen den nächsten Fragen, die sich ja alle auf die gleiche
sagen, daß, wenn der Herr Bundesinnenminister Materie beziehen, noch einmal zu fragen. — Bitte
jemanden nach Nigeria schicken möchte, der dort schön, eine Zusatzfrage des Herrn Abgeordneten
die technische Abwicklung der Hilfsmaßnahmen Mattick.
überprüfen soll, das selbstverständlich heute ge-
schehen kann. Da gibt es keinerlei Schwierigkeiten. Mattick (SPD) : Herr Staatssekretär, wäre die
Bundesregierung bereit, in dieser Darstellung auch
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage einmal die Grenzen der Möglichkeiten der Regie-
des Herrn Abgeordneten Dr. Marx. rung aufzuzeigen, darzustellen, wo ihre Macht auf-
hört?
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Dr. Marx (Kaiserslautern) (CDU/CSU) : Herr
Staatssekretär, da Sie mitgeteilt haben, es seien
eine Reihe von Lastkraftwagen unterwegs, und da Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
das Zweite Deutsche Fernsehen gestern abend eine tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja, Herr
recht traurige Miteilung gemacht hat, daß nämlich Kollege, obwohl ich meine, daß aus den Antworten,
z. B. 50 amerikanische Jeeps seit Tagen dort stehen die ich hier zu geben versucht habe, sowohl deut-
und nicht befördert werden, weil sie grün gestrichen lich geworden ist, daß die Bundesregierung vom
sind und die nigerianische Regierung verlangt, sie ersten Tag an tätig war, als auch, daß sich die Bun-
müßten weiß gestrichen sein, frage ich, ob Sie die desregierung dabei der Tatsache wohl bewußt war,
Möglichkeit haben, darauf hinzuwirken, daß solche daß sie die Regierung der Bundesrepublik Deutsch-
1194 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf


land und nicht die Regierung des souveränen Staa- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tes Nigeria ist. tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich habe
(Beifall bei den Regierungsparteien.) aus den Fragen, die von Ihnen und vielen anderen
Kollegen gestellt worden sind, die Besorgnis darüber
gehört, daß in einem Teil der Welt Menschen in Not
Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere sind und sterben. Ich hoffe, ich habe zugleich deut-
Zusatzfrage. lich gemacht, daß die Bundesregierung diese Sorge
Ich rufe die Frage 100 des Herrn Abgeordneten in vollem Umfang teilt und dementsprechend vom
Kiep auf: ersten Tage an gehandelt hat.

Wann ist damit zu rechnen, daß sich das Bundesinnenministe-


(Beifall bei den Regierungsparteien.)
rium und das Auswärtige Amt über den vom Bundesverteidi-
gungsministerium angebotenen Lufttransport dringend benötigter
Kraftfahrzeuge einigen? Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
frage.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Ich rufe die Frage 101 des Herrn Abgeordneten
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Zur Frage Josten auf:
100 ist zu sagen, daß sie zumindest zum Teil dadurch
überholt ist, daß der Lufttransport der benötigten Zu welchem Zeitpunkt hat die Bundesregierung begonnen,
Hilfsmaßnahmen für Biafra zu koordinieren?
Kraftfahrzeuge bereits durchgeführt ist. Zum ande-
ren Teil habe ich diese Frage in meinen einleiten- Bitte schön, Herr Staatssekretär!
den Bemerkungen beantwortet.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
- tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Kiep. Präsidentin, die Bundesregierung hat seit Bekannt-
werden der Not in der Ostregion Nigerias im Som-
mer 1968 die nach dortigen Verhältnissen mögliche
Kiep (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, wie be- Hilfe geleistet. Seit diesem Zeitpunkt werden auch
urteilen Sie die Anregungen, die in den letzten die deutschen Hilfsmaßnahmen koordiniert, und
Tagen in der Presse gegeben worden sind und in zwar sowohl zwischen den in Frage kommenden
denen vorgeschlagen wird, an die Bevölkerung der Bundesministerien als auch mit den nichtstaatlichen
Kriegsgebiete eine Geldauszahlung irgendeiner Hilfsorganisationen. Diese Koordinierung ist auch
Art in einer gewissen Höhe vorzunehmen, um dort jetzt laufend fortgesetzt worden.
ein primitives wirtschaftliches Leben wieder in Gang
zu bringen, und würden Sie eine Beteiligung der Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
Bundesregierung an einer solchen Aktion für denk- des Herrn Abgeordneten Josten.
bar oder für wünschenswert halten?
Josten (CDU/CSU) : Frau Präsidentin, darf ich
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- darauf hinweisen, daß der Herr Staatssekretär jetzt
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich bin die Frage 101 von Herrn Dr. Wulff beantwortet hat,
im Augenblick überfragt, wenn Sie von mir eine zu der ich natürlich keine Zusatzfrage stellen darf.
definitive Antwort darauf haben wollen, ob es sinn-
voll ist, durch eine Auszahlung von Geld an die Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Bewohner der betroffenen Gebiete die wirtschaft tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich bin
liche Entwicklung in Gang zu bringen. Sicher besteht gebeten worden, die Frage 101 zu beantworten.
unser längerfristiges Interesse daran, dem Staat
Nigeria zu helfen, um die wirtschaftliche Entwick- Vizepräsident Frau Funcke: Ich bitte um Ent-
lung auch in den betroffenen Gebieten zu fördern. schuldigung; das war eine Verwechslung. Frage 101
Im ganzen aber scheint sich immer stärker abzu- war von Herrn Dr. Wulff gestellt. Ist er im Saale? —
zeichnen, daß Hilfsmaßnahmen in Form von Geld, Das ist nicht der Fall. Dann wird die Frage schrift-
das zur Verfügung steht, wahrscheinlich besonders lich beantwortet.
wirksam sind.
Dann kommen wir zu der Frage 102 des Herrn
Abgeordneten Josten:
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
Wird die Bundesregierung für die Planung von zukünftigen
Kiep, Ihre letzte Frage stand nicht mehr in unmittel- Hilfeleistungen in Biafra und, falls solche unverzüglich not-
barem Zusammenhang mit den Kraftfahrzeugen. Ich wendig sind, auch in anderen Krisengebieten eine Planungs-
gruppe einrichten?
bitte, das bei der weiteren Zusatzfrage zu beachten.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Kiep (CDU/CSU): Darf ich nur eine Schlußfrage tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
stellen. Herr Staatssekretär, darf ich mich der Hoff- Präsidentin! die Bundesregierung hatte eine beson-
nung hingeben, daß Sie meine jeztigen und früheren dere Planungsgruppe für humanitäre Hilfe und
Fragen zu diesem Bereich nicht als Beitrag zum Katastrophenhilfe im Ausland weder eingerichtet
Aufbau einer Legendenbildung betrachtet haben, noch vorgesehen, weil diese Aufgaben von den be-
sondern als einen Versuch, in der Sache etwas bei- teiligten Ressorts im Rahmen ihrer fachlichen Auf-
zutragen? gaben wahrgenommen werden. Diese Hilfen werden
(Beifall bei der CDU/CSU.) durch eine enge Abstimmung zwischen den verschie-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1195
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
denen Bundesministerien und mit den nichtstaat- Planungsgruppe nach Ihrer Auffassung nicht notwen-
lichen Hilfsorganisationen koordiniert. Dieses Ver- dig sei, bitte ich Sie, hier einmal darzulegen, wie
fahren hat sich bei zahlreichen Krisen und Katastro- eigentlich die Kompetenzregelung ist, um dann unter
phenfällen im Ausland, wie sie bedauerlicherweise Umständen erneut überprüfen zu können, ob Sie
immer wieder eintreten, bewährt. Darüber hinaus bei Ihrer Aussage bleiben, dies insbesondere im
glaubt die Bundesregierung nicht, daß die Einrich- Hinblick auf die vielen Kompetenzschwierigkeiten,
tung einer besonderen Planungsgruppe hier eine die es offensichtlich nach den Aussagen, die wir im
sinnvolle Erweiterung des Verwaltungsapparats Ausschuß erleben mußten, doch gibt.
wäre.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr Kol-
des Herrn Abgeordneten Josten. lege, ich habe darzulegen versucht, daß diese Kom-
petenzschwierigkeiten nicht bestehen. Es gibt unter-
Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, werden schiedliche Aufgaben der verschiedenen Ressorts.
die Erfahrungen aus bisherigen Hilfsmaßnahmen bei Die Koordination mit , den nichtstaatlichen Hilfs-
besonderen Katastrophen in Ihrem Hause oder in organisationen liegt beim Innenministerium. Be-
welchem anderen Ministerium ausgewertet, damit es stimmte technische Aufgaben im Zusammenhang mit
künftig noch schneller als bisher möglich ist, in der Hilfeleistung liegen beim Innenministerium; sie
Krisengebieten zu helfen? können auch, wie in dem soeben geschilderten Fall,
beim Verteidigungsministerium liegen. Die Frage,
unter welchen besonderen Bedingungen Hilfeleistun-
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- -
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Diese Er- gen i n einzelnen Ländern möglich sind, kann nur im
fahrungen werden im Auswärtigen Amt und in ande- Auswärtigen Amt geprüft werden. Aber da die
ren Häusern ausgewertet. Sie werden, wie ich weiß, Ministerien miteinander reden, und zwar ständig
auch in Ausschüssen dieses Hohen Hauses erörtert. miteinander reden, und da sich die Beteiligten ken-
Die Ausschußsitzung, auf die vorhin Bezug genom- nen, ist die Koordination in der Tat kein Problem.
men worden ist, war ja eine Sitzung, in der als Das einzige, was ich im Hinblick auf Ihre Fragen
Tagesordnungspunkt genau eine solche Frage be- sagen würde, ist, daß ,es sicher in manchen Fällen
raten werden sollte, nämlich die deutschen Hilfs sinnvoll ist, auch öffentlich sichtbar zu machen,
maßnahmen in Tunesien. Hier sollte durch eine wo möglicherweise ein einzelner als Anlaufstelle
solche Auswertung geprüft werden, in welcher Form für Hilfsmaßnahmen nach draußen wie in der
die Koordination sinnvollerweise geschieht. Das ist Koordination namhaft gemacht werden kann. Das ist
ein Beispiel für Erfolgskontrolle, wenn sie so wollen. aber etwas anderes als eine Planungsgruppe, die
mir in diesem Fall eine unnötige Aufblähung des
Verwaltungsapparats zu sein schiene.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage.

Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, nach- Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
der Frau Abgeordneten Dr. Wolf.
dem Sie das Beispiel Tunesien nannten, frage ich
Sie: Ist Ihnen bekannt, daß z. B. die Hilfe der Bun-
desrepublik in Tunesien deshalb besonders wir- Frau Dr. Wolf (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
kungsvoll war, weil die Luftwaffe Einsätze i n den Ihnen ist wahrscheinlich schon aus Ihrer Tätig-
betroffenen Gebieten Tunesiens flog und sich hierzu keit bekannt, daß Koordinierung zu den Schwierig-
einen eigenen Lufttransportstütztpunkt in der Nähe keiten der deutschen Verwaltung gehört. Ich möchte
von Tunis angelegt hatte, und halten Sie es daher gern wissen, ob Sie daran denken, eines dieser von
nicht für zweckmäßig, daß alle diese Erfahrungen Ihnen genannten Ministerien für ,den Einzelfall oder
bei einer Planungsgruppe oder gegebenenfalls in für die Dauer als federführend zu bezeichnen.
einer Abteilung Ihres Ministeriums gesammelt wer-
den? Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister , des Auswärtigen: Es gibt
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Regelungen, wann und wie solche Hilfsmaßnahmen
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: All diese geleistet werden. Nach diesen Regelungen, die
Erfahrungen werden gesammelt. Aber das Beispiel, gegenwärtig gelten, ist die Zuteilung der Fragen
das Sie geben, zeigt im Vergleich mit der jetzt für die heutige Fragestunde erfolgt.
aktuellen Frage in Nigeria, daß sich die Erfahrungen
des einen Landes nicht ohne weiteres auf das andere Vizepräsident Frau Funcke: Keine weiteren
übertragen lassen; denn in Nigeria bestand eines Zusatzfragen. Wir kommen zu der Frage 138 des
der Probleme gerade darin, daß die Luftwaffe als Herrn Abgeordneten Werner:
solche hier nicht tätig werden konnte. Ist es richtig, daß die nigerianische Regierung durch eine
Anzahl oft sehr hinderlicher und in dieser Situation schwer ver-
ständlicher formaler Einwände den Fluß unserer Hilfsmaßnahmen
verzögert und Menschenleben dadurch gefährdet werden?
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Breidbach. Bitte, Herr Staatssekretär!

Breidbach (CDU/CSU) : Herr Parlamentarischer Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-


Staatssekretär, nachdem Sie erklärt haben, daß eine tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Der
1196 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
nigerianischen Regierung sind für die schnelle Ver- Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
sorgung der Bevölkerung Ostnigerias von vielen des Herrn Abgeordneten Breidbach.
Seiten Hilfsangebote unterbreitet woren. Nach den
der Bundesregierung vorliegenden Nachrichten 'ist Breidbach (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
die nigerianische Regierung intensiv bemüht, die nachdem hier wiederholt die Aktivitäten der Bun-
Verhältnisse in der Ostregion möglichst rasch zu desregierung aufgezählt worden sind, möchte ich
normalisieren, die notleidende Bevölkerung mit Sie fragen, ob Sie bzw. Ihr Ministerium die Anre-
Lebensmitteln und anderen dringenden Bedarfs- gung der Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfrak-
gütern zu versorgen und auch das Vertrauen tion im Ausschuß für Entwicklungshilfe berücksichti-
in .der Bevölkerung zurückzugewinnen. Es scheint gen wird, jetzt endlich einen umfassenden Über-
allerdings zuzutreffen, daß die Durchführung blick über die Tätigkeiten der Bundesregierung bzw.
der Hilfsmaßnahmen hin und wieder auf organi- über das, was zukünftig noch geplant ist, zu geben,
satorische Schwierigkeiten stößt, die sich nicht damit es nicht zu der Legendenbildung kommt, von
immer sofort beheben lassen. Nach den der der Herr Wienand hier vorhin gesprochen hat.
Bundesregierung vorliegenden Berichten kann aber
nicht davon .gesprochen werden, daß die nigeria- (Abg. Wehner: Das war ein Spätzünder!)
nische Regierung den Fluß der Hilfsmaßnahmen
durch formale, bürokratische Hindernisse er- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
schweren würde. tär beim Bundesminister des Auswärtigen: In der
Antwort auf die Frage des Herrn Kollegen Wienand
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz- habe ich dazu ja gesagt. Ich würde dem allerdings
frage. - hinzufügen wollen, Herr Kollege, daß wir uns im
Augenblick intensiver mit den Hilfeleistungen selbst
Wir schieben jetzt , die Dringlichkeitsfragen auf als mit der Herstellung umfassender Berichte be-
Drucksache VI/302 ein, weil , sie mit den soeben ge- schäftigen werden.
stellten Fragen in einem Sachzusammenhang stehen.
Ich rufe die Frage 1 , des Abgeordneten Ernesti auf: (Beifall bei der SPD. — Unruhe bei der
CDU/CSU.)
Sind humanitäre Transportflüge der Bundesluftwaffe von Lagos
aus in Katastrophengebiete im Innern des Landes Nigeria zuge-
sagt worden?
Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
Zusatzfrage.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Zur Ich rufe die zweite Dringlichkeitsfrage des Herrn
Frage 1 ist die Antwort nein. Der deutsche Verbin- Abgeordneten Ernesti auf:
dungsoffizier in Lagos, der der Botschaft zugeteilt Welche Vorsorge hat die Bundesregierung getroffen, um den
Soldaten der Luftwaffe, die ihren Dienst in Nigeria in Zivil aus-
ist, wurde vom Bundesminister der Verteidigung je- üben, ausreichenden Schutz durch nigerianische Stellen bei even-
doch ermächtigt, zwei Transall-Maschinen in Lagos tuellen Übergriffen zu gewährleisten?
zurückzuhalten, um sie für Flüge ins Innere des Lan- Bitte, Herr Staatssekretär.
des einzusetzen, wenn die Genehmigung erteilt ist
und die Situation es erlaubt.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Die Sol-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage daten der Bundesluftwaffe, die in Zivil und mit
des Herrn Abgeordneten Ernesti. Reisepässen nach Lagos geflogen sind, genießen den
Schutz, den jeder deutsche Staatsangehörige im Aus
Ernesti (CDU/CSU) : Gegenwärtig, Herr Staats- lang genießt. Darüber hinaus hat die deutsche Bot-
sekretär, liegen Ihnen noch keine Nachrichten vor, schaft in Besprechungen mit der nigerianischen Re-
daß solche Flüge in das Innere des Landes vorgese- gierung noch ausdrücklich um den Schutz der Solda-
hen sind? ten, welche mit ihren Flugzeugen nach Lagos ge-
flogen sind, gebeten. Die Botschaft hat berichtet,
daß darüber hinausgehende Sonderausweise oder
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- ein gesonderter Rechtsstatus für ausländisches Hilfs-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Nein.
peronal von der nigerianischen Regierung üblicher-
weise nicht gewährt wird.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Josten. Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Ernesti.
Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist
Ihnen bekannt, ob der Afrika-Referent des Auswär- Ernesti (CDU/CSU) : Sollten solche Flüge in das
tigen Amts, Herr Graf von Posadowsky-Wehner, Innere des Landes gewünscht werden, Herr Staats-
sich um die Erlaubnis für humanitäre Transportflüge sekretär, welcher völkerrechtliche Schutz wird dann
von Lagos in die Ostregion bemüht? diesen deutschen Soldaten dort gewährt?

Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-


tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja, das tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Meine
ist mir bekannt; er bemüht sich um diese Erlaubnis. Antwort trifft auch auf solche Flüge ins Innere des
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1197
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
Landes zu, Deshalb habe ich vorhin bei der Beant- Herrn Dr. Rauch in irgendeinem Zusammenhang mit
wortung Ihrer ersten Dringlichkeitsfrage darauf hin- angeblichen Schwierigkeiten in der Berliner Regie-
gewiesen, daß nicht nur die Landegenehmigungen, rungskoalition steht.
sondern auch die Situation es erlauben müssen, daß
solche Flüge stattfinden. Das heißt, wir müssen Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
natürlich sicher sein, daß diese Mannschaften unse- des Herrn Abgeordneten Wohlrabe.
rer Flugzeuge nicht einer besonderen Gefährdung
ausgesetzt sind. Wohlrabe (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, kön-
nen Sie mir dann erklären, wie es dazu kommt, daß
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage der Minister des Auswärtigen — laut Aussage in
des Herrn Abgeordneten Brück. der Berliner Presse — dem Vorsitzenden der FDP
in Berlin zugesagt hat, gerade auf Grund der hier
Brück (SPD) : Herr Staatssekretär, ist es nicht so, genannten Schwierigkeiten Herrn Dr. Rauch jetzt
daß die deutschen Soldaten dann, wenn sie fliegen, in den Auswärtigen Dienst zurückzuberufen?
praktisch im Auftrage des nigerianischen Roten
Kreuzes fliegen? Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Kollege, ich bin ganz sicher, daß die Bemerkung
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja. „auf Grund irgendwelcher Schwierigkeiten" —
wenn es eine Zusage gegeben hat — nicht aufge-
taucht ist.
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
frage.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
Ich rufe die Frage 132 auf. des Herrn Abgeordneten Sieglerschmidt.
Weiß die Bundesregierung, wann der vom koreanischen Ge-
heimdienst aus Frankfurt entführte Physiker Chung Kyu Myung Sieglerschmidt (SPD) : Herr Staatssekretär, stim-
wieder in die Bundesrepublik Deutschland zurückkehren wird?
men Sie mir darin zu, daß der verstorbene Bundes-
Sie wird auf Bitte des Fragestellers schriftlich be- kanzler Adenauer in einer Reihe von Fällen Be-
antwortet. Die Antwort des Parlamentarischen setzungen im Diplomatischen Dienst der Bundes-
Staatssekretärs Dr. Dahrendorf vom 29. Januar 1970 republik vorgenommen hat, die mit Sacherwägungen
lautet: des Diplomatischen Dienstes nichts zu tun hatten
Die zwischen Sonderbotschafter Dr. Frank und der koreani- und daß in diesen Fällen die Antragsteller nicht
schen Regierung im Januar 1969 getroffenen Absprachen sind Karrierebeamte des Diplomatischen Dienstes waren
vertraulicher Natur und können nicht öffentlich bekanntgegeben
werden. Die gegen Herrn Chung Kyu Myung rechtskräftig ver- und daß die gestellten Fragen deshalb insofern in
hängte Todesstrafe wurde am 15. August 1969 im Rahmen einer
Amnestie in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt. einem etwas seltsamen Licht erscheinen?
Damit ist der Tag, an dem Herr Chung nach Deutschland zu-
rückkehren kann, ein großes Stück nähergerückt. (Abg. Niegel: Blachstein!)
Die Fragen 133 und 134 sind von dem Fragesteller
zurückgezogen worden. Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Auch
Ich rufe die Frage 135 des Herrn Abgeordneten wenn ich Ihnen zustimme, muß ich für diese Frage
Wohlrabe auf: darauf bestehen, ,daß es sich hier um einen Karriere-
Treffen Pressemeldungen zu, daß der Leiter des Protokoll- beamten des höheren Auswärtigen Dienstes handelt.
und Auslandsamtes des Senats von Berlin Generalkonsul von
Kalkutta werden soll, um Streitigkeiten in der Berliner Regie-
rungskoalition (SPD, FDP) auszuräumen? Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
Herr Staatssekretär, bitte! frage.
Ich rufe die Frage 136 des Abgeordneten Prinz zu
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Sayn-Wittgenstein-Hohenstein auf:
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau Treffen Meldungen zu, daß der Leiter des Protokollamtes
Präsident, die Antwort ist: nein. Der Leiter des des Senats von Berlin Generalkonsul in Kalkutta werden soll,
obwohl der jetzige Stelleninhaber die übliche Amtszeit in dieser
Protokoll- und Auslandsamts des Senats von Berlin, Stelle noch nicht abgeleistet hat?
der Leitende Senatsrat Dr. Rauch, ist Laufbahnbeam-
ter des höheren Auswärtigen Dienstes. Er trat am Bitte, Herr Staatsekretar!
15. Februar 1954 als Attaché in den Auswärtigen
Dienst ein. Er war in der Folgezeit auf Auslands- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
posten in Tripolis und Bagdad. Im Jahr 1963 verließ tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Herr Dr. Rauch vorübergehend den Auswärtigen Präsident, die Abberufung des derzeitigen Gene-
Dienst, um Protokollchef des Senats von Berlin zu ralkonsuls in Kalkutta wird erwogen, da sich her-
werden, Es ist seit langem sein Wunsch, wieder in ausgestellt hat, daß er gesundheitlich nicht in der
den Auswärtigen Dienst übernommen zu werden. Lage ist, den Posten für die Dauer der üblichen
Schon vor längerer Zeit hat das Auswärtige Amt Amtsperiode auszufüllen.
seine grundsätzliche Bereitschaft gezeigt, Herrn Dr.
Rauch in seinen Geschäftsbereich einzuberufen. Es Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
trifft nicht zu, daß die geplante Einberufung von frage.
1198 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Vizepräsident Frau Funcke


Ich rufe die Frage 137 des Abgeordneten Prinz zu trag Bestimmungen enthält, die die Nichtatom-
Sayn-Wittgenstein-Hohenstein auf: mächte gegenüber jeder Form von atomarer
Gedenkt die Bundesregierung, bei der Besetzung wichtiger
Bedrohung und Erpressung schützen. Solche Be-
Auslandsposten personelle Entscheidungen mit der Ausräumung stimmungen müssen im Vertrag sein.
koalitionspolitischer Schwierigkeiten in Landesregierungen zu
verbinden?
Herr Scheel fuhr dann unter dem Beifall der CDU/
CSU und der FDP fort:
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau Ja, ich gehe noch darüber hinaus: man müßte
Präsident, die mangelnde Tropentauglichkeit des sogar den Versuch unternehmen, mit den ein-
Generalkonsuls in Kalkutta hat sich erst nach zelnen Partnern, und zwar mit den atomar ge-
seinem Dienstantritt in Kalkutta herausgestellt. rüsteten Partnern, zu zusätzlichen Vereinbarun-
gen zu kommen, die eine Anwendung von
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Atomwaffen gegen Nichtatommächte vollkom-
des Herrn Abgeordneten Wohlrabe. men ausschließen.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.)
Wohlrabe (CDU/CSU): Ist dem Auswärtigen Amt
bekannt — ich hatte vor drei Wochen Gelegenheit, Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
den Generalkonsul in Kalkutta zu treffen —, daß tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja, Herr
er sich bei bester Gesundheit befindet? Kollege, diese Bemerkungen sind mir bekannt. Diese
Frage ist in der ausführlichen Diskussion in diesem
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Hause über den NV-Vertrag wieder aufgetaucht. Da-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Dem Aus- bei hat sich herausgestellt, wie es auch die vorige
wärtigen Amt ist genau bekannt, daß er sich leider Bundesregierung in ihren Vorverhandlungen schon
nicht bei bester Gesundheit befindet. feststellen mußte, daß eine Veränderung des Ver-
(Abg. Baier: Er hat die Krankheit der neuen tragstextes selbst nach dem Zeitpunkt, zu dem ein-
Koalition! — Heiterkeit bei der CDU/CSU. zelne Länder bereits ratifiziert hatten, nicht mehr
Abg. Wehner: Sie werden noch die Maul- möglich war. So konnten wir nur mit unserer eige-
sperre kriegen! Das ist auch eine Krank- nen Unterschrift unter den Vertrag die dringende
heit! — Gegenrufe von der CDU/CSU. — Hoffnung verbinden, daß genau das von Herrn
Abg. Wehner: Sie sind doch nicht die Scheel in der von Ihnen zitierten Rede Gesagte, näm-
Schiedsrichter!) lich die Zusicherung, daß die Nuklearmächte ihrer-
seits auf die Drohung mit Gewalt verzichten, im Zu-
sammenhang mit dem Vertrag erneuert wird. Wir
Vizepräsident Frau Funcke: Ich rufe die dringen weiter darauf, und wir sind unverändert
Frage 139 des Herrn Abgeordneten Dr. Schulze-Vor-
der Meinung, daß die eigentlich politische Aufgabe
berg auf:
erst nach der Unterschrift unter den Vertrag beginnt
Welche Bestimmungen im Atomsperrvertrag schützen die und daß sie darin liegt, weltweit zu einem Gewalt-
Nichtkernwaffenstaaten nach Meinung der Bundesregierung vor
jeder Form von atomarer Bedrohung und Erpressung? verzicht zu kommen, der insbesondere auch die
nichtnuklearen Mächte vor Bedrohung durch die
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- nuklearen schützt.
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Präsident, Gegenstand des NV-Vertrages ist nicht Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
der Schutz vor Androhung oder Anwendung von satzfrage des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
Gewalt — das ist im allgemeinen die Funktion von
Nichtangriffsverträgen oder auch Gewaltverzichts- Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-

erklärungen -, sondern die Nichtverbreitung von sekretär, da aus Ihrer Antwort hervorgeht, daß im
Kernwaffen. Der Vertrag enthält daher keine opera- Auswärtigen Amt die Auffassung des Abgeordneten
tiven Bestimmungen der genannten Art. Scheel von damals sehr genau bekannt war, darf ich
Sie fragen: wie erklärt sich die Sinneswandlung des
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Herrn Außenministers, der damals als Abgeord-
des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg. neter eindeutig gefordert hat, daß solche Bestim-
mungen im Vertrag stehen müssen?
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-

sekretär, ist Ihnen bekannt, daß der Herr Abgeord- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
nete Scheel in der 126. Sitzung des Deutschen Bun- tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
destages am 13. Oktober 1967 mit einer deutlichen Kollege, ich glaube, es hat sehr viele in diesem
Kritik gegenüber dem damaligen Bundesaußenmini- Haus gegeben — Sie haben soeben den Beifall Ihrer
eigenen Fraktion zitiert —, die eine gewisse Zeit-
ster Brandt u. a. folgendes sagte:
lang meinten, es sei in unserer Kraft, Veränderun-
Es fehlte mir eine Bemerkung, die den Willen gen des Vertragstextes in bestimmter Hinsicht vor-
und die Entschlossenheit der Bundesregierung zunehmen, und die seither feststellen mußten, daß
ausdrückt, auf die Partner beim Abschluß eines das nicht möglich ist und wir daher zusätzlich zu
solchen Vertrages — und zwar auf die, die ihn dem NV-Vertrag andersgeartete Abmachungen, ins-
konzipiert haben — einzuwirken, daß der Ver- besondere auch die Supermächte bindende Ab-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1199
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf
machungen, brauchen. Eine solche Erfahrung, wie Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
man sie im Gange der Verhandlungen macht, stellt tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
keinen Sinneswandel dar, sondern allenfalls einen Präsident, Herr Kollege, ich bitte Sie zunächst, mir
Wandel in den Mitteln, die man wählt, um die eine Vorbemerkung zu dieser Frage nicht zu ver-
gleichbleibenden Ziele zu erreichen. übeln. Wir haben über diese Fragen sehr gründlich
nachgedacht. Es handelt sich hier um Fragen, bei
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
denen es unter Umständen nicht im Interesse der
Bundesrepublik Deutschland liegt, im einzelnen eine
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage ausführliche öffentliche Diskussion zu führen.
des Herrn Abgeordneten Ott.
(Zustimmung des Abg. Wehner.)
Ich sage das nicht leichten Herzens, weil mein
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, kann ich
diesen Ihren Ausführungen entnehmen, daß der Respekt vor diesem Hohen Hause es für mich
selbstverständlich macht, möglichst gründlich Aus-
Abgeordnete Scheel nicht in der Lage war, die
Situation zu überblicken? kunft zu geben. Ich bitte Sie daher, die verkürzte
Antwort, die ich Ihnen gebe, hinzunehmen.
(Lachen bei den Regierungsparteien.)
Es gibt in diesem Artikel wie auch in anderen
Erklärungen eine Stelle, an der von der Weitergabe
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- von Kernwaffen die Rede ist. Es Ist nicht die Rede
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr davon, was geschieht, wenn Kernwaffen gleichsam
Kollege, das dürfen Sie daraus nicht entnehmen, es geerbt werden, wenn ich es einmal so ausdrücken
sei denn, Sie haben die Absicht, daraus zu entneh-
- darf. Auf diesen gedanklichen Zusammenhang bezo-
men, daß auch die Bundesregierung und das gesamte gen sich die Bemerkungen des Herrn Bundesaußen-
Hohe Haus dazu nicht in der Lage waren. Das wäre ministers.
eine Unterstellung, zu der ich mich nicht hinreißen
lassen würde.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz-
frage.
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-

Ich rufe die Frage 140 des Abgeordneten Schulze- sekretär, bei voller Würdigung Ihrer Bemerkung,
Vorberg auf: daß in bezug auf diesen Vertrag manches nicht in
Kann die Bundesregierung die Übersetzung — und schriftlich aller Öffentlichkeit diskutiert werden kann, möchte
auch den Originaltext — der vom Bundesminister des Auswärti-
gen in der 14. Sitzung am 27. November 1969 erwähnten Rechts- ich doch feststellen, daß der Herr Außenminister
meinung des Herrn Prof. Schostow in der Zeitschrift „Mesh- hier — —
dunarudnaja Schisn" vorlegen, aus der u. a. sich angeblich für
die Bundesregierung die Sicherheit ergibt, daß der Atomsperr-
vertrag eine europäische Option nicht verbietet?
Vizepräsident Frau Funcke: Sie dürfen nicht
feststellen, Sie müssen fragen!
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Frau
Präsident, sowohl der Originaltext als auch eine Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Der Herr
-

vom Sprachendienst des Auswärtigen Amtes her- Außenminister hat hier zitiert. Meine Frage zielte
gestellte deutsche Übersetzung des zitierten Auf- darauf ab, das wörtliche Zitat zu bekommen, das
satzes können vorgelegt werden. Im übrigen ver- der Herr Außenminister vorgetragen hat. Ich bitte
weise ich Sie darauf, daß die fragliche Zeitschrift noch einmal darum. Es handelt sich hier, wie Sie
auch auf englisch in einer gleichsam offiziösen Aus- sagen, um eine Zeitschrift, die sogar in aller Öffent-
gabe erscheint. lichkeit erschienen ist. Welche Schwierigkeit könnte
es geben, diesen Text dem Hohen Hause vorzutra-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage gen?
des Herrn Abgeordneten Schulze-Vorberg.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
sekretär, der Herr Bundesaußenmister hat damals Kollege, ich will Ihnen gern einen Hinweis geben.
Es handelt sich um einen Absatz in diesem Artikel
auf Fragen des Abgeordneten von Guttenberg er-
klärt, daß aus diesem Aufsatz von Professor — ich will ihn aus Gründen der Ausführlichkeit
Schostow hervorgehe, daß der Atomsperrvertrag nicht ganz verlesen —, der mit den Worten be-
eine europäische Option nicht verbiete. Der Herr ginnt: „Der Sinn des Art. 1 ist klar. Die Staaten,
die dem Vertrag beigetreten sind und Kernwaffen
Außenminister hat die Ausführungen des Herrn
besitzen, werden verpflichtet sein, die Weitergabe
Professor Schostow sozusagen als sowjetamtlich dar-
dieser Waffen an Nichtkernwaffenstaaten zu unter-
gestellt und sogar erklärt, weitere Nachforschungen
lassen". Ich möchte Sie auf diese Stelle verweisen.
bei der sowjetischen Regierung seien nicht nötig.
Welche Stelle aus dem Ihnen vorliegenden Aufsatz (Abg. Dr. Schulze-Vorberg: Das ist genau
gibt zu dieser Rechtsmeinung Anlaß? Ich habe sie das Gegenteil dessen, was der Außenmi
nicht gefunden. nister hier gesagt hat!)
1200 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Dahrendorf


— Nein, das ist nicht das Gegenteil dessen. Ich habe dem Herrn Parlamentarischen Staatssekretär Profes-
ja eben auf die Tatsachen hingewiesen, die dem sor Dahrendorf.
Hause in der Diskussion über den NV-Vertrag sehr Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundes-
wohl bewußt war,
ministers für Verkehr und für das Post- und Fern-
(Zustimmung des Abg. Wehner) meldewesen. Anwesend ist der Parlamentarische
daß zwischen Weitergabe und Übernahme in an- Staatssekretär Börner.
derem Zusammenhang ein sehr erheblicher Unter- Ich rufe die Frage 62 des Herrn Abgeordneten
schied besteht. Ich möchte hier nur ungern näher Niegel auf:
darauf eingehen. Ist die Bundesregierung bereit, im Rahmen der von ihr wieder
für dieses Jahr vorgesehenen Verordnung zur Erleichterung des
Ferienreiseverkehrs auf der Straße den Ländern die Möglichkeit
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage einzuräumen, für engbegrenzte Transporte, wie Kirschen und
Erdbeeren, die leicht verderblich sind und als Erntegut mengen-
des Herrn Abgeordneten Wienand. mäßig wegen der unbestimmten Witterung nicht auf die ein-
zelnen Werktage verteilt werden können, Ausnahmegenehmigun-
gen für die Beförderung auf der Bundesautobahn zu erteilen?
Wienand (SPD) : Herr Staatssekretär, sieht sich
die Bundesregierung, da hier offensichtlich ein In- Bitte schön, Herr Staatssekretär!
formationsdefizit vorhanden ist, in der Lage, noch
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
einmal darauf hinzuweisen, daß der Verteidigungs- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
ausschuß und der Auswärtige Ausschuß eigens ein- Fernmeldewesen: Frau Präsidentin, die Antwort lau-
berufen worden sind, um das, was nicht geeignet er- tet: Nein.
scheint, in aller Öffentlichkeit diskutiert zu werden,
auch den Abgeordneten der Opposition klarzu- Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
machen? des Herrn Abgeordneten Niegel.

Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich danke bekannt, daß es sich hier lediglich um 15 oder 20
Ihnen für den Hinweis, Herr Kollege. Ja, ich weise Lastkraftwagen handelt, die die Autobahn im we-
darauf ausdrücklich noch einmal hin. sentlichen in der Süd-Nord-Richtung benutzen, wo
sowieso kein Ferienreiseverkehr stattfindet, und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage daß es sich um Produkte handelt, die so leicht ver-
des Herrn Abgeordneten Czaja. derblich sind, daß dann der Erzeuger auf seiner
Ware sitzenbleibt?
Dr. Czaja (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist
es nicht so, daß es sich hierbei eigentlich nicht um Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
den Artikel von Schostow und seinen Wortlaut Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
handelt, sondern um eine Interpretation, die bisher Fernmeldewesen: Herr Kollege, in Übereinstimmung
durch nichts gedeckt ist? mit der bisherigen Auffassung des Bundesrates sieht
sich der Bundesminister für Verkehr außerstande,
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- in die Verordnung zur Erleichterung des Ferien-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr reiseverkehrs auf der Straße im Jahre 1970 Vor-
Kollege, auch hier könnte ich Ihnen eine ausführ- schriften über die Erteilung von Ausnahmegenehmi-
lichere Antwort geben, als ich es jetzt im Grunde gungen für Obsttransporte auf Bundesautobahnen
vertreten kann. Es handelt sich ganz gewiß um ein aufzunehmen. Diese Bestimmung würde zu zahl-
Verständnis von Äußerungen, wobei übrigens, wie losen Berufungen führen und damit den Zweck der
Sie feststellen können, wenn Sie das Protokoll nach- Verordnung in Frage stellen. Im Vorjahr ist kein
lesen, der fragliche Artikel keineswegs als Haupt- einziger Fall bekanntgeworden, daß Obst wegen
stütze dieses Verständnisses genommen wurde, des Lkw-Verbots verdorben wäre. Die Versorgung
der Großmärkte war völlig normal.
(Sehr gut! bei der SPD)
sondern Äußerungen des sowjetischen Außenmini- Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
sters wurden als Hauptstütze genommen und schei- satzfrage des Herrn Abgeordneten Niegel.
nen in diesem Zusammenhang auch die zentrale
Bedeutung zu haben.
Niegel (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen
Es ist nun einmal so, daß, wenn darauf verzichtet bekannt, daß im vergangenen Jahr a) die Ernte-
wird, bestimmte andere Interpretationen vorzu- menge ,sehr gering und b) die Erntewitterung aus-
legen, auch darin eine politische Tatsache zu sehen gewogen war und es möglich ist, daß bei schlech-
ist, selbst wenn man nicht unterstellt, daß der an- tem Wetter die Ernte am Wochenende zusammen-
dere mit diesem Verzicht alles das verbindet, das trifft und dann die ganze Versorgung nicht mehr
wir damit verbinden. — Entschuldigen Sie die etwas gewährleistet ist?
kritische Antwort.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
frage. Damit sind die Fragen aus dem Geschäftsbe- Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich darf Sie darauf
reich des Auswärtigen Amts beantwortet. Ich danke aufmerksam machen, daß die Deutsche Bundesbahn
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1201
Parlamentarischer Staatssekretär Börner
im letzten Jahr zur Bewältigung dieser Probleme, Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU): Herr Staats-
von denen Sie sprachen, ein besonderes Angebot an sekretär, ist Ihnen bekannt, daß die Bundesbahn im
die Obsterzeuger gemacht hatte, das eine völlige letzten Jahr zugeben mußte, daß sie keineswegs alle
Beförderungsgarantie und eine Haftung für even- Orte in der notwendigen Zeit, um die Frischobst-
tuelle Verderbnis einschloß. Von diesem Angebot ernte zeitgerecht unterzubringen, zu erreichen in der
ist nicht Gebrauch gemacht worden. Lage ist?
(Abg. Wehner: Hört! Hört!)
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Fernmeldewesen: Mir ist bekannt, daß die Bundes-
des Herrn Abgeordneten Müller-Hermann. bahn ihren Betrieb in den letzten Jahren erheblich
modernisiert hat und daß sie mit allen Problemen,
sowohl mit dem Ernteverkehr im Herbst als auch
Dr. Müller-Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
sekretär, meinen Sie nicht, daß es möglich sein insbesondere in den letzten Monaten mit den
müßte, die berechtigten Wünsche der Ferienreisen- Schwierigkeiten einer sehr problematischen Ver-
den mit den unabweisbaren Bedürfnissen unserer kehrssituation durch den frühen Wintereinbruch
Wirtschaft in Einklang zu bringen? fertig geworden ist. Ich habe keinen Zweifel daran,
daß sie auch die Dinge bewältigt, die jetzt hier in
Rede stehen.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
Fernmeldewesen: Der Bundesminister für Verkehr Zusatzfrage. — Herr Abgeordneter Müller-Hermann,
hat sich darum sehr bemüht. Ich kann mich an eine im Interesse Ihrer selbst, der Sie die nächste Frage
Diskussion erinnern, Herr Kollege, bei der Sie zu haben, kann ich nur eine Zusatzfrage von jedem zu-
diesem Lkw-Fahrverbot sehr positiv Stellung ge- lassen. — Zu einer Zusatzfrage Herr Abgeordneter
nommen haben. Wir werden auch in diesem Jahr Meister.
wieder diese Überlegung anstellen. Die entspre-
chenden Gespräche sind angelaufen. Aber ich muß
darauf hinweisen, daß die berechtigten Interessen Meister (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist die
der Wirtschaft am Wochenendverkehr hinter dem Bundesregierung oder sind Sie bereit, darauf hinzu-
Bedürfnis vieler Millionen Ferienreisender, ohne wirken, daß in diesem Falle die Kraftfahrzeugsteuer
Unfälle und möglichst schnell in ihren Ferienort zu für die Ausfalltage eine Ermäßigung erfährt?
kommen, zurücktreten sollten.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Fernmeldewesen: Ich kann den Zusammenhang mit
des Herrn Abgeordneten Dasch. dem Problem, das hier angesprochen ist, nicht sehen.
Ich darf darauf hinweisen, daß die Kraftfahrzeug-
steuer den Ländern zugute kommt und mit Obst-
Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, haben die
transporten sehr wenig zu tun hat.
anderen EWG-Partner ähnliche Beschränkungen ge-
habt, und wenn nicht, befürchtet nicht die Bundes-
regierung, daß damit für einen Teil der Erzeuger Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
eine Wettbewerbsverzerrung eintritt? Zusatzfrage? — Jeder nur eine, bitte! Sonst kommt
Herr Müller-Hermann mit seiner Frage 63 nicht
mehr dran.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Ich rufe dann die Frage 63 des Abgeordneten Dr.
Fernmeldewesen: Herr Kollege, andere EWG-Part- Müller-Hermann auf:
ner haben nicht die gleiche verkehrspolitische Situa- Welche Vorstellung hat die Bundesregierung bezüglich Stand-
ort und Ausbau eines Tiefwasserhafens an der Nordseeküste und
tion wie die Bundesrepublik Deutschland, die wegen der dafür benötigten Investitionen, um die Wettbewerbsfähigkeit
der deutschen Seehäfen angesichts der strukturellen Verände-
einer besonders starken Bevölkerungszunahme in rungen in der Seeschiffahrt zu erhalten?
den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg und des
Bitte, Herr Staatssekretär!
Wohnens vieler Millionen Menschen in Ballungs-
gebieten besondere Verkehrsprobleme hat. Andere
EWG-Partner haben auch nicht in dem Maße wie Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wir die Situation, daß sie in dieser Zeit als Transit- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
land einen zusätzlichen Ferienverkehr von Nachbar- Fernmeldewesen: Da der Bundesminister für Ver-
ländern zu bewältigen haben. Ich denke nur daran, kehr die Aufgabenstellung durchaus im Sinne der
daß z. B. die Urlaubstermine von Nordrhein-West- gestellten Frage sieht, hat er gemeinsam mit den
falen und der Niederlande hier im Zusammenhang Verkehrsministern der Küstenländer vor einigen
gesehen werden müssen, was die Straßenbelastung Monaten eine Tiefwasserhafenkommission gebildet,
an bestimmten Wochenenden betrifft. die alle in Betracht kommenden Fragen behandelt.
Es wäre für die Zusammenarbeit in dieser Kommis-
sion nicht hilfreich, ihrem Arbeitsergebnis durch
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage eine vorzeitige Stellungnahme zu Einzelfragen vor-
des Herrn Abgeordneten Hauser. zugreifen.
1202 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Pieroth (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind
des Herrn Abgeordneten Dr. Müller-Hermann. Sie der Ansicht, daß gerade in der jetzigen kon-
junkturellen Situation niedrigere Tarife ein wirk-
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
samer Beitrag gegen die Preissteigerungen wären
sekretär, wann meinen Sie statt einer sibyllinischen und daß gerade staatliche und halbstaatliche Stellen
Auskunft einmal eine konkretere Auskunft in die- hier forciert beispielgebend vorgehen sollten?
ser Frage geben zu können?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Fernmeldewesen: Herr Kollege, dieses Problem wird
Fernmeldewesen: Herr Kollege Müller-Hermann, ich in einer späteren Fragestellung noch eine Rolle
nehme an, daß Ihnen als einem Abgeordneten aus spielen. Ich darf insoweit auch auf die gestern
dem Bereich, um den es hier geht, bekannt ist, daß gegebene Antwort meines Kollegen Staatssekretär
Investitionsentscheidungen dieser Größenordnung Dr. Arndt vom Wirtschaftsministerium zu dem Ge-
natürlich einer sehr sorgsamen Prüfung durch alle samtkomplex verweisen. Ich muß aber auch darauf
Beteiligten bedürfen, daß aber umgekehrt die tech- hinweisen, daß in dem Nahverkehr, von dem hier
nische Entwicklung im Schiffsbau und die inter- die Rede ist, keine hohen Gewinne zu machen sind.
nationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Ich darf Sie in diesem Zusammenhang daran erin-
im Welthandel es erfordern, daß wir möglichst bald nern, daß der Omnibusverkehr durch Bahn und Post
zu konkreten Ergebnissen kommen. Ich habe keinen praktisch ein Zuschußunternehmen ist bzw. daß hier
Anlaß zu der Vermutung, daß diese Kommisison jede Kostensteigerung, z. B. der Personal- und Sach-
nicht in absehbarer Zeit zu einem vernünftigen Er- kosten, in eine Kostenunterdeckung führen wird.
gebnis käme. Von daher muß man sehen, daß gestiegene Löhne
und Gehälter auch hier zu bestimmten Schlußfolge-
rungen bei diesem gesamten Komplex führen.
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Dr. Müller-Her-
mann. Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Pieroth.
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Darf ich dann
-

meine Frage in drei Monaten wiederholen? Pieroth (CDU/CSU) : Wenn aber die Situation
in diesem Nahverkehrsbereich bisher schon so war
und wenn Rationalisierungen Einsparungen bedeu-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim ten, sollte man dann nicht in diesem Zusammenhang
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und sehr rasch handeln und nicht irgendwann? Denn die
Fernmeldewesen: Herr Kollege, Sie können sie jetzige konjunkturelle Situation erfordert hier doch
jederzeit wiederholen. Dieses Recht haben Sie nach Maßnahmen.
der Geschäftsordnung.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Vizepräsident Frau Funcke: Ich rufe dann die Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Frage 64 des Abgeordneten Pieroth auf: Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich möchte hier
Wird die Bundesregierung dafür sorgen, daß die Rationali- keine generelle Antwort geben. Ich muß nur darauf
sierungseinsparungen durch die Zusammenlegung der Omnibus-
dienste von Bundesbahn und Bundespost auch an die Reisenden
hinweisen, daß diese Verkehre, um die es hier geht,
weitergegeben werden in Gestalt niedrigerer Tarife? bisher keine lukrativen Einnahmen für Bahn und
Ist der Herr Abgeordnete Pieroth im Saal? — Bitte Post ergeben haben und daß die Rationalisierungs-
sehr, Herr Staatssekretär! reserve, die hier besteht, auch sehr begrenzt ist. Sie
können im Werkstättenwesen und in verschiedenen
anderen Dingen rationalisieren, aber der Fahrer
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim muß ja (immer im Omnibus bleiben. Von daher ha-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ben die Personalkosten natürlich eine bestimmte
Fernmeldewesen: Die nach Errichtung einer Ver- Größe, die es auch bei der Festsetzung von Tarifen
kehrsgemeinschaft der Omnibusdienste von Bahn zu beachten gilt.
und Post durchzuführenden Rationalisierungsmaß-
nahmen und dadurch mögliche Einsparungen sind
noch nicht überschaubar. Mit Sicherheit werden Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
eventuelle Einsparungen dazu beitragen, angesichts Zusatzfr age.
der gestiegenen und steigenden Personal- und Sach- Ich rufe die Frage 65 des Herrn Abgeordneten
kosten
- eine ungünstige Entwicklung der Kosten Niegel auf:
Ertrags-Situation aufzufangen. Sollten dennoch lang-
Ist die Bundesregierung i: absehbarer Zeit bereit, die Be-
fristig Überschüsse erzielt werden, würden die be- nachteiligung der ländlichen Räume gegenüber den Ballungs-
teiligten Verkehrsverwaltungen prüfen, inwieweit zentren bei der Festsetzung von Telefongebühren durch Erwei-
terung bzw. Zusammenlegung von Knotenämtern auf mindestens
diese den Kunden zugute kommen könnten. Landkreisgröße bzw. Größe einer wirtschaftlichen Region zu
beseitigen, damit dann dort von der Bevölkerung mit den
gleichen Gebühren telefoniert werden kann wie in den Ballungs-
zentren?
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
des Herrn Abgeordneten Pieroth. Bitte schön, Herr Staatssekretär!
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1203

Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage


Bundesminister für Verkehr und für das Post- und des Herrn Abgeordneten Dasch.
Fernmeldewesen: Frau Präsident! Herr Kollege,
Sie sprechen zwar in Ihrer Frage von einer Erweite- Dasch (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, werden
rung der Knotenämter. Wenn ich Sie aber richtig die Bundesregierung und das Bundesministerium
verstehe, geht Ihr Vorschlag nicht dahin, die Be- für Verkehr und für das Post- und Fernmeldewesen
reiche der Knotenämter der Landesfernwahl auszu- bei diesen Überlegungen nicht nur technische und
weiten, sondern dahin, die kleineren Fernsprechorts- sachliche Gesichtspunkte, sondern auch die poli-
netze außerhalb der Großstädte zu größeren Gebie- tische Zielsetzung vertreten und beachten, daß
ten einheitlichen Tarifs umzugestalten. Solche Über- durch die Verbesserung und Verbilligung des Tele-
legungen werden im Zusammenhang mit dem neuen fonverkehrs die allgemeinen Lebensverhältnisse
halbelektronischen Wählsystem, das voraussichtlich auf dem Lande verbessert werden?
1975 eingeführt werden soll, angestellt.
Eine Entscheidung konnte nicht gefällt werden, Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
da die Ergebnisse der zur Zeit laufenden Unter- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
suchungen noch nicht vorliegen. Sofern sich die Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Verbesserung
Deutsche Bundespost für eine Änderung des der- der Lebensverhältnisse ist über diese Gebühren-
zeitigen Tarifgefüges entschließt, wären diese neuen situation sicher nur begrenzt möglich. Ich darf aber
Lösungen zwar mit der neuen Technik sogleich reali- darauf hinweisen, daß sich die Deutsche Bundes-
sierbar. Es bleibt aber die Schwierigkeit, daß die post z. B. durch den Ausbau des Selbstwählfernnet-
Einrichtungen für die Gebührenerfassung in den zes auch in kleinen Gemeinden erheblich an der
Vermittlungsanlagen der bisherigen Technik nur Verbesserung der Struktur des flachen Landes be-
unter erheblichem Aufwand und nur in längeren teiligt hat. Ich glaube, wenn Sie einmal unsere Si-
Zeiträumen angepaßt werden könnten. tuation mit europäischen Nachbarstaaten verglei-
chen, werden Sie sehen, daß wir dabei gar nicht
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage schlecht wegkommen, was die Lebensverhältnisse
des Herrn Abgeordneten Niegel. auf dem flachen Lande betrifft.

Niegel (CDU/CSU) : Denkt die Bundesregierung Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
also nicht daran, für das flache Land eine Gebühren- Zusatzfrage.
ermäßigung einzuführen, damit die Benachteiligung Ich rufe die Frage 66 des Herrn Abgeordneten
gegenüber den Ballungszentren ausgeglichen wird? Haehser ,auf:
Hält es die Bundesregierung für gerechtfertigt, daß Umwege,
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim die im Postreisedienst durch Straßenbaumaßnahmen notwendig
werden, den Benutzern des Postreisedienstes durch die Forde-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und rung nach höheren Fahrpreisen angelastet werden?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich habe darauf
hingewiesen, daß sich die Bundespost bemüht. Aber Bitte schön!
die Investitionen, die hier vorgenommen werden
müssen, gehen in die Hunderte von Millionen. Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Ich bitte zu berücksichtigen, daß auch die Post Fernmeldewesen: Frau Präsidentin, ich bitte um Ihre
von der finanziellen Seite her und die betroffene Zustimmung, die beiden Fragen , des Herrn Kollegen
Industrie von der Kapazitätsseite her hier nur be- Haehser gemeinsam beantworten ,zu dürfen, wenn
grenzte Möglichkeiten haben. Daß wir das Problem der Herr Kollege damit einverstanden ist.
anpacken und lösen wollen, habe ich eben schon ge-
sagt.
Vizepräsident Frau Funcke: Dann rufe ich
auch die Frage 67 des Abgeordneten Haehser auf:
Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
satzfrage des Herrn Abgeordneten Niegel. Wenn nein, sieht die Bundesregierung Möglichkeiten, die jetzt
geübte Praxis zu verändern?

Niegel (CDU/CSU) : Könnte man vielleicht als


Übergangslösung — bis Sie technisch und auch Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
finanziell so weit sind — dahin gehend eine Mög- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
lichkeit finden, daß man die Grundgebühren als Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Deutsche Bun-
solche im flachen Land gegenüber der Stadt ent- despost trägt die ,durch Umwegfahrten bei Straßen-
sprechend ermäßigt, so daß hier zumindest ein Aus- sperrungen entstehenden Mehrkosten im allgemei-
gleichvorandst? nen selbst. Nur wenn ihr im Einzelfall dabei unzu-
mutbare Belastungen entstünden, werden die Fahr-
gäste zum Ausgleich der Mehrkosten mit herange-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim zogen. Das 'erscheint um so mehr gerechtfertigt, als
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
die Tarife im Postreisedienst so niedrig sind, daß
Fernmeldewesen: Ich glaube, das würde eine Reihe
nicht einmal mehr die Selbstkosten gedeckt werden.
anderer Probleme aufwerfen, die ich gern in einem
Brief an Sie erläutern würde, weil die Erörterung Die Bundesregierung sieht folglich keinen Anlaß,
diesrFagnRhmderstupng. die jetzt 'geübte Praxis zu ändern.
1204 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage menwirken mit den übrigen Nahverkehrsträgern in
des Herrn Abgeordneten Haehser. Verdichtungsgebieten Einheitsfahrscheine einzufüh-
ren, die zur Benutzung aller vorhandenen Nahver-
Haehser (SPD) : Herr Staatssekretär, ist Ihnen kehrsmittel berechtigen.
bekannt, daß private Omnibusunternehmer anders
verfahren als (die Deutsche Bundespost, indem sie Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
(die Lasten für Mehrfahrten nicht den Fahrtteilneh- des Herrn Abgeordneten Flämig.
mern aufbürden?
Flämig (SPD) : Herr Staatssekretär, wann ist da-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim mit zu rechnen, daß z. B. im Ballungsgebiet Rhein-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Main diese Regelung in Kraft tritt?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich nehme an, daß
es sich dann um Unternehmer handelt, die auch
andere Tarife kalkulieren, welche sich nicht an den Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Selbstkosten orientieren, sondern eine gewisse Ge- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
winnmarge haben und daher natürlich auch solche Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich darf darauf hin-
Wechselfälle deis Schicksals, wie ich sie einmal be- weisen, daß die Deutsche Bundesbahn zur Zeit Ge-
zeichnen darf, entsprechend auffangen könnten. spräche über die Einführung von Einheitsfahrschei-
nen mit den Nahverkehrsträgern in den Verdich-
Vizepräsident Frau Funcke: Zweite Zusatz- -tungsgebieten München, Stuttgart, Rhein-Wupper
frage des Herrn Abgeordneten Haehser. Raum und Raum Frankfurt führt. Ich hoffe sehr,
daß diese Gespräche mit allen Beteiligten noch im
Laufe dieses Jahres konkrete Ergebnisse zeitigen.
Haehser (SPD) : Herr Staatssekretär, darf ich
Ihrer Antwort entnehmen, daß Sie wissen, daß
private Unternehmen den Betroffenen die Lasten oft Vizepräsident Frau Funcke: Eine zweite Zu-
nicht (aufbürden? Darf ich Sie fragen, ob Sie Ihre satzfrage ides Herrn Abgeordneten Flämig.
Antworten heute als ein für allemal gegeben anse-
hen? Flämig (SPD) : Herr Staatssekretär, habe ich Sie
recht verstanden, daß der Zweck dieser Maßnahme
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim vor allen Dingen darin besteht, den Nahverkehr zu
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und erleichtern und dadurch einen Beitrag zur Lösung
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich bin gern bereit, der Verkehrsprobleme insbesondere in den Spitzen-
diese Frage auch im Zusammenhang mit den Be- zeiten zu leisten?
lastungen des Haushalts neu zu prüfen. Nur rechne
ich dann auf ihre sachverständige Unterstützung, Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wenn sich daraus ein gewisses Risiko 'für den öffent- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
lichen Haushalt ergibt. Fernmeldewesen: Ja, natürlich, das ist der Anlaß.
Sie wissen, daß wir, ausgehend vom Verkehrspoli-
Vizepräsident Frau Funcke: Keine Zusatz- tischen Programm, bemüht sind, dem öffentlichen
frage. — Ich rufe die Fragen 68 und 69 des Herrn Nahverkehr in den Ballungsgebieten, was sowohl
Abgeordneten Dr. Gleissner (auf. Ist der Herr Ab- die Investitionen als auch die Koordinierung der
geordnete Gleissner im Saal? — Das ist nicht der entsprechenden Nahverkehrsunternehmen betrifft,
Fall. Dann werden die beiden Fragen schriftlich besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Mög-
beantwortet. ichkeit, die Benutzung verschiedener Nahver-
Ich rufe die Frage 70 des Herrn Abgeordneten kehrsunternehmen mit verschiedenen Eigentümern
Dr. Hauff auf. — Ist der Herr Abgeordnete Dr. Hauff durch den gleichen Kunden attraktiver zu machen
im Saal? — Das ist nicht der Fall. Die Frage wird und damit den Individualverkehr zu entlasten, ist
schriftlich beantwortet. dieser Einheitsfahrschein oder auch das Modell, das
in Hamburg bereits praktiziert wird, nämlich der
Ich rufe die Frage 71 des Herrn Abgeordneten sogenannte Verkehrsverbund.
Flämig auf:
Besteht die Möglichkeit, im Zuge der Verbesserung der Nah- Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
verkehrs-Verhältnisse in den Verdichtungsgebieten der Bundes-
republik Deutschland die Tarife der Bundesbahnzüge und der Zusatzfrage.
Bundesbahnautobusse in der Weise anzugleichen, daß beim
Übergang die Zugkarte auch für den Autobus und die Autobus- Ich rufe die Fragen 72 und 73 des Herrn Abgeord-
karte auch für den Zug gilt?
neten Ruf auf:
Bitte schön, Herr Staatssekretär! Bleibt der Bundesverkehrsminister bei seiner Auffassung, daß
der Flughafen Stuttgart-Echterdingen nicht zu einem Weltflug-
hafen ausgebaut werden soll und daß der Bund entsprechend
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim dem Verkehrspolitischen Programm der Bundesregierung der
Großen Koalition V/2494 sich auch weiterhin bei seiner finan-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ziellen Beteiligung zunächst auf den Ausbau der Flughäfen
Berlin, Frankfurt, Köln/Bonn, Hamburg und München beschränkt?
Fernmeldewesen: Herr Kollege, diese Möglichkeit
Wie stehen die Verhandlungen, die das baden-württember-
besteht durchaus. In vielen Fällen gelten schon heute gische Innenministerium über eine finanzielle Beteiligung des
die Schienenfahrkarten auch auf den Bahnbuslinien. Bundes am Ausbau des Flughafens Stuttgart-Echterdingen ange-
sichts dessen übergeordneter Verkehrsbedeutung mit dem Bun-
Die deutsche Bundesbahn bemüht sich, im Zusam- desverkehrsministerium führt?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1205
Vizepräsident Frau Funcke
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- durch die Erhöhung , der Löhne, Gehälter und Ver-
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des sorgungsbezüge Mehrausgaben in Höhe von rund
Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom 900 Millionen DM. Weitere Kostensteigerungen er-
30. Januar 1970 lautet: wartet die Deutsche Bundesbahn bei ,den Betriebs-
Der Bund hat nicht die Auffassung vertreten, daß der Flug- ausgaben infolge höherer Verkehrsleistungen bei
hafen Stuttgart nicht zu einem Weltflughafen ausgebaut werden
solle. Er hat lediglich zum Ausdruck gebracht, daß er sich mit
der Unterhaltung und den Abschreibungen der An-
Rücksicht auf die ihm zur Verfügung stehenden beschränkten lagen und beim Zinsendienst. Dank aufwandsmin-
finanziellen Mittel schwerpunktmäßig auf gewisse Projekte kon-
zentriert: auf die Flughäfen Berlin, Köln-Bonn, Frankfurt und dernder Rationalsierungserfolge ,der Deutschen Bun-
die neuen Flughäfen in Hamburg-Kaltenkirchen und München, desbahn werden die Kostensteigerungen im Ver-
so wie es im Verkehrspolitischen Programm verankert ist.
Das Baden-württembergische Innenministerium hat eine schrift-
gleich zum Vorjahr jedoch nur rund 850 Millionen
liche Anfrage an den Bundesminister für Verkehr gerichtet, um DM betragen.
die Möglichkeit einer finanziellen Beteiligung des Bundes am
Ausbau des Flughafens Stuttgart zu erörtern. Der Bund hat auf
diese Anfrage geantwortet, daß er bereit sei, zu der weiteren
Planungsarbeit für den Flughafen Stuttgart unverbindlich seinen Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
fachlichen Rat zu erteilen. Er sehe sich aber zu seinem Bedau-
e rn nicht in der Lage, eine Förderung des Flughafenausbaues des Herrn Abgeordneten Weber.
mit Mitteln des Bundes in Aussicht zu stellen. Mit Rücksicht auf
die ihm zur Verfügung stehenden beschränkten finanziellen Mit-
tel muß der Bund seine finanzielle Beteiligung an Verkehrsflug-
häfen zunächst auf die im Verkehrspolitischen Programm genann-
Weber (Heidelberg) (CDU/CSU) : Herr Staats-
ten Schwerpunkte beschränken. sekretär, wird sich ,das Defizit der Deutschen Bun-
Ich rufe die Frage 74 des Herrn Abgeordneten desbahn dann etwa um diese Summe erhöhen, oder
Dr. Jenninger auf: wird nach Auffassung der Bundesregierung diese
Summe unter Umständen über Tariferhöhungen
Sieht der Bundesminister für Verkehr die Möglichkeit, die
Höchstgeschwindigkeit für Omnibusse auf den Autobahnen von reduziert werden können?
80 auf 100 km/h zu erhöhen und das Überholverbot für Omni-
busse aufzuheben, um dadurch einen reibungsloseren Verkehrs-
ablauf an Autobahn-Bergstrecken zu gewährleisten?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Der Fragesteller hat sich mit schriftlicher Beant- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
wortung einverstanden erklärt. Die Antwort des Fernmeldewesen: Herr Kollege, Sie wissen, daß zur
Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Zeit Tariferhöhungsanträge, übrigens nicht nur von
30. Januar 1970 lautet: der Deutschen Bundesbahn, sondern von allen Ver-
Im Einvernehmen mit den für den Verkehr und für die Ver- kehrsträgern, gestellt worden sind. Diese Tariferhö-
kehrspolizei zuständigen obersten Landesbehörden ist der
BMV der Ansicht, daß es nicht verantwortet werden kann, die
huungsanträge sind auf Grund bestimmter Gesetze,
höchstzulässige Fahrgeschwindigkeit für Kraftomnibusse auf den die das Hohe Haus beschlossen hat, von der Bun-
Autobahnen auf 100 km/h heraufzusetzen, solange in der Bun-
desrepublik Deutschland die Zahl der im Straßenverkehr Ge- desregierung in den 'nächsten Wochen zu entschei-
töteten und Verletzten ständig steigt. den. Es handelt sich hier um leinen Vorgang, der
Für die Anordnung von Überholverboten auf Autobahn-Berg- zur Zeit in der Exekutive entsprechend vorbereitet
strecken sind die Verkehrsbehörden der Länder zuständig. Sie
halten auf geeigneten Strecken Überholverbote für Omnibusse wird. Ich möchte diese Entscheidungen durch eine
für nötig, um einen gleichmäßigen Verkehrsfluß zu gewährlei- Erklärung hier heute morgen nicht präjudizieren.
sten.

Ich rufe die Frage 75 des Herrn Abgeordneten


Schmidt (Kempten) ,auf. — Der Abgeordnete ist Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage
nicht im Saal. Die Frage wird schriftlich beantwortet. des Abgeordneten Müller-Hermann.
Ich rufe als vorletzte Frage die Frage 76 des
Herrn Abgeordneten Weber (Heidelberg) auf: Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
-

sekretär, wenn Sie bei der Bundesbahn mit einem


Wie hoch werden die im Jahre 1970 auf die Deutsche Bundes-
bahn zukommenden gesamten Kostensteigerungen geschätzt? Zuwachs des Defizits von 850 bis 900 Millionen DM
im Jahr 1970 rechnen müssen, hat der Herr Bundes-
Bitte schön! finanzminister, wenn Sie nicht geneigt sind, bei , den
Gütertarifen eine Anhebung ins Auge zu fassen,
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim bei der Haushaltsplanung und der mittelfristigen
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Finanzplanung Vorsorge getroffen, daß mehr Mittel
Fernmeldewesen: Frau Präsidentin, wenn der Herr in einer entsprechenden Größenordnung für die Bun-
Kollege damit einverstanden ist, möchte ich wegen desbahn bereitgestellt werden?
des Sachzusammenhangs die Fragen 76 und 77 ge-
meinsam beantworten.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Vizepräsident Frau Funcke: Gut! Dann rufe Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich habe nicht ge-
ich noch die Frage 77 des Herrn Abgeordneten sagt, daß sich 'das Defizit um 850 Millionen DM er-
Weber (Heidelberg) auf: höhen wird, ich habe gesagt, , daß die Kostensteige-
Wie hoch werden im Jahre 1970 voraussichtlich die Personal- rungen 850 Millionen DM betragen. Ich habe darauf
kosten-Mehraufwendungen bei der Deutschen Bundesbahn auf
Grund der Erhöhung der Löhne, Gehälter und Versorgungs- verwiesen, daß über Maßnahmen, die diese Kosten-
bezüge sein? steigerungen eventuell auffangen oder zum Teil
auffangen könnten, zur Zeit beraten wird und daß
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim ich nicht die Absicht habe, hier ein zur Zeit im Be-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und reich der Exekutive laufendes Verfahren durch eine
Fernmeldewesen: Vielen Dank! — Herr Kollege, im Erklärung nach der einen oder anderen Seite zu
Jahre 1970 entstehen bei der Deutschen Bundesbahn präjudizieren.
1206 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage vielen Fachzeitschriften eine ähnliche Meinung ver-
des Abgeordneten Fellermaier. treten haben.
(Abg. Dr. Müller-Hermann: Handeln Sie
Fellermaier (SPD) : Herr Staatssekretär, würden endlich!)
Sie mir zustimmen, wenn ich hier formuliere, daß
man erwarten kann, daß durch die Rationalisierung Vizepräsident Frau Funcke: Keine weitere
und durch die Modernisierung der Bundesbahn, die Zusatzfrage. Die Fragen 107 und 108 sind zurück-
beim Leber-Plan erfolgreich eingetreten ist, auch im gezogen.
Jahre 1970 die Gewinnseite der Deutschen Bundes-
bahn weiter verbessert wird? Damit sind wir am Ende der Fragestunde. Ich
danke dem Herrn Parlamentarischen Staatssekretär
Börner.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 19:
Fernmeldewesen: Natürlich, das ist im vergangenen a) Erste Beratung des von den Abgeordneten
Jahr schon erfolgt, und wir erwarten auch aus den Vogel, Benda, Erhard (Bad Schwalbach), Dr.
Gegebenheiten, von denen Sie eben gesprochen Eyrich, Dr. Lenz (Bergstraße), Dr. Pinger und
haben, eine entsprechende Entwicklung in diesem der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten
Jahr. Das wird mit in unsere Überlegungen einbe- Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur Reform
zogen sein. Andererseits muß natürlich die hier ge- des Strafrechts (3. StrRG)
gebene Größenordnung, von der zur Zeit die Rede — Drucksache VI/261 —
ist, auch zu der Überlegung führen, inwieweit be-
-
stimmte Tariferhöhungsanträge gerechtfertigt sind. b) Beratung des Schriftlichen Berichts des Son-
Die Bundesregierung hat dazu eine bestimmte Mei- derausschusses für die Strafrechtsreform über
nung, auf die gestern im Zusammenhang mit der den Antrag der Fraktion der CDU/CSU
Vorlage des Jahreswirtschaftsberichtes schon abge- betr. Beeinträchtigung von Grundrechten
hoben wurde. durch gewalttätige Aktionen
Drucksachen VI/157, VI/270 —

Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage Das Wort zur Begründung des Antrags der CDU/
des Abgeordneten Müller-Hermann. CSU hat Herr Dr. Eyrich. Er hat um 30 Minuten
Redezeit gebeten. Bitte schön, Herr Dr. Eyrich!
Dr. Müller Hermann (CDU/CSU) : Herr Staats-
-

sekretär, ich unterstelle, daß Sie nicht dem Hohen Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine
Hause und der Öffentlichkeit weismachen wollen, Damen und Herren! Ihnen liegt die Drucksache
daß die Kostensteigerungen bei der Bundesbahn VI/261 der CDU/CSU-Fraktion vor, ein Antrag auf
in einer Größenordnung von 900 Millionen DM auch Änderung des Strafgesetzbuches hinsichtlich der
nur im entferntesten durch zusätzliche Rationalisie- Verbrechen und Vergehen gegen den Gemein-
rungsmaßnahmen aufgefangen werden können, und schaftsfrieden. Wir wollten mit diesem Entwurf,
sollten Sie nicht sagen, daß innerhalb der Bundes- den wir Ihnen vorlegen, unsere eigene Meinung
regierung grundsätzliche, aber auch taktisch be- darstellen, weil wir glauben, daß das, was der Ent-
dingte erhebliche Meinungsverschiedenheiten dar- wurf der Koalitionsfraktionen enthält, nicht befriedi-
über bestehen, wie man mit diesem Problem fertig gende Lösungen auf diesem Gebiete zeigt.
werden soll, und daher eben auch der Bundesbahn
Lassen Sie mich aber zuvor einige Vorbemerkun-
die Tarifanhebungsanträge nicht genehmigt werden?
gen machen, weil ich glaube, daß es erforderlich ist,
(Abg. Wehner: Dort fehlt eben ein Müller- aus der einseitigen Betrachtung dieser Dinge allein
Hermann!) im Hinblick auf die Demonstrationsdelikte heraus-
zukommen. Wir haben es nicht nur mit Demon-
strationsdelikten zu tun, sondern wir haben es mit
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Ordnung zu tun, eine Erscheinung, die sich nicht nur
Fernmeldewesen: Herr Kollege, meine bisherigen
darin äußert, daß diese öffentliche Ordnung durch
Erklärungen geben für eine solche Interpretation Demonstrationen gestört wird, sondern auch in
nicht den geringsten Anlaß. Ich muß ausdrücklich mannigfaltiger Beziehung durch einzelne Bürger.
darauf hinweisen — ich nehme an, daß Sie das aus
Ihrem verkehrspolitischen Sachverstand wissen —, Ich glaube, wir sollten auch sagen, daß sich die
daß ich nicht gesagt habe, daß eine Größenordnung, Gültigkeit dessen, was wir hier gemeinsam ent-
wie sie hier in Rede steht, durch Rationalisierung werfen, nicht allein an den bekannten Erscheinungs
aufgefangen werden kann. Die Bundesregierung hat formen, die wir haben, orientieren kann, sondern
auch nirgends erklärt, daß sie keine Tariferhöhun- für die Zukunft an allen nicht voraussehbaren For-
gen zulassen wird, sondern sie hat nur mit der Prü- men und vor allen Dingen an von allen extremen
fung dieser Dinge z. B. die Frage verknüpft, ob nicht politischen Richtungen möglichen Aktionen. Eine
ein mehr marktwirtschaftliches Verhalten bestimm- solche Regelung darf nicht kurzfristig sein, sondern
ter Verkehrsträger hier angemessen wäre. Ich darf sie hat das zu beachten, was wir in den nächsten
daran erinnern, daß Sie in vielen Erklärungen vor Jahrzehnten auf diesem Gebiet brauchen. Gleich-
dem Hohen Hause als Abgeordneter und auch in wohl — und darüber sind wir uns im klaren, wenn
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1207
Dr. Eyrich
auch oft emotionell - ist diese Frage in der Vergan- hin, die Demonstration nicht nur zu bejahen, son-
genheit allein unter dem Gesichtspunkt der Demon- dern auch zu schützen, solange und soweit sie fried-
strationsdelikte gesehen worden. Dazu darf ich im lich ist. Wir sollten auch den Mut haben, zu sagen,
Namen der CDU/CSU-Fraktion folgendes deutlich daß wir diese Demonstration auch als Spontan-
machen. demonstration anerkennen, und auch ich persönlich
Art. 5 und Art. 8 des Grundgesetzes und die in bin hier durchaus der Meinung, daß der Bürger im
diesen Artikeln zum Ausdruck kommenden Frei- Hinblick auf diese Dinge die eine oder andere Un-
heitsrechte, nämlich, die eigene Meinung in Schrift, bequemlichkeit wird auf sich nehmen müssen. Aber
Wort und Bild zu äußern, und schließlich die Mög- das darf man nicht damit verwechseln, daß man dem
lichkeit, Versammlungen unter freiem Himmel abzu- Bürger zumutet, Gewalt gegen sich selbst, Gewalt
halten, werden von unserer Fraktion nicht nur be- gegen sein Eigentum und Gewalt gegen seine freie
jaht; das Ziel unseres Entwurfs ist nicht nur die Meinungsäußerung hinzunehmen. Dort sind mit
Bejahung, sondern auch der Schutz dieser Meinungs- Sicherheit die Grenzen, die wir setzen müssen. An-
freiheit im Rahmen des Art. 5 und des Art. 8. Ich dernfalls werden wir die Klarheit, die erforderlich
hin der Auffassung, daß wir das nicht klar genug ist, in diesem Gesetz niemals erreichen.
sagen können. Wir müssen aber dazu sagen, daß Zum anderen geht unser Bemühen dahin, Klarheit
Art. 5 und Art. 8 des Grundgesetzes von friedlichen und Durchschaubarkeit der gesetzlichen Regelungen
Demonstrationen sprechen, d. h. von Demonstratio- zu schaffen, die die friedliche Demonstration von der
nen, die nicht die Rechte anderer beeinträchtigen scheiden, bei der Gewalt gegen Personen und Sachen
können. angewandt wird und Handlungen vorgenommen
Wir haben in dieser Frage in dem durchgeführten werden, die die öffentliche Sicherheit gefährden.
Hearing eine nahezu völlige Übereinstimmung der Wir glauben, daß wir dem mit dem vorliegenden
angehörten Personen feststellen können. Wir haben Entwurf Rechnung tragen, der — und das sei aus-
dort eindeutig gesehen, daß sich alle, die gehört drücklich festgestellt -- nicht die Aufgabe und nicht
worden sind, dahin gehend geäußert haben. Es kann den Sinn haben soll, zu verschärfen, sondern den
keine Frage sein, daß eine Demonstration ledig- allein das Bemühen kennzeichnet, nach dem Maß
lich unter Beachtung der Rechte anderer durchge- der persönlichen Schuld zu differenzieren und den
führt werden darf. Allerdings — und auch das muß Gerichten eine klare Handhabe für ihre Entschei-
man hinzufügen — sind andere Stimmen laut gewor- dung zu bieten.
den, die Wertungen vornehmen, die wir nicht billi-
Meine Damen und Herren von den Koalitions-
gen können und die auch nicht verfassungskonform
parteien, ich glaube, wir sollten sachlich eines fest-
sind und die wir ablehnen. Ich meine etwa folgende
stellen. Das Bemühen hinsichtlich dieser Klarheit ist
Wertung, die anläßlich dieses Hearings aufgetreten
in jeder Fraktion dasselbe.
ist. Studentenvertreter und auch Hochschullehrer
haben dort erklärt, ihre Wertung der Dinge sei die, (Beifall bei der CDU/CSU.)
daß zwar die körperliche Integrität geschützt wer- Wenn wir uns in Einzelheiten unterscheiden, sollten
den müsse — allerdings bleibt eben die Frage, ob wir das ohne Emotionen tun; wir sollten es tun in
die körperliche Integrität auch dann noch geschützt dem Bemühen, ein Gesetz zu schaffen, von dem wir
wird, wenn statt der Argumente die Pflastersteine sagen können, daß es liberal genug ist, die Mei-
fallen —, daß dann aber die politischen Aktivrechte nungsfreiheit zu gewährleisten, daß es aber auch
kämen und daß dann vielleicht und möglicherweise wirksam genug ist, um Exzesse zu unterbinden.
das Eigentum und dann vielleicht und möglicher-
weise auch wirtschaftliche Güter kämen. (Erneuter Beifall bei der CDU/CSU.)
Die Frage, die wir an diese angehörten Personen Meine Damen und Herren! Es wird allerorten ge-
gestellt haben, lautete immer wieder so: Sind Sie sagt — und damit komme ich zu einzelnen Punkten
eigentlich bereit, den Katalog, den das Grundgesetz unserer Vorlage —, daß sehr viele Bestimmungen
aufstellt — auch in Art. 14 —, zu achten? Und die des Strafgesetzbuches in dieser Richtung überholt
Antwort, die wir darauf erhalten haben, meine Da- seien. Ich glaube, „überholt" oder „überaltert" wird
men und Herren, war in manchen Fällen allerdings man nicht sagen können. Man wird aber sagen
eindeutig ein Vielleicht und manchmal auch ein- können, daß sie dem nicht in jeder Form entspre-
deutig ein Nein. Ich meine, das muß man sagen, chen, was wir an Klarheit fordern und für erforder-
wenn man an diese Frage herangeht. lich halten. Ich bin mit Ihnen der Meinung, daß es
Der Kernpunkt aller Überlegungen, die wir anstel- unsere Aufgabe sein wird, diese Bestimmungen dar-
len, ist doch letztlich der: Wie ist das Verhältnis aufhin zu überprüfen, ob sie verfassungskonform
zwischen der Demonstrationsfreiheit auf der einen sind, und das heißt nichts anderes, als zu prüfen, ob
und der Garantie der Grundrechte auf der anderen diese Bestimmungen mit unserem Grundgesetz ver-
Seite? Und wenn so sehr viel von Konfliktsituation einbar sind.
und von Verfassungskonformität gesprochen wird, Unter diesem Gesichtspunkt lassen Sie mich Stel-
dann würde ich allerdings sagen, das Grundgesetz lung nehmen zu den §§ 110, 111 und 112 unseres
löst diese Konfliktsituation ganz eindeutig in Art. 5 Antrages auf Drucksache VI/261. Ich kann nicht völ-
und Art. 8, und zwar eindeutig unter dem Gesetzes- lig übereinstimmen mit den Sprechern der Koalition,
vorbehalt. die bei der ersten Lesung ihres Entwurfes zum
Wir sollten und können sagen, daß unser Be- Ausdruck gebracht haben, daß die Aufforderung, ein
mühen in zwei Richtungen geht, nämlich einmal da- Gesetz, eine Verordnung oder eine Verwaltungs-
1208 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. J anuar 1970
Dr. Eyrich
anordnung nicht zu befolgen, nicht strafbar sein soll keit bleiben sollte. Wir sind uns bewußt, daß dieses
und daß die entsprechende Bestimmung obrigkeits- Festhalten an der objektiven Bedingung der Straf-
staatlichen Charakter habe und deshalb aus dem barkeit auf harte Kritik gestoßen ist. Man hält uns
Strafgesetzbuch verschwinden könne. Meine Damen immer wieder entgegen: Ihr berücksichtigt nicht die
und Herren, wenn damit gemeint ist — ich möchte Tatsache, daß ,sich die 'Rechtsprechung seit langem
es nicht unterstellen, aber ich möchte es klarstel- auf dem Wega zum Schuldstrafrecht hin bewegt;
len —, daß eine Gemeinschaft leben könne, ohne und solange ihr dieser Tendenz nicht Rechnung
die Bereitschaft der Bürger zu haben und auch zu tragt, werdet ihr ein modernes und dein Anforderun-
sichern, die öffentliche Ordnung und das friedliche gen dieser Zeit gerecht werdendes Strafrecht nicht
Zusammenleben zu garantieren, würde ich dem schaffen können.
energisch widersprechen. Darum kann es nämlich
nicht gehen. Keine Staatsordnung und schon gar Es ist sicher wirkungsvoll, wenn in der Debatte
nicht die Demokratie wird darauf verzichten kön- etwa gesagt wird, daß jeder Bürger das Recht habe,
nen, den Gehorsam der Bürger auf Grund von Ge- sich zu irren. Ich meine auch, daß er dieses Recht
setzen zu fordern, die dieses Parlament selber in haben muß und daß jeder dieses Recht für sich in
Übereinstimmung mit dem Grundgesetz beschlossen Anspruch nehmen kann. Neben diesem etwas pla-
hat. Wenn damit allerdings — und darüber, meine kativ wirkenden Satz muß man doch auch fragen:
ich, sollten wir uns auch unterhalten — gesagt sein Wo liegen idle Gefahren der Regelung des Irrtums
soll, daß wir zu prüfen haben, ob wir, statt diese in § 113 beim Widerstandleisten gegen die Staats-
Vorschrift zu ändern, eine andere Vorschrift ergän- gewalt? Herr Kollege Dr. Müller-Emmert hat in der
zen sollten, die uns einen wirksamen Schutz bietet, Begründung des Antrages der Koalitiosfraktionen
würde ich sagen: auch darüber wird man reden das berühmte Beispiel der irrigen Festnahme des
müssen. vom Polizisten als „Täter" erkannten Nichttäters
In dem Hearing, das wir durchgeführt haben, sind gebracht. Dieses Beispiel kann nicht befriedigen.
alle Vertreter der Polizei für die Beibehaltung des Selbst wenn wir in § 113 die Irrtumsregelung hät-
§ 110 mit dem Argument eingetreten, daß dadurch ten, würde dieser Mann mit .zur Wache gehen müs-
die „Aasheizer" und das Vorfeld der Demonstratio- sen. Er würde allerdings riskieren, daß sein Wider-
nen erfaßt werden würden. Fast alle aber meinten stand gebrochen werden würde. Aber letztlich muß
— auch jene, die den § 110 für entbehrlich hiel- eben dieser Mann doch mit zur Wache genommen
ten —, daß diese Bestimmung nicht völlig ersatz- werden. Darauf können wir nicht verzichten. Die
los gestrichen werden könne. Gefahr, die dieser § 113 in sich birgt, liegt doch
u. a. darin, daß wir letztlich zu 'einem Faustrecht
Meine Damen und Herren, man kann über § 110 auf der Straße kämen, wollten wir hier jedwedem
durchaus unterschiedlicher Auffassung sein . Aber Irrtum, mindestens aber manchen Irrtümern, die wir
eines muß man auch ,sagen: Was die Koalitions- heute schon angekündigt bekommen, in jedem Fall
fraktionen in § 111 haben, genügt nicht; das ist kein nachgehen.
genügender Schutz, solange nur die Aufforderung
zu Verbrechen und Vergehen unter Strafe gestellt Zum anderen haben uns alle Vertreter der Poli-
wird. Wir glauben, daß — das ist die Mindestforde- zeibeamten im Hearing gesagt: Verunsichert uns
rung, di e gestellt werden muß — auch die Aufforde- nicht die Polizisten dadurch, daß ihr hier durch die
rung zu Ordnungswidrigkeiten in dieses Gesetz Irrtumsregelung eine plakative Wirkung und prak-
hineingehört. Andernfalls ist der Schutz nicht aus- tisch eine Einladung, sich zu irren, schafft! Dieses
reichend. Ich glaube, wir sollten diese Erörterung Argument sollte man so würdigen, daß man ihm ge-
in jedem Falle fortsetzen, ohne die Position des recht wird. Rechtlich wird durch eine Irrtumsrege-
§ 110 völlig aufgeben zu wollen. lung auch die Polizei nicht schlechter gestellt. Sie
Die Frage, ob die Aufforderung zu Ordnungs- handelt nach wie vor objektiv rechtmäßig. Psycholo-
widrigkeiten letztlich als ein Vergehen oder 'als gisch allerdings — und das muß man hinzusetzen —
eine Ordnungswidrigkeit qualifiziert werden sollte, wird eine Unsicherheit in die Reihen dieser Beamten
sollten wir zugunsten des Vergehens lösen, nicht getragen. Es fragt sich aber, welchen Argumenten
etwa, weil sehr viele Polizeibeamte das Bedürfnis wir eigentlich die Türe öffnen, wenn wir die Irr-
haben, hier schon im Vorfeld eingreifen zu können, tumsregelung hineinnehmen. Soll etwa das Argu-
sondern weil 'die Aufforderung zur Nichtbefolgung ment gelten, die Interessen der Demonstranten —
derartiger Vorschriften, wie ich meine, ein hohes das Bewußtseinsbilden — gehen anderen Rechten
Maß an Gefährlichkeit beinhaltet. Derjenige, der vor? Was ist, wenn der Widerstandsleistende sagt:
diese Aufforderung ausspricht, hat nämlich den un- ich habe mich für berechtigt gehalten, Widerstand zu
bestimmten Teil der Bevölkerung, den er auffordert, leisten, weil mein Anliegen ungleich wichtiger ist
dann nicht mehr in 'der Hand. Ich glaube, daß dies als etwa der Durchsetzungsanspruch der Polizeibe-
es doch rechtfertigt, diesen Tatbestand in das Ver- amten? Die Gefahr ist sichtbar. Wir bürden nicht et-
gehensstrafrecht 'hineinzunehmen. Ich kenne durch- wa nur den Gerichten, sondern auch den Polizisten
aus die Schwierigkeiten, die sich hier auftun. Ich die Entscheidung darüber auf, inwieweit eine Güter-
glaube aber, sie lassen sich lösen. abwägung vorgenommen werden muß, und kommen
Ein Wort — es ist erforderlich — zu der Vor- damit genau dorthin, wo wir eigentlich nicht hin-
kommen wollten: zu einer allgemein eintretenden
schrift des § 113 des Strafgesetzbuches. Im Gegen-
Unsicherheit.
satz zu den Koalitionsparteien ,gehen wir in unserem
Entwurf davon aus, daß die Rechtmäßigkeit der Auch Herr Professor Bockelmann, der die Irrtums-
Amtsausübung objektive Bedingung der Strafbar- regelung, wie sie im Entwurf der Koalitionsparteien
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1209
Dr. Eyrich
zum Ausdruck gekommen ist, begrüßt hat, hat im- Lassen Sie mich abschließend noch kurz zu der
merhin darauf hingewiesen, daß dann eben das Frage des § 125 des Strafgesetzbuchs, des sogenann-
Dilemma des Ü berzeugungstäters nicht gelöst wer- ten Landfriedensbruchs, Stellung nehmen. Die Koali-
den kann. Professor Klug hat es uns anläßlich des tion hat in ihrer Vorlage das Ziel, nur noch den-
Hearings nicht leichter gemacht. Er meint — und er jenigen, der Täter und Teilnehmer an der Demon-
hat einen entsprechenden Entwurf vorgelegt —, stration und an den Gewalttätigkeiten ist, nach dem
man müsse beim Überzeugungstäter von Strafe ab- Maß seiner persönlichen Schuld zu bestrafen. Dieser
sehen, wenn für den Täter der Beweggrund aus- Grundsatz ist durchaus richtig, aber wir müssen doch
schlaggebend gewesen sei, daß er sich aus sittlicher, auch fragen: wie ist es eigentlich mit jenen, die neu-
religiöser oder politischer Überzeugung für ver- gierig dabeistehen, wie ist es mit jenen, die sympa-
pflichtet gehalten habe, die Tat zu begehen. Daraus thisieren, und wie ist es schließlich mit jenen, die
ersehen wir doch, welche Gefahren auf uns zukom- diese Gewalttätigkeiten nicht nur ansehen, sondern
men. Wir würden eine Irrtumsregelung überneh- auch fördern? Wir sollten diesen Tatbestand nicht
men, die wir nicht mehr in der Hand hätten. Der Ein- verharmlosen; davor warne ich. Wir können den
wand ist bekannt. Es wird auf ein Urteil des Bundes- Charakter des Massendelikts ohne Not nicht auf-
gerichtshofs verwiesen. Ich darf mit freundlicher Ge- geben. Die Frage der Abgrenzung bleibt.
nehmigung der Frau Präsidentin daraus zitieren. Der
Bundesgerichtshof sagt: Eines ist sicher: der aktiv Fördernde wird auch
möglicherweise nach dem Entwurf der Koalition
Eine Schuld ist nur ausgeschlossen, wenn das
bestraft werden können. Er muß mit Sicherheit vom
Wagnis der Widerstandsleistung ebensowenig
vorgeworfen werden kann wie die Art und Straftatbestand des § 125 erfaßt werden. Wir haben
Weise dieses Widerstandes. Dies wird etwa gel- doch immer wieder von allen Beteiligten, die jemals
- Demonstrationen beobachtet oder auch bekämpft ha-
ten können, wenn bei Verzicht auf Widerstand
ein nicht wiedergutzumachender unzumutbarer ben oder auch nur mit dabeigewesen sind, gehört,
Schaden zu besorgen ist. Dann daß es nicht allein um die Täter und Teilnehmer im
engeren Sinne geht, sondern daß auch die Schutz-
— so fährt er fort —
funktion der Masse und ebenso ein gewisses
könnte es in der Tat fraglich sein, ob eine Aggressivelement berücksichtigt werden muß, das in
strenge Anwendung der Rechtsauffassung, daß der Masse begründet liegt. Die Sympathisanten und
die Rechtmäßigkeit der Amtsausübung nur eine die Neugierigen sind entgegen vielen Meinungen
Bedingung der Strafbarkeit sei. noch mit dem und Meldungen in der Presse nach unserem Ent-
Schuldstrafrecht vereinbar ist.
wurf nicht von vornherein unter Strafe gestellt. Das
Darauf wird immer wieder hingewiesen, wenn ge- Problem liegt aber darin, wie es damit aussieht,
sagt wird: wir brauchen in diesem § 113 auch das wenn eine Demonstration unter friedlichen Gesichts-
Prinzip der Schuld und die Irrtumsregelung. punkten beginnt und dann erst Gewalttätigkeiten
vorkommen. Solange ein Sympathisant, ein Neugie-
Der Bundesgerichtshof sagt in derselben Entschei- riger oder ein anderer von diesen Gewalttätigkeiten
dung — und ich bitte, auch das noch vorlesen zu keine Kenntnis hat und auch nicht haben kann, wird
dürfen —: man ihn auch nicht bestrafen können. Wenn er aber
Sind die äußeren Voraussetzungen zum Eingrei- noch stehenbleibt, wenn er sieht, daß Gewalttätig-
fen des Beamten gegeben, ist er also örtlich und keiten verübt werden, wird man doch fragen müssen,
sachlich zuständig, wahrt er die vorgeschriebe- ob er sich nicht bewußt ist — er ist sich dann doch
nen wesentlichen Förmlichkeiten und handelt er dessen bewußt —, daß er die Gewalttätigkeiten in
nach seinem pflichtgemäßen Ermessen, so übt der Anonymität der von ihm mit gebildeten Masse
er sein Amt rechtmäßig aus. Auf die sachliche zum großen Teil ermöglicht. Er hat doch die Mög-
Rechtmäßigkeit der Vollzugshandlung und auf lichkeit, dort wegzugehen. Wenn der Neugierige
einen Irrtum des Widerstand Leistenden dar- und der Sympathisant nur dabeisein wollen, um
über kommt er nicht an. Diese Auslegung des ihrer Meinung friedlich Ausdruck zu verleihen, wie
§ 113 entspricht seiner Entstehungsgeschichte uns immer wieder gesagt wird, dann ist es doch
und dem berechtigten rechtsstaatlichen Ord- kein unbilliges Verlangen, ihm zu sagen: Wenn du
nungsbedürfnis, das auch ein Bedürfnis der All- aber erkennst, daß hier Gewalttätigkeiten vorkom-
gemeinheit ist. men, wird das Ziel, daß du ursprünglich angestrebt
hast, mit anderen Mitteln verfolgt. Dann wird man
Auf dieser Linie bewegt sich der Entwurf der ihm zumuten können, sich von diesem Platz zu ent
CDU/CSU. Der Begründung des Bundesgerichtshofs kasten überlegen. Die Solidarität bei der Gewalt-
ist wohl nichts hinzuzufügen. Einer Irrtumsregelung, tätigkeiten nicht erkennen können, habe ich bereits
die beiden berechtigten Interessen, die hier in dem gesagt. Verschließen wir doch, meine Damen und
Urteil zum Ausdruck kommen, gerecht werden Herren, die Augen nicht vor der Wirklichkeit! Sie
könnte und den Grundsätzen auch dieser Entschei- ist oftmals anders, als wir das vielleicht am Sand-
dung entspricht, wird eine Zustimmung nicht ver- kasten überlegen. Die Soladirität bei der Gewalt-
sagt bleiben, wenn sie diesem Erfordernis des Ur- anwendung, die Solidarität, die dazu führt, diese
teils entspricht. Ich glaube, daß darauf die Bemühun- Gewalttätigkeiten zu ermöglichen, muß in gleichem
gen gerichtet werden müßten. Inwieweit sie erfor- Maße von diesem Massendelikt ergriffen werden.
derlich sind, scheint mir eine Frage der Beratung Anderenfalls werden wir einen wirksamen Schutz
im Sonderausschuß zu sein. nicht haben.
1210 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Dr. Eyrich
Es gäbe noch sehr viele Punkte im Zusammen- Dichgans (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller-
hang mit unserem Entwurf. Ich möchte mich auf die Emmert, sind Sie wirklich der Auffassung, daß eine
bereits angeführten Punkte beschränken, auch weil Aufforderung — etwa in einer Zeitungsanzeige —,
sonst die mir zur Verfügung stehende Zeit über- an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit
schritten würde. Es ist also nicht möglich, die Dinge alle in einer Stadt vorhandenen Kraftwagen auf
erschöpfend darzustellen. Meine Ausführungen soll- sämtlichen Hauptverkehrsstraßen zu parken, was
ten das Bemühen sichtbar machen, die Gemeinschaft eine Ordnungswidrigkeit sein würde, straflos blei-
zu schützen und die Freiheit zur friedlichen Demon- ben sollte?
stration zu gewährleisten. Lösungen zugänglich zu
sein, der Gewalt aber in jeder Form eine Absage zu Dr. Müller-Emmert (SPD) : Eine solche öffent-
erteilen, das ist der Sinn dieses Ihnen vorliegenden liche Aufforderung dürfte wohl verhältnismäßig
Entwurfs. wenig Gehör finden,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
(Abg. Vogel: Darauf kommt es doch gar
nicht an! — Weitere Zurufe von der CDU/
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der CSU)
Abgeordnete Dr. Müller-Emmert.
und zwar deshalb, weil eine solche Aktion in sich
Dr. Müller-Emmert (SPD) : Frau Präsidentin! selbst kaum durchführbar ist.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lassen Sie (Zuruf von der CDU/CSU: Alles Ideologie!)
mich in der gebotenen Kürze folgende Feststellun-
Es gibt eine Fülle von Verkehrsteilnehmern, die
gen treffen. Es wäre sicher besser gewesen, wenn
dieser Aufforderung gar nicht folgen würde, die
die Fraktion der CDU/CSU ihren Initiativantrag- also so verfahren würden, wie Sie es für richtig
dem Hohen Hause etwas früher vorgelegt hätte.
hielten. Wenn tatsächlich trotzdem einige Verkehrs-
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wir hatten teilnehmer dieser Aufforderung Folge leisteten —
uns auf eine Regierungsvorlage eingestellt! das ist der zweite entscheidende Punkt —, so hat die
Abg. Vogel: Wäre es nicht besser gewesen, Polizei genugsam Möglichkeiten, im Rahmen des
die Regierung hätte eine Vorlage gemacht?) Polizeirechtes — sogar mit Gewalt und Zwangsmit-
Man hätte dann die Vorstellungen der CDU/CSU im teln — gegen diese Personen vorzugehen.
Rahmen der öffentlichen Anhörung besser berück- (Zuruf des Abg. Dr. Lenz [Bergstraße].)
sichtigen können, und man wäre sicher auch bei den
— Herr Lenz, melden Sie sich doch zu Wort. Dann
Einzelberatungen im Ausschuß schneller vorange
höre ich Sie gerne an. Sie haben wohl eine laute
kommen.
Stimme, aber sie kommt nicht ganz bis zu mir. Mel-
Lassen Sie mich zum zweiten sagen, daß die Vor- den Sie sich bitte; dann gebe ich Ihnen gerne eine
stellungen der CDU/CSU Fraktion letztlich keine
- Antwort.
echte Alternative zu den Vorstellungen der Koali-
tionsfraktionen darstellen, und zwar deshalb, weil
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
dieser Entwurf keine entscheidenden Neuerungen
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Lenz?
bringt, in einzelnen Punkten lediglich Verschärfun-
gen im Verhältnis zum geltenden Recht und dar-
über hinaus lediglich andere Umschreibungen des Dr. Müller-Emmert (SPD) : Bitte sehr!
jetzignRchsuad.Demßklrfstg
werden. Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Ich danke
Zu Einzelfragen ist folgendes zu sagen. Im Be- Ihnen, Herr Kollege Müller-Emmert, für diese Gele-
reich der §§ 110, 111 und 112 StGB liegt eine Ver- genheit zu einer Zwischenfrage. Meinen Sie wirk-
schärfung des jetzigen Rechtszustandes vor, weil lich — um bei dem Beispiel zu bleiben, das Herr
der Entwurf der CDU/CSU auch die öffentliche Auf- Dichgans eben gebracht hat —, daß, wenn auf den
forderung zu einer Ordnungswidrigkeit unter Strafe Straßen Düsseldorfs nachmittags um fünf Uhr Tau-
stellen will. Nach dem geltenden Recht ist ein sol- sende von Fahrzeugen parken und die Kreuzungen
cher Sachverhalt nicht unter Strafe gestellt. versperren, irgendeine Polizei auf dieser Erde in der
Lage ist, dieses Chaos mit allen ihr zu Gebote
(Abg. Vogel: Das ist eine rein formale Be stehenden Zwangsmitteln in mehreren Stunden zu
trachtungsweise!) beseitigen?
Insofern stimmt das, was als Schlagzeilen der letz-
ten Tage zu lesen war, also durchaus, daß nämlich Dr. Müller-Emmert (SPD) : Das ist u. a. selbst-
der Entwurf der CDU/CSU Verschärfungen im verständlich auch eine Frage der Praktikabilität und
Demonstrationsrecht vorsehe. der Vorbereitung durch die Polizei, eine Frage der
(Abg. Vogel: Eine reine Schlagzeile!) organisatorischen Fähigkeiten der Polizei. Erstens
verfügt wohl jeder vernünftige Polizeipräsident
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie über die Möglichkeit, rechtzeitig Informationen dar-
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Dich- über zu erhalten, daß solche Aktionen geplant sind.
gans? Er kann dann entsprechende Gegenmaßnahmen er-
greifen. Zweitens hätte er, wenn solche wider-
Dr. Müller-Emmert (SPD) : Bitte sehr, Herr sinnigen Aufforderungen überhaupt befolgt würden,
Kollege Dichgans! genügend Zeit, rechtzeitig entsprechende Einsatz-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1211
Dr. Müller-Emmert
gruppen auch aus anderen Städten heranzuziehen, nungswidrigkeiten handle. Ich bin Ihnen also sehr
so daß er mit diesem Problem mit Sicherheit fertig entgegengekommen, Herr Kollege Dichgans. Ich
werden könnte. muß, wenn ich die Frage des Herrn Kollegen de
With richtig werte, ergänzend von meiner Seite noch
Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie sagen, daß, was juristisch eindeutig richtig ist, auch
eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Schlee? immer noch die §§ 315 ff. des Strafgesetzbuches vor-
handen sind, die einen Großteil dessen, was Sie vor-
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Bitte sehr! getragen haben, ohnehin abdecken würden.
Ich darf weiter zu dem Problemkreis des Wider-
Schlee (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Müller- stands gegen die Staatsgewalt kommen. Auch hier
Emmert, meinen Sie nicht, daß es bei der strafrecht- muß man feststellen, daß die CDU/CSU-Fraktion in
lichen Beurteilung einer allgemeinen Aufforderung gar keiner Weise zu einer fortschrittlichen Lösung
zu einer Ordnungswidrigkeit auf die Gefährdung neigt. Es ist eine Realität, daß der § 113 und mit ihm
ankommt, die eintreten würde, wenn diese Auffor- auch der § 125, also die Vorschriften über die Ver-
derung befolgt würde? Es kommt hier unter straf- gehen des Widerstands gegen die Staatsgewalt und
rechtlichen Gesichtspunkten nicht darauf an, ob es des Landfriedensbruchs, die einzigen Vorschriften in
möglich wäre, die tatsächlich eingetretenen Zu- unserem Strafgesetzbuch sind, bei denen die Prin-
stände zu beseitigen. zipien des Irrtums bisher noch keinen Niederschlag
gefunden haben.
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Herr Kollege Schlee, (Abg. Dr. Vogel: Das stimmt doch mit
Sie wissen ja, daß wir im Rahmen unserer gemein- Sicherheit nicht, Herr Müller-Emmert!)
samen Reformbemühungen die Übertretungen im-
mer mehr in Ordnungswidrigkeiten umwandeln, die — Herr Kollege Vogel; sie haben etwas lauter ge-
ja bekanntlich keine Straftaten sind. Es wäre in sich sprochen, deshalb habe ich Sie verstanden.
unlogisch und kriminalpolitisch nicht gerechtfertigt, (Abg. Dr. Vogel: Freut mich!)
einerseits eine Ordnungswidrigkeit, die nicht in das
— Freut mich auch. — Wenn Sie gestatten, Herr
Kriminalstrafrecht fällt mit einer Geldbuße zu ahn-
Kollege Vogel: Die Sache ist so. Es gibt wohl ver-
den, andererseits aber denjenigen, der öffentlich zu
schiedene Urteile des BGH. Das heißt, dieser Pro-
einer solchen Ordnungswidrigkeit, die keine Straf-
blemkreis ist bisher auch von seiten des BGH nicht
tat ist, auffordert, mit einer Kriminalstrafe zu be- eindeutig behandelt worden. Es gibt verschiedene
drohen.
Urteile, die in die Richtung gehen, daß auch im
(Abg. Dr. Vogel: Das sind doch zwei Paar Rahmen des § 113 des Strafgesetzbuches — Stichwort
Schuhe!) für uns Juristen: objektive Bedingung der Strafbar-
Dies wäre ein unlogisches Unterfangen. Man kann keit — der Verbotsirrtum im Laufe der Zeit zuge-
allenfalls — Sie wissen, Herr Kollege Schlee, daß lassen werden könnte, während die andere Seite
wir darüber gesprochen haben — die Überlegung des BGH gewissermaßen streng davon ausgeht, daß
anstellen, ob man denjenigen, der öffentlich zu einer dann, wenn ein Tatbestand so ausgestaltet ist, daß
Ordnungswidrigkeit auffordert, so behandeln sollte, eine objektive Bedingung der Strafbarkeit in ihm
als wenn er selbst eine Ordnungswidrigkeit began- enthalten ist, aus rechtstheoretischen Gründen ein-
gen hätte. Dies wäre in sich schlüssig und logisch, mal ein Tatbestandsirrtum ohnehin nicht in Frage
während sich Ihre Lösung doch nicht mehr im Rah- kommt und zum zweiten auch ein Verbotsirrtum
men unseres bisher gemeinsam getragenen krimi- nicht zugelassen werden soll.
nalpolitischen Konzeptes bewegt.
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge- statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord-
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord- neten Pinger?
neten de With?
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Jawohl, sofort. —
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Bitte sehr, Herr Kol- Ich glaube, Sie müßten dies gerechterweise berück-
lege de With! sichtigen, Herr Vogel. Wenn Sie das nämlich getan
hätten, hätten Sie diesen Zwischenruf überhaupt
nicht gemacht.
Dr. de With (SPD) : Herr Müller-Emmert, glauben
Sie nicht, daß das Beispiel des Herrn Kollegen Bitte sehr, Herr Kollege Pinger!
Dichgans nach unserer Vorlage durch § 111 in Ver-
bindung mit § 315 a oder b abgedeckt wäre, weil Dr. Pinger (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller-
das einer Aufforderung gleichkäme, eine Straßen- Emmert, Sie haben eben behauptet, daß eine objek-
verkehrsgefährdung zu begehen, so daß bei diesem tive Bedingung der Strafbarkeit nur in den §§ 110 ff.
Beispiel die Frage eigentlich ins Leere stieße? zu finden sei und daß das ein Widerspruch gegen
das Schuldstrafrecht sei. Ist Ihnen bekannt, daß es
Dr. Müller - Emmert (SPD) : Ich bin zugunsten weitere wesentliche Vorschriften im Strafgesetzbuch
des Herrn Kollegen Dr. Dichgans davon ausgegan- gibt, in denen eine objektive Bedingung der Straf-
gen, daß er die Vorstellung hat, daß es sich bei die- barkeit enthalten ist? Bei Volltrunkenheit, § 330 a,
sem von ihm geschilderten Verhalten nur um Ord- ist, wenn im Vollrausch eine mit Strafe bedrohte
1212 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. Pinger
Handlung begangen wird, letzteres nach ganz herr- Der dritte Problemkreis, der kurz angesprochen
schender Meinung eine objektive Bedingung der werden muß, ist der des Landfriedensbruchs. Hier
Strafbarkeit. Weiter — — muß die CDU/CSU-Fraktion wohl mit Sicherheit ein-
räumen, daß eine Verbesserung in Richtung auf eine
maßvolle Liberalisierung überhaupt nicht gegeben
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege,
ist. Denn die CDU/CSU-Fraktion stellt unter Um-
kommen Sie bitte zur Frage!
ständen auch den nur zufällig vorübergehenden
Passanten, sie stellt den Neugierigen, sie stellt den
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Ist Ihnen bekannt, daß Abwiegler unter Strafe, und sie stellt erst recht
abgesehen von § 330 a in § 186 — üble Nachrede —, denjenigen unter Strafe, der ein echter politischer
§ 127 — Schlägerei — und anderen Vorschriften Demonstrant ist, der die politischen Ziele dieser
eine objektive Bedingung der Strafbarkeit enthalten Demonstration in jeder Weise für richtig erachtet,
ist? Würden Sie das als einen Widerspruch gegen aber von irgendwelchen Gewalttaten voll abrückt.
das Schuldstrafrecht ansehen, und würden Sie eine (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wie macht der
sofortige Reform auch dieser Vorschriften für not- das?)
wendig halten?
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge-
Dr. Müller Emmert (SPD) : Ich räume Ihnen ein,
- statten Sie eine Zwischenfrage? —

Herr Kollege Pinger, daß man über diese Punkte


durchaus reden kann und soll und im Rahmen der Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Herr Kollege Dr. Müller-
Reformarbeiten mit Sicherheit auch reden wird. - Emmert, ich glaube, die Frage muß doch s o gestellt
Aber zur Zeit geht es — das wissen Sie — nicht um werden — und ich stelle sie an Sie —: Wie macht
die Volltrunkenheit und um Verleumdung oder er denn deutlich, daß er davon abrückt? Das kann
üble Nachrede, sondern um das Demonstrations- er doch billigerweise nur in der Form tun, daß er
strafrecht. Da darf ich wohl feststellen, daß hier — sich auch räumlich von den Gewalttätigkeiten ent-
das ist wohl auch völlig unbestritten — die objek- fernt. Sie sind doch sicher mit mir der Meinung —
tive Bedingung der Strafbarkeit noch vorhanden ist, so würde ich Sie fragen —, daß es eine andere Mög-
die letztlich ein klarer Verstoß gegen das Schuld- lichkeit nicht gibt.
prinzip ist, das im übrigen in unserem Recht Ver-
fassungsrang genießt.
Dr. Müller Emmert (SPD) : Herr Kollege Eyrich,
-

Ihre Formulierung sieht vor, daß derjenige, der sich


Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie in einer Menschenmenge befindet oder sich ihr an-
noch eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten schließt, dann aber, wenn Gewalttaten begangen
Vogel? werden, weiterhin in dieser Menschenmenge bleibt,
ohne überhaupt das geringste zu tun, ohne in
Vogel (CDU/CSU) : Herr Kollege Müller-Emmert, irgendeiner Weise diese Gewalttaten zu unterstüt-
sind Sie in der Lage, mir einen einzigen Fall aus zen, auch nicht durch Zurufe, gleichwohl unter Strafe
der Praxis zu nennen, in dem die Anwendung der gestellt wird, wenn er sich nicht unverzüglich aus
objektiven Bedingung der Strafbarkeit in § 113 StGB dieser Menschenmenge entfernt. Erstens kann es
zu , einem unzuträglichen Ergebnis geführt hat? durchaus sein, daß ihm dies überhaupt nicht mög-
lich ist, und zweitens kann es auch sein, daß er
dabei bleiben möchte, sagen wir: aus staatsbürger-
Dr. Müller Emmert (SPD) : Ja, dieser Überzeu-
-
licher Neugier, ohne in irgendeiner Weise die Ge-
gung 'bin ich ganz sicher. Ich kann Ihnen selbstver- walttaten zu billigen. Denken Sie nur an Fälle, wo
ständlich nicht auf Anhieb Fälle zitieren. Es gibt sie eine Demonstration in friedlicher Weise angelegt
zu Hunderten im Laufe unserer Rechtsentwicklung ist, wo auch der Demonstrationszweck durchaus ver-
seit 1900 und insbesondere auch 'seit 1945 bis heute. nünftig und in jeder Weise zu billigen ist, wo dann
Es gibt noch viele Gerichte, die insofern sehr streng aber einige Gewalttäter diese Demonstration auf-
urteilen. fliegen lassen wollen und dadurch, daß sie sich,
vielleicht nur in einer Zahl von zehn oder zwanzig,
Ich darf also sagen, daß die CDU/CSU-Fraktion in
in diese Menge von Hunderten von Demonstranten
ihren Reformvorstellungen in dieser Frage völlig
mischen, diese Demonstration zu einer unfriedlichen
ausgewichen ist und es offenbar aus mehr psycho- machen und sie damit, wie man so schön sagt, ka-
logisch-politischen Gründen nicht für richtig erach- putt machen. In diesem Falle werden nach Ihren
tet hat, einem Anliegen, das allseits von der Rechts- Vorstellungen, Herr Kollege Eyrich, alle diese tau-
wissenschaft getragen wird, nachzukommen und die
send gutmütigen und gutgläubigen Demonstranten
Möglichkeit des Irrtums zum mindesten in der sehr ebenfalls unter den harten Druck des § 125 StGB
milden Form des Verbotsirrtums in § 113 StGB vor- gestellt. Dies ist eine Konsequenz, die Sie sich bitte
zusehen. Die CDU/CSU-Fraktion hofft hier anschei-
überlegen müssen.
nend auf eine positive Entwicklung der Rechtspre-
chung. Insofern habe ich die gleiche Hoffnung. Aber Ich darf abschließend sagen, daß der Strafrechts
es ist Aufgabe des Gesetzgebers, dann, wenn er ausschuß in seinem sogenannten Hearing, also im
einen Tatbestand gesetzlich genau normieren und Rahmen der öffentlichen Anhörung, auch viele junge
formulieren kann, dies auch zu tun, um wider- Menschen hat zu Wort kommen lassen, die uns sehr
sprüchliche Gerichtsentscheidungen zu verhindern. deutlich gesagt haben, daß Demokratie mehr bedeu-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1213
Dr. Müller Emmert
-

tet, als nur das aktive oder möglicherweise das Zu dem, was der Herr Kollege Eyrich zur Begrün-
passive Wahlrecht auszuüben, daß vielmehr zur De- dung des Gesetzentwurfs der CDU/CSU vorgetragen
mokratie auch das Recht der freien Meinungsäuße- hat, möchte ich folgendes sagen. Seine Ausführungen
rung gehört. Dabei beinhaltet freie Meinungsäuße- am Anfang haben mich an das erinnert, was beim
rung unter Umständen auch Protest und Kritik; denn Hearing deutlich gesagt wurde: daß natürlich von
— das müssen wir erkennen, meine Damen und allen Seiten, auch von seiten der Polizeipräsidenten,
Herren — Kritik ist für unsere Demokratie lebens- zunächst einmal die Grundrechte der Art. 5 und 8
notwendig. Wenn manche Bürger heute noch Ruhe des Grundgesetzes absolut bejaht werden.
als erste Bürgerpflicht und Untertanenmentalität
In den Grundsätzen ist man sich so leicht einig.
als erstrebenswertes Ideal betrachten, muß man ge-
Wenn es aber — jetzt kommt natürlich das Aber —
gen solche Vorstellungen in einer lebenden Demo-
darum geht, die tatsächlich notwendigen Regelun-
kratie vorgehen.
gen zu treffen, scheiden sich die Geister.
Es ist das Anliegen des Reformentwurfs, allen
Bürgern zu garantieren, daß sie ihre Meinung ohne Schon bei der ersten Lesung haben wir klar zum
Angst vor strafrechtlicher Verfolgung vortragen Ausdruck gebracht, daß keinerlei Gewalttätigkeiten
können, ganz gleich, ob sie es als einzelne oder in gegen Personen und Sachen, auch nicht im Zusam-
der Gemeinschaft tun, ob sie es zustimmend oder ab- menhang mit Demonstrationen, irgendwie gedeckt
lehnend tun. Genauso deutlich stellt nach unseren werden sollen. Das Hearing und auch heute die Aus-
Vorstellungen aber der Reformentwurf klar, daß das führungen von Herrn Kollegen Eyrich haben gezeigt,
Recht einer Gruppe da endet, wo es unverhältnis- daß heute noch eine große Unsicherheit vorhanden
mäßig stark in die Rechtssphäre anderer eingreift ist: eine Unsicherheit auf seiten der Polizei, die nicht
und die Rechte anderer verletzt oder gefährdet. Die weiß, was sie wirklich tun und wie sie sich ver-
Ansicht, die immer wieder vorgetragen wird, daß halten darf, und eine Unsicherheit bei den Richtern,
das neue Demonstrationsrecht zu einer Legalisierung die vor der Frage stehen, wie sie die Grundrechte
von Gewalttaten in der Öffentlichkeit und zur Ver- von dem abgrenzen sollen, was kriminell ist und
unsicherung der Polizei führe, ist absurd, da der Re- daher zum Schutze der Freiheitsrechte anderer Bür-
formentwurf davon ausgeht, daß jede Form von ger, die nicht demonstrieren, strafbar sein muß. Hier
Gewalt gegen Personen oder Sachen die Grenze liegt die Aufgabe des Gesetzgebers.
überschreitet, die das Strafrecht setzt — ganz gleich, Heute wurde immer nur von den Demonstrations-
ob eine solche Gewalt von politischen Demonstran- delikten und von Änderungen im Strafgesetzbuch
ten oder unter Umständen von Kriminellen begangen gesprochen. Wenn man aber tatsächlich sehen will,
wird. wie weit der Schutz heute geht und was auch die
Polizei gegebenenfalls tun darf, darf man sich nicht
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege, ge- nur auf die Bestimmungen des Strafgesetzbuches
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeord- beschränken. Von großer Bedeutung für die Polizei
neten Schlee? ist vor allem die Frage, welche Befugnisse sie auf
Grund anderer Gesetze hat. Wie steht es denn mit
Dr. Müller Emmert (SPD) : Verzeihen Sie, Herr
- dem Versammlungsgesetz? Welche Rechte gibt
Kollege, ich bin am Ende meiner Ausführungen; ich eigentlich das Versammlungsgesetz der Polizei? Wie
wollte sowieso nur noch zwei, drei Sätze sagen. steht es mit den einzelnen Polizeigesetzen in den
Ländern? Ist die Polizei nicht schon auf Grund der
Die Koalitionsfraktionen werden' die Einwände
und Bedenken, die im Rahmen der öffentlichen An- geltenden Polizeibestimmungen in der Lage, Demon-
hörung vorgetragen worden sind, genauso prüfen strationen, solange sie friedlich sind, entsprechend
wie die Vorstellungen der Fraktion der CDU/CSU. zu schützen und, wenn sie „umzukippen" drohen,
Es wird eine eingehende Nachprüfung all dieser Ein- vorbeugend einzugreifen, d. h. daß sie, wenn daraus
wände und Bedenken erfolgen. Gewalttaten erwachsen, gegen einzelne Gewalttäter
vorgehen kann. Das alles kann sie.
Aber eines muß festgestellt werden: daß sich die
Koalitionsfraktionen nicht darin beirren lassen, Es kann z. B. sein, daß eine große Demonstration
eine maßvolle und trotzdem deutlich liberale Re- — um es plastisch zu machen, darf ich das Beispiel
form des Demonstrationsstrafrechts durchzusetzen. von Herrn Kollegen Müller-Emmert aufgreifen —
durchaus friedlich verläuft. Wenn nun aber einige
(Beifall bei den Regierungsparteien.) versuchen, sie umzufunktionieren, und Gewalttätig-
keiten begehen, hat die Polizei die Möglichkeit, sie
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat herauszugreifen
Frau Abgeordnete Dr. Diemer-Nicolaus. (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wie macht sie
denn das?)
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Frau Präsi-
-
und die Demonstration weiter ablaufen zu lassen.
dentin! Meine sehr verehrten Kollegen und Kolle-
ginnen! Wenn sich die Regierungsparteien in einer (Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Das steht doch
Fragehundertprozentig einig sind, so darin, wie die bloß auf dem Papier!)
Demonstrationsdelikte zu regeln sind. Ich kann des- — Sie hat aber auch die Möglichkeit, Herr Kollege
halb in vollem Umfang dem zustimmen, was von Lenz, die Demonstration vollkommen aufzulösen.
seiten meines Kollegen Müller-Emmert gesagt wor- Sie hat ohne eine besondere kriminelle Strafbestim-
den ist. mung die Möglichkeit, diejenigen, die trotz der Auf-
1214 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Frau Dr. Diemer Nicolaus
-

lösung verbleiben, festzunehmen, ihre Personalien Ich möchte hie r davor warnen, daß man nur die
festzustellen und dafür zu sorgen, daß wieder Ruhe Strafgesetze und nicht die anderen Gesetze sieht.
und Ordnung auf der Straße eintreten. Ich komme jetzt zu den Polizeigesetzen der Län-
der. Gestern hat sich in der gemeinsamen Sitzung
Vizepräsident Frau Funcke: Frau Kollegin von Innenausschuß und Sonderausschuß für die
Diemer-Nicolaus, gestatten Sie eine Zwischenfrage Strafrechtsreform gezeigt, daß es gut wäre, wenn
zunächst von Herrn Abgeordneten Erhard? sich die Länder, die die Kompetenz haben, über die
materielle Gestaltung des Polizeirechts in den ein-
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Ja.
- zelnen Ländern einigten. Ich hoffe, daß jetzt gerade
die Frage der Demonstrationsdelikte dazu führt, daß
die Länder zu mehr übereinstimmenden Regelungen
Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Frau Kol-
kommen, als es bisher der Fall ist.
legin, halten Sie es für richtig, daß die Teilnehmer
an einer sogenannten Spontandemonstration, die in Lassen Sie mich ganz kurz die drei wesentlichen
der Öffentlichkeit stattfindet und, weil sie eben Punkte ansprechen, die auch von Herrn Kollegen
spontan ist, nicht 48 Stunden vorher angemeldet Eyrich hervorgehoben worden sind.
wurde, sich nach dem Versammlungsgesetz eines Zunächst die Frage der Aufforderung zum Unge-
Vergehens schuldig machen und mit Strafe bedroht horsam gegenüber Verordnungen. Soweit es sich
sind, was Sie in Ihrem Entwurf nicht zu ändern ge- um Straftatbestände handelt, sind wir uns ja einig.
denken? Es ist ganz sicher so, daß der Staat nicht darauf
verzichten kann — auch keine Demokratie, auch
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kollege
-
- nicht die freiheitlichste —, darauf zu bestehen, daß
Erhard, ich habe gerade dargelegt, welche Möglich- nicht nur seine Gesetze, sondern auch seine Verwal-
keiten tungsvorschriften beachtet werden. Eine ganz andere
Frage ist es, inwieweit ein krimineller Tatbestand
(Abg. Erhard [Bad Schwalbach] : ... die
erfüllt sein soll, wenn etwa jemand auffordert —
Polizei nach dem Versammlungsgesetz
auch öffentlich auffordert —, eine Verwaltungsvor-
habe!)
schrift nicht einzuhalten. Das bezieht sich gar nicht
die Polizei hat, um ihren Aufgaben nachzukommen, so sehr auf Demonstrationen. Ich habe im Ausschuß
d. h. bei Demonstrationen, ob es nun angemeldete auf folgendes Beispiel hingewiesen: Es werden Mit-
oder Spontandemonstrationen sind, für Ruhe und telpunktschulen geschaffen. Zwischen zwei solchen
Ordnung auf den Straßen zu sorgen. Mittelpunktschulen liegen verschiedene Dörfer. Nun
kann es sein, daß die Eltern nicht damit einverstan-
Vizepräsident Frau Funcke: Eine Zusatzfrage den sind, daß von seiten der Obrigkeit, der Regie-
von Herrn Abgeordneten Lenz. rung, einfach verordnet wird, in welche der beiden
Mittelpunktschulen die Kinder gehen sollen. Er wird
unter Umständen zu einem Schulstreik aufgefordert.
Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Gnädige Frau, Solche Fälle sind tatsächlich passiert. Wollen Sie
meine Frage bezieht sich nicht auf die rechtlichen, diese Eltern deswegen auf Jahrzehnte mit einer kri-
sondern auf die tatsächlichen Möglichkeiten. Glau- minellen Vorstrafe belasten? Mit Ihrer Vorschrift
ben Sie wirklich, daß die Polizei die tatsächliche tun Sie es.
Möglichkeit hat, einige Friedensstörer aus einer
großen Demonstration heraus zu verhaften, was Sie Hier liegt eben der Unterschied: Man kann im
eben als richtig und notwendig bezeichnet haben, Rahmen der Verwaltungsvorschriften selber und des
wenn Tausende von Herumstehenden keineswegs sonstigen Verwaltungsrechts durchaus dazu beitra-
daran gehindert sind, stur auf der Stelle stehenzu- gen, daß auch Verwaltungsvorschriften entsprechend
bleiben, wobei sie durch ihre bloße Präsenz den beachtet werden. Nehmen Sie aber doch nicht immer
Zugriff der Polizei unmöglich machen können? den schweren Hammer der kriminellen Strafen, son-
dern behalten Sie diese schwerste Sanktion den ech-
ten kriminellen Taten vor!
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kollege
-

Lenz, das ist eine Tatfrage. Deswegen bin ich nach wie vor der Meinung,
daß man die Aufforderung zu Übertretungen oder
(Lachen bei der CDU/CSU. — Abg. Mem
Ordnungswidrigkeiten nicht als kriminelle Straftat
mel: Das weiß doch jeder von uns!)
einstufen sollte. Im übrigen ist die öffentliche Auf-
Es kommt ganz darauf an, wo sich die Betreffenden forderung am ehesten geeignet, die entsprechenden
befinden und ob man sie leicht herausgreifen kann. Gegenmaßnahmen von seiten der öffentlichen Hand
Ist es aber so, Herr Kollege Lenz — das steht dann auszulösen.
im Ermessen der Polizei —, daß die Polizei nicht
Soweit es sich um den § 113 handelt, möchte ich
an sie herankommt, wird sie wahrscheinlich die ge-
jetzt hier im Plenum nicht in eine juristische Ausein-
samte Demonstration auflösen, um an die Täter her-
andersetzung über die objektive Bedingung der
anzukommen. Dann darf eben niemand mehr ver-
Strafbarkeit und die Irrtumsregelung eintreten. Ich
bleiben, sondern dann müssen sich alle entfernen.
darf nur bemerken: Es ist richtig, wir haben heute
Über alle diese Einzelheiten wird noch gesprochen
noch objektive Bedingungen der Strafbarkeit, nicht
werden müssen.
nur in § 113. Meine Auffassung ist jedoch die, daß
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Wann denn?) das mit dem Schuldprinzip, wie wir es bei der Reform
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1215
Frau Dr. Diemer Nicolaus
-

des Allgemeinen Teils, also in unserem Zweiten sprechend geschützt wäre. Das ist einfach nicht rich-
Strafrechtsreformgesetz, akzeptiert haben, nicht tig.
übereinstimmt und daß wir jetzt bei der Fortsetzung (Abg. Memmel: Da müssen Sie mal Polizei
der Reform überall, wo noch objektive Bedingungen präsident werden!)
der Strafbarkeit in den Straftatbeständen enthalten
— Herr Kollege Memme], wenn Sie vom Platz aus
sind, diese beseitigen sollten. Darüber wird noch
sprechen, verstehe ich Sie nicht; ich darf das erst
zu sprechen sein.
einmal zu Ende führen. — Etwas anderes aber hat
Herr Kollege, bitte! die Irrtumsregelung zur Folge: Sie bewirkt, daß die
Verwaltungsbehörden jedesmal sehr sorgfältig prü-
fen müssen, ob das, was sie anordnen, tatsächlich
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
rechtmäßig ist. Das dient auch unserem Rechtsstaat
Frau Kollegin, Sie lassen die Zwischenfrage zu. — und dem Schutz des Bürgers. Um so weniger wird es
Bitte schön, Herr Kollege! vorkommen, daß ein derartiger Irrtum entstehen
kann, und um so weniger wird es möglich sein, daß
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Frau Kollegin Diemer- ein solcher Täter — es klang so durch: die reden
Nicolaus, stimmen Sie mir zu, daß sich der § 113, sich nachher alle aus diesem Irrtum heraus — die
wie er auch in Ihrem Entwurf enthalten ist, insofern Irrtumsregelung ungerechtfertigt für sich in An-
nicht voll in das Schuldstrafrecht integriert, als eine spruch nehmen kann; das wird ihm dann vom Ge-
Irrtumsregelung als Verbotsirrtum vorgesehen ist, richt nicht abgenommen.
nicht aber die Schuldform als Voraussetzung für
die Strafbarkeit vorgesehen ist, und zwar insofern, Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

als im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit der Amtsaus- - Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
übung weder Vorsatz noch Fahrlässigkeit erforder- Kollegen Erhard?
lich ist?
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP): Ich bitte, daß
-

Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kol-


- das die letzte ist; ich möchte zum Schluß kommen.
lege, halten Sie es wirklich für richtig, im Plenum
derartig subtile Rechtsfragen zu erörtern? Ich darf Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Frau Kol-
Ihnen aber folgendes sagen. Es ist richtig, wenn wir
legin, sollte ich Sie falsch verstanden haben, oder
nach den Grundsätzen des Zweiten Strafrechts-
wollten Sie tatsächlich zum Ausdruck bringen, daß
reformgesetzes vorgehen wollten, müßten wir sogar
sich unsere Verwaltungsbeamten, also unsere Behör-
von einem Tatsachenirrtum ausgehen, nicht nur von
den, nicht mit hinreichender Sorgfalt rechtsstaatlich
einem Verbotsirrtum. Die Tatsache, daß hier ein verhalten?
Verbotsirrtum vorliegt, hält sich aber nach unserer
Auffassung durchaus in den Grenzen unserer Ver-
fassung und noch in den Grenzen unseres Schuld- Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kol-
-

strafrechtes. lege, was ich haben möchte, ist, daß die Verwaltung
gerade dann, wenn sie eine Vollzugsmaßnahme
trifft — und das ist ja beim § 113 der Fall —, stets
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
sehr sorgfältig prüft, ob dies auch die richtige Maß-
Frau Kollegin, würden Sie eine weitere Zwischen- nahme ist. Ich möchte nicht behaupten, daß das bis-
frage des Kollegen Pinger zulassen? her nicht überall geschieht, aber Sie wissen, daß es
auch bei einer Verwaltungsbehörde vorkommen
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Wenn sie
- kann, daß man einmal nicht ganz so sorgfältig prüft,
nicht zu juristisch ist, bin ich gern dazu bereit, Herr wie es im Interesse der Bürger geschehen sollte.
Kollege. Wir werden über diese Fragen im Aus-
Zu dem § 125 möchte ich noch darauf hinweisen,
schuß sehr eingehend sprechen, und zwar unter rein
daß hier wieder die echt Kriminellen, nämlich die,
juristischen Gesichtspunkten.
die nach unserem Entwurf nach § 125 wegen Land-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) friedensbruchs bestraft werden sollen, nicht von
denen unterschieden werden, die tatsächlich nur da-
Aber ich halte es nicht für richtig, in der ersten bei gewesen sind. Herr Kollege Müller-Emmert hat
Lesung hier subtilste theoretische juristische Fragen hierzu außerordentlich treffende Ausführungen ge-
zu erörtern. macht. Ich kann mich ihnen nur anschließen. Ich
wehre mich dagegen, daß solche, die nicht eine echte
Dr. Pinger (CDU/CSU) : Darf ich es allgemein kriminelle Schuld auf sich geladen haben, in ihrem
formulieren: Würden Sie zugeben, daß sich der § 113 weiteren Leben als Vorbestrafte belastet sein sollen.
nach Ihrem Entwurf von der Sache her einer vollen Deswegen muß diese Abgrenzung in § 125 sehr
Integration ins Schuldstrafrecht entzieht? sorgfältig überlegt werden.
Es ist keineswegs so, daß wir die Augen vor der
Frau Dr. Diemer Nicolaus (FDP) : Herr Kol-
- Wirklichkeit verschließen; wir halten sie gerade für
lege, ich möchte jetzt auf das eingehen, was im die Wirklichkeit offen, indem wir eine andere Ab-
Hearing von seiten der Polizei gegen den § 113 vor- grenzung vorsehen, als sie der Entwurf der CDU/
gebracht wurde. Sie glaubt, daß sie, wenn diese CSU enthält. Wir wünschen, daß beachtet wird, daß
Irrtumsregelung geschaffen würde, nicht mehr ent- das Demonstrationsrecht ausgeübt werden kann.
1216 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Frau Dr. Diemer Nicolaus


-

Wir wünschen, daß die Demonstrationen friedlich aber man könnte formal mit Recht sagen: Nach § 112
verlaufen, und wir sind überzeugt, daß die Polizei wird das von Ihrer Vorlage erfaßt. Und vielleicht
in der Lage ist, auf Grund der von uns vorgeschla- wird der eine oder andere nach dem Legalitätsprin-
genen gesetzlichen Bestimmungen, auf Grund der zip doch ein Verfahren einleiten.
Polizeigesetze, auf Grund des Versammlungsgeset- Ein weiteres Beispiel zu § 113. Es kann doch der
zes, auf Grund der verschiedenen Gesetze zur An- Umstand eintreten, daß ein Polizist ein Fahndungs-
wendung des unmittelbaren Zwangs solche Demon- foto erhält, das einen Mann mit schwarzen Haaren,
strationen, die nicht friedlich bleiben, die nicht mehr Brille, Schnurrbärtchen und ovalem, schmalen Ge-
durch die Grundrechte geschützt sind, aufzulösen, sicht zeigt. Er sieht einen solchen Mann, der der
für Ruhe und Ordnung auf den Straßen zu sorgen Falsche ist und der sagt: Entschuldigen Sie bitte,
und dafür Sorge zu tragen, daß Freiheit und Eigen- ich bin der Oberbürgermeister von Köln. Wenn die-
tum der anderen Bürger geschützt sind. ser sich dann wehrt, weil er der Falsche ist, dann
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ist das nach unserer Vorschrift natürlich nicht derge-
stalt auszulegen, daß das ein Irrtum mit mildernden
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Folgen wäre. — Wenn aber derselbe Polizist durch
Das Wort hat der Herr Kollege de With. einen Anruf darauf aufmerksam gemacht wird, die
Haare seien inzwischen gefärbt, die Brille ver-
Dr. de With (SPD) : Herr Präsident! Meine sehr schwunden und ebenso der Bart, so daß das Ge-
verehrten Damen und Herren! Ich möchte nur sicht nicht mehr oval, sondern rund aussehe, und er
noch kurz einige Anmerkungen machen. trifft einen Mann, der so aussieht, hält ihn fest und
Ich meine, die Vorlage der CDU/CSU-Fraktion zeigt auf die Frage, wo denn sein Fahndungsbild sei,
ist tatsächlich nicht geeignet, die nach geltendem das alte vor, was zu einer Gegenwehr dieses Man-
Recht bestehenden Unklarheiten zu beseitigen. Ich nes führt, dann wird nach unserer Auffassung dieser
möchte das an Hand einiger Beispiele belegen. Person, die sich völlig ungerechtfertigt festgenom-
Außerdem meine ich, daß Sie sich mit Ihrem Ent- men sieht, ein Widerstandsrecht dergestalt zugebil-
wurf, meine Damen und Herren von der CDU/CSU, ligt werden müssen, daß das strafmildernde Folgen
einen Schritt zurück, auch von Ihren eigenen frühe- haben kann.
ren Gedanken zum geltenden Recht, bewegen. (Zuruf von der CDU/CSU: Hat das etwas
(Abg. Memmel: Vielen Dank, Herr Land- mit Demonstrationen zu tun, Herr Dr. de
gerichtsrat!) With?)
Ich darf mit Genehmigung des Herrn Präsidenten — Jedenfalls ist dies eine Vorschrift, die in unserem
aus Ihrem Entwurf 1962 eine Passage zum Schuld- Entwurf steht, und wir alle müssen darüber rechten.
prinzip zitieren. Dort heißt es: Es ist doch unzweifelhaft, daß der Entwurf nicht
nur auf die fest umrissene Demonstration anzuwen-
Es könnte fraglich sein, ob sich ein Strafrecht,
das wie das des Entwurfs auf dem Schuldgedan- den ist.
ken aufbaut, einer Rechtsfigur wie der Bedin-
gung der Strafbarkeit überhaupt bedienen darf, Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

ohne mit sich selbst in Widerspruch zu geraten. Herr Kollege, würden Sie eine Zwischenfrage Ihres
Kollegen zulassen?
Weiter unten heißt es dann:
Derartige Umstände dürfen daher nicht zur blo- Dr. de With (SPD) : Bitte schön!
ßen Bedingung der Strafbarkeit gemacht wer-
den, wenn nicht ein Widerspruch zum Schuld-
grundsatz entstehen soll.
Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Herr Kollege de With,
würden Sie dieses Beispiel nicht auf den Fall be-
Damals haben Sie deshalb folgerichtig in den § 419, schränken, daß bei dem Irrenden oder bei dem, der
der dem § 113 entspricht, die Irrtumsregelung ein- Widerstand leistet, höhere Gesichtspunkte, d. h.
gebaut. Heute tun Sie es nicht mehr. höhere Werte in Frage stehen? Muß dieses Korrek-
(Abg. Dr. Müller-Emmert: Sehr wahr!) tiv in Ihrem Beispiel nicht noch dazukommen?

Zweitens ein Beispiel, zu welchen Absurditäten


die Regelung in § 112 Ihrer Vorlage führen kann.
Dr. de With (SPD) : Ich verstehe nicht ganz, was
Sie mit „höheren Werten" meinen.
Der verstorbene Generalstaatsanwalt Fritz Bauer
und unser Kollege Ostman von der Leye hatten ein-
mal in Schriften geäußert, es sei eine Verbeugung Dr. Eyrich (CDU/CSU) : Der Bundesgerichtshof
vor Gesslers Hut, wenn ein Fußgänger nächstens hat festgestellt, daß nur dann ein Widerstandsrecht
am Zebrastreifen die Straße nicht passiere, weil gerechtfertigt sei, wenn für den anderen ein unab-
das grüne Männchen nicht auftauche — und das, wendbarer Schaden entstehe, der so ungleich grö-
obwohl weit und breit kein Fahrzeug zu sehen sei. — ßer ist, daß es nicht verantwortbar erscheine, ihm
Formal und streng genommen könnte man daraus ein Widerstandsrecht nicht zuzubilligen. Würden
schließen, diese Äußerung sei eine Aufforderung, Sie dieses Korrektiv hier einschalten?
eine bestimmte Ordnungswidrigkeit zu einer be-
stimmten Zeit zu begehen. Es wird kein Richter auf Dr. de With (SPD) : Ich meine, daß die Einschal-
die Idee kommen, tung unserer Irrtumsvorschrift das bereits vom Bun-
(Zuruf von der CDU/CSU: Ja eben!) desgerichtshof anerkannte Recht auf Irrtum des Bür-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1217
Dr. de With
gers deutlich vergrößert. Das ist auch die Ansicht stranten aber müssen das Gefühl haben, es werden
unseres Entwurfs. willkürlich einige gepackt, andere nicht. Das führt
Ich darf noch auf zwei Punkte hinweisen, die mir wiederum dazu, daß sich einige Polizeibeamte ob-
wesentlich erscheinen und die bisher nicht zur jektiv den Vorwurf der Begünstigung im Amt ein-
Sprache gekommen sind. Dadurch, daß Sie in § 113, handeln. Natürlich ist es für 'sie unmöglich, alle zu
den Sie in die Form eines Nötigungstatbestandes packen. Aber wenn es für die Polizeibeamten un-
bringen, den Richter aufnehmen, kommen Sie wie- möglich ist, gemäß dem Legalitätsprinzip alle Täter
der zu einem Gruppenstrafrecht, das wir doch alle zu packen, dann frage ich mich: Warum stufen wir
diesen Tatbestand nicht gleich zu einer Ordnungs-
nicht wollen. Ich glaube, wir kommen nicht weiter,
wenn wir bestimmte Kreise über die Maßen privile- widrigkeit herab, bei der die Polizei nach dem
gieren, Opportunitätsprinzip vorzugehen in der Lage ist?
(Zuruf des Abg. Dr. Lenz [Bergstraße]) Das entspräche auch dem Willen der Massenpsycho-
logen. Erwin Scheuch hat klar gesagt, am besten
allein durch die plakative Wirkung, die dann vor- werde eine Demonstration, auch wenn sie umkippe,
handen ist. Ich glaube nicht, daß das Gros der Rich- nach dem Opportunitätsprinzip und nicht nach dem
ter das wünscht. Legalitätsprinzip gepackt.
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Das ist auch Dazu noch eines: Nach unseren Intentionen ver-
gar nicht die Frage!) liert die Polizei an praktischen Zugriffsmöglichkeiten
gar nichts; denn die Polizeirechte der Länder ge-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- währen noch immer den Zugriff durch Platzverweis,
Gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Vo- durch vorläufige Mitnahme auf die Wache zur Fest-
gel? - stellung der Personalien und in fast allen Ländern
außer in drei Ländern — auch die Ingewahrsam-
Vogel (CDU/CSU): Herr Kollege de With, sind nahme. Dabei darf ich bemerken, daß es sich hier
Sie nicht der Auffassung, daß der Richter auch schon nicht um eine Verhaftung handelt. — Herr Lenz!
nach geltendem Recht mit unter den Beamtenbegriff
fällt, so daß das hier lediglich zur Verdeutlichung Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

hineingeschrieben ist und im Grunde genommen Sie gestatten offenbar eine Zwischenfrage?
keine Erweiterung des geschützten Personenkreises
bedeutet?
Dr. Lenz (Bergstraße) (CDU/CSU) : Herr Kollege
de With, wenn das, was Sie gesagt haben, richtig
Dr. de With (SPD) : Ich glaubte, Ihre Frage schon ist, wie erklären Sie sich dann die Tatsache, daß
vorher beantwortet zu haben, indem ich sagte: durch alle Polizeipräsidenten und -beamten genau das Ge-
die plakative Wirkung. genteil behauptet haben?
Ein weiterer Hinweis auf Ihre Regelung des § 116
— Auflauf — im Verhältnis zu § 125. Zunächst ein- Dr. de With (SPD) : Herr Lenz, das ist in dieser
mal möchte man meinen, Sie streichen — wie es verallgemeinernden Formulierung nicht richtig. Auf
auch unsere Intention ist — die Vorschrift über den meine Fragen haben die Polizeibeamten generell
Auflauf und drücken den Tatbestand herab zu einer gesagt, sie bräuchten das Strafgesetz, weil das psy-
Ordnungswidrigkeit. Aber dann muß man mit größ- chologisch ein größeres Gewicht zum Eingreifen
tem Erstaunen feststellen, daß in § 119 der Auflauf- verleihe. Aber wollen wir nicht alle von dem schwe-
Paragraph im Grunde genommen wieder im Straf- ren Knüppel des Strafrechts wegkommen, wenn wir
gesetzbuch auftaucht, auch wenn es dort noch den mit Verwaltungsrecht dasselbe erreichen?
Zusatz gibt: „die die öffentliche Sicherheit bedroht".
Jetzt frage ich: Der Polizeibeamte, der schnell ent- (Beifall bei der SPD. — Zuruf von der
scheiden muß, wird doch oft sehr leicht geneigt sein, CDU/CSU: Zum Polizeiknüppel kommen!)
zu sagen: Durch einige Gewalttäter wird die öffent- Ein weiteres Beispiel, um das zu erhellen.
liche Sicherheit bedroht. Dann aber wird für jeden
(Abg. Vogel meldet sich zu einer Zwischen
Demonstranten, wenn er nicht weggeht, diese Hand-
frage.)
lung wieder strafbar, und wir sind genau wieder bei
dem alten Recht, von dem wir uns entfernen wollen. — Einen kleinen Moment; ich möchte mein Beispiel
zu Ende führen.
Was hat das zur Folge? — Wir 'stehen auf dem
Standpunkt, die Polizei muß ein modernes Instru- Als das Straßenverkehrsrecht weitgehend zum
mentariaum erhalten, Ordnungswidrigkeitenrecht abgestuft wurde, kamen
zunächst auch Bedenken, ob denn die Polizei noch
(Abg. Dr. Lenz [Bergstraße] : Aber Sie neh- in der Lage wäre, entsprechend zuzugreifen, weil
men es ihr doch weg!) das psychologische Gewicht zum Eingreifen wegen
um bei Demonstrationen, die aus dem Leim gera- der Abstufung geringer geworden sei. Wir alle wis-
ten, zugreifen zu können. Das kann sie nach dem sen doch — und gestern hat das der Vertreter des
heutigen Recht in flexibler Weise nicht. Warum Innenministeriums in den Ausschüssen bestätigt —,
nicht? — Weil . praktisch alle Handlungen nicht mit daß die Polizei ihre Verhaltensweise noch genauso
Ordnungswidrigkeitsbußen bedroht sind, sondern ausrichtet und daß der fließende Verkehr nicht ge-
mit Strafe, was zur Folge hat, daß die Polizei nach stört ist, sondern daß im Gegenteil durch die flexib-
dem Legalitätsprinzip vorzugehen hat. Die Demon- lere Behandlung eine Besserung eingetreten ist. Ich
1218 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Dr. de With
meine, dasselbe wird bei den Demonstrationen der sind Ausführungen, die am Platz sind, wenn die
Fall sein. Überlegungen und Beschlüsse des Ausschusses zur
Entscheidung anstehen. Vor allem haben wir nichts
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: davon, wenn hier mit Beispielen gearbeitet wird,
Herr Kollege Vogel, wollen Sie Ihre Zwischenfrage die ganz abseits liegen, wie das öfters der Fall ge-
zurückziehen! wesen ist, oder wenn Mißverständnisse auftreten,
wie z. B. die Frage des Herrn Kollegen Vogel, die
(Abg. Vogel: Sie paßt jetzt nicht mehr in völlig berechtigt war, gezeigt hat. Daß die Richter
den Zusammenhang!) in den Bestimmungen besonders genannt werden,
— Gut. — Bitte schön! entspricht der neuen Auffassung unseres Grund-
gesetzes.
Dr. de With (SPD) : Ich bin am Ende und darf Ich möchte nur folgendes sagen. In Art. 83 unseres
mit folgenden Worten schließen. Grundgesetzes ist die Rede von den Gesetzen, die
Ich glaube nicht, daß durch Ihre Vorlage im End- grundsätzlich von den Ländern ausgeführt werden.
effekt Rechtsfrieden geschaffen werden würde; denn Solche Gesetze werden in diesem Hause in großem
zur Zeit haben wir auf diesem Teilgebiet keinen Maße produziert. Das sind die Gesetze für die
Rechtsfrieden. Um Rechtsfrieden zu schaffen, muß Verwaltung. Wir haben hier über ein Strafgesetz zu
man auch den Mut haben, Vorstellungen bei be- entscheiden, und das ist ein Gesetz, nach dem Recht
stimmten Personengruppen begegnen zu können. gesprochen werden soll. Das bürgerliche Recht und
Wenn das das Parlament nicht tut, handelt es sich das Strafrecht sind die unmittelbare Grundlage der
nach Acton mit Recht den Vorwurf ein, es handle - Rechtsprechung durch unsere Gerichte, ja sie sind
nur politisch, weil es an die nächsten Tage denke, eigentlich der Anfang und die Grundlage des Rechts-
und nicht staatsmännisch, weil es nicht an die näch- staates und der Stellung des Bürgers im Rechtsstaat,
sten Jahre denke. Ich meine, wir sollten uns dazu wo er nicht der Exekutive, sondern unmittelbar der
aufraffen, etwas mehr in die Zukunft zu schauen unabhängigen Gerichtsbarkeit gegenübersteht.
und nicht nur auf die nächsten Wochen und Monate.
Es ist verständlich, daß die beiden Vorlagen
(Beifall bei den Regierungsparteien.) in einer Frontstellung einander gegenübergestellt
werden. Man kann sagen, beide haben ihre Pro-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: bleme. Ich räume durchaus ein, daß die Regelung
Als letzter Redner in dieser Debatte hat sich der des § 113, die in der Vorlage der CDU/CSU vor-
Kollege Schlee gemeldet. Bitte schön! gesehen ist, im Hinblick auf die Rechtsprechung und
auf die Rechtslehre große Probleme aufwirft. Auf
Schlee (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine Damen der anderen Seite sind die Vorschläge der Koali-
und Herren! Gestatten Sie mir, aus dem Stegreif tionsparteien zur Regelung des § 125 — Landfrie-
noch einige Worte zu dieser Debatte zu sagen. Ich densbruch — meiner Meinung nach völlig unge-
möchte das deswegen tun, weil ich die Ehre habe, nügend und tragen nicht den Bedürfnissen nach
im Ausschuß der Berichterstatter zu sein. Schutz und Sicherheit der Öffentlichkeit und des
Bürgers, der mit seinem Eigentum und seiner Per
Ich halte es für unglücklich, daß hier immer nur son nicht Objekt von Willenskundgebungen und
von Demonstrationsdelikten und vom Recht zu De- Angriffen werden will, Rechnung.
monstrationen die Rede ist. Es handelt sich um die
Reform der Strafvorschriften über den Widerstand Es ist die Aufgabe des Ausschusses, zunächst ein-
gegen die Staatsgewalt und gegen die öffentliche mal zu versuchen, ob er aus beiden Vorlagen eine
Ordnung. Natürlich rücken die Vorgänge der jüng- gemeinsame Lösung erarbeiten kann, die eine große
sten Jahre Erscheinungen der Demonstrationen in Mehrheit des Hauses findet. Denn um auf das
den Vordergrund. Aber wir alle sind wohl einig in zurückzukommen, was ich eben gesagt habe: Ge-
der Meinung, daß Demonstrationen, Willensbekun- setze, die ,die Grundlage der Rechtsprechung sind,
dungen durch öffentliche Versammlungen und kann man nicht heute und morgen, in Monaten oder
Jahren immer wieder ändern; es sind Gesetze, die
öffentliche Aufzüge, an sich etwas ganz Legales sind,
dauern sollen, Gesetze, die in das Rechtsbewußt-
was nicht geduldet, sondern auch geschützt werden
sein des Volkes eingehen sollen. Daher waren wir
muß, und daß es sich bei den Strafvorschriften, die
uns im Ausschuß einig, daß wir uns bemühen müs-
der Ausschuß jetzt ins Auge fassen muß, um Er-
sen, Regelungen zu treffen und Gesetze zu schaffen,
scheinungen handelt, die auch auf anderen Gebieten,
die nicht nur hier im Hause eine große Mehrheit
bei anderen Gelegenheiten vorkommen, dann aller-
finden; vielmehr sollte die Mehrheit, die hier im
dings manchmal auch im Auslauf von Demonstra-
Hause zustande kommt, auch zum Ausdruck brin-
tionen. gen, daß , die gefundene Lösung weitgehend dem
Nachdem die Regierung keine Vorlage einge- Rechtsbewußtsein unseres Volkes oder der über-
bracht hat, wohl aber die Koalitionsparteien, ist es wiegenden Mehrheit der Bevölkerung entspricht.
ja verständlich und richtig, daß nun auch die Frak-
tion der CDU/CSU ihre Vorlage eingebracht und (Beifall bei der CDU/CSU.)
heute ausführlich begründet hat. Ich verspreche mir Wenn wir dieses Ziel im Ausschuß nicht erreichen,
aber nichts davon, daß wir hier in der Abwägung wird es selbstverständlich in den Abstimmungen
und Beurteilung der Vorlagen zu sehr ins Detail hier auch einmal zu Frontstellungen kommen; das
gehen. Davon hat das Hohe Haus gar nichts. Das ist nicht zu vermeiden. Vorerst aber ist es Aufgabe
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1219
Schlee
des Ausschusses, Lösungen zu suchen, die die Aner- Grundgesetzes den Vorrang gegeben, wonach ein
kennung des Hauses insgesamt finden können. Viertel der zum Landtag Wahlberechtigten ihre
(Beifall bei der CDU/CSU.) Stimme in dem Sinne der Wiederherstellung abge-
ben müssen. Das hatte zur Folge, daß das Gesetz
über Volksbegehren und Volksentscheid von 1955
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: im § 22 Abs. 2 geändert werden mußte. Der Aus-
Damit sind wir am Ende der Aussprache. Der Älte-
schuß hat die Streichung dieses Paragraphen emp-
stenrat schlägt vor, den Entwurf eines Dritten Ge-
fohlen.
setzes zur Reform des Strafrechts, Drucksache
VI/261,Antragdebo Vl,Benda Ich bitte bei dieser Gelegenheit, einen Druckfehler
Erhard (Bad Schwalbach), Dr. Eyrich, Dr. Lenz (Berg- zu berichtigen, der auf der vorletzten Seite des
straße), Dr. Pinger und der Fraktion der CDU/CSU, Schriftlichen Berichts Drucksache VI/303 zu finden
an den Sonderausschuß für die Strafrechtsreform — ist. Dort heißt es in Art. 2 a in dem unterstrichenen
federführend — und zur Mitberatung an den Innen- Text „Das Gesetz ... vom 23. Dezember 1966". Das
ausschuß zu überweisen. — Es ist so beschlossen. ist ein Fehler. Es muß dort heißen „Das Gesetz ...
vom 23. Dezember 1955". Ich bitte das zu berichti-
Zu Punkt 19b liegt der Bericht des Ausschusses gen.
auf Drucksache VI/270 vor. Das Wort wird nicht
gewünscht. Wer dem Bericht und der entsprechen- Das zweite Problem, welches den Innenausschuß
den Beschlußfassung zustimmt, den bitte ich um das beschäftigt hat, war die Frage der Wahlkampfko-
Zeichen. — Ich danke. Gegenprobe! — Stimment- stenerstattung. Der Innenausschuß hält es für ange-
haltungen? — Ich stelle einstimmige Annahme fest. bracht, in diesem Falle, da es sich ja um eine Ab-
stimmung laut Grundgesetz handelt, eine Wahl-
Gemäß einer interfraktionellen Vereinbarung kampfkostenerstattung zu gewähren. Um aber nicht
wird jetzt der Zusatzpunkt der heutigen Tagesord- für andere Abstimmungen etwas zu präjudizieren,
nung aufgerufen: ist die Wahlkampfkostenerstattung aus dem Gesetz
Zweite und dritte Beratung des von der Bun- herausgenommen worden. Sie finden in der beilie-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines genden Entschließung das Ersuchen an die Bundes-
Gesetzes über den Volksentscheid im Ge- regierung, die Frage im Rahmen des Haushalts 1970
bietsteil Baden des Landes Baden-Württem- zu lösen, indem 1,2 Millionen DM für die Vereini-
berg gemäß Artikel 29 Abs. 3 des Grund- gungen, die sich aktiv am Abstimmungskampf
gesetzes beteiligen, eingesetzt werden. Es heißt also nicht
— Drucksache VI/211 — „die Parteien".
Schriftlicher Bericht des Innenausschusses Der Innenausschuß hat das Gesetz in drei Sit-
(4. Ausschuß) zungen gründlich beraten und empfiehlt dem Hohen
— Drucksache VI/303 — Haus die Annahme.
Das Wort hat der Herr Berichterstatter, der Herr Zum Schluß möchte ich bemerken, daß es etwas
Abgeordnete Dr. Gruhl. eigenartig erscheint, wenn heute, wo allenthalben
von einer Neuregelung des Bundesgebietes gespro-
Dr. Gruhl (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine chen wird, unter der man meistens die Zusammen-
sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte den fassung zu größeren Einheiten versteht, ein Volks-
Schriftlichen Bericht, der Ihnen heute morgen auf entscheid über die Abtrennung eines Landesteiles
die Plätze gelegt worden ist, nur um einige Bemer- durchgeführt wird. Aber unsere demokratische
kungen ergänzen. Grundordnung gibt auch den Bürgern dieses Lan-
Der Volksentscheid im Gebietsteil Baden des Lan- desteiles das Recht, ihren Willen frei zu äußern. Der
des Baden-Württemberg ist bis zum 30. Juni 1970 Innenausschuß war bemüht, diese Frage so zu re-
durchzuführen. Demnach ist die Verabschiedung des geln, daß eine möglichst unbeeinflußte Durchführung
Gesetzes eilbedürftig. Das Grundgesetz regelt die- des Volksentscheids möglich ist.
sen Termin, und es schreibt außerdem vor, daß für
eine erfolgreiche Abstimmung ein Vietel der Wahl- Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
berechtigten des früheren Landes Baden ihre Stimme Ich danke dem Herrn Berichterstatter. — Wortmel-
für die Wiederherstellung abgeben müssen. dungen liegen nicht mehr vor.
Damit sind wir bei dem ersten Problem, das den Ich rufe in der zweiten Beratung auf Art. 1, Art. 2,
Innenausschuß zu beschäftigen hatte. Denn im Ge- Art. 2 a — mit der Änderung, die der Herr Bericht-
setz über Volksbegehren und Volksentscheid von erstatter soeben hier vorgetragen hat —, Art. 3,
1955 ist vorgesehen, daß nicht nur die wahlberech- Art. 4 Einleitung und Überschrift. — Es ist so be-
tigten Bürger des Landes, sondern daß auch die in schlossen.
dem Land Geborenen Stimmrecht haben sollen. Dies
steht im Widerspruch zu der Regelung im Grund- Wir treten in die
gesetz; denn die Anzahl derer, die im Lande Baden
geboren sind und nicht mehr dort wohnen, ist weder dritte Beratung
ihrer Zahl nach festzustellen noch ist vorauszusehen, ein. Das Wort wird nicht gewünscht. Wir kommen
eine wie große Anzahl von Wahlberechtigten ihre zur Schlußabstimmung. Wer dem Gesetzentwurf
Stimme bei diesem Volksentscheid abgeben würden. in dritter Lesung zustimmen will, den bitte ich, sich
Der Innenausschuß hat darum der Regelung des zu erheben. — Ich danke Ihnen. Gegenprobe! —
1220 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. J an uar 1970
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen
-

Keine Gegenstimmen. — Stimmenthaltungen? — Ich Wenn Sie einmal die Güte haben, in Drucksache
stelle einstimmige Annahme des Gesetzentwurfs III/1449 und den Schriftlichen Bericht in Drucksache
fest. III/1819 nachzulesen, werden Sie feststellen, daß
man sich, wenn man der damaligen Initiative der
Meine Damen und Herren, wir müssen dann noch
drei Kollegen gefolgt wäre, das Zehnte Strafrechts-
über den Antrag des Ausschusses unter Ziffer II, den
änderungsgesetz, das jetzt hier im Entwurf vorliegt,
Sie auf Seite 5 der Drucksache finden, abstimmen.
vielleicht hätte ersparen können. Ich schlage daher
Wer diesem Entschließungsantrag zustimmt, den
vor, daß der Vorsitzende des Rechtsausschusses, der
bitte ich um das Zeichen. — Danke. Gegenprobe! —
Herr Kollege Lenz, bei den Beratungen des Zehnten
Stimmenthaltungen? — Ich stelle auch hier einstim-
Strafrechtsänderungsgesetzes auf die Drucksachen
mige Annahme fest.
III/1449 und III/1819 — das sind Drucksachen aus der
Meine Damen und Herren, damit ist dieser Punkt dritten Legislaturperiode — zurückgreift.
der Tagesordnung abgeschlossen. (Zuruf von der CDU/CSU: Nicht zuständig!)
Ich rufe Punkt 11 der Tagesordnung auf:
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Erste Beratung des von der Bundesregierung Herr Kollege, ich mache Sie auf einen Irrtum auf-
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur merksam. Nach dem Vorschlag des Ältestenrates
nÄderugsRchtpflez soll der Sonderausschuß für die Strafrechtsreform
— Drucksache VI/289 — diese Materie beraten.
Das Wort wird dazu nicht gewünscht. Nach dem
Beschluß des Altestenrates soll der Gesetzentwurf Memmel (CDU/CSU) : Vielen Dank, Herr Präsi-
dem Rechtsausschuß überwiesen werden. — Es ist dent. Dann muß ich meine Empfehlung an den Vor-
so beschlossen. sitzenden des Sonderausschusses richten. Ich freue
mich, daß dieser Einwand, der damals gegenüber
Ich rufe Punkt 12 der Tagesordnung auf: dem Antrag in der 3. Legislaturperiode gebracht
Erste Beratung des vom Bundesrat einge- worden ist, nämlich daß das doch ein unzulässiger
brachten Entwurfs eines Zehnten Strafrechts- Vorgriff auf die kommende Strafrechtsreform sei,
änderungsgesetzes weil das in dem Entwurf 1959 II in § 229 geregelt
— Drucksache VI/293 — werde, dieser Einwand, der zu einer großen Verzö-
gerung geführt hat, die Leute damals nicht gehindert
Der Herr Kollege Memmel hat das Wort. hat, das doch durchzusetzen. Denn Sie sehen, bis
heute haben wir noch keine Große Strafrechtsreform.
Memmel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine (Beifall bei der CDU/CSU.)
Damen und Herren! Mit großem Interesse habe ich
den Bericht über die 347. Sitzung des Bundesrates
vom 23. Januar 1970 gelesen. In dieser Sitzung hat Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Das Wort hat der Herr Kollege Glombig.


Senator Heinsen das Zehnte Strafrechtsänderungs-
gesetz begründet. Dieser Gesetzentwurf geht ja auch
auf einen Antrag des Landes Hamburg zurück. Mit Glombig (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
der von Senator Heinsen gegebenen mündlichen und Herren! Gestatten Sie mir, daß ich als direkt
Begründung bin ich voll einverstanden. Nicht ein- gewählter Abgeordneter im Wahlkreis 12, Ham-
verstanden dagegen bin ich mit Teilen der Begrün- burg-Mitte, zu dem auch St. Pauli gehört, einige
dung, die uns in Drucksache VI/293 schriftlich vor- kurze Ausführungen zu dem hier vorliegenden Ent-
liegt. wurf eines Zehnten Strafrechtsänderungsgesetzes
mache.
Die Gründe dafür will ich Ihnen kurz sagen. In der
3. Legislaturperiode hatten die Abgeordneten Mem- Herr Kollege Memmel, ich fasse Ihre Rede, die Sie
mel, Höcherl und Schlee, alles ehemalige bayerische soeben gehalten haben, so auf, daß Sie damit Ihre
Strafrichter, diesem Hause einmal einen Antrag Verdienste um das Fünfte Strafrechtsänderungs-
vorgelegt. Mit diesem Antrag, der später dann zu gesetz hier noch einmal gebührend hervorgehoben
dem Fünften Strafrechtsänderungsgesetz geführt haben. Ich meine auch, daß wir Ihnen Dank dafür
hat, sollte nicht nur die Beseitigung gewisser Miß- sagen sollten, daß diese Initiative ergriffen worden
stände erreicht werden; es sollte vor allem eine ist. In der Zwischenzeit hat sich allerdings heraus-
Rechtsunsicherheit beseitigt werden, die dadurch gestellt, daß wir damit allein nicht auskommen. Ich
entstanden ist, daß der Bundesgerichtshof in den glaube, daß wir bei allen Vorbehalten, die Sie vor-
in Band 11 veröffentlichten Entscheidungen die ört- getragen haben, wohl in der Sache einig gehen, daß
lichen Polizeiverordnungen für unzulässig erklärt hier zusätzlich noch etwas geschehen muß, um auch
hat. innerhalb eines Bezirks zu einer örtlichen und zeit-
lichen Beschränkung der Prostitution zu kommen.
In der schriftlichen Begründung in Drucksache
VI/293 steht nun, daß das Fünfte Strafrechtsände- Der Entwurf eines Zehnten Strafrechtsänderungs-
rungsgesetz zu grobschlägig sei, um bei komplexen gesetzes ist auf einen Antrag des Landes Hamburg
großstädtischen Verhältnissen untragbare Aus- im Bundesrat zurückzuführen auf Grund der Erfah-
wüchse der Gewerbsunzucht zu beseitigen. Weiter- rungen, die vor allem in Hamburg gemacht worden
hin heißt es, das Fünfte Strafrechtsänderungsgesetz sind. Aber es geht hier nicht nur um ein Hamburger
sei zu eng. Problem, meine Damen und Herren, sondern es geht
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1221
Glombig
um ein Problem, das wir auch in anderen Groß- und schritten wird, mit weiteren Schulstreiks zu rechnen
Mittelstädten haben und das sowohl in Hamburg ist.
als auch in diesen Städten einer Losung zugeführt Wir erkennen die Berechtigung der Beschwerden
werden muß. Es handelt sich hier vor allem um die der Bürger in diesen Gebieten an und meinen, daß
Bekämpfung der Auswüchse der Straßenprostitution, wir als Gesetzgeber alles tun müssen, um diese
nicht zuletzt auch um die Bekämpfung des „Auto- Mißstände zu beseitigen. Wir konnten es bisher
strichs". Man sollte das in diesem Hause ruhig auch auf Grund der jetzt gegebenen gesetzlichen Ermäch-
einmal so zum Ausdruck bringen, weil das ein Pro- tigung nach dem Fünften Strafrechtsänderungs-
blem ist, mit dem sich die Burger, die in diesen gesetz nicht tun. Diese Möglichkeit muß so schnell
Gebieten wohnen, herumzuschlagen haben. wie möglich geschaffen werden. Deswegen bitte ich
Nach geltendem Recht sind die Landesregierun- Sie alle, meine Damen und Herren, vor allem die
gen ermächtigt, den bei der Ausübung des „ältesten Kolleginnen und Kollegen im Sonderausschuß für
Gewerbes der Welt" auftretenden Mißständen durch die Strafrechtsreform, dafür zu sorgen, daß dieses
Rechtsverordnung zu begegnen, welche die Aus- Gesetz so schnell wie möglich verabschiedet wird,
übung der Gewerbsunzucht in kleinen Gemeinden damit wir nach Möglichkeit noch bis zum Sommer,
ganz und in Gemeinden mit über 50 000 Einwohnern d. h. bis zu dem Zeitpunkt, wo die große Welle des
für einzelne Bezirke verbietet. In einer Mittel- oder Fremdenverkehrs auch auf St. Pauli wieder einsetzt,
Großstadt ist es verfassungsrechtlich weder zulässig, das Gesetz über die Bühne gebracht haben. Die
noch durchsetzbar, noch zweckmäßig, so meine ich, Menschen, die dort wohnen, werden Ihnen sehr
die Prostitution ganz zu verbieten. Es muß in einer dankbar sein, und ich als Abgeordneter aus einem
Großstadt wie Hamburg mindestens einen Bezirk solchen Gebiet bin Ihnen natürlich auch dankbar,
geben, in dem die Prostitution erlaubt bleibt, auch wenn hier möglichst zügig gearbeitet wird.
nach Erlaß dieses Zehnten Strafrechtsänderungs- (Beifall.)
gesetzes. Das braucht im einzelnen hier nicht weiter
begründet zu werden. Die jetzige Ermächtigung Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

sieht jedoch nach dem Willen des Gesetzgebers und Das Wort wird nicht mehr begehrt.
nach der Rechtsprechung nur ein Vollverbot für den Der Ältestenrat schlägt vor, den Entwurf dem
ganzen Bezirk und für 24 Stunden vor, also ein Ver- Sonderausschuß für die Strafrechtsreform zu über-
bot rund um die Uhr. weisen. — Es ist so beschlossen.
Wir wollen gern, daß die Möglichkeit geschaffen
wird, dieses Verbot in einem bestimmten Bezirk Ich komme nunmehr zu dem letzten Punkt der
heutigen Tagesordnung, Punkt 18:
für bestimmte Straßen und für bestimmte Plätze aus-
zunehmen, z. B. für Eros-Zentren und ähnliche Beratung des Berichts der Bundesregierung
Etablissements. Wir wollen weiter, daß dieses Ver- über den Stand der Unfallverhütung und das
bot für bestimmte Zeiten eingeschränkt wird, z. B. Unfallgeschehen in der Bundesrepublik für
für die Nachtzeit. St. Pauli ist ja nicht nur ein welt- das Jahr 1967 (Unfallverhütungsbericht 1967)
bekanntes Vergnügungszentrum — ich möchte Sie — Drucksache VI/ 183 —
alle einladen, wenn ich das darf, sich das ruhig ein- Für die Bundesregierung erläutert den Bericht
mal anzusehen; es ist sehenswert — — Herr Staatssekretär Rohde.
(Zuruf des Abg. Memmel.)
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim
— Sie waren noch nicht da?
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr
(Abg. Memmel: Ich gehe mit Ihnen gern Präsident! Meine Damen und Herren! Den am
hin, Herr Kollege!) 10. September 1969 abgeschlossenen Unfallver-
hütungsbericht für das Jahr 1967 lege ich hiermit
— Ich würde mich sogar anbieten, dann Ihr „Bären- dem Hohen Hause vor. Es ist ein verkürzter Bericht.
führer" zu sein. Das sollte mir ein besonderes Ver- Er entspricht in dieser Form dem Wunsche des
gnügen sein, einen Kollegen von der bayerischen Hohen Hauses, in Jahren mit ungerader Zahl die
CSU auf St. Pauli begrüßen zu können. Berichte der Träger der Unfallversicherung und der
Meine Damen und Herren, St. Pauli ist darüber Gewerbeaufsichtsbehörden in gedrängter Form zu-
sammenzufassen.
hinaus auch ein Wohngebiet, in dem Tausende von
Menschen wohnen und ihrer Arbeit nachgehen. Es In diesem Zusammenhang will ich gleich eine kri-
gibt dort Tausende von Familien mit Kindern, und tische Anmerkung machen. Wir werden die Frage
diese Kinder müssen unter Umständen beim Spielen prüfen, wie Form und Inhalt künftiger Unfallver-
auf den Straßen, auf dem Schulweg, d. h. auf dem hütungsberichte anders gefaßt werden können. Es
Weg zur Schule und auf dem Weg von der Schule ist z. B. zu untersuchen, ob nicht eine Akzentver-
nach Hause, Dinge mit ansehen, die einen Teil der schiebung in der Richtung vorgenommen werden
Prostitution darstellen, nämlich z. B. die Anbah- sollte, den Bericht mehr zu einem Arbeitssicher-
nungsgespräche. Es kommt dort zu Belästigungen heitsbericht werden zu lassen, um damit die beson-
und Gefährdungen der Kinder. Die Empörung der dere Zielsetzung der Vorsorge im Arbeitsleben in
Eltern ist sehr groß. Wir haben im Sommer des ver- den Vordergrund zu rücken. Durch eine neue Art
gangenen Jahres bereits Schulstreiks in diesem der Berichte wollen wir für die Zukunft auch dazu
Bezirk gehabt, und es gibt die Androhung, daß, beitragen, daß sie eine größere öffentliche Resonanz
wenn hier nicht recht bald gesetzgeberisch einge- finden. Dieses unser Bemühen geht davon aus, daß
1222 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Parlamentarischer Staatssekretär Rohde


Arbeitsschutz und Unfallverhütung Schwerpunkte unserer Auffassung geprüft werden müssen, ob die
zeitgerechter Sozialpolitik darstellen. Die Regie- praktische Handhabung der Zuschläge und Nach-
rungserklärung hat das deutlich gemacht. Es ist nicht lässe bei der Beitragserhebung in einer Weise er-
mehr nur ein Thema für Fachleute. Was wir heute folgt, die den Vorstellungen des Gesetzgebers, die
im Spannungsfeld zwischen Mensch und Technik an er seinerzeit bei der Beratung des Unfallversiche-
Konflikten vorfinden, geht die ganze Gesellschaft rungsneuregelungsgesetzes fixiert hat, Rechnung
an. Die Zahlen über das Unfallgeschehen in den trägt.
Betrieben, auf den Straßen und in anderen Lebens- (Beifall bei der SPD.)
bereichen zeigen das.
Darüber hinaus aber wurde bei den Beratungen
Im Hinblick auf die Ihnen mit dem heutigen Be- früherer Unfallverhütungsberichte eine Reihe von
richt vorgelegten Zahlen möchte ich einige Anmer- grundsätzlichen Fragen der Weiterentwicklung der
kungen machen. Arbeitssicherheit aufgeworfen. Die heutige Bundes-
Es geht aus den Statistiken hervor, daß die Zahl regierung nimmt die bei jenen Gelegenheiten ge-
der Arbeitsunfälle insgesamt und besonders bei den äußerten Erwartungen des Parlaments ernst und
gewerblichen Berufsgenossenschaften zurückgegan- arbeitet zielstrebig daran, ihnen zu entsprechen.
gen ist. Bei diesen Zahlen muß allerdings bedacht Dabei werden vier Aufgaben im Vordergrund
werden, daß im Jahre 1967 infolge der Rezession stehen: erstens der Ausbau der betrieblichen Ar-
die Zahl der Beschäftigten und auch der geleisteten beitssicherheitsorganisation ; zweitens die Entwick-
Arbeitsstunden rückläufig war. Insofern muß also, lung des werksärztlichen Dienstes; drittens die
um eine längerfristige Prognose stellen zu können, Intensivierung der Unfallursachenforschung ; vier-
die Entwicklung der Arbeitsunfälle in den Jahren tens der Ausbau sowie die zeitgerechte Aufgaben-
1968 und auch 1969 mit berücksichtigt werden. Die stellung für das Bundesinstitut für Arbeitsschutz.
Angaben des vorliegenden Berichts sind also kein
Bei der Erfüllung dieser Aufgaben geht unsere
Grund zur Selbstzufriedenheit. Es müssen auf die-
Absicht dahin ich sage das schon an dieser Stelle,
sem Feld auch in Zukunft große Anstrengungen
um Sie auf diese Weise auch mit an unseren Über-
gemacht werden, um das Maß an Arbeitssicherheit
legungen zu beteiligen —, eine enge Beziehung
zu erhöhen und auf diese Weise das zu leisten, was
zwischen technischem und gesundheitlichem Arbeits-
in der Regierungserklärung als „Humanisierung des
schutz herzustellen. Auf Grund der bisherigen Er-
Arbeitslebens" angesprochen worden ist.
hebungen und gutachtlichen Stellungnahmen prüfen
Wir sind uns als Regierung bewußt, daß zur Er- wir die Frage, ob der Gesamtkomplex ,,innerbetrieb-
füllung dieser Aufgabe eine enge Kooperation aller liche Sicherheitsdienste" nicht in einem gemein-
Verantwortlichen erforderlich ist. Sozialpolitik, so- samen Gesetz eine feste Grundlage finden kann. Das
ziale Praxis, wie sie sich insonderheit in den Be- würde dann gleichzeitig das Problem der hauptamt-
trieben darstellt, und Wissenschaft müssen zusam- lichen Sicherheitsingenieure sowie der Werksärzte
menwirken. Das geht hin bis zur Sicherheitspäda- und sonstigen Institutionen umfassen.
gogik, die ihren Ansatzpunkt auch nicht erst im
Es ist heute vielfach — das will ich auch offen
Betriebsleben, sondern schon in den Schulen und
sagen — das Schicksal dieser Sicherheitsdienste,
anderen Lebensbereichen finden kann.
eine zweit- oder gar drittklassige Rolle neben der
Unser Haus ist sich bewußt, welche Bedeutung die Produktion einnehmen zu müssen. Das ist für
Initiativen haben, die von den Tarifvertragsparteien, Ingenieure, Ärzte und anderes Fachpersonal kein
den Trägern der Unfallversicherung und anderen nachhaltiger Anreiz, auf diesem Feld tätig zu wer-
Stellen unternommen worden sind. Ich darf hinzufü- den. Unsere Erwartung geht dahin, mit der Ent-
gen, daß in dem von unserem Haus angekündigten wicklung des Arbeitsschutzes gleichzeitig auch bes-
Dialog mit den sozialen Gruppen die Weiterentwick- sere Voraussetzungen für die personelle Seite dieses
lung des Arbeitsschutzes eine besondere Rolle spie- wichtigen Bereichs der Sozialpolitik zu schaffen. Ich
len wird. weiß, daß damit auch Fragen verbunden sind, die
Bei den Beratungen früherer Unfallverhütungs- sich auf die noch bessere Integration des Arbeits-
berichte hat der Bundestag eine Reihe von Empfeh- schutzes und der Arbeitsmedizin in die akademische
lungen und Anregungen gegeben. Zu einem Teil Ausbildung beziehen.
sind sie bereits in den Vorlagen für die Jahre 1966 Eine vorsorgende und praxisnahe Unfallursachen-
und 1967 berücksichtigt worden. Das betrifft z. B. forschung ist durch moderne Erkenntnisse möglich
die Dokumentation der Arbeitsschutzvorschriften geworden. An Stelle der bisher sehr fachorientierten
und der Richtlinien des Bundes und der Länder so- Einzelforschung müssen die Unfallursachen in echter
wie Vorschläge zum Ausbau der Statistik. Aber Teamarbeit von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren,
ich will an dieser Stelle offen hinzufügen, daß auch Medizinern, Psychologen und Wirtschaftswissen-
hier noch eine Reihe von Fragen aufgearbeitet wer- schaftlern gemeinsam erforscht werden. Das in- und
den muß, z. B. was die Ermittlung der indirekten ausländische Forschungsmaterial muß zusammenge-
Unfallkosten angeht, die Unfallhäufigkeit nach Be- tragen und aufbereitet werden. Die Ergebnisse sind
triebsgrößen und die Abstimmung mit der Entwick- dann so zu verbreiten, daß sie als Rüstzeug für eine
lung in der EWG. erfolgreiche Unfallverhütung genutzt werden kön-
Im einzelnen wird das gründlich in den Ausschuß- nen.
beratungen zu erörtern sein. Dabei wird auch an Diese Absicht, nämlich Unfallursachenforschung,
Hand der Zahlen dieses Berichts jedenfalls nach Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit weiterzu-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1223
Parlamentarischer Staatssekretär Rohde
entwickeln, soll durch den Ausbau des Bundes- Der erste Eindruck ergibt, daß der vorliegende
instituts für Arbeitsschutz gefördert werden. Damit Bericht eine erfreulich positive Tendenz ausweist.
wollen wir gleichzeitig einem seit langem bestehen- Die Arbeitsunfälle sind danach um rund 400 000
den Auftrag dieses Hohen Hauses Rechnung tragen. zurückgegangen. Das sollte aber nicht darüber hin-
Gleichzeitig sollen auch die Arbeiten anderer Insti- wegtäuschen, daß trotz dieses Rückgangs nach wie
tutionen, die sich mit der Arbeitssicherheit beschäf- vor eine Gesamtzahl von rund 2,4 Millionen Arbeits-
tigen, nachhaltig unterstützt und koordiniert wer- unfällen ausgewiesen wird.
den. Beim Vergleich der statistischen Daten stellen wir
Meine Damen und Herren, ich habe hier nur mit fest, daß dieser Rückgang insgesamt 14 % ausmacht,
groben Strichen die Grundzüge für die Weiterent- im Bereich der in den gewerblichen Berufsgenossen-
wicklung der Arbeitssicherheit aufzeigen können. schaften zusammengefaßten Betriebe sogar fast
Wir werden darüber das Gespräch mit den Tarifver- 17 %. Auch die Wegeunfälle haben erfreulicher-
tragsparteien und den anderen auf dem Feld der weise sehr stark — um 13 % — abgenommen, wo-
Arbeitssicherheit wirkenden Kräfte vertiefen, um hingegen bei den Berufskrankheiten ein leichter
diesem Hohen Hause Vorlagen zu unterbreiten, die Anstieg zu verzeichnen ist.
durch die Erfahrungen der Praxis abgesichert sind. Wir werden im Ausschuß bei den Beratungen in
Wir sind uns dabei bewußt, daß dieses Thema besonderer Weise hierzu Untersuchungen anstellen
auch eine europäische Dimension hat. Bei dem Zu- müssen und dabei insbesondere das, was Herr Staats-
sammenwachsen der Märkte in der Europäischen sekretär Rohde vorhin bereits erwähnt hat, berück-
Gemeinschaft und der wachsenden Freizügigkeit der sichtigen müssen, inwieweit dieser statistisch aus-
Arbeitnehmer überspringt der Arbeitsschutz die na- gewiesene Rückgang wirklich vorhanden ist oder ob
tionalen Grenzen und wird damit zu einem Thema er mit einer Abnahme der geleisteten Arbeitsstun-
der sozialen Harmonisierung. den zusammenhängt.
Arbeitssicherheit und Unfallverhütung haben nach Ich will es Ihnen und uns heute, vor allen Dingen
unserer Auffassung einen hohen Stellenwert in der bei der „hervorragenden" Besetzung des Hauses, er-
sozialpolitischen Rangordnung. Sicher arbeiten — sparen, große statistische Vergleiche anzustellen.
das zeigen unsere gemeinsamen Erfahrungen — Ich glaube, es wäre auch jetzt bei der Einbringung
dient sowohl dem Menschen als auch der Wirtschaft nicht der richtige Zeitpunkt. Wir werden uns aber
im ganzen. bei den Beratungen sehr eingehend damit beschäf-
tigen müssen, welche Schlußfolgerungen wir aus der
(Beifall bei den Regierungsparteien.) ersten verkleinerten statistischen Ubersicht ziehen
können.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-

Meine Damen und Herren, das Wort hat der Herr Ich möchte auch das noch aufgreifen, was der Herr
Kollege Lampersbach. Parlamentarische Staatssekretär vorhin gesagt hat,
als er von den Anregungen, Wünschen und Aufträ-
gen bei der Beratung des letzten Unfallverhütungs-
Lampersbach (CDU/CSU): Herr Präsident! berichts sprach. Wir haben seinerzeit im Teil B der
Meine sehr verehrten Damen, meine Herren! Der uns Drucksache V/3031 einen ganzen Katalog von An-
vorliegende Bericht der Bundesregierung über den regungen und Wünschen festgehalten. Im nächsten
Stand der Unfallverhütung und das Unfallgeschehen Unfallverhütungsbericht wird darauf sicherlich in
ist auf Grund eines Beschlusses des 5. Deutschen der Kommentierung auch im weiteren Rahmen ein-
Bundestages erstmals in Kurzfassung erschienen. gegangen werden. Wir sollten uns aber doch der
Der Deutsche Bundestag hatte seinerzeit nach sehr Mühe unterziehen, jetzt schon bei den Beratungen im
eingehenden Beratungen im zuständigen Ausschuß Ausschuß Vergleiche anzustellen, Erhebungen durch-
für Sozialpolitik festgestellt, daß der Zeitraum für zuführen, inwieweit diese Wünsche und Anträge in
einen umfassenden Bericht länger als ein Jahr sein der Vergangenheit Berücksichtigung gefunden ha-
müsse, wenn er auch in der Form entsprechend be- ben. Ich hoffe, Herr Staatssekretär Rohde, daß wir
handelt werden soll und die Beratungen darin ihren für diesen Zweck aus dem Arbeitsministerium die
Niederschlag finden sollen. erforderlichen Unterlagen und Materialien in aus-
reichendem Maße zur Verfügung gestellt bekom-
Heute haben wir, möchte ich sagen, eine Auf-
men. Ich bin sicher, daß Ihr Haus trotz der Kürze
machung vor uns, die eine kurze Statistik mit spar-
der Zeit bereits sehr eingehende Untersuchungen
samer Kommentierung darstellt. Zu bedauern ist
vorliegen hat.
hierbei, daß das vorliegende Zahlenmaterial nicht
mehr absolut aktuell und neu ist — ich würde Meine sehr verehrten Damen und Heren, wenn
sagen: es ist bereits überholt —, da heute auch wir — und ich begrüße das — diesen verkürzten
schon die Zahlen des Jahres 1968 und des ersten Bericht heute der Öffentlichkeit vorstellen, so ge-
Halbjahres 1969 vorliegen. Sie sind bereits von den schieht es nicht, um ein Zahlenwerk zu präsentieren,
Versicherungsträgern veröffentlicht worden. Dieser sondern sehr viel mehr, um mit großem Nachdruck,
Tatbestand sollte uns aber nicht entmutigen, den mit großem Ernst auf die Gefahren des täglichen
vorliegenden Bericht in allen Details sachlich zu Lebens hinzuweisen. Wenn ich sagte, daß wir 2,4
prüfen, um im Vergleich zu den vorherigen Berich- Millionen Arbeits- und Wegeunfälle haben, wenn
ten festzustellen, inwieweit sich die in der Vergan- Sie überlegen, daß diese 2,4 Millionen nicht nur
genheit vorgeschlagenen und ergriffenen Maßnah- volkswirtschaftlich die enorme Summe von fast
men und Anregungen niedergeschlagen haben. 4 Milliarden DM, soweit ausgewiesen und errech-
1224 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Lampersbach
net, ausmachen, sondern daß in sehr vielen Fällen Ich glaube, auch ein verkürzter Bericht — und dar-
Leiden und sogar der Tod von Menschen dahinter- über müssen wir uns im klaren sein — soll einen
stehen, so mag das Rechtfertigung genug sein, daß gewissen Aussagewert haben, damit wir — und das
wir auch mit diesen statistischen Darstellungen im- bleibt dem Ausschuß vorbehalten — echt prüfen
mer wieder und laut und deutlich an die Öffentlich- können, was in der Gegenwart zu tun ist. Ich weise
keit herantreten. darauf hin, daß wir den vorjährigen Bericht, der
größer und umfangreicher war, wegen der Ge-
Meine Damen und Herren, ich bin mir darüber schäftslage des Ausschusses nicht im einzelnen be-
im klaren, daß bei allem guten Wollen und bei aller raten konnten, und daraus erwächst nun die Ver-
Perfektionierung der Einrichtungen und Möglich- pflichtung, hier etwas mehr zu tun.
keiten — auch die Umbenennung, Herr Kollege
Rohde, der „Unfallverhütung" in „Arbeitssiche- Ich darf einige kritische Bemerkungen machen.
rungsvorgang" wird das sicher nicht beschleunigen Wenn wir in den Bericht hineinschauen, sehen wir
können — immer wieder der Mensch primär auf die alle recht gut: die Unfallzahlen haben sich wesent-
Gefahren aufmerksam gemacht und hingewiesen lich reduziert, in der gewerblichen Wirtschaft sogar
werden muß, die ihm durch die Umwelt drohen. um 17 %, allgemein um 14 %. Aber das, was ich hier
Unfallschutz ist insofern sicherlich in allererster Linie kritisiere, ist, daß die Bezugszahlen nicht ganz
eine Aufgabe des einzelnen, ob im Hause, ob auf deutlich werden. Herr Kollege Lampersbach, ich
dem Wege von oder zur Arbeit oder am Arbeits- spreche das an, was Sie mit der rückläufigen Ent-
platz selbst. Daß wir uns darüber hinaus bemühen wicklung in diesem Jahr, in dem Berichtsjahr hin-
sollen und müssen, innerhalb der Betriebe die Ein- sichtlich der Arbeitsstunden meinten. Erst dann,
richtungen zur Steigerung der Arbeitssicherheit zu wenn ich die Bezugszahlen kenne, komme ich zu
-
verstärken, ist eine Selbstverständlichkeit. Ich hoffe, einem Ergebnis. Ich meine, das macht der Bericht
daß auch die Beratungen und die Beschlußfassung nicht hinreichend deutlich. Wenn wir das nicht ge-
hier in diesem Hause mit dazu beitragen, daß wir nau untersuchen, kommen wir unter Umständen zu
in den nächsten Jahren immer wieder feststellen falschen Erkenntnissen.
können: Die Tendenz der Unfälle geht erfreulicher- (Abg. Lampersbach: Herr Kollege, das war
weise — wenn auch langsam. so doch stetig — zu eine Adresse an das Ministerium!)
rück.
(Beifall.) — Selbstverständlich, Herr Kollege Lampersbach.
Ich bin mit Ihnen vollkommen einig, und darüber
werde ich noch einiges sagen.
Vizepräsident Dr. Schmitt - Vockenhausen:
Das Wort hat der Herr Kollege Langebeck. Ich habe in dieser Richtung aus meiner beruflichen
Tätigkeit einige Erfahrungen. Ich stelle mir nun vor,
was derjenige sagen wird, der unmittelbar in diesem
Langebeck (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen Geschehen steht. Da gibt es schon die Unfallbeauf-
und Herren! Es ist der vierte Bericht, den die Bun- tragten, da gibt es Betriebsräte, die sich mit diesen
desregierung diesem Hohen Hause mit der Druck- Fragen beschäftigen. Wenn man nun hinsichtlich der
sache VI/ 183 vorlegt, und es ist die erste Vorlage Arbeitssicherheit etwas sagt, dann werden uns die,
dieser Bundesregierung, wenngleich der Bericht von die für die Sicherheit verantwortlich zeichnen, immer
der alten Bundesregierung erstellt wurde. Ich bitte sagen: Ja, unseren Bemühungen stehen aber andere
deshalb nachzusehen, wenn ich einige kritische An- Faktoren entgegen. Und dann heißt es in der Spra-
merkungen zu diesem Bericht mache. che derer, die dort beschäftigt sind: Der „Termin-
jäger" und diejenigen, die für den erhöhten Produk-
Wenn man den Bericht werten will, muß man da-
tionsausstoß mitverantwortlich sind, stehen unseren
von ausgehen, was eigentlich Sinn und Zweck war,
als man der Regierung den Auftrag gab, alljährlich Bemühungen manches Mal sehr entscheidend ent-
einen Unfallverhütungsbericht vorzulegen. Der zu- gegen. Das wird ja häufig in den Betrieben festzu-
stellen sein; darüber gibt es keinen Zweifel. Ich
ständige Ausschuß und das Hohe Haus wollen aus
diesen immer wiederkehrenden Berichten erken- habe bei der Beratung unseres Unfallneuregelungs-
gesetzes auch selbst solche Gespräche geführt.
nen, welche Maßnahmen des Gesetzgebers erfor-
derlich sind und wieweit wir die Bundesregierung Aber was ich deutlich machen wollte, ist, daß sich
ermuntern sollten, in dem einen oder anderen Be- — der Herr Parlamentarische Staatssekretär hat
reich auf dem Wege der Verordnung dazu beizu- darauf hingewiesen . — bei diesem Unfallbericht das
tragen, eine größtmögliche Sicherheit am Arbeits- Jahr 1967, das Jahr der Rezession, deutlich bemerk-
platz zu garantieren. Das war der eigentliche Sinn. bar macht. Wer darüber einen Zweifel hat, mag nur
einen Einblick in bereits bekanntgewordene Zahlen
Wenn es hier um Prämissen geht, dann möchte der Arbeits- und Sozialstatistik 1968/69 nehmen;
ich an die Spitze aller Betrachtungen stellen: Uns
dann wird die Entwicklung wieder deutlicher. Wir
geht es zunächst — zunächst! — darum, den
haben Anlaß, diese Zahlen, die uns hier gegeben
Menschen gesund zu erhalten und Wunden zu ver-
wurden, sehr vorsichtig zu behandeln.
hüten. Das ist Nummer eins. Selbstverständlich sind
auch andere Perspektiven hier in Betracht zu zie- Ich möchte ein weiteres Beispiel geben; dies sind
hen. Ich denke daran, daß alle Beteiligten in diesem alles nur einige Punkte, wo ich einfach nicht zufrie-
Bereich daran interessiert sind, daß die Kosten und den bin. Wir haben mit dem Unfallneuregelungs-
die Belastungen durch die Unfallfolgen möglichst gesetz die Bestellung von Sicherheitsbeauftragten
gering gehalten werden. vorgesehen. Wenn wir jetzt die Zahl aus dem
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1225
Langebeck
Bericht nehmen, stellen wir fest, daß 15 000 Betriebe Bundesgebiet einheitliche Unfallanzeige dieses Ge-
in der Bundesrepublik noch keinen Sicherheitsbe- biet unter besonderer Berücksichtigung der Mög-
auftragten bestellt haben. Die Ursache weiß ich lichkeiten der Datenverarbeitung überschaubar zu
nicht; das wird nicht gesagt. Sicher gibt der § 719 machen? Kommen wir dann nicht zu einem Ergebnis,
eine Möglichkeit, daß die Berufsgenossenschaften das uns in dieser Frage behilflich sein kann?
die Zahl von 20 Beschäftigten erhöhen können, (Beifall bei der SPD.)
wenn das Unfallrisiko geringer ist. Aber ich kann
nicht sagen, woher es kommt, daß in 15 000 Betrie- Das sind Anregungen, die ich machen möchte.
ben Sicherheitsbeauftragte fehlen. Welches sind
Etwas über die Kosten! Kollege Lampersbach, Sie
die Ursachen? Hängt das möglicherweise damit zu-
sind darauf eingegangen. Wir haben 3,8 Milliarden
sammen, daß das Angebot auch von Beauftragten
DM Ausgaben der Berufsgenossenschaften, und wir
nicht groß genug ist oder daß die Schulungen nicht
haben 77 Millionen DM für die Unfallverhütung. Ich
ausreichen, weil es sich überwiegend um Halbtags-
halte diese Darstellung zu diesem Problem nicht für
schulen handelt? Auch hier hätte der Bericht nach
aufschlußreich. Wir haben wiederholt davon gespro-
meinem Dafürhalten mehr aussagen können.
dien. Zunächst möchte ich die Bundesregierung er-
Nun zur Frage, wie es mit den Sicherheitsinge- mutigen, mit den Rentenversicherungsträgern, mit
nieuren ist; wir haben diese Frage bei allen Beratun- den Krankenversicherungsträgern nun die Verhand-
gen behandelt. Ich glaube, hier muß man einige Be- lungen über die Frage abzuschließen, wieweit ihre
trachtungen unter Berücksichtigung dessen, was wir Kosten hier mit zuzurechnen sind, soweit sie unfall-
von den Sachverständigen im Juni 1967 gehört ha- bedingt sind. Dann erst bekommen wir das richtige
ben, anstellen. Welche Vorbildung ist für den Sicher- Bild und die richtigen Relationen. Dabei gebe ich zu:
heitsingenieur nötig, gerade hinsichtlich des Unfall- Wir sollten versuchen, auch jene Kosten mit aufzu-
geschehens? Da kann es sicherlich nicht richtig sein, führen, die für den Arbeitsschutz nicht von den Be-
daß Ingenieure, die ihrem eigentlichen Auftrag im rufsgenossenschaften, sondern individuell von den
Betrieb meinetwegen auf Grund hohen Alters oder Betrieben gegeben werden. Auch das gehört dazu,
sonstiger Umstände nicht mehr nachkommen, nun zu damit wir hier das gute Gewicht bekommen.
Sicherheitsingenieuren gemacht werden. Das würde Nun etwas über die Aufsichtsbehörden! Ich weiß,
der Sache, die wir hier verfolgen, nicht entsprechen. daß die Bundeszuständigkeit fehlt. Hier sind die
Eine andere Frage: Ist die Tätigkeit dieser Leute Länder zuständig. Den Ländern sind die Gewerbe-
— und hier meine ich zunächst die Sicherheitsinge- aufsichtsämter unterstellt. Aber schauen wir uns die
nieure — auch lukrativ? In welchem Verhältnis Statistik an! Sie befriedigt nicht ganz. Wir haben
I steht ihr Einkommen zu dem ihres Kollegen am an- jetzt über einige Jahre 68 Gewerbeärzte. Und womit
deren Arbeitsplatz? Das zu hören wäre auch einmal werden die Gewerbeärzte überwiegend beschäftigt?
ganz interessant. — Ähnliche Untersuchungen müß- — Als Gutachter, wenn es um Streitigkeiten in der
ten wir über die Werksärzte anstellen, auch hin- Unfallversicherung geht. Ich glaube, hier kann eini-
sichtlich der Ausbildung der Werksärzte als Arbeits- ges getan werden; ich will das nur als Anregung
mediziner. Was ist dort geschehen? sagen.

Meine Damen und Herren, ich glaube, die Details Nun aus meinen Erfahrungen einige persönliche
bleiben zur Beratung dem Ausschuß vorbehalten, Anregungen: Wir wissen, daß sich in unserer Zeit
und dennoch möchte ich auf das Sachverständigen- die Arbeitswelt völlig verändert hat. Aber auch das
gutachten noch einmal kurz hinweisen. In einem Krankheitsbild der Menschen hat sich entscheidend
verändert. Früher war es der Verschleiß der
Großbetrieb ist es, wenn man den Arbeitsschutz so
Arbeitskraft durch physische Überbelastung, heute
günstig wie möglich gestalten wi ll , sicherlich sinn-
sind es Überbelastungen, die psychischer Art sind.
voll, daß die Ingenieure, die Ärzte, die Techniker,
Das müssen wir ganz deutlich sehen. Durch diese
die Meister und die Unfallbeauftragten zusammen-
psychischen Ausfallerscheinungen wird aber auch
arbeiten. Hier würde ich empfehlen, daß der Aus-
das Unfallgeschehen beeinflußt. Wir kommen auf
schuß einmal erwägt, einen Betrieb aufzusuchen, der
die Dauer nicht damit aus, zu sagen: Unfallursache
das Zusammenwirken dieser dafür bestimmten
ist menschliches Versagen. Da muß ich wiederum
Gruppen mustergültig gestaltet hat. Daraus ergäben
fragen: Was ist denn die Ursache des menschlichen
sich dann vielleicht auch einige gute Anregungen
Versagens? Da gibt es sicherlich einige Perspek-
für uns in der Gesetzgebung.
tiven.
(Zustimmung bei der SPD.) Wir werden zum 'Beispiel, wenn es sich um psy-
Wir würden darum bitten, daß man irgend etwas chische Ausfallerscheinungen handelt, nicht aus dem
dieser Art anstellt. Betrieb herausgehen können, um festzustellen,
Nun ganz kurz zur Unfallforschung, die hier ange- welche Spannungen in den zwischenmenschlichen
sprochen ist. Mir ist das Gesagte nach dem Anliegen, Beziehungen außerhalb des Arbeitsplatzes vorlie-
gen, sondern wir sollten versuchen, die Spannungs-
das wir wiederholt vorgetragen haben, einfach zu
felder festzustellen, die sich innerhalb der Arbeits-
dünn. Das gilt für die Aufträge, die hier erteilt wur-
welt ergeben, und auch dem Werksarzt, der in dieser
den, und das gilt vor allem für das Ergebnis.
Richtung einige Fachkenntnisse besitzen sollte, Rat-
Ich möchte noch eine Anregung geben, mit der wir schläge zu geben. Ich glaube, das wäre das große,
uns im Ausschuß noch beschäftigen sollten. Bestünde weite Feld der Arbeitspsychologie auch im Hinblick
nicht die Möglichkeit, durch eine für das ganze auf dieses Unfallgeschehen.
1226 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970
Langebeck
Herr Staatssekretär, Sie haben hier einiges ange- Besonders auffallend ist die Steigerung der Be-
kündigt. Wir sind Ihnen äußerst dankbar, daß Sie rufskrankheiten bei der landwirtschaftlichen Be-
an dieses Problem umfassender herangehen wollen. rufsgenossenschaft und der Eigenunfallversicherung
Ich darf Ihnen versichern: Die sozialdemokratischen um 40,8 bzw. 22,4 %. In den Ausschußberatungen
Mitglieder des Sozialpolitischen Ausschusses und werden wir uns mit dem Problem der Bekämpfung
der ganzen Fraktion werden sich ganz aktiv ein- der Berufskrankheiten sehr intensiv befassen müs-
schalten, damit wir in dieser Richtung ein Stück sen.
weiterkommen. Die Zahlen und das Schaubild zu den Unfällen
Hinsichtlich des Berichts habe ich einige kritische und Erkrankungen, die die Zahlung einer Rente,
Anmerkungen gemacht. Ich möchte es nicht versäu- einer Abfindung oder eines Sterbegeldes zur Folge
men, den Beamten des Bundesarbeitsministeriums haben, lassen eine gewisse unklare Tendenz erken-
für die Erstellung dieses Berichts zu danken, ebenso nen. Einmal wird nämlich darauf hingewiesen, daß
den Beamten der Berufsgenossenschaften und der dies nur 4,3 % der erstmals entschädigten Unfälle
Sicherheitsbehörden. Wir werden sicherlich einige seien. Gleichzeitig werden wir jedoch mit dem Vor-
gute Anhaltspunkte haben. Für das Arbeitsministe- jahresanteil, der bei 3,9 % liegt, darauf aufmerksam
rium darf ich einen besonderen Dank Frau Dr. gemacht, daß es leider nicht möglich war, die schwe-
Wendland aussprechen. ren Unfälle im gleichen Maße zu reduzieren wie die
(Beifall bei der SPD.) leichteren. Betrachtet man das Schaubild 3, so läßt
sich zumindest ab 1965 für alle ausgewiesenen Be-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: reiche eine fallende Tendenz der Fallzahl je tausend
Meine Damen und Herren, das Wort hat Herr Kol- Vollarbeiter in der graphischen Darstellung beob-
- achten. In den Ausschußberatungen werden wir die-
lege Geldner.
sem Sektor unser besonderes Augenmerk widmen
Geldner (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr ver- müssen, weil gerade hier nicht nur der Kostenanteil
ehrten Damen! Meine Herren! Wir begrüßen es, der Unfälle der höchste ist, sondern auch für den
daß im Zusammenhang mit dem Unfallverhütungs- einzelnen Unfallgeschädigten bzw. seine Angehöri-
bericht Herr Staatssekretär Rohde in seinen Ausfüh- gen die schlimmsten Folgen zu registrieren sind.
rungen kundgetan hat, er wolle die Unfallursachen- Ich komme zum Schluß. Der Bericht beschränkt
forschung und damit auch die Unfallverhütung in sich bewußt auf eine Zusammenfassung von Einzel-
Zukunft forciert vorantreiben. Wenn wir aber den berichten der Träger der gesetzlichen Unfallversiche-
Bericht etwas analysieren, können wir eine gewisse rung und der Arbeitsschutzbehörden. Die weiteren
unterschiedliche Entwicklungstendenz feststellen: Ausschußberatungen werden zeigen, in welchen Be-
einmal einen erfreulichen Rückgang der Arbeits- reichen weitere Schritte zu unternehmen sein wer-
unfälle einschließlich der Wegeunfälle im gewerb- den — abgesehen von den angekündigten und lau-
lichen Bereich, zum anderen eine etwas unerfreu fenden Vorhaben —, um das Schadensausmaß bei
liche Entwicklung in der Landwirtschaft. Wir müs- den Betroffenen in Zukunft weiter zu reduzieren.
sen alles daransetzen, auch im Bereich der Land- Das muß unser aller Anliegen sein. Wir müssen in
wirtschaft die Unfälle weiter zu reduzieren. den zukünftigen Ausschußberatungen alles daran-
Die Entwicklung der Kosten, die insgesamt durch setzen, die Unfälle zu reduzieren und das Los der
Unfälle verursacht werden, kann bisher leider nur Geschädigten zu verbessern.
unvollständig erfaßt werden, wie aus dem Bericht
auf Seite 20 zu ersehen ist. Der Bericht bezieht sich (Beifall.)
daher im wesentlichen auf die Ausgaben, die bei
der gesetzlichen Unfallversicherung angefallen sind. Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
Wir . Freien Demokraten begrüßen die Ankün- Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Der
digung der Bundesregierung, daß in Zukunft das Ältestenrat schlägt Ihnen vor, den Unfallverhütungs-
Material über die Kosten, die darüber hinaus be- bericht 1967 dem Ausschuß für Arbeit und Sozial-
trieblich und volkswirtschaftlich entstehen, zusam- ordnung zu überweisen. — Keine anderen Anträge.
mengestellt und in den Bericht aufgenommen wer- — Es ist so beschlossen.
den soll.
Wir stehen damit am Ende der heutigen Tages-
Die Ubersicht im Teil D läßt erkennen, daß die ordnung. Ich berufe die nächste Plenarsitzung auf
Bemühungen der Träger der gesetzlichen Unfallver-
Dienstag, 17. Februar 1970, 9.00 Uhr, ein.
sicherung und Unfallverhütung weiter forciert wer-
den. Es ist zu hoffen, daß diese Bemühungen zu wei- Die Sitzung ist geschlossen.
teren positiven Ergebnissen in der Unfallverhütung
führen werden. (Schluß der Sitzung: 12.26 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1227

Anlagen zum Stenographischen Bericht

Anlage i Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich

Liste der beurlaubten Abgeordneten Dr. Preiß 30. 1.


Rasner 30. 1.
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Richarts ** 30. 1.
Richter * 31. 1.
Dr. Achenbach 30. 1. Dr. Riedl 30. 1.
Ahrens * 31. 1. Dr. Rinderspacher * 31. 1.
Alber * 31. 1. Dr. Ritgen 30. 1.
Amrehn * 31. 1. Rollmann 30. 1.
Dr. Apel 30. 1. Roser * 31. 1.
Bals * 31. 1. Dr. Rutschke * 31. 1.
Bauer (Würzburg) * 31. 1. Schirmer 31. 1.
Dr. Bayerl 31. 1. Dr. Schmid (Frankfurt) 30. 1.
Dr. Bechert (Gau-Algesheim) 30. 1. Schmidt (Würgendorf) * 31. 1.
Bergmann ** 30. 1. Dr. Schmücker * 31. 1.
Dr. Birrenbach 31. 1. Dr. Schulz (Berlin) * 31. 1.
Blumenfeld * 31. 1. Seibert 30. 1.
Collet 30. 1. Sieglerschmidt * 31. 1.
van Delden 30. 1. Solke 30. 1.
Frau Dr. Diemer-Nicolaus * 31. 1. Dr. Starke (Franken) * 30. 1.
Dr. Dittrich ** 30. 1. Struve 30. 1.
Dohmann 30. 1. Unertl 31. 1.
Dollinger 31. 1. Frau Dr. Walz * 31. 1.
Dorn 31. 1. Dr. Warnke 30. 1.
Draeger * 31. 1. Wiefel 30. 1.
Frau Dr. Elsner 31. 1. Wienand * 31. 1.
Frehsee 28. 2. Winkelheide 30. 1.
Frau Freyh 30. 1. Wittmann 30. 1.
Fritsch * 31. 1. Wurbs 30. 1.
Dr. Furler * 31. 1.
Gewandt 30. 1. * Für die Teilnahme an einer Tagung der Beratenden
Dr. Gleissner 7. 2. Versammlung des Europarats
** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro-
Graaff 30. 1.
päischen Parlaments
Freiherr von und zu Guttenberg 30. 1.
Haage (München) 30. 1.
Haase (Kellinghusen) * 31. 1.
Hauck 15. 2.
Frau Dr. Henze 31. 1.
Frau Herklotz * 31. 1. Anlage 2
Dr. Hermesdorf * 31. 1.
31. 1. Schriftliche Antwort
Hösl *
Dr. Jaeger 30. 1. des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal vom
Dr. Jobst 30. 1. 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des Ab-
Jung 30. 1. geordneten Dr. Schmidt (Krefeld) (Drucksache VI/273
Dr. Jungmann 31. 1. Fragen A 35 und 36) :
Frau Kalinke 30. 1.
30. 1. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, sich durch
Dr. Kempfler gesetzliche Maßnahmen über das Bundesseuchengesetz hinaus
Kirst 30. 1. und neben den schriftlichen Aufklärungen stärker bei der Be-
kämpfung der infektiösen Hepatitis mit ihren Spätfolgen zu
Frau Klee * 31. 1. engagieren?
Dr. Kley 30. 1. Werden z. B. in diesem Zusammenhang Schritte erwogen, die
Dr. Kliesing (Honnef) * 31. 1. eine Versorgung der Bevölkerung überall mit einwandfreiem
Trinkwasser gewährleisten, für eine Klärung der Abwässer vor
Klinker ** 30. 1. Erreichen der Vorfluter sorgen und die weitmöglichste Sauber-
Köppler 30. 1. haltung der Flüsse als nicht unwesentlicher Trinkwasserlieferant
vieler Gegenden der Bundesrepublik Deutschland sichern?
Freiherr. von Kühlmann-Stumm 30. 1.
Lemmrich * 31. 1. Das Bundes-Seuchengesetz bietet diejenigen ge-
Lenze (Attendorn) * 31. 1. setzlichen Möglichkeiten zur Verhütung und Be-
Dr. Lohmar 30. 1. kämpfung der Virus-Hepatitis, die dem derzeitigen
Lücke (Bensberg) 31. 1. Stand unseres Wissens entsprechen. Seine Bestim-
Dr. Meinecke 30. 1. mungen werden ergänzt durch eine Reihe von
Mertes 30. 1. Richtlinien und Merkblättern u. a. des Bundesge-
Dr. Müller (München) * 31. 1. sundheitsamtes. Solange es trotz weltweiter Bemü-
Pöhler * 31. 1. hungen nicht gelungen ist, den oder die Erreger
Dr. Prassler 30. 1. der Virus-Hepatitis eindeutig zu identifizieren, sind
1228 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode - 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

weitere speziell auf die Virus-Hepatitis gerichtete aller Franzosen und Deutschen umfaßt, im Jahre 1970 durch eine
höhere Mittelbereitstellung verstärkt wird?
gesetzliche Maßnahmen nicht möglich. Man wird
sich auf allgemeinhygienische Maßnahmen beschrän- Das Abkommen über die Errichtung des Deutsch-
ken müssen und darf annehmen, daß auch diese Französischen Jugendwerks vom 5. Juli 1963 sieht
zu einer weiteren Minderung der Hepatitis beitra- auch die Förderung von Kinder-, Jugend- und Fami-
gen. Hier wäre die Novelle zum Lebensmittelgesetz lienerholung vor. Die für die Familienerholung vor-
zu nennen sowie das Abfallbeseitigungsgesetz und gesehenen Mittel mußten im Haushaltsjahr 1969 ge-
ein allerdings erst geplantes Wasserhygienegesetz. kürzt werden, weil der gemeinsame Beitrag der bei-
Eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche den Regierungen um 10 % gekürzt worden ist. Bei
Bekämpfung der infektiösen Hepatitis ist der voll- der Beratung des Haushaltes der DFJW für das Jahr
ständige Ausbau der Trinkwasserversorgung und 1969 hat sich der Vertreter der Bundesregierung für
die Sanierung der Abwasserverhältnisse im gesam- eine lineare Kürzung des gesamten Haushalts ein-
ten Gebiet der BRD. Die Bundesregierung bemüht gesetzt; das hätte bedeutet, daß auch die Förderungs-
sich gemeinsam mit den Ländern darum, daß mög- mittel für die Familienerholung nur um 10% ge-
lichst alle Einwohner ihr Trinkwasser aus den der kürzt worden wären. Dieser Vorschlag wurde vom
gesundheitlichen Kontrolle unterliegenden Einrich- Kuratorium des DFJW nicht angenommen, so daß
tungen der öffentlichen Trinkwasserversorgung be- die Mittel für die Familienerholung stärker als die
ziehen können. Während in Städten mit über 100 000 Mittel für die Programme der Jugendbewegungen
Einwohnern z. Z. etwa 96 % der Bevölkerung aus auf den verschiedenen Gebieten gekürzt wurden.
diesen öffentlichen Trinkwasserversorgungsanlagen Die Bundesregierung ist durchaus bereit, für die Aus-
versorgt werden, ist das in ländlichen Gemeinden tauschmaßnahmen der Familienerholung auch für
mit weniger als 2000 Einwohnern gegenwärtig nur das Haushaltsjahr 1970 einen gerechten Anteil am
bei etwa 80 % der Bevölkerung der Fall. Es wird Gesamtvolumen zu befürworten. Ob aber das Kura-
voraussichtlich im Laufe der nächsten Jahre möglich torium des Deutsch-Französischen Jugendwerks die-
sein, insgesamt etwa 95 % der Bevölkerung aus ser Auffassung beipflichtet, ist angesichts der Haus-
öffentlichen Einrichtungen mit Trinkwasser zu ver- haltslage für das Jahr 1970 ungewiß.
sorgen.
Um dieses Ziel zu erreichen und um die vorhan-
denen Trinkwasserversorgungsanlagen zu erhalten,
wurden 1969 etwa 1,1 Milliarden DM investiert. Die Anlage 4
gleiche Summe wird jährlich etwa bis zum Jahre
1980 aufzuwenden sein. Schriftliche Antwort
Für die Sicherung der für die Trinkwasserversor-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal
gung genützten ober- und unterirdischen Wasser-
vom 29. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des
vorkommen, ist die Ausweisung von Trinkwasser-
Abgeordneten Rollmann (Drucksache VI/273 Frage
schutzgebieten besonders wichtig. Die dafür erfor- A38):
derlichen Richtlinien werden z. Z. überarbeitet und Welche Gründe haben den Bundesminister für Jugend, Familie
dem neuesten Stand der Erkenntnisse angepaßt. und Gesundheit veranlaßt, den Leiter des Referats „politische
Bildung der Jugend usw." in der Abteilung Jugendpolitik trotz
dessen beruflicher Erfahrung von dieser Aufgabe zu entbinden?
Von den etwa 12 Millionen Kubikmeter Abwas-
ser, die täglich aus öffentlichen Kanalisationen in Die Zusammenfassung der früheren Bundesmini-
die Gewässer eingeleitet werden, unterliegen nur sterien für Gesundheit und für Familie und Jugend
etwa 40 % einer biologischen Reinigung. In den sowie der Abteilung Sozialwesen aus dem Bundes-
kommenden Jahren sind demnach weitere erhebliche innenministerium zum neuen Bundesministerium für
Anstrengungen erforderlich, um den Zustand der Jugend, Familie und Gesundheit hat eine Neuglie-
Gewässer spürbar zu verbessern. Hierbei handelt es derung der Referate in den Abteilungen in gewis-
sich vor allem um ein finanzielles Problem. Für Ka- sem Umfang erforderlich gemacht. Dabei ging es um
nalisationen und Kläranlagen wurden bisher im die Vermeidung von Doppelarbeit und die Berück-
öffentlichen Bereich etwa 18 Milliarden DM in- sichtigung neuer Schwerpunkte, allerdings möglichst
vestiert, für eine ausreichende Sanierung in diesem ohne die Zahl der vorhandenen Referate zu erhö-
Bereich sind etwa noch weitere 28 Milliarden DM hen. Im Wege dieser Maßnahmen wurde ein nenes
erforderlich. Querschnittsreferat „Aus- und Fortbildung, Sozial-
berufe" geschaffen. Im gleichen Veränderungspro-
zeß wurde das frühere Referat „Politische Bildung"
aufgelöst und seine Aufgaben teils an das Referat
„Inte rn ationale Jugendpolitik" übergeben, teils zu
Anlage 3
einem neuen Schwerpunkt mit dem bisherigen Refe-
Schriftliche Antwort rat „Jugend- und Studentenverbände" zusammenge-
faßt. Diese Veränderungen machten es notwendig,
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal auch über die Leitung von Referaten im Kreise der
vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des bisher tätigen Referenten neu zu entscheiden. Eine
Abgeordneten Baier (Drucksache VI/273 Frage A 37) : dieser Entscheidungen betraf den von Ihnen, Herr
Ist der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit Kollege Rollmann, gemeinten Ministerialrat, der
bereit, dafür zu sorgen, daß der deutsch-französische Familien- Referent des oben genannten neuen Referats „Aus-
austausch, welcher infolge des geringen Förderungsanteiles im
Rahmen des deutsch-französischen Jugendwerkes nur 0,02 % und Fortbildung, Sozialberufe" wurde.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1229

Anlage 5 tungen für Begabtenförderung. Das Volkswagen-


werk ist auf diese Möglichkeit der Umstellung sei-
Schriftliche Antwort ner Stipendien bereits hingewiesen.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Den Sondererlaß des Bundesausgleichsamts vom
vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des 21. Juni 1968 mit den übrigen Bestimmungen des
Abgeordneten Dr. Kreutzmann (Drucksache VI/273 Bundesrechts zu koordinieren, besteht kein Anlaß
Fragen A 39 und 40) : mehr, weil die Förderung nach dem Lastenaus-
gleichsgesetz in Kürze ausläuft. Es sind nur noch
Ist es der Bundesregierung bekannt, daß die Zuwendungen
der Stiftung Volkswagenwerk im Rahmen der Ausbildungs- wenige Studierende, die aus diesem Fonds eine
förderung für Mathematiker und Naturwissenschaftler im höhe- Förderung erhalten. Außerdem ist gegenüber den
ren Schuldienst auf die Erziehungsbeihilfe nach § 27 BVG anzu-
rechnen sind, während sie auf den Kreis der Empfänger von Leistungen nach dem BVG zu bedenken, daß das
Ausbildungshilfe nach dem LAG nicht angerechnet werden? Lastenausgleichsgesetz in der 'Regel nur Pauschal-
Was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um diese ungleiche leistungen kennt, während die Kriegsopferfürsorge
Behandlung zweier geschädigter Gruppen aus der Welt zu
schaffen? die tatsächlich entstehenden individuellen Kosten
„spitz" gewährt.
Nach § 27 BVG wird Erziehungshilfe u. a. nur
gewährt, soweit für die Ausbildung eigene Mittel Bei der weiteren Fortentwicklung des Ausbil-
der Auszubildenden und Mittel seiner unterhalts- dungsförderungsrechts des Bundes wird seitens des
pflichtigen Angehörigen in ausreichendem Maße BMJFG darauf hingewirkt werden, daß eine klare
nicht zur Verfügung stehen. Unter Mitteln im Sinne Abgrenzung der Aufgaben der Bundesförderung und
dieser Vorschrift sind sowohl Einkommen als auch verschiedener Stiftungen erfolgt. Soweit ich unter-
Vermögen zu verstehen. Was an Einkommen ein- richtet bin, sind die meisten Stiftungen sehr dank-
zusetzen ist, ergibt sich aus § 25 a Abs. 6 BVG in bar, daß auf Dauer gesehen nach dem Bundesrecht
Verbindung mit den §§ 76-78 BSHG. Bei den Zu- einheitlich die gesamten Kosten für den Lebens-
wendungen nach den Richtlinien der Ausbildungs- unterhalt und die Ausbildung sichergestellt werden
förderung der Stiftungs Volkswagen-Werk handelt sollen, so daß die Stiftungen sich darauf beschrän-
es sich um Einkommen im Sinne des § 76 BSHG ken können, echte zusätzliche Leistungen in Son-
und um Zuwendungen, die ein anderer gewährt, derfällen zu gewähren. Sie können damit ihre Stif-
ohne hierzu eine rechtliche oder sittliche Pflicht zu tungsmittel viel gezielter als bisher einsetzen.
haben, § 78 Abs. 2 BSHG. Solche Zuwendungen sol-
len als Einkommen außer Betracht bleiben, soweit
ihre Berücksichtigung — hier bei der Bemessung der
Erziehungsbeihilfen — für den Empfänger eine be-
sondere Härte bedeuten würde. Bei den Empfängern Anlage 6
von Erziehungsbeihilfe wird eine besondere Härte
nicht anerkannt werden können, da die Erziehungs- Schriftliche Antwort
beihilfe so bemessen ist, daß mit ihr sowohl der
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal
Lebensunterhalt während des Studiums als auch die vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen
Ausbildungskosten usw. in jeder Weise hinreichend
des Abgeordneten Hussing (Drucksache VI/ 273 Fra-
gedeckt werden können.
gen A 41 und 42) :
Diese Antwort entspricht voll inhaltlich einer Stel- Sieht die Bundesregierung die wachsende Gefährdung der
lungnahme des BMA, der für das Bundesversor- Gesundheit durch zunehmende Verwendung chemischer Artikel
und Substanzen mit den verschiedensten Namen und Zusammen-
gungsgesetz zuständig ist, an die Stiftung Volks- setzungen?
wagenwerk im Herbst 1968. Es war ein Rundschrei-
Erwägt die Bundesregierung, dieser Gefahr durch Einführung
ben des Bundesausgleichsamts in Bad Homburg vor- einer Kennzeichnungspflicht entgegenzuwirken, wie sie z. B. in
ausgegangen, das am 21. Juni 1968 für den Bereich den USA üblich ist, wo chemische Produkte im Aufdruck ihre
chemische Zusammensetzung und geeignete Gegenmittel enthal-
der Ausbildungsbeihilfen nach dem Lastenaus- ten müssen, um eine sofortige wirksame Bekämpfung der ge-
sundheitsschädlichen Stoffe zu gewährleisten?
gleichsgesetz die Stipendien des Volkswagenwerks
völlig freistellte. Durch die Verhandlungen des für Die Bundesregierung beobachtet den ständig zu-
das BVG zuständigen Bundesministeriums für Arbeit nehmenden Verbrauch an Chemikalien, insbeson-
und Sozialordnung mit der Stiftung Volkswagen- dere unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Ge-
werk wurde klargestellt, , daß die Leistungen im fährdung der Gesundheit von Mensch und Tier, mit
Rahmen der Kriegsopferfürsorge individueller und großer Aufmerksamkeit.
umfassender sind als nach dem Lastenausgleichs-
Zur Frage einer Kennzeichnungspflicht der chemi-
gesetz, so daß in allen Fällen, die nach dem BVG
schen Zusammensetzung weise ich darauf hin, daß im
gefördert werden, die Feststellung zutrifft, daß die
Erziehungsbeihilfe den Bedarf für Lebensunterhalt Pflanzenschutzgesetz bereits die Angabe von Art
und Menge der wirksamen Bestandteile bei Pflan-
und die Ausbildungskosten in jeder Weise deckt.
zenschutzmitteln vorgeschrieben ist. Außerdem sieht
Soweit die Stiftung Volkswagenwerk aber z. B. der Referentenentwurf eines Gesetzes zur Gesamt-
für Sonderaufwendungen von besonders begabten reform des Lebensmittelrechts, der am 12. Juni 1969
Studierenden zweckbestimmte Stipendien gewährt, der Öffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt wurde,
werden sie auch nach dem BVG auf die Erziehungs- eine Verordnungsermächtigung vor, wonach u. a.
beihilfe nicht angerechnet. Solche Absprachen be- die Kenntlichmachung des Gehaltes an bestimmten
stehen bereits zwischen dem Bundesministerium für gesundheitlich bedenklichen Stoffen in Bedarfsge-
Arbeit und Sozialordnung und verschiedenen Stif- genständen vorgeschrieben werden kann. Auch im
1230 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Rahmen der Vorarbeiten an einem bundeseinheit- des Abgeordneten Dr. Bechert (Gau-Algesheim)
lichen Gesetz über den Verkehr mit Giften (Bundes- (Drucksache VI/273 Fragen A 44 und 45) :
giftgesetz) ist die Kennzeichnung von giftigen Stof-
Welche der 10 Forderungen, die die Konferenz zur Frage der
fen und Zubereitungen nach Art und Menge nach Tabakgefahren vom 14. bis 16. Oktober 1968 in Heidelberg
unter der Ehrenpräsidentschaft von Professor Dr. med. K. H.
einheitlicher Nomenklatur vorgesehen. Bauer, Heidelberg, in ihrem 10-Punkte-Programm zur Bekämpfung
der Tabakgefahren erhoben hat, gedenkt die Bundesregierung
zu erfüllen?
Sollte sich Ihre Frage auch auf Arzneimittel be-
ziehen, so ist zu sagen, daß das Arzneimittelgesetz Hält die Bundesregierung summarische Vorschriften über das
Rauchen am Arbeitsplatz zum Schutze der Nichtraucher für un-
eine solche Kennzeichnung bereits zwingend vor- durchführbar, obwohl doch nicht bestritten werden kann, daß
sieht. Die Frage, ob durch eine gesetzliche Vor- Nichtraucher durch Tabaksqualm ebenfalls geschädigt werden,
nicht nur die Raucher, die also für die wissentlich herbeigeführte
schrift der Aufdruck geeigneter Gegenmittel obliga- Gesundheitsgefährdung der Nichtraucher verantwortlich sind?
torisch werden soll, ist schon mehrfach in Fach-
Die wissenschaftliche Fachkonferenz zur Erfor-
gremien erörtert worden. Aufgrund dieser Erörte- schung der Tabakgefahren vom 14. bis 16. Oktober
rungen ist es nicht vorgesehen, eine solche Angabe
1968 in Heidelberg wurde von der Deutschen Haupt-
gesetzlich vorzuschreiben. Es gilt nämlich zu berück-
stelle gegen die Suchtgefahren unter der Ehrenprä-
sichtigen, daß nur für relativ wenige Gifte spezi-
sidentschaft des Stiftungsvorsitzenden des Deutschen
fische Gegenmittel, sogenannte Antidota, zur Ver-
Krebsforschungszentrums, Herrn Professor Dr.
fügung stehen und in der Mehrzahl der Vergiftungs-
Bauer, durchgeführt.
fälle sich die Therapie nach dem jeweiligen Ver-
giftungsbild richten muß, wie es sich dem Arzt dar- Das mir auf Anfrage von der Deutschen Haupt-
stellt. -stelle gegen die Suchtgefahren mitgeteilte 10
Punkte-Programm wurde von einigen Teilnehmern
Die Angabe von Gegenmitteln bei einem Erzeug- der Fachkonferenz zusammengestellt. Es ist wäh-
nis würde gegebenenfalls zu einer Behandlung rend der Konferenz aber weder diskutiert, noch ver-
durch Laien verleiten. Die Bundesregierung ist aber abschiedet oder herausgestellt worden.
der Auffassung, daß eine Behandlung von Vergif-
tungsfällen in die Hand des Arztes gehört. Das 10-Punkte-Programm war dem Bundesmini-
sterium für Jugend, Familie und Gesundheit bisher
offiziell nicht bekannt, zumal es in dem Bericht der
Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren
über die Fachkonferenz nicht erwähnt wird.
Anlage 7 Eine Prüfung war wegen der Kürze der zur Ver-
fügung stehenden Zeit nicht möglich. Die Bundes-
Schriftliche Antwort
regierung wird die 10 Punkte durch die beteiligten
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Bundesressorts und im Bundesgesundheitsamt prü-
vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des fen und beabsichtigt, den Stiftungsvorsitzenden des
Abgeordneten Ollesch (Drucksache VI/273 Frage Deutschen Krebsforschungszentrums, Herrn Profes-
A 43) : sor Dr. Bauer, um Stellungnahme zu einzelnen
Fragen zu bitten. Ich bin bereit, nach Vorliegen der
Wie ist es möglich, daß apothekenpflichtige Mittel im Be-
hörden- und Betriebshandel an jedermann in beliebiger Menge Ergebnisse diese mitzuteilen.
abgegeben werden können?
Die Bundesregierung ist der Ansicht, daß die
Nach § 28 Abs. 1 des Arzneimittelgesetzes (AMG) Frage des Rauchens am Arbeitsplatz für eine sum-
dürfen Arzneimittel, die nicht für den Verkehr marisch gesetzliche Regelung nicht geeignet ist.
außerhalb der Apotheken zugelassen sind, im Ein- Aufgrund der Fürsorgepflicht (§ 618 BGB, 62 HGB,
zelhandel nur in Apotheken abgegeben werden. Die 120 a Gewerbeordnung, 79 BBG, 48 BRRG) hat der
Abgabe apothekenpflichtiger Arzneimittel im Be- Arbeitgeber (Dienstherr) im Rahmen des Zumutba-
hörden- und Betriebshandel ist rechtlich als Abgabe ren die Rechte und Belange des Arbeitnehmers
im Einzelhandel im Sinne des § 28 Abs. 1 AMG (Bediensteten) zu wahren und ihm die Erfüllung
anzusehen und ist damit nicht zulässig. Nach § 28 seiner Aufgaben zu erleichtern. Er hat das Leben
Abs. 2 AMG ist die Abgabe apothekenpflichtiger und die Gesundheit des Beschäftigten zu schützen
Arzneimittel von juristischen Personen, nicht rechts- und u. a. den Arbeitsplatz in einem Zustand zu er-
fähigen Vereinen und Gesellschaften des bürger- halten, der gesundheitliche Schäden (der Nichtrau-
lichen Rechts an ihre Mitglieder unzulässig. Wenn cher durch Tabakqualm) nicht auftreten läßt. Falls
der Behörden- oder Betriebshandel in einer dieser die Gesundheit des Nichtrauchers durch Tabakrauch
Formen betrieben wird, also nicht in der Form des beeinträchtigt wird, kann der Nichtraucher von sei-
Einzelhandels, wäre das ebenfalls unzulässig. nem Arbeitgeber (Dienstherren) Maßnahmen ver-
langen, damit gesundheitliche Schäden für ihn ver-
mieden werden.
Rauchverbote können, soweit nicht bereits eine
Anlage 8 gesetzliche Regelung — z. B. zur Vermeidung von
Brandgefahr — besteht, aufgrund eines Tarifver-
Schriftliche Antwort trages, einer Betriebsvereinbarung oder eines Ein-
zelvertrages vorgesehen werden. Unter Umständen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal kann auch der Arbeitgeber Kraft seines Direktions-
vom 29. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen rechts ein Rauchverbot einseitig erlassen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1231

Anlage 9 Der Bund sieht gegenwärtig keine Möglichkeit,


Vorsorgeuntersuchungen für alle Bundesbürger ab
Schriftliche Antwort 40 Jahren gesetzlich einzuführen. Die vorige Bun-
desregierung hatte sich bemüht, durch eine Grund-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal gesetzänderung eine eindeutige verfassungsrecht-
vom 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des liche Basis für Gesundheitsvorsorgemaßnahmen zu
Abgeordneten Dr. Haack (Drucksache VI/273 Frage
erreichen. Dieser Gesetzentwurf, der bei den Län-
A 46) :
dern auf erheblichen Widerstand gestoßen war,
Welche Auffassung vertritt die Bundesregierung zu dem Vor-
schlag, die Schutzimpfung gegen Tbc zur Pflicht zu machen? konnte in den Ausschüssen des Bundestages nicht
mehr abschließend beraten werden. Die Einführung
Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, daß gesonderter Vorsorgeuntersuchungen bei Schülern
eine Impfpflicht auf solche übertragbare Krankhei- und Studenten gehört nach der von den Ländern
ten beschränkt bleiben sollte, die die Allgemeinheit vertretenen Auffassung in ihre Zuständigkeit.
in hohem Maße gefährden. Das ist in unserem Lande
bei der Tuberkulose nicht der Fall. Die Bundesregierung wird jedoch bei der Weiter-
entwicklung des Rechts der gesetzlichen Kranken-
Die Tuberkulose Schutzimpfung hat im indivi-
versicherung prüfen, ob und in welchem Umfang
-

duellen, gefährdeten Bereich nach wie vor ihre Be-


weitere Vorsorgeuntersuchungen als Pflichtleistung
rechtigung. Es bestehen aber erhebliche Zweifel, ob
der Krankenkassen verankert werden können.
eine allgemeine Impfung, besonders der Neugebo-
renen, der derzeitigen epidemiologischen Situation
in der Bundesrepublik entsprechen würde. Die Zahl
der Schulanfänger, die sich in der Vergangenheit
mit den Erregern auseinandergesetzt haben, liegt Anlage 11
zwischen 1,5 und 4 %, der Zehnjährigen bei 2- 5 %
und die der 14jährigen zwischen 3 und 10 %; d. h. Schriftliche Antwort
nicht, daß diese Kinder erkrankt gewesen sein müs-
sen. Bei einer Pflichtimpfung würde man also 95 % des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
der Kinder zu einer Impfung zwingen, deren sie 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des
nicht bedürfen. Zudem würde eine solche Impfung Abgeordneten Dr. Gleissner (Drucksache VI/273
der Kinder, die sich in der Vergangenheit mit den Fragen A 68 und 69) :
Erregern auseinandergesetzt haben, wertlos sein, da Trifft es zu, daß in England die Elektromobile als Hilfe im
sich eine Tuberkulin-Allergie nach Impfung und Kampf gegen die wachsenden Gefahren für die Gesundheit der
Bevölkerung durch Verkehrslärm und Luftverschmutzung steuer-
nach natürlicher Infektion dann nicht unterscheiden lich bevorzugt werden, weil Elektromobile die geringste Um-
weltbelästigung verursachen, überhaupt keine Abgase ent-
lassen. wickeln, den weitaus niedrigsten Geräuschpegel aufweisen,
leicht zu bedienen und wenig reparaturbedürftig sind?
Wie groß ist die Zahl der Elektromobile in England und in
der Bundesrepublik Deutschland, und welches sind die Gründe,
daß in der Bundesrepublik Deutschland die Zahl der im Straßen-
verkehr zugelassenen Elektromobile sich nicht erhöht, sondern
Anlage 10 sogar verringert hat, obwohl ein erhöhter Einsatz von Elektro-
fahrzeugen beitragen würde, nachweislich den Verkehrslärm zu
vermindern und die Atemluft in den Verkehrsstraßen zu ver-
Schriftliche Antwort bessern?

des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal Es trifft zu, daß in Großbritannien Fahrzeuge mit
Elektroantrieb steuerlich begünstigt werden.
vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des
Abgeordneten Dr. Schmidt (Krefeld) (Drucksache In Großbritannien waren 1968 31 070 Fahrzeuge
VI/273 Fragen A 47 und 48) : mit Elektroantrieb, in der Bundesrepublik Deutsch-
Sind der Bundesregierung die Ergebnisse der Vorsorgeunter- land nach dem Stand vom 1. Juli 1969 3217 Fahr-
suchungen in Baden-Württemberg im Bereich von sechs Allge-
meinen Ortskrankenkassen bekannt, die allein bei der AOK
zeuge mit Elektroantrieb zugelassen.
Pforzheim von 1000 Untersuchungen 400 Weiterbehandlungen
beim untersuchenden Arzt, 240 Facharztüberweisungen, 15 Kran- Der wesentliche Grund für den geringen Elektro-
kenhauseinweisungen und 135 Kuren notwendig machten?
fahrzeugbestand liegt darin, daß trotz jahrzehnte-
Ist die Regierung bei diesem alarmierenden Ergebnis bereit, langer intensiver Forschungs- und Entwicklungs-
Gesetzesinitiativen zu ergreifen, um Vorsorgeuntersuchungen
bei allen Bundesbürgern ab 40. Lebensjahr regelmäßig durch- arbeiten im In- und Ausland es der Industrie noch
führen zu lassen und ebenfalls Vorsorgeuntersuchungen bei
allen Schulkindern und Studenten aller Fakultäten zu erreichen? nicht gelungen ist, die Schwierigkeiten dieser An-
triebsart entsprechend den Bedürfnissen der Praxis
Der Bundesregierung sind die Vorsorgeuntersu- wirtschaftlich zufriedenstellend zu lösen.
chungen in Baden Württemberg, die im Bereich von
-

6Ortskane duchgfürtwoensi,
be-
kant.DiebshrvolgdnEebis ur
sehr begrenzt verwertbar, da sich aus ihnen nicht
egibt,
rob die Patienten bereits in ärztlicher Be- Anlage 12
handlung waren oder ihre Leiden neu entdeckt wur-
den. Endgültige Ergebnisse werden nicht vor Som- Schriftliche Antwort
mer 1970 erwartet.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
Ich bin bereit, Ihnen zu gegebener Zeit die Ana- 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
lyse zugänglich zu machen. ordneten Dr. Hauff (Drucksache VI/273 Frage A 70) :
1232 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Trifft die Feststellung im Bericht der „Interministeriellen


Kommission des Landes Baden-Württemberg" zum „Ausbau des
Expreßguttarife auf der Basis der voraussichtlichen
Flughafens Stuttgart" zu, daß der Bund es nicht als seine Auf- Ergebnisse des Jahres 1969 eine rechnerische Mehr-
gabe betrachtet habe, die Ausbauplanungen der deutschen
Flughäfen zu koordinieren? einnahme von rd. 440 Mio DM, bezogen auf ein vol-
les Jahr.
Ja, das trifft zu. Nach geltendem Recht hat der
Bund nicht die Kompetenz, die Ausbauplanung der Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß in
deutschen Flughäfen zu koordinieren, da ihm weder Anbetracht der Kostensteigerungen Tariferhöhun-
die Flughafenbaulast noch die Planungshoheit inso- gen bei der Deutschen Bundesbahn unvermeidbar
weit obliegt. sind.
Der Ausbau des Flughafens Stuttgart, so wie er
geplant ist, wird im übrigen auch seitens des Bun-
des für notwendig gehalten.
Anlage 15

Schriftliche Antwort

Anlage 13 des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom


30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
Schriftliche Antwort ordneten Dr. Müller Hermann (Drucksache VI/233
-

Frage A 80) :
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom Wenn die Tariferhöhungsanträge der Deutschen Bundesbahn
30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge- nicht genehmigt würden, um welchen Betrag müßten dann die
Bundeszuwendungen an die Deutsche Bundesbahn steigen, und
ordneten Schmidt (Kempten) (Drucksache VI/273 sind entsprechende Mehrbelastungen bei der Aufstellung des
Frage A 75) : Bundeshaushalts 1970 berücksichtigt?

Ist die Bundesregierung in der Lage, den Bundestag ge- Da in der Antwort auf die Frage des Abg.
nauestens darüber zu unterrichten, um wieweit sich die Unfall-
zahlen einschließlich ihrer Folgen, an denen schwere LKW über Tobaben bereits darauf hinzuweisen war, daß die
7,5 t schuldhaft beteiligt waren, an den im Sommer 1969 für Bundesregierung Maßnahmen auf dem Gebiet der
LKW über 7,5 t gesperrten Wochenenden gegenüber den gleichen
Wochenenden in den Jahren 1968, 1967 und 1966 verändert Gütertarife für unvermeidbar hält, hat die jetzt zu
haben, so daß sich daraus eine Rechtfertigung für die geplante beantwortende Frage rein hypothetischen Charak-
Wiederholung des Fahrverbots an Wochenenden mit einer sogar
vorgesehenen Ausweitung im Sommer 1970 folgerichtig ergibt? ter. Ich bitte um Verständnis, daß ich deshalb die
Frage nicht beantworten werde.
Die Untersuchung des Statistischen Bundesamtes
über die Unfallentwicklung während des Lkw Fahr- -

verbots konnte noch nicht abgeschlossen werden,


da durch die Statistischen Landesämter über 400 000
Unfallakten ausgewertet werden müssen. Sobald die Anlage 16
Ergebnisse der Statistischen Landesämter vollstän-
dig vorliegen, wird das Statistische Bundesamt das Schriftliche Antwort
endgültige Ergebnis veröffentlichen. Eine Statistik
über die Zahl der Unfälle, an denen Lkw über 7,5 t des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
zulässiges Gesamtgewicht schuldhaft beteiligt wa- 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
ren, kann noch nicht erstellt werden, da über die ordneten Dr. Müller Hermann (Drucksache VI/273
-

Schuldfrage die Strafgerichte zu entscheiden haben, Frage A 81) :


deren rechtskräftige Urteile vielfach erst nach Jah- Wie stellt sich die Bundesregierung die wirtschaftliche
Situation bei den Verkehrsunternehmen vor, deren Tarif-
ren vorliegen. erhöhungsanträge von ihr nicht genehmigt, deren Mehrkosten
aber nicht vom öffentlichen Haushalt übernommen werden?
Ich möchte hierzu auf meine schriftliche Antwort
auf die fast gleichlautende Frage des Kollegen Es ist völlig offen und auch sehr unwahrscheinlich,
Biechele in der vorigen Fragestunde hinweisen. ob der in der Frage unterstellte Sachverhalt über-
haupt jemals eintreten wird. Im übrigen ist festzu-
stellen, daß die Verkehrsgesetze für die privaten
Verkehrsunternehmen bei Ablehnung ihrer Tarif-
anträge keinen Ausgleichsanspruch an den Bund
Anlage 14 vorsehen. Auch das wird die Bundesregierung bei
ihrer Entscheidung über die Tariferhöhungsanträge
Schriftliche Antwort dieser Verkehrsträger selbstverständlich berücksich-
tigen.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des Ab-
geordneten Tobaben (Drucksache VI/273 Fragen A 78
und 79) :
Welche Mehreinnahmen würden die von der Deutschen Bun- Anlage 17
desbahn beantragten Tariferhöhungen bringen?
Hält die Bundesregierung in Anbetracht der zu erwartenden Schriftliche Antwort
Kostensteigerungen die Tariferhöhungsanträge der Deutschen
Bundesbahn für gerechtfertigt?
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
Die Deutsche Bundesbahn erwartet aus der bean- 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
tragten Erhöhung der Wagenladungs-, Stückgut- und ordneten Pieroth (Drucksache VI/273 Frage A 82) :
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1233

Wird bei der Entscheidung der Bundesregierung über die Anlage 20


Tariferhöhungsanträge der Deutschen Bundesbahn und des
Güterfernverkehrs die von der „Konzertierten Aktion" des
Bundeswirtschaftsministers am 12. Januar 1970 fixierte Stellung- Schriftliche Antwort
nahme, wonach Erhöhungen administrativ beeinflußter Preise
vorerst zurückzustellen sind, maßgebend sein oder die vom
Bundesverkehrsminister am 5. Dezember 1969 vor dem Verkehrs- des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
ausschuß geäußerte Ansicht, „die Preise müßten dem Kosten-
gefüge angemessen angepaßt werden"? 30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge
ordneten Strohmayr (Drucksache VI/233 Frage A 86) :
Die Bundesregierung hat mit dem Ziel, die Preis- Wann erfolgt die mit der Richtlinie des Rates für die An-
stabilität zu sichern, ihre grundsätzliche Haltung im gleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über land-
wirtschaftliche Zugmaschinen auf Rädern (Drucksache V/547) in
Jahreswirtschaftsbericht 1970 festgelegt, der in der Fragestunde der 148. Sitzung des 5. Deutschen Bundestages
Kürze dem Hohen Hause vorgelegt werden wird. in Aussicht gestellte Anpassung an die bereits in anderen EWG-
Mitgliedstaaten gültigen höheren Geschwindigkeitszulassungen
Tariferhöhungen bei der Deutschen Bundesbahn und für landwirtschaftliche Zugmaschinen?
den privaten Verkehrsträgern sind unter Kosten-
Der Rat der Europäischen Gemeinschaften hat die
gesichtspunkten unvermeidbar; bei einer Entschei-
betreffende Richtlinie noch nicht verabschiedet. Es
dung hierüber werden die von der Bundesregierung
kann jedoch angenommen werden, daß die Beschluß-
beschlossenen Grundsätze berücksichtigt werden.
fassung noch im Laufe dieses Jahres erfolgt.
Eine Änderung der deutschen Rechtsvorschriften
erscheint erst dann zweckmäßig, wenn die endgül-
tige Fassung des Entwurfs feststeht, da während der
Anlage 18 Beratungen im Rat der Europäischen Gemeinschaften
noch mit Änderungen zu rechnen ist.
Schriftliche Antwort -

des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom


30. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
ordneten Schmitt (Lockweiler) (Drucksache VI/273 Anlage 21
Frage A 83) :
Schriftliche Antwort
Wie groß war der Überschuß im Wagenladungsverkehr der
Deutschen Bundesbahn 1960 und 1968 in absoluten Zahlen und
auf Tonnenkilometer bezogen? des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Oll esch
Der Ü berschuß im Wagenladungsverkehr der (Drucksache VI/273 Frage A 87) :
Deutschen Bundesbahn belief sich im Jahre 1960 auf
Wie beurteilt die Bundesregierung die derzeitige unterschied-
rd. 1,1 Mio DM, im Jahre 1968 auf rd. 93 Mio DM, liche Regelung des aktiven und passiven Wahlalters in den
je Tonnenkilometer auf 2,15 Pf. und auf 0,16 Pf. 1969 einzelnen Bundesländern bei den verschiedenen Wahlen, und
was gedenkt sie im Interesse einer möglichst weitgehenden Ein-
ist der Überschuß übrigens auf 0,3 Pf. je Tonnen- heitlichkeit zu tun?
kilometer gestiegen. Nach dem von der Bundesregierung vorgelegten
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Art. 38
Abs. 2 GG soll das aktive Wahlalter für Bundestags-
wahlen auf 18, das passive auf 21 Jahre herabge-
setzt werden. Wird das Gesetz so verabschiedet,
Anlage 19
dann wird bei der Wahlberechtigung zu Bundestags-
Schriftliche Antwort und Landtagswahlen mit den Ländern Berlin, Ham-
burg, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Schles-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom wig-Holstein Übereinstimmung bestehen, nicht je-
30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des doch bei der Wählbarkeit, die von diesen Ländern
Abgeordneten Vehar (Drucksache VI/273 Fragen mit dem 23. Lebensjahr festgelegt wurde.
A 84 und 85) : Zwar ist die möglichste Ü bereinstimmung der
Wie hoch schätzt die Bundesregierung die Steigerung der Wahlaltersgrenzen in Bund und Ländern erstrebens-
Personalkosten bei den nicht bundeseigenen Eisenbahnen im wert. Was das passive Wahlalter für Bundestags-
Jahre 1970?
wahlen betrifft, so hat es in den abgelaufenen Legis-
Wie hoch wären die Mehreinnahmen der nicht bundeseigenen
Eisenbahnen bei Genehmigung der beantragten Tariferhöhungen laturperioden jeweils nur wenige Bundestagsabge-
im Jahre 1970? ordnete gegeben, die bei ihrem erstmaligen Eintritt
in den Bundestag noch nicht 30 Jahre alt waren. Die
Die Lohnverhandlungen der nichtbundeseigenen nunmehr vorgesehene Möglichkeit, schon mit 21 Jah-
Eisenbahnen (NE) mit den Gewerkschaften sind noch ren Parlamentsmitglied zu werden, könnte sich in
nicht abgeschlossen. Die Bundesregierung kann des- Zukunft als belebendes Element innerparteilicher
halb z. Z. lediglich feststellen, daß eine Lohn- und Willensbildung auswirken und die Neigung junger
Gehaltssteigerung von 1 % bei den nichtbundesei- Menschen zum politischen Engagement in den Par-
genen Eisenbahnen ganzjährig 3 Mio DM ausmacht. teien erhöhen.
Der Tariferhöhungsantrag der Deutschen Bundes- Es darf angenommen werden, daß die bevor-
bahn umfaßt auch den Wechselverkehr mit den stehende Bundesregelung auf die Landesgesetzge-
nichtbundeseigenen Eisenbahnen. Sie erwarten aus bung im Sinne einer Herabsetzung des Wahlalters
der Tariferhöhung eine Mehrheinnahme von rd. einwirken wird. Tatsächlich sind auch in den übrigen
10 Mio DM/Jahr. Ländern entsprechende Bestrebungen zu verzeich-
1234 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

nen. Darüber hinaus ist aber eine Einflußnahme des Eine größere Bedeutung wird dem elektrisch ange-
Bundes im Sinne einer restlosen Angleichung der triebenen Auto erst dann zukommen, wenn es ge-
wahlrechtlichen Altersgrenzen nicht möglich. lingt, Gewicht und Preis der Stromquellen entschei-
dend zu senken. Der Stand der Technik auf diesem
Für eine etwaige Bindung der Länder an Wahl-
Gebiete erlaubt es nicht, hierzu jetzt schon eine Vor-
rechtsvorschriften des Bundes ist die Homogenitäts-
vorschrift des Art. 28 Abs. 1 GG maßgeblich. Diese aussage zu machen.
hat zwar die Wahlrechtsgrundsätze des A rt . 38
Abs. 1 GG übernommen, nicht jedoch die Vorschrif-
ten des Art. 38 Abs. 2 GG über die Wahlaltersgren-
zen. Zu der grundsätzlich freien Gestaltung des Anlage 23
Landeswahlrechts im Rahmen dieser Wahlrechts-
grundsätze hat das Bundesverfassungsgericht die Schriftliche Antwort
Auffassung vertreten, daß die Freiheit des Landes-
gesetzgebers höchstens dann eingeschränkt werden des Bundesminister Genscher vom 28. Januar 1970
könnte, wenn es sich um grundsätzliche Bestimmun- auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Alber
gen handelt, in deren Bereich entscheidende Abwei- (Drucksache VI/273 Frage A 89) :
chungen des Landeswahlrechts zu Unstimmigkeiten Hat eine Anerkennung der DDR als zweiter deutscher Staat
führen müßten, die im bundesstaatlichen Gefüge auch ohne ihre völkerrechtliche Anerkennung nicht schon die
rechtliche Konsequenz, daß u. a. das Gesetz üiber die Staats-
schwer ertragen werden könnten. Als solche können bürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik vom
20. Februar 1967 von der Bundesrepublik Deutschland beachtet
wahlrechtliche Altersgrenzen, insbesondere wenn werden muß, und wenn ja, hat diese Beachtung ihrerseits nicht
sie nicht zu stark abweichen, wohl nicht angesehen zur Folge, daß die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden
SBZ-Flüchtlinge dann DDR-Bürger geworden und geblieben sind,
werden. Ihre übereinstimmende Regelung in Bund wenn sie im Zeitpunkt der Gründung der DDR deutsche Staats-
und Ländern ist daher verfassungsrechtlich nicht angehörige waren und in der DDR ihren Wohnsitz oder ständi-
gen Aufenthalt hatten?
zwingend, bliebe aber weiterhin verfassungspolitisch
wünschenswert. Die Feststellung des Bundeskanzlers in der Re-
gierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag
am 28. Oktober 1969: „Eine völkerrechtliche An-
erkennung der DDR durch die Bundesregierung
kann nicht in Betracht kommen. Auch wenn zwei
Anlage 22 Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch für-
einander nicht Ausland" bedeutet:
Schriftliche Antwort Nach Auffassung der Bundesregierung ist das
Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Schmidt nach wie vor geltendes Recht. Wer nach diesem
(Kempten) (Drucksache VI/273 Frage A 88) : Gesetz die deutsche Staatsangehörigkeit erworben
hat, ist und bleibt deutscher Staatsangehöriger; das
Warum nennt die Bundesregierung in ihrer Antwort, die als
Anlage 36 im Stenographischen Bericht (Seite 991) über die
gilt gleichermaßen für die Bewohner der BRD und
24. Sitzung des Bundestages abgedruckt ist, unter den Maßnah- der DDR.
men gegen die Luftverunreinigung durch Autoabgase nicht die
Notwendigkeit der raschen Entwicklung von Elektromotoren, oder
wird diese Entwicklung von der Bundesregierung etwa nicht ge-
fördert?

Die Bundesregierung wird jede erfolgverspre-


chende Entwicklung fördern, die geeignet ist, die Anlage 24
Luftverunreinigung durch Autoabgase wesentlich
Schriftliche Antwort
zu vermindern.
Sie hat deshalb in ihre Überlegungen auch die des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
Frage einbezogen, ob und inwieweit hierfür das auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Wag-
elektrisch angetriebene Auto geeignet ist. ner (Günzburg) (Drucksache VI/273 Frage A 90) :
Zunächst hat sich ergeben, daß eine weitere er- Ist die Bundesregierung der Auffassung, daß der im Zweiten
Besoldungsneuregelungsgesetz mit Wirkung ab 1. Januar 1971
hebliche Herabsetzung des z. Z. höchstzulässigen vorgesehene Abbau derjenigen Beförderungsstellen, die die
Auswurfs luftverunreinigender Stoffe im Autoabgas Höchstprozentzahlen des Zweiten Besoldungsneuregelungsgesetzes
überschreiten, dann unbillige Ergebnisse bringen würde, wenn
technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar ist. die Arbeit der Bund/Länder-Dienstpostenbewertungskommission
zu einer Revision der dem Zweiten Besoldungsneuregelungs-
Die Luftverunreinigung durch Autoabgase kann da- gesetz zugrunde gelegten Bewertungsvorstellungen führt, und daß
her in absehbarer Zeit durch Maßnahmen am Auto die rechtzeitige Vorlage und gesetzgeberische Auswertung des
Arbeitsergebnisses der Kommission sichergestellt werden muß,
noch weiter abgesenkt werden. andernfalls der Planstellenabbau über den 1. Januar 1971 hinaus
aufzuschieben wäre?
Der Bau elektrisch angetriebener Kraftfahrzeuge
beschränkt sich z. Z. in der Bundesrepublik und in Die Bundesregierung ist nicht dieser Auffassung,
anderen Staaten im allgemeinen auf Spezialfahr- denn die Dienstpostenbewertung ist an den Rahmen
zeuge, z. B. auf den Bau eines Elektrobusses für den des Besoldungsrechts gebunden. Nur die Unter-
Nahverkehr, bei denen Gewicht und auch Preis der suchung in Richtung auf eine Konkretisierung der
Batterien eine ausschlaggebende Rolle spielen. Eine Amterbewertung könnten theoretisch die Obergren-
fühlbare Verminderung der Luftverunreinigung zen des § 5 Abs. 6 des Bundesbesoldungsgesetzes
durch die Verwendung solcher Spezialfahrzeuge ist beeinflussen. Die Obergrenzen haben gerade den
nicht zu erwarten. Sinn, bei Bund und Ländern eine übereinstimmende
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28, Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1235

Ausgangsbasis zu schaffen. Ohne eine solche ein- stellen weiter. Die fachlich berührten Ressorts des
heitliche Basis können konkretisierte Grundsätze Bundes werden ebenfalls benachrichtigt.
der Ämterbewertung, die dann in die Praxis um- In Maastricht sind die Schweiz und Frankreich ge-
setzbar sein müßten, nicht aufgestellt werden. beten worden, sich diesem Warnsystem anzuschlie-
ßen und Warnmeldungen an die Meldezentrale in
Die von Ihnen hier angesprochene Vorschrift des
Mannheim zu geben. Der Vorschlag wird von der
Artikels I § 4 Abs. 3 des Zweiten Besoldungsneu- Kommission weiter verfolgt. Es darf erwartet wer-
regelungsgesetzes sieht Umwandlungen von Plan-
den, daß nach den notwendigen organisatorischen
stellen, die die Obergrenzen des § 5 Abs. 6 über-
Vorbereitungen in den beiden Nachbarstaaten ein
schreiten, nur vor, wenn solche Stellen frei werden, neues, verbessertes Warnsystem am ganzen Rhein
und dann auch nur für jede dritte Stelle. Diese Re- vorhanden sein wird.
gelung vermeidet Härten, ist andererseits aber not-
wendig, um für alle Dienstherren die bereits mehr- Das Warnsystem liegt im Verantwortungsbereich
fach genannte gleiche Ausgangsbasis anzustreben. der für die Wasserwirtschaft zuständigen Landes-
behörden. Es wird von fachkundigen Dienststellen
Dies waren auch die Überlegungen, die den maß- der in der Arbeitsgemeinschaft der Länder zur
geblich auch von der Fraktion der CDU/CSU mitge- Reinhaltung des 'Rheins zusammengeschlossenen
tragenen Regelungen zugrunde lagen. Dies geht be- Bundesländer wahrgenommen und ist vor etwa
sonders deutlich aus den Darlegungen im Schrift- einem halben Jahr für das deutsche Rheingebiet neu
lichen Bericht des Innenausschusses — Drucksache geordnet worden. Die Bundesregierung hat z. Z. kei-
V/3827 — zum Zweiten Besoldungsneuregelungsge- nen Anlaß für Initiativen zur weiteren Verbesse-
setz hervor, der von Ihnen, Herr Kollege Wagner,- rung des Warnsystems.
unterzeichnet ist.

Anlage 26
Anlage 25
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Bundesministers Genscher vom 29. Januar 1970
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Kater
auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Mül (Drucksache VI/273 Fragen A 93 und 94) :
ler (Mülheim) (Drucksache VI/273 Fragen A 91 Ist der Bundesregierung die Zahl der Aussiedler aus den Ost-
blockstaaten bekannt, die auf Grund ihres Alters und der da-
und 92) : durch bedingten Schulbildung besondere Schwierigkeiten bei
ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eingliederung haben?
Hat die Bundesregierung den Eindruck gewonnen, daß die
Ergebnisse der Beratungen der internationalen Rheinwasser Was beabsichtigt die Bundesregierung zu tun bzw. zu veran-
kommission in Maastricht die Erwartungen verstärken, in ab- lassen, um die bereits vorhandenen Möglichkeiten und Mittel
sehbarer Zeit ein neues, verbessertes Warnsystem zu erreichen? für die Eingliederung dieser Aussiedler zu erweitern bzw. zu
verbessern?
Wird die Bundesregierung von sich aus alles tun und ihren
Einfluß auf alle beteiligten deutschen Instanzen geltend machen,
um eine Verbesserung des Warnsystems zu bewirken?
Die Bundesregierung ist nicht in der Lage, exakte
Angaben über die Zahl der Aussiedler zu machen,
Die letzte Sitzung der Internationalen Kommis- die wegen ihres Alters, ihrer Schulausbildung,
sion zum Schutze des Rheins gegen Verunreinigung hauptsächlich aber wegen fehlender oder unzurei-
fand auf Antrag der niederländischen Delegation im chender Kenntnis der deutschen Sprache Schwierig-
November 1969 in Maastricht statt. Sie hatte gebe- keiten bei ihrer schulischen, gesellschaftlichen und
ten, auf dieser Sondersitzung u. a. auch das Zustan- beruflichen Eingliederung haben. Allerdings liegen
dekommen eines wirksamen Warnsystems zu bera- Schätzungen vor.
ten, damit bei groben Verschmutzungen rechtzeitige
Abwehrmaßnahmen , der Unterlieger durch schnelle Von den Schwierigkeiten sind fast ausschließlich
Nachrichtenübermittlung ermöglicht werden. Aussiedler der Geburtsjahrgänge nach 1939, also
der bis 30jährigen, besonders betroffen.
Die deutsche Delegation berichtete in Maastricht Nach dem Durchschnitt der Jahre 1968/69 sind das
über die auf der deutschen Rheinstrecke bereits er- etwa 43 v. H. aller Aussiedler, oder — auf die Zahl
zielte Verbesserung und Neuordnung: Alle solche der Zugänge im Jahre 1969 von rd. 30 000 bezogen
Vorkommnisse im Einzugsgebiet des Rheins werden — rd. 13 000 Personen.
neuerdings von einer fachkundigen amtlichen
Dienststelle des jeweiligen Bundeslandes, die als In der ersten Hälfte 1969 sind die Aussiedler im
Meldezentrale bestimmt worden ist, sofort an die Grenzdurchgangslager Friedland laufend befragt
Meldezentrale des unterhalb gelegenen Bundeslan- worden. Der Beauftragte der Bundesregierung für
des weitergegeben. Südlichste Meldezentrale ist in die Verteilung in Friedland und Nürnberg hat im
Baden-Württemberg die Wasserschutzpolizeidirek- Registrierungs- und Verteilungsverfahren besondere
tion in Mannheim, nördlichste ist in Nordrhein- Erkenntnisse gewonnen. Auch die Behörden in den
Westfalen der Regierungspräsident in Düsseldorf. Landesaufnahmelagern haben ihre Erfahrungen. Auf-
Er ist, wie auch die anderen Meldezentralen, ständig grund dieser 3 Quellen muß der Anteil der 13 000
dienstbereit und gibt die Meldungen bzw. Alarm- Aussiedler, welche die deutsche Sprache nur man-
oder Warnnachrichten an die mit der niederlän- gelhaft oder gar nicht beherrschen, auf 85 v. H. be-
dischen Seite vereinbarten niederländischen Dienst ziffert werden.
1236 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Der Anteil derjenigen — hauptsächlich Kinder —, Ausgestaltung der Richtlinien über den Garantie-
die nur die Sprache des Herkunftslandes sprechen fonds (Abschnitt XXII der Richtlinien für den Bun-
und verstehen, wird von allen kompetenten Stellen desjugendplan) fördern.
auf 25 v. H., für das Jahr 1969 also auf 3200 ge- Die berrufliche Eingliederung von Angehörigen
schätzt. nichtakademischer, insbesondere technischer und
Wenn die bis zu 10 Jahren alten etwa 2000 Kin- kaufmännischer Berufe, gestaltet sich besonders
der außer Betracht bleiben, denen die Kenntnis der schwierig. Unterschiedliche Berufsbilder und Aus-
deutschen Sprache durch das Elternhaus und im nor- bildungssysteme, Unkenntnis moderner Arbeitsme-
malen Volksschulunterricht vermittelt werden kann, thoden, Schwierigkeiten bei der Anerkennung der
verbleiben für 1969 rd. 11 000 Jugendliche und Per- in den Herkunftsländern erworbenen Zeugnisse und
sonen bis zu 30 Jahren, die zur Erlangung des An- Befähigungsnachweise sind die hauptsächlichen Ur-
schlusses a n die dem Alter gemäße Schulklasse oder sachen. Auf Empfehlung des damaligen Bundes-
eines Qualifikationsnachweises zur Ausübung des ministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und
im Herkunftsland erlernten oder in der Bundes- Kriegsgeschädigte wird dieses Problem von der Ar-
republik , aufgenommenen Berufs einer besonderen beitsgemeinschaft der Landesflüchtlingsverwaltun-
Förderung (Förderschule, deutsche Sprachkurse gen untersucht, die zu diesem Zwecke eine Sonder-
usw.) bedürfen. kommission mit der Sammlung des erforderlichen
Die Zahl der förderungsbedürftigen Aussiedler Materials und der Erarbeitung eines Memorandums
wird sich in den folgenden Jahren jeweils um einen beauftragt hat. Dieses Memorandum wird, wie jenes
Geburtsjahrgang erhöhen. über die Förderschulen für die spätausgesiedelte
- Jugend, Grundlage für die Verbesserung und mög-
Die Bundesregierung unterstützt im Rahmen ihrer
lichts umfassende sachgerechte Eingliederung dieser
Zuständigkeit und der ihr durch Gesetz eingeräum-
Aussiedler sein.
ten Möglichkeiten die Bemühungen der Länder, der
Verbände der freien Wohlfahrtspflege und der freien
Trägergruppen, die Eingliederungsarbeit zu intensi-
vieren. Zu dieser gehören hauptsächlich die lücken-
lose Erfassung aller förderungsbedürftigen Aussied- Anlage 27
ler, ihre umfassende Beratung und Heranführung an
die bestehenden Förderungseinrichtungen. Zu diesen Schriftliche Antwort
zählen vorrangig:
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
1. die Förderschulen — Internatsförderschulen und auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Matt-
offene Einrichtungen, die durch deutschen
höfer (Drucksache VI/273 Frage A 95) :
Sprach- und Ergänzungsunterricht zum deutschen
Volksschulabschluß oder Anschluß an die dem Hat die Bundesregierung eine systematische, lückenlose Über-
sicht über alle Grundrechtseinschränkungen, die seit der Ver-
Alter entsprechende Klasse der Normalschulen, kündung des Grundgesetzes vorgenommen wurden?
in einigen Einrichtungen auch in weiterführen-
Eine systematische, lückenlose Übersicht über alle
den Schulen führen;
Grundrechtseinschränkungen, die seit Verkündung
2. die- aus Bundesmitteln geförderte Otto-Benecke des Grundgesetzes vorgenommen wurden, ließe sich
Stiftung — das frühere Sozialamt des deutschen unter erheblichem Zeit- und Arbeitsaufwand bei
Bundesstudentenringes —, die sich der akade- Durchsicht aller Bundes- und Landesgesetze für die-
mischen Jugend annimmt. Ihre Aufgabe: Einfüh- jenigen Grundrechte gewinnen, deren gesetzliche
rungslehrgänge zur allgemeinen Orientierung Einschränkung dem ausdrücklichen Zitiergebot des
und Feststellung der im Einzelfall notwendigen Art. 19 Abs. 1 Satz 2 GG unterliegen. Doch ist in
Bildungs- und Studiengänge, Vermittlung in der früheren Staatspraxis dieses Zitiergebot nicht
Sprachkurse an Goethe-Instituten und in Vor- einheitlich gehandhabt worden.
studienkurse zur Erlangung des deutschen Hoch-
Hingegen lassen sich nicht erfassen diejenigen
schulzugangszeugnisses, Vermittlung von Aus-
Einschränkungen von 'Grundrechten, die nicht dem
bildungs- und Studienplätzen. Die Integrations-
Zitiergebot unterliegen.
arbeit der Stiftung hat sich bewährt. Sie soll ver-
stärkt werden; Hierzu gehören die Grundrechte, in denen die
nähere Bestimmung über Inhalt und Schranken dem
3. die Beratungs- und Betreuungsdienste der Ju-
Gesetz vorbehalten wird — wie z. B. beim Eigen
gendgemeinschaftswerke in der Bundesarbeitsge-
meinschaft Jugendaufbauwerk. Die Betreuungs- tum — sowie die Grundrechtsbegrenzungen, die im
Grundrechtsartikel selbst schon umschrieben sind —
kräfte der Jugendgemeinschaftswerke, deren Ar-
wie z. B. bei Art. 2 Abs. 1 und Art. 12 Abs. 1 GG.
beit in der Vergangenheit vorwiegend jugend-
lichen Flüchtlingen aus der SBZ diente, sollen Weiterhin fallen hierunter die Grundrechtsein-
durch entsprechende Schulung auf die Beratungs- schränkungen durch „allgemeine Gesetze" nach
und Betreuungstätigkeit zugunsten jugendlicher Art. 5 Abs. 2 GG.
Aussiedler umgeschult werden. Die Jugendge- Darüber hinaus gibt es gewisse Schranken der
meinschaftswerke werden aus Mitteln des Bun- Grundrechte, die sich nicht aus ihrem Wortlaut
desjugendplanes finanziert. selbst, sondern aus ihrem systematischen Zusam-
Die Bundesregierung wird die Integration jugend- menhang mit anderen Grundrechten ergeben. So
licher Aussiedler durch eine möglichst großzügige schützt beispielsweise das Grundrecht der Versamm-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1237

lungsfreiheit des Art. 8 GG nicht davor, daß Ver- Zu Frage 97:


sammlungen in einem bestimmten Raum aus feuer-, Auch zu dieser Frage kann ich auf die Ihnen
gesundheits- oder baupolizeilichen Gründen unter- vorliegende Fragebeantwortung vom 21. Januar
sagt werden können. Ebenso bestehen Grundrechts- 1970 hinweisen. Für die Dienstwohnungsvergütung
einschränkungen in besonderen Gewaltverhältnis- ist nicht die Kostenfrage entscheidend, sondern der
sen, die sich aus deren Wesen ableiten, wie z. B. in örtliche Mietwert. Wenn es sich um seit langem be-
besonderen Status- oder Anstaltsverhältnissen. stehende, in ihrem Zustand unveränderte Dienst-
Im übrigen würde eine Erfassung der gesetzlichen wohnungen handelt, dürfte die Neufestsetzung der
Möglichkeiten zur Einschränkung von Grundrechten Sätze der höchst en Dienstwohnungsvergütun-
noch lange nichts aussagen darüber, ob und in wel- gen sich kaum ausgewirkt haben. Hierbei wird es
chem Umfang in der Staatspraxis von ihnen über- aber immer auf den einzelnen Fall ankommen.
haupt Gebrauch gemacht worden ist. Denn es kann
davon ausgegangen werden, daß in der Staatspraxis
von diesen Möglichkeiten zurückhaltend und nur in
begrenztem Umfang Gebrauch gemacht wird. Die
Anlage 29
Verfassungswirklichkeit ließe sich also an Hand sol-
cher systematischen Überblicke wohl kaum zutref- Schriftliche Antwort
fend beurteilen.
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Drö-
scher (Drucksache VI/273 Frage A 103) :
Was wird die Bundesregierung nach dem Bekanntwerden der
Anlage 28 Absichten privatwirtschaftlicher Interessenten, durch Zusammen-
arbeit mit und Beteiligung an einer auf dem Gebiet des Studio-
betriebes tätigen Gesellschaft direkt maßgeblichen Einfluß auf
Schriftliche Antwort das kommerzielle Fernsehgeschäft zu erhalten, tun, um den
Einfluß soldier Produzenten auf die Programmgestaltung und
die Gestaltung des politischen Programms zu verhindern?
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten Die Regelung der Grundsätze für die Gestaltung
Erhard (Bad Schwalbach) (Drucksache VI/273 Fragen des Fernsehprogramms gehört ebenso zur alleinigen
A 96 und 97) : Zuständigkeit der Länder wie die Organisation der
Veranstalter der Fernsehprogramme. Wie das Bun-
Ist die Bundesregierung der Auffassung, daß Dienstwohnungs-
vergütungen unter den Begriff der "administrativ beeinflußten desverfassungsgericht mit Urteil vom 22. Februar
Preise" fallen? 1961 ausgeführt hat, steht dem Bund auf diesen Ge-
Hält die Bundesregierung eine Erhöhung der Dienstwohnungs- bieten weder eine Gesetzgebungs- noch eine Ver-
vergütun(Mi)fslagembthnd,soiceu waltungskompetenz zu. Die Rundfunkgesetze der
errichtete Wohnungen in einem Umfang, der weit über der
Steigerung der Kosten liegt, für gerechtfertigt? Länder verpflichten die jeweilige Rundfunkanstalt,
Zu Frage 96: „die weltanschaulichen, wissenschaftlichen und
künstlerischen Richtungen zu berücksichtigen",
Ihre Frage, Herr Kollege, ist zu verneinen. „die sittlichen und religiösen Überzeugungen
Zu den sogenannten administrativ beeinflußten der Bevölkerung ... zu achten";
Preisen gehören vor allem die Tarife von Bundes- ferner muß die Nachrichtengebung „allgemein, un-
bahn, Bundespost, Binnenschiffahrt und Güterfern- abhängig und objektiv sein";
verkehr sowie von Energie-Versorgungsbetrieben
der öffentlichen Hand. Hierbei handelt es sich um die Anstalt „darf nur der Wahrheit verpflichtet
eine Einflußnahme der öffentlichen Hand auf Preise sein" und „nicht einseitig einer politischen Par-
innerhalb privatrechtlicher Rechtsbeziehungen. Das tei oder Gruppe, einer Interessengemeinschaft,
Rechtsverhältnis zwischen Dienstherr und beamte- einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung
tem Dienstwohnungsinhaber ist dagegen öffentlich- dienen".
rechtlicher Natur. Diese Grundsätze für die Programmgestaltung
Wichtiger als dieser formelle Hinweis sind jedoch sind in § 4 des Staatsvertrages über den Norddeut-
folgende Gesichtspunkte: Die Dienstwohnungsver- schen Rundfunk aufgestellt, der in den Ländern
gütungen sind anders als die administrativ beein- Freie und Hansestadt Hamburg, Niedersachsen und
flußten Preise kein Instrument der Wirtschafts- Schleswig-Holstein Gesetzeskraft hat. Die Rund-
politik. Dienstwohnungsvergütungen beeinflussen funkgesetze der anderen Länder enthalten inhalts-
nicht das allgemeine Mietpreisgefüge, sondern um- gleiche, ähnlich formulierte Grundsätze.
gekehrt: die Dienstwohnungsvergütungen orientie- Für die Einhaltung dieser Grundsätze ist der
ren sich an der Entwicklung der Mietpreise. Der Intendant der jeweiligen Anstalt verantwortlich. Er
Bund ist gesetzlich verpflichtet, bei der Dienstwoh- wird auch insoweit vom Rundfunk- und Verwal-
nungsvergütung den wirtschaftlichen Wert der tungsrat seiner Anstalt überwacht. Letztlich obliegt
Dienstwohnung zu berücksichtigen. es der jeweiligen Landesregierung, im Wege der
Wie ich Ihnen schon in der vergangenen Woche Rechtsaufsicht gegen Rechtsverletzungen einzu-
auf Ihre Frage in gleicher Angelegenheit schriftlich schreiten.
mitgeteilt habe, ist für die Höhe der Dienstwoh- Diese gesetzlichen Regelungen für die Grundsätze
nungsvergütung der örtliche Mietwert maßgebend. der Gestaltung des Fernsehprogramms über die Ver-
1238 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

antwortung des Intendanten für ihre Einhaltung und Anlage 31


über die Aufsicht dürften die volle und alleinige
Verantwortung jeder Rundfunkanstalt für Art, Schriftliche Antwort
Inhalt und Zusammensetzung des Gesamtprogramms
und seiner einzelnen Teile gewährleisten. des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Seefeld
Daher ist es jeder Rundfunkanstalt überlassen, (Drucksache VI/273 Frage A 105) :
ob sie Programme selbst herstellt, im Auftragsver- Ist der Bundesregierung bekannt, daß durch fehlende Ret-
hältnis von Dritten herstellen läßt oder von Dritten tungswagen die Hilfsorganisationen im Unfallrettungswesen
nicht die Hilfe leisten können, die geleistet werden müßte, und
auf eigenes Risiko hergestellte Programme über- diese Hilfsorganisationen durch eigene finanzielle Leistungen
ihren Wagenpark nicht wesentlich erweitern können und dadurch
nimmt. Entscheidend ist allein, daß die volle und mancherorts gezwungen sind, den Unfallrettungsdienst durch
alleinige Programmverantwortung bei der Rund- den Krankentransportdienst zu finanzieren?
funkanstalt verbleibt; Rechtsgeschäfte, die diese Der Bundesregierung ist bekannt, daß ein großer
Verantwortung einschränken, wären nach § 134 BGB Nachholbedarf an Rettungswagen besteht. Der Bund
nichtig. kann jedoch auf dem Gebiete des Unfallrettungs-
Unter diesen Umständen ist es Sache der Organe wesens nur ergänzend und koordiniernd tätig wer-
der Rundfunkanstalten sowie der Landesregierun- den, da dieses nach dem Grundgesetz in die Zu-
gen, nicht aber der Bundesregierung, die gesetz- ständigkeit der Länder gehört.
liche Verantwortung für die Gestaltung des Fern- Im Rahmen der begrenzten haushaltsmäßigen
sehprogramms zu gewährleisten. Möglichkeiten hat der Bundesminister für Verkehr
und für das Post- und Fernmeldewesen eine Reihe
von Förderungsmaßnahmen zur Unfallrettung durch-
geführt und weiterhin vorgesehen. Insbesondere
werden dabei Modellversuche von grundsätzlicher
Bedeutung durchgeführt und finanziert (z. B. Aus-
stattung von Rettungswagen, Notarztwagen, Hub-
Anlage 30 schrauber-Einsatz, Notrufsäulen).
Mein Haus gewährt den Hilfsorganisationen im
Schriftliche Antwort Rahmen der Vorsorgemaßnahmen für 'den Zivil-
schutz Zuschüsse für die Erste-Hilfe-Ausbildung der
des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970 Bevölkerung — hierauf werde ich zu Ihrer weite-
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Dröscher ren Frage näher eingehen —. Aus diesen Mitteln
(Drucksache VI/273 Frage A 104) : sind in der Vergangenheit auch Krankentransport-
fahrzeuge beschafft worden.
Ist die Bundesregierung damit einverstanden, daß die Ver-
sorgungsbehörden Erfrierungen, die im Rahmen der Winterfeld- Ferner trage ich die Kosten für einen Hilfszug des
züge an der Ostfront des letzten Krieges als Kriegsverwundung DRK mit mobilen Rettungs- und Sanitätseinrichtun-
anerkannt werden, im Sinne der 131er-Versorgung nicht als
Schädigungsfolgen gelten, weil sie den Unfallbegriff des § 135 gen in mehreren Ländern. Das Technische Hilfswerk
BBG angeblich nicht erfüllen?
stationiert an verkehrsreichen Tagen in Verkehrs-
ballungspunkten Hilfswagen. Auch die für den Zivil-
Nähere Feststellungen darüber, inwieweit die
schutz beschafften Sanitätsfahrzeuge stehen den Trä-
nach dem Gesetz zu Artikel 131 des Grundgesetzes
gern des friedensmäßigen Unfallrettungswesens für
zuständigen Versorgungsbehörden des Bundes und
ihre Aufgaben zur Verfügung.
der Länder die in der Frage geschilderten Erfrierun-
gen in Winterfeldzügen des letzten Krieges als Un-
fälle im Sinne der §§ 135 und 181 a des Bundesbe-
amtengesetzes anerkennen, liegen mir nicht vor.
Anlage 32
Nach der bereits zu Einzelfällen vertretenen Auf-
fassung meines Hauses beruhen Erfrierungen auf Schriftliche Antwort
einem Unfall, wenn die sie verursachende Kälteein-
wirkung noch als plötzliches, örtlich und zeitlich be- des Bundesministers Genscher vom 30. Januar 1970
stimmbares Ereignis angesprochen werden kann. auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Seefeld
Das wird in der Regel der Fall sein, wenn Soldaten (Drucksache VI/273 Frage A 106) :
mit ungenügender Bekleidung einer außergewöhnli- Beabsichtigt die Bundesregierung, die Mittel zur Ausbildung
chen Kälte ausgesetzt wurden, wie es beispielsweise in Erster Hilfe erneut — wie schon in früheren Jahren —
weiter zu kürzen?
im russischen Winterkrieg 1941/1942 geschehen ist.
Erfahrungsgemäß traten damals bei den hohen Käl- Nach der mittelfristigen Finanzplanung ist für
tegraden die Erfrierungen schon nach einer verhält- 1970 eine Senkung des Ansatzes für Zuschüsse zur
nismäßig kurzen Zeit ein. Ausbildung der Bevölkerung in Erster Hilfe von
4,8 Millionen DM auf 4 Millionen DM vorgesehen.
Grundsätzlich bleiben aber für die Feststellung, Ich sehe in dieser Ausbildung eine wichtige Vor-
ob Erfrierungen auf einem plötzlichen Ereignis be- sorgemaßnahme zum Schutz der Bevölkerung und
ruhen oder auf Einflüsse von längerer Dauer zu- erkenne auch die Schwierigkeiten, die für die aus-
rückzuführen sind, immer die Umstände des Einzel- bildenden Hilfsorganisationen durch diese Mittel-
falles maßgebend. kürzung entstehen. Deshalb habe ich mich beim
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1239

Bundesminister der Finanzen um Erhöhung der Mit- für das Wohl des Beamten und seiner Familie auch
tel für 1970 um 1 Million DM auf 5 Millionen DM für die Zeit nach Beendigung des Beamtenverhält-
verwandt. Das Ergebnis dieser Bemühungen muß nisses zu sorgen (vgl. § 79 Bundesbeamtengesetz,
den weiteren Haushaltsverhandlungen überlassen § 48 Beamtenrechtsrahmengesetz). Diese Beihilfen
bleiben. betragen je nach dem Familienstand des Ruhestands-
beamten 50 bis 70 v. H. der beihilfefähigen Aufwen-
dungen; die verbleibenden Restkosten muß der
Ruhestandsbeamte selbst aufbringen.

Den im öffentlichen Dienst stehenden Angestell-


Anlage 33 ten und Arbeitern werden in Erfüllung der dem
Arbeitgeber obliegenden Fürsorgepflicht nach Maß-
Schriftliche Antwort gabe besonderer tariflicher Regelungen Beihilfen
gewährt, soweit sie nicht dem Schutz der gesetz-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Dahren-
lichen Krankenversicherung unterliegen. Für den
dorf vom 28. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fra-
Bund verweise ich auf die Tarifverträge vom 15. Juni
gen des Abgeordneten Tallert (Drucksache VI/273
1959 (GMBl. S. 295) ; für die Bereiche der Länder und
Fragen B 1 und 2) :
der Gemeinden bestehen im allgemeinen entspre-
Aus welchen Gründen wurden den vom 16. bis 26. Januar
1970 in die Bundesrepublik Deutschland eingeladenen Vertretern chende Regelungen. Die infolge Erreichens der
der in Paris verhandelnden Delegationen der Demokratischen Altersgrenze ausgeschiedenen Arbeitnehmer sind in
Republik Vietnam und der Provisorischen Revolutionären Regie-
rung der Republik Südvietnam die Einreise in die Bundesrepu- diese Regelung nicht einbezogen, da mit der Beendi-
blik Deutschland verweigert? gung des Arbeitsverhältnisses grundsätzlich die
Ist die Bundesregierung der Ansicht, daß mit der Genehmi- Rechtsbeziehungen des Arbeitgebers zu den frühe-
gung der Einreise irgendeine Gefahr für die Bundesrepublik
Deutschland bestanden hätte? ren Arbeitnehmern enden und der Gesetzgeber die
Vorsorge für die Bezieher von Renten aus den ge-
Die Nordvietnamesen und Vertreter der „Befrei- setzlichen Rentenversicherungen für den Fall der Er-
ungsfront" Südvietnams, die die Einreise in die krankung den Trägern der gesetzlichen Krankenver-
Bundesrepublik beantragt hatten, sollten im Rahmen sicherung übertragen hat (§ 165 Abs. 1 Nr. 3 RVO).
der diesjährigen Vietnam-Aktion auf öffentlichen Dies gilt auch, soweit während des Arbeitsverhält-
Kundgebungen in der Bundesrepublik auftreten. nisses keine Krankenversicherung bestanden hat.
Nach dem Veranstaltungsprogramm waren die
Kundgebungen gegen dritte Staaten gerichtet. Sol- Diese Versicherung gewährleistet eine ausrei-
che Aktionen sind von der Bundesregierung aus chende und zweckmäßige Krankenhilfe (§ 182 Abs. 2
außenpolitischen Überlegungen bisher in keinem RVO). Der von ihr erfaßte Personenkreis hat grund-
Fall gestattet worden. Daher mußten auch diese An- sätzlich Anspruch auf volle Kostenerstattung für
träge abgelehnt werden. Arzt, Heilbehandlung, Medikamente usw. und ge-
Im übrigen wird auf die vom Auswärtigen Amt nießt somit grundsätzlich mindestens einen gleichen
in dieser Angelegenheit herausgegebene Presseer- Schutz wie die Ruhestandsbeamten, die als Ver-
klärung verwiesen. heiratete ohne Kinder oder als Witwer 40 bis 50 v. H.
der entstehenden Aufwendungen selbst tragen
Durch eine Genehmigung der Einreise war zwar müssen.
keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in der
Bundesrepublik, wohl aber negative außenpolitische
Auswirkungen zu befürchten. Die hier geplanten
Aktivitäten wären geeignet gewesen, unser Ver-
hältnis zu den betroffenen Drittländern zu belasten Anlage 35
und der Glaubwürdigkeit unserer Politik der Ent-
spannung und des friedlichen Ausgleichs Abbruch Schriftliche Antwort
zu tun.
des Bundesministers Genscher vom 29. Januar 1970
auf die Schriftlichen Fragen des Abgeordneten Dr.
Müller-Emmert (Drucksache VI/273 Fragen B 4 und 5) :
Wie beurteilt die Bundesregierung — nach der DDR-Symbol-
Anlage 34 regelung hei internationalen Veranstaltungen in der Bundes-
republik Deutschland und der angekündigten Initiative des
Deutschen Sportbundes zur Verbesserung der innerdeutschen
Schriftliche Antwort Sportsituation — die Möglichkeiten einer Aktivierung der inner-
deutschen Sportbeziehungen?

des Bundesministers Genscher vom 29. Januar 1970 Welche Bedeutung mißt die Bundesregierung der DDR-Sport-
schau bei, die in letzter Zeit immer häufiger im Rahmen von
auf die Schriftliche Frage des Abgeordneten Dr. Veranstaltungen von Turn- und Sportvereinen in der Bundes-
Haack (Drucksache V1/273 Frage B 3) : republik Deutschland auftritt?

Beabsichtigt die Bundesregierung, die für Beamte im Ruhe- In Ihren Bemühungen, die Folgen der Spaltung
stand geltenden Beihilfevorschriften auch auf die im Ruhestand
befindlichen anderen Angehörigen des öffentlichen Dienstes unseres Vaterlandes auf menschlichem Gebiet zu
auszudehnen, die während ihrer Dienstzeit beihilfeberechtigt mildern, begrüßt die Bundesregierung sportliche
waren?
Treffen mit unseren Landsleuten aus der DDR. Sie
Die Ruhestandsbeamten und ihre Hinterbliebenen unterstützt daher die angekündigte Initiative des
erhalten Beihilfen in Krankheits-, Geburts- und Todes- Deutschen Sportbundes zur Belebung des in den letz-
fällen auf Grund der Verpflichtung des Dienstherrn, ten Jahren sehr geringen innerdeutschen Sportver-
1240 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

kehrs und hofft, daß diese Bemühungen Erfolg wird. Deshalb wird unverheirateten Personen, die
haben werden. ein Kind zu unterhalten haben, neben dem Kinder-
Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß der freibetrag ein Sonderfreibetrag von 1200 DM im
innerdeutsche Sportverkehr von politischen Fragen Kalenderjahr zugebilligt (§ 32 Abs. 3 Ziff. 1
freigehalten werden soll. Sie mißt der DDR-Sport- Buchst. b EStG).
schau aber keine wesentliche Bedeutung bei, da das Im Rahmen der eingeleiteten Steuerreform wird
Publikumsinteresse an diesen Veranstaltungen mit auch die Frage der Besteuerung von Alleinstehenden
politischem Akzent, die allein von Sportlern und mit Kindern einer Prüfung unterzogen werden.
Funktionären der DDR getragen werden, durch-
weg gering ist.

Anlage 37

Anlage 36 Schriftliche Antwort

Schriftliche Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl


vom 27. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl des Abgeordneten Dr. Schwörer (Drucksache VI/273
vom 28. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Fragen B 7 und 8) :
Abgeordneten Dr. Becker (Mönchengladbach) (Druck- Ist die Bundesregierung bereit, die im August 1969 vom Parla-
sache VI/273 Frage B 6) : - mentarischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Leicht,
anläßlich einer Besichtigung in Sigmaringen gegebene Zusage,
Welche Überlegungen liegen der Regelung im Einkommen- daß sich das Bundesfinanzministerium mit dem Bundesverteidi-
steuerrecht zugrunde, geschiedene und ledige Frauen mit Kin- gungsministerium wegen einer Koordinierung der Baumaßnah-
dern in die Steuerklasse II der Lohnsteuertabelle einzustufen, men im Bereich des Sportstätten- und Wohnungsbaues ins Be-
statt in die Steuerklasse III wie verwitwete Frauen mit Kindern? nehmen setzen werde und daß die Stadt Sigmaringen an diesen
Beratungen beteiligt werden solle, durch Einsetzung einer aus
den genannten Behörden bestehenden Kommission einzulösen?
Die Steuerklasse III der Lohnsteuertabelle ent-
spricht dem sogenannten Splittingverfahren, das bei Ist die Bundesregierung bereit, im Interesse einer sparsamen
Verwendung von Haushaltsmitteln neue Projekte in Sigmaringen
Ehegatten, die unbeschränkt steuerpflichtig sind und nicht in Angriff zu nehmen, bevor eine Beratung dieser Projekte
in dieser Kommission stattgefunden hat?
nicht dauernd getrennt leben, im Fall der Zusam-
menveranlagung Anwendung findet. Dabei wird die Entsprechend der Zusage des Herrn Kollegen
Einkommensteuer in der Weise ermittelt, daß sie Leicht sind die Planungen der Gemeinden Sigmarin-
zunächst von der Hälfte des von den Ehegatten ins- gen und Laiz und der Bundesfinanzverwaltung zwi-
gesamt zu versteuernden Einkommensbetrags er- schen den beteiligten Bürgermeistern und Vertre
rechnet und der sich dann ergebende Steuerbetrag tern des Bundesfinanzministeriums am 14. Oktober
verdoppelt wird (§ 32 a Abs. 2 des Einkommen- 1969 in Sigmaringen besprochen worden. Es ist be-
steuergesetzes — EStG). Das Splitting stellt sich so- absichtigt, diese Gespräche fortzusetzen. Eine be-
mit als eine im Grundsatz nur auf zusammenveran- sondere Planungskommission halte ich nach Lage
lagte Ehegatten anwendbare Besteuerungsform dar. des Falles z. Z. nicht für erforderlich.
Das Gesetz läßt deshalb seine Anwendung auf an-
Anläßlich der örtlichen Besprechung am 14. Okto-
dere Personengruppen nur ausnahmsweise in be-
ber 1969 haben die Herren Bürgermeister ihre Be-
schränktem Umfang zu, und zwar bei verwitweten
denken gegen die Planung für die Sportanlagen der
Personen für eine begrenzte Zeit nach dem Tode
Zollschule Sigmaringen zurückgestellt. Dabei wurde
des Ehegatten (§ 32 a Abs. 3 EStG). Diese Sonder- den Gemeinden zugesagt, daß der neben der Zoll-
maßnahme stellt eine Billigkeitsregelung dar, die
schule befindliche Sportplatz später nach Möglich-
die Überleitung auf die Besteuerung nach den Tarif- keit in das Sportzentrum der Gemeinden einbezogen
vorschriften für Alleinstehende erst nach einer ge-
werden soll. Ferner wird z. Z. geprüft, ob sich Bun-
wissen Übergangszeit eintreten läßt. deswehr und Bundesfinanzverwaltung an der Er-
Eine Anwendung des Splittingverfahrens auf alle richtung eines gemeindeeigenen Hallenschwimm-
unverheirateten Personen mit Kindern würde dem- bades beteiligen können; bis zur Klärung dieser
nach dem Sinn und Zweck dieser für Ehegatten ge- Frage wird das zunächst geplante schuleigene Frei-
schaffenen Besteuerungsart zuwiderlaufen. Gegen schwimmbecken nicht gebaut.
eine solche Ausdehnung würden auch verfassungs-
rechtliche Bedenken bestehen. Denn zwei unverhei-
ratete Personen, denen diese Steuervergünstigung
gewährt würde, hätten im Falle einer Heirat dann
zwangsläufig eine höhere Steuer als vor der Ehe- Anlage 38
schließung zu zahlen. Das würde aber nach der
Schriftliche Antwort
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ge-
gen Artikel 6 des Grundgesetzes verstoßen, der Ehe des Staatssekretärs Dr. Auerbach vom 28. Januar
und Familie unter den besonderen Schutz des Staa- 1970 auf die Schriftliche Frage des Abgeordneten
tes stellt. Burger (Drucksache VI/273 Frage B 9) :
Vom Gesetzgeber ist indessen nicht verkannt wor- Hält die Bundesregierung eine Erhöhung der Sätze über das
den, daß bei unverheirateten Personen mit Kindern Pflegegeld in der gesetzlichen Unfallversicherung für erforder-
lich und wird sie eine entsprechende Gesetzesänderung vor-
die steuerliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt schlagen?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1241

Die Bundesregierung hält eine Erhöhung der Rah- führende Spezialitätenregister einzutragen sind. Da-
menbeträge für das Pflegegeld in der gesetzlichen bei werden die verschiedenen Darreichungsformen
Unfallversicherung für erforderlich. Ein entsprechen- und Konzentrationen eines Arzneimittels jeweils als
der Gesetzentwurf ist in meinem Hause in Vor- eine besondere Arzneispezialität registriert.
bereitung. Ich beabsichtige, die Erhöhung des Im übrigen trifft zumeist der Arzt die Auswahl
Pflegegeldes nach Möglichkeit mit dem nächsten des anzuwendenden Arzneimittels und nicht der ein-
Rentenanpassungsgesetz, das in diesem Jahre sehr zelne Bürger. Der Großteil der Arzneimittel wird nur
früh vorgelegt werden soll, zu verbinden. auf ärztliche Verschreibung abgegeben. Der Patient
würde auch bei einem zahlenmäßig geringeren An-
gebot nur sehr schwer Qualität und Anwendungs-
möglichkeiten eines Arzneimittels richtig beurteilen
Anlage 39 können.
Eine Beschränkung des Angebots von Arzneispe-
Schriftliche Antwort zialitäten wirft eine Fülle von Fragen, insbesondere
auch verfassungsrechtlicher Natur auf. Sie dürfen
des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
versichert sein, daß dieses Problem meine ganze
28. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
Aufmerksamkeit hat.
Abgeordneten Hussing (Drucksache VI/273 Fragen
B 10 und 11) : Das geltende Arzneimittelgesetz, das auf dem
Wieviel Soldatenheime stehen derzeit in wieviel Standorten
Grundsatz der Verantwortung des Herstellers be-
(Garnisonen) zur Verfügung und in wieviel Standorten fehlt ein ruht, enthält wirksame rechtliche Handhaben, um
solches Heim?
den einzelnen und die Allgemeinheit vor Schäden
Wie sieht dieses Zahlenverhältnis bei Offizier- und Unter- an Leib und Leben zu bewahren. Ich verweise auf
offizierheimen aus?
die Vorschriften der §§ 6 und 8 in Verbindung mit
Bisher sind in 48 Garnisonen 50 Soldatenheime § 44 sowie des § 42 des Arzneimittelgesetzes. Zudem
eingerichtet worden; für weitere 10 Standorte sind bedarf derjenige, der Arzneimittel herstellen will,
Soldatenheime im Bau. 143 Heime für 140 Standorte einer Erlaubnis, deren Erteilung an strenge Voraus-
sind noch von mir vorgesehen. setzungen geknüpft ist (§§ 12 ff. AMG).
Insgesamt sind 183 Offiziersheime an 165 Stand- Bevor Arzneispezialitäten in den Verkehr ge-
orten in Betrieb; 9 weitere Heime werden z. Z. ge- bracht werden dürfen, müssen sie in dem beim
baut. Für 149 Garnisonen werden noch 158 Offizier- Bundesgesundheitsamt geführten Spezialitätenregi-
heime gefordert. ster eingetragen sein (§ 20 AMG). Als Vorausset-
zung für diese Eintragung hat der Antragsteller eine
Es bestehen 422 Unteroffizierheime und Unter-
umfassende Dokumentation vorzulegen. Der Umfang
offizierheimräume; 5 weitere Heime sind noch im
der Dokumentation ergibt sich aus § 21 AMG. Dar-
Bau. Projektiert sind weitere 17 Unteroffizierheime.
über hinaus lehnt das Bundesgesundheitsamt die
An größeren Standorten sind in der Regel meh- Eintragung einer Arzneispezialität aus Stoffen nicht
rere Unteroffizierheime bzw. -heimräume eingerich- allgemein bekannter Wirksamkeit ab, wenn sich auf
tet. Die Zahl der Garnisonen, an denen Unteroffizier- Grund der Dokumentation ergibt, daß diese
heime eingerichtet sind, werde ich Ihnen mitteilen,
1. nicht nach dem jeweiligen Stand der Wissen-
sobald mir hierüber genaue Angaben vorliegen.
schaft ausreichend pharmakologisch geprüft und
klinisch erprobt worden ist,
2. schädliche Wirkungen hat, die nach medizini-
schem Urteil nicht zu vertreten sind und
Anlage 40
3. nicht die vom Hersteller behaupteten Wirkungen
Schriftliche Antwort hat.
Diese Handhabung der Registrierung entspricht
des Bundesministers Frau Strobel vom 27. Januar
bereits weitgehend den Anforderungen an die Ge-
1970 auf die Schriftlichen Fragen des Abgeordneten
nehmigung einer Arzneispezialität, auf die sich die
Wienand (Drucksache V11273 Fragen B 12 und 13) :
Mitgliedstaaten der EWG geeinigt haben. Es bleibt
Wie beurteilt die Bundesregierung wiederholt auftauchende allerdings noch notwendig, das Bundesgesundheits-
Pressemeldungen, nach denen die Bürger der Bundesrepublik
Deutschland vor einem Angebot von etwa 60 000 verschiedenen amt für die Erfüllung dieser Aufgaben entsprechend
Arzneimitteln stehen und wegen des großen Angebots keine auszustatten.
Möglichkeit haben, Qualität und Brauchbarkeit der pharmazeuti-
schen Erzeugnisse zu überprüfen?
Es ist noch zu erwähnen, daß Arzneimittel aus
Hat die Bundesregierung die Absicht, ähnlich wie in anderen
Ländern eine amtliche Arzneimittelkontrolle einzuführen und
Stoffen nicht allgemein bekannter Wirksamkeit zu-
durch staatliche, für jedermann erkennbare Kontrollmaßnahmen nächst ohne Unterschied einer dreijährigen Rezept-
eine Situation herbeizuführen, durch die die Bevölkerung vor
Schäden an Leib und Leben bewahrt und skrupellosen Geschäfte- pflicht unterworfen werden (§ 35 a AMG). Während
machern das Handwerk gelegt werden könnte? dieser Zeit werden sie von den anwendenden Ärzten
Die Zahl der eigentlichen Arzneimittel, die sich in auf eventuell noch unbekannt gebliebene Nebenwir-
der Bundesrepublik im Verkehr befinden, ist wesent- kungen beobachtet.
lich niedriger, als die von Ihnen genannte Zahl von Ich möchte zusammenfassend sagen, daß das Arz-
60 000. Diese Zahl bezieht sich auf die Arzneispezia- neimittelrecht, so wie es gehandhabt wird, den
litäten, die in das beim Bundesgesundheitsamt zu Schutz der Allgemeinheit ausreichend gewährleistet.
1242 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970

Im übrigen vermag auch der aufwendigste staatliche Nachdem in Kürze der Ausbau der B 12 mit der Ortsum-
gehung Haag weitergeführt werden soll, frage ich die Bundes-
Kontrollapparat keine absolute Sicherheit auf diesem regierung, bis wann mit dem Ausbau der B 15 sowohl der Orts-
umgehung von Haag als auch der nördlich und südlich von
Gebiet zu garantieren. Haag dazu notwendigen Anschlußstrecken gerechnet werden
kann?

In die Untersuchungen zur Aufstellung des neuen


Ausbauplanes (1971-1985) ist sowohl die B 12
Anlage 41 München—Haag—Mühldorf als auch die B 15 Was-
serburg—Haag—Taufkirchen miteinbezogen wor-
Schriftliche Antwort den. Das Ergebnis dieser Untersuchung liegt inzwi-
schen vor und ist mit dem Lande Bayern koordi-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom niert worden.
28. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge Danach wird der Neubau der B 12 einschließlich
ordneten Dr. Haack (Drucksache VI/233 Frage B 14) : der Ortsumgehung von Haag als eine der beson-
Wann wird die Autobahnstrecke Nürnberg—Amberg so weit ders vordringlichen Neubaumaßnahmen in das Pro-
fertiggestellt sein, daß die Ausfahrt Alfeld für den Verkehr
freigegeben werden kann? gramm aufgenommen. Auch die Ortsumgehung von
Haag im Zuge der B 15 und die nördliche und süd-
Die Teilstrecke Nürnberg—Amberg und die An- liche Anschlußstrecke dieser Ortsumgehung wird
schlußstelle Alfeld werden bei günstigen Witte- als Bedarf in den neuen Ausbauplan aufgenommen.
rungsverhältnissen bis Ende 1970 fertiggestellt sein. Dieses Projekt kann jedoch wegen vordringlicheren
Maßnahmen, insbesondere auch wegen des Neubaus
der B 12 München—Haag, nicht mit besonderem
- Vorrang gebaut werden. Einen verbindlichen Ter-
min für die Ortsumgehung Haag im Zuge der B 15
Anlage 42 läßt sich daher z. Z. noch nicht festlegen, zumal die
Arbeiten zur endgültigen Aufstellung des neuen
Schriftliche Antwort Ausbauplanes in meinem Hause noch nicht abge-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom schlossen sind.
28. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
Abgeordneten Biechele (Drucksache VI/273 Fragen
B 15 und 16) :
Wie beurteilt die Bundesregierung Pläne für eine Brücke Anlage 44
über den Bodensee im Bereich des Überlinger Sees im Zusam-
menhang mit ihrem Verkehrskonzept für den Raum Bodensee,
Linzgau-Hegau? Schriftliche Antwort
Ist die Bundesregierung bereit, durch Untersuchungen über
Trasse und Form der Brücke zu prüfen, ob dieses Projekt in des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
ihr Verkehrskonzept für diesen Raum einbezogen werden muß? 26. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge-
Im Rahmen des „Neuen Ausbauplanes für die ordneten Burger (Drucksache VI/273 Frage B 18) :
Bundesfernstraßen" wird der Neubau der Auto- Enthalten publizierte Meinungen eine Grundlage, wonach die
bahnstreckenabschnitte Stuttgart—Singen und Sin- Erstellung militärischer Bauten auf dem Feldberg im Schwarz-
wald die Ausstrahlung des Fernsehsenders beeinträchtigen?
gen—Lindau zur Ausführung kommen. Außerdem
ist der Bau einer neuen Bundesfernstraße von Sin- Die Deutsche Bundespost war als Vertreter der
gen nach der schweizerischen Grenze bei Konstanz zivilen Belange schon in den Jahren 1966/67 bei der
vorgesehen. In dieses Netz übergeordneter Fern- Planung der militärischen Funkanlagen auf dem
verbindungen könnte zu einem späteren Zeitpunkt Feldberg im Schwarzwald beteiligt. Theoretische
eine ergänzende Querspange mit einer Brücke über Untersuchungen hatten damals ergeben, daß der
den Überlinger See eingefügt werden. Anschlußstel- zivile Empfang durch den Bau der militärischen
len, durch welche die Verbindung der Querspange Anlagen nicht beeinflußt wird.
mit dem Bundesfernstraßennetz herzustellen wäre, Auf Grund eines Fernschreibens des Herrn Inten-
sind technisch ohne weiteres möglich. Die Bundes- danten des Südwestfunks vom 27. 9. 1969, in dem
straßenverwaltung sieht jedoch keine Möglichkeit, beanstandet wurde, daß die im Bau befindlichen
Untersuchungen über die Trassenführung der Quer- militärischen Antennenanlagen den Empfang des
spange und die Ausbildung der Seebrücke durchzu- vom Sender Feldberg abgestrahlten 1. Fernsehpro-
führen oder sich an derartigen Untersuchungen zu gramms im Kreis Emmendingen beeinflussen, wur-
beteiligen. den trotz des erwähnten negativen Ergebnisses der
theoretischen Untersuchungen im Oktober/Novem-
ber vergangenen Jahres umfangreiche Messungen
durch den Funkmeßdienst der Deutschen Bundes-
post durchgeführt.
Anlage 43
Diese Messungen bestätigen die Untersuchungen:
Schriftliche Antwort Im Raum Emmendingen und rings um den Feldberg
haben sich durch die militärischen Anlagen die Emp-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom fangsmöglichkeiten des Fernsehsenders Feldberg
28. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge- nicht verändert. Damit entbehren anderslautende
ordneten Dasch (Drucksache VI/273 Frage B 17): publizierte Mitteilungen der Grundlage.
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 28. Sitzung. Bonn, Freitag, den 30. Januar 1970 1243

Anlage 45 16. Umbau der ehem. Volksschule in Rappershau-


sen, Lkr. Mellrichstadt zu einem Schullandheim.
Schriftliche Antwort
17. Beschaffung technischen Geräts für das frän-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Herold vom kische Theater Schloß Maßbach.
28. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des 18. Einrichtung der Kunstsammlungen der Cobur-
Abgeordneten Weigl (Drucksache VI/273 Fragen ger Landesstiftung, Kongreßbau.
B 19 und 20) :
19. Konzerte der Schweinfurter Orchestergemein-
Für welche kulturellen Maßnahmen im Bereich des Landes
Bayern hat der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen bzw.
schaft e. V. im Zonenrandgebiet.
innerdeutsche Beziehungen im Haushaltsjahr 1969 Mittel aus der
sogenannten Minister-Reserve bereitgestellt? 20. Bau eines Veranstaltungssaales in Warmen-
Ist der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen bzw. inner-
steinach, Lkr. Bayreuth.
deutsche Beziehungen bei der Auswahl oben genannter Maß-
nahmen von den Vorschlägen des Landes Bayern abgewichen? 21. Heizungsanlage im Kulturhaus der Stadt Haß-
furt.
Für nachstehend aufgeführte kulturelle Maßnah-
men gesamtdeutschen Charakters im bayerischen 22. Ausbau und Ausstattung eines Vortrags- und
Zonenrandgebiet hat der Bundesminister für ge- Mehrzweckraumes im Grenzlandtheater Selb.
samtdeutsche Fragen bzw. innerdeutsche Beziehun- 23. Bau und Einrichtung der Bildungs- und Begeg-
gen im Haushaltsjahr 1969 Mittel aus der Haus- nungsstätte Altes Schloß Weidenberg, Lkr. Bay-
reserve zu Titel 2702/685 03 bereitgestellt: reuth.
1. Veranstaltungen der „Europäischen Wochen 24. Grenzlandsängertreffen des Gesangvereins 1869
Passau e. V." 1969. Hassenberg, Lkr. Coburg.
2. Konzerte der Hofer Symphoniker im Zonen- 25. Physikgeräte für die Volksschule in Rothen-
randgebiet. stadt, Lkr. Neustadt/Waldnaab.
3. Zonenrandbespielung des Landestheaters Co- 26. Einrichtung der Hauptschule und der Volks-
burg. schule in Grubweg, Lkr. Passau.
4. Ausbau der Luisenburgbühne in Wunsiedel. 27. Einrichtung der Volksschule in Thurmansbang,
5. Gastspiele des süd-ost-bayerischen Städtethea- Lkr. Grafenau.
ters Landshut im Zonenrandgebiet. 28. Instandsetzung der kath. Pfarrkirche in Eslarn,
6. Instandsetzung der kath. Pfarrkirche in Königs- Lkr. Vohenstrauß.
hofen i. Gr. 29. Ausstattung der kath. Pfarrbücherei Fuchsmühl,
7. Instandsetzung der kath. Pfarrkirche in Groß- Lkr. Tirschenreuth.
bardorf, Lkr. Königshofen. 30. Instandsetzung des Pfisterdenkmals am Arber-
8. Instandsetzung der kath. Pfarrkirche in Löffel- see.
sterz, Lkr. Schweinfurt. 31. Zuschuß für das Städtebundtheater Hof.
9. Einrichtung des Gymnasiums in Wegscheid. 32. Chormaterial für den Gesangverein Lieder-
10. Einrichtung des Gymnasiums in Grafenau. kranz in Weißenstadt, Lkr. Wunsiedel.
11. Einrichtung der Realschule in Grafenau. Die Maßnahmen zu lfd. Nr. 1 bis 27 beruhen auf
12. Einrichtung der Volksschule in Prag, Lkr. Pas- Vorschlägen des Landes Bayern, denen ohne Abwei-
sau. chung entsprochen worden ist.
13. Einrichtung der Volksschule in Röhrnbach, Lkr. Die Maßnahmen zu lfd. Nr. 28 bis 32 wurden dem
Wolfstein. Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen bzw.
innerdeutsche Beziehungen nicht vom Lande Bayern
14. Einrichtung der Volksschule in Stadtlauringen,
vorgeschlagen. Dem Bayerischen Staatsministerium
Lkr. Hofheim.
für Unterricht und Kultus wurde jedoch Gelegen-
15. Bau und Einrichtung des Heimteiles für das heit gegeben, zu diesen Projekten Stellung zu neh-
Schullandheim Gleißenberg, Lkr. Waldmünchen. men.

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