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Meda Ipbulek, Torok
Uberwindung der Metaphysik
durch logische Analyse der Sprache
Von
Rudoli Carnap (Prag)
1. Einleitung.
2. Die Bedeutung cines Wortes.
3. Metaphysische Wérter ohne Bedeutung.
4- Der Sinn cines Satzes.
5. Metaphysische Scheinsitze,
6. Sinnlosigkeit aller Metaphysik.
7. Metaphysik als Ausdruck des Lebensgefitls,
1. Einleitung
‘Von den griechischen Skeptikern bis zu den Empiristen des
19. Jahrhunderts hat es viele Gegner der Metaphysik gegeben. Die
Art der vorgebrachten Bedenken ist sehr verschieden gewesen. Manche
erklirten die Lehre der Metaphysik fir falsch, da sie der Erfah-
rungserkenntnis widerspreche. Andere hielten sie nur fiir ungewi,
da ibre Fragestellung die Grenzen der menschlichen Erkenntnis aber
schreite, Viele Antimetaphysiker erklirten die Beschaftigung mit
metaphysischen Fragen fiir unfruchthar; ob man sic nun beantworten
kGnne oder nicht, jedenfalls sei es unnétig, sich um sie zu kiimmern;
man widme sich ganz der praktischen Aufgabe, die jeder Tag dem
tlitigen Menschen stelle!
Durch die Entwicklung der modernen Logik ist es moglich gewor-
den, auf die Frage nach Giltigkeit und Berechtigung der Metaphysik
eine neue und schirfere Antwort zu geben. Die Untersuchungen der
nangewandten Logik" oder Erkenntnistheorie™, die sich die Auf-
sabe stellen, durch logische Analyse den Erkenntnisgehalt der wissen-
schaftlichen Stitze und damit die Bedeutung der in den Satzen auf-
rretenden Worter (,Begriffe”) klarzustellen, fuhren zu cinem posi-
tiven und zu einem negativen Ergebnis. Das positive Ergebnis wird
auf dem Gebiet der empirischen Wissenschaft erarbeitet; die einzel-
nen Begriffe der verschiedenen Wissenschaftseweige werden geklirt;220 Rudolf Carnap
ihr formal-logischer und erkenntnistheoretischer Zusammenhang wird
aufgewiesen. Auf dem Gebiet der Metaphysik (cinschlieBlich aller
Wertphilosophie und Normwissenschaft) fihhre die logische Analyse
2a dem negativen Ergebnis, da die vorgeblichen Sétze dieses Ge-
bietes ganzlich sinnlos sind. Damit ist eine radikale Oberwindung
der Metaphysik erreicht, die von den fritheren antimetaphysischen
Standpunkten aus noch niche méglich war. Zwar finden sich verwandte
Gedanken schon in manchen friheren Oberlegungen, 2. B. in solchen
von nominalistisher Art; aber die entscheidende Durchfithrung ist
erst heute méglich, nachdem die Logik durch die Entwicklung, die
sie in den letzten Jahrzchnten genommen hat, 2u einem Werkzeug
von hinreichender Schirfe geworden ist.
‘Wenn wir sagen, da die sog, Sitze der Metaphysik sinnlos sind,
so ist dies Wort im strengsten Sinn gemeint. Im unstrengen Sinn
pflegr man zuweilen cinen Satz oder eine Frage als sinnlos 2u be-
zeichnen, wenn ihre Aufstellung ginzlich unfrudhcbar ist (2. B. die
Frage: ,,Wie grof ist das durchschniteiche Kérpergewiche derjenigen
Personen in Wien, derenTelephonnummer mit ,,3“ endet?"); oder auch
cinen Satz, der ganz offenkundig falsch ist (z. B. im Jahr 1910
hatte Wien 6 Einwohner"), oder einen solchen, der nicht nur empi-
isch, sondern Jogisch falsch, also kontradiktorisch ist (z. B. ,,von den
Personen A und B ist jede 1 Jahr alter als die andere“). Derartige
Sate sind, wenn auch unfrudhtbar oder falgch, doch sinnvoll; denn
‘nur sinnvolle Sitze kann man berhaupt cinteilen in (cheoretisch)
fruchtbare und unfruchtbare, wahre und falsche. Im strengen Sinn
sinnlos ist dagegen eine Wortrcihe, die innerhalb einer bestimmten,
vorgegebenen Sprache gar keinen Satz bildet. Es kommt vor, daft
eine solche Wortreihe auf den ersten Blick so aussicht, als sei sic ci
Satz; in diesem Falle nennen wir sie einen Scheinsat:
Eine Sprache bestcht aus Vokabular und Syntax, d. h. aus cinem
Bestand an Wértern, die eine Bedeutung haben, und aus Regeln der
Satzbildung; diese Regeln geben an, wie aus Wértern der verschie- L
denen Arten Sitze gebildet werden kénnen. Demgemi® gibt es zw. on,
‘Arten_von Scheinsitzen: entweder kommt cin Wort yor, vor dem 4 von
nan nur iatamih annimmt, da8_es cine Bedeutung habe, oder die Shahgey. j
vorkommenden Worter haben zwar Bedeutungen, sind aber in_syn-
raxwidri so daf sie keinen Sinn ergeben.
Wir werden an Beispielen sehen, da Scheinsitze beider Arten in der
ScuenieTe = Unpheler, die auyhor
are tn GA oe mebr antl all.bane der Cian lice,
deers | to
a
beg lt
Lot eda = Ceslegs i
Gherwindung der Metaphyiik durdh logische Analyse der Sprache 221
Metaphysik vorkommen. Spiter werden wir dann berlegen miissen,
welche Griinde fiir unsere Behauptung spredien, da8 die gesamé
Metaphysik aus solchen Scheinsizen besteht.
2. Die Bedeutung eines Wortes
Hat ein Wort (innerhalb einer bestimmten Sprache) cine Bedeu-
tung, so pflegt man auch zu sagen, es bezeichne einen Begriff";
sicht es nur so aus, als habe das Wort cine Bedeutung, wihrend es
in Wirklichkeit keine hat, so sprechen wir von einem ,,Scheinbegriff*.
Wie ist die Entstehung cines solchen 2u erkliren? Ist nicht jedes
Wort nur deshalb in die Sprache eingefiihrt worden, um etwas Be-
stimmtes auszudriicken, so da es von seinem ersten Gebrauch an
cine bestimmte Bedeutung hat? Wie kana es da in der traditionellen
Sprache bedeutungslose Wérter geben? Urspriinglich hat allerdings
jedes Wort (abgeschen von seltenen Ausnahmen, fiir die wir spiter
cin Beispiel geben werden) eine Bedeutung. Im Lauf der geschicht-
lichen Enewidslung indert cin Wort haf . Und
kommt es zuweilen auch vor, dai
Dadurch entsteht dann
cin Scheinbegriff.
Worin besteht nun die Bedeutung eines Wortes? Welche Fest-
setzungen miissen in bezug auf cin Wort getroffen scin, damit es
cine Bedeutung hat? (Ob diese Festsetzungen ausdriiclich ausge-
sprocien sind, wie bei einigen Wrtern und Symbolen der modernen
Wissenschaft, oder stillschweigend vereinbart sind, wie es bei den
meisten Wértern der tradiionellen Sprache 20 5, darauf
kommt es fiir unsere Uberlegungen nicht an.
Die clementare Sarzform fiir das
Wort »Stcin™ ist z. B. yx ist ein Stein's in Sétzen dieser Form stcht
an Stelle von x irgendeine Bezcichnung aus der Kategorie der
Dinge, z. B. dieser Diamant", ,,dieser Apfel". Zweitens mu fir
den Elementarsatz § des betreffenden Wortes die Antwort auf fol-
gende Frage gegcbon sen, die wir in verubiedener Weise form
Jieren kénnen:Rudolf Carnap
) pat sich
der Redeweise der an, (3) der Redeweise der Erkenntnis-
theorie, (4) der der Philosophie (Phiinomenologie). Da das, was
die Philosophen mit (4) meinen, durch (2) erfae wird, hat Witt-
genstcin ausgesprochen: der Sinn cines Satzes liegt in seinem
‘Wahrheitskriterium, {(x) ist die ,metalogische“ Fo:mulicrung; cine
ausfithrliche Darstellung der Metalogik als Theorie der Syntax und
des Sinnes, d. h. der Ableitungsbezichungen, soll spater an anderer
Stelle gegeben werden.]
Bei vielen Wirtern, und zwar bei der tberwiegenden Mehrzahl
aller Worter der Wissenschaft, ist es mbglich, die Bedeutung durch
Zuriickfihhrung auf andere Worter (,Konstitution", Definition) an-
zugeben. Z. B.: »,Arthropoden' sind Tiere mit gegliedertem Kérper,
gegliederten Extremititen und einer Kérperdecke aus Chitin." Hier-
durch ist fiir die elementare Satzform des Wortes ,Arthropode",
imlich fiir die Sarzform ,,das Ding x ist ein Arthropode", die vor-
hin genannte Frage beantwortet; es ist bestimmt, da ein Satz
dieser Form ableithar sein soll aus Primissen von der Form ,,x ist
cin Tier“, ,,x hat einen gegliederten Kérper", yx hat gegliederte
Extremititen", yx hat eine Kérperdecke aus Chitin", und da® um-
gekehre jeder dieser Size aus jenem Satz ableitbar sein soll. Durch
diese Bestimmungen iiber Ableitbarkeit (in andercr Ausdrucksweise:
liber das Wahrheitskriterium, die Verifikationsmethode, den Sinn)
des Elementarsatzes tber ,,Arthropode" i
tes Arthropode" festgelegt.
Die Frage nach Inhale und Form der ersten Sitze (Protokollsitze), die bither
rnodh keine endgUltige Beantwortung gefunden hat, kénnen wir fur unsere Er
Srreruog ganz beiseite lassen. Man plese in der Erkenntnistheorie zu sagen, da
dic ersten Sitze sich auf das Gegebenc" bezichen; es bestehe aber keine Ober-
tinstimmung in der Frage, wae als das Gegebene anzusprechen ist. Zuweilen wird
die Aafasang weneten, da die Site Uber das Goshen. von, sinfcten
Sinnes- und Gefuhlsqualititen spredien (c. B. warm", yblau", Preude" und
SEG, Tide net es Ar Estate, G8 le cated Ste von Gone
frlebnitsen und Abnlichkeitsbezichongen wisden soldien sprechen; cine weitere
Auffasung meine, da8 auch die ersten Sitze schon von Dingen sprechea. Unab-
hhingig von der Vershiedeabeit dieser Avffassungen stehe fet, da cine WoreOberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Spracke 223
seihe nur dann cinen Sinn hat, wenn ihre Ableitungsbecichungen aus Protokoll-
siszen festschen, mégen diese Protokollsitze nun yon dieser oder jener Be-
schafenheit sein; und ebenso, da® cin Wore nur dann cine Bedeutung hat, wenn
die Sitze, in denen es vorkommen kana, auf Protokollsitze zurikfuhrbar sind.
Da die Bedeutung eines Wortes durch sein Kriterium bestimmt ist
(in anderer Ausdrucksweise: durch die Ableitungsbezichungen seines
Elementarsatzes, durch seine Wahrheitsbedingungen, durch die Me-
thode seiner Verifikation), so kann man nicht nach der Festsetzung
des Kriteriums auch noch dariiber verfiigen, was man mit dem Wort
meinen wolle. Man darf nicht weniger als das Kriterium angeben,
damit das Wort eine scharfe Bedeutung erhiile; aber man kann auch
nicht mehr als das Kriterium angeben, denn durch dieses ist alles
Weitere bestimmt, Im Kriterium ist die Bedeutung implizit enthalten;
es bleibt nur iibrig, sie cxplizit herauszustellen.
Nehmen wir beispielshalber an, jemand bilde das neve Wort
sbabig’* und behaupte, es gibe Dinge, die babig sind, und solche,
die nicht babig sind. Um die Bedeutung dieses Wortes zu erfahren,
werden wir ihn nach dem Kriterium fragen: Wie ist im konkreten
Fall festzustellen, ob ein bestimmtes Ding babig ist oder nicht? Nun
wollen wir zunichst einmal annehmen, der Gefragte bleibe die Ant-
wort schuldig; er sags, es gebe keine empirischen Kennzeichen fiir die
Babigkeic. In diesem Falle werden wir die Verwendung des Wortes
nicht fiir zulassig halten. Wenn der das Wort Verwendende trotz-
dem sagt, es gebe babige und nicht babige Dinge, nur bleibe es fir
den armseligen, endlichen Verstand des Menschen cin ewiges Ge-
heimnis, welche Dinge babig sind und welche nicht, so werden wir
dies fiir leeres Gerede ansehen. Vielleicht wird er uns aber versichern,
da er mit dem Wore ,babig" doch etwas meine. Daraus exfahren ff
wir jedoch nur das psychologische Faktum, da® er irgendweldie Vor-
stellungen und Gefithle mit dem Wort verbindet. Aber eine Bedeu-
tung bekommt das Wort hierdurch nicht. Ist kein Kriterium fiir das
neue Wort festgesetzt, so besagen die Satze, in denen es vorkommt,
nichts, sie sind blo&e Scheinsatze.
Zweitens wollen wir den Fall annchmen, da& das Kriterium fir
cin neues Wort, ctwa ybebig festliege; und war sei der Satz:
»Dies Ding ist bebig stets dann und nur dann wahr, wenn das
Ding viereckig ist. (Dabei ist es fiir unsere Uberlegungen ohne Be-
lang, ob dieses Kriterium uns ausdricklich angegeben wird, oder ob
es dadurch feststellen, da® wir beobachten, in welchen Fallen
das Wort bejahend und in welchen Fallen es verneinend gebraucht
(6 Sekenntnis
4)
Oe ae
Sok. ODilt
a te mat
onda zt ist
Claeake224 Rudolf Carnap
wird.) Hier werden wir sagen: Das Wort ,,bebig hat dieselbe Be-
deutung wie das Wort ,wvicreckig''. Und wie werden es als unzulissig
ansehen, wenn die das Wort Verwendenden uns sagen, sie ,meinten”
aber etwas anderes damit als ,,viereckig'; es sei zwar jedes viereckige
Ding auch bebig und umgekebre, aber das beruhe nur darauf, da8
die Vieredkigheit der sichtbare Ausdruck ftir die Bebigheit sei, diese
aber sei cine geheime, selbst niche wahrnchmbare Eigenschaft. Wir
werden entgegnen, da8, nachdem hier das Kriterium festliegt, auch
schon fescliege, daB ,bebig ,viereckig bedeutet, und da8 gar nicht
mehr die Freiheit beseeht, dies oder jenes andere mit dem Wort 2u
meinen".
Das Ergebnis unserer Uberlegungen sei kurz zusammengefaft.
na sei ingendein Wort und ,,S(@)“ der Elementarsatz, in dem es
‘ufirite. Die hinreichende und notwendige Bedingung daftir, da a"
eine Bedeutung hat, kann dann in jeder der folgenden Formulie-
rungen angegeben werden, dic im Grunde dasselbe besagen:
3. Metaphysische Wérter ohne Bedeutung
Bei viclen Wértern der Metaphysik zeigt sich nun, da8 sie die
socben angegebene Bedingung niche erflllen, da sie also ohne Be-
deutung sind.
Nehmen wir als Beispiel den metaphysischen Terminus ,,Prin-
zip" (und zwar als Seinsprinzip, nicht als Erkenntnisprinzip oder
Grundsatz). Verschiedene Metaphysiker geben Antwort auf die Frage,
was das (oberste) yPrinzip der Welt (oder der Dinge", des
Seins, ,,des Seienden“) sei, z. B.: das Wasser, die Zahl, die Form,
die Bewegung, das Leben, der Geist, die Idee, das Unbewuite, die
Tat, das Gute und dergl. mehr. Um die Bedeutung, dic das Wort
»Prinzip" in dieser metaphysischen Frage hat, zu finden, miissen
die Metaphysiker fragen, unter welchen Bedingungen cin Satz
2) Uber die logische und erkennnstheoretisthe Aulfassung, die unserer Dar-
legung zugronde liege hier aber nur kurz angedeatet werden Kann, vgl.:
Wittgenste .cratus logico-philosophicus, 1922.
Carnap, Der logishe Aufbau der Wels, 1928.
‘Waismann, Logik, Sprache, Philosophie. (In Vorbereitung.)Oberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 225
von der Form ,,x ist das von 9 wahr und unter welcien
cr falsch sein soll; mit anderen Worten: wir fragen nach den Kenn-
zeichen oder nach der Definition des Wortes ,,Prinzip“. Der Meta-
physiker antwortet ungefihr so: , ist das Prinzip von 9 soll hei-
Ben ,y geht aus x hervor", das S b n
von x", ny besteht durch 2" oder der
s Wort ,hervorgehen* solle hier nicht die Bedeutung cines Zeit-
folge- und Bedingungsverhiltnisses haben, die das Wort gewohalich
har. Es wird aber fiir keine andere Bedeutung ein Kriterium ange-
geben. Folglich existiert die angebliche ,metaphysische“ Bedeutung,
die das Wort im Unterschied 2u jener empiriscien Bedeutung hier
haben soll, tiberhaupt nicht. Denken wir an die urspriingliche Be-
deutung des Wortes ,,principium* (und des entsprechenden griechi-
schen Wortes ox"), so bemerken wir, da8 hier der gleiche Ent-
widklungsgang vorliegt. Die urspriingliche Bedeutung Anfang” wird
dem Wort ausdriicslich genommen; es soll nicht mehr das zeitlich
Erste, sondern das Erste in einer anderen, spezifisch metaphysischen
Hinsicht bedeuten. Die Kriterien fiir diese ,metaphysische Hinsiche™
werden aber nicht angegeben. In beiden Fallen ist also dem Wort
seine frithere Bedeutung genommen worden, ohne ihm eine neue 24
geben; es bleibt das Wort als leere Hiilse zuriick. Aus einer friheren
bedeutungsvollen Periode haften ihm noch verschiedene Vorstellungen
assoziativ an; sie verkniipfen sich mit neuen Vorstellungen und Ge-
fithlen durch den Zosammenhang, in dem man nunmehr das Wort
gebraucht. Aber eine Bedeutung hat das Wort dadurch nicht; und es
bleibt auch weiter bedeutungslos, solange man keinen Weg zur Veri-
fikation angeben kann,
Ein anderes Beispiel ist das Wort Gott". Bei diesem Wort miissen
wir, abgesehen von den Varianten seines Gebrauchs innerhalb cines
jeden der Gebiete, den Sprachgebrauch in drei verschiedenen Fallen
oder historischen Perioden, die aber 2citlich ineinander dberflieken,
unterscheiden, Im mythologischen Spradigebrauch hat das Wort cine226 Rudolf Carnap
Klare Bedeutung, Es werden mit diesem Wort (bzw. mit den Parallel-
wértern anderer Sprachen) zuweilen kirperliche Wesen bezeichnet,
die etwa auf dem Olymp, im Himmel oder in der Unterwelt thronen,
und die mit Macht, Weisheit, Giite und Gliidk in mehr oder minder
vollkommenem Mafe ausgestattet sind. Zuweilen bezeichnet das Wort
auch seelisch-geistige Wesen, die zwar keinen menschenartigen K6r-
per haben, aber doch irgendwie in den Dingen oder Vorgiingen der
sichtbaren Welt sich zeigen und daher empirisch feststellbar sind.
Im metaphysischen Sprachgebrauch dagegen bezeichnet ,Gott etwas
Uberempirisches Die Bedeutung eines kirperlichen oder eines im
Karperlichen steckenden seelischen Wesens wird dem Wort ausdriidk-
lich genommen. Und da ihm keine neue Bedeutung gegeben wird,
s0 wird es bedeutungslos. Allerdings sicht es hitufig so aus, als gibe
man dem Wort Gott" eine Bedeutung auch im Metaphysischen.
Aber die Definitionen, die man aufstellt, erweisen sich bei naherem
Zusehen als Scheindefinitionen; sie fihren entweder auf logisch un-
zuliissige Wortverbindungen (von denen spiiter die Rede sein wird)
‘oder auf andere metaphysische Wérter zurtick (2. B. ,Urgrund”, das
Absolute“, ,,das Unbedingte“, ,,das Unabhingige", ,,das Selbstiin-
dige und dergl.), aber in keinem Fall auf die Wabrheitsbedingun-
gen -s Elementarsatzes. Bei diesem Wort wird nicht cinmal dic
erste Forderung der Logik erfille, naimlich die Forderung nach An-
gabe seiner Syntax, d. h. der Form seines Vorkommens im Elemen-
tarsatz, Der Elementarsatz miifte hier die Form haben ,,x ist ein
Gow; der Metaphysiker aber Iehne entweder diese Form ginzlich
ab, ohne eine andere anzugeben, oder er gibt, wenn er sie annimmt,
niidie die syntaktische Kategorie der Variablen x an. (Kategorien
sind z. B.: Krper, Eigenschaften von Kérpern, Bezichungen zwischen
Kérpern, Zahlen usw.).
‘Zwischen dem mythologischen und dem metaphysischen Sprach-
gebrauch steht der theologische Sprachgebranch in bezug auf das
‘Wort ,,Gott‘’. Hier liegt keine eigene Bedeutung vor, sondern man
schwankt zwischen jenen beiden Anwendungsarten hin und her.
Manche Theologen haben einen deutlich empirischen (also in unserer
Bezeichnungsweise ,,mythologischen") Gottesbegriff. In diesem Fall
licgen keine Scheinsitze vor; aber der Nachtsil fr den Theologen
besecht darin, da bei dieser Deuwung die Sitze der Theologie empi-
rische Sitze sind und daher dem Urteil der empirischen Wissenschaft
unterstehen, Bei anderen ‘Theologen liegt deutlich der metaphysische
Sprachgebrauch vor. Wieder bei anderen ist der Sprachgebrauch un-Oberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 227
klar, sei es, da sie zuweilen diesem, zuweilen jenem Sprachgebrauch
folgen, sei es, da8 sic sich in niche klar faSbaren, nach beiden Seiten
schillernden Ausdsticken bewegen.
Ebenso wie die betrachreten Beispiele ,Prinzip" und, Gort" sind auch
die meisten anderen spezifisch metaphysischenT ermini obne Bedeutung,
z.B.,,Idee“, ,das Absolute”, ,,das Unbedingte“, das ,,Unendliche™, ,,das
Sein des Seienden', ,das Nidkt-Seiende", ,Ding an sich, ,absoluter
Geist’, ,objektiver Geist, ,Wesen', ,Ansichsein"; ,,Anundfiirsich-
sein", Emanation“, Manifestation", ,Ausgliederung, das Ich,
ndas Nicht-Ich“ usw. Mit diesen Ausdrticken verhiile es sich niche
anders als mit dem Wort ,babig'* in dem friiher erdachten Beispiel.
Der Metaphysiker sagt uns, da sich empirische Wahrheitsbedingun-
gen niche angeben lassen; wenn er hinzufiige, da er mit einem sol-
chen Wort trotzdem etwas meine, so wissen wir, da damit nur
begleitende Vorstellungen und Gefilhle-angedeutet sind, durch die
das Wort aber keine Bedeutung erhilt. Die metaphysischen angeb-
lichen Savzc, die solehe Worter enthalten, haben keinen Sinn, be-
sagen nichts, sind bloBe Scheinsitze, Wie ihre historische Entstehung
zu erklien ist, werden wir spiter Uberlegen.
4. Der Sinn eines Satzes
Bisher haben wir Scheinsirze betrachtet, in denen ein bedeutungs-
loses Wort vorkommt. Es gibt nun noch eine zweite Art von Schein-
sitzen. Sie bestehen aus Wértern mit Bedeutung, sind aber aus die~
sen Wortern so zusammengesetzt, da sich doch kein Sinn ergibt.
Die Syntax einer Sprache gibt an, welche Wortverbindungen zulassig
und welche unzuliissig sind. Die grammatische Syntax der natiirlichen
Sprachen erfille aber die Aufgabe der Ausschaltung sinnloser Wort-
verbindungen nicht dberall. Nehmen wir als Beispiel die folgenden
beiden Wortreihen:
1. Caesar ist und",
2. Caesar ist cine Primzahl.
Die Wortreihe (1) ist syntaxwidrig gcbildet; die Syntax verlange,
daft an dritter Stelle nicht ein Bindewort, sondern ein Pridikat stche,
also ein Substantiv (mit Artikel) oder ein Adjektiv. SyntaxgemaS
sgebilder ist 2, B. die Wortreihe ,,Caesar ist ein Feldhert; sie ist cine
sinnvolle Wortreihe, ein wirllicher Satz. Ebenso ist aber nun auch
die Wortreihe (2) syntaxgemal’ gebilder, denn sie hat dieselbe gram-
matische Form wie der socben genannte Satz. (2) ist aber trotedem228 ‘Rudolf Carnap
sinnlos. ,Primzahl ist eine Eigenschaft von Zahlen; sic kann einer
Person weder zu~ noch abgesprochen werden. Da (2) aussieht wie
cin Satz, aber kein Satz ist, nichts besagt, weder einen bestehenden
noch einen nicht bestehenden Sachverhalt zum Ausdruck bringt, so
nennen wir diese Wortreihe einen ,Scheinsatz“. Dadurch, da die
grammatische Syntax nicht verlerzt ist, wird man auf den ersten
Blide leicht zu der irrigen Meinung verfiihrt, man habe es doch mit
einem Satz zu tun, wenn auch mit cinem falschen. a ist eine Prim-
zahl" ist aber dann und nur dann falsch, wenn a durch eine natiir-
liche Zahl, die weder a noch 1 ist, teilbar ist; hier kann offenbar
fiir ya" nicht ,Caesar" gesetzt werden. Dieses Beispiel ist so gewahle
worden, da8 die Sinnlosigkeit leiche zu bemerken ist; bei manchen
metaphysischen sog. Satzen ist nicht so leicht zu erkennen, daf sie
Scheinsitze sind. Daf es in der gewohnlichen Sprache mglich ist,
cine sinnlose Wortreihe zu bilden, ohne dic Regeln der Grammatik
zu verletzen, weist darauf hin, da8 die grammatische Syntax, vom
logischen Gesichtspunkt aus betracheer, unzulinglich ist. Wiirde die,
rammatische Syntax der logischen Syntax genau entsprechen, so
Snnte kein Scheinsatz entstehen. Wiirde die grammatische Syntax
nicht nur die Wortarten der Substantive, der Adjekive, der Ver-
ben, der Konjunktionen usw. unterscheiden, sondern innerhalb dieser
Arten noch gewisse logisch geforderte Unterschiede machen, so kénn-
ten keine Scheinsitze gebildet werden. Warden z. B. die Substantive
grammatisch in mehrere Wortarten zerfallen, je nachdem, ob sie
Eigenschaften von K8rpern, von Zahlen usw. bezeichnen, so widen
die Worter ,Feldhere" und ,Primzahl zu grammatisch verschie-
denen Wortarten gehiren, und (2) wiirde genau so sprachwidrig sein
wie (1). In einer korrekt aufgebauten Sprache waren also alle sinn-
Josen Wortreihen von der Art des Beispiels (1). Sie wiirden somit
schon durch die Grammatik gewisserma8en automatisch ausgeschaltet;
dh, man brauchte, um Sinnlosigkeit zu vermeiden, nicht auf die
Bedeutung der einzelnen Warter zu achten, sondern nur auf ihre
‘Wortart (die ,syntaktische Kategorie", z. B.: Ding, Dingeigenschaft,
Dingbeziehung, Zahl, Zableigenschaft, Zahlbezichung u. a.). Wenn
unsere These, dat die Sitze der Metaphysik Scheinsitze sind, zu
Recht besteht, so wiirde also in einer logisch korrekt aufgebauten
Sprache die Metaphysik gar nicht ausgedriickt werden kénnen. Dar-
aus ergibr sich die grote philosophische Bedcutsamkeit der Aufgabe
des Aufbaus einer logischen Syntax, an der die Logiker gegenwartig
arbeiten.Dberwindung der Metaphyiik durch logische Analyse der Sprache 229
5. Metaphysische Scheinsatze
Wir wollen nun einige Beispiele metaphysischer Scheinsitze auf-
zeigen, an denen sich besonders deutlich erkennen la8t, da die
logische Syntax verletzt ist, obwohl die historisch-grammatische Syn-
tax erfiille ist, Wir wihlen einige Sitze aus derjenigen metaphysi-
schen Lehre, die gegenwartig in Deutschland den stirksten Einfla®
ausiibt!).
»Erforsche werden soll das Seiende nur und sonst — nichts; das
Seiende allein und weiter — nichts; das Seiende einzig und dariiber
hhinaus — nichts. Wie stebt es am dieses Nichts? — — Gibt es das
Nichts nur, weil es das Nicht, d. b. die Verneinung gibt? Oder liegt
ces umgekebrt? Gibt es die Verncinung und das Nicht mur, weil es
das Nichs gibt? — — Wis behaupten: Das Nidhts ist urspriinglicher
als das Nicht und die Verneinung. — — Wo suchen wit das Nichts?
Wie finden wir das Nichts? — — Wir kennen das Nichts. — —
Die Angst offenbart das Nichts. — — Wovor und warum wir uns
Angsteten, war ,eigentlich' — nichts. In der Tat: das Nichts selbst —
als solches — war da. — — Wie stebt es um das Nicht? — — Das
Nichts selbst nightet
Um 2u zeigen, da die Méglichkeit der Bildung von Scheinsitzen
auf einem logischen Mangel der Sprache beruht, stellen wir das
untenstehende Schema auf. Die Sitze unter I sind sowohl gram-
matisch wie logisch einwandfrei, also sinnvoll. Die Sitze unter II
(mit Ausnahme von B 3) stchen grammatisch in vollkommener Ana-
logie 2u denen unter I. Die Satzform II A (als Frage und Antwort)
entspricht zwar nicht den Forderungen, die an cine logisch korrckte
Sprache zu stellen sind. Sic ist aber trotzdem sinnvoll, da sie sich
in korrekte Sprache ibersetzen lie; das zeigt der Satz TILA, der
denselben Sinn wie II A hat. Die Unzweckmifigkeit der Satzform
ITA zeige sich dann darin, da& wie von ihr aus durch grammatisch
einwandfreie Operationen zu den sinnlosen Satzformen IIB ge-
langen kinnen, die dem obigen Zitat entnommen sind. Diese For-
‘men lassen sich in der korrekten Sprache der Kolonne IIT dberhaupt
nicht bilden. Trotzdem wird ihre Sinnlosigkeit nicht auf den ersten
Blick bemerkt, da man sich leicht durch die Analogie zu den sinn-
4) Die folgenden Zitate (Sperrungen im Original) sind entnommen aus:
M. Heidegger, Was ist Metaphysik? r929. Wir hitten chensogut Stellen aus
ingendeinem anderen der vahlrcichen Metaphysiker der Gegenwart oder der Ver-
fangenbcit entnchmen kénnen; doch scheinen uns die ausgewihleen Stellen unsere
‘Auffassung besonders devtlih 20 illustieren,230 ‘Rudolf Carap
vollen Sitzen 1B tduschen lat. Der hier festgestellte Fehler unserer
Sprache liegt also darin, da sic, im Gegensatz zu einer logisch kor-
sekten Sprache, grammatische Formgleichheit zwischen sinnvollen und
sinnlosen Wortreihen zulit. Jedem Wortsatz ist cine entsprechende
Formel in der Schreibweise der Logistik beigeftigt; diese Formeln
lassen die unzweckmii8ige Analogie zwischen 1A und IA und die
darauf beruhende Entstchung der sinnlosen Bildungen 11 B besonders
deutlich erkennen.
E. Sinnvolle Sitze |IL Entetehung vonSinnlosem|[lL.Logischkorrekte
der ablichen |ausSinavollemin derblichen| Sprache.
Sprache. Sprache.
‘A.Was ise draulen? | A. Was ist drauen? ALEsgibe niche (exsier:
dr (2) dr (2)| nid, ist mide vor
Draufen it Regen. | Drauflen ist nichts. hhanden) eowas, das
dr (Re) dr (Ni)| raven ist.
~ (3 2)-4r(e)
B. Wie xehtesumdiesen|B.,Wie steht es um dieses|B. Alle diese Formen
‘Regen? (d-h.: was eue| Niches?" 2 (Ni)! kinnen idberboupe
der Regen? oder: was nicht gebildet wer
Tie sich Uber diesen den.
Regen sonst nods aus-
sagen?) (Re)
1.Wir keanen den | 1, Wirsuchen das Niche
Regen. (Re) (ND
2.Der Regen regnes.
76 (Re) ni (Ni)
[>soBe we dans our, wl. +
ex (Ni
Bei genauerer Betrachtung der Scheinstitze unter IIB zeigen sich
noch gewisse Unterschiede. Die Bildung der Savze (1) beruht einfach
auf dem Fehler, da das Wort ,nichts™ als Gegenstandsname ver
wender wird, weil man es in der Gblichen Sprache in dieser Form
zu verwenden pflegt, um einen negativen Existenzsatz zu formulie-
ren (siehe 11 A). In einer korrekten Sprache dient dagegen zu dem
sleichen Zweds nicht cin besonderer Name, sondern eine gewisse
logische Form des Satzes (siche IIT A). Im Satz IIB 2 komme noc
etwas Neues hinzu, niimlich die Bildung des bedeutungslosen Wortes
pnichten"s der Satz ist also aus doppeltem Grunde sinnlos. Wir
hhaben friher dargelege, da® dic bedeutungslosen Wérter der Meta-
physik gewéhnlich dadurch entstchen, da& einem bedeutungsvollen
Wort durch die metaphorische Verwendung in der Metaphysik die
Bedeutung genommen wird. Hier dagegen haben wir einen der sel-Oberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 231
tenen Falle vor uns, da ein neues Wort eingefiihet wird, das schon
von Beginn an keine Bedeutung hat. Satz IIB 3 ist ebenfalls aus
doppeltem Grunde abzulehnen. In dem Febler, das Wort nichts"
als Gegenstandsname 2u benutzen, stimmt er mit den vorhergehen-
den Sitzen tiberein. AuBerdem enthale er aber cinen Widerspruch.
Denn selbst, wenn es zuldssig wire, ,.nichts* als Name oder Kenn-
zeichnung eines Gegenstandes cinzufithren, so wiirde doch diesem
Gegenstand in seiner Definition die Existenz abgesprochen werden,
jin Satz (3) aber wieder 2ugeschrieben werden. Dieser Satz. wiirde
also, wenn er nicht schon sinnlos wire, kontradiktorisch, also un-
sinnig sein.
Angesichts der groben logischen Fehler, die wir in den Sitzen
IB finden, kénnten wir auf die Vermutung kommen, da® in der
zitierten Abhandlung vielleiche das Wort nichts“ eine véllig andere
Bedeutung haben soll als sonst. Und diese Vermutung wird noch be-
stirkt, wenn wir dort weiter lesen, da die Angst das Nichts offen-
bare, da in der Angst das Nichts selbst als solches da sei. Hier
scheint ja das Wort ,nichts" cine bestimmte gefthlsmidige Verfas-
sung, vielleicht religidser Art, oder irgend etwas, das einem soldien
Gefihl zugrunde liegt, bezeichnen zu sollen. Ware das der Fall, so
wiirden die genannten logisehen Fehler in den Sitzen IIB niche vor=
Jicgen, Aber der Anfang des. 229 gegebenen Zitates zeigt, da® diese
Deutung niche méglich ist. Aus der Zusammenstellung von ,,nur‘
und ,,und sonst nichts" ergibt sich deutlich, da& das Wort , nichts"
hier die dibliche Bedeutung einer logischen Partikel hat, die zum Aus-
ddruck eines negierten Existenzsatzes dient. An diese Einfiihrung des
Wortes nichts" schliee sich dann unmiteelbar die Hauptfrage der
Abhandlung: Wie stehe es um dieses Niches?
Unser Bedenken, ob wir nicht vielleicht falsch gedeutet haben,
wird aber vollstindig behoben, wenn wir sehen, da der Verfasser
der Abhandlung sich durchaus klar dariber ist, da seine Fragen
und Sitze der Logik widerstreiten. Frage nd Antwort im Hinblick
auf das Nichts sind gleicherweise in sich widersinnig. — — Die
sgemeinhin beigezogene Grundregel des Denkens iberhaupt, der Satz
‘vom zu vermeidenden Widerspruch, dic allgemeine Logik’, schligt
diese Frage nieder.“ Um so schlimmer fiir die Logik! Wir miissen
ihre Herrschaft stiirzen: ,,Wenn so die Mache des Verstandes im
Felde der Fragen nach dem Nidhts und dem Sein gebrochen wird,
dann entscheidet sich damit auch das Schidksal der Herrschaft der
sLogik* innerhalb der Philosophie. Die Idee der jLogik' selbst232 Rudolf Carnap
lest sich auf im Wirbel eines urspriinglicheren Fragens."
die niichterne Wissenschaft mit dem Wirbel eines widerlogischen
Fragens einverstanden sein? Auch darauf ist schon die Antwort ge-
geben: ,,Die vermeintliche Niichternheit und Uberlegenheit der Wis-
senschaft wird zur Liicherlichkeit, wenn sie das Nichts nicht ernst
nimmt,“ So finden wir eine gute Best: ing, fiir unsere These; ein
Metaphysiker kommt hier selbst 2u der Feststellung, da8 seine Fra-
gen und Antworten mit der Logik und der Denkweise der Wissen-
schaft nicht vereinbar sind.
Der Unterschied zwischen unserer These und der der fritheren
Antimetaphysiker ist jetzt deutlich. Die Metaphysik gilt uns nicht
als ,blo8es Hirngespinst oder ,,Marchen'. Die Sitze eines Mir-
chens widerstreiten nicht der Logik, sondern nur der Erfahrung; sie
sind durchaus sinnvoll, wenn auch falsch. Die Metaphysik ist kein
wAberglanbe"; glauben kann man an wahre und an falsche Sitze,
aber nicht an sinnlose Wortrcihen. Auch nicht als ,,Arbeitshypo-
thesen'* kommen die metaphysischen Sitze in Betracht; denn fir
eine Hypothese ist das Ableitungsverhaltnis zu (wahren oder fal-
schen) empirischen Satzen wesentlich, und das fehle ja gerade bei
Scheinsitzen.
Unter Hinweis auf die sog. Beschrinktheit des menschlichen Er-
kenntnisvermigens wird zuweilen folgender Einwand erhoben, um
die Metaphysik 2u retten: die metaphysischen Sitze kénnen zwar
nicht vom Menschen oder sonst einem endlichen Wesen verifiziert
werden; sie kénnten aber vielleicht als Vermutungen dariiber gelten,
was von einem Wesen mit hiherem oder gar vollkommenem Er-
kenntnisvermégen auf unsere Fragen geantwortet werden wiirde,
und als Vermutungen waren sie doch immerhin sinnyoll. Gegen
diesen Einwand wollen wir folgendes dberlegen. Wenn die Bedeu-
tung cines Wortes nicht angebbar ist, oder die Wortrcihe nicht syn-
taxgemi zusammengestelle ist, so liegt nicht cinmal eine Frage vor.
(Man denke ecwa an die Scheinfragen: Ist dieser Tisch babig?",
lst die Zahl Sieben heilig?, ,,Sind die geraden oder die ungeraden
Zablen dunkler?) Wo keine Frage ist, kann auch ein allwissendes
‘Wesen nicht antworten. Der Einwender wird nun vielleicht sagen:
wie cin Sehender dem Blinden eine neue Erkenntnis mitteilen kann,
s0 kénnte ein hiheres Wesen uns vielleicht eine metaphysische Er-
kenntnis mitteilen, z. B. ob die sichtbare Welt Erscheinung eines
Geistes ist. Hier miissen wir iiberlegen, was ,neue Erkenntnis* heift.
‘Wir kénnen uns allerdings denken, da& wir Tiere treffen, die unsOberwindsng der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 233
von einem neuen Sinn berichten. Wenn diese Wesen uns den Fer~
matschen Satz beweisen wiirden oder ein neues physikalisches In-
strument erfinden wiirden oder ein bisher unbekanntes Naturgesetz
aufstellen wiirden, so wiirde unsere Erkenntnis durch ihre Hilfe be-
reichert, Denn Derartiges kénnen wir nachpriifen, wie ja auch der
Blinde die ganze Physik (und damit alle Sitze des Schenden) ver-
stchen und nachpriifen kann. Wenn aber die angenommenen Wesen
‘uns etwas sagen, was wir niche verifizieren kénnen, so kénnen wir
cs auch nicht verstehen; fiir uns liegt dann gar keine Mitteilung vor,
sondern blo&e Sprechklinge ohne Sinn, wenn auch vielleicht mit Vor-
stellungsassoziationen, Durch ein anderes Wesen kann somit, gleich-
viel ob es mehr oder weniger oder alles erkennt, unsere Erkenntnis
‘nur quantitativ verbreitert werden, aber es kann keine Erkenntnis
von prinzipiell neuer Art hinzukommen. Was uns ungewit ist, kann
uns mit Hilfe eines ander gewisser werden; was aber fiir uns un-
verstehbar, sinnlos ist, kann uns nicht durch die Hilfe cines andern
sinnvoll werden, und wiiBee er noch so viel. Daher kann uns auch
kkein Gott und kein Teufel zu einer Metaphysik verhelfen.
6. Sinnlosigkeit aller Metaphysik
Die Beispiele metaphysischer Stitze, die wir analysiert haben, sind
alle nur éiner Abhandlung entnommen. Aber die Ergebnisse gelten in
hnlicher, zum Teil in wortlich gleicher Weise auch fir andere meta-
physische Systeme. Wenn jene Abhandlung einen Satz von Hegel
zustimmend zitiere (,Das reine Sein und das reine Nidhs ist also
dasselbe"), so besteht diese Berufung durchaus zu Recht. Die Mera-
physik Hegel hat logisch genau den gleichen Charakter, den
bei jener modernen Metaphysik gefunden haben. Und dasselbe gilt
auch fiir die tbrigen metaphysischen Systeme, wenn auch die Art
ihrer Sprachwendungen und damit die Art der logischen Fehler mehr
oder weniger von der Art der besprochenen Beispicle abweich.
‘Weitere Beispicle fiir Analysen einzelner metaphysischer Size
verschiedener Systeme hier beizubringen, dirfte niche nitig sein. Es
sei nur auf die hiufigsten Fehlerarten hingewiesen.
Vielleicht die meisten der logischen Fehler, die in Scheinsatzen
begangen werden, beruhen auf den logischen Mangeln, die dem Ge-
brauch des Wortes sein in unserer Sprache (und der entsprechenden
Warter in den ibrigen, wenigstens den meisten europiischen Spra-
chen) anhaften. Der erste Fehler ist die Zweideutigkeit des Wortes
sein es wird einmal als Kopula vor einem Pridikat verwendetRudolf Camap
Existenz (ich
“). Dieser Fehler wird dadurch verschlimmert, daf die Meta-
physiker sich hiufig iiber diese Zweideutigkeit nicht klar sind, Der
zweite Fehler liegt in der Form des Verbums bei der zweiten Be-
deutung, der Existenz. Durch die verbale Form wird ein Pridikat
vorgetiuscht, wo keines vorliegt. Man hat zwar lingst schon gewult,
da die Existenz kein Merkmal ist (vgl. Kanes Widerlegung des
ontologischen Gottesbeweises). Aber erst die moderne Logik ist hierin
‘vollig konsequent: sie fihrt das Existenzzcichen in einer derartigen
syntaktischen Form ein, da es nicht wie ein Pridikat auf Gegen-
standszeichen bezogen werden kann, sondern nur auf ein Pridikat
(vgl. z. B. Satz IIT A in der Tabelle S. 230). Die meisten Metaphysi-
kker seit dem Altertum haben sich durch die verbale und damit pridi-
kative Form des Wortes ,,sein zu Scheinsitzen verfiihren lassen,
2, B. nich bin", Gort ist.
Ein Biel fr dsen Fler Sinden wir in dem cot erg ce desDescartes.
Von den inhltlicien Bedenken, die gegen die Primi ceboben worden snd —
aby nih der Sats ih dene” Adaquster Avadrad des geminan Sadveralcs
Se oder vised cine Hyponaserng cabae > wollen wir her gansih ab:
Scien und die been Site nar vom fomalloixhen Geidtopae Sut beteach-
ten: Da bemeshen wit rwei weenie logice Rec, Der ests liege im Sia
‘Sr th bint: Day Verbom gata ie Ker oweifion io Sina der Exists
feels denn cine Kopula hain ohne Pedikat nid gebraucht werden; dae dh
EEPES Desearece ie tad) maa in noun Gnas seemardee worker
Dann verte aber der Sat gegen die vorhin geannte logice Regal da
Exutena aur in Verbiodang mit cnem Peiditat, it in Verbindeng ic cine
[Namen (Sbjct, Eigennamen)sungeage werden ann. Ein Esinensat hat mit
die Form ya cater” (vie hier ch it", d. he wih exstiere’, sondern
tx cas von dex tnd der At’ Det eee Fehler leg in dem Obergiag
‘on yids danke au gic exiire Soll ue dm Satz yP(2)" demo kommt che
Eigembalt au") eln Exiensttsabgeleiter werden, So Kaan die die Exton
sur in beug au de PriikaeP, nt in berg auf da Sabjeke der Prime
Eunagen. Aue nid bin cin Baropier=folge ihe ni exec’, sondern ots
xine cin Europe". Aus yh deske” alt nit vih in’ sondern yor gt
Shen Denkendr™
Der Umstand, da unsere Sprachen die Existenz durch ein Verbum
(osein" oder yexistieren") autdrticken, ist an sich noch kein logischer
Febler, sondern nur unzwed«mifig, gefihrlich, Durch die verbale
Form Jae man sich leicht zu der Feblauffassung verfiihren, als sei die
Existenz ein Pridikat; man kommt dann 2u solchen logisch ver-
kehrten und daher sinnlosen Ausdrucksweisen, wie wir sic soeben
betrachtet haben. Denselben Ursprung haben auch solche Formen,
wie ,,das Seiende", das ,Nicht-Seiende', die ja seit jeher in der Meta-
physik eine grofle Rolle gespiele haben, In einer logisch korrektenDberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 255
Sprache lassen sich solche Formen gar nicht bilden. Wie es scheint,
hhat man in der lateinischen und in der deutschen Sprache, vielleicht
durch das griechische Vorbild verfithrt, die Formen ens bzw.
yseiend eigens zum Gebrauche des Metaphysikers eingefihrt; so
machte man die Sprache logisch schlechter, wihrend man glaubte,
einen Mangel 2u beheben.
Ein anderer sehr hufig vorkommender Versto® gegen die logische
Syntax ist die sog. ,Spharenvermengung' der Begriffe. Wahrend der
vorhin genannte Fehler darin besteht, da ein Zeichen mit nicht-
pridikativer Bedeutung wie ein Pridikat verwendet wird, wird hier
cin Pridikat zwar als Pridikat verwendet, aber als Priidikat einer
anderen ,Sphiire"; es liegt eine Verletzung der Regeln der s0g.
»Typenthcorie™ vor. Ein konstruiertes Beispiel hierftir ist der friher
betrachtete Satz: ,,Caesar ist eine Primzahl". Personennamen und
Zahlworter gehren zu verschiedenen logischen Sphiiren, und daher
auch Personenpriidikate (z. B. ,Feldherr") und Zahlenpridikate
(pPrimzahl"). Der Fehler der Sphiirenvermengung ist, im Unter-
sthied 2u dem vorher erdrterten Sprachgebrauch des Verbums , sein,
nicht der Metaphysik vorbehalten, sondern komme schon in der Um-
sgangssprache sehr hiiufig vor. Er fire hier aber selten 2u Sinnlosig-
kksiten; die Mehrdeutigheit der Warter in bezug auf die Sphiren ist
hier von der Art, daB sie leicht beseitigt werden kann.
Feispiels 1. yDiewe Tisch ist griber als jener:* 2. Die Hike dieses Ticker
ise grBfer als dic Hthe jenes Tithe. das Wore sgrifee" in (0) ale
Bezichung zwischen Gegenstinden, in (2) als Beichung 2wischen Zablen gebraucht,
alo fir awei verschiedene syntaktiche Kategorien. Der Febler ist hier unwesent-
Tidy; er kdnnte 2. B. dadurch eliminiert werden, daB ,griBen® und »gréers
gsdhieben wird; rG8et" wird dann aus ygrGers™ dadurdh denier, dal Sar-
Form (1) ale glechbedestend mit (2) (und cnigen anderen ihalchen)erklice wird
Da die Sphirenvermengung in der Umgangssprache kein Unheil
anrichtet, pflegt man sie dberhaupt nicht zu beadhten. Das ist fiir
den gewohnlichen Sprachgebrauch zwar zweckmaig, hat aber in der
Metaphysik unheilvolle Folgen gehabt. Hier hat man sich, verfhet
durch die Gewdhnung in der Alltagssprache, zu solchen Sphirenver-
mengungen verleiten lassen, die nicht mehr, wie die der Alltags-
sprache, in logisch korrekte Form ibersetzt werden Kkénnen. Schein
sitze dieser Art finden sich besonders hiufig z. B. bei Hegel und
bei Heidegger, der mit vielen Eigentiimlichkciten der Hegel-
schen Sprachform auch manche ihrer logischen Miingel mit tbernom-
men hat. (Es werden z. B. Bestimmungen, die sich auf Gegenstinde
einer gewissen Art bezichen sollten, statt dessen auf eine Bestimmung236 ‘Rudolf Carnap
+ Gegenstinde oder auf das ,,Sein* oder das ,,Daseis
cine Bezichung zwischen diesen Gegenstiinden bezogen.)
Nadidem wir gefunden haben, daB viele metaphysische Satze sinn-
los sind, ethebt sich die Frage, ob es vielleicht doch cinen Bestand
an sinnyollen Satzen in der Metaphysik gibt, der iibrigbleiben wiirde,
wenn wir die sinnlosen ausmerzen.
Man kénnte ja durch unsere bisherigen Ergebnisse 2u der Auf-
fassung kommen, daB die Metaphysik viele Gefahren, in Sinnlosig-
kit zu geraten, enthilt, und da8 man sich daher, wenn man Meta-
physik betreiben will, bemithen miisse, diese Gefahten sorgfaltig zu
meiden. Aber in Wirklichkeit liegt die Sache so, da es keine sinn-
vollen mecaphysischen Size geben kann. Das folge aus der Aufgabe,
die die Metaphysik sich stellt: sie will eine Erkenntnis finden und
darstellen, die der empirischen Wissenschaft niche zugiinglich ist.
‘Wir haben uns frither tiberlegt, da8 der Sinn cines Satzes in der
Methode ssiner Verifikation liegt. Fin Saez besage nur das, was an
ibm verifizierbar ist. Daher kann cin Satz, wenn er iiberhaupt etwas
besagt, nur eine empirische Tatsache besagen. Etwas, das prinzipiell
jenseits des Erfahrbaren lige, kénnte weder gesagt, noch gedacht,
noch erfragt werden.
Dic (sinnvollen) Sérze zerfallen in folgende Arten: Zunichse gibe
¢s Sitze, die schon auf Grund ihrer Form allein wahr sind (,,Tauto-
logien nach Wittgenstein; sie eausprechen ungefahr Kants
yanalytischen Urecilen'); sie besagen nichts tiber die Wirklichkeit.
Za dieser Art gehéren. die Formeln der Logik und Mathematik; sie
sind nicht selbst Wirklichkeitsaussagen, sondern dienen zur Trans-
formation solcher Aussagen. Zweitens gibt es die Negate solcher
Satze (,,Kontradiktionen); sie sind widerspruchsvoll, also auf Grund
ihrer Form falsch. Fir alle tbrigen Sitze liegt die Entscheidung tiber
Wabrheit oder Falschheit in den Protokollsitzen; sie sind somit
(wahe oder Falsche) Erfabrungssitze und gehiren zum Bereich der
cempirischen Wissenschaft. Will man einen Satz bilden, der nicht 2u
diesen Arten gehdrt, so wird er automatisch sinnlos. Da die Meta-
physik weder analytische Sitze sagen, noch ins Gebiet der empi
schen Wissenschaft geraten will, so ist sie gendtigt, entweder Worter
anzuwenden, fir die keine Kriterien angegeben werden und die da-
her bedeutungsleer sind, oder aber bedeutungsvolle Wérter so 2usam~
menzustellen, daft sich weder ein analytischer (bzw. kontradiktorischer)
noch ein empirischer Satz ergibt. In beiden Fillen ergeben sich not-
wwendig Scheinsirze.Oberwindung der Metaphysik durch logivche Analyse der Sprache 237
Dic’ logische Analyse spriche somit das Urteil der Sinnlosigkeit
iiber jede vorgebliche Erkenntnis, die diber oder hinter die Erfahrung
greifen will. Dieses Urteil eriffe zunichse jede spekulative Meta-
physik, jede vorgebliche Erkenntnis aus reinem Denken oder aus
reiner Intuition, die die Esfabrung entbehren 2u kénnen glaubt.
Das Urteil bezieht sich aber auch auf diejenige Metaphysik, die, von
der Erfahrung ausgehend, durch besondere Schlisse das auBer oder
hinter der Erfabrung Liegende erkennen will (also z. B. auf die
neovitalistische These einer in den organischen Vorgiingen wirkenden
‘»Entelechie", die physikalisch nicht erfaRtbar sein soll; auf die Frage
nach dem ,,Wesen der Kausalbezichung® iiber die Feststellung ge-
wisser RegelmiiSigkeiten des Aufeinanderfolgens hinaus; auf die
Rede vom ,,Ding an sich“). Weiter gilt das Urteil auch fir alle
Wert- oder Normphilosopbie, fir jede Ethik oder Asthetik als
normative Disziplin. Denn die objektive Giigkeit eines Wertes oder
ciner Norm kann ja (auch nach Auffassung der Wertphilosophen)
nicht empirisch verifiziert oder aus empirischen Sitzen deduziert wer-
den; sie kann daher diberhaupt nicht (durch einen sinnvollen Satz)
ausgesprochen werden. Anders gewendet: Entweder man gibe fiir
gut und ,schén“ und die iibrigen in den Normwissenschaften ver
wendeten Pridikate empirische Kennzeichen an oder man tut das
nicht, Ein Satz mit einem derartigen Pradikat wird im ersten Fall
ein empirisches Tatsachenurteil, aber kein Werturteil; im zweiten
Fall wird er cin Scheinsatz; einen Satz, der ein Werturtcil aus-
spriche, kann man tiberhaupt niche bilden.
Das Urteil der Sinnlosigkeit erifft schlieBlich auch jene metaphysi-
schen Richtungen, die man unzutreffend als erkenntnistheoretische
Ridhtungen zu bezeichnen pflegt, namlich den Realismus (sofern er
mehr besagen will als den empirischen Befund, da die Vorginge
eine gewisse RegelmaBigkeit aufweisen, wodurch dic Méglichkeit zur
Anwendung der induktiven Methode gegeben ist) und seine Gegner:
subjektiven Idealismus, Solipsismus, Phinomenalismus, Positivismus
(im fritheren Sinne).
Was aber bleibt denn fiir die Philosophie berhaupe noch brig,
wenn alle Siitze, die etwas besagen, empirischer Natur sind und zur
Realwissenschaft gehiiren? Was bleib, sind nicht Sitte, keine Theorie,
kein System, sondern nur eine Methode, nimlich die der logischen
Analyse. Die Anwendung dieser Methode haben wir in ihrem nega-
tiven Gebrauch im Vorstehenden gezeigt: Sie dient hier zur Aus-
merzung bedeutungsloser Wérter, sinnloser Scheinsitze. In ihrem28 Rudolf Caray
positiven Gebrauch dient sic zur Klirung der sinavollen Begriffe
und Sitze, zur logischen Grundlegung der Realwissenschaft und der
Mathematik. Jene negative Anwendung der Methode ist in der vor-
liegenden historischen Situation nétig und wichtig. Fruchtbarer, auch
schon in der gegenwiirtigen Praxis, ist aber die positive Anwendung;
doch kann auf sie hier nicht naher eingegangen werden. Die ange-
deurete Aufgabe der logischen Analyse, der Grundlagenforschung, ist
es, die wir unter ,,wissenschafllicher Philosophie im Gegensatz zur
Metaphysik verstchen; an dieser Aufgabe wollen die meisten Bei-
trige dieser Zeitschrift arbeiten,
Die Frage nach dem logischen Charakter der Sitze, die wir als
Ergebnis einer logischen Analyse erhalten, 2. B. der Sitze dieser
und anderer logischer Abhandlungen, kann hier nur andeutend dahin
beantwortet werden, daB diese Satze teils analytisch, teils empirisch
sind. Diese Saitze tiber Satze und Satzteile gchéren nimlich teils der
reinen Metalogik an (2. B. yeine Reihe, die aus dem Existenzzeichen
und einem Gegenstandsnamen bestcht, ist kein Satz), vxils der
deskriptiven Metalogik (2. B. die Wortreihe an der und der Stelle
des und des Buches ist sinnlos“). Die Metalogik wird an anderer
Stelle erdrrert werden; dabei wird auch gezcigt werden, da8 die
Metalogik, die aber die Sitze ciner Sprache spricht, in dieser Sprache
selbst formuliert werden kann.
7 Metaphysik als Ausdruck des Lebensgefih!s
‘Wenn wir sagen, da® die Satze der Metaphysik vallig sinnlos sind,
gar nichts besagen, so wird auch den, der unseren Ergebnissen ver-
standesmaBig zustimmt, doch noch cin Gefiihl des Befremdens plagen:
sollzen wirklich so viele Manner der verschiedensten Zeiten und Vél-
ker, darunter hervorragende Kipfe, so viel Mihe, ja wirkliche In-
brunst auf die Metaphysik verwendet haben, wenn diese in nichts
bestinde als in bloGen, sinnlos ancinandergercihten Wértern? Und
wire es verstindlich, daf diese Werke bis auf den heutigen Tag
cine so starke Wirkung auf Leser und Hirer ausiiben, wenn sie
nicht cinmal Irrtiimer, sondern iiberhaupt nichts enthielten? Diese
Bedenken haben insofern recht, als die Metaphysik tatsichlich etwas
enthilt; nur ist ¢5 kein theoretischer Gehalt. Die (Schein-)Sitze der
Metaphysik dienen nicht zur Darstellung von Sachverhalten, weder
von bestehenden (dann wiren es wahee Sitze) noch von nicht be-
stehenden (dann wien es wenigstens falsche Sieze); sie dienen zum
Ausdruck des Lebensgefithls.Dberwindung der Metaphyiik durch logisdhe Analyse der Sprache 239
Vielleicht diirfen wir annehmen, da es der Mythus ist, aus dem
sich die Metaphysik entwickelr hat, Das Kind ist auf den ,bisen
Tisch", der es gestofen hat, zornig; der Primitive bemithe sich, den
drohenden Dimon des Erdbebens 2u verséhnen oder er verchrt die
Gottheit des fruchtbringenden Regens in Dankbarkeit. Hier haben
wir Personifikationen von Naturerscheinungen vor uns, die der quasi-
dichterische Ausdruck fiir das gefidhlsmaQige Verhaltnis des Menschen
zur Umwelt sind. Das Erbe des Mythus trite einerseits die Dichtung
an, die die Leistung des Mythus fiir das Leben mit bewuten Mit-
teln hervorbringt und steigert; andererseits die Theologis, in der der
‘Mythus sich zu cinem System entwickelt. Welches ist aun die histo-
rische Rolle der Metaphysik? Vielleicht dirfen wir in ihr den Ersatz
fiir die Theologie auf der Stufe des systematischen, begrifflichen
Denkens erblicken. Die (vermeintlich) iibernatiirlichen Erkenntnis-
quellen der Theologie werden hier ersetzt durch natirliche, aber (ver-
meintlich) iber-empirische Erkenntnisquellen. Bei niherem Zusehen
ist auch in dem mehrmals verinderten Gewand noch der gleiche In-
halt wie im Mythus zu erkennen: wir finden, da auch die Meta-
physik aus dem Bediirfnis entspringt, das Lebensgefiihl zum Ausdruds
zu bringen, die Haltung, in der ein Mensch lebt, die gefiihls- und
willensmaige Einstellung zur Umwelt, zu den Mitmenschen, zu den
Aufgaben, an denen er sich betitigt, zu den Schicksalen, die er er-
Teidet. Dieses Lebensgefthl auSert sich, meist unbewuSt, in allem,
was der Mensch tut und sagt; es pragt sich auch in seinen Gesichts-
zijgen, vielleicht auch in der Haltung seines Ganges aus. Manche
Menschen haben nun das Bediirfnis, dariiber hinaus moch einen be-
sonderen Ausdruck fiir ihr Lebensgefithl 2u gestalten, in dem es kon-
zentrierter und cindringlicher wahrnehmbar wird. Sind solche Men-
schen kiinstlerisch befihigt, so finden sie in der Formung eines Kunst-
werkes die Méglidikeit, sich auszudriicken. Wie sich in Stil und Art
des Kunstwerkes das Lebensgefiihl kundgibt, ist von verschiedenen
schon klargelegt worden (z. B. von Dilthey und seinen Schiilern).
(Hierbei wird hiufig der Ausdruck ,,Weleanschauung gebraucht
vermeiden ihn licber wegen seiner Zweideutigkeit, durch
Unterschied 21
ie det
chen Lebensgefiihl und Theorie verwischt wird, der
fiir unsere Analyse gerade entscheidend ist.) Hierbei ist fiir unsere
Uherlegung nur dies wesentlich, da die Kunst das adiquate, die Meta~
physik aber ein inadiquates Ausdrucksmittel fiir das Lebensgefithl
ist. An und fiir sich ware nattirlich gegen dic Verwendung irgend-
eines beliebigen Ausdrucksmittels nichts einzuwenden. Bei der Meta-240 Rudolf Carnap
physik liege jedoch die Sache so, da sie durch die Form ihrer Werke
etwas vortiuscht, was sie nicht ist. Diese Form ist die eines Systems
von Siitzen, die in (scheinbarem) Begriindungsverhilinis zueinander
stehen, also die Form ciner Theorie. Dadurch wird cin theoretischer
Gehalt vorgetiuscht, wihrend jedoch, wie wir gesehen haben, ein
solder nicht vorhanden ist. Nicht nur der Leser, sondern auch der
Metaphysiker selbst befindet sich in der Tauschung, daS durch
metaphysischen Sitze etwas besage ist, Sachverhalte beschrieben sind.
Der Metaphysiker glaubt sich in dem Gebiet 2u bewegen, in dem es
tum wahr und falsch geht. In Wirklichkeit hat er jedoch nichts aus-
gesagt, sondern nur etwas zum Ausdruck gebracht, wie cin Kiinstler.
Daf der Metaphysiker sich in dieser Tatuschung befinder, kénnen wir
nicht schon daraus entnehmen, da® er als Ausdrucksmedium die
Sprache und als Ausdrucksform Aussagesitze nimmt; denn das gleiche
tut auch der Lyriker, ohne doch jener Selbsttiuschung zu unter~
liegen. Aber der Metaphysiker fihrt fir seine Sitze Argumente an,
er verlangt Zustimmung zu ihrem Inhalt, er polemisiert gegen den
Metaphysiker anderer Richeung, indem er dessen Siitze in seiner Ab-
handlung zu widerlegen sucht. Der Lyriker dagegen bemiihe sich
nicht, in seinem Gedicht die Sitze aus dem Gedicht eines anderen
Lyrikers zu widerlegen; denn er weil, da er sich im Gebict der
Kunst und nicht in dem der Theorie befinder.
Vielleiche ist die Musik das reinste Ausdrucksmittel fiir das Lebens-
gefiihl, weil sie am starksten von allem Gegenstindlichen befreit ist.
Das harmonische Lebensgefiihl, das der Metaphysiker in einem mo-
nistischen System zum Ausdruck bringen will, kommt klarer in
Mozartscher Musik zum Ausdruck. Und wenn der Metaphysiker sein
dualistisch-heroisches Lebensgefiihl in einem dualistischen System aus-
spricht, tut er es niche vielleicht mur deshalb, weil ihm die FahigkeitBeet-
ovens fehlt, dieses Lebensgefiihl im adiquaten Medium auszudriik-
ken? Metaphysiker sind Musiker obne musikalische Pahigkeit. Dafir
besitzen sic eine starke Neigung 2um Arbeiten im Medium des Theo-
retischen, zum Verkniipfen von Begriffen und Gedanken. Anstatt
nun einerseits diese Neigung im Gebiet der Wissenschaft zu betitigen
und andererseits das Ausdrucksbediirfnis in der Kunst 2u befriedigen,
vermengt der Metaphysiker beides und schaife cin Gebilde, das fir
die Erkenntnis gar nichts und fiir das Lebensgeftth! etwas Unzuliing-
Tiches leistet.
Unsere Vermutung, da die Metaphysik ein Ersatz, allerdings ein
unzulinglicher, fiir die Kunst ist, scheint auch durch die TatsacheUberwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache 241
bestitige 2u werden, da derjenige Metaphysiker, der vielleiche die
stirkste kiinstlerische Begabung besa8, nimlich Nietzsche, am
wenigsten in den Febler jener Vermengung geraten ist. Ein grofer
Teil seines Werkes hat vorwiegend empirischen Inhale; es handele
sich da 2. B. um die historische Analyse bestimmeer Kunstphiinamene,
oder um die historisch-psychologische Analyse der Moral. In dem
Werke aber, in dem er am stitksten das zum Ausdrucc bringe, was
andere durch Mecaphysik oder Ethikt ausdrlicken, nimlich im ,,Zara-
thustra, wahle er nicht dic irrefdhrende theoretische Form, sondern
offen die Form der Kunst, der Dichtung.
Zusatz bei der Korrektws. Ih habe inzwischen za meiner Preude
bemerks, da auch von anderer Seite im Namen der Logik eine enerpisehe Ab-
Jehnung’ der modernen Nichts-Philosophie avsgesproden worden ist. Oskar
Kraus gibt in einem Vortrag («Ober Alles und Nights", Leipziger Rundfunk,
1. Mai, 1930; Philos, Hefte 2, S."r49, 1931) einige Hinweise auf die his
Entwicklung der Nidrs-Philoso
schaft wide sich Hicherlich machen, wenn sie es [das Nits] ernst nahme, —.
Denn nichts bedroht das Anschen ‘aller philosophisthen Wissenschaft ernsticher
als cin Wiederaufleben jener Nichte- und Aller-Philosophie.” Ferner macht
Hilbere in einem Vortrag (Die Grundlegung der elementaren Zahlenlehee",
Dez. 1930 in der Philos. Ges.” Hamburg; Math. Ann. 104, S. 485, 1931) dic
folgende Bemerkung, ohne Heideggers Namen zu nennen: yn einem neueren
philosophisdien Vortrag finde ich den Satz: Das Nichs ist die schlecthinnige
Verneinung der Allheit des Seienden'. Dieser Satz ist deshalb Ichrecich, weil er
‘wotz seiner Kiize alle hauptsidhlichen Versté8e gegen die in meiner Beweis-
theorie aufgestelleen Grundsitze