Eutscher: Bundestag
Eutscher: Bundestag
16. Sitzung
Inhalt:
Glückwünsche zu den Geburtstagen des Abg. Frage des Abg. Dr. Schneider (Nürnberg) :
Schulhoff und des Vizepräsidenten Dr. Erhöhung des Anteils der Gemeinden
Schmid 575 A an der Mineralölsteuer
Frage des Abg. Wagner (Günzburg) : Frage des Abg. Dr. Jobst:
Erstattung der Sonderumsatzsteuer für Entwurf eines Gesetzes zur Anhebung
Ausfuhren in der Zeit vom 29. Septem- der Kilometerpauschale im Zonenrand-
ber bis 10. Oktober 1969 gebiet
Dr. Reischl, Parlamentarischer Dr. Reischl, Parlamentarischer
Staatssekretär 576 A, B, C, D Staatssekretär . . . 578 B, C, D, 579 A
Wagner (Günzburg) (CDU/CSU) . . 576 C Dr. Jobst (CDU/CSU) ...... 578 C
Dr. Warnke (CDU/CSU) . . . . 588 D
Frage des Abg. Krammig:
Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) 579 A
Bekanntgabe der für den Betriebsprü-
fungsdienst Zoll verbindlichen Bestim-
mungen der Betriebsprüfungsordnung Fragen des Abg. Erhard (Bad Schwalbach) :
(Steuer)
Empfehlung des Hessischen Gemeinde-
Dr. Reischl, Parlamentarischer tages betreffend Erhöhung der Ge-
Staatssekretär ........ 576 D werbesteuerhebesätze
Dr. Reischl, Parlamentarischer
Frage des Abg. Dr. Schneider (Nürnberg) : Staatssekretär 579 A, B
Ausgleich des durch die Erhöhung des
Arbeitnehmerfreibetrages den Gemein-
Frage des Abg. Dr. Haack:
den entstehenden Einnahmeverlustes
Gebührenfreie Ablehnung der Ein-
Dr. Reischl, Parlamentarischer
sprüche gegen die Herabsetzung der
Staatssekretär 577 A, B, C Kilometerpauschale
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) 577 B, C
Dr. Reischl, Parlamentarischer
Dr. Schulze-Vorberg (CDU/CSU) . . 577 C Staatssekretär 579 D
II Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Verpflichtung zur Abgabe einer Ein- Steuerausfall bei Anpassung des Mehr-
kommensteuererklärung für Lohn- wertsteuersatzes für Wein an den
steuerpflichtige . . . . . . . . . 580 A Steuersatz für andere Agrarprodukte
Dr. Reischl, Parlamentarischer
Frage des Abg. Dr. Apel: Staatssekretär . . . . . . . . 583 B
Richarts (CDU/CSU) . . . . . . 583 C
Wettbewerbsverfälschungen bei der
Preisgestaltung eingeführter Spirituosen 580 A von Hassel, Präsident . . . . . . 583 C
Erhebung von Zöllen für den benutzten Verzicht auf Gebührenerhebung bei
Wagen bei Geschäftsreisen nach Frank- Einsprüchen gegen die Reduzierung der
reich Kilometerpauschale . . . . . . . 583 C
Dr. Reischl, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . . . 580 B Vorlage des Abg. Mertes:
Frage des Abg. Dr. Warnke: Frage des Abg. Erhard (Bad Schwalbach) :
Fragen des Abg. Dr. Wagner (Trier) : Frage des Abg. Erhard (Bad Schwalbach) :
Überbrückungshilfe für den aus der Stärkere Förderung des öffentlichen
Aufwertung entstandenen Einkommens- Personennahverkehrs
verlust von Grenzgängern Börner, Parlamentarischer
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär 590 B
Staatssekretär . . 586 A, B, D, 587 A, B
Dr. Wagner (Trier) (CDU/CSU) . 586 B, C Wahl der Mitglieder kraft Wahl des Rich-
Burger (CDU/CSU) terwahlausschusses (Drucksache VI/110)
586 D
in Verbindung mit
Jung (FDP) 587 A
Richarts (CDU/CSU) 587 A Wahl der Wahlmänner (Drucksache VI/111) 590 B
Maucher (CDU/CSU) 587 B Dr. Schmid, Vizepräsident 597 D, 601 A,
602 C
Frage des Abg. Dichgans:
Umbau der Strahltriebwerke von Flug- Abgabe einer Erklärung der Bundesregie-
zeugen rung
Brandt, Bundeskanzler 591 A
Börner, Parlamentarischer
Staatssekretär Dr. Barzel (CDU/CSU) 593 C
587 C, D
Dichgans (CDU/CSU) ...... 587 C Dr. Apel (SPD) 596 A
Dr. Achenbach (FDP) 598 B
Fragen des Abg. Josten: Scheel, Bundesminister 599 A
Fahrpreisermäßigung für Jugendliche
auf Grund einer europäischen Jugend- Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Ände-
karte rung des Schlußtermins für den Abbau
Börner, Parlamentarischer der Wohnungszwangswirtschaft und über
Staatssekretär 588 A, B weitere Maßnahmen auf dem Gebiete des
Mietpreisrechts im Land Berlin (SPD,
Josten (CDU/CSU) . . . . . . 588 B FDP) (Drucksache VI/46) ; Schriftlicher Be-
richt des Ausschusses für Städtebau und
Frage des Abg. Ollesch: Wohnungswesen (Drucksache VI/105) —
Zusammenlegung der Omnibusbetriebe Zweite und dritte Beratung — in Verbin-
dung mit
der Bundesbahn und der Bundespost
Börner, Parlamentarischer Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Ände-
Staatssekretär . . . . . . . . 588 C rung des Schlußtermins für den Abbau
der Wohnungszwangswirtschaft und über
Frage des Abg. Ott: weitere Maßnahmen auf dem Gebiete des
Mietpreisrechts im Land Berlin (Abg.
Einheitliche Abschleppvorrichtungen für
Müller [Berlin], Benda, Dr. Gradl, Wohl-
Personenkraftwagen
rabe u. Gen.) (Drucksache VI/55); Schrift-
Börner, Parlamentarischer licher Bericht des Ausschusses für Städte-
Staatssekretär . . . . 588 D, 589 A bau und Wohnungswesen (Drucksache
Ott (CDU/CSU) 589 A — VI/105) — Zweite Beratung
Dr. Gatzen (CDU/CSU) . . . . . 601 C
Frage des Abg. Seefeld: Grabert, Senator des Landes Berlin . 602 A
Erhöhung der Mittel für Maßnahmen
auf dem Gebiet der Ersten Hilfe für Nächste Sitzung . . . . . . . . . . 602 A
Unfallverletzte im Straßenverkehr
Börner, Parlamentarischer
Staatssekretär . . . . . . • 589 B, C
Anlagen
Seefeld (SPD) 589 C
Anlage 1
Frage des Abg. Schwabe: Liste der beurlaubten Abgeordneten . . 603 A
Übereinkommen zur Feiertagsregelung
durch die Bundesländer Anlage 2
Börner, Parlamentarischer Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Staatssekretär . . . 589 C, D, 590 A Frage des Abg. Dr. Bardens betr. Ausbil-
Schwabe (SPD) . . . . 589 D, 590 A dung der Gerichtsmediziner 603 C
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 575
16. Sitzung
Verordnung zur Ä nderung des Deutschen Teil-Zolltarifs (Nr. Verordnung des Rates zur Verschiebung des Zeitpunktes, zu
17/69 — Erhöhung des Zollkontingents für Sulfat- oder dem der Geltungsbereich der Einfuhr- und Ausfuhrlizenzen
Natronzellstoff) sowie der Bescheinigungen über die vorherige Festsetzung
auf die gesamte Gemeinschaft ausgedehnt werden soll
— Drucksache VI/112 —
—Drucksache VI/92 —
mit der Bitte um fristgerechte Behandlung an den Ausschuß für
Wirtschaft überwiesen. überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der
Der Präsident des Bundestages hat entsprechend dem Beschluß endgültigen Beschlußfassung im Rat
des Bundestages vom 25. Juni 1959 die nachstehenden Vorlagen
überwiesen: Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften.
Richtlinie des Rates über die Einführung einer gemeinsamen der Mitgliedstaaten für die Bezeichnung von Textilerzeug-
Police für mittel- und langfristige Geschäfte mit öffentlichen nissen
Käufern — Drucksache V/4052 —
— Drucksache VI/61 —
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um
überwiesen an den Ausschuß für Wirtschaft mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß-
Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschluß- fassung im Rat
fassung im Rat
Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung Nr. Vorschlag der Kommission der Europäischen Gemeinschaften
1009/67/EWG über die gemeinsame Marktorganisation für für eine Revision und Vereinheitlichung der Haushaltsord-
Zucker nungen
— Drucksache VI/74 — — Drucksache V/4675 —
überwiesen an den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und überwiesen an den Haushaltsausschuß mit der Bitte um Vorlage
Forsten mit der Bitte um Vorlage des Berichts rechtzeitig vor der des Berichts rechtzeitig vor der endgültigen Beschlußfassung im
endgültigen Beschlußfassung im Rat Rat
576 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Im übrigen darf ich darauf aufmerksam machen, Zur Beantwortung der Parlamentarische Staats-
daß das Bundesministerium der Finanzen sich mit sekretär!
Erlaß vom 10. November 1969 damit einverstanden
erklärt hat, daß beim Außerkrafttreten des Absiche- Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
rungsgesetzes als Zeitpunkt der Ausfuhr nicht — beim Bundesminister der Finanzen: Auf diese Frage
wie während der Geltungsdauer des Gesetzes — der kann ich folgende Antwort geben. Die damalige
Zeitpunkt der Übergabe der Gegenstände an den Zusage ist mit dem Erlaß des Bundesministers der
Spediteur, Frachtführer usw., sondern der spätere Finanzen vom 6. Juni 1969 erfüllt worden. Der
Zeitpunkt des Gelangens der Gegenstände in das Erlaß wurde im Bundeszollblatt 1969, Seite 723,
Ausland anzusehen ist. Damit dürfte in einer Reihe veröffentlicht.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 577
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Herr
- Staatssekretär, darf ich dann unterstellen, daß die
Ich rufe die Frage 3 des Abgeordneten Dr. Schnei-
der auf. Ist der Abgeordnete im Saal? — Er ist im Bundesregierung bereit ist, derartige Vorhaben
Saal. rechtzeitig im Konjunkturrat und im Finanzpla-
nungsrat zur Diskussion zu stellen, damit die Ge-
Auf welche Weise gedenkt die Bundesregierung, den durch
die Erhöhung des Arbeitnehmerfreibetrages um 240 DM hei den
meinden nicht Gefahr laufen, durch finanzpolitische
Gemeinden eintretenden Einnahmeverlust in Höhe von 120 Mil- Maßnahmen der Bundesregierung und des Bundes-
lionen DM auszugleichen?
tages in ihrer Haushaltswirtschaft Schaden zu lei-
den?
Zur Beantwortung, bitte, der Herr Parlamen-
tarische Staatssekretär.
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen: Es ist ganz
beim Bundesminister der Finanzen: Mit der un- selbstverständlich, daß die Dinge in diesen Gremien
mittelbaren Beteiligung an der Einkommensteuer vorbesprochen werden müssen. Dafür sind die ja
erhalten die Gemeinden eine stabile Einnahmequelle geradezu da. Ich bin auch sicher, daß das in Zukunft
mit besonders hohen Zuwachsraten. Bei der Ermitt- geschehen wird.
lung des Vomhundertsatzes für die Beteiligung der
Gemeinden an der Einkommensteuer Ende 1968 Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Ab-
wurde zunächst von einer Verstärkung der Ge- geordneter Schulze-Vorberg.
meindefinanzmasse für 1970 um 1 050 000 000 DM
ausgegangen. Bei der Beschlußfassung über das
Dr. Schulze Vorberg (CDU/CSU) : Herr Staats-
-
Gemeindefinanzreformgesetz wurde die Verstärkung
sekretär, können Sie erklären, warum es in diesem
der Gemeindefinanzmasse durch das Gesetz für 1970 Falle nicht geschehen ist?
bereits auf 1 400 000 000 DM geschätzt. Nach den
neuesten Schätzungen wird die Wachstumsrate
bei der Einkommensteuer die bisherigen Erwar- Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
tungen noch übertreffen, so daß die Mehrein- beim Bundesminister der Finanzen: Weil es eine
nahme aus der Verstärkung der Gemeindefinanz sehr kurzfristige Sache war. Aber wie Sie wissen,
masse auch unter Berücksichtigung des Vorschlags ist das Gesetz auch noch gar nicht in Kraft getreten.
der Bundesregierung, den Arbeitnehmerfreibetrag Der Finanzplanungsrat tritt nächste Woche zusam-
zu verdoppeln, etwa 1,6 Milliarden DM ausmachen men. Es wird ja über dieses Thema gesprochen
wird. Den Gemeinden ist deshalb zuzumuten, daß sie werden, noch bevor das Gesetz überhaupt in Kraft
wie Bund und Land entsprechend ihrem prozentualen tritt. Aber Sie werden zugeben müssen, daß es beim
Anteil an der Einkommensteuer an dem Einnahme- Beginn einer Legislaturperiode, wo alle diese Gre-
verlust aus dieser Maßnahme des Gesetzgebers mien erst wieder neu zusammentreten müssen, nicht
beteiligt werden. so schnell möglich ist, jedes Gesetzgebungsvorhaben
dort vorher zu besprechen. In Zukunft läuft das
jedoch wieder ganz normal.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, der
Abgeordnete Dr. Schneider (Nürnberg).
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 4
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Herr des Abgeordneten Dr. Schneider (Nürnberg) auf:
Staatssekretär, ist die Bundesregierung bereit, bei Ist die Bundesregierung bereit, den Anteil der Gemeinden an
künftigen Steueränderungsmaßnahmen, die bei den der Mineralölsteuer zu erhöhen und dem gestiegenen Finanz-
bedarf der Gemeinden auf dem Gebiet der Verkehrsinfrastruk-
Gemeinden einen Einnahmeausfall zur Folge haben, turen anzugleichen?
angemessene Einnahmeausgleiche sicherzustellen?
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen: Der den Gemein-
beim Bundesminister der Finanzen: Das läßt sich in den nach Art. 8 § 4 des Steueränderungsgesetzes
einer solchen Allgemeinheit nicht voraussagen. Sie 1966 für den Ausbau der Verkehrseinrichtungen zu-
sehen ja schon bei dieser Maßnahme, daß es genauso gestandene Anteil am Aufkommen der Mineralöl-
wie bei Bund und Ländern und bei allen Gemein- steuer — sogenannter Dreipfennigtopf — kann nur
schaftssteuern letztlich davon abhängen muß, ob ein durch Beschlüsse der gesetzgebenden Körperschaften
wirklicher Ausfall, der überdimensional ist, zu er- geändert werden. Die Bundesmittel werden bisher
warten ist. Wer an einer Steuer beteiligt ist, muß nach Richtlinien vergeben, die von der Bundesregie-
bei Steueränderungen auch hinnehmen, daß er gege- rung im Einvernehmen mit dem Bundesrat erlassen
benenfalls einmal weniger bekommt; in einem ande- wurden. Nach Inkrafttreten der Finanzreform sollen
ren Falle bekommt er auch mal mehr. Ich glaube die Richtlinien durch ein Gesetz über Finanzhilfen
also nicht, daß man generell von vornherein heute des Bundes nach Art. 104 a Abs. 4 des Grundgesetzes
schon zusichern kann, daß in jedem Fall, bei jeder ersetzt werden.
Änderung des Gesetzes gleich ein Ausgleich gesucht Im Zuge der Vorarbeiten für dieses Gesetz wird
werden wird. die Bundesregierung auch die Frage zu prüfen
haben, ob dem Gesetzgeber zusätzliche Maßnahmen
Präsident von Hassel: Eine weitere Frage des zur Förderung des Ausbaus der gemeindlichen Ver-
Abgeordneten Dr. Schneider (Nürnberg). kehrseinrichtungen vorgeschlagen werden sollen.
578 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des Dr. Jobst (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, hal-
Abgeordneten Dr. Schneider (Nürnberg). ten Sie eine regional unterschiedliche Handhabung
der Kilometerpauschale nicht deshalb für gerechtfer-
Dr. Schneider (Nürnberg) (CDU/CSU) : Herr tigt, weil insbesondere in den Zonenrandgebieten
Staatssekretär, ist damit zu rechnen, daß die Bun- das Verkehrsnetz nicht in dem Maße wie in anderen
desregierung eine Zuwendungsgarantie abzugeben Gebieten vorhanden ist?
bereit ist, gerichtet darauf, daß alle begonnenen
U-Bahnbauten und vergleichbaren Schienenmassen-
verkehrsmittel bis zu ihrer Fertigstellung in der Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Finanzen: Ist das generell
bisherigen Höhe bezuschußt werden? Gleichzeitig
so richtig, wenn ich das hinzusetzen darf? Ich selber
frage ich, bis wann mit der Vorlage des Gemeinde-
kenne Gebiete, die vom Zonenrand weit weg liegen
verkehrsfinanzierungsgesetzes zu rechnen ist.
und die außergewöhnlich schlechte Verkehrsverbin-
dungen haben. Wenn man also schon eine Differen-
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär zierung nach den Verkehrsverbindungen vornehmen
beim Bundesminister der Finanzen: Ob so allgemeine wollte, womit ich aber keineswegs eine Zusage in
Garantien abgegeben werden können, vermag ich dieser Richtung geben möchte, könnte man sie
im Augenblick nicht zu sagen. Das Gesetz befindet sicherlich nicht auf die Zonenrandgebiete beschrän-
sich in Vorbereitung. Soweit ich das bis jetzt über- ken, sondern dann müßte man einen sachlichen, für
sehen kann, besteht auch nicht die Absicht, etwa das ganze Bundesgebiet geltenden Maßstab dafür
an der Höhe des Anteils nach unten etwas zu än- finden, wie man diese Gebiete abgrenzt. Ob das
dern. Im Gegenteil, ich sagte schon, es werden zu- möglich ist, halte ich für zweifelhaft.
sätzliche Maßnahmen zumindest geprüft. Das Gesetz
müßte meines Erachtens sehr bald im neuen Jahr
vorgelegt werden. Präsident von Hassel: Eine weitere Zusatz-
frage, der Abgeordnete Dr. Jobst.
Präsident von Hassel: Frage 5 des Abgeord-
neten Dr. Jobst: Dr. Jobst (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, sind
Wird die Bundesregierung den Entwurf eines Gesetzes zur Sie nicht der Auffassung, daß mit einer Anhebung
Anhebung der Kilometerpauschale im Zonenrandgebiet vor-
legen, um den Arbeitnehmern dafür einen Ausgleich zu ver- der Kilometerpauschale auch ein gewisser Ausgleich
schaffen, weil sie wegen der schlechten Verkehrsbedingungen dafür gewährt würde, daß in den Zonenrandgebieten
weit mehr als in anderen Bereichen auf eigene Kraftfahrzeuge
zur Fahrt zum Arbeitsplatz angewiesen sind? im Vergleich zu anderen Räumen ein gewisses Lohn-
gefälle vorhanden ist?
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Finanzen: Bereits in der Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
Fragestunde am 6. November 1969 habe ich zur beim Bundesminister der Finanzen: Herr Kollege
Frage nach einer Erhöhung des Arbeitnehmerfrei- dazu muß ich sagen, daß die Kilometerpauschale —
betrages für Arbeitnehmer des Zonenrandgebietes man mag zu ihr stehen, wie man will — sicherlich
die Auffassung vertreten, daß durch eine solche nicht dazu da ist, irgendwelche Lohnunterschiede
Maßnahme Steuergrenzen innerhalb des Bundesge- auszugleichen. Dafür gibt es andere Maßnahmen.
bietes geschaffen würden. Das würde im gleichen Das wäre eine Art détournement du pouvoir, wie
Maße auch bei einer nur für Arbeitnehmer des Zo- man in Frankreich sagt.
nenrandgebiets geltenden Erhöhung des Kilometer-
pauschbetrages der Fall sein.
Präsident von Hassel: Eine weitere Zusatz-
Im übrigen kann wohl nicht behauptet werden, frage, Herr Dr. Warnke.
daß die Verkehrsverbindungen im Zonenrandgebiet
einheitlich schlecht sind. Es wird sicher auch Bezirke
mit ausreichenden oder sogar guten Verkehrsver- Dr. Warnke (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär,
bindungen geben. Andererseits dürften auch außer- würden Sie mir darin zustimmen, daß die in der
halb des Zonenrandgebiets in bestimmten Gegenden Regierungserklärung festgesetzte Präferenz des
immer noch unzulängliche Verkehrsverbindungen Zonenrandgebiets durchaus einen Anhaltspunkt da-
bestehen. für böte, unabhängig davon, ob in anderen Gebie-
ten ähnlich schwierige Verkehrsverhältnisse vorhan-
Darüber hinaus handelt es sich bei der steuer-
den sind, eben nur im Zonenrandgebiet eine Ver-
lichen Behandlung von Aufwendungen für die Be-
günstigung bei der Kilometerpauschale einzuführen?
nutzung eines eigenen Kraftfahrzeugs zu Fahrten
zwischen Wohnung und Arbeitsstätte um ,ein viel-
schichtiges Problem, das im Rahmen der Steuer- Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
reform einer eingehenden Überprüfung bedarf. beim Bundesminister der Finanzen: Herr Kollege,
Dieser Überprüfung sollte nicht vorgegriffen werden. es ist meines Erachtens ausgeschlossen, eine Präfe-
Die Bundesregierung beabsichtigt deshalb nicht, renz für ein bestimmtes Gebiet in einer Weise vor-
einen Gesetzentwurf im Sinne Ihrer Frage vorzu- zusehen, die neue Ungerechtigkeiten gegenüber an-
legen. deren Gebieten schaffen würde.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, der Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, der
Abgeordnete Dr. Jobst. Abgeordnete Erhard (Bad Schwalbach).
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 579
Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Herr in einem Schreiben an die kommunalen Spitzenver-
Staatssekretär, glauben Sie nicht, daß es, ohne zu- bände vom 29. Oktober 1969, eingehend dargelegt,
nächst den Satz zu ändern, einfacher wäre, die Be- daß das Inkrafttreten des Gemeindefinanzreform-
grenzung auf 40 km aufzuheben? gesetzes keinen Anlaß zu einer allgemeinen An-
hebung unterdurchschnittlicher Gewerbesteuerhebe-
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär sätze bietet. Der Bund hat keine weiteren Möglich-
beim Bundesminister der Finanzen: Auf solche keiten, ungerechtfertigten Hebesatzerhöhungen ent-
Einzelheiten, Herr Kollege, kann ich im Moment gegenzuwirken, weil die Entscheidung über die Höhe
einfach deswegen nicht eingehen, weil sich die der Hebesätze den Gemeinden als Selbstverwal-
Steuerreformkommission eingehend mit dieser Frage tungskörperschaften zusteht. Durch die im Rahmen
befaßt und ich ihr in diesem Fall nicht vorgreifen der Vorarbeiten zur Gemeindefinanzreform erwo-
möchte. gene befristete Hebesatzsperre durch Bundesgesetz
hätten zwar ungerechtfertigte Hebesatzerhöhungen
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 6 ausgeschlossen werden können; diese Maßnahme,
des Abgeordneten Erhard (Bad Schwalbach) auf: die eine Einschränkung der Rechte der Gemeinden
bedeutet hätte, konnte aber nur als Ausnahme-
Hält die Bundesregierung die vom Hessischen Gemeindetag
an seine Mitgliedsgemeinden ausgesprochene Empfehlung, die regelung zur Sicherstellung einer allgemeinen Sen-
Gewerbesteuerhebesätze auf Grund des Gemeindefinanzreform-
gesetzes auf 300 v. H. zu erhöhen, im Rahmen regionaler und kung der Gewerbesteuer in Betracht gezogen wer-
struktureller Wirtschaftspolitik für zweckmäßig? den. Nachdem die Frage einer Senkung der Ge-
Zur Beantwortung, bitte, Herr Staatssekretär! werbesteuer bis zur Großen Steuerreform zurück-
gestellt worden war, kam eine vorläufige Hebe-
satzsperre nicht mehr in Betracht.
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Finanzen: Herr Präsident,
ich bitte um die Genehmigung, die Fragen 6 und 7 Präsident von Hassel: Nach der langen Ant-
wegen des engen Sachzusammenhangs gemeinsam wort ist keine Zusatzfrage mehr erforderlich.
zu beantworten. Ich rufe die Frage 8 des Abgeordneten Dr. Haack
auf:
Präsident von Hassel: Keine Bedenken! Dann Sieht die Bundesregierung nach Erlaß des Urteils des Bundes-
rufe ich noch die Frage 7 des Abgeordneten Erhard finanzhofes zur Kilometerpauschale eine Möglichkeit, daß die
Finanzämter vorliegende Einsprüche gegen die Herabsetzung der
(Bad Schwalbach) auf: Kilometerpauschale gebührenfrei ablehnen, nachdem seinerzeit
die Steuerzahler vom ADAC geradezu aufgefordert worden
Gedenkt die Bundesregierung, der Empfehlung des Hessischen waren, gegen Steuerbescheide Einspruch zu erheben?
Gemeindetages oder einer unabhängig davon generell erfolgen-
den Erhöhung der Gewerbesteuerhebesätze entgegenzuwirken?
Zur Beantwortung, bitte, Herr Parlamentarischer
Staatssekretär!
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Finanzen: Empfehlungen
zur Anhebung der Gewerbesteuerhebesätze auf Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär
300 v. H. zur Vermeidung von Nachteilen aus der beim Bundesminister der Finanzen: Das Bundesver-
Gemeindefinanzreform entsprechen in keiner Hin- fassungsgericht hat durch Beschluß vom 2. Oktober
sicht den Absichten der Bundesregierung. Die Vor- 1969 die ihm vom Niedersächsischen Finanzgericht
schriften des Gemeindefinanzreformgesetzes geben vorgelegte Frage, ob 9 Abs. 1 Nr. 4 des Einkom-
auch keinen Anlaß, die Gewerbesteuerhebesätze mensteuergesetzes 1967 mit dem Grundgesetz ver-
allgemein auf 300 v. H. anzuheben. Wegen der Ver- einbar sei, bejaht. Damit sind die verfassungsrecht-
stärkung der Gemeindefinanzmasse über den Anteil lichen Bedenken gegen die Herabsetzung der Kilo-
der Gemeinden an der Einkommensteuer, der nach meterpauschale von 50 auf 36 Pfennig ausgeräumt.
neuesten Schätzungen 1970 rund 1,6 Milliarden DM
ausmacht, werden die Einnahmen der Gemeinden Wegen der früheren verfassungsrechtlichen Zwei-
bei der weit überwiegenden Zahl der Gemeinden fel ist eine große Anzahl von Einsprüchen eingelegt
durch die Reform erhöht. Das gilt insbesondere für worden, deren Bearbeitung bis zur Entscheidung des
alle gewerbesteuerschwachen Gemeinden. Mit Ein- Bundesverfassungsgerichts zurückgestellt worden
nahmeminderungen haben nur Gemeinden mit über- war. Die Einsprüche können nunmehr erledigt wer-
durchschnittlich hoher Gewerbesteuerkraft zu rech- den. Zahlreiche Einsprüche sind nach Bekanntwerden
nen, der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts be-
reits zurückgenommen worden. Soweit Steuerpflich-
Die Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes hat dabei
tige von dieser Möglichkeit aus Unkenntnis oder in
keinen Einfluß auf die Auswirkungen der Gemeinde-
der Annahme, mit der Entscheidung des Bundesver-
finanzreform für die einzelnen Gemeinden. Die Ge-
fassungsgerichts seien die Einsprüche ohne weiteres
werbesteuerumlage beträgt, unabhängig von der
hinfällig geworden, keinen Gebrauch gemacht haben,
Höhe des Hebesatzes, einheitlich 120 v. H. des
halte ich es für geboten, daß die Finanzämter die
Grundbetrages der Steuer, und die Einnahmen aus
Steuerpflichtigen über die Entscheidung des Bun-
dem Gemeindeanteil an der Einkommensteuer rich-
desverfassungsgerichts unterrichten und sie bitten,
ten sich in ihrer Höhe allein nach den Steuerleistun-
die Einsprüche im Hinblick auf diese Entscheidung
gen der Einwohner der einzelnen Gemeinde.
nunmehr zurückzunehmen. Ich werde die Lohnsteuer-
Das Bundesfinanzministerium hat in Pressenotizen, referenten der Länder in der nächsten Besprechung
so z. B. im Bulletin vom 13. November 1969 sowie bitten, die Finanzämter in diesem Sinne anzuweisen.
580 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. das französische Verfahren mit dem EWG-Vertrag
vereinbar ist. Dieser Umstand erübrigt es, die Frage
Ich rufe die Fragen 9 und 10 des Abgeordneten
mit Frankreich bilateral zu klären.
Dr. Apel auf:
Ist die Bundesregierung bereit, die Einkommensgrenze in
Höhe von 24 000 DM jährlich, die Lohnsteuerpflichtige verpflich- Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. Ich
tet, zusätzlich eine Einkommensteuererklärung ihrem Finanzamt rufe die Frage 13 des Abgeordneten Dr. Hauser
gegenüber abzugeben, so zu erhöhen, daß diese zusätzliche
Belastung nur, wie ursprünglich beabsichtigt, wenige Lohnsteuer- (Sasbach) auf:
pflichtige trifft?
Werden für das Haushaltsjahr 1970 entsprechende Mittel zur
Beseitigung ehemaliger Westwallbunker vorgesehen, damit nun-
Wie wird die Bundesregierung sicherstellen, daß der deutschen mehr auch Bunkerruinen der Dringlichkeitsstufe I b entfernt wer-
Alkohol- und Branntweinwirtschaft am 1. Januar 1970 bei Ab- den können, die anläßlich der Besichtigung durch das frühere
lauf der Übergangszeit der EWG keine Nachteile dadurch ent- Bundesschatzministerium im Herbst 1966 als außerordentliche
stehen, daß nach Artikel 37 Abs. 1 EWG-Vertrag § 3 des west- Gefahrenquelle anerkannt und deshalb zur Beseitigung vor-
deutschen Branntweinmonopolgesetzes außer Kraft treten müßte, gesehen sind, aber in die Dringlichkeitsstufe I b eingeteilt wur-
eine EWG-Alkohol-Marktordnung mit einheitlichen Preisen aber den und damit erst entfernt werden sollen, wenn die als be-
nicht vorhanden sein wird und damit die Gefahr besteht, daß sonders vordringlich abzutragenden Ruinen der Dringlichkeits-
beträchtliche Wettbewerbsverfälschungen bei der Preisgestaltung stufe I a (besonders dringende Fälle) und II a (Behinderung der
eingeführter Spirituosen unsere einheimischen Spirituosenherstel- Flurbereinigung) entfernt sind?
ler bedrohen?
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 15 in Lohnverhandlungen mit den Arbeitnehmern. Dort (I
des Abgeordneten Pieroth auf: istmenW rgdsieolchBfütung
Ist die Bundesregierung bereit, Schritte zur Vermeidung der-
geäußert worden, Die Bundesregierung kann doch
jenigen sozialen Härten zu unternehmen, die dadurch entstehen nicht von sich aus aufspüren, wo es Gerüchte gibt,
können, daß die Stationierungsstreitkräfte in Deutschland, in-
soweit der deutsche Beitrag zu den Stationierungskosten in der sondern die müßten an uns herangetragen werden.
Währung der Entsendestaaten bezahlt wird, die ihnen durch Ich wäre sehr dankbar, wenn das geschähe.
die DM-Aufwertung entstehende Mehrbelastung bei der Bezah-
lung ihrer deutschen Arbeitnehmer durch Einstellungsstopps und
Entlassungen ausgleichen wollen?
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 16
des Abgeordneten Dichgans auf:
Ist der Abgeordnete im Saal? — Bitte, zur Beant-
wortung, Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Ist die Bundesregierung bereit, dem Ministerrat der Euro-
päischen Gemeinschaften konkrete Vorschläge vorzulegen mit
Reischl. dem Ziel, neben den nationalen Münzen auch europäische Mün-
zen in den Verkehr zu bringen?
Präsident von Hassel: Eine weitere Zusatz- Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz-
frage, Herr Abgeordneter Pieroth. frage, Herr Abgeordneter Dichgans.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr Präsident von Hassel: Zu einer Zusatzfrage
Abgeordneter Richarts. Herr Abgeordneter Jung.
584 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Jung (FDP) : Herr Staatssekretär, nachdem die Zusammenhang mit all diesen Gebühren geschehen.
-
von mir angeführten Schwierigkeiten dem Finanz- Zuständig wäre außerdem zunächst das Verkehrs-
ministerium von Rheinland-Pfalz bekannt sind, ministerium, das entsprechende Vorschläge machen
frage ich Sie, ob Sie sich mit dem Finanzministe- müßte.
rium wegen der Beantwortung dieser Frage in Ver-
bindung gesetzt haben. Präsident von Hassel: Ich darf die Gelegen-
heit zum Anlaß nehmen, Herr Kollege Erhard, Sie
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär auf folgendes hinzuweisen: Sie dürfen nur zwei
beim Bundesminister der Finanzen: Das geht aus den Fragen in der Woche stellen. Allein aus diesem Be-
Unterlagen hier nicht hervor. Ich nehme das aber an, reich sind es drei Fragen gewesen. Ich darf Sie bit-
werde es gern auch noch einmal tun und Ihnen ten, in Zukunft zu berücksichtigen, daß Sie nur zwei
dann, wenn Sie einverstanden sind, noch einen aus- Fragen stellen dürfen. Es ist ein Versehen wahr-
führlicheren schriftlichen Bescheid zukommen lassen. scheinlich unsererseits, daß wir die dritte Frage zu-
gelassen haben.
Präsident von Hassel: Zu einer weiteren Zu-
satzfrage Herr Abgeordneter Jung. Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Herr Prä-
sident, ich darf darauf antworten: Das liegt daran,
Jung (FDP) : Herr Staatssekretär, ich darf daraus daß die Fragen an den Finanzminister in der vorigen
schließen, daß Sie, wenn ich Ihnen die entsprechen- Woche zurückgestellt und auf diese Woche über-
den Unterlagen gebe, versuchen, diese Schwierig- tragen worden sind.
keiten aus dem Wege zu räumen.
Präsident von Hassel: Sie meinen, daß Sie
Dr. Reischl, Parlamentarischer Staatssekretär dann also doppeltes Fragerecht hätten?,
beim Bundesminister der Finanzen: Wenn Sie mir
die Unterlagen gäben, wäre es noch besser; dann Erhard (Bad Schwalbach) (CDU/CSU) : Nein, für
brauchten wir sie nicht unter Zeitaufwand von drau- jede Woche habe ich zwei Fragen.
ßen hereinzuholen.
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 24
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 23 des Abgeordneten Weigl auf:
des Abgeordneten Erhard (Bad Schwalbach) auf: Ist es zutreffend, daß Ziegelwerke im Zonenrandgebiet, z. B.
das Ziegelwerk Waldsassen, seit der Einführung der Straßen-
Nachdem am 3. November 1969 ein Abkommen zwischen den güterverkehrsteuer gegenüber Betrieben der gleichen Branche,
Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Franzö-
die infolge eines günstigeren Standortes den größten Teil ihres
sischen Republik über die steuerliche Behandlung von Straßen- Absatzes im Nahverkehrsbereich unterbringen können und trotz-
fahrzeugen unterzeichnet wurde, frage ich die Bundesregierung, dem den ermäßigten Steuersatz bezahlen, große Wettbewerbs-
oh mit diesem Abkommen die Einführung einer allgemeinen nachteile hinnehmen müssen?
Straßenbenutzungsgebühr in der Bundesrepublik Deutschland er-
schwert werden könnte.
Präsident von Hassel: Zu einer Zusatzfrage meldewesen. Ich rufe zunächst. die Frage 89 des
der Abgeordnete Jung. Abgeordneten Dichgans auf:
Ist die Bundesregierung bereit, eine Initiative zu ergreifen,
um den lärmmindernden Umbau der Strahltriebwerke bei Flug-
Jung (FDP) : Herr Staatssekretär, welche Stellen zeugen zu erzwingen, der nach Meinung der Luft- und Raum-
sind mit diesem Ausgleich auf der unteren Ebene fahrtbehörde der Vereinigten Staaten (NASA) den Lärm um die
Hälfte vermindern könnte?
beauftragt?
Zur Beantwortung Herr Parlamentarischer Staats-
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim sekretär Börner.
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Sie
meinen die Leistungen für die Grenzgänger an der Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Saar? — Soweit ich das jetzt übersehen kann, sind Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
es die Gemeinden. Die Regelungen sollen im Beneh- Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Bundesregie-
men mit der zuständigen Landesregierung getroffen rung wird hierzu im Rahmen des gesetzlich Mög-
werden. lichen bereit sein, sofern eine entsprechende Um-
rüstung von Flugzeugen technisch und wirtschaftlich
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des realisierbar ist. Die zur Zeit in Montreal stattfin-
Abgeordneten Richarts. dende ICAO-Tagung befaßt sich mit den Problemen
der Umrüstung vorhandener Flugzeuge zur Reduzie-
rung des Fluglärms. Sobald die Ergebnisse dieser
Richarts (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, ist der Tagung vorliegen, wird die Bundesregierung sie
Bundesregierung bekannt, daß die Grenzgänger nach
sorgfältig auswerten, zumal alle in Betracht kom-
Luxemburg neben dem Schaden, den sie durch die
menden Maßnahmen auch aus Wettbewerbsgründen
DM-Aufwertung erleiden, auch anderen sozialen
international vereinbart sein müssen.
Diskriminierungen unterliegen, z. B. dergestalt, daß
sie in Luxemburg für das erste und zweite Kind nur
das halbe Kindergeld bekommen, während alle an- Präsident von Hassel: Zu einer Zusatzfrage,
deren Gastarbeiter in Luxemburg das volle Kinder- Herr Abgeordneter Dichgans.
geld erhalten?
Dichgans (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, mei-
Rohde, Parlamentarischer Staatssekretär beim nen Sie nicht, daß die Bundesregierung den Herstel-
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Herr lern von Triebwerken und damit auch den Benut-
Kollege, damit schneiden Sie einen Fragenbereich zern von Flugzeugen ähnliche Belastungen zumuten
an, der nach meiner Meinung — ich darf das sagen müßte, wie sie sie in anderen Bereichen des Ge-
— über die gestellte Frage hinausgeht. Ich wäre sundheitsschutzes, etwa bei der Luftreinhaltung und
Ihnen dankbar, wenn Sir mir die von Ihnen zitierten bei der Wasserreinigung, ganz selbstverständlich
Sachverhalte mitteilten, damit ich das überprüfen den Produzenten und später den Verbrauchern die-
kann. ser Waren zumutet?
Staatssekretär.
Ist der Abgeordnete im Saal? — Zur Beantwor
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim tung der Herr Parlamentarische Staatssekretär.
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fernmeldewesen: Herr Präsident, ich wäre dankbar, Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wenn ich die beiden Fragen des Herrn Abgeordne- Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
ten Josten zusammen beantworten dürfte. Fernmeldewesen: Herr Kollege, der Kabinettsbe-
schluß vom 30. April 1969, der die Bildung einer
Präsident von Hassel: Keine Bedenken. Ich Verkehrsgemeinschaft der Omnibusdienste von Post
rufe dann auch die Frage 91 des Abgeordneten und Bahn vorsieht, wird durchgeführt. Gegenwärtig
Josten auf: beraten die Verwaltungen von Bundesbahn und
Bundespost über die näheren Modalitäten. Ich kann
Wird die Bundesregierung bei Durchführung dieses Planes Ihre Frage somit bejahen.
dafür eintreten, daß auch in der Bundesrepublik Deutschland
dieses Vorhaben verwirklicht wird?
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage.
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Ich rufe die Frage 93 des Abgeordneten Ott auf:
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
In welcher Weise ist die Bundesregierung ihrer Erklärung in
Fernmeldewesen: Herr Kollege, nach Auskunft der der 27. Sitzung vom 9. März 1966 nachgekommen, wonach sie
Deutschen Bundesbahn wurde die genannte Tarif- prüfen lassen will, ob hei Kraftwagen einheitliche Abschlepp-
vorrichtungen erstellt werden können, damit das Abschleppen
maßnahme am 1. November 1969 eingeführt, und von Personenkraftwagen ohne Zeitverlust durch genormte Vor-
richtungen erfolgen kann?
zwar im Bereich der Staatsbahnen in Belgien, Frank-
reich, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Portu- Ist der Abgeordnete im Saal? — Zur Beantwortung
gal, der Schweiz und Spanien. Voraussetzung für die der Herr Parlamentarische Staatssekretär.
Ausgabe der ermäßigten Fahrausweise ist, daß die
Reise durch mindestens zwei der genannten Länder
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
führt.
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Die Deutsche Bundesbahn, die ihre Tarife selbst Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Bemühungen,
aufstellt, beabsichtigt nicht, die genannte Tarifmaß- die Fahrzeughersteller zum freiwilligen Anbau von
nahme einzuführen. Eine derartige Ermäßigung Abschleppvorrichtungen vorn an den Fahrzeugen zu
würde nach ihrer Ansicht in der Bundesrepublik bewegen, hatten unterschiedlichen Erfolg. Einige
keinen Anklang finden, weil dort für solche Reisen Fahrzeughersteller rüsten alle, andere nur die größe-
bereits andere und zum Teil weitergehende Ermäßi- ren Fahrzeuge entsprechend aus. Bei anderen Fahr-
gungen eingeführt sind. zeugen beschränken sich die Hersteller auf die Be-
zeichnung der Teile, an denen Abschleppseile ange-
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage, Herr bracht werden können, oder sie geben Hinweise
Abgeordneter Josten. auf im Handel erhältliche nachträglich anzubrin-
gende Einrichtungen.
Josten (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wären Erneute Beratungen in dieser Frage finden am
Sie denn bereit, die Frage billigerer Bahnfahrten für 9. Dezember dieses Jahres statt. Unabhängig davon
junge Leute mit dem Verteidigungsminister zu be- ist bereits vorgesehen, in § 43 Abs. 2 der Straßen-
sprechen, damit sich die Bundesregierung dafür ein- verkehrszulassungs-Ordnung vorzuschreiben, daß
setzt, zuerst den Wehrpflichtigen spürbare Fahr- „mehrspurige Kraftfahrzeuge mit mehr als einer
preisermäßigungen bzw. mehr Freifahrten zukom- Achse vorn eine ausreichend bemessene und leicht
men zu lassen? zugängliche Vorrichtung zum Befestigen einer Ab-
schleppstange oder eines Abschleppseils haben
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim müssen".
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Die erwünschte Einheitlichkeit bzw. Normung der
Fernmeldewesen: Herr Kollege, Sie werden mir Abschleppvorrichtungen wird sich angesichts der
zugeben, daß dieses Problem über die von Ihnen äußerst unterschiedlichen Fahrzeugkonstruktionen
ursprünglich gestellten Fragen hinausführt. Ich darf vermutlich nicht erreichen lassen. Es wird aber aus-
aber darauf hinweisen, daß der Katalog der Fahr- drücklich die leichte Zugänglichkeit gefordert.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 589
Präsident von Hassel: Ich darf zunächst ein- des Bundes in den nächsten Jahren erhöht werden
mal um etwas mehr Ruhe bitten. — Zu einer Zu- können.
satzfrage der Herr Abgeordnete Ott.
Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage des
Ott (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, teilen Sie Herrn Abgeordneten Seefeld.
meine Meinung, daß es im Interesse eines flüssigen
Verkehrs notwendig ist, aus irgendwelchen Gründen Seefeld (SPD) : Herr Staatssekretär, würden Sie
stehende Fahrzeuge schleunigst abschleppen zu kön- es für sinnvoll und der Sache wegen für zweck-
nen, und daß deshalb von Ihnen darauf gesehen mäßig halten, wenn die Zuständigkeit in den Fragen
werden muß, daß die Abschleppvorrichtungen so- des Unfallrettungswesens auf den Bund überginge?
wohl an der Stirnseite als auch an der hinteren Seite
des Fahrzeuges bestimmt werden?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich muß Sie darauf
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und hinweisen, daß hiermit ein Verfassungsrechtspro-
Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich teile Ihre Mei- blem angeschnitten wird, das sich der Interpretation
nung. Ich habe gerade darauf hingewiesen, daß des Bundesministers für Verkehr entzieht.
trotz der sehr unterschiedlichen Entwicklungen im
Fahrzeugbau dieses Bedürfnis der Sicherheit durch Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 95
die entsprechenden Regelungen, die ich hier zitiert des Abgeordneten Schwabe auf:
habe, in den nächsten Jahren befriedigt werden muß.
Sieht der Bundesminister für Verkehr eine Möglichkeit, auf
die Bundesländer hinzuwirken, um ein Übereinkommen wegen
der Feiertagsregelung über die Grenzen der Bundesländer hin-
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 94 weg zu erzielen?
des Abgeordneten Seefeld auf:
Sieht die Bundesregierung eine Möglichkeit, die im Einzelplan Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische
12 bei Kapitel 12 12, Titel 532 07 ,.Fürsorgemaßnahmen (Erste
Hilfe fur Unfallverletzte im Straßenverkehr)" genannten Mittel zu
Staatssekretär.
erhöhen, da der bisher veranschlagte Betrag von 300 000 DM
im Hinblick auf die dringend erforderliche Einleitung weiterer
progressiver Maßnahmen auf dem Gebiet der Unfallrettung als Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
zu niedrig erscheint?
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Frage einer
Ist der Abgeordnete im Saal? — Er ist anwesend. einheitlichen Feiertagsregelung wurde im Zuge der
Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische Staats- Beratung über den Entwurf einer neuen Straßen-
sekretär. verkehrs-Ordnung mit den zuständigen Landesbe-
hörden geprüft. Die Schwierigkeit, zu Ergebnissen
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim zu kommen, liegt darin, daß die Festsetzung von
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Feiertagen eine Sache des Landesrechtes ist, wäh-
Fernmeldewesen: Herr Kollege, zunächst muß ich rend die Zuständigkeit für die Straßenverkehrs-
darauf hinweisen, daß für das Unfallrettungswesen Ordnung beim Bund liegt. Hier einen gemeinsamen
nach dem Grundgesetz die Bundesländer zuständig Nenner herbeizuführen, ist außerordentlich schwie-
sind. Trotzdem standen dem Bundesminister für Ver- rig. Ich kann Ihnen heute nur sagen: Der Bundes-
kehr bisher im Hinblick auf seine Verantwortung minister für Verkehr wird auch in Zukunft, so wie er
für die Verkehrssicherheit auf der Straße für diese das in der Vergangenheit bereits in Referentenbe-
Zwecke jährlich 300 000 DM zur Verfügung mit der sprechungen und in Ausschöpfung auch anderer
Maßgabe, in Ergänzung zu den Maßnahmen der Möglichkeiten getan hat, bestrebt sein, eine mög-
Bundesländer Modellversuche und bestimmte Ent- lichst einheitliche Regelung durchzuführen. Dem
wicklungen mit dem Ziel einer besseren Erstversor- Anliegen, das Ihrer Frage zugrunde liegt, stimme ich
gung der Unfallverletzten im Straßenverkehr einzu- voll zu.
leiten. Eine Reihe von progressiven Maßnahmen
sind so durchgeführt worden. Präsident von Hassel: Eine Zusatzfrage der
Im Hinblick darauf, daß das Unfallrettungssystem Abgeordnete Schwabe.
der Bundesrepublik Deutschland in verstärktem
Maße verbessert werden muß, wird der Bundes- Schwabe (SPD) : In der Annahme, daß die Rege-
minister für Verkehr die Bundesländer bitten, ihre lung, die Sie anstreben, eine gewisse Zeit benötigt,
Aktivität auf dem Gebiet des Unfallrettungswesens frage ich, ob nicht vielleicht eine dahin gehende
zu verstärken. Übergangslösung erfolgen kann, daß nicht, wie es
vorgekommen ist, protestantische Lastwagenfahrer,
Trotz der generellen Zuständigkeit und Verant- die überraschend ihre Fahrstrecke ändern müssen
wortung der Bundesländer stehen dem Bundesmini- und in katholische Feiertagsbereiche hineingeraten,
ster für Verkehr nach den jetzigen Planungen auch dort zum Stehenbleiben gezwungen werden.
in den nächsten Jahren für weitere Initiativen auf
diesem Gebiet Mittel in der bisherigen Höhe zur
Verfügung. Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Der Bundesminister für Verkehr ist selbstver- Fernmeldewesen: Herr Kollege, ich gehe davon aus,
ständlich gern bereit, zu prüfen, ob auch die Mittel daß diejenigen Unternehmer, die sich am gewerb-
590 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Parlamentarischer Staatssekretär Börner
lichen Straßenverkehr beteiligen, über die Beson- Nach § 6 Abs. 2 des Gesetzes über das Bundes-
derheit der angeschnittenen Regelungen informiert verfassungsgericht und nach § 5 Abs. 1 des Richter-
sind bzw. ihren Mitarbeitern die entsprechenden wahlgesetzes beruft der Bundestag die Wahlmänner
Unterlagen geben, damit sich solche Vorfälle ver- und die Mitglieder kraft Wahl des Richterwahlaus-
meiden lassen. schusses nach den Regeln der Verhältniswahl. In
den Drucksachen VI/110 und VI/111 liegen Ihnen je
Präsident von Hassel: Eine zweite Zusatz- zwei Vorschläge vor, und zwar je ein Vorschlag der
frage, Herr Abgeordnete Schwabe. Fraktion der CDU/CSU und je ein gemeinsamer
Vorschlag der Fraktionen der SPD und der FDP.
Schwabe (SPD) : Wollen Sie bitte, Herr Staats- Ich bitte Sie, auf beiden Drucksachen, die als Wahl-
sekretär, zur Kenntnis nehmen, daß bereits die zettel gelten, den Vorschlag Ihrer Wahl anzukreu-
manchmal überraschenden und zwangsläufigen Ände- zen, und zwar nicht einzeln, sondern in den hinter
rungen der Fahrstrecke infolge Umleitungen dazu den Vorschlägen eingetragenen großen Kreisen mit
führen können, daß man in ein anderes Feiertags- einem Kreuz.
gebiet hineinkommt, und sollte hier nicht eine Groß- Meine Damen und Herren, es gibt weder die
zügigkeit erbeten werden? Möglichkeit des Kumulierens noch die Möglichkeit
des Panaschierens. Sie können nur einen Wahlvor-
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim schlag ankreuzen; andernfalls wäre der Stimmzettel
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und ungütlig.
Fernmeldewesen: Herr Kollege Schwabe, ich habe
darauf hingewiesen, daß uns die gegenwärtige Rege- Die Wahlen werden mit verdeckten Stimmzetteln
lung nicht befriedigt. Ich muß aber davon ausgehen, vorgenommen. Nach einem Vorschlag des Ältesten-
daß, solange sie besteht, alle am gewerblichen Stra- rates soll abweichend von § 54 a unserer Geschäfts-
ßengüterverkehr Beteiligten sich danach richten. ordnung ohne Benutzung von Wahlzellen gewählt
werden. Ich nehme an, daß das Haus damit einver-
standen ist. — Ich sehe keinen Widerspruch. Es ist
Präsident von Hassel: Ich rufe die Frage 96 also beschlossen wie vorgeschlagen.
des Abgeordneten Erhard (Bad Schwalbach) auf:
Ich schlage nun weiter vor, daß wir beide Wahlen
Gedenkt die Bundesregierung, den öffentlichen Personennah- in einem einzigen Wahlgang miteinander verbinden,
verkehr stärker als seither zu fördern, insbesondere den Vor-
schlag der Länderverkehrsminister aufzunehmen, wonach der und zwar so durchführen, daß abweichend von dem
öffentliche Linienverkehr mit Kraftfahrzeugen von der Mineralöl- üblichen Verfahren der Namensaufruf unterbleibt,
steuer befreit werden soll, und den sogenannten Globalausgleich,
wie er vom Verband Öffentlicher Verkehrsbetriebe (VON!) vor- daß dafür sämtliche Mitglieder den Saal verlassen
geschlagen wird, zu verwirklichen?
und durch die Mitteltür eintreten. An der Mitteltür
Zur Beantwortung der Herr Parlamentarische befinden sich die beiden Urnen. Die Mitglieder des
Staatssekretär. Hauses werden gebeten, in die Urne rechts den
Wahlzettel der Drucksache VI/110 und in die Urne
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim links den Wahlzettel der Drucksache VI/111 zu wer-
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und fen; der letztgenannte hat eine gelbliche Tönung.
Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Bundesregierung Ich muß Sie bitten, wenn Sie den Saal durch die
wird sich bemühen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Mitteltür wieder betreten haben, bis zum Ende der
den öffentlichen Personennahverkehr in Zukunft Abstimmung im Saal zu bleiben. Während des Wahl-
noch stärker zu fördern. Der Vorschlag, den Linien- ganges müssen sämtliche anderen Türen geschlossen
verkehr mit Kraftfahrzeugen von der Mineralöl- bleiben.
steuer zu befreien, wird zur Zeit von der Bundes-
regierung geprüft. Der Verband Öffentlicher Ver- Darf ich zunächst die Frage stellen, ob alle Mit-
kehrsbetriebe will seine Vorstellungen zum soge- glieder des Hauses die beiden Drucksachen haben?
Die Drucksache VI/110 ist ein weißes Papier, die
nannten Globalausgleich in Kürze dem Bundesmini-
ster für Verkehr und für das Post- und Fernmelde- Drucksache VI/111 ist ein gelblich getöntes Papier.
wesen mündlich vortragen. Darf ich die Frage wiederholen, ob jemand im Hause
ist, der nicht beide Stimmzettel hat?
Präsident von Hassel: Keine Zusatzfrage. (Anhaltende Unruhe.)
Meine Damen und Herren, wir sind damit am Ende — Ich stelle fest, daß alle Anwesenden beide Stimm-
der Beantwortung der Fragen aus dem Bereich des zettel haben, und wiederhole noch einmal: Sie haben
Bundesministers für Verkehr und für das Post- und auf beiden Stimmzetteln jeweils nur ein Kreuz ein-
Fernmeldewesen. Ich darf Ihnen, Herr Parlamen- zutragen und alsdann, von draußen kommend, den
tarischer Staatssekretär, für die Beantwortung dan- weißen Stimmzettel in die rechte Urne, den gelben
ken. Die Fragestunde ist beendet. Stimmzettel in die linke Urne einzuwerfen.
Ich rufe die Punkte 2 und 3 der Tagesordnung Ich darf nunmehr die Mitglieder des Hauses bit-
auf: ten, den Saal zu verlassen, und die eingeteilten
Wahl der Mitglieder kraft Wahl des Richter- Schriftführer bitten, ihren Platz an der Tür einzuneh-
wahlausschusses men.
— Drucksache VI/110 — Meine Damen und Herren, die Auszählung wird
Wahl der Wahlmänner etwas länger dauern. Die Fraktionen sind damit ein-
— Drucksache VI/111 — verstanden, daß die Auszählung an der Seite vor-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 591
Präsident von Hassel
genommen und daß das Abstimmungsergebnis erst Wir alle wissen aber auch, wie sehr in den letzten
nach der Abgabe der Regierungserklärung bekannt- Jahren die europäische Entwicklung gehemmt
gegeben wird. Wir fahren also unverzüglich in den wurde, und zwar nicht zuletzt durch die ungelöste
Beratungen fort. Frage des Beitritts anderer Staaten, insbesondere
Wenn keine Bedenken erhoben werden, rufe ich Großbritanniens, die bereit waren und bereit sind,
Punkt 4 der Tagesordnung auf: die in den Römischen Verträgen niedergelegten
Grundsätze sowie das nachfolgende europäische
Recht zu akzeptieren und die volle Mitgliedschaft
Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung zu erwerben.
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. Die Bundesrepublik konnte — und daran haben
Regierungswechsel nichts oder fast nichts geän-
dert — frühere, sehr dezidierte Vorbehalte der fran-
Brandt, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine zösischen Regierung gegen eine Erweiterung der
Damen und Herren! In der Eröffnungssitzung der Gemeinschaft niemals billigen. Diese Zeit und die-
Gipfelkonferenz in Den Haag habe ich vorgestern — ser Streit sind vorbei. Frankreich hat der baldigen
unter deutlichem Hinweis auf die öffentliche Mei- Eröffnung von Verhandlungen zwischen der Gemein-
nung bei uns zulande und in diesem Hohen Hause — schaft und den beitrittswilligen Staaten zugestimmt
gesagt, daß wir Europäer zu wählen hätten zwischen und wünscht — wie wir — einen Erfolg dieser Ver-
einem mutigen Schritt nach vorn und einer gefähr- handlungen. Wer den französischen Staatspräsiden-
lichen Krise. Die Wahl ist getroffen worden. ten auf der Konferenz gehört hat, wird aus Über-
Ich kann mit Genugtuung feststellen, daß die im zeugung sagen müssen: Wir haben Vertrauen in das
Haag versammelten Staats- und Regierungschefs der gegebene Wort.
Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft sich Diese Beitrittsverhandlungen werden spätestens
für die europäische Zukunft entschieden haben. Es Mitte kommenden Jahres beginnen, und sie werden
ist uns — bei allen Schwierigkeiten, über die man von der Gemeinschaft in dem Geist geführt werden
sich im klaren sein muß — gelungen, den lähmenden müssen, den ein erfolgreicher Abschluß voraussetzt
Stillstand der europäischen Entwicklung zu überwin- und der ihn dann auch gewährleisten kann.
den und den Weg frei zu machen für den Ausbau und
für die Erweiterung der Gemeinschaft. Damit hat Wir haben auch festgelegt, daß — unmittelbar
Europa eine neue Chance; ich sage sogar: damit hat nach Beginn der Verhandlungen mit den beitritts-
Europa eine neue große Chance. willigen Staaten — mit den anderen EFTA-Ländern,
die dies wünschen, Gespräche über die Herstellung
(Beifall bei den Regierungsparteien und eines besonderen Verhältnisses zur EWG geführt
Abgeordneten der CDU/CSU.) werden.
Mein Dank hier vor dem Hohen Hause gilt nicht Mindestens so wichtig, meine Damen und Herren,
zuletzt dem niederländischen Ministerpräsidenten ist dies: Die Staats- und Regierungschefs haben die
de Jong, der als Präsident diese Konferenz mit Um- Außenminister beauftragt, die Frage der politischen
sich und Energie leitete. Er gilt zuallererst dem fran- Einigung in Europa erneut zu prüfen, und zwar be-
zösischen Staatspräsidenten, Georges Pompidou. reits in der Perspektive der Erweiterung. Hierüber
soll bis Mitte nächsten Jahres berichtet werden.
(Beifall bei allen Fraktionen.)
Ich halte dies für einen Kernpunkt des Ergebnis-
Ohne ihn und seine mutige Haltung wären wir ses der Gipfelkonferenz, weil er zweierlei deutlich
gescheitert. Verlauf und Ergebnis der Konferenz macht: Die qualifizierte politische Zusammenarbeit
waren dabei ein großartiger Beweis der deutsch- soll eines Tages dazu führen, daß Westeuropa mit
französischen Freundschaft. Der französische Staats- einer Stimme in weltpolitischen Zusammenhän-
präsident und der deutsche Bundeskanzler waren gen auftreten kann, und sie soll schon bald berei-
sich einig, daß unser Europa sich bereit machen muß, chert werden durch die in Aussicht genommene Teil-
die Herausforderung der 70er Jahre anzunehmen. nahme weiterer Länder an diesem Prozeß des poli-
Aber natürlich: ohne die Solidarität Italiens, der tischen Zusammenrückens.
Niederlande, Belgiens und Luxemburgs wäre uns Mit Recht hat die europäische, hat gerade die
der Erfolg gleichermaßen versagt geblieben. deutsche Öffentlichkeit mit wachem Interesse — hier
Präsident Pompidou hatte im Sommer dieses Jah- und da auch mit Bangen — auf die Entscheidung ge-
res die Initiative zu der Konferenz ergriffen. Sie wartet, die im Haag in der Frage der Beitritte ge-
fand zum richtigen Zeitpunkt statt, nämlich wenige fällt werden würde. Mit Recht, so kann ich wohl
Wochen vor jenem Datum, an dem die Europäische sagen, hat die Bundesregierung, haben der Außen-
Wirtschaftsgemeinschaft in die Endphase ihrer in minister und ich die Lösung dieser Frage in den Mit-
den Verträgen von Rom konzipierten Entwicklung telpunkt unserer Bemühungen gestellt, weil es eine
eintreten wird. Wir alle wissen, wie wichtige Zwi- Schlüsselfrage für die Behandlung auch der anderen
schenergebnisse in der europäischen Integration Themen war. Ohne ein Ergebnis auf diesem Gebiet
inzwischen erreicht worden sind, und ich möchte es hätte die europäische Stagnation nicht beseitigt wer-
nicht versäumen, in diesem Zusammenhang hier den den können, wäre die Konferenz — mit anderen
Namen eines Mitgliedes dieses Hohen Hauses zu Worten — zum Scheitern verurteilt gewesen.
nennen: Professor Walter Hallstein.
Es lag unserer Meinung nach in der Natur der
(Beifall bei allen Fraktionen.) Sache, daß zwischen der Beitrittsfrage und den Fra-
592 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Bundeskanzler Brandt
gen der Vollendung und der Vertiefung der Gemein- Ich habe im übrigen bei der Diskussion über diese
schaft eine innere Verbindung besteht und deutlich Fragen darauf hingewiesen, daß die Bundesregie-
gemacht werden mußte. Diese Auffassung hat sich rung den Gesichtspunkt der Stabilität unbeirrt im
durchgesetzt. Aber es handelte sich hier nicht um Auge behalten wird. Dies war wichtig, da von dem
Konzessionen, die wie bei einem Geschäftsabschluß einen oder anderen Partner von der französischen
die Vertreter des einen Standpunktes an die des Abwertung und der deutschen Aufwertung gewis-
anderen machen mußten. Auch wir, die wir uns im sermaßen als von Zwischenfällen gesprochen wor-
Interesse Europas so stark für die Erweiterung der den war, was ja nur richtig gewesen wäre, wenn
Gemeinschaft eingesetzt haben, sind nicht weniger wir es schon mit einer wirklichen konvergenten
als Frankreich und andere an der Vollendung und Politik im wirtschaftlichen und Währungsbereich zu
Vertiefung der Gemeinschaft interessiert. Ich kann tun gehabt hätten. Ich habe auch keinen Zweifel
auch hier mit Befriedigung feststellen, daß uns im daran gelassen, daß insbesondere unsere Rentner
Haag Fortschritte miteinander gelungen sind, die und unsere Sparer das Übernehmen einer inflatio-
nicht nur die unmittelbare Zukunft, sondern auch nistischen Politik anderer als eine Enteignung an-
die weitere Zukunft bestimmen werden. sehen würden
Was die nächsten Wochen angeht, meine Damen (lebhafter Beifall bei allen Fraktionen)
und Herren, so haben wir uns miteinander verpflich- und daß wir eine solche Entwicklung nicht akzep-
tet, die endgültige Finanzregelung der gemeinsamen tiert haben und im Rahmen unserer Möglichkeiten
Agrarpolitik bis zum Ende des Jahres festzulegen, entschieden abwenden werden.
wobei nicht auszuschließen ist, daß man die Uhr ein
wenig wird anhalten können oder vielleicht auch Es ist uns übrigens bei der Konferenz gelungen,
wird anhalten müssen. Wir werden die Verpflich- eine grundsätzliche Einigung über die Rettung von
tung nach dem Vertrag — und darum geht es: um Euratom zu erzielen. Dies gelang, weil alle Beteilig-
eine Verpflichtung nach dem Vertrag — erfüllen, ten die Bedeutung der Technologie und der Zu-
aber wir werden dabei natürlich nicht allein die kunftsindustrien für die Gemeinschaft und ihre Mit-
allgemeinen Interessen der Gemeinschaft, sondern gliedsländer verstehen. Das heißt, der Passus zu
auch die einer gesunden Erzeugungspolitik, einer dieser Frage im Kommuniqué will so verstanden
Beherrschung der Überschußprobleme, einer ver- werden, daß die Forschungsstelle von Euratom be-
nünftigen Finanzwirtschaft und vor allem die Inter- wahrt werden soll und daß man sich im übrigen
essen unserer Bauern im Auge haben. flexibler auf diesem Gebiet und über das Gebiet
der Kernenergie hinaus um Gemeinsamkeit im Be-
Ich habe auf der Konferenz im übrigen ganz deut- reich der Technologie und ihrer Anwendung für die
lich gemacht, daß zu unserem eigenen Programm moderne Wirtschaft bemühen will.
hier in der Bundesrepublik eine moderne, wettbe-
werbsfähige deutsche Landwirtschaft gehört und Auch in diesem Zusammenhang habe ich — ich
daß die Strukturpolitik im Agrarbereich in der Hand hoffe, ich kann das ohne Übertreibung sagen; davor
der Bundesregierung verbleiben muß. Die Reform muß man sich natürlich hüten, und ich hüte mich sehr
der Agrarpolitik steht, im Unterschied zur Agrar- davor — den Eindruck gewonnen, daß nach vielen
finanzierung, auf der Tagesordnung der Gemein- Rückschlägen und Enttäuschungen ein europäisches
schaft. Die Notwendigkeit zur Ratifizierung der Bewußtsein im Wachsen ist, das auf die Zukunft
Finanzregelungen durch unsere gesetzgebenden gerichtet ist und sich nicht, wie so oft, in der Rege-
Körperschaften ist unbestritten. Es ist auch aner- lung prozeduraler Fragen erschöpft. Insofern können
kannt worden, daß die Agrarpolitik im Zusammen- wir heute vor die junge Generation in unseren Län-
hang mit der Erweiterung der Gemeinschaft bis zu dern treten und sagen: Natürlich hätte man sich
einem gewissen Grade anpassungsfähig bleiben noch mehr vorstellen können, aber das, was jetzt
muß. zu machen war, ist geschehen; über das, worüber
jetzt entschieden werden konnte, ist entschieden
Was die weiteren Perspektiven europäischer Zu- worden. Die Schwierigkeiten, die noch vor uns lie-
sammenarbeit betrifft, so wurde im Haag der Wille gen, dürfen nicht übersehen werden, aber die euro-
deutlich, die Europäische Gemeinschaft zur Wirt- päische Idee hat neue Impulse bekommen; und das
schaftsunion fortzuentwickeln. Das kann nicht ohne ist gut.
eine konvergente Wirtschaftspolitik gelingen. Das
Ziel ist die Ausformung einer Wirtschaftsunion. Der Der Vorschlag übrigens, in Anlehnung an meine
Grundsatz der Solidarität muß eines Tages, vom Regierungserklärung ein Europäisches Jugendwerk
Kleineren zum Größeren sich entwickelnd, voll zu schaffen, hat nach den Erörterungen im Haag jetzt
wirksam werden. Es ist selbstverständlich, daß auch eine Chance der Verwirklichung.
währungs- und wirtschaftspolitische Solidarität nur
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei
entstehen kann, wenn es tatsächlich zu einer gemein-
Abgeordneten der CDU/CSU.)
samen weltoffenen Politik des Wachstums und der
Stabilität kommt. Wir haben beschlossen, daß der Die Institutionen der Gemeinschaft sind das poli-
Rat in enger Zusammenarbeit mit der Kommission tische Gerüst für den europäischen Bau. Es war von
im Laufe des Jahres 1970 einen Stufenplan für die Bedeutung, daß der Präsident der Kommission ge-
Errichtung der Wirtschafts- und Währungsunion aus- stern an unseren Beratungen teilgenommen hat. Die
arbeiten soll. Und in diesem Zusammenhang soll Kommission und der Rat in Brüssel werden sowohl
dann auch die Möglichkeit der Errichtung eines bei der Erweiterung der Gemeinschaft als auch bei
Europäischen Reservefonds geprüft werden. ihrem inneren Ausbau wichtige Dienste zu leisten
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 593
Bundeskanzler Brandt
I haben. Deshalb müssen sie Möglichkeiten erhalten, Präsident von Hassel: Ich danke dem Herrn
effektiver zu arbeiten. - Bundeskanzler für die Abgabe der Regierungs-
Die Finanzregelungen werden die unabhängige erklärung.
Haushaltsführung der Gemeinschaft fördern, und Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Ab-
daraus ergibt sich zwangsläufig — das ist festgehal- geordnete Dr. Barzel.
ten worden — eine Verstärkung der Befugnisse des
Europäischen Parlaments. Diese Erweiterung der
parlamentarischen Kompetenzen und der parlamen- Dr. Barzel (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
tarischen Kontrolle ist erfreulicherweise jetzt auch Damen und Herren! Die Bundestagsfraktion der
nicht mehr umstritten. CDU/CSU begrüßt, daß der Herr Bundeskanzler zum
frühestmöglichen Zeitpunkt den Deutschen Bundes-
(Beifall.)
tag über die Ergebnisse der Gipfelkonferenz unter-
Meine Damen und Herren, ich möchte es heute richtet hat. Wir begrüßen, daß dies so sachlich ge-
mit dieser ersten Erläuterung der Beschlüsse der schah, und teilen die Meinung, mit der der Herr
Haager Konferenz bewenden lassen. Die Bundes- Bundeskanzler heute nacht das Urteil über diese
regierung geht davon aus, daß insbesondere der Konferenz zusammengefaßt hat: es sei „ein Ergebnis
Auswärtige Ausschuß auf eine detaillierte Bericht- an der unteren Grenze des von uns Wünschbaren"
erstattung Wert legen wird. Die Bundesregierung gewesen. Diese sachliche Festellung nimmt nichts
steht dafür selbstverständlich sofort, wann immer von dem Ereignis dieser Tage.
das Haus dies wünscht, zur Verfügung.
Wir erkennen an, daß die Bundesregierung ent-
Lassen Sie mich zusammenfassen. Es gelang, eine sprechend der gemeinsamen Verabredung, in den
Krise der Gemeinschaft abzuwenden. Es hat sich be- großen Fragen zu kooperieren, vor dieser Konferenz
stätigt, daß Europa eben doch kein technischer Be- ein Gespräch mit uns hatte, das zu einer weit-
griff ist, sondern daß es eine politische Aufgabe ist, gehenden Übereinstimmung in den politischen Fra-
der sich die Regierungen stellen. Es hat sich gezeigt, gen geführt hat. Wir erinnern daran, ,daß wir in der
daß in einem Augenblick, in dem um ein neues Ver- Debatte über die erste Erklärung dieser Bundes-
hältnis zwischen den Weltmächten, den großen regierung gesagt haben, wir könnten uns vorstellen,
Atomriesen, gerungen wird, und in dem vieles in auch einmal zu sagen: die Bundesregierung hat
der Welt in Bewegung ist, die Europäer zu neuen recht, wenn es sich nach unserer Meinung so ver-
Anstrengungen fähig sind. hält.
Ich bin selbstverständlich immer davon ausgegan- Wir wollen heute darauf zurückkommen und hier
gen, daß die neuen Bemühungen in Europa und bei festhalten, daß wir uns über das europäische Enga-
uns selbst um — wenn es geht — bessere Beziehun- gement des Herrn Bundeskanzlers, das auf dieser
gen zwischen Ost- und Westeuropa eingebettet sein Konferenz sichtbar wurde, gefreut haben
müssen in eine Festigung des Zusammenhalts der
westeuropäischen Staaten. (Beifall auf allen Seiten)
(Beifall.) und daß wir seiner Grundsatzerklärung, soweit wir
sie dem Bulletin haben entnehmen können — wir
Die Bundesregierung ist sich über den Standort nehmen an, daß das so ganz gilt und gesagt ist —,
unserer Bundesrepublik im Kreis der Verbündeten überwiegend zu folgen vermögen. Unser Vorbehalt
und Partner nicht im unklaren, und diese sind sich betrifft vor allem die Ziffer VII dieser Darlegungen.
darüber auch nicht im unklaren. Wir werden alles
daransetzen, daß der im Haag erkennbar gewordene Ich denke, daß man auf die konkreten Fragen
Neubeginn nicht steckenbleibt. Dafür bitte ich um der Agrarpolitik und auf viele andere Einzelhei-
die Aufgeschlossenheit und die Mitarbeit des ganzen ten später nicht nur im Auswärtigen Ausschuß,
Hauses. Auch die Beratungen, die heute und morgen sondern, wenn Anlaß dazu ist, auch hier im Hause
in Brüssel im Rahmen des atlantischen Bündnisses wird zurückkommen können. Wir werden Sie gern
stattfinden, verdienen, wenn auch nur in indirektem beim Wort nehmen, Herr Bundeskanzler, und dafür
Zusammenhang hiermit, unsere volle Aufmerksam- sorgen, daß die Möglichkeiten, die diese Konferenz
keit. eröffnet hat, auch mit dem nötigen Nachdruck aus
dem Parlament versehen werden.
Ich erinnere mich, meine Damen und Herren, an
viele der mühsamen, zähflüssigen Konferenzen, die Ich möchte Ihnen danken für das gute Wort, das
ich in den letzten drei Jahren als Außenminister er- Sie für unseren Kollegen Hallstein gefunden haben.
lebt habe oder erleben mußte. Ich weiß also, was Es ist klar, daß wirdesuntüz.
ich sage, wenn ich sage: nach den letzten beiden (Beifall.)
Tagen hat Europa doch die Chance, eine neue
Ich möchte Ihnen danken, daß Sie sich bereit gefun
Perspektive zu finden. Dabei dürfen wir uns — ich
sage dies noch einmal — keiner Täuschung hin- den haben, in dem Kommuniqué einem Satz zuzu
geben. der Weg ist noch weit, er bleibt auch steinig, stimmen wie diesem — ich zitiere aus der Ziffer 3 —:
und von uns werden nicht immer leichte Entschei- daß wohl nie zuvor unabhängige Staaten
dungen erwartet werden. Aber jene Barrieren, die eine weitergehende Zusammenarbeit verwirk-
den Weg bis gestern blockierten, haben wir im licht haben, und waren einheitlich der Auffas-
Haag endlich mit unseren Partnern beiseite räumen sung, die Gemeinschaft sei gerade wegen der er-
können. zielten Fortschritte heute an einem Wendepunkt
(Beifall auf allen Seiten des Hauses.) ihrer Geschichte angelangt.
594 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Dr. Barzel
Wer einem solchen Satz als deutscher Bundeskanzler kennen, was konkret verabredet ist. Deshalb muß
zustimmt, macht damit deutlich — das ist für - dieses über Einzelheiten auch später gesprochen werden.
Haus wichtig —, daß der Streit über Europapolitik
im Wesentlichen, soweit er einmal ein parteipoliti- Einig ist man sich offenbar das wollen wir
scher Streit war, vorbei ist; der macht damit deutlich, festhalten —, zwei Termine festzulegen — das sind
daß er auch das Werk der Vorgänger anerkennt, nicht alle, die wir gewünscht hatten —, nämlich den
nämlich Adenauers, Erhards und Kiesingers. 31. Dezember 1969 für das Ende der Übergangszeit
und denselben Termin für die endgültige Agrar-
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord finanzierung.
neten der SPD.)
Die Andeutungen, daß eigene Einnahmen der Ge-
Wir sind froh auch über die Sätze, die Sie eben meinschaft weiter geschaffen werden und die „Haus-
gefunden haben, Herr Bundeskanzler, und die völlig haltsbefugnisse" des Europäischen Parlaments, wie
klarmachen, daß auch diese Bundesregierung als es in dem Kommuniqué heißt, gestärkt werden sol-
Basis ihrer Politik die Verankerung in der freien len, sind noch zu unbestimmt, als daß darüber ein
Welt, konkret: im Bündnis und im vereinigten Urteil möglich wäre. Das wird noch dadurch unter-
Europa hat. Auch damit ist ein Streit weg, meine strichen, daß zwar „eine Reform der Agrarpolitik
Damen und Herren. mit dem Ziel einer Beschränkung der Haushalts-
Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU hatte am lasten" — so das Zitat — gefordert, aber keine Mit-
25. November 1969, also vor dem erwähnten Ge- teilung über den Inhalt und die Richtung dieser
spräch beim Herrn Bundeskanzler, ihre Auffassung Politik gemacht wird, mindestens nicht im Kom-
zu der bevorstehenden Konferenz veröffentlicht. muniqué.
Wir wollen das heute in Erinnerung rufen, weil es Die Ziffer 7 dieses Kommuniqués wird uns allen
wichtig ist, zu messen, was unsere Wünsche, unsere mit Sicherheit noch Kopfschmerzen bereiten. Sie
Erwartungen und unsere Hoffnungen waren und was heißt — ich möchte sie zitieren; es ist ein einziger
nun eingetreten ist. Satz —:
Wir hatten von der Überprüfung des Agrarmark- Die Annahme einer Finanzregelung
tes gesprochen. Wir hatten gehofft und gewünscht,
es werde zu festen Terminen kommen für das Ende gemeint ist die Agrarpolitik —
der Übergangszeit, für die Herbeiführung der Wirt- für die Endphase schließt ihre einstimmig vor-
schafts- und der Währungsunion, für den Beginn der zunehmende Anpassung, insbesondere an eine
Beitrittsverhandlungen mit Großbritannien, Däne- erweiterte Gemeinschaft, nicht aus, wobei je-
,) mark, Irland und Norwegen. Es werde eine feste doch die Grundsätze dieser Regelung nicht ver-
Verabredung geben für weitere Treffen der Regie- fälscht werden dürfen.
rungschefs als Beginn der politischen Zusammen-
arbeit. Wir hatten gehofft, es werde eine politische Manche Diplomaten werden schon wissen, was
Verständigung und eine Aussage über die Bezie- sie mit dieser Formel anfangen. Und mancher in
hungen der EWG zu den neutralen Staaten gefunden Großbritannien wird sich überlegen, ob das wirk-
werden; es werde zu einer Einigung über die be- lich hilfreich ist. Auf jeden Fall hat die Erklärung
kannten Assoziationsprobleme kommen, man werde des Herrn Bundeskanzlers nicht hier im Hause, aber
sich mit dem Problem befassen, eine Offerte an die in einem Interview mit der Londoner „Times" vom
Länder Ost- und Mitteleuropas zur ökonomischen, 3. November, in dem er sagte — ich zitiere —:
wissenschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit zu Um zu einer langfristigen Landwirtschaftspoli-
richten sowie einen europäischen Währungsreserve- tik zu kommen, muß man wissen, wie groß der
fonds zu bilden und in der Frage der parlamentari- Gemeinsame Markt sein wird
schen Kontrolle weiterzukommen.
im Kommuniqué keinen Niederschlag gefunden.
Der Verlauf der Konferenz von Den Haag und
insbesondere Ihre Einlassung dort, Herr Bundes- Dagegen ist es offenbar gelungen — wenn auch
kanzler, bestätigen — natürlich nur, soweit uns der ohne Verabredung eines konkreten Termins —, eine
Verlauf bekannt ist —, daß die Bundesregierung alle prinzipielle Zustimmung aller zum Beginn der Bei-
diese Ziele gleichfalls angestrebt hat. Das Ergebnis trittsverhandlungen in absehbarer Zeit zu erreichen.
der Konferenz, das sich für uns in dem Kommuniqué Wir unterstützen, wenn Sie sagen: wir haben keinen
und in dem Bericht, den wir soeben gehört haben, Zweifel in das gegebene Wort, und dies Ganze ist
niederschlägt, erfüllt einige dieser Erwartungen. In ein Fortschritt, den wir begrüßen.
anderen Bereichen läßt es zu wünschen übrig und So ist eine Entwicklung eingeleitet, welche — und
bleibt hinter diesen Erwartungen zurück. Ich habe das sagen wir sehr vorsichtig — die Erweiterung der
zu meiner Genugtuung aus der Erklärung des Herrn Gemeinschaft möglich machen könnte, und, wie wir
Bundeskanzlers gesehen, daß er es genauso nüchtern hoffen: möglich machen wird. Wir werden alles dazu
sieht und hier nicht den Eindruck erweckt, als seien tun, daß dieses Ziel erreicht wird. Aber automatisch
dort alle deutschen Punkte durchgekommen. wird das auch nach der Konferenz von Den Haag
Das Kommuniqué ist für denjenigen, der nicht da- nicht eintreten. Aber schon dieses Ergebnis lohnte,
bei war, vage und interpretationsfähig. Sie werden diese Konferenz zu fordern, wie es der Bundeskanz-
gleich an zwei Punkten sehen, daß Ihre Ergänzun- ler Kiesinger auf der letzten Konferenz in Rom ge-
gen, wie wir hoffen, schon einiges deutlicher ge- tan hat, sie dann vorzubereiten und auch abzuhal-
macht haben. Heute ist es sehr schwer, klar zu er- ten.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 595
Dr. Barzel
Hinsichtlich der politischen Zusammenarbeit wur- spräch mit Ländern Ost- und Mitteleuropas zu su-
-
den sicher manche Erwartungen enttäuscht. Entgegen chen.
vielen Erwartungen und auch in der Presse genähr-
Wir bedauern, daß das Kommuniqué den Wert des
ten Hoffnungen selbst aus prominentem Munde — möglichen Beitritts der Länder, die die Anträge ge-
vieler europäischer Politiker wurde hinsichtlich stellt haben, vor allem wirtschaftlich und technolo-
der politischen Zusammenarbeit weder ein Termin gisch begründet. Wir hätten hier lieber gesehen, daß
für ein neues Treffen der Regierungschefs verab- man auch politisch und historisch — so nämlich ist
redet, noch wurde der Fouchet-Plan beschlossen. der Rang der Probleme — argumentiert hätte.
Die Außenminister, so heißt es, sollen nun Vor-
schläge machen. Wir hoffen, Herr Bundeskanzler (Beifall bei der CDU/CSU.)
und Herr Kollege Scheel, daß hierbei den deutschen Wir sind schließlich besorgt, daß ständige Kon-
Außenminister niemand an Energie und niemand an ferenzen von Fachministern, wie sie in dem Kommu-
Bestimmtheit übertrifft, wenn es um diese Vor- niqué vorgeschlagen sind, dazu führen könnten, daß
schläge geht. Wir werden gern bereit sein — sofern die Institutionen der Gemeinschaft ausgehöhlt wer-
dies nützlich ist oder uns notwendig erscheint —, den. Ich nehme an, daß die Bundesregierung diese
auch hier im Hause durch Plenardebatten des Bun- Befürchtung teilt; und wenn sie sie teilt, wird sie
destages die Notwendigkeit verstärkter politischer sicher alles in ihren Kräften Stehende tun, um dem
Zusammenarbeit weiter zu betonen. entgegenzuwirken.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Ich sage noch einmal, daß wir unbefriedigt sind
mit der Formulierung über die parlamentarische
Und nun kommt ein Punkt, Herr Bundeskanzler, Kontrolle. Wir halten es für dringend erforderlich,
über den ich mir nicht klar bin. Das Kommuniqué eine stärkere parlamentarische, nicht nur Kontrolle,
sagt zu unserem Bedauern — und ich wollte dies sondern Mitwirkung gerade dann sicherzustellen,
hier festhalten — nichts aus über Ihren Vorschlag, wenn die Gemeinschaft weitere eigene Einnahmen
ein europäisches Jugendwerk zu schaffen. Sie wis- erhält. Darüber wird ja noch zu sprechen sein, wenn
sen, daß wir den Vorschlag begrüßen. Er ist die hier zu der Agrarfinanzierung und ähnlichem eine
konsequente Fortentwicklung unserer Politik. Sie Zustimmung des Hauses herbeizuführen sein wird.
haben soeben mitgeteilt, es werde wohl doch dazu Auf jeden Fall möchten wir anmelden, daß unsere
kommen. Ich nehme an, daß dieses Wort des Bun- Forderung nach der direkten Wahl des Europäischen
deskanzlers, gesprochen im Deutschen Bundestag, Parlaments für uns aufrechterhalten bleibt.
seinen Hintergrund hat. Ich freue mich über dieses
Wort, hätte es freilich noch lieber im Kommuniqué (Beifall bei der CDU/CSU und bei Abge
gelesen, damit die ganze europäische Öffentlichkeit ordneten der Regierungsparteien.)
gesehen hätte: diese Anregung aus Bonn ist durch- Der Herr Bundeskanzler hat in seiner Erklärung
gedrungen. in Den Haag und auch eben noch einmal gesagt —
Ähnlich verhält es sich, Herr Bundeskanzler, mit ob das so stimmt, wollen wir mal dahingestellt sein
einem anderen Punkt. Sie haben zu Euratom ein lassen —, daß wir zwischen einem „mutigen Schritt
paar Sätze mehr gesagt — und zu meiner Freude, nach vorn und einer gefährlichen Krise zu wählen"
zu unser aller Freude inhaltsreicher gesagt — als hatten. Folgt man diesen Worten, dann kann man,
dieses Kommuniqué, das sich insoweit mit Ab- glaube ich, sagen: die Konferenz von Den Haag hat,
sichtserklärungen begnügt. Wir unterstützen diese so ist unser Eindruck, eine offene Krise vermieden,
Position, Euratom zu stärken, aus den Gründen, die ist uns aber den mutigen Schritt schuldig geblieben.
wir hier oft genug vorgetragen haben, und nehmen (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
auch dieses Wort des Bundeskanzlers gerne zur
Kenntnis, weil es weitergeht und weiterträgt, wie Das Ergebnis ist ein Kompromiß, mit dem sich, wie
wir hoffen, als das Kommuniqué den Anschein er- wir hoffen, leben lassen wird, wenn alle mit gutem
weckt. Willen und mit Zähigkeit zusammenwirken. Es ist
im übrigen ein Kompromiß, der wohl den realen
Zum Problem der Währungs- und der Wirtschafts- Kräften und den realen Tendenzen der heute in
union, der technologischen Zusammenarbeit, der Europa Verantwortlichen und Entscheidenden ent-
Forschung und des Währungsreservefonds enthält spricht. Das darf uns aber nicht hindern, unsere
das Kommuniqué leider nur — wie auch zu Kräfte und Tendenzen in der richtigen Richtung —
Euratom — Absichtserklärungen. Es enthält keine und die Opposition wird dafür sorgen — auch deut-
festen Termine und auch keine konkreten Inhalte. lich zu machen. Denn das, was hier erreicht ist, ist
An dieser Stelle wird deutlich wie an allen Stellen: noch nicht genug. Wir wollen miteinander weitere
Es kommt nun darauf an, was man daraus macht. Fortschritte. Deshalb wird ja wohl die Opposition
Wir glauben, daß bei gutem Willen aller Beteiligten davon sprechen können, auch wenn wir versuchen,
eine praktische Politik daraus werden könnte, aber hier eine gemeinsame Politik zu machen.
nicht automatisch werden muß.
Vielleicht gehört es eben zur Kunst, Europapolitik
Dagegen vermissen wir Hinweise auf die Politik zu treiben, nicht nur immer von Krisen zu reden —
der sechs Länder gegenüber den Neutralen, auf die und sie zu verhindern —, und von technokratischen
Lösung der Assoziationsfragen. Wir sehen gar nichts Dingen, sondern sich einmal zu überlegen, daß es
hinsichtlich des Problems, für die Gebiete der Wis- den Menschen in diesem Europa heute schon sehr
senschaft, der Wirtschaft, des Sozialen auch ein Ge- viel besser als früher geht; deshalb spricht man ja
596 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Dr. Barzel
von den Fortschritten. Vielleicht müssen wir alle unterstreichen, daß es einer festen Westintegration
- — als
lernen, mit latenten Krisen in Europa zu leben bedarf, um nach Osten neue Wege zu suchen.
der Situation, die uns heranführt, uns aneinander zu (Beifall bei den Regierungsparteien.)
gewöhnen, an Kompromisse zu gewöhnen, an die
Notwendigkeit des Zusammenwirkens zu gewöhnen. Wir sind aber auch stolz darauf — ich sage das
Vielleicht ist dies der Zustand einer zusammenwach- mit aller Bescheidenheit —, daß der Bundeskanzler
senden politischen Gemeinschaft. der von uns mitgetragenen Bundesregierung in Den
Haag eine so entscheidende Rolle gespielt hat, um
Ich komme zum Schluß. Die Bundesregierung und diese Konferenz zum Erfolg zu führen.
alle Länder, die Mitglieder der EWG sind oder ihr
beitreten wollen, können jederzeit auf die Unter- (Beifall bei den Regierungsparteien.)
stützung der CDU/CSU rechnen, wenn es darum Diese Rolle war, das wissen wir, nur in Zusammen-
geht, weitere Schritte auf dem Wege zur Vereini- arbeit mit den Regierungschefs der anderen EWG-
gung Europas zu machen. Dies ist für uns keine Länder denkbar. Dennoch wissen wir alle — wir
Parteifrage, sondern dies ist für uns eine Politik, die brauchen nur einen Blick in die inländische und
ohne Alternative ist. Wir erklären: unser Ziel bleibt ausländische Presse zu werfen, um es zu sehen —,
ein Bundesstaat Europa.
wie stark die Person Willy Brandts den Erfolg die-
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU. — Ver ser Konferenz mitbestimmt hat,
einzelter Beifall bei der SPD.) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Es ist uns eine Genugtuung, daß die Konferenz in
Vizekräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der Den Haag sich angeschlossen hat an den Besuch des
Abgeordnete Dr. Apel. Bundespräsidenten, der auf seine Art und in sei-
nem Bereich eine Woche zuvor ebenfalls ein Er-
kleckliches für Europa und für die europäische Aus-
Dr. Apel (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
söhnung geleistet hat.
und Herren! Die Sozialdemokraten sind befriedigt
darüber, daß die Erklärungen von Herrn Dr. Barzel (Beifall bei den Regierungsparteien.)
deutlich gemacht haben, daß die Phase parteipoli-
Das besondere Verdienst des Bundeskanzlers be-
tischer Auseinandersetzung über die Europapolitik
steht nach der Meinung der Sozialdemokraten darin,
der Bundesrepublik zu Ende ist. Wir sind froh dar-
über, daß wir in die Zeit zurückkehren können, die (Abg. Dr. Barzel: Wollen Sie doch Partei
es in der fünften Legislaturperiode — und nur die politik machen?)
habe ich miterlebt —, aber auch davor gegeben hat, daß wir endlich die unglückliche Kette „Vollendung,
in der es selbstverständlich war, daß e s zu dieser Vertiefung, Erweiterung" durchbrochen haben. Das
Politik, die, wie Sie eben sagten, Herr Dr. Barzel, war ja die Vorstellung mancher, daß erst vollendet,
ohne Alternative ist, in diesem Hause eine einheit- dann vertieft und dann erst über Erweiterung ge-
fiche Unterstützung der Bundesregierung geben muß, sprochen werden sollte. Diese Konferenz hat deut-
selbst wenn man in Einzelheiten, in Kleinigkeiten, in lich gemacht, daß Vollendung, Vertiefung und
Nuancen unterschiedlicher Meinung ist. Herr Kol- Erweiterung der EWG um neue Mitglieder gleich-
lege Wehner hat am 27. Januar 1966 in einer Europa- rangige Probleme sind, die parallel nebeneinander
Debatte, , die ebenfalls sehr schwierig war — denn angepackt werden müssen.
sie schloß sich an die Luxemburger Konferenz an —
gesagt, daß wir dazu da sind, inklusive der Opposi- Dabei werden wir denjenigen, die in die Gemein-
tion, der Bundesregierung die nötige Unterstützung schaft eintreten wollen, nichts schenken können,
und Hilfe zu leisten. und insofern, Herr Kollege Dr. Barzel, ist die For-
mulierung in Punkt 7 durchaus den Tatsachen ent-
Ich bin um so befriedigter über die Ausführungen sprechend. Wir werden eine gemeinsame Agrar-
von Herrn Kollegen Barzel, als wir nach den ersten finanzierung suchen. Wir müssen uns vorbehalten,
Meldungen, die einliefen, befürchten mußten, daß diese an die neuen Gegebenheiten anzupassen,
das parteipolitische Gezänk fortgesetzt werden die sich nach der Erweiterung der Gemeinschaft
würde; denn es gibt zwei Stellungnahmen, eine vom ergeben werden. Aber das kann natürlich nur ein-
Bundesvorsitzenden der Jungen Union und eine vom stimmig passieren; denn hier können die Interessen
Sprecher der CDU, Herrn Dr. Rathke, der Mitglieder nicht geopfert werden.
(Abg. Dr. Barzel: Lesen Sie die von Herrn Die Konferenz hat vor allem die Vertrauensbasis
Schiller vor!) unter den sechs EWG-Ländern und, was wichtig ist,
zwischen den EFTA-Ländern und den EWG-Ländern
die uns befürchten ließen, daß wir in dieser De-
wiederhergestellt. Denn das ist jetzt sicher: die
batte in Schwierigkeiten kommen würden.
Erweiterung der EWG wird nicht dazu führen, daß
Meine Damen und Herren, wir Sozialdemokraten sich die EWG „wie ein Stück Zucker im Atlantik
unterstreichen in diesem Moment folgendes. auflöst", wie es ein prominenter Gaullist einmal
befürchtet hat. Die EWG wird das europäische
Wir unterstreichen, daß die Politik des Bundes- Selbstbewußtsein stärken. Sie wird sich nicht in
kanzlers und seines Außenministers in Den Haag einer diffusen atlantischen Gemeinschaft auflösen.
deutlich gemacht hat, daß für uns Westpolitik die Sie wird eigene Politik zu betreiben haben in eng-
Voraussetzung für eine neue Ostpolitik ist. Wir ster Verbindung mit den USA.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 597
Dr. Apel
In dieser Gemeinschaft werden — hier kann ich für einen mutigen Schritt, daß sechs Regierungen
Herrn Kollegen Dr. Barzel beruhigen — auf- Grund jetzt endlich das klare Bekentnis abgelegt haben,
der Gipfelkonferenz in Den Haag auch in Zukunft mit England und anderen beitrittswilligen Ländern
nicht die Institutionen in Brüssel „verbogen" oder in Verhandlungen einzutreten, und zugleich Termin e
„denaturiert" werden. Der Herr Bundeskanzler hat festgelegt haben?
sehr deutlich gemacht, daß die Konferenz u. a. dazu (Beifall bei den Regierungsparteien. —
da war, Euratom zu retten und die Funktionsfähig- Abg. Dr. Barzel: Aber ich habe doch nur
keit von Euratom zu erhalten. Wir werden ihn mit den Bundeskanzler zitiert!)
aller Kraft unterstützen.
Es muß an diesem Punkt auch gesagt werden, daß Halten Sie es nicht für einen mutigen Schritt, daß
z. B. hinsichtlich der Agrarpolitik — hier wird die Übergangszeit der EWG beendet worden ist? Sie
natürlich der Teufel noch im Detail stecken, wenn wissen, daß ich noch vor einigen Wochen der Mei-
wir über Einzelheiten reden — eben nicht der Gip- nung war, daß das wohl nicht möglich sei. Halten
fel in Den Haag aufgerufen war, Fragen zu ent- Sie es nicht für einen mutigen Schritt, daß wir Eura-
scheiden, sondern daß das in die ordnungsmäßigen tom gerettet haben, daß wir einen europäischen
Institutionen der EWG hineingehört: in die EWG- Reservefonds bilden wollen und endlich auch mit
Kommission, in den Ministerrat, in das Europäische der politischen Zusammenarbeit vorankommen?
Parlament. Wir sind froh darüber, daß in Den Haag Ich gebe zu, daß wir erst noch sehen müssen, wie
zwar die Richtung einer Lösung der Agrarfinan- weit die Außenminister in dieser Frage kommen.
zierung aufgezeigt worden ist — der Herr Bundes- Wir müssen abwarten, was dabei herauskommt.
kanzler hat sie hier noch einmal präzisiert —, und Aber allein die Tatsache, daß sechs europäische
zwar die gemeinsame Finanzierung, die Bekämpfung Regierungschefs erkannt haben, daß die ökono-
des Problems der Überschüsse sowie dahin gehend, mische Integration einer sie begleitenden politischen
daß wir und die anderen finanziell nicht überfor- Integration bedarf, daß die Diskussion endlich wie-
dert werden. In der Sache aber hat man sich in Den der ernsthaft in Gang kommt, und zwar unter der
Haag nicht festgelegt. Jetzt ist Brüssel mit seinen Perspektive der Erweiterung der Gemeinschaft,
Mechanismen aufgerufen, diese Fragen zu regeln. stimmt uns hoffnungsvoll.
Ich bin auch der Meinung, daß es ein großer und Meine Damen und Herren, wir sind im Advent,
ein nobler Schritt voran war, daß die Bundesregie-
(Heiterkeit)
rung die Schaffung eines europäischen Reservefonds
als Endstufe der Schaffung eines gemeinsamen und Advent heißt: Ankunft und Hoffnung zugleich.
Marktes mit echter Wirtschafts- und Finanzpolitik Im Gegensatz zu dem Advent, den wir feiern und
angeboten hat. Das war ein nobler Schritt, meine der uns mit absoluter Sicherheit in die parlamentari-
Damen und Herren; denn hier wird deutlich, daß schen Weihnachtsferien und damit auch unter den
wir es mit Europa ernst meinen. Tannenbaum bringt, können wir das Licht, das in
Den Haag jetzt aufgeleuchet ist, nicht als absolute
Lassen Sie mich ein Wort zur Frage des Parla-
Sicherheit dafür werten, daß in Europa alles erreicht
mentarismus in Europa sagen. Wir begrüßen die
wird. Wir werden dafür weiterhin hart kämpfen
Feststellung, daß die Befugnisse des Europäischen
müssen. Wir Sozialdemokraten sind stolz darauf,
Parlaments erweitert werden sollen. Wir behalten
daß Bundeskanzler Brandt und sein Außenminister
uns vor, das, was im Rahmen der europäischen In-
Scheel in dem Moment, in dem eine erste Bewäh-
stitutionen dazu vorgelegt wird, ernsthaft darauf hin
rungsprobe von ihnen verlangt wurde, die euro-
zu prüfen, ob es auch wirklich eine echte Mitwir-
päischen und damit auch unsere deutschen nationa-
kung wäre oder ob es im Endeffekt bei der institu-
len Interessen so hervorragend vertreten haben.
tionell zu schwachen Stellung des Europäischen
Parlaments bliebe. Wir nehmen mit Erstaunen zur (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Kenntnis, daß die Regierungen, also die Exekutiven,
die Frage der Direktwahl des Europäischen Parla-
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
ments prüfen wollen. Wir wissen, daß das nicht in
Herren, soeben wird mir das Ergebnis der Wahlen
die Verantwortung des Herrn Bundeskanzlers fällt.
mitgeteilt.
Die Formulierung ist von anderer Seite so gewollt
worden. Wir Sozialdemokraten erklären, daß nicht Bei der Wahl der Wahlmänner gemäß § 6 Abs. 2
Regierungen zu prüfen haben, ob eine Direktwahl des Gesetzes über das Bundesverfassungsgericht
stattfinden soll. sondern dieses Haus und die ande- sind insgesamt 493 Stimmen abgegeben worden.
ren fünf Parlamente der EWG-Staaten. Eine Stimme war ungültig. Gültige Stimmen somit:
492. Hiervon entfielen 238 auf den Vorschlag der
(Beifall bei den Regierungsparteien und
CDU/CSU und 254 auf den Vorschlag der SPD und
Abgeordneten der CDU/CSU.)
der FDP. Nach den vorgenommenen Berechnungen
Wir sind der Meinung, daß parallel zu einer Stär entfallen auf den Vorschlag der CDU/CSU 6 Man-
kung der Befugnisse die Direktwahl des Europäi date und auf den Vorschlag der SPD und der FDP
schen Parlaments eine dringende Notwendigkeit ist. auch 6 Mandate.
Herr Kollege Barzel, Sie haben am Schluß gesagt, Damit sind von der Vorschlagsliste der Fraktion
eigentlich müsse man doch etwas enttäuscht sein, der CDU/CSU die Abgeordneten Dr. Schmidt (Wup-
denn ein mutiger Schritt nach vorn sei es wohl nicht pertal), Dr. Jaeger, Dr. Lenz (Bergstraße), Benda,
gewesen. Herr Kollege Barzel, halten Sie es nicht Dr. Zimmermann, Erhard (Bad Schwalbach) gewählt.
598 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Scheel, Bundesminister des Auswärtigen: Herr noch eine Spanne von neun Tagen, wie mir gestern
Präsident! Meine sehr verehrten Damen und -Herren! bei einer Pressekonferenz nachher deutlich gewor-
Es ist zu Beginn von dem Herrn Bundeskanzler den ist. Die Bundesregierung hat das Frühjahr 1970
von dem Maß des Erfolges gesprochen worden, das als die Periode, in der die Vorbereitungen abge-
man der Konferenz zubilligen kann. Der Bundes- schlossen sein müssen, bezeichnet, und das erste
kanzler hat darauf hingewiesen, daß wir in diese Semester endet neun Tage nach Beendigung des
Konferenz nicht mit übertriebenen Erwartungen Frühjahrs. Ich glaube, diese Differenz in der Zeit-
hineingehen konnten, wenn man die Lage in Europa planung können wir sehr wohl in Kauf nehmen,
realistisch einschätzt. Wir sind also mit gezügelten wenn es dann endlich wirklich zu den von uns allen
Erwartungen in diese Konferenz hineingegangen. gewünschten Verhandlungen kommt.
Man darf aber heute feststellen, daß diese Erwar-
tungen erfüllt worden sind. Das Besondere an dem Meine Damen und Herren, das ist das wirklich
Ergebnis der Konferenz ist, daß wir aus der Periode bedeutende Ergebnis. Aber dieses Ergebnis hat
der Stagnation in Europa herauskommen und in eine natürlich auch die Kompensation in der Bereitschaft
neue Periode der Bewegung, der vertieften Zusam- der dort in der Konferenz mitwirkenden Delegatio-
menarbeit mit neuen Zielen eintreten können. Das nen, die Finanzregelung in der Zeit zu beschließen,
ist nicht zuletzt einer richtigen Anwendung des in der sie nun einmal nach dem Vertrag und den
deutsch-französischen Vertrages zu verdanken; denn Verordnungen, die aus dem Vertrag hervorgehen,
die deutsch-französische Zusammenarbeit in Den beschlossen werden müssen.
Haag ist sichtbar Grundlage der Einigung in beson- Nun ist gerade hier von Herrn Dr. Barzel auf eine
ders wichtigen Fragen gewesen. diplomatische Formulierung hingewiesen worden,
Noch etwas ist festzustellen. Es wurde von allen die über die Finanzregelung im Kommuniqué getrof-
Konferenzteilnehmern erkannt und akzeptiert, daß fen worden ist, nämlich die Formulierung, daß diese
zwischen den so viel diskutierten wichtigen vier Regelung eine gewisse Flexibilität im Hinblick auf
Bereichen, nämlich der Finanzordnung, einer neuen die Erweiterung der Gemeinschaft haben muß. Sie
Agrarpolitik, dem Ausbau in Richtung auf eine Wirt- muß anpassungsfähig sein, wenn auch eine Ände-
schaftsunion hin und der Erweiterung des Gemein- rung der Regelung nur einstimmig beschlossen wer-
samen Marktes, ein innerer Sachzusammenhang be- den kann. Es ist aber außerdem gesagt worden, daß
steht, dem man Rechnung tragen muß. Alle im dabei die Grundsätze nicht verfälscht werden dürfen.
Kommuniqué zum Ausdruck gebrachten politischen Das, glaube ich, meine Damen und Herren, muß auch
Ziele und die Beschlüsse darüber tragen diesem in unserem Interesse liegen; denn es war der Sinn
Sachzusammenhang Rechnung. der Schaffung des Gemeinsamen Markts, bestimmten
Grundsätzen zum Durchbruch zu verhelfen. Hier sind
Meine Damen und Herren! Das Wichtigste war es die Grundsätze der Präferenz dieses Marktes für
natürlich — und darüber hat Herr Kollege Dr. Barzel uns und der Solidarität der Finanzierung der dadurch
hier eine gewisse Enttäuschung zum Ausdruck ge- entstehenden Lasten. Diese Grundsätze werden von
bracht —, wie wir mit dem brennenden Problem der uns akzeptiert. Sie müssen auch die Grundsätze blei-
Erweiterung des Gemeinsamen Marktes fertig wer- ben, nach denen beitrittsbereite Staaten ihren Bei-
den und oh es uns gelingen würde, einen Termin tritt ausrichten müssen. Dies offen zu sagen ist,
für diese Aufgabe zu setzen. Eines ist, glaube ich, glaube ich, nicht falsch, sondern dient der Deutlich-
in dem Kommuniqué sehr deutlich zum Ausdruck keit für uns alle.
gekommen, daß nämlich die Staats- und Regierungs-
chefs der Eröffnung der Verhandlungen zugestimmt (Beifall bei den Regierungsparteien.)
haben, und zwar zu den Bedingungen, die auch wir
als Vorbedingungen setzen müssen, Meine Damen und Herren, ich darf die Fragen, die
hier aufgetaucht sind, in Kürze zu beantworten
(Zustimmung bei den Regierungsparteien) versuchen.
nämlich unter der Bedingung, daß die beitrittswilli-
gen Länder den Vertrag und das aus dem Vertrag Da war die Frage, wie es denn um den Fortschritt
abgeleitete Recht anerkennen und sich auch in den auf dem Gebiet der wirtschaftspolitischen Zusam-
menarbeit in Richtung auf eine Wirtschaftsunion
weiteren politischen Zielen mit den Vertragspart-
nern einig erklären. Das ist Gegenstand des Kom- steh.HirnTmgeatword.DR
muniqués gewesen. ist nämlich beauftragt worden, im Laufe des Jahres
1970 einen Stufenplan zu entwickeln, der zur Wirt
Die feste Terminsetzung ist nu n n ur zu erkennen, schaftsunion führen soll. Er muß natürlich mit der
wenn man das Kommuniqué und die Interpretatio- Anpassung, der Harmonisierung der Wirtschafts-
nen der einzelnen Delegationen miteinander ver- politik der beteiligten Länder beginnen. Wir haben
gleicht, vor allem die am gleichen Tage von der alle erlebt, daß das Auseinanderklaffen der Wirt-
fränzösischen Regierung getroffene Feststellung, daß schaftspolitik zu währungspolitischen Folgen führt,
Frankreich keine Schwierigkeiten haben werde, die die am Ende auch den gemeinsamen Agrarmarkt ge-
Vorbereitungen zur Eröffnung der Verhandlungen fährden. Denn daß der gemeinsame Agrarmarkt vor-
inerhalbsSmtzuchließn.Dast, übergehend teilweise aufgelöst werden mußte, ist
daß der Zeitpunkt, zu dem die Verhandlungen er- ja eine direkte Folge der sich auseinanderbewegen-
öffnet werden können, dem entspricht, was sich den Wirtschaftspolitiken — das ist ein neues Wort,
die Bundesregierung selber zum Ziel gesetzt hatte. das im europäischen Bereich entstanden ist — in
Es ergibt sich, wenn man ganz genau nachrechnet, den verschiedenen Partnerländern.
600 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Bundesminister Scheel
Es ist ausgeschlossen, daß wir in der Zukunft auf das Europäische Parlament hat ja weine Vorschläge
einer Basis in der Beurteilung der Konjunkturpolitik, vor vielen Jahren gemacht. Meine Kollegen, ich
die so weit auseinanderklafft wie augenblicklich, habe selbst an diesen Vorschlägen im Europäischen
glauben weiter fortfahren zu können. Wenn in Parlament noch mitgewirkt. Es ist jetzt am Rat,
einem Land die Preisentwicklung bei maximal etwa mehr zu tun. Wir haben, wie Sie wissen, vorge-
2 % im Jahr begrenzt werden soll, in einem anderen schlagen, als nächste Stufe, als Übergangsstufe ein
Partnerland jedoch die Meinung besteht, man könne Parlament mit doppelter Anzahl von Mitgliedern,
beruhigt Preissteigerungen auch von 5, 6 % und aber mit verschiedenen Wahlmodalitäten zu errei-
vielleicht noch mehr in Kauf nehmen, dann kann es chen. Wir werden uns Mühe geben, hier zunächst
keine Harmonisierung der Wirtschaftspolitik geben. einmal hinsichtlich der Ausweitung der Befugnisse,
Das eben ist der Sinn der Entscheidung, die Wirt- dann aber auch in Richtung auf die direkte Wahl
schaftspolitik zunächst in einem Stufenplan zu har- des Parlamentes hin alles zu tun, was wir dazu tun
monisieren, der mit einer dichteren Konsultations- können.
verpflichtung beginnen wird. Meine Damen und Herren! Es ist vielleicht zu-
wenig beachtet worden, daß in diesem Kommu-
Daran wird sich eine Harmonisierung der Wäh-
nique ein entscheidender Schritt in Richtung auf
rungspolitik bis hin zu der Schaffung eines Reserve-
eine politische Zusammenarbeit getan worden ist.
fonds anschließen, der die Grundlage für den Weg in
Die Außenminister sind beauftragt worden, in der
die Währungsunion bilden wird, in die gemeinsame ersten Hälfte des nächsten Jahres Möglichkeiten zu
Währung der europäischen Länder hinein. Meine
erörtern und Verfahren auszuarbeiten, die politische
Damen und Herren, das ist ein schwerer Weg, dabei
Zusammenarbeit in der EWG zu beginnen denn
werden wir uns in unseren Auffassungen aneinander
es gibt sie ja formell noch gar nicht —, und zwar
gewöhnen müssen. Es kommt darauf an, welche Im-
zu beginnen im Hinblick auch auf die Erweiterung
pulse die Wirtschaftspolitik und die wirtschaftspoli-
der EWG. Das würde bedeuten, daß sich die poli-
tische Überzeugungskraft der einzelnen Partnerstaa-
tische Zusammenarbeit jetzt nicht eng beschränkt
ten hier für das Ganze zu geben in der Lage sein
auf die Sechs, sondern daß diese erweiterte Perspek-
werden.
tive bereits zur Grundlage genommen wird.
Von den Rednern ist mit Recht darauf hingewiesen Politische Zusammenarbeit heißt, daß dieses
worden, daß durch die Gipfelkonferenz eine politi- Europa endlich den weltpolitischen Problemen ge-
sche Diskussion außerhalb der Organe der Gemein- genüber eine gemeinsame Haltung entwickeln muß.
schaften entstanden ist, die natürlich in sich die Denn wie anders könnte es in der Weltpolitik wie-
Gefahr birgt, daß die Organe der Gemeinschaften der eine Rolle spielen? Und ich meine, Europa muß
dadurch geschwächt werden könnten. Dies allerdings wieder eine Rolle spielen in der Weltpolitik!
ist nicht die Auffassung der in Den Haag versammel-
ten Delegationen gewesen. Die Regierungs- und (Beifall bei den Regierungsparteien und bei
Staatschefs haben eindeutig klargemacht, daß sie Abgeordneten der CDU/CSU.)
keine Aushöhlung der Institutionen der EWG hin- Ich kann Herrn Dr. Barzel erklären, daß ich per-
nehmen wollen. Es war der Bundeskanzler, der die sönlich, dem ja dieser Auftrag für die Bundesrepu-
Forderung gestellt hat, die Arbeit des Rates als blik gegeben ist, mir nicht nur alle Mühe geben
einer dieser Institutionen zu straffen, die Kommis- werde, solche Verfahren in der kürzesten Zeit zu
sion bessser in den Stand zu setzen, ihre exekutiven entwickeln, sondern daß ich darüber auch in einem
Aufgaben wahrzunehmen, besser gesagt, die Kom- engen Kontakt mit dem Parlament bleiben werde,
missionen, sofern man sie heute noch auf die ver- weil ich weiß, wie viele Impulse und auch wieviel
schiedenen Verträge aufzuteilen genötigt ist, auch Erfahrungskapital hier im Parlament selbst stecken.
wenn sie schon fusioniert sind. Meine Damen und Herren! Das Europäische
Es ist weiter von allen Delegationen mit aller Jugendwerk ist im Kommunique nicht besonders
Deutlichkeit die Notwendigkeit unterstrichen wor- erwähnt, wenn Sie nicht die Ziffer 16 zur Grundlage
den, die Zuständigkeit des Europäischen Parlaments nehmen wollen, in der gesagt ist, daß alle poli-
auszuweiten, weil es ausgeschlossen scheint, daß tische Anstrengung innerhalb der EWG wohl nicht
wir den Weg zu einer Vollfinanzierung der Ge- zum Erfolge führen wird, wenn es uns nicht gelingt,
meinschaft aus eigenen Mitteln gehen, ohne daß die die junge Generation an all dem, was wir tun, zu
parlamentarische Kontrolle durch das Europäische beteiligen. Das gerade war ja in den letzten Wochen
Parlament sich laufend dein durch eine Erweiterung und Monaten das Bedrückende: daß die jungen
des Budgetrechts bis zum vollen Budgetrecht hin Menschen gar nicht mehr verstehen konnten, was
anpaßt. Auch die Notwendigkeit der direkten Wahl wir denn nun eigentlich in Europa treiben, wenn wir
des Europäischen Parlaments ist eine gemeinsame dort sitzen und uns in unverständlichen Formulie-
Überzeugung, wenn auch hier, so möchte ich ein- rungen darüber unterhalten, wie wir uns gegensei-
mal sagen, die Bereitschaft, zu praktischen Erfolgen tig diesen und jenen kleinen materiellen Vorteil
zu kommen, bei den verschiedenen Delegationen verschaffen können und wie wir uns gegenseitig
unterschiedlich stark entwickelt ist. Die Bundes- gegen andere materielle Bedrohungen schützen kön-
republik hat schon in der Vergangenheit den Ver- nen. Deswegen war es so wichtig, meine Damen
such unternommen, hier einen vermittelnden Vor- und Herren, daß diese Gipfelkonferenz in Den Haag
schlag zu machen, damit wir praktisch weiterkom- neue politische Impulse setzte; deswegen war es so
men. Denn es ist ja nötig, daß der Rat hier mitwirkt, wichtig, daß wir über das Europäische Jugendwerk
wiewohl es eine parlamentarische Frage ist. Aber gesprochen haben.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 601
Bundesminister Scheel
Alle Delegationen haben, vor allem und an der Schriftlicher Bericht des Ausschusses für
Spitze die französische Delegation durch den Mund Städtebau und Wohnungswesen (14. Aus-
des französischen Staatspräsidenten, die Anregung schuß)
des Bundeskanzlers aufgenommen, auf den Erfah- — Drucksache VI/105 —
rungen des Deutsch-Französischen Jugendwerks auf-
bauend ein Europäisches Jugendwerk zu schaffen. Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Gatzen
Wenn uns das gelingt, dann sind wir einen Schritt (Erste Beratung 10. Sitzung)
weitergekommen duf dein Wege hin zu einem poli-
tisch einigen Europa. Ich erteile das Wort dem Berichterstatter, Herrn
Abgeordneten Dr. Gatzen, zum Bericht über beide
Meine verehrten Damen und Herren, wenn mich Vorlagen.
eins beeindruckt hat, dann war es die Tatsache, daß
wir in Den Haag auf der Fahrt zum Verhandlungs- Dr. Gatzen (CDU/CSU) : Herr Präsident! Meine
saal an Hunderten von Metern demonstrierender
sehr geehrten Damen und Herren! Was die Vorlage
junger Menschen vorbeikamen. Das Bemerkens-
in Drucksache VI/105 behandelt, ist eilbedürftig.
werte war, daß diese jungen Menschen für das
Das Gesetz soll zum 1. Januar 1970 in Kraft treten,
demonstierten, was wir im Saal uns selbst zu er-
und es bedarf der Zustimmung des Bundesrates. Ich
reichen vorgenommen hatten.
fasse mich deswegen kurz, zumal da möglicherweise
Ich habe, als ich gefragt wurde, was ich von den auch noch einige Kolleginnen und Kollegen dazu
Demonstranten draußen hielte, gesagt: Wenn ich das Wort ergreifen wollen.
nicht verpflichtet wäre, hier im Saal mitzuarbeiten, Ich verweise in der Hauptsache auf den Schrift-
würde ich jetzt bei diesen Demonstranten stehen, lichen Bericht. Ich bitte Sie, folgende Korrektur vor-
die für ein besseres Europa demonstrieren, das wir zunehmen. In Drucksache VI/105 lesen Sie auf
nicht nur erreichen wollen, sondern das wir er- Seite 7 unter Art. III — Änderung sonstiger Vor-
reichen müssen. Einen kleinen Schritt auf diesem schriften — in § 1:
Wege sind wir vorwärtsgekommen.
1. In § 23 Abs. 1 Satz 2 wird das Datum
(Beifall bei den Regierungsparteien und bei „31. Dezember 1969" durch das Datum
Abgeordneten der CDU/CSU.) „31. Dezember 1970" ersetzt;
Es muß statt „1970" „1972" heißen.
Vizepräsident Dr. Schmid: Wird zu Punkt 4 Im übrigen wird durch diese Vorlage, wenn sie
der Tagesordnung noch das Wort gewünscht? — Das Gesetz werden sollte, das Problem natürlich nicht
ist nicht der Fall. Dann ist dieser Tagesordnungs- gelöst. Es wird in erster Linie sichtbarer gemacht,
punkt abgeschlossen. und man gewinnt für seine Lösung drei weitere
Jahre Zeit. Die Herren des Berliner Senats haben
Ich rufe dann Punkt 5 a der Tagesordnung auf: darauf hingewiesen, daß in den nächsten drei Jahren
Zweite und dritte Beratung des von den Frak- pro Jahr etwa 20 000 Wohnungen in Berlin neu ge-
tionen der SPD, FDP eingebrachten Entwurfs baut werden sollen. Die Frage ist, ob damit nach
eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des drei Jahren in der Tat ein freier und moderner
Schlußtermins für den Abbau der Wohnungs- Wohnungsmarkt in Berlin ermöglicht werden wird.
zwangswirtschaft und über weitere Maßnah- Das wäre im Interesse aller zu wünschen. Dieses
men auf dem Gebiete des Mietpreisrechts im Ziel, in Berlin einen leistungsfähigen und modernen
Land Berlin Wohnungsmarkt zu haben, ist wie in jeder deut-
schen Stadt in erster Linie eine wirtschaftliche Auf-
— Drucksache VI/46 —
gabe. Aber es ist darüber hinaus, gerade auch be-
Schriftlicher Bericht des Ausschusses für zogen auf Berlin, sicher mehr als in jeder anderen
Städtebau und Wohnungswesen (14. Aus- deutschen Stadt eine politische Aufgabe. Ich bin ge-
schuß) wiß, diese Feststellung nicht zum erstenmal in die-
— Drucksache VI/105 — sem Hohen Haus getroffen zu haben.
Berichterstatter: Abgeordneter Dr. Gatzen Lassen Sie mich zum Schluß noch eine Bemerkung
(Erste Beratung 10. Sitzung) machen, meine Damen und Herren, die nur mittelbar
mit dem jetzt zur Debatte stehenden Gegenstand zu-
Ich rufe gleichzeitig Punkt 5 b der Tagesordnung sammenhängt. In der öffentlichen Diskussion um
auf: dieses Thema ist darauf hingewiesen worden, daß
Zweite Beratung des von den Abgeordneten in vielen Städten und Gemeinden in der Bundes-
Müller (Berlin), Benda, Dr. Gradl, Wohlrabe republik praktisch zu jedem Monatsbeginn kommu-
und Genossen eingebrachten Entwurfs eines nale Gebühren erhöht werden, die nicht selten auch
Zweiten Gesetzes zur Änderung des Schluß- auf die Mieten durchschlagen. Es wäre sicher hilf-
termins für den Abbau der Wohnungszwangs- reich und praktisch, einmal anzuregen, daß derartige
wirtschaft und über weitere Maßnahmen auf Gebührenhaushalte bzw. Erhöhungen von Gebühren
dem Gebiete des Mietpreisrechts im Land nicht alle Monate in Kraft treten, sondern möglichst
Berlin an den Quartalsbeginn gebunden werden.
— Drucksache VI/55 — (Beifall bei der CDU/CSU.)
602 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969
Vizepräsident Dr. Schmid: Ich danke dem Ihre Billigung finden und möglichst bald Gesetzes-
Herrn Berichterstatter und eröffne die Aussprache. kraft erlangen könnte.
Das Wort hat Herr Senator Horst Grabert, Bevoll- (Beifall bei der SPD.)
mächtigter des Landes Berlin beim Bund.
Vizepräsident Dr. Schmid: Keine weiteren
Wortmeldungen.
Grabert, Senator des Landes Berlin beim Bund: Dann kommen wir zur Abstimmung über den Ge-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Gestat-
setzentwurf auf Drucksache VI/105. Ich rufe die
ten Sie mir, im Namen des Senats von Berlin für
Art. I, II, III mit der vom Berichterstatter erwähnten
das Verständnis zu danken, das Sie den Belangen
Berichtigung und IV, die Einleitung und die Über-
des Landes Berlin auch in diesem Zusammenhang
schrift in zweiter Beratung auf. Wer zustimmen will,
des Mieterschutzes und der Mietpreisbindung ent-
gebe das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthal-
gegenbringen. Alle im Berliner Abgeordnetenhaus
tungen? — Einige Enthaltungen, im übrigen An-
vertretenen Parteien sind sich darüber einig, daß
nahme.
die Beibehaltung der Mietpreisbindung und des
Mieterschutzes im Lande Berlin notwendig ist. Die Ich rufe zur
Lage am Wohnungsmarkt und die besondere poli- dritten Beratung
tische Situation der Stadt lassen es nicht zu, daß der
auf. Anträge liegen nicht vor. Wer dem Gesetz als
Mieterschutz und die Mietpreisbindung entspre-
Ganzem zustimmen will, der möge sich erheben. —
chend der derzeitigen Rechtslage am 31. Dezember
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Bei 3 Enthaltun-
1969 aufgehoben werden. Um die Lebensfähigkeit
gen
der Stadt und ihre Wirtschaftskraft zu halten und zu
(Abg. Rösing: 5!)
stärken, ist Berlin nicht nur auf das Verbleiben der
angenommen.
jungen arbeitsfähigen Bevölkerung, sondern in star-
kem Maße auch auf den Zuzug von Arbeitskräften, Wir haben dann noch über den Antrag des Aus-
möglichst junger Familien, die sich dort ansiedeln schusses unter Ziffer 2 zu beschließen, den Gesetz-
wollen, angewiesen. Dafür ist guter Wohnraum zu entwurf Drucksache VI/55 für erledigt zu erklären.
angemessenen Preisen eine zwingende Voraus- — Auch. hier ist das Haus einverstanden.
setzung. Ich darf hier an den Bericht des Herrn Be- Die Punkte 6 bis 9 sollen am Freitag aufgerufen
richterstatters erinnern, der von den Ausführungen werden.
meines Kollegen im Ausschuß berichtet hat. Damit stehen wir am Ende der heutigen Tages-
ordnung.
Die im vorliegenden Gesetzentwurf vorgeschla-
genen Regelungen, deren Annahme der Ausschuß Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen
für Städtebau und Wohnungswesen dem Hohen Bundestages auf Donnerstag, den 4. Dezember 1969,
14 Uhr, zur Fragestunde ein.
Haus empfohlen hat, entsprechen voll den Vor-
stellungen der den Senat von Berlin tragenden Par- Die Sitzung ist geschlossen.
teien und haben deren Zustimmung gefunden. Wir
wären Ihnen dankbar, wenn dieser Gesetzentwurf (Schluß der Sitzung: 11.57 Uhr.)
Deutscher Bundestag - 6. Wahlperiode - 16. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 3. Dezember 1969 603
Anlage 1
Seifriz 3. 12.
Liste der beurlaubten Abgeordneten
Dr. Starke (Franken) 6. 12.
Abgeordnete(r) beurlaubt bis einschließlich Dr. h. c. Strauß 6. 12.
Dr. Aigner *** 5. 12. Dr. Zimmermann 6. 12.
Baier 5. 12.
Benda 3. 12.
Berding 3. 12. Anlage 2
Blumenfeld * 5. 12.
Frau Brauksiepe 20. 12. Schriftliche Antwort
Draeger * 6. 12.
Dr, Fuchs 6. 12. des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Bayerl
Häussler 6. 12. vom 28. November 1969 auf die Mündliche Frage
Frau Dr. Henze 31. 12. des Abgeordneten Dr. Bardens (Drucksache VI/76
Frau Herklotz ** 6. 12. Frage A 42) :
Dr. Kempfler 5. 12. Ist es nach Ansicht der Bundesregierung erforderlich, strengere
Anforderungen an die Ausbildung der Gerichtsmediziner, die
Frau Klee 12. 12. in der Bundesrepublik Deutschland keiner Facharzlweiterbildung
Dr. Kreile 5. 12. bedürfen, zu stellen?
Freiherr von Kühlmann-Stumm 3. 12. Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß die
Lenze (Attendorn) ** 6. 12. Ausbildung gerichtlicher Sachverständiger dem
Lücke (Bensberg) 20. 12. neuesten Forschungsstand entsprechen muß. Dies ist
Pöhler * 5. 12. aber ein Problem, dem die zuständigen Länder-
Raffert 3. 12. instanzen sicherlich ihre Aufmerksamkeit widmen
Dr. Rinderspacher 31. 12. werden. Darüber hinaus muß die Aus- und Fortbil-
Dr. Rutschke * 5. 12. dung der Richter und Staatsanwälte in den strafpro-
Dr. Schmidt (Wuppertal) 20. 12. zessualen Hilfswissenschaften, dazu gehört auch das
Dr. Schulz (Berlin) * 5. 12. Gebiet der gerichtlichen Medizin, intensiviert wer-
den, damit sie in weiterem Umfang, als es bisher
* Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der Ver-
sammlung der Westeuropäischen Union in der Regel der Fall ist, in der Lage sind, sich mit
** Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen der Beraten- den Sachverständigengutachten kritisch auseinander-
den Versammlung des Europarats setzen und gegebenenfalls rechtzeitig zu erkennen,
Für die Teilnahme an Ausschußsitzungen des Euro- ob die Einholung eines Obergutachtens erforderlich
päischen Parlaments ist."