Eutscher Bundestag: Sitzung
Eutscher Bundestag: Sitzung
24. Sitzung
Inhalt:
Wahl der vom Bundestag zu entsendenden Frage des Abg. Baron von Wrangel:
Mitglieder des Verwaltungsrates der
Deutschen Bundespost (Drucksache VI/240) 931 A Möglichkeiten der Bundesregierung zu
humanitären Hilfsmaßnahmen in Ost-
Überweisung von Vorlagen an Ausschüsse 931 A nigeria
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer
Amtliche Mitteilungen 931 B Staatssekretär 964 D,
965 A, B, C, D, 966 A, B, D,
967 A, B
Begrüßung des Präsidenten des Parlaments
der Republik Elfenbeinküste . . . . . 960 C von Thadden (CDU/CSU) . . . . 965 A
Dr. Wörner (CDU CSU) 965 B
Fortsetzung der Aussprache über den Be- Dr. h. c. Kiesinger (CDU/CSU) . 965 C, D,
richt der Bundesregierung über die Lage 966 A
der Nation im gespaltenen Deutschland
Jung (FDP) . . . . . . . . . 966 A, B
(Drucksache VI/223)
Dr. Czaja (CDU/CSU) 966 C
Dr. Apel (SPD) . . . . . . . . 932 A
Kiep (CDU/CSU) 966 D
Dr. Freiherr von Weizsäcker
Dr. Kliesing (Honnef) (CDU/CSU) 966 B
(CDU/CSU) 936 C
Moersch (FDP) . . . . . . . 939 B
Mattick (SPD) . . . . . . . . 941 A Frage des Abg. Dr. Czaja:
Anlagen Anlage 10
Anlage 2
Anlage 11
Schriftliche Antwort auf die Zusatzfrage
des Abg. Engholm zu seiner Mündlichen Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage betr. Stellenzulage für Beamte des Frage des Abg. Wurbs betr. Vergünsti-
gehobenen Dienstes im Außendienst der gung für Absolventen des Wehrersatz-
Steuerprüfung und Zollfahndung . . . 979 B dienstes bei der Immatrikulation an den
Universitäten . . . . . . . . . 982 C
Anlage 3
Anlage 12
Schriftliche Antwort auf die Zusatzfrage
des Abg. Dr. Ritz zu der Mündlichen Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Frage des Abg. Ott betr. Werbeprospekt Fragen des Abg. Würtz betr. Pressemel-
der Bundesregierung „Auf richtigem dungen über die Arbeit und den Schul-
Kurs" 979 D besuch von Gastarbeiterkindern . . . 893 A
Anlage 4
Anlage 13
Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Fragen des Abg. Dichgans betr. Maßnah-
Frage der Abg. Frau Dr. Walz betr. Tests
men gegen die systematische Verfolgung
bei der Zulassung zum Gesamthochschul-
von Richtern und Staatsanwälten durch
bereich 983 B
aggressive Demonstranten — Duldung
von Rechtsbrüchen an den Universitäten 979 D
Anlage 14
Anlage 5
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Frage des Abg. Lampersbach betr. Be-
Frage des Abg. Dr. Schmitt-Vockenhausen schleunigung der Erteilung von Sichtver-
betr. Schwierigkeiten in der ärztlichen merken für Angehörige der osteuropä-
Notversorgung an Festtagen . . . . . 980 B ischen Staaten . . . . . . . . . . 983 D
IV Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Anlage 15 Anlage 25
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Cramer betr. Jubiläums- Frage des Abg. Zebisch betr. Geltend-
zuwendungen an Angestellte und Arbei- machung der Fahrkosten zum Besuch wei-
ter des Bundes und der Länder . . . . 984 B terführender Schulen . . . . . . . . 987 A
Anlage 16 Anlage 26
Schriftliche Antwort auf die Mündliche Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dr. Müller (München) Frage des Abg. Gewandt betr. Presse-
betr. Untersagung der Verwendung von berichte über Äußerungen eines Bera-
Einwegflaschen 984 C ters des Planungsstabes im Bundeskanz-
leramt 987 C
Anlage 17
Anlage 27
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Gewandt betr. Vorstel- Schriftliche Antwort auf die Mündlichen
lungen der Bundesregierung bezüglich Fragen des Abg. Weigl betr. Aufnahme
neuer Verwaltungsmodelle . . . . . 984 D eines Inserats des Bundespresseamtes in
Zeitschriften der Kriegsopferverbände . 987 C
Anlage 18
Anlage 28
Schriftliche Antwort auf die Mündliche
Frage des Abg. Dr. Rutschke betr. Er- Schriftliche Antwort auf die Mündliche
leichterung beim Erwerb der deutschen Frage des Abg. Dr. Giulini betr. Aus-
Staatsangehörigkeit für Flüchtlinge . . 985 A künfte über das Schicksal der in Nord-
vietnam gefangengehaltenen deutschen
Anlage 19 Malteserhelfer . . . . . . . . . . 988 A
Anlage 35 Anlage 44
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Fragen des Abg. Müller (Berlin) betr. Frage des Abg. Dr. Giulini betr. Ver-
Anerkennung von Hauptentschädigung handlungen über die gemeinsame Markt-
für Zonenschäden 990 A organisation für Rohtabake — Lösung
des Problems der Altbestände . . . . 994 B
Anlage 36
Anlage 45
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Fragen des Abg. Schmidt (Kempten) betr Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Untersuchung der Luftverschmutzung im Fragen des Abg. Dr. Dittrich betr. För-
Bereich der Stadt München und Anteil derung der Naturparke und des Natio-
der Abgase von Kraftfahrzeugen an der nalparks im Bayerischen Wald . . . . 994 C
Luftverschmutzung 991 A
Anlage 46
Anlage 37
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Fragen des Abg. Dr. Beermann betr. Fer-
Frage des Abg. Höcherl betr. Beitrags-
tigstellung der Wohnungen für Soldaten
schlüssel für die Finanzbeiträge der Bun-
des nach Schwarzenbek verlegten Panzer-
desrepublik Deutschland zum Haushalt
grenadierbataillons . . . . . . . . 995 A
der Europäischen Gemeinschaften . . . 991 C
Anlage 38 Anlage 47
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Frage des Abg. Dr. Warnke betr. Haus- .Frage des Abg. Dr. Schulze-Vorberg betr
haltsvolumen von über 90 Milliarden DM 991 D Inanspruchnahme von Gelände in der
Gemeinde Nordheim am Main durch den
Bund 995 C
Anlage 39
Anlage 52 Anlage 56
Schriftliche Antwort auf die Schriftlichen Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Fragen des Abg. Weigl betr. Reparatur- Frage des Abg. Brandt (Grolsheim) betr.
arbeiten am Unterbau von Nebenstrecken Anschluß des Stadtteils Mainz-Ebersheim
im Zonenrandgebiet und Ersatz der an das Fernsprechortsnetz Mainz . . . 998 D
Dampflokomotiven durch Dieselloks . . 997 B
Anlage 53 Anlage 57
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Frage des Abg. Zebisch betr. Strecken- Frage des Abg. Petersen betr. Postleit-
stillegungspläne der Bundesbahn im zahl von Hochdorf . . . . . . . . 999 A
bayerischen Grenzland . . . . . . . 997 C
Anlage 54 Anlage 58
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Frage des Abg. Zebisch betr. Verbesse- Frage des Abg. Wurbs betr. Fehlbele-
rung der Verkehrsbedienung im bayeri- gung von Sozialwohnungen 999 B
schen Grenzland . . . . . . . . . 997 D
Anlage 55 Anlage 59
Schriftliche Antwort auf die Schriftliche Schriftliche Antwort auf die Schriftliche
Frage des Abg. Dasch betr. Aufrechter- Frage des Abg. Dichgans betr. Schutz der
haltung des Güterverkehrs auf der Lehrkräfte an den Universitäten vor Ak-
Strecke Thann—Matzbach—Isen—Haag . 998 C tionen fanatisierter Studenten . . . . 999 D
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 931
24. Sitzung
Vorlage des Bundeskanzlers Verordnung des Rates über die auf dem Agrarsektor infolge
der Aufwertung der DM zu treffenden Maßnahmen
Betr. Empfehlung 132 betreffend die Verbesserung der Lebens-
und Arbeitsbedingungen von Pächtern, Teilpächtern und sowie
ähnlichen Gruppen landwirtschaftlicher Arbeitskräfte einen Änderungsvorschlag_ der Kommission zu der genann-
— Drucksache VI/182 — ten Verordnung
— Drucksache VI/113 —
zuständig: Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Verordnung des Rates über die Aufrechterhaltung des Ver-
Vorlage des Bundesministers des Innern waltungsausschußverfahrens
— Drucksache VI/129 —
Betr. Verbesserung und Ausbildung der Kriminalpolizei
Bezug: Beschluß des Bundestages vom 2. Juli 1969 Weiter erhebt der Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten gegen die
— Drucksache VI/226 —
Verordnung (EWG) Nr. 1975/69 des Rates vorn 6. Oktober
zuständig: Innenausschuß (federführend) Haushaltsausschuß 1969 zur Einführung einer Prämienregelung für die Schlach-
tung von Kühen und die Nichtvermarktung von Milch und
Milcherzeugnissen
Erhebt sich gegen diese Überweisung Widerspruch? k.V2ve1r3ot7d/no6u9gbd(E8eWsmGR)aNtr O -
— Das ist nicht der Fall; dann ist so beschlossen. 1969 über die Beihilfe für Olivenöl
keine Bedenken.
Die folgenden amtlichen Mitteilungen werden
ohne Verlesung in den Stenographischen Bericht Ich rufe nun auf:
aufgenommen:
Fortsetzung der Aussprache über den Bericht
Der Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung, Landwirt-
schaft und Forsten hat mit Schreiben vom 14. Januar 1970 mit-
der Bundesregierung über die Lage der
geteilt, daß der Ausschuß gegen die nachfolgenden Verordnun- Nation im gespaltenen Deutschland
gen, die zwischenzeitlich im Rat verabschiedet und in den
Amtsblättern der Europäischen Gemeinschaften veröffentlicht — Drucksache VI/223 —
worden sind, keine Bedenken erhebt:
Verordnung des Rates mit Sondermaßnahmen zur Verbes- Als erster hat sich Herr Kollege Dr. Apel gemel-
serung von Produktion und Vermarktung der in der Ge-
meinschaft erzeugten Zitrusfrüchte
det. Er bittet um eine Redezeit von 20 Minuten. Bitte
— Drucksache VI/18 — schön!
932 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Apel (SPD) : Frau Präsidentin! Meine Damen Wir wollen diese Ausführungen von Herrn Bach
und Herren! Als erster Redner heute morgen möchte keineswegs überbewerten, meine sehr verehrten
ich versuchen, aus der Perspektive der sozialdemo- Damen und Herren von der CDU/CSU.
kratischen Bundestagsfraktion ein erstes Fazit aus (Abg. Baron von Wrangel: Herr Apel, betä
der Debatte von gestern zu ziehen. Wir sind nach tigen Sie sich hier nicht als Zensor!)
dem genauen Anhören der Reden gestern zu dem
Ergebnis gekommen, daß es zur Deutschland- und Aber für uns wird in diesem Punkte eines deutlich,
Ostpolitik der Bundesregierung in diesem Hause Herr Kollege Wrangel, auch für Sie: daß wir es
keine echte politische Alternative gibt. leider auch in der Frage der Deutschland- und Ost-
politik nicht mit einer Oppositionspartei zu tun
(Beifall bei den Regierungsparteien.) haben, sondern mit einer Union vielfältiger politi-
scher Meinungen,
Denn keiner der Redner hat sich gestern hier in
(Zurufe von der CDU/CSU: Gott sei Dank!
diesem Hause gegen die von Herrn Bundeskanzler
— Weitere Zurufe von der Mitte)
Brandt dargestellten Orientierungspunkte der
Deutschlandpolitik gewandt: Selbstbestimmung für die es auch in der Frage der Deutschland- und Ost-
unser Volk, Streben nach nationaler Einheit und politik notwendig hat, sich auf einen einheitlichen
Freiheit im Rahmen der Friedensordnung für Europa, Kurs zu einigen.
die Tatsache, daß West-Berlin mit uns verbunden
ist und es eine besondere Vier-Mächte-Verantwor- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Dr.
tung für ganz Berlin sowie besondere Rechte und Apel, gestatten Sie eine Zwischenfrage?
Verantwortlichkeiten der drei westlichen Alliierten
gibt. Niemand auch hier in diesem Hause hat die Freiherr von und zu Guttenberg (CDU/CSU) :
Ziele unserer Deutschland- und Ostpolitik, so wie Herr Kollege Apel, nach Ihren polemischen Worten
sie der Herr Bundeskanzler dargestellt hat, bestrit- gegen den Kollegen Bach möchte ich Sie fragen, ob
ten, nämlich daß die Bundesrepublik frei bleiben Sie sich nicht doch der Mühe unterziehen wollen,
muß, daß wir unsere Westintegration festigen müs- das, was der Kollege Bach gestern sehr sachlich zum
sen, daß unsere Politik nach Osten wie nach Westen Zusammenhang mit der Deutschlandpolitik, mit dem
Friedenspolitik ist und es vor allem und als erstes Deutschlandvertrag und mit den Forderungen des
darauf ankommt, mehr Menschenrechte zu sichern. Grundgesetzes gesagt hat, in der Sache zurückzu-
weisen oder aber Ihre Kritik daran anzubringen.
Wir fragen uns also heute morgen: Wo ist nun
eigentlich die polemische Ankündigung des Kolle-
gen Marx von der CDU, des Vorsitzenden des Dr. Apel (SPD) : Herr Kollege Guttenberg, ich
außenpolitischen Arbeitskreises der CDU/CSU, ge- habe zur Kenntnis genommen, daß Herr Kollege
blieben, man wolle unsere illusionäre Deutschland- Bach uns die Formeln der fünfziger Jahre der
und Ostpolitik anprangern und sich von ihr abheben. Deutschlandpolitik vorgetragen hat. Wir alle wollen
Wir waren im übrigen bereits vor dieser Debatte uns nicht darüber streiten, daß diese Formeln zu
sehr beruhigt, was dieses Abheben anlangte. Denn einem Ergebnis geführt haben, das uns auf dem
es gab ja eigentlich nur folgende Möglichkeiten, sich Wege zur Wiedervereinigung nicht weitergebracht
abzuheben: zurückzukehren in die Gräben und Kata- hat.
komben des Kalten Krieges (Beifall bei der SPD und der FDP. — Zuruf
von der SPD: Im Gegenteil!)
(Zurufe von der CDU/CSU: Unerhört! —
Den haben wir noch! — Weitere Zurufe von Vizepräsident Frau Funcke: Gestatten Sie
der CDU/CSU.) eine Zwischenfrage des Kollegen Dr. Gradl?
Nun, das hat eigentlich gestern nur der Kollege
Bach versucht, indem er versucht hat, hier in trüben Dr. Gradl (CDU/CSU) : Herr Kollege Apel, - wol-
Gewässern zu fischen. Aber dem Kollegen Bach und len Sie damit wirklich ausdrücken, daß das deutsche
anderen, die das in diesem Hause versuchen wollen, Unglück der Teilung, das uns in den 25 Jahren nicht
schreiben wir ins Stammbuch den Ausspruch des verlassen hat, die Folge von Formeln ist und nicht
damaligen Bundeskanzlers Kiesinger vom 17. Juni eine Folge des Verhaltens der östlichen Gegenseite,
1967, der in einer Rede in diesem Hause gesagt hat: mit der wir es zu tun haben?
-
Es gibt aber auch glatt eingespielte Denkge- Dr. Apel (SPD) : Herr Kollege Gradl, Sie ziehen
wöhnungen und einen bequemen Formelkult an
sich Schuhe an, die Ihnen nicht passen. Das ist ihr
der Stelle mühevollen politischen Denkens und Problem.
Handelns. (Zurufe von der CDU/CSU.)
Wir nehmen zur Kenntnis, daß der Kollege Bach Sie ziehen sich Schuhe an, die Ihnen nicht passen.
gestern sich der Mühe des Denkens entzogen hat.
(Zustimmung bei der SPD.)
(Lebhafter Widerspruch von der CDU/CSU. Ich habe gesagt: die Formeln der damaligen Zeit
— Zurufe von der Mitte: Unerhört! — Auf haben uns damals nicht weitergeführt und führen
hören! — Abg. Köppler: Sie leiden nicht an uns heute überhaupt nicht weiter. Ich habe damit
Selbstbewußtsein?!) weder über Schuld noch Unschuld gerechtet, sondern
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 933
Dr. Apel
einfach nur Tatsachen dargestellt. Ich werde im Diskussion aufgeworfen worden, und diese vier
übrigen darauf noch zurückkommen. Punkte möchte ich jetzt doch ansprechen.
(Abg. Dr. Kliesing [Honnef] : Aber sie haben Es sind mehrfach Zweifel geäußert worden, ob es
uns die Freiheit gesichert!) überhaupt möglich sei, in der Ostpolitik voranzu-
Wir können also in einem ersten Punkt feststel- kommen, denn es liege der Sowjetunion ja nur
daran, ihren Willen integral durchzusetzen, und
len, daß die Ankündigung von Herrn Marx, man
woleunshirtazg,cvewirklhto- wenn das nicht gelinge, gebe es eben keine Fort-
schritte. Herr Kollege Wehner hat gestern sehr
den ist. Es ist Ihnen auch nicht gelungen, meine
Damen und Herren, in diesem Hause das zu wieder- deutlich gemacht, daß natürlich jede Partei, wenn
sie in Verhandlungen hineingeht, ihre Vorstellun-
holen, was Sie draußen versucht haben, nämlich
gen von dem Ergebnis der Verhandlungen hat und
Buhmänner und Pappkameraden aufzubauen und
versucht, soweit wie möglich ihren Willen durch-
die dann abzuschießen. Sie haben das versucht.
zusetzen. Das müssen wir der Sowjetunion zugute
(Zurufe von der CDU/CSU.) halten, und wir wissen, daß das die Absicht der
Der Herr Bundeskanzler hat Ihnen in einer zwei- Sowjetunion ist. Aber erstens — das hat mir neulich
fachen Intervention deutlich gemacht, daß es so in einem Gespräch ein prominenter Kommunist ge-
nicht geht, daß hier nicht halb- und unrichtig inter- sagt — haben alle Verhandlungen ihre Eigendyna-
pretiert und zitiert werden darf, sondern umfassend mik; durch Rede und Gegenrede und durch politi-
zitiert werden muß. sche Entwicklungen ist es durchaus möglich, daß
sich neue Gesetzmäßigkeiten, neue Entwicklungen
Sie haben drittens auch keinen Erfolg gehabt, anbahnen. Zum zweiten: es geht hier um Verhand-
(Abg. Baron von Wrangel: Warum sind Sie lungen, und bei diesen Verhandlungen sprechen
so defensiv, Herr Apel? Sind Sie doch sonst eben wir und vor allen Dingen mit uns auch unsere
nicht!) Irrrestlichen Verbündeten ein gewichtiges Wort mit.
wenn Sie versucht haben, hier die Historie auszu- Die Sowjetunion weiß und muß nach den Aus-
graben, sich mit dem Material zum Bericht zur Lage führungen des Herrn Bundeskanzlers wissen, daß es
der Nation auseinanderzusetzen. Ich will hier nicht für uns eben doch einen unlöslichen Zusammenhang
darüber richten, ob alles in Ordnung ist, was da drin zwischen den bilateralen Verhandlungen zum
steht; das entzieht sich auch meiner Kenntnis. Ich Gewaltverzicht, etwaigen Verhandlungen zwischen
bin ja Mitglied des Deutschen Bundestages und der DDR und der Bundesrepublik und einer euro-
nicht Mitglied eines historischen Seminars, das sol- päischen Sicherheitskonferenz gibt. Der Herr Bun-
che Dinge zu prüfen hat. deskanzler hat wiederholt unterstrichen, daß wir
(Zurufe von der CDU/CSU.) nicht wollen, daß die querelles allemandes, die deut-
schen Streitigkeiten, eine europäische Sicherheits-
In jedem Falle, meine Herren von der CDU, Sie
konferenz belasten und sie unter Umständen in die
können sich auf diese Art und Weise nicht den ak-
Nähe des Scheiterns bringen könnten. Insofern
tuellen und brennenden Fragen der Deutschland-
kommt es entscheidend darauf an, daß im Vorfeld
politik entziehen, indem Sie immer wieder zurück-
diese Gespräche zwischen der DDR und der Bundes-
kehren in die glorreichen Zeiten Ihrer eigenen Poli-
republik beginnen. Das weiß der östliche Gesprächs-
tik mit den glorreichen Ergebnissen und dann ver-
partner. Er weiß auch, daß es durchaus enge, offene
suchen, das als Ihre Politik heute und hier darzu-
und rückhaltlose Konsultationen mit unseren west-
stellen.
lichen Verbündeten in allen diesen Fragen gibt und
(Zustimmung bei der SPD.)
daß die europäische Sicherheitskonferenz, wenn sie
Wo ist also der glorreiche Angriff geblieben? Wo nach unserer Meinung nicht genügend vorbereitet
ist es Ihnen gelungen, uns Illusionen nachzuweisen? worden ist, auch nicht von anderen westlichen
Wo ist es Ihnen gelungen, uns nachzuweisen, daß Ländern besucht werden wird. Da jedoch die Sowjet-
die Marschgeschwindigkeit zu schnell war? union aus ökonomischen wie aus sicherheitspoliti-
Ich verweise Sie auf die Regierungserklärung vom schen und anderen Gründen an dieser Konferenz
28. Oktober. Dort hat der Herr Bundeskanzler mit interessiert ist, wir aber sehr vorsichtig und zurück-
der vollen Zustimmung der Fraktionen der Koali- haltend dargestellt haben, wie wir die Zusammen-
tion ausgeführt: „Wir sind frei von der Illusion, zu hänge zwischen dieser europäischen Sicherheits-
glauben, daß das Werk der Versöhnung schnell oder konferenz und Gesprächen mit der DDR sehen, kann
leicht zu vollenden sei." Aber er hat hinzugefügt: ich hier sagen, daß auch in Moskau die Bäume in
„Wir müssen es anfangen." dieser Frage nicht in den Himmel wachsen. Auch in
Moskau muß man wissen, daß es hier bei uns Part-
Das ist auch heute unsere Überzeugung. Wir ste- ner gibt, die eindeutig Position bezogen haben.
hen nicht am Ende einer Politik, sondern am Be-
ginn eines mühevollen Versuchens, schrittweise vor- Ein Zweites wurde hier gestern in die Debatte
anzukommen; wobei wir genauso wie Sie wissen, eingeführt — und auch damit muß ich mich ausein-
daß wir nicht wissen, ob wir damit wirklich Erfolg andersetzen —: die Behauptung oder Befürchtung,
haben werden. Gewaltverzicht könne, aber dürfe nicht zur Zemen-
tierung der deutschen Grenzen, der mehrfachen
(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)
deutschen Grenzen führen. Gomulka hat in einer
Allerdings, meine Damen und Herren, es sind Neujahrsansprache deutlich gemacht, daß Grenz-
gestern in der Debatte vier ernsthafte Punkte zur fragen Friedensfragen sind, und ich meine, zumin-
934 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Apel
dest in diesem Hause müssen wir endlich einmal Natürlich führen sie nicht dazu, sondern wir wer-
wegkommen von der albernen Formeldiskussion: den diese Fragen in die Verhandlungen mit einbe-
Anerkennung der DDR — ja oder nein, Anerken- ziehen, wie es notwendig und zweckmäßig ist.
nung der Oder-Neiße-Grenze — ja oder nein, und (Beifall bei den Regierungsparteien. — Abg.
je nachdem, wo man sein Kreuz macht, ist man Baron von Wrangel: Wollen Sie eine
reaktionär, revolutionär, progressiv oder nicht pro- Zustimmungsopposition oder was wollen
gressiv. Sie, Herr Apel?)
(Zurufe von der CDU/CSU. — Abg. Baron — Herr von Wrangel, was wollen Sie eigentlich mit
von Wrangel meldet sich zu einer Zwi Ihren Zwischenrufen, mich nervös machen oder mich
schenfrage.) ärgern? Sie können weder das eine noch das andere.
— Ich möchte diesen Gedanken zu Ende führen, (Abg. Kiep: Wir haben nur unserer
Herr von Wrangel. Überraschung Ausdruck gegeben! — Abg.
Baron von Wrangel: Dazu kennen wir uns
(Abg. Baron von Wrangel: Aber der Bun zu lange! — Weitere Zurufe von der
deskanzler hat doch gesagt: Es geht nicht CDU/CSU.)
um die Anerkennung!)
Ich komme zu einer dritten Bemerkung, die der
Wir wollen wegkommen von dieser Debatte; wir Kollege Strauß gestern gemacht hat. Er hat gesagt,
wollen wegkommen von dieser Frage. Diese Fragen er müsse befürchten, daß die Aussage von der
sind eingebettet in den großen Zusammenhang der Existenz zweier deutscher Staaten quasi der letzte
europäischen Sicherheitskonferenz. Nothalt des Eilzuges sei, in dem die Bundesregie-
rung sitze, und daß die Endstation dieses Expreß-
(Abg. Dr. Kliesing [Honnef] : Das ist Ge zuges die völkerrechtliche Anerkennung der DDR
schwätz!) sei. Herr Strauß hat anscheinend zwei Dinge durch-
Herbert Wehner hat einmal deutlich unterstrichen, einanderbekommen, nämlich die Tatsache, daß die
daß Fragen dieser Preislage zu vergleichen sind mit Aussage von der Existenz zweier deutscher Staaten
den beiden Höckern des Kamels: Anerkennung — Tatsachenbeschreibung ist,
Selbstvertretungsanspruch und daß die echten Prob- (Abg. Wehner: Sehr wahr!)
leme Deutschlands dazwischen verschaukelt werden.
an der niemand vorbeikommt, auch Sie nicht, meine
(Zuruf von der CDU/CSU: Es fragt sich nur, Damen und Herren von der CDU/CSU. Sie mögen
wer das Karnickel ist! — Weitere Zurufe das „Phänomen" oder „angebliches Phänomen" oder
von der Mitte.) wie auch immer nennen, aber Sie kommen nicht
daran vorbei, daß das Tatsachenbeschreibung ist.
— Ich komme noch darauf zurück. Verlieren Sie
doch nicht die Nerven, Herr von Guttenberg. (Abg. Stücklen: Es gibt bessere
Formulierungen!)
(Lachen bei der CDU/CSU.)
Wir Sozialdemokraten unterscheiden sehr deutlich
— Bitte, ich komme gleich darauf. zwischen Tatsachenbeschreibung und politischer
Er hat deutlich gemacht, daß es um diese Fragen Willenserklärung.
gar nicht geht, sondern es darum geht, den Frieden (Abg. Wehner: Sehr wahr!)
in Europa sicherer zu machen.
Wenn wir sagen, daß es zwei deutsche Staaten gibt,
(Anhaltende Zurufe von der CDU/CSU.) dann ist das keine politische Willenserklärung, son-
der leider Gottes Tatsachenbeschreibung, an der wir
Dazu brauchen wir — das ist allerdings unsere feste nicht vorbeikommen.
Überzeugung — Gewaltverzichtsabkommen mit
Polen, mit der Sowjetunion und mit der DDR. Wir (Abg. Wehner: Sehr gut!)
müssen von uns aus deutlich machen, daß natürlich Ganz etwas anderes ist die Aussage einer völker-
in diese Verhandlungen auch die Frage der Grenzen rechtlichen Anerkennung. Das ist nicht mehr Tat-
einbezogen wird. Grenzfragen sind Friedensfragen. sachenbeschreibung, sondern politische Willenser-
Wenn wir Frieden in Europa wollen und wenn wir klärung, und wir lehnen es ab, wenn Sie uns hier
Gewaltverzichtsabkommen schließen wollen, müssen unterstellen, wir wollten von der Tatsachenbeschrei-
wir auch über diese Fragen reden. bung zu einer politischen Willenserklärung kommen, -
(Zustimmung bei der SPD.) was die völkerrechtliche Anerkennung anbelangt,
die eben ausdrücklich in der Regierungserklärung
Ich kann nur unterstreichen, was vergangene Bun- wie auch in dem Bericht zur Lage der Nation von uns
desregierungen dazu gesagt haben. Sie haben doch dargestellt und zurückgewiesen worden ist.
diesen Gewaltverzicht originär angeboten, und dann (Beifall bei den Regierungsparteien.)
kann man nicht sagen: Gewaltverzichtsabkommen
dürfen aber, was die deutschen Grenzen anbelangt, So können Sie mit uns nicht umgehen.
nicht zu einer Festlegung führen.
(Abg. Baron von Wrangel: Das sind doch Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
Sorgen in diesem Hause, oder sehen Sie Apel, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
das nicht?) Petersen? — Bitte schön.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 935
Petersen (CDU/CSU) : Herr Kollege Apel, sind wirklich zweckmäßig wäre, Papiere so hin und her
Sie sich eigentlich der außenpolitischen Folgen die- zu schicken.
ser so erfolgten Tatsachenbeschreibung, wie Sie das (Abg. Dr. Barzel: Ich werde Ihnen das
nennen, bewußt und vorher bewußt gewesen in nachher sagen, Herr Apel!)
bezug auf die Konfusion, die das natürlich in der
Welt hervorruft, die dann auch von zwei deutschen — Ja, das finde ich nett; ich werde mir das dann
Staaten ausgeht mit all den daraus folgenden Konse- genauso geduldig anhören, wie Sie jetzt hoffentlich
quenzen? geduldig zuhören.
(Abg. Dr. Barzel: Ich höre immer
geduldig zu!)
Dr. Apel (SPD) : Herr Kollege Petersen, diese
Konfusion haben Sie jahrelang in diesem Hause ge- — Das finde ich sehr nett von Ihnen.
trieben. (Abg. Dr. Barzel: Das sollten Sie aner
(Beifall bei den Regierungsparteien. — Zu kennen, Herr Apel!)
rufe von der CDU/CSU. — Abg. Petersen: Sie sind also der Meinung, wir sollten Papier-
Da wußte die Welt, woran sie war!) chen hin- und herschicken, Vertragsentwurf hier,
— Sie haben jahrelang in Konfusion gemacht, indem Vertragsentwurf dort, das deutsche Volk in der
Sie mit Phänomenen Gewaltverzichtsabkommen ab- Mitten, um wieder einmal einen Spruch von Herrn
schließen wollten, indem Sie mit Phänomenen ver- Kiesinger abzuwandeln, das sich dann aber nur
handeln wollten. wundert, denn heraus kommt dabei nichts.
(Abg. Petersen: Die Welt wußte, woran sie (Zuruf des Abg. Petersen.)
war, Herr Apel!) Wir unterstreichen die Linie des Bundeskanzlers.
Sie haben vernebelt, während unsere Position völ- (Abg. Dr. Barzel: Da sind wir schon mehr
lig eindeutig und klar ist. So billig können Sie es für den Außenminister!)
sich hier nicht machen.
Jede Seite hat das Recht, die Probleme, die sie an-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD.) gesprochen sehen möchte, auf den Tisch des Hauses
Wir müssen die Frage stellen, ob Sie mit dem ande- zu bringen. Wir werden dann in einer großen Be-
ren deutschen Staat auf der Grundlage der Tat- standsaufnahme sehen, um was es geht, wir werden
sachenbeschreibung verhandeln wollen oder nicht, darüber diskutieren, und dann werden wir sehen,
und wenn Sie es nicht wollen, dann sind Sie wieder inwieweit wir zu Regelungen kommen.
in den Katakomben des Kalten Krieges und verspie- (Abg. Dr. Stoltenberg: Ein gewaltiges Kon
len den Rest der Substanz des deutschen Volkes. zept, Herr Apel!)
(Beifall bei den Regierungsparteien.) — Und, Herr Stoltenberg, es gibt nämlich ein Kon-
zept des Herrn Bundeskanzlers. Wir finden das in
seiner Rede, was er auf den Brief von Herrn Ulbricht
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Apel, ge- antworten will. Er hat vier Punkte genannt, Orien-
statten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Kollegen
tierungspunkte, in die er seine Antwort einbetten
Steiner? und auf die er sie ausrichten will. Er hat gesagt, er
möchte den Partnern in der DDR sagen, und er
Dr. Apel (SPD) : Nein, ich gestatte jetzt keine möchte sie fragen, ob sie nicht auch der Meinung
Zwischenfrage mehr, weil ich weiß, daß das Taktik seien, daß beide Staaten Verpflichtungen für die
der CDU ist, Reden auf diese Art und Weise ausein- Einheit der Nation hätten. Er bezieht sich dabei
anderzureißen. ausdrücklich auf die DDR-Verfassung. Er möchte
ihnen sagen und anbieten, daß es zwischenstaat-
(Beifall bei Abgeordneten der SPD.) liche Beziehungen ohne Diskriminierung geben soll.
Im übrigen führen wir hier ja eine Debatte, und die Dazu ist einiges Weitere gesagt. Ich brauche das
Zwischenfrager sollten den Kollegen, die nach mir nicht darzustellen. Er bietet ihnen mehr Zusammen-
sprechen, nicht alles vorwegnehmen. Die können es arbeit an, aber er möchte die alliierten Rechte in
im übrigen meistens besser als die Fragesteller. unserem Lande erhalten sehen.
Lassen Sie mich zu einem letzten Punkt kommen. Ich vermisse in den letzten 24 Stunden, daß die
Der Herr Kollege Barzel hat ja sehr zur Über- Opposition auf diese vier Punkte, die, wenn Sie so -
raschung mancher mehr Aktivität gefordert, und er wollen, in statu nascendi sind und die die Richtung
hat sogar einmal gesagt, unserer Antwort auf den Vertragsentwurf darstellen
sollen, auch nur ein konstruktives Wort verwandt
(Abg. Dr. Barzel: Ich habe einen sehr kon- hätte. Hier sind Sie gefordert, Herr Barzel, zu sagen,
kreten Vorschlag gemacht!) was Sie von diesen vier Punkten halten. Sie können
wenn die Pressemeldungen stimmen, man solle doch sich nicht immer an die Klagemauer stellen und
sagen: Wir sind nicht informiert. Hier gibt es die
dem Vertragsentwurf, den die DDR uns übermittelt
hat, durch ein eigenes Dokument begegnen und auf Chance für Sie, zu sagen, was Sie davon halten.
diese Art und Weise unsere Vorstellungen deut- Sagen Sie etwas dazu, informieren Sie den Bundes-
lich machen. Herr Kollege Barzel, ich muß Sie fra- kanzler, helfen Sie uns!
gen, ob diese Taktik, diese Verhandlungsweise (Abg. Kiep: Nach der Einleitung!)
936 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Apel
Sie dagegen — und damit zitiere ich den früheren Ostpolitik keinen kleinlichen Parteienstreit geben I
Außenminister der CDU, Herrn Schröder — haben kann, sondern daß das, was der Herr Bundeskanzler
es damit bewenden lassen, die laufenden Verhand- hier angeboten hat
lungen mit negativer Begleitmusik zu versehen. (Abg. Katzer: Dann müssen Sie anders reden,
Natürlich war zu erwarten, daß die Reaktion in Herr Apel!)
Ost-Berlin und auch in Moskau auf die Erklärung — und da ist sich die gesamte Tagespresse heute
des Herrn Bundeskanzlers und auch auf die Debatte morgen einig —, eine anständige, ehrliche Analyse
des gestrigen Tages nicht freundlich sein würde. unserer Lage und unserer politischen Möglichkeiten
Wir haben das erwartet, aber wir lassen uns davon ist. Wir wollen auf dieser Analyse aufbauen, um in
nicht beirren. Wir sind weder bereit, von irgend der Politik weiterzukommen.
jemand hämische Bemerkungen so mit dem Tenor
„Da habt ihr es!" entgegenzunehmen, (Beifall bei den Regierungsparteien.)
(Abg. Dr. Barzel: Das hat hier keiner ge
macht! Wir haben ein gemeinsames Schick Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat
sal!) Herr Abgeordneter Dr. von Weizsäcker.
noch werfen wir die Flinte ins Korn, noch sind wir
bereit, entsprechend zu antworten. Wir sind dem Dr. Freiherr von Weizsäcker (CDU/CSU) :
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Her-
Test unterworfen, von dem der Herr Bundeskanzler
bert Wehner hat gestern gesagt, daß wir am An-
gesprochen hat, diesem Geduldstest, Geduld in der
fang der achtziger Jahre vor derselben Frage stehen
Zeit und auch Geduld in der Nervenkraft. In jedem
werden, vor der wir jetzt in bezug auf die sechziger
Fall — und wir Sozialdemokraten unterstreichen
.Jahre stehen, was dieses Haus nämlich für die Ein-
das, was dazu gestern der Herr Bundesaußenmini-
heit der Nation in den siebziger Jahren getan
ster und auch Herr Dahrendorf gesagt haben — wer-
haben wird. Ich glaube, wir brauchen dafür den
den wir gestärkt aus diesen Verhandlungen heraus-
Nachweis sachlicher Auseinandersetzungen, aber
gehen. Wir können Europas Frieden unter Umstän-
nicht den Nachweis der Polemik, die wir soeben
den sicherer machen und die Substanz unseres Vol-
gehört haben.
kes retten. Wie aber auch immer, wir gewinnen
durch diese Verhandlungen moralischen und politi- (Beifall bei der CDU/CSU.)
schen Kredit. Wir loten alle Möglichkeiten aus, die Ich möchte auf einige Punkte der Regierungs-
es heute und jetzt gibt. Uns wird man in den acht- erklärung des Bundeskanzlers und der gestrigen
ziger Jahren nicht den Vorwurf machen können, Debatte eingehen. Lassen Sie mich aber vorweg
den man Ihrer Regierung zu Recht machen muß, in noch zwei andere Bemerkungen machen.
den fünfziger Jahren eben nicht ausgelotet zu ha-
Die erste bezieht sich auf die Frage an den Herrn
ben, was damals in der Deutschlandpolitik wirklich
Bundeskanzler wegen seines Nachworts im Buch
drin war.
„100 Jahre Deutschland". Ich hatte Anlaß, dieses
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Nachwort sehr sorgfältig zu lesen; denn ich habe zu
Uns wird man diesen Vorwurf nicht machen können. diesem Buch das Vorwort geschrieben. Ich habe
Wir festigen durch unsere Ostpolitik die west- vieles von dem, was der Bundeskanzler in seinem
liche Einheit. Gott sei Dank ist Ihnen ja nach dem Nachwort geschrieben hat, mit großem Eindruck
letzten Brief des amerikanischen Präsidenten Nixon gelesen. Aber ich gestehe, daß auch ich bei der
die Argumentationsbasis endgültig, so hoffen wir, Formel über die restaurativen Muster und bei der
unter den Füßen weggezogen worden, wir wollten Formel von dem radikalen Bruch mit der Vergan-
hier traumtänzerisch allein etwas versuchen. genheit, dem wir ausgewichen seien, sehr gestutzt
habe. Der Vorwurf der restaurativen Muster ist
Lassen Sie mich abschließen. Wir Sozialdemokra- uns, wie wir wissen, damals allen gemacht worden,
ten stellen nach den ersten 24 Stunden fest, daß die der SPD nicht weniger als der CDU und den Kir-
Obstruktionspolitik der Opposition in der Deutsch-
chen nicht weniger als den Gewerkschaften. Der
landfrage gescheitert ist, daß sich die CDU in den Vorwurf, nicht radikal mit der Vergangenheit zu
letzten 24 Stunden gewunden hat, da sie weder in brechen, ist ein Vorwurf von radikaler Seite, dem
die Katakomben des Kalten Krieges zurück wollte wir wiederum gemeinsam heute gegenüberstehen.
noch ihre Buhmänner hier richtig verkaufen konnte,
Aber was der Bundeskanzler wirklich konkret mit
noch mit ihrer historischen Analyse Glück hatte.
dem vermißten radikalen Bruch mit der Vergangen-
Wir freuen uns darüber nicht, meine Damen und -
heit gemeint hat, das scheint er mir gestern ebenso-
Herren; denn wir wissen, daß wir in der Deutsch- wenig beantwortet zu haben wie die Frage von
land- und in der Ostpolitik alle zusammenhalten Herrn Dr. Barzel, wie er es denn mit dem radika-
müssen. len Bruch nun in der Zukunft zu halten gedenke.
(Abg. Barzel: Deshalb haben wir die ge
Das ist meine erste Vorbemerkung.
meinsame Resolution vorgeschlagen!)
(Beifall bei der CDU/CSU.)
— Wir wären froh, Herr Barzel, wenn Sie diesen
Lernprozeß der letzten 24 Stunden und der vor- Die zweite bezieht sich auf eine Bemerkung des
angegangenen Wochen so verstehen würden, wie Bundesaußenministers. Wir waren dankbar, daß er
ihn Herr Wehner gestern gemeint hat, nämlich end- die Deutschlandpolitik in den allgemeinen Rahmen
lich zu begreifen, wie es Herr Schröder schon lange der Außenpolitik gestellt hat. Er sprach von den
begriffen hat, daß es in unserer Deutschland- und Wandlungen der Struktur im Warschauer Pakt und
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 937
Dr. Frhr. von Weizsäcker
von den Auflockerungen, die von der wirtschaft- soll. Die Verantwortung der Politiker und der Re-
lichen und technologischen Vernunft zu erwarten gierung ist entscheidend groß, besonders im Hin-
wären, auf die wir setzen sollten. Meine Damen blick auf die Erwartungen der Menschen hüben und
und Herren, ich glaube in der Tat, daß das das ein- drüben; denn diese Erwartungen entscheiden doch
zige ist, worauf wir überhaupt setzen können. Aber letztlich über den Sinn, über die Fortdauer der Ein-
wenn wir das sagen, so müssen wir doch hinzufü- heit der Nation zu sprechen. Wir haben drüben
gen: diese wirtschaftliche und technologische Ver- keine empirische Sozialforschung, die wissenschaft-
nunft ist ihrer Natur nach notwendig verknüpft mit lichen Anforderungen genügen würde. Aber soviel
gesellschaftspolitischen Konsequenzen und Wand- wissen wir doch alle: die Menschen drüben sind seit
lungen. Die eigentliche Gefahr, vor der wir doch dem Jahre 1961 eingesperrt, unschuldige Menschen,
stehen, ist, daß der Widerspruch zwischen den die dafür bezahlen, daß von einer deutschen Regie-
Zwängen der wirtschaftlichen und technologischen rung ein Krieg verschuldet und verloren wurde.
Vernunft und der Angst des Parteiapparates vor Aber sie müssen leben, sie müssen ihre Lebenskraft
den Liberalisierungsfolgen dieser Zwänge uns, wie im eigenen Haus investieren. Eben dies haben sie
es scheint, immer wieder auf den restaurativen, auf getan. Sie mußten sich im eigenen Haus notgedrun-
den reaktionären Kurs zurückbringt, vor dem wir in gen einrichten. Sie wissen am besten, daß ihre Re-
Moskau stehen. Das ist es, was zum 21. August 1968 gierung nicht durch ihren Willen an die Macht
geführt hat, das hat uns die Breschnew-Doktrin nach gekommen ist. Trotzdem — wie soll es anders sein?
außen und die Verschärfung innerhalb der Gesell- — identifizieren sie sich mit den Werten, die sie
schaft in der Sowjetunion und den Blockländern selber geschaffen haben, und sie haben Erwar-
gebracht. tungen an die Zukunft.
(Abg. Dr. Barzel: Sehr gut!)
Was bedeutet das alles für den Zusammenhang
Das Mißtrauen in der Sowjetunion gerade gegen der Deutschen? Ich glaube, zwei Dinge können wir
diejenigen westlichen Politiken, die auf die wirt- deutlich feststellen, we nn w ir u n s hüb en und drü-
schaftliche und technologische Vernunft setzen, ist ben auf diese Sachen einlassen. Das erste ist: ihr
deswegen nicht geringer, sondern schärfer geworden. Urteil über die Chancen der Wiedervereinigung ist
Das Mißtrauen der Sowjetunion, daß mit Hilfe die- sehr nüchtern, aber ihr Interesse an der Wiederver-
ser unserer Hoffnung westliche Politiken Erfolge im einigung als Chance ist nichtsdestoweniger ein-
Bereich des Warschauer Paktes haben, das ist es, deutig lebendig.
womit wir es zu tun haben, und ich glaube, wenn
(Beifall bei der CDU/CSU.)
unser Außenminister über die zu erwartenden Auf-
lockerungen spricht, dann muß er diesen Gesichts- Das zweite: sie haben sehr deutliche eigene Vorstel-
punkt mit nennen. lungen über Werte und Ziele in Gegenwart und
Aber ich möchte nun zur Erklärung des Bundes- Zukunft. Aber sie zielen damit nicht auf die Spal-
kanzlers zurückkommen und dazu folgendes sagen. tung, sondern auf ihre Überwindung, und zwar
Auch ich gehöre zu denen, die in den letzten Wo- dann, wenn unsere hiesige Einstellung dieser Ein-
chen vor dieser Debatte mit wachsender Sorge be- heit Kraft und Lebendigkeit verleiht.
obachtet haben, wie unsere Regierung in dem sehr Deshalb, meine Damen und Herren, ist es so wich-
verständlichen Bemühen nach Zeichen guten Willens tig, wie das Parlament und wie die Regierung han-
und in dem von uns geteilten Bemühen nach Glaub- deln und sprechen. Wir müssen sehr deutlich sagen,
würdigkeit in unseren Begriffen im Umgang mit was mit der Wiedervereinigung gemeint ist und
neuer und alter Sprache der Deutschlandpolitik Ver- was nicht gemeint ist. Es genügt nicht, alte For-
wirrung stiftete. Trotz ständiger Fragen von unserer meln zu wiederholen oder alte Formeln zu strei-
Seite hatten wir keine Klarheit und keinen Plan chen, sondern wir müssen sie ständig begründen.
vorgelegt bekommen, und das ist es doch, was die Wir wissen, meine Damen und Herren, Wieder-
Zusammenarbeit erschwert hat. vereinigung kann nicht ein restauratives, sondern
Ich bin dankbar, daß der Bundeskanzler in einigen nur ein neues Zusammenwachsen bringen. Wir
wesentlichen Punkten in der vorgestrigen Erklärung sprechen von einer Einheit, die auf Europa weist
eine lange erforderliche und deshalb von uns seit und die dazu beitragen muß, Grenzen zu überwin-
langem geforderte Klärung gebracht hat. Ich denke den. Sonst kann sie nicht zustande kommen. Aber
vor allem an das, was er zur Einheit der Nation damit leugnen wir doch nicht, sondern bestätigen,
daß unter den Deutschen das elementare Bewußt-
gesagt hat, und das
das— —worauf
worauf auch
auchHerr Apel
Herr Apel so
eben zu sprechen gekommen ist —, was er die un- sein fortlebt, zusammenzugehören. Die Spaltung der -
verzichtbaren Orientierungspunkte in den Verhand- Nation würde es allein bedeuten, wenn die Deut-
lungen mit Ost-Berlin genannt hat. Zu beidem und schen nicht mehr den Willen hätten, ihre Identität
zum Thema der Zusammenarbeit möchte ich ein als Volk zu wahren. Welche Regierung will sagen,
daß dieser Wille erloschen sei, nur weil die welt-
paar Worte sagen.
politische Konstellation die Selbstbestimmung für
Dankbar also bin ich, daß der Bundeskanzler die die Deutschen heute nicht zuläßt? Welche Regie-
Einheit der Nation unterstrichen hat, und ich meine, rung darf den Einfluß verkennen, den sie selbst auf
er hat ganz recht: Es sind nicht unsere Gesetze, son- diesen Willen durch die Art und Weise nimmt, wie
dern es sind Wille, Wort und Tat, die sich dokumen- sie von Wiedervereinigung spricht oder schweigt?
tieren, wenn die Einheit gesichert und die Hoffnung
auf ihre Verwirklichung lebendig gehalten werden (Beifall bei der CDU/CSU.)
938 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
(Beifall hei der CDU/CSU.) Es geht um die Zusammenarbeit nicht nur mit der
Regierung, sondern auch mit den die Regierung tra-
Wir haben zu entscheiden, welchen Einfluß wir auf genden Fraktionen. Ich habe stets mit großem Re-
die Rolle der Regierung von Ost-Berlin im inter- spekt mit angehört, was Herbert Wehner zur
nationalen Feld nehmen können und wollen. In Deutschlandfrage hier zu sagen hatte und zu sagen
diesem Sinne stimme ich dem ganz zu, was der hat. Aber das Wort von dem „Spiel mit den Resolu-
Außenminister gestern gesagt hat, daß es nicht um tionen" war kein gutes Wort.
abstrakte Rechtsregeln, sondern um Politik geht,
(Beifall bei der CDU/CSU.)
bevor man Tatsachenbeschreibungen ausspricht, die
man von der Politik gar nicht trennen kann, Herr Wenn hier in ernsthafter Arbeit eine Resolution
Apel. gemeinsam erarbeitet worden ist, dann kann es
(Beifall bei der CDU/CSU.) selbstverständlich ernsthafte Gründe geben, von die-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 939
Moersch
kes zu wahren sei. Das ist in der Präambel damals lich gleichzeitig eine Veränderung der Machtver-
aus gutem Grunde so formuliert worden, aber ich hältnisse, unter dem Rubrum, daß Sie jetzt auch die
wundere mich darüber, daß diese Frage gestern nun staatliche Einheit ganz in den Vordergrund der Be-
gerade von der Seite, nämlich von Herrn Dr. Kie- mühungen stellen
singer, so zugespitzt aufgegriffen worden ist, die (Abg. Köppler: Was heißt „Vordergrund"?
doch in den fünfziger Jahren damals war ich ein Bleibt das Ziel oder nicht?)
sehr aufmerksamer Zuhörer auf der Tribüne — in
diesem Hause den Kollegen gegenübergetreten ist, — ich habe es hier dargelegt, Sie können es nach
die damals auf diesen Punkt hinwiesen. Ich nenne lesen —,
hier die Namen Thomas Dehler und Gustav Heine- (Abg. Köppler: Nein, Sie haben es nicht
mann. Ich erinnere mich sehr genau an diese De- dargelegt!)
batten. Damals wurde diesen Kollegen versichert, am Ende eine weitere Teilung der Nation provozie-
daß dieses Ziel keineswegs aus dem Auge gelassen ren, die Sie möglicherweise damit nicht gewollt
sei, daß man sich aber jetzt für die westliche Inte- haben.
gration, für die Vertragspolitik entscheiden müsse
Wie gesagt, die deutsche Geschichte ist voll von
und daß es ganz falsch sei, solche Besorgnisse zu
solchen Hinweisen. Ich möchte hier am Schluß nur
haben, wie sie Thomas Dehler in diesem Haus aus-
noch ein Zitat anführen und Sie bitten, es doch ein-
gesprochen hat.
mal nachzulesen und zu überdenken. Carlo Schmid
Wer sich damals aus Gründen, die hier dargelegt hat gestern schon auf den Ursprung dieses Zitats
worden sind und die ich gar nicht in Frage stellen bei Renan hingewiesen. Meinecke hat sich damit in
will, nun einmal für den Vorrang der Westpolitik „Weltbürgertum und Nationalstaat" auseinander-
entschieden hat und damit eben dem Auftrag des gesetzt. Er hat betont, daß es gewissermaßen eine
Grundgesetzes keineswegs so präzise gerecht ge- Zweiteilung, eine Unterschiedlichkeit von Kultur-
worden ist, wie man ihm nach Meinung anderer in nation und Staatsnation gibt und daß die Staats-
den fünfziger Jahren hätte gerecht werden können nation vorzugsweise auf der vereinigenden Kraft
und müssen, darf sich heute nicht darüber wundern, einer gemeinsamen Geschichte und Verfassung be-
daß etwa mein Kollege Dahrendorf gestern — wie ruht.
ich meine, sehr zutreffend — festgestellt hat, daß
Die Kulturnation kann in sich,
der Vorrang der staatlichen Einheit das ist doch
der Sinn dessen, was wir hier zu diskutieren ha- — ich zitiere wörtlich —
ben am Ende die nationale Einheit selbst ge- wie das Beispiel der großen deutschen Nation
fährden könne, wenn wir auch jetzt noch, im Jahre zeigte, mehrere Staatsnationen entstehen sehen,
1970, auf jeden Fall beides gleichrangig haben möch d. h. Bevölkerungen von Staaten, die ihr politi-
ten. DidmihacPsenroblmzucrt
se sches Gemeingefühl
taus Eigenar zukräftiger
(Abg. Köppler meldet sich zu einer prägen, die dadurch zu einer Nation werden, oft
Zwischenfrage.) es bewußt werden wollen, zugleich aber — sie
mögen es wollen oder wissen oder nicht — auch
— Ich möchte jetzt keine Zwischenfrage zulassen. Angehörige jener größeren umfassenden Kul-
Ich möchte mich nicht in die Reihe derer einreihen, turnation bleiben können.
die gestern als Historiker gesprochen haben — ich Das war ein Problem der Jahrhundertwende. Das ist
denke z. B. an Herrn Strauß; Sie wissen, daß die geschrieben unter Hinweis auf das damalige Elsaß-
Nichthistoriker gelegentlich behaupten, die Histo- Problem.
riker seien rückwärtsgewandte Propheten —, son-
Mit dieser Frage, was wir eigentlich bleiben wol-
dern ich möchte nur darauf hinweisen, daß die Ge-
len und bleiben können, müssen wir uns heute be-
schichte der deutschen Nation, wenn Sie 1848 an-
schäftigen. Ich bin denjenigen in diesem Hause
fangen, eine Geschichte der falschen Zielsetzungen,
dankbar, die ganz unbefangen und realistisch die
der nicht realistischen Zielsetzungen gewesen ist
Situation des Jahres 1970 sehen und die die Ziele
(Abg. Köppler: Ist die staatliche Einheit ein jetzt so stecken, wie sie aus den gegebenen macht-
falsches Ziel?) politischen Gründen erreichbar erscheinen, die nicht
und daß diejenigen, die in der Geschichte so sehr den übernächsten Schritt unter allen Umständen zu-
auf staatliche Einheit drängen wollten und immer sammen mit dem nächsten Schritt tun wollen, um
wieder gedrängt haben, am Ende weiterhin stehenzubleiben, wie wir es zu
(Abg. Köppler: Aha!) unserem gemeinsamen Bedauern in den letzten-
zwanzig Jahren geblieben sind. Das ist eine Fest-
auf diese Weise sehr oft die nationale Einheit in stellung, die Sie doch gemeinsam machen müssen:
Frage gestellt haben und auch die staatliche Einheit mit der Beschwörung der Wiedervereinigung in
nicht erreicht haben. Worten sind Sie ihr nicht nähergekommen, sondern
(Abg. Freiherr von und zu Guttenberg: Das Sie sind ihr ferner gerückt. Ich meine, wenn wir
sagt ein FDP-Mann! — Abg. Köppler: Wie davon Abschied nehmen, vollziehen wir einen Akt
ist es denn jetzt bei Ihnen mit dieser Ziel politischer Vernunft.
setzung, Herr Moersch?) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
— Ich bin der Meinung, daß die nationale Einheit
zu bewahren ist und auch bewahrt werden kann, daß Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
Sie aber dann, wenn Sie alles haben möchten, näm Abgeordnete Mattick.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 941
Mattick (SPD) : Frau Präsidentin! Meine sehr ver- gestern in bezug auf die Situation 1952 zurückkom-
ehrten Damen und Herren! An sich hat die Re- men, als wir es mit der Note der SU zu tun hatten
gierungserklärung eigentlich die Voraussetzung ge- und es bei Ihnen auch keine einheitliche Haltung
schaffen, in diesen Tagen mehr über das zu spre- dazu gab, wie man sich zu verhalten habe. Ihr
chen, was' zu tun ist, als über das, was wir uns über Evangelischer Arbeitskreis hat am 15. September
die Vergangenheit zu sagen haben. Aber das ist nun 1952 einen Beschluß gefaßt — ich darf zitieren —:
einmal leider so gelaufen. Ich habe den Eindruck, Wir sehen in der Note der Sowjetunion vom
meine Damen und Herren, daß die CDU, die Oppo- 10. 3. 1952 einen Erfolg der Politik der Bundes-
sition, gestern eine große Chance verpaßt hat. Sie regierung, da damit ein Gespräch zwischen den
hätten gestern die Gelegenheit gehabt, Ihren Mächten veranlaßt wird, auf denen die Verant-
30. Juni zu erleben. wortung für die Teilung Deutschlands beruht.
Die Bundesregierung hat — das ist unbestreitbar Wir bitten die Bundesregierung, bei ihren Bera-
auch für Sie — großes, zusätzliches internationales tungen mit den Westmächten sich dafür einzu-
Vertrauen — ich meine nicht, daß früher keines da setzen, daß auch diese nichts unversucht lassen,
war — aufgestockt: bei Verbündeten und befreun- das von ihnen gleichfalls bejahte Ziel der deut-
deten Mächten und auch in der neutralen Welt. Die schen Wiedervereinigung zu verwirklichen.
Ursachen kennen wir, ich brauche sie hier aber
Das war am 15. März 1952. Am 16. März 1952
nicht aufzuzählen; wir wollen nicht alte Wunden
bezeichnete Dr. Adenauer diese Note als einen
aufreißen, wenn es nicht notwendig ist. Es gibt für
„Fetzen Papier".
die heutige Politik der Bundesregierung ein festes
westliches Fundament und absolute Rückendeckung. Lassen Sie mich diese Bemerkung mit einem Zitat
aus jener Zeit, das auch von Adenauer stammt, ab-
Wenn ich sage: 30. Juni, so möchte ich damit fol-
schließen:
gendes ausdrücken. Ich komme noch einmal auf den
30. Juni 1960 zurück. Herbert Wehner hat gestern Erst wenn der Westen stark ist, ergibt sich ein
mit Recht an diese Auseinandersetzung erinnert. Am wirklicher Ausgangspunkt für friedliche Ver-
Schluß dieser Auseinandersetzung hat Fritz Erler handlungen mit dem Ziel, nicht nur die Sowjet-
nach der Rede Ihres Herrn Kollegen von Guttenberg zone, sondern das ganze versklavte Europa
eine konkrete Frage an ihn gerichtet. Er hat gefragt: östlich des Eisernen Vorhangs zu befreien.
Herr von Guttenberg, seien Sie doch bitte so freund-
lich und sagen Sie nun einmal klipp und klar sach- Dazu hat er noch gesagt, meine Damen und Herren:
lich in Einzelheiten, wie Ihre Vorstellung von der Der Zeitpunkt ist nicht mehr allzufern, in dem
Wiedervereinigungspolitik ist! — Sie haben damals sich die SU zu einem vernünftigen Gespräch
nicht geantwortet, Herr von Guttenberg. Sie haben bereit erklären wird.
diese Frage bis heute nicht beantwortet, sondern Sie Sie kennen die Zitate. Auf Grund der Debatte von
haben immer nur davon gesprochen, daß Sie eine gestern mußte ich sie noch einmal wiederholen.
richtige Politik betreiben. Wir haben die Antwort Daran kann man doch nur diese eine Schlußfolge-
bis heute nicht. rung knüpfen: die Vorstellungen, mit denen Dr.
Ich will Ihnen, meine Damen und Herren, an- Adenauer in seine damalige Vertragspolitik gegan
knüpfend an das, was Herr Dr. Gradl gestern hie r gen ist, waren auf alle Fälle falsch. Zu dieser Er-
gesath,folnd .EiemBrläuft klärung sollten wir gemeinsam kommen.
es bei der Erinnerung an die Zeit von 1945 bis —
(Abg. Wehner: Sehr wahr! — Abg. Köppler:
ich sage es nur abgegrenzt — zum 13. August 1961
Was war denn richtig?)
manchmal noch eiskalt den Rücken herunter. Das
fängt an mit der Frage der Währungsreform. Hier Nun hat sich Herr Strauß gestern hier auch noch
im Saal sitzt noch ein Zeuge, Dr. Franz Seume, der einmal mit dieser Situation beschäftigt und nach den
damals mit Reuter und Klingelhöfer die Auseinan- Zielen der Sowjetunion zu jener Zeit gefragt. Er
dersetzung geführt hat, insbesondere mit Ihren kam gestern zu der Feststellung: Wir konnten 1952
Herren Adenauer und Erhard: Was wird bei der nicht verhandeln, weil die Sowjetunion nur darauf
Währungsreform aus Berlin? Damals kam dann Ihr ausging, ihre Mitbestimmung in ganz Deutschland
Kollege Dr. Friedensburg noch mit der Bärenmark. zu erreichen.
Wo wäre denn Berlin heute, wenn dieser erste (Abg. Stücklen: Ja, sicher! — Weitere Zu
Schritt, Berlin in die Währungreform einzubeziehen, rufe von der CDU/CSU. — Abg. Wehner:
nicht getan worden wäre?! Sie können eben niemals zu etwas kommen -
Stalin hat 1945 gesagt: außer zum Schießen, und schießen können
wir nicht!)
Dieser Krieg endet anders, im Unterschied zu
allen bisherigen. Nach diesem Krieg wird der Jetzt sage ich Ihnen folgendes: 1952 war das, was
Sieger dem Besiegten seine Gesellschaftsord- Stalin gesagt hatte, nämlich man werde den Besieg-
nung aufzwingen. ten eine andere Gesellschaftsordnung aufzwingen,
noch nicht vollendet. Das war vor dem 17. Juni 1953.
Das, meine Damen und Herren, hat von 1945 an eine
ganze Zeit in Anspruch genommen. Einen gewissen Es gab aber etwas, das Herr Strauß gestern zu
Abschluß gab es vielleicht mit dem 17. Juni 1953. erwähnen vergessen hat: Auf Grund der Ausein-
Hier muß ich auf die Bemerkungen von Herrn andersetzung in Europa und in Asien war die Hal-
Dr. Gradl und insbesondere auch von Herrn Strauß tung der westlichen Mächte klar, nämlich keinen
942 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Mattick
Fußbreit freien Bodens mehr aufzugeben. Auf die- wird, ist es schwer, drei Wochen später zu sagen:
sem Fundament konnte man 1952 abtasten, was in „Wir wollen uns gemeinsam finden, weil die Ge-
den Angeboten der Sowjetunion tatsächlich ernst- meinsamkeit eine Voraussetzung einer durchschla-
gemeint war, nämlich in einer Zwischenperiode, ein- genden Deutschlandpolitik ist." Aber Sie sollten
schließlich in der Übergangszeit nach dem Ausschei- sich das selber in Ruhe mal überlegen.
den Stalins. Eines ist doch wohl die Voraussetzung unserer
(Abg. Freiherr von und zu Guttenberg: Politik: Frieden, wie wir ihn wollen, ist nur durch
Mein Gott!) Verständigung und nur durch Kompromisse zu er-
reichen. Die Bundesregierung ist mit ihren befreun-
—DabruchenSigtmdKopfzu
deten und verbündeten Mächten heute in einer aus-
schütteln; bewiesen ist das nicht. Sie, meine Damen
reichend starken und gesicherten Position, daß sie
und Herren, haben es versäumt, diesen Versuch in
tatsächlich alle Bemühungen daransetzen kann, ich
einer Periode zu unternehmen, in der die Sicherheit
sage jetzt, in Fragen von Kompromißangeboten den
für den freien Raum Deutschlands durch die West-
Sowjetrussen und der DDR mehr als den halben
mächte schon gewährleistet war. Das ist unbestreit-
Weg entgegenzugehen, weil wir die moralische
bar.
Position haben, die materielle Position haben, die
(Beifall bei der SPD. — Abg. Stücklen: Das
gesicherte Position haben, die westliche Rücken-
sind doch immer wieder die gleichen
deckung haben, daß wir uns das erlauben können.
Illusionen!)
Das hat zwei Ziele: entweder daß wir erreichen,
- Entschuldigen Sie, welche Illusionen haben Sie
was wir hoffen, daß uns die Sowjetunion und die
denn jetzt? Das sind keine Illusionen.
DDR, wenn sie auch der Meinung sind, der Frie-
(Abg. Stücklen: Das sind die gefährlichen den muß durch Kompromisse gesichert werden, ein
Illusionen! — Weitere Zurufe von der Stück Weges entgegenkommen — —
CDU/CSU.)
— Das sind sachliche Feststellungen über ver- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
säumte Versuche, abzutasten, was geschichtlich not- Mattick, gestatten Sie eine Zwischenfrage?
wendig gewesen wäre, Herr Stücklen. Das ist ein
unbestreitbarer Vorgang.
Nun sind wir ja doch ein Stück weiter. Der Streit, Mattick (SPD) : — ich möchte erst zu Ende spre-
chen —, ein Stück Weges entgegenkommen, und
der jetzt hier geführt wird, ist auch unter Ihnen
dieser Versuch wird jetzt durch die Verhandlungen
nicht ausgetragen. Ich darf daran erinnern, daß Herr
und durch die Angebote auf Gewaltverzicht ge-
Strauß in seinem Buch folgende Feststellungen trifft:
macht. Oder — da möchte ich mich Herrn Dahren-
Dagegen setzte ich in aller Offenheit meine dorf von gestern anschließen —: Unsere Position ist
Meinung: ich glaube nicht an die Wiederher- so: wenn uns dies nicht gelingt, wird unsere Lage
stellung eines deutschen Nationalstaates. nicht schlechter, sondern bei den Verbündeten und
- Wörtlich Herr Strauß in seinem Buch! — bei den neutralen Mächten besser. Ich sage Ihnen
auch: sie wird besser bei den Menschen, bei den
Nur im Rahmen eines vereinigten Europa wird Völkern jenseits von Mauer und Stacheldraht, um
die deutsche Frage zu lösen sein. deren Freundschaft und um deren Beziehungen wir
(Zustimmung bei der CDU/CSU.) uns bemühen. Alles, was Sie jetzt tun, ist meiner
Ansicht nach der Versuch, das, was Sie als „alte
Da sind wir genau an dem Punkt, an dem die deut Politik" bezeichnen, noch eine Weile zu verteidigen.
sche Bundesregierung mit ihrem Bericht zur Lage
— ich sage das hier ganz offen, wie ich es sehe im In seiner Botschaft an die Nation hat der Präsi-
Vergleich mit früheren Zeiten — endlich mal einen dent Kennedy, als er von seiner Europareise und von
Bericht — wie das neulich in einer anderen Ver- seiner Begegnung mit Chruschtschow zurückkam,
anstaltung gesagt wurde — „ohne Augenzwinkern" dem Volke folgendes gesagt — und ich darf das
geschrieben hat und den Versuch gemacht hat, eine noch zitieren —:
Politik „ohne Augenzwinkern" zu betreiben. Ich Wir glauben an ein System staatlicher Freiheit
meine, dieser Bericht zur Lage hätte die CDU wirk- und Unabhängigkeit, er — Chruschtschow —
lich veranlassen können — wenn Sie die Presse an eine expandierende und dynamische Idee des
gestern morgen nach dem Bericht genau gelesen Weltkommunismus. Und die Frage stellt sich,-
haben, hätte Ihnen das noch einmal aufkommen
— die stellt sich auch für uns
—
können , den Versuch zu machen, bei den gerin-
gen Differenzen, die wirklich da sind, wenn Sie ob überhaupt die Hoffnung besteht, daß diese
einmal Ihre Polemik lassen und wenn Sie das las- beiden Systeme in Frieden miteinander leben
sen, was Sie vorher erwartet haben, und wenn Sie können, ohne daß es dadurch etwas an Sicher-
die Leute beiseiteschieben, die mit Dreckschleudern heit einbüßt oder die Freiheit unserer Freunde
in den vorigen Wochen herumgelaufen sind, zu Ge- irgendwie geschmälert wird. So schwierig es
meinsamkeiten zu kommen. Vor mir liegt eine Er- auch sein mag, diese Frage angesichts so man-
klärung des Mitgliedes Ihrer Fraktion, Herrn Mar- cher uns bevorstehender harter Proben positiv
tin: „Die Bundesregierung bewegt sich in Ihrer zu beantworten, so glaube ich doch, daß wir es
Außenpolitik am Rande des Landesverrats". — der gesamten Menschheit schuldig sind, jeden
Natürlich, wenn so etwas in Ihren Reihen gesagt nur erdenklichen Versuch zu unternehmen.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 943
Mattick
Ich beglückwünsche die Bundesregierung, daß sie Dazu gehört aber auch, daß sich diejenigen, die
den Weg gefunden hat, jeden nur erdenklichen um diese Gemeinsamkeiten ringen, in der Art und
Versuch zu unternehmen, um dem Frieden ein Stück Weise der Debattenführung, in der Wahl ihrer
näher zu kommen. Argumente eines Stils befleißigen, der das Zustande-
(Beifall bei den Regierungsparteien.) kommen von Gemeinsamkeiten auch ermöglicht.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.)
Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der Ich habe den Eindruck — nach sorgfältigem Zuhören
Abgeordnete Kiep. gestern den ganzen Tag und insbesondere heute
morgen — daß hier gelegentlich doch wohl gegen
,
Kiep (CDU/CSU) : Frau Präsidentin! Meine sehr diesen zur Erreichtung von Gemeinsamkeiten not-
verehrten Damen und Herren! Der Sinn und Zweck wendigen Stil in flagranter Weise verstoßen worden
der Debatte über die Lage der Nation im gespalte- ist.
nen Deutschland ist nach unserer Ansicht die Fest- (Zustimmung bei der CDU/CSU.)
stellung und das Festhalten von Gemeinsamkeiten.
Hier ist in zunehmendem Maße — und der Herr
Diese Feststellung von Gemeinsamkeiten ist auch in
Kollege Apel, von dem ich das nun schon gar nicht
dieser Debatte trotz all dem, was heute morgen und
erwartet hätte, hat es heute morgen noch einmal
gestern hier in teilweise sehr polemischer Art und
demonstriert — immer wieder der Versuch gemacht
Weise gesagt worden ist, gelungen. Es sind eine
worden, eine Art von Monopol für Demokratie und
Reihe wichtiger Punkte festgehalten worden, und
Friedenspolitik für die Sozialdemokratische Partei
wir legen Wert darauf, daß diese Punkte nicht nur
aufzustellen. Wir kennen das schon, insbesondere
hier in der Debatte verbal festgehalten werden, son-
diejenigen, die das Vergnügen haben, in sozial-
dern daß sie die Grenzen abstecken, in denen sich
demokratisch regierten Ländern zu wohnen.
die Politik der Bundesregierung in den nächsten
Monaten bewegen wird. (Beifall bei der CDU/CSU.)
Es sind dies das Recht auf Selbstbestimmung für Dieser Alleinvertretungsanspruch ist gerade jetzt
das gesamte deutsche Volk, die nationale Einheit wieder in dieser Debatte in einer Art und Weise
und Freiheit, die Viermächteverantwortung für dokumentiert worden, daß wir nur darum bitten
West-Berlin, die Bestätigung, daß eine völkerrecht- können, meine Damen und Herren von der Sozial-
liche Anerkennung der Regierung in Ost-Berlin nicht demokratischen Partei, etwas mehr Toleranz, etwas
vorgesehen ist, die Dreimächteverantwortung mehr Fähigkeit zum ruhigen Zuhören,
schließlich für Deutschland. (Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Ich frage mich, warum, nachdem diese Gemein- etwas weniger mimosenhafte Empfindlichkeit zu
samkeiten hier erneut festgehalten und festgestellt zeigen, wenn man selber angegriffen wird.
worden sind, man sich dann nicht dazu verstehen
kann, der Resolution vom 26. September 1968, die (Beifall bei der CDU/CSU.)
einstimmig gefaßt worden ist, auch heute erneut Ich fand die Bemerkung, die gestern der Frak-
zuzustimmen. tionsvorsitzende der SPD hier in bezug auf die
„Gladiatoren der 50er Jahre" gemacht hat, wenig
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege angebracht, wenn man gemeinsame Positionen in
Kiep, gestatten Sie eine Zwischenfrage? dieser entscheidenden Frage der Deutschlandpolitik
finden will, und ich weiß, daß ein Kollege, der in
Mattick (SPD) : Ich möchte nur — in Frageform — dieser Zeit in dieser Politik für die Bundesrepublik
etwas feststellen. Ich glaube, Sie werden mir zu- und für Berlin besonders tätig war, unser Kollege
stimmen, wenn ich sage: es gibt keine Viermächte- Ernst Lemmer, der heute nicht hier ist, durch diese
verantwortung für West-Berlin, es gibt nur eine Worte schwer getroffen und persönlich verletzt
Viermächteverantwortung für ganz Berlin. Den fal- worden ist.
schen Zungenschlag hat schon ein Kollege von mir
heute gemacht, und ich möchte das hiermit nur rich- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
tiggestellt haben. Kiep, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Mattick?
Kiep (CDU/CSU) : Herr Kollege Mattick, es gibt
eine Viermächteverantwortung für Berlin, es gibt
aber auch eine Viermächteverantwortung für Kiep (CDU/CSU) : Wenn sie nicht angerechnet
Deutschland. Ich möchte, wenn Sie schon dieses wird.
Thema anschneiden, fragen, warum eigentlich hier
immer nur von einer Dreimächteverantwortung für Vizepräsident Frau Funcke: Nein, sie wird
Deutschland und die Wiederherstellung der Einheit nicht angerechnet.
dieses Landes gesprochen worden ist.
Das Festhalten an diesen Punkten erscheint mir Mattick (SPD) : Herr Kollege, ich wollte Sie nur
wesentlich. Die Einheit in diesen Fragen ist in un- fragen, ob ich mich geirrt habe oder Sie. Bayern
serem gespaltenen Lande eine wertvolle, wichtige will doch aus der Arbeitsgemeinschaft der Rund-
Sache, die schutzbedürftig ist, die erhalten werden funkanstalten ausscheiden und nicht irgendein
muß. sozialdemokratisch geführtes Land!
944 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Kiep (CDU/CSU) : Herr Kollege Mattick, ich Die Sowjetunion hat gefordert, die Veränderungen
sprach ja nicht von dein Ein- oder Austreten aus gemäß Potsdamer Abkommen, so wie sie sie nannte,
Rundfunkanstalten, sondern ich sprach von dem auch in der Bundesrepublik einzuführen, bevor man
Alleinvertretungsanspruch und der Monopolanma- über Annahme und Durchführung der russischen
ßung für Demokratie in diesem Lande bei einer Vorschläge diskutieren konnte.
bestimmten Partei. (Abg. Dr. Rutschke: Was heißt denn das? —
(Beifall bei der CDU/CSU.) Abg. Dr. Marx [Kaiserlautern] : UN-
Kommission abgelehnt!)
Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege Die Erklärung der Bundesregierung zur Lage der
Nation hat einige Unklarheiten beseitigt, hat einige
Kiep, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Punkte klargestellt und einige Leerräume ausgefüllt,
Abgeordneten Stücklen? — Bitte.
die nach der Regierungserklärung vom 28. Oktober
offengeblieben waren. Übertriebene Erwartungen,
Stücklen ((CDU/CSU) : Herr Kollege Kiep, darf die sich auf Grund dieser Regierungserklärung
ich über diese Schaltstation die Frage stellen — ich allenthalben ergeben haben, sind teilweise durch
fasse sie neutral —, ob Herrn Kollegen Mattick Konfrontation mit der Wirklichkeit, teilweise sicher-
bekannt ist, daß wir nicht eine Einschränkung des lich auch durch Einwände und Gegenvorschläge und
Angebots an Programmen erreichen wollten, son- konstruktive Kritik der Oppositionsparteien auf den
dern allein schon auf Grund der Erhöhung der Ge- Boden der Wirklichkeit zurückgebracht worden. Die
bühren eine Vielfalt und Vermehrung an Program- Nebelwand, die verschiedentlich, nicht zuletzt auch
men — auch in Bayern — und nicht umgekehrt. im Bereich der Deutschlandpolitik, gezogen war, be-
ginnt, sich etwas zu lichten, und das scheint mir
(Beifall bei der CDU/CSU. — Oh-Rufe von
ganz besonders wichtig.
der SPD.)
Die Erklärung von den zwei Staaten, die in diesem
Zusammenhang gemacht worden ist, hat natürlich
Kiep (CDU/CSU) : Herr Kollege, nachdem ich in dazu geführt, daß die auch von dieser Regierung
die besonders delikate und ehrenvolle Rolle des ganz klar und deutlich abgelehnte völkerrechtliche
Maklers zwischen Bayern und der Sozialdemokra- Anerkennung einer zweiten deutschen Regierung
tischen Partei gekommen bin, will ich gern bestä- in Ost-Berlin neue Nahrung bekommen hat. Dieser
tigen, daß es so ist, wie Sie es soeben hier gesagt Anerkennungseuphorie, die davon ausgeht, daß sich
haben. alles, wenn man einen erst einmal anerkannt hat,
(Zuruf von der SPD: Aber Herr Kiep, zum Guten wenden würde, ist die Bundesregierung
schwärzer als schwarz gibt es doch nicht! — hier entgegengetreten. Sie hat die völkerrechtliche
Abg. Dr. Barzel: Weiß-blau! Das ist ganz Anerkennung der Regierung in Ost-Berlin als aus-
etwas anderes!) geschlossen bezeichnet. Wir können daher hoffen,
daß diese Diskussion und die damit verbundenen
— Ich würde mich gern einmal mit der demokra- euphorischen Illusionen nunmehr verschwinden.
tischen Wirklichkeit eines Landes wie Hessen be-
fassen, in dem ich zu leben die Ehre habe und in Der Bundeskanzler hat dankenswerterweise —
dem seit 20 Jahren eine Partei an der Macht ist. Ich und ich glaube, ich darf mit der Erlaubnis der Frau
weiß nicht, ob Sie dann nicht vielleicht zu einer Präsidentin diesen Satz noch einmal zitieren — von
etwas detaillierteren und nuancierteren Aussage in der Stunde der Wahrheit gesprochen und gesagt:
dieser Frage kommen würden. Dazu gehört dann auch, daß in diesem Hause
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang, wo es nicht anders gesprochen wird als draußen im
um Gemeinsamkeit geht, noch ein kurzes Wort zu Lande und daß man den Landsleuten nicht Hoff-
der Legende von 1952 sagen, die ja heute auch hier nungen macht, die nicht verwirklicht werden
wieder Urständ gefeiert hat. Diese Debatte kann können. Es ist Augenauswischerei, wenn man
nicht der Vergangenheitsbewältigung einzelner Ab- den Eindruck vermittelt, Politik müsse immer
geordneter oder bestimmter Gruppen von Abgeord- kurzfristig sichtbare Erfolge haben.
neten in diesem Hause dienen. Dieser Satz scheint mir wichtig zu sein. Wir können
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) ihn unterschreiben und unterstreichen und wünschen
ihn auf die Regierungspolitik der kommenden
Wenn auf die Ziele und darauf hingewiesen wird, Monate und Jahre angewandt.
daß wir zu gemeinsamen Ergebnissen kommen wol-
len, und wenn man den Blick auf 1952 richtet, dann (Dr. Marx [Kaiserslautern] : Und auf die
wird immer von den nicht genutzten Chancen ge- Informationspolitik!)
sprochen. Dabei wird aber vergessen, daß die Unsere Bemühungen in der Deutschlandpolitik
Sowjetunion sich bei ihren Angeboten nicht nur müssen unserer Bevölkerung nüchtern und ohne
gegen die damals in der Verhandlung befindliche Verniedlichung deutlich und klargemacht werden.
EVG gerichtet hat, sondern daß es dabei ebenso um Der Katalog, den Bundesminister Franke hier vor-
die Gesellschaftsordnung in der Bundesrepublik gelegt hat, ist interessant, wichtig und lesenswert.
ging, wie es heute um die Gesellschaftsordnung in Wir müssen ihn studieren, wir müssen aber auch
der Bundesrepublik geht. hier wiederum klar sehen, daß eine Verwirklichung
(Beifall bei der CDU/CSU.) dieses Kataloges selbstverständlich durch eine völ-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 945
Kiep
kerrechtliche Anerkennung unmöglich gemacht Verbesserung der Lebensbedingungen oder der Frei-
würde. zügigkeit zwischen den beiden Teilen.
Erlauben Sie mir, nun noch drei Punkte zu zitie- (Beifall bei der CDU/CSU.)
ren, in denen eine zusätzliche Klärung der Lage
Das Gegenteil ist der Fall. Für uns ist die Verhinde
durch die Bundesregierung wünschenswert wäre. Im
rung der Anerkennung einer Regierung in Ost-
Raum steht noch die Frage nach dem zwischenstaat-
Berlin nicht vorrangiges Ziel oder gar Selbstzweck
lichen Recht, und wir wären dankbar, wenn wir hier-
unserer Politik. Für uns ist die nationalstaatliche
zu eine ganz klare Definition und Erläuterung be-
nicht die einzige denkbare Lösung der deutschen
kommen könnten. Weiter steht noch die Frage im
Teilung. Ziel unserer gesamten Politik ist — unter
Raum, welche Attribute der von der Bundesregie-
Wahrung des Friedens — die Erreichung eines
rung genannte und angesprochene zweite Staat auf
Mehrs an Freiheit für die Menschen im anderen Teil
deutschem Boden haben soll, wie sich die übrige
Deutschlands bis hin zu der Freiheit, selbst über
Welt zu diesem Staat verhalten soll, und wie wir
ihre Zukunft entscheiden zu können.
den übrigen Staaten unsere Position gegenüber die-
sem zweiten Staat auf deutschem Boden, wie die (Beifall bei der CDU/CSU.)
Regierung ihn hier zitiert hat, klarmachen wollen. Unterlassen wir daher, meine Damen und Herren,
(Abg. Dr. Marx [Kaiserslautern] : Schwie nichts, um das Modell Bundesrepublik so weiter-
riges Unternehmen!) zuentwickeln, daß diese hoffentlich bald mögliche
freie Entscheidung der Menschen im anderen Teil
Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir nicht
Deutschlands zu einem gemeinsamen Weg aller
eine weltweite Etablierung dieses Staates zulassen,
Deutschen führen möge.
ja sogar fördern können, denn wenn das einträte,
wäre das nicht mehr möglich, was der Bundesaußen- (Beifall bei der CDU/CSU.)
minister gestern hier zu Recht und dankenswerter-
weise gesagt hat , daß wir aus diesem Versuch be Vizepräsident Frau Funcke: Das Wort hat der
stehende Barrieren zu durchbrechen und zu einem Abgeordnete Dorn.
Miteinander zu kommen, beim Scheitern dieser Be-
mühungen ohne Schaden daraus hervorgehen kön-
nen. Deshalb, meine ich, muß dieser Punkt geklärt Dorn (FDP) : Frau Präsidentin! Meine sehr ver-
werden. ehrten Damen und Herren! Die Ausführungen des
Kollegen von Weizsäcker haben mich angeregt, doch
Schließlich hat der Bundeskanzler in seiner Erklä- noch ein paar Worte zu dem hier anstehenden
rung Professor Heimpel zitiert und ausgeführt, daß Thema zu sagen.
Heimpel gesagt hat: Es gibt kein für allemal gege-
benes Recht auf Wiedervereinigung; es gibt auch Er hat die Frage aufgeworfen und die Forderung
Möglichkeiten, daß diese Chance durch uns selber gestellt, daß wir hier deutlich sagen sollten, was wir
verspielt wird. mit Wiedervereinigung meinen. Er hat gesagt,
Regierung und Parlament müßten deutlich ausspre-
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Er hat nicht ge chen, was sie wollten. Nun, ich glaube, es gibt kei-
sagt „Möglichkeiten", sondern „Recht zur nen Zweifel darüber, daß die Bundesregierung hier
Wiedervereinigung" !) in dieser Woche sehr klare Konzeptionen vorgetra-
Die Frage nach diesen Attributen des Staates muß gen hat und daß der Bundeskanzler doch eindeutig
unbedingt beantwortet und in diesem Hause geklärt die Vorstellung der Regierung und der Koalitions-
werden. fraktionen, wie das hier auch in den ergänzenden
Reden der Sprecher der Koalitionsfraktionen zum
Herr Dahrendorf hat gestern hier als Abgeord- Ausdruck kam, geklärt hat, welche Grenzen, welche
neter sehr interessante Ausführungen gemacht. Ich Abgrenzungen und welche Möglichkeiten der Ver-
möchte in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit nur handlungen gesehen werden und wo die Chancen
eine Frage stellen, Herr Staatssekretär Dahrendorf. liegen, zu einem konkreten Ergebnis zu kommen.
Das Offenhalten der Möglichkeiten auch für den Fall
des Scheiterns Ihres Versuchs, gemeinsame Inter- Der Aufforderung des Kollegen von Weizsäcker
essen zwischen feindseligen Gesellschaften festzu- folgend, zu sagen, wie das nun aussehen kann und
stellen, scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein. An welche konkreten Vorstellungen auch bei Mitglie-
dem Offenhalten dieser Möglichkeiten habe ich aller- dern in diesem Hause vorhanden sein können,
dings in der Tat auf Grund Ihrer Ausführungen möchte ich an ein Wort erinnern, da man es auch
große Zweifel; eine Ergänzung wäre wünschenswert. so aussprechen kann. „Was wir wollen, ist dies: -
möglichst bald alle unsere Ämter und Mandate, alle
Unsere Politik, die Politik der CDU/CSU, und, Systeme und Gesetze, alle politischen und gesell-
wie ich meine, die Politik der großen Mehrheit schaftlichen Realitäten in West- und in Ostdeutsch-
dieses Hauses in der deutschen Frage muß unserem land zur Disposition stellen, zur Disposition des
Volk verständlich sein. Sie darf sich nicht in recht- ganzen deutschen Volkes, das allein das Recht hat,
lichen Formen und Zitaten von Verträgen, Diskus- zu entscheiden, was sein, wer regieren und wie die
sionen über verpaßte Gelegenheiten erschöpfen, sie gesellschaftliche Ordnung in Deutschland sein soll.
darf aber auch nicht utopische Hoffnungen erwecken, Wir wollen für das ganze Deutschland eine Regie-
und Verniedlichungen der Lage aussagen. rung durch das Volk und für das Volk, und hierbei
Die Anerkennung der Regierung der DDR in Ost- soll auch eine kommunistische Partei im ganzen
Berlin, dieser derzeitigen Machthaber, bringt keine Deutschland ihre Chance haben." — „Auf dem Boden
946 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dorn
eines wiedervereinigten Deutschlands könnte im — Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie be-
Rahmen eines europäischen Sicherheitssystems Platz wegen sich doch permanent im Kreis.
auch für Truppen der Sowjetunion bleiben."
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD.)
Das, meine Damen und Herren, ist eine Konzep-
tion, die der Fraktionsvorsitzende der Christlich- Sie erklären hier permanent, was Sie für möglich
Demokratischen Union, Rainer Barzel, in einem Ent- oder was Sie für unmöglich halten. Nun ist das, was
wurf für Reden am 16. und 17. Juni 1966 in Washing- Sie für möglich halten, so minimal, daß es uns über
ton und in New York niedergeschrieben hat. den Status quo gar nicht hinausbringen kann,
(Abg. Baron von Wrangel: Ist das
Alles zur Disposition stellen heißt aber — und unsere Schuld?)
das sagt er an anderer Stelle in seiner Rede auch —,
daß man weiterkommen muß, daß der Status quo den Sie selbst für politisch falsch halten.
überwunden werden muß, daß man Verhandlungen
führen muß, daß man — auch das sagt er an einer
anderen Stelle in seiner Rede — gemischte Kommis- Vizepräsident Frau Funcke: Herr Kollege
sionen aus den beiden Teilen Deutschlands endlich Dorn, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
anfangen lassen muß, die Arbeit aufzunehmen, um Abgeordneten Kiep?
zu diesem Gesamtdeutschland zurückfinden zu kön-
nen. Ich meine, Herr Kollege Barzel, das klingt im Dorn (FDP) : Bitte schön!
Jahre 1966 sehr progressiv, und ich würde mich sehr
freuen, wenn Sie sich heute noch zu dem bekennten;
denn das, was gestern und auch heute von einigen Kiep (CDU/CSU) : Herr Kollege Dorn, würden Sie
Kollegen Ihrer Fraktion hier vorgetragen wurde, die Güte haben, im Protokoll einmal nachzulesen,
war eigentlich genau das Gegenteil von dem, was um mir dann darin zuzustimmen, daß ich in keinem
Sie damals gefordert haben. Punkt meiner Ausführungen jemals gesagt habe,
daß ich Verhandlungen mit den Machthabern im an-
Ich komme dabei auf einige Argumente noch ein- deren Teil Deutschlands für sinnlos hielte?
mal zurück. Ich darf an das erinnern, was einige
Kollegen schon vor mir angesprochen haben, das, Dorn (FDP) : Mit den derzeitigen Machthabern in
was die Kollegen Marx und Strauß in den vergange- Ost-Berlin!
nen Wochen geschrieben oder in Interviews von
sich gegeben haben und was eindeutig dem wider- (Zuruf von der CDU/CSU: Wer hat das gesagt?)
spricht, was hier an politischer Konzeption sichtbar
geworden ist.
Kiep (CDU/CSU) : Herr Kollege Dorn, ich habe
Ich meine, Herr Kollege Marx, auch ein anderes gesagt — und ich bitte Sie dringend, das nachzu-
Problem muß hier deutlich sichtbar werden, das der lesen —, daß eine Anerkennung der derzeitigen
Kollege Kiep heute noch einmal vorgetragen hat. Machthaber in Ost-Berlin zu nichts führe. Ich habe
Ich habe, etwas zurück in den Bänken unserer Frak- aber nicht gesagt, daß Verhandlungen mit den der-
tion sitzend, eine Reihe von Zwischenrufen gehört, zeitigen Machthabern abzulehnen seien. Bitte halten
als der Kollege Apel und der Kollege Moersch heute Sie sich doch an das, was hier gesagt worden ist!
morgen dazu sprachen, als die Frage der Verhand- (Beifall bei der CDU/CSU.)
lungsmöglichkeiten und Chancen des Jahrs 1952
angesprochen wurde. Herr Kollege Kiep hat vorhin
gesagt, 1952 sei es wie heute um die Gesellschafts- Dorn (FDP) : Herr Kollege Kiep, ich werde mir
ordnung in der Bundesrepublik Deutschland gegan- das noch einmal durchlesen.
gen, und das Fazit der Christlich-Demokratischen (Abg. Dr. Marx [Kaiserslautern] : Sie bauen
Union 1952 hieß: keine Verhandlungen. Meine sich hier Pappkameraden auf!)
Frage an Sie: Ist das Fazit für Sie heute unver-
ändert, oder gilt das, was Ihr Parteivorsitzender — Ach, Herr Kollege Marx, über Ihre permanenten
Kurt Georg Kiesinger im vergangenen Jahr hier Pappkameraden zu diskutieren lohnt sich doch nicht
gesagt hat, daß Verhandlungen geführt werden mehr; denn das hat Gott sei Dank keiner Ihrer
müssen und daß er selbst bereit sei, mit dem Teufel Fraktionskollegen gestern oder heute aufgegriffen.
zu verhandeln, wenn es für unser Volk nützlich sei? So weit ist keiner gegangen. -
Bundeskanzler Brandt
Zweitens: An der vollen Handlungsfreiheit der die klare, erneute Bekräftigung seiner Entschlossen-
Regierung kann sich nach dem Verlauf und dem heit, diese Politik zu verfolgen. Wir glauben, die
Stand dieser Debatte nichts ändern. Ich meine da- Ostdeutschen" — damit meint man dort die DDR --
mit allerdings — das mag für alle Beteiligten wich- „würden feststellen, daß es in ihrem eigenen Inter-
tig sein — die Handlungsfreiheit im Rahmen der esse liegt, konstruktiv zu antworten."
hier am Mittwoch entwickelten Grundsätze und Leit- Der amerikanische Außenminister Rogers hat in
linien. der Nacht zum gestrigen Tage klargestellt, daß sich
(Zustimmung bei der SPD.) die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur Bun-
Im Zusammenhang damit denke ich bei allen desrepublik Deutschland — er sagt: auch zu Frank-
Meinungsverschiedenheiten, die zutage getreten reich; das können wir nur begrüßen — verbessert
sind —, niemand hat bisher etwas dagegen gesagt, hätten. Er sagte, daß der freundschaftliche Kontakt
daß wir Ost-Berlin ein Verhandlungsangebot, ein mit der Bundesregierung in Bonn sehr erfolgreich
Gesprächsangebot machen wollen. sei und daß diese beiden Elemente die gegenüber
früher noch verbesserten Beziehungen zu Bonn
(Zuruf von der CDU/CSU: Im Gegenteil!
einerseits und zu Paris andererseits, die atlantischen
— Abg. Dr. Barzel: Herr Dorn hat das noch
Fundamente der Politik der USA verstärkt hätten.
nicht begriffen, Herr Bundeskanzler, Mit
Das ist von seiten der amerikanischen Regierung
glied Ihrer Regierung!)
gestern noch weiter unterstrichen worden durch die
Niemand hat sich gegen die von uns skizzierten Erklärung: „Wir hoffen, daß die Bemühungen der
Gewaltverzichtsverhandlungen ausgesprochen. Und Bundesregierung um konstruktivere Beziehungen
— darauf komme ich gleich noch einmal in Verbin- zum Osten eine positive Entgegnung finden wer-
dung mit der Frage der nationalen und staatlichen den."
Einheit zurück — niemand hat sich gegen die euro- Ich möchte alle Beteiligten in diesem Hause bit-
päische Orientierung unserer Deutschlandpolitik ten, es nicht als eine unzumutbare Vorleistung zu
ausgesprochen. Wir werden, wenn die Politik sich betrachten, wenn man auch in diesem Zusammen-
entwickelt, darüber berichten, dort, wo es möglich hang von den Tatsachen Kenntnis nimmt.
ist, hier im Hause, dort, wo es noch nicht möglich
ist, vorbereitend, begleitend in den dafür dann zu Im übrigen möchte ich den westlichen Freunden
danken, die mit Verständnis und Hilfsbereitschaft
bildenden Gesprächskreisen.
an unserer Seite stehen und mit denen wir zusam-
Der Kollege Strauß hat gestern richtigerweise menstehen, weil es unsere gemeinsame Aufgabe
das zurückgewiesen, was draußen unter dem Stich- ist, jede mögliche Anstrengung zu machen, um den
wort „Rapallo" häufig vorgebracht wird. Frieden sicherer werden zu lassen.
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Ich habe es getan!) (Beifall bei den Regierungsparteien.)
— Auch der Kollege Strauß hat dazu etwas gesagt! Herr Kollege Dr. Kiesinger hat gestern in seiner
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Sie sogar in Rede insistierend zweimal gefragt: Was hat sich
Schutz genommen!) denn nun für euch wirklich verändert? Er hat dabei
an ein paar Vorträge angeknüpft, die ich im Okto-
Ich weiß das sehr zu schätzen. Solche Vergleiche ber 1962 in Harvard gehalten hatte und die übri-
stimmen tatsächlich nicht. Ich habe mich damit in gens von der CDU damals nicht gelobt, sondern
einer Rathenau-Gedenkrede 1967 etwas ausführ- kritisiert wurden.
licher befaßt. Aber Kollege Strauß deshalb zi-
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Wenn ich sie
tierte ich ihn jetzt in diesem Zusammenhang, Herr
damals gelesen hätte, hätte ich sie damals
Kollege Kiesinger — hat gleichwohl von dem
gelobt!)
Rapallo-Ressentiment bei unseren Verbündeten ge-
sprochen. Herr Kollege Dr. Kiesinger, ich kann natürlich nicht
mehr jedes Wort und jeden Satz wiederholen; so
Es ist ja kein Zweifel, daß bei dem, was dieser
ist das in der Politik. Aber ich stelle — ich habe es
Bundestagsdebatte vorausgegangen war, manche
mir gestern abend noch Leinmal angeschaut — kei-
draußen — bei uns draußen, nicht draußen im Aus-
nen Bruch in meinen politischen Gesamteinschätzun-
land —, die schrieben und redeten, gern den Ein
gen fest zwischen dem, was dort gesagt wurde, und
duck erwecken wollten, als ob diese Regierung und
dem, was ich heute vorbringe.
die Politik dieser Regierung dem geballten, dem
konzentrierten Mißtrauen der Hauptverbündeten Aber davon einmal abgesehen: Was hat sich ver-
ausgesetzt seien. Das Gegenteil ist richtig. ändert? Zunächst einmal ist ganz einfach die Zeit-
nicht stehengeblieben. Als ich z. B. im Oktober 1962
(Zustimmung bei der SPD.)
dort sprach, da trennten uns fast noch zwei Jahre
Als die eine oder andere französische Zeitung Leine von dem langfristigen und einschneidenden Vertrag
falscheDutngdrZmhäeab,tdr zwischen der Sowjetunion und der DDR aus dem
französische Staatspräsident selbst vor anderthalb Jahre 1964.
Wochen solchen Deutungen und Behauptungen Die Zeit bleibt auch sonst nicht stehen. Das schafft
widersprochen und den engen, festen, vertrauens- einige Mühe, z. B. Lim Verhältnis zur heranwachsen-
vollen Zusammenhang zwischen uns dargestellt. den Generation hüben und drüben. Darauf hat Herr
Der britische Außenminister hat gestern erklärt: Kollege Mischnick gestern hingewiesen. Aber was
„Wir unterstützen voll die Ziele und Grundsätze wichtiger ist: das Verhältnis der Weltmächte zu-
der Ostpolitik Herrn Brandts, und wir begrüßen einander ist nicht unverändert geblieben. Oder wer
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 949
Bundeskanzler Brandt
wollte hier behaupten, es sei in diesen letzten Ich denke, wir müssen dabei noch stärker als früher
25 Jahren unverändert geblieben? Das gilt nicht nur der Versuchung widerstehen, Formeln für die Wirk-
für die Relationen zwischen den beiden Super- lichkeit zu halten. Die Bundesregierung hat die
mächten. Das gilt für neue Aspekte des Ost-West- Grundsätze darlegt, an die sie sich halten wird. Über
Verhältnisses überhaupt und für andere weltpoli- diese Grundsätze und Leitlinien hinaus wollen und
tische Entwicklungen. Die Vorstellung — darauf hat sollten wir uns nicht die Zwangsjacke von Resolu-
Herr Kollege Wehner gestern hingewiesen , als tionen anlegen. Das war auch der Sinn dessen, was
ob es, was die Lösung der deutschen Frage angeht, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion
leichter oder billiger werden würde, wird heute von gestern dazu gesagt hat.
manchen anders gesehen werden müssen als damals. Ich muß einige Bemerkungen zum Gewaltverzicht
Ich halte es z. B. für sehr gewagt, in einer solchen machen. Herr Kollege Kiesinger, ich denke, wir sind
Diskussion heute noch Konrad Adenauer einseitig uns einig darin, daß ein Gewaltverzicht oder daß
in Anspruch nehmen zu wollen. Gewaltverzichtsabkommen — mit wem auch immer
(Abg. Dr. Barzel: Ich kann verstehen, daß — kein Ersatz für einen Friedensvertrag oder für
Sie gegen Wehners Satz waren!) eine friedensvertragliche Regelung sein können.
Wir sind uns auch einig, was die große Bedeutung
— Herr Kollege Barzel, Sie haben doch auch nicht der Auseinandersetzung um die Art. 53 und 107 der
vergessen, daß sich der Altbundeskanzler Adenauer, Charta der Vereinten Nationen angeht. Es ist ganz
was die Rolle der Sowjetunion und ihr Verhältnis selbstverständlich, daß dieses wichtige Thema aus
zum Frieden angeht, später doch ganz anders ernsten Diskussionen zwischen uns und der Regie-
äußerte, als er sich in den Jahren, in denen er von rung der Sowjetunion nicht ausgeklammert werden
diesem Platz aus sprach, geäußert hatte. Ich kann kann, sondern daß man versuchen muß, eine Ant-
mich an ein Gespräch — es war im Schöneberger wort auf diese Frage zu finden. Nur, ich frage, ob
Rathaus — im Frühsommer 1963 mit dem damaligen wir uns nicht auch darin einig sind, daß es nicht
Bundeskanzler
Adenauer erinnern das war realistisch ware, die Streichung dieser Artikel aus
wenige Monate, bevor er sein Amt in neue Hände der Charta der Vereinten Nationen anzustreben.
übergab —; er sagte damals über ein ganz wesent- Dies haben auch unsere westlichen Verbündeten
liches Element der Politik, das auch in dieser De- nicht zugesagt. Keiner will in der gegenwärtigen
batte eine Rolle gespielt hat: Wann wollen wir das Lage an eine Revision der Charta der Vereinten
eigentlich wegtun? — Ich sah ihn erstaunt an und Nationen heran. Also kann das Ziel der deutschen
sagte: Warum fragen Sie mich? — Da sagte er: Wis- Politik in diesem Zusammenhang für die Jahre, die
sen Sie, manchmal muß man in der Politik von Din- vor uns liegen — was die Sowjetunion angeht —
gen Abschied nehmen, solange man noch etwas da- nur sein, uns gegenüber einen ähnlichen Stand zu
für bekommt. — Dies zu einer Äußerung des ersten erreichen, wie wir ihn durch die Interpretationen
Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. und Zusicherungen seitens der Westmächte erreicht
Ich bin jedenfalls davon überzeugt — und das haben. Sie haben nämlich diese Artikel der Charta
gilt auch für diese Regierung —, daß Rechtsvor- der Vereinten Nationen für obsolet erklärt, wenn
behalte, die in bestimmten Zusammenhängen ihre dies von mir aus auch eine sehr runde, globale For-
große Bedeutung haben, jedenfalls kein Ersatz für mulierung ist; nicht alle drei haben sich mit genau
praktische Politik sind. denselben Wendungen dazu geäußert. Aber es ist
erlaubt, dies etwas global zu formulieren.
In bezug auf die Resolution vom September 1968 Nicht einverstanden bin ich mit der Auffassung
ist gefragt worden, was sich verändert habe, warum von Herrn Dr. Kiesinger, daß Verhandlungen über
diese Resolution aufgegeben worden sei. Davon, einen Gewaltverzicht möglichst nicht mit anderen
daß sie aufgegeben worden sei, ist zunächst gar Fragen gekoppelt sein sollten. Das liefe auf den
nicht die Rede. Im Laufe der Jahre sind hier viele abstrakten Gewaltverzicht hinaus, und den haben
Resolutionen angenommen worden, die in einer sich wir auch, als wir gemeinsam Regierungsverantwor-
weiterentwickelnden Situation bewußt nicht wieder- tung trugen, nicht angestrebt.
holt worden sind. Ich will aber jetzt nicht forma-
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Es steht aber aus
listisch argumentieren, sondern Ihnen, meine Damen
drücklich in dem Memorandum!)
und Herren, in voller Offenheit folgendes sagen:
Zwischen der Resolution vom September 1968 und Ich weiß, Herr Kollege Kiesinger, daß — zumal im
dem Januar 1970 liegen nicht nur weitere Entwick- letzten Jahr oder in den letzten Monaten — das eine
lungen in der uns umgebenden Welt, zumal auf und das andere, was der damalige Außenminister
Europa bezogen, sondern dazwischen liegt auch ein für richtig hielt, nicht die Zustimmung des Kanzlers -
Bundestagswahlkampf. Die Ehrlichkeit unter uns fand, daß wir dadurch etwas Mühe miteinander hat-
gebietet es, nicht von den Interpretationen zu ab- ten. Aber ich nehme einmal den Stand vom Juli
strahieren, die eine solche Resolution durch die 1968. Da ließ die sowjetische Regierung durch pro-
eine und die andere Seite im Gespräch mit dem Volk pagandistisches Feuerwerk den bis dahin geführten
erfahren hat. Darum geht es halt auch. Das bedeutet, schriftlichen Meinungsaustausch platzen, veröffent-
wir müssen nach einer solchen Zäsur neu und sauber lichte einiges darüber; wir veröffentlichten das, was
zu formulieren anfangen. Herr Dr. Barzel eben in der Hand hat. Wer das nach-
liest — unsere Texte sind kürzer, als die anderer —,
Die Regierung hat gesagt, welche Grundsätze,
welche Orientierungspunkte, welche Leitlinien für (Abg. Dr. Barzel: Und was der Außenminister
sie auf diesem Gebiet der Politik maßgebend sind. damals sagte!)
950 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Bundeskanzler Brandt
wird feststellen, daß wir uns keineswegs auf den gandistischen Forderungen für die Gestaltung
abstrakten Gewaltverzicht hinbewegt haben, son- unserer gesellschaftlichen Ordnung.
dern daß wir im Zusammenhang damit über andere Herr Kollege Kiesinger hat nun zu meiner Über-
zwischen den beiden Staaten offene Fragen ge- raschung gesagt, die Beziehungen zwischen der Bun-
sprochen haben. desrepublik und der DDR seien auch nicht zwischen-
Ich denke, ich kann Herrn Dr. Kiesinger auch nicht staatlicher Art.
beipflichten, wenn er meint, ein Gewaltverzichtsab- (Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Ich habe nur um
kommen — besser gesagt: ein Abkommen über eine Interpretation gebeten!)
Nichtanwendung von und Nichtdrohung mit Gewalt
Da aber Verträge zwischen der Bundesrepublik und
— sei nicht geeignet als Basis für die Behandlung
der Grenzfrage bei Gesprächen mit der Volksrepu- der DDR, wie sie der Bundeskanzler Dr. Kiesinger
blik Polen. Herr Kollege Kiesinger, Sie hatten als Herrn Stoph angeboten hatte, weder dem Verfas-
sungsrecht der Bundesrepublik noch dem der DDR
Bundeskanzler selber einmal gesagt — man kann es
angehören, sind sie eben Bestandteil des besonderen
im Archiv der Gegenwart vom 28. Mai vergange-
zwischenstaatlichen Verhältnisses, das heute bereits
nen Jahres nachlesen; ich knüpfe an an Gedanken,
zwischen diesen beiden Teilen besteht, und die von
die Sie dazu auch gestern vorgebracht haben —:
mir genannten Grundsätze des zwischenstaatlichen
Wir müssen allerdings sagen, Rechts -- ich will sie nicht noch einmal vorlesen,
aber ich beziehe mich ausdrücklich darauf — gelten
— so hieß es in Ihrer Äußerung, wie in anderen
natürlich auch für die Respektierung unserer terri-
auch —
torialen Integrität und unserer Genzen.
daß diese Frage
Ich darf in diesem Zusammenhang übrigens auf
— nämlich die der deutsch-polnischen Grenze — den vorzüglichen Aufsatz von Professor Martin
erst in einem Friedensvertrag geregelt werden Kriele in der „Zeit" vom 28. Dezember hinweisen,
kann. in dem diese Fragen zusammengefaßt und auch für
den Nichtjuristen verständlich dargestellt sind. Darin
Und dann sagten Sie weiter: steht zum Schluß der Satz, den wir uns vielleicht
Aber ich habe später hinzugefügt, daß nichts uns alle nahegehen lassen sollten:
hindert, schon vorher über eine ähnliche Lö- Nicht die Liebe zum Recht unterscheidet die
sung miteinander zu sprechen, Gruppen, sondern unterschiedliche Beurteilung
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: „Mögliche" !) seiner Realisierungsbedingungen.
— „ähnliche" steht dort — Ich glaube, das ist ein richtiger und ein wichtiger
Satz.
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Das war ein
Manches wird übrigens draußen auf Abstand, wie
Druckfehler!)
das manchmal so ist — wie in der Landschaft, so
die von beiden Völkern akzeptiert werden auch in der Politik —, noch leichter verstanden als
kann. bei uns. Gestern stand in der „New York Times"
— „mögliche" sollte es heißen — ein bemerkenswerter Aufsatz zu unserer Debatte.
Darin hieß es, da die Zielvorstellungen beider Teile
und ich bin bereit, Deutschlands auseinanderliefen, sei nur ein Über-
— hieß es dann weiter — einkommen möglich, das dem Bild eines Glases
mit Herrn Gomulka über eine solche Lösung Wasser ähnele, welches als halbleer, aber auch als
zu sprechen. halbvoll betrachtet werden könne. So werde — ich
folge diesem Artikel in der New Yorker Zeitung —
(Abg. Dr. h. c. Kiesinger: Ja, einverstanden!) ein mögliches Abkommen dem Osten als Aufrecht-
Ich bin dafür, zu sagen: Ein Abkommen über Ge- erhaltung der deutschen Teilung für einen langen
waltverzicht ist nichts wert, wenn es sich nicht auch Zeitraum erscheinen, dem Westen aber als Möglich-
auf unsere Grenzen, im besonderen auf die euro- keit, die Tür für die Einheit nach dieser Zeit offen-
päischen Grenzen im allgemeinen, ingesamt, bezieht. zuhalten. So ist es in der Tat, richtig verstanden.
Worauf soll sich ein Gewaltverzichtsabkommen be- Was Herr Kollege Kiesinger zur Frage der staat-
ziehen, wenn nicht insbesondere auf die Fragen der lichen Einheit gestern gesagt hat, das habe ich
Grenzen. Das heißt, daß Weiterentwicklungen im eigentlich weniger auf mich bezogen betrachtet, son-
Zuge einer europäischen Friedensordnung nur in dern mehr als Teil eines Meinungsaustausches mit
Übereinstimmung der Beteiligten erreicht werden dem Vorsitzenden der CSU,
können.
(Heiterkeit bei der SPD)
Hier kommt nun die Frage nach dem zwischen- der sich aber selbst dazu nicht näher äußerte. Ich
staatlichen Recht dazu. Ich denke, ich hoffe, wir sind habe mit Interesse und mit Respekt im Laufe der
uns in diesem Hause einig, daß die Beziehungen Jahre die Auffassungen verfolgt, die Herr Kollege
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Strauß dazu in Aufsätzen und auf andere Weise
DDR nicht völkerrechtlicher Natur sein können. geäußert hat. Ich habe mich nicht gegen die staat-
Diese Einsicht wird übrigens partiell durchaus auch liche Einheit Deutschlands gewandt. Ich habe nur
von der DDR geteilt, z. B. auf dem Gebiet des inner- gesagt, es sei sehr unwahrscheinlich, daß wir sie —
deutschen Handels und in bezug auf ihre propa- zumal durch Rückgriff auf frühere Gegebenheiten
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 951
Bundeskanzler Brandt
oder frühere Schemata — erreichen könnten. Ich schafts-, Finanz- und Rechtssystem verbundene
meine überhaupt: hier geht es im Grunde darum, West-Berlin. Es ist eine Lebensfrage.
daß in einer europäischen Friedensordnung, wenn (Beifall bei den Regierungsparteien und
sie einmal geschaffen sein wird, die Perspektive
zahlreichen Abgeordneten der CDU/CSU.)
dafür offen sein muß, daß die Deutschen, wenn sie
es dann wollen — und da es sich um Generationen Mir liegt nach ein oder zwei mißverständlichen —
handeln kann statt um Jahre, muß man diese Ein- unbeabsichtigt mißverständlichen — Äußerungen in
schränkung machen —, anders zusammenleben und der Debatte — das ist nicht auf Sie bezogen, sondern
ihr Zusammenleben organisieren können, als es auf andere Debattenredner — auch daran, klarzu-
ihnen durch die bisherige Entwicklung aufgezwun- stellen, daß wir ganz säuberlich unterscheiden müs-
gen ist. sen — weil andere es sonst zu unseren Lasten durch-
Die Aufgabe ist schwieriger geworden. Die Land- einanderbringen — zwischen der weiterbestehenden
schaft hat sich verändert. Es wäre gut, wenn — wie — was immer das im konkreten Moment wert ist —
es in Teilen dieser Debatte geschehen ist — wir Viermächteverantwortung für ganz Berlin und der
uns in Zukunft mehr Gedanken darüber machten, Dreimächteverantwortung auf West-Berlin bezogen.
wie wir die Landschaft ein wenig mitverändern (Beifall bei den Regierungsparteien.)
können, statt ein Schattenboxen um die Frage der
staatlichen Einheit vorzuführen. Auch dies muß sehr klar auseinandergehalten wer-
den.
(Abg. Dr. Kiesinger: Sie dürfen nur das Ziel
nicht einfach unterschlagen, dann sind wir Es gibt Leute, die hören möchten, es gebe hier
uns einig, das letzte Ziel!) überhaupt keine Gemeinsamkeit. Denen tue ich na-
türlich nicht den Gefallen, die hier zutage getretenen
Die Opposition — auch Sie, verehrter Herr Kollege
Meinungsverschiedenheiten überzubetonen. Es gibt
Kiesinger — ist die Antwort darauf schuldig geblie-
a uch heute ein nicht gering zu schätzendes Maß nicht
ben, was denn heute konkret unter „Wiederher-
nur an Empfindungen, sondern auch an Überzeugun-
stellung staatlicher Einheit" zu verstehen ist. Auch
gen, die nicht auf den einen Teil dieses Hauses be-
sie, die Opposition, bekennt sich offenbar nicht zur
schränkt sind; und die Regierung wäre töricht, wenn
einfachen Wiederherstellung des Deutschen Reiches,
sie sich nicht im Konkreten von Schritt zu Schritt
eines deutschen Nationalstaates. Auch sie spricht
oder für jeweils eine Etappe der Politik, soweit man
von europäischen Lösungen im Rahmen einer Frie-
sie überblicken kann, um eine möglichst breite und
densordnung. Aber es gibt keine konkrete Aus-
aktive oder jedenfalls kritisch begleitende, stüt-
sage über das, was gemeint ist. Es kann auch keine
zende Hilfe für ihre Politik bemühte. Andererseits
geben, weil und hier wiederhole ich den Gedan-
ist es der Redlichkeit wegen notwendig, daß wir die
ken, den ich eben anklingen ließ — diese Entwick-
wirklichen Unterschiede nicht verkleistern, sondern
lung offen ist und, ich füge ganz bewußt hinzu:
offen aussprechen. Nicht mit dem Ziel, sie zu kon-
auch offenbleiben muß.
servieren; es könnte ja sein, daß das eine oder das
(Zustimmung bei den Regierungsparteien.) andere, worauf wir heute keine gemeinsame Ant-
Nur ist es dann steril, und vielleicht kann es sogar wort finden, doch noch in dem einen oder anderen
unpolitisch werden, wenn die Politik der Regierung, Bereich einmal gemeinsam beantwortet werden
die auf die Lösung der aktuellen und konkreten könnte.
Probleme des geteilten Deutschlands gerichtet ist, Wenn ich sage: „nicht verkleistern", dann bezieht
an nebulösen, von der Opposition selbst nicht recht sich das nicht auf die Überzeugung, daß unser Volk
geglaubten Vorstellungen über die staatliche Ein- nach seinen bitteren Erfahrungen alles ihm Mögliche
heit gemessen wird. tun will, den Frieden sicherer zu machen. Das ist
Noch eine Zwischenbemerkung, was Berlin angeht. keine Parteiüberzeugung in der Bundesrepublik
Herr Kollege Strauß hat gesagt: Zu Berlin muß man Deutschland, sondern das ist unsere gemeinsame
sich deutlicher äußern, nämlich sagen: der Parlamen- Überzeugung.
tarische Rat hat beschlossen, Berlin gehört zum (Allgemeiner Beifall.)
Bund. Ich will jetzt nicht, wie man es auch tun Zu dem Umstrittenen gehört auch nicht die Ein-
könnte, noch einmal aufblättern und sagen: es hat sicht, daß die nationale und dort, wo es die Ge-
Jahre gegeben, in denen es meiner Überzeugung schichte möglich macht, nationale und staatliche —
nach möglich gewesen wäre, Berlin enger an den welche staatlichen Formen dafür auch immer gefun-
Bund heranzubringen. den werden mögen — Einheit nur in einem, leider -
(Sehr wahr! bei der SPD.) langsamen, Prozeß der Umwandlung in Europa zu
bewahren, zu bestätigen und neu zu verwirklichen
Insofern gibt es auch im Kleineren durchaus die Mög- sein wird und daß dies eine weitreichende Verände-
lichkeit und das legitime Recht, zu fragen, ob nicht rung der weltpolitischen Großwetterlage voraus-
manche Weichen hätten anders gestellt werden müs- setzt.
sen; das hilft nicht weiter. In dieser konkreten Lage
liegt es in unser aller Interesse, neben der deutsch- Wir sollten uns auch wohl einig sein, daß weder
rechtlichen Gegebenheit, auf die hier insoweit hinge- Utopien noch Reminiszenzen zur Richtlinie der deut-
wiesen wird, das größte Gewicht darauf zu legen, schen Politik gemacht werden können.
daß nicht gerüttelt wird an der obersten Verantwor- (Abg. Dr. Barzel: „Utopie" der Freiheit für
tung der Drei Mächte für das mit uns im Wirt alle?!)
952 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Bundeskanzler Brandt
Wenn man eine — hier greife ich das Wort von mindestens die Chance haben, ernsthaft geprüft,
Herrn Kiesinger auf — „Offensive der Entkramp- zeitlich möglich verwertet und in die Überlegungen
fung" will, dann muß man auch die dafür erforder- der Regierung einbezogen zu werden.
lichen konkreten Schritte tun, und zwar im Bewußt- (Beifall bei der CDU/CSU.)
sein eines langfristigen Zieles und zugleich auf der
der Grundlage dessen, was hier und heute möglich Das war noch nicht ausreichend der Fall.
ist. Jawohl, Herr Kollege Kiesinger, es geht, wie Sie (Zurufe von der SPD.)
gesagt haben, auch um das Vaterland unserer Söhne
und Enkel, und es gibt kaum einen Satz der Oppo- Herr Bundeskanzler, Sie haben gefragt, was wir
sition, den ich mir leichter zu eigen machen kann selbst wollten. Ich will dies gleich sagen; das ist der
als diesen, vorausgesetzt, daß hier kein künstlicher Hauptteil dessen, was ich vorzutragen die Absicht
Gegensatz zum größeren Vaterland Europa kon- habe. Eigentlich ist es eine wunderbare Frage, die
struiert wird, und darin sind wir uns wieder einig. Sie hier dialektisch stellen. Die Opposition drängt
Trotzdem, dies ist auch das Vaterland unserer Väter. Sie nun den dritten Tag — durch die Presse seit
Bei allem Respekt vor ihnen: was die Väter verloren Wochen, ja seit dem 29. Oktober —, darzutun, ob
haben, das werden wir durch keine noch so schöne und wo und wie Sie noch zu der Gemeinsamkeit
Rhetorik und durch keine noch so geschliffene Juri- stehen, die hier z. B. am 25. September 1968 be-
sterei zurückgewinnen. Wir werden gesinnungstreu, schlossen worden ist. Sie beantworten das mit der
geduldig, hart arbeiten müssen, und das sollten wir Gegenfrage nach unserem Konzept. Das, was dort
uns miteinander vornehmen. niedergelegt ist, ist unser Konzept,
Es ist- unsinnig, wenn die Verfechter der Zwei (Beifall bei der CDU/CSU.)
Staaten-Theorie für Deutschland ausgerechnet Das hat auf die Wähler gewirkt, und nun heißt es
von der Bundesrepublik erwarten, daß sie die „Ätsch! Ätsch!", meine Damen und Herren.
Oder-Neiße-Linie anerkennen soll. Nach dieser
Herr Bundeskanzler, Sie haben dann sehr nach-
Theorie würde das doch bedeuten, daß die
drücklich darauf hingewiesen, man dürfe nichts von
Bundesrepublik die Grenze zwischen zwei ande-
dem, was an Rechtstiteln für die Drei Mächte und
ren Staaten anerkennen soll, also etwa wie die
an deren Vorbehalten da sei, irgendwie — nicht nur
Grenze zwischen Österreich und Italien oder
für Berlin, sondern für das ganze Deutschland
die zwischen Norwegen und Schweden.
—
Dr. Barzel
Oder soll das etwa nur so gemeint sein, daß man Völkern einen Teil ihrer Hoffnung nehmen und
hier ja einen wunderbaren Rechtstrick zur Hand hat, den Keim neuer Unordnung in sich tragen, weil
alles provisorisch definitiv zu machen und immer zu sie Ungelöstes zum Dauerzustand zu erklären
sagen: Natürlich unter dem Vorbehalt von Art. 7 versuchte. Auch würde für diesen Fall niemand
des Deutschlandvertrages? Nur, Herr Bundeskanzler, ausschließen können, daß es erneut einen
wer das macht oder zu machen die Absicht haben 17. Juni gäbe.
sollte — und ich versuche, danach zu fragen; viel-
— Wir haben ja die Tschechoslowakei gehabt. —
leicht gibt es noch eine Antwort darauf —, der lädt
natürlich andere ein, auch Partner dieses Vertrages Alle Erörterungen von europäischen Sicher-
ein, sich in gleicher Weise unter dem Vorbehalt die- heitsfragen haben für mich zweierlei zur Vor-
ses Textes de facto anders zu verhalten, auch in der aussetzung: Die Anwesenheit der USA in
Spaltung Deutschlands. Europa und die Sicherheitsgarantie der USA.
Ich habe Ihnen dies, Herr Bundeskanzler, in un- Ich habe dann gesagt:
serem vertraulichen Gespräch, für das ich dankbar Wer Grenzen und Minderheitenprobleme hu-
war, vor Eröffnung des Gesprächs mit Polen aus- man lösen will, muß Ordnungen schaffen, die
führlicher vertraulich geschildert. Ich bitte Sie, die- eben dies zu tragen vermögen.
ses Problem ganz ernst zu nehmen. Wenn Sie die
Resolution vom 25. September ablehnen, deren Text Dann habe ich, Herr Dorn, ausführlich dazu gespro-
doch identisch mit dem Text des Deutschlandver- chen, daß wir ein Verhältnis der Versöhnung mit
trages ist, und wenn der Kanzler in seiner ersten den Völkern Ost- und Mitteleuropas suchen und daß
Regierungserklärung das Wort „Wiedervereini- auf der Basis der europäischen und der deutschen
gung" aussprach und insofern in „US News and Spaltung die Dinge zu gefährlich seien, und mich im
World Report" nichts Neues sagen konnte, als den einzelnen damit auseinandergesetzt, warum die An-
Verdacht der Opposition zu bestätigen, dann, meine erkennung der DDR keinen Sinn habe. — So weit
Damen und Herren, produzieren Sie selbst doch auf diese Frage!
Fragezeichen an Ihrer Politik. Herr Bundeskanzler, Sie haben selber dem Hause
Herr Kollege Dorn war so freundlich, Fragen an mitgeteilt, daß Ihr Bericht über die reale Lage der
Nation im gespaltenen Deutschland noch ausstehe,
mich zu stellen. Im Gegensatz zu den Mitgliedern
der Koalition sind wir immer gern bereit — Herr daß er nicht vollständig sei. Ich möchte Sie, da Sie
Dorn, ich beschäftige mich gerade mit Ihrer Inter- nun vor neuen Ausarbeitungen stehen, gleich daran
vention an mich —, Fragen zu beantworten. Sie erinnern, daß die Opposition einen Bericht erwartet,
haben mich nach einem Text aus dem Jahre 1966 der dem entspricht, was der Kollege Seume von der
gefragt, den Sie als progressiv bezeichnet haben. SPD im Auftrag aller drei Fraktionen am 17. März
Ich kann Ihnen dazu nur sagen, daß ich zu diesem 1967 konkret verlangt hat: Dieser Bericht soll die
Text stehe, ,daß ich es allerdings noch besser gefun- reale Lage in beiden Teilen Deutschlands, die ge-
den hätte, wenn Sie ganz zitiert hätten. sellschaftlichen, die politischen, die kulturellen Ver-
hältnisse eingeschlossen, tatsachengetreu mitteilen.
(Zuruf von der CDU/CSU.) Dies ist der Auftrag dieses Bundestages an jede
— Man darf doch nie die Hoffnung aufgeben, daß Regierung. In dem Ausmaß, in dem Sie diesen Be-
sich da noch etwas bessert, meine Damen und Her- richt korrekt und schonungslos, auch wenn es
ren. Punkte geben sollte, die für uns nicht so gut sind,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU. hier vorlegen, ist es gut. Nur würden Sie sich Ver-
Zuruf von der CDU/CSU: Bei Dorn dächten aussetzen, eine noch weitere Konsequenz
nicht!) aus Ihrer Zwei-Staaten-Theorie zu ziehen, wenn
Sie etwa darauf verzichten wollten — und es auch
— Meine Damen und Herren, ich gebe die Hoffnung
das Ziel eines Teils der Einstampfungsabsichten ge-
nicht auf.
genüber dem verworfenen Entwurf gewesen sein
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie sind ein sollte —, sich eben nicht mehr „Alleinvertretungs-
wahrer Christ!) anmaßung" und „Einmischung" vorwerfen zu lassen,
Der hat doch gelernt. Der hat heute zwar nicht so weil man es wagt, über Sozialversicherung im ande-
geredet, wie wir das erwarten, weder im Stil noch ren Teil Deutschlands Mitteilungen zu machen.
im Inhalt. Aber er hat doch hier schon schrecklicher Sie haben statt dessen Materialien vorgelegt,
geredet. Das muß man doch sagen. über deren Qualifikation wir uns nicht weiter
-
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU.) äußern wollen. Diese sind nicht verbindlich. Ver-
bindlich ist, was der Bundeskanzler hier gesagt hat.
Das ist sicher ein Erfolg von Herrn Ehmke, der doch
Wenn Sie Ihren Bericht vorlegen werden, Herr
die Zucht im Kabinett zu pflegen beabsichtigt.
Bundeskanzler, dann wird — wie ich befürchte —
Herr Dorn, ich stehe dazu, und ich hätte Sie gern die Lage noch so sein, daß der erste Satz dieses
gebeten, hier auch noch folgende Sätze aus dieser Berichtes heißen wird: Nicht alle Deutschen haben
Rede zur Kenntnis zu nehmen. Ich habe damals die Menschenrechte.
gesagt:
Sehen Sie, in dieser Debatte ist so viel gespro-
Die Zementierung des Status quo in Europa chen worden. Ich komme nachher auch noch auf den
wäre alles andere als eine europäische Frie Gewaltverzicht und all diese Sachen. Aber was
densordnung. Sie würde den eben genannten interessiert denn die Menschen in unserem Volk,
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 955
Dr. Barzel
) wenn über die Lage der Nation gesprochen wird? Das werden wir hier nicht im einzelnen beantwor-
Die interessiert: Habt ihr eine Politik in der Hand ten. Das spricht selbst Bände.
oder eine Chance, daß an der Mauer nicht mehr
Meine Damen und Herren, zu den politischen Din-
geschossen wird?
gen! Nicht nur wir hatten vor der Debatte Fragen
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU.) und Besorgnisse. Ein Teil davon ist, wie von Weiz-
säcker mit Recht gesagt hat und wie ich selbst gerne
Wie kann ich dafür sorgen, daß die Kinder hier
bestätigt habe, ausgeräumt. Aber neue Fragen sind
herkommen oder daß ich meine Verwandten besu-
durch die Regierungserklärung aufgetreten. Es gibt
chen kann?
z. B. die Erklärung des Bürgermeisters Weichmann
(Zuruf von der SPD: Vorschläge!) von Hamburg, der immerhin nach dpa vom 8. Januar
Seien Sie ganz vorsichtig auf diesem Gebiet! erklärte:
Denn hier haben Sie, meine Damen und Herren, Es ist nicht die Aufgabe der Bundesregierung,
eben etwas Schweres versäumt. Hier ist die Frage als Eintrittspreis für Gespräche ungewissen Aus-
zu stellen — das ist in den Materialien zum Teil gangs mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin die
beantwortet —, was hier an Kontakten schlecht ist totale Erfüllung der Forderungen der anderen
und was nicht schlecht ist. Ich meine, es ist die Seite anzubieten.
Pflicht einer Regierung, darzutun, wie die reale Er hat die Sorge öffentlich formuliert. Ein Stück die-
Lage hier in Deutschland ist. Ich meine, all denen ser Sorge ist durch Ihre Erklärung, Herr Bundes-
in der Welt — — kanzler, natürlich weg. Aber ein anderes Stück ist
(Zuruf des Abg. Mattick.) noch geblieben.
— Herr Mattick, ich habe doch den Bundeskanzler Diese Debatte muß naturnotwendigerweise histo-
zitiert. Er sagt, der Bericht sei unvollständig und rische Bezüge haben. Wie kann man sonst über
noch nicht genügend. Materialien sind doch nicht Deutschland sprechen? Aber sie soll doch wohl nicht
verbindlich. Das sind doch Materialien, das ist doch eine Debatte der Rechthaberei und nur über einen
nichts, meine Damen und Herren. Verbindlich ist, Bericht sein, sondern auch andeuten, wohin z. B. nach
was der Herr Bundeskanzler hier erklärt hat. Ich unserer Meinung der Fortgang der Ostpolitik, um
meine, in einem solchen Bericht muß deutlich wer- die es hier im wesentlichen geht, gehen soll. Mein
den, was uns an Alltagswirklichkeit beschwert, die Diskussionsbeitrag soll sich deshalb hier noch ein
Fragen, die die Menschen in unserem Volk stellen. bißchen einlassen. Denn wir sind doch nicht gefragt,
Da muß man doch die Frage stellen: Seht ihr eine wie wir hier noch einmal die Vergangenheit dis-
Chance, wenn ihr gleichberechtigte Gespräche mit kutieren, sondern wir sind gefragt: Wie geht es nun
denen anbietet, ja, seht ihr eine Chance, selbst wenn weiter? Welche Chancen gibt es? Welches Risiko
ihr deren politische Forderungen erfüllt, daß diese gibt es? Wie wünscht sich die Regierung das Risiko
gesamtdeutsche Qual und dieses Elend im Alltag abzudecken? Hat sie eingerechnet, daß auch alles
verändert werden kann? Diese Frage ist zu beant- scheitern kann? Ist sie vorbereitet auf die Verhär-
worten. Herr Kiep hat sie gestellt. tung, die dann eintreten kann? Wünscht sie dann,
allein zu stehen mit ihrem Verhandlungsspielraum,
Nun komme ich zu Ihren Zwischenrufen. Wir hat- oder wünscht sie dann, zusammen mit dem ganzen
ten Sie am 29. Oktober von dieser Stelle ermuntert, Haus sagen zu können: Wir haben es versucht, und
diesen Katalog aufzustellen. Wir haben ihn sogar es ist nicht gelungen?
mit eigenen Beiträgen vervollständigt gegenüber (Beifall bei der CDU/CSU.)
früheren Einlassungen. Wir haben Sie dann gebeten,
in diesen Fragen, die das Volk interessieren, initia- Wir haben kein Interesse, hämisch vor einem ost-
tiv zu werden, in diesen Fragen offensiv zu sein, politischen Scherbenhaufen der Bundesregierung zu
Vorschläge zu machen, und wir hatten Ihnen ver- stehen; denn wir alle litten ja darunter. Aber das
sichert — damit wußte die Regierung bis heute setzt eben voraus, Herr Bundeskanzler, daß man er-
offensichtlich nichts anzufangen —, daß Sie natürlich klärt, was nicht mehr gilt — und warum es nicht
sprechen müssen. Wir hatten hinzugefügt, wir fra- mehr gilt —, was am 25. September vorigen Jahres
gen nicht nach der Farbe der Tinte, ob sie rot oder hier noch gelten sollte.
grün oder schwarz ist, und wir fragen nicht da- Es ist nun notwendig, hier eine Art Zwischenbi-
nach, ob das Unterschriftsformular quergestreift oder lanz zu machen, damit jedermann weiß, was für uns
längs angelegt ist. Wenn Sie etwas für die Menschen gilt und was für uns nicht gilt. Herr Bundeskanzler,
herausholen, dann wird diese Opposition dem zu- die Koalition hat weiterhin unsere Unterstützung -
stimmen. Das ist unsere Position, meine Damen und bei der Absicherung ihrer Politik durch westliche
Herren. Freunde, bei der Wahrung der Positionen des
(Beifall bei der CDU/CSU.) Grundgesetzes und des Deutschlandvertrages, bei
Damit haben Sie nicht nur nichts anzufangen ge- den Bemühungen um Menschenrechte für alle Deut-
wußt. Bis heute haben Sie diese Initiative nicht er- schen, bei dem Ringen um Abrüstung, um eine euro-
griffen. Herrn Wehner blieb es vorbehalten, diesen päische Friedensordnung, um gute Beziehungen zu
aus Sorge geborenen politischen Vorschlag als ein allen Europäern, um Gewaltverzicht, um Verständi-
„Initiativ-Soll" abzutun. Herrn Apel blieb es vor- gung mit Polen, um Verbesserung — ich wiederhole
behalten, dies als „Obstruktion" zu bezeichnen. es — für die Menschen im ganzen Deutschland.
Kurzum, für uns gilt unverändert, was wir hier am
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU.) 29. Oktober des letzten Jahres für die Ostpolitik der
956 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Barzel
CDU/CSU des 6. Deutschen Bundestages erklärt keiten, denen sich jede deutsche Politik gegenüber-
haben. sieht, eigentlich auch noch als die Konstante der so-
wjetischen Politik genannt werden müssen.
Die Bundesregierung hat nicht unsere Unter-
stützung für ihre Erklärungen über die zwei deut- Herr Bundeskanzler, wenn Sie es mit unzumut-
schen Staaten — und die sichtbarer werdenden nega- baren Forderungen zu tun haben sollten oder zu tun
tiven Konsequenzen daraus —, nicht unsere Unter- bekommen sollten — wir werden Sie nicht allein
stützung für den Verzicht auf die Bezeichnung „ge- lassen, wenn es um das geht — und das waren Ihre
samtdeutsch" des Ministeriums und des Ausschus- Worte —, was hier Vaterland, Nation und euro-
ses, nicht für die veränderte Berlin-Präsenz des päische Friedensordnung betrifft. Sie werden um so
Bundestages und des Bundesbevollmächtigten, weniger allein sein, wenn Sie sich an das halten,
was wir am 25. September, mit Ihrer Stimme und
(Beifall bei der CDU/CSU)
nach einem persönlichen Gespräch zwischen uns,
und sie hat nicht unsere Unterstützung für die Un- hier verabredet haben. Ich lade Sie ein, und es ist
terschrift unter den Sperrvertrag. an Ihnen, die Initiative dafür zu ergreifen. Wenn
Die Bundesregierung hat es — bis zum Bericht Sie hier nicht argumentieren wollen und hier der
des Bundeskanzlers, der etwas anderes nun heute Eindruck bleibt: die Gemeinsamkeit ist von Herbert
andeutete, nämlich eigene Vorschläge — nicht für Wehner weggewischt — na gut, dann kommen Sie
richtig gehalten, zunächst, wie wir vorschlugen, Ost- mit einer neuen Plattform! Aber man muß doch wis-
Berlin eigene konkrete Vorschläge zu machen und sen, was hier eigentlich los ist.
die Sondierungen der Westmächte in Moskau abzu- Herr Bundeskanzler, Ihr eigener Handlungsspiel-
warten, die dort testen wollten: ob es überhaupt raum wird doch — und das kann doch nicht das
eine Chance gibt. Sie hat es statt dessen für richtig deutsche Interesse sein, auch nicht unseres — ein-
gehalten, zugleich diesen Berlin-Vorstoß zu favori- geschränkt bis zur Untätigkeit; denn das Ausmaß
sieren, die Verhandlungen mit Moskau zu eröffnen westlicher Unterstützung und das Interesse östlicher
und das Gespräch mit Polen zu suchen, — ein biß- Stellen für Ihre Politik hängen doch, in vielem,
chen viel auf einmal, was natürlich die Risiken, von auch von der Stärke Ihrer parlamentarischen Posi-
denen sogar „New York Times" vorgestern sprach, tion in diesen Fragen ab.
Herr Bundeskanzler, noch vergrößert.
Herr Bundeskanzler, Sie haben — gegen unseren
Damit Sie aber hier nicht wieder einen „Popanz" Willen zur Unzeit und ohne genügende Klarstellun-
aufbauen: Wenn Sie etwa bei Ihren Gesprächen in gen — den Atomsperrvertrag unterschrieben und
Moskau über Gewaltverzicht das deutsche Papier Sie haben damit Hoffnungen auf Verbesserung ver-
vom 3. Juli 1969 zur Basis machen sollten — falls bunden. Wir haben immer gesagt: Für Klima kann
dies geschehen sein sollte —, so soll jedermann hier man so etwas nicht unterschreiben! — Aber gut! Ich
und auch draußen wissen, daß dieses Papier auch die möchte Sie heute fragen — das muß doch schon
fortdauernde Zustimmung der Opposition hat. Zu- festzustellen sein —: gibt es da etwas Besseres
gleich muß man natürlich dartun, daß dieses Papier zwischen Moskau und Bonn, oder ist das einfach
in einem anderen Lichte erscheint, wenn eine Regie- konsumiert, um neue Forderungen zu stellen?
dierung es wie die Regierung Kiesinger vorlegt, die
Denn, Herr Bundeskanzler, und hier muß ich Sie
sich bezeichnet — und entsprechend dem Völker-
als Außenminister zitieren, die alte Regierung hat
recht so bezeichnet — als die einzige legitimierte
während der Verhandlungen über den Sperrvertrag
deutsche Regierung, oder wenn es von einer Regie-
eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes überreicht
rung vorgelegt wird, die die Zwei-Staaten-Theorie
— sie ist vom 7. April 1967 und im Bulletin nach-
praktiziert.
zulesen, freilich etwas später, weil sie zuerst ver-
Der Herr Bundeskanzler hat es unterlassen — traulich war —, in der es heißt — ich zitiere wört-
vielleicht war dieser Zeitpunkt zu früh; aber ich lich —:
will dann wenigstens die Frage für später anmel- Im Anwendungsbereich des Vertrages sollten
den —, dem Parlament mitzuteilen, ob nach seiner die beteiligten Staaten ihr Verhältnis zuein-
Meinung seine doch bisher schon sehr weitgehen- ander als entlastet ansehen, in diesem Bereich
den Entgegenkommen, z. B. in der Sache Zwei-Staa- auf gegenseitige Beschuldigungen verzichten.
ten-Theorie und Sperrvertrag, etwa die östlichen Es wird weiter erwartet, daß die Kernwaffen-
Partner veranlaßt haben, ihre Forderungen an uns mächte sich den Nichtkernwaffenstaaten gegen-
zu mildern oder heraufzuschrauben. über zu einem konstruktiven Wohlverhalten
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) verpflichten. -
Haben Sie das vor Ihrer Unterschrift ausgelotet?
Diese Frage ist nicht beantwortet. Die Opposition Können Sie uns Mitteilungen machen über dieses
muß der Presse zu ihrem Bedauern — nicht aus „konstruktive Wohlverhalten" der Sowjetunion
Rechthaberei — das letztere entnehmen, nämlich gegenüber der Bundesrepublik Deutschland?
nun schon die Forderung auf Änderung von Geset-
(Beifall bei der CDU/CSU.)
zen hier bei uns. Kollege Strauß hat mit Recht von
der Pariser Konferenz von 1946 und Molotows For- Meine Damen und Herren, die Bundesregierung
derung gesprochen, die Westzonen — wie es damals steht in Verhandlungen. Wir haben nicht die Ab-
hieß — im Sinne der Ostzone zu demokratisieren. sicht, hier das zu stören, was wir kennen. Wenn
Das ist ein roter Faden. Dieser rote Faden, Herr wir durch unsere Äußerungen hier etwas stören
Wehner, hätte in Ihrer Aufzeichnung der Schwierig sollten, was wir nicht kennen, dann: ultra posse
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24, Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 957
Dr. Barzel
nemo obligatur — oder „obligetur" ; ein ewiger Damals hieß es also, daß die Bundesrepublik
Streit zwischen Strauß und mir. — ,,Tenetur" ist Deutschland eine andere Stellung als die anderen
wohl etwas südlich der Mainlinie gebräuchlicher. europäischen Staaten habe.
Nun stehen — der Herr Bundeskanzler hat soeben Ich will nun noch eine Passage aus einem anderen
davon gesprochen — Gewaltverzicht und Sicher- Aide-mémoire zitieren. Das ist ein bißchen trocken,
heitskonferenz an. Herr Bundeskanzler, wie immer aber man muß das kennen. Daran schließt sich eine
die aktuelle Lage der Sondierung und der Verhand- große politische Frage an. Ich nehme an, der Herr
lungen, der Gespräche — wie immer Sie das formu- Bundeskanzler wird schon verstehen, warum ich hier
lieren wollen — sein mag: das ist natürlich ver- alte Akten aufblättere. Es gibt einen — auch ver-
traulich. Aber Sie müssen uns schon erlauben, weil öffentlichten sowjetrussischen Vertragstext über
wir die Konsequenz der Politik der Sowjetunion den Gewaltverzicht vom 21. November 1967. Darin
kennen ich finde, manchmal muß man denen heißt es — ich zitiere —:
dankbar dafür sein, daß sie immer so deutlich Dementsprechend verpflichtet sich die Bundes-
sagen, was sie wollen , hier auf das zurückzu- republik Deutschland, niemals zur Änderung
kommen, was Sie selbst in die Debatte eingeführt ihrer gegenwärtigen Grenzen einschließlich den
haben, nämlich die Bemühungen der letzten Bundes- Grenzen zwischen der Bundesrepublik Deutsch-
regierung um ein Gewaltverzichtsabkommen, die land und der Deutschen Demokratischen Repu-
ihren Niederschlag in einer Dokumentation der blik Gewalt anzuwenden. Die Bundesrepublik
Bundesregierung vom 12. Juli 1968 fanden, die Sie Deutschland verpflichtet sich, die Unantastbar-
selbst mit einer bemerkenswerten Erklärung vor keit der in Europa bestehenden Grenzen anzu-
der Presse übergeben haben. Diese Dokumentation erkennen und zu achten und an andere Staaten
— ich rede jetzt nicht nur von der Vergangenheit keine territorialen Forderungen zu stellen.
macht deutlich, was die Sowjetunion bei der letzten
Runde von uns zu verlangen versucht hat. Meine Damen und Herren deshalb ist eigentlich
all das, was — aus den aktuellen Vorgängen — als
Da gibt es — immer nach dieser Dokumentation so geheimnisvoll hingestellt wird und angeblich nur
der alten Bundesregierung — ein Aide-mémoire der durch Indiskretionen in der Presse erörtert werden
Sowjetregierung an die Regierung der Bundesrepu- konnte, gar nicht geheimnisvoll. Der „Spiegel" hat
blik Deutschland vom 5. Juli 1968. Da fordert die ausnahmsweise völlig recht. Das sind alte Doku-
Sowjetunion von uns, mit der Deutschen Demokra- mente. Die Sowjetunion verlangt von uns nicht nur,
tischen Republik zu denselben Bedingungen wie mit auf die Gewalt als ein Mittel der Politik zu ver-
den anderen sozialistischen Ländern Gewaltver- zichten, sondern sie verlangt von uns auch, auf eine
zichtserklärungen auszutauschen. Sie wirft der Bun- Politik zu verzichten, die mit friedlichen Mitteln
desregierung expressis verbis vor, einer völker- auf dem Wege einer Einordnung in eine europäische
rechtlich verbindlichen Regelung der Frage des Ge- Friedensordnung die Selbstbestimmung und Einheit
waltverzichts der DDR auszuweichen. Sie fordert des deutschen Volkes erreichen will. Das ist die
die Unveränderlichkeit der in Europa bestehenden Forderung, die wir seit damals kennen.
Grenzen, darunter der Oder-Neiße-Linie sowie der
Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik (Beifall in der Mitte.)
und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Repu-
blik mit der Bundesrepublik Deutschland. Ich weiß nicht, ob diese Forderung wieder im
Mittelpunkt der Verhandlungen, Gespräche, Sondie-
Sie haben hier eben etwas von Grenzen erklärt, rungen steht. Wenn das der Fall ist, so möchten
Herr Bundeskanzler; vielleicht ist das auch wieder wir — ebenso wie wir vorher gesagt haben, daß
aktuell. Ich weiß es ja nicht so. Die Sowjetunion wir zu dem 3. Juli stehen — klar sagen, daß der
kritisierte in dem damaligen Aide-mémoire die Bun- Verzicht auf diese Politik für uns nach wie vor un-
desrepublik Deutschland — übrigens bezeichnet sie annehmbar ist. Verzicht auf Gewalt — selbstver-
uns immer korrekt als „Bundesrepublik Deutsch- ständlich!; das Gespräch mit den anderen drüben,
land", was in Ihrer Regierungserklärung zu vermis- das Unterschreiben von Verabredungen, wenn sie
sen war, Herr Bundeskanzler, denn da war immer den Menschen helfen — selbstverständlich!; die
nur von der „Bundesrepublik" die Rede —, daß sie Vorbereitung des Ausgleichs mit Polen — selbstver-
im Grunde den Austausch von Gewaltverzichtser- ständlich! Aber den Verzicht darauf, mit friedlichen
klärungen vorschlage, trotz deren Vorhandensein Mitteln die Menschenrechte für alle Deutschen zu
sie wie bisher Gebietsforderungen an Nachbarstaa- erstreiten, kann von uns keiner verlangen und wird
ten erheben könnte. In diesem Aide-mémoire er- bei uns keiner erreichen.
hebt die Sowjetunion nochmals ihre bekannten In-
terventionsanmaßungen und sagt dann wörtlich: (Lebhafter Beifall in der Mitte. — Abg. Dr.
Apel: Es werden schon wieder Buhmänner
Die Bestimmungen der UNO-Charta über aufgebaut!)
Zwangsmaßnahmen im Falle einer erneuten
— Das ist nämlich ganz wichtig. Das muß man einer
Aggressionspolitik behalten voll und ganz ihre
Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland. Bundesregierung gegenüber sagen, die darauf ver-
Auch hier kann die Bundesrepublik Deutschland zichtet, weiterhin das Wort „Wiedervereinigung" in
keinen Anspruch auf die gleiche Stellung, wie den Mund zu nehmen.
sie die anderen europäischen Staaten haben (Beifall in der Mitte. Abg. Dr. Apel: Sie
und von der in dem Aide-mémoire der Bundes- sind doch hier nicht auf dem Schießstand,
republik die Rede ist, erheben. wo Sie auf Pappkameraden schießen!)
958 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Barzel
— Die haben Sie aufzubauen versucht, Herr Apel, Ihre Koalition sich das vorstellt: Die Einheit der
und Ihre Erregung zeigt vieles. deutschen Nation durch die Selbstbestimmung des
(Beifall in der Mitte.) deutschen Volkes? Dem stimmen wir zu, und wir
freuen uns, daß es gelang, das da hineinzuschreiben.
Ich möchte gern noch einen Gedanken anfügen, In der Regierungserklärung wird aber zugleich ge-
Herr Bundeskanzler; ich bin überzeugt, daß er hilf- sagt, die Verträge zwischen Bonn und Ost-Berlin
reich für die Bundesregierung ist. Man muß ganz dürften zeitlich nicht beschränkt sein. Herbert Weh-
nüchtern sehen, daß die Sowjetunion behauptet, daß ner hat das hier ausdrücklich noch einmal unter-
die Bundesrepublik Deutschland keinen Anspruch strichen. Die Verträge müßten mit der Perspektive
auf die gleiche Stellung, wie sie die anderen euro- der Verbesserung — so heißt es in der Regierungs-
päischen Staaten haben, habe. erklärung — gelten für die Zeit, in der es diese
Herr Bundeskanzler, jetzt kommen zehn Sätze, mit beiden Staaten gebe. Und zugleich erklärt die Regie-
denen ich Ihnen wirklich helfen möchte. rung, daß die Bundesrepublik Deutschland ein Staat
des Westens bleibe und die DDR ein Staat des
(Zurufe von der SPD.) Ostens. Auch der Hinweis, daß beide Staaten nicht
— Es wäre gut, wenn Sie dem Bundeskanzler auch mehr provisorisch seien, hat natürlich sein beson-
helfen würden. Wir kommen schon auf den Punkt, deres Gewicht.
meine Damen und Herren. Sie müssen unsere Mei- Was also, Herr Bundeskanzler, werden Sie er-
nung schon ertragen. In der naßforschen Art, wie klären oder was würden Sie erklären, falls die So-
hier gestern ein Minister der Bundesregierung Fra- wjetunion Ihnen — wie 1968 uns zusammen — die
gen eines Kollegen beantwortet hat oder wie Sie Frage anträgt: Seid ihr bereit, nicht nur auf Gewalt,
sich weigerten, Zwischenfragen zu beantworten, sondern auch auf friedliche Veränderung der deut-
liegt kein Beitrag zu mehr Demokratie in diesem schen Dinge mit dem Ziel der Selbstbestimmung des
Lande. deutschen Volkes zu verzichten? Das ist der Kern,
(Lebhafter Beifall bei der CDU / CSU.) das ist die Frage.
Ich hoffe, daß ich nun rhethorisch das Gelände frei
habe für die zehn Sätze, die ich jetzt loswerden Ich empfehle, meine Damen und Herren, hierauf
möchte. wie folgt zu antworten. Ich erkläre in aller Form,
(Zurufe von der SPD.) daß die Opposition, trotz Herbert Wehners Ab-
lehnung von Resolutionen, bereit wäre, eine solche
Meine Damen und Herren! Während die Sowjet Aussage — in jeder Form, ob in Form einer Resolu-
union für die Bundesrepublik Deutschland be tion oder in Form von übereinstimmenden Erklä-
hauptet, daß diese keinen Anspruch auf die gleiche rungen — zu unterstützen. Und da mir nicht danach
Stellung wie die anderen europäischen Staaten habe, zumute ist, hier zuerst Texte zu verlesen und dann
und während sie in Anspruch nimmt, daß die Bun- die Quelle zu sagen — ich glaube, das ist alt-
desrepublik Deutschland das Objekt ihrer Inter- modische parlamentarische Methode —, würde ich
vention, auch mit Zwang, auch nach einem Gewalt- empfehlen, daß wir alle beschließen, daß für den
verzichtabkommen, sein könne, fordert dieselbe Fall, daß eine solche Frage gestellt werden sollte,
Sowjetunion für die DDR die volle Souveränität, be- das ganze Haus und die ganze Regierung mit den
hauptet diese und betreibt deren internationale Be- Worten antwortet, die ich dem Grundsatzprogramm
stätigung. Herr Bundeskanzler, wir wissen natürlich der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ent-
auch, daß das Problem der sowjetrussischen falschen nehmen möchte. Dort heißt es:
Ansprüche aus den Art. 53 und 107 der UNO-Sat-
zung militärisch durch die westliche Sicherheits- Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands
garantie beantwortet ist. Aber hier stellt sich doch lebt und wirkt im ganzen deutschen Volk. Sie
eine politische Frage. Die Sowjetunion bringt auf steht zum Grundgesetz der Bundesrepublik
dieser Basis, die ich soeben formulierte, die DDR Deutschland. In seinem Sinne erstrebt sie die
voll ins internationale Spiel, während sie zugleich Einheit Deutschlands in gesicherter Freiheit. Die
für uns einen Status minderen Rechts behauptet, Spaltung Deutschlands bedroht den Frieden.
während sie in der Verfassung des Staates, den sie Ihre Überwindung ist lebensnotwendig für das
als voll souverän betrachtet, die DDR, stehen hat: deutsche Volk. Erst in einem wiedervereinigten
Jawohl, wir wollen die Wiedervereinigung, nur Deutschland wird das ganze deutsche Volk in
unter sozialistischem Vorzeichen. Wer das sieht, freier Selbstbestimmung Inhalt und Form von
Herr Bundeskanzler, kommt doch hier an einen Staat und Gesellschaft gestalten können.
-
Punkt, über den es im freien Teil Deutschlands nur
(Beifall bei der CDU/CSU.)
eine gemeinsame Meinung aller Demokraten geben
sollte. Deshalb würde — ich wäge dieses Wort — Dies ist ein Angebot, das abzulehnen auch eine Poli-
die deutsche Politik in eine gefährliche Entwicklung tik und eine Antwort wäre.
geraten, wenn sie auch nur den Anschein erweckte,
sie hätte die Wiedervereinigungsforderung aufgege- Der Herr Bundeskanzler hat zum Problem der Vor-
ben, während Ulbricht sie weiter erhebt. leistungen gesprochen. Herr Strauß hat darauf schon
(Beifall bei der CDU/CSU.) geantwortet. Ich möchte auch hier ganz klar sagen:
natürlich sind in den 20 Jahren der Politik der CDU/
So bleibt eben die Frage, Herr Bundeskanzler, CSU — weite Strecken mit der FDP zusammen —
nach Ihrer Regierungserklärung, wie Sie und wie Vorleistungen erbracht worden, aber doch nie aus
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 959
Dr. Barzel
der Substanz der Nation oder aus der Substanz der päischen Länder darin erwerben, auch wahrhaft
Freiheitsrechte der Menschen. europäisch wird.
(Beifall bei der CDU/CSU.) Sehen Sie, Herr Bundeskanzler, wir haben in der
Herr Bundeskanzler, Sie haben hier von „Patriotis- Debatte vom 29. Oktober nicht nur vorgeschlagen,
mus" und „Vaterland" gesprochen. Darüber freuen die Initiative gegenüber der DDR um menschlicher
wir uns sehr. Wir haben früher einmal gesagt: Wer Erleichterungen und auch politischer Fragen willen
die Schwierigkeiten, die Zeitabläufe und die erfor- zu ergreifen, sondern haben auch vorgeschlagen, Sie
derliche Geduld zur Lösung der deutschen Frage möchten zur Frage der europäischen Sicherheits-
nicht sieht, ist kein Realist; und haben hinzugefügt: konferenz mit eigenen Vorschlägen hervortreten.
Wer deshalb davor resigniert und das als Utopie Ebenso wie diese jugoslawische Stimme ließen sich
oder Wunschvorstellung bezeichnet, ist kein Patriot. Dutzende solcher Stimmen aus Ost und West, Nord
Das sagen wir dazu, meine Damen und Herren. und Süd und aus neutralen Ländern anführen, die
doch alle nicht wollen, daß man die Sache jetzt be-
(Beifall bei der CDU/CSU.) endet und den Status quo zementiert, sondern daß
Herbert Wehner hat davon gesprochen — der man etwas Neues macht. Deshalb muß man doch da-
Bundeskanzler hat das aufgegriffen; ich kann mir für sorgen.
vorstellen, daß er es aufgreifen mußte, wenn sein Ich freue mich darüber, daß Sie wieder von der
Fraktionsvorsitzender so etwas sagt —, hier sei europäischen Friedensordnung gesprochen haben,
kein Konrad Adenauer. Herr Wehner, als Bundes- die ja mehr ist als das Sicherheitssystem. Aber eine
kanzler Adenauer nach Moskau fuhr — übrigens hat solche Sicherheitskonferenz, die sicher irgendwann
er die Opposition mitgenommen —, sagten die Mos- einmal kommen kann, sollte doch konfrontiert sein
kauer Führer zu ihm: Hier gibt es keine Kriegs- mit anderen Fragen. Es stünde der deutschen Politik
gefangenen mehr. Sie wissen, daß, als er wieder- sehr gut an, sie ins Gespräch zu bringen. Glauben
kam, welche da waren; er brachte sie mit. Können Sie denn nicht, daß alle Europäer zuhören würden,
Sie sich ernsthaft vorstellen, Herr Kollege Wehner, wenn Sie sagten: Auf dieser Tagesordnung muß ste-
daß es glaubhaft, vorstellbar, zumutbar wäre, daß hen erstens das Interventionsverbot der Super-
Konrad Adenauer einen Satz gesagt hätte wie den: mächte. Glauben Sie nicht, daß man zuhören würde,
Es gibt keine Möglichkeit der Wiedervereinigung? wenn es hieße: zweitens Freizügigkeit, drittens Of-
Das, glaube ich, kann man sich nicht vorstellen, und fenheit der Grenzen, und wenn es hieße: viertens
deshalb hatten gerade Sie recht, als Sie sagten: Minderheitenschutz? Das wäre eine Politik, die
„Hier gibt es keinen Konrad Adenauer". europäischen Frieden und europäische Sicherheit
(Beifall bei der CDU/CSU.) vom Menschen her sieht und nicht von irgendwel-
chen formalen Kategorien.
Der Bundeskanzler sagt, die deutsche Politik dürfe
sich nicht Wunschvorstellungen hingeben. Wer soll (Beifall bei der CDU/CSU.)
denn eigentlich den Spielraum dessen, was wir Herr Bundeskanzler, wir wünschen Ihnen Erfolg
selber wollen, bestimmen? bei diesen Sachen.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU.) (Zurufe von der SPD.)
Dann brauchen nur andere zu kommen und zu sagen: Wir wünschen in eine Lage zu kommen, in der Sie
Das und das geht nie, und schon marschieren wir eine Ostpolitik machen, bei der wir hier stehen
weiter zurück. können wie nach der Konferenz von Den Haag. Denn
(Beifall bei der CDU/CSU.) es ist doch unser Schicksal. Das wird um so leichter
Meine Damen und Herren, auch wenn es eine gelingen, Herr Bundeskanzler, wenn Sie mit uns
Wunschvorstellung ist: Ich will daran arbeiten, daß reden und nicht selbst noch den Eindruck zu errei-
alle Deutschen die Menschenrechte haben und wir chen versuchen, wir hätten kein eigenes Konzept.
alle in einer Demokratie leben. Das sollte der Bun- Herr Bundeskanzler, erlauben Sie mir, zum Schluß
deskanzler hier noch einmal sagen, wenn er schon zu kommen. Ich denke, wir Deutschen haben Er-
nicht die Resolution der SPD übernehmen will. fahrungen auch mit der Gefahr der Zerrissenheit
der Nation, nicht nur mit der Übertreibung der
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU. — Zu
rufe von der SPD.) Parteipolitik,
(Unruhe und Zurufe von der SPD)
Aber vielleicht glauben Sie uns weniger. Deshalb
mochte ich gern eine jugoslawische Stimme aus die- sondern wir alle haben Erfahrungen auch mit der -
sen Tagen zitieren, nachzulesen im „Europa-Archiv". Zerrissenheit der Nation im anderen Bereich. Ich
Sie sagt, und das ist sehr interessant für eine block- möchte deshalb, Herr Bundeskanzler, Sie einladen,
freie Stimme — es ist übrigens ein sehr sachkundi- doch einmal diese Sätze eines Ihrer Vorgänger
ger Artikel , worauf es ankomme, sei erstens, den nachzulesen. Ich sage auch hier wieder gleich, von
Prozeß einer Regelung so zu beeinflussen, daß wem es ist: es ist diesmal Bismarck. Ich wage das zu
Blockstrukturen und Interessensphären abgebaut sagen, nachdem Sie gestern, wenn ich Sie richtig
werden und ein neues System internationaler Be- verstanden habe, doch die Formel von dem „radika-
ziehungen entsteht — d. h. nicht den Status quo an- len Bruch mit der Vergangenheit" nicht mehr so
erkennen oder stabilisieren —, und zweitens, dafür ganz aufrechterhalten haben. Bismarck nennt ein
zu sorgen, daß eine Regelung in Europa im Hinblick wesentliches Motiv für seine Politik der deutschen
auf die Positionen und Rechte, welche die euro- Einheit -- wir wollen sie heute europäisch, aber das,
960 Deutscher Bundestag -- 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Barzel
was er sagt, finde ich aktuell; Herr Präsident, ich Herr Abgeordneter, gestatten Sie noch ein Wort.
möchte es zitieren —, er sagt: Mir wird soeben mitgeteilt, daß der Herr Präsident
Ich habe stets den Eindruck des Unnatürlichen des Parlaments der Republik Elfenbeinküste hier im
von der Tatsache gehabt, daß die Grenze, wel- Hause ist. Ich begrüße ihn und seine ihn begleitende
che den niedersächsischen Altmärker bei Salz- Familie mit Respekt und Herzlichkeit.
wedel von dem kurbraunschweigischen Nieder-
(Beifall.)
sachsen bei Lüchow in Moor und Heide dem
Auge unverkennbar trennt, dort den zu beiden Bitte, Herr Abgeordneter!
Seiten Plattdeutsch redenden Niedersachsen an
zwei verschiedene, einander unter Umständen
feindliche völkerrechtliche Gebilde verweisen
will, deren eines von Berlin und das andere Wienand (SPD) : Herr Präsident! Meine Damen
früher von London und später von Hannover und Heren! Aus einem doppelten Grunde hat meine
regiert wurde, und daß friedliche und gleich- Fraktion nicht auch 45 Minuten Redezeit beantragt.
artige, im Konnubium verkehrende Bauern die- Nachdem die Opposition gestern mit einem etwas
ser Gegend — der eine für welfisch-habsbur- zutage getretenen Unterton der Koketterie gesagt
gische, der andere für hohenzollernsche Inter- hat, wir wollten ihre Rechte auch in der Redezeit
essen — aufeinander schießen sollten. einschränken, ist jetzt, wie wir glauben, sichtbar ge-
worden, daß es in der Tat gestern nur etwas unter-
Das Motiv steht doch dahinter, wenn wir von Frie- schwellig zur Diskussion gestellt worden ist und
densordnung sprechen. Deshalb hat eben ein Ge- keiner es Ihnen wirklich abnehmen konnte und
waltverzicht keinen Zweck, wenn hinterher trotzdem wollte. Zum anderen meine ich aber auch, daß diese
die Sowjetunion die Diskriminierung Deutschlands Debatte auf den Kern zurückgeführt werden sollte,
und die Gefahr der Zwangsintervention aufrecht- um den es geht. Wir haben manche Stunde disku-
erhält. Deshalb hat ein Gewaltverzichtsabkommen tiert, und im Grunde genommen habe ich bei auf-
keinen Zweck, an dessen Ende trotzdem in Berlin merksamem Zuhören weder beim Kollegen Strauß
weiter geschossen wird und in den Minenfeldern noch bei Herrn Dr. Kiesinger noch jetzt bei Herrn
weiter die Menschen sterben. Barzel herausgehört, was sie denn nun in Wirklich-
keit an der Erklärung des Herrn Bundeskanzlers —
Ich möchte als letztes noch ein Zitat bringen. Sie
wenn ich einmal von den Materialien, die schrift-
sehen, wie weit ich den Bogen spanne, Herr Bun-
lich gegeben wurden, absehe — auszusetzen oder
deskanzler: zu ergänzen haben.
Staatsmännische Weisheit wird sich darauf ein-
stellen, daß auf die Dauer ein großes Volk in (Abg. Dr. Apel: Nichts!)
der Mitte Europas nicht geteilt bleiben kann,
Nehmen wir einmal das, was gestern und vor-
wenn wir Spannungen beseitigen, Krankheits-
gestern vom Herrn Bundeskanzler Brandt vorge-
herde gesunden lassen und über ein friedliches
tragen worden ist, und nehmen wir die Tatsache,
Nebeneinander zu einem konstruktiven Mitein-
daß sich die FDP-Fraktion und die SPD-Fraktion mit
ander der europäischen Völker kommen wollen.
dieser Regierungserklärung identifizieren und daß
Worte staatsmännischer Weisheit, gesprochen vom sie ihnen für das, was uns bevorsteht, und auch für
Außenminister Willy Brandt vor der Beratenden das, was bereits eingeleitet worden ist, ausreichend
Versammlung des Europarates genau vor drei Jah- erscheint; dann müßte man nicht nur zur Regierung,
ren, am 24. Januar 1967. sondern auch zu den sie tragenden Fraktionen hin
sagen, was bisher versäumt worden ist und was
Herr Bundeskanzler, ob Sie es wahrhaben wollen zusätzlich getan werden sollte.
oder nicht: nach internationalem Recht und nach
unserem Grundgesetz sind Sie der Kanzler der Zugespitzt auf diese Frage, verehrter Herr Kol-
Bundesregierung, die als einzige frei gewählt ist und lege Dr. Barzel, führt uns nicht weiter — so hilfreich
die nach der Meinung der überwiegenden Mehrzahl es für die Zukunft sein kann, wenn der eine oder
der Völker — nicht nur der freien, sondern auch der andere in eine Grundlagen- oder Motivforschung
blockfreien Welt — die einzige Regierung ist, die eintritt —, jetzt weit zurückgehend hier Zitate vor-
für alle Deutschen zu sprechen berechtigt und des- zutragen, sie anzureichern und eigene Stellung-
halb verpflichtet ist. Herr Bundeskanzler, erklären nahmen dazu abzugeben. Denn alles muß auf den
Sie: Die erste Tatsache der Nation ist: Alle Men- Kern zurückgeführt werden: Hat man das Vertrauen
schen hier wollen frei sein. Und die zweite ist: Wir zu einer Bundesregierung, die hier frei gewählt
alle wollen wieder zusammenleben. Erklären Sie worden ist, daß sie auf dem Boden dieser Erklärung
das, Herr Bundeskanzler; dann machen Sie eine stehend die Verhandlungen führt, und hat man das
qualitative Friedenspolitik. Denn Frieden ist ohne Vertrauen zu dieser Regierung, daß sie, wenn ganz
Menschenrechte für uns undenkbar. bestimmte Punkte in diesen Verhandlungen erreicht
worden sind, nicht nur mit den sie tragenden
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der
Parteien, sondern gleichermaßen mit der Opposition,
CDU/CSU.)
daß sie mit diesem Bundestag das Gespräch sucht,
um mit ihm gemeinsam festzustellen, ob das noch
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der auf dieser Grundlage liegt oder ob ein Schritt weiter
Abgeordnete Wienand. gegangen werden muß, kann oder soll?
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 961
Wienand
Alles andere, was hier in der Diskussion ange- verbunden. Wenn Sie diese Zeit hatten, sollten Sie
führt wird, läuft doch im Grunde genommen darauf hier das, was wir Ihnen mit Jahren bemessen, we-
hinaus, daß man gewollt oder ungewollt nigstens mit Wochen oder Monaten bemessen. Dann
kommen wir wenigstens auf eine Ebene, auf der
(Abg. Dr. Apel: Gewollt!)
sich wieder zu reden lohnt.
— gewollt oder ungewollt — Mißtrauen artikuliert. (Sehr richtig! bei der FDP.)
Ich glaube — und ich nehme das ernst, Herr Kollege
Dr. Barzel, was Sie gesagt haben; Sie sagen: Dieser Ferner ist gesagt worden, es würden Resolutionen
Bundeskanzler und diese Regierung haben bei die- aufgegeben, und damit werde Gemeinsames aufge-
sem Weg unsere Unterstützung —, daß artikuliertes geben. Nun, die Frage ist nicht, was aufgegeben
Mißtrauen, wenn es drüben und in unserem Volk so wird, sondern die Frage ist, was geschieht. Der
verstanden wird — ich unterstelle nicht, daß Sie das Kollege Dr. Gradl und einige andere haben davon
wollen , die Position der Regierung schwächt, und gesprochen, daß Pflöcke eingerammt werden sollten.
das kann um der gemeinsam beschworenen Ziele Ja, gut. Muß dann ein Deutscher Bundestag, muß
willen nicht das Anliegen irgendeines Abgeordneten dann ein frei gewähltes Parlament, um der eigenen
in diesem Hause oder irgendeines Demokraten in Regierung Korsettstangen anzuziehen, Pflöcke in
diesem Staate sein. die Erde rammen, oder glaubt man, man könnte nach
außen hin damit Eindruck erwecken, wenn jetzt zum
(Beifall bei den Regierungsparteien.) wievielten Male noch etwas Zusätzliches geschieht?
Herr Kollege Dr. Barzel. ich möchte nicht auf alle (Beifall bei den Regierungsparteien.)
Punkte, die Sie angesprochen haben, eingehen, weil
Das ist doch nicht die Frage, und das kann doch
ich mich mit zehn, höchsten zwölf Minuten zufrie-
nicht die Frage sein. Deshalb glaube ich nicht, daß
dengeben will. Sie haben aufgeführt, wozu Sie ja
sich die Frage stellt und daß hier ein nationaler
sagen: Absicherung nach dem Westen, Grundgesetz,
Vertrauensbeweis oder Reifebeweis von den einzel-
Wahrung der Menschenrechte, Abrüstung, Gewalt-
nen oder den Fraktionen geliefert wird, wenn sie
verzicht, Verhandlungen zu Polen hin. Sie haben
noch einmal Resolutionen zustimmen, die gefaßt
dann gesagt, wozu Sie nein sagen: zwei deutsche
worden sind. Hier geht es für meine Freunde und
Staaten, Bundesministerium für innerdeutsche Be-
für mich ganz schlicht gesagt um folgendes: Wir
ziehungen und Innerdeutscher Ausschuß, Berliner
haben Vertrauen zur Bundesregierung, daß sie je-
Präsenz. Hier will ich nur einhakend sagen, daß der
weils dann, wenn sich im Zuge von Verhandlungen
Innerdeutsche Ausschuß von der Mehrheit dieses
oder bei Bemühungen um Verhandlungen die Not-
Hauses so benannt worden ist — das kann nicht
wendigkeit ergibt, Entscheidungen substantieller
die Regierung und daß die Berliner Präsenz von
Art zu treffen, das Parlament in angemessener
der Mehrheit des Ausschusses mit ihrer ausdrück-
Weise zu Rate zieht, und die letzte Entscheidung
lichen Erklärung qualitativ nicht gemindert worden
wird dann immer, wie es in einer Demokratie selbst-
ist. Das sollte man jetzt nicht auch noch bei einem
verständlich ist, dem Parlament vorbehalten sein.
Aufwaschen der Regierung anlasten, sondern das
Wer das in Frage stellt, meine Damen und Herren,
sollte man zu den beiden Parteien oder zu den-
der stellt in Frage, daß er Vertrauen zu dieser Re-
jenigen sagen, die das politisch zu verantworten
gierung hat. Wer das in dieser Situation will, der
haben.
sollte es nicht unterschwellig, der sollte es offen
Eine weitere Bemerkung. Sie fragen — und ich sagen, damit die Fronten klarwerden.
finde, das ist nicht eine Stärkung der Position der
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Regierung, sondern eine Schwächung —, ob denn
das, was bisher zur Zwei-Staaten-Theorie — wenn
es überhaupt so gesagt worden ist — und zum Vizepräsident Dr. Schmid: Herr von Gutten-
Atomwaffensperrvertrag erreicht oder gesagt wor- berg, ich erteile Ihnen das Wort.
den sei, den Osten veranlaßt habe, uns entgegen-
zukommen. Gestern habe ich historische Darstellun-
gen gehört, denen zu entnehmen war, wie lang der Freiherr von und zu Guttenberg (CDU/CSU) :
Weg sein wird. Heute werden recht ungeduldige Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich
Fragen gestellt, die — gewollt oder ungewollt — glaube, es ist das erste Gebot in diesem Hause, daß
implizieren, daß draußen negativ in Erscheinung wir untereinander gerecht bleiben. Ich stehe daher
treten muß, als sei viel vorgegeben, ohne im Augen- nicht an, hier zu sagen, daß ich von dem Friedens-
blick irgend etwas erreicht zu haben. willen und dem humanitären Antrieb beeindruckt
bin, der aus den Erklärungen des Bundeskanzlers
(Abg. Wehner: Sehr wahr!) hervorgegangen ist. Ich beanspruche aber gleich-
Ich halte das für keine gute Sache, und ich halte es zeitig für meine Freunde und mich, daß man auch
erst recht nicht für eine gute Sache, wenn das von uns uneingeschränkt den gleichen Willen zugesteht.
einer Partei und ihren maßgebenden Sprechern ge- Ich habe, ehrlich gestanden, bei allen Diskussions-
schieht, die immerhin für sich in Anspruch nehmen beiträgen aus dem Lager der Regierung nicht den
— wir wollen diesen Anspruch nicht verkleinern —, Eindruck gehabt, daß dies der Fall war.
über rund 18 Jahre hinweg in mühsamer Arbeit Der Herr Bundeskanzler hat in seiner Regierungs-
zunächst ein Vertrauensfundament zum Westen hin erklärung von der „Stunde der Wahrheit" gespro-
geschaffen zu haben. Das war auch nicht mit einer chen. Ich bin mit ihm, hoffe ich, einer Meinung,
Erklärung von hier, mit einer Reaktion von dort wenn ich sage, daß es in diesem Hause immer Stun-
962 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
(Zuruf von der FDP: Ohne Not?) (Beifall bei den Regierungsparteien. —
Lachen bei der CDU/CSU. — Abg. Rasner:
Bedenken Sie das wohl, meine Damen und Herren! Das war der Höhepunkt des Tages!)
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU.)
Vizepräsident Dr. Schmid: Meine Damen und
Herren, ich habe keine weiteren Wortmeldungen
Vizepräsident Dr. Schmid: Das Wort hat der mehr vorliegen. Werden irgendwelche Anträge ge-
Abgeordnete Mischnick. stellt? Das ist nicht der Fall. Dann ist dieser
Punkt der Tagesordnung abgeschlossen.
Mischnick (FDP) : Herr Präsident! Meine sehr Nach einer Vereinbarung im Ältestenrat sollte die
verehrten Damen und Herren! Gestern hat eine Fragestunde, die auf Mittag verlegt worden ist, um
kleine Debatte darüber stattgefunden, ob das zu- 13 Uhr beginnen. Ich frage das Haus, ob es damit
treffe, was in der „Frankfurter Rundschau" zum einverstanden ist, daß die Fragen jetzt schon auf-
Ausdruck gebracht wurde, nämlich daß manche gerufen werden. Erhebt sich Widerspruch? — Das
Äußerungen gerade bestimmten Kreisen in der DDR ist nicht der Fall.
besonders zugute kommen könnten. Es ist dabei
Dann rufe ich jetzt die
gesagt worden: man weiß ja, wo es gestanden hat.
Fragestunde
Ich darf mit Genehmigung des Herrn Präsidenten Drucksachen VI/222, VI/236 —
aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von auf.
3) heute zitieren; Jürgen Tern schreibt hier:
Wir beginnen mit dem Geschäftsbereich des Aus-
Es gibt keine Rückkehr zu Konrad Adenauer, wärtigen Amts. Ich rufe zunächst Frage 1 des Abge-
weder für die Bundesrepublik noch auch nur ordneten von Wrangel auf Drucksache VI/236 auf:
für die CDU .. . Welche Möglichkeit für Sofortmaßnahmen sieht die Bundes-
regierung, um einen koordinierten und konzentrierten Beitrag
Von Adenauers späten Einsichten führt eine zur Bewahrung von Millionen von Menschen vor dens Hunger-
gerade Linie bis zur Sprachregelung der Re- tode in dem bisherigen nigerianischen Kampfgebiet zu leisten?
Dr. Wörner (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Dr. h. c. Kiesinger (CDU/CSU) : Herr Staats-
ist die Bundesregierung bereit, mit der Regierung sekretär, glauben Sie nicht, daß es mit der Haltung
Großbritanniens Fühlung zu nehmen, um im Zusam- der nigerianischen Regierung und dem, was sie zu
menwirken mit ihr bei der nigerianischen Zentral- tun bereit und entschlossen ist, durchaus vereinbar
regierung zu erreichen, daß den kirchlichen Hilfs- wäre und daß es sich auch für die Bundesregierung
organisationen Möglichkeiten geboten werden, ihre lohnen würde, eine kollektive Aktion der euro-
Hilfestungorz? päischen Staaten, jedenfalls der, die in der Euro-
päischen Gemeinschaft zusammengeschlossen sind,
anzuregen, um eben den Umfang und die Wirksam-
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- keit der Hilfsmaßnahmen in dem notwendigen Maße
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich ver- zu steigern?
stehe Ihre Frage, Herr Kollege Wörner; ich möchte
Sie bitten, meine Antwort auch ZU verstehen. Die
Bundesregierung hat sehr genau geprüft, unter wel- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- -
chen Bedingungen und auf welche Weise am wirk- tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr Kol-
samsten eine Hilfe für die betroffene Bevölkerung lege Kiesinger, Sie wissen, daß die nigerianische Re-
möglich ist. Die Bundesregierung ist zu dem Schluß gierung diejenigen Länder mit einer gewissen, viel-
gekommen, daß die wirksamste Form, diese Hilfe zu leicht verständlichen Empfindlichkeit betrachtet, die
leisten, darin liegt, daß wir die Instanzen, die die Biafra in besonderem Maße unterstützt haben. Dar-
nigerianische Regierung geschaffen hat, als vorerst unter sind auch europäische Länder. Es ist nicht aus-
ausschließlichen Vermittler dieser Hilfe verwenden. zuschließen, daß eine als europäische Hilfsaktion
konstruierte Form der Unterstützung, an der auch
diese Länder beteiligt sind, bei der nigerianischen
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- Regierung auf Widerstände stoßen würde. Ich habe
Eine Zusatzfrage des Herrn Kollegen Kiesinger. diese Widerstände nicht zu bewerten; ich gehe vor
966 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
und zu überwachen, ob die nigerianischen Organisa- Eine Zusatzfrage des Kollegen Kiep.
tionen imstande sind, die notwendige Hilfe sicher-
zustellen, und wird die Bundesregierung gegebenen- Kiep (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, unter Be-
falls mit politischen Mitteln versuchen, auf die zugnahme auf Ihre Bemerkung, die Empfindlichkeit
Regierung Nigerias einzuwirken, wenn sie sieht, der nigerianischen Regierung betreffend, möchte ich
daß die nigerianischen Organisationen zu dieser Sie fragen, ob Sie es nicht gerade im Hinblick auf
Hilfeleistung allein nicht in der Lage sind? diese Tatsache für besonders zweckmäßig erachten
würden, wenn wir den Vorschlag von Herrn Dr.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Kiesinger aufgegriffen und hier in einer multilate-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr ralen europäischen Aktion vorgingen, weil das
Kollege, ich halte das zunächst für einen hypotheti- sicherlich Empfindlichkeiten, die dort vorhanden
schen Fall, zu dem ich insofern nicht Stellung zu sind, eher überwinden ließe, und sind Sie weiter
nehmen brauche. Aber ich darf Ihnen sagen — was mit mir der Ansicht, daß wir auf diese Empfindlich-
ich sonst nachher in Beantwortung der Frage des keiten nach der Beendigung der Feindseligkeiten
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 967
Kiep
I etwas weniger einzugehen brauchen, als das wäh- dere des Herrn Ministers für wirtschaftliche Zusam-
rend der Feindseligkeiten — sicherlich zu Recht — menarbeit und des Bundesaußenministers, hinge-
der Fall war? wiesen habe, und zwar als Versuch, unsere guten
Dienste zur Verfügung zu stellen, wie Sie es in
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Ihrer Frage ausgedrückt haben.
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Dem letz- Wir haben Nachrichten, nach denen die innen-
ten Teil Ihrer Frage würde ich entgegnen: Politisch politische Versöhnung in Nigeria, wenn ich jetzt ein-
ja. Aber wenn wir helfen wollen, d. h. wenn wir mal die politische Seite Ihrer Frage nehme, von der
gerade diese humanitären Absichten haben, dann nigerianischen Regierung selbst mit einiger Ent-
ist meine Antwort nein. So weit möchte ich auch schiedenheit betrieben wird. Es ist so, daß man in
in der Fragestunde schon aus Gründen der Offen- Lagos — ich glaube, wir alle nehmen das mit Befrie-
heit gehen. Denn es kommt ja darauf an, daß wir digung zur Kenntnis — , auf Siegesfeiern verzichtet
auch das erreichen, was wir wollen. Da aber — um und statt dessen, wie es Herr Gowon ausgedrückt
es direkt zu sagen — Frankreich zu den Ländern hat, drei Tage des „nationalen Gebets" angeordnet
gehört, von denen keine Hilfe genommen wird, hat. Erkennbar ist die entschiedene Absicht der
europäische Aktionen aber natürlich Aktionen mit nigeraschRu,dieVrsöhnga-
Frankreich wären, würden wir unter Umständen den mit eine innere Ordnung in Nigeria herbeizuführen,
Zweck durch die Methode gefährden. Daher bin ich in der Menschen aller Gruppen leben können.
der Auffassung, daß wir Methoden wählen sollten,
die vor allem den Zweck erreichen, den wir in die-
sem Zeitpunkt erreichen wollen, jetzt unabhängig Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
von den längerfristigen politischen Fragen, die sich Eine Zusatzfrage.
stellen und die, wie Herr Kollege Czaja mit Recht
gesagt hat, nicht die Fragen dieser Stunde sind, in Dr. Czaja (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, wür-
der es um die Menschen geht. den Sie es gerade unter diesem Aspekt für vertret-
bar halten, daß die Bundesregierung in geeigneter
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Form Gespräche mit afrikanischen und europäischen
Zu der ersten Frage eine letzte Zusatzfrage des Kol- Staaten darüber aufnimmt, ob es nicht denkbar ist,
legen Kliesing. daß afrikanische Flugzeuge, gekennzeichnet mit dem
roten Kreuz, Lebensmittel für :die hungernde Bevöl-
kerung wenigstens abwerfen, wenn sie schon nicht
Dr. Kliesing (Honnef) (CDU/CSU) : Herr Staats- landen können?
sekretär, wäre die Bundesregierung bereit, diese
Frage der Zweckmäßigkeit eines europäischen Vor-
gehens baldmöglichst zum Gegenstand einer Bera- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tung im Ministerrat des Europarates zu machen? tär beim Bundesminister der Auswärtigen: Ich wür-
de es unter Umständen für möglich halten, daß wir
solche Gespräche führen, aber nur dann, wenn auch
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- die nigerianische Regierung daran beteiligt ist.
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Es ist ein
bißchen schwierig, hier jetzt eine Zusage zu machen.
Ich würde sagen: Da die unmittelbaren Notwendig- Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen:
keiten bestehen, ist es zunächst wichtig, sofort Herr Kollege, Sie haben eine weitere Zusatzfrage.
etwas zu tun. Die Frage der Zweckmäßigkeit eines
gemeinsamen europäischen Vorgehens für länger-
fristige Hilfen zu prüfen, ist die Bundesregierung Dr. Czaja (CDU/CSU) : Würden Sie dann mit
bereit. Ich kann hier nicht für die Bundesregierung großer Beschleunigung auf diesen Versuch 'der euro-
eine Zusage geben, daß das im Ministerrat des päischen und afrikanischen Mächte, in solche Ge-
Europarates geschehen wird. Ich kann das nur als spräche einzutreten, dringen?
Ihre Anregung aufnehmen, Herr Kollege.
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr Kol-
Ich rufe die Frage 2 des Kollegen Dr. Czaja aus lege, ich möchte Ihnen an diesem Punkt eines ver-
der Drucksache VI/236 auf: sichern. Aus den Fragen, die hier gestellt worden
Wird die Bundesregierung ihre gute n Dienste zur V e rfü gung
sind, wird die große Sorge deutlich ; die nicht nur-
stellen, um einen Abbau der Gegensätze in dem bisherigen die Fragesteller, sondern die sehr viele in diesem
nigerianischen Kampfgebiet zu erleichtern?
Hohen Hause und in unserer Bevölkerung haben.
Das Wort hat Herr Parlamentarischer Staats- Die Bundesregierung teilt diese Sorge uneinge-
sekretär Dr. Dahrendorf. schränkt. Sie hat aus dieser Sorge heraus gehandelt
und wird auch weiter aus dieser Sorge heraus han-
deln. Sie empfindet es als eine Unterstützung ihres
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr Prä- Handelns, daß durch Ihre Fragen auch öffentlich auf
sident, bis zu einem gewissen Grade ist .die Frage diese Sorge hingewiesen wird. — Ich darf Ihnen in
des Kollegen Czaja schon insoweit beantwortet, als dieser etwas allgemeinen, aber auch auf Ihre spezi-
ich auf die Tätigkeit der Bundesregierung, d. h. so- elle Frage bezogenen Weise meine Antwort geben.
wohl des deutschen Botschafters als auch insbeson (Beifall.)
968 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Eine Zusatzfrage des Kollegen von Thadden. Ich rufe die Dringliche Mündliche Frage des Kolle-
gen Kiep auf Drucksache VI/236 auf:
von Thadden (CDU/CSU) : Herr Staatssekretär, Sieht die Bundesregierung eine Möglichkeit, daß Vertreter
der Deutschen Botschaft gemeinsam mit Vertretern humanitärer
werden Sie sich in Ihrem Hause dafür einsetzen Organisationen die Einreise in die bisherigen Kampfgebiete er-
und das als einen Beitrag zum Ausgleich der Gegen- halten mit dem Ziel festzustellen, auf welche Hiltsmaßnahmen
sich die Bundesrepublik Deutschland sofort konzentrieren muß?
sätze in Nigeria betrachten, daß die hier unter uns
lebenden etwa tausend Menschen aus dem bisher Bitte, Herr Staatssekretär!
als „Biafra" bezeichneten Gebiet bei der Verlänge-
rung von Aufenthaltserlaubnissen großzügig behan- Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
gelt werden, zumal meines Wissens einige hundert tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr
von ihnen in ernste Paßschwierigkeiten geraten Präsident! Wir wissen, daß sich Vertreter humanitä-
sind? rer Organisationen nach Nigeria zu begeben beab-
sichtigen, um sich in Lagos bzw. im bisherigen
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Kampfgebiet über die Bedürfnisse und Notwendig-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja. keiten zu unterrichten. Die Deutsche Botschaft in
Lagos ist angewiesen, sie hierbei zu unterstützen.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
In welcher Form das möglich ist, läßt sich im
Eine Zusatzfrage des Kollegen Matthöfer. Augenblick von hier aus noch nicht beurteilen. Ich
selber habe aus Anlaß Ihrer Frage ein Gespräch mit
dem nigerianischen Botschafter in der Bundesrepu-
Matthöfer (SPD) : Herr Staatssekretär, halten Sie blik geführt, der mir versichert hat, daß Anträge
es für möglich, daß die Bundesregierung darauf auf Visen normal behandelt werden, was in diesem
hinwirkt, daß zur besseren Unterrichtung der Welt-
Falle heißt: sie werden hier eingebracht, werden
öffentlichkeit über die weitere Entwicklung in nach Lagos geschickt und dann gegebenenfalls er-
NigeranU-Bobchtdelgainr - teilt.
sandt wird?
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- Kiep (CDU/CSU) : Darf ich aus Ihren bisherigen
beim Bundesminister des Auswärtigen: Es ist in Antworten, Herr Staatssekretär, die Überzeugung
der Fragestunde vielleicht nicht ganz formgerecht, mitnehmen, daß die Bundesregierung — ebenso wie
aber, wie ich glaube, im Sinne der Frage, wenn ich die Fragesteller und wahrscheinlich alle Mitglieder
nach kurzer Konsultation mit dem neben mir sit- dieses Hauses — sich darüber klar ist, daß bei den
zenden Bundesminister für wirtschaftliche Zusam- Hilfsmaßnahmen für Nigeria jede Stunde von Be-
menarbeit sage: Wenn der Ausschuß das wünscht, deutung ist?
ist die Bereitschaft der Bundesregierung dazu vor-
handen. Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ja, Herr
(Abg. Matthöfer: Es steht bereits auf der Kollege, genau das war der Sinn meiner Antwort,
Tagesordnung! — Heiterkeit.) Ihnen deutlich zu machen, daß die Bundesregierung
— Das macht es noch einfacher. diese Meinung teilt.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 969
Vizepräsident Dr. Schmitt-Vockenhausen: Dr. Czaja (CDU/CSU) : Darf ich unter ausdrück-
Eine Zusatzfrage des Kollegen Hein. licher Bezugnahme auf die Frage des Kollegen Kiep
noch einmal fragen, ob Ihre zugesagte Unterstützung
Dr. Hein (SPD) : Herr Kollege Dahrendorf, ist zur Erteilung von Visen zur Einreise nach Nigeria
die Bundesregierung bereit, nach Beendigung des sich auch darauf bezieht, die Zureise von Vertretern
Bürgerkrieges in Ostnigeria neben der humanitären der deutschen Botschaft in die Hilfs- und Kampf-
Hilfe nunmehr auch verstärkt technische Hilfe be- gebiete zusammen mit Vertretern der humanitären
reitzustellen, wobei ich besonders an die Reparatur Organisationen zu ermöglichen angesichts der Tat-
von Brücken und Straßen denke, da das zusammen sache, daß die Bundesrepublik Deutschland in guten,
gebrochene Verkehrssystem ja ein großes Hindernis freundschaftlichen Beziehungen zu Nigeria steht,
für die humanitäre Hilfe ist? Ich sehe eben Herrn Entwicklungshilfe in beachtlichem Ausmaß für
Kollegen Eppler neben Ihnen sitzen; vielleicht kann Nigeria ermöglicht hat und daher vielleicht auch bei
auch er etwas dazu sagen. einer humanitären Aktion in Anspruch nehmen
könnte, daß ihre Vertreter sich am Ort von den
augenblicklichen Notwendigkeiten überzeugen.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Herr Eine Zusatzfrage, Herr Kollege Jung.
Präsident, ich danke Ihnen sehr, auch dafür, daß Sie
diese Zwischenbemerkung gemacht haben, die mir Jung (FDP) : Herr Staatssekretär, sieht die Bun-
die Zeit gegeben hat, eine Antwort zu hören, die desregierung eine Möglichkeit, daß parlamenta-
ich vorhin nicht wußte, nämlich die, daß der Herr rische Fachleute die technischen Experten, die Sie
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit hinschicken wollen, begleiten?
bereits dafür Sorge getragen hat, daß in der näch-
sten Woche zwei Experten nach Nigeria fahren, die
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre-
prüfen werden, wo in erster Linie die Notwendig- tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich
keiten der technischen Hilfe liegen. Im übrigen ist würde das unter Umständen und nach genauer Prü-
diese Frage der technischen Hilfe eine der länger- fung der Lage für möglich halten. Jedenfalls würde
fristigen Fragen, die sich stellen und bei denen dann
die Bundesregierung sich dafür verwenden, daß
auch die vorhin angeschnittenen Fragen der Zusam-
diese Möglichkeit eröffnet wird, wenn aus diesem
menarbeit in Europa wichtig werden.
Hohen Hause ein solcher Wunsch kommen sollte.
Aber das ist im jetzigen Zeitpunkt, wo rasch gehol-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
- fen werden muß, wohl noch nicht zu erwarten.
Eine Zusatzfrage des Kollegen von Thadden.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
von Thadden (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, Ich rufe nunmehr die Frage 123 des Kollegen Dr.
würden Sie sich dafür einsetzen und würde die Bun- Kliesing auf:
desregierung sich bereit erklären, solchen Personen, Hält die Bundesregierung die Äußerung von Radio Warschau
die zur Zeit noch in dem bisher als „Biafra" bezeich- vom 9. Dezember 1969, „die beiden Seiten, die verhandeln sol-
len, dürfen nicht auf eine gleiche moralisch-politische Ebene
neten Gebiet leben und den Wunsch haben — viel- gestellt werden" für förderlich oder belastend für den Beginn
leicht aus Furcht um die Erhaltung ihres Lebens —, deutsch-polnischer Verhandlungen?
Eine letzte Zusatzfrage des Kollegen Dr. Czaja. Eine Zusatzfrage, Herr Kollege Dr. Kliesing.
970 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Kliesing (Honnef) (CDU/CSU) : Glaubt die Sicherheit des Verkehrs auf dem Nord-Ostsee-Kanal
Bundesregierung, daß in einem totalitären Staat, ist die Wasser- und Schiffahrtsverwaltung daran
wie es Polen ist, die staatliche Rundfunkanstalt in interessiert, die Querfahrten auf dem Kanal auf das
dieser Frage eine Meinung verbreiten würde, die unabdingbar notwendige Maß zu beschränken. Sie
mit der Regierungsmeinung nicht übereinstimmt? hat aus diesem Grunde die alten langsamfahrenden
Kettenfähren durch moderne schnellfahrende Fähren
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- mit großem Pkw-Aufnahmevermögen ersetzt.
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Ich Die Presseberichte treffen insofern zu, als zur Zeit
würde das zumindest für möglich halten. im Rahmen der Baumaßnahmen zur Sicherung der
Ufer des Nord-Ostsee-Kanals geprüft wird, inwie-
Dr. Kliesing (Honnef) (CDU/CSU) : Darf ich fra- weit es möglich ist, mit der gleichen Zielsetzung auf
gen, auf Grund welcher bisherigen Erfahrungen Sie den Betrieb der Fähre Rüsterbergen, eine der am
das für möglich halten. schwächsten benutzten Fähren, zu verzichten und
den Straßenverkehr auf die Fähre Breiholz im
Westen oder auf den Tunnel Rendsburg im Osten
Dr. Dahrendorf, Parlamentarischer Staatssekre- zu verlegen. Im Rahmen eines landesplanerischen
tär beim Bundesminister des Auswärtigen: Auf Verfahrens werden gegenwärtig Verhandlungen mit
Grund der Erfahrung, daß gerade bei den Vorberei- allen beteiligten Dienststellen hierüber geführt.
tungen der Verhandlungen mit den Ländern des
Ostens immer wieder ziemlich sorgfältig differen-
ziert wird zwischen dem, was dort in der Presse Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
steht, und dem, was die Regierungen vertreten. Eine Zusatzfrage, Herr Kollege!
Herr Staatssekretär, alle anderen Fragen sind Wir kommen zur Frage 55 des Kollegen Dr. Riedl
von den Fragestellern nicht mehr zur Behandlung (München). — Der Kollege ist nicht im Saal; die
gestellt worden, die Fragesteller haben um schrift- Frage wird daher schriftlich beantwortet.
liche Beantwortung gebeten. Ich danke Ihnen.
Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundes- Ich rufe die Frage 56 des Kollegen Kiep auf:
ministers für Verkehr und für das Post- und Fern- Berücksichtigt die Bundesregierung bei ihren Bemühungen zur
Vereinheitlichung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung auch
meldewesen. Zur Beantwortung ist Herr Parlamen- die modernen technischen Erkenntnisse im Automobilbau, die
Sicherheit im Fahrverhalten, Verhinderung von Körperschäden
tarischer Staatssekretär Börner anwesend. und Todesfällen sowie Verminderung der Abgasentwicklung zum
Ziel haben?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim sind die bisherigen Betreiberstaaten für die fünf
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und Stationen auf europäischer Seite, d. h. das Ver
Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Deutsche Bun- einigte Königreich, Frankreich, Niederlande, Schwe-
desbahn ist grundsätzlich bereit, die Strecke Hanno- den und Norwegen, an die Bundesrepublik Deutsch-
ver—Braunschweig—Helmstedt zu elektrifizieren. land mit dem Vorschlag herangetreten, sich mit
Die Finanzierungsverhandlungen mit dem Bundes- einem eigenen Schiff an diesem Dienst zu beteiligen.
land Niedersachsen haben jedoch bisher zu keinem
Ergebnis geführt. Deshalb kann ein Termin für die
Elektrifizierung dieser Strecke noch nicht genannt
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß eine Beteiligung Keine weitere Zusatzfrage? — Ich danke Ihnen,
Deutschlands am NAOS (North Atlantic Ocean Stations)-System
mit mindestens einem Schift der Bedeutung des deutschen Luft- Herr Kollege.
verkehrs über den Nordatlantik angemessen wäre, und wird
eine solche Beteiligung von den anderen NAOS-Staaten und Ich frage, ob der Kollege Horstmeier im Saal ist.
der ICAO (International Civil Aviation Organization) gewünscht?
—DasitnchderFl.wnsierag
Das Wort zur Beantwortung hat der Herr Staats- 65 und 66 schriftlich beantwortet.
sekretär.
Ich rufe die Frage 67 des Kollegen Seefeld auf:
Da die Bundesregierung in den Fragestunde vom 12. November
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim 1969 erklärt hat, sie sehe „gegenwärtig keine Möglichkeit, in
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und absehbarer Zeit auf den Bundesstraßen Notrufsäulen zur Verfü-
gung zu stellen", frage ich, ob die Bundesregierung bereit ist,
Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Bundesrepublik wenigstens die autobahnähnlichen Schnellstraßen mil den drin-
Deutschland leistet seit 1955 erhebliche Finanzbei- gend erforderlichen Notrufsäulen beschleunigt zu versehen?
träge für das System der neun Ozeanstützpunkte, Das Wort zur Beantwortung hat der Herr Staats-
-
d. h. Wetterschiffstationen im Nordatlantik. Bei sekretär.
einem derzeitigen Finanzierungsanteil, der etwa den
Kosten für 1,3 Schiffe — rein statistisch, muß ich Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
hier hinzufügen — entspricht und sich aus dem Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
deutschen Anteil am Luftverkehr über dem Nord- Fernmeldewesen: Herr Kollege, wie in der Frage-
atlantik ergibt, hält die Bundesregierung eine aktive stunde am 12. November 1969 bereits ausgeführt
Mitwirkung in diesem System mit einem eigenen wurde, fehlen an allen Bundesstraßen, also auch an
Schiff für durchaus angemessen. den zweibahnigen, autobahnähnlichen Abschnitten,
Im Rahmen der 6. Konferenz über die nordatlan- die fernmeldetechnischen und betrieblichen Voraus-
tischen Stützpunkte in diesem Wetterschiffsverkehr setzungen für die Aufstellung von Notrufsäulen. Es
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 973
Fernmeldewesen: Herr Kollege, soweit der Bund Zu einer Zusatzfrage Herr Kollege Ollesch.
hier als Baulastträger in Frage kommt, wird das
geschehen, weil sich aus der Verkehrsentwicklung,
der letzten Jahre diese zwingende Notwendigkeit Ollesch (FDP) : Herr Staatssekretär, da Sie gerade
ergibt. erklärten, daß die Länder zuständig sind, frage ich,
oh die Bundesregierung bereit ist, darauf hinzuwir-
ken, daß dieser Gesichtspunkt einer möglichen
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Seefeld (SPD) : Können Sie mir noch sagen, Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
wann etwa mit der Heraufstufung dieser Straßen Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
gerechnet werden kann? Fernmeldewesen: Ich will das gern noch einmal
prüfen lassen, darf aber darauf hinweisen, daß die
Rationalisierungsmöglichkeiten innerhalb der Post,
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und wie ich Ihnen eben gesagt habe, nahezu erschöpft
Fernmeldewesen: Herr Kollege, im Rahmen der Be- sind.
ratungen des neuen Ausbauplans des Bundesmini
sters für Verkehr, der wahrscheinlich im Frühsommer Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
dieses Jahres auch das Hohe Haus beschäftigen wird, Damit ist die Beantwortung der Fragen aus dem
werden wir mit Ihrer Genehmigung auf diese Fragen Geschäftsbereich Ihres Hauses, Herr Staatssekretär,
zurückkommen. Es handelt sich ja um Prioritäten abgeschlossen, jedenfalls nach meiner Übersicht.
im Straßenbau. Ich möchte nicht durch Erwähnung
einzelner Objekte jetzt diesem Gesamtwerk vor Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim
greifen. Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fernmeldewesen: Herr Präsident, ist nicht noch die
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - in unseren Geschäftsbereich fallende Frage 36 zu
Damit ist diese Frage beantwortet. beantworten?
Die Fragen 68 und 69 des Abgeordneten Lemmrich
und die Fragen 71 und 72 des Abgeordneten Blumen- Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
feld werden schriftlich beantwortet, da die Frage- Das ist die Frage des Kollegen Dröscher. Er hat um
steller nicht im Saal sind. schriftliche Beantwortung gebeten. Nach meinen
Notizen müßte Ihnen das schon mitgeteilt worden
ich rufe die Frage 73 des Abgeordneten Ollesch sein. Entschuldigen Sie bitte!
auf: Wir kommen zu den Fragen ans dem Geschäfts -
Gibt es far die Deutsche Bundespost keine rationellere Mög-
lichkeit als bisher, die Rundfunk- und Fernsehgebühr zu erhe- bereich des Bundesministers für Städtebau und Woh-
ben, z. 13. durch Verbindung mit der Tel bei Fern-
sprechteilnehmern oder durch finanzielle ,Anreize wie Skonti etc.
nungswesen.
bei Vorauszahlung der Gebühren für mehrere Monate?
Ich rufe die Fragen 74 und 75 des Abgeordneten
Das Wort zur Beantwortung hat der Staatssekre- Dr. Häfele auf:
tär. Welche Erleichterungen plant die Bundesregierung im Rahmen
einer Novellierung des Bundesbaugesetzes für die Bebauung im
Außenbereich ländlicher Räume?
Börner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Wann ist mit einer entsprechenden Regierungsvorlage zu
rechnen?
Bundesminister für Verkehr und für das Post- und
Fernmeldewesen: Herr Kollege, die Deutsche Bun- Der Fragesteller hat um schriftliche Beantwortung
despost zieht die Rundfunk- und Fernsehgebühren gebeten.
974 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Was das Besetzungsrecht des Bundes an den Eine Zusatzfrage, Herr Kollege? — Bitte!
Wohnungen angeht, so ist es für die gesamte Lauf-
zeit der Darlehen, mindestens aber für die Dauer Baier (CDU/CSU): Herr Bundesminister, können
von 20 Jahren vereinbart. Bis Ende 1973 wird bei Sie mir bestätigen, daß in den vergangenen Jah-
etwa 400 Wohnungen, die von Angehörigen des ren die seinerzeit von Bundeswohnungsbauminister
Patentamts bewohnt werden, die vereinbarte Min- Lücke eingeleitete Förderungsaktion „Junge Fami-
destfrist von 20 Jahren ablaufen. Es ist natürlich völ- lie" außerordentlich gut in Anspruch genommen
lig offen, ob die Darlehensnehmer von ihrem Recht, wurde, so daß die vorhandenen Deckungsmittel
nach Ablauf dieser Frist die Darlehen vorzeitig ab- Ihres Hauses teilweise überhaupt nicht ausreich-
zulösen, Gebrauch machen werden. Nach den bis- ten, und diese Mittel nach Ihrer heute abgegebenen
herigen Erfahrungen sind Wohnungsunternehmen, Erklärung offensichtlich erst in der letzten Zeit nicht
insbesondere die gemeinnützigen, an einer vor- mehr in Anspruch genommen werden?
zeitigen 'Rückzahlung im allgemeinen nicht inter-
essiert. So hatten wir im Jahre 1969 bei 8 Objekten
einen Ablauf der Mindestfrist zu verzeichnen. Nur Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
4 Eigentümer haben das Restdarlehen vorzeitig und Wohnungswesen: Diese Mittel sind von 1966
zurückgezahlt; sie haben aber die Möglichkeit zu an — im Rahmen der damaligen Rezessionserschei-
einer Vollkündigung nicht ausgenutzt, sondern nur nungen und der Entwicklung in unserem Haushalts-
zu einer Teilkündigung, um die Mieten anzuheben. plan insgesamt leider sehr rückläufig gewesen.
Außerdem waren, was entscheidend war, Herr Kol- -
Es läßt sich also im Augenblick noch nicht ganz lege Baier, die Bedingungen sehr ungünstig, Bedin-
übersehen, wie die Entwicklung im Jahre 1973 sein gungen, die nicht von meinem Haus allein aufge-
wird. Im allgemeinen rechnen wir nach den bis- stellt worden sind. Das hat praktisch dazu geführt,
herigen Erfahrungen nicht damit, daß sich die Woh- daß der Bewilligungsrahmen in den Jahren 1967,
nungssituation verschlechtern, sondern daß sie sich 1968 und 1969 nicht ausgenutzt worden ist. Ich
im wesentlichen befriedigend lösen lassen wird. habe die Zahl für 1969 vorhin genannt.
Ich bin der Meinung — Herr Baier, das scheint
mir etwas Grundsätzliches zu sein —, daß man nicht
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: - Töpfchen bilden sollte — hier für diesen Personen-
Danke schön. Damit sind die beiden Fragen beant- kreis und dort für jenen —, sondern man sollte ein
wortet. langfristiges Wohnungsbauprogramm mit einigen
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 975
Bundesminister Dr. Lauritzen
Schwerpunkten bilden, wobei ich der jungen Familie Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau
einen entscheidenden Schwerpunkt beimesse, in glei- und Wohnungswesen: Herr Kollege, ich sehe keine
cher Weise aber auch den kinderreichen Familien, Veranlassung, den Erlaß meines Hauses vom 24. Juni
den alten Menschen und den alleinstehenden Per- 1969 aufzuheben; denn wir haben nach Rücksprache
sonen. mit den Vertretern des Verbandes der deutschen
(Zustimmung bei der SPD.) Gas- und Wasserwerke festgestellt, daß durch die
Umstellung von Stadtgas auf Erdgas eine wesent-
So würde ich die künftige Wohnungsbaupolitik gern
liche Verbilligung weder allgemein belegt ist noch
finanziert sehen, ohne die vielen Einzeltöpfchen für
für die Zukunft in Aussicht gestellt werden kann.
Sonderprogramme, die in der Vergangenheit offen-
Auch die Fachminister der Länder, die ich befragt
sichtlich Schwierigkeiten gemacht haben.
habe, haben eine solche deutliche Verbilligung nicht
bestätigt.
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Eine weitere Zusatzfrage. Ich meine daher, man kann bei dieser Sachlage
nicht generell davon ausgehen, daß die Mieter für
Baier (CDU/CSU) : Herr Bundesminister, nach- die bloße Umstellung von einer Gasart auf die
dem Sie hier erneut, wie Sie es seit langem land- andere nun eine höhere Miete zahlen sollen.
auf, landab tun, eine Erklärung abgegeben haben,
Allerdings schließt mein Erlaß nicht aus, daß im
wie Sie sich für besondere Schwerpunkte im Woh-
Einzelfall bei besonders günstigen Gastarifen auch
nungsbau, auch für junge Familien, einsetzen wol-
eine andere Beurteilung der Rechtslage möglich ist.
len, gleichzeitig aber erklären, daß Sie die Förde-
rungsaktion „Junge Familie" einstellen, möchte ich
Sie doch konkret fragen, wie Sie sich — neben der Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
eine günstigere Preiskalkulation nach Wärmewerten zugrunde Herr Kollege Orgaß, Sie haben den Aufruf Ihrer
legen, die für den Verbraucher eine Verbilligung des Gasbezugs
um 10 °/o bis 20 °/o bringen dürfte? Fragen um wenige Sekunden verpaßt; ich bedaure.
Bitte schön, Herr Minister! Eine weitere Zwischenfrage.
976 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Dr. Hauser (Sasbach) (CDU/CSU) : Dann muß ich Frage 85 des Abgeordneten Müller (Mülheim) :
Sie fragen, Herr Minister, wie Wohnungsunterneh- Kann unter Berücksichtigung des hohen finanziellen Anteils,
men die ganzen Umstellungskosten tragen sollen, den die Bundesrepublik Deutschland erbringen wild, aber ouch
im Interesse von Wirtschaft und Wissenschaft erwartet werden,
wenn etwa ein mir bekanntes größeres Unternehmen daß dieses Objekt auf deutschem Boden errichtet wird?
für 7000 Wohnungen einen Eigenkapitalbetrag von
rund 2 bis 2,5 Millionen DM hierfür einsetzen muß, Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
also einen Betrag, der dann bei diesem Unterneh- sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
men dein Wohnungsbau selber unweigerlich ver- senschaft: Der bisherige Plan sieht einen Finanzie-
lorengeht. rungsanteil der Bundesrepublik von etwa 36 % vor.
Aber nicht in erster Linie aus diesem Grunde — wie
Dr. Lauritzen, Bundesminister für Städtebau sich vielleicht aus der Frage erkennen ließe — ist
und Wohnungswesen: Zu dem von Ihnen geschil- die Bundesrepublik der Meinung, daß ein Standort
derten Einzelfall kann ich Ihnen hier nichts sagen. in der Bundesrepublik gewählt werden sollte. Die
Ich bin aber gerne bereit, ihn nachzuprüfen. Der Er- Bundesrepublik Deutschland hat einmal ein Ge-
laß läßt ja einen gewissen Spielraum zu. Nur ganz lände bei Drensteinfurt angeboten, das nach allen
generell würde ich heute den Zeitpunkt für falsch objektiven Kriterien mindestens gleichwertig, wenn
gewählt halten, die Berechnungsverordnung ändern nicht in einigen wichtigen Punkten sogar besser als
zu wollen und auf diesem Wege eine Auftriebs- andere angebotene Standorte ist.
tendenz bei den Mieten in Erscheinung treten zu Hinzu kommt, daß die Bundesregieruung die Auf-
lassen. fassung vertritt, Standorte europäischer Organisa-
(Abg. Baier meldet sich zu einer Zusatz tionen und Einrichtungen sollten, soweit dies eben
frage.) möglich ist, einigermaßen gleichmäßig zwischen den
europäischen Staaten verteilt werden. Dies ist aber
heute — und zwar ganz eindeutig zuungunsten der
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen: -
Bundesrepublik — leider nicht der Fall. Bisher be-
Herr Kollege Baier, im Hinblick auf die Kollegen, findet sich kein einziger —auch vom Volumen her —
die hier ausgeharrt haben, will ich versuchen, wei- wirklich gewichtiger Standort in unserem Land.
terzukommen. Damit 'schließe ich diese Frage ab.
Die Bundesregierung ist gewiß — und ich möchte
Ich rufe die Frage 36 des Abgeordneten Dröscher das hier betonen — kein Anhänger des sogenannten
auf: „just return", der „gerechten Finanzrückverteilung".
Trifft es zu, daß nach einer Entscheidung des Bundessozial- Das würde im Endergebnis, wie jedermann weiß,
gerichts die gesetzlichen Krankenversicherungsträger verpflichtet
sind, auch bei Sportunfällen die Krankenhilfe gemäß § 182 RVO auch sicherlich zum Tode jeder europäischen Ge-
zu übernehmen, während die Beamtenkrankenkasse der Deut-
schen Bundeshahn und der Deutschen Bundespost nur 50 % der
meinschaft führen. Aber die Ungleichheit der Ver-
anfallenden Heilbehandlungskosten übernimmt, und hat die teilung der Standorte darf auch nicht so werden,
Bundesregierung nicht die Absicht, diese für Angehörige der
Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Bundespost eindeutige
daß sie politisch schwer vertretbar ist.
Schlechterstellung durch entsprechende Maßnahmen zu beenden?
Die Regierung bemüht sich deswegen mit Nach-
Herr Kollege Dröscher hat um schriftliche Beant- druck, die Wahl des deutschen Geländes zu errei-
wortung seiner Frage gebeten. chen. Sie hat durch Kabinettsbeschluß vom 11. De-
zember 1969 die Bundesminister für Bildung und
Wir kommen zu dem Geschäftsbereich des Bun-
Wissenschaft und des Auswärtigen beauftragt, mit
desministers für Bildung und Wissenschaft.
den beteiligten Regierungen über die Standortwahl
Ich rufe die Frage 84 des Abgeordneten Müller zu verhandeln, um auf diese Weise ein für das deut-
(Mülheim) auf: sche Angebot günstiges Resultat zu erreichen.
Ist in der Frage der Standortbestimmung des von der Ëuropä-
ischen Atombehörde zu errichtenden 300 Ge V-Beschleunigers eine
Entscheidung getroffen worden?
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:
-
sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis- Eine zweite Zusatzfrage.
senschaft: Herr Präsident, die Frage des Zugangs
zur Hochschule und insbesondere der Bedingungen Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Auf welche Unter-
für den Zugang zu einzelnen Ausbildungseinrichtun-
lagen der Begabungsforschung stützt sich der Mini-
gen ist von besonderer Bedeutung für die Entwick-
ster für Bildung und Wissenschaft, wenn er die
lung des sogenanten tertiären Bereichs. Diese Frage
Meinung vertritt, daß in Zukunft 50 % eines jeden
wird deswegen im Hochschulrahmengesetz behan-
Geburtsjahrgangs das Abitur II in einer dreifach
delt werden und damit natürlich ganz wesentlich
differenzierten Form ablegen können, wenn die
von diesem Hause zu entscheiden sein. Auf diese
Elemente des kritisch-rationalen Denkens, die er
Weise sind im Rahmen des Gesetzgebungsverfah-
mit dem Abitur II vermitteln will, schon im Abitur I,
rens natürlich auch die Länder an der Entscheidung
das er ebenfalls von 50 °/o ablegen lassen will, er-
beteiligt.
reicht sein sollten?
Es kann nach Auffassung der Bundesregierung in
dieser Frage niemals ein Entweder-Oder geben. Dr. von Dohnanyi, Parlamentarischer Staats-
Bund, Länder und Hochschulen müssen an diesen sekretär beim Bundesminister für Bildung und Wis-
Entscheidungen auf allen Ebenen jeweils beteiligt senschaft: Frau Kollegin Walz, die Frage der Quan-
sein. tität — Zugang zum tertiären Sektor — ist eine
(Abg. Frau Dr. Walz meldet sich zu einer Frage, die man nicht, auf jeden Fall nicht allein,
Zusatzfrage.) durch sogenannte Begabungsforschung aufklären -
kann. Wie bekannt ist, ist im Bereich der Bega-
Vizepräsident Dr. Schmitt Vockenhausen:-
bungsforschung die Debatte über die bestehenden
Frau Kollegin, ich wollte Ihnen nur folgendes sagen. Begabungsreserven durchaus nicht ausgetragen.
Wenn Sie Zusatzfragen haben, kann ich Ihre letzte Die Frage ist also in erster Linie eine Frage des
Frage nicht mehr zur Beantwortung stellen, weil die politischen Entschlusses und einer langfristigen Vor-
Fragestunde abgelaufen ist. Ich wollte Sie nur dar- stellung vom demokratischen Bildungswesen für un-
auf aufmerksam machen; die Zusatzfragen werden sere Gesellschaft. Diese Frage kann nicht die Be-
natürlich noch behandelt. gabungsforschung allein lösen, sondern sie muß im
Rahmen der politischen Konzeption und der Vor-
Frau Dr. Walz (CDU/CSU) : Dann möchte ich stellung von der Bildung in ihrer Bedeutung für die
gern die Zusatzfragen stellen. gesamte Gesellschaft entschieden werden.
978 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Sieht die Bundesregierung die Gefahr, daß das Verhalten Nach den Berufsordnungen für Ärzte der Landes-
eines Staates, der im Bereich seiner Universitäten Rechtsbrüche
aller Art jahrelang achselzuckend duldet, Hausfriedensbruch, ärztekammern ist jeder niedergelassene Arzt ver-
Sachbeschädigung, Beleidigung, Nötigung, terroristische Drohun-
gen, allmählich eine Bewußtseinslage entstehen läßt, in der pflichtet, am jeweiligen Notfallvertretungsdienst
labilen Naturen auch Bombenattentate als zulässiges Kampf- teilzunehmen, sofern nicht wichtige Gründe der Be-
mittel erscheinen?
teiligung entgegenstehen.
Die Bundesregierung beobachtet die seit dem ver-
suchten Sprengstoffanschlag auf das jüdische Ge- In engem Zusammenwirken zwischen den kassen-
meindehaus in Berlin am 9. November 1969 sich ärztlichen Vereinigungen und den ärztlichen Stan-
häufenden Versuche von Sprengstoffanschlägen und desorganisationen sind in allen Bundesländern ent-
von Gewaltandrohungen, insbesondere in Berlin, sprechend den örtlichen Erfordernissen ärztliche Not-
aber auch in einigen anderen Städten in der Bundes- dienste eingerichtet worden. Bisher sind mir Bean-
republik mit allergrößter Aufmerksamkeit. standungen gegenüber diesen Einrichtungen in grö-
ßerem Umfang nicht bekanntgeworden. Schwierig-
Ich habe sofort nach dem ersten Anschlag mit dem keiten in der ärztlichen Notversorgung, wie sie sich
Innensenator in Belin erörtert, welche polizeilichen in den Weihnachtstagen 1969 mancherorts ergeben
Maßnahmen zu treffen sind. haben, waren im wesentlichen durch die in diesem
Dabei habe ich mich davon überzeugt, daß alle Umfang zum Zeitpunkt der Einteilung des Bereit-
Anstrengungen zur Aufklärung der begangenen schaftsdienstes durch die hierfür verantwortlichen
Straftaten und zur Verhinderung weiterer Ver- Stellen nicht vorhersehbare Grippewelle in der Bun-
brechen unternommen werden. desrepublik bedingt.
Der Innensenator in Berlin hat eine große krimi- Mit den für das Gesundheitswesen zuständigen
nalpolizeiliche Sonderkommission eingesetzt, die Ministern und Senatoren der Länder werde ich die
sich ausschließlich mit den Anschlägen befaßt. Erkenntnisse über die Versorgung der Bevölkerung
während der Grippewelle bei der nächsten gemein-
Ich werde bei der nächsten Gelegenheit, auf der samen Besprechung auswerten.
Ständigen Konferenz der Innenminister der Länder
am 4. Februar 1970 in Köln, mit den Ländern die Ferner habe ich mich mit der Bundesärztekammer
Frage erörtern, wie diesen Gewalttaten ein Ende ge- (Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekam-
setzt werden kann, und dabei den Ländern die mern) in Verbindung gesetzt mit der Bitte zu prüfen,
Unterstützung durch das Bundeskriminalamt gemäß wie derartigen besonderen Ereignissen in Zukunft
§ 4 a BKA-Gesetz anbieten. begegnet werden kann.
Die Bundesregierung, die erst wenige Monate im Seit Beginn des Jahres 1969 stehe ich in Verhand-
Amt ist, nimmt ihre Vorgängerinnen mit Nachdruck lungen mit dem Bundesminister für Verkehr, um für
dagegen in Schutz, daß sie oder die Landesregierun- die ärztlichen Notdienste innerhalb des beweglichen
gen seit Jahren Gewalttaten jeder Art geduldet Sprechfunks besondere Frequenzen bereitzustellen.
haben und nicht dagegen angegangen sind. Von einer derartigen Maßnahme wird erwartet, daß
die am ärztlichen Not- und Bereitschaftsdienst teil-
Sie ist der Auffassung, daß die Anwendung von
nehmenden Ärzte rationeller eingesetzt werden kön-
Gewalt kein zulässiges Mittel zur Durchsetzung von
nen.
Reformen im Hochschulbereich sein darf. Sie hat
diese Auffassung auch mehrmals deutlich zum Aus-
druck gebracht. Die Bundesregierung wird jeder Art
von Kriminalität mit Nachdruck entgegentreten.
Diese der Öffentlichkeit bekannte Haltung der
Bundesregierung, die bisher schon getroffenen Maß- Anlage 6
nahmen und auch — mit wenigen Ausnahmen — die
Schriftliche Antwort
Einstellung der Gesamtbevölkerung bestätigen die
Bundesregierung in ihrer Auffassung, daß für nie- des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal vom
mand Anlaß besteht, Bombenattentate als zulässiges 16. Januar 1970 auf die Mündliche Frage des Abge-
Kampfmittel zu betrachten. ordneten Dr. Schulz (Berlin) (Drucksache VI/222
Frage A 44) :
Wie steht die Bundesregierung zu dem Vorschlag der Emp-
fehlung 561 (1969) der Beratenden Versammlung des Europa-
rates vom 30. September 1969, die Ärzte von ihrer beruflichen
Schweigepflicht zu entbinden und sie zur Benachrichtigung der
zuständigen Behörden zu verpflichten, sobald ihnen ein Fall von
Anlage 5 Kindesmißhandlung bekanntwird?
Arzt und Patient. Der Gesetzgeber sollte diesen Die Bundesregierung hat nach geltendem Verfas-
Grundsatz nur durchbrechen, wenn dies zum Schutze sungsrecht keine Möglichkeit, Mittel für eine breit-
anderer Rechtsgüter unumgänglich erscheint. Es ist angelegte Grippeschutzimpfung in den Haushalt
aber fraglich, ob mit einer solchen Durchbrechung 1970 einzusetzen.
bei Kindesmißhandlungen stets den Interessen des
Kindes gedient ist. Es hat sich gezeigt, daß nicht
selten die Gefahr besteht, daß Eltern oder Sorge- Anlage 8
berechtigte bei den von ihnen mißhandelten Kin-
Schriftliche Antwort
dern von einer ärztlichen Behandlung überhaupt
absehen, wenn sie nicht mehr mit der Verschwiegen- des Bundesministers Dr. Lauritzen vom 16. Januar
heit des Arztes rechnen können. 1970 auf die Mündlichen Fragen des Abgeordneten
Dr. Häfele (Drucksache VI/222 Fragen A 74 und 75) :
In besonders gelagerten Ausnahmefällen gibt
Welche Erleichterungen plant die Bundesregierung im Rahmen
schon das geltende deutsche Recht dem Arzt die einer Novellierung des Bundesbaugesetzes für die Bebauung im
Möglichkeit, ohne eine Verletzung seines Berufs- Außenbereich ländlicher Räume?
Wann ist mit einer entsprechenden Regierungsvorlage zu
geheimnisses über einen Fall von Kindesmißhand- rechnen?
lung dem Jugendamt oder einer anderen zuständigen
Die Regelung des § 35 BBauG über das Bauen im
Stelle Mitteilung zu machen, wenn allein dadurch
Außenbereich war wiederholt Gegenstand der
der Gefahr begegnet werden kann, daß das Kind Fragestunde in diesem Hohen Hause. Ein im Jahre
getötet oder schwer verletzt wird. Dies ergibt sich 1966 eingebrachter Initiativgesetzentwurf zur Än-
aus den von der Rechtsprechung entwickelten Grund-
derung dieser Vorschrift bot Gelegenheit, die Ge-
sätzen über den übergesetzlichen Notstand. samtproblematik des Bauens im Außenbereich in
Besonderen Bedenken unterliegt die Frage der dem zuständigen Bundestagsausschuß sowie mit den
Einführung einer gesetzlichen Meldepflicht des Arz- Ländern und den kommunalpolitischen Spitzenver-
tes. Die Länder haben bisher davon abgesehen, bänden eingehend zu erörtern. Dabei ergab sich ;
Meldepflichten, z. B. bei hieb-, stoß- und abortver- daß alle Länder und Verbände eine Änderung des
dächtigen Verletzungen neu zu normieren. Im üb- § 35 BBauG im Interesse einer geordneten räum-
rigen wird man diese Frage nicht isoliert, sondern lichen und städtebaulichen Entwicklung ablehnten;
im Zusammenhang mit dem allgemeinen Problem insbesondere wurde auf die Gefahren einer Zersied-
einer Meldepflicht bei Straftaten gegen Körper, Ge- lung der Erholungslandschaft hingewiesen. Allge-
sundheit und Leben zu betrachten haben. mein wurde bemerkt, daß die in der ersten Zeit
nach dem Inkrafttreten des BBauG aufgetretenen
Schwierigkeiten nicht mehr bestehen.
In der „Deutschen Bauernkorrespondenz", dem
offiziellen Organ des Deutschen Bauernverbandes,
Anlage 7 wurde am 15. 9. 1968 erklärt:
Schriftliche Antwort „Die praktischen Erfahrungen haben gezeigt,
daß Erleichterungen im Grundstücksverkehrs-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Westphal gesetz und im Bundesbaugesetz nicht erforder-
vom 16. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des lich sind. Die bestehenden Regelungen erlauben
Abgeordneten Dr. Frerichs (Drucksache V1/222 Fra- bei sinngemäßer Handhabung durchaus, der
gen A 51 und 52) : städtischen Bevölkerung zu ermöglichen, sich
Ist die Bundesregierung bereit, zur Vorbeugung gegen Grippe- im ländlichen Bereich einen zweiten Wohnsitz
erkrankungen unverzüglich Maßnahmen — eventuell gemeinsam
mit den Ländern — vorzubereiten, um die Bevölkerung auf
mit entsprechender Landumlage zu schaffen."
freiwilliger Basis kostenlos gegen Grippeviren zu impfen?
Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die
Erklärt die Bundesregierung ihre Bereitschaft, im Haushalt
1970 entsprechende Mittel für eine breitangelegte Grippeschutz- Länder, im Anschluß an ein Rundschreiben meines
impfung einzusetzen? Hauses vom 28. 3. 1963, durch Erlasse die zuständi-
Auf Anregung des damaligen Bundesministeriums gen Behörden eindringlich auf die Notwendigkeit
für Gesundheitswesen ich verweise auf meine einer praxisgerechten Handhabung des § 35 BBauG
Antwort auf die Frage des Abgeordneten Dr. Mei- hingewiesen haben, die im Ergebnis nicht zu einem
generellen Verbot jeder Bautätigkeit im Außenbe-
necke am 13. November 1968 — hat eine Arbeits-
reich führen darf. Härtefälle, die auftraten, konnten
gruppe von Bund und Ländern, in der auch Ver-
treter der Wissenschaft und der Industrie mitge- — und dies gilt vor allem für Baden-Württemberg
wirkt haben, die Frage der Grippeschutzimpfung - durch eine elastische Handhabung des § 35
BBauG befriedigend gelöst werden.
eingehend geprüft und ist dabei zu dem Ergebnis
gekommen, daß eine regelmäßige Impfung der Be- Ungeachtet dessen wird bei der in Aussicht ge-
völkerung durch die niedergelassene Ärzteschaft nommenen Novellierung des BBauG auch die Rege-
wünschenswert ist, um eine möglichst tragfähige lung des § 35 nochmals überprüft und dabei die be-
kollektive Immunität zu erreichen. Dabei wurde sondere Problematik der bäuerlichen Betriebe be-
zwar die Übernahme der Kosten im Schadensfalle rücksichtigt werden. Die Vorarbeiten für die Novel-
entsprechend § 51 Bundes-Seuchengesetz durch die lierung sind im Gange. Ihr Inhalt wird zum Teil
öffentliche Hand als zweckmäßig erachtet, eine jedenfalls auch durch die Ergebnisse bestimmt wer-
Übernahme der Kosten der Impfung selbst wird den, die sich aus den Beratungen des Entwurfs
jedoch für nicht erforderlich gehalten. eines Städtebauförderungsgesetzes ergeben.
982 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Problemkreis als eine wichtige sozialpolitische Frage, Beabsichtigt die Bundesregierung, Maßnahmen zur Beschleuni-
gung der Abwicklung der Formalitäten zu ergreifen?
der sie im Rahmen der gesamten Betreuung der
Gastarbeiter eine hohe Priorität einräumt. Es ist sichergestellt, daß die Auslandsvertretungen
Angehörigen der osteuropäischen Staaten Aufent-
haltserlaubnisse in der Form des Sichtvermerks für
Besuchs- und Geschäftsreisen in die Bundesrepublik
Deutschland bis zu einer Dauer von 3 Monaten
Anlage 13
spätestens 15 Tage nach Absendung des Antrags an
Schriftliche Antwort die innerdeutschen Behörden erteilen können, wenn
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. von Doh- nicht im Einzelfall gewichtige Bedenken entgegen-
nanyi vom 16. Januar 1970 auf die Mündliche Frage stehen. Gelegentliche Beschwerden über eine an-
der Abgeordneten Frau Dr. Walz (Drucksache VI/222 geblich längere Bearbeitungsdauer haben sich schon
Frage A 90) : in der Vergangenheit im allgemeinen als unbe-
gründet erwiesen. Auf entsprechende Auskünfte
Welche ausländischen Tests gedenkt der Minister für Bildung
und Wissenschaft bei der Zulassung zum Gesamthochschulbereich des Bundesministers des Innern in den Fragestun-
984 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
den des Deutschen Bundestages vom 25. Mai 1966 lichen Tarifgefüges für den gesamten öffentlichen
(Bundestagsprotokoll V/1990), 23. November 1966 Dienst zu treffen wäre.
(Bundestagsprotokoll V/3417) und 26. April 1967 Mein Haus hat deshalb vor einer tariflichen Ände-
(Bundestagsprotokoll V/4848) darf ich hinweisen. rung auch ein Einvernehmen mit den übrigen öffent-
Die Bundesregierung ist aber auch weiterhin lichen Arbeitgebern — nämlich der Tarifgemein-
jederzeit bereit, ihr namhaft gemachte Fälle zu schaft deutscher Länder und der Vereinigung der
überprüfen. kommunalen Arbeitgeberverbände — herbeizufüh-
In Fällen besonderer Eilbedürftigkeit können die ren.
zur Erteilung von Sichtvermerken befugten deut-
schen Auslandsvertretungen in den osteuropäischen
Staaten bereits seit langem Sichtvermerke sofort bei
Antragstellung erteilen, ohne irgendwelche Rück- Anlage 16
fragen zu halten. Die Handelsvertretung der Bun- Schriftliche Antwort
desrepublik Deutschland in Ungarn wird voraus-
des Bundesministers Genscher vom 16. Januar 1970
sichtlich demnächst die Erteilung von Sichtvermer-
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Dr.
ken übernehmen. Die Sonderregelung für Eil-
Müller (München) (Drucksache VI/222 Frage A 96) :
fälle wird dann auch auf Ungarn ausgedehnt
werden. Beabsichtigt die Bundesregierung, dem schwedischen Beispiel
zu folgen und die Verwendung von Einwegflaschen, deren Be-
Die Bundesregierung ist laufend bemüht, das seitigung vor allem für die Kommunen eine erhebliche Belastung
darstellt, zu untersagen?
Sichtvermerksverfahren noch mehr zu beschleuni-
gen. Immerhin sind aber an dem Prüfungsverfahren Die Bundesregierung sieht z. Z. keinen ausrei-
jeweils mehrere j e nach dem Einreisezweck chenden Grund, die Verwendung von Einwegfla-
unterschiedliche — innerdeutsche Stellen beteiligt. schen zu untersagen.
Ihre Prüfung nimmt naturgemäß regelmäßig meh- Diese Meinung der Bundesregierung stützt sich
rere Tage in Anspruch. Rechnet man noch einige auf eingehende Untersuchungen der Zentralstelle
weitere Tage für die Übersendung der Anträge vom für Abfallbeseitigung des Bundesgesundheitsamtes,
Ausland her sowie die Übermittlung von Anträgen die bereits im Jahre 1966 eingeleitet wurden. Zur
und Informationen zwischen den innerdeutschen weiteren Klärung wurden außerdem im Juli 1969
Behörden dazu, so ergibt sich rasch ein Zeitraum Verhandlungen mit Fachleuten der Abfallbeseiti-
von zwei Wochen. Das gesamte Verfahren ist be- gung und Vertretern sowohl der Länder als auch der
reits so weit rationalisiert worden, daß eine weitere einschlägigen Industrie und ihrer Verbände geführt.
Abkürzung derzeit kaum mehr möglich erscheint. Ferner ist an das Battelle-Institut in Frankfurt im
Jahre 1969 ein spezieller Untersuchungsauftrag
„über den zukünftigen Anfall von Kunststoffab-
fällen und die Folgerungen für die Abfallbeseiti-
Anlage 15 gung" vergeben worden. Hierzu liegt jetzt ein Ab-
schlußbericht vor, der in Kürze veröffentlicht wird.
Schriftliche Antwort
Die Bundesregierung verfolgt also die Entwick-
des Bundesministers Genscher vom 16. Januar 1970 lung auf diesem Gebiet genau.
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Cramer
(Drucksache VI/222 Frage A 93) :
ist die Bundesregierung bereit, bei den Jubiläumszuwendungen
gem. § 39 BAT, § 45 MTB II an Angestellte und Arbeiter des
Bundes und der Länder auf die Dienstzeit im öffentlichen Dienst
auch das vor Vollendung des 18. Lebensjahres bei kommunalen Anlage 17
Körperschaften zurückgelegte Beschäftigungs- oder Ausbildungs-
verhältnis anzurechnen, wenn sich durch die Zusammenrechnung Schriftliche Antwort
eine Gesamtdienstzeit von 50 Jahren ergibt?
des Bundesministers Genscher vom 16. Januar 1970
Die Bundesregierung ist gerne bereit, die von auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Ge-
Ihnen angesprochene Frage bei den alsbald aufzu-
wandt (Drucksache VI/222 Frage A 97) :
nehmenden Tarifverhandlungen über eine Änderung
Wann beabsichtigt die Bundesregierung, dem Parlament ihre
des Bundes-Angestelltentarifvertrages — BAT — Vorstellungen über neue Verwaltungsmodelle vorzulegen?
zu prüfen. Wie Sie wissen, haben die Gewerkschaf-
ten den BAT zum 31. Dezember 1969 gekündigt. Die Beantwortung der Frage hängt davon ab,
was Sie, Herr Kollege unter „Vorstellungen über
Nach Auffassung der Bundesregierung könnte — neue Verwaltungsmodelle" verstehen. Ich gehe
wenn man Ihrer Anregung entsprechen wollte — die davon aus, daß nicht an Modelle gedacht ist, die
von Ihnen angestrebte Regelung aber nicht nur auf nur Denkhilfen auf dem Wege zu konkreten Lösun-
die Fälle eines 50 jährigen Dienstjubiläums be- gen darstellen. Es kommt Ihnen sicher auf die kon-
schränkt werden, sondern müßte auch auf das 25- kreten Lösungsmöglichkeiten an. Hierzu darf ich
und 40jährige Jubiläum erstreckt werden. darauf hinweisen, daß das Bundeskabinett — wie
Ich darf noch darauf hinweisen, daß eine Verbes- schon die frühere Bundesregierung — einen Kabi-
serung bei der Berechnung der Jubiläumsdienstzeit nettausschuß für die Reform der Struktur von Bun-
nicht allein im Bereich der Bundesverwaltung einge- desregierung und Bundesverwaltung eingesetzt hat.
führt werden könnte, sondern im Interesse des von Der Kabinettausschuß bedient sich zur Ausarbeitung
der Bundesregierung stets angestrebten einheit- von Reformvorschlägen einer interministeriell zu-
Deutscher Bundestag — 6, Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 985
Anlage 22 Anlage 24
des Bundesministers Genscher vom 16. Januar 1970 des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
auf die Mündliche Frage des Abgeordneten Dr. Pohle vom 16. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen des
(Drucksache VI/222 Frage A 107) : Abgeordneten Matthöfer (Drucksache VI/222 Fragen
A 112, 113):
Beabsichtigt die Bundesregierung nunmehr, eine Entscheidung
bezüglich des Bundesleistungszentrums für Eiskunstlauf zu tref- Wie beurteilt die Bundesregierung den Vorschlag des Aus-
fen, nachdem alle Argumente für deren Standort in Oberstdorf schusses für Außenwirtschaftspolitik des Europäischen Parla-
sprechen und die Zeit im Hinblick auf die Olympischen Spiele so ments, zur Förderung des Handels mit den Entwicklungsländern
fortgeschritten ist, daß höchste Eile für eine Entscheidung ge- in den Mitgliedstaaten der Gemeinschaft eine allmähliche Sen-
boten ist? kung der Verbrauchsteuern auf Tropenprodukte anzustreben?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Schätzungen des INRA-
Mein Haus hat in der Vergangenheit bereits Europainstituts und der FAO, nach denen in der Bundesrepublik
Deutschland eine Abschaffung der Kaffeesteuer eine Zunahme
mehrfach seine Bereitschaft erklärt, den Bau eines des Verbrauchs von 10 bis 14 %o bewirken würde?
Bundesleistungszentrums für Eiskunstlauf finanziell
Die Bundesregierung hält den Vorschlag, die
zu unterstützen.
Verbrauchsteuern auf tropische Produkte, insbeson-
Bisher konnte jedoch noch keine abschließende dere auf Kaffee, allmählich zu senken, im gegen-
Entscheidung getroffen werden, weil zwischen den wärtigen Zeitpunkt aus Haushaltsgründen für kaum
Beteiligten (Deutsche Eislauf-Union, Deutscher geeignet, den Handel der Entwicklungsländer we-
Sportbund, Freistaat Bayern) Meinungsverschieden- sentlich zu fördern. Nach den Gutachten von 3
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 987
18. Lebensjahr vollendet haben. Es ist auch nicht Welche Kosten sind durch obengenanntes Inserat entstanden?
richtig, daß Steuerpflichtige, deren Kinder Internats- Sie haben insoweit recht, als eine Zeitschrift der
schulen besuchen, die dadurch entstehenden Kosten Kriegsopferverbände, nämlich die Zeitschrift „Wille
steuerlich voll absetzen können. und Weg", die vom VdK-Landesverband Bayern in
Richtig ist vielmehr folgendes: Nach dem Einkom- einer Auflage von 406 000 herausgegeben wird, die
mensteuerrecht stehen dem Steuerpflichtigen Kin- Aufnahme der Anzeige abgelehnt hat. In der Be-
derfreibeträge für Kinder unter 18 Jahren zu. Auf gründung der Redaktion heißt es, daß die Verlags-
Antrag werden dem Steuerpflichtigen Kinderfrei- leitung die Genehmigung versagt habe, weil die
beträge u. a. auch für über 18 Jahre und noch nicht Anzeige nach Meinung des VdK-Landesverbandes
27 Jahre alte Kinder gewährt, die überwiegend auf Bayern im Gegensatz zu den Bemühungen des Lan-
Kosten des Steuerpflichtigen unterhalten und für desverbandes stehe. Die Redaktion hat es ausdrück-
einen Beruf ausgebildet worden sind. lich bedauert, den Auftrag nicht ausführen zu kön-
nen.
Durch den Kinderfreibetrag werden — mit Aus-
Demgegenüber haben folgende Zeitschriften der
nahme der Kosten für die auswärtige Unterbringung
Kriegsopferverbände die Anzeige übernommen:
von in der Berufsausbildung stehenden Kindern —
in pauschaler Form alle üblichen Aufwendungen des a) „Deutsche Kriegsopferzeitung"
Steuerpflichtigen für den Unterhalt, die Erziehung
(Bund Deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegs-
und die Berufsausbildung der Kinder, einschließlich
hinterbliebenen)
der mit dem Schulbesuch verbundenen Kosten, z. B. -
Anlage 29 Anlage 30
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretär Dr. Dahren-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Dahren-
dorf vom 16. Januar 1970 auf die Mündlichen Fragen
dorf vom 16. Januar 1970 auf die Mündliche Frage
des Abgeordneten Ott (Drucksache VI/222 Fragen
des Abgeordneten Lenze (Attendorn) (Drucksache
A 126, 127) :
VI/128 Frage A 128) :
Wie beurteilt die Bundesregierung die Stellungnahme des
„St. Galler Tagblattes" vom 6. Dezember 1969 zur beabsichtigten Ist im Rahmen der NATO bereits die jederzeit einsatzbereite
Schließung des deutschen Konsulats in St. Gallen? Seestreitmacht im Mittelmeer gebildet worden, die der Rat der
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 989
WEU in seiner Antwort vom 30. Mai 1969 auf die Empfehlung
177 der Versammlung der WEU über die Sicherheit im Mittel-
Anlage 32
meer und im Vorderen Orient angekündigt hat? Schriftliche Antwort
Ja. Der Ausschuß für Verteidigungsplanung der des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Dahren-
NATO auf Ministerebene hat in seiner Sitzung vom dorf vom 15. Januar 1970 auf die Mündliche Frage
28. Mai 1969 SACEUR beauftragt, mit den interes- des Abgeordneten Schlee (Drucksache VI/222 Frage
sierten Staaten in Verhandlungen über die Aufstel- 130) :
lung des Maritimen Eingreifverbandes Mittelmeer Entspricht eine Verlautbarung der „Bonner Seite" des Zürcher
der NATO einzutreten. Der Verband wird, anders Wirtschaftsbriefes vom 13. Dezember 1969 (AG für Unterneh-
merberatung, Beckmeier Redaktion, 87 Küsnacht/Schweiz) den
als der Maritime Eingreifverband Atlantik der Tatsachen, wonach bei der Unterzeichnung des Atomsperrvertra-
NATO, der regelmäßige Übungen abhält, nur auf ges in Moskau die Sowjetregierung die Vorbehalte der Bundes-
regierung nicht zur Kenntnis genommen und zur Verdeutlichung
besondere Anforderung aktiviert, Die beteiligten dieser Zurückweisung den Herrn Deutschen Botschafter gezwun-
gen haben soll, das Dienstsiegel von der Ausfertigung der deut-
Staaten benennen bestimmte schwimmende Einhei- schen Vorbehalte zu entfernen?
ten zu diesem Zweck. Der Verband ist damit jeder-
zeit einsatzbereit. Bei der Verlautbarung des zitierten Wirtschafts-
briefes vom 13. Dezember 1969 handelt es sich um
die Neuauflage einer Meldung, die acht Tage zuvor
über denselben Vorgang erstmals im ,,Generalan-
zeiger" veröffentlicht wurde. Die erste Meldung war
Gegenstand einer Frage, die in der Fragestunde
vom 12. Dezember 1969 beantwortet wurde. Die
Anlage 31 Bundesregierung darf auf die damalige Antwort
verweisen.
Schriftliche Antwort
Im höheren auswärtigen Dienst gilt die Regel, gewährt werden darf. Die Durchführungsbestimmun-
daß seine Angehörigen alle drei bis vier Jahre den gen für die Bearbeitung der Feststellung von Zonen-
Dienstposten wechseln. Dies gilt besonders für so schäden hat der Präsident des Bundesausgleichs-
schwierige Dienstorte, wie es die Botschaft Moskau amtes bereits Anfang Oktober 1969 herausgegeben.
ist. Das Auswärtige Amt bemüht sich, die Nach- Für die Zuerkennung der Hauptentschädigung sind
folger jeweils so auszuwählen, daß die jeweilige die seit langem bestehenden Durchführungsbestim-
Vertretung ohne Schwierigkeiten ihren Aufgaben mungen anwendbar. Die gesetzlichen Beschränkun-
nachkommen kann. gen bei der Gewährung der Hauptentschädigung für
Zonenschäden durch Einkommens- und Vermögens-
Der Nachfolger für Herrn Wolff, Botschaftsrat
grenzen erfordern zwar eine Rechtsverordnung der
Erster Klasse Dr. Peckert, ist ein erfahrener Sowjet-
Bundesregierung, die demnächst vom Bundeskabi-
unionkenner, der zudem von Mitte Januar bis Mitte
nett verabschiedet und dem Bundesrat zugeleitet
Februar 1970 von Herrn Wolff in Moskau in sein
wird. Wegen der zahlreichen schwierigen Einzel-
neues Arbeitsgebiet eingeführt wird.
fragen, die bei der Fertigstellung des Entwurfs hin-
Ein Wechsel auf die Stelle des politischen Referen- sichtlich der Einkommens- und Vermögensgrenzen
ten an der Botschaft zu einem späteren Zeitpunkt, zu klären waren, konnte diese Verordnung bisher
d. h. nach Beginn der eigentlichen Verhandlungen noch nicht verabschiedet werden. Unabhängig davon
über ein Gewaltverzichtsabkommen, verbietet sich, ist aber die Ausgleichsverwaltung in der Lage und
da dann ein eingearbeiteter Fachmann dem Leiter durch den Präsidenten des Bundesausgleichsamtes
der Botschaft Moskau zur Seite stehen muß. angewiesen worden, vor Inkrafttreten der Rechts-
Im übrigen darf nicht übersehen werden, daß ver- verordnung diejenigen Fälle zu bearbeiten und zu
antwortlicher Leiter der deutschen Verhandlungs- entscheiden, in denen das Einkommen und das Ver-
gruppe in Moskau Botschafter Dr. Allardt ist, der mögen der Antragsteller offensichtlich unter den im
im Falle der Abwesenheit von dem Gesandten ver- Gesetz festgesetzten Grenzen liegen. Diese An-
sprüche sind ohnehin gemäß § 252 Abs. 6 zweiter
treten wird.
Halbsatz LAG in Verbindung mit § 252 Abs. 1
Sätze 2 bis 5 LAG bevorzugt zu befriedigen.
Anlage 35 Zu 2.
Schriftliche Antwort
Nach Feststellung des Präsidenten des Bundes-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dorn vom ausgleichsamtes hat das Landesausgleichsamt Berlin
14. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des die Behauptung nicht aufgestellt, daß in absehbarer
Abgeordneten Müller (Berlin) (Drucksache VI/222 Zeit mit der Auszahlung der Hauptentschädigung
Fragen B 1 und 2) : für Zonenschäden nicht gerechnet werden könnte.
ist die Behauptung des Ausgleichsamtes Berlin-Zehlendorf be- Es hat im Gegenteil im Zusammenhang mit den
rechtigt, daß eine Anerkennung von Hauptentschädigung für
Zonenschäden nach § 243 Abs. 2 LAG in der Fassung des vom Präsidenten des Bundesausgleichsamtes getrof-
21. AndG LAG vom 18. August 1969 vorerst nicht möglich ist, fenen Regelungen in einer Besprechung mit den
weil die Ausgleichsämter „noch keine entsprechenden Anwei-
sungen für die Durchführung haben"? Bediensteten der Ausgleichsämter im Dezember
Stimmt die Behauptung des Landesausgleichsamts Berlin, daß 1969 erläutert, welche Fälle schon vor Erlaß der
in absehbarer Zeit nicht mit der Auszahlung der Hauptentschädi-
gung für Zonenschäden nach § 243 Abs. 2 LAG gerechnet werden oben erwähnten Rechtsverordnung erledigt werden
kann, weil das Verfahren nach dem 21. ÄndG LAG „ungeheuer
kompliziert" sei, und daß nur eine Gesetzesänderung hier Ah-
können. Bekanntlich sind gesetzliche Regelungen, in
hilfe schaffen kann? denen die Ansprüche durch Einkommens- und Ver-
Die Ihren beiden Fragen zugrunde liegenden mögensgrenzen eingeschränkt sind, in der Durch-
angeblichen Behauptungen des Landesausgleichs- führung für die Verwaltung schwierig. Wie ich be-
amtes Berlin und des Ausgleichsamtes Berlin-Zeh- reits in der Plenarsitzung des Hohen Hauses am
lendorf sind der Bundesregierung nicht bekannt- 12. Dezember 1969 im Zusammenhang mit der ersten
geworden. Rückfragen bei der Ausgleichsverwaltung Beratung des von Ihrer Fraktion eingebrachten Ent-
konnten leider zum Teil zu keinen präzisen Ergeb- wurfs eines 23. Gesetzes zur .Änderung des Lasten-
nissen führen, da von Ihnen nicht angegeben wor- ausgleichsgesetzes (BT-Drucksache VI/119) ausge-
den ist, zu welchem Zeitpunkt diese Behauptungen führt habe (vgl. Sitzungsprotokoll S. 792 D ff.), ist
aufgestellt worden sind und wer sie geäußert hat. geplant, bereits im ersten Halbjahr 1970 einen
Regierungsentwurf mit Verbesserungen bei der Ge-
Zu 1. währung der Hauptentschädigung für Zonenschäden
Wie mir der Präsident des Bundesausgleichsamtes vorzulegen. Hierbei wird dann selbstverständlich
hierzu berichtet, hat das Ausgleichsamt Berlin-Zeh- auch geprüft werden, welche Vereinfachungen hei
lendorf nach Mitteilung seines Leiters die in der den durch die 21. Novelle zum Lastenausgleichs-
Frage enthaltene Erklärung nicht abgegeben. Es sei gesetz eingeführten Vorschriften vorgenommen wer-
aber möglich, daß vor Bekanntwerden des Rund- den können, um der Verwaltung die Beschleunigung
schreibens des Bundesausgleichsamtes vom 8. Okto- der Durchführung des Gesetzes zu ermöglichen.
ber 1969 zur 21. Novelle zum Lastenausgleichsgesetz, Ich muß in diesem Zusammenhang allerdings dar-
die am 30. September 1969 in Kraft getreten ist, auf hinweisen, daß solche Vereinfachungen, wie sie
Mitarbeiter des Amtes sich in dieser oder ähnlicher mir vorschweben und wünschenswert erscheinen, im
Weise geäußert hätten. Antrag Ihrer Fraktion mit dem Entwurf eines
Dieses Änderungsgesetz bestimmt u. a., daß eine 23. Änderungsgesetzes zum Lastenausgleichsgesetz
Hauptentschädigung für Zonenschäden erst ab 1970 nicht enthalten sind.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 991
Anlage 36 Anlage 37
Schriftliche Antwort
Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl.
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dorn vom vom 15. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des
14. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des Abgeordneten Höcherl (Drucksache VI/222 Frage
Abgeordneten Schmidt (Kempten) (Drucksache VI/222 B 5) :
Fragen B 3 und 4) : Beabsichtigt die Bundesregierung, in eine Erhöhung der Bei-
tragsschlüssel für die Finanzbeiträge der Bundesrepublik Deutsch-
Was ist der Bundesregierung über das Ergebnis der Unter- land zum Haushalt der Europäischen Gemeinschaften einzuwil-
suchung der Luftverschmutzung im Bereich der Stadt München ligen?
bekannt geworden, und welche Konsequenzen müssen daraus ge-
zogen werden? Nach Art. 201 EWG-Vertrag und Art. 173 Euratom-
Gibt es — abgesehen vom Fall München — generelle Anhalts- Vertrag können die Finanzbeiträge der Mitglied-
punkte dafür, welchen Anteil an der gesamten Luftverschmutzung staaten nach einem bestimmten Verfahren, das die
Auspuffabgase von Kraftfahrzeugen haben, und was muß da-
gegen angesichts der zunehmenden Motorisierung über die bis-
Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften der
herigen Vorhaben hinaus auf längere Sicht getan werden? Mitgliedstaaten vorsieht, durch eigene Einnahmen
ersetzt werden. Für die Agrarabschöpfungen ist im
Der Bericht der Landeshauptstadt München über übrigen am 4. 4. 1962 mit Zustimmung der damaligen
die Luftreinhaltung und Lärmbekämpfung im Jahre Bundesregierung der Grundsatzbeschluß im Rat ge-
1969 ist dem Bundesminister des Innern am 15. De- faßt worden, diese Abgaben vom Beginn der End-
zember 1969 zur Kenntnis gebracht worden. phase ab als eigene Einnahmen auf die Europäischen
Gemeinschaften zu übertragen.
Das wesentliche Ergebnis der angestellten Unter-
suchungen ist, daß die Verunreinigung der Luft, die Der Rat der Europäischen Gemeinschaften hat auf
aus den Heizungsanlagen stammt, abgenommen, Vorschlag der Kommission in Ausführung der vor-
dagegen die Verunreinigung der Luft durch Abgase stehenden Vertragsvorschriften und des Beschlusses
aus Kraftfahrzeugen erheblich zugenommen hat. vom 4. 4. 1962 am 22. 12. 1969 grundsätzlich beschlos-
sen, die bisherigen Finanzbeiträge schrittweise durch
Diese Erscheinungen können überall in der Bun- eigene Einnahmen zu ersetzen.
desrepublik beobachtet werden. Die Bundesregie-
Das künftige Finanzierungssystem ist mit dem
rung hat deshalb dem Abgasproblem aus Kraftfahr-
zeugen besondere Aufmerksamkeit gewidmet und jetzigen Beitragssystem nicht zu vergleichen, weil
auf die Europäischen Gemeinschaften übertragene
Vorschriften zur Begrenzung der nachteiligen Ab-
Zölle und Abschöpfungen wegen Fortfalls der Bin-
gasbestandteile erlassen. Sie betreffen die Be-
nengrenzen in Zukunft den einzelnen Mitgliedstaa-
grenzung des Kohlenmonoxyds im Leerlauf, die
ten nicht mehr zugerechnet werden können. Außer-
Nachverbrennnung der Abgase aus dem Kurbel-
dem sieht das neue Finanzierungssystem ab 1. 1.
gehäuse und die Begrenzung des Kohlenmonoxyds
1975 keine Beitragsanteile der Mitgliedstaaten mehr
und der Kohlenwassenstoffe im Auspuffgas bei
vor.
Fahrten im Stadtverkehr.
sen anpassen, d. h. zumindest im ersten Halbjahr Mrd. DM auch die restriktive Wirkung einer ver-
1970 einen restriktiven Weg in der Haushaltspolitik schärften Regelung bei der vorläufigen Haushalts-
beibehalten. Bis zur Verabschiedung des Haushalts- führung 1970 zu nennen.
plans 1970 wird die restriktive Wirkung des Haus- Die sich dadurch ergebende Beschränkung des
haltsvollzugs durch die „vorläufige Haushaltsfüh- Ausgabewachstums des Bundeshaushalts ist vom
rung" sichergestellt. Die Ausgaben werden danach Sachverständigenrat und der Deutschen Bundesbank
durch die Ansätze des Haushaltsplans 1969 bzw. die begrüßt worden.
niedrigeren Ansätze im Voranschlag 1970 begrenzt.
Darüber hinaus habe ich angeordnet, daß über säch- Im Konjunkturrat und im Finanzplanungsrat ha-
liche Verwaltungsausgaben und militärische Beschaf- ben die Vertreter der Länder und Gemeinden eben-
fungen nur bis zu 70 v. H. und über Investitionsaus- falls ihre Mitwirkung an einer antizyklischen
gaben nur bis zu 60 v. H. der vorerwähnten Ansätze Finanzpolitik, wie sie im Bundeshaushalt 1970 sicht-
verfügt werden darf. bar wird, zugesichert und sich bereit erklärt, auch
in ihren Haushalten ähnliche Maßnahmen zu treffen.
Mit dem Inkrafttreten des Haushaltsplans 1970
sollen nach den Vorstellungen des Finanzkabinetts Unter der gegebenen Struktur des Bundeshaus-
von den Gesamtausgaben in Höhe von rd. 91,8 Mrd. halts und insbesondere der Investitionsausgaben
DM rd. 2,6 Mrd. DM gesetzlich gesperrt werden. und Investitionsfördermaßnahmen stellt die vorge-
Die danach verbleibenden Ausgaben in Höhe von schlagene Ausgabensperre eine Regelung dar, die
rd. 89,2 Mrd. DM steigen gegenüber dem voraus- einerseits die Aufgabenerfüllung des Bundes nicht
sichtlichen Ist 1969 von rd. 82,0 Mrd. DM um rd. über das vertretbare Maß hinaus beeinträchtigt und
8,8 v. H. Damit liegt das Ausgabenwachstum unter zum anderen die Investitionsmaßnahmen des Bundes
dem voraussichtlichen Wachstum des Sozialprodukts in ausgewogener Weise trifft.
von 9 bis 10 v. H.
Bis zur Verabschiedung des Haushaltsgesetzes
Die Bundesregierung stellt sich schon jetzt auch 1970 wird die restriktive Wirkung des Haushalts-
auf den Fall eines konjunkturellen Umschwungs ein. vollzuges durch die Bestimmungen zur „vorläufigen
Sollte ein Wendepunkt der konjunkturellen Ent- Haushaltsführung" gewährleistet. Danach dürfen
wicklung erkennbar werden, dann könnte die Bun- nur solche Ausgaben geleistet werden, zu denen der
desregierung durch teilweise oder vollständige Auf- Bund bereits rechtlich verpflichtet ist oder die zur
hebung der Konjunktursperre rasch und elastisch Aufrechterhaltung der Verwaltung unerläßlich sind.
mit einer expansiven Haushaltsführung reagieren. Grundlage sind die Ausgabeansätze des Haushalts-
plans 1969 oder die ggf. niedrigeren Ansätze im
Damit entspricht die Bundesregierung den Erfor- Entwurf 1970. Darüber hinaus darf über die Ansätze
dernissen einer antizyklischen Finanzpolitik und für die sächlichen Verwaltungsausgaben und die
den Empfehlungen, die der Sachverständigenrat in militärischen Beschaffungen nur bis zur Höhe von
Tz. 182 seines Jahresgutachtens 1969 ausgesprochen 70 v. H. und über die konjunkturell besonders ins
hat. Gewicht fallenden Ansätze für Baumaßnahmen, Be-
schaffungen und Investitionsfördermaßnahmen so-
gar nur bis zur Höhe von 60 v. H. der Ansätze des
Haushaltsplans 1969 verfügt werden.
Auf Grund der vorläufigen Haushaltsführung und
Anlage 39 der beabsichtigten Konjunktursperre werden daher
die Bundesausgaben im ersten Halbjahr 1970 ver-
Schriftliche Antwort gleichsweise gering steigen, so daß sich ein Finan-
zierungsüberschuß ergeben wird, wie es den kon-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Reischl
junkturellen Erfordernissen entspricht.
vom 15. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
Abgeordneten Dr. Jobst (Drucksache VI/222 Fragen Die Konjunktursperre ist außerdem so angelegt,
B 7 und 8) : daß sie sich vor allem in den Aufgabenbereichen
Ist die Bundesregierung der Auffassung, daß die geplante auswirkt, bei denen der Bund seine Investitions-
Haushaltssperre von 2,6 Milliarden DM ausreicht, um die
dringend erforderliche antizyklische Finanzpolitik wirksam ge-
güternachfrage in erster Linie entfaltet.
nug auszugestalten, und welche Auswirkungen der Sperrmaß-
nahmen erhofft sie sich global und branchenbezogen? Die mit der Begrenzung des Ausgabenwachstums
Glaubt die Bundesregierung, ihre Auswahl für die geplanten und dem Hinausschieben von Investitionsaufträgen
Sperrmaßnahmen fur den Verteidigungs-, Verkehrs- und Bil-
dungs-/Wissenschaftsetat richtig getroffen zu haben, zumal da- möglicherweise entstehenden vorübergehenden
durch die Lösung der öffentlichen Aufgaben wie Sicherheit, Ver-
kehr und Bildung/Wissenschaft gefährdet werden könnte?
Nachteile müssen hingenommen werden. Das damit
verfolgte Ziel einer Stabilisierung der wirtschaft-
Die Bundesregierung wird am 21. Januar 1970 im lichen Entwicklung ohne Stagnation hat im Inter-
Zusammenhang mit den Beratungen über den esse der Allgemeinheit demgegenüber Vorrang.
Finanzplan 1969 bis 1973 und den Entwurf des
Im übrigen werden die im Rahmen der Aufgaben-
Haushaltsgesetzes 1970 auch über die konjunktur-
erfüllung des Bundes angestrebten längerfristigen
politisch notwendige Ausgestaltung des Haushalts
Ziele durch die zeitliche Beeinflussung der Auftrags-
entscheiden.
erteilung auch nach Auffassung der betroffenen Res-
Unter konjunkturpolitischem Aspekt ist neben der sorts, mit denen die vorgesehene Sperre der Aus-
vorgesehenen Ausgabensperre in Höhe von rd. 2,6 gaben abgestimmt ist, nicht gefährdet.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 993
tionssteuer im Sinne der Herstellung einer breiteren vorratung mit entsprechenden Rohtabaken notwen-
Bemessungsgrundlage, wie sie 1967 vom Gesetz- dig. Das spricht für eine Übergangsregelung.
geber beabsichtigt wurde, vorschlagen wird, wird im Der Bundesminister der Finanzen, der in den Re-
Rahmen der Verabschiedung des Jahreswirtschafts- gierungsverhandlungen auf Ministerratsebene in
berichts zu entscheiden sein. Dabei ist zu berück- den Fragen des Tabaks federführend ist, hat hin-
sichtigen, daß es zur Stabilisierung im Investitions- sichtlich einer Übergangsregelung den Verbänden
güterbereich eines weit höheren Aufwertungssatzes
der Tabakwirtschaft auf deren Anfrage vom 23. Sep-
bedurft hätte, als er unter gleichzeitiger Berücksich-
tember 1967 u. a. folgendes mitgeteilt:
tigung auch von Wachstum und Vollbeschäftigung
gewählt werden konnte. Die deutsche Delegation wird sich bei den Er-
örterungen über die gemeinsame Marktord-
Da verschiedene Indikatoren die für die Spätphase nung für Rohtabak und den Steuervorschlag
der Hochkonjunktur typischen Abflachungen andeu- auch das Problem der „Altbestände" ansprechen
ten, kommt es jetzt darauf an, jede Einseitigkeit in und eine angemessene Übergangsregelung for-
den Stabilitätsbemühungen zu vermeiden, um das dern.
Stabilisierungsproblem ohne Stagnation zu lösen.
Der damit zum Ausdruck gebrachte Grundsatz ist
auch heute noch maßgebend. Ich darf darauf auf-
merksam machen, daß bei der letzten Ministerrats-
sitzung am 20. bis 22. Dezember 1969 u. a. auch Pro-
Anlage 43 bleme des Tabaks erörtert wurden.. Hinsichtlich der
neuen Vorschläge der Kommission konnte jedoch
Schriftliche Antwort
noch keine Einigung erzielt werden. Die Frage der
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Arndt Übergangsregelung wird aber sowohl im Zusam-
vom 14. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des menhang mit der Marktordnung wie auch mit der
Abgeordneten Wolfram (Drucksache VI/222 Fragen Steuerharmonisierung angesprochen werden.
B 13 und 14) :
Wie beurteilt die Bundesregierung den Plan der deutschen
Stahlkonzerne Mannesmann, Krupp und Thyssen, ein Walzwerk
in Rotterdam zu errichten?
Welche Auswirkungen können sich daraus nach Ansicht der
Bundesregierung für die Stahlindustrie und den Steinkohlen- Anlage 45
bergbau ergeben?
Schriftliche Antwort
Der Bundesregierung ist bekannt, daß ein hollän-
disches Unternehmen, an dem die von Ihnen genann- des Parlamentarischen Staatssekretärs Logemann
ten deutschen Firmen beteiligt sind, in Verbindung vom 7. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
mit einer Erzumschlag-Anlage in Rotterdam eine Abgeordneten Dr. Dittrich (Drucksache VI/222 Fra
Option auf den Erwerb eines benachbarten Geländes gen B 16 und 17) :
ausgeübt hat, das für die Errichtung von Produk- Hält die Bundesregierung die vorgesehenen Bundesmittel fur
die Förderung der Naturparke für ausreichend, oder ist mit einer
tionsanlagen in Betracht käme. Welche Auswirkun- Erhöhung der Beteiligung von 760 000 DM durch den Bund in
gen sich daraus ergeben, läßt sich zur Zeit jedoch Bälde zu rechnen?
nicht beurteilen, da noch nicht feststeht, ob und ge- Mit welcher Förderung durch den Bund kann der Nationalpark
im Bayerischen Wald rechnen?
gebenenfalls wann auf diesem Gelände ein Walz-
werk — oder andere Produktionsstätten — errichtet Angelegenheiten des Naturschutzes — und damit
werden sollen. auch die Förderung von Naturparken — fallen in
die ausschließliche Zuständigkeit der Länder. Seit
1959 haben Länder, Kreise, Gemeinden und private
Stellen für die Förderung von Naturparken insge
samt rd. 40 Millionen DM aufgebracht. Eingeleitet
Anlage 44 wurden diese Maßnahmen durch erste Beiträge des
Schriftliche Antwort Bundes, die inzwischen 15 Millionen DM ausmachen.
Ich strebe an, den für die vergangenen Jahre je-
des Parlamentarischen Staatssekretärs Logemann
weils bereitgestellten Ansatz von 760 000 DM auch
vom 9. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des
in den kommenden Jahren zur Verfügung zu stellen.
Abgeordneten Dr. Giulini (Drucksache VI/222 Frage
Mit Inkrafttreten der Finanzreform — spätestens ab
B 15) :
1973 — wird der Bund allerdings die Förderung der
-
Ist die Bundesregierung bereit, bei den Regierungsverhand-
lungen auf Ministerratsebene über die gemeinsame Marktorga- Naturparke mangels rechtlicher Zuständigkeit ganz
nisation für Rohtabake zur Lösung des Problems der Altbe- einstellen und den Ländern überlassen müssen.
stände eine angemessene Übergangsregelung zu erwirken?
Ich halte die Fortführung der begonnenen Maß-
Bekanntlich werden für Zigaretten und Rauch-
nahmen wegen der großen Bedeutung der Natur-
tabake, die unter Verwendung bestimmter Anteile
parke für die Erholung der Bevölkerung für unbe-
von Inlandstabaken hergestellt werden, Steuerprä-
dingt notwendig und werde mich in diesem Sinne
ferenzen gewährt. Unter dieser Voraussetzung ha-
bei den Ländern nach Kräften einsetzen.
ben die tabakverarbeitenden Industrien der Bundes-
republik in den vergangenen Jahren die Inlands- Es ist vorgesehen, für den Nationalpark im Baye-
ernte aufgenommen. Zu einer normalen Versorgung rischen Wald im Jahre 1970 Bundesmittel in Höhe
der Verarbeitungsbetriebe ist eine langfristige Be- von 50 000 DM zur Verfügung zu stellen. Dieser
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 995
Betrag muß aus dem Ansatz zur Förderung von stab anzulegen. Die Bauvorhaben sollen erst dann
Naturparken in Höhe von 760 000 DM genommen zum Bezug freigegeben werden, wenn die Arbeiten
werden. Es ist daher leider nicht möglich, so wün- in den Wohnungen beendet und die Außenarbeiten,
schenswert dies auch wäre, zu den Einrichtungs- insbesondere die Errichtung der Zugangswege ab-
kosten des Nationalparks einen höheren Zuschuß geschlossen sind.
zu gewähren. Versäumnisse aus menschlichem Versagen — wie
im Fall SchwarZenbek durch die Fa. Deutschbau —
lassen sich leider nicht völlig ausschließen.
Anlage 46
Schriftliche Antwort Anlage 47
des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom Schriftliche Antwort
12. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des
Abgeordneten Dr. Beermann (Drucksache VI/222 des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
12. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge-
Fragen B 18 und 19) :
ordneten Dr. Schulze-Vorberg (Drucksache VI/222
Wie ist es möglich gewesen, daß Wohnungen für verheiratete
Soldaten des soeben nach Schwarzenbek, Kreis Herzogtum Lauen-
Frage B 20) :
burg, verlegten Panzergrenadierbataillons 164 zum Zeitpunkt Kann die Bundesregierung Besorgnisse der Gemeinde Nord-
des Einzuges nicht schlüsselfertig übergeben werden konnten, heim am Main beheben, die nach einer Ortsbesichtigung durch
so daß — taut Bericht der Reinbeker Zeitung vom 29. Novem- Beamte der Bundesvermögensstelle Bad Kissingen vorn 3. De-
ber 1969 viele Möbelwagen unverrichteterdinge wieder ab- zember 1969 entstanden sind und nach denen „kurzfristig eine
ziehen durften? Fläche von ca. 14 ha gemeindeeigenes Land, das zur Zeit durch
w e i ch e Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung zu unter- wertvolle Sonderkulturen benutzt wird und auf zwölf Jahre
uetvbn,easdpruchwisBköted"denhd
nehmen, um derartige Pannen in Zukunft zu verhindern?
nach denen der Bevölkerung von Nordheim „dieses für sie so
wertvolle Land, für einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes, für
Bauträger für das Bauvorhaben Schwarzenbek alle Zeiten weggenommen" werden könnte?
von insgesamt 134 Wohnungen ist die Gemein- Die Planung der Pioniergarnison Volkach, für
nützige Deutsche Wohnungsbaugesellschaft mbH deren Verwirklichung Sie sich wiederholt eingesetzt
(Deutschbau), Düsseldorf. Sie hat die für den ersten haben, kann nunmehr wieder aufgenommen werden.
Bauabschnitt von 24 Wohnungen vorgesehenen In diesem Zusammenhang werden auch die ange-
Mieter mit Schreiben vom 12. November 1969 auf- sprochenen Grundstücke der Gemeinde Nordheim
gefordert, am 28. November 1969 in Schwarzenbek für die Errichtung eines Pionierwasserübungsplatzes
die Wohnungsschlüssel für den Bezugstermin 1. De- bis spätestens 1972 wieder benötigt.
zember 1969 entgegenzunehmen.
Das Garnisonvorhaben mußte wegen Haushalts-
Der Oberfinanzdirektion Kiel war vom Bauträger schwierigkeiten und der Umfangsbegrenzung der
als endgültiger Bezugstermin der 24 Wohnungen Bundeswehr mehrmals zurückgestellt werden. Der
der 15. Dezember 1969 mitgeteilt worden, da der Bund war daher verpflichtet, die von der Gemeinde
ursprünglich als Bezugstermin vorgesehene 1. De- Nordheim durch vorläufige Besitzeinweisung für
zember 1969 wegen Fertigstellungsschwierigkeiten den Bau des Wasserübungsplatzes bereits erhalte-
(Arbeitskräftemangel) der am Vorhaben beteiligten nen Grundstücke im August 1968 wieder zurückzu-
Firmen nicht eingehalten werden konnte. geben, da die Besitzeinweisung nach § 42 Abs. 1
Die Firma Deutschbau hat es leider versäumt, die Landbeschaffungsgesetz nur auf eine Höchstdauer
Mieter des ersten Bauabschnitts auf den neuen Be- von 2 Jahren befristet werden kann.
zugstermin 15. Dezember 1969 hinzuweisen. Ledig- Die Grundstückseigentümer sowie die derzeitigen
lich 4 Wohnungen konnten am 1. Dezember 1969 Pächter der Grundstücke werden selbstverständlich
bezogen werden. für ihren Rechtsverlust und eventuell entstehende
Die Bundesregierung bedauert, daß durch den sonstige Nachteile im Rahmen der geltenden gesetz-
Fehler eines Mitarbeiters der Firma Deutschbau den lichen Bestimmungen angemessen entschädigt wer-
betroffenen Soldatenfamilien Ärger und zusätzliche den.
Kosten entstanden sind. Sie ist der Auffassung, daß
die Firma Deutschbau für den durch diese Unter-
lassung (Mitteilung des neuen Bezugstermins
15. Dezember 1969) entstandenen Schaden wird
haften müssen. Anlage 48
Als erste Maßnahme wurde den betroffenen Mie- Schriftliche Antwort
tern vom Bauträger mitgeteilt, daß sie erst ab
1. Januar 1970 Miete zu zahlen haben. des Parlamentarischen Staatssekretärs Berkhan vom
14. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge-
Bereits mit Erlaß vom 31. Oktober 1961 hat der ordneten Dr. Schmitt-Vockenhausen (Drucksache
Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen VI/222 Frage B 21) :
an die Oberfinanzdirektionen Weisung erteilt, an Ist der Bundesregierung bekannt, daß bei der Bundeswehr-
die Bezugsfertigkeit der vom Bund durch Baudar- verwaltung im Wehrbereich IV in besonders großem Maße Kla-
gen von Bediensteten vor den Arbeits- und Verwaltungsgerich-
lehen geförderten Wohnungen einen strengen Maß- ten bestehen sollen?
996 Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970
Zur Zeit sind bei der Wehrbereichsverwaltung IV, maßnahmen — der genannte Fertigstellungstermin
auf die als unmittelbar nachgeordnete Behörde die (1980) als realistisch angesehen werden kann. In
Führung von Arbeits- und Verwaltungsgerichtspro- der Regel benötigt heute die baureife Vorbereitung
zessen aus ihrem Bereich delegiert ist, 70 Prozesse einer solchen Straßenbaumaßnahme etwa 8 Jahre;
mit Arbeitnehmern (Angestellten und Arbeitern) hinzu kommt dann noch die eigentliche Bauzeit.
anhängig. Es handelt sich im wesentlichen um Kün-
Zu einer wesentlichen Entlastung der vorhande-
digungen (auch Änderungskündigungen), Eingrup- nen B 265 zwischen Erftstadt und Köln wird es je-
pierungen und Lohnansprüche sowie sonstige Ab- doch schon in absehbarer Zeit durch die neue links-
findungen. Bezogen auf 22 411 Arbeitnehmer im rheinische Autobahn kommen, die bereits 1972 bis
Bereich der Wehrbereichsverwaltung IV ergibt das zum Autobahnkreuz Köln-Süd fertiggestellt sein
einen Prozentsatz von 0,31. In der gesamten Bun- wird. Es besteht dann die Möglichkeit, unter Mit-
deswehrverwaltung mit 143 592 Arbeitnehmern sind benutzung des Autobahnringes um Köln die ver-
771 Arbeitsgerichtsprozesse anhängig; das ent- schiedenen Ziele in der Stadt günstig anzufahren.
spricht einem Prozentsatz von 0,54. Hierdurch wird eine fühlbare Entlastung der B 265
eintreten, so daß bis zum späteren Ausbau der B 265
Bei 2 421 Beamten, die von der Wehrbereichsver-
der Verkehr auch in den Zeiten der Spitzenbelastung
waltung IV betreut werden, sind 18 Verwaltungs-
weitgehend flüssig bleiben dürfte.
gerichtsprozesse von Beamten anhängig (9 aus dem
allgemeinen Beamtenrecht, 5 aus dem Besoldungs-
recht und 4 aus den besoldungsrechtlichen Neben-
gebieten). Zwar liegt damit die Wehrbereichsver-
waltung IV mit 0,74 % über dem Durchschnitt der
Bundeswehrverwaltung von 0,51 % (bei 19 990 Be- Anlage 50
amten sind 103 Verwaltungsgerichtsprozesse anhän-
gig); mit dem Prozentsatz von 0,74 steht die Wehr- Schriftliche Antwort
bereichsverwaltung IV unter den 6 Wehrbereichs-
verwaltungen aber an dritter Stelle. des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
14. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge-
Aus den hier mitgeteilten Zahlen ist ersichtlich, ordneten Unertl (Drucksache VI/222 Frage B 24):
daß die Wehrbereichsverwaltung IV mit der Zahl Wie lange gedenkt die Bundesregierung die Wiederaufnahme
der bei ihr anhängigen Arbeitsgerichtsprozesse deut- des Schienenverkehrs zwischen Passau, Obernzell und Wegscheid
noch hinauszuzögern, obwohl bereits feste Zusagen für Wieder-
lich unter dem Durchschnitt der Bundeswehrver- inbetriebnahme der Strecke für den Sommer des Jahres 1969
gegeben worden waren?
waltung liegt und mit der Zahl der Prozesse von
Beamten nicht wesentlich vom Durchschnitt ab- Wie Ihnen bekannt ist, kann von einem „Hinaus-
weicht. zögern" durch die Bundesregierung keine Rede
sein. In einem Schreiben vom 21. Juli 1969 wurde
Ihnen, Herr Kollege, mitgeteilt, daß die vom Vor-
stand der Deutschen Bundesbahn für die Neben-
bahn (Passau—) Erlau—Wegscheid vorgeschlagenen
Maßnahmen entsprechend dem im Verkehrspoliti-
Anlage 49
schen Programm vorgesehenen Verfahren für Strek-
Schriftliche Antwort ken im Zonenrandgebiet der Bundesregierung zur
Entscheidung vorliegen. Die Bundesregierung hat
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom sich dann im September für die Wiederaufnahme des
14. Januar 1970 auf die Schriftlichen Fragen des Ab- Güterzugbetriebes zwischen Erlau und Obernzell
geordneten Dr. Gatzen (Drucksache VI/222 Fragen ausgesprochen und die Entscheidung für die rest-
B 22 und 23) : lichen Maßnahmen zunächst zurückgestellt. Die Ent-
Trifft es zu, daß der vierspurige Ausbau der B 265 zwischen scheidung über die Wiederaufnahme des Güterzug-
Erftstadt (Kreis Euskirchen) und Köln erst im Jahre 1980 er-
folgen soll? betriebes auf der genannten Strecke wurde seiner-
Welche vorläufigen Maßnahmen erwägt die Bundesregierung, zeit allgemein begrüßt.
um den Verkehr auf dieser Strecke bis zum endgültigen Ausbau
auch in den Zeiten der Spitzenbelastung wieder flüssig zu
machen? Wie mir die Deutsche Bundesbahn bestätigt hat,
wurde die zuständige Bundesbahndirektion Regens-
Im Entwurf des neuen Ausbauplanes für die Bun- burg unverzüglich beauftragt, die erforderlichen
desfernstraßen ist der 4spurige Ausbau der B 265 baulichen Maßnahmen auf diesem Streckenabschnitt
zwischen Erftstadt und Köln enthalten. Zur Zeit einzuleiten. Obgleich die Instandsetzungsarbeiten
ist jedoch noch nicht zu übersehen, bis zu welchem (u. a. Wiederherstellung der Stützmauer) stark wit-
Zeitpunkt eine Finanzierung dieser Maßnahme er- terungsabhängig sind, hofft die Deutsche Bundes-
folgen kann. Bei den gegebenen örtlichen Verhält- bahn, den Güterzugbetrieb voraussichtlich Ende
nissen (streckenweise enge Bebauung, kreuzende März 1970 wiederaufnehmen zu können.
Straßen und Eisenbahnen) dürfte die Vorbereitung
dieses Bauvorhabens und dessen Durchführung nicht Über die restlichen auf dieser Strecke vorgesehe-
kurzfristig zu erreichen sein, so daß — entsprechend nen Maßnahmen wird die Bundesregierung dem-
den Erfahrungen bei anderen vergleichbaren Bau- nächst entscheiden.
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 997
Die Bundesregierung ist auch sehr daran interes- Wegen des rückläufigen Anteils der Deutschen
siert, daß zugunsten der Wirtschaft und des Bundesbahn am Verkehrsaufkommen im dortigen
Fremdenverkehrs im Grenzland die Zugverbindun- Raum wurde der Deutschen Bundesbahn im April
gen verbessert werden. Sie begrüßt daher die für 1968 die dauernde Einstellung des Gesamtbetriebes
den Fahrplanwechsel dieses Jahres geplante Ein- der Nebenbahn Thann—Matzbach—Haag genehmigt.
führung einer D-Zug-Verbindung zwischen München Die Deutsche Bundesbahn wird, nachdem der Reise-
und Prag über Regensburg und Furth i. W. Soweit verkehr bereits im Jahr 1968 eingestellt worden
im übrigen der Verkehr von der Schiene auf die war, den Güterzugbetrieb noch solange weiterfüh-
Straße verlegt wird, läßt sich eine verbesserte ren, bis größere Investitionen anstehen. Nur dann
Verkehrsbedienung oft dadurch erzielen, daß man könnte die Deutsche Bundesbahn neue Überlegun-
im Omnibusverkehr mehr Haltestellen einrichten gen anstellen, wenn durch Industrieansiedlungen
und ortsnäher bedienen kann. Dies gilt insbeson- das Verkehrsaufkommen auf der rd. 18 km langen
dere für den Berufsverkehr und Schülerverkehr. Strecke so zunehmen würde, daß deren Beibehaltung
Wichtig für das bayerische Grenzland sind auch die wirtschaftlich gerechtfertigt ist.
soeben eingerichteten Container-Bahnhöfe Regens-
burg und Landshut. Weitere Container-Bahnhöfe
werden z. Z. in Kulmbach und Marktredwitz , er-
richtet.
Im Bereich der Wasserstraßen ist vorgesehen, die Anlage 56
Main-Donau-Verbindung fertigzustellen und die
Schiffahrtsverhältnisse auf Main und Donau zu ver- Schriftliche Antwort
bessern. Im Zuge des Main-Donau-Kanals soll bis
des Parlamentarischen Staatssekretärs Börner vom
1971 die Stadt Nürnberg erreicht werden. Die Wei-
13. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage des Abge-
terführung des Kanals von Nürnberg bis Regens-
ordneten Brandt (Grolsheim) (Drucksache VI/222
burg und darüber hinaus die Kanalisierung der
Frage B 31) :
Donau von Regensburg bis Vilshofen wurde im
Wann wird der neue Mainzer Stadtteil Mainz-Ebersheim, der
Jahre 1966 zwischen der Bundesrepublik und dem innerhalb der Stadt Mainz bislang nur über Fernsprechverkehr
Freistaat Bayern im sogenannten Duisburger Ver- erreichbar ist, allen anderen neuen Mainzer Stadtteilen gleich-
gestellt werden können und ebenfalls dem Fernsprechortsnetz
trag festgelegt. Nach diesem Vertrag haben sich die Mainz angeschlossen sein?
Partner nicht nur verpflichtet, bis 1981 den Kanal
Der neue Stadtteil Mainz-Ebersheim wird in das
bis Regensburg zu führen, sondern auch die Donau
Fernsprechnetz Mainz einbezogen, sobald sich zwi-
zwischen Regensburg und Straubing zu kanalisie-
schen ihm und einem anderen Mainzer Stadtteil ein
ren. Die Kanaliserung der Donau zwischen Strau-
baulicher Zusammenhang bildet. Vorher kann das
bing und Vilshofen soll bis 1989 abgeschlossen sein.
leider nicht in Betracht gezogen werden, weil
Von Bedeutung für die Belange der Wirtschaft des Ebersheim von der Endvermittlungsstelle des Orts-
bayerischen Grenzlandes ist auch der Luftverkehr. netzes Mainz mehr als 9,0 km, von der des Orts-
Hier strebt die Bundesregierung eine Erweiterung netzes Nieder-Olm dagegen nur etwa 3,4 km ent-
der derzeitigen Verbindungen an. Ihren Bemühun- fernt ist. Nach den Grundsätzen, die sich in langjäh-
gen sind Grenzen gesetzt, weil die Einrichtung neuer riger Erfahrung herausgebildet und die auch Ein-
Deutscher Bundestag — 6. Wahlperiode — 24. Sitzung. Bonn, Freitag, den 16. Januar 1970 999
Anlage 59
Schriftliche Antwort
des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. von Doh-
Anlage 58 nanyi vom 14. Januar 1970 auf die Schriftliche Frage
Schriftliche Antwort des Abgeordneten Dichgans (Drucksache VI/222
Frage B 34) :
des Bundesministers Dr. Lauritzen vom 15. Januar Glaubt die Bundesregierung, daß die deutschen Universitäten
1970 auf die Schriftliche Frage des Abgeordneten die dringend benötigten, hochwertigen Lehrkräfte gewinnen kön-
nen, wenn sie ihre Professuren gerichtsähnlichen Aktionen fana-
Wurbs (Drucksache VI/222 Frage B 33) : tisierter Studenten aussetzen, Veranstaltungen, denen ein Uni-
versitatspräsident durch seine Anwesenheit einen Anschein von
Sieht die Bundesregierung eine Möglichkeit, das Problem der Legitimation gibt, ohne dem beschuldigten Professor den Schutz
Fehlbelegung von Sozialwohnungen für die Zukunft etwa über gegen Beleidigung und Entwürdigung zu sichern, den jeder
den Mietvertrag zu lösen, indem man bei öffentlich geforderten Strafrichter ganz selbstverständlich auch dem Verbrecher ge-
Wohnungen entsprechende Klauseln einbaut? währt?
Das sogenannte „Fehlbelegungsproblem" könnte Die Bundesregierung ist sich der Tatsache be-
bei Sozialwohnungen, die künftig gefördert oder wußt, daß es angesichts der Lage an einzelnen Hoch-
bezogen werden, zwar durch Kündigungsklauseln in schulen schwierig sein kann, besonders qualifizierte
den Mietverträgen gemildert werden. Es wäre ins- und erfahrene Wissenschaftler als Lehrkräfte für
besondere denkbar, die Vermieter bei der Ent- diese Hochschulen zu gewinnen. Diese Schwierigkeit
gegennahme der öffentlichen Förderungsmittel zu kann sich auf die Aufrechterhaltung eines regelmä-
verpflichten, in den Mietverträgen eine Räumungs- ßigen Lehrbetriebes auswirken.
verpflichtung des Mieters für den Fall vorzusehen,
daß sein Einkommen später die zulässige Einkom- Eine Beruhigung der Lage an diesen Hochschulen
mensgrenze erheblich übersteigt. ist nach Auffassung der Bundesregierung nur durch
eine Reihe von Reformen zu erwarten, von denen
Ich halte eine derartige Regelung jedoch nicht für ich in diesem Zusammenhang die baldige Durchfüh-
praktikabel. Sie würde nämlich regelmäßige Kon- rung einer Reform der Lehrkörperstruktur, eine
trollen der Einkommensverhältnisse notwendig ma- sinnvolle Mitwirkung der einzelnen Gruppen an
chen und zusätzliche behördliche Zwangsmaßnah- der Willensbildung der Hochschulen und die Refor-
men erfordern, wenn der Mieter seiner Verpflich- men von Studienzielen und Studienmethoden be-
tung nicht nachkommt. U. U. müßte sogar der Ver- sonders erwähnen möchte. Zu diesen Themenkrei-
mieter verpflichtet und erforderlichenfalls gezwun- sen wird die Bundesregierung in ihrem Entwurf
gen werden, die Räumung im Prozeßwege zu be- für ein Hochschulrahmengesetz Stellung nehmen.
treiben.
Im übrigen sind angesichts der Zuständigkeiten
Ich habe bereits am 30. Juni 1969 in meiner aus- der Länder die Möglichkeiten einer Einwirkung des
führlichen Antwort auf eine Kleine Anfrage zur Bundes auf diesen Bereich natürlich begrenzt.